
        
                                   Felix Dahn
                                Ein Kampf um Rom
                               Historischer Roman
                                               Meinem lieben Freund und Kollegen
                                                     Ludwig Friedländer zu eigen
                                      Motto:
 »Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal
 So ist's der Mut, der's unerschüttert trägt.«
                                                                         Geibel.
                                    Vorwort.
Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser in Gestalt eines Romans gekleideten
Bilder aus dem sechsten Jahrhundert entalten meine in folgenden Werken
niedergelegten Forschungen:
    Die Könige der Germanen. II. III. IV. Band. München und Würzburg 1862-1866.
    Prokopius von Cäsarea. Ein Beitrag zur Historiographie der Völkerwanderung
und des sinkenden Römertums. Berlin 1865.
    Aus diesen Darstellungen mag der Leser die Ergänzungen und Veränderungen,
die der Roman an der Wirklichkeit vorgenommen, erkennen.
    Das Werk ist 1859 in München begonnen, in Italien, zumal Ravenna,
weitergeführt, und 1876 in Königsberg abgeschlossen worden.
    Königsberg, Januar 1876.
                                                                     Felix Dahn.
 
                                  Erstes Buch.
                                  Teoderich.
                »Dietericus de Berne, de quo cantant rustici usque hodie.«
                                Erstes Kapitel.
Es war eine schwüle Sommernacht des Jahres fünfhundertsechsundzwanzig nach
Christus.
    Schwer lagerte dichtes Gewölk über der dunkeln Fläche der Adria, deren
Küsten und Gewässer zusammenflossen in unterscheidungslosem Dunkel: nur ferne
Blitze warfen hier und da ein zuckendes Licht über das schweigende Ravenna. In
ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen und Pinien auf dem
Höhenzug, welcher sich eine gute Strecke westlich von der Stadt erhebt, einst
gekrönt von einem Tempel des Neptun, der, schon damals halb zerfallen, heute bis
auf dürftige Spuren verschwunden ist.
    Es war still auf dieser Waldhöhe: nur ein vom Sturm losgerissenes Felsstück
polterte manchmal die steinigen Hänge hinunter, und schlug zuletzt platschend in
das sumpfige Wasser der Kanäle und Gräben, die den ganzen Kreis der Seefestung
umgürteten.
    Oder in dem alten Tempel löste sich eine verwitterte Platte von dem
getäfelten Dach der Decke und fiel zerspringend auf die Marmorstufen, - Vorboten
von dem drohenden Einsturz des ganzen Gebäudes.
    Aber dies unheimliche Geräusch schien nicht beachtet zu werden von einem
Mann, der unbeweglich auf der zweitöchsten Stufe der Tempeltreppe sass, den
Rücken an die höchste Stufe gelehnt, und schweigend und unverwandt in Einer
Richtung über die Höhe hinab nach der Stadt zu blickte.
    Lange sass er so: regungslos, aber sehnsüchtig wartend: er achtete es nicht,
dass ihm der Wind die schweren Regentropfen, die einzeln zu fallen begannen, ins
Gesicht schlug, und ungestüm in dem mächtigen, bis an den ehernen Gurt wallenden
Bart wühlte, der fast die ganze breite Brust des alten Mannes mit glänzendem
Silberweiss bedeckte.
    Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen nieder: »Sie
kommen,« sagte er.
    Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar, die sich rasch von der Stadt her
dem Tempel näherte: man hörte schnelle, kräftige Schritte, und bald danach
stiegen drei Männer die Stufen der Treppe herauf.
    »Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn!« rief der voranschreitende
Fackelträger, der jüngste von ihnen, in gotischer Sprache mit auffallend
melodischer Stimme, als er die lückenhafte Säulenreihe des Pronaos, der
Vorhalle, erreicht.
    Er hob das Windlicht hoch empor - schöne, korintische Erzarbeit am Stiel,
durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen Schirm, und den gewölbten
durchbrochenen Deckel - und steckte es in den Erzring, der die geborstne
Mittelsäule zusammenhielt.
    Das weisse Licht fiel auf ein apollinisch schönes Antlitz mit lachenden,
hellblauen Augen; mitten auf seiner Stirn teilte sich das lichtblonde Haar in
zwei lang fliessende Lockenwellen, die rechts und links bis auf seine Schultern
wallten; Mund und Nase, fein, fast weich geschnitten, waren von vollendeter
Form, ein leichter Anflug goldhellen Bartes deckte die freundlichen Lippen und
das leicht gespaltene Kinn; er trug nur weisse Kleider: einen Kriegsmantel von
feiner Wolle, durch eine goldne Spange in Greifengestalt auf der rechten
Schulter festgehalten, und eine römische Tunika von weicher Seide, beide mit
einem Goldstreif durchwirkt; weisse Lederriemen befestigten die Sandalen an den
Füssen und reichten, kreuzweis geflochten, bis an die Kniee; die nackten,
glänzendweissen Arme umzirkten zwei breite Goldreife: und wie er, die Rechte um
eine hohe Lanze geschlungen, die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente, die
Linke in die Hüfte gestemmt, ausruhend von dem Gang, zu seinen langsameren
Weggenossen hinunterblickte, schien in den grauen Tempel eine jugendliche
Göttergestalt aus seinen schönsten Tagen wieder eingekehrt.
    Der zweite der Ankömmlinge hatte, trotz einer allgemeinen
Familienähnlichkeit, doch einen von dem Fackelträger völlig verschiednen
Ausdruck.
    Er war einige Jahre älter, sein Wuchs war derber und breiter, - tief in den
mächtigen Stiernacken hinab reichte das dicht und kurz gelockte braune Haar -
und von fast riesenhafter Höhe und Stärke: in seinem Gesicht fehlte jener
sonnige Schimmer, jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung, welche die Züge
des jüngern Bruders verklärten: statt dessen lag in seiner ganzen Erscheinung
der Ausdruck von bärenhafter Kraft und bärenhaftem Mut: er trug eine zottige
Wolfsschur, deren Rachen, wie eine Kapuze, sein Haupt umhüllte, ein schlichtes
Wollenwams darunter, und auf der rechten Schulter eine kurze, wuchtige Keule aus
dem harten Holz einer Eichenwurzel.
    Bedächtigen Schrittes folgte der dritte, ein mittelgrosser Mann von gemessen
verständigem Ausdruck. Er trug den Stahlhelm, das Schwert und den braunen
Kriegsmantel des gotischen Fussvolks. Sein schlichtes, hellbraunes Haar war über
der Stirn geradlinig abgeschnitten: eine uralte germanische Haartracht, die
schon auf römischen Siegessäulen erscheint und sich bei dem deutschen Bauer bis
heut' erhalten hat. Aus den regelmässigen Zügen des offnen Gesichts, aus dem
grauen, sichern Auge sprach besonnene Männlichkeit und nüchterne Ruhe.
    Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den Alten begrüsst hatte, rief
der Fackelträger mit lebhafter Stimme:
    »Nun, Meister Hildebrand, ein schönes Abenteuer muss es sein, zu dem du uns
in solch unwirtlicher Nacht in diese Wildnis von Natur und Kunst geladen hast!
Sprich - was soll's geben?«
    Statt der Antwort fragte der Alte, sich zu dem Letztgekommnen wendend: »Wo
bleibt der Vierte, den ich lud?«
    - »Er wollte allein gehen. Er wies uns alle ab. Du kennst ja seine Weise.«
    »Da kömmt er!« rief der schöne Jüngling, nach einer andern Seite des Hügels
deutend.
    Wirklich nahte dorter ein Mann von höchst eigenartiger Erscheinung.
    Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft bleiches Antlitz, das
fast blutleer schien; lange, glänzend schwarze Locken hingen von dem unbedeckten
Haupt wie dunkle Schlangen wirr bis auf die Schultern. Hochgeschweifte, schwarze
Brauen und lange Wimpern beschatteten die grossen, melancholischen dunkeln Augen
voll verhaltner Glut, eine Adlernase senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen
den feinen, glattgeschornen Mund, den ein Zug resignierten Grams umfurchte.
    Gestalt und Haltung waren so jugendlich: aber die Seele schien vor der Zeit
vom Schmerz gereift.
    Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem Erz, und in seiner Rechten
blitzte ein Schlachtbeil an langem, lanzengleichem schafft. Nur mit dem Haupte
nickend begrüsste er die andern und stellte sich hinter den Alten, der sie nun
alle vier dicht an die Säule, welche die Fackel trug, treten hiess und mit
gedämpfter Stimme begann:
    »Ich habe euch hierher beschieden, weil ernste Worte müssen gesprochen
werden, unbelauscht und zu treuen Männern, die da helfen mögen.
    Ich sah umher im ganzen Volk, mondenlang: - euch hab' ich gewählt, ihr seid
die Rechten. Wenn ihr mich angehört habt, so fühlt ihr von selbst, dass ihr
schweigen müsst von dieser Nacht.«
    Der dritte, der mit dem Stahlhelm, sah den Alten mit ernsten Augen an:
»Rede,« sagte er ruhig, »wir hören und schweigen. Wovon willst du zu uns
sprechen?«
    »Von unsrem Volk, von diesem Reich der Goten, das hart am Abgrund steht.«
    »Am Abgrund?« rief lebhaft der blonde Jüngling. Sein riesiger Bruder
lächelte und erhob aufhorchend das Haupt.
    »Ja, am Abgrund,« rief der Alte, »und ihr allein, ihr könnt es halten und
retten.«
    »Verzeih' dir der Himmel deine Worte!« - fiel der Blonde lebhaft ein -
»haben wir nicht unsern König Teoderich, den seine Feinde selbst den Grossen
nennen, den herrlichsten Helden, den weisesten Fürsten der Welt? Haben wir nicht
dies lachende Land Italia mit all seinen Schätzen? Was gleicht auf Erden dem
Reich der Goten?«
    Der Alte fuhr fort: »Hört mich an. König Teoderich, mein teurer Herre und
mein lieber Sohn, was der wert ist, wie gross er ist, - das weiss am besten
Hildebrand, Hildungs Sohn. Ich hab' ihn vor mehr als fünfzig Jahren auf diesen
Armen seinem Vater als ein zappelnd Knäblein gebracht und gesagt: Das ist starke
Zucht: - Du wirst Freude dran haben.
    Und wie er heranwuchs - ich habe ihm den ersten Bolz geschnitzt und ihm die
erste Wunde gewaschen! Ich habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt Byzanz und
ihn dort gehütet, Leib und Seele. Und als er dieses schöne Land erkämpfte, bin
ich vor ihm hergeschritten, Fuss für Fuss, und habe den Schild über ihn gehalten
in dreissig Schlachten. Wohl hat er seiter gelehrtere Räte und Freunde gefunden
als seinen alten Waffenmeister, aber klügere schwerlich und treuere gewiss nicht.
Wie stark sein Arm gewesen, wie scharf sein Auge, wie klar sein Kopf, wie
schrecklich er war unterm Helm, wie freundlich beim Becher, wie überlegen selbst
den Griechlein an Klugheit, das hatte ich hundertmal erfahren, lange ehe dich,
du junger Nestfalk, die Sonne beschienen.
    Aber der alte Adler ist flügellahm geworden!
    Seine Kriegsjahre lasten auf ihm - denn er und ihr und euer Geschlecht, ihr
könnt die Jahre nicht mehr tragen wie ich und meine Spielgenossen -: er liegt
krank, rätselhaft krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal dort unten in
der Rabenstadt. Die Ärzte sagen, wie stark sein Arm noch sei, jeder Schlag
seines Herzens mag ihn töten wie der Blitz und auf jeder sinkenden Sonne mag er
hinunterfahren zu den Toten. Und wer ist dann sein Erbe, wer stützt dann dieses
Reich? Amalaswinta, seine Tochter, und Atalarich, sein Enkel: - ein Weib und
ein Kind.«
    »Die Fürstin ist weise,« sprach der dritte mit dem Helm und dem Schwert.
    »Ja, sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet römisch mit dem frommen
Cassiodor. Ich zweifle, ob sie gotisch denkt. Weh' uns, wenn sie im Sturm das
Steuer halten soll.«
    »Ich sehe aber nirgends Sturm, Alter,« lachte der Fackelträger und
schüttelte die Locken. »Woher soll er blasen? Der Kaiser ist wieder versöhnt,
der Bischof von Rom ist vom König selbst eingesetzt, die Frankenfürsten sind
seine Neffen, die Italier haben es unter unsrem Schild besser als je zuvor. Ich
sehe keine Gefahr, nirgends.«
    »Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis,« sprach beistimmend der mit
dem Schwert, »ich kenne ihn.«
    »Aber sein Neffe, bald sein Nachfolger, und jetzt schon sein rechter Arm - -
kennst du auch den? Unergründlich wie die Nacht und falsch wie das Meer ist
Justinian: - ich kenne ihn und fürchte was er sinnt. Ich begleitete die letzte
Gesandtschaft nach Byzanz: er kam zu unsrem Gelag: er hielt mich für berauscht:
- der Narr, er weiss nicht, was Hildungs Kind trinken mag, - und fragte mich um
alles, genau um alles, was man wissen muss, um - uns zu verderben. Nun, von mir
hat er den rechten Bescheid gekriegt! Aber ich weiss es so gewiss wie meinen
Namen: dieser Mann will dies Land, dies Italien wieder haben und nicht die
Fussspur eines Goten wird er darin übrig lassen.«
    »Wenn er kann,« brummte des Blonden Bruder dazwischen.
    »Recht, Freund Hildebad, wenn er kann. Und er kann viel. Byzanz kann viel.«
    Jener zuckte die Achseln.
    »Weisst du's, wieviel?« fragte der Alte zornig. »Zwölf Jahre lang hat unser
grosser König mit Byzanz gerungen und hat nicht obgesiegt. Aber damals warst du
noch nicht geboren,« fügte er ruhig hinzu.
    »Wohl!« - kam jenem der Bruder zu Hilfe. - »Aber damals standen die Goten
allein im fremden Land. Jetzt haben wir eine ganze zweite Hälfte gewonnen: wir
haben eine Heimat, Italien, wir haben Waffenbrüder, die Italier.«
    »Italien unsre Heimat!« rief der Alte bitter, »ja, das ist der Wahn. Und die
Welschen unsre Helfer gegen Byzanz! Du junger Tor!«
    »Das sind unsres Königs eigne Worte,« entgegnete der Gescholtene.
    »Ja, ja, ich kenne sie wohl, die Wahnreden, die uns alle verderben werden.
Fremd sind wir hier, fremd, heute wie vor vierzig Jahren, da wir von diesen
Bergen niederstiegen und fremd werden wir sein in diesem Lande noch nach tausend
Jahren. Wir sind hier ewig die Barbaren!«
    »Jawohl, aber warum bleiben wir Barbaren? Wessen Schuld ist das als die
unsre? Weshalb lernen wir nicht von ihnen?«
    »Schweig still,« schrie der Alte, zuckend vor Grimm, »schweig, Totila, mit
solchen Gedanken: sie sind der Fluch meines Hauses geworden.« Sich mühsam
beruhigend fuhr er fort: »Unsre Todfeinde sind die Welschen, nicht unsre Brüder.
Weh, wenn wir ihnen trauen! O dass der König nach meinem Rat getan und nach
seinem Sieg alles erschlagen hätte, das Schwert und Schild führen konnte, vom
lallenden Knäblein bis zum lallenden Greis! Sie werden uns ewig hassen. Und sie
haben recht. Wir aber, wir sind die Toren, sie zu bewundern.«
    Eine Pause trat ein: ernst geworden fragte der Jüngling: »Und du hältst
keine Freundschaft für möglich zwischen uns und ihnen?«
    »Kein Friede zwischen den Söhnen des Gaut und dem Südvolk! Ein Mann tritt in
die Goldhöhle des Drachen: er drückt das Haupt des Drachen nieder mit eherner
Faust: der bittet um sein Leben: der Mann erbarmt sich seiner schillernden
Schuppen und weidet sein Auge an den Schätzen der Höhle. Was wird der Giftwurm
tun? Hinterrücks, sobald er kann, wird er ihn stechen, dass der Verschoner
stirbt.«
    »Wohlan, so lass sie kommen, die Griechlein,« schrie der riesige Hildebad,
»und lass dies Natterngezücht gegen uns aufzüngeln. Wir wollen sie niederschlagen
- so!« und er hob die Keule und liess sie niederfallen, dass die Marmorplatte in
Splitter sprang und der alte Tempel in seinen Grundfugen erdröhnte.
    »Ja, sie sollen's versuchen!« rief Totila, und aus seinen Augen leuchtete
ein kriegerisches Feuer, das ihn noch schöner machte. - »Wenn diese undankbaren
Römer uns verraten, wenn die falschen Byzantiner kommen« - er blickte mit
liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder - »sieh, Alter, wir haben Männer wie
die Eichen.«
    Wohlgefällig nickte der alte Waffenmeister: »Ja, Hildebad ist sehr stark;
obwohl nicht ganz so stark wie Winitar und Walamer und die andern waren, die
mit mir jung gewesen. Und gegen Nordmänner ist Stärke gut Ding. Aber dieses
Südvolk,« fuhr er ingrimmig fort - »kämpft von Türmen und Mauerzinnen herunter.
Sie führen den Krieg wie ein Rechenexempel und rechnen dir zuletzt ein Heer von
Helden in einen Winkel hinein, dass es sich nicht mehr rühren noch regen kann.
Ich kenne einen solchen Rechenmeister in Byzanz, der ist kein Mann und besiegt
die Männer. Du kennst ihn auch, Witichis?« - so fragend wandte er sich an den
Mann mit dem Schwert.
    »Ich kenne Narses,« sagte dieser, der sehr ernst geworden, nachdenklich.
»Was du gesprochen, Hildungs Sohn, ist leider wahr, sehr wahr. Ähnliches ist mir
oft schon durch die Seele gegangen, aber unklar, dunkel, mehr ein Grauen als ein
Denken. - Deine Worte sind unwiderleglich: der König am Tod - die Fürstin ein
halbgriechisch Weib - Justinian lauernd - die Welschen schlangenfalsch - die
Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst, aber« - hier holte er tief Atem - »wir
stehen nicht allein, wir Goten. Unser weiser König hat sich Freunde, Verbündete
geschaffen in Überfluss. Der König der Vandalen ist sein Schwestermann, der König
der Westgoten sein Enkel, die Könige der Burgunden, der Heruler, der Türinge,
der Franken sind ihm verschwägert, alle Völker ehren ihn wie ihren Vater, die
Sarmaten, die fernen Esten selbst an der Ostsee senden ihm huldigend Pelzwerk
und gelben Bernstein. Ist das alles« - -
    »Nichts ist das alles, Schmeichelworte sind's und bunte Lappen! Sollen uns
die Esten helfen mit ihrem Bernstein wider Belisar und Narses? Weh uns, wenn
wir nicht allein siegen können. Diese Schwäger und Eidame schmeicheln, solang
sie zittern, und wenn sie nicht mehr zittern, werden sie drohen. Ich kenne die
Treue der Könige! Wir haben Feinde ringsum, offene und geheime, und keinen
Freund als uns selbst.«
    Ein Schweigen trat ein, in welchem alle die Worte des Alten besorgt erwogen:
heulend fuhr der Sturm um die verwitterten Säulen und rüttelte an dem morschen
Tempelbau.
    Da sprach zuerst Witichis, vom Boden aufblickend, sicher und gefasst: »Gross
ist die Gefahr, hoffentlich nicht unabwendbar. Gewiss hast du uns nicht hierher
beschieden, dass wir tatlos in die Verzweiflung schauen. Geholfen muss werden: so
sprich, wie meinst du, dass zu helfen sei.«
    Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und fasste seine Hand: »Wacker,
Witichis, Waltaris Sohn. Ich kannte dich wohl und will dir's treu gedenken, dass
vor allen du zuerst ein männlich Wort der Zuversicht gefunden. Ja, ich denke wie
du: noch ist Hilfe möglich, und um sie zu finden habe ich euch hierher gerufen,
wo uns kein Welscher hört. Saget nun an und ratet: dann will ich sprechen.«
    Da alle schwiegen, wandte er sich zu dem Schwarzgelockten: »Wenn du denkst
wie wir, so sprich auch du, Teja. Warum schwiegst du bisher?«
    »Ich schweige, weil ich anders denke denn ihr.«
    Die andern staunten. Hildebrand sprach: »Wie meinst du das, mein Sohn?«
    »Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr, du und Witichis, ihr sehet sie
und hoffet, ich aber sah sie längst und hoffe nicht.«
    »Du siehst zu schwarz, wer darf verzweifeln vor dem Kampf?« meinte Witichis.
    »Sollen wir, das Schwert in der Scheide, ohne Kampf, ohne Ruhm untergehen?«
rief Totila.
    »Nicht ohne Kampf, mein Totila, und nicht ohne Ruhm, so weiss ich,«
antwortete Teja, leise die Streitaxt zuckend. »Kämpfen wollen wir, dass man es
nie vergessen soll in allen Tagen: kämpfen mit höchstem Ruhm, aber ohne Sieg.
Der Stern der Goten sinkt.«
    »Mir deucht, er will erst recht hoch steigen,« rief Totila ungeduldig. »Lasst
uns vor den König treten, sprich du, Hildebrand, zu ihm wie du zu uns
gesprochen. Er ist weise: er wird Rat finden.«
    Der Alte schüttelte den Kopf: »Zwanzigmal hab ich zu ihm gesprochen. Er hört
mich nicht mehr. Er ist müde und will sterben, und seine Seele ist verdunkelt,
ich weiss nicht, durch welchen Schatten. - Was denkst du, Hildebad?«
    »Ich denke,« sprach dieser sich hoch aufrichtend, »sowie der alte Löwe die
müden Augen geschlossen, rüsten wir zwei Heere. Das eine führen Witichis und
Teja vor Byzanz und brennen es nieder, mit dem andern steigen ich und mein
Bruder über die Alpen und zerschlagen Paris, das Drachennest der Merowinger, zu
einem Steinhaufen für alle Zukunft. Dann wird Ruhe sein, im Osten und im
Norden.«
    »Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz,« sprach Witichis.
    »Und die Franken sind sieben wider einen gegen uns,« sagte Hildebrand. »Aber
wacker meinst du's, Hildebad. Sage, was rätst du, Witichis?«
    »Ich rate einen Bund, mit Schwüren beschwert, mit Geiseln gesichert aller
Nordstämme gegen die Griechen.«
    »Du glaubst an Treue, weil du selber treu. Mein Freund, nur die Goten können
den Goten helfen. Man muss sie nur wieder daran erinnern, dass sie Goten sind.
Hört mich an. Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge und habt vielerlei
Freuden. Der eine liebt ein Weib, der andre die Waffen, der dritte irgendeine
Hoffnung oder auch irgend einen Gram, der ihm ist wie eine Geliebte. - Aber
glaubt mir, es kömmt eine Zeit - und die Not kann sie euch noch in jungen Tagen
bringen -, da all diese Freuden und selbst Schmerzen wertlos werden wie welke
Kränze vom Gelag von gestern.
    Da werden denn viele weich und fromm und vergessen des was auf Erden und
trachten nach dem was hinter dem Grabe ist. Ich kann's nicht und ihr, mein' ich,
und viele von uns können's auch nicht. Die Erde lieb' ich mit Berg und Wald und
Weide und strudelndem Strom und das Leben darauf mit heissem Hass und langer
Liebe, mit zähem Zorn und stummem Stolz. Von jenem Luftleben da droben in den
Windwolken, wie's die Christenpriester lehren, weiss ich nichts und will ich
nichts wissen. Eins aber bleibt dem Mann, dem rechten, wenn alles andre dahin.
Ein Gut, von dem er nimmer lässt. Seht mich an. Ich bin ein entlaubter Stamm,
alles hab' ich verloren was mein Leben erfreute: mein Weib ist tot seit vielen
Jahren, meine Söhne sind tot, meine Enkel sind tot: bis auf einen, der ist
schlimmer als tot: - der ist ein Welscher worden. Dahin und lang vermodert sind
sie alle, mit denen ich ein kecker Knabe und ein markiger Mann gewesen, und
schon steigt meine erste Liebe und mein letzter Stolz, mein grosser König, müde
in sein Grab. Nun seht, was hält mich noch im Leben? Was gibt mir Mut, Lust,
Zwang zu leben? Was treibt mich Alten wie einen Jüngling in dieser Sturmnacht
auf die Berge? Was lodert hier unter dem Eisbart heiss in lauter Liebe, in
störrigem Stolz und in trotziger Trauer? Was anders als der Drang, der
unaustilgbar in unsrem Blute liegt, der tiefe Drang und Zug zu meinem Volk, die
Liebe, die lodernde, die allgewaltige, zu dem Geschlechte, das da Goten heisst,
und das die süsse, heimliche, herrliche Sprache redet meiner Eltern, der Zug zu
denen, die da sprechen, fühlen, leben wie ich. Sie bleibt, sie allein, diese
Volksliebe, ein Opferfeuer, in dem Herzen, darinnen alle andre Glut erloschen,
sie ist das teure, das mit Schmerzen geliebte Heiligtum, das Höchste in jeder
Mannesbrust, die stärkste Macht in seiner Seele, treu bis zum Tod und
unbezwingbar.«
    Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet - sein Haar flog im Winde - er
stand wie ein alter hünenhafter Priester unter den jungen Männern, welche die
Fäuste an ihren Waffen ballten.
    Endlich sprach Teja: »Du hast recht, diese Flamme lodert noch, wo alles
sonst erloschen. Aber sie brennt in dir, - in uns, - vielleicht noch in hundert
andern unsrer Brüder. Kann das ein ganzes Volk erretten? Nein! Und kann diese
Glut die Masse ergreifen, die Tausende, die Hunderttausende?«
    »Sie kann es, mein Sohn, sie kann es. Dank allen Göttern, dass sie's kann.
Höre mich an. Es sind jetzt fünfundvierzig Jahre, da waren wir Goten, viele
Hunderttausende, mit Weibern und Kindern, in den Schluchten der Hämusberge
eingeschlossen.
    Wir lagen in höchster Not. Des Königs Bruder war von den Griechen in
treulosem Überfall geschlagen und getötet, und aller Mundvorrat, den er uns
zuführen sollte, verloren: wir sassen in den Felsschluchten und litten so bittern
Hunger, dass wir Gras und Leder kochten. Hinter uns die unersteiglichen Felsen,
vor uns und zur Linken das Meer, rechts in einem Engpass die Feinde in dreifacher
Überzahl. Viele Tausende von uns waren dem Hunger, dem Winter erlegen:
zwanzigmal hatten wir vergebens versucht, jenen Pass zu durchbrechen. Wir wollten
verzweifeln. Da kam ein Gesandter des Kaisers und bot uns Leben, Freiheit, Wein,
Brot, Fleisch - unter einer einzigen Bedingung: wir sollten getrennt
voneinander, zu vier und vier, über das ganze Weltreich Roms zerstreut werden,
keiner von uns mehr ein gotisch Weib freien, keiner sein Kind mehr unsre Sprache
und Sitte lehren dürfen, Name und Wesen der Goten sollte verschwinden, Römer
sollten wir werden. Da sprang der König auf, rief uns zusammen und trug's uns
vor in flammender Rede und fragte zuletzt, ob wir lieber aufgeben wollten
Sprache, Sitte, Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm sterben? Da fuhr sein
Wort in die Hunderte, die Tausende, die Hunderttausende wie der Waldbrand in die
dürren Stämme, aufschrieen sie, die wackern Männer, wie ein tausendstimmiges,
brüllendes Meer, die Schwerter schwangen sie, auf den Engpass stürzten sie und
weggefegt waren die Griechen als hätten sie nie gestanden, und wir waren Sieger
und frei.«
    Sein Auge glänzte in stolzer Erinnerung, nach einer Pause fuhr er fort:
»Dies allein ist, was uns heute retten kann wie dazumal: fühlen erst die Goten,
dass sie für jenes Höchste fechten, für den Schutz jenes geheimnisvollen
Kleinods, das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt wie ein Wunderborn, dann
können sie lachen zu dem Hass der Griechen, zu der Tücke der Welschen. Und das
vor allem wollt' ich euch fragen, fest und feierlich: fühlt ihr es wie ich so
klar, so ganz, so mächtig, dass diese Liebe zu unsrem Volk unser Höchstes ist,
unser schönster Schatz, unser stärkster Schild? könnt ihr sprechen wie ich: mein
Volk ist mir das Höchste und alles, alles andre dagegen nichts, ihm will ich
opfern was ich bin und habe, wollt ihr das, könnt ihr das!«
    »Ja, das will ich, ja, das kann ich!« sprachen die vier Männer.
    »Wohl«, fuhr der Alte fort, »das ist gut. Aber Teja hat recht: nicht alle
Goten fühlen das jetzt, heute schon, wie wir und doch müssen es alle fühlen,
wenn es helfen soll. Darum gelobet mir, von heut' an unablässig euch selbst und
alle unsres Volkes, mit denen ihr lebt und handelt, zu erfüllen mit dem Hauch
dieser Stunde. Vielen, vielen hat der fremde Glanz die Augen geblendet: viele
haben griechische Kleider angetan und römische Gedanken: sie schämen sich,
Barbaren zu heissen: sie wollen vergessen und vergessen machen, dass sie Goten
sind - wehe über die Toren!
    Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und wollen leben, sie sind wie
Blätter, die sich stolz vom Stamme gelöst und der Wind wird kommen und wird sie
verwehen in Schlamm und Pfützen, dass sie verfaulen: aber der Stamm wird stehen
mitten im Sturm und wird lebendig erhalten, was treu an ihm haftet. Darum sollt
ihr euer Volk wecken und mahnen überall und immer. Den Knaben erzählt die Sagen
der Väter, von den Hunnenschlachten, von den Römersiegen: den Männern zeigt die
drohende Gefahr und wie nur das Volkstum unser Schild: eure Schwestern ermahnt,
dass sie keinen Römer umarmen und keinen Römling: eure Bräute, eure Weiber lehrt,
dass sie alles, sich selbst und euch opfern dem Glück der guten Goten, auf dass,
wenn die Feinde kommen, sie finden ein starkes Volk, stolz, einig, fest, daran
sie zerschellen sollen wie die Wogen am Fels. Wollt ihr mir dazu helfen?«
    »Ja,« sprachen sie, »das wollen wir.«
    »Ich glaube euch,« fuhr der Alte fort, »glaube eurem blossen Wort. Nicht um
euch fester zu binden - denn was bände den Falschen? - sondern weil ich treu
hange an altem Brauch und weil besser gedeiht, was geschieht nach Sitte der
Väter - folget mir.«
 
                                Zweites Kapitel.
Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Säule und schritt quer durch den
Innenraum, die Cella des Tempels, vorüber an dem zerfallenen Hauptaltar, vorbei
an den Postamenten der lang herabgestürzten Götterbilder nach der Hinterseite
des Gebäudes, dem Postikum. Schweigend folgten die Geladenen dem Alten, der sie
über die Stufen hinunter ins Freie führte.
    Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten Steineiche, deren
mächtiges Geäst wie ein Dach Sturm und Regen abhielt. Unter diesem Baum bot sich
ihnen ein seltsamer Anblick, der aber die gotischen Männer sofort an eine alte
Sitte aus dem grauen Heidentum, aus der fernen nordischen Heimat gemahnte. Unter
der Eiche war ein Streifen des dichten Rasens aufgeschljetzt, nur einen Fuss
breit, aber mehrere Ellen lang, die beiden Enden des Streifens hafteten noch
locker am Grunde: in der Mitte war der Rasengürtel auf drei ungleich in die Erde
gerammte hohe Speere emporgespreizt, in der Mitte von dem längsten Speer
gestützt, so dass die Vorrichtung ein Dreieck bildete, unter dessen Dach zwischen
den Speersäulen mehrere Männer bequem stehen konnten. In der so gewonnenen
Erdritze stand ein eherner Kessel, mit Wasser gefüllt, daneben lag ein spitzes
und scharfes Schlachtmesser, uralt: das Heft vom Horn des Auerstiers, die Klinge
vom Feuerstein. Der Greis trat nun heran, stiess die Fackel dicht neben dem
Kessel in die Erde, stieg dann, mit dem rechten Fuss vorauf, in die Grube, wandte
sich gegen Osten und neigte das Haupt: dann winkte er die Freunde zu sich, mit
dem Finger am Mund ihnen Schweigen bedeutend. Lautlos traten die Männer in die
Rinne und stellten sich, Witichis und Teja zu seiner Linken, die beiden Brüder
zu seiner Rechten und alle fünf reichten sich die Hände zu einer feierlichen
Kette. Dann liess der Alte Witichis und Hildebad, die ihm zunächst standen, los
und kniete nieder. Zuerst raffte er eine Handvoll der schwarzen Walderde auf und
warf sie über die linke Schulter. Dann griff er mit der andern Hand in den
Kessel und sprengte das Wasser rechts hinter sich. Darauf blies er in die
wehende Nachtluft, die sausend in seinen langen Bart wehte. Endlich schwang er
die Fackel von der Rechten zur Linken über sein Haupt. Dann steckte er sie
wieder in die Erde und sprach murmelnd vor sich hin:
    »Höre mich, alte Erde, wallendes Wasser, leichte Luft, flackernde Flamme!
Höret mich wohl und bewahret mein Wort: Hier stehen fünf Männer vom Geschlechte
des Gaut, Teja und Totila, Hildebad und Hildebrand und Witichis, Waltaris Sohn.
Wir stehen hier in stiller Stunde,
Zu binden einen Bund von Blutsbrüdern,
Für immer und ewig und alle Tage.
Wir sollen uns sein wie Sippegesellen
In Frieden und Fehde, in Rache und Recht.
Ein Hoffen, Ein Hassen, Ein Lieben, Ein Leiden,
Wie wir träufen zu Einem Tropfen
Unser Blut als Blutsbrüder.«
    Bei diesen Worten entblösste er den linken Arm, die andern taten desgleichen,
eng aneinander streckten sich die fünf Arme über den Kessel, der Alte hob das
scharfe Steinmesser und ritzte mit Einem Schnitt sich und den vier andern die
Haut des Vorderarmes, dass das Blut aller in roten Tropfen in den ehernen Kessel
floss.
    Dann nahmen sie wieder die frühere Stellung ein, und murmelnd fuhr der Alte
fort:
»Und wir schwören den schweren Schwur,
Zu opfern all unser Eigen,
Haus, Hof und Habe,
Ross, Rüstung und Rind,
Sohn, Sippe und Gesinde,
Weib und Waffen und Leib und Leben
Dem Glanz und Glück des Geschlechtes von Gaut,
Den guten Goten.
Und wer von uns sich wollte weigern,
Den Eid zu ehren mit allen Opfern« -
    Hier traten er, und auf seinen Wink auch die andern, aus der Grube und unter
dem Rasenstreifen hervor:
»Des rotes Blut soll rinnen ungerächet
Wie dies Wasser unterm Waldwasen« -
    Er erhob den Kessel, goss sein blutiges Wasser in die Grube und nahm ihn wie
das andre Gerät heraus:
»Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen
Dumpf niederdonnern und ihn erdrücken,
Wuchtig so wie dieser Wasen.«
    Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden Lanzenschäfte nieder und
dumpf fiel die schwere Rasendecke nieder in die Rinne. Die fünf Männer stellten
sich nun mit verschlungenen Händen auf die wieder von Rasen gedeckte Stelle, und
in rascherem Ton fuhr der Alte fort: »Und wer von uns nicht achtet dieses Eides
und dieses Bundes und wer nicht die Blutsbrüder als echte Brüder schützt im
Leben und rächt im Tode und wer sich weigert, sein Alles zu opfern dem Volk der
Goten, wann die Not es begehrt und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein
auf immer den untern, den ewigen, den wüsten Gewalten, die da hausen unter dem
grünen Gras des Erdgrundes: gute Menschen sollen mit Füssen schreiten über des
Neidings Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit Christenleute Glocken
läuten und Heidenleute Opfer schlachten, soweit Mutter Kind koset und der Wind
weht über die weite Welt. Sagt an, ihr Gesellen, soll's ihm also geschehn, dem
niedrigen Neiding?«
    »So soll ihm geschehen,« sprachen die vier Männer ihm nach.
    Nach einer ernsten Pause löste Hildebrand die Kette der Hände und sprach:
»Und auf dass ihr's wisst, welche Weihe diese Stätte hat für mich - jetzt auch für
euch -, warum ich euch zu solchem Tun gerade hierher beschieden und zu dieser
Nacht - kommt und sehet.« Und also sprechend erhob er die Fackel und schritt
voran hinter den mächtigen Stamm der Eiche, vor der sie geschworen. Schweigend
folgten die Freunde, bis sie an der Kehrseite des alten Baumes hielten und hier
mit Staunen gerade gegenüber der Rasengrube, in welcher sie gestanden, ein
breites offenes Grab gähnen sahen, von welchem die deckende Felsplatte
hinweggewälzt war: da ruhten in der Tiefe, im Licht der Fackel geisterhaft
erglänzend, drei weisse lange Skelette, einzelne verrostete Waffenstücke,
Lanzenspitzen, Schildbuckel lagen daneben. Die Männer blickten überrascht bald
in die Grube, bald auf den Greis. Dieser leuchtete lange schweigend in die
Tiefe. Endlich sagte er ruhig: »Meine drei Söhne. Sie liegen hier über dreissig
Jahre. Sie fielen auf diesem Berg, in dem letzten Kampf um die Stadt Ravenna.
Sie fielen in Einer Stunde, heute ist der Tag. Sie sprangen jubelnd in die
Speere - - für ihr Volk.«
    Er hielt inne. Mit Rührung sahen die Männer vor sich hin. Endlich richtete
sich der Alte hoch auf und sah gen Himmel. »Es ist genug,« sagte er, »die Sterne
bleichen. Mitternacht ist längst vorüber. Geht, ihr andern, in die Stadt zurück.
Du, Teja, bleibst wohl bei mir: - dir ist ja vor andern, wie des Liedes, der
Trauer Gabe gegeben - und hältst mit mir die Ehrenwacht bei diesen Toten.«
    Teja nickte und setzte sich, ohne ein Wort, zu Füssen des Grabes, wo er
stand, nieder. Der Alte reichte Totila die Fackel und lehnte sich Teja gegenüber
auf die Felsplatte. Die andern drei winkten ihm scheidend zu. Und ernst und in
schweigende Gedanken versunken stiegen sie hinunter zur Stadt.
 
                                Drittes Kapitel.
Wenige Wochen nach jener nächtlichen Zusammenkunft bei Ravenna fand zu Rom eine
Vereinigung statt, ebenfalls heimlich, ebenfalls unter dem Schutze der Nacht,
aber von ganz andern Männern zu ganz andern Zwecken.
    Das geschah an der appischen Strasse nahe dem Cömeterium des heiligen
Kalixtus in einem halbverschütteten Gang der Katakomben, jener rätselhaften
unterirdischen Wege, die unter den Strassen und Plätzen Roms fast eine zweite
Stadt bildeten. Es sind diese geheimnisvollen Räume - ursprünglich alte
Begräbnisplätze, oft die Zuflucht der jungen Christengemeinde - so vielfach
verschlungen und ihre Kreuzungen, Endpunkte, Aus- und Eingänge so schwierig zu
finden, dass nur unter ortvertrautester Führung ihre inneren Tiefen betreten
werden können. Aber die Männer, deren geheimen Verkehr wir diesmal belauschen,
fürchteten keine Gefahr. Sie waren gut geführt. Denn es war Silverius, der
katolische Archidiakonus der alten Kirche des heiligen Sebastian, der
unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde auf steilen Stufen in
diesen Zweigarm der Gewölbe geführt hatte: und die römischen Priester standen in
dem Rufe, seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis jener Labyrinte
fortgepflanzt zu haben. Die Versammelten schienen auch sich hier nicht zum
erstenmal einzufinden: die Schauer des Ortes machten wenig Eindruck auf sie.
Gleichgültig lehnten sie an den Wänden des unheimlichen Halbrunds, das, von
einer bronzenen Hängelampe spärlich beleuchtet, den Schluss des niedrigen Ganges
bildete, gleichgültig hörten sie die feuchten Tropfen von der Decke zur Erde
fallen und, wenn ihr Fuss hier und da an weisse, halbvermoderte Knochen stiess,
schoben sie auch diese gleichgültig auf die Seite.
    Es waren ausser Silverius noch einige andere rechtgläubige Priester und eine
Mehrzahl vornehmer Römer aus den Adelsgeschlechtern des westlichen Kaiserreichs
anwesend, die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der höheren Würden des
Staates und der Stadt geblieben.
    Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen des Archidiakons,
der sich, nachdem er die Erschienenen gemustert und in einige der einmündenden
Gänge, in deren Dunkel man junge Leute in priesterlichen Kleidern Wache halten
sah, prüfende Blicke geworfen hatte, jetzt offenbar anschickte, die Versammlung
in aller Form zu eröffnen.
    Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann zu, der ihm gegenüber
regungslos an der Mauer lehnte und mit dem er wiederholt Blicke getauscht hatte:
und nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt, wandte er sich
gegen die übrigen und sprach:
    »Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes! Wieder einmal sind wir hier
versammelt zu heiligem Werk.
    Das Schwert von Edom ist gezückt ob unsrem Haupt und König Pharao lechzt
nach dem Blut der Kinder Israel. Wir aber fürchten nicht jene, die den Leib
töten und der Seele nichts anhaben können, wir fürchten vielmehr jenen, der da
Leib und Seele verderben mag mit ewigem Feuer. Wir vertrauen im Schauer der
Nacht auf die Hilfe dessen, der sein Volk durch die Wüste geführt hat, bei Tag
in der Rauchwolke, bei Nacht in der Feuerwolke. Und daran wollen wir halten und
wollen es nie vergessen: was wir leiden, wir leiden es um Gottes willen, was wir
tun, wir tun's zu seines Namens Ehre. Dank ihm, denn er hat gesegnet unsern
Eifer. Klein, wie des Evangeliums, waren unsre Anfänge, aber schon sind wir
gewachsen wie ein Baum an frischen Wasserbächen. Mit Furcht und Zagen kamen wir
anfangs hier zusammen: gross war die Gefahr, schwach die Hoffnung: edles Blut der
Besten war geflossen: - heute, wenn wir fest bleiben im Glauben, dürfen wir es
kühnlich sagen: der Tron des Königs Pharao steht auf Füssen von Schilf und die
Tage der Ketzer sind gezählt in diesem Lande.«
    »Zur Sache!« rief ein junger Römer dazwischen, mit kurzkrausem, schwarzem
Haar und blitzenden, schwarzen Augen; ungeduldig warf er das Sagum von der
linken Hüfte über die rechte Schulter zurück, dass das kurze Schwert sichtbar
wurde. »Zur Sache, Priester! was soll heut' geschehn?«
    Silverius warf auf den Jüngling einen Blick, der lebhaften Unwillen über
solch kecke Selbständigkeit nicht ganz mit salbungsvoller Ruhe zu verdecken
vermochte. Scharfen Tones fuhr er fort: »Auch die an die Heiligkeit unsres
Zweckes nicht zu glauben scheinen, sollten doch den Glauben an diese Heiligkeit
bei andern nicht stören, um ihrer eignen weltlichen Ziele willen nicht. Heute
aber, Licinius, mein rascher Freund, soll ein neues hochwillkommenes Glied
unsrem Bunde eingefügt werden: sein Beitritt ist ein sichtbares Zeichen der
Gnade Gottes.«
    »Wen willst du einführen? Sind die Vorbedingungen erfüllt? Haftest du für
ihn? unbedingt? oder stellst du andre Bürgschaft?« so fragte ein andrer der
Versammelten, ein Mann in reifen Jahren, mit gleichmässigen Zügen, der, einen
Stab zwischen den Füssen, ruhig auf einem Vorsprung der Mauer sass. - »Ich hafte,
mein Scävola; übrigens genügt seine Person -«
    »Nichts dergleichen. Die Satzung unsres Bundes verlangt Verbürgung und ich
bestehe darauf«, sagte Scävola ruhig. - »Nun gut, gut, ich bürge, zähster aller
Juristen!« wiederholte der Priester mit Lächeln. Er winkte in einen der Gänge
zur Linken.
    Zwei junge Ostiarii führten von da in die Mitte des Gewölbes einen Mann, auf
dessen verhülltes Haupt aller Augen gerichtet waren. Nach einer Pause hob
Silverius den Überwurf von Kopf und Schultern des Ankömmlings.
    »Albinus!« riefen die andern in Überraschung, Entrüstung, Zorn.
    Der junge Licinius fuhr ans Schwert, Scävola stand langsam auf, wild
durcheinander scholl es: »Wie? Albinus? der Verräter?« Scheuen Blickes sah der
Gescholtene um sich, seine schlaffen Züge bekundeten angeborne Feigheit: wie
Hilfe stehend haftete sein Auge auf dem Priester. »Ja, Albinus!« sagte dieser
ruhig. »Will einer der Verbündeten wider ihn sprechen? Er rede.« - »Bei meinem
Genius,« rief Licinius rasch vor allen, »braucht es da der Rede? Wir wissen
alle, wer Albinus ist, was er ist. Ein feiger, schändlicher Verräter!« - der
Zorn erstickte seine Stimme. - »Schmähungen sind keine Beweise,« nahm Scävola
das Wort. »Aber ich frage ihn selbst, er soll hier vor allen bekennen. Albinus,
bist du es, oder bist du es nicht, der, als die Anfänge des Bundes dem Tyrannen
verraten waren, als du noch allein von uns allen verklagt warst, es mit ansahst,
dass die edeln Männer, Boëtius und Symmachus, unsre Mitverbündeten, weil sie
dich mutig vor dem Wüterich verteidigten, verfolgt, gefangen, ihres Vermögens
beraubt, hingerichtet wurden, während du, der eigentliche Angeklagte, durch
einen schmählichen Eid, dich nie mehr um den Staat kümmern zu wollen und durch
urplötzliches Verschwinden dich gerettet hast? Sprich, bist du es, um dessen
Feigheit willen die Zierden des Vaterlandes gefallen?«
    Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung. Der Angeschuldigte
blieb stumm und bebte, selbst Silverius verlor einen Augenblick die Haltung. Da
richtete sich jener Mann, der ihm gegenüber an der Felswand lehnte, auf und trat
einen Schritt herzu; seine Nähe schien den Priester zu erkräftigen und er begann
wieder: »Ihr Freunde, es ist geschehen was ihr sagt, nicht wie ihr's sagt. Vor
allem wisset: Albinus ist an allem am wenigsten schuldig. Was er getan, er tat's
auf meinen Rat.« - »Auf deinen Rat?« - »Das wagst du zu bekennen?« - »Albinus
war verklagt durch den Verrat eines Sklaven, der die Geheimschrift in den
Briefen nach Byzanz entziffert hatte. Der ganze Argwohn des Tyrannen war
geweckt: jeder Schein von Widerstand, von Zusammenhang musste die Gefahr
vermehren. Der Ungestüm von Boëtius und Symmachus, die ihn mutig verteidigten
war edel, aber töricht. Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des ganzen
Adels von Rom, zeigte, dass Albinus nicht allein stehe. Sie handelten gegen
meinen Rat, leider haben sie es im Tode gebüsst. Aber ihr Eifer war auch
überflüssig: denn den verräterischen Sklaven raffte plötzlich vor weitern
Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen, die Geheimbriefe des
Albinus vor dessen Verhaftung zu vernichten. Jedoch glaubt ihr, Albinus würde
auf der Folter, würde unter Todesdrohungen geschwiegen haben, geschwiegen, wenn
ihm die Nennung der Mitverschworenen retten konnte? Das glaubt ihr nicht, das
glaubte Albinus selbst nicht. Deshalb musste vor allem Zeit gewonnen, die Folter
abgewendet werden. Dies gelang durch jenen Eid. Unterdessen freilich bluteten
Boëtius und Symmachus: sie waren nicht zu retten: doch ihres Schweigens, auch
unter der Folter, waren wir sicher. Albinus aber ward durch ein Wunder aus
seinem Kerker befreit wie Sankt Paulus zu Philippi. Es hiess, er sei nach Aten
entflohen und der Tyrann begnügte sich, ihm die Rückkehr zu verbieten. Allein
der dreieinige Gott hat ihm hier in seinem Tempel eine Zufluchtsstätte bereitet,
bis dass die Stunde der Freiheit naht. In der Einsamkeit seines heiligen Asyles
nun hat der Herr das Herz des Mannes wunderbar gerührt und, ungeschreckt von der
Todesgefahr, die schon einmal seine Locke gestreift hat, tritt er wieder in
unsern Kreis und bietet dem Dienste Gottes und des Vaterlands sein ganzes
unermessliches Vermögen. Vernehmt: er hat all sein Gut der Kirche Sanktä Mariä
Majoris zu Bundeszwecken vermacht. Wollt ihr ihn und seine Millionen
verschmähen?«
    Eine Pause des Staunens trat ein: endlich rief Licinius: »Priester, du bist
klug wie - wie ein Priester. Aber mir gefällt solche Klugheit nicht.« -
»Silverius,« sprach der Jurist, »du magst die Millionen nehmen. Das steht dir
an. Aber ich war der Freund des Boëtius: mir steht nicht an, mit jenem Feigen
Gemeinschaft zu halten. Ich kann ihm nicht vergeben. Hinweg mit ihm!« - »Hinweg
mit ihm!« scholl es von allen Seiten. Scävola hatte der Empfindung aller das
Wort geliehen. Albinus erblasste, selbst Silverius zuckte unter dieser
allgemeinen Entrüstung. »Cetegus!« flüsterte er leise, Beistand heischend.
    Da trat der Mann in die Mitte, der bisher immer geschwiegen und nur mit
kühler Überlegenheit die Sprechenden gemustert hatte. Er war gross und hager,
aber kräftig, von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl. Ein
Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten Reichtum, Rang, und
Geschmack, aber sonst verhüllte ein langer, brauner Soldatenmantel die ganze
Unterkleidung der Gestalt. Sein Kopf war von denen, die man, einmal gesehen, nie
mehr vergisst.
    Das dichte, noch glänzend schwarze Haar war nach Römerart kurz und rund um
die gewölbte, etwas zu grosse Stirn und die edel geformten Schläfe geschoren,
tief unter den fein geschweiften Brauen waren die schmalen Augen geborgen, in
deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes Meer versunkener Leidenschaften, aber
noch bestimmter der Ausdruck kältester Selbstbeherrschung lag. Um die scharf
geschnittenen bartlosen Lippen spielte ein Zug stolzer Verachtung gegen Gott und
seine ganze Welt. Wie er vortrat und mit ruhiger Vornehmheit den Blick über die
Erregten streifen liess, wie seine nicht einschmeichelnde, aber beherrschende
Redeweise anhob, empfand jeder in der Versammlung den Eindruck bewusster
Überlegenheit und wenige Menschen mochten diese Nähe ohne das Gefühl der
Unterordnung tragen.
    »Was hadert ihr,« sagte er kalt, »über Dinge, die geschehen müssen? Wer den
Zweck will, muss das Mittel wollen. Ihr wollt nicht vergeben? Immerhin! Daran
liegt nichts. Aber vergessen müsst ihr. Und das könnt ihr. Auch ich war ein
Freund der Verstorbenen, vielleicht ihr nächster. Und doch - ich will vergessen.
Ich tu es, eben weil ich ihr Freund war. Der liebt sie, Scävola, der allein, der
sie rächt. Um der Rache willen - Albinus, deine Hand.« - Alle schwiegen,
bewältigt mehr von der Persönlichkeit als von den Gründen des Redners. Nur der
Jurist bemerkte noch:
    »Rusticiana, des Boëtius Witwe und des Symmachus Tochter, die einflussreiche
Frau, ist unsrem Bunde hold. Wird sie das bleiben, wenn dieser eintritt? Kann
sie je vergeben und vergessen? Niemals!«
    »Sie kann es. Glaubt nicht mir, glaubt euren Augen.« Mit diesen Worten
wandte sich rasch Cetegus und schritt in einen der Seitengänge, dessen Mündung
bisher sein Rücken verdeckt hatte. - Hart am Eingang stand lauschend eine
verschleierte Gestalt: er ergriff ihre Hand: »komm',« flüsterte er, »jetzt
komm'.« - »Ich kann nicht! ich will nicht!« war die leise Antwort der
Widerstrebenden. »Ich verfluche ihn. Ich kann ihn nicht sehen, den Elenden!« -
»Es muss sein. Komm, du kannst und du willst es: - denn ich will es.« Er schlug
ihren Schleier zurück: noch ein Blick, und sie folgte wie willenlos.
    Sie bogen um die Ecke des Eingangs: »Rusticiana!« riefen alle. - »Ein Weib
in unserer Versammlung!« sprach der Jurist. »Das ist gegen die Satzungen, die
Gesetze.«
    »Ja, Scävola, aber die Gesetze sind um des Bundes willen, nicht der Bund um
der Gesetze willen. Und geglaubt hättet ihr mir nie, was ihr hier sehet mit
Augen.«
    Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte des Albinus.
    »Seht, Rusticiana verzeiht: wer will jetzt noch widerstreben?« - Überwunden
und überwältigt verstummten alle. Für Cetegus schien das weitere jedes
Interesse verloren zu haben. Er trat mit der Frau an die Wand im Hintergrund
zurück. Der Priester aber sprach: »Albinus ist Glied des Bundes.« - »Und sein
Eid, den er dem Tyrannen geschworen?« fragte schüchtern Scävola. - »War
erzwungen und ist ihm gelöst von der heiligen Kirche. Aber nun ist es Zeit, zu
scheiden. Nur noch die eilendsten Geschäfte, die neuesten Botschaften. Hier,
Licinius, der Festungsplan von Neapolis: du musst ihn bis morgen nachgezeichnet
haben, er geht an Belisar. Hier, Scävola, Briefe aus Byzanz, von Teodora, der
frommen Gattin Justinians: du musst sie beantworten. Da, Calpurnius, eine
Anweisung auf eine halbe Million Solidi von Albinus: du sendest sie an den
fränkischen Majordomus, er wirkt bei seinem König gegen die Goten. Hier,
Pomponius, eine Liste der Patrioten in Dalmatien: du kennst die Dinge dort und
die Menschen: sieh zu, ob bedeutende Namen fehlen. Euch allen aber sei gesagt,
dass, nach heute erhaltenen Briefen von Ravenna, die Hand des Herrn schwer auf
dem Tyrannen liegt: tiefe Schwermut, zu späte Reue über all seine Sünden soll
seine Seele niederdrücken und der Trost der wahren Kirche bleibt ihm fern.
Harret aus noch eine kleine Weile: bald wird ihn die zornige Stimme des Richters
abrufen: dann kömmt der Tag der Freiheit. An den nächsten Iden, zur selben
Stunde, treffen wir uns wieder. Der Segen des Herrn sei mit euch.« Eine
Handbewegung des Diakons verabschiedete die Versammelten: die jungen Priester
traten mit den Fackeln aus den Seitengängen und geleiteten die Einzelnen in
verschiedenen Richtungen nach den nur ihnen bekannten Ausgängen der Katakomben.
 
                                Viertes Kapitel.
Silverius, Cetegus und Rusticiana stiegen miteinander die Stufen hinauf, welche
in die Krypta der Basilika des heiligen Sebastian führten. Von da gingen sie
durch die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des Diakonus. Dort
angelangt überzeugte sich dieser, dass alle Hausgenossen schliefen bis auf einen
alten Sklaven, der im Atrium bei einer halb herabgebrannten Ampel wachte. Auf
den Wink seines Herrn zündete er die neben ihm stehende silberfüssige Lampe an
und drückte auf eine Fuge im Marmorgetäfel. Die Marmorplatten drehten sich um
ihre Achse und liessen den Priester, der die Leuchte ergriffen, mit den beiden
andern in ein kleines, niedres Gemach treten, dessen Öffnung sich hinter ihnen
rasch und geräuschlos wieder schloss. Keine Ritze verriet nun wieder, dass hier
eine Tür.
    Der kleine Raum, jetzt mit einem hohen Kreuz aus Holz, einem Betschemel und
einigen christlichen Symbolen auf Goldgrund einfach ausgestattet, hatte in
heidnischen Tagen offenbar, wie die an den Wänden hinlaufenden Polstersimse
bezeugten, dem Zweck jener kleinen Gelage von zwei oder drei Gästen gedient,
deren zwanglose Gemütlichkeit Horatius feiert. Zurzeit war hier das Asyl für die
geheimsten geistlichen - - oder weltlichen - Gedanken des Diakonus. Schweigend
setzte sich Cetegus, auf ein gegenüber in die Wand eingelegtes Mosaikgemälde
den flüchtigen Blick des verwöhnten Kunstkenners werfend, auf den niederen
Lectus. Während der Priester beschäftigt war, aus einem Mischkrug mit
hochgeschweiften Henkeln Wein in die bereitstehenden Becher zu giessen und eine
eherne Schale mit Früchten auf den dreifüssigen Bronzetisch zu stellen, stand
Rusticiana Cetegus gegenüber, ihn mit unwillig staunenden Blicken messend. Kaum
vierzig Jahre alt, zeigte das Weib Spuren einer seltenen, etwas männlichen
Schönheit, die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften gelitten
hatte; schon war hier und da nicht graues, sondern weisses Haar in ihre
rabenschwarzen Flechten gemischt, das Auge hatte einen unsteten Blick und starre
Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel. Sie stützte die Linke auf
den Erztisch und strich mit der Rechten wie nachsinnend über die Stirn, dabei
fortwährend Cetegus anstarrend. Endlich sprach sie: »Mensch, sage, sage, Mann,
welche Gewalt du über mich hast? Ich liebe dich nicht mehr. Ich sollte dich
hassen. Ich hasse dich auch. Und doch muss ich dir folgen willenlos. Wie der
Vogel dem Auge der Schlange. Und du legst meine Hand, diese Hand, in die Hand
jenes Schurken. Sage, du Frevler, welches ist diese Macht?«
    Cetegus schwieg unaufmerksam. Endlich sagte er, sich zurücklehnend:
»Gewohnheit, Rusticiana, Gewohnheit.«
    »Jawohl, Gewohnheit! Gewohnheit einer Sklaverei, die besteht, seit ich
denken kann. Dass ich als Mädchen den schönen Nachbarssohn bewunderte, war
natürlich; dass ich glaubte, du liebtest mich, war verzeihlich: du küsstest mich
ja. Und wer konnte - damals! - wissen, dass du nicht lieben kannst. Nichts: kaum
dich selbst. Dass die Gattin des Boëtius diese wahnsinnige Liebe nicht
erstickte, die du wie spielend wieder anfachtest, war eine Sünde, aber Gott und
die Kirche haben sie mir verziehen. Doch, dass ich jetzt noch, nachdem ich
jahrzehntelang deine herzlose Tücke kenne, nachdem die Glut der Leidenschaft
erloschen in diesen Adern, dass ich jetzt noch blindlings deinem dämonischen
Willen folgen muss - das ist eine Torheit zum Lautauflachen.«
    Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten über die Stirn. Der Priester
hielt in seiner wirtlichen Beschäftigung inne und sah verstohlen auf Cetegus;
er war gespannt. Cetegus lehnte das Haupt rückwärts an den Marmorsims und
umfasste mit der Rechten den Pokal, der vor ihm stand:
    »Du bist ungerecht, Rusticiana,« sagte er ruhig. »Und unklar. Du mischest
die Spiele des Eros in die Werke der Eris und der Erinnyen. Du weisst es, dass ich
der Freund des Boëtius war. Obwohl ich sein Weib küsste. Vielleicht ebendeshalb.
Ich sehe darin nichts Besonderes und du: - nun dir haben es ja Silverius und die
Heiligen vergeben. Du weisst ferner, dass ich diese Goten hasse, wirklich hasse,
dass ich den Willen und - vor andern - die Fähigkeit habe, durchzusetzen, was
dich jetzt ganz erfüllt: deinen Vater, den du geliebt, deinen Gatten, den du
geehrt hast, an diesen Barbaren zu rächen. Du gehorchst daher meinen Winken. Und
du tust daran sehr klug. Denn du hast zwar ein sehr bedeutendes Talent, Ränke zu
schmieden. Aber deine Heftigkeit trübt oft deinen Blick. Sie verdirbt deine
feinsten Pläne. Also tust du wohl, kühlerer Leitung zu folgen. Das ist alles. -
Aber jetzt geh. Deine Sklavin kauert schlaftrunken im Vestibulum. Sie glaubt
dich in der Beichte, bei Freund Silverius. Die Beichte darf nicht gar zu lange
währen. Auch haben wir noch Geschäfte. Grüsse mir Kamilla, dein schönes Kind, und
lebe wohl.« Er stand auf, ergriff ihre Hand und führte sie sanft zur Türe. Sie
folgte widerstrebend, nickte dem Priester zum Abschied zu, sah nochmal auf
Cetegus, der ihre innere Bewegung nicht zu sehen schien, und ging mit leisem
Kopfschütteln hinaus.
    Cetegus setzte sich wieder und trank den Pokal aus.
    »Sonderbarer Kampf in diesem Weibe,« sagte Silverius und setzte sich mit
Griffel, Wachstafeln, Briefen und Dokumenten zu ihm. »Nicht sonderbar. Sie will
ihr Unrecht gegen ihren Gatten gut machen, indem sie ihn rächt. Und dass sie
diese Rache gerade durch ihren ehemaligen Geliebten findet, macht die heilige
Pflicht besonders süss. Freilich ist ihr dies alles unbewusst. - Aber, was gibt's
zu tun?« Und nun begannen die beiden Männer ihre Arbeit, solche Punkte der
Verschwörung zu erledigen, die allen Gliedern des Bundes mitzuteilen sie nicht
für ratsam hielten. - »Diesmal,« hob der Diakonus an, »gilt es vor allem, das
Vermögen des Albinus festzustellen und dessen nächste Verwendung zu beraten. Wir
brauchten ganz unabweislich Geld, viel Geld.« - »Geldsachen sind dein Gebiet,«
sagte Cetegus trinkend. »Ich verstehe sie wohl, aber sie langweilen mich.«
    »Ferner müssen die einflussreichsten Männer auf Sizilien, in Neapolis und
Apulien gewonnen werden. Hier ist die Liste derselben mit Notizen über die
einzelnen. Es sind Menschen darunter, bei denen die gewöhnlichen Mittel nicht
verfangen.« »Gib her,« sagte Cetegus, »das will ich machen«, und zerlegte einen
persischen Apfel. - -
    Nach einer Stunde angestrengter Arbeit waren die dringendsten Geschäfte
bereinigt und der Hausherr legte die Dokumente wieder in ihr Geheimfach hinter
dem grossen Kreuz in der Mauer. Der Priester war ermüdet und sah mit Neid auf den
Genossen, dessen stählernen Körper und unangreifbaren Geist keine späte Stunde,
keine Anspannung ermatten zu können schien. Er äusserte etwas dergleichen, als
sich Cetegus den silbernen Becher wieder füllte.
    »Übung, Freund, starke Nerven und« setzte er lächelnd hinzu, »ein gutes
Gewissen: das ist das ganze Rätsel.«
    »Nein, im Ernst, Cetegus, du bist mir auch sonst ein Rätsel.« - »Das will
ich hoffen.« - »Nun, hältst du dich für ein mir so unerreichbar überlegenes
Wesen?« - »Ganz und gar nicht. Aber doch für gerade hinreichend tief, um andern
nicht minder ein Rätsel zu sein als - mir selbst. Dein Stolz auf
Menschenkenntnis mag sich beruhigen. Es geht mir selbst mit mir nicht besser als
dir. Nur die Tropfen sind durchsichtig.« - »In der Tat,« fuhr der Priester
ausholend fort, »der Schlüssel zu deinem Wesen muss sehr tief liegen. Sieh zum
Beispiel die Genossen unsres Bundes. Von jedem lässt sich sagen, welcher Grund
ihn dazu geführt hat. Der hitzige Jugendmut einen Licinius: der verrannte, aber
ehrliche Rechtssinn einen Scävola: mich und die andern Priester - der Eifer für
die Ehre Gottes.«
    »Natürlich,« sagte Cetegus trinkend.
    »Andere treibt der Ehrgeiz oder die Hoffnung, bei einem Bürgerkrieg ihren
Gläubigern die Hälse abzuschneiden, oder auch die Langeweile über den geordneten
Zustand dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung durch einen der
Fremden, die allermeisten der natürliche Widerwille gegen die Barbaren und die
Gewöhnung, nur im Kaiser den Herrn Italiens zu sehen. Bei dir aber schlägt
keiner dieser Beweggründe an und« -
    »Und das ist sehr unbequem, nicht wahr? Denn mittels Kenntnis ihrer
Beweggründe beherrscht man die Menschen? Ja, ehrwürdiger Gottesfreund, ich kann
dir nicht helfen. Ich weiss es wirklich selbst nicht, was mein Beweggrund ist.
Ich bin selbst so neugierig darauf, dass ich es dir herzlich gern sagen und mich
- beherrschen lassen wollte, wenn ich es nur entdecken könnte. Nur das Eine
fühl' ich: diese Goten sind mir zuwider. Ich hasse diese vollblütigen Gesellen
mit ihren breiten Flachsbärten. Unausstehlich ist mir das Glück dieser brutalen
Gutmütigkeit, dieser naiven Jugendlichkeit, dieses alberne Heldentum, diese
ungebrochnen Naturen. Es ist eine Unverschämteit des Zufalls, der die Welt
regiert, dieses Land, - nach einer solchen Geschichte, - mit Männern wie - wie
du und ich - von diesen Nordbären beherrschen zu lassen.« Unwillig warf er das
Haupt zurück, drückte die Augen zu und schlürfte einen kleinen Trunk Weines.
»Dass die Barbaren fort müssen,« sprach der andere, »darüber sind wir einig. Und
für mich ist damit alles erreicht. Denn ich will ja nur die Befreiung der Kirche
von diesen irrgläubigen Barbaren, welche die Göttlichkeit Christi leugnen und
nur einen Halbgott aus ihm machen. Ich hoffe, dass alsdann der römischen Kirche
der Primat im ganzen Gebiet der Christenheit, der ihr gebührt, unbestritten
zufallen wird. Aber solange Rom in der Hand der Ketzer liegt, während der
Bischof von Byzanz von dem allein rechtgläubigen und rechtmässigen Kaiser
gestützt wird« -
    »Solange ist der Bischof von Rom nicht der oberste Bischof der Christenheit,
solange nicht Herr Italiens: und deshalb der römische Stuhl, selbst wenn ein
Silverius ihn einnehmen wird, nicht das, was er werden soll: das Höchste. Und
das will doch Silverius.«
    Überrascht sah der Priester auf.
    »Beunruhige dich nicht, Freund Gottes. Ich weiss das längst und habe dein
Geheimnis bewahrt, obwohl du es mir nicht vertraut hast. Allein weiter.« Er
schenkte sich aufs neue ein: »- dein Falerner ist gut abgelagert, aber er hat zu
viel Süsse. Du kannst eigentlich nur wünschen, dass diese Goten den Tron der
Cäsaren räumen, nicht, dass die Byzantiner an ihre Stelle treten: denn sonst hat
der Bischof von Rom wieder zu Byzanz seinen Oberbischof und einen Kaiser. Du
musst also an der Goten Stelle wünschen - nicht einen Kaiser - Justinian, -
sondern - etwa was?« - »Entweder« - fiel Silverius eifrig ein - »einen eignen
Kaiser des Westreichs« - »Der aber,« vollendete Cetegus seinen Satz, »nur eine
Puppe ist in der Hand des heiligen Petrus -« - »Oder eine römische Republik,
einen Staat der Kirche -« - »In welchem der Bischof von Rom der Herr, Italien
das Hauptland und die Barbarenkönige in Gallien, Germanien, Spanien die
gehorsamen Söhne der Kirche sind. Schön, mein Freund. Nur müssen erst die Feinde
vernichtet sein, deren Spolien du bereits verteilst. Deshalb ein altrömischer
Trinkspruch: wehe den Barbaren!«
    Er stand auf und trank dem Priester zu. »Aber die letzte Nachtwache
schleicht vorüber und meine Sklaven müssen mich am Morgen in meinem Schlafgemach
finden. Leb wohl.« Damit zog er den Kukullus des Mantels über das Haupt und
ging.
    Der Wirt sah ihm nach: »Ein höchst bedeutendes Werkzeug!« sagte er zu sich.
»Gut, dass er nur ein Werkzeug ist. Möge er es immer bleiben.«
    Cetegus aber schritt von der Via appia her, wo die Kirche des heiligen
Sebastian den Eingang in die Katakomben bedeckt, nach Nordwesten dem Kapitole
zu, an dessen Fuss am Nordende der Via sacra sein Haus gelegen war, nordöstlich
vom Forum Romanum.
    Die kühle Morgenluft strich belebend um sein Haupt.
    Er schlug den Mantel zurück und dehnte die breite, starke, gewaltige Brust.
»Ja, ein Rätsel bist du,« sprach er vor sich hin; »treibst Verschwörung und
nächtlichen Verkehr wie ein Republikaner oder ein Verliebter von zwanzig Jahren.
Und warum? - Ei, wer weiss warum er atmet? Weil er muss. Und so muss ich tun was
ich tue. Eins aber ist gewiss. Dieser Priester mag Papst werden: er muss es
vielleicht werden. Aber eins darf er nicht. Er darf es nicht lange bleiben.
Sonst lebt wohl, ihr Gedanken, ihr kaum eingestandenen, die ihr noch Träume seid
und Wolkendünste: vielleicht aber ballt sich daraus ein Gewitter, das Blitz und
Donner führt und mein Verhängnis wird. Sieh, es wetterleuchtet im Osten. Gut.
Ich nehme das Omen an.«
    Mit diesen Worten schritt er in sein Haus. Im Schlafgemach fand er auf dem
Zederntisch vor seinem Lager einen verschnürten und mit dem königlichen Siegel
gepressten Brief.
    Er schnitt die Schnüre mit dem Dolch auf, schlug die doppelte Wachstafel
auseinander und las:
    »An Cetegus Cäsarius, den Princeps Senatus, Marcus Aurelius Cassiodorus
Senator.
    Unser Herr und König liegt im Sterben. Seine Tochter und Erbin Amalaswinta
wünscht Dich noch vor seinem Ende zu sprechen. Du sollst das wichtigste
Reichsamt übernehmen. Eile sogleich nach Ravenna.«
 
                                Fünftes Kapitel.
Atembeklemmend lag bange Stimmung schwer und schwül über dem Königspalast zu
Ravenna mit seiner düstern Pracht, mit seiner unwirtlichen Weiträumigkeit.
    Die alte Burg der Cäsaren hatte im Lauf der Jahrhunderte schon so manche
stilwidrige Veränderung erfahren. Und seit an die Stelle der Imperatoren der
Gotenkönig mit seinem germanischen Hofgesinde getreten war, hatte sie vollends
ein wenig harmonisches Aussehen angenommen. Denn viele Räume, die eigentümlichen
Sitten des römischen Lebens gedient hatten, standen mit der alten Pracht ihrer
Einrichtung unbenutzt und vernachlässigt: Spinnweben zogen sich über die
Mosaiken der reichen, aber lang nicht mehr betretenen Badgemächer des Honorius,
und in dem Toilettenzimmer der Placidia huschten die Eidechsen über das
Marmorgesims der Silberspiegel in den Mauern. Dagegen hatten die Bedürfnisse
eines mehr kriegerischen Hofhalts manche Mauer niedergerissen, um die kleinen
Gemächer des antiken Hauses zu den weiteren Räumen von Waffensälen, Trinkhallen,
Wachtzimmern auszudehnen. Und man hatte anderseits durch neue Mauerführungen
benachbarte Häuser mit dem Palast verbunden, daraus eine Festung mitten in der
Stadt zu schaffen. Es trieben jetzt in der »piscina maxima,« dem ausgetrockneten
Teich, blonde Buben ihre wilden Spiele und in den Marmorsälen der Palästra
wieherten die Rosse der gotischen Wachen. So hatte der weitläufige Bau das
unheimliche Ansehen halb einer kaum noch erhaltnen Ruine, halb eines
unvollendeten Neubaus: und die Burg dieses Königs erschien so wie ein Sinnbild
seines römisch-gotischen Reiches, seiner ganzen politischen halbunfertigen,
halbverfallenden Schöpfung. -
    An dem Tage aber, der Cetegus nach Jahren hier zuerst wieder eintreten sah,
lastete ein Gewölk von Spannung, Trauer und Düstre ganz besonders schwer auf
diesem Haus: denn seine königliche Seele sollte daraus scheiden. -
    Der grosse Mann, der von hier aus ein Menschenalter lang die Geschicke
Europas gelenkt, den Abendland und Morgenland in Liebe und Hass bewunderten, der
Heros seines Jahrhunderts, der gewaltige Dietrich von Bern, dessen Namen schon
bei seinen Lebzeiten die Sage sich ausschmückend bemächtigt hatte, der grosse
Amalungenkönig Teoderich sollte sterben.
    So hatten es die Ärzte, wenn nicht ihm selbst doch seinen Räten verkündet
und alsbald war es hinausgedrungen in die grosse volkreiche Stadt. Obwohl man
seit lange einen solchen Ausgang der geheimnisvollen Leiden des greisen Fürsten
für möglich gehalten, erfüllte doch jetzt die Kunde von dem drohenden Eintritt
des verhängnisvollen Schlages alle Herzen mit der höchsten Aufregung.
    Die treuen Goten trauerten und bangten: aber auch bei der römischen
Bevölkerung war eine dumpfe Spannung die vorherrschende Empfindung. Denn hier in
Ravenna, in der unmittelbaren Nähe des Königs hatten die Italier die Milde und
Hoheit dieses Mannes im allgemeinen zu bewundern und durch besondere Wohltaten
zu erfahren am häufigsten Gelegenheit gehabt. Ferner fürchtete man nach dem Tode
dieses Königs, der während seiner ganzen Regierung, mit einziger Ausnahme der
jüngsten Kämpfe mit dem Kaiser und dem Senat, in welchen Boëtius und Symmachus
geblutet, die Italier vor der Gewalttätigkeit und Rauheit seines Volkes
beschützt hatte, unter einem neuen Regiment Härte und Druck von Seite der Goten
zu befahren.
    Endlich aber wirkte noch ein anderes, Höheres: die Persönlichkeit dieses
Heldenkönigs war so grossartig, so majestätisch gewesen, dass auch diejenigen, die
seinen und seines Reiches Untergang oft herbeigewünscht hatten, doch in dem
Augenblick, da nun diese Sonne erlöschen sollte, sich niedriger Schadenfreude
nicht hingeben und ernsterer Erschütterung nicht erwehren konnten.
    So war die Stadt schon seit grauendem Morgen - da man zuerst vom Palast
Boten nach allen Winden hatte jagen und einzelne Diener in die Häuser der
vornehmsten Goten und Römer hatte eilen sehen - in höchster Erregung. In den
Strassen, auf den Plätzen, in den Bädern standen die Männer paarweise oder in
Gruppen beisammen, fragten und teilten sich mit, was sie wussten, suchten eines
Vornehmen habhaft zu werden, der vom Palaste herkam und sprachen über die
ernsten Folgen des bevorstehenden Ereignisses. Weiber und Kinder kauerten
neugierig auf den Schwellen der Häuser. Mit den wachsenden Stunden des Tages
strömte sogar schon die Bevölkerung der nächsten Dörfer und Städte, besonders
trauernde Goten, forschend in die Tore Ravennas. Die Räte des Königs, voraus der
Präfectus Prätorio Cassiodorus, der sich in diesen Tagen um Aufrechterhaltung
der Ordnung hohes Verdienst erwarb, hatten solche Aufregung vorausgesehen,
vielleicht Schlimmeres erwartet.
    Seit Mitternacht waren alle Zugänge zum Palast geschlossen und mit gotischen
Wachen besetzt. Auf dem Forum des Honorius, vor der Stirnseite des Gebäudes, war
ein Zug Reiter aufgestellt. Auf den breiten Marmorstufen, die zu der stolzen
Säulenreihe des Hauptportals hinaufführten, waren starke Scharen gotischen
Fussvolks, mit Schild und Speer, in malerischen Gruppen gelagert.
    Nur hier konnte man, nach Cassiodors Befehl, Eintritt in den Palast erlangen
und nur die beiden Anführer des Fussvolks, der Römer Cyprian und der Gote
Witichis durften die Erlaubnis dazu erteilen. Ersterer war es, der Cetegus
einliess. Wie dieser den altbekannten Weg zum Gemach des Königs verfolgte, fand
er in den Hallen und Gängen der Burg die Goten und Italier, denen ihr Rang und
Ansehen Zutritt erwarben, in ungleichen Gruppen verteilt.
    Schweigend und traurig standen in der sonst so lauten Trinkhalle die jungen
Tausendführer und Hundertführer der Goten beisammen oder flüsterten einzelne
besorgte Fragen, während hier und da ein älterer Mann, ein Waffengefährte des
sterbenden Helden, in einer Nische der Bogenfenster lehnte, seinen lauten
Schmerz zu verbergen; in der Mitte des Saales stand, laut weinend, das Haupt an
einen Pfeiler drückend, ein reicher Kaufmann von Ravenna: der König, der jetzt
scheiden sollte, hatte ihm eine Verschwörung verziehen und seine Warenhallen vor
der Plünderung durch die ergrimmten Goten gerettet.
    Mit einem kalten Blick der Geringschätzung schritt Cetegus an dem allen
vorüber. Er ging weiter.
    In dem nächsten Gemach, dem zum Empfang fremder Gesandten bestimmten Saal,
fand er eine Anzahl von vornehmen Goten, Herzogen, Grafen und Edeln beisammen,
die offenbar Beratung hielten über den Tronwechsel und den drohenden Umschwung
aller Verhältnisse.
    Da waren die tapferen Herzoge Tulun von Provincia, der die Stadt Arles
heldenmütig gegen die Franken verteidigt hatte, Ibba von Liguria, der Eroberer
von Spanien, Pitza von Dalmatia, der Besieger der Bulgaren und Gepiden,
gewaltige, trotzige Herren, stolz auf ihren alten Adel, der dem Königshaus der
Amaler wenig nachgab - denn sie waren aus dem Geschlecht der Balten, das bei den
Westgoten durch Alarich die Krone gewonnen hatte -, und auf ihre kriegerischen
Verdienste, die das Reich beschirmt und erweitert.
    Auch Hildebad und Teja standen bei ihnen.
    Das waren die Führer der Partei, die längst eine härtere Behandlung der
Italier, welche sie hassten und scheuten zugleich, begehrt und die nur
widerstrebend dem milden Sinn des Königs sich gefügt hatten. Wilde Blicke des
Hasses schossen aus ihrer Mitte auf den vornehmen Römer, der da Zeuge der
Sterbestunde des grossen Gotenhelden sein wollte. Ruhig schritt Cetegus an ihnen
vorüber und hob den schweren Wollvorhang auf, der den nächsten Raum abschied,
das Vorzimmer des Krankengemaches. Eintretend begrüsste er mit tiefer Verbeugung
des Hauptes eine hohe königliche Frau, die, in schwarze Trauerschleier gehüllt,
ernst und schweigend, aber in fester Fassung und ohne Tränen vor einem mit
Urkunden bedeckten Marmortische stand: das war Amalaswinta, die verwitwete
Tochter Teoderichs.
    Eine Frau in der Mitte der Dreissiger war sie noch von ausserordentlicher,
wenn auch kalter Schönheit. Sie trug das reiche dunkle Haar nach griechischer
Weise gescheitelt und gewellt. Die hohe Stirn, das grosse, runde Auge, die
geradlinige Nase, der Stolz ihrer fast männlichen Züge und die Majestät ihrer
vollen Gestalt verliehen ihr gebietende Würde und in dem ganz nach hellenischem
Stil gefalteten Trauergewand glich sie in der Tat einer von ihrem Postament
heruntergeschrittenen Hera des Polyklet.
    An ihrem Arme hing, mehr gestützt als stützend, ein Knabe oder Jüngling von
etwa siebzehn Jahren, Atalarich, ihr Sohn, des Gotenreiches Erbe. Er glich
nicht der Mutter, sondern hatte die Natur seines unglücklichen Vaters Eutarich,
den eine zehrende Krankheit des Herzens in der Blüte seiner Jahre in das Grab
gezogen hatte. Mit Sorge sah deshalb Amalaswinta ihren Sohn in allem ein
Ebenbild des Vaters werden und es war kaum mehr ein Geheimnis am Hofe von
Ravenna, dass alle Spuren jener Krankheit sich schon in dem Knaben zeigten.
Atalarich war schön wie alle Glieder dieses von den Göttern stammenden Hauses.
Starke schwarze Brauen, lange Wimpern beschatteten ein edles, dunkles Auge, das
aber bald wie in unbestimmten Träumen zerfloss, bald in geisterhaftem Glanz
aufblitzte. Dunkelbraune wirre Locken hingen in die bleichen Schläfe, in denen
bei lebhafter Erregung die feinen blauen Adern krampfhaft zuckten. Der edlen
Stirn hatte leiblicher Schmerz oder schwere Entsagung tiefe Furchen
eingezeichnet, befremdlich auf diesem jugendlichen Antlitz. Rasch wechselten
Marmorblässe und heisses Rot auf den durchsichtigen Wangen. Die hoch
aufgeschossene aber geknickte Gestalt schien meistens wie müde in ihren Fugen zu
hangen und schoss nur manchmal mit erschreckender Raschheit in die Höhe. Er sah
den eintretenden Cetegus nicht, denn er hatte, an der Mutter Brust gelehnt, den
griechischen Mantel klagend um das junge Haupt geschlagen, das bald eine schwere
Krone tragen sollte. -
    Fern von diesen beiden an dem offenen Bogen des Gemaches, der den Blick auf
die von den Gotenkriegern besetzten Marmorstufen gewährte, stand, in
träumerisches Sinnen verloren, ein Weib - oder war es eine Jungfrau? - von
überraschender, blendender, überwältigender Schönheit: das war Mataswinta,
Atalarichs Schwester. Sie glich der Mutter an Adel und Höhe der Gestalt, aber
ihre schärferen Züge hatten ein feuriges leidenschaftliches Leben, das sich nur
wenig unter angenommener Kälte barg. Ihre Gestalt, ein reizvolles Ebenmass von
blühender Fülle und feiner Schlankheit, mahnte an jene bezwungene Artemis in den
Armen des Endymion in der Gruppe des Agesander, die, nach der Sage, der Rat von
Rhodos hatte aus der Stadt verbannen müssen, weil diese marmorne höchste Einheit
schönster Jungfräulichkeit und schönster Sinnlichkeit die Jünglinge des Eilands
zu Wahnsinn und Selbstmord getrieben hatte. Der Zauber höchster reifer
Mädchenschönheit zitterte über diesem Wesen. Ihr reichwallendes Haar war
dunkelrot mit einem schillernden Metallglanz und von so ausserordentlicher
Wirkung, dass er der Fürstin, selbst bei diesem durch die prächtigen Goldlocken
seiner Weiber berühmten Volk, den Namen »Schönhaar« verschafft hatte. Ihre
Augenbrauen aber und die langen Wimpern waren glänzend schwarz und hoben die
blendend weisse Stirn, die alabasternen Wangen leuchtend hervor. Die fein
gebogene Nase mit den zartgeschnittenen manchmal leise zuckenden Flügeln senkte
sich auf einen üppig schwellenden Mund. Aber das Auffallendste an dieser
auffallenden Schönheit war das graue Auge, nicht so fast durch die ziemlich
unbestimmte Farbe, wie durch den wunderbaren Ausdruck, mit dem es, meist in
träumerisches Sinnen verloren, manchmal in versengender Leidenschaft aufleuchten
konnte. In der Tat, wie sie da an dem Fenster lehnte, in der halb hellenischen,
halb gotischen von ihrer Phantasie erfinderisch zusammengewählten Tracht, den
weissen, hochgewölbten Arm um die dunkle Porphyrsäule geschlungen und
hinausträumend in die Abendluft, glich ihre verführerische Schönheit jenen
unwiderstehlichen Waldfrauen oder Wellenmädchen, deren allverstrickende
Liebesgewalt von jeher die germanische Sage gefeiert hat. Und so gross war die
Macht dieser Schönheit, dass selbst die ausgebrannte Brust des Cetegus, der die
Fürstin längst kannte, bei seinem Eintritt von neuem Staunen berührt wurde. -
    Doch wurde er sogleich in Anspruch genommen von dem letzten der im Gemach
Anwesenden, von Cassiodor, dem gelehrten und treuen Minister des Königs, dem
ersten Vertreter jener wohlwollenden, aber hoffnungslosen Versöhnungspolitik,
die seit einem Menschenalter im Gotenreich geübt wurde. Der alte Mann, dessen
ehrwürdige und milde Züge der Schmerz um den Verlust seines königlichen Freundes
nicht weniger bewegte als die Sorge um die Zukunft des Reiches, stand auf und
ging mit schwankenden Schritten dem Eintretenden entgegen, der sich
ehrfurchtvoll verneigte. In Tränen schwimmend ruhte das Auge des Greises auf
ihm, endlich sank er seufzend an die kalte Brust des Cetegus, der ihn für diese
Weichheit verachtete.
    »Welch ein Tag!« klagte er. - »Ein verhängnisvoller Tag,« sprach Cetegus
ernst; »er fordert Kraft und Fassung.« - »Recht sprichst du, Patricius, und wie
ein Römer,« - sagte die Fürstin, sich von Atalarich losmachend, »sei gegrüsst.«
Sie reichte ihm die Hand, die nicht bebte, ihr Auge war klar. »Die Schülerin der
Stoa bewährt an diesem Tage die Weisheit Zenos und die eigne Kraft,« sprach
Cetegus.
    »Sagt lieber, die Gnade Gottes kräftigt ihre Seele wunderbar,« verbesserte
Cassiodor. »Patricius,« begann Amalaswinta, »der Präfectus Prätorio hat dich
mir vorgeschlagen, zu einem wichtigen Geschäft. Sein Wort würde genügen, auch
wenn ich dich nicht längst schon kennte. Du bist derselbe Cetegus, der die
ersten beiden Gesänge der Äneis in griechische Hexameter übertragen hat!« - »
Infandum renovare jubes, regina, dolorem. Eine Jugendsünde, Königin,« lächelte
Cetegus. »Ich habe alle Abschriften aufgekauft und verbrannt an dem Tage, da
die Übersetzung Tullias erschien.« Tullia war das Pseudonym Amalaswintas:
Cetegus wusste das: aber die Fürstin hatte von dieser seiner Kenntnis keine
Ahnung. Sie war in ihrer schwächsten Stelle geschmeichelt und fuhr fort: »Du
weisst, wie es hier steht. Die Atemzüge meines Vaters sind gezählt: nach dem
Ausspruch der Ärzte kann er, obwohl noch rüstig und stark, jeden Augenblick tot
zusammenbrechen. Atalarich hier ist der Erbe seiner Krone. Ich aber führe an
seiner Statt die Regentschaft und über ihn die Mundschaft bis er zu seinen Tagen
gekommen.« - »So ist der Wille des Königs, und Goten und Römer haben dieser
Weisheit längst schon zugestimmt,« sagte Cetegus. - »So taten sie. Aber die
Menge ist wandelbar. Die rohen Männer verachten die Herrschaft eines Weibes« -
und sie zog bei diesem Gedanken die Stirn in zornige Falten. »Es widerstreitet
immerhin dem Staatsrecht der Goten wie der Römer,« begütigte Cassiodor, »es ist
ganz neu, dass ein Weib -« - »Die undankbaren Rebellen!« murmelte Cetegus,
gleichsam für sich. »Wie man darüber denken mag,« fuhr die Fürstin fort, »es ist
so. Gleichwohl baue ich auf die Treue der Barbaren im ganzen, mögen auch
einzelne aus dem Adel Gelüste nach der Krone tragen. Auch von den Italiern hier
in Ravenna, wie in den meisten Städten, fürchte ich nicht. Aber ich fürchte -
Rom und die Römer.« Cetegus horchte hoch auf: sein ganzes Wesen war in
plötzlicher Erregung: aber sein Antlitz blieb eisig kalt.
    »Rom wird sich niemals an die Herrschaft der Goten gewöhnen, es wird uns
ewig widerstreben - wie könnte es anders!« setzte sie seufzend hinzu. Es war,
als ob die Tochter Teoderichs eine römische Seele hätte.
    »Wir fürchten deshalb,« - ergänzte Cassiodor, - »dass auf die Kunde von der
Erledigung des Trons zu Rom eine Bewegung gegen die Regentin ausbrechen könnte,
sei es für Anschluss an Byzanz, sei es für Erhebung eines eignen Kaisers des
Abendlandes.«
    Cetegus schlug, wie nachsinnend, die Augen nieder. -
    »Darum,« fiel die Fürstin rasch ein, »muss, schon ehe jene Kunde zu Rom
eintrifft, alles geschehen sein. Ein entschlossener, mir treu ergebener Mann muss
die Besatzung für mich - ich meine für meinen Sohn - vereidigen, die wichtigsten
Tore und Plätze besetzen, Senat und Adel einschüchtern, das Volk für mich
gewinnen und meine Herrschaft unerschütterlich aufrichten, ehe sie noch bedroht
ist. Und für dies Geschäft hat Cassiodor - dich vorgeschlagen. Sprich, willst du
es übernehmen?«
    Bei diesen Worten war der goldne Griffel aus ihrer Hand zur Erde gefallen.
Cetegus bückte sich, ihn aufzuheben. Er hatte nur diesen einen Augenblick für
die hundert Gedanken, die bei diesem Antrag sich in seinem Kopfe kreuzten.
    War die Verschwörung in den Katakomben, war vielleicht er selbst verraten?
Lag hier eine Schlinge des schlauen und herrschsüchtigen Weibes? Oder waren die
Toren wirklich so blind, gerade ihm dies Amt aufzudringen? Und wenn dem so war,
was sollte er tun? Sollte er den Moment benutzen, sogleich loszuschlagen, Rom zu
gewinnen? Und für wen? für Byzanz? oder für einen Kaiser im Abendlande? Und wer
sollte das werden? Oder waren die Dinge noch nicht reif? Sollte er für diesmal -
aus Treulosigkeit - Treue üben? Für all diese und manche andere Zweifel und
Fragen hatte er, sie zu stellen und zu lösen, nur den einen Moment, da er sich
bückte: sein rascher Geist brauchte nicht mehr: er hatte im Bücken das arglos
vertrauende Gesicht Cassiodors gesehen und entschlossen sprach er, den Griffel
überreichend: »Königin, ich übernehme das Geschäft.« - »Das ist gut,« sagte die
Fürstin. Cassiodor drückte seine Hand. »Wenn Cassiodor,« fuhr Cetegus fort,
»mich zu diesem Amte vorgeschlagen, so hat er wieder einmal seine tiefe
Menschenkenntnis bewährt. Er hat durch meine Schale auf meinen Kern gesehen.« -
»Wie meinst du das?« fragte Amalaswinta. - »Königin, der Schein konnte ihn
trügen. Ich gestehe, dass ich die Barbaren - verzeihe! - die Goten nicht gern in
Italien herrschen sehe.« - »Dieser Freimut ehrt dich und ich verzeih' es dem
Römer.« - »Dazu kommt, dass ich seit Jahrzehnten dem Staat, dem öffentlichen
Leben keine Teilnahme mehr zuwandte. Nach vielen Leidenschaften leb' ich - ohne
alle Leidenschaft - nur einer spielenden Muse und leichten Gelehrsamkeit,
unbekümmert um die Sorgen der Könige, auf meinen Villen.« - »Beatus ille qui
procul negotiis«, zitierte seufzend die gelehrte Frau. - »Aber eben weil ich die
Wissenschaft verehre, weil ich, ein Schüler Platons, will, dass die Weisen
herrschen sollen, deshalb wünsche ich, dass eine Königin mein Vaterland regiere,
die nur der Geburt nach Gotin, der Seele nach Griechin, der Tugend nach Römerin
ist.
    Ihr zu Liebe will ich meine Musse den verhassten Geschäften opfern. Aber nur
unter der Bedingung, dass dies mein letztes Staatsamt sei. Ich übernehme deinen
Auftrag und stehe dir für Rom mit meinem Kopf.«
    »Gut, hier findest du die Vollmachten, die Dokumente, deren du bedarfst.«
    Cetegus durchflog die Urkunden. »Dies ist das Manifest des jungen Königs an
die Römer, mit deiner Unterschrift. Seine Unterschrift fehlt noch.« Amalaswinta
tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gefäss mit Purpurtinte, deren sich die
Amaler, wie die römischen Imperatoren bedienten: »Komm, schreibe deinen Namen,
mein Sohn.« Atalarich hatte während der ganzen Verhandlung stehend und mit
beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch gestützt, Cetegus scharf beobachtet.
Jetzt richtete er sich auf: er war gewohnt, in seinen Formen die Rechte eines
Khronfolgers und eines Kranken zu gebrauchen: »Nein,« sagte er heftig, »Ich
schreibe nicht. Nicht bloss, weil ich diesem kalten Römer nicht traue, - nein,
ich traue dir gar nicht, du stolzer Mann! - es ist empörend, dass ihr, während
mein hoher Grossvater noch atmet, schon an seiner Krone herumtappt, ihr Zwerge
nach der Krone des Riesen. Schämt euch eurer Fühllosigkeit. Hinter jenen
Vorhängen stirbt der grösste Held des Jahrhunderts - und ihr denkt nur an die
Teilung seiner Königsgewänder.«
    Er wandte ihnen den Rücken und schritt langsam nach dem Fenster zu, wo er
den Arm um seine schöne Schwester schlang und ihr schimmervolles glänzendes Haar
streichelte.
    Lange stand er so, sie achtete seiner nicht. Plötzlich fuhr sie auf aus
ihrem Sinnen: »Atalarich,« flüsterte sie, hastig seinen Arm fassend und
hinausdeutend auf die Marmorstufen, »wer ist der Mann dort? im blauen Stahlhelm,
der eben um die Säule biegt? Sprich, wer ist es?« »Lass sehn,« sagte der Jüngling
sich vorbeugend, »der dort? ei, das ist Graf Witichis, der Besieger der Gepiden,
ein wackrer Held.« Und er erzählte ihr von den Taten und Erfolgen des Grafen im
letzten Kriege.
    Indessen hatte Cetegus die Fürstin und den Minister fragend angesehen. »Lass
ihn!« seufzte Amalaswinta. »Wenn er nicht will, zwingt ihn keine Macht der
Erde.« Weiteres Fragen des Cetegus ward abgeschnitten, indem sich der dreifache
Vorhang auftat, der das Schlafgemach des Königs von allem Geräusch des
Vorzimmers schied. Es war Elpidios, der griechische Arzt, der, die schweren
Falten aufhebend, berichtete, der Kranke, eben aus langem Schlummer erwacht,
habe ihn fortgeschickt, um mit dem alten Hildebrand allein zu sein: dieser wich
nie von seiner Seite.
 
                               Sechstes Kapitel.
Das Schlafgemach Teoderichs, schon von den Kaisern zu gleichem Zweck benutzt,
zeigte die düstre Pracht des späten römischen Stils. Die überladenen Reliefs an
den Wänden, die Goldornamentik der Decke schilderte noch Siege und Triumphzüge
der römischen Konsuln und Imperatoren: heidnische Götter und Göttinnen schwebten
stolz darüber hin: überall in der Architektur und Dekoration waltete drückender
Prunk.
    Dazu bildete einen merkwürdigen Gegensatz das Lager des Gotenkönigs in
seiner schlichten Einfachheit. Kaum einen Fuss vom Marmorboden erhob sich das
ovale Gestell von rohem Eichenholz, das wenige Decken füllten. Nur der köstliche
Purpurteppich, der die Füsse verhüllte, und das Löwenfell mit goldnen Tatzen, ein
Geschenk des Vandalenkönigs aus Afrika, das vor dem Bette lag, bekundete die
Königshoheit des Kranken. Alles Gerät, das sonst das Gemach erfüllt, war
prunklos, schlicht, fast barbarisch schwer.
    An einer Säule im Hintergrund hing der eherne Schild und das breite Schwert
des Königs, seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht. Am Kopfende des Lagers
stand, gebeugten Hauptes, der alte Waffenmeister, die Züge des Kranken sorglich
prüfend: dieser, auf den linken Arm gestützt, kehrte ihm das gewaltige, das
majestätische Antlitz zu. Sein Haar war spärlich und an den Schläfen abgerieben
durch den langjährigen Druck des schweren Helmes, aber noch glänzend hellbraun,
ohne irgend graue oder weisse Spuren. Die mächtige Stirn, die blitzenden Augen,
die stark gebogene Nase, die tiefen Furchen der Wangen sprachen von grossen
Aufgaben und von grosser Kraft, sie zu lösen und machten den Eindruck des
Gesichts königlich und hehr: aber die wohlwollende Weichheit des Mundes
bekundete, trotz dem grimmen und leise ergrauenden Bart, jene Milde und
friedliche Weisheit, mit welcher der König ein Menschenalter lang für Italien
eine goldne Zeit zurückgeführt und sein Reich zu einer Blüte erhoben hatte, die
damals schon Sprichwort und Sage feierten.
    Lang liess er mit Huld und Liebe das goldbraune Adlerauge auf dem riesigen
Krankenwart ruhen. Dann reichte er ihm die magre aber nervige Rechte. »Alter
Freund,« sagte er, »nun wollen wir Abschied nehmen.«
    Der Greis sank in die Knie und drückte die Hand des Königs an die breite
Brust. »Komm, Alter, steh' auf: muss ich dich trösten?«
    Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur das Haupt, dass er dem
König ins Auge sehen konnte. »Sieh,« sprach dieser, »ich weiss, dass du, Hildungs
Sohn, von deinen Ahnen, von deinem Vater her tiefere Geheimkunde hast von der
Menschen Siechtum und Heilung, als alle diese griechischen Ärzte und lydischen
Salbenkrämer. Und vor allem: du hast mehr Wahrhaftigkeit. Darum frage ich dich,
du sollst mir redlich bestätigen, was ich selbst fühle: sprich, ich muss sterben?
heute noch? noch vor Nacht?«
    Und er sah ihn an mit einem Auge, das nicht zu täuschen war. Aber der Alte
wollte gar nicht täuschen, er hatte jetzt seine zähe Kraft wieder. »Ja,
Gotenkönig, Amalungen Erbe, du musst sterben,« sagte er: »die Hand des Todes hat
über dein Antlitz gestrichen. Du wirst die Sonne nicht mehr sinken sehen.«
    »Es ist gut,« sagte Teoderich, ohne mit der Wimper zu zucken. »Siehst du,
der Grieche, den ich fortgeschickt, hat mir noch von ganzen Tag vorgelogen. Und
ich brauche doch meine Zeit.«
    »Willst du wieder die Priester rufen lassen?« fragte Hildebrand, nicht mit
Liebe. - »Nein, ich konnte sie nicht brauchen. Und ich brauche sie nicht mehr.«
- »Der Schlaf hat dich sehr gestärkt und den Schleier von deiner Seele genommen,
der sie solang verdunkelt. Heil dir, Teoderich, Teodemers Sohn, du wirst
sterben wie ein Heldenkönig.«
    »Ich weiss,« lächelte dieser, »die Priester waren dir nicht genehm an diesem
Lager. Du hast recht. Sie konnten mir nicht helfen.« - »Nun aber, wer hat dir
geholfen?«
    »Gott und ich selbst. Höre. Und diese Worte sollen unser Abschied sein! Mein
Dank für deine Treue von fünfzig Jahren sei es, dass ich dir allein, nicht meiner
Tochter, nicht Cassiodor es vertraue, was mich gequält hat. Sprich: was sagt man
im Volk, was glaubst du, dass jene Schwermut war, die mich plötzlich befallen und
in dieses Siechtum gestürzt hat?« - »Die Welschen sagen: Reue über den Tod des
Boëtius und Symmachus.« - »Hast du das geglaubt?« - »Nein, ich mochte nicht
glauben, dass dich das Blut der Verräter bekümmern kann.« - »Du hast wohlgetan.
Sie waren vielleicht nicht des Todes schuldig nach dem Gesetz, nach ihren Taten.
Und Boëtius habe ich sehr geliebt. Aber sie waren tausendfach Verräter!
Verräter in ihren Gedanken. Verräter an meinem Vertrauen, an meinem Herzen. Ich
habe sie, die Römer, höher gehalten als die Besten meines Volkes. Und sie haben,
zum Dank, meine Krone dem Kaiser gewünscht, dem Byzantiner Schmeichelbriefe
geschrieben: sie haben einen Justin und einen Justinian der Freundschaft des
Teoderich vorgezogen: mich reut der Undankbaren nicht. Ich verachte sie. Rate
weiter! Du, was hast du geglaubt?« - »König: dein Erbe ist ein Kind und du hast
ringsum Feinde.« Der Kranke zog die kühnen Brauen zusammen: »Du triffst näher
ans Ziel. Ich habe stets gewusst, was meines Reiches Schwäche. In bangen Nächten
hab' ich geseufzt um seine innere Krankheit, wann ich am Abend beim Gastgelag
den fremden Gesandten den Stolz höchster Zuversicht gezeigt hatte. Alter, du
hast, ich weiss, mich für allzu sicher gehalten. Aber mich durfte niemand beben
sehen. Nicht Freund noch Feind. Sonst bebte mein Tron. Ich habe geseufzt, wann
ich einsam war und meine Sorge allein getragen.« - »Du bist die Weisheit, mein
König, und ich war ein Tor!« rief der Alte. »Sieh,« fuhr der König fort, - mit
der Hand über die des Alten streichend -, »ich weiss alles, was dir nicht recht
an mir gewesen. Auch deinen blinden Hass gegen diese Welschen kenne ich. Glaube
mir, er ist blind. Wie vielleicht meine Liebe zu ihnen war.« Hier seufzte er und
hielt inne. »Was quälst du dich.« - »Nein, lass mich vollenden. Ich weiss es, mein
Reich, das Werk meines ruhmvollen, mühevollen Lebens kann fallen, leicht fallen.
Und vielleicht durch Schuld meiner Grossmut gegen diese Römer. Sei es darum! Kein
Menschenbau ist ewig und die Schuld zu edler Güte - ich will sie tragen.«
    »Mein grosser König!« - »Aber, Hildebrand, in einer Nacht, da ich so wachte,
sorgte und seufzte über den Gefahren meines Reiches, - da stieg mir vor der
Seele auf das Bild einer andern Schuld! Nicht der Güte, nein, der Ruhmsucht, der
blutigen Gewalt. Und wehe, wehe mir, wenn das Volk der Goten sollte untergehn
zur Strafe für Teoderichs Frevel! - Sein, sein Bild tauchte mir empor!«
    Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte einen Augenblick. »Wessen
Bild? Wen meinst du?« fragte der Alte leise, sich vorbeugend. »Odovakar!«
flüsterte der König. Hildebrand senkte das Haupt. Ein banges Schweigen
unterbrach endlich Teoderich: »Ja, Alter, diese Rechte - du weisst es - hat den
gewaltigen Helden durchstossen, beim Mahl, meinen Gast. Heiss spritzte sein Blut
mir ins Gesicht und ein Hass ohne Ende sprühte auf mich aus seinem brechenden
Auge. Vor wenigen Monden, in jener Nacht, stieg sein blutiges, bleiches,
zürnendes Bild wie eines Rachegottes vor mir auf. Fiebernd zuckte mein Herz
zusammen. Und furchtbar sprach's in mir: um dieser Bluttat willen wird dein
Reich zerfallen und dein Volk vergehn.«
    Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand, trotzig aufblickend:
»König, was quälst du dich wie ein Weib? Hast du nicht Hunderte erschlagen mit
eigner Hand und dein Volk Tausende auf dein Gebot? Sind wir nicht von den Bergen
in dies Land herabgestiegen in mehr als dreissig Schlachten, im Blute watend
knöcheltief? Was ist dagegen das Blut des einen Mannes! Und denk': wie es stand.
Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der Auerstier dem Bären. Zweimal hatte
er dich und dein Volk hart an den Rand des Verderbens gedrängt. Hunger, Schwert
und Seuche rafften deine Goten dahin. Endlich, endlich fiel das trotzige
Ravenna; ausgehungert, durch Vertrag. Bezwungen lag der Todfeind dir zu Füssen.
Da kömmt dir Warnung, er sinnt Verrat, er will noch einmal den grässlichen Kampf
aufnehmen, er will zur Nacht desselben Tages dich und die Deinen überfallen. Was
solltest du tun? Ihn offen zu Rede stellen? War er schuldig, so konnte das nicht
retten. Kühn kamst du ihm zuvor und tatest ihm abends, was er dir nachts getan
hätte. Und wie hast du deinen Sieg benützt! Die Eine Tat hat all dein Volk
gerettet, hat einen neuen Kampf der Verzweiflung erspart. Du hast all die Seinen
begnadigt, hast Goten und Welsche dreissig Jahre leben lassen wie im Himmelreich.
Und nun willst du um jene Tat dich quälen? Zwei Völker danken sie dir in
Ewigkeit. Ich - ich hätt' ihn siebenmal erschlagen.«
    Der Alte hielt inne, sein Auge blitzte, er sah wie ein zorniger Riese. Aber
der König schüttelte das Haupt.
    »Das ist nichts, alter Recke, alles nichts! Hundertmal hab' ich mir dasselbe
gesagt, und verlockender, feiner, als deine Wildheit es vermag. Das hilft all'
nichts. Er war ein Held, der einzige meinesgleichen! - Und ich hab' ihn
ermordet, ohne Beweis seiner Schuld. Aus Argwohn, aus Eifersucht, ja - es muss
gesagt sein, aus Furcht - aus Furcht, noch einmal mit ihm ringen zu sollen. Das
war und ist und bleibt ein Frevel. - Und ich fand keine Ruhe hinter Ausreden.
Düstre Schwermut fiel auf mich. Seine Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht
unaufhörlich. Beim Schmaus und im Rat, auf der Jagd, in der Kirche, im Wachen
und im Schlafen. Da schickte mir Cassiodor die Bischöfe, die Priester. Sie
konnten mir nicht helfen. Sie hörten meine Beichte, sahen meine Reue, meinen
Glauben, und vergaben mir alle Sünden. Aber Friede kam nicht über mich, und ob
sie mir verziehen, - ich konnte mir nicht verzeihen. Ich weiss nicht, ist es der
alte Sinn meiner heidnischen Ahnen: - aber ich kann mich nicht hinter dem Kreuz
verstecken vor dem Schatten des Ermordeten. Ich kann mich nicht gelöst glauben
von meiner blutigen Tat durch das Blut eines unschuldigen Gottes, der am Kreuze
gestorben.« - -
    Freude leuchtete über das Antlitz Hildebrands: »Du weisst,« raunte er ihm zu,
»ich habe niemals diesen Kreuzpriestern glauben können. Sprich, o sprich,
glaubst auch du noch an Tor und Odhin? Haben sie dir geholfen?«
    Der König schüttelte lächelnd das Haupt: »Nein, du alter, unverbesserlicher
Heide. Dein Walhall ist nichts für mich. Höre, wie mir geholfen ward. Ich
schickte gestern die Bischöfe fort und kehrte tief in mich selber ein. Und
dachte und flehte und rang zu Gott. Und ich ward ruhiger. Und sieh, in der Nacht
kam über mich tiefer Schlummer, wie ich ihn seit langen Monden nicht mehr
gekannt«. Und als ich erwachte, da schauerte kein Fieber der Qual mehr in meinen
Gliedern. Ruhig war ich und klar. Und dachte dieses: »Ich habe es getan und
keine Gnade, kein Wunder Gottes macht es ungeschehen. Wohlan, er strafe mich.
Und wenn er der zornige Gott des Moses, so räche er sich und strafe mit mir mein
ganzes Haus bis ins siebente Glied. Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache
des Herrn. Er mag uns verderben: er ist gerecht. Aber weil er gerecht ist, kann
er nicht strafen dieses edle Volk der Goten um fremde Schuld. Er kann es nicht
verderben um des Frevels seines Königs willen. Nein, das wird er nicht. Und muss
dies Volk einst untergehen, - ich fühl' es klar, dann ist es nicht um meine Tat.
Für diese weih' ich mich und mein Haus der Rache des Herrn. Und so kam Friede
über mich, und mutig mag ich sterben.«
    Er schwieg. Hildebrand aber neigte das Haupt und küsste die Rechte, welche
Odovakar erschlagen hatte.
    »Das war mein Abschied an dich. Und mein Vermächtnis, mein Dank für ein
ganzes Leben der Treue. - Jetzt lass uns den Rest der Zeit noch diesem Volk der
Goten zuwenden. Komm, hilf mir aufstehen, ich kann nicht in den Kissen sterben.
Dort hangen meine Waffen. Gib sie mir! - Keine Widerrede -! Ich will. Und ich
kann.«
    Hildebrand musste gehorchen. rüstig erhob sich mit seiner Hilfe der Kranke
von dem Lager, schlug einen weiten Purpurmantel um die Schultern, gürtete sich
mit dem Schwert, setzte den niedern Helm mit der Zackenkrone auf das Haupt und
stützte sich auf den schafft der schweren Lanze, den Rücken gegen die breite
dorische Mittelsäule des Gemaches gelehnt.
    »So, jetzt rufe meine Tochter. Und Cassiodor. Und wer sonst da draussen.«
 
                               Siebentes Kapitel.
So stand er ruhig, während der Alte die Vorhänge an der Tür zu beiden Seiten
zurückschlug, so dass Schlafzimmer und Vorhalle nunmehr Einen ungeschiedenen Raum
bildeten. Alle draussen Versammelten - es hatten sich inzwischen noch mehrere
Römer und Goten eingefunden - näherten sich mit Staunen und ehrfürchtigem
Schweigen dem König.
    »Meine Tochter,« sprach dieser, »sind die Briefe aufgesetzt, die meinen Tod
und meines Enkels Tronfolge nach Byzanz berichten sollen?«
    »Hier sind sie,« sprach Amalaswinta.
    Der König durchflog die Papyrusrollen.
    »An Kaiser Justinus. Ein zweiter: an seinen Neffen Justinianus. Freilich,
der wird bald das Diadem tragen und ist schon jetzt der Herr seines Herrn!
Cassiodor hat sie verfasst - ich sehe es an den schönen Gleichnissen. Aber halt«
- und die hohe klare Stirn verdüsterte sich »Eurem kaiserlichen Schutze meine
Jugend empfehlend.« »Schutze? Das ist des Guten zu viel. Wehe, wenn ihr auf
Schutz von Byzanz gewiesen seid. Freundschaft mich empfehlend ist genug von dem
Enkel Teoderichs.« Und er gab die Briefe zurück. »Und hier ein drittes
Schreiben nach Byzanz? An wen? An Teodora, die edle Gattin Justinians? Wie! an
die Tänzerin vom Zirkus? Des Löwenwärters schamlose Tochter?« Und sein Auge
funkelte. »Sie ist von grösstem Einfluss auf ihren Gemahl«, wandte Cassiodor ein.
- »Nein, meine Tochter schreibt an keine Dirne, die aller Weiber Ehre besudelt
hat.« Und er zerriss die Papyrusrolle und schritt über die Stücke zu den Goten im
Mittelgrund der Halle. »Witichis, tapferer Mann, was wird dein Amt sein nach
meinem Tod?«
    »Ich werde unser Fussvolk mustern zu Tridentum.«
    »Kein Bessrer könnte das. Du hast noch immer nicht den Wunsch getan, den ich
dir damals freigestellt nach der Gepidenschlacht. Hast du noch immer nichts zu
wünschen?«
    »Doch, mein König.«
    »Endlich! Das freut mich - sprich.« - »Heute soll ein armer Kerkerwart, weil
er sich weigerte, einen Angeklagten zu foltern und nach dem Liktor schlug,
selbst gefoltert werden. Herr König, gib den Mann frei: das Foltern ist
schändlich und -«
    »Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die Folter nicht mehr
gebraucht im Reich der Goten. Sorg dafür, Cassiodorus. Wackrer Witichis, gib mir
die Hand. Auf dass alle wissen, wie ich dich ehre, schenk ich dir Wallada, mein
lichtbraun Edelross, zu Gedächtnis dieser Scheidestunde. Und kommst du je auf
seinem Rücken in Gefahr, oder« - hier sprach er ganz leise zu ihm - »will es
versagen, flüstre dem Ross meinen Namen ins Ohr. - Wer wird Neapolis hüten? Der
Herzog Tulun war zu rauh. - Das fröhliche Volk dort muss durch fröhliche Mienen
gewonnen werden.«
    »Der junge Totila wird dort die Hafenwache übernehmen,« sprach Cassiodor.
    »Totila! Ein sonniger Knabe! Ein Siegfried, ein Götterliebling! Ihm können
die Herzen nicht widerstehen. Aber freilich! Die Herzen dieser Welschen!« Er
seufzte und fuhr fort: »Wer versichert uns Roms und des Senats?« »Cetegus
Cäsarius,« sagte Cassiodor mit einer Handbewegung, »dieser edle Römer.« -
»Cetegus? Ich kenne ihn wohl. Sieh mich an, Cetegus.« Ungern erhob der
Angeredete die Augen, die er vor dem grossen Blick des Königs rasch
niedergeschlagen. Doch hielt er jetzt das Adlerauge, das seine Seele durchdrang,
ruhig aus, mit dem Aufgebot aller Kraft. »Es war krank, Cetegus, dass ein Mann
von deiner Art sich solang vom Staat ferngehalten. Und von uns. Oder es war
gefährlich. Vielleicht ist es noch gefährlicher, dass du dich - jetzt - dem Staat
zuwendest.« - »Nicht mein Wunsch, o König.«
    »Ich bürge für ihn,« rief Cassiodor. - »Still, Freund! Auf Erden mag keiner
für den andern bürgen! - Kaum für sich selbst! - Aber,« fuhr er forschenden
Blickes fort, »an die Griechlein wird dieser stolze Kopf - dieser Cäsarkopf -
Italien nicht verraten.«
    Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen musste Cetegus tragen.
Dann ergriff der König plötzlich den Arm des nur mit Mühe noch fest in sich
geschlossenen Mannes und flüsterte ihm zu: »Höre, was ich dir warnend weissage.
Es wird kein Römer mehr gedeihen auf dem Tron des Abendlands. Still, kein
Widerwort. Ich habe dich gewarnt. - - Was lärmt da draussen?« fragte er, rasch
sich wendend, seine Tochter, die einem meldenden Römer leisen Bescheid erteilte.
»Nichts, mein König, nichts von Bedeutung, mein Vater!« - »Wie? Geheimnisse vor
mir? Bei meiner Krone! Wollt ihr schon herrschen, solang ich noch atme? Ich
vernahm den Laut fremder Zungen da draussen. Auf die Türen!« Die Pforte, welche
die äussere Halle mit dem Vorzimmer verband, öffnete sich.
    Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Römern kleine fremd aussehende
Gestalten, in seltsamer Tracht, mit Wämsern aus Wolfsfell, mit spitz zulaufenden
Mützen und langen zottigen Schafspelzen, die über ihren Rücken hingen.
Überrascht und bewältigt von dem plötzlichen Anblick des Königs, der
hochaufgerichtet auf sie zuschritt, sanken die Fremden wie vom Blitz getroffen
auf die Kniee.
    »Ah, Gesandte der Avaren. Das räuberische Grenzgesindel an unsern Ostmarken!
Habt ihr den schuldigen Jahrestribut?« - »Herr, wir bringen ihn noch für diesmal
- Pelzwerk - wollne Teppiche - Schwerter - Schilde. - Da hangen sie, - dort
liegen sie. Aber wir hoffen, dass für nächstes Jahr - wir wollten sehn« - »Ihr
wolltet sehen, ob der greise Dieterich von Bern nicht altersschwach geworden?
Ihr hofftet, ich sei tot? Und meinem Nachfolger könntet ihr die Schatzung
weigern? Ihr irrt, Späher!« Und er ergriff wie prüfend eines der Schwerter,
welche die Gesandten vor ihm ausgebreitet, samt der Scheide, nahm es mit zwei
Händen fest an Griff und Spitze: - ein Druck und in zwei Stücken warf er ihnen
das Eisen vor die Füsse »Schlechte Schwerter führen die Avaren«, sagte er ruhig.
»Und nun komm, Atalarich, meines Reiches Erbe. Sie wollen dir nicht glauben,
dass du meine Krone tragen kannst: zeig ihnen, wie du meinen Speer führest.«
    Der Jüngling flog herbei. Die Glutitze des Ehrgeizes zuckte über sein
bleiches Antlitz. Er ergriff den schweren Speer seines Grossvaters und
schleuderte ihn mit solcher Kraft auf einen der Schilde, welche die Gesandten an
die Holzpfeiler der Halle gelehnt, dass er ihn sausend durchbohrte und die Spitze
noch tief in das Holzwerk drang. Stolz legte der König die Linke auf das Haupt
seines Enkels und rief den Gesandten zu: »Jetzt geht, daheim zu melden, was ihr
hier gesehen.«
    
    Er wandte sich, die Pforten fielen zu und schlossen die staunenden Avaren
aus. »Gebt mir einen Becher Wein. Leicht den letzten! Nein, ungemischten! Nach
Germanen Art!« - und er wies den griechischen Arzt zurück - »Dank, alter
Hildebrand, für diesen Trunk, so treu gereicht. Ich trinke der Goten Heil.« Er
leerte langsam den Pokal. Und er setzte ihn noch fest auf den Marmortisch.
    Aber da kam es über ihn, plötzlich, blitzähnlich, was die Ärzte lang
erwartet: er wankte, griff an die Brust und stürzte rücklings in die Arme
Hildebrands, der langsam niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten liess
und das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt.
    Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an: aber der König regte
sich nicht, und laut aufschreiend warf sich Atalarich über die Leiche.
 
                                 Zweites Buch.
                                  Atalarich.
                »Wo wär' die sel'ge Insel wohl zu finden?«
                                                         Schiller, Wilhelm Tell.
                                                           III. Aufzug. 2. Szene
                                Erstes Kapitel.
Nicht ohne Grund fürchtete und hoffte Freund und Feind in diesem Augenblick
schwere Gefahren für das junge Gotenreich. Noch waren es nicht vierzig Jahre,
dass Teoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem Volk den Isonzo
überschritten und dem tapfern Abenteurer Odovakar, den ein Aufstand der
germanischen Söldner auf den Tron des Abendlands erhoben, Krone und Leben
entrissen hatte. Alle Weisheit und Grösse des Königs hatte nicht die Unsicherheit
beseitigen können, die in der Natur seiner mehr kühnen als besonnenen Schöpfung
lag. Trotz der Milde seiner Regierung fühlten die Italier - und wir wollen uns
hüten, solche Gesinnung zu verdammen - aufs tiefste die Schmach der
Fremdherrschaft. Und diese Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt
verhasst. Nach der Auffassung jener Zeit galten das weströmische und das
oströmische Reich als eine unteilbare Einheit und, nachdem die Kaiserwürde im
Okzident erloschen, erschien der oströmische Kaiser als der einzige rechtmässige
Herr des Abendlands. Nach Byzanz also waren die Augen aller römischen Patrioten,
aller rechtgläubigen Katoliken von Italien gerichtet: von Byzanz erhofften sie
Befreiung aus dem Joche der Ketzer, der Barbaren, Tyrannen. Und Byzanz hatte
Macht und Neigung, diese Hoffnung zu erfüllen. Waren auch die Untertanen des
Imperators nicht mehr die Römer Cäsars oder Trajans: - noch gebot das Ostreich
über eine sehr ansehnliche, den Goten durch alle Mittel der Bildung und eines
lang bestehenden Staatswesens unendlich überlegene Macht.
    An der Lust aber, diese Überlegenheit zur Vernichtung des Barbarenreiches zu
gebrauchen, konnte es nicht fehlen, da das Verhältnis beider Staaten von
vornherein auf Überlistung, Misstrauen und geheimen Hass gegründet war. Vor ihrem
Abzug nach Italien hatte die Goten, in den Donauländern angesiedelt, an Byzanz
ein für beide Teile unerfreuliches Bundesverhältnis geknüpft, das infolge des
Ehrgeizes ihrer Könige, mehr noch der Treulosigkeit der Kaiser, fast alle paar
Jahre in offnen Krieg zwischen den ungleichartigen Verbündeten umschlug:
wiederholt hatte Teoderich, obwohl in Zeiten der Aussöhnung mit den höchsten
Ehren des Reiches, mit den Titeln Konsul, Patricius, Adoptivsohn des Kaisers
ausgezeichnet, seine Waffen bis vor die Tore der Kaiserstadt getragen.
    Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen, hatte Kaiser Zeno, ein feiner
Diplomat, das echt byzantinische Auskunftsmittel getroffen, den lästigen
Gotenkönig mit seinem Volk dadurch aus der gefährlichen Nachbarschaft zu
entfernen, dass er ihm als ein Danaergeschenk Italien übertrug, das erst dem
eisernen Arm des Helden Odovakar entrissen werden musste.
    In der Tat, wie immer der Kampf zwischen den beiden deutschen Fürsten enden
mochte: Byzanz musste immer gewinnen. Siegte Odovakar, so waren die Goten und ihr
furchtbarer König, denen man schöne Provinzen und schwere Jahrgelder hatte
überlassen müssen, für immer beseitigt. Siegte Teoderich, nun, so war ein
Anmasser, den man zu Byzanz niemals anerkannt hatte, gestürztund, gestraft. und
da Teoderich im Namen und Auftrag des Kaisers siegen und als Stattalter
herrschen sollte, durch eine ruhmvolle Eroberung das Abendland wieder mit dem
Ostreich vereinigt.
    Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht der erwünschte. Denn als
Teoderich gesiegt und sein Reich in Italien gegründet hatte, entfaltete sich
alsbald die ganze Grossartigkeit seines Geistes und erwarb ihm eine Stellung, in
der, bei aller Höflichkeit in den Formen, doch jede Abhängigkeit von Byzanz
völlig verschwand.
    Nur wo es ihm diente, so, um die Abneigung der Italier zu schwächen, berief
er sich formell auf jenen Auftrag des Kaisers: in Wahrheit aber herrschte er
auch über die Italier wie über seine Goten nicht als Stattalter und im Namen
des Byzantiners, sondern kraft eignen Rechts, kraft seines Sieges, als »König
der Goten und Italier.« Dies führte natürlich zu Misshelligkeiten mit dem Kaiser,
die wiederholt in offnen Krieg zwischen den beiden Reichen aufloderten. Es war
also kein Zweifel, dass man zu Byzanz sehr bereit war, dem Seufzen Italiens nach
Abwerfung des Barbarenjoches ein Ende zu bringen, so wie man sich stark genug
fühlte. Und die Goten hatten keine Bundesgenossen gegen diese innern und äussern
Feinde. Denn Teoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik der Verschwägerung
mit allen Germanenfürsten hatten ihm doch nur eine Art moralischen Protektorats,
keine sichre Verstärkung seiner Macht verschaffen können.
    Es fehlte dem Gotenreich, das eine geniale Persönlichkeit allzuverwegen und
vertrausam mitten in das Herz der römischen Bildungswelt gepflanzt hatte, der
unmittelbare Zusammenhang mit noch nicht romanisierten Volkskräften, es fehlte
der Nachschub an frischen germanischen Elementen, der das gleichzeitig
entstehende Reich der Franken immer wieder verjüngt und wenigstens dessen
nordöstliche Teile vor der mit der Romanisierung verbundenen Fäulnis bewahrt
hatte, während die kleine gotische Insel, auf allen Seiten von den feindlichen
Wellen des römischen Lebens umspült und benagt, diesen gegenüber von Jahr zu
Jahr zusammenschmolz.
    Solange Teoderich, der gewaltige Schöpfer dieses gewagten Werkes lebte,
blendete der Glanz seines Namens über die Gefahren und Blössen seiner Schöpfung.
    Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick, da das Steuer dieses
gefährdeten Schiffes in die Hand eines Weibes oder eines kranken Jünglings
übergehen sollte: Aufstände der Italier, Einmischung des Kaisers, Abfall der
unterworfenen, Angriffe der feindlichen Barbarenstämme waren zu besorgen. Wenn
der gefährliche Augenblick gleichwohl ruhig vorüberging, so war dies vor allem
der unermüdlich eifrigen und vorsorglichen Tätigkeit zu danken, die Cassiodor,
des Königs Freund und langbewährter Minister, schon seit Wochen entfaltet hatte
und jetzt, nach dem Tode Teoderichs, verdoppelte. Um die Italier in Ruhe zu
erhalten, ward sofort ein Manifest erlassen, das die Tronbesteigung
Atalarichs, unter Vormundschaft seiner Mutter, als eine bereits vollendete und
in aller Ruhe vollzogene Tatsache Italien und den Provinzen verkündete. Sofort
auch wurden in alle Teile des Reiches Beamte entsendet, die den Huldigungseid
der Bevölkerung entgegennehmen, aber auch im Namen des jungen Königs eidlich
geloben sollten, dass die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten der Italier
und Provinzialen achten und in allen Stücken die Milde, ja Vorliebe des grossen
Toten für seine römischen Untertanen zum Muster nehmen werde.
    Gleichzeitig wurde aber auch dafür gesorgt, dass eine Furcht gebietende
Entfaltung der gotischen Heeresmacht an den Grenzen und in den wichtigsten oder
unruhigsten Städten des Reiches äusseren und inneren Gegnern die Lust zu
Feindseligkeiten vertreibe, während mit dem Kaiserhof das gute Vernehmen durch
Gesandtschaften und Briefe sehr verbindlicher Haltung befestigt oder erneuert
wurde.
 
                                Zweites Kapitel.
Neben Cassiodor war es nun aber vor allen ein Mann, der in jenen Tagen des
Übergangs eine bedeutende und, wie es der Regentschaft schien,
hochverdienstliche Rolle spielte.
    Das war kein andrer als Cetegus.
    Er hatte das wichtige Amt eines Stadtpräfekten von Rom übernommen. Er war,
sowie der König die Augen geschlossen, spornstreichs aus dem Palast und den
Toren von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt und dort vor aller
Kunde des Geschehenen eingetroffen.
    Sofort, noch eh' der Tag angebrochen, hatte er die Senatoren in dem
»Senatus,« d.h. dem geschlossenen Hallenbau Domitians nahe dem Janus Geminus,
rechtsab vom Severusbogen, versammelt, darauf das Gebäude mit gotischen Truppen
umstellt, die überraschten Senatoren - von denen er gar manchen erst neuerlich
in den Katakomben gesehen und zur Vertreibung der Barbaren angefeuert hatte -
von dem bereits vollzognen Tronwechsel benachrichtigt und (nicht ohne einige
auf die von dem Saal aus deutlich sichtbaren Speere der Gotentausendschaft
gelinde hinweisende Worte) mit einer keinen Widerspruch duldenden Raschheit für
Atalarich in Eid und Pflicht genommen.
    Dann verliess er den »Senatus,« wo er die Väter eingeschlossen hielt, bis er
in dem flawischen Amphiteater, wohin er eine Volksversammlung der Römer
berufen, diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung abgehalten und
die leicht beweglichen »Quiriten« durch eine meisterhafte Rede für den jungen
König begeistert hatte. Er zählte die Wohltaten Teoderichs auf, verhiess gleiche
Milde von dessen Enkel, der übrigens bereits von ganz Italien, den Provinzen und
den Vätern dieser Stadt anerkannt sei, meldete eine allgemeine Speisung des
römischen Volkes mit Brot und Wein als den ersten Regierungsakt Amalaswintens
an und schloss mit der Verkündung siebentägiger Zirkusspiele - Wettfahrten mit
einundzwanzig spanischen Viergespannen - mit welchen er selbst die
Tronbesteigung Atalarichs und den Antritt seiner Präfektur feiern werde.
    Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen der Regentin und ihres
Sohnes, aber noch lauter den Namen Cetegus, das Volk verlief sich in heller
Freude, die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen und die ewige Stadt
war für die Goten erhalten. Der Präfekt aber eilte nach seinem Hause am Fuss des
Kapitols, schloss sich ein und schrieb eifrig seinen Bericht an die Regentin.
    Jedoch ungestüm pochte es alsbald an der ehernen Vortür des Hauses. Es war
Lucius Licinius, der junge Römer, den wir in den Katakomben kennengelernt: er
schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte, dass das Haus dröhnte. Ihm folgten
Scävola, der Jurist - er war unter den Eingesperrten gewesen - mit schwer
gefurchter Stirn und Silverius, der Priester, mit zweifelnder Miene.
    Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Türe durch eine verborgne Luke in der
Mauer und liess, als er Licinius erkannte, die Männer ein. Heftig stürmte der
Jüngling den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch das Vestibulum, das
Atrium und dessen Säulengang in das Studierzimmer des Cetegus. Dieser, als er
die hastig nahenden Schritte vernahm, erhob sich von dem Lectus, auf den
hingestreckt er schrieb, und verschloss seine Briefe in einer Kapsula mit
silberner Kuppel. »Ah, die Vaterlandsbefreier!« sagte er lächelnd und trat ihnen
entgegen.
    »Schändlicher Verräter!« schrie ihn Licinius an, die Hand am Schwert - der
Zorn liess ihn nicht weitersprechen, er zückte halb das breite Eisen aus der
Scheide.
    »Halt, erst lass ihn sich verteidigen, wenn er kann,« keuchte, dem
Stürmischen in den Arm fallend, Scävola, der jetzt nachgekommen war. »Es ist
unmöglich, dass er abgefallen von der Sache der heiligen Kirche,« sprach
Silverius im Eintreten.
    »Unmöglich?« lachte Licinius, »wie? seid ihr toll oder bin ich's? Hat er
nicht uns, die Ritter, in ihren Häusern festalten lassen? Hat er nicht die Tore
gesperrt und den Pöbel für den Barbaren vereidigt?« - »Hat er nicht,« sprach
Cetegus fortfahrend, »die edeln Väter der Stadt, dreihundert an der Zahl, in
der Kurie wie soviel Mäuse in der Mausfalle gefangen, dreihundert hochadlige
Mäuse?« - »Er höhnt uns noch! Wollt ihr das dulden?« rief Licinius. Und Scävola
erbleichte vor Zorn. »Nun, und was hättet ihr getan, wenn man euch hätte handeln
lassen?« fragte der Präfekt ruhig, die Arme auf der breiten Brust kreuzend. »Was
wir getan hätten?« antwortete Licinius, »was wir - was du mit uns hundertmal
verabredet! Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf, hätten wir
die Goten in der Stadt erschlagen, die Republik ausgerufen und zwei Konsuln
ernannt -« - »Namens Licinius und Scävola, das ist die Hauptsache. Nun, und
dann? Was dann?« - »Was dann? die Freiheit hätte gesiegt!«
    »Die Torheit hätte gesiegt!« herrschte Cetegus losbrechend den Erschrocknen
an. »Wie gut, dass man euch die Hände band: ihr hättet alle Hoffnung erwürgt, auf
immer. Seht her und dankt mir auf den Knieen!« Er nahm Urkunden aus einer andern
Papyruskapsel und gab sie den Erstaunten. »Da, lest. Der Feind war gewarnt und
hatte seine Schlinge meisterhaft um den Nacken Roms geschürzt. Wenn ich nicht
handelte, so stand in diesem Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor
dem Salarischen Tor im Norden, morgen sperrte der junge Totila mit der Flotte
von Neapel im Süden die Tibermündung, und gegen das Grabmal Hadrians und das
Aurelische Tor war Herzog Tulun mit zwanzigtausend Mann von Westen her im
Anzug. Hättet ihr heute früh einem Goten ein Haar gekrümmt, was wäre geschehen?«
    Silverius atmete auf. Die beiden andern schwiegen beschämt. Doch fasste sich
Licinius: »Wir hätten den Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern,« sprach er,
mutig das schöne Haupt aufwerfend. - »Ja. So wie ich diese Mauern herstellen
werde - eine Ewigkeit, mein Licinius: wie sie jetzt sind - nicht einen Tag.« -
»So wären wir gestorben als freie Bürger,« sprach Scävola. »Das hättet ihr vor
drei Stunden in der Kurie auch gekonnt,« lachte Cetegus achselzuckend.
Silverius trat mit offnen Armen, wie um ihn zu küssen, auf ihn zu; vornehm
entzog sich Cetegus: »Du hast uns alle, du hast Kirche und Vaterland gerettet!
Ich habe nie an dir gezweifelt!« sprach der Priester. Da ergriff Licinius die
Hand des Präfekten, die dieser ihm willig liess:
    »Ich habe an dir gezweifelt,« rief er mit schöner Offenheit, »vergib, du
grosser Römer. Dies Schwert, das dich heute durchbohren sollte, dir ist es fortan
für ewig zu Dienst. Und bricht der Tag der Freiheit an, dann keine Konsuln, dann
salve, Diktator Cetegus!« Und mit leuchtenden Augen eilte er hinaus. Der
Präfekt warf ihm einen befriedigten Blick nach. »Diktator, ja, doch nur bis zur
vollen Sicherheit der Republik!« sprach der Jurist und folgte ihm. »Jawohl,«
lächelte Cetegus, »dann wecken wir Camillus und Brutus wieder auf und führen
die Republik da fort, wo sie diese vor tausend Jahren gelassen. Nicht wahr,
Silverius?« - »Präfekt von Rom,« sprach der Priester, »du weisst, ich hatte den
Ehrgeiz, die Sache des Vaterlands wie der Heiligen zu leiten: ich hab' ihn nicht
mehr seit dieser Stunde. Dein sei die Führung, ich folge. Gelobe nur das Eine:
Freiheit der römischen Kirche - freie Papstwahl.« - »Jawohl,« sagte Cetegus,
»sowie nur erst Silverius Papst geworden. Es gilt.« - Der Priester schied mit
einem Lächeln auf den Lippen, aber schwere Gedanken im Herzen. »Geht,« sagte
Cetegus nach einer Pause, den dreien nachblickend, »ihr werdet keinen Tyrannen
stürzen: - ihr braucht einen Tyrannen!« Dieser Tag, diese Stunde wurden
entscheidend für Cetegus: fast ohne seinen Willen ward er durch die Ereignisse
fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen, zu Zielen, die er sich
bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt, oder doch nie als mehr denn Träume,
die er sich als Ziele eingestanden hatte.
    Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen Herrn der Lage: er
hatte die beiden grossen Parteien der Zeit, die Gotenregierung und ihre Feinde,
die Verschwornen, völlig in seiner Hand. Und in der Brust dieses gewaltigen
Mannes wurde die Haupttriebfeder, die er seit Jahrzehnten für gelähmt erachtet,
plötzlich wieder in mächtigste Tätigkeit gesetzt: der unbegrenzte Drang, ja das
Bedürfnis, zu herrschen, machte sich mit einem Male alle Kräfte dieses reichen
Lebens dienstbar und trieb sie an zu heftiger Bewegung.
    Cornelius Cetegus Cäsarius war der Abkömmling eines alten und unermesslich
reichen Geschlechts, dessen Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr und
Staatsmann Cäsars in den Bürgerkriegen gegründet: - man sagte, er sei ein Sohn
des grossen Diktators gewesen. - Unser Cetegus hatte von der Natur die
vielseitigsten Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und durch seine
gewaltigen Reichtümer die Mittel erhalten, jene aufs grossartigste zu entfalten,
diese aufs grossartigste zu befriedigen. Er empfing die sorgfältigste Bildung,
die damals einem jungen Adligen Roms gegeben werden konnte.
    Er übte sich bei den ersten Lehrern in den schönen Künsten. Er trieb zu
Berytus, zu Alexandrien, zu Aten in den besten Schulen mit glänzenden Erfolgen
das Studium des Rechts, der Geschichte, der Philosophie.
    
    Aber all das befriedigte ihn nicht. Er fühlte den Hauch des Verfalls in
aller Kunst und Wissenschaft seiner Zeit. Die Philosophie insbesondre vermochte
nur die letzten Reste des Glaubens in ihm zu zerstören, ohne ihm irgendwelche
Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewähren. Als er von seinen Studien
zurückkam, führte ihn sein Vater nach der Sitte der Zeit in den Staatsdienst
ein: rasch stieg der glänzend Begabte von Amt zu Amt.
    Aber plötzlich sprang er aus.
    Nachdem er die Staatsgeschäfte zur Genüge kennengelernt, mochte er nicht
länger ein Rad in der grossen Maschine des Reiches sein, das die Freiheit
ausschloss und obenein dem Barbarenkönig diente. Da starb sein Vater, und
Cetegus warf sich, nun Herr seiner selbst und eines ungeheuern Vermögens
geworden, mit der Gewalt, mit welcher er alles verfolgte, in die wildesten
Strudel des Lebens, des Genusses, der Lüste. Mit Rom war er bald fertig: da
machte er grosse Reisen nach Byzanz, nach Ägypten, bis nach Indien drang er vor.
Da war kein Luxus, kein unschuldiger und kein schuldiger Genuss, den er nicht
schlürfte. Nur ein stählerner Körper konnte die Anstrengungen, die Entbehrungen,
die Abenteuer, die Ausschweifungen dieser Fahrten ertragen.
    Nach zwölf Jahren kehrte er zurück nach Rom.
    Es hiess, er werde grossartige Bauten aufführen; man freute sich, das üppigste
Leben in seinen Häusern und Villen beginnen zu sehen, man täuschte sich sehr.
    Cetegus baute sich nur das kleine Haus am Fuss des Kapitols, bequem und von
feinstem Geschmack, und lebte mitten in dem volkreichen Rom wie ein Einsiedler.
    Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen heraus, eine
Charakterisierung der wenig bekannten Völker und Länder, die er besucht. Das
Buch hatte unerhörten Erfolg; Cassiodor und Boëtius warben um seine
Freundschaft, der grosse König wollte ihn an seinen Hof ziehen. Aber plötzlich
war er aus Rom verschwunden. Das Ereignis, das ihn in jenen Tagen betroffen
haben musste, blieb allen Nachforschungen der Neugier, der Teilnahme, der
Schadenfreude verborgen.
    Man erzählte sich damals, arme Fischer hätten ihn eines Morgens am Ufer des
Tibers vor den Toren der Stadt, bewusstlos und dem Tode nah, gefunden.
    Wenige Wochen später tauchte er wieder an der Nordostgrenze des Reiches in
den unwirtlichen Donauländern auf, wo der blutige Krieg mit Gepiden, mit Avaren
und Sclavenen raste. Dort schlug er sich mit todverachtender Tapferkeit mit
diesen wilden Barbaren herum, verfolgte sie mit erlesenen, von ihm besoldeten
Scharen freiwillig in alle Schlupfwinkel ihrer Felsen, schlief alle Nächte auf
der gefrornen Erde. Und als der gotische Feldherr ihm eine kleine Schar zu einem
Streifzug anvertraute, griff er statt dessen Sirmium an, die feste Hauptstadt
der Feinde, und eroberte sie mit nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit.
Nach dem Friedensschluss machte er abermals Reisen nach Gallien und Spanien und
Byzanz, kehrte von da nach Rom zurück und lebte dort jahrelang in einer
verbitterten Musse und Zurückgezogenheit, alle kriegerischen, bürgerlichen,
wissenschaftlichen Ämter und Ehren ausschlagend, die ihm Cassiodor aufdringen
wollte. Er schien für nichts mehr Interesse zu haben als für seine Studien.
    Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach Gallien einen schönen
Jüngling oder Knaben mit, welchem er Rom und Italien zeigte und väterliche Liebe
und Sorgfalt erwies. Es hiess, er wolle ihn adoptieren: solange dieser sein
junger Gast um ihn war, trat er aus seiner Einsamkeit heraus, lud die adlige
Jugend Roms zu glänzenden Festen in seine Villen und war bei den
Gegeneinladungen. die er alle annahm, der liebenswürdigste Gesellschafter. Aber
sowie er den jungen Julius Montanus mit einem stattlichen Gefolge von Pädagogen,
Freigelassenen und Sklaven nach Alexandrien in die gelehrten Schulen entsendet
hatte, brach er plötzlich wieder alle Verbindungen ab und zog sich in seine
undurchdringliche Abgeschlossenheit zurück, grollend wie es schien mit Gott und
der ganzen Welt. Mit schwerer Mühe gelang es dem Priester Silverius und
Rusticianen, ihn aus seiner ablehnenden Ruhe heraus und zur Teilnahme an der
Katakombenverschwörung fortzuziehen. Er wurde, wie er ihnen sagte, Patriot aus
eitel Langweile. Und in der Tat, bis zu dem Tod des Königs hatte er das
Unternehmen, dessen Leitung doch in seiner und des Diakons Hand lag, fast mit
Abneigung betrieben.
    Dies wurde jetzt anders. Der tiefste Zug seines Wesens, der Drang, in allen
möglichen Gebieten des Geistes sich zu versuchen, die Schwierigkeiten zu
überwinden, alle Nebenbuhler zu überflügeln, in jedem Lebenskreise, den er
betrat, zu herrschen, allein und ohne Widerstand und, sobald er den Siegeskranz
genommen, ihn gleichgültig wegzuwerfen und nach neuen Aufgaben auszuschauen,
hatte ihn bisher bei keinem Ziele volle Befriedigung finden lassen. Kunst,
Wissenschaft, Genuss, Amtsehre, Kriegsruhm: alles hatte ihn gereizt, alles hatte
er wie kein andrer gewonnen und alles hatte ihn leer gelassen. Herrschen, der
erste sein, über widerstrebende Verhältnisse mit allen Mitteln überlegner Kraft
und Klugheit siegen und dann über knirschende Menschen ein ehernes Regiment
führen, das allein hatte er unbewusst und bewusst von jeher erstrebt: nur darin
fühlte er sich wohl.
    In stolzen, vollen Atemzügen hob sich darum in dieser Stunde seine Brust:
er, der Eisigkalte, erglühte in dem Gedanken, dass er über die beiden grossen
feindlichen Mächte der Zeit, Goten und Römer, heute mit einem Zucken seiner
Wimper gebot: und aus diesem Wonnegefühl der Herrschaft stieg ihm mit
dämonischer Gewalt die Überzeugung empor, dass es für ihn und seinen Ehrgeiz nur
noch Ein Ziel gab, welches das Leben der Mühe des Lebens wert machen könne, nur
noch Ein Ziel, ein sonnenfernes, jedem andern unerreichbares: - er glaubte gern
an seine Abkunft von Julius Cäsar und er fühlte das Blut Cäsars aufwallen in
seinen Adern bei dem Gedanken: - Cäsar, Imperator des Abendlands, Kaiser der
römischen Welt! - - - -
    Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine Seele durchzuckt hatte -
kein Gedanke - kein Wunsch - nur ein Schatten, ein Traum - erschrak er und
lächelte zugleich über seine unermessliche Kühnheit. Er Kaiser und
Wiederaufrichter des römischen Weltreichs! Und Italien bebte unter dem Schritt
von dreimalhunderttausend gotischen Kriegern! Und der grösste aller
Barbarenkönige, dessen Ruhm die Erde erfüllte, sass gewaltig herrschend zu
Ravenna. Und wenn die Macht der Goten gebrochen war, so streckten die Franken
über die Alpen, die Byzantiner übers Meer die gierigen Hände nach der
italienischen Beute, zwei grosse Reiche gegen ihn, den einzelnen Mann! -
    Denn wahrlich, einsam stand er in seinem Volk! Wie genau kannte, wie bitter
verachtete er seine Landsleute, die unwürdigen Enkel grosser Ahnen! Wie lachte er
der Schwärmerei eines Licinius oder Scävola, die mit diesen Römern die Tage der
Republik erneuern wollten!
    Er stand allein.
    Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz. Und gerade in diesem
Augenblick, da ihn die Verschworenen verlassen hatten, da seine Überlegenheit
gewaltiger als je ihnen und ihm selbst klar geworden war, gerade jetzt schoss in
seiner Brust was früher ein schmeichelnd Spiel seiner träumenden Stunden gewesen
mit Blitzesschnelle zum klaren Gedanken, zum festen Entschluss empor.
    Die Arme über der mächtigen Brust gekreuzt, mit starken Schritten, wie ein
Löwe seinen Käfig, das Gemach durchmessend, sprach er in abgerissenen Sätzen zu
sich selbst:
    »Mit einem tüchtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben, Griechen und
Franken nicht hereinlassen: das wäre nicht schwer, das könnte ein andrer auch.
Aber allein, ganz allein, von diesen Männern ohne Mark und Willen mehr gehemmt
als getragen, das Ungeheure vollenden, und diese Memmen erst wieder zu Helden,
diese Sklaven zu Römern, diese Knechte der Pfaffen und Barbaren wieder zu Herren
der Erde machen: - das, das ist der Mühe wert. Ein neues Volk, eine neue Zeit,
eine neue Welt schaffen, allein, ein einziger Mann, mit der Kraft seines Willens
und der Macht seines Geistes: - das hat noch kein Sterblicher vollbracht: - das
ist grösser als Cäsar: er führte Legionen von Helden! Und doch, es kann getan
werden, denn es kann gedacht werden. Und ich, der's denken konnte, ich kann's
auch tun. Ja, Cetegus, das ist ein Ziel, dafür verlohnt sich's zu denken, zu
leben, zu sterben. Auf und ans Werk, und von nun an: - keinen Gedanken mehr und
kein Gefühl als für dies Eine.«
    Er stand still vor der Kolossalstatue Cäsars aus weissem parischem Marmor,
die, das Meisterwerk des Arkesilaos und der edelste Schmuck, ja nach der
Familientradition von Julius Cäsar selbst dem Sohne geschenkt, das Heiligtum
dieses Hauses, gegenüber dem Schreibdiwan stand:
    »Hör' es, göttlicher Julius, grosser Ahnherr, es lüstet deinen Enkel, mit dir
zu ringen: es gibt noch ein Höheres, als du erreicht: schon fliegen nach einem
höheren Ziel als du, ist unsterblich und fallen, fallen aus solcher Höhe: das
ist der herrlichste Tod. Heil mir, dass ich wieder weiss, warum ich lebe.«
    Er schritt an der Bildsäule vorbei und warf einen Blick auf die auf dem
Tisch aufgerollte Militärkarte des römischen Weltreichs:
    »Erst diese Barbaren zertreten -: Rom! - Dann den Norden wieder unterwerfen
-: Paris! - Dann zum alten Gehorsam unter die alte Cäsarenstadt das abtrünnige
Ostreich zurückheischen -: Byzanz! Und weiter, immer weiter: an den Tigris, an
den Indus, weiter als Alexandros - und zurück nach Westen, durch Skytien und
Germanien, an den Tiber - die Bahn, welche dir, Cäsar, der Dolch des Brutus
durchschnitten. - Und so grösser als du, grösser als Alexander - o halt, Gedanke,
halt ein!«
    Und der eisige Cetegus loderte und glühte; mächtig pochten seine Adern an
den Schläfen: er drückte die brennende Stirn an die kalte Marmorbrust Julius
Cäsars, der majestätisch auf ihn niederschaute.
 
                                Drittes Kapitel.
Aber nicht nur für Cetegus wurde dieser Tag von entscheidender Bedeutung, auch
für die Verschwörung in den Katakomben, für Italien und das Reich der Goten.
    Hatten die Umtriebe der Patrioten, geleitet von mehreren Häuptern, die über
die Mittel, ja sogar über die Zwecke ihrer Pläne nicht immer einig waren, bisher
nur langsame und unsichre Fortschritte gemacht, so ward dies anders von dem
Augenblick an, da der weitaus begabteste Mann dieser Partei, da Cetegus die
Führung in die kräftige Hand nahm.
    Unbedingt hatten sich die bisherigen Häupter des Bundes - sogar, wie es
schien, Silverius - dem Präfekten untergeordnet, der seine Überlegenheit so
mächtig bewährt und das Leben ihrer Sache gerettet hatte.
    Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten wahrhaft gefährlich.
    Unermüdlich war Cetegus beschäftigt, die Macht und Sicherheit ihres Reiches
auf allen Seiten zu untergraben: mit seiner grossen Kunst, die Menschen zu
durchschauen, zu gewinnen und zu beherrschen, wusste er die Zahl bedeutender
Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu vermehren.
    Aber er wusste auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden Verdacht der
gotischen Regierung zu vermeiden, andrerseits jede unzeitige Erhebung der
Verschwornen zu verhindern. Denn ein leichtes wär' es freilich gewesen,
plötzlich an Einem Tage in allen Städten der Halbinsel die Barbaren zu
überfallen, die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner. die längst hierauf
lauerten, zur Vollendung des Sieges ins Land zu rufen. Aber damit hätte der
Präfekt seine geheimen Pläne nicht hinausgeführt. Er hätte nur an die Stelle der
gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei gesetzt.
    Und wir wissen, er verfolgte ein ganz andres Ziel.
    Um dies zu erreichen, musste er sich zuvor in Italien eine Machtstellung
schaffen, wie sie kein andrer besass.
    Er musste, wenn auch nur im stillen, der mächtigste Mann im Lande sein, ehe
der Fuss eines Byzantiners es betrat, ehe der erste Gote fiel. Die Dinge mussten
soweit vorbereitet sein, dass die Barbaren von Italien, das hiess von Cetegus
allein, mit möglichst geringer Nachhilfe von Byzanz, vertrieben würden, so dass
nach dem Siege der Kaiser gar nicht umhin konnte, die Herrschaft über das
befreite Land seinem Befreier, wenn auch zunächst nur als Stattalter, zu
überlassen. Alsdann hatte er Zeit und Anlass gewonnen, den Nationalstolz der
Römer gegen die Herrschaft der »Griechlein,« wie man die Byzantiner verächtlich
nannte, aufzureizen.
    Denn obwohl seit zweihundert Jahren, seit den Tagen des grossen Konstantin,
der Glanz der Welterrschaft von der verwitweten Roma hinweg nach der goldnen
Stadt am Hellespont verlegt und das Zepter von den Söhnen des Romulus auf die
Griechen übergegangen schien, obwohl das Ost- und das Westreich zusammen der
Barbarenwelt gegenüber Einen Staat der antiken Bildung bilden sollten, so waren
doch auch jetzt noch die Griechen den Römern verhasst und verächtlich, wie in den
Tagen, da Flaminius das gedemütigte Hellas für eine Freigelassene Roms erklärt
hatte: der alte Hass war jetzt durch Neid vermehrt. Deshalb war der Mann der
Begeisterung und der Hilfe ganz Italiens gewiss, der nach Vertreibung der
Barbaren auch die Byzantiner aus dem Lande weisen würde: die Krone von Rom, die
Krone des Abendlands war sein sichrer Lohn. Und wenn es gelang, das neugeweckte
Nationalgefühl wieder zum Angriffskrieg über die Alpen zu treiben, wenn Cetegus
auf den Trümmern des Frankenreichs zu Aurelianum und Paris die Herrschaft des
römischen Imperators über das Abendland wieder aufgerichtet hatte, dann war der
Versuch nicht mehr zu kühn, auch das losgerissene Ostreich zurückzuzwingen zum
Gehorsam unter das ewige Rom und die Welterrschaft am Strand des Tibers da
fortzuführen, wo sie Trajan und Hadrian gelassen. -
    Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen, musste jeder nächste
Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad mit grösster Vorsicht geschehen: jedes
Straucheln musste für immer verderben. Um Italien zu beherrschen, als Kaiser zu
beherrschen, musste Cetegus vor allem Rom haben: denn nur an Rom liessen sich
jene Gedanken knüpfen. Deshalb wandte der neue Präfekt höchste Sorgfalt auf die
ihm anvertraute Stadt: Rom sollte ihm moralisch und physisch eine Burg der
Herrschaft werden, ihm allein gehörig und unentreissbar. Sein Amt bot ihm dazu
die beste Gelegenheit: es war ja die Pflicht des Präfectus Urbi, für das Wohl
der Bevölkerung, für Erhaltung und Sicherheit der Stadt zu sorgen. Cetegus
verstand es meisterhaft, die Rechte, die in dieser Pflicht lagen, für seine
Zwecke auszubeuten. leicht hatte er alle Stände für sich gewonnen: der Adel
ehrte in ihm das Haupt der Katakombenverschwörung, über die Geistlichkeit
herrschte er durch Silverius, der die rechte Hand und der von der öffentlichen
Stimme bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem Präfekten eine
diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den Tag legte. Das niedre Volk aber
fesselte er an seine Person nicht nur durch vorübergehende Brotspenden und
Zirkusspiele aus seiner Tasche, sondern durch grossartige Unternehmungen, die
vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit und Unterhalt - auf Kosten der
gotischen Regierung - erschaften.
    Er setzte bei Amalaswinta den Befehl durch, die Befestigungen Roms, die
seit den Tagen des Honorius durch die Zeit und durch den Eigennutz römischer
Bauherren vielmehr als durch westgotische und vandalische Eroberer gelitten
hatten, vollständig und rasch wieder herzustellen, »zur Ehre der ewigen Stadt
und, - wie sie wähnte, - zum Schutz gegen die Byzantiner.«
    Cetegus selbst hatte - und zwar, wie die alsbald folgenden vergeblichen
Belagerungen durch Goten und Byzantiner bewiesen, mit genialem Feldherrnblick -
den Plan der grossartigen Werke entworfen. Und er betrieb nun mit grösstem Eifer
das Riesenwerk, die ungeheure Stadt in ihrem weiten Umfang von vielen Meilen zu
einer Festung ersten Ranges umzuschaffen. Die Tausende von Arbeitern, die wohl
wussten, wem sie diese reich bezahlte Beschäftigung verdankten, jubelten dem
Präfekten zu, wenn er auf den Schanzen sich zeigte, prüfte, antrieb, besserte
und wohl selbst mit Hand anlegte. Und die getäuschte Fürstin wies eine Million
Solidi nach der andern an für einen Bau, an dem alsbald die ganze Streitmacht
ihres Volkes zerschellen und verbluten sollte.
    Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das heute unter dem Namen der
Engelsburg bekannte Grabmal Hadrians. Dies Prachtgebäude, von Hadrian aus
parischen Marmorquadern, die ohne anderes Bindungsmittel zusammengefügt waren,
aufgeführt, lag damals einen Steinwurf vor dem Aurelischen Tor, dessen
Mauerseiten es weit überragte. Mit scharfem Auge hatte Cetegus erkannt, dass das
unvergleichlich feste Gebäude, in seiner bisherigen Lage ein Festungswerk gegen
die Stadt, sich durch ein einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk für die Stadt
verwandeln liess: er führte vom Aurelischen Tor zwei Mauern gegen und um das
Grabmal. Und nun bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze für das
Aurelische Tor, um so mehr als der Tiber knapp davor einen natürlichen
Festungsgraben zog. Oben auf der Mauer des Mausoleums aber standen, zum Teil
noch von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt, gegen dreihundert der
schönsten Statuen aus Marmor, Bronze und Erz: darunter der Divus Hadrianus
selbst, sein schöner Liebling Antinous, ein Zeus Soter, die Pallas
»Städtebeschirmerin«, ein schlafender Faun und viele andere.
    Cetegus freute sich seines Gedankens und liebte diese Stätte, wo er
allabendlich zu wandeln pflegte, sein Rom mit dem Blick beherrschend und den
Fortschritt der Schanzarbeiten prüfend: und er hatte deshalb eine reiche Zahl
von schönen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch aufstellen lassen.
 
                                Viertes Kapitel.
Vorsichtiger musste Cetegus bei Ausführung einer zweiten, für seine Ziele nicht
minder unerlässlichen Vorbereitung sein. Um selbständig in Rom, in seinem Rom,
wie er es, als Stadtpräfekt, zu nennen liebte, den Goten und nötigenfalls den
Griechen trotzen zu können, bedurfte er nicht bloss der Wälle, sondern auch der
Verteidiger auf denselben. Er dachte zunächst an Söldner, an eine Leibwache, wie
sie in jenen Zeiten hohe Beamte, Staatsmänner und Feldherren häufig gehalten
hatten, wie sie jetzt Belisar und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten. Nun
gelang es ihm zwar, durch früher auf seinen Reisen in Asien angeknüpfte
Verbindungen und bei seinen reichen Schätzen tapfre Scharen der wilden
isaurischen Bergvölker, die in jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des
sechzehnten Jahrhunderts spielten, in seinen Sold zu ziehen. Indessen hatte dies
Verfahren doch zwei sehr eng gezogne Schranken.
    Einmal konnte er auf diesem Wege, ohne seine für andre Zwecke
unentbehrlichen Mittel zu erschöpfen, doch immer nur verhältnismässig kleine
Massen aufbringen, den Kern eines Heeres, nicht ein Heer. Und ferner war es
unmöglich, diese Söldner, ohne den Verdacht der Goten zu wecken, in grösserer
Anzahl nach Italien, nach Rom zu bringen. Einzeln, paarweise, in kleinen Gruppen
schmuggelte er sie mit vieler List und vieler Gefahr als seine Sklaven,
Freigelassenen, Klienten, Gastfreunde in seine durch die ganze Halbinsel
zerstreuten Villen oder beschäftigte sie als Matrosen und Schiffsleute im Hafen
von Ostia oder als Arbeiter in Rom.
    Schliesslich mussten doch die Römer Rom erretten und beschützen und all seine
ferneren Pläne drängten ihn, seine Landsleute wieder an die Waffen zu gewöhnen.
    Nun hatte aber Teoderich wohlweislich die Italier von dem Heer
ausgeschlossen - nur Ausnahmen bei einzelnen als besonders zuverlässig
Erachteten wurden gemacht - und in den unruhigen letzten Zeiten seines Regiments
während des Prozesses gegen Boëtius ein Gebot allgemeiner Entwaffnung der Römer
erlassen.
    Letzteres war freilich nie streng durchgeführt worden: aber Cetegus konnte
doch nicht hoffen, die Regentin werde ihm erlauben, gegen den entschiedenen
Willen ihres grossen Vaters und gegen das offenbare Interesse der Goten eine
irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden.
    Er begnügte sich, ihr vorzustellen, dass sie durch ein ganz unschädliches
Zugeständnis sich das Verdienst erwirken könne, jene gehässige Massregel
Teoderichs in edlem Vertrauen aufgehoben zu haben und schlug ihr vor, ihm zu
gestatten, nur zweitausend Mann aus der römischen Bürgerschaft als Schutzwache
Roms rüsten, einüben und immer unter den Waffen gegenwärtig halten zu dürfen:
die Römer würden ihr schon für diesen Schein, dass die ewige Stadt nicht von
Barbaren allein gehütet werde, unendlich dankbar sein. Amalaswinta, begeistert
für Rom und nach der Liebe der Römer als ihrem schönsten Ziele trachtend, gab
ihre Einwilligung und Cetegus fing an seine »Landwehr«, wie wir sagen würden,
zu bilden. Er rief in einer wie Trompetenschall klingenden Proklamation »die
Söhne der Scipionen zu den alten Waffen zurück,« er bestellte die jungen Adligen
der Katakomben zu »römischen Rittern« und »Kriegstribunen,« er verhiess jedem
Römer, der sich freiwillig meldete, aus seiner Tasche Verdoppelung des von der
Fürstin bestimmten Soldes: er hob aus den Tausenden, die sich darauf
herbeidrängten die Tauglichsten aus; er rüstete die Ärmeren aus, schenkte denen,
die sich besonders auszeichneten im Dienst, gallische Helme und spanische
Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und - was das Wichtigste - er entliess
regelmässig sobald als möglich die hinlänglich Eingeübten mit Belassung ihrer
Waffen und hob neue Mannschaften aus, so dass, obwohl in jedem Augenblick nur die
von Amalaswinta gestattete Zahl im Dienst stand, doch in kurzer Frist viele
Tausende bewaffnete und waffengeübte Römer zur Verfügung ihres vergötterten
Führers standen.
    Während so Cetegus an seiner künftigen Residenz baute und seine künftigen
Prätorianer heranbildete, vertröstete er den Eifer seiner Mitverschworenen, die
unablässig zum Losschlagen drängten, auf den Zeitpunkt der Vollendung jener
Vorbereitungen, den er natürlich allein bestimmen konnte. Zugleich unterhielt er
eifrigen Verkehr mit Byzanz. Dort musste er sich einer Hilfe versichern, die
einerseits in jedem Augenblick, da er sie rief, auf dem Kampfplatz erscheinen
könnte, die aber andrerseits auch nicht, ehe er sie rief, auf eigne Faust oder
mit einer Stärke erschiene, die nicht leicht wieder zu entfernen wäre.
    Er wünschte von Byzanz einen guten Feldherrn, der aber kein grosser
Staatsmann sein durfte, mit einem Heere, stark genug, die Italier zu
unterstützen, nicht stark genug, ohne sie siegen oder gegen ihren Willen im
Lande bleiben zu können. Wir werden in der Folge sehen, wie in dieser Hinsicht
vieles nach Wunsch, aber auch ebenso vieles sehr gegen den Wunsch des Präfekten
sich gestaltete. Daneben war gegenüber den Goten, die zurzeit noch unangefochten
im Besitz der Beute standen, um die Cetegus bereits im Geiste mit dem Kaiser
haderte, sein Streben dahin gerichtet, sie in arglose Sicherheit zu wiegen, in
Parteiungen zu spalten und eine schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten.
    Das erste war nicht schwer. Denn die starken Germanen verachteten in
barbarischem Hochmut alle offenen und geheimen Feinde. wir haben gesehen, wie
schwer selbst der sonst scharfblickende, helle Kopf eines Jünglings wie Totila
von der Nähe einer Gefahr zu überzeugen war: und die trotzige Sicherheit eines
Hildebad drückte recht eigentlich die allgemeine Stimmung der Goten aus. Auch an
Parteiungen fehlte es nicht in diesem Volk.
    Da waren die stolzen Adelsgeschlechter, die Balten mit ihren weitverzweigten
Sippen, an ihrer Spitze die drei Herzoge Tulun, Ibba und Pitza: die
reichbegüterten Wölsungen unter den Brüdern Herzog Guntaris von Tuscien und
Graf Arahad von Asta und andre mehr, die alle den Amalern an Glanz der Ahnen
wenig nachgaben und eifersüchtig ihre Stellung dicht neben dem Trone bewachten.
    Da waren viele, welche die Vormundschaft eines Weibes, die Herrschaft eines
Knaben nur mit Unwillen trugen, die gern, nach dem alten Recht des Volkes, das
Königshaus umgangen und einen der erprobten Helden der Nation auf den Schild
erhoben hätten. Andrerseits zählten auch die Amaler blind ergebene Anhänger, die
solche Gesinnung als Treubruch verabscheuten. Endlich teilte sich das ganze Volk
in eine rauhere Partei, die, längst unzufrieden mit der Milde, die Teoderich
und seine Tochter den Welschen bewiesen, gern nunmehr nachgeholt hätten, was,
wie sie meinten, bei der Eroberung des Landes versäumt worden, und die Italier
für ihren heimlichen Hass mit offener Gewalt zu strafen begehrten. Viel kleiner
natürlich war die Zahl der sanfter und edler Gesinnten, die, wie Teoderich
selbst, empfänglich für die höhere Bildung der Unterworfenen, sich und ihr Volk
zu dieser emporzuheben strebten. Das Haupt dieser Partei war die Königin.
    Diese Frau nun suchte Cetegus im Besitz der Macht zu erhalten; denn sie,
diese weibliche, schwache, geteilte Herrschaft, verhiess, die Kraft des Volkes zu
lähmen, die Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen. Ihre Richtung
schloss jedes Erstarken des gotischen Nationalgefühls aus. Er bebte vor dem
Gedanken, einen gewaltigen Mann die Kraft dieses Volkes gewaltig zusammenfassen
zu sehen.
    Und manchmal machten ihn schon die Züge von Hoheit, die sich in diesem Weibe
zeigten, mehr noch die feurigen Funken verhaltener Glut, die zuzeiten aus
Atalarichs tiefer Seele aufsprühten, ernstlich besorgt. Sollten Mutter und Sohn
solche Spuren öfter verraten, dann freilich musste er beide ebenso eifrig stürzen
wie er bisher ihre Regierung gehalten hatte. Einstweilen aber freute er sich
noch der unbedingten Herrschaft, die er über die Seele Amalaswintens gewonnen.
Dies war ihm bald gelungen. Nicht nur, weil er mit grosser Feinheit ihre Neigung
zu gelehrten Gesprächen ausbeutete, in welchen er von dem, wie es schien, ihm
überall überlegenen Wissen der Fürstin so häufig überwunden wurde, dass
Cassiodor, der oft Zeuge ihrer Disputationen war, nicht umhin konnte, zu
bedauern, wie dies einst glänzende Ingenium durch Mangel an gelehrter Übung
etwas eingerostet sei.
    Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib noch viel tiefer
getroffen. Ihrem grossen Vater war kein Sohn, war nur diese Tochter beschieden:
der Wunsch nach einem männlichen Erben seiner schweren Krone war oft aus des
Königs, oft aus des Volkes Munde schon in ihren Kinderjahren an ihr Ohr
gedrungen. Es empörte das hochbegabte Mädchen, dass man es lediglich um ihres
Geschlechtes willen zurücksetzte hinter einem möglichen Bruder, der, wie
selbstverständlich, der Herrschaft würdiger und fähiger sein würde. So weinte
sie als Kind oft bittere Tränen, dass sie kein Knabe war.
    Als sie herangewachsen, hörte sie natürlich nur noch von ihrem Vater jenen
kränkenden Wunsch: jeder andre Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen, den
männlichen Geist, den männlichen Mut der glänzenden Fürstin. Und das waren nicht
Schmeicheleien: Amalaswinta war in der Tat in jeder Hinsicht ein
aussergewöhnliches Geschöpf: die Kraft ihres Denkens und ihres Wollens, aber auch
ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit überschritten weit die Schranken, in
welchen sich holde Weiblichkeit bewegt. Das Bewusstsein, dass mit ihrer Hand
zugleich die höchste Stellung im Reich, vielleicht die Krone selbst, würde
vergeben werden, machte sie eben auch nicht bescheidener: und ihre tiefste,
mächtigste Empfindung war jetzt nicht mehr der Wunsch, Mann zu sein, sondern die
Überzeugung, dass sie, das Weib, allen Aufgaben des Lebens und des Regierens so
gut wie der begabteste Mann, besser als die meisten Männer, gewachsen, dass sie
berufen sei, das allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbürtigkeit ihres
Geschlechts glänzend zu widerlegen.
    Die Ehe des kalten Weibes mit Eutarich, einem Amaler aus andrer Linie,
einem Mann von hohen Anlagen des Geistes und reichem Gemüt, war kurz -:
Eutarich erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden - und wenig glücklich.
Nur mit Widerstreben hatte sie sich ihrem Gatten gebeugt. Als Witwe atmete sie
stolz auf. Sie brannte vor Ehrgeiz, dereinst als Vormünderin ihres Knaben, als
Regentin jene ihre Lieblingsidee zu bewähren: sie wollte so regieren, dass die
stolzesten Männer ihre Überlegenheit sollten einräumen müssen. Wir haben
gesehen, wie die Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den Tod ihres
grossen Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen.
    Sie übernahm das Regiment mit höchstem Eifer, mit unermüdlicher Tätigkeit.
Sie wollte alles selbst, alles allein tun.
    Sie schob ungeduldig den greisen Cassiodor zur Seite, der ihrem Geist nicht
rasch und kräftig genug Schritt hielt. Keines Mannes Rat und Hilfe wollte sie
dulden.
    Eifersüchtig wachte sie über ihre Alleinherrlichkeit. Und nur Einem ihrer
Beamten lieh sie gern und häufig das Ohr; demjenigen, der ihr oft und laut die
männliche Selbständigkeit ihres Geistes pries und noch öfter dieselbe still zu
bewundern, der den Gedanken, sie beherrschen zu wollen, gar nie wagen zu können
schien: sie traute nur Cetegus. Denn dieser zeigte ja nur den Einen Ehrgeiz,
alle Gedanken und Pläne der Königin mit eifriger Sorge durchzuführen. Nie trat
er, wie Cassiodor oder gar die Häupter der gotischen Partei, ihren
Lieblingsbestrebungen entgegen; er unterstützte sie darin: er half ihr, sich mit
Römern und Griechen umgeben, den jungen König möglichst von der Teilnahme am
Regiment ausschliessen, die alten gotischen Freunde ihres Vaters, die, im
Bewusstsein ihrer Verdienste und nach alter Gewohnheit, sich manches freie und
derbe Wort des Tadels erlaubten, als rohe Barbaren allmählich vom Hof entfernen,
die Gelder, die für Kriegsschiffe, Rosse, Ausrüstung der gotischen Heere
bestimmt waren, für Wissenschaften und Künste oder auch für die Verschönerung,
Erhaltung und Sicherung Roms verwenden: - kurz, er war ihr behilflich in allem,
was sie ihrem Volk entfremden, ihre Regierung verhasst und ihr Reich wehrlos
machen konnte. Und hatte er selbst einen Plan, immer wusste er seine
Verhandlungen mit der Fürstin so zu wenden, dass sich diese für die Urheberin
ansehen musste und ihn zu dem Vollzug seiner geheimsten Wünsche als ihrer
Aufträge befehligte.
 
                                Fünftes Kapitel.
Begreiflicherweise bedurfte es, um solchen Einfluss zu gewinnen und zu pflegen,
häufigeren Aufentalts am Hof, längerer Abwesenheit von Rom als seine dortigen
Interessen vertrugen. Deshalb strebte er danach, in die Nähe der Königin
Persönlichkeiten zu bringen, die ihm diese Mühe zum Teil ersparen könnten, die
ihn immer gut unterrichten und warm vertreten sollten. Die Frauen von mehreren
gotischen Edeln, welche grollend Ravenna verliessen, mussten in der Umgebung
Amalaswintens ersetzt werden und Cetegus trug sich mit dem Gedanken, bei
dieser Gelegenheit Rusticiana, die Tochter des Symmachus, die Witwe des
Boëtius, an den Hof zu bringen. Die Aufgabe war nicht leicht. Denn die Familie
dieser als Hochverräter hingerichteten Männer war in Ungnade aus der Königsstadt
verbannt. Vor allem musste daher die Königin umgestimmt werden für sie.
    Dies freilich gelang alsbald, indem die Grossmut der edeln Frau gegen das so
tief gefallne Haus wachgerufen wurde. Dazu kam, dass sie an die niemals
vollbewiesene Schuld von zwei edeln Römern nie von Herzen hatte glauben mögen,
deren einen, den Gatten Rusticianas, sie als grossen Gelehrten und in manchen
Gebieten als ihren Lehrer verehrte. Endlich wusste Cetegus zu betonen, wie
gerade diese Tat, sei es der Gerechtigkeit, sei es der Gnade, die Herzen all
ihrer römischen Untertanen rühren müsse. So war die Regentin leicht gewonnen,
Gnade zu erteilen. Viel schwerer ward die stolze und leidenschaftliche Witwe des
Verurteilten bewogen, diese Gnade anzunehmen. Denn Wut und Rachedurst gegen das
Königshaus erfüllten ihre ganze Seele, und Cetegus musste sogar fürchten, ihr
unbeherrschbarer Hass könnte sich in der steten Nähe der »Tyrannen« leicht
verraten. Wiederholt hatte Rusticiana trotz all seiner sonst grossen Gewalt über
sie dieses Ansinnen zurückgewiesen.
    Da machten sie eines Tages eine sehr überraschende Entdeckung, die zur
Erfüllung der Wünsche des Präfekten führen sollte.
    Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjährige Tochter, Kamilla. Aus ihrem echt
römischen Gesicht mit den edeln Schläfen und den schöngeschnittenen Lippen
leuchteten dunkle, schwärmerische Augen: der eben erst vollendete Wuchs zeigte
feine, fast allzuzarte Formen, rasch und leicht und fein wie einer Gazelle waren
alle Bewegungen dieser schlanken Glieder. Eine reiche Seele mit schwungvoller
Phantasie lebte in dem lieblichen Mädchen. Mit aller Inbrunst kindlicher
Verehrung hatte sie ihren unglücklichen Vater geliebt: der Streich, der sein
teures Haupt getroffen, hatte tief in das Leben des heranblühenden Mädchens
geschlagen; ungestillte Trauer, heilige Wehmut, mit der sich die
leidenschaftliche Vergötterung seines Martyriums für Italien mischte, erfüllten
alle Träume ihres jungfräulichen Entfaltens.
    Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast am Königshof war sie nach
dem Schicksalsschlag mit ihrer Mutter über die Alpen nach Gallien geflohen, wo
ein alter Gastfreund den betrübten Frauen monatelang eine Zufluchtstätte bot,
während Anicius und Severinus, Kamillas Brüder, anfänglich ebenfalls verhaftet
und zum Tode verurteilt, dann zur Verbannung aus dem Reich begnadigt, aus dem
Kerker sofort nach Byzanz an den Hof des Kaisers eilten, wo sie Himmel und Hölle
gegen die Goten in Bewegung setzten. Die Frauen waren, als sich der Sturm der
Verfolgung verzogen, nach Italien zurückgekehrt und lebten ihrem stillen Gram im
Häuschen eines treuen Freigelassenen zu Perusia, von wo aus freilich Rusticiana,
wie wir gesehen, den Weg zu den Verschworenen in Rom wohl zu finden wusste.
    Der Juni war gekommen, die Jahreszeit, in der vornehme Römer noch immer, wie
zur Zeit des Horatius und Tibullus, die dumpfe Luft der Städte zu fliehen und in
seine kühlen Villen im Sabinergebirge oder an der Meeresküste sich zu verstecken
pflegten. Mit Beschwerde trugen die verwöhnten Edelfrauen den Qualm und Staub in
den heissen Strassen des engen Perusia, mit Seufzen der herrlichen Landhäuser bei
Florentia und Neapolis gedenkend, die sie, wie all ihr Vermögen, an den
gotischen Fiskus verloren.
    Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam verlegenem Gesicht vor
Rusticiana. Er habe längst bemerkt, wie die »Patrona« unter seinem unwürdigen
Dach zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine Hantierung - er war
seines Zeichens Steinmetz - zu erdulden gehabt und so habe er denn an den
letzten Kalenden ein kleines, freilich nur ein ganz kleines, Gütchen mit einem
noch kleineren Häuschen gekauft, droben im Gebirge bei Tifernum. Freilich, an
die Villa bei Florentia dürften sie dabei nicht denken: aber es riesele doch
auch dort ein selbst unter dem Sirius nicht versiegender Waldquell, Eichen und
Kornellen gäben breiten Schatten, um den verfallnen Faunustempel wuchre üppig
der Efeu und im Garten habe er Rosen, Veilchen und Lilien pflanzen lassen, wie
sie Domna Kamilla liebe und so möchten sie denn Maultier und Sänfte besteigen
und wie andre Edelfrauen ihre Villa beziehen.
    Die Frauen, von dieser Treue des Alten gerührt, nahmen dankbar seine Güte an
und Kamilla, die sich in kindlicher Genügsamkeit auf die kleine Veränderung
freute, war heiterer, belebter als je seit dem Tod ihres Vaters.
    Ungeduldig drängte sie zum Aufbruch und eilte noch am selben Tage mit
Corbulo und Daphnidion, dessen Tochter, voraus, Rusticiana sollte mit den
Sklaven und dem Gepäck sobald als möglich folgen.
    Die Sonne sank schon hinter die Hügel von Tifernum, als Corbulo, Kamillens
Maultier am Zügel führend, aus den Waldhöhen auf die Lichtung gelangte, von wo
aus man das Gütchen zuerst wahrnehmen konnte. Längst hatte er sich auf die
Überraschung des Kindes gefreut, wenn er ihr von hier aus das anmutig gelegene
Haus zeigen würde.
    Aber erstaunt blieb er stehen: - er hielt die Hand vor die Augen, ob ihn die
Abendsonne blende, er sah umher, ob er denn nicht an der rechten Stelle: aber
kein Zweifel! da stand ja an dem Rain, wo Wald und Wiese sich berührten, der
graue Markstein in Gestalt des alten Grenzgottes Terminus mit seinem spitz
zulaufenden Kopf: der rechte Ort war es, aber das Häuschen nicht zu sehen:
vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von Pinien und Platanen: und auch
sonst war die ganze Umgebung verändert: da standen grüne Hecken und Blumenbeete,
wo sonst Kohl und Rüben, und ein zierlicher Pavillon prangte, wo bisher
Sandgruben und die Landstrasse sein bescheidnes Gebiet begrenzt hatten.
    »Die Mutter Gottes steh mir bei und alle obern Götter!« rief der Steinmetz,
»bin ich verzaubert oder die Gegend? Aber Zauber ist los!« Seine Tochter reichte
ihm eifrig das Amulett, das sie am Gürtel trug: aber Aufschluss konnte sie nicht
geben, da sie zum erstenmal das neue Besitztum betrat und so blieb nichts übrig,
als das Maultier zur grössten Eile zu treiben und springend und rufend
begleiteten Vater und Tochter den Trab des Grauchens die Wiesenhänge hinunter.
    Als sie nun näher kamen, fand Corbulo allerdings hinter der Baumgruppe das
Haus, das er gekauft: aber so verjüngt, erneuert, verschönt, dass er es kaum
erkannte.
    Sein Staunen über die Umwandlung der ganzen Gegend stieg aufs neue zu
abergläubischer Furcht: offnen Mundes blieb er zuletzt stehen, liess die Zügel
fallen und begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von christlichen und
heidnischen Ausrufen, als plötzlich Kamilla ebenso überrascht ausrief: »Aber das
ist ja der Garten, wo wir gewohnt, das Viridarium des Honorius zu Ravenna,
dieselben Bäume, dieselben Blumenbeete, und auch an jenem Teich, wie zu Ravenna
am Meeresufer, der Tempel der Venus! o wie schön, welche Erinnerung! Corbulo,
wie hast du das angefangen?« Und Tränen freudiger Rührung traten in ihre Augen.
- »So sollen mich alle Teufel peinigen und Lemuren, wenn ich das angefangen
habe. Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfuss, der ist also nicht mit
verhext. Rede, du Zyklope, was ist hier geschehen?«
    Der riesige Cappadox, ein breitschultriger Sklave, humpelte mit
ungeschlachtem Lächeln heran und erzählte nach vielen Fragen und Unterbrechungen
des Staunens eine rätselhafte Geschichte. Vor drei Wochen etwa, wenige Tage
nachdem Cappadox auf das Gut geschickt war, es für seinen Herrn, der auf längere
Zeit in die Marmorbrüche von Luna verreist war, zu verwalten, kam von Tifernum
her ein vornehmer Römer mit einem Tross von Sklaven und Arbeitern und mit
hochbepackten Lastwagen an. Er fragte, ob dies die Besitzung sei, welche der
Steinmetz Corbulo von Perusia für die Witwe des Boëtius gekauft. Und als dies
bejaht wurde, gab er sich als den Hortulanus Prinzeps d.h. als Oberintendanten
der Gärten zu Ravenna zu erkennen. Ein alter Freund des Boëtius, der aus Furcht
vor den gotischen Tyrannen seinen Namen nicht zu nennen wage, wünsche, sich
insgeheim der Verfolgten anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben, den
Aufentalt derselben mit allen Mitteln seiner Kunst zu schmücken und zu
verschönern. Der Sklave dürfe die beabsichtigte Überraschung nicht verderben und
halb mit Güte, halb mit Gewalt hielt man den staunenden Cappadox auf der Villa
fest. Der Intendant aber entwarf sofort seinen Plan, und seine Arbeiter gingen
unverzüglich ans Werk.
    Viele benachbarte Grundstücke wurden zu hohen Preisen hinzugekauft und nun
hob an ein Niederreissen und Bauen, ein Pflanzen und Graben, ein Hämmern und
Klopfen, ein Putzen und Malen, dass dem guten Cappadox Hören und Sehen verging.
Wollte er fragen und dreinreden, so lachten ihm die Arbeiter ins Gesicht. Wollte
er sich davonmachen, so winkte der Intendant und ein halb Dutzend Fäuste hielten
ihn fest. »Und« - schloss der Erzähler - »so ging's bis vorgestern morgen. Da
waren sie fertig und zogen davon.
    Anfangs war mir angst und bang, da ich die kostspieligen Herrlichkeiten aus
dem Boden wachsen sah. Ich dachte: am Ende, wenn Meister Corbulo das alles
bezahlen soll, dann weh über meinen Rücken! Und ich wollte dir's melden. Aber
sie liessen mich nicht und obenein wusst' ich dich fern von Haus. Und wie ich
nachgerade das unsinnig viele Geld des Intendanten verspürte und wie der mit den
Goldstücken um sich warf wie die Kinder mit Kieseln, siehe, da beruhigte sich
allmählich mein Gemüte, und ich liess alles gehen wie es ging. Nun, o Herr, weiss
ich wohl: du kannst mich dennoch in den Block setzen und prügeln lassen. Mit der
Rebe oder sogar mit dem Skorpion. Du kannst es. Denn warum? du bist der Herr und
Cappadox der Knecht. Aber gerecht, Herr, wäre es kaum! bei allen Heiligen und
allen Göttern! Denn du hast mich gesetzt über ein paar Kohlfelder und siehe, sie
sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand.«
    Kamilla war längst abgestiegen und davongeschlüpft, ehe der Sklave zu Ende.
Mit vor Freude hochklopfendem Herzen durcheilte sie den Garten, die Lauben, das
Haus: sie schwebte wie auf Flügeln, kaum konnte ihr die flinke Daphnidion
folgen. Ein Ausruf der Überraschung des freudigen Schreckens jagte den andern:
so oft sie um eine Ecke des Weges, um eine Baumgruppe, bog, wieder und wieder
stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna vor ihrem entzückten Auge. Als sie
aber ins Haus gelangte und ein kleines Gemach desselben genau so bemalt,
ausgerüstet, geschmückt fand wie jener Raum im Kaiserschloss gewesen war, in dem
sie die letzten Tage der Kindheit verspielt und die ersten Träume des Mädchens
geträumt, dieselben Bilder auf den bastgeflochtenen Vorhängen, die gleichen
Vasen und zierlichen Citruskästchen und auf dem gleichen Schildpattischchen ihre
kleine zierliche Lieblingsharfe mit den Schwanenflügeln, da, überwältigt von so
vielen Erinnerungen, und noch mehr von dem Gefühl des Dankes gegen so zarte
Freundschaft, sank sie schluchzend in freudiger Wehmut auf den weichen Teppichen
des Lectus zusammen. Kaum konnte sie Daphnidion beruhigen. »Es gibt noch edle
Herzen, noch Freunde für das Haus des Boëtius«, rief sie wieder und wieder. Und
sie sandte das innigste Gebet des Dankes gegen Himmel. -
    Als am Tage darauf die Mutter eintraf, war sie kaum weniger ergriffen von
der seltsamen Überraschung.
    Sogleich schrieb sie nach Rom an Cetegus und fragte, welcher Freund ihres
Gatten wohl in diesem geheimnisvollen Wohltäter zu suchen sei? Es war ihr eine
stille Hoffnung, an ihn selbst dabei zu denken. Aber der Präfekt schüttelte
nachdenklich den Kopf über ihren Brief und schrieb ihr zurück: er kenne niemand,
an den ihn diese zartfühlende Weise mahnen könne. Sie möge scharf jede Spur
beachten, die zur Lösung des Rätsels führen könne.
    Es sollte sich bald genug entüllen. -
    Kamilla wurde nicht müde, den Garten zu durchstreifen und immer neue
Ähnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild zu entdecken. Oft führten sie diese
Gänge über den Park hinaus und in den anstossenden Bergwald. dabei pflegte sie
die muntre Daphnidion zu begleiten, die ihr gleiche Jugend und treue
Anhänglichkeit rasch zur Vertrauten gemacht. Wiederholt hatte diese der Patrona
bemerkt, ein Waldgeist müsse ihnen nachschleichen. Denn vielfach knacke es
hörbar in den Büschen und rausche im Grase hinter oder neben ihnen. Und doch sei
nirgends Mensch oder Tier zu sehen. Aber Kamilla lachte ihres Aberglaubens und
nötigte sie immer wieder in die grünen Schatten der Ulmen und Platanen hinaus.
    Eines Tages entdeckten die Mädchen, vor der Hitze tiefer und tiefer in die
Kühle des Waldes flüchtend, eine lebhafte Quelle, die reichlich und klar von
dunkeln Porphyrfelsen traufte. Doch sie rieselte ohne bestimmtes Rinnsal, und
mühsam mussten die Durstenden die einzelnen Silbertropfen erhaschen. »Wie
schade,« rief Kamilla, »um das köstliche Nass! Da hättest du die Tritonenquelle
sehen sollen im Pinetum zu Ravenna. Wie anmutig sprudelte der Strahl aus den
aufgeblasenen Backen des bronzenen Meergotts und fiel gesammelt in eine breite
Muschel von braunem Marmor, wie schade!« Und sie gingen weiter.
    Nach einigen Tagen kamen beide wieder an die Stelle.
    Daphnidion, die voranschritt, blieb plötzlich laut aufschreiend stehen und
wies sprachlos mit dem Finger auf die Quelle. Der Waldquell war gefasst. Aus
einem bronzenen Tritonenkopf sprudelte der Strahl in eine zierliche Muschel von
braunem Marmor. Daphnidion, jetzt fest an Geisterspuk glaubend, wandte sich ohne
weiteres zur Flucht: sie floh mit den Händen vor den Augen, die Waldgeister
nicht zu sehen, was für höchst gefährlich galt, nach dem Hause zu, der Herrin
laut rufend, ihr zu folgen. Aber Kamilla durchzuckte der Gedanke: der Lauscher,
der uns neulich hierher gefolgt, ist gewiss auch jetzt in der Nähe, sich an
unsrem Staunen zu weiden. Scharf sah sie umher: an einem wilden Rosenbusch
fielen die Blüten von schwankenden Zweigen zur Erde. Rasch schritt sie auf das
Dickicht zu. Und sieh, aus dem Gebüsch trat ihr mit Jagdtasche und Wurfspeer ein
junger Jäger entgegen.
    »Ich bin entdeckt,« sagte er mit leiser, schüchterner Stimme, anmutig in
seiner Beschämung.
    Aber mit einem Schreckensruf fuhr Kamilla zurück: »Atalarich« stammelte sie
- »der König!«
    Eine ganze Meerflut von Gedanken und Gefühlen wogte ihr durch Haupt und Herz
und halb ohnmächtig sank sie auf den Rasenhang neben der Quelle. Der junge König
stand in Schrecken und Entzücken sprachlos einige Sekunden vor der hingegossenen
zarten Gestalt: durstig sog sein brennendes Auge die schönen Züge, die edeln
Formen ein: flüchtiges Rot schoss zuckend wie Blitze über sein bleiches Gesicht.
»O sie - sie ist mein heisser Tod« - hauchte er endlich beide Hände an das
pochende Herz drückend - »jetzt sterben, sterben mit ihr.«
    Da regte sie den Arm. Das brachte ihn zur Besinnung zurück. Er kniete neben
ihr nieder und sprengte das kühle Nass des Brunnens auf ihre Schläfe. Sie schlug
die Augen auf: »Barbar - Mörder!« schrie sie gellend, stiess seine Hand zurück,
sprang auf und floh wie ein gescheuchtes Reh hinweg.
    Atalarich folgte ihr nicht. »Barbar - Mörder,« hauchte er in tiefstem
Schmerz vor sich hin. Und er verbarg die glühende Stirn in den Händen.
 
                               Sechstes Kapitel.
Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause, dass Daphnidion sich's nicht nehmen
liess, die Domna müsse die Nymphen oder gar den altehrwürdigen Waldgott Picus
selbst gesehen haben.
    Aber das Mädchen warf sich in wilder Bewegung in die Arme der erschrockenen
Mutter. Der Kampf verworrener Gefühle löste sich in einem Strom von heissen
Tränen und erst spät vermochte sie, den besorgten Fragen Rusticianas Antworten
und Aufschluss zu geben.
    In der tiefen Seele dieses Kindes wogte ein schweres Ringen.
    Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden Mädchen nicht ganz entgangen,
dass der schöne, bleiche Knabe oft mit seltsamem, träumendem Blick die dunkeln
Augen auf ihr ruhen liess, dass er wie mit Andacht dem Tonfall ihrer Stimme
lauschte. Aber niemals war diese Ahnung inneren Wohlgefallens ihr bestimmt ins
Bewusstsein getreten; der Prinz, scheu und verschlossen, hatte die Augen
niedergeschlagen, wenn sie ihn über einem solchen Blick ertappte und ihn
unbefangen fragend ansah: waren sie doch beide damals beinahe noch Kinder. Sie
wusste nicht zu nennen, was in Atalarich vorging - kaum wusste er es selbst - und
nie war es ihr eingefallen, nachzudenken, warum auch sie gern in seiner Nähe
lebte, gern dem kühnen, von der Art aller andrer Gespielen abweichenden Flug
seiner Gedanken oder Phantasien folgte, gern auch schweigend neben dem
Schweigenden im Abendlicht durch die stillen Gärten wandelte, wo er oft mitten
aus seinen Träumereien abgerissene, aber immer sinnige Worte zu ihr sprach,
deren Poesie, die Poesie schwärmerischer Jugend, sie so völlig verstand und
würdigte.
    In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug nun die Katastrophe
ihres über alles geliebten Vaters.
    Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten, glühender Hass gegen die
Mörder ergriff die Seele der leidenschaftlichen Römerin. Von jeher hatte
Boëtius, selbst in der Zeit seiner höchsten Gunst am Hofe, ein hochmütiges
Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau getragen, und seit seinem
Untergang atmete natürlich die ganze Umgebung Kamillas, die Mutter, die beiden
rachedürstenden Brüder, die Freunde des Hauses nur Hass und Verachtung: nicht nur
gegen den blutigen Mörder und Tyrannen Teoderich, nein, gegen alle Goten und
vorab gegen Tochter und Enkel des Königs, die seine Schuld zu teilen schienen,
weil sie dieselbe nicht verhindert. So hatte das Mädchen Atalarichs fast gar
nicht mehr gedacht. Und wann er genannt wurde oder wann, was ihr manchmal
begegnete, sein Bild im Traume vor ihre Seele trat, so gipfelte all ihr Hass
gegen die Barbaren in höchstem Abscheu gegen ihn. Vielleicht gerade deshalb,
weil im geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende Ahnung von
jener Neigung zitterte, die sie zu dem schönen Königssohn gezogen. -
    Und nun - nun hatte es der Frevler gewagt, ihr argloses Herz mit tückischem
Streich zu treffen!
    Sie hatte, sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah, sowie sie ihn
erkannte, blitzschnell erfasst, dass er es war, der, wie die Fassung der Quelle,
so die Umgestaltung der ganzen Villa geschaffen. Er, der verhasste Feind, der
Spross des verfluchten Geschlechts, an welchem das Blut ihres Vaters klebte, der
König der Barbaren! All die Freuden, mit welchen sie in diesen Tagen Haus und
Garten durchmustert, brannten jetzt wie glühend Erz auf ihrer Seele. Der
Todfeind ihres Volkes, ihres Geschlechts, hatte gewagt, sie zu beschenken, zu
erfreuen, zu beglücken. Für ihn hatte sie Dankgebete zum Himmel gesandt. Er
hatte sich erkühnt, ihren Schritten zu folgen, ihre Worte zu belauschen, ihre
leisesten Wünsche zu erfüllen: - und im Hintergrund ihrer Seele stand,
schrecklicher als all dies, der Gedanke, warum er das getan. Er liebte sie! Der
Barbar erkühnte sich, es ihr zu zeigen.. Der Tyrann Italiens, er wagte wohl gar
zu hoffen, dass des Boëtius Tochter -
    O es war zu viel! und schmerzlich schluchzend barg sie das Haupt in den
Kissen ihres Lagers, bis dumpfer Schlaf der Erschöpfung auf sie niedersank.
Alsbald erschien der eilig herbeigerufene Cetegus bei den ratlosen Frauen.
Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefühle folgen, sofort die Villa und
die verhasste Nähe des Königs fliehen und ihr Kind jenseit der Alpen bergen
wollen. Aber der Zustand Kamillas hatte bisher den Aufbruch verhindert und sowie
der Präfekt das Haus betrat, schien sich die Flamme der Aufregung vor seinem
kalten Blick zu legen. Er nahm Rusticianen allein mit sich in den Garten: ruhig
und aufmerksam hörte er daselbst, den Rücken an einen Lorbeerstamm gelehnt, das
Kinn in die linke Hand gestützt, ihrer leidenschaftlichen Erzählung zu.
    »Und nun rede,« schloss sie, »was soll ich tun? Wie soll ich mein armes Kind
retten? wohin sie bringen?«
    Cetegus schlug die Augen auf, die er, wie er bei angestrengtem Nachsinnen
pflegte, halb geschlossen hatte.
    »Wohin Kamilla bringen?« sagte er. »An den Hof, nach Ravenna.«
    Rusticiana fuhr empor: »Wozu jetzt der giftige Scherz!«
    Aber Cetegus richtete sich rasch auf.
    »Es ist mein Ernst. Still - höre mich. Kein gnädigeres Geschenk hat das
Schicksal, das die Barbaren verderben will, in unsren Weg legen können. Du
weisst, wie völlig ich die Regentin beherrsche.
    Aber nicht weisst du, wie völlig machtlos ich bin über jenen eigensinnigen
Schwärmer. Es ist rätselhaft. Der kranke Jüngling ist im ganzen Gotenvolk der
einzige, der mich, wenn nicht durchschaut, doch ahnt. Und ich weiss nicht, ob er
mich mehr fürchtet oder mehr hasst. Das wäre mir ziemlich gleichgültig, wenn der
Verwegene mir nicht sehr entschieden und sehr erfolgreich entgegenarbeitete.
Sein Wort wiegt natürlich schwer bei seiner Mutter. Oft schwerer als das meine.
Und er wird immer älter, reifer, gefährlicher. Sein Geist überflügelt mächtig
seine Jahre. Er nimmt ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft.
Jedesmal spricht er gegen mich. Oft siegt er. Erst neulich hat er es gegen mich
durchgesetzt, dass der schwarzgallige Teja den Befehl der gotischen Truppen in
Rom erhielt, in meinem Rom! Kurz, der junge König wird höchst gefährlich. Und
ich hatte bisher nicht einen Schatten von Gewalt über ihn. Zu seinem Verderben
liebt er Kamilla. Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren beherrschen.«
    »Nimmermehr!« rief Rusticiana. »Nie, solang ich atme. Ich an den Hof des
Tyrannen! Mein Kind die Geliebte Atalarichs! des Boëtius Tochter! Sein
blut'ger Schatte würde -«
    »Willst du diesen Schatten rächen? Ja! willst du die Goten verderben? Ja!
Also musst du wollen, was dahin führt.« - »Nie, bei meinem Eide!« - »Weib, reize
mich nicht. Trotze mir nicht. Du kennst mich! Bei deinem Eide! Wie? Hast du mir
nicht Gehorsam geschworen, blinden, unbedingten, wie ich dir Rache verheissen?
Hast du's nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen, dich und deine Kinder
verflucht für den Eidbruch? Man sieht sich vor bei euch Weibern. Gehorche oder
zittre für deine Seele.«
    »Entsetzlicher! Soll ich all meinen Hass dir, deinen Plänen opfern?«
    »Mir? Wer spricht von mir? Deine Sache führ' ich. Deine Rache vollend' ich:
Mir haben die Goten nichts zuleid getan. Du hast mich aufgestört von meinen
Büchern. Du hast mich aufgerufen, diese Amaler zu vernichten. Willst du nicht
mehr? Auch gut! Ich kehre zurück zu Horatius und der Stoa! Leb wohl.«
    »Bleib, bleibe. Aber soll denn Kamilla das Opfer werden?«
    »Wahnsinn! Atalarich soll es werden. Sie soll ihn ja nicht lieben, sie soll
ihn nur beherrschen. Oder,« fügte er, sie scharf ansehend, hinzu, »fürchtest du
für ihr Herz?« - »Deine Zunge erlahme! Meine Tochter ihn lieben? eher erwürg'
ich sie mit diesen Händen.«
    Aber Cetegus war nachdenklich geworden.
    Es ist nicht um das Mädchen, sagte er zu sich selbst. Was liegt an ihr! Aber
wenn sie ihn liebt - und der Gote ist schön, geistvoll, schwärmerisch ... »Wo
ist deine Tochter?« fragte er laut.
    »Im Frauengemach. Auch wenn ich wollte, sie würde nie einwilligen, nie.«
    »Wir wollen's versuchen. Ich gehe zu ihr.«
    Und sie traten ins Haus. Rusticiana wollte mit ihm in das Gemach. Aber
Cetegus wies sie zurück.
    »Allein muss ich sie haben!« sprach er und schritt durch den Vorhang. Bei
seinem Anblick erhob sich das schöne Mädchen von den Teppichen, auf denen sie in
ratlosem Sinnen geruht. Gewöhnt, in dem klugen, beherrschenden Mann, dem Freund
ihres Vaters, stets einen Berater und Helfer zu finden, begrüsste sie ihn
vertrauend wie die Kranke den Arzt.
    »Du weisst, Cetegus?« - »Alles.« - »Und du bringst mir Hilfe.« - »Rache
bring ich dir, Kamilla!«
    Das war ein neuer, ein mächtig ergreifender Gedanke! Nur Flucht, Rettung aus
dieser qualvollen Lage hatten ihr bisher vorgeschwebt. Höchstens eine zornige
Abweisung der königlichen Geschenke. Aber jetzt Rache! Vergeltung für die
Schmerzen dieser Stunden! Rache für die erlittene Schmach! Rache an den Mördern
ihres Vaters! Ihre Wunden waren frisch. Und in ihren Adern kochte das heisse Blut
des Südens. Ihr Herz frohlockte über Cetegus' Wort!
    »Rache? wer wird mich rächen? du?« - »Du dich selbst! Das ist süsser.«
    Ihre Augen blitzten. »An wem?« - »An ihm. An seinem Haus. An allen unsern
Feinden.« - »Wie kann ich das? Ein schwaches Mädchen?« - »Höre auf mich,
Kamilla. Nur dir, nur des edeln Boëtius edler Tochter sag' ich, was ich sonst
keinem Weib der Erde vertrauen würde. Es besteht ein starker Bund von Patrioten,
der die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus diesem Lande: das
Schwert der Rache hängt über den Häuptern der Tyrannen. Das Vaterland, der
Schatte deines Vaters beruft dich, es herabzustürzen.«
    »Mich? ich - meinen Vater rächen? sprich!« rief hocherglühend das Mädchen,
die schwarzen Haare aus den Schläfen streichend. »Es gilt ein Opfer. Rom fordert
es.« - »Mein Blut, mein Leben! wie Virginia will ich sterben.« - »Du sollst
leben, den Sieg zu schauen. Der König liebt dich. Du musst nach Ravenna. An den
Hof. Du musst ihn verderben. Durch diese Liebe. Wir alle haben keine Macht über
ihn. Nur du hast Gewalt über seine Seele. Du sollst dich rächen und ihn
vernichten.«
    »Ihn vernichten?!« - Seltsam bewegt klang die leise Frage; ihr Busen wogte,
ihre Stimme bebte in der Mischung ringender Gefühle, Tränen brachen aus ihren
Augen, sie verbarg das Gesicht in den Händen. - Cetegus stand auf »Vergib,«
sagte er. »Ich gehe. Ich wusste nicht, - - dass du den König liebst.«
    Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz drang aus des Mädchens
Brust. Sie sprang auf und fasste ihn an der Schulter:
    »Mann, wer sagt das? Ich hasse ihn! Hasse ihn, wie ich nie gewusst, dass ich
hassen kann.« - »So beweis' es. Denn ich glaub' es dir nicht.« - »Ich will dir's
beweisen!« rief sie. »Sterben soll er! Er soll nicht leben!«
    Sie warf das Haupt zurück, wild funkelten die blitzenden Augen, ihr
schwarzes Haar flog um die weissen Schultern.
    Sie liebt ihn, dachte Cetegus. Aber es schadet nicht. Denn sie weiss es noch
nicht. Sie hasst ihn daneben. Und das allein weiss sie. Es wird geh'n.
    »Er soll nicht leben,« wiederholte sie. »Du sollst sehen,« lachte sie, »wie
ich ihn liebe! Was soll ich tun?« - »Mir folgen in allem.« - »Und was
versprichst du mir dafür? was soll er erleiden?« - »Verzehrende Liebe bis zum
Tod.« - »Liebe zu mir? ja, ja, das soll er!« - »Er, sein Haus, sein Reich soll
fallen.«
    »Und er wird wissen, dass durch mich -?« - »Er soll es wissen. Wann reisen
wir nach Ravenna?«
    »Morgen! Nein, heute noch.« Sie hielt inne und fasste seine Hand: »Cetegus,
sage, bin ich schön?«
    »Der Schönsten eine.«
    »Ha!« rief sie, die losgegangenen Locken schüttelnd. »Er soll mich lieben
und verderben! Fort nach Ravenna! Ich will ihn sehen, ich muss ihn sehen!« Und
sie stürmte aus dem Gemach. - Sie sehnte sich mit ganzer Seele, bei Atalarich
zu sein.
 
                               Siebentes Kapitel.
Noch am nämlichen Tage wurde die kleine Villa verlassen und der Weg nach der
Königsstadt angetreten.
    Cetegus schickte einen Eilboten voraus mit einem Brief Rusticianas an die
Regentin. Die Witwe des Boëtius erklärte darin, dass sie die durch Vermittelung
des Präfekten von Rom wiederholt angebotene Rückberufung an den Hof nunmehr
anzunehmen bereit sei. Nicht als eine Tat der Gnade, sondern der Sühne, als ein
Zeichen, dass die Erben Teoderichs dessen Unrecht an den Verblichenen gutmachen
wollten.
    Diese stolze Sprache war wie aus Rusticianas tiefstem Herzen, und Cetegus
wusste, dass solches Auftreten nicht schaden, nur alle verdächtige Auslegung der
raschen Umstimmung ausschliessen werde. Unterwegs noch traf die Reisenden die
Antwort der Königin, die sie am Hof willkommen hiess. In Ravenna angelangt wurden
sie von der Fürstin aufs ehrenvollste empfangen, mit Sklaven und Sklavinnen
umgeben und in dieselben Räume des Palastes eingeführt, die sie ehedem bewohnt.
Freudig begrüssten sie die Römer.
    Aber der Zorn der Goten, die in Boëtius und Symmachus undankbare Verräter
verabscheuten, wurde durch diese Massregeln, die eine stillschweigende
Verurteilung Teoderichs zu entalten schienen, schwer gereizt. Die letzten
Freunde des grossen Königs verliessen grollend den verwelschten Hof. -
    Einstweilen hatten die Zeit, die Zerstreuungen der Reise und der Ankunft
Kamillas Aufregung gemildert. Und ihr Zorn konnte sich um so eher beschwichtigen
als ihr viele Wochen zu Ravenna verstrichen, ehe sie Atalarich begegnete. Denn
der junge König war gefährlich erkrankt.
    Am Hof erzählte man, er habe bei einem Aufentalt zu Aretium - er wollte
dort, mit geringer Begleitung, der Bergluft, der Bäder und der Jagd geniessen -
in den Wäldern von Tifernum in der Hitze der Jagd einen kalten Trunk aus einer
Felsenquelle getan und sich dadurch einen heftigen Anfall seines alten Leidens
zugezogen.
    Tatsache war, dass ihn sein Gefolge an jener Quelle bewusstlos niedergesunken
gefunden hatte.
    Die Wirkung dieser Erzählung auf Kamilla war seltsam. Zu dem Hass gegen
Atalarich trat jetzt ein Zug von leisem Bedauern. Ja eine Art von
Selbstanklage. Aber andrerseits dankte sie dem Himmel, dass durch diese Krankheit
eine Begegnung hinausgeschoben wurde, die sie jetzt in Ravenna nicht minder
fürchtete als sie dieselbe, da sie noch fern von ihm in Tifernum war, lebhaft
herbeigewünscht hatte. Und wenn sie jetzt in den weiten Anlagen des herrlichen
Schlossgartens einsam wandelte, hatte sie immer und immer wieder zu bewundern,
mit welcher Sorgfalt das kleine Gütchen des Corbulo diesem Muster nachgebildet
worden war.
    Tage und Wochen vergingen.
    Man vernahm nichts von dem Kranken, als dass er zwar auf dem Weg der
Besserung, aber noch streng an seine Gemächer gebunden sei. Ärzte und Hofleute,
die ihn umgaben, priesen ihr oft seine Geduld und Kraft in den heftigsten
Schmerzen, seine Dankbarkeit für jeden kleinen Liebesdienst, seine edle Milde.
Aber wenn sie ihr Herz ertappte, wie gern es diesen Lobesworten lauschte, sagte
sie heftig zu sich selbst: »Und meines Vaters Ermordung hat er nicht gehindert!«
und ihre Brauen zogen sich zusammen, und sie legte heimlich die geballte Faust
auf das pochende Herz.
    In einer heissen Nacht war Kamilla nach langem friedlosem Wachen endlich
gegen Morgen in unruhigen Schlaf gesunken. Angstvolle Träume quälten sie. Ihr
war, als senke sich die Decke des Gemaches mit ihren Reliefgestalten auf sie
nieder. Gerade über ihrem Haupte war ein jugendlich schöner Hypnos, der sanfte
Gott des Schlafes, von hellenischer Hand gebildet, angebracht.
    Ihr träumte, der Schlafgott nehme die ernsteren, trauervollen Züge seines
bleichen Bruders Tanatos an.
    Langsam und leise senkte der Gott des Todes sein Antlitz auf sie nieder. -
Immer näher rückte er. - Immer bestimmter wurden seine Züge. - Schon fühlte sie
den Hauch seines Atems auf ihrer Stirn. - Schon berührten fast feinen Lippen
ihren Mund. - Da erkannte sie mit Entsetzen die bleichen Züge, das dunkle Auge.
- Es war Atalarich - dieser Todesgott. - Mit einem Schrei fuhr sie empor.
    Die zierliche Silberlampe war längst erloschen. Es dämmerte im Gemach.
    Ein rotes Licht drang gedämpft durch das Fenster von Frauenglas. Sie erhob
sich und öffnete es; die Hähne krähten, die Sonne tauchte mit den ersten
Strahlenspitzen aus dem Meer, auf das sie, über den Schlossgarten hinweg, freien
Ausblick hatte. Es litt sie nicht mehr in dem schwülen Gemach.
    Sie schlug den faltigen Mantel um die Schultern und eilte leise, leise aus
dem noch schlummernden Palast über die Marmorstufen in den Garten, aus dem ihr
erfrischender Morgenwind von der nahen See her entgegenwehte. Sie eilte der
Sonne und dem Meere zu. Denn im Osten stiess der Garten des Kaiserpalastes mit
seinen hohen Mauern unmittelbar an die blauen Wellen der Adria. Ein vergoldetes
Gittertor und jenseit desselben zehn breite Stufen von weissem hymettischem
Marmor führten hinab zu dem kleinen Hafen des Gartens, in welchem die schwanken
Gondeln mit leichten Rudern und dem dreieckigen lateinischen Segel von
Purpurlinnen schaukelten, mit silbernen Kettchen an den zierlichen Widderköpfen
von Erz befestigt, die links und rechts aus dem Marmorkai hervorragten. Diesseit
des Gittertors, nach dem Garten zu, fanden die Anlagen ihren Abschluss in einer
geräumigen Rundung, die von weit schattenden Pinien dicht umfriedet war. Ihre
Bodenfläche, von üppigem, sorgfältig gezognem Graswuchs bedeckt, wurde von
reinlichen Wegen durchschnitten und von reichen Beeten stark duftender Blumen
unterbrochen. Eine Quelle, zierlich gefasst, rieselte den Abhang hinab in das
Meer. Die Mitte des Platzes bildete ein kleiner, altersgrauer Venustempel, den
eine einsame Palme hochwipflig überragte, indes brennendroter Steinbrech in den
leeren Halbnischen seiner Aussenwände prangte. Vor seiner längst geschlossenen
Pforte stand zur Rechten ein eherner Äneas. Der Julius Cäsar zur Linken war
schon vor Jahrhunderten zusammengestürzt. Teoderich hatte auf dem Postament ein
Erzbild des Amala errichten lassen, des mystischen Stammvaters seines Hauses.
Hier, zwischen diesen Statuen an den Eingangsstufen des kleinen Fanum genoss man
des herrlichsten Blickes durch das Gittertor auf das Meer mit seinen buschigen
Laguneninseln und einer Gruppe von scharfkantigen malerischen Felsklippen, »die
Nadeln der Amphitrite« genannt.
    Es war ein alter Lieblingsort Kamillas.
    Und hierher lenkte sie jetzt die leichten Schritte, den reichen Tau von dem
hohen Grase streifend, wie sie mit leis gehobnem Gewand durch die schmalen
Wieswege eilte. Sie wollte die Sonne über das Meer hin aufglühen sehen. Sie kam
von der Rückseite des Tempels, ging an dessen linker Seite hin und trat eben auf
die erste der Stufen, die von seiner Stirn zu dem Gitter hinabführten, als sie
rechts, auf der zweiten Stufe, halb sitzend, halb liegend, eine weisse Gestalt
erblickte, die, das Haupt an die Treppe gelehnt, das Antlitz dem Meere zuwandte.
    Aber sie erkannte das braune, das seidenglänzende Haar: es war der junge
König.
    Die Begegnung war so plötzlich, dass an Ausweichen nicht zu denken. Wie
angewurzelt hielt das Mädchen auf der ersten Stufe. Atalarich sprang auf und
wandte sich rasch. Eine helle Röte flammte über sein marmorbleiches Gesicht.
Doch er fasste sich zuerst von beiden und sprach:
    »Vergib, Kamilla. Ich konnte dich nicht hier erwarten. Zu dieser Stunde. Ich
gehe. Und lasse dich allein mit der Sonne.« Und er schlug den weissen Mantel über
die linke Schulter. »Bleib, König der Goten. Ich habe nicht das Recht, dich zu
verscheuchen - und nicht die Absicht,« fügte sie bei.
    Atalarich trat einen Schritt näher. »Ich danke dir. Aber ich bitte dich um
eins,« setzte er lächelnd hinzu, »verrate mich nicht an meine Ärzte, an meine
Mutter. Sie sperren mich den ganzen Tag über so sorgsam ein, dass ich ihnen wohl
vor Tag entschlüpfen muss. Denn die frische Luft, die Seeluft tut mir gut. Ich
fühl's. Sie kühlt. Du wirst mich nicht verraten.« Er sprach so ruhig. Er blickte
so unbefangen.
    Diese Unbefangenheit verwirrte Kamilla. Sie wäre viel mutiger gewesen, wenn
er bewegter. Sie sah diese Unbefangenheit mit Schmerz. Aber nicht um der Pläne
des Präfekten willen. So schüttelte sie nur schweigend das Haupt zur Antwort.
Und sie senkte die Augen.
    Jetzt erreichten die Strahlen der Sonne die Höhe, auf der die beiden
standen. Der alte Tempel und das Erz der Statuen schimmerten im Morgenlicht. Und
eine breite Strasse von zitterndem Gold bahnte sich von Osten her über die
spiegelglatte Flut. »Sieh, wie schön!« rief Atalarich, fortgerissen von dem
Eindruck. »Sieh die Brücke von Licht und Glanz.«
    Sie blickte teilnehmend hinaus. »Weisst du noch, Kamilla?« fuhr er langsamer
fort, wie in Erinnerungen verloren und ohne sie anzusehen, »weisst du noch, wie
wir hier als Kinder spielten? Träumten? Wir sagten: die goldne Strasse, von
Sonnenstrahlen auf die Flut gezeichnet, führe zu den Inseln der Seligen.« -
    »Zu den Inseln der Seligen!« wiederholte Kamilla. Im stillen bewunderte sie,
mit welcher Zarteit und edlen Leichtigkeit er, jeden Gedanken an ihre letzte
Begegnung fernhaltend, mit ihr in einer Weise verkehrte, die sie völlig
entwaffnete. »Und schau, wie dort die Statuen glänzen: das wundersame Paar,
Äneas und - Amala! Höre, Kamilla, ich habe dir abzubitten.« Lebhaft schlug ihr
Herz. Jetzt wollte er der Ausschmückung der Villa, der Quelle gedenken. Das Blut
stieg ihr in die Wangen. Sie schwieg in peinlicher Erwartung. Aber ruhig fuhr
der Jüngling fort: »Du weisst, wie oft wir, du die Römerin, ich der Gote, an
diesem Ort in Wettreden den Ruhm und den Glanz und die Art unserer Völker
priesen.« Dann standest du unter dem Äneas und sprachst mir von Brutus und
Camillus, von Marcellus und den Scipionen. Ich aber, an meines Ahnherrn Amala
Schild gelehnt, rühmte Ermanarich und Alarich und Teoderich. Aber du sprachst
besser als ich. Und oft, wenn der Schimmer deiner Helden mich zu überstrahlen
drohte, lachte ich deiner Toten und rief: »Das Heute und die lebendige Zukunft
ist meines Volkes!«
    »Nun, und jetzt?« - »Ich spreche nicht mehr so. Du hast gesiegt, Kamilla!«
    Aber indem er so sprach, schien er so stolz wie nie zuvor. Und dieser
überlegne Ausdruck empörte die Römerin. Sie war ohnehin gereizt durch die
unnahbare Ruhe, mit welcher der Fürst, auf dessen Leidenschaft man solche Pläne
gebaut, ihr gegenüberstand. Sie begriff diese Ruhe nicht. Sie hatte ihn gehasst,
weil er es gewagt, ihr seine Liebe zu zeigen. Und jetzt lebte dieser Hass auf,
weil er es vermochte, diese Liebe zu verbergen. Mit der Absicht, ihm weh zu tun,
sagte sie langsam: »So räumst du ein, König der Goten, dass deine Barbaren den
Völkern der Menschlichkeit nachstehen?«
    »Ja, Kamilla«, antwortete er ruhig, »aber nur in einem: im Glück! Im Glück
des Geschickes wie im Glück der Natur. Sieh dort die Gruppe von Fischern, die
ihre Netze aufhängen an den Olivenbäumen am Strande. Wie schön sind diese
Gestalten! In Bewegung und Ruhe, trotz ihrer Lumpen: lauter Statuen! Hier das
Mädchen mit der Amphora auf dem Haupt! dort der Alte, der den Kopf auf den
linken Arm gestützt, im Sande liegt und hinausträumt ins Meer. Jeder Bettler
unter ihnen sieht aus wie ein enttronter König. Wie sie schön sind! Und in sich
eins und glücklich! Ein Schimmer ungebrochenen Glücks liegt über ihnen. Wie über
Kindern! Oder edeln Tieren! Das fehlt uns Barbaren!« - »Fehlt euch nur das?« -
»Nein, uns fehlt auch Glück im Schicksal.
    Mein armes, herrliches Volk! Wir sind hier herein verschlagen in eine fremde
Welt, in der wir nicht gedeihen. Wir gleichen der Blume der hohen Alpen, dem
Edelweiss, die vom Sturmwind vertragen ward in den heissen Sand der Niederung. Wir
können nicht wurzeln hier. Wir welken und sterben.« -
    Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue Flut. Aber Kamilla hatte
nicht die Stimmung, diesen weissagerischen Worten eines Königs über sein Volk
nachzusinnen. »Warum seid ihr gekommen?« fragte sie mit Härte. »Warum seid ihr
über die Berge gedrungen, die ein Gott als ewige Marken gesetzt hat zwischen
euch und uns. Sprich, warum?« - »Weisst du,« sprach Atalarich, ohne sie
anzublicken, wie mit sich selber und für sich selber fortdenkend, »weisst du,
warum die dunkle Motte nach der hellen Flamme fliegt? Wieder, immer wieder! Von
keinem Schmerz gewarnt! bis sie verzehrt ist von der schönen, lockenden Feindin?
Aus welchem Grund! Aus einem süssen Wahnsinn! Und solch ein süsser Wahnsinn ist
es, ganz derselbe, der meine Goten aus den Tannen und Eichen hinweggezogen hat
zu Lorbeer und Olive. Sie werden sich die Flügel verbrennen, die törichten
Helden. Und werden doch nicht davon lassen. Wer will sie drum schelten? Sieh um
dich her. Wie tief blau der Himmel! wie tief blau das Meer! und darin spiegeln
die Wipfel der Pinien und die Säulentempel voll Marmorglanz! und fern da drüben
ragen schön gewölbte Berge und draussen in der Flut schwimmen grüne Inseln, wo
sich die Rebe um die Ulme schlingt. Und drüber hin die weiche, die warme, die
kosende Luft, die alles erhellt. Welche Wunder der Formen, der Farben trinkt das
Auge und atmen die entzückten Sinne! Das ist der Zauber, der uns ewig locken und
ewig verderben wird.«
    Die tiefe und edle Erregung des jungen Königs blieb nicht ohne Eindruck auf
Kamilla. Die tragische Gewalt dieser Gedanken ergriff ihr Herz: aber sie wollte
nicht ergriffen sein. Sie wehrte sich gegen ihre weicher werdende Empfindung.
Sie sagte kalt: »Ein ganzes Volk gegen Verstand und Einsicht vom Zauber
angezogen?« und kalt und zweifelnd sah sie ihn an.
    Aber sie erschrak: denn wie Blitze loderte es aus den dunkeln Augen des
Jünglings und die lang zurückgehaltne Glut brach plötzlich aus den Tiefen seiner
Seele: »Ja, sag' ich dir, Mädchen!« rief er leidenschaftlich. »Ein ganzes Volk
kann eine törichte Liebe, einen süssen, verderblichen Wahnsinn, eine tödliche
Sehnsucht pflegen so gut wie - so gut wie ein einzelner. Ja, Kamilla, es gibt
eine Gewalt im Herzen, die stärker als Verstand und Wille, uns sehenden Auges
ins Verderben reisst. Aber du weisst das nicht! Und mögest du's nie erfahren.
Niemals. Leb wohl!«
    Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in den dichten Laubgang
von rankendem Wein, der ihn sofort vor Kamilla wie vor den Fenstern des
Schlosses verbarg.
    Sinnend blieb das Mädchen stehen.
    Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken: lange sah sie
träumend ins offne Meer hinaus und mit wundersam gemischter Empfindung, mit
verwandelter Stimmung, kehrte sie endlich wieder dem Schloss zu.
 
                                Achtes Kapitel.
Noch am nämlichen Tage fand sich Cetegus bei den Frauen ein. Er war in
wichtigen Geschäften von Rom herbeigeeilt und kam soeben aus dem
Regentschaftsrat, der in des kranken Königs Gemach gehalten wurde. Verhaltner
Zorn lagerte auf seinen herben Zügen.
    »Ans Werk, Kamilla,« sprach er heftig. »Ihr säumt zu lang. Dieser vorlaute
Knabe wird immer herrischer. Er trotzt mir und Cassiodor und seiner schwachen
Mutter selbst. Er verkehrt mit gefährlichen Leuten. Mit dem alten Hildebrand,
mit Witichis und ihren Freunden. Er schickt Briefe und empfängt Briefe hinter
unsrem Rücken. Er hat es durchgesetzt, dass die Königin nur noch in seiner
Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft. Und in diesem Rat kreuzt er all unsre
Pläne. Das muss aufhören. So oder so.« - »Ich hoffe nicht mehr, Einfluss auf den
König zu gewinnen,« sagte Kamilla ernst. - »Weshalb? hast du ihn schon gesehen.«
Das Mädchen überlegte, dass sie Atalarich versprochen, seinen Ungehorsam nicht
an die Ärzte gelangen zu lassen. Aber auch sonst widerstrebte es ihrem Gefühl,
die Begegnung dieses Morgens zu entweihen, zu verraten.
    Sie wich daher der Frage aus und sagte: »Wenn der König sich sogar seiner
Mutter, der Regentin, widersetzt, wird er sich nicht von einem jungen Mädchen
beherrschen lassen.« - »Goldne Einfalt!« lächelte Cetegus und liess das Gespräch
ruhen, solang das Kind anwesend war. Aber insgeheim trieb er Rusticianen, zu
veranlassen, dass ihre Tochter den König fortan häufig sehe und spreche.
    Dies ward möglich, da sich dessen Befinden jetzt rasch besserte. Und wie
äusserlich, wurde er innerlich zusehends männlicher, fester und reifer: es war,
als ob das Widerstreben gegen Cetegus ihm Leib und Seele kräftige.
    So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den weiten Anlagen des
Gartens. Dort war es, wo ihn seine Mutter und die Familie des Boëtius in den
Abendstunden häufig trafen.
    Und während Rusticiana die Huld der Regentin mit voller Freundschaft zu
erwidern schien und aufmerksam ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte, um sie
wörtlich dem Präfekten wiedererzählen zu können, wandelten die jungen Leute vor
ihnen her durch die schattigen Gänge des Gartens.
    Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten Gondeln in jenem
Hafen und Atalarich steuerte wohl selbst eine Strecke ins blaue Meer hinaus,
nach einer der kleinen, grünbuschigen Inseln, die nicht weit vor der Bucht
lagen. Auf dem Heimweg aber spannte man die purpurnen Segel auf und liess sich
von dem frischen Westwind, der sich bei Sonnenuntergang zu erheben pflegte,
langsam und mühelos zurücktragen. -
    Oft waren es auch der König und Kamilla allein, die, nur von Daphnidion
begleitet, sich dieser Wanderungen im Grünen und auf den Wellen erfreuten.
    Wohl sah Amalaswinta darin die Gefahr, dadurch die Neigung ihres Sohnes,
die ihr nicht entgangen war, zu steigern. Aber vor allen andern Erwägungen
segnete sie dankbar den günstigen Einfluss, den dieser Umgang augenscheinlich auf
ihren Sohn übte: er wurde in Kamillas Nähe ruhiger, heiterer, und war dann auch
weicher gegen seine Mutter, der er sonst oft heftig und schroff gegenübertrat.
    Auch beherrschte er sein Gefühl mit einer Sicherheit, die bei dem reizbaren
Kranken doppelt befremdete: und endlich würde die Regentin, im Fall sich diese
Liebe ernster geltend machte, sogar einer Verbindung nicht abgeneigt gewesen
sein, die den römischen Adel völlig zu gewinnen und jedes Andenken einer
unseligen Bluttat auszulöschen versprach. -
    In dem Mädchen aber ging eine wundersame Wandlung vor. Täglich mehr fühlte
sie ihren Groll und Hass schwinden, wie sie täglich klarer die edle Zarteit der
Seele, den schwungvollen Geist, das tiefe, poesiereiche Gemüt des jungen Königs
sich entfalten sah. Nur mit Anstrengung konnte sie gegen diesen wachsenden
Zauber sich immer wieder das Schicksal ihres Vaters als Talisman ins Andenken
zurückrufen: immer mehr kam sie dazu, unter den Goten und Amalern, die jenes
Schicksal herbeigeführt, mit Gerechtigkeit zu unterscheiden: immer bestimmter
sagte sie sich, wie unbillig es sei, Atalarich um eines Unglücks willen zu
hassen, das er nur nicht verhindert hatte und wohl schwerlich hätte verhindern
können. Längst hätte sie ihn am liebsten völlig freigesprochen: aber sie
misstraute dieser Milde: sie scheute sie wie eine schwarze Sünde gegen Vater,
Vaterland und eigne Freiheit.
    Mit Zittern nahm sie wahr, wie unentbehrlich dies edle Menschenbild ihr
wurde, wie mächtig sie sich sehnte, diese melodische Stimme zu hören und in dies
dunkle, sinnige Auge zu blicken. Sie fürchtete die frevelhafte Liebe, die sie
sich nur schwer noch verhehlen konnte, und die einzige Waffe, mit der sie sich
noch dagegen wehrte, der Vorwurf seiner Mitschuld an des Vaters Untergang,
wollte sie sich nicht entwinden lassen. So schwankte sie in wogenden Gefühlen,
desto unsichrer, je rätselhafter ihr Atalarichs geschlossene Sicherheit blieb.
Sie konnte ja nicht daran zweifeln, dass er sie liebe, nach allem was geschehen -
aber doch!
    Nicht eine Silbe, nicht ein Blick verriet diese Liebe: jene Äusserung, mit
der er sie damals am Venustempel rasch verlassen, war das bedeutsamste, ja das
einzige bedeutsame Wort, das ihm entschlüpfte.
    Sie ahnte nicht, was die hochwogende Seele des Jünglings durchgekämpft und
durchgelitten, bis seine Liebe zwar nicht erlosch, aber entsagte, und noch
weniger, in welch neuem Gefühl er die männliche Kraft solcher Entsagung
gefunden. Ihre Mutter, die ihn mit aller Schärfe des Hasses beobachtete und
darüber das eigne Kind zu überwachen vergass, schien noch mehr erstaunt über
seine Kälte. »Aber Geduld,« sprach sie zu Cetegus, mit dem sie oft hinter
Kamillas Rücken Beratung pflog, »Geduld, bald, binnen drei Tagen, wirst du ihn
verwandelt sehen.« - »Es wäre Zeit,« meinte Cetegus; »aber auf was vertraust
du?« - »Auf ein Mittel, das noch nie getäuscht hat.«
    »Du wirst ihm doch kein Liebestränklein brauen?« lächelte der Präfekt. -
»Allerdings, das werd' ich tun; das hab' ich schon getan.« - Jener sah sie
spöttisch an: »Auch bei dir solcher Aberglaube, bei der Witwe des grossen
Philosophen Boëtius! In Liebeswahn sind alle Weiber gleich!«
    »Nicht Wahn und Aberglaube,« sagte Rusticiana ruhig. »Seit mehr als hundert
Jahren lebt das Geheimnis in unsrer Familie. Ein ägyptisch Weib hat es dereinst
am Nil meine Ureltermutter gelehrt. Und es hat sich bewährt. Kein Weib unseres
Hauses hat ohne Erhörung geliebt.« - »Dazu braucht's keinen Zauber,« meinte der
Präfekt: »ihr seid ein schönes Geschlecht.« - »Spare deinen Spott. Der Trank
wirkt unfehlbar, und wenn er bis heute nicht wirkte -« - »So hast du wirklich -
Unvorsichtige! wie konntest du unvermerkt?« - »Am Abend, wann er vom Spaziergang
oder von der Gondelfahrt mit uns zurückkommt, nimmt er einen Becher gewürzten
Falerners. Der Arzt hat es ihm verordnet: es sind Tropfen arabischen Balsams
darin. Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch vor dem Venustempel.
Dreimal schon gelang es, den Trank hineinzuschütten.« - »Nun,« meinte Cetegus,
»es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt.« - »Daran ist nur deine Ungeduld die
Ursache. Die Kräuter müssen im Neumond gebrochen werden - ich wusste das wohl.
Aber, gedrängt von deinen Mahnungen, versucht' ich's schon im Vollmond und du
siehst, es wirkte nicht.« - Cetegus zuckte die Achseln. - »Aber gestern nacht
trat Neumond ein. Ich war nicht müssig mit meiner goldnen Schere und wenn er
jetzt trinkt -« - »Eine zweite Locusta! Nun, mein Trost sind Kamillas schöne
Augen. Weiss sie von deinen Künsten?«
    »Kein Wort zu ihr! Sie würde das nie dulden. Stille, sie kommt.« Das Mädchen
trat ein in lebhafter Erregung, die lieblichen Wangen gerötet, eine Flechte des
dunklen Haares war losgegangen und spielte um den feinen Nacken.
    »Saget mir, ihr, die ihr klug seid und menschenerfahren, sagt mir, was soll
ich denken? Ich komme aus dem Schiff. O, er hat mich nie geliebt! der
Hochmütige, er bemitleidet, er bedauert mich! Nein, das ist nicht das rechte
Wort. Ich kann es mir nicht deuten.« Und in Tränen ausbrechend, barg sie das
Haupt am Halse der Mutter. - »Was ist geschehen, Kamilla?« fragte Cetegus. -
»Schon oft,« begann sie tiefaufatmend, »spielte ein Zug um seinen Mund, sprach
eine Wehmut aus seinem Auge, als sei er der tief von mir Gekränkte, als habe er
uns edel zu vergeben, als habe er mir ein grosses Opfer gebracht -« - »Unreife
Knaben bilden sich immer ein, es sei ein Opfer, wenn sie lieben.« Da blitzte
Kamillas Auge, sie warf den schönen Kopf zurück und wandte sich heftig gegen
Cetegus: »Atalarich ist kein Knabe mehr und man soll ihn nicht verhöhnen.«
Cetegus schwieg, ruhig die Augen senkend. Aber Rusticiana fragte erstaunt:
»Hassest du den König nicht mehr?« - »Bis zum Tode. Man soll ihn verderben,
nicht verhöhnen.«
    »Was ist geschehen?« wiederholte Cetegus. - »Heute stand jener rätselhafte,
kalte, stolze Zug deutlicher als je auf seinem Antlitz. Ein Zufall äusserte ihn
in Worten«. Wir waren eben gelandet. Ein Käfer war ins Wasser gefallen: der
König bückte sich und zog ihn heraus: das Tierchen aber wehrte sich gegen die
mildtätige Hand und biss mit den Zangen des Kopfes in den Finger, der ihn hielt.
»Der Undankbare,« sagte ich. - »Oh,« sprach Atalarich, bitter lächelnd, und er
setzte den Käfer auf ein Blatt: »man verwundet die am meisten, die am meisten
für uns getan.« Und dabei flog sein Blick mit stolzer Wehmut über mich dahin.
Doch rasch, als ob er zuviel gesagt, schritt er kalt grüssend hinweg. »Ich aber«,
und ihre Brust wogte, ihre fein geschnittenen Lippen schlossen sich - »ich aber
trage das nicht mehr. Der Stolze! er soll mich lieben - oder sterben.« - »Das
soll er,« sagte Cetegus kaum hörbar, »eins von beiden.«
 
                                Neuntes Kapitel.
Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen Schritt des jungen Königs zur
Selbständigkeit überrascht: er selbst berief den Rat der Regentschaft, ein
Recht, das bisher nur Amalaswinta geübt. Die Regentin war nicht wenig erstaunt,
als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen Gemächer beschied, wo der König bereits
eine Auswahl der höchsten Beamten des Reiches um sich versammelt habe, Goten und
Römer, unter diesen Cassiodor und Cetegus.
    Dieser hatte zuerst beschlossen, auszubleiben, um nicht durch sein
Erscheinen das Recht anzuerkennen, das sich der Knabe herausnahm: ihm ahnte
nichts Gutes. Aber ebendeshalb besann er sich bald eines andern. »Ich darf der
Gefahr nicht den Rücken, die Stirn muss ich ihr bieten,« sprach er, als er sich
zu dem verhassten Gang anschickte. Er fand in dem Gemach des Königs alle
Geladenen bereits versammelt. Nur die Regentin fehlte noch. Als sie eintrat,
erhob sich Atalarich - er trug eine langfaltige Abolla von Purpur, die
Zackenkrone Teoderichs glänzte auf seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte
das Schwert - von seinem Tronsessel, der vor einer durch einen Vorhang
geschlossenen Nische stand, ging ihr entgegen und führte sie zu einem zweiten
höheren Stuhl, der aber zur Linken stand. Als sie sich niedergelassen, hob er
an: »Meine königliche Mutter, tapfre Goten, edle Römer! Wir haben euch hierher
beschieden, euch unsern Willen kundzutun. Es drohten diesem Reiche Gefahren, die
nur wir, der König dieses Reiches, abwenden konnten.«
    Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch nicht vernommen. Alle
schwiegen betroffen, Cetegus aus Klugheit: er wollte den rechten Augenblick
abwarten. Endlich begann Cassiodor: »Deine weise Mutter und dein getreuer Diener
Cassiodor« - - »Mein getreuer Diener Cassiodor schweigt, bis sein Herr und König
ihn um Rat befragt. Wir sind schlecht zufrieden, sehr schlecht, mit dem, was die
Räte unsrer königlichen Mutter bisher getan haben und nicht getan. Es ist
höchste Zeit, dass wir selbst zum Rechten sehn.
    Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank. Wir fühlen uns nicht mehr zu
jung und nicht mehr zu krank. Wir künden euch an, dass wir demnächst die
Regentschaft aufheben und die Zügel dieses Reiches selbst ergreifen werden.«
    Er hielt inne. Alles schwieg. Niemand hatte Lust, nach Cassiodors Beispiel
zu reden und dann zu verstummen.
    Endlich fand Amalaswinta, die diese plötzliche Energie ihres Sohnes
gleichsam betäubt hatte, die Sprache wieder: »Mein Sohn, dies Alter der
Mündigkeit ist nach den Gesetzen der Kaiser« - - »Nach den Gesetzen der Kaiser,
Mutter, mögen die Römer sich richten. Wir sind Goten und leben nach gotischem
Recht. Germanische Jünglinge werden mündig, wann sie das gesammelte Volksheer
waffenreif erklärt.
    Wir haben deshalb beschlossen, alle Heerführer und Grafen und alle freien
Männer unsres Volkes, so viele ihrer dem Rufe folgen wollen, aus allen Provinzen
des Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna. Mit dem nächsten Sonnwendfest
sollen sie eintreffen.«
    Überrascht schwieg die Versammlung.
    »Das sind nur noch vierzehn Tage«, sprach endlich Cassiodor. »Wird es
möglich sein, in so kurzer Frist noch die Ladungen zu besorgen?« - »Sie sind
besorgt. Hildebrand, mein alter Waffenmeister, und Graf Witichis haben sie alle
bestellt.« - »Wer hat die Dekrete unterschrieben?« fragte Amalaswinta, sich
ermannend. »Ich allein, liebe Mutter. Ich musste doch den Geladnen zeigen, dass
ich reif genug, allein zu handeln.«
    »Und ohne mein Wissen!« sprach die Regentin. - »Und ohne dein Wissen geschah
es, weil es sonst gegen deinen Willen geschehen musste.«
    Er schwieg. Alle Römer waren ratlos und wie betäubt von der plötzlich
entfalteten Kraft des jungen Königs. Nur in Cetegus stand sogleich der
Entschluss fest, jene Versammlung zu verhindern, um jeden Preis. Er sah den Grund
all seiner Pläne wanken. gern wär' er mit aller Wucht seines Wortes der vor
seinen Augen versinkenden Regentschaft zu Hilfe gekommen: gern hätte er schon
mehrere Male in dieser Verhandlung das kühne Aufstreben des Jünglings mit seiner
ruhigen Überlegenheit zu Boden gedrückt: - aber ihm hielt ein seltsamer Zufall
Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden gefesselt.
    Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Geräusch zu vernehmen geglaubt und
scharfe Blicke darauf geheftet: da bemerkte er unter dem Vorhang durch, dessen
Fransen nicht ganz bis zur Erde reichten, die Füsse eines Mannes.
    Freilich nur bis an die Knöchel. Aber an diesen Knöcheln sassen Beinschienen
von Erz eigentümlicher Arbeit. Er kannte diese Beinschienen, er wusste, dass sie
zu einer vollen Rüstung gleicher Arbeit gehörten, er wusste auch in unbestimmter
Gedankenverbindung, dass der Träger dieser Rüstung ihm verhasst und gefährlich:
aber es war ihm nicht möglich, sich zu sagen, wer dieser Feind sei. Hätte er die
Schienen nur bis ans Knie verfolgen können! Gegen seinen Willen musste er die
Augen immer und immer wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten. Und
das bannte seinen Geist jetzt, - jetzt, da alles auf dem Spiele stand. Er zürnte
über sich selbst, aber er konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische
losreissen. Der König jedoch fuhr, ohne Widerstand zu finden, fort: »Ferner haben
wir die edeln Herzoge Tulun, Ibbas und Pitza, die grollend diesen Hof
verlassen, aus Gallien und Spanien zurückgerufen. Wir finden, dass allzuviele
Römer, allzuwenig Goten uns umgeben. Jene drei tapfern Krieger werden mit Graf
Witichis die Wehrmacht unsres Reiches, die Festen und Schiffe untersuchen und
alle Schäden aufdecken und heilen. Sie werden nächstens eintreffen.« Sie müssen
sogleich wieder fort, sagte Cetegus rasch zu sich selbst. Aber seine Gedanken
fuhren fort: Nicht ohne Grund ist jener Mann dadrinnen versteckt.
    »Weiter«, hob der königliche Jüngling wieder an, »haben wir Mataswinten,
unsre schöne Schwester, zurückbeschieden an unsern Hof. Man hat sie nach Tarent
verbannt, weil sie sich geweigert, eines betagten Römers Weib zu werden. Sie
soll wiederkehren, die schönste Blume unsres Volkes, und unsren Hof
verherrlichen.«
    »Unmöglich!« rief Amalaswinta: »Du greifst in das Recht der Mutter wie der
Königin.« - »Ich bin das Haupt der Sippe, sobald ich mündig bin.«
    »Mein Sohn, du weisst, wie schwach du warst noch vor wenigen Wochen. Glaubst
du wirklich, die gotischen Heermänner werden dich waffenreif erklären?«
    Der König wurde rot wie sein Purpur, halb vor Scham, halb vor Zorn; eh' er
Antwort fand rief eine rauhe Stimme an seiner Seite: »Sorge nicht darum, Frau
Königin. Ich bin sein Waffenmeister gewesen: ich sage dir, er kann sich messen
mit jedem Feind: und wen der alte Hildebrand wehrfähig spricht, der gilt dafür
bei allen Goten.« Lauter Beifall der anwesenden Goten bestätigte sein Wort.
    Wieder gedachte Cetegus einzugreifen, aber eine Bewegung hinter dem Vorhang
zog seine Gedanken ab: Einer meiner grössten Feinde ist es, aber wer?
    »Noch eine wichtige Sache ist euch kundzutun«, begann der König wieder, mit
einem flüchtigen Seitenblick nach der Nische, der dem Präfekten nicht entging.
    Etwa ein Anschlag gegen mich? dachte er. Man wollte mich überraschen? Das
soll nicht gelingen! -
    Aber es überraschte ihn doch, als plötzlich der König mit lauter Stimme
rief: »Präfekt von Rom, Cetegus Cäsarius!« Er zuckte, aber rasch gefasst, neigte
er das Haupt und sprach: »Mein Herr und König.« - »Hast du uns nichts aus Rom zu
melden? Wie ist die Stimmung der Quiriten? Was denkt man dort von den Goten?«
    »Man ehrt sie als das Volk Teoderichs!« - »Fürchtet man sie?« - »Man hat
nicht Ursach, sie zu fürchten.« - »Liebt man sie?« - Gern hätte Cetegus
geantwortet: Man hat nicht Ursach', sie zu lieben. Aber der König selbst fuhr
fort:
    »Also keine Spur von Unzufriedenheit? Kein Grund zur Sorge? Nichts
Besonderes, das sich vorbereitet.«
    »Ich habe nichts dir anzuzeigen.« - »Dann bist du schlecht unterrichtet,
Präfekt - oder schlecht gesinnt. Muss ich, der in Ravenna kaum vom Siechbett
ersteht, dir sagen, was in deinem Rom unter deinen Augen vorgeht? Die Arbeiter
auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die Goten, auf die Regentin, auf
mich, deine Legionäre führen bei ihren Waffenübungen drohende Reden.
Höchstwahrscheinlich besteht bereits eine ausgebreitete Verschwörung, Senatoren,
Priester an der Spitze: sie versammeln sich nachts an unbekannten Orten. Ein
Mitschuldiger des Boëtius, ein Verbannter, Albinus, ist in Rom gesehen worden;
und weisst du wo? im Garten deines Hauses.« Der König stand auf. Die Augen aller
Anwesenden richteten sich erstaunt, erzürnt, erschrocken auf Cetegus.
Amalaswinta bebte für den Mann ihres Vertrauens. Aber dieser war jetzt wieder
völlig er selbst. Ruhig, kalt, schweigend sah er dem König ins Auge.
    »Rechtfertige dich!« rief ihm dieser entgegen.
    »Rechtfertigen? gegen einen Schatten? ein Gerücht, eine Klage sonder Kläger?
Nie!« - »Man wird dich zu zwingen wissen.« Hohn zuckte um des Präfekten schmale
Lippen.
    »Man kann mich ermorden auf blossen Verdacht, ohne Zweifel - wir haben das
erfahren, wir Italier! - nicht mich verurteilen. Gegen Gewalt gibt es keine
Rechtfertigung, nur gegen Gerechtigkeit.« - »Gerechtigkeit soll dir werden,
zweifle nicht. Wir übertragen den hier anwesenden Römern die Untersuchung, dem
Senat in Rom die Urteilsfällung. Wähle dir einen Verteidiger.« - »Ich verteidige
mich selbst«, sprach Cetegus kühl. »Wie lautet die Anklage? Wer ist mein
Ankläger? Wo ist er?« - »Hier«, rief der König und schlug den Vorhang zurück.
    Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Rüstung trat hervor.
    Wir kennen ihn. Es war Teja.
    Dem Präfekten drückte der Hass die Wimper nieder. Jener aber sprach: »Ich,
Teja, des Tagila Sohn, klage dich an, Cetegus Cäsarius, des Hochverrats an
diesem Reich der Goten. Ich klage dich an, den verbannten Verräter Albinus in
deinem Haus zu Rom zu bergen und zuhehlen. Es steht der Tod darauf. Und du
willst dies Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen.«
    »Das will ich nicht«, sprach Cetegus ruhig; »beweise deine Klage.« - »Ich
habe Albinus vor vierzehn Nächten mit diesen Augen in deinen Garten treten
sehen«, fuhr Teja zu den Richtern gewendet fort. »Er kam von der Via sacra her,
in einen Mantel gehüllt, einen Schlapphut auf dem Kopf. Schon in zwei Nächten
war die Gestalt an mir vorbeigeschlüpft: diesmal erkannt ich ihn. Als ich auf
ihn zutrat, verschwand er, ehe ich ihn ergreifen konnte, an der Tür, die sich
von innen schloss.« - »Seit wann spielt mein Amtsgenoss, der tapfre Kommandant von
Rom, den nächtlichen Späher?« - »Seit er einen Cetegus zur Seite hat. Aber ob
mir auch der Flüchtling entkam, - diese Rolle fiel ihm aus dem Mantel: sie
entält Namen von römischen Grossen und neben den Namen Zeichen einer unlösbaren
Geheimschrift. Hier ist die Rolle.« Er reichte sie dem König. Dieser las: »Die
Namen sind: Silverius, Cetegus, Licinius, Scävola, Calpurnius, Pomponius. -
Kannst du beschwören, dass der Vermummte Albinus war?«
    »Ich will's beschwören.« - »Wohlan, Präfekt. Graf Teja ist ein freier,
unbescholtener, eidwürdiger Mann. Kannst du das leugnen?«
    »Ich leugne das. Er ist nicht unbescholten: seine Eltern lebten in nichtiger
blutschänderischer Ehe: sie waren Geschwisterkinder, die Kirche hat ihr
Zusammensein verflucht und seine Frucht: er ist ein Bastard und kann nicht
zeugen gegen mich, einen edeln Römer senatorischen Ranges.« Ein Murren des
Zornes entrang sich den anwesenden Goten. Tejas blasses Antlitz aber wurde noch
bleicher. Er zuckte. Seine Rechte fuhr ans Schwert: »So vertret' ich mein Wort
mit dem Schwert«, sprach er mit tonloser Stimme. »Ich fordere dich zum Kampf,
zum Gottesgericht auf Tod und Leben.« - »Ich bin Römer und lebe nicht nach eurem
blutigen Barbarenrecht. Aber auch als Gote: - ich würde dem Bastard den Kampf
versagen.« - »Geduld«, sprach Teja und stiess das halb gezückte Schwert leise in
die Scheide zurück. »Geduld, mein Schwert. Es kömmt dein Tag.« Aber die Römer im
Saale atmeten auf.
    Der König nahm das Wort: »Wie dem sei, die Klage ist genug begründet, die
genannten Römer zu verhaften. Du, Cassiodor, wirst die Geheimschrift zu
entziffern suchen. Du, Graf Witichis, eilst nach Rom und bemächtigst dich der
fünf Verdächtigen, durchsuchst ihre Häuser und das des Präfekten. Hildebrand, du
verhafte den Verklagten, nimm ihm das Schwert ab.« - »Halt,« sprach Cetegus,
»ich leiste Bürgschaft mit all meinem Gut, dass ich Ravenna nicht verlasse, bis
dieser Streit zu Ende. Ich verlange Untersuchung auf freiem Fuss: das ist des
Senators Recht.«
    »Kehr' dich nicht dran, mein Sohn,« rief der alte Hildebrand vortretend,
»lass mich ihn fassen.« - »Lass,« sprach der König, »Recht soll ihm werden,
strenges Recht, doch nicht Gewalt. Lass ab von ihm. Auch hat ihn die Klage
überrascht. Er soll Zeit haben sich zu verteidigen. Morgen um diese Stunde
treffen wir uns wieder hier. Ich löse die Versammlung.«
    Der König winkte mit dem Zepter: in höchster Aufregung eilte Amalaswinta
aus dem Gemach. Die Goten traten freudig zu Teja. Die Römer drückten sich rasch
an Cetegus vorbei, vermeidend, mit ihm zu sprechen. Nur Cassiodor schritt fest
auf ihn zu, legte die Hand auf seine Schulter, sah ihm prüfend ins Auge und
fragte dann: »Cetegus, kann ich dir helfen?« - »Nein, ich helfe mir selbst«,
sprach dieser, entzog sich ihm und schritt allein und stolzen Ganges hinaus.
 
                                Zehntes Kapitel.
Der heftige Schlag, den der junge König so unerwartet gegen den ganzen Grundbau
der Regentschaft geführt hatte, erfüllte bald den Palast und die Stadt mit
Staunen, mit Schrecken oder Freude. Zu der Familie des Boëtius brachte die
erste bestimmte Kunde Cassiodor, der Rusticianen zum Trost der erschütterten
Regentin beschied. Mit Fragen bestürmt erzählte er den ganzen Hergang
ausführlich: und so bestürzt und unwillig er darüber war, auch aus seinem
feindlichen Bericht leuchteten die Kraft, der Mut des jungen Fürsten
unverkennbar hervor. Mit Begierde lauschte Kamilla jedem seiner Worte: Stolz,
Stolz auf den Geliebten - der Liebe glücklichstes Gefühl - erfüllte mächtig ihre
ganze Seele.
    »Es ist kein Zweifel,« schloss Cassiodor mit Seufzen, »Atalarich ist unser
entschiedenster Gegner: er steht ganz zu der gotischen Partei, zu Hildebrand und
seinen Freunden. Er wird den Präfekten verderben. Wer hätte das von ihm
geglaubt! Immer muss ich daran denken, Rusticiana, wie so ganz anders er sich bei
dem Prozess deines Gatten benahm.«
    Kamilla horchte hoch auf.
    »Damals gewannen wir die Überzeugung, er werde zeitlebens der glühendste
Freund, der eifrigste Vertreter der Römer sein.« - »Ich weiss davon nichts«,
sagte Rusticiana. - »Es ward vertuscht. Das Todesurteil war gesprochen über
Boëtius und seine Söhne. Vergebens hatten wir alle, Amalaswinta voran, die
Gnade des Königs angerufen: sein Zorn war unauslöschlich. Als ich wieder und
wieder ihn bestürmte, fuhr er zornig auf und schwur bei seiner Krone, der solle
es im tiefsten Kerker büssen, der ihm noch einmal mit einer Fürbitte für die
Verräter nahe. Da verstummten wir alle. Nur Einer nicht. Nur Atalarich, der
Knabe, liess sich nicht schrecken, er weinte und flehte und hing sich an seines
Grossvaters Knie.«
    Kamilla erbebte. der Atem stockte ihr.
    »Und nicht liess er ab, bis Teoderich in höchstem Zorn emporfuhr, ihn mit
einem Schlag in den Nacken von sich schleuderte und den Wachen übergab. Der
ergrimmte König hielt seinen Eid. Atalarich ward in den Kerker des Schlosses
geführt und Boëtius sofort getötet.«
    Kamilla wankte und hielt sich an einer Säule des Saales.
    »Aber nicht umsonst hatte Atalarich gesprochen und gelitten.
    Tags darauf vermisste der König an der Tafel schwer den Liebling, den er von
sich gebannt. Er gedachte, mit welch edlem Mut er, der Knabe, für seine Freunde
gebeten, als die Männer in Furcht verstummten. Er stand endlich auf von seinem
Abendtrunk, bei dem er lange sinnend sass, stieg selbst hinab in den Kerker,
öffnete die Pforte, umarmte seinen Enkel und schenkte auf seine Bitte deinen
Söhnen, Rusticiana, das Leben.«
    »Fort, fort zu ihm!« sprach Kamilla mit erstickter Stimme zu sich selbst und
eilte aus dem Saal.
    »Damals,« fuhr Cassiodor fort, »damals mochten Römer und Römerfreunde in dem
künftigen König ihre beste Stütze sehen und jetzt - meine arme Herrin, arme
Mutter!« und klagend schritt er hinaus.
    Rusticiana sass lange wie betäubt. Sie sah alles wanken, worauf sie ihre
Rachepläne gebaut: sie versank in dumpfes Brüten. Länger und länger schon fielen
die Schatten der hohen, starken Türme in den Schlosshof, auf welchen sie
hinausstarrte.
    Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal, erschrocken fuhr sie
auf: Cetegus stand vor ihr. Sein Antlitz war kalt und finster, aber eisig
ruhig.
    »Cetegus!« rief die Bekümmerte und wollte seine Hand fassen, aber seine
Kälte schreckte sie zurück. »Alles verloren!« seufzte sie, stehen bleibend.
»Nichts ist verloren. Es gilt nur Ruhe. Und Raschheit,« setzte er, umblickend im
Gemach, hinzu, Als er sich allein mit ihr sah, griff er in die Brustfalten
seiner Toga. »Dein Liebestrank hat nicht geholfen, Rusticiana. Hier ist ein
anderer - stärkrer. Nimm.« Und rasch drückte er ihr eine Phiole von dunklem
Lavastein in die Hand. Mit banger Ahnung sah ihn die Freundin an: »Glaubst du
auf einmal an Magie und Zaubertrank? Wer hat ihn gebraut?« - »Ich,« sagte er,
»und meine Liebestränke wirken.« - »Du!« - es durchlief sie ein eisiges Grauen.
»Frage nicht, forsche nicht, säume nicht,« sprach er herrisch. »Es muss noch
heute geschehen. Hörst du? Noch heute.«
    Aber Rusticiana zögerte noch und sah zweifelnd auf das Fläschchen in ihrer
Hand. Da trat er heran, leise ihre Schulter berührend: »Du zauderst,« sagte er
langsam. »Weisst du, was auf dem Spiele steht? nicht nur unser ganzer Plan! Nein,
blinde Mutter. Noch mehr. Kamilla liebt, liebt den König mit aller Kraft der
jungen Seele. Soll die Tochter des Boëtius die Buhle des Tyrannen werden?«
    Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurück: was in den letzten Tagen wie eine
böse Ahnung in ihr aufgestiegen, ward ihr gewiss mit diesem Einen Wort: noch
einen Blick warf sie auf den Mann, der das Grausame gesprochen und hinwegeilte
sie, zornig die Faust um das Fläschchen geballt.
    Ruhig sah ihr Cetegus nach. »Nun, Prinzlein, wollen wir sehen. Du warst
rasch, ich bin rascher. - Es ist eigen,« sagte er dann, die Falten seiner Toga
herabziehend, »ich glaubte längst nicht mehr, noch solche heftige Regung
empfinden zu können. Jetzt hat das Leben wieder einen Reiz. Ich kann wieder
streben, hoffen, fürchten. Sogar hassen. Ja, ich hasse diesen Knaben, der sich
unterfängt, mit der kindischen Hand in meine Kreise zu tappen. Er will mir
trotzen - meinen Gang aufhalten, er stellt sich kühn in meinen Weg: Er - mir!
wohlan, so trag' er denn die Folgen.«
    Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte sich nach dem Audienzsaal
der Regentin, wo er sich absichtlich der versammelten Menge zeigte und durch die
eigne Sicherheit den bestürzten Herzen der Hofleute einige Ruhe wiedergab. Er
sorgte dafür, zahlreicher Zeugen für all' seine Schritte an diesem
verhängnisvollen Tag sich zu versichern. Beim Sinken der Sonne ging er mit
Cassiodor und einigen andern Römern, seine Verteidigung für den nächsten Tag
beratend, in den Garten, in dessen Laubgängen er sich umsonst nach Kamilla
umsah.
    Diese war, sowie sie Cassiodors Bericht zu Ende gehört, in den Hof des
Palastes geeilt, wo sie zu dieser Stunde den König mit den andern jungen Goten
seines Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte. Nur sehen wollte sie ihn, noch
nicht ihn sprechen und ihm zu Füssen ihr grosses Unrecht abbitten. Sie hatte ihn
verabscheut, von sich gestossen, ihn als mit dem Blut ihres Vaters befleckt
gehasst - ihn, der sich für diesen Vater geopfert, der ihre Brüder gerettet
hatte!
    Aber sie fand ihn nicht im Hof. Die wichtigen Ereignisse des Tages hielten
ihn in seinem Arbeitszimmer fest. Auch seine Waffengesellen fochten und spielten
heute nicht: in dichten Gruppen beisammenstehend, priesen sie laut den Mut ihres
jungen Königs.
    Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein: stolz errötend, selig träumend
wandelte sie in den Garten und suchte dort an allen seinen Lieblingsstätten die
Spuren des Geliebten. Ja, sie liebte ihn: kühn und freudig gestand sie sich's
ein: er hatte es tausendfach um sie verdient. Was Gote, was Barbar! Er war ein
edler herrlicher Jüngling, ein König, der König ihrer Seele. Wiederholt wies sie
die begleitende Daphnidion aus ihrer Nähe, dass diese nicht höre, wie sie wieder
und wieder den geliebten Namen selig vor sich hinsprach. Endlich am Venustempel
angelangt, versank sie in süsse Träume über die Zukunft, die unklar, aber golden
dämmernd, vor ihr lag. Vor allem beschloss sie, dem Präfekten und ihrer Mutter
schon morgen zu erklären, nicht mehr auf ihre Mitilfe gegen den König zählen zu
sollen. Dann wollte sie diesem selbst ihre Schuld abbitten mit innigen Worten
und dann - dann? sie wusste nicht was dann werden solle: aber sie errötete in
holden Träumen.
    Rote, duftige Mandelblüten fielen aus den nickenden Büschen: in dem dichten
Oleander neben ihr sang die Nachtigall, eine klare Quelle glitt rieselnd an ihr
vorüber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses Meeres rollten leise wie
ihrer Liebe huldigend zu ihren Füssen.
 
                                Elftes Kapitel.
Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender Schritt auf den Sandwegen.
Der Gang war so rasch und so bestimmt der Tritt, dass sie nicht Atalarich
vermutete. Aber es war der König: verändert in Haltung und Erscheinen,
männlicher, kräftiger, fester. Hoch trug er das sonst zur Brust gebeugte Haupt
und das Schwert Teoderichs klirrte an seiner Hüfte.
    »Gegrüsst, gegrüsst, Kamilla,« rief er ihr laut und lebhaft entgegen. »Dein
Anblick ist der schönste Lohn für diesen heissen Tag.«
    So hatte er noch nie zu ihr gesprochen.
    »Mein König,« flüsterte sie erglühend. einen leuchtenden Blick noch warfen
die braunen Augen auf ihn: dann senkten sich die langen Wimpern. Mein König! so
hatte sie ihn nie genannt, solchen Blick ihm nie geschenkt. »Dein König?« sagte
er, sich neben ihr niederlassend, »ich fürchte, so wirst du mich nicht mehr
nennen, wenn du erfährst, was alles heute geschehen.«
    »Ich weiss alles.« - »Du weisst? Nun dann, Kamilla, sei gerecht: schilt nicht,
ich bin kein Tyrann.« Der Edle, dachte sie, er entschuldigt sich um seine
schönsten Taten.
    »Sieh, ich hasse die Römer nicht, der Himmel weiss es - sie sind ja dein
Volk! - ich ehre sie und ihre alte Grösse, ich achte ihre Rechte. Aber mein
Reich, den Bau Teoderichs, muss ich beschützen, streng und unerbittlich, und weh
der Hand, die sich dawider hebt. Vielleicht,« fuhr er langsamer und feierlich
fort, »vielleicht ist dies Reich schon verurteilt in den Sternen - gleichviel,
ich, sein König, muss mit ihm stehen und fallen.«
    »Du sprichst wahr, Atalarich, und wie ein König.«
    »Dank dir, Kamilla! wie du heut gerecht bist oder gut! Solcher Güte darf ich
wohl anvertrauen, welcher Segen, welche Heilung mir geworden. Sieh, ich war ein
kranker, irrer Träumer: ohne Halt, ohne Freude, dem Tode gern entgegenwankend.
Da trat an meine Seele die Gefahr dieses Reichs, die tätige Sorge um mein Volk:
und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die Liebe, die mächtige Liebe zu meinen
Goten, und diese stolze und bange und wachsame Liebe für mein Volk, sie hat mein
Herz gestärkt und getröstet für ... für andres bitter schmerzliches Entsagen.
Was liegt an meinem Glück, wenn nur dies Volk gedeiht: sieh, der Gedanke hat
mich gesund gemacht und stark und wahrlich! des Grössten könnt' ich jetzt mich
unterwinden.«
    Er sprang auf, beide Arme wiegend und schwingend.
    »O, Kamilla, die Ruhe verzehrt mich! O, ging es zu Ross und in
waffenstarrende Feinde! Sieh, die Sonne sinkt. Es ladet die spiegelnde Flut.
Komm, komm mit in den Kahn.« Kamilla zögerte. Sie blickte um. »Die Dienerin? Ach
lass sie!! Dort ruht sie unter der Palme an der Quelle, sie schläft. Komm, komm
rasch, eh' die Sonne versinkt. Sieh die goldne Strasse auf der Flut. Sie winkt!«
- »Zu den Inseln der Seligen?« fragte das liebliche Mädchen mit einem
holdseligen Blick und leicht errötend.
    »Ja, komm zu den seligen Inseln!« antwortete er glücklich, hob sie rasch in
den Kahn, löste dessen Silberkette von den Widderköpfen des Kais, sprang hinein,
ergriff das zierliche Ruder und stiess ab. Dann legte er das Ruder in die Öse zur
Linken: und im hintern Gransen des Schiffes stehend steuerte und ruderte er
zugleich, eine schöne und malerische Bewegung, und ein echt germanischer
Fergenbrauch.
    Kamilla sass vorn, nahe dem Schnabel des Kahns, auf einem Diphros, dem
griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl, und sah ihm in das edle Antlitz, das
von der rotschimmernden Abendsonne beleuchtet war: sein dunkles Haar flog im
Winde, und herrlich waren die raschen und kräftigen Bewegungen des fein gebauten
Ruderers zu schauen. Beide schwiegen. Pfeilschnell schoss die leichte Barke durch
die glatte Flut.
    Flockige, rosige Abendwölklein zogen langsam über den Himmel, der leise Wind
führte von den Mandelgebüschen des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit sich, und
rings war Schimmer, Ruhe, Harmonie. Endlich brach der König das Schweigen und
sprach, dem Boot einen kräftigen Druck gebend, dass es gehorsam vorwärts schoss:
»Weisst du, was ich denke? Wie schön muss es sein, ein Reich, ein Volk, viel
tausend geliebte Leben mit der starken Hand durch Wind und Wellen sicher
vorwärts zu steuern zu Glück und Glanz. - Was aber sannest du, Kamilla? Du sahest
so mild, es sind gute Gedanken gewesen.« Sie errötete und blickte seitab in die
Flut.
    »O sprich doch, sei offen in dieser schönen Stunde.«
    »Ich dachte,« flüsterte sie vor sich hin, das feine Köpfchen noch immer
abgewendet, »wie schön muss es sein, von treuer, geliebter Hand, der man so ganz
vertraut, gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens.« - »O Kamilla,
glaub' mir, auch dem Barbaren kann man sich vertraun.« - - »Du bist kein Barbar!
Wer zart empfindet und edel denkt und sich hochherzig überwindet und schweren
Undank mit Huld vergilt, ist kein Barbar, er ist ein edles Menschenbild, wie je
ein Scipio gewesen.« Entzückt hielt der König im Rudern inne, das Schiff stand:
»Kamilla! träum ich? sprichst du das? und zu mir?«
    »Mehr noch, Atalarich, mehr! ich bitte dich, vergib, dass ich dich so
grausam von mir gestossen. Ach, es war nur Scham und Furcht.« - »Kamilla, Perle
meiner Seele« - Diese, welche das Gesicht dem Ufer zuwandte, rief plötzlich:
»was ist das? Man folgt uns. Der Hof, die Frauen, meine Mutter.« So war es,
Rusticiana hatte, von des Präfekten furchtbarem Wink getrieben, ihre Tochter im
Garten gesucht. Sie fand sie nicht. Sie eilte nach dem Venustempel. Umsonst.
Umherschauend sah sie plötzlich die beiden, ihr Kind mit ihm allein, auf dem
Schiff, fern im Meer. Im höchstem Zorn flog sie an den Marmortisch, an dem die
Sklaven eben den Abendbecher des Königs mischten, schickte sie die Stufen hinab,
eine Gondel zu lösen, gewann so einen unbelauschten Augenblick an dem Tisch und
stieg gleich darauf mit Daphnidion, die ihr zorniger Ausruf geweckt, die Stufen
hinab nach dem Schiff. Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang der
Präfekt und seine Freunde, die ihr Lustwandeln ebenfalls an diese Stelle führte.
Cetegus folgte ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand, in den Kahn zu
steigen. »Es ist geschehen,« flüsterte sie ihm dabei zu und die Gondel stiess ab.
In diesem Augenblick war es, dass das junge Paar auf die Bewegung am Ufer
aufmerksam wurde: Kamilla stand auf, sie mochte erwarten, der König werde das
Schiff wenden. Aber dieser rief: »Nein, sie sollen mir diese Stunde nicht
rauben, die schönste meines Lebens. Ich muss noch mehr von diesen süssen Worten
schlürfen. O, Kamilla, du musst mir mehr, du musst mir alles sagen. Komm, wir
landen auf der Insel dort, da mögen sie uns finden.« Und mächtig ausgreifend
drückte er mit aller Kraft auf das Ruder, dass das Fahrzeug wie beflügelt
dahinschoss.
    »Willst du nicht weiter sprechen?«
    »O, mein Freund, mein König - dringe nicht in mich.« Er sah nur ihr in das
liebliche Antlitz, in das leuchtende Auge, nicht mehr auf Weg und Ziel. »Nun
warte dort auf der Insel - dort sollst du mir« - -
    Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag - da erdröhnte ein dumpfer Krach,
das Schiff war angeprallt und fuhr schütternd zurück.
    »Himmel! rief Kamilla aufspringend und nach dem Schnabel des Schiffes
sehend: ein ganzer Schwall von Wasser sprudelte herein ihr entgegen.«
    »Das Schiff ist geborsten - wir sinken,« sprach sie erbleichend. - »Hierher
zu mir, lass mich sehen,« rief Atalarich vorspringend. »Ah, das sind die Nadeln
der Amphitrite - wir sind verloren.« Die Nadeln der Amphitrite - wir wissen, man
konnte sie von der Terrasse des Venustempels kaum erkennen - waren zwei schmale,
scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer und der nächsten der Laguneninseln: sie
ragten kaum über den Wasserspiegel, bei leisestem Wind gingen die Wellen über
sie weg. Atalarich kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer leicht
vermieden: aber diesmal hatte er nur in der Geliebten Augen geblickt.
    Mit einem Blick übersah er die Lage. Es gab keine Rettung.
    Ein Brett im Boden des leicht gezimmerten Gefährts war durch den Anprall an
der Klippe zertrümmert, gewaltig drang das Wasser durch den Leck.
    Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde.
    Schwimmend mit Kamilla die nächste Insel oder das Ufer zu erreichen, konnte
er nicht hoffen, und das Ruderschiff Rusticianens hatte kaum erst abgestossen.
Mit Blitzesschnelle hatte er all' das überschaut, erwogen, eingesehen, und warf
einen entsetzten Blick auf das Mädchen. »Geliebte, du stirbst,« jammerte er
verzweifelnd, »und ich, ich hab's verschuldet.« Und er umfasste sie stürmisch.
»Sterben?« rief sie, »o nein! nicht so jung, nicht jetzt sterben! Leben, leben
mit dir.« Und sie klammerte sich fest an seinen Arm. Der Ton, die Worte
durchschnitten sein Herz.
    Er riss sich los, er sah nach Rettung ringsumher, umsonst, umsonst - immer
höher stieg das Wasser, immer rascher sank das Schiff. Er warf das Ruder weg.
»Es ist aus, alles aus, Geliebte. Lass uns Abschied nehmen.« - »Nein! nicht mehr
scheiden! Muss es gestorben sein: - o dann hinweg alle Scheu, welche die
Lebendigen bindet« - und glühend drückte sie das Haupt an seine Brust - »o lass
dir sagen, lass dir noch gestehn, wie ich dich liebe, wie lange schon, seit -
seit immer. All' mein Hass war ja nur verschämte Liebe. Gott, ich liebte dich
schon, da ich wähnte, ich müsse dich verabscheuen. Ja du sollst wissen, wie ich
dich liebe.« Und sie bedeckte ihm Augen und Wangen mit eiligen Küssen. »O, jetzt
will ich auch sterben - lieber sterben mit dir als leben ohne dich. Aber nein« -
und sie riss sich von ihm los - »du sollst nicht sterben - lass mich hier,
springe, schwimme, versuch's, du allein erreichst die Insel wohl - versuch's und
lass mich.«
    »Nein,« rief er selig, »lieber sterben mit dir als leben ohne dich. Nach so
langem, langem Sehnen endlich Erfüllung! Wir gehören einander auf ewig von
dieser Stunde. Komm, Kamilla, Geliebte, lass uns hinab.«
    Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander. Er zog sie an sich,
umschlang sie mit dem linken Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch Hand breit
über Wasser ragenden Steuergransen: schon schickte er sich zum jähen Sprunge an
- da entrang sich beiden ein froher Schrei der Hoffnung.
    Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze, die unfern von
ihnen ins Meer ragte, ein Schiff mit vollen Segeln, das gerade auf sie loseilte.
    Das Schiff vernahm ihren Schrei, es erkannte jedenfalls die Lage des
sinkenden Kahns, vielleicht die Person des Königs: vierzig Ruder, aus zwei
Stockwerken von Ruderbänken zugleich in die Flut getaucht, beförderten den Flug
des raschen Fahrzeugs, das brausend vor ganzem Wind mit allen Segeln daherschoss.
Die Leute auf dem Deck riefen ihnen zu, auszuharren und bald - es war die
höchste Zeit - lag der Bauch der Bireme neben der Gondel, die augenblicklich
versank, nachdem das Paar durch die Lukenpforte des untern Ruderstockwerks an
Bord gerettet war. Es war ein kleines gotisches Wachtschiff, der goldene,
steigende Löwe, das Wappen der Amalungen, glänzte auf der blauen Flagge:
Aligern, ein Vetter Tejas, befehligte es.
    »Dank euch, wackre Freunde,« sprach Atalarich, da er wieder Worte gefunden,
»Dank! ihr habt nicht euren König nur, ihr habt eure Königin gerettet.«
    Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um den Glücklichen, der die
laut weinende Kamilla in seinen Armen hielt. »Heil unsrer schönen jungen
Königin!« jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte donnernd
nach: »Heil, Heil unsrer Königin!« In diesem Augenblick rauschte der Segler an
dem Kahn Rusticianens vorbei: der Schall dieses Jubelrufs weckte die Unselige
aus der Erstarrung von Entsetzen und Betäubung, die sie ergriffen, da die beiden
erschrockenen Rudersklaven die Gefahr des jungen Paares auf dem sinkenden Boot
entdeckt und zugleich erklärt hatten, es sei ihnen unmöglich, sie rechtzeitig
aus den Wellen zu retten. Da war sie besinnungslos Daphnidion in die Arme
gefallen.
    Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher. Sie staunte: war es ein
Traumbild, was sie sah? oder war es wirklich ihre Tochter, die dort auf dem Deck
des Gotenschiffs, das stolz an ihr vorüberrauschte, an der Brust des jungen
Königs lag? und jauchzten wirklich dazu jubelnde Stimmen: »Heil, Kamilla, unsrer
Königin?«
    Sie starrte auf die vorübergleitende Erscheinung, sprachlos, lautlos. Aber
das rasch fliegende Segelschiff war schon an ihrem Kahn vorüber und dem Lande
nah. Es ankerte ausserhalb der seichten Gartenbucht, eine Barke ward
herabgelassen, das gerettete Paar, Aligern und drei Matrosen sprangen hinein und
bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe hinan, wo, ausser Cetegus und seiner
Begleitung, eine Menge von Leuten sich versammelt hatte, die vom Palast oder vom
Garten aus mit Schrecken die Gefahr des kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt
herbeieilten, die Geretteten zu begrüssen. Unter Glückwünschen und Segensrufen
stieg Atalarich die Stufen hinan.
    »Seht hier,« sprach er, vor dem Tempel angelangt, »sehet, Goten und Römer,
eure Königin, meine Braut. Uns hat der Gott des Todes zusammengeführt, nicht
wahr, Kamilla?« Sie sah zu ihm auf, aber heftig erschrak sie: die Aufregung und
der jähe Wechsel von Schrecken und Freude hatten den kaum Genesenen übermächtig
erschüttert: sein Antlitz war marmorblass, er wankte und griff wie Luft schöpfend
krampfhaft an seine Brust.
    »Um Gott,« rief Kamilla, einen Anfall des alten Leidens fürchtend, »dem
König ist nicht wohl. Rasch den Wein, die Arznei!« Sie flog an den Tisch,
ergriff den Silberbecher, der bereit stand, und drängte ihn in seine Hand.
    Cetegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem Blick jeder seiner
Bewegungen.
    Schon setzte er den Becher an die Lippen, aber plötzlich liess er ihn nochmal
sinken, er lächelte: »du musst mir zutrinken, wie''s der gotischen Königin ziemt
an ihrem Hof,« und er reichte ihr den Pokal: sie nahm ihn aus seiner Hand.
    Einen Augenblick durchzuckte es den Präfekten siedend heiss. Er wollte
hinzustürzen, ihr den Trank aus der Hand reissen, ihn verschütten.
    Aber er hielt sich zurück. Tat er's, so war er unrettbar verloren. Nicht nur
morgen als Hochverräter, nein, sofort als Giftmörder angeklagt und überführt.
    Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt, die Zukunft Roms. Und um wen? - Um
ein verliebtes Mädchen, das treulos zu seinem Todfeind abgefallen. - - Nein,
sagte er kalt zu sich, die Faust zusammendrückend, sie oder Rom: - also sie! Und
ruhig sah er zu, wie das Mädchen, hold errötend, einen leichten Trunk aus dem
Becher nahm, den der König darauf tief schlürfend bis zum Grund leerte. Er
zuckte zusammen, da er ihn auf den Marmortisch niedersetzte. »Kommt hinauf ins
Palatium,« sprach er fröstelnd, den Mantel über die linke Schulter schlagend,
»mich friert.« Und er wandte sich.
    Da traf sein Blick auf Cetegus: er stand einen Augenblick still und sah dem
Präfekten eindringend ins Auge.
    »Du hier?« sagte er finster und trat einen Schritt auf ihn zu: da zuckte er
nochmal und stürzte mit einem jähen Schrei neben der Quelle aufs Antlitz nieder.
    »Atalarich!« rief Kamilla und warf sich taumelnd über ihn. Der alte Corbulo
sprang aus der Schar der Diener zuerst hinzu: »Hilfe,« rief er, »sie stirbt -
der König!«
    »Wasser! rasch Wasser!« sprach Cetegus laut. Und entschlossen trat er an
den Tisch, ergriff den Silberbecher, bückte sich, spülte ihn schnell, aber
gründlich in der Quelle und neigte sich über den König, der in Cassiodors Armen
lag, indes Corbulo das Haupt Kamillens auf seine Knie legte.
    Ratlos, entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar leblosen
Gestalten.
    »Was ist geschehen? Mein Kind!« mit diesem Schrei drängte sich Rusticiana,
die soeben gelandet, an der Tochter Seite. »Kamilla!« rief sie verzweifelt, »was
ist mit dir?«
    »Nichts!« sagte Cetegus ruhig, sich prüfend über die beiden beugend. »Es
ist nur eine Ohnmacht. Aber den jungen König hat sein Herzkrampf hingerafft. Er
ist tot.«
 
                                 Drittes Buch.
                                 Amalaswinta.
                »Amalaswinta verzagte nicht nach Frauenart, sondern kräftig
                wahrte sie ihr Königtum.«
                                                       Prokop, Gotenkrieg, I. 2.
                                Erstes Kapitel.
Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Atalarichs plötzliches Ende die
gotische Partei, die an diesem nämlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch gespannt
hatte. Alle Massregeln, die der König in ihrem Sinne angeordnet, waren gelähmt,
die Goten plötzlich wieder ohne Vertretung in dem Staat, an dessen Spitze jetzt
die Regentin ganz allein gestellt war.
    Am frühen Morgen des nächsten Tages stellte sich Cassiodor bei dem Präfekten
ein. Er fand diesen in ruhigem, festem Schlaf.
    »Und du kannst schlafen, ruhig wie ein Kind, nach einem solchen Schlag!« -
»Ich schlief,« sagte Cetegus, sich auf den linken Arm aufrichtend, »im Gefühle
neuer Sicherheit.« - »Sicherheit! ja für dich, aber das Reich!«
    »Das Reich war mehr gefährdet durch diesen Knaben als ich. Wo ist die
Königin?« - »Am offenen Sarge ihres Sohnes sitzt sie, sprachlos! Die ganze
Nacht.«
    Cetegus sprang auf: »das darf nicht sein,« rief er. »Das tut nicht gut. Sie
gehört dem Staat, nicht dieser Leiche. Um so weniger, als ich von Gift flüstern
hörte. Der junge Tyrann hatte viele Feinde. Wie steht es damit?«
    »Sehr ungewiss. Der griechische Arzt Elpidios, der die Leiche untersuchte,
sprach zwar von einigen auffallenden Erscheinungen. Aber, wenn Gift gebraucht
worden, meinte er, müsste es ein sehr geheimes, ihm völlig fremdes sein. In dem
Becher, daraus der Arme den letzten Trunk getan, fand sich nicht die leiseste
Spur verdächtigen Inhalts. So glaubt man allgemein, die Aufregung habe das alte
Herzleiden zurückgerufen und dieses ihn getötet. Aber doch ist es gut, dass man
dich von dem Augenblick, da du die Versammlung verliessest, immer vor Zeugen
gesehen: der Schmerz macht argwöhnisch.«
    »Wie steht es um Kamilla?« forschte der Präfekt weiter. - »Sie soll von
ihrer Betäubung noch gar nicht erwacht sein; die Ärzte fürchten das Schlimmste.
- Aber ich kam, dich zu fragen: Was soll nun weiter geschehen? Die Regentin
sprach davon, die Untersuchung gegen dich niederzuschlagen.« - »Das darf nicht
sein!« rief Cetegus. »Ich fordre die Durchführung. Eilen wir zu ihr.« - »Willst
du sie am Sarge ihres Sohnes stören?« - »Ja, das will ich! Deine zarte Rücksicht
bebt davor zurück? Gut, komme du nach, wenn ich das Eis gebrochen.«
    Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven, ihn anzukleiden. Bald
darauf schritt er, in dunkelgraues Trauergewand gehüllt, hinab zu dem Gewölbe,
wo die Leiche ausgestellt lag. Gebieterisch wies er die Wachen und die Frauen
Amalaswintens hinweg, die den Eingang hüteten und trat geräuschlos ein.
    Es war die niedrig gewölbte Halle, in der ehedem die Leichen der Kaiser mit
Salben und Brennstoffen waren für den Scheiterhaufen bereitet worden. Das
schweigende Gelass, mit dunkelgrünen Serpentin getäfelt, von kurzen dorischen
Säulen aus schwarzem Marmor getragen, war nie von der Tageshelle beleuchtet;
auch jetzt fiel auf die düstern byzantinischen Mosaiken auf dem Goldgrund der
Wandplatten kein andres Licht als von den vier Pechfackeln, die an dem
Steinsarkophag des jungen Königs mit unstetem Schimmer flackerten.
    Dort lag er, auf einem tiefroten Purpurmantel, Helm, Schwert und Schild zu
seinen Häupten.
    Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um die dunkeln Locken
gewunden. Die edeln Züge ruhten in ernster, bleicher Schöne.
    Zu seinen Füssen sass in langem Trauerschleier die hohe Gestalt der Regentin,
das Haupt auf den linken Arm gestützt, der auf dem Sarkophage ruhte: der rechte
hing erschlafft herab. Sie konnte nicht mehr weinen.
    Das Knistern der Pechflammen war das einzige Geräusch in dieser
Grabesstille. -
    Lautlos trat Cetegus ein, nicht unbewegt von der Poesie des Anblicks. Aber
mit einem Zusammenziehen der Brauen war dies Gefühl wie ein Anflug von Mitleid
erstickt. Klarheit gilt es, sprach er zu sich selbst, und Ruhe. Leise trat er
näher und ergriff die herabgesunkene Hand Amalaswintens. »Erhebe dich, hohe
Frau, du gehörst den Lebendigen, nicht den Toten.«
    Erschrocken sah sie auf: »Du hier, Cetegus? Was suchst du hier?«
    »Eine Königin.«
    »O, du findest nur eine weinende Mutter!« rief sie schluchzend. - »Das kann
ich nicht glauben. Das Reich ist in Gefahr und Amalaswinta wird zeigen, dass
auch ein Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann.«
    »Das kann sie,« sagte sie, sich aufrichtend: »Aber sieh auf ihn hin. - Wie
jung, wie schön -! Wie konnte der Himmel so grausam sein.« - »Jetzt oder nie,«
dachte Cetegus. »Der Himmel ist gerecht, streng, nicht grausam.«
    »Wie redest du? was hatte mein edler Sohn verschuldet? Wagst du ihn
anzuklagen?« - »Nicht ich! Doch eine Stelle der heiligen Schrift hat sich
erfüllt an ihm: Ehre Vater und Mutter, auf dass du lang lebest auf Erden. Die
Verheissung ist auch eine Drohung. Gestern hat er gefrevelt gegen seine Mutter
und sie verunehrt in trotziger Empörung: - heute liegt er hier. Ich sehe darin
den Finger Gottes.«
    Amalaswinta verhüllte ihr Antlitz. Sie hatte dem Sohn an seinem Sarge seine
Auflehnung herzlich vergeben. Aber diese Auffassung, diese Worte ergriffen sie
doch mächtig und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur liebgewordenen Gewohnheit
des Herrschens. »Du hast, o Königin, die Untersuchung gegen mich niederschlagen
wollen und Witichis zurückberufen. Letzteres mag sein. Aber ich fordere die
Durchführung des Prozesses und feierliche Freisprechung als mein Recht.«
    »Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. Weh mir, wenn ich es jemals müsste.
Sage mir: ich weiss von keiner Verschwörung! und alles ist abgetan.« - Sie schien
seine Beteurung zu erwarten. Cetegus schwieg eine Weile. Dann sagte er ruhig:
»Königin, ich weiss von einer Verschwörung.«
    »Was ist das?« rief die Regentin und sah ihn drohend an. - »Ich habe diese
Stunde, diesen Ort gewählt,« fuhr Cetegus mit einem Blick auf die Leiche fort,
»dir meine Treue entscheidend zu besiegeln, dass sie dir unauslöschlich möge ins
Herz geschrieben sein. Höre und richte mich.« - »Was werd' ich hören?« sprach
die Königin wachsam und fest entschlossen, sich weder täuschen noch erweichen zu
lassen. »Ich wär' ein schlechter Römer, Königin, und du müsstest mich verachten,
liebte ich nicht vor allem andern mein Volk. Dies stolze Volk, das selbst du,
die Fremde, liebst. Ich wusste, wie du es weisst - dass der Hass gegen euch als
Ketzer, als Barbaren in den Herzen fortglimmt. Die letzten strengen Taten deines
Vaters hatten ihn geschürt. Ich ahnte eine Verschwörung. Ich suchte, ich
entdeckte sie.« - »Und verschwiegst sie!« sprach die Regentin, zürnend sich
erhebend. - »Und verschwieg sie. Bis heute. Die Verblendeten wollten die
Griechen herbeirufen und nach Vernichtung der Goten sich dem Kaiser
unterwerfen.« - »Die Schändlichen!« rief Amalaswinta heftig. - »Die Toren! Sie
waren schon soweit gegangen, dass nur Ein Mittel blieb, sie zurückzuhalten: ich
trat an ihre Spitze, ich ward ihr Haupt.« - »Cetegus!« - »Dadurch gewann ich
Zeit und konnte edle, wenn auch verblendete Männer von dem Verderben
zurückhalten. Allgemach konnte ich ihnen die Augen darüber öffnen, dass ihr Plan,
wenn er gelänge, nur eine milde mit einer despotischen Herrschaft vertauschen
würde. Sie sahen es ein, sie folgten mir, und kein Byzantiner wird diesen Boden
betreten bis ich ihn rufe, ich - oder du.«
    »Ich! rasest du?« - »Nichts ist den Menschen zu verschwören! sagt Sophokles,
dein Liebling. Lass dich warnen, Königin, die du die dringendste Gefahr nicht
siehst. Eine andre Verschwörung, viel gefährlicher als jene römische
Schwärmerei, bedroht dich, deine Freiheit, das Herrschaftsrecht der Amaler, in
nächster Nähe - eine Verschwörung der Goten.«
    Amalaswinta erbleichte.
    »Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn, dass nicht deine Hand mehr das
Ruder dieses Reiches führt. Ebensowenig dieser edle Tote, der nur ein Werkzeug
deiner Feinde war. Du weisst es, Königin, viele in deinem Volk sind blutdürstende
Barbaren, raubgierig, roh: sie möchten dies Land brandschatzen, wo Vergil und
Tullius gewandelt. Du weisst, dein trotziger Adel hasst die Übermacht des
Königshauses und will sich ihm wieder gleichstellen. Du weisst, die rauhen Goten
denken nicht würdig von dem Beruf des Weibes zur Herrschaft.« - »Ich weiss es,«
sprach sie stolz und zornig. - »Aber nicht weisst du, dass alle diese Parteien
sich geeinigt haben. Geeinigt gegen dich und dein römerfreundlich Regiment. Dich
wollen sie stürzen oder zu ihrem Willen zwingen. Cassiodor und ich, wir sollen
von deiner Seite fort. Unser Senat, unsre Rechte sollen fallen, das Königtum ein
Schatte werden. Krieg mit dem Kaiser soll entbrennen. Und Gewalt, Erpressung,
Raub über uns Römer hereinbrechen.« - »Du malst eitle Schreckbilder!« - »War ein
eitles Schreckbild, was gestern geschah? Wenn nicht der Arm des Himmels
eingriff, warst nicht du selbst wie ich der Macht beraubt? Warst du denn noch
Herrin in deinem Reich, in deinem Hause? Sind sie nicht schon so mächtig, dass
der heidnische Hildebrand, der bäuerische Witichis, der finstre Teja in deines
betörten Sohnes Namen offen deinem Willen trotzen? Haben sie nicht jene
rebellischen drei Herzoge zurückberufen? Und deine widerspenstige Tochter und -«
- »Wahr, zu wahr!« seufzte die Königin.
    »Wenn diese Männer herrschen - dann lebt wohl Wissenschaft und Kunst und
edle Bildung! Leb wohl, Italia, Mutter der Menschlichkeit! Dann lodert in
Flammen auf, ihr weissen Pergamente, brecht in Trümmer, schöne Statuen. Gewalt
und Blut wird diese Fluren erfüllen, und späte Enkel werden bezeugen: solches
geschah unter Amalaswinta, der Tochter Teoderichs.«
    »Nie, niemals soll das geschehen! Aber -«
    »Du willst Beweise? Ich fürchte, nur zu bald wirst du sie haben. Du siehst
jedoch schon jetzt: auf die Goten kannst du dich nicht stützen, wenn du jene
Greuel verhindern willst. Gegen sie schützen nur wir dich, wir denen du ohnehin
angehörst nach Geist und Bildung, wir Römer. Dann, wenn jene Barbaren lärmend
deinen Tron umdrängen, dann lass mich jene Männer um dich scharen, die sich
einst gegen dich verschworen, die Patrioten Roms: sie schützen dich und sich
selbst zugleich.«
    »Cetegus,« sprach die bedrängte Frau, »du beherrschest die Menschen leicht!
Wer, sage mir, wer bürgt mir für die Patrioten, für deine Treue?«
    »Dies Blatt, Königin, und dieses! Jenes entält eine genaue Liste der
römischen Verschwornen - du siehst, es sind viele hundert Namen: dies die
Glieder des gotischen Bundes, die ich freilich nur erraten konnte. Aber ich rate
gut. Mit diesen beiden Blättern geb' ich die beiden Parteien, geb' ich mich
selbst ganz in deine Hand. Du kannst mich jeden Augenblick bei den Meinen selbst
als Verräter entlarven, der vor allem deine Gunst gesucht, kannst mich
preisgeben dem Hass der Goten - ich habe jetzt keinen Anhang mehr, sobald du
willst: ich stehe allein, allein auf dem Boden deiner Gunst.«
    Die Königin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen durchflogen. »Cetegus,«
rief sie jetzt, »ich will deiner Treue gedenken und dieser Stunde!« Und sie
reichte ihm gerührt die Hand.
    Cetegus neigte leise das Haupt. »Noch eins, o Königin. Die Patrioten,
fortan deine Freunde wie die meinen, wissen das Schwert des Verderbens, des
Hasses der Barbaren über ihren Häuptern hangen. Die Erschrocknen bedürfen der
Aufrichtung. Lass sie mich deines hohen Schutzes versichern: stelle deinen Namen
an die Spitze dieses Blattes und lass mich ihnen dadurch ein sichtbar Zeichen
deiner Gnade geben.«
    Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel, die er ihr reichte. Einen
Augenblick noch zögerte sie nachdenklich: dann aber schrieb sie rasch ihren
Namen und gab ihm Griffel und Tafel zurück: »Hier, sie sollen mir treu bleiben,
treu wie du.«
    Da trat Cassiodorus ein: »o Königin, die gotischen Grossen harren dein. Sie
begehren dich zu sprechen.«
    »Ich komme! Sie sollen meinen Willen vernehmen,« sprach sie heftig: »du
aber, Cassiodor, sei der erste Zeuge des Beschlusses, den diese ernste Stunde in
mir gereift, den bald mein ganzes Reich vernehmen soll: hier der Präfekt von Rom
ist hinfort der erste meiner Diener, wie er der treuste ist: sein ist der
Ehrenplatz in meinem Vertrauen und an meinem Tron.«
    Staunend führte Cassiodor die Regentin die dunkeln Stufen hinan. Langsam
folgte Cetegus. er hob die Wachstafel in die Höhe und sprach zu sich selbst:
»Jetzt bist du mein, Tochter Teoderichs. Dein Name auf dieser Liste trennt dich
auf immer von deinem Volk.« - -
 
                                Zweites Kapitel.
Als Cetegus aus dem unterirdischen Gewölbe wieder zu dem Erdgeschoss des
Palastes aufgetaucht war und sich anschickte, der Regentin zu folgen, ward sein
Ohr berührt und sein Schritt gefesselt durch feierliche, klagende Flötentöne. Er
erriet, was sie bedeuteten.
    Sein erster Antrieb war, auszuweichen. Aber alsbald entschloss er sich zu
bleiben. »Einmal muss es doch geschehen, also am besten gleich,« dachte er. »Man
muss prüfen, wie weit sie unterrichtet ist.«
    Immer näher kamen die Flöten, wechselnd mit eintönigen Klagegesängen.
Cetegus trat in eine breite Nische des dunklen Ganges, in welchen schon die
Spitze des kleinen Zuges einbog. Voran schritten paarweise sechs edle römische
Jungfrauen in grauen Klageschleiern, gesenkte Fackeln in den Händen. Darauf
folgte ein Priester, dem eine hohe Kreuzesfahne mit langen Wimpeln vorangetragen
wurde. Hierauf eine Schar von Freigelassenen der Familie, angeführt von Corbulo,
und die Flötenbläser. Dann erschien von vier römischen Mädchen getragen, ein
offener, blumenüberschütteter Sarg: da lag auf weissem Linnentuch die tote
Kamilla, in bräutlichem Schmuck, einen Kranz von weissen Rosen um das schwarze
Haar: ein Zug lächelnden Friedens spielte um den leicht geöffneten Mund. Hinter
dem Sarg aber wankte, mit gelöstem Haar, stier vor sich hinblickend, die
unselige Mutter, von Matronen umgeben, welche die Sinkende stützten. Eine Reihe
von Sklavinnen schloss den Zug, der sich langsam in das Totengewölbe verlor.
    Cetegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an. »Wann starb
sie?« fragte er ruhig. - »Ach, Herr, vor wenigen Stunden! O die gute, schöne
freundliche Domna!« - »Ist sie noch einmal erwacht zu vollem Bewusstsein?«
    »Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie die grossen Augen
nochmal auf und schien rings umher zu suchen«. »Wo ist er hin?« fragte sie die
Mutter. »Ach, ich sehe ihn,« rief sie dann und hob sich aus den Kissen. »Kind,
mein Kind, wo willst du hin?« weinte die Herrin. »Nun, dortin,« sagte sie mit
verklärtem Lächeln: »nach den Inseln der Seligen!« und sie schloss die Augen und
sank zurück auf das Lager und jenes holde Lächeln blieb stehen auf ihrem Mund -
und sie war dahin, dahin auf ewig! - »Wer hat sie hier herabbringen lassen?« -
»Die Königin. Sie erfuhr alles und befahl, die Tote als die Braut ihres Sohnes
neben ihm auszustellen und zu bestatten.«
    »Aber was sagt der Arzt? wie konnte sie so plötzlich sterben?« - »Ach der
Arzt sah sie nur flüchtig; er hatte alle Gedanken bei der Königsleiche und die
Herrin litt ja gar nicht, dass der fremde Mann ihre Tochter berühre. Das Herz ist
ihr eben gebrochen: daran mag man wohl sterben! Aber still, sie kommen.« Der Zug
ging in derselben Ordnung ohne den Sarg, zurück. Daphnidion schloss sich an. Nur
Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cetegus den einsamen Gang auf und nieder, sie
zu erwarten.
    Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf. Sie wankte und drohte
zu fallen. Da ergriff er rasch ihren Arm. »Rusticiana, fasse dich!«
    »Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir, wir beide haben sie
ermordet!« Und sie brach auf seine Schulter zusammen. »Schweig, Unselige!«
flüsterte er, sich umsehend.
    »Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie getötet. Ich habe den Trank gemischt,
der ihm den Tod gebracht.«
    Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, dass sie getrunken, geschweige, dass ich
sie trinken sah. »Es ist ein grausamer Streich des Geschicks,« sagte er laut;
»aber bedenke, was sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte ihn!« - »Was werden
sollte?« rief Rusticiana, von ihm zurücktretend.
    »O, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe? Wäre sie sein geworden,
sein Weib - seine Geliebte, wenn sie nur lebte!« - »Aber du vergisst, dass er
sterben musste.« - »Musste? warum musste er sterben? auf dass du deine stolzen Pläne
hinausführst! O Selbstsucht ohnegleichen!« - »Es sind deine Pläne, die ich
ausführe, nicht die meinen; wie oft muss ich dir's wiederholen? Du hast den Gott
der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was klagst du mich an, wenn er Opfer von
dir fordert? Besinne dich besser. Lebe wohl.«
    Aber Rusticiana fasste heftig seinen Arm: »Und das ist alles? Und weiter hast
du nichts, kein Wort, keine Träne für mein Kind? Und du willst mich glauben
machen, um sie, um mich zu rächen habest du gehandelt? Du hast nie ein Herz
gehabt. Du hast auch sie nicht geliebt - kalten Blutes siehst du sie sterben -
ha, Fluch - Fluch über dich.« - »Schweig, Unsinnige.« - »Schweigen? nein, reden
will ich und dir fluchen. O, wüsst' ich etwas, das dir wäre, was mir Kamilla war!
O, müsstest du, wie ich, deines ganzen Lebens letzte, einzige Freude fallen
sehen, fallen sehen und verzweifeln. Wenn ein Gott ist im Himmel, wirst du das
erleben.«
    Cetegus lächelte.
    »Du glaubst an keine Macht im Himmel, die vergelte? wohlan, glaub' an die
Rache einer jammervollen Mutter! Du sollst erzittern! ich eile zur Regentin und
entdecke ihr alles! Du sollst sterben!« - »Und du stirbst mit mir.«
    »Mit lachenden Augen, wenn ich dich verderben sehe.« Und sie wollte hinweg.
Aber Cetegus ergriff sie mit starkem Arm. »Halt, Weib. Glaubst du, man sieht
sich nicht vor mit deinesgleichen? Deine Söhne, Anicius und Severinus, die
Verbannten, sind heimlich in Italien, in Rom, in meinem Hause. Du weisst, auf
ihrer Rückkehr steht der Tod. Ein Wort - und sie sterben mit uns: dann magst du
deinem Gatten auch die Söhne, wie die Tochter, als durch dich gefallen zuführen.
Ihr Blut über dein Haupt.« Und rasch war er um die Ecke des Ganges biegend
verschwunden.
    »Meine Söhne!« rief Rusticiana und brach auf dem Marmorestrich zusammen. -
    Wenige Tage darauf verliess die Witwe des Boëtius mit Corbulo und Daphnidion
den Königshof für immer. Vergebens suchte die Regentin sie zu halten.
    Der treue Freigelassene führte sie zurück auf die verborgne Villa bei
Tifernum, die je verlassen zu haben sie jetzt tief betrauerte. Sie baute
daselbst, an der Stelle des kleinen Venustempels, eine Basilika, in deren Krypta
eine Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde.
    Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet für das Heil ihres Kindes
unzertrennlich die Bitte der Rache an Cetegus, dessen wahre Beteiligung an
Kamillens Tod sie nicht einmal ahnte: nur das durchschaute sie, dass er Mutter
und Tochter als Werkzeuge seiner Pläne gebraucht und in herzloser Kälte des
Mädchens Glück und Leben aufs Spiel gesetzt hatte.
    Und kaum minder unablässig als das Licht der daselbst gestifteten ewigen
Lampe stieg das Gebet und der Fluch der vereinsamten Mutter zum Himmel empor.
    Die Stunde sollte nicht ausbleiben, die ihr die Schuld des Präfekten ganz
entüllte und auch die Rache nicht, die sie dafür vom Himmel niederrief.
 
                                Drittes Kapitel.
Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zäher und grimmiger Kampf geführt.
    Die gotischen Patrioten, obwohl durch den plötzlichen Untergang ihres
jugendlichen Königs schwer betrübt und für den Augenblick überwunden, wurden
doch von ihren unermüdlichen Führern bald wieder aufgerafft. Das hohe Ansehen
des alten Hildebrand, die ruhige Kraft des zurückberufenen Witichis und Tejas
wachsamer Eifer wirkten unablässig. Wir haben gesehen, wie es diesen Männern
gelungen war, Atalarich zur Abschüttelung der Oberleitung seiner Mutter zu
verhelfen. Jetzt gelang es ihnen leicht, unter den Goten immer mehr Anhang zu
finden gegen eine Regentschaft, in welcher der ihnen als Hochverräter verhasste
Cetegus mehr als je in den Vordergrund trat. Die Stimmung im Heer, in der
germanischen Bevölkerung von Ravenna war genügend zu einem entscheidenden
Schlage vorbereitet. Mit Mühe hielt der alte Waffenmeister die Unzufriedenen
zurück, bis sie, durch wichtige Bundesgenossen verstärkt, desto sicherer siegen
könnten.
    Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Tulun, Ibba und Pitza, die
Amalaswinta vom Hofe verscheucht und ihr Sohn soeben zurückberufen hatte.
Tulun und Ibba waren Brüder, Pitza ihr Vetter.
    Ein andrer Bruder der ersteren, Herzog Alarich, war vor Jahren wegen
angeblicher Verschwörung zum Tode verurteilt und seit seiner Flucht verschollen.
    Sie stammten aus dem berühmten Geschlecht der Balten, das bei den Westgoten
die Königskrone getragen hatte und den Amalungen kaum nachstand an Alter und
Ansehn. Ihr Stammbaum führte, wie der des Königshauses, bis zu den Göttern
hinauf. Ihr Reichtum an Grundbesitz und abhängigen Colonen und der Ruhm ihrer
Kriegstaten erhöhten Macht und Glanz ihres Hauses. Man sagte im Volk, Teoderich
habe eine Zeitlang daran gedacht, mit Übergehung seiner Tochter und ihres
unmündigen Knaben, zum Heile des Reiches den kräftigen Herzog Tulun zu seinem
Nachfolger zu bestellen.
    Und die Patrioten waren jetzt, nach dem Tode Atalarichs, entschlossen, für
den äussersten Fall, das heisst, wenn die Regentin von ihrem System nicht
abzubringen sei, jene Gedanken wieder aufzunehmen.
    Cetegus sah das Gewitter heranziehen: er sah, wie das gotische
Volksbewusstsein, von Hildebrand und seinen Freunden wachgerufen, sich immer
heftiger gegen die romanisierende Regentschaft sträubte.
    Mit Unmut gestand er sich, dass es ihm an wirklicher Macht fehle, diese
Unzufriedenheit niederzuhalten. Ravenna war nicht sein Rom, wo er die Werke
beherrschte, wo er die Bürger wieder an die Waffen gewöhnt und an seine Person
gefesselt hatte; hier waren alle Truppen Goten, und er musste fürchten, dass sie
einen Haftbefehl gegen Hildebrand oder Witichis mit offnem Aufruhr beantworten
würden. So fasste er den kühnen Gedanken, mit Einem Zug sich aus den Netzen, die
ihn zu Ravenna umstrickten, herauszureissen: er beschloss, die Regentin,
nötigenfalls mit Gewalt, nach Rom zu bringen, nach seinem Rom: dort hatte er
Waffen, Anhang, Macht. Dort war Amalaswinta ausschliesslich in seiner Gewalt und
die Goten hatten das Nachsehen.
    Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen Plan ein. Sie sehnte
sich hinweg aus diesen Mauern, wo sie mehr eine Gefangene als eine Herrscherin
erschien. Sie verlangte nach Rom, nach Freiheit und Macht. Rasch wie immer traf
Cetegus seine Massregeln. Auf den kürzern Weg zu Lande musste er verzichten, da
die grosse Via flaminia sowohl als die andern Strassen von Ravenna nach Rom durch
gotische Scharen, die Witichis befehligte, bedeckt waren und daher zu fürchten
stand, dass ihre Flucht auf diesem Wege zu früh entdeckt und vielleicht
verhindert würde. So musste er sich entschliessen, einen Teil des Weges zur See
zurückzulegen: aber auf die gotischen Schiffe im Hafen von Ravenna konnte man zu
einem solchen Zweck nicht zählen.
    Zum Glück erinnerte sich der Präfekt, dass der Nauarch Pomponius, einer der
Verschwornen, mit drei Trieren zuverlässiger, d.h. römischer Bemannung an der
Ostküste des Adriatischen Meeres, zwischen Ancona und Teate, auf afrikanische
Seeräuber Jagd machend, kreuzte. Diesem sandte er Befehl, in der Nacht des
Epiphaniasfestes in der Bucht von Ravenna zu erscheinen. Er hoffte vom Garten
des Palastes aus, unter dem Schutz der Dunkelheit und während kirchliche und
weltliche Festfeier die Stadt beschäftigte, leicht und sicher mit Amalaswinta
die Schiffe zu erreichen, die sie zur See über die gotischen Stellungen hinaus
bis nach Teate bringen sollten: von da aus war der Weg nach Rom kurz und
ungefährdet.
    Diesen Plan im Bewusstsein - sein Bote kam glücklich hin und zurück mit dem
Versprechen des Pomponius, pünktlich einzutreffen - lächelte der Präfekt zu dem
täglich wachsenden, trotzigen Hass der Goten, die seine Günstlingsstellung bei
Amalaswinta mit Ingrimm betrachteten. Er ermahnte diese, geduldig auszuharren
und nicht durch einen Ausbruch ihres königlichen Zornes über die »Rebellen« vor
dem Tag der Befreiung einen Zusammenstoss herbeizuführen, der leicht alle Pläne
der Rettung vereiteln konnte.
    Das Epiphaniasfest war gekommen: das Volk wogte in dichten Massen in den
Basiliken, auf den Plätzen der Stadt. Die Kleinodien des Schatzes lagen geordnet
und gepackt bereit, ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs. Es war Mittag.
Amalaswinta und der Präfekt hatten soeben ihren Freund Cassiodor von dem Plan
unterrichtet, dessen Kühnheit ihn anfangs erschreckte, dessen Klugheit ihn
alsbald gewann. Sie wollten gerade aus dem Gemach der Beratung aufbrechen, als
plötzlich der Lärm des Volkes, das vor dem Palast auf und nieder flutete, lauter
und heftiger anschwoll: Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren wild durcheinander.
    Cetegus schlug den Vorhang des grossen Rundbogenfensters zurück: doch er sah
nur noch die letzten Reihen der Menge nachdrängen in die offenen Tore des
Palastes. Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken.
    Aber schon stieg im Palatium das Getöse die Treppen hinan, Zank mit der
Dienerschaft wurde hörbar, einzelne Waffenschläge, bald nahe, schwere Tritte.
Amalaswinta bebte nicht: fest hielt sie den Drachenknauf des Tronstuhls, auf
den Cassiodor sie zurückgeführt.
    Cetegus warf sich indessen den Andringenden entgegen. »Halt,« rief er,
unter der Türe des Gemaches hinaus, »die Königin ist für niemand sichtbar.«
    Einen Augenblick lautlose Stille.
    Dann rief eine kräftige Stimme: »Wenn für dich Römer, auch für uns, für ihre
gotischen Brüder. Vorwärts!«
    
    Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und im Augenblick war
Cetegus, ohne Anwendung bestimmter Gewalt, von dem Andrang der Masse wie von
unwiderstehlicher Meeresflut bis weit in den Hintergrund des Saales
zurückgeschoben, und die Vordersten im Zuge standen dicht vor dem Tron.
    Es waren Hildebrand, Witichis, Teja, ein baumlanger Gote, den Cetegus nicht
kannte, und neben ihm - es litt keinen Zweifel - die drei Herzoge Tulun, Ibba
und Pitza, in voller Rüstung, drei prachtvolle Kriegergestalten. Die
Eingedrungnen neigten sich vor dem Tron. Dann rief Herzog Tulun nach rückwärts
gewendet mit der Handbewegung eines gebornen Herrschers: »Ihr, gotische Männer,
harret noch draussen eine kurze Weile; wir wollen's in eurem Namen mit der
Regentin zu schlichten suchen. Gelingt es nicht - so rufen wir euch auf zur Tat
- ihr wisst, zu welcher.«
    Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen hinter ihm zurück und
verloren sich bald in den Gängen und Hallen des Schlosses.
    »Tochter Teoderichs,« hob Herzog Tulun an, das Haupt zurückwerfend, »wir
sind gekommen, weil uns dein Sohn, der König, zurückberufen. Leider finden wir
ihn nicht mehr am Leben. Wir wissen, dass du uns nicht gerne hier siehst.«
    »Wenn ihr das wisst,« sprach Amalaswinta mit Hoheit, »wie könnt ihr wagen,
dennoch vor unser Angesicht zu treten? Wer gestattet euch, wider unsern Willen
zu uns zu dringen?« - »Die Not gebeut es, hohe Frau, die Not, die schon stärkere
Riegel gebrochen als eines Weibes Laune. Wir haben dir die Forderungen deines
Volkes vorzutragen, die du erfüllen wirst.« - »Welche Sprache! Weisst du, wer vor
dir steht, Herzog Tulun?« - »Die Tochter der Amalungen, deren Kind ich ehre,
auch wo es irrt und frevelt.« - »Rebell!« rief Amalaswinta und erhob sich
majestätisch vom Trone, »dein König steht vor dir.« Aber Tulun lächelte: »Du
würdest klüger tun, Amalaswinta, von diesem Punkt zu schweigen. König
Teoderich hat dir die Mundschaft über deinen Sohn übertragen, dem Weibe: - das
war wider Recht, aber wir Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe. Er
hat diesen Sohn zum Nachfolger gewünscht, den Knaben: - das war nicht klug. Aber
Adel und Volk der Goten haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch eines
Königs, der sonst weise war. Niemals jedoch hat er gewünscht, und niemals hätten
wir gebilligt, dass nach jenem Knaben ein Weib über uns herrschen solle, die
Spindel über die Speere.«
    »So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure Königin?« rief sie empört.
»Und auch du, Hildebrand, alter Freund Teoderichs, auch du verleugnest seine
Tochter?«
    »Frau Königin,« sprach der Alte, »wollest du selbst verhüten, dass ich dich
verleugnen muss.«
    Tulun fuhr fort: »Wir verleugnen dich nicht - noch nicht. Jenen Bescheid
gab ich nur, weil du auf dein Recht pochst und weil du wissen musst, dass du ein
Recht nicht hast.
    Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren - wir ehren damit uns selbst -
und weil es in diesem Augenblick zu bösem Zwiespalt im Reich führen könnte,
wollten wir dir die Krone absprechen, so will ich dir die Bedingungen sagen,
unter denen du sie fürder tragen magst.«
    Amalaswinta litt unsäglich: wie gern hätte sie das stolze Haupt, das solche
Worte sprach, dem Henker geweiht. Und machtlos musste sie das dulden! Tränen
wollten in ihr Auge dringen: sie presste sie zurück, aber erschöpft sank sie auf
ihren Tron, von Cassiodor gestützt.
    Cetegus war indessen an ihre andre Seite getreten: »Bewillige alles!«
raunte er ihr zu, »'s ist alles erzwungen und nichtig. Und heute nacht noch
kömmt Pomponius.«
    »Redet,« sprach Cassiodor, »aber schont des Weibes, ihr Barbaren.« - »Ei,«
lachte Herzog Pitza, »sie will ja nicht als Weib behandelt sein: sie ist ja
unser König.«
    »Ruhig, Vetter,« verwies ihn Herzog Tulun, »sie ist von edlem Blut wie
wir.«
    »Fürs erste,« fuhr er fort, »entlässt du aus deiner Nähe den Präfekten von
Rom. Er gilt für einen Feind der Goten. Er darf nicht die Gotenkönigin beraten.
An seine Stelle bei deinem Tron tritt Graf Witichis.«
    »Bewilligt!« sagte Cetegus selbst, statt Amalaswintas.
    »Fürs zweite erklärst du in einem Manifest, dass fortan kein Befehl von dir
vollziehbar, der nicht von Hildebrand oder Witichis unterzeichnet, dass kein
Gesetz ohne Genehmigung der Volksversammlung gültig ist.«
    Die Regentin fuhr zornig auf, aber Cetegus hielt ihren Arm nieder. »Heute
nacht kommt Pomponius!« flüsterte er ihr zu. Dann rief er laut: »Auch das wird
zugestanden.«
    »Das dritte,« hob Tulun wieder an, »wirst du so gern gewähren, als wir es
empfangen. Wir drei Balten haben nicht gelernt, in der Hofburg die Häupter zu
bücken: das Dach ist uns zu niedrig hier. Amaler und Balten leben am besten weit
voneinander - wie Adler und Falk. Und das Reich bedarf unsres Arms an seinen
Marken. Die Nachbarn wähnen, das Land sei verwaiset, seit dein grosser Vater ins
Grab stieg. Avaren, Gepiden, Sklavenen springen ungescheut über unsre Grenzen.
Diese drei Völker zu züchtigen, rüstest du drei Heere, je zu dreissig
Tausendschaften und wir drei Balten führen sie als deine Feldherrn nach Osten
und nach Norden.«
    Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Hände: - nicht übel! dachte Cetegus.
»Bewilligt,« rief er lächelnd.
    »Und was bleibt mir,« fragte Amalaswinta, »wenn ich all' das euch
dahingegeben?«
    »Die goldne Krone auf der weissen Stirn,« sagte Herzog Ibba.
    »Du kannst ja schreiben wie ein Grieche,« begann Tulun aufs neue. »Wohlan,
man lernt solche Künste nicht umsonst. Hier dies Pergament soll entalten - mein
Sklave hat es aufgezeichnet - was wir fordern.«
    Er reichte es Witichis zur Prüfung: »Ist es so? Gut. Das wirst du
unterschreiben, Fürstin. - So, wir sind fertig. Jetzt sprich du, Hildebad, mit
jenem Römer.«
    Doch vor ihn trat Teja, die Rechte am Schwert, zitternd vor Hass: »Präfekt
von Rom,« sagte er, »Blut ist geflossen, edles, teures, gotisches Blut. Es weiht
ihn ein, den grimmen Kampf, der bald entbrennen wird. Blut, das du büssen« - der
Zorn erstickte seine Stimme.
    »Pah,« rief, ihn zurückschiebend, Hildebad - denn er war der baumlange Gote
- »macht nicht soviel Aufhebens davon! Mein goldner Bruder kann leicht etwas
missen von überflüssigem Blut. Und der andre hat mehr verloren, als er missen
kann. Da, du schwarzer Teufel,« rief er Cetegus zu und hielt ihm ein breites
Schwert dicht vor die Augen, »kennst du das?«
    »Des Pomponius Schwert!« rief dieser erbleichend und einen Schritt
zurückweichend. Amalaswinta und Cassiodor fragten erschrocken: »Pomponius?«
    »Aha,« lachte Hildebad, »nicht wahr, das ist schlimm? Ja, aus der
Wasserfahrt kann nichts werden.«
    »Wo ist Pomponius, mein Nauarch?« rief Amalaswinta heftig.
    »Bei den Haifischen, Frau Königin, in tiefer See.«
    »Ha, Tod und Vernichtung!« rief Cetegus, jetzt fortgerissen vor Zorn, »wie
geht das zu?«
    »Lustig genug. Sieh, mein Bruder Totila - du kennst ihn ja, nicht wahr? -
lag im Hafen von Ancona mit zwei kleinen Schiffen. Dein Freund Pomponius, der
machte ihm seit einigen Tagen ein so übermütiges Gesicht und liess so dicke Worte
fallen, dass es selbst meinem arglosen Blonden auffiel. Plötzlich ist er eines
Morgens mit seinen drei Trieren aus dem Hafen entwischt. Totila schöpft
Verdacht, setzt alle Leinwand auf, fliegt ihm nach, holt ihn ein auf der Höhe
von Pisaurum, stellt ihn, geht zu ihm an Bord mit mir und ein paar andern und
fragt ihn, wohinaus?«
    »Er hatte kein Recht dazu, Pomponius wird ihm keine Antwort gegeben haben.«
    »Doch, Vortrefflicher«, er gab ihm eine. Wie der sah, dass wir zu sieben
allein auf seinem Schiff, da lachte er und rief: »Wohin ich segle? Nach Ravenna,
du Milchbart, und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom.« Und dabei
winkte er seinen Leuten. Da warfen aber auch wir die Schilde vor und hui, flogen
die Schwerter aus den Scheiden. Das war ein harter Stand, sieben gegen dreissig.
Aber es währte zum Glück nicht lang, da hörten unsre Bursche im nächsten Schiff
das Eisen klirren und flugs waren sie mit ihren Booten heran und erkletterten
wie die Katzen die Wandung. Jetzt waren wir die mehreren: aber der Nauarch - gib
dem Teufel sein Recht! - gab sich nicht, focht wie ein Rasender und stiess meinem
Bruder das Schwert durch den Schild in den linken Arm, dass es hoch aufsprjetzte.
Da aber ward mein Bruder auch zornig und rannte ihm den Speer in den Leib, dass
er fiel wie ein Schlachtstier. »Grüsst mir den Präfekten,« sprach er sterbend,
»gebt ihm das Schwert, sein Geschenk, zurück und sagt ihm, es kann keiner wider
den Tod: sonst hätte ich Wort gehalten. Ich hab's ihm gelobt, es zu bestätigen.
Er war ein tapfrer Mann. Hier ist das Schwert.«
    Schweigend nahm es Cetegus.
    »Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder führte sie zurück nach Ancona. Ich
aber segelte mit dem schnellsten hierher und traf am Hafen mit den drei Balten
zusammen, gerade zur rechten Zeit.«
    Eine Pause trat ein, in welcher die Überwundnen ihre böse Lage schmerzlich
überdachten. Cetegus hatte ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern
Hoffnung auf die Flucht, die nun vereitelt war.
    Sein schönster Plan war durchkreuzt, durchkreuzt von Totila: tief grub der
Hass diesen Namen in des Präfekten Seele. Sein grimmiges Rachesinnen ward erst
durch den Ausruf Tuluns gestört: »Nun, Amalaswinta, willst du unterzeichnen?
oder sollen wir die Goten zur Wahl eines Königs berufen?«
    Rasch fand bei diesen Worten Cetegus die Fassung wieder: er nahm die
Wachstafel aus der Hand des Grafen und reichte sie ihr hin: »Du musst, o
Königin,« sagte er leise, »es bleibt dir keine Wahl.« Cassiodor gab ihr den
Griffel, sie schrieb ihren Namen und Tulun nahm die Tafel zurück.
    »Wohl,« sagte er, »wir gehn, den Goten zu verkünden, dass ihr Reich gerettet
ist. Du, Cassiodor, begleitest uns, zu bezeugen, dass alles ohne Gewalt geschehen
ist.«
    Auf einen Wink Amalaswintens gehorchte der Senator und folgte den gotischen
Männern hinaus auf das Forum vor dem Schloss. Als sie sich mit Cetegus allein
sah, sprang die Fürstin heftig auf: nicht länger gebot sie ihren Tränen.
Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor die Stirn. Ihr Stolz war aufs tiefste
gebeugt. Schwerer als des Gatten, des Vaters, ja selbst als Atalarichs Verlust
traf diese Stunde ihr Herz. »Das,« rief sie laut weinend, »das also ist die
Überlegenheit der Männer. Rohe, plumpe Gewalt! o Cetegus, alles ist verloren.«
    »Nicht alles, Königin, nur ein Plan. Ich bitte um ein gnädiges Andenken,«
setzte er kalt hinzu, »ich gehe nach Rom.«
    »Wie? du verlässt mich in diesem Augenblick? Du, du hast mir all diese
Versprechungen abgewonnen, die mich enttronen, und nun scheidest du? O besser,
ich hätte widerstanden, dann wär' ich Königin geblieben, hätten sie auch jenem
Rebellenherzog die Krone aufgesetzt.«
    Jawohl, dachte Cetegus, besser für dich, schlimmer für mich. Nein, kein
Held soll mehr diese Krone tragen. - Rasch hatte er erkannt, dass Amalaswinta
ihm nichts mehr nützen könne - und rasch gab er sie auf. Schon sah er sich nach
einem neuen Werkzeug für seine Pläne um. Doch beschloss er, ihr einen Teil seiner
Gedanken zu entüllen, damit sie nicht auf eigne Faust handelnd jetzt noch ihre
Versprechungen widerriefe und dadurch Tulun die Krone zuwende. »Ich gehe, o
Herrin,« sprach er, »doch ich verlasse dich darum nicht. Hier kann ich dir
nichts mehr nützen. Man hat mich aus deiner Nähe verbannt und man wird dich
hüten, eifersüchtig wie eine Geliebte.«
    »Aber was soll ich tun mit diesen Versprechungen, mit diesen drei Herzogen?«
    »Abwarten, zunächst dich fügen. Und die drei Herzoge,« setzte er zögernd bei
- »die ziehn ja in den Krieg - vielleicht kehren sie nicht zurück.«
    »Vielleicht!« seufzte die Regentin. »Was nützt ein vielleicht!« Cetegus
trat fest auf sie zu: »Sie kehren nicht zurück - sobald du's willst.«
Erschrocken bebte die Frau: »Mord? Entsetzlicher, was sinnst du?« - »Das
Notwendige. Mord ist das falsche Wort dafür. Es ist Notwehr. Oder Strafe.
Hattest du in dieser Stunde die Macht, du hattest das volle Recht, sie zu töten.
Sie sind Rebellen. Sie zwingen deinen königlichen Willen. Sie erschlagen deinen
Nauarchen, den Tod haben sie verdient.«
    »Und sie soll'n ihn finden,« flüsterte Amalaswinta, die Faust ballend, vor
sich hin, »sie soll'n nicht leben, die rohen Männer, die eine Königin gezwungen.
Du hast recht - sie sollen sterben.« - »Sie müssen sterben - sie, und,« fügte er
ingrimmig bei, »und - - der junge Seeheld!«
    »Warum auch Totila? Er ist der schönste Jüngling meines Volks.«
    »Er stirbt,« knirschte Cetegus, »o, könnt' er zehnmal sterben.«
    Und aus seinem Auge sprühte eine Glut des Hasses, die, plötzlich aus der
eisigkalten Natur brechend, Amalaswinta in Schrecken überraschte. »Ich schicke
dir,« fuhr er rasch und leise fort, »aus Rom drei vertraute Männer, isaurische
Söldner. Die sendest du den drei Balten nach, sobald sie in ihren Heerlagern
eingetroffen. Hörst du, du sendest sie, die Königin: denn sie sind Henker, keine
Mörder. Die drei müssen an Einem Tage fallen. - Für den schönen Totila sorge ich
selbst! Der Schlag wird alles erschrecken. In der ersten Bestürzung der Goten
eile ich von Rom herbei. Mit Waffen, dir zur Rettung. Leb' wohl.«
    Er verliess rasch die Hilflose, an deren Ohr in diesem Augenblick von dem
Forum vor dem Palatium jubelndes Freudengeschrei der Goten schlug, die den
Erfolg ihrer Führer, die Besiegung Amalaswintas feierten.
    Sie fühlte sich ganz verlassen.
    Dass die letzte Verheissung des Präfekten kaum mehr als ein leeres Trostwort
zur Beschönigung seines Abgangs war, ahnte sie mit banger Seele. Gramvoll
stützte sie die Wange auf die schöne Hand und verlor sich eine Weile finster in
ihren ratlosen Gedanken. Da rauschten die Vorhänge des Gemaches: ein
Palastbeamter stand vor ihr: »Gesandte von Byzanz bitten um Gehör. Justinus ist
gestorben: Kaiser ist sein Neffe Justinian. Er bietet dir seinen brüderlichen
Gruss und seine Freundschaft.«
    »Justinianus!« rief die ganze Seele der bedrängten Frau. Sie sah sich ihres
Sohnes beraubt, von ihrem Volk bedroht, von Cetegus verlassen: ringsumher hatte
sie in trübem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht, und aufatmend aus tiefer
Brust wiederholte sie jetzt: »Byzanz - Justinianus!«
 
                                Viertes Kapitel.
In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der Wandrer, der von Florenz
heranzieht, rechts von der Strasse die Ruinen eines ausgedehnten villenartigen
Gebäudes.
    Efeu, Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette die Trümmer überkleidet:
die Bauern des nahen Dorfes haben seit Jahrhunderten Steine davongetragen, die
Erde ihrer Weingärten an den Hügelrändern aufzudämmen. Aber noch immer
bezeichnen die Reste deutlich, wo die Säulenhalle vor dem Hause, wo das
Mittelgebäude, wo die Hofmauer stand. Üppig wuchert das Unkraut auf dem
Wiesgrund, wo dereinst der schöne Garten in Zier und Ordnung prangte: nichts
davon hat sich erhalten als das breite Marmorbecken eines längst vertrockneten
Brunnens, in dessen kiesigem Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt.
    Aber in den Tagen, von denen wir erzählen, sah es hier viel anders aus. »Die
Villa des Mäcen bei Fäsulä,« wie man das Gebäude damals, wohl mit wenig Fug,
benannte, war von glücklichen Menschen bewohnt, das Haus von sorglicher
Frauenhand bestellt, der Garten von hellem Kindeslachen belebt. Zierlich war die
rankende Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken Schäften der korintischen
Säulen vor dem Haus und der Wein zog freundlich schmückend über das flache Dach.
Mit weissem Sande waren die schlängelnden Wege des Gartens bestreut und in den
Nebengebäuden, die der Wirtschaft dienten, glänzte eine Reinlichkeit, waltete
eine stille Ordnung, die nicht auf römische Sklavenhände raten liess.
    Es war um Sonnenuntergang.
    Die Knechte und Mägde kehrten von den Feldern zurück: die hoch mit Heu
beladenen Wagen mit Rossen nicht italischer Zucht bespannt, schwankten heran:
von den Hügeln herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu, von grossen
zottigen Hunden umbellt.
    Dicht vor dem Hoftor gab es die lebendigste Szene des bunten Schauspiels:
ein paar römische Sklaven trieben mit tobenden Gebärden und gellendem Geschrei
die keuchenden Pferde eines grausam überladnen Wagens an: nicht mit
Peitschenhieben, sondern mit Stöcken, deren Eisenspitzen sie den Tieren immer in
dieselbe wunde Stelle stiessen. Nur ruckweise ging es trotzdem vorwärts. Jetzt
lag ein grosser Stein vor dem linken Vorderrad, jeden Fortschritt unmöglich
machend. Aber der wütige Italier sah es nicht.
    »Vorwärts, Bestie, und Kind einer Bestie,« schrie er dem zitternden Rosse
zu, »vorwärts, du gotisches Faultier!« Und ein neuer Stich mit dem Stachel und
ein neuer verzweifelter Ruck: aber das Rad ging nicht über den Stein, das
gequälte Tier stürzte in die Knie und drohte den Wagen mit umzureissen. Darüber
wurde der Treiber erst recht grimmig. »Warte, du Racker!« schrie er und schlug
nach dem Auge des zuckenden Rosses. - Aber nur einmal schlug er, im nächsten
Augenblick stürzte er selbst wie blitzgetroffen unter einem mächtigen Streiche
nieder.
    »Davus, du boshafter Hund!« brüllte eine Bärenstimme und über dem Gefallenen
stand schier noch mal so lang und gewiss noch mal so breit wie der erschrockene
Tierquäler ein ungeheurer Gote, einen derben Knüttel wiederholt auf den Rücken
des Schreienden schwingend.
    »Du elender Neiding,« schloss er mit einem Fusstritt, »ich will dich lehren,
umgehn mit einem Geschöpf, das sechsmal besser ist als du. Ich glaube, du
Schandbub quälst den Hengst, weil er von jenseit der Berge ist. Noch einmal lass
mich das sehn, und ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe. Jetzt auf und
abgeladen: - du trägst alle Schwaden, die zuviel sind, auf deinem eignen Rücken
in die Scheuer. Vorwärts.«
    Mit einem giftigen Blick stand der Gezüchtigte auf und schickte sich hinkend
an, zu gehorchen.
    Der Gote hatte das zuckende Ross sogleich aufgerichtet und wusch ihm jetzt
sorglich die geschürften Knie mit seinem eignen Abendtrunk von Wein und Wasser.
    Kaum war er damit zu Ende, als ihn vom nahen Stall her dringend eine helle
Knabenstimme rief: »Wachis, hierher, Wachis!« - »Komme schon, Atalwin, mein
Bursch, was gibt's?« - und schon stand er in der offnen Türe des Pferdestalles,
neben einem schönen Knaben von sieben bis acht Jahren, der sich heftig die
langen, gelben Haare aus dem erglühenden Antlitz strich und mit Mühe in den
himmelblauen Augen zwei Tränen des Zornes zerdrückte. Er hatte ein zierlich
geschnjetztes Holzschwert in der Rechten und hob es drohend gegen einen
schwarzbraunen Sklaven, der mit gebognem Nacken und mit geballten Fäusten
trotzig ihm gegenüberstand.
    »Was gibt's da?« wiederholte Wachis über die Schwelle tretend.
    »Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen, und sieh nur, zwei Bremsen
haben sich eingesogen oben an seinem Bug, wo er mit der Mähne nicht hinreichen
kann und ich nicht mit der Hand und der böse Cacus da, wie ich's ihm sage, will
mir nicht folgen: und gewiss hat er mich geschimpft auf römisch, was ich nicht
verstehe.« Wachis trat drohend näher.
    »Ich habe nur gesagt:« sprach Cacus langsam zurückweichend, »erst ess' ich
meine Hirse; das Tier mag warten; bei uns zu Lande kömmt der Mensch vor dem
Vieh.« - »So, du Tropf?« sagte Wachis, die Bremsen erschlagend, »bei uns kommt
das Ross vor dem Reiter zum Futter; mach vorwärts.«
    Aber Cacus war stark und trotzig: er warf den Kopf auf und sagte: »wir sind
hier in unserm Land - da gilt unser Brauch.« - »Eia, du verfluchter Schwarzkopf,
wirst du gehorchen?« sprach Wachis ausholend. - »Gehorchen? Nicht dir! Du bist
auch nur ein Sklave wie ich: und meine Eltern haben schon hier im Hause gelebt
als deinesgleichen noch Küh' und Schafe stahlen jenseit der Berge.« Wachis liess
den Knüttel fallen und wiegte seine Arme: »Höre, Cacus, ich habe ohnehin noch
einen Span mit dir, du weisst schon, was für einen. Jetzt geht's in einem hin.« -
»Ha,« lachte Cacus höhnisch, »wegen Liuta, der Flachsdirn? Pah, ich mag sie
nicht mehr, die Barbarin. Sie tanzt wie eine Jungkuh.« - »Jetzt ist's aus mit
dir,« sagte Wachis ruhig und schritt auf seinen Gegner zu. Aber dieser wandte
sich wie eine Katze aus dem Griff des Goten, riss ein spitzes Messer aus der
Brustfalte des Wollrocks und warf es nach ihm: da sich Wachis bückte, sauste es
haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den Pfosten der Tür. »Na,
warte, du Mordwurm!« rief der Germane und wollte sich auf Cacus werfen; da
fühlte er sich von hinten umklammert.
    Es war Davus, der die Gelegenheit der Rache scharf erpasst hatte.
    Aber jetzt ward Wachis sehr zornig.
    Er schüttelte ihn ab, packte ihn mit der Linken am Genick, erwischte mit der
Rechten Cacus an der Brust und stiess nun mit Bärenkraft seinen beiden Gegnern
die Köpfe zusammen, jeden Stoss mit einem Ausruf begleitend, »so, meine Jungen -
das für das Messer - und das für den Rückensprung - und den für die Jungkuh« -
und wer weiss, wie lange diese seltsame Litanei noch fortgedauert haben würde,
hätte sie nicht ein lautes Rufen gestört.
    »Wachis - Cacus - auseinander sag' ich!« rief eine volle starke
Frauenstimme, und vor der Tür erschien ein stattliches Weib in blauem gotischem
Gewand. Sie war nicht gross und doch imposant: ihr schöner Bau eher mächtig als
zart. Die goldbraunen Haare waren in reichen, doch einfachen Flechten um das
runde Haupt geschlungen, die Züge regelmässig, aber eher fest als fein
gezeichnet. Geradheit, Tüchtigkeit, Verlässigkeit sprachen aus den fast
allzugrossen graublauen Augen: die unbedeckten vollen Arme zeigten, dass sie der
Arbeit nicht fremd. An ihrem breiten Gürtel, über den das braune Untergewand von
selbstgewirktem Zeuge bauschte, klirrte ein Bund von Schlüsseln: die Linke
stemmte sie ruhig in die Hüfte und befehlend streckte sie die Rechte vor sich
hin.
    »Eia, Rautgundis, strenge Frau,« sagte Wachis loslassend, »musst du denn
überall die Augen haben?«
    »Überall, wo mein Gesinde Unfug treibt. Wann werdet ihr lernen, euch
vertragen? Euch Welschen fehlt der Herr im Hause. Aber du, Wachis, solltest
nicht auch der Hausfrau Verdruss machen. Komm, Atalwin, mit mir.« Und sie führte
den Knaben an der Hand mit fort.
    Sie ging in den Seitenhof und füllte aus einer Truhe Körner in ihr Gewand,
die Hühner und Tauben zu füttern, die sie sogleich dicht umdrängten.
    Atalwin sah eine Weile schweigend zu. Endlich sagte er: »Du, Mutter, ist's
wahr? ist der Vater ein Räuber?«
    Rautgundis hielt inne in ihrem Tun und sah das Kind an: »Wer hat das
gesagt?«
    »Wer? Ei, des Nachbars Calpurnius Neffe. Wir spielten auf dem grossen
Heuhaufen seiner Wiese drüben überm Zaun und ich zeigte ihm, wie weit das Land
uns gehöre rechts vom Zaun - weit und breit - soweit unsre Knechte mähten und
fern der Bach schimmerte. Da ward er zornig und sagte: Ja, und all' das Land
gehörte früher uns, und dein Vater oder dein Grossvater, die haben's gestohlen,
die Räuber.«
    »So? und was sagtest du drauf?«
    »Ei, gar nichts, Mutter. Ich warf ihn nur über den Heuhaufen hinunter, dass
er die Füsse gen Himmel schlug. Aber jetzt, nachderhand, möcht' ich doch wissen,
ob's wahr ist.«
    »Nein, Kind, es ist nicht wahr. Gestohlen hat's der Vater nicht. Aber offen
genommen, weil er besser war und stärker als diese Welschen. Und alle starken
Helden haben's immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die Welschen in den Tagen,
da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach, am allermeisten. Aber nun komm,
wir müssen nach dem Linnen sehen, das auf dem Anger zur Bleiche liegt.«
    Als sie nun den Stallungen den Rücken wandten und dem nahen Grashügel links
vom Hause zuschritten, hörten sie den raschen Hufschlag eines Rosses, das auf
der alten römischen Heerstrasse nahte. Rasch hatte Atalwin den Gipfel des Hügels
erreicht und blickte nach der Strasse hin.
    Da sprengte ein Reiter auf einem mächtigen Braunen die Waldhöhe herab auf
die Villa zu: hell funkelte sein Helm und die Spitze der Lanze, die er schräg
über dem Rücken trug.
    »Der Vater, Mutter, der Vater!« rief der Knabe und rannte pfeilgeschwind den
Hügel hinab dem Reiter entgegen.
    Rautgundis hatte jetzt auch die Höhe erreicht. Ihr Herz pochte. Sie legte
die Hand vors Auge, in die schimmernde Abendröte zu schauen: dann sagte sie
still glücklich vor sich hin: »Ja, er ist's. Mein Mann!«
 
                                Fünftes Kapitel.
Inzwischen hatte Atalwin den Nahenden schon erreicht und kletterte an seinem
Fuss hinan. Der Reiter hob ihn mit liebevoller Hand herauf und setzte ihn vor
sich in den Sattel und flog jetzt im Galopp heran: lustig wieherte Wallada, das
edle Tier, einst Teoderichs Streitross, die Heimat und die Herrin erkennend und
schlug freudig mit dem langen wallenden Schweif.
    Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem Knaben. »mein liebes Weib!«
sprach er, sie herzlich umarmend. »Mein Witichis!« flüsterte sie, an seiner
Brust erglühend, entgegen, »willkommen bei den Deinen.« - »Ich hatte
versprochen, noch vor dem neuen Mond zu kommen - schwer ging's -«
    »Aber du hieltst Wort wie immer.« - »Mich zog das Herz,« sagte er, den Arm
um sie schlingend. Sie schritten langsam dem Hause zu. »Dir, Atalwin, ist,
scheint's, Wallada wichtiger als der Vater,« lächelte er dem Kleinen zu, der
sorgfältig das Pferd am Zügel nachführte.
    »Nein, Vater, aber gib mir noch die Lanze dazu - so gut wird mir's selten
hier in dem Bauernleben« - und den langen schweren Speerschaft mit Mühe
einherschleppend, rief er laut: »he, Wachis, Ansbrand, der Vater ist da! - Jetzt
holt den Falernerschlauch aus dem Keller. Der Vaterhat Durst vom scharfen Ritt.«
    Lächelnd strich Witichis über den Flachskopf des Knaben, der jetzt an ihnen
vorüber und voran eilte. »Nun, und wie steht's hier draussen bei euch?« fragte
er, auf Rautgundis blickend. »Gut, Witichis, die Ernte ist glücklich
eingebracht, die Trauben gestampft, die Garben geschichtet.« - »Nicht danach
frag' ich,« sagte er, sie zärtlich an sich drückend, - »wie geht es dir?« -
»Wie's einem armen Weibe geht,« antwortete sie, zu ihm aufblickend, »das seinen
herzgeliebten Mann vermisst. Da hilft nur Arbeit, Freund, und tüchtig Schaffen,
dass man das weiche Herz betäubt. Oft denk' ich, wie hart du dich mühen musst,
draussen, unter fremden Leuten, im Lager und am Hof, wo niemand dein in Treuen
pflegt. Da soll er wenigstens, denk' ich dann, kömmt er heim, sein Haus immer
wohl bestellt und traulich finden.
    Und das ist's, sieh, was mir all' die dumpfe Arbeit lieb macht und weihet
und veredelt.«
    »Du bist mein wackeres Weib. Mühst du dich nicht zuviel?«
    »Die Arbeit ist gesund. Aber der Verdruss, die Bosheit der Leute, das tut mir
weh.« Witichis blieb stehen. »Wer wagt's, dir weh zu tun?« - »Ach, die welschen
Knechte und die welschen Nachbarn.
    Sie hassen uns alle. Weh uns, wenn sie uns nicht mehr fürchten. Calpurnius,
der Nachbar, ist so frech, wenn er dich ferne weiss, und die römischen Sklaven
sind trotzig und falsch; nur unsre gotischen Knechte sind brav.«
    Witichis seufzte. Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt und liessen in dem
Säulengang sich vor einem Marmortisch nieder. »Du musst bedenken,« sagte
Witichis, »der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner Sklaven an uns
abtreten müssen.« - »Und hat zwei Drittel behalten und das Leben dazu - er
sollte Gott danken!« meinte Rautgundis verächtlich.
    Da sprang Atalwin heran mit einem Korb voll Äpfeln, die er vom Baum
gepflückt; dann kamen Wachis und die andern germanischen Knechte mit Wein,
Fleisch und Käse und sie begrüssten den Herrn mit freimütigem Handschlag. »Gut,
meine Kinder, seid gegrüsst. Die Frau lobt euch. Aber wo stecken Davus, Cacus und
die andern?« - »Verzeih, Herr,« schmunzelte Wachis, »sie haben ein schlecht
Gewissen.«
    »Warum? Weshalb?« - »Ei, ich glaube, - weil ich sie ein bisschen geprügelt
habe - sie schämen sich.« Die andern Knechte lachten. »Nun, es kann ihnen nicht
schaden,« meinte Witichis, »geht jetzt zu eurem Essen. Morgen seh' ich nach
eurer Arbeit.« Die Knechte gingen. »Was ist's mit Calpurnius,« fragte Witichis,
sich einschenkend. Rautgundis errötete und besann sich: »Das Heu von der
Bergwiese,« sagte sie dann, »das unsre Knechte gemäht, hat er nachts in seine
Scheuer geschafft und gibt es nicht heraus.« - »Er wird es schon herausgeben,
mein' ich ....« sagte er ruhig, trinkend. - »Jawohl,« rief Atalwin lebhaft,
»das mein' ich auch. Und gibt er's nicht - mir noch lieber! Dann sagen wir Fehde
an und ich zieh' hinüber mit Wachis und den reisigen Knechten, mit Waffen und
Wehr. Er sieht mich immer so giftig an, der schwarze Schleicher.«
    Rautgundis wies ihn zur Ruh' und schickte ihn schlafen. »Wohl, ich gehe,«
sagte er, »aber, Vater, wenn du wiederkömmst, bringst du mir statt dieses
Steckens da ein richtig Gewaffen mit, nicht wahr?« Und er hüpfte ins Haus.
    »Der Streit mit diesen Welschen endet nie,« sagte Witichis, »er vererbt sich
auf die Kinder. Du hast hier allzuviel Verdruss damit. Desto lieber wirst du tun,
was ich dir vorschlage: komm mit nach Ravenna an den Hof.«
    Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an: »Du scherzest!« sagte sie ungläubig.
»Du hast das nie gewollt. In den neun Jahren, die ich dein bin, ist dir's nie
eingefallen, mich an den Hof zu führen: ich glaube, es weiss niemand in dem Volk,
dass eine Rautgundis lebt. Du hast ja unsere Ehe geheim gehalten«, lächelte sie,
»wie eine Schuld.« - »Wie einen Schatz,« sagte Witichis, die Arme um sie
schlingend. - »Ich habe dich nie gefragt, warum. Ich war und bin glücklich dabei
und dachte und denke: er wird wohl seinen Grund haben.«
    »Ich hatte meinen guten Grund: er besteht nicht mehr. Du magst nun alles
wissen. Wenige Monate, nachdem ich dich gefunden in deiner Felseneinsamkeit und
lieb gewonnen, kam König Teoderich auf den seltsamen Gedanken, mich seiner
Schwester Amalaberga, der Witwe des Türingerkönigs, zu vermählen, die gegen
ihre schlimmen Nachbarn, die Franken, Mannesschutz bedurfte.« - »Du solltest
dort die Krone tragen?« sprach Rautgundis mit strahlenden Augen. - »Mir aber,«
fuhr Witichis fort, »war Rautgundis lieber als Königin und Krone, und ich sagte
nein.
    Es verdross ihn schwer, und er verzieh mir nur, als ich ihm sagte, ich würde
wohl niemals freien. Konnt' ich doch damals nicht hoffen, dich je mein zu
nennen: du weisst, wie lange dein Vater misstrauisch und eisern dich mir nicht
anvertrauen wollte. Als du nun aber doch mein geworden, da hielt ich's nicht für
wohlgetan, ihm das Weib zu zeigen, um das ich seine Schwester ausgeschlagen.«
    »Aber warum hast du mir das verschwiegen, neun Jahre lang?«
    »Weil,« sagte er, ihr herzlich in die Augen blickend, »weil ich meine
Rautgundis kenne. Du hättest immer geglaubt, Wunder was ich an jener Krone
verloren. Jetzt aber ist der König tot und ich bin dauernd an den Hof gebunden.
Wer weiss, wann ich wieder ruhen werde im Schatten dieser Säulen, im Frieden
dieses Daches.«
    Und in kurzen Worten erzählte er ihr den Sturz des Präfekten, und welche
Stellung er nunmehr einnahm bei Amalaswinten. Aufmerksam hörte ihn Rautgundis
an; dann drückte sie ihm die Hand: »Das ist wacker, Witichis, dass die Goten
allmählich merken, was sie an dir haben. Und du bist heiterer, denk' ich, als
sonst.«
    »Ja, mir ist wohler, seit ich mit tragen darf an der Last der Zeit. dabei
stehen und sie wuchtig drücken sehen auf mein Volk, war viel schwerer. Mich
dauert dabei nur die Regentin; sie ist wie eine Gefangene.«
    »Bah, warum hat das Weib gegriffen in das Amt der Männer. Mir fiele das nie
ein.«
    »Du bist keine Königin, Rautgundis, und Amalaswinta ist stolz.«
    »Ich bin zehnmal so stolz wie sie. Aber so eitel bin ich nicht. Sie muss nie
einen Mann geliebt haben und seinen Wert und seine Art begriffen. Sie könnte
sonst nicht die Männer ersetzen wollen.«
    »Am Hof sieht man das anders an. Komm nur mit an den Hof.«
    »Nein, Witichis,« sagte sie ruhig, aufstehend, »der Hof passt nicht für mich.
Und ich nicht für den Hof. Ich bin des Ödbauern Kind und gar unhöfisch geartet.
Sieh diesen braunen Nacken,« lachte sie, »und diese rauhen Hände. Ich kann nicht
die Lyra zupfen und Verslein lesen: schlecht taugt' ich zu den feinen Römerinnen
und wenig Ehre würdest du haben von mir.«
    »Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten für den Hof?« - »Nein,
Witichis, zu gut.« - »Nun, man müsste sich gegenseitig ertragen, würdigen
lernen.« - »Das würd' ich nie. Sie vielleicht mich, aus Furcht vor dir, ich
niemals sie. Ich würd' ihnen täglich ins Gesicht sagen, dass sie hohl, falsch und
schlecht sind.«
    »So willst du lieber deinen Mann entbehren, mondelang?« - »Ja, lieber ihn
entbehren, als in schiefer, schlimmer Stellung um ihn sein. O mein Witichis,«
sagte sie, innig den Arm um seinen Nacken legend, »denk nur, wer ich bin und wie
du mich gefunden.
    Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolkes den Saum der Alpen umgürten,
hoch auf den Felsschroffen der Skaranzia, wo die junge Isara schäumend aus den
Steinklüften ins offne Land der Bajuvaren bricht, da steht meines Vaters stiller
Ödhof. Nichts kannt' ich da als die strenge Arbeit des Sommers auf den einsamen
Almen, des Winters in der rauchgeschwärzten Halle am Rocken mit den Mägden. Früh
starb die Mutter und den Bruder haben die Welschen erstochen. So wuchs ich
einsam auf, allein mit dem alten Vater, der so treu, aber auch so hart und
verschlossen wie seine Felsen. Da sah ich nichts von der Welt, die rechts und
links von unsern Bergen lag. Nur hoch von oben sah ich manchmal neugierig, wie
ein Saumross mit Salz oder Wein unten in der Talschlucht des Weges zog. Da sass
ich wohl manchen schimmervollen Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn.
Und sah der Sonne nach, wie sie so herrlich niedersank weit drüben überm Licus:
und ich dachte, was sie wohl alles gesehen den langen Sommertag, seit sie
aufstieg drüben überm breiten Önus. Und dass ich wohl auch wissen möchte, wie's
aussieht über dem Karwändel. Oder gar drüben, hinter dem Brennusberg, wo der
Bruder hinüberzog und nie mehr wiederkam. Und doch fühlte ich, wie schön es sei
droben in meiner grünen Einsamkeit, wo ich den Steinadler pfeifen hörte aus dem
nahen Horst und wo ich prächtige Blumen brach, wie sie nicht wuchsen unten in
der Ebene und auch wohl einmal des Nachts den Bergwolf vor meiner Stalltür
heulen hörte und mit dem Kienbrand scheuchte.
    Und auch in dem frühen Herbst, in den langen Wintern hatte ich Musse, still
in mich hineinzusinnen: wann um die hohen Tannen die weissen Nebelschleier
spannen, wann der Bergwind die Felsblöcke von unserem Strohdach riss und die
Schneestürze von den Schroffen donnernd niedergingen. So wuchs ich auf, fremd in
der Welt jenseit der nächsten Wälder, nur zu Hause in der stillen Welt meiner
Gedanken, und in dem engen Bauernleben.
    Da kamest du - ich weiss es noch wie heute« - und sie hielt an, in Erinnerung
verloren.
    »Ich weiss es auch noch genau,« sagte Witichis. »Ich führte eine
Hundertschaft zur Ablösung von Juvavia nach der Augustastadt am Licus - ich war
vom Weg und meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwülen Sommertag
pfadlos umhergeirrt - da sah ich Rauch aufsteigen überm Tannenhang und bald fand
ich das versteckte Gehöft und trat ins Tor: da stand ein prächtig Mädchen am
Ziehbrunnen und hob den Eimer.« -
    »Und ich erschrak siedheiss - zum erstenmal in meinem Leben! - als der grosse,
bräunliche Mann um die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem funkelnden
Helm.«
    »Ja, du wurdest blutrot bis in die Schläfe, und ich bat dich um einen Trunk
Wasser. Und niemals hat mein Auge ein schöner Bild gesehen als wie du dich nun
niederbeugtest und mit den kräftigen Armen den schweren Eimer auf den
Brunnenrand hobst und mir schöpftest in dem Kürbiskrug: reich fielen die dichten
goldbraunen Zöpfe übers schwarze Mieder bis in die Knie und deine Wangen waren
pfirsichgleich: o wie wacker, frisch und blühend sahest du aus. Und wie wacker,
frisch und blühend bist du mir geblieben seiter alle Zeit.«
    »Und darum, mein Witichis, auf dass ich dir blühend bleibe, führe mich nicht
an den Hof. Sieh hier schon im Tal, im Südtal der Alpen, wird mir's oft zu
schwül und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft meiner
Waldberge. Am Hofe aber in den engen Goldgemächern - da würd' ich dir verkümmern
und verschmachten. Lass du mich hier - ich will schon fertig werden mit Nachbar
Calpurnius. Und du, das weiss ich ja, du denkst doch auch im Königssaal nach Haus
an Weib und Kind.«
    »Ja, weiss Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe denn hier und Gott behüte
dich, mein gutes Weib.« -
    Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurück, die Waldhöhe hinan.
Der Abschied hatte ihn fast weich gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck des
Gefühls gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu zeigen scheute.
Wie hing des Wackern Herz an diesem kern'gen Weib und seinem Knaben!
    Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich's durchaus nicht hatte nehmen
lassen, dem Herrn noch eine Strecke das Geleit zu geben. Plötzlich ritt er zu
ihm hinan. »Herr,« sagte er, »ich weiss was.« - »So? warum sagst du's nicht?« -
»Weil mich noch niemand darum gefragt hat.« - »Nun, ich frage dich drum.« - »Ja,
wenn man gefragt ist, muss man freilich reden. - Die Frau hat dir gesagt, dass
Calpurnius so ein böser Nachbar ist?« - »Ja. Und was soll's damit?« - »Sie hat
dir aber nicht gesagt, seit wann?«
    »Nein. Weisst du seit wann?« - »Nun, seit etwa einem halben Jahr. Da traf
Calpurnius einmal die Frau im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber sie
waren nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen Mittagsschlaf.«
    »Der Faulpelz warst du.«
    »Richtig erraten. Und da sagte Calpurnius etwas zur Frau.«
    »Was sagte er?«
    »Das hab' ich nicht verstanden. Aber die Frau war nicht faul, hob die Hand
und schlug ihm ins Gesicht, dass es patschte. Das hab' ich verstanden. Und
seiter ist der Nachbar ein schlimmer Nachbar und das wollt' ich dir sagen, weil
ich mir schon dachte, die Frau werde dich nicht ärgern wollen mit dem Wicht.
    Aber es ist doch besser, du weisst darum. Und sieh, da steht Calpurnius
gerade unter seiner Hoftür - siehst du dort - und jetzt fahr' wohl, lieber
Herr.«
    Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp nach Hause.
    Witichis aber stieg das Blut zu Kopf. Er ritt an die Tür seines Nachbars,
dieser wollte sich ins Haus drücken, aber Witichis rief ihn in einem Ton, dass er
bleiben musste.
    »Was willst du mir, Nachbar Witichis,« sagte er, blinzelnd zu ihm aufsehend.
    Witichis zog den Zügel an und schob sein Ross dicht neben jenen. Dann
streckte er ihm die geballte erzgepanzerte Faust hart vor die Augen: »Nachbar
Calpurnius,« sagte er ruhig, »wenn ich dir einmal ins Gesicht schlage, stehst du
nie wieder auf.«
    Calpurnius fuhr erschrocken zurück.
    Witichis aber gab seinem Rosse den Sporn und ritt stolz und langsam seines
Weges.
 
                               Sechstes Kapitel.
Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen Kissen des Lectus behaglich
ausgestreckt, Cetegus der Präfekt.
    Er war guter Dinge.
    Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung geendet: nur im Fall
augenblicklicher Durchforschung seines Hauses, wie sie der junge König
angeordnet, aber sein Tod vereitelt hatte, wäre Entdeckung zu befürchten
gewesen. Er hatte durchgesetzt, dass die Befestigung von Rom fortgeführt wurde,
mit Zuschüssen aus seinen eignen Geldern, was seinen Einfluss in der Stadt noch
hob. In der letzten Nacht hatte er Versammlung gehalten in den Katakomben: alle
Berichte lauteten günstig. Die Patrioten wuchsen an Zahl und Reichtum.
    Der härtere Druck, der seit den letzten Vorgängen zu Ravenna auf den
Italiern lastete, konnte die Zahl der Unzufriednen nur vermehren und, was die
Hauptsache war, Cetegus hielt jetzt alle Fäden der Verschwörung in seiner Hand.
Unbedingt erkannten selbst die eifersüchtigsten Republikaner die Notwendigkeit
an, bis zum Tag der Freiheit dem Begabtesten die Führung zu überlassen. -
    So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren - bei allen Italiern,
dass Cetegus den Gedanken fassen konnte, - sobald Rom vollends befestigt, ohne
Hilfe der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich immer wieder, alle
Befreier sind leicht gerufen und schwer abgedankt. Und mit Liebe pflegte er den
Gedanken, Italien allein zu befreien.
    So lag der Präfekt, legte Cäsars Bürgerkrieg, in dem er geblättert, zur
Seite, stützte das Haupt auf den linken Arm und sagte zu sich selbst: »Die
Götter müssen noch Grosses mit dir vorhaben, Cetegus. So oft du stürzest, fällst
du, heil wie eine Katze, auf die sichern Füsse. Ah, wenn es uns wohl geht,
möchten wir uns mitteilen. Aber Vertrauen ist ein zu gefährliches Vergnügen und
das Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man ein Mensch und
möchte ...« -
    Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus, überreichte schweigend
einen Brief auf flacher goldner Schale und ging. »Der Bote wartet,« sagte er.
    Gleichgültig nahm Cetegus das Schreiben.
    Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnüre der Tafeln zusammenhielt, das
Siegel - die Dioskuren - erkannte, rief er lebhaft: »Von Julius! zu guter
Stunde!« löste eilig die Fäden, legte die Tafeln auseinander und las - das kalte
bleiche Antlitz überflogen von einem sonst völlig fremden Hauch freudiger Wärme.
    »Cetegus dem Präfekten sein Julius Montanus.
    Wie lange ist's, mein väterlicher Lehrer« (- »beim Jupiter, das klingt
frostig« -), »dass ich Dir nicht den schuldigen Gruss gesendet. Das letztemal
schrieb ich Dir an den grünen Ufern des Ilissos, wo ich in dem verödeten Hain
des Akademos die Spuren Platons suchte - und nicht fand. Ich weiss wohl, mein
Brief war nicht heiter. Die traurigen Philosophen dort, in vereinsamten Schulen
wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers, dem Argwohn der Priester und der Kälte
der Menge, sie konnten nichts in mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war
dunkel, ich wusste nicht weshalb.
    Ich schalt meinen Undank gegen Dich - den grossmütigsten aller Wohltäter - -«
(»so unerträgliche Namen hat er mir nie gegeben,« schaltete Cetegus ein).
    »Seit zwei Jahren reise ich, mit Deinen Reichtümern wie ein König der Syrer
ausgestattet, von Deinen Freigelassenen und Sklaven begleitet, durch ganz Asien
und Hellas, geniesse alle Schönheit und Weisheit der Alten - und mein Herz bleibt
unbefriedigt, mein Leben unausgefüllt. Nicht Platons schwärmerische Weisheit,
nicht das Goldelfenbein des Pheidias, Homeros nicht und nicht Tukydides boten,
was mir fehlte.
    Endlich, endlich hier in Neapolis, der blühenden göttergesegneten Stadt hab'
ich gefunden, was ich unbewusst überall vermisst und immer gesucht.
    Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glück« (- »er hat eine Geliebte! nun
endlich, du spröder Hippolyt, Dank euch, Eros und Anteros! -«), »o, mein Lehrer,
mein Vater! weisst Du, welch ein Glück es ist, ein Herz, das Dich ganz versteht,
zum erstenmal Dein eigen nennen?« (- »ah, Julius,« seufzte der Präfekt mit einem
seltnen Ausdruck weicher Empfindung, »ob ich es wusste! -«) »Dem Du die ganze
volle Seele offen zeigen magst? O, wenn Du's je erfahren, preise mich, opfre
Zeus dem Erfüller endlich: zum erstenmal hab' ich einen Freund.«
    »Was ist das?« rief Cetegus unwillig aufspringend mit einem Blick
eifersüchtigen Schmerzes, »der Undankbare!«
    »Denn, das fühlst Du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter fehlte mir bis
jetzt. Du, mein väterlicher Lehrer« -
    Cetegus warf die Tafeln auf den Schildpattisch und machte einen hast'gen
Gang durchs Zimmer. »Torheit!« sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf und las
weiter -
    »Du, so viel älter, weiser, besser, grösser als ich - Du hast mir eine solche
Wucht von Dank und Verehrung auf die junge Seele geladen, dass sie sich Dir nie
ohne Scheu öffnen konnte. Auch hörte ich oft mit Zagen, wie Du solche Weisheit
und Wärme mit ätzendem Witze verhöhntest: ein scharfer Zug um Deinen stolzen
festgeschlossenen Mund hat solche Gefühle in mir in Deiner Nähe stets getötet
wie Nachtfrost die ersten Veilchen« (- »nun, aufrichtig ist er!« -). »Jetzt aber
hab' ich einen Freund gefunden: offen, warm, jung, begeistert wie ich und nie
gekannte Wonne ist mein Teil. Wir haben nur Eine Seele in zwei Körpern: die
sonnigen Tage, die mondsilbernen Nächte wandeln wir miteinander durch diese
elyseischen Gefilde und finden kein Ende der geflügelten Worte. - Aber ich muss
ein Ende finden dieses Briefes. Er ist ein Gote« (- »auch noch,« sagte Cetegus
ungehalten) »und heisst Totila.« -
    Cetegus liess die Hand mit dem Brief einen Augenblick sinken, er sagte
nichts, nur die Augen schloss er einen Moment, dann las er ruhig nochmal:
    »Und heisst Totila!«
    »Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis durch das Forum des
Neptunus schlenderte und an der Bogenwölbung eines Hauses die Statuen
bewunderte, die ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, stürzt urplötzlich aus
der Tür auf mich los ein grauköpfiger Mann mit einer wollnen Schürze, über und
über mit Gips bestäubt, in der Hand ein spitzes Gerät: er packte mich an der
Schulter und schrie: Pollux, mein Pollux, hab' ich dich endlich!
    Ich dachte der Alte sei verrückt und sagte: Du irrst, guter Mann: ich heisse
Julius und komme von Aten.
    Nein, schrie der Alte, Pollux heisst du und kommst vom Olymp. Und eh' ich
wusste, wie mir geschah, hatte er mich zur Tür hineingedreht. Da erkannte ich
denn allmählich, waran ich mit dem Alten war: er war der Bildhauer, der die
Statuen ausgestellt.
    In seiner Werkhalle standen andre halbvollendete umher und er erklärte mir,
seit Jahren trage er sich mit der Idee einer Dioskurengruppe. Für den Kastor
habe er vor kurzem ein köstlich Modell in einem jungen Goten gefunden. Aber
umsonst erflehte ich - fuhr er fort - all diese Tage vom Himmel einen Gedanken
für meinen Pollux. Er soll dem Kastor gleichen, ein Bruder Helenas, ein Sohn des
Zeus wie er, volle Ähnlichkeit in Zügen und Gestalt muss da sein. Und doch muss
die Verschiedenheit so deutlich sein wie die Gleichheit: sie müssen
zusammengehören und doch jeder ganz eigenartig sein. Umsonst lief ich alle Bäder
und Gymnasien Neapolis' ab: ich fand den Ledazwilling nicht. Da hat dich ein
Gott, Zeus selber hat dich mir ans eigne Fenster geführt: wie ein Blitz schlug's
in mich ein, da steht mein Pollux, wie er sein muss: und nicht lebendig lass ich
dich aus dieser Halle, bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen.
    Gern sagte ich dem närrischen Alten zu, andern Tages wiederzukommen. Und das
erfüllt ich um so lieber als ich erfuhr, dass mein gewalttätiger Freund Xenarchos
sei, der grösste Bildner in Marmor und Erz, den Italien seit lange gesehn. Am
andern Tag kam ich denn wieder und fand meinen Kastor - es war Totila: - und ich
kann nicht leugnen, dass mich die grosse Ähnlichkeit selbst überraschte, wenn auch
Totila älter, höher, kräftiger und unvergleichlich schöner ist als ich.
Xenarchos sagt, wir seien wie Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller
an Haar und Haut: und geradeso, schwört der Meister, haben sich die beiden
Dioskuren geglichen und nicht geglichen. So lernten wir uns denn unter den
Götterbildern Xenarchs kennen und lieben. wir wurden in Wahrheit Kastor und
Pollux, innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft uns das heitre Volk von
Neapolis bei diesem Namen, wann wir, Arm in Arm geschlungen durch die Strassen
gehn.
    Unsre junge Freundschaft ward aber noch besonders rasch gereift durch eine
drohende Gefahr, die sie leicht in der Blüte geknickt hätte.
    Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur Porta Nolana hinausgewandelt,
in den Bädern des Tiberius Kühlung von des Tages Hitze zu suchen. Nach dem Bade
hatte ich in einer Laune spielender Zärtlichkeit Du wirst sie schelten - des
Freundes weissen Gotenmantel umgeschlagen und seinen Helm mit den Schwanenflügeln
aufs Haupt gesetzt. Lächelnd ging er, meine Chlamys umwerfend, aufs den Tausch
ein und friedlich plaudernd schritten wir durch den Pinienhain im ersten Dunkel
der Nacht nach der Stadt zurück.
    Da springt aus dem Taxusgebüsch hinter mir ein Mann auf mich her und ich
fühle kaltes Eisen an meinem Halse.
    Aber im nächsten Augenblick lag der Mörder zu meinen Füssen, Totilas Schwert
in der Brust. Nur leicht verwundet beugte ich mich zu dem Sterbenden nieder und
fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Hass, zum Morde gegen mich treiben können.
    Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: Nicht dich - Totila, den Goten
- und er zuckte und war tot. Man sah's an Tracht und Waffen - es war ein
isaurischer Söldner.«
    Cetegus senkte den Brief und drückte die linke Hand vor die Stirn.
»Wahnsinn des Zufalls,« sagte er, »wohin konntest du führen!«
    Und er las zu Ende.
    »Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu Ravenna. Wir zeigten den
Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen zu Neapolis, an. Dieser liess die Leiche
durchsuchen und Nachforschungen anstellen - ohne Erfolg. Uns beiden aber hat
diese ernste Stunde die junge Freundschaft befestigt und mit Blut geweiht für
alle Zeit. Ernster und heiliger hat sie uns verbunden. Das Siegel der Dioskuren,
das Du mir zum Abschied geschenkt, war ein freundlich Omen, das sich freundlich
erfüllt hat. Und wenn ich mich frage, wem dank' ich all dies Glück? Dir, Dir
allein, der mich in diese Stadt Neapolis gesendet, in der ich all mein Glück
gefunden. So mögen Dir es alle Götter und Göttinnen vergelten! Ach ich sehe,
dieser ganze Brief redet nur von mir und dieser Freundschaft - schreibe doch
bald wie es um Dich steht. Vale.«
    Ein bitteres Lächeln zuckte um des Präfekten ausdrucksvollen Mund.
    Und wieder durchmass er das Gemach in nur mit Mühe gehaltenen Schritten.
Endlich blieb er stehen, das Kinn in die linke Hand stützend. - »Wie kann ich
nur so - jugendlich sein, mich zu ärgern. Es ist alles sehr natürlich, wenn auch
sehr einfältig. Du bist krank, Julius. Warte: ich will dir ein Rezept
schreiben.« Und mit einem Anflug von grausamer Freude im Ausdruck, setzte er
sich auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der Bronzevase, ergriff
die gnidische Schilffeder und schrieb mit der roten Tinte aus einem Löwenkopf
von Achat, der an dem Lectus angeschraubt war:
                   »An Julius Montanus Cetegus, der Präfekt
                                    von Rom.
    Deine rührende Epistel aus Neapolis hat mir viel Spass gemacht. Sie zeigt,
dass Du in der letzten Kinderkrankheit steckst. Hast Du sie abgetan, wirst Du ein
Mann sein.
    Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich Dir das beste Mittel. Du suchst
sogleich den Purpurhändler Valerius Procillus, meinen ältesten Gastfreund in
Neapolis auf Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes, ein grimmiger Feind
der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brüder getötet, ein Republikaner wie
Cato und schon deshalb mein vertrauter Freund. Seine Tochter Valeria Procilla
aber ist die schönste Römerin unsrer Zeit und eine echte Tochter der alten, der
heidnischen Welt. Antigone oder Virginia würden sich der Freundin freuen. Sie
ist nur drei Jahre jünger und folglich zehnmal reifer als Du. Gleichwohl wird
sie Dir der Vater nicht versagen, erklärst Du ihm, dass Cetegus für Dich wirbt.
Du aber wirst Dich beim ersten Anblick sterblich in sie verlieben.
    Du wirst das: obgleich ich es Dir vorhersage, und obgleich Du weisst, dass ich
es wünsche. In ihren Armen wirst Du alle Freunde der Welt vergessen: geht die
Sonne auf, erbleicht der Mond. Übrigens, weisst Du, dass Dein Kastor einer der
gefährlichsten Römerfeinde ist? Und ich habe einmal einen gewissen Julius
gekannt, der geschworen: Rom über alles.
                                                                          Vale.«
    Cetegus rollte den Papyrus zusammen, umschnürte ihn mit den Bändern von
rotem Bast, befestigte diese an der Schleife mit Wachs und drückte seinen
Ametystring mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann berührte er einen
aus dem Marmorgetäfel hervorschauenden silbernen Adler: draussen an der Wand des
Vestibulums schlug ein eherner Donnerkeil auf den Silberschild eines
niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton.
    Der Sklave trat wieder ein.
    »Lass den Boten in meinen Termen baden, gib ihm Speise und Wein, einen
Goldsolidus und diesen Brief. Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit zurück nach
Neapolis.« - -
 
                               Siebentes Kapitel.
Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Präfekten in einem Kreise, der sehr
wenig zu seinem hohen Trachten, ja zu seinem Alter zu passen schien.
    In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und Christentum, das in den
ersten Jahrhunderten nach der Konstantiner Bekehrung das Leben und die Sitten
der Römerwelt mit grellen Widersprüchen erfüllte, spielte besonders die
friedliche Mischung von Festen der alten und der neuen Religion eine auffallende
Rolle. Neben den grossen Feiertagen des christlichen Kirchenjahres bestanden auch
noch grösstenteils die fröhlichen Feste der alten Götter fort, wenn auch meist
ihrer ursprünglichen Bedeutung, ihres religiösen Kernes beraubt.
    Das Volk liess sich etwa den Glauben an Jupiter und Juno nehmen und die
Kultushandlungen und die Opfer, aber nicht die Spiele, die Feste, die Tänze und
Schmäuse, die mit jenen Handlungen verbunden waren; und die Kirche war von jeher
klug genug, zu dulden, was sie nicht ändern konnte.
    So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien, mit welchen sich derber
Aberglaube und wüster Unfug aller Art verband, erst im Jahre
vierhundertsechsundneunzig - und nur mit Mühe - abgeschafft.
    Viel länger natürlich behaupteten sich harmlose Feste wie die Floralien, die
Palilien und zum Teil haben sich ja manche von ihnen in den Städten und Dörfern
Italiens mit veränderter Bedeutung bis auf diese Stunde erhalten. So waren denn
die Tage der Floralien gekommen, die, früher auf der ganzen Halbinsel, als ein
Fest besonders der fröhlichen Jugend, mit lauten Spielen und Tänzen gefeiert,
auch in jenen Tagen noch wenigstens mit Schmaus und Gelage begangen wurden.
    Und so hatten sich denn die beiden Lizinier und ihr Kreis von jungen Rittern
und Patriziern an dem Hauptfesttag der Floralien zu einem Symposion
zusammenbestellt, für welches jeder der Gäste, wie bei unsern »Picknicks«,
seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern hatte. Die Fröhlichen
versammelten sich bei dem jungen Kallistratos, einem liebenswürdigen und reichen
Griechen aus Korint, der sich im Genuss künstlerischer Musse zu Rom
niedergelassen und nahe bei den Gärten des Sallust ein geschmackvolles Haus
gebaut hatte, das als der Mittelpunkt heitern Lebensgenusses und feiner Bildung.
galt. Ausser dem reichen Adel Roms verkehrten dort vornehmlich die Künstler und
Gelehrten, und dann auch jene Schichten der römischer Jugend, denen über ihren
Rossen und Wagen und Hunden wenige Zeit und Gedanken für den Staat übrigblieb
und die daher bis jetzt dem Einfluss des Präfekten unzugänglich gewesen waren.
    Deshalb war es diesem sehr erwünscht, als ihm der junge Lucius Licinius,
jetzt sein glühendster Anhänger, die Einladung des Korinters überbrachte. »Ich
weiss wohl,« sagte er schüchtern, »wir können deinem Geist nicht ebenbürtige
Unterhaltung bieten und wenn dich nicht die alten Kyprier und Falerner locken,
die Kallistratos spenden wird, lehnst du ab.«
    »Nein, mein Sohn, ich komme,« sagte Cetegus, »und mich locken nicht die
alten Kyprier, sondern die jungen Römer.« -
    Kallistratos, der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau trug, hatte sein Haus
mitten in Rom in griechischem Stil gebaut. Und zwar nicht in dem des damaligen,
sondern des freien, des perikleischen Griechenlands und dies machte im Gegensatz
zu der geschmacklosen Überladung jener Tage den Eindruck edler Einfachheit.
Durch einen schmalen Gang gelangte man in das Peristil, den offenen, von
Säulengängen umschlossenen Hof, dessen Mittelpunkt ein plätschernder
Springbrunnen in braunem Marmorbecken bildete. Die nach Norden offne Säulenhalle
entielt ausser andern Gelassen auch den Speisesaal, der heute die kleine
Gesellschaft versammelt hielt. Cetegus hatte sich vorbehalten, nicht schon zu
der »Cöna«, dem eigentlichen Schmause, sondern erst zu der »Commissatio«, dem
darauffolgenden nächtlichen Trinkgelag, zu kommen. Und so fand er denn die
Freunde in der vornehmen Trinkstube, wo längst schon die zierlichen Bronzelampen
an den schildpattgetäfelten Wänden brannten und die Gäste, mit Rosen und Eppich
bekränzt, auf den Polstern des hufeisenförmigen Trikliniums lagerten. Eine
betäubende Mischung von Weinduft und Blumenduft, von Fackelglanz und Farbenglanz
drang ihm an der Schwelle entgegen.
    »Salve, Cetege!« rief der Wirt dem Eintretenden entgegen. »Du findest nur
kleine Gesellschaft.«
    Cetegus befahl dem Sklaven, der ihm folgte, einem herrlich gewachsenen
jungen Mauren, dessen schlanke Glieder durch den Scharlachflor seiner leichten
Tunika mehr gezeigt als verhüllt wurden, ihm die Sandalen abzubinden. Er zählte
indessen: »Nicht unter den Grazien,« lächelte er, »nicht über die Musen.«
    »Geschwind, wähle den Kranz,« mahnte Kallistratos, »und nimm deinen Platz da
oben auf dem Ehrensitz der mittleren Kline. Wir haben dich im voraus zum
Symposiarchen, zum Festkönig gewählt.«
    Der Präfekt hatte sich vorgesetzt, diese jungen Leute zu bezaubern. Er
wusste, wie gut er das konnte: und er wollte es heute. Er wählte einen Rosenkranz
und ergriff das elfenbeinerne Zepter, das ihm ein syrischer Sklave knieend
reichte. Das Rosendiadem zurechtrückend schwang er mit Würde den Stab: »So mach'
ich eurer Freiheit ein Ende!«
    »Ein geborner Herrscher,« rief Kallistratos, halb im Scherz, halb im Ernst.
- »Aber ich will ein sanfter Tyrann sein! mein erst Gesetz: ein Drittel Wasser -
zwei Drittel Wein.« - »Oho,« rief Lucius Licinius und trank ihm zu, »bene the! Du
führst üppig Regiment. Gleiche Mischung ist sonst unser Höchstes.«
    »Ja, Freund,« lächelte Cetegus, sich auf dem Ecksitz der mittleren Kline,
dem »Konsulsplatz«, niederlassend, »ich habe meine Trinkstudien unter den
Ägyptern gemacht, die trinken nur lautern. He, Mundschenk - wie heisst er?«
    »Ganymedes - er ist aus Phrygien. Hübscher Wuchs, eh?« - »Also, Ganymed,
gehorche deinem Jupiter und stelle neben jeden eine Patera Mamertiner Wein -
doch neben Balbus zwei, weil er sein Landsmann ist.« Die jungen Leute lachten.
    Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sizilien, noch sehr jung und schon
sehr dick.
    »Pah,« lachte der Trinker, »Efeu ums Haupt und Ametyst am Finger - so trotz
ich den Mächten des Bacchus.« - »Nun, wo steht ihr im Wein?« fragte Cetegus,
dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend, der ihm einen zweiten Kranz von
Rosen, diesmal um den Nacken, schlang.
    »Settiner Most mit hymettischem Honig war das letzte. Da, versuch!« so
sprach Piso, der schelmische Poet, dessen Epigramme und Anakreontika die
Buchhändler nicht rasch genug konnten abschreiben lassen und dessen Finanzen
sich doch stets in poetischer Unordnung befanden. Und er reichte dem Präfekten
was wir einen »Vexierbecher« nennen würden, einen bronzenen Schlangenkopf, der,
unvorsichtig an den Mund gebracht, einen Strahl Weines heftig in die Kehle
schoss. Aber Cetegus kannte das Spiel, behutsam trank er und gab den Becher
zurück. »Deine trocknen Witze sind mir lieber, Piso«, lachte er und haschte ihm
aus der Brustfalte ein beschriebenes Täfelchen.
    »O gib,« sagte Piso, »es sind keine Verse - sondern - ganz im Gegenteil! -
eine Zusammenstellung meiner Schulden für Wein und Pferde.« -
    »Je nun,« meinte Cetegus, »ich hab' sie an mich genommen - sie sind also
mein. Du magst morgen die Quittung bei mir einlösen: aber nicht umsonst - mit
einem deiner boshaftesten Epigramme auf meinen frommen Freund Silverius!« - »O
Cetegus,« rief der Poet erfreut und geschmeichelt, »wie boshaft kann man sein
für vierzigtausend Solidi! Wehe dem heiligen Mann Gottes.«
 
                                Achtes Kapitel.
»Und im Schmause - wie weit seid ihr damit?« fragte Cetegus, »schon bei den
Äpfeln? sind es diese?«
    Und er sah blinzelnd nach zwei Fruchtkörben von Palmenbast, die hoch
aufgehäuft auf einem Bronzetisch mit elfenbeinernen Füssen prangten. »Ha
Triumph!« lachte Marcus Licinius, des Lucius jüngerer Bruder, der sich mit der
liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab. »Da siehst du meine Kunst,
Kallistratos! Der Präfekt nimmt meine Wachsäpfel, die ich dir gestern geschenkt,
für echt.« »Ah wirklich?« rief Cetegus wie erstaunt, obwohl er den Wachsgeruch
längst ungern vermerkt. »Ja, Kunst täuscht die Besten. Bei wem hast du gelernt?
Ich möchte dergleichen in meinem kyzikenischen Saal aufstellen.«
    »Ich bin Autodidakt,« sagte Marcus stolz, »und morgen schicke ich dir meine
neuen persischen Äpfel: - denn du würdigst die Kunst.«
    »Aber das Gelag ist doch zu Ende?« fragte der Präfekt, den linken Arm auf
das Polster der Kline stützend.
    »Nein,« rief der Wirt, »ich will es nur gestehn: da ich auf unsern Festkönig
erst zur Trinkstunde rechnen durfte, hab' ich noch einen kleinen Nachschmaus zu
den Bechern gerüstet.« - »O du Frevler,« rief Balbus, sich mit der zottigen
Purpurgausape die fettglänzenden Lippen wischend, »und ich habe so schrecklich
viel von deinen Feigenschnepfen gegessen!« - »Das ist wider die Verabredung!«
rief Marcus Licinius. - »Das verdirbt meine Sitten!« sagte der fröhliche Piso
ernstaft. - »Sprich, ist das hellenische Einfachheit?« fragte Lucius Licinius.
- »Ruhig, Freunde,« tröstete Cetegus mit einem Zitat: »Auch unverhofftes Unheil
trägt ein Römer stark.«
    »Der hellenische Wirt muss sich nach seinen Gästen richten,« entschuldigte
Kallistratos, »ich fürchte, ihr kämt mir nicht wieder, böte ich euch
maratonische Kost.« - »Nun, dann bekenne wenigstens, was noch droht,« rief
Cetegus, »du Nomenklator, lies die Schüsseln ab: ich werde dann die Weine
bestimmen, die dazu gehören.«
    Der Sklave, ein schöner lydischer Knabe, in einem bis an die Knie
aufgeschljetzten Röckchen von blauer pelusischer Leinwand, trat dicht neben
Cetegus an den Tisch von Zypressenholz und las von einem Täfelchen ab, das er
an goldnem Kettchen um den Hals trug: »Frische Austern aus Britannien in
Tunfischbrühe mit Lattich.« - »Dazu Falerner von Fundi,« sprach Cetegus ohne
Besinnen. »Aber wo steht der Schenktisch mit den Pokalen? Rechter Trunk mundet
nur aus rechter Schale.«
    »Dort ist der Schenktisch!« und auf einen Wink des Hausherrn fiel der
Vorhang zurück, der die eine Ecke des Zimmers, den Gästen gegenüber, verhüllt
hatte.
    Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen.
    Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre und der Geschmack
ihrer Anordnung war selbst diesen verwöhnten Augen überraschend. Auf der
Marmorplatte des Tisches stand ein geräumiger silberner Wagen mit goldnen Rädern
und ehernem Gespann: es war ein Beutewagen, wie sie in römischen Triumphen
aufgeführt zu werden pflegten: und als köstliche Beute lagen darin Pokale,
Gläser, Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in scheinbarer Unordnung, doch
mit kunstverständiger Hand, gehäuft.
    »Bei Mars dem Sieger,« lachte der Präfekt, »der erste römische Triumph seit
zweihundert Jahren. Ein seltner Anblick! Darf ich ihn zerstören?« - »Du bist der
Mann, ihn wieder aufzurichten,« sagte Lucius Licinius feurig. - »Meinst du?
Versuchen wir's! - Also zum Falerner die Kelche dort von Terebintenholz.«
    »Weindrosseln vom Tagus mit Spargeln von Tarent!« fuhr der Lydier fort.
»Dazu den roten Massiker von Sinuessa aus jenen ametystnen Kelchen.«
    »Junge Schildkröten von Trapezunt mit Flamingozungen -«
    »Halt an, beim heiligen Bacchus,« rief Balbus. »Das sind ja die Qualen des
Tantalus. Mir ist ganz gleich, aus was ich trinke, aus Terebinten oder Ametyst
- aber dies Aufzählen von Götterbissen mit trocknem Gaumen halt' ich nicht mehr
aus. Nieder mit Cetegus dem Tyrannen, er sterbe, wenn er uns hungern lässt.« -
»Mir ist, ich wäre Imperator und hörte das getreue Volk von Rom. Ich rette mein
Leben und gebe nach. Tragt auf, ihr Sklaven.« Da tönten Flöten aus dem Vorgemach
und im Takte der Musik schritten sechs Sklaven, Efeu um die glänzend gesalbten
Locken, in roten Mänteln und weissen Tuniken heran. Sie reichten den Gästen
frische Handtücher von feinstem sidonischen Linnen mit weichen Purpurfransen.
    »Oh,« rief Massurius, ein junger Kaufmann, der vornehmlich mit schönen
Sklaven und Sklavinnen handelte und in dem zweideutigen Ruhme stand, der feinste
Kenner solcher Ware zu sein, »das weichste Handtuch ist ein schönes Haar« - und
er fuhr dem eben neben ihm knieenden Ganymed durch die Locken. »Aber,
Kallistratos, jene Flöten sind hoffentlich weiblichen Geschlechts - auf mit dem
Vorhang - lass die Mädchen ein.«
    »Noch nicht,« befahl Cetegus. »Erst trinken, dann küssen. Ohne Bacchus und
Ceres, du weisst -«
    »Friert Venus, nicht Massurius.«
    Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von Lyra und Kitara, und ein
trat ein Zug von acht Jünglingen in goldgrün schillernden Seidengewändern,
vorauf der »Anrichter« und der »Zerleger«: die sechs andern trugen Schüsseln auf
dem Haupt: sie zogen im Taktschritt an den Gästen vorüber und machten vor dem
Anrichttisch von Citrus Halt. Während sie hier beschäftigt waren, erklangen vom
Mittelgrunde her Kastagnetten und Zymbeln, die grossen Doppeltüren drehten sich
um ihre erzschimmernden Säulenpfosten und ein Schwarm von Sklaven in der schönen
Tracht korintischer Epheben strömte herein. Die einen reichten Brot in zierlich
durchbrochenen Bronzekörben: andre verscheuchten die Mücken mit breiten Fächern
von Straussenfedern und Palmblättern: einige gossen Öl in die Wandlampen aus
doppelhenkeligen Krügen mit anmutvollen Bewegung, indes etliche mit zierlichen
Besen von ägyptischem Schilf von dem Mosaikboden die Brosamen fegten und die
übrigen Ganymed die Becher füllen halfen, die jetzt schon eifrig kreisten.
    Damit stieg denn die Raschheit, die Wärme des Gesprächs und Cetegus, der,
wie überlegen nüchtern blieb, völlig im Moment versunken schien, bezauberte
durch seine Jugendlichkeit die Jünglinge.
    »Wie ist's,« fragte der Hausherr, »wollen wir würfeln zwischen den
Schüsseln? Dort neben Piso steht der Würfelbecher.« - »Nun, Massurius,« meinte
Cetegus mit einem spöttischen Blick auf den Sklavenhändler, »willst du wieder
einmal dein Glück wider mich versuchen? Willst du wetten gegen mich? Gib ihm den
Becher, Syphax!« winkte er dem Mauren.
    »Merkur soll mich bewahren!« antwortete Massurius in komischem Schreck.
»Lasst euch nicht ein mit dem Präfekten - er hat das Glück seines Ahnherrn Julius
Cäsar geerbt.«
    »Omen accipio!« lachte Cetegus, »das nehm' ich an, mitsamt dem Dolch des
Brutus.«
    »Ich sag' euch, er ist ein Zauberer! Erst jüngst hat er eine ungewinnbare
Wette gegen mich gewonnen an diesem braunen Dämon -« Und er wollte dem Sklaven
eine Feige ins Gesicht werfen: aber dieser fing sie behende mit den glänzend
weissen Zähnen und verzehrte sie mit ruhigem Behagen.
    »Gut, Syphax,« lobte Cetegus, »Rosen aus den Dornen der Feinde! Du kannst
ein Gaukler werden, sobald ich dich freilasse.«
    »Syphax will nicht frei sein, er will dein Syphax sein und dein Leben retten
wie du seins.«
    »Was ist das - dein Leben?« fragte Lucius Licinius mit erschrockenem Blick.
- »Hast du ihn begnadigt?« sagte Marcus.
    »Mehr, ich hab' ihn losgekauft.«
    »Ja, mit meinem Gelde!« brummte Massurius.
    »Du weisst, ich hab' ihm dein verwettet Geld sofort als Peculium geschenkt.«
    »Was ist das mit der Wette? erzähle, vielleicht ein Stoff für meine
Epigramme,« fragte Piso.
    »Lasst den Mauren selbst erzählen - sprich, Syphax, du darfst.«
 
                                Neuntes Kapitel.
Ohne Zögern trat der junge Sklave in das von den Tischen gebildete Hufeisen, den
Rücken zur Türe gewandt. sein funkelndes Auge überflog rasch die Versammlung und
haftete dann mit Glut auf seinem Herrn: alle bewunderten die jugendliche Kraft
und Schönheit der schlanken Glieder, deren tiefes Braun nur um die Hüften ein
kostbarer Schurz von Scharlach verhüllte.
    »Leicht ist erzählt, was schwere Schmerzen barg. Ich bin daheim im
Lieblingsland der Sonne; wo hundert Palmen die immer grüne Oase beschatten,
ausser uns nur dem Löwen bekannt und dem fleckigen Panter. Aber in einer
götterverlassenen Nacht, da fand der Feind unser altes Versteck. Vandalische
Reiter waren's und keine Rettung. Rot und schwarz stieg der Rauch unsrer Zelte
durch die Zedernwipfel hinan, kreischend flohen Weiber und Kinder. Da traf mich
ein sausender Speer.
    Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs, das uns gekauft,
mich und viele Männer und Weiber meines Stammes: ich hatte nichts gerettet als
meinen Gott, den weissen Schlangenkönig, ich trug ihn im Gürtel geborgen. Sie
brachten uns nach Rom, da kaufte mich einer, dessen Namen verflucht sei.«
    »'s ist unser Freund Calpurnius,« unterbrach Cetegus.
    »Und kein Stern soll ihm leuchten auf nächtlicher Fahrt, er soll verdursten
im heissen Sand,« knirschte der Maure mit aufloderndem Hass. »Er schlug mich oft
um nichts und liess mich hungern. Ich schwieg und betete zu meinem Gott um Rache.
Er zürnte, dass ich so ruhig seine Wut ertrug.
    Er wusste nicht, dass Syphax seinen Gott bei sich trug in Gestalt einer
Schlange. Da trat er eines Morgens an mein Lager und fand sie um meinen Hals
geringelt. Er erschrak: ich sagte ihm seine Zähne seien nicht tödlich, aber
seine Rache. Da ergrimmte er, schlug nach mir und sagte: Töte den Wurm! Umsonst
flehte ich und wand mich auf den Knieen vor ihm. Er schlug mich und schlug nach
dem Gott: und als ich den deckte mit meinem Leibe, schrie er noch wilder: Töte
das Tier. Wie konnt' ich gehorchen! Da rief er seine Sklaven und befahl: Nehmt
ihm die Bestie und kocht sie lebendig. Er soll seinen Gott fressen! Ich erschrak
zum Tode über diesen Frevel. Und sie griffen mich und haschten nach der
Schlange. Aber der Gott gab mir die Kraft der Wut, die da gleich ist der Kraft
des pfeilwunden Tigers, und ich sprang unter sie mit gellendem Schrei.
    Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und gewann die Türe des
Hauses und sprang hinaus ins Freie und dreissig Sklaven hinter mir drein. Da galt
es das Leben.«
    Die Gäste lauschten gespannt, selbst Balbus setzte den Becher ab, den er
eben zu Munde führte.
    »Ich laufe nicht schlecht: oft haben wir, drei Vettern und ich, die
windschnelle Antilope müde gejagt. Und die Sklaven waren langsam und schwer.
    Aber sie kannten die Stadt und ihre Strassen und ich nicht. So war es ein
ungleich Spiel. Die Verfolger teilten sich in Scharen von drei, vier Mann und
gewannen mir durch Seitengassen und Durchgänge den Weg ab.
    Zum Glück hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede einen schweren
Feuerhaken errafft: zwei, dreimal braucht' ich ihn, die Verfolger zu scheuchen,
zu treffen, die mir plötzlich von vorn entgegenkamen. Ich fühlte aber, lange
konnte das nicht mehr dauern: wie rasch ich war, wie langsam sie, zuletzt musste
ich doch erliegen.
    Da sandte mir der Gott, den ich fest mit der Linken an die Brust drückte,
ihn,« - und sein schönes Auge funkelte, - »meinen Herrn, den gewaltigen, der
mächtig ist wie der Löwe von Abaritana und klug wie der Elefant, der da gut ist
wie milder Regen nach langer Dürre und herrlich wie -«
    »Jetzt erzählst du schlecht, Syphax, ich will vollenden. Ich kam gerade von
den Schanzwerken am aurelischen Tor, dem Grabmal Hadrians.«
    »Deinem schönen, göttergeschmückten Lieblingsort,« unterbrach Kallistratos.
    »Und bog am Fusse des Kapitols in das Forum Trajans: da stand eine gaffende,
schreiende Menge und sah der Menschenjagd neugierig zu: wie ein Pfeil schoss der
Maure von dem Forum des Nerva heran, seine Verfolger weit hinter ihm. Aber
siehe, dicht neben mir bogen von links fünf, von rechts sieben der Sklaven des
Calpurnius auf das Forum ein, bereit, ihn aufzufangen, sowie er auf dem Platz
ankam. Der ist verloren! sagte neben mir eine bekannte Stimme, es war Massurius,
der aus dem Bade des Augustus trat.
    Wem gehört er? fragte ich. Calpurnius ist unser Herr, antwortete der Sklave
neben mir. Dann wehe ihm, sprach Massurius zu mir, er hängt seine Strafsklaven
bis an den Hals gebunden in seinen Fischweiher und lässt sie lebendig auffressen
von seinen Muränen und Hechten. - Ja, sagte der Sklave, Syphax hat ihn
niedergeschlagen, und der Herr rief im Aufstehen: zu den Muränen den Hund! wer
ihn einbringt, ist frei.
    Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren, der jetzt gleich heran war. Der
ist zu gut für die Fische, sagte ich, welch' herrlicher Wuchs! Und sieh, er
kömmt durch, ich wette.
    Denn eben hatte der Flüchtling die erste Kette der Sklaven, die sich ihm an
der Mündung der Via julia entgegenwarf, durchbrochen und flog jetzt auf uns zu.«
    »Und ich wette tausend Solidi, er kömmt nicht durch: sieh' dort die Lanzen,«
sprach Massurius. - »Gerade vor uns standen fünf Sklaven mit Lanzen und
Wurfspeeren. Es gilt! rief ich, tausend Solidi.
    Da war er heran.
    Drei Speere sausten zugleich: aber wie ein Panter duckte der Flinke unter
ihnen weg und, plötzlich aufschnellend, sprang er in hohem Satz über die Lanzen
der beiden übrigen. Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden: er blutete von
Steinen und Pfeilen und schon kam jetzt vom Forum julium heran das ganze Rudel.
Verzweifelnd sah er um sich und wollte nach rechts in die Friedenstempel-Strasse,
die ihn gerade nach seines Herrn Hause zurückgeführt hätte. Da sah ich vor uns
das Portal der kleinen Basilika von Sankt Laurentius offen stehen. Dort hin,
rief ich ihm zu.«
    »In meiner Sprache! er kennt meine Sprache,« rief Syphax.
    »Er kennt, glaub' ich, alle Sprachen,« meinte Marcus Licinius.
    »Dortin, wiederholte ich, dort ist Asyl. Wie der Blitz war er die Stufen
hinan, schon auf der letzten, da traf ihn ein Stein, dass er stürzte und sein
nächster Verfolger war oben und packte ihn. Aber glatt wie ein Aal rang er sich
aus seinem Griff, stiess ihn die Stufen hinab und sprang in die Türe der Kirche.«
    »Da hattest du gewonnen,« sagte Kallistratos.
    »Ich wohl, aber er nicht. Denn die Priester von St. Laurentius, so
eifersüchtig sie ihre Asylrechte wahren, so wenig haben sie Mitleid mit einem
Heiden. Einen Tag lang bargen sie ihn: als sie aber erfuhren, dass er um der
Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen, da stellten sie ihm die Wahl,
Christ zu werden und den Götzen aufzugeben, oder Calpurnius und die Muränen.
    Syphax wählte den Tod. Ich erfuhr es und kaufte dem Zornigen seine Rache ab
und das Leben dieses schlanken Burschen, des schönsten Sklaven in Rom.«
    »Kein schlechtes Geschäft,« meinte Marcus, »der Maure ist dir treu.«
    »Ich glaube,« sagte Cetegus, »tritt zurück, Syphax. Da bringt der Koch sein
Meisterstück, so scheint's.«
 
                                Zehntes Kapitel.
Es war eine sechspfündige Steinbutte, seit Jahren im Meerwasserweiher des
Kallistratos mit Gänselebern gemästet. Der vielgepriesene »Rhombus« kam auf
silberner Schüssel, ein goldenes Krönchen auf dem Kopf.
    »Alle guten Götter und du, Prophete Jonas!« lallte Balbus zurücksinkend in
die Polster, »der Fisch ist mehr wert als ich selber.« - »Still, Freund,« warnte
Piso, »dass uns nicht Cato höre, der gesagt: wehe der Stadt, wo ein Fisch mehr
wert als ein Rind.« Schallendes Gelächter und der laute Ruf: Euge belle!
übertönte den Zornruf des Halbberauschten.
    Der Fisch ward zerschnitten und köstlich erfunden.
    »Jetzt, ihr Sklaven, fort mit dem matten Massiker. Der edle Fisch will
schwimmen in edlem Nass. Auf, Syphax, jetzt passt, was ich zu dem Gelage
beigesteuert. Geh' und lass die Amphora hereinbringen, welche die Sklaven draussen
in Schnee gestellt. Dazu die Phialen von gelbem Bernstein.«
    »Was bringst du seltenes, aus welchem Land?« fragte Kallistratos. »Frag, aus
welchem Weltteil? bei diesem vielgereisten Odysseus,« sagte Piso.
    »Ihr müsst raten. Und wer es errät, wer diesen Wein schon gekostet hat, dem
schenk' ich eine Amphora, so hoch wie diese.«
    Zwei Sklaven, eppichbekränzt, schleppten den mächtigen, dunkeln Krug herein:
von schwarzbraunem Porphyr und fremdartiger Gestalt, mit hieroglyphischen
Zeichen geschmückt und wohlvergipst oben an der Mündung.
    »Beim Styx! kömmt er aus dem Tartarus? das ist ein schwarzer Gesell,« lachte
Marcus.
    »Aber er hat eine weisse Seele - zeige sie, Syphax.« Der Nubier schlug mit
dem Hammer von Ebenholz, den ihm Ganymedes reichte, sorgfältig den Gips
herunter, hob mit silberner Zange den Verschluss von Palmenrinde heraus,
schüttete die Schicht Öl hinweg, die oben schwamm, und füllte die Pokale. Ein
starker berauschender Geruch entstieg der weissen, klebrigen Flüssigkeit. Alle
tranken mit forschender Miene.
    »Ein Göttertrank!« rief Balbus absetzend. - »Aber stark wie flüssiges
Feuer,« sagte Kallistratos.
    »Nein, den kenn' ich nicht!« sprach Lucius Licinius.
    »Ich auch nicht,« beteuerte Marcus Licinius. - »Aber ich freue mich, ihn
kennen zu lernen,« rief Piso und hielt Syphax die leere Schale hin.
    »Nun,« fragte der Wirt, zu dem letzten, bisher fast ganz stummen Gast zu
seiner Rechten gewendet, »nun, Furius, grosser Seefahrer, Abenteurer,
Indiensucher, Weltumsegler, wird deine Weisheit auch zuschanden?«
    
    Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen, ein schöner atletischer Mann
von einigen dreissig Jahren, von bronzener wettergebräunter Gesichtsfarbe,
kohlschwarzen, tiefliegenden Augen, blendend weissen Zähnen und vollem Rundbart
nach orientalischem Schnitt.
    Aber ehe er noch sprechen konnte, fiel Kallistratos rasch ein: »Doch, beim
Zeus Xenios, ich glaube, ihr kennt euch gar nicht?« Cetegus mass die fesselnde
Erscheinung mit scharfem Blick. »Ich kenne den Präfekten von Rom,« sagte der
Schweigsame. - »Nun, Cetegus, und dies ist mein vulkanischer Freund, Furius
Ahalla, aus Korsika, der reichste Schiffsherr des Abendlandes, tief wie die
Nacht und heiss wie das Feuer. er hat fünfzig Häuser, Villen und Paläste an allen
Küsten von Europa, Asien und Afrika, zwanzig Galeeren, ein paar tausend Sklaven
und Matrosen und -«
    »Und einen sehr geschwätzigen Freund,« schloss der Korse. »Präfekt, mir ist
es leid um dich, aber die Amphora ist mein. Ich kenne den Wein.« - Und er nahm
ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Löffel.
    »Schwerlich,« lächelte Cetegus spöttisch.
    »Doch. Es ist Isiswein. Aus Ägypten. Aus Memphis.« Und ruhig schlürfte er
das goldrötliche Ei.
    Erstaunt sah ihn Cetegus an. »Erraten,« sagte er dann. »Wo hast du ihn
gekostet?« - »Notwendig da, wo du. Er fliesst ja nur aus Einer Quelle,« lächelte
der Korse. - »Genug mit euren Geheimnissen! Keine Rätsel unter den Rosen!« rief
Piso. - »Wo habt ihr beiden Marder dasselbe Nest gefunden?« fragte Kallistratos.
    »Nun,« rief Cetegus, »wisset es immerhin«. Im alten Ägypten, im heil'gen
Memphis voraus, haben sich immer noch, dicht neben den christlichen Einsiedlern
und Mönchen in der Wüste, glaubenszähe Männer und namentlich Frauen erhalten,
die nicht lassen wollen von Apis und Osiris und besonders treu den süssen Dienst
der Isis pflegen. Sie flüchten von der Oberfläche, wo die Kirche das Kreuz der
Askese siegreich aufgepflanzt, in die Tiefen, in den geheimen Schoss der grossen
Mutter Erde mit ihrem heiligen teuren Wahn. In einem Labyrint unter den
Pyramiden des Cheops haben sie noch einige hundert Krüge geborgen des mächtigen
Weines, welcher dereinst die Eingeweihten zu den Orgien der Freude, der Liebe
berauschte. Die Kunde geht geheim gehalten von Geschlecht zu Geschlecht, immer
nur Eine Priesterin kennt den Keller und bewahrt den Schlüssel.
    Ich küsste die Priesterin und sie führte mich ein: - sie war eine wilde
Katze, aber ihr Wein war gut: - und sie gab mir zum Abschied fünf Krüge mit aufs
Schiff.
    »Soweit hab' ich es mit Smerda nicht gebracht,« sagte der Korse; »sie liess
mich trinken im Keller, aber als Andenken gab sie mir nur das mit« - und er
entblösste den braunen Hals. - »Einen Dolchstich der Eifersucht,« lachte
Cetegus. »Nun, mich freut, dass die Tochter nicht aus der Art schlägt. Zu meiner
Zeit, das heisst, als mich die Mutter trinken liess, lief die kleine Smerda noch
im Kinderröckchen. Wohlan, es lebe der heil'ge Nil und die süsse Isis.« Und die
beiden tranken sich zu.
    Aber es verdross sie, ein Geheimnis teilen zu sollen, das jeder allein zu
besitzen geglaubt.
    Doch die andern waren bezaubert von der Laune des eisigen Präfekten, der
jugendlich wie ein Jüngling mit ihnen plauderte und jetzt, da das beliebteste
Tema für junge Herren unter den Bechern angeregt war - Liebesabenteuer und
Mädchengeschichten -, unerschöpflich übersprudelte von Streichen und Schwänken,
die er meistens selbst erlebt. Alle hingen mit Fragen an seinen Lippen. Nur der
Korse blieb stumm und kalt.
    »Sage,« rief der Wirt und winkte dem Schänken, als gerade das Gelächter über
eine solche Geschichte verhallt war, »sag an, du Mann buntscheckiger Erfahrung:
- ägyptische Isismädchen, gallische Druidinnen, nachtlockige Töchter Syriens und
meine plastischen Schwestern von Hellas: - alle kennst du und weisst du zu
schätzen, aber sprich, hast du je ein germanisch Weib geliebt?«
    »Nein,« sagte Cetegus, seinen Isiswein schlürfend, »sie waren mir immer zu
langweilig.«
    »Oho,« meinte Kallistratos, »das ist zuviel gesagt. Ich sage euch, ich habe
an den letzten Calenden einen Wahnsinn gehabt für ein germanisch Weib, die war
nicht langweilig.«
    »Wie, du, Kallistratos von Korint, der Aspasia, der Helena Landsmann,
erglühst für ein Barbarenweib? O arger Eros, Sinnenverwirrer, Männerbeschämer,«
schalt der Präfekt.
    »Ja, wenn du willst, war's eine Sinnesverwirrung: ich habe nie dergleichen
erfahren.«
    »Erzähle, erzähle,« drängten die andern.
 
                                Elftes Kapitel.
»Immerhin,« sagte der Hausherr, die Polster glättend, »obwohl ich keine
glänzende Rolle dabei spiele.
    Also an den vorigen Calenden etwa kam ich zur achten Stunde aus den Bädern
des Abaskantos nach Hause.
    Da steht auf der Strasse niedergelassen eine Frauensänfte, vier Sklaven
dabei, ich glaube, gefangne Gepiden. Unmittelbar aber vor der Türe meines Hauses
stehen zwei verhüllte Frauen, die Calantica über den Kopf gezogen. Die eine trug
sklavisch Gewand, aber die andre war sehr reich und geschmackvoll gekleidet und
das Wenige, was von Wuchs und Gestalt zu sehen, war göttlich. Welch schwebender
Schritt, welch feiner Knöchel, welch hochgewölbter Fuss! Als ich näher herankam,
liessen sich beide rasch in die Sänfte heben, und fort waren sie. Ich aber - ihr
wisst, es steckt des Bildhauers Blut in allen Hellenen - ich träumte des Nachts
von dem feinen Knöchel und dem wogenden Schritt.
    Mittags drauf, da ich die Türe öffne, aufs Forum zu gehn zu den
Bibliographen, wie ich pflege, seh ich dieselbe Sänfte rasch von dannen eilen.
    Ich gestehe, ohne sonst besonders eitel zu sein, diesmal hoffte ich eine
Eroberung gemacht zu haben - ich wünschte es so sehr. Und ich zweifelte gar
nicht mehr, als ich, um die achte Stunde nach Hause kommend, wieder meine
Fremde, diesmal unbegleitet, an mir vorüberschlüpfen sah und nach ihrer Sänfte
eilen. Folgen konnt' ich den raschen Sklaven nicht, so trat ich in mein Haus,
froher Gedanken voll. Da sagte der Ostiarius: Herr, eine verhüllte Sklavin
wartet dein in der Bibliotek.
    Pochenden Herzens eile ich in das Gemach. Richtig! es war die Sklavin, die
ich gestern gesehen. Sie schlug den faltigen Mantel zurück: eine hübsche,
verschlagne Maurin oder Kartagerin - ich kenne den Schlag - sah mich mit
schlauen Augen an.
    Ich bitte um Botenlohn, sagte sie, Kallistratos, ich bringe dir gute Kunde.
    Ich fasste ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange streicheln - denn wer
die Herrin begehrt, der küsse die Sklavin - aber sie lachte und sprach: Nein,
nicht Eros, Hermes sendet mich.
    Meine Herrin - hoch horchte ich auf - meine Herrin ist - eine
leidenschaftliche Freundin der Kunst. Sie bietet dir dreitausend Solidi für die
Aresbüste, die in der Nische neben der Türe deines Hauses steht.«
    Laut lachten die jungen Leute, Cetegus mit ihnen.
    »Ja, lacht nur,« fuhr der Hausherr selbst einstimmend fort, »ich aber lachte
damals nicht. Aus all meinen Träumen heruntergefallen, sprach ich verdriesslich:
mir ist das Werk nicht feil. Die Sklavin bot fünftausend, bot zehntausend
Solidi; ich wandte ihr den Rücken und griff nach der Tür.
    Da sagte die Schlange: Ich weiss, Kallistratos von Korint ist unwillig, weil
er ein Abenteuer gehofft und fand ein Geldgeschäft.
    Er ist Hellene, er liebt die Schönheit, er brennt vor Neugier, meine Herrin
zu sehn. Das war so richtig, dass ich nur lächeln konnte.
    Wohlan, sprach sie, du sollst sie sehn. Und dann erneuere ich mein letzt
Gebot. Schlägst du's dann dennoch aus, hast du immerhin den Vorteil, deine
Neugier gestillt zu haben. Morgen um die achte Stunde kömmt die Sänfte wieder.
Dann halte dich bereit mit deinem Ares.
    Und sie schlüpfte hinweg. Unruhig blieb ich zurück.
    Ich konnte nicht leugnen, meine Neugier war sehr gespannt. Fest
entschlossen, meinen Ares nicht herzulassen und die Kunstnärrin doch zu sehen,
erwartete ich gierig die bestimmte Stunde. Die Stunde kam und die Sänfte kam.
Ich stand lauschend an meiner offnen Tür. Die Sklavin stieg heraus.
    Komm, rief sie mir zu, du sollst sie sehn.
    Bebend vor Aufregung trat ich heran, der Purpurvorhang der Sänfte fiel halb
zurück und ich sah -«
    »Nun,« rief Markus, sich vorbeugend, den Becher in der Hand.
    »Was ich nie wieder vergessen werde. Ein Gesicht, Freunde, von ungeahnter
Schönheit. Kypris und Artemis in Einer Person. Ich war wie geblendet. Ich kann
sie nicht schildern. Der Vorhang fiel zu. Ich aber sprang zurück, hob den Ares
aus der Nische, reichte ihn der Punierin, wies ihr Gold zurück und taumelte in
meine Tür, betäubt, als hätt' ich eine Waldnymphe gesehn.«
    »Nun, das ist stark,« lachte Massurius. »Bist doch sonst kein Neuling in den
Werken des Eros.«
    »Aber,« fragte Cetegus, »woher weisst du, dass diese Zauberin eine Gotin
war?«
    »Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweisse Haut und schwarze Augenbrauen.«
    »Alle guten Götter!« dachte Cetegus. Aber er schwieg und wartete.
    Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus.
    »Sie kennen sie nicht,« sagte Cetegus zu sich. - »Und wann war das?« fragte
den Wirt.
    »An den vorigen Calenden.«
    »Ganz richtig,« rechnete Cetegus; »da kam sie von Tarentum durch Rom nach
Ravenna. Sie ruhte hier drei Tage.«
    »Und so hast du,« lachte Piso, »deinen Ares eingebüsst für einen Blick.
Schlechter Handel! diesmal waren Merkur und Venus im Bunde. Armer Kallistratos.«
    
    »Ach,« sagte dieser, »die Büste war gar nicht soviel wert. Es war moderne
Arbeit. Jon in Neapolis hat sie vor drei Jahren gemacht. Aber ich sag' euch,
einen Pheidias hätt' ich hingegeben um jenen Anblick.«
    »Ein Idealkopf?« fragte Cetegus, wie gleichgültig und hob den ehernen
Mischkrug, der vor ihm stand, scheinbar bewundernd, auf.
    »Nein, das Modell war ein Barbar - irgendein Gotengraf - Watichis oder
Witichas - wer kann sich die hyperboräischen Namen merken!« sagte Kallistratos
seinen Bericht schliessend und einem Pfirsich die Haut abziehend.
    Nachdenklich schlürfte Cetegus aus seiner Schale von Bernstein.
 
                               Zwölftes Kapitel.
»Ja, die Barbarinnen könnte man sich gefallen lassen,« rief Markus Licinius,
»aber der Orkus verschlinge ihre Brüder!« Und er riss den welken Rosenkranz vom
Haupt: - die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht - und ersetzte ihn
durch einen frischen. »Nicht nur die Freiheit haben sie uns genommen - sie
schlagen uns bei den Töchtern Hesperiens in der Liebe sogar aus dem Felde. Erst
neulich hat die schöne Lavinia meinem Bruder die Türe verschlossen und den
fuchsroten Aligern eingelassen.«
    »Barbarischer Geschmack!« meinte der Verschmähte achselzuckend und wie zum
Trost nach seinem Isiswein langend. »Du kennst sie ja auch, Furius - ist es
nicht Geschmacksverirrung?« - »Ich kenne deinen Nebenbuhler nicht,« sagte der
Korse. »Aber es gibt schon Burschen unter diesen Goten, die einem Weib
gefährlich werden mögen.
    Und da fällt mir ein Abenteuer ein, das ich jüngst entdeckt, das aber
freilich noch ohne Spitze ist.« - »Erzähle nur,« mahnte Kallistratos, die Hände
in das laue Waschwasser steckend, das jetzt in korintischen Erzschüsseln
herumgereicht wurde, vielleicht finden wir die Spitze dazu.
    »Der Held meiner Geschichte,« hob Furius an, »ist der schönste der Goten.« -
»Ah, Totila der junge,« unterbrach Piso und liess sich den kameengeschmückten
Becher mit Eiswein füllen. »Derselbe. Ich kenne ihn seit Jahren und bin ihm sehr
gut, wie alle müssen, die je sein sonnig Angesicht geschaut, abgesehen davon,« -
und hier überflog des Korsen Züge ein Schatten ernsten Erinnerns, und er stockte
- »dass ich ihm sonst verbunden bin.«
    »Du bist, scheint's, verliebt in den Blondkopf,« spottete Massurius, dem
Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch voll pizentinischen Zwiebacks zuwerfend,
um es mit nach Hause zu nehmen. »Nein, aber er hat mir, wie allen, mit denen er
zu tun hat, viel Freundliches erwiesen, und gar oft hatte er die Hafenwache in
den italischen Seestädten, wo ich landete.«
    »Ja, er hat grosse Verdienste um das Seewesen der Barbaren,« sagte Lucius
Licinius. - »Wie um ihre Reiterei,« stimmte Markus bei, »der schlanke Bursche
ist der beste Reiter seines Volks.«
    »Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten uns der Begegnung, aber
vergebens drang ich in ihn, die fröhlichen Abendgelage auf meinem Schiffe zu
teilen.«
    »O, diese deine Schiffsabende sind berühmt und berüchtigt,« meinte Balbus,
»du hast stets die feurigsten Weine.« - »Und die feurigsten Mädchen,« fügte
Massurius bei.
    »Wie dem sei, Totila schützte jedesmal Geschäfte vor und war nicht zu
gewinnen. Ich bitte euch! Geschäfte nach der achten Stunde in Neapolis! Wo die
Fleissigsten faul sind! Es waren natürlich Ausflüchte. Ich beschloss ihm auf die
Sprünge zu kommen und umschlich abends sein Haus in der Via lata. Richtig:
gleich den ersten Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend und, zu meinem
Staunen, verkleidet; wie ein Gärtner war er angetan, einen Reisehut tief ins
Gesicht gezogen, eine Abolla umgeschlagen. Ich schlich ihm nach. Er ging quer
durch die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht neben dem Tore steht ein dicker
Turm, darinnen wohnt der Pförtner, ein alter patriarchenhafter Jude, dem König
Teoderich ob seiner grossen Treue die Hut des Tores anvertraut.
    Vor dem Turme blieb mein Gote stehen und schlug leise in die Hand: da flog
eine schmale Seitentür von Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geräuschlos auf und
hinein schlüpfte Totila geschmeidig wie ein Aal.«
    »Ei, ei,« fiel Piso der Dichter eifrig ein, »ich kenne den Juden und Miriam,
sein herrlich prachtäugiges Kind! Die schönste Tochter Israels, die Perle des
Morgenlands, ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug' ist dunkelmeeresblau und ihre
Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs.« - »Gut, Piso,« lächelte Cetegus -
»dein Gedicht ist schön.« - »Nein,« rief dieser. »Miriam selbst ist die
lebendige Poesie.« - »Stolz ist die Judendirne,« brummte Massurius dazwischen,
»sie hat mich und mein Gold verschmäht mit einem Blick, als habe man nie ein
Weib um Geld gekauft.« - »Siehe,« sprach Lucius Licinius, »so hat sich der
hochmüt'ge Gote, der einherschreitet, als trüg' er alle Sterne des Himmels auf
seinem Lockenhaupt, zu einer Jüdin herabgelassen.«
    »So dacht' auch ich und ich beschloss, den Jungen bei nächster Gelegenheit
schwer zu verhöhnen mit seinem Moschusgeschmack. Aber nichts da. Ein paar Tage
darauf musste ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang auf, die Hitze zu
meiden. Ich fahre durch die Porta Capuana zur Stadt hinaus beim ersten Frührot:
und als ich in meinem Reisewagen über die harten Steine an dem Judenturm
vorüberrassele, denk' ich neidvoll an Totila und sage mir, der liegt jetzt in
weichen Armen. Aber am zweiten Meilenstein vor dem Tor begegnet mir, nach der
Stadt zuschreitend, leere Blumenkörbe über Brust und Rücken, in Gärtnertracht,
wie damals - Totila. Er lag also nicht in Miriams Armen. Die Jüdin war nicht
seine Geliebte, vielleicht seine Vertraute, und wer weiss, wo die Blume blüht,
die dieser Gärtner pflegt. Der Glücksvogel! Bedenkt nur, auf der Via Capuana
stehen all' die Villen und Lustschlösser der ersten Familien von Neapolis und in
jenen Gärten prangen und blühen die herrlichsten Weiber.«
    »Bei meinem Genius,« rief Lucius Licinius, die bekränzte Schale hebend,
»dort leben ja die schönsten Weiber Italiens - Fluch über den Goten!« - »Nein,«
schrie Massurius, von Wein erglühend, »Fluch über Kallistratos und den Korsen,
die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten, wie der Storch aus Kelchgläsern
den Fuchs. Lass endlich, Hausherr, deine Mädchen kommen, wenn du deren bestellt
hast: nicht höher brauchst du unsre Erwartung zu spannen.« - »Jawohl, die
Mädchen, die Tänzerinnen, die Psalterien!« riefen die jungen Leute
durcheinander.
    »Halt,« sprach der Wirt, »wo Aphrodite naht, muss sie auf Blumen wandeln.
Dies Glas bring ich dir, Flora!« Er sprang auf und schleuderte an die getäfelte
Decke eine köstliche Kristallschale, dass sie klirrend zersprang.
    Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob sich das ganze Getäfel
wie eine Falltür empor und ein reicher Regen von Blumen aller Art flutete auf
die Häupter der erstaunten Gäste nieder, Rosen von Pästum, Veilchen von Turii,
Myrten von Tarentum, Mandelblüten bedeckten wie ein dichtes Schneegestöber in
duftigen Flocken den Mosaikboden, die Tische, die Polster und die Häupter der
Gäste.
    »Schöner,« rief Cetegus, »zog Venus nie auf Paphos ein.«
    Kallistratos schlug in die Hände. Da teilte sich beim Klang von Lyra und
Flöte dem Triklinium gerade gegenüber die Mittelwand des Gemachs: vier
hochgeschürzte Tänzerinnen, ausgesucht schöne Mädchen, in persische Tracht, d.h.
in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen zimbelnschlagend aus einem
Gebüsch von blühendem Oleander.
    Hinter ihnen kam ein grosser Wagen in Gestalt einer Fächermuschel, dessen
goldne Räder von acht jungen Sklavinnen geschoben wurden, vier Flötenbläserinnen
in lydischem Gewand - Purpur und Weiss mit goldgestickten Mänteln - schritten
vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte, von Rosen übergossen, in halb
liegender Stellung Aphrodite selbst, in Gestalt eines blühenden Mädchens von
lockender üppiger Schönheit, dessen fast einzige Verhüllung der Aphroditen
nachgebildete Gürtel der Grazien war.
    »Ha, beim heiligen Eros und Anteros!« schrie Massurius und sprang unsichern
Schrittes von der Kline herab unter die Gruppe.
    »Verlosen wir die Mädchen!« rief Piso, »ich habe ganz neue Würfel aus
Gazellenknöcheln, weihen wir sie ein.« »Lass sie den Festkönig verteilen,« schlug
Marcus Licinius vor. »Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der Liebe,« rief
Massurius und fasste die Göttin heftig am Arme, »und Musik, heda, Musik - -«
    »Musik,« befahl Kallistratos.
    Aber ehe noch die Zymbelschlägerinnen wieder anheben konnten, wurde die
Eingangstüre hastig aufgerissen und die Sklaven, die ihn aufhalten wollten, zur
Seite drängend, stürmte Scävola herein, er war leichenblass.
    »Hier also, hier wirklich find' ich dich, Cetegus? in diesem Augenblick!«
    »Was gibt's?« sagte der Präfekt und nahm ruhig den Rosenkranz vom Haupt.
    »Was es gibt? das Vaterland schwankt zwischen Scylla und Charybdis. Die
gotischen Herzoge Tulun, Ibba und Pitza -«
    »Nun?« fragte Lucius Licinius.
    »Sie sind ermordet!«
    »Triumph!« rief der junge Römer und liess die Tänzerin fahren, die er umfasst
hielt.
    »Schöner Triumph!« zürnte der Jurist. »Als die Nachricht nach Ravenna kam,
beschuldigte alles Volk die Königin, sie stürmten den Palast: - doch
Amalaswinta war entfloh'n.«
    »Wohin?« fragte Cetegus, rasch aufspringend.
    »Wohin? auf einem Griechenschiff - nach Byzanz!«
    Cetegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch und furchte die Stirn.
    »Aber das Ärgste ist - die Goten wollen sie absetzen und einen König
wählen«. - »Einen König?« sagte Cetegus. »Wohlan, ich rufe den Senat zusammen.
Auch die Römer sollen wählen.«
    »Wen, was sollen wir wählen?« fragte Scävola.
    Aber Cetegus brauchte nicht zu antworten. Lucius Licinius rief statt
seiner: »Einen Diktator! fort, fort in den Senat.«
    »In den Senat!« wiederholte Cetegus majestätisch. »Syphax, meinen Mantel.«
    »Hier, Herr, und dabei dein Schwert,« flüsterte der Maure. »Ich führ' es
immer mit, auf alle Fälle.«
    Und Wirt und Gäste folgten halb taumelnd dem Präfekten, der, allein völlig
nüchtern, ihnen voran aus dem Hause auf die Strasse schritt.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
In einem der schmalen Gemächer des Kaiserpalastes zu Byzanz stand kurze Zeit
nach dem Fest der Floralien ein kleiner Mann von nicht ansehnlicher Gestalt in
sorgenschweres Sinnen versunken.
    Es war still und einsam rings um ihn.
    Obwohl es draussen noch heller Tag, war doch das Rundbogenfenster, das nach
dem Hofraum des weitläufigen Gebäudes führte, mit schweren golddurchwirkten
Teppichen dicht verhangen: gleichköstliche Stoffe deckten den Mosaikboden des
Zimmers, so dass kein Geräusch die Schritte des langsam auf und ab Wandelnden
begleitete.
    Gedämpftes, mattes Licht füllte den Raum.
    Auf dem Goldrund der Wände prangte die lange Reihe der christlichen
Imperatoren seit Constantius in kleinen weissen Büsten: gerade über dem
Schreibdiwan hing ein grosses mannshohes Kreuz von gediegenem Golde.
    So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran vorbeikam, neigte er das
Haupt vor demselben: denn in der Mitte des Goldes war, von Glas umschlossen, ein
Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht.
    Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, die, den Orbis romanus
darstellend, auf purpurgesäumtem Pergament eine der Wände bedeckte: nach langem,
prüfendem Blick seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten Gesicht und Augen.
    Es waren keine schönen Augen und kein edles Gesicht: aber vieles, Gutes und
Böses, lag darin.
    Wachsamkeit, Misstrauen und List sprachen aus dem unruhigen Blick der
tiefliegenden Augen: schwere Falten, der Sorge mehr als des Alters, furchten die
vorspringende Stirn und die magern Wangen.
    »Wer den Ausgang wüsste!« seufzte er noch einmal, die knochigen Hände
reibend. »Es treibt mich unablässig. Ein Geist ist in meine Brust gefahren und
mahnt und mahnt.
    Aber ist's ein Engel des Herrn oder ein Dämon? Wer mir meinen Traum deutete!
Vergib dreieiniger Gott, vergib deinem eifrigsten Knecht. Du hast die
Traumdeuter verflucht.
    Aber doch träumte König Pharao und Joseph durfte ihm deuten: und Jakob sah
im Traum den Himmel offen und ihre Träume kamen von dir. Soll ich? - darf ich es
wagen?«
    Und wieder schritt er unschlüssig auf und nieder, wer weiss, wie lange noch,
wäre nicht der Purpurvorhang des Eingangs leise gehoben worden.
    Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem kleinen Mann zur Erde mit
auf der Brust gekreuzten Armen. »Imperator, die Patrizier, die du beschieden.«
    »Geduld«, sagte jener, sich auf die Kline mit dem Gestell von Gold und
Elfenbein niederlassend, »rasch die Silberschuhe und die Chlamys.«
    Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken Sohlen und den hohen
Absätzen an, welche die Gestalt um ein paar Zoll erhöhten, und warf ihm den
faltenreichen, mit Goldsternen übersäten Mantel um die Schulter, jedes Stück der
Gewandung küssend, wie er es berührte: nach einer Wiederholung der fussfälligen
Niederwerfung, die in dieser orientalischen Unterwürfigkeit erst neuerlich
verschärft worden war, ging der Velarius.
    Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm auf eine gebrochne
Porphyrsäule aus dem Tempel von Jerusalem gestützt, die zu diesem Behuf nach
seiner Grösse zurechtgesägt war, in seiner »Audienzattitüde« dem Eingang
gegenüber.
    Der Vorhang ging zurück und drei Männer betraten das Gemach mit der gleichen
Begrüssungsform wie jener Sklave und doch waren sie die ersten Männer dieses
Kaiserreichs, wie, mehr noch als ihre reichgeschmückten Gewänder, ihre
hochbedeutenden Köpfe, ihre geistvollen Züge bewiesen.
    »Wir haben euch beschieden,« hob der Kaiser an, ohne ihre demütige Begrüssung
zu erwidern, »euren Rat zu hören - über Italien. Ich habe euch alle nötigen
Kenntnisse über die Dinge daselbst verschafft: die Briefe der Regentin, die
Dokumente der Patriotenpartei daselbst: drei Tage hattet ihr Zeit. Erst rede du,
Magister Militum.«
    Und er winkte dem Grössten unter den dreien, einer stattlichen, ganz in eine
reichvergoldete Rüstung gekleideten Heldengestalt. Die grossen, offenen,
hellbraunen Augen sprachen von Treue und Zuversicht, eine starke gerade Nase,
volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder Kraft, die breite Brust,
die gewaltigen Schenkel und Arme hatten etwas Herkulisches, der Mund aber zeigte
trotz des grimmen Rundbartes Milde und Guterzigkeit.
    »Herr,« sprach er mit voller, aus tiefer Brust quellender Stimme, »Belisars
Rat ist immer: greifen wir die Barbaren an. Soeben hab' ich auf dein Geheiss das
Reich der Vandalen in Afrika zertrümmert mit fünfzehntausend Mann. Gib mir
dreissigtausend, und ich werde dir die Gotenkrone zu Füssen legen.«
    »Gut,« sprach der Kaiser erfreut, »dies Wort hat mir wohlgetan. Was sprichst
du, Perle meiner Rechtsgelehrten Tribonianus?«
    Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar, aber nicht so breitschultrig
und die Glieder nicht so sehr durch stete Übung entwickelt. Die hohe, ernste
Stirn, das ruhige Auge, der festgeschnittene Mund zeugten von einem mächtigen
Geist. »Imperator«, sagte er gemessen, »ich warne dich vor diesem Krieg. Er ist
ungerecht.«
    
    Unwillig fuhr Justinianus auf: »Ungerecht! wiederzunehmen, was zum römischen
Reich gehört.«
    »Gehört hat. Dein Vorfahr Zeno überliess durch Vertrag das Abendland an
Teoderich und seine Goten, wenn sie den Anmasser Odovakar gestürzt.«
    »Teoderich sollte Stattalter des Kaisers sein, nicht König von Italien.«
    »Zugegeben. Aber nachdem er es geworden - wie er es werden musste, ein
Teoderich konnte nicht der Diener eines Kleinern sein - hat ihn Kaiser
Anastasius, dein Ohm Justinus, du selbst hast ihn anerkannt, ihn und sein
Königreich.«
    »Im Drang der Not. Jetzt, da sie in Not und ich der Stärkere, nehm' ich die
Anerkennung zurück.«
    »Das eben nenn' ich ungerecht.«
    »Du bist unbequem und unbeholfen, Tribonian, und ein zäher Rechtaber. Du
taugst trefflich, meine Pandekten zusammenzubauen. In Politik werd' ich dich nie
wieder befragen. Was hat die Gerechtigkeit mit der Politik zu tun!«
    »Gerechtigkeit, o Justinianus, ist die beste Politik.«
    »Bah, Alexander und Cäsar dachten anders.«
    »Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet und dann zweitens« - er hielt
inne.
    »Nun, zweitens?«
    »Zweitens bist du nicht Cäsar und nicht Alexander.« - -
    Alle schwiegen. Nach einer Pause sagte der Kaiser ruhig: »Du bist sehr
offen, Tribonianus.«
    »Immer, Justinianus.«
    Rasch wandte sich der Kaiser zu dem dritten. »Nun, was ist deine Meinung,
Patricius?«
 
                              Vierzehntes Kapitel.
Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein kaltes Lächeln, das ihm die
Moralpolitik des Juristen erweckt und richtete sich auf.
    Es war ein verkrüppeltes Männchen, noch bedeutend kleiner als Justinian,
weshalb dieser im Gespräch mit ihm den Kopf noch viel mehr als nötig gewesen
wäre, herabsenkte. Er war kahlköpfig, die Wangen von krankhaftem Wachsgelb, die
rechte Schulter höher als die linke und er hinkte etwas auf dem linken Fuss,
weshalb er sich auf einen schwarzen Krückstock mit goldnem Gabelgriff stützte.
Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, dass es von dieser
unansehnlichen Gestalt den Eindruck des Widrigen fernhielt, dem fast hässlichen
Gesicht die Weihe geistiger Grösse verlieh: und der Zug schmerzlicher Entsagung
und kühler Überlegenheit um den feinen Mund hatte sogar einen fesselnden Reiz.
»Imperator,« sagte er mit scharfer bestimmter Stimme, »ich widerrate diesen
Krieg - für jetzt.«
    Unwillig zuckte des Kaisers Auge: »Auch aus Gründen der Gerechtigkeit?«
fragte er, fast höhnisch. - »Ich sagte für jetzt.« - »Und warum?« - »Weil das
Notwendige dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen hat, soll nicht
in fremde Häuser einbrechen.« - »Was soll das heissen?« - »Das soll heissen: vom
Westen, von den Goten droht diesem Reiche keine Gefahr. Der Feind, der dieses
Reich verderben kann, vielleicht verderben wird, kömmt vom Osten.«
    »Die Perser!« rief Justinian verächtlich.
    »Seit wann,« sprach Belisar dazwischen, »seit wann fürchtet Narses, mein
grosser Nebenbuhler, die Perser?«
    »Narses fürchtet niemand,« sagte dieser, ohne seinen Gegner anzusehn, »weder
die Perser, die er geschlagen hat, noch dich, den die Perser geschlagen haben.
Aber er kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so sind es andre, die nach
ihnen kommen. Das Gewitter, das Byzanz bedroht, steigt vom Tigris auf, nicht vom
Tiber.«
    »Nun, und was soll das bedeuten?«
    »Das soll bedeuten, dass es schimpflich ist für dich, o Kaiser, für den
Römernamen, den wir noch immer führen, Jahr für Jahr von Chosroes dem
Perserchan, den Frieden um viele Zentner Goldes zu erkaufen.«
    Flammende Röte überflog des Kaisers Antlitz: »Wie kannst du Geschenke,
Hilfsgelder also deuten!«
    »Geschenke! und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur über den Zahltag,
verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn, deine Dörfer. Hilfsgelder! und er besoldet
damit Hunnen und Sarazenen, deiner Grenze gefährlichste Feinde.«
    Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer. »Was also rätst du?«
fragte er, hart vor Narses stehenbleibend. »Nicht die Goten anzugreifen ohne
Not, ohne Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle Kräfte deines
Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen Tribute abzustellen, die
schmählichen Verheerungen deiner Grenzen zu verhindern, die verbrannten Städte
Antiochia, Dara, Edessa wieder aufzubauen, die Provinzen wieder zu gewinnen, die
du im nahen Osten - trotz Belisars tapfrem Schwert - verloren, deine Grenzen
durch einen siebenfachen Gürtel von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu
schirmen. Und hast du dies Notwendige alles vollbracht - und ich fürchte sehr,
du kannst es nicht vollbringen! - dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich
lockt.«
    Justinianus schüttelte leicht das Haupt. »Du bist mir nicht erfreulich,
Narses,« sagte er bitter.
    »Das weiss ich längst,« sprach dieser ruhig.
    »Und nicht unentbehrlich!« rief Belisar stolz. »Kehre dich nicht, mein
grosser Kaiser, an diese kleinen Zweifler! Gib mir die dreissigtausend und ich
wette meine rechte Hand, ich erobre dir Italien.«
    »Und ich wette meinen Kopf,« sagte Narses, »was mehr ist, dass Belisar
Italien nicht erobern wird, nicht mit dreissig-, nicht mit sechzig-, nicht mit
hunderttausend Mann.«
    »Nun,« fragte Justinian, »und wer soll's dann können und mit welcher Macht?«
    »Ich,« sagte Narses, »mit achtzigtausend.«
    Belisar erglühte vor Zorn: er schwieg, weil er keine Worte fand.
    »Du hast dich doch bei allem Selbstgefühl sonst nie so hoch über deinen
Gegner gestellt«, sprach der Jurist.
    »Und tu's auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der Unterschied ist der:
Belisarius ist ein grosser Held, der bin ich nicht. Aber ich bin ein grosser
Feldherr - und siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur ein
grosser Feldherr überwinden.«
    Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe auf und presste die
Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf. Es war als wollte er dem Krüppel neben
ihm den Kopf zerdrücken. Der Kaiser sprach für ihn: »Belisar kein grosser
Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses.«
    »Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal,« seufzte er leise, »um seine
Gesundheit. Er wäre ein grosser Feldherr, wenn er nicht ein so grosser Held wäre.
Er hat noch jede Schlacht, die er verlor, aus zu viel Heldentum verloren.«
    »Das kann man von dir nicht sagen, Narses«, warf Belisar bitter ein.
    »Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht verloren.«
    Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten durch den Velarius,
der, den Vorhang aufhebend, meldete:
    »Alexandros, den du nach Ravenna gesendet, o Herr, ist seit einer Stunde
gelandet und fragt -«
    »Herein mit ihm, herein!« rief der Kaiser, hastig von seiner Kline
aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten, von seiner Proskynesis sich zu
erheben: »Nun, Alexandros, du kömmst allein zurück?«
    Der Gesandte, ein schöner, noch junger Mann, wiederholte: »Allein.«
    »Es verlautete doch - dein letzter Bericht - wie verliessest du das
Gotenreich?«
    »In grosser Verwirrung. Ich schrieb dir in meinem letzten Bericht, die
Königin habe beschlossen, sich ihrer drei hochmütigsten Feinde zu entledigen.
Sollte der Anschlag misslingen, so war sie in Italien nicht mehr sicher und bat
sich in diesem Fall aus, dass ich sie auf meinem Schiff nach Epidamnus, dann
hierher nach Byzanz flüchten dürfe.«
    »Was ich mit Freuden bewilligte. Nun, und der Anschlag?«
    »Ist geglückt. Die drei Herzoge sind nicht mehr.
    Aber nach Ravenna kam das Gerücht, der gefährlichste unter ihnen, Herzog
Tulun, sei nur verwundet. Dies bewog die Regentin, da ohnehin die Goten in der
Stadt sich drohend vor dem Palaste scharten, auf mein Schiff zu flüchten. Wir
lichteten die Anker, aber bald nachdem wir den Hafen verlassen, schon auf der
Höhe von Ariminum, holte uns Graf Witichis mit Übermacht ein, kam an Bord und
forderte Amalaswinten auf, zurückzukehren, indem er sich für ihre Sicherheit
bis zu feierlicher Untersuchung vor der Volksversammlung verbürgte. Da sie von
ihm erfuhr, dass jetzt auch Herzog Tulun seinen Wunden erlegen, und aus seinem
Anerbieten sah, dass er und seine mächtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld
glaubten, da überdies Gewalt zu fürchten war, willigte sie darein, mit ihm
umzukehren nach Ravenna. Zuvor aber schrieb sie noch an Bord der Sophia diesen
Brief an dich und sendet dir aus ihrem Schatze diese Geschenke.«
    »Davon später, sprich weiter, wie stehn die Dinge jetzt in Italien?«
    »Gut für dich, o grosser Kaiser. Das vergrösserte Gerücht von dem Aufstand der
Goten in Ravenna, von der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog das ganze
Land. Vielfach kam es schon zum Zusammenstoss zwischen Römern und Barbaren. In
Rom selbst wollten die Patrioten losschlagen, im Senat einen Diktator wählen,
deine Hilfe anrufen. Aber alles wäre verfrüht gewesen, nachdem die Regentin in
den Händen des Witichis: nur das geniale Haupt der Katakombenmänner hat es
verhindert.«
    »Der Präfekt von Rom?« fragte Justinian.
    »Cetegus. Er misstraute dem Gerücht. Die Verschworenen wollten die Goten
überfallen, dich zum Kaiser Italiens ausrufen, ihn einstweilen zum Diktator
wählen. Aber er liess sich in der Kurie buchstäblich die Dolche auf die Brust
setzen und sagte: nein.«
    »Ein mutiger Mann!« rief Belisar.
    »Ein gefährlicher Mann!« sagte Narses.
    »Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rückkehr Amalaswintens und
alles blieb beim alten. Der schwarze Teja aber hatte geschworen, Rom zu einer
Viehweide zu machen, wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen. All das hab' ich
auf meiner absichtlich zögernden Küstenfahrt bis nach Brundusium erfahren. Aber
noch Besseres hab' ich zu melden. Nicht nur unter den Römern, unter den Goten
selbst hab' ich eifrige Freunde von Byzanz gefunden, ja unter den Gliedern des
Königshauses.«
    »Das wäre!« rief Justinian. »Wen meinst du?«
    »In Tuscien lebt, reichbegütert, Fürst Teodahad, Amalaswintens Vetter.«
    »Jawohl, der letzte Mann im Haus der Amalungen, nicht wahr?«
    »Der letzte. Er und noch viel mehr Gotelindis, sein kluges, aber böses
Gemahl, die stolze Baltentochter, hassen aufs gründlichste die Regentin: er,
weil sie seiner masslosen Habsucht, mit der er all' seiner Nachbarn Grundbesitz
an sich zu reissen sucht, entgegentritt: sie, aus Gründen, die ich nicht
entdecken konnte: ich glaube, sie reichen in die Mädchenzeit der beiden
Fürstinnen zurück - genug, ihr Hass ist tödlich. Diese beiden nun haben mir
zugesagt, dir in jeder Weise Italien zurückgewinnen helfen zu wollen: ihr genügt
es, scheint's, die Todfeindin vom Tron zu stürzen: er freilich fordert reichen
Lohn.«
    »Der soll ihm werden.«
    »Seine Hilfe ist deshalb wichtig, weil er schon halb Tuscien besitzt - das
Adelsgeschlecht der Wölsungen hat den andern Teil - und spielend in unsre Hände
bringen kann: dann aber, weil er, wenn Amalaswinta fällt, ihr auf den Tron zu
folgen Aussicht hat. Hier sind Briefe von ihm und von Gotelindis. Aber lies vor
allem das Schreiben der Regentin - ich glaube, es ist sehr wichtig.«
 
                              Fünfzehntes Kapitel.
Der Kaiser zerschnitt die Purpurschnüre der Wachstafel und las: »An Justinian,
den Imperator der Römer, Amalaswinta, der Goten und Italier Königin!«
    »Der Italier Königin,« lachte Justinian, »welch verrückter Titel!«
    »Durch Alexandros, Deinen Gesandten, wirst Du erfahren, wie Eris und Ate in
diesem Lande hausen. Ich gleiche der einsamen Palme, die von widerstreitenden
Winden zerrissen wird. Die Barbaren werden mir täglich feindseliger, ich ihnen
täglich fremder, die Römer aber, soviel ich mich ihnen nähere, werden mir nie
vergessen, dass ich germanischen Stammes. Bis jetzt habe ich entschlossenen
Geistes allen Gefahren getrotzt: jedoch ich kann es nicht länger, wenn nicht
wenigstens mein Palast, meine fürstliche Person vor der Überraschung drängender
Gewalt sicher ist. Ich kann mich aber auf keine der Parteien hier im Lande
unbedingt verlassen.
    So ruf ich Dich, als meinen Bruder in der königlichen Würde, zu Hilfe. Es
ist die Majestät aller Könige, die Ruhe Italiens, die es zu beschirmen gilt.
    Schicke mir, ich bitte Dich, eine verlässige Schar, eine Leibwache« - der
Kaiser warf einen bedeutsamen Blick auf Belisar - »eine Schar von einigen
tausend Mann mit einem mir unbedingt ergebenen Anführer: sie sollen den Palast
von Ravenna besetzen: er ist eine Festung für sich. Was Rom betrifft, so müssen
jene Scharen mir vor allem den Präfekten Cetegus, der ebenso mächtig als
zweideutig ist und mich in der Gefahr, in die er mich geführt, plötzlich
verlassen hat, fernhalten, nötigenfalls vernichten. Habe ich meine Feinde
niedergeworfen und mein Reich befestigt, wie ich zum Himmel und der eignen Kraft
vertraue, so werd' ich Dir Truppen und Führer mit reichen Geschenken und
reicherem Dank zurücksenden. Vale.«
    Justinian drückte krampfhaft die Wachstafel in seiner Faust: leuchtenden
Auges sah er vor sich hin, seine nicht schönen Züge veredelten sich im Ausdruck
hoher geistiger Macht, und dieser Augenblick zeigte, dass in dem Manne neben
vielen Schwächen und Kleinheiten Eine Stärke, Eine Grösse lebte: die Grösse eines
diplomatischen Genies.
    »In diesem Brief,« rief er endlich strahlenden Blickes, »halt' ich Italien
und das Gotenreich.« Und in mächtiger Bewegung durchschritt er das Gemach mit
grossen Schritten, jetzt sogar die Verbeugung vor dem Kreuz vergessend.
    »Eine Leibwache - sie soll sie haben! Aber nicht ein paar tausend Mann,
viele Tausende, mehr als ihr lieb sein wird, und du, Belisarius, sollst sie
führen.«
    »Sieh auch die Geschenke«, mahnte Alexandros und wies auf einen köstlichen
Schrein von Tuienholz mit Gold eingelegt, den der Velarius hinter ihm
niedergestellt hatte. »Hier ist der Schlüssel.« Er überreichte ein kleines
Büchschen von Schildpatt, das mit der Regentin Siegel geschlossen war.
    »Es ist ihr Bild dabei,« sagte er, wie zufällig mit lauterer Stimme.
    In dem Augenblick, da der Gesandte die Stimme kräftiger erhoben, steckte
sich, leise und unbemerkt von allen ausser ihm, der Kopf eines Weibes durch den
Vorhang, und zwei funkelnde schwarze Augen sahen scharf auf den Kaiser. Dieser
öffnete den Schrein, schob rasch alle Kostbarkeiten beiseite und griff hastig
nach einem unscheinbaren Täfelchen von geglättetem Buchs mit einem schmalen
Goldrahmen. Ein Ruf des Staunens entflog unwillkürlich seinen Lippen, sein Auge
blitzte, er zeigte das Bild Belisar: »Ein herrliches Weib, welche Majestät der
Stirn! ja, man sieht die geborene Herrscherin, die Königstochter!« und
bewundernd sah er auf die edeln Züge.
    Da rauschte der Vorhang und die Lauscherin trat ein.
    Es war Teodora, die Kaiserin: ein verführerisches Weib. Alle Künste
weiblichen Erfindungsgeistes in einer Zeit des äussersten Luxus und alle Mittel
eines Kaiserreichs wurden täglich stundenlang aufgeboten, diese an sich
ausgezeichnete, aber durch ein zügelloses Sinnenleben früh angegriffene
Schönheit frisch und blendend zu erhalten.
    Goldstaub lieh ihrem dunkelblauschwarzen Haar metallischen Glanz: es war am
Nacken mit aller Sorgfalt gegen den Wirbel hinaufgekämmt, den schönen Bau des
Hinterkopfs, den feinen Ansatz des Halses zu zeigen.
    Augenbrauen und Wimpern waren mit arabischem Stimmi glänzend schwarz
gefärbt: und so künstlich war das Rot der Lippen aufgetragen, dass selbst
Justinian, der diese Lippen küsste, nie an eine Unterstützung der Natur durch
phönikischen Purpur dachte. Jedes Härchen an den alabasterweissen Armen war
sorgfältig ausgetilgt und das zarte Rosa der Fingernägel beschäftigte täglich
eine besondere Sklavin lange Zeit.
    Und doch hätte Teodora, damals noch nicht vierzig Jahre alt, auch ohne all
diese Künste für ein ganz auffallend schönes Weib gelten müssen.
    Edel freilich war dieses Antlitz nicht: kein grosser, ja kein stolzer Gedanke
sprach aus diesen angestrengten, unheimlich glänzenden Augen: um die Lippen
schwebte ein zur Gewohnheit gewordenes Lächeln, das die Stelle der ersten
künftigen Falte ahnen liess: und die Wangen zeigten in der Nähe der Augen Spuren
müder Erschöpfung.
    Aber wie sie jetzt mit ihrem süssesten Lächeln auf Justinian zuschwebte, das
schwere Faltenkleid von dunkelgelber Seide zierlich mit der Linken aufhebend,
übte die ganze Erscheinung einen betäubenden Zauber, ähnlich dem süssen
einlullenden Geruch von indischem Balsam, der von ihr duftete.
    »Was erfreut meinen kaiserlichen Herrn so sehr? darf ich seine Freude
teilen?« fragte sie mit süsser, einschmeichelnder Stimme. Die Anwesenden warfen
sich vor der Kaiserin zur Erde, kaum minder ehrerbietig als vor Justinian.
    Dieser aber schrak bei ihrem Anblick, wie auf einer Schuld ertappt, zusammen
und wollte das Bild in der Busenfalte seiner Chlamys verbergen. Aber zu spät.
Schon haftete der Kaiserin scharfer Blick darauf.
    »Wir bewunderten,« sagte er verlegen, »die - die schöne Goldarbeit des
Rahmens.« Und er reichte ihr errötend das Bild.
    »Nun, an dem Rahmen«, lächelte Teodora, »ist beim besten Willen nicht viel
zu bewundern. Aber das Bild ist nicht übel. Gewiss die Gotenfürstin?« Der
Gesandte nickte. »Nicht übel, wie gesagt. Aber barbarisch, streng, unweiblich.
Wie alt mag sie sein, Alexandros?«
    »Etwa fünfundvierzig.«
    Justinian blickte fragend auf das Bild, dann auf den Gesandten. »Das Bild
ist vor fünfzehn Jahren gemacht«, sagte Alexandros wie erklärend.
    »Nein,« sprach der Kaiser, »du irrst; hier steht die Jahrzahl nach Indiktion
und Konsul und ihrem Regierungsantritt: es ist von diesem Jahr.«
    Eine peinliche Pause entstand.
    »Nun,« stammelte der Gesandte, »dann schmeicheln die Maler wie -« - »Wie die
Höflinge,« schloss der Kaiser. Aber Teodora kam ihm zu Hilfe.
    »Was plaudern wir von Bildern und dem Alter fremder Weiber, wo es sich um
das Reich handelt. Welche Nachrichten bringt Alexandros? Bist du entschlossen,
Justinianus?« - »Beinahe bin ich es. Nur deine Stimme wollte ich noch hören und
du, das weiss ich, bist für den Krieg.«
    Da sagte Narses ruhig: »Warum, Herr, hast du uns nicht gleich gesagt, dass
die Kaiserin den Krieg will? Wir hätten unsre Worte sparen können.« - »Wie?
willst du damit sagen, dass ich der Sklave meines Weibes bin?« - »Hüte besser
deine Zunge,« sagte Teodora zornig, »schon manchen, der sonst unverwundbar
schien, hat die eigne spitze Zunge erstochen.«
    »Du bist sehr unvorsichtig, Narses,« warnte Justinian.
    »Imperator,« sagte dieser ruhig, »die Vorsicht hab' ich längst aufgegeben.
Wir leben in einer Zeit, in einem Reich, an einem Hof, wo man um jedes mögliche
Wort, das man gesprochen oder nicht gesprochen hat, in Ungnade fallen, zugrunde
gehen kann. Da mir nun jedes Wort den Tod bringen kann, will ich wenigstens an
solchen Worten sterben, die mir selbst gefallen.«
    Der Kaiser lächelte: »Du musst gestehn, Patricius, dass ich viel Freimut
ertrage.«
    Narses trat auf ihn zu: »Du bist gross von Natur, o Justinianus, und ein
geborner Herrscher: sonst würde Narses dir nicht dienen. Aber Omphale hat selbst
Herkules klein gemacht.«
    Die Augen der Kaiserin sprühten tödlichen Hass. Justinian ward ängstlich.
    »Geht,« sagte er, »ich will mit der Kaiserin allein beraten. Morgen vernehmt
ihr meinen Entschluss.«
 
                              Sechzehntes Kapitel.
Sowie sie draussen waren, schritt Justinian auf seine Gattin zu und drückte einen
Kuss auf ihre weisse niedre Stirn. »Vergib ihm,« sagte er, »er meint es gut.«
    »Ich weiss es,« sagte sie, seinen Kuss erwidernd. »Darum, und weil er
unentbehrlich ist gegen Belisar, darum lebt er noch.« - »Du hast recht, wie
immer.« Und er schlang den Arm um sie. »Was hat er Besondres vor?« dachte
Teodora. »Diese Zärtlichkeit deutet auf ein schlechtes Gewissen.«
    »Du hast recht,« wiederholte er, mit ihr im Gemach auf und nieder
schreitend. »Gott hat mir den Geist versagt, der die Schlachten entscheidet,
aber mir dafür diese beiden Männer des Sieges gegeben - und zum Glück ihrer
zwei. Die Eifersucht dieser beiden sichert meine Herrschaft besser als ihre
Treue: jeder dieser Feldherren allein wäre eine stete Reichsgefahrund an dem
Tage, da sie Freunde würden, wankte mein Tron. Du schürst doch ihren Hass?«
    »Er ist leicht zu schüren: es ist zwischen ihnen eine natürliche Feindschaft
wie zwischen Feuer und Wasser. Und jede Bosheit des Verschnittenen erzähl' ich
mit grosser Entrüstung meiner Freundin Antonina, des Helden Belisar Weib und
Gebieterin.« - »Und jede Grobheit des Helden Belisar bericht' ich treulich dem
reizbaren Krüppel. - Aber zu unsrer Beratung. Ich bin, nach dem Bericht des
Alexandros, so gut wie entschlossen zu dem Zug nach Italien.«
    »Wen willst du senden?« - »Natürlich Belisar. Er verheisst mit dreissigtausend
zu vollbringen, was Narses kaum mit achtzigtausend übernehmen will.«
    »Glaubst du, dass jene kleine Macht genügen wird?«
    »Nein. Aber Belisars Ehre ist verpfändet: er wird all seine Kraft aufbieten
und es wird ihm doch nicht ganz gelingen.« - »Und das wird ihm sehr heilsam
sein. Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu ertragen.« - »Aber
er wird drei Viertel der Arbeit tun. Dann rufe ich ihn ab, breche selbst mit
sechzigtausend auf, nehme Narses mit, vollende im Spiel das letzte Viertel und
bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger.«
    »Fein gedacht,« sagte Teodora in aufrichtiger Bewunderung seiner
Schlauheit: »dein Plan ist reif.«
    »Freilich,« sagte Justinian seufzend stehen bleibend. »Narses hat recht, im
geheimen Grund des Herzens muss ich's zugestehen. Es wäre dem Reiche heilsamer,
die Perser abwehren, als die Goten angreifen. Es wäre mehr sichere, weisere
Politik. Denn vom Osten kömmt einst das Verderben.«
    »Lass es kommen! Das kann noch Jahrhunderte anstehn, wann von Justinian nur
noch der Ruhm auf Erden lebt, wie Afrika, so Italien zurückgewonnen zu haben.
Hast du für die Ewigkeit zu bauen? Die nach dir kommen, mögen für ihre Gegenwart
sorgen: sorge du für die deine.« - »Wenn man aber dann sprechen wird: hätte
Justinian verteidigt, statt zu erobern, so stünd' es besser? Wenn man sagen
wird: Justinians Siege haben sein Reich zerstört?« - »So wird niemand sprechen.
Die Menschen blendet der Glanz des Ruhms. Und noch Eins« - und hier verdrängte
der Ernst der tiefsten Überzeugung den Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren
schmeichelnden Zügen.
    »Ich ahn' es, doch vollende.«
    »Du bist nicht nur Kaiser, du bist ein Mensch.
    Höher als das Reich muss dir deiner Seele Seligkeit stehen. Auf deinem, auf
unserm Pfad zur Herrschaft, zu dem Glanz dieser Herrschaft musste mancher blut'ge
Schritt geschehn: manches Harte musste getan werden: Leben und Schätze so manchen
gefährlichen Feindes mussten - genug.
    Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schätze der heiligen, der christlichen
Weisheit jenen Siegestempel, der allein schon unsern Namen unsterblich machen
wird auf Erden. Aber für den Himmel - wer weiss, ob es genügt!
    Lass uns« - und ihr Auge erglühte von unheimlichem Feuer - »lass uns die
Ungläubigen vertilgen und über die Leichen der Feinde Christi hin den Weg zur
Gnade suchen.« Justinian drückte ihre Hand. »Auch die Perser sind Feinde
Christi, sind sogar Heiden.« - »Hast du vergessen, was der Patriarch gelehrt?
Ketzer sind siebenmal schlimmer als Heiden! Ihnen ward der rechte Glaube
gebracht und sie haben ihn verschmäht. Das ist die Sünde wider den heiligen
Geist, die nie vergeben wird - auf Erden und im Himmel. Du aber bist das
Schwert, das diese gottverfluchten Arianer schlagen soll: sie sind Christi
verhassteste Feinde: sie kennen ihn und leugnen dennoch, dass er Gott. Schon hast
du in Afrika die ketzerischen Vandalen niedergeworfen und den Irrwahn dort in
Blut und Feuer erstickt: jetzt ruft dich Italien, Rom, die Stätte, wo der
Apostelfürsten Blut geflossen, die heil'ge Stadt: nicht länger darf sie diesen
Ketzern dienen. Justinian, gib sie dem wahren Glauben wieder.«
    Sie hielt inne. Der Kaiser blickte schwer aufatmend zu dem Goldkreuz empor.
»Du deckst die letzten Tiefen meines Herzens auf: das ist es ja, was, noch
mächtiger als Ruhm und Siegesehre, mich zu diesen Kriegen treibt. Aber bin ich
fähig, bin ich würdig, so Grosses, so Heiliges zu Gottes Ehre zu vollenden? Will
er durch meine sündge Hand so Grosses vollführen? Ich zweifle, ich schwanke. Und
der Traum, der mir in dieser Nacht geworden, war er von Gott gesendet? und was
soll er bedeuten? treibt er zum Angriff oder mahnt er ab? Nun, hatte deine
Mutter Komito, die Wahrsagerin von Kypros, grosse Weisheit, Ahnungen und Träume
zu deuten.« -
    »Und du weisst, die Gabe ist erblich. Habe ich dir nicht auch den Ausgang des
Vandalenkriegs aus deinem Traume gedeutet?«
    »Du sollst mir auch diesen Traum erklären. Du weisst, ich werde irre an dem
besten Plan, wenn ein Omen dawider spricht. Höre denn. Aber« - und er warf einen
ängstlichen Blick auf sein Weib - »aber bedenke, dass es ein Traum war und kein
Mensch für seine Träume kann.«
    »Natürlich, sie sendet Gott.« - »Was werd ich vernehmen?« sagte sie zu sich
selbst.
    »Ich war gestern nacht eingeschlafen, erwägend den letzten Bericht über
Amala - über Italien. Da träumte mir, ich ging durch eine Landschaft mit sieben
Hügeln. Dort ruhte unter einem Lorbeer das schönste Weib, das ich je gesehn. Ich
stand vor ihr und betrachtete sie mit Wohlgefallen. Plötzlich brach aus dem
Busch zur Rechten ein brüllender Bär, aus dem Gestein zur Linken eine zischende
Schlange gegen die Schlummernde hervor. Aufwachend rief sie meinen Namen. Rasch
ergriff ich sie, drückte sie an meine Brust und floh mit ihr: rückblickend sah
ich, wie der Bär die Schlange zerriss und die Schlange den Bären zu Tode biss.«
    »Nun, und das Weib?«
    »Das Weib drückte einen flüchtigen Kuss auf meine Stirn und war plötzlich
wieder verschwunden, und ich erwachte, vergebens die Arme nach ihr ausstreckend.
Das Weib,« fuhr er rasch fort, ehe Teodora nachsinnen sollte, »ist natürlich
Italien.«
    »Jawohl,« sagte die Kaiserin ruhig. Aber ihr Busen wogte. »Der Traum ist der
glücklichste. Bär und Schlange sind Barbaren und Italier, die um die
Siebenhügelstadt ringen. Du entreissest sie beiden und lässt sie sich gegenseitig
vernichten.«
    »Aber sie entschwindet mir wieder - sie bleibt mir nicht.«
    »Doch. Sie küsst dich und verschwindet in deinen Armen. So wird Italien
aufgehn in deinem Reich.«
    »Du hast recht,« rief Justinian aufspringend. »Sei bedankt, mein kluges
Weib. Du bist die Leuchte meiner Seele. Es sei gewagt: - Belisar soll ziehn.«
    Und er wollte den Velarius rufen. Doch hielt er plötzlich an. »Aber noch
eins.« Und die Augen niederschlagend, fasste er ihre Hand.
    »Ah,« dachte Teodora, »jetzt kommt's.«
    »Wenn wir nun das Gotenreich zerstört und in die Hofburg von Ravenna mit
Hilfe der Königin selbst eingezogen sind - was was soll dann mit ihr, der
Fürstin, werden?«
    »Nun,« sagte Teodora völlig unbefangen, »was mit ihr werden soll? Was mit
dem enttronten Vandalenkönig geworden. Sie soll hierher, nach Byzanz.«
    Justinian atmete hoch auf. »Mich freut es, dass du das Richtige fandest.«
    Und in wirklicher Freude drückte er ihr die schmale, weisse, wunderzierliche
Hand.
    »Mehr als das,« fuhr Teodora fort. »Sie wird um so leichter auf unsre Pläne
eingehen, je sicherer sie einer ehrenvollen Aufnahme hier entgegensieht. So will
ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben senden, sie einzuladen. Sie soll im
Fall der Not stets ein Asyl an meinem Herzen finden.«
    »Du weisst gar nicht,« fiel Justinian eifrig ein, »wie sehr du dadurch unsern
Sieg erleichterst. Die Tochter Teoderichs muss völlig von ihrem Volk hinweg zu
uns gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna führen.«
    »Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem Heere senden. Das würde
sie nur argwöhnisch machen und widerspenstig. Sie muss völlig in unsern Händen,
das Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das Schwert Belisars aus
der Scheide fährt.«
    »Aber in der Nähe muss er von jetzt an stehen.«
    »Wohl, etwa auf Sizilien. Die Unruhen in Afrika geben den besten Vorwand,
eine Flotte in jene Gewässer zu senden. Und sowie das Netz gelegt, muss Belisars
Arm es zuziehn.«
    »Aber wer soll es legen?«
    Teodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie:
    »Der geistgewaltigste Mann des Abendlandes: Cetegus Cäsarius, der Präfekt
von Rom, mein Jugendfreund.«
    »Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Römer, nicht mein Untertan, mir
nicht völlig sicher. Wen soll ich senden? Noch einmal Alexandros?«
    »Nein,« rief Teodora rasch, »er ist zu jung für ein solches Geschäft,
Nein.« Und sie schwieg nachdenklich. »Justinian,« sprach sie endlich, »auf dass
du siehst, wie ich persönlichen Hass vergessen kann, wo es das Reich gilt und der
rechte Mann gewählt werden muss, schlage ich dir selber meinen Feind vor: Petros,
des Narses Vetter, des Präfekten Studiengenossen, den schlauen Rhetor - ihn
sende.«
    »Teodora« - rief der Kaiser erfreut, sie umarmend, »du bist mir wirklich
von Gott geschenkt. Cetegus - Petros - Belisar: Barbaren, ihr seid verloren!«
 
                              Siebzehntes Kapitel.
Am Morgen darauf erhob sich die schöne Kaiserin vergnügt von dem schwellenden
Pfühl, dessen weiche Kissen, mit blassgelber Seide überzogen, mit den zarten
Halsfedern des pontischen Kranichs gefüllt waren.
    Vor dem Bette stand ein Dreifuss mit einem silbernen Becken, den Okeanos
darstellend, darin lag eine massiv goldne Kugel. Die weiche Hand der Kaiserin
hob lässig die Kugel und liess sie klingend in das Becken fallen: der helle Ton
rief die syrische Sklavin in das Gemach, die im Vorzimmer schlief. Mit auf der
Brust gekreuzten Armen trat sie an das Lager und schlug die schweren Vorhänge
von violetter chinesischer Seide zurück. Dann ergriff sie den sanften iberischen
Schwamm, der, in Eselmilch getränkt, in kristallner Schale ruhte und bestrich
damit sorgfältig die Masse von öligem Teig, die Gesicht und Hals der Kaiserin
während der Nacht bedeckte.
    Dann kniete sie vor dem Bette nieder, das Haupt fast zur Erde gebeugt, und
reichte die rechte Hand hinauf.
    Teodora fasste diese Hand, setzte langsam den kleinen Fuss auf den Nacken der
Knieenden und schwang sich dann elastisch zur Erde. Die Sklavin erhob sich und
warf der Herrin, die jetzt, nur mit der Untertunika von feinstem Bast bekleidet,
auf dem Palmenholzrand des Bettes sass, den feinen Ankleidemantel von Rosagewebe
über die Schultern.
    Dann verneigte sie sich, wandte sich zur Türe, rief »Agave!« und verschwand.
Agave, eine junge, schöne Tessalierin, trat ein; sie rollte dicht vor die
Herrin den mit unzähligen Büchschen und Fläschchen besetzten Waschtisch von
Citrusholz und begann, ihr Gesicht, Nacken und Hände mit weichen, in
verschiedene Weine und Salben getauchten Tüchern zu reiben.
    Darauf erhob sich diese vom Lager und glitt auf den bunten, mit Pardelfell
überzogenen Stuhl, die Katedra.
    »Das grosse Bad erst gegen Mittag!« sagte sie.
    Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebintenholz heran, aussen mit
Schildpatt bekleidet, gefüllt mit köstlich duftendem Wasser und hob die
zierlichen, glänzend weissen Füsse der Herrin hinein. Hierauf löste sie das Netz
von Goldfäden, das die Nacht über die blau glänzenden Haare der Kaiserin
zusammenhielt, so dass jetzt die weichen schwarzen Wellen über Schultern und
Brust wallen konnten. Sie schlang ihr noch das breite Busenband von Purpur um,
verneigte sich und ging mit dem Rufe: »Galatea!«
    Eine betagte Sklavin löste sie ab, die Amme und Wärterin und, leider müssen
wir hinzufügen, die Kupplerin Teodoras in der Zeit, da sie nur erst des
Akacius, des Löwenwärters im Zirkus flitterbehängtes Töchterlein und, fast noch
ein Kind, der schon tief verdorbne Liebling des grossen Zirkus war. Alle
Demütigungen und Triumphe, alle Laster und Listen auf der Abenteurerin
wechselndem Pfad bis zum Kaisertron hatte Galatea getreulich geteilt.
    »Wie hast du geschlafen, mein Täubchen?« fragte sie, ihr in einer
Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend, welche die Stadt Adana in
Cilicien für die Toilette der Kaiserin in grossen Massen als jährlichen Tribut
einzusenden hatte.
    »Gut, ich träumte von ihm.« - »Von Alexandros?« - »Nein, du Närrin, von dem
schönen Anicius.« - »Aber der Bestellte wartet schon lange draussen in der
geheimen Nische.« - »Er ist ungeduldig,« lächelte der kleine Mund, »nun, so lass
ihn ein.« Und sie legte sich auf dem langen Diwan zurück, eine Decke von
Purpurseide über sich ziehend; aber die feinen Knöchel der schönen Füsse blieben
sichtbar.
    Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang, durch welchen sie eingetreten
und ging dann quer durch das Gemach zu der Ecke gegenüber, die durch eine eherne
Kolossalstatue Justinians ausgefüllt war.
    Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite, sowie die Vertraute
eine Feder berührte, und zeigte eine schmale Öffnung in der Wand, welche durch
die Statue in ihrer gewöhnlichen Stellung vollständig verdeckt wurde: ein
dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen. Galatea hob den Vorhang auf und
herein eilte Alexandros, der schöne junge Gesandte.
    Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie, ergriff ihre schmale Hand und
bedeckte sie mit glühenden Küssen.
    Teodora entzog sie ihm leise. - »Es ist sehr unvorsichtig, Alexandros,«
sagte sie, den schönen Kopf zurücklehnend, »den Geliebten zur Ankleidung
zuzulassen.« Wie sagt der Dichter? »Alles dienet der Schönheit. Doch ist kein
erfreulicher Anblick, das Entstehen zu sehn, was nur entstanden gefällt.«
    »Allein ich hab' es dir bei der Abreise nach Ravenna verheissen, dich einmal
in meiner Morgenstunde vorzulassen. Und du hast deinen Lohn reichlich verdient.
Du hast viel für mich gewagt. - - Fasse die Flechten fester!« rief sie Galatea
zu, die an die ihr allein zustehende Arbeit gegangen war, das prachtvolle Haar
der Gebieterin zu ordnen.
    - »Du hast das Leben für mich gewagt.« - Und sie reichte ihm wieder zwei
Finger der rechten Hand.
    »O Teodora,« rief der Jüngling, »für diesen Augenblick würd' ich zehnmal
sterben.«
    »Aber,« fuhr sie fort, »warum hast du mir nicht auch von dem letzten Brief
der Barbarin an Justinian Abschrift zukommen lassen?« - »Es war nicht mehr
möglich, es ging zu rasch. Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten mehr
senden: kaum gelang es gestern, nach der Landung, dir sagen zu lassen, dass ihr
Bild bei den Geschenken sei. Du kamst im rechten Augenblick.«
    »Ja, was würde aus mir, wenn ich die Türsteher Justinians nicht doppelt so
hoch besoldete als er? Aber Unvorsichtigster aller Gesandten, wie täppisch war
das mit der Jahrzahl!«
    »O schönste Tochter von Kypros, ich hatte dich mondenlang nicht mehr
gesehen. Ich konnte nichts denken als dich und deine berauschende Schönheit.«
    »Nun, da muss ich wohl verzeihen. Das schwarze Stirnband, Galatea! Du bist
ein besserer Liebhaber als Staatsmann. Deshalb hab' ich dich auch hierbehalten.
Ja, du solltest wieder nach Ravenna. Aber ich denke, ich schicke einen ältern
Gesandten und behalte den jungen für mich. Ist's recht so?« lächelte sie, die
Augen halb schliessend.
    Alexandros, kühner und glühender werdend, sprang auf und drückte einen Kuss
auf ihre roten Lippen.
    »Halt ein, Majestätsverbrecher,« schalt sie und schlug mit dem
Flamingofächer leicht seine Wange. »Jetzt ist's genug für heute. Morgen magst du
wiederkommen und von jener Barbarenschönheit erzählen. Nein, du musst jetzt gehn.
Ich brauche diese Morgenstunde noch für einen andern.«
    »Für einen andern!« rief Alexandros zurücktretend. »So ist es wahr, was man
leise zischelt in den Gynäceen, in den Bädern von Byzanz? Du ewig Ungetreue hast
-«
    »Eifersüchtig darf ein Freund Teodoras nicht sein!« lachte die Kaiserin. Es
war kein schönes Lachen. »Aber für diesmal sei unbesorgt - du sollst ihm selbst
begegnen. Geh.«
    Galatea ergriff ihn an der Schulter und drehte den Widerstrebenden ohne
weiteres hinter die Statue und zur Türe hinaus.
    Teodora setzte sich nun aufrecht, das faltige Untergewand mit dem Gürtel
schliessend.
 
                              Achtzehntes Kapitel.
Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem kleinen gebückten Mann, der
viel älter aussah als seine vierzig Jahre. Kluge, aber allzu scharfe Züge, das
stechende Auge, der bartlose, eingekniffne Mund - alles machte den Eindruck
unangenehmer Pfiffigkeit.
    Teodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung; Galatea begann ihr
die Augenbrauen zu malen.
    »Kaiserin,« hob der Alte ängstlich an, »ich staune über deine Kühnheit. Wenn
man mich hier sähe! Die Klugheit von neun Jahren wäre durch einen Augenblick
vereitelt.«
    »Man wird dich aber nicht sehen, Petros,« sagte Teodora ruhig. »Diese
Stunde ist die einzige, da ich vor der zudringlichen Zärtlichkeit Justinians
sicher bin. Es ist seine Betstunde. Ich muss sie ausbeuten, so gut ich kann. Gott
erhalte ihm seine Frömmigkeit! Galatea, den Frühwein. Wie? Du fürchtest doch
nicht, mich mit diesem gefährlichen Verführer allein zu lassen?« Die Alte ging
mit hässlichem Grinsen und kam gleich zurück, einen Henkelkrug süssen gewärmten
Chierweins in der einen Hand, Becher mit Wasser und Honig in der andern.
    »Ich konnte heute unsre Unterredung nicht, wie gewöhnlich, in der Kirche
veranstalten, wo du in dem dunkeln Beichtstuhl einem Priester täuschend ähnlich
siehst. Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich bescheiden und du
musst zuvor genau unterrichtet sein.«
    »Was ist zu tun?«
    »Petros,« sagte Teodora, sich behaglich zurücklehnend und langsam das süsse
Getränk schlürfend, das Galatea mischte, »heute kam der Tag, der unsere
langjährige Mühe und Klugheit lohnen und dich zum grossen Mann machen wird.«
    »Zeit wär' es,« meinte der Rhetor.
    »Nur nicht ungeduldig, Freund. (Galatea, etwas mehr Honig.) Um dich für das
heutige Geschäft in die rechte Stimmung zu versetzen, wird es gut sein, dich an
das Vergangne, an die Entstehungsart unsrer - Freundschaft zu erinnern.«
    »Was soll das? Wozu ist das nötig?« sagte der Alte unbehaglich.
    »Zu mancherlei. Also. Du warst der Vetter und Anhänger meines Todfeindes
Narses. Folglich auch mein Feind. Jahrelang hast du im Dienste deines Vetters
mir entgegengearbeitet, mir wenig geschadet, dir selbst aber noch weniger
genützt. Denn Narses, dein tugendhafter Freund, setzt seine Ehre und seine
Schlauheit darein, nie etwas für seine Verwandten zu tun, dass man ihn nie, wie
die andern Höflinge dieses Reiches, des Nepotismus zeihen könne.
    Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend liess er dich unbefördert. Du darbtest
und bliebst einfacher Schreiber. Aber ein feiner Kopf wie du weiss sich zu
helfen. Du fälschtest, du verdoppeltest die Steuerausschreiben des Kaisers. Die
Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten noch eine zweite Steuer,
die Petros und die Steuererheber untereinander teilten. Eine Weile ging das
vortrefflich. Aber einmal -«
    »Kaiserin, ich bitte dich -«
    »Ich bin gleich zu Ende, Freund. Aber einmal hattest du das Unglück, dass
einer von den neuen Steuerboten die Gunst der Kaiserin höher anschlug als den
von dir verheissnen Teil der Beute. Er ging auf deinen Antrag ein, liess sich die
Urkunde von dir fälschen und - brachte sie mir.«
    »Der Elende,« murrte Petros.
    »Ja, es war schlimm,« lächelte Teodora, den Becher wegstellend. »Ich konnte
jetzt meinem boshaften Feind, dem Vertrauten des verhassten Eunuchen, den
schlauen Kopf vor die Füsse legen, und ich muss gestehen: es lüstete mich sehr
danach, sehr! Aber ich opferte die kurze Rache einem grossen, dauernden Vorteil.
Ich rief dich zu mir und liess dir die Wahl, zu sterben oder fortan mir zu
dienen. Du warst gütig genug, das letztre zu wählen und so haben wir, vor der
Welt nach wie vor die heftigsten Feinde, insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt:
du hast mir alle Pläne des grossen Narses im Entstehen verraten und ich hab es
dir wohl vergolten: du bist jetzt ein reicher Mann.«
    »O, nicht der Rede wert.«
    »Bitte, Undankbarer, das weiss mein Schatzmeister besser. Du bist sehr
reich.«
    »Wohl, aber ohne Rang und Würde. Meine Studiengenossen sind Patrizier,
Präfekten, grosse Herren in Morgen- und Abendland: so Cetegus in Rom, Prokopius
in Byzanz.«
    »Geduld. Vom heutigen Tage an wirst du die Leiter der Ehren rasch erklimmen.
Ich musste doch immer etwas zu geben behalten. Höre: du gehst morgen als
Gesandter nach Ravenna.«
    »Als kaiserlicher Gesandter?« rief Petros freudig.
    »Durch meine Verwendung. Aber das ist nicht alles.
    Du erhältst von Justinian ausführliche Anweisungen, das Gotenreich zu
verderben, Belisar den Weg nach Italien zu bahnen.«
    »Diese Anweisungen - befolg' ich oder vereitl' ich?«
    »Befolgst du. Aber du erhältst noch einen Auftrag, den dir Justinian ganz
besonders ans Herz legen wird: die Tochter Teoderichs um jeden Preis aus der
Hand ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen. Hier hast du einen Brief
von mir, der sie dringend einladet, an meiner Brust ein Asyl zu suchen.« -
    »Gut,« sagte Petros, den Brief einsteckend, »ich bringe sie also sofort
hierher.«
    Da schnellte Teodora wie eine springende Schlange vom Lager auf, dass
Galatea erschrocken zurückfuhr.
    »Bei meinem Zorn, Petros, nein. Dich send' ich deshalb. Sie darf nicht nach
Byzanz, sie darf nicht leben!«
    Bestürzt liess Petros den Brief fallen. »O Kaiserin,« flüsterte er - »ein
Mord!«
    »Still, Rhetor,« sprach Teodora mit heiserer Stimme und unheimlich
funkelten ihre Augen. »Sie muss sterben.«
    »Sterben? O Kaiserin, warum?«
    »Warum? das hast du nicht zu fragen. Doch halt: - du sollst es wissen, es
gibt deiner Feigheit einen Sporn - wisse -« und sie fasste ihn wild am Arme und
raunte ihm ins Ohr: »Justinian, der Verräter, fängt an, sie zu lieben.«
    »Teodora!« rief der Rhetor erschrocken und trat einen Schritt zur Seite.
    Die Kaiserin sank auf die Kline zurück.
    »Aber er hat sie ja nie gesehen!« stammelte sich fassend Petros.
    »Er hat ihr Bild gesehen: er träumt bereits von ihr, er glüht für dieses
Bild.«
    »Du hast nie eine Rivalin gehabt.«
    »Ich werde dafür wachen, dass ich keine erhalte.«
    »Du bist so schön.«
    »Amalaswinta ist jünger.«
    »Du bist so klug, bist seine Beraterin, die Vertraute seiner geheimsten
Gedanken.«
    »Das eben wird ihm lästig. Und« - sie ergriff wieder seinen Arm »merke wohl:
sie ist eine Königstochter! eine geborne Herrscherin, ich des Löwenwärters
plebejisch Kind. Und - so wahnwitzig lächerrlich es ist! - Justinian vergisst im
Purpurmantel, dass er des dardanischen Ziegenhirten Sohn. Er hat den Wahnsinn der
Könige geerbt, er, selbst ein Abenteurer, er faselt von angebornen Majestät, von
dem Mysterium königlichen Bluts. Gegen solche Grillen hab' ich keinen Schutz:
von allen Weibern der Erde fürchte ich nichts: aber diese Königstochter - -«
    Sie sprang zürnend auf und ballte die kleine Hand.
    »Hüte dich, Justinian!« sagte sie, durchs Gemach schreitend. »Teodora hat
mit diesem Auge, mit dieser Hand Löwen und Tiger bezaubert und beherrscht: lass
sehen, ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten kann.« Sie setzte
sich wieder.
    »Kurz, Amalaswinta stirbt,« sagte sie, plötzlich wieder kalt geworden.
    »Wohl,« erwiderte der Rhetor, »aber nicht durch mich. Du hast der
blutgewohnten Diener genug. Sie sende; ich bin ein Mann der Rede. -«
    »Du bist ein Mann des Todes, wenn du nicht gehorchst. Gerade du, mein Feind
musst es tun: keiner meiner Freunde kann es ohne Verdacht.«
    »Teodora,« mahnte der Rhetor sich vergessend, »die Tochter des grossen
Teoderich ermorden, eine geborne Königin - -«
    »Ha,« lachte Teodora grimmig, »auch dich Armseligen blendet die geborne
Königin. Narren sind die Männer alle, noch mehr als Schurken! Höre, Petros, an
dem Tage, da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft, bist du Senator und
Patricius.«
    Wohl blitzte des Alten Auge. Aber Feigheit oder Gewissensangst war doch
mächtiger als der Ehrgeiz. »Nein,« sagte er entschlossen, »lieber lasse ich den
Hof und alle Pläne.«
    »Das Leben läss'st du, Elender!« rief Teodora zornig. »Oh, du wähntest, du
seist frei und ungefährdet, weil ich damals vor deinen Augen die gefälschte
Urkunde verbrannt? Du Tor! es war die rechte nicht! Sieh her - hier halte ich
dein Leben.«
    Und sie riss aus einer Capsula voller Dokumente ein vergilbtes Pergament. Sie
zeigte es dem Erschrocknen, der jetzt willenlos in die Kniee brach.
    »Befiehl,« stammelte er, »ich gehorche.«
    Da pochte man an die Haupttüre.
    »Hinweg,« rief die Kaiserin. »Hebe meinen Brief an die Gotenfürstin vom
Boden auf und bedenk es wohl: Patricius, wenn sie stirbt, Folter und Tod, wenn
sie lebt. Fort.«
    Und Galatea schob den Betäubten durch den geheimen Eingang hinaus, drehte
den bronzenen Justinian wieder an seine Stelle und ging, die Haupttür aufzutun.
 
                              Neunzehntes Kapitel.
Herein trat eine stattliche Frau, grösser und von gröberen Formen als die kleine,
zierliche Kaiserin, nicht so verführerisch schön, aber jünger und blühender, mit
frischen Farben und ungekünstelter Art.
    »Gegrüsst, Antonina, geliebtes Schwesterherz! komm an meine Brust!« rief die
Kaiserin der tief sich Verbeugenden entgegen.
    Die Gattin Belisars gehorchte schweigend.
    »Wie diese Augengruben hohl werden!« dachte sie, sich wieder aufrichtend.
    »Was das Soldatenweib für grobe Knöchel hat!« sagte die Kaiserin zu sich
selbst, da sie die Freundin musterte. -
    »Blühend bist du wie Hebe,« rief sie ihr laut zu, »und wie die weisse Seide
deine frischen Wangen hebt! Hast du etwas Neues mitzuteilen von - von ihm?«
fragte sie und nahm gleichgültig spielend vom Waschtisch ein gefürchtetes
Werkzeug, eine spitze Lanzette an einem Stäbchen von Elfenbein, mit welchem
ungeschickte oder auch nur unglückliche Sklavinnen von der zürnenden Herrin oft
zolltief in Schultern und Arme gestochen wurden.
    »Heute nicht,« flüsterte Antonina errötend, »ich hab' ihn gestern nicht
gesehn.«
    »Das glaub' ich,« lächelte Teodora in sich hinein. »O wie schmerzlich werd'
ich dich bald vermissen,« sagte sie, Antoninens vollen Arm streichelnd. »Schon
in der nächsten Woche vielleicht wird Belisarius in See stechen und du, treuste
aller Gattinnen, ihn begleiten. Wer von euren Freunden wird euch folgen?«
    »Prokopius,« sagte Antonina und - setzte sie, die Augen niederschlagend,
hinzu - »die beiden Söhne des Boëtius.«
    »Ach so,« lächelte die Kaiserin, »ich verstehe. In der Freiheit des
Lagerlebens hoffst du dich des schönen Jünglings ungestörter zu erfreuen und
indessen Held Belisarius Schlachten schlägt und Städte gewinnt -«
    »Du errätst es. Aber ich habe dabei eine Bitte an dich. Dir freilich ward es
gut. Alexandros, dein schöner Freund ist zurück: er bleibt in deiner Nähe und er
ist sein eigner Herr, ein reifer Mann. Aber Anicius, du weisst es, der Jüngling,
steht unter seines ältern Bruders Severinus strenger Hut. Nie würde dieser, der
nur Rache an den Barbaren sinnt und Freiheitsschlachten, diese zarte -
Freundschaft dulden. Er würde unsern Verkehr tausendfach stören. Deshalb tu' mir
eine Liebe: Severinus darf uns nicht folgen. Wenn wir an Bord sind mit Anicius,
halte den ältern Bruder in Byzanz zurück mit List oder Gewalt - du kannst es ja
leicht - du bist die Kaiserin.«
    »Nicht übel,« lächelte Teodora. »Welche Kriegslisten! Man sieht, du lernst
von Belisarius.«
    Da erglühte Antonina über und über.
    »O nenne seinen Namen nicht. Und höhne nicht! Du weisst am besten, von wem
ich gelernt, zu tun, worüber man erröten muss.«
    Teodora schoss einen funkelnden Blick auf die Freundin.
    »Der Himmel weiss,« fuhr diese fort, ohne es zu beachten, »Belisar selbst war
nicht treuer als ich, bis ich an diesen Hof kam. Du warst es, Kaiserin, die mich
gelehrt, dass diese selbstischen Männer, von Krieg und Staat und Ehrgeiz erfüllt,
uns, wenn sie einmal unsre Eheherrn, vernachlässigen, uns nicht mehr würdigen,
wenn sie uns besitzen. Du hast mich gelehrt, wie es keine Sünde, kein Unrecht
sei, die unschuldige Huldigung, die schmeichelnde Verehrung, die der tyrannische
Gemahl versagt, von einem noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde
hinzunehmen. Gott ist mein Zeuge, nichts andres als diesen süssen Weihrauch der
Huldigung, den Belisar versagt und den mein eitles, schwaches Herz nicht missen
kann, will ich von Anicius.«
    »Zum Glück für mich wird das sehr bald langweilig für ihn,« sagte Teodora
zu sich selbst.
    »Und doch - schon dies ist ein Verbrechen, fürcht' ich, an Belisar. O wie
ist er gross und edel und herrlich. Wenn er nur nicht allzugross wäre für dies
kleine Herz.« - Und sie bedeckte das Antlitz mit den Händen.
    »Die Erbärmliche,« dachte die Kaiserin, »sie ist zu schwach zum Genuss wie
zur Tugend.«
    Da trat Agave, die hübsche junge Tessalierin, ins Gemach mit einem grossen
Strauss herrlicher Rosen.
    »Von ihm,« flüsterte sie der Herrin zu. - »Von wem?« fragte diese. Aber
jetzt sah Antonina auf, und Agave winkte warnend mit den Augen.
    Die Kaiserin reichte Antoninen den Strauss, sie zu beschäftigen, »bitte,
stell' ihn dort in die Marmorvase.«
    Während die Gattin Belisars den Rücken wendend gehorchte, flüsterte Agave:
»Nun, von ihm, den du gestern den ganzen Tag hier versteckt gehalten: von dem
schönen Anicius -« setzte das holde Kind errötend bei.
    Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt, als sie laut schreiend
nach ihrem linken Arme griff. Die Kaiserin schlug sie mit der noch blutigen
Lanzette ins Gesicht. »Ich will dich lehren, Augen haben, ob Männer schön sind
oder hässlich,« flüsterte sie grimmig. »Du lässt dich in die Spinnstube sperren
auf vier Wochen - sogleich - und zeigst dich nie mehr in meinen Vorzimmern.
Fort!«
    Weinend ging das Mädchen, ihr Haupt verhüllend.
    »Was hat sie getan?« fragte Antonina sich wendend.
    »Das Riechfläschchen fallen lassen,« sagte Galatea rasch, ein solches von
dem Teppich aufhebend. - »Herrin, dein Haar ist fertig.«
    »So lass die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal. - Willst du
einstweilen in diesen Versen blättern, Antonina? Es sind die neuesten Gedichte
des Arator, über die Taten der Apostel, gar erbaulich zu lesen! Zumal hier, die
Steinigung des heiligen Stephanos! Aber lies und sprich sein Urteil.«
    Galatea öffnete weit die Türe des Haupteingangs: ein ganzer Schwarm von
Sklavinnen und Freigelassenen wogte herein. Die einen besorgten das Hinausräumen
der gebrauchten Toilettegeräte, andre räucherten mit Kohlenpfännchen und
sprengten aus schmalhalsigen Fläschchen Balsam durch das Gemach. Die meisten
aber waren um die Person der Kaiserin beschäftigt, die jetzt ihren Anzug
vollendete. Galatea nahm ihr den Rosaüberwurf ab. »Berenike,« rief sie, »die
milesische Tunika mit dem Purpurstreif und der goldnen Falbel: es ist Sonntag
heute.«
    Während die erfahrene Alte, die allein das Haar der Kaiserin berühren
durfte, die kostbare Goldnadel, mit der Venusgemme im Knopf, künstlich in die
Knoten des Hinterhauptes schob, fragte die Kaiserin: »Was gibt es Neues in der
Stadt, Delphine?«
    »Du hast gesiegt, o Herrin!« antwortete die Gefragte, mit den Goldsandalen
niederknieend. »Deine Farbe, die Blauen, haben gestern im Zirkus gesiegt über
die Grünen zu Ross und Wagen.«
    »Triumph!« frohlockte Teodora, »eine Wette von zwei Centenaren Gold, - es
ist mein. - Nachrichten? woher? aus Italien?« rief sie einer eben mit Briefen
eintretenden Dienerin entgegen.
    »Jawohl, Herrin, aus Florentia von der Gotenfürstin Gotelindis, ich kenne
das Gorgonensiegel: und von Silverius, dem Diakon.«
    »Gib,« sagte Teodora, »ich nehme sie mit in die Kirche. Den Spiegel,
Elpis.« - Eine junge Sklavin trat vor mit einer ovalen drei Fuss langen Platte
von glänzend poliertem Silber in einem reich mit Perlen besetzten Goldrahmen und
getragen von einem starken Fuss von Elfenbein. Die arme Elpis hatte harten
Dienst. Sie musste während der Vollendung des Ankleidens die schwere Platte bei
jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort dermassen drehen, dass diese sich
ununterbrochen darin beschauen konnte, und weh ihr, wenn sie einer Wendung zu
spät nachfolgte.
    »Was gibt es zu kaufen, Zephyris?« fragte die Kaiserin eine dunkelfarbige
libysche Freigelassene, die ihr eben die zahme Hausschlange, die in einem
Körbchen auf weichem Moose ruhte, zur Morgenliebkosung reichte.
    »Ach, nicht viel Besondres,« sagte die Libyerin, »komm, Glauke,« fuhr sie
fort, indem sie die blendend weisse golddurchwirkte Chlamys aus der Kleiderpresse
nahm und sorgfältig auf den Armen ausgebreitet hielt, bis die Gerufene ihr sie
abnahm, mit Einem Wurf der Kaiserin in den schönsten Falten über die Schulter
schlug, mit dem weissen Gürtel zusammenfasste und das eine Ende mit einer
Goldspange, die einst die Taube der Venus, jetzt aber im Gegenteil den heiligen
Geist darstellte, über der weissen Achsel befestigte. Glauke, die Tochter eines
atenischen Bildhauers, hatte jahrelang den Faltenwurf studiert, war deshalb von
der Kaiserin um viele tausend Solidi angekauft worden und hatte den ganzen Tag
über nur dies einzige Geschäft.
    »Duftige Seifenkugeln aus Spanien,« berichtete Zephyris, »sind wieder frisch
angekommen. Ein neues milesiches Märchen ist erschienen, und der alte Ägypter
ist wieder da,« setzte sie leiser hinzu, »mit seinem Nilwasser. Er sagt, es
helfe unfehlbar. Die Perserkönigin, die acht Jahre kinderlos - -«
    Seufzend wandte sich Teodora ab, ein Schatte flog über das glatte Gesicht.
»Schick' ihn fort,« sagte sie, »diese Hoffnung ist vorüber.« -
    Und es war einen Augenblick, als wollte sie in trübes Sinnen versinken.
    Aber sich aufraffend trat sie, Galateen winkend, zu ihrem Lager zurück, nahm
den zerdrückten Eppichkranz, der auf ihrem Kopfkissen lag, und gab ihn der Alten
mit den geflüsterten Worten: »für Anicius, schick' es ihm zu. - Den Schmuck,
Erigone!« Diese, von zwei andern Sklavinnen unterstützt, trug mühsam die schwere
Kiste von Erz herbei, deren Deckel, in getriebnen Figuren die Werkstätte des
Vulcanus darstellend, mit dem Siegel der Kaiserin an die Lade befestigt war.
Erigone zeigte, dass das Siegel unverletzt und schlug den Deckel auf: neugierig
stellte sich da manches Mädchen auf die Fussspitzen, einen Blick von den
schimmernden Schätzen zu erhaschen.»Willst du noch die Sommerringe, Herrin?«
fragte Erigone. - »Nein,« sprach Teodora wählend, »die Zeit dafür ist um. Gib
mir die schwereren, die Smaragden.« Erigone reichte ihr Ohrringe, Fingerring und
Armband.
    »Wie schön,« sagte Antonina, von ihren frommen Versen aufsehend, »steht das
Weiss der Perle zu dem Grün des Steins!«
    »Es ist ein Schatzstück der Kleopatra,« sagte die Kaiserin gleichgültig,
»der Jude hat den Stammbaum der Perle eidlich erhärtet.«
    »Aber du zögerst lange,« erinnerte Antonina, »Justinians Goldsänfte harrte
schon als ich herauf kam.«
    »Ja, Herrin,« rief eine junge Sklavin ängstlich, »der Sklave vor der
Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde an. Eile, Herrin.«
    Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort. »Willst du die Kaiserin mahnen?«
Aber Antoninen flüsterte sie zu: »Man muss die Männer nicht verwöhnen: sie müssen
immer auf uns warten, wir nie auf sie.
    Meinen Straussenfächer, Tais. Geh, Jone, die kappadokischen Sklaven sollen
an meine Sänfte treten.«
    Und sie wandte sich zum Gehen. »O Teodora,« rief Antonina rasch, »vergiss
meine Bitte nicht.«
    »Nein,« sagte diese, plötzlich stehenbleibend, »gewiss nicht! Und damit du
ganz sicher gehst,« lächelte sie, »leg' ich's in deine eigne Hand. Meine
Wachstafel und den Stift.« Galatea brachte sie eilig. Teodora schrieb und
flüsterte der Freundin zu: »Der Präfekt des Hafens ist einer meiner alten
Freunde. Er gehorcht mir blind. Lies, was ich schreibe: An Aristarchos den
Präfekten Teodora der Kaiserin.
    Wenn Severius, des Boëtius Sohn, das Schiff des Belisarius besteigen will,
halt' ihn, nötigenfalls mit Gewalt, zurück und sende ihn hierher in meine
Gemächer: er ist zu meinem Kämmerer ernannt. Ist's recht so, liebe Schwester?«
flüsterte sie.
    »Tausend Dank,« sagte diese mit leuchtenden Augen.
    »Aber wie,« rief die Kaiserin laut, plötzlich an ihren Hals fassend, »und
die Hauptsache hätten wir vergessen? Mein Amulett, den Mercurius! Bitte,
Antonina, dort liegt es.« Hastig wandte sich diese, den kleinen goldnen Merkur,
den besten Geleitsmann, der an seidner Schnur an dem Bette der Kaiserin hing, zu
holen. Inzwischen aber strich Teodora schnell das Wort »Severinus« mit dem
Goldgriffel aus und schrieb dafür »Anicius«. Sie klappte das Täfelchen zusammen,
umschnürte und siegelte es mit ihrem Venusring.
    »Hier das Amulett,« sagte Antonina zurückkommend.
    »Und hier der Befehl!« lächelte die Kaiserin. »Du magst ihn selbst im
Augenblick der Abfahrt an Aristarchos übergeben. Und jetzt,« rief sie, »jetzt
auf: in die Kirche.«
 
                              Zwanzigstes Kapitel.
In Neapolis, derjenigen Stadt Italiens, über welcher die zu Byzanz aufsteigenden
Wetterwolken sich zuerst entladen sollten, ahnte man nichts von einer drohenden
Gefahr. Da wandelten damals Tag für Tag an den reizenden Hängen, welche nach dem
Posilipp führen, oder an den Uferhöhen im Südosten der Stadt, in vertrautem
Gespräch, alle Wonnen jugendlich begeisterter Freundschaft geniessend, zwei
herrliche Jünglinge, der eine in braunen, der andre in goldnen Locken: die
Dioskuren, Julius und Totila.
    O schöne Zeit, da es die reine Seele, umweht von der frischen Morgenluft des
Lebens, noch unenttäuscht und unermüdet, trunken von der Fülle stolzer Träume,
drängt, hinüberzufluten in ein gleich junges, gleich reiches, gleich
überschwängliches Gemüt. Da stärkt sich der Vorsatz zu allem Edelsten, der
Aufschwung zu dem Höchsten, der Flug bis in die lichte Nähe des Göttlichen wird
in der Mitteilung gewagt, in der seligen Gewissheit, verstanden zu sein.
    Wenn der Blütenkranz in unsren Locken gewelkt ist und die Ernte unsres
Lebens beginnt, mögen wir lächeln über jene Träume der Jünglingszeit und
Jünglingsfreundschaft; aber es ist kein Lächeln des Spottes; es ist ein Ausdruck
von jener Wehmut, mit der wir in nüchterner Herbstluft der süssen, berauschenden
Lüfte des ersten Frühlings gedenken. -
    Der junge Gote und der junge Römer hatten sich gefunden in der glücklichsten
Zeit für einen solchen Bund und sie ergänzten sich wunderbar. Totilas sonnige
Seele hatte den vollen Schmelz der Jugend bewahrt: lachend sah er in die
lachende Welt: er liebte den Menschen und der Glanz seines wohlwollenden Wesens
gewann ihm leicht und rasch alle Herzen. Er glaubte nur an das Gute und des
Guten Sieg: traf er das Böse, das Gemeine auf seinem Pfad, so trat er es mit dem
heilig lodernden Zorn eines Erzengels in den Staub: durch seine sanfte Natur
brach dann, den Helden verratend, die gewaltige Kraft, die in ihr ruhte und
nicht eher liess er ab, bis das verhasste Element aus seinem Lebenskreise getilgt
war. Aber im nächsten Augenblick war dann die Störung wie überwunden so
vergessen und harmonisch wie seine Seele fühlte er ringsum Welt und Leben. Stolz
und froh empfand er die Vollkraft seiner Jugend und jauchzend drückte er das
goldne Dasein an die Brust. Singend schritt er durch die wimmelnden Strassen von
Neapolis, der Abgott der Mädchen, der Stolz seiner gotischen Waffenfreunde, wie
ein Gott der Freude, beglückend und beglückt.
    Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der stilleren Seele seines
Freundes mit. Julius Montanus, zart und sinnig angelegt, eine fast weibliche
Natur, früh verwaist und von Cetegus' hochüberlegnem Geist eingeschüchtert, in
Einsamkeit und unter Büchern aufgewachsen, von der trostlosen Wissenschaft jener
Zeit mehr belastet als gehoben, sah das Leben ernst, fast wehmütig an. Ein Zug
zur Entsagung und die Neigung, alles Bestehende an dem strengen Mass
übermenschlicher Vollendung zu messen, lag in ihm und mochte sich leicht bis zur
Schwermut verdüstern. Zur glücklichen Stunde fiel Totilas sonnige Freundschaft
in seine Seele und erhellte sie bis in ihre tiefsten Falten so mächtig, dass
seine edle Natur auch von einem schweren Schlage sich wieder elastisch
aufrichten konnte, den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen sollte.
    Hören wir ihn selbst darüber an den Präfekten berichten:
    »Cetegus dem Präfekten Julius Montanus.
    Die kalterzige Antwort, die Du auf den warmgefühlten Bericht von meinem
neuen Freundschafts-Glück erteiltest, hat mir zuerst - gewiss gegen Deine Absicht
- sehr wehe getan, später aber das Glück eben dieser Freundschaft erhöht,
freilich in einer Weise, welche Du weder ahnen noch wünschen konntest.
    Der Schmerz durch Dich hat sich bald in Schmerz um Dich verwandelt. Wollte
es mich anfangs kränken, dass Du meine tiefste Empfindung als die Schwärmerei
eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtümer meiner Seele mit bittrem
Spott antasten wolltest - nur wolltest, denn sie sind unantastbar, - so ergriff
mich doch statt dessen bald das Gefühl des Mitleids mit Dir. Wehe, dass ein Mann
wie Du, so überreich an Kräften des Geistes, darbest an den Gütern des Herzens.
Wehe, dass Du die Wonne der Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige Liebe,
die ein von Dir mehr verspotteter als verstandner Glaube, den mir jeder Tag des
Schmerzes näher bringt, die caritas, die Nächstenliebe, nennt: Wehe Dir, dass Du
das Herrlichste nicht kennst! Vergib die Freiheit dieser meiner Rede: ich weiss,
ich habe noch nie in solchen Worten zu Dir gesprochen: aber erst seit kurzem bin
ich, der ich bin. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat noch Dein letzter Brief
Spuren von Knabenhaftigkeit an mir gegeisselt. Ich glaube, sie sind seitdem
verschwunden, und ein Verwandelter sprech' ich zu Dir. Dein Brief, Dein Rat,
Deine Arznei hat mich allerdings zum Manne gereift, aber nicht in Deinem Sinn
und nicht nach Deinem Wunsch. Schmerz, heiligen, läuternden Schmerz hat er mir
gebracht, er hat diese Freundschaft, die er verdrängen sollte, auf eine harte
Probe gestellt, aber, der Güte Gottes sei's gedankt, er hat sie im Feuer nicht
zerstört, sondern gehärtet für immer.
    Höre und staune, was der Himmel aus Deinen Plänen geschaffen hat.
    Wie wehe mir Dein Brief getan - in alter Gewohnheit des Gehorsams befolgte
ich alsbald seinen Auftrag und suchte Deinen Gastfreund auf, den Purpurhändler
Valerius Procillus. Er hatte bereits die Stadt verlassen und seine reizende
Villa bezogen. Ich fand an ihm einen vielerfahrnen Mann und einen eifrigen
Freund der Freiheit und des Vaterlandes: in seiner Tochter Valeria aber ein
Kleinod.
    Du hattest recht prophezeit. Meine Absicht, mich gegen sie zu verschliessen,
zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel vor der Sonne: mir war, Elektra oder
Kassandra, Clölia oder Virginia stehe vor mir. Aber mehr noch als ihre hohe
Schönheit bezauberte mich der Schwung ihrer unsterblichen Seele, die sich
alsbald vor mir auftat. Ihr Vater behielt mich sogleich als seinen Gast im Hause
und ich verlebte unter seinem Dach mit ihr die schönsten Tage meines Lebens. Die
Poesie der Alten ist der Äter ihrer Seele.
    Wie rauschten die Chöre des Äschylos, wie rührend tönte Antigones Klage in
ihrer melodischen Stimme; stundenlang lasen wir in Wechselrede, und herrlich war
sie zu schauen, wann sie sich erhob im Schwunge der Begeisterung, wann ihr
dunkles Haar, in freie Wellen gelöst, niederfloss und aus ihrem grossen runden
Auge ein Feuer blitzte nicht von dieser Welt.
    Und - was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten wird - eine Spaltung,
die durch all ihr Leben geht, gibt ihr den höchsten Reiz. Du ahnst wohl, was ich
meine, da Du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses kennst. Du weisst wohl
genauer als ich, wie es kam, dass Valeria schon bei ihrer Geburt von ihrer
frommen Mutter einem ehelosen, einsamen Leben in Werken der Andacht geweiht,
dann aber von ihrem reichen und mehr römisch als christlich gesinnten Vater um
den Preis einer Kirche und eines Klosters, die er baute, losgekauft worden ist.
Aber Valeria glaubt, dass der Himmel nicht totes Gold nehme für eine lebendige
Seele: sie fühlt sich der Bande jenes Gelübdes nicht ledig, deren sie ewig, aber
nur in Furcht, nicht in Liebe, gedenkt.
    Denn Du hattest recht als Du schriebst: sie sei durch und durch ein Kind der
alten, der heidnischen Welt. Das ist sie, die echte Tochter ihres Vaters: aber
doch kann sie der frommen Mutter entsagend Christentum nicht abtun: es lebt
nicht in ihr als ein Segen, es lastet auf ihr als ein Fluch, als der
unentrinnbare Zwang jenes Gelübdes. Diesen wundersamen Zwiespalt, diesen
verhängnisvollen Widerstreit trägt die edle Jungfrau im Gemüt: er quält sie,
aber er veredelt sie zugleich.
    Wer weiss, wie er sich lösen wird? der Himmel allein, der ihr Schicksal
lenkt. Mich aber zieht dieser innere Kampf mit ernsten Schauern an: Du weisst ja,
dass in mir selbst der Christenglaube und die Philosophie in ungeklärter Mischung
durcheinander wogen. Zu meinem Staunen hat in diesen Tagen des Schmerzes der
Glaube zugenommen und fast will mich bedünken, die Freude führe zu der
heidnischen Weisheit, zu Christus aber der Schmerz und das Unglück.
    Aber höre wie der Schmerz über mich gekommen.
    Anfangs, als ich diese Liebe in mir keimen sah, war ich froher Hoffnung
voll. Valerius, vielleicht schon früher von Dir für mich gewonnen, sah meine
wachsende Neigung offenbar nicht ungern: vielleicht hatte er nur das an mir
auszusetzen, dass ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung der römischen
Republik nicht eifrig genug teilte und nicht seinen Hass gegen die Byzantiner, in
denen er die Todfeinde seines Hauses wie Italiens sieht. Auch Valeria war mir
bald freundschaftlich geneigt und wer weiss, ob nicht damals die Verehrung gegen
den Willen ihres Vaters und diese Freundschaft genügt hätten, sie in meine Arme
zu führen. Aber ich danke - soll ich sagen Gott oder dem Schicksal? - dass es
nicht so kam: Valeria einer halb gleichgültigen Ehe opfern wäre ein Frevel
gewesen. Ich weiss nicht, welches seltsame Gefühl mich abhielt das Wort zu
sprechen, das sie in jenen Tagen gewiss zu der Meinen gemacht hätte. Ich liebte
sie doch so tief - aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem Vater um
sie werben wollte, immer beschlich mich ein Gefühl, als tu' ich unrecht an dem
Gut eines andern, als sei ich ihrer nicht würdig oder doch nicht die ihr vom
Schicksal zugedachte Hälfte ihrer Seele, und ich schwieg und bezähmte das
pochende Herz.
    Einstmals um die sechste Stunde - schwül brannte die Sonne rings auf Land
und Meer - suchte ich Schatten in der kühlen Marmorgrotte des Gartens. Ich trat
ein durch das Oleandergebüsch: da lag sie schlafend auf der weichen Rasenbank,
die eine Hand auf dem leise wogenden Busen, der linke Arm unter dem edeln Haupt,
das noch vom Frühmahl her der schöne Asphodeloskranz schmückte. Ich stand bebend
vor ihr: so schön war sie noch nie gewesen, ich beugte mich über sie und staunte
die edeln, wie in Marmor gebildeten Züge an: heiss schlug mein Herz, ich beugte
mich über sie, diese roten feingeschnittenen Lippen zu küssen.
    Da fiel mir's plötzlich zentnerschwer aufs Herz: es ist ein Raub, was du
begehen willst. Totila! rief unwillkürlich meine ganze Seele und still, wie ich
gekommen, schlich ich fort.
    Totila! Was war er mir nicht früher eingefallen?
    Ich machte mir Vorwürfe, den Bruder meines Herzens über dem neuen Glück fast
vergessen zu haben.
    Deine Prophezeiung, Cetegus, dachte ich, soll sich nicht erfüllen: diese
Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden. Er soll Valeria sehen, gleich mir
bewundern, meine Wahl lobpreisen, und dann, dann will ich werben, und Totila
soll glücklich sein mit uns.
    Andern Tages ging ich nach Neapolis zurück, ihn zu holen. Ich pries ihm den
Schimmer des Mädchens, aber ich vermochte es nicht über mich, ihm von meiner
Liebe zu sprechen. Er sollte sie sehen und alles erraten. Wir fanden sie bei
unsrer Ankunft nicht in den Zimmern der Villa. So führte ich Totila in den
Garten - Valeria ist die eifrigste Pflegerin der Blumen - wir bogen, Totila
voran, aus einem dichten Taxusgang: da schimmerte uns ihre Erscheinung plötzlich
entgegen: sie stand vor einer Statue ihres Vaters und kränzte sie mit
frischgepflückten Rosen, die sie, hoch aufgehäuft in der Busenfalte der Tunika,
mit der Linken auf der Brust zusammenhielt.
    Es war ein überraschend schönes Bild: die herrliche Jungfrau, in dem Grün
des Taxus gleichsam eingerahmt, vor dem weissen Marmor, die Rechte anmutvoll
erhebend: und mächtig wirkte die Erscheinung auf Totila: mit einem lauten Ruf
des Staunens blieb er sprachlos, ihr gerade gegenüber, stehen.
    Sie sah auf und zuckte erschrocken, wie blitzgetroffen, zusammen: die Rosen
fielen in dichten Flocken aus ihrem Gewand: sie sah es nicht: ihre Augen hatten
sich getroffen, ihre Wangen erglühten - ich sah mit Blitzesschnelle ihr Geschick
und mein Geschick entschieden.
    Sie liebten sich beim ersten Anblick.
    Schmerzlich, wie ein brennender Pfeil, durchdrang die Gewissheit meine Seele.
Aber doch nur einen Augenblick herrschte der Schmerz ungemischt in meiner Brust.
Sofort, wie ich die beiden betrachtete, die herrlichen Gestalten, empfand ich
neidlose Freude, dass sie sich gefunden: denn es war, wie wenn die Macht, die der
Sterblichen Leiber bildet und Seelen, sie aus Einem Stoff füreinander
geschaffen: wie Morgensonne und Morgenröte schimmerten sie ineinander und jetzt
erkannte ich auch das dunkle Gefühl, das mich wie ein Vorwurf von Valeria fern
gehalten, das mir seinen Namen auf die Lippen geführt hatte: sein sollte Valeria
werden nach Gottes Ratschluss oder dem Gang der Sterne und ich sollte nicht
zwischen sie treten.
    Erlass mir, das Weitere zu berichten. Denn so selbstisch ist mein Sinn
geartet, so wenig Macht hat noch die heilige Lehre des Entsagens über mich
gewonnen, dass - ich schäme mich, das zu gestehen - dass mein Herz auch jetzt noch
manchmal schmerzlich zuckt, statt freudig zu schlagen für das Glück der Freunde.
    Rasch und unscheidbar, wie zwei Flammen ineinander lodern, schlugen ihre
Seelen zusammen. Sie lieben sich und sind glücklich wie die seligen Götter: mir
ist die Freude geblieben, ihr Glück zu schauen und ihnen beizustehen, es noch
vor dem Vater zu verbergen, der sein Kind wohl schwerlich dem Barbaren schenken
wird, solang er in Totila nur den Barbaren sieht.
    Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt' ich vor dem Freunde tief
verborgen: er ahnt nicht und soll nie erfahren, was sein glänzend Glück nur
trüben könnte. Du siehst nun, o Cetegus, wie weit ab von Deinem Ziel ein Gott
Deinen Plan gewendet. Mir hast Du jenes Kleinod Italiens bringen wollen und hast
es Totila zugeführt. Meine Freundschaft hast Du zerstören wollen und hast sie in
den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen befreit und unsterblich
gemacht. Du hast mich zum Manne machen wollen durch der Liebe Glück - ich bin's
geworden durch der Liebe Schmerz.
    Lebe wohl und verehre das Walten des Himmels.«
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel.
Wir unterlassen es, den Eindruck dieses Schreibens auf den Präfekten auszumalen,
und begleiten lieber die beiden Dioskuren auf einem ihrer Abendspaziergänge an
den reizenden Ufergeländen von Neapolis.
    Sie wandelten nach der früh beendigten Coena durch die Stadt und zur Porta
nolana hinaus, die in schon halb verwitterten Reliefs die Siege eines römischen
Imperators über germanische Stämme verherrlichte.
    Totila blieb stehen und bewunderte die schöne Arbeit.
    »Wer ist wohl der Kaiser,« fragte er den Freund, »dort auf dem Siegeswagen,
mit dem geflügelten Blitz in der Hand, wie ein Jupiter Tonans?« - »Es ist Marc
Aurel,« sagte Julius und wollte weitergehen. - »O bleib doch! Und wer sind die
vier Gefesselten mit den langwallenden Haaren, die den Wagen ziehn?«
    »Es sind Germanenkönige.« - »Doch welches Stammes,« fragte Totila weiter -
»sieh da, eine Inschrift: Goti extincti! Die Goten vernichtet!«
    Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand auf die Marmorsäule und
schritt rasch durch das Tor. »Eine Lüge in Marmor?« rief er rückwärts blickend.
»Das hat der Imperator nicht gedacht, dass einst ein gotischer Seegraf in
Neapolis seine Prahlereien Lügen straft.« - »Ja, die Völker sind wie die
wechselnden Blätter am Baume,« sagte Julius nachdenklich; »wer wird nach euch in
diesen Landen herrschen?« Totila blieb stehen. »Nach uns?« fragte er erstaunt. -
»Nun, du wirst doch nicht glauben, dass deine Goten ewig dauern werden unter den
Völkern?«
    »Das weiss ich doch nicht,« sagte Totila langsam fortschreitend. - »Mein
Freund, Babylonier und Perser, Griechen und Makedonen und, wie es scheinen will,
auch wir Römer hatten ihre zugemessene Zeit: sie blühten, reiften und vergingen.
Soll's anders sein mit den Goten?«
    »Ich weiss das nicht,« sagte Totila unruhig, »ich habe den Gedanken nie
gedacht. Es ist mir noch nie eingefallen, dass eine Zeit kommen könnte, da mein
Volk« - - er hielt inne, als sei es Sünde, den Gedanken auszudenken. »Wie kann
man sich dergleichen vorstellen! ich denke daran so wenig wie - wie an den Tod!«
    »Das sieht dir gleich, mein Totila!«
    »Und dir sieht es gleich, dich und andre mit solchen Träumereien zu quälen.«
    »Träumereien! Du vergisst, dass es für mich, für mein Volk schon Wirklichkeit
geworden. Du vergisst, dass ich ein Römer bin. Und ich kann mich nicht darüber
täuschen, wie die meisten tun: es ist vorbei mit uns. Das Zepter ist von uns auf
euch übergegangen; glaubst du, es lief so ohne Schmerz, ohne Nachsinnen für mich
ab, in dir, meinem Herzensfreund, den Barbaren, den Feind meines Volkes zu
vergessen?«
    »Das ist nicht so, beim Glanz der Sonne!« fiel Totila eifrig ein. »Find' ich
auch in deiner milden Seele den herben Wahn? Blick' doch nur um dich! Wann, sage
mir, wann hat Italien herrlicher geblüht als unter unsrem Schilde? Kaum in den
Tagen des Augustus. Ihr lehrt uns Weisheit und Kunst, wir leihen euch Friede und
Schutz. Kein schöneres Wechselverhältnis lässt sich denken! Die Harmonie zwischen
Römern und Germanen kann eine ganz neue Zeit erschaffen, schöner als je eine
bestanden.«
    »Die Harmonie! aber sie ist nicht da. Ihr seid uns ein fremdes Volk,
geschieden durch Sprache und Glaube, durch Stammes- und Sinnesart und durch
halbtausendjährigen Hass.
    Wir brachen früher eure Freiheit, ihr jetzt die unsre; zwischen uns gähnt
eine ewige Kluft.« - »Du verwirfst den Lieblingsgedanken meiner Seele.«
    »Er ist ein Traum!« - »Nein, er ist Wahrheit, ich fühl' es und vielleicht
kömmt noch die Zeit, dir's zu beweisen. Das Werk meines ganzen Lebens bau' ich
drauf.« - »So wär's auf einen edeln Wahn gebaut. Keine Brücke zwischen Römern
und Barbaren!« - »Dann,« sagte Totila heftig, »begreif' ich nicht, wie du leben
kannst, wie du mich -«
    »Vollende nicht,« sagte Julius ernst. »Es war nicht leicht: es war die
schwerste der Entsagungen! Erst nach hartem Widerstreit der Selbstsucht ist sie
mir gelungen: aber endlich hab' ich aufgehört, in meinem Volk allein zu leben.
Der heil'ge Glaube, der jetzt schon - und er allein vermag's - Römer und
Germanen verbindet, der meinen widerstrebenden Verstand durch lauter Schmerzen -
Schmerzen, die Freuden sind - allmählich immer mächtiger umschlingt, er hat mir
auch in diesem Zwiespalt Friede gebracht. In diesem Einen darf ich mich jetzt
schon rühmen, ein Christ zu sein: ich lebe der Menschheit, nicht meinem Volk
allein, ein Mensch, kein blosser Römer mehr. Darum kann ich dich, den Barbaren,
lieben wie einen Bruder: sind wir doch Bürger Eines Reichs: der Menschheit.
    Darum kann ich es ertragen, zu leben, nachdem ich mein Volk gestorben sehe.
Ich lebe der Menschheit: sie ist mein Volk!«
    »Nein,« rief Totila lebhaft, »das könnt' ich nimmermehr. In meinem Volk
allein kann ich und will ich leben: meines Volkes Art ist die Luft, in der
allein meine Seele atmen kann. Warum soll'n wir nicht dauern können, ewig: oder
doch solang diese Erde dauert? Was Perser und Griechen! Wir sind von besserem
Stoff. Weil sie dahinsiechten und versanken, müssen darum auch wir siechen und
versinken? Noch blühn wir in voller Jugendkraft! Nein, wenn ein Tag kömmt, da
die Goten sinken - mög' ihn mein Auge nicht mehr sehn. O all ihr Götter, lasst
uns nur nicht dahinkranken jahrhundertelang wie diese Griechen, die nicht leben
können und nicht sterben! Nein, muss es sein, so sendet ein furchtbar
Kampfgewitter und lasst uns rasch und herrlich fallen, alle, alle und mich
voran!«
    Der Jüngling hatte sich in die wärmste Begeisterung gesprochen. Er sprang
empor von der Marmorbank auf der Strasse, darauf sie sich niedergelassen, den
Lanzenschaft hoch gen Himmel erhebend.
    »Mein Freund,« sagte Julius, ihn liebevoll anblickend, »wie schön steht dir
dieser Eifer! Aber bedenke, ein solcher Kampf würde mit uns, mit meinem Volk
entbrennen und sollte ich -?«
    »Zu deinem Volke sollst du stehn mit Leib und Seele, das ist klar, wenn es
jemals zu solchem Kampfe kömmt. Du glaubst, das würde unsrer Freundschaft
Eintrag tun? mit nichten! Zwei Helden können sich knochentiefe Wunden hau'n und
dabei doch die besten Freunde sein. Ha, mich würd' es freuen, dich in einer
Schlachtreihe mir entgegenschreiten sehn mit Schild und Speer!«
    Julius lächelte. »Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger Art, du wilder
Gote. - Diese Fragen und Zweifel haben mich lange und bitter gequält und all
meine Philosophen zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht. Erst seit ich's
in Schmerzen erfahren, dass ich dem Gott im Himmel allein zu dienen habe und auf
Erden der Menschheit und nicht Einem Volk -«
    »Gemach, Freund,« rief Totila, »wo ist denn die Menschheit, von der du
schwärmst? Ich sehe sie nicht. Ich sehe nur Goten, Römer, Byzantiner! Eine
Menschheit über den wirklichen Völkern, irgendwo in den Lüften, kenn' ich nicht.
Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volke lebe. Ich kann gar nicht
anders! ich kann nicht die Haut abstreifen, darin ich geboren bin. Gotisch denk'
ich, in gotischen Worten, nicht in einer allgemeinen Sprache der Menschheit; die
gibt es nicht. Und wie ich nur gotisch denke, kann ich auch nur gotisch fühlen.
Ich kann das Fremde anerkennen, o ja. Ich bewundre eure Kunst, euer Wissen, zum
Teil euren Staat, in welchem alles so streng geordnet ist.
    Wir können vieles von euch lernen - aber tauschen könnt' ich und möcht ich
mit keinem Volk von Engeln. Ha, meine Goten! Im Grund des Herzens sind mir ihre
Fehler lieber als eure Tugenden.«
    »Wie ganz anders empfinde ich, und bin doch ein Römer!«
    »Du bist kein Römer! vergib, mein Freund, es gibt schon lange keine Römer
mehr. Sonst wär' ich nicht der Seegraf von Neapolis! So wie du kann nur
empfinden, wer eigentlich kein Volk mehr hat. So wie ich muss jeder fühlen, der
eines lebendigen Volkes ist.«
    Julius schwieg eine Weile. »Und wenn dem so ist - wohl mir! Heil, wenn ich
die Erde verloren, den Himmel zu gewinnen. Was sind die Völker, was ist der
Staat, was ist die Erde? Nicht hier unten ist die Heimat meiner unsterblichen
Seele! Sie sehnt sich nach jenem Reiche, wo alles anders ist als hier.«
    »Halt ein, mein Julius,« sprach Totila, stehenbleibend, die Lanze auf den
Boden stossend. »Hier, auf Erden, hab' ich festen Grund, hier lass mich stehn und
leben, hier nach Kräften das Schöne geniessen, das Gute schaffen nach Kräften. In
deinen Himmel kann und will ich dir nicht folgen. Ich ehre deine Träume, ich
ehre deine heil'ge Sehnsucht - aber ich teile sie nicht. Du weisst,« fügte er
lächelnd hinzu, »ich bin ein Heide, unverbesserlich, wie meine Valeria - unsere
Valeria. Zur rechten Stunde denk' ich ihrer. Deine erdenflücht'gen Träume liessen
uns am Ende des Liebsten auf Erden vergessen. Sieh, wir sind zur Stadt
zurückgekommen, die Sonne sinkt so rasch hier im Süden und ich soll noch vor
Nacht die bestellten Sämereien in den Garten des Valerius bringen. Ein
schlechter Gärtner,« lächelte er, »der seiner Blume vergässe. Leb wohl - ich
biege rechts hinab.«
    »Grüsse mir Valeria. Ich gehe nach Hause, zu lesen.«
    »Was liesest du jetzt? Noch Platon?«
    »Nein, Augustinus. Lebe wohl!«
 
                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Rasch eilte Totila durch die Strassen der Vorstadt, die belebteren Teile der
Innenstadt meidend, nach der Porta capuana zu und dem Turm Isaks, des jüdischen
Pförtners. Der Turm, unmittelbar zur Rechten des Tores, mit starken Mauern und
massiv gewölbtem Dach erbaut, erhob sich in mehreren sich verjüngenden Absätzen.
In dem höchsten Stockwerk, dicht an den zackigen Zinnen, waren zwei niedre, aber
breite Gelasse zur Wohnung des Türmers bestimmt.
    Dort hausten der alte Jude und Miriam, sein dunkelschönes Kind.
    In dem grössern Gemach, wo an den Wänden in strenger Ordnung die grossen
schweren Schlüssel zu den Haupttüren und den Nebenpforten des wichtigen
Torgebäudes, dann das krumme Wächterhorn und der breite, hellebardengleiche
Speer des Pförtners hingen, sass mit gekreuzten Beinen auf rohrgeflochtener Matte
Isak, der greise Turmwart: eine hohe, starkknochige Gestalt mit der Adlernase
und den buschigen, hochgeschweiften Brauen seiner Rasse.
    Er hielt einen langen Stab zwischen den Knieen, und aufmerksam hörte er den
Worten eines jungen, unansehnlichen Mannes, offenbar auch eines Israeliten, zu,
in dessen harten, nüchternen Zügen der ganze Rechnerverstand des jüdischen
Stammes lag.
    »Sieh, Vater Isak,« schloss er mit unschöner, klangloser Stimme, »meine Rede
ist keine eitle Rede und meine Worte kommen nicht aus dem Herzen allein, das
blind ist, sondern aus dem Kopf, der da ist sehend. Und hier hab' ich mit mir
gebracht Brief und Urkund für jedes Wort meines Mundes: hier meine Bestallung
als Baumeister für alle Wasserleitungen von Italien, jährlich fünfzig Goldsoldi
und für jedes neue Werk zehn Soldi besonders. Eben erst hab' ich wieder
hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser Stadt Neapolis; hier in diesem
Beutel sind die zehn Goldstücke, richtig bezahlt. Du siehst, ich kann ernähren
ein Weib; zudem bin ich Rachels, deiner Muhme, leiblicher Sohn. So lass mich
nicht reden umsonst und gib mir Miriam, dein Kind, dass sie bestelle mein Haus.«
    Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart und schüttelte langsam
das Haupt. »Jochem, Sohn Rachels, mein Sohn - ich sage dir, lass ab, lass ab.«
    »Warum? was kannst du haben gegen mich? Wer mag reden wider Jochem in
Israel?«
    »Niemand. Du bist gerecht und still und fleissig und mehrest deine Habe und
dein Werk gedeiht vor dem Herrn. Aber hast du gesehn, dass sich die Nachtigall
paart mit dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem Lasttier? Sie passen
nicht zusammen! Und nun sieh dortin und sage mir selbst, ob du passest für
Miriam, mein Kind.«
    Und er schob mit seinem langen Stock sachte den grünwollenen Vorhang zur
Seite, der das vordere Gemach abschloss.
    Leise silberne Töne waren schon herübergeklungen in das Gespräch der Männer:
jetzt sah man in den einfachen aber gefälligen Raum. An dem weiten
Rundbogenfenster, das über die herrliche Neapolis, das blaue Meer und die fernen
Berge die freieste Aussicht bot, stand ein junges Mädchen, ein fremdartig
geformtes Saiteninstrument im Arm. Es war eine Erscheinung von überraschender
Schönheit. Glühend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne noch in das
hochgelegene Gemach und übergoss wie das weisse Faltengewand so das edel
geschnittene Profil des Mädchens mit purpurnem Schimmer: es spielte auf dem
glänzend schwarzen Haar, das, halb hinter das feine Ohr zurückgestrichen, die
edeln Schläfe zeigte. Und wie dieser Sonnenglanz, so schien der Glanz der Poesie
die ganze Erscheinung zu umstrahlen, jede ihrer Bewegungen zu begleiten und
jeden träumerischen Blick aus diesen dunkelblauen Augen, die, in weiches Sinnen
versunken, über die Stadt und das Meer hinschweiften. »Dunkelmeeresblau« hatte
diese Augen Piso, der Dichter, genannt. -
    Wie im halben Traum berührten die Finger nur leise, leise die Saiten,
während von den halbgeöffneten Lippen, geflüstert mehr als gesungen, eine alte,
melancholische Weise klang:
»An Wasserflüssen Babylons
Sass weinend Judas Stamm: -
Wann kömmt der Tag, da Judas Stamm
Nicht mehr zu weinen hat?« -
    »Nicht mehr zu weinen hat!« wiederholte sie träumend und neigte das Haupt
auf den Arm, der die Harfe auf der Fensterbrüstung hielt.
    »Sieh hin,« sprach der Alte leise, »ist sie nicht lieblich wie die Rose in
den Gärten von Saron und die Hindin auf den Bergen von Hiram und ist kein Fehl
an ihrem Leibe?«
    Ehe Jochem antworten konnte, scholl dreimal ein leises Klopfen an der
schmalen Eisenpforte unten. Miriam fuhr auf aus ihrem Sinnen, strich rasch mit
der Hand über die Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter.
    Jochem trat an das Fenster und sein Gesicht legte sich in grimmige Falten.
»Ha, der Christ, der gottverfluchte,« knirschte er und ballte die Faust. »Schon
wieder der blonde Gote mit dem unbändigen Stolz! Vater Isak, ist das der
Edelhirsch, der dir zu deiner Hindin passt?« - »Sohn, rede nicht Hohnwort wider
Isak! Du weisst ja, der Jüngling hat sein Herz gesetzt auf ein Römermädchen,
seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda.«
    »Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn!«
    »Mit Dank und Freuden, wie das Lamm denkt des starken Hirten, der es
entrissen dem Rachen des Wolfs. Hast du vergessen, wie bei der letzten Jagd,
welche die verdammten Römer machten auf die Schätze und Goldhaufen von Israel,
und als sie niederbrannten die heil'ge Synagoge mit unheiligem Feuer, wie da
eine Rotte dieser bösen Buben mein armes Kind aufjagte auf der Strasse, wie ein
Rudel Wölfe das weisse Lamm, und zerrten ihr den Schleier vom Haupt und das
Busentuch von den Schultern: - wo war da Jochem, meiner Muhme Sohn, der sie
begleitete? Entflohen war er vor der Gefahr mit hurtigen Füssen und liess die
Taube in den Krallen der Geier!«
    »Ich bin ein Mann des Friedens,« sagte Jochem unbehaglich, »meine Hand führt
nicht das Schwert der Gewalt.«
    »Aber Totila führt es, wie einst der Löwe Juda und der Herr ist mit ihm.
Allein, wie er des Weges kam, sprang er unter die Schar der frechen Räuber und
schlug den frechsten mit der Schärfe des Schwertes und verscheuchte die andern,
wie der Turmfalk die Krähen, und hüllte sorglich den Schleier über mein bebendes
Kind und stützte ihren wankenden Schritt und führte sie heim, ungeschädigt, in
die Arme ihres alten Vaters. Das lohne ihm Jehova der Herr mit langem Leben und
segne alle Schritte seines Pfades.«
    »Nun wohl,« sagte Jochem, seine Urkunden einsteckend, »ich gehe, diesmal für
lange Zeit. Ich reise über das grosse Wasser zu machen ein gross Geschäft.«
    »Ein gross Geschäft? Mit wem?«
    »Mit Justinianus, dem Kaiser über Morgenland. Es ist eingestürzt ein Stück
der grossen Kirche, die er baut der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt des
Konstantin. Ich hab' entworfen Plan und saubern Grundriss, wieder aufzubauen das
Gebäude.«
    Heftig sprang der Alte auf und stiess seinen Stab auf den Boden: »Wie,
Jochem, Sohn Rachels, dem Römer willst du dienen? Dem Kaiser, dessen Vorfahren
die heilige Zion verbrannt und in Asche gelegt den Tempel des Herrn? Und bauen
willst du an einem Haus des Unglaubens, du, der Sohn des frommen Manasse? Wehe,
wehe über dich!« - »Was rufest du Wehe und weisst nicht warum? Riechst du's dem
Goldstück an, ob es kommt aus der Hand des Juden oder des Christen? Wiegt es
nicht gleich schwer und glänzt es nicht gleich lieblich?«
    »Sohn Manasses, du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon.«
    »Aber du selbst, dienst du nicht den Ungläubigen? Seh ich nicht das
Wächterhorn an der Wand deines Hauses? führst du nicht die Schlüssel für diese
Goten und tust ihnen auf und zu die Pforten für ihren Ausgang und Eingang und
hütest die Burg ihrer Stärke?«
    »Ja, das tu' ich,« sagte der Alte stolz, »und wachen will ich für sie
treulich, Tag und Nacht, wie der Hund für den Herrn, und solang Isak Odem hat,
der Sohn Ruben, soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies Tor. Denn
Dank schulden die Kinder Israel ihnen und ihrem grossen König, der weise war wie
Salomo und wie Gideons war sein Schwert! Dank wie unsre Väter dem grossen König
Cyrus, der sie befreit hat aus Babylon. Die Römer haben gebrochen den Tempel
des Herrn und zerstreut sein Volk über das Angesicht der Erde. Sie haben uns
verspottet und geschlagen und verbrannt unsre heiligen Stätten und geplündert
unsre Truhen und verunreinigt unsre Häuser und gezwungen unsre Weiber überall in
ihren Landen und haben geschrieben gegen uns manch grausam Gesetz. Da kam dieser
grosse König von Mitternacht, dessen Samen Jehova segne, und hat wieder aufgebaut
unsre Synagogen: und wenn sie die Römer niederrissen, mussten sie alles wieder
aufrichten mit eigner Hand und eignem Gelde, und er hat beschützt den Frieden
unsrer Dächer und wer Einen schädigte aus Israel, der musste es büssen, wie wer
einen Christen gekränkt. Er hat uns gelassen unsern Gott und unsern Glauben und
hat beschirmt unsre Schritte auf den Strassen unsres Handels und wir feierten das
Passah in Frieden und Freude, wie nicht mehr seit den Tagen, da der Tempel noch
stand auf den Höhen von Zion. Und als ein Grosser unter den Römern mir mit Gewalt
meine Sarah geraubt, mein Weib, liess ihm König Teoderich das stolze Haupt
abschlagen noch am selben Tage und gab mir wieder mein Weib unversehret. Und das
will ich gedenken, solange meine Tage dauern und will dienen seinem Volke treu
bis zum Tode und man soll wieder sagen, weit in allen Landen: treu und dankbar
wie ein Jude.«
    »Mögest du nicht Undank ernten von den Goten für deinen Dank,« sagte Jochem,
sich zum Gehen rüstend: »mir ist, einmal kömmt die Stunde für mich, wieder um
Miriam zu werben, zum letztenmal. Vielleicht, Vater Isak, bist du dann minder
stolz.« Und er schritt durch Miriams Gemach zur Treppe hinaus, wo er Totila
begegnete. Mit einer hässlichen Verbeugung und einem stechenden Blick drückte
sich der Kleine an dem schlanken Goten vorbei, der beim Eintritt in die
Türmerwohnung sich tief bücken musste. Miriam folgte ihm auf dem Fuss.
    »Dort hängen deine Gärtnerkleider,« sagte sie, ohne die langen Wimpern
aufzuschlagen, »und hier am Fenster hab' ich die Blumen bereitgestellt. Sie
liebt die weissen Narzissen, sagtest du neulich. Ich habe weisse Narzissen
besorgt. Sie duften lieblich.« Und die melodische Stimme schwieg.
    »Du bist ein gutes Mädchen, Miriam,« sagte Totila, den Helm mit den
silberweissen Schwanenflügeln abhebend und auf den Tisch setzend, »wo ist dein
Vater?« - »Der Segen des Herrn ruhe auf deinen goldnen Locken,« sprach der Alte,
in das Gemach tretend. - »Gegrüsst, treuer Isak!« rief Totila, warf den langen,
glänzendweissen Mantel ab, der ihm von den Schultern floss, und hüllte sich in
einen braunen Überwurf, den ihm Miriam von der Wand reichte. »Ihr guten Leute!
Ohne euch und eure verschwiegene Treue wüsste ganz Neapolis um mein Geheimnis.
Wie kann ich euch danken!« - »Dank?« sagte Miriam, schlug die dunkelblauen Augen
auf und liess sie leuchtend auf ihm ruhen. »Du hast voraus gedankt für alle
Zeit.«
    »Nein, Miriam,« sagte der Gote, den braunen, breitkrempigen Filzhut tief in
die Stirne ziehend, »ich mein' es herzlich gut mit euch. Sage, Vater Isak, wer
ist der Kleine, den ich schon öfter hier gesehen und eben wieder begegnet? Mir
ist, er hat sein Auge auf Miriam geworfen. Sprich offen, wenn es bei ihr nur am
Gelde fehlt - ich helfe gern.« - »Es fehlt an der Liebe, Herr, bei ihr,« sagte
Isak ruhig. - »Da kann ich freilich nicht helfen! Aber wenn sonst ihr Herz
gewählt - ich möchte gern etwas tun für meine Miriam.« Und er legte freundlich
die Hand auf das glänzende schwarze Haar des Mädchens. Nur leise war die
Berührung. Aber wie vom heissen Blitz getroffen fiel Miriam plötzlich auf die
Kniee: die Arme über dem Busen kreuzend, und das schöne Haupt tief nach vorn
beugend: wie eine tauschwere Blume glitt sie zu den Füssen Totilas nieder.
    Dieser trat bestürzt einen Schritt zurück.
    Aber im Augenblick war das Mädchen wieder auf: »Verzeih, es war nur eine
Rose - sie fiel vor deinen Fuss.«
    Sie legte die Blume auf den Tisch und so gefasst war sie, dass weder ihr Vater
noch der Jüngling des Vorfalls weiter achteten.
    »Es dunkelt schon, eile Herr,« sprach sie ruhig und reichte ihm den Korb mit
den Blumen. - »Ich gehe. Auch Valeria schuldet dir reichen Dank: ich habe ihr
viel von dir erzählt und sie fragt mich stets nach dir. Sie möchte dich lang
schon sehen. Nun, vielleicht geht das bald - heut' ist's wohl das letztemal, dass
ich diese Vermummung brauche.«
    »Willst du sie entführen, die Tochter von Edom?« rief der Alte. »Bring sie
nur hierher! hier ist sie wohl geborgen.«
    »Nein,« fiel Miriam ein, »nicht hierher, nein, nein!«
    »Weshalb nicht, du seltsames Kind?« zürnte der Alte.
    »Das ist kein Raum für seine Braut - dies Gemach - es brächte ihr kein
Heil.« - »Beruhigt euch,« sagte Totila, schon an der Türe, »offne Werbung soll
der Heimlichkeit ein Ende machen. Lebt wohl.« Und er schritt hinaus. Isak nahm
den Speer, das Horn und einige Schlüssel von der Wand; er folgte, ihm zu öffnen
und die Abendrunde längs allen Pforten des grossen Torbaues zu machen.
    Miriam blieb oben allein.
    Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen an derselben
Stelle. Endlich strich sie mit beiden Händen über Schläfe und Wangen und schlug
die Augen auf. Still war's im Gemach; durch das offene Fenster glitt der erste
Strahl des Mondlichts. Er fiel silbern auf Totilas hellen Mantel, der in langen
Falten über dem Stuhl hing. Rasch flog Miriam auf den weissen Schimmer zu und
bedeckte den Saum des Mantels mit heissen Küssen. Dann ergriff sie den blinkenden
Schwanenhelm, der neben ihr auf dem Tische stand, sie umfasste ihn mit beiden
Armen und drückte ihn zärtlich an die Brust. Dann hielt sie ihn eine Weile
träumend vor sich hin: endlich - sie konnte nicht - wiederstehen - hob sie ihn
rasch auf und setzte ihn auf das schöne Haupt: sie zuckte als die Wölbung ihre
Stirn berührte, dann strich sie die schwarzen Flechten aus den Schläfen und
drückte einen Augenblick den harten, kalten Stahl fest mit beiden Händen an die
glühende Stirn, Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn, scheu umblickend, auf
seinen frühern Ort zu dem Mantel. Darauf trat sie ans Fenster und sah hinaus in
die duftige Nacht und das zauberische Mondlicht. Ihre Lippen regten sich wie im
Gebet: aber die Worte des Gebets klangen aus in der alten Weise:
»An Wasserflüssen Babylons
Sass weinend Judas Stamm:
Wann kömmt der Tag, der all dein Leid,
Du Tochter Zion, stillt?«
                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten Sternen, hatte Totilas rascher,
sehnsuchtbeflügelter Schritt alsbald die Villa des reichen Purpurhändlers, die
etwa eine Stunde vor dem Capuanischen Tor gelegen war, erreicht.
    Der Türstehersklave wies ihn an den alten Hortularius, den Freigelassenen
Valerias, dem die Sorge für die Gärten überlassen war. Dieser, der Vertraute der
Liebenden, nahm dem Gärtnerburschen die Blumen und Sämereien ab, die er
angeblich von dem ersten Blumenhändler von Neapolis brachte, und geleitete ihn
in sein gewöhnliches Schlafgemach im Erdgeschoss, dessen niedrige Fenster in den
Garten führten: am andern Morgen noch vor Aufgang der Sonne - so wollte es die
Geheimlehre der antiken Gärtnerei - müssten die Blumen eingesetzt werden, auf dass
das erste Sonnenlicht, das sie in dem neuen Boden träfe, das segenbringende der
Morgensonne sei. -
    Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen Gemach bei einem Kruge
Weines die Stunde, da sich Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen
Nachtmahl verabschieden konnte.
    Immer wieder sah er zum Himmel auf, an dem Auftauchen der Sterne und dem
Gang des Mondes den Fortschritt der Nacht zu ermessen. Er schlug den Vorhang
zurück, der die Fensteröffnung schloss; stille war's in dem weiten Garten. In der
Ferne plätscherte nur leise der Springbrunnen und Zikaden zirpten in den
Myrtengebüschen: der warme üppige Südwind strich in schwülem Hauch durch die
Nacht, stossweise ganze Wolken von Wohlgerüchen aus Rosenbäumen auf seinen
Fittichen mit sich führend: und weitin aus dem Pinienwäldchen am Ende des
Gartens drang lockend und sinnaufregend der tiefgezogene heisse Schlag der
Nachtigall.
    Endlich hielt sich Totila nicht länger. Geräuschlos schwang er sich über die
Marmorbrüstung des Fensters: kaum knisterte unter seinen raschen Schritten der
weisse Sand der schmalen Wege, wie er, den Strom des Mondlichts meidend, unter
dem Schatten der Gebüsche dahineilte. Vorüber an den dunkeln Taxusgängen und den
Lauben von dichten Oliven, vorüber an der hohen Statue der Flora, deren weisser
Marmor geisterhaft im Mondlicht schimmerte, vorüber an dem weiten Becken, wo
sechs Delphine den Wasserstrahl hoch aus den Nüstern bliesen, rasch eingebogen
in den dicht verwachsenen Laubweg von Lorbeer und Tamarinden und nun, noch ein
Oleandergebüsch durchdringend, stand er vor der Grotte aus Tropfstein, in der
die Quellnymphe über einer dunkeln, grossen Urne lehnte.
    Wie er eintrat, glitt eine weisse Gestalt hinter der Statue hervor.
    »Valeria, meine schöne Rose!« rief Totila und umschlang glühend die
Geliebte, die leise seinem Ungestüm wehrte. »Lass, lass ab, mein Geliebter,«
flüsterte sie, sich seinem Arm entziehend. »Nein, du Süsse, ich will nicht von
dir lassen. Wie lang, wie schmerzlich hab' ich dein entbehrt! Hörst du, wie
lockend und wirbelnd die Nachtigall ruft, fühlst du wie der warme Hauch der
Sommernacht, der berauschende Duft des Geissblattes Liebe atmet? Sie alle mahnen
und bedeuten, wir sollen glücklich sein! O lass sie uns festalten, diese goldnen
Stunden. Meine Seele ist nicht weit genug all' ihr Glück zu fassen: all' deine
Schönheit, all' unsre Jugend und diese glühende, blühende Sommernacht; in
mächtigen Wogen rauscht das volle Leben durch das Herz und will's vor Wonne
sprengen.«
    »O mein Freund! gern möcht' ich, wie du, aufgehn im Glücke dieser Stunden.
Ich kann es nicht. Ich traue nicht diesem berauschenden Duft, der üppigen
Schwüle dieser Sommernächte: sie dauert nicht: sie brütet Unheil: ich kann nicht
glauben an das Glück unsrer Liebe.«
    »Du liebe Törin, warum nicht?«
    »Ich weiss es nicht: der unselige Zwiespalt, der all mein Leben scheidet, übt
seinen Fluch auch hier. Gern möchte mein Herz sich trunken, wie du, diesem
Glücke hingeben. Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt: es dauert nicht - du
sollst nicht glücklich sein.«
    »So bist du nicht glücklich in meinen Armen?«
    »Ja und nein! Das Gefühl des Unrechts, der Schuld gegen meinen edlen Vater
lastet auf mir. Sieh, Totila, was mich zumeist an dir beglückt ist nicht diese
deine jugendschöne Kraft, selbst deine grosse Liebe nicht. Es ist der Stolz
meines Herzens auf deine Seele, auf deine offne, lichte, edle Seele. Ich habe
mich gewöhnt, dich klar und hell wie einen Gott des Lichts durch diese dunkle
Welt schreiten zu sehen: der edle Mut siegessichrer Kraft, der Schwung, die
freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist mein Stolz: dass alles Kleine, Dumpfe,
Gemeine versinken muss, wo du nahest, das ist mein Glück. Ich liebe dich wie eine
Sterbliche den Sonnengott, der ihr in Fülle seines Lichts genaht. Und deshalb
kann ich an dir nichts Heimliches, Verstecktes dulden. Auch die Wonnen dieser
Stunden nicht - sie sind erlistet und es kann nicht länger also sein.«
    »Nein, Valeria, und es soll auch nicht. Ich fühle ganz wie du. Auch mir ist
die Lüge dieser Mummerei verhasst, ich trage sie nicht länger. Ich bin gekommen,
ihr ein Ende zu machen. Morgen, morgen werf ich diese Täuschung ab und spreche
zu deinem Vater offen und frei.« - »Dieser Entschluss ist der beste, denn« -
    »Denn er rettet dein Leben, Jüngling!« unterbrach plötzlich eine tiefe
Stimme und aus dem dunkeln Hintergrund der Grotte trat ein Mann und stiess das
blanke Schwert in die Scheide.
    »Mein Vater!« rief Valeria überrascht, doch in mutiger Fassung. Totila
schlang seinen Arm um sie, sein Kleinod zu verteidigen.
    »Hinweg, Valeria, fort von dem Barbaren!« sprach Valerius, befehlend den Arm
ausstreckend.
    »Nein, Valerius,« sagte Totila, die Geliebte fester an sich drückend, »ihr
Platz ist fortin an dieser Brust.«
    »Verwegner Gote!«
    »Höre mich, Valerius, und zürne uns nicht um dieser Täuschung willen. Du
hast es selbst gehört, schon morgen sollte sie enden.«
    »Zu deinem Glück hab' ich's gehört. Gewarnt von dem ältesten meiner Freunde,
wollt' ich doch kaum glauben, dass meine Tochter - mich hintergeht. Als ich's
glauben musste, beschloss ich, dass dein Blut deine List bezahlen sollte. Dein
Entschluss hat dein Leben gerettet. Jetzt aber flieh: du siehst ihr Antlitz
niemals wieder.« -
    Totilo wollte heftig erwidern, aber Valeria kam ihm zuvor: »Vater,« sprach
sie ruhig, zwischen die Männer tretend, »höre dein Kind. Ich will meine Liebe
nicht entschuldigen, sie bedarf es nicht, sie ist göttlich und notwendig wie die
Sterne: die Liebe zu diesem Mann ist das Leben meines Lebens.
    Du kennst meine Seele: Wahrheit ist ihr Äter und ich sage dir, bei meiner
Seele: nie werd' ich lassen von diesem Mann!« - »Und niemals ich von ihr,« rief
Totila und ergriff ihre Rechte.
    Hochaufgerichtet stand das junge Paar, vom Licht des Mondes voll beleuchtet,
vor dem Alten: ihre edlen Züge und Gestalten trugen im Augenblick die Weihe
heiliger Begeisterung: und so schön war die Gruppe, dass ein rührendes,
erweichendes Gefühl davon sich unwillkürlich dem zürnenden Vater aufdrängte.
»Valeria, mein Kind!«
    »O mein Vater! Du hast mit einer Liebe und Treue all meine Schritte
geleitet, dass ich bisher die Mutter, die verlorne, zwar beklagte, aber kaum
vermisste. Jetzt, in dieser Stunde, vermiss ich sie zum erstenmal: jetzt, ich
fühl' es, bedürfte ich ihrer Fürsprache. O so lass ihr Andenken wenigstens für
mich sprechen. Lass mich dir ihr Bild vor die Seele führen und dich an den
Augenblick erinnern, da dich die Sterbende zum letztenmal an ihr Lager rief und
dir, wie du mir oft gesagt, mein Glück auf die Seele band als heiligstes
Vermächtnis. -«
    Valerius drückte die linke Hand vor die Stirn; seine Tochter wagte die andre
zu fassen, er entzog sie ihr nicht: offenbar rang es gewaltig in des Alten
Brust. Endlich sprach er: »Valeria, du hast ein mächtig Wort gesprochen, ohne es
zu wissen. Es wäre unrecht, dir zu verschweigen, was du ahnungsvoll berührt.
Erfahre, was deine Mutter in jener Sterbestunde mir auferlegt. Noch immer
drückte ihre Seele jenes Gelübde, das wir doch lange abgelöst. Soll unser Kind
nicht die Braut des Himmels werden, sprach sie so gelobe mir wenigstens, die
Freiheit ihrer Wahl zu ehren. Ich weiss wie römische Mädchen, zumal die Töchter
unsres Standes, in die Ehe gegeben werden, ungefragt, ohne Liebe: ein solcher
Bund ist ein Elend auf Erden und ein Greuel vor dem Herrn. Meine Valeria wird
edel wählen - gelobe mir, sie dem Mann ihrer Wahl anzuvertrauen und keinem
sonst.«
    »Und ich gelobte es in ihre bebende Hand. - Aber mein Kind einem Barbaren
geben, einem Feind Italiens, nein, nein!« Und mit heftiger Armbewegung riss er
sich von ihr los.
    »Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht, Valerius«, hob Totila an.
»Wenigstens bin ich in meinem ganzen Volk der wärmste Freund der Römer. Glaube
mir, nicht euch hasse ich; die ich verabscheue, sind eure wie unsre
verderblichsten Feinde - die Byzantiner!«
    Das war ein glückliches Wort. Denn in dem Herzen des alten Republikaners war
der Hass gegen Byzanz die Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu Italien. Er
schwieg, aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Jüngling.
    »Mein Vater,« sprach Valeria, »dein Kind würde keinen Barbaren lieben. Lern'
ihn kennen: und schiltst du ihn dann noch barbarisch - so will ich nie die Seine
werden. Ich fordre nichts von dir als: lern' ihn kennen, entscheide du selbst,
ob meine Wahl edel sei oder nicht.
    Ihn lieben alle Götter und alle Menschen müssen ihm gut sein - du allein
wirst ihn nicht verwerfen.«
    Und sie fasste seine Hand.
    »O lerne mich kennen, Valerius,« bat Totila, innig seine andre Hand
ergreifend. Der Alte seufzte. Endlich sprach er: »Kommt mit mir zum Grabe der
Mutter. Dort ragt es unter den Zypressen. Da ruht die Urne mit ihrem Herzen.
Dort lasst uns ihrer gedenken, der edelsten Frau, und ihren Schatten anrufen. Und
ist es echte Liebe und eine edle Wahl, so werd' ich erfüllen, was ich gelobt.«
 
                          Vierundzwanzigstes Kapitel.
Einige Wochen später finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen
Schreibgemach mit der Cäsarstatue Cetegus, den Präfekten und unsern neuen
Bekannten, Petros, des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten.
    Die beiden Männer hatten unter lebhaftem Gespräch und wechselseitigem
Erinnern an frühere Zeiten - sie waren Studiengenossen, wie wir erfuhren - zu
einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben aus dem
Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, um jetzt ungestört von den
bedienenden Sklaven Geheimeres zu bereden.
    »Sobald ich mich überzeugt hatte,« schloss Cetegus seinen Bericht über die
letzten Ereignisse, »dass die Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst Gerüchte
waren, vielleicht erdichtet, jedenfalls übertrieben, setzte ich der Aufregung
und dem Eifer meiner Freunde die grösste Ruhe entgegen. Der Feuerkopf Lucius
Licinius mit seiner törichten Begeisterung für mich hätte bald alles verdorben.
Unablässig forderte er meine Diktatur, buchstäblich setzte er mir das Schwert
auf die Brust und schrie, man müsse mich zwingen, das Vaterland zu retten. Er
schwatzte so viel aus der Schule, dass es nur ein Glück war, der schwarze Korse -
der es mit den Barbaren zu halten scheint, niemand weiss recht, warum - nahm ihn
für mehr berauscht als er war. Endlich kam die Nachricht, Amalaswinta sei
zurückgekehrt, und so beruhigte sich allmählich Volk und Senat.«
    »Du aber,« sagte Petros, »hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der
Barbaren gerettet - ein unvergessliches Verdienst, das dir die ganze Welt,
zunächst aber die Regentin, danken muss.« - »Die Regentin - arme Frau!« meinte
Cetegus achselzuckend, »wer weiss wie lange die Goten oder deine Gebieter zu
Byzanz sie noch werden auf dem Trone lassen.« - »Wie? da irrst du sehr!« fiel
Petros eifrig ein. »Meine Sendung hat vor allem den Zweck, ihren Tron zu
stützen; und bei dir wollte ich eben anfragen, wie man das am besten könne,«
setzte er pfiffig hinzu.
    Aber der Präfekt lehnte sein Haupt zurück an die Marmorwand und sah den
Gesandten lächelnd an: »O Petros, o Petre,« sagte er, »warum so verdeckt? Ich
dächte doch, wir kennten uns besser.«
    »Was meinst du?« fragte der Byzantiner befangen.
    »Ich meine, dass wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander studiert
haben zu Berytus und Aten. Ich meine, dass wir damals schon unzählige Male als
Jünglinge, lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu dem Ergebnis gelangten:
der Kaiser müsse diese Barbaren austreiben aus Italien und wieder zu Rom
herrschen wie zu Byzanz. Und da nun ich noch denke wie dazumal, wirst wohl auch
du nicht ein andrer geworden sein.« - »Ich habe meine Ansicht der meines Herrn
zu unterwerfen, und Justinian« - »Erglüht natürlich für die Herrschaft der
Barbaren in Italien.« - »Freilich,« sagte der Rhetor verlegen, »es könnten Fälle
eintreten -«
    »Petre,« rief jetzt Cetegus, sich unwillig aufrichtend, »keine Phrasen und
keine Lügen. Sie sind nicht angewandt bei mir. Sieh, Petros, es ist wieder dein
alter Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein. du meinst, es muss immer
gelogen sein, und hast nie den Mut zur Wahrheit. Man muss aber nur dann lügen,
wenn man in seiner Lüge ganz sicher ist. Wie kannst du mich darüber täuschen
wollen, dass der Kaiser Italien wieder haben will? Ob er die Regentin stürzen
oder halten will, hängt davon ab, ob er glaubt ohne oder mit ihr leichter ans
Ziel zu kommen. Wie er hierüber denkt, das soll ich nicht erfahren. Aber sieh',
trotz all deiner Verschmitzheit, sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag'
ich dir ins Gesicht, was dein Kaiser hierin vor hat.«
    Ein boshaftes und bittres Lächeln spielte um des Gesandten Mund: »Noch immer
so stolz, wie in der Dialektik zu Aten,« sagte er giftig. - »Jawohl und du
weisst, zu Aten war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite und erst der
Dritte warst du.«
    Da trat Syphax ein:
    »Eine verhüllte Frau, o Herr,« meldete er, »sie wartet dein im Zeussaal.«
    Sehr froh, diese Unterhaltung abgebrochen zu sehen, denn er fühlte sich dem
Präfekten nicht gewachsen, grinste Petros: »Nun, ich wünsche Glück zu solcher
Störung.«
    »Ja, dir!« lächelte Cetegus und ging hinaus.
    »Hochmütiger, du sollst noch deinen Spott bereuen,« dachte der Byzantiner.
    Cetegus fand in dem Saale, der von einer schönen Zeusstatue des Glykon von
Aten den Namen trug, eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau; sie schlug
bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurück.
    »Fürstin Gotelindis«, fragte der Präfekt überrascht, »was führt dich zu
mir?«
    »Die Rache!« erwiderte eine heisere, unschöne Stimme und die Gotin trat
dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, aber nicht hässliche Züge: und man hätte
sie sogar schön nennen müssen, wenn nicht das linke Auge ausgeflossen und die
ganze linke Wange durch eine grosse Narbe entstellt gewesen wäre: diese Wunde
schien jetzt frisch zu bluten, da dem leidenschaftlichen Weibe die Röte in die
Wangen schoss, wie sie bei jedem Wort die Faust ballte. So tödlicher Hass loderte
aus dem einen grauen Auge, dass Cetegus unwillkürlich von ihr zurücktrat.
    »Rache?« fragte er, »an wem?«
    »An - davon später. Vergib,« sagte sie, sich fassend, »dass ich euch störe.
Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei dir, nicht wahr?«
    »Ja. Woher weisst du -«
    »O, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus eintreten,« sagte sie
gleichgültig.
    »Das ist nicht wahr,« sprach Cetegus im Geiste: »ich hab' ihn ja zur
Gartentür hereinführen lassen. Also haben sich die beiden hier zusammenbestellt.
Ich soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir vor?«
    »Ich will dich nicht lange hier festalten,« fuhr Gotelindis fort. »Ich
habe nur Eine Frage an dich. Antworte kurz ja oder nein. Ich kann das Weib - die
Tochter Teoderichs - stürzen und ich will's: bist du darin für mich oder gegen
mich?«
    »O, Freund Petros,« dachte der Präfekt, »jetzt weiss ich bereits, was du mit
Amalaswinten vorhast. Aber wir wollen sehen, wie weit ihr schon seid.«
    »Gotelindis,« hob er ausholend an, »du willst die Regentin stürzen - das
glaub' ich dir gern - aber dass du's kannst, bezweifle ich.«
    »Höre, dann entscheide ob ich's kann. Das Weib hat die drei Herzoge ermorden
lassen.«
    Cetegus zuckte die Achseln: »Das glauben manche Leute.«
    »Aber ich kann es beweisen.«
    »Das wäre,« meinte Cetegus ungläubig. - »Herzog Tulun, wie du weisst, starb
nicht sofort. Er ward auf der Ämilischen Strasse überfallen, nahe bei meiner
Villa zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten ihn in mein Haus. Du
weisst, er war mein Vetter - ich bin aus dem Hause der Balten - er verschied in
meinen Armen.«
    »Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?«
    »Nichts Wundfieber! Herzog Tulun traf noch im Stürzen den Mörder mit dem
Schwert: er entkam nicht weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn sterbend
im nächsten Walde: er hat mir alles gestanden.«
    Cetegus drückte nur unmerklich die Lippen zusammen. »Nun, was war er? was
hat er ausgesagt.«
    »Er war,« sprach Gotelindis scharf, »ein isaurischer Söldner, ein Aufseher
der Schanzarbeiten zu Rom, und sagte aus: Cetegus, der Präfekt, hat mich zur
Regentin, die Regentin zu Herzog Tulun gesendet.«
    »Wer hörte dies Geständnis ausser dir?« fragte Cetegus lauernd.
    »Niemand. Und niemand soll davon hören, wenn du zu mir stehest. Wenn aber
nicht, dann -«
    »Gotelindis,« unterbrach der Präfekt, »keine Drohung: sie nützt dir nichts.
Du solltest einsehn, dass du mich dadurch nur erbittern, nicht zwingen kannst.
Ich lasse es im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist als grimmige Feindin
Amalaswintens bekannt: dein Zeugnis allein - du warst unvorsichtig genug, zu
gestehen, dass niemand sonst das Geständnis gehört - wird weder sie noch mich
verderben. Zwingen kannst du mich zum Kampfe gegen die Regentin nicht: höchstens
überreden, wenn du mir's als meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und dazu
will ich selbst dir einen Verbündeten schaffen. Du kennst doch Petros, meinen
Freund?«
    »Genau, seit lange.«
    »Erlaube, dass ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole.«
    Er ging in das Studierzimmer zurück. »Petros, mein Besuch ist die Fürstin
Gotelindis, Teodahads Gemahlin. Sie wünscht uns beide zu sprechen. Kennst du
sie?«
    »Ich? o nein; ich habe sie nie gesehen!« sagte der Rhetor rasch.
    »Gut; folge mir.« Sowie sie in den Saal des Zeus traten, rief Gotelindis
ihm entgegen:
    »Gegrüsst, alter Freund, welch überraschend Wiedersehn.«
    Petros verstummte.
    Cetegus, die Hände auf den Rücken gelegt, weidete sich an der Bestürzung
des Diplomaten von Byzanz. Nach einer peinlichen Pause hob er an: »Du siehst,
Petros, immer zu pfiffig, immer unnötige Feinheiten. Aber komm, lass dich eine
entdeckte List mehr nicht so niederschlagen. Ihr beide habt euch also verbunden,
die Regentin zu stürzen. Mich wollt ihr gewinnen, euch dabei zu helfen. Dazu muss
ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt. Wen wollt ihr auf Amalaswintens Tron
setzen? Denn noch ist der Weg für Justinian nicht frei.«
    Beide schwiegen eine Weile. Es überraschte sie sein klares Durchschauen der
Lage. Endlich sprach Gotelindis: »Teodahad, meinen Gemahl, den letzten der
Amelungen.«
    »Teodahad, den letzten, der Amelungen,« wiederholte Cetegus langsam.
Indessen überlegte er alle Gründe für und wider. Er bedachte, dass Teodahad,
unbeliebt bei den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der Hand der
Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung des Kaisers anders,
früher als Er wollte, herbeiführen würde.
    Er bedachte, dass er jedenfalls die Heere der Oströmer möglichst lange
fernhalten müsse und er beschloss bei sich, die gegenwärtige Lage und
Amalaswinta aufrecht zu halten, da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen
liessen. All das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen. »Und wie
wollt ihr nun eure Sache angehn?« fragte er ruhig.
    »Wir werden das Weib auffordern, zugunsten meines Gatten abzudanken, unter
Androhung, sie des Mordes anzuklagen.«
    »Und wenn sie's darauf wagt?«
    »So vollführen wir die Drohung,« sagte Petros, »und erregen unter den Goten
einen Sturm, der ihr -«
    »Das Leben kostet,« rief Gotelindis.
    »Vielleicht die Krone kostet,« sagte Cetegus. »Aber gewiss sie nicht
Teodahad zuwendet. Nein, wenn die Goten einen König wählen, heisst er nicht
Teodahad.«
    »Nur zu wahr!« knirschte Gotelindis.
    »Dann könnte leicht ein König kommen, der uns allen viel unerfreulicher wäre
als Amalaswinta.«
    Und deshalb sag' ich euch offen: »ich bin nicht für euch, ich halte die
Regentin.«
    »Wohlan,« rief Gotelindis grimmig, sich zur Türe wendend, »also Kampf
zwischen uns, komm, Petros.«
    »Gemach, ihr Freunde,« sprach der Byzantiner.
    »Vielleicht ändert Cetegus seinen Sinn, wenn er dies Blatt gelesen.«
    Und er reichte dem Präfekten jenen Brief, den Alexandros von Amalaswinta an
Justinian überbracht.
    Cetegus las: seine Züge verfinsterten sich.
    »Nun,« meinte Petros höhnisch, »willst du noch die Königin stützen, die dich
dem Untergang geweiht? Wo warst du, wenn sie ihren Plan durchführte und deine
Freunde nicht für dich wachten.«
    Cetegus hörte ihn kaum »Armseliger,« dachte er, »als ob es das wäre! Als ob
die Regentin daran nicht ganz recht hätte. Als ob ich ihr das verargen könnte!
Aber die Unvorsichtige hat bereits getan, was ich von Teodahad erst fürchtete:
sie hat sich selbst vernichtet und all' meine Pläne bedroht: sie hat die
Byzantiner schon ins Land gerufen und sie werden jetzt kommen, ob sie noch will
oder nicht. Solange Amalaswinta Königin, wird Justinian ihren Beschützer
spielen.« Und nun wandte er sich scheinbar in grosser Bestürzung an den
Gesandten, den Brief zurückgebend: »Und wenn sie ihren Entschluss durchführte,
wenn sie auf dem Tron bliebe - bis wann können eure Heere landen?«
    »Belisar ist schon auf dem Wege nach Sizilien,« sagte Petros, stolz darauf,
den Hochmütigen eingeschüchtert zu haben, »in einer Woche kann er vor Rom
liegen.«
    »Unerhört,« rief Cetegus in unverstellter Bewegung.
    »Du siehst,« sprach Gotelindis, welcher Petros inzwischen den Brief
gereicht, »die du halten wolltest, will dich verderben. Komm ihr zuvor.«
    »Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, fordre ich dich auf, mir
beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten und Italien seine Freiheit
wiederzugeben. Man weiss am Kaiserhof dich und deinen Geist zu schätzen und nach
dem Siege verheisst dir Justinian: - die Würde eines Senators zu Byzanz.«
    »Ist's möglich!« rief Cetegus. »Aber nicht einmal diese höchste Ehre treibt
mich dringender in euren Bund als die Entrüstung über die Undankbare, die zum
Lohn für meine Dienste mein Leben bedroht. - Du bist doch gewiss,« fragte er
ängstlich, »dass Belisar noch nicht sobald landen wird?«
    »Beruhige dich,« lächelte Petros, »diese meine Hand ist's, die ihn
herbeiwinkt, wann es Zeit. Erst muss Amalaswinta durch Teodahad ersetzt sein.«
    »Gut,« dachte Cetegus, »Zeit gewonnen, alles gewonnen. Und nicht eher soll
der Byzantiner landen, bis ich ihn an der Spitze des bewaffneten Italiens
empfangen kann.« - »Ich bin der eure«, sprach er, »und ich denke, ich werde die
Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit eigner Hand die Krone aufs Haupt zu
setzen. Amalaswinta soll dem Zepter entsagen.«
    »Nie tut sie das!« rief Gotelindis.
    »Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch grösser als ihr Herrscherstolz. Man
kann seine Feinde auch durch ihre Tugenden verderben,« sagte Cetegus
nachsinnend. »Ich bin meiner Sache gewiss, und ich grüsse dich, Königin der
Goten!« schloss er mit leichter Verbeugung.
 
                          Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Die Regentin Amalaswinta stand in der Zeit nach der Beseitigung der drei
Herzoge in einer abwartenden Haltung.
    Hatte sie durch den Fall der Häupter des ihr feindlichen Adels etwas mehr
freie Hand gewonnen, so stand doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom in
naher Aussicht, in der sie sich von dem Verdacht des Mordes völlig reinigen oder
die Krone, vielleicht das Leben, lassen musste. Nur bis dahin hatten ihr Witichis
und die Seinen ihren Schutz zugesagt. Sie spannte deshalb ihre Kräfte an, ihre
Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen Seiten zu befestigen.
    Von Cetegus hoffte sie nichts mehr: sie hatte seine kalte Selbstsucht
durchschaut; doch vertraute sie, dass die Italier und die Verschwornen in den
Katakomben, an deren Spitze ja ihr Name stand, ihre römerfreundliche Herrschaft
einem aus der rauhen Gotenpartei hervorgegangenen König vorziehen würden.
Sehnlich wünschte sie das Eintreffen der vom Kaiser erbetenen Leibwache herbei,
um für den ersten Augenblick der Gefahr eine Stütze zu haben: und eifrig war sie
bemüht, unter den Goten selbst die Zahl ihrer Freunde zu vermehren.
    Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters, eifrige Anhänger des
Hauses der Amaler, greise Helden von grossem Namen im Volk, Waffenbrüder und
beinahe Jugendgenossen des alten Hildebrand, zu sich nach Ravenna, besonders den
weissbärtigen Grippa, den Mundschenk Teoderichs, der dem Waffenmeister an Ruhm
und Ansehn kaum nachstand: sie überhäufte ihn und die andern Gefolgen mit Ehren,
übertrug Grippa und seinen Freunden das Kastell von Ravenna und liess sie
schwören, diese Feste dem Geschlecht der Amaler sicher zu erhalten.
    Wenn die Verbindung mit diesen volkbeliebten Namen eine Art von Gegengewicht
wider Hildebrand, Witichis und ihre Freunde schaffen sollte - und Witichis
konnte die Auszeichnung der Freunde Teoderichs nicht als staatsgefährlich
verhindern - so sah sich die Königin auch gegen die Adelspartei der Balten und
ihrer Bluträcher nach einer Stütze um. Sie erkannte diese mit scharfem Blick in
dem edeln Hause der Wölsungen, nach den Amalern und Balten der drittöchsten
Adelssippe unter den Goten, reich begütert und einflussreich in dem mittleren
Italien, deren Häupter dermalen zwei Brüder, Herzog Guntaris und Graf Arahad,
waren. Diese zu gewinnen, hatte sie ein besonders wirksames Mittel ersonnen: sie
bot für die Freundschaft der Wölsungen keinen geringern Preis als die Hand ihrer
schönen Tochter. -
    Zu Ravenna in einem reich geschmückten Gemach standen Mutter und Tochter in
ernstem, aber nicht vertraulichem Gespräch hierüber.
    Mit hastigen Schritten, fremd ihrer sonstigen Ruhe, durchmass die junonische
Gestalt der Regentin den schmalen Raum, manchmal mit einem zornigen Blick das
herrliche Geschöpf messend, welches ruhig und gesenkten Auges vor ihr stand, die
linke Hand in die Hüfte, die Rechte auf die Platte des Marmortisches gestützt.
    »Besinne dich wohl,« rief Amalaswinta heftig, plötzlich stehen bleibend,
»besinne dich anders. Ich gebe dir noch drei Tage Bedenkzeit.«
    »Das ist umsonst: ich werde immer sprechen wie heute,« sagte Mataswinta,
die Augen nicht erhebend.
    »So sage nur, was du an Graf Arahad auszusetzen hast.«
    »Nichts, als dass ich ihn nicht liebe.«
    Die Königin schien dies gar nicht zu hören. »Es ist doch in diesem Fall ganz
anders als damals, da du mit Cyprianus vermählt werden solltest. Er war alt und
- was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil« - fügte sie bitter hinzu - »ein
Römer!«
    »Und doch ward ich um meiner Weigerung willen nach Tarentum verbannt.«
    »Ich hoffte, Strenge würde dich heilen. Mondelang halt' ich dich ferne von
meinem Hof, von meinem Mutterherzen« -
    Mataswinta verzog die schöne Lippe zu einem herben Lächeln.
    »Umsonst! ich rufe dich zurück« -
    »Du irrst. Mein Bruder Atalarich hat mich zurückgerufen.«
    »Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen. Jung, blühend schön, ein Gote von
edelstem Adel, sein Haus jetzt das zweite im Reich. Du weisst, du ahnst
wenigstens, wie sehr mein rings bedrängter Tron der Stütze bedarf: er und sein
kriegsgewalt'ger Bruder verheissen uns die Hilfe ihrer ganzen Macht: Graf Arahad
liebt dich und du - du schlägst ihn aus! Warum? Sage warum?«
    »Weil ich ihn nicht liebe.«
    »Albernes Mädchengerede. Du bist eine Königstochter - du hast dich deinem
Hause, deinem Reiche zu opfern.«
    »Ich bin ein Weib,« sagte Mataswinta, die blitzenden Augen aufschlagend,
»und opfre mein Herz keiner Macht im Himmel und auf Erden.« -
    »Und so spricht meine Tochter! Sieh auf mich, törichtes Kind. Grosses hab'
ich erstrebt und erreicht. Solange Menschen das Hohe bewundern, werden sie
meinen Namen nennen. Ich habe alles gewonnen, was das Leben Herrlichstes bietet
und doch hab' ich -«
    »Nie geliebt. Ich weiss es,« seufzte ihre Tochter.
    »Du weisst es?«
    »Ja, es war der Fluch meiner Kindheit. Wohl war ich noch ein Kind, als mein
geliebter Vater starb: ich wusste es nicht zu sagen, aber ich konnte es
empfinden, damals schon, dass seinem herzen etwas fehle, wenn er seufzend, mit
schmerzlicher Liebe, Atalarich und mich umfing und küsste und wieder seufzte.
    Und ich liebte ihn darum desto inniger, dass ich fühlte, er suchte Liebe, die
ihm fehlte. Jetzt freilich weiss ich längst, was mich damals unerklärlich
peinigte: du wardst unsres Vaters Weib, weil er nach Teoderich der nächste am
Tron: aus Herrschsucht, nicht aus Liebe, wardst du sein und nur kalten Stolz
hattest du für sein warmes Herz.«
    Überrascht blieb Amalaswinta stehen: »Du bist sehr kühn.«
    »Ich bin deine Tochter.«
    »Du redest von der Liebe so vertraut - du kennst sie besser scheint's mit
zwanzig als ich mit vierzig Jahren - du liebst!« rief sie schnell, »und daher
dieser Starrsinn.«
    Mataswinta errötete und schwieg.
    »Rede,« rief die erzürnte Mutter, »gesteh' es oder leugne!«
    Mataswinta senkte die Augen und schwieg: nie war sie so schön gewesen.
    »Willst du die Wahrheit verleugnen? Bist du feige, Amelungentochter?«
    Stolz schlug das Mädchen die Augen auf:
    »Ich bin nicht feige und ich verleugne die Wahrheit nicht. Ja, ich liebe.«
    »Und wen, Unselige?«
    »Das wird mir kein Gott entreissen.«
    Und so entschieden sah sie dabei aus, dass Amalaswinta keinen Versuch
machte, es zu erfahren.
    »Wohlan,« sagte sie, »meine Tochter ist kein gewöhnlich Wesen. So fordere
ich das Ungewöhnliche von dir: dein Alles dem Höchsten zu opfern.«
    »Ja, Mutter, ich trage im Herzen einen hohen Traum. Er ist mein Höchstes.
Ihm will ich alles opfern.«
    »Mataswinta«, sprach die Regentin, »wie unköniglich! Sieh, dich hat Gott
vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit des Leibes und der Seele: du bist zur
Königin geboren.«
    »Eine Königin der Liebe will ich werden. Sie preisen mich alle um meine
Weibesschönheit: wohlan: ich hab' mir's vorgesteckt, liebend und geliebt,
beglückend und beglückt, ein Weib zu sein.«
    »Ein Weib! ist das dein ganzer Ehrgeiz!«
    »Mein ganzer. O wär' es auch der deine gewesen!«
    »Und der Enkelin Teoderichs gilt das Reich und die Krone nichts? Und nichts
dein Volk die Goten?«
    »Nein, Mutter,« sagte Mataswinta ernst: »es schmerzt mich beinahe, es
beschämt mich: aber ich kann mich nicht zwingen zu dem, was ich nicht fühle: ich
empfinde nichts bei dem Worte, Goten: vielleicht ist es nicht meine Schuld: du
hast von jeher diese Goten verachtet, diese Barbaren gering geschätzt: das waren
die ersten Eindrücke: sie sind geblieben. Und ich hasse diese Krone, dieses
Gotenreich: es hat in deiner Brust dem Vater, dem Bruder, mir den Platz
fortgenommen. Diese Gotenkrone, nichts ist sie mir von je gewesen und geblieben
als eine verhasste, feindliche Macht.«
    »O mein Kind, weh mir, wenn ich das verschuldet hätte! Und tust du's nicht
um des Reiches, o tu's um meinetwillen. Ich bin so gut wie verloren ohne die
Wölsungen. Tu's um meiner Liebe willen.«
    Und sie fasste ihre Hand. -
    Mataswinta entzog sie mit bittrem Lächeln: »Mutter, entweihe den höchsten
Namen nicht. Deine Liebe! Du hast mich nie geliebt. Nicht mich, nicht den
Bruder, nicht den Vater.«
    »Mein Kind! Was hätt' ich geliebt, wenn nicht euch!«
    »Die Krone, Mutter, und diese verhasste Herrschaft. Wie oft hast du mich von
dir gestossen vor Atalarichs Geburt, weil ich ein Mädchen war und du einen
Tronerben wolltest. Denke an meines Vaters Grab und an -«
    »Lass ab,« winkte Amalaswinta.
    »Und Atalarich? Hast du ihn geliebt, oder vielmehr sein Recht auf den
Tron? O wie oft haben wir armen Kinder geweint, wenn wir die Mutter suchten und
die Königin fanden.«
    »Du hast mir nie geklagt. Erst jetzt, da du mir Opfer bringen sollst.«
    »Mutter, es gilt ja auch jetzt nicht dir, nur deiner Krone, deiner
Herrschaft. Leg' diese Krone ab und du bist aller Sorgen frei. Die Krone hat dir
und uns allen kein Glück, nur Schmerzen gebracht. Nicht du bist bedroht: dir
wollt' ich alles opfern - nur dein Tron, nur der goldne Reif des Gotenreichs,
der Götze deines Herzens, der Fluch meines Lebens: nie werd' ich dieser Krone
meine Liebe opfern, nie, nie, nie!«
    Und sie kreuzte die weissen Arme über ihrer Brust, als wollte sie die Liebe
darin beschirmen.
    »Ah,« sagte die Königin zürnend, »selbstisches, herzloses Kind! Du gestehst,
dass du kein Herz hast für dein Volk, für die Krone deiner grossen Ahnen - du
gehorchst nicht freiwillig der Stimme der Ehre, des Ruhmes deines Hauses -
wohlan, so gehorche dem Zwang. Du sprichst mir die Liebe ab, so erfahre meine
Strenge. Zur Stunde verlässt du mit deinem Gefolge Ravenna.
    Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des Herzogs Guntaris: seine
Gattin hat dich geladen. Graf Arahad wird deine Reise begleiten. Verlass mich.
Die Zeit wird dich beugen.«
    »Mich?« sprach Mataswinta, sich hoch aufrichtend: »keine Ewigkeit!«
    Schweigend blickte ihr die Königin nach: die Anklagen der Tochter hatten
einen mächtigeren Eindruck auf sie gemacht als sie zeigen wollte.
»Herrschsucht?« sagte sie zu sich selbst. »Nein, das ist es nicht, was mich
erfüllt. Ich fühlte, dass ich dies Reich schirmen und beglücken konnte, darum
liebte ich die Krone. Und gewiss, ich könnte, wie mein Leben, so meine Krone
opfern, verlangte es das Heil meines Volks. Könntest du das, Amalaswinta?«
fragte sie sich, zweifelnd die Linke auf die Brust legend.
    Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Cassiodor, der langsam und gesenkten
Hauptes eintrat.
    »Nun,« rief Amalaswinta, erschreckt von dem Ausdruck seiner Züge, »bringst
du ein Unglück?«
    »Nein nur eine Frage.«
    »Welche Frage?«
    »Königin,« hob der Alte feierlich an, »ich habe deinem Vater und dir dreissig
Jahre lang gedient, treu und eifrig, ein Römer den Barbaren, weil ich eure
Tugenden ehrte, und weil ich glaubte, Italien, der Freiheit nicht mehr fähig,
sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen: denn eure Herrschaft war
gerecht und mild. Ich habe fortgedient, obwohl ich meiner Freunde Boëtius und
Symmachus, Blut fliessen sah, wie ich glaube, unschuldig Blut: aber sie starben
durch offnes Gericht, nicht durch Mord. Ich musste deinen Vater ehren, auch wo
ich ihn nicht loben konnte. Jetzt aber -«
    »Nun, jetzt aber?« fragte die Königin stolz.
    »Jetzt komme ich, von meiner vieljährigen Freundin, ich darf sagen, meiner
Schülerin -«
    »Du darfst es sagen,« sprach Amalaswinta weicher.
    »Von des grossen Teoderich edler Tochter ein einfach schlichtes Wort, ein Ja
zu erbitten. Kannst du dies Ja sprechen - ich flehe zu Gott, dass du es könnest -
so will ich dir dienen treu wie je, solang es dieses greise Haupt vermag.«
    »Und kann ich's nicht?«
    »Und könntest du es nicht, o Königin,« rief der Alte schmerzlich, »o dann
Lebewohl dir und meiner letzten Freude an dieser Welt.«
    »Und was hast du zu fragen?«
    »Amalaswinta, du weisst ich war fern an der Nordgrenze des Reichs, als hier
der Aufstand losbrach, als jene furchtbare Kunde, jene furchtbare Anklage sich
erhob. Ich glaubte nichts - ich flog hierher von Tridentum. - Seit zwei Tagen
bin ich hier und keine Stunde vergeht, keinen Goten spreche ich, ohne dass die
schwere Klage mir schwerer aufs Herz fällt. Und auch du bist verwandelt,
ungleich, unstet, unruhig - und doch will ich's nicht glauben. - Ein treues Wort
von dir soll all diese Nebel zerstreuen.«
    »Wozu die vielen Reden,« rief sie, auf die Armlehne des Trones sich
stützend, »sage kurz, was hast du zu fragen?«
    »Sprich nur ein schlichtes Ja: bist du schuldlos an dem Tode der drei
Herzoge?«
    »Und wenn ich es nicht wäre - haben sie nicht reichlich den Tod verdient?«
    »Amalaswinta, ich bitte dich: sage ja.«
    »Du nimmst ja auf einmal grossen Anteil an den gotischen Rebellen!«
    »Ich beschwöre dich,« rief der Greis auf die Kniee fallend, »Tochter
Teoderichs, sage ja, wenn du kannst.«
    »Steh auf,« sprach sie finster sich abwendend, »du hast kein Recht, so zu
fragen.«
    »Nein,« sagte der Alte ruhig aufstehend, »nein, jetzt nicht mehr. Denn von
diesem Augenblick an gehör' ich der Welt nicht mehr an.«
    »Cassiodor!« rief die Königin erschrocken.
    »Hier ist der Schlüssel zu meinen Gemächern in dieser Königsburg: du findest
darin alle Geschenke, die ich von dir und Teoderich erhalten, die Urkunden
meiner Würden, die Abzeichen meiner Ämter. Ich gehe.«
    »Wohin, mein alter Freund, wohin?«
    »In das Kloster, das ich gegründet zu Squillacium in Apulien. Fortan werd'
ich, fern den Werken der Könige, nur die Werke Gottes auf Erden verwalten:
längst verlangt meine Seele nach Frieden, und jetzt hab' ich auf Erden nichts
mehr, was mir teuer. Noch einen Rat will ich dir scheidend geben: lege das
Zepter aus der blutbefleckten Hand: sie kann diesem Reiche nicht mehr Segen, nur
Fluch kann sie ihm bringen. Denke an das Heil deiner Seele, Tochter Teoderichs:
Gott sei dir gnädig.«
    Und ehe sie sich von ihrer Bestürzung erholt, war er verschwunden.
    Sie wollte ihm nacheilen, ihn zurückrufen, aber an dem Vorhang trat ihr
Petros, der Gesandte von Byzanz, entgegen.
    »Königin,« sagte er rasch und leise, »bleib' und höre mich. Es gilt ein
dringendes Wort. Man folgt mir auf dem Fuss.«
    »Wer folgt dir?«
    »Leute, die es nicht so gut meinen mit dir als ich. Täusche dich nicht
länger: die Geschicke dieses Reiches erfüllen sich: du hältst sie nicht mehr
auf, so rette für dich was zu retten ist: ich wiederhole meinen Vorschlag.«
    »Welchen Vorschlag?«
    »Den von gestern.«
    »Den der Schande, des Verrats! Niemals! Ich werde diese Beleidigung deinem
Herrn, dem Kaiser, melden und ihn bitten, dich abzurufen. Mit dir verhandle ich
nicht mehr.«
    »Königin, es ist nicht mehr Zeit, dich zu schonen. Der nächste Gesandte
Justinians heisst Belisar und kommt mit einem Heere.«
    »Unmöglich!« rief die verlassene Fürstin. »Ich nehme meine Bitte zurück.«
    »Zu spät. Belisars Flotte liegt schon bei Sizilien. Den Vorschlag, den ich
dir gestern als meinen Gedanken mitteilte, hast du als solchen verworfen.
Vernimm: nicht ich, der Kaiser Justinian selbst ist es, der ihn ausspricht als
letztes Zeichen seiner Huld.«
    »Justinian, mein Freund, mein Schützer, will mich und mein Reich verderben!«
rief Amalaswinta, der es schrecklich tagte.
    »Nicht dich verderben, dich erretten! Wiedergewinnen will er dies Italien,
die Wiege des Römischen Reichs: dieser unnatürliche, unmögliche Staat der Goten,
er ist gerichtet und verloren. Trenne dich von dem sinkenden Fahrzeug. Justinian
reicht dir die Freundeshand, die Kaiserin bietet dir ein Asyl an ihrem Herzen,
wenn du Neapolis, Rom, Ravenna und alle Festungen in Belisars Hände lieferst und
geschehen lässt, dass die Goten entwaffnet über die Alpen geführt werden.«
    »Elender, soll ich mein Volk verraten, wie ihr mich? Zu spät erkenne ich
eure Tücke! Eure Hilfe rief ich an und ihr wollt mich verderben.«
    »Nicht dich, nur die Barbaren.«
    »Diese Barbaren sind mein Volk, sind meine einzigen Freunde: ich erkenne es
jetzt, und ich stehe zu ihnen in Tod und Leben.«
    »Aber sie steh'n nicht mehr zu dir.«
    »Verwegner! fort aus meinen Augen, fort von meinem Hof.«
    »Du willst nicht hören? Merke wohl, o Königin, nur unter jener Bedingung
bürg' ich für dein Leben.«
    »Für mein Leben bürgt mein Volk in Waffen.«
    »Schwerlich. Zum letztenmal frag' ich dich«
    »Schweig. Ich liefere die Krone nicht ohne Kampf an Justinian.«
    »Wohlan,« sagte Petros zu sich selbst, »so muss es ein andrer tun. - Tretet
ein, ihr Freunde,« rief er hinaus. -
    Aber aus dem Vorhang trat langsam mit gekreuzten Armen Cetegus.
    »Wo ist Gotelindis? wo Teodahad?« flüsterte Petros.
    Seine Bestürzung entging der Fürstin nicht.
    »Ich liess sie vor dem Palast. Die beiden Weiber hassen sich zu grimmig. Ihre
Leidenschaft würde alles verderben.«
    »Du bist mein guter Engel nicht, Präfekt von Rom,« sprach Amalaswinta
finster und von ihm zurückweichend.
    »Diesmal vielleicht doch,« flüsterte Cetegus, auf sie zuschreitend. »Du
hast die Vorschläge von Byzanz verworfen? Das erwartete ich von dir. Entlass den
falschen Griechen.«
    Auf einen Wink der Königin trat Petros in ein Seitengemach.
    »Was bringst du mir, Cetegus! Ich traue dir nicht mehr!«
    »Du hast, statt mir zu trauen, dem Kaiser vertraut und du siehst den
Erfolg.«
    »Ich sehe ihn,« sagte sie schmerzlich.
    »Königin, ich habe dich nie belogen und getäuscht darin: ich liebe Italien
und Rom mehr als deine Goten: Du wirst dich erinnern, ich habe dir dies niemals
verhehlt.«
    »Ich weiss es und kann es nicht tadeln.«
    »Am liebsten säh' ich Italien frei. Muss es dienen, so dien' es nicht dem
tyrannischen Byzanz, sondern euch, der milden Hand der Goten. Das war von je
mein Gedanke, das ist er noch heute. Um Byzanz abzuhalten, will ich dein Reich
erhalten: aber offen sag' ich dir, du, deine Herrschaft lässt sich nicht mehr
stützen. Rufst du zum Kampfe gegen Byzanz, so werden dir die Goten nicht mehr
folgen, die Italier nicht vertrauen.«
    »Und warum nicht? Was trennt mich von den Italiern und von meinem Volk?«
    »Deine eignen Taten. Zwei unselige Dokumente, in der Hand des Kaisers
Justinian. Du selbst hast zuerst seine Waffen ins Land gerufen, eine Leibwache
von Byzanz!«
    Amalaswinta erbleichte: »Du weisst -«
    »Leider nicht nur ich, sondern meine Freunde, die Verschworenen in den
Katakomben: Petros hat ihnen den Brief mitgeteilt: sie fluchen dir.«
    »So bleiben mir meine Goten.«
    »Nicht mehr. Nicht bloss der ganze Anhang der Balten steht dir nach dem
Leben: - die Verschworenen von Rom haben im Zorn über dich beschlossen, sowie
der Kampf entbrennt, aller Welt kund zu tun, dass dein Name an ihrer Spitze stand
gegen die Goten, gegen dein Volk. Jenes Blatt mit deinem Namen ist nicht mehr in
meiner Hand, es liegt im Archiv der Verschwörung.«
    »Ungetreuer!«
    »Wie konnte ich wissen, dass du hinter meinem Rücken mit Byzanz verkehrst und
dadurch meine Freunde dir verfeindest? Du siehst: Byzanz, Goten, Italier, alles
steht gegen dich. Beginnt nun der Kampf gegen Byzanz unter deiner Führung, so
wird Uneinigkeit Italier und Barbaren spalten, niemand dir gehorchen, und dies
Reich hilflos vor Belisar erliegen. Amalaswinta, es gilt ein Opfer: ich fordere
es von dir im Namen Italiens, deines und meines Volkes.«
    »Welches Opfer? ich bringe jedes.«
    »Das höchste: deine Krone. Übergib sie einem Mann, der Goten und Italier
gegen Byzanz zu vereinen vermag und rette dein Volk und meines.«
    Amalaswinta sah ihn forschend an: es kämpfte und rang in ihrer Brust:
»Meine Krone! Sie war mir sehr teuer.«
    »Ich habe Amalaswinten stets jedes höchsten Opfers fähig gehalten.«
    »Darf ich, kann ich deinem Rate trauen!«
    »Wenn der dir süss wäre, dürftest du zweifeln. Wenn ich deinem Stolze
schmeichelte, dürftest du misstrauen: aber ich rate dir die bittre Arznei der
Entsagung. Ich wende mich an deinen Edelsinn, an deinen Opfermut: lass mich nicht
zuschanden werden.«
    »Dein letzter Rat war ein Verbrechen,« sagte Amalaswinta schaudernd.
    »Ich hielt deinen Tron durch jedes Mittel, solang er zu halten war, solang
er Italien nützte: jetzt schadet er Italien, und ich verlange, dass du dein Volk
mehr liebst als dein Zepter.«
    »Bei Gott! Du irrst darin nicht: für mein Volk hab' ich mich nicht gescheut,
fremdes Leben zu opfern« - sie verweilte gern bei diesem Gedanken, der ihr
Gewissen beschwichtigte -, »ich werde mich nicht weigern, jetzt - aber wer soll
mein Nachfolger werden?«
    »Dein Erbe, dem die Krone gebührt, der letzte der Amaler.«
    »Wie? Teodahad, der Schwächling?«
    »Er ist kein Held, das ist wahr. Aber die Helden werden ihm gehorchen, dem
Neffen Teoderichs, wenn du ihn einsetzest. Und bedenke noch eins: seine
römische Bildung hat ihm die Römer gewonnen: ihm werden sie beistehen: einen
König nach des alten Hildebrand, nach Tejas Herzen würden sie hassen und
fürchten.«
    »Und mit Recht,« sagte die Regentin sinnend: »aber Gotelindis Königin!«
    Da trat Cetegus ihr näher und sah ihr scharf ins Auge: »So klein ist
Amalaswinta nicht, dass sie kläglicher Weiberfeindlichkeit gedenkt, wo es edler
Entschlüsse bedarf. Du erschienst mir von jeher grösser als dein Geschlecht.
Beweis' es jetzt. Entscheide dich!«
    »Nicht jetzt,« sprach Amalaswinta, »meine Stirne glüht, und verwirrend
pocht mein Herz. Lass mir diese Nacht, mich zu fassen. Du hast mir Entsagung
zugetraut: ich danke dir. Morgen die Entscheidung.«
 
                                 Viertes Buch.
                                   Teodahad.
                »Nachbarn zu haben schien Teodahad eine Art von Unglück.«
                                                        Prokop, Gotenkrieg I. 3.
                                Erstes Kapitel.
Am andern Morgen verkündete ein Manifest dem staunenden Ravenna, dass die Tochter
Teoderichs zugunsten ihres Vetters Teodahad auf die Krone verzichtet und dass
dieser, der letzte Mannesspross der Amelungen, den Tron bestiegen habe. Italier
und Goten wurden aufgefordert, dem neuen Herrscher den Eid der Treue zu
schwören.
    So hatte Cetegus richtig gerechnet.
    Das Gewissen der unseligen Frau fühlte sich durch manche Torheit, ja durch
blut'ge Schuld schwer belastet. edle Naturen suchen Erleichterung und Busse in
Opfer und Entsagung: durch ihrer Tochter und Cassiodors Anklagen war ihr Herz
mächtig bewegt worden und der Präfekt hatte sie in günstiger Stimmung für seinen
Rat gefunden. Weil er so bitter war, befolgte sie ihn: ja sie hatte, um ihr Volk
zu retten und ihre Schuld zu sühnen, sich noch weitere Demütigungen vorgesteckt.
    Ohne Schwierigkeit vollzog sich der Tronwechsel.
    Die Italier zu Ravenna waren zu einer Erhebung keineswegs vorbereitet und
wurden von Cetegus auf gelegenere Zeit vertröstet. Auch war der neue König als
Freund römischer Bildung bei ihnen bekannt und beliebt.
    Die Goten freilich schienen sich nicht ohne weiteres den Tausch gefallen
lassen zu wollen. Fürst Teodahad war allerdings ein Mann - das empfahl ihn
gegenüber Amalaswinten - und ein Amaler: das wog schwer zu seinen Gunsten
gegenüber jedem andern Bewerber um die Krone.
    Aber im übrigen war er im Volke der Goten keineswegs hoch angesehen.
Unkriegerisch und feige, verweichlicht an Leib und Seele hatte er keine der
Eigenschaften, welche die Germanen von ihren Königen forderten. Nur Eine
Leidenschaft erfüllte seine Seele: Habsucht, unersättliche Goldgier. Reich
begütert in Tuscien lebte er mit allen seinen Nachbarn in ewigen Prozessen: mit
List und Gewalt und dem Schwergewicht seiner königlichen Geburt wusste er seinen
Grundbesitz nach allen Seiten auszudehnen und die Ländereien weit in der Runde
an sich zu reissen: »denn« - sagt ein Zeitgenosse - »Nachbarn zu haben schien dem
Teodahad eine Art von Unglück.«
    dabei war seine schwache Seele vollständig abhängig von der bösartigen, aber
kräftigen Natur seines Weibes.
    Einen solchen König sahen denn die Tüchtigsten unter den Goten nicht gern
auf dem Trone Teoderichs. Und kaum war das Manifest Amalaswintens bekannt
geworden, als Graf Teja, der kurz zuvor mit Hildebad in Ravenna angekommen war,
diesen sowie den alten Waffenmeister und den Grafen Witichis zu sich beschied
und sie aufforderte, die Unzufriedenheit des Volkes zu steigern, zu leiten und
einen Würdigern an Teodahads Stelle zu setzen.
    »Ihr wisst,« schloss er seine Worte, »wie günstig die Stimmung im Volke. Seit
jener Bundesnacht im Merkuriustempel haben wir unablässig geschürt unter den
Goten, und Grosses ist schon gelungen: des edeln Atalarich Aufschwung, der Sieg
am Epiphaniasfeste, das Zurückholen Amalaswintens, wir haben es bewirkt. Jetzt
winkt die günstige Gelegenheit. Soll an des Weibes Stelle treten ein Mann, der
schwächer als ein Weib? Haben wir keinen Würdigern mehr als Teodahad im Volk
der Goten?«
    »Recht hat er, beim Donner und Strahl,« rief Hildebad. »Fort mit diesen
verwelkten Amalern! Einen Heldenkönig hebt auf den Schild und schlagt los nach
allen Seiten. Fort mit dem Amaler!«
    »Nein,« sagte Witichis, ruhig vor sich hinblickend, »noch nicht! Vielleicht,
dass es noch einmal so kommen muss: aber nicht früher darf es geschehen als es
muss. Der Anhang der Amaler ist gross im Volk: nur mit Gewalt würde Teodahad den
Reichtum, Gotelindis die Macht der Krone sich entwinden lassen sie würden stark
genug sein, wenn nicht zum Siege, doch zum Kampf.
    Kampf aber unter den Söhnen eines Volks ist schrecklich, nur die
Notwendigkeit kann ihn rechtfertigen. Die ist noch nicht da. Teodahad mag sich
bewähren: er ist schwach, so wird er sich leiten lassen. Hat er sich unfähig
erwiesen, so ist's noch immer Zeit.«
    »Wer weiss, ob dann noch Zeit ist,« warnte Teja.
    »Was rätst du, Alter?« fragte Hildebad, auf welchen die Gründe des Grafen
Witichis nicht ohne Wirkung blieben.
    »Brüder,« sagte der Waffenmeister, seinen langen Bart streichend, »ihr habt
die Wahl, darum die Qual. Mir sind beide erspart: ich bin gebunden. Die alten
Gefolgen des grossen Königs haben einen Eid getan, solang sein Haus lebt, keinem
Fremden die Gotenkrone zuzuwenden.«
    »Welch törichter Eid!« rief Hildebad.
    »Ich bin alt und nenn' ihn nicht töricht. Ich weiss, welcher Segen auf der
festen, heiligen Ordnung des Erbgangs ruht. Und die Amaler sind Söhne der
Götter,« schloss er geheimnisvoll.
    »Ein schöner Göttersohn, Teodahad!« lachte Hildebad.
    »Schweig,« rief zornig der Alte, »das begreift ihr nicht mehr, ihr neuen
Menschen. Ihr wollt alles fassen und verstehen mit eurem kläglichen Verstand.
Das Rätsel, das Geheimnis, das Wunder, der Zauber, der im Blute liegt - dafür
habt ihr den Sinn verloren. Darum schweig' ich von solchen Dingen zu euch.
    Aber ihr macht mich nicht mehr anders mit meinen bald hundert Jahren. Tut
ihr, was ihr wollt, ich tue, was ich muss.«
    »Nun,« sprach Graf Teja nachgebend, »auf euer Haupt die Schuld. Aber wenn
dieser letzte Amaler dahin ...« -
    »Dann ist das Gefolge seines Schwures frei.«
    »Vielleicht,« schloss Witichis, »ist es ein Glück, dass auch uns dein Eid die
Wahl erspart: denn gewiss wollen wir keinen Herrscher, den du nicht anerkennen
könntest. Gehen wir denn, das Volk zu beschwichtigen und tragen wir diesen König
solang er zu tragen ist.«
    »Aber keine Stunde länger,« sagte Teja und ging zürnend hinaus.
 
                                Zweites Kapitel.
Am nämlichen Tage noch wurden Teodahad und Gotelindis mit der alten Krone der
Gotenkönige gekrönt.
    Ein reiches Festmahl, besucht von allen römischen und gotischen Grossen des
Hofes und der Stadt, belebte den weiten Palast Teoderichs und den sonst so
stillen Garten, den wir als den Schauplatz von Atalarichs und Kamillas Liebe
kennengelernt. Bis tief in die Nacht währte das lärmende Gelage. Der neue König,
kein Freund der Becher und barbarischer Festfreuden, hatte sich frühe
zurückgezogen.
    Gotelindis dagegen sonnte sich gern in dem Glanz ihrer jungen Herrlichkeit:
stolz prangte sie auf ihrem Purpursitz, die goldne Zackenkrone im dunkeln Haar.
Sie schien ganz Ohr für die lauten Jubelrufe, die ihren und ihres Gatten Namen
feierten. Und doch hatte ihr Herz dabei nur Eine Freude: den Gedanken, dass
dieser Jubel hinunterdringen müsse bis in die Königsgruft, wo Amalaswinta, die
verhasste, besiegte Feindin, am Sarkophage ihres Sohnes trauerte.
    Unter der Menge von jenen Gästen, die immer fröhlich sind, wenn sie bei
vollen Bechern sitzen, war doch auch so manches ernstere Gesicht zu bemerken:
mancher Römer, der auf dem leeren Tron da oben lieber den Kaiser gesehen hätte:
so mancher Gote, der in der gefährlichen Lage des Reiches einem König wie
Teodahad nicht ohne Sorge huldigen konnte.
    Zu letzteren zählte Witichis, dessen Gedanken nicht unter dem
kranzgeschmückten Säulendach der Trinkhalle zu weilen schienen. Unberührt stand
die goldne Schale vor ihm und auf den lauten Zuruf Hildebads, der ihm gegenüber
sass, achtete er kaum. Endlich - schon leuchteten längst im Saale die Lampen und
am Himmel die Sterne - stand er auf und ging hinaus in das grüne Dunkel des
Gartens.
    Langsam wandelte er durch die Taxusgänge dahin: sein Auge hing an den
funkelnden Sternen. Sein Herz war daheim bei seinem Weibe, bei seinem Knaben,
die er monatelang nicht mehr gesehen. So führte ihn sein sinnendes Wandeln an
den Venustempel bei der Meeresbucht, die wir kennen. Er sah hinaus nach der
flimmernden See - da blitzte etwas dicht vor seinen Füssen im schwachen
Mondlicht: es war eine Rüstung, daneben die kleine, gotische Harfe: ein Mann lag
vor ihm im weichen Grase, und ein bleiches Antlitz hob sich ihm entgegen.
    »Du hier, Teja? Du warst nicht beim Fest.«
    »Nein, ich war bei den Toten.«
    »Auch mein Herz weiss nichts von diesen Festen: es war daheim bei Weib und
Kind,« sagte Witichis, sich zu ihm niedersetzend.
    »Bei Weib und Kind,« wiederholte Teja seufzend.
    »Viele fragten nach dir, Teja.«
    »Nach mir! Soll ich sitzen neben Cetegus, der mir die Ehre nahm, und neben
Teodahad, der mir mein Erbe nahm?«
    »Dein Erbe nahm?«
    »Wenigstens besitzt er's. Und über den Ort, wo meine Wiege stand, ging seine
Pflugschar.«
    Und schweigend sah er lange vor sich hin.
    »Dein Harfenspiel - es schweigt? Man rühmt dich unsres Volkes besten
Harfenschläger und Sänger!«
    »Wie Gelimer, der letzte König der Vandalen, seines Volkes bester
Harfenschläger war. - - Aber mich würden sie nicht im Triumph einführen nach
Byzanz!«
    »Du singst nicht oft mehr?«
    »Fast niemals mehr. Aber mir ist, die Tage kommen, da ich wieder singen
werde.«
    »Tage der Freude?«
    »Tage der höchsten, der letzten Trauer.«
    Lange schwiegen beide.
    »Mein Teja,« hob endlich Witichis an, »in allen Nöten von Krieg und Frieden
hab' ich dich erfunden treu, wie mein Schwert. Und obwohl du soviel jünger als
ich und nicht leicht der Ältere sich dem Jüngling verbindet, kann ich dich
meinen besten Herzensfreund nennen. Und ich weiss, dass auch dein Herz mehr an mir
hängt als an deinen Jugendgenossen.«
    Teja drückte ihm die Hand: »Du verstehst mich und ehrest meine Art, auch wo
du sie nicht verstehst. Die andern -! und doch: den einen hab' ich sehr lieb.«
    »Wen?«
    »Den alle lieb haben.«
    »Totila!«
    »Ich hab' ihn lieb wie die Nacht den Morgenstern. Aber er ist so hell: er
kann's nicht fassen, dass andre dunkel sind und bleiben müssen.«
    »Bleiben müssen! Warum? Du weisst, Neugier ist meine Sache nicht. Und wenn
ich dich in dieser ernsten Stunde bitte: lüfte den Schleier, der über dir und
deiner finstern Trauer liegt, so bitt' ich's nur, weil ich dir helfen möchte.
Und weil des Freundes Auge oft besser sieht als das eigene.«
    »Helfen? Mir helfen? Kannst du die Toten wieder auferwecken? Mein Schmerz
ist unwiderruflich wie die Vergangenheit. Und wer einmal gleich mir den
unbarmherzigen Rädergang des Schicksals verspürt hat, wie es, blind und taub für
das Zarte und Hohe, mit eherner grundloser Gewalt alles vor sich niedertritt,
ja, wie es das Edle, weil es zart ist, leichter und lieber zermalmt, als das
Gemeine, wer erkannt hat, dass eine dumpfe Notwendigkeit, welche Toren die weise
Vorsehung Gottes nennen, die Welt und das Leben der Menschen beherrscht, der ist
hinaus über Hilfe und Trost: er hört ewig, wenn er es einmal erlauscht, mit dem
leisen Gehör der Verzweiflung den immer gleichen Taktschlag des fühllosen Rades
im Mittelpunkt der Welt, das gleichgültig mit jeder Bewegung Leben zeugt und
Leben tötet. Wer das einmal empfunden und erlebt, der entsagt einmal und für
immer und allem: nichts wird ihn mehr erschrecken. Aber freilich - die Kunst des
Lächelns hat er auch vergessen auf immerdar.«
    »Mir schaudert. Gott bewahre mich vor solchem Wahn! Wie kamst du so jung zu
so fürchterlicher Weisheit?«
    »Freund, mit deinen Gedanken allein ergrübelst du die Wahrheit nicht,
erleben musst du sie. Und nur, wenn du des Mannes Leben kennst, begreifst du, was
er denkt und wie er denkt. Und auf dass ich dir nicht länger erscheine wie ein
irrer Träumer, wie ein Weichling, der sich gern in seinen Schmerzen wiegt - und
damit ich dein Vertrauen und deine schöne Freundschaft ehre, vernimm -, höre ein
kleines Stück meines Grams. Das grössere, das unendlich grössere behalt' ich noch
für mich,« sagte er schmerzlich, die Hand auf die Brust drückend - »es kömmt
wohl noch die Stunde auch für dies. Vernimm heute nur, wie über meinem Haupte
der Stern des Unheils schon leuchtete, da ich gezeugt ward. - Und von all den
tausend Sternen da oben bleibt nur dieser Stern getreu. Du warst dabei - du
erinnerst dich - wie der falsche Präfekt mich laut vor allen einen Bastard
schalt und mir den Zweikampf weigerte: - ich musste es dulden: ich bin noch
Schlimmeres als ein Bastard. - -
    Mein Vater, Tagila, war ein tüchtiger Kriegsheld, aber kein Adaling,
gemeinfrei und arm. Er liebte, schon seit der Bart ihm sprosste, Gisa seines
Vaterbruders Tochter. Sie lebten draussen, weit an der äussersten Ostgrenze des
Reichs, an dem kalten Ister, wo man stets im Kampfe liegt mit den Gepiden und
den wilden räuberischen Sarmaten und wenig Zeit hat, an die Kirche zu denken und
die wechselnden Gebote, die ihre Konzilien erlassen. Lange konnte mein Vater
seine Gisa nicht heimführen: er hatte nichts als Helm und Speer und konnte ihrem
Mundwalt den Malschatz nicht zahlen und einem Weibe keinen Herd bereiten.
    Endlich lachte ihm das Glück. Im Krieg gegen einen Sarmatenkönig eroberte er
dessen festen Schatzturm an der Aluta: und die reichen Schätze, welche die
Sarmaten seit Jahrhunderten zusammengeplündert und hier aufgehäuft, wurden seine
Beute. Zum Lohn seiner Tat ernannte ihn Teoderich zum Grafen und rief ihn nach
Italien. Mein Vater nahm seine Schätze und Gisa, jetzt sein Weib, mit sich über
die Alpen und kaufte sich weite schöne Güter in Tuscien zwischen Florentia und
Luca. Aber nicht lange währte sein Glück.
    Kaum war ich geboren, da verklagte ein Elender, ein feiger Schurke, meine
Eltern wegen Blutschande beim Bischof von Florentia. Sie waren katolisch -
nicht Arianer - und Geschwisterkinder: ihre Ehe war nichtig nach dem Recht der
Kirche und die Kirche gebot ihnen, sich zu trennen.
    Mein Vater drückte sein Weib an die Brust und lachte des Gebots. Aber der
geheime Ankläger ruhte nicht -«
    - »Wer war der Neiding?«
    »O wenn ich es wüsste, ich wollte ihn erreichen und tronte er in allen
Schrecken des Vesuvius! Er ruhte nicht. Unablässig bedrängten die Priester meine
arme Mutter und wollten ihre Seele mit Gewissensbissen schrecken.
    Umsonst: sie hielt sich an ihren Gott und ihren Gatten und trotzte dem
Bischof und seinen Sendboten. Und mein Vater, wenn er einen der Pfaffen in
seinem Gehöfte traf, begrüsste ihn, dass er nicht wiederkam.
    Aber wer kann mit denen kämpfen, die im Namen Gottes sprechen! Eine letzte
Frist ward den Ungehorsamen gesteckt: hätten sie sich bis dahin nicht getrennt,
so sollten sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der Kirche.
    Entsetzt eilte jetzt mein Vater an den Hof des Königs, Aufhebung des
grausamen Spruches zu erflehen. Aber die Satzung des Konzils sprach zu klar und
Teoderich konnte es nicht wagen, das Recht der katolischen Kirche zu kränken.
Als mein Vater zurückkehrte von Ravenna, mit Gisa zu flüchten, starrte er
entsetzt auf die Stätte, wo sein Haus gestanden: der Termin war abgelaufen, und
die Drohung erfüllt: sein Haus zerstört, sein Weib, sein Kind verschwunden.
    Rasend stürmte er durch ganz Italien, uns zu suchen. Endlich entdeckte er,
als Priester verkleidet, seine Gisa in einem Kloster zu Ticinum: ihren Knaben
hatte man ihr entrissen und nach Rom geschleppt. Mein Vater bereitet mit ihr
alles zur Flucht: sie entkommen um Mitternacht über die Mauern des
Klostergartens. Aber am Morgen fehlt die Büsserin bei der Hora: man vermisst sie,
ihre Zelle ist leer. Die Klosterknechte folgen den Spuren des Rosses, - sie
werden eingeholt: grimmig fechtend fällt mein Vater: meine Mutter wird in ihre
Zelle zurückgebracht. Und so furchtbar drücken die Macht des Schmerzes und die
Zucht des Klosters auf die zermürbte Seele, dass sie in Wahnsinn fällt und
stirbt. Das sind meine Eltern!«
    »Und du?«
    »Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand, ein Waffenfreund meines
Grossvaters und Vaters: - er entriss mich, mit des Königs Beistand, den Priestern
und liess mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen.«
    »Und dein Gut, dein Erbe?«
    »Verfiel der Kirche, die es, halb geschenkt, an Teodahad überliess: er war
meines Vaters Nachbar, er ist jetzt mein König!«
    »Mein armer Freund! Aber wie erging es dir später? Man weiss nur dunkles
Gerede - du warst einmal in Griechenland gefangen ... -«
    Teja stand auf. »Davon lass mich schweigen; vielleicht ein andermal. Ich war
Tor genug, auch einmal an Glück zu glauben und an eines liebenden Gottes Güte.
Ich hab' es schwer gebüsst. Ich will's nie wieder tun. Leb wohl, Witichis, und
schilt nicht auf Teja, wenn er nicht ist wie andre.«
    Er drückte ihm die Hand und war rasch im dunkeln Laubgang verschwunden.
    Witichis sah lange schweigend vor sich hin. Dann blickte er gen Himmel, in
den hellen Sternen eine Widerlegung der finstern Gedanken zu finden, die des
Freundes Worte in ihm geweckt. Er sehnte sich nach ihrem Licht voll Frieden und
Klarheit. Aber während des Gesprächs war Nebelgewölk rasch aus den Lagunen
aufgestiegen und hatte den Himmel überzogen: es war finster ringsum.
    Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in ernstem Sinnen sein
einsames Lager.
 
                                Drittes Kapitel.
Während unten in den Hallen des Palatiums Italier und Goten tafelten und
zechten, ahnten sie nicht, dass über ihren Häuptern in dem Gemach des Königs eine
Verhandlung gepflogen ward, die über ihr und ihres Reiches Schicksale
entscheiden sollte.
    Unbeobachtet war dem König alsbald der Gesandte von Byzanz nachgefolgt und
lange und geheim sprachen und schrieben die beiden miteinander. Endlich schienen
sie handelseinig geworden und Petros wollte anheben, nochmal vorzulegen, was sie
gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet. Aber der König unterbrach ihn. »Halt,«
flüsterte der kleine Mann, der in seinem weiten Purpurmantel verloren zu gehen
drohte, »halt - noch eins!«
    Und er hob sich aus dem schön geschweiften Sitz, schlich durch das Gemach
und hob den Vorhang, ob niemand lausche.
    Dann kehrte er beruhigt zurück und fasste den Byzantiner leise am Gewand.
    Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd auf den gelben
vertrockneten Wangen des hässlichen Mannes, der die kleinen Augen zusammenkniff:
»Noch dies. Wenn jene heilsamen Veränderungen eintreten sollen - auf dass sie
eintreten können, wird es gut sein, ja notwendig, einige der trotzigsten meiner
Barbaren unschädlich zu machen.« - »Daran hab' ich bereits gedacht,« nickte
Petros. »Da ist der alte halbheidnische Waffenmeister, der grobe Hildebad, der
nüchterne Witichis.« -
    »Du kennst deine Leute gut,« grinste Teodahad, »du hast dich tüchtig
umgesehen. Aber,« raunte er ihm ins Ohr, »einer, den du nicht genannt hast,
einer vor allen muss fort.«
    »Der ist?«
    »Graf Teja, des Tagila Sohn.«
    »Ist der melancholische Träumer so gefährlich?«
    »Der gefährlichste von allen! Und mein persönlicher Feind! schon von seinem
Vater her.«
    »Wie kam das?«
    »Er war mein Nachbar bei Florentia. Ich musste seine Äcker haben - umsonst
drang ich in ihn. Ha,« lächelte er pfiffig, »zuletzt wurden sie doch mein. Die
heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe, nahm ihm sein Gut dabei und
liess mir's - billig - ab. Ich hatte einiges Verdienst um die Kirche in dem
Prozess - dein Freund, der Bischof von Florentia kann dir's genau erzählen.«
    »Ich verstehe,« sagte Petros, »was gab der Barbar seine Äcker nicht in Güte!
Weiss Teja -?«
    »Nichts weiss er. Aber er hasst mich schon deshalb, weil ich sein Erbgut -
kaufte. Er wirft mir finstere Blicke zu. Und dieser schwarze Träumer ist der
Mann, seinen Feind zu den Füssen Gottes zu erwürgen.«
    »So?« sagte Petros, plötzlich sehr nachdenklich. »Nun, genug von ihm: er
soll nicht schaden. Lass dir jetzt nochmal den ganzen Vertrag Punkt für Punkt
vorlesen; dann unterzeichne.
    Erstens. König Teodahad verzichtet auf die Herrschaft über Italien und die
zugehörigen Inseln und Provinzen des Gotenreichs: nämlich Dalmatien, Liburnien,
Istrien, das zweite Pannonien, Savien, Noricum, Rätien und den gotischen Besitz
in Gallien, zugunsten des Kaisers Justinian und seiner Nachfolger auf dem Trone
von Byzanz. Er verspricht, Ravenna, Rom, Neapolis und alle festen Plätze des
Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu öffnen.«
    Teodahad nickte.
    »Zweitens. König Teodahad wird mit allen Mitteln dahin wirken, dass das
ganze Heer der Goten entwaffnet und in kleinen Gruppen über die Alpen geführt
werde. Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen Feldherrn dem Heere
zu folgen oder als Sklaven nach Byzanz zu gehen. Der König wird dafür sorgen,
dass jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben muss.
    Drittens. Dafür belässt Kaiser Justinian dem König Teodahad und seiner
Gemahlin den Königstitel und die königlichen Ehren auf Lebenszeit, und viertens«
-
    »Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen lesen«, unterbrach
Teodahad, nach der Urkunde langend. »Viertens belässt der Kaiser dem König der
Goten nicht nur alle Ländereien und Schätze, die dieser als sein Privateigentum
bezeichnen wird, sondern auch den ganzen Königsschatz der Goten, der allein an
geprägtem Gold auf vierzigtausend Pfunde geschätzt ist. Er übergibt ihm ferner
zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria bis Cäre, von Populonia bis Clusium,
und endlich überweist er an Teodahad auf Lebenszeit die Hälfte aller
öffentlichen Einkünfte des durch diesen Vertrag seinem rechtmässigen Herrn
zurückerworbenen Reiches. Sage, Petros, meinst du nicht, ich könnte drei Viertel
fordern?« - -
    »Fordern kannst du sie, allein ich zweifle sehr, dass sie dir Justinian
gewährt. Ich habe schon die Grenzen, die äussersten, meiner Vollmacht
überschritten.«
    »Fordern wollen wir's doch immerhin,« meinte der König die Zahl ändernd.
»Dann muss Justinian heruntermarkten oder dafür andre Vorteile gewähren.«
    Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches Lächeln:
    »Du bist ein kluger Handelsmann, o König. - Aber hier verrechnest du dich
doch,« sagte er zu sich selbst.
    Da rauschten schleppende Gewänder den Marmorgang heran und eintrat ins
Gemach in langem schwarzem Mantel und schwarzem, mit silbernen Sternen besätem
Schleier Amalaswinta, bleich von Antlitz, aber in edler Haltung, eine Königin
trotz der verlornen Krone: überwältigende Hoheit der Trauer sprach aus den
bleichen Zügen.
    »König der Goten,« hob sie an, »vergib, wenn an deinem Freudenfeste ein
dunkler Schatte noch einmal auftaucht von der Welt der Toten. Es ist zum
letztenmal.«
    Beide Männer waren von ihrem Anblick betroffen.
    »Königin« - stammelte Teodahad.
    »Königin! O wär' ich's nie gewesen. Ich komme, Vetter, von dem Sarge meines
edeln Sohnes, wo ich Busse getan für all meine Verblendung, und all meine Schuld
bereut. Ich steige herauf zu dir, König der Goten, dich zu warnen vor gleicher
Verblendung und gleicher Schuld.«
    Teodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten, prüfenden Blick.
    »Es ist ein übler Gast,« fuhr sie fort, »den ich in mitternächtlicher Stunde
als deinen Vertrauten bei dir finde. Es ist kein Heil für einen Fürsten als in
seinem Volk: zu spät hab' ich's erkannt, zu spät für mich, nicht zu spät, hoff'
ich, für mein Volk. Traue du nicht Byzanz: es ist ein Schild, der den erdrückt,
den er beschirmen soll.«
    »Du bist ungerecht,« sagte Petros, »und undankbar.«
    
    »Tu nicht, mein königlicher Vetter,« fuhr sie fort, »was dieser von dir
fordert. Bewillige nicht du, was ich ihm weigerte. Sizilien sollen wir abtreten
und dreitausend Krieger dem Kaiser stellen für alle seine Kriege - ich wies die
Schmach von mir. Ich sehe«, sprach sie, auf das Pergament deutend, »du hast
schon mit ihm abgeschlossen. Tritt zurück, sie werden dich immer täuschen.«
    Ängstlich zog Teodahad die Urkunde an sich: er warf einen misstrauischen
Blick auf Petros.
    Da trat dieser gegen Amalaswinta vor: »Was willst du hier, du Königin von
gestern? Willst du dem Beherrscher dieses Reiches wehren? Deine Zeit und deine
Macht ist um.« - »Verlass uns,« sagte Teodahad, ermutigt. »Ich werde tun was mir
gutdünkt. Es soll dir nicht gelingen mich von meinen Freunden in Byzanz zu
trennen. Sieh her, vor deinen Augen soll unser Bund geschlossen sein.« Und er
zeichnete seinen Namen auf die Urkunde.
    »Nun,« lächelte Petros, »kamst du noch eben recht, als Zeugin mit zu
unterzeichnen.«
    »Nein,« sprach Amalaswinta mit einem drohenden Blick auf die beiden Männer,
»ich kam noch eben recht, euren Plan zu vereiteln. Ich gehe geradeswegs von hier
zum Heere, zur Volksversammlung, die nächstens bei Regeta tagt. Aufdecken will
ich daselbst vor allem Volk deine Anträge, die Pläne von Byzanz und dieses
schwachen Fürsten Verrat.«
    »Das wird nicht angehn«, sagte Petros ruhig, »ohne dich selbst zu
verklagen.«
    »Ich will mich selbst verklagen. Entüllen will ich all meine Torheit, all
meine blutige Schuld und gern den Tod erleiden, den ich verdient. Aber warnen,
aufschrecken soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk vom Ätna bis zu den
Alpen; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn, und retten werd' ich meine
Goten durch meinen Tod von der Gefahr, in die mein Leben sie gestürzt.« Und in
edler Begeisterung eilte sie aus dem Gemach.
    Verzagt blickte Teodahad auf den Gesandten: lang fand er keine Worte:
»Rate, hilf -«, stammelte er endlich.
    »Raten? Da hilft nur Ein Rat. Die Rasende wird sich und uns verderben, lässt
man sie gewähren. Sie darf ihre Drohung nicht erfüllen. Dafür musst du sorgen.«
    »Ich?« rief Teodahad erschreckt; »ich kann dergleichen nicht! Wo ist
Gotelindis? Sie, sie allein kann helfen.«
    »Und der Präfekt,« sagte Petros - »sende nach ihnen.«
    Alsbald waren die beiden Genannten von dem Festmahle heraufbeschieden.
Petros verständigte sie von den Worten der Fürstin, ohne jedoch dem Präfekten
den Vertrag als Veranlassung des Auftritts zu nennen.
    Kaum hatte er gesprochen, so rief die Königin:
    »Genug, sie darf es nicht vollenden. Man muss ihre Schritte bewachen, sie
darf mit keinem Goten in Ravenna sprechen - sie darf den Palast nicht verlassen.
Das vor allem!« Und sie eilte hinaus, vertraute Sklaven vor Amalaswintens
Gemächer zu senden. Alsbald kehrte sie wieder. »Sie betet laut in ihrer Kammer,«
sprach sie verächtlich. »Auf, Cetegus, lass uns ihre Gebete vereiteln.«
    Cetegus hatte, mit dem Rücken an die Marmorsäulen des Eingangs gelehnt, die
Arme über der Brust gekreuzt, diese Vorgänge schweigend und sinnend mit
angehört. Er erkannte die Notwendigkeit, die Fäden der Ereignisse wieder mehr in
seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen. Er sah Byzanz immer mehr in
den Vordergrund dringen: - das durfte nicht weiter angehn.
    »Sprich, Cetegus,« mahnte Gotelindis nochmals, »was tut jetzt vor allem
not?«
    »Klarheit,« sagte dieser sich aufrichtend. »In jedem Bunde muss der Zweck,
der besondere Zweck jedes der Verbündeten klar sein: sonst werden sie stets sich
durch Misstrauen hemmen. Ihr habt eure Zwecke - ich habe den meinen. Eure Zwecke
liegen am Tage: ich habe sie euch neulich schon gesagt: du Petros, willst, dass
Kaiser Justinian an der Goten Statt in Italien herrsche: ihr, Gotelindis und
Teodahad, wollt dies auch, gegen reiche Entschädigung an Rache, Geld und Ehren.
Ich aber - ich habe auch meinen Zweck: was hilft es, das zu verhehlen? Mein
schlauer Petros, du würdest doch nicht lange mehr glauben, dass ich nur den
Ehrgeiz habe, dein Werkzeug zu sein, und dereinst Senator in Byzanz zu werden.
Also auch ich habe meinen Zweck: all eure dreieinige Schlauheit würde ihn nie
entdecken, weil er zu nahe vor Augen liegt. Ich muss ihn euch selbst verraten.
    Der versteinerte Cetegus hat noch eine Liebe: sein Italien. Drum will er,
wie ihr, die Goten fort haben aus diesem Land.
    Aber er will nicht, wie ihr, dass Kaiser Justinianus unbedingt an ihre Stelle
trete: er will nicht die Traufe statt des Regens.
    Am liebsten möchte ich, der unverbesserliche Republikaner - du weisst, mein
Petros, wir waren es damals beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von Aten
und ich bin es noch: aber du brauchst es dem Kaiser, deinem Herrn, nicht zu
melden, ich hab' es ihm lange selbst geschrieben - die Barbaren hinauswerfen,
ohne euch hereinzulassen.
    Das geht nun leider nicht an: wir können eurer Hilfe nicht entbehren. Doch
will ich diese auf das Unvermeidliche beschränken. Kein byzantinisch Heer darf
diesen Boden betreten, als um ihn im letzten Augenblick der Not aus der Hand der
Italier zu empfangen. Italien sei mehr ein von den Italiern dargebrachtes
Geschenk als eine Eroberung für Justinian. Die Segnungen der Feldherrn und
Steuerrechner, die Byzanz über die Länder bringt, die es befreit, sollen uns
erspart bleiben: wir wollen euern Schutz, nicht eure Tyrannei.«
    Über Petros' Züge zog ein feines Lächeln, das Cetegus nicht zu bemerken
schien; er fuhr fort: »So vernehmt meine Bedingung. Ich weiss, Belisarius liegt
mit Flotte und Heer nah bei Sizilien. Er darf nicht landen. Er muss heimkehren.
Ich kann keinen Belisar in Italien brauchen. Wenigstens nicht eher als ich ihn
rufe. Und sendest du, Petros, ihm nicht sofort diesen Befehl zu, so scheiden
sich unsre Wege. Ich kenne Belisar und Narses und ihre Soldatenherrschaft und
ich weiss, welch' milde Herren diese Goten sind. Und mich erbarmt Amalaswintens:
sie war eine Mutter meines Volks. Deshalb wählet, wählet zwischen Belisar und
Cetegus. Landet Belisar, so steht Cetegus und ganz Italien zu Amalaswinta und
den Goten: und dann lass sehn, ob ihr uns eine Scholle dieses Landes entreisst.
Wählt ihr Cetegus, so bricht er die Macht der Barbaren und Italien unterwirft
sich dem Kaiser als seine freie Gattin, nicht als seine Sklavin. Wähle, Petros.«
    »Stolzer Mann,« sprach Gotelindis, »du wagst uns Bedingungen zu setzen,
uns, deiner Königin?« Und drohend erhob sie die Hand.
    Aber mit eiserner Faust ergriff Cetegus diese Hand und zog sie ruhig herab.
»Lass die Possen, Eintagskönigin. Hier unterhandeln nur Italien und Byzanz.
Vergisst du deine Ohnmacht, so muss man dich dran mahnen. Du tronst, solange wir
dich halten.« Und mit so ruhiger Majestät stand er vor dem zornmütigen Weib, dass
sie verstummte. Aber ihr Blick sprühte unauslöschlichen Hass.
    »Cetegus,« sagte jetzt Petros, der sich einstweilen entschlossen, »du hast
recht. Byzanz kann für den Augenblick nicht mehr erreichen als deine Hilfe, weil
nichts ohne sie. Wenn Belisar umkehrt, so gehst du ganz mit uns und unbedingt?«
    »Unbedingt.«
    »Und Amalaswinten?«
    »Geb' ich preis.«
    »Wohlan,« sagte der Byzantiner, »es gilt.«
    Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den Befehl zur Heimkehr an
Belisar und reichte sie dem Präfekten: »Du magst die Botschaft selbst
bestellen.«
    Cetegus las sorgfältig: »Es ist gut,« sagte er, die Tafel in die Brust
steckend, »es gilt.«
    »Wann bricht Italien los auf die Barbaren?« fragte Petros.
    »In den ersten Tagen des nächsten Monats. Ich gehe nach Rom. Leb' wohl.«
    »Du gehst? Und hilfst uns nicht das Weib - die Tochter Teoderichs
verderben?« fragte die Königin mit bittrem Vorwurf. »Erbarmt dich ihrer
abermals?«
    »Sie ist gerichtet,« sagte Cetegus, an der Tür sich kurz umwendend. »Der
Richter geht - der Henker Amt hebt an.« Und stolz schritt er hinaus.
    Da fasste Teodahad, der sprachlos vor Staunen den Byzantiner hatte handeln
sehn, mit Entsetzen dessen Hand: »Petros,« rief er, »um Gott und aller Heiligen
willen, was hast du getan? Unser Vertrag und alles ruht auf Belisar und du
schickst ihn nach Hause?«
    »Und lässt diesen Übermütigen triumphieren?« knirschte Gotelindis.
    Aber Petros lächelte: der Sieg der Schlauheit strahlte auf seinem Antlitz.
»Seid ruhig,« sagte er, »diesmal ist er überwunden, der Allüberwinder Cetegus,
besiegt von dem verhöhnten Petros.« Er ergriff Teodahad und Gotelindis an den
Händen, zog sie nahe an sich, sah sich um, und flüsterte dann: »Vor jenem Brief
an Belisar steht ein kleiner Punkt: der bedeutet ihm: all das Geschriebene ist
nicht ernst gemeint, ist nichtig. Ja, ja, man lernt, man lernt die Schreibekunst
am Hofe von Byzanz.«
 
                                Viertes Kapitel.
Zwei Tage nach der nächtlichen Begegnung mit Teodahad und Petros verbrachte
Amalaswinta in einer Art von wirklicher oder vermeinter Gefangenschaft.
    So oft sie ihre Gemächer verliess, so oft sie einbog in einen Gang des
Palastes, jedesmal glaubte sie hinter oder neben sich Gestalten auftauchen,
hingleiten, verschwinden zu sehen, die ebenso eifrig bedacht schienen, all ihre
Schritte zu beobachten als sich selbst ihren Blicken zu entziehen: kaum zu dem
Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht niedersteigen.
    Umsonst fragte sie nach Witichis, nach Teja: sie hatten gleich am Morgen
nach dem Krönungsfest in Aufträgen des Königs die Stadt verlassen. Das Gefühl,
vereinsamt und von bösen Feinden umlauert zu sein, ruhte drückend auf ihrer
Seele.
    Schwer und düster hingen am Morgen des dritten Tages die herbstlichen
Regenwolken auf Ravenna herab, als sich Amalaswinta von dem schlummerlosen
Lager erhob. Unheimlich berührte es sie, dass, als sie an das Fenster von
Frauenglas trat, ein Rabe krächzend von dem Marmorsims aufstieg und mit heiserem
Schrei und schwerem Flügelschlag langsam über die Gärten dahinflog.
    Die Fürstin fühlte schon daran, wie geknickt ihre Seele war durch diese Tage
von Schmerz, Furcht und Reue, dass sie sich des finstern Eindrucks nicht erwehren
konnte, den ihr die frühen Herbstnebel, aus den Lagunen der Seestadt
aufsteigend, brachten. Seufzend blickte sie in die graue Sumpflandschaft hinaus.
    Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge.
    Und ihr einziger Halt der Gedanke, durch freie Selbstanklage und volle
Demütigung vor allem Volk das Reich noch zu retten um den Preis ihres Lebens.
Denn sie zweifelte nicht, dass die Gesippen und Bluträcher der drei Herzoge ihre
Pflicht vollauf erfüllen würden. In solchen Gedanken schritt sie durch die öden
Hallen und Gänge des Palastes, diesmal, wie sie glaubte, unbelauscht, hinunter
zu der Ruhestätte ihres Sohnes, sich in den Vorsätzen der Busse und Sühne an
ihrem Volk zu befestigen.
    Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder emporstieg und in einen
dunkeln Gewölbgang einlenkte, huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer Nische
hervor - sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben - drückte ihr eine
kleine Wachstafel in die Hand und war seitab verschwunden.
    Sie erkannte sofort - die Handschrift Cassiodors -.
    Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen Überbringer: es war Dolios, der
Briefsklave ihres treuen Ministers. Rasch die Tafel in ihrem Gewande bergend
eilte sie in ihr Gemach. Dort las sie: »In Schmerz, nicht in Zorn, schied ich
von Dir. Ich will nicht, dass Du unbussfertig abgerufen werdest und deine
unsterbliche Seele verloren gehe«. Flieh aus diesem Palast, aus dieser Stadt:
dein Leben ist keine Stunde mehr sicher. Du kennst Gotelindis und ihren Hass.
Traue niemand als meinem Schreiber und finde Dich um Sonnenuntergang bei dem
Venustempel im Garten ein. Dort wird Dich meine Sänfte erwarten und in
Sicherheit bringen, nach meiner Villa im Bolsener See. Folge und vertraue.
    Gerührt liess Amalaswinta den Brief sinken: der vielgetreue Cassiodor! Er
hatte sie doch nicht ganz verlassen. Er bangte und sorgte noch immer für das
Leben der Freundin. Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel im blauen
Bolsener See! Dort hatte sie, vor vielen, vielen Jahren, als Gast Cassiodors, in
voller Blüte der Jugendschönheit, Hochzeit gehalten mit Eutarich, dem edeln
Amalungen, und, von allem Schimmer der Macht und Ehren umflossen, ihrer Jugend
stolzeste Tage gefeiert.
    Ihr sonst so hartes, aber jetzt vom Unglück erweichtes Gemüt beschlich
mächtige Sehnsucht, die Stätte ihrer schönsten Freuden wiederzusehen. Schon dies
Eine Gefühl trieb sie mächtig an, der Mahnung Cassiodors zu folgen: noch mehr
die Furcht - nicht für ihr Leben, denn sie wollte sterben -, die Raschheit ihrer
Feinde möchte ihr unmöglich machen, das Volk zu warnen und das Reich zu retten.
Endlich überlegte sie, dass der Weg nach Regeta bei Rom, wo in Bälde die grosse
Volksversammlung, wie alljährlich im Herbst, stattaben sollte, sie am Bolsener
See vorüberführte. Also war es nur eine Beschleunigung ihres Planes, wenn sie
schon jetzt in dieser Richtung aufbrach. Um aber auf alle Fälle sicher zu gehn,
um, auch wenn sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen sollte, ihre warnende
Stimme an das Ohr des Volks gelangen zu lassen, beschloss sie einem Brief an
Cassiodor, den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt voraussetzen
konnte, ihre ganze Beichte und die Entüllung aller Pläne der Byzantiner und
Teodahads anzuvertrauen.
    Bei geschlossenen Türen schrieb sie die schmerzreichen Worte nieder: heisse
Tränen des Dankes und der Reue fielen auf das Pergament, das sie sorgfältig
siegelte und dem treuesten ihrer Sklaven übergab, es sicher nach dem Kloster
Squillacium in Apulien, der Stiftung und dem gewöhnlichen Aufentalt Cassiodors,
zu befördern.
                                     * * *
    Langsam verstrichen der Fürstin die zögernden Stunden des Tages. Mit ganzer
Seele hatte sie des Freundes dargebotene Hand ergriffen. Erinnerung und Hoffnung
malten ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein teures Asyl: dort
hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden. Sie hielt sich sorgsam innerhalb ihrer
Gemächer, um keinem ihrer Wächter Veranlassung zum Verdacht, Gelegenheit, sie
aufzuhalten, zu geben. Endlich war die Sonne gesunken.
    Mit leisen Schritten eilte Amalaswinta, ihre Sklavinnen zurückweisend und
nur einige Kleinodien und Dokumente unter dem weiten Mantel bergend, aus ihrem
Schlafgemach in den breiten Säulengang, der zur Gartentreppe führte. Sie
zitterte, hier wie gewöhnlich auf einen der lauschenden Späher zu stossen,
gesehen, angehalten zu werden. Häufig sah sie sich um, vorsichtig blickte sie
sogar in die Statuennischen: alles war leer, kein Lauscher folgte diesmal ihren
Tritten. So erreichte sie unbeobachtet die Plattform der Freitreppe, die Palast
und Garten verband und weiten Ausblick über diesen hin gewährte. Scharf
überschaute sie den nächsten Weg, der zum Venustempel führte. Der Weg war frei.
    Nur die welken Blätter raschelten wie unwillig von den rauschenden Platanen
auf die Sandpfade nieder, gewirbelt von dem Winde, der fern, jenseits der
Gartenmauer, Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor sich her trieb: es
war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten und seiner grauen Dämmerung.
    Die Fürstin fröstelte, der kalte Abendwind zerrte an ihrem Schleier und
Mantel: einen scheuen Blick warf sie noch auf die düstern, lastenden Steinmassen
des Palastes hinter sich, in dem sie so stolz gewaltet und geherrscht und aus
dem sie nun einsam, scheu, verfolgt wie eine Verbrecherin flüchtete. Sie dachte
des Sohnes, der in den Tiefen des Palastes ruhte. - Sie dachte der Tochter, die
sie selbst aus diesen Mauern, aus ihrer Nähe verbannt hatte.
    Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene zu überwältigen: sie
wankte, mühsam hielt sie sich aufrecht an dem breiten Marmorgeländer der
Terrasse: ein Fieberschauer rüttelte an ihrem Leibe wie das Grauen der
Verlassenheit an ihrer Seele.
    »Aber mein Volk!« sprach sie zu sich selbst, »und meine Busse - ich will's
vollenden.« Gekräftigt von diesem Gedanken eilte sie die Stufen der Treppe hinab
und bog in den von Efeu überwölbten Laubgang ein, der quer durch den Garten
führte und an dem Venustempel mündete. Rasch schritt sie voran, erbebend, wann
zu einem der Seitengänge das Herbstlaub wie seufzend hereinwirbelte.
    Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und liess ringsum die suchenden
Blicke schweifen. Aber keine Sänfte, keine Sklaven waren zu sehen, rings war
alles still: nur die Äste der Platanen seufzten im Winde.
    Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr.
    Sie wandte sich: um den Vorsprung der Mauer bog mit hastigen Schritten ein
Mann. Es war Dolios. Er winkte, scheu umherspähend. Rasch eilte die Fürstin auf
ihn zu, folgte ihm um die Ecke: und vor ihr stand Cassiodors wohlbekannter
gallischer Reisewagen, die bequeme und vornehme Carruca, von allen vier Seiten
mit verschiebbaren Gitterläden von feinem Holzwerk umschlossen, und mit dem
raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt.
    »Eile tut not, o Fürstin,« flüsterte Dolios, sie in die weichen Polster
hebend. »Die Sänfte ist zu langsam für den Hass deiner Feinde. Stille und Eile,
dass uns niemand bemerkt.«
    Amalaswinta blickte noch einmal um sich.
    Dolios öffnete das Tor des Gartens und führte den Wagen vor dasselbe hinaus.
Da traten zwei Männer aus dem Gebüsch: der eine bestieg den Sitz des
Wagenlenkers vor ihr: der andre schwang sich auf eines der beiden gesattelt vor
dem Tore stehenden Rosse: sie erkannte die Männer als vertraute Sklaven
Cassiodors: sie waren wie Dolios mit Waffen versehen. Dieser sperrte wieder
sorgfältig das Gartentor und liess die Gitterladen des Wagens herab. Dann warf er
sich auf das zweite der Pferde und zog das Schwert: »Vorwärts!« rief er.
    Und von dannen jagte der kleine Zug, als wär' ihm der Tod auf der Ferse.
 
                                Fünftes Kapitel.
Die Fürstin wiegte sich in Gefühlen des Dankes, der Freiheit, der Sicherheit.
Sie baute schöne Entwürfe der Sühne.
    Schon sah sie ihr Volk durch ihre warnende Stimme gerettet vor Byzanz, vor
dem Verrat des eigenen Königs: schon hörte sie den begeisterten Ruf des tapferen
Heeres, der den Feinden Verderben, ihr aber Verzeihung verkündete. In solchen
Träumen verflogen ihr die Stunden, die Tage und Nächte. Unausgesetzt eilte der
Zug vorwärts: drei-, viermal des Tages wurden die Pferde des Wagens und der
Reiter gewechselt, so dass sie Meile um Meile wie im Fluge zurücklegten.
    Wachsam hütete Dolios die ihm anvertraute Fürstin: mit gezogenem Schwert
schützte er den Zugang zum Wagen, während seine Begleiter Speisen und Wein aus
den Stationen holten. Jene geflügelte Eile und diese treue Wachsamkeit benahm
Amalaswinten eine Besorgnis, deren sie sich eine Weile nicht hatte erwehren
können: ihr war, sie würden verfolgt.
    Zweimal, in Perusia und in Clusium, glaubte sie, wie der Wagen hielt, dicht
hinter sich Rädergerassel zu hören und den Hufschlag eilender Rosse: ja in
Clusium meinte sie, aus dem niedergelassenen Gitterladen zurückspähend, eine
zweite Carruca, ebenfalls von Reitern begleitet, in das Tor der Stadt einbiegen
zu sehen.
    Aber als sie Dolios davon sprach, jagte der spornstreichs nach dem Tore
zurück und kam sogleich mit der Meldung wieder, dass nichts wahrzunehmen sei;
auch hatte sie von da ab nichts mehr bemerkt: und die rasende Eile, mit der sie
sich dem ersehnten Eiland näherte, liess sie hoffen, dass ihre Feinde, selbst wenn
sie ihre Flucht entdeckt und eine Strecke weit verfolgt haben sollten, alsbald
ermüdet zurückgeblieben seien.
    Da verdüsterte ein Unfall, unbedeutend an sich, aber unheilkündend durch
seine begleitenden Umstände, plötzlich die hellere Stimmung der flüchtenden
Fürstin.
    Es war hinter der kleinen Stadt Martula.
    Öde baumlose Heide dehnte sich unabsehbar nach jeder Richtung: nur Schilf
und hohe Sumpfgewächse ragten aus den feuchten Niederungen zu beiden Seiten der
römischen Hochstrasse und nickten und flüsterten gespenstisch im Nachtwind. Die
Strasse war hin und wieder mit niedern, von Reben überflochtenen Mauern eingefasst
und, nach altrömischer Sitte, mit Grabmonumenten, die aber oft traurig zerfallen
waren und mit ihren auf dem Wege zerstreuten Steintrümmern den Pferden das
Fortkommen erschwerten.
    Plötzlich hielt der Wagen mit einem heftigen Ruck und Dolios riss die rechte
Türe auf. »Was ist geschehen,« rief die Fürstin erschreckt, »sind wir in Feindes
Hand?«
    »Nein,« sprach Dolios, der, ihr von je als verschlossen und finster bekannt,
auf dieser Reise fast unheimlich schweigsam schien, »ein Rad ist gebrochen. Du
musst aussteigen und warten, bis es gebessert.«
    Ein heftiger Windstoss löschte in diesem Augenblick seine Fackel und
nasskalter Regen schlug in der Bestürzten Antlitz. »Aussteigen? hier? und wohin
dann? hier ist nirgend ein Haus, ein Baum, der Schutz böte vor Regen und Sturm.
Ich bleibe in dem Wagen.« - »Das Rad muss abgehoben werden. Dort das Grabmal, mag
dir Schutz gewähren.«
    Mit einem Schauer von Furcht gehorchte Amalaswinta und schritt über die
Steintrümmer, die ringsum zerstreut lagen, nach der rechten Seite des Weges, wo
sie jenseit des Grabens ein hohes Monument aus der Dunkelheit ragen sah. Dolios
half ihr über den Graben.
    Da schlug von der Strasse hinter ihrem Wagen her das Wiehern eines Pferdes an
ihr Ohr. Erschrocken blieb sie stehen.
    »Es ist unser Nachreiter,« sagte Dolios rasch, »der uns den Rücken deckt,
komm.«
    Und er führte sie durch feuchtes Gras den Hügel heran, auf dem sich das
Monument erhob. Oben angelangt setzte sie sich auf die breite Steinplatte eines
Sarkophags.
    Da war Dolios plötzlich im Dunkel verschwunden, vergebens rief sie ihn
zurück: bald sah sie unten auf der Strasse seine Fackel wieder brennen: rot
leuchtete sie durch die Nebel der Sümpfe: und der Sturm entführte rasch den
Schall der Hammerschläge der Sklaven, die an dem Rade arbeiteten.
    So sass die Tochter des grossen Teoderich, einsam und todesflüchtig, auf der
Heerstrasse in unheimlicher Nacht; der Sturm riss an ihrem Mantel und Schleier,
der feine kalte Regen durchnässte sie, in den Zypressen hinter dem Grabmal
seufzte melancholisch der Wind, oben am Himmel jagte zerfetztes Gewölk und liess
nur manchmal einen flüchtigen Mondstrahl durch, der die gleich wieder folgende
Dunkelheit noch düsterer machte.
    Banges Grauen durchschlich fröstelnd ihr Herz.
    Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Dunkelheit und umhersehend konnte
sie die Umrisse der nächsten Dinge deutlicher unterscheiden: da - ihr Haar
sträubte sich vor Entsetzen - da war ihr, als sässe dicht hinter ihr auf dem
erhöhten Hintereck des Sarkophags eine zweite Gestalt: - ihr eigener Schatten
war es nicht -: eine kleinere Gestalt in weitem faltigem Gewand, die Arme auf
die Kniee, das Haupt in die Hände gestützt und zu ihr herunterstarrend.
    Ihr Atem stockte, sie glaubte flüstern zu hören, fieberhaft strengte sie die
Sinne an zu sehen, zu hören: da flüsterte es wieder: »Nein, nein: noch nicht!«
So glaubte sie zu hören. Sie richtete sich leise auf, auch die Gestalt schien
sich zu regen, es klirrte deutlich wie Stahl auf Stein.
    Da schrie die Geängstigte: »Dolios! Licht! Hilfe! Licht!« Und sie wollte den
Hügel hinab, aber zitternd versagten die Kniee, sie fiel und verletzte die Wange
an dem scharfen Gestein.
    Da war Dolios mit der Fackel heran, schweigend erhob er die Blutende: er
fragte nicht. »Dolios,« rief sie, sich fassend, »gib die Leuchte: ich muss sehen,
was dort war, was dort ist.«
    Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die Ecke des Sarkophags: es
war nichts zu sehen: aber jetzt, im Glanze der Fackel, erkannte sie, dass das
Monument nicht, wie die übrigen, ein altes, dass es sichtlich erst neu errichtet
war, so unverwittert war der weisse Marmor, so frisch die schwarzen Buchstaben
der Inschrift. -
    Von jener seltsamen Neugier, die sich mit dem Grauen verbindet,
unwiderstehlich fortgerissen, hielt sie die Fackel dicht an den Sockel des
Monuments und las bei flackerndem Licht die Worte: »Ewige Ehre den drei Balten
Tulun, Ibba und Pitza. Ewiger Fluch ihren Mördern.«
    Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswinta zurück.
    Dolios führte die Halbohnmächtige zu dem Wagen. Fast bewusstlos legte sie die
noch übrigen Stunden des Weges zurück. Sie fühlte sich krank an Leib und Seele.
Je näher sie dem Eiland kam, desto lebhafter ward die fieberhafte Freude, mit
der sie es ersehnt, verdrängt von einer ahnungsvollen Furcht: mit Bangen sah sie
die Sträucher und Bäume des Weges immer rascher an sich vorüberfliegen.
    Endlich machten die dampfenden Rosse halt.
    Sie senkte die Läden und blickte hinaus: es war die kalte, unheimliche
Stunde, da das erste Tagesgrauen ankämpft gegen die noch herrschende Nacht: sie
waren, so schien es, angelangt am Ufer des Sees: aber von seinen blauen Fluten
war nichts zu sehen; ein düstrer grauer Nebel lag undurchdringlich wie die
Zukunft vor ihren Augen: von der Villa, ja von der Insel selbst war nichts zu
entdecken. Rechts vom Wagen stand eine niedrige Fischerhütte tief in dem
dichten, ragenden Schilf, durch welches wie seufzend der Morgenwind fuhr, dass
die schwankenden Häupter sich bogen.
    Seltsam: ihr war, als warnten und winkten sie hinweg von dem dahinter
verborgenen See.
    Dolios war in die Hütte gegangen; er kam jetzt zurück und hob die Fürstin
aus dem Wagen, schweigend führte er sie durch den feuchten Wiesengrund nach dem
Schilf zu.
    Da lag am Ufer eine schmale Fähre: sie schien mehr im Nebel als im Wasser zu
schwimmen.
    Am Steuer aber sass in einem grauen zerfetzten Mantel gehüllt ein alter Mann,
dem die langen weissen Haare wirr ins Gesicht hingen. Er schien vor sich hin zu
träumen mit geschlossenen Augen, die er nicht aufschlug, als die Fürstin in den
schwankenden Nachen stieg und sich in der Mitte desselben auf einem Feldstuhl
niederliess.
    Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff zwei Ruder, die Sklaven
blieben bei dem Wagen zurück.
    »Dolios,« rief Amalaswinta besorgt, »es ist sehr dunkel, wird der Alte
steuern können in diesem Nebel, und an keinem Ufer ein Licht?« - »Das Licht
würde ihm nichts nützen, Königin, er ist blind.« - »Blind?« rief die
Erschrockene, »lass landen! kehr' um!« - »Ich fahre hier seit bald zwanzig
Jahren,« sprach der greise Ferge, »kein Sehender kennt den Weg gleich mir.« -
»So bist du blind geboren?«
    »Nein, Teoderich der Amaler liess mich blenden, weil mich Alarich, der
Baltenherzog, des Tulun Bruder, gedungen hätte, ihn zu morden. Ich bin ein
Knecht der Balten, war ein Gefolgsmann Alarichs, aber ich war so unschuldig wie
mein Herr, Alarich der Verbannte. Fluch über die Amalungen!« rief er mit
zornigem Ruck am Steuer.
    »Schweig! Alter,« sprach Dolios.
    »Warum soll ich heute nicht sagen, was ich bei jedem Ruderschlag seit
zwanzig Jahren sage? Es ist mein Taktspruch. - Fluch den Amalungen!«
    Mit Grauen sah die Flüchtige auf den Alten, der in der Tat mit völliger
Sicherheit und pfeilgerade fuhr. Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen im
Winde: ringsum Nebel und Stille, nur das Ruder hörte man gleichförmig
einschlagen, leere Luft und graues Licht auf allen Seiten. Ihr war, als führe
sie Charon über den Styx in das graue Reich der Schatten. - Fiebernd hüllte sie
sich in ihren faltigen Mantel.
    Noch einige Ruderschläge und sie landeten.
    Dolios hob die Zitternde heraus: der Alte aber wandte sein Boot schweigend
und ruderte so rasch und sicher zurück wie er gekommen. Mit einer Art von Grauen
sah ihm Amalaswinta nach, bis er in dem dichten Nebel verschwand.
    Da war es ihr, als höre sie den Schall von Ruderschlägen eines zweiten
Schiffes, die rasch näher und näher drangen. Sie fragte Dolios nach dem Grund
dieses Geräusches.
    »Ich höre nichts,« sagte dieser, »du bist allzu erregt, komm in das Haus.«
Sie wankte, auf seinen Arm gestützt die in den Felsboden gehauenen Stufen hinan,
die zu der burgähnlichen, hochgetürmten Villa führten: von dem Garten, der, wie
sie sich lebhaft erinnerte, zu beiden Seiten dieses schmalen Weges sich dehnte,
waren in dem Nebel kaum die Linien der Baumreihen zu sehen.
    Endlich erreichten sie das hohe Portal, eine eherne Tür im Rahmen von
schwarzem Marmor. Der Freigelassene pochte mit dem Knauf seines Schwertes: -
dumpf dröhnte der Schlag in den gewölbten Hallen nach - die Türe sprang auf.
    Amalaswinta gedachte, wie sie einst durch dieses Tor, das die Blumengewinde
fast versperrt hatten, an ihres Gatten Seite eingezogen, war: sie gedachte, wie
sie die Pförtner, gleichfalls ein jung vermähltes Paar, so freundlich begrüsst.
    Der finstersehende Sklave mit wirrem grauem Haar, der jetzt mit Ampel und
Schlüsselbund vor ihr stand, war ihr fremd.
    »Wo ist Fuscina, des früheren Ostiarius Weib? ist sie nicht mehr im Hause?«
fragte sie.
    »Die ist lang ertrunken im See,« sagte der Pförtner gleichgültig und schritt
mit der Leuchte voran. Schaudernd folgte die Fürstin: sie musste sich die kalten
dunkeln Wogen vorstellen, die so unheimlich an den Planken ihrer Fähre geleckt.
Sie gingen durch Bogenhöfe und Säulenhallen: - alles leer, wie ausgestorben, die
Schritte hallten laut durch die Öde: - die ganze Villa schien ein weites
Totengewölbe.
    »Das Haus ist unbewohnt? ich bedarf einer Sklavin.«
    »Mein Weib wird dir dienen.«
    »Ist sonst niemand in der Villa?«
    »Noch ein Sklave. Ein griechischer Arzt.«
    »Ein Arzt - ich will ihn -«
    Aber in diesem Augenblicke schollen von dem Portal her einige dumpfe
Schläge: schwer dröhnten sie durch die leeren Räume. Entsetzt fuhr Amalaswinta
zusammen. »Was war das?« fragte sie, Dolios' Arm fassend. Sie hörte die schwere
Türe zufallen.
    »Es hat nur jemand Einlass begehrt,« sagte der Ostiarius und schloss die Türe
des für die Flüchtige bestimmten Gemaches auf. Die dumpfe Luft eines lang nicht
mehr geöffneten Raumes drang ihr erstickend entgegen: aber mit Rührung erkannte
sie die Schildplattbekleidung der Wände: es war dasselbe Gemach, das sie vor
zwanzig Jahren bewohnt: überwältigt von der Erinnerung glitt sie auf den kleinen
Lectus, der mit dunkeln Polstern belegt war.
    Sie verabschiedete die beiden Männer, zog die Vorhänge des Lagers um sich
her zu und verfiel bald in einen unruhigen Schlaf.
 
                               Sechstes Kapitel.
So lag sie, sie wusste nicht wie lange, bald wachend, bald träumend: wild jagte
Bild auf Bild an ihrem Auge vorüber.
    Eutarich mit seinem Zug des Schmerzes um die Lippen: - Atalarich, wie er
auf seinem Sarkophag hingestreckt lag, er schien ihr zu sich herabzuwinken: -
das vorwurfsvolle Antlitz Mataswintens - dann Nebel und Wolken und blattlose
Bäume, drei zürnende Kriegergestalten mit bleichen Gesichtern und blutigen
Gewändern: und der blinde Fährmann: in das Reich der Schatten. Und wieder war
ihr, sie liege auf der öden Heide auf den Stufen des Baltendenkmals und als
rausche es hinter ihr und als beuge sich abermals hinter dem Steine hervor jene
verhüllte Gestalt über sie näher und näher, - beengend, - erstickend. Die Angst
schnürte ihr das Herz zusammen, entsetzt fuhr sie auf aus ihrem Traum und sah
hochaufgerichtet um sich: da - nein, es war kein Traumgesicht - da rauschte es,
hinter dem Vorhang des Bettes, und in die getäfelte Wand glitt ein verhüllter
Schatten.
    Mit einem Schrei riss Amalaswinta die Falten des Vorhangs auseinander - da
war nichts mehr zu sehen.
    Hatte sie doch nur geträumt? Aber sie konnte nicht mehr allein sein mit
ihren bangen Gedanken. So drückte sie auf den Achatknauf in der Wand, der
draussen einen Hammer in Bewegung setzte.
    Alsbald erschien ein Sklave, dessen Züge und Tracht höhere Bildung
verrieten. Er gab sich als den griechischen Arzt zu erkennen: sie teilte ihm die
Schreckgesichte, die Fieberschauer der letzten Stunden mit: er erklärte es für
Folgen der Aufregung, vielleicht der Erkältung auf der Flucht, empfahl ihr ein
warmes Bad und ging, dessen Mischung anzuordnen.
    Amalaswinta erinnerte sich der herrlichen Bäder, die, in zwei Stockwerken
übereinander, den ganzen rechten Flügel der Villa einnahmen. Das untere
Stockwerk der grossen achteckigen Rotunde, für die kalten Bäder bestimmt, stand
mit dem See in unmittelbarem Zusammenhange: sein Wasser wurde durch Siebtüren,
die jede Unreinheit abhielten, hereingeleitet. Das obere Stockwerk erhob sich,
als Verjüngung des Achtecks, über der Badstube des unteren, deren Decke - eine
grosse, kreisförmige Metallplatte, - den Boden des oberen warmen Bades bildete
und nach Belieben in zwei Halbkreisen rechts und links in das Gemäuer geschoben
werden konnte, so dass die beiden Stockwerke dann einen ungeteilten turmhohen
Raum bildeten, der zum Zweck der Reinigung oder zum Behuf von Schwimm- und
Taucherspielen ganz von dem Wasser des Sees erfüllt werden konnte.
    Regelmässig aber bildete das obere Achteck für sich den Raum des warmen
Bades, in das vielfach verschlungene Wasserkünste in hundert Röhren mit
zahllosen Delphinen, Tritonen und Medusenhäuptern von Bronze und Marmor duftige,
mit Ölen und Essenzen gemischte Fluten leiteten, während zierliche Stufen von
der Galerie, auf der man sich entkleidete, in das muschelförmige Porphyrbecken
des eigentlichen Baderaumes hinabführten.
    Während sich die Fürstin noch diese Räume ins Gedächtnis zurückrief,
erschien das Weib des Türsklaven, sie in das Bad abzuholen. Sie gingen durch
weite Säulenhallen und Büchersäle, in welchen aber die Fürstin die Kapseln und
Rollen Cassiodors vermisste, in der Richtung nach dem Garten; die Sklavin trug
die feinen Badetücher, Ölfläschchen und den Salbenkrug. Endlich gelangte sie in
das turmähnliche Achteck des Badepalastes, dessen sämtliche Gelasse an Boden,
Wand und Decke durchaus mit hellgrauen Marmorplatten belegt waren. Vorüber an
den Hallen und Gängen, die der Gymnastik und dem Ballspiel vor und nach dem Bade
dienten, vorüber an den Heizstübchen, den Auskleide- und Salbgemächern eilten
sie sofort nach dem Caldarium, dem warmen Bade. Die Sklavin öffnete schweigend
die in die Marmorwand eingesenkte Tür.
    Amalaswinta trat ein und stand auf der schmalen Galerie, die rings um das
Bassin lief: gerade vor ihr führten die bequemen Stufen in das Bad, aus dem
bereits warme und köstliche Düfte aufstiegen. Das Licht fiel von oben herein
durch eine achteckige Kuppel von kunstvoll geschliffenem Glas: gerade am Eingang
erhob sich eine Treppe von Zedernholz, die auf zwölf Staffeln zu einer
Sprungbrücke führte: rings an den Marmorwänden der Galerie wie des Beckens
verkleideten zahllose Reliefs die Mündungen der Röhren, die den Wasserkünsten
und der Lufteizung dienten.
    Ohne ein Wort legte das Weib das Badegerät auf die weichen Kissen und
Teppiche, die den Boden der Galerie bedeckten und wandte sich zur Türe. »Woher
bist du mir bekannt?« fragte die Fürstin sie nachdenklich betrachtend, »wie
lange bist du hier?«
    »Seit acht Tagen.« Und sie ergriff die Türe.
    »Wie lange dienst du Cassiodor?«
    »Ich diene von jeher der Fürstin Gotelindis.«
    Mit einem Angstschrei sprang Amalaswinta bei diesem Namen auf, wandte sich
und griff nach dem Gewand des Weibes - zu spät: sie war hinaus, die Türe war
zugefallen und Amalaswinta hörte, wie der Schlüssel von aussen umgedreht und
abgezogen ward. Umsonst suchte ihr Auge nach einem andern Ausgang.
    Da überkam ein ungeheures, unbekanntes Grauen die Königin: sie fühlte, dass
sie furchtbar getäuscht, dass hier ein verderbliches Geheimnis verborgen sei:
Angst, unsägliche Angst fiel auf ihr Herz: Flucht, Flucht aus diesem Raum war
ihr einziger Gedanke.
    Aber keine Flucht schien möglich: die Türe war von innen jetzt nur eine
dicke Marmortafel, wie die zur Rechten und Linken: nicht mit einer Nadel war in
ihre Fugen zu dringen: verzweifelnd liess sie die Blicke rings an der Wand der
Galerie kreisen: nur die Tritonen und Delphine starrten ihr entgegen: endlich
ruhte ihr Auge auf dem schlangenstarrenden Medusenhaupt ihr gerade gegenüber -
und sie stiess einen Schrei des Entsetzens aus.
    Das Gesicht der Meduse war zur Seite geschoben, und die ovale Öffnung unter
dem Schlangenhaar war von einem lebenden Antlitz ausgefüllt.
    War es ein menschlich Antlitz?
    Die Zitternde klammerte sich an die Marmorbrüstung der Galerie und spähte
vorgebeugt hinüber: ja, es waren Gotelindens verzerrte Züge: und eine Hölle von
Hass und Hohn sprühte aus ihrem Blick.
    Amalaswinta brach in die Kniee und verhüllte ihr Gesicht. »Du - du hier!«
    Ein heiseres Lachen war die Antwort. »Ja, Amalungenweib, ich bin hier und
dein Verderben! Mein ist dies Eiland, mein das Haus! - es wird dein Grab! mein
Dolios und alle Sklaven Cassiodors, an mich verkauft seit acht Tagen.
    Ich habe dich hierher gelockt: ich bin dir hierher nachgeschlichen wie dein
Schatte: lange Tage, lange Nächte hab' ich den brennenden Hass getragen, endlich
hier die volle Rache zu kosten. Stundenlang will ich mich weiden an deiner
Todesangst, will es schauen, wie die erbärmliche, winselnde Furcht diese stolze
Gestalt wie Fieber schüttelt und durch diese hochmütigen Züge zuckt: o ein Meer
von Rache will ich trinken.«
    Händeringend erhob sich Amalaswinta: »Rache! Wofür? Woher dieser tödliche
Hass?«
    »Ha, du fragst noch? Freilich sind Jahrzehnte darüber hingegangen und das
Herz des Glücklichen vergisst so leicht. Aber der Hass hat ein treues Gedächtnis.
Hast du vergessen, wie dereinst zwei junge Mädchen spielten unter dem Schatten
der Platanen auf der Wiese vor Ravenna? Sie waren die ersten unter ihren
Gespielinnen: beide jung, schön und lieblich: Königskind die eine, die andre die
Tochter der Balten. Und die Mädchen sollten eine Königin des Spieles wählen: und
sie wählten Gotelindis, denn sie war noch schöner als du und nicht so herrisch:
und sie wählten sie einmal, zweimal nacheinander. Die Königstochter aber stand
dabei von wildem, unbändigem Stolz und Neid verzehrt: und als man mich zum
dritten wieder gewählt, fasste sie die scharfe, spitzige Gartenschere« -
    »Halt ein, o schweig, Gotelindis.«
    - »Und schleuderte sie gegen mich. Und sie traf; aufschreiend, blutend
stürzte ich zu Boden, meine ganze Wange eine klaffende Wunde und mein Auge, mein
Auge durchbohrt. Ha, wie das schmerzt, noch heute.«
    »Verzeih, vergib, Gotelindis!« jammerte die Gefangene. »Du hattest mir ja
längst verziehn.«
    »Verzeihen? ich dir verzeihen? Dass du mir das Auge aus dem Antlitz und die
Schönheit aus dem Leben geraubt, das soll ich verzeihen? Du hattest gesiegt fürs
Leben: Gotelindis war nicht mehr gefährlich: sie trauerte im stillen, die
Entstellte floh das Auge der Menschen.
    Und Jahre vergingen.
    Da kam an den Hof von Ravenna aus Hispanien der edle Eutarich, der Amaler
mit dem dunkeln Auge und der weichen Seele: und er, selber krank, erbarmte sich
der kranken halb Blinden: und er sprach mit ihr voll Mitleid und Güte, mit der
Hässlichen, die sonst alle mieden. O wie erquickte das meine dürstende Seele! Und
es ward beraten, zur Tilgung uralten Hasses der beiden Geschlechter, zur Sühne
alter und neuer Schuld - denn auch den Baltenherzog Alarich hatte man auf
geheime, unbewiesene Anklage gerichtet -, dass die arme, misshandelte
Baltentochter des edelsten Amalers Weib werden sollte.
    Aber als du es erfuhrst, du, die mich verstümmelt, da beschlossest du, mir
den Geliebten zu nehmen: nicht aus Eifersucht, nicht, weil du ihn liebtest,
nein, aus Stolz, weil du den ersten Mann im Gotenreich, den nächsten Manneserben
der Krone, für dich haben wolltest.
    Das beschlossest du und hast es durchgesetzt: denn dein Vater konnte dir
keinen Wunsch versagen: und Eutarich vergass alsbald seines Mitleids mit der
Einäugigen, als ihm die Hand der schönen Königstochter winkte. Zur Entschädigung
- oder war es zum Hohne? - gab man auch mir einen Amaler: - Teodahad, den
elenden Feigling!«
    »Gotelindis, ich schwöre dir, ich hatte nie geahnt, dass du Eutarich
liebtest. Wie konnte ich -«
    »Freilich, wie konntest du glauben, dass die Hässliche die Gedanken so hoch
erhebe? O, du Verfluchte! Und hättest du ihn noch geliebt und beglückt - alles
hätt' ich dir verziehen. Aber du hast ihn nicht geliebt, du kannst ja nur das
Zepter lieben! Elend hast du ihn gemacht. Jahrelang sah ich ihn an deiner Seite
schleichen, gedrückt, ungeliebt, erkältet bis ins Herz hinein von deiner Kälte.
Der Gram um deinen eisigen Stolz hat ihn früh gemordet: du, du hast mir den
Geliebten geraubt und ins Grab gebracht - Rache, Rache für ihn.«
    Und die weite Wölbung widerhallte von dem Ruf: »Rache! Rache!«
    »Zu Hilfe!« rief Amalaswinta und eilte verzweifelnd, mit den Händen an die
Marmorplatten schlagend, den Kreis der Galerie entlang.
    »Ja, rufe nur, hier hört dich niemand als der Gott der Rache. Glaubst du,
umsonst hab' ich solang meinen Hass gezügelt? Wie oft, wie leicht hätte ich schon
in Ravenna mit Dolch und Gift dich erreichen können: aber nein, hierher hab' ich
dich gelockt. An dem Denkstein meiner Vettern, vor Einer Stunde an deinem Bette,
hab' ich mit höchster Mühe meinen erhobenen Arm vom Streiche abgehalten: - denn
langsam, Zoll für Zoll, sollst du sterben, stundenlang will ich sie wachsen
sehen, die Qualen deines Todes.«
    »Entsetzliche!«
    »O, was sind Stunden gegen die Jahrzehnte, die du mich gemartert mit meiner
Entstellung, mit deiner Schönheit, mit dem Besitz des Geliebten. Was sind
Stunden gegen Jahrzehnte! Aber du sollst es büssen.«
    »Was willst du tun?« rief die Gequälte, wieder und wieder an den Wänden nach
einem Ausgang suchend.
    »Ertränken will ich dich, langsam, langsam in den Wasserkünsten dieses
Bades, die dein Freund Cassiodor gebaut. Du weisst es nicht, welche Qualen der
Eifersucht, der ohnmächtigen Wut ich in diesem Hause getragen, da du Beilager
hieltest mit Eutarich, und ich war in deinem Gefolge und musste dir dienen! In
diesem Bade, du Übermütige, habe ich dir die Sandalen gelöst und die stolzen
Glieder getrocknet; - in diesem Bade sollst du sterben!«
    Und sie drückte an einer Feder.
    Der Boden des Beckens im oberen Stockwerke, die runde Metallplatte, teilte
sich in zwei Halbkreise, die links und rechts in die Mauer zurückwichen: mit
Entsetzen sah die Gefangene von der schmalen Galerie in die turmhohe Tiefe zu
ihren Füssen.
    »Denk an mein Auge!« rief Gotelindis, und im Erdgeschoss öffneten sich
plötzlich die Schleusentüren und die Wogen des Sees schossen ungestüm herein,
brausend und zischend, und sie stiegen höher und höher mit furchtbarer
Raschheit.
    Amalaswinta sah den sichern Tod vor Augen: sie erkannte die Unmöglichkeit,
zu entrinnen oder ihre teuflische Feindin mit Bitten zu erweichen: da kehrte ihr
der alte, stolze Mut der Amalungen wieder: sie fasste sich und ergab sich in ihr
Los. Sie entdeckte neben den vielen Reliefs aus der hellenischen Myte in ihrer
Nähe rechts vom Eingang eine Darstellung vom Tode Christi: das erquickte ihre
Seele: sie warf sich vor dem in Marmor gehauenen Kreuze nieder, fasste es mit
beiden Händen und betete ruhig mit geschlossenen Augen, während die Wasser
stiegen und stiegen, schon rauschten sie an den Stufen der Galerie.
    »Beten willst du, Mörderin? Hinweg von dem Kreuz!« rief Gotelindis grimmig,
»denk' an die drei Herzoge!« Und plötzlich begannen alle die Delphine und
Tritonen auf der rechten Seite des Achtecks Ströme heissen Wassers auszuspeien:
weisser Dampf quoll aus den Röhren.
    Amalaswinta sprang auf und eilte auf die linke Seite der Galerie:
»Gotelindis, ich vergebe dir! töte mich, aber verzeih auch du meiner Seele.«
Und das Wasser stieg und stieg: schon schwoll es über die oberste Stufe und
drang langsam auf den Boden der Galerie. »Ich dir vergeben? Niemals! Denk' an
Eutarich!«
    Und zischend schossen jetzt von links die dampfenden Wasserstrahlen auf
Amalaswinta. Sie flüchtete nun in die Mitte, gerade dem Medusenhaupt gegenüber,
die einzige Stelle, wohin kein Strahl der Wasserröhren reichte.
    Wenn sie die hier angebrachte Sprungbrücke erstieg, konnte sie noch einige
Zeit ihr Leben fristen: Gotelindis schien dies zu erwarten und sich an der
verlängerten Qual weiden zu wollen. schon brauste das Wasser auf dem Marmorboden
der Galerie und bespülte die Füsse der Gefangenen; rasch flog sie die
braunglänzenden Staffeln hinan und lehnte sich an die Brüstung der Brücke: »Höre
mich, Gotelindis! meine letzte Bitte! Nicht für mich - für mein Volk, für unser
Volk: - Petros will es verderben und Teodahad ...« - ...« -
    »Ja, ich wusste, dieses Reich ist die letzte Sorge deiner Seele! Verzweifle!
Es ist verloren! Diese törichten Goten, die jahrhundertelang den Balten die
Amaler vorgezogen, sie sind verkauft und verraten von dem Haus der Amaler:
Belisarius naht, und niemand ist, der sie warnt.«
    »Du irrst, Teufelin, sie sind gewarnt. Ich, ihre Königin, habe sie gewarnt.
Heil meinem Volk! Verderben seinen Feinden und Gnade meiner Seele!«
    Und mit raschem Sprung stürzte sie sich hoch von der Brüstung in die Fluten,
die sich brausend über ihr schlossen.
    Gotelindis blickte starr auf die Stelle, wo ihr Opfer gestanden. »Sie ist
verschwunden,« sagte sie. Dann schaute sie in die Flut: obenauf schwamm das
Brusttuch Amalaswintens. »Noch im Tode überwindet mich dieses Weib,« sagte sie
langsam: »wie lang war der Hass und wie kurz die Rache!«
 
                               Siebentes Kapitel.
Wenige Tage nach diesen Ereignissen finden wir zu Ravenna in dem Gemach des
Gesandten von Byzanz eine Anzahl von vornehmen Römern, geistlichen und
weltlichen Standes versammelt: auch die Bischöfe Hypatius und Demetrius aus dem
Ostreich weilten bei ihm.
    Grosse Aufregung, aus Zorn und Furcht gemischt, sprach aus allen Gesichtern,
als der gewandte Rhetor seine Ansprache mit folgenden Worten schloss: »Deshalb,
ihr ehrwürdigen Bischöfe des Westreichs und des Ostreichs und ihr edeln Römer,
hab' ich euch hierher beschieden. Laut und feierlich lege ich vor euch im Namen
meines Kaisers Verwahrung ein gegen alle Taten der Arglist und Gewalt, die im
geheimen gegen die hohe Frau verübt werden mögen.
    Seit neun Tagen ist sie verschwunden aus Ravenna: wohl mit Gewalt
hinweggeführt aus eurer Mitte: sie, die von jeher die Freundin, die Beschützerin
der Italier gewesen. Verschwunden ist am gleichen Tage die Königin, ihre grimme
Feindin. Ich habe Eilboten ausgesandt, nach allen Richtungen, noch bin ich ohne
Nachricht; aber wehe, wenn ... -«
    Er konnte nicht vollenden.
    Dumpfes Geräusch scholl von dem Forum des Herkules herauf, bald hörte man
hastige Schritte im Vestibulum, der Vorhang ward zurückgeschlagen und ins Gemach
eilte staubbedeckt einer der byzantinischen Sklaven des Gesandten: »Herr,« rief
er, »sie ist tot! Sie ist ermordet!«
    »Ermordet!« scholl es in der Runde.
    »Durch wen?« fragte Petros.
    »Von Gotelindis auf der Villa im Bolsener See.«
    »Wo ist die Leiche? Wo die Mörderin?«
    »Gotelindis gibt vor, die Fürstin sei im Bad ertrunken, unkundig mit den
Wasserkünsten spielend. Aber man weiss, dass sie ihrem Opfer von hier auf dem Fusse
nachgefolgt. Römer und Goten eilen zu Hunderten nach der Villa, die Leiche in
feierlichem Zuge hierher zu geleiten. Die Königin floh vor der Rache des Volks
in das feste Schloss von Feretri.«
    »Genug,« rief Petros entrüstet, »ich eile zum König und fordre euch auf, ihr
edeln Männer, mir zu folgen. Auf euer Zeugnis will ich mich berufen vor Kaiser
Justinian.« Und sofort eilte er an der Spitze der Versammelten nach dem Palast.
    Sie fanden auf den Strassen eine Menge Volks in Bestürzung und Entrüstung hin
und her wogend: die Nachricht war in die Stadt gedrungen und flog von Haus zu
Haus.
    Als man den Gesandten des Kaisers und die Vornehmen der Stadt erkannte,
öffnete sich die Menge vor ihnen, schloss sich aber dicht hinter ihnen wieder und
flutete nach auf dem Wege in den Palast, von dessen Toren sie kaum abgehalten
wurde. Von Minute zu Minute stieg die Zahl und der Lärm des Volkes: auf dem
Forum des Honorius drängten sich die Ravennaten zusammen, die mit der Trauer um
ihre Beschützerin schon die Hoffnung vereinten, bei diesem Anlass die
Barbarenherrschaft fallen zu sehen: das Erscheinen des kaiserlichen Gesandten
steigerte diese Hoffnung und der Auflauf vor dem Palast nahm mehr und mehr eine
Richtung, die keineswegs bloss Teodahad und Gotelindis bedrohte.
    Inzwischen eilte Petros mit seiner Begleitung in das Gemach des hilflosen
Königs, den mit seiner Gattin alle Kraft des Widerstandes verlassen hatte: er
zagte vor der Aufregung der unten wogenden Menge und hatte nach Petros gesendet,
von ihm Rat und Hilfe zu erlangen, da ja dieser es gewesen, der mit Gotelindis
den Untergang der Fürstin beschlossen und die Art der Ausführung beraten hatte.
er sollte ihm jetzt auch die Folgen der Tat tragen helfen. Als daher der
Byzantiner auf der Schwelle erschien, eilte er, beide Arme ausbreitend, auf ihn
zu: aber erstaunt blieb er plötzlich stehen: erstaunt über die Begleitung, noch
mehr erstaunt über die finster drohende Miene des Gesandten.
    »Ich fordre Rechenschaft von dir, König der Goten,« rief dieser schon an der
Türe, »Rechenschaft im Namen von Byzanz für die Tochter Teoderichs. Du weisst,
Kaiser Justinian hat sie seines besondern Schutzes versichert: jedes Haar ihres
Hauptes ist daher heilig und heilig jeder Tropfe ihres Blutes. Wo ist
Amalaswinta?«
    Der König sah ihn staunend an. Er bewunderte diese Verstellungskunst. Aber
er begriff ihren Zweck nicht. Er schwieg.
    »Wo ist Amalaswinta?« wiederholte Petros, drohend vortretend und sein
Anhang folgte ihm einen Schritt.
    »Sie ist tot,« sagte Teodahad, ängstlich werdend.
    »Ermordet ist sie,« rief Petros, »so ruft ganz Italien, ermordet von dir und
deinem Weibe. Justinian, mein hoher Kaiser, war der Schirmherr dieser Frau, er
wird ihr Rächer sein: Krieg künd' ich dir in seinem Namen an, Krieg gegen euch,
ihr blutigen Barbaren, Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht.«
    »Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht!« wiederholten die Italier,
fortgerissen von der Gewalt des Augenblicks und den alten, langgenährten Hass
entzügelnd: und wie eine Woge brausten sie heran auf den zitternden König.
    »Petros,« stammelte dieser entsetzt, »du wirst gedenken des Vertrages, du
wirst doch ... -«
    Aber der Gesandte zog eine Papyrusrolle aus dem Mantel und riss sie mitten
durch. »Zerrissen ist jedes Band zwischen meinem Kaiser und deinem
blutbefleckten Haus. Ihr selber habt durch eure Greueltat alle Schonung
verwirkt, die man euch früher gewährt. Nichts von Verträgen. Krieg!«
    »Um Gott,« jammerte Teodahad, »nur nicht Krieg und Kampf! Was forderst du,
Petros?«
    »Unterwerfung! Räumung Italiens! Dich selber und Gotelindis lad' ich zum
Gericht nach Byzanz vor den Tron Justinians, dort ... -«
    Aber seine Rede unterbrach der schmetternde Ruf des gotischen Kriegshorns
und in das Gemach eilte mit gezogenen Schwertern eine starke Schar gotischer
Krieger, von Graf Witichis geführt.
    Die gotischen Führer hatten sofort auf die Nachricht von Amalaswintens
Untergang die tüchtigsten Männer ihres Volks in Ravenna zu einer Beratung vor
die Porta romana beschieden und dort Massregeln der Sicherung und der
Gerechtigkeit beraten.
    Zur rechten Zeit erschienen sie jetzt auf dem Forum des Honorius, wo der
Auflauf immer drohender wurde: schon blinkte hier und dort ein Dolch, schon
ertönte manchmal der Ruf: »Wehe den Barbaren!«
    Diese Zeichen und Stimmen verschwanden und verstummten sofort, als nun die
verhassten Goten in geschlossenem Zug von dem Forum des Herkules her durch die
Via palatina anrückten: ohne Widerstand zogen sie quer durch die grollenden
Haufen und indessen Graf Teja und Hildebad die Tore und die Terrasse des
Palastes besetzten, waren Graf Witichis und Hildebrand gerade rechtzeitig im
Gemache des Königs angelangt, die letzten Worte des Gesandten noch zu hören. Ihr
Zug stellte sich in einer Schwenkung rechts vom Tronsitz des Königs, zu dem
dieser zurückgewichen war: und Witichis auf sein langes Schwert gestützt, trat
hart vor den Griechen hin und sah ihm scharf ins Auge.
    Eine erwartungsvolle Pause trat ein.
    »Wer wagt es,« fragte Witichis ruhig, »hier den Herrn und Meister zu spielen
im Königshaus der Goten?«
    Von seiner Überraschung sich erholend entgegnete Petros: »Es steht dir übel
an, Graf Witichis, Mörder zu beschützen. Ich hab' ihn nach Byzanz geladen vor
Gericht.«
    »Und darauf hast du keine Antwort, Amalunge?« rief der alte Hildebrand
zornig.
    Aber das böse Gewissen band dem Könige die Stimme.
    »So müssen wir statt seiner sprechen,« sagte Witichis. »Wisse, Grieche,
vernehmt es wohl, ihr falschen und undankbaren Ravennaten: das Volk der Goten
ist frei und erkennt auf Erden keinen Herrn und Richter über sich.«
    »Auch nicht für Mord und Blutschuld?«
    »Wenn schwere Taten unter uns geschehn, richten und strafen wir sie selbst.
Den Fremdling geht das nichts an, am wenigsten unsern Feind, den Kaiser in
Byzanz.«
    »Mein Kaiser wird diese Frau rächen, die er nicht retten konnte. Liefert die
Mörder aus nach Byzanz.«
    »Wir liefern keinen Gotenknecht nach Byzanz, geschweige unsern König,«
sprach Witichis.
    »So teilt ihr seine Strafe wie seine Schuld und Krieg erklär' ich euch, im
Namen meines Herrn. Erbebt vor Justinian und Belisar.«
    Eine freudige Bewegung der gotischen Krieger war die Antwort. Der alte
Hildebrand trat ans Fenster und rief zu den unten stehenden Goten hinab: »Hört,
ihr Goten, frohe Kunde: Krieg, Krieg mit Byzanz.«
    Da brach unten ein Getöse los, wie wenn das Meer entfesselt über seine Dämme
bricht, die Waffen klirrten und tausend Stimmen jubelten: »Krieg, Krieg mit
Byzanz!«
    Dieser Widerhall blieb nicht ohne Eindruck auf Petros und die Italier: das
Ungestüm solcher Begeisterung erschreckte sie: schweigend sahen sie vor sich
nieder. Während die Goten sich glückwünschend die Hände schüttelten, trat
Witichis ernst, gesenkten Hauptes, in die Mitte, hart neben Petros und sprach
feierlich: »Also Krieg! Wir scheuen ihn nicht: - du hast es gehört. Besser
offner Kampf als die langjährige, lauernde, wühlende Feindschaft. Der Krieg ist
gut: aber wehe dem Frevler, der ohne Recht und ohne Grund den Krieg beginnt. Ich
sehe Jahre voraus, viele Jahre von Blut und Mord und Brand, ich sehe zerstampfte
Saaten, rauchende Städte, zahllose Leichen die Ströme hinabschwimmen. Hört unser
Wort: auf euer Haupt dies Blut, dies Elend. Ihr habt geschürt und gereizt
jahrelang: wir haben's ruhig getragen. Und jetzt habt ihr den Krieg
hereingeschleudert, richtend, wo ihr nicht zu richten habt, ohne Grund euch
mischend in das Leben eines Volkes, das so frei wie ihr: auf euer Haupt die
Schuld. Dies unsre Antwort nach Byzanz.«
    Schweigend hörte Petros diese Worte an, schweigend wandte er sich und
schritt mit seinen italischen Freunden hinaus. Einige von diesen gaben ihm das
Geleit bis in seine Wohnung, unter ihnen der Bischof von Florentia.
    »Ehrwürdiger Freund,« sagte er zu diesem beim Abschied, »die Briefe
Teodahads in der bewussten Sache, die ihr mir zur Einsicht anvertraut, musst du
mir ganz belassen. Ich bedarf ihrer und für deine Kirche sind sie nicht mehr
nötig.« - »Der Prozess ist längst entschieden,« erwiderte der Bischof, »und die
Güter unwiderruflich erworben. Die Dokumente sind dein.« -
    Darauf verabschiedete der Gesandte seine Freunde, die ihn bald mit dem
kaiserlichen Heer in Ravenna wiederzusehen hofften, und eilte in sein Gemach, wo
er zuerst einen Boten an Belisar abfertigte, ihn zum sofortigen Angriff
aufzufordern.
    Darauf schrieb er einen ausführlichen Bericht an den Kaiser, der mit
folgenden Worten schloss: »Und so scheinst Du, o Herr, wohl Grund zu haben, mit
den Diensten Deines getreuesten Knechts zufrieden zu sein und mit der Lage der
Dinge. Das Volk der Barbaren in Parteien zerspalten: auf dem Tron ein verhasster
Fürst, unfähig und treulos: die Feinde sonder Rüstung überrascht: die italische
Bevölkerung überall für Dich gewonnen: es kann nicht fehlen: wenn keine Wunder
geschehen, müssen die Barbaren fast ohne Widerstand erliegen.
    Und wie so oft tritt auch hier mein erhabener Kaiser, dessen Stolz das
Recht, als Schirmherr und Rächer der Gerechtigkeit auf: - es ist ein geistvoller
Zufall, dass die Triere, die mich trägt, den Namen Nemesis führt.
    Nur das Eine betrübt mich unendlich, dass es meinem treuen Eifer nicht
gelungen, die unselige Tochter Teoderichs zu retten. Ich flehe Dich an, meiner
hohen Herrin, der Kaiserin, die mir niemals gnädig gesinnt war, wenigstens zu
versichern, dass ich allen ihren Aufträgen bezüglich der Fürstin, deren Schicksal
sie mir noch in der letzten Unterredung als Hauptsorge ans Herz legte, aufs
treueste nachzukommen suchte.
    Auf die Anfrage bezüglich Teodahads und Gotelindens, deren Hilfe uns das
Gotenreich in die Hände liefert, wage ich es, der hohen Kaiserin mit der ersten
Regel der Klugheit zu antworten: es ist zu gefährlich, die Mitwisser unsrer
tiefsten Geheimnisse am Hof zu haben.«
    Diesen Brief sandte Petros eilig durch die beiden Bischöfe Hypatius und
Demetrius voraus. Sie sollten nach Brundusium und von da über Epidamnus auf dem
Landwege nach Byzanz eilen. Er selbst wollte erst nach einigen Tagen folgen,
langsam die gotische Küste des Ionischen Meerbusens entlang fahrend, überall die
Stimmung der Bevölkerung in den Hafenstädten zu prüfen und zu schüren.
    Dann sollte er um den Peloponnes und Euböa her nach Byzanz segeln: denn die
Kaiserin hatte ihm den Seeweg vorgeschrieben und ihm Aufträge für Aten und
Lampsakos erteilt.
    Er überrechnete schon vor der Abreise von Ravenna mit vergnügten Sinnen
immer wieder seine Wirksamkeit in Italien und den Lohn, den er dafür in Byzanz
erwartete.
    Er kehrte zurück, noch einmal so reich als er gekommen.
    Denn er hatte der Königin Gotelindis nie eingestanden, dass er mit dem
Auftrag, Amalaswinta zu verderben, ins Land gekommen. Er hatte ihr vielmehr
lange die Gefahr der Ungnade bei Kaiser und Kaiserin entgegengehalten und sich
nur mit Widerstreben durch sehr hohe Summen von ihr für den Plan gewinnen
lassen, in welchem er sie doch nur als Werkzeug brauchte. Er erwartete in Byzanz
mit Sicherheit die versprochene Würde des Patriziats und freute sich schon,
seinem hochmütigen Vetter Narses, der ihn nie befördert hatte, nun bald in
gleichem Range gegenüberzutreten.
    »So ist denn alles nach Wunsch gelungen,« sagte er selbstzufrieden, während
er seine Briefschaften ordnete: »und diesmal, du stolzer Freund Cetegus, hat
sich die Verschmitzheit doch trefflich bewährt. Und der kleine Rhetor aus
Tessalonike hat es doch weiter gebracht mit seinen kleinen, leisen Schritten,
denn du mit deinem stolzen, herausfordernden Gang. Nur muss noch dafür gesorgt
werden, dass Teodahad und Gotelindis nicht nach Byzanz an den Hof entrinnen:
wie gesagt, das wäre zu gefährlich: vielleicht hat die Frage der klugen Kaiserin
eine Warnung sein sollen. Nein, dieses Königspaar muss verschwinden aus unsern
Wegen.«
    Und er liess den Gastfreund rufen, bei dem er gewohnt, und nahm Abschied von
ihm. dabei übergab er ihm eine dunkle, schmale Vase von der Form derer, die zur
Aufbewahrung von Urkunden dienten: er versiegelte den Deckel mit seinem Ring,
der einen feingeschnittenen Skorpion zeigte, und schrieb einen Namen auf die
daran hängende Wachstafel. »Diesen Mann,« sagte er dem Gastfreund, »suche auf
bei der nächsten Versammlung der Goten zu Regeta und übergib ihm die Vase: was
sie entält ist sein. Leb wohl, auf baldig Wiedersehen hier in Ravenna.«
    Und er verliess mit seinen Sklaven das Haus und bestieg alsbald das
Gesandtenschiff: von stolzen Erwartungen hoch gehoben trug ihn die »Nemesis«
dahin.
    Und als sich nun sein Schiff dem Hafen von Byzanz näherte, von Lampsakos aus
hatte er - auch dies hatte die Kaiserin gewünscht - seine baldige Ankunft durch
einen kaiserlichen Schnellsegler, der eben abging, melden lassen, überflog des
Gesandten Auge erwartungsvoll die schönen Landhäuser, die marmorweiss aus den
Schatten immergrüner Gärten blinkten.
    »Hier wirst du künftig wohnen, unter den Senatoren des Reichs,« sprach
wohlgefällig Petros.
    Vor dem Einlaufen in den Hafen flog die »Tetis«, das prachtvolle Lustboot
der Kaiserin, ihnen entgegen, sowie es des Gesandten Galeere erkannte die
Purpurwimpel entrollend, und sie zum Halten anrufend. Alsbald stieg an Bord der
Galeere ein Bote der Kaiserin: es war Alexandros, der frühere Gesandte am Hof
von Ravenna.
    Er wies dem Trierarchen ein Schreiben des Kaisers, in das dieser einen
erschrockenen Blick warf: dann wandte er sich zu Petros: »Im Namen des Kaisers
Justinian! Du bist wegen jahrelang fortgesetzter Urkundenfälschung und
Steuerunterschlagung lebenslänglich zu den Metallarbeiten in den Bergwerken von
Cherson bei den ultziagirischen Hunnen verurteilt. Du hast die Tochter
Teoderichs ihren Feinden preisgegeben. Der Kaiser hätte Dich durch Deinen Brief
für entschuldigt erachtet: aber die Kaiserin, untröstlich über den Untergang
ihrer königlichen Schwester, hat Deine alte Schuld dem Kaiser entdeckt. Und ein
Brief des Präfekten von Rom an diesen hat dargetan, dass Du mit Gotelindis
geheim der Königin Verderben geplant. Die Kaiserin hat den Kaiser auch hierin
überzeugt. Dein Vermögen ist eingezogen: die Kaiserin aber lässt Dir sagen« -
hier flüsterte er in des Zerschmetterten Ohr -, »du habest in Deinem klugen
Brief ihr selbst den Rat erteilt, Mitwisser von Geheimnissen zu verderben.
Trierarch, Du führst den Verurteilten sofort an seinen Strafort ab.«
    Und Alexandros ging auf die »Tetis« zurück.
    Die »Nemesis« aber drehte rauschend ihr Steuer, wandte dem Hafen von Byzanz
den Rücken und trug den Sträfling für immer aus dem Leben der Menschen.
 
                                Achtes Kapitel.
Wir haben Cetegus, den Präfekten, seit seiner Abreise nach Rom aus den Augen
verloren.
    Er hatte daselbst in den Wochen der erzählten Ereignisse die eifrigste
Tätigkeit entfaltet: denn er erkannte, dass die Dinge jetzt zur Entscheidung
drängten; er konnte ihr getrost entgegensehen.
    Ganz Italien war einig in dem Hass gegen die Barbaren: und wer anders
vermochte es, der Kraft dieses Hasses Bewegung und Ziel zu geben, als das Haupt
der Katakombenverschwörung und der Herr von Rom.
    Das war er durch die jetzt völlig ausgebildeten und ausgerüsteten Legionare
und durch die nahezu vollendete Befestigung der Stadt, an der er in den letzten
Monaten Nachts wie Tages hatte arbeiten lassen. Und nun war es ihm zuletzt noch
gelungen, wie er glaubte, ein sofortiges Austreten der byzantinischen Macht in
seinem Italien, die Hauptgefahr, die seinen ehrgeizigen Plänen gedroht,
abzuwenden: durch zuverlässige Kundschafter hatte er erfahren, dass die
byzantinische Flotte, die bisher lauernd bei Sizilien geankert, sich wirklich
von Italien hinweggewandt und der afrikanischen Küste genähert habe, wo sie die
Seeräuberei zu unterdrücken beschäftigt schien.
    Freilich sah Cetegus voraus, dass es zu einer Landung der Griechen in
Italien kommen werde: er konnte derselben als einer Nachhilfe nicht entbehren.
    Aber alles war ihm daran gelegen, dass dies Auftreten des Kaisers eben nur
eine Nachhilfe bleibe: und deshalb musste er, ehe ein Byzantiner den italischen
Boden betreten, eine Erhebung der Italier aus eigner Kraft veranlasst und zu
solchen Erfolgen geführt haben, dass die spätere Mitwirkung der Griechen nur als
eine Nebensache erschien und mit der Anerkennung einer losen Oberhoheit des
Kaisers abgelohnt werden konnte.
    Und er hatte zu diesem Zweck seine Pläne trefflich vorbereitet.
    Sowie der letzte römische Turm unter Dach, sollten die Goten in ganz Italien
an einem Tag überfallen, mit einem Schlag alle festen Plätze, Burgen und Städte,
Rom, Ravenna und Neapolis voran, genommen werden. Und waren die Barbaren ins
flache Land hinausgeworfen, so stand nicht mehr zu fürchten, dass sie bei ihrer
grossen Unkunde in Belagerungen und bei der Anzahl und Stärke der italischen
Festen diese und damit die Herrschaft über die Halbinsel wieder gewinnen würden.
    Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen, die Goten vollends über
die Alpen zu drängen: und Cetegus wollte schon dafür sorgen, dass diese Befreier
ebenfalls keinen Fuss in die wichtigsten Festungen setzen sollten, um sich ihrer
später unschwer wieder entledigen zu können.
    Dieser Plan setzte nun aber voraus, dass die Goten durch die Erhebung
Italiens überrascht würden. Wenn der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar schon
ausgesprochen war, dann natürlich liessen sich die Barbaren die in Kriegsstand
gesetzten Städte nicht durch einen Handstreich entreissen. Da nun aber Cetegus,
seit er die Sendung des Petros durchschaut hatte, bei jeder Gelegenheit
Justinians Hervortreten aus seiner drohenden Stellung erwarten musste, da es kaum
noch gelungen war, Belisar wieder abzuwenden von Italien, beschloss er, keinen
Augenblick mehr zu verlieren.
    Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigungen Roms eine allgemeine
Versammlung der Verschworenen in den Katakomben anberaumt, in der das mühsam und
erfindungsreich vorbereitete Werk gekrönt, der Augenblick des Losschlagens
bestimmt und Cetegus als Führer dieser rein italischen Bewegung bezeichnet
werden sollte. Er hoffte sicher, den Widerstand der Bestochenen oder
Furchtsamen, die nur für und mit Byzanz zu handeln geneigt waren, durch die
Begeisterung der Jugend zu überwältigen, wenn er diese sofort in den Kampf zu
führen versprach.
    Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswintens Ermordung, von der
Verwirrung und Spaltung der Goten nach Rom und ungeduldig sehnte der Präfekt die
Stunde der Entscheidung herbei. Endlich war auch der einzige noch unfertige Turm
des aurelischen Tores unter Dach: Cetegus führte die letzten Hammerschläge: ihm
war dabei, er höre die Streiche des Schicksals von Rom und von Italien dröhnen.
    Bei dem Schmause, den er darauf den Tausenden von Arbeitern in dem Teater
des Pompejus gab, hatten sich auch die meisten der Verschworenen eingefunden,
und der Präfekt benutzte die Gelegenheit, diesen seine unbegrenzte Beliebteit
im Volk zu zeigen. Auf die jüngeren unter den Genossen machte dies freilich den
Eindruck, welchen er gewünscht hatte; aber ein Häuflein, dessen Mittelpunkt
Silverius war, zog sich mit finstern Mienen von den Tischen zurück.
    Der Priester hatte seit lange eingesehen, dass Cetegus nicht bloss Werkzeug
sein wollte, dass er eigene Pläne verfolgte, die der Kirche und seinem
persönlichen Einfluss sehr gefährlich werden konnten. Und er war entschlossen,
den kühnen Verbündeten zu stürzen, sobald er entbehrt werden konnte; es war ihm
nicht schwer geworden, die Eifersucht so manches Römers gegen den Überlegenen im
geheimen zu schüren.
    Die Anwesenheit aber zweier Bischöfe aus dem Ostreich, Hypatius von Ephesus
und Demetrius von Philippi, die in Glaubensfragen öffentlich mit dem Papst, aber
geheim mit König Teodahad, in Unterstützung des Petros, in Politik
verhandelten, hatte der kluge Archidiakon benutzt, um mit Teodahad und mit
Byzanz in enge Verbindung zu treten.
    »Du hast recht, Silverius,« murrte Scävola im Hinausgehen aus dem Tor des
Teaters, »der Präfekt ist Marius und Cäsar in Einer Person.« - »Er verschwendet
diese ungeheuren Summen nicht umsonst, man darf ihm nicht zu sehr trauen,«
warnte der geizige Albinus. - »Lieben Brüder,« mahnte der Priester, »sehet zu,
dass ihr nicht einen unter euch lieblos verdammet. Wer solches täte, wäre des
höllischen Feuers schuldig. Freilich beherrscht unser Freund die Fäuste der
Handwerker wie die Herzen seiner jungen Ritter: es ist das gut, er kann dadurch
die Tyrannei zerbrechen ... -«
    »Aber dadurch auch eine neue aufrichten,« meinte Calpurnius.
    »Das soll er nicht, wenn Dolche noch töten, wie in Brutus' Tagen,« sprach
Scävola.
    »Es bedarf des Blutes nicht. Bedenket nur immer«: sagte Silverius, »je näher
der Tyrann, desto drückender die Tyrannei: je ferner der Herrscher, desto
erträglicher die Herrschaft. Das schwere Gewicht des Präfekten ist aufzuwiegen
durch das schwerere des Kaisers.«
    »Jawohl,« stimmte Albinus bei, der grosse Summen von Byzanz erhalten hatte,
»der Kaiser muss der Herr Italiens werden.« - »Das heisst,« beschwichtigte
Silverius den unwillig auffahrenden Scävola, »wir müssen den Präfekten durch den
Kaiser, den Kaiser durch den Präfekten niederhalten. Siehe, wir stehen an der
Schwelle meines Hauses. Lasst uns eintreten. Ich habe geheim euch mitzuteilen,
was heute abend in der Versammlung kundwerden soll. Es wird euch überraschen.
Aber andre Leute noch mehr.«
    Inzwischen war auch der Präfekt von dem Gelage nach Hause geeilt, sich in
einsamem Sinnen zu seinem wichtigen Werke zu bereiten. Nicht seine Rede
überdachte er: wusste er doch längst was er zu sagen hatte und, ein glänzender
Redner, dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen, überliess er den Ausdruck
gern dem Antrieb des Augenblicks, wohl wissend, dass das eben frisch aus der
Seele geschöpfte Wort am lebendigsten wirkt.
    Aber er rang nach innerer Ruhe: denn seine Leidenschaft schlug hohe Wellen.
    Er überschaute die Schritte, die er nach seinem Ziele hin getan, seit zuerst
dieses Ziel mit dämonischer Gewalt ihn angezogen: er erwog die kurze Strecke,
die noch zurückzulegen war: er überzählte die Schwierigkeiten, die Hindernisse,
die noch auf diesem Wege lagen und ermass dagegen die Kraft seines Geistes, sie
zu überwinden: und das Ergebnis dieses prüfenden Wägens erzeugte in ihm eine
Siegesfreude, die ihn mit jugendlicher Aufregung ergriff.
    Mit gewaltigen Schritten durchmass er das Gemach.
    Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der Stunde beginnender
Schlacht: er umgürtete sich mit dem breiten, siegreichen Schwert seiner
Kriegsfahrten und drückte krampfhaft dessen Adlergriff, als gelte es, jetzt
gegen zwei Welten, gegen Byzanz und die Barbaren, sein Rom zu erkämpfen. Dann
trat er der Cäsarstatue gegenüber und sah ihr lange in das schweigende
Marmorantlitz. Endlich ergriff er mit beiden Händen die Hüften des Imperators
und rüttelte an ihnen: »lebwohl«, sagte er, »und gib mir dein Glück mit auf den
Weg. Mehr brauch' ich nicht.«
    Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache und durch das Atrium
hinaus auf die Strasse, wo ihn schon die ersten Sterne begrüssten.
    Zahlreicher als je hatten sich die Verschwornen an diesem Abend in den
Katakomben eingefunden: waren doch durch ganz Italien die Ladungen zu dieser
Versammlung als zu einer entscheidungsvollen ergangen. So waren auf den Wunsch
des Präfekten besonders alle strategisch wichtigen Punkte vertreten: von den
starken Grenzhüterinnen Tridentum, Tarvisium und Verona, die das Eis der Alpen
schauen, bis zu Otorantum und Consentia, welche die laue Welle des Ausonischen
Meeres bespült, hatten sie alle ihre Boten zugesendet, jene berühmten Städte
Siziliens und Italiens mit den stolzen, den schönen, den weltgeschichtlichen
Namen: Syrakusä und Catana, Panormus und Messana, Regium, Neapolis und Cumä,
Capua und Beneventum, Antium und Ostia, Reate und Narnia, Volsinii, Urbsvetus
und Spoletum, Clusium und Perusia, Auximum und Ancon, Florentia und Fäsulä,
Pisa, Luca, Luna und Genua, Ariminium, Cäsena, Faventia und Ravenna, Parma,
Dertona und Placentia, Mantua, Cremona und Ticinum (Pavia), Mediolanum, Comum
und Bergamum, Asta und Pollentia: dann von der Nord- und Ostküste des Ionischen
Meerbusens: Concordia, Aquileja, Jadera, Scardona und Salona.
    Da waren ernste Senatoren und Decurionen, ergraut in dem Rat ihrer Städte,
deren Häupter ihre Ahnen seit Jahrhunderten gewesen: kluge Kaufleute,
breitschultrige Gutsherrn, rechtaberische Juristen, spöttische Rhetoren: und
namentlich eine grosse Anzahl von Geistlichen jedes Ranges und jedes Alters: die
einzige fest organisierte Macht und Silverius unbedingt gehorsam.
    Wie Cetegus, noch hinter der Mündung des schmalen Ganges verborgen, die
Massen in dem Halbrund der Grotte übersah, konnte er sich eines verächtlichen
Lächelns nicht erwehren, das aber in einen Seufzer auslief. Ausser der
allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren, die doch bei weitem nicht stark genug
war, schwere politische Pläne mit Opfern und Entsagungen zu tragen - welch'
verschiedene und oft welch kleine Motive hatten diese Verschwornen hier
zusammengeführt!
    Cetegus kannte die Beweggründe der einzelnen genau: hatte er sie doch durch
Bearbeitung ihrer schwächsten Seiten beherrschen gelernt. Und er musste zuletzt
noch froh darum sein: echte Römer hätte er nie, wie diese Verschworenen, so
völlig unter seinen Einfluss gebracht.
    Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah, diese Patrioten, und bedachte,
wie den einen die Hoffnung auf einen Titel von Byzanz, den andern plumpe
Bestechung, einen dritten Rachsucht wegen irgendeiner Beleidigung oder auch nur
die Langeweile oder Schulden oder ein schlechter Streich unter die Unzufriedenen
geführt: und wenn er sich nun vorstellte, dass er mit solchen Bundesgenossen den
gotischen Heermännern entgegentreten sollte - da erschrak er fast über die
Vermessenheit seines Planes.
    Und eine Erquickung war es ihm, als die helle Stimme des Lucius Licinius
seinen Blick auf die Schar der jungen »Ritter« lenkte, denen wirklich
kriegerischer Mut und nationale Begeisterung aus den Augen sprühte: so hatte er
doch einige verlässige Waffen. -
    »Gegrüsst, Lucius Licinius,« sprach er, aus dem Dunkel des Ganges
hervortretend. »Ei, du bist ja gerüstet und gewaffnet, als ging es von hier
gegen die Barbaren.«
    »Kaum bezwing ich das Herz in der Brust vor Hass und vor Freude,« sagte der
schöne Jüngling. »Sieh, alle diese hier hab' ich für dich, für das Vaterland
geworben.«
    Cetegus blickte grüssend umher:
    »Auch du hier, Kallistratos - du heitrer Sohn des Friedens?«
    »Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in der Stunde der
Gefahr,« sagte der Hellene und legte die weisse Hand auf das zierliche Schwert
mit dem Griff von Elfenbein. Und Cetegus nickte ihm zu und wandte sich zu den
andern: Marcus Licinius, Piso, Massurius, Balbus, die, seit den Floralien ganz
von dem Präfekten gewonnen, ihre Brüder, Vettern, Freunde mitgebracht hatten.
Prüfend flog sein Blick über die Gruppe, er schien einen aus diesem Kreise zu
vermissen. Lucius Licinius erriet seine Gedanken: »Du suchst den schwarzen
Korsen, Furius Ahalla?
    Auf den kannst du nicht zählen. Ich holte ihn von weitem aus, aber er
sprach: Ich bin ein Korse, kein Italier: mein Handel blüht unter gotischem
Schutz: lasst mich aus eurem Spiel. Und als ich weiter in ihn drang - denn ich
gewönne gern sein kühnes Herz und die vielen Tausende von Armen, über die er
gebeut - sprach er kurz abweisend: Ich fechte nicht gegen Totila.«
    »Die Götter mögen wissen, was den tigerwilden Korsen an jenen Milchbart
bindet,« meinte Piso.
    Cetegus lächelte, aber er furchte die Stirn. »Ich denke, wir Römer
genügen,« sprach er laut: und das Herz der Jünglinge schlug.
    »Eröffne die Versammlung,« mahnte Scävola unwillig den Archidiakon, »du
siehst, wie er die jungen Leute beschwatzt; er wird sie alle gewinnen.
Unterbrich ihn: rede.«
    »Sogleich. Bist du gewiss, dass Albinus kommt?«
    »Er kommt; er erwartet den Boten am appischen Tor.«
    »Wohlan,« sagte der Priester, »Gott mit uns!« Und er trat in die Mitte der
Rotunde, erhob ein schwarzes Kreuz und begann: »Im Namen des dreieinigen Gottes!
Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der Nacht zu den Werken des
Lichts. Vielleicht zum letztenmal: denn wunderbar hat der Sohn Gottes, dem die
Ketzer die Ehre weigern, unsere Mühen zu seiner Verherrlichung, zur Vernichtung
seiner Feinde gesegnet. Nächst Gott dem Herrn aber gebührt der höchste Dank dem
edeln Kaiser Justinian und seiner frommen Gemahlin, die mit tätigem Mitleid die
Seufzer der leidenden Kirche vernehmen: und endlich hier unsrem Freund und
Führer, dem Präfekten, der unablässig für unsres Herrn, des Kaisers Sache, wirkt
...« -
    »Halt, Priester!« rief Lucius Licinius dazwischen, »wer nennt den Kaiser von
Byzanz hier unsern Herrn? wir wollen nicht den Griechen dienen statt den Goten!
Frei wollen wir sein!«
    - »Frei wollen wir sein,« wiederholte der Chor seiner Freunde.
    »Frei wollen wir werden!« fuhr Silverius fort. »Gewiss. Aber das können wir
nicht aus eigner Macht, nur mit des Kaisers Hilfe. Glaubt auch nicht, geliebte
Jünglinge, der Mann, den ihr als euren Vorkämpfer verehrt, Cetegus, denke
hierin anders. Justinian hat ihm einen köstlichen Ring - sein Bild in Karneol -
gesendet, zum Zeichen, dass er billige, was der Präfekt für ihn, den Kaiser, tue
und der Präfekt hat den Ring angenommen: sehet hier, er trägt ihn am Finger.«
    Betroffen und unwillig sahen die Jünglinge auf Cetegus. Dieser trat
schweigend in die Mitte. Eine peinliche Pause entstand.
    »Sprich, Feldherr!« rief Lucius, »widerlege sie! Es ist nicht wie sie sagen
mit dem Ring.«
    Aber Cetegus zog den Ring kopfnickend ab: »Es ist wie sie sagen: der Ring
ist vom Kaiser und ich hab' ihn angenommen.«
    Lucius Licinius trat einen Schritt zurück.
    »Zum Zeichen?« fragte Silverius.
    »Zum Zeichen,« sprach Cetegus mit drohender Stimme, »dass ich der
herrschsüchtige Selbstling nicht bin, für den mich einige halten, zum Zeichen,
dass ich Italien mehr liebe als meinen Ehrgeiz. Ja, ich baute auf Byzanz und
wollte dem mächtigen Kaiser die Führerstelle abtreten - darum nahm ich diesen
Ring. Ich baue nicht mehr auf Byzanz, das ewig zögert: deshalb hab' ich diesen
Ring heute mitgebracht, ihn dem Kaiser zurückzustellen. Du, Silverius, hast dich
als den Vertreter von Byzanz erwiesen: hier, gib deinem Herrn sein Pfand zurück:
er säumt zu lang: sag' ihm, Italien hilft sich selbst.«
    »Italien hilft sich selbst!« jubelten die jungen Ritter.
    »Bedenket, was ihr tut!« warnte mit verhaltnem Zorn der Priester. »Den
heissen Mut der Jünglinge begreif' ich, - aber dass meines Freundes, des gereiften
Mannes, Hand nach dem Unerreichbaren greift, - befremdet mich. Bedenket die Zahl
und wilde Kraft der Barbaren! Bedenket, wie die Männer Italiens seit lange des
Schwertes entwöhnt, wie alle Zwingburgen des Landes in der Hand ...« -
    »Schweig, Priester,« donnerte Cetegus, »das verstehst du nicht! Wo es die
Psalmen zu erklären gilt und die Seele nach dem Himmelreich zu lenken, da rede
du: denn solches ist dein Amt; wo's aber Krieg und Kampf der Männer gilt, lass
jene reden, die den Krieg verstehen. Wir lassen dir den ganzen Himmel - lass uns
nur die Erde. Ihr römischen Jünglinge, ihr habt die Wahl. Wollt ihr abwarten,
bis dieses wohlbedächtige Byzanz sich doch vielleicht Italiens noch erbarmt ihr
könnt müde Greise werden bis dahin - oder wollt ihr, nach alter Römer Art, die
Freiheit mit dem eignen Schwert erkämpfen? Ihr wollt's, ich seh's am Feuer eurer
Augen. Wie? man sagt uns, wir sind zu schwach, Italien zu befreien? Ha, seid ihr
nicht die Enkel jener Römer, die den Weltkreis bezwangen? Wenn ich euch aufrufe,
Mann für Mann, da ist kein Name, der nicht klingt wie Heldenruhm: Decius,
Corvinus, Cornelius, Valerius, Licinius - wollt ihr mit mir das Vaterland
befreien?«
    »Wir wollen es! Führe uns, Cetegus!« riefen die Jünglinge begeistert.
    Nach einer Pause begann der Jurist: »Ich heisse Scävola. Wo römische
Heldennamen aufgerufen werden, hätte man auch des Geschlechts gedenken mögen in
dem das Heldentum der Kälte erblich ist. Ich frage dich, du jugendheisser Held
Cetegus, hast du mehr als Träume und Wünsche, wie diese jungen Toren, hast du
einen Plan?« -
    »Mehr als das, Scävola, ich habe und halte den Sieg. Hier ist die Liste fast
aller Festungen Italiens: an den nächsten Iden, in dreissig Tagen also, fallen
sie, alle, auf Einen Schlag, in meine Hand.«
    »Wie? dreissig Tage sollen wir noch warten?« fragte Lucius.
    »Nur so lange, bis die hier Versammelten ihre Städte wieder erreicht, bis
meine Eilboten Italien durchflogen haben. Ihr habt über vierzig Jahre warten
müssen!«
    Aber der ungeduldige Eifer der Jünglinge, den er selbst geschürt, wollte
nicht mehr ruhen: sie machten verdrossne Mienen zu dem Aufschub - sie murrten.
    Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der Stimmung. »Nein,
Cetegus,« rief er, »solang kann nicht mehr gezögert werden! Unerträglich ist
dem Edeln die Tyrannei: Schmach dem, der sie länger duldet, als er muss. Ich weiss
euch bessern Trost, ihr Jünglinge! Schon in den nächsten Tagen können die Waffen
Belisars in Italien blitzen.«
    »Oder sollen wir vielleicht,« fragte Scävola, »Belisar nicht folgen, weil er
nicht Cetegus ist?«
    »Ihr sprecht von Wünschen,« lächelte dieser, »nicht von Wirklichem. Landete
Belisar, ich wäre der erste, mich ihm anzuschliessen. Aber er wird nicht landen.
Das ist's ja, was mich abgewendet hat von Byzanz: der Kaiser hält nicht Wort.«
    Cetegus spielte ein sehr kühnes Spiel. Aber er konnte nicht anders.
    »Du könntest irren und der Kaiser früher sein Wort erfüllen, als du meinst.
Belisar liegt bei Sizilien.«
    »Nicht mehr. Er hat sich nach Afrika, nach Hause gewendet. Hofft nicht mehr
auf Belisar.«
    Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange, und eilfertig stürzte
Albinus herein:
    »Triumph,« rief er, »Freiheit, Freiheit!«
    »Was bringst du?« fragte freudig der Priester.
    »Den Krieg, die Rettung! Byzanz hat den Goten den Krieg erklärt.«
    »Freiheit, Krieg!« jauchzten die Jünglinge.
    »Es ist unmöglich!« sprach Cetegus, tonlos.
    »Es ist gewiss!« rief eine andre Stimme vom Gange her - es war Calpurnius,
der jenem auf dem Fuss gefolgt - »und mehr als das: der Krieg ist begonnen.
Belisar ist gelandet auf Sizilien, bei Catana: Syrakusä, Messana sind ihm
zugefallen, Panormus hat er mit der Flotte genommen, er ist übergesetzt nach
Italien, von Messana nach Regium, er steht auf unserm Boden.«
    »Freiheit!« rief Marcus Licinius.
    »Überall fällt ihm die Bevölkerung zu. Aus Apulien, aus Calabrien flüchten
die überraschten Goten, unaufhaltsam dringt er durch Bruttien und Lucanien gen
Neapolis.«
    »Es ist erlogen, alles erlogen!« sagte Cetegus mehr zu sich selbst als zu
den andern.
    »Du scheinst nicht sehr erfreut über den Sieg der guten Sache. Aber der Bote
ritt drei Pferde zu Tod. Belisar ist gelandet mit dreissigtausend Mann.« - »Ein
Verräter, wer noch zweifelt,« sprach Scävola. - »Nun lass sehen,« höhnte
Silverius, »ob du dein Wort halten wirst. Wirst du der erste von uns sein, dich
Belisar anzuschliessen?«
    Vor Cetegus Auge versank in dieser Stunde eine ganze Welt, seine Welt. So
hatte er denn umsonst, nein, schlimmer als das, für einen verhassten Feind alles
getan, was er getan.
    Belisar in Italien mit einem starken Heere und er getäuscht, machtlos,
überwunden! Wohl jeder andre hätte jetzt alles weitere Streben ermüdet
aufgegeben. In des Präfekten Seele fiel nicht ein Schatten der Entmutigung. Sein
ganzer Riesenbau war eingestürzt: noch betäubte der Schlag sein Ohr und schon
hatte er beschlossen, im selben Augenblick ihn von neuem zu beginnen: seine Welt
war versunken, und er hatte nicht Musse ihr einen Seufzer nachzusenden: denn
aller Augen hingen an ihm. Er beschloss, eine zweite zu schaffen.
    »Nun! was wirst du tun?« wiederholte Silverius.
    Cetegus würdigte ihn keines Blicks. Zu der Versammlung gewendet sprach er
mit ruhiger Stimme: »Belisar ist gelandet: Er ist jetzt unser Haupt: ich gehe in
sein Lager.« Damit schritt er dem Ausgang zu, gemessenen Ganges, gefassten
Angesichts, an Silverius und dessen Freunden vorüber.
    Silverius wollte ein Wort des Hohnes flüstern: aber er verstummte, da ihn
der Blick des Präfekten traf: »Frohlocke nicht, Priester,« schien er zu sagen,
»diese Stunde wird dir vergolten.«
    Und Silverius, der Sieger, blieb erschrocken stehn.
 
                                Neuntes Kapitel.
Die Landung der Byzantiner war allen, Goten wie Italiern, gleich unerwartet
gekommen.
    Denn die letzte Bewegung Belisars nach Südosten hatte alle Erwartungen von
der kaiserlichen Flotte in die Irre gelenkt. Von unsern gotischen Freunden war
nur Totila in Unteritalien: vergeblich hatte er als Seegraf von Neapolis die
Regierung zu Ravenna gewarnt und um Vollmachten, um Mittel zur Verteidigung
Siziliens gebeten. Wir werden sehen, wie ihm alle Mittel genommen wurden, das
Ereignis zu verhindern, das sein Volk bedrohte, das gerade in die lichten Kreise
seines eignen Lebens zuerst verhängnisvolle Schatten werfen und die Bande des
Glückes zerreissen sollte, mit welchen ein freundliches Schicksal diesen Liebling
der Götter bisher umwoben hatte.
    Denn in Bälde war es der unwiderstehlichen Anmut seiner Natur gelungen, das
edle, wenn auch strenge Herz des Valerius zu gewinnen. Wir haben gesehen, wie
mächtig die Bitten der Tochter, das Andenken an die Scheideworte der Gattin, die
Offenheit Totilas schon in jener Stunde der nächtlichen Überraschung auf den
würdigen Alten gewirkt.
    Totila blieb als Gast in der Villa: Julius, mit seiner gewinnenden Güte,
wurde von den Liebenden zu Hilfe gerufen und ihren vereinten Einflüssen gab der
Sinn des Vaters allmählich nach. Dies war jedoch bei dem strengen Römertum des
Alten nur dadurch möglich, dass von allen Goten Totila an Sinnesart, Bildung und
Wohlwollen den Römern am nächsten stand, so dass Valerius bald einsah, er könne
einen Jüngling nicht »barbarisch« schelten, der besser als mancher Italier die
Sprache, die Weisheit und die Schönheit der hellenischen und römischen Literatur
kannte und würdigte, und, wie er seine Goten liebte, so die Kultur der alten
Welt bewunderte.
    Dazu kam endlich, dass im politischen Gebiet den alten Römer und den jungen
Germanen der gemeinsame Hass gegen die Byzantiner verband. Wenn der offnen
Heldenseele Totilas in den tückischen Erbfeinden seiner Nation die Mischung von
Heuchelei und Gewalterrschaft unwillkürlich wie dem Lichte die Nacht verhasst
war, so war für Valerius die ganze Tradition seiner Familie eine Anklage gegen
das Imperatorentum und Byzanz. Die Valerier hatten von jeher zu der
aristokratisch-republikanischen Opposition wider das Cäsarentum gezählt. Und so
mancher der Ahnen hatte schon seit den Tagen des Tiberius die
alt-republikanische Gesinnung mit dem Tode gebüsst und besiegelt. Niemals hatten
diese Geschlechter im Herzen die Übertragung der Welterrschaft von der
Tiberstadt nach Byzanz anerkannt: in dem byzantinischen Kaisertum erblickte
Valerius den Gipfel aller Tyrannei: und um jeden Preis wollte er die Habsucht,
den Glaubenszwang, den orientalischen Despotismus dieser Kaiser von seinem
Latium fernhalten. Es kam dazu, dass sein Vater und sein Bruder bei einer
Handelsreise durch Byzanz von einem Vorgänger Justinians aus Habsucht waren
festgehalten und, wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwörung, unter
Konfiskation ihrer im Ostreich belegenen Güter, hingerichtet worden, so dass den
politischen Hass des Patrioten mit aller Macht persönliche Schmerzen verstärkten.
Er hatte, als Cetegus ihn in die Katakombenverschwörung einweihte, eifrig den
Gedanken einer Selbstbefreiung Italiens ergriffen, aber alle Annäherungen der
kaiserlichen Partei mit den Worten abgewiesen: »lieber den Tod, als Byzanz!«
    So vereinten sich die beiden Männer in dem Entschluss, keine Byzantiner in
dem schönen Lande zu dulden, das dem Goten kaum minder teuer war als dem Römer.
    Die Liebenden hüteten sich, den Willen des Alten schon jetzt zu einem
bindenden Wort zu drängen; sie begnügten sich für die Gegenwart mit der Freiheit
des Umgangs, die Valerius ihnen beliess, und warteten ruhig ab, bis der Einfluss
allmählicher Gewöhnung ihn auch mit dem Gedanken an ihre völlige Vereinigung
befreunden würde. So verlebten unsre jungen Freunde goldene Tage.
    Das Liebespaar hatte neben seinem eigensten Glücke die Freude an der
wachsenden Neigung des Vaters zu Totila: und Julius genoss jene weihevolle
Erhebung, die für edle Naturen in dem Überwinden eigner Schmerzen um des Glückes
geliebter Herzen willen liegt.
    Seine suchende, von der Weisheit der alten Philosophie nicht befriedigte
Seele wandte sich mehr und mehr jener Lehre zu, die den höchsten Frieden im
Entsagen findet.
    Eine sehr entgegengesetzte Natur war Valeria.
    Sie war der Ausdruck der echt römischen Ideale ihres Vaters, der an der
frühe verstorbnen Mutter Stelle ihre ganze Erziehung geleitet und im geistigen
und sittlichen Gebiet die Ergebnisse des antiken heidnischen Geistes ihr
angeeignet hatte. Das Christentum, dem ihre Seele bei dem Eintritt in das Leben
durch eine äussere Nötigung war zugewendet und später ebenso durch ein
äusserliches Mittel wieder war entrissen worden, erschien ihr als eine
gefürchtete, nicht als eine verstandene und geliebte Macht, die sie gleich wohl
nicht aus dem Kreise ihrer Gedanken und Gefühle zu scheiden vermochte. Als echte
Römerin sah sie auch nicht mit bangem Zagen, sondern mit freudigem Stolz die
kriegerische Begeisterung, die im Gespräch mit ihrem Vater über Byzanz und seine
Feldherrn aus der Seele Totilas leuchtete, den künftigen Helden verkündend.
    Und so trug sie es mit edler Fassung, als den Geliebten seine Kriegerpflicht
plötzlich abrief aus den Armen der Liebe und Freundschaft. Denn sowie die Flotte
der Byzantiner auf der Höhe von Syrakusä erschienen war, loderte in dem jungen
Goten der Gedanke, der Wunsch des Krieges unauslöschlich empor. Als Befehlshaber
des unteritalischen Geschwaders lag ihm die Pflicht ob, die Feinde zu
beobachten, die Küste zu decken. Er setzte rasch seine Schiffe instand und
segelte der griechischen Seemacht entgegen, Erklärung heischend über den Grund
ihres Erscheinens in diesen Gewässern.
    Belisar, der den Auftrag hatte, erst nach einem Ruf von Petros feindlich
aufzutreten, gab eine friedliche und unanfechtbare Auskunft, die Unruhen in
Afrika und Seeräubereien mauretanischer Schiffe vorschützend. Mit dieser Antwort
musste sich Totila begnügen: aber in seiner Seele stand der Ausbruch des Krieges
fest, vielleicht nur deshalb, weil er ihn wünschte. Er traf daher alle
Anstalten, schickte warnende Boten nach Ravenna und suchte vor allem, das
wichtige Neapolis wenigstens von der Seeseite her zu decken, da die
Landbefestigung der Stadt während des langen Friedens vernachlässigt und der
alte Uliaris, der Stadtgraf von Neapolis, nicht aus seiner stolzen Sicherheit
und Griechenverachtung aufzurütteln war.
    Die Goten wiegten sich überhaupt in dem gefährlichen Wahn, die Byzantiner
würden gar nie wagen, sie anzugreifen: und ihr verräterischer König bestärkte
sie gern in diesem Glauben. Die Warnungen Totilas blieben deshalb unbeachtet und
es wurde dem eifrigen Seegrafen sogar sein ganzes Geschwader abgenommen und in
den Hafen von Ravenna zu angeblicher Ablösung beordert: aber die Schiffe, welche
die abgesegelten ersetzen sollten, blieben aus.
    Und Totila hatte nichts als ein paar kleine Wachtschiffe, mit welchen er,
wie er den Freunden erklärte, die Bewegungen der zahlreichen Griechenflotte
nicht beobachten, geschweige denn aufhalten konnte. Diese Mitteilungen bewogen
den Kaufherrn, die Villa bei Neapolis zu verlassen und seine reichen Besitzungen
und Handelsniederlassungen bei Regium, an der Südspitze der Halbinsel,
aufzusuchen, um die wertvollste Habe aus dieser Gegend, für die Totila den
ersten Angriff der Feinde besorgte, nach Neapolis zu flüchten und überhaupt
seine Anordnungen für den Fall eines längeren Krieges zu treffen. Auf dieser
Reise sollte Julius ihn begleiten, und auch Valeria war nicht zu bewegen, in der
leeren Villa zurückzubleiben: von Gefahr war, wie Totila versichert hatte, für
die nächsten Tage nichts zu fürchten.
    So reisten denn die drei, von einigen Sklaven begleitet, nach der Hauptvilla
bei dem Passe Jugum nördlich von Regium ab, die, unmittelbar am Meere gelegen,
ja zum Teil mit jenem schon von Horatius gescholtnen Luxus in das Meer selbst
»wagend hinausgebaut« war.
    Valerius traf die Dinge in schlechter Ordnung. Seine Institoren hatten,
sicher gemacht durch lange Abwesenheit des Herrn, übel gewirtschaftet: und mit
Unwillen erkannte dieser, dass seine prüfende, ordnende, strafende Tätigkeit,
nicht tage-, sondern wochenlang in dieser Gegend notwendig sein werde.
    Unterdessen mehrten sich die drohenden Anzeichen. Totila schickte warnende
Winke: aber Valeria erklärte, ihren Vater in der Gefahr nicht verlassen zu
können: und dieser verschmähte es, vor den »Griechlein« zu flüchten, die er noch
mehr verachtete, als hasste.
    Da wurden sie eines Tages durch zwei Boote überrascht, die fast gleichzeitig
in den kleinen Hafen der Villa einliefen: das eine trug Totila, das andre den
Korsen Furius Ahalla. Die Männer begrüssten sich überrascht, doch erfreut als
alte Bekannte und wandelten miteinander durch die Taxus- und Lorbeergänge des
Gartens zu der Villa hinan. Hier trennten sie sich: Totila gab vor, seinen
Freund Julius besuchen zu wollen, indes den Korsen ein Geschäft zu dem Kaufherrn
führte, mit dem er seit Jahren in einer für beide Teile gleich vorteilhaften
Handelsverbindung stand.
    Mit Freuden sah daher Valerius den klugen, kühnen und stattlichschönen
Seefahrer bei sich eintreten und nach herzlicher Begrüssung wandten sich die
beiden Handelsfreunde ihren Büchern und Rechnungen zu.
    Nach kurzen Erörterungen erhob sich der Korse von den Rechentafeln und
sprach: »So siehst du, Valerius, aufs neue hat Mercurius unser Bündnis gesegnet.
Meine Schiffe haben dir Purpur und köstlichen Wollstoff aus Phönikien und aus
Spanien zugeführt: und deine köstlichen Fabrikate des verflossenen Jahres
verführt nach Byzanz und Alexandria, nach Massilia und Antiochia. Ein Centenar
Goldes Mehrgewinn gegen das Vorjahr! Und so wird er steigen und steigen von Jahr
zu Jahr, solang die wackern Goten den Frieden schirmen und die Rechtspflege im
Abendland.« Er schwieg wie abwartend.
    »Solang sie schirmen können!« seufzte Valerius, »solang diese Griechen
Frieden halten. Wer steht dafür, dass uns nicht diese Nacht der Seewind die
Flotte Belisars an die Küste treibt!«
    »Also auch du erwartest den Krieg? Im Vertrauen: er ist mehr als
wahrscheinlich, er ist gewiss.«
    »Furius,« rief der Römer, »woher weisst du das?«
    »Ich komme von Afrika, von Sizilien. Ich habe die Flotte des Kaisers
gesehen: so rüstet man nicht gegen Seeräuber. Ich habe die Heerführer Belisars
gesprochen: sie träumen Nacht und Tag von den Schätzen Italiens. Sizilien ist
zum Abfall reif, sowie die Griechen landen.«
    Valerius erbleichte vor Aufregung. Furius bemerkte es und fuhr fort: »Und
deshalb vor allem bin ich hierher geeilt, dich zu warnen. Der Feind wird in
dieser Gegend landen, und ich wusste, dass deine Tochter dich begleitet.«
    »Valeria ist eine Römerin.«
    »Ja, aber diese Feinde sind die wildesten Barbaren. Denn Hunnen, Massageten,
Skyten, Avaren, Sclavenen und Sarazenen sind es, die dieser Kaiser der Römer
loslässt auf Italien. Wehe, wenn dein minervengleiches Kind in ihre Hände fiele.«
    »Das wird sie nicht!« sagte Valerius, die Hand am Dolch. »Aber du sprichst
wahr - sie muss fort in Sicherheit.« - »Wo ist in Italien Sicherheit? Bald werden
die Wogen dieses Krieges brausend zusammenschlagen über Neapolis, über Rom, und
kaum sich an Ravennas Mauern brechen.« - »Denkst du so gross von diesen Griechen?
Hat doch Griechenland nie etwas anderes nach Italien geschickt als Mimen,
Seeräuber und Kleiderdiebe!« - »Belisarius aber ist ein Sohn des Sieges.
Jedenfalls entbrennt ein Kampf, dessen Ende so mancher von euch nicht erleben
wird!« - »Von euch, sagst du? wirst du nicht mit kämpfen?«
    »Nein, Valerius! Du weisst, in meinen Adern fliesst nur korsisch Blut, trotz
meines römischen Adoptivnamens: ich bin nicht Römer, nicht Grieche, nicht Gote.
Ich wünsche den Goten den Sieg, weil sie Zucht und Ordnung halten zu Wasser und
zu Land und weil mein Handel blüht unter ihrem Zepter: aber wollt' ich offen für
sie fechten, der Fiskus von Byzanz verschlänge, was irgend von meinen Schiffen
und Waren in den Häfen des Ostreichs liegt, drei Viertel all' meines Guts. Nein,
ich gedenke mein Eiland so zu befestigen - du weisst ja, halb Korsika ist mein -,
dass keine der kämpfenden Parteien mich viel belästigen wird: meine Insel wird
eine Friedensinsel sein, während rings die Länder und Meere vom Krieg erdröhnen.
Ich werde dies Asyl beschirmen wie ein König seine Krone, wie ein Bräutigam die
Braut und deshalb« - seine Augen funkelten, und seine Stimme bebte vor Erregung
»deshalb wollte ich jetzt heute ein Wort aussprechen, das ich seit Jahren auf
dem Herzen trage« - Er stockte.
    Valerius sah voraus, was kommen werde, und sah es mit tiefem Schmerz: seit
Jahren hatte er sich in dem Gedanken gefallen, sein Kind dem mächtigen Kaufherrn
zu vertrauen, eines alten Freundes Adoptivsohn, dessen Neigung er lange
durchschaut. So lieb er in letzter Zeit den jungen Goten gewonnen, er würde doch
den langjährigen Handelsgenossen als Eidam vorgezogen haben. Und er kannte den
unbändigen Stolz und die zornige Rachsucht des Korsen: er fürchtete im Fall der
Weigerung die alte Liebe und Freundschaft alsbald in lodernden Hass umschlagen zu
sehen: man erzählte dunkle Geschichten von der jähzornigen Wildheit des Mannes
und gern hätte Valerius ihm und sich selbst den Schmerz einer Zurückweisung
erspart.
    Aber jener fuhr fort: »Ich denke, wir beide sind Männer, die Geschäfte
geschäftlich abtun. Und ich spreche, nach altem Brauch, gleich mit dem Vater,
nicht erst mit der Tochter. Gib mir dein Kind zur Ehe, Valerius: du kennst zum
Teil mein Vermögen - nur zum Teil: denn es ist viel grösser als du ahnst. Zur
Widerlage der Mitgift geb' ich, wie gross sie sei, das doppelte ...« -
    »Furius!« unterbrach der Vater.
    »Ich glaube wohl ein Mann zu sein, der ein Weib beglücken mag. Jedenfalls
kann ich sie beschützen, wie kein andrer in diesen drohenden Zeiten: ich führe
sie, wird Korsika bedrängt, auf meinen Schiffen nach Asien, nach Afrika; an
jeder Küste erwartet sie nicht ein Haus, ein Palast. Keine Königin soll sie
beneiden. Ich will sie hoch halten: höher als meine Seele.« Er hielt inne, sehr
erregt, wie auf rasche Antwort wartend.
    Valerius schwieg, er suchte nach einem Ausweg: es war nur eine Sekunde: aber
der Anschein nur, dass sich der Vater besinne, empörte den Korsen. Sein Blut
kochte auf, sein schönes bronzefarbenes Antlitz, eben noch beinahe weich und
mild, nahm plötzlich einen furchtbaren Ausdruck an: dunkelrote Glut schoss in die
braunen Wangen. »Furius Ahalla,« sprach er rasch und hastig, »ist nicht gewöhnt,
zweimal zu bieten. Man pflegt meine Ware aufs erste Angebot mit beiden Händen zu
ergreifen -: nun biete ich mich selbst -: ich bin, bei Gott, nicht schlechter
als mein Purpur« -
    »Mein Freund,« hob der Alte an, »wir leben nicht mehr in der Zeit alten,
strengen Römerbrauchs: der neue Glaube hat den Vätern fast das Recht genommen,
die Töchter zu vergeben. Mein Wille würde sie dir und keinem andern geben, aber
ihr Herz ...« -
    »Sie liebt einen andern!« knirschte der Korse, »wen?« Und seine Faust fuhr
an den Dolch, als sollte der Nebenbuhler keinen Augenblick mehr atmen. Es lag
etwas vom Tiger in dieser Bewegung und im Funkeln des rollenden Auges. Valerius
empfand, wie tödlich dieser Hass, und wollte den Namen nicht nennen. - »Wer kann
es sein?« fragte halblaut der Wütende. »Ein Römer? Montanus? Nein! O nur - nur
nicht er - sag' nein, Alter, nicht Er« ... - Und er fasste ihn am Gewande.
    »Wer? wen meinst du?«
    »Der mit mir landete - der Gote: doch ja, er muss es sein, es liebt ihn ja
alles: Totila!«
    »Er ist's!« sagte Valerius und suchte begütigend seine Hand zu fassen.
    Doch mit Schrecken liess er sie los: ein zuckender Krampf rüttelte den
ehernen Leib des starken Korsen: er streckte beide Hände starr vor sich hin, als
wollte er den Schmerz, der ihn quälte, erwürgen. Dann warf er das Haupt in den
Nacken und schlug sich die beiden geballten Fäuste grausam gegen die Stirn, den
Kopf schüttelnd und laut auflachend.
    Entsetzt sah Valerius diesem Toben zu, endlich glitten die gepressten Hände
langsam herab und zeigten ein aschenfahles Antlitz. »Es ist aus,« sagte er dann
mit bebender Stimme. »Es ist ein Fluch, der mich verfolgt: ich soll nicht
glücklich werden im Weibe. Schon einmal - hart vor der Erfüllung! Und jetzt -
ich weiss es -, Valerias Seelenzucht und klare Ruhe hätte auch in mein wild
schäumendes Leben rettenden Frieden gebracht: ich wäre anders geworden - -
besser. Und sollte es nicht sein« - hier funkelte sein Auge wieder -, »nun, so
wär' es fast das gleiche Glück gewesen, den Räuber dieses Glücks zu morden. Ja,
in seinem Blute hätte ich gewühlt und von der Leiche die Braut hinweggerissen -
und nun ist Er es!
    Er, der einzige, dem Ahalla Dank schuldet und welchen Dank« - - - Und er
schwieg, mit dem Haupte nickend und wie verloren in Erinnerung. »Valerius,« rief
er dann plötzlich sich aufraffend, »ich weiche keinem Mann auf Erden - ich hätt'
es nicht getragen, hinter einem andern zurückzustehen - doch Totila! - Es sei
ihr vergeben, dass sie mich ausschlägt, weil sie Totila gewählt. Leb wohl,
Valerius, ich geh' in See, nach Persien, Indien - ich weiss nicht, wohin - ach,
überallhin nehm' ich diese Stunde mit.« Und rasch war er hinaus, und gleich
darauf entführte ihn sein pfeilgeschwindes Boot dem kleinen Hafen der Villa. -
    Seufzend verliess Valerius das Gemach, seine Tochter zu suchen. Er traf im
Atrium auf Totila, der sich schon wieder verabschiedete. Er war nur gekommen, zu
rascher Rückreise nach Neapolis zu treiben.
    Denn Belisar habe sich wieder von Afrika abgewendet und kreuze bei Panormus:
jeden Tag könne die Landung auf Sizilien, in Italien selbst erfolgen und trotz
all' seines Dringens sende der König keine Schiffe. In den nächsten Tagen wolle
er selbst nach Sizilien, sich Gewissheit zu schaffen. Die Freunde seien daher
hier völlig unbeschützt: und er beschwor den Vater Valerias, sofort auf dem
Landwege nach Neapolis heimzukehren. Aber den alten Soldaten empörte es, vor den
Griechen flüchten zu sollen: vor drei Tagen könne und wolle er nicht weichen von
seinen Geschäften, und kaum war er von Totila zu bestimmen, eine Schar von
zwanzig Goten zur notdürftigsten Deckung anzunehmen. Mit schwerem Herzen stieg
Totila in seinen Kahn und liess sich an Bord des Wachtschiffes zurückbringen.
    Es war dunkler Abend geworden, als er dort ankam, ein Nebelschleier
verhüllte die Dinge in nächster Nähe.
    Da scholl Ruderschlag von Westen her, und ein Schiff, kenntlich an der roten
Leuchte an dem hohen Mast, bog um die Spitze eines kleinen Vorgebirges.
    Totila lauschte und fragte seine Wachen: »Segel zur Linken! was für Schiff?
was für Herr?«
    »Schon angezeigt vom Mastkorb:« - hallte es wieder - »Kauffahrer - Furius
Ahalla - lag hier vor Anker.«
    »Fährt wohin?«
    »Nach Osten - nach Indien!« -
 
                                Zehntes Kapitel.
Am Abend des dritten Tages seit Totila die gotische Bedeckung geschickt, hatte
Valerius endlich seine Geschäfte beendet und auf den andern Morgen die Abreise
festgesetzt. Er sass mit Valeria und Julius beim Nachtmahl und sprach von den
Aussichten auf Erhaltung des Friedens, die des jungen Helden Kriegesdurst doch
wohl unterschätzt habe: es war dem Römer ein unerträglicher Gedanke, dass
»Griechen« das teure Italien in Waffen betreten sollten. »Auch ich wünsche den
Frieden,« sprach Valeria, nachsinnend - »und doch -« »Nun?« fragte Valerius.
»Ich bin gewiss, du würdest,« vollendete das Mädchen, »im Krieg erst Totila so
lieben lernen, wie er es verdient: er würde für mich streiten und für Italien.«
- »Ja,« sagte Julius, »es steckt in ihm ein Held und Grösseres als das.« - »Ich
kenne nichts Grösseres,« antwortete Valerius.
    Da erschollen auf dem Marmorestrich des Atriums klirrende Schritte und der
junge Torismut, der Anführer der zwanzig Goten und Totilas Schildträger, trat
hastig ein.
    »Valerius,« sprach er schnell, »lass die Wagen anschirren, die Sänften in den
Hof - ihr müsst fort.«
    Die Drei sprangen auf: »Was ist geschehn - sind sie gelandet?« - »Rede,«
sprach Julius, »was macht dich besorgt?« - »Für mich nichts,« lachte der Gote,
»und euch wollt ich nicht früher schrecken als unvermeidlich. Aber ich darf
nicht mehr schweigen - gestern früh spülte die Flut eine Leiche ans Land ... -«
    »Eine Leiche?« - »Einen Goten von unsrer Schiffsmannschaft - es war Alb, der
Steuermann auf Totilas Schiff.« Valeria erbleichte, aber erbebte nicht. »Das
kann ein Zufall sein - er ist ertrunken.« - »Nein,« sagte der Gote fest, »er ist
nicht ertrunken: es stak ein Pfeil in seiner Brust.« - »Das deutet auf einen
Kampf zur See! Nicht auf mehr!« meinte Valerius. »Aber heute -«
    »Heute?« fragte Julius. - »Heute sind alle Landleute ausgeblieben, die sonst
täglich von Regium hier durch nach Colum gehen. Auch ein Reiter, den ich auf
Kundschaft nach Regium schickte, ist nicht zurückgekommen.« - »Beweist noch
immer nichts,« sprach Valerius eigensinnig. - Sein Herz sträubte sich gegen den
Gedanken einer Landung der Verhassten solang als möglich - »oft schon hat die
Brandung die Strasse gesperrt.«
    »Aber als ich selbst soeben auf der Strasse nach Regium vorging und das Ohr
auf die Erde legte, hörte ich die Erde zittern unter dem Hufschlag von vielen
Rossen, die in rasender Eile nahen. Ihr müsst fliehn.«
    Jetzt griffen Valerius und Julius zu den Waffen, die an den Pfeilern des
Gemaches hingen, Valeria legte schwer atmend die Hand aufs Herz: »Was ist zu
tun?« fragte sie.
    »Besetzt den Engpass von Jugum,« befahl Valerius, »in den die Strasse längs
der Küste verläuft: er ist schmal; er ist lange zu halten.« - »Er ist schon
besetzt von acht meiner Goten, ich fliege hin, sobald ihr zu Pferde sitzt, die
Hälfte meiner Schar deckt eure Reise: eilt.«
    Aber ehe sie das Gemach verlassen konnten, stürzte ein gotischer Krieger,
mit Schlamm und Blut bedeckt, herein: »flieht,« rief er, »sie sind da!« - »Wer
ist da, Gelaris?« fragte Torismut. - »Die Griechen! Belisar! der Teufel!« -
»Rede,« befahl Torismut. - »Ich kam bis in den Pinienwald von Regium, ohne
etwas Verdächtiges zu spüren, freilich auch ohne einer Seele auf der Strasse zu
begegnen. Als ich an einem dicken Baumstamm vorbeireite, eifrig vorwärts
spähend, fühle ich einen Ruck am Halse, als risse mir ein Blitz den Kopf von den
Schultern und im Nu lag ich unter meinem Tier am Boden ... -«
    »Schlecht gesessen, o Gelaris!« schalt Torismut. - »Jawohl, eine
Rosshaarschlinge ums Genick und eine Bleikugel an den Kopf geschnellt, da fällt
auch ein besserer Reitersmann als Gelaris, Genzos Sohn. Zwei Unholde -
Waldschraten oder Alraunen acht' ich sie ähnlich - setzten aus dem Busch über
den Graben, banden mich auf mein Pferd, nahmen mich zwischen ihre kleinen,
zottigen Gäule - und hui ...« -
    »Das sind die Hunnen Belisars!« rief Valerius.
    »Jagten sie mit mir davon. Als ich wieder ganz zu mir gekommen, war ich in
Regium, mitten unter den Feinden, dort erfuhr ich denn alles. Die Regentin ist
ermordet, der Krieg ist erklärt, die Feinde haben Sizilien überrascht, die ganze
Insel ist zum Kaiser abgefallen - -« - »Und das feste Panormus?«
    »Fiel durch die Flotte, die in den Hafen drang: die Mastkörbe waren höher
als die Mauern der Stadt: von den Masten schossen und sprangen sie herab.« -
»Und Syrakusä?« fragte Valerius. »Fiel durch Verrat der Sizilianer - die Goten
der Besatzung sind ermordet: in Syrakusä ist Belisarius eingeritten unter einem
Blumenregen, als scheidender Konsul des Jahres - denn es war am letzten Tage
seines Konsulats - Goldmünzen streuend, unter Händeklatschen alles Volks.« -
»Und wo ist der Seegraf? wo ist Totila?« - »Zwei seiner drei Schiffe sind in den
Grund gebohrt vom Schnabelstosse der Trieren. Sein Schiff und noch eins: er
sprang ins Meer mit voller Rüstung - und ist - noch nicht - aufgefischt.«
    Da sank Valeria schweigend auf das Lager.
    »Der Griechenfeldherr,« fuhr der Bote fort, »landete gestern in dunkler
stürmischer Nacht bei Regium: die Stadt hat ihn mit Jubel aufgenommen; er ordnet
nur sein Heer, dann soll's im Fluge nach Neapolis gehen: seine Vorhut, die
gelbhäutigen Reiter, die mich eingebracht, mussten sogleich wieder umkehren und
den Pass gewinnen. Ich sollte ihnen Führer dahin sein. Ich führte sie weit ab -
nach Westen - in den Meeressumpf - und - entsprang ihnen im Dunkel - des Abends
aber - sie schickten mir - Pfeile nach - und einer traf - ich kann nicht mehr.«
- Und klirrend stürzte der Mann zu Boden.
    »Er ist verloren!« sprach Valerius, »sie führen vergiftetes Geschoss! Auf,
Julius und Torismut, ihr geleitet mein Kind auf der Strasse gen Neapolis: ich
gehe in den Pass und decke euch den Rücken.« Vergebens waren die Bitten Valerias:
Gesicht und Haltung des Alten nahmen einen Ausdruck eisernen Entschlusses an.
»Gehorcht!« befahl er den Widerstrebenden, »ich bin der Herr dieses Hauses, der
Sohn dieses Landes, und ich will die Hunnen Belisars fragen, was sie zu tun
haben in meinem Vaterland. Nein, Julius! Dich muss ich bei Valeria wissen - lebet
wohl.«
    Während Valeria mit ihrer gotischen Bedeckung und mit den meisten der
Sklaven spornstreichs auf der Strasse nach Neapolis hinwegeilte, stürmte Valerius
mit Schild und Schwert einem halben Dutzend Sklaven voran, zum Garten der Villa
hinaus, nach dem Engpass zu, der nicht weit vor dem Anfang seiner Besitzungen die
Strasse nach Regium überwölbte.
    Der Felsenbogen zur Linken, im Norden, war unübersteiglich, und zur Rechten,
nach Süden, fielen jene Wände senkrecht in das tiefe Meer, dessen Brandung oft
die Strasse überflutete. Die Mündung des Passes aber war so schmal, dass zwei
nebeneinanderstehende Männer sie mit ihren Schilden wie eine Pforte schliessen
konnten: so durfte Valerius hoffen, den Pass auch gegen grosse Übermacht lang
genug zu decken, um den raschen Pferden der Fliehenden hinlänglichen Vorsprung
zu gewähren. Während der Alte den schmalen Pfad, der sich zwischen dem Meere und
seinen Weinbergen nach dem Engpass hinzog, durch die mondlose Nacht vorwärts
eilte, bemerkte er zur Rechten, draussen, in ziemlicher Entfernung vom Lande, im
Meer den hellen Strahl eines kleinen Lichtes, das offenbar von dem Mast eines
Schiffes niederleuchtete. Valerius erschrak: sollten die Byzantiner zur See
gegen Neapolis vorrücken? Sollten sie Bewaffnete in seinem und des Engpasses
Rücken ans Land werfen wollen? Aber würden sich dann nicht mehrere Lichter
zeigen? Er wollte die Sklaven fragen, die auf seinen Befehl, aber schon mit
sichtlichem Widerwillen, ihm aus der Villa gefolgt waren.
    Umsonst: sie waren verschwunden in dem Dunkel der Nacht. Sie waren dem Herrn
entwischt, sobald dieser ihrer nicht mehr achtete. So kam Valerius allein an dem
Engpass an, dessen hintere Mündung zwei der gotischen Wachen besetzt hielten,
während zwei andere den östlichen, dem Feinde zugekehrten Eingang ausfüllten und
die übrigen vier in dem innern Raum hielten. Kaum war Valerius dicht hinter die
beiden vordersten Wächter getreten, als man plötzlich ganz nahes Pferdegetrappel
vernahm: und alsbald bogen um die letzte Krümmung, welche die Strasse vor dem Pass
um eine Felsennase machte, zwei Reiter im vollen Trabe. Beide trugen Fackeln in
der Rechten: es warfen nur diese Fackeln Licht auf die nächtliche Szene, denn
die Goten vermieden alles, was ihre kleine Zahl verraten konnte. »Beim Barte
Belisars!« schalt der vorderste der Reiter, in Schritt übergehend, »hier wird
der Katzensteig so schmal, dass kaum ein ehrlich Ross drauf Platz hat - und da
kömmt noch ein Hohlweg oder -, halt, was rührt sich da?« Und er hielt sein Pferd
an und bog sich, die Fackel weit vor sich streckend, vorsichtig nach vorn: so
bot er dicht vor dem Eingang, in dem Licht seiner Kienfackel ein bequemes Ziel.
    »Wer ist da?« rief er seinem Begleiter nochmals zu.
    Da fuhr ein gotischer Wurfspeer durch die breiten Panzerringe in seine
Brust. »Feinde, weh!« schrie der Sterbende und stürzte rücklings aus dem Sattel.
»Feinde, Feinde!« rief der Mann hinter ihm, schleuderte die verderbliche Fackel
weit von sich ins Meer, warf sein Pferd herum und jagte zurück, während das Tier
des Gefallenen ruhig stehenblieb bei der Leiche seines Herrn.
    Nichts hörte man jetzt in der Stille der Nacht als den Hufschlag des
enteilenden Rosses, und, zur Rechten des Passes, den leisen Schlag der Wellen am
Fusse der Felswand. Den Männern im Engpass schlug das Herz in Erwartung. »Jetzt
bleibt kalt, ihr Männer,« mahnte Valerius, »lasse sich keiner aus dem Passe
locken. Ihr in der ersten Reihe schliesst die Schilde fest aneinander und streckt
die Lanzen vor: wir in der Mitte werfen. Ihr drei im Rücken reicht uns die
Speere und habt acht auf alles.«
    »Herr,« rief der Gote, der hinter dem Passe auf der Strasse, stand, »das
Licht! das Schiff nähert sich immer mehr.«
    »Hab' acht und ruf' es an, wenn -«
    Aber schon waren die Feinde da, deren Vorhut die beiden Späher gebildet
hatten, es war ein Trupp von fünfzig hunnischen Reitern, mit einigen Fackeln.
Wie sie um die Krümmung des Weges bogen, erhellte sich die Szene mit
wechselndem, grellem Licht neben tiefem Dunkel.
    »Hier war es, Herr!« sprach der entkommene Reiter, »seht euch vor.« -
»schafft den Toten zurück und das Ross!« sprach eine rauhe Stimme, und der
Anführer, eine Fackel erhebend, ritt im Schritt gegen den Eingang vor.
    »Halt« rief ihm Valerius auf lateinisch entgegen, »wer seid ihr und was
wollt ihr?« - »Das habe ich zu fragen!« entgegnete der Führer der Reiter in
derselben Sprache. - »Ich bin ein römischer Bürger und verteidige mein Vaterland
gegen Räuber.«
    Der Anführer hatte unterdessen im Licht seiner Fackel die ganze Örtlichkeit
besehen: sein geübtes Auge erkannte die Unmöglichkeit, links oder rechts den
Engpass zu umgehen und zugleich die Enge seiner Mündung. »Freund,« sagte er etwas
zurückweichend, »so sind wir Bundesgenossen. Auch wir sind Römer und wollen
Italien von seinen Räubern befreien. Also gib Raum und lass uns durch.« Valerius,
der in jeder Weise Zeit gewinnen wollte, sprach: »Wer bist du und wer sendet
dich?« - »Ich heisse Johannes: die Feinde Justinians nennen mich den Blutigen,
und ich führe die leichten Reiter Belisars. Alles Land von Regium bis hierher
hat uns mit Jubel aufgenommen: hier ist das erste Hemmnis; längst wären wir
weiter, hätt' uns nicht ein Hund von einem Goten in den dicksten Sumpf geführt,
drin je ein guter Gaul versank. Köstliche Zeit ging uns verloren. Halt' uns
nicht auf! Leben und Habe ist dir gesichert, und reicher Lohn, wenn du uns
führen willst. Eile ist der Sieg. Die Feinde sind betäubt: sie dürfen sich nicht
besinnen, bis wir vor Neapolis stehen, ja vor Rom. Johannes sprach Belisar, zu
mir, da ich's dem Sturmwind nicht befehlen kann, vor mir her durch dieses Land
zu fegen, befehl ich's dir. Also fort und lasst uns durch -.« Und er spornte sein
Pferd.
    »Sag Belisar, solange Genius Valerius lebt, soll er keinen Fussbreit vorwärts
in Italien. Zurück, ihr Räuber!« - »Verrückter Mensch! du hältst es mit den
Goten gegen uns?« - »Mit der Hölle - wenn gegen euch.«
    Der Führer warf nochmals prüfende Blicke nach rechts und links: »Höre«,
sprach er, »du kannst uns hier wirklich eine Weile aufhalten. Nicht lang.
Weichst du, so sollst du leben. Weichst du nicht, so lass ichdich erst schinden
und dann pfählen!« Und er hob die Fackel, nach einer Blösse spähend.
    »Zurück,« rief Valerius. »Schiess', Freund!« Und eine Sehne klirrte, und ein
Pfeil schlug an den Helm des Reiters. »Warte!« rief dieser und spornte sein Tier
zurück. »Absitzen,« befahl er, »alle Mann!« Aber die Hunnen trennten sich nicht
gern von ihren Rossen. »Wie, Herr? absitzen!« fragte einer der nächsten. Da
schlug ihm Johannes mit der Faust ins Gesicht. Der Mann rührte sich nicht.
»Absitzen!« donnerte er noch mal; »wollt ihr zu Pferde in das Mauseloch
schlüpfen?« Und er selbst schwang sich aus dem Sattel: »Sechs steigen auf die
Bäume und schiessen von oben. Sechs legen sich auf die Erde, kriechen an den
Seiten der Strasse vor und schiessen im Liegen. Zehn schiessen stehend, auf
Brustöhe. Zehn hüten die Pferde; die andern zwanzig folgen mir mit dem Speer,
sowie die Sehnen geschwirrt. Vorwärts.« Und er gab die Fackel ab und ergriff
eine Lanze.
    Während die Hunnen seinen Befehl vollzogen, musterte Johannes noch einmal
den Pass. »Ergebt euch!« rief er. - »Kommt an,« riefen die Goten.
    Da winkte Johannes und zwanzig Pfeile schwirrten zugleich.
    Ein Wehschrei und der vorderste Gote zur Rechten fiel; einer der Schützen
auf den Bäumen hatte ihn in die Stirn getroffen. Rasch sprang Valerius mit dem
vorgehaltenen Schild an seine Stelle. Er kam gerade recht, den wütenden Anprall
des anstürmenden Johannes aufzuhalten, der mit der Lanze in die Lücke rannte. Er
fing den Lanzenstoss mit dem Schilde und schlug nach dem Byzantiner, der nahe vor
dem Eingang zurückprallte, strauchelte und niederfiel; die Hunnen hinter ihm
wichen zurück.
    Da konnte sich's der Gote neben Valerius nicht versagen, den feindlichen
Führer unschädlich zu machen: er sprang mit gezücktem Speer aus dem Engpass einen
Schritt vorwärts. Aber das hatte Johannes gewollt: blitzschnell hatte er sich
aufgerafft, den überraschten Goten von der Strassenwand zur Rechten des
Felsenpasses hinabgestossen, und im selben Augenblick stand er an der rechten,
schildlosen Seite des Valerius, der die wieder vordringenden Hunnen abwehrte,
und stiess diesem mit aller Kraft das lange Persermesser in die Weichen.
    Valerius brach zusammen: aber es gelang den drei hinter ihm stehenden Goten,
Johannes, der schon in das Innere des Passes gedrungen war, mit ihren
Schildschnäbeln wieder zurück- und hinauszustossen. Er ging zurück, einen neuen
Pfeilregen zu befehlen.
    Schweigend deckten die beiden Goten wieder die Mündung, der dritte hielt den
blutenden Valerius in seinen Armen.
    Da stürzte die Wache von der Rückseite in den Engpass: »Das Schiff! Herr das
Schiff! sie sind gelandet: sie fassen uns im Rücken! Flieht, wir wollen euch
tragen - ein Versteck in den Felsen. -«
    »Nein,« sprach Valerius, sich aufrichtend, »hier will ich sterben; stemme
mein Schwert gegen die Wand und -«
    Aber da schmetterte von der Rückseite her laut der Ruf des gotischen
Heerhorns: Fackeln blitzten, und eine Schar von dreissig Goten stürmte in den
Pass: Totila an ihrer Spitze: sein erster Blick fiel auf Valerius: »Zu spät, zu
spät!« rief er schmerzlich. »Aber folgt mir! Rache! hinaus!«
    Und wütend brach er mit seinem speeretragenden Fussvolk aus dem Pass. Und
schrecklich war der Zusammenstoss auf der schmalen Strasse zwischen Felsen und
Meer. Die Fackeln erloschen in dem Getümmel, und der anbrechende Morgen gab nur
ein graues Licht. Die Hunnen, obwohl an Zahl den kühnen Angreifern überlegen,
waren durch den plötzlichen Ausfall völlig überrascht: sie glaubten, ein ganzes
Heer der Goten sei im Anmarsch: sie eilten, ihre Rosse zu gewinnen und zu
entfliehen; aber die Goten erreichten mit ihnen zugleich die Stelle, wo die
ledigen Tiere hielten: und in wirrem Knäuel stürzte Mann und Ross die Felsen
hinab.
    Umsonst hieb Johannes selbst auf seine fliehenden Leute ein: ihr Schwall
warf ihn zu Boden, er raffte sich wieder auf und sprang den nächsten Goten an.
Aber er kam übel an: es war Totila, er erkannte ihn. »Verfluchter Flachskopf,«
schrie er, »so bist du nicht ersoffen?«
    »Nein, wie du siehst!« rief dieser und schlug ihm das Schwert durch den
Helmkamm und noch ein Stück in den Schädel, dass er taumelte. Da war aller
Widerstand zu Ende. Mit knapper Not hoben ihn die nächsten seiner Reiter auf ein
Pferd und jagten mit ihm davon. Der Kampfplatz war geräumt.
    Totila eilte nach dem Hohlweg zurück. Er fand Valerius, bleich, mit
geschlossenen Augen, das Haupt auf seinen Schild gelegt. Er warf sich zu ihm
nieder und drückte die erstarrende Hand an seine Brust. »Valerius,« rief er,
»Vater! scheide nicht! scheide nicht so von uns. Noch ein Wort des Abschieds.«
Der Sterbende schlug matt die Augen auf.
    »Wo sind sie?« fragte er. »Geschlagen und geflohn.« - »Ah, Sieg!« atmete
Valerius auf; »ich darf im Siege sterben. Und Valeria - mein Kind - sie ist
gerettet?«
    »Sie ist es. Aus dem Seegefecht, aus dem Meer entkommen, eilte ich hierher,
Neapolis zu warnen, euch zu retten. Nahe der Strasse, zwischen deinem Hause und
Neapolis, war ich gelandet; dort traf ich sie und erfuhr deine Gefahr; eins
meiner Schiffsboote nahm sie auf und führt sie nach Neapolis: mit dem andern
eilte ich hierher, dich zu retten - ach, nur zu rächen!« Und er senkte das Haupt
auf des Sterbenden Brust.
    »Klage nicht um mich, ich sterbe im Sieg! Und dir, mein Sohn, dir dank' ich
es.« Und wohlgefällig streichelte er die langen Locken des Jünglings. »Und auch
Valerias Rettung. O dir, dir, ich hoffe es, auch Italiens Rettung. Du bist der
Held, auch dieses Land zu retten - trotz Belisar und Narses. Du kannst es - du
wirst es und dein Lohn sei mein geliebtes Kind.« - »Valerius! Mein Vater!« -
»Sie sei dein! Aber schwöre mir's,« - und er richtete sich empor mit letzter
Kraft und sah ihm scharf ins Auge - »schwöre mir's beim Genius Valerias: nicht
eher wird sie dein, als bis Italien frei ist und keine Scholle seines heiligen
Bodens mehr einen Byzantiner trägt.«
    »Ich schwör' es dir,« rief Totila, begeistert seine Rechte fassend, »ich
schwör's beim Genius Valerias!«
    »Dank, dank, mein Sohn; nun mag ich getrost sterben - grüsse sie und sage
ihr: dir hab' ich sie empfohlen und anvertraut: sie - und Italien.« Und er legte
das Haupt zurück auf seinen Schild und kreuzte die Arme über der Brust - und war
tot.
    Lange hielt Totila schweigend die Hand auf seiner Brust.
    Ein blendendes Licht weckte ihn plötzlich aus seinem Träumen: es war die
Morgensonne, deren goldne Scheibe prächtig über den Kamm des Felsgebirges
emportauchte: er stand auf und sah dem steigenden Gestirn entgegen. Die Fluten
glitzerten in hellem Widerschein, und ein Schimmer flog über alles Land.
    »Beim Genius Valerias!« wiederholte er leise mit innigster Empfindung und
hob die Hand zum Schwur dem Morgenlicht entgegen. Wie der Tote fand er Kraft und
Trost und Begeisterung in seinem schweren Gelübde: die hohe Pflicht erhob ihn.
Gekräftigt wandte er sich zurück und befahl, die Leiche auf sein Schiff zu
tragen, um sie nach dem Grabmal der Valerier in Neapolis zu führen.
 
                                Elftes Kapitel.
Während dieser drohenden Ereignisse waren wohl freilich auch die Goten nicht
völlig müssig geblieben. Doch waren alle Massregeln kraftvoller Abwehr gelähmt, ja
absichtlich vereitelt durch den feigen Verrat ihres Königs.
    Teodahad hatte sich von seiner Bestürzung über die Kriegserklärung des
byzantinischen Gesandten alsbald wieder erholt, da er sich nicht von der
Überzeugung trennen konnte und wollte, sie sei doch im Grunde nur erfolgt, um
den Schein zu wahren und die Ehre des Kaiserhofes zu decken. Er hatte ja Petros
nicht mehr allein gesprochen: und dieser musste doch vor Goten und Römern einen
Vorwand haben, Belisar in Italien erscheinen zu lassen. Das Auftreten dieses
Mannes war ja das längst verabredete Mittel zur Durchführung der geheimen Pläne.
Den Gedanken, Krieg führen zu sollen - von allen ihm der unerträglichste! -,
wusste er sich dadurch fernzuhalten, dass er weislich überlegte, zum Kriegführen
gehören zwei. »Wenn ich mich nicht verteidige,« dachte er, »ist der Angriff bald
vorüber. Belisar mag kommen - ich will nach Kräften dafür sorgen, dass er auf
keinen Widerstand stösst, der des Kaisers Stimmung gegen mich nur verschlimmern
könnte. Berichtet der Feldherr im Gegenteil nach Byzanz, dass ich seine Erfolge
in jeder Weise befördert, so wird Justinian nicht anstehn, den alten Vertrag
ganz oder doch zum grössten Teil zu erfüllen.«
    In diesem Sinne handelte er, berief alle Streitkräfte der Goten zu Land und
zur See aus Unteritalien, wo er die Landung Belisars erwartete, hinweg, und
schickte sie massenhaft an die Ostgrenze des Reiches nach Liburnien, Dalmatien,
Istrien und gen Westen nach Südgallien, indem er, gestützt auf die Tatsache, dass
Byzanz eine kleine Truppenabteilung nach Dalmatien gegen Salona gesendet und mit
den Frankenkönigen Gesandte gewechselt hatte, vorgab, der Hauptangriff sei von
den Byzantinern zu Lande, in Istrien, und von den mit ihnen verbündeten Franken
am Rhodanus und Padus zu befahren.
    Die Scheinbewegungen Belisars unterstützten diesen Glauben: und so geschah
das Unerhörte, dass die Heerscharen der Goten, die Schiffe, die Waffen, die
Kriegsvorräte in grossen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff
hinweggeführt, dass Unteritalien bis Rom, ja alles Land bis Ravenna entblösst und
alle Verteidigungsmassregeln in den Gegenden vernachlässigt wurden, auf die
alsbald die ersten Schläge der Feinde fallen sollten.
    An dem Dravus, Rhodanus und Padus wimmelte es von gotischen Waffen und
Segeln, während bei Sizilien, wie wir sahen, sogar die nötigsten Boote zum
Wachtdienst fehlten.
    Auch das ungestüme Drängen der gotischen Patrioten besserte daran nicht
viel. Witichis und Hildebad hatte sich der König aus der Nähe geschafft, indem
er sie mit Truppen und Aufträgen nach Istrien und nach Gallien entsandte: und
dem argwöhnischen Teja leistete der alte Hildebrand, der nicht ganz den Glauben
an den letzten der Amaler aufgeben wollte, zähen Widerstand.
    Am meisten aber ward Teodahad gekräftigt, als ihm seine entschlossene
Königin zurückgegeben wurde. Witichis war alsbald nach der Kriegserklärung der
Byzantiner mit einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen, wo
Gotelindis mit ihren pannonischen Söldnern Zuflucht gesucht, und hatte sie
bewogen, sich freiwillig wieder in Ravenna einzufinden, unter Verbürgung für
ihre Sicherheit, bis in der bevorstehenden grossen Volks- und Heeresversammlung
bei Rom ihre Sache nach allen Formen des Rechts untersucht und entschieden
werde. Diese Bedingungen waren beiden Parteien genehm: denn den gotischen
Patrioten musste alles daran gelegen sein, jetzt, bei dem Ausbruch des schweren
Krieges, nicht durch Parteiung in der Oberleitung gespalten zu sein.
    Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen Witichis wider jede
Anklage das Recht voller Verteidigung gewahrt wissen wollte, so sah auch Teja
ein, dass, nachdem der Feind die schwere Beschuldigung des Königsmordes auf das
ganze Volk der Goten geschleudert, nur ein strenges und feierliches Verfahren in
allen Formen, nicht eine stürmische Volksjustiz auf blinden Argwohn hin, die
Volksehre wahren könne.
    Gotelindis aber blickte jenem Verfahren mit kühner Stirn entgegen: mochten
die Stimmen innerer Überzeugung auch gegen sie sprechen, sie glaubte ganz sicher
zu sein, dass sich ein genügender Beweis ihrer Tat nicht erbringen lasse. - Hatte
doch nur ihr Auge das Ende der Feindin gesehen. - Und sie wusste wohl, dass man
sie ohne volle Überführung nicht strafen werde.
    So folgte sie willig nach Ravenna, flösste dem zagen Herzen ihres Gatten
neuen Mut ein und hoffte, war nur der Gerichtstag überstanden, alsbald im Lager
Belisars und am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen zu finden.
Die Zuversicht des Königspaares über den Ausgang jenes Tages wurde nun noch
dadurch erhöht, dass die Rüstungen der Franken ihnen den Vorwand gegeben hatten,
ausser Witichis und Hildebad auch noch den gefährlichen Grafen Teja mit einer
dritten Heerschar in den Nordwesten der Halbinsel zu entsenden: mit ihm zogen
viele Tausende gerade der eifrigsten Anhänger der Gotenpartei, - so dass an dem
Tag bei Rom eine von ihren Gegnern nicht allzu zahlreich besuchte Versammlung
sich einfinden würde. - Und unablässig waren sie tätig, sowohl ihre persönlichen
Anhänger als alte Gegner Amalaswintens, die mächtige Sippe der Balten in ihren
weitverbreiteten Zweigen, in möglichst grosser Anzahl zur Entscheidung jenes
Tages heranzuziehen. So hatte das Königspaar Ruhe und Zuversicht gewonnen. Und
Teodahad war von Gotelindis bewogen worden, selbst als Vertreter seiner
Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu erscheinen, um durch solchen Mut
und den Glanz des königlichen Ansehens vielleicht von vornherein alle
Widersacher einzuschüchtern.
    Umgeben von ihren Anhängern und einer kleinen Leibwache verliessen Teodahad
und Gotelindis Ravenna und eilten nach Rom, wo sie mehrere Tage vor dem für die
Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem alten Kaiserpalast
abstiegen.
    Nicht unmittelbar vor den Mauern, sondern in der Nähe Roms, auf einem freien
offnen Felde, Regeta genannt, zwischen Anagni und Terracina, sollte die
Versammlung gehalten werden. Früh am Morgen des Tages, da sich Teodahad allein
auf die Reise dortin aufmachen wollte und von Gotelindis Abschied nahm, liess
sich ein unerwarteter und unwillkommener Name melden: Cetegus, der während
ihres mehrtägigen Aufentalts in der Stadt nicht erschienen: er war vollauf mit
der Vollendung der Befestigungen beschäftigt.
    Als er eintrat, rief Gotelindis entsetzt über seinen Ausdruck: »Um Gott,
Cetegus! welch ein Unheil bringst du?«
    Aber der Präfekt furchte nur einen Augenblick die Stirn bei ihrem Anblick,
dann sprach er ruhig: »Unheil? für den, den's trifft. Ich komme aus einer
Versammlung meiner Freunde, wo ich zuerst erfuhr, was bald ganz Rom wissen wird:
Belisar ist gelandet.«
    »Endlich,« rief Teodahad. Und auch die Königin konnte eine Miene des
Triumphs nicht verbergen.
    »Frohlockt nicht zu früh! Es kann euch reuen. Ich komme nicht, Rechenschaft
von euch und eurem Freunde Petros zu verlangen: wer mit Verrätern handelt, muss
sich aufs Lügen gefasst machen. Ich komme nur, um euch zu sagen, dass ihr jetzt
ganz gewiss verloren seid.«
    »Verloren?« - »Gerettet sind wir jetzt!«
    »Nein, Königin. Belisar hat bei der Landung ein Manifest erlassen: er sagt,
er komme, die Mörder Amalaswintens zu strafen; ein hoher Preis und seine Gnade
ist denen zugesichert, die euch lebend oder tot einliefern.«
    Teodahad erbleichte. »Unmöglich!« rief Gotelindis.
    »Die Goten aber werden bald erfahren, wessen Verrat den Feind ohne
Widerstand ins Land gelassen.
    Mehr noch. Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag, in dieser stürmischen
Zeit als Präfekt ihr Wohl zu wahren. Ich werde euch im Namen Roms ergreifen und
Belisar übergeben lassen.«
    »Das wagst du nicht!« rief Gotelindis, nach dem Dolche greifend.
    »Still, Gotelindis, hier gilt es nicht, hilflose Frauen im Bad ermorden.
Ich lasse euch aber entkommen - was liegt mir an eurem Leben oder Sterben! -
gegen einen billigen Preis.«
    »Ich gewähre jeden!« stammelte Teodahad.
    »Du lieferst mir die Urkunden deiner Verträge mit Silverius - schweig! lüge
nicht! ich weiss, ihr habt lang und geheim verhandelt. Du hast wieder einmal
einen hübschen Handel mit Land und Leuten getrieben! Mich lüstet nach dem
Kaufbrief.«
    »Der Kauf ist jetzt eitel! die Urkunden ohne Kraft! Nimm sie! sie liegen
verwahrt in der Basilika des heiligen Martinus, in dem Sarkophag, links in der
Krypta!« Seine Furcht zeigte, dass er wahr sprach.
    »Es ist gut,« sagte Cetegus. »Alle Ausgänge des Palastes sind von meinen
Legionaren besetzt. Erst erhebe ich die Urkunden. Fand ich sie am bezeichneten
Ort, so werd' ich Befehl geben, euch zu entlassen. Wollt ihr dann entfliehn, so
geht an die Pforte Marc Aurels und nennt meinen Namen dem Kriegstribun der
Wache, Piso. Er wird euch ziehen lassen.« Und er ging, das Paar ratlosen Ängsten
überlassend.
    »Was tun?« fragte Gotelindis mehr sich selbst als ihren Gemahl. »Weichen
oder trotzen?« - »Was tun?!« wiederholte Teodahad unwillig. »Trotzen? das heisst
bleiben? Unsinn! Fort von hier sobald als möglich; kein Heil als die Flucht!« -
»Wohin willst du fliehn?« - »Nach Ravenna zunächst - das ist fest! Dort erheb
ich den Königsschatz. Von da, wenn es sein muss, zu den Franken. Schade, schade,
dass ich die hier verborgnen Gelder preisgeben muss. Die vielen Millionen Solidi!«
- »Hier? auch hier,« fragte Gotelindis aufmerksam, »in Rom hast du Schätze
geborgen. Wo? und sicher?« »Ach, allzusicher! In den Katakomben! Ich selber
würde Stunden brauchen, sie alle aufzufinden in jenen finstern Labyrinten. Und
die Minuten sind jetzt Leben oder Tod. Und das Leben geht doch noch über die
Solidi! Folge mir, Gotelindis. Damit wir keinen Augenblick verlieren; ich eile
an die Pforte Marc Aurels.«
    Und er verliess das Gemach. Aber Gotelindis blieb überlegend stehn. Ein
Gedanke, ein Plan hatte sie bei seinen Worten erfasst: sie erwog die Möglichkeit
des Widerstands.
    Ihr Stolz ertrug es nicht, der Herrschaft zu entsagen. »Gold ist Macht,«
sprach sie zu sich selber, »und nur Macht ist Leben.« Ihr Entschluss stand fest.
Sie gedachte der kappadokischen Söldner, die des Königs Geiz aus seinem Dienst
verscheucht hatte; sie harrten noch herrenlos in Rom, der Einschiffung gewärtig.
Sie hörte Teodahad hastig die Treppe hinuntersteigen und nach seiner Sänfte
rufen. »Ja, flüchte nur, du Erbärmlicher!« sprach sie, »ich bleibe.«
 
                               Zwölftes Kapitel.
Herrlich tauchte am nächsten Morgen die Sonne aus dem Meer: und ihre Strahlen
glitzerten auf den blanken Waffen von vielen tausend Gotenkriegern, die das
weite Blachfeld von Regeta belebten.
    Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die Scharen herbeigeeilt,
gruppenweise, sippenweise, oft mit Weib und Kind, sich bei der grossen Musterung,
die alljährlich im Herbste gehalten wurde, einzufinden.
    Eine solche Volksversammlung war das schönste Fest und der edelste Ernst der
Nation zugleich: ursprünglich, in der heidnischen Zeit, war ihr Mittelpunkt das
grosse Opferfest gewesen, das alljährlich zweimal, an der Winter- und
Sommersonnenwende, alle Geschlechter des Volkes zur Verehrung der gemeinsamen
Götter vereinte: daran schlossen sich dann Markt- und Tauschverkehr,
Waffenspiele und Heeresmusterung: die Versammlung hatte zugleich die höchste
Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung über Krieg und Frieden und die
Verhältnisse zu andern Staaten.
    Und noch immer, auch in dem christlichen Gotenstaat, in welchem der König so
manches Recht, das sonst dem Volke zukam, erworben, hatte die Volksversammlung
eine höchst feierliche Weihe, wenn auch deren alte heidnische Bedeutung
vergessen war: und die Reste der alten Volksfreiheit, die selbst der gewaltige
Teoderich nicht angetastet, lebten unter seinen schwächern Nachfolgern
kräftiger wieder auf.
    Noch immer hatte die Gesamteit der freien Goten das Urteil zu finden, die
Strafe zu verhängen, wenn auch der Graf des Königs in dessen Namen das Gericht
leitete und das Urteil vollzog. Und oft schon hatten germanische Völker selbst
ihre Könige wegen Verrates, Mordes und andrer schwerer Frevel vor offner
Volksversammlung angeklagt, gerichtet und getötet. In dem stolzen Bewusstsein,
sein eigner Herr zu sein und niemand, auch dem König nicht, über das Mass der
Freiheit hinaus zu dienen, zog der Germane in allen seinen Waffen zu dem »Ding«,
wo er sich im Verband mit seinen Genossen sicher und stark fühlte und seine und
seines Volkes Freiheit, Kraft und Ehre in lebendigen Bildern und Taten vor Augen
sah.
    Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit besonders starken
Gründen. Der Krieg mit Byzanz war zu erwarten oder schon ausgebrochen, als die
Ladung nach Regeta erging: das Volk freute sich auf den Kampf mit dem verhassten
Feind und freute sich, zuvor seine Heeresmacht zu mustern: diesmal ganz
besonders sollte die Volksversammlung zugleich Heerschau sein. Dazu kam, dass
wenigstens in den nächsten Landschaften den meisten Goten bekannt wurde, dort zu
Regeta sollte Gericht gehalten werden über die Mörder der Tochter Teoderichs:
die grosse Aufregung, die diese Tat erweckt hatte, musste ebenfalls mächtig nach
Regeta ziehn.
    Während ein Teil der Herbeigewanderten in den nächsten Dörfern bei Freunden
und Bekannten eingesprochen, hatten sich grosse Scharen schon einige Tage vor der
feierlichen Eröffnung auf dem weiten Blachfeld selbst, zweihundertachtzig
Stadien (gegen sechsunddreissig römische Meilen zu tausend Schritt) von Rom,
unter leichten Zelten und Hütten oder auch unter dem milden freien Himmel
gelagert. Diese waren mit den frühsten Stunden des Versammlungstages schon in
brausender Bewegung und nützten die geraume Zeit, da sie die alleinigen Herrn
des Platzes waren, zu allerlei Spiel und Kurzweil.
    Die einen schwammen und badeten in den klaren Fluten des raschen Flusses
Ufens (oder »Decemnovius«, weil er nach neunzehn römischen Meilen bei Terracina
in das Meer mündet), der die weite Ebene durchschnitt. Andere zeigten ihre
Kunst, über ganze Reihen von vorgehaltenen Speeren hinwegzusetzen oder, fast
unbekleidet, unter den im Taktschlag geschwungenen Schwertern zu tanzen, indes
die Raschfüssigsten, angeklammert an die Mähnen ihrer Rosse, mit deren
schnellstem Lauf gleichen Schritt hielten und, am Ziele angelangt, mit sichrem
Sprung sich auf den sattellosen Rücken schwangen.
    »Schade,« rief der junge Gudila, der bei diesem Wettlauf zuerst an das Ziel
gelangt war und sich jetzt die gelben Locken aus der Stirne strich, »schade, dass
Totila nicht zugegen! Er ist der beste Reiter im Volk und hat mich noch immer
besiegt; aber jetzt, mit dem Rappen, nehm' ich's mit ihm auf.« - »Ich bin froh,
dass er nicht da ist,« lachte Guntamund, der als der zweite herangesprengt war,
»sonst hätte ich gestern schwerlich den ersten Preis im Lanzenwurf
davongetragen.« - »Ja,« sprach Hilderich, ein stattlicher, junger Krieger in
klirrendem Ringpanzer, »Totila ist gut mit der Lanze. Aber sichrer noch wirft
der schwarze Teja: der nennt dir die Rippe vorher, die er treffen wird.« -
»Bah,« brummte Hunibad, ein älterer Mann, der dem Treiben der Jünglinge prüfend
zugesehn, »das ist doch all nur Spielerei. Im blutigen Ernste frommt dem Mann
zuletzt doch nur das Schwert: wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den
Leib rückt, dass du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf. Und da lob ich mir den
Grafen Witichis von Fäsulä!
    Das ist mein Mann! War das ein Schädelspalten, im Gepidenkrieg! Durch Stahl
und Leder schlug der Mann als wär' es trocken Stroh. Der kann's noch besser als
mein eigner Herzog, Guntaris, der Wölsung, in Florentia. Doch was wisst ihr
davon, ihr Knaben. - Seht, da steigen die frühesten Ankömmlinge von den Hügeln
nieder: auf! ihnen entgegen!«
    Und auf allen Wegen strömte jetzt das Volk heran: zu Fuss, zu Ross und zu
Wagen. Ein brausendes, wogendes Leben erfüllte mehr und mehr das Blachfeld. An
den Ufern des Flusses, wo die meisten Zelte standen, wurden die Rosse abgezäumt,
die Gespanne zu einer Wagenburg zusammengeschoben und durch die Lagergassen hin
flutete nun die stündlich wachsende Menge.
    Da suchten und fanden und begrüssten sich Freunde und Waffenbrüder, die sich
seit Jahren nicht gesehn. Es war ein buntgemischtes Bild: die alte germanische
Gleichartigkeit war in diesem Reiche lang geschwunden. Da stand neben dem
vornehmen Edeln, der sich in einer der reichen Städte Italiens niedergelassen,
in den Palästen senatorischer Geschlechter wohnte und die feinere und üppigere
Sitte der Welschen angenommen hatte, neben dem Herzog oder Grafen aus Mediolanum
oder Ticinum, der über dem reichvergoldeten Panzer das Wehrgehänge von
Purpurseide trug, neben einem solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauher,
riesiger Gotenbauer, der in den tiefen Eichwäldern am Margus in Mösien hauste
oder der in dem Tann am rauschenden Önus dem Wolf die zottige Schur abgerungen
hatte, die er um die mächtigen Schultern schlug, und dessen rauher erhaltene
Sprache befremdlich an das Ohr der halbromanisierten Genossen schlug. Und wieder
friedliche Schafhirten aus Dakien, die, ohne Acker und ohne Haus, mit ihren
Herden von Weide zu Weide wanderten, ganz in derselben Weise noch, welche die
Ahnen vor tausend Jahren aus Asien herübergeführt hatte. Da war ein reicher
Gote, der in Ravenna oder Rom eines römischen Geldwechslers Kind geheiratet und
bald Handel und Verkehr gleich seinem römischen Schwager zu treiben und seinen
Gewinn nach Tausenden zu berechnen gelernt hatte. Und daneben stand ein armer
Senne, der an dem brausenden Isarkus die magern Ziegen auf die magre Weide
trieb, und dicht neben der Höhle des Bären seine Bretterhütte errichtet hatte.
    So verschieden war den Tausenden, die sich hier zusammenfanden, das Los
gefallen, seit ihre Väter dem Ruf des grossen Teoderich nach Westen gefolgt
waren, hinweg aus den Tälern des Hämus.
    Aber doch fühlten sie sich als Brüder, als Söhne Eines Volkes: dieselbe
stolzklingende Sprache redeten sie, dieselben Goldlocken, dieselbe schneeweisse
Haut, dieselben hellen blitzenden Augen und - vor allem - das gleiche Gefühl in
jeder Brust: als Sieger stehen wir auf dem Boden, den unsre Väter dem römischen
Weltreich abgetrotzt, und den wir decken wollen, lebendig oder tot.
    Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und rauschten die Tausende
durcheinander, die sich hier begrüssten, alte Bekanntschaften aufsuchten und neue
schlossen und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen und zu können.
    Aber plötzlich tönten von dem Kamm der Hügel her eigentümliche, feierlich
gezogene Töne des gotischen Heerhorns: und augenblicklich legte sich das Gesumme
der brausenden Stimmen. Aufmerksam wandten sich aller Augen nach der Richtung
der Hügel, von denen ein geschlossener Zug ehrwürdiger Greise nahte. Es war ein
halbes Hundert von Männern in weissen, wallenden Mänteln, die Häupter
eichenbekränzt, weisse Stäbe und altertümlich geformte Steinbeile führend: die
Sajonen und Fronwärter des Gerichts, welche die feierlichen Formen der
Eröffnung, Hegung und Aufhebung des Dings zu vollziehen hatten.
    Angelangt in der Ebene begrüssten sie mit dreifachem, langgezogenem Hornruf
die Versammlung der freien Heermänner, die, nach feierlicher Stille, mit
klirrenden Waffen lärmend antworteten.
    Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk. Sie teilten sich nach rechts und
links und umzogen mit Schnüren von roter Wolle, die alle zwanzig Schritt um
einen Haselstab, den sie in die Erde stiessen, geschlungen wurden, die ganze
weite Ebene, und begleiteten diese Handlung mit uralten Liedern und Sprüchen.
    Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnüre auf mannshohe
Lanzenschäfte gespannt, so dass sie die zwei Tore der nun völlig umfriedeten
Dingstätte bildeten, an denen die Fronboten mit gezückten Beilen Wache hielten,
alle Unfreien, alle Volksfremden und alle Weiber fernzuhalten.
    Als diese Arbeit vollendet war, traten die beiden Ältesten unter die
Speertore und riefen mit lauter Stimme:
»Gehegt ist der Hag
Altgotischer Art:
Nun beginnen mit Gott
Mag gerechtes Gericht.«
    Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten Menge ein
anfangs leises, dann lauter tönendes und endlich fast betäubendes Getöse von
fragenden, streitenden, zweifelnden Stimmen.
    Es war nämlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen, dass er nicht, wie
gewöhnlich, von dem Grafen geführt war, der im Namen und Bann des Königs das
Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte. Doch hatte man erwartet, dass dieser
Vertreter des Königs wohl während der Umschnürung des Platzes erscheinen werde.
Als nun aber diese Arbeit geschehen, und der Spruch der Alten, der zum Beginn
des Gerichts aufforderte, ergangen und doch immer noch kein Graf, kein Beamter
erschienen war, der allein die Eröffnungsworte sprechen konnte, ward die
Merksamkeit aller auf jene schwer auszufüllende Lücke gelenkt. Während man nun
überall nach dem Grafen, dem Vertreter des Königs, fragte und suchte, erinnerte
man sich, dass dieser ja verheissen hatte, in Person vor seinem Volk zu
erscheinen, sich und seine Königin gegen die erhobnen schweren Anklagen zu
verteidigen.
    Aber da man jetzt bei des Königs Freunden und Anhängern sich nach ihm
erkundigen wollte, ergab sich die verdächtige Tatsache, die man bisher, im
Gedräng der allgemeinen Begrüssungen, gar nicht wahrgenommen, dass nämlich auch
nicht Einer der zahlreichen Verwandten, Freunde, Diener des Königshauses, die
zur Unterstützung der Beschuldigten zu erscheinen Recht, Pflicht und Interesse
hatten, in der Versammlung zugegen war, wiewohl man sie vor wenigen Tagen
zahlreich in den Strassen und in der Umgegend Roms gesehen hatte.
    Das erregte Befremden und Argwohn: und lange schien es, als ob an dem Lärm
über diese Seltsamkeit und an dem Fehlen des Königsgrafen der rechtmässige Anfang
der ganzen Verhandlung scheitern solle. Verschiedene Redner hatten bereits
vergeblich versucht, sich Gehör zu verschaffen. -
    Da erscholl plötzlich aus der Mitte der Versammlung ein alles übertönender
Klang, dem Kampfruf eines furchtbaren Ungetümes vergleichbar. Aller Augen
folgten dem Schall: und sahen im Mittelgrund des Platzes, an den Rücken einer
hohen Steineiche gelehnt, eine hohe ragende Gestalt, die in den hohlen, vor den
Mund gehaltnen Erzschild mit lauter Stimme den gotischen Schlachtruf ertönen
liess. Als sie den Schild senkte, erkannte man das mächtige Antlitz des alten
Hildebrand, dessen Augen Feuer zu sprühen schienen.
    Begeisterter Jubel begrüsste den greisen Waffenmeister des grossen Königs,
den, wie seinen Herrn, Lied und Sage schon bei lebendem Leib zu einer mytischen
Gestalt unter den Goten gemacht hatten. Als sich der Zuruf gelegt, hob der Alte
an: »Gute Goten, meine wackern Männer. Es ficht euch an und will euch befremden,
dass ihr keinen Grafen seht und Vertreter des Mannes, der eure Krone trägt.
    Lasst's euch nicht Bedenken machen! Wenn der König meint, damit das Gericht
zu stören, so soll er irren. Ich denke noch die alten Zeiten und sage euch: das
Volk kann Recht finden ohne König, und Gericht halten ohne Königsgrafen. Ihr
seid alle herangewachsen in neuer Übung und Sitte, aber da steht Haduswint, der
Alte, kaum ein paar Winter jünger denn ich: der wird's mir bezeugen: beim Volk
allein ist alle Gewalt: das Gotenvolk ist frei!«
    »Ja, wir sind frei!« rief ein tausendstimmiger Chor.
    »Wir wählen uns unsern Dinggrafen selbst, schickt der König den seinen
nicht,« rief der graue Haduswint, »Recht und Gericht war, eh' König war und
Graf. Und wer kennt besser alten Brauch des Rechts als Hildebrand, Hildungs
Sohn? Hildebrand soll unser Dinggraf sein.«
    »Ja!« hallte es ringsum wider, »Hildebrand soll unser Dinggraf sein.«
    »Ich bin's durch eure Wahl: und achte mich so gut bestellt, als hätte mir
König Teodahad Brief und Pergament darüber ausgestellt. Auch haben meine Ahnen
Gericht gehalten den Goten seit Jahrhunderten. Kommt, Sajonen, helft mir öffnen
das Gericht.«
    Da eilten zwölf von den Frondienern herzu. Vor der Eiche lagen noch die
Trümmer eines uralten Fanums des Waldgottes Picus: die Sajonen säuberten die
Stelle, hoben die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und rechts
zwei der viereckigen Platten an den Stamm der Eiche, so dass ein stattlicher
Richterstuhl dadurch gebildet ward. Und so hielt, von dem Altar des
altitalischen Wald- und Hirtengottes herab, der Gotengraf Gericht.
    Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel mit breitem,
weissem Kragen über Hildebrands Schultern, gaben ihm den oben gekrümmten
Eschenstab in die Hand und hingen links zu seinen Häupten einen blanken
Stahlschild an die Zweige der Eiche.
    Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten und Linken auf: der
Alte schlug mit dem Stab auf den Schild, dass er hell erklang, dann setzte er
sich, das Antlitz gegen Osten und sprach: »Ich gebiete Stille, Bann und Frieden!
Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht, Hastmut und Scheltwort und Waffenzücken,
und alles, was den Dingfrieden kränken mag. Und ich frage hier: ist es an Jahr
und Tag, an Weil' und Stunde, an Ort und Stätte, zu halten ein frei Gericht
gotischer Männer?«
    Da traten die nächststehenden Goten heran und sprachen im Chor: »Hier ist
rechter Ort, unter hohem Himmel, unter rauschender Eiche, hier ist rechte
Tageszeit, bei klimmender Sonne, auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund, zu
halten ein frei Gericht gotischer Männer.«
    »Wohlan,« fuhr der alte Hildebrand fort, »wir sind versammelt, zu richten
zweierlei Klage: Mordklage wider Gotelindis, die Königin, und schwere Rüge
wegen Feigheit und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider Teodahad, unsern
König. Ich frage ... -«
    Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten, schallenden Hornruf, der von
Westen her näher und näher drang.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug von Reitern, welche die
Hügel herab gegen die Gerichtsstätte eilten. Die Sonne fiel grell blendend auf
die waffenblitzenden Gestalten, dass sie nicht erkenntlich waren, obwohl sie in
Eile nahten.
    Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem erhöhten Sitz, hielt
die Hand vor die falkenscharfen Augen und rief sogleich: »Das sind gotische
Waffen! - Die wallende Fahne trägt als Bild die Wage: - das ist das Hauszeichen
des Grafen Witichis! Und dort ist er selbst! An der Spitze des Zugs. Und an
seiner Linken die hohe Gestalt, das ist der starke Hildebad! Was führt die
Feldherrn zurück? ihre Scharen sollten schon weit auf dem Weg nach Gallien und
Dalmatien sein!«
    Ein Brausen von fragenden, staunenden, grüssenden Stimmen erfolgte.
    Indes waren die Reiter heran und sprangen von den dampfenden Rossen. Mit
Jubel empfangen, schritten die Führer, Witichis und Hildebad, durch die Menge
den Hügel heran, bis zu Hildebrands Richterstuhl.
    »Wie?« rief Hildebad noch atemlos, »ihr sitzt hier und haltet Gericht, wie
im tiefsten Frieden: und der Feind, Belisar, ist gelandet!«
    »Wir wissen es,« sprach Hildebrand ruhig, »und wollten mit dem König
beraten, wie ihm zu wehren sei.«
    »Mit dem König!« lachte Hildebad bitter.
    »Er ist nicht hier,« sagte Witichis umblickend, »das verstärkt unsern
Verdacht. Wir kehrten um, weil wir Grund zu schwerem Argwohn erhielten. Aber
davon später! fahrt fort, wo ihr haltet. Alles nach Recht und Ordnung! still,
Freund!« Und den ungeduldigen Hildebad zurückdrängend, stellte er sich
bescheiden zur Linken des Richterstuhles in die Reihe der andern.
    Nachdem es wieder stiller geworden, fuhr der Alte fort: »Gotelindis, unsre
Königin, ist verklagt wegen Mordes an Amalaswinta, der Tochter Teoderichs. Ich
frage: sind wir Gericht zu richten solche Klage?«
    Der alte Haduswint, gestützt auf seine lange Keule, trat vor und sprach:
»Rot sind die Schnüre dieser Malstätte. Beim Volksgericht ist das Recht über
roten Blutfrevel, über warmes Leben und kalten Tod. Wenn's anders geübt ward in
letzten Zeiten, so war das Gewalt, nicht Recht. Wir sind Gericht, zu richten
solche Klage.«
    »In allem Volk,« fuhr Hildebrand fort, »geht wider Gotelindis schwerer
Vorwurf: im stillen Herzen verklagen wir alle sie darob. Wer aber will hier, im
offnen Volksgericht, mit lautem Wort, sie dieses Mordes zeihen?«
    »Ich!« sprach eine helle Stimme: und ein schöner, junger Gote, in glänzenden
Waffen, trat von rechts vor den Richter, die rechte Hand auf die Brust legend.
    Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die Reihen: »Er liebt die schöne
Mataswinta!« - »Er ist der Bruder des Herzogs Guntaris von Tuscien, der
Florentia besetzt hält.« - »Er freit um sie!« - »Als Rächer ihrer Mutter tritt
er auf!«
    »Ich, Graf Arahad von Asta, des Aramut Sohn, aus der Wölsungen
Edelgeschlecht,« fuhr der junge Gote mit einem anmutigen Erröten fort. »Zwar bin
ich nicht versippt mit der Getöteten: allein die Männer ihrer Sippe, Teodahad
voran, ihr Vetter und ihr König, erfüllen nicht die Pflicht der Blutrache; ist
er doch selbst des Mordes Helfer und Hehler.
    So klag' ich denn, ein freier unbescholtner Gote edeln Stammes, ein Freund
der unseligen Fürstin, an Mataswintens, ihrer Tochter, Statt. Ich klag' um
Mord! Ich klag' auf Blut!«
    Und unter lautem Beifall des Volkes zog der stattliche schöne Jüngling das
Schwert und streckte es gerad vor sich auf den Richterstuhl.
    »Und dein Beweis? sag' an ... -«
    »Halt, Dinggraf,« scholl da eine ernste Stimme. Witichis trat vor, dem
Kläger entgegen. »Bist du so alt und kennst das Recht so wohl, Meister
Hildebrand, und lässt dich fortreissen von der Menge wildem Drang? Muss ich dich
mahnen, ich, der jüngere Mann, an alles Rechtes erstes Gebot? Den Kläger hör'
ich, die Beklagte nicht.«
    »Kein Weib kann stehen in der Goten Ding,« sprach Hildebrand ruhig.
    »Ich weiss: doch wo ist Teodahad, ihr Gemahl und Mundwalt, sie zu
vertreten?«
    »Er ist nicht erschienen.«
    »Ist er geladen?«
    »Er ist geladen! Auf meinen Eid und den dieser Boten,« sprach Arahad:
»tretet vor, Sajonen.« Zwei der Fronwärter traten vor und rührten mit ihren
Stäben an den Richterstuhl.
    »Nun,« sprach Witichis weiter, »man soll nicht sagen, dass im Volk der Goten
ein Weib ungehört, unverteidigt verurteilt werde; wie schwer sie auch verhasst
sei, - sie hat ein Recht auf Rechtsgehör und Rechtsschutz. Ich will ihr Mundwalt
und ihr Fürsprecher sein.«
    Und er trat ruhig dem jugendlichen Ankläger entgegen, gleich ihm das Schwert
ziehend.
    Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein. »So leugnest du die Tat?«
fragte der Richter. »Ich sage: sie ist nicht erwiesen!« - »Erweise sie!« sprach
der Richter zu Arahad gewendet.
    Dieser, nicht vorbereitet auf ein förmliches Verfahren und nicht gefasst auf
einen Widersacher von Witichis' grossem Gewicht und kräftiger Ruhe, ward etwas
verwirrt. »Erweisen?« rief er ungeduldig. »Was braucht's noch Erweis? Du, ich,
alle Goten wissen, dass Gotelindis die Fürstin lang und tödlich hasste. Die
Fürstin verschwindet aus Ravenna: gleichzeitig die Mörderin: ihr Opfer kömmt in
einem Hause Gotelindens wieder zum Vorschein - tot: die Mörderin aber flieht
auf ein festes Schloss. Was braucht's da noch Erweis?«
    Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher.
    »Und darauf hin klagst du auf Mord im offnen Ding?« sprach Witichis ruhig.
»Wahrlich, der Tag sei fern vom Gotenvolk, da man nach solchem Anschein Urteil
spricht. Gerechtigkeit, ihr Männer, ist Licht und Luft! Weh, weh dem Volk, das
seinen Hass zu seinem Recht erhebt. Ich selber hasse dieses Weib und ihren
Gatten: aber wo ich hasse, bin ich doppelt streng mit mir.«
    Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort, dass aller Goten Herzen dem
treuen Manne zuschlugen.
    »Wo sind die Beweise?« fragte nun Hildebrand. »Hast du handhafte Tat? hast
du blickenden Schein? hast du gichtigen Mund? hast du echten Eid? heischest du
der Verklagten Unschuldseid?«
    »Beweis!« wiederholte Arahad zornig. »Ich habe keinen als meines Herzens
festen Glauben.«
    »Dann,« sprach Hildebrand -
    Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom Tore her den Weg zu ihm
und sprach: »Römische Männer stehen am Eingang. Sie bitten um Gehör: sie wissen,
sagen sie, alles um der Fürstin Tod.«
    »Ich fordre, dass man sie höre,« rief Arahad eifrig, »nicht als Kläger, als
Zeugen des Klägers.«
    Hildebrand winkte und der Sajo eilte, die Gemeldeten durch die neugierige
Menge heraufzuführen. Voran schritt ein von Jahren gebeugter Mann in härener
Kutte, den Strick um die Lenden: die Kapuze seines Überwurfs machte seine Züge
unkenntlich: zwei Männer in Sklaventracht folgten. Fragende Blicke ruhten auf
der Gestalt des Greises, dessen Erscheinung bei aller Einfachheit, ja Armut, von
seltner Würde geadelt war.
    Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands, sah ihm Arahad dicht
ins Antlitz und trat mit Staunen rasch zurück.
    »Wer ist es,« fragte der Richter, »den du zum Zeugen stellest deines Wortes?
Ein unbekannter Fremdling?« - »Nein,« rief Arahad und schlug des Zeugen Mantel
zurück, »ein Name, den ihr alle kennt und ehrt: Marcus Aurelius Cassiodorus.«
    Ein Ruf allgemeinen Staunens flog über die Dingstätte.
    
    »So hiess ich,« sprach der Zeuge, »in den Tagen meines weltlichen Lebens:
jetzt nur Bruder Marcus.« Und eine hohe Weihe lag in seinen Zügen - die Weihe
der Entsagung.
    »Nun, Bruder Marcus,« forschte Hildebrand, »was hast du uns zu melden vom
Tode Amalaswintens? Sag' uns die volle Wahrheit und nur die Wahrheit.«
    »Die werd' ich sagen. Vor allem wisst: nicht Streben nach menschlicher
Vergeltung führt mich her: nicht den Mord zu rächen bin ich gekommen, die Rache
ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr! - Nein, den letzten Auftrag der
Unseligen, der Tochter meines grossen Königs, zu erfüllen, bin ich da.« Und er
zog eine Papyrusrolle aus dem Gewande. »Kurz vor ihrer Flucht aus Ravenna
richtete sie diese Zeilen an mich, die ich, als ihr Vermächtnis an das Volk der
Goten, mitzuteilen habe: Den Dank einer zerknirschten Seele für Deine
Freundschaft. Mehr noch als der Hoffnung der Rettung labt das Gefühl unverlorner
Treue. Ja, ich eile auf Deine Villa im Bolsener See: führt doch der Weg von da
nach Rom, nach Regeta, wo ich vor meinen Goten all' meine Schuld aufdecken und
auch büssen will. Ich will sterben, wenn es sein muss, aber nicht durch die
tückische Hand meiner Feinde: nein, durch den Richterspruch meines Volkes, das
ich Verblendete ins Verderben geführt. Ich habe den Tod verdient: nicht nur um
des Blutes willen der drei Herzoge, die, alle sollen es erfahren, durch mich
starben: mehr noch um des Wahnes willen, mit dem ich mein Volk zurückgesetzt um
Byzanz. Gelange ich lebend nach Regeta, so will ich warnen und mahnen mit der
letzten Kraft meines Lebens: fürchtet Byzanz! Byzanz ist falsch wie die Hölle,
und ist kein Friede denkbar zwischen ihm und uns.
    Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern.
    König Teodahad spinnt Verrat: er hat an Petros, den Gesandten von Byzanz,
Italien und die Gotenkrone verkauft: er hat getan, was ich dem Griechen
weigerte. Seht euch vor, seid stark und einig. Könnt' ich sterbend sühnen, was
ich lebend gefehlt.«
    In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen, die Cassiodor mit
zitternder Stimme gesprochen, und die jetzt wie aus dem Jenseits herüberzutönen
schienen.
    Auch als er geendet, wirkte noch der Eindruck des Mitleids und der Trauer
fort in feierlichem Schweigen.
    Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach: »Sie hat gefehlt: sie hat
gebüsst. Tochter Teoderichs, das Volk der Goten verzeiht dir deine Schuld und
dankt dir deine Treue.«
    »So mög' ihr Gott vergeben, Amen!« sprach Cassiodor. »Ich habe niemals die
Fürstin an den Bolsener See geladen: ich konnt' es nicht: vierzehn Tage zuvor
hatt' ich all' meine Güter verkauft an die Königin Gotelindis.«
    »Sie also hat ihre Feindin,« fiel Arahad ein, »seinen Namen missbrauchend, in
jenes Haus gelockt. Kannst du das leugnen, Graf Witichis?«
    »Nein,« sprach dieser ruhig, »aber,« fuhr er zu Cassiodor gewendet fort,
»hast du auch Beweis, dass die Fürstin daselbst nicht zufälligen Todes gestorben,
dass Gotelindis ihren Tod herbeigeführt?«
    »Tritt vor, Syrus, und sprich!« sagte Cassiodor, »ich bürge für die Treue
dieses Mundes.« Der Sklave trat vor, neigte sich und sprach: »Ich habe seit
zwanzig Jahren die Aufsicht über die Schleusen des Sees und die Wasserkünste des
Bades der Villa im Bolsener See: niemand ausser mir kannte dessen Geheimnisse.
Als die Königin Gotelindis das Gut erkauft, wurden alle Sklaven Cassiodors
entfernt und einige Diener der Königin eingesetzt: ich allein ward belassen.«
    Da landete eines frühen Morgens die Fürstin Amalaswinta auf der Insel, bald
darauf die Königin. Diese liess mich sofort kommen, erklärte, sie wolle ein Bad
nehmen, und befahl mir, ihr die Schlüssel zu allen Schleusen des Sees und zu
allen Röhren des Bades zu übergeben und ihr den ganzen Plan des Druckwerks zu
erklären. Ich gehorchte, gab ihr die Schlüssel und den auf Pergament
gezeichneten Plan, warnte sie aber nachdrücklich, nicht alle Schleusen des Sees
zu öffnen und nicht alle Röhren spielen zu lassen: das könne das Leben kosten.
    Sie aber wies mich zürnend ab und ich hörte, wie sie ihrer Badsklavin
befahl, die Kessel nicht mit warmem, sondern mit heissem Wasser zu füllen.
    Ich ging, besorgt um ihre Sicherheit, und hielt mich in der Nähe des Bades.
    Nach einiger Zeit hörte ich an dem mächtigen Brausen und Rauschen, dass die
Königin dennoch gegen meinen Rat, die ganze Flut des Sees hereingelassen:
zugleich hörte ich in allen Wänden das dampfende Wasser zischend aufsteigen, und
da mir obenein dünkte, als vernehme ich, gedämpft durch die Marmormauern,
ängstlichen Hilfschrei, eilte ich auf den Aussengang des Bades, die Königin zu
retten. Aber wie erstaunte ich, als ich an dem mir wohlbekannten Mittelpunkt der
Künste, an dem Medusenhaupt, die Königin, die ich im Bad, in Todesgefahr wähnte,
völlig angekleidet stehen sah.
    Sie drückte an den Federn und wechselte mit jemand, der im Bade um Hilfe
rief, zornige Worte. Entsetzt und dunkel ahnend, was da vorging, schlich ich,
zum Glück noch unbemerkt, hinweg.
    »Wie, Feigling?« sprach Witichis, »du ahntest, was vorging, und schlichst
hinweg?«
    »Ich bin nur ein Sklave, Herr, kein Held: und hätte mich die grimme Königin
bemerkt, ist stünde wohl nicht hier, sie anzuklagen. Gleich darauf erscholl der
Ruf, die Fürstin Amalaswinta sei im Bad ertrunken.«
    Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte Volk.
    Frohlockend rief Arahad: »Nun, Graf Witichis, willst du sie noch
beschützen?« - »Nein,« sprach dieser ruhig, das Schwert einsteckend, »ich
schütze keine Mörderin. Mein Amt ist aus.« Und mit diesem Wort trat er von der
linken auf die rechte Seite, zu den Anklägern, hinüber.
    »Ihr, freie Goten, habt das Urteil zu finden und das Recht zu schöpfen,«
sprach Hildebrand, »ich habe nur zu vollziehen, was ihr gefunden. So frag' ich
euch, ihr Männer des Gerichts, was dünkt euch von dieser Klage, die Graf Arahad,
des Aramut Sohn, der Wölsung, erhoben gegen Gotelindis, die Königin? Sagt an:
ist sie des Mordes schuldig?«
    »Schuldig! schuldig!« scholl es mit vielen tausend Stimmen, und keine sagte
nein.
    »Sie ist schuldig,« sagte der Alte aufstehend. »Sprich, Kläger, welche
Strafe forderst du um diese Schuld?«
    Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel: »Ich klagte um Mord. Ich
klagte auf Blut. Sie soll des Todes sterben.«
    Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen konnte, war die Menge von
zorniger Bewegung ergriffen, alle Schwerter flogen aus den Scheiden und blitzten
gen Himmel auf, und alle Stimmen riefen: »Sie soll des Todes sterben!« -
    Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort, die Majestät des Volksgerichts
vor sich her tragend, über das weite Gefild, dass bis in weite Ferne die Lüfte
widerhallten. -
    »Sie stirbt des Todes,« sprach Hildebrand aufstehend, »durch das Beil.
Sajonen, auf, und sucht, wo ihr sie findet.«
    »Halt an,« sprach der starke Hildebad vortretend, »schwer wird unser Spruch
erfüllt werden, solang dies Weib unsres Königs Gemahlin. Ich fordre deshalb, dass
die Volksgemeinde auch gleich die Klagen prüfe, die wir gegen Teodahad auf der
Seele haben, der ein Volk von Helden so unheldenhaft beherrscht. Ich will sie
aussprechen, diese Klagen. Merkt wohl, ich zeihe ihn des Verrates, nicht nur der
Unfähigkeit, uns zu retten, uns zu führen.
    Schweigen will ich davon, dass wohl schwerlich ohne sein Wissen seine Königin
ihren Hass an Amalaswinta kühlen konnte, schweigen davon, dass diese in ihren
letzten Worten uns vor Teodahads Verrat gewarnt. Aber ist es nicht wahr, dass er
den ganzen Süden des Reiches von Männern, Waffen, Rossen, Schiffen entblösst, dass
er alle Kraft nach den Alpen geworfen hat, bis dass die elenden Griechlein ohne
Schwertstreich Sizilien gewinnen, Italien betreten konnten? Mein armer Bruder
Totila mit seiner Handvoll Leuten allein steht ihnen entgegen. Statt ihm den
Rücken zu decken, sendet der König auch noch Witichis, Teja, mich nach dem
Norden. Mit schwerem Herzen gehorchten wir: denn wir ahnten, wo Belisar landen
werde. Nur langsam rückten wir vor, jede Stunde den Rückruf erwartend. Umsonst.
Schon lief durch die Landschaften, die wir durchzogen, das dunkle Gerücht,
Sizilien sei verloren und die Welschen, die uns nach Norden ziehen sahen,
machten spöttische Gesichter. So waren wir ein paar Tagemärsche an der Küste
hingezogen. Da traf mich dieser Brief meines Bruders Totila:
    Hat denn, wie der König, so das ganze Volk der Goten, so mein Bruder mich
aufgegeben und vergessen? Belisar hat Sizilien überrascht. Er ist gelandet.
Alles Volk fällt ihm zu. Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis. Vier Briefe hab'
ich an König Teodahad um Hilfe, geschrieben. Alles umsonst. Kein Segel
erhalten. Neapolis ist in höchster Gefahr. Rettet, rettet Neapolis und das
Reich!«
    Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende gotischer Männer.
    »Ich wollte,« fuhr Hildebad fort, »augenblicklich mit all unsren
Tausendschaften umkehren, aber Graf Witichis, mein Oberfeldherr, litt es nicht.
Nur das setzte ich durch, dass wir die Truppen Halt machen liessen und mit wenigen
Reitern hierher flogen zu warnen, zu retten, zu rächen. Denn Rache, Rache heisch
ich an König Teodahad: nicht nur Torheit und Schwäche, Arglist war es, dass er
den Süden den Feinden preisgegeben. Hier dieser Brief beweist es. Viermal hat
ihn mein Bruder gemahnt, gebeten. All umsonst. Er gab ihn, er gab das Reich in
Feindeshand. Weh uns, wenn Neapolis fällt, schon gefallen ist. Ha, er soll nicht
länger herrschen, nicht leben soll er länger, der das verschuldet hat. Reisst ihm
die Krone der Goten vom Haupt, die er geschändet, nieder mit ihm! Er sterbe!«
    »Nieder mit ihm! Er sterbe!« donnerte das Volk in mächtigem Echo nach.
    Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu wogen und jeden zu
zerreissen, der ihm widerstehen wollte. Nur Einer blieb ruhig und gelassen
inmitten der stürmenden Menge. Das war Graf Witichis. Er sprang auf einen der
alten Steine unter dem Eichbaum und wartete, bis sich der Lärm etwas gelegt.
Dann erhob er die Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit, die ihm so
wohl anstand: »Landsleute, Volksgenossen! Hört mich an! Ihr habt unrecht mit
eurem Spruch. Wehe, wenn im Gotenstamm, des Ehre und Stolz die Gerechtigkeit
gewesen seit der Väter Zeit, Hass und Gewalt des Rechtes Tron besteigen.
Teodahad ist ein schwacher, schlechter König! Nicht länger soll er allein des
Reiches Zügel lenken! Gebt ihm einen Vormund wie einem Unmündigen! Setzt ihn ab
meinetwegen. Aber seinen Tod, sein Blut dürft ihr nicht fordern! Wo ist der
Beweis, dass er verraten hat? Dass Totilas Botschaft an ihn gelangt? Seht ihr, ihr
schweigt: hütet euch vor Ungerechtigkeit, sie stürzt die Reiche der Völker.«
    Und gross und edel stand er auf seinem erhöhten Boden, im vollen Glanz der
Sonne, voll Kraft und edler Würde.
    Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm, der ihnen an Hoheit und
Mass und klarer Ruhe so überlegen schien. Eine feierliche Pause erfolgte. Und ehe
noch Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den Mann, der die
lebendige Gerechtigkeit schien, ward die allgemeine Aufmerksamkeit nach dem
dichten Walde gezogen, der im Süden die Aussicht begrenzte, und der auf einmal
lebendig zu werden schien.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
Denn man hörte von dort her den raschen Hufschlag nahender Pferde und das
Klirren von Waffen: alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem Wald: aber
weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Ross ein Mann, der wie mit dem
Sturmwind um die Wette ritt.
    Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein mächtiger schwarzer Rossschweif,
und seine eignen langen, schwarzen Locken: vorwärts gebeugt trieb er das
schaumbesprjetzte Ross zu rasender Eile und sprang am Südeingang des Dings sausend
vom Sattel.
    Alle wichen links und rechts zurück, die der grimme, tödlichen Hass sprühende
Blick seines Auges aus dem leichenblassen, schönen Antlitz traf. Wie von Flügeln
getragen stürmte er den Hügel hinan, sprang auf einen Stein neben Witichis,
hielt eine Rolle hoch empor, rief wie mit letzter Kraft: »Verrat, Verrat!« und
stürzte dann wie blitzgetroffen nieder. Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad
hinzu: sie hatten kaum den Freund erkannt: »Teja, Teja!« riefen sie, »was ist
geschehen? rede!« - »Rede!« wiederholte Witichis, »es gilt das Reich der Goten!«
    Wie mit übermenschlicher Kraft richtete sich in diesem Wort der stählerne
Mann wieder empor, sah einen Augenblick um sich und sprach dann mit hohler
Stimme:
    »Verraten sind wir. Goten, verraten von unserm König. Ich erhielt Auftrag
vor sechs Tagen, nach Istrien zu ziehen, nicht nach Neapolis, wie ich gebeten.
Ich schöpfe Verdacht, doch ich gehorche und gehe unter Segel mit meinen
Tausendschaften. Ein starker Weststurm bricht herein, verschlägt zahllose kleine
Schiffe von Westen her bis zu uns. Darunter den Mercurius, den raschen Keles -
das leichte Postschiff Teodahads. Ich kannte das Fahrzeug wohl, es gehörte
einst meinem Vater. Wie das unsrer Schiffe ansichtig wird, will es entfliehen.
Ich, argwöhnisch, jage ihm nach und hole es ein. Es trug diesen Brief an Belisar
von des Königs Hand: Du wirst zufrieden sein mit mir, grosser Feldherr. Alle
Gotenheere stehen in dieser Stunde nordöstlich von Rom, ohne Gefahr könntest Du
landen. Vier Briefe des Seegrafen von Neapolis habe ich zerstört, seine Boten in
den Turm geworfen.
    Zum Dank erwart' ich, dass Du den Vertrag genau erfüllst und den Kaufpreis in
Bälde bezahlst.« Teja liess den Brief sinken, die Stimme versagte ihm.
    Ein Ächzen und Stöhnen der Wut zog durch die Versammlung.
    »Ich liess umkehren, sogleich landen, ausschiffen und jage hierher seit drei
Tagen und drei Nächten unausgesetzt. Ich kann nicht mehr.« Und taumelnd sank er
in Witichis' Arme.
    Da sprang der alte Hildebrand empor auf den höchsten Stein seines Stuhles:
weit überragte er die ganze Menge: er riss dem Träger, der die Lanze mit des
Königs kleiner Marmorbüste auf der Querstange trug, den schafft aus der Hand und
hielt ihn vor sich in der Linken, in der Rechten hob er sein Steinbeil:
»Verkauft, verraten sein Volk für gelbes Gold? Nieder mit ihm, nieder, nieder!«
Und ein Beilschlag zertrümmerte die Büste. Dieser Akt war wie der erste
Donnerschlag, der ein lange brütendes Gewitter entfesselt. Nur dem Wüten
empörter Elemente war das Stürmen vergleichbar, welches nun das in seinen
Grundtiefen aufgewühlte Volk durchbrauste. »Nieder, nieder, nieder mit ihm!«
hallte es tausendfach wieder unter betäubendem Klirren der Waffen.
    Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister seine eherne Stimme und
sprach feierlich: »Wisset es, Gott im Himmel und Menschen auf Erden, sehende
Sonne, und wehender Wind, wisset es, das Volk der Goten, frei und alten Ruhmes
voll und zu den Waffen geboren, hat abgetan seinen ehemaligen König Teodahad,
des Teodis Sohn, weil er Volk und Reich an den Feind verraten.
    Wir sprechen dir ab, Teodahad, die goldne Krone und das Gotenreich, das
Gotenrecht und das Leben. Und solches tun wir nicht nach Unrecht, sondern nach
Recht. Denn frei sind wir gewesen allewege unter unsern Königen und wollten eh'
der Könige missen als der Freiheit. Und so hoch steht kein König, dass er nicht
um Mord, Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem Volk.
    So sprech' ich dir ab Krone und Reich, Recht und Leben. Landflüchtig sollst
du sein, echtlos, ehrlos, rechtlos. Soweit Christenleute zur Kirche gehen und
Heidenleute zum Opferstein. Soweit Feuer brennt und Erde grünt. Soweit Schiff
schreitet und Schild scheinet. Soweit Himmel sich höht und Welt sich weitet.
Soweit der Falke fliegt den langen Frühlingstag, wann ihm der Wind steht unter
seinen beiden Flügeln. Versagt soll dir sein Halle und Haus und guter Leute
Gemeinschaft und alle Wohnung, ausgenommen die Hölle. Dein Erb und Eigen teil'
ich zu dem Gotenvolk. Dein Blut und Fleisch den Raben in den Lüften.
    Und wer dich findet, in Halle und Hof, in Haus oder Heerstrasse, soll dich
erschlagen, ungestraft, und soll bedankt sein dazu von Gott und den guten Goten.
Ich frage euch, soll's so geschehn?«
    »So soll's geschehn!« antworteten die Tausende und schlugen Schwert an
Schild.
    Kaum war Hildebrand herabgestiegen, als der alte Haduswint seine Stelle
einnahm, das zottige Bärenfell zurückwarf und sprach: »Des Neidkönigs wären wir
ledig! Er wird seinen Rächer finden. Aber jetzt, treue Männer, gilt es, einen
neuen König wählen. Denn ohne König sind wir nie gewesen. Soweit unsre Sagen und
Sprüche zurückdenken, haben die Ahnen einen auf den Schild gehoben, das lebende
Bild der Macht, des Glanzes, des Glückes der guten Goten. Solang es Goten gibt,
werden sie Könige haben: und solang sich ein König findet, wird ihr Volk
bestehn. Und jetzt vor allem gilt's, ein Haupt, einen Führer zu haben. Das
Geschlecht der Amelungen ist glorreich aufgestiegen, wie eine Sonne: lang hat
sein hellster Strahl, Teoderich, geleuchtet: aber schmählich ist's erloschen in
Teodahad. Auf, Volk der Goten, du bist frei! frei wähle dir den rechten König,
der dich zu Sieg und Ehre führt. Dein Tron ist leer: mein Volk, ich lade dich
zur Königswahl!«
    »Zur Königswahl!« sprach diesmal feierlich und machtvoll der Chor der
Tausende.
    Da trat Witichis auf den Dingstein, hob den Helm vom Haupt und die Rechte
gen Himmel: »Du weisst es, Gott, der in den Sternen geht, uns treibt nicht
frevler Kitzel des Ungehorsams und des Übermuts: uns treibt das heilige Recht
der Not. Wir ehren das Recht des Königtums, den Glanz, der von der Krone
strahlt: geschändet aber ist dieser Glanz, und in der höchsten Not des Reiches
üben wir des Volkes höchstes Recht. Herolde sollen ziehen zu allen Völkern der
Erde und laut verkünden: nicht aus Verachtung, aus Verehrung der Krone haben wir
es getan.
    Wen aber wählen wir? Viel sind der wackern Männer im Volk, von altem
Geschlecht, von tapfrem Arm und klugem Geist. Wohl mehrere sind der Krone
würdig. Wie leicht kann es kommen, dass einer diesen, der andre jenen vorzieht?
Aber um Gott, nur jetzt keinen Zwist, keinen Streit! Jetzt, da der Feind im
Lande liegt! Drum lasst uns schwören vorher feierlich: wer das Stimmenmehr
erhält, sei's nur um Eine Stimme, den wollen wir alle als unsern König achten,
unweigerlich, und keinen andern. Ich schwöre es - schwört mit mir.«
    »Wir schwören!« riefen die Goten.
    Aber der junge Arahad stimmte nicht ein. Ehrgeiz und Liebe loderten in
seinem Herzen: er bedachte, dass sein Haus jetzt, nach dem Fall der Balten und
der Amaler, das edelste war im Volk: er hoffte, Mataswintens Hand zu gewinnen,
wenn er ihr eine Krone bieten konnte: und kaum war der Schwur verhallt, als er
vortrat und rief: »Wen sollen wir wählen, gotische Männer? bedenkt euch wohl!
Vor allem, das ist klar, einen Mann jungkräftigen Armes wider den Feind. Aber
das allein genügt nicht. Weshalb haben unsre Ahnen die Amaler erhöht? Weil sie
das edelste, das älteste, Götter entstammte Geschlecht waren. Wohlan, das erste
Gestirn ist erloschen, gedenkt des zweiten, gedenkt der Balten!«
    Von den Balten lebte nur Ein männlicher Spross, ein noch nicht wehrhafter
Enkel des Herzogs Pitza - denn Alarich, der Bruder der Herzoge Tulun und Ibba,
war seit langen Jahren geächtet und verschollen. - Arahad rechnete sicher, man
werde jenen Baltenknaben nicht wählen und vielmehr des dritten Gestirns
gedenken. Aber er irrte. Der alte Haduswint trat zornig vor und schrie:
    »Was Adel! was Geschlecht! sind wir Adelsknechte oder freie Männer? Beim
Donner! werden wir Ahnen zählen, wenn Belisar im Lande steht? Ich will dir
sagen, Knabe, was ein König braucht.
    Einen tapferen Arm, das ist wahr, aber nicht das allein. Der König soll ein
Hort des Rechts, ein Schirm des Friedens sein, nicht nur der Vorkämpfer im
Schwertkampf. Der König soll haben einen immer ruhigen, immer klaren Sinn, wie
der blaue Himmel ist, und wie die lichten Sterne sollen darin auf- und
niedergehen gerechte Gedanken. Der König soll haben eine stete Kraft, aber noch
mehr ein stetes Mass: er soll nie sich selbst verlieren und vergessen in Hass und
Liebe, wie wir wohl dürfen, wir unten im Volk. Er soll nicht nur mild sein den
Freunden, er soll gerecht sein dem Verhasstesten, selbst dem Feind. In dessen
Brust ein klarer Friede wohnt bei kühnem Mut und edles Mass bei treuer Kraft, -
der Mann, Arahad, ist königlich geartet und hätt' ihn der letzte Bauer gezeugt.«
    Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschämt trat Arahad zurück.
Aber jener fuhr fort: »Gute Goten! ich meine, wir haben einen solchen Mann! Ich
will ihn euch nicht nennen: nennt ihr ihn mir.
    Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer Mark gegen die Karantanen,
wo der wilde Turbidus schäumend die Felsen zerstäubt. Da leb' ich mehr, als
sonst ein Menschenalter ist, stolz, frei, einsam. Wenig erfahr' ich von der
Menschen Händeln, selbst von des eignen Volkes Taten, wenn nicht ein Salzross
halbverirrt des Weges kommt. Und doch drang mir bis in jene öde Höhe der
Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden, der nie das Schwert zu ungerechtem
Streit erhob und es noch niemals sieglos eingesteckt. Seinen Namen hört' ich
immer wieder, wenn ich fragte: Wer wird uns schirmen, wenn Teoderich schied?
Seinen Namen hört' ich bei jedem Sieg, den wir erfochten, bei jedem weisen Werke
des Friedens, das geschehn. Ich hatt' ihn nie gesehen. Ich sehnte mich danach,
ihn zu sehen. Heute hab' ich ihn gesehen und gehört. Ich habe sein Aug' gesehen,
das klar und milde wie die Sonne. Ich hab' sein Wort gehört; ich hab' gehört,
wie er dem Feind selbst, dem verhassten, zu Recht und zu Gerechtigkeit verhalf.
Ich hab' gehört, wie er allein, da uns alle der blinde Hass fortriss mit dunkler
Schwinge, klar blieb und ruhig und gerecht. Da dacht' ich mir in meinem alten
Herzen: Der Mann ist königlich geartet, stark im Kampf und gerecht im Frieden,
hart wie Stahl und klar wie Gold. Goten: der Mann soll unser König sein. Nennt
mir den Mann!«
    »Graf Witichis, ja Witichis, heil König Witichis!«
    Während dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde hallte, hatte ein
erschütternder Schreck den bescheidnen Mann ergriffen, der gespannt der Rede des
Alten gefolgt war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen ward, dass er
der so Gepriesne sei.
    Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen Jauchzen erschallen
hörte, überkam ihn vor allen andern Gedanken das Gefühl: »Nein, das kann, das
soll nicht sein.«
    Er riss sich von Teja und Hildebad, die freudig seine Hände drückten, los,
und sprang hervor, das Haupt schüttelnd und, wie abwehrend, den Arm
ausstreckend. »Nein!« rief er, »nein, Freunde! nicht das mir! Ich bin ein
schlichter Kriegsmann, nicht ein König. Ich bin vielleicht ein gutes Werkzeug,
kein Werkmeister! Wählt einen andern, einen Würdigern!«
    Und wie bittend streckt er beide Hände gegen das Volk.
    Aber der donnernde Ruf: »Heil König Witichis!« ward ihm statt aller Antwort.
Und nun trat der alte Hildebrand vor, fasste seine Hand und sprach laut: »Lass ab,
Witichis! wer war es, der zuerst geschworen, unweigerlich den König
anzuerkennen, der auch nur eine Stimme mehr hätte? Siehe, du hast alle Stimmen
und willst dich wehren?«
    Aber Witichis schüttelte das Haupt und presste die Hand vor die Stirn. Da
trat der Alte ganz nah zu ihm und flüsterte in sein Ohr: »Wie? muss ich dich
stärker mahnen? Muss ich dich mahnen jenes mächtigen Eides und Bundes, da du
gelobtest: Alles zu meines Volkes Heil. Ich weiss, - ich kenne deine klare Seele,
-: dir ist die Krone mehr eine Last als eine Zierde: ich ahne, dass dir diese
Krone grosse, bittre Schmerzen bringen wird. Vielleicht mehr als Freuden: deshalb
fordre ich, dass du sie auf dich nimmst.«
    Witichis schwieg und drückte noch die andre Hand vor die Augen. Schon viel
zu lang währte dem begeisterten Volk das Zwischenspiel. Schon rüsteten sie den
breiten Schild, ihn darauf zu erheben, schon drängten sie den Hügel hinan, seine
Hand zu fassen: und fast ungeduldig scholl aufs neue der Ruf: »Heil König
Witichis.«
    »Ich fordre es bei deinem Bluteid! - willst du ihn halten oder brechen?«
flüsterte Hildebrand. »Halten!« sprach Witichis und richtete sich entschlossen
auf.
    Und nun trat er, ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit, einen Schritt vor
und sprach: »Du hast gewählt, mein Volk, wohlan, so nimm mich hin. Ich will dein
König sein!«
    Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter scholl's: »Heil König
Witichis!«
    Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem Dingstuhl und sprach:
»Ich weiche nun von diesem hohen Stuhl. Denn unserm König ziemt jetzt diese
Stätte. Nur einmal noch lasst mich des Grafenamtes warten.
    Und kann ich dir nicht den Purpur umhängen, den die Amaler getragen, und ihr
goldenes Zepter reichen, - nimm meinen Richtermantel und den Richterstab als
Zepter, zum Zeichen, dass du unser König wardst um deiner Gerechtigkeit willen.
Ich kann sie nicht auf deine Stirne drücken, die alte Gotenkrone, Teoderichs
goldnen Reif. So lass dich krönen mit dem frischen Laub der Eiche, der du an
Kraft und Treue gleichst.«
    Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von der Eiche und schlang es
um Witichis' Haupt: »Auf, gotische Heerschar, nun warte deines Schildamts.«
    Da ergriffen Haduswint, Teja und Hildebad einen der altertümlichen breiten
Dingschilde der Sajonen, hoben den König, der nun mit Kranz, Stab und Mantel
geschmückt war, darauf, und zeigten ihn auf ihren hohen Schultern allem Volk:
»Sehet, Goten, den König, den ihr selbst gewählt: so schwört ihm Treue.«
    Und sie schworen ihm, aufrecht stehend, nicht knieend, die Hände hoch gen
Himmel hebend, nun die Waffentreue bis in den Tod.
    Da sprang Witichis von dem Schild, bestieg den Dingstuhl und rief: »Wie ihr
mir Treue, so schwör' ich euch Huld. Ich will ein milder und gerechter König
sein: des Rechtes walten und dem Unrecht wehren: gedenken will ich, dass ihr frei
seid, gleich mir, nicht meine Knechte: und mein Leben, mein Glück, mein alles,
euch will ich's weihen, dem Volk der guten Goten. Das schwöre ich euch bei dem
Himmelsgott und bei meiner Treue.«
    Und den Dingschild vom Baume hebend, rief er: »Das Ding ist aus. Ich löse
die Versammlung.«
    Die Sajonen schlugen sofort die Haselstäbe mit den Schnüren nieder, und bunt
und ordnungslos wogte nun die Menge durcheinander. Auch die Römer, die sich
neugierig, aber scheu, aus der Ferne dieses Walten einer Volksfreiheit mit
angesehen, wie sie Italien seit mehr als fünfhundert Jahren nicht gekannt,
durften sich nun unter die gotischen Männer mischen, denen sie Wein und Speisen
verkauften.
    Witichis schickte sich an, mit den Freunden und den Führern des Heeres nach
einem der Zelte sich zu begeben, die am Ufer des Flusses aufgeschlagen waren.
    Da drängte sich ein römisch gekleideter Mann, wie es schien, ein
wohlhabender Bürger, an sein Geleit und forschte eifrig nach Graf Teja, des
Tagila Sohn.
    »Der bin ich: was willst du mir, Römer?« sprach dieser sich wendend.
»Nichts, Herr, als diese Vase überreichen: seht nach: das Siegel, der Skorpion,
ist unversehrt.« - »Was soll mir die Vase? ich kaufe nichts dergleichen.« - »Die
Vase ist Euer, Herr. Sie ist voller Urkunden und Rollen, die Euch zugehören. Und
mir ist es vom Gastfreund aufgetragen, sie Euch zu geben. Ich bitt' Euch,
nehmt.«
    Und damit drängte er ihm die Vase in die Hand und war im Gedränge
verschwunden. Gleichgültig löste Teja das Siegel und nahm die Urkunden heraus,
gleichgültig sah er hinein. Aber plötzlich schoss ein brennend Rot über seine
bleichen Wangen, sein Auge sprühte Blitze und er biss krampfhaft in die Lippe.
Die Vase entfiel ihm, er aber drängte sich in Fieberhast vor Witichis und sprach
mit fast tonloser Stimme: »Mein König! - König Witichis - eine Gnade!«
    »Was ist dir, Teja? um Gott? Was willst du?«
    »Urlaub! Urlaub auf sechs - auf drei Tage! Ich muss fort.« - »Fort, wohin?« -
»Zur Rache! Hier lies - der Teufel, der meine Eltern verklagte, in Verzweiflung,
Tod und Wahnsinn trieb - er ist es - den ich längst geahnt: hier ist sein
Anzeigebrief an den Bischof von Florentia, mit seiner eignen Hand - es ist
Teodahad! -«
    »Er ist's, es ist Teodahad,« sagte Witichis, vom Briefe aufsehend. »Geh
denn! Aber, zweifle nicht: du triffst ihn nicht mehr in Rom: er ist gewiss längst
entflohn. Er hat starken Vorsprung. Du wirst ihn nicht einholen.«
    »Ich hole ihn ein, ob er auf den Flügeln des Sturmadlers sässe.«
    »Du wirst ihn nicht finden.«
    »Ich finde ihn, und müsste ich ihn aus dem tiefsten Pfuhl der Hölle oder im
Schosse des Himmelsgottes suchen.«
    »Er wird mit starker Bedeckung geflüchtet sein,« warnte der König.
    »Aus tausend Teufeln hol' ich ihn heraus. Hildebad, dein Pferd! Leb' wohl,
König der Goten. Ich vollstrecke die Acht.«
 
                                 Fünftes Buch.
                                   Witichis.
                »Die Goten aber wählten zum König Witichis, einen Mann, zwar
                nicht von edlem Geschlecht, aber von hohem Ruhm der Tapferkeit.«
                                                    Prokopius, Gotenkrieg I. 11.
                                Erste Abteilung.
                                Erstes Kapitel.
Langsam sank die Sonne hinter die grünen Hügel von Fäsulä und vergoldete die
Säulen vor dem schlichten Landhaus, in welchem Rautgundis als Herrin schaltete.
    Die gotischen Knechte und die römischen Sklaven waren beschäftigt, die
Arbeit des Tages zu beschliessen. Der Mariskalk brachte die jungen Rosse von der
Weide ein. Zwei andre Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder von dem Anger
auf dem Hügel nach den Ställen, indes der Ziegenbub mit römischen Scheltworten
seine Schutzbefohlnen vorwärts trieb, die genäschig hier und da an dem salzigen
Steinbrech nagten, der auf dem zerbröckelten Mauerwerk am Wege grünte. Andre
germanische Knechte räumten das Ackergerät im Hofraum auf: und ein römischer
Freigelassener, gar ein gelehrter und vornehmer Herr, der Obergärtner selbst,
verliess mit einem zufriedenen Blick die Stätte seiner blühenden und duftenden
Wissenschaft.
    Da kam aus dem Rossstall unser kleiner Freund Atalwin im Kranze seiner
hellgelben Locken. »Vergiss mir ja nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in den
Trinkkübel zu werfen. Wachis hat's noch besonders aufgetragen! Dass er dich nicht
wieder schlagen muss, wenn er heimkommt.« Und er warf die Tür zu. »Ewiger Verdruss
mit diesen welschen Knechten!« sprach der kleine Hausherr mit wichtigem Stolz.
»Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins Lager gefolgt, liegt alles auf mir:
denn die Mutter, lieber Gott, ist wohl gut für die Mägde, aber die Knechte
brauchen den Mann.« Und mit grossem Ernst schritt das Büblein über den Hof.
    »Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt,« sprach er und warf
die kirschroten Lippen auf und krauste die weisse Stirn. »Woher soll er auch
kommen? Mit nächster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen mich noch
immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochlöffel.« Und verächtlich riss er an
dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt. »Sie dürften mir keck ein
Weidmesser geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich nichts ausrichten und sehe
nichts gleich.«
    Und doch sah er so lieblich, einem zürnenden Eros gleich, in seinem
kniekurzen, ärmellosen Röckchen von feinstem weissem Leinen, das die liebe Hand
der Mutter gesponnen und genäht und mit einem zierlichen roten Streifen
durchwirkt hatte.
    »Gern lief' ich noch auf den Anger und brächte der Mutter zum Abend die
Waldblumen, die sie so liebt, mehr als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber ich
muss noch Rundschau halten, ehe sie mir die Tore schliessen, denn: Atalwin, hat
der Vater gesagt, wie er ging, halt mir das Erbe recht in acht, und wahre mir
die Mutter! Ich verlass mich auf dich! Und ich gab ihm die Hand drauf. So muss ich
Wort halten.«
    Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite des Wohnhauses vorüber,
durchmusterte die Nebengebäude zur Rechten und wollte sich eben nach der
Rückseite des Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der jungen Hunde zur
Linken auf ein Geräusch an dem Holzzaun, der das Ganze umfriedete, merksam
wurde.
    Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte, denn auf dem Zaune
sass oder über denselben herein stieg eine seltsame Gestalt. Es war ein grosser,
alter, hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie ihn die Berghirten
trugen: als Mantel hing eine mächtige Wolfsschur unverarbeitet von seinen
Schultern nieder, und in der Rechten trug er einen riesigen Bergstock mit
scharfer Stahlspitze, mit welchem er die Hunde abwehrte, die zornig an dem Zaun
hinaufsprangen. Eilends lief der Knabe hinzu. »Halt, du landfremder Mann, was
tust du auf meinem Zaun? - willst du gleich hinaus und herab?«
    Der Alte stutzte und sah forschend auf den schönen Knaben. »Herunter, sag'
ich!« wiederholte dieser. - »Begrüsst man so in diesem Hof den wegmüden Wandrer?«
- »Ja, wenn der wegmüde Wandrer über den Hinterzaun steigt. Bist du was Rechtes
und willst du was Rechtes, - da vorn steht das grosse Hoftor sperrangelweit
offen: da komm herein.«
    »Das weiss ich selbst, wenn ich das wollte.« Und er machte Anstalt, in den
Hof hereinzusteigen.
    »Halt,« rief zornig der Kleine, »da kommst du nicht herab! Fass, Griffo! Fass,
Wulfo! Und wenn du die zwei Jungen nicht scheust, so ruf' ich die Alte! Dann gib
acht! He Tursa, Tursa, leid's nicht!«
    Auf diesen Ruf schoss um die Ecke des Rossstalles ein riesiger, grauborstiger
Wolfshund mit wütendem Gebell herbei und schien ohne weiteres dem Eindringling
an die Gurgel springen zu wollen.
    Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, dem Alten gegenüber, so
verwandelte sich seine Wut plötzlich in Freude: sein Bellen verstummte und
wedelnd sprang er an dem Alten hinan, der nun ganz gemütlich hereinstieg. »Ja,
Tursa, treues Tier, wir halten noch zusammen,« sagte er. - - »Nun sage mir,
kleiner Mann, wie heisst du?« - »Atalwin heiss' ich,« versetzte dieser, scheu
zurücktretend, »du aber, - ich glaube, du hast den Hund behext - wie heisst du?«
- »Ich heisse wie du,« sagte der Alte freundlicher. »Und das ist hübsch von dir,
dass du heissest wie ich. Sei nur ruhig, ich bin kein Räuber! führ' mich zu deiner
Mutter, dass ich ihr sage, wie tapfer du deine Hofwehr verteidigt hast.«
    Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle, Tursa bellte
freudig springend voran.
    Das korintische Atrium der Römervilla mit seinen Säulenreihen an den vier
Wänden hatte die gotische Hausfrau mit leichter Änderung in die grosse Halle des
germanischen Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des Hausherrn war sie zu
festlicher Bewirtung nicht bestimmt, und Rautgundis hatte für diese Zeit ihre
Mägde aus der Frauenkammer hierher versetzt. In langer Reihe sassen rechts die
gotischen Mägde mit sausender Spule; ihnen gegenüber einige römische Sklavinnen
mit feineren Arbeiten beschäftigt. In der Mitte der Halle schritt Rautgundis
auf und nieder und liess selbst die flinke Spule auf dem glatten Mosaik des
Estrichs tanzen, aber dabei auch nach rechts und links stets die wachen Blicke
gleiten.
    Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war über die Kniee
heraufgeschürzt und hing gebauscht über dem Gurt von stählernen Ringen, der
ihren einzigen Schmuck, ein Bündel von Schlüsseln, trug. Das dunkelblonde Haar
war rings an Stirn und Schläfen zurückgekämmt und am Hinterkopf in einen
einfachen Knoten geschürzt. Es lag viel schlichte Würde in der Gestalt, wie sie
mit ernst prüfendem Blick auf und nieder schritt.
    Sie trat zu der jüngsten der gotischen Mägde, die zuunterst in der Reihe sass
und beugte sich zu ihr. »Brav, Liuta«, sprach sie, »dein Faden ist glatt, und du
hast heut' nicht so oft ausgesehen nach der Tür wie sonst. Freilich,« fügte sie
lächelnd hinzu - »es ist jetzt kein Verdienst, da doch kein Wachis zur Tür
hereinkommen kann.« Die junge Magd errötete. Rautgundis legte die Hand auf ihr
glattes Haar: »Ich weiss,« sagte sie, »du hast mir im stillen gegrollt, dass ich
dich, die Verlobte, dieses Jahr über täglich morgens und abends eine Stunde
länger spinnen liess als die andern: es war grausam, nicht? Nun, sieh: es war
dein eigner Gewinn. Alles, was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen,
ist dein; ich schenk' es dir zur Aussteuer: so brauchst du nächstes Jahr, das
erste deiner Ehe, nicht zu spinnen.«
    Das Mädchen fasste ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge. »Und dich
nennen sie streng und hart!« war alles, was sie sagen konnte. - »Mild mit den
Guten, streng mit den Bösen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier walte, ist meines
Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. Da heisst es genau sein.«
    Jetzt wurden der Alte und Atalwin in der Tür sichtbar: der Knabe wollte
rufen, aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile unbemerkt
dem Schalten und Walten Rautgundens zu, wie sie der Mägde Arbeit prüfte, lobte
und schalt und neue Aufträge gab.
    »Ja,« sprach der Alte endlich zu sich selbst, »stattlich sieht sie aus, und
sie scheint wohl die Herrin im Hause - doch! wer weiss alles?« Da war Atalwin
nicht mehr zu halten: »Mutter,« rief er, »ein fremder Mann, der Tursa behext
und über den Zaun gestiegen und zu dir will. Ich kann's nicht begreifen.«
    Da wandte sich die stattliche Frauengestalt würdevoll dem Eingang zu, die
Hand vor die Augen haltend, die blendende Abendsonne, die in die offne Tür
brach, abzuwehren. »Was führst du den Gast hierher? Du weisst, der Vater ist
nicht hier. Führ' ihn in die grosse Halle. Sein Platz ist nicht bei mir.«
    »Doch, Rautgundis! hier, bei dir, ist mein Platz,« sprach der Alte
vortretend.
    »Vater!« rief die Frau und lag an der Brust des Fremden. Verdutzt und nicht
ohne Missbehagen sah Atalwin auf die Gruppe. »Du bist also der Grossvater, der da
oben in den Nordbergen haust? Nun grüss Gott, Grossvater! Aber warum sagst du denn
das nicht gleich? Und warum kommst du nicht durchs Tor wie andre ehrliche
Leute?«
    Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Händen und sah ihr scharf ins Auge.
»Sie sieht glücklich aus und gedeihend,« brummte er vor sich hin.
    Da fasste sich Rautgundis: rasch warf sie einen Blick durch die Halle. Alle
Spindeln ruhten ausser Liutas - aller Augen musterten neugierig den Alten.
    »Ob ihr wohl spinnen wollt, fürwitzige Elstern?« rief sie streng. »Du,
Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen, du kennst den
Brauch, du spinnst eine Spule mehr, - ihr andern macht Feierabend. Komm, Vater!
Liuta, rüst' ein laues Bad und Fleisch und Wein. -«
    »Nein!« sprach der Vater, »der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und Trunk
am Wasserfall. Und was das Essen anlangt - draussen, vor'm Hinterzaun, am
Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab' ich mein Speltbrot und
meinen Schafkäse, den bringt mir. - Wieviel habt ihr Rinder im Stall und Rosse
auf der Weide?« Es war seine erste Frage.
    Eine Stunde darauf - schon war es dunkel geworden, und der kleine Atalwin
war kopfschüttelnd über den Grossvater zu Bett gegangen, da wandelten Vater und
Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. »Ich hab' nicht Luft genug
da drinnen,« hatte der Alte gesagt.
    Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof und durch den Garten
schritten. Mittendrein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer Wirtschaft
auf, wie sie ihm Gerät oder Gebäude nahelegten: und in seinem Ton lag keine
Zärtlichkeit: nur manchmal in dem Blick, der verstohlen sein Kind musterte.
    »Lass doch endlich Roggen und Rosse,« lächelte Rautgundis, »und sage mir,
wie's dir gegangen ist die langen Jahre? Und was dich endlich einmal
herabgeführt hat von den Bergen zu deinen Kindern?« - »Wie's mir gegangen? Nun:
halt einsam, einsam! Und kalte Winter! Ja, bei uns ist's nicht so hübsch warm,
wie hier im Welschtale.« Und er sagte das wie einen Vorwurf. »Und warum ich
herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat sich der Zuchtstier zerfallen auf dem
Firnjoch. Und da wollt' ich mir einen andern kaufen hier unten.«
    Da hielt sich Rautgundis nicht länger: mit warmer Liebe warf sie sich an
des Alten Brust und rief: »Und den Zuchtstier hast du nicht näher gefunden als
hier? Lüge doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und dein eigen Kind. Du
bist gekommen, weil du gemusst, weil du's doch endlich nicht mehr ausgehalten vor
Heimweh nach deinem Kinde.«
    Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: »Woher du's nur weisst! Nun
ja! ich musste doch mal selbst sehen, wie's um dich steht, und wie er dich hält,
der Herr Gotengraf.«
    »Wie seinen Augapfel,« sprach das Weib selig. - »So? und warum ist er denn
nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind?« - »Er steht beim Heer in des
Königs Dienst.«
    »Ja, das ist's ja eben. Was braucht er einen Dienst und einen König? Doch -
sage: warum trägst du keinen goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem Welschtal
kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fünf Jahren, die trug Gold handbreit: da
dacht' ich: so trägt's deine Tochter, und freute mich, und nun -«
    Rautgundis lächelte: »Soll ich Gold tragen für meiner Mägde Augen? Ich
schmücke mich nur, wenn Witichis es sieht.« - »So? mög' er's verdienen! Aber du
hast doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier unten?« - »Mehr
als andre, truhenvoll. Witichis brachte grosse Beute vom Gepidenkrieg.« - »So
bist du ganz glücklich?« - »Ganz, Vater, aber nicht wegen der Goldspangen.« -
»Hast du über nichts zu klagen? Sag's mir nur, Kind! Was es auch sei, sag's
deinem alten Vater, und er schafft dir dein Recht.«
    Da blieb Rautgundis stehen. »Vater, sprich nicht so! Das ist nicht recht
von dir zu sprechen, nicht von mir zu hören. Wirf ihn doch weg, den
unglückseligen Irrwahn, als müsste ich elend werden, weil ich zu Tal gezogen. Ich
glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgeführt.«
    »Nur sie!« rief der Alte hastig, mit dem Stock aufstossend. »Und du nennst
einen Wahn, was deines Vaters tiefstes, inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist's ein
Wahn, dass sich's schwer atme hier unten? Ein Wahn, dass unsre hochgewachsenen,
weissen Goten klein und braun geworden hier unten im Tal? Ist es ein Wahn, dass
alles Unheil von jeher von Süden hergekommen, von diesem weichen, falschen Tal?
Woher kommen die Bergstürze über unsre Hütten? von Süden her. Von wo kommt der
giftige Wind, der Mensch und Vieh verdirbt? Von Süden. Warum stürzt mir Kuh und
Schaf, wann sie am Südhang grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das
erstemal von unserm Berge nach Bolsanum herabkam, in der schwülen Stadt? Ein
Bruder von dir stieg auch herab, trat in des Königs Teoderich Waffenschar zu
Ravenna: erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum taugt kein Knecht
mehr was, der je hier in den Süden herabstieg auch nur auf einen Winter? Wo hat
unser grosser Held Teoderich das verfluchte Regieren gelernt, mit Steuern und
Folter und Kerker und Schreiben? Was haben unsre Väter von all' dem gewusst?
    Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle Üppigkeit, alle Unkraft,
alle List? Von hier: aus dem Welschtal, aus dem Süden, wo die Menschen zu
Tausenden beisammen nisten, wie unsauber Gewürm, und einer dem andern die Luft
vergiftet. Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein frisches Kind
herab in dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was Gutes und Klares, ich
leugn' es nicht; und hätte er sich droben bei mir ein Gehöft gebaut, ich hätte
ihm gern mein Kind und das Joch der besten Ochsen dazu gegeben. Aber nein! Da
herunter musste er sie führen ins heisse Sumpftal. Und er selbst bückt den Kopf in
goldnen Sälen zu Rom und in der Rabenstadt. Wohl hab' ich mich lang gewehrt -«
    »Aber endlich gabst du nach -«
    »Was wollt' ich machen? War doch mein kernfrisches Mädel ganz herzenssiech
geworden nach dem Unglücksmann.«
    »Und zehn Jahre hat der Unglücksmann dein Kind beglückt.« - »Wenn's nur auch
wahr ist!« - »Vater!« - »Und wahr bleibt. Es wäre das erstemal, dass Glück von
Süden käme. Sieh, mein Abscheu ist so gross vor der Ebne, dass ich die sieben Jahr
nicht niederstieg, gar mein Enkelkind nie gesehn habe. Wenn ich es jetzt doch
getan, hat's schweren Grund.«
    »Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?«
    »Freilich! doch mein banges Herz! Ein böses Zeichen ist geschehen. Du denkst
doch noch der freudigen Buche, die am Felsbache stand, rechts vorm Hause? Ich
pflanzte sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren wardst. Und prächtig,
wie du selbst, gedieh der Baum. In dem Jahr, da du fortzogst freilich, fand ich,
er sehe krank und traurig. Aber die andern sahen es nicht und lachten mich aus.
    Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und grün. Doch in der letzten
Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, so wütig, wie ich's selten gehört da
droben in den Felsen, und als wir am Morgen vor das Tor treten - ist der Stamm
vom Blitz zerspalten, und die Krone hat der Giessbach mit sich fortgerissen -
nach Süden.«
    »Schad' um den lieben Baum! Doch kann dich das ängstigen?«
    »Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach dem Tagewerk, den armen
Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer, dass er nicht verunehrt und elend
am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen war. Und ich nahm mir's
sehr zu Herzen, und ich sann und sann mit schweren Sorgen über deinen Mann, und
meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter. Und ich sah ins Feuer, drin der
Stamm verkohlte.
    So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis. Er tafelte im
Goldsaal unter stolzen Männern und schönen Frauen, in Glanz und Pracht
gekleidet. Du aber standest vor der Tür, im Bettlerkleid, und weintest bittre
Tränen und riefst ihn beim Namen. Er aber sprach: Wer ist das Weib? ich kenne
sie nicht! - Und es liess mich nicht mehr droben in den Bergen. Herab zog's mich:
ich musste sehen, wie mein Kind gehalten ist im Tal und überraschen wollt' ich
ihn - deshalb wollt' ich nicht durchs Tor ins Haus.«
    »Vater,« sprach Rautgundis zornig, »dergleichen soll man selbst im Traume
nicht denken. Dein Misstrauen -«
    »Misstrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und in dem Blitzschlag und in
dem Traumgesicht hat sich's mir deutlich gemeldet: dir droht ein Unglück! Weich'
ihm aus! Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge! Nur auf kurze Zeit.
Glaub' mir, du wirst es bald wieder schön finden in der freien Luft, wo man über
aller Herren Länder hinwegsieht.«
    »Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals.« - »Hat er nicht dich verlassen?
Ihm ist Hof- und Königsdienst mehr als Weib und Kind. So lass ihm seinen Willen.«
    »Vater,« sprach jetzt Rautgundis, seine Hand heftig fassend, »kein Wort
mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, dass du so reden kannst von
Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er liebt
mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins.
    Und wenn er für recht hält, fern von mir zu schaffen, zu wirken, so ist es
recht. Er führt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll kein Wort,
kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht.«
    Der Alte schwieg. Aber sein Misstrauen schwieg nicht. »Warum,« hob er nach
einer Pause wieder an, »wenn er am Hof so wichtige Geschäfte hat, warum nimmt er
dich nicht mit? Schämt er sich der Bauerntochter?« und zornig stiess er seinen
Stock auf die Erde.
    »Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, dass er mich vom Berg ins Tal der
Welschen geführt - und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten unter
sie führt!«
    »Du sollst's auch nicht tun! Aber er soll's wollen. Er soll dich nicht
entbehren können. Aber des Königs Feldherr wird sich des Bauernkindes schämen.«
    Da, ehe Rautgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt
verschlossene Hoftor, vor dem sie eben standen. »Auf, aufgemacht!« rief er, mit
der Streitaxt an die Pfosten schlagend. - »Wer ist da draussen?« fragte der Alte
vorsichtig. - »Aufgemacht! so lang lässt man einen Königsboten nicht warten!«
    »Es ist Wachis«, sprach Rautgundis, den schweren Riegelbalken im Ring
zurückschiebend, »was bringt dich so plötzlich zurück?«
    »Du bist es selbst, die mir öffnet!« rief der treue Mann, »o Gruss und Heil,
Frau Königin der Goten! Der Herr ist zum König des Volks gewählt. Diese meine
Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er lässt dich grüssen: und
entbittet dich und Atalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du aufbrechen.«
    In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch
konnte sich Rautgundis nicht entalten eines freudig stolzen Blicks auf ihren
Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. »Nun,« fragte sie endlich
sich losmachend, »Vater, was sagst du nun?«
    »Was ich sage? Jetzt ist das Unglück da, das mir geahnt! Ich gehe noch heute
Nacht zurück auf meinen Berg.«
 
                                Zweites Kapitel.
Während die Goten bei Regeta tagten, umklammerte in weit geschwungenem Halbkreis
das mächtige Heerlager Belisars die hart bedrängte Stadt Neapolis.
    Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras, hatte sich das
Heer der Byzantiner von der äussersten Südostspitze Italiens bis vor die Mauern
der patenopeischen Stadt gewälzt, ohne Widerstand zu finden. Denn, dank den
Befehlen Teodahads, waren nicht hundert Gotenkrieger in jenen Gegenden zu
finden.
    Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufentalt, auf
den die Griechen stiessen: die römische Bevölkerung von Bruttien mit den Städten
Regium, Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und Turii, von
Calabrien mit den Städten Gallipolis, Tarentum und Brundusium, von Lucanien mit
den Städten Vella und Buxentum, von Apulien mit den Städten Acheruntia und
Canusium, Salernum, Nuceria und Campsä, und viele andre Städte nahmen Belisar
mit Jubel auf, als er ihnen im Namen des rechtgläubigen Kaisers Justinian die
Befreiung von dem Joche der Ketzer und Barbaren verkündete. Bis an den Aufidus
im Osten, bis an den Sarnus im Südwesten war Italien den Goten entrissen, und
erst an den Wällen von Neapel brach sich der Ungestüm dieser feindlichen Wogen.
    Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu
nennen. Im Norden, vor der Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes des
Blutigen. Diesem tapfern Führer war die Via Nolana anvertraut und die Aufgabe,
die Strasse nach Rom zu erzwingen. Hier in den breiten Wiesenflächen, auf den
Saatfeldern fleissiger Goten, tummelten die Massageten und die gelben Hunnen ihre
kleinen, hässlichen Gäule. Daneben lagerten leichte persische Söldner, in
Linnenpanzern, mit Pfeil und Bogen; dann schwere armenische Schildträger,
Makedonen mit zehn Fuss langen »Sarissen« (Lanzen) und grosse Massen tessalischer
und trakischer, aber auch sarazenischer Reiter, zu verhasster Untätigkeit in
diesem Belagerungskampf verurteilt und ihre Musse nach Kräften ausfüllend mit
Streifzügen ins Innere des Landes.
    Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war von dem Haupteer
erfüllt: Belisars grosses Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide, mit dem
Purpurwimpel, ragte in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache, die Belisar
selbst bewaffnete und besoldete, und zu der nur die erlesensten Leute, die sich
dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet, zugelassen wurden: - aus
ihr gingen Belisars Schüler und beste Heerführer hervor - in reichvergoldeten
Helmen mit roten Rosshaarkämmen, den besten Brust-und Beinharnischen, ehernen
Schilden, dem breiten Schwert und der partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten
den Kern des Fussvolks achttausend Illyrier, die einzige gute Truppe, die das
Griechenreich noch selbst stellte; hier aber lagerten auch unter dem Befehl
ihrer Stammesfürsten die avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch
germanischen Scharen, wie Heruler und Gepiden, die Byzanz um schweres Geld
werben musste, den Mangel der kriegsfähigen Mannschaft zu decken. Hier auch die
ausgewanderten und die vielen tausend übergegangenen Italier.
    Endlich das südwestliche Lager, das sich dem Strand entlang dehnte,
befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen vorstand: hier standen die
Katapulten und Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in Vorrat: hier
wogten die isaurischen Bundesgenossen und die Scharen, die das neu von den
Vandalen zurückeroberte Afrika stellte: maurische, numidische Reiter, libysche
Schleuderer durcheinander.
    Aber vereinzelt waren Abenteurer und Söldner fast aus allen Barbarenstämmen
der drei Erdteile vertreten: Bajuwaren von der Donau, Alamannen vom Rhein,
Franken von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann wieder Anten vom Dniester,
Lazier vom Phasis, pfeilkundige Abasgen, Sabiren, Lebanten und Lykaonen aus
Asien und Afrika. So bunt zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die
Kriegsmacht, mit der Justinian die gotischen »Barbaren« vertreiben und Italien
befreien wollte. Den Befehl über die Vorposten hatten immer und überall die
Leibwächter Belisars: und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta
Capuana fast bis an die Wogen des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt
und schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die ausgedehnten Werke
gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern verteidigen sollten.
    Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein tapfrer Mann und hatte bei
seinem Bart geschworen, die Feste nicht zu übergeben. Aber auch er hätte der
überlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange widerstehen
können, wäre nicht ein glücklicher Umstand ihm zu Hilfe gekommen. Das war die
unzeitige Rückkehr der griechischen Flotte nach Byzanz. Als nämlich Belisar,
nachdem er sein gelandetes Heer in Regium eine Nacht geruht und gemustert hatte,
den allgemeinen Aufbruch mit der Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl,
sandte ihm sein Nauarchos Konon einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des
Kaisers, wonach die Flotte sofort nach der Landung nach Nikopolis an der
griechischen Küste zurücksegeln sollte, angeblich, neue Verstärkungen
herüberzuholen, in Wahrheit aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen,
mit den kaiserlichen Lanzenträgern nach Italien zu führen, der die
Siegesschritte Belisars beobachten, überwachen, nötigenfalls hemmen und, als
Oberfeldherr, die Interessen des kaiserlichen Misstrauens gegen den
Unterfeldherrn Belisar wahren sollte. Zähneknirschend musste Belisar seine Flotte
im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln sehen: und nur mit
vielen Bitten erlangte er, dass ihm der Nauarch vier Kriegstrieren, die noch bei
Sizilien kreuzten, zu senden versprach.
    So hatte denn Belisar, als er sich anschickte, Neapolis zu belagern, die
Stadt zwar von Nordost, Ost und Südost mit seiner Landmacht eng einschliessen
können: - den Westen, die Strasse nach Rom, durch Castellum Tiberii gedeckt,
hielt Graf Uliaris mit höchster Kraft frei: - aber den Hafen von Neapolis und
seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu sperren vermocht.
    Anfangs zwar tröstete er sich damit, dass ja auch die Belagerten keine Flotte
hätten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel Vorteil würden
ziehen können. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und die Kühnheit eines
Gegners in den Weg, den er später noch mehr fürchten lernen sollte. Das war
Totila. Kaum hatte dieser Neapolis erreicht, der Leiche des alten Valerius mit
Julius die letzte Ehre erwiesen und die ersten Tränen Valerias getrocknet, als
er mit rastloser Tätigkeit an der Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts
zu schaffen.
    Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: aber dieses ganze
Geschwader hatte König Teodahad schon vor Wochen, trotz Totilas Vorstellungen,
Belisar aus dem Wege, nach Pisa beordert, wo es die Arnusmündung bewachen
sollte. So besass Totila von Anfang nichts als drei leichte Wachtschiffe, von
denen er zwei bei Sizilien verloren hatte: und er war nach Neapolis gekommen, an
jedem Widerstand zur See verzweifelnd. Aber da er das Unglaubliche vernahm, dass
die byzantinische Flotte nach Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine
Hoffnung. Und nun ruhte er nicht, bis er auf grossen Fischerbooten,
Kaufmannsschiffen, Hafenkähnen und in der Eile notdürftig seetüchtig gemachten
Wracks der Werften sich eine kleine Flottille von etwa zwölf Segeln gebildet,
die freilich weder einem Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff
Trotz bieten konnte, aber doch vortreffliche Dienste leistete, die sonst völlig
abgeschnittene Stadt von Bajä, Cumä und andern Städten im Nordwesten her mit
Lebensmitteln zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den Küsten zu beobachten
und mit unaufhörlichen Angriffen zu quälen, indem Totila mit einer kleinen Schar
oft im Süden, im Rücken der griechischen Lager, landete, sich ins Land schlich,
bald hier, bald da einen Trupp der Feinde überfiel und zersprengte und solche
Unsicherheit verbreitete, dass sich die Byzantiner nur in starken Abteilungen und
nie zu weit von ihren Lagern zu entfernen wagten, während diese Erfolge die hart
bedrängte, von steten Wachdiensten und Kämpfen angegriffene Mannschaft des
Uliaris immer wieder ermutigten.
    Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, dass die Lage schon jetzt
eine höchst bedenkliche und, sowie einige griechische Schiffe vor der Stadt
erschienen, eine unhaltbare werde. Er verwandte daher einen Teil seiner Boote
dazu, täglich eine Anzahl von wehrunfähigen Einwohnern aus Neapolis aufwärts
nach Bajä und Cumä zu schaffen, wobei er die Anforderung der Reichen, dass diese
Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden sollten, streng zurückwies und
ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens
hatte Totila wiederholt und immer dringender Valeria gebeten, unter dem Schutz
von Julius auf diesen Schiffen zu flüchten: noch wollte sie sich von dem Sarge
ihres Vaters, noch von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers
der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. Und ruhig fuhr sie fort, in
dem väterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben.
 
                                Drittes Kapitel.
In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die höchsten Freuden
und die höchsten Schmerzen ihrer Liebe.
    Häufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die
Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft
besuchen musste. In der Turmstube des alten Isak hielt er täglich mit Graf
Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Männer
begrüsst und das schlichte Mahl von Früchten und Wein auf den Tisch gestellt,
hinunterzuschlüpfen in das enge Gärtlein, das dicht hinter der Turmmauer lag.
Der Raum war ursprünglich ein kleiner Hof im Tempel der Minerva, der
Mauerbeschützerin, gewesen, der man gern an den Haupttoren der Städte einen
Altar errichtete.
    Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der
alte, mächtige Olivenstamm, der einst die der Göttin geweihte Statue beschattet
hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle Hand hier
gepflegt und oft für die Braut des Geliebten gebrochen hatte. Gerade gegenüber
dem riesigen Ölbaum, dessen knorrige Wurzeln über die Erde hervorstarrten und
eine dunkle Öffnung in den Erdgeschossen des alten Tempels zeigten, war von dem
Christentum ein grosses, schwarzes Holzkreuz angebracht über einem kleinen
Betschemel, der aus einer Marmorstufe des Minervatempels gebildet war: - man
liebte, die Stätten des alten Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die
alten Götter, die jetzt zu Dämonen geworden, durch die Sinnbilder des
siegreichen Glaubens zu verscheuchen.
    Unter diesem Kreuz sass das schöne Judenmädchen oft stundenlang mit der alten
Arria, der halbblinden Witwe des Unterpförtners, die, nach dem frühen Tod von
Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranblühen der kleinen Miriam mit ihren Blumen
in dem öden Gestein der alten Mauern überwacht hatte. Da hatte diese viele Jahre
lang still lauschend zugehört, wie die fromme Alte in fleissigem Gebet zu dem
Gott der Christen flehte: und unwillkürlich war so mancher Strahl der mildern,
hellern Liebeslehre des Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen.
    Jetzt, da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbedürftig gemacht, vergalt
Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Rührung nahm
Arria diese Treue hin; ihr altes Herz umschloss mit Dank und Liebe und Mitleid
das herrliche Geschöpf, dessen mächtige Liebe zu dem jungen Goten sie längst
erkannt und beklagt, aber nie gegenüber der scheuen Jungfrau berührt hatte.
    Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die
breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten führten: ihr
edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, über die duftigen
Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe blieb sie träumend stehen, die linke
Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem Betschemel, ihr den Rücken
wendend, und betete laut. Sie würde die Nahende nicht bemerkt haben, wenn nicht
geflügeltes Leben plötzlich den stillen Hof beseelt hätte: denn in den breiten
Zweigen der Olive nisteten die schönsten weissen Tauben, der einsamen Miriam
einzige Gespielinnen. Als diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen
sahen, erhoben sie sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwärmend; eine
liess sich auf des Mädchens linke Schulter nieder, die andre auf das feine Gelenk
der Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, lächelnd ausstreckte.
    »Du bist's, Miriam! deine Tauben verkünden dich!« sprach Arria sich wendend.
Und das schöne Mädchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam, die Vögel nicht
zu verscheuchen; die Abendsonne fiel durch die Blätter der Olive auf ihre
pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild.
    »Ich bin's, Mutter!« sagte Miriam, sich zu ihr setzend. »Und ich hab' eine
Bitte. Wie lautet,« fragte sie leiser, »dein Spruch vom Leben nach dem Tode,
dein Glaubensspruch? - ich glaube an die Gemeinschaft.« - -
    »An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges
Leben.« - »Wie kömmst du auf diese Gedanken.«
    »Ei nun,« sagte Miriam, »mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der Sänger
von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht täglich Pfeile und Steine in
die Strassen? Aber ich will noch Blumen pflücken!« sprach sie wieder aufstehend.
    Arria schwieg einen Augenblick. »Jedoch der Seegraf war heute schon da: mir
ist, ich hätte seine helle Stimme gehört.«
    Miriam errötete leicht. »Sie sind nicht für ihn,« - sprach sie dann ruhig -
»für sie.« - »Für sie?« - »Ja, für seine Braut. Ich habe sie heute zum erstenmal
gesehen. Sie ist sehr schön. Ich will ihr Rosen schenken.« - »Du hast sie
gesprochen? Wie ist sie geartet?«
    »Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den Palast
der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Sänfte gehoben, sie ward
in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Säule ihres Hauses.«
    »Nun, ist sie seiner würdig?«
    »Sie ist sehr schön. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber,«
seufzte Miriam, »nicht glücklich. Ich will ihr Rosen schenken. - Mutter,« sagte
sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr setzend,
»was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die Christen dann
beisammen leben? Nein, nein!« fuhr sie fort, ohne die Antwort abzuwarten, »das
kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder« - und sie seufzte. »Mutter, in
den Büchern Mosis steht nichts davon, dass die Menschen erwachen aus dem Tode. O
und es wäre auch so schrecklich nicht,« sprach sie, die Rosen zusammenfügend,
»endlich ausruhn! Ganz ausruhn! In süsser, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom
Leben! Denn gibt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne leisen, niegestillten
Wunsch? Ich kann's nicht denken.«
    Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und stützte das Haupt auf das
Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer nicht.
    »Den Seinen hat der Herr,« sprach Arria feierlich, »die selige Stätte
bereitet: sie wird nicht mehr hungern noch dürsten. Es wird auch nicht auf sie
fallen die Sonne, oder irgendeine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie leiten zu
dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Tränen von ihren Augen.«
    »Alle Tränen von ihren Augen,« sprach Miriam nach. »Rede weiter. Es klingt
so gut.«
    »Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: und sie werden Gott
schauen und sein Friede wird Palmenschatten über sie breiten: sie werden
vergessen Hass und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf Erden.
Und ich habe viel gebetet, Miriam, für dich: und auch deiner wird sich der Herr
erbarmen und dich versammeln zu den Seinen.«
    Aber Miriam schüttelte leise das Haupt. »Nein, Arria, da ist fast besserer
Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was deiner
Seele Leben ist? Wie kannst du abtun dein tiefstes Sein und doch dieselbe
bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen, was ich liebe? Ach, nur das, dass
wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und hätt' ich zu wählen: hier alle Seligkeit
des Himmels und sollte abtun meines Herzens einzig Gut: oder behalten meines
Herzens Liebe mit all' ihrer ewigen Sehnsucht, - ich neidete den Seligen ihren
Himmel nicht. Ich wählte meine Liebe und mein Weh.«
    »Kind, sprich nicht so! lästre nicht. Sieh, was geht über Mutterliebe?
nichts auf Erden! Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben! Die Liebe, die
das Mädchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold. Mutterliebe ist ein
ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein Jucundus, mein Jucundus! Möchtest
du bald wiederkommen, dass ich dich noch schauen kann hienieden, eh' meine Augen
volle Nacht bedeckt. Denn droben im Himmelreich wird auch die Mutterliebe
untergehen in der ewigen Liebe Gottes und der Heiligen. Und doch möcht ich ihn
noch einmal fassen und umfangen und mit den Händen betasten sein geliebtes
Haupt. Und höre nur, Miriam: ich hoffe und vertraue: bald, bald werd' ich ihn
wiedersehen.«
    »Du darfst mir nicht sterben, Arria.« - »Nein, so mein' ich's nicht! hier
auf Erden noch muss ich ihn wiedersehen. Ich muss ihn wiederkommen sehen des
Weges, den er gegangen.«
    »Mutter,« sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet, »wie
magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreissig Jahren
verschwunden!«
    »Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht möglich, dass der Herr all'
meiner Tränen nicht geachtet, all' meiner Gebete. Was war er für ein braver
Sohn! Mit seiner Hände Arbeit ernährte er mich, bis er erkrankte und Axt und
Schaufel nicht mehr führen konnte: und wir litten Not. Da sprach er: Mutter, ich
kann's nicht mehr mit ansehen, dass du darbest. Du weisst, in den Gängen des alten
Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind Schätze der Heidenpriester vergraben:
der Vater drang einmal hinein und brachte eine goldene Spange zurück. Ich will
hineinschlüpfen, so tief ich kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde,
und Gott wird mich beschützen. - Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer:
und ich wusste wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behüten.
    Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann erhob
sich mein Jucundus und drang in die Höhlung dort unter den Wurzeln der Olive.
Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte.
    Er ist noch immer nicht zurückgekommen.
    Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, dass ich nicht denke: heut'
führt ihn Gott zurück. War nicht auch Joseph fern lange Jahre in Ägyptenland?
und doch haben Jakobs Augen ihn wiedergesehen. Und mir ist, heut' oder morgen
sehe ich ihn wieder. Denn heute nacht im Traum hab' ich ihn gesehen, wie er im
weissen Gewand heraufschwebte aus der Höhlung dort: und beide Arme breitete er
aus: und ich rief ihn beim Namen, und wir waren vereint auf ewig. Und so wird's
werden: denn der Herr erhöret das Flehen der Betrübten, und wer ihm traut, wird
nicht zuschanden werden.«
    Und die Alte erhob sich, drückte Miriams Hand und ging in ihr kleines
Häuschen.
    Allmählich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge
Gärtchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten die
Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. »Welch mächtiger Glaube!
welch lebendiger Trost! welch milde Lehre! Ist es so? Ist der Mann, der dort am
Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der Messias? Ist er aufgefahren gen
Himmel und sorget für die Seinen, wie ein Hirt, der seine Lämmer weidet? - - -
Ich aber zähle nicht zu seiner Herde! An jenem Trost hat Miriam keinen Teil.
Mein Trost ist meine Liebe mit all ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst
geworden. Und ich sollte einst dort oben über den Sternen hinschweben, ohne
diese Liebe? Dann wär' ich nicht Miriam mehr! Oder soll ich sie mit
hinauftragen, und wieder zurückstehen? und wieder durch alle Ewigkeit die
Römerin an seiner Seite sehen? Sollen sie dort wohnen und wandeln in der Fülle
des Glanzes und ich im trüben Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten
sehen den Saum seines weissen Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine
Blumen hier, erblühen am Sonnenblick der Liebe, duften und glühen eine kurze
Weile, bis sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat: und
verwehen in ewige Ruhe, nachdem der weiche, süsse, unselige Drang nach dem Lichte
gebüsst ...« - -
    »Gute Nacht, Miriam, lebe wohl!« rief eine melodische Stimme.
    Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weissen Mantel
vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der entgegengesetzten
Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem weissen Mantel, der silbern
im Mondlicht glänzte, nach, lang, lang, bis er verschwand in fernen Schatten.
 
                                Viertes Kapitel.
Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre
Erfolge, ihre Verluste und prüften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt.
    Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch
auf das Verdeck von Totilas »Admiralschiff«, eines morschen Muränenfängers, wo
der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel gedeckt, schlief. »Was ist?«
rief Totila auffahrend, noch im Traum, »der Feind? wo?« - »Nein, mein Junge,
diesmal ist's noch Uliaris, nicht Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim
Strahl, wird's nicht mehr dauern.« - »Uliaris, du blutest - dein Kopf ist
verbunden!« - »Bah, war nur ein Streifpfeil! Zum Glück kein giftiger. Ich holt'
ihn mir heut' nacht. Du musst wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als
je seit gestern. Der blutige Johannes, Gott hau' ihn nieder, gräbt sich wie ein
Dachs an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute Nacht, Neapolis!
Gestern abend hat er eine Schanze auf dem Hügel über uns vollendet und wirft uns
Brandpfeile auf die Köpfe. Ich wollt' ihn heute nacht aus seinem Bau werfen,
ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen und ich gewann nichts damit als
diesen Schuss vor meinen grauen Kopf.«
    »Die Schanze muss weg,« sagte Totila nachsinnend.
    »Den Teufel auch, aber sie will nicht!
    Allein mehr. Die Bürger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden.
Täglich schiesst Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem Aufruf zur Freiheit
herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon fliegt hier und da
ein Steinwurf von den Dächern auf meine armen Burschen. Wenn das wächst - -! -
Wir können nicht mit tausend Mann vierzigtausend Griechen draussen abhalten und
dreissigtausend Neapolitaner drinnen: drum meine ich« - und sein Auge blickte
finster -
    »Was meinst du?«
    »Wir brennen ein Stück der Stadt nieder! Die Vorstadt, wenigstens ...« -
    »Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht
mit Recht Barbaren schelten. Ich weiss ein besser Mittel - sie hungern: ich habe
gestern vier Schiffsladungen Öl und Korn und Wein hereingeführt, die will ich
verteilen.« - »Öl und Korn, meinetalben! aber den Wein, nein! Den fordre ich
für meine Goten, die trinken schon lang Zisternenwasser, pfui Teufel!« - »Gut,
durstiger Held, ihr sollt den Wein für euch haben.« - »Nun? Und noch keine
Botschaft von Ravenna? von Rom?« - »Keine! Mein fünfter Bote ist gestern fort.«
- »Gott hau' ihn nieder, unsern König.«
    »Höre Totila, ich glaube nicht, dass wir lebendig aus diesen wurmstichigen
Mauern kommen!«
    »Ich auch nicht!« sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher Wein.
    Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: »Goldjunge, du bist echt und
dein Cäkuber auch. Und muss ich hier umkommen, wie ein alter Bär unter vierzig
Hunden, mich freut's doch, dass ich dich dabei so gut kennengelernt: dich und
deinen Cäkuber.« Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg der graue Gote vom
Verdeck.
    Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn, und sie labten sich
herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des Kastells
lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Hügelschanze wehte die blaue
gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Rücken der Feinde gelandet und hatte
das Werk in kühnem Anlauf genommen.
    Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den
verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Höchst erwünscht trafen ihm
zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sizilien her auf der Höhe von Neapolis
ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis dringen und den
Seeräubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am Abend des gleichen Tages
die vier mächtigen Trieren heran und legten sich an der Einfahrt des Hafens vor
Anker. Belisar selbst eilte mit seinem Gefolge an die Küste und freute sich, die
Segel von der Abendsonne vergoldet zu sehen: »Die aufgehende Sonne sieht sie in
den Hafen der Stadt fahren trotz jenem Tollkopf,« sprach er zu Antonina, die ihn
begleitete, und wandte seinen Schecken zurück nach dem Lager.
    Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen - Prokopius,
sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an Justinian -
da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Führer der Leibwächter,
und rief: »Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind genommen.«
    Wütend sprang Belisar aus den Decken und rief: »Der soll sterben, der das
sagt.«
    »Besser wäre es,« meinte Prokopius, »der stürbe, der es getan.« - »Wer war
es?« - »Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem leuchtenden Haar.«
- »Totila!« sprach Belisar, »schon wieder Totila.«
    »Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil
schlaftrunken unter Deck. Plötzlich, um Mitternacht, wird's lebendig ringsum,
als wären hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht.« - »Hundert
Schiffe! Zehn Nussschalen hat er!« - »Im Augenblick und lang, eh' wir vom Strand
zu Hilfe kommen können, sind die Schiffe geentert, die Leute gefangen, eine der
Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen war, in Brand gesteckt, die andern
drei nach Neapolis geführt.«
    »Sie sind noch früher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar«,
sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt. »Nun
hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unerträglich werden. Jetzt muss
ein Ende werden.« Er drückte den prächtigen Helm auf das majestätische Haupt:
»Ich wollte der Stadt, der römischen Einwohner schonen: es geht nicht länger.
Prokopius, geh und entbiete hierher die Feldherren Magnus, Demetrius und
Constantianus, Bessas und Ennes, und Martinus, den Geschützmeister; ich will
ihnen zu tun geben vollauf. Sie sollen ihres Sieges nicht froh werden, die
Barbaren, sie sollen Belisar kennenlernen.«
    Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des
Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich.
Martinus, der grosse Matematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die lange
im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte kein Blut sehen
und keine Blume knicken. Aber seine matematischen und mechanischen Studien
hatten ihn eines Tages dahin geführt, eine neue Wurfmaschine von furchtbarer
Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu erfinden; er legte den Plan Belisar vor
und dieser, entzückt, liess ihn gar nicht mehr in sein Studierzimmer zurück,
sondern schleppte ihn sofort zum Kaiser und zwang ihn, »Geschützmeister des
Magister Militum per Orientem«, d.h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen
glänzenden Sold und war kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue
Kriegsmaschine herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Matematiker jene
grässlichen Zerstörungswerkzeuge, welche die Wälle der Festen, die Tore der
Burgen niederschmetterten, unlöschbares Feuer in die Städte der Feinde
Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er hatte
wohl jedes Jahr seine Freude an der matematischen Aufgabe, die er in
unermüdlichem Fleiss sich stellte: aber war nun die Aufgabe gelöst, so dachte er
mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger Miene erschien er
deshalb vor Belisar.
    »Martine, Zirkeldreher,« rief dieser ihm zu, »jetzt zeige deine Kunst! Wie
viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir?« -
»Dreihundertfünfzig, Herr!« - »Gut! Verteile sie um unsre ganze
Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem Kastell, die
Mauerbrecher gegen die Wälle! Sie müssen nieder und wären sie Diamant. Vom
Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf, in die Strassen der
Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick aus, vierundzwanzig Stunden
lang! Lass die Truppen sich ablösen. Lass alle Werkzeuge spielen.«
    »Alle, Herr?« sprach Martinus. »Auch die neuen? Die Pyroballisten, die
Brandgeschosse?« - »Auch die! die zumeist!« - »Herr, sie sind grässlich! du
kennst noch ihre Wirkung nicht.« - »Wohlan! Ich will sie kennenlernen und
erproben.« - »An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du
Justinian einen Schuttaufen erobern?« Die Seele Belisars war edel und gross.
    Er war unwillig über sich, über Martinus, über die Goten. »Kann ich denn
anders?« zürnte er, »diese eisenköpfigen Barbaren, dieser tolldreiste Totila
zwingen mich ja. Fünfmal hab' ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist Wahnsinn!
Nicht dreitausend Mann stecken in den Wällen. Beim Haupte Justinians! warum
stehen die dreissigtausend Neapolitaner nicht auf und entwaffnen die Barbaren?«
    »Sie fürchten wohl deine Hunnen ärger als ihre Goten,« meinte Prokop.
»Schlechte Patrioten sind sie! Vorwärts Martinus! In einer Stunde muss es brennen
in Neapolis.«
    »In kürzerer Zeit,« seufzte der Geschützmeister, »wenn es denn doch sein
muss. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann und die
Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf ich ihn
bringen?«
    Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, jüdisch aussehenden Mann
herein. »Ah, Jochem, der Baumeister!« sprach Belisar. »Ich kenne dich wohl, von
Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward daraus?« - »Mit
Eurer Gunst, Herr: nichts.« - »Warum nichts?«
    »Mein Plan belief sich nur auf eine Million Zentenare Goldes: das war der
kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche gekostet,
desto heiliger und gottgefälliger ist sie. Ein Christ forderte das Doppelte und
erhielt den Auftrag.«
    »Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?«
    »Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich änderte ein wenig, nahm die
Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule.«
    »Du kennst Neapolis genau? Von aussen und innen?«
    »Von aussen und innen. Wie meinen Geldsack.«
    »Gut, du wirst dem Strategen die Geschütze richten gegen die Wälle und in
die Stadt. Die Häuser der Gotenfreunde müssen zuerst nieder. Vorwärts! mache
deine Sache gut! sonst wirst du gepfählt. Fort!« - »Die arme Stadt!« seufzte
Martinus. »Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyroballisten, sie sind höchst
genau - und sie gehen so leicht - ein Kind kann sie loslassen! Und sie wirken
allerliebst.«
    Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und
verderbenschwangere Tätigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen herab, wie
die schweren Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreissig Rossen, Kamelen,
Eseln, Rindern bespannt, längs den Mauern hingezogen und auf der ganzen Linie
verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris auf die Wälle und suchten,
Gegenmassregeln zu treffen. Säcke mit Erde wurden an den von den Mauerbrechern
bedrohten Stellen herabgelassen: Feuerbrände bereitgehalten, die Maschinen, wann
sie nahten, in Brand zu stecken; siedendes Wasser, Pfeile, und Steine gegen die
Bespannung und die Bedienung gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen
Feinde, als sie bemerkten, wie die Maschinen, weit ausser der gewohnten
Schussweite und den Belagerten völlig unerreichbar, Halt machten.
    Aber Totila lachte nicht.
    Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre
Maschinen spannten. Noch war kein Geschoss entsandt.
    »Nun?« spottete der junge Agila neben Totila, »wollen sie uns von da aus
beschiessen? Doch lieber gleich von Byzanz her übers Meer! Es wäre noch
sicherer!« Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfündiger Stein ihn
und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus hatte die
Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, dass sie völlig
widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen überhageln lassen mussten.
    Entsetzt sprangen die Goten von den Wällen herab und suchten Schutz in den
Strassen, den Häusern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von Pfeilen,
Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln, sausten und pfiffen im sichern
Bogenschuss auf ihre Köpfe: ganze Felstrümmer kamen geflogen und schlugen
krachend durch Holzwerk und Getäfel der festesten Dächer, während im Norden,
gegen das Kastell unaufhörlich der Sturmbock mit seinen zermürbenden Stössen
donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse buchstäblich die Luft
verfinsterte, betäubte das prasselnde Niederfallen der Steine, das brechende
Gebälk, die zerschmetterten Zinnen und der Weheschrei der Getroffenen das Ohr
mit furchtbarem Lärm. Erschrocken flüchtete die zitternde Bevölkerung in die
Keller und Gewölbe ihrer Häuser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend.
    Aber noch hatte die bebende Stadt das Ärgste nicht erfahren.
    Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein
ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohlgetrocknetem Holz,
Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefüllt. Da kam zischend und dampfend ein
seltsames Geschoss gefahren, traf in das Holzwerk, und im Augenblick, da es
niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und verbreitete sich, von
dem Schiffsmaterial genährt, mit Windeseile. Jubelnd begrüssten draussen die
Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten eifrig die Geschosse nach
der Stelle, das Löschen zu hindern.
    Belisar ritt zu Martinus heran. »Gut,« rief er, »Mann der Zirkel, gut! Wer
hat das Geschoss gerichtet?« - »Ich,« sprach Jochem, »o Ihr sollt zufrieden sein
mit mir. Gebt ach! Seht Ihr da, rechts von der Brandstätte, das hohe Haus mit
den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der grössten Freunde
des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen.«
    Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft, und bald darauf schlug eine
zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel.
    Da sprengte Prokop heran und rief: »Belisarius, dein Feldherr Johannes lässt
dich grüssen: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt nieder.« Und
so war es, und bald standen vier, sechs, zehn Häuser in allen Teilen der Stadt
in vollen Flammen.
    »Wasser!« rief Totila, durch eine brennende Strasse nach dem Hafen sprengend,
»heraus, ihr Bürger von Neapolis! Löscht eure Häuser. Ich kann keinen Goten von
dem Wall lassen. schafft Fässer aus dem Hafen in alle Strassen! Die Weiber in die
Häuser! - was willst du, Mädchen? lass mich - Du bist's, Miriam? Du hier? Unter
Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?«
    »Dich,« sprach das Mädchen. »Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie ist
gerettet.«
    »Valeria! um Gott, wo ist sie?« - »Bei mir. In unserm dichtgewölbten Turm:
dort ist sie sicher. Ich sah die Flammen aufsteigen. Ich eilte hin. Dein Freund
mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr in die Kirche.
Ich rief ihn an und führte sie unter unser Dach. Sie blutet. Ein Stein hat sie
verletzt, an der Schulter. Aber es ist ohne Gefahr. Sie will dich sehen. Ich
kam, dich zu suchen!«
    »Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!«
    Und rasch fasste er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd
schlang sie beide Arme um seinen Nacken.
    Er aber hielt schützend mit der Linken den breiten Schild über ihr Haupt,
und im Sturm sprengte er mit ihr durch die dampfende Strasse nach der Porta
Capuana.
    »O jetzt - jetzt sterben - sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!«
betete Miriam.
    Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius' und
ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwächt vom Blutverlust, aber gefasst
und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand Miriam am
Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt. - -
    Kaum hatte sich Totila überzeugt, dass die Verwundung ganz leicht, als er
aufsprang und rief: »Du musst fort! sogleich! in dieser Stunde! In der nächsten
vielleicht erstürmt Belisar die Wälle. Ich habe alle meine Schiffe nochmals mit
Flüchtenden gefüllt: sie bringen dich nach Cajeta, von da weiter nach Rom. Eile
dann nach Taginä, wo ihr Güter habt. Du musst fort! Julius wird dich begleiten.«
    »Ja,« sprach dieser, »denn wir haben Einen Weg.«
    »Einen Weg? wohin willst du?«
    »Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht länger
mit ansehen. Du weisst es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen euch, für eure
Feinde: Meine Mitbürger fechten unter Belisar: soll ich gegen sie, soll ich
gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe.«
    Schweigend wandte sich Totila zu Valeria.
    »Mein Freund,« sagte diese, »mir ist: der Glückstern unsrer Liebe ist
erloschen für immer! Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Tron
genommen, so fällt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs.«
    »So traust du unserm Schwerte nicht?«
    »Ich traue eurem Schwert, - nicht eurem Glück! Mit den stürzenden Balken
meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Leb wohl, zu
einem Abschied für lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Taginä.«
    Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Plätze in einer der Trieren
zu sichern.
    Valeria erhob sich vom Lager: da eilte Miriam herzu, ihr die glänzenden
Sandalen unter die Füsse zu binden.
    »Lass, Mädchen! du sollst mir nicht dienen,« sprach Valeria. - »Ich tue es
gern,« sagte diese flüsternd. »Aber gönne mir eine Frage.« Und mit Macht traf
ihr blitzendes Auge die ruhigen Züge Valerias. »Du bist schön und klug und stolz
- aber sage mir, liebst du ihn? - du kannst ihn jetzt verlassen! - Liebst du ihn
mit heisser, alles verzehrender, allgewaltiger Glut, liebst du ihn mit einer
Liebe wie -«
    Da drückte Valeria das schöne, glühende Haupt des Mädchens wie verbergend an
ihre Brust: »Mit einer Liebe wie du? Nein, meine süsse Schwester! Erschrick
nicht! Ich ahnt' es längst nach seinen Berichten über dich. Und ich sah es klar
bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein Geheimnis ist wohl gewahrt
bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine nicht, bebe nicht, du süsses Kind.
Ich liebe dich sehr um dieser Liebe willen. Ich fasse sie ganz. Glücklich, wer,
wie du, in seinem Gefühl ganz aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein
feindlicher Gott den vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach
der Ferne blickt. Und so seh' ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen,
finstern Pfad, der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht
lassen, dass deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine
Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht wäre es sein Glück geworden, die duftige
Rose deiner schönen Liebe zu entdecken: denn Valeria, - fürcht' ich - wird die
Seine nie. Doch leb' wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke dieser Stunde. Gedenke
mein als einer Schwester und habe Dank, Dank für deine schöne Liebe.«
    Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der
Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache überwältigte die
Scheu ihres Herzens: reich flossen die Tränen über die glühendroten Wangen: und
heftig presste sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das Haupt an der
Freundin Brust.
    Da hörte man Julius kommen, Valeria abzurufen.
    Sie mussten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren innigen
Augen wagte Miriam auf der Römerin Antlitz. Dann sank sie rasch vor ihr nieder,
umfasste ihre Kniee, drückte einen brennenden Kuss auf Valerias kalte Hand und war
im Nebengemach verschwunden.
    Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich.
    Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose.
    Sie küsste sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung die
trauliche Stätte, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch entschlossen
Julius in einer gedeckten Sänfte nach dem Hafen, wo sie noch von Totila kurzen
Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg. Alsbald drehte sich dieses
mit mächtiger Wendung und rauschte zum Hafen hinaus.
    Totila sah ihnen wie träumend nach.
    Er sah Valeriens weisse Hand noch Abschied winken: er sah und sah den
fliehenden Segeln nach, nicht achtend der Geschosse, die jetzt immer dichter in
den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Säule und vergass einen
Augenblick die brennende Stadt und sich und alles.
    Da weckte ihn der treue Torismut aus seinen Träumen.
    »Komm, Feldherr,« rief ihm dieser zu, »überall such' ich dich: Uliaris will
dich sprechen. - Komm, was starrst du hier in die See unter klirrenden Pfeilen?«
    Totila raffte sich langsam auf: »Siehst du,« sagte er, »siehst du das
Schiff? - Da fahren sie hin! -«
    »Wer?« fragte Torismut.
    »Mein Glück und meine Jugend,« sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu
suchen.
    Dieser teilte ihm mit, dass er, Zeit zu gewinnen, soeben einen
Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu führen,
angetragen, angenommen habe. »Ich werde nie übergeben! Aber wir müssen Ruhe
haben, unsre Wälle zu flicken und zu stützen. Kömmt denn nirgends Entsatz? hast
du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom König?«
    »Keine.«
    »Verflucht! Über sechshundert von meinen Goten sind vor den höllischen
Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr besetzen!
Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann hätte!«
    »Nun,« sprach Totila nachsinnend, »die kann ich dir schaffen, denk' ich. In
dem Castellum Aurelians, auf der Strasse nach Rom, liegen vierhundertfünfzig Mann
Goten. Sie haben bisher erklärt, vom König Teodahad den unsinnigen, aber
strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu verstärken. Aber jetzt in dieser
höchsten Not! - Ich selbst will hin, während des Waffenstillstandes, und alles
aufbieten, sie zu holen.«
    »Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurück, und die
Strasse ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch.«
    »Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte dich nur, bis ich zurück
bin! Auf, Torismut, zu Pferd.«
    Während Totila mit Torismut und wenigen Reitern zur Porta Capuana
hinausjagte, war der alte Isak, der unermüdlich auf den Wällen ausgeharrt hatte,
die Pause des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause zurückgekehrt,
die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu laben. Als Miriam Wein
und Brot gebracht hatte und ängstlich dem Bericht Isaks von den Fortschritten
der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger, unsteter Schritt auf der Treppe und
Jochem stand vor dem erstaunten Paar.
    »Sohn Rachels, wo kommst du her zu übler Stunde, wie der Rabe vor dem
Unglück? Wie kommst du herein? zu welchem Tor?« - »Das lass du meine Sorge sein.
Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: - zum
letztenmal in diesem Leben.«
    »Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen?« fragte Isak unwillig,
»die Stadt brennt, und die Strassen liegen voll Leichen.«
    »Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen die Strassen? Weil die
Männer von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt ist Zeit zu freien.
Gib mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich allein kann's.«
Und er griff nach Miriams Arm.
    »Du mich retten?« rief diese, mit Ekel zurücktretend. »Lieber sterben!«
    »Ha, Stolze!« knirschte der grimmige Freier, »du liessest dich wohl lieber
retten von dem blondgelockten Christen? Lass sehen, ob er dich retten wird, der
Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren will ich ihn
durch die Strassen schleifen und spucken in sein bleich Gesicht.«
    »Hebe dich hinweg, Sohn Rachels,« rief Isak, aufstehend und den Spiess
fassend. »Ich merke, du hältst zu denen, die da draussen liegen! Aber das Horn
ruft, ich muss hinab; das jedoch sag' ich dir: noch mancher unter euch wird
rücklings fallen, eh' ihr steigt über diese morschen Mauern.«
    »Vielleicht,« grinste Jochem, »fliegen wir drüber wie die Vögel der Luft.
Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: lass diesen Alten, lass den verfluchten
Christen: - ich sage dir, der Schutt dieser Wälle wird sie bald bedecken. Ich
weiss, du hast ihn getragen im Herzen: - ich will dir's verzeihen, nur werde
jetzt mein Weib.« Und wieder griff er nach ihrer Hand. - »Du mir meine Liebe
verzeihn? Verzeihn, was so hoch über dir wie die leuchtende Sonne über dem
schleichenden Wurm? Wär ich's wert, dass ihn je mein Auge gesehen, wenn ich dein
Weib würde? Hinweg; hinweg von mir!«
    »Ha,« rief Jochem, »zu viel, zu viel! Mein Weib - du sollst es nimmer
werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen, und den Christen will ich
dir aus dem blutenden Herzen reissen, dass es zucken soll in Verzweiflung. Auf
Wiedersehen.«
    Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden.
    Miriam, von bangen Gefühlen bedrängt, eilte ins Freie: es trieb sie zu
beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge: sie betete ja für ihn: und es drängte
sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fusses in die nahe Basilika
Sankt Mariä, aus der man an Friedenstagen oft die Jüdin mit Flüchen verscheucht
hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu fluchen.
    Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Säulenganges und vergass in heissem
Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei Gott.
-
    Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die
Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Kräften die
zertrümmerten Mauerstellen, räumten den Schutt und die Toten aus dem Wege und
löschten die Brände. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab, während Belisar vor
seinem Zelte seine Heerführer versammelt hielt, des Zeichens der Übergabe auf
dem Kastell des Tiberius harrend. »Ich glaub' es nicht!« flüsterte Johannes zu
Prokop. »Wer solche Streiche tut, wie ich von jenem Alten gesehen, gibt die
Waffen nicht ab. Es ist auch besser so: da gibt's einen tüchtigen Sturm und dann
eine tüchtige Plünderung.«
    Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte trotzig
seinen Speer unter die harrenden Vorposten.
    Belisar sprang auf. »Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie
sollen's haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre Fahne auf
den Wall pflanzt, dem geb' ich ein Zehntel der Beute.«
    Nach allen Seiten eilten die Anführer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht
spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstörten Bogen des Aquädukts, welchen
Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da rief ihn eine
leise Stimme.
    Schon dämmerte es so stark, dass er nur mit Mühe den Rufenden erkannte. »Was
willst du, Jude?« rief Johannes eilig. »Ich habe keine Zeit! Es gilt harte
Arbeit! Ich muss der erste sein in der Stadt.«
    »Das sollt Ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn Ihr mir folgt.«
    »Dir folgen? weisst du einen Weg über die Mauer durch die Luft?«
    »Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn Euch zeigen,
wenn Ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Mädchen zur Beute zusprecht, das ich
fordre.«
    Johannes blieb stehen: »Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg?« - »Hier!«
sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. - »Wie? die Wasserleitung?
woher weisst du?« - »Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann, gebückt,
durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf diesem Wege
aus der Stadt. Die Leitung mündet in einem alten Tempelhaus an der Porta
Capuana; nimm dreissig Mann und folge mir.«
    Johannes sah ihn scharf an. »Und wenn du mich verrätst?«
    »Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Lüge ich, so stosst mich nieder.«
- »Warte!« rief Johannes und eilte hinweg.
 
                                Fünftes Kapitel.
Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und ungefähr
dreissig entschlossenen armenischen Söldnern, die ausser ihren Schwertern kurze
Handbeile führten. »Wenn wir drin sind,« sprach Johannes, »reissest du, Perseus,
das Ausfallpförtchen auf, rechts von der Porta Capuana, im Augenblick, da die
andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten. Auf dies Zeichen stürzen von aussen
meine Hunnen auf die Ausfallpforte. Aber wer hütet den Turm an der Porta? Den
müssen wir haben.«
    »Isak, ein grosser Freund der Edomiten, der muss fallen.«
    »Er fällt,« sprach Johannes und zog das Schwert: »Vorwärts!« Er war der
erste, der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg. »Ihr beiden, Paukaris und
Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten Verdacht - nieder mit ihm!«
    Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebückt tastend, bei völliger
Dunkelheit, rutschten und schlichen die Armenier ihm nach, sorgfältig jeden Lärm
ihrer Waffen vermeidend: lautlos krochen sie vorwärts.
    Plötzlich rief Johannes mit halber Stimme: »Fasst den Juden! Nieder mit ihm!
- Feinde! Waffen! - - Nein, lasst!« rief er rasch, »es war nur eine Schlange, die
vorüber rasselte! Vorwärts.«
    »Jetzt zur Rechten!« sprach Jochem, »hier mündet die Wasserleitung in einen
Tempelgang.«
    »Was liegt hier? - Knochen - ein Skelett!«
    »Ich halt's nicht länger aus! der Modergeruch erstickt mich! Hilfe!« seufzte
einer der Männer.
    »Lasst ihn liegen! vorwärts!« befahl Johannes. »Ich sehe einen Stern.« - »Das
ist das Tageslicht in Neapolis,« sagte der Jude - »nun nur noch wenige Ellen.« -
    Johannes' Helm stiess an die Wurzeln eines hohen Ölbaums, die sich im Atrium
des Tempelhauses breit über die Mündung des Tempelgangs spannten.
    Wir kennen den Baum.
    Den Wurzeln ausweichend, stiess er den Helm hell klirrend an die Seitenwand:
erschrocken hielt er an. Aber er hörte zunächst nur den heftigen Flügelschlag
zahlreicher Tauben, die da hoch oben wild verscheucht aus den Zweigen der Olive
flogen.
    »Was war das?« fragte über ihm eine heisere Stimme. »Wie der Wind in dem
alten Gestein wühlt!« Es war die Witwe Arria. »Ach Gott,« sprach sie, sich
wieder vor dem Kreuze niederwerfend: »erlöse uns von dem Übel und lass die Stadt
nicht untergehen, bis dass mein Jucundus wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur
und seine Mutter nicht mehr findet. O lass ihn wieder des Weges kommen, den er
von mir gegangen: zeig ihn mir wieder, wie ich ihn diese Nacht gesehen,
aufsteigend aus den Wurzeln des Baumes.«
    Und sie wandte sich nach der Höhlung. »O! dunkler Gang, darin mein Glück
verschwunden, gib mir's wieder heraus! Gott, führ' ihn mir zurück auf diesem
Wege.« Sie stand mit gefalteten Händen gerade vor der Höhlung, die Augen fromm
gen Himmel gewendet.
    Johannes stutzte. »Sie betet!« sagte er, »soll ich sie im Gebet erschlagen?«
- Er hielt inne; er hoffte, sie solle aufhören und sich wenden. »Das dauert zu
lange: ich kann unserm Herrgott nicht helfen!« Und rasch hob er sich aus den
Wurzeln heraus. Da schaute die Betende mit den halberblindeten Augen nieder; sie
sah aus der Erde steigen eine schimmernde Mannesgestalt.
    Ein Strahl der Verklärung spielte um ihre Züge. Selig breitete sie die Arme
aus. »Jucundus!« rief sie.
    Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz.
    Ohne Weheruf, ein Lächeln auf den Lippen, sank sie auf die Blumen: - Miriams
Blumen.
    Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus, dann dem
Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf. »Wo ist das Pförtchen?« -
»Hier links, ich gehe zu öffnen!« Perseus wies die Krieger an. - »Wo ist die
Treppe zum Turm!« - »Hier rechts,« sprach Jochem - es war die Treppe, die zu
Miriams Gemach führte, wie oft war Totila hier hereingeschlüpft! - »still, der
Alte lässt sich hören.«
    Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Geräusch vernommen: er trat mit
Fackel und Speer an die Treppe: »Wer ist da unten? bist du's, Miriam, wer
kommt?« fragte er.
    »Ich, Vater Isak,« antwortete Jochem, »ich wollte Euch nochmal fragen ...« -
und er stieg katzenleise eine Stufe höher. Aber Isak hörte Waffen klirren.
    »Wer ist bei dir?« rief er und trat vorleuchtend um die Ecke. Da sah er die
Bewaffneten hinter Jochem kauern. »Verrat, Verrat!« schrie er, »stirb,
Schandfleck der Hebräer!« Und wütend stiess er Jochem, der nicht zurück konnte,
die breite Partisane in die Brust, dass dieser rücklings hinabstürzte. »Verrat!«
schrie er noch einmal.
    Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang über die Leiche hinweg,
eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von Byzanz. Da krachten
unten Beilschläge: das Pförtchen fiel, von innen eingeschlagen, hinaus, und mit
gellendem Jauchzen jagten - schon war es ganz dunkel geworden - die Hunnen zu
Tausenden in die Stadt.
    Da war alles aus.
    Ein Teil stürzte sich mordend in die Strassen, ein Haufe brach die nächsten
Tore ein, den Brüdern draussen Eingang schaffend.
    Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Häuflein aus dem Kastell herbei: er
hoffte, die Eingedrungenen noch hinauszutreiben, umsonst: ein Wurfspeer streckte
ihn nieder. Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert treuen Goten,
die ihn noch umgaben.
    Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Wällen flattern sahen, erhoben
sich - unter Führung alter Römerfreunde, wie Stephanos und Antiochos des Syrers
- ein eifriger Anhänger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, ward, da er sie
hemmen wollte, erschlagen - auch die Bürger von Neapolis: sie entwaffneten die
einzelnen Goten in den Strassen und schickten, glückwünschend und dankend und
ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine Gesandtschaft an Belisar, der, von seinem
glänzenden Stab umgeben, zur Porta Capuana hereinritt.
    Aber finster furchte er die majestätische Stirn und ohne seinen Rotscheck
anzuhalten, sprach er: »Fünfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst lag
ich längst vor Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, dass das dem Kaiser an Recht
und mir an Ruhm entzieht? Fünfzehn Tage lang hat sich eure Feigheit, eure
schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen lassen. Die Strafe
für diese fünfzehn Tage seien nur fünfzehn Stunden - Plünderung. Ohne Mord: -
die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers - ohne Brand: denn die Stadt ist
jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der Führer der Goten? Tot?«
    »Ja,« sprach Johannes, »hier ist sein Schwert, Graf Uliaris fiel.«
    »Den meine ich nicht!« sprach Belisar. »Ich meine den jungen, den Totila.
Was ward aus ihm? Ich muss ihn haben.«
    »Herr,« sprach einer der Neapolitaner, der reiche Kaufherr Asklepiodot,
vortretend, »wenn Ihr mein Haus und Warenlager von der Plünderung ausnehmt, will
ich's Euch wohl sagen.«
    Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden.
»Rebell, willst du mir Bedingungen machen? Sprich, oder die Folter macht dich
sprechen.« - »Erbarmen! Gnade!« schrie der Geängstigte. »Der Seegraf eilte mit
wenigen Reitern während der Waffenruhe hinaus, Verstärkung zu holen vom
Castellum Aurelians: er kann jeden Augenblick zurückkehren.«
    »Johannes,« rief Belisar, »der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis. Wir
müssen ihn fangen! Du hast, wie ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt? das Tor
besetzt?«
    »Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen können,« sprach
Johannes.
    »Auf! Blitzesschnell! wir müssen ihn hereinlocken!
    Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und
auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet auf
die Wälle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht meinen
Leibwächtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein! dreihundert Mann in
der Nähe des Tors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie er das Fallgitter hinter
sich hat, lässt man's nieder. Ich will ihn lebend fangen. Er soll nicht fehlen
beim Triumphzug in Byzanz.«
    »Gib mir das Amt, mein Feldherr,« bat Johannes. »Ich schuld' ihm noch
Vergeltung für einen Kernhieb.« Und er flog zurück zur Porta Capuana, liess die
Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine Massregeln.
    Da drängte sich eine verschleierte Gestalt heran: »Um der Güte Gottes
willen,« flehte eine liebliche Stimme, »ihr Männer, lasst mich heran! Ich will ja
nur seine Leiche, o gebt acht! sein weisser Bart! o mein Vater.« Es war Miriam,
die der Lärm plündernder Hunnen aus der Kirche nach Hause gescheucht hatte. Und
mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere zurück und nahm das bleiche
Haupt Isaks in ihre Arme.
    »Weg, Mädel!« rief der nächste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein
Söldner von Byzanz: - Garizo hiess er. »Halt uns nicht auf! wir müssen den Weg
säubern! In den Graben mit dem Juden!«
    »Nein, nein!« rief Miriam und stiess den Mann zurück.
    »Weib!« schrie dieser zornig und hob das Beil.
    Aber die Arme schützend über des Vaters Leiche breitend und mit leuchtenden
Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: - wie gelähmt hielt der Krieger
inne: »Du hast Mut, Mädel!« sagte er, das Beil senkend. »Und schön bist du auch,
wie die Waldfrau der Luisacha. Was kann ich dir Liebes tun? du bist ganz
wundersam anzuschauen.« - »Wenn der Gott meiner Väter dein Herz gerührt,« bat
Miriams herzgewinnende Stimme, »hilf mir die Leiche dort im Garten bergen - das
Grab hat er sich lange selbst geschaufelt neben Sara, meiner Mutter, das Haupt
gegen Osten.« - »Es sei!« sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das
Haupt, er fasste die Knie der Leiche: wenige Schritte führten sie in den kleinen
Garten: da lag ein Stein unter Trauerweiden: der Mann wälzte ihn weg, und sie
senkten die Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. -
    Ohne Worte, ohne Tränen starrte Miriam in die Grube: sie fühlte sich so arm
jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte darüber.
»Komm!« sagte er dann. »Wohin?« fragte Miriam tonlos. »Ja, wohin willst du?« -
»Das weiss ich nicht! - Hab Dank,« sprach sie und nahm ein Amulett vom Halse und
reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumünze vom Jordan, aus dem Tempel.
    »Nein!« sagte der Mann und schüttelte das Haupt.
    Er nahm ihre Hand und legte sie über seine Augen.
    »So,« sagte er, »das wird mir gut tun mein Leben lang. Jetzt muss ich fort,
wir müssen den Grafen fangen, den Totila. Leb' wohl.«
    Dieser Name schlug in Miriams Herz: - noch einen Blick warf sie auf das
stille Grab und hinaus schlüpfte sie aus dem Gärtchen. Sie wollte zum Tore
hinaus auf die Strasse: aber das Fallgitter war gesenkt, an den Toren standen
Männer mit gotischen Helmen und Schilden. Erstaunt sah sie um sich.
    »Ist alles vollzogen, Chanaranges?« - »Alles, er ist so gut wie gefangen.« -
»Horch, vor dem Wall, - Pferdegetrappel - sie sind's, zurück, Weib.«
    Draussen aber sprengten einige Reiter die Strasse heran gegen das Tor.
    »Auf! auf, das Tor,« rief Totila von weitem. Da spornte Torismut sein Ross
heran. »Ich weiss nicht, ich traue nicht!« rief er, »die Strasse war wie
ausgestorben und ebenso drüben das Lager der Feinde: kaum ein paar Wachtfeuer
brennen.«
    Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. »Der Bursch bläst ja
grässlich!« sprach Torismut zürnend. »Es wird ein Welscher sein,« meinte
Totila. »Gebt die Losung,« rief's herab auf lateinisch. »Neapolis,« antwortete
Totila entgegen. »Hörst du's? Uliaris hat die Bürger bewaffnen müssen. Auf das
Tor! ich bringe frohe Kunde,« fuhr er fort zu den oben Aufgestellten,
»vierhundert Goten folgen mir auf dem Fuss: und Italien hat einen neuen König.«
    »Wer ist's?« fragte es leise drinnen. »Der auf dem weissen Ross, der erste.«
Da sprangen die Torflügel auf, gotische Helme füllten den Eingang. Fackeln
glänzten, Stimmen flüsterten.
    »Auf mit dem Fallgitter,« rief Totila, dicht heranreitend. Spähend blickte
Torismut vor, die Hand vor den Augen. »Sie haben gestern getagt zu Regeta,«
fuhr Totila fort, »Teodahad ist abgesetzt, und Graf Witichis ...« -
    Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Ross den Sporn
geben, da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe der
Krieger. »Flieh,« rief sie, »Feinde über dir! die Stadt ist gefallen!« Aber sie
konnte nicht vollenden: ein Lanzenstoss durchbohrte ihre Brust.
    »Miriam!« schrie Totila entsetzt und riss sein Pferd zurück.
    Doch Torismut, der längst Argwohn geschöpft, zerhieb, rasch entschlossen,
mit dem Schwert, durch das Gitter hindurch, das haltende Seil, an dem das Tor
auf und nieder ging, dass es dröhnend vor Totila niederschlug.
    
    Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter. »Auf das Gitter!
Hinaus auf sie!« rief Johannes von innen: aber Totila wich nicht.
    »Mirim, Miriam«, rief er im tiefstem Schmerz. Da schlug sie nochmal die
Augen auf, mit einem brechenden, von Liebe und Schmerz verklärten Blick: -
dieser Blick sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. »Für dich!« hauchte sie
und fiel zurück. - Da vergass er Neapolis und die Todesgefahr. »Miriam,« rief er
nochmals, beide Hände gegen sie ausbreitend. -
    Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell prallte das edle
Tier hochbäumend zurück. Das Fallgitter fing an, sich zu heben: da fasste
Torismut nach Totilas Zügel, riss das Pferd herum und gab ihm einen Schlag mit
der flachen Klinge, dass es hinwegschoss. »Auf und davon, Herr,« rief er, »ja, sie
müssen flink sein, die uns einholen.« Und brausend sprengten die Reiter auf der
Via Capuana den Weg zurück, den sie gekommen; nicht weit verfolgte sie Johannes
im Dunkel der Nacht und des Wegs unkundig. Bald begegnete ihnen die
heranziehende Besatzung vom Kastell Aurelians: auf einem Hügel machten sie Halt,
von wo man die Stadt mit ihren Zinnen, in dem Schein der byzantinischen
Wachtfeuer auf den Wällen, liegen sah.
    Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus seiner Betäubung auf.
»Uliaris!« seufzte er, »Miriam!« »Neapolis, - wir sehen uns wieder.« Und er
winkte zum Aufbruch gen Rom.
    Aber von Stund' an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele: mit
dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben für
immerdar.
    Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte,
rief er, vom Pferde springend, mit wütiger Stimme: »Wo ist die Dirne, die ihn
gewarnt? Werft sie vor die Hunde.« Und er eilte zu Belisar, das Missgeschick zu
melden.
    Aber niemand wusste zu sagen, wohin der schöne Leichnam geraten. Die Rosse
hätten sie zertreten, meinte die Menge. Aber einer wusste es besser: Garizo, der
Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend Kind, auf seinen
starken Armen davongetragen in das nahe Gärtchen, hatte die Steinplatte von dem
kaum geschlossenen Grabe gewälzt und die Tochter sorglich an des Vaters Seite
gelegt: dann hatte er sie still betrachtet.
    Aus der Ferne scholl das Getöse der geplünderten Stadt, in der die
Massageten Belisars, trotz seines Verbots, brannten und mordeten und sogar die
Kirchen nicht verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert unter sie
fahrend, Einhalt schuf. -
    Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz, dass er nicht wagte, wie er so
gern gewollt, sie zu küssen. So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und brach
eine Rose, die neben dem Grabe blühte, und legte sie ihr auf die Brust. Dann
wollte er fort, seinen Teil an der Plünderung zu nehmen. Aber es liess ihn nicht
fort: er wandte sich wieder um. Und er hielt die Nacht über, an seinen Speer
gelehnt, Totenwacht am Grabe des schönen Mädchens.
    Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen,
den ihn die Mutter daheim an der Luisacha gelehrt. Aber es war ihm nicht genug:
andächtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser. Und als die Sonne
emporstieg, schob er sorgfältig den Stein über das Grab und ging.
    So war Miriam spurlos verschwunden.
    Aber das Volk in Neapolis, das im stillen warm an Totila hing, erzählte,
schönheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen, ihn zu retten, und
wieder aufgefahren gen Himmel.
 
                               Sechstes Kapitel.
Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu Regeta.
    Und Totila stiess schon bei Formiä auf seinen Bruder Hildebad, den König
Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte, die Besatzung
der Stadt zu verstärken, bis er selbst mit einem grösseren Heere zum Entsatz
herbeieilen könne. Wie jetzt die Dinge standen, konnten die Brüder nichts andres
tun, als sich auf die Hauptmacht, nach Regeta, zurückziehen, wo Totila seinen
traurigen Bericht von den letzten Stunden von Neapolis erstattete. Der Verlust
der dritten Stadt des Reiches, des dritten Hauptbollwerks Italiens, musste den
ganzen Kriegsplan der Goten verändern.
    Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert: es waren gegen
zwanzigtausend Mann. Diese, mit der kleinen Schar, die Graf Teja eigenmächtig
zurückgeführt, waren im Augenblick die ganze verfügbare Macht: bis die starken
Heere, die Teodahad weit weg nach Südgallien und Noricum, nach Istrien und
Dalmatien entsendet, wiewohl sofort zur schnellen Rückkehr aufgefordert,
einzutreffen vermochten, konnte ganz Italien verloren sein.
    Gleichwohl hatte der König beschlossen, sich mit diesen zwanzig
Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den
Zufluss der Italier auf mehr als die dreifache Übermacht angeschwollenen Heere
der Feinde bis zum Eintreffen der Verstärkungen Widerstand zu leisten. Aber
jetzt, da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen, gab Witichis den Plan,
sich ihm entgegenzustellen, auf. Sein ruhiger Mut war ebensoweit von
Tollkühnheit wie von Zagheit entfernt.
    Ja, der König musste seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren Entschluss
abringen. Während in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in dem Lager vor Rom
sich der Schmerz und der Grimm der Goten in Verwünschungen über den Verräter
Teodahad, über Belisar, über die Italier Luft machte, während schon die kecke
Jugend hier und da anhob, auf das Zaudern des Königs zu schelten, der sie nicht
gegen diese Griechlein führen wolle, deren je vier auf einen Goten gingen,
während der Ungestüm des Heeres schon über den Stillstand grollte, gestand sich
der König mit schwerem Herzen die Notwendigkeit, noch weiter zurückzuweichen und
selbst Rom vorübergehend preiszugeben.
    Tag für Tag kamen Nachrichten, wie Belisars Heer anwachse: aus Neapolis
allein führte er zehntausend Mann - als Geiseln zugleich und Kampfgenossen -,
von allen Seiten strömten die Welschen zu seinen Fahnen: von Neapolis bis Rom
war kein Waffenplatz fest genug, Schutz gegen solche Übermacht zu gewähren und
die kleineren Städte an der Küste öffneten dem Feind mit Jubel die Tore.
    Die gotischen Familien aus diesen Gegenden flüchteten in das Lager des
Königs und berichteten, wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis Cumä und
Atella sich ergeben, darauf folgten Capua, Cajeta und selbst das starke
Benevent. Schon standen die Vorposten Belisars, hunnische, sarazenische und
maurische Reiter, bei Formiä. Das Gotenheer erwartete und verlangte eine
Schlacht vor den Toren Roms.
    Aber längst hatte Witichis die Unmöglichkeit erkannt, mit zwanzigtausend
Mann einem Belisar, der bis dahin hunderttausend zählen konnte, im offnen Feld
entgegenzutreten. Eine Zeitlang hegte er die Hoffnung, die mächtigen
Befestigungen Roms, das stolze Werk des Cetegus, gegen die byzantinische
Überflutung halten zu können, aber bald musste er auch diesen Gedanken aufgeben.
    Die Bevölkerung Roms zählte, dank dem Präfekten, mehr waffenfähige und
waffengeübte Männer denn seit manchem Jahrhundert: und stündlich überzeugte sich
der König, von welcher Gesinnung diese beseelt waren. Schon jetzt hielten die
Römer kaum noch ihren Hass wider die Barbaren zurück: es blieb nicht bei
feindlichen und höhnischen Blicken: schon konnten sich Goten in den Strassen nur
in guter Bewaffnung und grossen Scharen blicken lassen: täglich fand man
vereinzelte gotische Wachen von hinten erdolcht.
    Und Witichis konnte sich nicht verhehlen, dass diese Elemente des
Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und mächtigen Häuptern:
den Spitzen des römischen Adels und des römischen Klerus. Er musste sich sagen,
dass, sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde, das Volk von Rom sich
erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine gotische Besatzung erdrücken
würde.
    So hatte Witichis den schweren Entschluss gefasst, Rom, ja ganz Mittelitalien
aufzugeben, sich nach dem festen und verlässigen Ravenna zu werfen, hier die
mangelhaften Rüstungen zu vollenden, alle gotischen Streitkräfte an sich zu
ziehen und dann mit einem gleichstarken Heere den Feind aufzusuchen.
    Er war ein Opfer, dieser Entschluss.
    Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust, und es
war seinem Mut eine herbe Zumutung, anstatt frisch draufloszuschlagen,
zurückweichend seine Verteidigung zu suchen. Aber noch mehr. Nicht rühmlich war
es für den König, der um seiner Tapferkeit willen auf den Tron des feigen
Teodahad gehoben worden, wenn er sein Regiment mit schimpflicher Flucht begann:
er hatte Neapolis verloren in den ersten Tagen seiner Herrschaft: sollte er
jetzt freiwillig Rom, die Stadt der Herrlichkeiten, sollte er mehr als die
Hälfte von Italien preisgeben? Und wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes
willen, - wie musste das Volk von ihm denken? Diese Goten mit ihrem Ungestüm,
ihrer Verachtung der Feinde! Konnte er irgend hoffen, ihren Gehorsam zu
erzwingen? Denn ein germanischer König hatte mehr zu raten, vorzuschlagen, als
zu befehlen und zu gebieten. Schon mancher germanische König war von seinem
Volksheer wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden. Er
fürchtete ein Gleiches: und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im
Lager zu Regeta in seinem Zelte auf und ab.
    Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen:
»Auf, König der Goten,« rief eine leidenschaftliche Stimme, »jetzt ist nicht
Zeit zu schlafen!« - »Ich schlafe nicht, Teja,« sprach Witichis, »seit wann bist
du zurück? Was bringst du?« - »Eben schritt ich ins Lager, der Tau der Nacht ist
noch auf mir. Wisse zuerst: sie sind tot.« - »Wer?« - »Der Verräter und die
Mörderin!« - »Wie? du hast sie beide erschlagen?« - »Ich schlage keine Weiber.
Teodahad, dem Schandkönig, folgte ich zwei Tage und zwei Nächte. Er war auf dem
Weg nach Ravenna, er hatte starken Vorsprung. Aber mein Hass war noch rascher als
seine Todesangst. Schon bei Narnia holte ich ihn ein: zwölf Sklaven begleiteten
seine Sänfte: sie hatten nicht Lust, für den Elenden zu sterben: sie warfen die
Fackeln weg und flohn.
    Ich riss ihn aus der Sänfte und drückte ihm sein eigenes Schwert in die
Faust: er aber fiel nieder, bat um sein Leben und führte zugleich einen
heimtückischen Stoss nach mir. Da schlug ich ihn, wie ein Opfertier: mit drei
Streichen. Einen für das Reich: und zwei für meine Eltern. Und ich hing ihn an
seinem goldenen Gürtel auf, an der offenen Heerstrasse, an einem dürren
Eibenbaum: da mag er hangen, ein Frass für die Vögel des Himmels, eine Warnung
für die Könige der Erde.«
    »Und was ward aus ihr?«
    »Sie fand ein schrecklich Ende!« sprach Teja schaudernd.
    »Als ich von hier nach Rom kam, wusste man nur, dass sie verschmäht, den
Feigling zu begleiten: er floh allein. Gotelindis aber rief seine kappadokische
Leibwache zusammen und verhiess den Männern goldne Berge, wenn sie zu ihr halten
und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona sich werfen wollten.
    Die Söldner schwankten und wollten erst das verheissne Gold sehen. Da
versprach Gotelindis, es zu bringen und ging. Seitdem war sie verschwunden. Wie
ich wieder durch Rom kam, war sie freilich gefunden.« - - »Nun?« - »Sie hatte
sich in die Katakomben gewagt, allein, ohne Führer, einen dort vergrabnen Schatz
zu holen. Sie muss sich in diesem Labyrint verirrt haben, sie fand den Ausgang
nicht mehr. Suchende Söldner trafen sie noch lebend: ihre Fackel war nicht
herabgebrannt, sondern fast völlig erhalten: sie musste alsbald erloschen sein,
nachdem sie die Höhlung beschritten. Wahnsinn sprach aus ihrem Blick: lange
Todesangst, Verzweiflung haben dieses böse Weib zermürbt: sie starb, sowie sie
ans Tageslicht gebracht war.«
    »Schrecklich!« rief Witichis. - »Gerecht!« sagte Teja. »Aber höre weiter.«
    Eh' er beginnen konnte, eilten Totila, Hildebad, Hildebrand und andre
gotische Führer ins Zelt: »Weiss er's?« fragte Totila. - »Noch nicht,« sagte
Teja. - »Empörung!« rief Hildebad! »Empörung! Auf, König Witichis, wehre dich
deiner Krone! Lege dem Knaben das Haupt vor die Füsse.« -
    »Was ist geschehn?« fragte Witichis ruhig.
    »Graf Arahad von Asta, der eitle Laffe, hat sich empört. Er ist gleich nach
deiner Wahl davongeritten gegen Florentia, wo sein älterer Bruder, der stolze
Herzog von Tuscien, Guntaris, haust und herrscht. Da haben die Wölsungen viel
Anhang gefunden, haben die Goten überall aufgerufen gegen dich zum Schutz der,
Königslilie, wie sie sie nennen: Mataswinta sei die Erbin der Krone. Sie haben
sie als Königin ausgerufen. Sie weilte in Florentia, fiel also gleich in ihre
Gewalt. Man weiss nicht, ist sie Guntaris' Gefangene oder Arahads Weib. Nur das
weiss man, dass sie avarische und gepidische Söldner geworben, den ganzen Anhang
der Amaler und ihre ganze Sippe und Gefolgschaft, zu all dem grossen Anhang der
Wölsungen, bewaffnet haben. Dich schelten sie den Bauernkönig: sie wollen
Ravenna gewinnen!«
    »O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften!« rief Hildebad
zornig. »Ich will dir diese Königin der Goten samt ihrem adeligen Buhlen in
einem Vogelkäfig gefangen bringen.«
    Aber die andern machten besorgte Gesichter. »Es sieht finster her!« sprach
Hildebrand. »Belisar mit seinen Hunderttausenden vor uns: im Rücken das
schlangenhafte Rom, - all' unsre Macht noch fünfzig Meilen fern - und jetzt noch
Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des Reiches! der Donner schlag' in dieses
Land.«
    Aber Witichis blieb ruhig und gefasst wie immer. Er strich mit der Hand über
die Stirn. »Es ist vielleicht gut so,« sagte er dann. »Jetzt bleibt uns keine
Wahl. Jetzt müssen wir zurück.« - »Zurück?« fragte Hildebrand zürnend. - »Ja!
Wir dürfen keinen Feind im Rücken lassen. Morgen brechen wir das Lager ab und
gehn ...« - »Gegen Neapolis vor?« sagte Hildebad. »Nein! Zurück nach Rom! Und
weiter, nach Florentia, nach Ravenna! Der Brand der Empörung muss zertreten sein,
eh' er noch recht entglommen.« - »Wie? du weichst vor Belisar zurück?« - »Ja, um
desto stärker vorzugehen, Hildebad! Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurück,
den tödlichen Pfeil zu schnellen.« - »Nimmermehr!« sprach Hildebad, »das kannst
- das darfst du nicht.«
    Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter:
»Ich bin dein König. Du hast mich selbst gewählt. Hell klang vor andern dein
Ruf: Heil König Witichis! Du weisst es, Gott weiss es: nicht ich habe die Hand
ausgestreckt nach dieser Krone! Ihr habt sie mir auf das Haupt gedrückt: nehmt
sie herunter, wenn ihr sie mir nicht mehr anvertraut. Aber solang ich sie trage,
traut mir und gehorcht: sonst seid ihr mit mir verloren.«
    »Du hast recht,« sagte der lange Hildebad und senkte das Haupt. »Vergib mir!
Ich mach' es gut im nächsten Gefecht.«
    »Auf, meine Feldherrn,« schloss Witichis, den Helm aufsetzend, »du, Totila,
eilst mir in wichtiger Sendung zu den Frankenkönigen nach Gallien: ihr andern,
fort zu euren Scharen, brecht das Lager ab: mit Sonnenaufgang geht's nach Rom.«
 
                               Siebentes Kapitel.
Wenige Tage darauf, am Abend des Einzugs der Goten in Rom, finden wir die jungen
»Ritter«: Lucius und Marcus Licinius, Piso, den Dichter, Balbus, den Feisten,
Julianus, den jungen Juristen, bei Cetegus, dem Präfekten, in vertrautem
Gespräch.
    »Das also ist die Liste der blinden Anhänger des künftigen Papstes
Silverius, meiner schlimmsten Argwöhner? Ist sie vollständig?« - »Sie ist es. Es
ist ein hartes Opfer,« rief Lucius Licinius, »das ich dir bringe, Feldherr.
Hätt' ich gleich, wie das Herz mich antrieb, Belisar aufgesucht, ich hätte jetzt
schon Neapolis mit belagert und bestürmt, statt dass ich hier die Katzentritte
der Priester belausche und die Plebejer marschieren und in Manipeln schwenken
lehre.« - »Sie lernen's doch nie wieder,« meinte Marcus.
    »Geduldet euch,« sagte Cetegus ruhig, ohne von einer Papyrusrolle
aufzublicken, die er in der Hand hielt. »Ihr werdet euch bald genug und lang
genug mit diesen gotischen Bären balgen dürfen. Vergesst nicht, dass das Raufen
doch nur Mittel ist, nicht Zweck.«
    »Weiss nicht,« zweifelte Lucius.
    »Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht,« sprach Cetegus;
»wir müssen diese Römer wieder an Schild und Schwert gewöhnen, sonst -« der
Ostiarius meldete einen gotischen Krieger. Unwillige Blicke tauschten die jungen
Römer.
    »Lass ihn ein!« sprach Cetegus, seine Schreibereien in einer Kapsel bergend.
Da eilte ein junger Mann im braunen Mantel der gotischen Krieger, einen
gotischen Helm auf dem Haupt, herein und warf sich an des Präfekten Brust.
    »Julius!« sprach dieser kalt zurücktretend. »Wie sehn wir uns wieder! Bist
du denn ganz ein Barbar geworden. Wie kamst du nach Rom?«
    »Mein Vater, ich geleite Valeria unter gotischem Schutz: ich komme aus dem
rauchenden Neapolis.« - »Ei,« grollte Cetegus, »hast du mit deinem blonden
Freund gegen Italien gestritten? Das steht einem Römer gut! Nicht wahr, Lucius?«
- »Ich habe nicht gefochten und werde nicht fechten in diesem Krieg, dem
unseligen. Weh denen, die ihn entzündet.«
    Cetegus mass ihn mit kalten Blicken. »Es ist unter meiner Würde und über
meiner Geduld, einem Römer die Schande solcher Gesinnung vorzuhalten. Wehe, dass
ein solcher Abtrünniger, mein Julius. Schäme dich vor diesen deinen
Altersgenossen. Seht, römische Ritter, hier ist ein Römer ohne Freiheitsdurst,
ohne Zorn auf die Barbaren!«
    Aber ruhig schüttelte Julius das Haupt. »Du hast sie noch nicht gesehen, die
Hunnen und Massageten Belisars, die euch die Freiheit bringen sollen. Wo sind
denn die Römer, von denen du sprichst? Hat sich Italien erhoben, seine Fesseln
abzuwerfen? Kann es sich noch erheben? Justinian kämpft mit den Goten, nicht
wir. Wehe dem Volk, das ein Tyrann befreit.«
    Cetegus gab ihm im geheimen recht, aber er wollte solche Worte nicht
billigen vor Fremden: »Ich muss allein mit diesem Philosophen disputieren.
Berichtet mir, wenn bei den Frommen etwas geschieht.«
    Und die Kriegstribunen gingen, mit verächtlichen Blicken auf Julius.
    »Ich möchte nicht hören, was die von dir reden!« sagte Cetegus ihnen
nachsehend. - »Das gilt mir gleich. Ich folge meinen eignen und nicht fremden
Gedanken.« - »Er ist Mann geworden«, sagte Cetegus zu sich selbst.
    »Und meine tiefsten und besten Gedanken, die diesen Krieg verfluchen, führen
mich hierher. Ich komme, dich zu retten und zu entführen aus dieser schwülen
Luft, aus dieser Welt von Falschheit und Lüge. Ich bitte dich, mein Freund, mein
Vater: folge mir nach Gallien.« - »Nicht übel,« lächelte Cetegus. »Ich soll
Italien aufgeben im Augenblick, da die Befreier nahen! Wisse: ich war es, der
sie herbeigerufen, ich habe diesen Kampf entfacht, den du verfluchst.« - »Ich
dacht' es wohl,« sprach Julius schmerzlich. »Aber wer befreit uns von den
Befreiern, wer endet diesen Kampf?«
    »Ich,« sprach Cetegus ruhig und gross. »Und du, mein Sohn, sollst mir dabei
helfen. Ja, Julius, dein väterlicher Freund, den du so kalt und nüchtern
schiltst, hat auch eine begeisterte Schwärmerei, wenn auch nicht für
Mädchenaugen und gotische Freundschaften. Lass diese Knabenspiele jetzt, du bist
ein Mann. Gib mir die letzte Freude meines öden Lebens und sei der Genosse
meiner Kämpfe und der Erbe meiner Siege! Es gilt Rom, Freiheit, Macht! Jüngling,
können dich diese Worte nicht rühren? Denk dir,« fuhr er, wärmer werdend, fort,
»diese Goten, diese Byzantiner - ich hasse sie wie du - die einen durch die
andern erschöpft, aufgerieben, und über den Trümmern ihrer Macht erhebt sich
Italien, Rom in alter Herrlichkeit! Auf dem kapitolinischen Hügel tront wieder
der Herrscher über Morgen- und Abendland: eine neue römische Welterrschaft,
stolzer, als sie dein cäsarischer Namensvetter geträumt, verbreitet Zucht, Segen
und Frucht über die Erde ...« -
    »Und der Herrscher dieses Weltreichs heisst Cetegus Cäsarius!«
    »Ja - und nach ihm: Julius Montanus! Auf, Julius, du bist kein Mann, wenn
dich dies Ziel nicht lockt!«
    Julius sprach bewundernd: »Mir schwindelt! Das Ziel ist sternenhoch: aber
deine Wege, sie sind nicht gerade. Ja, wären sie gerade, bei Gott, ich teilte
deinen Gang.
    Ja, rufe die römische Jugend zu den Waffen, herrsche beiden Barbarenheeren
zu: Räumt das heilige Latium!, führe einen offnen Krieg gegen die Barbaren und
gegen die Tyrannen: und an deiner Seite will ich stehen und fallen!« - »Du weisst
recht gut, dass dieser Weg unmöglich ist.« - »Und deshalb - ist's dein Ziel!« -
»Tor, erkennst du nicht, dass es gewöhnlich ist, aus gutem Stoff ein Gebilde
fertigen, dass es aber göttlich ist, aus dem Nichts, nur mit eigner
schöpferischer Kraft, eine neue Welt schaffen.« - »Göttlich? durch List und
Lüge? Nein.« - »Julius,« - »Lass mich offen sprechen, deshalb bin ich gekommen.
    O könnt' ich dich zurückrufen von dem dämonischen Pfade, der dich sicher in
Nacht und Verderben führt. Du weisst, - wie ich dein Bild verehre und liebe. Es
will mir nicht stimmen zu dieser Verehrung, was Griechen, Goten, Römer von dir
flüstern.«
    »Was flüstern sie?« fragte Cetegus stolz.
    »Ich mag's nicht denken: aber alles, was in diesen Zeiten Furchtbares
geschehen: Atalarichs, Kamillas, Amalaswintens Untergang, der Byzantiner
Landung, du wirst dabei genannt, wie der Dämon, der alles Böse schafft. Sage
mir, schlicht und treu, dass du frei bist von dunkeln -«
    »Knabe!« fuhr Cetegus auf, »willst du mir zur Beichte sitzen und zu
Gericht? Lerne erst das Ziel begreifen, eh' du die Mittel schiltst.
    Meinst du, man baut die Weltgeschichte aus Rosen und Lilien? Wer das Grosse
will, muss das Grosse tun, nennen's die Kleinen gut oder schlecht.« - »Nein und
dreimal nein! ruft dir mein ganzes Herz entgegen. Fluch dem Ziel, zu dem nur
Frevel führen. Hier scheiden sich unsre Pfade.«
    »Julius, geh' nicht! Du verschmähst, was noch nie einem Sterblichen geboten
ward. Lass mich einen Sohn haben, für den ich ringe, dem ich die Erbschaft meines
Lebens hinterlassen kann.« - »Fluch und Lüge und Blut kleben daran. Und sollt'
ich sie schon jetzt antreten: - ich will sie nie! Ich gehe, dass sich dein Bild
nicht noch mehr vor mir verdunkle. Aber ich flehe dich um Eins: wann der Tag
kommt (und er wird kommen), da dich ekelt all' des Blutes und des frevlen
Trachtens und des Zieles selbst, das solche Taten fordert, - - dann rufe mir:
ich will herbeieilen, wo immer ich sei, und will dich losringen und loskaufen
von den dämonischen Mächten und sei's um den Preis meines Lebens.«
    Leichter Spott zuckte zuerst um des Präfekten Lippe, aber er dachte: »Er
liebt mich noch immer. Gut, ich werde ihn rufen, wenn das Werk vollendet: lass
sehen, ob er ihm dann widerstehen kann, ob er den Tron des Erdkreises
ausschlägt.« - »Wohl,« sagte er, »ich werde dich rufen, wenn ich dein bedarf.
Leb' wohl.« Und mit kalter Handbewegung entliess er den Heissbewegten.
    Aber als die Türe hinter ihm zugefallen, nahm der eisige Präfekt ein kleines
Relief von getriebenem Erz aus einer Kapsel und betrachtete es lang. Dann wollte
er es küssen. Aber plötzlich flog der höhnische Zug wieder um seine Lippen.
»Schäme dich vor Cäsar, Cetegus,« sagte er, und legte das Medaillon wieder in
die Kapsel. Es war ein Frauenkopf und Julius sehr ähnlich.
 
                                Achtes Kapitel.
Inzwischen war es dunkler Abend geworden. Der Sklave brachte die zierliche
Bronzelampe, korintische Arbeit: ein Adler, der im Schnabel den Sonnenball
trägt, gefüllt mit persischem Duftöl. »Ein gotischer Krieger steht draussen,
Herr, er will dich allein sprechen. Er sieht sehr unscheinbar aus. Soll er die
Waffen ablegen?« »Nein,« sagte Cetegus, »wir fürchten die Barbaren nicht. Lass
ihn kommen.« Der Sklave ging und Cetegus legte die Rechte an den Dolch im Busen
seiner Tunika.
    Ein stattlicher Gote trat ein, die Mantelkapuze über den Kopf geschlagen: er
warf sie jetzt zurück.
    Cetegus trat erstaunt einen Schritt näher. »Was führt den König der Goten
zu mir?«
    »Leise!« sprach Witichis. »Es braucht niemand zu wissen, was wir beide
verhandeln. Du weisst: seit gestern und heute ist mein Heer von Regeta in Rom
eingezogen. Du weisst noch nicht, dass wir Rom morgen wieder räumen werden.«
    Cetegus horchte hoch auf.
    »Das befremdet dich?« - »Die Stadt ist fest,« sagte Cetegus ruhig. »Ja,
aber nicht die Treue der Römer. Benevent ist schon abgefallen zu Belisar. Ich
habe nicht Lust, mich zwischen Belisar und euch erdrücken zu lassen.«
    Vorsichtig schwieg Cetegus, er wusste nicht, wo das hinaus sollte. »Weshalb
bist du gekommen, König der Goten?« - »Nicht um dich zu fragen, wie weit man den
Römern trauen kann. Auch nicht, um zu klagen, dass wir ihnen so wenig trauen
können, die doch Teoderich und seine Tochter mit Wohltaten überhäuft; sondern
um grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir zu schlichten, zu eurem wie zu unsrem
Frommen.«
    Cetegus staunte. In der stolzen Offenheit dieses Mannes lag etwas, das er
beneidete. Er hätte es gern verachtet. »Wir werden Rom verlassen: und alsbald
werden die Römer Belisar aufnehmen. Das wird so kommen. Ich kann's nicht
hindern. Man hat mir geraten, die Häupter des Adels als Geiseln mit
hinwegzuführen.«
    Cetegus erschrak und hatte Mühe, das zu verbergen.
    »Dich vor allen, den Princeps Senatus.« - »Mich!« lächelte Cetegus. - »Ich
werde dich hier lassen. Ich weiss es wohl: du bist die Seele von Rom.«
    Cetegus schlug die Augen nieder. »Ich nehme das Orakel an,« dachte er.
    »Aber eben deshalb lass ich dich hier. Hunderte, die sich Römer nennen,
wollen die Byzantiner zu ihren Herren, - du, du willst das nicht.« Cetegus sah
ihn fragend an.
    »Täusche mich nicht! Wolle mich nicht täuschen. Ich bin der Mann
verschlagner Künste nicht. Aber mein Auge sieht der Menschen Art. Du bist zu
stolz, um Justinian zu dienen. Ich weiss, du hassest uns. Aber du liebst auch
diese Griechen nicht und wirst sie nicht länger hier dulden als du musst. Deshalb
lass ich dich hier: vertritt du Rom gegen die Tyrannen: ich weiss, du liebst die
Stadt.«
    Es war etwas an diesem Mann, das Cetegus zum Staunen zwang. »König der
Goten,« sagte er, »du sprichst klar und gross wie ein König, ich danke dir. Man
soll nicht sagen von Cetegus, dass er die Sprache der Grösse nicht versteht. Es
ist, wie du sagst: ich werde mein Rom nach Kräften römisch erhalten.«
    »Gut,« sagte Witichis, »sieh, man hat mich gewarnt vor deiner Tücke: ich
weiss viel von deinen schlauen Plänen: ich ahne noch mehr: und ich weiss, dass ich
gegen Falschheit keine Waffe habe. Aber du bist kein Lügner. Ich wusste, ein
männlich Wort ist unwiderstehlich bei dir: und Vertrauen entwaffnet einen Feind,
der ein Mann.«
    »Du ehrst mich, König der Goten.«
    »Ich will dich warnen: weisst du, wer die wärmsten Freunde Belisars?« - »Ich
weiss es: Silverius und die Priester.« - »Richtig. Und weisst du, dass Silverius,
sowie der alte Papst Agapetus gestorben, den Bischofsstuhl von Rom besteigen
wird?«
    »So hör' ich.«
    »Man riet mir, auch ihn als Geisel fortzuführen. Ich werd' es nicht tun. Die
Italier hassen uns genug. Ich will nicht noch in das Wespennest der Pfaffen
stossen. Ich fürchte die Märtyrer.«
    Aber Cetegus wäre den Priester gern losgeworden. »Er wird gefährlich auf
dem Stuhl Petri,« meinte er.
    »Lass ihn nur! Der Besitz dieses Landes wird nicht durch Priesterkunst
entschieden.« - »Wohlan,« sprach Cetegus, die Papyrusrolle vorzeigend, »ich
habe hier die Namen seiner wärmsten Freunde zufällig beisammen. Es sind wichtige
Männer.«
    Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte, die Goten sollten so seine
gefährlichsten Feinde als Geiseln mitführen.
    Aber Witichis wies ihn ab. »Lass das! Ich werde gar keine Geiseln nehmen. Was
nützt es, ihnen die Köpfe abzuschlagen? Du, dein Wort soll mir für Rom bürgen.«
    »Wie meinst du das? ich kann Belisar nicht abhalten.«
    »Du sollst es nicht: Belisar wird kommen: aber verlass dich drauf: er wird
auch wieder gehn. Wir Goten werden diesen Feind bezwingen: vielleicht erst nach
hartem Kampf: aber gewiss. Dann aber gilt es den zweiten Kampf um Rom.«
    »Einen zweiten?« fragte Cetegus ruhig, »mit wem?«
    Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ins Antlitz
mit einem Auge wie die Sonne: »Mit dir, Präfekt von Rom!«
    »Mit mir!« Und er wollte lächeln, aber er konnte nicht.
    »Verleugne nicht dein Liebstes, Mann: es ist deiner nicht würdig. Ich weiss
es, für wen du die Türme und Schanzen um diese Stadt erbaut: nicht für uns und
nicht für die Griechen! für dich! Ruhig! Ich weiss, was du sinnest, oder ich ahn'
es: kein Wort! Es sei! Sollen Griechen und Goten um Rom kämpfen und kein Römer?
Aber höre: Lass nicht einen zweiten jahrelangen Krieg unsre Völker hinraffen.
    Wenn wir die Byzantiner niedergekämpft, hinausgeworfen aus unserm Italien, -
dann, Cetegus, will ich dich erwarten vor den Mauern Roms; nicht zur Schlacht
unsrer Völker, - zum Zweikampf: Mann gegen Mann, du und ich, wir wollen's um Rom
entscheiden.«
    Und in des Königs Blick und Ton lag eine Grösse, eine Würde und Hoheit, die
den Präfekten verwirrte. Er wollte heimlich spotten der einfältigen Schlichteit
des Barbaren. Aber es war ihm, als könne er sich selbst nie mehr achten, wenn er
diese Grösse nicht zu achten, nicht zu ehren, nicht zu erwidern fähig sei. So
sprach er ohne Spott: »Du träumst, Witichis, wie ein gotischer Knabe.«
    »Nein, ich denke und handle wie ein gotischer Mann. Cetegus, du bist der
einzige Römer, den ich würdige, so mit ihm zu reden. Ich habe dich fechten sehen
im Gepidenkrieg: du bist meines Schwertes würdig. Du bist älter als ich, wohlan:
ich gebe dir den Schild voraus!«
    »Seltsam seid ihr Germanen,« sagte Cetegus unwillkürlich: »was für
Phantasien!«
    Aber jetzt furchte Witichis die offne Stirn: »Phantasien? Wehe dir, wenn du
nicht fähig bist, zu fühlen, was aus mir spricht. Wehe dir, wenn Teja recht
behält! Er lachte zu meinem Plan sprach: Das fasst der Römer nicht! Und er riet
mir, dich gefangen mitzufahren. Ich dachte grösser von dir und Rom. Aber wisse:
Teja hat dein Haus umstellt: und bist du so klein oder so feig, mich nicht zu
fassen, - in Ketten führen wir dich aus deinem Rom. Schmach dir, dass man dich
zwingen muss zur Ehre und zur Grösse.«
    Da ergrimmte Cetegus. Er fühlte sich beschämt. Jenes Ritterliche war ihm
fremd und es ärgerte ihn, dass er es nicht verhöhnen konnte.
    Es ärgerte ihn, dass man ihn mit Gewalt nötigte, dass man seiner freien Wahl
misstraut habe. Wütender Hass gegen Tejas Missachtung wie gegen des Königs brutale
Offenheit loderte in ihm auf. All diese Eindrücke rangen in ihm, er hätte gern
den Dolch in des Germanen breite Brust gestossen. Fast hätte er vorhin aus
soldatischem Ehrgefühl im vollen Ernst sein Wort gegeben. Jetzt durchzuckte ihn
ein davon sehr verschiedenes, unschönes Gefühl der Schadenfreude. Sie hatten ihm
nicht getraut, die Barbaren: sie hatten ihn gering erachtet: nun sollten sie
gewiss betrogen sein! Und mit scharfem Blick vortretend fasste er des Königs Hand.
»Es gilt,« rief er.
    »Es gilt,« sprach Witichis, fest seine Hand drückend.
    »Mich freut es, dass ich recht behielt und nicht Teja. Leb wohl! hüte mir
unser Rom. Von dir fordre ich es wieder in ehrlichem Kampf.« Und er ging.
    »Nun,« sprach Teja draussen mit den andern Goten rasch vortretend, »soll ich
das Haus stürmen?«
    »Nein,« sagte Witichis, »er gab mir sein Wort.«
    »Wenn er's nur hält!«
    Da trat Witichis heftig zurück. »Teja! dich macht dein finstrer Sinn
ungerecht! Du hast kein Recht, an eines Helden Ehre zu zweifeln. Cetegus ist
ein Held.«
    »Er ist ein Römer. Gute Nacht!« sagte Teja, das Schwert einsteckend. Und er
ging mit seinen Goten andren Weges.
    Cetegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs Lager. Er war uneins in
sich. Er grollte mit Julius. Er grollte bitter mit Witichis, bittrer noch mit
Teja. Am bittersten mit sich selbst.
                                     * * *
    Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal Volk, Senat und Klerus
der Stadt bei den Termen des Titus. Von der höchsten Stufe der Marmortreppe des
stolzen Gebäudes herab, die von den Grossen des Heeres besetzt war, hielt der
König eine schlichte Ansprache an die Römer. Er erklärte, dass er auf kurze Zeit
die Stadt räumen und zurückweichen werde. Bald aber werde er wiederkehren.
    Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft, der Wohltaten
Teoderichs und Amalaswintens, und forderte sie auf, Belisar, falls er
heranrücke, mutig zu widerstehen, bis die Goten zum Entsatz wieder heranrückten:
der Römer wieder an die Waffen gewöhnte Legionare und ihre starken Mauern
machten langen Widerstand möglich.
    Zuletzt forderte er den Eid der Treue und liess sie nochmals feierlich
schwören, dass sie ihre Stadt auf Leben und Tod gegen Belisar verteidigen
wollten. Die Römer zögerten: denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager
Belisars und sie scheuten den Meineid.
    Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via her: und an dem
slavischen Amphiteater vorbei zog eine grosse Prozession von Priestern mit
Psalmengesang und Weihrauchschwang heran. In der Nacht war Papst Agapet
gestorben und in aller Eile hatte man Silverius, den Archidiakon, zu seinem
Nachfolger gewählt.
    Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern heran: die Insignien der
Bischofswürde von Rom wurden vorausgetragen: silberstimmige Knaben sangen in
süssen und doch weihevollen Weisen.
    Endlich nahte die Sänfte des Papstes: offen, breit, reichvergoldet, einem
Schiffe nachgebildet. Die Träger gingen langsam, Schritt für Schritt, nach dem
Takt der Musik, von ringsum drängendem Volk umwogt, das nach dem Segen seines
neuen Bischofs verlangte.
    Silverius spendete unablässig denselben, mit seinem klugen Haupte rechts und
links hin nickend.
    Eine grosse Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden Söldnern schloss
die Prozession. Sie hielt inne, als sie in die Mitte des Platzes gelangt war.
    Schweigend, mit trotzigen Augen, sahen die arianischen, gotischen Krieger,
die alle Mündungen des Platzes besetzt hielten, den stolzen, prachtentfaltenden
Aufzug der ihnen feindlichen Kirche, indes die Römer die Ankunft ihres
Seelenhirten um so freudiger begrüssten, als seine Stimme ihre Gewissenszweifel
wegen des zu leistenden Eides lösen sollte.
    Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte Volk beginnen, als
der Arm eines turmlangen Goten, über die Brüstung der Sänfte hereinlangend, ihn
an dem goldbrokatnen Mantel zupfte.
    Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Störung wandte Silverius das strenge
Gesicht, aber uneingeschüchtert sprach der Gote, den Ruck wiederholend: »Komm,
Priester, du sollst hinauf zum König.«
    Silverius hätte es angemessener gefunden, wenn der König zu ihm
heruntergekommen wäre, und Hildebad schien etwas dergleichen in seinen Mienen zu
lesen. Denn er rief: »'s ist nicht anders! duck' dich, Pfäfflein!«
    Und damit drückte er einen der die Sänfte tragenden Priester an der Schulter
nieder: die Träger liessen sich nun auf die Kniee herab, und seufzend stieg
Silverius heraus, Hildebad auf die Treppe folgend.
    Als er vor Witichis angelangt war, ergriff dieser seine Hand, trat mit ihm
vor, an den Rand der Treppe, und sprach: »Ihr Männer von Rom, diesen hier haben
eure Priester zu eurem Bischof bezeichnet. Ich genehmige die Wahl: er sei Papst,
sobald er mir Gehorsam geschworen und euch den Eid der Treue für mich abgenommen
hat. Schwöre, Priester!«
    Nur einen Augenblick war Silverius betroffen.
    Aber sogleich wieder gefasst, wandte er sich mit salbungsvollem Lächeln zu
dem Volk, dann zum König. »Du befiehlst?« sprach er.
    »Schwöre,« rief Witichis, »dass du in unsrer Abwesenheit alles aufbieten
wirst, diese Stadt Rom in Treue zu den Goten zu erhalten, denen sie soviel
verdankt; in allen Stücken uns zu fördern, unsre Feinde aber zu schädigen.
Schwöre Treue den Goten.«
    »Ich schwöre,« sagte Silverius, sich zu dem Volke wendend. »Und so fordre
ich, der ich die Macht habe, die Seelen zu binden und zu lösen, euch, ihr Römer,
umstarret rings von gotischen Waffen, auf, im gleichen Sinne zu schwören, wie
ich geschworen habe.«
    Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden zu haben und
erhoben unbedenklich die Finger zum Schwur. Da besann sich auch die Menge nicht
länger, und der Platz erscholl von dem lauten Ruf: »Wir schwören Treue den
Goten.«
    »Es ist gut, Bischof von Rom,« sprach der König. »Wir bauen auf euren
Schwur. Lebt wohl, ihr Römer! Bald werden wir uns wiedersehen.« Und er schritt
die breiten Stufen nieder. Teja und Hildebad folgten ihm.
    »Jetzt bin ich nur begierig ...« - sagte Teja.
    »Ob sie es halten?« meinte Hildebad.
    »Nein. Gar nicht. Aber wie sie's brechen. Nun, der Priester wird's schon
finden.«
    Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur Porta Flaminia hinaus, die
Stadt ihrem Papst und dem Präfekten überlassend, während Belisar in Eilmärschen
auf der Via Latina nahte.
 
                                Neuntes Kapitel.
In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches Leben. Die Tore waren
geschlossen: auf den Zinnen und Mauerkronen schritten zahlreiche Wachen, in den
Strassen klirrte es von Zügen reisiger Goten und bewaffneter Söldner: denn die
Wölsungen Guntaris und Arahad hatten sich in diese Stadt geworfen und sie
einstweilen zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes gegen Witichis gemacht.
    In der schönen Villa, die sich Teoderich in einer Vorstadt am Ufer des
Arnus, aber noch in den Ringmauern der Stadt, gebaut, hausten die beiden Brüder.
    Herzog Guntaris von Tuscien, der ältere, war ein gefürchteter Kriegsmann
und seit Jahren Graf der Stadt Florentia: rings in ihrem Weichbild lagen die
Güter des mächtigen Adelsgeschlechts, von Tausenden von Colonen und Hintersassen
bebaut: ihre Macht in dieser Stadt und Landschaft war ohne Schranken und Herzog
Guntaris war entschlossen, sie völlig zu gebrauchen.
    In voller Rüstung, den Helm auf dem Haupt, schritt der stattliche Mann
unwillig durch das marmorgetäfelte Zimmer, indes der jüngere Bruder in schmucker
Feiertracht, ohne Waffen, schweigend und sinnend an dem Citrustisch lehnte, der
von Briefen und Pergamenten bedeckt war.
    »Entschliesse dich, mach' vorwärts, mein Junge!« sprach Guntaris: »es ist
mein letztes Wort. Noch heute bringst du mir das Ja des störrigen Kindes oder
ich - hörst du? - ich selbst gehe, es zu holen. Aber dann, wehe ihr. Ich weiss
besser als du umzuspringen mit einem launischen Mädchenkopf.«
    »Bruder, das wirst du nicht.«
    »Beim Donner, das werd' ich. Meinst du, ich wage meinen Kopf, ich versäume
das Glück unsres Hauses um deine schmachtende Zarteit? Jetzt oder nie ist der
Augenblick, den Wölsungen endlich die erste Stelle im Volk zu schaffen, die
ihnen gebührt und von der Amaler und Balten sie seit Jahrhunderten
ausgeschlossen. Wird die letzte Amalungentochter dein Weib, kann niemand dir die
Krone bestreiten: und mein Schwert soll sie schon schützen auf deinem Haupt
gegen diesen Bauernkönig Witichis.
    Aber nicht zu lange mehr darf's währen. Ich habe noch keine Nachricht von
Ravenna: doch ich fürchte, die Stadt wird nur Mataswinta, nicht uns, zufallen,
das heisst, nicht uns allein; wer sie hat, hat aber Italien, nachdem Neapolis und
Rom verloren: die mächtige Festung müssen wir haben. Deshalb muss sie dein Weib
sein, eh' wir vor die Rabenmauern ziehen: sonst wird ruchbar, dass sie mehr unsre
Gefangene als unsre Königin.«
    »Wer wünscht das mehr, heisser als ich? aber ich kann sie doch nicht
zwingen?« - »Nicht? warum nicht? Suche sie auf und gewinne sie im guten oder
bösen. Ich gehe, die Wachen auf den Wällen zu verstärken. Bis ich zurück bin,
will ich Antwort!«
    Herzog Guntaris ging: und seufzend machte sich sein Bruder nach dem Garten
auf, Mataswinta zu suchen.
    Der Garten war von einem kunstverständigen Freigelassenen aus Kleinasien
angelegt. Er hatte im Hintergrund einen waldähnlichen Abschluss, der, frei von
Beeten und Terrassen, das wunderbar reiche Wiesengrün noch erhalten hatte. Diese
blumigen Wiesenufer und dichte Oleanderbüsche durchrieselte ein klarer Bach, mit
anmutigem Gewoge.
    Dicht an dem Rande des Baches, im weichen Grase hingegossen, lag eine
jugendliche Frauengestalt. Sie hatte von dem rechten Arm das Gewand
zurückgeschlagen und schien bald mit den murmelnden Wellen, bald mit den
nickenden Blumen am Rande zu spielen. Sinnend sah sie vor sich hin und warf wie
träumend hier und da ein Veilchen oder einen Krokus in die Wellen, mit leise
geöffneten Lippen der Blüte nachsehend, die rasch die klaren Wellen entführten.
    Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Mädchen in maurischer
Sklaventracht, eifrig beschäftigt, einen Kranz fertig zu flechten, an welchem
nur die letzten Verbindungen fehlten: sorgsam spähte die anmutfeine Kleine
manchmal, ob die Träumende ihre heimliche Arbeit nicht gewahre.
    Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren.
    Endlich war der zierliche Kranz vollendet: mit lachenden Augen drückte sie
ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar der Herrin und bog sich um ihre
Schulter, deren Blick zu suchen. Aber diese hatte gar nicht bemerkt, wie die
Blumen ihr Haupt berührten. Da ward die Kleine unwillig und rief mit schmollend
aufgeworfnen Lippen: »Aber Herrin, bei den Palmenwipfeln des Auras, was denkest
du wieder? Bei wem bist du?«
    Mataswinta schlug die leuchtenden Augen auf: »Bei ihm!« flüsterte sie.
    »Weisse Göttin, das trag' ich nicht mehr!« rief die Kleine aufspringend, »es
ist zu arg, die Eifersucht bringt mich um! Nicht mich, deine Gazelle nur, auch
die eigne Schönheit vergisst du - über dem unsichtbaren Mann: schau' doch nur
einmal in die Wellen und sieh, wie reizend dein Haar von den dunkeln Veilchen
und weissen Anemonen sich hebt.«
    »Dein Kranz ist schön!« sagte Mataswinta, ihn herunterlangend und dann
leicht in die Wellen werfend, »welch süsse Blumen! Grüsst ihn von mir.«
    »Ach, meine armen Blumen!« rief die Sklavin, ihnen nachblickend; aber sie
wagte nicht, weiter zu schelten. »Sag' mir nur,« rief sie, sich wieder
niederlassend, »wie all dies enden soll? Da sind wir jetzt schon viele Tage, wir
wissen nicht recht, Königin oder Gefangne? Jedenfalls in fremder Gewalt: haben
den Fuss nicht aus deinem Gemach oder diesem hochummauerten Garten gesetzt und
wissen nichts von der ganzen Welt. Du aber bist immer still und selig, als müsste
das alles so sein.«
    »Es muss auch alles so sein.«
    »So? und wie wird es enden?«
    »Er wird kommen und wird mich befreien.«
    »Nun, Weisslilie! du hast einen starken Glauben. Wären wir daheim im
Mauretanierland und sähe ich dich nachts zu den Sternen blicken, so sagte ich
wohl: du habest das alles in den Sternen gelesen. Aber so! Ich begreife das
nicht« - und sie schüttelte die schwarzen Locken - »Ich werde dich nie
begreifen.«
    »Doch, Aspa! du wirst und sollst,« sprach Mataswinta sich aufraffend und
zärtlich den weissen Arm um den braunen Nacken schlingend, »deine treue Liebe
verdient längst diesen Lohn, den besten, den ich zu spenden habe.«
    In der Sklavin dunkles Auge trat eine Träne. »Lohn?« sprach sie. »Aspa ward
geraubt von wilden Männern mit roten, fliegenden Locken. Aspa ist eine Sklavin.
Alle haben sie gescholten, viele geschlagen. Du hast mich gekauft wie man eine
Blume kauft. Und du streichelst mir Wange und Haar. Und bist so schön wie die
Göttin der Sonne und sprichst von Lohn?« Und sie schmiegte das Köpfchen an der
Herrin Busen.
    »Du bist meine Gazelle!« sagte diese, »und hast ein Herz wie Gold. Du sollst
alles wissen, was niemand weiss, ausser mir. Höre also. Ich hatte eine Kindheit
ohne Freude, ohne Liebe: und doch verlangte meine junge Seele nach Weichheit,
nach Liebe. Meine arme Mutter hatte einen Knaben, einen Tronerben heiss
gewünscht und sicher erwartet: - und mit Widerwillen, mit Kälte und Härte
behandelte sie das Mädchen. Als Atalarich geboren war, nahm die Härte ab, aber
die Kälte nahm zu: dem Erben der Krone allein ward alle Liebe und Sorge. Ich
hätte es nicht empfunden, hätte ich nicht in meinem weichen Vater den Gegensatz
gesehen: ich fühlte, wie auch er litt unter der kalten Härte seiner Gattin: und
oft drückte mich der kranke Mann mit Seufzen, mit Tränen an die Brust.
    Und als er gestorben und begraben war, da war mir alle Liebe in der Welt
erstorben. Wenig sah ich Atalarich, der von andern Lehrern und im andern Teil
des Palastes erzogen ward: weniger noch die Mutter: fast nur, wenn sie mich zu
strafen hatte. Und doch liebte ich sie so sehr: und doch sah ich, wie meine
Wärterinnen und Lehrerinnen ihre eignen Kinder liebten, herzten und küssten: und
nach gleicher Wärme verlangte mit aller Macht mein Herz.
    So wuchs ich heran, wie eine bleiche Blume ohne Sonnenlicht!
    Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab meines Vaters Eutarich
im stillen Königsgarten zu Ravenna. Da suchte ich bei dem Toten die Liebe, die
ich bei den Lebenden nicht fand: und sowie ich meinen Wärtern entrinnen konnte,
eilte ich dortin, zu sehnen und zu weinen. Und dies Sehnen wuchs, je älter ich
ward: in Gegenwart der Mutter musste ich all meine Gefühle zusammenpressen: sie
verachtete es, wenn ich sie zeigte.
    Und wie ich vom Kind zum Mädchen heranwuchs, merkte ich wohl, dass die Augen
der Menschen oft wie bewundernd auf mir ruhten: aber ich dachte, sie bedauerten
mich: und das tat mir weh. Und öfter und öfter flüchtete ich zum Grabe des
Vaters, bis es der Mutter gemeldet ward: und ich ward verklagt, dass ich dort
weinte und ganz verstört zurückkäme.
    Zornig verbat mir die Mutter, ohne sie das Grab wieder zu besuchen: und
sprach von verächtlicher Schwäche.
    Aber dawider empörte sich mein Herz und ich besuchte das Grab trotz dem
Verbot. Da überraschte sie mich einst daselbst: und schlug mich: und ich war
doch kein Kind mehr: und führte mich in den Palast zurück: und schalt mich
schwer: und drohte, mich zu verstossen für immer: und fragte im Scheiden zürnend
den Himmel, warum er sie mit einem solchen Kinde gestraft.
    Das war zuviel.
    Namenlos elend beschloss ich, dieser Mutter zu entrinnen, der ich zur Strafe
leben sollte, und davonzugehen, wo mich niemand kennte: ich wusste nicht wohin:
am liebsten in das Grab zu meinem Vater.
    Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, ich eilte nochmals an
das geliebte Grab zu langem, tränenreichem Abschied. Schon gingen die Sterne
auf, da huschte ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch die dunkeln
Strassen der Stadt an das faventinische Tor. Glücklich schlüpfte ich an der Wache
vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf der Strasse fort, gradaus in die
Nacht, ins Elend.
    Aber auf der Strasse kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand. Als ich an
ihm vorüber wollte, schritt er plötzlich heran, sah mir ins Antlitz und legte
die Hand leicht auf meine Schulter: Wohin, Jungfrau Mataswinta, allein, in so
später Nacht?
    Ich erbebte unter seiner Hand, Tränen brachen aus meinen Augen, und
schluchzend rief ich: In die Verzweiflung!
    Da fasste der Mann meine beiden Hände und sah mich an, so freundlich, so
mild, so besorgt. Dann trocknete er meine Tränen mit seinem Mantel und sprach in
weichem Ton der tiefsten Güte: Und warum? Was quält dich so?
    Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme. Und wie ich in
sein mildes Auge sah, war ich meiner selbst nicht mehr mächtig. Weil mich die
eigne Mutter hasst, weil's keine Liebe für mich gibt auf Erden. - Kind! Kind! Du
bist krank, sagte er, und redest irr. Komm, komm mit mir zurück! Du? warte nur!
du wirst noch eine Königin der Liebe werden.
    Ich verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich für diese Worte, diese
Milde. Fragend, staunend, hilflos sah ich ihm ins Auge. Ich bebte und zitterte.
Es musste ihn rühren; oder er dachte, es sei die Kälte.
    Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um meine Schultern und führte
mich langsam zurück durchs Tor, auf unbelebten Strassen, durch die Stadt nach dem
Palast.
    Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm, das Haupt,
das er mir sorglich verhüllte, an seine Brust gelehnt. Er schwieg und trocknete
mir nur manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte, gelangten wir an die
Türe der Palasttreppe: er öffnete sie, schob mich sanft hinein: dann drückte er
mir die Hand. Gut sein, sagte er, und ruhig. Dein Glück wird dir schon kommen.
Und Liebe genug. Und er legte leise die Hand auf mein Haupt, schloss die Türe
hinter mir und stieg die Treppe hinab.
    Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Tür und konnte nicht fort. Mein Fuss
versagte, mein Herz pochte.
    Da hört' ich, wie eine rauhe Stimme ihn ansprach:
    Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schloss, mein Freund? Er aber
antwortete: Du bist's, Hildebrand? Du verrätst sie nicht! Es war das Kind
Mataswinta: sie hat sich verirrt in der Nacht, in der Stadt, und fürchtete den
Zorn ihrer Mutter. - Mataswinta! sprach der andre, die wird täglich schöner.
Und mein Beschützer sprach« - und sie stockte und flammend Rot schoss über ihre
Wangen ... -
    »Nun,« fragte Aspa, sie gross ansehend, »was sagte er?«
    Aber Mataswinta drückte Aspas Köpfchen nieder an ihre Brust. »Er sagte,«
flüsterte sie - »er sagte: - die wird das schönste Weib auf Erden!«
    »Da hat er recht gesagt,« sprach die Kleine, »was brauchst du da rot zu
werden? Ist's doch so! Nun aber weiter! Was tatest du?«
    »Ich schlich auf mein Lager und weinte, weinte Tränen der Trauer, der Wonne,
der Liebe, alles durcheinander. In jener Nacht stieg eine Welt, ein Himmel in
mir auf: er war mir gut, das fühlte ich, und er nannte mich schön. Ja, jetzt
wusst' ich es: ich war schön, und ich war selig darüber: ich wollte schön sein:
für ihn! O wie glücklich war ich! seine Begegnung brachte Glanz in mein Dunkel,
Segen in mein Leben. Ich wusste jetzt, man konnte mir gut sein, man konnte mich
lieben! Sorglich pflegte ich des Leibes, den er gelobt. Die süsse Macht in meinem
Herzen breitete eine milde Wärme über mein ganzes Wesen: ich ward weicher und
inniger: und selbst der Mutter strenger Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich,
seit ich nur sanfte Liebe ihrer Härte entgegengab: und täglich wurden alle
Herzen gütiger gegen mich, wie ich weicher gegen alle.
    Und all' das dankte ich ihm: er hatte mir die Flucht in Schmach und Elend
erspart und mir eine ganze Welt von Liebe gewonnen. Seitdem lebte und lebe ich
nur für ihn.« Und sie hielt inne und legte die Linke auf die wogende Brust.
    »Aber, Herrin, wann hast du ihn wieder gesehen? gesprochen? Lebt deine Liebe
von so karger Kost?«
    »Gesprochen nie mehr: gesehen nur einmal noch: am Todestage Teoderichs
befehligte er die Palastwache, da sagte mir Atalarich seinen Namen: denn nie
hätte ich gewagt, nach ihm zu forschen, aus Furcht, meine Flucht, ach, mein
Geheimnis zu verraten. Er war nicht am Hof: und wann er dort erscheinen mochte,
war ich auf den Villen.«
    »So weisst du weiter gar nichts von ihm, von seinem Leben, von seiner
Vergangenheit.«
    »Wie hätt' ich forschen können! glühende Scham hätte mich verraten! Lieb'
ist des Schweigens Tochter und der Sehnsucht. Aber von seiner, von unsrer
Zukunft weiss ich.«
    »Von eurer Zukunft?« lächelte Aspa.
    »An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun und erhielt von König
Teoderich fremde Kräuter und Wurzeln, die er ihr aus Asien bringen liess und vom
Nil. Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafür, dass sie ihm als
Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt hatte: und war alles eingetroffen aufs
Haar: sie braute Salben und mischte Tränke: das Waldweib nannte man sie laut:
aber leise: die Wala, das Zauberweib. Und wir alle am Hof wussten - ausser den
Priestern, die hätten es gewehrt -, dass jede Sommersonnenwende, wann sie kam,
der König sich das Jahr vorhersagen liess. Und kam sie von ihm heraus, so riefen
sie, das wusste ich, meine Mutter und Teodahad und Gotelindis und fragten sie
aus: und nie blieb noch aus, was sie verkündet.
    Da, in der nächsten Sonnenwende, fasste auch ich mir ein Herz, lauerte der
Alten auf und lockte sie, wie ich sie allein fand, in mein Gemach und bot ihr
Gold und lichte Steine, wenn sie mir weissagen wollte.
    Aber sie lachte und zog ein Fläschchen von Bernstein hervor und sprach:
Nicht um Gold! Aber um Blut! Um mächtig Blut von einem reinen Königskind.
    Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing den Strahl in ihrem
Bernstein. Dann sah sie forschend in meine beiden Hände und sang endlich tonlos:
Den du hältst im Herzen hoch, der gibt dir grössten Glanz und grösstes Glück,
schafft dir allerschärfsten Schmerz, wird dein Gemahl, dein Gatte nicht. Und
damit war sie hinaus.«
    »Das ist wenig tröstlich, - soviel ich's fasse.«
    »Du kennst der Alten Sprüche nicht: sie sind alle so dämmmer-dunkel: sie
fügt jeder Verheissung eine Drohung bei, für alle Fälle: ich aber halte mich an
das Helle, nicht an das Dunkle. Weissagung erfüllt sich, wie man sie fasst: ich
weiss: er wird mein und bringt mir Glanz und Glück: den Schmerz daneben will ich
tragen: Schmerz um ihn ist Wonne.«
    »Ich bewundre dich, Herrin, und deinen Glauben. Und auf den Spruch der Hexe
hin hast du ausgeschlagen all' die Könige und Fürsten, vom Vandalen- und
Westgoten-, Franken- und Burgunderland, die um dich freiten? selbst Germanus,
den edeln, den kaiserlichen Prinzen von Byzanz? und harrst auf ihn?«
    »Und harr' auf ihn! Aber nicht des Spruches allein wegen. In meinem Herzen
lebt ein Vögelein, das singt mir alle Tage: er wird dein, er muss dein werden.
Ich weiss es sternengewiss«, schloss sie, das Auge zum Himmel aufschlagend und in
die frühere Träumerei versinkend.
    Rasche Schritte tönten von der Villa her. »Ah,« rief Aspa, »dein schmucker
Freier! Armer Arahad, du verlierst deine Mühe!«
    »Ich will dem Spiel ein Ende machen heut'!« sprach Mataswinta, sich
erhebend: und auf ihrer Stirn, in ihren Augen; lag jetzt eine zornige Strenge,
die das Blut der Amaler in ihren Adern bekundete: es lebte eine seltsame
Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender Weichheit in dem
Mädchen. Aspa staunte oft über das verhaltne Feuer in ihrer Herrin. »Du bist wie
die Götterberge in meiner Heimat,« sagte sie: »Schnee auf dem Gipfel: Rosen um
den Gürtel: aber im Innern versengendes Feuer: das oft über Schnee und Rosen
strömt.«
    Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und neigte sich vor dem schönen
Weibe mit einem Erröten, das ihm wohl anstand. »Ich komme,« sagte er, »Königin
...« -
    Aber herb unterbrach sie ihn. »Hoffentlich, Graf von Asta, kommst du,
endlich diesem schnöden Spiel von Gewalt und Lüge ein Ende zu machen.
    Nicht länger will ich's tragen. Dein kecker Bruder überfällt mich plötzlich,
die wehrlose, in die Trauer um ihre Mutter versunkene Waise, in meinen
Gemächern, nennt mich in einem Atem seine Königin und seine Gefangene und hält
mich wochenlang in unwürdiger Haft. Er bringt mir den Purpur und nimmt mir die
Freiheit. Darauf kommst du und verfolgst mich mit deiner eiteln Werbung, die
dich nie zum Ziele führt. Ich habe dich verschmäht in der Freiheit: glaubst du,
gefangen, in deiner Zwanggewalt, wird dich, du Tor, das Kind der Amaler erhören?
Du schwörst, du liebest mich? Wohlan, so achte mich. Ehre meinen Willen, lass
mich frei. Oder zittre, wenn mein Befreier naht.« Und drohend trat sie auf den
Bestürzten zu, der keine Worte finden konnte.
    Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntaris herbei, mit funkelnden Augen.
    »Auf, Arahad,« rief er, »komm zu Ende. Wir müssen fort, sogleich. Er naht,
er dringt mit Macht heran.« - »Wer?« fragte Arahad hastig. - »Er sagt, er kommt
sie zu befreien. Er hat gesiegt, der Bauernkönig, und unsre Vorposten geschlagen
bei Castrum Sivium.«
    »Wer?« fragte jetzt Mataswinta eifrig.
    »Nun,« antwortete Guntaris zornig, »jetzt magst du's erfahren: es ist doch
nicht mehr zu bergen: Graf Witichis von Fäsulä.«
    »Witichis!« hauchte Mataswinta mit leuchtenden Augen und hochaufatmend.
    »Ja! ihn haben die Rebellen von Regeta, das Recht des Adels vergessend, zum
König der Goten erhoben.«
    »Er! er mein König!« sprach Mataswinta wie im Traume.
    »Ich hätte dir's gesagt, schon da ich dich als Königin begrüsste; aber in
deinem Gemach stand seine Marmorbüste, bekränzt. Das war mir verdächtig. Später
sah ich's: es war ein Zufall: es ist ein Areskopf.«
    Mataswinta schwieg und suchte die glühende Röte zu verbergen, die ihr
Antlitz überflog.
    »Nun,« rief Arahad, »was ist zu tun?«
    »Wir müssen fort. Wir müssen ihm zuvorkommen in Ravenna. Florentia, die
Feste, hält ihn eine Weile auf: indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du
Beilager gehalten in der Burg Teoderichs mit dessen Enkelin, ist alles Volk der
Goten unser. Auf, Königin! Ich lasse deinen Wagen schirren: in einer Stunde
gehst du nach Ravenna in der Mitte unsrer Scharen.« Und die Brüder eilten
hinweg.
    Blitzenden Auges sah ihnen Mataswinta nach:
    »Ja, führt mich fort, gefangen und gebunden; wie der Adler aus der Höhe wird
mein König auf euch niederstossen und mich retten aus eurer Gewalt. Komm, Aspa,
der Befreier naht.«
 
                                Zehntes Kapitel.
Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Rücken gewendet, so berief Papst
Silverius - es war am Tage nach seinem Eide - die Spitzen der Priesterschaft,
des Adels, der Beamten und der Bürgerschaft der Stadt in die Termen des
Caracalla zu einer Beratung über Heil und Gedeihen der Stadt des heiligen
Petrus. Auch Cetegus war geladen und erschienen.
    Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, da endlich die
Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an
Belisarius, den Feldherrn des rechtgläubigen Kaisers Justinian, des einzig
rechtmässigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schlüssel der ewigen Stadt zu
überreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und der Gläubigen
gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen.
    Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen
Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er lächelnden
Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu binden, so zu
lösen: und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, unter deren Eindruck sie
den Schwur geleistet. Darauf ging der Antrag einstimmig durch: und der Papst
selbst, Scävola, Albinus und Cetegus wurden als die Gesandten gewählt.
    Aber Cetegus widersprach: schweigend hatte er die Verhandlung mit angehört
und sich der Abstimmung entalten: jetzt stand er auf und sprach: »Ich bin gegen
den Beschluss. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb apostolische
Lösungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe nicht geschworen. Aber
um der Stadt willen. Das heisst: uns ohne Not dem gerechten Zorn der Goten
aussetzen, die wohl einmal wiederkommen können und dann solch offnen Abfall
nicht mit apostolischer Lösung entschuldigen werden. Lasst uns gebeten oder
gezwungen werden von Belisar: wer sich wegwirft, wird mit Füssen getreten.«
    Silverius und Scävola tauschten bedeutsame Blicke.
    »Solche Gesinnung,« sprach der Jurist, »wird dem Feldherrn des Kaisers gewiss
sehr gefallen, kann aber an dem Beschluss nichts ändern. Du gehst also nicht mit
uns zu Belisar?«
    Cetegus stand auf: »Ich gehe zu Belisar. Aber nicht mit euch,« sagte er und
ging hinaus.
    Als die übrigen die Termen verlassen, sprach der Papst zu Scävola: »Das
gibt ihm den Rest. Er hat sich vor Zeugen gegen die Übergabe erklärt!« - »Und er
geht selbst in die Höhle des Löwen.« - »Er soll sie nicht mehr verlassen. Du
hast doch die Anklageakte aufgesetzt?« - »Schon längst. Ich fürchtete, er werde
die Gewalt in der Stadt an sich reissen: und er geht selbst zu Belisar! Er ist
verloren, der Stolze.« - »Amen!« sagte Silverius. »Und so mag jeder untergehen,
der in weltlichem Trachten dem heiligen Petrus widerstreitet. Übermorgen um die
vierte Stunde machen wir uns auf.«
    Aber er irrte, der heilige Vater: diesmal sollte der Stolze noch nicht
untergehen.
    Cetegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der gallische Reisewagen
angeschirrt seiner wartete. »Gleich brechen wir auf,« rief er dem Sklaven zu,
der auf dem vordersten Rosse sass, »ich hole nur mein Schwert.«
    Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig erwarteten. »Heut'
kam der Tag«, rief ihm Lucius entgegen, »auf den du uns solang vertröstet!« -
»Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser Geschick, unsere
Treue?« fragte Marcus. - »Geduld!« sprach Cetegus mit erhobenem Zeigefinger und
schritt in sein Gemach.
    Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken
Arm, eine versiegelte Rolle in der Rechten: sein Auge leuchtete: »Ist das
äusserste Eisentor der Moles Hadriani fertig?« fragte er. - »Fertig,« sprach
Lucius Licinius. - »Ist das Getreide aus Sizilien in dem Kapitol geborgen?« -
»Geborgen.« - »Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am Kapitol vollendet,
wie ich befahl?« - »Vollendet,« antwortete Marcus. - »Gut. Nehmt diese Rolle.
Entsiegelt sie morgen, sowie Silverius die Stadt verlassen, und erfüllt jedes
ihrer Worte genau. Es gilt nicht nur mein Leben und das eure -: es gilt Rom! Die
Stadt Cäsars wird eure Taten sehen. Geht: auf Wiedersehen!«
    Und aus seinen Augen sprühte Feuer in die Herzen der jungen Römer. - »Du
sollst zufrieden sein!« - »Du und Cäsar!« riefen sie und eilten hinweg. Mit
einem Lächeln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit spielte,
sprang Cetegus in seinen Wagen. »Heiliger Vater^,« sagte er zu sich selbst,
»ich bin noch in deiner Schuld für die letzte Versammlung in den Katakomben: ich
will sie zahlen! - Die Via latina hinab!« rief er rasch dem Sklaven zu, »und lass
die Rosse jagen, was sie können.«
    Der Präfekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer
reisenden Gesandtschaft. Und er nutzte ihn wohl. -
    Er hatte in seinem unermüdlichen Geist einen Plan ersonnen, trotz Belisars
Landung in Italien, doch in Rom Herr und Meister zu bleiben. Und er ging jetzt
mit all' seiner Umsicht an die Ausführung.
    Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Capua
traf, deren Führer, Johannes, ihn durch einige Reiter und seinen eignen jüngeren
Bruder, Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten liess. Im Lager angekommen,
fragte Cetegus nicht nach dem Feldherrn, sondern liess sich sofort nach dem Zelt
des Rechtsrats Prokopius von Cäsarea führen.
    Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule gewesen:
und die beiden bedeutenden Geister hatten sich mächtig angezogen. Aber nicht die
Wärme der Freundschaft führte den Präfekten vor allem zu diesem Mann: dieser
Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer politischer Vergangenheit, wohl
auch der Vertraute seiner Pläne für die Zukunft.
    Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius.
    Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, einer von den
wenigen Gelehrten jener Zeit, denen die gekünstelte Bildung in den
Rhetorenschulen nicht die Fähigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu fühlen,
unter den Schnörkeln byzantinischer Gelehrteit erstickt hatte. Heller Verstand
lag auf der offnen Stirn und in dem noch jugendlich leuchtenden Auge glänzte die
Freude an allem Guten.
    Nachdem Cetegus Staub und Mühsal der Reise in einem sorgfältigen Bad
abgespült, machte sein Wirt, ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt führte, mit
ihm die Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der wichtigsten Truppenteile,
der bedeutendsten Heerführer weisend und mit ein paar Worten deren Eigenart,
Verdienste und oft bunt zusammengesetzte Vergangenheit erläuternd.
    Da waren die Söhne des rauhen Trakiens, Constantinus und Bessas, die sich
aus rohem Söldnerhandwerk emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne Bildung, mit
dem ganzen Eigendünkel selbstgemachter Männer: - sie betrachteten sich als
Belisars unentbehrliche Stützen und ihn vollersetzende Nachfolger.
    Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem Königsgeschlecht der Iberier,
der feindlichen Nachbarn der Perser, der aus Hass gegen die persischen Überwinder
Vaterland und Hoffnung des Trones aufgegeben und Dienste in des Kaisers Heer
genommen hatte.
    Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegene Führer der Reiterei,
Paulus, Demetrius, Ursicinus, die Führer des Fussvolks, Ennes, der isaurische
Häuptling und Heerführer der Isaurier Belisars, Aigan und Askan, die Führer der
Massageten, Alamundarus und König Abocharabus, die Sarazenen, Ambazuch und
Bleda, die Hunnen, Arsakes, Amazaspes und Artabanes, die Armenier - der Arsakide
Phaza war mit dem Rest der Armenier in Neapolis zurückgelassen worden -
Azaretas und Barasmenes, die Perser, Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle
kannte und nannte Prokopius, karg sein Lob, reichlich und mit Behagen spitzen,
aber geistvollen Tadel spendend.
    Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, des friedlichen
Städteverbrenners, zur Rechten, da fragte Cetegus, stehen bleibend: »Und wessen
ist das Seidenzelt dort auf dem Hügel, mit den goldnen Sternen und dem
Purpurwimpel? und seine Wachen tragen goldne Schilde?«
    »Dort,« sprach Prokop, »wohnt seine unüberwindliche Köstlichkeit, des
römischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, Prinz Areobindos, den Gott
erleuchte.«
    »Des Kaisers Neffe, nicht?«
    »Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: sein höchstes und
einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde, uns zu ärgern
und dafür zu sorgen, dass wir nicht so leicht siegen. Er ist Belisarius
gleichgestellt, versteht vom Krieg so wenig wie Belisar von den Purpurschnecken,
und soll Stattalter von Italien werden.«
    »So,« sprach Cetegus.
    »Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars haben.
Wir gaben nicht nach. Zum Glück hat Gott in seiner Allweisheit jenen Hügel zur
Lösung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier aufgeworfen: nun lagert
der Prinz zwar links, aber höher als Belisarius.« - »Und wessen sind die bunten
Zelte dort, hinter Belisars Quartier? Wer wohnt darin?« - »Dort,« seufzte
Prokop, »ein sehr unglückliches Weib: Antonina, Belisars Gemahlin.« - »Sie
unglücklich? die Gefeierte, die zweite Kaiserin? warum?« - »davon ist nicht gut
reden in offner Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der Wein wird genug gekühlt
sein.«
 
                                Elftes Kapitel.
Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niedern
Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt, den Cetegus lobte.
    »Das ist ein afrikanisches Beutestück aus dem Vandalenkrieg: ich nahm es aus
Kartago mit. Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des
Perserkönigs: ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara.«
    »Du bist mir ein praktischer Gelehrter!« lächelte Cetegus. »Wie bist du so
anders geworden seit den Tagen von Aten.«
    »Das will ich hoffen!« sprach Prokop und zerschnitt selbst - er hatte die
aufwartenden Sklaven entfernt - die dampfende Hirschkeule vor ihm. »Du musst
wissen: ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser werden. Drei
Jahre hörte ich die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker zu Aten, - und
studierte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der Philosophie. Nach
löblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts musste auch die Teologie beigezogen
werden: und ein weiteres Jahr hatte ich darüber nachzudenken, ob Christus, als
Gott Vater, zugleich seiner eignen jungfräulichen Mutter Vater, also sein eigner
Grossvater sei. Nun, über all' diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht
zu verachtender Verstand abhanden zu kommen.
    Zum Glück ward ich sterbenskrank und die Ärzte verboten mir Aten und alle
Bücher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen Tukydides in
meinen Reiseranzen. Und dieser Tukydides rettete mich.
    Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von
der Hellenen Taten in Krieg und Frieden: und nun bemerkte ich mit Staunen, dass
der Menschen Tun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre Tugenden und Frevel
eigentlich doch viel anziehender und denkwürdiger seien als alle Formeln und
Figuren heidnischer Logik - von der christlichen Logik vollends zu schweigen!
    Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Strassen schlenderte, kam
plötzlich über mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte über einen
grossen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: und war erbaut
auf den Trümmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand ein zerfallner
Altar der Isis und zur Rechten ragte das Betaus der Juden.
    Da ergriff mich plötzlich der Gedanke: Die alle glaubten und glauben nun
steif und fest, sie allein wüssten das Rechte von dem höchsten Wesen.
    Und das ist doch unmöglich: das höchste Wesen hat, wie es scheint, gar kein
Bedürfnis, von uns erkannt zu werden - ich hätte es auch nicht, an seiner Statt!
- und es hat die Menschen geschaffen, dass sie leben, tüchtig handeln und sich
wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln, Geniessen und Sichumtreiben
ist eigentlich alles, worauf es ankommt. Und wenn einer forschen und denken
will, so soll er der Menschen Leben und Treiben erforschen.
    Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glänzender
Reiterzug trabte heran: an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem
Rotscheck, schön und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten und die
Fahnen flogen und die Rösslein sprangen. Und ich dachte mir: Die wissen, warum
sie leben: und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen.
    Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein Bürger
von Ephesos auf die Schulter und sprach: Ihr scheint nicht zu wissen, wer das
war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius, der zieht in den
Perserkrieg. - Gut, sagte ich, Freund! Und ich ziehe mit! Und so geschah's zur
selben Stunde.
    Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und Geheimschreiber.
Und seiter habe ich einen doppelten Beruf: bei Tage mach' ich Weltgeschichte
oder helfe sie machen: und bei Nacht schreibe ich Weltgeschichte.« - »Und
welches ist deine bessere Arbeit?« - »Freund, leider das Schreiben! Und das
Schreiben wäre noch besser, wenn die Geschichte besser wäre. Denn ich bin
meistens gar nicht einverstanden mit dem was wir tun: und tu's nur mit, weil's
doch besser ist, als gar nichts tun oder philosophieren. Bringe den Tacitus,
Sklave!« rief er zur Zelttür hinaus.
    »Den Tacitus?«
    »Ja, Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. Du musst wissen: ich
nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart. - Zum Beispiel dieses
lärmende Stück Weltgeschichte, das wir hier aufführen, dieser Gotenkrieg ist
ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat ganz recht, erst sollten wir die Perser
abwehren, eh' wir die Goten angreifen.«
    »Narses! was treibt mein kluger Freund?«
    »Er beneidet Belisar und lässt sich's selbst nicht merken. Ausserdem macht er
Kriegs- und Schlachtenpläne. Ich wette, er hatte Italien schon erobert ehe wir
landeten.«
    »Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher Geist. Warum ziehst du
Belisar vor?«
    »Das will ich dir sagen,« sprach Prokop, den Tacitus einschenkend. »Mein
Unglück ist, dass ich nicht Geschichtsschreiber Alexanders oder Scipios geworden.
Mein ganzes Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie - - und Teologie! -
genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, mit Fleisch und Blut.
Da widern mich diese spindeldürren Kaiser und Bischöfe und Feldherrn an, die
alles mit dem Verstand erklügeln; wir sind ein verkrüppeltes Geschlecht
geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur Belisarius, der Biedre, ist noch
ein Heros, wie aus der alten Zeit. Er könnte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er
ist nicht dumm; er hat Verstand; aber nur den Naturverstand des edeln, wilden
Tieres zu seinem Beutefang, zu seinem Handwerk. Belisars Handwerk nun ist die
Heldenschaft!
    Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden
Augen und den mächtigen Schenkeln, mit denen er die stärksten Hengste zwingt.
Und mich freut's, wenn ihm manchmal die blinde Lust, dreinzuschlagen, durch alle
seine Feldherrnpläne braust. Mich freut's, wenn ich ihn in der Schlacht mitten
unter die Feinde jagen sehe und kämpfen, wie ein schäumender Eber haut.
    Freilich, sagen darf ich's ihm nicht, dass mir das gefällt; denn sonst wär's
nicht auszuhalten: in drei Tagen wär' er in Stücke gehauen. Im Gegenteil; ich
halte ihn zurück: ich bin sein Verstand, wie er mich nennt. Und er lässt sich
meine Verständigkeit gefallen, weil er weiss, dass sie nicht Feigheit ist. Hab'
ich ihn doch mehr als einmal mit meiner Laienklugheit aus einer Verlegenheit
ziehen müssen, in die ihn der Trotz seines Heldentums gebracht! Die lustigste
dieser Geschichten ist die von Horn und Tuba.«
    »Welche von beiden bläsest du, o mein Prokopius?«
    »Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes!«
    »Aber was war's mit Horn und Trompete?«
    »Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das wir haben mussten, weil
es die Strasse beherrscht. Wir hatten uns aber schon mehrmals unsre heroischen
Köpfe übel daran zerstossen: und mein zorniger Herr schwor, bei dem Schlummer
Justinians - das ist nämlich sein höchstes Heiligtum -, er werde nie vor dieser
Burg Anglon zum Rückzug blasen lassen. Nun wurden aber unsre Vorposten sehr oft
aus der Festung überfallen: wir, im hochgelegnen Lager, konnten die Angreifer
aus der Burg brechen sehen, nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fusse des
Berges. Ich riet nun, dass wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum
Rückzug geben lassen sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen.
    Aber da kam ich übel an!
    Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, dass man an einem darauf
geleisteten Schwur nicht makeln dürfe! Und so mussten sich denn unsre armen
Burschen von den Persern unversehens überrumpeln lassen! Bis ich auf den
scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, er solle, um die Unsern
zum Rückzug zu mahnen, das Angriffszeichen mit dem Horn, statt mit der Tuba,
blasen lassen.
    Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius.
    Und wenn wir nun lustig die Hörner zum Angriff schmettern liessen, liefen
unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon! Es war zum Totlachen, jene
mutigen Klänge so schnöde wirken zu sehen! Aber es half: Justinians Schlummer
und Belisars Eid blieben ungeschwächt, unsre Vorposten wurden nicht mehr
abgeschlachtet und das Felsnest fiel endlich. Also schelt' ich ihn immer
spottend aus für seine Heroentaten. Aber im stillen erwärme und erfreue ich mein
tiefstes Herz dran: er ist der letzte Heros!«
    »Nun,« meinte Cetegus, »bei den Goten findest du gar manchen solchen
Schlagetot.«
    Prokop nickte bedächtig: »Kann auch nicht leugnen, dass ich grosses
Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind aber doch zu dumm.«
    »Wie? Warum?«
    »Dumm sind sie, dass sie, anstatt hübsch langsam, Schritt für Schritt, im
Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Brüdern, sich gegen uns vorzuschieben - sie
wären unaufhaltsam! - in dieses Italien sich ohne allen Verstand vereinzelt
hereingedrängt haben, wie ein Stück Holz mitten in einen glimmenden Herd. Daran
werden sie untergehen: sie werden verbrennen, du wirst es sehen.« - »Ich hoffe,
es zu sehen. Und was dann?« fragte Cetegus ruhig.
    »Ja,« antwortete Prokop verdriesslich, »was dann! Das ist das Ärgerliche!
Dann wird Belisar Stattalter von Italien - denn mit dem Schneckenprinzen dauert
es kein Jahr - und er verliegt hier seine schönste Kraft, während es Arbeit
vollauf gäbe bei den Persern. Und ich werde dann als sein Hofhistoriograph nur
zu schreiben haben, wie viele Schläuche Wein wir jährlich vertilgen.«
    »Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar wieder fort haben
aus Italien?«
    »Freilich! Im Perserland blühn seine Lorbeern und die meinen! Ich sinne
schon lange auf ein Mittel, ihn von hier dann wieder fortzubringen.«
    Cetegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen Bundesgenossen für
seinen Plan gefunden zu haben. »Und so beherrscht also sein Verstand Prokopius
den Löwen Belisar,« sagte er laut. - »Nein!« seufzte Prokop, »vielmehr sein
Unverstand, sein Weib.« - »Antonina! Sage, weshalb nanntest du sie unglücklich.«
    »Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur hat sie zu einem braven,
treuen Weib angelegt: und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner
Heroenseele. Da kam sie an den Hof der Kaiserin. Teodora, diese schöne
Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur Tugend.
Die Zirkusdirne hat gewiss noch nie einen Stachel des Gewissens empfunden. Aber
ich glaube, sie erträgt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer nächsten Nähe zu
haben, das sie verachten müsste. Sie ruhte nicht, bis es ihr gelungen, durch ihr
höllisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu wecken. Gewissensqual empfindet
diese über ihr Spiel mit ihren Verehrern: denn sie liebt ihren Mann, sie betet
ihn an.«
    »Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht genügen?«
    »Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, bei all seiner Liebe.
Sie konnt' es nicht tragen, die Buhler der Kaiserin in Versen, Blumen,
Geschenken sich erschöpfen zu sehen und selbst solcher Huldigung zu entbehren.
Eitelkeit ward ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht wohl bei all dem
Getändel.«
    »Und ahnt Belisar?« -
    »Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen römischen Kaiserreich, der es
nicht weiss, was ihn doch zumeist angeht. Ich glaube, es wäre sein Tod. Und auch
deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Stattalter von Italien werden.
Im Lager, im Getümmel des Krieges, da fehlen dem gefall, süchtigen Weib die
Schmeichler und auch die Musse, sie zu hören. Denn, gleichsam zur freiwilligen
Busse für jene süssen Verbrechen der heimlichen Gedichte und Blumen - gröberer
Schuld ist sie gewiss nicht fähig - überbietet Antonina alle Frauen an
Pflichtstrenge; sie ist Belisars Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt die
Beschwerden und Gefahren des Meeres, der Wüste, des Krieges mit ihm: sie
arbeitet mit ihm Tag und Nacht, wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre
schönen Augen liest! - Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner
Feinde am Hofe zu Byzanz. Kurz, nur im Krieg, im Lager tut sie gut, da wo auch
seine Grösse allein gedeiht.«
    »Nun,« sprach Cetegus, »weiss ich genug, wie die Dinge hier stehen. Lass mich
offen mit dir reden: du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien wieder fort
haben; ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du weisst, ich war von
jeher Republikaner ...« - - -
    Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an: »Das
sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren. Aber dass du's
noch bist - find' ich sehr - sehr - unhistorisch. Aus diesem italischen
Gesindel, unsern höchst liebwerten Bundesgenossen gegen die Goten, willst du
Bürger einer Republik machen? Sie sind zu nichts mehr gut als zur Tyrannis!«
    »Ich will darüber nicht streiten!« lächelte Cetegus. »Aber vor eurer
Tyrannis möcht' ich mein Vaterland bewahren.«
    »Kann dir's nicht verdenken!« lächelte Prokop, »die Segnungen unsrer
Herrschaft sind - erdrückend!«
    »Ein eingeborner Stattalter unter dem Schutz von Byzanz genügt zunächst.«
    »Jawohl, und dieser würde Cetegus heissen!«
    »Wenn's sein muss, - auch das!«
    »Höre,« sprach Prokop ernstaft, »ich warne dich dabei nur vor einem. Die
Luft von Rom heckt stolze Pläne aus. Man ist dort, als Herr von Rom, nicht gern
der zweite auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts mehr mit der
Welterrschaft Roms.«
    Cetegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung König Teoderichs.
»Historikus von Byzanz, meine römischen Dinge kenne ich besser als du. Lass dich
jetzt einweihen in unsre römischen Geheimnisse; dann verschaffe mir morgen früh,
eh' die Gesandtschaft von Rom anlangt, ein Gespräch mit Belisar und - sei eines
grossen Erfolges gewiss.« Und nun begann er dem staunenden Prokop mit raschen
Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der jüngsten Vergangenheit und seine
Pläne der Zukunft zu entwerfen, sein letztes Ziel wohlweislich verhüllend.
    »Bei den Manen des Romulus!« rief Prokop, als er geendet hatte. »Ihr macht
noch immer Weltgeschichte an dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe hast
du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; darauf lass uns noch
einen Krug herben Sallustius leeren!«
    Früh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit
Belisar, von welcher jener sehr befriedigt zurückkam.
    »Nun, hast du ihm alles gesagt?« fragte der Historiker.
    »Nicht eben alles!« sprach Cetegus mit feinem Lächeln: »man muss immer noch
etwas zu sagen übrig behalten.«
 
                               Zwölftes Kapitel.
Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung erfüllt.
    Das Gerücht von der Ankunft des heiligen Vaters, das seiner reich
vergoldeten Sänfte voranflog, riss die Tausende von Soldaten mit Kräften der
Andacht, der Ehrfurcht, des Aberglaubens, der Neugier aus ihren Zelten, von
Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg, ihm entgegen. Kaum, dass die Anführer die
Mannschaft im Dienst und auf den Wachen zurückhalten konnten; meilenweit waren
ihm die Gläubigen entgegengeeilt und geleiteten jetzt, mit Haufen des Landvolks
der Umgegend gemischt, seinen Zug ins Lager. Längst hatten sich Bauern und
Soldaten an der Eselinnen Statt, die seine Sänfte trugen, eingespannt: -
vergebens hatte sich die Bescheidenheit des Papstes dagegen gesträubt - und
unter unaufhörlichem Jubelruf: »Heil dem Bischof von Rom, Heil dem heiligen
Petrus!« wälzte sich der Strom der Tausende heran, über die Silverius
unermüdlich Segen sprach. Seiner beiden Mitgesandten, Scävola und Albinus,
dachte kein Mensch.
    Belisar sah von seinem Zeltügel aus mit ernsten Augen das mächtige
Schauspiel. »Der Präfekt hat recht!« sprach er dann: »dieser Priester ist
gefährlicher als die Goten. Es ist ein Triumphzug! Prokop, lass die byzantinische
Leibwache an meinem Zelt ablösen, sowie die Unterredung beginnt: sie sind
allzugute Christen. Lass die Hunnen aufziehn und die heidnischen Gepiden.«
    Damit schritt er in sein Zelt zurück, wo er alsbald, von seinen Heerführern
umgeben, die römische Gesandtschaft empfing. Den Prinzen Areobindos hatte Prokop
von der Notwendigkeit einer Rekognoszierung überzeugt, die nur heute und nur von
ihm vorgenommen werden konnte.
    Umwogt von einem glänzenden geistlichen Gefolge nahte der Papst dem
Feldherrnzelt. Grosse Massen Volkes drängten nach, aber sowie der Papst mit
Scävola und Albinus die Mündung der engen Lagergasse hinter sich hatten,
sperrten die Wachen mit gefällten Lanzen den Weg und liessen weder Priester noch
Soldaten folgen.
    Lächelnd wandte sich Silverius zu dem Führer der Schar und hielt ihm eine
schöne Rede über den Text: »Lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret ihnen
nicht.« Aber der Germane schüttelte den zottigen Kopf und wandte ihm den Rücken:
der Gepide verstand kein Latein, ausser dem Kommando.
    Da lächelte Silverius wieder, segnete nochmals seine Getreuen und schritt
dann ruhig weiter in das Zelt. Belisar sass auf einem Feldsessel: darüber war
eine Löwenhaut gebreitet: ihm zur Linken tronte die schöne Antonina auf einem
Pardelfell. Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger des heiligen Petrus einen
Arzt und Helfer zu finden gehofft. Aber bei dem Anblick der weltklugen Züge des
Silverius zog sich ihr Herz zusammen.
    Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes.
    Dieser schritt, ohne sich zu neigen, gerade auf ihn zu und legte ihm - er
musste sich mühsam dazu aufrichten - wie segnend beide Hände auf die Schultern.
Er wollte ihn leise niederdrücken auf die Kniee: - aber eichenfest blieb der
Feldherr aufrecht stehen: und Silverius musste dem Stehenden den Segen erteilen.
    »Ihr kommt als Gesandte der Römer?« begann Belisar.
    »Ich komme,« unterbrach Silverius, »im Namen des heiligen Petrus, als
Bischof von Rom dir und dem Kaiser Justinian meine Stadt zu übergeben. Diese
guten Leute,« fuhr er fort, auf Scävola und Albinus weisend, »haben sich mir
angeschlossen wie die Glieder dem Haupt.« Unwillig wollte Scävola einfallen - so
hatte er seinen Bund mit der Kirche nicht verstanden! - aber Belisar winkte ihm,
zu schweigen.
    »Und so heisse ich dich willkommen in Italien und Rom im Namen des Herrn.
Ziehe ein in die Mauern der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der
Gläubigen wider die Ketzer! Erhöhe dort den Namen des Herrn und das Kreuz Jesu
Christi und vergiss nie, dass es die heilige Kirche war, die dir die Wege gebahnt
und die Pfade gebaut. Ich bin es gewesen, den Gott zum Werkzeug gewählt, die
Goten in törichte Sicherheit zu wiegen und blinden Auges aus der Stadt zu
führen: ich bin es gewesen, der die schwankende Stadt, die Bürger für dich
gewonnen und die Anschläge deiner Feinde vernichtet hat. Der heilige Petrus ist
es, der dir mit meiner Hand die Schlüssel seiner Stadt überreicht, auf dass du
sie ihm beschirmest und beschützest. Vergiss niemals dieser Worte.« Und er
reichte ihm die Schlüssel des asinarischen Tores.
    »Ich werde sie nie vergessen!« sprach Belisar und winkte Prokop, der den
Schlüssel aus der Hand des Papstes nahm. »Du sprachst von Anschlägen meiner
Feinde. Hat der Kaiser Feinde in Rom?«
    Da sprach Silverius mit Seufzen: »Lass ab, Feldherr, zu fragen.
    Ihre Netze sind zerrissen: sie sind unschädlich und der Kirche steht nicht
an, zu verklagen, sondern zu entschuldigen und alles zum besten zu kehren.«
    »Es ist deine Pflicht, heiliger Vater, dem rechtgläubigen Kaiser die
Verräter zu entdecken, die unter seinen römischen Untertanen sich bergen, und
ich fordre dich auf, seinen Feind zu entlarven.«
    Silverius seufzte: »die Kirche dürstet nicht nach Blut.« - »Aber sie darf
den Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht hemmen,« sprach Scävola. Und der
Jurist trat vor und überreichte Belisar eine Papyrusrolle. »Ich hebe Klage gegen
Cornelius Cetegus Cäsarius, den Präfekten von Rom, wegen Majestätsbeleidigung
und Empörung gegen Kaiser Justinian. Diese Schrift entält die Klagepunkte und
die Beweise. Er hat des Kaisers Regierung eine Tyrannei gescholten. Er hat sich
der Landung kaiserlicher Heere nach Kräften widersetzt. Er hat endlich noch vor
wenig Tagen, er allein, dafür gestimmt, die Tore Roms dir nicht zu öffnen.«
    »Und welche Strafe beantragt ihr?« fragte Belisar in die Schrift blickend.
    »Nach dem Gesetz den Tod,« sprach Scävola. - »Und seine Güter verfallen nach
dem Gesetz,« sprach Albinus, »halb dem Fiskus, halb den Klägern.« - »Und seine
Seele der Barmherzigkeit Gottes,« schloss der Bischof von Rom.
    »Wo ist der Angeklagte?« fragte Belisar.
    »Er verhiess, dich aufzusuchen; aber ich fürchte, sein böses Gewissen wird
ihn nicht haben kommen lassen.«
    »Du irrst, Bischof von Rom,« sprach Belisar, »er ist schon hier.«
    Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund des Zeltes und vor den
erstaunten Anklägern stand Cetegus der Präfekt. Überrascht fuhren die Ankläger
auf; schweigend, mit vernichtendem Blick, trat Cetegus einige Schritte vor, bis
er zur Rechten Belisars stand.
    »Cetegus hat mich früher aufgesucht als du,« fuhr der Feldherr nach einer
Pause fort: »und er ist dir zuvorgekommen - auch im Anklagen. Du stehst als
schwer Beschuldigter vor mir, Silverius. Verteidige dich, ehe du verklagst.«
    »Ich als Beschuldigter?« lächelte der Papst. »Wo wäre ein Kläger oder ein
Richter für den Nachfolger des heiligen Petrus?«
    »Der Richter bin ich: an deines Herrn, des Kaisers Statt.«
    »Und der Kläger?« fragte Silverius.
    Cetegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach: »Der Kläger bin ich! Ich
habe Silverius, den Bischof von Rom, des Verbrechens der verletzten Majestät des
Kaisers und des Hochverrats am römischen Reich geziehen. Ich beweise sofort
meine Klage. Silverius hat die Absicht, die Herrschaft der Stadt Rom und einen
grossen Teil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreissen und - lächerrlich zu
sagen! - ein Priesterreich zu gründen in dem Vaterlande der Cäsaren. Und schon
hat er den nächsten Versuch getan zur Ausführung dieses - soll ich sagen: seines
Wahnsinns oder seines Verbrechens? Hier überreiche ich einen Vertrag, - hier
steht die Unterschrift seiner Hand - den er mit Teodahad, dem letzten Fürsten
der Barbaren, geschlossen. Der König verkauft darin für ewige Zeiten für die
Summe von tausend Pfund Gold an den heiligen Petrus und seine Nachfolger, für
den Fall, dass Silverius Bischof von Rom werde, die Herrschaft der Stadt und das
Weichbild von Rom und dreissig Meilen in der Runde. Es sind aufgezählt alle
Hoheitsrechte: Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Verwaltung, Steuern, Zölle und
selbst Kriegsgewalt. Dieser Vertrag ist nach seinem Datum drei Monate alt. Also
im selben Augenblick, da der fromme Archidiakon, hinter Teodahads Rücken, die
Waffen des Kaisers herbeirief, schloss er hinter des Kaisers Rücken, einen
Vertrag, der diesem die Früchte seiner Anstrengung rauben und den Papst für alle
Fälle sichern sollte. Ich überlasse es dem Stellvertreter des Kaisers, wie
solche Klugheit zu würdigen sei. Für die Erwählten des Herrn gilt als besondre
Klugheit der Schlangen Moral: - unter uns Laien ist solches Tun ...« -
    »Der schändlichste Verrat!« fiel Belisar donnernd ein, sprang auf und nahm
die Urkunde aus des Präfekten Hand. - »Hier sieh, Priester, deinen Namen: kannst
du noch leugnen?«
    Der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden war ein
gewaltiger. Staunen und Unwillen, gemischt mit Spannung auf des Papstes
Verteidigung, lag auf den Zügen aller Gesichter; am meisten aber war Scävola,
der kurzsichtige Republikaner, überrascht von diesen Herrscherplänen seines
gefährlichen Verbündeten. Er hoffte, Silverius werde die Verleumdung siegreich
niederschlagen.
    Die Lage des Papstes war in der Tat höchst gefährlich, die Anklage schien
unwiderleglich, und das zornlohende Antlitz Belisars hätte manch' tapfres Herz
erschreckt. Aber Silverius zeigte in diesem Augenblick, dass er kein
unebenbürtiger Gegner des Präfekten und des Helden von Byzanz war. Nicht eine
Sekunde hatte er die Fassung verloren: nur als Cetegus die Urkunde aus dem
Gewand hervorzog, hatte er einen Moment die Augen niedergeschlagen, wie aus
Schmerz. Aber dem donnernden Ruf wie den blitzenden Augen Belisars hielt er ein
unerschütterlich ruhiges Angesicht entgegen. Er fühlte, dass er in dieser Stunde
den Gedanken seines Lebens verfechten musste: dies gab ihm kühne Kraft, keine
Wimper zuckte ihm.
    »Wie lange wirst du noch schweigen?« fuhr ihn Belisar an.
    »Bis du fähig und würdig bist, mich zu hören. Du bist besessen von
Urchitophel, dem Dämon des Zornes.«
    »Sprich! Verteidige dich!« sagte Belisar, sich setzend.
    »Die Klage dieses gottlosen Mannes,« hob Silverius an, »bringt nur ein Recht
der heiligen Kirche noch früher ans Licht, als sie es in dieser unruhigen Zeit
geltend machen wollte. Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag mit dem
Barbarenkönig geschlossen.«
    Eine Bewegung der Entrüstung ging durch die Reihen der Byzantiner.
    »Nicht aus weltlicher Herrschsucht, nicht, um neues Recht zu erwerben, habe
ich mit dem König der Goten, als dem damaligen Besitzer der Stadt, verhandelt.
Nein! die Heiligen sind mir Zeugen! Nur weil es meine Pflicht, ein uraltes Recht
des heiligen Petrus nicht fallen zu lassen.«
    »Ein uraltes Recht?« fragte Belisar unwillig.
    »Ein uraltes Recht!« wiederholte Silverius, »das geltend zu machen die
Kirche nur bisher unterlassen hat. Ihre Feinde nötigen sie, in diesem Augenblick
damit hervorzutreten. Wisset denn, du Vertreter des Kaisers, höret es, ihr
Kriegsobersten und Schwertgewaltigen, was sich die Kirche von Teodahad hat
einräumen lassen, ist schon seit zwei Jahrhunderten ihr Eigentum: der Gote hat
es nur bestätigt.
    An demselben Ort, wo des Präfekten tempelschänderische Hand diese
Bestätigung entwendet, hätte er auch die Urkunde finden können, die ursprünglich
unser Recht begründet hat. Der fromme Kaiser Constantinus, der sich zuerst von
den Vorgängern Justinians der Lehre des Heils zugewandt, hat auf Bitten seiner
gottseligen Mutter Helena, nachdem er alle seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der
Heiligen, besonders des heiligen Petrus, unter seine Füsse getreten, zur
dankbaren Anerkenntnis solchen Beistandes und um vor aller Welt zu bezeugen, dass
Krone und Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom
mit ihrem Weichbild und die benachbarten Städte und Marken durch eine feierliche
Schenkungsurkunde für ewige Zeiten dem heiligen Petrus zu eigen übertragen, mit
Gericht und Verwaltung, Steuer und Zoll und allen Kronrechten irdischer
Herrschaft, auf dass die Kirche auch einen weltlichen Boden habe zur leichteren
Vollführung ihrer weltlichen Aufgaben. Diese Schenkung ist durch eine
rechtsgültige Urkunde in aller Form verbrieft: der Fluch von Gehenna ist jedem
gedroht, der sie anstreitet. Und ich frage, im Namen des dreieinigen Gottes, den
Kaiser Justinian, ob er diese Rechtshandlung seines Vorgängers, des in Gott
seligen Kaisers Constantinus, anerkennen oder ob er sie, aus weltlicher Habgier,
umstossen und damit den Fluch der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt
laden will?«
    Diese Rede des Bischofs von Rom, mit aller Kraft geistlicher Würde und aller
Kunst weltlicher Rhetorik vorgetragen, war von unwiderstehlicher Wirkung.
Belisar, Prokop und die Feldherren, die eben noch über den verräterischen
Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen, fühlten sich jetzt durch den
plötzlich ihnen entgegengehaltenen Rechtstitel selbst wie verurteilt.
    Der Kern Italiens schien unwiderbringlich dem Kaiser verloren und der
Herrschaft der Kirche anheimgegeben. Ein banges Schweigen lagerte über den
jüngst noch so herrischen Byzantinern und triumphierend stand der Priester als
Sieger in ihrer Mitte. Endlich sprach Belisar, der die Aufgabe der Bekämpfung
oder die Schmach der Niederlage von sich abwälzen wollte: »Präfekt von Rom, was
hast du zu erwidern?«
    Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die feinen Lippen verneigte
sich Cetegus und begann: »Der Angeklagte beruft sich auf eine Urkunde.
    Ich könnte, glaub' ich, ihn in grosse Verlegenheit versetzen, wenn ich ihr
Vorhandensein bestritte, und die sofortige Vorlage der Urschrift von ihm
verlangte. Indessen will ich dem Manne, der sich das Haupt der Christenheit
nennt, nicht wie ein gehässiger Anwalt begegnen. Ich räume ein, die Urkunde
existiert.«
    Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses.
    »Mehr noch! Ich habe dem heiligen Vater die Mühe der Vorlage derselben, die
ihm sonst sehr schwer fallen dürfte, erspart, und die Urkunde selbst mitgebracht
in meiner tempelschänderischen Hand.« Er zog ein vergilbtes Pergament aus dem
Sinus und sah lächelnd bald in dessen Zeilen, bald auf des Papstes, bald auf
Belisars Gesicht, an deren Spannung sich weidend.
    »Ja, noch mehr. Ich habe die Urkunde viele Tage lang mit feindselig
forschenden Augen, mit Zuziehung noch schärferer Juristen, als ich es leider nur
bin, - so meines jungen Freundes Salvius Julianus, - bis auf jeden Buchstaben
nach ihrer formellen Gültigkeit geprüft. Vergebens. - Selbst der Scharfsinn
meines verehrten und gelehrten Freundes Scävola könnte keinen Mangel
herausinterpretieren. Alle Formen des Rechts, alle Klauseln höchster
unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte haarscharf gewahrt; und in
der Tat: ich hätte den Protonotarius des Kaisers Constantin kennen mögen, er muss
ein Jurist ersten Ranges gewesen sein.« Er hielt inne: - höhnisch ruhte sein
Auge auf dem Antlitz des Silverius, der sich den Schweiss von den Schläfen
wischte.
    »Also,« fragte Belisar in höchster Aufregung: »die Urkunde ist formell ganz
richtig - daher beweiskräftig?«
    »Jawohl!« seufzte Cetegus, »die Schenkung ist in ganz makelloser Ordnung.
Schade nur, dass ... -«
    »Nun?« unterbrach Belisar.
    »Schade nur, dass sie falsch ist.«
    Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar, Antonina sprangen auf, alle
Anwesenden traten einen Schritt näher zu dem Präfekten. Nur Silverius wankte
einen Schritt zurück.
    »Falsch?« fragte Belisar mit einem Ruf, der wie ein Jubel klang. »Präfekt, -
Freund, - kannst du das beweisen?«
    »Sonst hätte ich mich gehütet es zu behaupten. Das Pergament, auf das die
Schenkung geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brüche,
Wurmstiche, Flecken jeder Art, alles, was man von Ehrwürdigkeit verlangen kann,
- so dass es manchmal sogar schwierig ist, die Buchstaben zu erkennen. Gleichwohl
stellt sich die Urkunde nur so alt; mit so grossem Aufwand von Kunst, als manche
Frauen sich den Schein der Jugend geben, lügt sie die Heiligkeit des Alters. Es
ist echtes Pergament aus der alten, von Constantin begründeten, noch heute
bestehenden kaiserlichen Pergamentfabrik zu Byzanz.«
    »Zur Sache,« rief Belisar.
    »Aber es ist wohl nicht jedem bekannt, - und es scheint auch leider dem
heiligen Bischof entgangen zu sein! - dass bei diesen Pergamenten ganz unten -
links, am Rande - durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch Angabe der
Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben bezeichnet wird. Nun
gib wohl acht, o Feldherr!
    Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten Jahre
von Constantins Regierung, im gleichen Jahre, da er die Heidentempel schliessen
liess, wie das fromme Pergament besagt, ein Jahr nach der Erhebung von
Constantinopolis zur Hauptstadt, und nennt richtig die richtigen Konsuln dieses
Jahres, Dalmatius und Xenophilos.
    Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklären, - aber hier hat
Gott der Herr ein Wunder gegen seine Kirche getan! - dass man in jenem Jahre,
also im Jahre dreihundertfünfunddreissig nach der Geburt des Herrn, schon ganz
genau wusste, wer im Jahr nach dem Tode des Kaisers Justinus und des Königs
Teoderich Konsul sein würde; denn seht, hier unten am Rande der Stempel besagt:
der Schreiber hatte ihn nicht beachtet - er ist auch wirklich sehr schwer
wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das Licht hält - so etwa,
siehst du, Belisar? und er hatte blindlings drei Kreuze darauf gemalt; ich aber
habe diese Kreuze mit meiner - wie hiess es doch? - tempelschänderischen, aber
geschickten Hand weggewischt und siehe, da steht eingestempelt: VI Indiktion:
Justianinus Augustus, allein Konsul im ersten Jahre seiner Herrschaft.«
    Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl, den man für ihn bereit
gestellt.
    »Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers
Constantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also erst vor
einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden. Gesteh, o
Feldherr, dass hier das Gebiet des Begreiflichen endet, und des Übernatürlichen
beginnt, dass hier ein Wunder der Heiligen geschah, und verehre das Walten des
Himmels.« Er reichte Belisar die Urkunde.
    »Das ist auch ein tüchtig Stück Weltgeschichte, heilige und profane, was wir
da erleben!« sagte Prokop zu sich selbst.
    »Es ist so, beim Schlummer Justinians!« frohlockte Belisar. »Bischof von
Rom, was hast du zu erwidern?«
    Mühsam hatte sich Silverius gefasst; er sah den Bau seines Lebens vor seinen
Augen in die Erde versinken. Mit halb versagender Stimme antwortete er:
    »Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen Monden. Ist dem so,
wie ihr sagt, so bin ich getäuscht, wie ihr.«
    »Wir sind aber nicht getäuscht,« lächelte Cetegus.
    »Ich wusste nichts von jenem Stempel, ich schwöre es bei den Wunden Christi.«
- »Das glaub' ich dir ohne Schwur, heiliger Vater,« fiel Cetegus ein. - »Du
wirst einsehn, Priester,« sprach Belisar, sich erhebend, »dass über diese Sache
die strengste Untersuchung ...« -
    »Ich verlange sie,« sprach Silverius, »als mein Recht.«
    »Es soll dir werden, zweifle nicht! Aber nicht ich darf es wagen, hier zu
richten: nur die Weisheit des Kaisers selbst kann hier das Recht finden.
Vulkaris, mein getreuer Heruler, dir übergeb' ich die Person des Bischofs. Du
wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach Byzanz führen.«
    »Ich lege Verwahrung ein,« sprach Silverius. »Über mich kann niemand richten
auf Erden als ein Konzil der ganzen rechtgläubigen Kirche. Ich verlange, nach
Rom zurückzukehren.«
    »Rom siehst du niemals wieder! Und über deine Rechtsverwahrung wird der
Kaiser Justinian, der Kaiser des Rechts, mit Tribonian entscheiden. Aber auch
deine Genossen, Scävola und Albinus, die falschen Mitankläger des Präfekten, der
sich als des Kaisers treusten, klügsten Freund erwiesen, sind hoch verdächtig.
Justinian entscheide, wieweit sie unschuldig. Auch sie führt in Ketten nach
Byzanz. Zu Schiff! Dort hinaus, zur Hintertür des Zeltes, nicht durchs Lager.
Vulkaris, dieser Priester aber ist des Kaisers gefährlichster Feind. Du bürgst
für ihn mit deinem Kopf.«
    »Ich bürge,« sprach der riesige Heruler, vortretend und die gepanzerte Hand
auf des Bischofs Schulter legend. »Fort mit dir, Priester! zu Schiff! Er stirbt,
eh' er mir entrissen wird.«
    Silverius sah ein, dass weiteres Widerstreben nur seine Würde gefährdende
Gewalt hervorrufen werde. Er fügte sich und schritt neben dem Germanen, der die
Hand nicht von seiner Schulter löste, nach der Tür im Hintergrund des Zeltes,
die eine der Wachen auftat.
    Er musste hart an Cetegus vorbei. Er beugte das Haupt und sah ihn nicht an:
aber er hörte, wie dieser ihm zuflüsterte: »Silverius, diese Stunde vergilt
deinen Sieg in den Katakomben. Nun sind wir wett!«
 
                              Dreizehntes Kapitel.
Sowie der Bischof das Zelt verlassen, erhob sich Belisar lebhaft von seinem
Sitze, eilte auf den Präfekten zu, umarmte und küsste ihn: »Nimm meinen Dank,
Cetegus Cäsarius! Ich werde dem Kaiser berichten, dass du ihm heute Rom gerettet
hast. Dein Lohn wird nicht ausbleiben.«
    Aber Cetegus lächelte: »Meine Taten belohnen sich selbst.«
    Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser Stunde, der rasche
Wechsel von Zorn, Furcht, Spannung und Triumph mehr als ein halber Tag des
Kampfes unter Helm und Schild angestrengt und erschöpft. Er verlangte nach
Erholung und Labung und entliess seine Heerführer, von denen keiner ohne ein Wort
der Anerkennung an den Präfekten das Zelt verliess. Dieser sah seine
Überlegenheit von allen, auch von Belisar, anerkannt; es tat ihm wohl, in einer
Stunde den schlauen Bischof vernichtet und die stolzen Byzantiner gedemütigt zu
haben. Aber er wiegte sich nicht müssig in dieser Siegesfreude. Dieser Geist
kannte die Gefährlichkeit des Schlafes auf Lorbeer: Lorbeer betäubt.
    Er beschloss, sofort den Sieg zu verfolgen, die geistige Übergewalt, die er
in diesem Augenblick über den Helden von Byzanz unverkennbar besass, jetzt, unter
ihrem ersten frischen Eindruck, mit aller Kraft zu benutzen und den lang
vorbereiteten Hauptstreich zu führen. Während er mit solchen Gedanken dem Zug
der Heerführer nachsah, die sich aus dem Zelt entfernten, bemerkte er nicht, dass
zwei Augen mit eigentümlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Es waren Antoninas Augen.
Die Vorgänge, deren Zeugin sie gewesen, hatten einen seltsam gemischten Eindruck
auf sie gemacht. Zum erstenmal hatte sie den Abgott ihrer Bewunderung, ihren
Gatten, ohne alle eigne Kraft sich zu helfen und zu wehren, in den Schlingen
eines andern, des klugen Priesters, liegen und nur durch die überlegne Kraft
dieses dämonischen Römers gerettet gesehen. Anfangs hatte ihr in dem Gatten
verletzter Stolz diese Demütigung mit schmerzlichem Hass gegen den Übermächtigen
empfunden.
    Aber dieser Hass hielt nicht vor und unwillkürlich trat, wie immer gewaltiger
sich die Macht seiner Überlegenheit entfaltete, Bewunderung an des Verdrusses
Stelle und erschreckte Unterordnung; sie empfand nur noch das Eine: ihren
Belisar hatte die Kirche und Cetegus hatte ihren Belisar und die Kirche
verdunkelt. Und daran knüpfte sich unzertrennlich der ängstliche Wunsch, diesen
Mann nie zum Feind, immer zum Verbündeten ihres Gatten zu haben. Kurz, Cetegus
hatte an dem Weibe Belisars eine geistige Eroberung von grösster Wichtigkeit
gemacht: und er sollte es, noch dazu, sofort merken.
    Mit gesenkten Augen trat das schöne, sonst so sichre Weib auf ihn zu; er sah
auf: da errötete sie über und über und reichte ihm eine zitternde Hand. »Präfekt
von Rom,« sagte sie, »Antonina dankt dir. Du hast dir ein grosses Verdienst
erworben um Belisarius und den Kaiser. Wir wollen gute Freundschaft halten.«
    Mit Staunen sah Prokop, der im Zelt zurückgeblieben, diesen Vorgang: »Mein
Odysseus überzaubert die Zauberin Circe,« dachte er.
    Cetegus aber erkannte im Augenblick, wie sich diese Seele vor ihm beugte,
und welche Gewalt er dadurch über Belisar gewonnen. »Schöne Magistra Militum,«
sagte er, sich hoch aufrichtend, »deine Freundschaft ist der reichste Lorbeer
meines Sieges. Ich stelle sie sogleich auf die Probe. Ich bitte dich und Prokop,
meine Zeugen, meine Verbündeten zu sein in der Unterredung, die ich jetzt mit
Belisar zu führen habe.«
    »Jetzt?« sagte Belisar ungeduldig. »Kommt, lasst uns erst zu Tische gehen und
im Cäkuber den Sturz des Priesters feiern.« Und er schritt zur Türe.
    Aber Cetegus blieb ruhig stehen in der Mitte des Zeltes, und Antonina und
Prokop lagen so ganz unter dem Bann seines Einflusses, dass sie nicht ihrem Herrn
zu folgen wagten. Ja, Belisar selbst wandte sich und fragte: »Muss es denn jetzt
gerade sein?«
    »Es muss,« sagte Cetegus, und er führte Antonina an der Hand nach ihrem Sitz
zurück.
    Da schritt auch Belisar wieder zurück. »Nun so sprich,« sagte er, »aber
kurz.«
    »So kurz als möglich. Ich habe immer gefunden, dass gegenüber grossen Freunden
oder grossen Feinden Aufrichtigkeit das stärkste Band oder die beste Waffe.
Danach werd' ich in dieser Stunde handeln. Wenn ich sagte: mein Tun lohnt sich
selbst, so wollt' ich damit ausdrücken, dass ich dem falschen Priester die
Herrschaft über Rom nicht eben um des Kaisers willen entrissen.«
    Belisar horchte hoch auf. Prokop, erschrocken über diese allzu kühne
Offenheit seines Freundes, machte ihm ein abmahnendes Zeichen.
    Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte, misstrauisch über das
Einverständnis der beiden. Cetegus entging dies nicht. »Nein, Prokop,« sagte er
zu Belisars Erstaunen: »unsre Freunde hier würden doch allzubald erkennen, dass
Cetegus nicht der Mann ist, seinen Ehrgeiz in einem Lächeln Justinians
befriedigt zu finden. Ich habe Rom nicht für den Kaiser gerettet.«
    »Für wen sonst?« fragte Belisar ernst.
    »Zunächst für Rom. Ich bin ein Römer. Ich liebe mein ewiges Rom. Es sollte
nicht dem Priester dienstbar werden. Aber auch nicht die Sklavin des Kaisers.
Ich bin Republikaner,« sprach er, das Haupt trotzig aufwerfend.
    Über Belisars Antlitz flog ein Lächeln: der Präfekt schien ihm nicht mehr so
bedeutend. Prokop sagte achselzuckend: »Unbegreiflich.« Aber Antoninen gefiel
dieser Freimut.
    »Zwar sah ich ein, dass wir nur mit dem Schwerte Belisars die Barbaren
niederschlagen können. Leider auch, dass unsre Zeit nicht ganz reif ist, mein
Traumbild republikanischer Freiheit zu verwirklichen. Die Römer müssen erst
wieder zu Catonen werden, dies Geschlecht muss aussterben, und ich erkenne, dass
Rom einstweilen nur unter dem Schilde Justinians Schutz findet gegen die
Barbaren. Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen - einstweilen.«
    »Nicht übel!« dachte Prokop, »der Kaiser soll sie solang schützen, bis sie
stark genug sind, ihn zum Dank davonzujagen.«
    »Das sind Träume, mein Präfekt,« sagte Belisar mitleidig, »was haben sie für
praktische Folgen?«
    »Die, dass Rom nicht mit gebundenen Händen, ohne Bedingung, der Willkür des
Kaisers überliefert werden soll. Justinian hat nicht nur Belisar zum Diener.
Denke, wenn der herzlose Narses dein Nachfolger würde!« - Die Stirn des Helden
faltete sich. - »Deshalb will ich dir die Bedingungen nennen, unter denen die
Stadt Cäsars dich und dein Heer in ihre Mauern aufnehmen wird.«
    Aber das war Belisar zu viel. Zürnend sprang er auf, sein Antlitz glühte,
sein Auge blitzte. »Präfekt von Rom,« rief er mit seiner rollenden Löwenstimme,
»du vergisst dich und deine Stellung. Morgen brech' ich auf mit meinem Heer von
siebzigtausend Mann nach Rom. Wer wird mich hindern, einzuziehen in die Stadt,
ohne Bedingung?«
    »Ich,« sagte Cetegus ruhig. »Nein, Belisar, ich rase nicht. Sieh hier,
diesen Plan der Stadt und ihrer Werke. Dein Feldherrnauge wird rascher, besser
als das meine, ihre Stärke erkennen.« Er zog ein Pergament hervor und breitete
es auf dem Zelttische aus.
    Belisar warf einen gleichgültigen Blick darauf, aber sofort rief er: »Der
Plan ist irrig! Prokop, reiche mir unsern Plan aus jener Capsula. -
    Sieh her, diese Gräben sind ja jetzt ausgefüllt, diese Türme eingefallen,
hier die Mauer niedergerissen, diese Tore wehrlos. Dein Plan stellt sie alle
noch in furchtbarer Stärke dar. Er ist veraltet, Präfekt von Rom.«
    »Nein, Belisar, der deine ist veraltet: diese Mauern, Gräben, Tore sind
hergestellt.« - »Seit wann?« - »Seit Jahresfrist.« - »Von wem?« - »Von mir.«
Betroffen sah Belisar auf den Plan.
    Antoninas Blick hing ängstlich an den Zügen ihres Gatten.
    »Präfekt,« sagte dieser endlich, »wenn dem so ist, so verstehst du den
Krieg, den Festungskrieg. Aber zum Krieg gehört ein Heer, und deine leeren Wälle
werden mich nicht aufhalten.«
    »Du wirst sie nicht leer finden. Du wirst einräumen, dass mehr als
zwanzigtausend Mann Rom - nämlich dies mein Rom hier auf dem Plan - über Jahr
und Tag selbst gegen Belisar zu halten vermögen. Gut: so wisse denn, dass jene
Werke in diesem Augenblick von fünfunddreissigtausend Bewaffneten gedeckt sind.«
    »Sind die Goten zurück?« rief Belisar. Prokop trat erstaunt näher.
    »Nein, jene fünfunddreissigtausend stehen unter meinem Befehl. Ich habe seit
Jahren die lang verweichlichten Römer zu den Waffen zurückgerufen und unablässig
in den Waffen geübt. So habe ich zur Zeit dreissig Kohorten, jede fast zu tausend
Mann, schlagfertig.«
    Belisar bekämpfte seinen Unmut und zuckte verächtlich die Achseln.
    »Ich geb' es zu,« - fuhr Cetegus fort -, »diese Scharen würden in offner
Feldschlacht einem Heere Belisars nicht stehen. Aber ich versichre dich: von
diesen Mauern herab werden sie ganz tüchtig fechten. Ausserdem hab' ich aus
meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische und abasgische Söldner
geworben und allmählich in kleinen Abteilungen ohne Aufsehen nach Ostia, nach
Rom und in die Umgegend gebracht. Du zweifelst? hier sind die Listen der dreissig
Kohorten, hier der Vertrag mit den Isauriern. Du siehst deutlich, wie die Sachen
stehen. Entweder du nimmst meine Bedingung an - dann sind jene
fünfunddreissigtausend dein, dein ist Rom, mein Rom, dieses Rom auf dem Plan, von
dem du sagtest, es sei von furchtbarer Stärke, und dein ist Cetegus. Oder du
verwirfst meine Bedingung: dann ist dein ganzer Siegeslauf, dessen Gelingen auf
der Raschheit deiner Bewegung ruht, gehemmt. Du musst Rom belagern, viele Monde
lang. Die Goten haben alle Zeit, sich zu sammeln. Wir selber rufen sie zurück:
sie ziehen in dreifacher Übermacht zum Entsatz der Stadt heran, und nichts
errettet dich vom Verderben als ein Wunder.«
    »Oder dein Tod in diesem Augenblick, du Teufel,« donnerte Belisar, und riss,
seiner nicht mehr mächtig, das Schwert aus der Scheide. »Auf, Prokop, in des
Kaisers Namen! Ergreife den Verräter! Er stirbt in dieser Stunde!«
    Entsetzt, unschlüssig trat Prokop zwischen die beiden, indes Antonina ihrem
Gatten in den Arm fiel und seine rechte Hand zu fassen suchte.
    »Seid ihr mit im Bunde?« schrie der Ergrimmte. »Wachen, Wachen herbei!«
    Aus jeder der beiden Türen traten zwei Lanzenträger in das Zelt: aber noch
zuvor hatte sich Belisar von Antonina losgerissen und mit dem linken Arm den
starken Prokop, als wär' er ein Kind, zur Seite geschleudert. Mit dem Schwert zu
furchtbarem Stoss ausholend, stürzte er auf den Präfekten los.
    Aber plötzlich hielt er inne und senkte die Waffe, die schon des Bedrohten
Brust streifte.
    Denn unbeweglich, wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, den kalten
Blick durchbohrend auf den Wütenden gerichtet, war Cetegus stehen geblieben,
ein Lächeln unsäglicher Verachtung um die Lippen.
    »Was soll der Blick und dieses Lachen?« fragte Belisar innehaltend.
    Prokop winkte leise den Wachen, abzutreten.
    »Mitleid mit deinem Feldherrnruhm, den ein Augenblick des Jähzorns für immer
verderben sollte. Wenn dein Stoss traf, warst du verloren.«
    »Ich!« lachte Belisar. »Ich sollte meinen du.«
    »Und du mit mir. Glaubst du, ich stecke tolldreist den Kopf in den Rachen
des Löwen? Dass einem Helden deiner Art zuallererst der feine Einfall kommen
werde, dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen, das vorauszusehen war
nicht schwer. Dagegen hab' ich mich geschützt. Wisse: seit diesem Morgen ist
infolge eines versiegelten Auftrages, den ich zurückliess, Rom in den Händen, in
der Gewalt meiner blindergebnen Freunde. Das Grabmal Hadrians, das Kapitol und
alle Tore und Türme der Umwallung sind besetzt von meinen Isauriern und
Legionaren. Meinen Kriegstribunen, todesmutigen Jünglingen, hab' ich diesen
Befehl hinterlassen für den Fall, dass du ohne mich vor Rom eintriffst.« Er
reichte Prokop eine Papyrusrolle.
    Dieser las: »An Lucius und Marcus, die Licinier Cetegus der Präfekt. Ich
bin gefallen, ein Opfer der Tyrannei der Byzantiner. Rächet mich! Ruft sofort
die Goten zurück. Ich fordre es bei eurem Eid. Besser die Barbaren als die
Schergen Justinians. Haltet euch bis auf den letzten Mann. Übergebt die Stadt
eher den Flammen als dem Heer des Tyrannen.«
    »Du siehst also,« fuhr Cetegus fort, »dass dir mein Tod die Tore Roms nicht
öffnet, sondern für immer sperrt. Du musst die Stadt belagern: oder mit mir
abschliessen.«
    Belisar warf einen Blick des Zornes, aber auch der Bewunderung auf den
kühnen Mann, der ihm mitten unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb. Dann
steckte er das Schwert ein, warf sich unwillig auf seinen Stuhl und fragte:
»Welches sind deine Bedingungen für die Übergabe?«
    »Nur zwei. Erstens gibst du mir Befehl über einen kleinen Teil deines
Heeres. Ich darf deinen Byzantinern kein Fremder sein.«
    »Zugestanden. Du erhältst als Archon zweitausend Mann illyrischen Fussvolks
und eintausend sarazenische und maurische Reiter. Genügt das?«
    »Vollkommen. Zweitens.
    Meine Unabhängigkeit vom Kaiser und von dir ruht einzig auf der Beherrschung
Roms. Diese darf durch deine Anwesenheit nicht aufhören. Deshalb bleibt das
ganze rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians, auf dem linken aber das
Kapitol, die Umwallung im Süden bis zum Tore Sankt Pauls einschliesslich, bis zum
Ende des Krieges in der Hand meiner Isaurier und Römer; von dir aber wird der
ganze Rest der Stadt auf dem linken Tiberufer besetzt, von dem flaminischen Tor
im Norden bis zum appischen Tor im Süden.«
    Belisar warf einen Blick auf den Plan. »Nicht übel gedacht! Von jenen
Punkten aus kannst du mich jeden Augenblick aus der Stadt drängen oder den Fluss
absperren. Das geht nicht an.«
    »Dann rüste dich zum Kampf mit den Goten und mit Cetegus zusammen vor den
Mauern Roms.«
    Belisar sprang auf. »Geht! lasst mich allein mit Prokop! Cetegus, erwarte
meine Entscheidung.«
    »Bis morgen,« sagte dieser. »Bei Sonnenaufgang kehr' ich nach Rom zurück,
mit deinem Heer oder - allein.«
                                     * * *
    Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in der ewigen Stadt ein durch
das asinarische Tor.
    Endloser Jubel begrüsste den Befreier, Blumenregen überschüttete ihn und
seine Gattin, die auf einem zierlichen weissen Zelter an seiner Linken ritt. Alle
Häuser hatten ihren Festschmuck von Teppichen und Kränzen angetan.
    Aber der Gefeierte schien nicht froh: verdrossen senkte er das Haupt und
warf finstre Blicke nach den Wällen und dem Kapitol, von denen, den alten
römischen Adlern nachgebildet, die Banner der städtischen Legionare, nicht die
Drachenfahnen von Byzanz, herniederschauten.
    Am asinarischen Tor hatte der junge Lucius Licinius den Vortrapp des
kaiserlichen Heeres zurückgewiesen: und nicht eher hob sich das wuchtige
Fallgitter, bis neben Belisars Rotscheck, getragen von seinem prachtvollen
Rappen, Cetegus der Präfekt erschienen war. Lucius staunte über die
Verwandlung, die mit seinem bewunderten Freunde vorgegangen. Die kalte, strenge
Verschlossenheit war gewichen: er erschien grösser, jugendlicher: ein leuchtender
Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz, seiner Haltung und seiner Erscheinung.
Er trug einen hohen, reichvergoldeten Helm, von dem der purpurne Rossschweif
niederwallte bis auf den Panzer: dieser aber war ein kostbares Kunstwerk aus
Aten und zeigte auf jeder seiner Rundplatten ein fein gearbeitetes Relief von
getriebenem Silber, jedes einen Sieg der Römer darstellend.
    Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts, seine stolze Haltung und
sein schimmernder Waffenschmuck überstrahlte, wie Belisar, den kaiserlichen
Magister Militum selbst, so das glänzende Gefolge von Heerführern, das sich,
geführt von Johannes und Prokop, hinter den beiden anschloss. Und dies
Überstrahlen war so augenfällig, dass sich, sowie der Zug einige Strassen
durchmessen hatte, der Eindruck auch der Menge mitteilte und der Ruf »Cetegus!«
bald so laut und lauter als der Name »Belisar« ertönte.
    Das feine Ohr Antoninas fing an, dies zu bemerken: mit Unruhe lauschte sie
bei jeder Stockung des Zugs auf das Rufen und Reden des Volks. Als sie die
Termen des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen Amphiteater die
sacra Via erreicht hatten, wurden sie durch das Wogen der Menge zum Verweilen
gezwungen: ein schmaler Triumphbogen war errichtet, den man nur langsam
durchschreiten konnte.
    »Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius, seinem Feldherrn« stand darauf
geschrieben. Während Antonina die Aufschrift las, hörte sie einen Alten, der
wenig in den Lauf der Dinge eingeweiht schien, an seinen Sohn, einen der jungen
Legionare des Cetegus, Fragen um Auskunft stellen. »Also, mein Gajus, der
Finstre mit dem verdriesslichen Gesicht auf dem Rotscheck ... -« »Ja, das ist
Belisarius, wie ich dir sage,« antwortete der Sohn. »So? Nun - aber der
stattliche Held, ihm zur Linken, mit dem triumphierenden Blick, der auf dem
Rappen, das ist gewiss Justinianus selbst, sein Herr, der Imperator?« -
»Beileibe, Vater! der sitzt ruhig in seinem goldnen Gemach zu Byzanz und
schreibt Gesetze. Nein, das ist ja Cetegus, unser Cetegus, mein Cetegus, der
Präfekt, der mir das Schwert geschenkt. Ja, das ist ein Mann. Licinius, mein
Tribun, sagte neulich: wenn der nicht wollte, Belisar sähe nie ein römisch Tor
von innen.«
    Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag mit dem
Silberstäbchen und sprengte rasch durch den Triumphbogen.
    Cetegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis an den Palast der
Pincier, der prachtvoll zu ihrer Aufnahme instand gesetzt war. Hier
verabschiedete er sich, den byzantinischen Heerführern seinen Beistand zu
leihen, die Truppen teils in den Häusern der Bürger und den öffentlichen
Gebäuden, teils vor den Toren in Zelten unterzubringen.
    »Wenn du dich von den Mühen - und Ehren! - dieses Tages erholt, Belisarius,
erwarte ich dich und Antonina und deine ersten Heerführer zum Mahl in meinem
Hause.«
    Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius, Piso und Balbus, die
Geladenen abzuholen. Sie begleiteten die Sänften, in denen Antonina und Belisar
getragen wurden, die Heerführer gingen zu Fuss.
    »Wo wohnt der Präfekt?« fragte Belisar beim Einsteigen in die Sänfte.
»Solang du hier bist: tags im Grabmal Hadrians, und nachts - auf dem Kapitol.«
    Belisar stutzte. Der kleine Zug näherte sich dem Kapitol.
    Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und Wälle, die seit mehr denn
zweihundert Jahren in Schutt gelegen waren, zu gewaltiger Stärke
wiederhergestellt.
    Nachdem sie durch einen langen, schmalen und dunkeln Zickzackgang, den engen
Zugang zu der Feste, sich gewunden, gelangten sie an ein gewaltiges Eisentor,
das fest geschlossen war, wie in Kriegszeit.
    Marcus Licinius rief die Wachen an.
    »Gib die Losung!« sprach eine Stimme von innen.
    »Cäsar und Cetegus!« antwortete der Kriegstribun. Da sprangen die Torflügel
auf: ein langes Spalier der römischen Legionare und der isaurischen Söldner ward
sichtbar, letztere in Eisen gehüllt bis an die Augen und mit Doppeläxten
bewaffnet. Lucius Licinius stand an der Spitze der Römer, mit gezücktem Schwert
in der Hand, Sandil, der isaurische Häuptling, an der Spitze seiner Landsleute.
Einen Augenblick blieben die Byzantiner unentschlossen stehen, von dem Eindruck
dieser Machtentfaltung von Granit und Eisen überwältigt.
    Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum: man vernahm Musik aus dem
Hintergrund des Ganges: und, von Fackelträgern und Flötenspielern begleitet,
nahte Cetegus, ohne Rüstung, einen Kranz auf dem Haupt, wie ihn der Wirt eines
Festgelages zu tragen pflegte, im reichen Hausgewand von Purpurseide. So trat er
lächelnd vor und sprach: »Willkommen! und Flötenspiel und Tubaschall verkünde
laut: dass die schönste Stunde meines Lebens kam: Belisar, mein Gast im Kapitol.«
    Und unter schmetterndem Klang der Trompeten führte er den Schweigenden in
die Burg.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
Während dieser Vorgänge bei den Römern und Byzantinern bereiteten sich auch auf
Seite der Goten entscheidende Ereignisse vor.
    In Eilmärschen waren Herzog Guntaris und Graf Arahad von Florentia, wo sie
eine kleine Besatzung zurückliessen, mit ihrer gefangenen Königin nach Ravenna
aufgebrochen. Wenn sie diese für uneinnehmbar geltende Feste vor Witichis, der
heftig nachdrängte, erreichten und gewannen, so mochten sie dem König jede
Bedingung vorschreiben. Zwar hatten sie noch einen starken Vorsprung und
hofften, die Verfolger durch die Belagerung von Florentia noch eine gute Weile
aufzuhalten. Aber sie büssten jenen Vorsprung beinahe völlig dadurch ein, dass die
auf der nächsten Strasse nach Ravenna gelegenen Städte und Kastelle sich für
Witichis erklärten und so die Empörer nötigten, auf grossem Umweg im rechten
Winkel zuerst nördlich nach Bononia (Bologna), das zu ihnen abgefallen war, und
dann erst östlich nach Ravenna zu marschieren.
    Gleichwohl war, als sie in der Sumpflandschaft der Seefestung anlangten und
nur noch einen halben Tagemarsch von ihren Toren entfernt waren, von dem Heer
des Königs nichts zu sehen. Guntaris gönnte seinen stark ermüdeten Truppen den
Rest des ohnehin schon gegen Abend neigenden Tages und schickte nur eine kleine
Schar Reiter unter seines Bruders Befehl voraus, den Goten in der Festung ihre
Ankunft zu verkünden.
    Aber schon in den ersten Morgenstunden des nächsten Tages kam Graf Arahad
mit seiner stark gelichteten Reiterschar flüchtend ins Lager zurück. »Bei Gottes
Schwert,« rief Guntaris, »wo kommst du her?«
    »Von Ravenna kommen wir. Wir hatten die äussersten Werke der Stadt erreicht
und Einlass begehrt, wurden aber entschieden abgewiesen, obwohl ich selbst mich
zeigte und den alten Grippa, den Grafen von Ravenna, rufen liess. Der erklärte
trotzig, morgen würden wir seine und der Goten in Ravenna Entscheidung erfahren:
wir sowohl wie das Heer des Königs, dessen Spitzen sich bereits von Südosten her
der Stadt näherten.«
    »Unmöglich!« rief Guntaris ärgerlich.
    »Mir blieb nichts übrig, als abzuziehen, so wenig ich dies Benehmen unseres
Freundes begriff. Die Nachricht von der Nähe des Königs hielt auch ich für eine
leere Drohung des Alten, bis meine im Süden der Stadt schwärmenden Reiter, die
nach einer trockenen Beiwachtstelle suchten, plötzlich von feindlichen Reitern
unter dem schwarzen Grafen Teja von Tarentum mit dem Ruf: Heil König Witichis!
angegriffen und nach scharfem Gefecht zurückgeworfen wurden.«
    »Du rasest,« rief Guntaris. »Haben sie Flügel? ist Florentia aus ihrem Wege
fortgeblasen?«
    »Nein! aber ich erfuhr von vicentinischen Bauern, dass Witichis auf dem
Küstenweg über Auximum und Ariminum nach Ravenna eilt.« - »Und Florentia liess er
im Rücken, unbezwungen? Das soll ihm schlecht bekommen.« - »Florentia ist
gefallen! Er schickte Hildebad gegen die Stadt, der sie im Sturme nahm. Er
rannte mit eigener Hand das Marstor ein - der wütige Stier!«
    Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntaris diese Unglücksbotschaften; aber
rasch fasste er seinen Entschluss. Er brach sofort mit all seinen Truppen gegen
die Stadt auf, sie durch einen raschen Streich zu nehmen.
    Der Überfall misslang.
    Aber die Empörer hatten die Befriedigung, zu sehen, dass die Festung, deren
Besitz den Bürgerkrieg entschied, wenigstens auch dem Feind sich nicht geöffnet
hatte. Im Südosten, vor der Hafenstadt Classis, hatte sich der König gelagert.
Des Herzogs Guntaris geübter Blick erkannte alsbald, dass auch die Sümpfe im
Nordwesten eine sichere Stellung gewährten, und rasch schlug er hier ein
wohlverschanztes Lager auf.
    So hatten sich die beiden Parteien, wie zwei ungestüme Freier um eine spröde
Braut, hart an beide Seiten der gotischen Königsstadt gedrängt, die keinem ein
günstiges Gehör schenken zu wollen schien.
    Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften, aus Ravennaten und Goten bestehend,
aus dem nordwestlichen und aus dem südöstlichen Tor der Festung, dem Tor des
Honorius und dem des Teoderich, und brachten, jene in das Lager der Wölsungen,
diese zu den Königlichen, den verhängnisvollen Entscheid von Ravenna.
    Dieser musste sehr seltsam lauten. Denn die beiden Heerführer, Guntaris und
Witichis, hielten ihn, in merkwürdiger Übereinstimmung, streng geheim und
sorgten eifrig dafür, dass kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte. Die
Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten beider Lager unter Bedeckung von
Heerführern, die jede Unterredung mit den Heermännern verwehrten, nach den Toren
der Stadt zurückgebracht.
    Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den beiden Heerlagern
auffallend genug. Bei den Empörern kam es zu einem heftigen Streit zwischen den
beiden Führern: dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von Herzog Guntaris
mit seiner schönen Gefangenen, die, wie es hiess, nur durch Graf Arahad vor dem
Zorne seines Bruders geschützt worden war. Darauf versank das Lager der Rebellen
in die Ruhe der Ratlosigkeit.
    Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen Gesandten in dem Lager
gegenüber. Die erste Antwort, die König Witichis auf die Botschaft erliess, war
der Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt.
    Überrascht vernahmen Hildebrand und Teja, vernahm das ganze Heer diesen
Auftrag. Man hatte gehofft, in Bälde die Tore der starken Festung sich
freiwillig auftun zu sehen. Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen seine
sonst so leutselige Art gab der König niemand, auch seinen Freunden nicht,
Rechenschaft von der Mitteilung der Gesandten und von den Gründen dieses
zornigen Angriffs.
    Schweigend, aber kopfschüttelnd und mit wenig Hoffnung auf Erfolg, rüstete
sich das Heer zu dem unvorbereiteten Sturm: er ward blutig zurückgeschlagen.
Vergebens trieb der König seine Goten immer wieder aufs neue die steilen
Felswälle hinan. Vergebens bestieg er, dreimal, der erste, die Sturmleitern: vom
frühen Morgen bis zum Abendrot hatten die Angreifer gestürmt ohne Fortschritte
zu machen: die Festung bewährte ihren alten Ruhm der Unbezwingbarkeit.
    Und als endlich der König, von einem Schleuderstein schwer betäubt, aus dem
Getümmel getragen wurde, führten Teja und Hildebrand die ermüdeten Scharen ins
Lager zurück.
    Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden Nacht war sehr trübe und
gedrückt. Man hatte empfindliche Verluste zu beklagen und nichts gewonnen, als
die Überzeugung, dass die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen sei. Die gotische
Besatzung von Ravenna hatte neben den Bürgern auf den Wällen gefochten; der
König der Goten lag belagernd vor seiner Hauptstadt, vor der besten Festung
seines Reiches, in der man Schutz und die Zeit zur Rüstung gegen Belisar zu
finden gehofft!
    Das Schlimmste aber war, dass das Heer die Schuld des ganzen Unglückskampfes,
die Notwendigkeit des Bruderstreits auf den König schob. Warum hatte man die
Verhandlung mit der Stadt plötzlich abgebrochen? Warum nicht wenigstens die
Ursache dieses Abbrechens, war sie eine gerechte, dem Heere mitgeteilt? Warum
scheute der König das Licht?
    Missmutig sassen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder lagen in den Zelten,
ihre Wunden pflegend, ihre Waffen flickend: nicht, wie sonst, scholl Gesang der
alten Heldenlieder von den Lagertischen, und wenn die Führer durch die
Zeltgassen schritten, hörten sie manches Wort des Ärgers und des Zornes wider
den König.
    Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften von Florentia her im
Lager ein. Er vernahm mit zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen Schlappe
und wollte sofort zum König; aber da dieser noch bewusstlos unter Hildebrands
Pflege lag, nahm ihn Teja in sein Zelt, und beantwortete seine unwilligen
Fragen.
    Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein, mit einem Ausdruck in den
Zügen, dass Hildebad erschrocken von seinem Bärenfell, das ihm zum Lager diente,
aufsprang und auch Teja hastig fragte: »Was ist mit dem König? Seine Wunde?
Stirbt er?«
    Der Alte schüttelte schmerzlich sein Haupt: »Nein: aber wenn ich richtig
rate, wie ich ihn kenne und sein wackres Herz, wär' ihm besser, er stürbe.«
    »Was meinst du? was ahnest du?«
    »Still, still,« sprach Hildebrand traurig, sich setzend, »armer Witichis! Es
kommt noch, fürcht' ich, früh genug zur Sprache.« Und er schwieg.
    »Nun,« sagte Teja, »wie liessest du ihn?« - »Das Wundfieber hat ihn
verlassen, dank meinen Kräutern. Er wird morgen wieder zu Ross können. Aber er
sprach wunderbare Dinge in seinen wirren Träumen - ich wünsche ihm, dass es nur
Träume sind, sonst: weh dem treuen Manne.«
    Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen. Nach einigen
Stunden liess Witichis die drei Heerführer zu sich rufen. Sie fanden ihn zu ihrem
Staunen in voller Rüstung, obwohl er sich im Stehen auf sein Schwert stützen
musste; seitwärts auf einem Tisch lag sein königlicher Kronhelm und der heilige
Königsstab von weissem Eschenholz mit goldner Kugel. Die Freunde erschraken über
den Verfall dieser sonst so ruhigen, männlich schönen Züge. Er musste innerlich
schwer gekämpft haben. Diese kernige, schlichte Natur aus Einem Guss konnte ein
Ringen zweifelvoller Pflichten, widerstreitender Empfindungen nicht ertragen.
    »Ich hab' euch rufen lassen,« sprach er mit Anstrengung, »meinen Entschluss
in dieser schlimmen Lage zu vernehmen und zu unterstützen. Wie gross ist unser
Verlust in diesem Sturm?«
    »Dreitausend Tote,« sagte Teja sehr ernst. »Und über sechstausend
Verwundete,« fügte Hildebrand hinzu.
    Witichis drückte schmerzlich die Augen zu. Dann sprach er: »Es geht nicht
anders. Teja, gib sogleich Befehl zu einem zweiten Sturm.«
    »Wie? Was?« riefen die drei Führer wie aus Einem Munde.
    »Es geht nicht anders,« wiederholte der König. »Wie viele Tausendschaften
führst du uns zu, Hildebad?« - »Drei, aber sie sind todmüde vom Marsch. Heut'
können sie nicht fechten.«
    »So stürmen wir wieder allein,« sagte Witichis nach seinem Speer langend.
    »König,« sagte Teja, »wir haben gestern nicht einen Stein der Festung
gewonnen, und heute hast du neuntausend weniger ...« -
    »Und die Unverwundeten sind matt, ihre Waffen und ihr Mut zerbrochen,«
mahnte der alte Waffenmeister.
    »Wir müssen Ravenna haben!«
    »Wir werden es nicht mit Sturm nehmen!« sagte Teja.
    »Das wollen wir sehen!« meinte Witichis.
    »Ich lag vor der Stadt mit dem grossen König,« warnte Hildebrand: »er hat sie
siebzigmal umsonst bestürmt: wir nahmen sie nur durch Hunger - nach drei
Jahren.« -
    »Wir müssen stürmen,« sagte Witichis, »gebt den Befehl.« Teja wollte das
Zelt verlassen. Hildebrand hielt ihn. »Bleib,« sagte er, »wir dürfen ihm nichts
verschweigen. König! die Goten murren: sie würden dir heut' nicht folgen: der
Sturm ist unmöglich.«
    »Steht es so?« sagte Witichis bitter. »Der Sturm ist unmöglich? Dann ist nur
eins noch möglich: der Weg, den ich gestern schon hätte einschlagen sollen -
dann lebten jene dreitausend Goten noch. Geh, Hildebad, nimm dort Krone und
Stab!
    Geh ins Lager der Empörer, lege sie dem jungen Arahad zu Füssen: er soll sich
mit Mataswinta vermählen; ich und mein Heer, wir grüssen ihn als König.« Und er
warf sich erschöpft aufs Lager.
    »Du sprichst wieder im Wundfieber,« sagte der Alte. »Das ist unmöglich!«
schloss Teja.
    »Unmöglich! Alles unmöglich? der Kampf unmöglich? und die Entsagung? Ich
sage dir, Alter: es gibt nichts andres nach der Botschaft aus Ravenna.« Er
schwieg.
    Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu.
    Endlich forschte der Alte: »Wie lautet sie? vielleicht findet sich doch ein
Ausweg? Acht Augen sehen mehr als zwei.«
    »Nein,« sagte Witichis, »hier nicht, hier ist nichts zu sehen: sonst hätt'
ich's euch längst gesagt: aber es konnte zu nichts führen. Ich hab's allein
erwogen. Dort liegt das Pergament aus Ravenna, aber schweigt vor dem Heer.«
    Der Alte nahm die Rolle und las: »Die gotischen Krieger und das Volk von
Ravenna an den Grafen Witichis von Fasulä!«
    »Die Frechen!« rief Hildebad dazwischen.
    »Den Herzog Guntaris von Tuscien und den Grafen Arahad von Asta. Die Goten
und die Bürger dieser Stadt erklären den beiden Heerlagern vor ihren Toren, dass
sie, getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und eingedenk der unvergesslichen
Wohltaten des grossen Königs Teoderich, bei diesem Herrscherstamm ausharren
werden, solang noch ein Reis desselben grünt. Wir erkennen deswegen nur
Mataswinta als Herrin der Goten und Italier an: nur der Königin Mataswinta
werden wir diese festen Tore öffnen und gegen jeden andern unsre Stadt bis zum
äussersten verteidigen.«
    »Diese Rasenden,« sagte Teja. »Unbegreiflich,« versetzte Hildebad.
    Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und sagte: »Ich begreife es
wohl. Was die Goten anlangt, so wisst ihr, dass Teoderichs ganze Gefolgschaft die
Besatzung der Stadt bildet; diese Gefolgen aber haben dem König geschworen,
seinem Stamm nie einen fremden König vorzuziehen: auch ich hab' diesen Eid
getan: aber ich habe dabei immer an die Speerseite, nicht an die Spindeln, nicht
an die Weiber, gedacht: darum musst' ich damals für Teodahad stimmen: darum
konnt' ich nach dessen Verrat Witichis huldigen. Der alte Graf Grippa von
Ravenna nun und seine Gesellen glauben sich auch an die Weiber des Geschlechts
durch jenen Eid gebunden: und verlasst euch darauf, diese grauen Recken, die
ältesten im Gotenreich und Teoderichs Waffengenossen, lassen sich in Stücke
hauen, Mann für Mann, eh' sie von ihrem Eide lassen, wie sie ihn einmal deuten.
Und, bei Teoderich! sie haben recht. Die Ravennaten aber sind nicht nur
dankbar, sondern auch schlau: sie hoffen, Goten und Byzantiner sollen den Strauss
vor ihren Wällen ausfechten. Siegt Belisar, der, wie er sagt, Amalaswinta zu
rächen kommt, so kann er die Stadt nicht strafen, die zu ihrer Tochter gehalten:
und siegen wir, so hat sie die Besatzung in der Burg gezwungen, die Tore zu
sperren.«
    »Wie immer dem sei,« fiel der König ein, »ihr werdet jetzt mein Verfahren
verstehn. Erfuhr das Heer von jenem Bescheid, so mochten viele mutlos werden und
zu den Wölsungen übergehn, in deren Gewalt die Fürstin ist. Mir blieben nur zwei
Wege: die Stadt mit Gewalt nehmen - oder nachgeben: jenes haben wir gestern
vergebens versucht, und ihr sagt, man könne es nicht wiederholen. So erübrigt
nur das andre: nachgeben. Arahad mag die Jungfrau freien und die Krone tragen;
ich will der erste sein, ihm zu huldigen und mit seinem tapfren Bruder sein
Reich zu schirmen.«
    »Nimmermehr!« rief Hildebad, »du bist unser König und sollst es bleiben. Nie
beug' ich mein Haupt vor jenem jungen Fant. Lass uns morgen hinüberrücken gegen
die Rebellen, ich allein will sie aus ihrem Lager treiben und das Königskind,
vor dessen Hand wie durch Zauber jene festen Tore aufspringen sollen, in unsre
Zelte tragen.«
    »Und wenn wir sie haben?« sagte Teja, »was dann? Sie nützt uns nichts, wenn
wir sie nicht als Königin begrüssen. Willst du das? Hast du nicht genug an
Amalaswinta und Gotelindis? Nochmals Weiberherrschaft?«
    »Gott soll uns davor schützen!« lachte Hildebad.
    »So denke ich auch,« sprach der König, »sonst hätt' ich längst diesen Weg
ergriffen.«
    »Ei, so lass uns hier liegen und warten bis die Stadt mürbe wird.«
    »Geht nicht,« sagte Witichis, »wir können nicht warten. In wenigen Tagen
kann Belisar von jenen Hügeln steigen und nacheinander mich, Herzog Guntaris
und die Stadt bezwingen: dann ist's dahin, das Reich und Volk der Goten. Es gibt
nur zwei Wege: Sturm -«
    »Unmöglich,« sprach Hildebrand.
    »Oder nachgeben. Geh, Teja, nimm die Krone. Ich sehe keinen Ausweg.«
    Die beiden jungen Männer zauderten.
    Da sprach mit einem ernsten, trauervollen Blick der Liebe auf den König der
alte Hildebrand: »Ich sehe den Ausweg, den schmerzvollen, den einzigen. Du musst
ihn gehen, mein Witichis, und bricht dir siebenmal das Herz.« Witichis sah ihn
fragend an: auch Teja und Hildebad staunten ob der Weichheit des felsharten
Alten.
    »Geht ihr hinaus,« fuhr dieser fort, »ich muss allein sprechen mit dem
König.«
 
                              Fünfzehntes Kapitel.
Schweigend verliessen die beiden Goten das Zelt und schritten draussen, den
Ausgang abwartend, die Lagergasse auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin und
wieder Hildebrands Stimme, der in langer Rede den König zu ermahnen und zu
drängen schien: und hin und wieder ein Ausruf des Königs.
    »Was kann nur der Alte sinnen?« fragte Hildebad, stillhaltend, »weisst du's
nicht?« - »Ich ahn' es,« seufzte Teja, »armer Witichis!« - »Zum Teufel, was
meinst du?« »Lass,« sagte Teja, »es wird bald genug auskommen.«
    So verging geraume Zeit.
    Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Königs, der sich der Reden
Hildebrands mächtig zu erwehren schien.
    »Was quält der Eisbart den wackern Helden?« rief Hildebad ungeduldig. »Es
ist, als wollt' er ihn ermorden. Ich will hinein und helf' ihm.«
    Aber Teja hielt ihn an der Schulter.
    »Bleib,« sagte er. »Es muss wohl sein.«
    Während sich Hildebad losmachen wollte, nahte Lärm von Stimmen aus dem obern
Ende der Lagergasse. Zwei Wachen bemühten sich vergebens, einen starken Goten
zurückzuhalten, der mit allen Zeichen langen und eiligen Rittes bedeckt, sich
gegen das Zelt des Königs drängte.
    »Lass mich los,« rief er, »guter Freund, oder ich schlage dich nieder.«
    Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt.
    »Es geht nicht. Du musst warten. Die grossen Heerführer sind bei ihm im Zelt.«
    »Und wären alle grossen Götter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im
Zelt, ich muss zu ihm. Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann König. Lass
los, rat' ich dir.«
    »Die Stimme kenn' ich,« sagte Graf Teja, nähertretend - »und den Mann.
Wachis, was suchst du hier im Lager?«
    »O Herr,« rief der treue Knecht, »wohl mir, dass ich Euch treffe. Sagt diesen
guten Leuten, dass sie mich loslassen. Dann brauch' ich sie nicht
niederzuschlagen. Ich muss gleich zu meinem armen Herrn.«
    »Lasst ihn los: sonst hält er Wort: ich kenne ihn. Nun, was willst du bei dem
König?«
    »Führt mich nur gleich zu ihm. Ich bring' ihm schwarze, schwere Kunde von
Weib und Kind.«
    »Von Weib und Kind?« fragte Hildebad erstaunt. »Ei, hat Witichis ein Weib?«
    »Die wenigsten wissen es,« sagte Teja. »Sie verliess fast nie ihr Gut, kam
nie zu Hof. Fast niemand kennt sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch. Ich
weiss nicht ihresgleichen.«
    »Da habt Ihr recht, Herr, wenn Ihr je recht gehabt,« sprach Wachis mit
erstickter Stimme. »Die arme, arme Frau und ach, der arme Vater. Aber lass mich
hinein. Frau Rautgund folgt mir auf dem Fuss. Ich muss ihn vorbereiten.«
    Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das Zelt und folgte ihm mit
Hildebad.
    Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, auf dem Lager
des Königs sitzen, das Kinn mit dem mächtigen Bart in die Hand und diese auf das
Steinbeil gestützt. So sass er unbeweglich und richtete fest die Augen auf den
König, der, in höchster Aufregung, mit hastigen Schritten, auf und nieder ging
und im Sturm seiner Gefühle die Eintretenden gar nicht bemerkte: »Nein! nein!
niemals!« rief er, »das ist grausam! frevelhaft! unmöglich!«
    »Es muss sein,« sagte Hildebrand, ohne sich zu rühren.
    »Nein, sag' ich,« rief der König und wandte sich.
    Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr an: da warf sich der
Knecht laut weinend vor ihm nieder.
    »Wachis«, rief erschreckend der König, »was bringst du? Du kömmst von ihr!
Steh auf - was ist geschehen?«
    »Ach Herr,« jammerte dieser immer noch knieend, »Euch sehen, zerreisst mein
Herz! Ich kann nichts dafür! Ich hab's vergolten und gerächt nach Kräften.«
    Da riss ihn Witichis bei den Schultern auf: »Rede, Mensch, was ist zu rächen?
Mein Weib -?«
    »Sie lebt, sie kommt hierher, aber Euer Kind ...«
    »Mein Kind,« sprach er erbleichend, »Atalwin, was ist mit ihm -?«
    »Tot, Herr - ermordet!«
    Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequälten Vaters
Brust. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen, teilnehmend traten Teja und
Hildebad näher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die Gruppe.
    Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. Er suchte die Hände
seines Herrn zu fassen. Da senkte sie dieser von selbst. Zwei grosse Tränen
standen auf den braunen Wangen des Helden: er schämte sich ihrer nicht.
    »Ermordet!« sagte er, »mein schuldlos Kind! von den Römern!«
    »Die feigen Teufel,« rief Hildebad.
    Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos.
    »Calpurnius!« sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis.
    »Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und dein
Weib und Sohn in dein Lager entboten. Wie jauchzte jung Atalwin, dass er nun ein
Königssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen schlug! Nun wolle er bald
ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und wilde Riesen. Da kam der
Nachbar von Rom zurück. Ich merkt' es wohl, dass er noch finsterer sah und
neidischer als je und hütete dir Haus und Stall. Aber das Kind hüten - wer hätte
daran gedacht, dass Kinder nicht mehr sicher!«
    Witichis schüttelte schmerzlich das Haupt.
    »Der Knabe konnte nicht erwarten, dass er seinen Vater sehen solle im
Kriegslager und all die Tausende von gotischen Heermännern und dass er Schlachten
solle in der Nähe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund an, und sagte:
ein Königssohn müsse ein eisernes tragen, zumal in Kriegszeiten. Und ich musste
ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu.
    Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rautgunden jeden Morgen früh
davon. Und fragte sie, wohin? so lachte er: auf Abenteuer, lieb' Mutter! und
sprang in den Wald. Dann kam er mittags müd und zerrissenen Gewandes heim: und
ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und meinte nur, er habe Siegfried
gespielt.
    Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich gar einst an seinem
Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich ihm nach zu Walde. Richtig, es war,
wie ich gedacht. Ich hatte ihm einst warnend eine Höhle im schroffen Felsgeklüft
gezeigt, das steil über den Giessbach hangt, weil dort die giftigen Vipern zu
Dutzenden nisten.
    Er fragte mich damals nach allem aus: und als ich sagte, jeder Biss sei
tödlich, und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin, die der Beisswurm in
den nackten Fuss gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert und wollte mitten
darunter springen. Mit Mühe und schwer erschrocken hielt ich ihn damals ab.
    Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte, dass ich ihm eine
Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich ihn im Walde, mitten im Steingeklüft,
unter Dornen und Gestrüpp: da holte er einen mächtigen Holzschild hervor, den er
sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte. Und eine Krone war frisch drauf
gemalt.
    Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Höhle.
    Ich sah mich um: da lag das lang mächtige Gewürm zu halben Dutzenden von
frühern Schlachten her mit zerhauenen Häuptern umhergestreut: ich folgte, und so
besorgt ich war, ich konnt' ihn nicht stören, wie er so heldenmütig focht! Er
trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwürfen aus ihrem Loch, dass sie sich
züngelnd aufringelte: gerade wie sie zischend gegen ihn sprang, warf er
blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich mitten entzwei. Da
rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er aber sah gar trotzig drein und
rief: Sag's nur der Mutter nicht! denn ich tu's doch! bis der letzte der Drachen
tot ist! Ich sagte, ich würde ihm sein Schwert nehmen. Dann fecht' ich mit dem
hölzernen, wenn dir das lieber ist! rief er. Und welche Schmach für einen
Königssohn!
    Da nahm ich ihn die nächsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die
Wildweide. Das vergnügte ihn sehr: und nächstens, dacht' ich, brechen wir ja
auf.
    Aber eines Morgens war er mir wieder entschlüpft und ich ging allein an die
Arbeit. Den Rückweg nahm ich den Fluss entlang, gewiss, ihn an der Felshöhle zu
finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehäng seines Schwertes, zerrissen, an
den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten auf der Erde. Erschrocken sah
ich umher und suchte, aber -«
    »Rascher, weiter,« rief der König.
    »Aber?« fragte Hildebad.
    »Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich grosse Fussspuren
eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen.
    Sie führten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und unten« -
    Witichis wankte.
    »Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine
Gestalt.
    Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich weiss es nicht, im Flug war
ich unten. - Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den
Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut überströmt -«
    »Halt ein,« sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes Hildebad
des armen Vaters Hand fasste, der stöhnend auf sein Lager sank.
    »Mein Kind, mein süsses Kind, mein Weib!« rief er.
    »Ich fühlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Fluss brachte ihn
nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. Du bist
herabgefallen, mein Kind, klagte ich.
    Nein, sagte er, nicht gefallen, geworfen. Ich war starr vor Entsetzen.
Calpurnius, hauchte er, trat plötzlich um die Felsecke, wie ich auf die Vipern
einhieb, Komm mit mir, sagte er und griff nach mir. Er sah bös aus und falsch.
Ich sprang zurück. Komm, sagte er, oder ich binde dich. Mich binden! rief ich.
Mein Vater ist der Goten König und der deine. Wag es und rühr mich an! Da ward
er ganz wütig und schlug nach mir mit dem Stock und kam näher; ich aber wusste,
dass in der Nähe unsre Knechte Holz fällten, und schrie um Hilfe und wich zurück
bis an den Rand der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute mussten
mich gehört haben: ihre Axtschläge ruhten plötzlich. Doch plötzlich
vorspringend, sagte er: Stirb, kleine Natter! und stiess mich über den Fels.«
    Teja biss die Lippen. »O der Neidling«, rief Hildebad. Und Witichis riss sich
mit einem Schrei des Schmerzes los.
    »Mach's kurz,« sagte Teja. - »Er verlor wieder die Sinne. Ich trug ihn auf
meinen Armen nach Hause zur Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf, in
ihrem Schoss. Ein Gruss an dich war sein letzter Hauch.«
    »Und mein Weib - ist sie nicht verzweifelt?«
    »Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber auch von Stahl. Wie
der Knabe die Augen geschlossen, zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus, nach
rechts.
    Ich verstand sie: dort stand des Mörders Haus.
    Und ich waffnete alle deine Knechte und führte sie hinüber zur Rache: und
wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild, und trugen ihn in unsrer
Mitte zur Mordklage. Und Rautgundis ging mit, ein Schwert in der Hand, hinter
der Leiche. Vor dem Tor der Villa legten wir den Knaben nieder.
    Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Ross zu Belisar. Aber sein
Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof: sie wollten eben zu
Pferd steigen und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf. Dann brachen wir
ein.
    Wir haben sie alle erschlagen, alle: und das Haus niedergebrannt über den
Bewohnern. Frau Rautgundis aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht haltend,
auf ihr Schwert gestützt, und sprach kein Wort. Und mich schickte sie tags
darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie folgte mir bald darauf, sowie sie die
kleine Leiche verbrannt. Und da ich einen Tag verloren, durch die Empörer vom
nächsten Wege abgesperrt, so kann sie stündlich da sein.«
    »Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das ist der erste Ertrag, den mir
diese Krone bringt. Und nun,« rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes den
Alten an, »willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?«
    Hildebrand stand langsam auf: »Nichts ist untragbar, was notwendig ist. Auch
der Winter ist tragbar. Und das Alter. Und der Tod. Sie kommen ohne zu fragen,
wollt ihr's tragen? Sie kommen. Und wir tragen's. Weil wir müssen. Aber ich höre
Frauenstimmen und rauschende Gewande. Gehen wir.«
    Witichis wandte sich von ihm zur Tür.
    Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand und schwarzem Schleier
Rautgundis, sein Weib, eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust drückend.
    Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: - - und die Gatten
hielten sich umfangen.
    Schweigend verliessen die Männer das Zelt.
 
                              Sechzehntes Kapitel.
Draussen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: »Du quälst den König
umsonst,« sagte er. »Er wird nie darein willigen. Er kann's auch nicht. Jetzt am
wenigsten.«
    »Woher weisst du ...? -« unterbrach der Greis. - »Still: ich ahn' es: wie ich
alles Unglück ahne.« - »Dann wirst du auch einsehen, dass er muss.« - »Er, er
wird's nie tun.« - »Aber - du meinst sie selbst?« - »Vielleicht!« - »Sie wird,«
sagte Hildebrand.
    »Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib«, schloss Teja.
    Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen
Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verliess, geschah es, dass die
Vorposten der königlichen Belagerer und die Aussenwachen der gotischen Besatzung
von Ravenna, den eingetretenen tatsächlichen Waffenstillstand benutzend, in
mannigfachen Verkehr traten.
    Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem
Bürgerkriege vor.
    Die Belagerer klagten, dass die Besatzung in der höchsten Not des Reiches dem
gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen. Die Ravennaten
schmähten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne, was ihr gebühre.
    Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna
selber zu, der die Runde auf den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und rief
zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und rühmten:
    »So? Ist das auch edel und königlich gehandelt, dass er statt aller Antwort
auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein so
leichtes Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, dass Mataswinta
Königin sei! Nun, kann er deshalb nicht König bleiben? Ist's ein zu hartes
Opfer, mit dem schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin Schönhaar, von deren
Reiz die Sänger singen auf den Strassen, Tron und Lager zu teilen? Mussten lieber
soviel tausend tapferer Goten sterben? Nun, er soll nur so fortstürmen! Lass
sehn, was eher bricht: sein Eigensinn oder diese Felsen.«
    Diese Worte des Alten machten den grössten Eindruck auf die Goten vor den
Wällen.
    Sie wussten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. Von seiner Ehe
wussten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rautgundens
Anwesenheit im Lager wenig geändert: denn, wahrlich, nicht gleich einer Königin
war sie eingezogen.
    In grosser Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten, was sie
vernommen, wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert. »Darum also hat
er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht,« riefen sie.
    Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die
anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König
schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem Freimut der
Rede, der die Byzantiner entsetzte.
    Hier wirkten der Verdruss über den Rückzug von Rom, die Schmach der
Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brüder, der Zorn über sein
Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König zu erregen, der
deshalb nicht minder mächtig, weil er noch nicht offen ausgebrochen.
    Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann sie durch die Gassen des
Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr verstummten. Aber
sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend sie beim Namen nannten.
    Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten wollten,
hielt sie der alte Waffenmeister zurück.
    »Lasst es nur noch anschwellen,« sagte er: »wenn's genug ist, werd' ich's
dämmen.« »Die einzige Gefahr wäre,« murmelte er halblaut vor sich hin -
    »Dass uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen,« sagte Teja.
    »Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Überläufer erzählen,
dass sich die Fürstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu töten als Arahad
die Hand zu reichen.«
    »Pah,« meinte Hildebad, »daraufhin würd' ich's wagen.«
    »Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, das Amalungenkind. Sie
hat das Blut und die Feuerseele Teoderichs und wird auch uns am Ende böses
Spiel machen.«
    »Witichis ist ein andrer Freier als jener Knabe von Asta,« flüsterte Teja.
»Darauf vertrau' ich auch,« meinte Hildebad. »Gönnt ihm noch einige Tage Ruhe,«
riet der Alte. »Er muss seinem Schmerz sein Recht antun: eh' ist er zu nichts zu
bringen. Stört ihn nicht darin: lasst ihn ruhig in seinem Zelt und bei seinem
Weibe. Ich werde sie bald genug stören müssen.«
    Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König früher und anders als er
gemeint, aus seinem Schmerz aufzurufen.
    Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den
Byzantinern übergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte.
Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, wo wenige
Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten
stattgefunden hatten, häufiger vor.
    Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk
entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen
Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht nötig
gewesen, und man hatte der Bestimmung fast vergessen.
    Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.
    Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Haupteer noch nicht verlassen. Aus
mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum Stützpunkt all'
seiner Bewegungen in Italien machen.
    Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt, sie
zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle, Burgen
und Städte zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen Besatzungen
vertrieben oder erschlagen hatten oder, von keiner Besatzung im Zaum gehalten,
einfach zum »Kaiser der Romäer,« wie er sich auf griechisch nannte, abgefallen
waren.
    Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der gotische König in vollem
Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb verloren schien,
fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck oder die Erscheinung
byzantinischer Truppen vor den Toren ergaben sich viele Schlösser und Städte an
Belisar.
    Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten, um,
falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine Entschuldigung
zu finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund, solche kleine
Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt, unter Führung der
Überläufer, die der Gegend und der Verhältnisse kundig waren, auszusenden. Und
diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten Rückzug der Goten, wagten sich
weit ins Land; jedes gewonnene Kastell wurde ein Ausgangspunkt für weitere
Unternehmungen.
    Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen, das
bei Cäsena, ganz in der Nähe des königlichen Lagers, eine Felshöhe oberhalb des
grossen Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den Witichis seit seiner
Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese gefährlichen Fortschritte der
Feinde und den Verrat der Italier mit Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen
nicht gegen Herzog Guntaris oder gegen Ravenna beschäftigen wollte - er hoffte
auf eine friedliche Lösung des Knotens -, beschloss er, gegen diese kecken
Streifscharen einen züchtigenden Streich zu tun.
    Späher hatten gemeldet, dass, am Tage nach Rautgundens Ankunft im Lager, die
neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena, diese
wichtige Stadt, im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.
    Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er
selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in der
Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der Richtung gegen
Cäsena aufbrachen.
    Der Überfall gelang vollkommen.
    Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuss des hoch auf dem Fels
gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf alle
Seiten des Waldes, die andre Hälfte liess er absitzen und führte sie leise die
Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Tor ward überrascht und die
Byzantiner, von einer überlegenen Macht überfallen, flohen nach allen Seiten den
Fels hinab in den Wald, wo der grosse Teil von den Berittenen gefangen wurde. Die
Flammen des brennenden Schlosses erleuchteten die Nacht.
    Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüsschen am Fuss des
Felsens zurück, über das nur eine schmale Brücke führte. Hier wurden die
verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem Anführer,
nach dem Glanz der Rüstung zu schliessen.
    Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann - sein
Visier war dicht geschlossen - focht wie ein Verzweifelter, deckte die Flucht
der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.
    Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen
Kampf mit an. »Gib dich gefangen, tapferer Mann!« rief er dem einsamen Krieger
zu, »dein Leben sichr' ich dir.«
    Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er
das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nächsten Moment sprang er
wütend vor und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit gewaltigem
Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten etwas zurück.
    Hildebrand ergrimmte. »Drauf!« schrie er, vorspringend, »jetzt keine Gnade
mehr! Zielt mit den Speeren.« - »Er ist gefeit gegen Eisen!« rief einer der
Goten, ein Vetter Tejas, »dreimal hab' ich ihn getroffen - er ist nicht zu
verwunden.«
    »Meinst du, Aligern?« lachte der Alte grimmig, »lass sehen, ob er auch gegen
Stein gefeit ist.«
    Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer - er war fast der einzige,
der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen - sausend gegen den
Byzantiner.
    Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm
und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch hinzu
und lösten ihm den Helm.
    »Meister Hildebrand,« rief Aligern erstaunt, »das war kein Byzantiner.« -
»Und kein Italier,« sagte Guntamund. »Sieh die Goldlocken - das war ein Gote!«
meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu - - und schrak zusammen.
    »Fackeln her,« rief er - »Licht! - - Ja,« sprach er finster, seinen
Steinhammer wieder aufhebend, »das war ein Gote. Und ich - ich hab' ihn
erschlagen,« fügte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am
Hammerschaft.
    »Nein, Herr,« rief Aligern, »er lebt. Er war nur betäubt! Er schlägt die
Augen auf.«
    »Er lebt?« fragte der Alte mit Grauen, »das wollen die Götter nicht!« - »Ja,
er lebt!« wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. »Dann weh über
ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Götter der Goten in meine Gewalt! Bind'
ihn auf dein Ross, Guntamund, aber fest! Und wenn er entwischt, gilt es deinen
Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach Hause!«
    Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie für
diesen Gefangenen rüsten sollten.
    »Einen Bund Stroh für heute nacht,« sagte der, »und für morgen früh - einen
Galgen.« Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und berichtete den
Erfolg seines Zuges.
    »Wir haben unter den Gefangenen,« schloss er finster, »einen gotischen
Überläufer. Er muss hängen, ehe die Sonne morgen niedergeht.« - »Das ist sehr
traurig,« sagte Witichis seufzend. - »Ja, aber notwendig. Ich berufe das
Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du den Vorsitz führen?« -
»Nein,« sagte Witichis, »erlass mir's: ich bestelle Hildebad an meiner Statt.« -
»Nein,« sagte der Alte, »das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr, solang du im
Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.« Witichis sah ihn an: »Du
siehst grimmig und so kalt! Ist's ein alter Feind deiner Sippe?« - »Nein,«
sprach Hildebrand. - »Wie heisst der Gefangene?« - »Wie ich, Hildebrand.« -
»Höre, du scheinst ihn zu hassen, diesen Hildebrand! Du magst ihn richten, aber
hüte dich vor übertriebener Strenge. Vergiss nicht, dass ich gern begnadige.«
    »Das Wohl der Goten fordert seinen Tod,« sagte Hildebrand ruhig, »und er
wird sterben.«
 
                              Siebzehntes Kapitel.
Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt auf
eine Wiese, im Norden, »an der kalten Ecke« des Lagers, wo sich die Heerführer
und ein grosser Teil der Heermänner versammelt hatten.
    »Höre,« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, »ist der alte
Hildebrand auf dem Dingplatz?«
    »Er ist das Haupt des Dings.«
    »Barbaren sind und bleiben sie! Tu' mir den Gefallen, Freund - ich schenke
dir dafür diese purpurne Binde - und geh zu dem Alten. Sag' ihm: ich wisse, dass
ich sterben muss. Aber er möge doch mir - und mehr noch meinem Geschlecht - hörst
du? - meinem Geschlecht - die Schande des Galgens ersparen. Er möge mir heimlich
eine Waffe senden.« Der Gote, Guntamund, ging, Hildebrand zu suchen, der das
Gericht bereits eröffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der Alte liess
zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen feststellen, wie man sich
des Gefangenen bemächtigt, darauf diesen selbst vorführen. Noch immer bedeckte
ein Wollsack sein Haupt und seine Schultern. Eben sollte dieser abgenommen
werden, als Guntamund sich zu Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte.
    »Nein,« sagte dieser, die Stirn runzelnd. »Ich lass ihm sagen: die Schmach
für sein Geschlecht sei seine Tat, nicht seine Strafe.« Und laut fuhr er fort:
»Zeigt das Antlitz des Verräters! Er ist Hildebrand, der Sohn des Hildegis!«
    Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.
    »Sein eigner Enkel!« - »Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist
grausam gegen dein Fleisch und Blut!« rief Hildebad aufspringend. »Nur gerecht,
aber gegen alle,« sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde stossend. »Armer
Witichis!« flüsterte Graf Teja.
    Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.
    »Was kannst du für dich vorbringen, Sohn des Hildegis?« fragte Hildebrand.
    Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gerötet, nicht von
Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen: sein langes, gelbes Haar flog
im Wind. Die Menge war von Mitgefühl ergriffen. Schon der Bericht seines
todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines Namens, endlich jetzt
seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn. Er liess sein Auge flammend
die Reihen durchfliegen und mit Stolz auf dem Alten haften.
    »Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Römer,
kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine Römerin,
die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab' ich nie als mir verwandt
empfunden. Seine Strenge hab' ich verachtet wie seine Liebe. Seinen Namen hat er
mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter entrissen. Ich aber entlief
ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand, Flavus Cloelius habe ich mich von je
genannt. Römisch waren meine Freunde, römisch von jeher meine Gedanken, römisch
mein Leben. All' meine Freunde gingen zu Belisar und Cetegus: sollt' ich
zurückbleiben? Tötet mich, ihr könnt' es und ihr werdet's. Aber gesteht, dass es
Mord ist, nicht Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen
gefangenen Römer. Denn römisch ist meine Seele.«
    Schweigend, mit gemischten Empfindungen, hörte die Menge diese Verteidigung.
    Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprühte Blitze, seine Hand
zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. »Elender!« schrie er, »du bist eines gotischen
Mannes Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: und wenn du dich als
Römer fühlst, verdienst du schon dafür, zu sterben. Sajonen, fort mit ihm, an
den Galgen.«
    Da trat der Gefangene nochmal an die Schranken der Stufe. »So sei
verflucht,« schrie er, »du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren
allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, dass all eure
Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt ihr werden aus
diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden.«
    Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Hülle ums Haupt
und führten ihn ab nach einem Hügel, wo ein starker Eibenbaum aller seiner
Zweige und Blätter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von ihm nach dem
Lager abgelenkt, aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse nahte.
    Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner, Witichis und Hildebad an
der Spitze. »Haltet ein,« rief der König von weitem, »schont den Enkel
Hildebrands: Gnade, Gnade!«
    Aber der Alte wies nach dem Hügel.
    »Zu spät, Herr König,« rief er laut, »es ist aus mit dem Verräter. So geh'
es jedem, der seines Volks vergisst. Erst kommt das Reich, König Witichis, und
dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.«
    Gross war der Eindruck dieser Tat Hildebrands auf das Heer, grösser noch auf
den König. Witichis fühlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede Forderung
des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefühl, dass jetzt jeder Widerstand viel
schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurück. Und Hildebrand benutzte seinen
Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit Teja in das Zelt des Königs.
    Schweigend, Hand in Hand sassen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch
vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art der
Amulette an blauem Bande: die kleine römische Bronzelampe verbreitete nur trübes
Licht. Als Hildebrand dem König die Hand reichte, sah ihm dieser ins Antlitz:
ein Blick sagte ihm, dass Hildebrand mit dem festen Entschluss eingetreten sei,
jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden Preis.
    Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des bevorstehenden
Seelenringens durchschauert.
    »Frau Rautgundis,« hob der Alte an, »ich habe Hartes mit dem König zu
reden. Es wird Euch kränken, es zu hören.«
    Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes
und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmässigen, festen Zügen eine edle
Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen, leise die
Linke auf seine Schulter.
    »Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hälfte dieser
Härte.«
    »Frau,« mahnte der Alte nochmal.
    »Lass sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, ihr ins Angesicht deine
Gedanken zu sagen?« - »Fürchten? nein! und sollt' ich einem Gott ins Antlitz
sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du - ich tät's ohne Furcht: Wisse
denn ...« -
    »Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, den Arm um seine Frau
schlingend. Aber Rautgundis sah ihn gross und fest an: »Ich weiss alles, mein
Witichis. Wie ich gestern abend durchs Lager wandelte, unerkannt, im Schutz der
Dämmerung, hörte ich die Heermänner an den Feuern auf dich schelten und diesen
Alten hoch erheben. Ich lauschte und hörte alles, was dieser fordert und was du
weigerst.«
    »Und du hast mir nichts gesagt?« - »Hat es doch keine Gefahr. Weiss ich doch,
dass du dein Weib nicht verstossen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um jenes
zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Lass diesen Alten drohn: ich weiss ja
doch, es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem Herzen.«
    Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.
    Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab' ich zu rechten. Witichis, ich
frage dich vor Teja: du weisst, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir verloren -
Ravenna öffnet dir nur Mataswintens Hand. - Willst du diese Hand fassen oder
nicht?«
    Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben recht! Wir sind Barbaren! Da
steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an Treue
unerreicht, vor ihm steht die Asche unsres gemordeten Kindes, und er will von
diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen. Nie, niemals!«
    »Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem
Weg in dein Zelt,« sprach der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich fordere.
Ich hielt sie mit Mühe ab.«
    »Lass sie kommen!« rief Witichis, »sie können mir nur die Krone nehmen, nicht
mein Weib.«
    »Wer die Krone trägt, ist seines Volkes, Nicht mehr sein eigen.«
    »Hier,« - da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor
Hildebrand, - »noch einmal geb' ich euch und zum letztenmal die Krone zurück.
Ich habe sie nicht verlangt, weiss Gott. - Sie hat mir nichts gebracht als diese
Aschenurne. - Nehmt sie zurück: - lasst König sein wer will und Mataswinta
frein.«
    Aber Hildebrand schüttelte das Haupt. »Du weisst, das führt zum sichersten
Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende
würden Arahad nie anerkennen. Du bist's allein, der noch alles zusammenhält.
Fällst du weg, so lösen wir uns auf, ein Bündel losgebundener Ruten, die Belisar
im Spiele bricht. Willst du das?«
    »Frau Rautgundis, kannst du kein Opfer bringen für dein Volk?« sprach Teja
nähertretend.
    »Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?« -
»Rautgundis,« sprach dieser ruhig, »ich ehre dich vor allen Frauen hoch, und
Hohes fordre ich darum von dir.« -
    Hildebrand aber begann: »du bist die Königin dieses Volkes. Ich weiss von
einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen lasteten auf
ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Götter zürnten den Goten. Da
fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des Meeres, und sie
rauschten zur Antwort:
Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.
Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.
    Und Swanhild wandte den Fuss nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Göttern
und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.«
    Rautgundis blieb nicht unbewegt. »Ich liebe mein Volk,« sprach sie, »und
seit von Atalwin nur diese Locke übrig,« sie wies auf die Kapsel, »glaub' ich,
gäb' ich mein Leben für mein Volk. Sterben will ich - ja,« rief sie, »aber leben
und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen - nein.«
    »In andrer Liebe!« rief Witichis, »wie redest du mir so? Weisst du's denn
nicht, wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens schlägt?
Hast du's denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht, wie ewig unsre
Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reisst mir das Herz aus der Brust,
setzt mir ein andres ein: dann etwa lass' ich von dieser Seele. Ja, wahrlich,«
rief er den beiden Männern zu, »ihr wisst nicht was ihr tut und kennt euren
Vorteil schlecht. Ihr wisst nicht, dass meine Liebe zu diesem Weib und dieses
Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis. Sie ist mein guter Stern. Ihr wisst
nicht, dass ihr zu danken ist, ihr allein, wenn etwas euch an mir gefällt. An sie
denk' ich im Getümmel der Schlacht und ihr Bild stärkt meinen Arm. An sie denk'
ich, an ihre Seele, klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn's gilt, im Rat
das Edelste zu finden. - O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie
hinweg und ein Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König.«
    Und in leidenschaftlicher Erregung schloss er Rautgundis in die Arme. Sie
war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann, der sein
Gefühl gern scheu in sich verschloss, so von ihr, von seiner Liebe gesprochen.
Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.
    Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust: »Dank, Dank, Gott, für
diese Schmerzensstunde«, flüsterte sie, »ja, jetzt weiss ich, dein Herz, deine
Seele sind ewig mein.«
    »Und bleiben dein,« sagte Teja leise, »wenn auch eine andre seine Königin
heisst! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.«
    Das schlug tief in Rautgundis' Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort,
mit grossen Augen auf Teja.
    Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu
führen.
    »Wer will, wer kann an eure Herzen rühren?« sprach er. »Ein Schatte ohne
Glück und Kraft - das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und brichst
deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als ein Schatte.«
    »Seinen Eid?« fragte Rautgundis erbebend. »Was hast du geschworen?«
    Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände.
    »Was hat er geschworen?« wiederholte sie.
    Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend.
»Wenige Jahre sind's. Da schloss ein Mann, in mitternächtiger Stunde, mit vier
Freunden einen mächtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen geritzt, und
er tat einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser, dem flackernden Feuer
und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes Blut zu einem Bund von Brüdern
auf immer und ewig und alle Tage.
    Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe,
Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der Goten.
Und wer von den Brüdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit allen Opfern,
des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter den Waldwasen. Auf
sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn erdrücken. Und wer
vergisst dieses Eides und wer sich weigert, alles zu opfern dem Volk der Goten,
wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf
immer den dunkeln Gewalten, die da hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen
mit Füssen schreiten über des Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein
spurlos in die Tiefe: - oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und
verdammt soll sein seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name,
so weit Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit
der Wind weht über die weite Welt.
    So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern: von Hildebrand und
Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fünfte? Witichis, Waltaris
Sohn.«
    Und - rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel zurück.
»Sieh her, Rautgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht verwischt.
Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er damals, als er noch
nicht König war.
    Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf
den Schild erhoben, da tat er einen zweiten Schwur: Mein Leben, mein Glück, mein
Alles, euch will ich's weihn, dem Volk der Goten, das schwör' ich euch beim
höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue. Nun, Witichis, Waltaris Sohn, König
der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu dieser Stunde. Ich frage
dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein Alles, dein Glück und dein Weib,
dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe drei Söhne verloren für dies Volk.
    Und habe meinen Enkel, den letzten Spross meines Geschlechtes, geopfert,
gerichtet für die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du das
gleiche tun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos unter den
Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?«
    Witichis wandte sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.
    Da erhob sich Rautgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die
Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: »Halt ein. Lass
ab von ihm. Es ist genug, schon längst. Er tut, was du begehrst. Er wird nicht
ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke, um sein Weib.«
    Aber Witichis sprang auf und umfasste sie, als wollte man ihm sein Weib
sogleich entreissen.
    »Geht jetzt,« sprach sie zu den Männern, »lasst mich allein mit ihm.«
    Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zögerte.
    »Geh nur, ich gelobe es dir:« sprach sie, die Hand auf die Marmorurne
legend, »bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.«
    »Nein,« sprach Witichis, »ich stosse mein Weib nicht von mir, nie.«
    »Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir.
Rautgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein Herz
nie von mir lösen: ich weiss es, es bleibt mein, seit heute mehr denn je. Geht,
was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trägt keinen Zeugen.«
    Schweigend verliessen die Männer das Zelt, schweigend gingen sie miteinander
die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.
    »Gute Nacht, Teja,« sagte er, »jetzt ist's getan.«
    »Ja, doch wer weiss, ob wohlgetan. Ein edles, edles Opfer: noch viele andre
werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben: umsonst. Doch
gilt's die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Leb wohl.«
    Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein
Schatten in der Nacht.
 
                              Achtzehntes Kapitel.
Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem
Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Ross am
Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend. Einen
Pfeilschuss hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bündel hinter sich auf dem Sattel,
an dem die schwere Streitaxt hing.
    Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.
    Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen die breite
Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen die
Strasse, die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte.
    Da hielt das Weib den Zügel an.
    »Die Sonne steigt soeben auf: ich hab's gelobt, dass sie dich frei und ledig
findet. Leb wohl, mein Witichis.« - »Eile nicht so hinweg von mir,« sagte er,
ihre Hand drückend. - »Wort muss man halten, Freund, und bricht das Herz darob.
Es muss sein.« - »Du gehst leichter, als ich bleibe.« Sie lächelte schmerzlich.
»Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe: Du hast noch ein Leben vor dir.« -
»Was für ein Leben!« - »Das Leben eines Königs für sein Volk, wie dein Eid es
gebeut.« - »Unseliger Eid.« - »Es war recht, ihn zu schwören: es ist Pflicht,
ihn zu halten. Und du wirst mein gedenken in den Goldsälen von Rom, wie ich dein
in meiner Hütte tief im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn
Jahre der Lieb' und Treu, und unsern süssen Knaben.«
    »O mein Weib, mein Weib,« rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden
Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt. Sie beugte das Haupt über ihn und
legte die Rechte auf sein braunes Haar.
    Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann
hielt er's nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: »Herr, passt auf,
ich weiss Euch guten Rat, hört Ihr nicht?«
    »Was kannst du raten?«
    »Kommt mit, auf und davon! werft Euch auf mein Pferd und reitet frisch davon
mit Frau Rautgundis. Ich komme nach. Lasst ihnen doch, die Euch so quälen, dass
Euch die hellen Tropfen im Auge stehen, lasst ihnen doch den ganzen Plunder von
Kron' und Reich. Euch hat's kein Glück gebracht: sie meinen's nicht gut mit
Euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote Krone? Auf und davon, sag'
ich! Und ich weiss Euch ein Felsennest, wo Euch nur der Adler findet oder der
Steinbock.«
    »Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus
der Mühle? Leb wohl, Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band: des
Kindes Stirnlocken sind darin und eine,« flüsterte sie, ihn auf die Stirn
küssend und das Medaillon umhängend, »und eine von Rautgundis. Leb wohl, du
mein Leben!«
    Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.
    Da trieb sie das Pferd an: »Vorwärts, Wallada,« und sprengte hinweg: Wachis
folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.
    Da hielt sie, ehe die Strasse sich ins Gehölz krümmte: - nochmals winkte sie
mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.
    Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse. Erst
als diese verhallt, wandte er sich.
    Aber es liess ihn nicht von der Stelle.
    Er trat seitab der Strasse: dort lag jenseit des Grabens ein grosser moosiger
Felsblock: darauf setzte sich der König der Goten, und stützte die Arme auf die
Kniee, das Haupt in beide Hände. Fest drückte er die Finger vor die Augen, die
Welt und alles draussen auszuschliessen von seinem Schmerz.
    Tränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. Reiter sprengten
vorüber, er hörte es kaum. So sass er stundenlang regungslos, so dass die Vögel
des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.
    Schon stand die Sonne im Mittag.
    Endlich - hörte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.
    »Ich wusst' es wohl,« sagte dieser, »du bist nicht feig entflohn. Komm mit
zurück und rette das Reich. Als man dich heut' nicht in deinem Zelte fand, kam's
gleich im ganzen Lager aus: du habest, an Krone und Glück verzweifelnd, dich
davongemacht.
    Bald drang's in die Stadt und zu Guntaris: die Ravennaten drohen einen
Ausfall, sie wollen zu Belisar übergehn. Arahad buhlt bei unserm Heer um die
Krone. Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer auseinander, wenn du
nicht kommst und rettest.«
    »Ich komme,« sagte er, »sie sollen sich hüten! Es brach das beste Herz um
diese Krone; sie ist geheiligt, und sie soll'n sie nicht entweihn. Komm, Teja,
zurück ins Lager.«
 
                               Zweite Abteilung.
                                Erstes Kapitel.
Im Lager angelangt, fand König Witichis alles in höchster Verwirrung; gewaltsam
riss ihn die drängende Not des Augenblicks aus seinem Gram und gab ihm vollauf zu
tun.
    Er traf das Heer in voller Auflösung und in zahlreiche Parteiungen
zerspalten. Deutlich erkannte er, dass der Fall der ganzen gotischen Sache die
Folge gewesen wäre, hätte er die Krone niedergelegt oder das Heer verlassen.
    Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit.
    Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschliessen. Andre
zu den Empörern sich wenden, andre Italien verlassend über die Alpen flüchten.
Endlich fehlte es nicht an Stimmen, die für eine neue Königswahl sprachen: und
auch hierin standen sich die Parteien waffendrohend gegenüber.
    Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, die an des Königs
Flucht nicht glauben wollten. Der Alte hatte erklärt, wenn Witichis wirklich
entflohen, wolle er nicht ruhen, bis der eidbrüchige König wie Teodahad
geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, der also von Witichis denke. Sie
hatten die Wege zur Stadt und nach dem Wölsungenlager besetzt und drohten, jeden
Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt zurückzuweisen, während auch bereits Herzog
Guntaris von der Verwirrung Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager
der Königlichen anrückte.
    Überall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende Scharen, Drohungen,
Scheltworte, erhobene Waffen: - jeden Augenblick konnte auf allen Punkten des
Lagers ein Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein Zelt,
schmückte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab, stieg auf Boreas, das
mächtige Schlachtross, und sprengte, gefolgt von Teja, der die blaue Königsfahne
Teoderichs über ihn hielt, durch die Gassen.
    In der Mitte des Lagers stiess er auf einen Trupp von Männern, Weibern und
Kindern - denn ein gotisches Volksheer führte auch diese mit sich - der sich
drohend gegen das Westtor wälzte.
    Hildebad liess die Seinen mit gefällten Speeren in die Tore treten.
    »Lasst uns hinaus,« schrie die Menge, »der König ist geflohen, der Krieg ist
aus, alles ist verloren, wir wollen das Leben retten.« - »Der König ist kein
Tropf wie du,« sagte Hildebad, den Vordersten zurückstossend. - »Ja, er ist ein
Verräter,« schrie dieser, »er hat uns alle verlassen und verraten um ein paar
Weibertränen.«
    »Ja,« schrie ein andrer: »er hat dreitausend von unsern Brüdern
hingeschlachtet und ist dann entflohn.«
    »Du lügst,« sprach eine ruhige Stimme, und Witichis bog um die Lagerecke.
    »Heil dir, König Witichis!« schrie der riesige Hildebad, »seht ihr ihn da!
Hab' ich's nicht immer gesagt, ihr Gesindel? Aber Zeit war's, dass du kamst -
sonst ward es schlimm.«
    Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran: »Heil dir,
König, und der Krone auf deinem Helm. - Reitet durch das Lager, Herolde, und
kündet, was ihr saht: und alles Volk soll rufen: Heil König Witichis, dem
Vielgetreuen.«
    Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. -
    Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus allen Gassen der
donnernde Ruf: »Heil König Witichis,« und von allen Seiten stimmten die jüngst
noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen.
    Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes über die Tausende. Und Teja
sprach hinter ihm leise: »Du siehst, du hast das Reich gerettet.«
    »Auf, führ' uns zum Sieg!« rief Hildebad, »denn Guntaris und Arahad rücken
an: sie wähnen, uns ohne Haupt in offenem Zwist zu überraschen! heraus auf sie!
sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder die Empörer.« -
»Nieder die Empörer!« donnerten die Heermänner nach, froh, einen Ausweg ihrer
tieferregten Leidenschaft zu finden.
    Aber der König winkte mit edler Ruhe: »Stille! nicht noch einmal soll
gotisch Blut fliessen von gotischen Waffen. Ihr harret hier in Geduld: du,
Hildebad, tu' mir auf das Tor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den
Gegnern. Du, Graf Teja, hältst das Lager in Zucht, bis ich wiederkehre. Du aber,
Hildebrand« - er rief's mit erhobener Stimme, - »reit an die Tore von Ravenna
und künde laut: sie sollen sie öffnen. Erfüllt ist ihr Begehr, und noch vor
Abend ziehen wir ein: der König Witichis und die Königin Mataswinta.«
    So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, dass das Heer sie mit lautloser
Ehrfurcht vernahm.
    Hildebad öffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen der Empörer im
Sturmschritt Heraneilen: laut scholl ihr Kriegsruf, als sich das Tor öffnete.
    König Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen.
Hinter ihm schloss sich das Tor.
    »Er sucht den Tod,« flüsterte Hildebrand. »Nein,« sprach Teja, »er sucht und
bringt das Heil der Goten.«
    Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter erkannten: neben den
wölsungischen Brüdern, die an der Spitze zogen, ritt ein Führer avarischer
Pfeilschützen, die sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand vor die kleinen,
blinzenden Augen und rief: »Beim Rosse des Rossgotts, das ist der König selbst!
jetzt, meine Burschen, pfeilkundige Söhne der Steppe, zielt haarscharf und der
Krieg ist aus.« Und er riss den krummen Hornbogen von der Schulter.
    »Halt, Chan Warchun,« sprach Herzog Guntaris, eine eherne Hand auf seine
Schulter legend. »Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst den
Grafen Witichis König: das sei dir verziehn. Und du willst ihn morden, der im
Botenfrieden naht: Das mag avarisch sein: es ist nicht Gotensitte. Hinweg mit
dir und deiner Schar aus meinem Lager.«
    Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: »Hinweg, sogleich!« wiederholte
Herzog Guntaris. Der Avare lachte und winkte seinen Reitern: »Mir gleich!
Kinder: wir gehn zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber -
Kinderherzen.«
    Indessen war Witichis herangeritten, Guntaris und Arahad musterten ihn mit
forschenden Blicken. In seinem Wesen lag neben der alten, schlichten Würde eine
ernste Hoheit: die Majestät des höchsten Schmerzes.
    »Ich komme, mit euch zu reden, zum Heile der Goten. Nicht weiter sollen
Brüder sich zerfleischen. Lasst uns zusammen einziehen in Ravenna und zusammen
Belisar bekämpfen. Ich werde Mataswinta freien und ihr beide sollt am nächsten
stehen an meinem Tron.«
    »Nimmermehr!« rief Arahad leidenschaftlich. »Du vergisst,« sprach Herzog
Guntaris stolz, »dass deine Braut in unsern Zelten ist.«
    »Herzog Guntaris von Tuscien, ich könnte dir erwidern, dass bald wir in
euren Zelten sein werden. Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr, und, o
Herzog Guntaris, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also sprechen. Aber
mahnen will ich dich des Gotenvolks. Selbst wenn du siegen solltest - du wirst
zu schwach, um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind wir ihm gewachsen. Gib
nach!«
    »Gib du nach!« sprach der Wölsung, »wenn dir's ums Gotenvolk zu tun. Lege
diese Krone nieder: kannst du kein Opfer bringen deinem Volk?« - »Ich kann's -
ich hab's getan. Hast du ein Weib, o Guntaris?«
    »Ein teures Weib habe ich.« - »Nun wohl: auch ich hatte ein teures Weib. Ich
hab's geopfert meinem Volk: ich habe sie ziehen lassen, Mataswinten zu freien.«
    Herzog Guntaris schwieg. Arahad aber rief: »dann hast du sie nicht
geliebt.«
    Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengross:
Glut deckte seine Wangen, und einen vernichtenden Blick warf er auf den
erschrockenen Jüngling: »Schwatze mir nicht von Liebe, lästre nicht, du
törichter Knabe! Weil dir ein Paar rote Lippen und weisse Glieder in deinen
Träumen vor den Blicken glänzen, sprichst du von Liebe? Was weisst du von dem,
was ich an diesem Weib verloren, der Mutter meines süssen Kindes! Eine Welt von
Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine Seele ist wund: in mir liegen Schmerz
und Verzweiflung mit Mühe gebändigt: reizt sie nicht, lasst sie nicht
losbrechen.«
    Herzog Guntaris war sehr nachdenklich geworden.
    »Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen Mann so
adelige Streiche tun. Ich weiss, es ist kein Falsch an dir. Ich weiss, wie Liebe
bindet an ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk geopfert? Das ist
viel.«
    »Bruder! was sinnest du?« rief Arahad, »was hast du vor?« - »Ich habe vor,
das Haus der Wölsungen an Edelmut nicht beschämen zu lassen. Edle Geburt,
Arahad, heischt edle Tat!
    Sag' mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben,
ja dein Leben, als dein Weib?«
    »Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal wollt' ich die Krone
Graf Arahad abtreten: zweimal schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie
anzuerkennen. Drei, vier Gegenkönige würden gewählt, aber, bei meinem Wort, Graf
Arahad würde niemals anerkannt. Da rang ich mein Weib von mir ab, vom blutenden
Herzen. Und nun, Herzog Guntaris, gedenk' auch du des Gotenvolks. Verloren ist
das Haus der Wölsungen, wenn die Goten verloren. Die edelste Blüte des Stammes
fällt mit dem Stamm, wenn Belisar die Axt an die Wurzel legt. Ich habe mein Weib
dahingegeben, meines Lebens Krone: gib du die Hoffnung einer Krone auf.«
    »Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der Gemeinfreie Witichis war
edler, als des Adels Edelste! Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein König.«
Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn aufhob und an seine
Brust zog.
    »Bruder! Bruder! was tust du an mir! welche Schmach!« rief Arahad. »Ich
rechn' es mir zur Ehre!« sprach Guntaris ruhig. »Und zum Zeichen, dass mein
König nicht Feigheit sieht, sondern eine Edeltat in der Huldigung, erbitt' ich
mir eine Gunst. Amaler und Balten haben unser Geschlecht zurückgedrängt von dem
Platz, der ihm gebührt im Volke der Goten.« - »In dieser Stunde,« sprach
Witichis, »kaufst du ihn zurück: die Goten sollen nie vergessen, dass
Wölsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart hat.« - »Und des zum Zeichen
sollst du uns das Recht verleihen, dass die Wölsungen der Goten Sturmfahne dem
Heer vorauftragen in jeder Schlacht.« - »So sei's,« sagte der König, ihm die
Rechte reichend, »und keine Hand wird sie mir würdiger führen.« - »Wohlan, jetzt
auf zu Mataswinta,« sprach Guntaris.
    »Mataswinta!« rief Arahad, der bisher wie betäubt der Versöhnung zugesehen,
die alle seine Hoffnungen begrub. »Mataswinta!« wiederholte er. »Ha, zur
rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr könnt mir die Krone nehmen: - sie fahre hin,
- nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die Geliebte zu beschützen. Sie hat
mich verschmäht: ich aber liebe sie bis zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder
beschirmt, der sie zwingen wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will
ich sie beschützen, wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhassten Feindes zu
werden. Frei soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der
Erde.« Und rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhängtem Zügel
seinem Lager zu.
    Witichis sah ihm besorgt nach. »Lass ihn,« sprach Herzog Guntaris, »wir
beide, einig, haben nichts zu fürchten. Gehen wir die Heere zu versöhnen, wie
die Führer.«
    Während Guntaris zuerst den König durch seine Reihen führte und diese
aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden taten, und darauf
Witichis den Wölsungen und seine Anführer mit in sein Lager nahm, wo die
Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein Wunderwerk des Königs
angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im Vordertreffen eine kleine
Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen Gefolgen und sprengte mit ihnen nach
seinem Lager zurück.
    Bald stand er im Zelt vor Mataswinten, die sich bei seinem Eintreten
unwillig erhob. »Zürne nicht, schilt nicht, Fürstin! diesmal hast du kein Recht
dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfüllen. Flieh, du musst
mir folgen.« Und im Ungestüm seiner Aufregung griff er nach der weissen, schmalen
Hand.
    Mataswinta trat einen Schritt zurück und legte die Rechte an den breiten
Goldgürtel, der ihr weisses Untergewand umschloss: »Fliehen?« sagte sie, »wohin
fliehen?«
    »Übers Meer! Über die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner
Freiheit droht höchste Gefahr.«
    »Von Euch allein droht sie.« - »Nicht mehr von mir! Und ich kann dich nicht
mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es, konnte grausam
sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun -«
    »Aber nun?« sprach Mataswinta erbleichend.
    »Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine
Feinde im Königslager und in Ravenna, alle sind darin einig. Bald werden sie
dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann's nicht denken!
Diese Seele, diese Schönheit entweiht als Opfer in ungeliebtem Ehebund.«
    »Lass sie kommen,« sagte Mataswinta, »lass sehen, ob sie mich zwingen!« Und
sie drückte den Dolch, den sie im Gürtel trug, an sich. - »Wer ist er, der neue
Zwingherr, der mir droht.«
    »Frage, nicht!« rief Arahad, »dein Feind, der dein nicht wert, der dich
nicht liebt; der - folge mir! - flieh, schon kommen sie!« Man hörte von draussen
nahenden Hufschlag.
    »Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Teoderichs?«
    »Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Hände fallen, der Fühllosen,
die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, nur dein Recht auf die Krone!
Folge mir ... -«
    Da ward der Türvorhang des Zeltes zur Seite geschoben: Graf Teja trat ein.
Zwei Gotenknaben mit ihm, in weisser Seide, festlich gekleidet.
    Sie trugen ein mit einem Schleier verhülltes Purpurkissen. Er trat bis an
die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinten. Er trug, wie die
Knaben, einen grünen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge und seine Stirne
war düster, - als er sprach: »Ich grüsse dich, der Goten und Italier Königin!«
    Mit erstauntem Blick mass sie ihn. Teja erhob sich, trat zurück zu den
Knaben, nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den grünen Rautenkranz und
sprach: »Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswinta, und lade dich
zur Hochzeit und zur Krönung - die Sänfte steht bereit.«
    Arahad griff ans Schwert.
    »Wer sendet dich?« fragte Mataswinta mit klopfendem Herzen, aber die Hand
am Dolch. »Wer sonst, als Witichis, der Goten König.« Da leuchtete ein Strahl
der Begeisterung aus Mataswintens wunderbaren Augen: sie erhob beide Arme gen
Himmel und sprach: »Dank, Himmel, deine Sterne lügen nicht: und nicht das treue
Herz. Ich wusst' es wohl.« Und mit beiden schimmernden Händen ergriff sie das
bekränzte Diadem und drückte es fest auf das dunkelrote Haar. »Ich bin bereit.
Geleite mich,« sprach sie, »zu deinem Herrn und meinem.« Und mit königlicher
Wendung reichte sie Graf Teja die Linke, der sie ehrerbietig hinausführte.
    Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, noch immer die Hand
am Schwert. Da trat Eurich, einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und legte ihm
die Hand auf die Schulter: »Was nun?« fragte er, »die Rosse stehen und harren:
wohin?« - »Wohin?« rief Arahad auffahrend - »wohin? Es gibt nur noch Einen Weg:
wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner und der Tod?«
 
                                Zweites Kapitel.
Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles Fest
auf den Fora und in dem Königspalast zu Ravenna.
    Die Bürger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in gemischten
Scharen durch die Strassen und fuhren durch die Lagunenkanäle - denn Ravenna war
damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie heute Venedig - die
riesigen Kränze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern, die von allen Zinnen und
Dächern niederwehten: denn es galt, die Vermählung des gotischen Königspaares zu
feiern.
    Am frühen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor
den Toren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der König und die
Königin erschienen auf milchweissen Rossen: abgestiegen waren sie vor allem Volk
unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte Witichis seiner Braut
die rechte Hand auf das Haupt gelegt: sie aber trat mit dem entblössten linken
Fuss in den Goldschuh des Königs.
    Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht geschlossen.
Darauf bestieg das Paar einen mit grünen Zweigen geschmückten Wagen, der von
vier weissen Rindern gezogen ward; der König schwang die Geissel und sie fuhren,
gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schloss sich an die halb heidnische,
germanische, eine zweite, die christliche Feier: der arianische Bischof erteilte
seinen Segen über das Paar in der Basilika Sancti Vitalis und liess es die Ringe
wechseln.
    Rautgundens wurde nicht gedacht.
    Noch war die Kirche nicht mächtig genug, ihre Forderung der Unauflöslichkeit
einer kirchlich geschlossenen Ehe überall durchzusetzen: vornehme Römer und
vollends Germanen verstiessen noch häufig in voller Willkür ihre Frauen. Und wenn
gar ein König aus Gründen des Staatswohls und ohne Einspruch der Gattin das
gleiche beschloss, erhob sich kein Widerstand. -
    Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Gärten ein
grosses Festmahl gerüstet war.
    Das ganze Gotenheer und die ganze Bevölkerung der Stadt fand hier, dann auf
den Fora des Herkules und des Honorius und in den nächsten Strassen und Kanälen
auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, während die Grossen des
Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Königspaar in der Gartenrotunde oder
in der weiten Trinkhalle, die Teoderich hatte in dem römischen Palast anbringen
lassen, tafelten.
    So wenig die Lage des Landes und des Königs Stimmung zu rauschenden Festen
passen mochten - es galt, die Ravennaten mit den Goten und die verschiedenen
Parteien der Goten unter sich zu versöhnen: und man hoffte, in Strömen des
Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen hinwegzuspülen.
    Am besten übersah man den Königstisch und die festlichen Tafeln, die sich
über den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach
Mataswintens bestimmten kleinen Gelass, dessen einziges Fenster auf die Rotunde
vor dem Garten und, über den Garten hin, bis auf das Meer ausblicken liess.
    In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmückend zu schalten und zu walten,
hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste ausgebeten. »Denn diese
ernsten, finstern Römer wissen ebensowenig wie die rauhen Goten, dem schönsten
Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in Afrika, im Land der Wunder, lernt
man das.«
    Und wohl war ihr's gelungen, wenn auch im Sinn der schwülen, phantastischen
Üppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre Gemach wie zu einem
kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Wände und Decke waren von glänzend weissen
Marmorplatten gefügt.
    Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten
Gehängen von dunkelroter Seide verhüllt, die in schweren Falten von den Wänden
niederfloss, sich über die Getäfeldecke wie ein Rundbogen wölbte und den
Marmorboden so dicht verhüllte, dass jeder Tritt lautlos drüber hinglitt und
alles Geräusch sich im Entstehen brach. Nur an der Fensterbrüstung sah man den
schimmernd weissen Marmor sich prachtvoll von der Glut der Seide heben.
    Das Fenster von weissem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber Seide
verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum strömte aus von einer Ampel, die
von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit goldnen Flügeln
schwebte aus einem Füllhorn von Blumengewinden: in den Füssen trug sie eine
flache Schale aus einem einzigen grossen Karneol, der, ein Geschenk des
Vandalenkönigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als ein seltenes Wunder
galt.
    Und in dieser Schale glühte ein rotes Flämmchen, genährt von stark duftendem
Zederöl. Ein gebrochenes, träumerisches Dämmerlicht ergoss sich von hier aus über
das phantastische Doppelpfühl, das, halb von Blumen verschüttet, darunter stand.
Aspa hatte sich das bräutliche Lager als die aufgeschlagnen Schalen einer
Muschel gedacht, die an der innern Seite zusammenhängen, zwei ovale
muschelförmige Klinen von Citrusholz erhoben sich nur wenig von dem Teppich des
Bodens. Über die weissen Kissen und Teppiche hin war eine Linnendecke von
orangegoldnem Glanz gegossen.
    Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fülle von Blumen, welche die
Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem Geschmack über
das ganze Gemach verstreut und über die Wände, Decken, Vorhänge, die Türe und
das Lager verteilt hatte.
    Ein Bogen von starkduftigen Geissblattranken überwölbte laubenartig die
einzige Türe, den schmalen Eingang. Zwei mächtige Rosenbäume standen zu Häupten
des Lagers und streuten ihre roten und weissen Blüten auf die Teppiche. Die Ampel
hing, wie erwähnt, aus einem kunstvoll gewundnen Füllhorn von Blumen herab. Und
überall sonst, wo eine Falte, eine Biegung der Teppiche das Auge zu verweilen
lud, hatte Aspa eine seltene Blume glücklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der
Oleander Italiens, die sizilische Myrte, das schöne Rhododendron der Alpen und
die glühenden Iriazeen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: alle lauschten je am
gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. -
    Schon standen die Sterne am Himmel.
    Es dämmerte draussen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der veilchendunkeln
Schale entzündet und war nur noch beschäftigt, hier und da eine Falte zu
glätten, indes sie eine römische Sklavin anwies, in den Silberkrügen auf dem
Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu kühlen, eine andre, das Gemach mit
Balsam zu durchsprengen.
    »Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So!« rief Aspa,
eine volle Libation über das Lager spritzend.
    »Lass ab,« mahnte die Römerin, »es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen
betäubt: die Rose und das Geissblatt berauschen fast die Sinne: mir würde
schwindeln hier.«
    »Ah,« lachte Aspa, »wie singt der Dichter: Nüchternen nimmer nahet, das
Glück: nur in seligem Rausche. Lass uns jetzt das Fenster schliessen.« - »Nur ein
wenig noch lass mich lauschen,« bat eine dritte junge Sklavin, die dort lehnte.
»Es ist zu schön! Komm, Fritilo,« sprach sie zu einer gotischen Magd, die neben
ihr stand, »du kennst ja all' die stolzen Männer und Frauen: sage, wer ist der
zur Linken der Königin mit dem goldnen Schuppenpanzer? er trinkt dem König zu.«
- »Herzog Guntaris von Tuscien, der Wölsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta
... - wo mag der sein zu dieser Stunde?«
    »Und der Alte neben dem König, mit dem grauen Bart?«
    »Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht die
Fürstin an. Wie sie lacht und errötet! Nie war sie so schön.« - »Ja, aber auch
der Bräutigam - welch' herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der Nacken des
Neptun. Aber er sieht nicht fröhlich - vorhin starrte er lange sprachlos in
seinen Becher und furchte die Stirn: - die Königin sah es: - bis der alte
Hildebrand, gegenüber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf. Was hat der Mann zu
seufzen? neben diesem Götterweib.«
    »Nun,« sprach die Gotin, »er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz. Er
denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und Menschen, die
er verstossen.«
    »Was? wie? was sagst du?« riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber
urplötzlich fuhr Aspa zwischen die Mädchen: »Willst du wohl schweigen mit dem
dummen Gerede, Barbarin! Mach', dass du fortkommst! Ein solches Wort: - eine
Silbe, dass es die Königin hört, und du sollst der Afrikanerin gedenken.«
    Fritilo wollte erwidern. »Still,« rief eine der Römerinnen. »Die Königin
bricht auf.« - »Sie wird hier heraufkommen.« - »Der König bleibt noch.« - »Nur
die Frauen folgen ihr.« - »Sie geben ihr das Geleit bis hierher,« sprach Aspa.
»Gleich kann sie hier sein: bereitet euch, sie zu empfangen.«
    Bald nahte der Zug, von Fackelträgern und Flötenbläsern eröffnet. Darauf
eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswinta, der Braut oder jungen
Frau, schritt Teudigoto, die Gattin Herzogs Guntaris, und Hildiko, die
Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen den Zug.
    An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswinta ihr Gefolge, an
die jungen Mädchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Gürtel verschenkend.
    Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause
zurück. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, liessen sich als
Ehrenwache vor der Türe des Brautgemaches nieder, wo Teppiche für sie bereitet
lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Männer, die den
Bräutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt' es die gotische Sitte.
    Mataswinta überschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens. »Aspa,«
rief sie, »das hast du schön gemacht - zauberisch!« -
    Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme über die Brust und beugte den Nacken.
Sie an sich ziehend, flüsterte die Braut:
    »Du kanntest mein Herz und seine Träume! Aber,« fuhr sie aufatmend fort,
»wie schwül! Deine glühenden Blumen berauschen.«
    »In Glut und Rausch nahen die Götter!« sprach Aspa.
    »Wie schön jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir ist, die Göttin Flora
flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darüber ihre
schönsten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier erlebe. Es
durchrieselt mich heiss. - Es ist schwül. - Nehmt mir den schweren Prunk ab.« Und
sie nahm die goldne Krone aus dem Haar.
    Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und
zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei wallte
das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen lösten die Spange, die in Gestalt
einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit seinen reichen
Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der Mantel fiel und zeigte
die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem ärmellosen wallenden
Unterkleid von weisser persischer Seide. Ihre schimmernden Arme umzirkten zwei
breite, goldne Armreife: - Erbstücke aus dem alten Schatz der Amalungen: grüne
Schlangen von Smaragden waren darin eingelegt.
    Mit Entzücken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie diese vor den in den
Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu
schlichten.
    »Wie schön du bist! wie zauberschön! - wie Astarot, die Liebesgöttin - nie
warst du so schön, wie in dieser Stunde.« Mataswinta warf einen raschen Blick
in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fühlte, dass Aspa recht hatte: und sie
errötete.
    »Geht,« sagte sie, »lasst mich allein mit meinem Glück.« - Die Sklavinnen
gehorchten. Mataswinta eilte ans Fenster, das sie rasch öffnete, wie um ihren
Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der unten vom Schein
der Hängelampen im Garten voll beleuchtet war.
    »Er! Wieder er. Wohin entflieh' ich vor ihm, dem süssen Tod?«
    Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenüber, glänzte
im Ampellicht eine weisse Marmorbüste. Sie kannte sie wohl: Aspa hatte den
Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender Sehnsucht. Heute
aber schlang sich ein Kranz von weissen und roten Rosen um sein Haar. »Und wieder
du!« flüsterte die Braut, süss erschrocken, und legte die weisse Hand vor die
Augen. »Und schliess' ich die Augen und wend' ich sie nach innen, so seh' ich
wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten Herzen. Ich werde noch untergehn
in diesem Bilde! Ach, und ich will's!« rief sie, die Hand fallen lassend und
dicht vor die Büste tretend: »ich will's! Wie oft, mein Ares, wann der Abend
kam, hab' ich zu dir aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus
deinen klaren, grossen Zügen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat
dieses Ahnen, dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfüllt! Wie er einst dem
weinenden Kinde die Tränen getrocknet und die Ratlose nach Hause geführt, so
wird er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in
seinem Herzen. Und durch all' diese öden Jahre, durch all' die letzten Monate
voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefühl: Es wird! Dir wird
geschehen, wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher an der
starken Brust. Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des Himmels: - es
ward. Ich bin sein! Dank, glühenden, seligen Dank, wer immer du bist,
beglückende Macht, die über den Sternen die Bahn der Menschen lenkt mit weiser,
mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich will's verdienen, dieses
Glück. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich bin schön: ich weiss es, dass
ich's bin: ich weiss es ja durch ihn: - ich will's für ihn sein. Lass mir, Himmel,
diese Schöne. Sie sagen: ich habe einen mächtigen, schwungvollen Geist. O gib
ihm Flügel, Gott, dass ich seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhöhen.
Aber, o Gott, lass mich auch abtun meine Fehler, den spröden, stolzen, leicht
gereizten Sinn, den Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbändigen Drang nach
Freiheit ... - O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmütiger Geist: ihm sich
zu beugen ist edelster Ruhm. Gib dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig' an
ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis,« rief sie und sank
fortgerissen vom Gefühl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und zu der
Büste aufblickend mit schwimmenden Augen - »ich bin dein. Tu, wie du willst mit
meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh', dass du glücklich bist, glücklich durch
mich.«
    Und sie beugte das schöne Haupt vor, nach den gefaltenen Händen.
    Doch plötzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floss ins Gemach. An der
offenen Türe stand der König: draussen auf dem Gang zeigten sich zahlreiche Goten
und Ravennaten mit hellen Fackeln.
    »Dank, meine Freunde,« sprach der König mit ernster Stimme. »Dank, für das
Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht,« und er wollte die Türe schliessen.
    »Halt,« sprach Hildebrand, mit der Hand die Türe wieder öffnend, so dass
Mataswinta sichtbar ward, »hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das Weib,
die heut' wir vermählt, sind glücklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet Witichis
und Mataswinta: und ihren ersten ehelichen Kuss.«
    Mataswinta erbebte. Sie wankte, und schlug erglühend die Augen nieder.
    Unschlüssig stand der König in der Tür. »Du kennst der Goten Brauch,« sprach
Hildebrand laut, »so tu danach.«
    Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswintens,
führte sie schnell einen Schritt vorwärts und berührte mit den Lippen ihre
Stirn. Mataswinta zuckte.
    »Heil euch!« rief Hildebrand. »Wir haben gesehen den bräutlichen Kuss. Wir
bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil König Witichis und seinem schönen
Weib, der Königin Mataswinta.«
    Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntaris,
Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannerträger) des Königs, Graf
Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Mädchen vor der
Türe des Brautgemachs, welche Witichis nun schloss.
    Sie waren allein.
    Witichis warf einen langen, prüfenden Blick durch das Gemach. Das erste, was
Mataswinta tat, war - sein Kuss brannte auf ihrer Stirn -, dass sie unwillkürlich
so weit als möglich von ihm hinwegglitt. So war sie - sie wusste nicht wie - in
die fernste Ecke des Zimmers, an das Fenster, gelangt. Witichis mochte es
bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die Hände auf das mächtige, breite und
fast brustohe Schwert gestützt, das er, aus dem Wehrgehäng genommen, in der
Scheide, wie einen Stab, in der Rechten führte.
    Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf Mataswinta
gerichtet. »Königin,« sprach er und seine Stimme drang ernst und feierlich aus
seiner Brust, »sei getrost! Ich ahne, was du fürchtend fühlst in zarter
Mädchenbrust. Es musste sein. Ich durfte dein nicht schonen. Das Wohl des Volks
gebot's: ich griff nach deiner Hand: sie muss mein sein und bleiben. Doch hab'
ich schon in allen diesen Tagen dir gezeigt, dass deine Scheu mir heilig. Ich
habe dich gemieden - und wir sind jetzt zum erstenmal allein. Auch diese
gepresste bange Stunde hätt' ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst,
glaube ich, die alte Sitte des Brautgeleits. Und du weisst, in unserm Fall liegt
alles daran, sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat und die Röte in
deinen Wangen aufflammen sah, - lieber hätt' ich im ödesten Berggeklüft dieses
müde Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht: Hildebrand und Graf
Grippa und Herzog Guntaris hüten diese Schwelle. Sonst ist kein Ausgang aus
diesem Gemach.
    Wollt' ich dich verlassen, es gäbe Lärm und Spott und Streit: und neuen
Zwist vielleicht. Du musst mich diese Nacht in deiner Nähe dulden.«
    Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab: auch den
Purpurmantel, den er, ähnlich dem Mataswintens, über der Schulter trug, warf er
ab.
    Zitternd, sprachlos lehnte Mataswinta an der Wand.
    Witichis drückte dies Schweigen: so schwer er selber litt, ihn dauerte des
Mädchens. »Komm, Mataswinta,« sprach er. »Verharre nicht in unversöhntem Zorn.
Es musste sein, sag' ich dir. Lass uns, was sein muss, edel tragen und nicht durch
Kleinheit uns verbittern. Ich musste deine Hand nehmen - dein Herz bleibt frei.
    Ich weiss, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht
lieben. Doch glaub' mir: redlich ist mein Herz und achten sollst du immerdar den
Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft, Königin der Goten!«
    Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte.
    Nicht länger hielt sich Mataswinta: rasch ergriff sie seine Hand und sank
zugleich zu seinen Füssen nieder, dass Witichis überrascht zurücktrat.
    »Nein, weiche nicht zurück, du Herrlicher!« rief sie. »Es ist doch kein
Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang und
Furcht und Unrecht, das du mir getan. O Witichis, wohl hat man mich gelehrt, -
das Weib soll immer klug verbergen, was es fühlt, soll sich bitten lassen, und
erweichen und nur genötigt geben, was es aus Liebe gibt, auch wenn ihr ganzes
Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... - Hinweg mit diesen niedrigen Plänen
armer Klugheit! Lass mich töricht sein! Nicht töricht! Offen und gross, wie deine
Seele!
    Nur Grösse kann dich verdienen, nur das Ungewöhnliche. Du sprichst von Zwang
und Furcht? Witichis, du irrst! - Es brauchte keines Zwangs! - gern ...« -
    Staunend hatte sie Witichis eine Zeitlang angesehen.
    Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. »Das ist schön und gross,
Mataswinta, dass du feurig fühlest für dein Volk, die eigene Freiheit ohne Zwang
ihm opfernd. Glaub' mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer darum nicht
niedriger an. Tat ich doch desgleichen! Nur um des Gotenreiches willen griff ich
nach deiner Hand und nun und nie kann ich dich lieben.«
    Da erstarrte Mataswinta.
    Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme fielen ihr schlaff herab:
sie starrte ihn mit grossen, offnen Augen an. »Du liebst mich nicht? du kannst
mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein Gott? Sag',
bin ich denn nicht Mataswinta, die du das schönste Weib der Erde genannt?«
    Aber der König beschloss, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht
erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. »Ja, du bist Mataswinta, und teilst
meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Königs, aber nicht
das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben ist auf ewig
einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von mir gerissen: und
dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rautgundis, mein Weib, mein treues
Weib im Leben und im Tod!«
    »Ha!« rief Mataswinta, wie von Fieber geschüttelt und beide Arme erhebend,
»und du hast es gewagt ... -«
    Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den König.
»Du wagst es!« rief sie nochmals - »Hinweg, hinweg von mir!«
    »Still,« sprach Witichis, »willst du die Lauscher draussen herbeirufen? Fasse
dich, ich verstehe dich nicht.«
    Und rasch zog er das mächtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das
Doppelpfühl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng
aneinanderstiessen.
    »Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, eherne, kalte Grenze
zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen.
    Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden.
    Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, - ich bleibe links. So teile, wie
ein Schwertschnitt, diese Nacht für immer unser Leben!«
    Aber in Mataswintens Busen wogten die mächtigsten Gefühle, furchtbar
ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und glühender Hass. Die Stimme versagte
ihr. »Nur fort, fort aus seiner Nähe,« konnte sie noch denken. Sie eilte gegen
die Tür.
    Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm.
    »Du musst bleiben.« Da zuckte sie zusammen: das Blut schoss in ihr auf,
bewusstlos sank sie nieder.
    Ruhig sah Witichis auf sie herab. »Armes Kind,« sprach er, »der schwüle Duft
in diesem Gelass hat sie ganz verwirrt! Sie wusste nicht, was sie sinnlos sprach!
    Was ist deine kleine, mädchenhafte Verwirrung gegen Rautgundens
Herzzerreissung und die meine.«
    Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfühl zur Rechten des
Schwertes.
    Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich
zur Linken und lehnte den Rücken an das Lager.
    Lang sass er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes
Haargeflecht gedrückt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es kam kein
Schlaf in seine kummervollen Augen. -
    Mit dem ersten Hahnenschrei verliess die Brautwache ihren Posten, von
Flötenbläsern abgeholt. Gleich darauf schritt der König aus dem Gemach, in
voller Rüstung.
    Die Flöten hatten auch Mataswinta geweckt.
    Aspa, die sich leise heranschlich, hörte plötzlich einen dumpfen Schlag. Sie
eilte in das Gemach. Da stand die Königin, auf des Königs langes Schwert
gestützt, und starrte vor sich zur Erde.
    Der Areskopf lag zertrümmert zu ihren Füssen.
 
                                Drittes Kapitel.
Im friedlichen Licht des späten Nachmittags schimmerten die Kirche und das
Kloster, die am Fuss des Apenninus nordöstlich von Perusia und Asisium, südlich
von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des kleinen Fleckens
Taginä, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des Jenseits einzulösen.
    Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgeführt, umfriedete
mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem grünem Laubwerk. An
den vier Seiten desselben liefen kühle Bogengänge hin mit Apostelstatuen und
Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmückt. All' dies Bildwerk hatte
den freudlosen byzantinischen Ernst: es waren sinnbildliche Darstellungen aus
der heiligen Schrift, zumal aus der Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch
jener Zeit.
    Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien weitin ausgeschlossen von
diesen hohen und starken Mauern. Zypressen und Tuien herrschten vor in den
Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen ward. Die
strenge Klosterordnung duldete die Vöglein nicht: der Nachtigall süsses Rufen
sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stören.
    Cassiodor war es, der, schon als Minister Teoderichs einer streng
kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem Freunde
Valerius den ganzen Plan der äusseren und inneren Einrichtung seiner Stiftung
entworfen - ähnlich der Regel des Männerklosters, das er selbst zu Squillacium
in Unteritalien gegründet - und dessen Ausführung überwacht hatte. Und sein
frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch feindlich abgewendeter Geist
drückte sich denn im grössten wie im kleinsten dieser Schöpfung aus. Die zwanzig
Jungfrauen und Witwen, welche hier als Religiosä lebten, verbrachten in Beten
und Psalmensingen, in Busse und Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werktätiger
christlicher Liebe, indem sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Hütten
aufsuchten und ihnen Seele und Leib trösteten und pflegten.
    Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck, wenn
durch die dunkeln Zypressengänge hin eine dieser frommen Beterinnen wandelte, in
dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt die weisse
enganschliessende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von den ägyptischen
Isispriestern überkommen. Vor den oft in Kreuzesform geschnittenen
Buchsgebüschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf der Brust. Immer
gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei jeder Begegnung
aneinander vorüber. Denn das Gespräch war auf das Unerlässliche beschränkt.
    In der Mitte des Gartens floss ein Quell aus dunklem Gestein, von Zypressen
überragt. Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen.
    Es war ein stilles, schönes Plätzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art
Laube und verbargen beinahe völlig ein finsteres, rohes Steinrelief, das die
Steinigung des heiligen Stephanus darstellte.
    An diesem Quell sass, eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen, eine
schöne, jungfräuliche Gestalt in schneeweissem Gewand, das eine goldne Spange
über der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in weichen Wellen
zurückgelegt, umflocht eine fein geschlungene Efeuranke: - - Valeria war's, die
Römerin.
    Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden, seit
die Säulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestürzt. Sie war bleicher und
ernster geworden in diesen einsamen Räumen. Aber ihr Auge leuchtete noch in
seiner ganzen stolzen Schönheit.
    Sie las mit grossem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureissen, die
feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkürlich, und zuletzt ward die
Stimme der Lesenden leise vernehmlich:
    - - »Und er vermählte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. -
    Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr,
    Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmündige Knäblein,
    Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Sterne vergleichbar.
    Schweigend betrachtete Hektor mit lächelndem Blicke den Knaben.
    Aber Andromache trat mit tränenden Augen ihm näher,
    Drückt' ihm zärtlich die Hand und begann die geflügelten Worte:
    Böser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knäbleins
    Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor
    Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich töten,
    Alle mit Macht einstürmend auf dich. Dann wär' mir das beste,
    Dass mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft
    Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal:
    Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter:
    Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... -«
    Sie las nicht weiter: die grossen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme
versagte; sie neigte das blasse Haupt.
    »Valeria,« sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich über ihre
Schulter. »Tränen über dem Buch des Trostes? Aber was sehe ich: die Ilias! Kind!
ich gab dir doch die Evangelien.«
    »Verzeih mir, Cassiodor. Es hängt mein Herz noch andern Göttern an als
deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten
ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen Mauern
weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an die letzten
Fäden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen Grauen und Liebe
ratlos schwankt der Sinn.«
    »Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden.
Wohlan, so zieh' hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre zurück
zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glück zu finden.«
    Sie aber schüttelte das schöne Haupt. »Es geht nicht mehr. Feindlich ringen
in meiner Seele zwei Gewalten. Welche auch siege - ich verliere immer.«
    »Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Mächte, Erdenlust und
Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen.«
    »Weh' denen,« fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, »welchen das
Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu den
Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines der beiden
froh.«
    »In dir, mein Kind,« sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, »walten freilich
unversöhnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter Sinn. Dein Vater,
ein Römer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen Welt, kühn, sicher,
selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend, wenig, allzuwenig, fürcht'
ich, ergriffen von dem Geist unsres Glaubens, der nur im Jenseits unsre Heimat
sucht - in der Tat, Valerius, mein Freund, war mehr ein Heide denn ein Christ.
Und daneben deine Mutter, fromm, sanft, aus einem Märtyrergeschlecht, den Himmel
suchend und der Erde vergessen, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in
dich ... -«
    »Nein,« sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kräftig zurückwerfend,
»ich fühle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut neigt jener Seite zu.
Die Mutter war viel krank und starb schon früh. Unter meines Vaters Augen wuchs
ich auf; Iphigenia und Antigone und Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia
waren die Freundinnen meiner Jugend. Nicht viele Priester sah man in des
Kaufherrn Haus und wenn er abends mit mir sass und las, so waren's Livius und
Tacitus und Vergilius, nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran
bis in mein siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn
auch die Tugenden, die der Vater pries und übte, sie galten nur dem Staat, dem
Haus, den Freunden. Glücklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine Seele.«
    »Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers.«
    »Ich war glücklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern mit
ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in meine Seele.
Dich fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher sorgfältig
verborgen hatte, dass die Mutter in schwerer Krankheit mich schon vor meiner
Geburt durch ein Gelübde dem ehelosen Leben im Kloster geweiht, wenn Gott sie
und ihr Kind am Leben erhalte, und dass mein Vater, dem dieser Gedanke
unerträglich, später mich vom Himmel eingelöst, indem er, freilich mit
Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter hinzugeben, Kirche und
Kloster hier gebaut.«
    »So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Vermögens! Darüber kannst du
dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu binden
und zu lösen, hat den Tausch, die Umwandlung des Gelübdes gebilligt. Du bist
frei!« - »Aber ich fühle mich nicht frei! Nicht mehr seit jener Stunde! Was auch
du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in meinem Herzen spricht eine Stimme:
der Himmel nimmt nicht totes Gold statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal
lässt sich nicht abkaufen, was einmal ihm verwirkt war. Die finstre, ernste,
drohende Macht jenes heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und
geblieben ist, die in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein
zwingend Herrschaftsrecht über meine Seele und lässt nicht davon. Ich bin ihr
verfallen. Ihr gehör' ich an, nicht wollend, widerstrebend, aber sicher doch.
Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener goldnen Welt
meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch immer von innen
meine ganze Seele neigt. So oft ich's auch vergessen will, immer ziehen wieder
die Wolkenschatten über meine Seele. Sie drohen im Hintergrunde aller Freuden:
wie dort das finstre Martyrbild hinter den roten Rosen.«
    »Valeria, du hassest, scheint's, was du verehren solltest.«
    »Ich hasse es nicht. Ich fürchte es. Wohl war eine Zeit,« - und ein Strahl
der Freude flog über ihre Züge »da glaubte ich den dunkeln Schatten für immer
besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen Goten
lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloss, als so viel Jugend,
Schönheit, Liebe und Glück mich umfluteten, da wähnte ich wohl, für immer sei
jener Bann gelöst. Aber es währte nicht lang.
    Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die
ich zwischen ihn und mich gebaut und immer näher drangen seine Schläge. Der
Krieg bricht aus, mein teurer Vater fällt und nimmt einen verhängnisvollen Eid
des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt das Haus meiner Ahnen und
ich muss flüchten aus meiner Vaterstadt. Sie fällt dem Feinde zu. Nur das Opfer
eines köstlichen Lebens rettet mir den Geliebten. Die Woge des Krieges
verschlägt ihn fern von mir.
    Und wie ich erwache aus der Betäubung dieses Streichs, - find' ich mich
hier, in diesem grossen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst sehen,
der Himmel begnügt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch die Leiche,
die hinein gehört.«
    »Valeria! Du solltest Kassandra heissen.«
    »Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!«
    »Du weisst, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergisst über
dem Himmel. Aber Gott will erzwungne Opfer nicht. Und so sag' ich dir, du quälst
dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich gelöst, so bist du frei.«
    »Die Seele löst kein Papst. Der Papst nimmt Gold, das Schicksal nicht. Du
wirst erfüllt sehen, was ich dir ahnend vorhersage - nie werd' ich glücklich,
nie werd' ich Totilas, und diese Stätte wird ... -«
    »Und wenn's so wäre? Hängst du denn noch gar so fest an Glück und Hoffnung?
Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je früher du dich
losmachst, desto grösserem Weh' entrinnst du. Ich habe die Welt und ihre falschen
Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und treulos erfunden. Nichts
auf Erden füllt die Seele aus, die nicht von dieser Erde ist. Wer das erkennt,
der sehnt sich hinweg aus dieser Welt der Unrast und der Sünde. Erst in der Welt
jenseits des Grabes ist deine Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... -«
    »Nein, nein, Cassiodor,« rief die Römerin, »meine ganze Seele verlangt nach
Glück auf dieser schönen Erde! Ihr gehör' ich an! Auf ihr fühl' ich mich
heimisch. Blauer Himmel, weisser Marmor, rote Rosen, linde, duftgefüllte
Abendluft: - wie seid ihr schön!
    Das will ich einatmen mit entzückten Sinnen! Wer das geniesst, ist glücklich!
Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab' ich kein Bild in meiner
bangen Seele! Nebel, Schatten - graues Ungewiss allein liegt jenseit des Grabes.
Wie spricht Achilleus?
    Tröste mich doch nicht über den Tod! Du kannst nicht, Odysseus.
    Lieber ja möcht' ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen
    Für den bedürftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden,
    Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen.
    So empfind' auch ich. Weh dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint. O
wie gern, wie gern wär' ich glücklich in dieser schönen Welt, in meinem schönen
Heimatland: wie fürcht' ich das Unheil, das doch unaufhaltsam näher dringt, wie
hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten unhörbar, doch
unhemmbar wachsen. O, wer ihn aufhielte, den furchtbar nahenden Schatten meines
Lebens!«
    Da drang vom Eingang her ein heller, kräftig lust'ger Schall, ein fremder
Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun
widertönten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der gotischen
Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias.
    Aus dem Wohngebäude aber eilte der alte Pförtner herbei. »Herr,« rief er,
»keckes Reitervolk lagert vor den Mauern. Sie lärmen und verlangen Fleisch und
Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Führer: - da ist er schon -«
    »Totila!« jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in
schimmernder Rüstung, vom weissen Mantel umwallt, waffenklirrend, heranschritt.
    »O du bringst Luft und Leben!« - »Und neues Hoffen und die alte Liebe,« rief
Totila. Und sie hielten sich umschlungen.
    »Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben!« - »Ich komme
geradeswegs von Paris und Aurelianum, von den Höfen der Frankenkönige. O
Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie leicht haben sie's! Da
kämpft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre Germanenart. Nahe ist
der Rhenus und Danubius, und ungezählte Germanenstämme wohnen dort in alter
ungebrochner Kraft: - wir dagegen sind wie ein vorgeschobner, verlorner Posten,
ein einzelner Felsblock, den rings feindliches Element benagt.
    Doch desto grösser,« sprach er, sich aufrichtend, »ist der Ruhm, hier, mitten
im Römerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten.
    Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre
auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliven und Lorbeer
begrüssten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fühlte klar: wenn mein
edles Volk sich siegreich erhält in diesem edlen Land, dann wird die Menschheit
ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn.«
    Valeria drückte dem Begeisterten die Hand.
    »Und was hast du ausgerichtet?« fragte Cassiodor.
    »Viel! - Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von
Byzanz, die ihn schon halb gewonnen, als sein Bundesgenosse in Italien
einzufallen. Die Götter - vergib mir, frommer Vater -, der Himmel war mit mir
und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen seine
Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe.«
    »Wo liessest du Julius?«
    »Ich geleitete ihn bis in seine schöne Heimatstadt Avenio. Dort liess ich ihn
unter blühenden Mandelbäumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie mehr den
Platon, meist den Augustinus in der Hand und träumt und träumt vom ewigen
Völkerfrieden, vom höchsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl ist es schön in
jenen grünen Tälern: - doch neid' ich ihm die Musse nicht. Das Höchste ist das
Volk, das Vaterland! Und mich verlangt's, für dieses Volk der Goten zu kämpfen
und zu ringen. Überall, wo ich des Rückwegs kam, trieb ich die Männer zu den
Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich auf dem Wege nach Ravenna. Ich
selber führe eine vierte dem wackern König zu. Dann geht es endlich vorwärts
gegen diese Griechen, und dann: Rache für Neapolis!« Und mit blitzenden Augen
hob er den Speer - er war sehr schön zu schauen.
    Entzückt warf sich Valeria an seine Brust. »O sieh, Cassiodor, das ist meine
Welt! meine Freude! mein Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und Volkesliebe und
die Seele in Lieb' und Hass bewegt - füllt das die Menschenbrust nicht aus?«
    »Jawohl: im Glück und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum Himmel
führt.«
    »Mein frommer Vater,« sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich drückend,
mit der Rechten an seine Schulter rührend, »schlecht steht mir an, mit dir, dem
Ältern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist mein Herz geartet. Wenn
ich je zweifeln könnte an eines gütigen Gottes Walten, so ist es, wann ich
Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich der edeln Miriam Auge brechen
sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: lebt denn kein Gott?
    Im Glück, im Sonnenschein fühl' ich den Gott und seine Gnade wird mir
offenbar. Er will gewiss der Menschen Glück und Freude: - der Schmerz ist sein
heiliges Geheimnis - ich vertraue: dereinst wird uns auch dies Rätsel klar.
Einstweilen aber lass uns auf der Erde freudig das Unsre tun und keinen Schatten
uns allzulang verdunkeln.
    In diesem Glauben, Valeria, lass uns scheiden. Denn ich muss fort zu König
Witichis mit meinen Reitern.«
    »Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd' ich dich wiedersehn?«
    »Ich seh' dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand!
    Ich weiss, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen ernsten
Mauern führen darf ins sonnige Leben. Lass dich indes nicht allzusehr verdüstern.
Es kommt der Tag des Sieges und des Glücks: und mich erhebt's, dass ich zugleich
das Schwert für mein Volk und meine Liebe führe.«
    Inzwischen war der Pförtner mit einem Schreiben an Cassiodor wiedergekommen.
    »Auch ich muss dich verlassen, Valeria,« sprach der.
    »Rusticiana, des Boëtius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie
will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum.«
    »Dahin führt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb wohl,
Valeria!«
    Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein
Türmchen der Gartenmauer und sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller Rüstung
sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine Reiter hinter ihm
traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die blaue Fahne flatterte lustig
im Winde: alles war voll Leben, Kraft und Jugend.
    Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend.
    Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein
Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen ihr auf und
unwillkürlich sprachen sich ihre Gefühle aus in den Worten ihres Homeros:
    »Siehest du nicht wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus?
    Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis,
    Wann auch ihm in des Kampfes Gewühl das Leben entschwindet.
    Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer.«
    Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich
verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurück.
 
                                Viertes Kapitel.
Inzwischen hatte König Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst und
Tätigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet.
    Während jede Woche, ja jeden Tag vor und in der Stadt grössere und kleinere
Scharen von den gotischen Heeren eintrafen, die der Verrat Teodahads an die
Grenzen gesendet hatte, arbeitete der König unablässig daran, das ganze grosse
Heer, das allmählich bis auf einhundertundfünfzig Tausendschaften gebracht
werden sollte, auszurüsten, zu waffnen, zu gliedern und zu üben.
    Denn die Regierung Teoderichs war eine äusserst friedliche gewesen: nur die
Besatzungen der Grenzprovinzen, kleine Truppenmassen, hatten mit Gepiden,
Bulgaren und Avaren zu tun gehabt, und in den mehr als dreissig Jahren der Ruhe
waren die kriegerischen Ordnungen eingerostet.
    Da hatte der tüchtige König, von seinen Freunden und Feldherren eifrig
unterstützt, Arbeit vollauf. Die Arsenale und Werften wurden geleert, in Ravenna
ungeheure Vorratsspeicher angelegt und zwischen der dreifachen Umwallung der
Stadt endlose Reihen von Werkstätten für Waffenschmiede aller Art aufgeschlagen,
die Tag und Nacht unablässig zu arbeiten hatten, den Forderungen des
kampfbegierigen Königs, des massenhaft anschwellenden Heeres zu genügen. Ganz
Ravenna ward ein Kriegslager. Man hörte nichts als die Hammerschläge der
Schmiede, das Wiehern der Rosse, den Sturmruf und Waffenlärm der sich übenden
Heerscharen.
    In diesem Getöse, in dieser rastlosen Tätigkeit betäubte Witichis, so gut es
gehen wollte, den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag entgegen, da
er sein schönes Heer zum Angriff gegen den Feind führen könne. Doch hatte er bei
allem Drange, im Kampfgewühl sich selber zu verlieren, seiner Königspflicht
nicht vergessen, und durch Herzog Guntaris und Hildebad ein Friedensanerbieten
an Belisar gesendet mit den mässigsten Vorschlägen.
    So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen, hatte er kaum einen Blick
und Gedanken für seine Königin, der er auch, wie er meinte, kein grösseres Gut
als die ungestörteste Freiheit zuwenden konnte.
    Aber Mataswinta war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Dämon
erfüllt, von dem Dämon unersättlicher Rache. In Hass übergeschlagene Liebe ist
der giftigste Hass.
    Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit an das Ideal
dieses Mannes hoch zu den Sternen erhöht. Ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihre Liebe,
war einzig an dieser Gestalt gehangen und sicher, wie den Aufgang der Sonne,
hatte sie die Erfüllung ihrer Sehnsucht durch diesen Mann erwartet.
    Und nun musste sie sich gestehen, dass er ihre Liebe hatte ans Licht gebracht
und nicht erwidert: dass sie, obwohl seine Königin, mit dieser Liebe wie eine
Verbrecherin dem verstossenen und doch ewig allein in seinem Herzen wohnenden
Weibe gegenüberstehe. Und er, auf den sie als Retter und Befreier von unwürdigem
Zwang gehofft, er hatte ihr die höchste Schmach angetan: eine Ehe ohne Liebe. Er
hatte ihr die Freiheit genommen und kein Herz dafür gegeben. Und warum? was war
der letzte Grund dieses Frevels?
    Das Gotenreich, die Gotenkrone!
    Sie zu erhalten, hatte er sich nicht besonnen, einer Mataswinta Leben zu
verderben. »Hätte er meine Liebe nicht erwidert - ich wäre zu stolz, ihn darum
zu hassen. Aber er zieht mich an sich, behängt mich, wie zum Hohne, mit dem
Namen seines Weibes, führt diese Liebe bis hart an den Gipfel der Erfüllung und
stösst mich dann achtlos hinunter in die Nacht unaussprechlicher Beschämung. Und
warum? warum das alles. Um einen eiteln, leeren Schall: Gotenreich! Um einen
toten Reif von Gold. Weh ihm, und wehe seinem Götzen, dem er dies Herz
geschlachtet. Er soll es büssen. An seinem Götzenbilde soll er's büssen. Hat er
mir ohne Schonung mein Idol, sein eigen Bild, meine schöne Liebe mit Füssen
getreten, - wohlan, Götze gegen Götze! Er soll leben, dieses Reich zernichtet zu
sehen, diese Krone zerstückt. Zerschlagen will ich ihm seinen Lieblingswahn, um
den er die Blüte meiner Seele geknickt, zerschlagen dieses Reich wie seine
Büste. Und wenn er verzweifelnd, händeringend vor den Trümmern steht, will ich
ihm zurufen: sieh, so sehn die zerschlagenen Götzen aus.«
    So, in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft, beschuldigte und
verfolgte Mataswinta den unseligen Mann, der mehr als sie gelitten, der nicht
nur sie, der sein und des geliebten Weibes Glück dem Vaterland geopfert.
    Vaterland, Gotenreich: - der Name schlug ohne Klang an das Ohr des Weibes,
das von Kindheit auf unter diesem Namen nur zu leiden, nur dagegen für ihre
Freiheit zu ringen gehabt hatte. Sie hatte nur der Selbstsucht ihres Einen
Gefühls, der Poesie dieser Leidenschaft gelebt, und zur Rache, Rache für die
Hinopferung ihrer Seele, dies Gotenreich zu verderben, war ihre höchste,
grimmige Lust. O hätte sie, wie jene Marmorbüste, mit Einem Streich, dies Reich
zerschmettern können!
    Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber deren ganze dämonische
Klugheit. Sie wusste ihren tödlichen Hass und ihre geheimen Rachegedanken so tief
vor dem König zu verbergen, - so tief wie sie sich selbst die geheime Liebe
verbarg, die sie noch immer für den grimmig Verfolgten im tiefsten Busen trug.
    Auch wusste sie dem König ein Interesse an der gotischen Sache zu zeigen,
welches das einzige Band zwischen ihnen zu bilden schien und das, wenn auch in
feindlichem Sinne, wirklich in ihr bestand. Denn wohl begriff sie, dass sie dem
gehassten König nur dann schaden, seine Sache nur dann verderben konnte, wenn sie
in alle Geheimnisse derselben genau eingeweiht, mit ihren Stärken wie mit ihren
Blössen genau vertraut war.
    Ihre hohe Stellung machte ihr leicht möglich, alles, was sie wissen wollte,
zu erfahren: schon aus Rücksicht auf ihren grossen Anhang konnte man der
Amalungentochter, der Königin, Kenntnis der Lage ihres Reiches, ihres Heeres
nicht vorentalten. Der alte Graf Grippa versah sie mit allen Nachrichten, die
er selbst erfuhr. In wichtigeren Fällen wohnte sie selbst den Beratungen bei,
die in den Gemächern des Königs gehalten wurden.
    So war Mataswinta über die Stärke, Beschaffenheit und Einteilung des
Heeres, die nächsten Angriffspläne der Feldherren und alle Hoffnungen und
Befürchtungen der Goten so gut wie der König selbst unterrichtet. Und sehnlich
wünschte sie eine Gelegenheit herbei, dies ihr Wissen sobald und so verderblich
wie möglich zu verwerten.
    Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten, durfte sie nicht hoffen. Naturgemäss
richteten sich ihre Augen auf die aus Furcht vor den Goten neutralen, im Herzen
aber ausnahmslos byzantinisch-gesinnten Italier ihrer Umgebung, mit denen sie
leichten und unverdächtigen Verkehr pflegen konnte.
    Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte, - da war keiner, dessen
Tatkraft und Klugheit sie das tödliche Geheimnis hätte vertrauen mögen, dass die
Königin der Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten wolle. Diese feigen
und unbedeutenden Menschen - die Tüchtigeren waren längst zu Cetegus oder
Belisar gegangen - waren ihr weder des Vertrauens würdig, noch schienen sie
Witichis und seinen Freunden gewachsen.
    Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den König und die Goten selbst zu
erkunden, welchen unter allen Römern sie für ihren gefährlichsten, bedeutendsten
Feind hielten. Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen hörte sie immer nur
Einen Mann nennen, immer und immer wieder einen einzigen. Und der sass ihr
unerreichbar fern im Kapitol von Rom: Cetegus, der Präfekt. Es war ihr
unmöglich, sich in Verbindung mit ihm zu setzen. Keinem ihrer römischen Sklaven
wagte sie einen so verhängnisvollen Auftrag, als ein Brief nach Rom war,
anzuvertrauen.
    Die kluge und mutige Numiderin, die den Hass ihrer angebeteten Herrin gegen
den rohen Barbaren, der diese verschmäht, vollauf teilte, ungeschwächt bei ihr
durch heimliche Liebe, hatte sich zwar eifrig erboten, ihren Weg zu Cetegus zu
finden. Aber Mataswinta wollte das Mädchen nicht den Gefahren einer Wanderung
durch Italien, mitten durch den Krieg, aussetzen. Und schon gewöhnte sie sich an
den Gedanken, ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom zu verschieben, ohne inzwischen
in ihrem Eifer in Erforschung der gotischen Pläne und Rüstungen zu erkalten.
    So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurück von dem Kriegsrat, der
draussen im Lager, im Zelt des Königs, war gehalten worden. Denn seit die
Rüstungen ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs gewärtig
waren, hatte Witichis, wohl auch um Mataswinta aus dem Wege zu sein, seine
Gemächer im Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung mitten unter seinen
Kriegern aufgeschlagen.
    Langsam, das Vernommene ihrem Gedächtnis einprägend und über die Verwertung
nachsinnend, wandelte die Königin, nur von Aspa begleitet, durch die äussersten
Reihen der Zelte, einen sumpfigen Arm des Padus zur Linken, die weissen Zelte zur
Rechten. Sie mied das Gedränge und den Lärm der innern Gassen des Lagers.
    Während sie bedächtig und ihrer Umgebung nicht achtend dahinschritt,
musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe von Goten und Italiern, die sich hier
um den Tisch eines Gauklers geschart hatte, der unerhörte und nie gesehene
Künste zum besten zu geben schien, nach dem Staunen und Lachen der Zuschauer zu
schliessen.
    Aspa zögerte etwas in ihrem Gang, diese Wunder mit anzusehen. Es war ein
junger, schlanker Bursch: nach der blendend weissen Haut des Gesichts und der
blossen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen Zuschnitts ein Kelte,
wozu die kohlschwarzen Augen nicht stimmen wollten. Er verrichtete wirklich
Wunderdinge auf seiner einfachen Bühne. Bald sprang er in die Höhe, überschlug
sich in der Luft und kam doch senkrecht, bald wieder auf die Füsse, bald auf die
Hände, zu stehen. Dann schien er brennende Kohlen mit sichtlichem Behagen zu
verspeisen und dafür Münzen auszuspeien: dann verschluckte er einen fusslangen
Dolch und zog ihn später wieder aus seinen Haaren hervor, um ihn mit drei, vier
andern scharfgeschliffenen Messern in die Luft zu werfen und eins nach dem
andern mit nie fehlender Behendigkeit am Griff aufzufangen, wofür ihn Gelächter
und Rufe der Bewunderung von Seiten seiner Zuschauer belohnten.
    Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt.
    Sie sah nach der Herrin und bemerkte, dass ihr Weg gesperrt war von einer
Schar italischer Lastträger und Trossknechte, welche die Gotenkönigin offenbar
nicht kannten und gerade an ihr vorbei, über den Weg hin, nach dem Wasser zu,
lärmende Kurzweil trieben. Sie schienen sich einen Gegenstand, den Aspa nicht
wahrnahm, zu zeigen und ihn mit Steinen zu werfen.
    Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen, als der Gaukler neben ihr auf dem
Tisch einen gellenden Schrei ausstiess; Aspa wandte sich erschrocken und sah den
Gallier in ungeheurem Satz über die Köpfe der Zuschauer weg wie einen Pfeil
durch die Luft auf die Italier losschiessen. Schon stand er mitten in dem Haufen
und schien, sich bückend, einen Augenblick unter ihnen verschwunden.
    Aber plötzlich ward er sichtbar. Denn einer und gleich darauf ein zweiter
der Italier stürzte von seinen Faustschlägen nieder.
    Im Augenblick war Aspa an der Königin Seite, die sich schnell aus der Nähe
der Schlägerei entfernt hatte, aber, zu der Sklavin Befremden, stehen blieb, mit
dem Finger auf die Gruppe weisend.
    Und seltsam in der Tat war das Schauspiel.
    Mit unglaublicher Kraft und noch grösserer Gewandteit wusste der Gaukler das
Dutzend der Angreifer sich vom Leibe zu halten. Die Gegner anspringend, sich
wendend und duckend, weichend, dann wieder plötzlich vorspringend und den
nächsten am Fuss niederreissend oder mit kräftigem Faustschlag vor Brust oder
Gesicht niederstreckend, wehrte er sich.
    Und das alles ohne Waffe: und nur mit der rechten Hand: denn die linke hielt
er, wie etwas bergend und schützend, dicht an die Brust. So währte der ungleiche
Kampf minutenlang. Der Gaukler ward näher und näher von der wütenden, lärmenden
Menge dem Wasser zugedrängt. Da blitzte eine Klinge. Einer der Trossknechte,
zornig über einen schweren Schlag, zuckte ein Messer und sprang den Gaukler von
hinten an. Mit einem Schrei stürzte dieser zusammen: die Feinde über ihn her.
    »Auf! reisst sie auseinander! helft dem Armen,« rief Mataswinta den Kriegern
zu, die jetzt von dem verlassenen Tisch der Goten herankamen, »ich befehle es!
die Königin!«
    Die Goten eilten nach dem Knäuel der Streitenden: aber noch ehe sie
herankamen, sprang der Gaukler, der sich für einen Moment von allen Feinden
losgemacht, hoch aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon, gerade auf
die beiden Frauen zu - verfolgt von den Italiern, welche die wenigen Goten nicht
aufzuhalten vermochten.
    Welch ein Anblick! Seine gallische Tunika hing ihm in Fetzen vom Leibe: ein
Stück seiner gelben Haare schleifte am Rücken, und siehe, unter der gelben
Perücke kam schwarzes glänzendes Haar zum Vorschein und der weisse Hals verlief
in eine bronzebraune Brust.
    Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen. Da erkannte er Mataswinta.
»Schütze mich, rette mich, weisse Göttin!« schrie er und brach zusammen vor
Mataswintas Füssen. Schon waren die Italier heran, und der vorderste schwang
sein Messer. -
    Aber Mataswinta breitete ihren blauen Mantel über den Gefallenen: »Zurück!«
sprach sie mit Hoheit, »lasst ab von ihm. Er steht im Schutz der Gotenkönigin.«
Verblüfft wichen die Trossknechte zurück. »So?« rief nach einer Pause der mit dem
Dolch, »straflos soll er ausgehn, der Hund und Sohn eines Hundes? und fünf von
uns liegen am Boden halbtot? und ich habe fortan drei Zähne zu wenig? Und keine
Strafe?« - »Er ist gestraft genug,« sagte Mataswinta, auf die tiefe Dolchwunde
am Halse deutend. »Und all das um einen Wurm,« schrie ein zweiter, »um eine
Schlange, die aus seinem Ranzen schlüpfte, und die wir mit Steinen warfen.« -
»Da seht! er hat die Natter geborgen, da, an seiner Brust. Nehmt sie ihm.« -
»Schlagt ihn tot,« schrien die andern.
    Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und schafften ihrer Königin
Gehorsam, die Italier unsanft zurückstossend und einen Kreis um den Gefallnen
schliessend. Aspa blickte scharf zu und plötzlich sank sie mit gekreuzten Armen
neben dem Gaukler nieder.
    »Was ist dir, Aspa? steh auf!« sprach Mataswinta staunend. »O Herrin!«
stammelte diese, »der Mann ist kein Gallier! Er ist ein Sohn meines Volkes. Er
betet zu dem Schlangengott! Sieh' hier seine braune Haut unter dem Halse. Braun
wie Aspa, - und hier - hier, eine Schrift; Schriftzeichen eingerjetzt über seiner
Brust: die heilige Gemeinschrift meiner Heimat,« jubelte sie. Und, mit dem
Finger deutend, hob sie an zu lesen.
    »Der Gaukler scheint verdächtig. - Warum diese Verstellung?« sprach
Mataswinta. »Man muss ihn in Haft nehmen.«
    »Nein, nein, o Herrin,« flüsterte Aspa. »Weisst du, wie die Inschrift lautet?
- Kein Auge als meines kann sie dir deuten.« - »Nun?«, fragte Mataswinta. »Sie
lautet,« flüsterte Aspa leise: »Syphax schuldet ein Leben seinem Herrn,
Cetegus, dem Präfekten.« »Ja, ja ich erkenne ihn, das ist Syphax, Hiempsals
Sohn, ein Gastfreund meines Stammes: die Götter senden ihn zu uns.«
    »Aspa,« sprach Mataswinta rasch, »ja, ihn senden die Götter: die Götter der
Rache. Auf, ihr Goten, legt diesen wunden Mann auf eine Bahre, und folgt damit
meiner Sklavin in den Palast! Er steht fortan in meinem Dienst.«
 
                                Fünftes Kapitel.
Wenige Tage darauf begab sich Mataswinta wieder ins Lager, diesmal nicht von
Aspa begleitet. Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette ihres
verwundeten Landsmannes, der unter ihren Händen, ihren Kräutern und Sprüchen
sich rasch erholte.
    König Witichis selbst hatte diesmal die Königin abgeholt mit dem ganzen
Geleit seines Hofes. In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat gehalten
werden. Das Eintreffen der letzten Verstärkungen war auf heute angekündet: und
auch Guntaris und Hildebad wurden zurückerwartet mit der Antwort Belisars auf
das Friedensanerbieten.
    »Ein verhängnisvoller Tag!« sagte Witichis zu seiner Königin. »Bete zum
Himmel um den Frieden.«
    »Ich bete um den Krieg,« sprach Mataswinta, starr vor sich hinblickend.
»Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache?« - »Nach Rache nur noch ganz
allein und sie wird mir werden.«
    Damit traten sie in das Zelt, welches schon von gotischen Heerführern
erfüllt war. Mataswinta dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen Gruss.
»Sind die Gesandten zurück?« fragte der König, sich setzend, den alten
Hildebrand, »so führt sie ein.«
    Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhänge und Herzog
Guntaris und Hildebad traten ein, sich tief verneigend.
    »Was bringt ihr? Frieden oder Krieg?« fragte Witichis eifrig. »Krieg! Krieg,
König Witichis!« riefen beide Männer mit Einem Munde. »Wie? Belisar verwirft die
Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich, eindringlich, meine Vorschläge
mitgeteilt?«
    Herzog Guntaris trat vor, und sprach: »Ich traf den Feldherrn im Kapitol
als Gast des Präfekten und sprach zu ihm: Der Gotenkönig Witichis entbietet dir
seinen Gruss.
    In dreissig Tagen kann er mit hundertfünfzig Tausendschaften wehrhafter Goten
vor diesen Toren stehn. Und ein Schlachten und Ringen um diese ehrwürdige Stadt
wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut getränkten Gefilde nie
geschaut.
    Der König der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg: und er
gelobt, Kaiser Justinian die Insel Sizilien abzutreten und ihm in jedem seiner
Kriege mit dreissigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort Rom und
Italien räumt, das uns gehört nach dem Recht der Eroberung wie nach dem Vertrag
mit Kaiser Zeno, der es Teoderich überliess, wenn er den Odovaker stürzen könne.
So sprach ich, deinem Auftrag gemäss.
    Belisar aber lachte und rief: Witichis ist sehr gnädig, mir die Insel
Sizilien abzutreten, die ich schon habe und er nicht mehr hat. Ich schenke ihm
dafür die Insel Tule! Nein. Der Vertrag Teoderichs mit Zeno war abgezwungen,
und das Recht der Eroberung, - nun das spricht jetzt für uns. Kein Friede, als
unter der Bedingung: das ganze Gotenheer streckt die Waffen, und das ganze Volk
zieht über die Alpen und sendet König und Königin als Geiseln nach Byzanz.«
    Ein Murren der Entrüstung ging durch das Zelt.
    »Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten wir ihm den Rücken und
schritten hinaus. Auf Wiedersehen in Ravenna, rief er uns nach. Da wandt' ich
mich«, sprach Hildebad, und rief: »Auf Wiedersehen vor Rom! Auf, König Witichis,
jetzt zu den Waffen. Du hast das Äusserste versucht an Friedensliebe und Schmach
geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezögert und gerüstet! Jetzt führ' uns
an, zum Kampf.«
    Da tönten Trompetenstösse aus dem Lager: man hörte den Hufschlag eilig
nahender Rosse. Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes und eintrat Totila in
glänzenden Waffen, vom weissen Mantel umwallt. »Heil meinem König, Heil dir
Königin,« sprach er huldigend. »Mein Auftrag ist erfüllt: ich bringe dir den
Freundesgruss des Frankenkönigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde von Byzanz,
dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. Sein Heer wird nicht gegen die
Goten in Italien einrücken. Graf Markja von Mediolanum, der bisher die
Kottischen Alpen gegen die Franken gedeckt, ward dadurch frei mit seinen
Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im Rückweg hab' ich aufgerafft, was ich
irgend von waffenfähigen Männern fand und die Besatzungen der Burgen an mich
gezogen. Ferner:
    Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein König: ich führe dir
sechstausend Reiter zu, auf herrlichen Rossen. Sie verlangen, sich zu tummeln in
den Ebenen von Rom. Nur Ein Wunsch lebt in uns allen: führ' uns zum Kampf, zum
Kampf nach Rom.«
    »Hab' Dank, mein Freund, für dich und deine Reiter.
    Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht? Sagt an,
ihr Feldherren, wie viele führt ein jeder von euch? Ihr Notare, zeichnet auf!«
    »Ich führe drei Tausendschaften Fussvolk,« rief Hildebad. »Ich vierzig
Tausendschaften zu Fuss und zu Ross mit Schild und Speer,« sprach Herzog
Guntaris. »Ich vierzig Tausendschaften zu Fuss: Bogenschützen, Schleuderer,
Speerträger,« sagte Graf Grippa von Ravenna. »Ich sieben Tausendschaften mit
Messer und Keule,« zählte Hildebrand. »Und dazu Totilas sechs Tausendschaften
Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften Tejas mit der Streitaxt - wo ist
er? ich vermisse ihn hier!« - »Und ich habe meine Scharen zu Fuss und zu Ross auf
fünfzig Tausendschaften erhöht,« schloss der König.
    »Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften,« schrieb der
Protonotar, die Pergamentrolle dem König überreichend.
    Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes über des Königs ernstes
Angesicht. »Einhundertsechzig Tausendschaften gotische Männer: Belisar, sollen
sie vor dir die Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr noch Rast, um
aufzubrechen?«
    Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim Eintreten die letzte
Frage vernommen. Sein Auge sprühte Blitze, er bebte vor Zorn. »Rast? Keine
Stunde Rast mehr: auf zur Rache, König Witichis! Ein ungeheurer Frevel ist
geschehn, der laut um Rache gegen Himmel schreit. Führ' uns sofort zum Kampf!«
    »Was ist geschehn?«
    »Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschloss, wie du weisst, seit
lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra. Kein Entsatz war nah und fern.
Der junge Graf Arahad nur - er suchte wohl den Tod - überfiel mit seiner kleinen
Gefolgschaft die Übermacht; er fiel im tapfersten Gefecht. Verzweifelt
widerstand das Häuflein gotischer Männer in der Burg. Denn alles wehrlose Volk
der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen Land in Tuscien, Valeria
und Picenum war hierher geflüchtet vor dem Feind, wohl viele Tausend. Endlich
zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die Tore zu öffnen. Der Hunne schwor
allen Goten in der Stadt, ihr Blut nicht zu vergiessen. Er zog ein und befahl den
Goten sich in der grossen Basilika Sankt Zenos zu versammeln. Das taten sie, über
fünftausend Köpfe, Greise, Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als
sie alle beisammen ... -« Teja hielt schaudernd inne.
    »Nun?« fragte Mataswinta, erblassend.
    »Da schloss der Hunne die Türen, umstellte das Haus mit seinem Heer und -
verbrannte sie alle fünftausend, samt der Kirche.«
    »Und der Vertrag?« rief Witichis.
    »Ja, so schrien auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen. Der
Vertrag, lachte der Hunne, sei erfüllt: kein Tropfe Blutes sei vergossen.
Ausbrennen müsse man die Goten aus Italien wie die Feldmäuse und schlechtes
Gewürm. Und so sahen die Byzantiner zu, wie fünftausend Goten, Greise, Weiber,
Kranke, Kinder - König Witichis, hörst du's? Kinder! - elend erstickten und
verbrannten. Solches geschieht und du - du sendest Friedensboten! Auf, König
Witichis,« rief der Ergrimmte, das Schwert aus der Scheide reissend, »wenn du ein
Mann bist, brich jetzt auf zur Rache. Die Geister der Erwürgten ziehen vorauf: -
Führ' uns zum Kampf! zur Rache führ' uns an!«
    »Führ' uns zum Kampf! zur Rache führ' uns an!« widerhallte das Zelt vom Ruf
der Goten.
    Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft.
    »So soll's sein. Das Äusserste geschah. Und unsre beste Rüstung ist unser
Recht: jetzt auf, zum Kampf.«
    Und er reichte seiner Königin die Pergamentrolle, die er in der Hand hielt,
die über seinem Stuhl hängende Königsfahne, das blaue Bandum, zu ergreifen.
    »Ihr seht das alte Banner Teoderichs in meiner Hand, das er von Sieg zu
Sieg getragen. Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand, als seine war: - doch
zaget nicht. Ihr wisset: übermütige Zuversicht ist meine Sache nicht, doch
diesmal sag' ich euch voraus: in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg, ein
grosser, stolzer, rachefroher Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht auf,
sogleich. Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!«
    »Nach Rom,« widerhallte das Zelt. »Nach Rom!«
 
                               Sechstes Kapitel.
Inzwischen schickte sich Belisar an, mit der Hauptmacht seines Heeres die Stadt
zu verlassen: Johannes hatte er deren Bewachung übertragen.
    Er hatte beschlossen, die Goten in Ravenna aufzusuchen. Sein bisher von
keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und die Erfolge seiner vorausgeschickten
Streifscharen, die durch den Übergang der Italier alles flache Land, auch alle
Festen und Burgen und Städte, bis nahe bei Ravenna, gewonnen, hatten in ihm die
Zuversicht erzeugt, dass der Feldzug bald beendigt und nur das Erdrücken der
ratlosen Barbaren in ihrem letzten Schlupfwinkel übrig sei.
    Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Süden der Halbinsel: Bruttien,
Lucanien, Calabrien, Apulien, Campanien: dann Rom mit Samnium und die Valeria
durchzogen und besetzt hatte, waren seine Unterfeldherren, Bessas und
Constantinus, mit der lanzentragenden Leibwache des Feldherrn, die unter Führung
des Armeniers Zanter, des Persers Chanaranges und des Massageten Äschman
standen, vorausgesetzt worden, Tuscien zu unterwerfen.
    Bessas rückte vor das sturmfeste Narnia: für die damaligen Belagerungsmittel
war die Burgstadt fast uneinnehmbar: - sie tront auf hohem Berge, dessen Fuss
der tiefe Nar umspült. Die beiden einzigen Zugänge, vom Osten und vom Westen,
sind ein enger Felsenpass und die hohe, alte, von Kaiser Augustus gebaute,
befestigte Brücke. - Aber die römische Bevölkerung überwältigte die halbe
gotische Hundertschaft, die hier lag, und öffnete den Trakiern des Bessas die
Tore. Dem Constantinus erschlossen sich ebenso ohne Schwertstreich Spoletium und
Perusia. Auf der östlichen Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein
andrer Unterfeldherr Belisars, der Comes Sacri Stabuli Constantinus, den Tod
zweier byzantinischer Heerführer, des Magister Militum für Illyrien, Mundus, und
seines Sohnes Mauritius, die gleich im Anfang des Krieges bei Salona in
Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen waren, gerächt, Salona besetzt und
durch ihre grosse Übermacht die geringen gotischen Scharen zum Rückzug auf
Ravenna gezwungen. Ganz Dalmatien und Liburnien war darauf den Byzantinern
zugefallen. Von Tuscien aus streiften, wie wir sahen, die Hunnen Justinians
schon durch Picenum und bis in die Ämilia.
    Die Friedensvorschläge des Gotenkönigs hielt Belisar daher für Zeichen der
Schwäche. Dass die Barbaren zum Angriff übergehen könnten, fiel ihm nicht ein.
dabei trieb es ihn, Rom zu verlassen, wo es ihn anwiderte, der Gast des
Präfekten zu heissen; im freien Felde musste sein Übergewicht bald wieder
hervortreten.
    
    Der Präfekt liess das Kapitol in der treuen Hut des Lucius Licinius und
folgte dem Zuge Belisars. Vergebens warnte er diesen vor allzu grosser
Zuversicht.
    »Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols, wenn du die Barbaren
fürchtest,« hatte dieser stolz geantwortet.
    »Nein,« erwiderte dieser. »Eine Niederlage Belisars ist ein zu seltnes
Schauspiel, man darf es nicht versäumen.« In der Tat, Cetegus hätte eine
Demütigung des grossen Feldherrn, dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog, gern
gesehen.
    Belisar hatte sein Heer aus den nördlichen Toren der Stadt geführt und
wenige Stadien vor der Stadt in einem Lager versammelt, es hier zu mustern und
neu zu ordnen und zu gliedern. Schon der starke Zufluss von Italiern, die zu
seinen Fahnen geeilt waren, machte das nötig. Auch Ambazuch, Bessas und
Constantinus hatte er mit dem grössten Teil ihrer Truppen wieder in dies Lager
herangezogen: sie liessen in den von ihnen gewonnenen Städten nur kleine
Besatzungen zurück.
    Dunkle Gerüchte von einem anrückenden Gotenheer hatten sich in das Lager
verbreitet. Aber Belisar schenkte ihnen keinen Glauben. »Sie wagen es nicht,«
hatte er dem warnenden Prokop entgegnet. »Sie liegen in Ravenna und zittern vor
Belisarius.«
    Spät in der Nacht lag Cetegus schlaflos auf dem Lager in seinem Zelt. Er
liess die Ampel brennen. »Ich kann nicht schlafen,« sagte er: »in den Lüften
klirrt es wie Waffen und riecht's wie Blut. Die Goten kommen. Sie rücken wohl
durch die Sabina, die Via casperia und salara herab.«
    Da rauschten seine Zeltvorhänge zurück, und Syphax stürzte atemlos an sein
Lager.
    »Ich weiss es schon,« sagte Cetegus aufspringend, »was du meldest: die Goten
kommen.« - »Ja Herr, morgen sind sie da. Sie zielen auf das salarische Tor. Ich
hatte das beste Ross der Königin, aber dieser Totila, der den Vortrab führt, jagt
wie der Wind durch die Wüste. Und hier im Lager ahnt niemand etwas.«
    »Der grosse Feldherr,« lächelte Cetegus, »hat keine Vorposten ausgestellt.«
- »Er verliess sich ganz auf den festen Turm an der Aniusbrücke1 aber ... -«
    »Nun? der Turm ist fest.« - »Ja, aber die Besatzung, römische Bürger aus
Neapolis, ging zu den Goten über, als sie der junge Totila, der Führer des
Vortrabs, anrief. Die Leibwächter Belisars, welche sich widersetzten, wurden
gebunden, zumal Innocentius, und Totila ausgeliefert. Der Turm und die Brücke
ist in der Goten Hand.«
    »Es wird hübsch werden! Hast du eine Ahnung, wie stark der Feind?« - »Keine
Ahnung. Herr: ich weiss es so genau wie König Witichis selbst. Hier die Liste
ihrer Truppen. Sie schickt dir Mataswinta, seine Königin.«
    Cetegus sah ihn forschend an. »Geschehen Wunder, die Barbaren zu
verderben?«
    »Ja Herr, Wunder geschehen! Dies sonnenschöne Weib will ihres Volkes
Untergang um des Einen willen. Und dieser Eine ist ihr Gatte.«
    »Du irrst:« sagte Cetegus, »sie liebte ihn schon als Mädchen und kaufte
seine Büste.«
    »Ja, sie liebt ihn. Aber er nicht sie. Und die Marsbüste ward zerschlagen in
der Brautnacht.«
    »Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt.«
    »Aber Aspa, die Tochter meines Landes, ihre Sklavin. Sie sagt mir alles. Sie
liebt mich. Und sie liebt ihre Herrin, fast wie ich dich. Und Mataswinta will
mit dir das Gotenreich verderben. Und sie wird durch Aspa alles schreiben in den
Zauberzeichen unsres Stammes. Und ich würde diese Sonnenkönigin zu meinem Weibe
nehmen, wenn ich Cetegus wäre.«
    »Ich auch, wenn ich Syphax wäre. Aber deine Botschaft ist eine Krone wert!
Ein listig, rachedürstend Weib wiegt Legionen auf! Jetzt Trotz euch, Belisar,
Witichis und Justinian! Erbitte dir eine Gnade, jede, nur nicht deine Freiheit:
- ich brauche dich noch.«
    »Meine Freiheit ist - dir dienen. Eine Gunst: lass mich morgen neben dir
fechten.«
    »Nein, mein hübscher Panter, deine Klauen kann ich noch nicht brauchen: -
nur deinen Leisegang. Du schweigst gegen jedermann von der Goten Nähe und
Stärke. Lege mir die Rüstung an und gib den Plan der salarischen Strasse dort aus
der Kapsel. Jetzt rufe mir Marcus Licinius und den Führer meiner Isaurier,
Snadil.« Syphax verschwand. Cetegus warf einen Blick auf den Plan. »Also
dorter, von Nordwesten, kommen sie, die Hügel herab. Wehe dem, der sie dort
aufhalten will. Darauf folgt der tiefe Talgrund, in dem wir lagern. Hier wird
die Schlacht geschlagen und verloren. Hinter uns, südöstlich, zieht sich unsre
Stellung entlang dem tiefen Bach; in diesen werden wir unfehlbar geworfen: die
Brücken werden nicht zu halten sein. Darauf eine Strecke flachen Landes - welch'
schönes Feld für die gotischen Reiter, uns zu verfolgen! - Noch weiter rückwärts
endlich ein dichter Wald und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell
Hadrians ... - Marcus,« rief er dem Eintretenden entgegen, »meine Scharen
brechen auf. Wir ziehn hinab den Bach in den Wald und jeden, der dich fragt, dem
sagst du: wir ziehn zurück nach Rom.«
    »Nach Hause? ohne Kampf?« fragte Marcus erstaunt, »du weisst doch: es steht
der Kampf bevor?«
    »Eben deswegen!« Damit schritt er hinaus, Belisar in seinem Zelt zu wecken.
Aber er fand ihn schon wach: Prokop stand bei ihm. »Weisst du's schon, Präfekt?
flüchtendes Landvolk meldet, ein Häuflein gotischer Reiter naht: die Tollkühnen
retten in ihr Verderben: sie wähnen die Strasse frei bis Rom.« Und er fuhr fort
sich zu rüsten.
    »Aber die Bauern melden, die Reiter seien nur die Vorhut. Es folge ein
furchtbares Heer von Barbaren,« warnte Prokop.
    »Eitle Schrecken! Sie fürchten sich, diese Goten. - Witichis wagt gar nicht,
mich aufzusuchen. Endlich habe ich ja, vierzehn Stadien vor Rom, die Aniobrücke
durch einen Turm geschützt: Martinus hat ihn gebaut nach meinem Gedanken: - der
allein hält der Barbaren Fussvolk mehr als eine Woche auf - mögen auch ein paar
Gäule durch den Fluss geschwommen sein.«
    »Du irrst, Belisarius! ich weiss es gewiss: das ganze Heer der Goten naht,«
sprach Cetegus. »So geh nach Hause, wenn du es fürchtest.« - »Ich mache
Gebrauch von dieser deiner Erlaubnis. Ich habe mir in diesen Tagen das Fieber
geholt. Auch meine Isaurier leiden daran: - ich ziehe mit deiner Gunst nach Rom
zurück.«
    »Ich kenne dieses Fieber,« sagte Belisar - »das heisst: - an andern. Es
vergeht, sowie man Graben und Wall zwischen sich und dem Feinde hat. Zieh' ab,
wir brauchen dich so wenig wie deine Isaurier.«
    Cetegus verneigte sich und ging. »Auf Wiedersehen,« sprach er, »o
Belisarius. Gib das Zeichen zum Aufbruch meinen Isauriern,« sprach er im Lager
laut zu Marcus. »Und meinen Byzantinern auch,« setzte er leiser bei.
    »Aber Belisar hat ...« -
    »Ich bin ihr Belisar. Syphax, mein Pferd.« Während er aufstieg, sprengte ein
Zug römischer Reiter heran: Fackeln leuchteten dem Anführer vorauf.
    »Wer da? Ah du, Cetegus? wie, du reitest ab? Deine Leute ziehn sich nach
dem Fluss? Du wirst uns doch nicht verlassen, jetzt, in dieser höchsten Gefahr?«
Cetegus beugte sich vor. »Sieh, du, Calpurnius! ich erkannte dich nicht: du
siehst so bleich. Was bringst du von den Vorposten?«
    »Flüchtige Bauern sagen,« sprach Calpurnius ängstlich, »es sei gewiss mehr
als eine Streifschar. Es sei der König der Barbaren, Witichis selbst, im raschen
Anzug durch die Sabina: sie seien schon auf dem linken Tiberufer: Widerstand ist
dann ... - Wahnsinn - Verderben. Ich folge dir, ich schliesse mich dir an.«
    »Nein,« sagte Cetegus herb, »du weisst, ich bin abergläubisch: ich reite
nicht gern mit den Furien verfallnen Männern. Dich wird die Strafe für deinen
feigen Knabenmord sicher bald ereilen. Ich habe nicht Lust, sie mit dir zu
teilen.«
    »Doch flüstern Stimmen in Rom, auch Cetegus verschmähe manchmal einen
bequemen Mord nicht,« sprach Calpurnius grimmig.
    »Calpurnius ist nicht Cetegus,« sprach der Präfekt, stolz davonsprengend.
»Grüsse mir einstweilen den Hades!« rief er.
 
                                    Fussnoten
1 Prokop Gotenkrieg I. 17. 18. setzt hier aus Verwechslung den Tiber statt des
Anio.
 
                               Siebentes Kapitel.
»Verfluchtes Omen!« knirschte Calpurnius. Und er eilte zu Belisar: »Befiehl den
Rückzug, rasch, Magister Militum.« - »Warum, Vortrefflicher?« - »Es ist der
Gotenkönig selbst.« - »Und ich bin Belisar selbst,« sagte dieser, den
prachtvollen Helm mit dem weissen Rossschweif aufsetzend. »Wie konntest du deinen
Posten im Vordertreffen verlassen?« - »Herr, um dir das zu melden.« - »Das
konnte wohl kein Bote? Höre, Römer, ihr seid nicht wert, dass man euch befreit.
Du zitterst ja, Mann des Schreckens. Zurück mit dir ins Vordertreffen.
    Du führst unsre Reiter zum ersten Angriff: ihr, meine Leibwächter Antallas
und Kuturgur, nehmt ihn in die Mitte: Er muss tapfer sein, hört ihr? Weicht er -
nieder mit ihm! So lehrt man Römer Mut.
    Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht an. In einer Stunde
geht die Sonne auf. Sie muss unser ganzes Heer auf jenen Hügeln finden.
    Auf! Ambazuch, Bessas, Constantinus, Demetrius, das ganze Lager bricht auf,
dem Feind entgegen.«
    »Feldherr, es ist wie sie sagen,« meldete Maxentius, der treueste der
Leibwächter, »zahllose Goten rücken an.«
    »Sie sind zwei Heere gegen uns,« meldete Salomo, Belisars Hypaspistenführer.
    »Ich rechne Belisar ein ganzes Heer.«
    »Und der Schlachtplan?« fragte Bessas.
    »Im Angesicht des Feindes entwerf' ich ihn, während des Calpurnius Reiter
ihn aufhalten. Vorwärts, gebt die Zeichen, führt Phalion vor.« Und er schritt
aus dem Zelte; nach allen Seiten stoben die Heerführer, die Hypaspisten,
Prätorianer, Protektoren und Doryphoren auseinander, Befehle gebend, verteilend,
empfangend.
    In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen die Hügel! Man nahm sich
nicht Zeit, das Lager abzubrechen. Aber der plötzliche Aufbruch brachte
vielfache Verwirrung. Fussvolk und Reiter gerieten in der dunkeln, mondlosen
Nacht untereinander. Auch hatte die Kunde von der Übermacht der vordringenden
Barbaren Mutlosigkeit verbreitet.
    Es waren nur zwei nicht sehr breite Strassen, die gegen die Hügel führten: so
gab es manche Stockung und Hemmung. Viel später als Belisar gerechnet, langte
das Heer im Angesicht der Hügel an: und als die ersten Sonnenstrahlen sie
beleuchteten, sah Calpurnius, der den Vortrab führte, von allen Höhen gotische
Waffen blitzen.
    Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen. Erschrocken machte Calpurnius Halt
und sandte Belisar Nachricht.
    Dieser sah ein, dass Calpurnius mit seinen Reitern nicht die Berge stürmen
könne. Er schickte Ambazuch und Bessas mit dem Kern des armenischen Fussvolks ab,
um auf der breitern Strasse zu stürmen. Den linken und den rechten Flügel führten
Constantinus und Demetrius, er selbst brachte im Mitteltreffen seine Leibwachen
als Rückhalt heran. Calpurnius, froh des Wechsels im Plan, stellte seine Reiter
unter den steilsten Abfall der Hügel, links seitab der Strasse, von wo kein
Angriff zu befürchten schien, den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm
abzuwarten und die fliehenden Goten zu verfolgen oder die weichenden Armenier
aufzunehmen.
    Oben auf den Höhen aber stellten sich die Goten in langer Ausdehnung in
Schlachtordnung. Totilas Reiter waren zuerst eingetroffen: ihm hatte sich Teja,
zu Pferd, vor Kampfbegier fiebernd, angeschlossen: - sein beiltragendes Fussvolk
war noch weit zurück: - er hatte sich ausgebeten, ohne Befehlführung, überall,
wo es ihn reizte, ins Handgemenge zu greifen. Darauf war Hildebrand eingetroffen
und hierauf der König mit der Hauptmacht gefolgt. Herzog Guntaris mit seinen
und Tejas Leuten wurden noch erwartet.
    Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurückgeflogen.
    »König,« sagte er, »unter jenen Hügeln steht Belisar.
    Er ist verloren, beim Gott der Rache! Er hat den Wahnsinn gehabt,
vorzurücken. Dulde nicht die Schmach, dass er uns zuvorkommt im Angriff.«
    »Vorwärts!« rief König Witichis, »gotische Männer vor!« In wenigen Minuten
hatte er den Rand der Hügel erreicht und übersah das Talgefild vor ihm.
»Hildebad - den linken Flügel! Du, Totila, brichst mit deinen Reitern hier im
Mitteltreffen, die Strasse herunter, vor. Ich halte rechts seitab der Strasse,
bereit, dir zu folgen oder dich zu decken.«
    »Das wird's nicht brauchen,« sagte Totila, sein Schwert ziehend. »Ich bürge
dir, sie halten meinen Ritt diesen Hügel herab nicht auf.«
    »Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurück,« fuhr der König fort, »nehmen
das Lager, werfen sie in den Bach, der dicht hinter dem Lager glänzt: was übrig
ist, können eure Reiter, Totila und Teja, über die Ebene jagen bis Rom.«
    »Ja, wenn wir erst den Pass gewonnen haben, dort in den Waldhügeln, hinter
dem Fluss,« sagte Teja, mit dem Schwert hinüberdeutend.
    »Er ist noch unbesetzt, scheint's: ihr müsst ihn mit den Flüchtigen zugleich
erreichen.«
    Da tritt der Bannerträger, Graf Wisand von Vulsinii, der Bandalarius des
Heeres, an den König heran. »Herr König, Ihr habt mir eine Bitte zu erfüllen
zugesagt.« - »Ja, weil du bei Salona den Magister Militum für Illyrien, Mundus,
und seinen Sohn vom Ross gestochen.«
    »Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum. Ich möchte denselben Speer
auch an Belisar erproben. Nimm mir, nur für heute, das Banner ab und lass mich
den Magister Belisar aufsuchen. Sein Ross, der Rotscheck Phalion oder Balian,
wird so sehr gerühmt: und mein Hengst wird steif. Und du kennst das alte
gotische Reiterrecht: wirf den Reiter und nimm sein Ross.«
    »Gut gotisch Recht!« raunte der alte Hildebrand.
    »Ich muss die Bitte gewähren,« sprach Witichis, das Banner aus der Hand
Wisands nehmend. Dieser sprengte eilig hinweg. »Guntaris ist nicht zur Stelle,
so trage du es heute, Totila.«
    »Herr König,« entgegnete dieser, »ich kann's nicht tragen, wenn ich meinen
Reitern den Weg in die Feinde zeigen soll.« Witichis winkte Teja.
    »Vergib,« sagte dieser: »heut' denk' ich beide Arme sehr zu brauchen.« -
»Nun, Hildebad.« - »Danke für die Ehre: ich hab's nicht schlechter vor als die
andern!« - »Wie,« sagte Witichis, fast zürnend, »muss ich mein eigner
Bannerträger sein, will keiner meiner Freunde mein Vertrauen ehren?«
    »So gib mir die Fahne Teoderichs,« sprach der alte Hildebrand, den
mächtigen schafft ergreifend. »Mich lüstet weitern Kampfes nicht so sehr. Aber
mich freut's, wie die Jungen nach Ruhme dürsten. Gib mir das Banner, ich will's
heute wahren wie vor vierzig Sommern.« Und er ritt sofort an des Königs rechte
Seite.
    »Der Feinde Fussvolk rückt den Berg hinan,« sprach Witichis, sich im Sattel
hebend. »Es sind Hunnen und Armenier,« sagte Teja, mit seinem Falkenauge
spähend, »ich erkenne die hohen Schilde!« Und den Rappen vorwärts spornend rief
er: »Ambazuch führte sie, der eidbrüchige Brandmörder von Petra.«
    »Vorwärts, Totila,« sprach der König, »und aus diesen Scharen - - keine
Gefangnen.«
    Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern, die hart an der Mündung der
aufsteigenden Strasse auf der Höhe aufgestellt waren. Mit scharfem Blick musterte
er die Bewaffnung der Armenier, die in tiefen Kolonnen langsam bergauf rückten.
Sie trugen schwere, mannshohe Schilde und kurze Speere zu Stoss und Wurf.
    »Sie dürfen nicht zum Werfen kommen,« rief er seinen Reitern zu. Er liess sie
die leichten Schilde auf den Rücken binden und befahl, im Augenblick des
Anpralls die langen Lanzen, statt, wie üblich, in der Rechten, in der Linken,
der Zügelhand, zu führen, den Zügel einfach um das Handgelenk geschlungen und
über die Mähne weg die Lanze aus der rechten in die linke Faust werfend. Dadurch
trafen sie auf die rechte, vom Schild nicht gedeckte Seite der Feinde. »Sowie
der Stoss angeprallt - sie werden ihm nicht stehen! - werft die Lanze im Armriem
zurück, zieht das Schwert und haut nieder, was noch steht.«
    Er stellte sie nun, die Kolonne der Feinde rechts und links überflügelnd,
auf beiden Seiten neben der Strasse auf.
    Er selbst führte den Keil auf der Strasse. Er beschloss, den Feind die Hälfte
des Hügels herankommen zu lassen. Mit atemloser Spannung sahen beide Heere dem
Zusammenstoss entgegen.
    Ruhig rückte Ambazuch, ein erprobter Soldat, vorwärts.
    »Lasst sie nur dicht heran, Leute,« sagte er, »bis ihr das Schnauben der
Rosse im Gesicht spürt. Dann, - und nicht eher, - werft: und zielt mir tief, auf
die Brust der Pferde, und zieht das Schwert. So hab' ich noch alle Reiter
geschlagen.«
    Aber es kam anders.
    Denn als Totila, voransprengend, das Zeichen zum Angriff gab, schien eine
donnernde Lawine vom Berg herab über die erschrocknen Feinde einzubrechen. Wie
der Sturmwind jagte die blitzende, klirrende, schnaubende, dröhnende Masse
heran: und eh' die erste Reihe der Armenier Zeit gefunden, die Wurfspeere nur zu
heben, lag sie schon, von den langen Lanzen auf der schildlosen Seite
durchbohrt, niedergestreckt. Sie waren weggefegt, als wären sie nie gestanden.
    Blitzschnell war das geschehen: und während noch Ambazuch seiner zweiten
Reihe, in der er selber stand, Befehl geben wollte, zu knieen und die Speere
einzustemmen, sah er schon auch seine zweite Reihe überritten, die dritte
auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum noch Widerstand leistend
gegen die furchtbaren Reiter, die jetzt erst dazu kamen, die Schwerter zu
ziehen. Er wollte das Gefecht stellen: er flog zurück und rief seinen wankenden
Scharen Mut zu.
    Da erreichte ihn Totilas Schwert: ein Hieb zerschlug ihm den Helm. Er
stürzte in die Kniee und streckte den Griff seines Schwertes dem Goten entgegen.
»Nimm Lösegeld,« rief er, »ich bin dein.«
    Und schon streckte Totila die Hand aus, ihm die Waffe abzunehmen, da rief
Tejas Stimme: »Denk' an Burg Petra.«
    Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch. Da stob die letzte
Reihe der Armenier, Bessas mit fortreissend, entsetzt auseinander, - das
Vordertreffen Belisars war vernichtet. Mit lautem Freuderuf hatten König
Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit angesehn.
    »Sieh', jetzt schwenken die hunnischen Reiter, die hier gerade unter uns
stehen, gegen Totila,« sagte der König zu dem alten Bannerträger. »Totila wendet
sich gegen sie. Sie sind viel zahlreicher. Auf! Hildebad, eile die Strasse
hinunter, ihm zu Hilfe.«
    »Ah,« rief der Alte, sich vorbeugend im Sattel, und über den Felsrand
spähend, »wer ist der Reitertribun da unten zwischen den zwei Leibwächtern
Belisars?«
    Witichis beugte sich vor. »Calpurnius!« rief er mit gellendem Schrei.
    Und siehe, urplötzlich sprengte der König, keinen Pfad suchend, gerade wo er
stand, hinab die Felshöhe auf den Verhassten. Die Furcht, er möchte ihm
entrinnen, liess ihn alles vergessen. Und als hätte er Flügel, als hätte der Gott
der Rache ihn herabgeführt über Gebüsch und spitze Felsspalten und Schroffen und
Gräben sauste der König hinunter.
    Einen Augenblick fasste den alten Waffenmeister Entsetzen: solchen Ritt hatte
er noch nie geschaut. Aber im nächsten Moment schwang er die blaue Fahne und
rief: »Nach! nach eurem König!« Und das berittene Gefolge voran, das Fussvolk,
springend und auf den Schilden rutschend, hinterher, brach das Mitteltreffen der
Goten plötzlich steil von oben auf die hunnischen Reiter.
    Calpurnius hatte aufgesehn. Ihm war, als ob sein Name, gellend gerufen, an
sein Ohr schlüge. Ihm klang der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts.
    Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und davon. Aber der
maurische Leibwächter zur Rechten fiel ihm in den Zügel: »Halt, Tribun!« sagte
Antallas, auf Totilas Reiter deutend - »dort ist der Feind!« Ein Schmerzenschrei
riss ihn und Calpurnius zur Linken herum. Denn da stürzte der zweite der
Leibwächter, der Hunne Kuturgur, zu seiner Linken klirrend vom Pferd, unter dem
Schwertieb eines Goten, der plötzlich wie vom Himmel gefallen schien. Und
hinter diesem Goten drein sprang und kletterte und wogte es den steilen Felshang
hinab, der doch pfadlos schien: und die Reiter waren von diesem plötzlich von
oben gekommenen Feind in der Flanke umfasst, während sie gleichzeitig in der
Stirnseite mit den Geschwadern Totilas zusammenstiessen.
    Calpurnius erkannte den Goten. »Witichis!« rief er entsetzt und liess den Arm
sinken. Aber sein Pferd rettete ihn; verwundet und scheu geworden durch den Fall
des hunnischen Leibwächters zur Linken, setzte es in wilden Sprüngen davon.
    Der maurische Leibwächter zu seiner Rechten warf sich wütend auf den König
der Goten, der ganz allein den Seinigen weit vorausgeeilt war. »Nieder,
Tollkühner!« schrie er. Aber im nächsten Augenblick hatte ihn das Schwert des
Witichis getroffen, der unaufhaltsam alles vor sich niederzuwerfen schien, was
ihn von Calpurnius jetzt noch fern hielt. Rasend setzte ihm Witichis nach.
Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter, die, entsetzt vor diesem Anblick,
auseinanderstoben.
    Calpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und suchte jetzt Schutz hinter
den stärksten Geschwadern seiner Reiter. Umsonst. Witichis verlor ihn nicht aus
dem Auge und liess nicht von ihm ab. Wie dicht er sich unter seinen Reitern barg,
wie rasch er floh, - er entging nicht dem Blicke des Königs, der alles erschlug,
was sich zwischen ihn und den Mörder seines Sohnes drängte.
    Knäuel auf Knäuel, Gruppe auf Gruppe löste sich vor dem furchtbaren Schwert
des rächenden Vaters: die ganze Masse der Hunnen war quer geteilt von dem
Flüchtenden und seinem Verfolger. Sie vermochte nicht, sich wieder zu schliessen.
Denn ehe noch Totila ganz heran war, hatte der alte Bannerträger mit Reitern und
Fussvolk ihre rechte Flanke durchbrochen, in zwei Teile gespalten.
    Als Totila ansprengte, hatte er nur noch Flüchtlinge zu verfolgen. Der Teil
zur Rechten wurde alsbald von Totila und Hildebrand in die Mitte genommen und
vernichtet.
    Der grössere Teil zur Linken floh zurück auf Belisar.
    Calpurnius jagte indessen, wie von Furien gehetzt, über das Schlachtfeld. Er
hatte einen grossen Vorsprung, da sich Witichis siebenmal erst hatte Bahn hauen
müssen. Aber ein Dämon schien Boreas, des Goten Ross, zu treiben; näher und näher
kam er seinem Opfer. Schon vernahm der Flüchtling den Ruf, zu stehen und zu
fechten. Noch hastiger spornte er sein Pferd. Da brach es unter ihm zusammen.
Noch bevor er sich aufgerafft, stand Witichis vor ihm, der vom Sattel gesprungen
war. Er stiess ihm, ohne ein Wort, mit dem Fuss das Schwert hin, das ihm
entfallen. Da fasste sich Calpurnius mit dem Mut der Verzweiflung.
    Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem Tigersprung auf den Goten.
Aber mitten im Sprung stürzte er rücklings nieder.
    Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen. Der König setzte den
Fuss auf die Brust der Leiche und sah in das verzerrte Gesicht. Dann seufzte er
tief auf: »Jetzt hab' ich die Rache. O hätt' ich mein Kind.«
    Mit Ingrimm hatte Belisar die so ungünstige Eröffnung des Kampfes mit
angesehen. Aber seine Ruhe, seine Zuversicht verliess ihn nicht, als er Ambazuchs
und Bessas' Armenier weggefegt, als er des Calpurnius Reiter durchbrochen und
geworfen sah.
    Er erkannte jetzt die Übermacht und Überlegenheit des Feindes. Allein er
beschloss, auf der ganzen Linie vorzurücken, eine Lücke lassend, um den Rest der
fliehenden Reiter aufzunehmen.
    Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und drängten, Witichis voran, Totila
und Hildebrand, welche die Umzingelten vernichtet hatten, folgend, den
Flüchtlingen jetzt so ungestüm nach, dass sie mit ihnen zugleich die Linie
Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten.
    Das durfte nicht sein. Belisar füllte diese Lücke selbst durch seine
Leibwache zu Fuss und schrie den fliehenden Reitern entgegen, zu halten und zu
wenden.
    Aber es war, als ob die Todesfurcht ihres gefallnen Führers sie alle
ergriffen hätte. Sie scheuten das Schwert des Gotenkönigs hinter sich mehr als
den drohenden Feldherrn vor sich: und ohne Halt und Fassung rasten sie, als
wollten sie ihr eignes Fussvolk niederreiten, im vollen Galopp heran.
    Einen Augenblick - ein furchtbarer Stoss: - ein tausendstimmiger Schrei der
Angst und Wut, - ein wirrer Knäuel von Reitern und Fussvolk minutenlang: -
darunter einhauende Goten: - und plötzlich ein Auseinanderleben nach allen
Seiten unter gellendem Siegesruf der Feinde. -
    Belisars Leibwache war niedergeritten, seine Hauptschlachtlinie
durchbrochen. - Er befahl den Rückzug ins Lager.
    Aber es war kein Rückzug mehr: es war eine Flucht. Hildebads, Guntaris und
Tejas Fussvolk waren jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen: die Byzantiner
sahen ihre Stellung im ganzen geworfen: sie verzweifelten am Widerstand, und mit
grosser Unordnung eilten sie nach dem Lager zurück. Gleichwohl hätten sie
dasselbe noch in guter Zeit vor den Verfolgern erreicht, hätte nicht ein
unerwartetes Hindernis alle Wege gesperrt.
    So siegesgewiss war Belisar ausgezogen, dass er das ganze Fuhrwerk, die Wagen
und das Gepäck des Heeres, ja selbst die Herden, die ihm nachgetrieben wurden
nach der Sitte jener Zeit, den Truppen auf allen Strassen zu folgen befohlen
hatte. Auf diesen langsamen, schwer beweglichen und schwer zu entfernenden
Körper stiessen nun überall die weichenden Truppen, und grenzenlose Hemmung und
Verwirrung trat ein.
    Soldaten und Trossknechte wurden handgemein: die Reihen lösten sich zwischen
den Karren, Kisten und Wagen. Bei vielen erwachte die Beutelust und sie fingen
an, das Gepäck zu plündern, ehe es in die Hände der Barbaren falle. Überall ein
Streiten, Fluchen, Klagen, Drohen: dazwischen das Krachen der Lastwagen, die
zerbrochen wurden, und das Blöken und Brüllen der erschrocknen Herden.
    »Gebt den Tross preis! Feuer in die Wagen! schickt die Reiter durch die
Herden!« befahl Belisar, der mit dem Rest seiner Leibwachen in guter Ordnung mit
dem Schwert sich Bahn brach. Aber vergebens. Immer unentwirrbarer, immer dichter
wurde der Knäuel: - nichts schien ihn mehr lösen zu können.
    Da zerriss ihn die Verzweiflung.
    Der Schrei, »die Barbaren über uns!« erscholl aus den hintersten Reihen. Und
es war kein leerer Schreck. Hildebad mit dem Fussvolk war jetzt in die Ebene
hinabgestiegen und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen Knäuel.
    Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach vorn: ein tausendstimmiger
Schrei der Angst - der Wut - des Schmerzes der Angegriffenen, der Leibwachen,
die, alter Tapferkeit gedenk, fechten wollten und nicht konnten: - der
Zertretenen und Zerdrückten - und plötzlich stürzte der grösste Teil der Wagen,
mit ihrer Bespannung, und mit den Tausenden, die darauf und dazwischen
zusammengedrängt waren, mit donnerndem Krachen in die Gräben links und rechts
neben der Hochstrasse.
    So ward der Weg frei. Und unaufhaltsam, ordnungslos ergoss sich der Strom der
Flüchtigen nach dem Lager. -
    Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fussvolk, ohne Mühe mit den
Fernwaffen, mit Pfeilen, Schleudern und Wurfspeeren, in dem dichten Gewühl seine
Ziele treffend, während Belisar mit Mühe die unaufhörlichen Angriffe der Reiter
Totilas und des Königs abwehrte. »Hilf, Belisar,« rief Aigan, der Führer der
massagetischen Söldner, aus dem eben gesprengten Knäuel heranreitend, das Blut
aus dem Gesicht wischend: »meine Landsleute haben heut' den schwarzen Teufel
unter den Feinden gesehen. Sie stehn mir nicht. Hilf: dich fürchten sie sonst
mehr als den Teufel!«
    Mit Knirschen sah Belisar hinüber nach seinem rechten Flügel, der aufgelöst
über das Blachfeld jagte, von den Goten gehetzt.
    »O Justinianus, kaiserlicher Herr, wie erfüll' ich schlecht mein Wort!«
    Und die weitere Deckung des Rückzugs ins Lager dem erprobten Demetrius
überlassend - denn das hügelige Terrain, das jetzt erreicht war, schwächte die
Kraft der verfolgenden Reiter -, sprengte er mit Aigan und seiner berittenen
Garde querfeldein mitten unter die Flüchtenden.
    »Halt!« donnerte er ihnen zu, »halt, ihr feigen Hunde. Wer flieht, wo
Belisar streitet?
    Ich bin mitten unter euch, kehrt und siegt!«
    Und aufschlug er das Visier des Helmes und zeigte ihnen das majestätische,
das löwengewaltige Antlitz.
    Und so mächtig war die Macht dieser Heldenpersönlichkeit, so gross das
Vertrauen auf sein sieghaftes Glück, dass in der Tat alle, welche die hohe
Gestalt des Feldherrn auf seinem Rotscheck erkannten, stutzten, hielten, und mit
einem Ruf der Ermutigung sich den nachdringenden Goten wieder entgegenwandten.
An dieser Stelle wenigstens war die Flucht zu Ende.
    Da schritt ein gewaltiger Gote heran, leicht sich Bahn brechend. »Heia, das
ist fein, dass ihr einmal des Laufens müde seid, ihr flinken Griechlein. Ich
konnt' euch nicht mehr nach vor Schnaufen. In den Beinen seid ihr uns überlegen.
Lasst sehn, ob auch in den Armen. Ha, was weicht ihr, Burschen!
    Vor dem, auf dem Braunscheck? Was ist's mit dem?«
    »Herr, das muss ein König sein unter den Welschen, kaum kann man sein zornig
Auge tragen.«
    »Das wäre! Ah - das muss Belisarius sein! Freut mich,« schrie er ihm hinüber,
»dass wir uns treffen, du kühner Held. Nun spring vom Ross und lass uns die Kraft
der Arme messen. Wisse, ich bin Hildebad, des Tota Sohn. Sieh, auch ich bin ja
zu Fuss. Du willst nicht?« rief er zornig. »Muss man dich vom Gaule holen?« Und
dabei schwang er in der Rechten wiegend den ungeheuren Speer.
    »Wende, Herr, weich aus,« rief Aigan, »der Riese wirft ja junge Mastbäume.«
- »Wende, Herr,« wiederholten seine Hypaspisten ängstlich.
    Aber Belisar ritt, das kurze Schwert gezückt, ruhig dem Goten um eine
Pferdelänge näher. Sausend flog der balkengleiche Speer heran, grad' gegen
Belisars Brust.
    Aber grad', ehe er traf, - ein kräftiger Hieb von Belisars kurzem
Römerschwert und drei Schritte seitwärts fiel der Speer harmlos nieder.
    »Heil Belisarius! Heil,« schrien die Byzantiner ermutigt und drangen auf die
Goten ein.
    »Ein guter Hieb,« lachte Hildebad grimmig. »Lass sehen, ob dir deine
Fechtkunst auch gegen den hilft.« Und sich bückend hob er aus dem Ackerfeld
einen alten, zackigen Grenzstein, schwang ihn mit zwei Armen erst langsam hin
und her, hob ihn dann über den Kopf mit beiden Händen und schleuderte ihn mit
aller Kraft auf den heransprengenden Helden: - ein Schrei des Gefolges: -
rücklings stürzte Belisar vom Pferd.
    Da war es aus.
    »Belisarius tot! wehe! Alles verloren, wehe!« schrien sie, als die
hochragende Gestalt verschwunden, und jagten besinnungslos nach dem Lager zu.
Einzelne flohen unaufhaltsam bis an und in die Tore Roms.
    Umsonst war's, dass sich die Lanzen- und Schildträger todesmutig den Goten
entgegenwarfen: sie konnten nur ihren Herrn, nicht die Schlacht mehr retten.
    Den ersten tödlichen Schwertieb Hildebads, der herangestürmt war, fing der
treue Maxentius auf mit der eignen Brust. Aber hier sank auch ein gotischer
Reiter endlich vom Ross, der erst nach Hildebad Belisar erreicht und sieben
Leibwächter erschlagen hatte, um bis zum Magister Militum durchzudringen. Mit
dreizehn Wunden fanden ihn die Seinen. Aber er blieb am Leben. Und er war einer
der wenigen, welche den ganzen Krieg durchkämpften und überlebten -, Wisand, der
Bandalarius.
    Belisar, von Aigan und Valentinus, seinem Hippokomos (Rosswart), wieder auf
den Rotschecken gehoben und rasch von der Betäubung erholt, erhob umsonst den
Feldherrnstab und Feldherrnruf: sie hörten nicht mehr und wollten nicht hören.
Umsonst hieb er nach allen Seiten unter die Flüchtigen: er wurde fortgerissen
von ihren Wogen bis ans Lager.
    Hier gelang es ihm noch einmal, an einem festen Tor, die nachdringenden
Goten aufzuhalten. »Die Ehre ist hin,« sagte er unwillig, »lasst uns das Leben
wahren.« Mit diesen Worten liess er die Lagertore schliessen, ohne Rücksicht auf
die grossen Massen der noch Ausgeschlossenen.
    Ein Versuch des ungestümen Hildebad, ohne weiteres einzudringen, scheiterte
an dem starken Eichenholz des Pfahlwerks, das dem Speerwurf und den
Schleudersteinen trotzte. Unmutig auf seinen Speer gelehnt kühlte er sich einen
Augenblick von der Hitze.
    Da bog Teja, der längst, wie der König und Totila, abgesessen, prüfend und
das Pfahlwerk messend, um die Ecke des Walls.
    »Die verfluchte Holzburg,« rief ihm Hildebad entgegen. »Da hilft nicht
Stein, nicht Eisen.«
    »Nein,« sagte Teja, »aber Feuer!« Er stiess mit dem Fuss in einen
Aschenhaufen, der neben ihm lag. »Das sind die Wachtfeuer, samt dem Reisig, von
heute nacht. Hier glimmen noch Gluten! Hierher, ihr Männer, steckt die Schwerter
ein, entzündet das Reisig! werft Feuer in das Lager!«
    »Prachtjunge,« jubelte Hildebad, »flugs, ihr Bursche, brennt sie aus, wie
den Fuchs aus dem Bau! der frische Nordwind hilft.« Rasch waren die Wachtfeuer
wieder entfacht, Hunderte von Bränden flogen in das trockne Sparrenwerk der
Schanze. Und bald schlugen die Flammen lodernd gen Himmel. Der dichte Qualm, vom
Wind ins Lager getragen, schlug den Byzantinern ins Gesicht und machte die
Verteidigung der Wälle unmöglich. Sie wichen in das Innere des Lagers.
    »Wer jetzt sterben dürfte!« seufzte Belisar. - »Räumt das Lager! Hinaus zur
Porta decumana. In gut geschlossener Ordnung zu den Brücken hinter uns!«
    Aber der Befehl, das Lager zu räumen, zerriss das letzte Band der Zucht, der
Ordnung und des Mutes. Während unter Tejas dröhnenden Axtieben die verkohlten
Torbalken niederkrachten und mitten durch Flammen und Qualm der schwarze Held,
wie ein Feuerdämon, der erste, durch das prätorische Tor ins Lager sprang,
rissen die Flüchtenden alle Tore, auch die seitwärts aus dem Lager nach Rom zu
führten, die Portä prinzipalis rechts und links, auf einmal auf und strömten in
wirren Massen nach dem Fluss. Die ersten erreichten noch sicher und unverfolgt
die beiden Brücken; sie hatten grossen Vorsprung, bis Hildebad und Teja Belisar
aus dem brennenden Lager herausgedrängt.
    Aber plötzlich - neues Entsetzen! - schmetterten die gotischen Reiterhörner
ganz nahe.
    Witichis und Totila hatten sich, sowie sie das Lager genommen wussten,
sogleich wieder zu Pferd geworfen und führten nun ihre Reiter von beiden Seiten,
links und rechts vom Lager her, den Flüchtenden in die Flanken.
    Eben war Belisar aus dem decumanischen Lagertor gesprengt und eilte nach der
einen Brücke zu, als er von links und rechts die verderblichen Reitermassen
heransausen sah. Noch immer verlor der gewaltige Kriegsmann die Fassung nicht.
»Vorwärts im Galopp an die Brücken!« befahl er seinen Sarazenen, »deckt sie!« -
    Es war zu spät: ein dumpfer Krach, gleich darauf ein zweiter, - die beiden
schmalen Brücken waren unter der Last der Flüchtenden eingebrochen und zu
Hunderten stürzten die hunnischen Reiter und die illyrischen Lanzenträger,
Justinians Stolz, in das sumpfige Gewässer.
    Ohne Bedenken spornte Belisar, an dem steilen Ufer angelangt, sein Pferd in
die schäumende und blutig gefärbte Flut. Schwimmend erreichte er das andere
Ufer. »Salomo, Dagistäos«, sagte er, sowie er drüben gelandet, zu seinen
raschesten Prätorianern, »auf, nehmt hundert aus meinen Reiterwachen und jagt
was ihr könnt nach dem Engpass. Überreitet alle Flüchtigen. Ihr müsst ihn vor den
Goten erreichen, hört ihr? ihr müsst! Er ist unser letzter Strohhalm.«
    Beide gehorchten, und sprengten blitzschnell davon.
    Belisar sammelte, was er von den zerstreuten Massen erreichen konnte. Die
Goten waren wie die Byzantiner durch den Fluss eine Weile aufgehalten. Aber
plötzlich rief Aigan: »Da sprengt Salomo zurück!« - »Herr,« rief dieser
heranjagend: »alles ist verloren! Waffen blitzen im Engpass. Er ist schon besetzt
von den Goten.«
    Da, zum ersten Male an diesem Tage des Unglücks, zuckte Belisar zusammen.
»Der Engpass verloren? - Dann entkommt kein Mann vom Heere meines Kaisers. Dann
fahrt wohl: Ruhm, Antonina und Leben. Komm, Aigan, zieh' das Schwert - lass mich
nicht lebend fallen in Barbarenhand.«
    »Herr,« sagte Aigan, »so hört' ich Euch nie reden.«
    »So war's auch noch nie. Lass uns absteigen und sterben.« Und schon hob er
den rechten Fuss aus dem Bügel, vom Ross zu springen, da sprengte Dagistäos heran
-: »Getrost, mein Feldherr!« - »Nun?« - »Der Engpass ist unser - römische Waffen
sind's, die wir dort sahen. Es ist Cetegus, der Präfekt! Er hielt ihn geheim
besetzt.«
    »Cetegus?« rief Belisar. »Ist's möglich? Ist's gewiss?«
    »Ja, mein Feldherr. Und seht, es war hoch an der Zeit.« Das war es. Denn
eine Schar gotischer Reiter, von König Witichis gesendet, den Flüchtenden am
Engpass vorauszukommen, hatte durch eine Furt den Fluss durchschritten, den
Reitern Belisars den Weg abgeschnitten und vor ihnen den verhängnisvollen Pass
erreicht. Aber eben als sie dort einmünden wollten, brach Cetegus an der Spitze
seiner Isaurier aus dem Versteck der Schlucht hervor und warf die überraschten
Goten nach kurzem Gefecht in die Flucht.
    »Der erste Glanz des Sieges an diesem schwarzen Tag!« rief Belisar. »Auf,
nach dem Engpass!« Und mit besserer Ordnung und Ruhe führte der Feldherr seine
gesammelten Scharen an die Waldhügel.
    »Willkommen in Sicherheit, Belisarius,« rief ihm Cetegus zu, seine
Schwertklinge säubernd. »Ich warte hier auf dich seit Tagesanbruch. Ich wusste
wohl, dass du mir kommen würdest.«
    »Präfekt von Rom,« sprach Belisar, ihm vom Pferd herunter die Hand reichend:
»du hast des Kaisers Heer gerettet, das ich verloren hatte: ich danke dir.«
    Die frischen Truppen des Präfekten hielten, eine undurchdringliche Mauer,
den Pass besetzt, die zerstreut heranflüchtenden Byzantiner durchlassend und
Angriffe der ersten ermüdeten Verfolger, die über den Fluss gedrungen, - sie
hatten einen vollen Tag des Kampfes hinter sich - in der günstigen Stellung ohne
Mühe abwehrend.
    Vor Einbruch der Dunkelheit nahm König Witichis seine Scharen zurück, auf
dem Schlachtfeld ihres Sieges zu übernachten, während Belisar mit seinen
Feldherren einstweilen im Rücken des Passes, so gut es gehen wollte, die
aufgelösten Heeresmassen, wie sie zerstreut und vereinzelt eintrafen, ordneten.
Als Belisar wieder einige tausend Mann beisammen hatte, ritt er zu Cetegus
heran und sprach: »Was meinst du, Präfekt von Rom? Deine Truppen sind noch
frisch. Und die Unsern müssen ihre Scharte auswetzen. Lass uns hervorbrechen noch
einmal - die Sonne geht noch nicht gleich unter - und das Los des Tages wenden.«
    Mit Staunen sah ihn Cetegus an und sprach die Worte Homers: »Wahrlich, ein
schreckliches Wort, du Gewaltiger, hast du gesprochen. Unersättlicher! So schwer
erträgst du's, ohne Sieg aus einer Schlacht zu gehn? Nein, Belisarius! dort
winken die Zinnen Roms: dahin führe deine todesmatten Völker. Ich halte diesen
Pass, bis ihr die Stadt erreicht. Und froh will ich sein, wenn mir das gelingt.«
    Und so war's geschehn. Belisar vermochte unter den dermaligen Umständen
weniger als je den Präfekten gegen dessen Willen zu bewegen. So gab er nach und
führte sein Heer nach Rom zurück, das er mit dem Einbruch der Nacht erreichte.
    Lange wollte man ihn nicht einlassen. Den von Staub und Blut Bedeckten
erkannte man nur schwer. Auch hatten Versprengte die Nachricht aus der Schlacht
in die Stadt getragen, der Feldherr sei gefallen und alles verloren. Endlich
erkannte ihn Antonina, die ängstlich auf den Wällen seiner harrte. Durch das
pincianische Tor liess man ihn ein; es hiess seitdem Porta belisaria.
    Feuerzeichen auf den Wällen zwischen dem flaminischen und dem pincianischen
Tor verkündeten die Erreichung Roms dem Präfekten, der nun, in guter Ordnung und
von den ermüdeten Siegern kaum verfolgt, im Schutze der Nacht seinen Rückzug
bewerkstelligte.
    Nur Teja drängte nach mit einigen seiner Reiter bis an das Hügelland, wo
heute Villa Borghese liegt, und bis zur Aqua Acetosa.
 
                                Achtes Kapitel.
Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer der Goten vor der ewigen
Stadt, die es in sieben Lagern umschloss.
    Und nun begann jene denkwürdige Belagerung, die nicht minder das
Feldherrntalent und die Erfindungsgabe Belisars als den Mut der Belagerer
entfalten sollte.
    Mit Schrecken hatten die Bürger Roms von ihren Mauern herab mit angesehen,
wie die Scharen der Goten nicht enden wollten. »Sieh' hin, o Präfekt, sie
überflügeln alle deine Mauern.« - »Ja! in die Breite! lass sehen, ob sie sie in
der Höhe überflügeln. Ohne Flügel kommen sie nicht herüber.«
    Nur zwei Tausendschaften hatte Witichis in Ravenna zurückgelassen, acht
hatte er unter den Grafen Uligis von Urbssalvia und Ansa von Asculum nach
Dalmatien entsendet, diese Provinz und Liburnien den Byzantinern zu entreissen
und zumal das wichtige Salona wiederzugewinnen; durch Söldner, in Savien
geworben, sollten sie sich verstärken.
    Auch die gotische Flotte sollte - gegen Tejas Rat! - dort, nicht gegen den
Hafen von Rom, Portus, wirken.
    Den Umkreis der Stadt Rom aber, und ihre weit hinausgestreckten Wälle, die
Mauern Aurelians und des Präfekten, umgürtete nun der König mit
einhundertundfünfzig Tausendschaften.
    Rom hatte damals fünfzehn Haupttore und einige kleinere.
    Von diesen umschlossen die Goten den schwächeren Teil der Umwallung, den
Raum, der von dem flaminischen Tor im Norden (östlich von der jetzigen Porta del
Popolo) bis zum pränestinischen Tor reicht, vollständig mit sechs Heerlagern;
nämlich die Wälle vom flaminischen Tor gegen Osten bis ans pincianische und
salarische, dann bis an das nomentanische Tor (südöstlich von Porta pia), ferner
bis gegen das »geschlossene Tor«, die Porta clausa, endlich südlich von da das
tiburtinische Tor (heute Porta San Lorenzo) und das asinarische, metronische,
latinische (an der Via latina), das appische (an der Via appia) und das
Sankt-Pauls-Tor, das zunächst dem Tiberufer lag. Alle diese sechs Lager waren
auf dem linken Ufer des Flusses.
    Um aber zu verhüten, dass die Belagerten durch Zerstörung der milvischen
Brücke den Angreifern den Übergang über den Fluss und das ganze Gebiet auf dem
rechten Tiberufer bis an die See abschnitten, schlugen die Goten ein siebentes
Lager auf dem rechten Tiberufer: »auf dem Felde Neros«, vom vatikanischen Hügel
bis gegen die milvische Brücke hin (unter dem »Monte Mario«). So war die
milvische Brücke durch ein Gotenlager gedeckt und die Brücke Hadrians bedroht,
sowie der Weg nach der Stadt durch die »Porta Sancti Petri«, wie man damals
schon, nach Prokops Bericht, das innere Tor Aurelians nannte. Es war das nächste
an dem Grabmal Hadrians. Aber auch das Tor von Sankt Pankratius rechts des
Tibers war von den Goten scharf beobachtet.
    Dies Lager auf dem neronischen Feld, auf dem rechten Tiberufer, zwischen dem
pankratischen und dem Petrus-Tor, überwies Witichis dem Grafen Markja von
Mediolanum, der aus den Cottischen Alpen und der Beobachtung der Franken
zurückgerufen worden war. Aber der König selbst weilte oft hier, das Grabmal
Hadrians mit scharfen Blicken prüfend.
    Er hatte kein einzelnes Lager übernommen, sich die Gesamtleitung
vorbehaltend, vielmehr die sechs übrigen an Hildebrand, Totila, Hildebad, Teja,
Guntaris und Grippa verteilt. Jedes der sieben Lager liess der König mit einem
tiefen Graben umziehn, die dadurch ausgehobne Erde zu einem hohen Wall zwischen
Graben und Lager aufhäufen und diesen mit Pfahlwerk verstärken, - sich gegen
Ausfälle zu sichern.
    Aber auch Belisar und Cetegus verteilten ihre Feldherren und Mannschaften
nach den Toren und Regionen Roms. Belisar übertrug das pränestinische Tor im
Osten der Stadt (heute Porta maggiore) Bessas, das stark bedrohte flaminische,
dem ein gotisches Lager, das Totilas, in gefährlicher Nähe lag, Constantinus,
der es durch Marmorquadern, aus römischen Tempeln und Palästen gebrochen, fast
ganz zubauen liess.
    Belisar selbst schlug sein Standlager auf im Norden der Stadt. Dieser war
unter den ihm von Cetegus eingeräumten Teilen der Festung Rom der schwächste.
    Den Westen und Süden hielt eifersüchtig, unentfernbar und unentbehrlich, der
Präfekt.
    Aber hier im Norden war Belisar Herr: zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen - oder nun »belisarischen« - Tor, dem schwächsten Teil der
Umwallung, liess er sich nieder, zugleich Ausfälle gegen die Barbaren planend.
Die übrigen Tore überwies er den Führern des Fussvolks Peranius Magnus, Ennes,
Artabanes, Azaretas und Chilbudius.
    Der Präfekt hatte alle Tore auf dem rechten Tiberufer, die neue Porta
aurelia an der älischen Brücke bei dem Grabmal Hadrians, die Porta septimiana,
das alte aurelische Tor, das nun das pankratische hiess, und die Porta
portuensis: auf dem linken Ufer aber noch das Tor Sankt Pauls. Erst das nächste
Tor weiter östlich, das ardeatinische, stand unter byzantinischer Besatzung:
Chilbudius befehligte hier.
    Gleich unermüdlich und gleich erfinderisch erwiesen sich die Belagerer und
die Belagerten in Plänen des Angriffs und der Verteidigung. Lange Zeit handelte
es sich nur um Massregeln, welche die Bedrängung der Römer, ohne Sturm, vor dem
Sturm, bezweckten und andrerseits, sie abwehren sollten.
    Die Goten, Herren und Meister der Campagna, suchten die Belagerten
auszubürsten: sie schnitten alle die prachtvollen vierzehn Wasserleitungen ab,
welche die Stadt speisten. Belisar liess vor allem, als er dies wahrnahm, die
Mündungen innerhalb der Stadt verschütten und vermauern. »Denn,« hatte ihm
Prokop gesagt, »nachdem du, o grosser Held Belisarius, durch eine solche
Wasserrinne nach Neapolis hineingekrochen bist, könnte es den Barbaren
einfallen, - und kaum schimpflich scheinen, - auf dem gleichen Heldenpfad sich
nach Rom hinein zu krabbeln.«
    Den Genuss des geliebten Bades mussten die Belagerten entbehren: kaum reichten
die Brunnen in dem vom Fluss entlegenen Stadtteilen für das Trinkwasser aus.
    Durch das Abschneiden des Wassers hatten aber die Barbaren den Römern auch
das Brot abgeschnitten. - Wenigstens schien es so. Denn die sämtlichen
Wassermühlen Roms versagten nun. Das aufgespeicherte Getreide, das Cetegus aus
Sizilien gekauft, das Belisar aus der Umgegend Roms zwangsweise hatte in die
Stadt schaffen lassen, trotz des Murrens der Pächter und Colonen, dieses
Getreide konnte nicht mehr gemahlen werden.
    »Lasst die Mühlen durch Esel und Rinder drehen!« rief Belisar. »Die meisten
Esel waren klug genug und die Rinder, ach Belisarius,« sprach Prokop, »sich
nicht mit uns hier einsperren zu lassen. Wir haben nur soviel, als wir brauchen,
sie zu schlachten. Sie können unmöglich erst Mühlen drehen und dann noch Fleisch
genug haben, das gemahlene Brot selbst zu belegen.«
    »So rufe mir Martinus. Ich habe gestern an dem Tiber, die Gotenzelte
zählend, zugleich einen Gedanken gehabt ... -«
    »Den Martinus wieder aus dem Belisarischen in das Mögliche übersetzen muss.
Armer Mann! Aber ich gehe, ihn zu holen.«
    Als aber am Abend des gleichen Tages Belisar und Martinus durch
zusammengelegte Boote im Tiber die erste Schiffsmühle herstellten, welche die
Welt kannte, da sprach bewundernd Prokopius: »Das Brot der Schiffsmühle wird
länger die Menschen erfreuen, als deine grössten Taten. Dies so gemahlene Mehl
schmeckt nach - Unsterblichkeit.« Und wirklich ersetzten die von Belisar
erdachten, von Martinus ausgeführten Schiffsmühlen den Belagerten während der
ganzen Dauer der Einschliessung die gelähmten Wassermühlen.
    
    Hinter der Brücke nämlich, die jetzt Ponte San Sisto heisst, auf der Senkung
des Janiculus, befestigte Belisar zwei Schiffe mit Seilen und legte Mühlen über
deren flaches Deck, so dass die Mühlenräder durch den Fluss, der aus dem
Brückenbogen mit verstärkter Gewalt hervorströmte, von selbst getrieben wurden.
    Eifrig trachteten alsbald die Belagerer, diese Vorrichtungen, die ihnen
Überläufer schilderten, zu zerstören. Balken, Holzflösse, Bäume warfen sie
oberhalb der Brücke von dem von ihnen beherrschten Teil aus in den Fluss und
zertrümmerten so in Einer Nacht wirklich alle Mühlen. Aber Belisar liess sie
wieder herstellen und nun oberhalb der Brücke starke Ketten gerade über den Fluss
ziehen und so auffangen, was, die Mühlen bedrohend herabtrieb.
    Nicht nur seine Mühlen sollten diese eisernen Stromriegel decken: sie
sollten auch verhindern, dass die Goten auf Kähnen und Flössen den Fluss herab und,
ohne die Brücke, in die Stadt drängen.
    Denn Witichis traf nun alle Vorbereitungen zum Sturm.
    Er liess hölzerne Türme bauen, höher als die Zinnen der Stadtmauer, die auf
vier Rädern von Rindern gezogen werden sollten. Dann liess er Sturmleitern in
grosser Zahl beschaffen und vier furchtbare Widder oder Mauerbrecher, die je eine
halbe Hundertschaft schob und bediente. Mit unzähligen Bündeln von Reisig und
Schilf sollten die tiefen Gräben ausgefüllt werden.
    Dagegen pflanzten Belisar und Cetegus, jener im Norden und Osten, dieser im
Westen und Süden die Verteidigung der Stadt überwachend, Ballisten und Wurfbogen
auf die Wälle, die auf grosse Entfernung balkenähnliche Speergeschosse
schleuderten, mit solcher Kraft, dass sie einen gepanzerten Mann völlig
durchbohrten. Die Tore schützten sie durch »Wölfe«, d.h. Querbalken, mit
eisernen Stacheln besetzt, die man auf die Angreifer niederschmettern liess, wann
sie dicht bis an das Tor gelangt waren. Und endlich streuten sie zahlreiche
Fussangeln und Stachelkugeln auf den Vorraum zwischen den Gräben der Stadt und
dem Lager der Barbaren.
 
                                Neuntes Kapitel.
Trotz alledem, sagten die Römer, hätten längst die Goten die Mauern erstiegen,
wäre nicht des Präfekten Egeria gewesen.
    Denn es war merkwürdig: so oft die Barbaren einen Sturm vorbereiteten -:
Cetegus ging zu Belisar und warnte und bezeichnete im voraus den Tag. So oft
Teja oder Hildebad in kühnem Handstreich ein Tor zu überrumpeln, eine Schanze
wegzunehmen gedachten: - Cetegus sagte es vorher, und die Angreifer stiessen auf
das Zweifache der gewöhnlichen Besatzung der Punkte. So oft in mächtigem
Überfall die Kette des Tibers gesprengt werden sollte: - Cetegus schien es
geahnt zu haben und schickte den Schiffen der Feinde Brander und Feuerkähne
entgegen.
    So ging es viele Monate hin. Die Goten konnten sich nicht verhehlen, dass
sie, trotz unablässiger Angriffe, seit Anfang der Belagerung keinerlei
Fortschritte gemacht.
    Lange trugen sie diese Unfälle, die Entdeckung und Vereitelung all ihrer
Pläne, mit ungebeugtem Mut. Aber allmählich bemächtigte sich nicht bloss der
grossen Masse Verdrossenheit, insbesondere da Mangel an Lebensmitteln fühlbar zu
werden begann, - auch des Königs klarer Sinn wurde von trüber Schwermut
verdüstert, als er all seine Kraft, all seine Ausdauer, all seine Kriegskunst
wie von einem bösen Dämon vereitelt sah. Und kam er von einem fehlgeschlagenen
Unternehmen, von einem verunglückten Sturm, matt und gebeugt, in sein
Königszelt, so ruhten die stolzen Augen seiner schweigsamen Königin mit einem
ihm unverständlichen, aber grauenvoll unheimlichen Ausdruck auf ihm, dass er sich
schaudernd abwandte.
    »Es ist nicht anders,« sagte er finster zu Teja, »es ist gekommen, wie ich
vorausgesagt. Mit Rautgundis ist mein Glück von mir gewichen, wie die
Freudigkeit meiner Seele. Es ist, als läge ein Fluch auf meiner Krone. Und diese
Amalungentochter wandelt um mich her, schweigend und finster, wie mein
lebendiges Unglück.«
    »Du könntest recht haben,« sprach Teja. »Vielleicht lös' ich diesen
Zauberbann. Gib mir Urlaub für heut' nacht.«
    Am selben Tage, fast in derselben Stunde, forderte drinnen in Rom Johannes,
der Blutige, von Belisar Urlaub für diese Nacht. Belisar schlug es ab. »Jetzt
ist nicht Zeit zu nächtlichen Vergnügen,« sagte er.
    »Wird kein gross Vergnügen sein, in der Nacht zwischen alten feuchten Mauern
und gotischen Lanzen einem Fuchs nachspüren, der zehnmal schlauer ist als wir
beide.«
    »Was hast du vor?« fragte Belisar, aufmerksam werdend.
    »Was ich vorhabe? Ein Ende zu machen der verfluchten Stellung, in der wir
alle, in der du, o Feldherr, nicht zum mindesten stehst. Es ist schon alles ganz
recht. Seit Monaten liegen die Barbaren vor diesen Mauern und haben nichts dabei
gewonnen. Wir erschiessen sie wie Knaben die Dohlen vom Hinterhalt und können
ihrer lachen. Aber wer ist es eigentlich, der all dies vollbringt? Nicht, wie es
sein sollte, du, des Kaisers Feldherr, noch des Kaisers Heer: sondern dieser
eisige Römer, der nur lachen kann, wenn er höhnt. Der sitzt da oben im Kapitol
und verlacht den Kaiser und die Goten und uns und, mit Verlaub zu sagen, dich
selber am meisten. Woher weiss dieser Odysseus und Ajax in Einer Person alle
Gotenpläne so scharf, als sässe er mit im Rat des Königs Witichis? Durch sein
Dämonium, sagen die einen. Durch seine Egeria, sagen die andern. Er hat einen
Raben, der hören und sprechen kann wie Menschen, meinen wieder andere: den
schickt er alle Nacht ins Gotenlager. Das mögen die alten Weiber glauben und die
Römer, nicht meiner Mutter Sohn. Ich glaube den Raben zu kennen und das
Dämonium. Gewiss ist, er kann die Kunde nur aus dem Gotenlager selbst holen; lass
uns doch sehen, ob wir nicht selbst an seiner Statt aus dieser Quelle schöpfen
können.«
    »Ich habe das längst bedacht, aber ich sah kein Mittel.«
    »Ich habe von meinen Hunnen alle seine Schritte belauern lassen. Es ist
verdammt schwer; denn dieser braune Maurenteufel folgt ihm wie ein Schatte. Aber
tagelang ist Syphax fern: - und dann gelingt es eher. Nun, ich habe erspäht, dass
Cetegus so manche Nacht die Stadt verliess, bald aus der Porta portuensis,
rechts vom Tiber, bald aus der Porta Sankt Pauls, links vom Tiber im Süden, die
er beide besetzt hält. Weiter wagten ihm die Späher nicht zu folgen. Ich aber
denke heute nacht - denn heute muss es wieder treffen, - ihm so nicht von den
Fersen zu weichen. Doch muss ich ihn vor dem Tore erwarten: seine Isaurier liessen
mich nicht durch; ich werde bei einer Runde vor den Mauern in einem der Gräben
zurückbleiben.«
    »Gut. Es sind aber, wie du sagst, zwei Tore zu beobachten.« - »Deshalb hab'
ich mir Perseus, meinen Bruder, zum Genossen erkoren; er hütet das paulinische,
ich das portuensische Tor; verlass dich drauf - bis morgen vor Sonnenaufgang
kennt einer von uns das Dämonium des Präfekten.« Und wirklich: einer von ihnen
sollte es kennen lernen.
    Gerade gegenüber dem Sankt-Pauls-Tor, etwa drei Pfeilschüsse von den
äussersten Gräben der Stadt, lag ein mächtiges altertümliches Gebäude, die
Basilika Sancti Pauli extra muros, die Paulskapelle vor den Mauern, deren letzte
Reste erst zur Zeit der Belagerung Roms durch den Connetable von Bourbon völlig
verschwanden. Ursprünglich ein Tempel des Jupiter Stator, war der Bau seit zwei
Jahrhunderten dem Apostel geweiht worden: aber noch stand die bronzene
Kolossalstatue des bärtigen Gottes aufrecht: man hatte ihm nur den flammenden
Donnerkeil aus der Rechten genommen und dafür ein Kreuz hineingeschoben: im
übrigen passte die breite und bärtige Gestalt gut zu ihrem neuen Namen.
    Es war um die sechste Stunde der Nacht. Der Mond stand glanzvoll über der
ewigen Stadt und goss sein silbernes Licht über die Mauerzinnen und über die
Ebene, zwischen den römischen Schanzen und der Basilika, deren schwarze Schatten
nach dem Gotenlager hin fielen.
    Eben hatte die Wache am Sankt-Pauls-Tor gewechselt.
    Aber es waren sieben Mann hinausgeschritten, und nur sechs kamen herein. Der
siebente wandte der Pforte den Rücken und schritt heraus ins freie Feld.
    Vorsichtig wählte er seinen Weg: vorsichtig vermied er die zahlreichen
Fussangeln, Wolfsgruben, Selbstschüsse vergifteter Pfeile, die hier überall
umhergestreut waren und manchem Goten bei den Angriffen auf die Stadt Verderben
gebracht hatten. Der Mann schien sie alle zu kennen und wich ihnen leicht aus.
Aber er vermied auch das Mondlicht sorgfältig, den Schatten der Mauervorsprünge
suchend und oft von Baum zu Baum springend.
    Als er aus dem äussersten Graben auftauchte, sah er sich um und blieb im
Schatten einer Zypresse stehen, deren Zweige die Ballistengeschosse
zerschmettert hatten. Er entdeckte nichts Lebendes weit und breit: und er eilte
nun mit raschen Schritten der Kirche zu.
    Hätte er nochmal umgeblickt, er hätte es wohl nicht getan.
    Denn, sowie er den Baum verliess, tauchte aus dem Graben eine zweite Gestalt
hervor, die in drei Sprüngen ihrerseits den Schatten der Zypresse erreicht
hatte. »Gewonnen, Johannes! du stolzer Bruder, diesmal war das Glück dem
jüngeren Bruder hold. Jetzt ist Cetegus mein und sein Geheimnis.« Und
vorsichtig folgte er dem rasch Voranschreitenden.
    Aber plötzlich war dieser vor seinen Augen verschwunden, als habe ihn die
Erde verschlungen. Es war hart an der äussern Mauer der Kirche, die doch dem
Armenier, als er sie erreicht, keine Tür oder Öffnung zeigte.
    »Kein Zweifel,« sagte der Lauscher, »das Stelldichein ist drinnen im Tempel:
ich muss nach.«
    Allein an dieser Stelle war die Mauer unübersteiglich.
    Tastend und suchend bog der Späher um die Ecke derselben. Umsonst, die Mauer
war überall gleich hoch. - Im Suchen verstrich ihm fast eine Viertelstunde.
    Endlich fand er eine Lücke in dem Gestein: mühsam zwängte er sich hindurch.
Und er stand nun im Vorhofe des alten Tempels, in dem die dicken dorischen
Säulen breite Schatten warfen, in deren Schutz er von der rechten Seite her bis
an das Hauptgebäude gelangte.
    Er spähte durch einen Riss des Gemäuers, den ihm die Zugluft verraten hatte.
Drinnen war alles finster. Aber plötzlich wurde sein Auge von einem grellen
Lichtstrahl geblendet. Als er es wieder aufschlug, sah er einen hellen Streifen
in der Dunkelheit: - er rührte von einer Blendlaterne her, deren Licht sich
plötzlich gezeigt hatte.
    Deutlich erkannte er, was in dem Bereich der Laterne stand, den Träger
derselben aber nicht: wohl dagegen Cetegus den Präfekten, der hart vor der
Statue des Apostels stand und sich an diese zu lehnen schien: vor ihm stand eine
zweite Gestalt: ein schlankes Weib, auf dessen dunkelrotes Haar schimmernd das
Licht der Laterne fiel.
    »Die schöne Gotenkönigin, bei Eros und Anteros!« dachte der Lauscher: »kein
schlechtes Stelldichein, sei's nun Liebe, sei's Politik! Horch, sie spricht.
Leider kam ich zu spät, auch den Anfang der Unterredung zu hören.«
    »Also: merk' es dir wohl! übermorgen auf der Strasse vor dem Tor von Tibur
wird etwas gefährliches geplant.« - »Gut: aber was?« frug des Präfekten Stimme.
- »Genaueres konnte ich nicht erkunden: und ich kann es dir auch nicht mehr
mitteilen, wenn ich es noch erfahre. Ich wage nicht mehr, dich hier wieder zu
sehen: denn ... -« Sie sprach nun leiser.
    Perseus drückte das Ohr hart an die Spalte: da klirrte seine Schwertscheide
an das Gestein, und nun traf ihn ein Strahl des Lichts.
    »Horch!« rief eine dritte Stimme - es war eine Frauenstimme, die der
Trägerin der Laterne, die sich jetzt in dem Strahl ihres eigenen Blendlichts
gezeigt hatte, da sie sich rasch gegen die Richtung des Schalles gekehrt hatte.
Perseus erkannte eine Sklavin in maurischer Tracht.
    Einen Augenblick schwieg alles in dem Tempel. Perseus hielt den Atem an. Er
fühlte, es galt das Leben. Denn Cetegus griff ans Schwert.
    »Alles still,« sagte die Sklavin. »Es fiel wohl nur ein Stein auf den
Erzbeschlag draussen.«
    »Auch in das Grab vor dem portuensischen Tor geh' ich nicht mehr. Ich
fürchte, man ist uns gefolgt.« - »Wer?« - »Einer, der niemals schläft, wie es
scheint: Graf Teja.« Des Präfekten Lippe zuckte.
    »Und er ist auch bei einem rätselhaften Eidbund gegen Belisars Leben: der
blosse Scheinangriff gilt dem Sankt-Pauls-Tor.« - »Gut!« sagte Cetegus
nachdenklich. »Belisar würde nicht entrinnen, wenn nicht gewarnt. Sie liegen
irgendwo, - aber ich weiss nicht, wo - fürcht' ich, im Hinterhalt, mit Übermacht,
Graf Totila führt sie.«
    »Ich will ihn schon warnen!« sagte Cetegus langsam.
    »Wenn es gelänge ...!« - »Sorge nicht, Königin! Mir liegt an Rom nicht
weniger denn dir. Und wenn der nächste Sturm fehlschlägt, - so müssen sie die
Belagerung aufgeben, so zähe sie sind. Und das, Königin, ist dein Verdienst. Lass
mich in dieser Nacht - vielleicht der letzten, da wir uns treffen, - dir mein
ganzes staunendes Herz entüllen. Cetegus staunt nicht leicht und nicht leicht
gesteht er's, wenn er staunen muss. Aber dich - bewundere ich, Königin. Mit welch
totverachtender Kühnheit, mit welch' dämonischer List hast du alle Pläne der
Barbaren vereitelt! Wahrlich: viel tat Belisar, - mehr tat Cetegus, - das
meiste: Mataswinta.«
    »Sprächst du wahr!« sagte Mataswinta mit funkelnden Augen. »Und wenn die
Krone diesem Frevler vom Haupte fällt ... - -«
    »War es deine Hand, deren sich das Schicksal Roms bedient hat. Aber,
Königin, nicht damit kannst du enden! Wie ich dich erkannte, in diesen Monaten -
darfst du nicht als gefangene Gotenkönigin nach Byzanz. Diese Schönheit, dieser
Geist, diese Kraft muss herrschen - nicht dienen, in Byzanz. Darum bedenke, wenn
er nun gestürzt ist - dein Tyrann, - willst du nicht dann den Weg gehn, den ich
dir gezeigt?«
    »Ich habe noch nie über seinen Fall hinaus gedacht,« sagte sie düster.
    »Aber ich - für dich! Wahrlich, Mataswinta,« - und sein Auge ruhte mit
Bewunderung auf ihr, - »du bist - wunderschön. Ich rechn' es mir zum grössten
Stolz, dass selbst du mich nicht in Liebe entzündet und von meinen Plänen
abgebracht hast. Aber du bist zu schön, zu köstlich, nur der Rache und dem Hass
zu leben. Wenn unser Ziel erreicht, - dann nach Byzanz!
    Als mehr denn Kaiserin: - als Überwinderin der Kaiserin!«
    »Wenn mein Ziel erreicht, ist mein Leben vollendet. Glaubst du, ich ertrüge
den Gedanken, aus eitel Herrschsucht mein Volk zu verderben, um kluger Zwecke
willen? Nein: ich konnt' es nur, weil ich musste. Die Rache ist jetzt meine Liebe
und mein Lebe und ... - -«
    Da scholl von der Fronte des Gebäudes her, aber noch innerhalb der Mauer,
laut und schrillend der Ruf des Käuzchens, einmal - zweimal rasch nacheinander.
    Wie staunte Perseus, als er den Präfekten eilig an die Kehle der Bildsäule
drücken sah, an der er lehnte, und wie sich diese geräuschlos in zwei Hälften
auseinander schlug. Cetegus schlüpfte in die Öffnung: die Statue klappte wieder
zusammen. Mataswinta aber und Aspa sanken wie betend auf die Stufen des Altars.
    »Also war's ein Zeichen! Es droht Gefahr:« dachte der Späher; »aber wo ist
die Gefahr? und wo der Warner?« Und er wandte sich, trat vor und sah nach links,
nach der Seite der Goten.
    Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts: und in den Blick des
Mauren Syphax, der vor der Eingangstür des Hauptgebäudes in einer leeren Nische
Schildwache stand, und bisher scharf nach der linken, der gotischen, Seite hin,
gespäht hatte.
    Von dort, von links her, schritt langsam ein Mann heran. Seine Streitaxt
blitzte im Mondlicht.
    Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen: es war der Maure, der
leise sein Schwert aus der Scheide zog.
    »Ha,« lachte Perseus, »bis die beiden miteinander fertig sind, bin ich in
Rom, mit meinem Geheimnis.«
    Und in raschen Sprüngen eilte er nach der Mauerlücke des Vorhofs, durch die
er eingedrungen. Zweifelnd blickte Syphax einen Augenblick nach rechts und nach
links. Zur Rechten sah er entweichen einen Lauscher, den er jetzt erst ganz
entdeckte. Zur Linken schritt ein gotischer Krieger herein in den Tempelhof. Er
konnte nicht hoffen, beide zu erreichen und zu töten.
    Da plötzlich schrie er laut: »Teja, Graf Teja! Hilfe! zu Hilfe! Ein Römer!
rettet die Königin! dort rechts an der Mauer, ein Römer!«
    Im Fluge war Teja heran, bei Syphax. »Dort!« rief dieser: »ich schütze die
Frauen in der Kirche!« Und er eilte in den Tempel.
    »Steh' Römer!« rief Teja, und sprang dem fliehenden Perseus nach.
    Aber Perseus stand nicht: er lief an die Mauer: er erreichte die Lücke,
durch welche er hereingekommen war: doch er konnte sich in der Eile nicht wieder
hindurchzwängen: so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung auf die
Mauerkrone: und schon hob er den Fuss, sich jenseits hinabzulassen: da traf ihn
Tejas Axt im Wurf ans Haupt und rücklings stürzte er nieder, samt seinem
erlauschten Geheimnis. -
    Teja beugte sich über ihn: deutlich erkannte er die Züge des Toten. »Der
Archon Perseus,« sagte er, »der Bruder des Johannes.« Und sofort schritt er die
Stufen hinan, die zur Kirche führten. An der Schwelle trat ihm Mataswinta
entgegen, hinter ihr Syphax und Aspa mit der Blendlaterne. Einen Moment massen
sich beide schweigend mit misstrauischen Blicken.
    »Ich habe dir zu danken, Graf Teja von Tarentum,« sagte endlich die Fürstin.
»Ich war bedroht in meiner einsamen Andacht.«
    »Seltsam wählst du Ort und Stunde für deine Gebete. Lass sehen, ob dieser
Römer der einzige Feind war.«
    Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in das Innere der Kapelle. Nach
einer Weile kam er wieder, einen mit Gold eingelegten Lederschuh in der Hand.
»Ich fand nichts als - diese Sandale am Altar, dicht vor dem Apostel. Es ist ein
Mannesfuss.«
    »Eine Votivgabe von mir,« sagte Syphax rasch. »Der Apostel heilte meinen
Fuss, ich hatte mir einen Dorn eingetreten.«
    »Ich dachte, du verehrst nur den Schlangengott?« - »Ich verehre, was da
hilft.« - »In welchem Fusse stak der Dorn.« Syphax schwankte einen Augenblick.
»Im rechten,« sagte er dann, rasch entschlossen.
    »Schade,« sprach Teja, »die Sandale ist auf den linken geschnitten.«
    Und er steckte sie in den Gürtel. »Ich warne dich, Königin, vor solcher
nächtlichen Andacht.«
    »Ich werde tun, was meine Pflicht,« sagte Mataswinta herb.
    »Und ich, was meine.« Mit diesen Worten schritt Teja voran, zurück zum
Lager: schweigend folgte die Königin und ihre Sklaven.
                                     * * *
    Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete ihm alles.
    »Was du sagst, ist kein Beweis,« sagte der König. - »Aber schwerer Verdacht.
Und du sagtest selbst, die Königin sei dir unheimlich.«
    »Gerade deshalb hüt' ich mich, nach blossem Verdacht zu handeln. Ich zweifle
manchmal, ob wir an ihr nicht unrecht getan. Fast so schwer wie an Rautgundis.«
- »Wohl, aber diese nächtlichen Gänge?« - »Werd' ich verhindern. Schon um
ihretwillen.«
    »Und der Maure? Ich trau' ihm nicht. Ich weiss, dass er tagelang abwesend:
dann taucht er wieder auf im Lager. Er ist ein Späher.«
    »Ja, Freund,« lächelte Witichis. »Aber der meine. Er geht mit meinem Wissen
in Rom aus und ein. Er ist es, der mir noch alle Gelegenheiten verraten.«
    »Und noch keine hat genützt! Und die falsche Sandale?«
    »Ist wirklich ein Votivopfer. Aber für Diebstahl; er hat mir, noch ehe du
kamst, alles gebeichtet. Er hat, bei der Begleitung der Königin sich
langweilend, in einem Gewölbe der Kirche herumgestöbert und da unten allerlei
Priestergewänder und vergrabnen Schmuck gefunden und behalten. Aber später, den
Zorn des Apostels fürchtend, wollt' er ihn beschwichtigen, und opferte, in
seinem Heidensinn, diese Goldsandale aus seiner Beute. Er beschrieb sie mir ganz
genau: mit goldnen Seitenstreifen und einem Achatknopf, oben mit einem C -. Du
siehst, es trifft alles zu. Er kannte sie also: sie kann nicht von einem
Flüchtenden verloren sein. Und er versprach, als Beweis die dazu gehörige
Sandale des rechten Fusses zu bringen. Aber vor allem: er hat mir einen neuen
Plan verraten, der all unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst in unsre
Hände liefern soll.«
 
                                Zehntes Kapitel.
Während der Gotenkönig diesen Plan seinem Freunde mitteilte, stand Cetegus, in
frühester Stunde nach dem belisarischen Tor beschieden, vor Belisar und
Johannes.
    »Präfekt von Rom,« herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an, »wo warst
du heute nacht?«
    »Auf meinem Posten. Wohin ich gehöre. Am Tor Sankt Pauls.«
    »Weisst du, dass in dieser Nacht einer der besten meiner Anführer, Perseus der
Archon, des Johannes Bruder, die Stadt verlassen hat und seitdem verschwunden
ist?«
    »Tut mir leid. Aber du weisst: es ist verboten, ohne Erlaubnis die Mauer zu
überschreiten.«
    »Ich habe aber Grund zu glauben,« fuhr Johannes auf, »dass du recht gut
weisst, was aus meinem Bruder geworden, dass sein Blut an deinen Händen klebt.« -
»Und beim Schlummer Justinians!« brauste Belisar auf, »das sollst du büssen.
Nicht länger sollst du herrschen über des Kaisers Heer und Feldherrn. Die Stunde
der Abrechnung ist gekommen. Die Barbaren sind so gut wie vernichtet. Und lass
sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das Kapitol fällt.«
    »Steht es so?« dachte Cetegus, »jetzt sieh dich vor, Belisarius.« Doch er
schwieg.
    »Rede!« rief Johannes. »Wo hast du meinen Bruder ermordet?« Ehe Cetegus
antworten konnte, trat Artasines, ein persischer Leibwächter Belisars, herein.
»Herr,« sagte er, »draussen stehn sechs gotische Krieger. Sie bringen die Leiche
Perseus, des Archonten. König Witichis lässt dir sagen: er sei heut' nacht vor
den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen. Er sendet ihn zur ehrenden
Bestattung.«
    »Der Himmel selbst,« sprach Cetegus, stolz hinausschreitend, »straft eure
Bosheit Lügen.« Aber langsam und nachdenklich ging der Präfekt über den Quirinal
und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. »Du drohst, Belisarius? Dank für den
Wink! Lass sehn, ob wir dich nicht entbehren können.«
                                     * * *
    In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig erwartet hatte und ihm
raschen Bericht ablegte. »Vor allem, Herr,« schloss er nun, »lass also deinen
Sandalenbinder peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist, ist Syphax
fern: - und gib mir gütigst deinen rechten Schuh.«
    »Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen für dein freches
Lügen,« lachte der Präfekt. »Dieses Stück Leder ist jetzt dein Leben wert, mein
Panter. Womit willst du's lösen?«
    »Mit wichtiger Kunde. Ich weiss nun alles ganz genau von dem Plan gegen
Belisars Leben: Ort und Zeit: und die Namen der Eidbrüder. Es sind: Teja, Totila
und Hildebad.«
    »Jeder allein genug für den Magister Militum,« murmelte Cetegus
vergnüglich.
    »Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder eine schöne Falle
gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, entdeckt, dass Belisar selbst morgen
zum tiburtinischen Tor hinausziehen will, um Vorräte aufzutreiben.«
    »Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangnen Hunnen nicht mehr
allein hinauswagen; er führt nur vierhundert Mann.«
    »Es werden nun die drei Eidbrüder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von
tausend Mann gegen Belisar legen.« - »Das verdient wirklich den Schuh!« sagte
Cetegus und warf ihm denselben zu.
    »König Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf das
Tor Sankt Pauls, die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken. Ich eile nun
also zu Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, dass er drei Tausend mit
sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet.«
    »Halt!« sagte Cetegus ruhig, »nicht so eilfertig! Du meldest nichts.«
    »Wie?« fragte Syphax erstaunt. »Ungewarnt ist er verloren!«
    »Man muss dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder, nicht immer ins
Amt greifen. Belisar mag morgen seinen Stern erproben.«
    »Ei,« sagte Syphax mit pfiffigem Lächeln, »solches gefällt dir? Dann bin ich
lieber Syphax, der Sklave, als Belisarius, der Magister Militum. Arme Witwe
Antonina!«
    Cetegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete Fidus, der
Ostiarius: »Kallistratos von Korint.«
    »Immer willkommen.«
    Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein.
    Ein Hauch anmutiger Röte von Scham oder Freude färbte seine Wangen: es war
ersichtlich, dass ihn ein besonderer Anlass herführte.
    »Was bringst du des Schönen noch ausser dir selbst?« so fragte Cetegus in
griechischer Sprache.
    Der Jüngling schlug die leuchtenden Augen auf: »Ein Herz voll Bewunderung
für dich: und den Wunsch, dir diese zu bewähren. Ich bitte um die Gunst, wie die
beiden Licinier und Piso, für dich und Rom fechten zu dürfen.«
    »Mein Kallistratos! was kümmern dich, unsern Friedensgast, den
liebenswürdigsten der Hellenen, unsre blutigen Händel mit den Barbaren? Bleibe
du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes: der Schönheit.«
    »Ich weiss es wohl, die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mytos: und ihr
eisernen Römer habt uns niemals Kraft zugetraut. Das ist hart - aber doch
leichter zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und edle Sitte
verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, das heisst Rom, und Rom heisst mir
Cetegus. So fass ich diesen Kampf und so gefasst, siehst du, so geht er wohl auch
den Hellenen an.«
    Erfreut lächelte der Präfekt. »Nun, wenn dir Rom Cetegus ist, so nimmt Rom
gern die Hilfe des Hellenen an: du bist fortan Tribun der Milites Romani wie
Licinius.«
    »In Taten will ich dir danken! Aber eins noch muss ich dir gestehn - denn ich
weiss: du liebst nicht überrascht zu sein. Oft hab' ich gesehen, wie teuer dir
das Grabmal Hadrians und seine Zier von Götterstatuen ist. Neulich hab' ich
diese marmornen Wächter gezählt und zweihundertachtundneunzig gefunden. Da
macht' ich denn das dritte Hundert voll und habe meine beiden Letoiden, die du
so hoch gelobt, den Apollon und die Artemis, dort aufgestellt, dir und Rom zu
einem Weihgeschenk.«
    »Junger lieber Verschwender,« sprach Cetegus, »was hast du da getan!«
    »Das Gute und Schöne,« antwortete Kallistratos einfach.
    »Aber bedenke - das Grabmal ist jetzt eine Schanze« -
    »Wenn die Goten stürmen -« - »Die Letoiden stehen auf der zweiten, der
innern Mauer. Und soll ich fürchten, dass je Barbaren wieder den Lieblingsplatz
des Cetegus erreichen? Wo sind die schönen Götter sichrer als in deiner Burg?
Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster Tempel. Mein Weihgeschenk
sei zugleich ein glücklich Omen.«
    »Das soll es sein,« rief Cetegus lebhaft, »und ich glaube selber: dein
Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte mir dagegen -«
    »Du hast mir schon dafür erlaubt, für dich zu kämpfen. Chaire!« lachte der
Grieche und war hinaus.
    »Der Knabe hat mich sehr lieb,« sagte Cetegus, ihm nachsehend. »Und mir
geht's wie andern Menschentoren: - mir tut das wohl. Und nicht bloss, weil ich
ihn dadurch beherrsche.«
    Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums, und ein Tribun der
Milites ward gemeldet.
    Es war ein junger Krieger mit edeln, aber über seine Jahre hinaus ernsten
Zügen. In echt römischem Schnitt setzten die Wangenknochen, fast im rechten
Winkel, an die gerade, strenge Stirn: in dem tief eingelassenen Auge lag
römische Kraft und - in dieser Stunde - entschlossener Ernst und rücksichtsloser
Wille.
    »Siehe da, Severinus, des Boëtius Sohn, willkommen, mein junger Held und
Philosoph. Viele Monate habe ich dich nicht gesehen - woher kommst du?«
    »Vom Grabe meiner Mutter,« sagte Severinus mit festem Blick auf den Frager.
    Cetegus sprang auf. »Wie? Rusticiana? meine Jugendfreundin! meines Boëtius
Weib!«
    »Sie ist tot,« sagte der Sohn kurz. Der Präfekt wollte seine Hand fassen.
Severinus entzog sie.
    »Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie - ohne ein Wort für mich?«
    »Ich bringe dir ihr letztes Wort - es galt dir!«
    »Wie starb sie? an welchem Leiden?« - »An Schmerz und Reue.« - »Schmerz -«
seufzte Cetegus, »das begreif' ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir galt
ihr letztes Wort! - sag' an, wie lautet es?«
    Da trat Severinus hart an den Präfekten, dass er sein Knie berührte, und
blickte ihm bohrend ins Auge. »Fluch, Fluch über Cetegus, der meine Seele
vergiftet und mein Kind.«
    Ruhig sah ihn Cetegus an. »Starb sie im Irrsinn?« fragte er kalt.
    »Nein, Mörder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir vertraute. In ihrer
Todesstunde hat sie Cassiodor und mir gestanden, dass ihre Hand dem jungen
Tyrannen das Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzählte uns den Hergang. Der
alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion stützten sie. Spät erst erfuhr ich,
schloss sie, dass mein Kind aus dem tödlichen Becher getrunken. Und niemand war
da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie trinken wollte. Denn ich war noch im
Boot auf dem Meere und Cetegus noch in dem Platanengang. Da rief der alte
Corbulo erbleichend: Wie? der Präfekt wusste, dass der Becher Gift entielt? -
Gewiss, antwortete meine Mutter. Als ich ihn im Garten traf, sagt ich es ihm: es
ist geschehen. Corbulo verstummte vor Entsetzen: aber Daphnidion schrie in
wildem Schmerz: Weh! meine arme Domna! so hat er sie ermordet! Denn er stand
dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank. - Er sah zu, wie sie trank?
fragte meine Mutter mit einem Tone, der ewig durch mein Leben gellen wird.
    Er sah zu, wie sie trank! wiederholten der Freigelassene und sein Kind. O so
sei den untern Dämonen sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott, in der
Hölle, Rache, meine Söhne, auf Erden für Kamilla! Fluch über Cetegus! Und sie
fiel zurück und war tot.«
    Der Präfekt blieb unerschüttert stehen. Nur griff er leise an den Dolch
unter den Brustfalten der Tunika. »Du aber« - fragte er nach einer Pause - »was
tatest du?«
    »Ich aber kniete nieder an der Leiche und küsste ihre kalte Hand und schwor
ihr's zu, ihr Sterbewort zu vollenden. Wehe dir, Präfekt von Rom: Giftmischer,
Mörder meiner Schwester - du sollst nicht leben.«
    »Sohn des Boëtius, willst du zum Mörder werden um die Wahnworte eines
läppischen Sklaven und seiner Dirne? Würdig des Helden und des Philosophen!«
    »Nichts von Mord. Wäre ich ein Germane, nach dem Brauche dieser Barbaren: -
er dünkt mir heute sehr vortrefflich! - rief' ich dich zum Zweikampf, du
verhasster Feind. Ich aber bin ein Römer und suche meine Rache auf dem Wege des
Rechts. Hüte dich, Präfekt, noch gibt es Richter in Italien. Lange Monate hielt
mich der Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. - Erst heute habe ich Rom, von
der See her, erreicht: und morgen erheb' ich die Klage bei den Senatoren, die
deine Richter sind - dort finden wir uns wieder.«
    Cetegus vertrat ihm plötzlich den Weg an die Türe.
    Aber Severinus rief: »Gemach, man sieht sich vor bei Mördern. Drei Freunde
haben mich an dein Haus begleitet: - Sie werden mich mit den Liktoren suchen,
komm' ich nicht wieder, noch in dieser Stunde.«
    »Ich wollte dich nur,« sagte Cetegus wieder ganz ruhig, »vor dem Wege der
Schande warnen. Willst du den ältesten Freund deines Hauses um der Fieberreden
einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen, - tu's: ich
kann's nicht hindern. Aber noch einen Auftrag zuvor: du bist mein Ankläger
geworden: aber du bleibst Soldat und mein Tribun. Du wirst gehorchen, wenn dein
Feldherr befiehlt.«
    »Ich werde gehorchen.«
    »Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor: und ein Sturm der Barbaren. Ich
muss die Stadt beschirmen. Doch ahnt mir Gefahr für den löwenkühnen Mann: - ich
muss ihn treu gehütet wissen. Du wirst morgen, - ich befehl' es, - den Feldherrn
begleiten und sein Leben decken.«
    »Mit meinem eignen.«
    »Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort.«
    »Bau' du auf meines: auf Wiedersehn: nach der Schlacht: vor dem Senat. Nach
beiden Kämpfen lüstet mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: - - vor dem Senat.«
    »Auf Nimmerwiedersehn,« sprach Cetegus, als sein Schritt verhallte.
»Syphax,« rief er laut, »bringe Wein und das Hauptmahl. Wir müssen uns stärken:
- auf morgen.«
 
                                Elftes Kapitel.
Früh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als in dem Lager der Goten geschäftige
Bewegung.
    Mataswinta und Syphax hatten zwar einiges entdeckt und gemeldet: - - aber
nicht alles. Sie hatten von dem Gelübde der drei Männer gegen Belisar erfahren
und den früheren Plan eines blossen Scheinangriffs gegen das Sankt-Pauls-Tor, um
von dem Gedanken an Belisars Geschick abzulenken. Aber nicht hatten sie
erfahren, dass der König, in Änderung jenes Planes eines blossen Scheinangriffs,
für diesen Tag der Abwesenheit des grossen Feldherrn einen in tiefstes Geheimnis
gehüllten Beschluss gefasst hatte: es sollte ein letzter Versuch gemacht werden,
ob nicht gotisches Heldentum doch dem Genius Belisars und den Mauern des
Präfekten überlegen sei. Man hatte sich im Kriegsrat des Königs nicht über die
Wichtigkeit des Unternehmens getäuscht: wenn es wie alle früheren, vereinzelten
Angriffe - achtundsechzig Schlachten, Ausfälle, Stürme und Gefechte hatte Prokop
während der Belagerung bis dahin aufgezählt - scheiterte, so war von dem
ermüdeten, stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu erwarten.
Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich verpflichtet, über den Plan gegen
jedermann ohne Ausnahme zu schweigen.
    
    Daher hatte auch Mataswinta nichts vom König erfahren, und selbst ihres
Mauren Spürnase konnte nur wittern, dass auf jenen Tag etwas Grosses gerüstet
werde; - die gotischen Krieger wussten selbst nicht was.
    Totila, Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht mit ihren Reitern
geräuschlos aufgebrochen und hatten sich südlich von der valerischen Strasse bei
dem Grabmal der Fulvier, an dem in einer Hügelfalte Belisar vorbeikommen musste,
in Hinterhalt gelegt: sie hofften mit ihrer Aufgabe bald genug fertig zu sein,
um noch wesentlich an den Dingen bei Rom teilnehmen zu können.
    Während der König mit Hildebrand, Guntaris und Markja die Scharen innerhalb
der Lager ordnete, zog um Sonnenaufgang Belisar, von einem Teil seiner
Leibwächter umgeben, zum tiburtinischen Tor hinaus. Prokop und Severinus ritten
ihm zur Rechten und Linken: Aigan, der Massagete, trug sein Banner, das bei
allen Gelegenheiten den Magister Militum zu begleiten hatte. Constantinus, dem
er an seiner Statt die Sorge für den »belisarischen Teil« von Rom übertragen,
besetzte alle Posten längs der Mauern doppelt, und liess die Truppen hart an den
Wällen unter den Waffen bleiben. Er übersandte den gleichen Befehl dem Präfekten
für die Byzantiner, die dieser führte.
    Der Bote traf ihn auf den Wällen zwischen dem paulinischen und dem appischen
Tor. »Belisar meint also«, höhnte Cetegus, während er gehorchte, »mein Rom ist
nicht sicher, wenn er es nicht behütet: ich aber meine: Er ist nicht sicher,
wenn ihn mein Rom nicht beschirmt. Komm, Lucius Licinius«, flüsterte er diesem
zu, »wir müssen an den Fall denken, dass Belisar einmal nicht wiederkehrt von
seinen Heldenfahrten: dann muss ein andrer sein Heer mit fester Hand ergreifen.«
    »Ich kenne die Hand.«
    »Vielleicht gibt es alsdann einen kurzen Kampf mit seinen in Rom belassenen
Leibwächtern: in den Termen des Diokletian oder am tiburtinischen Tore. Sie
müssen dort in ihrem Lager erdrückt sein, ehe sie sich recht besinnen. Nimm
dreitausend meiner Isaurier und verteile sie, ohne Aufsehen, rings um die
Termen her: auch besetze mir vor allem das tiburtinische Tor.« - »Von wo aber
soll ich sie fortziehen?« - »Von dem Grabmal Hadrians,« sagte Cetegus nach
einigem Besinnen. »Und die Goten, Feldherr!« - »Bah! das Grabmal ist fest, es
schützt sich selbst. Erst müssen vom Süden her die Stürmenden über den Fluss: und
dann diese eisglatten Wände von parischem Marmor hinan, meine und des Korinters
Freude. Und zudem,« lächelte er, »sieh« nur hinauf: da oben steht ein Heer von
marmornen Göttern und Heroen: sie mögen selber ihren Tempel schirmen gegen die
Barbaren. »Siehst du, - ich sagte es ja - es geht nur hier gegen das
Sankt-Pauls-Tor,« schloss er, auf das Lager der Goten deutend, aus welchem eben
eine starke Abteilung in dieser Richtung aufbrach.
    Licinius gehorchte und führte alsbald dreitausend Isaurier, etwa die Hälfte
der Deckung, ab: von dem Grabmal über den Fluss und den Viminalis hinab gegen die
Termen Diokletians. Belisars Armenier am tiburtinischen Tor löste er dann auch
durch dreihundert Isaurier und Legionäre ab.
    Cetegus aber wandte sich nach dem salarischen Tor, wo jetzt Constantinus
als Vertreter Belisars hielt. »Ich muss ihn aus dem Wege haben,« dachte er, »wenn
die Nachricht eintrifft.« - »Sobald du die Barbaren zurückgeworfen,« sprach er
ihn an, »wirst du doch wohl einen Ausfall machen müssen? Welche Gelegenheit,
Lorbeeren zu sammeln, während der Feldherr fern ist!« - »Jawohl«, rief
Constantinus, »sie sollen's erfahren, dass wir sie auch ohne Belisarius schlagen
können.«
    »Ihr müsst aber ruhiger zielen,« sagte Cetegus, einem persischen Schützen
den Bogen abnehmend. »Seht den Goten dort, den Führer zu Pferd! Er soll fallen.«
Cetegus schoss; der Gote fiel vom Ross, durch den Hals geschossen. »Und meine
Wallbogen, ihr braucht sie schlecht! Seht ihr dort die Eiche? ein Tausendführer
der Goten steht davor, gepanzert. Gebt acht!« Und er richtete den Wallbogen,
zielte und schoss: durchbohrt war der gepanzerte Gote an den Baum genagelt.
    Da sprengte ein sarazenischer Reiter heran: »Archon,« redete er Constantinus
an, »Bessas lässt dich bitten, Verstärkungen an das Vivarium, das pränestinische
Tor: die Goten rücken an.«
    Zweifelnd sah Constantinus auf Cetegus. »Possen:« sagte dieser, »der
einzige Angriff droht an meinem Tore von Sankt Paul: und das ist gut gehütet:
ich weiss es gewiss: lass Bessas sagen: er fürchte sich zu früh. Übrigens, im
Vivarium habe ich noch sechs Löwen, zehn Tiger und zwölf Bären für mein nächstes
Zirkusfest! Lasst sie einstweilen los auf die Barbaren! Es ist auch ein
Schauspiel für die Römer dann!«
    Aber schon eilte ein Leibwächter den Mons Pincius herab: »Zu Hilfe, Herr, zu
Hilfe! Constantinus, dein eignes, das flaminische Tor! Unzählige Barbaren!
Ursicinus bittet um Hilfe!«
    »Auch dort?« fragte sich Cetegus ungläubig.
    »Hilfe an die gebrochene Mauer! zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen Tor!« rief ein zweiter Bote des Ursicinus.
    »Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken! Ihr wisst, sie steht unter Sankt
Peters besonderem Schutz: das reicht!« sprach, beruhigend Constantinus. Cetegus
lächelte: »Ja, heute gewiss: denn sie wird gar nicht angegriffen.«
    Da jagte Marcus Licinius atemlos heran. »Präfekt, rasch aufs Kapitol, von wo
ich eben komme. Alle sieben Lager der Feinde speien Barbaren zugleich aus allen
Lagerpforten: es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle Tore Roms.«
    »Schwerlich!« lächelte Cetegus. »Aber ich will hinaus. Du aber, Marcus
Licinius, stehst mir ein für das tiburtiner Tor. Mein muss es sein, nicht
Belisars! Fort mit dir! Führe deine zweihundert Legionare dortin!«
    Er stieg zu Pferd und ritt zunächst gegen das Kapitol zu, um den Fuss des
Viminal. Hier traf er auf Lucius und seine Isaurier. »Feldherr,« sprach ihn
dieser an, »es wird ernst da draussen. Sehr ernst! Was ist's mit den Isauriern?
Bleibt es bei deinem Befehl?«
    »Habe ich ihn zurückgenommen?« sagte Cetegus streng. »Lucius, du folgst mir
und ihr andern Tribunen. Ihr Isaurier rückt unter eurem Häuptling Asgares
zwischen die Termen des Diokletian und das tiburtiner Tor.«
    Er glaubte an keine Gefahr für Rom. Meinte er doch zu wissen, was allein in
diesem Augenblick die Goten wirklich beschäftigte. »Dieser Schein eines
allgemeinen Angriffs soll,« dachte er, »die Byzantiner nur abhalten, ihres
bedrohten Feldherrn vor den Toren zu gedenken.«
    Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von welchem er die ganze
Ebene überschauen konnte. Sie war erfüllt von gotischen Waffen. Es war ein
herrliches Schauspiel. Aus allen Lagertoren wogte die ganze Streitmacht des
gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der Stadt umgürtend. Der Angriff
sollte offenbar gegen alle Tore zugleich unternommen werden und war nach Einem
Gedanken entworfen.
    Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten
Bogenschützen und Schleuderer, in leichten Plänklerschwärmen, die Zinnen und
Brustwehren von Verteidigern zu säubern. Darauf folgten Sturmböcke, Widder,
Mauerbrecher aus römischen Arsenalen entnommen oder römischen Mustern, wiewohl
oft ungeschlacht genug, nachgebildet, mit Pferden und Rindern bespannt, bedient
von Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur mit breiten Schilden sich und
die Bespannung gegen die Geschosse der Belagerten decken sollten. Dicht hinter
ihnen schritten die zum eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen
Gliedern, mit voller Bewaffnung, zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern
gerüstet, und lange, schwere Sturmleitern schleppend. In grosser Ordnung und Ruhe
rückten diese drei Angriffslinien überall gleichmässigen Schrittes vor: die Sonne
glitzerte auf ihren Helmen: in gleichen Zwischenräumen erschollen die
langgezognen Rufe der gotischen Hörner.
    »Sie haben etwas von uns gelernt,« rief Cetegus in kriegerischer Freude.
»Der Mann, der diese Reihen geordnet hat, versteht den Krieg.« - »Wer ist es
wohl?« fragte Kallistratos, der, in reicher Rüstung, neben Lucius Licinius
hielt. »Ohne Zweifel, Witichis, der König,« sagte Cetegus. - »Das hätte ich dem
schlichten Mann mit den bescheidnen Zügen nie zugetraut.« - »Diese Barbaren
haben manches Unergründliche.«
    Und vom Kapitol herab ritt er nun, über den Fluss nach der Umwallung am
pankratischen Tor, wo der nächste Angriff zu drohen schien und bestieg mit
seinem Gefolge den dortigen Eckturm.
    »Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der mit dem Steinbeil den
Seinen voranschreitet? Er sieht aus, als hätte ihn der Blitz des Zeus vergessen
in der Gigantenschlacht,« forschte der Grieche.
    »Es ist der alte Waffenmeister Teoderichs; er rückt gegen das pankratische
Tor,« antwortete der Präfekt.
    »Und wer ist der Reichgerüstete dort, auf dem Braunen, mit dem Wolfsrachen
auf dem Helm? Er zieht gegen die Portuensis.« - »Das ist Herzog Guntaris, der
Wölsung,« sprach Lucius Licinius. »Und sieh', auch drüben auf der Ostseite der
Stadt, überm Fluss, soweit man schauen kann, gegen alle Tore, rücken Sturmreihen
der Barbaren,« sagte Piso.
    »Aber wo ist der König selbst?« fragte Kallistratos.
    »Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: dort hält er,
oberhalb des pankratischen Tors,« erwiderte der Präfekt. »Er allein steht
regungslos mit seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurück, hinter
der Linie,« sprach Salvius Julianus, der junge Jurist. »Sollte er nicht mit
kämpfen?« meinte Massurius. »Wäre gegen seine Weise. Aber lass uns vom Turm auf
den Wall hinab: das Gefecht beginnt,« schloss Cetegus. »Hildebrand hat den
Graben erreicht.« - »Dort stehen meine Byzantiner, unter Gregor. Die
Gotenschützen zielen gut. Die Zinnen am pankratischen Tor werden leer. Auf,
Massurius, schicke meine abaskischen Jäger und von den römischen Legionären die
besten Pfeilschützen dortin: sie sollen auf die Rinder und Rosse der Sturmböcke
zielen.«
    Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und mit Verdruss bemerkte
Cetegus, dass die Goten überall Fortschritte machten. Die Byzantiner schienen
ihren Feldherrn zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen von den Wällen,
indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung vordrangen. Schon hatten
sie an mehreren Stellen den Graben überschritten und Herzog Guntaris hatte
sogar schon Leitern angelegt an den Wällen bei dem portuensischen Tore, während
der alte Waffenmeister einen starken Widderkopf herangeschleppt und denselben
durch ein Schirmdach gegen die Feuergeschosse von oben gesichert hatte. Bereits
donnerten die ersten Stösse laut durch das Getümmel des Kampfes gegen die Balken
des pankratischen Tors. Dieser wohlbekannte Ton erschütterte den Präfekten, der
eben hier anlangte: »Offenbar,« sagte er zu sich selbst, »machen sie jetzt
bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch so gut gelungen.«
    Und wieder ein dröhnender Stoss. Gregor, der Byzantiner, sah ihn fragend an.
»Das darf nicht lange währen!« rief Cetegus zürnend, entriss dem nächsten
Schützen Bogen und Köcher und eilte auf den Mauerkranz an dem Tore: »Hierher,
ihr Schützen und Schleuderer! Mir nach!« rief er, »schafft schwere Steine bei.
Wo ist der nächste Ballist? Wo die Skorpionen? das Schirmdach muss entzwei.«
    Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schützen, die eifrig durch die
Schiessscharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten. »Es ist umsonst,
Haduswint,« schalt der junge Guntamund, »zum drittenmal leg' ich vergeblich
an! es wagt ja keiner nur die Nase über die Brustwehr.« - »Geduld,« sagte der
Alte, »halte den Bogen nur gespannt! Es kommt schon einer, den der Fürwitz
plagt. Auch mir leg' einen Bogen bereit. Nur Geduld.« - »Die hat man leichter
mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig Jahren.«
    Inzwischen hatte Cetegus die Wallzinne hier erreicht: er warf einen Blick
in die Ebene: da sah er den König, in der weiten Ferne, unbeweglich, im Zentrum
stehen der gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das störte und
beunruhigte ihn. »Was hat er vor? Sollte er gelernt haben, dass der Feldherr
nicht fechten soll? Komm, Gajus,« rief er dem jungen Schützen zu, der ihm kühn
gefolgt war, »deine jungen Augen sehen scharf, blick' mit mir über die Zinne
hier - was treibt der König dort?« Und er beugte sich über die Brustwehr, Gajus
folgte, eifrig spähend, seinem Beispiel.
    »Jetzt, Guntamund!« rief Haduswint unten. Zwei Sehnen klangen und die
beiden Späher fuhren zurück.
    Gajus stürzte, in die Stirn geschossen, nieder: und unter des Präfekten
Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. Cetegus strich mit der Hand über die
Stirn.
    »Du lebst, mein Feldherr?« rief Piso, heranspringend.
    »Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die Götter brauchen mich noch:
nur die Haut ist geritzt,« sprach Cetegus und schob den Helm zurecht.
 
                               Zwölftes Kapitel.
Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng hatte ihm sein Herr verboten, sich
am Kampf zu beteiligen: »die Barbaren sollen dich mir nicht töten und auch dich
nicht erkennen: - du bist unersetzlich als Sklave Mataswintens und Kundschafter
des Königs Witichis,« hatte Cetegus gesagt.
    »Wehe, wehe,« schrie er so überlaut, dass es seinem Herrn, auffiel, der des
Mauren kluge Ruhe kannte, »welch ein Unglück!« - »Was ist geschehen?« -
»Constantinus ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall führen aus dem
salarischen Tor und stiess sogleich auf die gotischen Sturmreihen. Ein
Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit Mühe rettete man ihn auf den Wall. Dort
fing ich den Sinkenden auf: er ernannte den Präfekten zu seinem Vertreter. Hier
ist sein Feldherrnstab.«
    »Das ist nicht möglich!« schrie Bessas, der auf Syphax' Ferse folgte. Er
hatte in Person selbst neue Verstärkungen verlangen wollen und kam eben recht,
die Nachricht zu hören. »Oder er war schon sinnlos, als er's tat.«
    »Hätte er dich bestellt, jedenfalls,« sprach Cetegus, ruhig das Zepter
ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges dankend.
Mit einem wütenden Blicke sprang Bessas von der Brüstung und eilte davon. »Folg'
ihm, Syphax, und beacht' ihn wohl,« flüsterte der Präfekt.
    Da eilte ein isaurischer Söldner herbei: »Verstärkung, Präfekt, ans
portuensische Tor. Herzog Guntaris hat zahllose Leitern angelegt.« Da sprengte
Cabao, der Führer der maurischen berittnen Schützen heran: »Constantinus ist
tot. Vertritt du Constantinus.«
    »Belisar vertret' ich,« sprach Cetegus stolz: »fünfhundert Armenier ziehet
ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Tor.«
    »Hilfe, Hilfe ans appische Tor! alle Verteidiger auf den Zinnen sind
erschossen!« meldete ein persischer Reiter, »die Vorschanze ist halb verloren:
vielleicht ist sie noch zu halten: aber schwer! Aber unmöglich wär's, sie wieder
zu nehmen!«
    Cetegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius Julianus, jetzt seinem
Kriegstribun: »Auf, mein Jurist: beati possidentis! - Nimm hundert Legionäre und
halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe kommt.« -
    Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter seinen Füssen tobte das
Gefecht, donnerte der Mauerbrecher Hildebrands. Aber ihn kümmerte mehr die
rätselhafte Ruhe, in welcher der König im Hintergrund unbeweglich stand. »Was
hat er nur vor?«
    Da dröhnte von unten ein furchtbar krachender Stoss und lauter Siegesjubel
der Barbaren: Cetegus brauchte nicht zu fragen: in drei Sprüngen war er unten.
    »Das Tor ist eingestossen!« riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen. »Ich
weiss es: jetzt sind wir selbst der Riegel Roms.« Und den Schild fester
andrückend, trat er hart an den rechten Torflügel, in dem in der Tat ein breiter
Riss klaffte; und schon stiess der Widder an die splitternden Platten neben der
Öffnung. »Noch ein solcher Stoss und das Tor liegt ganz,« sagte Gregor, der
Byzantiner. »Richtig, deshalb darf es nicht mehr dazu kommen. Her zu mir, Gregor
und Lucius: stellt euch, Milites! die Speere gefällt! Fackeln und Brände! zum
Ausfall! Winke ich, so öffnet das Tor und werft Widder und Schirmdach und alles
in den Graben.«
    »Du bist sehr kühn, mein Feldherr!« rief Lucius Licinius, entzückt neben ihn
springend.
    »Ja, jetzt hat die Kühnheit Vernunft, mein Freund!«
    Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der Präfekt das Schwert zum
Zeichen des Angriffs erheben -: da erscholl vom Rücken her ein Lärm, grösser
selbst als der der stürmenden Goten: Wehegeschrei und Pferdegetrappel: - und
Bessas drängte sich heran: er fasste den Arm des Präfekten: seine Stimme
versagte.
    »Was hemmst du mich in diesem Augenblick?« rief dieser und stiess ihn zurück.
- »Belisars Truppen,« stammelte entsetzt der Traker, »stehen schwer geschlagen
vor dem tiburtinischen Tor: - sie flehen um Einlass: - wütende Goten hinter ihnen
- Belisar ist in einem Hinterhalt gefallen: - er ist tot.«
    »Belisar ist gefangen!« schrie ein Türmer vom tiburtinischen Tor, atemlos
heraneilend. »Die Goten! die Goten sind da! sie stehn vor dem nomentanischen und
vor dem tiburtinischen Tor!« scholl's aus der Tiefe der Strasse. »Belisars Fahne
ist genommen! Prokop verteidigt seine Leiche!« - »Lass das tiburtinische Tor
öffnen, Präfekt!« drängte Bessas, »deine Isaurier stehen plötzlich dort. Wer hat
sie dortin geschickt?«
    »Ich!« sagte Cetegus, überlegend.
    »Sie wollen nicht öffnen ohne deinen Befehl! rette doch seine - Belisars -
Leiche!«
    Cetegus zauderte - er hielt das Schwert halb erhoben - er schwankte. »Die
Leiche,« dachte er, »rett' ich gern.« Da flog Syphax heran. »Nein! er lebt
noch!« rief er seinem Herrn ins Ohr, »ich hab' ihn gesehen von der Zinne: er
regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: die gotischen Reiter brausen heran:
- Totila, Teja, gleich sind sie bei ihm!«
    »Gib Befehl, lass das tiburtiner Tor öffnen!« mahnte Bessas. Aber des
Präfekten Auge blitzte: sein Antlitz überflog jener Ausdruck stolzer, kühner
Entschlossenheit, der es mit dämonischer Schönheit verklären konnte. Er schlug
mit dem Schwert an den zertrümmerten Torflügel vor sich: »Auf, zum Ausfall. Erst
Rom: dann Belisar! Rom und Triumph!« Das Tor flog auf.
    Die stürmenden Goten, schon des Sieges sicher, hätten alles eher erwartet
als dies Wagnis der, wie sie wähnten, ganz verzagten Byzantiner. Sie waren ohne
Fechtordnung um das Tor herum zerstreut, wurden völlig überrascht und durch den
Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter ihnen klaffenden Graben
geworfen.
    Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen.
    Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem Byzantiner, mit seinem
Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt. Aber gleichzeitig fast
stiess ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel in den Graben. Cetegus
zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine, die krachend auf den Alten
stürzte.
    »Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen,« befahl Cetegus. Rasch
loderten deren Balken auf in Flammen. Sogleich kehrten die siegreichen Römer
zurück in die Wälle. Da rief Syphax dem Präfekten entgegen: »Gewalt, Herr,
Aufruhr und Empörung! Die Byzantiner gehorchen dir nicht mehr! Bessas rief sie
auf, das tiburtinische Tor mit Gewalt zu öffnen. Seine Leibwächter drohen,
Marcus Licinius anzugreifen und deine Legionäre und Isaurier zu schlachten durch
die Hunnen.«
    »Das büssen sie!« rief Cetegus grimmig. »Wehe, Bessas! Ich will's ihm
gedenken! Auf, Lucius Licinius, nimm den halben Rest der Isaurier! Nein, nimm
sie alle! alle! du weisst, wo sie stehn: fasse die Leibwächter des Trakers von
Porta Clausa her im Rücken. Und stehn sie nicht ab, - so hau' sie nieder, ohne
Schonung, Hilf deinem Bruder! Ich folge gleich!«
    Lucius Licinius zauderte. »Und das tiburtinische Tor?« - »Bleibt
geschlossen.« - »Und Belisar?«
    »Bleibt draussen.« - »Teja und Totila sind schon heran.« - »Desto weniger
kann man öffnen. Erst Rom: dann alles andere. Gehorche, Tribun!«
    Cetegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen Tores anzuordnen. Das
währte sehr geraume Zeit. »Wie ging es, Syphax?« fragte er leise. »Lebt er
wirklich?« - »Er lebt noch.« - »Tölpel, diese Goten!«
    Da kam ein Bote von Lucius. »Dein Tribun lässt melden: Bessas gibt nicht
nach: - schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Tor geflossen. Und
Asgares und deine Isaurier zögern, einzuhauen. Sie zweifeln an deinem Ernst.« -
»Ich will ihnen meinen Ernst zeigen!« rief Cetegus, warf sich aufs Pferd,
verliess diesen Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind davon.
    Weit war sein Weg: über die Tiberbrücke des Janiculum, am Kapitol vorbei,
über das Forum Romanum, durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die Termen
des Titus rechts lassend, über den Esquilin hinaus, endlich durch das
esquilinische Tor an das tiburtinische Aussentor: - ein Weg vom äussersten Westen
an den äussersten Osten der weitgestreckten Stadt.
    Hier, hinter dem Tore, standen die Leibwächter von Bessas und Belisar mit
gedoppelter Front. Die eine Schar schickte sich an, die Legionare und Isaurier
des Präfekten unter Marcus Licinius an der Torwache zu überwältigen und das Tor
mit Gewalt zu öffnen, während die zweite Fronte mit gefällten Speeren der Masse
der andern Isaurier gegenüberstand, die Lucius vergeblich zum Angriff
befehligte.
    »Söldner,« rief Cetegus, das schnaubende Ross dicht vor deren Linie
anhaltend, »wem habt ihr geschworen: mir oder Belisar?« - »Dir, Herr,« sprach
Asgares, ein Anführer, vortretend, »aber ich dachte.« - Da blitzte das Schwert
des Präfekten, und tödlich getroffen stürzte der Mann. »Zu gehorchen habt ihr,
eidbrüchige Schurken, nicht zu denken!«
    Entsetzt standen die Söldner. Aber Cetegus befahl ruhig: »Die Speere
gefällt! Zum Angriff! mir nach!« Und die Isaurier gehorchten ihm und nun, - ein
Augenblick noch, und es begann in Rom selbst der Kampf.
    Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des aurelischen Tores, her ein
furchtbares, alles übertäubendes Geschrei: »Wehe, Wehe, alles verloren! Die
Goten über uns! Die Stadt ist genommen!«
    Cetegus erbleichte und blickte zurück. Da sprengte Kallistratos heran, Blut
floss ihm über Gesicht und Hals. »Cetegus,« rief er, »es ist aus! Die Barbaren
sind in Rom! Die Mauer ist erstiegen.« - »Wo?« fragte der Präfekt tonlos. »Am
Grabmal Hadrians!« - »O mein Feldherr!« rief Lucius Licinius, »ich habe dich
gewarnt.«
    »Das war Witichis!« sagte Cetegus, die Augen zusammendrückend.
    »Woher weisst du das!« staunte Kallistratos. »Genug, ich weiss es.« Es war ein
furchtbarer Augenblick für den Präfekten.
    Er musste sich sagen, dass er, rücksichtslos seinen Plan zum Verderben
Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit Rom übersehen hatte. Er biss die Zähne in
die Unterlippe.
    »Cetegus hat das Grabmal Hadrians entblösst! Cetegus hat Rom ins Verberben
gestürzt!« rief Bessas an der Spitze der Leibwächter.
    »Und Cetegus wird es retten!« rief dieser, sich hoch im Sattel aufrichtend.
»Mir nach, alle Isaurier und Legionare.« - »Und Belisar?« flüsterte Syphax. -
»Lasst ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt mir!« Und im Sturmflug
sprengte er zurück, des Weges, den er gekommen. Nur wenige Berittene konnten ihm
folgen: im Lauf eilte sein Fussvolk, Isaurier und Legionare, nach.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
Draussen vor dem tiburtinischen Tore ward es zu gleicher Zeit stiller. Ein Bote
hatte die gotischen Reiter von dem überflüssigen Gefechte abgerufen. Sie sollten
hier innehalten und alle verfügbare Mannschaft um die Stadt und über den Fluss
eilig an das aurelische Tor senden, durch welches man soeben in die Stadt
gedrungen sei: dort brauche man alle Kräfte. Die Reiter jagten, rechtsum
schwenkend, nach jenem Tor, wo sich jetzt alles zusammendrängte: aber ihr
eigenes Fussvolk, stürmend an den zwischenliegenden fünf Toren: der Porta clausa,
nomentana, salaria, pinciana und flaminia, versperrte ihnen den Weg so lange,
dass sie zu der Entscheidung zu spät kamen, die am Grabmal des Hadrian gefallen
war.
    Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Präfekten: dem
vatikanischen Hügel gegenüber, einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen Tor
gelegen, mit diesem durch Seitenmauern verbunden und überall, ausser im Süden, wo
der Fluss decken sollte, durch neue Wälle geschützt, ragte die »moles Hadriani«,
ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau. Eine Art Hofraum umgab das
eigentliche Gebäude: vor der ersten, äusseren Deckungsmauer im Süden floss der
Tiber. Auf den Zinnen dieser Aussenmauer, in dem Hofraum und auf den Zinnen der
Innenmauer lagerten sonst die Isaurier, die der Präfekt zu übler Stunde
hinweggezogen hatte, seinen Plan gegen Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der
Innenmauer aber standen die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz, deren
drittes Hundert das Geschenk des Kallistratos vervollständigt hatte.
    Der König der Goten hatte sich für heute in der Mitte des grossen
Halbkreises, den die Barbaren auch um die Westseite, auf dem rechten Tiberufer,
um die Stadt gezogen, auf dem Felde Neros zwischen dem pankratischen (alten
aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Tor, wo sonst nur Graf Markja von
Mediolanum lagerte, eine zurückgenommene, abwartende Stellung gewählt. Er baute
seinen Plan darauf, dass der allgemeine Sturm gegen alle Tore notwendig die
Kräfte der Belagerten werde zersplittern müssen: und sowie an irgend einem Punkt
durch Hinwegziehung der Verteidiger eine Blösse entstehen würde, gedachte er, sie
sofort zu benützen.
    In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den
Sturmkolonnen. Er hatte allen Anführern Auftrag gegeben, ihn schleunig
herbeizurufen, wo sich eine Lücke der Verteidigung zeige.
    Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort der Ungeduld hatte er von
seinen Scharen zu tragen gehabt, die müssig stehen sollten, während die Genossen
überall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten sie auf einen Boten,
der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf.
    Da bemerkte endlich des Königs scharfes Auge selbst zuerst, wie von den
Zinnen der Aussenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen und die
dichten Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er hin: sie wurden
nicht abgelöst, die Lücken nicht ersetzt. Da sprang er aus dem Sattel, gab
seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den stolzen Bug, sprach:
»Nach Hause, Boreas!« und das kluge Tier lief geradeaus in das Lager zurück.
»Jetzt, vorwärts meine Goten! vorwärts, Graf Markja!« rief der König, »dort über
den Fluss - die Mauerbrecher lasst hier zurück: nur die Schilde und die
Sturmleitern nehmt mit. Und die Beile. Voran!« Und im Lauf erreichte er den
steilen Uferhang an der südlichen Biegung des Flusses und eilte den Hügel hinab.
    »Keine Brücke, König, und keine Furt?« fragte ein Gote hinter ihm.
    »Nein, Freund Iffamer, schwimmen!« und der König sprang in die gelbe
schmutzige Flut, dass sie zischend hoch über seinem Helmbusch zusammenschlug. In
wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die vordersten seiner Leute
mit ihm. Bald standen sie hart vor der hohen Aussenmauer des Grabmals und die
Männer blickten fragend, besorgt hinauf. »Leitern her!« rief Witichis, »seht ihr
nicht? Die Verteidiger fehlen ja! Fürchtet ihr euch vor hohen Steinen?« Rasch
waren die Leitern angelegt, rasch die Aussenwälle erstiegen, die wenigen Wachen
hinabgestürzt, die Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Aussenmauer in
den Hof hinabgelassen.
    Der König war der erste in dem Hofraum.
    Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt. Denn auf
den Zinnen der Innenmauer standen, vom pankratischen Tore hierher geeilt,
Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein paar Isauriern:
und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und Pfeilen auf die nur
vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch ihre Ballisten und
Katapulten wirkten verheerend. »Schickt um Hilfe, um Hilfe zu Cetegus!« rief
oben auf der Mauer Piso. Und Kallistratos flog davon.
    Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis. »Was tun?«
fragte Markja an seiner Seite. »Warten, bis sie sich verschossen haben,« sagte
dieser ruhig. »Es kann nicht lange mehr währen. Sie werfen und schiessen viel zu
hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: schon fliegen mehr Steine denn Pfeile. Und
die Speere bleiben aus.« - »Aber die Ballisten, die Katapulten -« - »Werden uns
bald nicht mehr schaden. Ordnet euch zum Sturm. Seht, der Hagel wird sehr
spärlich. So, nun die Leitern bereit und die Beile. - Jetzt, rasch mir nach.«
Und in schnellem Anlauf rannten die Goten über den Hof.
    Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen sie hart an der zweiten,
der inneren Mauer: und hundert Leitern waren angelegt. Jetzt aber waren alle
Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum Schuss in die Weite
gespannt, konnten sie nicht ohne grosse Mühe und lange Zeit zu senkrechtem Schuss
gerichtet werden. Piso bemerkte es wohl und erbleichte. »Wurfspeere her! Speere!
Speere! oder alles ist hin!« - »Alle verschossen,« keuchte trostlos neben ihm
der dicke Balbus.
    »Dann ist's vorbei!« seufzte Piso, den rechten Arm todmüde senkend. »Komm,
Massurius, lass uns fliehn,« mahnte Balbus. »Nein, lasst uns hier sterben,« rief
Piso. Und schon tauchte der erste gotische Helm über den Rand der Mauer.
    Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf: »Cetegus!
Cetegus, der Präfekt!«
    Und er war's; rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten, der eben
die Hand auf die Brustwehr stützte, sich heraufzuschwingen, die Hand samt dem
Arme ab. - Der Mann schrie und stürzte.
    »O Cetegus,« sagte Piso, »du kommst zu rechter Zeit!« - »Ich hoffe es,«
sprach dieser und stiess die Leiter um, die vor ihm angelegt stand. Witichis war
darauf gestanden, - behend sprang er hinab. »Aber jetzt Geschosse her, Speere,
Lanzen. Sonst hilft alles nichts,« rief Cetegus. »Kein Geschoss mehr weit und
breit,« antwortete Balbus. »Du kommst, hofften wir, mit deinen Isauriern?« -
»Die sind noch weit, weit hinter mir!« rief Kallistratos, der eben als der erste
nach Cetegus wieder erschien.
    Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der aufsteigenden Helme. Und es
wuchs die dringendste Gefahr.
    Wild blickte Cetegus um sich. »Geschosse,« rief er, mit dem Fusse stampfend,
»es müssen Geschosse herbei!« Da fiel sein Auge auf die riesige Marmorstatue
Zeus', des Erretters, die zu seiner Linken auf der Zinne stand. Ein Gedanke
durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle, er sprang hinzu und schlug mit einem
Handbeil den rechten Arm der Statue mitsamt dem Donnerkeil in ihrer Faust herab.
»Zeus,« rief er, »leih mir deinen Blitz! - Was hältst du ihn so müssig? Auf!
zerschlagt die Statuen: und schleudert sie den Feinden auf die Köpfe.« Und
rascher, als er dies gesagt, ward sein Beispiel befolgt. Mit Äxten und Beilen
fielen die geängstigten Verteidiger über die Götter und Heroen her, und im
Augenblick waren all die herrlichen Gestalten zertrümmert.
    Es war ein grauenhafter Anblick: da barst ein erhabner Hadrian, eine
Reiterstatue, Ross und Reiter mitten auseinander: da stürzte eine lächelnde
Aphrodite in die Kniee: da flog der schöne Marmorkopf eines Antinous vom Rumpfe
und sauste, von zwei Händen geschleudert, auf einen gotischen Büffelschild. Und
weitin spritzten, die Zinnen bedeckend, Splitter und Trümmer von Marmor und
Erz, von Bronze und Gold. Krachend und dröhnend schlugen die gewaltigen Lasten
von Stein und Metall von den Zinnen herab und zerschmetterten die Helme und
Schilde, die Panzer und die Glieder der stürmenden Goten und die Leitern selber,
die sie trugen.
    Mit Grauen blickte Cetegus auf das furchtbare Werk der Zerstörung, das sein
Wort angerichtet. Aber es hatte gerettet. Zwölf, fünfzehn, zwanzig Leitern
standen leer von den hart aufeinander folgenden Männern, die sie kurz zuvor
ameisendicht besetzt hatten: ebenso viele lagen zerbrochen am Fuss der Mauer:
überrascht von diesem unerwarteten Erz- und Marmorhagel wichen die Goten einen
Augenblick. Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas zum Sturm: und wieder
sausten die zentnerschweren Lasten hernieder.
    »Unseliger, was hast du getan?« jammerte Kallistratos und starrte auf die
Trümmer.
    »Das Notwendige!« antwortete Cetegus und schleuderte den Rest von Zeus dem
Erretter, über den Wall. »Siehst du, wie das traf? - zwei Barbaren auf Einen
Schlag« - und zufrieden blickte er hinab.
    Da hörte er den Korinter rufen: »Nein, nein. Nicht diesen! Nicht den
Apoll!«
    Und Cetegus wandte sich und sah, wie ein riesiger Isaurier sein Beil gegen
das Haupt des Latoniden schwang. »Narr, sollen die Goten herauf?« fragte der
Barbar und holte wieder aus.
    »Nicht meinen Apollon!« wiederholte der Helene und umschlang den Gott
schützend mit beiden Armen, weit sich vorbeugend.
    Das ersah auf der nächsten Leiter Graf Markja: und glaubend, jener wolle die
Statue auf ihn niederschleudern, kam er ihm zuvor: sein Wurfspeer flog und traf
den Griechen mitten in die Brust. »Ach - Cetegus!« seufzte er und starb. Der
Präfekt sah ihn fallen und presste die Brauen zusammen. »Rettet die Leiche und
seine beiden Götter verschont!« sprach er kurz - und stiess die Leiter um, auf
der Markja gestanden: mehr konnte er nicht sagen und nicht tun: denn schon rief
ihn eine neue, die drohendste Gefahr.
    Witichis, von seiner Leiter halb herabgeschleudert, halb herabgesprungen,
war seiter hart an der Mauer gestanden unter dem Hagel der Stein- und
Metalltrümmer nach neuen Mitteln spähend. Denn seit der erste Versuch der
Sturmleitern durch die unverhofften, neuen Geschosse, die Götter und Heroen,
abgewiesen war, hoffte er kaum noch, den Wall zu gewinnen. Während er sann und
spähte, schlug das schwere Marmorfussgestell eines Mars gradivus dicht neben ihm
auf die Erde, prallte nochmal empor und traf dabei an eine Mauerplatte. Und
siehe, diese Platte, die ein Quader von härtestem Stein geschienen hatte,
zersprang zerbröckelnd in kleine Stücke von Mörtel und Lehm: und an ihrer Stelle
wurde sichtbar eine schmale Holzpforte, die, von jener Masse nur locker
verkleidet und verdeckt, den Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang
gedient hatte, wenn sie an dem grossen Gebäude arbeiteten und nachbesserten.
    Kaum ersah Witichis die Holztür, als er jubelnd ausrief: »Hierher, hierher,
ihr Goten! Beile zur Hand!« Und schon schlug seine eigne Streitaxt donnernd an
die dünnen Bretter, die nichts weniger als stark schienen.
    Verhängnisvoll drang der neue, seltsame Ton an des Präfekten Ohr! er hielt
oben inne in der Blutarbeit und lauschte. »Das ist Eisen gegen Holz! Bei Cäsar!«
sagte er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab, die an der
Innenseite der zweiten Mauer in den schwach durch Öllampen beleuchteten
Innenraum des Grabmals führte.
    Da dröhnte ein Schlag lauter als alle früheren, ein dumpfes Krachen und
helles Splittern folgte und jauchzendes Siegesgeschrei der Goten. Wie Cetegus
auf die letzte Stufe der Treppe sprang, fiel die Pforte krachend nach innen in
den Hof und König Witichis ward sichtbar auf der Schwelle.
    »Mein ist Rom!« jubelte er, das Beil fallen lassend und das Schwert aus der
Scheide ziehend. »Du lügst, Witichis! zum erstenmal im Leben!« rief Cetegus
grimmig und sprang vor, so gewaltig den starken Schildstachel stossend gegen des
Goten Brust, dass dieser überrascht einen Schritt zurücktrat.
    Diesen Schritt benutzte der Präfekt und stellte sich selbst auf die
Schwelle, die ganze enge Pforte füllend. »Wo bleiben die Isaurier!« rief er.
    Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen, bis er ihn
erkannte. »So treffen wir uns doch im Zweikampf um Rom.« Und nun war das
Anspringen an ihm. Cetegus, bemüht die ganze Öffnung der Pforte zu
verschliessen, deckte mit dem Schild seine Linke; sein rechter Arm mit dem kurzen
Römerschwert vermochte nicht genug, seine rechte Seite zu decken. Der Stoss des
langen Schwertes des starken Goten drang, nicht stark genug von Cetegus
abgewehrt, die Schuppenringe des Panzers durchschneidend, tief in seine rechte
Brust.
    Der Präfekt wankte nach links: schon neigte er sich zu fallen: aber er fiel
nicht. »Rom! Rom!« sagte er tonlos, und krampfhaft hielt er sich noch aufrecht.
    Witichis war einen Schritt zurückgetreten, um in neuem Ansprung dem
gefährlichen Feind den Rest zu geben. Aber in diesem Augenblick erkannte ihn
oben auf der Zinne Piso und schleuderte einen prachtvollen schlafenden Faun, der
bereits mit abgehauenen Füssen auf dem Walle lag, auf den König herab; er traf
die Schulter und Witichis stürzte nieder. Graf Markja, Iffamer und Aligern
trugen ihn aus dem Gefecht.
    Cetegus sah ihn noch fallen. Dann brach er selbst auf der Schwelle der
Pforte zusammen; schützende Arme eines Freundes fingen ihn auf: - aber er
erkannte diesen nicht mehr: sein Bewusstsein schwand.
    Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton, der seine Seele
entzückte: es war die Tuba seiner Legionare, das Feldgeschrei seiner Isaurier,
die jetzt - endlich - im Sturmschritt eintrafen und, von den Liciniern geführt,
in dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres Königs erschütterten Goten
stürzten. Sie drängten sie siegreich zu einer (einstweilen von den
eingedrungenen Goten von Innen hinausgebrochenen) Bresche der ersten Mauer unter
grossem Blutvergiessen hinaus.
    Der Präfekt sah die letzten Barbaren flüchten: - da schlossen sich abermals
seine Augen. »Cetegus!« rief der Freund, der ihn im Arme hielt, »Belisar im
Sterben: und so bist auch du verloren?« Cetegus erkannte jetzt die Stimme
Prokops. »Ich weiss nicht,« sprach er mit letzter Kraft, »aber Rom, - Rom ist
gerettet!« Und damit vergingen ihm die Sinne.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
Nach der Anspannung aller Kräfte zu dem allgemeinen Sturm und seiner Abwehr, der
mit dem Morgenrot begonnen und bei sinkender Sonne erst beendet war, trat bei
Goten und Römern eine lange Pause der Erschlaffung ein. Die drei Führer Belisar,
Cetegus und Witichis lagen wochenlang an ihren Wunden darnieder.
    Aber noch mehr wurde die tatsächliche Waffenruhe veranlasst durch die tiefe
Niedergeschlagenheit und Entmutigung, die das Heer der Germanen befallen hatten,
nachdem der mit höchster Anstrengung angestrebte Sieg in dem Augenblick, da er
bereits gewonnen schien, ihnen entrissen wurde.
    Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes getan: ihre Helden hatten an
Tapferkeit gewetteifert: und doch waren beide Pläne, der gegen Belisar und der
gegen die Stadt, im Gelingen selbst noch gescheitert. Und wenn auch König
Witichis in seinem steten Mute die Gedrückteit des Heeres nicht teilte, so
erkannte er dafür desto klarer, dass er seit jenem blutigen Tage das ganze System
der Belagerung ändern musste.
    Der Verlust der Goten war ungeheuer; Prokop schätzt ihn auf dreissigtausend
Tote und mehr als ebenso viele Verwundete: sie hatten sich im ganzen Umkreis der
Stadt mit äusserster Todesverachtung den Geschossen der Belagerten ausgesetzt und
am pankratischen Tor und bei dem Grabmal Hadrians waren sie zu Tausenden
gefallen.
    Da nun auch in den achtundsechzig früheren Gefechten die Angreifenden immer
viel mehr als die hinter Mauer und Turm gedeckten Verteidiger gelitten hatten,
so war das grosse Heer, das Witichis vor Monden gegen die ewige Stadt geführt,
furchtbar zusammengeschmolzen. Dazu kam, dass schon seit geraumer Zeit Seuchen
und Hunger in ihren Zelten wüteten. Bei dieser Entmutigung und Abnahme seiner
Truppen musste Witichis den Gedanken, die Stadt mit Sturm zu nehmen, aufgeben,
und seine letzte Hoffnung - er verhehlte sich ihre Schwäche nicht - bestand in
der Möglichkeit, der Mangel werde den Feind zur Übergabe zwingen. Die Gegend um
Rom war völlig ausgesogen: und es schien nun darauf anzukommen, welche Partei
die Entbehrung länger würde ertragen oder welche sich aus der Ferne würde
Vorräte verschaffen können. Schwer fehlte den Goten die an der Küste von
Dalmatien beschäftigte Flotte. -
    Der erste, der sich von seiner Wunde erholte, war der Präfekt.
    Von der Pforte, die er mit seinem Leibe verschlossen, bewusstlos weggetragen,
lag er andertalb Tage in einem Zustand, der halb Schlaf, halb Ohnmacht war.
    Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug, traf sein erster
Blick auf den treuen Mauren, der am Fussende des Lagers auf der Erde kauerte und
kein Auge von ihm wandte. Die Schlange war um seinen Arm gerollt.
    »Die Holzpforte!« war des Präfekten erstes, noch schwach gehauchtes Wort,
»die Holzpforte muss fort - ersetzt durch Marmorquadern ... -«
    »Danke, danke dir, Schlangengott!« jubelte der Sklave, »jetzt ist der Mann
gerettet. Und auch du selbst. Und ich, ich, Herr, habe dich gerettet.« Und er
warf sich mit gekreuzten Armen nieder und küsste das Lagergestell seines Herrn. -
Er wagte nicht, dessen Füsse zu berühren. »Du mich gerettet? - Wodurch?«
    »Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt, habe ich den
Schlangengott herbeigeholt, dich ihm gezeigt und gesprochen: Du siehst, starker
Gott, des Herrn Augen sind geschlossen. Hilf, dass er sie wieder aufschlägt. Bis
du geholfen, erhältst du keine Krume Brot und keinen Tropfen Milch. Und wenn er
die Augen nicht wieder aufschlägt - an dem Tage, da sie ihn verbrennen,
verbrennt Syphax mit: aber du, o grosser Schlangengott, desgleichen. Du kannst
helfen: also hilf: oder brenne. So sprach ich, und er hat geholfen.«
    »Die Stadt ist sicher - das fühl' ich, sonst hätte ich nicht entschlafen
können. Lebt Belisar? Ja! wo ist Prokop?«
    »In der Bibliotek mit deinen Tribunen. Sie erwarten nach des Arztes
Ausspruch noch heute dein Erwachen oder deinen ... -« - »Tod? Diesmal hat dein
Gott noch geholfen, Syphax. Lass die Tribunen ein.«
    Bald standen die Licinier, Piso, Salvius Julianus und einige andere vor ihm;
sie wollten bewegt an sein Lager eilen: er winkte ihnen Ruhe zu. »Rom dankt
euch, durch mich. Ihr habt gefochten wie - wie Römer. Mehr, Stolzeres kann ich
euch nicht sagen.« Und er übersah wie nachsinnend die Reihe, dann sagte er:
»Einer fehlt mir - ah mein Korinter! Die Leiche ist gerettet. Denn ich empfahl
sie Piso, sie und die beiden Letoiden; setzt ihm als Denkmal eine schwarze
Platte von korintischem Marmor an die Stelle, wo er fiel: stellt die Statue des
Apollo über die Aschenurne und schreibt darauf: Kallistratos von Korint ist
hier für Rom gestorben; er hat den Gott, der Gott nicht ihn gerettet. Jetzt
geht, bald sehen wir uns wieder - auf den Wällen. Syphax, nun sende mir Prokop.
Und bring einen grossen Becher Falernerwein.« - »Freund,« rief er dem
eintretenden Prokopius entgegen, »mir ist, ich habe vor diesem Fieberschlaf noch
flüstern hören: Prokop hat den grossen Belisar gerettet. Ein unsterblich
Verdienst! Die ganze Nachwelt wird dir's danken - so brauch ich's nicht zu tun.
Setze dich hierher und erzähle mir das Ganze ... - Aber halt: erst schiebe die
Kissen zurecht, dass ich meinen Cäsar wieder sehen kann. Sein Anblick stärkt mehr
als Arzneien. Nun sprich.«
    Prokopius sah den Liegenden durchdringend an.
    »Cetegus,« sagte er dann, ernsten Tones, »Belisar weiss alles.« - »Alles?«
lächelte der »Präfekt, das ist viel.« - »Lass den Spott und versage Bewunderung
nicht dem Edelsinn: du, der du selber edel bist« - »Ich? Nicht dass ich wüsste.« -
»Sowie er zum Bewusstsein kam, hat ihm Bessas natürlich sofort alles mitgeteilt,
hat ihm haarklein erzählt, wie du befohlen, das Tor gesperrt zu halten, als
Belisar in seinem Blute davor lag, den wütigen Teja auf den Fersen: dass du
befohlen, seine Leibwächter niederzuhauen, die mit Gewalt öffnen wollten: jedes
Wort von dir hat er berichtet, auch deinen Ausruf: Erst Rom, dann Belisar: und
hat deinen Kopf verlangt im Rat der Feldherren. Ich erbebte. Aber Belisarius
sprach: er hat recht getan! hier, Prokop, bring ihm mein eigen Schwert und die
ganze Rüstung, die ich an jenem Tage trug, zum Dank. Und in dem Bericht an den
Kaiser hat er mir die Worte diktiert: Cetegus hat Rom gerettet und nur
Cetegus! Schick' ihm den Patriciat von Byzanz!«
    »Ich danke: ich habe Rom nicht für Byzanz gerettet.« - »Das brauchst du mir
nicht erst zu sagen, unattischer Römer.«
    »Ich bin nicht in attischer Laune, Lebensretter! Was war dein Dank?«
    »Still. Er weiss nichts davon. Und soll es nie erfahren.«
    »Syphax, Wein. - So viel Edelsinn kann ich nicht vertragen! Es macht mich
schwach. Nun, wie war der Reiterspass?«
    »Freund, das war kein Spass. Sondern der furchtbarste Ernst, der mir noch
begegnet. Um ein Haar fehlte es, so war Belisar verloren.«
    »Ja, es ist jenes Eine Haar, um das es immer fehlt bei diesen Goten! Dumme
Tölpel sind sie samt und sonders.«
    »Du sprichst, als wär' es dir sehr leid, dass Belisar nicht umgekommen.«
    »Recht wär ihm geschehn. Ich hab' ihn dreimal gewarnt. Er sollte endlich
wissen, was einem alten Feldherrn ziemt und was einem jungen Raufbold.«
    »Höre,« sagte Prokop, ihn ernstaft betrachtend, »du hast dir ein Recht
erworben, so zu sprechen, vor dem Grabmal Hadrians. Früher, wenn du des Mannes
Heldentum herabzogst ...« - »Dachtest du, ich spräche aus Neid gegen den tapfern
Belisar! Hört es, ihr unsterblichen Götter.«
    »Ja, zwar deine gepidischen Lorbeern ...« -
    »Lass mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden! Freund, wenn es gilt, muss
man den Tod verachten, sonst aber vorsichtig das Leben lieben. Denn nur die
Lebendigen herrschen und lachen, nicht die stummen Toten. Das ist meine
Weisheit, und nenn' es meine Feigheit, wenn du willst. Also - euer Überfall -
mach's kurz! Wie ging's?«
    »Scharf genug. Als wir die Gegend erkundet hatten, - alles schien frei vom
Feind und sicher zum Futterholen -, da wandten wir die Rosse allmählich wieder
gegen die Stadt, die wenigen Ziegen und die magern Schafe, die wir aufgetrieben,
in der Mitte, Belisar voran, der junge Severinus, Johannes und ich an seiner
Seite. Plötzlich, wie wir aus dem Dorf ad aras Bacchi ins Freie kommen, jagen
aus den Gehölzen zu beiden Seiten der valerischen Strasse von links und rechts
gotische Reiter auf uns zu. Ich sah, dass sie uns stark überlegen waren und riet
die Flucht mitten durch sie hindurch auf der Strasse nach Rom zu versuchen. Aber
Belisar meinte: Viele sind es, doch nicht allzu viele, und sprengte gegen die
Angreifer zur Linken, ihre Reihen zu durchbrechen. Doch da kamen wir übel an:
die Goten ritten besser und fochten besser als unsre mauretanischen Reiter: und
ihre Führer, Totila und Hildebad - jenen erkannte ich an den langflatternden
gelben Haaren und diesen an der ungeschlachten Grösse -, hielten sichtlich scharf
auf den Feldherrn selbst. Wo ist Belisar und sein Mut? schrie der lange Hildebad
vernehmlich durch das Klirren der Waffen.
    Hier! antwortete dieser unverzüglich: und ehe wir ihn abhalten konnten,
hielt er schon dem Riesen gegenüber. Der war nicht faul und hieb ihm mit seinem
wuchtigen Beil auf den Helm, dass der goldene Kamm mit dem weissen Rosshaarbüschel
zerschmettert zur Erde rollte und Belisars Haupt bis auf den Kopf des Pferdes
niederfuhr. Und schon holte jener zum zweiten, dem tödlichen Streiche aus: da
war der junge Severinus, des Boëtius Sohn, heran und fing den Hieb mit dem
runden Schilde auf. Aber das Beil des Barbaren drang durch den Schild und flog
noch tief in den Hals des edeln Jünglings. Er stürzte« - Prokop stockte in
schmerzlichen Gedanken.
    »Tot?« fragte Cetegus ruhig.
    »Ein alter Freigelassener seines Vaters, der ihn begleitete, trug ihn aus
dem Gefecht. Doch starb er schon, so hört' ich, eh' er das Dorf erreichte.« -
»Ein schöner Tod!« sagte Cetegus. »Syphax, einen neuen Becher Wein!«
    »Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stiess nun in grossem Zorn
mit seinem Speer dem Goten so gewaltig auf die Brustplatte seines Harnisches,
dass er der Länge nach vom Pferde flog. Laut jubelten wir auf, aber der junge
Totila« -
    »Nun?«
    »Sah kaum seinen Bruder fallen, als er sich grimmig durch die Lanzen der
Leibwächter Bahn brach zu Belisar. Aigan, sein Bannerträger, wollte ihn decken,
aber des Goten Schwert traf seinen linken Arm: er riss ihm die Fahne aus der
erschlafften Hand und warf sie dem nächsten Goten zu. Laut auf schrie Belisar
vor Zorn und wandte sich gegen ihn: aber der junge Totila ist rasch wie der
Blitz, und zwei scharfe Hiebe trafen, eh' er sich's versah, des Feldherrn beide
Schultern: der wankte im Sattel und sank langsam vom Pferd, das im selben
Augenblick ein Wurfspeer traf und niederwarf. Gib dich gefangen, Belisar! rief
Totila.
    Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft, das Haupt verneinend zu schütteln,
da sank er vollends zur Erde. Rasch war ich abgesprungen, hatte ihn auf mein
eigen Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen, der fünfzig
Leibwächter um ihn scharte und ihn schnell aus dem Getümmel flüchtend nach der
Stadt hin brachte.« - »Und du?«
    »Ich focht zu Fuss weiter. Und es gelang mir, da jetzt unsre Nachhut eintraf,
- die Vorräte in der Mitte hatten wir preisgegeben -, das Gefecht gegen Totila
zu stellen. Aber nicht auf lange. Denn nun war auch die zweite Schar der
gotischen Reiter heran; wie der Sturmwind sauste der schwarze Teja herzu,
durchbrach unsern rechten Flügel, der ihm zunächst stand, von vorn, durchbrach
dann meine eigene gegen Totila gerichtete Front von der Flanke und zersprengte
unsern ganzen Schlachtaufen. Ich gab das Gefecht verloren, ergriff ein ledig
Ross und eilte dem Feldherrn nach. Aber auch Teja hatte die Richtung von dessen
Flucht erkannt und jagte uns wütend nach. An der fulvischen Brücke holte er die
Bedeckung ein; Johannes und ich hatten mehr als die Hälfte der noch übrigen
Leibwächter an der Brücke aufgestellt, den Übergang zu wehren, unter Principius,
dem tapfern Pisidier, und Tarmut, dem riesigen Isaurier. Dort fielen sie alle
dreissig, zuletzt auch die beiden treuen Führer, von dem Schwerte des Teja
allein, wie ich vernahm. Dort fiel die Blüte von Belisars Leibwächtern: darunter
viele meiner nächsten Waffenfreunde, Alamundarus der Sarazene, Artasines der
Perser, Zanter der Armenier, Longinus der Isaurier, Bucha und Chorsamantes die
Massageten, Kutila der Trakier, Hildeger der Vandale, Juphrut der Maure,
Teodoritos und Georgios die Kappadokier. Aber ihr Tod erkaufte unsre Rettung.
Wir holten hinter der Brücke unser hier zurückgelassenes Fussvolk ein, das dann
noch die feindlichen Reiter so lang beschäftigte, bis das Tiburtinische Tor
sich, - spät genug! - dem wunden Feldherrn öffnete. Dann eilt' ich, als wir ihn
auf einer Sänfte Antoninens Pflege zugesandt, an das Grabmal Hadrians, wo, wie
es hiess, die Stadt genommen sei, und fand dich dem Tode nah.«
    »Und was hat jetzt Belisar beschlossen?«
    »Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine und doch die Heilung
langsamer. Er hat den Goten den Waffenstillstand gewährt, den sie verlangten,
ihre vielen Toten zu bestatten.«
    Cetegus fuhr auf von den Kissen. »Er hätte ihn verweigern sollen! Keine
unnütze Verzögerung der Entscheidung mehr! ich kenne diese gotischen Stiere; nun
haben sie sich die Hörner stumpf gestürmt: jetzt sind sie müd' und mürbe.
    Jetzt kam die Zeit für einen letzten Schlag, den ich schon lang ersonnen.
Die Hitze draussen in der glühenden Ebene werden ihre grossen Leiber schlecht
ertragen: schlechter den Hunger: am schlechtesten den Durst. - Denn der Germane
muss saufen, wenn er nicht schnarcht oder prügelt. Nun braucht man nur ihren
vorsichtigen König noch ein wenig einzuschüchtern. Sage Belisar meinen Gruss: und
mein Dank für sein Schwert sei mein Rat: Er solle noch heute den gefürchteten
Johannes mit achttausend Mann durch das Picenum gegen Ravenna schicken: die
flaminische Strasse ist frei und wird wenig gedeckt sein: denn Witichis hat die
Besetzungen aller Festungen hierher gezogen: und leichter gewinnen wir jetzt
Ravenna, als die Barbaren Rom. Sowie aber der König Ravenna, seinen allerletzten
Hort, bedroht sieht, wird er eilen, ihn um jeden Preis zu retten. Er wird sein
Heer hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte
statt des Verfolgers sein.« - »Cetegus,« sprach Prokop aufspringend, »du bist
ein grosser Feldherr.« - »Nur nebenbei, Prokopius! geh jetzt und grüsse mir den
grossen Sieger Belisar.«
 
                              Fünfzehntes Kapitel.
An dem letzten Tage des Waffenstillstandes konnte Cetegus bereits wieder auf
den Wällen des Grabmals Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionare und Isaurier
mit lautem Zuruf begrüssten. Sein erster Gang war zu dem Grabmal des
Kallistratos; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen Kranz von Lorbeern
und von Rosen nieder. Während er von hier aus die Verstärkung der Befestigungen
anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben von Mataswinta.
    Es lautete lakonisch genug: »Mach' bald ein Ende. Nicht länger kann ich den
Jammer ansehn. Die Bestattung von vierzigtausend Männern meines Volks hat mir
die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich anzuklagen. Währt das
noch länger, so erlieg' ich. Der Hunger wütet furchtbar in dem Lager. Ihre
letzte Hoffnung ist eine grosse Zufuhr von Getreide und Vieh, die aus Südgallien
unter Segel ist. An den nächsten Calenden wird sie auf der Höhe von Portus
erwartet. Handle danach - aber mach' rasch ein Ende.«
    »Triumph,« sprach der Präfekt, »die Belagerung ist aus. Unsre kleine Flotte
lag bisher fast müssig zu Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden. Diese Königin
ist die Erinnys der Barbaren.« Und er ging selbst zu Belisar, der ihn mit edler
Grossheit empfing. -
    In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog Johannes zum
pincianischen Tore hinaus, dann links nach der flaminischen Strasse schwenkend.
Ravenna war sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit raschen Segeln nach
Populonium, wo sich ein kleines römisches Geschwader gesammelt hatte. Der Kampf
um die Stadt ruhte, trotz Ablauf des Waffenstillstands, fast ganz. Eine Woche
darauf etwa, machte der König, der sein Schmerzenslager zum erstenmal verliess,
in Begleitung seiner Freunde den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den
sieben vormals menschenwimmelnden Lagern waren völlig verödet und aufgegeben:
auch die übrigen vier waren nur noch spärlich bevölkert. Todmüde, ohne Klage,
aber auch ohne Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger und Fieber
verzehrt, vor ihren Zelten.
    Kein Zuruf, kein Gruss erfreute den wackern König auf seinem
schmerzensreichen Gang: kaum dass sie die müden Augen aufschlugen bei dem Schall
der nahenden Schritte.
    Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stöhnen der Kranken, der
Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, den Seuchen erlagen. Kaum fand man die
hinlängliche Zahl von Gesunden, die nötigsten Posten zu beziehen. Die Wachen
schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie aufrecht oder auf der
Schulter zu tragen.
    Die Heerführer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Tor; im Wallgraben
lag ein junger Schütz und kaute an dem bittern Gras. Hildebad rief ihm zu: »Beim
Hammer! Guntamund, was ist das? deine Sehne ist ja gesprungen, was ziehst du
keine andre auf?« - »Kann nicht, Herr, die Sehne sprang gestern bei meinem
letzten Schuss. Und ich und die drei Bursche neben mir, wir haben die Kraft
nicht, eine neue aufzuziehen.« Hildebad gab ihm einen Trunk aus seiner
Lederflasche: »Hast du auf einen Römer geschossen?« - »O nein, Herr,« sagte der
Mann, »eine Ratte nagte dort an der Leiche. Ich traf sie glücklich und wir
teilten sie zu viert.«
    »Iffaswint, wo ist dein Oheim Iffamer?« fragte der König. »Tot, Herr.«
    »Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem verfluchten
Marmorgrab.«
    »Und dein Vater Iffamut?« - »Auch tot. Er vertrug's nicht mehr, das giftige
Wasser aus den Pfützen. Der Durst, König, brennt noch heisser als der Hunger. Und
es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel.« »Ihr seid alle aus dem
Atesistal?« »Ja, Herr König, vom Iffinger Berg. O welch' köstlich Quellwasser
dort daheim!«
    Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube
trinken. Seine Züge verfinsterten sich noch mehr. »He, du, Arulf!« rief er ihm
zu, »du scheinst nicht Durst zu leiden?« - »Nein, ich trinke oft,« sprach der
Mann. »Was trinkst du?« - »Das Blut von den Wunden der Frischgefallnen. Anfangs
ekelt's sehr: aber man gewöhnt's in der Verzweiflung.«
    Schaudernd schritt Witichis weiter. »Schick' all meinen Wein ins Lager,
Hildebad. Die Wachen sollen ihn teilen.« - »All' deinen Wein? O König, mein
Schenkamt ist gar leicht geworden. Du hast noch andertalb Krüge. Und
Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich stärken.«
    »Und wer stärkt diese, Hildebad? Die Not macht sie zu wilden Tieren!«
    »Komm mit nach Hause,« mahnte Totila, des Königs Mantel ergreifend. »Hier
ist nicht gut sein.«
    Im Zelt des Königs angelangt, setzten sich die Freunde schweigend um den
schönen Marmortisch, der auf goldnen Gefässen steinhartes verschimmeltes Brot
aufwies und wenige Stücke Fleisch. »Es war das letzte Pferd aus den königlichen
Ställen,« sagte Hildebad, - »bis auf Boreas.« - »Boreas wird nicht geschlachtet!
- mein Weib, mein Kind sind auf seinem Rücken gesessen.«
    Und er stützte das müde Haupt auf die beiden Hände: eine neue schwere Pause
trat ein. »Freunde,« hob er endlich an, »das geht nicht länger also. Unser Volk
verdirbt vor diesen Mauern. Mein Entschluss ist schwer und schmerzlich gereift
-.«
    »Sprich's noch nicht aus, o König!« rief Hildebad. »In wenig Tagen trifft
Graf Odoswint von Cremona ein mit der Flotte: und wir schwelgen in allem
Guten.«
    »Er ist noch nicht da!« sprach Teja.
    »Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist,« ermutigte Totila, »wird
er nicht durch frische Mannschaft ersetzt, wenn Graf Ulitis von Urbinum
eintrifft, mit den Besatzungen, die der König aus den Festen von Ravenna bis Rom
weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu füllen?«
    »Auch Ulitis ist noch nicht da,« sprach Teja. »Er soll noch in Picenum
stehen. Und kommt er glücklich an, so wird der Mangel im Lager noch grösser.«
    »Doch auch die Römerstadt muss fasten!« meinte Hildebad, das harte Brot mit
der Faust auf dem Steintisch zerschlagend. »Lass sehn, wer's länger aushält!«
    »Oft hab' ich's überdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Nächten,«
fuhr der König langsam fort.
    »Warum? warum das alles so kommen musste? Nach bestem Gewissen hab' ich immer
wieder Recht und Unrecht abgewogen, zwischen unsern Feinden und uns: und ich
kann's nicht anders finden, als dass Recht und Treue auf unsrer Seite stehen. Und
wahrlich, an Kraft und Mut haben wir's nicht fehlen lassen.«
    »Du am wenigsten,« sagte Totila.
    »Und an keinem schwersten Opfer!« seufzte der König. »Und wenn nun doch, wie
wir alle sagen, ein Gott im Himmel waltet, gerecht und gut und allgewaltig,
warum lässt er all dies ungeheure, unverdiente Elend zu? Warum müssen wir
erliegen vor Byzanz?«
    »Wir dürfen aber nicht erliegen,« schrie Hildebad. »Ich habe nie viel
gegrübelt über unsern Herrgott. Aber wenn er das geschehen liesse, müsste man
Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Tron mit Keulen zerschlagen.«
    »Lästre nicht, mein Bruder!« sprach Totila. »Und du, mein edler König, Mut
und Vertrauen.
    Ja, es waltet ein gerechter Gott dort über den Sternen. Drum muss zuletzt die
gute Sache siegen. Mut, mein Witichis, und Hoffnung, bis ans Ende.«
    Aber der Tiefgebeugte schüttelte das Haupt. »Ich gestehe es euch, ich habe
aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit, nur
einen Ausweg gefunden. Es kann nicht sein, dass wir all dies schuldlos leiden.
Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, so muss verborgne Schuld an mir,
an eurem König haften. Wiederholt, erzählen unsre Lieder aus der Heidenzeit, hat
sich ein König für sein Volk selbst den Göttern geopfert, wenn Unsieg, Seuche,
Misswachs jahrelang den Stamm verfolgte. Er hat die verborgne Schuld auf sich
genommen, die auf den Volksgenossen zu lasten schien und sie durch Tod gebüsst,
oder indem er ohne die Krone ins Elend ging, ein friedloser Landflüchtiger. -
Lasst mich die Krone abtun von diesem Haupt ohne Glück noch Stern. Wählt einen
andern, dem Gott nicht zürnt: wählt Totila, oder -«
    »Das Wundfieber faselt noch aus dir!« unterbrach ihn der alte Waffenmeister.
»Du mit Schuld beladen! du, der Treueste von uns allen! Nein, ich will's euch
sagen, ihr Kinder allzujunger Tage, die ihr der Väter alte Kraft mit der Väter
altem Glauben verloren habt und nun keinen Trost wisst für eure Herzen. Mich
erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht.« - Und seine grauen Augen leuchteten in
seltnem Glanze über die Freunde hin. »Alles, was hier auf Erden erfreut und
schmerzt, ist kaum der Freude noch des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es
hier unten an: ein treuer Mann gewesen sein, kein Neiding, und den Schlachttod
sterben, nicht den Strohtod. Den treuen Helden aber tragen die Walküren aus dem
blutigen Feld auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal, wo die Einheriar mit
vollen Bechern ihn begrüssen. Dann reitet er alltäglich mit ihnen hinaus zu Jagd
und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und Skaldensang in
goldner Halle beim Abendlicht. Und schöne Schildjungfrauen kosen mit den Jungen:
und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den alten Helden der Vorzeit. Und
ich werde sie alle wiederfinden, die starken Gesellen meiner Jugend, den kühnen
Winitar und Herrn Waltaris von Aquitanien und Guntaris, den Burgunden. Und
schauen werd' ich auch ihn, dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn Beowulf, den
Geaten, und aus grauen Urtagen den Cherusken, der zuerst die Römer schlug, von
dem noch die Sänger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag' ich Schild
und Speer meinem Herrn, dem König mit den Adleraugen. Und so leben wir fort in
alle Ewigkeit in Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten und
alles ihres Wehs.«
    »Ein schön Gedicht, alter Heide,« lächelte Totila. »Wenn uns aber das nicht
mehr tröstet für wirkliches, herznagendes Leid? Sprich du doch auch, Teja, du
finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie fehlt uns dein
Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein tröstender Harfenschlag,
du liederkundiger Sänger?«
    »Mein Wort,« sagte Teja aufstehend, »mein Wort und Gedanke wäre euch
vielleicht schwerer zu tragen als all' dies Leid. Lass mich noch schweigen, mein
sonnenheller Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir Antwort gebe.
Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann noch eine Saite daran hält.« Und er
schritt aus dem Zelte.
    Denn draussen in dem Lager hatte sich ein wirrer, rätselhafter Lärm von
rufenden, fragenden Stimmen erhoben.
    Die Freunde sahen ihm schweigend nach. »Ich weiss wohl, was er denkt,« sagte
der alte Hildebrand endlich. »Denn ich kenne ihn vom Knaben auf:
    Er ist nicht wie andre. Auch im Nordland denken manche so, die nicht an Tor
und Odhin glauben, sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und Stärke. Es
ist fast zu schwer für ein Menschenherz. Und glücklich, - glücklich macht es
nicht, wie er zu denken. Mich wundert, dass er singt und Harfe schlägt dabei.«
    Da riss Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhänge auf: sein Antlitz war noch
bleicher als zuvor: seine dunkeln Augen blitzten: aber seine Stimme war ruhig
wie sonst, da er sprach: »Brich das Lager ab, König Witichis. Unsre Schiffe sind
bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. Sie haben Graf Odoswints Kopf ins Lager
geschickt. Und sie lassen auf den Wällen Roms, vor den Augen unsrer Wachen, von
den gefangenen Goten die erbeuteten Rinder schlachten. Grosse Verstärkungen aus
Byzanz unter Valerian und Eutalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, hat eine
segelreiche Flotte aus Byzanz in den Tiber geführt. Denn der blutige Johannes
hat das Picenum durchzogen ...« -
    »Und Graf Ulitis?«
    »Er hat Ulitis geschlagen und getötet, Ancona und Ariminum genommen. Und -«
    »Ist das noch nicht alles?« rief der König.
    »Nein, Witichis! Eile tut not! Er bedroht Ravenna: er steht nur noch wenige
Meilen von der Stadt.«
 
                              Sechzehntes Kapitel.
Am Tage nach dem Eintreffen dieser für die Goten so verhängnisvollen Nachrichten
hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief entmutigtes Heer aus
den vier noch übrigen Lagern herausgezogen.
    Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschliessung gewährt. So viel Mut
und Kraft, so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen.
    Schweigend zogen die Goten an den stolzen Wällen vorüber, an denen ihr Glück
und ihre Macht zerschellt waren. Schweigend trugen sie die höhnenden Worte, die
Römer und »Romäer« (Byzantiner) ihnen von den sichern Zinnen herab zuriefen. Ihr
Zorn und ihre Trauer waren zu gross, um durch solchen Spott getroffen zu werden.
    Aber als Belisars Reiterei, aus dem pincianischen Tore brechend, die
Abziehenden verfolgen wollte, wurde sie grimmig zurückgewiesen. Denn Graf Teja
führte die gotische Nachhut.
    So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Strasse durch Picenum in raschen
Märschen (obwohl den von den Feinden besetzten Plätzen Narnia, Spoletium und
Perusium ausgewichen werden musste) nach Ravenna, wo Witichis zur rechten Zeit
eintraf, die gefährliche Stimmung der Bevölkerung, die auf die Kunde von dem
Unglück der Barbaren schon mit dem drohenden Johannes in geheime Verhandlungen
getreten war, zu unterdrücken.
    Johannes zog sich bei der Annäherung der Goten in seine letzte wichtige
Eroberung Ariminum zurück. In Ancona lag Konon, der Nauarch Belisars, mit den
trakischen Speerträgern und mit Kriegsschiffen.
    Der König führte aber keineswegs sein ganzes, von der Belagerung Roms
aufgebrochenes Heer nach Ravenna, sondern hatte unterwegs viele Mannschaften in
Festungen verteilt. Eine Tausendschaft liess er unter Gibimer in Clusium in
Tuscien, eine andre in Urbs Vetus unter Albila, eine halbe in Tudertum unter
Wulfgis: in Auximum vier Tausendschaften unter Graf Wisand, dem tapfern
Bandalarius: in Urbinum zwei unter Morra: in Caesena und Monsferetrus je eine
halbe. Hildebrand entsandte er nach Verona, Totila nach Tarvisium und Teja nach
Ticinum, da auch der Nordosten der Halbinsel durch byzantinische, von Istrien
aus drohende Truppen gefährdet wurde.
    Er tat dies übrigens noch aus andern Gründen.
    Einmal, um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten. Dann, um im Fall
einer Einschliessung nicht wieder sobald durch die grosse Stärke des Heeres dem
Mangel ausgesetzt zu sein. Und endlich, um für den nämlichen Fall die Belagerer
auch vom Rücken, und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu können. Sein
Plan war zunächst, die seinem Hauptstützpunkt Ravenna drohende Gefahr
abzuwenden, und sich mit seinen zerrütteten Streitkräften auf die Verteidigung
zu beschränken, bis fremde Hilfstruppen, langobardische und fränkische, die er
erwartete, ihn in den Stand setzen wurden, wieder das offne Feld zu halten.
    Aber die Hoffnung, Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese
gotischen Burgen hinzuhalten, erfüllte sich nicht. Er begnügte sich, sie durch
beobachtende Truppen einzuschliessen, und zog ohne weiteres gegen die Hauptstadt
und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten. »Habe ich das Herz zum Tode
getroffen,« sagte er, »werden sich die geballten Fäuste von selbst öffnen.«
                                     * * *
    Und so dehnten sich alsbald um die Königsstadt Teoderichs in weit
gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner, an allen drei Landseiten, von der
Hafenstadt Classis an bis zu den Kanälen und Zweigarmen des Padus, die im Westen
besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten.
    Zwar hatte die alte, vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem
Schimmer, in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz der
Imperatoren: und auch das letzte Abendrot, das die glorreiche Regierung
Teoderichs über sie gebreitet, war seit dem Ausbruch des Krieges verschwunden.
    Aber gleichwohl. Welche andern Eindruck muss damals die immer noch
volkreiche, dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als heute,
wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Strassen, den leeren Plätzen, den einsam
schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch anhaucht als draussen, vor den
Mauern der Stadt, wo sich weitin die öde Sumpflandschaft der Padusniederungen
dehnt, bis sie in den Schlamm des weit zurückgetretenen Meeres auslaufen.
    Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu Lande geschäftiges Leben
wogte, wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adriaflotte tief schaukelnd sich
wiegten, da liegen jetzt sumpfige Wiesen, in deren hohem Schilf und Riedgras
verwilderte Büffel grasen; versumpft die Strassen, versandet der Hafen,
verschollen das Volk, das hier freudig geherrscht: - nur ein riesiger runder
Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein erhaltnen, einsamen Basilika
San Apollinare in Classe fuori, die, von Witichis begonnen, von Justinian
vollendet, nun eine Stunde fern von aller Menschenwohnung auf der sumpfigen
Ebene trauernd ragt.
    Die starke Seefestung galt für uneinnehmbar: darum hatten sie seit dem
Sinken ihrer Macht, und der wachsenden Gefährdung Italiens durch die Barbaren,
die Kaiser zur Residenz gewählt. Die Südostseite deckte das damals noch bis an
und in ihre und der Hafenstadt Mauern spülende Meer.
    Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrintisches Netz
von Kanälen, Gräben und Sümpfen des vielarmigen Padus gesponnen, in welchem sich
der Belagerer rettungslos verstricken musste. Und diese Mauern! noch jetzt
erfüllen ihre gewaltigen Reste mit Staunen; ihre ungeheure Dicke und - weniger
ihre Höhe als - die Anzahl von starken Rundtürmen, die von ihren Zinnen noch
heute aufsteigen, trotzten vor der Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm, jedem
gewaltsamen Angriff. Nur durch Aushungerung hatte nach fast vierjährigem
Widerstand der grosse Teoderich diese letzte Zuflucht Odoakars bezwungen.
    Vergebens hatte Belisar versucht, gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit
Sturm zu nehmen. Kräftig ward sein Angriff abgewiesen, und die Belagerer mussten
sich begnügen, die Festung enge zu umschliessen und, wie einst der Gotenkönig,
durch Mangel zur Übergabe zu nötigen. Dem aber konnte Witichis getrost
entgegensehn. Denn er hatte mit der Vorsicht, die ihm eigen, in diesem seinem
Hauptbollwerk, schon vor dem Aufbruch nach Rom, Vorräte aller Art, namentlich
aber Getreide, in ausserordentlicher Menge in besonders von ihm (mit Benutzung
und in den Räumen des ungeheuren Marmorzirkus des Teodosius) erbauten
Kornspeichern von Holzgezimmer aufgehäuft. Diese ausgedehnten Holzbauten, gerade
gegenüber dem Palast und der Basilika Sancti Apollinaris, waren des Königs
Stolz, Freude und Trost. Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch
das von den Feinden durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom führen können: und
bei einiger Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel für die Bevölkerung
und das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus. Bis
dahin aber war das Eintreffen eines fränkischen Hilfsheeres infolge der aufs
neue angeknüpften Verhandlungen sicher zu erwarten. Und dieser Entsatz musste
notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeiführen.
    Dies wussten - oder ahnten doch - Belisar und Cetegus so gut wie Witichis:
und rastlos spähten sie nach allen Seiten, ein Mittel zu finden, den Fall der
Stadt zu beschleunigen. Der Präfekt suchte natürlich vor allem seine geheime
Verbindung mit der Gotenkönigin zu diesem Zwecke zu benutzen. Aber einmal war
der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert, da die Goten alle Ausgänge der Stadt
sorgfältig überwachten. Und dann schien auch Mataswinta wesentlich verändert
und keineswegs mehr so bereit und willfährig, sich als Werkzeug gebrauchen zu
lassen, wie ehedem.
    Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demütigung des Königs erwartet. Das
lange Hinzögern ermüdete sie: und zugleich hatten die grossen Leiden ihres Volkes
in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen, sie zu erschüttern.
    Dazu kam endlich, dass die traurige Verwandlung in dem sonst so kräftigen und
gesundfreudigen Wesen des Königs, der stille, aber tiefe und finstre Gram, der
über seiner Seele lag, mächtig an ihrem Herzen rüttelte. Wenn sie auch mit der
ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes, mit dem bittern Stolz gekränkter Liebe ihn
verklagte, dass er ihr Herz verworfen und doch, um der Krone willen, mit Gewalt
ihre Hand erzwungen hatte, und wenn sie ihn dafür auch mit der ganzen
leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu hassen glaubte und zum Teil auch
wirklich hasste, so war doch dieser Hass nur umgeschlagene Liebe. Und als sie ihn
nun von dem schweren Unglück der gotischen Waffen, von dem Fehlschlagen all'
seiner Pläne - an dem ihr heimtückischer Verrat so grossen Anteil trug, - tief,
bis zur krankhaft-schwermütigen Verfinsterung des Geistes, zu marternder
Selbstpeinigung niedergebeugt sah, so wirkte dieser Anblick gewaltig auf ihre
aus Härte und Glut seltsam gemischte Natur.
    Sie hätte im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzücken sein Blut
fliessen sehen. Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst zerstören
sehen, - das ertrug sie nicht. Zu dieser weichern Stimmung trug aber endlich
wesentlich bei, dass sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine Veränderung in des
Königs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben glaubte. Spuren von Reue,
dachte sie, von Reue über die Gewaltsamkeit, mit welcher er in ihr Leben
eingegriffen hatte.
    Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes, schroffes Auftreten bei den
selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkürlich gemildert
hatte, erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des Entgegenkommens,
den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren Formen anerkannte und
lohnte. Grund genug für Mataswintens beweglich flutende Gedanken, die Anträge
des Präfekten, selbst wenn diese manchmal noch durch des klugen Mauren
Vermittelung an sie gelangten, abzuweisen.
    Doch hatte der Präfekt aus dieser Quelle schon während des Zuges gegen
Ravenna erfahren, was später auch sonst bekannt wurde, dass die Goten Hilfe von
den Franken erwarteten. Unverzüglich hatte er deshalb seine alten Verbindungen
mit den Vornehmen und Grossen, die an den Höfen zu Mettis (Metz), Aurelianum
(Orleans) und Suessianum (Soissons) im Namen der merowingischen Schattenkönige
herrschten, wieder angeknüpft, um die Franken, deren damals sprichwörtlich
gewordne Falschheit gute Aussicht auf Gelingen solcher Versuche gewährte, von
dem gotischen Bündnis wieder abzuziehen.
    Und als die Sache durch diese Freunde gehörig vorbereitet war, hatte er an
König Teudebald, der zu Mettis Hof hielt, selbst geschrieben und ihn dringend
gewarnt, bei einer so verlornen Sache, wie die gotische seit dem Scheitern der
Belagerung Roms offenbar geworden, sich zu beteiligen. Diesen Brief hatten
reiche Geschenke an seinen alten Freund, den Majordomus des schwachen Königs,
begleitet: und sehnlich erwartete der Präfekt von Tag zu Tag die Antwort auf
denselben: um so sehnlicher, als das veränderte Benehmen Mataswintens die
Hoffnung auf raschere Überwältigung der Goten abgeschnitten hatte.
    Die Antwort kam, gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz,
an einem für die Helden in und ausser Ravenna gleich verhängnisvollen Tage.
 
                              Siebzehntes Kapitel.
Hildebad, ungeduldig über das lange Müssigliegen, hatte aus der ihm zu besonderer
Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen heftigen Ausfall auf
das byzantinische Lager gemacht, anfangs in ungestümem Anlauf rasche Vorteile
errungen, einen Teil der Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken
verbreitet.
    Er hätte unfehlbar noch viel grössern Schaden angerichtet, wenn nicht der
rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all' seine Feldherrnschaft und all'
sein Heldentum zugleich entfaltet hätte. Ohne Helm und Harnisch, wie er vom
Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden Vorposten,
dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch äusserste persönliche
Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen gebracht. Darauf aber hatte
er seine beiden Flanken so geschickt verwendet, dass Hildebads Rückzug ernstlich
bedroht war und die Goten, um nicht abgeschnitten zu werden, all' ihre
errungenen Vorteile aufgeben und schleunigst in die Stadt zurückeilen mussten.
    Cetegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur Hilfe
herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin, nachher
Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als Krieger,
seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig einsog.
»Wirklich, Belisarius,« schloss der Präfekt, »Kaiser Justinian kann dir das nicht
vergelten.«
    »Da sprichst du wahr,« antwortete Belisar stolz: »er vergilt mir nur durch
seine Freundschaft. Für seinen Feldherrnstab könnte ich nicht tun, was ich für
ihn schon getan habe und noch immer tue. Ich tu's, weil ich ihn wirklich liebe.
Denn er ist ein grosser Mann mit allen seinen Schwächen. Wenn er nur Eins noch
lernte: mir vertrauen. Aber getrost: - er wird's noch lernen.«
    Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem
kaiserlichen Gesandten überbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz sprang
Belisar, aller Müdigkeit vergessen, vom Polster auf, küsste die purpurnen
Schnüre, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und öffnete das Schreiben mit den
Worten: »Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun wird er mir die Leibwächter
senden und den lang geschuldeten Sold, den ich erwarte, und das vorgeschossene
Gold.«
    Und er begann zu lesen.
    Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cetegus: seine Züge
verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in
schwerem Krampf zu heben: die beiden Hände, mit welchen er das Schreiben hielt,
zitterten. Besorgt trat Antonina heran: aber ehe sie fragen konnte, stiess
Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das kaiserliche Schreiben
auf die Erde und stürzte ausser sich aus dem Gezelt, eilend; folgte ihm seine
Gattin.
    »Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen,« sagte Prokop, den Brief
aufhebend. »Lass sehn: wohl wieder ein Stücklein kaiserlichen Dankes,« - und er
las: »Der Eingang ist Redensart, wie gewöhnlich - aha, jetzt kommt es besser:
    Wir können gleichwohl nicht verhehlen, dass wir, nach Deinen eignen früheren
Berühmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese Barbaren erwartet
hätten, und glauben auch, dass eine solche bei grösserer Anstrengung nicht
unmöglich gewesen wäre. Deshalb können wir Deinem wiederholt geäusserten Wunsche
nicht entsprechen, Dir Deine übrigen fünftausend Mann Leibwächter, die noch in
Persien stehen, sowie die vier Zentenare Goldes nachzusenden, die in Deinem
Palaste in Byzanz liegen.
    Allerdings sind beide, wie Du in Deinem Briefe ziemlich überflüssigermassen
bemerkst, Dein Eigentum: und Dein in demselben Brief geäusserter Entschluss, Du
wolltest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschöpfteit des kaiserlichen Säckels
aus eignen Mitteln zu Ende führen, verdient, dass wir ihn als pflichtgetreu
bezeichnen. Da aber, wie Du in gleichem Briefe richtiger hinzugefügt, all' Dein
Hab' und Gut Deines Kaisers Majestät zu Diensten steht und kaiserliche Majestät
die erbetene Verwendung Deiner Leibwächter und Deines Goldes in Italien für
überflüssig halten muss, so haben wir, Deiner Zustimmung gewiss, anderweitig
darüber verfügt und bereits Truppen und Schätze, zur Beendung des Perserkriegs,
Deinem Kollegen Narses übergeben. - Ha, unerhört!« unterbrach sich Prokop.
    Cetegus lächelte: »Das ist Herrendank für Sklavendienst.«
    »Auch das Ende scheint hübsch,« fuhr Prokopius fort. - Eine Vermehrung
Deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wünschbar, als man uns
wieder täglich vor Deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt.
    Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Zepter sei aus dem
Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: gefährliche Gedanken und
ungeziemende Worte.
    Du siehst, wir sind von Deinen ehrgeizigen Träumen unterrichtet.
    Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, Dir
noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern Dich, dass
die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nächsten stehn.
    »Das ist schändlich!« rief Prokop. »Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!«
sagte Cetegus. »Das heisst die Treue selbst zum Aufruhr peitschen.«
    »Recht hast du,« schrie Belisar, der, wieder hereinstürmend, diese Worte
noch gehört hatte. »Oh, er verdient Aufruhr und Empörung, der undankbare,
boshafte, schändliche Tyrann.«
    »Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zugrunde!« beschwor ihn
Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war und suchte seine Hand zu fassen.
    »Nein, ich will nicht schweigen,« rief der Zornige, an der offenen Zelttür
auf und nieder rennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und viele andre
Heerführer mit Staunen lauschend standen. »Alle Welt soll's hören. Er ist ein
undankbarer, heimtückischer Tyrann! Ja du verdientest, dass ich dich stürzte! Dass
ich dir täte nach dem Argwohn deiner falschen Seele, Justinianus!«
    Cetegus warf einen Blick auf die draussen Stehenden: sie hatten offenbar
alles vernommen: jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den Eingang und
zog die Vorhänge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie trat wieder zu
ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem Zeltbett auf die Erde
geworfen, schlug die geballten Fäuste gegen seine Brust und stammelte: »O
Justinianus, hab' ich das um dich verdient? O zu viel, zu viel!« Und plötzlich
brach der gewaltige Mann in einen Strom von hellen Tränen aus. Da wandte sich
Cetegus verächtlich ab: »Leb wohl,« sagte er leise zu Prokopius, »mich ekelt
es, wenn Männer heulen.«
 
                              Achtzehntes Kapitel.
In schweren Gedanken schritt der Präfekt aus dem Zelt und ging, das Lager
umwandelnd, nach der ziemlich entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen
Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Tor des Honorius. Es war auf der
Südseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von Classis, und der Weg führte zum Teil
am Meeresstrand entlang.
    So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der grosse Gedanke, der
der Pulsschlag seines Lebens geworden war, beschäftigte, so schwer die
Unberechenbarkeit Belisars, dieses gefühlsüberschwenglichen Gemütsmenschen, und
die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade jetzt auf ihm lastete, - doch
ward seine Merksamkeit, wenn auch nur vorübergehend, auf das aussergewöhnliche
Aussehen der Landschaft, des Himmels, der See, der ganzen Natur abgezogen.
    Es war Oktober: - aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz
geändert zu haben. Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein
Gewölk, kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so dünstereichen
Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt plötzlich - es war gegen Sonnenuntergang -
bemerkte Cetegus im Osten, über dem Meer, am fernsten Horizont, eine einzelne
rundgeballte, rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen sein musste.
    Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von Nebeln, zeigte keine
Strahlen. Kein Luftauch kräuselte die bleierne Flut des Meeres.
    Keine noch so leise Welle spülte an den Strand. In der weitgestreckten Ebene
regte sich kein Blatt an den Olivenbäumen. Ja, nicht einmal das Schilf in den
Sumpfgräben bebte.
    Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: und ein fremdartiger,
erstickender Qualm, wie Schwefel, schien drückend über Land und Meer zu liegen
und hemmte das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen unruhig gegen die Bretter
der Planken, an welchen sie im Lager angebunden waren. Einige Kamele und
Dromedare, die Belisar aus Afrika mitgebracht, wühlten den Kopf in den Sand. -
    Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um
sich. »Das ist schwül: wie vor dem Wind des Todes in den Wüsten Ägyptens,« sagte
er zu sich selber. - »Schwül überall - aussen und innen. Auf wen wird sich der
lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft entladen?«
    Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm, »Herr, wär' ich daheim,
ich glaubte heute: der Giftauch des Wüstengottes sei im Anzug« und er reichte
ihm einen Brief.
    Es war die Antwort des Frankenkönigs! Hastig riss Cetegus das grosse,
prunkende Siegel auf.
    »Wer hat ihn gebracht?«
    »Ein Gesandter, der, nachdem er den Präfekten nicht getroffen, sich zu
Belisar hatte führen lassen. Er hatte den nächsten Weg - den durchs Lager -
verlangt. Deshalb hatte ihn Cetegus verfehlt.«
    Er las begierig: »Teudebald, König der Franken, Cetegus dem Präfekten
Roms. Kluge Worte hast Du uns geschrieben. Noch klügere nicht der Schrift
vertraut, sondern uns durch unsern Majordomus kundgetan. Wir sind nicht übel
geneigt, danach zu tun. Wir nehmen Deinen Rat und die Geschenke, die ihn
begleiten, an. Den Bund mit den Goten hat ihr Unglück gelöst. Dies, nicht unsre
Wandlung, mögen sie verklagen.
    Wen der Himmel verlässt, von dem sollen auch die Menschen lassen, wenn sie
fromm und klug. Zwar haben sie uns den Sold für das Hilfsheer in mehreren
Zentenaren Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern Augen kein
Hindernis.
    Wir behalten diese Schätze als Pfand, bis sie uns die Städte in Südgallien
abgetreten, welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken
vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits vorbereitet
und unser tapferes Heer, das schon den Kampf erwartet, nur mit gefährlichem
Murren die Langeweile des Friedens tragen würde, sind wir gewillt, unsre
siegreichen Scharen gleichwohl über die Alpen zu schicken. Nur anstatt für:
gegen die Goten.
    Aber freilich, auch nicht für den Kaiser Justinianus, der uns fortwährend
den Königstitel vorentält, sich auf seinen Münzen Herrn von Gallien nennt, uns
keine Goldmünzen mit eigenem Brustbild prägen lassen will und uns noch andre
höchst unerträgliche Kränkungen unsrer Ehre angetan. Wir gedenken vielmehr,
Unsre eigene Macht nach Italien auszudehnen.
    Da wir nun wohl wissen, dass des Kaisers ganze Stärke in diesem Lande auf
seinem Feldherrn Belisar beruht, dieser aber eine grosse Zahl alter und neuer
Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu führen hat: - so werden wir diesem
Helden antragen, sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen, wobei wir ihm ein
Heer von hunderttausend Frankenhelden zu Hilfe senden und uns dafür nur einen
kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin abtreten lassen werden.
    Wir halten für unmöglich, dass ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne.
Falls Du zu diesem Plane mitwirken willst, verheissen wir Dir eine Summe von
zwölf Zentenaren Goldes und werden, gegen eine Rückzahlung von zwei Zentenaren,
Deinen Namen in die Liste unsrer Tischgenossen aufnehmen. Der Gesandte, der Dir
diesen Brief gebracht, Herzog Liutari, hat unsern Antrag Belisar mitzuteilen.«
    Mit steigender Erregung hatte Cetegus zu Ende gelesen.
    Jetzt fuhr er auf. »Ein solcher Antrag zu dieser Stunde: - in dieser
Stimmung: - er nimmt ihn an! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend
Frankenkriegern! Er darf nicht leben.« -
    Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber blieb er plötzlich
stehen: »Tor, der ich war!« lächelte er kalt. »Heissblütig noch immer? Er ist ja
Belisar und nicht Cetegus! Er nimmt nicht an. Das wäre, wie wenn der Mond sich
gegen die Erde empören wollte, als ob der zahme Haushund plötzlich zum grimmigen
Wolfe würde. Er nimmt nicht an! Aber nun lass sehen, wie wir die Niedertracht und
Gier dieses Merowingen nutzen. Nein, Frankenkönig,« und er lächelte bitter auf
den zusammengeknitterten Brief, »solang Cetegus lebt, - nicht einen Fussbreit
von Italiens Boden.«
    Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen zweiten langsamern. Und
einen dritten -: nun blieb er stehen -: und über seine mächtige Stirn zuckt' es
hin. »Ich hab' es!« frohlockte er. »Auf, Syphax,« rief er, »geh und rufe mir
Prokop.« -
    Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur
Erde gefallenen Brief des Merowingen. »Nein,« lächelte er triumphierend, ihn
aufhebend, »nein, Frankenkönig, nicht so viel Raum, als dieser Brief bedeckt,
sollst du haben von Italiens heiliger Erde.«
    Bald erschien Prokop. Die beiden Männer pflogen über Nacht ernste, schwere
Beratung. Prokop erschrak vor den schwindelkühnen Plänen des Präfekten und
weigerte sich lange, darauf einzugehen.
    Aber mit überlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert
und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand, noch
eh' er ausgesprochen, mit siegender Überredung nieder und liess nicht eher ab,
seine unzerreissbaren und dichten Fäden um den Widerstrebenden zu ziehen, bis dem
Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte. -
    Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit
blassem Streif, als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm. »Cetegus,« sagte
er aufstehend, »ich bewundere dich.
    Wär' ich nicht Belisars, - ich möchte dein Geschichtschreiber sein.«
    »Interessanter wäre es,« sagte der Präfekt ruhig, »aber schwerer.«
    »Doch graut mir vor der ätzenden Schärfe deines Geistes. Sie ist ein Zeichen
der Zeit, in der wir leben. Sie ist wie eine blendendfarbige Giftblume auf einem
Sumpfe. Wenn ich denke wie du den Gotenkönig durch sein eigen Weib zugrunde
gerichtet ... -«
    »Ich musste dir das jetzt sagen. Leider hab' ich in letzter Zeit wenig von
meiner schönen Verbündeten gehört.«
    »Deine Verbündete! Deine Mittel sind ...« - »Immer zweckmässig.«
    »Aber nicht immer ...! - Gleichviel, ich gehe mit dir: - noch eine Strecke
Weges, weil ich meinen Helden aus Italien fortaben will, sobald als möglich. Er
soll in Persien Lorbeeren sammeln, statt hier Dornen. Aber ich gehe nicht weiter
mit dir als bis ... -«
    »Zu deinem Ziel, das versteht sich.«
    »Genug. Ich spreche sofort mit Antoninen: ich zweifle nicht am Erfolg. Sie
langweilt sich hier aufs tödlichste. Sie brennt vor Begierde, in Byzanz nicht
nur so manchen Freund wiederzufinden, auch die Feinde ihres Gatten zu
verderben.«
    »Eine gute schlechte Frau.«
    »Aber Witichis? Meinst du, er wird eine Empörung Belisars für möglich
halten?«
    »König Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe. Ich kenne
einen viel schärferen Kopf, der's doch einen Augenblick für möglich hielt. Und
du zeigst ihm ja alles schriftlich. Und jetzt gerade, da er von den Franken im
Stich gelassen ist, geht ihm das Wasser an den Hals: - er greift nach jedem
Strohhalm. Daran also zweifle ich nicht: - versichre dich nur Antoninens.« -
    »Das lass meine Sorge sein. Bis Mittag hoff' ich als Gesandter in Ravenna
einzuziehn.«
    »Wohl: - dann vergiss mir nicht, die schöne Königin zu sprechen.«
 
                              Neunzehntes Kapitel.
Und mittags ritt Prokop in Ravenna ein.
    Er trug vier Briefe bei sich: den Brief Justinians an Belisar, die Briefe
des Frankenkönigs an Cetegus und an Belisar und einen Brief Belisars an
Witichis. Diesen letztern hatte Prokop geschrieben, und Cetegus hatte ihn
diktiert.
    Der Gesandte hatte keine Ahnung, in welcher Seelenverfassung er den König
der Goten und seine Königin antraf. Der gesunde, aber einfache Sinn des Königs
hatte schon seit geraumer Zeit begonnen, unter dem Druck unausgesetzten Unglücks
zwar nicht zu verzagen, jedoch sich zu verdüstern. Die Ermordung seines einzigen
Kindes, das herzzerfleischende Losreissen von seinem Weibe hatten ihn schwer
erschüttert: - aber er hatte es getragen für den Sieg der Goten. Und nun war
dieser Sieg hartnäckig ausgeblieben.
    Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat seiner
Regierung tiefer gefallen: mit einziger Ausnahme des Gefechts bei dem Zug nach
Rom hatte ihm nie das Glück gelächelt.
    Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit dem
Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rückzug geendet. Neue
Unglücksschläge, Nachrichten, die betäubend wie Keulenschläge auf den Helm in
dichter Folge sich drängten, mehrten seine Niedergeschlagenheit und steigerten
sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit.
    Fast ganz Italien, ausserhalb Ravenna, schien Tag für Tag verloren zu gehen.
Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet, unter Mundila,
dem Heruler, und Ennes, dem Isaurier: ohne Schwertstreich gewannen deren
gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da aus fast ganz Ligurien.
Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius, der Bischof dieser Stadt, selbst:
von dort aus gewannen sie Bergomum, Comum, Novaria. Andrerseits ergaben sich die
entmutigten Goten in Clusium und dem halbverfallnen Dertona den Belagerern und
wurden gefangen aus Italien geführt. Urbinum ward nach tapferm Widerstand von
den Byzantinern erobert, ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft Ämilia
durch Johannes den Blutigen: die Versuche der Goten, Ancona, Ariminum und
Mediolanum wieder zu nehmen, scheiterten.
    Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Königs weiches Gemüt.
    Denn inzwischen wütete der Hunger in den weiten Landschaften Ämilia,
Picenum, Tuscien. Dem Pfluge fehlten Männer, Rinder und Rosse.
    Die Leute flüchteten in die Berge und Wälder, buken Brot aus Eicheln und
verschlangen das Gras und Unkraut. Verheerende Krankheiten entstanden aus der
mangelnden oder ungesunden Nahrung. In Picenum allein erlagen fünfzigtausend
Menschen, noch mehr jenseit des Ionischen Meerbusens in Dalmatien, dem Hunger
und den Seuchen. Bleich und abgemagert wankten die noch Lebenden dem Grabe zu:
wie Leder ward die Haut und schwarz, die glühenden Augen traten aus dem Kopf,
die Eingeweide brannten. Die Aasvögel verschmähten die Leichen dieser Pestopfer:
aber von Menschen ward das Menschenfleisch gierig gegessen. Mütter töteten und
verzehrten ihre neugebornen Kinder. In einem Gehöft bei Ariminum waren nur noch
zwei römische Weiber übrig. Diese ermordeten und verzehrten nacheinander
siebzehn Menschen, die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht. Erst der
achtzehnte erwachte, bevor sie ihn im Schlaf zu erwürgen vermochten, tötete die
werwölfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der früheren Opfer ans
Licht.
    Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung.
Die letzteren, die grosse Summen für das zugesagte Hilfsheer empfangen hatten,
verharrten in schweigender Ruhe. Die ungestüm zur Eile, zur Erfüllung der
versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten des Königs wurden
zu Mettis, Aurelianum und Paris festgehalten: keinerlei Antwort kam von diesen
Höfen. Der Langobardenkönig Audoin aber liess sagen: er wolle nichts entscheiden
ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin. Dieser jedoch sei mit grossem Gefolge
auf Abenteuer ausgezogen.
    Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien: - er sei mit Narses
eng befreundet. Dann werde er das Land sich ansehn und seinem Vater und Volke
raten, welche Beschlüsse sie über dies Land Italia fassen sollten.
    Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des
starken Belagerungsheeres, das Belisar selbst, begleitet von Prokop, vor die
Mauern geführt hatte und während der Einschliessung befehligte. Aber es zerriss
dem König das Herz, als ihm durch einen Boten (der nur mit Mühe und verwundet
sich durch die Reihen beider einschliessenden Heere in das drei Tagreisen
entfernte Ravenna schlich) der heldenmütige Graf Wisand der Bandalarius die
folgenden Worte sandte: »Als Du mir Auximum anvertrautest, sagtest Du: ich
sollte damit die Schlüssel Ravennas, ja des Gotenreiches hüten. Ich sollte
männlich widerstehen, dann würdest Du bald mit all' Deinem Heer zu unsrem
Entsatz heranziehen. Wir haben männlich widerstanden Belisar und dem Hunger. Wo
bleibt Dein Entsatz? Wehe, wenn Du recht gesprochen und mit unsrer Feste jene
Schlüssel in der Feinde Hände fallen. Deshalb komm und hilf: - mehr um des
Reichs, als unsrer willen.«
    Diesem Boten folgte bald ein zweiter, ein mit vielem Golde bestochner Soldat
der Belagerer, Burcentius: sein Auftrag lautete - mit Blut war der kurze Brief
geschrieben: - »Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen, das aus den Steinen
wächst. Länger als fünf Tage können wir uns nicht mehr halten.« Der Bote fiel
auf der Rückkehr mit der Antwort des Königs in die Hand der Belagerer, die ihn
im Angesicht der Goten vor den Wällen von Auximum lebendig verbrannten.
    Ach und der König konnte nicht helfen!
    Noch immer widerstand das Häuflein Goten in Auximum, obwohl ihnen Belisar
durch Zerstörung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten Brunnen,
der ihnen geblieben und nicht abzugraben war, durch Leichen von Menschen und
Tieren und Kalklösungen vergiftete. Sturmangriffe schlug Wisand immer noch
blutig ab: nur durch Aufopferung eines Leibwächters entging einmal Belisar
hierbei dem ganz nahen Tode.
    Endlich fiel zuerst Cäsena, die letzte gotische Stadt in der Ämilia, und
dann Fäsulä, das Cyprianus und Justinus belagerten. »Mein Fäsulä!« rief der
König, als er es erfuhr: - denn er war Graf dieser Stadt gewesen und dicht dabei
lag das Haus, das er mit Rautgundis bewohnt hatte. »Die Hunnen hausen wohl an
meinem zerstörten Herd!«
    Als aber die gefangene Besatzung von Fäsulä den Belagerten in Auximum in
Ketten vor Augen geführt und von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von
Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde, da nötigten den Bandalarius seine
verhungerten Scharen zur Übergabe.
    Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus.
    Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien geführt. Ja, so tief
gesunken war Mut und Volksgefühl der endlich Bezwungenen, dass sie unter Graf
Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen unter
Belisars Fahnen.
    Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen Belagerer
dieser Feste zurückgeführt in das Lager vor Ravenna, wo er Cetegus den bisher
anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm.
    Es war, als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenkönigs hafte, auf dem so
schwer die Krone lastete. Da er nun den Grund seines Misslingens keiner Schwäche,
keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben, da er ebensowenig an dem guten
Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine einfache Gottesfurcht
in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des Himmels erblicken konnte, so
kam er immer wieder auf den quälenden Gedanken, es sei um seiner unvergebenen
Sündenschuld willen, dass Gott die Goten züchtige: eine Vorstellung, welche die
Anschauungen des die Zeit beherrschenden Alten Testaments ihm nicht minder
nahelegten als viele Züge der alten germanischen Königssage.
    Diese Gedanken verfolgten unablässig den tüchtigen Mann und nagten Tag und
Nacht an der Kraft seiner Seele. Bald suchte er im selbstquälerischen Grübeln
jene seine geheime Schuld zu entdecken. Bald sann er nach, wie er den ihn
verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden könne. Längst hätte er die
Krone einem andern abgetreten, wenn ein solcher Schritt in diesem Augenblick
nicht ihm und andern als Feigheit hätte erscheinen müssen. So war ihm auch
dieser Ausweg - der nächste und liebste - aus seinen quälenden Gedanken
verschlossen. Gebeugt sass jetzt oft der sonst so stattliche Mann, blickte lange
starr und schweigend vor sich hin, nur manchmal das Haupt schüttelnd oder tief
aufseufzend.
    Der tägliche Anblick dieses stillen, stolzen Leidens, dieses stummen und
hilflosen Erduldens eines niederdrückenden Geschickes blieb, wie wir gesehen,
nicht ohne Eindruck auf Mataswinta. Auch glaubte sie sich nicht darin getäuscht
zu haben, dass seit geraumer Zeit sein Auge milder als sonst, mit Wehmut, ja mit
Wohlwollen auf ihr geruht habe. Und so drängte sie teils uneingestandene
Hoffnung, die so schwer erlischt im liebenden Herzen, teils Reue und Mitleid
mächtiger als je zu dem leidenden König.
    Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit
vereint. Die Bevölkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen angefangen,
während die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und aus Calabrien und
Sizilien reiche Vorräte bezogen, Mangel zu leiden. Nur die Reichen vermochten
noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen. Des Königs mildes Herz nahm
keinen Anstand, aus dem Überfluss seiner Magazine, die, wie gesagt, die doppelte
Zeit bis zu dem Eintreffen der Franken auszureichen versprachen, auch an die
Armen der Stadt wohltätige Verteilungen zu machen, nachdem er seine gotischen
Tausendschaften versorgt hatte: auch hoffte er auf eine grosse Menge von
Getreideschiffen, welche die Goten in den oberen Padusgegenden auf diesem Flusse
zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten.
    Um aber jeden Missbrauch und alles Übermass bei jenen Spenden fernzuhalten,
überwachte der König selbst diese Austeilungen: und Mataswinta, die ihn einmal
mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen, hatte sich neben
ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris gestellt und ihm
geholfen, die Körbe mit Brot verteilen. Es war ein schöner Anblick, wie das
Paar, er zur Rechten, die Königin zur Linken, vor der Kirchenpforte standen und
über die Stufen hinab dem segenrufenden Volk die Spende reichten.
    Während sie so standen, bemerkte Mataswinta unter der drängenden, flutenden
Volksmasse, - denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten vor den
Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengeströmt, - auf der
untersten Stufe der Basilika seitwärts ein Weib in schlichtem, braunem, halb
über den Kopf gezogenem Mantel. Dies Weib drängte nicht mit den andern die
Stufen hinan, um auch Brot für sich zu fordern: sondern lehnte, vorgebeugt, den
Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen hohen Sarkophag gestützt,
hinter der Ecksäule der Basilika und blickte scharf und unverwandt auf die
Königin.
    Mataswinta glaubte, das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz
abgehalten, sich unter die keckern Bettler zu mischen, die auf den Stufen sich
stiessen und drängten: und sie gab Aspa einen besondern Korb mit Brot,
hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen. Sorglich bemüht häufte sie mit mildem
Blick und mit den beiden weissen Händen tätig das duftende Gebäck. -
    Als sie aufsah, begegnete sie dem Auge des Königs, das, sanft und freundlich
gerührt, wie noch nie, auf ihr geruht hatte. - Heiss schoss ihr das Blut in die
Wangen und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern.
    Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte, war diese
verschwunden. Der Platz am Sarkophag war leer.
    Sie hatte, während sie den Korb füllte, nicht bemerkt, wie ein Mann mit
einem Büffelfell und einer Sturmhaube, der hinter der Frau stand, sie beim Arme
gefasst und mit sanfter Gewalt hinweggeführt hatte. »Komm,« hatte er gesagt,
»hier ist kein guter Ort für dich.« Und wie im wachen Traum hatte das Weib
geantwortet: »Bei Gott, sie ist wunderschön.«
    »Ich danke dir, Mataswinta!« sprach der König freundlich, als die für heute
bestimmten Spenden verteilt waren.
    Der Blick, der Ton, das Wort drangen tief in ihr Herz. Nie hatte er sie
bisher bei ihrem Namen genannt, immer nur die Königin in ihr gesehen und
angesprochen. Wie beglückte sie das Wort aus seinem Munde - und wie schwer
lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewussten Seele! Offenbar hatte
sie sich zum Teil seine wärmere Stimmung durch ihr werktätiges Mitleid mit den
Armen erworben. »O er ist gut,« sagte sie, halb weinend vor Erregung, »ich will
auch gut sein.«
    Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken
Flügels des Palastes trat - Witichis bewohnte den rechten - eilte ihr Aspa
geschäftig entgegen. »Ein Gesandter aus dem Lager,« flüsterte sie der Herrin
eifrig zu. »Er bringt geheime Botschaft vom Präfekten einen Brief, von Syphax'
Hand, in unsrer Sprache - er harrt auf Antwort ...« -
    »Lass,« rief Mataswinta, die Stirne furchend, »ich will nichts hören, nichts
lesen. Aber wer sind diese?«
    Und sie deutete auf die Treppe, die aus der Vorhalle in ihre Gemächer
führte. Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber, Kinder, Kranke, Goten und
Italier durcheinander, in Lumpen gehüllt - eine Gruppe des Elends.
    »Bettler, Arme, sie liegen hier schon den ganzen Morgen. Sie sind nicht zu
verscheuchen.« - »Man soll sie nicht verscheuchen!« sprach Mataswinta,
nähertretend.
    »Brot, Königin! Brot, Tochter der Amalungen!« riefen mehrere Stimmen ihr
entgegen. »Gib ihnen Gold, Aspa, alles, was du bei dir trägst und hole ... -« -
»Brot! Brot! Königin, nicht Gold! um Gold ist kein Brot mehr zu haben in der
Stadt.«
    »Vor des Königs Speichern wird es umsonst verteilt. Ich komme gerade davon
her, warum wart ihr nicht dort?«
    »Ach Königin, wir können nicht durchdringen,« jammerte eine hagere Frau.
»Ich bin alt, und meine Tochter hier ist krank, und jener Greis dort ist blind.
Die Gesunden, die Jungen stossen uns zurück. Drei Tage haben wir's umsonst
versucht: wir dringen nicht durch.« - »Nein, wir hungern,« grollte der Alte. »O
Teoderich, mein Herr und König, wo bist du? Unter deinem Zepter hatten wir
vollauf. - Da kamen die Armen und Siechen nicht zu kurz. Aber dieser
Unglückskönig ... -«
    »Schweig,« sprach Mataswinta, »der König, mein Gemahl« und hier flog ein
wunderschönes Rot über ihre Wangen - »tut mehr als ihr verdient. Wartet hier,
ich schaffe euch Brot. Folge mir, Aspa.«
    Und rasch schritt sie hinweg. »Wohin eilst du?« fragte die Sklavin staunend.
    Und Mataswinta schlug den Schleier über ihr Antlitz, als sie antwortete:
»Zum König!«
    Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht, bat sie der Türsteher, der sie
mit Befremden erkannte, zu verweilen. »Ein Abgesandter Belisars habe geheime
Audienz: er sei schon lange im Gemach und werde es bald verlassen.«
    Da öffnete sich die Türe: - und Prokop stand zögernd auf der Schwelle.
»König der Goten,« sprach er, sich nochmals wendend, »ist das dein letztes
Wort?« - »Mein letztes, wie's mein erstes war,« sprach der König voller Würde. -
»Ich gönne dir noch Zeit: - ich bleibe noch bis morgen in Ravenna.« - - »Von
jetzt an bist du mir als Gast willkommen, nicht mehr als Gesandter.« - »Ich
wiederhole: fällt die Stadt mit Sturm, so werden alle Goten, die höher als
Belisars Schwert, getötet - er hat's geschworen! Weiber und Kinder als Sklaven
verkauft - du begreifst: Belisar kann keine Barbaren brauchen in seinem Italien
- dich mag der Tod des Helden locken: aber bedenke die Hilflosen - ihr Blut wird
vor Gottes Tron -« - »Gesandter Belisars, ihr steht in Gottes Hand wie wir, leb
wohl.« Und so mächtig wurden diese Worte gesprochen, dass der Byzantiner gehen
musste, so ungern er es tat. Die schlichte Würde dieses Mannes wirkte stark auf
ihn. Aber auch auf die Lauscherin.
    Als Prokop die Türe schloss, sah er Mataswinta vor sich stehn und trat
bewundernd einen Schritt zurück, geblendet von so viel Schönheit. Ehrerbietig
begrüsste er sie. »Du bist die Königin der Goten!« sagte er, sich fassend, »du
musst es sein.«
    »Ich bin's!« sagte Mataswinta, »hätt' ich das nie vergessen.« Und stolz
rauschte sie an ihm vorüber.
    »Augen haben diese Germanen, Männer und Weiber,« sagte Prokop im
Hinausgehen, »wie ich sie nie gesehen.«
 
                              Zwanzigstes Kapitel.
Mataswinta war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.
    Witichis hatte alle Gemächer, welche die Amalungen, Teoderich, Atalarich,
Amalaswinta bewohnt (sie lagen im Mittelbau des weitläufigen Palastes)
unberührt gelassen und einige auch früher schon von ihm, wenn er die Wache am
Hofe hatte, bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen. Er hatte die Gold-und
Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen Zimmern allen königlichen
Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern Eisenfüssen, auf welchem sein Helm, sein
Schwert und mehrere Urkunden lagen, ein langer Eichentisch und wenig Holzgerät
standen in dem einfachen Gelass.
    Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschöpft, mit dem Rücken gegen
die Tür in einen Stuhl geworfen und stützte das müde Haupt in beiden Händen auf
den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt der Eintretenden nicht
bemerkt.
    Mataswinta blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch
niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte mächtig. Sie konnte ihn nicht ansprechen:
sie konnte nicht nähertreten.
    Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt an
der Türe stehen. »Du hier, Königin?« sprach er staunend und trat ihr einen
Schritt entgegen. »Was kann dich zu mir führen?«
    »Die Pflicht - das Mitleid« - sagte Mataswinta rasch. »Sonst hätte ich
nicht - - ich habe eine Bitte an dich.«
    »Es ist die erste,« sagte Witichis. - »Sie betrifft nicht mich« fiel sie
schnell ein - »Ich bitte dich um Brot für Arme, Kranke, welche -«
    Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin. -
    Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und hätte es doch, o
wie gerne, getan. So fasste er selbst ihre Hand und drückte sie leicht.
    »Ich danke dir, Mataswinta, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch
ein Herz für dein Volk und seine Leiden. Ich hätte das nie geglaubt: ich habe
hart von dir gedacht.«
    »Hättest du von jeher anders von mir gedacht: - es wäre vielleicht manches
besser.«
    »Schwerlich! Das Unglück heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt - du hast
ein Recht, es zu wissen - brach meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf deren
Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmöglich: die Übermacht der
Feinde durch den Abfall der Italier allzugross. Es bleibt nur noch ein letztes:
ein freier Tod.«
    »Lass mich ihn mit dir teilen,« rief Mataswinta, und ihre Augen leuchteten.
- »Du? nein; die Tochter Teoderichs wird ehrenvolle Aufnahme finden am Hofe von
Byzanz. Man weiss, dass du gegen deinen Willen meine Königin geworden ... - Du
kannst dich laut darauf berufen.«
    »Nimmermehr!« sprach Mataswinta begeistert.
    Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: »Aber die
andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern! Belisar
hält, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie: - eine einzige!
Denn - alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich. Der Padus ist
plötzlich so seicht geworden, dass zweihundert Getreideschiffe, die ich
erwartete, nicht rasch genug den Fluss herabgebracht werden konnten: die
Byzantiner haben sie aufgefangen!
    Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben: er soll seine
Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen, so
kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll. Auch du
kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.«
    »Ich will mit dir -, mit euch sterben.«
    »In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen.
Bis dahin reichen meine Speicher - der letzte Trost. Doch, das mahnt mich an
deinen Wunsch: - Hier ist der Schlüssel zu dem Haupttor der Speicher. Ich trag'
ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: - er verwahrt meine letzte
Hoffnung. Er schliesst das Leben von vielen Tausenden ein. Es war meine einzige
Mühewaltung, die nicht fruchtlos blieb. Mich wundert,« fügte er schmerzlich
hinzu, »dass nicht die Erde sich aufgetan hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist,
diese meine Bauten zu verschlingen.«
    Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses. »Hüt'
ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswinta.«
    »Ich danke dir, Witichis - König Witichis -«, sagte sie, verbessernd, und
griff nach dem Schlüssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.
    »Was ist dir,« fragte der König, den Schlüssel ihr in die Rechte drückend, -
sie steckte ihn in den Gürtel ihres weissseidnen Unterkleides - »du zitterst?
Bist du krank?« setzte er besorgt hinzu.
    »Nein - es ist nichts. - Aber sieh mich nicht an so - so wie jetzt und wie
heute morgen ... -« »Vergib mir, Königin,« sagte Witichis, sich abwendend.
»Meine Blicke sollten dich nicht kränken. Ich hatte viel, recht viel Gram in
diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich all dies Unglück
verdient haben könnte ...« - seine Stimme wurde weich.
    »Dann? o rede?« bat Mataswinta hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr
an dem Sinn seines unausgesprochenen Gedankens.
    »Dann hab' ich, unter all' den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es
nicht Strafe sei für eine harte, harte Tat, die ich an einem herrlichen Geschöpf
begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert -.« Und unwillkürlich sah
er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin.
    Mataswintens Wangen erglühten: sie fasste, sich aufrecht zu halten, nach der
Lehne des Stuhles neben ihr. »Endlich - endlich erweicht sein Herz und ich - was
habe ich ihm getan!« dachte sie, »und Er bereut -«
    »Ein Weib,« fuhr er fort, »das unsäglich um mich gelitten, mehr als Worte
sagen können.« - »Halt ein!« flüsterte sie so leise, dass er es nicht vernahm.
»Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher, milder,
weiblicher als je zuvor - dann rührtest du mein Herz mit Macht: und Tränen
drangen in meine Augen.« -
    »O Witichis!« hauchte Mataswinta.
    »Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst
mich dann so ganz, so herzerschütternd an -«
    »An wen?« fragte Mataswinta und wurde leichenblass.
    »Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib
Rautgundis, die Seele meiner Seele.« Wie lange hatte er den geliebten Namen
nicht mehr laut gesprochen! Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang die Macht
des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend bedeckte er sein
Gesicht mit beiden Händen.
    Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzähnlich durch die Gestalt
der Königin zuckte, ihr schönes Antlitz sich medusenhaft verzerrte. Doch hörte
er einen dumpfen Schlag und wandte sich.
    Mataswinta war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die
durchbrochene Rücklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war, während die
Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches Haupt war vorgebeugt,
das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus dem Scheitelband, über ihre
Schultern: ihre scharf geschnittenen Nüstern flogen.
    »Königin!« rief er hinzueilend, sie aufzuheben, »was hat dich befallen?«
    Aber ehe er sie berühren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und
richtete sich hoch auf: »Es war eine Schwäche,« sagte sie, »die jetzt vorbei: -
leb wohl!« Wankend erreichte sie die Tür und fiel draussen bewusstlos in Aspas
Arme.
                                     * * *
    Unterdessen hatte sich das unheimliche, drohende Ansehen der ganzen Natur
noch gesteigert.
    Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cetegus am Tage zuvor bemerkt, war der
Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die Nacht über aus
dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen unbeweglich, wie Verderben
brütend, über dem Meere stand und die Hälfte des Horizonts bedeckte.
    Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus dem
unbewölkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch abgelegt: sie
setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser unleidlichen Hitze aus.
Kein Lüftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der jene Wolkenschicht
heraufgeführt, war plötzlich gefallen. Unbeweglich, bleigrau lag das Meer: die
Zitterpappeln im Schlossgarten standen regungslos.
    Allein in die tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und Unruhe
geraten. An dem heissen Sand der Küste hin flatterten Schwalben, Möven und
Sumpfvögel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der Erde hinstreichend
und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber liefen die Hunde winselnd
aus den Häusern: die Pferde rissen sich in den Ställen los und schlugen,
ungeduldig schnaubend, dröhnenden Hufes um sich; kläglich schrieen Katzen, Esel
und Maultiere und von den Dromedaren Belisars rasten und schäumten sich drei zu
Tode, in wütenden Anstrengungen, zu entkommen. -
    Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte alsbald unter den Horizont zu
sinken.
    Auf dem Forum des Herkules sass ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe
vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte Rebenzweig
über seiner Tür zeigte, in seinem Hause selbst von seinem Gewächs. Er blickte
nach dem drohenden Wettergewölk. »Ich wollte, es käme Regen,« seufzte er. »Kömmt
nicht Regen, so kömmt Hagel und zerschlägt vollends, was an Wachstum draussen die
Rosse der Feinde noch nicht zerstampft haben.«
    »Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?« flüsterte sein Sohn, ein
römischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische Runde.
    »Ich wollte, der Orkus verschlänge sie alle miteinander, Griechen und
Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kömmt der lange
Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn er heute
nicht trinken wollte da die Steine bersten möchten vor Trockenheit.«
    Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam heran,
den Helm im linken Arm, die lange Lanze lässig über der Schulter. Er schritt an
der Weinschenke vorbei, zu grossem Befremden ihres Herrn, bog in die nächste
Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken Rundturm - er hiess der
Turm des Aetius -, in dessen Schatten oben auf dem Walle ein schöner junger Gote
auf und nieder schritt. Lange, hellblonde Locken rieselten auf seine Schultern:
und das zarte Weiss und Rot seines Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben
ihm ein fast mädchenhaftes Ansehn.
    »He, Fridugern,« rief ihm Hildebad hinauf, »huiweh! Blitzjunge, hältst du's
noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer - uf!«
    »Ich habe die Wache, Hildebad!« sagte der Jüngling sanft.
    »Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar
stürmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute kein
Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen - der dicke Ravennate auf dem
Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter: - lass uns beide zu Munde
führen.«
    Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich.
»Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen. Durst habe ich freilich: - schicke
mir einen Becher Wein herauf.«
    »Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut über den
Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei
gebrochen, wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst. O lieber
Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts für ungut. Mir kann's ja recht sein.
Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter werden. Ich schicke dir
vom roten Massiker heraus: - da kannst du dann allein Allguntens Minne
trinken.«
    Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte
ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flüsterte: »All' Heil,
Allguntis!« und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze wieder auf die
Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen Schrittes. »Von ihr
sinnen und träumen darf ich wenigstens,« sagte er, »das wehrt kein Dienst. Wann
werd' ich sie wohl wiedersehn?« Und er schritt weiter: und blieb dann
gedankenvoll im Schatten des mächtigen Turmes stehn, der schwarz und drohend auf
ihn niedersah. -
    Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie führten in der
Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und liessen ihn zur Porta Honorii hinaus.
Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden gewartet
hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom König kam: und missmutig verliess der
Gesandte die Stadt. Des Präfekten feiner Plan war, so schien es, an der
schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert. -
    Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kühler geworden. Da
erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoss aus Süden: er schob die
schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten jetzt dicht
und schwer über der Stadt.
    Aber auch das Meer, der Südosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine zweite,
gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich unmittelbar an die
erste geschlossen. Der ganze Himmel über Meer und Land war jetzt ein schwarzes
Gewölbe.
    Hildebad ging, weinmüde, nach seinem Nachtposten an der Porta Honorii: »Noch
immer auf Wache, Fridugern?« rief er dem jungen Goten hinauf. »Und noch immer
kein Regen! Die arme Erde! Wie sie dürsten muss! sie dauert mich! Gute Wache!«
    In den Häusern war es unleidlich schwül: denn der Wind kam aus den heissen
Sandwüsten Afrikas.
    Die Leute drängten sich, geängstigt von dem drohenden Aussehen des Himmels,
hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Strassen oder lagerten sich
in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken. Auf den Stufen von
Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen. Und es ward, obwohl erst
Sonnenuntergangszeit, doch völlig dunkle Nacht.
                                     * * *
    Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswinta, die Königin, mit
todesbleichen Wangen, in schwerer Betäubung. Aber ohne Schlaf. Die
weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit.
    Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und
zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.
    Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder: Witichis
- Rautgundis - Mataswinta! Mataswinta - Rautgundis - Witichis!
    Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf
dieser Worte unterbrechen zu können.
    Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach, und
im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner, wie
sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend über die bebende
Stadt.
    Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte
sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen. Sie
trug nur noch das weissseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen ihres
Haares über die Schultern und lauschte.
    Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.
    Ein Windstoss riss heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe
führte. Mataswinta starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden Augenblick
von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhörlich rollte der Donner, selbst
das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend. Der Kampf der Elemente tat ihr
wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestützt und mit der Rechten langsam
über die Stirne streichend.
    Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer
geschlossenen Glaskugel brannte.
    »Königin, du ... - Aber, bei allen Göttern, wie siehst du aus! Wie eine
Lemure. Wie die Rachegöttin!«
    »Ich wollte, ich wäre es,« sagte Mataswinta - es war das erste Wort seit
langen Stunden, - ohne den Blick vom Fenster zu wenden.
    Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloss das Fenster. »O
Königin, die Frommen unter deinen Mägden sagen: das sei das Ende der Welt, das
da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu richten die
Lebendigen und die Toten. Huh, welch' ein Blitz! Und noch kein Tropfen Regen.
Nie hab' ich solch ein Unwetter gesehen. Die Götter zürnen schwer.«
    »Wehe, wem sie zürnen. O, ich beneide sie, die Götter. Sie können hassen und
lieben, wie's ihnen gefällt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder liebt.«
    »Ach, Herrin, ich war auf der Strasse: ich komme gerade zurück. Alles Volk
strömt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versöhnen. Ich bete zu
Kairu und Astarte - Herrin, betest du nicht auch?«
    »Ich fluche! Das ist auch gebetet.«
    »Oh, welch ein Donnerschlag!« schrie die Sklavin und stürzte zitternd in die
Kniee. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren Schultern. Der
Blitz und Donner war so stark gewesen, dass Mataswinta aus den Kissen gesprungen
und ans Fenster geeilt war.
    »Gnade, Gnade, ihr grossen Götter! erbarmt euch der Menschen!« flehte die
Afrikanern.
    »Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben über die elende Menschheit!
    Ha das war schön! Hörst du, wie sie unten heulen vor Angst auf der Strasse?
Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Götter, wenn ein Himmelsgott oder
Himmelsgötter sind - nur um eins beneid' ich euch -: um die Macht eures Hasses,
um euren raschen, geflügelten, tödlichen Blitz! Ihr schwingt ihn mit der ganzen
Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde vergehn: und ihr lacht dazu: - der
Donner ist euer Gelächter! Ha, was war das?«
    Ein Blitz und ein Donner, der alle frühern übertraf, zuckte und krachte.
Aspa fuhr vom Boden auf.
    »Was ist das für ein grosses Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenüber? Der
Blitz hat wohl gezündet: - brennt es?«
    »Nein, Dank den Göttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur beleuchtet.
Es sind die Kornspeicher des Königs.«
    »Ha, habt ihr fehlgebljetzt, ihr Götter?« So schrie die Königin. »Auch die
Sterblichen führen den Blitz der Rache.«
    Und sie sprang vom Fenster hinweg, - und das Gemach war plötzlich dunkel.
    »Königin - Herrin - wo bist - wohin bist du verschwunden?« rief Aspa. Und
sie tastete an den Wänden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst nach
ihrer Herrin.
                                     * * *
    Unten auf der Strasse wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein
frommer Zug.
    Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit
Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und Fahnen. Und
durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des Sturmes scholl die alte,
feierlich ergreifende Weise:
dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:
malo mori quam foedari: major vis amoris est.
Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:
parce, judex, contristatis, parce pecatoribus,
qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus.
    Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nächsten Aufseher der
Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.
    Auf den Stufen der Basilika, gerade der Tür der Speicher gegenüber, sass das
Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente, die Hände
nicht gefaltet, aber ruhig im Schoss liegend. Der Mann in der Sturmhaube stand
neben ihr.
    Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines
Blitzes. »Du wieder hier, Landsmännin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft genug
mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?«
    »Ich bin fremd. Doch hab' ich Obdach.« - »Komm mit in die Kirche und bete
mit uns.«
    »Ich bete hier.« - »Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?«
    »Gott hört mich doch.« - »Bete doch für die Stadt. Sie fürchten, es komme
das Ende der Welt.«
    »Ich fürchte es nicht, wenn es kommt.«
    »Und bete für unsern guten König, der uns Brot gibt alle Tage.« - »Ich bete
für ihn.«
    Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich an
der Basilika kreuzten.
    »Ei, so donnre, bis du springst,« schalt der Führer der einen Schar, »aber
brumme mir nicht in meinen Befehl.
    Haltet an. Wisand, du bist's? Wo ist der König? Auch in der Kirche?«
    »Nein, Hildebad, auf den Wällen.«
    »Recht so, da gehört er hin! Vorwärts, Heil dem König.« Und die Schritte
verhallten.
    Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler vorbei. »Aber,
Magister,« mahnte der jüngste, »ich dachte, du wolltest in die Kirche? Warum
führst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?«
    »Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche!
Ich sage dir, je weniger ich Dächer und Mauern um mich weiss, desto wohler ist
mir. Ich führ' euch auf die grosse, freie Wiese in der Vorstadt. Ich wollte, wir
hätten Regen. Wäre der Vesuvius nahe genug, wie in meiner Heimat, ich dächte,
Ravenna werde heut' ein zweites Herculaneum. Ich kenne solche Luft, wie sie
heute - ich traue nicht!« Und sie gingen vorüber.
    »Willst du nicht mit mir gehn, Frau?« sprach der Mann in der Sturmhaube zu
der Gotin. »Ich muss sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen: sonst
kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich nicht allein
lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.«
    »Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh' nur, ich komme nach. Ich
muss noch was zu Ende denken -, zu Ende beten.« Und die Frau blieb allein. Sie
presste beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen den schwarzen Himmel:
leise nur bewegten sich ihre Lippen.
    Da war es ihr, als sähe sie in den Hochgängen, Galerien und Oberhallen des
gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenüber lagen,
aus dem steinernen Rundbau des Zirkus ragend, ein Licht auftauchen und hin und
wieder, auf- und abwärts wandeln. Es musste wohl eine Täuschung durch die Blitze
sein. Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in den nach aussen offenen
Galerien verlöscht.
    Aber nein: es war doch ein Licht.
    Denn in regelmässigen Zwischenräumen wechselte sein Aufleuchten und sein
Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gängen mit ihren
verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen würde. Scharf sah die Frau nach
dem wechselnden Licht und Schatten ... - -
    Aber plötzlich - o Entsetzen - fuhr sie empor.
    Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend
Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde - und
schwankte, - stark, - von der Linken zur Rechten. -
    Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. -
    Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das Licht
und verschwand plötzlich. -
    Aber auch die Frau auf der Strasse stiess einen leisen Angstruf aus. Denn
jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! - Ein leises
Zucken: und plötzlich zwei, drei starke Stösse: als hebe sich wellenförmig der
Boden von der Linken zur Rechten.
    Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei. Aus den Türen der Basilika stürzte in
Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. - Noch ein Stoss! - Die Frau
hielt sich mit Mühe aufrecht.
    Und fernher, von der Aussenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes
Krachen, wie von massenhaft stürzenden, schweren Lasten.
    Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel.
Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte, drehte sie
einen Augenblick den Speichern den Rücken. Aber rasch wandte sie sich diesen
wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Türe zugefallen. Scharf blickte
sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur
ihr Ohr hörte etwas sacht an der Aussenmauer des Gebäudes dahinrascheln. Und sie
glaubte, ein leises Seufzen zu vernehmen.
    »Halt,« rief die Frau, »wer jammert da?«
    »Still, still,« flüsterte eine seltsame Stimme, »die Erde hat darüber - vor
Abscheu - sich geschüttelt, gebebt. Die Erde bebt - die Toten stehen auf. - Es
kommt der jüngste Tag, - der deckt alles auf. - Bald wird er's wissen. - Oh. -«
Und ein tiefgezogener Klagelaut - und ein Rauschen von Gewändern - und Stille.
    »Wo bist du? bist du wund?« rief die Frau tastend.
    Da zuckte ein heller Blitz, - der erste seit dem Erdstoss - und zeigte vor
ihren Füssen liegend, eine verhüllte Gestalt. Weisse und dunkelblaue
Frauenkleider. - Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.
    Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im
Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein
Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grünen Schlange von
Smaragden, die in ihrer Hand zurückgeblieben, war ein Pfand der Wirklichkeit
dieser unheimlichen Erscheinung.
                                     * * *
    Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. »Hildebad,
Hildebad, zu Hilfe!« rief Wisand. »Hier bin ich: - was ist? wohin soll ich?«
fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. »An das Tor des Honorius! Dort
ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius liegt in Trümmern. - Zu
Hilfe, in die Lücke!«
    »Ich komme: - - armer Fridugern!«
                                     * * *
    In dem gleichen Augenblick stürmte draussen im Lager der Byzantiner Cetegus
der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller Rüstung, der
purpurdunkle Rossschweif flatterte um seinen Helm. Seine Gestalt war hoch
aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. »Auf! was säumst du, Feldherr
Justinians? Die Mauern deiner Feinde stürzen von selber ein.
    Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. - Und du? was tust
du in deinem Zelt? - -«
    »Ich verehre die Grösse des Allmächtigen!« sagte Belisar mit edler Ruhe.
Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. - Ein Betschemel
und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Tun die wilde Glut des Präfekten das Paar
gestört. »Das tu' morgen. - Nach dem Sieg. Jetzt aber: stürme!«
    »Jetzt stürmen!« sprach Antonina, »welcher Frevel!«
    »Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und erschreckt. Denn Gott
der Herr spricht in diesen Wettern!«
    »Lass ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aëtius und ein
gutes Stück Mauer ist eingestürzt. Ich frage dich, willst du stürmen?«
    »Er hat nicht unrecht,« meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. -
»Aber es ist finstre Nacht. - -«
    »Im Finstern find' ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch
leuchten die Blitze.«
    »Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig,« zögerte Belisar.
    »Ja, denn jetzt hat's Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren sind verblüfft.
    Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde.«
    Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt.
»Belisar,« meldete der erste, »der Erdstoss hat deine Zelte am Nordgraben
umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!« - »Hilfe, Hilfe!
meine armen Leute!« rief Belisar und eilte aus dem Zelte. »Cetegus,« berichtete
Marcus, »auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt unter ihren Zelten
verschüttet.« Aber ungeduldig, den Helm schüttelnd, frug der Präfekt: »was ist
mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem Aëtiusturm? hat der Erdspalt es
nicht verringert?« - »Ja, das Wasser ist verschwunden - der Graben ist ganz
trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine Isaurier sind's: sie stöhnen und wimmern
unter der Verschüttung und schreien um Hilfe.«
    »Lass sie schreien!« sprach Cetegus. - »Der Graben ist wirklich trocken? So
lass zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Söldnern, die noch leben.«
    Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhörlich rasten, eilte der
Präfekt zu seinen Schanzen, wo seine römischen Legionare und der Rest der
Isaurier unter Waffen standen. Rasch übersah er sie: es waren viel zu wenige, um
mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wusste, dass ein günstiger Erfolg
alsbald Belisar mit fortreissen würde. »Lichter, Fackeln her!« rief er und trat
mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte seiner römischen Legionare.
»Vorwärts,« befahl er, »die Schwerter heraus!«
    Aber kein Arm rührte sich.
    Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Führer, auch
die Licinier, auf den dämonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur nur an
sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als Mittel ansah zu
seinem Zweck.
    »Nun, habt ihr auf mich zu hören, oder auf den Donner?« rief er.
    »Feldherr,« mahnte ein Centurio vortretend, »sie beten. Denn die Erde bebt.«
    »Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Römer, seht:
der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bäumt sich,
sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen. Roma! Roma aeterna!«
    Das zündete. Es war eines jener cäsarischen Worte, welche die Männer und die
Waffen fortreissen.
    »Roma! Roma aeterna!« riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der
römischen Jünglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und Donner
und Sturm, folgten sie dem Präfekten, dessen dämonischer Schwung sie mit
fortriss. Die Begeisterung lieh ihnen Flügel. Rasch waren sie über den breiten
Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. - Cetegus der erste am
jenseitigen Rand. - Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht. Im Finstern fand er
den Weg. »Hierher, Licinius,« rief er, »mir nach! hier muss die Lücke sein.«
    Und er sprang vorwärts, rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte
zurück. »Was ist das?« fragte Lucius Licinius hinter ihm, »eine zweite Mauer?« -
»Nein,« sprach eine ruhige Stimme von drüben, »aber gotische Schilde.« - »Das
ist der König Witichis,« sagte der Präfekt grimmig und mass mit bitterem Hass die
dunkeln Gestalten. Er hatte auf Überraschung gezählt. Seine Hoffnung war
getäuscht. »Hätt' ich ihn,« sprach er grimmig in sich hinein, »er sollte nicht
mehr schaden.«
    Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar, und die Trompeten
schmetterten. Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz. Prokop
erreichte den Präfekten: »Nun, was stockt ihr? Halten euch neue Wälle auf?«
    »Ja, lebendige Wälle. Da stehen sie,« und der Präfekt deutete mit dem
Schwert. »Unter den noch fallenden Trümmern, diese Goten!« -
    »Nun wahrlich!« rief Prokop: »si fractus illabatur orbis, impavidos ferient
ruinae! Das sind mutige Männer.«
    Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen
heran. Einen Augenblick, - nur die Führer eilten noch, Befehle erteilend hin und
wieder, - einen Augenblick noch, und ein furchtbares Morden musste beginnen.
    Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt. Eine Flammensäule
schoss hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom Himmel
zu regnen. Im roten Licht glänzte ganz Ravenna. Es war ein furchtbar herrlicher
Anblick.
    Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.
    »Feuer! Feuer! Witichis! König Witichis,« schrie jetzt ein Reiter, der von
der Stadt herjagte, »es brennt.«
    »Das sehen wir. Lass brennen, Markja! Erst fechten, dann löschen.«
    »Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in
Myriaden Funken durch die Luft.«
    »Die Speicher brennen!« schrien Goten und Byzantiner.
    Witichis versagte die Stimme, zu fragen. »Der Blitz muss schon lange im
Innern gezündet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da sieh',
sieh' hin. -«
    Ein stärkerer Stoss des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie
riesengross. Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer. Zugleich schien der
hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen. Denn nach einem
schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken empor. Es war
ein Flammenmeer.
    Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: - matt sank sein Arm
herunter.
    Cetegus sah's: »Jetzt,« rief er, »jetzt zum Sturm!«
    »Nein, haltet ein!« rief mit Löwenstimme Belisarius. »Der ist ein Feind des
Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurück ins Lager alle: jetzt
ist Ravenna mein - und morgen fällt's von selbst.«
    Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. Cetegus knirschte. Er
allein war zu schwach. Er musste nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er hatte
die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren Hauptwerken
festzusetzen.
    Und er sah voraus, dass sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert werden.
Grollend führte er die Seinen zurück.
    Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cetegus dachten.
 
                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad übertragen
und war sofort auf die Brandstätte geeilt.
    Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: - aber nur aus Mangel
an Nahrung. Der ganze Inhalt, der Speicher, samt deren Brettergerüsten, und dem
Dach, alles was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den letzten Splitter und das
letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, russ- und rauchgeschwärzten Steinmauern
des ursprünglichen Marmorbaus, des Zirkus des Teodosius, starrten noch gen
Himmel.
    Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer musste
sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben
mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des Holzbaus
schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den Dachlücken
herausschlugen, war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald darauf der Rest des
Holzbaues zusammengestürzt: die Einwohner hatten vollauf zu tun, die nächsten,
teilweise schon vom Feuer ergriffenen Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe
des Regens, der kurz vor Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem
Blitz und Donner ein Ende machte.
    Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das Gewölk
zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der Mitte des
Marmorrundbaues.
    Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König lange Zeit diesen
Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal den
Mantel auf der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im Anblick dieser
Trümmer war ein schwerer Entschluss in ihm gereift. Jetzt ward es grabesstill in
seinem Innern.
    Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen
von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. »O, was wird jetzt aus uns!« -
»O, wie war das Brot so weiss, so gut, so duftend, das ich noch gestern hier
erhielt.« - »O, was werden wir jetzt essen?«
    »Bah, der König muss aushelfen.« - »Ja, der König muss Rat schaffen.« - »Der
König?«
    »Ach, der arme Mann, woher soll er's nehmen?« - »Hat er doch selbst nichts
mehr.« - »Das ist seine Sache.« - »Er allein hat uns in all die Not gebracht.« -
»Er ist an allem schuld.« - »Was hat er die Stadt nicht lang dem Kaiser
übergeben.« - »Jawohl, ihrem rechtmässigen Herrn!« - »Fluch den Barbaren!« - »Sie
sind an allem schuld.« - »Nicht alle, nein, der König allein. Seht ihr's denn
nicht? Es ist die Strafe Gottes!« - »Strafe? wofür? Was hat er verbrochen? Er
gab dem Volke von Ravenna Brot!« - »So wisst ihr's nicht? Wie kann der
Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der sündige Mann hat ja zwei Weiber
zugleich! Der schönen Mataswinta hat ihn gelüstet. Und er ruhte nicht, bis sie
sein eigen war. - Sein ehlich Weib hat er verstossen.«
    Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber
sie erkannten seinen Schritt.
    »Da ist der König! Wie finster er blickt,« riefen sie durcheinander und
wichen zur Seite. »O, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte den Hunger mehr als
seinen Zorn. Schaff' uns Brot, König Witichis. Hörst du's, wir hungern!« sprach
ein zerlumpter Alter und fasste ihn am Mantel. »Brot, König!« - »Guter König,
Brot!« - »Wir verzweifeln!« - »Hilf uns!« Und wild drängte sich die Menge um
ihn.
    Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. »Geduldet euch,« sprach er
ernst. »Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen.« Und er eilte nach seinem
Gemach.
    Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswintens und ein römischer Arzt.
    »Herr,« sprach dieser mit besorgter Miene, »die Königin, deine Gemahlin ist
sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie spricht
wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?«
    »Nicht jetzt, sorgt für sie.« »Sie reichte mir,« fuhr der Arzt fort, »mit
grösster Angst und Sorge diesen Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden am
meisten zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor. Und sie
liess mich schwören, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von höchster
Wichtigkeit.«
    Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur
Seite. »Er ist es nicht mehr. - Geht, verlasst mich und sendet meinen Schreiber.«
                                     * * *
    Eine Stunde später liess Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn
eintreten.
    Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hastigen Schritten auf und nieder
ging, entgegen: »Das kommt von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen Künsten! von
deinen Lügen! Ich hab' es immer gesagt: vom Lügen kommt Verderben: und ich
verstehe mich nicht darauf! O, warum bin ich dir gefolgt! Jetzt steck' ich in
Not und Schande!«
    »Was bedeuten diese Tugendreden?« fragte Cetegus seinen Freund.
    Dieser reichte ihm einen Brief. »Lies. Diese Barbaren sind unergründlich in
ihrer grossartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn; lies.«
    Und Cetegus las mit Staunen: »Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen
getan:
    Dass die Franken mich verraten haben. Dass Du im Bund mit den Franken das
Westreich deinem undankbaren Kaiser entreissen willst. Dass Du uns Goten freien
Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest.
    Darauf habe ich Dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen ab
und räumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres grossen Königs: eher
fall' ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern gesprochen. So
spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und Erde gegen uns
empörten. Aber was ich immer dunkel gefühlt, hab' ich heut' nacht unter den
Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch auf mir. Um meinetwillen
erliegen die Goten. Ich bin das Unglück meines Volkes. Das soll nicht länger
also sein. Nur meine Krone versperrte einen ehrenvollen Ausweg: sie soll's nicht
mehr. Du erhebst Dich mit Recht gegen Justinian, den treulosen und undankbaren
Mann. Er ist unser Feind wie Deiner. Wohlan: stütze Dich, statt auf ein Heer der
falschen Franken: auf das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue Dir
bekannt. Mit jenen sollst Du Italien teilen: mit uns kannst Du es ganz behalten.
Lass mich den Ersten sein, der Dich begrüsst wie als Kaiser des Abendlands so als
König der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, Du trittst einfach an meine
Stelle. Ich selber setze Dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein
Justinian soll sie Dir entreissen. Verwirfst Du diesen Antrag: so mache Dich
gefasst auf einen Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann mit
fünfzigtausend Goten in Dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch Dein ganzes
Heer. Eins oder das andre. Ich hab's geschworen. Wähle. Witichis.«
    Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch hatte
er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine Blick
beruhigte ihn wieder ganz. »Er ist ja Belisar,« sagte er sich abermals. »Jedoch
gefährlich ist es immer, mit dem Teufel zu spielen. Welche Versuchung! -«
    Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: »Welch ein Einfall! Wozu doch
die Verzweiflung führt.«
    »Der Einfall,« meinte Prokop, »wäre gar so übel nicht, wenn ... -«
    »Wenn Belisar nicht Belisar wäre,« lächelte Cetegus.
    »Spart euer Lachen,« schalt dieser. »Ich bewundre den Mann. Und es darf mich
nicht mehr beleidigen, dass er mich der Empörung fähig hält. Hab' ich es ihm doch
selber vorgelogen.« Und er stampfte mit dem Fuss. »Ratet jetzt und helft! Denn
ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt. Ja sagen kann ich nicht. Und sag'
ich nein: - darf ich des Kaisers Heer als vernichtet ansehen. Und muss obenein
bekennen, dass ich die Empörung nur erlogen.«
    Cetegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend.
Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog verschönend
über sein Gesicht: »so kann ich sie beide verderben!« Er war in diesem
Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar ganz sicher
machen. »Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge tun,« sagte er zaudernd.
    »Rede: ich sehe weder eins noch das andre.«
    »Entweder wirklich annehmen -«
    »Präfekt,« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. Prokop hemmte
erschrocken seinen Arm. »Keinen solchen Scherz mehr, Cetegus, so lieb dir dein
Leben.«
    »Oder,« fuhr dieser ruhig fort, »zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich
einziehn in Ravenna. Und - - die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach Byzanz
schicken.«
    »Das ist glänzend!« rief Prokop. »Das ist Verrat!« rief Belisar.
    »Es ist beides,« sagte Cetegus ruhig.
    »Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.«
    »Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen König nach Byzanz. Das
entwaffnete Volk hört auf, ein Volk zu sein.«
    »Nein, nein, das tu' ich nicht.«
    »Gut. So lass dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich gehe
nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fünfzigtausend Goten in Verzweiflung
kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den Verderber seines besten
Heeres loben!«
    »Es ist eine furchtbare Wahl,« zürnte Belisar.
    Da trat Cetegus langsam auf den Feldherrn zu. »Belisar,« sprach er mit
gemütvoller, tief aus der Brust geschöpfter Stimme: »du hast mich oft für deinen
Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann neben Belisar im
Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?«
    Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem
sarkastischen Präfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop erstaunte.
    »Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft
in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren. Glaubst du mir, Belisarius?« Und
er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, bot ihm treuherzig die Rechte,
und sah ihm tief ins Auge.
    »Ja,« sagte Belisar, »wer könnte solchem Blick misstrauen.«
    »Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen misstrauischern Herrn gehabt
als du. - Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner Treue.«
    »Das weiss der Himmel.«
    »Und nie hat ein Mann,« - hier fasste er ihn an beiden Händen - »herrlichere
Gelegenheit gehabt, das schnödeste Misstrauen zu beschämen, sich aufs
glorreichste zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du bist verleumdet, du
trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes. Wohlan, bei Gott: du hast sie
jetzt in Händen. Zieh' in Ravenna ein, lass dir von Goten und Italiern huldigen
und zwei Kronen auf dein Haupt setzen. Ravenna dein, dein blindergebnes Heer,
die Goten, die Italier - wahrlich, du bist unantastbar. Justinian muss zittern zu
Byzanz und sein stolzer Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der
du all' dies in Händen hast, - du legst all' die Macht und all' die Herrlichkeit
deinem Herrn zu Füssen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein
Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue noch nie
auf Erden erprobt.«
    Cetegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.
    »Recht hast du, Cetegus, komm an meine Brust, hab' Dank. Das ist gross
gedacht. O Justinian, du sollst vor Scham vergehn!«
    Cetegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Türe.
    »Armer Witichis,« flüsterte Prokop ihm zu; »er wird diesem Musterstück von
Treue aufgeopfert. - Jetzt ist er verloren.«
    »Ja,« sagte Cetegus, »er ist verloren, gewiss.« Und draussen vor dem Zelt
warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach: »Aber gewisser noch du
selber, Belisar.«
                                     * * *
    In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen.
    »Nun, Feldherr,« fragte er, »die Stadt ist noch nicht übergeben. Wann geht's
zum Kampf?«
    »Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg' deine Waffen ab und gürte dich zu
reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab.« - »An wen?« - »An
den Kaiser und die Kaiserin.« - »Nach Byzanz?« - »Nein, zum Glück sind sie ganz
nah, in den Bädern von Epidaurus. Eile dich. In fünfzehn Tagen musst du zurück
sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal harrt auf deine
Wiederkunft.«
                                     * * *
    Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht, berief
dieser in seinen Palast die Führer des Heeres, die vornehmsten Goten und eine
Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das Geschehene mit und
forderte ihre Zustimmung.
    Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein Schweigen des Staunens
folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntaris, mit Rührung auf den
König blickend: »Die letzte deiner Königstaten, Witichis, ist so edel, ja edler
als alle deine früheren. Dich bekämpft zu haben werd' ich ewig bereuen. Ich habe
mir lange geschworen, es zu sühnen, indem ich dir blindlings folge. Und
wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden: denn du opferst das Höchste:
eine Krone. Soll aber ein andrer als du König sein, - leichter mögen die
Wölsungen einem Fremden, einem Belisar als einem Goten nachstehn. Und so folg'
ich dir und sage: ja, du hast gut und gross gehandelt.«
    »Und ich sage nein! und tausendmal nein!« rief Hildebad. »Bedenkt, was ihr
tut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!«
    »Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns getan, Quaden und
Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?« sagte
Witichis ruhig, »ja was andres, als was unsre glorreichsten Könige und selbst
Teoderich getan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und erhielten dafür
Land. So lautet der Vertrag, nach dem Teoderich Italien von Kaiser Zeno nahm.
Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich wahrlich nicht besser als
Teoderich.«
    »Ja, wenn es Justinian wäre,« fügte Guntaris bei. »Nie unterwarf' ich mich
dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. - Kannst du das
leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul gerannt?«
    »Schlag mich der Donner, wenn ich's ihm vergesse. Es ist das einzige, was
mir an ihm gefallen hat.«
    »Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück war. Und wir bleiben im
reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine Schlachten
gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen Feind.«
    Und fast alle Versammelten stimmten bei.
    »Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen,« rief Hildebad. - »Von je
hab' ich die Zunge ungefüger, als die Axt geführt. - Aber ich fühl' es deutlich:
ihr habt unrecht. - Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier: der würde sagen
können, was ich nur spüre. Mögt ihr's nie bereuen! Mir aber sei's vergönnt, aus
diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn. Ich will nicht leben unter
Belisar. Ich zieh' auf Abenteuer in die Welt: mit Schild und Speer und groben
Hieben kommt man weit.«
    Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch
umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen lag.
»Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna besetzt hat.
Es steht zu fürchten, dass einige seiner Heerführer mit ihren Truppen von einer
Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese, sowie die verdächtigen
Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten und den verlässigen Anhängern
Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fällt.«
    »Hütet euch,« warnte Hildebad, »dass ihr nicht selbst in diese Grube fallt!
Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen, 's ist, wie wenn der
Waldbär auf das Seil steigt - er fällt doch über kurz oder lang. Lebt wohl -
mög' es besser ausfallen als ich ahne.
    Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne, wird
wohl mit diesem Römer-Gotenstaate sich versöhnen. Der schwarze Teja aber, denk'
ich, zieht mit mir davon.«
                                     * * *
    Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation. Die
Bedingungen waren ungewiss. Aber gewiss war, dass Belisar auf Verlangen des Königs
grosse Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte, welche an die
Armen verteilt wurden. »Er hat Wort gehalten!« sagten diese und segneten den
König.
    Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr, dass sie
sich langsam wieder beruhige und erhole. »Geduld«: sprach Witichis aufatmend -
»auch sie wird bald frei und meiner ledig.«
    Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der
innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte. Ein langer Reiter
voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit Tüchern und
Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest der stark
gerüsteten Männer.
    »Auf mit dem Notriegel!« rief der Führer, »wir wollen hinaus.«
    »Du bist es, Hildebad?« rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab Befehl
zu öffnen. »Weisst du schon, die Stadt wird morgen übergeben. Wo willst du hin?«
    »In die Freiheit!« rief Hildebad und gab seinem Ross die Sporen.
 
                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Mehrere Tage waren vergangen, bis die Königin Mataswinta sich aus den wirren
Fieberphantasien und aus dem von wilden Träumen gequälten Schlummer, der auf
dieselben gefolgt war, erhoben hatte.
    Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Aussenwelt und den gewaltigen
Entscheidungen gegenüber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine
Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefühl ihrer ungeheuern frevelhaften
Taten.
    Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie
die Fackel in der Hand, durch die Nacht gestürmt war, in zerstörende Reue, in
Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge Tat getan,
hatte sie der Erdstoss in die Kniee geworfen: und ihr von allen Leidenschaften
erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten Frevels erwachendes Gewissen
glaubte, die Erde wolle sich über ihre Untat empören: sie sah die Rache des
Himmels hereinbrechen über ihr schuldiges Haupt.
    Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die
ihre Hand entzündet, riesengross emporsteigen sah, als sie das tausendstimmige
Wehegeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien jede Flamme an ihrem
Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu verfluchen. Sie verlor das
Bewusstsein: sie brach zusammen unter den Folgen ihrer Tat.
    Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmählich des Geschehenen
wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den König völlig
gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue über ihre Tat, zitternde Scheu,
je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfüllte sie ganz.
    Um so mehr, als sie selbst wusste und von allen Seiten vernahm, wie der
Untergang der Speicher den König zur Ergebung an seine Feinde zwingen werde.
    Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand,
selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemächern sich zu erkundigen, beschwor sie
die staunende Aspa, um keinen Preis den König vor ihr Antlitz treten zu lassen:
obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und häufig arme Leute
aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden auffordern liess, sich bei ihr zu
melden. Sie pflegte dann eigenhändig die für sie und ihren Hof bestimmten
Speisen und mit massloser Freigebigkeit Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu
verteilen.
    Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem Mantel
und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade gebeten hatte, sie
möchte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes die Gunst einer
Unterredung ohne Zeugen gewähren.
    »Es gelte des Königs Heil: es gelte zu warnen vor tätigem, überführbarem
Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben, bedrohe. Mataswinta gewährte
eifrig die Bitte. -«
    Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen, was
auch nur mit dem Vorwand seiner Rettung an sie trat. Auf Sonnenuntergang
bestellte sie das Weib. -
    Die Sonne war gesunken. Der Süden kennt fast keine Dämmerung. Es war finster
beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine Sklavin winkte. Die
Königin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur achten Stunde Schlummer
gefunden. Eben erst erwacht, sei sie sehr schwach. Gleichwohl solle die Bittende
vorgelassen werden, da es dem König gelte.
    »Ist das aber auch gewiss wahr?« forschte die Sklavin. »Nicht unnütz möcht'
ich meine Herrin mühen«: - es war Aspa - »wenn Ihr nur Gold damit erlisten
wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben, als Ihr begehrt: - nur schont
meine Herrin. Gilt es dem König wirklich?«
    »Es gilt dem König!« Seufzend führte Aspa die Frau in das Gemach
Mataswintens.
    Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in
leichtes, weisses Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des grossen Gemaches von
dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die goldene Ampel, die über
demselben in die Wand eingelassen war, brannte bereits mit mattem Licht. Sie
blieb auf dem Rand des Lagers müde sitzen. »Tritt näher,« sprach sie. »Es gilt
dem König? warum zögerst du? Rede.«
    Das Weib deutete auf Aspa. »Sie ist verschwiegen und treu.« - »Sie ist ein
Weib.« Auf einen Wink Mataswintens entfernte sich ungern das Mädchen.
    »Amalungentochter - ich weiss: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich zu
ihm geführt. (Wie wunderschön sie istobzwar todesblass!) Doch, Gotenkönigin bist
du: seine Königin - ob du ihn auch nicht liebst: - sein Reich, sein Sieg muss dir
das Höchste sein.«
    Mataswinta griff nach der Goldlehne des Lagers. »So denkt jede Bettlerin im
Gotenvolk!« seufzte sie.
    »Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Gründen.
    So sprech' ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu
warnen. Höre mich.« Und sie trat näher, scharf auf die Königin blickend. »Wie
seltsam,« sprach sie zu sich selbst. »Welche Ähnlichkeit der Gestalt.«
    »Verrat! Noch mehr Verrat?« - »So ahnst auch du Verrat?« - »Gleichviel. Von
wem? Von Byzanz? Von aussen? Von dem Präfekten?«
    »Nein,« sprach das Weib kopfschüttelnd. »Nicht von aussen. Von innen. Nicht
von einem Mann. Von einem Weib.«
    »Was redest du?« sprach Mataswinta, noch bleicher werdend. »Wie kann ein
Weib -«
    »Dem Helden schaden? Durch höllische Bosheit des Herzens! Nicht mit Gewalt.
Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtückischem Gift oder, wie schon
geschehen - mit heimtückischem Feuer.«
    »Halt ein!« Mataswinta, die sich erhoben hatte, wankte zurück an den
Mosaiktisch, sich daran lehnend.
    Aber das Weib folgte ihr, leise flüsternd: »Wisse das Unglaubliche, das
Schändliche! Der König glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe sein Korn
verbrannt. Ich aber weiss es besser. Und auch Er soll es wissen. Wissen, gewarnt
durch deinen Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die Bosheit. Ich sah in jener
Nacht eine Fackel durch die Speichergänge eilen, und ein Weib hat sie
hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib. Du willst hinweg? Nein, höre
nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen. Den Namen? Ich weiss ihn nicht.
Aber sie brach vor mir zusammen und entkam mir: doch verlor sie als Wahrzeichen,
als Erkennungszeichen - diese Schlange von Smaragd.«
    Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den
Armreif erhebend.
    Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden
nackten Arme. - Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhülle. Ihr rotes Haar
flutete nieder, und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken Arm
deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange.
    »Ah!« schrie das Weib laut auf. »Beim Gott der Treue! Du! Du selber bist's!
    Seine Königin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch über dich! Das soll er
wissen!«
    Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswinta auf ihr Antlitz in die Kissen
zurück. Der Schrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als sie
eintrat, war die Königin schon allein. Der Vorhang des grossen Eingangs rauschte.
Die Bettlerin war verschwunden.
 
                          Vierundzwanzigstes Kapitel.
Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop, Johannes,
Demetrius, Bessas, Acacius, Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer
Heerführer in den Palast des Königs ziehen. Sie berieten dort mit ihm die
näheren Bedingungen und die Formen der Übergabe.
    Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede sei geschlossen. Die
beiden Hauptwünsche, um deren willen das Volk den ganzen schweren Kampf
getragen, würden erreicht: sie würden frei sein und im ungeteilten Besitz des
fruchtbaren Südlands bleiben, das ihnen so teuer geworden war. Das war weitaus
mehr als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit dem Abzug von Rom und
dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu erwarten war. Und die Häupter
der Sippen und sonst die einflussreichsten Männer im Heere, die jetzt von dem
bevorstehenden Schritt Belisars verständigt wurden, billigten vollständig die
beschlossenen Bedingungen.
    Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten freien Abzug aus
Ravenna und Italien. Aber auch abgesehen hiervon, wurde das in Ravenna stehende
Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah die Unmöglichkeit ein,
in der ausgesogenen Landschaft ausser den Truppen Belisars mit dessen Vorräten
auch noch das gotische Heer und die Bevölkerung zu versorgen: und so bewilligte
er die Forderung Belisars, dass die Goten, in Gruppen von Hunderten und
Tausenden, zu allen Toren der Stadt hinausgeführt und in allen Richtungen nach
ihren Heimstätten entlassen würden.
    Belisar fürchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, wenn der arge Verrat,
den man vorhatte, ruchbar würde: und er wünschte deshalb die Verteilung des
aufgelösten Heeres. War er einmal im sichern Besitz von Ravenna, so hoffte er
etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu dämpfen. Und Tarvisium,
Verona und Ticinum, die letzten festen Plätze der Goten in ganz Italien, konnten
dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen sie gewendeten Macht widerstehen.
    Die Ausführung dieser Massregeln erforderte mehrere Tage Zeit.
    Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren, beschloss
Belisar seinen Einzug. Und auch von diesem geringen Rest wurde die Hälfte in das
byzantinische Lager verlegt, die andre Hälfte in den Quartieren der Stadt
verteilt unter dem Vorwand, den etwaigen Widerstand von hartnäckigen Anhängern
Justinians zu brechen.
    Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am
meisten wunderte, war, dass nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den Zinnen
des Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzenträger Belisars dort oben bei ihr
Wache. Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern.
    Gegen einen etwaigen Versuch des Präfekten, sich wie in Rom durch Besetzung
der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen, hatte Belisar vorsichtige
Massregeln getroffen. Cetegus durchschaute sie und lächelte. Er tat nichts
dagegen.
    Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cetegus in glänzender Rüstung
in das Zelt Belisars.
    Er traf nur Prokop. »Seid ihr bereit?« fragte er. »Vollständig.« - »Welches
ist der Moment?« - »Der Augenblick, in dem der König im Schlosshof zu Pferde
steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht.«
    »Wieder einmal alles?« lächelte der Präfekt. »Eins habt ihr mir doch noch
übriggelassen. Es wird nicht ausbleiben, dass die Barbaren, sowie unser Plan
gelungen und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern werden. Mitleid
und Rachedurst für ihren König könnten sie zu sehr wilden Taten.
    Die ganze Begeisterung für Witichis und die Entrüstung gegen uns würde nun
im Keim erstickt, und die Goten sähen sich nicht von uns, sondern von ihrem
König verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen würde, er habe die Stadt
nicht an Belisar als Gotenkönig und Rebellen gegen Justinian, sondern einfach an
den Feldherrn Justinians übergeben. Jene Empörung Belisars, die ja auch wirklich
ausbleibt, erscheint dann den Goten als eine blosse von ihrem König ersonnene
Lüge, die Schande der Ergebung ihnen zu verhüllen.«
    »Das wäre vortrefflich; aber Witichis wird das nicht tun.«
    »Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. Ihr habt ihn den
Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen?«
    »Er hat nur einmal unterschrieben.«
    »Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde ihn hier dies von mir
aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen, auf dass auch Belisar,« lächelte er,
»das wertvolle Schriftstück besitze.«
    Prokop blickte hinein. - »Wenn er das unterzeichnet, hebt sich freilich kein
gotisch Schwert mehr für ihn. Aber -«
    »Lass die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt er heute freiwillig, im
Drang des Augenblicks, ohne zu lesen« -
    »Oder?«
    »Oder,« vollendete Cetegus finster, »er unterschreibt später. Unfreiwillig.
- - Ich eile voraus. Entschuldige, wenn ich euern Triumphzug nicht begleite.
Meinen Glückwunsch an Belisar.«
    Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte ihm. Er war nicht gerüstet
und blickte düster vor sich hin.
    »Eile, Feldherr,« mahnte Prokop, »Ravenna harrt ihres Besiegers. Der Einzug
-«
    »Nichts von Einzug,« sprach Belisar grimmig. »Ruf' die Soldaten ab. Mich
reut der ganze Handel.«
    Cetegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen.
    »Belisar!« rief Prokop entsetzt, »welcher Dämon hat dir das eingeblasen?«
»Ich!« sagte Antonina stolz, »was sagst du nun?« »Ich sage, dass grosse
Staatsmänner keine Frauen haben sollten!« rief Prokop ärgerlich. »Belisar
entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. Und ich hab' ihn unter Tränen
... -«
    »Versteht sich,« brummte Prokop, »die kommen stets zu rechter Zeit.« -
»Unter Tränen beschworen, abzustehen. Ich kann meinen Helden nicht von so
schwarzem Verrat befleckt sehen.«
    »Und ich will's nicht sein. Lieber reit' ich besiegt im Orkus ein, denn also
als ein Sieger in Ravenna. Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht
abgegangen. - Also ist's noch Zeit.«
    »Nein,« sagte Cetegus herrisch, von der Tür ins Zelt schreitend. »Zum Glück
für dich ist's nicht mehr Zeit. Wisse: ich habe schon vor acht Tagen an den
Kaiser geschrieben, ihm alles mitgeteilt und Glück gewünscht, dass sein Feldherr
ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und der Krieg beendet.«
    »Ah, Präfekt,« rief Belisar. »Du bist ja sehr dienstfertig. Woher dieser
Eifer?«
    »Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. Weil man dich zu deinem
Glücke zwingen muss. Und weil ich ein Ende dieses Krieges will, der mein Italien
zerfleischt.« Und drohend trat er gegen die Frau heran, die auch jetzt der
dämonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu entgehen vermochte.
»Wag' es, versuch' es jetzt! Tritt zurück, enttäusche Witichis und opfre einer
Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein Heer. Siehe zu, ob dir das
Justinianus je vergeben kann. Auf Antoninas Seele diese Schuld! Horch, die
Trompeten rufen: rüste dich! Es bleibt dir keine Wahl!« Und er eilte hinaus.
    Bestürzt sah ihm Antonina nach. »Prokop,« fragte sie dann, »weiss es der
Kaiser wirklich schon?«
    »Und wenn er es noch nicht wüsste, - zu viele sind schon in das Geheimnis
eingeweiht. Nachträglich erfährt er jedenfalls, dass Ravenna und Italien sein
war, und - dass Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. Nur dass er sie
erlangt und - abliefert, kann ihn rechtfertigen vor Justinian.«
    »Ja,« sagte Belisar seufzend, »er hat recht. Es bleibt mir keine Wahl.«
    »So geh,« sprach Antonina eingeschüchtert. »Mir aber sei's erlassen, bei
diesem Einzug dich zu begleiten: - es ist ein Schlingenlegen, kein Triumph!«
                                     * * *
    Die Bevölkerung von Ravenna, wenn auch im Unklaren über die näheren
Bestimmungen, war doch gewiss, dass der Friede geschlossen und den langen und
schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei.
    Und die Bürger hatten in aufatmender Freude über diese Erlösung die Trümmer,
die das Erdbeben auf sehr viele Strassen geworfen, hinweggeräumt und ihre
befreite Stadt festlich geschmückt. Laubgewinde, Fahnen und Teppiche zierten die
Strassen, das Volk drängte sich auf den grossen Fora, in den Lagunenkanälen und in
den Bädern und Basiliken in freudiger Bewegung, begierig, den Helden Belisar und
das Heer zu sehen, die so lange ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren
überwunden hatten.
    Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend ein,
während die in schwachen Zahlen überall zerstreuten gotischen Posten mit
Schweigen und mit Widerwillen die verhassten Feinde in die Residenz Teoderichs
einrücken sahen.
    In dem ebenfalls reichgeschmückten Königspalast versammelten sich die
vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemächern des Königs. Dieser
bereitete sich, als die für den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte, die
königlichen Kleider anzulegen: - mit Befriedigung, denn es war ja das
letztenmal, dass er die Abzeichen einer Würde tragen sollte, die ihm nur Schmerz
und Unheil gebracht.
    »Geh', Herzog Guntaris,« sprach er zu dem Wölsung, »Hildebad, mein
ungetreuer Kämmerer, hat mich verlassen. Vertritt du dies eine Mal seine Stelle:
die Diener werden dir im Königsschatz die goldene Truhe zeigen, die Krone, Helm
und Purpurmantel, Schwert und Schild Teoderichs verwahren. Ich werde sie heute
zum ersten- und letztenmal anlegen, sie dem Helden abzuliefern, der sie nicht
unwürdig tragen wird. Was gibt es dort für Lärm!«
    »Herr, ein Weib,« antwortete Graf Wisand, »eine gotische Bettlerin. Sie hat
sich schon dreimal herangedrängt. Sie will ihren Namen dir nur nennen! Weise sie
hinaus! -«
    »Nein, sagt ihr, ich will sie hören: - heute abend soll sie im Palast nach
mir fragen.«
    Als Guntaris das Gemach verlassen, trat Bessas ein mit Cetegus. Der
Präfekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, die Abschrift des Vertrages
übergeben, die der Gotenkönig noch unterschreiben sollte. Aus dieser
unverdächtigen Hand, glaubte er, würde jener die Urkunde argloser nehmen.
    Witichis begrüsste die Eintretenden. Bei dem Anblick des Präfekten flog über
sein Antlitz, das heute heller als seit langen Monden glänzte, ein dunkler
Schatte. Doch bezwang er sich und sprach: »Du hier, Präfekt von Rom? Anders hat
dieser Kampf geendet als wir meinten! Jedoch, du kannst auch damit zufrieden
sein. Wenigstens kein Griechenkaiser, kein Justinianus wird dein Rom
beherrschen.«
    »Und soll es nicht, solange ich lebe.«
    »Ich komme, König der Goten,« fiel Bessas ein, »dir den Vertrag mit Belisar
zur Unterschrift vorzulegen.«
    »Ich hab' ihn schon unterschrieben.« - »Es ist die für meinen Herrn
bestimmte Doppelschrift.«
    »So gib,« sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners Hand
nehmen.
    Da trat Herzog Guntaris mit den Dienern eilfertig ins Gemach: »Witichis,«
rief er, »der Königsschmuck ist verschwunden.«
    »Was ist das?« fragte Witichis. »Hildebad allein führte die Schlüssel
davon.«
    »Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren
Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die
Schriftzüge von Hildebads Schreiber.«
    Der König nahm und las: »Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild
Teoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will, soll er sie von mir
holen. Die Rune H - für Hildebad.«
    »Man muss ihn verfolgen,« sagte Cetegus finster, »bis er sich fügt.« Da
eilten Johannes und Demetrius herein. »Eile dich, König Witichis,« drängten sie.
»Hörst du die Tubatöne? Belisar hat schon die Porta des Stilicho erreicht.«
    »So lasst uns gehn,« sprach Witichis, liess sich von den Dienern den
Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die Schultern
werfen und drückte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des Schwertes
reichte man ihm ein Zepter. Und so wandte er sich zur Tür.
    »Du hast nicht unterschrieben, Herr,« mahnte Bessas.
    »So gib,« und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners. »Die
Urkunde ist sehr lang,« sagte er hineinblickend und hob an zu lesen. »Eile,
König,« mahnte Johannes.
    »Zum Lesen ist nicht mehr Zeit,« sagte Cetegus gleichgültig und reichte ihm
die Schilffeder von dem Tisch. »Dann auch nicht mehr zum Schreiben,« antwortete
der König. »Du weisst: ich war ein König nach Bauernart, wie die Leute sagten.
Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen: gehen wir.« Und
lächelnd gab er die Urkunde an den Präfekten und schritt hinaus. Die Byzantiner
und alle Anwesenden folgten.
    Cetegus drückte das Pergament zusammen: »Warte nur,« flüsterte er grimmig,
»du sollst doch noch unterschreiben.« Langsam folgte er den andern.
    Die Halle vor dem Gemach des Königs war bereits leer.
    Der Präfekt schritt hinaus auf den gewölbten Bogengang, der im Viereck den
ersten Stock des Palastes umgab, und dessen byzantinisch-romanische Rundbogen
den freien Blick in den weiten Hofraum gewährten. Derselbe war von Bewaffneten
dicht gefüllt. An allen vier Toren standen die Lanzenträger Belisars. Cetegus
lehnte hinter einem Bogenpfeiler und sprach, dem Gang der Ereignisse folgend,
mit sich selbst: »Nun, Byzantiner genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen!
Freund Prokop ist vorsichtig Da! - Witichis erscheint im Portal! Seine Goten
sind noch weit hinter ihm auf der Treppe. Des Königs Pferd wird vorgeführt. -
Bessas hält dem König den Bügel. - Witichis tritt heran, er hebt den Fuss. -
Jetzt ein Trompetenstoss. - Die Treppentüre des Palastes fällt zu und schliesst
die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reisst Prokop das Gotenbanner nieder.
- Johannes fasst seinen rechten Arm, brav Johannes. - Der König ruft: Verrat,
Verrat! Er wehrt sich mächtig. - Aber der lange Mantel hemmt ihn. - Da, da, er
strauchelt. - Er stürzt zu Boden. - Da liegt das Reich der Goten.« - - -
                                     * * *
    »Da liegt das Reich der Goten!« Mit diesen Worten begann auch Prokop die
Sätze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: »Ein wichtig Stück
Weltgeschichte hab' ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun nachts
hier ein.
    Als ich heute das römische Heer seinen Einzug halten sah in die Tore und
Königsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder Zahl
oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte.
    Es gibt eine höhere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit.
    An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten überlegen: und sie haben es
nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen in
Ravenna schmähten heute ihre Männer laut ins Angesicht, als sie die kleinen
Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden Truppen sahen.
Summa: in gerechtester Sache, in heldenmütigster Anstrengung kann ein Mann, kann
ein Volk doch erliegen, wenn übermächtige Gewalten entgegentreten, die durchaus
nicht immer das bessere Recht für sich haben.
    Mir schlug das Herz im Bewusstsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner
heute niederriss und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die Fahne
des Unrechts erhob über dem Banner des Rechts.
    Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare Notwendigkeit
beherrscht die Geschicke der Menschen und der Völker.
    Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht was wir ertragen,
erleben und erleiden - wie wir es tragen, das macht den Mann zum Helden.
Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die sein
Banner herabriss, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen für die kommenden
Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: - da liegt das Reich der Goten.«
 
                          Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Und so schien es.
    Auf das glücklichste war, dank den Massregeln Prokops, der Streich gelungen.
Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten fiel und der
König ergriffen ward, sahen sich die überraschten Goten überall im Schlosshof, in
den Strassen und Lagunen der Stadt, im Lager von weit überlegenen Kräften
umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen überall entgegen: fast ausnahmslos
legten die Betäubten die Waffen nieder: - die wenigen, welche Widerstand
versuchten, - so die nächste Umgebung des Königs -, wurden niedergestossen.
Witichis selbst, Herzog Guntaris, Graf Wisand, Graf Markja und die mit ihnen
gefangenen Grossen des Heeres wurden in getrennten Gewahrsam gebracht, der König
in den »Zwinger Teoderichs«: einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst.
    Belisars Zug von dem Tore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde nicht
gestört. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Decurionen der Stadt, und
nahm sie in Eid und Pflicht für Kaiser Justinianus. Prokopius wurde mit den
goldenen Schlüsseln von Neapolis, Rom und Ravenna nach Byzanz gesendet. Er
sollte ausführlichen Bericht erstatten und für Belisar Verlängerung des Amtes
erbitten bis zur demnächst zu erwartenden völligen Beruhigung Italiens und
hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die Ehre des Triumphes, unter Aufführung
des gefangenen Königs der Goten im Hippodrom.
    Denn Belisar sah den Krieg für beendet an. Cetegus teilte beinah diesen
Glauben. Doch fürchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes über
den geübten Verrat. Er sorgte daher dafür, dass über die Art des Falles der Stadt
vorläufig keine Kunde durch die Tore drang: und er suchte eifrig im Geiste nach
einem Mittel, den gefangenen König selbst als ein Werkzeug zur Dämpfung des etwa
neu auflodernden Nationalgefühls zu verwerten. - Auch bewog er Belisar,
Hildebad, der in der Richtung nach Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit
den persischen Reitern verfolgen zu lassen.
    Vergebens versuchte er, die Königin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener
Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und liess niemand vor. Auch die
Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen hingenommen.
Der Präfekt bestellte ihr eine Ehrenwache - um sich ihrer zu versichern. Denn er
hatte noch grosse Pläne mit ihr vor.
    Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Königs und schrieb ihr dabei:
»Mein Wort ist gelöst. König Witichis ist vernichtet. Du bist gerächt und
befreit. - - Nun erfülle auch Du meine Wünsche.«
    Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop beraubt,
den Präfekten zu sich in den rechten Flügel des Palastes, wo er sein Quartier
aufgeschlagen. »Unerhörte Meuterei!« rief er dem Eintretenden entgegen. - »Was
ist geschehen?«
    »Du weisst, ich habe Bessas mit den lazischen Söldnern in die Schanze des
Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme, dass der
Geist dieser Truppen unbotmässig - ich rufe sie ab und Bessas ... -« - »Nun?« -
»Weigert den Gehorsam.« - »Ohne Grund? Unmöglich!«
    »Lächerrlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt
abgelaufen.« - »Nun?« - »Bessas erklärt, seit letzter Mitternacht hätt' ich ihm
nichts mehr zu befehlen.«
    »Schändlich. Aber er ist im Recht.«
    »Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein
Gesuch. Natürlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue zum
Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. Übermorgen kann die Nachricht da
sein.«
    »Vielleicht schon früher, Belisar. Die Leuchtturmwächter von Classis haben
schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht. Es
soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann löst
sich der Knoten von selbst.«
    »Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwächter sollen die Schanze
stürmen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... -«
    Da eilte Johannes atemlos herein. »Feldherr,« meldete er, »der Kaiser!
Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis.«
    Unmerklich zuckte Cetegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus
heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen Mühen, das
fast vollendete Gebäude seiner Pläne gerade vor der Bekrönung niederwerfen?
    Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: »mein Kaiser? Woher weisst du?« -
»Er selbst kommt, dir für deine Siege zu danken. Solche Ehre ward noch keinem
Sterblichen zuteil. Das Schiff von Ariminum trägt die kaiserliche Präsenzflagge.
Purpur und Silber. Du weisst, das bedeutet, dass der Kaiser an Bord.«
    »Oder ein Glied seines Hauses!« verbesserte Cetegus in Gedanken, aufatmend.
    »Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen,« mahnte Belisar.
                                     * * *
    Sein Stolz und seine Freude wurden enttäuscht, als ihnen auf dem Wege nach
Classis die ersten ausgeschifften Höflinge begegneten und im Palast Quartier
forderten, nicht für den Kaiser selbst, sondern für dessen Neffen, den Prinzen
Germanus.
    »So sendet er doch den ersten nach ihm selbst,« sprach Belisar, sich selber
tröstend im Weitergehen zu Cetegus. »Germanus ist der edelste Mann am Hof.
Unbestechlich, gerecht und unverführbar rein. Sie nennen ihn: die Lilie im
Sumpf. Aber du hörst mich nicht!«
    »Vergib, ich bemerke dort im Gedränge, unter den eben Gelandeten, meinen
jungen Freund Licinius.«
    »Salve Cetege!« rief dieser, sich Weg zum Präfekten bahnend.
    »Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin?« fragte
er flüsternd.
    »Das Abschiedswort: Nike (Victoria)! und diesen Brief,« flüsterte der Bote
ebenso leise. - »Aber,« und seine Stirne furchte sich - »schicke mich nie mehr
zu diesem Weibe.« - »Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es wird nie mehr
nötig sein.«
    Damit hatten sie die Steindämme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben
der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich
geschmückten Gefolg umgeben, ward von den Truppen und dem rasch
zusammenströmenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen.
    Cetegus fasste ihn scharf ins Auge. »Das bleiche Antlitz ist noch bleicher
geworden,« sagte er zu Licinius. »Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn vergiftet,
weil sie ihn nicht verführen konnte.«
    Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der
ihn ehrfurchtsvoll begrüsste. »Gegrüsst auch du, Belisarius,« erwiderte er ernst.
»Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cetegus der Präfekt? Wo Bessas? Ah,
Cetegus,« sagte er, dessen Hand ergreifend, »ich freue mich, den grössten Mann
Italiens wiederzusehen. Du wirst mich alsbald zu der Enkelin Teoderichs
begleiten. Ihr gebührt mein erster Gang. Ich bringe ihr Geschenke Justinians und
meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in ihrem eigenen Reich. Sie soll eine
Königin sein am Hofe zu Byzanz.«
    »Das soll sie,« dachte Cetegus. Er verneigte sich tief und sprach: »Ich
weiss: du kennst die Fürstin seit lange: ihre Hand war dir bestimmt.«
    Eine rasche Glut flog über des Prinzen Wange. »Leider nicht ihr Herz. Ich
sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein inneres Auge
nichts mehr als ihr Bild gesehen.« - »Ja, sie ist das schönste Weib der Erde,«
sagte der Präfekt, ruhig vor sich hin sehend. »Nimm diesen Chrysopras zum Dank
für dieses Wort,« sagte Germanus und steckte einen Ring an des Präfekten Finger.
    Damit traten sie in das Portal des Palastes.
    »Jetzt, Mataswinta,« sprach Cetegus zu sich selbst, »jetzt hebt dein
zweites Leben an. Ich kenne kein römisch Weib - Ein Mädchen vielleicht
ausgenommen, das ich kannte! - das solcher Versuchung widerstehen könnte. Soll
diese rohe Germanin widerstehen?« -
    Sowie sich der Prinz von den Mühen der Seefahrt einigermassen erholt und die
Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an der Seite
des Präfekten in dem Tronsaal des grossen Teoderich im Mittelbau des Palastes.
    An den Wänden der stolz gewölbten Halle hingen noch die Trophäen gotischer
Siege. Ein Säulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der
vierten erhob sich der Tron Teoderichs.
    Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cetegus blieb mit
Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerführern im
Mittelgrund.
    »Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser
Stadt Ravenna und von dem abendländischen Römerreich. An dich, Magister Militum,
dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es selbst der
Versammlung vor. So befahl Justinianus.«
    Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, küsste das Siegel,
erhob sich wieder, öffnete und las:
    »Justinianus, der Imperator der Römer, Herr des Morgen- und des Abendreichs,
Besieger der Perser und Sarazenen, der Vandalen und Alanen, der Lazer und
Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und Sclavenen und zuletzt der
Goten, an Belisa den Consularen, ehemals Magister Militum.
    Wir sind durch Cetegus den Präfekten von den Vorgängen unterrichtet, die
zum Fall von Ravenna geführt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, Dir
mitgeteilt werden. Wir aber können seine darin ausgesprochene gute Meinung von
Dir und Deinen Erfolgen wie von Deinen Mitteln mitnichten teilen: und wir
enteben Dich Deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir befehlen
Dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurückzukehren, um Dich vor
unserem Trone zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem Vandalenkrieg können
wir Dir um so weniger gewähren, als weder Rom noch Ravenna durch Deine
Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch Übergabe, Ravenna durch Erdbeben, den
Zorn Gottes über die Ketzer und höchst verdächtige Verhandlungen, deren Unschuld
Du, des Hochverrats angeklagt, vor unserem Tron erweisen wirst. Da wir,
eingedenk früherer Verdienste, nicht ohne Gehör Dich verurteilen wollen, - denn
Morgenland und Abendland sollen uns für ferne Zeiten feiern als den Kaiser der
Gerechtigkeit - sehen wir von der Verhaftung ab, die Deine Ankläger beantragt.
Ohne Ketten - nur in den Fesseln Deines Dich selbst anklagenden Gewissens -
wirst Du vor unser kaiserliches Antlitz treten.«
    Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht mit
den Händen: das Schreiben entfiel ihm.
    Bessas hob es auf, küsste es und las weiter: »Zu Deinem Nachfolger im
Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna übertragen wir dem Archon
Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den Italiern
erhobenen höchst ungerechten Klagen, dem in unsrem Dienst so eifrigen Logoteten
Alexandros. Zu unsrem Stattalter aber in Italien ernennen wir den
hochverdienten Präfekten von Rom, Cornelius Cetegus Cäsarius. Unser Neffe,
Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgerüstet, haftet mit seinem Haupt dafür,
Dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der Höhe von Ariminum zu bringen, auf
welcher Dich Areobindos nach Byzanz führen wird.«
    Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cetegus, den Saal
zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Trones herab und schritt auf
Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah. Er stand
unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Säule gelehnt, und starrte zur
Erde.
    Der Prinz fasste seine Rechte. »Es schmerzt mich, Belisarius, der Träger
solcher Botschaft zu sein. Ich übernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund milder
als einer der vielen Feinde, die sich dazu drängten, ausführen kann. Aber ich
verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre deiner frühern auf.
Nie hätte ich von dem Helden Belisar solch Lügenspiel erwartet. Cetegus hat
sich ausgebeten, dass sein Bericht an den Kaiser dir vorgelegt werde. Er ist
deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war die Kaiserin, die Justinians
Ungnade gegen dich entzündet hat. Aber du hörst mich nicht. -« Und er legte die
Hand auf seine Schulter.
    Belisar schüttelte die Berührung ab. »Lass mich, Knabe - du bringst mir - du
bringst mir den echten Dank der Kronen.«
    Vornehm richtete sich Germanus auf. »Belisar, du vergissest, wer ich bin und
wer du bist.«
    »O nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein Wächter. Ich gehe sofort auf
dein Schiff - erspare mir nur Ketten und Bande.«
                                     * * *
    Erst spät konnte sich der Präfekt von dem Prinzen losmachen, der in vollstem
Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persönlichen Wünsche mit ihm
besprach.
    Er eilte, sowie er in seinen Gemächern, die er ebenfalls im Palaste bezogen,
allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der Kaiserin zu
lesen.
    Er lautete: »Du hast gesiegt, Cetegus.
    Als ich Dein Schreiben empfing, gedacht' ich alter Zeiten, da Deine
Brieflein in dieser Geheimschrift an Teodora nicht von Staaten und Kriegen
handelten, sondern von Küssen und Rosen ... -«
    »Daran müssen sie immer erinnern,« unterbrach sich der Präfekt.
    »Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit
jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als Deine
Jugendschönheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wünschen des alten
Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer Jugend,
der süssen. Und ich erkannte wohl, dass Antoninens Gemahl allzu fest in Zukunft
stehn würde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn - wie Du geschrieben
- dem Kaiser in die Ohren: Allzu gefährlich sei ein Untertan, der ein solches
Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben könne. Keinen Feldherrn dürfe man lange
solcher Versuchung aussetzen. Was er diesmal gegaukelt, könne er ein andermal im
Ernst versuchen. Diese Worte wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle
meine, d.h. Deine Forderungen, gingen durch.
    Denn Misstraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden -
der Teodoras. Dein Bote Licinius ist hübsch - aber unliebenswürdig: er hat nur
Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cetegus, mein Freund, es lebt keine Jugend
mehr wie die unsre war. Du hast gesiegt, Cetegus - weisst Du noch den Abend, da
ich Dir diese Worte flüsterte? - Aber vergiss nicht, wem Du den Sieg verdankst.
Und merke Dir, Teodora lässt sich nur solang sie selber will als Werkzeug
brauchen. Vergiss das nie.«
    »Gewiss nicht«, sagte Cetegus, das Schreiben sorgfältig zerstörend, »du bist
eine zu gefährliche Verbündete, Teodora, - nein, Dämonodora! - lass sehn, ob du
unersetzbar bist. Geduld: - in wenig Wochen ist Mataswinta in Byzanz. - Was
bringst du?« fragte er den eintretenden Syphax, der glänzende Waffen trug.
    »Herr, ein Abschiedsgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den
Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: Dein Freund hat meinen Dank verdient. Da,
nimm meine goldne Rüstung, den Helm mit dem weissen Rossschweif und den runden
Buckelschild und schicke sie ihm als letzten Gruss Belisars.«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Der Rundturm, in dessen tiefen Gewölben Witichis gefangen sass, lag an dem
rechten Eckflügel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als König gewohnt
und geherrscht hatte.
    Der Turm bildete mit seiner Eisentür den Abschluss eines langen Ganges, der
von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch eine schwere
Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen Hofpforte gegenüber lag im
Erdgeschoss auf der linken Seite des Hofes die kleine Wohnung Dromons, des
Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes. Sie bestand aus zwei kleinen
Gemächern: das erste, von dem zweiten durch einen Vorhang getrennt, war ein
blosses Vorzimmer. Das zweite Gemach gewährte durch ein logenartiges Fenster den
Ausblick auf den Hof und den Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung:
ein Strohlager im Innengemach und zwei Stühle und Tische im äussern nebst den
Schlüsseln an den Wänden waren ihr ganzes Gerät.
    Und auf der Holzbank an jenem Fenster sass Tag und Nacht, unverwandt den
Blick auf die Mauerlücke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des
Königs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib. -
    Es war Rautgundis.
    Niemals liess ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. »Denn dort,« sagte
sie sich, »dort hängt auch sein Blick, dortin schwebt seine Sehnsucht.« Auch
wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der sie
beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war, als ob der
Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten könne.
    Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend
geworden.
    Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten Schatten
über den Hof und diesen linken Flügel des Palastes.
    »Dank dir, gütiger Himmelsherr,« sprach sie. »Auch deine schweren Schläge
treiben zum Heil.
    Wär' ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie ich
mir ausgesonnen, - nie hätte ich von dem Gang des Elends hier vernommen. Oder
doch viel zu spät. Aber mich zog die Sehnsucht nach der Todesstätte des Kindes,
in die Nähe unsres Ehehauses, - das zwar räumte ich - -: wusste ich denn, ob
nicht sie, seine Königin, dort einsprechen würde? So hausten wir in der
Waldhütte nahe bei Fäsulä.
    Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Misslingens die andre
jagte, und als die Sarazenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen leuchten
sah bis in mein Versteck, da war's zu spät nach Norden zum Vater zu entrinnen;
die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was flüchtete mit gelbem Haar,
den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg hierher - nach der
Rabenstadt - wohin ich als sein Weib nie hatte kommen wollen. Als flüchtige
Bettlerin kam ich hier an, nur sein Ross Wallada und sein Knecht, nun sein
Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu.
    Aber ihm zum Heil, - von Gott hierher gezwungen, - ob ich schon nicht wollte
- ihn zu retten, zu befreien von scheusslichem Verrat des eignen Weibes! Und aus
seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte nicht mehr mit ihm leben
- aber - aber ich, - Rautgundis! - darf ihn retten.« -
    Da rasselte ihr gegenüber die eiserne Hofpforte.
    Ein Mann mit Licht trat heraus, ging über den Hof und trat alsbald in das
Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart.
    »Nun? sprich!« rief Rautgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das erste
Gemach entgegeneilend.
    »Geduld - Geduld - lass mich erst die Lampe niederstellen. So! - Nun, also:
er hat getrunken. Und es hat ihm wohlgetan.«
    Rautgundis legte die Hand auf die pochende Brust. »Was tut er?« fragte sie
dann.
    »Er sitzt immer schweigend in der nämlichen Stellung. Auf dem Holzschemel,
den Rücken gegen die Tür gewandt, das Haupt in beide Hände gestützt. Er gibt mir
keine Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst gar nicht zu
regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angetan. Aber heute, wie ich
ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach: Trink, lieber Herr, es kommt
von treuen Freunden: - da blickte er auf. So traurig, so zum sterben traurig war
der Blick und das ganze Antlitz. Und tat einen tiefen Zug und nickte dankend mit
dem Haupt und seufzte tief, tief, dass es mir durch die Seele schnitt.«
    Rautgundis bedeckte die Augen mit beiden Händen.
    »Weiss Gott, was er Böses mit ihm vorhat!« brummte der Alte leise vor sich
hin.
    »Was sagst du?«
    »Ich sage, du musst jetzt auch einmal tüchtig essen und trinken. Sonst
verlassen dich die Kräfte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau.«
    »Ich werde sie haben.« - »So nimm wenigstens einen Becher Wein.« - »Von
diesem? Nein, der ist für ihn allein.« - Und sie trat in das innere Gemach
zurück, wo sie ihren alten Platz einnahm.
    »Der Krug reicht ja noch lang,« fuhr der alte Dromon für sich fort. »Und ich
fürchte: wir müssen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da kömmt
Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst ... -«
    Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Königin die Sturmhaube und
seinen Mantel mit Gewändern Dromons vertauscht. »Gute Botschaft bring' ich,«
sprach er im Eintreten. »Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich pochte
vergeblich.«
    »Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen.«
    »Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark - was seh' ich? Das ist ja
alter, köstlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?«
    »Womit?« wiederholte der Alte, »mit dem edelsten Golde der Welt!« Und seine
Stimme bebte vor Rührung. »Ich erzählte ihr, dass der Präfekt ihn absichtlich
Mangel leiden lasse, dass er elend werde. Seit vielen Tagen hat man mir gar keine
Speise für ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein Gewissen, nur dadurch erhalten,
dass ich den andern Gefangnen an dem ihren abbrach. Das wollte sie nicht. Sie
sann nach und fragte dann: Nicht wahr, Dromon, die reichen Römerinnen bezahlen
immer noch das gelbe Haar der Germaninnen so hoch? Und ich, in meiner Einfalt
nichts ahnend, sage ja.
    Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schönen, goldbraunen
Flechten und Zöpfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der Wein bezahlt.«
    Da stürzte Wachis in das nächste Gemach, warf sich vor ihr nieder und
bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Küssen. »O Herrin« - rief er mit
versagender Stimme - »goldne, goldtreue Frau!«
    »Was treibst du, Wachis? steh auf und erzähle.«
    »Ja, erzähle,« sprach Dromon hinzutretend, »was rät mein Sohn?«
    »Wozu brauchen wir seinen Rat?« sprach die Frau. »Ich, ich allein will es
vollenden.«
    »Sehr nötig brauchen wir ihn. Der Präfekt hat aus allen jungen Ravennaten,
nach dem Muster der römischen, neun Kohorten Legionare gebildet und meinen
Paulus auch eingereiht. Zum Glück hat er diesen Legionaren die Bewachung der
Stadttore anvertraut. - Die Byzantiner liegen draussen im Hafen, seine Isaurier
hier im Palast.«
    »Die Tore nun,« fuhr Wachis fort, »werden zur Nacht sorgfältig gesperrt.
Aber die Mauerlücke am Turme des Aëtius ist immer noch nicht ausgebaut. Nur die
Wachen stehen dort.«
    »Wann trifft meinen Sohn die Wache?«
    »In zwei Tagen: die dritte Nachtwache.«
    »Allen Heiligen sei Dank. Viel länger durft' es nicht währen: - ich fürchte
... -« Und er stockte.
    »Was? sprich«, mahnte Rautgundis entschlossen. »Ich kann alles hören.«
    »Es ist am Ende besser, du weisst es. Denn du bist klüger und findiger als
wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich fürchte: sie haben's schlimm mit
ihm vor.
    Solange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut.
    Aber seit der fortgebracht und der Präfekt, der schweigsam kalte Dämon, Herr
im Palast ist, hat's ein gefährlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn selbst im
Kerker.
    Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im Gang
gelauscht. Er muss aber wenig ausrichten. Denn der Herr gibt ihm, glaub' ich, gar
keine Antwort. Und wenn der Präfekt herauskommt, blickt er so finster wie - wie
der König der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte ich keinen Wein und keine
Speisen für ihn als ein kleines Stück Brot. Und die Luft da unten ist so
moderdumpf wie im Grabe.«
    Rautgundis seufzte tief.
    »Und gestern, als der Präfekt heraufkam - er sah grimmiger als je darein -
da fragte er mich ... -«
    »Nun? sprich es aus, was es auch sei!«
    »Ob die Foltergeräte in Ordnung seien.« Rautgundis erbleichte, aber sie
schwieg. »Der Neiding!« rief Wachis, »was hast du« - »Sorget nicht, eine Weile
hat's noch gute Wege.«
    »Clarissime, antwortete ich, - und es ist die reine Wahrheit - die Schrauben
und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze saubere Qualzeug
liegt in schönster Ordnung alles beisammen. - Wo? fragte er. Im tiefen Meer. Ich
selbst hab' es, schon auf König Teoderichs Befehl, hineingeworfen. Denn wisset,
Frau Rautgundis: euer Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich
gerettet, da die Geräte an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein
Bitten das Foltern völlig abgetan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen
Glieder. Und darum wag' ich mit Freuden meinen Hals für ihn. Und will auch,
wenn's nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber lange dürfen
wir nicht säumen. Denn der Präfekt bedarf nicht meiner Zangen und Schrauben,
wenn er einem das Mark aus dem Leibe quälen will. Ich fürcht' ihn, wie den
Teufel.«
    »Ich hass' ihn, wie die Lüge,« sagte Rautgundis grimmig.
    »Darum müssen wir rasch sein, eh' er seine schwarzen Gedanken vollführen
kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten König. Ich weiss nicht, was er noch
weiter von dem armen Gefangnen will. Also hört und merkt euch meinen Plan. In
der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den Nachttrunk
bringe, schliesse ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen Mantel über und führe
ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof.
    Von da kömmt er ungehindert bis an das Tor des Palastes, wo ihn die Torwache
um die Losung fragt. Diese werd' ich ihm sagen.
    Ist er auf der Strasse, dann rasch an den Turm des Aëtius, wo ihn mein Paulus
die Mauerlücke passieren lässt. Draussen im Pinienwald, im Hain der Diana, wenige
Schritte vor dem Tore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf Wallada hebt.
Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rautgundis. Er flieht am
sichersten allein.«
    »Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden. Du
nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab' ihm nur Unglück gebracht. Ich will ihn
nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er in die Freiheit tritt.«
                                     * * *
    Der Präfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefühle der Macht.
    Er war Stattalter von Italien: in allen Städten wurden auf seine Anordnung
die Befestigungen geflickt und verstärkt, die Bürger an die Waffen gewöhnt. Die
Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise Gegengewicht zu halten. Ihre
Heerführer hatten kein Glück, die Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum
machten keine Fortschritte.
    Und mit Vergnügen vernahm Cetegus, dass Hildebad, dessen Schar sich durch
Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhöht, Acacius, der ihn mit tausend
Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurückgeschlagen hatte. Eine
starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus entgegenrückte,
verlegte ihm alle Wege - er wollte nach Tarvisium zu Totila - und nötigte ihn,
sich in das noch von den Goten unter Torismut besetzte Kastell von Castra Nova
zu werfen. Hier hielten ihn die Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber
nicht, den festen Bau zu nehmen, und schon sah der Präfekt die Stunde kommen, da
ihn Acacius zu Hilfe rufen würde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen
konnte, zu vernichten.
    Es freute ihn, dass die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung sich
offen vor ganz Italien als unfähig erwies, den letzten Widerstand der Goten zu
brechen. Und die Härte der byzantinischen Finanzverwaltung, die Belisar überall,
wo er einzog, mit sich führen musste - er konnte die auf Befehl des Kaisers
geübte Aussaugung nicht hindern -, erweckte oder steigerte in den Städten und
auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die Oströmer. Cetegus hütete sich
wohl, wie Belisar getan, den ärgsten Übergriffen der Beamten Justinians zu
wehren. Er sah es mit Freude, dass in Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen
die Bedrücker in offnem Aufruhr emporloderte.
    Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht verächtlich, ihre
Tyrannei verhasst genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen werden, frei zu
sein und der Befreier, der Beherrscher hiess Cetegus.
    dabei verliess ihn nur die Eine Besorgnis nicht - denn er war fern von
Unterschätzung seiner Feinde, -, der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch nicht
ausgetreten, könne nochmal aufflammen, geschürt durch die Entrüstung des Volkes
über den geübten Verrat.
    Schwer fiel dem Präfekten ins Gewicht, dass die tiefstgehassten Führer der
Goten, dass Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen worden.
Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen, trachtete er so
eifrig, dem gefangnen Gotenkönig die Erklärung zu entreissen, er habe sich und
die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung unterworfen, und er fordre die
Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand aufzugeben.
    Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Teoderichs geborgen lag,
sollte ihm sein Gefangner angeben. In jener Zeit war ein solcher, schon um
fremde Fürsten und Söldner zu gewinnen und anzuziehen, von höchster Bedeutung.
Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte Hoffnung, ihre geschwächte
Kraft durch fremde Waffen zu ergänzen. Und viel lag dem Präfekten daran, jenen
als unermesslich reich von der Sage gepriesenen Hort nicht in die Hände der
Byzantiner fallen zu lassen, deren Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein
wichtiger Bundesgenosse seiner Pläne war: sondern ihn sich selbst zu sichern, -
auch seine Mittel waren ja nicht unerschöpflich.
    Aber all' sein Bemühen schien an der Unerschütterlichkeit seines Gefangnen
zu scheitern.
 
                         Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Die Massregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen.
    Rautgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau
einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Ross Dietrichs von Bern
ihrer warten sollte.
    Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn
gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt. Aber
sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und sie über die
Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, schlug die Brust
mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand er keine Worte.
    »Rede,« gebot Rautgundis und presste die Hand auf das wild pochende Herz,
»ist er tot?«
    »Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor einer
Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich schloss ich
ihm selbst die beiden Türen, die Gangtür und die Kerkerpforte, auf - da -« -
»Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab: er werde sie fortan selbst
verwahren.« - »Und du gabst sie ihm?« knirschte Rautgundis. »Wie konnt' ich sie
weigern! Ich wagte das Äusserste. Ich hielt sie zurück und fragte: O Herr,
vertraust du mir nicht mehr? Da warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und
Seele wie ein Messer trennen können.
    Von jetzt an - nicht mehr! sprach er und riss mir die Schlüssel aus der
Hand.«
    »Und du liessest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?«
    »O Herrin, du tust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle tun
können? Nichts andres!«
    »Erwürgt hätt' ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt geschehn?«
    »Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.«
    »Er muss frei werden. Hörst du, er muss!«
    »Aber Herrin! Ich weiss ja nicht wie.«
    Rautgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. »Erbrechen wir die
Türen mit Gewalt.« Dromon wollte ihr die Axt entwinden.
    »Unmöglich! Dicke Eisenplatten!«
    »So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der
Gangtür erschlag' ich ihn mit diesem Beil.«
    »Und dann? Du rasest! Lass mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner
nutzlosen Wacht.«
    »Nein, ich kann's nicht denken, dass es heut' nicht werden soll. Vielleicht
kommt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht« - sprach sie nachsinnend.
»Ah,« schrie sie plötzlich, »gewiss, das ist's. Er will ihn ermorden! Er will
sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh' ihm, wenn er kommt! Die
Schwelle jener Gangtür will ich hüten wie ein Heiligtum, besser als meines
Kindes Leben. Und weh' ihm, wenn er sie beschreitet.« Und sie drückte sich hart
an die Halbtür des Gemaches Dromons und wog das schwere Beil.
    Aber Rautgundis irrte.
    Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt die Schlüssel an sich
genommen. Er war mit denselben in den linken, den Südbau des Palastes
geschritten. Spät am Nachmittag trat Cetegus - er kam aus dem Kerker des Königs
- in das Gemach Mataswintens. Die Ruhe des Todes und die Erregung des Fiebers
wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, dass Aspa nur mit
tränenerfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah.
    »Zerstreue,« sprach Cetegus, »schönste Tochter der Germanen, die Wolken,
die auf deiner weissen Stirn lagern und höre mich ruhig an.«
    »Wie steht es mit dem König? Du lässest mich ohne Nachricht. Du versprachst,
ihn freizugeben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen führen zu lassen. Du
hältst dein Wort nicht.«
    »Ich habe das versprochen: - unter zwei Bedingungen.
    Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt der
kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum - dich nach Byzanz zu führen: -
du gibst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit Witichis war erzwungen
und nichtig.«
    »Ich sagte dir schon: nein, niemals!«
    »Das tut mir leid - um meinen Gefangenen.
    Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem
Wege nach Byzanz.«
    »Niemals.«
    »Reize mich nicht, Mataswinta! Die Torheit des Mädchens, das so teuren
Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk' ich, überwunden. Dasselbe
Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber ehrst du noch
wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.«
    Mataswinta schüttelte das Haupt.
    »Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich
nicht, dass du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen Prinzen
Gemahlin - bald seine Witwe - und Justinian, Byzanz, die Welt liegt dir zu
Füssen. Tochter Amalaswintens - solltest du nicht die Herrschaft lieben?«
    »Ich liebe nur ... -! Niemals!«
    »So muss ich dich zwingen!«
    Sie lachte: »Du? mich? zwingen?«
    »Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zugrunde
gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich ist: dass der Gefangene diesen
leergelassenen Namen ausfüllt - er ist der Name des Schatzschlosses der Goten -
und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit einem Trotz, der anfängt,
mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm - ich, der Sieger, - er hatte noch
kein Wort für mich. Nur das erstemal, da erhielt ich einen Blick für den er
allein den stolzen Kopf verlieren müsste.«
    »Nie gibt er nach.«
    »Das fragt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall. Aber
ich kann nicht lange mehr warten.
    Heute früh kam Nachricht, dass der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas
so schwer geschlagen, dass er kaum die Einschliessung noch aufrecht hält. Überall
flackern gotische Erhebungen empor. Ich muss fort und ein Ende machen und diese
Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung, besser als mit Blut. Dazu muss
ich des gefangenen Königs Erklärung und Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir
also: wenn du bis morgen mittag nicht des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist
und mir nicht vorher die Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echteit
von dir selbst bezeugt, so werd' ich den Gefangenen - - ich schwöre es dir beim
Styx, - werd' ich den Gefangenen -«
    Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswinta von ihrem
Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Du wirst ihn doch nicht töten?«
    »Ja, das werd' ich. Ich werd' ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann
töten.«
    »Nein, nein!« schrie Mataswinta auf.
    »Ja, ich hab's beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das
sagen: dir, dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben, dass es ernst. Du
vielleicht rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er wähnt vielleicht
noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du wirst ihm sagen, in
wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier die Schlüssel - du sollst
deine Stunde frei wählen - zu seinem Kerker.«
    Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswintas Seele durch ihr Auge.
    Cetegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus.
 
                          Achtundzwanzigstes Kapitel.
Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war es dunkel geworden über
Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das heftiger Wind
aus dem Neumond vorüberjagte, so dass kurzes, Ungewisses Licht mit desto tieferem
Dunkel wechselte.
    Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen
vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück. Er fand kein Licht
brennend. Mit Mühe nur nahm er Rautgundis wahr, die noch immer reglos an der
Halbtür lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die Gangtür geheftet.
    »Lass mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzünden: und
teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst.« - »Nein, kein
Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draussen im Hof, im
Mondlicht naht.« - »Nun so komm wenigstens hier herein und ruhe auf dem Dreifuss.
Hier ist Brot und Fleisch.« - »Soll ich essen, während er Hunger leidet?« - »Du
wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen Abend?«
    »Was ich denke?« wiederholte Rautgundis, immer hinausblickend: »Ihn! Und
wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserm schönen Hause, wann der
Brunnen plätscherte in dem Garten und die Zikaden zirpten auf den Olivenbäumen.
Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt. Und ich schmiegte mich
an seine Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben gingen die Sterne. Mit
Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen Atemzügen des Kindes, das
eingeschlafen war auf meinem Schoss, die Händchen, wie weiche Fesseln, um den Arm
des Vaters geschlungen. Jetzt trägt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trägt
er, - die schmerzen ... - -« Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest
und fester, bis sie selbst Schmerz empfand.
    »Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu ändern!«
    »Ich will es aber ändern! Ich muss ihn retten und - Ah, Dromon, hierher! Was
ist das?« flüsterte sie und wies in den Hof.
    Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe,
weisse Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber scharf, fiel
das Mondlicht darauf.
    »Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten,« sprach der
Alte bebend. »Gott und die Heiligen schützet mich!« Und er bekreuzte sich und
verhüllte das Haupt.
    »Nein,« sprach Rautgundis, »die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits.
Jetzt ist's verschwunden - Dunkel ringsum - Sieh, da bricht der Mond durch - da
ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangtür. Was schimmert da rot im
weissen Licht? Ah, das ist die Königin - ihr rotes Haar! Sie hält an der Gangtür.
Sie schliesst auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!«
    »Weiss Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! Wie könnte sie!«
    »Sie könnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rautgundis lebt. Ihr nach!
Ein Wunder tut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!«
    Und sie trat aus der Halbtür in den Hof, das Beil in der Rechten, vorsichtig
den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen schleichend. Dromon
folgte ihr auf dem Fusse.
    Inzwischen hatte Mataswinta die Gangtür aufgeschlossen und ihren Weg erst
viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Händen tastend,
zurückgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht erschloss sie auch
diese.
    Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler
Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. Er sass,
den Rücken gegen die Türe gewandt, das Haupt auf die Hände gestützt, reglos auf
einem Steinblock.
    Zitternd lehnte sich Mataswinta an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft
schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.
    Da spürte Witichis an dem Windzug, dass die Pforte geöffnet worden. Er hob
das Haupt. Aber er sah nicht um.
    »Witichis - König Witichis« - stammelte endlich Mataswinta - »ich bin's.
Hörst du mich?«
    Aber der Gefragte rührte sich nicht.
    »Ich komme, dich zu retten - fliehe! Freiheit!«
    Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.
    »O sprich! - oh sieh nur auf mich!« - Und sie trat ein. Gern hätte sie
seinen Arm berührt, seine Hand gefasst. Sie wagte es noch nicht. »Er will dich
töten - quälen. Er wird es tun, - wenn du nicht fliehst.«
    Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu treten. »Du sollst aber
fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein - durch mich! Ich flehe
dich an - fliehe! Du hörst mich nicht! Die Zeit drängt! Einst sollst du alles
wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben. Ich habe die Schlüssel der
Kerkerpforte und der Gangtür! flieh!« Und nun fasste sie seinen Arm, wollte ihn
emporreissen.
    Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füssen. - Er war an den
Steinblock festgeschlossen.
    »O, was ist das?« rief sie und fiel in die Kniee.
    »Stein und Eisen,« sagte er tonlos. »Lass mich. Ich gehöre dem Tode. Und
hielten mich auch diese Bande nicht - ich folgte dir doch nicht! Zurück in die
Welt? Die Welt ist eine grosse Lüge. Alles ist Lüge.«
    »Du hast recht! sterben ist besser. Lass mich sterben mit dir. Und verzeih'
mir. Denn auch ich habe dir gelogen.«
    »Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.«
    »Aber du musst mir noch vergeben, ehe wir sterben.
    Ich habe dich gehasst - ich habe gejubelt über deinen Niedergang - ich habe -
o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. Und doch
muss ich deine Verzeihung haben - und müsst' ich sie mir erstehlen. Vergib mir -
reiche mir die Hand zum Zeichen, dass du mir verzeihst.«
    Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken.
    »O, ich flehe dich an - verzeihe mir, was immer ich dir mag getan haben.«
    »Geh' - warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser,
nicht schlimmer!«
    »Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse
denn: ich habe dich gehasst, ja, aber nur, weil du mich von dir gestossen! Du
liessest mich nicht dein Leben teilen, - verzeihe mir. - Gott, ich will ja nur
mit dir sterben dürfen. Reich' mir einmal noch die Hand, zum Zeichen, dass du mir
verzeihst.« Und sie streckte knieend, flehend, beide Hände zu ihm empor.
    Der König, erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe
Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz.
»Mataswinta,« sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, »geh', es erbarmt
mich dein. Lass mich allein sterben. Was immer du an mir getan - geh hin: - ich
habe dir verziehn.«
    »O Witichis!« hauchte Mataswinta und wollte seine Hand ergreifen.
 
                          Neunundzwanzigstes Kapitel.
Aber heftig fühlte sie sich hinweggerissen. »Nachtbrennerin, nie soll er dir
vergeben! Komm, Witichis, mein Witichis. Folge mir! Du bist frei.« Der König
sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betäubung geweckt. »Rautgundis! Mein
Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab' dich wieder.« Und tief
aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die Arme aus. Sein Weib flog
an seine Brust und sie weinten beide süsse Tränen der Liebe und der Freude.
    Mataswinta aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie strich
sich langsam die roten, losgegangenen Haare aus der Stirn und blickte auf das
Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel, hell beleuchtete.
    »Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr würd' er folgen in Freiheit und Leben. Aber
er muss ja bleiben! Und sterben - mit mir.«
    »Säumt nicht länger!« mahnte von der Kerkertüre her die Stimme Dromons.
    »Ja, rasch fort, mein Leben!« rief Rautgundis. Sie zog einen kleinen
Schlüssel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine Öffnung
suchend.
    »Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?« fragte der Gefangene, halb in seine
Betäubung zurücksinkend.
    »Ja, hinaus in die Luft und Freiheit«, rief Rautgundis und warf die
losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. »Hier Witichis, eine Waffe! Ein Beil!
Nimm!«
    Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kräftig damit aus: »Ah!
die Waffe tut dem Arm, der Seele wohl!«
    »Das wusste ich, mein tapfrer Witichis!« rief Rautgundis, kniete nieder und
schloss die Kette auf, die seinen linken Fuss an den Steinblock gefesselt hielt.
»Nun schreite aus! Denn du bist frei.«
    Witichis tat, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen
Schritt gegen die Türe.
    »Und sie darf seine Ketten lösen!« flüsterte Mataswinta.
    »Ja, frei!« sprach Witichis, hoch aufatmend. »Ich will frei sein und mit dir
gehen.«
    »Mit ihr will er gehen!« rief Mataswinta und warf sich dem Gatten in den
Weg. »Witichis - leb wohl - geh'! - Nur sage mir nochmal - dass du mir vergibst.«
    »Dir vergeben?« rief Rautgundis. »Nie! Niemals! Sie hat unser Reich
zerstört. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels - ihre Hand hat
deine Speicher verbrannt!«
    »O so sei verflucht!« rief Witichis. »Hinweg von dieser Schlange der Hölle!«
Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er über die Schwelle, gefolgt
von Rautgundis.
    »Witichis!« rief Mataswinta sich aufraffend. »Halt! Halt an! Höre mich nur
noch einmal! Witichis!«
    »Schweig!« sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. »Du wirst ihn verderben.«
    Aber Mataswinta, ihrer nicht mehr mächtig, riss sich los und folgte die
Stufen hinauf in den Gang.
    »Halt!« rief sie, »Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du musst mir
verzeihn.« Da brach sie ohnmächtig zu Boden.
    Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.
    Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes geweckt.
    Cetegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb gegürtet, aus seinem
Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palastof
blickten.
    »Wachen,« rief er, »unter die Speere!« Auch Soldaten waren merksam geworden.
Kaum hatten Witichis, Rautgundis und Dromon den Gang und die Gangtüre
durchschritten und, gerade dieser gegenüber, die Gemächer Dromons erreicht, als
sechs isaurische Söldner laut lärmend in den Gang hineinstürmten.
    Rasch sprang Rautgundis aus der Halbtür, sprang auf die schwere eiserne
Gangtüre zu, warf sie klirrend ins Schloss, drehte den Schlüssel um, und zog ihn
heraus. »Die sind geborgen und unschädlich!« flüsterte sie.
    Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem grossen
Ausgang zu, der aus dem Schlosshof auf die Strasse führte. Mit gefälltem Speer
trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurückgeblieben, ihnen entgegen.
»Gebt die Losung,« rief er. »Rom und? -«
    »Rache!« sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.
    Laut schreiend fiel der Söldner, und warf noch den Speer den Flüchtigen
nach: er durchbohrte den letzten der drei - Dromon.
    Über die Marmorstufen des Palastes auf die Strasse hinabspringend, hörten die
Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisentüre schlagen,
auch einen lauten Befehlruf hörten sie noch. »Syphax! mein Pferd!«
    Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.
    Wenige Minuten darauf schimmerte der Palastof von Fackeln, und Reiter
flogen nach allen Toren der Stadt.
    »Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen bringt!«
rief Cetegus - sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes schwingend. »Nun
auf, ihr Söhne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und Massageten. Jetzt
reitet, wenn ihr je geritten!«
    »Aber wohin, Herr?« fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem Palasttor
sprengend.
    »Das ist schwer raten. Aber alle Tore sind geschlossen und besetzt. Sie
können nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus.«
    »Zwei grosse Mauerbreschen sind's.«
    »Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir.
Ist nicht dort -?«
    »Der Mauersturz am Turme des Aëtius.«
    »Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!« - - -
                                     * * *
    Glücklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem
Sohn des Dromon, die nur halb ausgefüllte Mauerlücke durcheilt und in dem nahen
Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden. Wallada
nahm die Gatten auf den Rücken. -
    Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses
zu. Witichis hielt Rautgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. »Mein Weib!
mit dir hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will ich's noch
einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir lassen, du Seele meiner
Seele.«
    »Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen Nacken,
o du mein alles.«
    »Vorwärts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.«
    Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses war
erreicht. Wachis trieb sein bäumendes Pferd in die dunkle Flut. Das Tier scheute
und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. »Er geht sehr tief, sehr reissend.
Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht zu brauchen. Die Gäule
müssen schwimmen und stark recht abwärts wird's uns reissen. Und es sind Felsen
im Fluss. Und das Mondlicht wechselt so oft und täuscht.« - Ratlos prüfte er am
Ufer hin und her.
    »Horch, was war das?« fragte Rautgundis. »Das war nicht der Wind in den
Steineichen.«
    »Pferde sind's,« sagte Witichis. »Sie nahen in Eile. Ja, wir sind verfolgt.
Waffen klirren. Da - Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf Leben und Sterben.
Aber leise!«
    Und er führte sein Pferd am Zügel in die Flut.
    »Kein Bodengrund mehr. Die Gäule müssen schwimmen, halte dich fest an der
Mähne, Rautgundis. Vorwärts, Wallada!«
    Schnaubend, zitternd, blickte das Tier in die schwarze Flut - die Mähne flog
wirr kopfüber - die Vorderfüsse vorgestreckt, den Hinterbug zurückgehemmt.
    »Vorwärts, Wallada!« Und leise rief Witichis dem treuen Ross ins Ohr:
»Dietrich von Bern!« Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfährig in die
Flut.
    Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald, voran Cetegus, ihm zur
Seite Syphax, eine Fackel hebend. »Hier, im Ufersand, verschwindet die Spur, o
Herr.«
    »Sie sind im Wasser! Vorwärts, ihr Hunnen!«
    Aber die Reiter zogen die Zügel an und rührten sich nicht.
    »Nun, Ellak? was zögert ihr? Sofort in die Flut!«
    »Herr, das können wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fliessend Wasser
reiten, müssen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir müssen erst
zu ihm beten.«
    »Betet nachher, wenn ihr drüben seid, solang ihr wollt, nun aber -«
    Da fuhr ein stärkerer Windstoss über den Fluss und verlöschte alle Fackeln.
Hochauf rauschte die Flut.
    »Du siehst, o Herr, Phug zürnt.«
    »Still! saht ihr nichts? Da unten, links?«
    Der Mond war aus dem jagenden Gewölk getaucht. - Er zeigte Rautgundis
helles Untergewand: - den braunen Mantel hatte sie verloren.
    »Zielt rasch, dortin.«
    »Nein, Herr! Erst ausbeten.« -
    Da war es wieder dunkel am Himmel. - Mit einem Fluch riss dem Hunnenhäuptling
Cetegus Bogen und Köcher von der Schulter.
    »Nun rasch vorwärts!« rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer
gewonnen hatte, zurück - »ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt.«
    »Halt, Wallada!« rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und
sich an der Mähne haltend. »Da ist ein Fels! Stosse dich nicht, Rautgundis.« -
    Ross, Mann und Weib stockten einen Augenblick an dem ragenden Stein, wo in
gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reissend zog.
    Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Fläche des Stroms und
die Gruppe am Felsen.
    »Sie sind es!« rief Cetegus, der schon den gespannten Langbogen bereit
hielt, zielte und schoss. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte Pfeil von
der Sehne.
    »Rautgundis!« rief Witichis entsetzt. - Denn sie zuckte zusammen und sank
nach vorwärts auf die Mähne des Rosses, aber sie klagte nicht.
    »Bist du getroffen?« - »Ich glaube. Lass mich hier. Und rette dich«. -
»Niemals! Lass dich stützen.«
    »Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!«
    Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis in
sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.
    »Lass mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier.« - - »Nein, ich lasse dich nie
mehr!« Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In
hellem Mondlicht stand die Gruppe.
    »Gib dich gefangen, Witichis!« rief Cetegus, sein Ross bis an den Bug in das
Wasser spornend.
    »Fluch über dich, du Lügner und Neiding.«
    Da schwirrten zwölf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Ross Teoderichs
und versank für immer in die Tiefe.
    Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. »Bei dir!« - hauchte noch
Rautgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. - - »Mit dir!«
    Umschlungen verschwanden sie im Fluss.
    Jammernd rief drüben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen. Er
erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.
    »schafft die Leichen ans Land!« befahl Cetegus düster, sein Ross wendend.
Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.
    Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen und
die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie Meer.
                                     * * *
    Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna
zurückgekehrt, bereit, demnächst Mataswinta nach Byzanz zu führen.
    Diese war aus ihrer Betäubung erst durch die Hammerschläge der Werkleute
geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangtür durchbrachen, die
eingesperrten Söldner zu befreien. Man fand die Fürstin auf den Kerkerstufen
zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemächer hinaufgetragen, wo
sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber mit starr geöffneten Augen
lag.
    Gegen Mittag liess sich Cetegus melden. Sein Blick war finster und drohend,
sein Antlitz von eisiger Kälte. Er trat dicht an ihr Lager. Mataswinta sah ihm
ins Auge.
    »Er ist tot!« sagte sie dann ruhig.
    »Er wollte es nicht anders. Er - und du. Dir Vorwürfe machen ist zwecklos.
Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das Geschrei
von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut treiben. Schwere
Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm Flucht und Tod bereitet. Das
mindeste, was du zur Sühne tun kannst, ist: meinen zweiten Wunsch erfüllen.
Prinz Germanus ist gelandet, dich abzuholen. Du wirst ihm folgen.«
    »Wo ist die Leiche?«
    »Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und - das Weib.«
    Mataswintens Lippe zuckte. »Noch im Tode! Sie starb mit ihm?«
    »Lass diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen.
Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begrüssen?«
    »Ich werde bereit sein.«
    »Gut. Wir wollen pünktlich sein.«
    »Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmücken:
Diadem, Purpur, Seide.«
    »Sie hat den Verstand verloren,« sagte Cetegus im Hinausgehen. »Aber die
Weiber sind zäh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie können fortleben mit aus der
Brust gerissenem Herzen.«
    Und er ging den ungeduldigen Prinzen zu vertrösten.
    Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Männer zur
Königin zu entbieten.
    Germanus eilte mit raschem Fusse über die Schwelle ihres Gemaches. Aber
gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schön, so prachtvoll hatte er die
Gotenfürstin nie gesehen.
    Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das,
gelöst, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern bis über
den Rücken floss. Das Unterkleid, von schwerster weisser Seide mit goldnen Blumen
durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn Brust und Schoss bedeckte
der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war marmorweiss, ihr Auge loderte in
geisterhaftem Glanz. »Prinz Germanus,« rief sie dem Eintretenden entgegen, »du
hast mir von Liebe geredet? Aber weisst du, was du geredet? Lieben ist sterben.«
    Germanus sah fragend auf Cetegus.
    Dieser trat vor. Er wollte sprechen.
    Aber Mataswinta hob mit heller Stimme wieder an:
    »Prinz Germanus, sie rühmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof,
wo man sich übt in spitzer Rätsel Ratung. Auch ich will dir eine Rätselfrage
stellen: - sieh' zu, ob du sie lösest. Lass dir nur helfen dabei von dem klugen
Präfekten, der sich so ganz auf Menschengemüter versteht. Was ist das? Weib und
doch Mädchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es nicht zu deuten? Hast recht.
Der Tod nur löst alle Rätsel.«
    Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert
blitzte. Mit beiden Händen stiess sie sich's tief in die Brust.
    Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rückwärts hinzu.
Schweigend fing Cetegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert aus
der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst gesendet.
    Es war des Schwert des Königs Witichis.
 
    