
        
                           Marie von Ebner-Eschenbach
                                     Bozena
                                        1
Leopold Heissenstein war der reichste und einer der geachtetsten Bürger des
mährischen Landstädtchens Weinberg. Ob auch einer der beliebtesten, das stand
dahin und machte die geringste seiner Sorgen aus. Witzbolde unter den
Eingeborenen meinten, ein Mann von Geist und Geschmack sei er jedenfalls, das
bringe schon sein Geschäft mit sich - das ansehnliche Weingeschäft nämlich, das
sich seit Generationen in seiner Familie forterbte und das er zu unerhörter
Blüte gebracht hatte.
    Wie Leopold der einzige Sohn seines Vaters gewesen war, so wurde auch ihm
nur ein männlicher Sprosse, aber ein prächtiger Junge beschert, der den Ruhm des
alten Hauses glorreich fortzusetzen versprach.
    Ein Töchterchen, das seine Frau ihm in den späteren Jahren der Ehe gebar,
betrachtete Heissenstein als ziemlich unwillkommene Zugabe zu seinem Glücke.
»Denn«, pflegte er zu sagen, »der Sohn trägt Geld in das Haus, die Tochter trägt
Geld aus dem Haus.«
    Auf eine Mitgift übrigens, wenn auch auf eine sehr anständige, kommt es
einem Manne wie Heissenstein nicht an, und damit fertigt er dereinst das Mädchen
ab.
    Die Existenz dieses Kindes, dem Vater so gleichgültig, wurde für die Mutter
eine Quelle unsäglicher Freude; der letzten, welche die kränkliche Frau auf
Erden geniessen sollte. Der Sohn war ihrer Sorgfalt, sobald dies nur halbwegs
anging, entzogen und nach Wien in eine Erziehungsanstalt gebracht worden.
Heissenstein hatte geglaubt, ihn nicht früh genug aus der Kinderstube und den
Händen der »Weibsleute« befreien zu können. Wie recht er daran getan, das wurde
ihm täglich durch den unheilvollen Einfluss bestätigt, den die abgöttische Liebe
der Mutter auf die kleine Rosa ausübte. Die Unarten des Kindes erfüllten ihn mit
einer Art von spöttischer Befriedigung. Ihm selbst war die Unerbittlichkeit, mit
welcher er Mutter und Sohn einander entfremdete, manchmal grausam erschienen -
jetzt fand er sie auf das glänzendste gerechtfertigt.
    Dass die arme Frau sich eben mit allen Kräften ihres entschwindenden Lebens
an das einzige klammerte, das man ihr liess, daran dachte er nicht. Er war nicht
gewohnt, auf die Empfindungen andrer Rücksicht zu nehmen, am wenigsten auf die
seiner stillen Lebensgefährtin. Was er tat, war wohlgetan, und der Eindruck, den
es hervorbrachte, gleichgültig. In sicherer Ruhe schritt er dahin, seiner selbst
gewiss, nichts fürchtend, nichts bereuend. Und so, in der Fülle der
Zufriedenheit, traf ihn der schwerste Schlag, der ihn treffen konnte: er verlor
seinen Sohn. Der Knabe wurde so rasch hinweggerafft, dass seine Eltern, die bei
der ersten Nachricht seiner Erkrankung herbeigeeilt kamen, ihn nicht mehr am
Leben trafen.
    Es dauerte lange, bis Heissenstein an seinen Verlust glauben lernte. Die
Wirkung des ersten grossen Unglücks, das der zuversichtliche Mann erfuhr, war
vernichtend.
    Für wen habe ich gearbeitet? - Ich habe keinen Erben! - in dieser Klage
gipfelte sein Schmerz. Seine Hoffnungen waren zerstört, seine Erinnerungen
vergällt. Wer blickt gern auf ein Leben voll Mühen zurück, wenn ihm die Früchte
derselben geraubt worden? Heissenstein konnte, was sein Fleiss erworben, nicht
einem Namensträger hinterlassen, demnach war der Lohn seines Fleisses dahin.
    Mit wunderbarer Standhaftigkeit hingegen benahm sich die Mutter bei dem Tode
ihres Erstgeborenen. Keiner hatte es gehört, wie sie mit dem letzten Kusse auf
seine Lippen ihm die Worte zugehaucht: »Ich komme bald zu dir!«
    Und von dem bleichen Toten hinweg wandte sie sich mit verdoppelter
Zärtlichkeit ihrem rosigen, lebensfreudigen Liebling zu. Beständig von der
Ahnung naher Trennung erfüllt, geizte sie mit jedem Augenblicke, den sie bei dem
Kinde zubringen, frohlockte über jedes Lächeln, das sie ihm abgewinnen konnte,
warb um seine Liebkosungen und zagte und zitterte vor seinen Tränen.
    Röschen war schon zu dem vollen Bewusstsein ihrer Wichtigkeit und der
Unverletzlichkeit ihres Willens gelangt, als sich plötzlich die Augen schlossen,
die mit verwöhnender Liebe über ihr gewacht hatten. Frau Heissenstein entschwand
eines Morgens wie ein Schatten von der Wand; ohne vorhergegangene sichtbare
Krankheit, ohne die geringste Pflege in Anspruch, ohne Abschied genommen zu
haben von dem gefürchteten Manne und von dem geliebten Kinde. Bevor Herr Leopold
ahnte, dass auch dieser Verlust ihn bedrohe, erfuhr er ihn.
    Und seltsam! Die demütige Frau, welcher er, solange sie lebte, nur eine sehr
oberflächliche Beachtung gegönnt hatte, wurde von ihm jetzt so bitter vermisst,
als ob sie der Mittelpunkt all seiner Interessen gewesen wäre. Das Gefühl des
Verlassenseins ergriff ihn, das keinen Menschen mit solcher Trostlosigkeit
überfällt wie den Egoisten, wenn die von ihm scheiden, deren Existenz er zu
seinen Gunsten ausbeutete. Nun machte er den Versuch, das einzige Geschöpf, das
er auf Erden noch sein nannte, an sich heranzuziehen. Allein zwischen dem an
Widerspruch nicht gewöhnten Vater und seinem eigensinnigen Töchterlein wollte
kein Band sich knüpfen lassen. Der Trotz und der Ungehorsam des Kindes setzten
die Geduld Herrn Leopolds gar bald auf harte Proben. Er bestand sie nicht. Nach
einigen stürmischen Auftritten, aus denen Rosa zwar hart misshandelt, aber als
Siegerin hervorging, erschrak ihr Vater vor seiner eigenen Heftigkeit und
überliess die fernere Erziehung des Wildfangs der Magd des Hauses, einer derben
und verlässlichen Person von zweiundzwanzig Jahren, mit Namen Bozena. Für diese
äusserte das Kind schon zu Lebzeiten seiner Mutter eine zärtliche Liebe, welche
die arme Verstorbene oft eifersüchtig gemacht hatte. Rosa nannte die Dienerin,
wie sie es wohl von andern gehört hatte, »die schöne Bozena« und ertrug die
rauhe Behandlung, die sie zeitweis von ihr erfuhr, mit fröhlicher
Standhaftigkeit.
    Die schöne Bozena hätte sich an Grösse und Stärke kühnlich mit einem
Flügelmanne des Garderegiments Friedrich Wilhelms I. messen können. dabei besass
sie ein ausdrucksvolles und gescheites Gesicht, in dem ein Paar rabenschwarze
Augen funkelten, die auch der mutigste Mann nicht ohne leises Grauen in Ungnaden
auf sich gerichtet sah. Das Schönste jedoch an der schönen Bozena war die Röte
ihrer Wangen und das blendende Weiss ihrer Zähne. Allerdings konnten die Lippen,
hinter denen das prächtige Gebiss zum Vorschein kam, etwas schwellend genannt
werden, und was die Nase betraf, so geschah ihr kein Unrecht, wenn man sie - wie
ein launiges Mitglied der Passbehörde »ex officio« getan - »landesüblich« nannte.
Gegen alles Schmucke und Zierliche empfand Bozena Verachtung, aber mit der
Reinlichkeit nahm sie es genau; die Arbeit flog unter ihren Händen, und so
blitzblankes Hausgerät, einen so nett gedeckten Tisch, so sauber gehaltene
Stuben wie im Hause Heissenstein fand man auf Meilen in der Runde nicht wieder.
    Mit dem Kinde, das ihr nun ausschliesslich anvertraut war, ging sie um, wie
eine Bärin mit einem jungen Hündchen umgegangen wäre, für das sie eine
mütterliche Zuneigung gefasst hätte. Wenn sie ihre Riesenfaust gegen die Kleine
ballte und sie mit einer Stimme anschrie, die aus der Brust eines Ogers zu
kommen schien, dann lachte das verwegene Ding, aber es gehorchte.
    Bozena war sich wohl bewusst, das Kind und der Haushalt ihres Herrn könnten
schwerlich besser betreut werden, als es durch sie geschah, und lebte in tätiger
Ruhe dahin; sehr zufrieden mit ihrem Lose, ohne Furcht, dass jemals eine
Veränderung eintreten könnte.
    Indessen wurde sie, noch vor Verlauf eines Jahres nach dem Tode der Frau,
welche sie so vollständig ersetzen zu können meinte, aus ihrer Sicherheit
aufgeschreckt. Das Gerücht, Herr Heissenstein stehe im Begriffe, sich zum
zweitenmal zu verheiraten, verbreitete sich, und Neugierige, die durch Bozena
Bestimmteres darüber zu erfahren hofften, trugen es ihr zu. Sie wurden zwar mit
ihrer Nachricht nicht viel besser empfangen als ein Zündfaden von einer Rakete,
aber so fest überzeugt, als Bozena zu sein vorgab, ihr Herr werde »keine solche
Dummheit« begehen, war sie doch nicht.
    Von Stunde an begann sie den Gebieter unter scharfer Aufsicht zu halten.
Trotz der grössten Aufmerksamkeit vermochte sie jedoch nicht die geringste
Veränderung, weder in seiner Lebensweise noch in seiner Stimmung, wahrzunehmen.
Höchstens dass sich die letztere in der jüngsten Zeit noch um etwas
verschlechtert hatte. Und Bozena, deren Weise es sonst war, wenn sich eine Wolke
auf dem Gesichte ihrer Herrschaft zeigte, auf dem ihren sofort ein ganzes
Gewitter aufsteigen zu lassen, lächelte jetzt um so freundlicher, je finsterer
der Kaufmann erschien. Als dieser eines Abends mit ganz besonders verdrossener
Miene heimkam und, nachdem er Befehl gegeben, das für ihn bereitstehende
Abendessen wieder abzutragen, sich in sein Zimmer begab, hatte Bozena Mühe,
ihren Jubel zu unterdrücken.
    »Gute Nacht!« rief sie Herrn Leopold mit ihrer süssesten Stimme nach und
setzte für sich triumphierend hinzu: Er hat ihn, den Korb!
    Sie schlief sehr gut in dieser Nacht und begab sich mit ausgezeichnetem
Frohmut am nächsten Morgen an die Arbeit. Es war Sonntag, und da gestern
besonders gründlich gescheuert worden war, genügte heute eine leichte Nachhilfe.
Bozena beschäftigte sich eben mit Besen und Wischtüchern im Speisezimmer, da
trat ihr Herr Heissenstein entgegen, glatt rasiert und stattlich, das Gebetbuch
in der Hand.
    »Mach fertig«, sprach er, »kleide Rosa an. Ich werde nach der Messe meine
Braut hierherbringen, damit sie das Haus und das Kind kennenlerne.«
    Nur ein König, dem Krone und Zepter plötzlich entrissen wurden, weiss, was
Bozena bei diesen Worten empfand. Ihr Blick zuckte an Heissenstein wie ein Blitz
vom Wirbel bis zur Sohle hinab, und unter der Fülle von Geringschätzung, die
sich auf ihre Lippen gelagert hatte, erschienen dieselben noch dicker als sonst.
    »Braut?« rief sie. »Sie wollen wieder heiraten? ... Wozu denn?«
    Herr Heissenstein richtete sich, so hoch er konnte, der Riesin gegenüber auf,
knöpfte mit stolzer Entschlossenheit seinen neuen dunkelbraunen Winterrock
zusammen und erwiderte: »Meine Tochter braucht eine Mutter, und ich brauche
einen Sohn.«
    Damit verliess er wuchtigen Schrittes das Zimmer.
 
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Die Braut, die der angehende Greis sich erkoren hatte, war die Tochter eines
Professors am städtischen Gymnasium. Nach dem Tode ihres Vaters hatte sie sich
in die Landeshauptstadt begeben, um dort eine Stelle als Erzieherin des Grafen
Karl von Rondsperg anzutreten. Zehn Jahre hindurch wurde diese Position unter
mancherlei Kämpfen siegreich von ihr behauptet. Nach dem Verlaufe jener Zeit war
- wie die Gouvernante auf das bestimmteste erklärte - die Erziehung der Zöglinge
vollendet. Aller Schmuck der Bildung setzte die angeborenen Vorzüge der jungen
Komtessen in das hellste Licht.
    Fräulein Nannette hielt in Gegenwart der gräflichen Eltern und einiger
hochgeborenen Angehörigen eine kleine Rede, in der sie den Satz verfocht, dass
sagen zu sollen, was hier noch zu lehren sei, ihr die grösste Verlegenheit
bereiten würde. Helle Freudentränen, welche über die männlichen Wangen des
Vaters und über die zarten Wangen der Mutter liefen, belohnten die Spenderin
einer so ehrenhaften Anerkennung. Durch den Anblick der hervorgebrachten Wirkung
berauscht, liess sich die Rednerin zu einem uneingeschränkten Lobe der
opferfreudigen Unterstützung, welche ihren pädagogischen Bestrebungen von seiten
des edlen Elternpaares stets zuteil geworden sei, hinreissen. Die Erschütterung
aller Gemüter wurde dadurch noch erhöht; und als Fräulein Nannette mit den
Worten schloss, es bleibe ihr nun nichts mehr zu tun übrig, als zu scheiden und
die Erinnerung an all das genossene Gute mit sich zu nehmen, baten der Graf und
die Gräfin, sie möge ihnen das Herz nicht zerreissen.
    O schöne Stunde! unvergesslicher Anblick! Alle Anwesenden umschlangen
Fräulein Nannette in einer Umarmung und küssten sie auf ihren Mausmund.
    Der Herr Graf aber begab sich stracks in sein Zimmer und liess aus der
Kanzlei Tinte und Papier holen. Er setzte unter dem Beistande seiner Gemahlin
und des Gutsverwalters ein Diplom in die Welt, das ein Wunder war an Auffassung,
Stil und pompöser Sprache. Es liess sich kein einziger Schlusspunkt darin
erblicken, die Sätze flossen ineinander und auseinander, ein Redestrom so breit,
wie die Aufzählung der Tugenden, Verdienste, Vorzüge und Talente Fräulein
Nannettens ihn erforderte.
    Und so gestaltete sich die Abreise der plötzlich allen teuer gewordenen
Hausgenossin zu einem wahren Familienfeste. Die heiligsten Schwüre ewiger Liebe
und Dankbarkeit wurden ausgetauscht, und Vater, Mutter und Töchter einerseits,
Fräulein Nannette andrerseits brachten es im Taumel ihrer Gefühle so weit, nicht
nur zu sagen, nein, auch zu glauben, die Zeit ihres Zusammenlebens sei eine
schöne und glückliche gewesen.
    Die Erzieherin hatte beschlossen, ehe sie daran ging, sich einen neuen
Wirkungskreis zu schaffen, einige alte Verwandte zu besuchen, die ihr im
heimatlichen Städtchen noch lebten. Sie kehrte denn nach Weinberg zurück an der
Spitze ihres grossen Ruhmes, ihrer kleinen Pension und einiger Ersparnisse. Der
Nimbus, den der jahrelang gepflogene Umgang mit vornehmen Leuten ihr verlieh,
umstrahlte sie mit schier unheimlichem Glanze und imponierte besonders denen
unter ihren Mitbürgern die sich für eingefleischte Demokraten hielten.
    Schon einige Tage nach Nannettens Ankunft - und etwa drei Vierteljahre nach
Frau Heissensteins Tode - begegneten einander auf der Promenade der reichste Sohn
und die gebildetste Tochter der Stadt.
    Sie drückte ihm ihre Teilnahme an seinem Verluste in Worten aus, die man so
geschmackvoll gewählt noch nie vernommen hatte unter den Kastanienbäumen der
städtischen Anlagen. Sie gedachte auch mit Wehmut der freundschaftlichen
Beziehungen, in welchen sie in schönen Jugendtagen zu der edlen Verklärten
gestanden. Ihr grösstes Mitgefühl jedoch erregte die Sorge, die dem
»alleinstehenden Witwer« aus dem Dasein einer Tochter erwuchs.
    »O Herr Heissenstein, welche Aufgabe für Sie, dieses Dasein! Eine Aufgabe,
deshalb so gross für einen Mann, weil sie eigentlich zu klein für ihn ist. Wie
soll er dem erziehlichen Momente gerecht werden, das alles ist, Herr
Heissenstein, alles!«
    Sie legte auf dieses letzte Wort ein Gewicht, das zusammengeballt schien aus
der Überzeugungskraft von tausend fanatischen Seelen, empfahl sich mit
bescheidener Würde und enteilte mit so gleichmässigen kleinen Schritten, dass es
war, als rolle sie auf unsichtbaren Rädern über den Kies des Weges dahin.
    Herr Heissenstein blickte ihr eine geraume Weile nach und dachte: Das
erziehliche Moment, ja ja - das erziehliche Moment! Er wusste freilich nicht, was
sie darunter gemeint hatte, aber die Worte prägten sich seinem Gedächtnis ein,
und zugleich erwachte in ihm ein gewisser Respekt vor dem erstaunlichen
Frauenzimmer, das solche Ausdrücke mir nichts, dir nichts gebrauchte, wie
gewöhnliche Menschen Wasser oder Brot sagen.
    Er sah sie wieder, er besuchte sie ab und zu bei ihren alten Verwandten. Die
Ehrfurcht, welche von diesen dem Fräulein gezollt wurde, und die demütige
Liebenswürdigkeit, mit der die Verehrte ihn behandelte, taten seinem stolzen
Herzen wohl. Er gewann die Überzeugung, dass er sich im Notfalle an Nannettens
spitzes Gesicht würde gewöhnen können. Leicht wurde ihm der Entschluss, sich ein
zweitesmal zu verheiraten, nicht, aber er fasste ihn doch, dem Hause, dem
anzuhoffenden Erben zu Ehren, dessen Mutter zu werden die über alles Lob
erhabene Dame Nannette ihm gerade gut genug schien.
    Feierlich trug er ihr denn eines Tages seine breite Rechte an, und sie legte
ihr Pfötchen mit einer Eile hinein, die ihn fast bestürzt machte ob seines
raschen Glückes. Sein Wort war kaum verpfändet, als er sich von der Ahnung
ergriffen fühlte, er habe der Erhaltung seines Stammes ein schweres Opfer
gebracht. Die nächste Zukunft rechtfertigte diese Befürchtung; es war ein
unseliger Ehebund, den Herr Leopold mit Frau Heissenstein II. schloss. Der Mann,
starr, unbeugsam, von dem Glauben an sich selbst durchdrungen; die Frau, von dem
Teufel der Hofmeisterei besessen, hätte leichter auf das Atemholen als auf das
Spenden guter Lehren verzichtet. Sie unterzog das Benehmen ihres Gatten, seine
Art, zu gehen, zu grüssen, zu sprechen, zu essen, einer beständigen Kritik und
suchte ihn in allen diesen Beziehungen durch ihre Ratschläge auf das
gründlichste zu reformieren.
    Der erstaunte Herr Heissenstein liess sich dies alles eine Zeitlang ruhig
gefallen, er begriff nach und nach, was sie damals gemeint haben mochte, als sie
von dem »erziehlichen Momente« sprach, das »alles« sei.
    Er schwieg lange, plötzlich jedoch fuhr er empor und war im Zorne so
fürchterlich, dass Frau Nannette sich von dem Schrecken, den er ihr in diesem
Augenblicke einflösste, nie mehr ganz erholte. Er erklärte ihr, er sei, ohne
jemals »erzogen« worden zu sein, zu Vermögen, Ansehen und hohen Jahren gekommen.
Er denke nicht daran, jetzt nachzuholen, was er, ohne den geringsten Schaden
davon zu verspüren, in seiner Jugend versäumt habe. Der Mensch lebe nicht, dem
zuliebe er auch nur eine seiner Gewohnheiten, möge sie gut oder übel sein,
aufgeben wolle. Er wies sie übrigens an, ihre Erziehungskünste an seiner Tochter
zu üben, dazu habe er die Gouvernante geheiratet, dazu sei sie da.
    Dieser Befehl gehörte freilich zu der grossen Menge derer, die leichter
gegeben als befolgt werden. In ihrer Art war Rosa ebensowenig danach angetan wie
ihr Herr Papa, sich einem fremden Willen zu unterwerfen. Das Kind, heimlich von
Bozena unterstützt, leistete Unglaubliches an Widerstand gegen die
stiefmütterliche Autorität und brachte es wirklich dahin, dass Frau Nannette
gestand, es sei doch etwas an der Behauptung gewisser Materialisten und
Nihilisten, die sie bisher auf Tod und Leben bekämpft hatte, es gäbe Kinder,
deren unbändigem Naturell gegenüber selbst die bewährtesten, von pädagogischen
Autoritäten ersten Ranges als unübertrefflich anerkannten Erziehungsmetoden
sich ohnmächtig erwiesen.
    Am kläglichsten jedoch scheiterten Frau Heissensteins Bemühungen, doch
wenigstens in den Augen der Magd Bozena einiges Ansehen zu gewinnen. Waren Herr
Leopold und seine Tochter naive Gegner, die sich nur kräftig wehrten, wenn sie
angegriffen wurden, so galt es bei Bozena auf der Hut sein vor einer stets
kampfbereiten, hartnäckigen Plänklerin, die auf jede Gelegenheit lauerte, die
Feindseligkeiten selbst zu eröffnen. Frau Nannette war in allem, was die Leitung
eines Hauswesens betrifft, unerfahren wie ein Säugling, und es gab für Bozena
Veranlassungen genug, ihre Überlegenheit fühlen zu lassen, ob sie nun genau das
Gegenteil einer erhaltenen Weisung mit Erfolg ins Werk setzte oder eine
ungeschickte Anordnung wörtlich befolgte und dadurch die Gebieterin grausam
blossstellte.
    So hatte sich die Existenz Frau Heissensteins II. recht bedauerlich
gestaltet, und nicht wenig moralischer Mut gehörte dazu, um doch, wie sie es
tat, vor Verwandten und Nachbarn den Schein der Zufriedenheit zu retten und an
ihre ehemaligen Zöglinge regelmässig alle Vierteljahre Briefe zu entsenden, in
denen nur von Liebe zu Mann und Kind und von »Gesang der Sphären in Haus und
Gemüt« die Rede war.
    Endlich jedoch trat ein Umstand ein, der die Stellung Dame Nannettens in dem
alten Heissensteinschen Familienneste völlig und günstig veränderte.
    Bozena bemerkte mit schwer gebändigter Entrüstung, dass Herr Leopold seine
Gemahlin mit Rücksicht und Aufmerksamkeit zu behandeln begann. Dinge, die bisher
für ihn zu den gleichgültigsten gehört hatten, ihre Stimmung und ihr Befinden,
schienen ihm wichtig geworden. »Wie geht's der Frau?« fragte er beim Kommen;
»gebt acht auf die Frau«, sagte er beim Gehen. Nur an seinem Arme durfte sie das
Haus verlassen. Der mürrische Kaufmann fand Koseworte für seine Nannette, er
nannte sie »seine liebwerte Oberhofmeisterin« und »seine alte graue Maus«; er
empfahl Bozena und Rosa die unbedingteste Unterwerfung der geringsten Laune der
Gebieterin und Mutter gegenüber und drohte, jeden Widerstandsversuch auf das
unbarmherzigste zu bestrafen.
    Bozena rang mit der Verzweiflung; sie verlor den Schlaf und einen Teil ihres
Appetits und fegte in ihrer Küche herum wie ein Wirbelwind. Die Anzahl der Koch-
und Speisegeschirre, die damals im Heissensteinschen Hause in Trümmer verwandelt
wurden, erreichte eine erstaunliche Höhe. Es versteht sich von selbst, dass ein
rauchender Vulkan leichter dahin zu bringen gewesen wäre, seine glühende Lava
still hinabzuschlucken anstatt sie auszuwerfen, als Bozena, den Ausbruch ihres
gärenden Grolls zu unterdrücken.
    Nicht lange, und Herr Leopold fand eines Morgens seine Gattin und seine
Magd, die erste zornesblass, die zweite zornesrot, in einem Wortwechsel
begriffen, der nur seines Sängers bedurft hätte, um unsterblich zu werden wie
jener der Königinnen vor dem Dome zu Worms oder wie jener der gekrönten
Schwestern im Parke zu Foteringhay.
    Der Kaufherr warf einen Blick voll Besorgnis auf seine Frau und einen
ingrimmigen auf die kecke Dienerin.
    »Was unterstehst du dich?!« rief er dieser zu und stürzte ihr mit erhobener
Hand entgegen. Sie aber, hochaufgerichtet, den Kopf zurückgeworfen, die Arme in
die Seiten gestemmt, stand wie ein Fels. Herausfordernd blickte sie ihren Herrn
an, dessen stattliche Gestalt sich neben ihrer hünenhaften fast klein ausnahm,
und schleuderte der Gebieterin über seinen Kopf hinweg eine niederschmetternde,
in kurze Sätze zusammengefasste und mit Kraftworten gewürzte Kritik ihrer
Tätigkeit als Stiefmutter und Hausfrau zu.
    Jeder Versuch, den der Kaufmann machte, Bozenas derber Beredsamkeit Einhalt
zu tun, verlieh derselben nur einen höheren Schwung, der Zorn der Riesin wuchs,
indem er tobte wie die flammende Lohe, vom selbsterzeugten Sturme angefacht.
    Endlich raffte Heissenstein alle seine Kraft zusammen: »Hinaus, Canaille! Aus
dem Zimmer - aus dem Hause - du bist entlassen!« schrie er, bei jedem Satze neu
Atem holend.
    Ein wildes Gelächter antwortete ihm.
    »Entlassen?!« wiederholte Bozena mit grimmigem Hohne: »Nicht entlassen! ...
Oh - ich gehe selbst! Und gehe heut und gehe gleich!«
    Der ungebändigte Hochmut der echten Plebejerin brach aus diesen Worten
hervor und verkündigte jubelnd, was sie nicht aussprachen, die stolze
Überzeugung: Ich gehe, und das Behagen, die Ordnung, die Wohlfahrt des Hauses
nehm ich mit!
    Von vorahnender Wollust der Rache berauscht, stürmte Bozena dem Ausgange zu.
Sie hatte schon die Schwelle betreten, schon die Klinke erfasst, als sie sich
plötzlich am Kleide ergriffen und zurückgehalten fühlte. Ohne sich umzusehen,
versuchte sie von sich zu schieben, was sie hinderte in ihrer triumphierenden
Flucht. Da berührten ihre Finger seidenweiche Locken, da lag ihre Hand auf dem
Haupte eines Kindes. Schmerzdurchzuckt, als hätte sie ein glühendes Eisen
berührt, fuhr sie zusammen. Ein Laut, nicht Schrei, nicht Schluchzen, ein
qualerpresstes Stöhnen entrang sich den halbgeöffneten Lippen der Riesin.
    »Fort, du Range!« rief sie dann, und die mächtig erwachte, zornig bekämpfte
Rührung gab ihrer Stimme einen heiseren, unheimlichen Klang. Aber der
hartgewöhnte Zögling Bozenas liess sich so leicht nicht einschüchtern. Nur
heftiger zerrte Rosa ihre rauhe Freundin am Gewande und wiederholte ohne
Aufhören und in allen Tonarten: »Bleib! Bleib doch! Bleib bei mir!«
    Und Bozena, wie ein plötzlich ohnmächtig gewordener Simson, biss die Lippen
und rang die Hände. Doch gärte in ihr die aufrichtigste Wut gegen den Unband,
der sich zwischen sie und ihren Sieg drängte; gegen das undankbare Geschöpf, das
sich an ihr Kleid hängte und sagte: »Bleib!« - anstatt zu sagen: »Geh, befreie
dich!« Oh, sie gibt nicht nach, die Rosa. Aber die Bozena noch weniger, das ist
gewiss; sie reisst sich los, sie geht, ohne einen Blick auf das eigensinnige Ding
zu werfen. - Täte sie's - wer weiss, was noch geschähe? Sie tut es nicht! sie
will nicht! ... Und indem sie sagt: Ich will nicht - ist es geschehen.
    Du grundgütiger Gott! Da steht das Kind vor ihr im Nachtemdchen mit ganz
zerzausten Haaren, in denen noch ein Flaum aus dem Kissen wie eine Schneeflocke
liegt, und sieht dem Bilde des Christkindleins so ähnlich, das Bozena auf dem
letzten Jahrmarkte gekauft hat. - Aus dem Bette ist die Kleine gesprungen, um
ihr nachzueilen, und stampft jetzt völlig ungeduldig den Boden mit ihren kleinen
nackten Füssen und fragt zugleich schmollend und schmeichelnd: »Wer gibt mir heut
mein Frühstück? Wer kleidet mich heut an?«
    Nun war's vorbei mit Bozenas Herrlichkeit.
    »Wer heut? wer morgen? wer je?« ruft sie mit einem Ausbruch
leidenschaftlicher Klage - ihr Zorn, ihr Trotz, ihre Stärke: alles dahin! Sie
hebt den Schützling empor und presst ihn mit inbrünstiger Liebe an ihre Brust.
Ein letzter Kampf, und die Gewaltige beugt sich, das Kind immer in den Armen,
vor der Herrin, die sie verabscheute, beinahe bis zur Erde. Zum erstenmal im
Leben kam ein Wort der Versöhnung aus ihrem Munde: »Verzeihen Sie mir, Frau,
verzeihen Sie mir, Herr! - Behalten Sie mich!« bettelte demütig, die sich
unentbehrlich und unersetzlich wusste.
    Und man behielt sie. Aber Bozena musste das Eingeständnis, dass sie sich vom
Hause Heissenstein nicht trennen konnte, teuer bezahlen. »Macht besitzen und
nicht missbrauchen ist Tugend« - Frau Nannette besass diese Tugend nicht. Sie
ersparte der überwundenen Löwin keinen Fusstritt und keinen Nadelstich. Ihre
kleinlichen Nörgeleien wurden von Bozena mit Grösse ertragen. Einmal zum
Bewusstsein gekommen, dass sie in unzerreissbaren Fesseln lag, nahm sie die
Konsequenzen ihrer Schwäche mit hochherziger Ergebung hin. Nur sehr
scharfsichtige Augen merkten, dass sie leide. Ein alter Kommis des Kaufherrn, der
Bozena immer mit Auszeichnung behandelte und zum Lohne dafür ein Wohlwollen
genoss, welches die Schöne sonst nicht an das Männervolk verschwendete, fragte
sie um diese Zeit: »Wie leben Sie?« Und sie antwortete ohne Anmut, aber mit
Kraft: »Wie soll ich leben? Ich fresse Galle und saufe Tränen.«
    Es kam der Tag, an dem Herr Heissenstein der Magd befahl, die Wiege vom
Bodenraum herabzuholen. Bozena gehorchte schweigend, aber nachts stand sie auf,
trat an das Bettchen, in dem ihr Liebling schlief und jammerte: »O du armer
Wurm! Du armer Wurm, du!«
    Und ein andrer Tag kam, an dem Herr Heissenstein, steif wie eine Bildsäule,
im Fenster des dunkel getäfelten Speisezimmers lehnte und mit rotunterlaufenen
Augen auf den grossen Platz hinausstarrte. Trotz der äusseren Bewegungslosigkeit
war sein ganzes Wesen in Aufruhr, er murmelte unverständliche Worte vor sich
hin, und sein fahles Angesicht trug den Ausdruck der grössten Spannung.
Zusammengekauert auf einem der hochlehnigen Holzstühle sass Rosa. Sie hatte
mehrmals versucht, sich leise aus dem Zimmer zu schleichen, und war daran
ebensooft durch ein gebieterisches »Du bleibst!« das ihr der Vater zurief,
verhindert worden. Sie begann sich zu fürchten vor ihm, vor der Stille, vor der
hereinbrechenden Dunkelheit; sie regte sich nicht mehr, sie zählte, um sich die
Angst zu vertreiben, die Gläser und Tassen auf dem altertümlichen Kredenzkasten,
erst stumm, dann halbflüsternd, endlich halblaut singend nach einer
selbsterfundenen Melodie.
    Da wurde ein Geräusch vernehmbar, die Tür öffnete sich, und auf der Schwelle
stand Bozena, ein Licht in der Hand, das ihre Züge grell beleuchtete. Ein
sonderbares Gemisch von Empfindungen, von Freude und Sorge drückte sich in ihnen
aus. Heissenstein war aus der Fenstervertiefung hervorgetreten an den grossen
Speisetisch, auf den er seine beiden flachen Hände legte. Die Knie zitterten
ihm, und pfeifend entrang der Atem sich seiner Brust.
    Bozena rief: »Kommen Sie, Herr! Kommen Sie!«
    Er sah die Botin unverwandt und mit fragenden, erwartungsvollen Blicken an
und keuchte endlich, ohne seine Stellung zu verändern: »Es ist ein Sohn - rede!
- es ist ein Sohn!«
    »Was - Sohn!« erwiderte Bozena - »Sie sollen kommen, der Frau geht es
schlecht.«
    Heissenstein richtete sich mit Gewalt empor und ging mit heftigen und doch
müden Schritten auf die Magd zu.
    »Aber das Kind ...« rief er, »das Kind ist da - lebt?«
    »Ist da - - lebt«, wiederholte sie.
    »Ist ein Knabe!?« setzte er hinzu, fast schreiend in bangender Qual.
    »Ist ein Mädchen«, sagte Bozena. Sie sagte es ruhig und beschwichtigend. Er
jedoch, ausser sich, sinnverwirrt, meinte Hohn und Schadenfreude aus ihrer Stimme
klingen zu hören. Mit einer Verwünschung stürzte er auf die Verkünderin der
unwillkommenen Botschaft los, stiess sie vor die Brust, dass sie taumelte, und
ging - nicht zu seiner schwerkranken Frau, nicht zu dem neugeborenen Kinde,
sondern zurück in sein Gemach, dessen Tür er hinter sich zuwarf und verriegelte.
    Bozena war von dem unerwartet erhaltenen Schlage einen Augenblick wie
betäubt; der Leuchter entsank ihr. Aber schon in der nächsten Minute hatte sie
sich aufgerafft. Sie sandte ihrem Herrn ein boshaftes Gelächter nach und
streckte ihrer kleinen Rosa, die auf sie zuflog, die Arme entgegen. Sie hob
ihren Liebling hoch empor auf ihren mächtigen Händen und rief jauchzend: »Er hat
keinen Sohn - er wird keine Tochter haben als dich - du bleibst die einzige ...
Die dort - sterben!« flüsterte sie liebkosend in des Kindes Ohr, »du lebst, du
wirst leben - und schön und reich und glücklich sein!«
 
                                       3
Den Befürchtungen der Ärzte und den Hoffnungen Bozenas zum Trotze erholte sich
Frau Heissenstein; und auch ihr Sprössling, dem bei seinem Erscheinen die
Möglichkeit abgesprochen wurde, die Nacht zu überdauern, blieb am Leben. Ja, er
bekundete bei Überwindung der Fährlichkeiten, die jede Säuglingsexistenz
bedrohen, eine Zähigkeit und Kraft, die alle Sachverständigen in Erstaunen
setzte. Die Neugeborene erhielt in der Taufe den Namen Regula, und während ihre
Mutter wochenlang hilflos und ohnmächtig daniederlag und ihr Vater sich grollend
von ihrer Wiege abwendete, fand sie ein Herz am Eingang ihres Lebensweges, das
sich ihr hingab mit stürmischem Entzücken. Die kleine Rosa begrüsste in dem
plötzlich erschienenen Schwesterchen ein Geschenk, das der gute Storch für sie,
und ganz allein für sie gebracht hatte. Sie fasste Posto an der Seite des gelben,
winzigen Geschöpfes, das jämmerlich kreischend in seinen Kissen lag und so
erbärmliche Gesichter schnitt und die mageren Händchen so sonderbar ballte und
ausstreckte.
    »Es stirbt! es stirbt!« rief sie, wenn sich die kleinen alten Züge
veränderten und verzerrten. Und wenn es die Augen aufschlug, sang sie ihm vor
und bewunderte es und wollte ihm beständig etwas zu essen geben.
    Als Frau Heissenstein wieder auf die Beine kam, war es ihre erste Sorge, ihre
Tochter in Schutz zu nehmen vor Rosas aufdringlicher und äusserungsbedürftiger
Liebe. »Durch die wird ihr nichts Gutes«, meinte sie, und blieb immer darauf
bedacht, die beiden Kinder voneinander fern zu halten.
    Stets hinweggewiesen und fortgedrängt, kam Rosa dennoch wieder. Das wilde,
ungestüme Ding sass oft stundenlang an der Tür des Zimmers, in dem Regula zunahm
an Hässlichkeit und Wohlbefinden vor Gott und den Menschen, still wartend, bis
ihr endlich gestattet wurde einzutreten. »Aber nur für einen Augenblick? - du
hörst? - Und nur, um sie zu sehen - du verstehst? Zum Sehen sind uns die Augen
gegeben, nicht die Hände. Keine Umarmung!« - Derlei ganz unnötige Kundgebungen
waren Frau Nannetten besonders verhasst.
    Das gelbe Töchterchen hingegen wuchs unter dringenden Warnungen vor der
Schwester heran: »Mache es nicht wie die! Danke Gott, dass du nicht bist wie
die!« Das Entgegengesetzte von allem, was Rosa tat, das war das Rechte.
    Der Glaube Nannettens an sich selbst konnte von jeher zu den starken Dingen
gezählt werden, seitdem sie aber ein Kind geboren, kam sie sich so merkwürdig
und wichtig vor, als ob sie die erste gewesen sei, der eine solche Tat überhaupt
gelungen war. Früher gehörte zu ihren stehenden Redensarten auch der Satz:
»Kinder in die Welt setzen ist leicht, sie erziehen ist schwer.« Jetzt geriet
sie in Zweifel, welcher von beiden Wirksamkeiten die Palme zu reichen sei.
Abwechselnd beugte sich die Gouvernante vor der Mutter, die ihr ein solches
Erziehungsmaterial geliefert wie dieses Wunder: Regula, und die Mutter vor der
Gouvernante, die es so glänzend auszunützen verstand. Schon in der Wiege hatte
das Kind die ersten dunkeln Begriffe von Schicklichkeit in sich aufgenommen. Mit
drei Jahren gab es bereits Beweise von ernstem Wissensdrang. Einer Strafe
bedurfte es nie, mit Lob und Bewunderung wurde es geführt; diese beständig
hervorzurufen war sein unablässiges Bemühen. Kein Kind war jemals so bestrebt,
seinen eigenen Willen durchzusetzen, wie Regula einen mütterlichen Befehl zu
erfüllen; keines haschte jemals so gierig nach guten Bissen wie sie nach guten
Lehren, und die Resultate derselben blühten als ausgesucht feine Manieren,
überraschend höfliche Redewendungen aus ihrem wohlgeschulten Benehmen hervor.
    Im fünften Jahre trug sie schon einen Schnürleib und sagte mit echtem
Pariser Akzente »oui monsieur« und »non madame«. Mit dem Widerspiel ihrer
eigenen Vollkommenheit, der unartigen Rosa, wollte sie natürlich nichts zu tun
haben, und diese gab es endlich auf, sich um ihre Liebe zu bewerben; sie kehrte
wieder zu ihrer schönen Bozena zurück, die sie mit offenen Armen aufnahm.
    So war das Gleichgewicht von neuem hergestellt, und die beiden Parteien
standen einander im offenen und verdeckten Kampfe gegenüber. Einen scheinbaren
Mittelpunkt bildete der Hausvater. Nur einen scheinbaren; in der Tat vereinsamte
er immer mehr, die ganze »Weiberwirtschaft« war ihm im Grunde gleichgültig.
Empfand er überhaupt eine sympatische Regung für eines seiner Kinder, so war es
für die stille Regula. Wenn ihm ein oder das andere Mal das Lob, das ihre Mutter
ihrer Musterhaftigkeit spendete, gar zu übertrieben schien, so sagte er nur:
»Brav - zu brav! Was nicht gegoren hat, ist, solange die Welt steht, noch nicht
Wein geworden.« Worauf Frau Nannette die Ellbogen fest an die Rippen drückte,
sich steif aufrichtete und, dem Blicke des immer noch gefürchteten Mannes
ausweichend, erwiderte, sie sei bisher des Glaubens gewesen, »des Rebensaftes
Klärung« vollziehe sich nach andern Gesetzen als diejenigen, welche der
Erziehung einer jungen Dame vorstünden.
    Herr Heissenstein war sehr alt geworden seit seiner letzten Enttäuschung, und
Regula wurde die Vermittlerin des Einflusses, den Nannette allmählich auf ihren
Gatten zu üben begann. Einen gewissen Grad von Bewunderung vermochte er seinem
wohlerzogenen Kinde nicht zu versagen. Sie verneigte sich so ehrerbietig vor
ihm, brachte ihm fortwährend stumme Ovationen dar; ihre Haare waren immer so
glatt gekämmt, ihre Kleider immer so nett; sie sass und stand immer so gerade,
fiel niemals einem andern ins Wort, widersprach nie. Und dann - ihre Kenntnisse!
Ihr Wissen! Die Gelehrsamkeit seiner Frau hatte Herrn Leopolds Eitelkeit oft
verletzt, die Gelehrsamkeit seiner Tochter schmeichelte ihm. Es war doch hübsch,
wenn sie sich an seinem Geburtstage vor ihn hinpflanzte, als Ester gekleidet;
eine Verbeugung machte, so tief, dass man im Zweifel sein konnte, ob sie sich auf
den Estrich niederlassen oder wieder aufrichten werde, und dann begann:
»Peut-être on t'a conté la fameuse disgrâce
De l'altière Vasti dont j'occupe la place ...«
Oder wenn sie als Schwester der Pallantiden erschien und, ohne auch nur einen
Augenblick zu stocken, die famose Tirade deklamierte:
»Que mon coeur, chère Ismène, écoute avidement
Un discours qui peut-être a peu de fondement ...«
 - Und so weiter!
    Musste Herr Heissenstein da nicht sagen: »Bravo, meine Regel, Bravo!« Und
musste sein Blick sich nicht fragend und missbilligend auf die grosse Tochter
richten, die von der Sprache, in der die Kleine sich so geläufig ausdrückte,
nicht mehr verstand als eine Kuh vom Spanischen, das heisst soviel wie ihr
eigener Vater? Musste da nicht Frau Nannettens heuchlerisch bekümmertes: »An der
erlebst du keine Freude«, Eindruck auf ihn machen?
    Freilich bewahrte Rosa ihre Unabhängigkeit, aber dies geschah auf Kosten der
Familiengemeinschaft und der Zusammengehörigkeit. Sie war gleichsam ausserhalb
des Gesetzes erklärt, und man liess ihr diejenige Nachsicht zuteil werden, welche
aus dem Verzweifeln an einem Menschen entspringt. Und Rosa, die bisher lachend
getrotzt und die indirekten Ermahnungen der Stiefmutter, die heftigen Rügen des
Vaters mit einem Scherzworte erwidert hatte, begann nachdenklich zu werden. Ihre
Heiterkeit verschwand, ihr froher Gesang erscholl nicht mehr in den Gängen des
düstern alten Hauses, man sah die liebliche Gestalt des Fräuleins Augentrost,
wie der Kommis sie nannte, nicht mehr treppauf treppab hüpfen zur Wette mit
Hündchen und Kätzlein. Sie sass eingeschlossen in ihrer Stube, pflegte die Blumen
und Vögel, die sonst ohne Bozenas Beihilfe verdurstet und verhungert wären, oder
las Romane aus der Leihbibliotek des Städtchens, in der sie sich im geheimen
abonniert hatte.
    Und gerade damals, wo sie einer Stütze am bedürftigsten gewesen wäre, wurde
ihr von ihrer einzigen Beschützerin keine geboten.
    Die schöne Bozena war um diese Zeit, in der ihr Herzensliebling in die
Mädchenjahre, sie selbst aber in die Jahre der reiferen Weiblichkeit trat, eine
lahmgelegte Kraft. Sie verbrauchte all ihre Seelenstärke für sich, konnte an
andre nichts davon abgeben. Mit gewohnter Pünklichkeit verrichtete sie zwar
ihren Dienst, sie hatte ihn ja im kleinen Finger, aber das Herz war nicht mehr
dabei. Ihr Feuereifer brannte hell wie je, aber als eine stille Flamme, nicht
mehr funkensprühend nach allen Richtungen. Man sah sie jetzt nach beendeter
Arbeit müssig dasitzen, die Hände im Schoss. Plötzlich angerufen, fuhr sie auf wie
aus einem Traume. Das seltsamste war, dass sie begann, ihrer äusseren Erscheinung
mehr Aufmerksamkeit zu widmen und sogar Freude am Putz zu finden. Die
haushälterische Bozena verwendete so manchen Gulden für Schmuck und Tand. Ihr
lebhaftes Interesse für die Ereignisse in Haus und Stadt war erloschen. Etwas
Grosses ging vor in ihrem Innern, und auf die ganz erfüllte Seele besassen von
aussen kommende Eindrücke keine Macht.
    Worin die Ursache der merkwürdigen Umwandlung in Bozenas Wesen zu suchen
war, das ahnte nur ein Mensch: Mansuet Weberlein, der Kommis. Ein stummes
Verständnis, das allezeit tiefer ist als eines, das Worte braucht, um sich zu
offenbaren, herrschte zwischen den beiden. Bozena wusste dem Alten Dank für sein
einsichtsvolles Begreifen und für sein rücksichtsvolles Schweigen; die
Gesellschaft des einzigen, der sie durchblickte, tat ihr wohl und wurde von ihr
aufgesucht. Dem Alten hingegen war Bozena viel lieber, als sie und er selbst es
ahnte.
    Die Woche hindurch war Herr Mansuet ausserhalb seines Glasverschlages in den
ebenerdigen Geschäftslokalitäten nicht zu erblicken, aber »am Namenstage der
Faulenzer«, wie er den Sonntag nannte, gönnte auch er sich eine kleine Erholung.
Da kam er gegen Abend staubig wie eine Ofenfigur aus seiner Höhle
hervorgekrochen und nahm Platz in einer der Mauernischen des Torweges, die wohl
ursprünglich zur Aufnahme einer Statue oder einer Blumenvase bestimmt sein
mochten. Er zündete seine Pfeife an und meinte nun, er schmauche im Freien.
Regelmässig stellte sich Bozena bei ihm ein, er nickte ihr zu und sagte: »Muss mir
ein bisschen die Bummler ansehen.« - »Muss Ihnen ein bisschen helfen«, erwiderte
sie. In Wahrheit aber machten sich beide aus den Bummlern nichts.
    Gewöhnlich erschien Bozena in ihren Hauskleidern, die Festgewänder legte sie
nach dem Kirchenbesuche ab, und sich nach beendetem Tagewerk noch einmal in
Staat zu werfen, war ihr nicht der Mühe wert. Auch in ihrer Einfachheit gefiel
sie ihren zahlreichen Anbetern nur zu wohl und hatte ohnedies genug zu tun, die
Zudringlichsten in respektvoller Entfernung zu halten.
    Herr Weberlein war nicht wenig erstaunt, als sich Bozena eines Sonntags
prächtig angetan zum Nachmittagsgeplauder einfand. Sie kam langsam, in Gedanken
versunken, die Treppe herab. Ihre rechte Hand glitt das Geländer entlang, den
Rücken der linken hielt sie fest an den Mund gedrückt. Das runde Häubchen mit
den flatternden Bändern sass wundergut auf dem reichen Haar mit seinem
schwarzblauen Glanze. Eine Korallenschnur umfasste den kräftigen und
geschmeidigen Hals, über die Brust war ein schneeweisses Tuch gekreuzt. Kurze,
bauschige Ärmel liessen die wohlgeformten Arme frei. Ein Rock von broschiertem,
dunkelgrünem Damast fiel in schweren Falten bis zu den Knöcheln nieder, eine
seidene Schürze, bunt gestickte Strümpfe und glänzende Schnallenschuhe
vervollständigten den halb städtischen, halb ländlichen nagelneuen Anzug.
    Der Tausend! sie war schön und majestätisch anzusehen in dieser Pracht, die
mächtige Gestalt. Weberlein betrachtete sie vergnügt, kauerte sich tiefer in
seine Nische und murmelte: »Sauber! Sauber!«
    Bozena stand nun vor ihm und grüsste mit einem Anfluge von Verlegenheit.
»Sapperlot«, sprach der Alte, »das ist ja schön von Ihnen, dass Sie sich auch
einmal mir zu Ehren in Parade versetzt haben.«
    »Ihnen zu Ehren doch nicht«, antwortete sie.
    Er schlug ein Schnippchen, als wollt er sagen: Sie haben gut leugnen, ich
weiss, was ich weiss. Bozenas Gesicht bedeckte sich mit hoher Röte, und sie sprach
leise, aber resolut: »Es ist heut Tanz beim Grünen Baum, da geh ich hin.«
    Der Blick, den Weberlein jetzt auf sie warf, bewies, dass es möglich sei,
zugleich Mitleid und Verachtung auszudrücken. Sein unproportioniert grosses Kinn
bewegte sich ein paarmal hin und her in der hohen, halbmilitärischen Krawatte,
in der es endlich zur Hälfte verschwand, und er rief: »Sie sind, scheint mir -
närrisch!«
    Bozena erwiderte nichts. Sie hatte die Arme gekreuzt, lehnte sich an die
Wand und blickte stumm und trotzig vor sich nieder.
    Auf dem Platze wurde es immer lebendiger. Dem heissen Sommertage war ein
erquickender Abend gefolgt; ihn zu geniessen strömte die schöne Welt der Stadt
der Promenade zu. Unter denen, die am Hause vorüberkamen, dünkten sich nur
wenige zu vornehm, um dem Vertrauensmanne Herrn Heissensteins einen Gruss
zuzurufen; so mancher blieb stehen und wechselte mit ihm einige Worte. Auch
Bekannte Bozenas kamen - stille Verehrer, die es nicht auszusprechen wagten, wie
begehrenswert ihnen die rüstige Jungfrau mit ihrem Fleiss und Geschick und mit
ihren, wie man wusste, ansehnlichen Sparpfennigen erschien; kühne Bewerber, die
sie heimzuführen hofften, wenn nicht gleich, so doch sicherlich dann, wenn
einmal Fräulein Rosa wegheiraten würde aus dem väterlichen Hause. Auch einige
hübsche Mädchen, bestens geschmückt zum heutigen Tanze, fanden sich ein und
vergrösserten den Halbkreis, der sich um Bozena gebildet hatte wie um eine
Audienz erteilende Königin.
    So war schon eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft im Torwege versammelt.
Und jetzt trat aus dem gegenüberliegenden, vom Kreishauptmann Grafen Kühnwald
bewohnten Hause ein junger Mann, auf den sich sofort die allgemeine
Aufmerksamkeit richtete. Die Mädchen stiessen einander an und kicherten, die
Männer zuckten die Achseln; ein Schreiberlein in einem schäbigen Rocke, den nur
der Umstand zum Sonntagsrocke stempelte, dass er einst schwarz gewesen war, sagte
mit einem Ausdruck von schlecht verhehltem Neide: »Da kommt Bernhard der Pfau!«
    »Dann wird auch die Gräfin nicht weit sein«, liess eine Mädchenstimme sich
vernehmen.
    Und wirklich, die sogenannte Gräfin schritt eben über den Platz. Sie war
eine stattliche Bauerntochter, die reichste und umworbenste aus dem nahen Dorfe,
das gleichsam die Vorstadt Weinbergs bildete. Begleitet von ihrer Sippe begab
sie sich zum Tanze. Der junge Mann näherte sich ihr und schien eine Frage an sie
zu stellen. Die Dorfgräfin nickte gnädig und setzte ihren Weg fort, indessen er
auf das Haus Heissenstein zuschritt.
    Ein schlanker Bursche war's, in der kleidsamen Montur eines herrschaftlichen
Büchsenspanners, im dunkelgrünen Rock mit Aufschlägen von Samt, silbernen
Wappenknöpfen und Achselschnüren, ein schmuckes Mützchen auf den braunen,
dichten, kurz gehaltenen Locken. Seine Haltung war vornehm und frei, das Gesicht
fein geschnitten; Siegesgewissheit in jeder Miene und Bewegung, kam der Bursche
heran, und kindische Freude an sich selbst leuchtete ihm aus den Augen. Er
grüsste die Gesellschaft mit der herablassenden Freundlichkeit eines
gutsituierten Mannes gegen geringe Leute. Dem Kommis gegenüber äusserte er
einigen Respekt, die übrigen neckte er, wusste aber auch jedem etwas Angenehmes
zu sagen und jeden in das Gespräch zu ziehen. Nur eine Person in dem Kreise sah
er nicht, bemerkte er nicht - die ansehnlichste und auffallendste von allen:
Bozena.
    Und die war plötzlich verstummt. Sie hatte den Kopf an die Wand
zurückgelehnt und die Augen halb geschlossen. Von ihren Schläfen herab, die
Wangen entlang zog sich ein weisser Streifen - das Erbleichen sehr rot gefärbter
Menschen. Verstohlen warf der Jäger manchmal einen Blick nach ihr hin, und je
gequälter ihm der Ausdruck ihres Gesichtes erschien, desto lustiger wurde er,
desto übermütiger seine Laune. Mansuet Weberlein kämpfte mit einem nervösen
Zucken im Arme, verdrehte die Beine so, dass seine einwärts gebogenen Fussspitzen
einander auf dem vorspringenden Mauersockel begegneten, und schoss gegen Bernhard
den Pfau eine bissige Bemerkung nach der andern ab. Endlich rief er giftig:
»Schad um Sie! Indessen Sie uns hier Spässe vormachen, tanzt Ihnen ein
Tölpelpeter oder ein Lümmelhans Ihre Gräfin weg!«
    Der Jäger wollte antworten, aber ein stämmiger Bursche kam ihm zuvor: »Seine
Gräfin?« spöttelte er, »dem Büchsenspanner seine? ... Warum nicht gar?«
    Ein hochmütiges Lächeln kräuselte Bernhards Lippen: »Oho, du Gescheiter,
nicht mehr lange Büchsenspanner. Im Herbst gibt mir mein Graf ein Revier«,
sprach er.
    »Die Bäuerin schiert sich was um dein Revier«, entgegnete der Bursche; und
zu einem der Mädchen gewendet fügte er rasch hinzu: »Wollen wir sie fragen,
Toni?« - Und Toni antwortete eiligst »Ja«, und dem sich entfernenden Pärchen
folgten andere Tanzlustige nach, und bald war die ganze Versammlung
auseinandergestoben. Auch der Jäger empfahl sich jetzt auf das höflichste bei
Weberlein, nach einigen Schritten aber blieb er, als besänne er sich plötzlich,
stehen, wandte sich gegen Bozena und fragte wie jemand, der innerlich
widerstrebend eine Pflicht der Artigkeit erfüllt: »Kommen Sie nicht auch?« Dann
eilte er den übrigen nach mit grossen Schritten und schlecht verhehlter
Besorgnis, dass sie sich ihm vielleicht anschliessen könnte.
    »Prosit!« zischelte der Kommis zwischen den Zähnen, »sonst haben Sie keine
Schmerzen?«
    Aber wie ward ihm, als Bozena nun vor ihm stand und mit gepresstem Tone und
niedergeschlagenen Augen sagte: »Alsdann adje, Herr Weberlein.«
    Nein! das kann nicht sein ... Das ist ja die bare Unmöglichkeit! - In
Scharen waren sie oft gekommen, die allerbesten Tänzer der Stadt und des Dorfes,
und hatten gesagt: »Erweisen Sie mir die Ehre«, und: »Machen Sie mir die Freude
...« Und sie hatte geantwortet: »Ich geh zu keinem Tanz.« Und jetzt warf ihr ein
Laffe, ein Geck von oben herab eine Aufforderung hin, so leer, so gnädig, so gar
nichts sagend als höchstens: Ein ganzer Bengel will ich doch nicht sein: und sie
lachte ihm nicht ins Gesicht, sie schwieg - sie folgte ihm, dem Laffen, dem
Gecken, demütig wie ein Hund seinem Herrn?! Donner und Wetter! Wenn der liebe
Gott vom Himmel gestiegen wäre und es dem Kommis Weberlein erzählt hätte, dieser
würde geantwortet haben: »Verzeih mir's - Gott! aber das kann ich nicht
glauben.« ... Und nun sah er's, nun musste er es sehen mit seinen eigenen Augen
und konnte seine eigenen Finger legen in die Wunden, die dem Stolze Bozenas
geschlagen worden. Er blickte völlig verstört zu ihr empor und brachte nur ein
Wort heraus, nur das einzige Wort: »Was?«
    Sie schien ein Weilchen zu zögern, dann sprach sie mühsam und mit trockenen
Lippen: »Ich muss wissen, wie es steht mit ihm und der Eva«, und wandte sich, und
von weitem, in wohlberechneter Entfernung, folgte sie dem Jäger.
    Herr Weberlein nahm eine boshafte und wegwerfende Miene an, mit abscheulich
menschenfeindlichen Blicken stierte er auf den Platz hinaus und kehrte ihm und
dem Treiben da draussen endlich ganz und gar den Rücken. Wie ein Alräunchen
hockte er in seiner Nische und zog in kurzen, raschen Zügen den Rauch aus seiner
Pfeife. Er schmauchte nicht mehr, er tobakelte und umgab sich mit kleinen
dichten Wolken, die ihn dräuend und unheilverkündend, als Zeichen seiner grossen
inneren Erregteit, umflogen.
 
                                       4
Beim »Grünen Baum« hatte die Unterhaltung schon begonnen, aber noch war wenig
Wein getrunken worden, noch gab es keine ausgelassene Lustigkeit, noch hatte
kein Streit stattgefunden. Die Paare drehten sich langsam und mit
bewunderungswürdiger Ausdauer. Von Zeit zu Zeit ertönte ein lauter Jubelruf, ein
Bursche klatschte in die Hände, hob seine Tänzerin hoch empor, liess sie dann
sich ein Weilchen allein neben ihm herschwenken, umfasste sie von neuem, und
ruhig tanzten sie weiter mit denselben schläfrigen Gesichtern, mit denen sie
ihre Fronarbeit verrichteten.
    Bernhard trat oft in die Mitte der Stube, sah mit Wohlgefallen, wie viele
Mädchenaugen sich erwartungsvoll auf ihn richteten, winkte jedoch keine der
Anwesenden nach Bauernsitte zu sich herbei. Eva war für diesen Walzer versagt,
und mit einer Geringeren trat er nicht in den Reigen.
    Bozena stand, alle Frauen und die meisten Männer, die sie umgaben,
überragend, finster und grollend in einer Ecke und wies alle Aufforderungen,
sich an dem Tanze zu beteiligen, kurz ab. Sie sei nur gekommen, ein wenig
zuzusehen, müsse gleich wieder heim. Die Musik schwieg, ein Tanz war zu Ende,
nach kurzer Pause wurde wieder aufgespielt, und jetzt hatte Bernhard die
»Gräfin« erfasst und wirbelte mit ihr durch die Stube. Nicht langsam und
matterzig wie ihr früherer Partner, frisch, mit fröhlicher Anmut und
Leichtigkeit schwenkte er sie im Takte. Wie zwei Vögel schwebten sie, flogen
sie, als ob die Lüfte sie trügen, jetzt im engen Kreise wie die Lerchen, jetzt
wie die Schwalben - dahingleitend in weiten Bogen. Er flüsterte ihr etwas zu,
und die kokette Dorfschöne blinzelte ihn herausfordernd an; fester drückte er
sie an sich, warf den Kopf zurück und schien zu fragen: Wer widerstände mir?
Sie, nicht minder selbstbewusst, aber weniger naiv, schlug die Augen nieder und
schien zu antworten: Ich - vielleicht!
    Bozena verwandte von den beiden keinen Blick, ihr Herz klopfte zum
Zerspringen, schmerzliche Eifersucht zerschnitt ihr die Brust. Oh, jung sein und
begehrenswert wie jene dort! Im Angesichte aller mit Stolz von ihm umfangen
werden wie sie, nur einmal, nur einen einzigen seligen Augenblick! Tu ein
Wunder, Gott, der du alles kannst! Befriedige diese dürstende Sehnsucht, erlöse
diese arme, ringende Seele, lasse sie einmal unschuldig sein ohne Reue und
Scham! ...
    Zu so unerfüllbaren Wünschen hatte Bozena sich verstiegen, als eine Stimme
sie anrief: »Grüss Gott!« Evas Vater, ein alter schöner Mann, war zu ihr
getreten, er deutete mit dem Mundstück seiner Pfeife auf seine Tochter und fuhr
fort: »Das tanzt! das tanzt!« Wohlgefällig betrachtete er sein Kind und sah dann
wieder die Angeredete an, als wollte er sie zur Bewunderung auffordern. Schon
drängte sich ein hartes Wort auf Bozenas Lippen, aber sie sprach es nicht aus,
vielmehr sprach sie, den Greis forschend ins Auge fassend: »Ein schönes Paar!«
Der Bauer verzog den Mund: »Paar?« wiederholte er, »Paar? die zwei? - je nun,
auf dem Tanzboden - ja.« Und Bozena atmete auf. Derselbe Ausdruck des
engherzigen Hochmuts, der in den welken Zügen des Alten wie versteinert lag -
das blühende Gesicht seiner Eva trug ihn auch. Die wird ihr nicht im Ernste eine
Nebenbuhlerin, der ist der Jäger trotz aller seiner Vorzüge zu gering! - Bozena
verliess die Wirtsstube, sie schritt über den Hof einem kleinen Obstgarten zu,
von dem aus der Fusssteig, der bis an die Stadtmauer führte, leicht zu erreichen
war. Auf eine Bank unter einem Apfelbaume liess sie sich nieder und versank in
ihre düsteren Gedanken. Eine kurze Zeit nur, und lebhafte, eilende Schritte
näherten sich. Sie blickte nicht zurück, sie wusste, er ist es, er sucht sie auf.
Im nächsten Augenblicke war er bei ihr, setzte sich neben sie auf die Bank und
sprach schmeichelnd: »Bozena! lässt sich die Böse endlich finden?«
    Sie antwortete ihm nicht. Er suchte, jedoch vergeblich, ihre Hand zu fassen.
»Was hast du wieder? So sag doch ein Wort! - Was ist dir?« sagte Bernhard mit
dem leicht erregten Unwillen verwöhnter Menschen.
    Nun fuhr sie auf: »Er fragt! er fragt noch! ... Wie? jetzt kann er kommen,
weil ich allein bin! Vor den Leuten kennt er mich nicht! ... Weisst du was? Wie
du mit mir spielst, so spielt die Eva mit dir!«
    Das hatte sie nicht sagen wollen, nicht gleich, nicht so, aber der Ingrimm,
der in ihr kochte, sprudelte die Worte heraus. Keuchend lehnte sie sich zurück
an den Stamm des Baumes, biss die Zähne übereinander und kreuzte die Arme über
der gequälten Brust.
    Bernhard lachte gezwungen.
    »Mit mir spielt niemand«, entgegnete er. »Die Eva weiss recht gut, dass mir's
nicht im Ernst zu tun ist um sie. - Und du - solltest wissen, dass ich dich
liebhabe!« rief er mit plötzlich ausbrechender Zärtlichkeit und wollte sie
umfassen.
    Sie stiess ihn zurück und sprach, an allen Gliedern bebend: »Seit einem Jahr
vergällt er mir mein Leben. Küsst mich im geheimen und verleugnet mich vor den
Leuten ... Fort von mir!« herrschte sie, als er statt aller Antwort die Zürnende
an sein Herz zu ziehen strebte: »Es muss aus sein - hörst du? - ich verstelle und
verstecke mich nicht mehr. Lass mich in Frieden, wenn du dich meiner schämst!«
    Bozena stemmte die Hand gegen seine Brust und hielt ihn von sich mit
ausgestrecktem Arme. Und mit diesem stählernen Arme, das wusste Bernhard wohl,
hätte er vergeblich gerungen. So senkte er den Kopf auf ihn nieder, lehnte seine
Wange daran und sprach: »Ich mag das Gerede der Klatschmäuler nicht - es könnte
meinem Grafen zugetragen werden. Und der, du weisst ja, meint, am besten wär's
für mich, wenn ich die Kammerjungfer der Frau Gräfin nähme. Aber ich mag sie
nicht!« rief er, sich aufrichtend. »Sie ist mir zuwider - ich hab nur eine gern
... Lass mich nur einmal Förster sein - und die ganze Welt soll schon sehen -
wen?!« Es war ein Klang von warmer, überzeugender Empfindung in seinen Worten.
Er hatte sie lieb, die Bozena, gewiss; er war stolz auf den uneingeschränkten
Besitz dieses bisher unbesiegten Herzens. Er freute sich der Gewalt, die ihm
über die Gewaltige gegeben war. Sein unsicheres Wesen wurde von ihrem starken,
sein schwankender Wille von ihrem festen mächtig angezogen. Im Bewusstsein ihrer
unbegrenzten Liebe ruhte er wie in einer goldenen Wolke, er fühlte sich durch
ihre Hingebung gehoben und verklärt. Schützend umhüllte sie ihn, ohne ihn je
gedemütigt zu haben, denn immer war sie bereit, sich ihm zu unterwerfen, und
alle Lust und alles Weh kam ihr von ihm. Ein Wort, und die Unbezwingliche lag zu
seinen Füssen, die grössere Seele beugte sich vor seiner Kleinheit, denn kraft
ihrer Liebe war er ihr Herr.
    Bozena hatte den Arm sinken lassen, der Jäger schlang den seinen um ihren
Hals und presste seine Lippen auf die ihren. Ihr Zorn zerschmolz unter seinen
Küssen. Heisse Tränen traten ihr ins Auge, und sie sprach wehmütig: »Ich werde
niemals deine Frau! Du wirst dich niemals zu mir bekennen. Schweig!« fiel sie
ihm ins Wort, da er widersprechen wollte. »Dazu hast du nie den Mut! ... Ich bin
nur eine arme Magd, und du willst höher hinaus - wir sind nicht füreinander ...«
    »Ich will dich«, beteuerte Bernhard mit Ungestüm, »keine andere, weil sich
keine mit dir vergleichen kann. Meinst du, ich bin blind und seh das nicht? ...
Hab Geduld! ... Wirf mir nichts vor ... Wir kommen doch zusammen, aber jetzt
will ich nichts wissen, nichts hören, nichts fragen als nur: Hast mich lieb?«
    Bozena legte die gerungenen Hände in ihren Schoss und seufzte schmerzlich
auf: »Fragst nicht auch, ob Gott im Himmel lebt? ... O Jesus, ob ich ihn
liebhabe? Ich wollt, ich könnte sagen nein, oder ich wollt, ich könnte sagen
warum!«
    Trotzig richtete sie sich auf und sprach, als trachte sie sich selbst zu
beruhigen über die Natur ihrer Liebe: »In dein hübsches Gesicht hab ich mich
nicht vergafft!«
    Der Jäger lachte und küsste sie, und Bozena erduldete seine Liebkosungen,
aber sie erwiderte sie nicht.
    »So bist du heute«, grollte sie, »und morgen ist alles wieder wie früher,
und morgen trittst du mir wieder aufs Herz. Oh, könnt ich frei sein! ... könnt
ich mich losmachen von dir!«
    Er erschrak über die Verzweiflung, die aus ihrer Stimme klang; zum ersten
Male tauchte die Möglichkeit, sie zu verlieren, vor ihm auf und erfüllte ihn mit
tiefster Besorgnis, mit bitterstem Weh. »Dich losmachen von mir?« fragte er
vorwurfsvoll, »das möchtest du?«
    »Wohl möcht ich's!« antwortete sie, »aber was hilft mir das? ... Bin ich
nicht wie verfangen im Dorngestrüpp, es zerfleischt mich - und lässt mich nicht
los ... Bernhard! Bernhard!« Sie beugte sich vor, mit beiden Händen griff sie in
sein Haar, zog seinen Kopf an ihre Brust und schaute in die Augen, die sich
bittend und voll heisser Zärtlichkeit zu ihr erhoben. »Bist mir denn treu?«
schrie sie plötzlich auf.
    Das rief wieder die alte Bozena! das war wieder die echte alte Leidenschaft!
- Sie zitterte um ihn, er hatte sie wieder! Der funkelnde Blick des Jägers ruhte
fest in dem ihren, und seine Seele frohlockte. Übermütig strich er mit Daumen
und Zeigefinger den Schnurrbart in die Höhe und sprach schmollend wie ein
berechnender, kluger, vollendeter Don Juan: »Bist du denn mein?«
    »Schäm dich!« erwiderte sie und barg ihr Gesicht in ihre Schürze und
schluchzte laut.
    Er aber flehte, tröstete, beteuerte. Kein Liebesschwur, den er nicht tat,
kein Schmeichelwort, das er nicht sagte. Und Bozena lauschte seiner süssen Rede,
von neuem überwunden, von neuem überzeugt. Er wolle ein Ende machen! das gelobte
er, und sollt es ihn die Stelle kosten und seines Grafen Gnade! Von der Bozena
lässt er nicht, er kennt ihren Wert, ihr gehört er an in Glück und Not, im Leben
und im Tode. Nur sie vermag - - da fährt er zusammen, hält inne ... hinter den
Büschen des Zauns hat sich's geregt. Der Teufel! haben seine Worte einen Zeugen
gehabt? War ein Lauscher da? Bernhard springt empor und auf die Stelle los, von
der aus das Geräusch gekommen. Er ruft laut: »Wer da?« - keine Antwort, und
ringsum niemand zu erblicken. Sie sind allein.
    Etwas verlegen über die Bestürzung, die er unwillkürlich hatte erblicken
lassen, kehrt der Jäger zurück. In einen andern Menschen verwandelt,
gleichgültig und kalt stand er vor seiner Geliebten und sagte: »Es ist spät -
ich muss fort.«
    Sie biss die Zähne übereinander und mass ihn mit verachtungsvollen Blicken.
    »O du!« rief sie, »wenn einer dort gestanden hätt, und wär's der Stallbub
gewesen aus eurem Hause ... Und hätte der gespasst: Unser Jäger geht mit der Magd
des Weinhändlers - vor dem Stallbuben hättest du mich verleugnet! Jetzt hättest
du's getan! ... Und wenn dich heut abends beim Tische der Hausoffiziere jemand
nach mir fragt, wirst du antworten: Ich kenne sie nicht! Gelt?« schrie Bozena
mit vernichtendem Hohne und richtete sich hoch auf vor ihm, der mit finsterem
Gesichte zur Erde starrte und - schwieg.
    »Ich Narr! Ich Narr!« stöhnte sie und wandte sich und rannte davon. Sie
schaute nicht - er rief sie nicht zurück, und dennoch hemmte sie bald die
Raschheit ihrer Schritte. Sie blieb stehen - sie lauschte - sie wartete und
setzte dann immer langsamer ihren Weg fort. Wie oft hatten sie sich schon so
getrennt, aber niemals hatte ein Abschied ihr das Herz zerrissen wie dieser.
Hatte sie doch nie so harte Worte zu ihm gesprochen, war ihm doch niemals so weh
durch sie geschehen. Wird er ihr je verzeihen? - Schon denkt sie nichts andres
mehr als: Wird er mir je verzeihen? ...
    Das macht: sie ist gefangen, ein Spielball in eines Knaben Hand - die grosse
Bozena!
 
                                       5
Während Bozena in so schweren Herzenskämpfen rang, wurde auch ihr Schützling von
seinem Schicksal ereilt. Zugleich glücklicher und unglücklicher als ihre
Getreue, hatte Rosa eine Neigung eingeflösst, die sich nicht verbarg, die nur
allzu eifrig zur Schau getragen wurde, die aber so gut wie keine Hoffnung bot,
zu ihrem Ziele, dem Frieden einer erwünschten Ehe, zu gelangen.
    Seit einigen Monaten war in der Umgebung Weinbergs ein Ulanenregiment
einquartiert, dessen hübschester Leutnant den grossen, sehr mittelmässig
gepflasterten Platz des Städtchens für den geeignetsten Ort zu halten schien, wo
seinen Pferden die letzte, höchste Dressur beizubringen wäre. Er kam heut auf
dem Mohrenkopf und morgen auf dem Schwarzbraun; er umkreiste den steinernen
Brunnen im Jagdgalopp, im spanischen Schritt, im kurzen und im langen Trabe. Er
jagte, die Hand am Schirme seines Käppchens, im Fluge wie ein Kosak, oder er
ritt feierlich und langsam wie der Cid unter Ximenens Altan an dem alten Hause
vorüber. Und am Fenster stand Rosa voll Bewunderung und lächelte ihm zu. Seit
dem Augenblicke, da sie ihn zum ersten Male gesehen, hatte ein neues Leben für
sie begonnen. Seltsam, seltsam war ihr's damals ergangen. So, meinte sie, so
rasch, so plötzlich und unwiederbringlich hätte noch keine ihr Herz verloren,
nein, verschenkt - gern, glückselig verschenkt.
    Mit klingendem Spiele und flatternden Fähnlein war das Regiment auf einem
Marsche nach der neuen Garnison durch die Stadt geritten. Und Rosa, von dem
Schalle der lustigen Musik an das Fenster gelockt, hatte sich ergötzt an dem
bunten Schauspiel zu ihren Füssen; Zug um Zug marschierte vorüber, und manches
Auge richtete sich mit Wohlgefallen auf das Mädchen, das so übermütig auf die
staubbedeckten Reiter herabsah, als defilierten sie nur ihr zu Ehren und zum
Spasse da vorbei.
    Endlich kam er herangeritten, nachlässig, mit schlaffen Zügeln, und träumte
vor sich hin. Nun schien das alte Haus seine Aufmerksamkeit zu erregen. Wie ein
verwitterter Aristokrat inmitten geschniegelter Emporkömmlinge nahm es sich mit
seinen etwas abgebröckelten Stukkaturen, seinen schweren Strebepfeilern und
tiefen Fensterbogen aus neben den blanken, charakterlosen Nachbarn. Der Offizier
sah an dem grauen Gemäuer empor, wie überrascht von seiner altertümlichen
Schönheit. Als wecke es in ihm eine wehmütige Erinnerung, betrachtete er es
ernstaft, ja traurig und doch fast liebevoll. Und jetzt begegnete sein Blick
dem der Rose am Fenster, dieser holden, trotzigen Rose, so schön, so frisch in
ihrer düsteren Umrahmung. Vier junge Augen ruhten ineinander mit unschuldigem
Erstaunen, mit selbstvergessenem Entzücken. Und das alte, ewig neue Wunder
vollzog sich; in zwei von Schmerz und Glück noch unberührten Seelen erwachte die
Sehnsucht und mit Bangen die Ahnung all der Wonnen und all des Wehs, die sie
bestimmt waren einander zu bereiten, die Ahnung des grossen Lebensgeheimnisses,
das Aufgehen des eigenen in einem fremden Dasein.
    Unwillkürlich hielt der Jüngling sein Pferd an und stand regungslos mit
emporgewandtem Haupte, mit dem Ausdruck der seligsten Bewunderung auf seinem
Gesichte. Eine Hand, die sich auf seine Schulter legte, eine Stimme, die ihn
anrief: »Schläfst du, Fehse?« weckte ihn aus seiner Versunkenheit. Er errötete
über und über und setzte sich wieder in Bewegung. Der Kamerad aber war der
Richtung, welche die Augen des Freundes genommen, mit den seinen gefolgt, er
lächelte und machte eine Bewegung, als wollte er sagen: Ja so - jetzt verstehe
ich!
    Und Rosa, bestürzt, beschämt, eilte vom Fenster hinweg mit dem Gefühl einer
ertappten Sünderin. Wie peinlich war der Augenblick! Und doch - sie hätte ihn
nicht tauschen mögen gegen alle frohen Stunden, die sie bisher erlebt.
    Das kindische Pärchen flog in sein erstes Liebesabenteuer hinein wie junge
Vögel in das Feuer. Damals hatte ein österreichischer Offizier alle mögliche
Zeit, seine Privatangelegenheiten zu besorgen. Wenn er, wie Fehse es tat, auch
täglich drei Meilen weit ritt, um an der Wand den Schatten seiner Angebeteten
oder am Fenster den Schimmer ihres Nachtlämpchens zu erblicken, der Dienst, der
ihm oblag, brauchte nicht darunter zu leiden.
    Später wurde der Leutnant in ein dem Städtchen näher gelegenes Dorf
versetzt, und nun begannen jene Fensterparaden auf dem Platze, die sehr bald
Rosas Freude ausmachten und Herrn Heissenstein ein Ärgernis gaben.
    Frau Nannette nahm von alldem keine Notiz.
    Eine Sache, von der man sich nur Kenntnis verschaffen konnte, indem man aus
dem Fenster sah, fand sie für angemessen zu ignorieren. Sie predigte nicht etwa
mit Worten allein, sie predigte durch ihr Beispiel. Sie pflegte zu unterlassen,
was Regula bleibenlassen sollte.
    Jawohl, bleibenlassen! Oder hat man jemals gehört, dass ein wohlerzogenes
Mädchen Lust und Zeit hätte, aus dem Fenster zu sehen? Wenn dies der Fall, dann
muss Frau Nannette sich schämen und ihre Unwissenheit bekennen. Denn wahrlich,
ihr ist dergleichen niemals zur Kenntnis gekommen.
    Einen stillen, aber heissen Bewunderer fanden die equestrischen Übungen des
Leutnants an Mansuet Weberlein. Von seinem Kasten aus, in dem er hockte wie der
Frosch im Wetterglase, begleitete der Kommis die Versuche des Ulanen, Fräulein
Augentrosts Aufmerksamkeit zu erwecken, mit seinen innigsten Sympatien. Er war
ein so begeisterter Anhänger des Militärs, dass er jedem Unternehmen, gleichviel
ob es von dem ganzen Stande oder von einem einzelnen seiner Mitglieder in das
Werk gesetzt wurde, das beste Gedeihen wünschte.
    Wie es kam, dass sich in Weberleins Seele kriegerische Neigungen
entwickelten, ist unerklärt geblieben. Er stammte aus einem friedfertigen
Geschlechte. Seine Ahnherren hatten als Kommis im Geschäfte Heissenstein gedient,
solange dasselbe überhaupt bestand, und sein Vater hatte ihn auferzogen in der
Furcht Gottes und der Militärpflicht. Und trotzdem! Als er achtzehn Jahre alt
und noch nicht viel über drei Schuh in der vertikalen, aber schon bedenklich in
der schrägen Richtung gewachsen war, da kamen Werber aus Ungarn herüber in die
Stadt. Mansuet entlief seinem väterlichen Hause und stellte sich.
    Er wurde ausgelacht und heimgeschickt. Aber von diesem Tage an galt er in
seiner Familie für einen Haudegen und fühlte sich in einem gewissen Grade mit
dem Soldatenwesen verbunden.
    In gemütlichen Stunden sagte er zu seinen Vertrauten: »Sehen Sie, jetzt wäre
ich Hauptmann, wenn ich nämlich gedient, ich wäre sogar Major, wenn man mich
nämlich dazu gemacht hätte.«
    Er wusste den Militärschematismus auswendig und avancierte mit seinen
eingebildeten Kameraden in seinem eingebildeten Range. Wenn der hübsche Leutnant
Fehse am Hause vorüberritt, da verfehlte Mansuet niemals, dem zweiten Kommis
zuzuflüstern: »Sehen Sie, der wäre jetzt mein Subordinierter, wenn ich nämlich
gedient hätte, bei den Ulanen nämlich, und zwar im zweiten Regimente.«
    Die unschwer zu erratenden Absichten seines »Subordinierten« aus allen
seinen Kräften zu fördern, empfand Weberlein den lebhaftesten Drang. Und eines
schönen Morgens, als Fehse wieder sein Pferd auf dem Platze tummelte, bemerkte
sein stiller Gönner, mit einer Hand auf den Schützling deutend und mit der
andern dem Prinzipal einen Brief zur Unterschrift vorlegend: »Ansprechendes
Exterieur, das des Herrn Leutnants. Scheinen hier einen Punkt der Anziehung
gefunden zu haben.«
    Und als Heissenstein schwieg, fuhr der Kommis mit einem diplomatischen
Lächeln fort: »So frei gewesen, über den Herrn Leutnant Erkundigungen
einzuziehen. Bei Grosshändler Heller. Sind dort täglicher Gast. Gute Referenzen.
Sehr ästimiert im Regimente, höchst anständig.«
    »Kümmert das Sie?« fragte Herr Heissenstein in wegwerfendem Tone und schob
dem Kommis den unterzeichneten Brief hin.
    Weberlein legte einen zweiten vor und erwiderte: »Sehr viel. Die
Anständigkeit des Nebenmenschen kümmert mich immer sehr viel.«
    »Sie wollen sich vermutlich mit ihm in Verbindung setzen«, bemerkte der
Prinzipal spöttisch. Weberlein war einmal entschlossen, kühn zu sein; er liess
sich nicht irremachen durch die majestätische Ironie Heissensteins. Er dachte:
Wetter! man muss etwas tun für seine Freunde. Ein gutes Wort kann Wunder wirken;
es kann Möglichkeiten ins Auge fassen lassen, die sonst nicht erwogen worden
wären.
    Und so sprach er: »In Verbindung - ich? - Nur insofern, als ich vermöchte,
eine Verbindung mit andern Personen zu vermitteln, die ihm wahrscheinlich
erwünschter wäre.«
    Während dieser letzten Rede hatte der Haudegen seine Augen recht fest auf
das Blatt in seiner Hand gerichtet. Jetzt wandte er sie seinem Chef zu. Der sass
kerzengerade aufgerichtet und machte eine so eisige Miene, dass Mansuet sich von
ihrem Anblick durch und durch erkältet fühlte und hüstelnd, als fröre ihn,
seinen Rock zuknöpfte. Heissenstein sah den Kommis von der Seite an, und jede
Falte auf seinem Gesichte, jedes Haar seiner emporgezogenen Augenbrauen schien
zu sagen: Dieser Mensch wird mich niemals verstehen!
    Der Tag verging. Herr Heissenstein kam auffallend früh und in auffallend
schlechter Laune zum Abendessen. Die letztere wurde noch vermehrt, als er Rosas
Platz am Tische unbesetzt fand. Ein unerquickliches Gespräch entspann sich
zwischen dem Herrn und der Frau vom Hause.
    »Wo ist Rosa?«
    »Wie allabendlich bei Heller.«
    »Wer gab ihr die Erlaubnis ...«
    »Die nimmt sie wohl selbst. Wer hätte der etwas zu erlauben?«
    »Ich!« schrie Heissenstein.
    »Du hast doch bis jetzt gegen diese Besuche nichts einzuwenden gehabt«,
meinte Frau Nannette.
    »Von nun an hab ich dagegen einzuwenden«, war des Hausvaters kategorische
Antwort, und Bozena erhielt den Befehl, Rosa sofort abzuholen und nach Hause zu
bringen. Die Magd gehorchte, und Regel, die inzwischen ihre Suppe ausgelöffelt
und ohne das leiseste Geräusch geschleckt hatte, küsste ihren Eltern die Hände,
verbeugte sich ehrfurchtsvoll und verliess das Zimmer.
    Das Ehepaar war allein.
    Er hatte die »Brünner Zeitung«, sie ihren Strickstrumpf zur Hand genommen.
Vor ihm stand eine Flasche Weines, vor ihr ein kleiner Arbeitskorb, in dem das
Knäuelchen infolge der unglaublichen Geschwindigkeit, mit der sie strickte,
ruhelos umherhüpfte. Die Bewegung dieses Knäuelchens schien Herrn Heissenstein
unangenehm zu sein, denn er sah es manchmal über die Zeitung hinweg grimmig an.
    Eine Atmosphäre des Unbehagens umgab die beiden alten Leute, und Frau
Nannette bemühte sich vergeblich, sie zu zerstreuen. Sie lächelte, nickte mit
dem Kopfe, sagte von Zeit zu Zeit: »Ja, ja«, und: »Du lieber Gott, schon ein
Viertel nach neun!« oder: »Wie doch ein Tag so rasch vergeht!« Sie versuchte
sogar durch ein kleines, gemütliches Gähnen die gezwungene Stimmung in eine
bequeme zu verwandeln. Alles umsonst!
    Endlich hielt sie im Stricken inne, und indem sie mit der Nadel einige
Brotkrümchen auf dem Tische in eine gerade Linie schob, teilte sie ihrem Manne
mit, als besänne sie sich dessen plötzlich - dass sich ihr heute vormittags auf
der Promenade Leutnant von Fehse habe vorstellen lassen.
    Herr Heissenstein äusserte den Anteil, den er an dieser Nachricht nahm,
dadurch, dass er halblaut zu lesen begann: »Versteigerung der kärntnerischen
Kammerfondsherrschaft Friesach samt der Fronleichnamsbruderschaft Metnitz ...«
    Frau Nannette fuhr fort: »Ein sehr gebildeter, sehr wohlerzogener junger
Mann ...«
    »An Gebäuden, an Grundstücken, an Untertanen, an Zehenten«, murmelte
Heissenstein.
    »Du hörst nicht, Lieber«, sprach seine Gemahlin und setzte mit grösserem
Nachdrucke hinzu: »Von altem Adel, aus Hannover.«
    In einem Tone, der deutlich sagte: Ich will auch nicht hören, und mit, wie
es schien, gesteigertem Interesse an seiner Zeitung las Heissenstein: »An
Untertansgiebigkeit, an unsteigerlichem Gelddienste 609 Gulden 23 3/4 Kreuzer
...«
    »Die Fehse sind so alt wie die Montmorency«, rief nun Frau Nannette etwas
gereizt dazwischen und vergass in der Aufregung, ihrer Rede die logische
Gliederung zu geben, die sie ihr sonst so gern verlieh. - »So alt wie die
Montmorency, und er spricht das schönste Deutsch, das ich jemals hörte.«
    »An Kleinrechten«, las Heissenstein weiter, »ein Paar Filzstiefel, ein Stück
Hechten, siebenundzwanzig Hendeln, zwei Faschingshühner - - einhundertundfünf
Pfund Harreisten ...«
    Jetzt riss der Faden von Frau Nannettens Geduld. Mühsam, mit grosser
Selbstüberwindung knüpfte sie ihn wieder zusammen.
    Sie beugte sich vor, tippte mit der Stricknadel auf den Ärmel ihres Mannes
und sprach: »Es wäre mir angenehm, wenn meine Regula öfters Gelegenheit hätte,
dieses ganz vortreffliche Deutsch sprechen zu hören. Das Kind ist so
bildungsfähig! Man sollte es nicht glauben, aber heute vormittags wechselte Herr
von Fehse einige Worte mit ihr, und schon nachmittags überraschte sie mich mit
der Anwendung einiger Imparfaits und Subjonctifs und mit einer weichen
Aussprache der Zischlaute, die mich entzückte. Gestatte demnach, lieber Mann
...«
    Die Stricknadel fuhr schmeichelnd über den Rockärmel, und bittende Augen
ruhten auf dem hartnäckigen Leser. Dieser erhob den Kopf und lächelte seine
Ehehälfte an, spöttisch, geringschätzig, herausfordernd.
    Frau Nannette fühlte augenblicklich ihre Lippen trocken werden und ihren
Hals sich zusammenschnüren. Sie dachte, nicht ohne einen kleinen Schauder, dass
es möglich sei, einen Menschen inständigst zu hassen durch ein ganzes Leben
hindurch wegen eines einzigen Lächelns, wenn es soviel Verachtung, soviel Hohn
ausdrücke wie dieses.
    »Du wünschest also«, sprach Herr Heissenstein, »wenn ich recht verstehe,
einen Montmorency« - Gott, wie sprach der Mann diesen edlen Namen aus! - »als
Sprachlehrer für unsere Regel. Ich zweifle, ob diese Art in solcher Eigenschaft
zu fungieren pflegt, bei Weinhändlerstöchtern.«
    Jetzt wurde die Türe des Vorzimmers geöffnet; die Stimme Rosas liess sich
vernehmen. Herr Leopold stand auf. »Genug gescherzt!« rief er, während seine
Tochter eintrat. Er wandte sich gegen sie und schleuderte ihr in drohendem Tone
die Worte zu: »Herr Leutnant von Fehse wird mein Haus niemals betreten!«
    Das Mädchen erbleichte und fragte ganz verwirrt über diesen sonderbaren
Empfang: »Warum, Vater? - Warum? - Was hast du gegen ihn?«
    »Nichts gegen ihn, nichts für ihn«, erwiderte Heissenstein, »und dabei soll's
sein Bewenden haben.«
    »Warum?« wiederholte sie, »er ist brav und gut, alle Welt liebt ihn.«
    »Du wohl auch?« fuhr er sie mit grausamem Spotte an.
    »Ja!« antwortete Rosa hochaufatmend.
    Er sah sie an, und eine leise Regung des Erbarmens mit dem Kinde wurde
lebendig in seiner Seele. Streng, aber ohne Härte sprach er: »Schlag dir die
Löffelei aus dem Kopfe! Ich will nichts wissen von einem Herrn von Fehse. Du
hast gehört, mein Haus betritt er nie.«
    »Doch, Vater!« war die kühne Antwort des Mädchens, »er kommt morgen. Er will
bei dir um mich werben.«
    »Werben?!« schrie Heissenstein in aufloderndem Zorne. »Werben?!« Mit
flammendem Gesichte schritt er auf seine Tochter zu ...
    Frau Nannette lief es kalt über den Rücken, und mit einem kleinen Schrei
sprang sie auf, floh in die Fensterecke und wünschte zu sein, was ihr Mann sie
einst genannt: eine Maus - um sich verkriechen zu können.
    Anders empfand die Tochter, die Schuldige, auf deren Haupt das Ungewitter
sich zu entladen drohte, das die funkelnden Augen des Vaters, seine zuckenden
Lippen, sein röchelnder Atem verkündeten. Furchtlos kreuzte sie die Arme und sah
ihn mit trotziger Entschlossenheit an. Sie war schön, und Bozena hatte doch
recht: sie glich ihrer Mutter. Selbst jetzt noch, in ihrem Zorne mahnte sie an
die sanfte Frau. - Jene hätte das Haupt gebeugt, sie erhob's - jene hätte den
Kampf vermieden, sie nahm ihn auf - und dennoch! und dennoch! ...
    Mitten in seiner Wut, in seiner Empörung über den Widerstand, den sie zu
leisten wagte, kam es ihm: Ich hab das Mädel lieb! - Und wie Ekel an all der
Kriecherei und Heuchlerei um ihn her erfasste es ihn und zog ihn mit Macht zu der
einzigen, die seinem Willen ihren Willen entgegensetzte.
    Es war totenstill im Zimmer. Frau Nannette zitterte unhörbar, und Vater und
Tochter standen einander lautlos gegenüber. Endlich sprach Heissenstein: »Er will
kommen? Gut denn.«
    »Vater!« rief Rosa, jubelnd über diese unerwartete Antwort. Sie ergriff
seine Hand und wollte sie küssen. Er entzog sie ihr mit den Worten: »Mache dir
keine Hoffnung, du Törin.«
Heissenstein empfing den Herrn Leutnant von Fehse mit aller möglichen Steifheit.
Als der Offizier, von Bozena geleitet, eintrat, erhob sich der Herr des Hauses,
ging ihm aber nicht entgegen. Er liess ihn herankommen, erwiderte seinen
militärischen Gruss mit einem Kopfnicken, und als Fehse sich nannte, wies er ihm
schweigend einen grossen Lehnstuhl an, der neben dem Schreibtische stand. Er
selbst setzte sich wieder auf seinen kleinen unbehaglichen Strohsessel. Gerade
aufgerichtet vor seinem Gaste, die Hände auf die Knie gelegt, jede einleitende
Phrase verschmähend, erklärte er dem jungen Manne, er wisse, welch einen
ehrenvollen Antrag zu stellen der Herr Leutnant gekommen sei, und bedauere
lebhaft, dass die obwaltenden Verhältnisse ihn zwängen, denselben abzulehnen.
    Fehse wurde abwechselnd blass und rot, richtete seine sanften blauen Augen
voll Treuherzigkeit auf den Kaufmann und erklärte seinerseits, dass er Fräulein
Rosa innigst liebe.
    Herr Heissenstein schenkte dieser Versicherung unbedingten Glauben, und der
Offizier fühlte seine Hoffnung, dass der Vater seiner Geliebten nicht
unerbittlich sein könne, wachsen. Er rief, er sei zwar noch sehr jung, bekleide
noch keine hohe Charge, habe kein Vermögen, aber er stamme aus einer geachteten
Familie, trage einen ehrenwerten Namen, besitze leidliche Fähigkeiten und hoffe
Karriere zu machen. Über seinen Ruf bei Vorgesetzten und Kameraden möge
Heissenstein Erkundigungen einziehen, sein Oberst sei bereit, sie zu erteilen.
    Während er sprach, beobachtete der Geschäftsmann ihn scharf. - Eines grossen
Geistes Kind bist du nicht, dachte er, aber ein hübscher, anständiger Bursche.
Fehses offenes Wesen machte einen günstigen Eindruck auf den misstrauischen und
zurückhaltenden Kaufherrn, und der Gedanke an die Möglichkeit einer Vereinbarung
flog ihm durch den Sinn. Aus Liebe hat schon mancher grössere Opfer gebracht, als
das wäre, das der junge Edelmann um Rosas willen bringen müsste, sagte sich
Heissenstein.
    Er begann umständlich und mit Bedacht dem Offizier zu erzählen, seit wie
vielen Generationen das Geschäft, an dessen Spitze er stehe, sich in seiner
Familie vom Vater auf den Sohn fortgeerbt habe. Ihm hätte der Himmel seinen Sohn
genommen, aber seine ehrenwerte Firma müsse doch fortbestehen, und so sei es
denn sein unabänderlicher Entschluss, die Hand seiner älteren Tochter nur
demjenigen Manne zu gewähren, der sich herbeiliesse, den Namen Heissenstein
anzunehmen und dereinst das Handlungshaus weiterzuführen.
    Das Gesicht Fehses verfinsterte sich, und als Heissenstein mit den Worten
schloss: »Wollen Sie auf diese Bedingung eingehen?« antwortete er bebend vor
Entrüstung: »Was berechtigt Sie zu glauben, dass ich meinen Namen weniger
hochhalte als Sie den Ihren? ... Ich bin übrigens Soldat mit Leib und Seele und
will es bleiben mein Leben lang.«
    Herr Heissenstein zollte der klaren und männlichen Sprache des Offiziers, die
an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigliess und ihre Unterredung beendete,
seine Anerkennung. Er fügte, sich erhebend, hinzu, dass er von einem Manne von so
korrekter Gesinnung auch ein korrektes Benehmen erwarte. Er äusserte seine aus
seiner Hochachtung für Herrn von Fehse entspringende Überzeugung, dass dieser
künftighin jede Gelegenheit, Rosa zu begegnen, meiden werde und unter der soeben
ausgesprochenen Verzichtleistung auf ihre Hand auch die Verzichtleistung auf
ihre Neigung verstehe.
    »Keine von beiden!« entgegnete der junge Offizier flammend und glühend. »Ich
liebe Ihre Tochter und werde von ihr geliebt, ich werde alles daransetzen, sie
zu erringen!«
    Und gleich darauf, seine Heftigkeit bereuend, flehte er: »Machen Sie uns
nicht unglücklich!«
    »Verlieren Sie keine Worte«, sprach Heissenstein. »Es dürfte Sie später
verdriessen, wenn Sie sich erinnern würden, Herr Leutnant von Fehse, dass Sie sich
vor einem Weinhändler umsonst gedemütigt haben.« Er machte einige Schritte gegen
die Tür.
    »Ich werde«, rief Fehse ausser sich, »nie von Ihrer Tochter lassen! - und
seien Sie überzeugt: sie auch nicht von mir! ... Sie sollen bereuen, was Sie
heute tun. Merken Sie wohl: Ich habe Ihnen nichts versprochen. Ich habe kein
Wort zu halten als das Wort, das ich Ihrer Tochter gab!« Heissenstein stand eine
Weile in Gedanken versunken und blickte dem Enteilenden nach. Dann setzte er
sich an den Schreibtisch und verfasste einen langen Brief, den er noch am selben
Tage eigenhändig der Post übergab.
    Rosa wurde fortan unter strenger Aufsicht gehalten. Zwei traurige Monate
hindurch durfte sie das Haus nicht verlassen und ausser in Gegenwart Frau
Nannettens keinen Besuch empfangen. Dennoch gelang es Fehse einmal, ihr
Nachricht zu geben, und Bozena, die im Zimmer neben dem ihren schlief und der es
war, als habe sie ihren Liebling schluchzen gehört, fand Rosa, als sie an ihr
Bett trat, im Schlafe weinend, wie sie es als Kind so oft getan. Und dabei hielt
sie ein beschriebenes, von Tränen durchnässtes Blättchen an ihre hochgerötete
Wange gedrückt.
    Am nächsten Morgen fragte Bozena wohl: »Was war das für ein Brief?« Aber sie
bekam eine ausweichende Antwort, und begnügte sich damit.
    »Wie mögen Sie die Rosa quälen?« sagte sie zu ihrem Herrn. »So eine erste
Liebelei, das ist wie Märzenschnee ...«
    So rein, meinte sie, und so vergänglich.
    Von Ahnungen und Träumen nährt sich die junge Liebe, ist fern von ihrem
Gegenstand glücklich durch den Gedanken an ihn; wenn sie weint, so freut sie
sich ihrer Tränen, und wenn sie leidet, ist sie stolz auf ihren Schmerz ... Was
bedeutet die unschuldige Schwärmerei eines Kindes gegen die lodernde Höllenglut
im Herzen Bozenas?
 
                                       6
Heissenstein erschien eines Tages in ungewöhnlich guter Stimmung im
Familienzimmer. Er hatte zwei angenehme Nachrichten erhalten. Die erste lautete,
das Regiment des Leutnants von Fehse sei im Begriffe, in eine neue Garnison zu
marschieren; die zweite hatte ein Brief gebracht, die Antwort auf das Schreiben,
das er nach seiner Unterredung mit dem Offizier nach Wien geschickt.
    Sie lautete:
    
    »Wohledler Herr!
Euer Wohledlen zeige ich hiermit an, dass mein Sohn Joseph sich im Verlaufe der
nächsten Woche die Ehre geben wird, Euer Wohledlen persönlich aufzuwarten.
Derselbe ist vor wenigen Tagen aus England hier eingetroffen, allwo er die ihm
aufgetragenen Geschäftsangelegenheiten zu gedeihlichem Abschlusse gebracht hat.
Meine angenehme Hoffnung ist es jetzo, dass es ihm auch reüssieren möge, sich die
Wohlgeneigteit und die gute Gesinnung Euer Wohledlen und deren werter Familie
zu erwerben, und kann keineswegs umhin zu versichern, dass mein innigster Wunsch
befriedigt wäre, wenn mir heut über ein Jahr die Gelegenheit geboten und die
Satisfaktion gewährt würde, in grossväterlichem Kometenwein (grünes Siegel) die
Gesundheit des ersten Frohburg-Heissenstein ausbringen zu dürfen.
Der ich verharre, Euer Wohledlen dienstwilliger
                                                                      Frohburg.«
Während der Mahlzeit sprach Heissenstein wiederholt von seinem ehemaligen Jugend-
und jetzigen Geschäftsfreunde Frohburg. Er lobte dessen wohlgeratene Kinder, er
lobte vor allen dessen zweitgeborenen Sohn Joseph, den er zum letztenmal vor
fünf Jahren in Wien gesehen hatte. Der Jüngling war damals zwanzig Jahre alt und
berechtigte zu den schönsten Hoffnungen. In gut bürgerlichen Verhältnissen
erzogen, zur Arbeit und Pflichterfüllung angehalten, hatte er sich zu einem
tüchtigen Manne herangebildet. Wohl dem Vater, der sich eines solchen Sohnes
rühmen darf, wohl der Frau, die er einst mit seiner Hand beglückt! - Heissenstein
kündigte den bevorstehenden Besuch Josephs an und trug Frau Nannette auf, das
Gastzimmer zu seinem Empfange auf das beste herstellen zu lassen.
    »Ich hoffe und wünsche, dass er sich heimisch fühle bei uns!« setzte er
hinzu, und die Drohung: Weh euch, wenn er sich nicht heimisch fühlt! klang aus
seinem Tone.
    Obwohl Frau Nannettens stummes Kopfnicken die einzige Antwort war, die er
erhielt, obwohl sich nicht die leiseste Einwendung gegen seine Behauptungen und
Befehle erhob, hatte er sich in eine Gereizteit hineingeredet, die nur
hartnäckiger Widerspruch erklärt haben würde.
    Oder wurde sie vielleicht durch Rosas bleiches Gesicht hervorgerufen? -
durch den verhaltenen Schmerz, mit dem sie ihre Lippen biss? - durch die Blicke,
die sie ihm aus glühenden Augen zuwarf, die in der letzten Zeit dunkler geworden
schienen und in jenem feuchten und feurigen Glanze leuchteten, den vieles Weinen
jungen Augen verleiht? ... Las er die Gedanken von ihrer Stirn ab? Lag ihr Herz
offen vor ihm?
    Sie hatte ihn verstanden und schauderte. So wenig kannte sie der alte Mann?
Er meinte sie zwingen zu können zu einer ihr widerstrebenden Ehe? Wäre ihr Herz
auch frei gewesen, niemals hätte sie sich zwingen lassen. Und jetzt, da sie
liebte, da er es wusste, glaubte er für sie wählen zu können? ... Welch ein
Abgrund klaffte zwischen ihm und ihr, wie fremd stand sie mitten unter den
Ihren, wie allein im Vaterhaus! Mit welcher bitteren Qual empfand sie die
traurigste von allen Einsamkeiten, die unter Menschen, die uns die nächsten sein
sollten.
    Unzufrieden mit sich selbst verliess Heissenstein das Gemach. Er hatte sich
übereilt. Er hätte noch schweigen, noch nichts verraten sollen von seinen
Zukunftsplänen, hätte einen Monat oder zwei ins Land gehen lassen sollen, bevor
er den Geschäftsfreund an die längst schon zwischen ihnen genommene Verabredung
mahnte. Er machte einen Gang durch die Stadt und besann sich, dass im Kontor die
Arbeit seiner warte. Er begab sich in das Kontor und sah bald ein, dass er
unfähig war, auch nur zwei zusammenhängende Zeilen niederzuschreiben. Endlich
versuchte er, sich mit Mansuet in ein Gespräch einzulassen. Aber der war
schweigsam und niedergeschlagen und gab nur einsilbige Antworten.
    »Wissen Sie schon? die Ulanen marschieren«, fragte der Chef unter anderm.
    »Weiss«, brummte Mansuet und spitzte die Ohren, wie in die Ferne lauschend.
    »Sie kommen schon hier vorbei!« rief der zweite Kommis und sprang auf, »man
hört die Musik!«
    Heissenstein verliess das Kontor und stieg zum Zimmer seiner Tochter empor.
    Als er die Tür des weitläufigen Gemaches leise öffnete, sah er Rosa in der
Fensternische halb sitzend, halb liegend hingestreckt. Sie hatte die Arme über
ihren Arbeitstisch geworfen und das Gesicht in die Linnen vergraben, die ihn
bedeckten. Ihr ganzer Körper bebte unter den Erschütterungen eines heftigen
Schluchzens, das sich schmerzlich emporrang aus der Tiefe ihrer Brust.
    Von einem flüchtigen Mitleid ergriffen, blieb ihr Vater, ohne ein Zeichen
seiner Gegenwart zu geben, am Eingange stehen.
    Er war gekommen, um sie zu verhindern, dem Geliebten ein letztes Lebewohl
zuzuwinken, nun dachte er: Mag sie doch! - nachher ist ja ohnehin alles vorbei.
    Das Getrappel der Pferde ertönte auf dem Pflaster, die Klänge eines alten
Reiterliedes schallten durch die Luft. »Lebewohl! Lebewohl, mein Lieb!« sprachen
sie, riefen sie dem verstehenden, pochenden Herzen zu.
    Langsam richtete Rosa sich auf, sie öffnete das Fenster nicht, beugte sich
nicht hinaus. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die Arme schlaff herabhängend,
stand sie regungslos, atemlos und starrte hinunter.
    Und jetzt stieg eine dunkle, heisse Blutwelle in ihr Gesicht ... Jetzt war er
vorbeigekommen. - Und jetzt nickte sie ernstaft und wiederholt, als hätte ihr
jemand fragend zugewinkt und als antworte sie: Ja! - ja, gewiss! Und wie
beteuernd presste sie beide Hände an ihre Brust.
    Was soll's? War das eine Verabredung? ...
    Geräuschvoll schloss Heissenstein die Türe, deren Klinke er noch in der Hand
hielt.
    Rosa wandte sich, erblickte ihren Vater, und mit einem Schrei, mit
ausgebreiteten Armen stürzte sie auf ihn zu. Sie warf sich vor ihm nieder und
umklammerte seine Knie, sie drückte ihre Lippen auf seine abwehrenden Hände und
beschwor ihn mit Tränen und mit Schluchzen: »Vater, Vater, gib mich ihm!«
    Aber das bisschen Mitleid, das er mit einem Geschöpf empfinden konnte, das
sich ihm widersetzte, war erloschen. Dass sie noch hoffte, dass sie noch meinte
ihren Willen durchzusetzen, dass sie es noch versuchte, das empörte ihn. Ist er
der Mann, der seine Entschlüsse ändert? - hat er nicht so manchen, den er
übereilt gefasst, zu seinem eigenen Nachteil ausgeführt, bloss deshalb, weil er
ihn einmal gefasst hatte? Und sie traute ihm zu, er werde jetzt nachgeben, da es
sich um die Erfüllung eines Lebenswunsches handelte, um das Gelingen sorgsam
vorbereiteter und lang gehegter Pläne? Er hatte ihr wohl zuwenig Strenge
gezeigt, sie fürchtete ihn nicht genug.
    Er liess sich nicht zu einem Zornesausbruch hinreissen, er blieb nur dabei:
sie muss sich fügen. Der Sinn von allem, was er sagte, war: Mit dem Ungeliebten
wirst du leben, den Geliebten wirst du vergessen.
    Auch in ihr waren die weichen und sanften Empfindungen nicht die
vorherrschenden. In die Laune, zu bitten, kam sie selten. Heut galt es ihr
ganzes Lebensglück, und das alte Wort: Not lehrt beten, bewahrheitete sich an
ihr. Sie flehte demütig und inbrünstig; aber so wie er von seinem Entschlusse
nicht wich, so blieb auch sie bei dem ihren: Ich heirate keinen andern als
meinen Geliebten.
    »Ich hab ein trauriges Leben«, klagte sie. »Du warst niemals gut gegen mich,
und die andern sind bös und falsch gewesen. Endlich hab ich mein Herz an einen
Fremden gehängt, kann ich dafür? Hat eure Gleichgültigkeit mich nicht dazu
gestossen? Sei du jetzt väterlich - verzeih mir - denke, wenn ich ein Unrecht
getan habe, es ist zur Hälfte dein. Verzeih mir, Vater, und lass mich gewähren.
Du weisst, ich war zeitlebens ein störrisches Geschöpf. Und den braven Joseph
heisse warten; ein paar Jahre nur, dann heiratet er die brave Regula. Die sagt ja
zu allem, was du befiehlst, die ist nicht widerspenstig wie ich. Belohne sie für
ihren Gehorsam mit deinem ganzen Hab und Gut. Ich will nichts, ich verzichte auf
alles - nur deinen Segen gib - sag nur: ziehe hin ...«
    »Ins Elend!« rief Heissenstein. »Weisst du, was du verlangst? Kennst du den
Jammer einer armseligen Militärwirtschaft? das Herumzigeunern von Dorf zu Dorf
... Eine Ehe ohne eigenen Herd, einen Haushalt, den man nicht bestreiten,
Kinder, die man nicht erziehen kann? Und er - glaubst du, dass er dich möchte,
wenn du ihm kämst ohne einen Heller? Ein Narr wäre er, wenn er dich so nähme,
und gewissenlos dazu. Also: nein! Und kein Wort mehr darüber: du gehorchst!«
    Sie bewegte noch ihre Lippen, aber sie sprach nicht mehr. Ihre Tränen waren
versiegt, finster blickte sie ihren Vater an, der schon an der Türe stand. Da
schien ein plötzlich ausbrechendes Gefühl sie zu überwältigen. Sie eilte ihm
nach und warf sich an seine Brust. Er fragte: »Bist vernünftig ... willst
gehorchen?«
    Sie gab keine Antwort, sie trat weg von ihm, nachdem sie ihn noch einmal
innig geküsst hatte.
    Eine Stunde später liess sie ihn bitten, den Rest des Tages auf ihrem Zimmer
zubringen zu dürfen, und die Erlaubnis dazu wurde ihr gewährt.
    Frau Nannette lauerte und beobachtete und schlich mehrmals an Rosas Türe
vorbei und sah zufällig - sie wusste wenigstens selbst nicht, wie es geschah -
durch das Schlüsselloch. Rosa sass an ihrem kleinen Pulte und ordnete die
Gegenstände, die in der Lade aufbewahrt waren.
    Im ganzen Hause herrschte einmal wieder dumpfe Gewitterschwüle. Der »Herr«
grollte, Bozena ging mit verstörter Miene umher, Mansuet war in bärbeissiger
Laune und hatte auf offener Strasse einen Streit gehabt mit Bernhard dem Pfau.
Einen Streit, den der kleine Kommis mutwillig heraufbeschwor.
    Ohne allen Grund war er im Gespräche mit dem Jäger immer anzüglicher
geworden und hatte endlich etwas gemurmelt von einem »erbärmlichen Wicht«. Und
Bernhard hatte erwidert: »Führen Sie keine solchen Stichelreden, Sie haben kein
Savoirvivre.« Worauf Mansuet rief: »Das ist mir tuttegal! Wenn ich auch nicht
sage, was Sie sind, deswegen bleiben Sie's doch.«
    Der Streit würde sicherlich zu Tätlichkeiten geführt haben, wenn der
gräfliche Kammerdiener, der demselben beiwohnte, den Jäger nicht fortgezogen und
gesagt hätte: »Lass ihn, was kümmerst du dich um den alten Krakeeler!«
    Früher als gewöhnlich wurde heut zur Ruhe gegangen. Jeder der Hausbewohner
schien Eile zu haben, sich in seine Stube zurückzuziehen.
    Frau Nannette schritt in der ihren auf und nieder, seltsame Gedanken und
Hoffnungen bewegten sie.
    Sie war kurzsichtig, ihr Ehrgeiz zu wenig hochfliegend gewesen. Sie hatte in
dem Leutnant von Fehse nur einen bildenden Umgang gesehen, nur einen Reformator
für Regulas vom Dialekt etwas angehauchte Aussprache. Und nun zeigte sich, dass
er sie hätte befreien, erlösen können von dem ewig störenden Einfluss der
Stieftochter; er hätte, geschickt unterstützt, diese vielleicht sogar dahin
bringen können, sich mit ihm zu verbinden, auch gegen den Willen ihres Vaters.
    Ein unversöhnlicher Zwiespalt wäre daraus entstanden. Heissenstein hätte sich
losgesagt von der verlorenen Tochter, und in alle Rechte, die Rosa einbüsste,
würde Regula getreten sein.
    Frau Nannetten schwindelte, als alle diese Gedanken in ihr aufstiegen. So
nahe war, so erreichbar die Erfüllung ihrer kühnsten, verwegensten Wünsche
gewesen, und sie hatte nichts davon geahnt. Eine kostbare, einzige, nie
wiederkehrende Gelegenheit war versäumt, ihrer Tochter die alleinige Herrschaft
über das Haus und all seine reichen Güter für die Zukunft zu sichern.
    Aufgeregt wie nie in ihrem Leben, bestieg sie ihr Lager und löschte das
Licht. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Sie lag sinnend und grübelnd, und
ihre Pulse hämmerten fieberhaft.
    Im Kamin heulte der Sturm, und draussen umraste er das Haus; warf Sand an die
Scheiben, dass sie klirrten, prallte an das Tor, dass es dröhnte; riss Ziegel vom
Dach und schleuderte sie mit Gepolter auf die Strasse. Frau Nannette hüllte sich
in ihre Decke und flüsterte mechanisch ihr Abendgebet.
    Wie ist ihr? Wird ihre spröde Phantasie beweglich und gaukelt ihr die
Verwirklichung ihrer Träume vor? ... Narrt sie die Einbildung, oder hört sie
wirklich das Haustor knarren in seinen verrosteten Angeln? - Es ist geöffnet
worden, mühsam, langsam - und alsbald schlägt der Sturm es wieder zu, und schwer
fällt es ins Schloss.
    Nannette erhebt sich und eilt ans Fenster. Die Nacht ist dunkel, von keinem
Stern erhellt. Die vier Öllampen, welche die Beleuchtung des Platzes zu besorgen
haben, verbreiten ein gar spärliches Licht. Sie lauscht, sie späht in die Nacht
hinaus, sie wünscht sich die Augen einer Eule, um die Finsternis durchdringen zu
können. Jetzt, jetzt sieht sie in die Lichtscheibe, die eine der Lampen auf den
Boden wirft, eine Gestalt treten - eine Gestalt im weissen Reitermantel - sie
scheint eine zweite zu stützen, zu leiten ... Einen Augenblick sind die beiden
klar und deutlich sichtbar, dann verschwinden sie im Dunkel. Nannette hat sie
erkannt ... Und ihr Gewissen ruft ihr zu: Verhindere Unheil - rette das Haus vor
Schmach. Auf! auf! den Mann geweckt - ein Wort, ein Ruf von ihm führt das
verirrte Kind zurück. Noch ist es Zeit - tu deine Pflicht!
    Was Pflicht! ... Ihrer Tochter die Wege bereiten, das ist ihre Pflicht! ...
    Minuten vergehen, schwerwiegende Minuten. Das Schicksal gönnt ihr noch eine
Frist, um ihre Kraft zusammenzuraffen zu einer guten Tat.
    Sie lässt sie ungenützt vergehen.
    Ein leichter Wagen fliegt über das Pflaster, Funken sprühen auf unter den
Hufen der Rosse. - In den Lüften aber wird es still - still ringsumher - nichts
laut als nur der Schall, den jenes Gefährte weckt und sein jagendes Gespann. Von
Fieberfrost geschüttelt, horcht Nannette. Sie möchte den Sturm beschwören, dass
er das Gerassel der Räder übertöne, das den Vater wecken, ihre Hoffnungen noch
jetzt vernichten kann ...
    Grundlose Sorge! Der Sturm hat nur neuen Atem geschöpft; er erhebt sich
stärker als zuvor und verschlingt in seinem Toben das ohnmächtige Geräusch, das
die Erde ihm zusendet in sein luftiges Reich.
Am nächsten Morgen, als Bozena ihm das Frühstück auf sein Zimmer brachte, war
Heissensteins erste Frage: »Wie geht es Rosa?«
    »Alles still bei ihr, sie schläft wohl noch«, antwortete die Magd.
    Er zürnte: »Schläft - um acht Uhr? Was für Gewohnheiten! ... Hat die
Prinzessin soviel Zeit übrig? Wecke sie. Schicke sie hierher.«
    Eine Viertelstunde verging. Rosa kam nicht, Bozena brachte keinen Bescheid.
    Ist das Kind krank? - Unsinn! Man wird nicht krank wegen einer bekämpften
Laune. Das kommt in Romanen vor, nicht im Leben. Oder stellt sie sich vielleicht
krank? Das wäre sehenswert!
    Mit raschen Schritten geht er über den Gang, kleine Treppen auf und ab. Der
Weg von seinem Zimmer zu dem der Tochter scheint ihm endlos. - Ein rechtes
Winkelwerk, denkt er, dieses Haus. Er würde den alten Kasten umgebaut haben,
wenn ihm der Himmel einen Sohn gelassen hätte. Aber so! - Für einen
Schwiegersohn unternimmt er dergleichen nicht. An die Stelle eines Kindes wird
der niemals treten, wenn er auch noch so ehrenvoll den Namen der allgeschätzten
Firma trägt.
    Heissenstein biegt um die Ecke des schmalen Ganges, der zu Rosas Zimmer
führt, und staunt, die Tür nur angelehnt zu finden. Er tritt ein; Rosa ist nicht
da - das Bett ist unberührt - die Lade des Pultes, in dem sie ihre kleinen
Reichtümer aufzubewahren pflegt, geöffnet, doch scheint nichts darin zu fehlen,
und der Schlüssel steckt. Heissenstein schliesst die Lade und zieht den Schlüssel
ab. »Nachlässig und vergesslich wie immer!« brummt er, dabei jedoch erfasst ihn
eine unerklärliche Angst.
    Er eilte zu seiner Frau hinüber; sie sass am Klavier und gab ihrer Tochter
Unterricht.
    »Hast du Rosa schon gesehen?« fragte er und bemühte sich, seinem Ausdruck
den Anschein der Gleichgültigkeit zu geben.
    »Heute noch nicht«, antwortete Frau Nannette obenhin, ergrünte wie der
Freiherr von Münchhausen und wandte sich sofort wieder zu Regula, sie
beschwörend, dis und es, trotz ihrer scheinbaren Ähnlichkeit, niemals zu
verwechseln.
    Heissenstein murmelte einen Fluch und schritt hinaus. Er ist wohl verrückt,
sich Gedanken zu machen. Wohin anders sollte Rosa gegangen sein als in die
Kirche, die Frühmesse zu hören, zu beten um Ergebung, Sanftmut, Geduld, die ihr
nottun, wahrlich! - Das ist's. Wie kam er nicht gleich darauf? ... Dass man doch
immer die einfachste, natürlichste Erklärung zuletzt findet.
    Jetzt wird sie wohl zurückgekehrt sein, und wenn auch nicht, er will sie
erwarten in ihrem Zimmer und sie ohne Härte empfangen. Er nimmt sich überhaupt
vor, in Zukunft milder gegen sie zu sein. Ihr Vorwurf gestern, so ungerecht er
war, hat ihm weh getan und fordert zum mindesten eine Widerlegung, eine
Zurechtweisung.
    Auf dem Gange rennt Bozena ihrem Herrn in den Weg; verstört - bleich wie der
Tod.
    »Fort!« keucht sie - »das Kind ist fort!«
    »Schweig, Närrin!« ruft er ihr zu, »Rosa ist daheim - in ihrem Zimmer, muss
daheim sein« - und zum zweiten Male tritt er in das Gemach.
    Bozena weiss: es ist nicht - er irrt! und dennoch weckt die Zuversicht, die
ihr Herr zur Schau trägt, in ihr einen Schimmer von Hoffnung; er ist trügerisch;
wie bald, und er erlischt. Sie stehen in dem Gemache des Kindes und finden es
leer.
    Von neuem jammert Bozena: »Sie ist fort!« Und den alten Mann überfällt
plötzlich und mit Entsetzen die Gewissheit, dass er seine Tochter verloren hat.
    Augenblicklich fordert seine Qual ein Opfer, an dem sie sich rächen kann.
Schäumend, mit der blinden Wut eines Tieres dringt er auf Bozena ein und
schmettert sie zu Boden. Sie fällt hin wie ein Baum, sie wehrt sich nicht.
    »So hast du sie gehütet?« schreit er halb von Sinnen und wiederholt ohne
Aufhören: »So hast du sie gehütet?«
    Sie zuckt nicht unter seiner ehernen Faust, sie erhebt sich nicht, sie fühlt
nichts, sie weiss nichts zu sagen als: »So hab ich sie gehütet!«
    Er fasst ihre gerungenen Hände und reisst sie empor auf ihre Knie.
    »Sie musste durch dein Zimmer - musste sie nicht? ... Und du liegst auf dem
Ohr - und hörst nichts, siehst nichts - hast geschlafen wie ein Klotz! ... Hast
geschlafen, während sie davonging - du! du! Die sich ihre Pflegemutter nannte
... Eine saubere Pflegemutter! Eine saubere Wärterin! Eine brave Magd!«
    Bozena lag gebrochen und ohnmächtig vor ihm auf den Knien. Als er die Worte
sprach: »Hast geschlafen ...« hatten ihre Augen ihn mit der Scheu des Wahnsinns
angeblickt und sich dann gesenkt in verzweiflungsvoller Scham.
    Ein klägliches Wimmern und Stöhnen entrang sich ihrer Brust. - Geschlafen?
das glaubte er? ...
    O der harte, rauhe Gebieter - der schonungslose Herr, vor dem alle zittern,
den sie unbarmherzig nennen, der das geringste Versehen wie einen
unverzeihlichen Fehler bestraft ... Nicht mit dem leisesten Verdacht streift er
ihre Schuld! Was sie getan hat, das traut er ihr nicht zu. Er klagt sie an, doch
er verunehrt sie nicht, wie er's sollte - wie sie es verdient, wie sie selbst
sich verunehrt hat!
    Was sie getan, er kann es nicht einmal im höchsten Zorn denken - sie ist
schlechter, als ein Mensch denken kann! ...
    Sorglosigkeit wirft er ihr vor. Einen Schlaf, den sie nicht mehr hat - den
Schlaf der Unschuld, der Ehrlichkeit und eines ruhigen Gewissens!
    Weh über Bozena - sie hat sich selbst gerichtet - den Augenblick verschmerzt
sie nie!
    Angesichts ihrer masslosen Verzweiflung gewann Heissenstein einige Fassung. Er
öffnete Rosas Pult, er suchte nach einem Briefe, nach einem Abschiedswort, das
sie vielleicht für ihn hinterlassen hatte. Er fand nur einen kleinen Zettel, den
er vorhin übersehen, und darauf stand: »Ich gehe zu ihm ohne einen Heller.«
    Das war ihre Antwort auf des Vaters: »Glaubst du, er nähme dich ohne einen
Heller?«
    Er knitterte das Blatt zusammen und warf es zur Erde. Bozena stürzte sich
darauf - und las - und raffte sich empor, riss den Schrank auf und durchsuchte
ihn mit brennender Hast: »Nichts!« rief sie schmerzlich, »o du guter Gott -
nichts fehlt als die Kleider, die sie auf dem Leibe trug, und ihr leichtes
Mäntelchen ... So geht sie aus dem Vaterhause - so geht mein Kind, mein Leben,
mein alles hinaus in die weite Welt!«
    Heissenstein gebot ihr Schweigen. Er hat sich ermannt. Zwei Stunden später
sass er im Postwagen und fuhr denselben Weg, den die Ulanen genommen.
    »Wenn jemand nach mir fragen sollte«, hatte er beim Abschied gesagt, »ich
bin mit« - wie schwer brachte er den Namen über die Lippen! -, »mit Rosa nach
Wien gefahren. Das ist alles, was ihr wisst. Ihr versteht?«
    »Ihr versteht«, sagte er, aber er sah dabei nur seine Frau an. Der
Verschwiegenheit seiner Magd war er gewiss.
 
                                       7
An diesem Tag gönnte sich Bozena keinen Augenblick der Ruhe. Kein Raum, vom
Keller bis zum Dachboden, in dem sie nicht nachsah mit kundigem Auge, nicht
ordnete mit flinker und geschickter Hand. Sie scheuerte und fegte, verfolgte
ihren verhasstesten Feind, den Staub, bis in seine verborgensten Schlupfwinkel
und blickte des Abends zufrieden auf ihr vollendetes Werk.
    Es war ihr letztes Vermächtnis an das Haus, dem sie durch achtzehn Jahre
treu gedient.
    Sodann begab sie sich ins Kontor, zu Mansuet. Er war allein, die jüngeren
Herren hatten schon Feierabend gemacht.
    »Was steht zu Diensten?« fragte der Kommis mit einer Gespreizteit, die nach
Würde aussehen sollte. Seit jenem Tanze beim »Grünen Baum« zeigte er sich etwas
zurückhaltend gegen Bozena.
    »Ich habe Sie bitten wollen«, antwortete die Magd, ihm ein Päckchen
reichend, das in Papier gewickelt und mit einem Wollfaden zugebunden war, »mir
mein Sparkassenbuch aufzuheben.«
    Er bemühte sich, sein Erstaunen zu verbergen, und sprach nachlässig: »Wie
komme ich zu der Ehre? Ist Ihr Geld bei Ihnen nicht mehr sicher?«
    »Seien Sie schon so gut und heben Sie mir's halt auf«, erwiderte sie und
streckte ihm die Hand entgegen, in die er seine langen Finger zögernd legte.
    »Ich danke Ihnen im voraus, Herr Mansuet. Ich danke Ihnen überhaupt für
alles.«
    Fort war sie. Hatte ihn verlassen, bevor er Zeit fand, sie zurückzuhalten
und sich seine Bestürzung über den bewegten Ton ihrer Stimme recht zum
Bewusstsein zu bringen. Und jetzt erst besann er sich, jetzt erst fiel es ihm mit
banger Besorgnis auf das Herz, dass sie reisemässig gekleidet war, ein Bündel trug
und eine Geldtasche umgeschnallt hatte.
    »Will auch die davongehen?« murmelte er mit schmerzlicher Ironie vor sich
hin.
    Da möchte er zuvor doch ein Wort mit ihr reden.
    Er hatte ihre Stube niemals betreten, jetzt begab er sich dahin. Auf sein
Pochen erfolgte keine Antwort, dennoch trat er ein. Inmitten des Zimmers stand
ein gepackter Koffer; auf den Deckel hatte eine ungeübte Hand den Namen »Bozena
Ducha« mit weisser Ölfarbe gepinselt.
    Der Kommis stellte sich davor hin und betrachtete ihn mit wehmütigen
Blicken.
    Sie geht ihrem Kinde nach. Hat recht - ich versteh's, dachte Weberlein. Und
mich freut's, dass sie's über das Herz bringt, sich loszumachen von dem Hund, dem
Bernhard. Mich freut's sehr. Und eine heisse Träne stieg ihm ins Auge.
    Er sah sich um in der hochgewölbten, weissgetünchten Stube, in der alles
Reinlichkeit atmete. Hier also hat sie existiert, die Bozena. Da steht ihr
gewaltiges Bett mit seiner schneeigen Decke, daneben die buntbemalte Truhe, die
ihr Eigentum war, die sie mitgebracht hatte aus dem heimatlichen Dorfe. Im
Fenster ihr Arbeitstisch, auf dem Gesimse der Rosmarinstock, den sie aus einem
kleinen Zweige gezogen; über der Tür das geschnitzte Christusbild, auf dessen
Haupt sie über die Dornenkrone ein Blumenkränzlein gelegt hat. Oh - die Bozena!
- Wenn sie das einem Menschen getan hätte statt einem Gotte ... Wenn sie einem
Menschen die Dornen des Lebens in Blumen verwandelt hätte ... einen Gott hätte
der sich gefühlt.
    Mansuet lässt sich auf einen Schemel nieder, stützt den Ellbogen auf den
Koffer und den Kopf auf seine Hand und - träumt, so wach er ist - so alt er ist!
    Wie die Sachen stehen, hätte ihn die Bozena wohl schwerlich genommen. Er ist
zu klein für sie, sie ist zu gross für ihn. Wenn er aber länger geraten wäre um
einen halben Schuh oder - einen ganzen - wenn er überdies schön geworden wäre -
und das hätte ja ohne Wunder der Fall sein können, es sind so viele Leute schön!
Dann ... Wer weiss, was dann geschehen wäre?
    Seinen eigentlichen Beruf würde er gewiss ergriffen haben - Soldat wäre er
geworden, und ein Reiterstückchen wie jenes, das Fehse, der Sapperloter, heute
nachts ausgeführt - das hätt er auch getroffen, er traut sich's zu!
    Nur, dass er sich nicht, so lieblich es auch ist, das Fräulein Augentrost
mitgenommen hätte ... Er weiss eine andre - die hätte er zu seiner Herrin
gemacht, der seine Lorbeeren zu Füssen gelegt, die auf starken Armen durch das
Leben getragen ... An deren Herzen würde er jetzt ruhen, ein seliger Mann!
    So schwärmt der kleine Mansuet von Liebe, Ruhm und Wonne und kauert neben
Bozenas Habseligkeiten wie ein armer Köter neben den zurückgelassenen Gewändern
seines Herrn.
Der schöne Bernhard sass in seiner Stube und war mit der Abfassung eines Briefes
beschäftigt, der ihm viel Mühe machte. Er legte die Feder weg, ergriff sie
wieder, er schien zu warten, dass sie sich von selbst in Bewegung setze und das
Schreiben beende, das an eine angebetete Wilhelmine gerichtet war und von Liebe,
von einem feindlichen Geschicke, von Selbstverleugnung und Vertrauen sprach.
    Aber die Feder, deren gequälter Bart sich schon jämmerlich sträubte, wollte
ihm den Gefallen nicht tun. Sie benahm sich im Gegenteil so widerspenstig, dass
er sich bequemen musste, sie neu zu schneiden. Von dieser Beschäftigung weg warf
er wohlgefällige Blicke im Zimmer umher. Es war mit allerlei Kram überladen, und
hingen nicht die zwei Gewehre, der Hirschfänger und die Saunadel an der Wand,
man könnte glauben, anstatt im Zimmer eines jungen Jägers in dem einer alten
Kammerjungfer zu sein. Dazu fehlen weder die Gitarre an blauem Bande noch die
Schattenrisse und Neujahrsbildchen in goldpapiernen Rähmchen noch so mancher
andre geschmacklose Tand aus Wachs und Porzellan.
    Die Feder war geschnitten, und so gut oder übel, als es ging, wurde der
Brief fortgesetzt. Ein elastischer und energischer Schritt, der sich auf der
Treppe vernehmen liess, störte den Jäger auf das angenehmste in seiner
verdriesslichen Tätigkeit. Rasch warf er den angefangenen Brief in die Tischlade,
sprang auf und begrüsste das hochgewachsene Weib, das jetzt über die Schwelle
trat, mit den jubelnden Worten: »Das hätt ich mir nicht getraut zu hoffen, dass
du heut wiederkommst!«
    »Freu dich nicht«, antwortete Bozena, und er erschrak über das düstere
Feuer, das aus ihren Augen leuchtete, und über die Abscheu verratende Bewegung,
mit der sie ihn von sich wies.
    Zwei Schritte, und sie stand am Tische, legte ein seidenes Tuch, ein
Gebetbuch und einen Ring darauf und sagte: »Ich komm nur, dir die Sachen
zurückzubringen, die du mir geschenkt hast. Es ist aus zwischen uns. Ich geh.«
    Was ist der durch den Kopf gefahren? dachte Bernhard, nahm eine
gleichgültige Miene an und fragte: »Du gehst? - und warum? - und wohin?«
    Sie zuckte schweigend die Achseln; er ertrug den eiskalten Blick nicht, den
sie auf ihm ruhen liess, und wendete sich ab.
    Ärger und Verdruss erfüllten ihn. Sie ist ihm hinter irgendeine Liebelei
gekommen, gewiss; deshalb zürnt sie und droht, ihn zu verlassen. Dass sie es
wirklich tun könnte, das fällt ihm nicht im Traum ein.
    Eher löscht die Sonne aus als ihre Liebe zu ihm, eher verliert er den
Glauben an sich selbst als den an ihre Treue.
    Nur Vorsicht jetzt, nur unbefangen bleiben! - Am besten ist, er fängt sie in
ihrem eigenen Netz.
    »Warte!« ruft er ihr zu, »so kommst du mir nicht fort. Wer bringt, muss
nehmen. Nimm auch du alles zurück, was du mir geschenkt hast.«
    Er trat an seine Schublade und wollte sie öffnen, da erinnerte er sich des
Briefes an die »angebetete Wilhelmine«, der darin lag und dessen in grossen
Lettern prangende Aufschrift dem scharfen Auge Bozenas schwerlich entgangen
wäre. Er errötete und liess den schon ausgestreckten Arm sinken.
    »Behalt's«, sagte sie, »ich werde keinen Liebsten mehr haben, dem ich es
schenken könnt!«
    Wie seltsam hart klang ihre Stimme, welche Entschlossenheit sprach aus ihrem
Ton und welche wehmütige Trauer aus ihrem Gesicht, aus ihrer Haltung und ihrem
ganzen Wesen! Kann man zugleich so stark sein und so weich, die Seele eines
Helden besitzen und das Herz eines Weibes?
    Den Schwachen, der geherrscht hatte über soviel Kraft, erfasste zum erstenmal
ein Bangen, dass diese sich gegen ihn erheben könnte.
    Und als er Bozena stumm und gelassen dem Ausgange zuschreiten sah, rief er
ihr zu: »Bleib! ... Was hast du nur? ... Was hab ich dir denn getan?«
    »Nichts«, erwiderte sie. »Lass mich, ich hab Eile.«
    »Du bleibst! - ich will's - - ich bitte dich!«
    Er folgte ihr, umschlang sie und drückte sie heftig an sich.
    Er sah, wie sie erbebte und unsäglich litt, aber die Zärtlichkeit der
Selbstsüchtigen ist der Grausamkeit verwandt. Stumpf gegen Bozenas
widerstrebende Empfindung, drückte er Kuss um Kuss auf ihre Lippen und flüsterte:
»Ich hab dich lieb! ... Bleib bei mir, Bozena! ... Warum willst du nicht?«
    Sie entrang sich seiner Umarmung; ihre Wangen flammten, und ihr Atem flog.
    »Verstehst nicht?« sagte sie, »es ist aus. Ich bin jetzt von dir los und für
immer, denn ich hab die Stunde verflucht, wo ich zum ersten und letzten Mal
durch dich glücklich war.«
    »Verflucht?!«
    Durch Mark und Bein drang ihm dieses Wort, es verletzte ihn in seiner
Manneseitelkeit; er stiess einen Schrei echten Schmerzes aus, und als sie den
vernahm, da wusste sie, dass ihr Herz doch nicht so ganz für ihn gestorben war.
Eine sanfte Regung erwachte in ihr, ein bleicher Schimmer ihres einstigen
Gefühls. Und sosehr sie's drängt: nur fort! nur fort - hinweg! - stumm, wie sie
gewollt, kann sie doch nicht von ihm gehen.
    Sie fasste ihn beim Arme, und indem sie den Nacken niederbeugte, um ihm in
das trotzig gesenkte Angesicht zu sehen, sprach sie gedämpft und rasch: »Du hast
mich gehabt mit jedem Gedanken in meinem Hirn und mit jedem Hauch in meiner
Brust. Und was hast du aus mir gemacht? ... Weniger wert bin ich worden durch
dich - an Lug und Trug hast du mich gewöhnt, und meine Schuldigkeit hab ich um
dich versäumt ... Schweig!« gebot sie, als er sie unterbrechen wollte, »ich werf
dir nichts vor, dir nichts - alles, alles nur mir! Du kannst vielleicht nicht
anders ... Ich aber hätte anders gekonnt, und ich hab zehnfach gefrevelt, denn
ich hab gefrevelt gegen meine Natur. Das geht so eine Weil - man ist ja wie
betrunken -, aber die Stunde kommt, wo man erwacht ... ... Mir ist sie gekommen
- fürchterlich - und darum muss ich jetzt fort; und - darum, Bernhard, sag ich
dir jetzt Lebewohl.«
    Und wieder wandte sie sich, und wieder stürzte er ihr in den Weg. Alles in
ihm, seine Leidenschaft, seine Eitelkeit, sein Trotz empörten sich gegen die
Trennung von ihr.
    »Ich lass dich nicht!« schrie er. »Ich rufe das ganze Haus zusammen, laufe
hinüber zu deinen Herrenleuten und sage ihnen, dass du entfliehen willst!«
    »Das tust du nicht«, sagte sie und war wieder völlig ruhig und gefasst. Mit
ausgebreiteten Armen stellte sie sich vor die Tür. »Ich binde und kneble dich,
wenn du mir drohst, bei meiner armen Seele: ich tu's. - Werd ich fertig mit dir
oder nicht, wenn ich will - was meinst? Willst du die Schande erleben, dass sie
dich morgen so finden und hören, dass dich ein Weib gebunden hat?«
    Zornig und beschämt trat Bernhard zurück. Nein, mit Gewalt war gegen Bozena
nichts auszurichten, und doch: verlieren konnte er sie nicht! Zu köstlich war
ihr Besitz. Ist sie nur durch Güte und Demut wiederzugewinnen - wohlan, er übt
Güte und Demut!
    Er warf sich vor ihr nieder, er küsste weinend den Saum ihres Kleides und
flehte mit gerungenen Händen: »Bleib bei mir, Bozena!«
    Aber die Stimme, der sie sonst gefolgt wäre, und hätte sie aus dem Abgrund
der Hölle nach ihr gerufen, hatte ihren alten Zauber eingebüsst. Noch bewegte,
noch erschütterte ihr Klagen das Herz Bozenas, doch brach es ihren Willen nicht
mehr. Sie hatte auf den Schrei der Sehnsucht ihres Geliebten keine Antwort als
ein schmerzliches »Leb wohl!«.
    Da sah er zum letztenmal zu ihr empor - angstvoll - fragend - erwartungsvoll
- - und begriff endlich, dass alles vorüber war.
    Er sprang auf; keuchend und stöhnend stürzte er sich auf sein Bett und
wühlte seinen Kopf in die Kissen. Bozena warf einen letzten Blick auf ihn und
verliess das Gemach.
In menschenfeindlichster Stimmung war Herr Heissenstein nach drei Tagen von
seiner Fahrt zurückgekehrt. Als Frau Nannette ihm die Entweichung Bozenas
mitteilte, äusserte er nicht das geringste Befremden. Er war und blieb schweigsam
und undurchdringlich. Nannette musste die raffinierten Künste, auf welche
neugierige Frauen sich verstehen, anwenden, um ihm nur eine dürftige Kunde
seiner Erlebnisse zu entlocken. Alles, was sie schliesslich erfuhr, bestand
darin, dass Rosa anständig untergebracht und das Regiment Fehses weitermarschiert
sei nach Ungarn.
    »Er wird sie jetzt heiraten müssen, es bleibt nichts andres übrig -« sagte
Nannette und warf einen lauernden Blick auf ihren Mann.
    Dieser war damit beschäftigt, Schriften zu ordnen, die er einem eisernen, in
die Wand eingelassenen Schrank entnommen, der zur Aufbewahrung von Wert- und
Familienpapieren diente. Aus einer grossen Anzahl vergilbter Blätter hatte er den
Trauschein seiner ersten Frau und den Taufschein Rosas hervorgesucht und sie auf
dem Schreibtische ausgebreitet. Nannette bot sich an, den Rest »in das Archiv«,
wie sie grossartig sagte, zurückzutragen, aber der undankbare Gatte belohnte
ihren guten Willen nur durch ein mürrisches: »Lass gut sein!«
    Er holte aus dem Schranke ein dünnes Päckchen, auf dessen Umschlag
geschrieben stand: »Meiner Tochter Rosa mütterliches Erbe«, und begab sich damit
zum Schreibtisch zurück. Frau Nannette schlich ihm nach auf Schritt und Tritt,
sie gab sich die erdenklichste Mühe, eine sanfte Duldermiene anzunehmen, und
wiederholte mit einem tiefen Seufzer, durch den trotz aller Anstrengung, ihn zu
unterdrücken, ein Laut des Jubels und Triumphes sich Luft machte: »Er wird sie
jetzt heiraten müssen, es bleibt ihm nichts andres übrig.«
    Abfertigend, ohne sie anzusehen, erwiderte Heissenstein: »Natürlich.«
    Dieses beunruhigte sie. Soll zuletzt noch alles glücklich enden für die
ungeratene Tochter? Nannettens Angst vor einem solchen Ausgange überwand einen
Augenblick ihre Furcht vor ihrem Manne.
    Mit grimmiger und etwas spöttischer Freundlichkeit sagte sie - und dabei
zitterte in ihrem linken Mundwinkel ein Nerv wie ein frierendes Küchlein im
Neste: »Du verzeihst wohl? ... Du gibst wohl deinen Segen?«
    Er fuhr auf. »Ich?!« donnerte er sie an und schlug mit der Faust auf den
Tisch, dass das Zimmer dröhnte und dass Frau Nannette einer Ohnmacht nahe war.
    O Himmel! ... So wie jetzt hatte er ausgesehen in jenem unvergesslichen
Zornesausbruch, in dem er das zarte Pflänzchen ihres Mutes so unbarmherzig
knickte, dass es seitdem nur noch kränkliche Schösslinge trieb ...
    Nannette empfand plötzlich eine ganz merkwürdige Schwäche in den Knien und
glaubte wahrhaftig, sie werde umsinken. Das aber geschah nicht, denn ihr Mann
äusserte den Wunsch, allein zu bleiben, durch ein bündiges: »Hinaus!« Und sie
trat sofort einen Rückzug an, der nichts an Eile und manches an Hoheit zu
wünschen übrigliess.
    In der nächsten Zeit hatte Heissenstein häufig Unterredungen mit seinem
Rechtsfreunde, Herrn Doktor Paul Wenzel. Stundenlang und bei verschlossenen
Türen wurde da verhandelt; und durch niemand, nicht einmal durch die besorgte
Hausfrau, und unter keinerlei Vorwand, ob er nun in Gestalt eines kleinen
Imbisses, eines eben angelangten Briefes oder einer dringenden Nachfrage
erschien, durften die Herren in ihrer Arbeit unterbrochen werden.
    Da besann sich Nannette plötzlich, dass die Frau des Advokaten eine
Jugendbekannte von ihr sei, dass sie einstens »intim liiert« mit ihr gewesen war,
und sie empfand die nagendsten Gewissensbisse, die alte Freundin so lange
vernachlässigt zu haben. So setzte sie denn eines schönen Nachmittags ihre
Herbstkapotte mit den schottischen Bändern auf - ein Geschenk, das ihre
einstigen Zöglinge ihr kürzlich aus Wien zugesendet hatten, eine echte Lannoy!
-, hüllte sich in ihren schwarzen Seidenmantel und wurde eine Viertelstunde
später bei der Gattin des Advokaten angemeldet.
    Die gute Frau empfing sie in ihrem unbehaglichen und unbewohnten Salon mit
allen Zeichen der Ehrfurcht und mit einer Verlegenheit, die zu verbergen sie
nicht einmal versuchte, so gut wusste sie, dass es vergeblich sein würde. Sie
bezeigte eine überschwengliche, mit einem gewissen Entsetzen vermischte Freude
über den unerwarteten Besuch. Sie entschuldigte sich, dass Frau »von« Heissenstein
sie im Hauskleide treffe - aber eine Familienmutter, du guter Gott, muss überall
zugreifen ... Sie entschuldigte sich, dass sie nicht ihr Leben damit zubringe,
auf den Besuch Frau »von« Heissensteins zu warten, sie entschuldigte sich, dass
sie Kinder habe und dass es heute nachts geregnet. Sie dankte endlich im stillen
Gott, als ihr Mann eintrat und sie von dem mühevollen Geschäft erlöste, ganz
allein mit der gebildetsten Frau der Stadt ein Gespräch führen zu müssen, bei
welchem diese allerdings nicht zu Worte kommen konnte.
    Der Advokat war ein schöner Greis mit fein modelliertem Kopfe, blassem
Gesichte und vornehmer Haltung. Seine Mitbürger schätzten ihn hoch, und die
»Herrschaften« auf den umliegenden Gütern sahen ihn als ein Orakel an. »Was hat
der Wenzel gesagt? - Man muss den Wenzel fragen«, sprachen die feudalen Herren,
sooft die Weisheit ihrer Verwalter nicht ausreichte, um irgendeinen Konflikt
zwischen dem herrschaftlichen Amte und den Untertanen zu lösen.
    In seinem Berufe war Wenzel ein Cato, im geselligen Verkehr jedoch und an
seinem eigenen Herde liebenswürdig und galant wie ein Abbé des 18. Jahrhunderts.
Weich hatte das Leben ihn gefasst, er empfand es dankbar und machte auch andern
das Leben so leicht, als er konnte.
    Seine viel jüngere Frau verehrte in ihm einen Halbgott, und den Nimbus eines
solchen hatte sie verstanden ihm an seinem schlichten bürgerlichen Herde zu
wahren. Die liebevolle Bewunderung eines demütigen Weibes ist erfinderisch, ihr
Gegenstand wandelte in einem Gemüsegarten - unter Palmen.
    Bedächtig, als fürchte er durch eine rasche Bewegung die Weihrauchwolke zu
zerstreuen, die ihn umfloss, kam Wenzel auf Frau Heissenstein zugeschritten, die
sich erhob und »dem lieben, verehrten Freunde« voll Rührung ihr kleines rundes
Händchen, das die Gestalt eines Lindenblattes hatte, entgegenstreckte.
    »Ich weiss, was Sie hierherführt, gnädige Frau«, sagte der Advokat, indem er
sie mit bescheidener Verbindlichkeit nötigte, ihren Platz in der Sofaecke wieder
einzunehmen. »Ihr edles Herz ist beängstigt durch die harten Massregeln, die Ihr
Herr Gemahl gestern gegen seine unglückliche Tochter ergriffen hat.«
    »So ist es!« rief Frau Heissenstein und führte ihr Taschentuch an ihre
trockenen Augen. »Sie verstehen mich, verehrter Freund. Raten Sie, helfen Sie.
Ich selbst bin machtlos. Mein vortrefflicher, angebeteter Mann gestattet mir
auch nicht ein Wort der Entschuldigung für das irregeleitete Kind zu sprechen.«
    Der Advokat bedauerte sie sehr, versetzte sich ganz in ihre traurige Lage,
und seine Frau vergoss teilnehmende Tränen.
    »Dieser gestrige Schritt«, nahm Nannette wieder das Wort, »diese ... dieses
... ich will sagen, dieser - Schritt -«
    Was hätte sie darum gegeben, fragen zu dürfen, was für ein Schritt das war?
Aber soviel will sie sich nicht vergeben. Dass sie keinen Einfluss auf ihren Mann
hat, gesteht sie ein; dass sie sein Vertrauen nicht besitzt - nimmermehr. Und
Wenzel hilft ihr nicht. Er schüttelt nur den Kopf und wiederholt: »Er ist zu
hart, Ihr Herr Gemahl, zu hart.«
    Nannette beschwört ihn, sein möglichstes zu tun, um ihren durch seine
unbegreifliche Tochter so schwer gekränkten Gatten zur Milde zu stimmen, und
rüstet sich zum Aufbruche. Sie bittet, Nachsicht mit ihr zu haben, sie ist nur
gekommen, um sich auszusprechen, sie hofft, der Advokat und seine teuere Frau
werden ihr verzeihen, dass sie es so unumwunden getan; eine Missdeutung besorgt
sie »von solchen Seelen« nicht. Sie bedauert ihren über alles geliebten Mann,
ihn zu tadeln erkühnt sie sich nicht. Sie geht, von dem Ehepaare bis an die
Treppe geleitet.
    »Wie gut und lieb ist sie!« sagte die Doktorin.
    »Eine kluge Frau!« sagte lächelnd der Doktor.
    Obwohl Nannette den Zweck ihres Besuches nicht vollkommen erreicht hatte und
die Massregeln, die Heissenstein gegen seine Tochter ergriffen, ihr nach wie vor
ein Geheimnis blieben, war sie doch mit dem erreichten Resultate recht
zufrieden. Sie hatte erfahren, dass ihr Mann unversöhnlich ist, und sie hatte
eine einflussreiche und hochachtbare Persönlichkeit überzeugt, dass die
Stiefmutter keine Schuld daran trägt.
    Am Abend brachte der Postbote einige Briefe für Herrn Heissenstein, die
Nannette übernahm. Darunter befand sich einer von Rosa. Diesen behielt sie
zurück - aus Vorsicht. Er konnte auf den Gemütszustand ihres Mannes schädlich
wirken. Sie fühlte die Verpflichtung, sich mit seinem Inhalt bekannt zu machen.
Der Brief war mit dem Herzblut des Kindes geschrieben und manche Träne war auf
ihn gefallen.
    Nannette ist so ergriffen und erschüttert, findet das leidenschaftliche
Einstürmen auf den beleidigten Vater so unpassend, dass sie nicht daran denkt,
den Brief abzugeben, ja - ihn verbrennt.
 
                                       8
Der Groll Heissensteins gegen seine Tochter wurde durch die Zeit nicht
vermindert, eher sogar erhöht. Er hatte Rosa nicht aufgegeben und aus seinem
Herzen gestrichen, nein, sie beschäftigte ihn immer, er führte in Gedanken
fortwährend Krieg mit ihr. Mit der vom Verstande nicht mehr streng gezügelten
Phantasie des Greises malte er sich ihr Vergehen in den dunkelsten Farben aus
und verwünschte sie der Schmerzen wegen, die sie nicht aufhörte ihm zu bereiten.
An der Ansicht, die er sich einmal von der Sache gebildet hatte, hielt er
hartnäckig fest. - Rosa trug Schuld an dem Untergange des Hauses, sie hatte
Schande auf seinen Namen und auf sein graues Haupt gehäuft, er durfte ihr
niemals vergeben - auch wenn er so schwach wäre, es tun zu wollen.
    »Ihre Schuld kann niemals gutgemacht und demnach auch nie vergeben werden«,
war der Sinn der Antwort, die er Mansuet zurief, sooft dieser ein gutes Wort für
seinen Liebling einlegte. Damit war in den Augen des alten Herrn jede weitere
Verhandlung abgeschnitten. Gegen dieses Argument, dessen schlagende Wirkung ihn,
sooft er es aussprach, mit der Gewalt einer eben erst entdeckten Wahrheit
ergriff, gab es keine Einwendung.
    Mansuet beobachtete mit tiefem Bedauern die sichtliche Veränderung, die mit
seinem Herrn vorging, und sagte zu Schimmelreiter, dem zweiten Kommis: »Der
Prinzipal ist wie ein Herbsttag, nimmt ab an beiden Enden.«
    Schimmelreiter besass ein schwaches Begriffsvermögen, aber ein starkes
Streben, die hohen und witzigen Gedanken des gescheiten Weberlein nachzudenken.
    »An beiden Enden?« wiederholte er; »das heisst, von unten und von oben?«
    Mansuet sprach etwas wegwerfend: »Das heisst: physisch und moralisch.«
    »Sehen Sie, sehen Sie«, rief Schimmelreiter, »so hab ich's aufgefasst!«
    Fast noch weher als Heissensteins ohnmächtiger Trübsinn tat Mansuet Frau
Nannettens kaum noch verhehlter Triumph. Sie sah jetzt mit Ruhe der Zukunft
entgegen; die Gefahr, dass ihre Stieftochter jemals wieder in ihre Kindesrechte
eingesetzt werden könnte, schien so gut wie überwunden. Rosas Flucht wurde für
Nannette ein Abschnitt in der Zeitrechnung, nicht mehr noch weniger. Sie sagte:
»Das war vor oder nach unserm Familienunglück«, wie die Mohammedaner sagen »vor
oder nach der Hedschra«.
    Etwa andertalb Jahre, nachdem Rosa und Bozena das alte Haus verlassen
hatten, in der Lichtmesswoche, erhielt Mansuet einen Brief von seiner Freundin
aus einem Dorfe in der Nähe von Arad. Sie schrieb, dass Rosa ein zartes Mädchen
zur Welt gebracht, das in der Taufe die Namen Leopoldine Rosa erhalten, das sein
Vater jedoch nie anders als Röschen nenne. Der Herr Oberleutnant sei herzensgut,
die junge Frau liebe ihn auch, wie sich's gehört und wie er's verdient. »Aber«,
hiess es in Bozenas Schreiben, »sie hat sich gar verändert, und wenn der Herr
Heissenstein nicht doch zuletzt ein Einsehen hat und ihr verzeiht, so drückt es
ihr das Herz ab, und es nimmt wahrhaftig und Gott kein gutes End mit ihr.«
    Dieser Brief entielt einen Einschluss von Rosas Hand, und in dem lag ein
Zettelchen. Die junge Frau bat den lieben, getreuen Herrn Weberlein - den auch
ihr Mann unbekannterweise herzlich grüssen liess - auf das innigste, dasselbe in
einer guten Stunde ihrem Vater zu übergeben.
    Mansuet wartete einen Tag, zwei Tage. Das dünne Blättchen brannte wie Feuer
auf seiner Brust. Er verbiss den Schmerz und benahm sich gegen seinen Prinzipal
wie ein Liebhaber, der eine zürnende Schöne um jeden Preis in eine bessere Laune
zu versetzen wünscht. Er hätte sich auf seine Knie vor ihm niederwerfen mögen -
seine Stimme bebte, wenn er das Wort an seinen mürrischen Chef richtete, ein
Wink von diesem verlieh dem kleinen Kommis Flügel. Von seinen Gefühlen
überwältigt, erfasste er plötzlich Heissensteins Hand, küsste sie und presste sie
dann mit einer Gebärde voll unwillkürlicher Komik an seine Brust.
    Heissenstein konnte sich eines Lächelns nicht erwehren und fragte: »Was haben
Sie denn?«
    »Einen Brief!« platzte Mansuet heraus, »einen Brief von unserer Rosa!«
wiederholte er, fast weinend - und hielt seinem Herrn das Zettelchen hin.
    Heissenstein war bleich geworden bis an die Lippen, vergeblich rang er nach
Worten; röchelnd, als läge eine Faust an seiner Gurgel und würge ihn, trat er
auf Mansuet zu, riss das Papier aus seinen zitternden Fingern und warf es vor
seinen Augen in das Feuer.
    Minuten vergingen, bis der völlig ausser Fassung geratene Mann zu sprechen
vermochte, und dann brachte er mit wuterstickter Stimme die Drohung hervor:
»Wagen Sie's noch einmal, sich zum Boten jener - Frau zu machen, und mit Schimpf
und Schande jag ich Sie aus dem Hause!«
    Mansuet sah ihn mit einem sonderbaren Blicke an, und nach einer Pause, in
welcher er ruhig zu überlegen schien, sagte er: »Gut.«
    Ein Jahr danach um dieselbe Zeit erschien wieder ein Brief Bozenas und
entielt abermals einen Einschluss Rosas. Bozena hatte sich dieses Mal sehr kurz
gefasst; ihre Zeilen entielten nur einen Gruss an Herrn Weberlein und die
dringende Bitte, ihr mit umgehender Post einen Teil ihrer Ersparnisse
zuzusenden. Mansuet besorgte diesen Auftrag sofort, obwohl die Ausführung
desselben mehrere Morgenstunden in Anspruch nahm. Herr Heissenstein hatte voll
Ungeduld soeben zum zehntenmal nach ihm gefragt, als er endlich eintrat, ganz
erhitzt, den Hut und den Oberrock mit Schnee bedeckt.
    »Wo waren Sie?« herrschte sein Chef ihn an, »was fällt Ihnen ein,
davonzulaufen um die Mittagszeit, vor Expedition der Post?«
    Mansuet begab sich schweigend in seinen Glasverschlag, warf dort einige
Zeilen auf einen Stempelbogen, den er mitgebracht hatte, trat dann zu Herrn
Heissenstein, breitete das Blatt vor ihm auf dem Tische aus und sprach: »Hier
meine schriftliche Kündigung. Will Sie nicht in die Notwendigkeit versetzen,
mich mit Schimpf und Schande aus dem Hause zu jagen. Und hier« - er legte einen
Brief auf den Stempelbogen - »ein heut morgens eingelangtes, an meinen Herrn
Prinzipal durch mich zu übermittelndes Schreiben.«
    Heissenstein sah abwechselnd den Kommis und das zusammengefaltete Blatt an,
auf dem er die Schrift seiner Tochter erkannt hatte. Wie ein elektrischer Schlag
durchzuckte es ihn, doch behielt er Ruhe genug, um erwidern zu können: »Ich
verweigere die von Ihnen erbetene Entlassung. Sie befinden sich in meinem
Dienste und haben zu gehorchen.«
    Er stand auf und wies dem Kommis seinen Platz an: »Setzen Sie sich! ...
Setzen Sie sich! ...« wiederholte er, und Mansuet folgte seinem Befehle.
»Schreiben Sie!« Mansuet nahm eine Feder zur Hand - »Schreiben Sie: Der
Unterzeichnete verbittet sich in Zukunft jede weitere Belästigung ...«
    Mansuet bebte am ganzen Körper, kalter Schweiss trat ihm auf die Stirn, aber
er schrieb, und Heissenstein fuhr fort zu diktieren: »- Belästigung - durch
Übersendung von Zuschriften, die an ihren Adressaten zu befördern ihm die
Pflicht verbietet. Mansuet Weberlein, Kommis.«
    »Mansuet?« rief dieser und sprang auf - »ich soll das unterschreiben? ...
Sie glauben, ich werde das unterschreiben? - eine haarsträubende Lüge?!«
    Er fasste sich mit beiden Händen an den Kopf; sein Gesicht war kreideweiss.
    »Mit Wonne und Entzücken«, schrie er so laut, dass jedes seiner Worte
deutlich vernommen werden konnte in der nebenanliegenden Stube, in welcher Herr
Schimmelreiter arbeitete - »mit Wonne und Entzücken erfüllt mich jeder Beweis
der Erinnerung und des Vertrauens, den ich von ihr erhalte, von der armen Rosa.
Das ist die Wahrheit - die schreib ich - wenn Sie's erlauben«, setzte er leiser
hinzu, »sonst - auch das nicht; denn das zu verbieten haben Sie ein Recht.
Nämlich heute noch. Da liegt meine Kündigung.« Er deutete auf die Schrift und
stürzte wie ein Rasender hinaus und in sein Zimmer, wo er eifrig seinen
Kleiderschrank auszuräumen begann.
    Eine Stunde lang herrschte im Kontor so tiefe Stille, dass Schimmelreiter
angst und bange wurde. Was tut der alte Herr? - ist er eingeschlafen? - ist er
ohnmächtig geworden? Schimmelreiter hätte gern nachgesehen, doch fehlte ihm der
Mut dazu. Endlich hörte er seinen Namen rufen und stand im nächsten Augenblicke
vor seinem Chef.
    Dieser hatte gerötete Augen und sah merkwürdig alt und kummervoll aus. Er
reichte dem Kommis ein Bögelchen Papier und ersuchte ihn daraufzuschreiben:
»Wird retourniert
Im Auftrage meines Prinzipals.
Schimmelreiter«
Heissenstein faltete und kuvertierte das Blatt selbst über Rosas unerbrochenen
Brief und sprach: »Die Adresse nun!«
    Schimmelreiter setzte die Feder an und wartete.
    »Wird's?« rief jener, »worauf warten Sie?«
    »Auf die Angabe der Adresse«, erwiderte kleinlaut der Kommis.
    »- Ja - so. Frau von Fehse - k.k. Oberleutnantsgattin, zu Sega bei Arad in
Ungarn. Haben Sie's?«
    »Zu dienen.«
    Heissenstein erhob sich: »Auf die Post damit und sogleich!«
    Aber der Befehl reute ihn, sobald er gegeben war. Mit einem misstrauischen
Blick nahm er seinem Untergebenen den Brief aus der Hand und steckte ihn zu
sich. »Lassen Sie's«, sprach er, »ich gehe ohnehin aus - komme wohl an der Post
vorbei ...«
    Schimmelreiter brachte Hut und Oberrock und blickte seinem Herrn nach, der
langsam und gebeugt im Schneegestöber über den Platz schritt.
    Dahin seine stolze Haltung ... Was ist aus dem Manne geworden? dachte er.
Als sich Mansuet nachmittags nach dem Kontor begab, um seine Filzschuhe zu
holen, die er dort stehengelassen hatte, und einige ihm gehörende Kostbarkeiten
aus seiner Lade zu sich zu nehmen: ein Federmesser, das Bozena ihm einst verehrt
- ein Beutelchen, das Rosa für ihn gestrickt - endlich auch den neuesten
Militärschematismus, sah er seine Kündigung auf seinem Pulte liegen.
    Auf dem unteren Rande des Schriftstücks standen, ganz klein und verschämt,
von Heissensteins Hand geschrieben, die Worte: »Kann nicht angenommen werden.
Bitte vielmehr den getreuesten Diener, geduldig in Gutem und Üblem bei mir
auszuharren. H.«
    Mansuet brach in ein krampfhaftes Weinen aus und schluchzte:
    »Mir verzeiht er, mir altem Esel! - Seinem armen Kinde nicht! ... O
Menschenherz!«
    Der nächste Brief, den Mansuet von Bozena erhielt, brachte keinen Einschluss
mehr von Rosa. Die junge Frau war krank. Sie hatte vor der Zeit ein Knäblein
geboren, das nur wenige Stunden lebte, und konnte sich seitdem nicht recht
erholen. Bozena liess sich zu keinem Worte der Klage herbei, sie zeigte dem alten
Gönner das letzte Ereignis in der kleinen Familie an und bat ihn, ihr auch den
Rest ihrer Ersparnisse zuzusenden.
 
                                       9
Der Sommer des Jahres 1847 kam heran. Im Hause Heissensteins wurde ein schönes
Fest, der sechzehnte Geburtstag Regulas, feierlich begangen. »Die ganze Stadt«
nahm daran teil mit alleiniger Ausnahme des Kommis Weberlein, der, von heftigen
Kopfschmerzen ergriffen, sich im Augenblicke, wo er zur Tafel gerufen wurde, zu
Bette legte. So mancher schöne Toast ward ausgebracht auf das edle Elternpaar
der Gefeierten und auf die Gefeierte selbst. Den schönsten jedoch sprach Advokat
Wenzel, der Regula als »die junge Hoffnung des alten Hauses« und ihre Eltern als
»den Stolz der Stadt« so hoch und lange, als es auf Erden nur denkbar möglich,
leben liess.
    Man ging spät und äusserst erhoben und gerührt, in später Nachtstunde,
nämlich um zehn Uhr, auseinander.
    Am folgenden Tage trat Heissenstein eine Reise nach Wien an und kehrte von
dort nach dem Verlaufe einer Woche in ganz ungewöhnlich munterer Stimmung und in
Begleitung Joseph Frohburgs zurück.
    Frau Nannette empfing den jungen Mann, als er nach sorgfältig gemachter
Toilette im Gesellschaftszimmer erschien, wo die Familie ihn erwartete, mit
jener aus Hass und Liebe, Neid und Wohlwollen gemischten Empfindung, die
überzärtliche Mütter dem zukünftigen Schwiegersohn entgegenbringen.
    Der also wird in den Besitz ihres teuersten Gutes treten, für den hat sie
das vorzüglichste der Geschöpfe geboren und erzogen!
    Die gescheite Frau war zum erstenmal in ihrem Leben um eine Ansprache
verlegen, als Joseph Frohburg sich tief und ehrfurchtsvoll vor ihr verbeugte,
und Heissenstein gewann Zeit, die Vorstellung und Bewillkommnung auf das
schlichteste zu besorgen, indem er sprach: »Das hier ist meine Frau, und das
dort ist meine Tochter. Lass dir's bei uns gefallen, mein Junge.«
    Gefallen!
    Joseph hatte den Blick zu Regula erhoben und sogleich wieder gesenkt. Der
erste Eindruck, den sie auf ihn hervorbrachte, war ein ungünstiger, Nannette
konnte sich das nicht verhehlen; aber sie tröstete sich mit der Hoffnung, ihr
Geist werde ihn bezwingen.
    »Zum Abendessen!« rief Heissenstein; »ich habe wahrhaftig Appetit!«
    Man begab sich in das Speisezimmer, und Joseph erhielt seinen Platz neben
Regula.
    Nannette selbst, die ihrer Tochter doch alles mögliche Gute zutraute, war
erstaunt über die feine Weise, mit der sie auf den Ideengang des Gastes
einzugehen und dabei ihr Licht auf den Scheffel zu stellen verstand.
    
    Er sprach von Nestroys letzter Posse. Sie wusste in seinen Bemerkungen
darüber Anknüpfungspunkte zu finden, die sachte hinüberführten auf die Orestie
des Äschylus, ihre philosophische Bedeutung und ihren politischen Zweck. Er
sprach von der Lieblichkeit der Donauauen - sie schwebte von diesen nach den
Sozietätsinseln und nannte den Namen jeder einzelnen. Er sprach von dem Tode
seiner Mutter, sie - von der Nadowessischen Totenklage. Er erzählte von dem
»Putsch« der Schweizer Radikalen, sie liess ein Wort über Huitzilopochtli, den
Kriegsgott der Azteken, fallen.
    Zuletzt wurde das Verständnis zwischen dem jungen Pärchen ein so
vollständiges, dass Rede und Gegenrede überflüssig schien. Dem Gaste zum
mindesten, der von nun an schwieg.
    Beim Beginne des Abendessens hatte sein Blick noch manchmal scheu und
prüfend auf der eckigen Gestalt Regulas geruht, auf ihrem gelben Gesichte und
den gleichfarbigen, an die Schläfe angeklebten Scheiteln, von denen auch nicht
ein Haar abstand; jetzt blieb er hartnäckig auf das Tischtuch geheftet. Joseph
wurde bleicher und bleicher und musste endlich gestehen, dass er sich unwohl
fühle.
    Heissenstein hob sofort die Tafel auf und geleitete seinen Gast, der
aufzuatmen schien, als er das Speisezimmer im Rücken hatte, auf die für ihn
bereit gehaltene Stube.
    Am frühen Morgen schon stand ein Postwagen vor dem Hause und Joseph in
Reisekleidern vor Heissenstein.
    »Verzeihen Sie mir, mein väterlicher Freund«, sprach der junge Mann
treuherzig, »aber - ich habe mir's überlegt, ich fühle noch keinen Beruf, mich
zu verheiraten. Ich glaube am ehrlichsten zu handeln, wenn ich es Ihnen gleich
eingestehe.«
    »Wozu die Eile?« fragte Heissenstein betroffen, »lerne meine Regel besser
kennen. Sie gehört zu der Sorte von Weibern, denen jeder Mann ohne Sorge sein
Lebensglück anvertrauen kann.«
    »Ich bin davon überzeugt«, erwiderte Joseph, »allein ob das ihre in meinen
Händen gesichert wäre, daran zweifle ich.«
    Heissenstein sah ihn an und schüttelte den Kopf: »Sei aufrichtig - sie
gefällt dir nicht«, sagte er mit einem Ausdruck von so hoffnungsloser Trauer in
Stimme und Gebärde, dass Joseph, davon ergriffen, die Hand des alten Mannes fasste
und drückte. Dieser klopfte ihm auf die Schulter: »Nun ja, ich habe Besseres für
dich im Sinne gehabt. - Es hat aber nicht sein sollen.«
    So endete Heissensteins letzter Versuch, den Traum seines Lebens zu
verwirklichen. Mansuet suchte vergebens ihn darüber zu trösten, indem er ihn
versicherte, er fände zehn für einen Freier für das Fräulein Tochter und zwanzig
für einen, die bereit wären, seinen Namen anzunehmen.
    »Keinen mehr, dem ich ihn anbieten möchte!« entgegnete Heissenstein. »Glauben
Sie, dazu sei mir leicht einer gut genug? - So mag er denn erlöschen. Ich seh es
ein, der Mann, der mir recht wäre, nimmt die Regel nicht!«
    Er verfiel in einen dumpfen Trübsinn, aus dem ihn nur noch selten ein
Ausbruch des Zornes gegen die Zerstörerin alles dessen weckte, was er noch als
Glück zu empfinden vermocht hätte. Mansuet wagte längere Zeit hindurch nicht,
Rosas zu erwähnen. Er hatte zwar auf seine dringende Nachfrage, wie die junge
Frau sich befinde, beruhigende Antwort erhalten, aber Bozena hatte ihm zugleich
mitgeteilt, sie habe es ihrem jungen Herrn in die Hand geloben müssen, keine
Briefe mehr in das Heissensteinsche Haus zu schicken. Es sei genug gebettelt
worden, er selbst wolle nun von einer Versöhnung nichts mehr hören.
    Das habe ich längst gefürchtet, dachte Mansuet. Er ist k.k. Offizier, er
kann sich die fortgesetzten Demütigungen nicht gefallen lassen. Was jetzt
beginnen, du guter, lieber Gott? ... Wenn von hier aus keine Schritte geschehen,
dann ist's für immer mit der Hoffnung auf eine Aussöhnung vorbei. Wir sind so
weit gekommen, dass uns nur mehr eine Person Hilfe schaffen könnte: - Frau
Nannette. Sie müsste sich zur Vermittlerin machen zwischen Vater und Tochter. Sie
ist die Herrin des Hauses und ihres alternden Gatten. Er hat aufgehört, ihr
Widerstand zu leisten, anfangs aus Gleichgültigkeit, später aus Ohnmacht.
    Die Folge dieser Betrachtungen war, dass sich Mansuet seiner Rosa zuliebe bis
zu einer Art demonstrativer Höflichkeit erniedrigte der verhassten Gebieterin
gegenüber. Er lief nicht mehr davon, wenn er sie von weitem erblickte, er wandte
sich nicht ab, wenn er ihr begegnete. Er blieb stehen, machte Front und grüsste
sie feierlich. Er brachte es sogar einmal dahin, mit einem Grinsen, das um alles
in der Welt freundlich sein sollte, aber einfach - grässlich war, zu sagen: »Sehr
kalt heute? ... Belieben zu frieren? ...«
    Weiter ging es nicht! - Nicht um den Maria-Teresia-Orden! Nicht um die
ewige Glückseligkeit!
    So versuchte er's denn doch, sich an Heissenstein zu wenden, und erfuhr keine
heftige Abweisung mehr. Der alte Mann antwortete mit schmerzlichen Klagen, mit
tiefem Selbstbedauern, dass er nicht verzeihen dürfe - dass seine Pflicht es ihm
verbiete.
    Mit unerschöpflicher Geduld, mit einem Eifer, der sich nie verleugnete,
begann Mansuet immer von neuem, Vorstellungen zu machen, um Mitleid zu bitten -
es war und blieb vergeblich.
    Der alte Mann wurde nur ängstlich, versank nur tiefer in seine Grübeleien
und wiederholte melancholisch: »Ich darf nicht, guter Mansuet. Seien Sie mir
nicht böse, aber - ich darf nicht.«
    In solchem Zustande fand das Revolutionsjahr 1848 den einst so kräftigen
Heissenstein. Die Ereignisse der Märztage rüttelten ihn auf aus dem Traumleben,
das er seit einiger Zeit führte. Ein neues Interesse ergriff ihn. Zwei Monate
lang zählte ihn die liberale Partei zu ihren Anhängern, vom 15. Mai an wurde er
ihr erbitterter Gegner.
    Mansuet hatte natürlich keinen Augenblick von etwas anderm gesprochen als
von Dreinschlagen, Einhauen und Niederreiten. Wie man dem »Bäckenrummel« in Wien
unter weiland Kaiser Franz ein Ende gemacht, so hätte man dieser »Lumperei von
einer Revolution« ein Ende machen sollen, die ganz allein durch ein paar
Landstände und durch ein halbes Dutzend Studenten »aus purem, verfluchtem
Übermut« angerichtet worden war.
    Schimmelreiter hingegen erklärte sich für einen konstituierenden Reichstag,
mit einer Kammer als Übergangsstadium zur europäischen Republik. Er abonnierte
auf die »Konstitution« und schwor, erst seitdem er dieses Blatt halte, wisse er,
was es heisse: ein politisches Bewusstsein haben.
    Eines Tages las er im Gastause einigen andächtigen Zuhörern aus seiner
Zeitung vor, wie man »auf dem Leichname des Weltkinderspieles Nationalität
zuletzt siegend die Fahne des alles vereinenden Weltbürgertums aufpflanzen
müsse«, da riss ihm Mansuet, der von ihm unbemerkt eingetreten war, das Blatt aus
der Hand und forderte ihn auf Degen - und auf Pistolen.
    Schimmelreiter erklärte, dieser Forderung nicht entsprechen zu können, und
durch volle vierzehn Tage hatte Mansuet für ihn nur das Schweigen der
Verachtung. Es herrschte bittere Feindschaft zwischen den beiden, bis die
glorreichen Nachrichten aus Italien ihre Gemüter besänftigten. Als Radetzky
siegreich in Mailand eingezogen war, zog auch die Versöhnung in das Kontor ein,
und die zwei Säulen des Heissensteinschen Hauses ragten wieder in herzerhebender
Eintracht ruhig und friedlich nebeneinander.
    Im September dieses ereignisvollen Jahres kamen Bekannte Nannettens nach
Weinberg: Graf und Gräfin Rondsperg, die Eltern ihrer ehemaligen Zöglinge. Der
Graf hatte sein Gut verlassen infolge ziemlich ernster Konflikte, in die er mit
seinen Bauern geraten war.
    Diese Leute liessen sich's nicht nehmen, dass eine Änderung eingetreten sei in
dem Verhältnisse zwischen »der Herrschaft« und ihnen; nicht nur scheinbar, nicht
für kurze Zeit wie der alte Graf meinte, sondern in Wirklichkeit und für immer.
Er aber, dessen Vermögen seit Jahren schon zerrüttet war, wollte nicht an den
Bestand einer Neuerung glauben, die seinen völligen Ruin herbeiführen musste.
Doch wurde er es endlich müde, ihnen Vernunft zu predigen, diesen störrischen
Dummköpfen, die immer wieder auf die Behauptung zurückkamen: die
Patrimonialrechte seien aufgehoben. Zum erstenmal seit der Verheiratung seiner
Töchter - seit vollen vierzehn Jahren - verliess der Greis sein Schloss Rondsperg
und das undankbare »Gesindel«, seine Bauern.
    Fern von ihnen wollte er die Wiederkehr der alten Zeiten und die
Wiedereinführung der alten, einzig gesetzlichen Gesetze erwarten. Bis dahin
sollten die Leute nur sehen, wie sie fertig würden ohne ihn.
    Gleich nach der Ankunft des Grafen und seiner Gemahlin in Weinberg begaben
sich Heissenstein und Nannette nach dem »Grünen Baum«, in dem die Herrschaften
abgestiegen waren, und luden sie dringend ein, das unbehagliche Quartier im
Gastofe mit einer Wohnung zu vertauschen, die ihnen Heissenstein in seinem Hause
zur Verfügung stellte.
    Der Antrag wurde mit liebenswürdiger Freundlichkeit angenommen. Schon am
folgenden Tage zog das gräfliche Ehepaar, begleitet von einem einäugigen
Kammerdiener und einer gichtbrüchigen Kammerjungfer, in die zu seinem Empfange
auf das beste geschmückten Räume ein. Und gewiss betrat Karl V. das Haus Anton
Fuggers auf dem Weinmarkte zu Augsburg mit nicht geringerem Bewusstsein einer von
ihm erwiesenen Gnade als Rondsperg das Haus des Kaufmanns Leopold Heissenstein.
In seiner Art auch nicht minder gastfrei als der Nachkomme des Webermeisters zu
Graben gegen den Beherrscher der Hälfte der damals bekannten Welt bezeigte sich
der Weinhändler gegen den herabgekommenen Edelmann. Während dessen Anwesenheit
wurde das Haus von Besuchern nicht leer, und Heissenstein empfing die Gäste
seiner Gäste mit derselben Zuvorkommenheit, die er diesen erwies. Frau Nannette
drückte abwechselnd ihre einstigen Zöglinge, die Baronin von Waffenau und die
Präsidentin von Horsky, an ihr bewegtes Herz. Die erste kam von ihrem Gute
Haluschka, die zweite kam aus Wien, die erste brachte vier unglaublich wilde
Jungen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren mit, die zweite nur ihren
steifen, wortkargen Mann. Alle kamen, um die alten Leute zu sehen und der teuren
Ex-Erzieherin und ihrem edlen Gatten Dank- und Lobpreisungen darzubringen. Frau
Nannette war manchmal zumute, als ob ihr Flügel wüchsen.
    Heissenstein hingegen hatte wahre, wenn auch nicht ungetrübte Herzensfreude
nur an einem Gaste, an Ronald, dem Sohn des Grafen, dem die Aufgabe zugefallen
war, seinem Vater die Wege zur Rückkehr zu ebnen und die guten Beziehungen
zwischen Schloss und Dorf Rondsperg wiederherzustellen. Er fuhr ab und zu, und
seine Anwesenheit war für Heissenstein jedesmal ein schmerzliches Fest. Mit einer
Mischung von Neid und Wohlgefallen betrachtete er den schönen, ernsten Jüngling
und dachte: Wärst du mein Sohn!
    Während im Reichstage zu Wien und im Parlamente zu Frankfurt die Abschaffung
des Adels beantragt wurde, genossen so einige seiner Mitglieder, nur, weil sie
diesem Stande angehörten, an den Flammen eines gutbürgerlichen Herdes ein daheim
längst entbehrtes Behagen.
    Die Gräfin nahm die Gastfreundschaft Heissensteins und die
Ergebenheitsbezeigungen Nannettens dankbar und demütig mit der Empfindung hin,
mehr zu empfangen, als sie je erwidern könnte. Der Graf liess sich alle
Ehrenbezeigungen huldvoll gefallen und belohnte sie - wie er überzeugt war,
reichlich - durch ein gelegentlich hingeworfenes Wort der Anerkennung.
    Im Frühjahr kam Ronald, um seine Eltern wieder nach Rondsperg abzuholen. Der
Graf liess sich überreden, »seine Untertanen« seien durch seine Abwesenheit den
ganzen Winter hindurch genug bestraft, und entschloss sich um so leichter in ihre
Mitte zurückzukehren, da ihm der Bauernrichter durch Ronald hatte sagen lassen,
das leere Schloss käme ihm und der getreuen Gemeinde vor wie eine grosse Laterne
ohne Licht.
    Als man Abschied genommen hatte, wandte sich Ronald noch einmal zu
Heissenstein, erfasste seine beiden Hände und sprach: »Ich kann Ihnen niemals
vergelten, was Sie für uns getan haben - doch gäbe ich alles darum, es
wenigstens versuchen zu dürfen.«
    Nannette und Regula vernahmen diese Worte. Ihre Blicke begegneten einander
wie zwei Blitze. - Was meinst du? fragte der eine. - Es wäre mein innigster
Wunsch, antwortete der andere. Ronald dreiundzwanzig Jahre - du siebenzehn. Er
vornehm, aber arm - du bürgerlich, aber reich ... Sehr reich durch meine
Fürsorge, mein Kind ...
    Ehrgeizige Gedanken stiegen in der Weinhändlerstochter auf. Ihre Mutter
jedoch übte sich in unbelauschten Stunden in allen möglichen Betonungen der
halblaut hingehauchten Worte: »Meine Tochter, die Gräfin Rondsperg.«
Die Revolution ging indessen unaufhaltsam ihren Gang. Pöbelunruhen in Wien,
Bürgerkrieg in Ungarn, die Oktobertage, die Abreise der kaiserlichen Familie
nach Olmütz, die Desertion der Tschechen aus dem Reichstage und - parallel
laufend mit diesen Ereignissen: in Weinberg - Aufpflanzung einer schwarzgelben
Fahne auf dem Heissensteinschen Hause und Katzenmusik vor demselben;
unfreiwillige Entfernung einiger Bürger aus dem Honoratiorenzimmer im »Grünen
Baum«, weil die Herren erklärt hatten, die Slovanka-Lipa sei ein Klub von
Spitzbuben; die Bildung einer slawo-germanischen Partei contra den Weltbürger
Schimmelreiter; die Entdeckung, Weinberg stehe auf tschechischem Boden, heisse
eigentlich Winohrady, und es sei eine wahre Schande, dass seit Generationen die
Landessprache daselbst nur mehr von Handwerkern und Dienstleuten gesprochen
werde. Endlich die Entsendung einer Deputation an Weberlein, die ihn als Pan
Tkadlecek ansprach und ihn aufforderte, seinen böhmischen Ahnen zu Ehren diesen
Namen, den sie gewiss geführt hätten, wieder anzunehmen.
    Mit edlem Freimute ersuchte Mansuet die Herren, sich zum Teufel zu scheren.
Er hatte andere Sorgen. Seine Seele, sein Herz, alle seine Gedanken befanden
sich auf den Schlachtfeldern in Ungarn, und mit leidenschaftlichem Interesse
verfolgte er die Nachrichten, die vom Kriegsschauplatze kamen, vor allen jedoch
- die Schicksale des zweiten Ulanenregimentes. Er wusste, dass es an der Teiss im
Feuer gestanden und grosse Verluste erlitten hatte, er erwartete mit Spannung,
mit Todesangst die offiziellen Meldungen, die verhängnisvollen Listen der
Verwundeten und Toten. Als die Nachricht der Kapitulation bei Vilagos kam,
grollte und jubelte er in einem Atem. Er liebte die Russen sehr, aber diesen
Sieg gönnte er ihnen doch nicht. So breit hätten sich, meinte er, die zum Tanze
geladenen Gäste nicht machen dürfen. Auf den Platz des Hausherrn stellt sich
kein anständiger convivus. Über die Meldung des Marschalls Paskiewitsch an
seinen Kaiser: »Ungarn liegt zu Eurer Majestät Füssen!« kränkten sich zwei
Menschen in Österreich: die »Hyäne von Brescia« und der Kommis Weberlein. Alles,
was die andern dabei empfanden, kam im Vergleiche zu der Empfindung dieser
beiden nicht in Betracht.
    An einem schönen Augustnachmittage befanden sich Heissenstein und Mansuet
allein im Kontor, als der Mann eintrat, der für den letzteren zur Zeit die
wichtigste Person auf Erden war: der Briefträger.
    Er hatte dem Chef mehrere Briefe zu übergeben, dem Kommis nur die Wiener
Zeitung und ein zerknittertes und beschmutztes Schreiben, das Weberlein beiseite
warf, um sich in das Offizielle Journal zu versenken. Es bringt heute eine lange
Reihe von Namen, die Namen der in sechs Schlachten Verwundeten und Gefallenen
des kaiserlichen Heeres.
    Mansuet überfliegt sie alle, aber er sieht nur einen. Der scheint ihm rot
geschrieben mit jungem, frischem Blute, der leuchtet ihm entgegen, brennt ihm
wie Feuer in die Augen, dass sie schmerzend übergehen, der Name ist: Wilhelm von
Fehse ...
    Er sieht den vor sich, der ihn trug, den schlanken Ulanen mit dem
Jünglingsgesicht. Er sieht ihn, Liebe und Leben atmend, auf seinem
schwanenhalsigen, breitschultrigen Schwarzbraunen den Platz umkreisen ... Und er
sieht ihn daliegen, bleich und kalt, auf zerstampfter, leichenbedeckter Erde,
unter den Hufen der über ihn hinwegjagenden Rosse, mit durchschossener Brust ...
    Mansuets Knie wanken, er wendet behutsam seinen Stuhl und sinkt auf ihn
nieder, seinem Herrn den Rücken zukehrend.
    Das Zeitungsblatt, das seiner Hand entglitten, das auf den Tisch gefallen
ist, bedeckt er vorsichtig mit seinem Taschentuche. dabei kommt ihm der Brief in
die Hand, den er achtlos beiseite geworfen hatte. Er betrachtet ihn einen
Augenblick -ein sonderbarer Umstand fällt ihm auf: der Brief trägt den Stempel
der k.k. Feldpost. Mansuet eröffnet ihn - ein Blick auf das antiquierte Datum -
die fremden Züge - die Unterschrift ... O du gerechter Gott! sie lautet: Wilhelm
von Fehse.
    Weberlein vermag einen dumpfen Schmerzenslaut nicht zu unterdrücken,
Heissenstein sieht über das Blatt, in dem er liest, zu ihm hinüber und fragt:
»Was haben Sie?«
    »Oh - nichts ...« antwortet der Kommis und meint seinen Herrn beruhigt zu
haben und bemerkt nicht, dass dieser ihn beobachtet. Er liest:
    »Geehrter Herr!
Ich zeige Ihnen, der Sie immer so teilnehmend gegen uns gewesen sind, im eigenen
und im Namen meines Töchterchens, den am Zwölften des vorigen Monats erfolgten
Tod meiner lieben Rosa an.«
Ein Schleier verdunkelte Mansuets Augen, in seinem Kopfe brauste es, ihm war,
als schwände ein Teil seines Bewusstseins; er hörte nicht, dass sich hinter ihm
jemand erhob, er bemerkte nicht, dass eine Hand die Lehne seines Stuhls
umklammerte. Er biss die Zähne übereinander und fuhr im Lesen fort:
»Sie ist in dem kleinen Badeorte Rosenau in Siebenbürgen, wohin ich sie bei
Beginn des Frühjahres auf Anraten unseres Regimentsarztes brachte, gestorben.
Ich musste sie im Juni dort verlassen, als wir uns um Pest konzentrierten. Sie
und mein Röschen blieben unter der Obhut Bozenas zurück, und durch diese habe
ich im Feld die Nachricht des Todes meiner Frau erhalten. - Solange es anging,
hielt Bozena meinen zerbröckelnden Haushalt mit kräftiger Hand zusammen. Sie ist
jetzt die einzige Beschützerin meines Töchterchens, aber eine treue
Beschützerin, und kehre ich aus dem Feldzuge heim, so werden wir drei uns
weiterhelfen. In diesem Falle werde ich zu sorgen wissen für das kleine Wesen,
an dem ich das Verbrechen gutzumachen habe, dass ich es in dieses Dasein rief.
Sollte ich aber fallen, so empfehle ich Ihrer Fürsprache bei Ihrem Herrn das
Kind und seine Pflegerin. Über zwei Gräber hinweg wird er doch nicht grollen.
Ich wollte den Mann nicht wieder anrufen, aber ich habe schon mehrmals dem Tod
ins Auge geblickt, harte Kämpfe stehen uns noch bevor, das weckt ernste Gedanken
- und ich bitte für das Kind.
    O Herr! Es ist Frevel und Wahnsinn zu kränken, was man liebt, wie es Frevel
und Wahnsinn ist, um jeden Preis besitzen zu wollen, was man liebt. Rosa war
ebensowenig danach angetan, den Strapazen des Lebens, das ich ihr anzubieten
hatte, mit dem nagenden Schmerze über die Unversöhnlichkeit ihres Vaters zu
widerstehen. Er und ich, wir haben sie getötet. Sie brauchen das dem alten Manne
nicht zu sagen, aber es ist die Wahrheit.«
»Es - ist - die Wahrheit!« schrie eine Stimme, deren Klang Mansuet mit Schaudern
erkannte, und ein schwerer Körper stürzte zu Boden. Auf die Diele hingestreckt
lag Heissenstein, mit dunkelrotem Gesichte, mit bläulichen Lippen, mit
hervorgequollenen Augen. Er rang nach Worten, und nur unartikulierte Laute, nur
ein klägliches Lallen drang aus seinem schmerzvoll verzogenen Munde.
    Der eilends herbeigerufene Arzt konstatierte einen Schlaganfall. Nach
einigen Tagen war der Kranke ausser Lebensgefahr, er vermochte wieder zu
sprechen, doch blieben seine Glieder gelähmt.
    In der dritten Nacht, die Mansuet allein am Bette seines Herrn durchwachte,
begann dieser plötzlich von seiner Tochter Rosa zu sprechen. Er erzählte dem
Getreuen, anfangs stockend, dann hastig überstürzt, von dem Tage, an dem er, Wut
und Verzweiflung im Herzen, den Ulanen nachgefahren war. Wie er sie in der
Hauptstadt eingeholt und, von dem Obersten empfangen, diesem seine Klage
vorgebracht habe. Der Oberst hörte ihn mit einer Gelassenheit an, die ihn
entrüstete, liess den Auditor rufen und ersuchte Heissenstein, diesem »die fatale
Geschichte« gleichfalls mitzuteilen. Und der Kaufmann sah - oder glaubte zu
sehen -, wie seine beiden Zuhörer, während er sprach, einander lächelnd
zublinzelten.
    »Was befehlen Sie, dass nun geschehe?« fragte der Auditor - Heissenstein wusste
nicht, ob ihn oder den Oberst.
    Der letztere schien sich zu besinnen und sagte dann nachlässig, zu dem
Kläger gewendet: »Wollen Sie, dass der Leutnant Fehse unglücklich, dass ihm der
Prozess gemacht werde? Wollen Sie ihn auf die Festung bringen?«
    »Das können Sie«, fügte der Auditor ernstaft hinzu.
    »Freilich!« bestätigte der Oberst; »und Ihre Tochter nach Hause führen -
triumphaliter.«
    Ja, dieses Wort hatte er gebraucht, und spöttisch gebraucht. Heissenstein
besann sich dessen ganz genau, jetzt noch, und jetzt noch durch die Tränen, in
denen seine Augen schwammen, funkelte ingrimmiger Zorn.
    Der Oberst fuhr fort: »Sie können das alles tun, aber glauben Sie mir:
lassen Sie es bleiben. Gehen Sie zu Ihrer Tochter, sie soll, wie ich höre, bei
der Frau des Regimentsarztes - einer sehr anständigen Person - untergebracht
sein, und lesen Sie dem jungen Mädchen tüchtig den Text. Ich will indessen den
Herrn Leutnant gehörig verreissen. Und dann, bin ich der Meinung, ziehen wir
beide andere Saiten auf, halten das Maul und verheiraten die Leutchen in aller
Stille. Schicken Sie die Kaution, ich komme um die Heiratsbewilligung ein. Sie
kriegen einen prächtigen Kerl zum Schwiegersohn, und ich bekomme eine
bildhübsche und steinreiche Frau Leutnant ins Regiment, wir können beide
zufrieden sein.«
    Wieder lächelte der Auditor, und Heissenstein war überzeugt, man habe ihn zum
besten. Die reiche Weinhändlerstochter wurde als eine gute Beute angesehen,
einem armen Leutnant, der von der Gage lebt, wohl zu gönnen. Abgekartet war
alles zwischen diesen Leuten, und seine Tochter war vielleicht weniger ihr
Opfer, als ihre Mitschuldige ...
    »Mansuet«, sagte der alte Mann, »als ich nach Hause fuhr, meinte ich immer
hinter mir herlachen zu hören, und ich dachte nicht mehr an Strafe für mein
ungeratenes Kind, ich dachte Rache an ihm zu nehmen ... Und doch« - er
schluchzte leise, und seine Stimme wurde immer schwächer -, »hätte sie damals
mein Erbarmen angefleht - hätte sie sich damals an mich gewendet - mein Schmerz
war noch jung - mein Groll hatte sich mir noch nicht so in die Seele
eingefressen wie später ... vielleicht hätte ich verziehen ... Ich hoffe es von
mir, Mansuet, dass ich verziehen hätte! ...«
    Der Kranke weinte bitterlich, und Weberlein trocknete ihm die Augen mit
einem Tuche und sagte: »O ganz gewiss, lieber Herr, ganz gewiss!«
    »Aber sie schrieb nicht«, sprach Heissenstein, indem er tief aufseufzte. »Sie
liess mich in dem Glauben oder in dem Wahne, dass sie mit jenen Leuten
einverstanden sei, die meiner spotteten.«
    »Es hat niemand Ihrer gespottet«, beschwichtigte Mansuet, »am wenigsten der
Herr Oberst, so etwas kommt nicht vor bei einem braven Ulanen, Sie werden sich's
in der Aufregung nur eingebildet haben. Und was die Rosa betrifft, so meine ich
immer, dass sie damals geschrieben hat. Bozena wenigstens berief sich in ihrem
ersten Briefe auf ein Schreiben, das die junge Frau an Sie gerichtet hatte,
gleich nach ihrer-gleich nach dem Unglück ...«
    »Nein, nein«, sagte Heissenstein, »ich habe nichts bekommen: nicht ein
einziges Wort. Ich wartete einen Tag - zwei Tage ... Oh, sehnlich, Mansuet! ...
Dann war es aus. Der Advokat musste ihr schreiben, dass sie enterbt und verstossen
sei. - Das wenige, das ihre Mutter hinterlassen hatte, schickte man ihr.«
    Weberlein schüttelte ungläubig den Kopf: »Nur das? Sie irren ... das hätte
ja nicht einmal gereicht, die Leutnantskaution ...«
    »Es reichte auch nicht!« flüsterte Heissenstein.
    »So mussten sie den armen Haushalt auf Schulden gründen. Grausam, grausam!«
seufzte Mansuet, setzte sich auf einen Schemel neben Heissensteins Bett und
verschränkte seine langen unruhigen Finger so fürchterlich fest, als wollte er
sie brechen.
    Eine Zeitlang schwiegen die beiden Greise. Endlich wurde es Tag. Mansuet
stand auf, löschte die Lampe und beugte sich über seinen regungslos daliegenden
Herrn. Der sah ihn fragend an: »Das Kind - nicht wahr? - die elternlose Kleine
-« sprach er.
    »Freilich, Herr! an der wollen wir alles gutmachen!« rief Mansuet. »Ich bin
jetzt ruhig über Sie, lieber Herr, und bitte um Urlaub. Ich will gehen, die
Bozena aufsuchen und ihren Pflegling ... wenn Sie es erlauben. In acht Tagen bin
ich wieder da.«
    »Gehen Sie, mein guter Mansuet - bringen Sie mir das Kind meiner Rosa«, bat
Heissenstein.
    Weberlein küsste die Hand seines Gebieters, und Frau Nannette trat ein.
    Sie trug einen Schlafrock aus vergilbter Mousseline de laine und auf dem
Kopf ein Häubchen mit meergrünen Bändern. Ein fahler Anblick, dachte der Kommis.
    »Frau«, sagte Heissenstein zu seiner Gattin, die zärtlich nach seinem
Befinden fragte, indem er nach Mansuet hinsah: »Er will gehen, Bozena und
Röschen abzuholen. - Du hast doch nichts dagegen?«
    Nannette biss sich auf die Lippen und antwortete mit der Versicherung, sie
wolle sogleich das Frühstück besorgen und freue sich, dass ihr Mann gut
geschlafen habe, man sehe es an seinen frischen Augen. Mansuet meinte im
stillen, dies sei eine kühne Behauptung, denn jene Augen waren eingesunken und
ihre müden Lider halb geschlossen.
    »Ich nehme gleich hier von Ihnen Abschied, meine Gnädigste«, sprach
Weberlein, »noch vor Mittag will ich fort.«
    »Wozu die Eile?« erwiderte Nannette. »Wozu überhaupt ...« sie stockte -
»Bozena findet ohne Sie ihren Weg.«
    »Ich empfehle mich, meine Gnädigste!« sagte Mansuet mit vor Zorn bebender
Stimme, und wie aus dem Rohr geschossen flog er zur Tür hinaus.
    Aber nachdem er seinen Koffer bereits aufgegeben und seinen Platz im
Poststellwagen bezahlt hatte, trat er, den breitkrempigen Hut à la Wallenstein
und einen ausserordentlich grossen Regenschirm in den Händen, ohne sich anmelden
zu lassen, in Nannettens Gemach.
    »Gnädigste!« sagte er, und jedes seiner Worte war scharf wie ein
Rasiermesser, »ich hoffe in Bälde die Enkelin des Herrn einführen zu können in
ihr väterliches Haus. Dann wird dieselbe in die Rechte ihrer Mutter eingesetzt
werden. Durch Sie selbst, Gnädigste. Aus Ehrgefühl, um der Achtung Ihrer
Mitbürger willen, um des Seelenfriedens Ihres Mannes willen werden Sie es tun.«
    Nannettens Nase, immer das erste und meistens das einzige, das in ihrem
Gesichte errötete, brannte wie eine glühende Kohle.
    »Ich werde tun, was meinem Gatten recht ist«, sprach sie, »nicht mehr, nicht
weniger.«
    »Alles, was Sie tun, ist recht«, rief Mansuet »nämlich ihm«, verbesserte -
oder vielmehr verschlechterte - er sich und seine Sache.
    »Was ich darf, wird geschehen.«
    »Was Sie wollen, wird geschehen!«
    »Wollen - dürfen - für mich, Herr Weberlein, eines und dasselbe.« Nannettens
Busen hob sich, sie atmete schnell. »Ich bitte, missverstehen Sie mich nicht. Mir
liegt«, sprach sie nachdrücklich, »an der Achtung der Menschen und an dem
Seelenfrieden meines Gatten. Aber - die wohlgeratene und die ungeratene Tochter,
es ist ein Unterschied. Ich sehe nicht ein, warum das Kind dafür belohnt werden
soll, dass seine Mutter - davongelaufen ist.«
    »O Frau Prizipalin!« rief Mansuet zugleich beschwörend und drohend, »tun Sie
Ihre Schuldigkeit!«
    »Vor allem will ich meine Schuldigkeit tun gegen meine Tochter«, erklärte
Nannette. »Elternpflicht ist die erste Pflicht.«
    Mansuet trat einige Schritte zurück.
    »O Frau Prinzipalin!« wiederholte er und fuhr nach kurzer Pause mit einem
wahrhaft teuflischen Lächeln fort: »Wenn ich bedenke, wie viele grosse Verbrechen
und wie viele kleine Schändlichkeiten schon im Namen der Elternpflicht begangen
wurden und täglich begangen werden, dann danke ich meinem Gott, dass die Nötigung
zu solcher Pflichterfüllung niemals an mich herangetreten ist und dass ich
sterben darf ohne Progenitur!«
 
                                       10
Vier Wochen nach Weberleins Abreise erschien ein Brief von ihm aus Arad. Er
meldete darin, dass es ihm noch nicht gelungen sei, eine Spur von denen, die er
suchte, aufzufinden. Er bat, einen Aufruf an Bozena, der sie dringend zur
Rückkehr nach Weinberg auffordere, in allen österreichischen Blättern zu
veröffentlichen.
    »Das wäre doch ein Skandal!« bemerkte Regel.
    Nannette ehrte die feinen Empfindungen ihrer Tochter, und sooft Heissenstein
sagte: »Den Aufruf, gute Frau, hast du dafür gesorgt, dass der Aufruf in die
Zeitungen komme - durch Wenzel, nicht wahr? Du brauchst es ihm nur aufzutragen
... hast du es getan, Liebe?« - so oft wandte sie verlegen den Kopf und
erwiderte: »Morgen soll es geschehen.«
    Und jedesmal nickte ihr Heissenstein freundlich dankend zu und sagte: »Wenn
der Aufruf gedruckt sein wird, möcht ich ihn lesen.«
    Er äusserte auch manchmal den Wunsch, sich mit Wenzel zu beraten - wegen
seines Testamentes. Aber der Arzt hatte nachdrücklich verboten, irgend jemand
vorzulassen, mit dem der Kranke von Geschäften sprechen könnte, und Nannette
musste dem Advokaten den Eintritt verweigern - so weh es ihrem zartfühlenden
Herzen auch tat. Übrigens war es Heissensteins Sache nicht mehr, auf einem
Wunsche zu bestehen, derselbe war meist im Augenblicke vergessen, in dem er
entstanden war.
    Das Jahr neigte sich zum Ende und mit ihm das Leben des kranken Greises.
Seine Gedanken begannen in Verwirrung zu geraten, er unterschied nicht mehr
zwischen seinen Einbildungen und der Wirklichkeit. Täglich erzählte er
Schimmelreiter, seine Enkelin werde nun bald kommen. Und gewöhnlich gab er dem
Kommis die Versicherung, die bevorstehende Freude verdanke er seiner Frau, die
alles veranstaltet habe zu Bozenas Heimkehr.
    »Und Bozena bringt mir das Kind«, flüsterte der Kranke geheimnisvoll. »Meine
Frau hat einen Aufruf in die Zeitung setzen lassen, lesen Sie mir ihn vor, ich
ersuche Sie.«
    Schimmelreiter hatte von einem Aufrufe nichts gehört, denn der Brief
Mansuets war ihm vorentalten worden. Ratlos, was er tun oder sagen sollte,
griff er dann nach einem Zeitungsblatte und murmelte einige Worte, denen der
Greis jedoch, von seinen Träumen befangen, keine Aufmerksamkeit mehr schenkte.
    Er lag ruhig, tage- und nächtelang, die Augen nach der Tür gerichtet, und
sagte von Zeit zu Zeit: »War das nicht Bozenas Schritt? - Mir ist, als hörte ich
sie kommen.«
    Bittend erhob sein Blick sich zu Nannette: »Es sollte ihr doch jemand
entgegengehen. Vielleicht weiss sie nicht mehr den Weg.«
    Diese Sehnsucht ihres Mannes nach dem Kinde seiner pflichtvergessenen
Tochter war Nannetten sehr peinlich, und Regel gab zu verstehen, dass sie sich
verletzt fühle und gehofft habe, ihrem Vater mehr zu sein.
    Um Neujahr erhielt Schimmelreiter einen Brief von Mansuet aus Klausenberg.
Dort war Weberlein vier Wochen lang krank gelegen, hatte aber trotzdem »keine
Minute« den Zweck seiner Reise aus dem Auge verloren. Er hatte geschrieben,
viele Erkundigungen eingezogen; viele Boten ausgesendet und schliesslich so viel
erfahren, dass er meine, dermalen die Vermutung aussprechen zu können, Bozena sei
mit dem Kinde auf dem Heimwege begriffen. Freilich dürfte sie »ohne einen Knopf
Geldes« sein. »Sie wird wohl«, so schloss Mansuets seltsame Epistel, »keine
andern Postpferde in Ungelegenheit versetzen als die beiden, die jedem Menschen
angewachsen sind. Da heisst es hü sagen zum rechten und hot zum linken Fuss. Aber
finalemang, und wenn es schon nicht anders ist: Die Bozena hat's unternommen;
die Bozena bringt's zustande. Was mich bei der Sache bis aufs Blut beisst und
wurmt, das ist, dass die alte Schermaus (Hypudaeus arvalis, das schädlichste
Nagetier) am Ende doch recht behält und dass ich ebensogut getan hätte, hinter
dem Ofen sitzenzubleiben, als mich hier an der Szamos und an der grossen Kükülü
herumzutreiben, bis ich ein Fieber auf dem Buckel und die Nachricht in der
Tasche hatte, dass die Vögel, auf die ich fahnde, ausgeflogen sind.«
    Schimmelreiter hütete sich wohl, Frau Heissenstein von dem Inhalte dieses
Briefes auch nur ein Wort zu verraten. Sie hatte am Morgen eine Unterredung mit
dem Arzte gehabt, der äusserst besorgt war und erklärte, die Kräfte des Kranken
schwänden in bedenklicher Weise. Mit aller möglichen Schonung machte Nannette
ihre Tochter mit diesem Ausspruche des Arztes bekannt. Regula blieb dabei gefasst
und stark. Wie immer bemüht, ihre Mutter aufzurichten, sagte sie: »Sonderbar,
eben heut ist mir der Vater wohler vorgekommen.«
    Nannette jedoch war nicht zu beschwichtigen. Ruhelos wie ein Perpendikel
bewegte sie sich zwischen ihrem und dem Zimmer des Kranken hin und her. Regula
ersuchte sie mehrmals, sich nicht aufzuregen, was keinem Menschen nütze, ihr
selbst aber schädlich sei. Sie gab ihrer Mutter den Rat, ein wenig auszugehen,
frische Luft kalmiere die Nerven. Dieser Aufforderung Folge leistend, trat Frau
Heissenstein langsam vor den Spiegel und setzte mit angenommener Gelassenheit und
Sorgfalt ihren Hut auf. Da kam die Magd hereingestürzt und rief sie zu dem
Kranken, den plötzlich eine Ohnmacht angewandelt hatte.
    Nannette und ihre Tochter eilten nach Heissensteins Zimmer. Die Wärterin und
Schimmelreiter waren damit beschäftigt, ihn zu laben ...
    Einen Blick auf die verfallenen Züge ihres Mannes, und Nannette rief
schaudernd der Magd und dem Diener zu: »Den Arzt! ... Den Priester! ...« Jene
rannten davon und liessen in der Bestürzung das Haustor geöffnet stehen.
    Und in diesem Augenblicke kam über den grossen Platz geschritten eine hohe
Frauengestalt in schadhaften, die Spuren langer Wanderung tragenden Gewändern.
Sie hielt, sorgfältig in ein Tuch gehüllt, ein schlafendes Kind in ihren Armen.
Müden Schrittes schleppte sie sich auf das alte Haus zu und klomm langsam die
Treppe empor. Ihr Gesicht verklärte sich, als sie an dem dunkeln Getäfel des
Eingangs hinaufblickte, ihr Auge grüsste die wohlbekannten Räume. Wie neu belebt
durchwanderte sie die lange Zimmerreihe und stand endlich, hochklopfenden
Herzens vor dem Schlafgemach ihres alten Gebieters. Drinnen das Hinundhereilen
hastiger Schritte, ein ängstliches Fragen und Flüstern, das schwere Ächzen eines
Kranken. Sie stiess die Tür auf und trat ein.
    Mit Schrecken und Staunen richteten sich die Augen aller Anwesenden auf das
fremde Weib, abwehrende Hände streckten sich gegen sie aus, und plötzlich
kreischte eine dünne Stimme wie in Todesangst: »Bozena!«
    »Bozena!« wiederholte tonlos und keuchend eine zweite Stimme aus der Tiefe
des Zimmers, und von Nannette und Regel unterstützt, richtete eine
Greisengestalt sich in den Kissen des Lagers auf.
    »Herr!« antwortete die Gerufene mit einem Schrei des Schmerzes über ihn,
über den Jammer seines Anblicks, und kniete an der Schwelle nieder.
    »Näher - näher«, flüsterte er, und Bozena, ihre letzte Kraft aufbietend,
erhob sich, trat heran, setzte das Kind auf das Fussende des Bettes und brach
zusammen.
    Niemand dachte daran, ihr Hilfe zu bringen, wie versteinert standen alle.
    Der Kranke aber sah das Kindlein an, lange, lange - liebevoll. Es war klein
für seine Jahre und von einem solchen Ebenmass der Glieder, dass jede seiner
Bewegungen dem Auge schmeichelte wie sichtbar gewordener Wohllaut. Gesundheit
blühte auf seinen zarten, rosig angehauchten Wangen, und Fülle des Lebens sprach
aus den leuchtenden Augen, mit denen es die fremde Umgebung anstaunte zwischen
Lachen und Weinen.
    Endlich wandte der Greis den Blick von dem Kinde ab und richtete ihn auf
seine Frau - unsäglichen Dankes voll. Und Nannette erbebte bis ins Mark, als
dieser schon halb erloschene Blick sie traf und als der sterbende Mann zu ihr
sprach: »Dieses Glück - ich danke es dir. Sei dafür gesegnet.«
    Ein Schatten glitt über sein Gesicht: »Die Verwaiste! ...« hauchte er, und
eine schwere Träne rollte ihm die Wange entlang. Plötzlich raffte er sich auf;
ein Funke der alten Kraft wurde lebendig in ihm, er erhob das Haupt und wandte
es gegen Regula ... Seine Hand, die so lange bewegungslos gewesen, deutete auf
das Kind. »Deine heiligste Pflicht!« rief er gebieterisch seiner bleichen
Tochter zu ... »Verstehst du mich? ...«
    Damit sank er zurück. Einmal noch hob sich seine Brust - und er hatte
ausgelitten.
 
                                       11
Der Poststellwagen, der Mansuet nach Weinberg zurückbrachte, fuhr im selben
Augenblick durch das Tor, in dem der stattliche Zug, der Heissenstein zur letzten
Ruhestätte geleitete, sich nach dem Friedhof in Bewegung setzte. Als Weberlein
das alte Haus betrat, da hatten sie soeben seinen toten Herrn daraus
fortgeführt.
    In grenzenloser Bestürzung vernahm der Kommis diese Kunde. Er war zu spät
gekommen! Er hatte dem Greise nicht mehr die Hand drücken, ihn nicht mehr fragen
können: »Was ist geschehen für Ihr Enkelkind?«
    In wilder Eile rannte Mansuet nach dem Gottesacker. Die kirchliche Zeremonie
war noch nicht beendet, als er dort anlangte, er durchbrach die versammelte
Menge und drängte sich bis an die Stelle vor, von der herüber er Lichter
schimmern und bläuliche Weihrauchwolken in die klare Winterluft aufsteigen sah.
Noch war das Grab nicht geschlossen über seinem Gebieter. Neben dem betenden
Priester, auf den Arm des Grafen Ronald gestützt, stand Nannette, mit verstörtem
Angesicht und kaum fähig, sich aufrecht zu halten. An ihrer Seite Regula, ruhig,
steif, die herben Lippen fest geschlossen. Und hinter ihr, sie hoch überragend:
- Wer? ... O Himmel - gütiger: - Wer? Es ist die grosse, es - war die schöne
Bozena. An ihrer Hand ein kleines, holdes Geschöpf - Mansuet muss alle Kraft
aufbieten, um nicht laut einen teuren Namen auszurufen. Röschen! tönt es in
seinem Innern mit wehmütigem Jubel.
    Während des Schlusses der traurigen Feier verwendete er kein Auge von dem
Kinde, und als alles vorüber war und die anwesenden Bekannten sich um Nannette
und Regula drängten, um ihnen ihr Beileid zu bezeigen, näherte er sich Bozena,
bei der nur Schimmelreiter allein stehengeblieben war. Sie begrüsste ihn mit
einem ernsten Kopfnicken, und er, dem das Herz doch weich zum Schmelzen war,
pflanzte sich vor sie hin, starr und eckig wie eine Feuerkieke, und sagte,
nachdem er die Freundin lange betrachtet: »Haben sich sehr verändert.«
    »Bin grau geworden«, erwiderte Bozena, zog das kleine Röschen, das sich ganz
und gar eingewickelt hatte in die Falten ihres Rockes, aus seinem Verstecke
hervor und hob es in ihren Armen auf.
    »Nicht gerade grau, vielmehr pfeffer- und salzfarbig«, sprach Mansuet, und
als Bozena ihn darauf versicherte, er hingegen sehe gerade noch so aus wie vor
sieben Jahren, antwortete er gleichgültig: »Die Leute behaupten's.«
    Schimmelreiter hat später oft erzählt, Mansuet sei ihm damals merkwürdig
affektiert vorgekommen. Man habe ihm einen schweren Kampf zwischen Schmerz und
Freude und zugleich das Bestreben angesehen, nicht mehr davon zu verraten, als
er für vereinbar hielt mit seiner Manneswürde.
    »Ich bin aber«, nahm Bozena nach einer Pause das Wort, »noch so rüstig wie
je, und ich bitte Sie, sagen Sie das der Frau. Was ihr zwei andere Mägde
leisten, das leiste ich allein und betreue nebstbei das Kind, es soll ihr keine
Ungelegenheit machen, solange ich da bin. Ich bitte Sie, Herr Mansuet, legen Sie
ein gutes Wort für mich ein, damit man mich bei dem Kinde lässt.«
    »Ganz überflüssig«, antwortete der Kommis, »die Frau wird Sie gern behalten,
die kennt ihren Vorteil.«
    Sie waren langsam hinter der Menge, die sich nach allen Richtungen verlief,
hergeschritten und traten nun aus dem Friedhofe. Mansuet schielte immerfort nach
dem Kinde, das ihn, das Köpfchen an Bozenas Hals geschmiegt, so schelmisch
anblinzelte, wie die Augen eines sechsjährigen Mädchens nur immer vermögen.
    »Werden Sie«, fragte der Kommis, »das Kind noch lange so herumschleppen?«
und setzte, sich an Röschen wendend, mürrisch hinzu: »Weisst du wohl, dass es eine
Schande ist, sich tragen zu lassen, wenn man so alt ist wie du?«
    »Es liegt viel Schnee«, meinte Bozena entschuldigend, »und sie ist nicht
schwerer als eine Puppe.«
    »Mag sein«, entgegnete Mansuet. »Was haben Sie nur an der aufgezogen?«
    »Klein ist sie, das ist wahr«, sagte Bozena.
    »Und stumm auch«, sagte Mansuet.
    Da brach das Kind in schallendes Gelächter aus und rief, so laut es konnte:
»Ich bin nicht stumm! - und gehen kann ich auch ... Und ich will jetzt laufen,
Bozena. Du kannst den kleinen schlimmen Mann auf den Arm nehmen, damit er wieder
gut wird.«
    Bozena war sehr erschrocken über diese unpassende Äusserung ihres Zöglings
und gebot ihm Schweigen. Zu Mansuet aber sprach sie: »Ich hoffe, Sie können
nicht bös sein auf ein dummes Kind.«
    Worauf er grossartig erwiderte: »Lassen Sie sich nicht auslachen.«
    Schimmelreiter jedoch küsste wie verzückt das über Bozenas Schulter
herabhängende Händchen der Kleinen. Schweigend langte die Gesellschaft zu Hause
an. Unter dem Tore setzte Bozena ihre leichte Bürde ab; sie blieb stehen,
kreuzte die Arme und hielt eine Weile die Augen stumm auf das gegenüberliegende
Haus gerichtet.
    »Wer wohnt jetzt dort?« fragte sie endlich mit Überwindung.
    »Gar viele Leute«, antwortete Mansuet, »wir haben ja Wohnungsnot in
Weinberg. Der Kreishauptmann, der Herr Graf, ist im Jahre achtundvierzig
fortgekommen. Und unser Bekannter, sein Jäger« - Mansuet wandte den Kopf und
heftete den Blick so fest auf einen der steinernen Torpfeiler, als ob sich dort
etwas Unerhörtes begäbe -, »der hat die Kammerjungfer der Gräfin geheiratet und
ein Revier gekriegt, hier in der Nähe ...«
    »Hier in der Nähe?« wiederholte Bozena.
    »Ist aber längst nicht mehr da, hat selbständig nicht gut getan, heisst es«,
fuhr Mansuet fort. »So schickte ihn sein Graf auf eines der grossen Güter, die er
in Böhmen besitzt. Dort lebt der Bernhard unter der Zucht des Oberförsters, der
keinen Spass versteht ... verstehen soll. Soll! - das alles weiss ich ja nur vom
Hörensagen ...«
    »In Böhmen also«, sagte Bozena leise vor sich hin.
    »Ja, ganz hoch oben. Es heisst auch, er sei öfter betrunken als nüchtern,
aber ich will ihm nichts Übles nachreden. Es heisst, er prügle seine Frau; nun,
das ist ihre Sache. Ein Wunder wär's übrigens nicht. Das verwöhnte Jüngferchen
passt auf keinen Fall für ihn. Der hätte ein tüchtiges Weib gebraucht, das ihm
den Daumen aufs Auge setzt.«
    Ein Bote von Frau Heissenstein, der Mansuet und Schimmelreiter nach dem
Gesellschaftszimmer beschied, wo ihnen das Testament, von dem sie noch keine
Kenntnis hatten, vorgelesen werden sollte, unterbrach dieses Gespräch. Die
beiden Kommis empfahlen sich und folgten dem Rufe der Gebieterin.
    Als sie eintraten, fanden sie Nannette auf das eifrigste - Mansuet
behauptete auf das zudringlichste - bemüht, den Grafen Ronald zurückzuhalten,
der sich verabschieden wollte. Sie gab ihm mit einem süss-säuerlichen Lächeln zu
verstehen, dass es gefühllos wäre, die Hinterbliebenen eines ihm befreundeten
Mannes in solcher Eile zu verlassen.
    Ronald liess sich endlich überreden und blieb, vermochte aber nicht zu
verbergen, wie unpassend ihm seine Anwesenheit im Hause in diesem Augenblicke
erschien.
    Man setzte sich um den Tisch. Doktor Wenzel verlas das Testament
Heissensteins.
    Der Verstorbene ernannte darin seine einzige Tochter, Regula Heissenstein,
zur Universalerbin seines ganzen Vermögens. Die Nutzniessung desselben verblieb
lebenslänglich seiner getreuen Gattin, Frau Nannette Heissenstein. Einige
ansehnliche Legate waren ausgesetzt. Schimmelreiter war reichlich, Mansuet
fürstlich bedacht. Ihm wurde überdies im ebenerdigen Geschoss des Hauses eine
Wohnung für die Dauer seiner ganzen Lebenszeit zur freien Verfügung gestellt.
Mit warmen Worten sprach Heissenstein von dem »treuesten Diener«, er empfahl
seiner Frau und seiner Tochter, ihn hoch in Ehren zu halten und ohne seinen Rat
nichts Wichtiges zu beschliessen.
    Während Doktor Wenzel diesen Absatz des Testamentes salbungsvoll vortrug,
schien Mansuet immer kleiner zu werden und sank zuletzt so tief in sich
zusammen, dass sein vornübergebeugter Kopf in eine Linie mit dem Tischrande zu
stehen kam und keiner von den Anwesenden sein Gesicht sehen konnte.
    Einige Verfügungen zugunsten der Armen der Stadt folgten, zuletzt kam die
Anordnung, das Geschäft des Kaufmanns nach seinem Tode sogleich aufzulösen und
das Verbot, die Firma, unter was immer für Bedingungen, zu veräussern. Mit
Leopold Heissenstein habe das Handlungshaus zu bestehen aufgehört. Das Testament
war vor sieben Jahren verfasst und seiter auch nicht ein Wort daran geändert,
nicht das kleinste Kodizill beigefügt worden.
    Eine Stunde später empfahl sich Graf Ronald bei den Damen. Mansuet und
Schimmelreiter begleiteten ihn bis an den Wagen und machten dann einen weiten
Spaziergang auf der Landstrasse. Erst bei sinkender Nacht kamen sie heim. Sie
waren die ganze Zeit hindurch fast stumm nebeneinander hergegangen.
    Jetzt, als sie schon unter das Haustor traten, sprach Schimmelreiter: »Ja,
ja, Sie sind nun eine glänzende Partie, und ich bin eine sehr annehmbare.«
    »Was sind Sie?« fragte Mansuet.
    »Eine annehmbare Partie«, wiederholte Schimmelreiter und zupfte sich an dem
dünnen, borstigen, weitabstehenden Barte. Er sah mit seinem runden Gesichte,
seiner flachen Nase und seinen grossen Augen einem Seehunde ähnlicher denn je.
    »Besonders Ihre fünfundfünfzig Jahre werden die Frauenzimmer locken«, sprach
Weberlein wegwerfend.
    »Ich wünsche mir keinen Backfisch!« rief sein Kollege eifrig und fügte nach
einer Pause, während der Mansuet ihn spöttisch von der Seite ansah, stockend und
in grosser Verlegenheit hinzu: »Diejenige, welche - ist bereits mittelalterlich.«
    Aber schon im nächsten Augenblicke wollte er, wie Lazarillo, lieber
gestorben sein, als diese Rede ausgesprochen haben, denn er hörte neben sich ein
derart schneidendes »So?!« als hätte eine Schlange es gezischt. Der kleine
Mansuet fuhr mit beiden Händen in die Taschen seines Rockes, hob sich, so hoch
er konnte, auf den Fussspitzen empor und sagte dem grossen Schimmelreiter trocken
in den Bart hinein: »Beruhigen Sie sich! - Diejenige nimmt Sie nicht.« Mit
diesen Worten wandte er sich und war so rasch verschwunden, als hätte ihn der
Boden verschlungen.
    Während sich dieses zu ebener Erde ereignete, sassen im düsteren Speisezimmer
des ersten Stockes Nannette und ihre Tochter beim Abendessen. Regula hatte
keinen Appetit und machte schon zum zweitenmal die Bemerkung, dass Graf Ronald
ein angenehmer, aber doch gar stiller und schweigsamer junger Mann sei. Mit ihr
zum Beispiel habe er keine Silbe gesprochen.
    Nannette legte das Stückchen Brot, das sie eben im Begriffe war in den Mund
zu stecken, auf den Tisch, betrachtete es eine Weile tiefsinnig und sagte, indem
sie einen fast schalkhaften Blick auf ihre Tochter warf, nichts könnte mehr für
ihn sprechen, als - dass er nicht gesprochen habe.
    In ihrem Zimmer, im zweiten Geschosse des Hauses, sass Bozena bei einer
flackernden Kerze und nähte an einem Kinderkleidchen. Neben ihrem grossen Bette
stand ein kleines, das einst Rosa gehört hatte, als diese noch ein Kind war.
Jetzt schlief ihr verwaistes Töchterchen darin. Sie selbst aber, und ihrer
gedachte Bozena in dieser Stunde, sie schlief am Fusse des Negoi, in einem
stillen Alpentale im fernen Grabe. Dort ruhte sie, umsungen von den
geheimnisvollen Liedern des Sturmes, umhüllt von der schimmernden Decke des
Schnees, für alle tot; nur lebend noch in der Erinnerung einer armen Magd und in
den Träumen eines schlafenden Kindes.
Mansuet hatte recht gehabt. Nannette hütete sich wohl, Bozena zu entlassen.
    Sie war viel zu klug, um sich über ihre geringe Befähigung zur Ausübung des
Hausfrauenberufes zu täuschen, und dass Regel in diesem Punkte in ihre Fusstapfen
trat, wusste sie ebenfalls. So konnte ihr nichts willkommener sein als Bozenas
tätige und umsichtige Hilfe. Und nicht nur praktischen, auch moralischen Vorteil
schaffte deren Gegenwart. Dass Frau Heissenstein das Kind und die Magd der
entlaufenen Stieftochter, die ihr eigener Vater verstossen, aufgenommen hatte,
erregte die Bewunderung der ganzen Stadt. Sich ein Verdienst aus einer Handlung
machen, die ihr zum Nutzen gereichte, wie entsprach das Nannettens Neigungen!
    Bozena trachtete »der Frau« das kleine Röschen soviel als möglich aus den
Augen zu schaffen, denn sein Anblick berührte die Stiefgrossmutter sehr
unangenehm. Um keinen Preis jedoch hätte Bozena zugegeben, dass es auch nur
einmal heissen könne, sie habe dem Kinde zuliebe das geringste im Dienste
Nannettens oder Regulas versäumt. So traf es sich, dass, infolge einer
schweigenden Übereinkunft zwischen der Magd und ihrem alten Gönner, dieser sehr
oft die Stelle einer Wärterin und eines Hofmeisters bei der Kleinen versah. Er
weihte sie in die Geheimnisse des Lesens und Schreibens ein, lehrte sie die
Volkshymne singen, führte sie sonntags zur Kirche und war täglich in der
Mittagsstunde mit ihr auf der Promenade zu sehen. Und wie stolz schritt er da
neben ihr einher! So schreitet nur noch ein ruhmbedeckter Kanonier neben der
schönen Köchin seines Herzens. Der sechzigjährige Mansuet lebte auf in der Liebe
zu Röschen; diese neue Leidenschaft stellte sogar seine alte Neigung für Bozena
in den Schatten. Ja, ja - es ist nicht zu leugnen: allmächtig wirkt der Reiz der
Jugend, unwiderstehlich der Zauber der Anmut, er bezwingt selbst die gefeite
Seele, und: »ein gebrechlich Wesen ist« - der Mann.
    Woche um Woche verging, Monat um Monat. Im Hause Heissenstein wurde es immer
stiller, denn seine Gebieterin kränkelte und siechte dahin. Tiefe Melancholie
hatte sich ihrer seit dem Tode ihres Mannes bemächtigt. »Er zieht sie nach«,
sagten die Leute. Sie nahm sichtbar ab; wenn man sie aber fragte, ob sie sich
krank fühle, erwiderte sie fast erschrocken, sie habe sich niemals besser
befunden. Der Arzt meinte, ihre Nerven seien angegriffen, der herannahende
Frühling, der häufige Aufentalt in freier Luft werde sie herstellen. Der
Frühling kam, doch brachte er keine Veränderung im Befinden Nannettens herbei.
Sie litt an Schlaflosigkeit, sie fieberte.
    Eines Tages liess sie Doktor Wenzel rufen und ersuchte ihn, alle gesetzlichen
Schritte einzuleiten, um Regula, die im Begriffe stand, in ihr zwanzigstes Jahr
zu treten, grossjährig sprechen zu lassen. Nannette sah der Erfüllung dieses
Wunsches mit einer Ungeduld entgegen, die wohl verriet, dass sie keineswegs so
ruhig über ihren Gesundheitszustand war, wie sie vorgab. Was sie quälte, war
aber nicht die Furcht vor dem Tode, sondern eine peinliche Erinnerung, von der
sie sich vergeblich loszumachen suchte. Sie wurde, was sie niemals gewesen war,
zerstreuungsbedürftig und zu gleicher Zeit ausserordentlich fromm. Sie brachte,
trotz aller Warnungen des Arztes, der die grösste Schonung empfahl, ihre Tage
damit zu, ihre Bekannten und die Kirchen zu besuchen. Erschöpft oder aufgeregt
kehrte sie heim, niemals jedoch aufgeregter, als wenn sie aus dem Beichtstuhle
kam. An solchen Tagen wirkte der Anblick Röschens wie der eines Schrecknisses
auf sie. Niemand konnte sich das erklären, nur Bozena sagte zu Mansuet, sie
verstehe es wohl. Bozena war übrigens die Vorsicht selbst; niemals kam ein Wort
über ihre Lippen, das auch nur dem Schatten eines Vorwurfs gegen »die Frau«
geglichen hätte.
    Der Arzt fand endlich einen Namen für Nannettens Krankheit, er nannte es ein
Zehrfieber und erteilte seiner Patientin den Rat, nach der Schweiz zu reisen.
    »Werde ich dort gesund? stehen Sie mir dafür?« fragte sie und rief, als er
eine ausweichende Antwort gegeben hatte: »Schon gut, schon gut. Lassen Sie mich
zu Hause ...« Sie vollendete den Satz nicht, warf einen feindlichen Blick auf
den Arzt und entliess ihn.
    Er ging, durchdrungen von Bewunderung für die starkmütige Frau, und sorgte
für die Verbreitung ihres Ruhmes.
    Sobald Regula grossjährig erklärt worden war, eröffnete ihre Mutter eine
lebhafte Korrespondenz mit der Freiin von Waffenau, in der viel von dem Grafen
Ronald die Rede war. Er selbst liess sich nicht blicken.
    Nebst den geselligen Verpflichtungen und den frommen Übungen, die sie sich
auferlegt hatte, nahm die Abwickelung der Erbschaftsangelegenheit und die
Auflösung des Heissensteinschen Geschäftes die Witwe in Anspruch. Sie entfaltete
eine staunenswerte Tätigkeit, sie wollte vom kleinsten Detail selbst Kenntnis
nehmen, sie liess sich täglich durch Wenzel Bericht erstatten, verhandelte mit
Mansuet, beriet sich mit Schimmelreiter, den sie zu ihrem Sekretär ernannt
hatte.
    Aber seltsam, all die Interessen die sie mit so grossem Eifer betrieb,
füllten ihre Seele nicht aus. Ein rätselhaftes Etwas, ein Gedanke, nie
ausgesprochen, immer zurückgewiesen, immer wiederkehrend, ein quälender Mahner
und Bedränger, hielt sie in seinem Banne. Mitten im Gespräche überkam es sie
plötzlich, fasste sie mit unsichtbaren Händen, und in ihrer Kehle erstarb der
Laut, auf ihrer Zunge das Wort. Ihr glanzloses Auge irrte unstet und ohne Blick
umher; in peinvolles Sinnen versunken, schien sie der Gegenwart und allem, was
sie umgab, entrückt.
    Einmal geschah es, dass Nannette in einer Anwandlung dieser Art sich rasch
erhob, geschäftig zu ihrem Schranke eilte, ihn öffnete und unbeweglich vor ihm
stehenblieb. Ihre Hände sanken herab ...
    »Mutter!« rief Regula, nicht eben liebevoll, »was ist Ihnen, was suchen
Sie?«
    Nannette wandte sich ihr zu, wie traumverloren, mit dem Gesichte einer
Nachtwandlerin: »Den Brief«, flüsterte sie, »um ihn zu verbrennen. Aber - er ist
schon verbrannt.«
    »Welchen Brief, Mutter?«
    Nannette legte den Finger auf ihren Mund, sah ängstlich um sich und sprach:
»Schweigen! Schweigen!«
    Kurze Zeit darauf fand Regula die bleiche Frau im Halbdunkel in der Mitte
des Zimmers stehen; regungslos wie eine Wachsfigur stierte sie vor sich nieder,
und ihre aufrechte Haltung bildete einen unheimlichen Gegensatz zu dem Ausdruck
tödlicher Erschöpfung in ihrem Angesichte. Regula näherte sich ihr und fragte
mit leisem Grauen: »Mutter, woran denken Sie?«
    Die Angerufene erschrak, ein Schauer rieselte durch ihren Körper; als sie
das Auge erhob und ihre Tochter erkannte, beugte sie sich ganz nahe zu ihr und
sagte ihr ins Ohr: »An den letzten Blick des Sterbenden.«
    »Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, Sie sind aufgeregt«, ermahnte
Regula, führte Nannette zum Sofa und nötigte sie, sich zu setzen.
    »Ich bin nicht aufgeregt, liebes Kind«, erwiderte die Kranke in kaltem Tone
und verzog die Lippen zu einem schwachen Lächeln. »Ich überlege nur, wie schade
es ist, dass ich mich damals gegen die Reise Mansuets aussprach und dass ich jenen
Aufruf nicht veröffentlichen liess. Es wäre dadurch nichts verdorben worden, es
wäre trotzdem alles gekommen, wie es kam, und - wie edel hätten wir gehandelt!«
    »Es kann uns auch jetzt niemand einen Vorwurf machen«, meinte Regula.
    Nannette schwieg eine Weile, dann sagte sie: »Und der Dank des Sterbenden,
mein Kind, - wäre er dann nicht gerechtfertigt gewesen?«
    »Scheinbar, Mutter«, sprach Regula. Sie begriff diese seltsame Reue nicht.
    Frau Heissenstein legte ihre Hand auf die Hand ihrer Tochter. »Scheinbar ...
Unterschätze nie den Wert des Scheines. Schein ist alles, was sich nicht
greifen, nicht mit Ziffern berechnen, nicht mit der Waage wägen lässt. Ehre,
Ansehen vor der Welt - guter Name - wo läge da zwischen Schein und Wesen die
Grenze? - Scheine achtungswert - du bist es!« fügte sie mit etwas erhobener
Stimme hinzu, und Regula wusste ihr nichts zu antworten als: »Sie sind so eigen,
Mutter!«
    Es wurde immer schlimmer mit Nannette. Der Arzt erzählte jedem, der es hören
wollte, im Vertrauen, sie werde schwerlich den Herbst überleben. Regula diese
traurige Mitteilung zu machen fehlte ihm teils der Mut, teils die Gelegenheit.
Sie wich ihm ängstlich aus, sie fragte ihn höchstens im Vorbeieilen: »Es geht
besser, nicht wahr?« und schlüpfte hinweg, ohne seine Antwort abzuwarten. Ihr
lag vor allem daran, sich so lange als möglich über das bevorstehende Unglück zu
täuschen, musste es kommen, so wollte sie davon überrascht werden. Sie war
sparsam mit ihren Gefühlen, sie fürchtete - natürlich unbewusst -, eine vor der
Zeit geweinte Träne könne auf Kosten der Anstandszähre vergossen worden sein,
die im entscheidenden Augenblicke nicht fehlen durfte.
    Die Zeit kam, in der Nannette das Zimmer nicht mehr verliess, es ging rasch
mit ihr zu Ende. Sie hatte sich in ihren letzten Lebenstagen ganz an Bozena
geschlossen, die kaum mehr von ihrer Seite weichen durfte. Wurde ein Besuch
vorgelassen, so war es der Kranken angenehm, die Dienerin vorstellen und sagen
zu können: »Es ist unsere brave Bozena, sie hat die Enkelin meines Mannes
zurückgebracht. Sie wissen, das Kind seiner unglücklichen Tochter.«
    Ein Jahr nach dem Tode Heissensteins kämpfte seine Witwe ihren letzten Kampf.
Der Arzt erklärte eines Abends, er werde die Nacht im Hause zubringen. Regula
schlich still und verstört umher, immer nur bemüht, sich zu fassen. Sooft sie an
das Bett ihrer Mutter trat, winkte diese sie hinweg: »Denn«, flüsterte die
Kranke Bozena zu, »es greift sie zu sehr an«.
    Wie auf eine schweigende Verabredung versammelten sich die Hausgenossen
gegen zehn Uhr im Zimmer, das an Frau Nannettens Schlafgemach stiess. Die Lampe
stand auf dem Tische, auf dem Kanapee sass Regel, häkelte an etwas sehr Feinem
und Kunstvollem und musste immerfort Maschen zählen. Zu ihrer Rechten hatte der
Doktor Platz genommen, beide Arme auf die Lehnen seines Fauteuils gestützt, und
betrachtete mit wohlgefälliger Aufmerksamkeit seine wie zur allgemeinen
Bewunderung ausgelegten dicken und reich beringten Finger.
    Der Geistliche, der der Kranken vor acht Tagen auf ihren ausdrücklichen
Wunsch die Sterbesakramente gereicht hatte, Mansuet, der gekrümmt wie ein
Sprenkel auf einem kleinen Ecksofa sass, und Schimmelreiter, der bereits ein
wenig schnarchte, hielten sich im Hintergrunde des Zimmers.
    Um Mitternacht hörte man Nannette laut und eifrig sprechen, der Arzt und der
Priester begaben sich zu ihr, kamen aber sogleich wieder zurück, weil die
Kranke, die bei vollem Bewusstsein war, allein mit Bozena zu bleiben wünschte.
    Mansuet stellte leise dem Doktor eine Frage, auf welche dieser, für alle
vernehmlich, antwortete: »Vermutlich bis zum Morgen.«
    Er setzte sich wieder in seinen Fauteuil und nickte ein. Die andern, selbst
der Geistliche, ein noch sehr junger Mann, der bis jetzt wacker mit dem Schlafe
gekämpft hatte, folgten seinem Beispiele.
    Es schlug ein Uhr, die Lampe begann düsterer zu brennen, im Nebenzimmer war
es still geworden. Regula lehnte sich zurück, sie kreuzte die Arme, sie schloss
die Augen. Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken.
    Ich sollte zu meiner Mutter, dachte sie, ich sollte ... Aber sterben sehen
ist fürchterlich, sie hat es schon einmal erfahren. Und sie zögert und verfällt
endlich in einen unruhigen Schlummer, aus dem sie plötzlich auffährt.
    Ihr gegenüber steht Bozena, totenbleich.
    »Meine Mutter stirbt!« spricht das Fräulein.
    »Sie ist tot«, antwortet die Magd mit leiser Stimme; »kommen Sie.« Sie fasst
die Zitternde, Schwankende, und von ihr geleitet begibt sich Regula an das
Totenbett ihrer Mutter.
    Von den Schläfern war keiner erwacht.
    Weder der Arzt noch der Priester wollten es Wort haben, dass sie im
entscheidenden Momente nicht auf ihrem Posten gewesen, und widersprachen denen
nicht, die zu erzählen wussten, Nannette sei nach herzzerreissendem Abschied in
den Armen ihrer Tochter gestorben.
 
                                       12
Nun waren sie allein, die altgeborene Regel, die unverwüstlich junge Bozena und
das immer fröhliche Röschen; wohl selten würfelt »seine Majestät der Zufall«
grössere Kontraste zusammen. Beschirmend waltete der Geist Mansuets über dem
seltsamen Kleeblatte. Der Alte war dem Fräulein Heissenstein freundlicher gesinnt
seit dem Heimgange Nannettens; weil sie nicht mehr unter dem schädlichen Einfluss
ihrer Mutter stände, meinte er; in der Tat aber nur deshalb, weil er sich jetzt
als Regels Beschützer fühlte. Trotz all ihres Ernstes, all ihrer Weisheit
bedurfte sie seines Rates, holte ihn gern ein und befolgte ihn sogar.
    »Sie hat Heissensteinsches Blut in den Adern, das muss sich nolens volens
dokumentieren!« versicherte Mansuet eines Tages Bozena und dem Sekretär. »Warten
Sie nur, geben Sie nur acht: nächstens tut sie etwas für das Kind.«
    Aber Schimmelreiter schüttelte zweifelnd den Kopf, er sprach: »Sie ist nicht
verpflichtet, etwas für das Kind zu tun, also wird sie auch nichts tun. Wie
lautet Ihre werte Meinung?« wandte er sich galant an Bozena.
    Diese antwortete in der bedachtsamen Weise, die sie seit ihrer Rückkehr
angenommen hatte: »Ich hoffe auf ihre Grossmut!«
    »Prosit!« sagte Schimmelreiter, dem es infolge eifrigen Bestrebens gelungen
war, sich einige von Mansuets Redewendungen anzueignen. »Leichter pressen Sie
Himbeersaft aus einer Zitrone als eine grossmütige Regung aus dieser Seele.«
    Bozena schwieg und liess sich auf keine weitere Erörterung ein.
    »Sie widerspricht mir nicht gern«, erklärte später der Sekretär
Schimmelreiter mit Selbstgefühl.
    Sie widerspricht überhaupt keinem Menschen mehr, dachte Mansuet. Misstraut
sie uns? oder ist ihr alles so gleichgültig geworden, dass sie nicht einmal ein
Wort dafür einsetzen mag? Was geht in ihr vor? ... Gott mag es wissen!
Nach dem Tode der Frau Heissenstein hatte Graf Ronald ihrer Tochter einen
teilnahmsvollen Brief geschrieben, aber gekommen war er nicht. All die Arbeit,
die er sich aufgebürdet, dürfte ihn abgehalten haben, meinte Regel; muss er doch
die Geschäfte der Beamten versehen, die man in Rondsperg entlassen hatte, weil
man sie nicht mehr besolden konnte.
    Er war jetzt Direktor, Rentmeister, Förster und Wirtschafter in einer
Person. Mit eisernem Fleisse mühte er sich ab, um die Armut fernzuhalten von
seinem väterlichen Dache. Der alte Graf wollte nicht wissen, wie es um seine
Verhältnisse stand. Vermochte Ronald es einmal nicht zu verhindern, dass ein
ungeduldiger Gläubiger sich an den Greis drängte, dann wies ihn dieser an seinen
Sohn, der die Leitung der Geschäfte allein übernommen habe. Den aber fragte er
mit einer gewissen Schadenfreude, wann endlich die Segnungen des von ihm
eingeführten neuen Regimes eintreten würden.
    Dass sein Wohlstand für immer entschwunden sei, daran vermochte er
ebensowenig zu glauben als an den Bestand der neuen Staatsordnung. Rondsperg war
ja ein Juwel, Rondsperg besass ja unerschöpfliche Hilfsquellen. Sein Besitzer
konnte durch die Ungunst der Zeiten in augenblickliche Verlegenheiten geraten,
aber nicht in dauernde.
    Wäre Ronald auch imstande gewesen, seinem Vater diesen beglückenden Wahn zu
rauben, er hätte es nicht getan; dazu liebte er ihn viel zu sehr. So setzte er
denn unverdrossen seine vergebliche Arbeit fort. Ein Entschluss hätte freilich
das bevorstehende Unheil wenigstens verzögern und dem Sohne einen Teil des
väterlichen Gutes retten können: man hätte Rondsperg verpachten müssen. Aber bei
dem alten Grafen fand das Wort »Verpachtung« ebensoviel Anklang wie bei jedem
unumschränkten Herrscher das Wort »Konstitution«. Ronald sprach es einmal aus
und - niemals wieder.
    Regula Heissenstein war von diesen Verhältnissen genau unterrichtet. Der
ehemalige Direktor von Rondsperg hatte sich in Weinberg ein nettes Haus gebaut
und lebte dort in behaglichem Wohlstande. Er traf Schimmelreiter oft beim
»Grünen Baum« und sprach gern mit ihm von dem Schauplatze seiner einstigen
Taten. Er war ein gutmütiger Mann und bewahrte auch den gnädigen Herrschaften,
die er fünfundzwanzig Jahre lang, soviel es irgend an ihm lag, bestohlen hatte,
ein freundliches Interesse. Dem Sekretär Regulas gegenüber liess er es an zarten
Winken nicht fehlen, welch ein verdienstliches Werk es wäre, den braven jungen
Grafen aus aller Not zu retten, indem man ihm zu einer reichen Heirat verhülfe.
    »Ein Goldfischchen wie das Fräulein Heissenstein, das wäre halt was für ihn!«
sagte der Direktor mit einem diplomatischen Lächeln.
    »Ein adeliger, schöner Mann, wie der Graf von Rondsperg, das wäre was für
sie!« erwiderte der Sekretär und schmunzelte auf das verbindlichste.
    Die beiden Ehestifter machten einen Überschlag der Kosten, die erforderlich
wären, um Rondsperg wieder ertragsfähig zu machen, die verpfändeten Grundstücke
einzulösen, die eingestürzten Wirtschaftsgebäude aufzurichten, den fundus
instructus zu erneuern; und eine Stunde später teilte schon der Herr Sekretär
seinem Fräulein die Ergebnisse dieser Berechnungen mit. Sie nahm seinen Bericht
gleichgültig entgegen, wie etwas, das sie gar nicht kümmerte, begab sich aber
flugs an ihren Schreibtisch und begann sofort auf eigene Hand eifrigst zu
rechnen. Sie fand, zu ihrer lebhaften Befriedigung, dass die Summe, um die sich's
handeln würde, so ansehnlich sie auch war, doch kaum ein Viertel ihres mobilen
Vermögens betrug. Dieses Resultat versetzte sie in so gute und unternehmende
Laune, dass sie noch selbigen Tages an Ronald schrieb, um ihm für die Teilnahme
zu danken, die er ihr bei Gelegenheit des Todes ihrer unvergesslichen Mutter
ausgesprochen hatte.
    Ihr Brief war mit all der Zurückhaltung verfasst, die höchste Wohlerzogenheit
einer jungen Dame einem jungen Herrn gegenüber auferlegt; der Stil wie
gedrechselt, die Schrift wie gestochen. Es war ein Muster von einem Briefe und
konnte nicht verfehlen, auf Ronald und seine Eltern, denen der Empfänger ihn
doch gewiss mitteilen würde, den besten Eindruck hervorzubringen. Eine Danksagung
dürfte kaum ausbleiben, und Regula nimmt sich vor, dieselbe nicht unbeantwortet
zu lassen. Die Korrespondenz kommt in Gang, es folgt wohl einmal eine
persönliche Begegnung. Die Kapitalistin erkundigt sich freundlich nach den
Erfolgen der Tätigkeit des Landwirtes. Vertrauen belohnt ihre Teilnahme. Sie -
in ausnehmend delikater Weise - bietet Hilfe. Er - nicht minder delikat - zögert
anfangs und - gibt endlich nach: »Unter einer Bedingung mein Fräulein! ... die
Hand, von der ich annehme, muss mein werden!« - »O Herr Graf - Sie missverstehen -
Sie verkennen vielleicht die uneigennützige Absicht ...« - »Kein Wort weiter,
Edelste! ...« Sein Schnurrbart ruht auf ihren Fingerspitzen; - der Rest ist
Schweigen - Soll und Haben finden sich.
    Während Regula von der Eroberung Ronalds träumte, träumten alle spekulativen
Junggesellen und alle noch heiratsfähigen Witwer in Weinberg von dem Glück, die
Erbin heimzuführen. Der eine tat es mit mehr, der andere mit weniger Zuversicht;
doch kam jedem, wenn auch nur in einem Augenblicke des Übermuts, der Gedanke,
die Heissensteinschen Reichtümer seien bestimmt, von ihm eingeheimst zu werden.
Regula sah sich bald von einem Heere huldigender Freier umschwärmt, die nichts
so emsig suchten als die Gelegenheit, ihr Beweise der Ehrfurcht und Bewunderung
zu geben und den heissen Wunsch an den Tag zu legen, der Alleinstehenden ihren
Schutz angedeihen zu lassen und sich ritterlich zwischen sie und die
Fährlichkeiten der bösen Welt zu werfen.
    Das korrekte Fräulein empfing selbstverständlich keine Herrenbesuche; nur an
drittem Orte war sie für ihre männlichen Sklaven zu treffen. Um so eifriger
wurde sie von dem weiblichen Anhang ihrer Bewerber, von deren zärtlichen
Müttern, Schwestern und Basen belagert. Diese liessen es nicht fehlen an der
ausbündigsten Schmeichelei, und Regel sog dieses gefährliche Gift mit immer
wachsendem Wohlgefallen ein. Wie schoss jetzt ihre bereits von Frau Nannette
zärtlich gepflegte Eitelkeit in die Blüte! Wie trugen die Verhältnisse dazu bei,
ihren Durst nach Lob zu erhöhen! Sie war die unumschränkte Herrin ihrer werten
Person, es galt nicht erst einen bärbeissigen Vater, eine launische Mutter, einen
einflussreichen Verwandten zu gewinnen, um sich der Ersehnten nahen zu dürfen.
Kein Ausdruck der Ergebenheit ging unterwegs verloren, jedes überschwengliche
Wort gelangte unmittelbar an seine richtige Adresse, der Duft jedes
Weihrauchkörnleins, das ein frommer Beter um Regulas Minnesold zu verbrennen für
gut fand, wurde von der Göttin selbst eingesogen.
    Ein Jahr nach dem Tode ihrer Mutter konnte Regula schon ebenso viele Briefe,
als seitdem Tage verflossen waren, in die Lade legen, in der sie ihre teuersten
Erinnerungen verwahrte. Und alle diese Briefe entielten mehr oder minder
unumwunden ausgesprochene Heiratsanträge. Von ihren Bewerbern durfte keiner sich
rühmen, dass sie ihm die leiseste Hoffnung gegeben, und keiner sich beklagen, dass
sie ihm die kühnste Hoffnung genommen habe. Sie hatte niemals an eine andere
Verbindung als an die mit dem Grafen Ronald gedacht, aber dennoch wollte sie von
ihren zahlreichen Freiern nicht einen missen. Eine volle Woche hindurch war sie
verstimmt, weil ein Witwer von fünfzig Jahren, der überdies Krautwurm hiess,
unzufrieden mit der ausweichenden Antwort, die sie ihm erteilte, sich rasch
resolvierte und eine andere Wahl traf, die sofort Genehmigung fand.
    Fräulein Regula hielt es mit dem Futter für ihre Eitelkeit wie Voltaire mit
seinem Ruhme: Er hatte davon für eine Million, aber er wollte noch für einen
Sou.
    Seit der Erfahrung, die sie an Herrn Krautwurm gemacht hatte, wurde sie noch
vorsichtiger in der Behandlung ihrer Bewunderer. Dennoch gab es einen unter
ihnen, den sie misshandelte; zugleich der einzige, der Zutritt in ihr Haus
erhalten, da er im Laufe der Zeiten Röschens Unterricht in den sogenannten
deutschen Gegenständen übernommen hatte. Er war ein blonder, hübscher junger
Mann mit dunkelblauen Augen und einem Vollbarte. Ihm war im Leben alles verkehrt
gegangen. Er war zum Poeten geboren und wurde Professor der Matematik, er
schwärmte für Schönheit und Güte und - verliebte sich in Regula. Ja, er
verliebte sich in sie. Was nicht einmal einem Geizhalse dem reichen Fräulein
gegenüber gelang - er brachte es zuwege, oder vielmehr ihn überfiel's, wie ein
reissendes Tier aus dem Busche den ahnungslosen Wanderer überfällt.
    Wie es möglich war, dass dieses reizlose Geschöpf eine brennende Leidenschaft
erregte - wer kann es begreifen? Der nicht, der meint, das Entstehen der Liebe
bedürfe eines andern Grundes als die Beschaffenheit des Herzens, dem sie
entspringt. Was gefiel dem Professor Ludwig Bauer an Regula? Ihre frostige
Höflichkeit? ihr wächsernes Gesicht? - Was trieb ihn zu ihr? Vielleicht nur das
Verhängnis, das zu manchem Menschen spricht: Hier ist eine Gelegenheit, tief
unglücklich zu werden - ergreife sie! Hier fliesst ein Strom unsäglicher Leiden -
stürz dich hinein!
    Der junge Professor liebte das Fräulein Heissenstein mit einer grimmigen,
stets beleidigten und gekränkten Liebe, die ihm alle Lebensfreude verdarb und
die er nur um so hartnäckiger festielt mit verbissener Treue. Um Regula täglich
sehen zu können, bot er sich an, ihrer kleinen Nichte Unterricht im Rechnen und
in der Grammatik zu gehen. Die Tante ging sehr gern auf diesen Vorschlag ein.
Sie fürchtete ohnedies, es könne auffallen, dass »ein ungebildeter Kommis« der
alleinige Führer des nun schon achtjährigen Kindes auf den Pfaden der
Wissenschaft sei. Hingegen geriet ganz Weinberg in Bewunderung, als es bekannt
wurde: ein Professor des Gymnasiums bringe jetzt in eigener Person der kleinen
Waise die vier Spezies bei und führe sie am Ariadnefaden seiner Weisheit durch
das Labyrint der Endungen.
    Es ist erstaunlich! - Und was das kosten mag! Ja, Fräulein Heissenstein ist
eben jederzeit und immer, man kann nur sagen: grossartig!
    Allabendlich Schlag sechs Uhr trat Professor Bauer in das Speisezimmer, wo
Röschens Lehrtisch in einer Fensternische aufgeschlagen war und wo sie ihn
seufzend erwartete, aber nicht seufzend aus Ungeduld. Sein erstes Wort lautete
regelmässig: »War Fräulein Tante nicht da? Wird Fräulein Tante nicht kommen?« Und
kam sie nicht, dann hatte Röschen eine schlimme Stunde. Erschien sie aber, so
beeilte er sich zu sagen: »Es ist gut, du warst sehr brav, du bist fertig.«
    Ei, wie rasch sie in diesem günstigen Falle ihren kleinen Lehrkram
zusammenräumte, sich in einen Winkel des Zimmers verkroch und auf ihre
Schreibtafel statt Ziffern Herren und Damen zeichnete, mit unförmig grossen
Köpfen und unglaublich dünnen Armen, an deren Enden fünf Stängelchen hingen, die
sich für Finger ausgaben.
    Sobald Ludwig Bauer die von ihm Angebetete erblickte, wurde er entweder
mürrisch oder verlegen. Ein nicht erhörter Liebhaber ist selten liebenswürdig,
er tut gewöhnlich das möglichste, um seine Sache zu verschlimmern. Von seinen
Gefühlen zu sprechen war dem Professor selten erlaubt, um Regulas stets zur
Abwehr bereite Tugend nicht unter die Waffen zu rufen. Versuchte er es aber,
sich angenehm zu machen, indem er interessante Dinge vorbrachte, die den
gebildeten Geist des Fräuleins mit neuen Erkenntnissen schmücken sollten, dann
kam er meist am schlechtesten an. Regula empfand einen wahren Abscheu vor allem
Wissen, das sie nicht selbst besass, und hatte bei den Erörterungen des
Professors eine Art, den Mund zu verziehen, zerstreute Blicke umherzuwerfen und
mit fast geschlossenen Lippen zu sagen: »Warum nicht gar«, die ihn jedesmal auf
das grausamste beschämte.
    Zu andern Zeiten wieder benahm sich Bauer höchst stürmisch und ungebärdig.
Röschen konnte sich eines Tages nicht genug darüber wundern, dass ihre Tante so
gar keine Angst vor ihm zu haben schien, sondern sein heftiges Gezänke mit Ruhe,
ja mit einem Lächeln der Befriedigung anhörte.
    »Stimmen Sie sich herab, stimmen Sie sich herab, Bester!« sagte sie.
    Sie sagte »Bester« zu einem Menschen, der schrecklich böse war - Röschen
konnte darauf schwören.
    Der Professor stand auf, machte einen Gang durch das Zimmer, trat vor Regula
hin, kreuzte die Arme und sprach: »Ich bin Ihnen so gleichgültig wie der Hund,
der dort über den Platz läuft ... Sie haben kein Herz, Fräulein!«
    Regula warf einen Blick auf das Kind, das in der Ecke des Zimmers spielte,
und entgegnete in ermahnendem Tone: »Sie wissen nicht, was Sie reden!«
    »Nicht? ... Bin ich Ihnen etwa nicht gleichgültig? ... Antworten Sie mir!«
rief der arme Professor, in einem Atem flehend und drohend.
    »Sie könnten es mir werden, wenn Sie so fortfahren - Freund«, säuselte das
Fräulein und schlug züchtig die Augen nieder. »Wäre das nicht traurig? ...
Freundschaft ist so schön - denken Sie an Jean Paul ... Ich möchte Sie nicht
verlieren ...«
    »Fräulein, Fräulein! - o Fräulein!« war alles, was er hervorbrachte im
Sturme seiner Gefühle. Regula richtete sich kerzengerade auf, murmelte etwas von
Anmassung und Tyrannei, die sie sich verbitten müsse, und machte eine
verabschiedende Handbewegung.
    »Oh!« stöhnte Ludwig, gerade wie Otello: »Oh! - Oh! -« und stürzte zur Tür
hinaus.
    Röschen hatte sich in ihrer Angst hinter einen der hochlehnigen Sessel
gekauert und erwartete, ihre Tante werde sich gleichfalls in Sicherheit zu
bringen suchen. Sie machte ihr schon Platz neben sich: »Komm hierher!« flüsterte
sie, fürchtend, der wütende Professor könnte wiederkehren.
    Aber für das Kind war heut ein Tag der Überraschungen. Statt besorgt zu
scheinen, sah die Tante dem Enteilenden mit einem triumphierenden Blicke nach
und versuchte sogar, ein Liedchen zu trällern; aber das misslang ihr, denn sie
hatte weder Gehör noch Stimme oder vielmehr beides falsch und ungehorsam, und
wenn sie singen wollte: »Der Eichwald brauset, die Wolken ziehen«, geriet sie
jedesmal in die Melodie von: »Robert - Robert, mein Geliebter!«
Ungefähr um dieselbe Zeit sah Mansuet den guten Schimmelreiter mit ganz
verstörtem Gesicht aus dem Zimmer Bozenas treten. Er nahm im Gehen eine neue
schwarze Krawatte von seinem Halse ab und ersetzte sie durch die dunkelgrau und
grün quadrillierte, die er gewöhnlich trug. Als er an Weberlein vorüber sollte,
machte er, um ihm auszuweichen, einen so grossen Bogen, als die Breite des Ganges
irgend erlaubte. Aber das half ihm nichts. Sein Freund schritt resolut auf ihn
zu, nahm vertraulich seinen Arm und sprach: »Na, wissen Sie's jetzt? Sie hat
nein gesagt, versteht sich?«
    Schimmelreiter sah noch immer um sich mit Blicken, starr und gläsern, wie
die eines Menschen, der eben einen grossen Schrecken gehabt hat. Grenzenloses
Erstaunen, die höchste Bestürzung malten sich auf seinem runden Gesichte.
    Plötzlich blieb er stehen, fasste Mansuets beide Hände, und indem er sich zu
dem kleinen Manne niederbeugte, flüsterte er ihm zu: »Sie hat, denken Sie, sie
hat nein gesagt - denken Sie sich das!«
    Und nun liess er Mansuets Hände los und rang die seinen wie ein Trostloser.
    Der Alte redete ihm zu: »Beschwichtigen Sie sich. Wissen Sie was? - Machen
Sie sich nichts daraus.«
    Der abgewiesene Freier musste zugeben, dass er nicht leicht etwas Klügeres tun
könnte. - Aber freilich, gleich das Klügste zu tun, wer trifft das so leicht?
Überdies würde die Sache damit noch nicht abgetan sein. Das Schlimmste kommt
nach! das Gerede der Leute. »Alle Leute werden es erfahren!« jammerte
Schimmelreiter.
    »Was fällt Ihnen ein?« fragte Mansuet. »Die Bozena schwatzt nicht, und ausser
ihr weiss es niemand.«
    Der Sekretär gestand, das Fräulein wisse es, ihr habe er pflichtschuldig
gemeldet, er gehe mit dem Gedanken um, »sich zu verändern«. Freilich ohne ihr
mitzuteilen, auf wen seine Wahl gefallen sei.
    »Dann ist ja alles vortrefflich!« sagte Weberlein, »dann gehen Sie gleich
und nehmen eine andere.«
    Diese Äusserung rief, so brutal sie schien, durchaus keine Entrüstung bei
Schimmelreiter hervor, er meinte vielmehr, das sei zu überlegen, kam jedoch
alsbald wieder auf die Katastrophe zurück, die jetzt seine ganze Seele erfüllte.
    »Aber, die Bozena! ... Begreifen Sie die Bozena? Begreifen Sie, dass sie mich
ausgeschlagen hat? Sie hätte doch wirklich ein Glück mit mir gemacht. So
eindringlich habe ich es ihr vorgestellt! - Es nützte nichts. Sie wird niemals
heiraten, behauptet sie. Ich lasse nicht nach mit Fragen: Warum? warum? Ob sie
ihr Herz an einen gehängt hat, den sie nicht kriegen kann? - Ob sie gar so hoch
hinaus will? -Nein! nein! sagt sie. Was also hält Sie ab? sag ich. Und sie
darauf: Ein unübersteigliches Hindernis. - Das immer bleiben wird? - Immer. - An
dem nichts zu ändern ist? - Nichts. Lassen Sie es jetzt gut sein, Herr Sekretär.
- Und ich hätte es sollen gut sein lassen. Aber da reitet mich der Teufel, dass
ich nicht schweigen kann, dass ich noch frage: Wenn das unübersteigliche
Hindernis nicht wäre, würden Sie mich dann nehmen? - Glauben Sie es, oder nicht
... Sie antwortet mir: Wenn Sie es durchaus wissen wollen: auch dann nicht. Ja:
Auch dann nicht, hat sie gesagt. Und jetzt möchte ich wissen, sie ist ja gut,
tut niemandem gern weh - warum sie nicht lieber geschwiegen - warum sie nicht
lieber eine ausweichende Antwort gegeben hat?«
    »Jede andere hätt's getan - aber sie? sie sagt nur die Wahrheit, aber die
ganze. Sie ist wahr wie der Tag«, erwiderte Mansuet.
 
                                       13
So manche gutmütige Frau in Weinberg meinte, Fräulein Regula sei freilich ein
Engel und Bozena freilich die bravste Magd unter der Sonne, aber dennoch könne
man das Schicksal des zwischen den beiden aufwachsenden Kindes nicht gerade ein
beneidenswertes nennen.
    Röschen flösste gar vielen Leuten Mitleid ein, die sie an einem Fenster des
grauen Hauses stehen und sehnsüchtig herabblicken sahen zu den Kindern, die auf
dem Platze herumliefen und spielten. Ihr war Umgang mit Wesen ihres Alters nicht
gegönnt, und der Verkehr mit dem Kinde Mansuet entschädigte sie dafür doch
schwerlich. Bozena wagte einmal, ihr gnädiges Fräulein darauf aufmerksam zu
machen, wurde aber trocken abgewiesen. Regula vermochte nicht einzusehen, dass
die Kleine einer andern als einer vernünftigen Umgebung bedürfe. Durchaus nicht.
Sie selbst habe sich als Kind immer nur in Gesellschaft von Erwachsenen bewegt,
und es sei ihr wohl bekommen.
    »O Bozena!« sagte Röschen einst, »hätt ich doch lange Beine!«
    »Was würden sie dir nützen, du Knirps?« fragte Bozena.
    »Ich liefe - liefe -« und das Gesicht des Kindes war wie durchleuchtet von
der geträumten Wonne, »liefe so schnell, wie die Vögel fliegen.«
    Regula sah die Magd bedeutsam an und sprach halblaut: »Die Natur ihrer
Mutter. Man kann sie nicht genug in acht nehmen.«
    Dieses Wort schnitt Bozena ins Herz, aber sie verriet sich nicht. Sie neigte
das Haupt ehrerbietig vor ihrer Herrin: »Sie werden das Kind behüten«, sagte
sie, »es ist in Ihrem Schutze und geborgen.«
    Das Fräulein zuckte die Achseln und dachte, das unumschränkte Vertrauen, das
die Leute in sie setzen, sei doch manchmal unbequem. Aufgebürdet, aufgedrungen
wurde ihr das Kind der Schwester, und der Ruf von Tugend und Grossmut, den sie
geniesst, zwingt sie, es bei sich zu behalten. Und in tiefinnerster Seele ist sie
ihm so unbeschreiblich abgeneigt! Alles an ihm missfällt ihr, stört sie, regt sie
auf. Sein Lachen und Singen greift ihr die Nerven an, seine Liebkosungen bringen
sie in Verlegenheit. »Lass mich, das schickt sich nicht«, sagt sie, wenn Röschen
ihr entgegenfliegt und ihr in die Arme stürzen will.
    Mansuet nannte Regula das unmütterlichste Frauenzimmer das ihm jemals
vorgekommen sei, und meinte: »Wenn die einmal ein Kind kriegt, und es fängt an
zu schreien, dann schickt sie um die Polizei.«
    Das Leben im Hause der alten Jungfer von zweiundzwanzig Jahren lief ab wie
der Mechanismus einer Uhr, pünktlich und blutlos. In ihrer frostigen Atmosphäre
konnte die Rede nicht sein von der freudigen und ungehemmten Entfaltung einer
jungen Seele.
    Arme Kinder haben die goldene Freiheit, reiche Kinder haben einen
vergoldeten Käfig; Röschens Kindheit wurde in einem Käfig verlebt, aber er war
von Eisen. Und dennoch war sie ein fröhliches Röschen, und die Wahrheit erprobte
sich an ihr: Haben kann man das Glück, aber bekommen nicht. Sie war glücklich,
denn sie liebte, was sie umgab, und wusste nicht, was Grollen sei. Sie liebte die
lieblose Tante, sie trieb Abgötterei mit der strengen Bozena und mit dem alten
Mansuet, und der vergalt's ihr redlich. Was die Magd betraf, so war Röschen ihr
teuerstes Gut; sie würde ohne Zögern jedes Opfer für sie gebracht, ihr Herzblut,
wenn es galt, tropfenweise für sie vergossen haben, aber so, wie sie ihre
trotzige Rosa geliebt hatte, vermochte sie nicht mehr zu lieben. Das tiefste
Gefühl, welches sie jemals beseelt, das hatte die mit ins Grab genommen, die von
ihr gepflegt worden war, als sie selbst noch jung gewesen. Sie liess Röschen
niemals so derb an, wie sie deren Mutter angelassen hatte, aber dies geschah
nicht, weil sie mehr Liebe, sondern weil sie mehr Mitleid für sie empfand.
    So wenigstens legten die beiden ehemaligen Kommis sich Bozenas stilles,
zurückhaltendes Benehmen aus. Sie aber waltete mit altem Fleisse in den alten
Räumen, nur nicht mehr mit dem alten Übermut. Wenn sie das Zimmer betrat, in dem
sie vor zwanzig Jahren ihren Herzensliebling triumphierend in ihren Armen
erhoben und ihm alle Herrlichkeit der Welt prophezeit hatte, da glitt ein
Schatten über ihre Stirn.
    Ein Fremdling sass nun das Kind ihrer Rosa am Tische im Vaterhause und ass das
Gnadenbrot aus ungnädiger Hand. -
    Sechs Wochen, nachdem sich Schimmelreiter von Bozena einen so
wohlgeflochtenen Korb geholt hatte, erhielt er das Jawort einer minder
harterzigen Schönen. Mit verklärten Augen, verjüngt durch das Glück, stellte er
sich seinem Fräulein als Bräutigam vor. Regula erhöhte seine Seligkeit noch
durch die huldvolle Annahme seiner Einladung, der Hochzeit beizuwohnen. Auch
Bozena erhielt von der Gebieterin die Erlaubnis, zugleich mit ihr bei dem Feste
zu erscheinen, das Schimmelreiter äusserst prachtvoll auszurichten gedachte.
    Die von ihm Erwählte war die Tochter eines kleinen Beamten; ein blonde
Jungfrau, von Mutter Natur mit so dauerhaften Reizen ausgerüstet, dass der Zahn
der Zeit durch vierzig volle Jahre fast vergeblich an ihnen genagt hatte.
    Sie sah bei der Trauung wirklich gar nicht übel aus, das musste ihr jeder
lassen - der es ihr nicht nehmen konnte. Ein paar Rivalinnen versuchten es
umsonst. Allgemein jedoch hiess es, Schimmelreiter hätte besser getan, Bozena zu
erwählen, die wohl um einige Jährlein älter, aber denn doch eine ganz andere
Person sei als die Beamtentochter.
    Zur kirchlichen Feier war die halbe Stadt gebeten, zu dem Gastmahle, das am
Abend beim »Grünen Baum« stattfand, nur eine kleine auserlesene Schar.
    Das junge Ehepaar empfing seine Gäste in dem mit Blumen dekorierten und im
Glanze von vielen Kerzen prangenden Honoratiorensaale. Vier Kellner,
schwarzbefrackt, mit Rosen im Knopfloche, waren an der Tür postiert und
verneigten sich alle zugleich, sooft einer der Geladenen eintrat. Der erste, der
sich einfand, war Doktor Wenzel mit seiner Frau und seinem erstgeborenen Sohne.
Der Familie folgte auf dem Fusse ein magerer Freiherr aus altadeligem Hause, aber
sehr herabgekommen in seinen Finanzen, der einstens ein wirklicher Attaché
gewesen sein sollte, man wusste nicht bei welcher Gesandtschaft. Er war einer von
Regulas hartnäckigsten Freiern und fühlte sich glücklich, Schimmelreiters
Freundschaft errungen zu haben, nachdem er um die Mansuets vergeblich geworben.
- Sodann erschienen der ehemalige Direktor von Rondsperg und Herr Professor
Bauer, zuletzt die Angehörigen der Braut.
    Schimmelreiter ging von einem zum andern und dankte jedem für die Ehre, die
er ihm erwies. Doktor Wenzel sprach angelegentlich mit der Neuvermählten, die
vor Gemütsbewegung wie eine Päonie glühte, und lobte den Charakter ihres Mannes,
dann begab er sich zu diesem und lobte die Bescheidenheit und Anmut seiner
»bräutlichen Frau«.
    Der Professor hatte heute seinen schüchternen Tag, drückte sich an die Wände
und wich schon von weitem jedem aus, der Miene machte, auf ihn zugehen zu
wollen. Manchmal warf er einen sehnsüchtigen Blick nach der Tür, öfter jedoch
einen wütenden auf den Freiherrn. Dieser hatte seine schwarzgefärbten Haare in
kleine Locken brennen lassen, trug eine weisse Krawatte und am roten Bande das
Kommandeurkreuz des Hausordens einer deutschen Miniaturfürstlichkeit. Er sah
ganz erschrecklich vornehm aus, und der schlichte Ludwig Bauer geriet darüber in
Verzweiflung.
    Um acht Uhr erschien endlich Fräulein Heissenstein, gefolgt von Mansuet und
Bozena. Dass auch dieser Zutritt gewährt wurde in die vollkommen distinguierte
Gesellschaft, die Schimmelreiter an seinem Ehrentage um sich versammelte, wurde
dem Festgeber sehr hoch angerechnet; noch höher aber dem leutseligen Fräulein,
das sich herabliess, mit der Magd an einem Tische zu sitzen. Regula wurde
ehrfurchtsvoll empfangen und von Schimmelreiter an die Spitze der Tafel
geleitet, wo sie zwischen ihm und dem Freiherrn Platz nahm. Ihr gegenüber am
unteren Ende des Tisches sass Bozena zwischen Mansuet und Wenzel jun., der
ungemein viel ass, besonders Brot, und, sooft ihn jemand ansprach, aus Bestürzung
darüber einen grossen Bissen in den Mund steckte, bevor er den Versuch machte, zu
antworten. Die natürliche Folge war ein Erstickungsanfall, den der bescheidene
Jüngling in aller Stille zu überwinden suchte.
    Dieser oft wiederholte Vorgang, den alle Anwesenden ausser den Eltern Wenzel
bemerkten, trug nicht wenig zur Erhöhung der allgemeinen Heiterkeit bei. Er
wirkte, so unbedeutend er war, befreiend auf die bisher etwas gedrückte Stimmung
der Braut. Immer freundlicher gestaltete sich das Fest, es herrschte bei dem
grössten Anstand die grösste Unbefangenheit. Jedermann schien zu denken: Da sitze
ich im schön geschmückten Saale, an reich gedeckter Tafel, esse die köstlichsten
Sachen, bin auf das beste gekleidet, befinde mich in zahlreicher und feiner
Gesellschaft und fühle mich dabei so heimisch, als befände ich mich zu Hause in
meiner Stube.
    Dass es bei einem Souper, an dem Doktor Wenzel teilnahm an Trinksprüchen
nicht fehlte, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Es wurde auf das Wohl
der Neuvermählten, auf das Wohl Regulas, auf das Wohl des Freiherrn, des
Direktors und des Professors getrunken. Schimmelreiter brachte ein Hoch aus auf
die Familie seiner geliebten Frau, der Freiherr eines auf die Frauen von
Weinberg, der Direktor eines auf Doktor Wenzel und seine Angehörigen und auf das
ganze weibliche Geschlecht. Nun neigte sich das Fräulein zu Schimmelreiter und
flüsterte ihm leise einige Worte zu. Er erhob sich wie elektrisiert und sprach:
»Eine edle Dame mahnt mich, dass wir bisher noch eines versäumten, das uns ziemt
...«
    Die Pause, die der Redner hier machte, benützte der Professor, um
leuchtenden Auges und mit bewegter Stimme das Zitat zu bringen:
»Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
So frage nur bei edlen Frauen an«,
und Schimmelreiter fuhr fort: »Nämlich auch die treue Dienerin des Hauses
Heissenstein, Jungfrau Bozena, hochleben zu lassen. Auf ihr Wohl!« rief er, und
dieser Toast fand lebhaften Anklang. Bozena verliess ihren Platz und ging mit dem
Glase in der Hand von einem zum andern, um mit ihm anzustossen. Dies wurde für
jeden, der des Gespräches mit seinen Nachbarn satt war, das Signal, gleichfalls
aufzustehen. Der Herr Direktor begab sich zu Regula und fragte sofort, ob sie
Nachrichten von »seinen Herrschaften« habe. Er bedauerte über die Massen »seinen
lieben Grafen Ronald«, nannte Rondsperg einen famosen Besitz ... »das heisst hm!
- freilich, es könnte alles wieder werden, wenn ... ja - wenn!«
    Schimmelreiter schlüpfte zu seiner Gattin hinüber und sagte der Verschämten
ins Ohr, das Souper sei ausgezeichnet nobel gewesen, dann näherte er sich
Mansuet, dem er gestand, er glaube behaupten zu dürfen, seine Kati habe sich zu
der Verbindung mit ihm nicht nur aus Vernunft entschlossen, sondern auch aus
Liebe.
    In diesem Augenblicke liess sich im Nebenzimmer ein lauter Wortwechsel
vernehmen. Deutlich unterschied man die Rufe: »Zurück!« - »Hier tritt man nicht
ein! ...« - »Geladene Gesellschaft.« Und dazwischen wiederholte eine heisere
Stimme unablässig: »Macht Platz! macht Platz, ihr Esel! - Was - geladen! Wüssten
sie, dass ich da bin, ich wäre auch geladen!« Der Lärm wuchs, dumpfe Schläge
fielen - die Tür flog auf ... und ein Mann trat ein, den sogar die, die in
früheren Zeiten oft mit ihm verkehrt hatten, nicht gleich erkannten.
    Es mussten einige Augenblicke vergehen, bevor ihnen zum Bewusstsein kam, dass
dieser dicke Geselle mit den schwimmenden Augen, dem roten aufgedunsenen
Gesichte, dem kurzen, keuchenden Atem kein andrer sei als - Bernhard, der
ehemals schöne Jäger, Bernhard der Pfau!
    Er sah, betroffen über den Anblick der stattlichen Gesellschaft, scheu
umher, rückte den Hut ins Genick und sagte, wie um sich selbst Mut zu machen:
»Man wird doch seine Bekannten besuchen dürfen im Wirtshaus?«
    »Der Mensch ist berauscht«, sagte der Freiherr halblaut.
    Regula stiess einen leisen Schreckensruf aus, und die Herren und Frauen
eilten zu ihr, um sie zu beruhigen. So stand Bozena, die inzwischen ihre Runde
beendet hatte und wieder an ihrem Platze angelangt war, allein dem Eindringling
gegenüber, Aug in Auge. Sie stand still - stumm und wie versteinert vor Grauen
und Schmerz.
    Ihr Leben war eine lange Busse gewesen für eine kurze Verirrung, und nun trat
der Mensch, der sie verleitet hatte, vor sie hin, und ihr schien, als sei nichts
gesühnt, als stiege ihre entwürdigte Vergangenheit verkörpert aus dem Dunkel des
Vergessens und riefe ihr drohend zu: Mich besiegst du nie, ich bin unsterblich,
bin unüberwindlich! -
    Einen Augenblick zögerte der Jäger, dann ging er frech auf die Schweigende
zu und rief: »Bozenka! kennst mich denn nicht mehr?«
    Sie senkte finster den Kopf, und er fuhr fort: »Erst heute bin ich
angekommen - bin hier wegen des Nachlasses meiner Frau, die gestorben ist -
leider. Meine erste Frage war nach dir, natürlich, und wie ich höre, du bist da,
lauf ich hinüber zu euch. Dort heisst's: Beim Grünen Baum. Nun richtig! ... So
grüss dich Gott, Bozenka. Und jetzt lass uns plaudern!«
    Er hatte, im Gehen etwas schwankend, einen Sessel herbeigeholt und setzte
sich an die Seite Bozenas, die, blass wie man sie niemals gesehen, auf ihren
Stuhl gesunken war.
    Schimmelreiter hatte indessen mit den Herren geflüstert und schien eine
Abrede mit ihnen genommen zu haben. Er näherte sich jetzt und sagte
geschäftsmässig zu dem Jäger: »Alle Anwesenden sind meine Gäste. Dies zur
Kenntnis.«
    »Potztausend, der Schimmelreiter!« rief Bernhard. »Servus, servus ... Alle
Anwesenden Ihre Gäste? - Ich auch demnach - bin auch anwesend. Ein Glas her!
Schenk ein, altes Tintenfass!«
    Der Sekretär liess sich nicht beirren, sondern fügte im früheren Tone hinzu:
»Weiss mich nicht zu besinnen, dass ich Sie geladen hätte«, und dabei machte er
rasch nacheinander winkende Bewegungen mit den Händen, als wollte er sagen:
Fort! fort! fort!
    Bernhard lachte blödsinnig, legte die Arme bis zu den Ellbogen auf den
Tisch, rückte näher zu Bozena heran, sah ihr von unten hinauf ins Gesicht und
sagte: »Er möcht mich weg haben, der Alte, aber was hilft's? - Ich gehe nicht,
ich bleib bei dir, mein Herzel!«
    
    Nun fuhr Mansuet auf ihn los: »In welchem Tone erlauben Sie sich mit der
Jungfer zu reden?« herrschte er ihn giftig an.
    »Das ist der Mansuet, glaub ich«, rief Bernhard spöttisch. »Bon soir, Herr
Mansuet, was kümmert Sie mein Ton? - Wenn ihr«, er blinzelte Bozena vertraulich
zu, »mein Ton nicht recht ist, wird sie's schon sagen. Nicht wahr, Bozenka, mein
Schatz?«
    Mansuet hielt sich nicht länger. »Der Teufel ist dein Schatz, du
Trunkenbold!« schrie er, »und nun fort! und wenn du die Türe nicht findest,
fliegst du zum Fenster hinaus!«
    Das Gesicht des Jägers flammte, er rief: »Du Lump! Was geht's euch an, ihr
Lumpe, wie ich spreche mit meiner Geliebten?!«
    »Deiner Geliebten?!« wetterte der kleine Kommis und hatte ihn im selben
Augenblicke am Kragen und zerrte ihn vom Sessel herab auf den Boden, »deine
Geliebte?! ... Nimm das zurück, oder ich schlag dich tot, ich schlag dich tot!«
    Bernhard tobte wie ein Rasender unter den Fäusten Schimmelreiters, der ihn
gepackt hatte und ihm gleichfalls zurief: »Nimm das zurück!«
    Er wehrte sich mit allen seinen Kräften und schrie dabei: »Just nicht! Euch
zum Trotze nicht! Meine Geliebte, meine Geliebte! sie war's!«
    Mansuet kannte sich nicht mehr. »Bestie!« kreischte er, riss ein Messer vom
Tische und stürzte damit auf Bernhard zu ...
    Da erfasste eine eiskalte Hand die seine und entwand ihm das Messer mit einem
Rucke ... Bozena stand zwischen dem Jäger und seinen Angreifern.
    »Lasst ihn«, sprach sie, ihre Stimme klang hart wie Metall. »Lasst ihn. Es ist
wahr.«
    Ein dumpfer Schrei erhob sich. Bernhard stand langsam auf, warf
triumphierende Blicke im Zimmer umher und machte Miene, auf Bozena zuzueilen.
Doch sie, mit stummer Verzweiflung im Angesichte, mit einer Gebärde unsäglicher
Verachtung, wies gebieterisch nach der Tür.
    Der Elende blieb erschrocken stehen, murmelte einige unverständliche Worte,
zupfte seine Jacke zurecht und gehorchte.
    Eine lange Pause folgte, die Männer warfen einander fragende Blicke zu, die
Frauen senkten die ihren zur Erde. Frau Doktor Wenzel traten Tränen in die
Augen; hätte sie nur dem Rate ihres Herzens folgen dürfen, sie wäre hingetreten
zu Bozena und hätte ihr die Hand gedrückt. Der Zweifel jedoch, ob ihr Mann dies
billigen würde, hielt sie zurück, und sie sagte nur unwillkürlich: »Arme
Bozena!« Schimmelreiter starrte die Heldin des eben erlebten peinlichen
Auftritts mit offenem Munde so befremdet an, als sähe er sie heute zum
erstenmal. Seine Gattin vernahm, wie er leise vor sich hin sprach: »Darum also
... O wie brav!« Der Freiherr wandte sich mit den Worten: »Une maîtresse femme,
ma parole d'honneur!« zu Regula. Das Fräulein aber, deren Nase weiss wie Kreide
geworden, war eitel Entrüstung und Unwille. »Skandal! - Skandal! - Skandal!«
wiederholte sie in einem fort, liess ihrem Lohnkutscher befehlen vorzufahren und
entfernte sich, ohne Abschied von irgend jemandem zu nehmen, mit der Familie
Wenzel, der sie Plätze in ihrem Wagen antrug. Ihre bestürzten Verehrer gaben ihr
das Geleite.
    Bozena stand noch immer wie angewurzelt auf derselben Stelle und schien von
allem, was vorging, nichts zu sehen und nichts zu hören.
    Mansuet trat zu ihr, berührte ihren Arm und sagte sanft und unaussprechlich
traurig: »Kommen Sie!«
    Die Unglückliche zuckte zusammen, ein schwerer, schmerzlicher Seufzer hob
ihre Brust, und gesenkten Hauptes folgte sie ihrem alten Freunde.
 
                                       14
Ernst und von langer Dauer war die Unterredung, zu der am nächsten Tage Fräulein
Heissenstein Herrn Doktor Wenzel geladen hatte. Es wurde die gewichtige Frage
erörtert, ob Bozena nach der gestrigen unerhörten Szene beim »Grünen Baum« im
Hause bleiben dürfe.
    Eine Person, die ihre eigene Schande in der Wirtsstube ausruft, ist keine
passende Umgebung für eine ehrsame junge Dame. Andrerseits ist es auch nicht
leicht, Bozena zu entlassen, »weil sie der Familie durch so lange Jahre treu
gedient hat«, sagt - weil sie mir sehr nützlich ist, denkt Regula. Wir haben sie
schwer genug vermisst all die Jahre hindurch!
    »Mein gnädiges Fräulein«, meinte nach reiflicher Erwägung der kluge und
praktische Doktor Wenzel, »das gestrige Ereignis gehört zu denen, die
genausoviel Bedeutung haben, als man ihnen beilegt.«
    »Bin ich nicht schuldig, ihm eine grosse Bedeutung beizulegen?« fragte
Regula, »bin ich es nicht mir selbst schuldig? Bestimmt nicht die Strenge, die
ich einem Verbrechen gegenüber ...«
    »Einem Vergehen - einem Vergehen!« berichtigte lächelnd der Advokat.
    » ... die ich einem schweren Vergehen gegenüber ausübe, meinen eigenen
Wert?« fuhr Regula fort, und Wenzel unterbrach sie von neuem und versicherte:
»Keineswegs!«
    »Was werden die Leute sagen, wenn ich meinen Abscheu vor so offenbarer
Schande durch nichts - durch gar nichts betätige? Fällt nicht ein Teil von ihr -
es ist ein grauenhafter Gedanke! - auf mich selbst zurück?« entgegnete Fräulein
Heissenstein, indem eine Gänsehaut sie überlief.
    Wenzel begann ein wenig ungeduldig zu werden, was sich bei ihm durch
verdoppelte Freundlichkeit äusserte. Er ergriff Regulas Hand, küsste sie und
sprach: »Getrost! ... Seien Sie getrost! Es wird niemandem einfallen, Sie
verantwortlich zu machen für eine Jugendsünde Ihrer bereits in Jahren stehenden
Dienerin. Sie waren vermutlich noch nicht geboren, als jene Sünde begangen
wurde«, versicherte der Advokat mit einem fast zärtlichen Blicke und stand auf,
»das entebt Sie« - er suchte seinen Hut mit den Augen - »jeder
Verantwortlichkeit.«
    »Glauben Sie wirklich?« flüsterte Regula.
    Der Doktor hatte seinen Hut ergriffen und machte rücklings einige Schritte
nach der Tür. »Wirklich!« wiederholte er mit seiner süssesten Stimme, »wirklich
und wahrhaftig, Gnädigste. Sie nehmen sich in der ganzen Sache aus - unschuldig
wie eine weisse Taube! - Und das arme Ding, die Bozena! - Du guter Gott ... Diese
Leutchen, das hat andere Ansichten als Sie, engelhaftes Fräulein, über gewisse
natürliche Vorgänge ...«
    »Doktor Wenzel!« rief Regula streng und vorwurfsvoll »nichts dergleichen in
meiner Gegenwart ... Ich muss bitten -«
    »Befehlen! befehlen! - Sie müssen immer befehlen«, sprach der galante alte
Herr, und das Fräulein gestand ihm zu, sie sehe ein, dass er im Grunde recht
habe: »Es könnte wohl sein und wäre ziemlich natürlich, dass es für niedere
Menschenklassen auch niedrigere Klassen der Moralität gäbe. Zwischen dem Stande
einer Person und ihren Affinitäten besteht sicherlich eine grosse Harmonie.
Geburt und Begriffe, Delikatesse, Takt, Gewissen decken einander. Ich glaube
das. Ich begreife es sogar - und - wie schon Madame Staël-Holstein sagte:
Begreifen heisst verzeihen. Nicht wahr, lieber Doktor?«
    Wenzel küsste noch einmal Regulas Hand, dankte ihr für das edle Wort, das sie
eben gesprochen hatte, fühlte sich beglückt durch den grossmütigen Entschluss, der
sich darin äusserte, und schied, wie er sagte, »gehoben und gerührt«.
    Auf dem Gange traf er Schimmelreiter samt Gattin und Bozena. Die
Neuvermählten waren in voller Gala gekommen, um dem Fräulein Heissenstein für die
Huld zu danken, die sie ihnen gestern durch ihre Anwesenheit beim Hochzeitsfeste
erwiesen hatte.
    Unterwegs trafen sie die Magd und vermochten sich, wie es schien, vom
Gespräche mit ihr gar nicht loszureissen. Die kleine dicke Frau Kati, deren
Gesicht bei Tageshelle glänzte, als hätte sie es in Öl gebadet, hielt Bozenas
Rechte fest in ihren fetten, mit gestrickten Handschuhen bekleideten Händen.
dabei blickte sie mit dem Ausdruck überströmender Liebe, Begeisterung und
Andacht zu der Riesin empor.
    Schimmelreiter umkreiste die Gruppe stolz und zärtlich wie ein Schwan sein
Nest und sagte alle Augenblicke zu Bozena: »Verehrte Freundin!«
    Es war also ausgemacht: Bozena blieb, aber ihre Stellung im Hause erlitt
eine Veränderung. Der geringste Lohn, den die Tugend für mannigfache Entbehrung
ansprechen darf, ist wohl der, die Sünde erinnern zu dürfen an die
Unübersteiglichkeit der Kluft, die sie voneinander trennt.
    Alsbald ereignete sich etwas Seltsames, man könnte es fast ein Wunder nennen
Das Fräulein verlor ihrer Dienerin gegenüber die Sprache und das Augenlicht. Und
wenn Bozena noch so dicht vor ihr stand und wenn sie ihr ein Glas Wasser
darreichte oder einen Befehl einholen wollte, um die Antwort auf eine
eingetroffene Erkundigung bat, gleichviel: das Fräulein war ihr gegenüber mit
einer Blindheit geschlagen, vollständiger als die Bileams, und mit einer
Stummheit, hartnäckiger als die des Zacharias.
    Nach einiger Zeit freilich zeigten sich die üblen Folgen dieses
Ignorierungssystems. Trotz des besten Willens, die unausgesprochenen Wünsche
ihrer Herrin zu erraten, gelang dies Bozena doch nicht immer, es gab so manches
Missverständnis, und Regula entschloss sich endlich, andere Saiten aufzuziehen.
    Zuvor jedoch wollte sie, musste sie der Verirrten die Augen öffnen, musste
einen Funken ihrer eigenen leuchtenden Moral in die Finsternis werfen, in der
die Unselige wandelte.
    Das Fräulein liess Bozena in den roten Salon bescheiden, auf dessen grösstem
Kanapee sie Platz genommen hatte. Sie fand nach einem Blicke in den
Pfeilerspiegel, dass sie sich gut ausnahm in dem stattlichen Raume, der
gewöhnlich unbewohnt war und in dem es immer, niemand wusste warum, nach Äpfeln
roch.
    »Bozena«, sprach die Dame zu der Eingetretenen nach einer Pause, in der sie
sich vergeblich bemühte, dem erstaunten, aber treuherzigen Blick zu begegnen,
den die Magd auf sie richtete, »Bozena, ich war lange Zeit zweifelhaft, ob ich
Ihnen noch ferner gestatten soll und darf, bei mir zu bleiben. Ja - sehr
zweifelhaft.«
    Die Rednerin wartete auf eine Einwendung, als keine erfolgte, fuhr sie fort:
»Sie werden wissen warum? ... Wissen Sie warum?«
    Bozena hatte die Augen gesenkt, ihre Lippen bebten leise, und sie antwortete
fast unhörbar: »Ja.«
    »Man hat Pflichten gegen sich selbst, Bozena«, nahm das Fräulein wieder das
Wort, »begreifen Sie das? ... Sie begreifen es vielleicht nicht - aber
gleichviel. Ich hätte die meinen gegen mich nicht ausser acht lassen sollen ...
und dennoch habe ich es getan, um eine Seele zu retten - die Ihre - begreifen
Sie das?«
    Das Fräulein hatte sich allmählich in eine giftige und erbitterte Stimmung
hineingeredet, die durch Bozenas scheinbare Ruhe, vor allem aber durch ihr
Schweigen bedeutend erhöht wurde. Sie murmelte etwas, das wie »Klotz!« klang,
und sagte dann laut mit beklommener Stimme, als wäre der Hals ihr
zusammengeschnürt: »Wenn ich soviel tue, werden Sie sich wohl bequemen, etwas zu
tun, hoff ich, Sie werden - hoffe ich, mein Vertrauen nicht missbrauchen ...
Was?« unterbrach sie sich plötzlich selbst, »was haben Sie gesagt?«
    »Nichts, gnädiges Fräulein«, antwortete Bozena. Dunkelrote Flecken brannten
unter ihren Augen, und ihr Busen flog.
    Regula wiederholte, mit den Nasenflügeln zitternd: »Nichts? - freilich ...
Ich muss Sie aber bitten, etwas zu sagen. Ich muss Sie bitten, mir das heilige
Versprechen zu gehen, dass Ihr Lebenswandel in Zukunft ein - ein -« sie suchte
nach einem bezeichnenden Worte, »ein sittsamer sein wird.«
    Bozena schwieg.
    »Versprechen Sie!« rief das Fräulein - ihr Atem wurde immer kürzer, immer
bissiger der Zug um ihren Mund -, »ich fordere Ihr Versprechen, wie gesagt, Ihr
heiligstes, dass Sie - dass ...«
    Regula hielt inne, schluckte einigemal hintereinander und sprach dann, wie
entschlossen, trotz allen inneren Widerstrebens den entscheidenden Schlag zu
führen: »Dass Sie ausser Verbindung bleiben ... dass Sie sich nicht wieder
einlassen mit Ihrem - Geliebten.«
    Das Fräulein warf von der Seite einen raschen Blick nach ihrer Magd. Diese
hatte die Hand auf die Brust gedrückt, und auf ihrem Angesichte lag der Ausdruck
eines Schmerzes, den das Menschenwort nicht ausspricht, jenes Schmerzes, der
stumm zum Himmel schreit.
    Nein! Nein! ... Hätte Regula gewusst, was sie tat, sie hätte es nicht getan,
nicht einmal sie, die herzlose Drahtpuppe!
    »Fräulein!« rief Bozena, einen Augenblick fassungslos, ausser sich. Bald
jedoch kehrte ihr die Macht der Selbstüberwindung zurück. Mit gewaltig
erzwungener Ruhe in Ton und Haltung, mit einem Klang der Wahrheit, der das
eingefleischte Misstrauen hätte überzeugen müssen, sprach sie: »Es ist alles aus
zwischen ihm und mir, seit Jahren aus.«
    Sonderbar und unbegreiflich! Regula empfand bei diesen Worten und der Art,
in der sie gesprochen wurden, die Beklemmung und das Unbehagen, die in den
Seelen engherziger Menschen die Ehrfurcht ersetzen. Von all den weisen Lehren,
die sie sich zurechtgelegt hatte, wollte ihr keine mehr einfallen. So blieb ihr
denn nichts übrig, als ein Ende zu machen. Und einige unverständliche Worte
murmelnd, entliess sie ihre Magd.
    Bozena sorgte dafür, dass die Schranke, welche das Fräulein zwischen sich und
ihr aufgerichtet hatte, niemals überschritten wurde. Ihr ganzes Benehmen gegen
die Herrin sagte deutlich: Du hüben - ich drüben. Du hast mit mir nichts gemein.
    Die Besorgnis jedoch, die Regula vor dem schädigenden Einfluss der Gefallenen
empfand, beschränkte sich auf ihre eigene Person; für ihre Nichte schien sie von
ihm nichts zu befürchten. Das Kind befand sich nach wie vor unter Bozenas Obhut.
    Regula war eine eifrige Besucherin des Teaters, und sobald sie sich, von
Herrn oder Frau Wenzel geleitet, dahin begeben hatte, erschien Mansuet, um
Bozena und Röschen nach seinen Gemächern abzuholen. Der Alte war zu der
Überzeugung gelangt, dass der Unterricht, den Professor Bauer dem Kinde erteilte,
eigentlich gar kein Unterricht zu nennen war. Und das Mädchen wächst heran, soll
etwas lernen, soll auch Begriffe kriegen von Literatur. Er holte alte Hefte
herbei, in die er vor Zeiten Gedichte und Lieblingsstellen aus den Werken
vaterländischer Autoren eingeschrieben hatte. Und während Bozena nähte und
Röschen eine Strickerei in den Händen hielt, die schon ganz grau aussah, aber
durchaus nicht wachsen wollte, las er den beiden Damen vor.
    Zu den köstlichsten Bissen von Mansuets poetischem Schmause gehörte
»Herkules am Scheidewege«, »Psychens Klagen« und »Amors Klage« von Bergel, »Die
ersten Genien der Menschen« (liebenden Eltern geweiht) von Paul Lamatsch von
Warnemünde, »Trinklied im Frühling« (nach Höltys Trinklied im Winter):
Das Glas gefüllt!
Kein Nord mehr brüllt - und so weiter.
»Letzter Wunsch« von Charlemont, das so wunderschön begann:
Wenn sie einst naht, die düstre Abschiedsstunde,
Das Aug sich trübt und leise pocht das Herz,
Wenn banges Weh entschwebt dem starren Munde
Und jede Lust verdrungen hat der Schmerz ... und so weiter.
Oder gar »Der Berggeist des weissen Gebirges«, Röschens Lieblingsballade, bei
welcher ihr so köstlich gruselte und bei deren letzten Strophen ihr kleines Herz
so laut pochte! - Sie rückte jedesmal ganz dicht an Bozenas Seite, wenn Mansuet
las:
Und die Sonne, blutig scheidend,
Sinket in der Berge Schoss,
Und von wilden Peitschenschlägen
Widerhallt das ganze Schloss.
Da erbraust's wie Sturmestoben,
Rings erregend Angst und Graus,
Von vier Rossen fortgezogen,
Fährt der Geist zum Schloss hinaus!
Hiess es dann dem alten Freunde eine Freude machen, so deklamierte Röschen in
voller Begeisterung und mit merkwürdigem Tonfalle »Osterreichs Termopylen
(1809)« von Charlemont. Wie glühten dabei ihre Wangen, wie glänzten die Tränen
in seinen Augen! Wie befriedigend endete nach einem solchen Hochgenuss der Tag
für den Greis und für das Kind!
    Andere Male wieder wurde der historischen Überlieferung ihr Recht. Mansuet
machte sein kleines Auditorium mit der ereignisreichen Geschichte der Kostka von
Postupitz bekannt. Er erzählte, um in Röschen die Liebe zu den Wissenschaften zu
wecken und ihr einen Begriff zu geben von den Ehren, zu denen man durch sie
gelangen könne, von Johanna von Boskowitz, der berühmten Äbtissin des
Zisterzienserinnenstiftes Maria Saal in Altbrünn. Im 16. Jahrhundert lebte sie
und war so gelehrt, dass ihr die Philologen Opat und Kzel ihre Übersetzung des
Neuen Testamentes widmeten. Auch Nachrichten aus dem Leben des grossen
Kremsierers Johannes Benedikti, des weisen Bertoldus de Wischaw und des
Meistersängers Bliczkowsky wusste Mansuet mitzuteilen. Ereignete es sich, dass
Röschen dabei ein klein wenig schläfrig wurde, so beeilte sich der Alte, etwas
Lustigeres vorzubringen. Mit einem Sprunge versetzte er sich in das königlich
städtische Nationalteater zu Brünn und zauberte »Die Fee aus Frankreich«, »Die
Grafen Mombelli« oder den »Schwarzen Wundermann« herbei, um seinen Liebling zu
ermuntern.
    Es waren köstliche Abende, diese bei Mansuet, am schönsten aber wurden sie,
wenn Bozena das Wort ergriff. So wie Bozena, meinte Röschen, könne niemand
sprechen, denn sie sprach ihr von ihren Eltern. Und auch Mansuet hörte sich
niemals satt an ihren Mitteilungen über das geliebte Paar.
    »Sagen Sie mir nur«, fragte der Alte, »wie war das, als der Herr Leutnant
fort musste ins Feld?«
    »Wie ich schon oft erzählt habe: traurig war's«, erwiderte Bozena. »Der
Doktor hat es dem Herrn Leutnant schon gesagt gehabt: Sie muss sterben, und ich
hab es von selbst gewusst ... Der Herr Leutnant hat sich beim Abschied sehr
zusammengenommen.«
    »Freilich, ein Soldat!« murmelte Mansuet.
    »Er hat sie ganz sanft geküsst und nur gesagt: Leb wohl und schone dich. Sie
hat ihm auch das Herz nicht schwer machen wollen und von nichts gesprochen als
vom Wiedersehen. In ihm war alles wie eingefroren. Doch als er gehen will,
streckt sie auf einmal die Arme nach ihm aus, und da verliert er seine Fassung.«
    Bozena hielt inne, machte eine Bewegung mit der Hand, als ob sie etwas von
sich abwehren wollte, und fuhr aufatmend fort: »Ich meinte schon, sie könne ihn
nimmermehr lassen, er könne sich nimmermehr losreissen ... Sie waren wie die
Kinder. Ach - so jung - so schön - so gut - und beide nur einen Schritt vom
Grabe!«
    Röschen hatte ihren Kopf in Bozenas Schoss gelegt, jetzt erhob sie ihn und
sagte mit seligem Lächeln: »So gut waren sie, Bozena?«
    »Und dann?« fragte Mansuet.
    »Dann nichts mehr. Diese da« - die Magd streichelte das Gesicht des Kindes -
»hat er auf den Arm genommen und sie zärtlich geküsst ...«
    »Weil er mich so liebgehabt hat!« warf das Kind voll stolzer Zuversicht ein.
    »Und sie mir zurückgegeben«, schloss die Erzählerin, »und gesagt: Bozena - du
wirst sorgen!«
    Ein langes Schweigen trat ein. Röschen schien eingeschlummert. Plötzlich
aber öffnete sie die schlaftrunkenen Augen und sprach, zu Bozena emporblickend:
»Bei der Hochzeit meiner Eltern warst du gewiss Brautjungfer!«
    Mansuet und Bozena tauschten einen raschen Blick; der seine hatte den
Ausdruck der Bestürzung, der ihre war finster und verwirrt.
    »Nicht wahr?« lallte Röschen mit schwerer Zunge und senkte die müden Lider.
    Bozena beugte sich über sie: »Nein, Kind - nein.«
    »Warum nicht?«
    »Es hätte sich nicht geschickt.«
    Das Kind hauchte leise ein zweites »Warum?« und schlief schon fest, als es
kaum ausgesprochen war.
    »O Herr Mansuet!« begann Bozena nach einer Weile und öffnete dem Getreuen
zum erstenmal ihr verschlossenes Herz. - »In der Nacht meine ich oft, die Worte
meines Herrn zu hören: Bozena, du wirst sorgen. Damals, wie er sie gesprochen
hat, da habe ich nur gedacht: Natürlich. - Und jetzt sind mir die Hände
gebunden, jetzt ist alles verloren, ich kann für niemand mehr sorgen, keinem
mehr helfen; denn ich bin - verachtet!«
    »Sie?« rief Mansuet.
    »Ja, ja, ich bin's! Wenn eines noch so hart ist gegen sich selbst - das
fühlt's doch! ... Ich hab das Unglück der Mutter auf dem Gewissen und das
Unglück des Kindes dazu! ... Ich kann nichts mehr tun für das Kind ...«
    »Was wollten Sie denn tun, Bozena?«
    »Ihm helfen zu seinem Recht - was sonst?«
    »Wie? ... dem Fräulein zum Trotz ...«
    »Nicht ihr zum Trotz! Mit ihrem Willen. Ich hätt's von ihr erlangt ... Noch
ein paar Jahre, Herr Mansuet, und was ich ihr geraten hätt, das hätte sie getan.
Glauben Sie's oder nicht - noch ein paar Jahre, und geführt hätt ich sie an
einem Haar! ... Gott straft mich schwer - ich bin hilflos und gebrochen und
werde zu dem Kinde meiner Rosa niemals sagen können an der Schwelle des
Vaterhauses: Tritt ein, du bist daheim.«
    Mansuet betrachtete sie staunend. Das also hatte sie sich zugetraut? Darum
also die schweigende Unterwerfung, der widerspruchslose Gehorsam, die stündliche
Selbstverleugnung? ... Das alles war bewusst, gewollt - war die Frucht ihrer
grossen Liebe und ihrer grossen Reue.
    Nein, denkt er, die Bozena lernt man nicht aus.
    Der alte Mansuet drückt die Hand an seine Stirn und spricht: »Wer weiss! ...
Wer weiss! ...«
 
                                       15
Jahr um Jahr verging. Röschen wuchs heran, körperlich und geistig gar seltsam
ausstaffiert - mit Regulas abgelegten Kleidern, mit Mansuets wunderlichem
Wissenskrame. Die ärmste Genossin eines reichen Hauses, besass sie nichts zu
eigen; als Kind auch nicht ein Spielzeug, später keine von all den kleinen
Herrlichkeiten, die, so wertlos und so wert gehalten, ein Mädchenzimmer
schmücken und ein Mädchenherz erfreuen.
    Mansuet sparte wie ein Hamster: »Für ihre Zukunft.« Jetzt, meinte er,
brauche sie nichts. Und Bozena gab ihm von ganzem Herzen recht. »Man tut ihr
nichts Gutes. Sie soll sich nur gewöhnen zu entbehren.« Aber Röschen entbehrte
nichts, weil sie niemals etwas besessen hatte und weil ihr jede Gelegenheit zum
Vergleiche mit andern fehlte. Sie hatte nur eine Sehnsucht und auch diese halb
unbewusst: die Sehnsucht nach mehr Luft, mehr Sonnenschein, als sie im düstern
Hause genoss.
    Bozena fand nie Zeit, sie spazierenzuführen, und Mansuet konnte sich
nachgerade nicht mehr entschliessen, seine Stube zu verlassen. Er wurde sehr alt
und etwas geschwätzig und wiederholte täglich dieselben Spässe. Das Fräulein
konnte nicht im Seidenkleide vorüberrauschen, ohne dass er sang: »Das Schiff
streicht durch die Wellen: Fidolin! Fidolin!«, Schimmelreiter nicht über den
Platz schreiten, ohne dass Mansuet deklamierte: »Guter Mond, du gehst so stille«,
und so weiter.
    Der Sekretär hingegen blühte wie ein Jüngling. Er war unbeschreiblich
glücklich mit seiner Kati und sang ihr Lob vor jedem, der es hören, und vor
jedem, der es nicht hören wollte.
    Fräulein Regula veränderte sich wenig; nur die Haut ihres Gesichtes wurde
etwas gespannter, nur ihre Zähne wurden noch etwas länger. Wenn auch die Zahl
ihrer Jahre zunahm, die Zahl ihrer Verehrer nahm nicht ab, denn der Reichtum,
besonders wenn er in stetem Wachsen begriffen ist, erhält immer jung.
    Die Stadt Weinberg hatte indessen teilgenommen an den Segnungen des
aufblühenden Verkehrs. Seitdem ein stattlicher Bahnhof sich dicht vor den
Anlagen erhob, seitdem der Eisenstrang die Stadt im Halbbogen umkreiste, seitdem
Telegraphendrähte Nachrichten aus allen Richtungen der Windrose über die Köpfe
der guten Weinberger hinübertrugen, war ein gewaltiger Andrang von fremden
Zuzüglern entstanden, von unternehmenden Leuten, die ihr Glück versuchen wollten
in der im Aufschwunge begriffenen Stadt. Neue Häuser wuchsen wie Pilze aus dem
Boden, Regula hatte drei bauen lassen, und im Gemeinderat wurde der Beschluss
gefasst, die Gasse, in der sie sich - weiss und glatt wie ungeheure Bogen Papiers
- erhoben, Heissensteingasse zu nennen.
    Sooft Regula an diesen ihren Schöpfungen vorbeiging, tat es ihr jedesmal
leid, dass die Pietät ihr verbot, in einer derselben ihren Wohnsitz
aufzuschlagen. Wie stimmten die scharfen Ecken, die geraden Stiegen, die
getünchten Gänge dieser Bauwerke mit ihrem Geschmacke überein! Im alten Hause
hatte sie sich gefürchtet von Kindheit an. Es knisterte so seltsam in seinem
Holzgetäfel, es war immer etwas laut in den Dielen, in den Decken. - Als hätten
die grauen Wände von dem Leben der Menschen, dessen jahrhundertlange Zeugen sie
waren, einiges in sich gesogen, vernahm man darin jene geheimnisvollen Stimmen
des Leblosen, welche die bang lauschende Seele mit leisem Grauen erfüllen.
    Aber wie gern sie es auch getan hätte, Regula verliess das Haus ihrer Väter
doch nicht, die Leute hätten sie vielleicht deshalb tadeln, sie für frivol oder
pietätlos halten können.
    Übrigens, was dereinst geschieht, kann niemand wissen; vorläufig ist sie
entschlossen, aus dem Familienhause erst zu scheiden - als verheiratete Frau.
Dass der Augenblick, in dem sie eine solche werden sollte, sehr nahe bevorstehe,
versichern der Direktor und der Sekretär auf das bestimmteste. Dem Grafen Ronald
liefe, wie man zu sagen pflegt, das Wasser bereits in den Mund, erklärte der
erste, er wisse nicht mehr, wo aus noch ein; die grösste Wohltat würde ihm der
erweisen, der ihn aufmerksam machte, wie nah die schönste Rettung liegt.
Schimmelreiter fragte ihn, ob er sich nicht selbst dieses Verdienst erwerben
wolle? ...
    Aber der Direktor bemerkte mit Feinheit, einen solchen Eingriff in ihre
Rechte dürfte ihm die Freifrau von Waffenau füglich übelnehmen.
    Der Verkehr zwischen Regula und jener vielbeschäftigten Dame war nicht
besonders lebhaft. Man sah einander zweimal im Jahre. Im Frühling machte das
Fräulein einen Besuch in Haluschka, im Spätsommer erwiderte ihn die Baronin. Da
kam sie mit ihrem Manne und mit zweien ihrer Söhne - sie hatten deren sechs -
nach Weinberg. Alljährlich wurden nämlich ein paar andere dieser Jünglinge auf
das Gymnasium geführt, um dort ihre Maturitätsprüfung zu machen. Sie fielen
regelmässig durch. Die Freifrau sagte: »Ei, ei, welche Schande!«
    Der Freiherr sagte: »Zum Gelehrten muss man halt geboren sein«, die
Weinberger wiederholten ihren alten Witz, der Baron Waffenau sei mit vier
Pferden nach Weinberg gekommen und mit zwei Eseln abgefahren - und alles war
gut.
    Die Stunden, die der Vater mit seinen Söhnen in dem Tempel der
Wissenschaften zubrachte, benützte die Mutter, um ihre Vorräte an Zucker und
Kaffee einzukaufen und einen Besuch bei Regula abzustatten. Die Baronin war eine
mittelgrosse Frau mit feinen Zügen, mit dunklen, immer noch feurigen Augen und
Leberflecken auf dem Gesichte; eine unvergleichliche Hausfrau und Gattin und
eine schwache Mutter. Sie war einst sehr schön gewesen, hatte aber keinen Wert
darauf gelegt. Die Sorgen für ihren eigenen Herd nahmen sie völlig in Anspruch;
fremdes Elend fand, soweit ihre beschränkten Mittel es erlaubten, bei ihr Hilfe,
aber kein Mitleid, nie war über ihre Lippen ein anderes Trostwort gekommen als:
»Es ist einmal so«, und - je nachdem es passte: »Sie sind selbst schuld«, oder:
»Wer kann dafür?« Gar nicht zu begreifen, ja völlig unnatürlich schien es ihr,
dass eine Frau sich für anderes lebhaft interessieren könne als für ihren Mann,
ihre Kinder und ihren Haushalt. Sogar ihren Eltern hatte sie sich allmählich
entfremdet. Von Rondsperg sprach sie nur, um zu sagen, dass sich dort alles
wohlbefinde. Wenn Regula sich die Bemerkung erlaubte, sie habe gehört, »Frau
Gräfin Mutter« seien unwohl gewesen, antwortete sie: »Meine Mutter hat eben
wieder einen ihrer gewöhnlichen Anfälle von Schwäche gehabt. Das hat nichts zu
bedeuten.«
    Und im stillen dachte sie: Was kümmert's dich, neugierige alte Jungfer!
    Einige Tage nach dem Gespräche zwischen Schimmelreiter und dem Direktor kam
die Baronin, diesmal zweispännig und allein, beim »Grünen Baum« angefahren. Sie
liess dort ihre Equipage einstellen, trug dem Kutscher auf, sich nicht zu
betrinken, die Pferde gut zu versorgen und für drei Uhr nachmittags alles zur
Abfahrt bereit zu halten. Sodann begab sie sich zu Fusse nach dem
Heissensteinschen Hause.
    Als sie bei dem Fräulein eintrat, befand sich die Baronin in grosser
Aufregung und gab sich keine Mühe, sie zu verbergen.
    Sie wisse wohl längst, sagte sie gleich nach den ersten Begrüssungen zu
Regula, und es sei ja ein öffentliches Geheimnis, dass die pekuniären
Verhältnisse ihrer Eltern nichts weniger als glänzend sind. Dennoch habe die
Mitteilung, die Ronald ihr gestern gemacht, sie traurig überrascht -: Rondsperg
muss verkauft werden, und zwar so bald als möglich, es gibt kein Mittel, der
Familie das Gut zu erhalten.
    Regula neigte ihr Haupt und sprach: »Das ist ja schrecklich.«
    »Wohl!« rief die Baronin, und ihre Stimme verriet eine tiefe Erschütterung,
»besonders wenn man an unsere alten Eltern denkt ... Aber - was ist zu tun? -
Sie glauben mir, liebe Regula, wenn ich Ihnen sage, dass ich nicht gekommen bin,
Ihnen vorzuklagen.«
    Regula versicherte, sie sei davon überzeugt, und die Baronin fuhr fort:
»Sondern vielmehr, um Ihnen einen Vorschlag zu machen, zu dem die Lage der Dinge
meinen Bruder zwingt: Wollen Sie Rondsperg kaufen, liebe Regula?«
    Das Gesicht des Fräuleins leuchtete auf im Triumph glücklich erfüllter
Erwartung, und die Baronin beeilte sich hinzuzusetzen: »Nämlich - unter einer
Bedingung!«
    Hastig fiel ihr Regula ins Wort und meinte, bevor von Bedingungen die Rede
sein könne, müsste man ihr Zeit lassen, den so unerwarteten Antrag in reifliche
Erwägung zu ziehen. Noch wisse sie nicht, ob sie überhaupt imstande sei, darauf
einzugehen.
    Ei! dachte die Baronin, willst du uns zappeln lassen - willst du uns in der
Kühlwanne halten, mein Schatz? und sagte mit einem scharfen Blicke und mit ganz
verändertem Tone: »Das versteht sich von selbst, einen solchen Entschluss fasst
man nicht von heut auf morgen. Und jetzt sagen Sie mir - wo kaufen Sie Ihren
Kaffee? Ich war mit meinem letzten Gold-Java äusserst unzufrieden!«
    Die Baronin erwähnte der Angelegenheit, die sie nach Weinberg geführt hatte,
mit keinem Worte mehr, aber Regula kam darauf zurück. Dies geschah auf dem Wege
zum Gastofe, wohin sie die Baronin begleitete. Beide Damen traten nun aus ihrer
Reserve und verständigten sich bald so weit, dass die Baronin sagen konnte, ihr
Bruder werde in den nächsten Tagen kommen, um mit Regula zu sprechen. Das
Fräulein erwiderte, es werde sie freuen, obwohl sie »eigentlich« Herrenbesuche
nicht empfange. Die Freifrau blieb voll Verwunderung stehen und wollte in ihrer
Aufrichtigkeit schon ausrufen: Tun Sie's getrost! Aber sie besann sich; Regulas
Miene und affektierte Befangenheit machten einen befremdenden Eindruck auf sie.
Wie ein Blitz durchzuckte sie der Gedanke: Die Weinhändlerin hält sich für
gefährlich! - und forschend betrachtete sie das gelbe Fräulein ... Ihr Reichtum
hat vielleicht doch schon einen oder den andern in Versuchung geführt. Ja, ja,
Geld beherrscht die Welt. Wäre sie nur nicht gar so reizlos - die einfachste
Lösung all der Verlegenheiten läge nahe. Der arme Ronald darf im Grunde weniger
Ansprüche machen als sie, und ein Ertrinkender greift sogar nach einer - Regula.
    Schweigend erreichte man das Tor des Gastofes. Der Wagen der Baronin war
bereits angespannt, sie bezahlte ihre Rechnung, wechselte einige Worte mit dem
Wirte und wandte sich abschiednehmend zu Regula, der sie beide Hände
entgegenstreckte. Das Fräulein legte die Fingerspitzen hinein: die leichte, aber
nicht erlernbare Kunst, einem Menschen warm und herzlich die Hand zu drücken,
verstand sie nicht.
    »Montag also kommt Ronald«, sprach die Baronin. Helle Tränen standen ihr in
den Augen, als sie davonfuhr. Seit der Todeskrankheit ihres ältesten Sohnes
hatte sie nicht mehr geweint. »Armer Ronald!« seufzte sie, »das Elend, nicht das
deine - das trügest du -, aber das Elend deiner Eltern oder - diese Frau! -
Armer Ronald - welche Wahl!«
    Ihr schwesterliches Herz, das lange geschlafen hatte, war plötzlich erwacht.
Die Zeit, die so vieles vollbringt, hatte dem Professor Bauer im Hause Regulas
die Stellung eines Hausfreundes gesichert, das heisst, er brauchte sich nicht
mehr immer misshandeln zu lassen, er durfte manchmal selbst misshandeln. Die
schüchternen Tage kamen bei ihm seltener, um so häufiger die melancholischen und
die rabiaten. Er quälte Regula oft mit seiner Eifersucht. Sie jedoch hatte sich
an seine bärbeissige Anbetung gewöhnt und hätte sie nicht mehr entbehren mögen.
Es ist doch sehr schmeichelhaft, einen Menschen nach Willkür froh oder traurig
machen, sein Herz stellen zu können wie eine Uhr, zu wissen: Diese
Anhänglichkeit ist wie ein gutes Gewehr, sie versagt nie.
    Der Professor schmollte, zürnte, verlor tausendmal die Geduld, aber er fand
sie immer wieder, denn er liebte und war treu. Zur Verzweiflung brachte ihn
Regula, wenn sie ihm ihre Freundschaft anbot und sagte, sie wolle leben und
sterben wie ihre Ideale: die Königinnen Elisabet von England und Christine von
Schweden. Der Professor schüttelte grimmig sein Haupt und erinnerte an die
Grafen Essex und Monaldeschi. Das Fräulein wurde ernstlich böse und erklärte
diese beiden Herren für Lügen der Geschichte. Hierauf entbrannte regelmässig ein
heisser Kampf; Ludwig Bauer schleppte alle möglichen Geschichtswerke herbei, die
Zeugnis für die in Frage gestellten Existenzen ablegen sollten. Regula wies die
Zumutung von sich, dergleichen zu lesen; man schied voll gegenseitigen
Unwillens, und es war vorgekommen, dass Professor Bauer sich durch volle drei
Tage im alten Hause nicht blicken liess wegen der Grafen Essex und Monaldeschi.
    Als er von dem bevorstehenden Besuche des Grafen Ronald hörte, geriet er in
grosse Unruhe.
    Er fragte so lange: »Was will er? Was hat er hier zu suchen?« bis Regula
abweisend sprach: »Vous m'ennuyez, cher professeur!«
    Die Vorbereitungen, die zu dem Empfange des seltenen Gastes getroffen
wurden, schmerzten den täglichen auf das tiefste. Er ging, wie er pflegte, wenn
ihm das Herz gar zu schwer war, zu Bozena und sprach: »Ich bitte Sie - was fällt
ihr ein? Jetzt wird das Silbergeschirr auf der Kredenz aufgestellt ... Eben bin
ich dem Hausknechte begegnet, der Teppiche aus dem Keller herauftrug ... Und die
Überzüge werden von den Kronleuchtern herabgenommen ... Hat man je dergleichen
gesehen? ... Was soll das alles heissen, sagen Sie mir um Gottes willen?!«
    Regula wusste sehr gut, dass der Professor bei Bozena über sie klagen ging,
aber das kümmerte sie gar nicht, obwohl es ihr sonst schrecklich war, wenn auch
nur eine Grille etwas anderes zirpte als ihr Lob. Sie war überzeugt, diese
Klagen spricht die Liebe, und die Verschwiegenheit hört sie an; sie sterben
innerhalb der vier Mauern der Stube Bozenas. Bei der ist ihre Herrin in guten
Händen, niemals wird die Dankbarkeit dieses Weibes gegen sie erlöschen. Bozena
würde sich Lieber die Zunge abbeissen als ein Wort des Tadels gegen sie
aussprechen, eher zugrunde gehen als nicken, wenn jemand ein ungünstiges Urteil
über sie fällt: Regula hatte ihre Verlässlichkeit hundertmal erprobt.
Der Tag, an dem Graf Ronald in Weinberg eintreffen sollte, erschien, und
Fräulein »von« Heissenstein, wie die Höflichkeit ihrer Mitbürger sie nannte,
empfing zur festgesetzten Stunde ihren Gast im roten Salon.
    »Sehr willkommen, Graf Rondsperg«, sprach sie und verfertigte eine ihrer
vortrefflichen Verbeugungen, durch welche sie Ehrfurcht vor dem Begrüssten und
Selbstgefühl, gemildert durch mädchenhafte Bescheidenheit, auszudrücken wusste.
    Wie schön er geworden ist! dachte sie dabei fast bestürzt und lud ihn mit
einer steifen Bewegung zum Sitzen ein.
    In der Tat, er hatte sich in den Jahren völliger männlicher Reife gar
herrlich entwickelt. Noch lag der Hauch der Jugend auf seinem Angesichte, aber
aus seinem ganzen Wesen sprach energische Entschlossenheit und die Ruhe
selbstbewusster Kraft.
    Vollkommene Unbefangenheit vermag in vielen Fällen auch die erfahrenste
Weltläufigkeit zu ersetzen. Unbeirrt durch Regulas Zierereien, verstand es der
einfache Ronald, das Gespräch allmählich auf das zu lenken, was ihm so wichtig
und so schmerzlich war: auf die Ursachen, die ihn zwangen, sich seines Gutes zu
entäussern. Sodann setzte er dem Fräulein die Vor-und Nachteile auseinander, die
ihr aus der Erwerbung Rondspergs erwachsen würden. Er wies ihr nach, wie die für
den Kauf verwendete Summe sich erst in Jahren, dann aber sicher und reichlich
verzinsen würde.
    Regula war ihm mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt.
    »Erlauben Sie!« fiel sie ihm jetzt in das Wort, »wenn ich die beiden nach
Ihrer Angabe zur Entlastung und Instruierung Rondspergs erforderlichen Summen
addiere, so ergibt sich der Preis, den Sie für das Gut fordern. Gesetzt, ich
schlösse den Kauf, was bliebe dann Ihnen?«
    »Nichts«, sagte Ronald mit grosser Gelassenheit, »aber glauben Sie nicht, dass
ich Ihnen Rondsperg ohne Ursache so wohlfeil überliesse. Meine Uneigennützigkeit
ist eine scheinbare. Man muss dem allzu billigen Verkäufer misstrauen, er
beabsichtigt vielleicht, sich bezahlt zu machen durch - Unbezahlbares.«
    Regula war im Begriffe auszurufen: Zu rasch! das kommt zu rasch! als ein
verstohlener Blick auf Ronald sie veranlasste, diese Worte vorläufig noch zu
unterdrücken. Auf seinen Lippen schwebte ein trauriges Lächeln, das sie
befremdete. Sie schwieg und war in Verlegenheit und hatte sonderbarerweise den
Wunsch, noch verlegener werden zu müssen.
    Ronald fuhr fort: »Sehen Sie, verehrtes Fräulein, als mir mein Vater vor
sechs Jahren Rondsperg übergab, tat er's im Glauben, damit ein unschätzbares
Geschenk zu machen, und als ein solches nahm ich es an. Hätte ich dem alten
Manne sagen sollen: Du gibst, was dir kaum mehr gehört, dein Eigentum ist dir
unter den Händen zerronnen. Dein Geschenk ist eine Last; bürde sie mir nicht
auf?«
    »Konflikt der Pflichten«, murmelte Regula und bemühte sich, einen
tiefsinnigen Ausdruck anzunehmen.
    »Auch Sie haben Ihren Vater geliebt!« rief Ronald treuherzig, »hätten Sie
vermocht, ihn aus einer beglückenden Täuschung zu reissen? ... Einen Greis, der,
in seinen Anschauungen befangen, die Wahrheit kaum mehr zu fassen vermöchte
oder, wenn er es vermöchte, unter ihrer Wucht zusammenbräche?«
    Regula schlug die Augen nieder und seufzte: »Was ist Wahrheit?«
    Ronald hatte sich nicht unterbrechen lassen, er sprach weiter: »Nein, dacht
ich; bleib in deinem Wahn und sinke sanft von ihm gewiegt in den Schoss der
ewigen Ruhe, dem du so nahe stehst ... Ich meinte es durchsetzen und ihm
Rondsperg noch erhalten zu können bis an sein Ende - ich habe mich getäuscht. Es
ist unmöglich, das Gut zu behaupten, ohne meine Schwestern, ohne Menschen, die
uns Vertrauen geschenkt haben, zu benachteiligen ... So suche ich denn einen
Käufer für Rondsperg, und da ich einen edlen Käufer brauche, bin ich gekommen,
um es Ihnen anzubieten.«
    Edel muss seine Gattin sein, sagte Regula bei sich. Sie zog ihr Taschentuch
hervor, um nur irgend etwas zu tun; sie richtete ihren Blick auf das schön
gestickte R.H. in der Ecke desselben und sah im Geiste eine Grafenkrone sich
neunzackig darüber erheben.
    Ronald schien eine Antwort zu erwarten, ein Zeichen der Aufmunterung, und
Regula fragte endlich: »Inwiefern brauchen Sie ihn edel?«
    »Weil ich ihm zumute«, erwiderte Ronald, »einen Besitz zu erwerben, den er
nicht antreten dürfte, solange meine Eltern leben. Mein Vorschlag lautet: Sie
kaufen Rondsperg, lassen aber den Kaufvertrag ein Geheimnis bleiben zwischen uns
und den von uns bestellten Zeugen. Ich verwalte vorläufig den Besitz für Sie und
übergebe Ihnen dereinst statt des verwahrlosten ein wohlgeordnetes Gut ... Sie
werden nicht viele Jahre warten ... Ich würde Ihnen ein treuer Verweser sein -
es gibt nichts, das ich nicht für die tun möchte, der meine Eltern es verdanken,
dass sie sterben dürfen auf ihrer heimatlichen Scholle.«
    Regula fragte sich, ob diese letzten Worte nicht beinahe ein Eheversprechen
entielten - wenn man es so nehmen wollte? Sie sann und sann. Ganz so, wie sie
sich's gedacht, war die Sache nicht gekommen. Eigentlich schlug ihr der Graf
einen guten Handel vor - unter einer sentimentalen Bedingung. Das letztere tut
er im Vertrauen auf den Ruf, den sie geniesst. Regula überlegt, dass ihr Ruf von
Edelmut und Seelengrösse sie schon manchen Gulden gekostet hat. Diesmal trägt er
etwas ein - viel sogar. Es ist ein Zukunftskauf, der ihr angeboten wird, aber
ein glänzender. Sie kennt Rondsperg durch den Direktor so genau! ... Nur ist ihr
mit dem Kauf allein nicht gedient - als Gräfin von Rondsperg gedenkt sie dort zu
residieren. Ronald sieht sie fragend an, wäre jetzt nicht der Moment gekommen
für sie - die Hand auszustrecken, für ihn - die grossmütige zu ergreifen?
    »Was sagen Sie, mein Fräulein?« spricht er.
    »Ich sage - ja«, lispelt sie und reicht ihm die zitternde Rechte.
    Er erfasst und drückt sie herzhaft: »Ich danke Ihnen!«
    Eine Pause tritt ein. Sein Haupt neigt sich leise. Nun erhebt es sich
wieder, und er fährt in entschlossenem Tone fort: »Die gemütliche Seite unserer
Angelegenheit wäre abgetan; die geschäftliche kommt an die Reihe.«
    »Schon abgetan?« ruft Regula unwillkürlich.
    Ronald betrachtete sie erstaunt, und sie schoss bestürzte Blicke umher, denen
es nur darum zu tun war, dem seinen auszuweichen. Wahrlich, sie hasste ihn
grimmig in diesem Augenblick!
    Sie fragt sich: Hat mich dieser Graf zum besten? Verbirgt sich Hohn hinter
seiner scheinbaren Offenheit? Sie sinnt bereits auf Rache, aber vor allem muss
ihre Verwirrung ihm verborgen werden. Regula lächelt sauersüss und spricht: »Das
Geschäftliche bitte ich abzumachen mit meinem Rechtsfreunde, Doktor Wenzel.«
    »Er ist auch der meine«, erwiderte Ronald, »und wenn Sie erlauben, will ich
sogleich zu ihm.«
    »Sie träfen ihn vermutlich auf dem Wege hierher, er wird mit uns speisen.«
    »Um so besser, wenn ich mich mit ihm in Ihrer Gegenwart besprechen darf. Und
wann gedenken Sie nach Rondsperg zu kommen, mein Fräulein?«
    »Was soll ich dort?«
    »Es kennenlernen. Sie müssen Rondsperg gesehen haben, bevor Sie es kaufen;
darauf bestehe ich.«
    Er fuhr mit der Hand über seine Stirn und setzte nach kurzem Schweigen
hinzu: »Sie werden über die Verwahrlosung erschrecken, die Ihnen dort auf
Schritt und Tritt begegnet. Ich wäre nicht gern Zeuge Ihrer ersten unangenehmen
Überraschung. Gestatten Sie mir, einige Tage nach Ihnen einzutreffen, um Sie in
Ihrem neuen Eigentume zu begrüssen.«
    Regula horchte hoch auf. Alle ihre entschwundenen Hoffnungen kehrten im
Fluge zurück. Vielleicht zögert er nur noch zu sprechen; er kann es ja kaum tun,
ehe sie ihren künftigen Wohnsitz sieht und sich mit ihm zufrieden erklärt.
    Und Regula flüstert schüchtern: »Unter welchem Vorwande könnte ich
erscheinen?«
    »Es bedarf keines Vorwandes. Sie werden eine Einladung von meiner Mutter
erhalten. Meine Mutter kennt unsere Lage genau!« Ronald sprach rasch und mit
einer Ergriffenheit, deren völlig Herr zu werden er nicht vermochte. »Obwohl sie
sich nicht darüber ausgesprochen hat, weiss sie, weshalb ich hier bin. Was meinen
Vater betrifft, so war es längst sein Wunsch, Sie nach Rondsperg zu bitten. Wir
hielten ihn davon ab, meine Mutter und ich. Der Unterschied zwischen der
Gastfreundschaft die wir einst in Ihrem Hause genossen, und der, die wir Ihnen
zu bieten haben, wäre zu gross gewesen.«
    »O Herr Graf!« sprach Regula geschmeichelt, »kein Wort weiter. Ich komme,
sobald die Frau Gräfin mich dazu auffordert. Es sei mir jedoch gestattet, meine
kleine Nichte und eine Dienerin mitzubringen ... denn so ganz allein - das
könnte auffallen ... Meinen Sie nicht auch?«
    Sie war in der heitersten Laune. Als ihre Tischgäste, Doktor Wenzel,
Professor Bauer und der Direktor, eintraten, hatten ihre Wangen ein belebtes
Gelb, das den Professor entzückte. Niemals war sie ihm angenehmer und, wie er
sagte, »bedeutender« erschienen, ihre Augen strahlten förmlich vor Klugheit, und
sie sprach gescheite Sachen. O wie hasste er den Reichtum der sie unabhängig und
zugleich für so viele begehrenswert machte! Er hätte ihre Häuser verbrennen, in
ihren Geldschrank einbrechen und seinen Inhalt in alle Winde streuen mögen. Er
war überzeugt, dass sie füreinander geboren waren und dass nichts zwischen ihnen
stand als dieser abscheuliche Reichtum. Wenn Regula zuzeiten gnädig sagte: »Ja,
mein Freund, ich ermesse die Tiefe der Neigung, die Sie mir weihen«, wähnte er
sich dem Inbegriff aller Seligkeiten näher. Ludwig Bauer glich der Kohle, die
sich in einen Eisblock verliebte und meinte, der weine vor innerer Rührung, weil
ihre Nähe ihn tauen machte.
    Das Diner fiel vortrefflich aus. Der Tisch war tadellos gedeckt, ein
Bedienter in einfacher, gar nicht geschmackloser Livree servierte behend und
geräuschlos die feinen Gerichte, die milden und feurigen Weine. »Echter
Heissensteiner!« rief der Direktor nach jedem Trunke begeistert aus.
    Die Herren machten der Mahlzeit alle Ehre - den Professor ausgenommen, der
sich sonst eines guten Appetits erfreute, aber heute nicht essen konnte. Er
verschlang nur Ronald - nämlich mit den Augen. Ihm schwante Böses.
    Und Ronald dachte: Dieser Mann der Wissenschaft scheint sehr aufgeregt; er
ist gewiss im Begriffe, eine Entdeckung zu machen.
    Der Professor jedoch machte keine andere Entdeckung als die immer neue
seiner Liebe zu Regula.
 
                                       16
Die Eisenbahnfahrt dauerte nur wenige Stunden. Schon um zwölf Uhr mittags waren
die Reisenden auf der Station angelangt, wo der Wagen aus Rondsperg ihrer
wartete - eine grüne Kalesche auf Schneckenfedern, mit schmalem Kutschbock, der
in der Luft zu schweben schien. Freundlich grinsend begrüsste der Kutscher die
Damen und hob sie in den Wagen. Mit Hilfe zweier Volontärs, die ihre Dienste
angeboten hatten, band er sodann den Koffer des Fräuleins und die Reisetaschen
ihres Gefolges auf das Trittbrett fest und schwang sich auf seinen luftigen
Sitz. Die Volontärs forderten eine unverschämte Entlohnung für ihre Mühewaltung,
Regula machte ein saures Gesicht, murmelte etwas von »idyllischen Zuständen«,
bezahlte, und die Equipage setzte sich in eine halb wiegende, halb schaukelnde
Bewegung, die Röschen entzückte. Trotz der Abmahnungen ihrer Tante stand sie
auf, kniete auf dem Rücksitze des Wagens nieder, lehnte sich an den Kutschbock
und begann ein eifriges Gespräch mit dem Rosselenker. Er war ein alter Mensch
mit krummem Rücken, trug einen weitläufigen Rock aus grobem grauem Tuch und auf
dem Kopf einen hohen Zylinder, den er trotz des schönen Wetters unter den Schutz
eines Überzugs aus Wachsleinwand gestellt hatte, dessen Bändchen ihm gemütlich
um die Nase baumelten.
    Regula hatte sich anfangs sehr unwirsch über die Hitze geäussert, sich aber
doch nicht entschliessen können, den grünen Gazeschleier zu lüften, unter dem sie
beinahe erstickte. Zuletzt kam sie in so üble Laune, dass sie gar nicht mehr
sprach, den Fächer dicht vor das Gesicht hielt und mit geschlossenen Augen sich
in die Ecke des Wagens drückte, während Bozena wie eine japanische Zofe einen
grossen Sonnenschirm über dem Haupte der Herrin ausgespannt hielt.
    Röschen schwatzte indessen eifrig mit dem Kutscher weiter. Den Gegenstand
ihres Gesprächs bildeten die zwei Braunen, die in bequem zottelndem Trabe das
Gefährt hügelauf, hügelab zogen. Sie waren beide tief eingesattelt und hatten
lange, abstehende Ohren, die sie unaufhörlich bewegten. Ihre Namen waren Kocka
und Myska (Katze und Maus), und Florian hatte sie gewartet von ihrem ersten
Lebenstage an bis zu dem ehrwürdigen Matronenalter, in dem sie jetzt standen. Er
erzählte seiner aufmerksamen Zuhörerin, sie seien Schwestern, die eine sechzehn
Jahre - Röschen rief: »Gerade wie ich!« -, die andere siebenzehn Jahre alt, und
beide besässen erwachsene Kinder. Als so klug schilderte er seine Zöglinge, dass
man wohl begriff, warum er es für überflüssig hielt, ihnen irgendwelche Leitung
oder Ermahnung angedeihen zu lassen. »Die spinnen so fort«, sagte er, »wenn
drauf ankommt, ganze Tog, hoben Weg in die Füss!« Lustig tanzten die Zügel auf
den Kruppen der Braunen, als hätten sie nur den Zweck, ihnen die Fliegen zu
verscheuchen. Wenn Myska, was regelmässig geschah, sooft es bergab ging,
stolperte, rief Florian mit geheuchelter Verwunderung: »Oho?!«
    Röschen meinte, die Fahrt habe kaum begonnen, als sie sich schon ihrem Ende
nahte. Man war am Ausgange eines Wäldchens aus Laub- und Nadelholz angelangt.
Florian richtete sich so gerade auf, als die Beschaffenheit seines Rückens es
erlaubte, deutete mit der Peitsche auf ein grosses, viereckiges Gebäude, das
inmitten der Felder vor einem langgestreckten Dorfe lag, und sprach, die Brust
von Stolz geschwellt, das Haupt auf die Seite geneigt, über die Achseln zu
Röschen: »Rondsperg!«
    Nun wurde ein schmaler Feldweg eingeschlagen, der sich so wunderlich krümmte
und wand, dass es schien, als führe er statt in die Nähe des Reisezieles weitab
von ihm. Kocka und Myska wussten das aber besser. Sie stiessen einander mit den
Köpfen an und liessen ein gedämpftes Wiehern vernehmen, ohne Übermut, aber voll
Zufriedenheit. Jedes Kind musste verstehen, dass sie sagten: Wir sind zu Hause!
    Jetzt fuhr der Wagen über eine Hutweide, auf der einige Kühe ihr Futter
suchten, aber nicht fanden, wie ihre eingefallenen Flanken und ihre
schlotternden Euter bewiesen. Florian rang mit sich selbst, ob er etwas oder
nichts sagen sollte. Nach einer Weile entschloss er sich zu ersterem und erklärte
in bedauerndem Tone: »Herrschaftliche Viech!« -
    Doch rasch, als gälte es, den unliebsamen Eindruck, den seine Worte
hervorgebracht haben mochten, schleunigst zu verwischen, streckte er den Arm mit
der Peitsche aus, beschrieb einen Bogen, der den halben Horizont umfasste, und
sprach: »Herrschaftliche Grund!«
    Ein unabsehbares Heer aufgescheuchter, mit den Flügeln schlagender Gänse
begrüsste die Ankömmlinge mit lautem Geschnatter. Ohne sich davon beirren zu
lassen, liefen die Braunen über eine breite, geländerlose Brücke, welche die
Ufer eines seichten, sanft dahingleitenden Bächleins miteinander verband, und
einer Allee von überständigen, meist gipfeldürren Pappeln zu, an deren Ende die
Einfahrt zum Schloss sichtbar wurde. Es war dies ein gemauerter Bogen zwischen
zwei steinernen Säulen, auf denen verwitterte Unholde hockten, die unförmigen
Tatzen auf Wappenschilder gestützt, deren Embleme nicht mehr sichtbar waren. Die
Pferde lenkten ein, der Wagen rasselte über das Pflaster des Schlosshofes und
hielt unter der Einfahrt. Nachdem Florian aus allen Kräften mit seiner Peitsche
geschnalzt hatte, erschien ein Diener in einem flatternden Zwilchkittel, öffnete
den Wagenschlag und half den Damen beim Aussteigen. Bozena machte sich, von
Florian auf das bereitwilligste unterstützt, mit der Bagage zu schaffen, Regula
und Röschen traten in die Halle. An beiden Seiten derselben befanden sich hohe
verhangene Glastüren; eine Doppeltreppe, dem Eingange gegenüber, führte zu dem
ersten Geschosse empor. Die Bildhauerarbeit an der Steinrampe und die
Stukkaturen an den Wänden waren so oft übertüncht worden, dass es kaum mehr
möglich war, ihre ursprünglichen zierlichen Formen zu erkennen.
    Vom Korridor her kamen der Graf und die Gräfin herbei und blieben, ihre
Gäste erwartend, auf dem obersten Treppenabsatze stehen. Regula beschleunigte
ihre Schritte nicht; langsam stieg sie hinan, warf schräge Blicke um sich und
dachte: Ärmlich! ... Ärmlich! - Voll peinlicher Ungeduld folgte Röschen der
Tante und flüsterte ihr zu: »Sie warten, die alten Leute warten!«
    Endlich vor dem Paare angelangt, machte Regula eine tiefe Reverenz, der Graf
erwiderte sie freundlich mit entblösstem Haupte, die Gräfin verbeugte sich
mehrmals nacheinander; rasch und, wie es schien, unwillkürlich bewegten sich
ihre Lippen. -Wehmütig ergriffen von dem Anblick der alten Frau, trat Röschen
auf sie zu und küsste ihre Hand. Der Graf bot der Tante seinen Arm, die Gräfin
nahm den der Nichte, und so geleiteten sie ihre Gäste zu den ihnen bestimmten
Gemächern. An der Schwelle blieb der Hausherr stehen und sprach: »Es ist alles
zu Ihrem Empfange bereit, treten Sie ein, meine Damen.«
    Die Hausfrau stammelte einige Worte der Entschuldigung und bat,
vorliebzunehmen.
    Unzufrieden unterbrach sie ihr Gemahl: »Ohne Komplimente! Nicht wahr, meine
Damen? - Lassen Sie sich's bei uns gefallen. In einer halben Stunde wird die
Tischglocke das Zeichen zur Tafel geben. Auf Wiedersehen!«
    Die Zimmer, welche die Ankömmlinge bezogen, waren gross und kahl: sie boten
die Aussicht auf den Teich des Dorfes und auf einen Teil des verwilderten Parks.
Ein kleineres, an das Röschens anstossendes Zimmer war für Bozena bestimmt.
    Regula liess sich von dieser ankleiden und fragte spöttisch: »Wie gefällt es
Ihnen hier? - Ein hübsches Haus? - Ein hübscher Park?«
    dabei rieb sie sich die Hände mit Mandelkleie und sagte zu sich selbst: Das
wird anders werden.
    Sie hatte ihre Toilette eben beendet, als eine heisere Glocke ertönte und
derselbe alte Diener, der sie am Wagen begrüsst hatte, die Meldung brachte, die
Suppe sei aufgetragen.
    Der »Lakai« war jetzt mit einem Frack nach der Fasson des Rondsperger
Schneiders angetan. Er hatte ein weisses Tuch um den Hals geschlungen und trug
Gamaschen, aber keine Handschuhe. Die Wappenknöpfe, die auf seiner Kleidung
angebracht waren, mochten wohl einmal versilbert gewesen sein.
    Mit einer gewissen nachlässigen Grazie geleitete der Edle, sich von Zeit zu
Zeit umsehend, ob sie ihm auch folgten, die Damen in den Salon. Der lag in der
Mitte des Gartenflügels, hatte fünf Fenster und den Umfang einer mässig grossen
Reitschule. An den Wänden liessen sich die Spuren einer äusserst feinen und zarten
Malerei entdecken und Reste von Vergoldung an der weiss lackierten Einrichtung im
Stile des Kaiserreichs. Über einem Kanapee, auf dem sechs Personen bequem Platz
gefunden hätten, hing das Brustbild der Mutter des alten Grafen. Sie war als
Hebe gemalt und nur mit einer roten Echarpe aus durchsichtigem Stoff bekleidet.
Regula, deren Auge sich zufällig zuerst auf sie gerichtet hatte, dachte mit
stillem Entsetzen: Die Hebe wird verbrannt! - Und doch war dieses Bild das
einzige in dem ganzen Gemache, das nicht mit grausamer Beredsamkeit von Verfall
sprach. Die blauen Seidenüberzüge der Möbel, so matt und glanzlos und so
vielfach geflickt, die kunstvoll geschnitzten Trophäen über den Fenstern und
Türen, die einst kostbare Vorhänge getragen hatten und jetzt so nutzlos in ihren
eisernen Haken hingen, an den Pfeilern die halb erblindeten Spiegel, die traurig
all diese verblichene Pracht widerstrahlten, wie deutlich bezeugten sie den
Gegensatz, der hier herrschte zwischen einst und jetzt!
    Am Eingange des Saales stand das greise Ehepaar, wie es im Treppenhause
gestanden hatte. Er zufrieden und selbstbewusst; sie kummervoll und beschämt. In
respektvoller Entfernung hielt sich ein grosser alter Mann mit derben Zügen, das
dichte graue Haar über der Stirn zu einer Schnecke zusammengedreht, einen
goldenen Siegelring auf dem knochigen Zeigefinger. Er wurde von dem Hausherrn
als »mein Burggraf« vorgestellt, und man begab sich zu Tische. Die Gräfin selbst
servierte eine safrangelbe Suppe, und Peter trug mit grosser Geschäftigkeit die
gefüllten Teller umher und schien sich nichts daraus zu machen, wenn sein heisser
Inhalt seine Daumen umspülte.
    Ein bäurischer Gesell, Peters Gehilfe, den dieser seit langem mit wenig
Geduld und wenig Glück in die Geheimnisse seines Berufes einzuführen suchte,
schlich hinter ihm her. Peter kommandierte ihn mit Blicken, Winken und
halblauten Anrufungen, wovon eine - sie lautete: »Du Ross!« - vom Grafen überhört
wurde, die Gräfin in Schrecken versetzte, Regulas Indignation erweckte und den
Burggrafen ergötzte.
    Auf dem Tische stand prachtvolles Obst in Schalen aus Sevresporzellan und
dazwischen ein Bronzeaufsatz; wunderbare Arbeit aus der besten Florentiner Zeit,
ein Kunstwerk von hohem Werte.
    Regula nahm sich vor, heute noch an Wenzel zu schreiben, im Kaufvertrage sei
der Punkt, der von der Erwerbung des Schlosses samt Mobiliar handelt, ganz
besonders zu betonen.
    Und sie sprach: »Ein bewunderungswürdiger Tafelschmuck! - Die Figuren sind
vorraffaelisch gedacht und könnten wohl von Donatello oder von Bruneleschi
ausgeführt sein, wenn nicht gar von Ghiberti - ja, ich würde es sogar wagen, sie
Benvenuto Cellini zuzuschreiben.«
    »Sie sind Kennerin!« antwortete der Graf vergnügt. »Ich hatte keine Ahnung
von dem Werte dieses Dings. Ein Schurke von Antiquar, der hier herumreist und
die Schlösser unter dem Vorwande bestiehlt, er wolle Einkäufe machen für
Sabatier in Paris, hat viele tausend Francs dafür geboten. Aber wir pflegen
nicht Handel zu treiben, und ich gab Befehl, den Mann an die Luft zu setzen.
Unter anderm« - sprach der Greis lebhaft zum Burggrafen -: »Ist es geschehen?
Ich vergass bisher, danach zu fragen: Ist es geschehen?«
    Der Burggraf verneigte sich und erwiderte: »Sozusagen, gräfliche Gnaden.«
    Während die Suppe gegessen wurde, stand Peter mit verschränkten Armen am
Kredenztische und warf unverschämte Blicke auf die beiden Fremden. dabei dachte
er: Nun, ihr Weinhändlerinnen, gefällt es euch bei uns? Habt ihr in eurem Leben
schon etwas dergleichen gesehen? ... Was sagt ihr dazu?
    Dann servierte er weisses ausgekochtes Rindfleisch auf silberner Schüssel und
Kohlrüben in einer blauen Kasserolle mit abgebrochenem Henkel.
    Der Hausfrau standen Schweisstropfen auf der Stirn, der Hausherr war in der
muntersten Laune, und als Peters Adlatus eine der Sevresschalen fallen liess und
diese zerbrach, sagte der Graf: »Es tut nichts; mein Peter repariert das wieder.
Nicht wahr, Peter?«
    Peter zog den Mund so schief, als wollte er sich in das Ohr beissen, und
antwortete: »Jo.«
    Der Graf sprach mehrmals von Ronald, doch geschah dies immer in gereiztem
Tone. Er stellte selten eine Behauptung auf, ohne hinzuzufügen: »Mein Sohn ist
andrer Meinung.« Er bedauerte, dass Ronald nicht anwesend sei, um den Damen die
Honneurs von Rondsperg zu machen - aber: »Mein Sohn ist niemals da, wo er sein
sollte.«
    »Er kommt morgen«, warf die Gräfin ein.
    Ohne Notiz von den Worten seiner Frau zu nehmen, erklärte der Greis seinen
Gästen, warum er sie nicht begleiten könne bei den kleinen Ausflügen in die
Umgebung, die er ihnen zu unternehmen riet. Er hatte die Grenzen des Parks seit
dem Jahre achtundvierzig nicht mehr überschritten, denn er wollte sich nicht der
Möglichkeit aussetzen, einem Bauern zu begegnen, der sich vielleicht besänne, ob
er den Hut vor ihm abziehen solle, oder gar einem, der ein Gewehr auf dem Rücken
trüge. »Wenn man zu alt ist, die Anarchie zu bekämpfen, muss man zum mindesten
gegen sie protestieren. Mein Sohn freilich verträgt sich mit ihr«, setzte er
achselzuckend hinzu.
    Nach dem Speisen begab man sich in den Garten. Der Kaffee wurde auf der
Terrasse getrunken, die den Gartenflügel des Schlosses umgab und zu der man
durch die Halle und eine Salle à terrain gelangte, welche einst, ihrer kühlen
Lage und freundlichen Aussicht wegen, als Sommerspeisesaal gedient hatte.
    Von der Terrasse aus überblickte man einen Teil des Parks, der allen
Anforderungen, die Jean Jacques Rousseau an einen solchen stellt, auf das
vollständigste entsprach. Ringsum dehnte sich das fruchtbare, wohlgepflegte
Land. Da war jedes Fleckchen ausgenützt, jeder Wegrain mit Obstbäumen bepflanzt.
Schwerlich hätte ein Maler sich hier seine »Motive« geholt; die charakterlosen
Hügel in der Nähe, die grüne Bergesreihe, die den Horizont mit einer fast
geraden Linie abschloss, konnten auf Schönheit keinen Anspruch machen, aber
herzerfreuend wie die Grossmut, wie die Dankbarkeit war der Anblick des
tausendfachen Segens, mit dem dieser Boden die Sorgfalt lohnte, die ihm zuteil
wurde von Menschenhand.
    Der Graf blieb neben Regula stehen und sah sie erwartungsvoll an. Sie
schwieg und - schwieg.
    Er sprach endlich mit Ungeduld: »Was sagen Sie zu meiner Aussicht?«
    Regula liebte es nicht, interpelliert zu werden. Mit steifer Haltung und
einem bösen Lächeln antwortete sie: »Wenn ich gleich Ihnen, Herr Graf, mit
Polykrates sprechen dürfte: Dies alles ist mir untertänig, würde ich ohne
Zweifel finden, dass Ihre Aussicht schön sei.«
    Röschen hatte sich stumm neben die Gräfin gesetzt und versank ganz und gar
in Bewunderung. - So grosse Weizenfelder, das ist ja eine Pracht! Und wie der
Wind spielend darübergleitet und sanfte Wellen sich bilden, die jetzt wie Silber
schimmern und jetzt wie Gold. Der Schatten einer Wolke kommt geflogen und
spiegelt sich in diesem Meere von Ähren. Neben den gelben Feldern stehen grüne,
dazwischen farbenprächtige Mohnblumenbeete, sie würden einen Garten schmücken!
An der Ecke der Parkmauer, wo der Weg in das Dorf führt, erheben sich drei
uralte Linden, ihre Zweige sind so dicht verschlungen, dass sie zusammen nur eine
Krone bilden - eine Riesenkuppel über dem heiligen Johannes aus Stein, der sein
graues Haupt zu dem Kreuz in seinem Arm demutvoll niederbeugt.
    Die vom Acker heimkehrenden Weiber, mit schweren Grasbündeln auf dem Rücken,
steigen, so müde sie sind, doch die Stufen des Standbildes hinan und küssen den
halbverlöschten Namen Jesu auf seinem Sockel. Desgleichen tun die alten Bauern,
und ihre aufgeklärteren Söhne entblössen zum mindesten das Haupt vor dem
Schutzpatron des Dorfes. - Die Sonne neigt sich zum Untergange, immer einsamer
wird es auf den Wegen, nur einzelne Nachzügler kommen noch langsam
einhergeschritten. An ihnen vorbei galoppiert eine Schar kleiner Jungen mit
nackten Beinen; sie reiten die Pferde von der Hutweide nach Hause unter Hurra
und lautem Geschrei ...
    Röschen möchte mit ihnen jauchzen, so seelenvergnügt fühlt sie sich. Sie
sieht die Augen der Gräfin mit dem Ausdruck so innigen, so mütterlichen
Wohlgefallens auf sich gerichtet. Ach, könnte sie etwas tun für die arme alte
Frau! ... Aber sie kann nichts tun, als sich zu ihr neigen und sagen: »Wie schön
ist es bei Ihnen!«
    Die Greisin streichelt ihr sanft die Wange - der alte Herr blickt schalkhaft
zu ihr hinüber und droht ihr mit dem Finger: »Oh - o diese Augen! Werden die
noch Unheil genug in der Welt anrichten? ... Sehen Sie mich nicht an, Fräulein
von Fehse - sehen Sie mich nicht an!«
Am nächsten Morgen, in aller Gottesfrühe, war Röschen schon im Garten, und zu
Mittag lag schon - niemand wusste, durch welche Zauberkünste - das Kindervolk im
ganzen Umkreise des Schlosses in ihren Fesseln. Die zwei »Jüngsten« des Maiers
und das »Allerjüngste« des Schmiedes und die »Sämtlichen« des Gärtnergehilfen
liefen hinter ihr her wie Hündlein. Eine kleine, kugelrunde Anitschka mit kurzem
Näschen und roten Pausbacken pflanzte sich vor dem Schlosstore auf, als Röschen
darin verschwunden war, und liess sich so wenig wie eine treue Schildwache von
ihrem Posten vertreiben. Sobald der Gegenstand ihrer Leidenschaft wieder
erschien, machte sie eine dicke Lippe, ergriff eine Falte von Röschens Kleid und
watschelte so resolut neben ihr her, als hiesse es nun: Durch Not und Tod!
    Während Röschen die Jugend bezwang, eroberte Bozena das Alter. Gleich bei
ihrer ersten Begegnung mit ihm hatte sie des alten Grafen Gunst errungen. Er
erklärte sie sofort für eine der gescheitesten Personen, die ihm jemals
vorgekommen seien. Sie musste sich nachmittags auf der Terrasse einfinden und die
Aussicht bewundern. Zufällig - dieser Zufall traf immer ein, sobald der Greis
zehn Worte mit einem fremden Menschen gewechselt hatte - kam das Gespräch auf
die Ereignisse des Jahres achtundvierzig. Bozena erzählte, durch seine Fragen
gedrängt, von ihrem Aufentalte in Ungarn, von ihrer Wanderung durch das kaum
niedergeworfene Land. Der Graf - honneur aux dames! - forderte sie auf, sich zu
setzen, und als Bozena diese Zumutung, als könne sie nur im Scherze gemeint
sein, lächelnd ablehnte, nahm der alte Herr seinen Hut ab und legte ihn neben
sich auf die Bank.
    Beim Abendessen sprach er mit Regula mehrmals von ihrer Magd: »Eine Libussa,
Ihre - wie heisst sie? ... Eine Fürstin Libussa! ... Eine solche Dienerin macht
der Herrin Ehre. Auf Ihr Wohl, mein Fräulein!«
    Er leerte ein Glas sauern Landweins mit einem solchen Behagen, als verwandle
er sich auf seiner Zunge in den edelsten Johannisberger.
    Regula hatte den Nachmittag ihrer Korrespondenz gewidmet. Sie schrieb einen
langen Brief an Wenzel und einen nicht viel kürzeren an Mansuet. Dem letzteren
trug sie Grüsse auf an alle ihre Bekannten und Verehrer. In der langen Liste der
angeführten Namen fehlte nur der des Professors Bauer. Von diesem Getreuen
erwartete sie schon mit der morgigen Post einen Brief, den zu beantworten sie
sich vornahm.
    Ihr letzter Gedanke, als sie ihr Haupt auf das Kissen ihres dürftigen Lagers
legte, war an ihn: Was wird er sagen, wenn er von meiner Verlobung hört? ... Der
Arme - vielleicht erschiesst er sich!
Es war Sitte auf Schloss Rondsperg, um neun Uhr zur Ruhe zu gehen. Drei Stunden
vor Mitternacht musste der Graf geschlafen haben, sonst hatte er, seiner Meinung
nach, nicht geschlafen. Um zehn Uhr durfte eigentlich kein Licht mehr im Hause
brennen. So war denn auch heute alles still und dunkel, als Ronald langsam in
den Schlosshof ritt. Nur an einem Fenster schimmerte noch ein matter Lichtschein
wie der von einer verdeckten Lampe. Zu diesem blickte Ronald eine Weile sinnend
und zögernd empor, dann fasste er einen raschen Entschluss, übergab seinen Klepper
- einen Sohn der Myska - dem herbeieilenden Florian und trat einige Minuten
später, nach leisem Pochen, in das Schlafzimmer seiner Mutter.
    Die alte Frau sass noch angekleidet vor dem Arbeitstischchen im Fenster. Vor
ihr auf dem Nähkissen lag ein zerlesenes Buch: Albachs »Heilige Anklänge«. - Bei
dem Anblick ihres Sohnes fuhr sie erschrocken zusammen; er bemerkte es wohl und
sprach beklommen: »Sie sind noch auf, gute Mutter ...«
    »Ich werde sogleich Nacht machen - wollte nur noch -« wie entschuldigend
wies sie auf das Buch, »ein wenig beten.«
    »Der Vater schläft?«
    »Seit einer Stunde.« Sie wagte nicht, ihn anzusehen; ein Gefühl peinlicher
Furcht hatte sie ergriffen, das echt weibliche Gefühl der Furcht vor der
Entscheidung. O ging er wieder! ... O spräch er nicht! dachte sie und sagte: »Es
ist spät.«
    Ronald blieb trotz dieses Winkes. Er holte einen Stuhl aus der Ecke des
Zimmers und setzte sich seiner Mutter gegenüber.
    »Wir haben Gäste?« fragte er.
    »Ja. Und - die kleine Waise«, fügte sie mit Lebhaftigkeit hinzu, »welch ein
holdes Geschöpf! ... Ein Herzenslabsal, dieses Kind ...«
    »So?« entgegnete Ronald zerstreut und suchte vergebens nach Worten. Auch er
hatte die Augen gesenkt und sah die Hände seiner Mutter in ihrem Schoss beben;
und diese welken, hilflosen Hände raubten ihm den Mut, brachten ihn um seine
Entschlossenheit.
    Mutter und Sohn wandelten seit Jahren fast stumm nebeneinander. Was am
schwersten auf ihnen lastete, darüber durften sie nicht sprechen, denn es hätte
zur Klage geführt über den Gatten, den Vater, und Sorglosigkeit zu heucheln
vermochten sie nicht.
    Bei ihrem Manne und bei der Tochter, die in ihrer Nähe lebte, hatte die
Gräfin es endlich aufgegeben, Verständnis zu suchen; allzu verschieden von ihr
waren sie geartet. Durch mehr als vierzig Jahre konnte sie es täglich erfahren:
Sie lieben mich, aber sie kennen mich nicht. Von der zweiten, ihrer
Lieblingstochter, war sie durch die Verhältnisse getrennt. Jahre verflossen,
ohne dass sie ihres Anblicks froh wurde, Monate, ohne dass Nachrichten von ihr
eintrafen. Alle an seine Frau gerichteten Briefe gingen durch des Grafen Hände,
er bemerkte es missbilligend, wenn die Korrespondenz zwischen Mutter und Tochter
zuzeiten etwas lebhafter wurde.
    »Eine glückliche Frau hat nichts zu schreiben«, meinte er, »und glücklich zu
sein ist die Pflicht einer jeden, die einen braven Mann hat.«
    Es war endlich dahin gekommen, dass die Gräfin nur noch mit Bangen dem
Erscheinen der Briefe entgegensah, nach denen sie doch zugleich so sehnsüchtig
verlangte.
    Ronald sass mit gekreuzten Armen da, starrte vor sich hin und dachte: Könnt
ich ihr's ersparen!
    Zu drückend wurde dieses Schweigen; die alte Frau unterbrach es mit der
Frage: »Du gehst doch morgen auf die Jagd?«
    Er nickte wie gequält: »Gewiss - gewiss.«
    Seine Stimme klang so seltsam; die Gräfin blickte besorgt zu ihm empor und
sah in sein bekümmertes Gesicht. Jeder seiner Züge verriet den Kampf seines
Innern - ein bitterer Vorwurf gegen sich selbst, gegen ihr feiges Zagen vor dem
eingestandenen Leid regte sich in ihr. Du armes Kind, dachte sie, und das
Mitleid mit dem Sohne gab der Schwachen Kraft, mit einemmal das Schwerste und
mit wenigen Worten alles zu sagen: »Ronald - Lieber - sprich getrost. Wann
müssen wir wegziehen von hier?«
    Aufatmend ergriff er mit beiden Händen die Hand, die sie ihm reichte, und
rief: »Niemals, gute Mutter! Sie werden Rondsperg nie verlassen!«
    »Wie kann das sein, da wir's doch nicht behaupten können?«
    »Der Kauf wird nur unter der Bedingung geschlossen, dass Sie hier fortleben
genau wie bisher.«
    Die Greisin schüttelte bedenklich den Kopf: »Wenn diese Bedingung angenommen
wurde, dann hast du sie teuer bezahlt ...« Er wollte verneinen. »Leugne nicht«,
sprach sie, »es kann nicht anders sein ...«
    »O Mutter«, fiel er ihr mit erzwungener Heiterkeit ins Wort, »Fräulein
Heissenstein verzichtet gern auf das Glück, in unserm alten Neste zu wohnen.«
    »Es wird mehr von ihr verlangt als nur das. Sie darf die Rechte, die sie
erwirbt, nicht geltend machen, wenn wir hier - wie du sagst - fortleben sollen
wie bisher.«
    »Auch dazu ist sie bereit.«
    »Weil ihr Vorteil es ihr rät. Nicht wahr? ... Nicht wahr?« wiederholte sie
angstvoll. »Du hast dein Eigentum verschleudert, damit zwei alte Leute ihre
letzten Jahre in altgewohnter Weise hindämmern können!«
    »Verschleudert? Was du nur denkst? Darüber mache dir keine Sorgen.«
    Sie seufzte schmerzlich: »Unser Alter zehrt deine Jugend auf ... Ständ es
bei mir, das sollte nicht geschehen. Dürft ich sprechen, ich würde dich
anflehen, Kind: Vergeude nicht länger dein Leben! - Geh, tausendmal gesegnet -
gründe dir eine Zukunft und lass zusammenstürzen, was morsch und reif zum
Untergang ist - der Wechsel alles Irdischen verlangt sein Recht.«
    Er wollte sich der Rührung erwehren, die ihn ergriff, und entgegnete: »Wie
beredt ist meine Mutter heute geworden! Und wozu? - Um zu sagen, was sie nicht
sagen darf.«
    Ein leuchtendes Lächeln verklärte ihre Züge: »Beredt - ja. Bin ich nicht wie
eine alte Harfe mit zerrissenen Saiten, die auf einmal zu klingen beginnt? Es
ist ein Wunder - ein gar vergängliches. Weil mir aber die Zunge gelöst ist, so
höre, Sohn, deine stumme Mutter sieht und zählt jeden Schweisstropfen auf deiner
lieben Stirn, jeden unterdrückten Widerspruch, jedes still und freudig gebrachte
Opfer ...«
    Plötzlich beugte sie sich nieder und presste ihre Lippen auf seine Hand.
    Im selben Augenblick lag er auf seinen Knien und schloss mit ehrfurchtsvoller
Zärtlichkeit die gebrochene Gestalt in seine Arme ...
    »Und Sie, Mutter?« flüsterte er, »leiden Sie nicht auch?«
    »Schweig, mein Kind!« mahnte sie und zog sein Haupt an ihre Brust. Und an
diesem schweren Tage war ihnen beiden leichter ums Herz als seit langer Zeit.
 
                                       17
Ronald kam von der Jagd zurück. An seiner Waidtasche hingen zwei Hasen und ein
Dutzend Rebhühner und Wachteln. Er ging die Hügellehne, die zum Schloss führte,
langsam hinauf, denn die Sonne stand im Scheitel, und die Hitze war gross. Sein
Hund zottelte hinter ihm her mit weit aus dem Maule hängender Zunge. Nun waren
sie am Pförtchen in der Parkmauer angelangt, das auf die Felder führte. Während
Ronald den Schlüssel aus der Tasche zog und sich bemühte, das vom letzten Regen
her noch stark verrostete Schloss zu öffnen, hatte sich der Hund hingelegt,
keuchend, mit fliegenden Flanken, den Kopf auf den ausgestreckten Vorderpfoten,
und verwandte kein Auge von seinem Herrn, der nun, im Begriffe, die Tür
aufzustossen, lächelnd zu ihm niederblickte, als wollte er sagen: Ist dir's
recht, dass wir heimgekommen sind? Und Herr und Hund sahen einander an mit
inniger Freundschaft und mit einem Ausdruck so voll von Rührung, dass er sich
beinahe komisch ausnahm in den Angesichtern zweier solcher Recken. Dann gingen
sie durch verwachsene Laubgänge über Wege, von Disteln und Hasenkraut
überwuchert, dem Hause zu.
    Ronald hatte die Terrasse erreicht und schritt dem Saal zu, der zwischen ihr
und der Halle lag. Auf der Schwelle, die Klinke der halbgeöffneten Tür in der
Hand, blieb er plötzlich stehen und winkte seinem Hunde, der sogleich, wie zu
Stein geworden, sich nicht mehr regte, nicht einmal mehr keuchte, sondern seinen
Herrn mit derselben atemlosen Aufmerksamkeit anblickte, mit welcher dieser das
Bild betrachtete, das sich ihm darbot.
    Mitten im Saale auf einem Schemel sass Röschen und erzählte einem Auditorium
von sechs kleinen Personen eine, wie es schien, bewegliche Geschichte. Ihre
Stimme hob sich hell und laut bis zu einem Ausrufe, dem eine Pause höchster
Spannung folgte, dann sank sie zu geheimnisvollem Geflüster herab. Was sie
erzählte, verstand Ronald kaum, er lauschte auch nicht ihren Worten, er lauschte
nur dieser holden Stimme, ganz ergriffen von ihrem Klang, in dem eine Fülle von
Empfindungen nach Ausdruck zu ringen schien. Röschen sass von ihm abgewandt, er
konnte ihr Gesicht nur zum Teile sehen, nur den Umriss ihrer zarten Wange, nur
die dunkelblonden Zöpfe des reichen Haares, die über ihre Schultern fielen, und
die Löckchen in ihrem schlanken Nacken.
    Das Publikum der Erzählerin hingegen war eitel Neugier. Die eine der
Zuhörerinnen hatte den Zeigefinger in den Mund gesteckt, so tief es ging, riss
die Augen und blies die Backen auf und hörte zu aus allen ihren Kräften. Eine
andere presste das Kinn an die Brust, glühte über und über, hielt beide Fäuste
fest geballt, und die trotzige Ungeduld ihrer Mienen sprach: Weiter! Weiter! -
Was kommt jetzt?
    Anitschka, im höchsten Staate, mit buntem, turbanähnlich um den Kopf
gewundenem Tuche und breiter Halskrause, sass steif und feierlich neben ihrem
Abgotte. Ihr dreijähriges Schwesterchen und noch ein zweites leichtsinniges
Wesen in gleichem Alter hockten auf dem Boden und teilten ihre Aufmerksamkeit
zwischen der Rednerin und einem goldgrün schimmernden Rosenkäfer, den sie in
einem Schächtelchen mitgebracht hatten und nun auf der Diele herumspazieren
liessen.
    Ronald blieb eine Weile in der Betrachtung dieser Gruppe versunken, bald
jedoch, als würde er beschämt inne, dass er hier die unwürdige Rolle eines
Lauschers spiele, zog er vorsichtig einen seiner schwerbestiefelten Füsse nach
dem andern zurück und trat von der Türe weg, die er unhörbar wieder schloss. Dann
wendete er sich rasch und - - stand Aug in Auge mit Bozena.
    Sie war hinter ihm durch den Gang gekommen, ohne dass er sie bemerkt hatte.
    Die beiden massen einander mit den Blicken. Fast drohend schien der ihre zu
fragen: Was hast du hier zu lauschen?
    Mit harmlosem Erstaunen schien der seine zu sagen: Warum missgönnst du mir
den holden Anblick?
    Ronald legte grüssend die Hand an seinen Hut. »Sie sind Bozena«, sprach er,
»wir haben uns vor zehn Jahren am Grabe Ihres Herrn gesehen.«
    Bozena bejahte.
    »Und die Märchenerzählerin dort ist das kleine Mädchen, das Sie damals vom
Friedhof hinweg in Ihren Armen trugen. Nicht wahr?«
    »Ja, Herr Graf.«
    »Wie ist die hold und lieblich geworden!« sprach er mehr zu sich selbst als
zu ihr.
    Das Gesicht der Magd wurde immer finsterer; sie warf den Kopf in den Nacken,
sah Ronald wieder an wie früher, mit dem misstrauisch forschenden Blick, und
schritt an ihm vorüber in den Saal.
    Ronald gab seine Jagdbeute in der Küche ab und wanderte nach seinen Zimmern.
Auf dem Schreibtische, neben den hochaufgestapelten Wirtschaftsbüchern und
Rechnungen, fand er neu angelangte Briefe, alle dringenden, alle gleichen
Inhalts. Ihr sollt bald erledigt werden, dachte er und ergriff die Feder, um den
Auszug aus der Gutsbeschreibung zu beenden, die er für Regula entworfen hatte.
Die Arbeit wollte nicht vom Fleck gehen; lächerrlich zu sagen, denn - wer könnte
diese optische Täuschung erklären? - über die Katastralmappe, auf die er von
Zeit zu Zeit einen Blick werfen musste, sah er ganz deutlich kleine braune Locken
fliegen, wie man sie doch nur, natürlich gekräuselt und seidenweich, im Nacken
eines Mädchen schimmern sieht ... Und auf dem länglichen Viereck, das
kyrillische Buchstaben als »Wiese« bezeichneten, lagen Rosen - Rosen die Fülle
... Eine Knospe darunter, die aufgeblühten alle an Schönheit überstrahlend,
wunderbar in sich geschlossen, den grünen Kelch in zartes Moos gehüllt. Sie
schien sich leise zu regen, ihr duftendes Blättergefüge sich zu lösen, sich
atmend zu entfalten unter seinem Blicke ... Wie kindisch doch und störend, solch
ein müssiges Spiel der Phantasie! - Am störendsten aber und wirklich unerträglich
ist ein Vorwurf, den er sich machen muss. Seine Mutter hat gestern zu sprechen
begonnen von einem jungen Geschöpf, einem Kinde, dessen Anwesenheit für sie ein
wahres Herzenslabsal sei, und er, nur mit dem beschäftigt, was er selbst zu
sagen hatte, schenkte ihr kein Gehör. Ein Unrecht, das er sogleich gutmachen
will.
    Er hat sich rasch umgekleidet und schreitet durch die Halle; heiss strömt die
Luft ihm entgegen, die Hitze ist drückend, ein schweres Gewitter steigt am
Horizonte auf; wie dichter bleigrauer Qualm türmen die Wolken sich übereinander,
dazwischen schiessen Blitze ihre glühenden Pfeile.
    Ein Knecht rennt über den Hof und ruft Ronald zu: »Das kommt! Das kommt!«
    Ronald stieg die Treppe empor und begab sich nach dem Zimmer seiner Mutter.
Er fand sie nicht allein, das Fräulein von Fehse leistete ihr Gesellschaft; sehr
angenehme, wie es schien, denn beide lachten herzlich. Die Wände haben Ohren,
aber keine Zungen, sonst hätten die alten ihre Bewunderung ausgesprochen über
den ihnen völlig fremd gewordenen Schall, der heute so munter an sie anprallte.
    Die Gräfin stellte Ronald ihrer kleinen Freundin vor. Diese wurde etwas
verlegen, als sie hörte, dass er sie heute schon gesehen und beinahe in
Versuchung geraten war, sie zu belauschen, und sagte: »Das wäre nicht recht
gewesen.« Er wisse das wohl, meinte Ronald, deshalb sei es auch nicht geschehen.
Sie sprachen angelegentlich zusammen, von Weinberg, von dem alten Hause, in dem
Röschen aufgewachsen, von Bozena und Mansuet. So unbefangen auch ihr Auge dem
seinen begegnete, es lag etwas in ihrem ganzen Wesen, das sagte: Wie weit bist
du mir jungem Kinde überlegen und lässest mich's doch nicht empfinden! - Ihn
aber mache der Anblick dieses anmutigen Röschens gar nachdenklich: Für wen bist
du erblüht in Dunkel und Stille? Welche Hand ist bestimmt, dich einst zu
pflücken? O wär sie stark, dich zu behüten im rauhen Leben ... O wär sie zart,
den Schimmer nicht abzustreifen, der wie Himmelsabglanz dein Wesen verklärt, ja,
stark und zart, und bewahrte dir die Unschuld deiner Seele!
    Das Gewitter war immer näher gekommen und stand nun senkrecht über dem
Schloss; keine Pause mehr zwischen dem Aufleuchten des Blitzes und dem Rollen
des Donners. Die Gräfin und Röschen waren an das Fenster getreten und blickten
hinaus, als plötzlich ein harter, rasselnder Schlag niederfuhr, der das Haus bis
in seine Grundmauern erschütterte. Der Graf stürzte mit den Worten herein: »Das
hat eingeschlagen!« Ronald eilte aus dem Zimmer, und sein Vater rief ihm nach:
»Im Gartenflügel war's!« ... »Nein - nein!« hörte man ihn schon aus der Ferne
antworten. - »Doch!« schrie der Graf, »im Gartenflügel!« Und so rasch er konnte,
gefolgt von seiner Frau und von Röschen, lief er in den Saal hinüber. An der
Altantüre angelangt, schlug der Greis die Hände laut zusammen und jammerte:
»Meine Linden brennen! ... Der Sturm erhebt sich - kein Tropfen fällt vom
Himmel, wir haben so lange Dürre gehabt ... Meine Linden sind verloren!«
    In der Tat, der grosse Ast des mittleren der Bäume, der wegstrebend aus der
gemeinsamen Krone einen buschigen Bogen über die Strasse bildete, stand in
Flammen. Knechte und Landleute hatten sich um die Linden versammelt, blickten
hinauf, schüttelten die Köpfe und teilten einander mit: »Dort oben brennt's.«
Jetzt aber drängte sich ein Mann durch die Gruppe der müssigen Zuschauer, erstieg
den Sockel der Johannesstatue und schwang sich von da aus in die Zweige, in
denen er verschwand. Bald sah man ihn in der halben Höbe des vom Sturme
gerüttelten Baumes auf einem Ast stehen und gegen den brennenden wuchtige
Beilhiebe führen, um ihn vom Stamme zu trennen.
    »Wer ist der Narr?« fragte der Graf mit schlecht verhehlter Besorgnis.
    »Es ist Ronald«, antwortete die Gräfin, kaum des Wortes mächtig. Eine kleine
Hand streckte sich nach der ihren aus, Stütze bietend und - suchend, und die
alte Frau blieb, an Röschen gelehnt, in stummer, von dem Kinde treulich
geteilter Angst im Fenster stehen.
    Die Leute unten hatten inzwischen Feuerhaken herbeigeholt und zerrten aus
allen Kräften an den ihnen erreichbaren Zweigen des brennenden Astes. Das Feuer
griff immer weiter um sich, beleckte schon das dürre Holz am Stamme, loderte
schon zu Ronalds Füssen empor ... Da strömte, wie aus plötzlich geöffneten
Schleusen, ein Platzregen aus den Wolken nieder, und fast zugleich stürzte
rauchend und prasselnd der gewaltige Ast unter weitin vernehmbarem Gekrache zur
Erde. Die Heldenschar am Fusse der Linde machte sich über ihn her und löschte die
aufzüngelnden Flammen, die noch um den Leichnam ihres Opfers kämpften.
Erstaunliche Tätigkeit entfalteten dabei der Burggraf, Kutscher Florian, vor
allen jedoch - Meister Peter.
    Von dem Augenblicke an, da der Regen zu strömen begann, war der Graf
ungeduldig geworden.
    »Da haben wir's!« rief er, »der Himmel löscht selbst, was er angezündet hat
... Warum mir meine schönste Linde ruinieren? ...« Er wandte sich um - - und sah
mitten im Saale, möglichst fern von Fenstern und Türen, eine schwarz verhüllte
Gestalt auf einem Sessel sitzen. Während die Anwesenden das Schauspiel an der
Parkmauer mit leidenschaftlichem Interesse verfolgten, musste sie sich, von ihnen
unbemerkt, eingefunden haben.
    »Fräulein Heissenstein?« fragte der Graf.
    »Jawohl«, antwortete eine Stimme unter der seidenen Mantille hervor, die
ihre Eigentümerin sich um den Kopf gewickelt hatte. »Aber - sprechen Sie nicht!
Der geringste Luftzug könnte einen Blitzstrahl herbeilocken.«
    Der Graf versicherte, das Gewitter sei vorübergezogen, und bat sie, »sich zu
developpieren«.
    Die Gräfin und Röschen halfen ihr bei dieser Operation, denn allein
vermochte sie sich nicht zu helfen. Sie war noch zu angegriffen und stammelte
nur mit bleichen Lippen: »Ich glaubte, mich in das grösste Gemach des Hauses
flüchten und mich in Seide isolieren zu sollen ... wegen der gefährlichen
Elektrizität, Herr Graf, welche jetzt über unserer Atmosphäre schwebt.«
    »Bravo, bravo, mein Fräulein«, sagte der Greis, »das ist Vorsicht - deren
Verwandtschaft mit der Weisheit wir kennen.«
    Jetzt kam der Burggraf, pustend und sich den Schweiss von der Stirn wischend:
»Keine Gefahr mehr! ... Wir haben alles gerettet!«
    »Ihr habt! Ihr habt! - Der liebe Herrgott hat! - Ihr habt nichts getan als
Unsinn, mir meinen Baum verstümmelt ... Gibt es denn keine Feuerspritze? Hat
keiner von den Dummköpfen an eine Feuerspritze gedacht?« rief der Graf zornig -
in diesem Augenblicke war das nächstliegende Auskunftsmittel ihm selbst
eingefallen.
    »Die Feuerspritze ist noch nicht zurück von dem Waldhof, wohin sie gestern
geschickt wurde, weil ein paar leere Bauernscheunen brannten - ganz
unnötigerweise - ich hab es gleich gesagt«, versetzte der Burggraf.
    Sein Herr fuhr ihn an: »Da haben Sie etwas Sauberes gesagt! ... Aber lassen
Sie das jetzt gut sein. Kümmern Sie sich auch ein wenig um mich - sorgen Sie
dafür, dass endlich aufgetragen werde. Meine ganze Hausordnung ist gestört ... Wo
bleibt Peter?«
    Trotz aller Eile, mit der man nun das Auftragen des Mittagsmahles betrieb,
wurde es vier Uhr, bevor die Herrschaften sich zu Tische setzen konnten. Der
Gewitterregen war in einen dichten, anhaltenden Landregen übergegangen, man
musste den Rest des Tages im Zimmer zubringen, was die üble Laune des Grafen
nicht wenig erhöhte.
    Er hatte Ronald mit den Worten empfangen: »Trop de zèle, mein guter Ronald -
trop de zèle«, und sah ihn, schmollend wie ein Kind, entweder verdriesslich oder
gar nicht an. Der Nachmittag drohte langweilig zu werden; die Gesellschaft hatte
sich in den grossen Saal begeben. Regula dachte im stillen darüber nach, ob
Ronald sie wohl verstehe. Der Graf vertiefte sich in die erstaunlichen
Kombinationen eines Kapuzinerspieles, auch die Gräfin und Ronald schwiegen. Da
sagte Röschen, die bisher ganz still und nachdenklich gewesen war, plötzlich:
»Es war schrecklich, das Gewitter!«
    »Haben Sie Angst gehabt?« fragte Ronald.
    »O sehr«, erwiderte Röschen, »um Sie!«
    Regula warf ihrer Nichte einen missbilligenden Blick zu, der Graf jedoch hob
den Kopf empor, und ein schalkhaftes Lächeln erhellte sein altes Gesicht. Seine
Liebe zu seinen Kindern kam ihm augenblicklich zum Bewusstsein, sobald andere
ihnen Teilnahme zeigten. Mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit sagte er zu
Röschen: »Erlauben Sie, mein Fräulein, dass ich Ihnen im Namen dieses Landjunkers
ohne Lebensart ergebenst danke!«
    Seine Verstimmung war wie durch Zauber verschwunden, er machte Fräulein
Heissenstein förmlich den Hof, was sie entzückte, und bat sie endlich, eine
Partie Bézique mit ihm zu spielen: »Um die Ehre natürlich.« Ronald könne
indessen der Gräfin und Röschen etwas vorlesen. »Etwas Heiteres, etwas von
Kotzebue. Nur mit deinen Klassikern verschone die Damen!«
    Der Graf und Regula gingen an den Spieltisch, der in einer Ecke des Saales
stand, und Ronald erkundigte sich nach Fräulein Röschens Geschmack in der
Literatur. Die Schülerin Mansuet Weberleins legte arglos ihre Kenntnisse an den
Tag, und welch eine drollige Raritätensammlung kam da zum Vorschein! Ronald
konnte sich nicht genug wundern. Dieses reichbegabte, begeisterungsfähige
Geschöpf hatte in die lichte Zauberwelt der Poesie niemals einen Blick getan;
fremd geblieben war ihr alles Schöne, was je gesungen und gesagt worden.
    Nach kurzem Besinnen holte Ronald ein stattliches Buch herbei; vielgelesen
gab es Zeugnis von der Freundschaft, in welcher sein Besitzer zu ihm stand. Es
entielt einfache und hehre Gesänge aus uralter Zeit. Teils las, teils erzählte
Ronald »dem freudig blickenden Mägdlein« von den Kämpfen herrlicher Helden um
ein zauberisches Weib, um eine Stadt, die mit dem Urbilde der Schönheit das
Verderben in ihre Mauern aufgenommen; vom unversöhnlichen Hass der Menschen und
der Götter - aber auch von Vaterlandsliebe, häuslicher Tugend, von Kindes- und
Gattentreue. Er las, wie der tapferste all der Königssöhne, die hinauszogen, um
ihren bedrängten Herd zu verteidigen, Abschied nahm von seiner Gattin und von
seinem lieben Kinde, wie er es geküsst und sanft in den Armen gewiegt ... Ein
tiefes Atmen, ein leises Schluchzen unterbrach Ronald. Röschen, die ihn eben
noch mit leuchtenden Augen angesehen hatte, sass nun da mit gesenkten Lidern,
bebenden Lippen und rang mit ihren Tränen.
    Die Gräfin legte den Arm um sie, Ronald sprang bestürzt empor ...
    »Double Bézique!« rief der Graf triumphierend und lachte aus vollem Herzen:
»Sie hätten das verhindern können, mein Fräulein!«
    Aber das Fräulein war zerstreut gewesen. Sie hatte, statt ihr Aufmerksamkeit
auf das Spiel zu konzentrieren, Ronalds verwünschtem »Tik-tak-tak« zugehört, wie
der Graf, den Silbenfall des Hexameters nachahmend, sagte.
    »O Herr Graf!« sprach Regel, ihre Karten auf den Tisch legend,
»verunglimpfen Sie nicht den traulichen Sänger von Chios!«
    Sie wünschte, dass Ronald weiterlese, aber dieser entschuldigte sich und sah
dabei so verlegen, ja fast verstört aus, dass Fräulein Heissenstein der Behauptung
des Grafen, eine gelehrte Dame wie sie imponiere seinem Sohne viel zu sehr,
allen Ernstes Glauben schenkte.
    Röschen blieb den Rest des Abends schweigsam; sie hatte einen mächtigen
Eindruck empfangen, einen Blick in eine neue Welt getan, Gestalten, von
unsterblichem Leben erfüllt, gross in Tugend und Schuld, an sich vorüberwandeln
gesehen. Und aus dem Bilde voll Erhabenheit und Glanz war, umstrahlt von der
Majestät des Schmerzes, ein liebes, schönes Menschenpaar hervorgetreten und
hatte sie an eine Erinnerung aus frühen Kindertagen gemahnt, die in ihr noch
dämmerte.
    »Es hat Sie allzusehr ergriffen«, sagte Ronald zu Röschen, »den Abschied des
Kriegers von Frau und Kind wollen wir nicht mehr lesen.«
    »Im Gegenteil, noch oft, sehr oft!« erwiderte sie.
    Ronalds Gedanken beschäftigten sich noch lange mit ihr und kamen auch immer
wieder auf eine vorläufig noch fiktive Persönlichkeit, auf den Mann zurück, der
sie einst heimführen sollte. Wird er seines Glückes wert sein? - Wird er es zu
ermessen verstehen? ... Der Beneidenswerte! - nicht das Leben nur darf er sie
kennenlehren, auch dessen verklärtes Bild, die Poesie. Weiss unter Hunderten
einer, was das bedeutet? Was es bei ihr bedeuten würde?
Im Laufe des nächsten Vormittags suchte Ronald das Fräulein Heissenstein im
Garten auf, wo sie sich nach Bozenas Angabe befand, um ihr die inzwischen
beendete Gutsbeschreibung zu übergeben und um mit ihr die Angelegenheiten
Rondspergs zu besprechen. Regula versuchte mehrmals, der Unterhaltung einigen
Schwung zu verleihen, aber es wollte nicht gelingen. Einmal wurde Ronald sogar
fürchterlich zerstreut und antwortete auf ihre Bemerkung, es gebe nichts
Träumerischeres als einen sonnigen Sommertag, besonders nach einem Regentag:
»Achtundert Joch, mein Fräulein!« Ein paar Minuten früher waren sie Röschen und
Anitschka begegnet, die grosse Sträusse von Wiesenblumen trugen. Röschen hatte den
ihren emporgehalten und Ronald im Vorübereilen zugerufen: »Für Ihre Mutter!«
    Er wanderte weiter an Regulas Seite, und in einiger Entfernung von ihnen
ging sein Vater mit dem Burggrafen im Garten spazieren; er hatte Ronald und das
Fräulein wohl bemerkt, schien ihnen aber sorgfältig auszuweichen. Eine böse
Vorbedeutung! Ronald wusste, wenn der alte Herr es vormittags vermeidet, mit ihm
zu sprechen, so geschieht es, weil er etwas gegen ihn auf dem Herzen hat. Vor
Tische darf aber keine unangenehme Erörterung stattfinden, das wäre gegen alle
Regeln der Hygiene. Ärgern darf man sich ohne Schaden für die Gesundheit erst
nachmittags.
    Bis dahin versparte sich denn auch heute der Greis das Aussprechen seines
Verdrusses; der tückische Anstifter desselben, sein Günstling, wurde
ausnahmsweise zum schwarzen Kaffee auf die Terrasse geladen. Und kaum hatte sich
die Gesellschaft um den runden Tisch versammelt, als der Graf auch schon seinem
ihm gegenübersitzenden Sohne zurief: »Unter anderm! Mir ist gemeldet worden, dass
die Bauern Tag und Nacht an der Grenze jagen. Weisst du davon?«
    »Nein, Vater«, erwiderte Ronald und sah dabei den Burggrafen strafend an,
was der mit dreister Gelassenheit ertrug.
    »Mein guter Sohn kümmert sich um derlei Lappalien nicht«, spöttelte der
Graf. »Was liegt ihm daran? ... Warum sollte der Bauer nicht jagen? - Es freut
auch ihn, und seine Freude wiegt die des Edelmanns auf. Vor Gott sind wir alle
gleich. Deshalb nehmen wohl die Hannaken, wie ich ebenfalls höre, die Pfeife
nicht mehr aus dem Munde, wenn sie mit dir sprechen.«
    Den Anfang seiner Rede hatte der alte Herr an die ganze Gesellschaft, ihren
letzten Satz an seinen Sohn allein gerichtet; es war ein direkter Angriff, den
Ronald mit lächelnder Ruhe hinnahm und mit dem offenen Geständnis beantwortete:
»Es kommt freilich vor.«
    Der Graf schüttelte sich, wie durchfröstelt von Widerwillen. »Zu meiner
Zeit«, fuhr er fort, »steckte der Bauer, wenn er mich von weitem sah, auf die
Gefahr hin, in Flammen aufzugehen, die brennende Pfeife in seine Tasche. Dir -
klopft er sie einmal auf der Nase aus.«
    Dies sollte im Scherze gesprochen sein, kam aber um so bitterer heraus, je
mehr der Graf sich bemühte, die in ihm gärende Entrüstung hinter seinem Spotte
zu verbergen.
    Die Gräfin erbebte leise, Regula verzog den Mund und dachte: Wie kann man
sich das bieten lassen? Der Burggraf kicherte untertänig, und Röschen erschrak
und erbleichte ... Was wird geschehen? - Wird Ronald zornig auffahren gegen
seinen Vater? ... Angstvoll schoss ihr Blick zu ihm hinüber und traf ein ernstes,
aber unbewegtes Angesicht, auf dem ihr Auge ruhen blieb so voll Mitgefühl, so
voll Bewunderung, dass der Mann unter diesem begeisterten Kinderblicke errötete
und den seinen senkte.
    Es war eine schwüle Sekunde, und allen gereichte es zur Erquickung, einen
Wagen in den Hof rollen und Peter melden zu hören: »Frau Baronin kummen.«
    »Meine Tilde!« rief der Graf lebhaft und erhob sich, um die Tochter zu
begrüssen, deren sonore Stimme sich bereits in der Halle vernehmen liess.
    Gleich bei ihrem Erscheinen erklärte die Baronin, sie käme heute weder um
Papas noch um Mamas, sondern nur um Regulas willen, auf welche sie auch zuerst
zuging und der sie flüchtig einen Kuss auf die Wange gab.
    »Ronald und ich«, rief die Freifrau, »wollen diese Städterin mit unserer
Landwirtschaft bekannt machen, für die sie sich ausserordentlich interessiert.«
    Der Graf dachte zwar, davon habe er bis jetzt nichts bemerkt, aber es freute
ihn immer, wenn sich jemand geneigt zeigte, die Herrlichkeiten Rondspergs in
Augenschein zu nehmen.
    Auf den Wunsch der Baronin musste ohne Verzug angespannt werden; sie lachte,
als ihre Mutter sie bat, doch ein wenig von ihrer Fahrt auszuruhen. Was tut man
denn beim Fahren anderes als ruhen? Sie hatte keine Zeit zu verlieren,
übermorgen in aller Gottesfrühe musste sie wieder fort; denn: »Wir nehmen die
Sommerbirnen ab und fangen schon Montag an, das Korn zu schneiden.«
    Während die Baronin von der bevorstehenden Ernte sprach, hörte sie nicht
auf, Röschen zu beobachten, und zwar mit einem Interesse und einem Wohlwollen,
das ihr ein fremdes Wesen nicht leicht einflösste.
    Sie hatte dem Unglück ihres Bruders heisse Tränen gezollt, damit war aber
auch die Sentimentalität abgetan; nun hiess es, sich eine Räson machen, sich in
das Unvermeidliche fügen. Ronald kann nichts Gescheiteres tun, als in den sauren
Apfel beissen und die Weinhändlerin heiraten. Wenn die einmal ihre Schwägerin
ist, wird Tilde sie schon dahin bringen, ihre allerliebste Nichte so grossmütig
auszustatten, dass sie ohne weiteres auf das Glück Anspruch machen darf, eine
Schwiegertochter der Baronin Waffenau zu werden.
    Das kann sich alles finden, dachte die praktische Frau und mahnte zum
Aufbruch.
    »Auf Wiedersehen, Papa, auf Wiedersehen, Mama, auf Wiedersehen, Kleine!« Sie
fuhr schmeichelnd mit der Hand über Röschens Scheitel. Mich wundert, sagte sie
zu sich selbst, dass die kluge Regula dieses bezaubernde Ding mitgenommen hat.
Ronald ist zwar sehr verständig, aber - er ist ein Mann; und ihn so geradezu
herausfordern zum Vergleiche ... Ich hätt es an ihrer Stelle nicht gewagt.
    Sie nahm Regulas Arm und führte sie hinweg. Fräulein Heissenstein aber fand,
die Baronin erweise Höflichkeiten, die sie füglich ihrem Bruder überlassen
sollte.
    Ein hoher Jagdwagen war vorgefahren; die beiden Damen installierten sich
darin, Ronald schwang sich auf den Vordersitz und ergriff die Zügel. Florian
wurde, zu seiner grossen Unzufriedenheit, daheim gelassen. Er hätte sich so gern
zum Cicerone des Stadtfräuleins gemacht, weil der junge Herr Graf gar nicht
verstand, den Leuten, wie sich's gehört, Sand in die Augen zu streuen.
    Das Ziel, nach dem Ronald lenkte, war ein ansehnlicher, zu Rondsperg
gehörender Hof, der von ziemlicher Höhe aus die Gegend beherrschte. Nach einer
Viertelstunde raschen Fahrens hielt der Wagen vor einem Gebäude, das ehemals ein
Schlösschen gewesen und später in einen Schüttkasten umgewandelt worden war.
Leere Scheunen und Ställe schlossen sich hufeisenförmig an ihn an. In der Mitte
des Hofes stand ein Kastanienbaum, in dessen Schatten ein alter Hahn mit
gichtisch zuckenden Beinen und zerzaustem Gefieder seinen ihn umgebenden Harem
bewachte. Ein paar Schritte weiter befand sich ein Ziehbrunnen, neben dem einige
Holzrinnen, die ein Knabe mit Wasser zu füllen beschäftigt war, auf dem Boden
lagen. Dieser Junge wurde herbeigerufen und ihm die Hut der Pferde anvertraut.
    »Gib acht auf Kocka und Myska!« rief ihm die Baronin zu und hüpfte leicht
wie ein sechzehnjähriges Mädchen aus dem Wagen.
    Regula zeigte sich beim Aussteigen so unbeholfen, hatte so gar keine Ahnung,
wohin sie den Fuss setzen sollte, dass Ronald sich genötigt sah, sie in seine Arme
zu nehmen und aus dem Wagen zu heben, was er denn auch ohne Umstände tat und was
ihr recht zu sein schien. Dann geleitete er sie durch das offene Tor der Scheune
zu einem mit Erlen bewachsenen Platze, der eine weite Fernsicht gewährte.
    »Von hier aus«, sagte Ronald, »überblicken Sie so ziemlich die Rondsperger
Flur. Die Wiese dort unten, hinter dem breiten Gerstenfeld ... Mein Gott,
Fräulein, wohin sehen Sie denn? Links - noch weiter - so! ... Die Wiese dort,
die Pappeln auf jener Hügelkette, zu deren Füssen Sie das Schloss sehen ... sehen
Sie es?«
    Regula versicherte, sie »nehme es ganz deutlich wahr«.
    » ... und das Flüsschen drüben im Tale, das stellenweise herüberschimmert, wo
seine Ufer sich verflachen, bilden die Grenzen Ihres Reiches. Hier, mein
Fräulein, übergebe ich Ihnen Rondsperg. Die gerichtlichen Schritte macht Doktor
Wenzel, unser beiderseitiger Vertrauensmann. Für Sie und mich ist der Kauf mit
diesem Handschlage geschlossen.«
    Er reichte ihr die Hand, und seine Schwester bemerkte, dass er leicht
erblasste, als Regulas Hand in die seine sank. Fräulein Heissenstein blickte ihn
dabei an, schmachtend-erwartungsvoll, und sah so komisch aus, dass die Baronin
ein Lachen verbeissen musste, obwohl sie in einer Stimmung war - einer Stimmung!
... Sie hätte alle Welt prügeln mögen.
    Regula warf Kennerblicke um sich, fragte vor einer Stechapfelstaude, ob dies
nicht Enzian sei; verwechselte Schierlings- mit Eibischblüte und Hirse mit Raps
und erklärte zuletzt, sie müsse gestehen, dass sie die umliegenden Felder schön
finde.
    »Sie sind leider verpachtet auf Jahre hinaus«, rief die Baronin,
»parzellenweise verpachtet und - unter welchen Bedingungen! ...«
    Sie lief in Verzweiflung zwischen der Scheune und einem Hühnerstalle hin und
her. »Das ist der gute Papa gewesen, sehen Sie - der gute Papa! Ganz Rondsperg
verpachten, was uns vor Jahren noch hätte retten können - o eher sterben! ...
Aber hie und da einen abgelegenen Acker an einen Gläubiger, warum nicht? - Dann
aber auch um ein Stück Brot! ...«
    Ronald fiel seiner Schwester ins Wort. »Es bietet sich jetzt die
Gelegenheit«, sagte er, »den grössten Teil der Pächter mit geringen Opfern
abzufinden. Sie müssen es tun, Fräulein. Ich rate Ihnen, diesen Ihren besten Hof
einzulösen und, wenigstens solange ich noch hier als Ihr Bevollmächtigter
fungiere, in eigener Regie zu behalten.«
    »Ich werde tun, was Sie mir raten, Herr Graf«, sprach Regula und trat an
seine Seite, und als die beiden nebeneinander standen, dachte die Baronin: Es
ist doch nicht möglich! - Nein, es ist doch nicht möglich!
    »Auch wollte ich Ihnen ankündigen«, fuhr Regula fort, »dass mein Sekretär mit
der ersten Rate des Kaufschillings morgen früh hier eintrifft und ...«
    »Aber, liebste Regula!« unterbrach sie die Baronin, »was fällt Ihnen ein,
den Mann hierherzubestellen? Seine Ankunft würde Aufsehen in Rondsperg machen.
Er darf nicht kommen. Ronald muss Ihren Schimmel« - sie nahm sich niemals Zeit,
Schimmelreiters ganzen Namen auszusprechen - »auf der Station erwarten, das Geld
in Empfang nehmen, den Überbringer aber bitten, um Gottes willen wieder
heimzufahren. Wenn der Burggraf zehn Worte mit dem Sekretär tauscht, so kommt er
euch hinter euren frommen Betrug und rapportiert ihn Papa in einer Weise, die an
uns allen zusammen nicht ein gutes Haar lässt!«
    Ein alter Schäfer, der den Tieren, die er trieb, ähnlich sah, kam mit seiner
kleinen Herde den Berg herauf und wünschte »guten Nachmittag«. Während Ronald
sich mit ihm in ein Gespräch einliess, spazierte Tilde von einem Gebäude zum
andern, öffnete die Türen, sah in die Fenster hinein und rief: »Diese Mauer
stürzt nächstens zusammen - hier braucht's einen neuen Dachstuhl - der Stall muss
eingerissen werden! ... Prickelt es einem nicht in allen Fingern? Möchte man
nicht gleich selbst Hand anlegen?«
    Jetzt kam auch das Weib des Schäfers herbei und begrüsste die Baronin mit
grossen Freudenbezeugungen, brach aber sofort in heftiges Schluchzen aus und
klagte unter beständiger Anrufung des göttlichen Heilands und der »svatá
panenka« Maria: »Dass ich meine gnädigen Herrschaften so selten sehe! Dreizehn
Jahr - dreizehn Jahr sind der Herr Vater und die Frau Mutter nicht mehr bei uns
gewesen ... Es ist ihnen hier zu traurig ... Freilich, wie sieht es auch aus!«
    Die Baronin tröstete sie: »Sei ruhig, Liborka! Es wird anders werden. Nicht
wahr?« sprach sie zu ihrem Bruder, der sich genähert hatte, »nächstens schickst
du Maurer und Zimmerleute herauf?«
    Ronald erwiderte, dies könne, mit Erlaubnis Fräulein Heissensteins, schon
morgen geschehen. Fräulein Heissenstein aber freute sich darüber sehr, erkundigte
sich nach den Ziegelpreisen und legte beachtenswerte Kenntnisse im Baufache an
den Tag.
Die Heimfahrt wurde unter tiefem Schweigen zurückgelegt. Die Baronin gab sich
ihren Betrachtungen hin und das Ergebnis derselben war: Ronald hat ganz recht,
in den sauren Apfel zu beissen. Wenn meine Wirtschaft in einem solchen Zustand
wäre wie die seine und müsst ich, um ihr aufzuhelfen, die Frau des Teufels werden
- ich nähm den Teufel, weiss Gott!
    Ronald dachte an ein Paar braune Augen, an einen leuchtenden Blick. Er
dachte: Röschen, Röschen, wie wird es dir ergehen in dieser argen Welt, du Herz
voll Mitleid, du Seele voll Begeisterung?
    Regula hingegen sagte zu sich selbst: Dieser arme Graf, man muss ihn bedauern
... Er kann nicht sprechen - aus Delikatesse ... Ich werde - es ist schrecklich
- die ersten Schritte tun müssen!
    Die Sonne stand schon ziemlich tief, als die Equipage in der Nähe des Parks
anlangte; die Baronin schrie plötzlich auf: »Unerhört! Da steht Papa mit Röschen
unter den Linden - ausserhalb seiner vier Mauern, ausserhalb seines freiwilligen
Kerkers ... ein Ereignis! Das ist ja ein Ereignis!« rief sie dem Grafen zu, vor
dem jetzt der Wagen hielt.
    »Jawohl, aber« - der alte Herr deutete auf seine Begleiterin - »wo es Feen
gibt, da geschehen Zeichen und Wunder. Sie befehlen, der Sterbliche gehorcht.
Jetzt jedoch bitte ich euch, mich aufzunehmen. Tilde, räume mir den Platz und
ergreife die Zügel. Mein Sohn wird die Ehre haben Ihnen auf dem Heimwege seinen
Schutz angedeihen zu lassen, oder vielmehr, ich empfehle ihn dem Ihren!« sagte
er zu Röschen.
    Die Baronin hatte sich beeilt auszusteigen und half ihrem Vater in den
Wagen. Dann besann sie sich einen Augenblick und wollte schon sagen: Fahr zu,
Ronald, ich will Röschen geleiten. Aber als sie zu ihm hinaufblickte, ergriff
sie ein menschlich Rühren. Es war ein solcher Glanz des Glückes über sein
Gesicht verbreitet, dass sie dachte: Er hat der Bitternisse genug, mag er auch
einmal eine Freude haben! ... Und schon sass sie auf dem Bock und nahm die Zügel
aus Ronalds Hand. Mit einem Satze sprang er herab, die Baronin trieb die Pferde
an, und rasch rollte der Wagen längs der Mauer des Parks.
    Ronald sah ihm nach, und ihm war zumute, als entführe dieser enteilende
Wagen alle seine Sorgen und als stände er nun allein und frei auf der Erde mit
dem Lieblichsten, das sie trug, und ihn überkam eine Empfindung der Seligkeit,
wie er sie nicht mehr gekannt seit seiner Knabenzeit; seit den Tagen unbewusster
Wonne, wo man sich noch nicht wundert, dass man glücklich ist.
    Nicht minder froh als er schien Röschen, und als er fragte: »Wohin nun?
Welchen Weg nehmen wir?« antwortete sie, ohne sich zu besinnen: »Den weitesten!«
    »Das mein ich auch«, rief er, »am liebsten führt ich Sie über jene Berge
dort!«
    Er glitt rasch mit der Hand über die Augen. »Wie wär's, was denken Sie, wenn
wir so zusammen wandern gingen, weit - weit, und erst heimkehrten in unzählig
vielen Jahren ... Da klopfen ein Paar uralte Leute an der Pforte des Schlosses:
Wer ist's? fragt eine Stimme, die wir nicht kennen. Ronald und Röschen, die
eines schönen Abends spazierengegangen sind und länger, als sie anfangs dachten,
verweilten auf dem Weg ...«
    »Traurige Heimkehr!« sagte Röschen. »Ihre Mutter tot - Bozena tot - und wir
so alt! ...«
    »Gut denn! Wenn Sie sich vor einer grossen Reise fürchten, so wird nur eine
kleine unternommen. Wir gehen durchs Dorf, in den Hain, über die Hutweide zu den
Pappeln, denselben Weg von dort an, den Sie gekommen sind. Ist das recht?«
    »Es ist recht. Sie müssen aber nicht glauben, dass ich mich vor einer grossen
Reise fürchte. Schon als kleines Kind bin ich aus Siebenbürgen nach Weinberg
gereist, durch ganz Ungarn.«
    »Ja - auf Bozenas Arm.«
    »Und auch zu Fusse.«
    »Was hilft's, dass Sie eine so tapfere Reisende sind, wenn Sie nicht mit mir
reisen wollen?« Ronald blieb stehen und fragte plötzlich: »Wissen Sie, dass ich
Ihr Vater sein könnte?«
    Röschen antwortete, ohne ihren Blick von dem seinen abzuwenden: »Ich kann
mir meinen Vater nur denken, wie ich ihn zum letztenmal gesehen habe ...« Sie
stockte.
    »Erinnern Sie sich seiner?«
    »O ganz deutlich - und doch ...« Sie hielt von neuem inne.
    »Röschen, was denken Sie jetzt?«
    »Ob Sie ihm nicht ähnlich sehen? - Er war auch jung wie Sie und war ...
Fragen Sie nur Bozena und Mansuet, die haben ihn gekannt.«
    Sie schritten weiter, langsam und ernst und dabei glücklich wie Kinder.
Bauersleute gingen und fuhren an ihnen vorüber, und mit jedem tauschte Ronald
einen Anruf oder einige Worte.
    Im Dorf hatte man bereits Feierabend gemacht. Vor einem hübschen Hause, das
sich durch den Anschein von Wohlhabenheit vor seinen Nachbarn auszeichnete,
sassen drei Männer auf einer Bank: Grossvater, Vater und Enkel. Als Ronald sich
ihnen näherte, nahm der Greis die Pelzmütze vom Kopfe und erhob sich; der Mann
blieb sitzen, zog aber den breitkrempigen Hut grüssend ab. Der Jüngling hatte die
Arme gekreuzt, rührte sich nicht und blickte gleichgültig vor sich hin.
    Ronald sagte zu Röschen: »Ein Beispiel für viele. An die Art des Greises war
mein Vater gewöhnt.«
    Er dankte dem Grusse der Männer, trat dicht vor den Jüngling und streifte ihm
ruhig das Käppchen ab.
    »Nicht meinetwegen«, sprach er, »aber deinetwegen. Hut ab, mein Junge, wenn
dein Vater und dein Grossvater ihre Häupter entblössen, sonst stehst du einst mit
dem Hut in der Hand vor deinen Kindern.«
    Der Bursche blickte trotzig zu ihm auf und schien von der Lehre wenig
erbaut. Aber der Grossvater sagte zu seinem Enkel: »Es ist dir recht geschehen.«
    Ein junges Weib, das am Zaune ihres Gartens stand, riss die Augen weit auf,
als sie Ronald vertraulich mit Röschen plaudernd daherkommen sah, und rief ihm
zu: »Aha! Das ist die Braut aus der Stadt.« Sie stemmte beide Hände in die
Seiten und betrachtete das Mädchen mit Wohlgefallen: »Meiner Treu, eine Hübsche
haben Sie sich ausgesucht.«
    »Was fällt Euch ein?« erwiderte er, »das ist nicht meine Braut. Die würde
mich ja nicht nehmen, die wartet auf einen Jüngeren.«
    »Sie soll sich nicht versündigen!« sprach das Weib und schien sehr
aufgelegt, Röschen eine wohlgemeinte Zurechtweisung zu erteilen. Aber Ronald kam
ihr zuvor und sagte scherzend: »Die Frau meint mir's gut!«
    An einem der letzten Häuser des Dorfes eilte Röschen rasch vorbei - »denn«,
sagte sie, »hier wohnt Anitschka, wenn sie mich sieht, will sie wieder mit. An
der Hand habe ich sie nach Hause führen müssen, sie wäre sonst nicht gegangen.«
    »Wie?« fragte Ronald, »Sie waren heute schon hier?«
    »Eben - mit Ihrem Vater.«
    Armer Vater, dachte er, heute vergass er seines langjährigen Grolles, heute,
da sich das letzte Band gelöst hat zwischen ihm und den Bewohnern seines
Rondsperg. Er hat, ohne es zu wissen, Abschied von ihnen genommen.
    Am Ausgange des Dorfes befand sich ein Hain, aus dichtem Gebüsch gebildet,
das einzelne Buchen und Birken überragten. Ein klares Wässerchen schlang sich
durch das Gehölz, längs seines Ufers führte ein Fusssteig zu einem freien Platze
empor. Eine Hügellehne umschloss, eine mächtige Eiche beherrschte die grüne
Bucht. Die alte Riesin streckte drohend einen abgestorbenen Zweig in die Lüfte
hinaus; ihre dunkel belaubten Äste verschlangen sich wie zu Schutz und Trutz.
Finster stand sie da mit ihrem zerklüfteten Stamm und ihrem breiten, von manchem
Sturm arg mitgenommenen Wipfel inmitten des üppigen, strotzenden Anwuchses, und
sie schien zu sagen: Solche wie ihr hab ich schon viele kommen und -
verschwinden gesehen.
    Zu ihren Füssen, unter einem schindelgedeckten Dache, erhob sich ein
Standbild der heiligen Anna, die ein Buch in der Hand hielt, aus dem sie eine
ausserordentlich kleine Jungfrau Maria lesen lehrte. Die Figuren waren aus Holz
und von einem einheimischen Künstler bunt bemalt. Auf den Blättern des
aufgeschlagenen Buches stand das Abc; demjenigen treu nachgebildet, das der
Schulmeister von Rondsperg seiner Jugend vorschrieb.
    An den Bergesabhang nebenan war ein Kapellchen angebaut. Es hatte einen
niedrigen dreieckigen Giebel und wölbte sich über einen Brunnen voll reinsten
Wassers. Röschen schöpfte sogleich daraus mit der hohlen Hand. - Nein! so wie
dieser hatte sie noch nie ein Trunk gelabt. Sie kniete am Rande des Brunnens und
sah hinein. Ruhig und dunkel schimmerte der Wasserspiegel, und von der Tiefe
herauf drangen, sich regelmässig wiederholend, glucksende Laute.
    Ein leises Lüftchen erhob sich und rauschte wie Gesang in den Wipfeln der
Buchen und Birken und wie ein dumpfes Brausen in dem Gezweig der Eiche. Die
kecken Vöglein, die darin hausten, fielen mit lustigem Gezwitscher ein und
umflogen geschäftig die traulich sichere Wohnstätte, die ihnen der alte Baum in
dem Gewirre seiner Äste bot.
    Röschen hatte sich auf eine der Wurzeln gesetzt, die wie gepanzerte
Schlangen aus dem Boden ragten; glückselig schaute sie vor sich hin. Eine
schlanke, blaue Glockenblume, hoch emporgeschossen aus dem Moose, schien ihre
besondere Bewunderung zu erregen; Ronald wollte sie brechen. »Lassen Sie die
Blume leben!« rief Röschen, »es sind noch nicht einmal alle ihre Glocken
aufgeblüht, und - sehen Sie nicht, wie sie sich freut, dass sie dastehen darf im
kühlen Schatten auf ihrem samtenen Teppich? ... Aber -« fragte sie plötzlich mit
einem forschenden Blick, »warum so traurig?«
    »O Fräulein Röschen!« antwortete Ronald, »ich bin es lange nicht so sehr,
als ich Ursache dazu hätte ... Eine törichte Behauptung - nicht wahr?« beeilte
er sich hinzuzufügen, als er sah, wie bei diesen Worten die Heiterkeit auf ihrem
Gesichte erlosch. »Es kann kein grosses Leid sein, das nicht einmal vermag, uns
recht traurig zu machen. Und überdies - wer hat nicht seine Sorgen?«
    »Ich«, sprach Röschen, »habe bis jetzt noch keine Sorgen gehabt.«
    »Jetzt aber haben Sie welche?« versetzte er und beugte sich lächelnd näher
zu ihr. Ein sanfter Vorwurf lag in ihren Augen, und der Seherblick der Liebe las
mit innigem Entzücken Röschens Antwort darin und alle ihre unausgesprochenen
Gedanken. Sie sagten in ihrer stummen Sprache: Wie kannst du so fragen? Weisst du
nicht, dass fortan deine Sorgen die meinen sind? ... Seit jetzt - seit dem
Augenblick, wo ich dich bewundert habe in deiner Güte, du starker Mann.
Plötzlich ist's gekommen und wird immer bleiben, die Empfindung stirbt nicht,
die uns beide zueinander zieht. Kann ich aufhören, das Edle zu lieben? Kannst du
aufhören zu beschützen, was sich dir so vertrauensvoll hingegeben hat?
    In gar lieblicher Gestalt tritt die Versuchung an ihn heran, doch er muss ihr
widerstehen. Der Traum des Kindes ist zu schön, um Wirklichkeit zu werden ...
Ein Wort würde den Zauber zerstören. Soll er es sprechen?
    Röschen hatte sich erhoben. »Wir vergessen ja, dass wir heute noch heim
wollen!« sagte sie.
    Er ging voran, bog mit beiden Händen die Zweige auseinander, die den
schmalen, steil aufwärts steigenden Pfad überdeckten, und bahnte so seiner
Begleiterin den Weg. Sie folgte schweigend. Hinter ihr schlugen die Zweige
wieder zusammen, und wenn er anhielt und sich umwandte, sah er sie dastehen
unter dem grünen, lebendigen Gewölbe wie ein Heiligenbild in laubgeschmückter
Nische. So bist du mein, dachte er, so bin ich allein mit dir abgeschlossen von
der ganzen Welt.
    Tiefe Stille senkte sich über den Hain, leise nur zwitscherte noch hie und
da ein silbernes Stimmchen in den Wipfeln, bewegte sich ein Blatt an den
hängenden Zweigen der Birken; ein rosenroter Schimmer fiel durch das Dickicht,
es lichtete sich immer mehr, Ronald und Röschen traten in das Freie. - Der
Himmel war mit runden, flockigen Wolken überzogen, die im Widerschein der
untergehenden Sonne leuchtend das Firmament bedeckten wie ein ungeheures
purpurnes Vlies.
    Röschen breitete die Arme aus: »Schön!« rief sie, »wunderbar schön!«
    »Ich bin so glücklich, Fräulein Röschen«, begann Ronald etwas unsicher und
zögernd, »dass es Ihnen hier gefällt. Rondsperg ist vielleicht bestimmt, Ihr
zukünftiger Aufentalt zu werden.«
    Sie sah ihn mit schmerzlichem Erstaunen an, der Ton, in dem er diese Worte
gesprochen hatte, klang so seltsam, fremd und kühl.
    »Es ist doch etwas Ernstes an dem, was ich vorhin im Scherze zu Ihnen
sagte«, fuhr er fort. »Ich muss wandern, liebes Röschen, wer weiss wie bald - wer
weiss wie weit ... über die Berge, die Ihnen von den Linden aus so fern
erschienen sind. Ich gehe einer ungewissen Zukunft entgegen und darf niemandem
sagen: Teile sie mit mir. Aber das Schicksal ist mir doch günstig ... Sie sollen
ja daheim sein an dem Orte, den ich von meiner Kindheit an geliebt habe, und ich
werde an Rondsperg nicht denken können, ohne zugleich an Sie zu denken ... Das
wird mir die Seele erhellen - immer und überall!«
    Röschen war sehr blass geworden, ihr Herz klopfte rasch und bang, tausend
Fragen drängten sich auf ihre Lippen, doch sprach sie nur die eine aus: »Sie
wollen fort?«
    »Nicht heute noch morgen«, antwortete er hastig und beklommen, »und dass ich
gehe, ist ein Geheimnis, das nur Sie erfahren, weil ich vor Ihnen keines haben
will und weil ich Ihnen alles Gute zutraue, demnach auch Verschwiegenheit.«
    Bestürzt erhob ihr Blick sich zu ihm, er hatte den seinen abgewendet und
eilte rasch vorwärts, sie hielt Schritt mit ihm, in wenigen Minuten war die
Allee erreicht.
    »Wir sind so fröhlich ausgegangen und kommen nun so traurig heim«, sagte
Ronald, »und ich bin schuld daran ...«
    »Es tut nichts«, erwiderte Röschen, »traurig sein ist auch gut.«
    »Sie sind es nie gewesen ... niemals - sagten Sie nicht?«
    Sie schüttelte den Kopf und lächelte ihn mit feuchten Augen an.
    »O Röschen!« sprach er ...
    »Willkommen!« rief eine Stimme, und aus dem Schlosshofe trat ihnen der alte
Graf entgegen, den Hut auf dem Ohr, gerade aufgerichtet, mit Augen so frisch und
hell wie die eines Jünglings. Erbarmungslos liess er seinen Blick auf dem
Gesichte seines Sohnes ruhen und weidete sich an dessen Verwirrung mit
herzlichstem Ergötzen.
    »Nun, mein Fräulein«, sagte er zu Röschen, »ich hoffe, Sie haben meine
Begleitung bitter vermisst?«
    »Ja - nein - - ja«, stotterte sie in grösster Verlegenheit und entfloh in das
Haus.
    »Ich lege mich Ihnen zu Füssen!« rief der Greis ihr nach und klopfte mit
einer plötzlichen Anwandlung von Zärtlichkeit seinem Sohn auf die Schultern:
»Nicht übel, die kleine Person - - Was sagst du? - Flösst dir Aversion ein? ...
Schade!«
    Er lachte, und als Ronald stockend erwiderte: »Was denken Sie, lieber
Vater?« sprach er: »Nichts - was sollte ich denken? - ein alter Mann - wer
kümmert sich heutzutage um die Gedanken eines alten Mannes? ...«
    Er sah Ronald an, und es ward ihm weich und liebevoll zumute wie lange
nicht. »Basta ... Lassen wir das gut sein ...« und wieder klopfte er ihm auf die
Schulter. »Wir verstehen uns!« Er war davon überzeugt.
    Dieses Mal aber hatte er seltsamerweise recht.
Röschen wurde aus dem Schlafe, in den sie gesunken war, sobald sie ihr Haupt auf
das Kissen gelegt hatte, durch melodische Klänge geweckt, die leise und lieblich
durch das offene Fenster hereinschwebten. Aus einem Zimmer des Erdgeschosses
stiegen sie zu der Schlummerstätte des jungen Mädchens empor. Eine Geige sang in
ihrer wortlosen Sprache ein beredtes Lied ... Kein Lied der Sehnsucht und der
werbenden Liebe! - Wie innig und heiss auch seine Töne erklangen, sie sprachen
nicht von den ungestümen Wünschen der Menschenbrust, sie sprachen von
überwundenem Schmerz, von gebändigter Leidenschaft, von Frieden und von seliger
Erhebung über alles Erdenweh.
    Röschen lauschte, aufrecht sitzend auf ihrem Lager, mit halbgeöffneten
Lippen, mit gefalteten Händen. Wie durchsichtig schimmerte ihr Angesicht im
Mondenschein. Sie hörte nicht, dass eine Tür aufgestossen worden, dass jemand sich
näherte, sie zuckte zusammen, als eine wohlbekannte Hand sie berührte, und - lag
im nächsten Augenblicke weinend in den Armen Bozenas. Diese schloss das Kind an
ihre Brust und sprach ihm beruhigend zu, bis Röschen in den süssen und tiefen
Schlummer fiel, der sich so rasch auf müde junge Augenlider senkt.
    Bozena beugte sich über die Schlafende: Armes Kind, streckst du die Hand
nach dem Gute deiner Feindin aus? ... Was hat der Himmel mit dir vor? - Will er
sie strafen durch dich, oder musst auch du zugrunde gehn, damit drüben noch eine
steht, die Klage führt über sie vor Gottes Tron? ... Über sie - und über mich!
    Bozena rang die Hände: O hätt ich noch meine alte Kraft!
    Im Nebenzimmer hatte sich indessen folgendes begeben: Regula erhob sich,
nachdem sie eine Weile dem Spiele Ronalds gelauscht, aus ihrem jungfräulichen
Bett, zog ihre gelben Pantoffel an und trat an den Tisch, auf dem in einem Glase
eine Rose stand, die die Baronin von Waffenau ihr verehrt hatte. Diese Rose nahm
Regula und warf sie zum Fenster hinaus, das sie möglichst geräuschlos geöffnet
hatte. Sie dachte dabei an »Des Sängers Fluch«. Sodann schlüpfte sie wieder
unter ihre Decke und schlief unter den Klängen von Ronalds Geige ein. Gegen
Morgen träumte sie, Napoleon I. sei angekommen und werbe um ihre Hand.
 
                                       18
Fremdes Eigentum! dachte Ronald, als er um die Mittagszeit, von der
Eisenbahnstation zurückkehrend, auf welcher er Schimmelreiter erwartet hatte,
über die Rondsperger Grenze ritt. Ein Fusssteig führte durch die Felder, den
schlug er ein. Das Korn stand dicht und mannshoch, vom Winde bewegt, beugten
sich die Halme, als ob sie grüssten, und trauliches Geflüster erhob sich in ihren
goldig schimmernden Wogen. Wie bald, und ich werde nicht mehr dein pflegen
dürfen, du mütterliche Erde, dachte Ronald.
    Wer liebt den Boden nicht, den er bebaut! Dem Landmann war zumute, als er so
dahinritt zwischen seinen Feldern, wie einem Herrscher, der scheiden muss von
seinem treuen Volke. -
    Baronin Tilde hatte soeben ihre anspruchslose Dinertoilette beendet, da
pochte es an ihre Tür, und Ronald trat ein. Sie empfing ihn mit der Frage: »Nun,
das Geld erhalten?«
    »Ja.«
    »Auf dem Heimwege den Notar gesprochen? Mit den Pächtern unterhandelt?«
    »Mit zweien schon abgeschlossen.«
    »Ja, ja, es ist unglaublich, was man auf dem Lande mit barem Gelde
ausrichten kann«, sagte die Baronin seufzend.
    Sie liess sich genau Bericht erstatten über die Bedingungen, die vereinbart
worden waren, und begleitete Ronalds Auseinandersetzung mit den Ausdrücken ihrer
Zufriedenheit.
    »Ist recht. - Gebührt ihm. - Gebührt dir. - Der Nutzen gleich gross für beide
Teile. - Das sind Geschäfte, wie ich sie liebe und wie unsereins sie machen
darf.«
    Während des Gespräches ordnete sie auf dem Tisch die eben benützten
Gegenstände aus ihrer Reisetoilette, nachdem sie jeden sorgfältig mit einem
Rehfellchen abgewischt hatte, und fuhr fort: »Nimm dich nur vor dem Burggrafen
in acht. Ich habe dem alten Spion anvertraut, du hättest ein billiges Anlehen
gemacht, das dich in den Stand setzt, alle die Einlösungen und Bauten, die im
Werke sind, durchzuführen. Das mag er getrost rapportieren, das schadet nicht.
Dass man Schulden machen müsse, leuchtet dem guten Papa immer ein. - Nun aber
denk auch an dich, mein Sohn! und daran, dich selbst sicherzustellen.«
    »Wie meinst du das?«
    Die Speiseglocke sandte ihre schrillen Töne durch das Haus, und die
Geschwister beeilten sich, ihrem Rufe zu folgen. Der Graf forderte Pünktlichkeit
von seinen Kindern, nicht er wollte sie - sie sollten ihn im Speisesaal
erwarten. Es lief niemals ohne Rüge ab, wenn dieses Gesetz auch nur minutenlang
übertreten wurde.
    »Hast du denn mit ihr gesprochen?« fragte die Baronin im raschen
Weiterschreiten.
    »Mit wem?«
    »Nun - mit ihr - mit der dame de vos pensées ...«
    »Was fällt dir ein?« antwortete Ronald, seine Stimme war bewegt, »wie dürfte
ich ... Ein solches Glück ist nicht für mich.«
    Er blieb plötzlich stehen, erfasste die Hand seiner Schwester und presste sie
so gewaltig, dass Tilde einen Ausruf des Schmerzes nicht unterdrücken konnte.
    »Nun höre!« rief die Baronin, in der das Blut der Rondsperg aufwallte, mit
heftigem Unwillen, »Gott danken auf ihren Knien kann sie jede Stunde - die ...«
    Sie bogen eben um die Ecke des Ganges und erblickten Regula und Röschen, die
ihnen entgegenkamen, ebenfalls auf dem Wege nach dem Speisesaal begriffen.
    Man begrüsste einander, und die Baronin bot Fräulein Heissenstein den Arm.
    Nein! dachte sie, kostbar wirst du dich nicht machen, meine Beste, schön
bitten wirst du, dass man dich aufnehme, denn »das Glück« - ach, die Männer sind
doch unbegreiflich! - ist ganz und gar auf deiner Seite.
    »Seien Sie barmherzig, Regula«, flüsterte sie dem Fräulein zu. »Unser Recke
ist schüchtern, wagt es nicht, seine Gefühle auszusprechen - man muss ihm zu
Hilfe kommen.«
    Regula erwiderte: »O Baronin!« Ihr Gesicht glänzte von jener kalten Freude,
die befriedigte Eitelkeit allen eines tieferen Gefühls Unfähigen gewährt.
    Schüchtern ist er allerdings über die Massen! sagte sie zu sich selbst. Er
hat nicht einmal gewagt, die Rose aufzuheben, die gestern abends aus meinem
Fenster flog. Sie lag am Morgen noch auf derselben Stelle, auf die Regula sie
geworfen hatte, und es blieb dem Fräulein nichts übrig, als hinzuschleichen und
das inzwischen verwelkte, verräterische Symbol ihrer Huld - wieder abzuholen.
    Ronald hatte - vermutlich um nicht unhöflich zu erscheinen im Vergleiche mit
seiner Schwester - Röschen seinen Arm geboten. Die kleine Hand, die sich auf
denselben legte, zitterte so sehr, sah so schutzbedürftig aus, dass es unmöglich
gewesen wäre, sie nicht mit der freigebliebenen Linken zu erfassen, sie nicht zu
drücken, treuherzig und warm. Und dann war es wieder unmöglich, die freudige
Bestürzung zu sehen, die die Augen des Mädchens aussprachen, ohne mit innigster
Teilnahme zu fragen: »Was ist Ihnen, liebes Röschen?«
    Es erfolgte keine Antwort. Sehr beängstigend - - und doch auch wieder sehr
natürlich. Man war ja mechanisch weitergeschritten, man trat ja schon in den
Saal, wo der Graf und die Gräfin soeben von Fräulein Heissenstein
bekomplimentiert wurden. Arm in Arm und Hand in Hand stand das junge Paar vor
dem alten.
    Der Vater warf einen triumphierenden Blick auf seinen Sohn - wie aus dem
Traum erwachend liess Ronald den Arm plötzlich sinken und stammelte einige
unverständliche Worte. Die Gräfin aber zog Röschen, die in lieblicher Verwirrung
auf sie zueilte, an ihr Herz.
    Zu Anfang des Mittagessens trug der alte Graf die Kosten der Unterhaltung
fast allein. Er erzählte Anekdoten, denen man gleich anmerkte, dass sie einer
bedenklichen Pointe zusteuerten, sobald er sich der jedoch näherte, hielt er
inne mit gespielter Verwirrung und sprach: »Die Ehrfurcht, die ich für Sie hege,
meine Damen, verbietet mir, Ihnen das Ende dieser Geschichte zu erzählen.«
    Er überbot sich an Liebenswürdigkeit gegen Regula und sagte ihr sogar etwas
Schmeichelhaftes über die Farbe ihres Kleides, die er - da sein Geschmack ein
ausgezeichneter war - abscheulich fand; er gab sich Mühe, sie zu bereden, ein
Gläschen Wein zu trinken, sie lehnte es ab mit einem obligaten Schreckensrufe.
Als der Braten kam, wurde Fräulein Heissenstein gelehrt und brachte mancherlei
wissenschaftliche Dinge zur Kenntnis der Gesellschaft. Sie befliss sich einer
besonderen Vornehmheit in jeder ihrer Bewegungen und steckte keinen Bissen in
den Mund, ohne dabei ein Gesicht zu machen, das ihre Verachtung einer so
untergeordneten Beschäftigung, wie es die Ernährung des leiblichen Menschen ist,
an den Tag legte. Sie war ganz Geist, ganz Verstand und bediente sich nur der
gewähltesten Ausdrücke; sie sagte Kossaten statt Halbbauern und Pretia rerum
statt Preise der Lebensmittel.
    Nachmittags hatte Ronald einen Auftrag seines Vaters auszuführen,
entschuldigte sich und fuhr davon. Die Gräfin begab sich mit Regula und Röschen
nach der Terrasse, die Baronin, die ihnen folgen wollte, wurde von ihrem Vater
zurückgehalten da er mit ihr zu sprechen wünschte.
    »Wir werden die Ehre haben, Sie bald einzuholen, meine Damen, und hoffen Sie
dann in günstiger, huldvoller Stimmung zu finden«, sprach der alte Herr und
zwinkerte dabei Regula schalkhaft zu. Sie fand es angemessen, die Augen
niederzuschlagen - sie verstand ihn ja so wohl! Ronald hatte sich seinem Vater
anvertraut und ihm die Förderung seiner Herzensangelegenheit übertragen. Der
Graf will sich nun mit seiner Tochter beraten, in welcher Weise dies am besten
geschähe. Das alles liegt auf der Hand. Die Entscheidung naht - morgen
vermutlich wird die Verlobung gefeiert. Regula kann nicht umhin, mit dem grössten
Erbarmen an Ludwig Bauer zu denken. In den letzten drei Tagen hatte er dreimal
geschrieben. Es tut ihr leid um ihn - aber wer kann helfen? Der Augenblick, in
dem man die Hand nach einer Grafenkrone ausstreckt, ist nicht der, in dem man in
Versuchung kommt, Frau Professor zu werden. Regulas Wege sind gewiesen, und
Ehrgeiz ist und bleibt die Leidenschaft grosser Seelen.
    »Nun, Tilde!« fragte der Graf, indem er sich auf seinen mit gesteiftem
Kattun überzogenen Diwan niederliess, »was habe ich dir zu sagen?«
    »Nun, lieber Papa«, erwiderte die Baronin, die sich an seine Seite gesetzt
hatte und sofort eifrig an ihrer Häkelei zu arbeiten begann, »wenn Sie das nicht
selbst wissen -«
    Er lachte, lehnte sich behaglich zurück und sprach: »Sag einmal an, Tilde,
was sind von jeher meine Ansichten gewesen über den Wert der Gabel im
Stammbaume? Was halte ich davon?«
    »Nicht viel«, erwiderte die Baronin und sah ihren Vater verwundert an. Ja,
sagte sie zu sich selbst, wenn sich's nur um die Gabel handelte - ich sehe aber
nicht einmal eine Zinke.
    »Ich bin für das englische Prinzip!« rief der Graf. »Der Mann gibt seiner
Frau mit seinem Namen auch seine Ahnen.«
    »Jawohl, Papa, das ist Ihre Ansicht.«
    »Und so habe ich denn nichts gegen eine Verbindung deines Bruders mit dem
kleinen Fräulein von Fehse einzuwenden«, fuhr der Graf fort, »es ist mir
gleichgültig, dass ihre Mutter aus bürgerlichem Hause stammte. Der Adel ihres
Vaters macht alles wieder gut.«
    O Gott, der arme Papa! dachte die Baronin und liess in stummer Bestürzung die
Arbeit in ihren Schoss sinken.
    »Du kannst mit der Tante sprechen«, sagte der alte Herr in einem Tone, als
ob er seiner Tochter die huldvollste Vergünstigung erwiese. »Heiraten einleiten
ist Weibersache. Mein guter Ronald, obwohl rechtschaffen verliebt, tut den Mund
nicht auf. Wenn man ihn sich selbst überlässt, findet er Mittel, sich die Sache
am Ende gar noch auszureden. Lauter Vernunft, lauter Überlegung und kein
Entschluss, das sind die Liebhaber von heute. Was meinst du, Tilde?« fragte er
etwas ungeduldig nach einer Pause, in welcher er vergeblich auf ein Wort der
Zustimmung gewartet hatte.
    Die Baronin war - ein seltener Fall - ratlos und ausser Fassung. Wie es kam,
wusste sie nicht, aber es kam, es ging ihr plötzlich auf, deutlich und
überzeugend: Der unpraktische Papa versteht diesmal seinen unpraktischen Sohn.
Ronald hat die Torheit begangen, sich in die kleine rosige Fee zu verlieben.
Tilde erklärte sich jetzt alles: seine erregte Antwort von vorhin, seinen
leidenschaftlichen Händedruck. An eine Verbindung mit dem Fräulein Heissenstein
hat er nie gedacht, er hat Rondsperg ohne jeden eigennützigen Vorbehalt
verkauft. Die Baronin irrte sich, wie schon so oft, in ihm, indem sie meinte,
das Vernünftige erscheine auch ihm einmal als das Selbstverständliche. Sie ist
voll Unmut gegen ihn und doch - welch ein Wirrsal von Gefühlen in ihrer Brust!
-, doch auch wieder stolz auf diesen törichten Bruder mit seiner verwünschten
Selbstlosigkeit, mit seiner Grossmut, die an Tollheit grenzt. Das Abscheulichste
ist das Klügste in gar vielen Fällen und wär's in diesem ganz gewiss. Wie hatte
sie es ihrem edlen Ronald zutrauen können? - Sie begreift sich nicht! Sie fühlt
sich beschämt über ihre Kurzsichtigkeit, sie ist entsetzt über den voreiligen
Wink, den sie Regula gab. Diese denkt nichts andres, als Gräfin Rondsperg zu
werden - das ist ausgemacht. Sie wird sich bitter rächen, wenn ihre Hoffnungen
nicht in Erfüllung gehen, die kalte Kreatur, und sie kann es - Ronald ist in
ihren Krallen.
    Die Baronin war eine zu starke Seele, um durch ihre Mienen zu verraten, was
in ihr vorging. Ihr Vater las darin nichts von ihrer Angst und ihrer Bestürzung,
aber gar ernst sah die Tochter aus, und ihr langes Schweigen verdross ihn. In
gereiztem Tone wiederholte er den letzten Satz seiner unbeantwortet gebliebenen
Rede: »Was meinst du, Tilde?«
    Sie erwiderte langsam und zögernd: »Ach - Papa - es ist schwer ...«
    Der alte Herr fuhr auf: »Was ist schwer? - Einem Menschen ankündigen, dass
man beabsichtigt, ihm eine Ehre zu erweisen? ... Die Weinhändlerin hat sich wohl
in ihren kühnsten Träumen nicht bis zu einer Verbindung mit unserm Hause
verstiegen. Ich meine, sie würde, um eine solche zu ermöglichen, alle denkbaren
Opfer bringen. Nun - Opfer fordern wir gerade nicht, aber sie kann etwas tun für
ihre Nichte. Ronald braucht nichts von seiner Frau, aber seine Frau braucht
etwas für sich. Sie wird bei uns nicht einziehen wollen wie Griseldis bei
Percival von Wales. Und so wünsche ich denn«, fügte der Graf freundlich und fast
bittend hinzu, »dass meine kluge Tilde die Sache mit der alten Tante in Ordnung
bringe, und zwar gleich; wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn du uns durchaus
morgen schon verlassen willst.«
    Die Baronin hatte ihre Häkelei wieder aufgenommen und schien ganz vertieft
in ihre Arbeit. Jetzt erhob sie den Kopf und sprach: »Lieber Papa, das geht
nicht so schnell.«
    Ihr Vater stand mit einer zornigen Gebärde auf. Er machte, leise und
ungeduldig vor sich hinsummend, einige Gänge durch das Zimmer, blieb dann
plötzlich stehen und sprach: »Du legst grossen Eifer für das Wohl deines Bruders
an den Tag.«
    »Was ich irgend kann, will ich für ihn tun.«
    »So tu es gleich«, sagte er, etwas besänftigt.
    »Unmöglich - ärgern Sie sich nicht, Papa!« rief sie, als er wieder Miene
machte aufzufahren, »aber ich werde morgen noch hierbleiben, und dann wollen wir
sehen.«
    »Wollen wir sehen«, spöttelte er giftig und mit der Absicht, zu verletzen.
»Du sprichst wie ein Minister ... Meine Kinder dürfen sich nicht oft rühmen oder
- beklagen, dass ich Ansprüche an sie stelle. Wenn es aber einmal geschieht, dann
lassen sie mich fühlen, dass es nie geschehen sollte!«
    Der arme Papa - der arme Papa! dachte die Baronin wieder. Sie legte ihre
Arbeit zusammen. Ganz und gar mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, fiel ihr
nicht ein, dem heftigen Ausfall ihres Vaters die geringste Beachtung zu
schenken. Sie hatte sich erhoben und schritt dem Ausgange zu.
    »Wohin?« rief der Graf.
    »Ich will einen Boten nach Haluschka senden, damit sie mich dort nicht
umsonst erwarten«, antwortete sie und verliess das Zimmer.
    Der alte Herr blieb sehr unzufrieden zurück; ein Verdacht steigt in ihm auf.
Die Baronin hat vielleicht die Nichte der Millionärin einem ihrer Söhne
bestimmt, aber das soll sich die kluge Tilde aus dem Kopf schlagen. Daraus wird
nichts. Der Graf wünscht seinen Enkeln alles mögliche Gute, aber ein Röschen
verdient keiner von ihnen, denn sie sind doch nur - tölpelhafte Krautjunker.
    Er ging noch lange in seinem Zimmer auf und ab und sann über einen Entschluss
nach, den er gefasst hatte und ohne Verzug ins Werk zu setzen gedachte.
Als Ronald gegen Abend in den Schlosshof fuhr, sass Bozena auf einer Bank unter
einer der Kugelakazien. Sobald er sie erblickte, hielt er an, übergab Florian
die Zügel, sprang vom Wagen und eilte auf sie zu. Sie hatte sich erhoben und
blieb, ihn erwartend, ruhig stehen.
    »Das ist ja eine Gnade«, sagte Ronald, »dass Sie nicht wie gewöhnlich vor mir
davonlaufen. Was haben Sie gegen mich, Bozena? Seien Sie aufrichtig, mit mir
kann man's sein.«
    »Und mit mir soll man's sein«, antwortete Bozena. »Obwohl mir's niemand
gesagt hat, Herr Graf, weiss ich ja, weshalb wir hierhergekommen sind.«
    »Kein Wunder«, sprach er. »Alle Leute - meinen Vater ausgenommen - kennen
meine Verhältnisse.«
    »Also!« rief Bozena, und der Ernst, mit dem sie ihn angesehen hatte,
verwandelte sich in Strenge: »Betören Sie mir das kleine Mädchen nicht.«
    »O weh!« erwiderte Ronald, und indes er sich bemühte zu scherzen, zuckte es
schmerzlich über sein Gesicht, »das kleine Mädchen hat mich betört. Ich bin ein
ganzer Narr geworden, der oft das Gegenteil von dem tut, was er tun möchte.«
    Sie schoss einen finster funkelnden Blick nach ihm und sprach: »Wenn's so ist
-«
    »Seien Sie ruhig«, fiel er ihr ins Wort, »Sie können dennoch ruhig sein. Ich
hab Übung in der Kunst, zu mir selbst zu sagen: Möchtest das wohl gern? - Du
sollst es nicht haben. - Als ich dieses Röschen neulich sah, da wusst ich, bei
meiner Treu, zugleich: Nach dem hast dich dein Leben lang gesehnt, und: Es soll
nicht blühen an deiner Brust! - Glauben Sie mir«, setzte er nach einer kleinen
Pause hinzu, »ich hab mein Herz in der Hand.« Er ballte dabei die Faust, als ob
er darin etwas zerdrücken wollte.
    »Das ist schon gut«, sagte Bozena, »machen Sie aber auch dem Kind das Herz
nicht schwer.«
    »Ich will ja nicht!« rief er, »aber gestern ... Ich sage Ihnen alles, Bozena
- gestern war ein Augenblick, in dem ich dachte: Warum soll ich mein Glück von
mir weisen? Ich hab ein Recht auf Glück so gut wie ein andrer. Da wollt ich
schon zu Ihnen gehen - denn Röschen gehört Ihnen; Sie sind so gut die Mutter des
Mädchens, als ob Sie es geboren hätten - und Ihnen sagen: Trauen Sie mir's zu,
dass ich ein Weib ernähren kann? Ich weiss, was es heisst sich plagen, man wird mir
auftun, wo ich anklopfe. Ich wollt Ihnen sagen: Sie sind schon einmal mit einem
armen Paare in die Welt gezogen ...«
    Bozena schüttelte den Kopf: »Weil ich's schon einmal getan habe, tu ich's
nicht wieder, Herr Graf.«
    »Und ich bin auch nicht gekommen, Sie darum zu bitten«, sprach Ronald. »Ich
habe mir den schönen Traum aus dem Sinn geschlagen. Ich darf an mich nicht
denken, solange meine Eltern leben, und mir sagen: Wenn sie tot sind, wirst du
anfangen glücklich zu sein - das geht auch nicht. Auf Gräber pflanzt man
Zypressen, nicht Myrten. Ich mag auf den Tod meiner Eltern nicht warten.«
    Bozenas Augen senkten sich, und sie sagte: »Brav.«
    »So heisst es Abschied nehmen.« Er brauchte alle Kraft der Selbstüberwindung,
um mit fester Stimme sagen zu können: »Ich werde sie vielleicht gar nicht mehr
sehen. Wie ich höre, fährt Ihr Fräulein schon übermorgen nach Weinberg zurück.
Und ich komme ohnedies spät nach Hause und bin auch wieder fort beim ersten
Morgengrauen.«
    »Damit wird Fräulein Heissenstein schlecht zufrieden sein«, sagte Bozena. Er
fragte jedoch mit solcher Unbefangenheit was dem Fräulein an ihm läge, und
sagte, als sie entgegnete »Das wissen Sie nicht?« so vorwurfsvoll und doch mit
einem so unwillkürlichen Lächeln: »Aber Bozena!« dass sie ihm plötzlich mit den
Worten: »Nichts für ungut!« ihre Hand reichte.
    Ronald hielt sie fest: »Glauben Sie mir?«
    »Ich glaube Ihnen.«
    »Nun denn. Ich habe Röschen unaussprechlich lieb, aber jetzt, hier, ohne dass
sie es hört, sage ich ihr: Lebe wohl.«
    Sie schüttelten einander die Hände und traten beide in das Haus.
 
                                       19
Am nächsten Tage, um zehn Uhr morgens, stand der alte Graf vor dem Spiegel und
warf einen letzten Blick auf sein Ebenbild, das ihm daraus wohlgefällig
entgegenlächelte. Die Gräfin hielt sich auf einige Schritte Entfernung und
betrachtete ihn mit wehmütiger Freude.
    Der Frack mit dem hohen Kragen und den Schwalbenschwänzen, den er trug,
stammte aus den dreissiger Jahren und hätte besser in ein Museum als in eine
Garderobe gepasst. Nicht viel grösserer Jugend durften sich das schwarze
Beinkleid, die weisse Weste und Krawatte rühmen, die der Greis angetan hatte.
    »Etwas gelblich, meine Atours!« sagte er, indem er die Falten seiner
Krawatte zurechtstrich, »aber es schadet nicht. Fräulein Heissenstein wird das
als eine zarte Rücksicht ansehen - auf ihren Teint, den ich nicht in Schatten
stellen will. Nun mein Amtszeichen!« rief er und trat vor seine Gemahlin hin.
Die Gräfin steckte ihm ein Sträusschen mit winziger Masche in das Knopfloch des
alten Fracks, aus dem ein farblos gewordenes Band des Leopoldordens hervorragte.
Ihre Finger zitterten dabei, und fast wäre er ärgerlich geworden über ihre
Ungeschicklichkeit. Doch er nahm sich zusammen, zog die Luft durch seine
geschlossenen Zähne und sagte nur: »Kommt der Peter noch nicht?«
    Er ging wieder an den Spiegel und glättete sein dichtes, wie Silber
schimmerndes Haar.
    Trotz der abgetragenen, ja ärmlichen Kleider, die seine abgemagerte Gestalt
in scharfen Falten umschlotterten, hatte er ein gar adeliges Aussehen.
    Seine alte Frau folgte ihm mit ihren Blicken, wie er so rasch und aufrecht,
Ungeduld in jeder Miene, im Zimmer hin und her schritt. Sie dachte an die Zeiten
zurück, da ihr dieser Mann als der höchste aller Menschen erschienen war, an das
lange Leben, das sie an der Seite des einzig und ewig Geliebten - vertrauert.
Sie dachte, wie sich am Ende doch alles habe ertragen lassen, weil er, wenn auch
selbst oft lieblos, doch auf ihre Liebe immer vertraut hatte. In dieser Stunde
aber flammte ihre ganze Seele in einer Empfindung des Dankes gegen ihn auf; ging
er doch hin, um die lieblichste Braut für seinen Sohn zu werben! Konnte, wenn er
es tat, der Erfolg zweifelhaft sein? Das Glück, nach dem der bescheidene Ronald
die Hand nicht auszustrecken wagt, sein Vater wird es ihm erringen. Und dann -
dann hilft Gott weiter! denkt die fromme alte Frau.
    Peter erschien und meldete, »die Freile« liesse bitten.
    Die Gräfin sagte: »Ich warte hier auf dich« - ihr Gemahl nickte beistimmend,
ergriff seinen Hut und seine Handschuhe und trat mit wichtiger Miene seinen Weg
an.
    Regula war, als der Besuch des Grafen ihr angekündigt worden, mit einem
Briefe an Bauer beschäftigt gewesen. Derselbe begann also:
»Sie wissen, lieber Freund, wie tief ich Houwald immer bewundert habe:
Und Segen floss auf ihre Tritte,
Wie Himmelstau auf Blumen drauf -
das - so - sollte mein Leben sein! ... Aber -
Begrüsst der Mensch nicht weinend seine Welt? -
Gibt es etwas, das uns bestimmt, Bester - wenn nicht - die Verhältnisse ... Die
lieben mich gewiss, die mich verstehen!! Verstehen Sie die Opfer, die man seinem
besseren Selbst bringt? ... Achten Sie mich!! ... O Freund! - bleiben Sie es!
...«
Da meldete Peter seinen Herrn, und im Taumel ihres Triumphes wollte Regula mit
den Worten schliessen: Ich bin die Braut des Grafen Ronald von Rondsperg. Als sie
aber »Ich bin« niedergeschrieben hatte, legte sie die Feder hin. Abergläubische
Besorgnisse hielten sie zurück von der Verkündigung einer noch nicht vollzogenen
Tatsache.
    Sie erhob sich von dem Sessel in der Fensternische, nahm Platz auf dem
Kanapee und gab sich der angenehmsten Erwartung hin. Ihr Herz hüpfte wie ein
junges Lämmlein.
    Als angehende Gräfin von Rondsperg wird sie also nach Weinberg, der getreuen
Stadt, zurückkehren. Sie wird mit namenlosem Jubel empfangen werden, sie wird
keine Neider haben; vielmehr wird sich in ihr jeder geehrt fühlen, und ein Fest
wird es geben, als ob die gesamte Bevölkerung in den Grafenstand erhoben worden
wäre. Sie nimmt sich vor, huldvoll und herablassend zu sein und so leutselig,
als ob sich nichts verändert hätte in ihrem Verhältnisse zu ihren Bekannten.
Diese werden entzückt und ihre Anbeter verliebter sein als je. Wenn sie in die
Stadt gefahren kommt mit vier Pferden, feurig und schnaubend wie Drachen, werden
die Hüte der Männer fliegen, und die Frauen werden knicksen, und jeder wird
fragen: »Haben Sie unsere Gräfin gesehen?« Einmal kommt es noch zu einer
öffentlichen Ovation ...
    Da pocht es an der Tür. Sie ruft: »Herein!« Der Graf steht auf der Schwelle.
    »Oh - Herr Graf«, stammelt Regula sich erhebend, »in pontificalibus? ... Was
bedeutet ...?«
    Der Greis verneigt sich und weist schmunzelnd auf das Sträusschen in seinem
Knopfloch.
    »Beinahe wie ein Freiwerber«, spricht das Fräulein leise, erschrickt aber
sofort über diese unpassende Äusserung. Wirklich, sie weiss nicht mehr, was sie
sagt, sie muss sich zusammennehmen.
    Der alte Herr stellte sich in Positur, drückte die Absätze aneinander, hielt
mit beiden an die Brust gepressten Händen seinen Hut vor sich, neigte das Haupt
und sprach mit heiterer Feierlichkeit: »Ich komme, Fräulein Heissenstein, im
Namen meines Sohnes, um bei Ihnen in aller Form und schuldigen Ehrfurcht
anzuhalten um die Hand ihrer Nichte, des Fräuleins Rosa von Fehse.«
    Hölle und Tod, was ist das?! - Regula hatte sich lächelnd vorgebeugt, um die
lieblichste Botschaft zu vernehmen, und erhielt einen Schlag ins Gesicht. Sie
fuhr zusammen und trat, keines Wortes mächtig, einen Schritt zurück.
    Der Graf war kein Menschenkenner; er hielt ihr stummes Entsetzen für
sprachlose Überraschung und dachte nur: Diese alte Jungfer sieht sogar in der
Freude widerwärtig aus. Er gönnte ihr einige Augenblicke, um sich zu erholen von
dem unerwarteten Glück, das er ihr verkündigt hatte, und hub dann mit herzlicher
Selbstzufriedenheit wieder an: »Nun, mein Fräulein? Wird es mir gestattet sein,
meinem Sohne eine gute Botschaft zu bringen?«
    In einem Tone, der ihn durch seinen gereizten und feindlichen Klang
befremdete, erwiderte Regula: »Darf ich fragen, ob Sie als Bevollmächtigter
Ihres Sohnes, mit seinem Wissen und Willen, kommen, Herr Graf?«
    Ohne sich zu besinnen, mit der grössten Unbefangenheit, rief der Greis:
»Jawohl, mein Fräulein! Und ich kann nicht glauben, dass es Sie in Erstaunen
setzt. Ihrem Scharfsinn ist nicht entgangen, was mein guter Ronald so wenig zu
verbergen vermag: seine Liebe zu Fräulein Rosa.«
    Regula stiess ein: »Oh!« hervor, das dem Greis trotz all seiner Zuversicht
bedenklich erschien. Sollte die »Weinhändlerin« Ronalds Bewerbung um ihre Nichte
doch nicht mit unbedingtem Entzücken aufnehmen?
    Augenblicklich, beim ersten Zweifel empörte sich sein Stolz.
    »Ich hätte nicht gedacht, mein Fräulein, so lange als Bittsteller vor Ihnen
stehen zu müssen«, sprach er.
    Das Fräulein wies ihm einen Stuhl an und nahm Platz auf dem Kanapee. Sie
hatte allmählich die Herrschaft über sich wiedererlangt und sagte, so ruhig sie
konnte: »Ich gestehe Ihnen, Herr Graf, dass mich diese Bewerbung um die Hand
eines Kindes befremdet ...« Er wollte Einsprache tun, sie liess ihn nicht zu
Worte kommen: » ... und dass ich bisher noch nicht daran gedacht habe, Rosa zu
verheiraten.«
    »Um so mehr Grund, jetzt daran zu denken!« rief der Graf. »Die Gelegenheit,
die sich bietet, ist nicht zu verschmähen. Einen brillanteren Mann als meinen
Ronald können Sie für Ihre Nichte finden, aber keinen braveren. - Übrigens kommt
es mir nicht zu, meinen Sohn zu loben.«
    »Mir gegenüber«, sprach Regula scharf und spöttisch, »hiesse das wohl Eulen
nach Aten tragen. Ich kenne seinen Wert.«
    »Nun, dann zögern Sie nicht länger«, sagte der Greis munter. »Legen Sie die
Hände der jungen Leute ineinander, die nur gar zu gern sich in die Arme fallen
möchten.«
    »So?« hauchte Regula.
    Nein! - Dass eine solche Schmach ihr widerfahren könne, hätte sie niemals für
möglich gehalten. Man hat sie unter falschen Vorspiegelungen hierhergelockt und
überfällt sie nun mit der Zumutung, ihre Ansprüche aufzugeben, zurückzutreten
vor einer andern - und vor wem? Vor einem Geschöpf, das von ihrer Gnade lebt,
das betteln ginge ohne sie!
    Der Graf denkt: Sie schweigt lange. Sie meint vermutlich, es sei anständig,
nicht merken zu lassen, wie geehrt sie sich fühlt. Gönnen wir ihr dieses
unschuldige Vergnügen! Nach einer kleinen Weile hebt er wieder an: »Fassen Sie
einen für uns günstigen Entschluss, verehrtes Fräulein! Tun Sie's in einer Weise,
die Ihrer würdig ist und würdig des Rufes Ihrer Grossmut und Freigebigkeit.«
    Freilich - auf diese war es abgesehen! sagt Regula zu sich selbst. Mein Geld
wollt ihr, nicht mich.
    Ihr unruhig umherschweifender Blick fällt auf den Brief, den sie eben
geschrieben hat, und wie ein Blitz durchzuckt es sie ... Das ist's - da liegt
die Lösung. Geschehe, was wolle, strafe sich's, wie's mag - was liegt an der
Zukunft? Der grosse Augenblick fordert sein Recht!
    »Verständigen wir uns, Herr Graf«, spricht Regula; »handelt es sich nur um
meine Einwilligung zu der Verbindung der jungen Rosa mit Ihrem Sohne, oder
erwarten Sie, dass meine Grossmut und Freigebigkeit dieselbe ermögliche?«
    »Mein Fräulein!« rief der Greis auffahrend.
    Regula setzte mit erzwungener Gleichgültigkeit hinzu: »Wenn das letztere der
Fall wäre, müsste ich Ihnen zu meinem Bedauern erklären, dass ich nichts für meine
Nichte tun kann. Ich habe nähere Verpflichtungen, ich bin - verlobt.«
    Er war unfähig, die unangenehme Überraschung, in die diese Nachricht ihn
versetzte, zu verbergen, und hätte jedes Wort, mit dem er an die Freigebigkeit
des Fräuleins appelliert hatte, mit einem Tropfen seines Herzblutes
zurückerkaufen mögen.
    »Ich wünsche Ihnen und Ihrem Herrn Bräutigam Glück!« sagte er sarkastisch
lächelnd, »wäre Ihnen aber dankbar, wenn Sie mir die Erlaubnis geben wollten,
auch meinem Sohne Glück wünschen zu dürfen - zu Ihrer Einwilligung ...«
    Regula unterbrach ihn: »Ich versage sie nicht, Herr Graf. Es kann mir nur
lieb sein, meine Nichte in eine Familie treten zu sehen, in welcher auf irdische
Güter ein so geringer Wert gelegt wird, denn diese - sind ihr nicht zuteil
geworden.«
    »Verlieren Sie darüber kein Wort, mein Fräulein!« rief der Graf.
»Geldheiraten zu schliessen war in unserm Hause niemals Brauch, und heute noch
darf, trotz der Ungunst der Zeiten, der Eigentümer von Rondsperg eine Braut nach
seinem Herzen wählen.«
    Regula erbebte vom Wirbel bis zur Sohle. Der Gegner selbst hatte ihr den
vergifteten Pfeil in die Hand gedrückt, den sie nur abschnellen brauchte, um
tödlich zu treffen und sich zu befreien von dem lechzenden Durst nach Rache, der
in ihrem Innern so qualvoll brannte und Befriedigung heischte. Eine Sekunde lang
zögerte sie ... Ihr Wort war verpfändet, aber ein Narr, der Betrügern Wort hält,
Regula ist nicht gewillt, das Unrecht zu beschützen, sondern - es zu entlarven!
    »Ihr Sohn ist nicht mehr Eigentümer von Rondsperg«, sagte sie gepresst und
stammelnd, »er hat es mir verkauft.«
    Der alte Mann sprang auf, starrte sie an - stumm, verständnislos.
    Regula erhob sich gleichfalls und wiederholte jetzt bestimmter, mit fester
Stimme: »Er hat es mir verkauft. Rondsperg ist mein - seit gestern.«
    Er taumelte zurück unter diesem Schlage - er war totenbleich, der Atem
stockte in seiner Brust.
    Erschrocken, aber nicht gerührt betrachtete ihn Regula. »Fassung, Herr
Graf«, sprach sie kalt.
    »So bin ich Ihr Gast? ... In Rondsperg Ihr Gast?!« schrie der Greis, und
schmerzlich verband sich die Heftigkeit des Zornes, der Entrüstung, der
Beschämung, die in ihm rangen, mit dem Bewusstsein seiner Hilflosigkeit.
Plötzlich raffte er alle Kraft zusammen, richtete sich auf und stürzte aus dem
Zimmer.
    Regula war von einem nervösen Zittern ergriffen worden, das ihre Glieder
kläglich schüttelte. Es dauerte lange, bis sie vermochte, an den Tisch im
Fenster zu treten und den begonnenen Satz: »Ich bin ...« zu Ende zu schreiben.
Er schloss jetzt anders, als sie es vor einer Weile im Sinne gehabt, und zwar:
»Ich bin die Ihre. Regula Heissenstein.«
    Sie rief Bozena und trug ihr auf, den Brief sofort durch einen Boten nach
der Bahnhofstation zu befördern. Er konnte um fünf Uhr nachmittags in Bauers
Händen sein.
    Frau Professor also? ... Dies das Ende ... Frau Professor Bauer! Regula
brach in unaufhaltsames Weinen aus.
Die Baronin von Waffenau erwartete an der Seite ihrer Mutter in banger Besorgnis
den Erfolg der Unterredung des Grafen mit Regula. Als der Greis jetzt erschien,
verriet ihr ein Blick auf sein verstörtes Gesicht, was geschehen war.
    »Oh, die Schlange, sie hat uns verraten!« rief Tilde.
    Diese Worte brachten den Grafen noch mehr ausser sich.
    »Sie euch - Ihr mich!« keuchte er; die Stimme versagte ihm, er stampfte
heftig mit dem Fusse und brachte mühsam die Worte hervor: »Ronald - her -
hierher.«
    »Ich will um ihn schicken«, sprach die Baronin in beruhigendem Tone. »Regen
Sie sich nicht so auf, Papa. Was geschehen ist, ist geschehen, weil es musste,
weil es anders nicht möglich war.«
    Zu ihrer Mutter sagte sie leise: »Verlieren Sie nicht den Mut, Mama, ich
komme gleich wieder«, und eilte, einen besorgten Blick auf die Eltern werfend,
hinweg.
    Der Greis hatte sich auf den Rohrsessel vor seinem Schreibtisch geworfen,
die Gräfin trat zu ihm.
    »Karl«, sprach sie flehend und legte die Hand auf seine Schulter. Er bäumte
sich auf, als ob der Verrat ihn berührt hätte, und schleuderte ihre Hand von
sich.
    »Du hast alles gewusst! Warst einverstanden mit dieser - Brut ... Still!«
fuhr er sie an, als sie antworten wollte, und die arme Frau wankte
eingeschüchtert und bebend zu ihrem vorigen Platz zurück.
    Wuchtige Schritte erdröhnten im Gange; der Burggraf erschien.
    »Ah!« rief ihm sein Herr mit unheimlichem Gelächter entgegen, »wissen Sie
schon? Rondsperg ist - verkauft, verkauft!«
    Der Alte schlug schallend die Hände zusammen: »Hatt ich mir's doch gedacht!«
    »Ja«, fuhr der Graf fort, »jawohl! Meine Kinder verkaufen mir das Dach über
dem Kopf, zum Dank dafür, dass ich es ihnen geschenkt habe. Ich lebe hier, in
meinem Rondsperg, von einer Krämerin Gnaden - mache vor ihr die lächerliche
Figur eines alten Narren, der in fremdem Hause den Herrn spielt. Aber was liegt
daran? Die Schmach ihres Vaters wird meinen Kindern - bezahlt. Für Geld ist ja
alles feil, das Vätererbe, das uns den Namen gegeben hat, die Gräber der Ahnen -
alles zu haben für Geld... Auf die Trommel damit! Die Millionärin kauft, und
mein Sohn macht ein brillantes Geschäft.«
    Die Baronin, die inzwischen zurückgekehrt war, trat unerschrocken auf ihren
Vater zu. Sie trug ein riesiges Wirtschaftsbuch in den Armen, das sie vor ihn
auf den Schreibtisch hinlegte.
    »Es ist jetzt nicht mehr Zeit, zu verhehlen und zu schonen, Papa. Die ganze
Wahrheit wird Ihnen weniger weh tun als die halbe«, sagte sie und schlug das
Buch auf. »Öffnen Sie die Augen, seien Sie gerecht gegen den besten Sohn. Hier
steht, in Zahlen ausgedrückt, die Geschichte seines langen, fruchtlosen Kampfes.
Sie können auch leicht sehen, was ihm bleibt bei dem brillanten Geschäfte, das
er mit Fräulein Heissenstein abgeschlossen hat.«
    Der Burggraf spannte hastig seine Brille auf die Nase und fiel wie ein
Raubvogel über das Buch her.
    Es war sein grösster Verdruss, dass ihm konsequent der Einblick in Ronalds
Buchführung verweigert worden war. Jetzt endlich lag der Gegenstand seiner
Neugier vor ihm, jetzt konnte er sich und andere überzeugen, dass die Leitung der
Rondspergschen Güter in einer Reihe von Missgriffen bestanden hatte, seitdem sie
ihm und seinem Freunde, dem Direktor, entzogen worden war. Er nahm auf einen
Wink des Grafen Platz neben ihm, und die beiden begannen eifrigst zu rechnen und
zu lesen. Der Graf, der seit Jahren nur noch in den Träumen seiner sanguinischen
Einbildungen gelebt hatte, mutete plötzlich seinem Verstande eine gewaltige
Anstrengung zu. Er rang seine Gemütsbewegung nieder und rief die schlummernden
Kräfte seines Urteilsvermögens wach, um mit kaltem Blute beweisen zu können:
Soviel habe ich gegeben - und so wird's mir gedankt!
    Blatt um Blatt wurde umgeschlagen. Von Zeit zu Zeit sprach der Graf: »Wie? -
Der Acker nicht mit einbezogen? - Wie? Der Wald kommt gar nicht vor?« Und
jedesmal erhob sich die Baronin und bewies aus dem Buche mit Scharfsinn und
raschem Überblick: »An Zahlungs Statt angenommen von dem und dem. - Versetzt für
soundsoviel.«
    Wohl glühten ihr die Augen wie im Fieber, wohl war sie rot wie eine
Mohnblume, doch blieb die innere Ruhe, die trotz aller äusseren Lebhaftigkeit sie
niemals verliess, ihr auch jetzt treu.
    Fast zwei Stunden vergingen, die Züge des Grafen wurden immer gespannter,
ihr Ausdruck immer düsterer, und kalter Schweiss trat auf seine Stirn.
    Hingegen schien das Interesse des Burggrafen an dem Studium der
Wirtschaftsrechnungen allmählich zu erlöschen. Er richtete sich unter
verschiedenen »Ahs« und »Ohs« aus seiner gebückten Stellung auf, rieb seine
lange Nase mit dem ringgeschmückten Zeigefinger und erhob sich endlich. Seine
farblosen borstigen Haare, durch die er fortwährend wider den Strich gefahren
war, standen jedes einzeln in die Höhe; er wandte sich zu der Baronin und sagte
mit einer Mischung von Frechheit, Bosheit und Beschämung: »Das Papier ist
geduldig.«
    Der Baronin wallte einen Augenblick die Galle über. »Sie wissen recht gut -«
begann sie mit zorniger Stimme, aber sie mässigte sich sogleich, senkte den Blick
auf die Häkelei, an der sie unermüdlich arbeitete, und murmelte: »Wer mit Ihnen
streiten wollte, Tropf!«
    Als sie nach einer Weile wieder emporsah, war der Platz, an dem der Burggraf
gestanden hatte, leer. Der ländliche Intrigant hatte sich leise
davongeschlichen.
    Der Graf aber sass steif und stumm in seinen Sessel zurückgelehnt. Seine
rechte Hand lag auf dem offenen Buche, die linke hing schlaff herab. Weder seine
Frau noch seine Tochter wagten ihn anzusprechen. Dumpfe Stille herrschte im
Gemache.
    Da schlug es zwölf Uhr vom Kirchturm, und das Mittagsglöcklein sandte seine
hellen Töne durch das geöffnete Fenster herein, sie schienen zu sprechen: Ruh
aus, gequältes Menschenvolk! Ein Augenblick der kühlen Rast am heissen Tage ist
dir gegönnt. - Die Baronin legte ihre Hand an die brennende Stirn, die Gräfin
betete leise. Jetzt: »O Himmel sei uns gnädig!« - sachte war die Tür geöffnet
worden, Ronald trat ein. Er sah seine Mutter und seine Schwester fragend an,
bestürzt über den Ausdruck von Todesangst in ihren Zügen.
    »Sie haben mich rufen lassen, Vater«, sprach er.
    Bei dem Laute seiner Stimme fuhr der Greis empor, schwankte, als hätte
Schwindel ihn ergriffen. Seine Augen schlossen, seine Lippen bewegten sich.
»Ronald«, sagte er mit bebender, gebrochener Stimme. Er breitete die Arme nach
seinem Sohne aus: »Ronald - verzeihe mir!«
    Es war der Wunsch des Grafen, Rondsperg sogleich zu verlassen und sich nach
Haluschka zu begeben, wo seine Tochter ihn und seine Frau einstweilen aufnehmen
sollte. Mit Mühe brachte man ihn dahin, die Abreise auf den morgigen Tag zu
verschieben, damit der Freiherr von Waffenau von der Ankunft seiner
Schwiegereltern verständigt werden und Anstalten zu ihrer Aufnahme treffen
könne. Ronald schickte sich an, sofort nach Haluschka zu fahren, um seinem
Schwager die Lage der Dinge auseinanderzusetzen. Am folgenden Morgen wollte er
wieder zurück sein. Die Baronin schrieb in seinem Auftrage an Regula und teilte
ihr mit, dass Ronald am nächsten Tage, um zwölf Uhr mittags, zur förmlichen
Übergabe von Rondsperg bereit sein werde.
    Der Tag verging mit eifrigen Vorbereitungen zur Abfahrt; dem alten Herrn
schien der Boden unter den Füssen zu brennen, die Gräfin beschäftigte sich mit
dem Packen ihrer Habseligkeiten. Sie ging still und lautlos im Zimmer umher mit
ihrem gewohnten Ausdruck geduldigen Sichfügens in das Unvermeidliche. Ihre
Kammerjungfer sass in einem Lehnsessel, seufzend unter der Last ihrer Gicht und
ihres Fettes, und jammerte, dass sie sich der Gebieterin nicht nützlich machen
konnte. Neben dem Koffer kniete Röschen, legte Stück für Stück hinein und
benetzte die Hand der Gräfin, die es ihr reichte, mit ihren Tränen. Die alte
Frau versuchte nicht, sie zu trösten, aber wenn das Kind gar zu bitterlich
weinte, strich sie ihr sanft über Haare und Wangen und sagte mit ihrer
ängstlichen und hilflosen Stimme: »Nur Mut, nur Mut!«
    Regula hatte indessen den Brief der Baronin erhalten und einen zweiten Boten
nach der Eisenbahnstation expediert. Er war der Träger eines Telegrammes, das an
Doktor Wenzel gerichtet war und denselben in Begleitung der Herren Weberlein und
Schimmelreiter nach Rondsperg beschied. Die Anwesenheit des Advokaten hätte bei
der Übernahme des Gutes vollkommen genügt, aber Regula empfand in diesem
schwierigen Augenblick das Bedürfnis, sich mit ihren Getreuen zu umgeben. Sie
wurde etwas ruhiger, als diese Vorkehrung getroffen war, doch nagte eine
Empfindung an ihr, die sie bisher nicht gekannt hatte, die ihr immer als das
grösste aller Schrecknisse erschienen war, die Empfindung: Es gibt Menschen, die
mich nicht bewundern, die mich anklagen, mich vielleicht geringschätzen!
    Sie überlegte die Motive ihrer Handlungsweise, rechtfertigte jedes,
erschöpfte sich in Beweisen, dass sie das Notwendige, das Richtige getan - und
dennoch war ihr die Brust wie zusammengeschnürt und dennoch wollte der Druck
nicht weichen, der beklemmend und schwer auf ihr lastete.
    Eine gedämpfte Stimme, die sie leise ansprach, weckte sie aus ihrem Sinnen.
Sie erhob den Kopf.
    Neben ihr stand Bozena.
    Ihre Lippen bebten, sie war totenblass, leidenschaftliche, aber unterdrückte
Erregung verriet sich in ihrem ganzen Wesen. »Die Herrschaften lassen packen«,
sagte sie. »Es heisst, sie wollen Rondsperg für immer verlassen.«
    »Mögen sie«, erwiderte Regula mit scheinbarer Gleichgültigkeit. »Ich habe
Rondsperg gekauft, bin hier die Herrin und kann niemanden, der nicht gern mein
Gast ist, zwingen, es zu sein. Sie wollen fort, ich werde sie nicht bitten zu
bleiben.«
    »Tun Sie es doch, Fräulein«, sprach Bozena. »Die plötzliche Abreise der
alten Herrschaften würde gegen Sie, Fräulein, böses Blut machen.«
    Regel stiess ein kleines höhnisches Gekicher hervor, das Bozena nicht
irrezumachen vermochte; sie fuhr fort: »Niemand weiss, wie sehr Sie beleidigt
worden sind -«
    »Wissen Sie's?«
    »Ja, Fräulein, ich lebe in Ihrer Nähe und hab offene Augen. Die andern - die
Menschen, die Sie nicht kennen, werden sagen: Sie hat sich eingebildet, der
junge Graf werde sie heiraten, und weil er ihr das Röschen vorzieht, jagt sie
aus Rache seine Eltern aus dem Hause.«
    Wahr - wahr! denkt Regula; ihre schlimmsten, geheimsten Befürchtungen, eben
erst mühsam zum Schweigen gebracht, gewinnen eine Stimme, die aus fremdem Munde
doppelt schrecklich klingt. »Bozena«, ruft sie zugleich entrüstet und unsicher,
»wie dürfen Sie es wagen ...«
    »'s ist meine Schuldigkeit, dass ich Sie warne«, spricht die Magd. »Was
wissen Sie von der Bosheit der Menschen? ... Die grösste Freude der Menschen ist
lästern, die Besten zu lästern, denn bei den Schlechten, da zahlt sich's nicht
aus. Sie, Fräulein, sind - nach Gebühr -« Bozena neigte ihr Haupt bei diesen
letzten Worten, »bisher nur geachtet und geehrt worden. Geben Sie acht, was
geschieht, wenn es einmal heisst: Sie hat's nicht verdient - sie hat uns um
unsere Achtung und Ehrfurcht betrogen!«
    »Niemand wird das sagen«, rief Regel und streckte die kalten Hände zitternd
aus.
    »Das und noch viel Schlimmeres, verlassen Sie sich drauf«, fuhr Bozena hart
und unerbittlich fort. »Plötzlich wird jeder etwas wissen. Der eine: Die ältere
Schwester hat im Elend sterben müssen, damit ihr alles zukomme, der
Erbschleicherin ...«
    »Still!« kreischte das Fräulein.
    Bozena jedoch, ruhiger und ruhiger werdend, je furchtbarer Regels Aufregung
wuchs, sprach weiter, langsam und nachdrücklich: »Ein andrer steht auf und sagt:
Auf dem Totenbette hat ihr der alte Herr das Kind seiner armen Rosa empfohlen
und hat ihr mit seinem letzten Hauch zugerufen: Deine heiligste Pflicht! ... Sie
hat sie nicht erfüllt, hat dem Kind nicht gegeben, was ihm gebührt.«
    Regula machte einen verzweifelten Versuch, sich aufzuraffen: »Gebührt?«
wiederholte sie, »ihm gebührt nichts. Was ich für das Kind getan habe, geschah
aus Gnade und gutem Willen, Jeder billig Denkende sieht das ein. An dem Urteil
der bösen Zungen, der Verleumder - braucht mir nichts zu liegen.«
    In welchem Widerspruch standen diese Worte mit dem Ausdruck, in dem sie
gesprochen wurden!
    »Fräulein«, sagte Bozena warnend und eindringlich. »Sie wissen es nicht, Ihr
Haus ist auf Ungerechtigkeit erbaut. Das ist ein Grund, so schmal - er trägt Sie
nur, solange Sie geradeaus gehen ... Biegen Sie einmal vom rechten Weg ab - um
die Breite eines Haares, so stürzt unter Ihnen alles zusammen! ... Sie brauchen
den Schutz Gottes ... geben Sie dem Kind, nicht was ihm vor den Menschen,
sondern was ihm vor Gott gebührt. Tun Sie's, weil Sie grossmütig sind und brav!
Tun Sie's von selbst, Fräulein, sonst müsst ich Sie dazu zwingen - - zu Ihrem
Besten, gutes Fräulein!«
    Ihre Augen funkeln - sie schlägt sie nieder; ihre ganze Gestalt strebt empor
- aber Bozena beugt sich. Regula wirft ihr unter den herabgesenkten Brauen einen
misstrauischen Blick zu, sie weiss nicht, ob ihre Magd schmeichelt oder droht.
Diese fährt fort, Nachdruck legend auf jede Silbe: »Um Ihretwillen ist Ihre
Schwester verstossen worden ...«
    »Weil sie's verdient hat, nicht um meinetwillen!« ruft das Fräulein.
    »Doch - um Ihretwillen! Rosa ist um die Verzeihung ihres Vaters bestohlen
worden. Das weiss ich, Fräulein, denn, gefoltert von Gewissensqualen, hat es mir
Ihre Mutter in ihrer Todesstunde anvertraut. Der Brief ...«
    »Schweigen Sie!« schreit Regula, »ich weiss nichts; ich will nichts wissen
von einem Briefe - ich kann's beschwören: ich habe keinen Brief gesehen ... und
- wer hat ihn gesehen?«
    »Niemand«, antwortet Bozena mit kalter Ruhe, »denn er ist unterschlagen
worden und - verbrannt.«
    »Ha!« Regula atmete auf, befreit von einer Zentnerlast. »So gibt es auch
keinen unterschlagenen Brief! ... Wer kann beweisen, dass es einen gab? Wer wird
es glauben?«
    Die Magd stand da, umflossen von einer wunderbaren, stillen stolzen
Majestät; ihre grosse Gestalt schien noch zu wachsen, ihr ganzes Wesen atmete
Macht, und wie Erz klang ihre Stimme, als sie sprach: »Beweisen kann ich es
nicht, aber ich werde es sagen und - mir wird man glauben!«
    Mit schrecklicher Wucht fielen diese Worte auf die Seele Regulas. Ja, der
wird man glauben!
    Deutlich und lebendig in jedem Zuge erhob sich vor ihr ein längst
vergessenes Bild. Sie sah ihre Magd zwischen Mansuet und den Jäger treten und
hörte sie sprechen: »Es ist wahr! ...« Bozena hätte damals nicht lügen, sie
hätte nur schweigen brauchen, und der Jäger wäre als Verleumder gebrandmarkt
gewesen; an ihr - hätte keiner gezweifelt. Aber sie sprach, sie gab der Wahrheit
die Ehre. Ja, der wird man glauben! ... Und ein zweites Bild tauchte auf vor
Regula. Sie erblickte sich auf dem schmalen Pfade, von dem Bozena gesprochen,
hoch über allen Menschen und von allen vergöttert. Und nun ein unseliger
Schritt, aus Rache getan, im Zorn beleidigter Eitelkeit, und der Glanz, der sie
umgab, erlischt, und sie sinkt, sinkt immer tiefer in einen Abgrund - grässlich,
schauerhaft: Die Verachtung der Menschen! ... Alles verlässt sie - der zuerst,
der sie so redlich geliebt und ihren Reichtum so redlich gehasst hat ... Schon
gehasst, bevor er wusste, dass sie ihn einem Verbrechen dankte.
    »Bozena«, stöhnt Regel, ihre Zähne schlagen zusammen, ihre Hände greifen
stützesuchend umher, »Bozena, was soll ich tun? Was verlangen Sie?« Sie denkt
nur noch an Rettung, an Rettung um jeden Preis.
    Mühsam ihre Fassung bewahrend, pochenden Herzens, antwortet Bozena demütig
und zögernd: »Ich habe meinem Fräulein nichts vorzuschreiben, aber wäre ich Sie,
ich würde zu den alten Leuten sagen: Bleibt, Rondsperg gehört eurem Sohn, dem es
Röschen zur Morgengabe bringt.«
    Regula lachte grell auf und brach dann in ein krampfhaftes Schluchzen aus.
Plötzlich schien ein schwacher Hoffnungsschimmer in ihr aufzuleuchten.
    »Bozena«, sprach sie - oh, mit gar geringer Zuversicht und zitternd wie
Espenlaub: »Wenn ich - Sie - bäte - zu schweigen?«
    Die Magd erwiderte kein einziges Wort, aber sie bäumte sich mit einer
Gebärde auf, so wild, so stolz, so voll grimmigen Hohnes, dass Regula, keinen
Ausweg vor sich sehend, wimmerte: »Nein, nein, ich bitte Sie nicht - - ich will
tun - was Sie verlangen ...«
    Da stieg ein Schrei masslosen Jubels aus Bozenas Brust. »Engel«, rief sie
jauchzend, »Erlöserin! ... meine ewige Seligkeit dank ich Ihnen und meinen
zeitlichen Frieden!« Sie warf sich vor der Herrin nieder und berührte den Boden
mit ihrer Stirn; ihr ganzer Körper bebte, mit Anstrengung rang sich der Atem aus
ihrer Brust. »Erlöserin! Erlöserin!« wiederholte sie weinend und frohlockend, im
Taumel eines an Schmerz grenzenden Entzückens.
    Regula meinte einen Augenblick, dass ihre immer so ruhige und zurückhaltende
Dienerin wahnsinnig geworden sei.
    Bozena richtete sich auf die Knie empor, sie erhob den Kopf und die Arme,
als bringe sie dem Himmel ein Opfer dar, und rief: »Das Glück des Kindes für das
Glück der Mutter ... Herr! Herr! Sie hätte getauscht! Nimm du es an und nimm
damit die Sünde von mir!«
 
                                       20
Als Professor Bauer den Brief Regulas erhielt, machte er alle Stadien eines mit
dem Jawort der Geliebten überraschten Liebhabers durch. Vor allem traute er
seinen Augen nicht, dann traute er ihnen und geriet in ein dityrambisches
Entzücken, aus dem er in elegische Rührung überging und sich fragte: Verdiene
ich auch ein solches Glück? Im heissen Drang seines mitteilungsbedürftigen
Herzens eilte er hinüber zu Mansuet, ihm das grosse Ereignis zu verkünden. Auf
halbem Wege jedoch besann er sich eines andern, machte plötzlich kehrt, rannte
ebenso schnell nach Hause zurück, als er davongerannt war, stopfte in grösster
Hast seinen schwarzen Anzug und einige Wäsche in einen Reisesack und stürmte
nach dem Bahnhofe, wo er eben noch Zeit hatte, ein Billett zu dem in der
Richtung nach Rondsperg abgehenden Zug zu lösen. In der ersten halben Stunde der
Fahrt hielt sich seine Stimmung auf ihrer schwindelnden Höhe, in der zweiten
begann sie zu sinken, und in der dritten schoss - wie eine schwarze Schlange, die
die Fähigkeit abzufärben besässe - der Zweifel trübend über das spiegelglatte
Meer seiner Wonne.
    Entalten die Worte: »Ich bin die Ihre«, auch wirklich ein Eheversprechen?
... Lassen sie sich auch wirklich dem Sinn und Geiste nach mit: Ich will Sie
heiraten, übersetzen? Sind sie nicht etwa nur als blosse Höflichkeitsform zu
betrachten wie sie oft angewendet wurde von unsern grössten Dichtern - wie etwa
Schiller an Cotta schreibt: »Der Ihrige - Schiller?« ... Regulas klassische
Bildung, die ihn so oft zur Bewunderung hinriss, erweckt ihm in diesem
Augenblicke Grauen.
    Der Zug hält in der Station für Rondsperg, der Kondukteur reisst den Schlag
des Waggons auf: »Eine Minute Aufentalt!« ... Nein, Bauer steigt nicht aus! -
Er fährt weiter - wohin ist ihm gleichgültig, nur weiter, nur hinweg! ... Die
Lokomotive lässt einen scharfen Pfiff vernehmen, er gellt: Feigling! O Schmach,
das gilt ihm ... Der Kondukteur steckt sein zorniges Gesicht in den Wagen: »Ist
kein Passagier für Hullein da?« ... Der Professor schnellt bestürzt empor. »Aber
zum Teufel, so steigen Sie doch aus! Sind Sie denn taub?« fährt ihn der
Eisenbahnbedienstete mit der Höflichkeit seines Standes für Insassen der zweiten
Wagenklasse an. In grösster Verlegenheit, wie ein ertappter Schulknabe, beeilt
sich Bauer, schleunigst zu gehorchen. Er steht auf dem Boden; eine mitleidige
alte Frau wirft ihm seine im Wagen vergessene Reisetasche zu - der Zug braust
davon. Er blickt ihm nach und denkt, er hätte nie geglaubt, dass ein gesetzter
Mann und Professor in eine zugleich so traurige und lächerliche Lage kommen
könne. Was nun beginnen? Bauer ist ratlos. Da hilft ihm einer der
menschenfreundlichen Volontärs, die vor wenigen Tagen durch ihre Habgier Regulas
Entrüstung erweckten, indem er die Frage an den Professor stellt, ob er nach dem
Städtchen fahren wolle, das eine halbe Stunde weit von der Station und auf dem
Wege nach Rondsperg liegt. Bauer bejaht es - jetzt ist sein Plan gemacht; er
wird im Städtchen übernachten und sich's dort überlegen, ob er umkehren oder
weiterreisen solle. Unter dem Beistande des Volontärs, gegen den er sich in
Danksagungen erschöpft, besteigt der Professor einen scheppernden Einspänner,
der ihn und seine Effekten um zehn Uhr abends vor dem Tore des »Goldenen
Schwan«, des ersten Hotels in K., absetzt. Nach einem sehr frugalen Abendessen
begibt sich Bauer in das ihm angewiesene Zimmer, wo er die Nacht,
zusammengekauert in einem sehr kurzen und sehr hohen Bett, zubringt; seine
langen Glieder darin auszustrecken wäre unmöglich gewesen. An Schlaf denkt Bauer
nicht. Er gerät allmählich in eine begeistert resignierte, über Erdenweh und
Erdenlust erhabene Stimmung. Wunderbar hat das Schicksal ihn geführt, man möchte
sagen, fast gegen seinen eigenen Willen, aus seiner kleinen Studierstube bis
hierher in das katafalkähnliche Bett im Gastzimmer Nr. 3 des »Goldenen Schwan«
zu K. Nimm mich auf deine Flügel, Fatum! denkt der Professor, und das Fatum
scheint bestimmt zu haben, ihn schlafend seinem Ziele entgegenzutragen, denn
trotz aller Aufgeregteit nickt Bauer fest und fester ein, und als er erwacht,
schlägt es eben neun Uhr vom Ratausturme. Bauer kleidet sich an und begibt sich
in den Speisesaal zum Frühstück. Auf der Schwelle bleibt er stehen wie
angewurzelt, vor Überraschung zur Salzsäule verwandelt. Er hat im Zimmer, in
einem lebhaften Gespräche mit dem Wirte begriffen, die Herren Wenzel, Weberlein
und Schimmelreiter erblickt.
    »Ah! auch berufen! auch berufen!« spricht der Advokat in seiner freundlichen
Weise, »das ist allerliebst. Sie haben doch noch keinen Wagen bestellt? - Und
wenn, sagen Sie ihn wieder ab. Sie fahren mit uns nach Rondsperg ...«
    Fatum! Fatum! Der Professor tauscht Händedrücke mit den Freunden,
protestiert gegen ihre Einladung und nimmt sie, natürlich, an. Er kann ja
unterwegs noch aussteigen, er kann selbst noch, am ersehnten Ziele angelangt,
die Flucht ergreifen, sich bescheiden zurückziehen, wenn seine Anwesenheit
unerwünscht sein sollte ...
    Inzwischen aber trägt ihn der mit kräftigen Pferden bespannte Wagen des
Wirtes zum »Goldenen Schwan« im raschen Trabe immer näher zu dem Orte, wo die
Geliebte weilt. Seine Reisegefährten beobachten alle ein, wie ihm scheint,
ostensibles Schweigen. Nur von Zeit zu Zeit nickt Wenzel und sagt, auf die
Felder deutend, zwischen denen der Weg läuft: »Herrliche Frucht!« Und Mansuet
bestätigt und fügt hinzu: »Prächtiger Boden!« Der Sekretär entält sich eines
jeden Zeichens der Teilnahme. Stolz und aufrecht sitzt er da wie das
personifizierte Selbstbewusstsein und scheint zu sagen: Was liegt mir an alledem?
Er nahm, besonders gegen Bauer und Mansuet, Mienen an von einer Feierlichkeit,
von einer mitleidigen Herablassung - nicht zu beschreiben!
    Bauer dachte: Wahrlich, neben diesem Schimmelreiter nähme Cäsar sich aus wie
ein Hanswurst!
    Und nun rollen sie bereits über das Pflaster des Schlosshofes. Vor dem Tore
steht Bozena und ruft ihnen zu: »Kommen Sie - kommen Sie - es ist die höchste
Zeit!« Über die Anwesenheit des Professors scheint sie sich besonders zu freuen;
dieser hat ihr nur gleich zu folgen, während die andern drei Herren gebeten
werden, einen Augenblick zu verziehen.
    »Wie sehen Sie denn aus?« fragt Mansuet die Magd, »Sie leuchten ja wie die
liebe Sonne.«
    Bozena antwortet ihm nicht, sie eilt mit Bauer, dessen Hand sie erfasst hat,
die Treppe hinauf. Wenzel und Mansuet sehen einander befremdet an. - Ein
sonderbarer Empfang! ... Was hat das zu bedeuten? - Das Haus ist wie
ausgestorben, im Hofe steht die Britschka der Baronin Waffenau und ein bepackter
Wagen. Jetzt öffnet sich die Stalltür in der Ecke gegenüber, Kocka und Myska
kommen heraus mit gesenkten Köpfen und herabhängenden Ohren und stellen sich von
selbst jede an ihren Platz an die Deichsel. Florian folgt in Hemdärmeln, seinen
Rock auf dem Arme; er wirft brummend und gestikulierend das Kleidungsstück auf
den Bock und beginnt die Stränge einzulegen.
    Wenzel, gefolgt von seinen Begleitern, tritt den Alten mit der Frage an:
»Wer reist denn ab?«
    Aber Florian verschmäht zum erstenmal in seinem Leben die Gelegenheit, sich
beredsam zu zeigen, und antwortet nur mit einem trotzigen Kopfschütteln, das
deutlich sagt: Von mir erfahrt ihr nichts!
    Da schlägt Wenzel vor, hinaufzugehen und eine mitleidige Seele aufzusuchen,
die sie bei dem Fräulein anmelde. Der Wirtskutscher hat ihre Mantelsäcke,
Überröcke und Regenschirme auf den nackten Boden deponiert und ist
davongefahren. Schimmelreiter, der sonst so anspruchslose, fühlt sich verletzt.
»Man hätte Lust umzukehren«, spricht er, »ist das eine Art? ... Einen kommen
lassen, so weit her, und sich dann um einen nicht kümmern - sehr kurios,
wirklich!«
    Die Herren treten in die Halle und zögern wieder, sie wissen nicht, wohin
sich wenden. - Vom Korridor her lassen sich endlich Schritte vernehmen, und die
Stiege herabgeschlichen kommt ein kleiner, stiller Zug. Voran Peter, mit
Reiseeffekten beladen, in ausserdienstlichem Phantasieanzug, den anzulegen er der
Gelegenheit entsprechend fand, vermutlich wegen des Inkognitos. Ihm folgt die
Gräfin, von Ronald geleitet. Der Widerschein ihrer klaren Seele liegt fast wie
ein Schimmer von Heiterkeit auf ihrem ehrwürdigen Angesicht. So geübt wie von
ihr, wird die Demut zur Würde, die Geduld zur Unüberwindlichkeit. Ein zweites
Paar erscheint; der Graf, gestützt auf den kräftigen Arm seiner Tochter. - Er
trennt sich schwer von seinem Rondsperg! Ein jeder Schritt, den er vorwärts tut,
scheint ihn zu schmerzen. Seine Kraft ist gebrochen, über Nacht hat er sich
verwandelt, er scheint nun auch, was er ja längst gewesen: ein armer, alter
Mann!
    Die Stadterren entblössen ihre Häupter, als die Herrschaften sich ihnen
nähern. Ihr Gruss wird erwidert, aber kein Wort mit ihnen gesprochen. Der Graf
drängt zur Eile: »Nur fort! nur fort!« flüstert er kaum hörbar seiner Tochter
zu.
    In diesem Augenblicke ertönt der Klang einer lieben, angstvollen Stimme.
Röschen kommt die Treppe herabgeflogen, wirft sich abwechselnd dem Grafen und
der Gräfin in die Arme und weint und beschwört sie, die sich ihrer vergeblich zu
erwehren suchen: »Bleiben Sie, um Gottes willen, bleiben Sie!«
    »Lassen Sie uns, liebes Kind«, sagt die Baronin bewegt und in Gefahr, ihre
Fassung zu verlieren.
    Aber nun steht Regula vor ihr am Arme eines freudetrunkenen Mannes, des
Herrn Professor Bauer, und auch diese beiden sprechen wie aus einem Munde:
»Bleiben Sie!«
    »Nimmermehr«, entgegnet der Graf, »im fremden Hause!«
    »In dem Ihres Sohnes, Herr Graf«, spricht Regula feierlich, während der
glückverklärte Bauer in Bewunderung zerschmilzt - und dort an der Tür des Saales
eine hohe Gestalt steht, deren Blick unverwandt auf ihr ruht, als wollte er sie
unter seinem Banne halten. Aber Bozena kann zufrieden sein, das Fräulein
wiederholt sogar ihre Worte: »Rondsperg gehört Ihrem Sohne, dem es meine Nichte
zur Morgengabe bringt.«
    »Oh!« riefen Mansuet, Wenzel und Schimmelreiter.
    »O liebe Regula!« rief die Baronin.
    »O Röschen!« rief Ronald.
    Der Graf und die Gräfin schwiegen. In ihren wunden Seelen vollzog sich der
Übergang vom Schmerz zur Freude nicht so rasch.
    Die Demütigung bleibt, dachte der Greis, aber er blickte auf seinen Sohn, er
blickte auf das holde Röslein und sprach mit tiefer Verbeugung zu Fräulein
Heissenstein: »Ich danke Ihnen!«
    Die Gräfin ging auf Regula zu, und diese, von einer ihr fremden Regung
ergriffen, drückte ihre Lippen auf die Hand, die sich ihr entgegenstreckte. Dem
Grafen aber sagte sie: »Zu dem, was jetzt geschieht, war ich - eigentlich -
immer entschlossen, aber Sie begreifen, dass ich diesen Entschluss nicht
ankündigen durfte ohne die Einwilligung meines Verlobten ...«
    »Ihres Verliebten!« platzte Bauer heraus, den manchmal ein satanisches
Gelüste ergriff, am unpassendsten Orte den schlechtesten Witz zu machen. »Sie
hatten nur einen Fehler in meinen Augen: Ihren Reichtum - ich bin selig, dass er
sich ein wenig vermindert hat!«
    »Schön! vortrefflich!« sprach Doktor Wenzel gerührt und wollte einige
wohlgesetzte Worte hinzufügen, aber Mansuet vereitelte diesen Vorsatz. Er wurde
- wie Bozena sagte, wenn sie später von den Begebenheiten dieses Tages erzählte
- »der reine Narr«. Der erste Kuss, den Manneslippen auf den Mund der spröden
Regula drückten, sie erhielt ihn nicht von ihrem Bräutigam, sondern von ihrem
alten Kommis; er wurde nicht durch heisses Flehen gewonnen unter dem duftenden
Fliederstrauche, beim Gesang der Nachtigallen - er wurde ihr öffentlich geraubt,
und zwar unter einem solchen Ausbruch von Wonne, Begeisterung und Entzücken, dass
Regula nicht einmal zu zürnen vermochte. Ach, dies alles tat so wohl nach den
schweren Träumen dieser Nacht, in denen sie Bauer gesehen hatte, sie verlassend
und ihr Rübchen schabend, und Mansuet, auf Fledermausflügeln sie umschwirrend in
immer engeren Kreisen und ihr dabei zukrächzend: »An den Pranger! An den
Pranger!«
    Bauer hatte bei dem Kusse Mansuets ein wenig die Stirn gerunzelt, Regula
lächelte ihn auf das süsseste an und hauchte: »Lieben Sie mich, Ludwig, achten
Sie mich!«
    Nun näherte sich Schimmelreiter und pries seine Herrin in gehaltener und
würdevoller Weise. Dann aber schloss er also: »Gnädiges Fräulein haben mir
dereinst die Ehre erwiesen, meiner Vermählung beizuwohnen, erlauben Sie nun auch
...«
    Er beschirmte seinen Mund mit der Hand und sagte ihr einige Worte ins Ohr.
    Regula schlug die Augen nieder, errötete und sprach: »So? - Ei, ei! - Ich
gratuliere!«
    Als auch Ronald und Röschen dem edlen Fräulein gehörig gedankt hatten,
eilten sie, einem gemeinsamen Gefühle folgend, zu Bozena, die sich in ihre Stube
zurückgezogen hatte. Die jungen Leute fanden sie in die Betrachtung eines
kleinen armseligen Bildchens versunken, das einst in Arad von einer
kunstbegeisterten Dilettantin gemalt worden war und Rosa vorstellen sollte.
    Ronald hielt bei Bozena förmlich um sein Röschen an, in Worten so warm und
gut, dass sie ihrer niemals vergass. Lange verweilte das Brautpaar bei der
Getreuen. Den Kopf an ihre Brust gelehnt, von ihrem Arm umschlungen, sass das
Kind neben ihr, als wollte es zum letztenmal den Schutz geniessen, in dem es
durch sein ganzes Leben so sicher geruht hatte. Ronald blickte die beiden an,
glücklich, selig - er sagte: »Gott segne Sie, Bozena!« und wusste doch nicht,
wieviel er ihr verdankte.
Die Stadt Weinberg war in freudiger Aufregung an dem Tage, an dem Regula als
Braut Ludwig Bauers in ihr Haus zurückkehrte. Allentalben hiess es: »Sie hätte
einen Grafen haben können und wählt einen armen Gelehrten. Welcher Edelmut!
Welche Bescheidenheit!«
    Regula Bauer, geborene Heissenstein, blieb zeitlebens der Gegenstand der
Bewunderung ihrer Vaterstadt und ihres Gatten. »Sie fühlt tiefer als wir alle,
aber sie will es nicht zeigen«, pflegte er mit bedeutsamer Miene zu sagen. Seine
Ehrfurcht vor dieser geheimnisvollen Gefühlstiefe wuchs von Jahr zu Jahr, und
Regula gewöhnte sich nachgerade, den Mann, der sie so völlig verstand und zu
schätzen wusste, als einen Halbgott anzusehen.
    Schimmelreiter und seine Kati bekamen nach sechsjähriger Ehe das
allerschönste Kind, das seit Menschengedenken in Weinberg geboren ward. Ein
blondes Mägdlein mit einem Madonnenangesicht, mit Augen so blau wie der Himmel
und so tief wie das Meer. »Der Engel von Weinberg« wurde sie später genannt.
    Mansuet übersiedelte nach Röschens Vermählung ganz und gar nach Rondsperg.
Er sass stundenlang auf der Terrasse, liess sich von der Sonne bescheinen und
behauptete, er fühle täglich mehr ihre verjüngende Kraft. Der alte Graf leistete
ihm fleissig Gesellschaft, sie bewunderten zusammen die Aussicht und sprachen von
dem Jahre achtundvierzig.
    Bozena erbat und erhielt ihre Entlassung aus dem Dienste der Frau Professor
Bauer und nahm gleichfalls ihren Aufentalt in Rondsperg. Sie wiegte noch eine
dritte Generation auf ihren Armen, und dieses kleine Volk kannte sie, die man
einst die schöne, die grosse genannt, nur als - die gute Bozena.
 
    