
        
                                 Peter Rosegger
                      Die Schriften des Waldschulmeisters
                        Lebensbeschreibung des Verfassers,
                                 von ihm selbst
Einer, der vom Geschicke so hinausgestellt worden ist, dass voraussichtlich, ja
schon bei seinen Lebzeiten, mytisch gestimmte Leute seine Lebensgeschichte
nachdichten und weiter erzählen, ein solcher tut gut, wenn er ihnen zuvorkommt.
Am Ende weiss doch jeder selbst am besten, was es mit ihm ist. Nur aufrichtig muss
er sein. Bei einem Poeten tut sich das selten ganz leicht, weil die Erinnerung
gerne ein wenig umgebogen wird durch eine zudringliche Phantasie.
    In dem Berichte, der hier folgt, wird das nicht so sein. Knapp und der
Wirklichkeit gemäss soll da mein unbedeutendes, aber nicht armes Menschenleben
aufgeschrieben werden. -
    Als ich mich auf dieser Erde fand, war ich ein Knabe auf einem schönen
Berge, wo es grüne Matten gab und viele Wälder, und wo, so weit das Auge trug,
andere Berge standen, die ich damals aber noch kaum angeschaut haben werde. Ich
lebte mit Vater und Mutter und etlichen Knechten und Mägden in einem alten,
hölzernen Hause, und es gab in Hof und Stall, auf Feld und Wiese und im Walde
immer alle Hände voll zu tun, und das Arbeiten vom frühen Morgen bis in die
späte Nacht war etwas ganz Selbstverständliches, sogar schon bei mir; und wenn
ich auf dem Anger mit Steinchen, Erde, Holzstückchen usw. spielte, so hatte ich
immer Angst, des Vaters Stimme würde mich jetzt und jetzt zu einer Arbeit rufen.
Ich habe das Spiel mit Hast getrieben, um es noch vor der Arbeit Rande zu
bringen, und ich habe die Arbeit mit Hast vollbracht, um wieder zum Spiele zu
kommen. Und so hat sich eine gewisse Eilfertigkeit in mein Wesen eingewachsen,
der - war es im Studium oder im Schaffen - die Geduld und Bedächtigkeit nicht
immer die rechte Wage hielt.
    Mein Geburtsjahr ist 1843. Den Geburtstag - 31. Juli - habe ich mir erst
später aus dem Pfarrbuche zu Krieglach heraussuchen lassen, denn bei uns daheim
wurde nur mein Namenstag, Petri Kettenfeier, am 1. August, und zwar allemal
dadurch gefeiert, dass mir meine Mutter an diesem Tage einen Eierkuchen buk.
    Unsere kleine Gemeinde, die aus etwa vierundzwanzig auf Höhen und in
Engtälern zerstreuten Bauernhäusern bestand, hiess Alpel, oder wie wir sagten:
die Alm; war von grossen Wäldern umgeben und durch solche stundenlange Wälder
auch getrennt von unserem Pfarrdorfe Krieglach, wo die Kirche und der Friedhof
standen. Mitten in diesen schwarzen Fichtenwäldern, unweit von anderen kleinen
Gehöften, die zerstreut lagen, und in denen es genau so zuging wie bei uns, lag
denn meine Heimat mit den Hochmatten, Wiesen und Feldlehnen, auf denen das
Wenige kümmerlich wuchs, was wir zum Leben brauchten.
    Krieglach liegt im Mürztale, an der Südbahn, die damals schon eröffnet war.
Wir waren nur drei Stunden von dieser Hauptverkehrsstrasse entfernt, trotzdem
aber durch die schlechten Wege, und besonders durch unsere Unbeweglichkeit, fast
ganz von der Welt abgeschlossen.
    Mein Heimatshaus hiess: beim Klupenegger. Mein Vater war auch in demselben
geboren, ebenso sein Vater, Gross- und Urgrossvater; dann verliert sich der
Stammbaum. Die Geschwister meines Vaters waren als Hausbesitzer oder Dienstboten
in der Gegend zerstreut. Meine Mutter war die Tochter eines Kohlenbrenners,
dieser konnte den Bücherdruck lesen, was in Alpel zu jener Zeit etwas
Ausserordentliches war. Er erteilte neben seinem Gewerbe auch Unterricht im
Lesen, aber es sollen wenig Lernbegierige zu seiner Hütte gekommen sein. Seine
Tochter - die nachmals meine Mutter geworden - hatte die Kunst in unser Haus
mitgebracht. Die Geschwister meiner Mutter lebten als Holzleute und Köhler in
den Wäldern.
    Ich mochte fünf Jahre alt gewesen sein, als in Alpel die Mär ging, man höre
auf unseren hohen Bergen die Kanonenschüsse der Revolution in Wien. Das war nun
wohl nicht möglich, doch aber ein Beweis, wie die Beunruhigung auch in unsere
stille Gegend gedrungen war. Was die Befreiung von Zehent und Abgaben, von Robot
und Untertänigkeit bei meinen Landsleuten für einen Eindruck gemacht hat, weiss
ich nicht; wahrscheinlich nicht den besten, denn sie waren sehr vom
Altergebrachten befangen. Mir kleinem Jungen aber hatte die Revolution etwas
Gutes gebracht.
    In einer Nachbarspfarre jenseits der nahen oberländischen Grenze gerieten
der Pfarrer und der Schulmeister in Zwiespalt, der Neuerungen wegen. Der
Schulmeister hielt es so ein wenig mit der neuen Zeit. Als aber das Jahr 1849
kam, war der Pfarrer auf einmal wieder obenauf und verjagte den Schullehrer mit
Verweigerung eines entsprechenden Zeugnisses. Nun war der Schulmann ein
Bettelmann und kam als solcher auch in unsere Gemeinde Alpel. In dieser befanden
sich ein paar Bauern, die dem streitbaren Pfarrer nicht grün waren und den
Schulmeister aufnahmen. Der Schulmeister - sein Name war Michel Patterer - ging
umher und lehrte den Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen. Er bekam dafür
das Essen und Tabaksgeld. Die Kinder folgten ihm von Haus zu Haus, und unter
ihnen war auch ich. Endlich wurde ihm ein bestimmtes Wohnhäuschen angewiesen, wo
er im Jahre 1857 gestorben ist.
    Mein Schulbesuch war aber ein sehr mangelhafter; da war's die grössere
Entfernung, oder ich wurde zu häuslichen Arbeiten - besonders zum Schafe- und
Rinderhüten, oder als Botengeher, oder zum Futterschütten in der Mahdzeit, oder
zum Garbentragen im Schnitt, oder zum Ochsenführen bei Fuhrwerken, oder zum
Furchenaushauen beim Ackern - verwendet; dann wieder war's der ungestüme Winter,
oder meine körperliche Schwächlichkeit und Kränklichkeit, die mich am Schulgehen
hinderten. Ich als der Älteste unter meinen Geschwistern - wovon unser nach und
nach sieben kamen - war das Muttersöhnchen, und bei meiner Mutter fand ich
bisweilen sogar ein wenig Schutz, wenn ich mich der Schule entschlagen wollte;
denn die Schule war mir im Grunde recht zuwider, weil ich erstens das viele
Rechnen hasste und zweitens die Buben, die mich gern hänselten, da ich meine
besonderen Wege ging und mich zu ihnen nicht schicken wollte. Indes, einen oder
zwei Kameraden hatte ich immer, an denen ich hing und mit denen ich auch die
Knabenwildheit redlich durchgemacht habe.
    Noch bei Lebzeiten des alten Schulmeisters war die Rede gewesen, ich »täte
leicht lernen«, hätte den Kopf voll von allerlei Dingen, ich sollte studieren.
Unter Studieren verstand man gar nichts anderes, als nach Graz ins Seminar und
später ins Priesterhaus gehen. Und es war richtig, ich war der eifrigste
Kirchengeher und aufmerksamste Predigtörer, als welcher ich das erste
Hochdeutsch vernahm; denn wir sprachen alle miteinander das »Bäurische«, nämlich
die sehr altertümliche Mundart der Vorfahren, die vor Jahrhunderten aus Schwaben
oder Oberbayern in unsere Gegend eingewandert sein sollen. Das Hochdeutsch des
Predigers - so schlicht es von heimischen Landeskindern auch vorgetragen wurde -
war wohl von den Wenigsten verstanden; für mich hingegen hatten die Kanzelreden
einen grossen Reiz, ich ahmte sie nach. Ich hielt, wo ich allein ging und stand,
laute Predigten aus dem Stegreif, ich ging auf Suche nach geistlichen Büchern,
schleppte sie - wenn ich dazu die Erlaubnis hatte - in mein Vaterhaus zusammen,
las dort die halben Nächte lang laut im Predigerton, auch wenn mir kein Mensch
zuhörte, und trieb allerhand mystische Phantastereien.
    Also führte mich meine Mutter zu Geistlichen umher und bat um Rat, wie ich
denn in die »Studie« zu bringen wäre, »dass es nichts tät' kosten.« Denn durch
Unglücksfälle, Wetterschäden, Feuer, Krankheiten waren wir verarmt. Aber die
geistlichen Herren sagten, wenn kein Vermögen da wäre, so könnten sie keinen Rat
geben. Nur einer war, der Dechant von Birkfeld, welcher sich erbötig machte,
mich selbst im Latein zu unterrichten und später für mein Fortkommen was tun zu
wollen. Ich wurde also nach Birkfeld zu einem Bauer Waxhofer gebracht, wo ich
Pflege geniessen und von da aus vierklassige Marktschule, sowie den zugesagten
Lateinunterricht des Dechants besuchen sollte. Allein einerseits die kecken
Jungen meines Wohnungsgebers, andererseits das Heimweh nach Vater und Mutter
setzten mir so sehr zu, dass ich schon nach drei Tagen bei Nacht und Nebel
aufbrach und den fünf Stunden langen Berg- und Waldweg bis zu meinem Vaterhause
zurücklegte. In jenen Tagen ist mein Heimweh geboren worden, das mich seiter
nicht verliess, auf kleineren Touren wie auf grösseren Reisen in Stadt und Land
mein beständiger Begleiter war und eine Quelle meiner Leiden geworden ist. Es
war dasselbe Gefühl, das mich später zu Weib und Kind zog und immer wieder
zurück nach den heimatlichen Bergen, als ihre steilen Hänge, ihre herbe Luft
meiner schwachen Gesundheit längst schädlich und gefährlich zu werden begannen.
    Nun, von Birkfeld zurückgekehrt, war ich entschlossen, mich dem Stande
meiner Väter zu widmen. Indes aber steigerte sich meine Neigung zum Schrifttum.
In Krieglach lebte eine alte Frau, welche die Hoffnung auf mein Weiterkommen
nicht aufgab und mir ihre Bücherschränke zur Verfügung stellte. Da fand ich
Gedichte, Jugendschriften, Reisebeschreibungen, Zeitschriften, Kalender.
Besonders die illustrierten Volkskalender regten mich an. In einem solchen fand
ich eine Dorfgeschichte von August Silberstein, deren frischer, mir damals ganz
neuer Ton, und deren mir näher liegende Gegenstand mich zur Nachahmung reizte.
Ich war damals etwa fünfzehn Jahre alt. Ich versuchte nun auch, Dorfgeschichten
zu schreiben, doch fiel es mir nicht ein, meine Motive aus dem Leben zu nehmen,
sondern ich holte die Stoffe aus den Büchern. Ich schrieb nun selbst Kalender,
die ich auch eigenhändig illustrierte, Gedichte, Dramen, Reisebeschreibungen aus
Ländern, in denen ich nie war, alles nach alten Mustern. Erst sehr spät kam ich
darauf, dass man aus dem uns zunächst umgebenden Leben die besten Stoffe holt.
    Wir hatten uns noch einmal angestrengt, dass ich in eine geistliche Anstalt
käme, aber vergebens. Von jenen Herren, die später wiederholt das Bedauern
ausdrückten, dass ich keiner der Ihren wäre, hat mir die Hand nicht einer
gereicht. Und ich glaube, es ist gut so. Denn schon meine Weltanschauung von
damals hätte im Grunde nicht mit der ihren harmoniert. Ich war mit ganzer Seele
Christ. Vor mir stand der katolische Kultus gross und schön; aber meine Ideale
gingen andere Wege, als die politischen der Kirche.
    Durch das Wanken und Wähnen, was ich denn werden solle, war mir endlich alle
Lust zum Bauernstande abhanden gekommen. Meine Körperbeschaffenheit war auch
nicht dazu geeignet, und so trat ich im Sommer 1860 bei dem Schneidermeister
Ignaz Ortofer Katrein am Hauenstein in die Lehre. Bei demselben verblieb ich
fast fünf Jahre und wanderte mit ihm von Haus zu Haus, um den Bauern die Kleider
zu machen. Ich habe in verschiedenen Gegenden im kultivierteren Mürztale wie im
verlassenen Fischbacher Walde und im sogenannten »Jackelland« in mehr als 60
Häusern gearbeitet, und diese Zeit und Gelegenheit war meine Hochschule, in der
ich das Bauernvolk so recht kennen lernen konnte.
    Nicht unerwähnt mag ich das Verhältnis lassen, in welchem ich damals zur
Familie Haselgraber in Katrein am Hauenstein stand. Der alte Haselgraber
betrieb nebst einer kleinen Bauernwirtschaft und verschiedenen Gewerben auch
eine Krämerei und stand also im Verkehr mit der Welt. In seinem Hause, in
welchem ich wie daheim war, fand ich Bücher und Zeitungen, vor allem aber an
Haselgrabers Söhnen und Töchtern gute Freunde, die wie ich ein Interesse an
Büchern und geistiger Anregung hatten, denen ich auch meine Dichtungen zu lesen
gab, teilweise sie ihnen widmete, und mit denen ich in langjährigem
freundschaftlichsten Verkehr stand.
    Die Erinnerung an diese Menschen, die heute grösstenteils begraben, teils in
der weiten Welt zerstreut sind, weckt jetzt noch das Gefühl der Dankbarkeit und
Wehmut in mir.
    Ich hatte in meiner Jugend das Glück, meist mit guten Menschen
zusammenzusein; darunter vor allen zu nennen meine Mutter, meinen Vater und
meinen Lehrmeister. Meine Mutter war die Güte, die Aufrichtigkeit, die
Wohltätigkeit, Arbeitsamkeit selbst. Mein Vater voll herzlicher Einfalt,
Redlichkeit, Duldung und echter Religiosität. Mein Lehrmeister war ein fleissiger
Handwerker, der auf sein Gewerbe was hielt und mich mit milder Hand zur
Arbeitsamkeit leitete. Für sein Leben gern wollte er einen tüchtigen
Schneidermeister aus mir machen, aber er mag wohl früh geahnt haben, dass seiner
Liebe Müh' umsonst sein werde. Trotzdem hat er mit herzlicher Neigung zu mir
gehalten, bis ich ihm davonging.
    Ich hatte nie das Bestreben, meinem Handwerke fortzugehen, obwohl ich mit
meinen Leistungen nicht recht zufrieden sein konnte. Mich hat nämlich schon seit
meiner Kindheit her eine wunderliche Idee geleitet, oder missleitet. Sie
entsprang aus meiner Kränklichkeit und war geeignet, einerseits mich zu
verkümmern, anderseits mich zu erhalten. Mir war nämlich in allen meinen Zeiten
zumute, dass mein Leben nur noch ein kurzes sein werde, und daher das Streben
nach einer besseren Stellung zwecklos. So habe ich stets in einer gewissen,
traumhaften Leichtsinnigkeit hingelebt, mit jedem nächsten Jahre den Tod, ja,
mit jedem sich anmeldenden Unwohlsein resigniert das Ende erwartend. Der Weg,
den ich machte, war demnach weniger ein Werk der Absicht, als des Zufalls - ich
sage lieber der Vorsehung.
    Auch während meiner Schneiderzeit hatte ich allerlei gedichtet und
geschrieben, und durch Lobsprüche und Ratschläge veranlasst, schickte ich eines
Tages eine Auswahl von Gedichten nach Graz an das Journal: »Die Tagespost«. Ich
war lüstern, einmal zu sehen, wie sich meine Poesien gedruckt ausnähmen. Der mir
ganz fremde Redakteur des Blattes, Dr. Svoboda, veröffentlichte richtig einiges,
war übrigens aber der Ansicht, dass mir das Lernen wohltätiger wäre, als das
Gedrucktwerden. Er suchte mir durch einen warm und klug geschriebenen Aufsatz
Gönner, welche mich vom Gebirge ziehen und mir Gelegenheit zur weiteren
Ausbildung bieten möchten. Da war es vor allem der Grossindustrielle Peter
Reininghaus in Graz, der mir allsogleich Bücher schickte und mich materiell
unterstützte, dann der Buchhändler Giontini in Laibach, welcher sich bereit
erklärte, mich in sein Geschäft zu nehmen. Nun verliess ich völlig planlos, nur
vom Drange beseelt, die Welt zu sehen, mein Handwerk und meine Heimat, fuhr nach
Laibach, wo ich einige Tage deutsche, slowenische und italienische Bücher hin
und her schob, dann aber, von Heimweh erfasst, fast fluchtartig nach Steiermark
zurückkehrte.
    Ich habe mir den Vorwurf zu machen, Wohltätern gegenüber meine Dankbarkeit -
trotzdem ich sie tief empfand - nicht immer genügend zum Ausdruck gebracht zu
haben; so war's auch bei Giontini; das plötzliche Verlassen meiner neuen
Stellung sah nichts weniger als dankbar aus. Trotzdem hat Herr Giontini mir das
Ding nicht übelgenommen, sondern seine Wohlgesinnung mir in manchem Schreiben
bewiesen und bis zu seinem Tode erhalten.
    Meine Absicht war, nun nach Alpel zurückzukehren, dort wieder Bücher zu
lesen und zu schreiben und die weite Welt - Welt sein zu lassen. Allein in Graz,
das ich auf der Rückfahrt berührte, liess mich Dr. Svoboda nicht mehr fort. Nun
begann dieser Mann, dem ich meine Lebenswende verdanke, neuerdings tatkräftig in
mein Leben einzugreifen. Er suchte mir Freunde, Lehrer und eine Anstalt, an der
ich mich ausbilden sollte. Die Landesinstitute - aus denen später mancher Tadel
laut wurde, dass es mir an klassischer, an akademischer Bildung fehle - diese
Institute blieben vornehm verschlossen! Eine Privatanstalt war es, und zwar die
Akademie für Handel und Industrie in Graz, die mich aufnahm, deren tüchtige
Leiter und Lehrer den zweiundzwanzigjährigen Bauernburschen in Arbeit und
geistige Pflege nahmen.
    Schon in den ersten Tagen meines Grazer Lebens bot mir der pensionierte
Finanzrat Frühauf in seiner Wohnung Unterstand und Pflege gegen ein lächerrlich
billiges Entgeld. Reininghaus ist nicht müde geworden, mit Rat und Tat mir
beizustehen. In seinem Hause erlebte ich manche Freude, und an seiner Familie
sah ich ein Vorbild deutscher Häuslichkeit. Später nahm mich der Direktor der
Akademie für Handel und Industrie, Herr Franz Dawidowsky, in sein
Erziehungsinstitut für Studierende der Handelsakademie, wo ich unter dem
Deckmantel eines Haussekretärs ein frohes Heim genoss. Drei Jahre war ich im
Hause dieses vortrefflichen Mannes, den ich wie einen Vater liebte und dessen
nobler Charakter günstig auf meine etwas bäuerliche Engherzigkeit wirkte.
Gleichzeitig lernte ich an den Institutszöglingen, es waren Deutsche, Italiener,
Engländer, Serben, Ungarn, Polen usw. - verschiedenerlei Menschen kennen, und so
ging der Erfahrungszuwachs gleichen Schrittes mit den teoretischen Studien
vorwärts.
    Meine weit jüngeren Studienkollegen waren zumeist rücksichtsvoll gegen mich,
doch, wie ich früher das Gefühl gehabt, dass ich nicht recht zu den Bauernjungen
passe, so war es mir jetzt, dass ich auch nicht zu den Söhnen der Kaufleute,
Bankiers und Fabrikanten gehöre. Indes schloss ich Freundschaft mit einem
Realschüler, später Bergakademiker, mit einem oberländischen Bergsohn, namens
August Brunlechner. Wir verstanden uns, oder strebten wenigstens, uns zu
verstehen; beide Idealisten, beide ein wenig sentimental, uns gegenseitig zu
Vertrauten zarter Jugendabenteuer machend und dann wieder uns zu ernster Arbeit
ermunternd, uns darin unterstützend - so hielten wir zusammen, und die alte
Freundschaft währt heute noch fort.
    Ferner finde ich in der Liste meiner damaligen Freunde und Gönner die Namen
Falb (des bekannten Gelehrten und Reisenden, damaligen Religionsprofessors an
der Handelsakademie, der mir die Aufnahme an dieser Anstalt vermittelt hat),
ferner v. Rebenburg, Reicher, Oberanzmayr, Kleinoscheg, Födransperg, Grein,
Friedrich, Steiner, Meyer usw. Die damaligen Teaterdirektoren Kreibig und
Czernitz gaben mir freien Eintritt in ihre Kunstanstalten; freundlich zog man
mich zu öffentlichen Vorlesungen, und so gedachte man meiner bei verschiedenen
Gelegenheiten. Mir kann also nichts gefehlt haben.
    Ich hatte aber noch gar nichts geleistet. Dr. Svoboda hat es eben
verstanden, durch wiederholte warme Notizen, durch Veröffentlichung manches
meiner Gedichte das Interesse des Publikums für mich warm zu erhalten.
    Das Studieren kam mir nicht leicht an, ich hatte ein ungeübtes Gedächtnis
und für kaufmännische Gegenstände eine Begriffsstützigkeit, wie man sie bei
einem Poeten nicht besser verlangen kann. Doch arbeitete ich mit Fleiss und
gelassener Ausdauer und nebenbei sehnte ich mich - nach Alpel. Die Südbahn
schickte mir manche Freikarte, um mehrmals des Jahres dieses Alpel besuchen zu
können.
    Bemerken möchte ich den Umstand, dass ich trotz meines oft krampfhaften
Anschmiegens an die engste Heimat doch stets, und wohl ganz unbewusst, von einem
kosmopolitischen Geiste beseelt war, der aber allemal in die Brüche ging, so oft
ich in Kriegszeiten die Volkshymne klingen hörte und die schwarzgelbe Fahne
flattern sah. Die ganze Welt, alle Völker, alle Menschen liebte ich, sofern sie
meinem Vaterlande nicht feindlich waren.
    Andere Dinge gab es, an denen ich nicht so klar unterscheiden konnte, was
das Richtige war.
    So zum Beispiel in Sachen der Rückhaltslosigkeit und Offenheit. Als Knabe
hatte ich selbstverständlich gar keine Meinung, lächelte jeden zustimmend an,
der eine Meinung dartat und konnte mich des Tages von mehreren, die verschiedene
Ansichten vertraten, überzeugen lassen. Diese Unselbständigkeit dauerte ziemlich
lange. Und später, als ich zu einer persönlichen und festen Überzeugung gekommen
war, hatte ich lange nicht immer den Mut, dieselbe zu vertreten. Leuten, die oft
ganz das Gegenteil von meiner Ansicht behaupteten, konnte ich in mir nicht zu
nahe gehenden Dingen gleichgültig beistimmen, erstens um nicht unhöflich zu
sein, zweitens um mich nicht Rohheiten auszusetzen, mit denen der Brutale den
weicher gearteten Gegner in jedem Falle schlägt.
    Von diesem Fehler ging ich allmählich zu einer Tugend über, die aber auch
mitunter wieder in einen Fehler auszuarten drohte. Ich wurde bei mir
nahestehenden Personen und in mir naheliegenden Sachen die Rückhaltslosigkeit
und Offenheit selbst. Ich war nicht mehr imstande, anders zu reden, als was in
mir lebte. So wurde ich oft rücksichtslos selbst gegen meine Freunde; es
schmerzte mich oft, wenn ich merkte, dass ich ihnen weh getan, aber angeregt oder
gereizt, musste meine Meinung unverblümt über die Zunge. Auch gegen meine
öffentlichen Widersacher hätte ich rücksichtsvoller sein dürfen, insofern sie es
mit ihrer Sache redlich gemeint haben. Dass ich die Tückischen und Falschen
zornig bekämpft, ja manchmal empfindlich verwundet habe, das tut mir nicht leid.
    So bin ich zu jenem Freimute gelangt, der dem Literaten wohl anstehen mag,
dem Menschen im Verkehr mit Menschen aber nicht immer zur Zierde und zum
Vorteile gereicht.
    Ich bin schon frühe in den unverdienten Ruf eines liebenswürdigen Burschen
gekommen; selbstverständlich hat sich von nun an dieser Ruf nicht mehr
gesteigert, wodurch meine innere Festigung, Selbständigkeit und geistige
Spannkraft allerdings nur gewonnen hat.
    Indes behaupte ich nicht, dass ich an einer einmal gefassten Ansicht nun immer
unumstösslich festgehalten hätte. Obschon meine Weltanschauung in Ganzen gleich
geblieben ist, so habe ich mich einer wirklich überzeugenden Macht niemals
verschlossen, habe mich im Laufe meiner Jahre, meiner Erfahrungen und Studien
verbessert und mich im Leben, in der Geschichte und Philosophie soviel
umgesehen, dass ich nun von einem unumstösslich fest überzeugt bin, nämlich von
der Fehlbarkeit aller menschlichen Erkenntnis.
    Also verrannen die Studienjahre und ich wusste nicht, was aus mir werden
sollte. Im günstigsten Falle konnte mich ein Grazer Kaufmann in sein Kontor
nehmen, und für diesen Fall kam mir der Gedanke, dass ich ohnehin nicht mehr
lange leben werde, wirklich recht bequem.
    Auf meinen Landausflügen war mir das Auge aufgegangen für etwas, was ich
früher immer gesehen, aber niemals geschaut hatte, für die ländliche Natur und
für die Landleute. Ich hatte allerdings schon als Kind - und zwar ganz unbewusst
- ein Auge für die für Landschaft. Wenn ich mich an die ersten Wanderungen mit
Vater und Mutter zurückerinnere, so weiss ich nicht mehr, weshalb wir die Gänge
machten, oder was dabei vorfiel oder gesprochen wurde, aber ich sehe noch den
Felsen und den Bach und den Baumschlag und weiss, ob es Morgens war, oder
Nachmittags. In dieser Zeit nun gegen Ende der Studien in der Handelsakademie -
kam mir Adalbert Stifter zur Hand. Ich nahm die Werke dieses Poeten in mein Blut
auf und sah die Natur im Stifterschen Geiste. Es ist mir später schwer geworden,
Nachahmung meines Lieblingsdichters zu vermeiden und dürften Spuren davon in den
älteren meiner Schriften wohl zu finden sein.
    Den Landleuten gegenüber regte sich nun in mir ein lebhafter Drang, sie zu
beobachten, und sie wurden der Gegenstand meiner Dialektgedichte.
    Zahlreiche Proben davon brachte ich meinem Dr. Svoboda. Seine Beurteilung
war nicht ohne Strenge; doch verstand er es, meinen oft herabgedrückten Mut
allemal wieder zu wecken, was sehr not tat. Er verwies mich auf grosse Vorbilder;
jedoch solche machten mich stets mutlos, während Leichteres, weniger Gelungenes
- wenn es überhaupt in meiner Richtung lag - mich reizte und belebte, Besseres
zu schaffen. Der Einfluss Dr. Svobodas auf meine geistige Entwickelung ist ein
grosser, obgleich mir sein hoher ästetischer Standpunkt lange Zeit
unverständlich und kaum zu erreichen schien. Als er mir einst sagte, ich müsse
ein in ganz Deutschland gelesener Schriftsteller werden, lachte ich ihm dreist
ins Gesicht, aber er lehrte mich Selbstzucht und die Selbstschätzung, den
Ehrgeiz - - damit hat er manches erreicht.
    Um jene Zeit suchte ich in Graz einen Verleger für ein Bändchen Gedichte in
steierischer Mundart. Ich fand einen einzigen, der sich bereit erklärte, das
Büchlein herauszugeben, wenn mir Robert Hamerling dazu ein Vorwort schriebe.
Schon einige Monate früher hatte ich die Kühnheit gehabt, mich selbst bei
Hamerling vorzustellen. Sein mildes Wesen und das Interesse, das er für mich
zeigte, ermutigten mich, ihm die Gedichte vorzulegen und dafür um ein Vorwort zu
bitten. Und Robert Hamerling hat meinem »Ziter und Hackbrett«, wie wir das
Büchlein nannten, einen Begleitbrief mitgegeben, der mir fürs Erste bei dem
Verleger, Herrn Josef Pock in Graz, ein ganz anständiges Honorar eintrug. Diesem
Vorworte ist es zu verdanken, dass die Kritik dem Büchlein ihre Aufmerksamkeit
zuwandte, und »Ziter und Hackbrett« hatte einen schönen Erfolg.
    Robert Hamerling war mir dieser ersten Tat ein treuer Freund geblieben. Sein
schlichtes Wesen, seine gütige bescheidene Art, zu leiten und zu raten, seine
liebreichen Gesinnungen, seine von jeder Überschwenglichkeit freie, ich möchte
sagen, klassisch reine Weltanschauung war für meine Schriften, aber noch mehr
für die Ausbildung meiner Denkungsart von wesentlichen Folgen. Dieser stets
anregende, schöpferische Geist, dieser beruhigende versöhnende Charakter, dieses
stille, aber entschiedene Hinstreben nach dem Schönen und Guten ist für mich in
meinen verschiedenen Lebenslagen von unschätzbarem Werte geworden.
    Ein freundlicher Zufall wollte es, dass »Ziter und Hackbrett« gerade in den
Tagen erschien (Juli 1869), als ich nach beendigten Studien die Handelsakademie
verliess, um nun eine Stelle zu suchen. Dr. Svoboda jedoch sagte: »Jetzt suchen
Sie keine Stelle, jetzt mieten Sie sich ein lichtes Zimmer und studieren und
dichten, auch machen Sie Reisen, schauen die Welt an und schreiben darüber. Sie
haben einen glücklichen Stil, werden Ihre Schriften in den Zeitungen abdrucken
lassen, und dann als Bücher herausgeben. Das Land Steiermark wird Ihnen ein
Stipendium verleihen, und Sie werden Schriftsteller sein.«
    So ist es auch geworden. Schon für die nächsten Monate zog ich mich in meine
Waldheimat zurück und schrieb ein neues Buch in steirischer Mundart: »Tannenharz
und Fichtennadeln«; später das Buch »Stoansteirisch«. (Die Dialektwerke sind bei
Leikam in Graz verlegt.) Diesem folgte bald das beschreibende Werkchen:
»Sittenbilder aus dem steierischen Oberlande«, später erweitert unter dem Titel
»Volksleben in Steiermark«. Die Winterszeit verlebte ich in Graz, wieder bei
meinem alten Finanzrat Frühauf, besuchte Vorlesungen an der Universität und
trieb fleissig Privatstudien. Im Sommer reiste ich. Ich bereiste Steiermark,
besonders Oberland, Oberösterreich, Salzburg, Kärnten und Tirol.
    Im Jahre 1870 machte ich eine Reise durch Mähren, Böhmen, Sachsen, Preussen
bis auf die Insel Rügen. Ging dann nach Hamburg, zur See nach den Niederlanden
und fuhr rheinaufwärts bis in die Schweiz. Ich hatte vor, die Schweiz genau zu
studieren, doch zog es mich mit solcher Macht nach der Steiermark zurück, dass
mir der ausbrechende deutsch-französische Krieg eine willkommene Veranlassung
war, den unter meinen Füssen brennend gewordenen Boden eiligst zu verlassen.
    Zwei Jahre später bereiste ich Italien. Ich wollte auch nach Sizilien, doch
hat mich in Neapel das Heimweh derart übermannt, dass ich umkehrte und bei Tag-
und Nachtfahrten den kürzesten Weg nach Hause suchte. In den heimatlichen Tälern
lag der frostige Herbstnebel, aber ich stieg auf die Berge, in den Sonnenschein
hinauf und war glücklich. Die Alpenhöhen waren meine Lust. Ich ging stets
allein, und diesen Wanderungen verdanke ich hohe Genüsse.
    Im Jahre 1870 von meiner Reise durch Deutschland heimgekehrt, fand ich auf
meinem Tische eine Aufforderung des Pester Verlagsbuchhändlers Gustav Heckenast
(mit welchem ich schon früher in bezug auf seinen Freund Adalbert Stifter in
Briefwechsel gestanden), für seinen Verlag ein Buch zu schreiben. Das Buch war
aber schon fertig und hiess: »Geschichten aus Steiermark«. Heckenast liess es
sogleich drucken und ermunterte mich zu neuen literarischen Arbeiten. Ein Jahr
später besuchte ich den fein gebildeten Weltmann auf seinem Landgut in Marót.
Er schloss sich freundlich an mich, ich mich innig an ihn, es entwickelte sich
zwischen dem vornehm denkenden Kunstmäcen, dem verdienstvollen Begründer der
deutsch-ungarischen Literatur und dem noch etwas unsicher tappenden steirischen
Poeten ein freundschaftliches Verhältnis, das bis zu Heckenasts Tode (1878)
währte und, nebst vielfachen moralischen Vorteilen für mich, meine materielle
Existenz als Schriftsteller begründet hat. Ich liess bei Heckenast innerhalb 8
Jahren nicht weniger als 14 Bände erscheinen, ausserdem noch 6 Jahrgänge eines
Volkskalenders: »Das neue Jahr«, dessen Plan und Redaktion er mir übertragen
hatte. Zwei weitere Jahrgänge dieses Kalenders gab ich nach Heckenasts Tod beim
Hofbuchhändler Hermann Manz in Wien heraus. Heckenast war es auch, der mir den
Rat Dr. Svobodas, alle meine Bücher früher in Zeitschriften zu veröffentlichen,
wiederholte. Mir war das häufige Auftauchen meines gedruckten Namens fast
peinlich, aber da ich sah, dass es auch bei anderen der Fall war, die vielleicht
nicht so sehr auf den Ertrag der Ware angewiesen sein mochten, beruhigte ich
mich und gewöhnte mich daran, wie sich das nachsichtsvolle Publikum daran
gewöhnt hat.
    In jenen Jahren kam mir gar nichts leichter an, als literarisches Schaffen,
ja es war mir ein Bedürfnis geworden, alles was ich dachte und fühlte,
niederzuschreiben. Jedem kleinen Erlebnisse entkeimte ein Gedicht, jeder
bedeutendere Vorfall drängte sich mir zu einer Novelle auf und liess mir keine
Ruhe, bis die Novelle geschrieben war. Selbst in nächtlichen Träumen webten sich
mir Erzählungsstoffe. Es war wohl auch einmal eine Zeit, da ich auf Jagd nach
Gedanken für Gedichte, oder nach Stoffen für Novelletten ausging; aber das war
immer das Unerspriesslichste. So auch taugten mir die Stoffe nicht, die ich in
Büchern las oder erzählen hörte. Nur unmittelbar Erlebtes, oder was mir
plötzlich blitzartig durch den Kopf ging, das zündete und entwickelte sich.
    Häufig ist mir der Rat erteilt worden, Wald und Dorf zu verlassen, meine
Stoffe aus der grossen Welt zu holen und durch philosophische Studien zu
vertiefen. Ich habe das versucht, habe aus den Studien schöne Vorteile für meine
Person gezogen, doch in meinen Bauerngeschichten haben sich die Spuren von
Bücherstudien niemals gut ausgenommen. Nur der Geist der Toleranz und
Resignation, den man aus der Geschichte der Menschen und ihrer Philosophie
ziehen kann, mag meinen Büchern zu statten kommen. Weiteres fand ich nicht
anwendbar, ja, es irrte und verwirrte mich und verflachte mich, wo es andere
vertieft. Jedem ist es nicht gegeben. Mir ist es auch nicht gelungen, der
sogenannten Welt genug Verständnis und Geschmack abzugewinnen; vieles, worin die
»gute Gesellschaft« lebt und webt, kam mir flach, leer, ja geradezu abgeschmackt
vor. Und aus den gelehrten Büchern schreckte mich nur allzu oft der Dünkel und
die Menschlosigkeit zurück. Aus der Philosophie der modernen Naturgeschichte, so
anregend dieselbe auch wirken mag, ist für Poeten nicht viel zu holen, und wo
ich mich mit meinen ländlichen Stoffen einmal dem Zeitgeist anbequemen wollte,
da kamen jene Produkte zustande, von denen mein literarisches Gewissen
behauptet, sie wären besser ungeschrieben geblieben. Andere haben gerade auf
diesem Felde Bedeutendes geleistet, aber ich, dessen Weltanschauung wenigstens
in Grundstrichen schon gezogen war, als ich aus meinen bäuerlichen Kreisen trat,
vermochte in der tausendstimmigen Klaviatur des Weltlebens den rechten Ton nicht
mehr zu finden.
    Es war mir auf solchen Wegen nicht wohl zu Mute, ein tiefes Unbefriedigtsein
begann ich zu fühlen, auch hier kam etwas wie Heimweh über mich, und so habe ich
zu mir gesagt: Du kehrst zurück in jene grosse kleine Welt, aus der so Wenige zu
berichten wissen, du erzählst nicht, was du studierst, sondern was du erfahren
hast, du erzählst es nicht in ängstlicher Anlehnung an ästetische Regeln,
erzähle es einfach, frei und treu. Und diesen Charakter, meine ich, soll nun die
Mehrzahl meiner Schriften tragen. Bei vielen habe ich scheinbar meine Person zum
Mittelpunkt gemacht, eine Form, von der sich freilich manche Beurteiler täuschen
liessen, wonach sie vielleicht die starke Selbstgefälligkeit eines Autors
betonten, der immer nur von sich selbst zu sprechen liebt.
    Ich hatte darauf gebaut, dass die Leser in meinen betreffenden Erzählungen
meine Person für den Stab am Weinstock halten würden. Was sich dran und drum
rankt, dass ist die Sache. Ich erzähle von Menschen, die ich kannte, von
Verhältnissen, die zufällig auch die meinen waren, von Erfahrungen, die vor
meinen Augen gemacht worden sind und deren Wert an ihnen selbst liegen muss.
Meine Person darin lässt sich, wenn man will, in den meisten Fällen durch eine
andere ersetzen. Ich selbst hätte vielleicht eine fremde Figur als Träger
hingestellt, wenn ich Raffinement genug besässe, etwas, was ich persönlich
erfahren oder was in mir geistig entstanden, einem anderen anzudichten. Die
Unmittelbarkeit und Wahrheit hätte dadurch nicht gewonnen.
    Wer sich nach einer Richtung hin verkernt, der wird stets einer gewissen
Einseitigkeit in Stoff und Stil verfallen, und allmählich wird man ihm
»Manierirteit« zum Vorwurfe machen. Die Gefahr, manierirt zu werden, ist gerade
bei solchen Autoren, die man Originale nennt, vorhanden; ich suchte mich vor ihr
zu hüten, indem ich sie mir stets vor Augen hielt. Man nebelt wohl lange
zwischen Extremen herum, bis man zur Einsicht kommt, dass das Natürlichste das
Beste ist.
    Ich bin von der Kritik belobt worden. Besondere Anerkennung hat aber meine
grosse Fruchtbarkeit gefunden; wo noch ein Weiteres getan wurde, da stand gerne
von »Ursprünglichkeit« und »Waldfrische« zu lesen. Glimpflicher ist wohl kaum
einer weggekommen, als ich, so dass mir nach Heckenasts Tode einer meiner
Verleger ganz unwirsch schrieb: »Machen Sie doch, dass Sie endlich einmal ein
Buch fertig bringen, welches ordentlich verrissen wird, sonst müsste ich für die
Zukunft ihre Manuskripte ablehnen.« Und der Mann hat, als das nächste Buch die
Rezensenten auch wieder »so waldduftig und taufrisch anmutete«, wirklich
abgelehnt.
    Allerdings haben kirchliche Fachblätter daran Ärgernis genommen, dass ich in
meinen Schriften das allgemein Menschliche und Gute befürwortete, dass ich die
Gebote Gottes höher stellte als die der Kirche, aber sie haben das genommene
Ärgernis auch redlich wieder gegeben, und zwar durch die niedrige Art und Weise
ihrer Angriffe. Auch andere Kreise und Stände haben sich zeitweilig von meiner
rücksichtslosen Meinungsäusserung hart verletzt gefühlt. So mitunter Advokaten,
Ärzte, Jäger, Lehrer, Studenten und Professoren, auch Journalisten, Gewerbsleute
und Geldmänner - alle habe ich schon beleidigt, doch viele haben mir der
ehrlichen Absicht willen nicht bloss die Irrtümer, sondern auch die Wahrheiten
wieder verziehen. Wer aber nicht verträglich sein kann, wer keinen anderen
Standpunkt, als den eigenen gelten lassen will, das sind die teoriestarren
Parteifanatiker, die deshalb für den Dichter auch gar nicht vorhanden sein
sollen.
    Nach dem Eintritt in die städtischen Kreise, in die Welt, ist eine
bemerkenswerte Wandlung in mir vorgegangen. Ich war nämlich enttäuscht. Ich
hatte dort eine durchschnittlich bessere Art von Menschen zu finden gehofft als
im Bauerntume, stiess aber überall auf dieselben Schwächen, Zerfahrenheiten,
Armseligkeiten, aber auf viel mehr Dünkel und falschen Schein. Und diesen
geschulten und raffinierten Leuten konnte ich die Niedertracht viel weniger
verzeihen als dem Bauer. Es begann in mir eine Art von Misstrauen gegen die so
laut gepriesene Bildung und Hochkultur aufzukommen. Ich wendete mich schon darum
mit Vorliebe den Naturmenschen zu. Selbstverständlich bin ich der Roheit auch im
Bauerntume ausgewichen so gut es anging, und habe an ihm nur das Menschliche und
Seelische in meinen Schriften zu fixieren gesucht. Das Elend, dem nicht zu
helfen ist, kann kaum Gegenstand eines poetischen Werkes sein. Meine
Schilderungen und meine Novellen aus dem Volksleben mögen sich hier und da
scheinbar widersprechen; der Grund liegt darin, dass ich als Schilderer meine
Stoffe aus der Regel, als Novellist meine Stoffe aus den Ausnahmen gezogen habe.
Im Ganzen glaube ich die Ausdehnung und Bedeutung meines Gebietes erfasst zu
haben und die enge Beschränkung meines Talentes zu erkennen. Jenen, die mich
darum etwa bedauern, sei bemerkt, dass ich mich in dieser Beschränkung niemals
beengt, sondern stets frei, reich und zufrieden gefühlt habe.
    Was ich jedoch fortwährend vermisste, das ist die Schulung, den gründlichen
und systematischen Unterricht in der Jugend. Das lässt sich nicht mehr nachholen.
In den Lehrbüchern unbewandert, hat man oft das Einfachste und Wichtigste für
den Augenblick des Bedarfes nicht zur Stelle. Ein Beispiel aus der Grammatik:
Ich kann über keine Deklination und Konjugation, über keine Wortbezeichnung und
über keinen Satzbau wissenschaftlich Rechenschaft geben. Ich habe z.B. das Wort
Anekdote wohl schon dreihundertmal geschrieben und weiss es heute noch nicht auf
den ersten Moment, ob man Anektode oder Anekdote schreibt. So fehlte mir auch
jene gewisse, für schriftstellerische Arbeiten so vorteilhafte Gewandteit, die
aus allen Werken und Schriften rasch das Fördernde und Passende herauszufinden
und zu verwerten weiss; das Studium ging, ohne mir seine Form als Handhabe zu
überlassen, allerdings sachte in mein Blut über, so dass mitunter manches, was
ich aus mir selbst zu schöpfen glaubte, fremden Ursprungs sein mag, während ich
nicht leugnen will, dass anderes, was ich aus irgendwelchen Gründen mit fremdem
Siegel versah, aus mir selbst gekommen ist.
    In der ersten Zeit meiner schriftstellerischen Tätigkeit hat mich wohl auch
die Eitelkeit ein bisschen geplagt. Die Rezensionen über meine Arbeiten fochten
mich nur wenig an. Waren sie schmeichelhaft, so hielt ich's für
selbstverständlich, dass man mit mir Rücksicht habe, dass man mein Wollen
anerkenne und ermuntere. Waren die Rezensionen absprechend, so konnte es mich
auch nicht wundern, dass man meine vielleicht schülerhaften, jedenfalls noch
unreifen Erzeugnisse bemängelte. Ich hatte über mich keine Meinung, und so sehr
mich meine Dichtungen während ihres Entstehens begeisterten, so gleichgültig
waren sie mir, nachdem ich sie vom Halse hatte.
    Als aber später verschiedenerlei Auszeichnungen kamen, Lobpreisungen vom
Publikum, schmeichelhafte Zuschriften und Ehren von bedeutenden
Persönlichkeiten, Huldigungen von Korporationen, Gemeinden usw., da drohte mich
einmal der Wirbel zu überkommen. Aber nur vorübergehend. Im Hinblick auf die
Geschichte wirklich hervorragender Männer, die man nicht gefeiert, sondern
gelästert hat, in Anbetracht der verschiedenen Ursachen, Höflichkeitssitten, des
Lokalpatriotismus oder etwa eines versteckten Eigennutzes, wurde mir die
Inhaltslosigkeit eines solchen Gefeiertwerdens bald klar. Und wenn ich den Tag
erlebe, da jene, die den »steirischen Dichter« einst vergötterten, ihn vergessen
oder missachten werden, so kann mich das nicht mehr treffen. Liegt in meinen
Schriften Wert, so werden sie sich durchschlagen; liegt keiner drin, so ist das
rasche Vergessenwerden der natürliche und beste Verlauf.
    Selbstverständlich freue ich mich offenmütiger Bezeugungen von Wohlwollen
und Ehren, solche sind mir stets eine Bestätigung des wohltuenden Eindruckes,
den ich durch meine Schriften auf die Mitmenschen gemacht.
    Ich gestehe allerdings, dass meine schriftstellerische Tätigkeit längst nicht
mehr ohne Absicht ist; ich will mitarbeiten an der sittlichen Klärung unserer
Zeit. Habe ich Beifall, so wird er mich der Sache wegen freuen, wird mich der
Freunde und Stütze berechtigen, deren ich bedarf.
    Im Januar 1872 starb meine Mutter. Sie hatte noch Freude gehabt an meiner
neuen Lebensbahn, die sie aber nicht begriff. Das Heimatshaus war den Gläubigern
verfallen, sie starb nach jahrelangem Siechtum in einem Ausgedinghäuschen, das
einsam zwischen Wäldern stand. Mein Vater zog später ins Mürztal, wo ihm nach
mancherlei neuerlichen Drangsalen ein freundlicheres Daheim gegeben wurde.
    Einige Zeit nach dem Tode der Mutter hatte es den Anschein, als wenn ich das
Siechtum von ihr geerbt hätte. Ich kränkelte, konnte auf keine hohen Berge
steigen und war schwerfällig in meinen Studien und Arbeiten. Heckenast lud mich
auf sein Landgut zur Erholung. Aber dort wurde mir trotz der allerbesten Pflege
und liebevollsten Behandlung noch übler, und schon nach wenigen Tagen musste ich
meinem Freunde gestehen, dass ich Tag und Nacht keinen Frieden hätte, dass ich
heim müsse ins Waldhaus. Da fuhr Heckenast selbst mit in die Steiermark herein
und um reiste, um mich zu zerstreuen, mit mir in Kreuz und Quer durch das schöne
Land.
    In demselben Sommer war es, als mir auf dem Waldwege nach meiner Heimat
Alpel etwas Ausserordentliches begegnete. Nämlich ein zwanzigjähriges Mädchen aus
Graz, das mit seiner Freundin eine Bergpartie nach Alpel machte, um das
Geburtshaus des Lieblingspoeten zu sehen. Sie glaubte mich auf einer Reise in
weiten Landen und hatte mich vorher auch nicht persönlich gekannt. Die Liebe hat
mich in meiner Jugend oft geneckt, und ich sie, wie es in meinen Schriften
sattsam zu sehen. Aber als sie plötzlich da war, wirklich erschien - da war sie
mir unerhört neu und gewaltig. - Die Folge jener Begegnung auf dem Waldwege ist,
dass ein Jahr später (1873) im Waldkirchlein Mariagrün bei Graz Anna Pichler und
ich uns fürs Leben die Hände reichen.
    Nun kam für mich eine glückliche Zeit. Ich war wieder gesund. Wir führten
ein ideal schönes häusliches Leben in Graz. Anna war die echte Weiblichkeit und
Sanftmut, und ihre weiche heitere Seele regte mich zu den besten poetischen
Schöpfungen an, deren mein begrenztes Talent überhaupt fähig war. In jenen zwei
Jahren sind auch »Die Schriften des Waldschulmeisters« entstanden. Nach einem
Jahre wurde uns ein Söhnchen geboren, in welchem sich unser Glück zur
denkbarsten Höhe steigerte. Im zweiten Jahre kam ein Töchterlein, und zwölf Tage
später ist mir mein Weib gestorben.
    Ich begann wieder zu reisen, aber allemal schon nach kurzer Zeit zog's mich
zu den Kindern zurück. Ich begann wieder zu kränkeln; zu grösseren Arbeiten
fehlte mir die Stimmung, und doch musste ich nach einer strengeren, zerstreuenden
Tätigkeit suchen. Nun fiel mir damals ein alter Lieblingsplan ein, eine
Monatsschrift für das Volk herauszugeben, mit der Tendenz, den Sinn für
Häuslichkeit, die Liebe zur Natur, das Interesse an dem Ursprünglichen und
Volkstümlichen wieder zu wecken. Ich begründete 1876 die Monatsschrift
»Heimgarten« und fand an der altrenommierten Firma Leikam in Graz einen
tüchtigen Verleger. Mir gelang es, die meisten meiner literarischen Bekannten
und Freunde, als Robert Hamerling, Ludwig Anzengruber, Eduard Bauernfeld, Alfred
Meissner, Rudolf Baumbach, August Silberstein, Friedrich Schlögl, ja die besten
Autoren der Zeit überhaupt zu Mitarbeitern des neuen Blattes zu gewinnen, das
heute noch besteht, geleitet von meinem Sohne Hans.
    Zu einer weiteren Tätigkeit veranlassten mich verschiedene Körperschaften des
In- und Auslandes, die mich einluden, in ihren Kreisen Vorlesungen aus meinen
Werken in steirischer Mundart zu halten, womit ich schmeichelhafte Erfolge
erzielte. Das wirkte ermunternd auf meinen Gemütszustand. (An dreissig Jahre lang
hielt ich nachher solche Vorlesungen, die endlich wegen sich steigernder
Kränklichkeit aufgegeben werden mussten.)
    Trotz der unterschiedlichen Obliegenheiten und Aufgaben war ich unstet und
haltlos. Die Freude an meinen wohlgearteten, gedeihenden Kindern hatte zu viel
Schmerz in sich. Den kleinen Haushalt führte mir eine meiner Schwestern. Vielen
Dank schulde ich den Eltern meiner verstorbenen Gattin, welche mir in dieser
harten Zeit liebevoll beigestanden sind. Auf tatkräftiges Anraten Heckenasts
entschloss ich mich 1877, unweit von dem mehr und mehr in Wald verfinkenden Alpel
mir und den Kindern ein neues Heim zu schaffen. Ich baute in Krieglach ein
kleines Wohnhaus, wo ich die Sommermonate zuzubringen pflege, während ich die
Winter stets in Graz verlebe.
    Die Sorgen und das Vergnügen, sowie die kleinen körperlichen Arbeiten,
welche das neue Häuschen verursachte, taten mir wohl. Im Jahre 1878 erfolgte der
Tod meines Freundes Gustav Heckenast, nach welchem ich meine Vereinsamung
neuerdings hart empfand. Ich hatte ihn jährlich mehrmals in Pressburg besucht,
wohin er übersiedelt war; er kam zu mir nach Steiermark, oder wir gaben uns in
Wien ein Stelldichein. Auch standen wir in lebhaftem Briefwechsel, und seine
Briefe entalten Schätze von Herzlichkeit und Weisheit. In meiner Betrübnis über
den neuen Verlust mied ich die Menschen und strebte am liebsten den finsteren
Wäldern zu und schaute andererseits doch wieder nach Genossen und Freunden aus.
In der Haltlosigkeit eines unsteten Gemütes war mein Tun und Lassen nicht immer
zielbewusst, woraus mir manches Leid entstand - mir und anderen. - Da nahm es
eine neue Wendung.
    In Krieglach lebte den Sommer über die Familie Knaur aus Wien, die mir mit
grosser Freundlichkeit entgegenkam und der ich gerne nahte. Die Anmut, sowie die
Vorzüge des Geistes und des Herzens der Tochter Anna veranlassten in mir
neuerdings die Sehnsucht nach einem verlorenen Glücke. Anna wurde (1879) mein
Weib, und so hat sich der Kreis der Familie wieder geschlossen, dessen Wärme und
Frieden für meine Existenz, sowie für meine geistige Tätigkeit das erste
Bedürfnis ist.
    Das Bild eines neuen, freundlichen Lebens breitete sich vor meinen Augen
aus; ein zweites Söhnlein und unlang hernach zwei Töchterlein kamen, und sie
erfüllten mich mit neuen Zukunftsträumen.
    Im Jahre 1880 bewarb sich die bekannte Firma Hartleben in Wien um den Verlag
meiner Werke, die dann nach meinem Rückkauf der Heckenastschen Rechte ihr
übertragen wurden. Die in den ersten Jahren sich freundlich gestaltete
Verbindung mit Hartleben musste wegen Differenzen geschäftlicher und
autorrechtlicher Natur 1893 gelöst werden. In diesem Jahre schloss ich einen
Vertrag mit dem Hause L. Staackmann in Leipzig, das später auch meine Bücher aus
dem Hartleben-Verlage erworben hat. So war ich auf ein ruhiges, sorgloses
Geleise gekommen, und in dem wahrhaft freundschaftlichen Verhältnisse, das
zwischen Staackmann und mir sich herausgebildet hat und das in den zwanzig
Jahren durch keinen Hauch getrübt worden ist, habe ich meine Arbeitsfreudigkeit
wieder gewonnen und meine reiferen Bücher geschrieben.
    In meinem äusseren Leben hat sich nicht mehr viel Neues zugetragen. Den
Frieden eines behaglichen Heims wahren mir Frau und Kinder, und beleben mir
zeitweilig vier muntere Enkel.
    Also ist aus dem Waldbauernbübel der Guckinsleben, aus diesem der
Schneiderbub, aus diesem der Student, aus diesem der Schriftsteller, und aus
diesem endlich der Grossvater geworden. Innerlich aber ist mir beinahe ganz so
wie in den fernen Jugendtagen. - -
    So weit ist meine Lebensgeschichte vor Jahren aufgeschrieben worden. Seiter
haben sie viele andere nacherzählt, und wohl mit unbefangenerem Blick und
grösserem Geschick als ich tun konnte. Ich selbst habe noch das Buch »Mein
Weltleben«, ersten und nun auch zweiten Band, geschrieben, in dem an die Jugend
anknüpfend tiefer gründende Abschnitte meines seiterigen Lebens dargestellt
werden.
    Immer von neuem drängt mich meine Seele zur Arbeit, und immer von neuem
mahnt mich mein erschöpfter Körper zur Rast. Es ist aber schwer zu ruhen, wenn
man als Mensch noch so vieles zu tun, als Schriftsteller noch so Manches zu
sagen hätte!
    Ich ging als Schriftsteller einen Weg, der, wie sich's zeigte, nicht viel
betreten war; ich fühlte mich auf demselben oft vereinsamt, aber ich bin nicht
umgekehrt.
    Mir scheint nicht alles was wahr ist wert, vom Poeten aufgeschrieben zu
werden; aber alles, was er aufschreibt, soll wahr und wahrhaftig sein. Und dann
soll er noch etwas dazugeben, was versöhnt und erhebt; denn wenn die Kunst nicht
schöner ist als das Leben, so hat sie keinen Zweck. Furchen ziehen durch die
Äcker der Herzen, dass Erdgeruch aufsteige, dann aber Samen hineinlegen, dass es
wieder grüne und fruchtbar werde - so wollt ich's halten.
    Ich habe es mit meinen Mitmenschen ja gut gemeint. Allerdings, sie haben
mich oft verdrossen. Obgleich ich das Glück hatte, zumeist mit vortrefflichen
Charakteren umzugehen, so habe ich doch auch die Niederträchtigkeit kennen
gelernt und gesehen, mit welcher Wollust die Menschen imstande sind, sich
gegenseitig zu peinigen - Schändlichkeiten und Übeltaten stets unter einem
schönen, wenn nicht gar geheiligten Deckmantel verhüllend. Ich habe Zeiten
durchlebt, da ich es für die grösste Narrheit hielt, den Leuten Gutes tun zu
wollen. Aber, wenn ich ihr Elend sah und das Übermass ihrer Leiden, da dauerten
sie mich. Ich bin ja einer von ihnen. Ich sehe den Jammer einer
jahrtausendelangen Geschichte, den sie sich selbst im blinden Ringen nach
glücklicheren Zeiten gemacht haben. Aber ich sehe auch, dass wir heute lange
nicht auf dem rechten Fleck stehen. Lieber nach vorwärts und ins Ungewisse
hineinstürmen, als hier stehen bleiben! Aber wenn ich sehe, wie im rasenden
Flug, oder sagen wir, in der rasenden Flucht nach »vorwärts« das Gemüt zu
Schaden kommt, dieses unser grösstes Gut, und ich keinen Ersatz dafür zu ahnen
vermag, so blase ich zur Rückkehr in die Wildnisse der Natur, zu jenen kleinen,
patriarchalischen Verhältnissen, in welchen die Menschheit noch am natürlichsten
gelebt hat. Und wenn das auch nicht geht, weil's nicht gehen kann, dann ....!
    Nein doch, ich vertraue der Zukunft. Es werden Stürme kommen, wie sie die
Welt noch nicht gesehen; aber wenn wir die grossen Anbilder und Tugenden der
Besten unserer Vorfahren und der Wenigen von heute, die Schlichteit, die
Opferwilligkeit, den Familiensinn, den Frohsinn, die Liebe, die Treue, die
Zuversicht in die Zukunft hinüberzutragen vermögen, um sie neu zu beleben und zu
verbreiten, dann wird es gut werden.
    Ich habe mein schwaches Talent nicht vergraben. Ich habe mich nicht betören
lassen von jener Lehre, dass der Poet neben dem Schönheitsprinzipe keine Absicht
haben solle, und auch nicht von jener, die im Dichterwerk nur Zweck will, sei es
nach dem Moralischen oder dem Materiellen hin. Ich habe die Gestalt genommen,
wie sie das Leben gab, aber sie nach eigenem Ermessen beleuchtet. Ich habe die
hellsten Lichtpunkte dortin fallen lassen, wo ich glaube, dass das Schöne und
Gute steht, damit entschwindende Güter wieder ins Auge und Herz der Menschen
dringen möchten. Des Niedrigen habe ich gespottet, das Verderbliche bekämpft,
das Vornehme geehrt, das Heitere geliebt und das Versöhnende gesucht. Mehr kann
ich nicht tun.
    Soll es nun heute sein, oder in noch späteren Tagen, willig mag ich meinen
morschen Wanderstab zur Erde legen, willig meinen Namen verhallen lassen, wie
des heimkehrenden Älplers Juchschrei verhallt im Herbstwind. Aber ich - ich
selbst möchte mich an dich, du liebe, arme, unsterbliche Menschheit klammern und
mit dir sein, durch der Jahrhunderte Dämmerung hin - und Weg suchen helfen - den
Weg zu jener Glückseligkeit, die das menschliche Gemüt zu allen Zeiten geahnt
und gehofft hat.
                                                                 Peter Rosegger.
 
»Weg nach Winkelsteg.«
    Diese Worte standen am Holzarm. Aber der Regen hatte die altförmigen
Buchstaben schier verwaschen und der Balken selbst wackelte im Wind.
    Ringsum ist struppiger Tannenwald; über demselben stehen ein paar uralte
Lärchen empor, deren kahles Geäste weit hineinragt in den Himmel. In der Tiefe
einer felsigen Schlucht braust Gewässer. Unzähligemale hat die alte Bergstrasse
mittels schiefer, halb eingesunkener Holzbrücken über diesen Alpenbach geführt,
bis da herein, wo der Bergwald rechts sich lichtet und zwischen den Wipfeln zum
erstenmale die Gletscher niederleuchten auf den Wanderer, der aus bevölkerten
Gegenden kommt.
    Der Wildbach giesst von den Gletschern her. Die Strasse aber wendet sich
links, milderen Waldgeländen zu, um nach Öden und Wildnissen endlich wieder in
belebte Ortschaften einzuziehen. Dem Flussgebiet entlang zieht nur ein
verschwemmter steiniger Hohlweg, über welchen der Sturm Fichtenstämme geworfen
hatte, die nun seit Jahrzehnten lehnen und dorren.
    Hier am Scheidewege auf dem Felsen stand ein hohes hölzernes Kreuz mit drei
Querbalken und den bildlich dargestellten Marterwerkzeugen, der heiligen
Leidensgeschichte, als: Speer, Schwammstab, Zange, Hammer und den drei Nägeln.
Das Holz war wettergrau und bemoost. Eng daneben stand der Balken mit dem Arme
und der Inschrift: »Weg nach Winkelsteg«.
    Dieses Zeichen wies den verwahrlosten steinigen Weg mit dem Gefälle - gegen
das enge Hochtal, in dessen Hintergrunde die Schneefelder liegen. In fernster
Höhe, über den licht sich hinziehenden Schneetüchern ragt ein grauer Kegel auf,
an dessen Spitze Nebelflocken hängen.
    Ich sass auf einem Felsblock neben dem Kreuze und blickte zu jener grauen
Spitze empor. Das war der weit und breit berühmte und berüchtigte graue Zahn -
das Ziel meiner Gebirgsreise.
    Als ich so dasass, hauchte jenes Gefühl durch meine Seele, von dem kein
Mensch zu sagen weiss, wie es entsteht, was es bedeutet und warum es so sehr das
Herz beklemmt, gleichsam mit einem Panzer der Ergebung umgürtet, auf dass es
gerüstet sei gegen Etwas, das kommen muss. Ahnung nennen wir den wundersamen
Hauch.
    Ich hätte vielleicht noch länger geruht auf dem Steine und dem Tosen des
Wildwassers gelauscht; allein mir schien, als strecke sich Holzarm immer länger
und länger aus, und zum Mahnrufe wurden mir die Worte: »Weg nach Winkelsteg«.
    Und wahrhaftig, als ich mich erhob, da sah ich, dass mein Schatten schon ein
gut Stück länger war, als ich selbst. Und wer weiss, wie weit ab es noch lag, das
letzte und kleinste Dorf Winkelsteg.
    Ich ging rasch und sah nicht viel um. Ich merkte nur, dass die Wildnis immer
grösser wurde. Rehe hörte ich röhren im Wald, Geier hörte ich pfeifen in der
Luft. Es begann zu dunkeln, und es war noch nicht Zeit zum Nachten. Über dem
Gebirge lag ein Gewitter. Ein halb ersticktes Murren war zu hören, und nicht
lange, so erhob sich ein Grollen und Rollen, als ob all die Felsen und
Eiswuchten des Hochgebirges tausend- und tausendfach aneinander prallten. Die
Bäume über mir bogen sich mächtig hin und her und in den breiten Blättern eines
Ahorn rauschten schon die grossen eiskalten Tropfen.
    Das Gewitter ging bis auf diese wenigen Tropfen vorüber. Weiter drin aber
musste es ärger gewesen sein, denn bald brauste mir im Hohlweg ein wilder
Giessbach mit Erde, Steinen, Eis- und Holzstücken entgegen. Ich rettete mich an
die Lehne hinan und kam mit grosser Mühe vorwärts.
    Über der Gegend lag nun Nebel und an den Ästen der Tannen stieg er nieder
bis zu dem feuchten Heidekraut des Bodens.
    Als er gegen die Abenddämmerung ging und als die Waldschlucht sich ein wenig
weitete, kam ich in ein schmales Wiesental, dessen Länge ich des Nebel wegen
nicht ermessen konnte. Die Matten waren bedeckt mit Eiskörnern; der Bach hatte
sein Bett überschritten und hatte die Brücke fortgerissen, die mich hätte
hinübertragen sollen auf das jenseitige Ufer, von wo mir durch das Nebelgrauen
ein weisses Kirchlein und die Bretterdächer einiger Häuser zuschimmerten.
    Es war frostig kalt. Ich rief hinüber zu den Leuten, die am Wasser
arbeiteten, Holzblöcke auffingen und den Fluss zu regeln suchten. Sie schrien mir
die Antwort zurück, sie könnten mir nicht helfen, ich müsse warten, bis das
Wasser abgelaufen sei.
    Bis so ein Giesswasser abläuft, das kann die ganze Nacht währen. Ich wage es
und will durch den Fluss waten. Aber als sie drüben diese meine Absicht bemerken,
winken sie mir warnend ab. Und bald stemmt ein grosser, hagerer, schwarzbärtiger
Mann eine Stange an und schwingt sich mittels derselben zu mir herüber. Dann
häuft er hart am Ufer einige Steine übereinander und legt auf dieselben das
Brett, welches die anderen über die Fluten herüberschieben. - Dann nahm er mich
an der Hand und sagte: »Nur fest anhalten!« und führte mich über das schaukelnde
Brett an das andere Ufer.
    Während wir über dem Wasser schwebten, hub das Aveglöcklein an zu klingen
und die Leute zogen ihre Hüte ab.
    Der grosse schwarze Mann geleitete mich über die knisternden Eiskörner zum
Dörfchen hinan. »So ist es,« brummte er unterwegs, »lässt der Herrgott was
aufwachsen, haut's der Teufel wieder in die Erden hinein. Die Kohlpflanzen sind
hin bis auf Stammel; und das letzte Stammel auch. Der Hafer liegt auf dem
Hintern und reckt seine Knie gegen den Himmel hinauf.«
    »Das Wetter hat so viel Schaden getan?« sagte ich.
    »Das seht Ihr,« versetzte er.
    »Und weiter draussen, da hat's kaum getropft.«
    »Das glaube ich. 's ist allemal nur uns Winkelstegern vermeint. Vom heutigen
Tag an darf sich eins den ganzen Sommer über wieder nicht satt essen, wollen wir
für den Winter den Magen nicht in den Rauchfang hängen.« So antwortete er.
    Das Dorf bestand aus drei oder vier grösseren hölzernen Häusern, einigen
Hütten, rauchenden Kohlstätten und dem Kirchlein.
    Vor einem der grösseren Häuser, an dessen Tür ein breiter, von vielen Tritten
zerschleifter Antrittstein lag, blieb mein Begleiter stehen und sagte: »Kehrt
der Herr bei mir ein? Ich bin der Winkelwirt.« Er deutete bei diesen Worten auf
das Haus, als ob das sein Ichselbst wäre.
    Bald hernach war ich in der Stube. Die Wirtin nahm mir gar behende die
Reisetasche und den feuchten Überrock ab und brachte mir ein paar Strohschuhe
herbei. »Nur gleich das nasse Leder und die Schliefschuhe anstecken; nur fein
gleich, fein gleich, ein nasser Schuh auf dem Fuss läuft zum Bader!« Nicht lange,
so sass ich trocken und bequem an dem grossen Tische unter dem Hausaltar und unter
Wandleisten, auf welchen der Reihe hin buntbemaltes Ton- und Porzellangeschirr
lehnte. Auf dem Gläsergestelle war eine Unzahl von Kelchfläschchen umgestülpt
und der Wirt fragte mich gleich, ob ich Branntwein begehre. Ich verlangte Wein.
    »Ist wohl kein Tröpfel im Keller gewesen, so lang' das Haus steht,« sagte
der Wirt unmutig, »aber Holzapfelmost hätt' ich einen rechtschaffenen guten.«
    Das war mir schon recht; doch als er in den Keller gehen wollte, trippelte
sein Weib herbei, nahm ihm hastig den Schlüssel aus der Hand: »Geh, Lazarus,
schneuz' dem Herrn das Licht; sein geschwind, Lazarus, wirst schon dein Tröpfel
noch kriegen.«
    Ein wenig brummend kam er zum Tisch zurück, reinigte den Docht der
Unschlittkerze, sah mich eine Weile so an und fragte endlich: »Der Herr ist
zuletzt gar unser neuer Schulmeister? - Nicht? So, auf den grauen Zahn hinauf
geht die Wander? Wird morgen wohl nicht gehen. Ist auch diesen Sommer noch kein
Mensch hinaufgestiegen.
    Das muss einer im Frühherbst tun; zur andern Zeit ist kein Verlass auf das
Wetter. - Nu, wie man halt schon so nachgrübelt; ich hab' gemeint, der Herr
dürft' der neue Schulmeister sein. Es versteigt sich sonst wunderselten einer da
herein, der nicht herein gehört. Auf den neuen Schulmeister warten wir schon
alle Tag. Der alte ist uns durchgegangen; - hat der Herr nichts gehört?«
    »So, Lazarus, tu schön fein plaudern mit dem Herrn,« sagte die Wirtin im
zärtlichen Tone zu ihrem Manne, als sie mir den Most und zugleich auch die
Abendsuppe vorsetzte.
    Das Weib war nicht mehr zu jung, aber es war das, was die Wäldler
»kugelrund« nennen. Sie hatte ein zweifaches und unter demselben, um den vollen
Hals, eine Silberkette. Ihre Äuglein guckten klug und mild hervor, wenn sie
sprach, und wenn sie, mit jedem Winkel und Nagel des ganzen Hauses bekannt und
verwachsen, lustig in allen Ecken und Enden herumregierte. Wie im Scherze
regelte sie alles und redete mit dem Gast und lachte mit dem Gesinde in der
Küche und im Vorhause. Dass jetzt der Schauer wieder alles zerschlagen, sei
freilich nicht gar lustig, meinte sie, aber besser sei es allerwege, das Eis
falle vom Himmel auf die Erde, als wenn es von der Erde auf den Himmel fiele und
da oben auch noch alles in Scherben schlüge. Da hätt' eins schon gar nichts mehr
zu hoffen. Und wie sie so die Sache auslegte, sprudelte die Fröhlichkeit
ordentlich aus ihr hervor, und der ganze Kreis um sie war heiter; und jedes
schien sich so gehen zu lassen in dem, was es tat, empfand und sagte; aber es
ging doch alles nach der Schnur.
    »Ihr habt eine treffliche Wirtin,« sagte ich zum Wirt.
    »Das wohl, das wohl,« bestätigte er leise und lebhaft, »brav ist sie, meine
Juliana, aber halt - aber halt -« Das Wort blieb ihm im Halse stecken, oder
vielmehr, er zerbiss es, drückte und presste es hinab; auf sprang er und die Hände
am Rücken geballt schritt er über die Stube und wieder zurück und goss sich ein
Glas Wasser in die Gurgel.
    Dann setzte er sich auf die Bank und war ruhig. Aber es war noch nicht ganz
gut, er hatte die Fäuste geschlossen und starrte auf den Tisch. - Ich habe
einmal auf einem Jahrmarkt einen Araber gesehen, eine mächtig hohe Gestalt,
knochig, hager, rauh und lederbraun, schwarz und vollbärtig, glutäugig, mit
langer, scharf gebogener Nase, schneeweissen Zähnen, mit dichten Brauen und einem
weichen, wollartigen Haarfilze - völlig so sah der Mann aus, der jetzt schier
unheimlich vor mir brütete.
    »s gibt kein Weibel mehr, so herzensgut und getreu,« murmelte er plötzlich;
weitere Worte zermalmte er zwischen den Zähnen.
    Ich sah, der Mann war in einer peinlichen Stimmung; ich suchte ihn aus
derselben zu erlösen.
    »Also durchgegangen, sagt Ihr, ist der alte Schulmeister?«
    
    Da hob der Wirt seinen Kopf: »Man kann just nicht sagen, dass er
durchgegangen ist; es hat ihm nichts weh getan bei uns. Ich denk', wer fünfzig
Jahr in Winkelsteg Schullehrer, oder was weiss ich, alles ist, der läuft im
einundfünfzigsten nicht davon wie ein Rossdieb.«
    »Fünfzig Jahre dahier Schullehrer!« rief ich.
    »Schullehrer und Arzt und Amtmann und eine Weil' auch Pfarrer ist er
gewesen.«
    »Und ein Halbnarr ist er auch gewesen!« schrie einer vom Nebentische her, wo
sich mehrere schwarze Gesellen, etwa Holzer und Kohlenbrenner, bei
Schnapsgläsern niedergelassen hatten. »Ja freilich,« rief die Stimme, »da
draussen bei der Wacholderstauden ist er die längste Zeit gehockt und hat mit dem
Wisch geschwätzt, und ich vermein', den Gimpeln hat er das Singen lehren wollen
nach Noten. Hat er wo einen scheckigen Falter erspäht, so ist er ihm
nachgeholpert den ganzen halben Tag; - ein Halterbübl könnt' nicht kindischer
sein. Hat ihn 'leicht gar so ein Tier fortgelockt, hat der Alte nimmer
heimgefunden, ist liegen blieben im Wald.«
    »Zur Weihnachtszeit fliegen keine Falter herum, Josel,« sagte der Wirt halb
berichtigend, halb verweisend, »und dass er in der Christnacht ist in Verlust
geraten, das wirst wissen.«
    »Der Teufel hat ihn geholt, den alten Sakermenter!« gröhlte eine andere
Stimme in dem finsteren Winkel der Stube am grossen Kachelofen. Als ich
hinblickte, sah ich in der Dunkelheit die Funken eines Feuersteines sprühen.
    »Musst nit, Schorschl, musst nit so reden!« sagte einer der Köhler, »musst
bedenken, der alte Mann hat schneeweisses Haar gehabt!«
    »Ja, und Hörner unter demselben,« rief's vom Ofen her, »'leicht hat ihn
keiner so gekannt, den alten Schleicher, wie der Schorschl! Meint Ihr, er hätt's
nit abgemacht gehabt mit den grossen Herren, dass wir keine was haben gewonnen
beim Lotterg'spiel (Lotterie)! Wesweg hat denn der Kranabetsepp gleich in der
zweiten Woch', da der Schulmeister ist weggewesen, einen Terno gemacht? Der
bucklig' Duckmauser selber hat freilich Geld gehabt; hat's vergraben, auf dass,
was er selber nit braucht, die armen Leut' auch nit brauchen sollen. O - 'leicht
könnt' einer andere Geschichten erzählen, wären nicht so gewisse Leut' in der
Stuben.«
    Die Stimme schwieg; man hörte nur das Pauffen der rauchsaugenden Lippen und
das Zuklappen eines Pfeifendeckels.
    Der Wirt stand auf, warf seinen Lodenwams weg und ging in flatternden
Hemdsärmeln einige Schritte gegen den Ofen. Mitten der Stube stand er still »So,
gewisse Leut' sind in der Stuben,« sagte er gedämpft, »Schorschl, dasselb'
deucht mich selber; aber nit beim redlichen Tisch sitzen sie vor aller Leut'
Augen; im stockfinsteren Winkel ducken sie sich, wie nichtsnutzige Schelm', -«
Er brach ab, man merkte es, wie er sich Gewalt antat, gelassen zu bleiben; er
zog sich schier krampfhaft zusammen, aber er bleib stehen mitten in der Stube.
    »Freilich, freilich, die Branntweinbrenner haben den Alten nicht leiden
mögen,« sagte einer der Köhler. Dann zu mir gewendet: »Bester Herr, der hat's
gut gemeint! Gott tröst' seine arme Seel'! - Hat noch die Orgel gespielt in der
heiligen Nacht, aber in der Christtagsfrüh ist kein Gebetläuten gewesen. Den
Reiter Peter - das ist halt unser Musikant - hatt' er in der Nacht noch
angeredet, dass der sollt' die Musik für den Christtag übernehmen; das ist sein
letztes Wort gewesen, und weg ist der Schulmeister. - Du heiliger Antoni, was
haben wir den Mann nicht gesucht! Spüren hat man ihn nicht können, der Schnee
ist weit und breit, und gar im Wald drin, steinhart gewesen; hat jeden tragen,
so weit er hat wollen gehen. Ganz Winkelsteg ist auf gewesen, ist alle Wälder
abgegangen und alle Strassen draussen im Land.«
    Der Mann schwieg; ein Achselzucken und eine Handbewegung deuteten an, sie
hätten den Schulmeister nicht gefunden.
    »Und so haben wir Winkelsteger keinen Schulmeister,« sagte der Wirt. »Ich
für mich brauch' keinen; ich hab' nichts gelernt und werd' nichts mehr lernen -
ich leb' so. Aber einsehen tu' ich's wohl, ein Schulmeister muss sein. Und so
sind wir Gemeindebauern und Holzleute halt zusammengestanden, dass wir einen
neuen -«
    Ich hatte in diesem Augenblick das Mostglas an den Mund gesetzt, um den Rest
des frischenden Trankes zu schlürfen. Und das war, als hätte es dem Manne die
Sprache verschlagen. Er starrte nun auf das leere Glas, wollte dann sein
Gespräch wieder fortsetzen, schien aber kaum mehr zu wissen, wovon geredet.
    »Ich denk' mir meinen Teil,« versetzte einer der Kohlenbrenner, »und ich
sag' dasselb', just und gerade dasselb' was der Wurzentoni sagt. Der alte
Schulmeister, sagt er, hat ein Stückel mehr verstanden, als Birnsieden, ein gut
Stückel mehr. Der Wurzentoni - nicht einmal, zehn- und hundertmal hat er den
Schulmeister gesehen aus einem kleinwinzigen Büchlein beten, und sind alles so
Sprüchel drin gewesen und Zauber- und Hexenzeichen, lauter Hexenzeichen. Wär'
der Schulmeister im Wald wo gestorben, sagt der Wurzentoni, so hätt' man den
Toten finden müssen, und hätt' ihn der Teufel geholt, so wär' das Gewand
zurückgeblieben, denn das Gewand, sagt der Wurzentoni, ist unschuldig, über das
hat der Teufel keine Gewalt, hat keine! - Ganz was anders ist geschehen, meine
Leut'! Der Schulmeister - verzaubert hat er sich, und so steigt er unsichtbar
Tag und Nacht in Winkelsteg herum - Tag und Nacht, zu jeder Stund'. Das ist,
weil er will wissen, was die Leut', in der Heimlichkeit tun und über ihn reden,
und weil - -. Ich sag' nichts Schlechtes über den Schulmeister, ich nicht. Wüsst
auch nicht was, bei meiner Treu, wüsst nicht was!«
    »Ei, tät der Teufel nicht mehr wissen, wie der schwarz' Kohlenbrenner,«
hüstelte die Stimme hinter dem Ofen, »noch heut' tät der alt' Grauschädel die
Winkelsteger bei der Nasen herumführen!«
    Ein gereizter Löwe könnte nicht wütender aufspringen, als es jetzt der
derbe, finstere Wirt tat. Ordentlich stöhnend vor Begier, stürzte er hin in den
Ofenwinkel, und dort war ein angstvolles Aufkreischen.
    Da eilte die Wirtin »Geh, Lazarus, wirst dich scheren mit diesem dummen
Schorschel da! Ist nicht der Müh' wert, dass du desweg einen Finger krumm tust.
Geh, sei fein gescheit, Lazarus; schau, jetzt hab' ich dir dort dein Tröpfel
hingestellt.«
    Lazarus liess nach; der Schorschl huschte wie ein Pudel zur Tür hinaus.
    Lazarus hatte Haarlocken in der Faust. Knurrend schritt er gegen den Kasten,
auf welchem ihm sein Weib ein Glas Apfelmost gestellt hatte. Fast lechzend,
zitternd griff er nach dem Glase, führte es zum Mund und tat einen langen Zug.
Dann hielt er starren Auges ein wenig inne, dann setze er wieder an und leerte
das Glas bis auf den letzten Tropfen. Das musste ein fürchterlicher Durst gewesen
sein. Langsam sank die Hand mit dem leeren Gefäss nieder; tief aufatmend glotzte
der Wirt vor sich hin.
    So verging die Zeit, bis die Wirtin zu mir kam und sagte: »Wir haben ein
gutes Bett, da oben auf dem Boden; aber sag's dem Herrn fein g'rad heraus, der
Wind hat heut' ein paar Dachschindeln davongetragen und da tut's ein klein wenig
durchtröpfeln. Im Schulhaus oben wär' wohl ein rechtschaffen bequemes Stübel,
weil es für den neuen Lehrer schon eingerichtet ist; und fein zum Heizen wär's
auch, und wir haben den Schlüssel, weil mein Alter Richter ist und auf das
Schulhaus zu schauen hat. Jetzt, wenn sonst der Herr nicht gerade ungern im
Schulhaus schläft, so tät ich schon dazu raten. Ei beileib', es nicht
unheimlich, gar nicht; es ist fein still und fein sauber. Mich däucht, das ganze
Jahr wollt' ich darin wohnen.«
    So zog ich das Schulhaus dem Dachboden vor. Und nicht lange nachher
geleitete mich ein Küchenmädchen mit der Laterne hinaus in die stockfinstere,
regnerische Nacht, den Hütten entlang, an der Kirche hin über den Friedhof, an
dessen Rande das Schulhaus stand. Das Rasseln des Schlüssels an der Tür
widerhallte im Innern. Im Vorhause war es öde und die Schatten der
Laternsäulchen zuckten wie gehetzt an den Wänden hin und her.
    Da traten wir in ein kleines Zimmer, in dessen Tonofen helle Glut knisterte.
Meine Begleiterin stellte ein Licht auf den Tisch, schlug die braune Decke des
Bettes über und zog aus dem Wandkasten eine Lade hervor, damit ich meine Sachen
dort unterbringe. Da rief sie auf einmal: »Nein, das ist richtig, dass wir uns
alle miteinander schämen müssen, jetzt liegen diese Fetzen noch da herum!«
Sofort fasste sie einen Armvoll Papierblätter, wie sie in der Lade wirr
herumlagen: Will euch gleich helfen, ihr verzwickelten Wische, in den Ofen
steckt' ich euch!«
    »Musst nicht, musst nicht,« kam ich dazwischen, »vielleicht sind Dinge dabei,
die der neue Lehrer noch brauchen kann.«
    Verdriesslich warf sie die Blätter wieder in die Lade. Es wäre ihr in ihrer
Aufräumungswut sicher eine grosse Lust gewesen, sie zu verbrennen, wie ja
unwissende Leute häufig das Verlangen haben, alles, was ihnen nutzlos dünkt,
sogleich zu vernichten.
    »Der Herr kann des alten Schulmeisters Schlafhauben aufsetzen,« sagte das
Mädchen hernach etwas schelmisch und legte eine blaugestreifte Zipfelmütze auf
das Kopfkissen des Bettes. Dann gab es mir noch einige Ratschläge wegen der
Türschlüssel, sagte: »So, in Gottesnamen, jetzt geh' ich!« - und sie ging.
    Die äussere Tür sperrte sie ab, an der inneren drehte ich den Schlüssel um,
und nun war ich allein in der Wohnung des in Verlust geratenen Schulmeisters.
    Was war das für ein sonderbares Geschick mit diesem Manne, und was waren das
für sonderbare Nachreden der Leute? Und wie verschieden waren diese Nachreden!
Ein guter, vortrefflicher Mann, ein Narr, und gar einer, den zuletzt der Teufel
holt! -
    Ich sah mich in der Stube um. Da war ein wurmstichiger Tisch und ein brauner
Kasten. Da hing eine alte, schwarze Pendeluhr mit völlig erblindetem
Zifferblatte, vor welchem der kurze Pendel so emsig hin und her hüpfte, als
wollte er nur hastig, hastig aus banger Zeit in eine bessere Zukunft eilen. -
Und meint ihr, ich hätte von draussen herein nicht auch die Unruh der
Kirchturmuhr gehört?
    Neben der Uhr hingen einige aus Wacholder geschnittene Tabakspfeifen mit
übermässig langen Rohren; ferner eine Geige und eine alter Ziter mit drei
Saiten. Sonst war überall das gewöhnliche Hausgeräte, vom Stiefelzieher unter
der Bettstatt bis zu dem Kalender an der Wand. Der Kalender war von
vorhergegangenem Jahre. Die Fenster waren bedeutend grösser, als sie sonst bei
hölzernen Häusern zu sein pflegen, und mit gepflochtenen Gittern versehen. In
diesen Gittern steckten verdorrte Birkenzweige.
    Da ich einen der blauen Vorhänge beiseite geschoben hatte, blickte ich
hinaus ins Freie. Es war finster, nur von einer Ecke des Kirchhofes her
schimmerte es wie ein verlorener Strahl des Mondes. Das war wohl das
Moderleuchten eines zusammengebrochenen Grabkreuzes oder eines Sargrestes. Der
Regen rieselte; es zog ein frostiger Windhauch durch die Luft wie gewöhnlich
nach Hagelgewittern.
    Ich hatte die Alpenfahrt für den nächsten Tag aufgegeben. Ich beschloss,
entweder in Winkelsteg schön Wetter abzuwarten, oder mittels eines Kohlenwagens
wieder davonzufahren. Brauen im Gebirge selbst zur Sommerszeit ja doch oft
wochenlang die feuchten Nebel, während draussen im Vorlande der helle
Sonnenschein liegt.
    Ehe ich mich ins Bett legte, wühlte ich noch ein wenig in den alten Papieren
der Schublade herum. Da waren Musiknoten, Schreibübungen, Aufmerkblätter und
allerhand so Geschreibe auf grobem, grauem Papier. Es war teils mit Bleistift,
teils mit gelblichblasser Tinte, bald flüchtig, bald mit Fleiss geschrieben. Und
da lagen zwischen Blättern gepresste Pflanzen, entstaubte Schmetterlinge und eine
Menge Tier- und Landschaftszeichnungen, auch eine Karte von Winkelsteg, zumeist
gar recht unbeholfen gemacht. Aber ein Bild fiel mir doch auf, ein mit bunten
Farben bemaltes, komisches Bild. Es stellte einen alten Mann dar. Der kauerte
auf einem Baumstrunk und schmauchte eine langberohrte Pfeife. Auf dem Haupte,
dessen Haare nach rückwärts gekämmt warn, hatte er eine plattgedrückte, schwarze
Kappe mit einem breiten, wagrecht hinausstehenden Schilde. Aber ein Künstler war
es doch, der das Bild gemacht; im Ausdruck des Angesichts war er zu spüren. Aus
dem einen Auge, das ganz offen stand, blickte eine ernste und doch milde Seele
heraus; aus dem andern, das halb geschlossen nur so blinzelte, sah ein wenig
Schalkheit hervor. In einem Hause, aus dessen Fenstern lugen, ist's nicht gar
sonderlich arm und öde. Über den, vom wohlwollenden Künstler vielleicht doch zu
rosig gehaltenen Wangen war es aber fast, als ob seinerzeit Wildbäche Furchen
gerissen hätten. Völlig spasshaft hingegen nahm sich auf dem sonst glattrasierten
Gesichte der lange weisse Spitzbart aus; er war unter dem vorgebeugten Kopfe wie
ein vom Kinne niederhängender Eiszapfen. Um den Hals war ein hellrotes Tuch
mehrfach geschlungen und vorne mehrfach zusammengeknüpft. Dann kam der Wall des
Rockkragens und der blaue Tuchrock selbst, ein Frack mit niederstrebenden
Taschen, aus deren einer der launige Künstler gar ein Zipfelchen hervorlugen
liess. Der Rock war eng zugeknöpft bis hinauf unter dem Eiszapfen. Die Hofe war
grau, eng und sehr kurz; die Stiefel waren auch grau, aber weit und sehr lang. -
So kauerte das Männchen da und hielt mit beiden Händen genussselig das lange
Pfeifenrohr, und schmauchte. Leichte Ringelchen und Herzchen bildete der Rauch
....
    Der das Bild gemacht, ist ein grosser Kauz gewesen; nach dem es gemacht, der
ist noch ein grösserer gewesen. Einer oder der andere war sicher der alte
Schulmeister, der auf unerklärliche Weise verschwunden, nachdem er fünfzig Jahre
im Orte Lehrer gewesen. - »Und unsichtbar stieg er in Winkelsteg herum, Tag und
Nacht - zu jeder Stund'!«
    Ich stieg ins Bett und lag und sann. Ich ahnte freilich nicht, wer es
gewesen war, der das Haus gebaut und vor mir auf dieser Stätte geruht.
    Die Glut im Ofen knisterte matt und matter und war im Absterben. Draussen
rieselte der Regen, und doch lag eine Stille über allem, so dass mir war, als
hörte ich das Atemholen der Nacht. - Ich war im Einschlummern; da erhob sich
plötzlich ganz nahe über mir ein lebhaftes Schallen, und mehrmals hintereinander
laut und lustig klang der Wachtelschlag. Ganz täuschend ähnlich waren die Laute
dem lieblichen Rufe des Vogels im Kornfelde. Die alte Uhr war es gewesen, die
mir so seltsam die elfte Stunde verkündet hatte.
    Und der süsse Wachtelschlag hatte mein Sinnen und Träumen entführt hinaus auf
das lichte sonnige Kornfeld zu den wiegenden Halmen, zu den blau leuchtenden
Blumenaugen, zu den gaukelnden Schmetterlingen - und so war ich eingeschlafen an
demselben Abende, im geheimnisvollen Schulhaufe zu Winkelsteg.
    Wie mich der Wachtelschlag eingelullt hatte, so weckte mich der
Wachtelschlag wieder auf. Es war des Morgens zur sechsten Stunde.
    Im Stübchen atmete noch die weiche Wärme des Ofens; an den Wänden und auf
der Decke lag es blass wie Mondlicht. Und es musste die Sonne schon am Himmel
stehen; es war im Juli. Ich erhob mich und zog einen der blauen Fenstervorhänge
zurück. Die grossen Scheiben waren grau angelaufen; nur hie und da löste sich
eine Tropfenperle und rollte hin und her zuckend nieder durch die unzähligen
Bläschen und Tröpfchen, hinter sich einen schmalen ziehend, durch welchen das
Dunkel des braunen Kirchendaches hereinblickte.
    Ich öffnete das Fenster; frostige Luft ergoss sich in das Zimmer. Der Regen
hatte aufgehört; an der Friedhofsmauer lag ein Wall zusammengeschwemmter
Eiskörner, mit niedergeschlagenen Baumrinden und gebrochenen Reisigwipfeln
gemischt. An der Kirchenwand lagen Schindelsplitter des Daches; die Fenster der
Kirche waren mit Brettern geschützt. Einige Eschen standen am Platze, da tropfte
es nieder von den wenigen Blättern, die der Hagel verschont hatte. Noch ragte
dort das verschwommene Bild eines Rauchfanges; was weiter hin war, das deckte
der Nebel.
    Ich hatte den Gedanken an die Alpenwanderung heute gar nicht mehr
hervorgeholt. Langsam zog ich mich an und betrachtete das Triebwerk der alten
Schwarzwälderuhr, welches durch zwei aneinanderschlagende Holzplättchen den
schmetternden Schlag der Wachtel so täuschend gab. Hernach wühlte ich, da es mir
zum Frühstück noch zu zeitig war, eine Weile in den Papieren der Lade herum. Ich
bemerkte, dass ausser den Zeichnungen, Rechnungen und jenen Bogen, die zu
Pflanzenmappen dienten, alle beschriebenen Blätter eine gleiche Grösse hatten und
mit roten Seitenzahlen versehen waren. Ich versuchte die Blätter zu ordnen und
warf zuweilen einen Blick auf deren Inhalt. Es waren tagebuchartige
Aufzeichnungen, die sich auf Winkelsteg bezogen. Die Schriften waren aber so
voll von eigenartigen Ausdrücken und regellos geformten Sätzen, dass Studium und
eine Art Übersetzung nötig schien, um sie der Verständlichkeit zuzuführen.
    Die Mühe däuchte mir gleich anfangs nicht abschreckend, denn ich hoffte hier
Urkunden des so entlegenen Alpendörfchens und vielleicht gar aus dem Leben des
verschwundenen Schulmeisters zu finden. Indem ich emsig weiter ordnete und mit
dieser Arbeit schon völlig zur Rüste kam, entdeckte ich plötzlich ein dickes
graues Blatt, auf welchem mit grossen roten Buchstaben geschrieben stand: Die
Schriften des Waldschulmeisters.
    So hatte ich nun gewissermassen ein Buch zusammengestellt; und das Blatt mit
den roten Lettern legte ich aufs Geratewohl obenan, als des Buches Überschrift.
    Mittlerweile hatte meine Wachtel die achte Stunde verkündet und auf dem
Kirchturme läuteten zwei helle Glöcklein zur Messe. Der Pfarrer, ein schlanker
Mann mit blassem Angesichte, schritt von seinem Hause die kleine Steintreppe
heran zur Kirche. Einige Männer und Weiber zogen ihm nach, entblössten noch weit
vor der Tür ihr Haupt, oder zerrten die Rosenkranzschnur hervor und besprengten
sich andächtig am Weihwasserkessel des Einganges.
    Ich ging zur Tür hinaus und über den hügeligen Sandboden hin. Und ich ging,
weil die Orgel gar so freundlich klang, zur Kirche hinein. Da war es auf den
ersten Blick, wie es in jeder Dorfkirche ist - und doch ganz anders.
    Je ärmer sonst so ein Kirchlein ist, je mehr Silber und Gold sieht man an
ihm funkeln; alle Leuchter und Gefässe sind von Silber, alle Verzierungen und
Heiligenröcke und Engelsflügel und gar die Wolken des Himmels sind von Gold.
Aber es ist nur Schein. Ich kann jenem Bauersmann nicht Unrecht geben, der, als
er in der Kirche einmal Messnerdienste verrichten musste und dabei in nähere
Bekanntschaft mit den Bildnissen und Altären gekommen, ausrief: »Wie unsere
Heiligen von weitem funkeln und vornehm sind, so meint man, was der tausend wir
für Himmelsmänner haben, und wenn man sie in der Nähe anschaut, ist alles Holz.«
    In der Kirche zu Winkelsteg fand ich das anders. Freilich war auch da alles
aus Holz und grösstenteils aus ganz gewöhnlichem Fichtenholz, aber es war nicht
geschminkt mit Goldglanz, schreienden Farben, Geflunker und Gebänder und was
sonst solchen Zierat gibt; es war, wie es war, und wollte nicht anders sein.
    Die Kirchenwände standen in mattem Grau und waren fast leer. In einer Ecke
des Schiffes klebten ein paar Schwalbennester, deren Bewohner heute auch bei dem
Gottesdienste bleiben und dem Herrn nach ihrer Art das »Sanctus« sangen. Den
Chorboden da oben und den Beichtstuhl und die Kanzel und die Betstühle - man sah
es wohl - hatten heimische Zimmerleute ausgeführt. Der Taufstein hatte auch sein
Lebtag keinen Steinmetz und der Hochaltar keinen Bildhauer gesehen. Aber es war
Geschmack und Zweckmässigkeit in allem. Der Altar war ein würdevoll dastehender
Tisch, zu welchem drei breite Stufen emporführten. Er war bedeckt mit einfachen
weissen Linnen, und in einem Gezelte aus weisser Seide, zwischen sechs schlanken,
aus Lindenholz geschnitzten Leuchtern stand das Heiligtum. Was mir aber am
meisten auffiel, was mich rührte, fast erschreckte, das war ein nacktes grosses
Kreuz aus Holz, welches über dem Zelte ragte. Dieses Kreuz mochte nicht immer da
oben gestanden haben; es war wettergrau, der Regen hatte die Fasern
hervorgewaschen, die Sonne hatte Spalten gezogen. - Das war der Winkelsteger
Altarbild. Ich habe nie einen Prediger ernster und eindringlicher sprechen
gehört, als es dieses stille Kreuz tat auf dem Altare.
    Dann fiel mir noch ein Zweites auf, was fast abstach von der Armut und
Einfachheit, so in diesem Gotteshause herrschte, was aber die Stimmung und Ruhe
nur noch erhöhte. An beiden Seiten des Altares waren zwei schmale hohe Fenster
mit Glasmalereien. Sie tauten ein rosiges Dämmerlicht über den Altar.
    Der Priester verrichtete die Handlung; die wenigen Anwesenden knieten in den
Stühlen und beteten still; und die mild tönende, wie in Ehrfurcht leise
zitternde Orgel betete mit, war wie eine flehende Fürsprache vor Gott für die
arme Gemeinde, die seit gestern, da das Ungewitter die Feldfrucht vernichtet,
neuen Kummer trug.
    Als die Messe zu Ende war und die Leute sich erhoben, bekreuzten, die
Kniebeugung machten und davongingen, stieg ein hübscher junger Mann die
Chorstiege herab. Ich fragte ihn vor der Kirchtür, ob er es sei, der die Orgel
gespielt habe. Er neigte den Kopf. Er schritt gegen das Dörfchen hinab; ich ging
mit ihm und suchte ein Gespräch anzufangen. Er sah mir mehrmals treuherzig ins
Gesicht, aber er sagte kein Wort; und er wendete sich bald und schritt abseits
gegen den Bach. Nachher habe ich erfahren, dass er stumm ist.
    Und endlich sass ich im Wirtshause bei meinem Frühstück. Es bestand aus einer
Schale Milch mit gebranntem Kornmehl gewürzt. Das ist der Winkelsteger Kaffee.
    Und nun - was gedachte ich zu tun?
    Ich teilte der heiteren Wirtin meine Absicht und meinen Wunsch mit: das
ungünstige Wetter in Winkelsteg abzuwarten, im Stübchen des Schulhauses zu
wohnen und die Schriften des Schulmeisters zu lesen - »wenn ich dazu Erlaubnis
hätte«.
    »O mein Gott, ja, von Herzen gern!« rief sie, »wen wird der Herr denn irren,
da oben! Und das alte Papierwerk schaut sonst auch kein Mensch an - wüsst' nicht,
wer! Davon kann sich der Herr aussuchen, was er will. Der neue Schulmeister wird
schon selber so Sachen mitbringen. Glaub's aber dieweil noch gar nicht, dass
einer kommt. Ja freilich mag der Herr oben bleiben und ich lass ihm fein warm
heizen.«
    So ging ich wieder hinauf zum Schulhause. Nun sah ich es von aussen an. Es
war recht bequem und zweckmässig gebaut, es hatte ein flaches, weit
vorspringendes Schindeldach, und es hatte in diesem Vorsprunge und in seinen
hellen Fenstern eine Art Verwandtschaft mit dem gutmütig schalkhaften
schildkäppchenbedeckten Antlitze jenes Alten auf dem Bilde.
    Dann trat ich in das Stübchen. Es war bereits aufgeräumt und im Ofen
knisterte frisches Feuer. Durch die hellen Fenster starrte zwar der düstere Tag
mit dem tief auf die Bergwälder hängenden Nebel herein, aber das machte das
Stübchen nur noch traulicher und heimlicher.
    Die Blätter, die ich am Morgen in Ordnung gebracht hatte, die rauh und grau
vergilbt waren und eng beschrieben, Zeile an Zeile, die nahm ich nun aus der
Schublade und setzte mich damit zum rein gescheuerten Tisch am Fenster, so dass
das Tageslicht freundlich auf ihnen ruhen konnte.
    Und was hier ein seltsamer Mann niedergeschrieben hatte, das begann ich nun
zu lesen.
    Was ich las, das gebe ich hier, besonders dem Inhalte nach, schlecht und
recht wieder.
    Doch musste an der Urschrift in der Form manches geändert und geglättet, es
musste gestrichen, ja beigefügt werden, wie es zum Verständnisse nötig, und so
weit es mir nach Durchforschung der Zustände erlaubt und möglich war. Ferner
mussten die absonderlichen Ausdrücke in Klarheit, die regellos hingeworfenen
Sätze in Regeln und Zusammenhang gebracht werden. Indes sei bemerkt, dass ältere
Sprachformen und Wendungen, die in den Blättern sich vorfanden, tunlichst
beibelassen wurden, um der Schrift von ihrer Eigenart zu wahren.
    - - - Das erste Blatt sagt nichts und alles; es entält vier Worte:
 
                      Die Schriften des Waldschulmeisters
                                 (Erster Teil)
                »Lieber Gott!
Ich grüsse Dich und schreibe Dir eine Neuigkeit. Heute ist mein Vater gestorben.
Er ist schon zwei Jahre krank gewesen. Die Leut' sagen, es ist ein rechtes
Glück. Die Muhme-Lies sagt es auch. Jetzt haben sie den Vater schon
fortgetragen. Der Leib kommt in die Totenkammer, die Seel' geht durch das
Fegfeuer in den Himmel hinauf. Lieber Gott, und da hätt' ich jetzt recht eine
schöne Bitt'. Schick meinem Vater einen Engel entgegen, der ihn weist. Für den
Engel leg ich mein Patengeld bei; es sind drei Groschen. Mein Vater wird recht
eine Freud' haben im Himmel, und führ' ihn gleich zu meiner Mutter. - Ich grüsse
Dich tausendmal, lieber Gott, den Vater und meine Mutter.
                                                                Andreas Erdmann.
                                                     Salzburg, im 1797-ger Jahr,
                                                          am Apostel Simonitag.«
    Dieser Brief ist zufällig erhalten geblieben, mit ihm hebe ich an. Ich weiss
noch den Tag. Ich habe in meiner sehr grossen Einfalt die drei Groschen wollen in
das Papier legen. Kommt selbunter die Muhme-Lies herbei, liest mit ihrem
Glasauge die Schrift und schlägt die Hände zusammen. »Du bist ein dummer Junge!«
ruft sie aus, »ein sehr dummer Junge!« Eilends nimmt sie mein Patengeld, läuft
davon und erzählt meine Sach' im ganzen Hause, vom Torwartgelass an bis hinauf
zum dritten Stock, wo ein alter Schirmmacher wohnt. Jetzt kommen die Leut' alle
miteinander zusammen in unser Zimmer herein, zu sehen, wie ein sehr dummer Junge
denn ausschaut.
    Gelacht haben sie, und so lang' haben sie gelacht, bis ich anfang' zu
weinen. Jetzund haben sie noch ärger gelacht. Der alte Schirmmacher mit seinem
himmelblauen Schurz ist auch da; der hebt die Hand auf und sagt: »Ihr
Herrschaften, das ist ein närrisches Lachen; etwan ist er gescheiter, wie ihr
alle miteinand. Geh her zu mir, Büblein; heute ist dein guter Vater gestorben;
deine Muhme ist viel zu gescheit und ihr Haus zu klein für dich, du
kleinwinziger Bub'. Geh mit mir, ich lehre dich das Regenschirmmachen.«
    Was hat jetzo die Muhme gegreint überlaut! Aber das kann ich mir denken:
insgeheim ist es ihr recht gewesen, da ich mit dem Alten die zwei Treppen
hinaufgestiegen bin.
    Selbunter, wie mir mein Vater gestorben, werd' ich im siebenten Jahr gewesen
sein. Ich weiss nur, dass meine Eltern mit mir bis zu meinem fünften Jahr im
Waldland gelebt haben. Im Waldland am See. Felsberge, Wald und Wasser haben die
Ortschaft eingefriedet, in der mein Vater Salzwerksbeamter gewesen. Wie die
Mutter gestorben, hebt mein Vater kränkeln; hat seine Stelle aufgeben müssen,
ist mit mir zu seiner wohlhabenden Schwester in die Stadt gezogen. In einem
leichteren Amt hat er wieder arbeiten wollen, um seiner Schwester, die sich
stets der Tugend der Sparsamkeit beflissen, Dach und Nahrung redlich erstatten
zu können. Aber in der Stadt ist er krank Jahr und Tag; nur dass er mir zur Not
das Lesen und Schreiben lehrt, sonst hat er gar nichts getan. Und es ist
gekommen, wie ich es im frühern aufgeschrieben habe.
    Bei dem alten Mann im dritten Stock bin ich mehrere Jahre gewesen. Wie er,
so habe auch ich einen himmelblauen Brustschurz getragen. Man erspart dadurch an
Gewand. In der ersteren Zeit bin ich mehrmals zur Muhme hinabgegangen auf
Besuch; aber sie hat mich fortweg und solange einen sehr dummen Jungen geheissen,
bis ich nicht mehr hinabgegangen bin. Selbunter hat mein Meister einmal das Wort
gesagt: »Gib acht, Andreas, dass du nicht so gescheit wirst wie deine Frau
Muhme!«
    Wir haben lauter blaue und rote Regenschirme gemacht, haben sie dann in
grossen Bünden auf Jahrmärkte getragen und verkauft. Einen breiten Schirm haben
wir über unsere Ware gespannt, und die Marktbude ist fertig gewesen. Und wenn
das Geschäft so gut ist gegangen, dass wir letztlich auch die Bude verkauft, so
sind wir allbeide in ein Wirtshaus gegangen und haben uns was gut sein lassen.
Ansonsten aber haben wir die Ware in Bünden wieder nach Hause getragen und
daheim eine warme Suppe genossen.
    Wie mein Meister über die siebzig Jahre alt ist, wird ihm die Welt nicht
mehr recht; hat müssen eine andere haben - ist mir gestorben. Gestorben wie mein
Vater.
    Ich bin der Erbe gewesen. Zweitalb Dutzend Schirme sind da; die pack' ich
eines Tages auf und trag sie dem Markte zu. Auf demselbigen Markt hab' ich Glück
gehabt. Er ist in einem Tal nicht gar weit von der Stadt; Menschen in Überfluss,
aber die wenigsten werden sich zur Morgenfrühe gedacht haben, sie gehen auf den
Markt, dass sie Regenschirme kauften.
    Kommt zur Mittagszeit jählings ein Wetterregen; wie weggeschwemmt sind die
Leute vom Platz, und mit ihnen meine Schirme. Ein alleinziger ist mir noch
geblieben für mich selber, dass ich trocken bliebe mitsamt meinem gelösten Geld.
Was läuft doch über den Platz ein Mann daher, dass alle Lachen spritzen! Meinen
Regenschirm will er kaufen.
    »Hätt' ich selber keinen!« sage ich.
    »Hab' schon manchen Schuster barfuss laufen sehen,« lachte der Mann, »aber
hörst, Junge, wir richten uns die Sach' schlau ein. Bist du aus der Stadt?«
    »Ja,« sag ich, »aber kein Schuster.«
    »Das macht nicht. Ein Wagen ist dahier nichts zu haben; so gehen wir
zusammen, Bursche, und benützen den Schirm gemeinsam; letzlich magst ihn
behalten oder das Geld dafür haben.«
    Gottesschad' wär's um den feinen Rock, den er anhat, denk ich, und sag: »So
ist es mir recht.«
    Arm in Arm bin ich, Schirmmacherbursch mit dem vornehmen Herrn in die Stadt
gegangen. Wir haben unterwegs miteinander geplaudert. Er hat es so zu fügen
gewusst, dass ich ihm nach und nach all meine Umstände und meine ganze
Lebensgeschichte erzählt hab.
    Der Regen hörte auf; die Sonne scheint, ich trage den Schirm noch offen über
der Achsel, dass er trocknen mag. Wir kommen zur Stadt, da will ich zurückbleiben
- nicht schicksam, dass ich mit einem so feinen Herrn durch die Stadt gehe. Er
hat mich aber freundlich eingeladen, nur mit ihm zu kommen. Er hat mich zuletzt
mit in sein Haus geführt, hat mir Speise und Trank vorsetzen lassen, hat mich
endlich gar gefragt, ob ich nicht bei ihm bleiben wolle, er stehe einer Bücherei
vor und benötige in ihr einen Handlanger.
    Was weiss ich unfertiger Mensch mit der Schirmmacherei anzufangen? Ich werde
Handlanger in der Bücherei.
    Damalen hab' ich's gut gehabt. Mit meinem Herrn bin ich zufrieden gewesen;
der hat mir das Regenschirmdach reichlich erstattet; kein Lüftlein hat mich
beleidigt unter seinem Dach. Aber die Handlangerarbeit hat mir nicht von statten
gehen wollen. Der helle Fürwitz ist's gewesen; mit jedem Buch, das ich zur Hand
bekommen, hätt' ich auch gleich Bekanntschaft machen mögen. Allerweile hab ich's
mit den Aufschriftblättern und Inhaltsverzeichnissen zu tun gehabt, und ich hab
das, was mir insonderheit erfahrungswert geschienen, gar zu lesen angefangen.
Auf das Zurechtstellen und Ordnen der Bücher hab ich vergessen.
    Was sagt mein Herr eines Tages zu mir? - Bursche, für das Auswendige der
Bücher bist du nicht zu brauchen, du musst in das Inwendige hinein. Mir dünkt es
gut, dass ich dich in einer Lehranstalt unterbringe.
    »Ja freilich, ja freilich - das ist mein heimlich Verlangen.«
    »Es wird gelingen, dich in die dasige Gelehrtenschule1 zu stellen, du wirst
rechtschaffen und fleissig sein, wirst Unterstützung finden; es geht rasch
aufwärts und kehr' die Hand, wird's heissen: Herr Doktor Erdmann!
    Ganz heiss wird mir bei diesen Worten. Nicht gar lange nachher und mir ist
noch heisser geworden. Mein Broterr hat es durchgesetzt; ich bin in die
Gelehrtenschule gekommen und schnurgerade mitten hinein in das Innere der
Bücher. Aber in der Schule, da werden einem trutz die allerlangweiligsten Bücher
in die Hand gegeben; die kurzweiligen sind allesamt verboten. Dinge, die mich
auswendig und einwendig gar nichts angegangen, hab ich müssen in meinen Kopf
hineinpressen. Das ist eine Pein gewesen; denn damalen haben mir meine Jahre und
Lebensumstände den Kopf schon hübsch vollgepfropft gehabt mit anderen Dingen.
    Eine siebenfältige Speiskarte ist mein Wochenkalender gewesen. Mein
Mittagstisch ist gestanden: Am Montag bei einem Lehrer; am Dienstag bei einem
Freiherrn; am Mittwoch bei einem Kaufmann; am Donnerstag bei einem
Schulgenossen, der ein reicher Tuchmacherssohn gewesen und mich zu sich in einen
Gastof geladen hat. Am Freitag hab ich bei einem alten Obersten gegessen; am
Samstag bei sehr armen Leuten in einer Dachstube, denen ich dafür die Kinder im
Rechnen unterrichtet; und am Sonntag bin ich bei meinem Schutzherrn gewesen, dem
Vorsteher der Bücherei. Auch habe ich von all diesen Menschen Kleider an meinem
Leibe getragen.
    So ist es jahrelang gewesen. Da hat mich mein Dienstag-Tischherr für sein
Söhnlein zum Hauslehrer bestellt. Jetzo ist's schon besser gegangen. Zuerst habe
ich den armen Leuten in der Dachstube das Mittagsmahl nachgelassen, aber die
Pflicht empfunden, den Unterricht ihrer Kinder doch fortzusetzen. Ein weiteres
ist gewesen, dass ich einmal meinen Frack anziehe - der ist sehr fein und
vornehm, ist auch für mich nicht gemacht worden - und meine Muhme besuche. Meine
Muhme macht zierliche Bücklinge und nennt mich ihren lieben, sehr lieben Herrn
Vetter.
    Wie freudig ich auch anfangs d'rein gegangen bin in meinem Lernen, es ist
mir gar bald verleidet worden. Da habe ich vormalen immer gemeint, in einer
Gelehrtenschule würde man Himmel und Erde erfassen, und alles was darin ist, im
schönen Zusammenhange erkennen lernen; sie tun ja so, als ob sie das alles inne
hätten, die Herren Gelehrten, wenn sie in hoher Würde über die Gasse gehen. Das
hat mich sauber betrogen. Für einen, der nur studiert, um ein lustiger Student
sein zu können; für einen, der nur lernt, um dereinstmalen als »Gelehrter« zu
prangen oder als solcher sein Brot zu erwerben - für so einen mag diese
Gelehrtenschule taugen. Für einen nach wahrem Wissen und Erkennen Strebenden
aber ist sie ein erbärmlich Ding. Ein sehr erbärmlich Ding.
    Schöne Gegenstände sind auf dem Lehrplan gestanden. Schon in den unteren
Abteilungen haben wir Erdbeschreibung, Geschichte, Mess- und Grössenlehre,
Sprachlehre usw. gehabt. Die verkehrte Welt ist's gewesen. In der
Erdbeschreibung haben wir statt Länder- und Völkerkunde nur die Grösse der
Fürstentümer und ihrer Städte vor Augen gehabt. In der Geschichte haben wir,
anstatt der naturgemässen Entwicklung der Menschheit nachzuspüren, spitzfindige
Staatenklügelei getrieben; der Lehrer hat allfort nur von hohen Fürstenhäusern
und ihren Stammbäumen, Umtrieben und Schlachten geschwätzt; sonst hat der Wicht
nichts gewusst. In der Messlehre haben wir uns mit Beispielen abgeplagt, die weder
der Lehrer noch der Schüler verstanden und im Leben selten vorkommen. Die
Sprachlehre ist schon gar ein Elend gewesen. Ach, die schöne arme deutsche
Sprache ist zugerichtet, dass einem das Herz möcht' brechen. Seit vielen Jahren
ist sie von der welschen belagert, ja hochnotpeinlich auf die Folter gespannt.
Und wollt's ein deutscher Bursche einmal versuchen, seine reinen Mutterlaute
wieder zu Ehren zu bringen, allsogleich taten die hochgelahrten Herren
herbeistürzen mit ihrem Griechisch und Latein, um mit dem toten Buchstaben der
toten Sprachen auch den deutschen Laut zu töten. Ich weiss recht gut, welchen
Segen die Sprache des Homer und Virgil in sich trägt; davon zeugt unser
Klopstock und Schiller. Aber die gelehrten Pharisäer, von denen ich rede, gehen
auf den Buchstaben und nicht auf den Geist. Mit überflüssigen Dingen pferchen
sie uns den Kopf voll. Die unsinnigsten Lehrsätze, vor Jahrhunderten von
verkehrten Köpfen erfunden, müssen wir auswendig lernen; .... ja, wenn ich all
das Erbärmliche wollte beschreiben! - Und wer das dürre Zeug nicht mag und kann,
der wird von den Lehrern misshandelt. Wir sind schutzlos; sie haben uns in ihrer
Gewalt. Beliebt es ihnen, Spässe zu machen, so müssen die uns ergötzlich sein.
Haben sie Zahnschmerz, so müssen wir es entgelten. Ach, das ist ein böses
Gehetze und Geplage; für unbemittelte Bursche schon gar ein Elend!
    Während ich in der Anstalt gewesen, haben sich zwei Schüler ums Leben
gebracht. - Auch gut, hat der Leiter der Schule gesagt, was sich nicht biegt,
das muss brechen. Und das ist die Grabrede gewesen.
    Da ist am ersten Tage nach einem solchen Selbstmord, dass ich daran komme, in
der lateinischen Sprache über das Wesen der römischen Könige vor meinen Lehrern
und Lerngenossen eine Rede zu halten. Ich komme geradewegs von der Bahre meines
unglücklichen Kameraden und hocherregten Gemütes besteige ich den Redestuhl.
»Ich will vergleichen zwischen den Römern und den Deutschen,« rufe ich, »die
alten Tyrannen haben den Körper geknechtet, die neuen knechten den Geist. Da
draussen in der finsteren Kammer, verlassen und aller Ehre beraubt, liegt einer,
zu Tode gehetzt ....«
    Ich mag noch einige Worte gesagt haben; dann aber nahen sie und führen mich
lächelnd vom Redestuhl herab. »Der Erdmann ist verwirrt,« sagte einer der
Lehrer, »nicht deutsch, sondern lateinisch soll er sprechen. Demnächst wird er's
besser machen.«
    Bin nach Hause getaumelt wie ein Narr. Heinrich, der Tuchmacherssohn, mein
Tisch- und Schulgenosse, eilt mir nach: »Andreas, was hast du getan? was hast du
geredet?«
    »Zu wenig, zu wenig,« sage ich.
    »Das wird dich verderben, Andreas; kehre sogleich um und leiste den Herren
Abbitte.«
    Da lache ich dem Freunde in das Gesicht. Er fasst mich jedoch bewegt an der
Hand und sagt: »Wahr ist es, bei Gott, es ist wahr, was du gesprochen. Wir
empfinden es alle, aber just deswegen werden dir die Herren das Wort nimmer
verzeihen.«
    »Das sollen sie auch nicht,« entgegne ich in meinem Trotze.
    Heinrich schweigt eine Weile und geht neben mir her. Endlich sagt er: »Ein
wenig klüger musst du werden, Andreas; und jetzt geh' und fasse dich.«
    Meine Hand zittert, da sie das schreibt; es ist aber alles schon vorbei.
    Ein Jahr vor dieser obigen Begebenheit hat mir mein Freund Heinrich die
Unterrichtsstelle vermittelt, und zwar in dem vornehmen Hause des Freiherrn von
Schrankenheim. Meine Aufgabe ist nicht gross, einen Knaben habe ich zu
unterrichten und für die Lehrgegenstände der Hochschule vorzubereiten. In diesem
Hause ist es mir gut ergangen und ich habe nicht mehr nötig gehabt, mein
Mittagsbrot an verschiedenen Tischen zu erbetteln. Mein Schüler Hermann, ein
prächtiger, lernbegieriger Jüngling hat mich lieb gehabt. So auch seine
Schwester, ein ausserordentlich schönes Mädchen - ich bin von Herzen ihr Freund
gewesen.
    Aber, wie die Zeit so hingeht, da wird mir zuweilen kindisch zumute, wird
mir fortweg schwüler und unbehaglicher in dem reichen Hause. Ein wenig
ungeschickt und linkisch bin ich immer gewesen - jetzund wird's noch ärger. Ich
habe keinen festen Boden unter den Füssen und zuweilen kein rechtes Vertrauen zu
mir selber. Die Leute im Hause wissen es alle, dass ich ein blutarmer Junge bin,
und sie vergessen es keinen Augenblick; sie zeigen sich gar mitleidig und selbst
die Dienerschaft will mir oftmals Geschenke zustecken.
    Gerade mein Zögling hat Feingefühl, ist lustig und zutraulich zu mir; und
das Mädchen - o Gott, o mein Gott, das ist ein schönes, schönes Kind gewesen.
    Wenn ich des Abends gewandelt bin ausser der Stadt und über entlegene Wiesen,
oder an buschigen Lehnen hin, und es hat mir ein Blütenblatt um das Haupt
getanzt, oder es ist mir eine Heuschrecke über den Fuss gehüpft, da hab' ich
oftmals bei mir gedacht, was es doch eine Glückseligkeit wäre, schön und reich
zu sein. Die Zwerge von dem nahen Untersberg und den Kaiser Karl habe ich
angerufen in meiner Einfalt. Heiss ist mir geworden in der Brust; geschwärmt habe
ich von »Blumen und Sternen und ihren Augen«. - Von wessen Augen? Da schrecke
ich auf - Jesus, was ist das? Andreas, Andreas, was soll daraus werden? -
    Dazumal bin ich achtzehn Jahre alt gewesen. Aus Rand und Band bin ich eines
Tages zu meinem Freunde Heinrich gelaufen - hab' ihm alles anvertraut. Heinrich
hat mich sonst am besten verstanden von allen Menschen. Aber diesmal hat er mir
den Rat gegeben, ich möge mich bezwingen; es ginge fast allen jungen Leuten so
wie mir, aber es ginge vorüber. - Kaum um fünf Jahre älter als ich, hat er so
gesprochen.
    So bin ich ganz allein. Da denke ich bei mir: Gleichwohl jung an Jahren,
kann ich die Sache doch auch ruhig überlegen - trutz altkluger Leute. Dass ich
arm bin, das verspürt keiner so, als ich selber; dass ich bescheidener Herkunft
bin, das treibt mich, aus mir selber etwas zu machen. Recht hat er, ich werde
mich bezwingen; aber nur, wenn ich vor meinen Lehrern stehe. Ich werde meine
eigenmächtig strebenden Neigungen der Weile bezähmen und mich mit Fleiss und
Ausdauer der Anstalt unterwerfen. Trotz all des Unsinnes und der
Ungerechtigkeit, so durchlaufen werden muss, man in ein paar Jahren Doktor,
hochweiser Magister.
    Und hochweise Magister dürfen um Freiherrntöchter freien. Ein Mann, werde
ich hintreten und um sie werben. -
    Noch habe ich meine Absicht in mir verschlossen; habe mich aber mit festem
Willen meinem Studium ergeben, bin unter meinen Genossen einer der ersten
gewesen. Prächtig ist es vorwärts gegangen und meinem Ziele näher und näher.
Schon sehe ich den Tag, an welchem ich, ein Mann von Stand und Würde, die
Jungfrau freien werde. Im Hause haben sie mich alle lieb; der Freiherr ist nicht
adelsstolz und mag vielleicht gerne einen Gelehrten zum Tochtermann haben. Bin
wohl in Freude und Glück gewesen. Da haben mich meine Lehrer bei der
Hauptprüfung - niedergeworfen.
    Schnurgerade bin ich nach Hause gegangen an demselbigen Tag, bin hingetreten
vor den Vater meines Zöglings: »Herr, ich habe grossen Dank für Ihre Güte zu mir.
Länger kann ich in Ihrem Hause nicht bleiben.«
    Er sieht mich sehr verwundert an und entgegnet nach einer Weile: »Was wollen
Sie denn beginnen?«
    »Ich muss fortgehen von dieser Stadt.«
    »Und wo werden Sie hingehen?«
    »Das weiss ich nicht.«
    Der gute Mann hat mir mit ruhigen Worten gesagt, dass ich überspannt und wohl
krank sein müsse. Was mir geschehen, könne auch anderen geschehen; er wolle mich
pflegen lassen, und im Frieden seines Hauses würde ich mich wieder erholen und
übers Jahr die Prüfung gewiss mit Glück bestehen.
    Hierauf habe ich meine Absicht, fortzugehen, noch bestimmter dargetan; ich
habe es wohl gewusst, die Ursache meines Falles ist die deutsche Rede über die
lateinischen Könige gewesen, und in solchen Verhältnissen würde ich eine
Hauptprüfung nimmer bestehen. Heinrich hat recht gehabt.
    »Gut, mein eigensinniger Herr,« ist der Bescheid des Edelmannes, »ich
entlasse Sie.«
    Bei wem soll ich mich verabschieden? Bei meinem jungen Zögling? Bei der
Jungfrau? Herrgott, führe mich nicht in Versuchung! Sie ist noch gar so jung.
Sie hat mich freundlich und heiter entlassen. Ein Schlucker geht davon, ein
gemachter Mann kehrt wieder zurück. Mehr Trotz als Mut ist in mir gewesen.
    Meine alte Muhme habe ich noch besucht. Jetzund, wie ich nicht mehr im
feinen Frack, sondern in einem groben Zwilchrock vor ihr stehe und ihr meinen
Entschluss sage, dass ich fort ginge, fort, vielleicht zur Rechten, vielleicht zur
Linken hin - - da hat nicht viel gefehlt, dass ich wieder die ausdrucksvolle
Bezeichnung bekomme. »Nein,« ruft sie, »nein, aber du bist ein - ein - recht
absonderlicher Mensch! Da ist er schier ein braver, rechtschaffener Mann
gewesen, und jetzt - ach, geh' mir weiter!«
    Sie ist meine einzige Verwandte auf der Welt.
    Zu Heinrich bin ich endlich gegangen: »Ich danke dir zu tausendmal für deine
Lieb', du getreuer Freund, wie tut es mir weh, dass ich sie dir nicht lohnen
kann. Du weisst, was geschehen ist. Wie du mich hier siehst, so gehe ich davon.
Habe ich etwas Bedeutendes vollbracht, so werde ich wiederkehren und dir
vergelten.«
    Es ist mir nicht mehr erinnerlich, ob ich ihm von ihr auch noch was gesagt
habe. Jung, sehr jung bin ich freilich gewesen, als ich meinen Fuss hab' in die
weite Welt gesetzt.
    Heinrich hat mich eine weite Strecke begleitet. Am Scheidewege hat er mich
gezwungen, seine Barschaft anzunehmen. Brust an Brust haben wir uns ewige Treue
gelobt, dann sind wir geschieden.
    O, Heinrich! du goldgetreues Herz, du hast es gut mit mir gehalten. Und wie
habe ich es dir gelohnt, mein Heinrich, mein Heinrich! ....
    Die Sonne geht von Morgen gegen Abend; sie hat mir meinen Weg gewiesen.
»Ade, Welt, ich gehe nach Tirol!« hab ich gesagt; im Tirolerland tun sich
jetzund die Leut' zusammen gegen den Feind. Der Höllenmensch Bonaparte führt die
Franzosen ein, will uns das Vaterland zertreten ganz und gar.
    Nach etlichen Tagen steig' ich zu Innsbruck die Burgtreppen hinan. »Mit dem
Andreas Hofer will ich reden!« sag' ich zum Torwart.
    »Wer wehrt dir's denn!« sagt der und stösst seinen Spiess auf den Marmelstein,
dass es gerade klingt. Ich geh' durch der Zimmer dreie oder vier, eines vornehmer
wie das andere; grosse Spiegel an den Wänden, güldene Kronleuchter an den Decken,
und gar der Fussboden glänzt, wo nicht bunte Webematten gebreitet sind, wie Glas
und Edelholz. Bauernbursche gehen aus und ein, singen, pfeifen, poltern, rauchen
Tabak und sind in Alpentracht von den derben Nägelschuhen bis hinauf zu dem
spitzen Hahnenfederhut. Letztlich stehe ich in einer grossen Stube; sitzen ein
paar bäuerliche Männer am Schreibtisch, ein paar andere stehen daneben, laden
ihre grossen Pfeifen mit Tabak, halten bayerische Geldnoten über eine brennende
Kerze und zünden sich damit das Rauchzeug an.
    »Will mit dem Andreas Hofer sprechen,« sage ich. Sollt' warten, heisst's, er
tät gerad' regieren. Ich stelle mich an. Allerhand Leute gehen aus und ein. Ein
junges Menschenpaar ist mir noch im Kopf, das ist arg verzagt, wie es eintreten
soll. »Dass sie uns gerad erwischt haben müssen!« knirscht der Bursche der Maid
zu, »desweg sag' ich ja allemal: nur in keiner Hütten nit!«
    »Ach, leider Gottes!« sagt sie, »und jetzt setzen sie uns den Strohkranz auf
oder tun uns was anderes an, dass wir uns nimmer haben können. Der Sandwirt ist
so viel gestreng.«
    Sie werden vorgerufen. Da höre ich drinnen aufbegehren: »Luderei leid' ich
keine! Wer seid's denn?« - Der und die. - »Seid's nit etwan blutsverwandt?« -
»Ah, das nit.« - Habt's euch wirklich gern?« »Freilich wohl.« - »Auf der Stell'
z'sammheiraten!«
    Ich habe meiner Tage nicht so viel lustige Gesichter gesehen, als die
gewesen, womit das junge Menschenpaar jetzund ist heraus und davongelaufen. Die
sind arm allzwei, und dennoch geht's so leicht. Nun komme ich daran.
    Da steht ein Mann in Hemdärmeln mit einem grossmächtigen Vollbart auf: »Was
willst denn?«
    »Ich will zur Wehr gehen!«
    Der bärtige Mann - es ist der Hofer über und über - schaut mich an und nicht
allzu laut sagt er: »Bist gleichwohl noch recht jung. Hast Vater und Mutter?«
    »Nimmermehr.«
    »Bist vom Land Tirol?«
    »Nicht, aber gleich von der Nachbarschaft her.«
    »Wohl ein Studiosus? Willst Geistlich werden?«
    »Zur Wehr möcht' ich gehen und fürs Vaterland streiten.«
    Nun greift er in den Ledergurt, zieht Silbergeld heraus, legt's auf den
Tisch: Da, Bursche, Gott gesegne's; magst nach Wien gehen und dich beim Karl
werben lassen. Bist ein unerfahrener Mensch. Bist auch unser Landsmann nicht.«
    Ich mach' meine Begrüssung und will mich kehren.
    »He, da!« ruft er mir nach, schiebt mir das Silbergeld vor.
    »Ich sage meinen Dank. Das Geld brauch' ich nicht.«
    Jetzund, wie ich gesagt, hebt dem Mann das Aug' an zu glühen: »Das ist
wacker, das ist brav,« ruft er. »Kannst schreiben? Brauch' einen Schreiber, der
eine gute Schrift und ein gutes Gewissen hat.«
    »Mein Gewissen ist auch für einen Soldaten gut genug,« sage ich finster.
    »He, Seppli!« ruft drauf der Hofer, »weis' dem Mann Messer und Stutzen bei!
- Schau, das ist brav!« er presst mir die Hand, »Arbeit werden wir schon kriegen,
selbander.«
    Ich bin Kriegsmann, Tirolerschütz'. Arbeit hat es bald gegeben.
    Die Franzosen und die Bayern und etwan auch die Österreicher hinten haben es
nicht gelitten, dass in der Burg zu Innsbruck ein Bauer sollt' König sein. Mit
Haufen ist der früher von den Tirolern dreimal geschlagene Feind eingebrochen
ins Land. Der Stutzen ist mir besser in die Hand gegangen, als ich vermeint. All
Vergangenes hab ich vergessen, nur meinen Freund Heinrich hätt' ich an der Seit'
mögen haben gegen den Feind. Eine welsche Fahne hab' ich genommen, und wie ich
die zweit' will holen, haben sie mich ertappt. Drei bärtige Franzosen haben mir
wütenden Knaben lachend das Wehrzeug abgenommen .... Gefangen haben sie mich
dann davongeschleppt, durch das Bayern- und Schwabenland hinein in das
Frankenreich.
    Ich mag die Zeit nicht wieder beschreiben. Eine Hundenot ist es gewesen.
Eine Hundenot, nicht weil ich drei Jahr' lang gelegen bin in der Gefangenschaft
eines fremden Landes; sondern weil ich ein Empörer gegen mein eigen Land. Gegen
unseres Kaisers Willen - hat es geheissen - hätten sich die Tiroler erhoben, denn
von seiner Hand seien sie den Bayern zugeteilt gewesen. Deutsche Landsleute
selber haben es gesagt, und so ist mein Herzensunglück angegangen. - Anstatt ein
Heldenwerk hast du eine böse Tat vollführen helfen, Andreas; als Empörer liegst
du in Ketten.
    Von einem grossen Feldzug nach Russland und ins Morgenland hinein wird
gesprochen. Selbunter werde ich, wie viele andere meiner Landsleute, frei. Viele
andere haben der Heimat zugestrebt. Ich weiss von einer Heimat nichts; darf
nichts wissen. Blutarme Narren, wie ich einer bin, sind in der Heimat übler
daran als anderswo. Und als Empörer, der ich nun bin, kehre ich schon gar nicht
heim. Ich will das arge Fehl sühnen, dass ich gegen den grossen Feldherrn rechtlos
die Waffen geführt, ich will mit seinen Scharen ziehen, um die Völker des
Morgenlandes befreien und der Hut des Abendlandes unterordnen zu helfen. - Ein
grosses Ziel, Andreas, aber ein weiter Weg! Die Deutschen haben uns den Weg
schwer gemacht, aber der Feldherr ist wie ein Blitz hingefahren in die
zerrissenen Völkerfetzen, die keinen grossen Gedanken gehabt und keine grosse Tat.
Und das Heer der Russen haben wir vor uns hingeschoben über die wilden Steppen
und endlosen Schneeheiden, viele Wochen lang. Aber zu Moskau hat der Russe den
Feuerbrand geschleudert zwischen sich und uns, mitten in seine eigene Hauptstadt
hinein. - Jetzund stehen wir tief im Lande des ewigen Winters, und sind ohne
Halt und Stätte und Mittel. Mensch und Schöpfung allmitsamt ist unser Feind
gewesen. Da hat's der Feldherr gesehen, es geht bös' in die Brüch', und wir
haben uns zur Umkehr gewendet. - Ach grosser Gott! Die weiten Sturmwüsten, die
hundert Eisströme, die unendlichen Schneefelder, die gewesen sind zwischen uns
und dem Vaterland! - Wer marschieren kann und seine erstarrten Beine mag
abschleifen bis auf die Knie; wer dem sterbenden Gefährten den letzten Fetzen
vom Leib mag reissen, um sich selber zu decken; wer das warme Blut will saugen
aus seinen eigenen Adern und das Fleisch von gefallenen Rossen und getöteten
Wölfen will verzehren; wer mit den Decken des Schnees sich kann erwärmen und mit
den Wellen des Wassers und mit den Schollen des Eises versteht zu ringen, und
obendrein den Schreck und den Gram und die Verzweiflung weiss zu besiegen -
vielleicht, dass er seine Heimat sieht.
    Erstarrt wie mein Leib ist meine Seel' und mein Gedanken - in einer Wildnis,
unter den schneebelasteten Ästen einer Tanne bin ich liegen geblieben ....
    Ein räucherig Holzgelass, und ein lebendig Feuer, und ein langbärtiger Mann
und ein braunfärbig Mädchen haben mich umgeben, als ich erwacht bin auf einem
Lager von Moos. Eine Pelzhaut ist auf meinem Körper gelegen. Draussen hat es wie
ein Wasser oder wie ein Sturm. - Das sind gute, freundliche Augen gewesen, die
aus den zwei Menschen mich angeschaut haben. Der Mann hat des Feuers gepflegt;
das Mädchen hat mir Milch in den Mund geflösst. In ihrer rauhen Sprache haben sie
Worte gewechselt; ich hab' kein einziges verstanden. An Heinrich habe ich
gedacht, an den lieben Laut seiner Worte .... Mein Leib hat mich geschmerzt; der
Mann hat ihn in ein nasses Tuch geschlagen. Das Mädchen hat mir ein kleines
Kreuz mit zwei Gegenbalken vor die Augen gehalten und dabei etwas gemurmelt wie
ein Gebet. - Sie betet den Sterbesegen, Andreas!
    Du liebes Freundeshaus in Feindesland, was in dir weiter mit mir gewesen
ist, das weiss ich nicht mehr zu denken. Das braune Mädchen hat seine Hand
oftmals an meine Stirne gelegt. Wär's dazumal dazu gekommen, es wär' ein schönes
Sterben gewesen. Es hat sich anders zugetragen. Noch heute hör' ich den Schlag,
der die Hüttentür hat zertrümmert. Kriegsgefährten sind eingedrungen, haben den
alten Mann misshandelt und das braunfärbige Mädchen von meinem Lager gestossen.
Mich haben sie davongetragen, hin durch den Sturm und hin durch die Wildnisse -
dem Heere nach.
    Mir aber ist gewesen, als täten sie mich schleppen aus der Heimat fort ....
Gottes ist die Welt überall. Aber die Gefährten haben mich nicht zurückgelassen;
das hat mich doch wieder im Herzen gefreut. Fest und treu will ich sein, will zu
ihnen halten und meinem grossen Feldherrn dienen.
    Am Rhein bin ich genesen. Und zur neuen Frühjahrszeit ein neues Leben hab'
ich in mir empfunden. Ein Bursch, der dreiundzwanzig Jahre zählt, hab' ich
geglüht für das Hohe und Rechte, für das Gemeinsame, für die Menschenbrüder
aller Himmelsstriche; hab' in Begeisterung mit meinen Scharen ausgerufen: »Ein
Gott im Himmel und ein Herr auf Erden!« Er ist der Befreier, der Fürstenhader
muss enden. Die Stämme müssen ein grosses einiges Volk werden! - Solche Gedanken
haben mich begeistert. Des Feldherrn finsteres Aug', wie ein Blitz in der Nacht,
hat uns alle entflammt. Gegen das Sachsenland sind wir gezogen, um dort den
Streit für unseren Herrn auszukämpfen, und das schöne deutsche Land unter seinen
Schutz zu stellen.
    Bei Lützen hab' ich einem welschen Feldherrn das Leben geschützt; vor
Dresden hab' ich dem Blücher das Ross niedergeschossen; bei Leipzig hab' ich
meinen Heinrich erschossen .... - - - - - - - - - - -
    »Andreas!« das ist sein Todesschrei gewesen. An dem hab' ich ihn erkannt.
Mitten aus der Brust ist der Blutquell gesprungen. - -
    Jetzt kommt mir die Besinnung. Mein Gewehr hab' ich um einen Stein
geschlagen, dass es zerschmettert; waffenlos bin ich in die Schlacht gerast; mit
seinem eigenen Schwert hab' ich einem Franzosenführer den Schädel gespalten.
    Was hat's genützt? Ich hab' doch gegen mein Vaterland gestritten, gegen die
Brüder, die meine Sprache reden, während ich meine welschen Gefährten kaum
verstanden. Und ich hab' meinen Heinrich erschossen. Ach, wie spät gehen mir die
Augen auf!
    - Bist ein unerfahrener Mensch. Geh' nach Wien zum Karl! - Du getreuer
Hofer, hätt' ich deinen Wink befolgt! - Deine Fahne ist gut gewesen, und
herrlicher, als alle anderen im weiten Land. Von der Stund' an, da mir der
Glauben an sie aus dem Herzen gerissen worden, ist mein Unglück angegangen. Die
Lieb' zur freien Welt hat mich in die Gefangenschaft gebracht; mein freiwillig
Büssen hat mich in Schuld gestürzt; die Treue zu meinem Feldherrn und die
Sehnsucht nach einem Grossen und Gemeinsamen hat mich zum Verräter meines
Vaterlandes, zum Mörder meines Freundes gemacht. - Andreas, wenn schon die
Tugend dich dahin geführt, wohin erst hätte dich böse Absicht gestürzt? - Den
treuen Führer hast du stolz abgelehnt, da hat dir Erfahrung und Führung
gemangelt. - Andreas! du hast dich dem Handwerk und der Wissenschaft und dem
Soldatenleben zugewendet; Elend, Wirrnis und Reue hast du geerntet. Fremde
Menschen haben dich gehegt und gepflegt wie einen Sohn und Bruder; sie sind
dafür misshandelt worden. Du bringst der Welt und den Menschen nichts Gutes;
Andreas, du musst in die tiefste Wildnis gehen und ein Einsiedler sein! - Im
Sachsenlande, unter dem Balken einer Windmühle hab' ich mir diese Wahrheiten
gesagt. Und danach bin ich davon, bin geflohen durch das Böhmen- und
Österreicherland, bin nach vielen Tagen in die Stadt Salzburg gekommen. Dass in
dieser Stadt mich armen, kranken, herabgekommenen Gesellen noch wer erkennen
sollt' hab' ich nicht gefürchtet. Im Peters-Friedhofe liegt mein Vater begraben,
den Hügel hab' ich sehen wollen, ehe ich mir die Höhle suche in einer
verlassenen Waldschlucht der Heimat. Und wie ich so auf der kalten gefrorenen
Erden liege und weinen kann aus dem Herzen, über mein noch so blutjunges und so
unglückseliges Leben, da kommt ein Herr zwischen den Gräbern gegangen, frägt
nach meiner Kümmernis und schlägt die Hände zusammen. »Erdmann,« ruft er aus,
»Sie hier? Und wie sehen Sie aus! Kaum vier Jahre davon und kaum mehr zu
erkennen!«
    Herr von Schrankenheim steht vor mir, der Vater meines einstigen Zöglings.
    Ich bin mit ihm zwischen den Hügeln auf und ab gegangen, hab' ihm alles
erzählt. Mit fast hartem Ernst drückt mir der Mann Geld in die Hand: »Da,
schaffen Sie sich Kleider und kommen Sie dann in mein Haus. - Einsiedler werden,
pah, das ist kein Gedanke für einen jungen, braven Burschen. Ihre Kleinmut
müssen Sie überwinden, ein weiteres wird sich geben.«
    Mit grosser Angst bin ich in sein Haus gegangen; denn die eine Narrheit hab'
ich noch nicht überwunden gehabt.
    Der Herr von Schrankenheim hat mich seinem Sohne vorgestellt. Das ist schon
ein recht hochgewachsener, zierlicher Herr geworden. Die Hände am Rücken, hat er
eine stille Verbeugung vor mir gemacht und nach kurzer Weile noch eine, und ist
abgetreten. Hierauf hat mich der Vater in sein Arbeitsgemach geführt, hat mich
auf den weichsten Sessel niedersitzen geheissen.
    »Erdmann,« hebt er nachher an zu reden, »ist es Ihr wahrhaftiger Ernst, dass
Sie in die Wildnis gehen und Einsiedler werden wollen?«
    »Das ist für mich das Beste,« antworte ich, »ich tauge nicht unter die
Menschen, die in Lust und Freuden leben; mich haben die wenigen Jahre meiner
Jugend herumgeworfen in Irren und Wirren, von einem Land in das andere, und in
der Völker Not. Herr, ich kenne die Welt und bin ihrer satt.«
    »Sie sind kaum an die vierundzwanzig Jahre und noch nicht auf der Höhe ihrer
Kraft; und Sie wollen verzichten auf die Dienste, die Sie den Mitmenschen würden
leisten können?«
    Da horche ich auf; das Wort fasst mich an.
    »Wenn Sie meinen, Sie haben bislang nur übles gestiftet, warum wollen Sie
sich aus dem Staube machen, ohne der Welt, dem Gemeinsamen auch das Gute zu
geben, das gewiss in reichem Masse in Ihnen schlummert?«
    Da erhebe ich mich von meinem Sitze: »Herr, so weisen Sie mir die Wege
dazu!«
    »Wohlan,« sagt der Herr von Schrankenheim, »vielleicht kann ich es, wenn Sie
wieder Platz nehmen und mich anhören wollen. - Erdmann, ich wüsste eine tiefe und
wahrhaftige Einsiedelei, in welcher man den Menschen dienen und vielleicht
Grosses für das Gemeinsame wirken könnte. Weit von hier, drinnen in den Alpen,
dehnen sich zwischen Felsgebirgen grosse Waldungen, in welchen Hirten, Schützen,
Holzschläger, Kohlenbrenner beschäftigt sind, in welchen auch andere Menschen
wohnen, wie sie sich etwa redlich zurückgezogen, oder unredlich geflüchtet
haben, und die nun durch erlaubten oder unerlaubten Erwerb ihr Leben fristen.
Wohl wahr, es sind finstere Menschen, in deren Herzen das Unglück oder noch was
Ärgeres nagt. Sie haben weder einen Priester, noch einen Arzt, noch einen
Schullehrer in ihrer Nähe; sie sind ganz verlassen und abgesondert, und nur auf
ihre Unbeholfenheit und auf ihr eigenes ungezügeltes Wesen angewiesen. - Ich bin
der Eigentümer der Waldungen. Ich habe seit längerer Zeit schon die Absicht,
einen Mann in diese Gegend zu senden, der die Bewohner derselben ein wenig
leite, ihnen mit redlichem Rate beistehe und die Kinder im Lesen und Schreiben
unterrichte. Der Mann tönnte sich gar sehr verdient machen. Es findet sich
wahrhaftig so leicht keiner dafür; es wäre denn einer, der weltsatt in der
Einsamkeit leben und doch für die Menschen wirken wolle. - Erdmann, was meinen
Sie dazu?«
    Nach diesen Worten ist mir jählings gewesen, als ob ich sogleich meine Hand
hinhalten und sagen müsste: Ich bin der Mann dazu. Mit den Zuständen dieser alten
Welt zerfallen, will ich in der Wildnis eine neue gründen. Eine neue Schule,
eine neue Gemeine - ein neues Leben. Lasset mich heute noch hinziehen! - So ist
das Feuer doch nicht ganz tot; es sind aus der Asche Funken gestoben.
    »Wir haben den Winter vor der Tür,« redet der Herr weiter, »Sie bleiben den
Winter über in meinem Hause und pflegen reiflicher Überlegung, und wenn wieder
der Sommer kommt, und es gefällt Ihnen mein Antrag noch, so gehen Sie in die
Wälder.«
    So oft ich im Vorzimmer ein Kleid hab' rauschen gehört, bin ich erschrocken,
und letztlich hab' ich den Herrn gebeten, er möge mich über den Winter ziehen
lassen; mit den Schwalben würde ich wieder kommen und seinen Vorschlag annehmen.
    Er hat sich's nicht nehmen lassen, mir die »Mittel« für den Winter zu
spenden; dann aber bin ich geflohen. Im Vorsaale ist eine Frauengestalt
gestanden, an der bin ich vorübergehuscht wie ein Wicht.
    Einen Tag bin ich gewandert, bis ans Waldland an den See, wo meine Kindheit
und meine Mutter begraben liegt. Und hier im Ort hab' ich mir für den Winter ein
Stübchen gemietet. Oftmals steige ich die Schneelehnen hinan und stehe unter
bemoosten Bäumen, wo es mir ist, als sei ich einmal mit meiner Mutter, mit
meinem Vater gestanden; oftmals gehe ich über den gefrorenen See und denke an
die Tage, in welchen ich im Kahn bei Vater und Mutter über die weichen Wellen
gefahren bin. Das Abendrot ist auf den Bergen gestanden, der Sangschall einer
Almerin hat an die Wände geschlagen. Mein Vater und meine Mutter haben auch
gesungen. Das ist voreh gewesen; voreh ....
    Ich bin in Frankreich auf der Festung gelegen; ich bin krank und sterbend in
den Wüsten Russlands geirrt, und nun leb' ich in dir, du stilles, trautes
Stübchen am See. - Es wär' ja alles gut, die Zeit der Not versinkt wie ein
Traumbild; - nur du solltest nimmer aufgegangen sein unglückseliger Tag im
Sachsenland, du wirst mich ewig brennen. - Heinrich, ich fürchte mich nicht vor
deiner Grabgestalt; nur ein einzigmal tritt zu mir; dass ich dir sag': es ist in
Blindheit geschehen, ich kann nicht mehr anders - mit meinem Leben will ich's
löschen ....
    Nun ist es gut. Ich habe mich seit vielen Tagen geprüft; habe mein Vorleben
erforscht und es in kurzen Worten hier aufgeschrieben, auf dass es mir stets um
so klarer vor Augen liege, wenn neue Wirrnis und Trübsal über mich kommen wird.
Ich denke wohl, dass ich die Schule des Lebens vielleicht um ein Weniges besser
bestehen mag, als die Schule der Bücher und toten Lehrsätze. Ich bin zur
Erkenntnis gekommen und mein Gemüt ist ruhig geworden. Wie ich meine Erlebnisse
und Verhältnisse, meine Eigenschaften und Neigungen genau überdacht habe, so
glaube ich, es ist keine Vermessenheit, den Vorschlag des Freiherrn von
Schrankenheim anzunehmen.
    Bin ich von aussen gleichwohl noch recht jung, von innen bin ich hochbetagt.
Von einem alten Mann ein guter Rat wohl den Waldleuten willkommen sein.
                                                                       Salzburg.
                                     Am Tage des heiligen Antoni von Padua 1814.
    Es ist richtig, ich gehe in den Wald. Ich bin ausgerüstet und mit allem
fertig. Der Freiherr hat mir in allem seinen Beistand zugesagt. Sein Sohn
Hermann hat mich wieder mit einer freundlichen Verbeugung begrüsst. Der junge
Herr ist ein wenig blass; er wird viel lernen. Seine Schwester .... (Hier waren
in der Urschrift zwei Zeilen so vielfach durchstrichen, dass sie vollständig
unlesbar geworden sind.)
    Meiner Muhme soll es wohl gehen. Ich habe ihr nicht das Leid antun mögen,
das sie bei meinem Aussehen und Vorhaben empfunden hätte; habe sie nicht mehr
besucht. Nun bläst das Postorn. Lebe wohl, du schöne Stadt.
    Schon drei Tage auf der Reise. Das ist doch ein freundlicheres Wandern, wie
jenes auf den Wintersteppen.
    Vorgestern hat grünes Hügelland mit malerischen Gebirgsgegenden gewechselt.
Gestern sind wir in ein breites Tal gekommen. Heute geht es fort Berg auf und
ab, durch Wälder und Schluchten und an Felswänden hin. Jetzt wird die Strasse
allweg schmaler und holperiger; zuweilen müssen wir aus dem Wagen steigen und
niedergebrochene Steinblöcke beseitigen, dass wir weiter fahren können. Gemsen
und Rehe sehen wir mehr, als Menschen. Die heutige Nachterberge habe ich
schuldig bleiben müssen. Die Geldnote, die ich bei mir habe, können die Leute
dieser Gegend nicht wechseln. Ich hätte dem Wirt ein Pfand gelassen, aber er hat
gemeint, wenn es sei, wie ich sage, dass ich in die Wälder der Winkelwässer gehe
und alldorten verbleibe, so würde sich wohl einmal eine Gelegenheit bieten, ihm
den geringen Betrag zuzuschicken. Es käme zuzeiten ein Bote aus jenen Waldungen
gegangen, der dies gerne besorge. - Die Geldnoten muss ich dem Herrn
zurückschicken und um kleine Münzen bitten.
    An diesem vierten Tage bin ich ausgesetzt worden.
    Die Postkutsche ist ihren Weg weiter gerollt; ich habe noch eine Weile das
helle Horn klingen gehört im Walde, darauf ist alles still gewesen und ich sitze
da bei meinem Bündel, mitten in der Wildnis.
    Durch die Waldschlucht rauscht ein Bach heraus, der die Winkel heissen soll,
und dem entlang ein Fusssteig geht. Er geht über Gestein und Wurzeln, ist mit
dürren Fichtennadeln vergangener Jahre besät und sieht aus wie von wilden Tieren
getreten. Diesen Weg muss ich wandeln.
    Dort, durch die Wipfel sehe ich eine weisse Tafel blinken, das ist ein
Schneefeld. - Und da drin sollen noch Menschen wohnen? - - -
    So weit hatte ich in den Schriften gelesen, da läutete es auf dem Turme zum
Zeichen der zwölften Stunde. Gleich darauf klopfte es ans Fenster: Die Wirtin
schicke mir einen Regenschirm, wenn ich zum Essen gehen wolle. - Es strömte der
Regen und in grauen Strähnen rieselte es vom Dache.
    Nach Tische las ich weiter.
 
                                   Im Winkel
So will ich alles aufschreiben. Für wen, das weiss ich nicht; etwan für den
lieben Gott, wie vormaleinst das Brieflein, als mein Vater gestorben. All das
Seltsame und Bewegende, das ich erlebe, müsst' mir das Herz zersprengen dürft'
ich es nicht ausplaudern. Ich erzähle es dem Blatt Papier. Vielleicht findet
sich dereinst ein Mensch, dem ich's mag vertrauen, und sollt' er mich auch nur
zum halben Teil erkennen. Ihr stillen weissen Blätter wollt jetzund meine Freunde
sein und teilnehmen an den Tagen, die mir nun kommen mögen. Ich trag' heute noch
ein dunkles Haar, und ihr seid grau zumal; etwan überlebt ihr mich weit und seid
mein zukünftig Geschlecht.
Ein Blättchen Papier kann älter werden,
Wie das frischeste Maiblatt auf Gottes Erden,
Wie das flinkeste Gemslein am Felsenwall,
Wie das lockige Kind im lieblichen Tal
Ein Blättchen Papier weiss und mild
Ist oft das treueste einzige Bild,
Das der Mensch zurücklässt künftigen Zeiten,
Da über seinen Staub die Urenkel schreiten.
Das Gebein ist zerstreut, der Grabstein verwittert,
Das Haus zerfallen, die Werke zersplittert;
Wer weist in der ewigen, grossen Natur,
In der wir gewaltet, unsere Spur?
Neue Menschen ringen mit neuem Geschick,
Keiner denkt an die alten zurück.
Da ist ein Blatt mit seinen bleichen
Tintenstrichen oft das einzige Zeichen,
Von dem Wesen, das einst gelebt und gelitten,
Gelacht, geweint, genossen, gestritten;
Und der Gedanke, dem Herzen entsprossen
In Schmerz oder Lust und tollen Possen,
Sinkt hier nieder, und der Ewigkeit Kuss
Verhärtet ihn zu einem ehernen Guss.
O, möge er geläutert in fernen Zeiten
Wieder in die Herzen der Menschen gleiten!
    Meine Ankunft hier ist an einem Samstag gewesen. Als ich am Winkelbach
hereingestolpert bin, ist mir schon hie und da so ein Waldteufel begegnet, wie
sie braun und bärtig, voll Moos und Harz in ihren Lodenkitteln hier herumgehen.
Sie sind wie heimlose dürrästige Baumstrünke, die nach einem frischen Erdboden
suchen, auf dem sie wieder wachsen und gedeihen mögen. Da sind sie gerne vor mir
stehen geblieben, haben mit Schwamm und Stein Tabakfeuer geschlagen und mich
finster oder verwundert angeschaut. Mancher Augen haben so Funken geworfen, wie
ihre Feuersteine. Andere sind wieder treuherzig und weisen mir den Weg. Ein sehr
derber und sehr stämmiger Bursche, der eine Rückentrage mit Säge, Axt, Mehlkübel
und anderen Dingen getragen hat, ist, als er mich des Weges schreiten sieht,
misstrauisch beiseite gestanden und hat gemurmelt: »Gelobt sei Jesu Christ!«
    »In Ewigkeit, Amen!« ist meine Antwort, und als er diese hört, wird er
zutraulich und geht eine Strecke mit mir.
    Endlich öffnet sich ein wenig das Tal. Es ist ein kleiner Kessel, in welchen
aus verschiedenen Schluchten, und über das Gewände hernieder, das sich zu meiner
linken Hand erhebt, Wässer zusammenfliessen. Diese bilden die Winkel. Hier ist
ein sehr dicker, oberseitig plattgehackter Baumstamm über den Bach gelegt, auf
welchem der Fusssteig hinüberführt zu einem hölzernen Hause, das am Waldhange
steht. Das ist die Försterschaft, das einzige grössere Haus in diesen Wäldern.
Weiterhin in den Gräben und Hochtälern sind Hirten- oder Holzschlägerwohnungen,
und jenseits der bewaldeten Bergrücken, wo schon grosse Blössen geschlagen sind
und ein Kohlenweg angelegt ist, stehen Dörfer von Köhlerhütten.
    Dieses kleine Tal heissen sie »im Winkel«. Es ist noch fast in der
Urtümlichkeit, nur dass das stattliche Haus mit seiner kleinen, häuslichen
Umgebung darin steht und der Fusspfad und der Steg dahin führt.
    Das Försterhaus nennen sie auch das Winkelhüterhaus. Ich bin in dasselbe
gegangen, habe in dem Flur mein Bündel auf eine Truhe gestellt und mich selbst
daneben hingesetzt.
    Der Förster ist just mit Arbeitsleuten beschäftigt, die ihre Rait, das
heisst, ihren vierwöchentlichen Arbeitslohn einheben, wie es bei den Holzleuten
so Herkommen ist.
    Der Förster, ein sehr herrischer und ein sehr rotbärtiger Mann, hat die
Leute rauh und kurz abgefertigt; und die Leute haben sich die Rauheit sehr gerne
gefallen lassen und gar artig schweigsam ihr Geld eingestrichen.
    Nachdem das Geschäft geschlichtet worden, steht der Förster auf und reckt
seine stämmigen Glieder, die in echter und rechter Jägertracht stecken. So trete
ich jetzund zu ihm und überreiche ihm ein Schreiben, das ich von dem Eigentümer
der Wälder mitgebracht habe.
    In diesem Schreiben wird alles Wesentliche gestanden sein. Es ist mir eine
gut eingerichtete Stube angewiesen worden. Eine kernige Frau, die da ist und
umsichtig alles ordnet, wie es ihr scheint, dass es nötig und gut, ist mit in die
Seiten gestemmten Armen jählings vor meiner offen Tür stehen geblieben und hat
laut und hell gerufen: »Jerum, jerum, so schaut ein Schulmeister aus?!«
    Sie hat in ihrem Leben noch keinen Schulmeister gesehen.
    Ich bin bald eingerichtet, habe meine mitgebrachten Habseligkeiten in
Ordnung. Da tritt der Förster in meine Stube. Er hat schier höflich angeklopft.
Er besieht meine Wohnung und frägt: »Ist sie Euch gut genug?«
    »Sie ist gut und wohnlich.«
    »Seid Ihr zufrieden?«
    »Ich hoffe, dass ich es sein werde.«
    »So wird es recht sein.«
    Darauf geht er mehrmals über die Dielen auf und ab und die beiden Hände in
die Hosentaschen gesteckt, bleibt er letztlich vor mir stehen:
    »Und nun seht zu, wie Ihr anheben und fortkommen mögt. Ich gehe morgen davon
und komm nur jeden Samstag in das Winkel herein. Die übrigen Tage habe ich in
anderen Gegenden zu schaffen, meine Wohnung ist in Holdenschlag, vier Wegstunden
von hier. - Gleich eine Schule aufrichten, lieber Mann, das schlagt Euch wohl
aus dem Kopfe. Erst müssen wir mit den Alten fertig werden. Ihr, ich sag's, das
sind Steinschädel! Und dass Ihr's nur gleich wisst, wir haben allerhand Leut' in
unseren Wäldern. Nachweisen lässt sich keiner was Arges, aber sie sind hergezogen
von Aufgang und Niedergang - wesweg, das weiss der Herrgott. Zumeist sind es wohl
Bauersleut' von den vorderen Gegenden herein, die sich in die Wälder geflüchtet
haben, um der Wehrpflicht zu entrinnen. Gibt auch Gesellen unter ihnen, denen
man in der dunklen Nacht nicht gerne begegnet. Wildschützen sind sie alle.
Solange sie nur auf das Tier des Waldes schiessen, lassen wir sie frei
herumgehen; das ist nicht zu ändern und man braucht ihrer Hände Arbeit. Wenn sie
aber auch einmal einen Jäger niederbrennen, dann lassen wir sie aus dem Wald
führen. Beweibet sind meisten, aber jeder hat die Seine nicht vom Traualtar
geholt. Werdet Leute antreffen, die in diesem Jahrhundert noch keine
Kirchenglocke gehört und keinen Chorrock gesehen haben. Werdet bald merken, was
das bei den Leuten für Folgen hat. - Tut es, auf welche Weise Ihr glaubt, aber
Ihr müsst vorerst die Leute kennen lernen. Und wenn Ihr dann meint, Ihr würdet
auf sie einzuwirken vermögen, dann werden wir Euch darin unterstützen. Ihr seid
noch recht jung, mein Freund, gebt ach und seid gescheit! - Wenn Ihr wollt, so
nehmt Euch die erste Zeit einen Buben, der Euch mit der Gegend bekannt macht.
Und wenn Ihr was benötigt, so wendet Euch an mich. Gehabt Euch wohl!«
    Nach diesen Worten ist er davongegangen. Das scheint es, ist nun mein Herr;
möge er auch mein Schützer sein!
    Schon in der ersten Nacht habe ich in dem Strohbette sehr gut geschlafen.
Das Rauschen, das vom Bach heraufkommt, tut mir wohl. - Es ist der Brachmonat,
aber die Sonne kommt spät über den Waldberg herauf, dass sie freundlich in meine
Stube luget.
    Ich bin des Morgens hinaus in das Freie gegangen. Wie ist es da frisch und
grün und tauschimmernd, und an den Waldbergen, so weit sie von dem engen Tal aus
zu sehen, spinnt sich das bläuliche Sonnentuch über die Lehnen. Gegen die
Abendseite hin streben die Vesten der Felsen auf und oben am Rande stehen wie
Schildwachen verwittere Fichtenzwerge in die Bläue des Himmels hinein. Der Rand
da oben soll aber noch lange die höchste Zinne nicht sein. Darüber kämen erst
die Matten der Almen, wo jetzt in Sträuchen die roten Rosen blühen sollen;
hernach kämen wieder Felswände, an denen das milde Edelweiss prangt und die roten
Tropfen der Kohlröschen zittern, wie ich das als Studiosus auf Ausflügen
mehrmals gefunden habe. Über diesen Felsen legt es sich wohl hin in weiten
unwirtlichen Feldern des Schnees und des Eises, wie ich sie gestern als eine
weisse Tafel schimmern hab' gesehen.
    Wenn ich in meinen Aufgaben hier unten glücklich bin, so will ich einmal
emporsteigen zu den Gletschern.
    Und über den Gletschern ragt letzlich der graue Zahn, von dessen Spitze aus,
wie mir meine Wirtin hat gesagt, in weitesten Weiten das grosse Wasser soll zu
sehen sein. Bin ich glücklich hierunten, so gönne ich mir, dass ich von dem hohen
Berge aus einmal das Meer anschaue.
    Ich bin in Krieg und Sturm durch die halbe Welt gerast und hab' nichts
gesehen, als Staub und Stein; und jetzt im Frieden der Einsamkeit geht mir ein
Auge auf für die Schöpfung.
    Aber - Wildschützen, Soldatenflüchtlinge, Gesellen, denen man zur Nacht
nicht gerne begegnet! - Andreas, das wird ein heisses Tagwerk geben!
 
                                 Urwaldfrieden
Mir ist es schon recht im Walde. Die wenigen Leute, die mich in den Wald gehen
sehen, lugen mir nach und können es nicht verstehen, dass ich, ein junger
Bursche, so in der Einschicht herumsteige. Ei ja freilich, ich werde von Tag zu
Tag jünger und hebe an zu blühen. Ich genese. Das macht die urtümliche
Schöpfung, die mich umwebt.
    Gefühlsschwärmerei treibe ich nicht. Wie er einzieht durch die Augen und
Ohren und all die Sinne, der liebe, der schöne Wald, so mag ich ihn geniessen.
Nur der Einsame findet den Wald; wo ihn mehrere suchen, da flieht er, und nur
die Bäume bleiben zurück.
    Sie sehen den Wald vor Bäumen nicht. Ja, noch mehr, oder zwar noch weniger,
sie sehen auch die Bäume nicht. Sie sehen nur das Holz, das zum Zimmern oder
Verkohlen, das Reisig, das zum Besen dient. Oder sie machen die grauen Augen der
Gelehrteit auf und sagen: Der da gehört in diese Klasse, oder in diese - als
wie wenn die hundertjährigen Tannen und Eichen lauter Schulbuben wären.
    Mir ist schon recht im Walde. Ich will, solange ich ihn geniesse, von seinem
Zwecke, wie diesen Zweck die Gewinnsucht der Menschen versteht, kein Wort noch
gehört haben; ich will so kindlich unwissend sein, als wär ich erst heute vom
Himmel gefallen auf das weiche, kühle Moos im Schatten.
    Ein Netz von Wurzeln umgibt mich, teils saugt es aus der Erde seinen Bäumen
die Muttermilch, teils sucht es den Moosboden und den Andreas Erdmann darauf mit
sich zu verflechten. Ich ruhe sanft auf den Armen des Netzes - auf Mutterarmen.
    Gerade empor ragt der braune Stamm der Fichte und reckt einen Kranz von
knorrigen Ästen nach allen Seiten. Die Äste haben lange graue Bärte - so hängen
die filzigen Flechtenfahnen nieder von Zweig zu Zweig. Wohl geglättet und
balsamtriefend ist die silberig schimmernde Tanne. In den rauhen, furchigen,
verschnörkelten Rinden der Lärchen aber ist mit den geheimnisvollen Zeichen der
Schrammen die ganze Weltlegende eingegraben, von dem Tage an, als der verbannte
Brudermörder Kain zum ersten Male unter dem wilden Astgeflechte der
Libanonlärche geruht hat, bis zur Stunde, wo ein anderer, auch ein Heimatloser,
den Wohlduft der weichen, hellgrünen Nadeln friedlich trinkt.
    Dunkel ist's wie in einem gotischen Tempel; der Nadelwald baut den
Spitzbogenstil. Obenhin ragen die hunderttausend Türmchen der Wipfel; dazwischen
nieder auf den schattigen Grund leuchtet, wie in kleinen Täfelchen zerschnitten,
die tiefe Himmelsbläue. Oder es segeln hoch oben weisse Wölklein hin und suchen
mich zu erspähen, mich, den Käfer im Waldfilz, und wehen mir einen Gruss zu - von
.... Nein, sie ist geborgen unter stolzem Dach von Menschenhand; ihr Wolken habt
sie nicht gesehen, oder habt ihr sie? - Ach, sie wehen von fernen Oden und
Meeren.
    Da flüstert es, da säuselt es; es sprechen miteinander die Bäume. Es träumt
der Wald.
    Eine schneeweisse, grosse Blüte weht heran; blühen die Nadelwälder denn nicht
in den Blutstropfen ihrer purpurnen Zäpfchen? Woher die weisse Blüte? Es ist ein
Schmetterling, der sich verirrt von seiner sonnigen Wiese und nun im Dunkel des
Waldes angstvoll gaukelt.
    Wer bricht aber in den verwachsenen Kronen die Äste entzwei, dass sie krachen
und prasseln und in dürren Zweigen niedertänzeln? Ein Habicht braust dahin mit
einem grellen Pfiff und ein armes Waldhuhn muss sein Leben enden. Alle Wildtauben
sind auf und girren ihr Sterbegebet - da knallt es, und nieder inmitten des
schimmernden, wogenden Kranzes der Tauben stürzt der getroffene Raubvogel.
Unterwegs zum Grab will seine Klaue noch ein Opfer haschen und in dem brechenden
Auge funkelt lange noch die Raubgier.
    All mein Lebtag hab' ich keine so merkwürdige Webematte gesehen, als dieses
bunte, wunderbare Flechtwerk des Moosbodens. Das ist ein Wald im Kleinen und in
dem Schosse seines Schattens ruhen vielleicht wieder Wesen, die wie ich das ewige
Gewebe der Schöpfung betrachten. Hei, wie die Ameisen eilen und rennen, wie sie
mit ihren haardicken Armen der kleinen Dinge kleinste umklammern, mit ihrem
ätzenden Saft alles Feindliche zu vergiften meinen; sie wollen gewiss auch noch
die Welt gewinnen vor dem Jüngsten Tag.
    Ein glänzender Käfer hat ihnen lange zugesehen, er denkt verächtlich über
die mühsam Kriechenden, denn er selbst hat Flügel. Jetzt flattert er übermütig
empor und funkelnd kreist er hin, und plötzlich ist er umgarnt und gefesselt in
Stricken. Die Spinne hat an diesem Dinge schon lange still und emsig gearbeitet;
ein Schleier, wie zarter keiner geflochten wird auf Erden, ist des strahlenden
Käfers Leichenkleid geworden.
    Die Vöglein im Geäste wollen auch ihr Kunstwerk stellen, sie flechten, wo
das Reisig am dichtesten ist, aus Halmen und Zweigen ein Wiegenkörbchen für ihre
liebe Jugend. Und wenn ihnen die Sonne just recht am Himmel steht, so singen und
jauchzen sie bei ihrer Arbeit, dass es ihn allen Nadeln und Bäumen wiederklingt,
sonst aber hocken sie im Nest und schnäbeln und legen die zarten, buntstreifigen
Eier.
    Ob es denn wahr ist, dass sich derselbe eine rote Faden fortspinnt durch alle
Geschlechter des Menschen und Tierreiches bis hinab zum allerkleinsten Wesen? Ob
denn alles nach dem einen und selben Gesetze geht, was der König Salomon getan
auf seinem goldenen Trone, und was die träge sich wälzende Raupe tut unter dem
Stein? Das möcht' ich wohl wissen.
    Husch, dort hüpft ein Hase, bricht sich der gekrönte Hirsch Bahn durch das
Gestrüppe. Jeglicher Strauch tut auch so geheimnisvoll, als ob er hundert Leben
und Waldgeister in sich verberge. Jetzund höre ich das Läuten der Hummel. Wenn
in diesen Wäldern einmal eine Kirche gebaut würde und eine Glocke auf den Turm
käme - so müsste sie klingen. - Auf dem Erdgrunde liegen die scharf geschnittenen
Schattengestalten und darüber hin spinnen sich die Saiten des Lichtes. Und die
Finger des Waldhauches spielen in diesen Saiten.
    Ich trete hinaus in die Lichtung. Ein zitternder Luftauch rieselt mir
entgegen, schmeichelt mit den Locken, küsst die Wangen, dass sie röten. Hellgrünes
Haidegebüsch mit den roten Blütenglöckchen der Beeren hier, und dunkelglänzendes
Preiselbeerkraut, der immergrüne Lorbeer unserer Alpen für den würdigen Dichter
des Waldes, so einer zur Welt geboren wird. Die Waldbiene surrt herum auf den
Sträuchern und jedes Blatt ist für sie ein gedeckter Tisch.
    Und über dieser dämmernden, duftenden Flur erhebt sich ein schwarzer Strunk,
mit dem gehobenen Arm seines kahlen Astes trotzig dem Himmel drohend, weil
dieser durch einen nächtlichen Blitzstrahl ihm das Haupt gespalten. Und es
erhebt sich dort graues, zerklüftetes Gestein, in dessen Spalten sich behendig
die Eidechse birgt, und die schimmernde Natter, und an dessen Fusse die zierlich
durchbrochenen Blätter der Farnkräuter, und die blauen, allfort grussschwankenden
Hütchen der Enziane wuchern. Weiterhin, wo sich die Quelle befreit und aus ihrem
dunkelschattigen Grunde schimmert, wachsen an ihrem Ufer die tausend Herzen des
Sauerklees und der heilsamen Wildkresse, die der Hirsch so gerne pflückt und das
Reh, auf dass sie ihre Lunge nicht verlasse zur Stunde der Flucht.
    An der Lehne neben Dornstrauch und wilden Rosen liegt vom Sturme hingeworfen
seit vielen Jahren das Gerippe einer Fichte, schier weiss, wie Elfenbein. Hoch
ragen ihre Wurzeln auf, wie einst ihr Wipfel, und eine Schnecke hat sich verirrt
in einen starren Zweig der Wurzel hinaus und kann ihren Weg zum Erdreich kaum
finden.
    Wo kein Weg geht, dort geht der meine - wo es am steilsten ist, wo das
Gestrüppe der Erlenbüsche und Dornsträucher am dichtesten ist, wo die Hundsbeere
wächst, wo die Natter raschelt im gelben Buchenlaub des vergangenen Jahres.
Wildhühner erschrecken vor mir und ich vor ihnen, und meine Füsse sind das
Elementarunglück der Ameisen, und mein vordringender Körper ist die Geissel
Gottes den Spinnen, deren Bau zugrunde geht an diesem Sommertage.
    Es ist eine Lust, so in die Wildnis zu dringen, ins Dämmerige und Ungewisse
hinein; was ich ahne, reizt mich mehr, als das, was ich weiss; was ich hoffe, ist
mir lieber, als das, was ich habe. Vielleicht geht es anderen auch so.
    Ich stehe am Rand einer Wiese, die von jungem Fichtenwalde umfriedet ist. In
meiner nächsten Nähe, aus dem Dickicht, ist ein Tier aufgefahren, welches in
Sprüngen über die Wiese hinsetzt und am jenseitigen Rande stehen bleibt. Es ist
ein Reh. Dort steht es nun, hält hoch seinen Kopf und lauert. Ich halte mich wie
ein Baumstrunk. Ich dürste sonst nicht nach Blut, es wäre denn bisweilen nach
dem der Trauben - aber jetzt folge ich einer angeborenen des Neigung des
Menschen, hebe meinen Wacholderstock, lege ihn an die Wange, wie ein Gewehr, und
ziele gegen die Brust des Wildes. Das steht dort, etwa hundertundzwanzig
Schritte von mir entfernt, und blickt zu mir herüber. Es weiss recht gut, dass ein
Wacholderner nicht losgeht. Endlich hebt es zu grasen an. Ich setze den Stock
wieder zur Erde und trete weiter auf die Wiese hinaus. Das Reh hebt rasch sein
Haupt und ich meine, jetzt und jetzt werde es davonstieben. Aber es eilt nicht,
es leckt an seinem Hinterkörper, und mit seinem Fusse graut es sich hinter den
Ohren - dann sieht es mich wieder an und beginnt zu grasen.
    »Rehlein,« sage ich, »du vergissest den schuldigen Respekt gegen den
Menschen! Hältst du mich nicht für fähig, dir gefährlich zu werden? Mich
wundert's, hierzulande streifen Jäger und Wildschützen. Du scheinst sonst kein
heuriger Hase zu sein, stellst dich aber sehr unerfahren. Unter uns Leuten würde
man ein solches Betragen Dummheit nennen.«
    Das Tier grast ganz allmählich gegen mich heran, hält nicht selten ein, um
mich anzuschauen, wirft aber stets erschrocken den Kopf in die Höhe, so oft es
von irgendeiner andern Seite ein Geräusch hört, und bereitet sich zum Sprunge.
Es muss was wittern, denn einmal macht es ein paar grosse Sprünge, wodurch es mir
aber noch um mehrere Schritte näher kommt. Dann beruhigt es sich wieder und
grast mit Hast und Lust. Die Ohren sind immer gespitzt und das ganze Wesen ist
ein Bild ängstlicher Wachsamkeit und Fluchtbereitschaft.
    »Du weisst es doch,« sage ich - »dass du in Feindesland bist? Keine Minute
sicher vor dem Schuss - das muss wohl recht bange machen.«
    Ich rücke ihm allmählich näher; das Reh beachtet es nicht und grast mir
entgegen. Oft hält es ein und sieht mich an mit Ruhe und Vertrauen, während es
jeder anderen Richtung mit ängstlichem Misstrauen zu begegnen scheint.
    »Mich freut es ungemein,« sage ich, »dass du mir nicht abgeneigt bist. Es
lässt sich nicht leugnen, dass ich zu jenen Ungeheuern gehöre, die auf zwei Beinen
gehen. Aber alle Zweibeinigen sind nicht gefährlich. Ich schon gar nicht, ich
habe vorhin ein oder zwei Verslein gedichtet, wenn ich sie dir vorsagen darf
...«
    Da machte das Tier im Schreck einen weiten Sprung abseits.
    »Es wäre nicht lang gewesen,« sage ich bedauernd, dass ich das Reh
verscheucht, aber es kommt mir grasend bald wieder näher.
    »Es ist nicht schlau von dir, dass du mich kränkest. Das Lied ist für meinen
Schatz gemacht. Es lebt irgendwo eine, die ich im Grunde des Herzens lieb habe,
aber kein Mensch ahnt es, und sie selber auch nicht. Da habe ich ihr denn diese
Verse gedichtet. Sie müssen aber wieder vergessen werden. - Wie hältst du's in
solchen Sachen? -
    Das Tier tritt mir wieder um zwei Schritte näher und hebt zu schnuppern an.
Da wird mir ganz vorwitzig zumute.
    »Liebes Reh!« sage ich und halte ihm die Arme entgegen. »Ich kann nicht
sagen, wie du mich anmutest. Hätte ich was bei mir, ich schösse dich nieder. -
Nein, von mir fürchte nichts. Ich schiesse nimmer. Du atmest dieselbe Luft, wie
ich, dein kleines Auge sieht denselben Sonnenschein, wie ich - dein Blut ist so
warm wie das meine - warum soll ich dich umbringen? - Einmal habe ich zwar zu
mir gesagt: Bist ein niederträchtiger Bursch'! - 's ist schon lange vorbei und
seiter manches geschehen, was dafür, und manches, was dawider spricht. Aber aus
Passion bringe ich nichts um. In der Notwehr ist's was anderes, da achte ich
kein Leben, ausser das meine; und wenn ich Hunger habe und eine Büchse, so
schiesse ich dich doch nieder, da hilft dir alles nichts.«
    Trotz alledem kommt das Rehlein immer näher auf mich zu. Ich stehe wie eine
Säule da und zehn Schritte vor mir das Tier und sieht mich an. Es ist mir schier
unheimlich. Das muss kein rechter Mensch sein, zu dem das Wild sich gesellt ....
    »Du bist neugierig,« sage ich, »wie sich so einer von der Nähe anschaut.
Nun, betrachte mich nur recht. Aber diese Lappen aus Leinwand und Wollenzeug
gehören nicht dazu. In Wahrheit sehen wir anders aus. Und wenn du uns sähest so
nackt und bloss, wie du selber bist, alle Angst und Furcht müssest du vor uns
verlieren. Von Haus aus können wir nicht schiessen, können nicht so laufen wie
du, können uns nicht nähren von diesem Kraute, können nicht wohnen im Dickicht.
So armselig sind wir. Wir - so heisst es - hätten es wohl einmal gekonnt, aber in
dem Masse, als unsere Vernunft gewachsen, sei unser Körper abhängig geworden, sei
fein und empfindlich und verweichlicht und schwächlich geworden. Und wenn es so
fortgeht, löst sich der ganze Mensch in Geist auf; dieser wieder muss vergehen,
wie die Flamme stirbt, wenn Docht und Öl verzehrt ist. - Dann sind wir fertig
und ihr kommt an unsere Stelle.«
    Der ganze, aschgraue Leib des Tieres ist schön, kräftig und geschmeidig;
wenn es den Kopf recht hoch erhebt, ist es fast stolz und seine Augen sehen so
klug und gutmütig auf mich her.
    »Ich weiss nicht,« sage ich, »ob denn du auch immer suchest, ohne zu wissen,
was; ob du dich abmühest Tag und Nacht, um ein Gut zu erreichen, das dich dann,
wenn du es besitzest, doch nicht befriedigt. Ich weiss nicht, ob der Hass es ist,
der dich belebt, der Ehrgeiz, der dich peitscht, die Liebe, die dich unglücklich
macht, die Lust, die dich tötet. Bei uns ist es so. - Nun stehen wir beide uns
gegenüber und blicken uns an. Bedauere ich dich, oder bedauerst du mich? Du hast
und geniessest voll, was du haben und geniessen kannst; uns werden die süssen
Freuden des Herzens von der Erbarmungslosigkeit des Verstandes und auch der
Vorurteile vergällt. Unser Fühlen artet in Denken aus, und das ist unser
Unglück. Wollen wir noch was Gutes haben, so müssen wir uns euch nähern. - Was?
Du schüttelst das Haupt, du verneinst es, Reh? Du möchtest am Ende gar auch ein
Mensch sein? Nein, so weit bist du noch nicht vorgeschritten, dass du unzufrieden
wärest. Deine Not ist der Jäger, so wie die unsere - der Mensch. Uns drohen die
grössten Gefahren von unseresgleichen. Ist dir das neueste Wochenblatt schon zu
Gesichte gekommen? Ei so, du liesest keine Blätter, du frissest sie. Ist auch
gesünder, nur vor Druckblättern hüte dich, die sind giftig. Sie wären es nicht,
aber sie saugen das Gift aus dem Boden, auf dem sie stehen, aus der Luft, die
sie umweht, aus der Zeit, der sie dienen. - Gottlob, dass sie in den
Winkelwäldern nicht wachsen. Da wächst der Sauerklee, und das ist was für dich,
und der Pilzling, das ist was für mich. Übrigens, mein liebes Ricklein, wie
lange werden wir denn hier stehen bleiben? Wie steht's mit dem
Ausderhandfressen?«
    Ich reisse Gras aus dem Boden, ein Geschäft, das mein Reh mit Kennerauge
verfolgt.
    - Knallt ein Schuss. Ein kurzes Pfeifen ist durch die Luft gegangen, das Reh
hat einen Sprung gemacht - und läuft nachher mit vollster Entfaltung seiner
Schnellkraft über die Wiese und schnurgerade ins Dickicht hinein.
    Im nahen Gestämme verzieht sich langsam der schwefelige Rauch. Ich eile, den
Wildschützen zu suchen, um ihn dem Gericht zu überliefern, weil er geschossen,
und um ihn freizubitten, weil er nicht getroffen. - - Ich sehe weder den
Schützen noch das Reh, und ich bin rasend in dem Gedanken, das Reh könne mich
für den Mitschuldigen, für den Verräter oder gar für den Meuchelmörder halten,
und ich will in seinen Augen weder ein schlechter Freund, noch ein schlechter
Schütze sein.
    - Was nützt all das? Der Schwärmer hält nicht vor; im Späterbste, wenn mir,
wie ich es verhoffe, der Rehbraten auf den Tisch kommt, werden die
freundschaftlichen Gefühle sicherlich wieder erwachen, aber nicht aus dem Herzen
werden sie kommen, sondern aus dem Magen. -
    Der Mensch kann ein Schelm werden, und das ist bisweilen gut. Es hat ja
nicht gar lange angehalten. Bald ist wieder was anderes da.
    Das jauchzende Brüllen eines Stieres hallt heran, oder das Schellen und
Meckern einer Ziege. Der Hirtenjunge hüpft herbei. Mit den Wacholdersträuchern
mag er nichts zu schaffen haben, die Nadeln stechen, die blauen Beeren sind
bitter. Aber Erdbeeren pflückt er in die Haube, oder was ihm lieber ist, in den
Mund. Dann pflückt er das schmale, spitzige Blatt vom Bocksbartkraut, führt es
zur Lippe und bringt durch dasselbe einen Pfiff hervor, der weitin hallt in den
Hängen und den in der Ferne andere Hirtenjungen wieder zurückgeben. Das ist dem
Völklein des Waldes das Zeichen seiner Brüderlichkeit.
    Durch das Himbeergestrüppe windet sich ein Waldrauchsammler, der aus dem
Ameisenhaufen die Harzkörner hervorschaft. Aus diesen Harzkörnern bereitet er
den Weihrauch, das wundersame Korn, dessen Wolkenschleier der Sterblichen Augen
bezaubert, dass sie hinsinken vor das Opferbrot und den Herrn sehen.
    Am Rain bei purpurnen Eriken, unter Brombeerlaub wuchert die Süsswurzel; das
ist des Hirtenknaben leckeres Gewürze, und auch die Sennin nascht gerne davon,
auf dass sie eine klingende Stimme kriege zum Jodeln auf der Alm. Der Sennin -
merk' ich - geht es oft sonderbar, wohl hat sie viele, gar rechtschaffen viele
Worte auf der Zunge, aber das rechte für ihre Herzenslust ist nicht dabei, und
so drückt sie sich denn anders aus und singt ein Lied ohne Worte, dass sie hier,
so weit es klingt, den Jodler heissen.
    Ich ziehe durch einen von Wildwässern des Kares ausgerissenen Hohlweg
abwärts. Bäume und Sträucher wölben ihn zu einer Laube. Ein kühler Luftauch
fächelt, da stehe ich am Ufer eines Waldsees. Finstere Gewände und schlanke
braune Stämme des Urwaldes schliessen ihn ein. O, so still - so still ist's über
dem See. Das verlorene Blatt einer Buche oder Eiche raschelt heran, ich höre
jenes ewige Klingen der tiefsten Lautlosigkeit.
    Es ist wo ein Glöcklein im Weltenraum, wir wissen nicht im Erdengrund
hienieden, oder im Sternenkranze - das ruft uns allerwege. Und zur geruhsamen
Stund' erfasst unsere Seele den traulichen Klang und sehnt sich .... und sehnt
sich - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Urwaldfrieden, du stille, du heilige Zuflucht der Verwaisten, Verlassenen,
Verfolgten - Weltmüden; du einziges Eden, das dem Glücklosen noch geblieben! -
    Horch, Andreas! Hörst du noch das Klingen und Hallen des wortlosen Liedes?
Das ist das Jauchzen der Hirten in ihrem Paradiese. - Hörst du auch das ferne
Pochen und Schallen? Das ist der Holzhauer mit der Axt - der Engel mit dem
Schwerte.
 
                                 Bei den Hirten
Das Hirtenvolk ist das erste gewesen. Die Hirten sind von den Menschen, denen
man in diesen Waldbergen begegnen kann, die harmlosesten. So habe ich mit dem
Hirtenvolke angefangen.
    Hab' jetzund auch schon ein gut Stück Schäferleben ausgekundschaftet. Bis
auf die zweie oben in der Miesenbachhütte sind sie aber nicht allhier daheim;
die Hirten sind nirgends recht daheim, sind Wandersleute. Zur Winterszeit leben
sie draussen in den vorderen Gegenden, hausen in Bauernhöfen, denen sie
angehören. Sie leben zwar dort bei den Menschen, schlafen aber bei den Rindern
und Ziegen. Dann kommt das Frühjahr; die Ähren auf dem Felde gucken schon ein
wenig aus den grünen Hülsen hervor und gen Himmel auf, zu sehen, ob nicht die
Schwalben schon da sind. Die Frühlingsgiessbäche schwinden und trocknen. - Jetzt
tun sie ihren Viehstand aus dem Stall und ziehen selbander den Almen zu. Die
Kühe tragen schellende Blechglocken, die Kalben und Stiere tragen grünende
Kränze, wie am Gottsleichnamstag die Menschenkinder.
    Bei dem Auftriebe zur Alm, wenn junge Leute und Rinder mitsammen wandern,
geht das Bekränzen ohn' Ärgernis ab; wenn aber nach vielen Flitterwochen auf
lichten Höhen die Rinder zum Späterbst wieder mit frischen Kränzen zurück ins
Tal kommen, so trägt nicht immer auch die Sennin den grünen Zweig noch im Haar.
Auf der Alm gibt es viel Sonne und wenig Schatten, und das frische Wasser muss
der Almbub' weiten Weges herbeischleppen - da verdorrt bigott nichts leichter
als so ein zart Sträusslein im Lockenhaar.
    Zur lieben Sommerszeit ist es da oben gut sein. So sind sie denn gut froh,
und ich - wahrhaftig und bei meiner Treu, ich bin's mit ihnen. Gram und Herzweh
sind wie Glashauspflanzen, die wollen in der frischen Alpenluft nicht gedeihen.
Gar der Alte, der sonst brumbeissige Ochsenhalter, der seine schwerfällige Schar
auf den Almen weidet, hat ein hölzern Pfeiflein bei sich, das trotz der
heisergewordenen Lunge des Alten noch rechtschaffen hell mag jauchzen. Allerweil
singen und blasen, sonst wird er mager, der arme, einsame Narr, und das Öchslein
nicht fett.
    Und in der Sennerei, da ist's gut bestellt; da ist hübsch alles beisammen.
An dem Herd mit der Flamme und den russigen Töpfen sitzt die Häuslichkeit. Vor
dem wackelnden Tisch an dem kindisch aufgeputzten Hausaltar kniet die Religion.
Und wo die Bettstatt steht, da hätte Gott nichts Besseres mehr hinzustellen
vermögen. Aus rauhen Brettern ist das Bett gezimmert, mit Moos und Binsen
gefüttert - weiter geht's mich nichts an. In der Nebenkammer stehen Kübel und
Töpfe; da ist das Milch- und Buttergeschäft, dessen Erträgnis dem Eigentümer der
Sennerei redlich zugeliefert wird.
    Die ganze Wirtschaft schliessen vier Holzwände ein, in denen die Almerin
nächtlicherweile das Goldmännlein klöpfeln hört; dieses Klöpfeln bedeutet ihr
die Erfüllung des Herzenswunsches. - Ich habe der gläubigen Aga nicht sagen
mögen, dass ich meine, das klöpfelnde Goldmännlein dürft' ein fleissiger Holzwurm
sein. Was der tausend gingen auch den Holzwurm ihre Herzenswünsche an! Diese
werden aber doch erfüllt; die einfältigen Leute da herum haben lauter Wünsche,
die erfüllbar sind. Und wie die Maid in der Hütte, so schlummert im Stall der
Hirtenbursche. Sein Wunsch ist: ausschlafen!
    Am Morgen, da schreit die helle Sonne zum Fenster herein. Sie schreit, es
sei Zeit! Da will die Sennin mit dem Kübel in den Stall, wo unter vier Füssen die
weissen Milch- und Butterbrünnlein fliessen. Auf die Milch wartet schon die Flamme
des Herdes und auf die Suppe der Hirtenbursche. Er jodelt und jauchzt, da
vergeht die Zeit. Das Einfachste aber ist schon, wie's der Bertold macht: er
legt sich unter die Bäuche der Kühe und trinkt das Frühstück gleich aus dem
Euter heraus.
    Just bei dem Bertold und der Aga in der Miesenbachhütte hab' ich meine
Erfahrungen gemacht. - Nimmt nach der Morgensuppe die Aga den Korb auf den
Rücken und stiegt hinab gegen die Futterwiese der Talmulde, auf dass sie als
sorgsame Hausfrau ihrem vierfüssigen Gesinde den Tisch bereite, bei dem es sich
melken lässt. Mahl hält die Herde den ganzen Tag; schon zur Morgenfrühe leitet
sie der Bertold auf die taufrische Weide.
    Ich habe zu solcher Stunde einmal der Aga zugehört. Sie trillert und singt
und ich schreibe mir so Sachen gerne auf:
»Wan da Winkelboch va Milch wa,
Und da Hochkogl va Butta,
Und is Winkeltol vul Sterz dazua,
Däs war a Fressn, mei Bua!«
    Der Bertold hört's, besinnt sich nicht lange; auf ein so sachlich Lied
gehört ein noch sachlicheres. Er steht auf der Wand und singt dem Mädchen zu:
»Wan dei rot's Hor va Guld wa,
Und dei Kröpfl vul Tola,
Und dei Miada vul Edlstoan,
Däs wa ma recht, däs kunt's toan!«
    Und drauf sie:
»Die Tola tatn dih juckn,
Die Edlstoan tatn dih druckn,
A guldanas Hor war olls z'viel zort
Fü dein borstadn Bort.«
    Sie bleiben einander nichts schuldig im Schnaderhüpfelgefecht.
    Wie es aber nur kommen mag, dass im Waldland für Lieb' und Zärtlichkeit nicht
so viele Worte wachsen wollen, als für Spott und Posse? Ist schon die Lieb' da
unten nicht gar geschwätzig, so ist sie hier oben bei den Legföhren und
Kohlröschen stumm wie der Fisch im Wasser. Der Kuss wird hier auch nicht so
abgeschäckert, wie anderswo. Es ist, möchte ich sagen, als wie wenn sich das
warme Blut nicht Zeit nehme, bis an die Lippen heraufzusteigen zu einer Weile,
wo es anderwärtig so viel zu tun gibt. In die Arme fährt alles hinaus und weiss
sich so ein verliebter Bursche mit seiner Empfindung nicht anders zu helfen, so
fasst er sein Mädchen, wie der Müller den Kornsack, und schwingt es hoch in die
Luft und tut ein Jauchzen dabei, dass schier die Wolken auseinanderfahren, wenn
ihrer am Himmel stehen.
    Der Bertold macht es um kein Tüpfelchen anders. - Es sind zwei junge,
blutarme Leute, auf der einsamen Alpenhöh' sich selbst überlassen. Was ist da zu
beginnen? Je nun, je nun, ich denk', für mich dieweilen noch gar nichts.
 
                              Bei den Waldteufeln
In dieser Wildnis gibt es Gewerbe, von denen ich keine Ahnung gehabt habe.
Buchstäblich von der Erde, von dem Gestein heraus graben die Leute ihr Brot. Und
von den Bäumen schaben sie es herab, und aus dem allebendigen Ameishaufen wühlen
sie es hervor, und aus ungeniessbaren Früchten zwingen sie es durch die
hundertfältigen Mittel ihrer Schlauheit. Dass der Mensch doch so alles zu finden
und zu nützen weiss! Hat er aber schon alles gefunden und genützt? Und die
Bedürfnisse, sind sie schon dagewesen, ehe die Mittel gefunden worden, oder sind
sie die Folgen der errungenen Dinge? - Wäre das letztere der Fall, ich hielte
die tausenderlei Errungenschaften für keinen Gewinn.
    Die verkommenen oder verwegenen »Waldteufel« stehen mit den Menschenscharen
draussen in engerer Verbindung, als man meint, und als sie es vielleicht selbst
ahnen mögen. Na doch, sie wissen es gar wohl. Da ist gleich der Wurzner. Seine
Lodenkutte geht ihm schier bis zu den Waden hinab; sein Hut ist ein wahres
Familiendach, das aber stellenweise schon durchlöchert ist und bricht. Schon von
weitem kennt man ihn. Da oben im Gestein klettert er herum und wühlt mit seinem
krummen Stecheisen die Speikwurzel hervor. dabei brummt er denn gar zuweilen
sein schlecht Liedel:
»Wan ih speikgrobn tua
Auf der Olm, do herobn,
Do denk ih gern auf d'Weibaleut.
Darot's es, wo da Speik hinkimmt?
In's Türknlond für d'Weibaleut,
Damit s' an bessern Gruchn kriagn,
Im Türknlond, de Weibaleut!«
    Ich weiss es noch nicht, ob es wahr ist, dass Speik von hier in die Türkei
wandert. Aber sie glauben es und so ist es ihnen so viel als wahr. Dieses stolze
Bewusstsein des Wurzners, dass er die Frauenwelt des Morgenlandes in einen
besseren Geruch bringe, wird angefochten.
    Dort auf der Felswand steht ein alter Gefährte, der hört das Lied; er häkelt
die Messinghäftchen seines Wamses auf und öffnet seinen Mund:
»Wanst ollaweil auf die türkischn
Weibaleut denkst,
Du Loter, do hot's an Fodn.
Geh gwürz dih liaba selba
Mit Speik auf der Olm,
Kon da nit schodn.«
    So necken sie sich, und das ist ihre harmlose Seite. Aber der Waldteufel hat
seinen Pferdefuss. Der rechte Waldmensch hat einen doppelläufigen Kugelstutzen;
der eine Lauf heisst »Gemsennot«, der andere »Jägertod«. Könnt' er schreiben, mit
seinem krummen Messer hätte er diese Namen in den Stahl gegraben; aber, er merkt
sich's im Kopf, das von Gemsennot und Jägertod.
    Längst hätt' er das Graben aufgegeben und wollt' ganz dem Wildern leben,
aber er vermeint, unter den Steinen und Wurzeln einmal einen vergrabenen Schatz
zu finden. Schatzgraben, Gold und Edelstein unter der Erde, das hat er im
Märchen gehört und kann es nimmermehr vergessen.
    Gold und Edelstein unter der Erde! Schatzgraben! - Das Märchen hat recht;
der Wurzelgräber hat recht; der Ackersmann hat recht; der Bergknappe hat recht.
Aber der Schatzgräber hat nicht recht.
    Meine Wirtschafterin sagt, das traurigste Schatzgraben sei ihr gewesen, als
sie vorzeit ihren Schatz begraben.
    Das acht ich, dass ich den Wurzner, oder den Pechschaber, oder den
Ameisenwühler nicht beleidige. So Leute heben gar mit dem Wettermachen an, dass
all des Teufels ist. Blitz und Hagel kann die Wälder vernichten weit und breit.
Darum in den Alpengegenden die vielen schweren Gewitter, weil dahier die
Wettermacher daheim. Wie sie es aber anfangen, dass die Nebel aufsteigen aus den
Schründen und Wetterlöchern, dass die Taustäubchen zu Wasser verdichten, dass die
Tropfen zu Eiskörnern erstarren, dass die Eiskörner zu check sich kochen, dass
aus den Wolken das Feuer sprüht, dass die flammenden Wurfspiesse der Blitze
hinsausen durch die Nacht und dass die ungeheuren Rollen der Donner sich wälzen,
bis endlich alles niederbricht zu den zitternden Menschen und Tieren der Erde -
wie sie das anfangen, das soll ein tiefes Geheimnis der wilden Gesellen sein;
ich habe es bislang nicht zu erfahren vermögen.
    Eines ist gewiss. Der Bauer der vorderen Gegenden hat eine Art Ehrfurcht vor
den Wildlingen im Gebirge und liefert ihnen oft Lebensmittel gegen geringes
Entgelt; es ist doch allfort besser, im Beutel kein Gewinn, als auf dem Felde
Schaden.
    Wahrhaftig, das ist ein verhängnisvoller Wahn dieser Menschen, dass sie durch
eigenes Wollen und eigne Kraft Dinge zu wirken vermeinen, von denen die
Schöpfung den menschlichen Witz ausgeschlossen hat; und dass sie dagegen Dinge
verabsäumen, in denen sie durch eigenes Wollen und eigene Kraft Grosses
hervorzubringen vermöchten. - Es ist jedoch draussen, wo die Macht- und
Geistesstolzen wohnen, auch nicht besser, nur dass dort andere und schädlichere
Irrtümer sind, denn sie werden mit bedeutenderen Mitteln und in grösserem Masse
begangen als hier. - Glorreich, o Menschheit, sind deine Fortschritte, aber in
deinen ungeheuerlichen Vorurteilen bist du noch immer ein sehr erbärmlich Ding.
    Da oben hinter dem Bergrücken ist eine umwaldete Talmulde, die sie die
Wolfsgrube nennen. Vor kurzem bin ich in dieser Wolfsgrube gewesen. Ich komme
eben zurecht, wie sie einen Mann begraben, der weder Wurzner, noch Ameiswühler,
noch Pechschaber, noch Branntweinbrenner, noch ein Wilderer gewesen war. Aber
der allermerkwürdigste Waldteufel. Die Sache hab' ich teils selbst erfahren,
teils ist sie mir erzählt und verbürgt worden.
    Gearbeitet hat er gar nichts. Das ist einer gewesen, der sich durch Essen
sein Brot erworben hat. Sie haben ihn allerwärts den »Fresser« genannt; einen
anderen Namen, halt ich, hat er gar nicht gehabt. Das soll ein ganz verkommener
Mensch gewesen sein, aber gewaltig stark am Leibe. Sein Hauptaar ist durch
Schweiss und Harz zu einem unlöslichen Filz verworren gewesen; da hat er keines
Hutes bedurft. Sein Bart ist gewesen wie aus verdorrten Fichtennadeln so
stachelig; seine mächtigbreite Brust wie übersponnen mit zehnfachem Spinnenweb;
da hat er den Brustlatz erspart. An seinen wuchtigen Füssen hat sich eine völlige
Hornhaut gebildet; da ist ihm das Schuhwerk überflüssig gewesen. Eine wüste
Erscheinung! Ich hab' ihm noch vor einigen Tagen im Winkel begegnet. Hebt, wie
er mich sieht, eine Handvoll Sand vom Boden auf und will den Sand verschlingen,
wenn ich ihm eine kleine Gabe dafür wollt' reichen. - Oft ist er hinaus auf die
umliegenden Dörfer auf Kirchtage gegangen, hat den Leuten was vorgefressen.
Nicht Werg und Bänder und derlei Dinge, wie es sonst Taschenspieler tun, hat er
verschlungen, sondern Tuchstücke, Leder und Glasscherben. Selbst Schuhnägel, und
sie mögen noch so rostig gewesen sein, hat er verzehrt. Gerne hat er einen alten
Stiefel oder Filzhut zerissen, die Fetzen mit Essig und Öl bereitet und
gegessen. Das hat ihm Geld eingebracht und sein Beutel wie sein Magen haben wohl
verdaut. Unsereinem tät so ein Essen nicht taugen, hat der Rüpel gesagt,
freilich wohl, ein Schnäpslein muss dazu sein, das beisst im Magen auch die
Kieselsteine klein. - Jahr und Tag hat er's getrieben, aber ein End' nimmt's mit
allem, und der Ostersonntag hat nicht viel grössere Läng', wie der Charfreitag.
Just beim Schnäpslein ist er gesessen in Kranabetannes Hütte, und hat in seinem
Übermut gesagt: »Kiefel (kaue) dein Schwarzbrot nur selber, Hannes, ich trink'
den Branntwein und beiss' das Gläselein dazu.« - Ist jetzund vom finsteren
Herdwinkel ein alter Wurzner hervorgekrochen: »'s schwarz' Brot willst
verachten? du!« Darauf der Fresser: »Geh her, Wurzner, dich fress' ich mitsamt
deiner Krax (Rücktrage)!« Hat der Alte ein Würzlein hervorgezogen: »Da tät ich
wohl was haben, grosser Herr, das ist noch ein wenig stärker, wie du!« - »Her
damit!« schreit der Fresser, errafft das Würzlein und steckt es in seinen
Schlund. - »Bist hin!« hat der Alte gekichert, ist davon in den Wald. - Steht
nicht lang an, springt der Fresser auf und hinaus auf den Anger. Dort stürzt er
nieder und ist tot über und über. Da haben wir's wohl gewusst, was das Ding
bedeutet. Den alten Wurzner hat kein Mensch gekannt - der Teufel ist's gewesen.
    Halb Tat, halb Mär, so hat es der Leute Aberglauben aufgefasst und mir
erzählt. Sie haben den Mann auch nicht hinausgetragen auf den Holdenschlager
Kirchhof. Im Moorboden der Wolfsgrube, wo nur die Binsengarbe wuchert und ihre
Glockenfähnlein wiegt, haben sie eine Grube gemacht. In dichtes Fichtengeäste
haben sie den Mann geschlungen, mit einer Stange haben sie ihn an das Grab
gewälzt, bis er hinabgekollert.
    Zur selbigen Stund' ist eine kleine Schar von Betern über die Moorheide und
durch die Wolfsgrube gezogen. Sie waren in einem Kare des Hochgebirgsstockes
gewesen, wo ein Kreuz stehen soll im Gestein. Diese kleine Schar ist an der
Grube stehen geblieben und hat laut für den Toten ein Vaterunser gesprochen. Da
hat jählings eine braune Kohlenbrennerin das Wort ergriffen und in ihrer Art
ausgerufen: »Ihr Hascher, dem hilft euer fromm Gebet just so viel, wie dem Fisch
im Wasser ein trocken Pfaidlein tät nutzen. Der ist schon dort, wo die Hühner
hin pissen, das ist ja der Glasscherbenfresser!«
    »Nachher gilt das heilig Vaterunser für unsern Viehstand daheim!« sagen die
Beter und gehen davon.
    Ein einziger Mann, ein blasser, schwarzlockiger, niedergebeugter und seltsam
hastender Mann ist noch stehen geblieben an der Grube, hat hinabgestarrt, hat
eine Scholle auf den Leichnam im Reiserkleide geworfen, hat in der Runde
umhergeblickt und die Worte gesagt: »Mit Erden werden sie ihn doch bedecken.
Seines guten Magens wegen wird ihn der Teufel nicht geholt haben; und etwan ist
sein Herz schlechter gewesen, als sein Magen.«
    So die Grabrede. Und hierauf kommen ein paar Männer und scharren Erdreich in
die Grube.
    Ich bin später mit dem gebeugten, blassen Mann, den sie den Einspanig
nennen, wieder zusammengekommen. Da habe ich an ihn die Frage getan: »Was ist
das mit dem Glasscherbenfresser? Das ist doch eine märchenhafte Geschichte.«
    »Märchenhaft ist das ganze Waldland,« spricht der blasse Mann. »Und der
Aberglauben ist dieser Leute geistiges Leben.«
    Nach diesen Worten hat er sich gewendet und ist emsig von hinnen geholpert.
    Wie, Alter, bist nicht auch du selber ein Sohn des Waldlandes? Bist
wahrhaftig seltsam und märchenhaft genug. - Den Einspanig, den Einsamen nennen
sie ihn, sonst wissen sie schier nichts von ihm zu sagen. -
    Auch mit den Pechern hab' ich schon Bekanntschaft gemacht. Der Pecher, das
ist schon auch ein wunderlicher Geselle. Man riecht ihn schon von weitem und man
sieht ihn glitzern durch das Dickicht. Die Hacke glitzert, mit der er das Harz
von den Bäumen schabt; die Steigeisen glitzern, mit welchen er an den glatten
Stämmen emporklettert, wie eine Waldkatze, um den Baum auch an seiner Höhe
abzuernten, oder wenn keine Ernte ist, zu verwunden, auf das für künftig das
Harz hervorquelle. Und die Lederhose glitzert, und der mit Pech völlig
überzogene Lodenspenser glitzert, und die Scheide des langen Messers an den
Lenden glitzert, und letztlich das Glutauge. Wenn eine Blüte oder eine
niederfallende Tannennadel ihn streift, so bleibt sie kleben an seinem Arm, an
seinen Haaren, an seinem Bart. Wenn eine Fliege herumtanzt oder ein Falter, oder
eine Spinne - das Tierchen bleibt kleben an dem Manne; und bunt besetzt ist sein
Kleid mit kleinen aus dem Pflanzen- und Tierreiche, wenn er in Wald- und
Abenddunkel heim in seine Klause kehrt. Der Pecher verwundet die Bäume arg und
bringt sie zuletzt um's Leben. Der Urwald ist dem Untergang verfallen. Die alten
Tannen und Fichten sind durch den Pecher zu Krüppeln geworden; jetzt strecken
sie ihre langen Arme nach ihm aus, möchten den Todfeind am liebsten erschlagen.
    Aus dem Harze bereitet der Pecher durch das Verfahren des Abdunstens das
Terpentin und andere Öle, wie sie in den Waldgegenden gegen allerhand
Krankheiten und Gebrechen in grossen Mengen verwendet werden. Ich habe schon
mehrmals zugesehen auf so einer Brennstelle, wie die schwarze Masse kocht und
brodelt, bis sie in geschlossene Tonbehälter kommt, aus welchen ihr zu
gewinnender Gehalt durch Röhren in die Zuber und Flaschen übergezogen wird. Mit
diesen Zubern und Flaschen in einem grossen Korbe geht nun der Mann hausieren.
Der Holzschläger kauft Pechöl gegen jegliche Verletzung, die er sich in seinen
Kämpfen mit dem Walde zuzieht. Der Kohlenbrenner kauft Pechöl gegen Brandwunden;
der Kohlenführer für sein Ross; der Branntweinbrenner für sein Fässlein. Der
Wurzner kauft gegen Verrenkungen und gegen Bauchgrimmen, das er sich durch seine
meist ungekochte Nahrung zuzieht. Das Kleinbäuerlein weiter draussen kauft Pechöl
für sein ganzes Haus und Vieh, gegen alle bösen Zustände.
    Du Pechölmann! Mir nagt seit lang schon im Herzen ein kleinwinzig Käferlein
- wär's nicht zu tilgen mit deinem gallbitteren Öl? -
    In des Pechers Klause darf man sich nicht niedersetzen, man bliebe kleben.
Und gleich kämen die kleinen, ungewaschenen und zerzausten Rangen heran und
krabbelten empor und ritten gar auf den Nacken und man käme ihrer nicht mehr
los. - Das sind die lebendigen Sünden der Alten, sagt meine Haushälterin. -
Besser lebendige, als wie tote, sage ich.
    Des Pechers Wohnung ist einfach genug. Unterhalb der nackte Erdboden,
oberhalb das schieferige Baumrindendach, seitalb die Wand aus rohen Stämmen
gezimmert und mit Moos verstopft. Der holperige Steinherd ist gleich als Tisch
eingerichtet. Unter der Bettstatt ist die Vorratskammer für Erdäpfel, Schwämme
und Holzbirnen. Der wurmstichige Kleiderschrank ist das allerheiligste des
Hauses, er bewahrt die geweihten Andenken der Voreltern, das Taufangebinde der
Kinder und den Wettermantel des Pechers, wenn er nicht am Leibe ist. Die Fenster
haben kaum so viel Glas, wie die Leut' sagen, der »Fresser« sich daran hätte
satt essen können. »Lappen und Strohpapier sind auch so gut wie Spiegelscheiben,
wenn einer kein sauberes Gesicht durchgucken lassen kann,« meint der Pecher.
Wohl, der weiss von Spiegelscheiben was, der ist nicht allfort im Wald gewesen.
Gar weit, weit in der Wienerstadt etwan ist er wachgestanden vor Spiegelscheiben
- hat ihm nicht gefallen, ist durchgegangen, ist eingefangen worden, ist
spiessrutengelaufen, ist wieder durchgegangen und in die Wildnis herein, - lässt
sich nicht mehr fangen.
    Hinter dem Schrank hängt das Schiessgewehr. Tritt einmal der herrschaftliche
Jäger ins Haus und sieht er's, so ist's gut - eine Waffe muss sein, im Wald gibt
es Wölfe.
    Sieht er's nicht, so ist's besser.
    Bei des Pechers Hauswirtin ist's auch so; sieht man sie, so muss man
bedenken, dass im vierzigsten Jahr bei niemandem ein neuer Frühling mehr
anbricht, dass, wie das Sprichwort sagt, am Halse ein Kropf besser ist als ein
Loch, das einäugig und nicht blind, und dass ein wenig säbelbeinig weder Schande
noch Prahlerei ist. Sieht man sie nicht, so ist's besser.
    Wie ich aber schon wahrgenommen hab', bleibt an manchem Pecher zuweilen auch
ein junges kleben. Viele Landmädchen sind um ein gut Teil anders, wie die
Stadtfräulein.
    Die Stadtfräulein haben es zumeist nicht ungern, wenn ihre Liebhaber recht
schön weiss und zart und schlank und gefügig sind, und zärtlich wie Tauben. Die
Landdirnen wieder mögen einen, der recht derb und rauh und struppig und eckig
und wild ist. Wenn eine die Wahl hat zwischen einem, der ihr schäkernd die
Strümpferln stopfet, und einem andern, der sie anwettert mit jedem Wort - so
nimmt sie den Wetterer.
    Sie hat ihn ja doch im Sack. Wie geht das Lied, das der Pecher gern gern
singt?
»Fürs Pech hon ih mei Hackel,
Fürs Haserl mei Bix;
Für'n Jager a por dicke Fäust,
Fürs Mensch hon ih nix.
Nix is ollszweng, hot s' gsogt,
Hot mih ba da Tür ausgjogt;
Hiazt geh ih, und prügl an Jager o,
Dass ih an Unterholtin ho.«
    Mag sein, dass nicht viel Schönes dran ist, indes wer einmal so ein Lied
singt, der tut dem Jäger nichts. Wer mit finsteren Gedanken umgeht, der singt
kein heiter Lied.
    Unter den Waldteufeln der Gehobeltste, der Geschmeidigste und meines
Ermessens der Gefährlichste ist schmeidigste und meines Ermessens der
Gefährlichste ist der Branntweiner. Er trägt ein feineres Tuch wie die andern
und schneidet allwöchentlich seinen Bart. Er trägt allerwege so ein Fläschlein
mit sich herum, mit dem er vertraulich jedem aufwartet, der ihm in den Weg
kommt. »Du,« sagt er zum Wurzner, zum Pecher, wenn es heisser Sommer ist, »du,
ein kühl, frisch Tröpfel hätt' ich da!« Und wenn es kalter Winter ist: »Du, los
(horch) auf, das höllisch Feuer hätt' ich da!«
    Wer trinkt, der ist ihm verfallen, der kommt ihm in die Schenke.
    Der Branntweiner erntet zweimal. Fürs erste von den Ebereschen die roten
Beeren, von den Hagebutten, Wacholdersträuchern, vom Heidekraut, von allem, was
hier Früchte hervorbringt. Der Branntweiner glaubt an den Geist der Natur, der
in allen Geschöpfen lebt, und beschwört ihn hervor aus den Früchten des Waldes,
und - wie jener Zauberer im Märchen - hinein in die Flasche; - flugs den Stöpsel
darauf, dass er gefangen ist. Seine Brennerei ist ein förmlicher Zauberkreis
unter dem hohen, finsteren Tann, ein Kreis, wie ihn auch die Spinne zieht und
einwebt. Bald sind ein paar Fliegen da und zappeln im Netze. Die Waldleute, wie
sie herum- und ihren Geschäften nachgehen, zuletzt aber kleben bleiben in der
Schenke - das sind der zweibeinigen Spinne die Fliegen, an denen der
Branntweiner nun seine zweite Ernte hält.
    Jedes Weib rät dem Mann, er möge nicht den Weg über den Tann nehmen, der sei
so finster und uneben, er sei auch weiter als jeder andere. Der Mann sieht's
ein, hat auch gar nichts auf dem Tann zu tun, aber - 's ist eben ein wandelbar
Ding, die Gesundheit - wie er so hinschreitet, da empfindet er jählings ein
Drücken in der Gurgel, ein Grimmen im Bauch - ein schlimmes Grimmen, schier wie
die Magengicht. Pechöl hat er keines bei sich, da weiss er nur noch ein Mittel
und - er nimmt den Weg über den Tann. - »Das erste Gläschen - sagt der Rüpel -
lindert den Schmerz; das zweite macht warm ums Herz, das dritte macht noch
wärmer; das vierte macht den Beutel nicht mehr ärmer; das fünfte tut erst die
Glieder spannen; bei dem sechsten wackeln schon die Tannen; bei dem siebenten
geht es glühheiss durch den Leib; bei dem achten verlangt sich's nach dem Weib.«
    Heimwärts wankend aber flucht der gute Mann über das »schlechte« Weib, dass
es ihm in diesem schaudervollen Nebel mit keinem Licht entgegenkommt; und wenn
er endlich den Hut tief und schief in die Stirne gedrückt, zur Hütte
hereintorkelt, so weiss das was Weib schon, was es geschlagen hat und was es noch
schlagen könnte, wenn es nicht sich nicht beeilte, sofort auf den Dachboden oder
anderswohin zu entkommen.
    Mich närrischen Jungen stimmen meine Entdeckungsreisen heiterer, als ich's
je vermeint hätte. Es liegt ein traurig Geschick über diesem Völklein, aber
dieses Geschick macht zuweilen ein unsäglich spasshaftes Gesicht. Ich halte diese
Waldleute auch nicht für so verdorben. Verwahrlost und ungeschlacht sind sie. Es
liesse sich vielleicht was aus ihnen machen; - nur Sauerteig muss dazu kommen, dass
sie aus ihrer Versunkenheit einmal auflockern.
    Aussterben wird das Geschlecht nicht so leicht. Gerade in dem feuchten,
dunkeln Waldboden gedeihen die kleinen Rangen wie die Pilze. Die Jungen gehen
den Weg der Alten und tragen die Wurzelkrampe, oder den Hirtenstab, oder die
Pechhacke, oder die Holzaxt.
    Beim Pfarrer draussen in Holdenschlag ist bekannt, dass die Waldkinder lauter
Mädchen sind. Die Knaben werden zumeist getauft mit dem Wasser des Waldes; sie
sind in kein Pfarrbuch geschrieben, auf dass sie vergessen bleiben draussen im
Kreisamte und im Verzeichnisse der Wehrpflichtigen. Die Männer hier sagen, die
Landesregierung und was dazu gehöre, koste ihnen mehr, als sie ihnen wert wäre,
und sie verzichten darauf. Das lasse ich gelten, aber die Regierung verzichtet
nicht auf die gesunden Winkelstegerleute.
    Die Mädchen, werden sie ein wenig flügge, gehen bald auch ins Ameisen- und
Wurzelgraben, ins Kräutersammeln und sie wissen für alles Absatz, und sie
pflücken die Erdbeeren und die Hagebutten- und Wacholderfrüchte für den
Branntweiner. Und die Jungen, denen noch das Höschen nicht trocken wird den
ganzen Tag, helfen schon auch den Branntwein trinken.
    Vor einiger Zeit habe ich einer Kinderschar zugesehen. Sie spielen unter
Lärchenbäumen. Die niedergefallenen Lärchzapfen sind ihre Hirsche und Rehe,
denen sie grünes Reisig vorlegen zum Fressen. Andere laufen umher und spielen
hinter Gebüsch »Verstecken«, »Salzhalten«, »Geier austreiben«, »Himmel-und
Höllfahren«, und wie sie die Schalkheiten und Leibesbewegungen alle heissen. -
Man sieht ihnen gerne zu; sie sind zwar alle halbnackt, haben wohlgebildete und
gesunde Glieder, und ihre Spiele sind so kindlich heiter, wie ich anderwärts
noch nie Kinder spielen gesehen habe. - Hier ist die verwundbare Stelle des
»Waldteufels«, der am Ende ein gehörnter Siegfried ist!
    Ich habe den Kleinen unter den Lärchen fortwegs zugelächelt, aber sie haben
mich kaum angeblickt; nur dass sich die Jüngsten vor mir gefürchtet. Nach einer
Weile hab' ich es versucht, mich in ihre Spiele zu mengen; wie sich da die
meisten gleich verblüfft zurückgezogen haben! Nur wenige geben sich mit mir ab;
wie ich aber von diesen wenigen im Wettlaufen und Haschen einige Male überlistet
werde, da kommen auch die anderen wieder herbei. Und bald bin ich in dem
tollschwirrenden Kreise dieser jungen Menschen ein guter und gern gesehener
Bekannter. Ich schwätz' ihnen manches vor, noch öfter aber lasse ich mir von
ihnen erzählen. Ich gehe zu den Kindern in die Schule, um die Schulmeisterei zu
lernen.
    Von oben durch einen Strick zur Höhe ziehen lassen sich die Waldleute nicht;
wer sie für die Höhe gewinnen will, der muss ganz zu ihnen niedersteigen, muss sie
Arm in Arm und wohl auf weiten Umwegen emporführen.
 
                                 Im Felsentale
An den Lehnen der Voralpe und an den Hängen des Hochzahn und seiner
Gletscherketten ziehen sich fort und fort die Waldberge hin in der Richtung
gegen Abend. Von oben gesehen, liegen sie da in der Bläue, wie ich mir das Meer
denke, bergend in ihren Gründen die ewigen Schatten und die seltsamen Menschen.
    Eine Tagreise vom Tale der Winkel gegen Abend hin, fernab von der letzten
Klause, ist jene Stelle, von der die Waldleute sagen, da sie die Welt mit
Brettern verschlagen.
    Mit Steinen vermauert, wäre besser gesagt. Senkrecht aufsteigende,
tiefklüftige Wände schliessen hier das Waldland ab. Es beginnt der Urstock der
Alpen, in welchem die Felsschichten nicht mehr liegen noch lehnen, sondern
fallrecht gegen Himmel ragen. Ein Meer von Schnee und Eis mit Klippen, an denen
ewige Nebel hängen, soll unabsehbar hingebreitet sein über die Riesenburgen, die
da oben ragen und vormaleinst ein Eden gewahrt haben, das heute versteinert und
in Starrnis versunken ist. So die Sage. Dass doch dieser wundersame Traum von
einer einstigen verlorenen Glückseligkeit die Herzen aller Völker und
Volksschichten durchdämmert!
    Dass jenseits des Alpenstockes wieder menschenbewohnte Gegenden beginnen, das
wollen mir viele Leute hier gar nicht glauben. Nur ein alter, schlau blinzelnder
Kohlenbrenner sagt, sein Grossvater hätte wohl einmal erzählt, es seien da hinten
drüben Menschenwesen, die so hohe und spitze Hüte trügen, dass, wenn sie des
Nachts auf den Bergen herumgingen, sie nicht selten damit einen Stern vom Himmel
stechen täten. Und der Herrgott müsst des Abends jedmal sorgsam die Wolken
vorschieben, sonst hätt' er längst mehr kein einzig Sternlein an seinem Himmel.
    Der Schalk hat die Spitzhüte der Tiroler gemeint.
    Wo nun dieses Waldland von dem Felsgebirge begrenzt wird, sind verrufene
Stellen. Dort hat man schon manchen toten Gemsjäger gefunden, dem ein Körnlein
Blei durch die Brust gegangen. Auch bricht, sagen die Leute, aus einer der
zahlreichen Felsenhöhlungen zuweilen ein Ungeheuer hervor, das alles
verschlingt, das aber im Gebirge einen unermesslichen Schatz von Edelgestein
bewacht. Wenn das Waldland noch eine Weile besteht, so muss ein heldenhafter Mann
kommen, der das Ungeheuer besiegt und die Schätze hebt. Bislang ist noch kein
solcher dagewesen.
    Ich meine, ich wollte es erkennen und nennen, das Ungeheuer ...
    Den finsteren Sagen angepasst ist jene Gegend. Sie ist ein totes Tal, in
welchem kein Finklein will singen, keine Wildtaube will glucken, kein Specht
will hacken, in welchem die Einsamkeit selbst ist eingeschlummert. Auf dem
grauen Sandmoosboden liegen zerstreut Felsblöcke umher, wie sie von dem hohen
Gewände niedergebrochen sind. Dort und da ist ein vorwitziges Fichtenbäumchen
hinangeklettert auf einen solchen wettergrauen Klotz und blickt stolz um sich,
und meint, es sei nun besser, als die anderen, halb verkommenen Gewächse unten
auf dem Sandboden. - Wird nicht lange dauern, so wirst du verhungern und
verdursten auf dem dürren Felsboden und herniederfallen. Hierum kann der Wald
nicht gedeihen, und steigt doch wo eine schlanke, kerzengerade Fichte empor, so
sind ihre Tage gezählt. Jählings kommt ein Sturmwind niedergefahren von den
Felsmulden und legt den schönen jungen Stamm mitsamt der losgelösten Wurzel fast
sanft hin über den Boden. Und da tut er jetzund, als wollte er eine kleine Weile
sich nur ausrasten und bald wieder aufstehen mit seinen grünen Zweigen und
weiter wachsen; und indessen fallen ihm schon die Nadeln ab und es schrumpft und
springt die Rinde, und die Käfer lösen sie los, und nach einer Zeit liegt das
nackte, bleiche Gerippe da, das immer mehr und mehr in die Erde hinein versinkt,
aus der das Bäumchen einst hervorgewachsen war.
    Und doch muss eine Zeit gewesen sein, in welcher der Wald hier glücklicher
gediehen ist; es ragt ja noch hier und da der graue, gespaltene Rest eines
gewaltigen Tannenbaumes empor, oder eines uralten Ahornes, in dessen Höhlen das
Wiesel wohnt, oder durch die der Fuchs den Eingang hat zu seiner unterirdischen
Behausung.
    Die Kiefer allein ist noch kampfesmutig, sie will die steilen Lehnen
hinanklettern zwischen den Wänden, will wissen, wie es da oben aussieht bei dem
Edelweiss, bei den Alpenrosen, bei den Gemsen, und wie weit es noch hinauf ist
bis zum Schnee. Aber die gute Kiefer ist dich keine Tochter der Alpen, balde
fasst sie der Schwindel und sie bückt sich angstvoll zusammen und kriecht mühsam
auf den Knien hinan, mit ihren geschlungenen, verkrüppelten Armen immer weiter
vorgreifend und rankend, die Zapfenköpfchen neugierig emporreckend, bis sie
letztlich in den feuchten Schleier des Nebels kommt und in demselben planlos
umherirrt zwischen dem Gestein.
    Auf einem der niedergestürzten Felsblöcke dieses letzten Tales des
Waldlandes steht ein Kreuz. Es ist unbeholfen aus zwei rohen Holzstücken
gezimmert; es hängt stellenweise noch die Rinde daran. Still steht es da in der
verlorenen Öde; es ist, wie die erste Kunde von dem Welterlöser, welche der
heilige Bonifaz vormaleinst in den deutschen Wildnissen aufgepflanzt hat. Die
Eidechse schlüpft auf dem Felsengrunde dahin; ein Reh trippelt heran mit seinen
schlanken Füssen und blickt mit hochgehobenem Kopf und klugen Augen zu dem
Kreuzbilde empor. Es will ihm schier bedünken, das Ding sei nicht so geradewegs
gewachsen auf dem Stein; es hebt ängstlich an, hin und her zu lugen, es schwant
ihm von jenem schrecklichen Wesen, das schlank wie ein Baum auf zwei Beinen
einherzieht und den knallenden Blitzstrahl schleudert nach ihm, dem armen, harm-
und wehrlosen Tiere. Des Entsetzens voll schlägt es seine Beine aus und eilt von
dannen.
    Ich habe schon mehrmals nach der Bedeutung jenes Kreuzes gefragt. Seit
Gedenken steht es auf dem Stein, kein Mensch kann sagen, wer es aufgestellt. Der
Sage nach sei es gar nicht aufgestellt worden. Alle tausend Jahre flög ein
Vöglein in den Wald und das brächte ein Samenkorn mit aus unbekannten Landen.
Alle anderen Körner seien bislang verloren gegangen, oder man wisse nicht, sei
die Giftpflanze mit der blauen Beere, oder der Dornstrauch mit der weissen Rose
oder ein anderes Schlimmes oder Gutes daraus entwachsen. Das letzte Korn aber
habe jenes Vöglein auf den Klotz im Felsentale gelegt, und daraus sei das Kreuz
entsprossen. Man gehe zuweilen hin, um davor zu beten; manchmal habe das Gebet
daselbst schon Segen gebracht, manchmal aber sei auch ein Unglück darauf
gekommen. Man wisse also auch vom Kreuze nicht, ob es zum Heile oder zum Unheile
sei. Den Einspanig sehe man noch am öftesten im Felsentale und er verrichte
seine Andacht vor dem Bilde; aber man wisse auch vom Einspanig nicht, ob er
Gutes oder Schlimmes bedeute.
    Nach mehreren Tagen der Wanderung bin ich wieder einmal zurückgekehrt in
mein Haus an der Winkel. Mehrmals über das Kreuz im Felsentale und den Einspanig
nachdenkend, hab' ich im Winkel ein weniges erfahren.
    Erstlich, wie ich eintrete in das Haus, wundere ich mich dass, dass meine
sonst recht gutmütige Hauswirtin heute gar aufgebracht ist. Die Sache soll so
gewesen sein: am Försterhause geht der Einspanig vorüber. Die Haushälterin
schaut just zur Tür hinaus und denkt: Ei, wenn sich nur mit diesem seltsamen
Menschen einmal ein kleines Plaudern anheben liess, dass eins doch ein bisschen was
von ihm erfahren könnt'. Und kaum er so zufällig sein Haupt gegen die Tür
wendet, lädt sie ihn artig ein, an der Bank ein wenig abzurasten. Er tut's, sie
bringt ihm eilig Milch und Brot herbei und frägt ihn in ihrer Weise: »Ihr guter
Mann Gottes, wo kommt Ihr denn her?«
    »Von dem Felsentale hernieder,« ist die Antwort.
    »Ihr Närrchen!« ruft das Weib aus, »das soll ja so viel eine böse Gegend
sein. Da oben im Felsental ist die Welt mit Brettern verschlagen.«
    Darauf der Einspanig: »Wo ist die Welt mit Brettern verschlagen? Gar auf
keinem Fleck. Die Berge gehen weit, weit zurück hinter den Hochzahn, dann kommen
die Hügelländer, dann kommen die Ebenen, dann kommt das Wasser. Viele tausend
Stunden breitet sich das Wasser, dann kommt wieder Land mit Berg und Tal und
Hügeln, und wieder Wasser, und wieder Land und Wasser und Land und Land -«
    Hat ihn die Haushälterin unterbrochen: »Jesus, Einspanig, wie weit denn
noch?!«
    »Bis heim, bis in unser Land, in unseren Wald, in das Winkel, in das
Felsental. - Ehrsame Frau, gibt Euch Gott Flügel und Ihr fliegt fort gegen
Sonnenuntergang, und fort und immerfort, der Nase und der Sonne nach, so kommt
Ihr eines Tages von Sonnenaufgang her geflogen gegen Euer friedsam Haus.«
    Darauf die Hauswirtin: »O du Fabelhans, fable wen andern an, ich bin die
Winkelhüterin. Die Milch schenk' ich Euch und redlicher alter Leut' Wort dazu:
es ist ein Fleck, da ist die Welt mit Brettern verschlagen. So ist der alte
Glauben und in dem will ich leben und sterben.«
    Der Mann soll darauf gesagt haben: »Weib, Eueren alten Glauben hoch in
Ehren! Aber ich bin den Weg schon gegangen, gegen Niedergang hin und von Anfang
her.«
    Und dieses Wort hätte das Weib vollends erbittert; »Du bist eine
Lugentafel!« soll sie gerufen haben, »auf dich hat der Teufel seinen
Heimatschein geschrieben!«
    Und hierauf sei der Mann kopfschüttelnd davongezogen.
    Das gute Weib muss schon schwer auf mich gewartet haben, um sich weiters Luft
zu machen. Als ich nach Hause komme, ruft sie mir über den Gadern (Bretterzaun)
her entgegen: »Mein Eid, mein Eid! Was es doch auf der lieben Erde Gottes für
Leute gibt! Jetzund glauben sie gar nimmer ans End' der Welt! Ich aber sag:
unser Herrgott hat's recht gemacht, und ich bleib' bei meinem alten Glauben, und
die Welt ist mit Brettern verschlagen!«
    »Freilich, freilich Winkelhüterin!« gebe ich bei und steige über die Bretter
des Hausgaderns: »Wohl richtig - mit Brettern verschlagen!«
    Und so bleiben wir beim alten Glauben!
 
                                Bei den Holzern
Dass doch der Wald, wie er sich so hinbreitet über Höhen und Täler - unabsehbar,
wie er daliegt, grün und dunkel und weiterhin duftig blauend am sonnigen
Sehkreis - der stille, unendliche Wald - dass er doch auch seine Feinde hat!
    Wie ist das eine schöne, säuselnde, rauschende, brausende allebendige
Ringmauer, schützend vor dem wüsten Unfrieden draussen! Aber - Waldfried ist
gestorben.
    Im Forste braust der Sturmwind, schlägt manchem jungen Tannling den lustig
winkenden Arm weg, bricht manchem trotzigen Recken das Genick. Und in der Tiefe
rauscht und schäumt in weissen Gischten und Flocken - wie ein brandender
Wolkenstrom - der Wildbach, und wühlt und gräbt und nagt das Erdreich von den
Wurzeln, immer weiter und weiter hinein, dass der wuchtige Baum zuletzt schier in
der Luft dasteht und sich oben mit starken Armen nur noch an den Nachbarn hält,
um nicht zusammenzubrechen, endlich aber doch niederstürzt in das Grab, das ihm
jenes Wasser heimtückisch gegraben hat. Jenes Wasser, welches er durch seinen
Nebeltau gestärkt, durch seine dichte Krone vor dem Lechzen des Windes
geschützt, durch seine Schatten vor dem zehrenden Kusse der Sonne bewahrt hat. -
Und auf den luftigen Wipfeln hackt der Specht, und unter den Rinden frisst die
Borke, und das Sägerad der Zeit geht allerwege, und die Späne fliegen - im
Frühlinge als Blüten, im Herbste als gedörrte Nadeln und Blätter.
    Es geht ewig zu Ende und im Ende keimt ewig der Anfang.
    Da naht nun der Mensch mit seiner Zerstörungsgier. Da schallt das Schlagen
und Pochen, da surrt die Säge, da klingt das Beil auf das Stemmeisen im dunkeln
Grunde; - wenn du oben hinblickst über das stille Meer der Wipfel, so ahnst du
es nicht, welchen es angeht.
    Aber das Stemmeisen und der Keil dringen tiefer und tiefer; da schüttelt
einer der Hundertjährigen sein hohes Haupt, er weiss doch gar nicht, was die
Menschlein wollen da unten, die kleinen, possierlichen Wesen - er kann nicht
begreifen und schüttelt wieder das Haupt. Da geht ihm der Stoss ins Herz; - unten
knistert es, schnalzt es, und nun wankt der Riese, knickt ein, rauschend und
pfeifend in einem weiten Bogen kreist er hin, mit wildem Krachen stürzt er zu
Boden. Leer ist es in der Luft, eine Lücke hat der Wald. Hundert Frühlinge haben
ihn emporgehoben mit ihrer Liebe und Strenge; jetzt ist er tot, und die Welt ist
und bleibt ganz auch ohne ihn - den lebendigen Baum.
    Still stehen die zwei, drei Menschlein, sie stützen sich auf den Beilstiel
und blicken auf ihr Opfer. Sie klagen nicht, sie jauchzen nicht, eine grausame
Kaltblütigkeit liegt auf ihren rauhen, sonnverbrannten Zügen; ihr Gesicht und
ihre Hände sehen auch aus wie von Fichtenrinden. Sie stopfen sich ein Pfeiflein,
schärfen die Hacken und gehen wieder an die Arbeit. Sie hauen die Äste von dem
hingestreckten Stamme, sie schürfen ihm mit einem breiten Messer die Rinde ab,
sie schneiden ihn vielleicht gar in klafterlange Stücke; - und nun liegt der
stolze Baum in nackten Klötzen.
    Der Holzhauer denkt nicht daran, kann nicht daran denken, nur dass er sich,
wenn der »Meisterknecht« nicht zugegen, ein wenig auf den weissen Stock mit den
Jahresringen setzt und wieder ein Pfeifchen stopft, oder - wie das bei den
Waldleuten schon eine absonderliche Gewohnheit ist - sich gar einen Ballen Tabak
in den Mund steckt, um einen halben Tag an ihm zu kauen. Das Tabakkauen ist dem
Holzschläger ein eigener Genuss, es ist ihm, wie er sagt, das halbe Essen und
dreiviertel Arzenei.
    Die Baumstämme werden in diesen Gegenden zumeist zu Kohlen verwandelt und zu
diesem Zwecke zu Scheitern oder längeren Stücken, »Dreilingen« (drei
hackenstiellangen Strünken) zerkleinert. Die Kohlen werden entweder zu Wagen,
oder wo der Weg zu elend ist, auf den Rücken der Pferde oder Halbpferde
hinausbefördert zu den Hammerwerken der Vorgegenden. Nur die schönsten Stämme
werden als Bauholz verwendet. Die Buchen und Ahorne und andere Laubhölzer, wie
sie hier wachsen, werden am wenigsten benützt, nur dass sie ihr Laub für Streu
und Lagerstätten liefern; sonst bleiben sie sich selbst überlassen, bis sie
inwendig verfault, ausgehöhlt, nach und nach absterben und zusammenbrechen. Dann
entstehen schwammartige Auswüchse auf den vermodernden Strünken, und es kommt
der Pecher oder der Wurzner, schlägt die Auswüchse los, mörsert sie platt, beizt
sie ein und bereitet so den Feuerschwamm.
    Der Holzhauer weiss freilich nichts von der Schönheit der Wildnis. Dem
Holzhauer ist der Wald nichts anderes als dem Bauer das Feld, auf dem er erntet.
Aber er erntet für andere. Wie ist das ein langes Tagwerk von der Morgenfrühe
bis zur Abenddämmer, eine einzige Ruhestunde nur zu Mittag. Während der
Waldteufel sein eigener Herr, ist der Holzhauer der Herren Knecht. - Was die
Nahrung anbelangt, so ist der Holzschläger ein Geschöpf, das sich von Pflanzen
nährt; ausser er wäre ein tüchtiger Wilderer und liesse sich nicht erwischen. Doch
schwelgt er in der Einbildung und nennt seine Mehlnocken gerne nach den Tieren
des Waldes. So geniesst er zum Frühstück, zum Mittagsmahle, zum Abendbrot nichts
als Hirschen, Füchse, Spatzen, und wie er seine Mehlnudeln schon tauft. - Mich
hat ein junger Mann eines Freitags zu einem »Hirschen« eingeladen. Ei, denke
ich, der hält den Fasttag nicht, das ist sicher der Evangelischen einer, die von
den Bauernkriegen her in den Alpen zurückgeblieben sein sollen. Aber jene
»Hirschen« sind harmlose Mehlküchlein gewesen.
    Achtzehn Groschen Arbeitslohn des Tages, das ist schon eine gute Zeit;
mancher Wäldler hat sich davon ein Häuschen, Weib und Kind und eine Ziege
angeschafft. Das ist dann ein eigener Herd, da kommt zu dem Mehlgerichte noch
eine fette Ziegenmilchsuppe, und zu der Suppe ein Häuflein schreiender Rangen -
da geht's schon hoch her!
    Indes ist der Aufwand in der Waldhütte nicht übertrieben. Es wird zum Glücke
von braven Familienvätern nicht viel verlangt.
»Jo, won ma's holt hot,
Kon ma lebn noch sein Gschmock,
Für die Kinder a Brot
Und für mih an Tabok!«
heisst ein Lied des Waldhäuslers.
    Andere freilich, und wohl die meisten, ertränken ihr Erworbenes und ihre
anspruchslose Zufriedenheit im Branntwein. Solche Junggesellen wohnen zusammen
zu Dutzenden in einer einzigen Hütte, kochen ihr Mahl an einem gemeinsamen Herd,
der in der Mitte der Klause steht. An den Wänden ringsum sind die Strohlager
aufgestellt.
    In jeder Hütte haben sie einen »Goggen« und einen »Tomerl«; der Gogg ist
ein Holz- und Eisengestell auf dem Herde, welches die Kochpfannen über dem Feuer
hält - es sind deren oft ein Halbdutzend um die Flammen aufgerichtet. Der
Tomerl ist ein Mensch, der aber auch Hansl oder Lippl, oder wie er will, heissen
kann, aber gewöhnlich einen grossmächtigen Kopf, hohe Achseln und kurze Füsse hat,
der die Hände gerne bis zu den Knien hinabhängen lässt und allweg grinst und
lächelt, ohne dass er selbst weiss, warum. Er ist das Stubenmädchen, der
Küchenjunge, der Holz- und Wasserträger, allfällig der Ziegenhirt, die
Zielscheibe für ledige Spässe und - die Hausehre. Jede ordentliche
Holzknechtütte muss einen Tomerl haben.
    Ferner sind in der Holzknechtütte in irgendeinem Winkel, unter irgendeiner
Diele stets geladene Kugelstutzen verborgen.
    Der Werktagsanzug der Holzschläger hat keinen ausgeprägten Grundzug; er ist
zum Teile ein zerfasertes Lodengewebe, zum Teile ein mattfarbiges
Strickwollenzeug, zum Teile eine hornähnliche Lederrinde, alles mehr oder minder
mit Harz überklebt, ausgiebig den inneren Menschen verdeckend. Das Wahrzeichen
aber ist der hohe, gelblich grüne Hut mit dem Federbusche. Der Federbusch muss
wohl in Ordnung sein, daran hängt, weiss Gott, eine Wilderer- oder
Liebesgeschichte oder ein »saggerisch Raufen«.
    Aber wenn einmal die Kirchweih kommt! - Die Kirchweih muss es sein, denn
Sonntage gibt's hier nicht, fehlt ja doch des Sonntags Herz - die Kirche.
    Zur Kirchweih ziehen sie hinaus zu den ferneren Orten, und da sind sie
angetan, diese rauhen Waldmenschen, mit Frack und »Zylinder«; - 's ist kaum zu
glauben. Aber der Frack ist ja aus grobem Loden, mit grünem Tuche verbrämt;
ganze Bäumchen aus grünem Tuche geschnitten, prangen am Rücken über den Schössen
und an den Ärmeln, und grosse Messingknöpfe leuchten in die Ferne, und ein
mächtig hoher Stehkragen bildet die Feste um den Kopf, auf welchem nun der
ebenfalls aus groben Haaren, aber mit einem breiten grünen Bande und funkelnder
Messingschnalle, breitkrempige, oben weit ausgeschweifte Zylinder sitzt.
    Bis in die Alpenwildnis herein also die welsche Mode gedrungen!
    Zum grössten Teile sind es gutmütige Menschen; gereizt aber können
unglaublich wild werden. Da hebt ihr Blut an zu brausen, wie ein Sturmwind im
Forst, und der kleinste Funken leidenschaftlicher Erregung wird zu einem
Waldbrande. Die Augen dieser Waldmenschen, so tief sie stecken mögen hinter den
Brauen, sind klar und glühend. Deutlich ist die Guterzigkeit darin zu lesen und
der Jähzorn.
    Aber fromm sind sie, schier verdächtig fromm. Jeder hat sein
Weihwasserfläschel und sein Anhängsel an der Brust; jeder betet seinen
Rosenkranz, mit Einschliessung »aller armen Seelen im Fegfeuer, und zur Erlangung
von Geld und Gut, so nutzlos vergraben ist in der Erden«. Und jeder hat in
seinem Leben zum mindesten ein Gespenst gesehen.
    Wie ich diese Leute bis jetzt kennen gelernt habe, ist ihnen ein blutiger
Raufhandel etwas Gewöhnliches, schier Selbstverständliches, ein Totschlag nichts
so Seltenes. Hingegen Diebstähle kommen nicht vor.
    So sind sie in den Hochwäldern. Der Holzbauer wird geboren unter dem Baume,
sein Vater gibt ihm - möcht' ich schier sagen - fast eher den Axtstiel in die
Hand, als den Löffel, und anstatt nach dem Zulp greift der Kleine nach der
Tabakspfeife. Wer Tabak nicht zu kaufen vermag, der macht sich ihn aus
Buchenblättern.
    Just sonderliche Armut ist ihnen nicht angeboren. Die stille Freude kennen
sie kaum; sie fahnden nach gellender Lust. Selbst der Schmerz greift nicht recht
an. Wenn einer sich mit dem scharfen Beil in das Bein fährt, so sagt er, es tät
ein bisschen »kitzeln«. In wenigen Tagen ist alles wieder heil. Haut sich einer
unversehens einen Finger weg, so ist das zuwider, des - Tabakfeuerschlagens
wegen.
    Tannenharz und Pechöl, und ein alter Beinbrucharzt und Zahnbrecher sind in
dieser waldschattigen Welt die ganze medizinische Fakultät.
    Heimweh ist, wenn sie hinauskommen, ihr Seelenleid. Heimweh die Heimatlosen?
- Das Leid heisst Sehnsucht nach den Waldbergen, in welchen sie einmal den
Jahreslauf durchlebt.
 
                              Der schwarze Mates
Im Hinterwinkel steht die unheimliche Hütte. Ich bin vor kurzem in ihr gewesen
und hab' den Raufbold Mates, den Menschen mit der herben Schale gesehen. Es ist
ein kleines, hageres Männchen, liegt hingestreckt auf einem Mooslager und hat
Arm und Kopf in Fetzen gewunden. Er ist arg verletzt.
    Die Fenster der Klause sind mit Lappen verdeckt; der Mann kann das Licht
nicht vertragen. Sein Weib, jung und anmutig, aber abgehärmt zum Erbarmen, kniet
neben ihm und netzt ihm mit Holzapfelessig die Stirn. Sein Auge starrt sie fast
leblos an, aber sein Mund mit den weissen Zähnen ist, als wollte er lächeln. Der
Mann riecht stark nach Pechöl.
    Als ich eintrete, hocken ein blasser, schwarzlockiger Knabe und ein
helläugiges Mädchen zu seinen Füssen und diese Kinder spielen mit Moosflocken.
    »Das wird ein Gärtelein,« sagt das Mädchen »und da baue ich weisse Rosen an!«
    Der Knabe bildet aus Hölzlein ein Kreuz und ruft: »Vater, jetzt weiss ich es:
ich mache den Holdenschlager Freitof!«
    Die Mutter erschrickt und verweist den Kleinen das gellende Geschrei; der
Mates aber sagt: »Je, schreien magst sie schon lassen; den Freitof wird auch
noch einer brauchen. Aber, eines, Weib, lass dem Lazarus seinen Jähzorn nicht
gelten. Um des Herrgotts Willen, nur das nicht! Du schweigst? Du willst mein
Wort nicht halten? Meinst etwan, du verstündest es besser, als ich? du! ich sag'
dir's, Weib mach' mich nit wild!«
    Die Lappen reisst er von den Armen und will sich aufrichten. Das Weib sagt
ihm liebreiche Worte und schiebt ihn sanft zurück. Mehr noch aber schiebt die
Schwäche und er sinkt auf das Lager.
    Die Kinder sind aus der Hütte gewiesen worden, und auf dem sonnigen
Wiesenplane bin ich eine Weile bei ihnen gewesen und habe mich mit ihnen unter
Spielen und Märchenerzählen ergötzt.
    Ein paar Tage später komme ich wieder hinauf. Da geht es dem Kranken ein gut
Teil schlechter. Er kann sich nicht mehr aufrichten, wenn die Wut kommt.
    Was ihm denn eigentlich fehle?
    »So viel geschlagen ist er worden,« hat mir das betrübte Weib mitgeteilt.
    Ich bin anfangs durch die Kinder eingeführt worden und geniesse im Hause des
Mates einiges Vertrauen. Ich gehe öfters hinauf; ich will allzumal auch das
Elend im Walde kennen lernen.
    Einmal, als der Mates in einem ruhigen Schlummer liegt und ich neben dem
Lager sitze, atmet das Weib schwer auf, als trüge sie eine Last. Dann sagt sie
die Worte: »Ich getrau' mir's wohl zu sagen, auf der Welt gibt es keine bessere
Seel', als der Mates ist. Aber wenn ein Mensch einmal so gepeinigt worden von
den Leuten, und so niedergedrückt und so schwarz gemacht, wie er, so müsst' er
kein frisch' Tröpfel Blut im Leib haben, wollt' er nicht wild werden.«
    Und ein wenig später fährt sie fort: »Ich wüsst' zu reden, ich hab' ihn von
Kindeszeit auf gekannt.«
    »So redet,« habe ich entgegnet, »in mir habt ihr einen Menschen vor Euch.«
    »Lustig ist er gewesen, wie ein Vöglein in den Lüften; hell zuckt hat alles
an ihm vor lauter Freud' und Lebendigkeit. Und er hat's damalen noch gar nicht
gewusst, dass er zwei grossmächtige Meierhöf' erben sollt'; hätt's auch nicht
geachtet; am liebsten ist ihm die Erden Gottes gewesen, wie sie daliegt im
Sonnenschein. - Wartet nur, 's ist nicht allerweg' so fortgegangen.«
    Und nach einer weiteren Weile fährt das Weib fort: »In seinem zwanzigsten
Jahr herum mag's gewesen sein, da ist er einmal mit einer Kornfuhr in die
Kreisstadt gefahren. Das Fuhrwerk hat ein Überreiter (Gendarm zurückgebracht;
der Mates ist nicht mehr heimgekommen.
    »Oho! Heimgekommen schon!« unterbricht sie der Kranke, und will sich heben.
- »Es ist nichts Unrechtes, das du erzählst, Weib, aber wissen wirst es nicht
recht, bist ja nicht dabeigewesen, Adelheid, wie sie mich erwischt haben. Ich
erzähl's selber. Wie ich in der Stadt mein Geschäft fertig hab', geh' ich ins
Wirtshaus, dass ich mir ein wenig die Zunge netz'. Auf dem Kornmarkt, müsst' Ihr
denken, wird das Red'werk trocken, bis der letzte Sack vom Wagen geschwätzt ist.
- Wie ich in die Wirtsstuben tret', sitzen ihrer drei, vier Herren bei einem
Tisch, laden mich ein, dass ich mich zu ihnen setz' und mit ihnen Wein trink'. -
Freundlich sind die Herren gewesen, eingeschenkt haben sie mir.«
    Der Mann unterbricht sich, um Atem zu schöpfen; sein Weib bittet ihn, dass er
sich schone. Der Kranke hört es nicht und fährt fort: »Von den Welschen haben
sie erzählt, die in Ewigkeit keine Ruh' geben wollen, und von den Kriegszeiten
und dem lustigen Soldatenleben; und gleich darauf fragen sie wieder, wie das
Korn geraten, was der Scheffel koste. Ich bin lustig worden, hab' meine Freud'
gehabt, dass sich mit weltfremden Leuten so schön über allerhand plaudern lässt.
Da hebt einer das Glas: unser König soll leben! - Wir stossen an, dass schier die
Gläser springen; ich schrei dreimal lauter als die andern: der König soll
leben!« - Der Kranke bricht ab, es zittern ihm die Lippen. Nach einer Weile
murmelt er: »Mit diesem Ruf ist mein Unglück angegangen. - Wie ich wieder fort
will, springen sie auf, halten mich fest: oho, Bursch, du bist unser! - Unter
die Werber bin ich geraten. Fortgeführt haben sie den jungen, noch gar nicht
ausgewachsenen Menschen; - unter die Soldaten haben sie mich gesteckt und
verkauft bin ich gewesen.«
    Mit den knochigen Fingern zerballt der Mates eine Moosflocke.
    »Gräm' dich nicht, Weib,« stösst er hervor, »bin schon besser. Mit meinen
letzten Worten will ich das Gezücht' noch niederschlagen. Das kann ich wohl
sagen: auf weitem breiten Feld bin ich nicht so wild gewesen, wie dazumal. -
Heim hätt' ich mögen, heim hat's mich zogen mit schweren guldenen Ketten. Und
einmal, mitten in der stürmischen Winternacht bin ich fort und heimzu geflohen.
Im Rainhäusel hab' ich mich aufgehalten bei meiner alten Base. Und jetzt haben
mich meine eigenen Landsleute verraten. Auf einmal sind die Überreiter da, dass
sie mich fangen. Just, dass ich noch aus dem Häusel und in den Wald hinaufhusch'
und denk', wenn sie mich überlistet haben, so überlist' ich sie wieder. Zwei
grosse Fanghunde haben umhergeschnuppert, aber ich bin durch den Bach gelaufen
und in demselben eine gut Läng' hinan, dass die Äser meine Spur haben verloren.
Und die Überreiter im Häusel haben alles durchstöbert; ins Bettstroh und ins Heu
haben sie gestochen mit ihren Messern, die Höllteufel, und die ganze Hütte
hätten sie schier umgestürzt. Wie sie mich aber nicht haben gefunden, hat einer
sein Brennscheit meiner alten Base auf die Brust gesetzt: auf der Stell' sag',
wo er ist, oder ich schiess dich nieder wie einen Hund! - Ja, da ist er gewesen,
und wo er jetzt ist, das kann ich nicht sagen. - Vor die Tür hinaus haben sie
drauf das Weibel geschleppt, drei Gewehrläuf' sind auf ihre Brust gerichtet und
insgeheim haben sie ihr zugemunkelt: aber gleich schrei, so laut du kannst: geh
nur her, Hiesel, die Überreiter sind lang' schon wieder davon! Willst es nicht
tun, wirst morgen begraben. Von all dem hab' ich im selbigen Augenblick nichts
gewusst, wie ich so im Dickicht versteckt bin. Hab' aber lang gelauert und
gemeint, es wäre hell erlogen, dass sie mich fangen. Da hör' ich die Base rufen:
geh her, Hiesel, die Überreiter sind lang' schon davon! - Ich spring' auf und
der Hütte zu, da seh' ich das Weibel die Händ' über den Kopf zusammenschlagen,
da hör' ich schon das Lachen und ich steh' mitten drin unter den Überreitern.
Herrgotts Kreuz! da bin ich wohl nach meinem Taschenfeitel gefahren! Hat mir
aber einer den Kolben an den Arm geschlagen. - Und ein paar Tag darauf geht's
über mich los. - Die funfzig Rutenstreiche damalen haben den Teufel in mich
hineingeschlagen. - Mein zerfetzter Rücken ist mit Essig und Salz eingewürzt
worden, der Heilung wegen. Es hat Eil' gehabt. Der Welsche ist ins Land
gefahren, wie der bös' Feind. Da bin ich freilich auch in die Hitz' gekommen und
hab' drein gefeuert. Ein' einzige Pulverladung hab' ich noch gehabt, wie der
Feind ist zurückgeworfen; für dieselbig' Kugel hätt' ich noch wen andern gewusst;
bei uns herüben auf hohem Ross. Aber das nicht, das nicht! hab' ich mir gedacht,
Aug' in Aug' ist gescheiter. Und nachher bin ich wieder durchgegangen in die
Heimat.«
    »Und wenn Ihr Eure Heimat so geliebt, warum habt Ihr nicht für sie streiten
wollen?« unterbreche ich ihn, »warum seid Ihr davongegangen?«
    »Mag sein, dass es eine Schurkerei gewesen,« sagt der Mates, »mag sein. Oder
'leicht - mag's auch nicht sein.«
    »Mag das sein, wie es will,« ist meine Antwort, »ich kenne einen Mann, der
hat nicht nur nicht für sein Land gestritten, sondern gegen.«
    »Ich bin in meiner Heimat nicht verblieben,« fährt der Mates fort, »mein
Eigentum hab' ich im Stich gelassen und hab' mich, dass sie mich nimmermehr
finden, in diese hinterste Wildnis verkrochen. - Gehetzt, gehetzt, Herr Jesus!
Und dahier bin ich erst das wilde Tier worden. Mein Weib, du weisst es.«
    Ein stöhnender Aufschrei war es gewesen; aber die Worte sind wie im
Entschlummern gelallt. Er schweigt und schliesst die Augen. Wie ein letztes
Auflodern und ein Verlöschen.
    »Für einen Hascher haben ihn die Leut' gehalten, da er ist zurückgekommen,«
setzt das Weib fort, »Groschen und Pfennige haben sie zusammengeworfen in einen
Hut und ihn denselbigen Hut wollen schenken. Dafür hätt' der Mates bald ein
paar totgeschlagen; er will nichts geschenkt haben. Wie ihn darauf die Leut' zu
Dutzenden verfolgt, ist er auf einen Lärchenbaum geklettert, hat sich von einem
Wipfel auf den andern geschwungen wie eine Waldkatz; und da haben die Leut'
gesehen, dass er doch wer ist. Aber das Hieselein haben sie ihn spottweise
geheissen. - Nachher - ja freilich wohl - hat er sich ein Mädel ausgesucht -«
    »Das allerschönste im Wald!« unterbricht sie der Kranke wieder, »und ein
solcher Hoffartsteufel ist in ihm gewesen, dass er - der Halbkrüppel -
demselbigen Mädchen die Treu' nur versprochen, im Fall er kein schöneres mehr
sollt' finden. Heiliges Kreuz, was ist da nicht gerauft worden! Andere haben das
Mädel auch haben wollen. Dem Vornehmsten und Saubersten hab' ich die Adelheid an
der Nase vorbei heimgeführt, und eine Bravere hätt' ich nimmer finden mögen.«
    Wieder schweigt er und überlässt sich dem Halbschlummer.
    »Fürchterliche Schläg' hat er oftmalen bekommen,« sagt das Weib, »aber auf
den Füssen ist er geblieben, und da hat ihn einer herumschleudern mögen, wie der
Will'. Zu jedem Samstagabend hat er sein Messer geschärft für das
Erlholzschneiden; aber oftmalen hab' ich gebeten: lieber Mann, um Christi
willen, lass das Messerschärfen sein! - Allerweg hat's mir geschwant, einmal
werden sie ihn bringen auf der Tragbahr. - Und sonst, wenn er nüchtern gewesen,
da hat's gar keinen besseren, fleissigeren und hilfreicheren Menschen gegeben im
ganzen Waldland, als den Mates. Da hat er lustig sein und wie ein Kind lachen
können. Freilich ist ihm, weil er Soldatenflüchtling, sein Heimatsgut draussen im
Land verfallen gewesen; aber mit bluteigenen Händen hat er die Kinder ernährt,
und gar für andere Leut', die sich nichts mehr erwerben mögen, hat's noch
gelangt. Wegen seiner Redlichkeit und Verlässlichkeit haben sie ihn im Holzschlag
zum Meisterknecht gemacht. Und dennoch hat zum Sonntag der Wirt die Händ' über
den Kopf zusammengeschlagen, ist das Hieselein gekommen, das sie nun schon
allfort das schwarze Hieselein geheissen haben. Ist es auch voll Gemütlichkeit
zur Tür hereingegangen, so ist doch darauf zu schwören gewesen, dass es ohne
Raufen nicht abgeht. Er hat's nicht lassen mögen. Dasselb' ist aber wahr,
nüchtern geworden, hat er jedem alles wieder abgebeten. - Zuletzt aber, du meine
heilige Mutter Gottes, da ist das Abbitten nicht mehr angegangen. - Die
Holzschläger sind all' zusamm' gekommen, dass sie dem Raufer, gleichwohl er ihr
Meisterknecht, im Wirtshaus den Herrn einmal zeigen. Erstlich, wie sie sehen,
dass er Branntwein trinkt, ein Glas ums andere, haben sie angefangen, ihn zu
necken und zu höhnen, bis er wild wird und drein fährt. Sie sind all' über ihn
her. Und zur selbigen Stund' hat ihn der Schutzengel verlassen; eine Hand frei,
fährt er nach dem Messer, stösst es dem Köhler Bastian in die Brust. - Jetzt
haben sie den Mates geschlagen, dass er liegen geblieben auf der Erden. Zwei
Wurzner haben ihn heimgetragen.«
    Drauf spricht er: »Das aber sag' ich, dass ich so nicht versterben mag.
Aufsteh' ich und geh' zum Gericht, und klag' andere an, dass ich den Bastian hab'
erstochen. Von den hinterlistigen Werbern an, die mich aus meinem Jugendfrieden
in die blutige Welt geliefert haben, wo ich geschändet worden - - bis auf den
Köhler Bastian, der mir mit Hohn und Spott selber noch das Messer aus der
Scheiden hat gelockt - - alle ruf' ich vor den Richterstuhl, alle müssen dabei
sein, wenn mir der Henker den Hals bricht.«
    Das Weib kreischt auf; der Mann sinkt röchelnd auf das Moos zurück.
    Da hüpfen und jauchzen die Kinder zur Tür herein. Sie zerren ein weisses
Kaninchen bei den Ohren mit sich, lassen es in der Stube frei und der Knabe
verfolgt es. Das bedrängte Tier hüpft zum Mooslager und dem Kranken über die
Beine. Im Winkel bleibt es sitzen und schnuppert und sieht mit seinen grossen
Augen angstvoll hervor. Der Knabe schleicht ihm bei und erwischt es bei den
Beinen. Da winselt es und beisst den Verfolger in den Finger. - »Wart du! wart
du, Rabenvieh!« wütet der Knabe und wird glührot im Gesicht, und seine Finger
graben sich krampfig in den Hals des Tieres - und ehe noch Mutter und Schwester
dazwischen kommen - ist das Kaninchen tot.
    Der Mates schlägt sich die Hände in das Gesicht und ruft: »Jetzt lebt der
Zornteufel auch in meinen Kindern fort, das muss ich noch erfahren!«
    Wenige Minuten hernach bricht der Mann in Tobsucht aus. Noch an demselben
Abend ist er gestorben.
    Den schwarzen Mates haben sie im Wald eingescharrt. Das Weib hat unsäglich
geweint auf dem Hügel, und als sie endlich von dannen geführt ist worden, da ist
der Einspanig gekommen und hat auf das Grab ein Tannenbäumlein gepflanzt.
                                                 Am Tage der Geburt Mariens 1814
    Und so bin ich in den Winkelwäldern herumgegangen. Ich bin im Hinterwinkel
gewesen und in den Miesenbachschluchten, und in den Karwäldern und in den
Lautergräben und in der Wolfsgrube und im Felsentale und auf den Triften der
Almen, und drüben in der Senke, wo der schöne See liegt. Ich habe diese
wundersame Alpengegend kennen gelernt und zum grossen Teile auch die Menschen,
die in ihr wohnen. Ich habe mich bei den Alten eingeführt und mit den Jungen
bekannt gemacht. Es kostet Mühe und es gibt Missverständnisse. Die besten dieser
Leute sind nicht so gut und die schlechtesten nicht so schlecht, als ich mir
vorzeiten gedacht habe. Ein paar Ausnahmen aber - deucht mir schier - gibt es
doch.
    Ich muss sogar ein wenig unredlich sein; sie dürfen es nicht wissen, weshalb
ich da bin. Viele halten mich für einen Flüchtling und sind mir deshalb gewogen.
Ein Mensch, den diese Wäldler gern haben mögen, muss von der Welt verachtet und
verbannt sein, muss schier so wild und Glück- und sorglos sein, wie sie selbst.
Ich habe mich denn auch um eine Arbeit umsehen müssen. Ich flechte Körbe aus
Rispenstroh und Weiden, ich sammle und bereite Zunder, ich schnitze aus
Buchenholz Spielsachen für Kinder. Ich habe mich schon so sehr in dem Zutrauen
der Leute befestigt, dass sie mich das Schärfen der Arbeitswerkzeuge lehren, so
dass ich den Holzschlägern die Beile und Sägen scharf zu machen verstehe. Das
bringt mir manchen Groschen ein und ich nehme ihn an - muss ja angewiesen sein
auf meiner Hände Arbeit, wie alle hier. In meiner Stube sieht es bunt aus. Und
da sitze ich, wenn draussen schlecht Wetter oder der lange Herbstabend ist,
zwischen den Weidenbüscheln und Holzstücken und den verschiedenen Werkzeugen,
und schaffe. Selten bin ich allein dabei; es plaudert mir meine Hauswirtin vor,
oder es sitzt ein Pecher oder Wurzner, oder Kohlenbrenner neben mir und
schmaucht sein Pfeifchen und sieht mir schmunzelnd zu, wie ich das alles anfange
und zu Ende bringe, und greift letztlich wohl gar selber an. Oder es sind Kinder
um mich, denen ich Märchen erzähle, oder die mit den Schnittspänen spielen, bis
auch das Spielzeug in meiner Hand fertig ist. An Sonntagen sitzt gar der Förster
stundenlang bei mir und hört meine Erfahrungen und Pläne wegen der
Winkelwaldleute. Wir besprechen allerlei, und zuweilen schreibe ich einen langen
Brief an den Herrn des Waldes.
    Die Holzschläger, die früher drüben in den Lautergräben gerodet haben,
ziehen sich immer mehr gegen das Winkel herüber, und schon einige Male hab' ich
durch den stillen Wald das Donnern eines fallenden Baumes vernommen. Von der
Lauterkuppe schaut seit einigen Tagen eine blassrote Tafel herab, die sich von
Tag zu Tag ausdehnt und in der Morgensonne fremd zwischen dem dunkeln Grüne des
Waldes niederleuchtet.
    In den Schluchten der Winkel gegen die Strasse hinaus arbeiten Steinbrecher
und Teichgräber; es wird ein Fahrweg angelegt, dass die Kohlen und Holzstämme
besser hinausbefördert werden können.
    Ich gehe gern zu den Arbeitern herum und sehe ihnen zu, und spreche mit
ihnen, auf dass ich mir in den Dingen einige Erfahrungen sammle.
    Zuweilen aber sind die Leute doch ein wenig misstrauisch gegen mich und
begegnen mir mit ihren Vorurteilen. Ich trage gern ein Büchel von Wolfgang
Goete mit mir herum, und wo so ein schönes lauschiges Plätzel ist, da setze ich
mich auf einen Rasen oder auf einen Stein und lese in dem Buche. dabei bin ich
schon mehrmalen aus dem Hinterhalte beobachtet worden. Und da schleicht im Walde
das Gerücht herum, ich sei ein Zauberer und hätte ein Büchlein mit lauter
Zaubersprüchen.
    Ich habe nachgedacht, ob mir dieser seltsame Nimbus für meine Pläne anfangs
nicht einigen Vorteil brächte. Gewiss sind die Eltern leicht zu bewegen, ihre
Kinder von mir das Lesen lernen zu lassen, wenn ich ihnen sage: versteht einer
nur erst die Zaubersprüche in dem Büchlein, so kann er teufelbeschwören,
schatzgraben, wettermachen, oder je nach Bedarf die Wettermacher unschädlich
halten nach Belieben. Ich denke, dass selbst Erwachsene und gar Grauköpfe ihre
Arbeitswerkzeuge fallen lassen und zu mir in die Schule gehen würden. - Von mir
aber wäre es schändlich und ich täte dadurch nur das Verkehrte erreichen von
dem, was ich will. Nicht, dass die Leute lesen und schreiben lernen ist die
Hauptsache, sondern, dass sie von den schädlichen Vorurteilen befreit werden und
ein reines Herz haben. Freilich könnte ich ihnen später Bücher der Sittenlehre
unterschieben und sagen: da drin stehen die echten Zaubersprüche, aber die
Getäuschten hätten kein Vertrauen mehr zu mir, und das Übel wäre grösser, anstatt
kleiner.
    Nicht auf Umwegen wollen wir schleichen; eine gerade Strasse hauen wir durch
das Urgestämme.
    Ich habe aus dem Buche den Leuten einige Male Lieder vorgelesen; den Mädchen
das »Heideröslein« und den Burschen das »Christel« gelehrt. Gleich haben sie -
ich weiss gar nicht, woher - eine Weise dazu, und jetzt werden die Lieder im
Walde schon gesungen.
    Und so ist nun der Herbst gekommen. Der Himmel ist, wenn die Morgennebel in
den Tälern sich lösen, hell und rein und alle Wolken sind aufgesogen. Die
Nadelwälder sind dunkelbraun, die Laubhölzer sind gelb oder rot, und auf der
Talwiese grünt es frisch, oder es liegt auf derselben das Silber des Reifes. In
diesen Wäldern ist der Herbst buntfarbiger und fast lieblicher, als der Lenz.
Der Frühling ist ein übermütiges Glitzern und Schillern, Singen und Jauchzen
allerwege; der Nachsommer hingegen ist, wie ein stiller, feierlicher Sonntag. Da
horcht und gehorcht nichts mehr der Erde; da lauscht alles ahnungsvoll dem
Himmel und der Atem Gottes säuselt stimmungsvolle Lieder durch die goldenen
Saiten der milden Sonne.
    Der Himmel ist ja so redlich geworden, er hält tagsüber mehr, als er des
Morgens mit seinen nebeltrüben Augen verspricht. Man schaut in sein blaues,
stilles Aug' ....
    Dort sitzt an einem Waldfeuer der Hirtenknabe. Er tut runde Dingelchen aus
dem Sack und schiebt sie in die Glut.
    »Sage mir, Junge, woher hast du die Erdäpfel?«
    Er wird rot und sagt: »Die Erdäpfel, die - die hab' ich gefunden.«
    »Gesegne dir sie Gott, aber ein andermal finde sie nicht mehr, sondern gehe
die Winkelhüterin an, wenn du Hunger hast; sie schenkt sie dir.« - Geschenkte
schmecken nicht, gefundene tun's besser, ist auch das Salz schon dabei, gelt?
    Dort steht ein Strauch, der hat sich gestern abends mit einem Kettlein von
Tauperlen geschmückt; heute ist der Tau erstarrt und brennt der Pflanze schier
das Herze ab.
    Ich habe an einem solchen Nachsommertage einmal eine sehr alte Frau im Walde
sitzen gesehen. Diese Frau hat einst ein Kind gehabt. Das ist in die neue Welt
gegangen, ins heisse Brasilien, um das Gold zu suchen. Der herbstliche
Gesichtskreis ist so grenzenlos klar, dass die Mutter in die ferne Vergangenheit
vermag zu schauen, wo der Liebe Knabe steht. Sie schaut ihn an, sie lächelt ihm
zu, sie schlummert ein. Am andern Morgen sitzt sie noch auf dem Stein und hat
einen weissen Mantel um. Der Schnee ist da, der Nachsommer ist vorbei. Und über
das Wasser schifft ein Blatt Papier, das zieht gegen die heissen Zonen
Südamerikas. Einem sonnenverbrannten Mann gibt es Nachricht vom fernen Daheim:
Mutter im Walde gestorben. - Ein kleines Tränlein windet sich mühsam zwischen
den Wimpern hervor, die Sonne saugt es rasch auf und nach wie vor heisst die
Losung: Gold! Gold!
    Käme noch ein einziger Brief zurück ins alte Mutterland, er müsste erzählen:
der Sohn im Golde erdrückt. -
    Was träume ich hier? Es ist der Weltlauf, der mich nichts angeht. Ich will
Frieden haben mitten im stillen Herbsten dieses Waldes.
    Dort oben in der Buchenkrone löset sich ein müdes Blättchen los, sinkt von
Ast zu Ast und tänzelt an unendlich zarten schillernden Spinnfäden vorüber und
hernieder zu mir auf den kühlen Grund. - Die Menschen in der Ferne, mit denen
ich vormaleinst gelebt, was werden sie treiben? Das ausserordentliche Mädchen
blüht immer - immer - auch im Herbst; - im Sachsenland werden die dürren Blätter
wehen über Gräbern ....
    Einsamkeit kann einsam Leid nicht bannen. - - Ich muss mich nach Dingen
umsehen, die mich zerstreuen und erheben und die mich nicht einseitig werden
lassen in meiner Umgebung.
    Ich habe begonnen, Pflanzenkunde zu treiben; ich habe mit meinen Augen aus
Büchern herausgelesen, wie die Eriken leben und die Heiderosen und andere; und
ich habe mit meinen Augen dieselben Pflanzen betrachtet, stunden- und
stundenlang. Und ich habe keine Beziehung gefunden zwischen dem toten Blatt im
Buche und dem lebendigen im Walde. Da sagt das Buch von der Genziane, diese
Pflanze gehöre in die fünfte Klasse, unter dieser in die erste Ordnung, komme in
den Alpen vor, sei blaublütig, diene zur Medizin. Es spricht von einer Anzahl
Staubgefässen, von Stempel und Fruchtknoten usw. Und das ist der armen Genziane
Tauf- und Familienschein. O, wenn so eine Pflanze ihre eigene, mit eitel Ziffern
gezeichnete Beschreibung selbst lesen könnte, sie müsste auf der Stelle
erfrieren! Das ist ja frostiger, wie der Reif des Herbstes.
    Das wissen die Waldleute besser. Die Blume lebt und liebt und redet eine
wunderbare Sprache. Was wissen die nicht von der Schlüsselblume, vom
Frauenschühlein, vom Muttergotteshäuberl, vom Schneeglöckel, vom Vergissmeinnicht
für schöne Geschichten! So gaukeln die kleinen Blumenseelen im Gemüte des
Älplers umher. - Aber ahnungsvoll zittert die Genziane, naht ihr ein Mensch; und
mehr bangt sie vor dessen leidenschaftglühendem Hauche, als vor dem todeskalten
Kusse des ersten Schnees.
    So bin ich der nicht Verstehende und Unverstandene. Sinnlos und planlos
wirble ich in dem ungeheuren lebendigen Rade der Schöpfung.
    Verstünde ich mich nur erst selbst. Kaum nach dem Fieber der Welt zur Ruhe
gekommen und mich des Waldfriedens freuend, drängt es schon wieder, einen Blick
in die Ferne zu tun, so weit des Menschen Auge kann reichen. - Dort auf der
blauen Waldesschneide möcht' ich stehen und weit hinaus ins Land zu anderen
Menschen sehen. Sie sind nicht besser wie die Wäldler und wissen auch kaum mehr;
jedoch sie sterben und ahnen und suchen dich, o Herr! ....
 
                             Auf der Himmelsreiter
Eines schönen Herbstmorgens habe ich mich aufgemacht, dass ich den hohen Berg
besteige, dessen höchste Spitze der graue Zahn genannt ist. - Bei uns im Winkel
herunten ist doch allzu viel Schatten, und da oben steht man im Lichtrunde der
weiten Welt. Es ist kein Weg, man muss gerade aus, durch Gestrüppe und Gesträuche
und Gerölle und Zirmgefilze.
    Nach Stunden bin ich zu der Miesenbachhütte gekommen. Das junge heitere Paar
ist schon davon. Die lebendige Sommerszeit ist vorbei; die Hütte steht in
herbstlicher Verlassenheit. Die Fenster, aus der sonst die Aga nach dem Burschen
geguckt, sind mit Balken verlehnt; der Brunnen davon ist verwahrlost und sickert
nur mehr, und das Eiszäpfchen am Ende der Rinne wächst der Erde zu. Die Glocke
einer Herbstzeitlose wiegt daneben, die läutet der versterbenden Quelle zu ihren
letzten Zügen.
    Das Gartenbeet, das die Sennin im Sommer so sorgsam gepflegt hat, auf
welchem lieblich die hellen Blüten haben geflammt, wuchert jetzt wild,
halbverdorrt, zernichtet. O, wie sehnsuchtsvoll wartet im jungen Frühling unser
Auge auf die ersten Blumen des Gartens! Mit all unseren Mitteln stehen wir dem
Beete bei in seinem Keimen; wie schützen wir es in seinem Grünen und Blüten, und
mit welch' stolzer Freude bewundern wir sein hochzeitliches Prangen! - Nun aber
beginnt unsere Liebe für den Garten mählich zu erkühlen, wir reichen ihm nicht
mehr unsere Hände. Allein prangt er weiter und wird eine wuchernde Wildnis von
unsäglicher Schönheit. Aber umsonst - des Menschen Gemüt ist satt geworden und
der Garten wuchert und verwuchert und verblasst - unverstanden und unbeklagt.
    In meinem Gärtlein wachsen brennende Nesseln und Hummeln summen darin. Ich
sollt' wohl irgendwen haben, der es bestellt! .... Geht hinweg, ihr bösen
Geschichten! Ein Narr könnt' einer werden, wollt' man dran denken ....
    Ich habe mich auf den Kopf des Wassertroges gesetzt und mein Frühstück
verzehrt. Das ist ein Stück Brotes aus Roggen- und Hafermehl gewesen, wie es
hier allerwärts genossen wird. Das ist ein Essen, wie es - buchstäblich - den
Gaumen kitzelt, recht grobkörnig und voll Kleiensplitter. Draussen im Land, wo
Weizen wächst, tät' so ein Backwerk nicht schmecken; hier ist es ganz der
Gegenstand der Bitte: gib uns heut' unser täglich Brot! - Gibt aber auch Zeiten
in dieser Gegend, in welcher der Herrgott selbst mit dem Haferbrote kargt; da
kommt gedörrtes Stroh und Moos unter den Mühlstein. - Mir gesegne Gott das Stück
Brot und den Schluck Wasser dazu! Mit dieser Zubereitung ihr Herrenköche,
schmeckt alles gut.
    Nachher heb' ich an, weiter zu steigen. Zuerst bin ich über das Kar
hingegangen, aus dessen Mulden überall verwaschene Steine hervorquellen.
Dazwischen stehen falbe Federgrasschöpfe und Flechtengefilze. Einige zarte,
schneeweisse Blümlein wiegen sich auch und blicken ängstlich um sich, als hätten
sie sich gar sehr verirrt in die Felsenöde herauf und möchten gerne wieder
zurück. Von dem einst so schönen roten Meere der Alpenrosen stehen die spiessigen
Struppen des Strauches. Ich steige weiter, umgehe einige Felswände und die Kuppe
des Kleinzahn, dann schreite ich einer Kante entlang, die sich gegen den
Hauptgebirgsstock hinzieht. Da habe ich die augenblendenden Felder der Gletscher
vor mir, glatt, leuchtend wie Elfenbein, sich hinlegend in weiten, sanften
Lehnen und Mulden oder in schründigen, vielgestaltigen Eishängen von Höhe zu
Höhe. Dazwischen ragen starre Felstürme auf, und dort in luftiger Ferne über die
lichten Gletscher erhebt sich ein dunkelgrauer, scharfzackiger Kegel, weit
emporragend über die höchsten Gipfel des Gebirges. Das ist mein Ziel, der graue
Zahn.
    Ein scharfkalter Luftstrom hat gerieselt von den Gletschern her und das
ganze unmessbare Himmelsrund ist fast finsterblau gewesen, dass ich über den
grauen Zahn herüber jenen Stern hab' erblickt, den wir zur ersten Morgen- oder
Nachtstunde so wundersam leuchten sehen und den sie die Venus heissen. Es ist
aber doch die Sonne gestanden hoch in dem Gezelt. Die fernen Schneeberge und
Felshäupter sind so klar und niedlich gewesen, dass ich schier vermeint, sie
lägen wenige Büchsenschussweiten vor mir und wären aus gleissendem Zucker geformt.
    Gegen Morgen hin fällt die Gegend ab in den welligen Grund des Waldes. Und
die sonst so hochragenden Almweiden liegen tief wie in einem Abgrunde, und dort
und da liegt das graue Würfelchen einer Almhütte. Von der Mitternachtsseite
heran gähnen die schauerlichen Tiefen des Gesenkes, in deren Schatten das
glanzlose Auge des Sees starrt.
    Nun bin ich ein paar Stunden den beschwerlichen und gefährlichen Weg der
Kante entlang gegangen bis zu den Gletschern. Hier habe ich meine Steigeisen an
die Füsse gebunden, das Ränzlein enger geschnallt und den Bergstock fester in die
Hand genommen. Der Bergstock ist ein Erbstück von dem schwarzen Mates. Es ist
in diesem Stock eine Unzahl kleiner Einschnitte, die aber nicht andeuten, wie
oft etwan sein früherer Eigner den Zahn oder einen anderen Berg bestiegen,
sondern wie viele Leute er im Raufen mit diesem Knittel zu Boden geschlagen hat.
Ein unheimlicher Geselle! - und mir hat er emporhelfen müssen über die weite,
glatte Schneelehne, hinweg über die wilden Eisschründe und letztlich hinan den
letzten steilen Hang auf die Spitze des Zahn. Hat's getreulich getan. Und wie
gerne hätte ich von diesem hohen Berge aus dem nachgerufen in die Ewigkeit:
Freund, das ist ein guter Stock, wärst hoch mit ihm gekommen, hättest ihn
verstanden! -
    Stehe ich jetzt oben? Geht's nicht mehr weiter?
    Wenn ich so ein Wesen tät' sein, das sich an den Sonnenfäden könnt'
emporspinnen in das Reich Gottes ....
    Unter einem Steinvorsprung auf verwitterten Boden hab' ich mich hingesetzt,
hab' die Dinge betrachtet. Hart um mich sind die feinen zerbröckelten Zacken der
senkrecht liegenden Schiefertafeln gewesen. Über mir wogt vielleicht ein
scharfer Luftstrom hin; ich höre und fühle ihn nicht; mich schützt der
Felsvorsprung, die höchste Spitze des Zahn. Auf meine Glieder legt sich die
freundliche Wärme des Sonnensternes. Die Ruhe und die Himmelsnähe tut wohl. Ich
sinne, wie das wäre in der ewigen Ruh .... Und selig sein! - ewig zufrieden und
schmerzlos leben; nichts wünschen, nichts verlangen, nichts fürchten und hoffen
durch alle Zeiten hin ... Ob das nicht doch ein wenig langweilig wird? Ob ich
mir nicht etwan doch einmal Urlaub nehmen möcht', dass ich hier unten wieder
könnt' die Welt anschauen. Mein Gutsein dahier geht leichtlich in eine Nussschale
hinein. Aber ich meine, wenn ich einmal oben wär': herunten wollt' ich wieder
sein. 's ist ein Eigenes um irdisch Freud' und Schmerz!
    Nur eines wollt' ich mir bedenken; ginge ich auf Urlaub zurück. Ein gutes
Engelein müsste mir seine Flügel mitleihen; wie wollt' ich fliegen über die
weissen Höhen und sonnigen Gipfel und Kanten, bis in die Ferne dort, wo die Säge
der Gebirgskette den lichten Himmel durchschneidet; und auf jenem letzten weissen
Zähnchen wollt' ich ruhen und hinblicken in die Weiten des Flachlandes und zu
den Türmen der Stadt. Vielleicht könnte ich den Giebel des Hauses erblicken,
oder gar das Gefunkel des Fensters, an dem sie steht ....
    Und tät ich das Gefunkel desselbigen Fensters erblicken, dann wollt' ich
gern umkehren und zurück in den Himmel.
    Ob es wohl wahr ist, dass man von dieser Spitze aus das Meer kann sehen? -
Meine Augen sind nicht klar, und dort in Mittag zittert das Graue der Erde mit
dem Grauen des Himmels ineinander. - Den festen Boden kenne ich; was Moder ist,
nennen sie fruchtbare Erde. Könntest du, mein Augenblick, nur ein einzigmal das
weite Meer erreichen! - -
    Als endlich die Sonne sich so hat gewendet, dass der blaue Schatten ist
erschienen auf meiner steinigen Ruhestatt, da habe ich mich erhoben und bin
emporgestiegen auf den allerhöchsten Punkt. Ich habe den Rundblick getan in die
ungeheuere Zackenkrone der Alpen.
    Und danach bin ich niedergestiegen an den Felshängen, den
Gletscherschründen, den Schneefeldern; bin hingegangen auf dem langen Grat, bin
endlich wieder herabgekommen auf die weichen Matten. Da sind vor mir wieder die
Waldberge gewesen; aus den Tälern ist die Dämmerung gestiegen. Diese hat mir
fast wohlgetan; vor meinem überreizten Auge hat es noch lange geflimmert und
gefunkelt. Eine Weile habe ich die Hand davorgehalten. Und als ich meinen Blick
wieder vermocht zu heben, da hat auf den Höhen das Gold der untergehenden Sonne
geleuchtet.
    Wie ich zu der Miesenbachhütte komme, vor der ich des Morgens eine Weile
gesessen bin, veranstaltet der schalkhafte Zufall eine Begebenheit.
    Ich denke, da ich so vorübergehen will, just darüber nach, wie freundlich
und heimatlich ein bewohntes Menschenhaus dem Wanderer entgegengrüsst, hingegen
aber, wie so eine leere verlassene Stätte gespensterhaft dasteht, schier wie ein
hochragender Sarg. Da höre ich von der Hütte her plötzlich ein Gestöhne.
    Meine Füsse, sonst recht müde schon, sind auf einmal federleicht geworden,
haben davonlaufen wollen, aber der Kopf hat sie nicht fortgelassen, und die
Ohren haben angestrengt gelauscht, und die Augen haben gelugt. Unter einem
Winkel des Dachvorsprunges ist ein Pfauchen und Schnaufen, und da sehe ich gar
was recht Sonderbares. Aus der braunen Holzwand ist ein Menschenhaupt mit Brust,
zwei Achseln und einer Hand herausgewachsen, und allsamt ist es lebendig und
zappelt, und von innen höre ich, wie die Füsse poltern.
    Aha, denke ich, ein Dieb, der sich da drin vielleicht die Taschen ein wenig
zu voll angestopft hat und beim Herauskriechen unselig stecken geblieben ist. -
Es ist ein junger Kopf mit krausem Haar, aufgestrichenem Schnurrbärtl, weissem
Hemdkragen und rotseidenem Halstuche, wie man das sonst Wäldern selten findet.
    Wie er mich gewahr wird, schreit er hell: »Du heiliges Kreuz, aber das ist
ein Glück, dass da einer kommt. Erweiset mir die Guttat und helfet mir ein wenig
nach, es braucht ja nur ein klein Ruckel. Das ist schon ein verflixt Fenster
das!«
    »Ja, Freund,« sage ich »da muss ich dich früher wohl ein wenig ausfragen.
Wissen tät ich's, wer dich am leichtesten könnt' herauskriegen; der
Gevattersmann mit der roten Pfaid, der tät' dir schön sachte das Stricklein an
den Hals legen, ein wenig anziehen - gleich wärst in der freien Luft.«
    »Dummheiten,« entgegnet er, »als ob der ehrlich Christenmensch nicht kunnt
stecken bleiben, ist das Loch zu eng. Ich bin der Holzmeistersohn von den
Lautergräben und geh' heut über die Alm in den Winkelegger Wald hinab. Wie ich
da an der Hütten vorbeigeh', seh' ich die Tür angelweit offen, dass sie der Wind
allfort hin- und herschlägt. 's ist nichts drin, denk' ich bei mir selber, gar
nichts drin, was der Müh' wert wäre, dass sie's forttrügen, aber eine offene Tür
in einem stockleeren Haus mag eins nicht leiden; über den ganzen Winter hindurch
der Schnee hereinfliegen, das ist keine gute Sach'. Die Sennin muss es eilig
gehabt haben, wie sie ab ins Tal getrieben hat - das ist schon die Rechte, die
alles offen lässt. - Nu, ich geh' darauf hinein, mach' die Tür zu und weil gar
kein Schloss ist, rammle ich von innen ein paar Holzstücke vor, steig' nachher
auf die Bank, will durchs Rauchfenster hinaus und verklemm mich da, dass schon
des Teufels ist.
    Ich hab' dem Burschen aber noch nicht getraut und guck' ihm eine Weile zu,
wie er zappelt.
    »Und stecken bleiben, meinst, wolltest nicht da unter dem Dach, bis morgen
ein paar Leut' kommen und dich kennen täten?«
    Da knirscht er mit seinen Zähnen und macht die heftigsten Anstrengungen, aus
seiner bösen Lage zu entkommen.
    »Muss morgen in aller Früh zu Holdenschlag sein,« murmelt er.
    »Was willst denn zu Holdenschlag?« sage ich.
    »Nu, mein Gott, weil eine Hochzeit ist!« brummt er unwirsch.
    »Und musst 'leicht wohl dabei sein?«
    Er will nicht mehr antworten. »Jessas und Anna, weil ich dazu gehör'!« stösst
er endlich heraus.
    »Nachher freilich, nachher müssen wir schon trachten, dass wir dich
loskriegen,« sage ich, klettere an der Wand ein wenig empor und heb' an dem
Burschen zu zerren an, bis wir die zweite Hand heraus haben; dann geht's schon
leichter. Nicht lange darauf, so steht er am Boden, sucht seinen davongerollten
Spitzhut auf, schlingt sich die steif gewordenen Arme und Beine ein, blickt mit
hochrotem Gesicht nochmals empor zu dem Rauchfensterlein und ruft: »Du
Höllsaggra, da hat's mich derwischt gehabt!«
    Dann sind wir in der Dämmerung zusammen hinabgestiegen gegen den Winkelegger
Wald. Der Bursche hat nicht recht mit mir reden wollen. Ich habe versucht, meine
Bosheit gut zu machen, habe ihm versichert, dass ich's ja gleich erkannt, er sei
kein Dieb.
    »Und morgen wirst also zu Holdenschlag bei der Hochzeit sein? Bist zuletzt
gar der Brautführer, he?«
    »Der Brautführer, nein, derselb' bin ich nicht.«
    »'leicht hätten sie's zu Holdenschlag auch allein gemacht, wärst da oben
stecken geblieben.«
    Er zieht den Hut über die Augen und blickt auf die Baumwurzeln, über die wir
nun hinabsteigen.
    »Allein,« meint er endlich, »nein, dasselb' glaub' ich nicht. Wisset, die
Sach' geht halt so zu, allein machen sie es schon deswegen nicht, weil - weil's
völlig so ausschaut, wie wenn ich der Bräutigam wär'.«
    Dieses Wort gehört, bin ich stillgestanden, hab' den Burschen eine Weile
angestarrt und gedacht, wie das böse wäre, wenn unten die Braut und die ganze
Hochzeit harren und harren täten und der Bräutigam steckt oben im Rauchfenster
der Sennhütte. Der junge Mann hat mich hierauf höflich zu seinem Ehrentag
eingeladen. Er hat mich geführt; wir sind hinabgestiegen durch den finsteren
Wald bis zum engen Tal des Winkelegg.
    Ein Berg von ausgeschälten Holzblöcken liegt da; das ist der Winkelegger
Wald, der auf einer langen Riese Stamm an Stamm herangerutscht gekommen ist.
Neben dem Holzhaufen stehen die drei schwarzen, grossmächtigen Betten der Meiler,
über denen langsam und still milchweisser Rauch emporqualmt zu den Kronen der
Schirmtannen.
    Der Holzmeistersohn von den Lautergräben hat mich genötigt, mit ihm in die
Klause zu treten, die unter den Schirmtannen steht.
    In der Klause sind drei Menschen, zwei Hühner, eine Katze und die
Herdflamme. Sonst habe ich kein lebendiges Wesen gesehen.
    Ein junges Weib steht am Herd und legt Lärchengeäste kreuzweise über das
Feuer. Mein Begleiter sagt mir, dieses junge Weib sei seine Braut.
    Hinter dem breiten Kachelofen, der schier bis zur russigen Decke der Stube
emporgeht, und der mich, den fremden Eindringling, mit sehr grossen, grünen Augen
anglotzt, sitzt ein Mütterlein und zieht mit unsicheren Fingern die Buntriemen
durch ein neues Paar Schuhe, wobei es sich allfort die Augen wischt, die schon
recht abgestanden sein mögen, wie ein altes Fensterglas, das viele Jahre lang im
Rauche der Köhlerhütte gestanden. Mein Begleiter sagt mir, dieses Weib sei die
Mutter seiner Braut, welche von den Leuten allerwege die Russkatel geheissen
wird.
    Weiter hin, im dunkelsten Winkel, sehe ich eine derbe, männliche Gestalt mit
entblösstem Oberkörper, die sich aus einem breiten Holzbecken mit solcher Gewalt
wäscht und abreibt, dass sie schnauft wie ein Lasttier.
    »Das ist meiner Braut der Bruder,« erklärt mir mein Begleiter, »er ist der
Köhler dahier und sie heissen ihn den Russ-Bartelmei.«
    Dann tritt der Holzmeistersohn zu seiner Braut und sagt ihr, dass er da sei
und dass er an mir jenen Menschen mitgebracht habe, der allweg in den Wäldern
herumgehe und die hohe Gelehrsamkeit habe und der ihnen zum Hochzeitstag die
Ehre erweisen werde.
    Das junge Weib wendet sich wenig gegen mich und sagt: »Schauet, dass Ihr wo
niedersitzen mögt, 's geht halt so viel zerrissen zu, bei uns; wir haben nicht
einmal einen ordentlichen Sitzstuhl.«
    Hierauf spricht der junge Mann eine Weile leise mit seiner Braut. Ich halte,
er hat ihr die Geschichte von der Sennhütte erzählt, weil sie auf einmal
ausgerufen: »Aber na, du bist doch ein rechter Närrisch! Musst denn überall
hineingucken, oder bist es von eher so gewohnt worden, da oben bei der
Sennhütten?«
    Der Bursche wendet sich zu seiner Schwiegermutter: »Gebt her die Schuh', Ihr
lasst ja doch die Löcher zur Hälfte aus; für so feine Arbeit mögt Ihr nimmer
lugen.«
    »Ja, du Paul, dasselb' ist wohl wahr auch,« keifelt die Alte gemütlich aus
ihrem zahnlosen Munde, »aber hörst, Paul, mein Ahndl hat meiner Mutter die
Brautschuh eingeriemt, meine Mutter hat's mir getan; und ich, für was wär' ich
altes Krückel denn auf der Welt, wollt' ich für meine Annamirl nicht auch
einriemen.«
    »'leicht kriegt Ihr bald andere Arbeit, Mutterle, beim Heideln (Wiegen)
braucht Ihr nicht zu lugen,« versetzt der Paul schalkhaft.
    Da hebt die Annamirl den Finger: »Du!«
    Und im dunkeln Winkel ist das vorige Plätschern und Schnaufen. Ein Mensch,
der einmal so angeschwärzt ist, wie der Russ-Bartelmei, der vermag sich nicht
mehr so leicht weiss zu waschen vor der Welt, und sollte seine Schwester gar den
Holzmeistersohn von den Lautergräben heiraten.
    Und mein Holzmeistersohn zieht die Riemen in die Schuhe seiner Braut. Die
Alte, einmal zu den ersten Worten veranlasst, kommt ins Schwätzen: »Und vergiss
mir's ja nicht, Annamirl,« sagt sie, »musst es auch probieren. Einmal wird's doch
anschlagen.«
    »Dass ich den Patengroschen2 sollt' anbauen, Mutterle?«
    »Dasselb', ja. Und unter einer Zwieseltann' musst du in der Hochzeitsnacht
den Groschen vergraben. Das ist der Geldsamen, und wirst sehen, in drei Tagen
wird er blühen, und in drei Monaten kann er gleichwohl schon zeitig sein. Die
Vorfahren haben es auch so gemacht, aber allen ist's nicht gelungen. Gewesen
ist's so: mein Ahndl hat die Zeit versäumt, meine Mutter hat die Zwieseltann'
nicht mehr gefunden und ich hab' einen unrechten Groschen in die Erden tan.
Deswegen, meine Tochter, merk' dir die Stund' und die Zwieseltann', und der
Groschen wird aufgehen und Geld genug wirst haben dein Lebtag lang.«
    Die Annamirl öffnet eine alte Truhe und beginnt in den Kleidungsstücken und
anderen Geräten herumzukramen. Ich glaube, sie hat den Patengroschen gesucht.
    Der Köhler im Winkel wäscht und reibt sich. Mehrmals wechselt er das Wasser,
und immer wird es schier schwarz wie Tinte. Endlich aber bleibt es nur grau, da
lässt der Russ-Bartelmei ab und trocknet sich; dann kleidet er sich an, setzt sich
auf die Türschwelle, und aufatmend sagt er: »Ja, Leut', die eine Haut hätt' ich
jetzt herunter und die andere ist noch ein wenig oben.« Dieselbe aber, die noch
ein wenig oben, ist sehr rot geworden, ist stellenweise gar noch ein bisschen
braun, und es soll doch immer noch der Russ-Bartelmei sein, der morgen seiner
Schwester zur Hochzeit geht.
    Ich werde eingeladen, dass ich über die Nacht in der Hütte bleibe und die
Braut setzt mir gastlich eine Eierspeise vor, weil ich der »gelehrte Mann«, der,
käme die Zeit und hätten die Kinder einen guten Kopf, leicht zu brauchen wäre.
    Der Rauch hat die Hühner aus ihrer Abendruh' aufgetrieben; da kommen sie nun
zu mir auf das Tischchen und machen, zuckend, hohe Krägen über den Topfrand in
meinen Kuchen hinein. Wollen sie zuletzt gar ihre Eier wieder zurückhaben?
    Auch die Alte kommt mir immer näher, tut zweimal den Mund auf und
unverrichteter Sache wieder zu, und murmelt dann in ihr blaues Halstuch hinein:
»Ich red's doch nicht - 's wird gescheiter sein.«
    Ich bin ihrer Furchtsamkeit zu Hilfe gekommen: »Allfort wohlauf, Mutterle?«
    »Dank Euch Gott die Frag',« entgegnete sie sogleich und rückt mir noch
näher, »diemal ja, - unberufen. Was noch kommen wird, weiss unsereins nicht. Und
dass ich's nur daher red', wie ich's versteh': er ist ein gelehrsamer Mann, sagen
die Leut', nachher wird er das Wahrsagen wohl auch kennen? - Gar nicht? - Aber
das, hätt' ich gemeint, sollt' so ein Mensch wohl lernen. Und von wegen dem
Lotterg'spiel, weil wir schon so weit bekannt sind: weiss er keine Nummern?«
    »Jestl und Josef,« schreit jetzt das junge Weib plötzlich auf, »eilet,
eilet, Mutterle, mir deucht, das Kätzl ist ins Wasserschaff gekugelt!«
    Da wackelt die Alte gegen den Winkel hin, in welchem früher der Bartelmei
gewesen; aber das Kätzlein ist schon fort, ist vielleicht gar nie im Wasser
gewesen. Die Annamirl wird sich der kindischen Fragen ihrer Mutter schämen, und
hat ihnen durch obige List ein Ende gemacht.
    Am andern Tag, als die Morgenröte durch den weissen Kohlenrauch hat geglüht,
sind von allen Seiten des Waldes her Leute gekommen. Schmuck und geschmeidig
sind alle gewesen, wie ich sie hier noch nie so gesehen. Sie bringen
Hochzeitsgaben mit. Der Pecher kommt mit dem glänzenden schwarzen Pechöltopf:
Und er meint es wohl so: Für die Brautleut' zur Gesundheit. Was will das Pechöl
sagen? Habt ihr im Leben auch Pech zu tragen, müsst Ihr ihm gleich das Öl der
Geduld zuteilen. Das will das Pechöl sagen. Wurzner kommen mit Gesäme und
duftenden Kräuterbüscheln; die Ameisgräber kommen mit »Waldrauch«; Kinder
bringen Wildobst in Fichtenrindenkörbchen; Holzhauer tragen Hausgeräte herbei.
Der Schwamelfuchs, ein altes, verhöckertes und verknorpeltes Männlein, schleppt
eine grossmächtige Tonschüssel heran, einen rechten Familientopf, wohl für ein
ganzes Dutzend Esser. Andere bringen hölzerne Löffel dazu; wieder andere kramen
Mehl- und Schmalzkübel aus und ein Kohlenbrennerweib kommt ganz verlegen
hereingetorkelt und steckt der Braut ein sorgsam umwickeltes Päckchen zu. Als
diese, mit unbehilflichen Worten die Spenderin lobend, es öffnet, kommen zwei
wackergestopfte Kapauner zum Vorschein. Das erspäht die alte Russkatl, die,
bereits auch festlich angezogen, erwartungsvoll an den Wänden herumschleicht,
und sie flüstert zu ihrer Tochter: »Weisst wohl, Annamirl, wo die best' Brautgab'
hinkommen muss? Ja wohl in den kühlen Erdboden hinein. Nachher kommt eine schöne
Frau in guldenem Wagen gefahren, und an den guldenen Wagen sind zwei Kätzlein
gespannt, die graben mit ihren Pfoten die Brautgabe aus, und die Frau nimmt die
Gab' in ihre schneeweissen Händ' und fährt dreimal um die Hütten herum; nachher
kann kein Elend kommen in eueren heiligen Eh'stand.« - So klingt das Märchen von
der Freia noch fort im deutschen Walde.
    Die Annamirl schweigt eine Weile und dreht die schweren, säuberlich
gerupften und gefüllten Geflügel in der Hand um und um, als wären sie schon am
Bratspiess, dann versetzt sie: »Ich halt', Mutter, in der Erden kunnten sie
verfaulen, oder es frässen sie die Kätzlein, und deswegen ist es, dass ich sag':
wir essen sie selber.«
    Zuletzt naht gar der feine Branntweiner mit seinem grossen vollbauchigen
Plutzer, der gleich einen weingeistigen Geruch verbreitet in der ganzen Hütte.
Das riecht der Russ-Bartelmei, der sofort herbeieilt, um zu sehen, wie so ein
Tonplunzer eigentlich gemacht und zugestopft ist.
    Aber da kommt die Annamirl dazwischen: »Dank dir zu tausendmal Gott,
Branntweinhannes, das ist schon gar zu viel, das können wir nicht abstatten. Das
ist 'leicht das best' Brautgeschenk, und so tu' ich damit den alten Brauch.«
    Behendig zieht sie den Stöpsel aus dem Plutzer, giesst den funkelnden,
rauchenden Branntwein bis auf den letzten Tropfen auf den Erdboden.
    Die Alte kichert und keift: »Du Närrisch du, allbeid' Kätzlein werden dir
rauschig; wird aber das ein Gehetz sein!«
    Als alle beisammen sind, hat schon die Sonne zur Tür hereingeleuchtet. In
der Nacht ist ein Mahl gekocht worden, das die Leute nun mit gutem Appetit und
lustigen Worten verzehren. Ich habe ebenfalls davon genossen und habe mich unter
die Kinder gemacht, die da gewesen und denen ich von den Speisen in ihre
hölzernen Schüsselchen gefasst, auf dass sie auch etwas bekommen.
    Darauf sind wir alle davongegangen. Bei den Kohlenmeilern bleibt ein
einziger alter Mann zurück, der mit seinem Eisenhaken lange vor der Tür steht,
ein kurzes, hochtürmiges Pfeiflein schmaucht und uns nachblickt, bis wir in dem
waldschattigen Hohlweg ihm verschwunden. Dann liegt nur noch die stille
Morgensonne auf den Schirmtannen.
    Viele Männer des Hochzeitszuges haben sogar Schussgewehre bei sich getragen;
aber nicht nach den Tieren zielen sie heute, in die freie Luft schiessen sie
hinein, und sie halten es für eine grosse Feierlichkeit und Pracht, wenn es recht
knallt und hallt.
    Gesungen und gejauchzt wird, dass der Sommertag zittert. Herzensfreudige
Lieder habe ich da gehört; Schalkheiten werden getan, altergebrachte Spiele
unterwegs gehalten, und es ist schon Mittag, als wir zur Pfarrkirche von
Holdenschlag gelangen. Fünf Männer kommen uns entgegen mit Trompeten, Pfeifen
und einer gewaltig grossen Trommel. Mit einer wahren Festfreudenwut haut der
Trommelschläger drein; und das ist ein Gehetz und mächtiges Gelächter, als der
Schlägel plötzlich das so sehr gemarterte Fell durchbricht und in den Bauch
hineinschiesst, um seinem Takte auf dem andern Felle noch rechtzeitig
nachzukommen. Ein Bursche schleicht lauernd um den Zug und will uns nach alter
Sitte die Braut entführen, allein der Brautüter wacht. Er wacht eigentlich mehr
über seinen Geldbeutel als über die Braut; denn wäre ihm diese abhanden
gekommen, der Entführer hätte sie in ein entlegenes Gastaus geschleppt und der
Brautüter hätte müssen die Zeche zahlen.
    Der Bräutigam geht neben der ersten Kranzjungfrau; erst nach der Trauung
gesellt er sich als Ehemann zu seiner Gattin, und nun geht der frühere
Brautüter mit der Kranzjungfrau, auf dass gleich der Keim zu einer neuen
Hochzeit gelegt ist. Der Brautüter ist mir wohl bekannt, er heisst Bertold, die
Kranzjungfrau heisst Aga.
    In der Kirche wird Wein getrunken und der Herr Pfarrer hält eine sehr
erbauliche Rede von dem Ehesakramente und den Absichten Gottes. Der gute alte
Herr hat sehr schön gesprochen, aber die Leute aus dem Walde verstehen sein
Hochdeutsch nicht recht. Erst im Wirtshause, als wir schon alle gegessen,
getrunken und Schabernack getrieben haben, ist für die Leutchen die rechte
Predigt. Da erhebt der alte, bärtige Rüpel sein Weinglas und hebt an zu reden:
    »Ich bin kein gelehrter Mann, hab' keinen Doktornzipf auf und keine Kutten
an. Tät' ich mein Weinglas nit haben zur Hand, bei meiner Treu', Leut' ich
brächt' kein gescheit Wörtl zustand. Dass die Zung' mir wird gelöst, wie es Moses
ist gewest, desweg' trink ich den Wein; fällt mir auch leichter ein schicksam
Wörtl ein. - Ich bin als der alte Bibelreiter bekannt; wär' ich Rittersmann, ich
ritt auf einem Schimmel durchs Land. Und in der Bibel, da hab' ich einmal ein
Sprüchel erfragt, der Herrgott, das Kreuzköpfel, hat's selber gesagt: ist der
Mensch allein, sagt er, so tut er kein gut; aber sind ihrer viel, so tun sie
auch kein gut; so probier ich's halt justament zu zwein und zwein, und sperr'
sie paarweis' in die Hütten ein. Aber schaut's, da wird gleich die Hütten zu
klein. Sie brauchen grossmächtiges Haus; zuletzt ists heilig Paradeis zu eng, sie
müssen in die weit' Welt hinaus. Müssen hinaus in den wilden Wald und auf
stockfremde Heiden, müssen leiden und meiden und zuletzt wieder scheiden. Da hat
der lieb' Herrgott seinen Sohn geschickt, dass er sollt die Schäflein weiden. Ich
hör' auf das Kreuz wohl drei Hammerschläg' klingen, zur Rechten, zur Linken, zu
Füssen - da möcht' einem das Herz zerspringen. Darauf ist geronnen das
rosenfarbne Blut, das tut uns den Himmel erwerben. Dir bring' ich das Glas, o
Gotteslamm, für dein heiliges Leiden und Sterben!«
    Da ist es still gewesen in der ganzen, weiten Stube, und der alte Mann hat
das Glas ausgetrunken.
    Bald aber füllt er es zum zweitenmal und spricht: »Ihm sei die Ehr', aber es
soll der Herr nun in Freuden auch bei uns sein, und darum laden wir zu diesem
Ehrentag auch den Herrn Jesus ein, wie auf der Hochzeit zu Kana in Galilä, auf
dass er uns mache das Wasser zu Wein, den ganzen Winkelbach, heut' und alle Tag'.
Und der Wein ist hell und rein, weiss und rot zusammengossen, wie die zwei jungen
Herzen sein zusammengeschlossen in Lieb' und Ehr', und sonst keiner mehr. Der
Wein wird gewachsen sein bei Sonn- und Mondenschein zwischen Himmel und Erden,
so wie unsere Seel' von oben ist, und der Leib von der Erden. Und der süsse,
guldene Wein soll Braut und Bräutigam zur Gesundheit sein.«
    Das ist jetzt eine Lust und ein Geschrei, und die Pfeifen und Geigen klingen
drein, und der Braut giessen sie Wein auf ihren grünen Kranz.
    Jeder hebt nun sein Glas und bringt seinen Hochzeitsspruch, sein Brautlied
aus dem Stegreif dar. Zuletzt torkelt die alte Russ-Kat empor und mit
unglaublich heller Stimme singt sie:
»Schneid Birnbam,
Schneid Buxbam,
Schneid birn-buxbam'ni Ladn,
Mei Schatz will a buxbamas Bettstadl habn!«
    Das ist ihr Trinklied und Hochzeitsspruch gewesen. Wie's jetzt angegangen,
da hab' ich gemeint, der Hall und Schall drücke alle vier Wände hinaus in den
ruhsamen Abend.
    Nach und nach ist es wohl wieder stiller geworden und die Leute haben ihre
Augen auf mich gelenkt, ob ich, der gelehrte Mann, denn keinen Brautspruch
wisse.
    So bin ich denn aufgestanden: »Glück und Segen dem Brautpaar! Und wenn nach
fünfundzwanzig Jahren seine Nachkommen in den Ehestand treten, so wird es in der
Pfarrkirche am Stege der Winkel sein. Das möge kommen! Ich leere den Becher!«
    So hat mein Brautspruch gelautet.
    Darauf ist ein Gemurmel und Geflüster gewesen und einer der Ältesten ist an
meinen Platz getreten und hat mich höflich gefragt, wie die Rede gemeint. -
    Die ganze Nacht hin hat in dem Wirtshause zu Holdenschlag die Musik
geklungen, haben die Hochzeiter getanzt und gesungen.
    Am anderen Morgen haben wir das Ehepaar aus seiner Kammer hervorgeholt. Dann
ist eine lange Weile der Brautüter gesucht und nicht gefunden worden. Wir
hätten den Bertold zu einem uralten Hochzeitsspiele, dem Wiegenholzführen,
benötigt.
    Wer hätte gedacht, dass der wildlustige Bursche in des Pfarrers Stube steht,
eine ganze Alpenglut auf seinen Wangen trägt und mit beiden Händen die Krempen
seines Hutes zerpresst.
    Der Pfarrer zu Holdenschlag - das muss ein scharfer Mann sein - geht würdigen
Schrittes in der Stube auf und ab und sagt mit väterlicher Stimme die Worte:
»Zähme dich, mein Sohn und bete, verlängere dein Abendgebet dreimal oder
siebenmal, wenn es nötig ist. Die Versuchung wird weichen. - Heiraten! Ein
Habenichts, wozu denn? Hast du Haus und Hof, hast du Gesinde, Kinder, dass du ein
Weib brauchst? - Nun also! - Auf den Bettelstab heiraten, die Narrheit geht
nicht an. Wie alt bist du denn?«
    Auf diese Frage errötet der Bursche noch mehr. Es ist eine schauderhafte
Blödheit, wenn einer sein Alter nicht weiss. Und er weiss es nicht. Um zehn Jahre
wird er nicht fehlen, wenn er auf geradewohl zwanzig sagt.
    »Werde dreissig, erwerbe dir Haus und Hof, und dann komme wieder!« ist des
Pfarres Bescheid. Darauf geht er in die Nebenstube, und der Bertold bleibt
stehen und ihm ist, als müsse er noch was sagen - ein gewichtig Wort, das alle
Einwände zu Boden wirft und der Herr beigeben muss: ei, das ist ganz was anders,
dann heiratet in Gottesnamen.
    Aber der Bursche weiss kein Wort, das es vermöchte zu deuten und hell zu
künden, warum er eins - ewig eins sein will mit Aga, dem armen Almmädchen.
    Da Herr Pfarrer nicht mehr zurückkehrt aus der Nebenstube, sondern in
derselben sein Frühstück verzehrt, wendet sich der Bursche endlich traurig der
Tür zu und steigt die Treppe nieder, auf der er vorher, wie auf einer
Himmelsleiter mit voller Zuversicht emporgestiegen war.
    Aber auf der grünen Erde angelangt, ist er ein anderer. Und es ist ein Arg'
gewesen, wie der Bursche sich an diesem zweiten Hochzeitstage übermütig toll
gebärdet hat.
    Am Nachmittage hat sich gepaart Mann und Weib, Bursch und Magd; der Andreas
Erdmann hat sich zum alten, bärtigen Rüpel gesellt, und so sind wir alle wieder
zurückgegangen in die Wälder der Winkel.
 
                                    Fussnoten
1 Hier scheint ein Irrtum obzuwalten; unseres Wissens hat zu jener Zeit in
Salzburg keine Gelehrtenschule bestanden. Vielleicht ist der wahre Name der
Anstalt absichtlich verhüllt worden.
                                                                Der Herausgeber.
2 Taufmünze, so die Braut einst von ihrem Paten erhalten.
 
                      Die Schriften des Waldschulmeisters
                                 (Zweiter Teil)
                                                                           1815.
Vor mehreren Jahrhunderten sollen in der Gegend der Winkelwässer Menschen
gewohnt haben, die sich von Getreidebau, Viehzucht und Jagd ernährt. - Die
Winkel ist vorsorglich eingedämmt, an ihren Ufern hin grünen gepflegte Wiesen
und ein Fahrweg führt hinaus zu den vorderen Gegenden. An den Bergen grünen
Felder. - So soll es gewesen sein. Unweit von dem Platze, wo jetzt das
Holzmeisterhaus steht, zeigt ein Mauerrest die Stätte, wo eine Kirche gestanden
haben soll. Zwar geht die Meinung, es sei keine Kirche gewesen, sondern ein
Götzentempel, in welchem sie noch den Wuotan Met zugetrunken und Tiere geopfert,
so oft der Vollmondschein durch die Blätter der Linden gerieselt. Zur selben
alten Zeit sei jedes Jahr ein schneeweisser Rabe niedergeflogen von den
Alpenwüsten, und diesem habe man Korn auf die Steine gestreut, der Vogel habe
das Korn aufgepickt und hierauf sei er wieder von dannen geflogen. Einmal aber
habe man dem weissen Raben keine Körner gestreut, weil ein Missjahr gewesen, und
weil ein Mann die Sache für etwas Albernes ausgelegt habe. Darauf sei der Rabe
nicht mehr gekommen. - Aber kaum der Winter vorüber, da seien von Sonnenaufgang
her wilde Völkerscharen herangeströmt mit hässlichen braunen Gesichtern,
blutroten Hauben und Rossschweifen, auf wunderlichen Tieren reitend, seltsame
Waffen schleppend - und gar in die Winkelwälder hereingezogen. Diese Rotten
haben geplündert und die Bewohner zu Hunderten davongeschleppt, so dass die
Gegend menschenleer geworden.
    Dann sind die Häuser und der Tempel verfallen, das Wasser hat die Dämme und
Wege zerstört und die Wiesen mit Schutt oder Gestein übergossen. Obstbäume sind
verwildert; auf den Feldern sind Lärchenwälder gewachsen, die Lärchen aber durch
Tannen und Fichten verdrängt worden. Und es sind die finsteren, hundertjährigen
Hochwälder entstanden.
    Es ist nicht zu bestimmen, ob der Kern der heutigen Waldleute von jenen vor
Jahrhunderten abstammt. Ich glaube vielmehr, so wie die alten Bewohner durch
eine an die Alpen brandende Welle wilder Zeiten fortgeschwemmt worden sind, so
sind nach vielen Jahren in den Stürmen der Zeit Splitter anderer Stämme in diese
Wälder verschlagen worden. Man sieht es den Leuten ja an, dass sie nicht auf
sicherem Boden der Heimat fussen, dass sie aber geichwohl den Drang haben, sich in
den Waldboden einzuwurzeln und den Nachkommen ein gesichertes und geregeltes
Heim zu bereiten.
    Dennoch aber dämmert auch in diesen Menschen die Waldesgöttermär der alten
Deutschen fort. Sie lassen im Herbste die letzten Früchte auf den Bäumen, oder
behängen mit denselben ihre Kreuze und Hausaltäre, um für ein nächstes Jahr
Fruchtbarkeit zu erlangen. Sie werfen Brot in das Wasser, wenn eine
Überschwemmung droht; sie streuen Mehl in den Wind, um dräuende Stürme zu
sättigen - so wie die Alten den Göttern haben geopfert. Sie hören zur heiligen
Zeit der Zwölfen die wilde Jagd, so wie die Alten schaudernd Vater Wuotans Tosen
haben vernommen. Sie erinnern sich an Hochzeitsfesten der schönen Frau mit den
zwei Katzen, so wie die Alten die Freia haben gesehen. Und wenn die
Winkelwäldler draussen in Holdenschlag einen begraben, so leeren sie den Becher
Metes auf sein Andenken. Überall klingt und schimmert sie durch, die alte
germanische Sage und Sitte. Im Vordergrund aber tönt und webt Herrschendes das
hohe Lied vom Kreuze.
    Wohl die meisten der Winkelwäldler müssen es empfinden, was hier fehlt; nur
die Wenigsten wissen es zu nennen. Aber jener Speiker hat es getroffen, als er
vor einem Jahre bei der Köhlerhochzeit die Worte gesagt: »Um uns schiert sich
kein Pfarrer und kein Herrgott. Dem Elend und dem Teufel sind wir verschrieben.
Für uns ist auch ein Hundeleben gut genug; wir sind ja die Winkler!«
    Aber der Speiker kann's noch erleben und mein Trinkspruch wird in Erfüllung
gehen. Ich bin seit der Hochzeit wieder um ein Jahr jünger geworden. Die
Winkelwäldler werden eine Kirche bekommen.
    Will ein Volk aus wilder Ursprünglichkeit sich aufbauen zu einer schönen,
ebenmässigen Höhe, so muss der Gottestempel zu dem Baue das Erste sein.
    Darum beginne ich in den Winkelwäldern mit der Kirche.
    Ich habe drängen und dringen müssen. Der Herr von Schrankenheim hat seinen
Palast mitten in der Stadt; da schallt zu jedem Fenster eine andere
Kirchenglocke herein, und zwischen den Fenstern auf zierlichen Gestellen prangen
hundert Bücher für Herz und Geist. Wer ahnt es da, was in den fernen Wäldern so
ein Klang und ein Predigtstuhl bedeutet! Endlich aber hat es der Gutsherr doch
eingesehen, und heute sind schon Männer da, um die Baustelle zu prüfen.
    Da drüben neben dem Winkelhüterhaus, schnurgerade vom Steg herauf, der über
die Winkel führt, ist ein erhöhter Felsgrund, sicher vor Gesenken, Lahnen und
Wildwasser. Er liegt zwischen dem Hinter- und Vorderwinkel, und von den
Lautergräben, dem Miesenbachtale und dem Karwasserschlag ist völlig die gleiche
Weite bis hierher zu dem erhöhten Felsgrund. Das ist der rechte Platz für das
Gotteshaus. Ich habe einen Plan eingereicht, wie ich mir denke, dass so ein
Waldkirchlein sein soll.
    Das Kirchlein sei nicht gar zu klein, damit alle darin Platz haben, die
kummervollen und bedürftigen Herzens sind, wie es deren im Waldlande viele gibt
und fürder geben wird. Es sei nicht gar zu niedrig, denn der hohe Wald und die
Felswände haben den Sinn verwöhnt und geweitet; und ist es auch, dass die
Menschenwohnungen hier sehr gedrückt sind, so wird es dem Blicke doppelt wohl
tun, wenn er sich in der Wohnung Gottes erheben kann. In den Kirchen der Städte
sollte stets ernste Dämmerung herrschen, damit sie dem licht- und genussvollen
Leben der Reichen und Grossen einen Gegensatz darbieten; in dem Gotteshause des
Waldes aber muss lichte und milde Freundlichkeit lächeln, denn ernst und dämmerig
ist der Wald und des Wäldlers Haus und Herz. So soll die Art der Gottesverehrung
das Leben ausgleichen und ergänzen; und was der Werktag und das Haus verweigert,
das soll der Sonntag und die Kirche bieten. Der Tempel soll die Schutzstätte in
den Stürmen dieser Welt und er soll der Vorhof der Ewigkeit sein.
    Der Turm des Waldkirchleins sei schlank und luftig, wie ein aufwärts
weisender Finger, mahnend, drohend oder verheissend. Drei Glöcklein mögen die
Dreizahl in der Einheit Gottes verkünden und das dreitönige Lied singen von
Glaube, Hoffnung und Liebe. Einen recht guten Platz möchte ich der Orgel
bestimmen, denn der Orgelton muss den Armen im Geiste, so die Predigt nicht
verstehen, das Wort Gottes sein.
    Vergoldete Bilder und prunkende Zieraten in der Kirche sind verwerflich; die
Gottesehre soll nicht liebäugeln mit Schätzen dieser Erde. Mit dem Einfachen und
durch das Einheitliche kann man am beredtsten und würdigsten den Gott- und
Ewigkeitgedanken versinnlichen.
    Es muss aber noch des weiteren das Zweckmässige bedacht werden. So habe ich
für die Mauern der Trockenheit wegen Backsteine vorgeschlagen. Die Bänke und
Stühle müssen zum Ausruhen eingerichtet sein, denn der Sonntag ist ein Ruhetag.
Wenn während des Orgelklingens auch einmal einer einnickt, was weiter? Er träumt
in den Himmel hinüber. - Für den Fussboden sind die Steinplatten zu feucht und zu
kalt, dicke Lärchenbretter sind dazu geeignet. Für das Dach sind des häufigen
Hagelschlages wegen weder Ziegeln, noch grössere Bretterlatten anwendbar; dazu
sind kleine Lärchenschindeln am besten.
    Mein Plan ist angenommen worden.
    Es werden bereits Wege ausgeschlagen und Baustoffe herbeigeschaft. Im
lehmigen Binstal wird eine Ziegelei errichtet; an der Breitwand ist ein
Steinbruch angelegt worden.
    Die Waldleute stehen da und sehen den fremden Arbeitern zu. Sie haben auch
ihre Gedanken dabei.
    »Eine Kirche wollen sie uns bauen,« sagt einer, »gescheiter, sie täten das
Geld den Armen teilen. Der Herrgott soll sich nur selber ein Haus bauen, wenn er
nicht unter freiem Himmel bleiben und im Winkelwald wohnen will.«
    »Was sie uns nur für einen Kirchenheiligen einlegen werden?«
    »Den Huberti, denk' ich.«
    »Den Huberti? Je, der ist Weidmann gewesen, der hält's nicht mit uns
Arbeitsleuten, der mag nur die Jäger leiden. Ich sag', für uns wären die
vierzehn Notelfer recht.«
    »Geh', die täten uns zu viel kosten. Und der grosse Christof ist auch dabei;
für den wäre ja gar keine Kirchtür weit genug.«
    »Wer verlorne Sachen finden will: Sankt Antoni tut Wunder viel!« sagt Rüpel,
der alte Borstenbart, bei dem sich jedes Wort im Gleichklang zum andern fügt, er
mag die Zunge wenden, wie er will.
    Andere wünschen zum Kirchenheiligen den Florian, der gegen das Feuer ist;
aber die am Wasser wohnen, möchten den Sebastian haben.
    Ein Weiblein hat gar nicht uneben bemerkt, in den ganzen Winkelwäldern sei
kein Mensch, der die Orgel spielen könne, da wisse man doch, dass als
Pfarrheilige nur Cäcilia die rechte.
    Darauf entgegnet ein alter Hirt: »So eine Red' ist keine Sach'. Die Leut'
können sich selbander helfen; aber auf das arme Vieh müsst ihr denken! Der
heilige Erhart (das ist ein Viehpatron) geht uns schon herein in das Winkel.«
    Danach ein anderer: »Mit dem Vieh halt ich's nicht. Wir brauchen die Kirche
für die Leut'. Und weil sich einer schon was kosten lässt, so muss was Rechtes
werden. Ich bin kein Heid' und ich geh' in die Kirche und ich bin für ein
sauberes Weibsbild.«
    »Versteht sich, alter Loter!« schreit sein Weib, »dass du nur alleweil fürs
schlechte Beispiel bist!«
    »Hast recht, Alte, für euch muss eine sein, die mit gutem Beispiel
vorangeht.«
    So rechten sie, halb im Spass und halb im Ernst. Den ganzen Himmel haben sie
durchstöbert, und keinen Heiligen gefunden, der allen recht gewesen wäre.
    Und es muss doch eines kommen, das allen recht ist. Ich habe darüber schon
meine Gedanken.
    Die Waldberge lichten sich immer mehr und mehr, wie wenn es Tag würde aus
der Dämmerung. Die Höhenschneiden werden schartig und es dehnt sich der Himmel.
Mancher Marder kommt um seinen hohlen Baum, mancher Fuchs um seine Höhle.
Unschuldige Vöglein und raubgierige Geier werden heimatlos, da Wipfel um Wipfel
hinstürzt auf den feuchten Moosboden, den endlich wieder einmal die Sonne
bescheint. Winter und Sommer hindurch sind die Holzschläger tätig gewesen.
Draussen im Lande haben Holz und Kohlen in gutem Begehr gestanden.
    In diesem Sommer habe ich nicht mehr viele freie Zeit.
    Draussen ist Krieg, der, Gott weiss es, nicht mehr enden will. Zu Holdenschlag
sind schon wieder die Hämmer geschlossen worden und es kommt kein Kohlenwagen in
den Wald. Die Holzarbeit ist eingestellt; die kräftigsten Männer streichen müssig
umher. Da drüben in den Lautergräben sollen vor kurz zwei Holzschläger eines
Beutels Tabak wegen bös gerungen haben.
    Ich habe den Männern den Rat gegeben, zu den Vaterlandsverteidigern zu
gehen. Davon wollen sie nichts hören. Sie haben keine Heimat, sie wissen von
keinem Vaterlande. Willkommen sind ihnen die Welschen, wenn sie Geld mitbringen
und eine bessere Zeit.
    Gott gebe die bessere Zeit und halte die Welschen fern!
    Für mich ist es ein Glück, dass ich kühlen Blutes bin. Das wilde Jahr hat die
Sprossen meiner Leidenschaft getötet. Nun darf ich mein ganzes Streben auf das
eine Ziel lenken: aus diesen zerstreuten, zerfahrenen Menschen ein Gemeinsames,
ein Ganzes zu bilden. Ist dieses gelungen, so haben wir alle einen Halt. - Ich
werde ihnen und mir eine Heimat gründen. Vor allem kömmt es darauf an, den
Freiherrn zu stimmen, sonach muss auf die Waldleute eingewirkt werden.
    Eine übermässige Kraft scheint mir dazu nicht nötig zu sein, wohl aber ein
zähes Bemühen. Diese Menschen sind wie Lehmkugeln; ein Anstoss, und sie rollen
eine Weile fort. Weiter kommen sie selbst, nur geleitet müssen sie werden, dass
sie einem und demselben Ziele zustreben. Glieder sind genug, aber spröde und
unschmiegsam selbander. Wenn nur erst die Kirche fertig ist, dass die Gemeinde
ein Herz hat; dann machen wir uns an den Kopf und bauen das Schulhaus.
                                                                Im Herbste 1816.
    In einer der letzten Wochen bin ich mit einem Papierbogen zu allen Hütten
des Waldes herumgegangen. Da habe ich die Hausväter nach dem Stande ihrer
Wirtschaft, nach der Zahl ihrer Familie, nach den Geburtsjahren und Namen der
Leute gefragt. Das Geburtsjahr kann zumeist nur nach Geschehnissen und
Zeitumständen angegeben werden. - Der ist geboren im Sommer, in welchem das
grosse Wasser gewesen; die ist zur Welt gekommen in demselbigen Winter, als man
Strohbrot hat essen müssen. Solche Ereignisse sind ragende Marksteine.
    Das Namensverzeichnis wird nicht gar zu mannigfaltig. Die Bewohner
männlicher Art heissen Hannes oder Sepp, oder Bertold, oder Toni, oder Mates;
die Leute weiblicher Gattung sind Katrein benamset, oder Maria, welcher Name in
Mini, Mirzel, Mirl, Mili, Mirz, Marz umgewandelt und ausgesprochen wird. Ähnlich
geht es mit anderen Namen; und kommt einer von draussen, so muss er sich eine
Umwandlung nach den Zungen der Hiesigen sogleich gefallen lassen. Mich haben sie
einige Zeit den Andredl geheissen; aber das ist ihnen ein zu grosser Name für
einen so kleinen Menschen, und heute bin ich nur mehr der Redl.
    Von Geschlechtsnamen wissen schon gar die wenigsten was. Viele mögen den
ihren verloren, vergessen, andere einen solchen nie gehabt haben. Die Leute
gebrauchen eine eigene Form, ihre Abstammung und Zugehörigkeit zu bestimmen.
Beim Hansl-Toni-Sepp! Das ist ein Hausname, und es ist damit angezeigt, dass der
Besitzer des Hauses Sepp heisst, dessen Vater aber Toni und dessen Grossvater
Hansel genannt worden ist. - Die Kat-Hani-Waba-Mirz-Margaret! Da ist die Kati
die Ururgrossmutter der Margaret. - Der Stamm mag doch schon lange in der
Waldeinsamkeit stehen.
    Und so wird eine Person oft durch ein halbes Dutzend Namen bezeichnet und
jeder schleppt die rostige Kette seiner Vorfahren hinter sich her. Es ist das
einzige Erbe und Denkmal.
    Das Wirrsal darf aber nicht so bleiben. Die Namen müssen für das Pfarrbuch
vorbereitet werden. Zu den Taufnamen müssen Zunamen erfunden werden. Das wird
nicht schwer gehen, wenn man der Sache am Kern bleibt. Man benenne die Leute
nach ihren Eigenschaften, oder Beschäftigungen oder Stellungen; das lässt sich
leicht merken und für die Zukunft beibehalten. Ich nenne den Holzarbeiter Paul,
der die Annamirl geheiratet, nicht mehr den Hiesel-Franzel-Paul, sondern kurzweg
den Paul Holzer, weil er die Holzstrünke auf den Riesen zu den Kohlstätten
befördert und die Leute diese Arbeit »holzen« heissen. Der Schwammschlager Sepp,
der seines Vaters Namen vergessen, soll auch nicht mehr anders heissen als der
Schwammschlager, und er und seine Nachkommen mögen angehen, was sie wollen, sie
bleiben die Schwammschlager. Eine Hütte in den Lautergräben nenne ich die
Brunnhütte, weil vor derselben eine grosse Quelle fliesst. Wozu den Besitzer der
Hütte Hiesel-Michel-Hiesel-Hannes heissen? Er ist der Brunnhütter und sein Weib
ist die Brunnhütter, und wenn sein Sohn einmal in die Welt hinausfährt, Soldat
wird oder Fuhrmann oder was immer, er bleibt der Brunnhütter allerwegen. So
haben wir nun auch einen Sturmhanns; der hat oben auf der stürmischen
Wolfsgrubenhöhe sein Haus.
    Einen alten, sehr dickhalsigen Zwerg, den Kohlenführer Sepp, heissen sie seit
lange schon den Kropfjodel. Da habe ich letztlich das Männlein gefragt, ob es
zufrieden sei, wenn ich es unter dem Namen Josef Kropfjodel in meinen Bogen
einschreibe. Er ist gerne dazu bereit. Ich habe ihm noch vorgestellt, dass aber
auch seine Kinder und Kindeskinder Kropfjodel heissen würden. Da grinst er und
gurgelt: »Zehnmal soll er Kropfjodel heissen, mein Bub!« Und ein wenig später
setzt der Schelm bei: »Den Namen, gottdank, den hätten wir! - Ei, hätten wir den
Buben auch!«
    Drüben im Karwasserschlag stehen drei buschige Tannen, die der
Holzschläger-Meisterknecht, der Josel-Hansel-Anton zu Schutz für Mensch und Tier
hat stehen gelassen. Zu Lohn heisst der Mann Anton Schirmtanner für ewige Zeiten.
    Die neuen Namen finden Gefallen, und jeder, der einen solchen trägt, hebt
seinen Kopf höher und ist zuversichtlicher, selbstbewusster, als er sonst
gewesen. Nun weiss er, wer er ist. Jetzund kommt es darauf an, dem neuen Namen
einen guten Klang zu erwerben und ihm Ehre zu geben.
    Schauderlich erschreckt hat mich nur der Almbursche Bertold. »Einen Namen,«
ruft er, »für mich? ich brauch' keinen Namen, ich bin ja niemand. Zu einem Weib
hat mich Gott nicht gemacht, und ein Mann sein, das erlaubt der Pfarrer nicht.
Die Ehe ist mir verwehrt, weil ich bettelarm bin. Heisst mich den Bertold
Elend! Ich brech' die Satzung und mein Fleisch und Blut verrat ich nicht!«
    Nach diesen Worten ist er wie ein Wütender davon geeilt. Der einst so
lustige Bursche ist kaum mehr zu erkennen. Ich habe in den Bogen den Namen
Bertold geschrieben und ein Kreuz dazu gemacht.
    Auch noch ein anderer streicht in den Winkelwäldern herum, von dem ich nicht
weiss, ob und welchen Namen er trägt. Wenn doch, so kann's ein böser sein. Der
Mann weicht am liebsten den Leuten aus, vergräbt sich oft für lange Zeit, und
man weiss nicht wo, taucht zu seltsamen Stunden wieder auf, und man weiss nicht,
warum. Es ist der Einspanig.
                                                                    Im Mai 1817.
    In diesem Winter habe ich eine schwere Krankheit zu bestehen gehabt. Die
Ursache derselben ist das Unglück des Markus Jäger, den ein Wildschütze
angeschossen hat. Der Jäger ist drüben in einer Hütte der Lautergräben gelegen.
Ich gehe mehrmals zu ihm hinüber, weil der Brand in die Wunde zu kommen droht,
und weil sonst niemand ist, der den Kranken pflegen will und kann. Anstatt dass
die Leute hier eine Wunde mit lauem Wasser und gezupften Linnen rein halten
täten, kleben sie allerlei Schmieren und Salben hinein. Das muss schon eine
kräftige Natur sein, die sich trotz solcher Hemmnisse aufrafft. Ich habe recht
zu tun gehabt, dass mir der Jäger nicht unterlegen ist.
    Als ich das letztemal bei ihm bin, ist ein stürmischer Märztag. Auf dem
Rückwege sind die Pfade schauderhaft verschneit und verweht. Stellenweise ist
mir der Schnee bis zur Brust emporgegangen. Viele Stunden habe ich mich so
fortgekämpft, aber es bricht die Nacht herein und ich habe das Winkeltal noch
lange nicht erreicht. Eine unsägliche Ermüdung kommt über mich, der ich zwar
lange widerstehe, die endlich aber nicht mehr zu überwinden ist. Da habe ich
schon gar nichts anders mehr gemeint, als dass ich so mitten im Schnee würde
umkommen müssen, und dass sie mich im Frühjahr finden und an der neuen Kirche im
Winkel vorüber nach Holdenschlag tragen würden. - Dahier im Waldesfriedhof möcht
ich liegen. Aber noch lieber darauf stehen.
    Erst nach Wochen habe ich es erfahren, dass ich nicht erfroren bin, dass mir
an demselbigen Abende zwei Holzhauer auf Schneeleitern entgegengekommen sind,
mich bewusstlos gefunden und ins Winkelhüterhaus getragen haben. Als ich nachher
viele Tage lang in der schweren Krankheit gelegen, sollen sie sogar einmal den
Bader von Holdenschlag zu mir gerufen haben. Und der Bote, der den Arzt geholt,
hätte, wie er mir seiter selbst erzählt, den Auftrag gehabt, gleich auch mit
dem Totengräber zu reden. Der Totengräber hätte gesagt: »Wenn mir der Mann nur
das nicht antäte, dass er jetzt stürbe; 's ist ja kein Loch zu machen in dieser
steinhart gefrornen Erden!«
    Es freut mich recht, dass ich dem guten Mann die Mühe hab' ersparen mögen.
    Als die Gefahr der Krankheit vorbei, hat mich erst ein recht hartnäckiges
Augenleiden verfolgt, das noch nicht ganz gehoben ist. Ich muss noch eine lange
Zeit in der Stube verbleiben, wohl so lange, bis draussen das Tauen eingetreten
und das Wildwasser vorbei. Mir ist gar nicht einsam. Ich schnitze in Holz, ich
will mir eine Ziter zusammenleimen oder so etwas, dass ich mich in der Tonkunst
übe, bis in der Kirche die Orgel fertig sein wird.
    Es sind oft Leute gekommen, die sich neben mir auf die Bank gesetzt und
gefragt haben, ob ich schon recht gesund sei. Die Russ-Annamirl, die jetzund mit
den Ihren in das Holzmeisterhaus der Lautergräben gezogen ist und nach der neuen
Ordnung Anna Maria Russ heisst, hat mir in der vorigen Woche drei grosse Krapfen
herübergeschickt. Dieselben sind von denen, die zur Festfreude gebacken worden,
da ein kleinwinziger Russ angekommen ist. Sie haben den Kleinen mit Krapfen
getauft.
    Auch die Witwe des schwarzen Mates ist einmal zu mir gekommen. Sie hat mich
in grossem Kummer gefragt, was mit ihrem Buben, dem Lazarus zu machen, der habe
die wilde Wut. Die wilde Wut, das sei, wenn einer über den geringsten Anlass in
Zorn ausbreche und alles bedrohe. Der Lazarus sei so; er habe das in noch
höherem Grade, als es sein Vater gehabt; Schwester und Mutter seien in Gefahr,
wenn der Knabe nur erst kräftiger würde. Ob es gegen ein solches Elend denn gar
kein Mittel gäbe. Was kann ich der bedrängten Frau raten? Eine stete,
gleichmässige Beschäftigung und eine liebreiche, aber ernstafte Behandlung sei
dem Knaben angedeihen zu lassen, habe ich vorgeschlagen.
    Unter allen Menschen der Winkelwälder dauert mich dieses Weib am meisten.
Ihr Mann ist nach einem unglückseligen Leben gewaltsam erschlagen und ehrlos
begraben worden. Dem Kinde steht nichts Besseres bevor. Und das Weib,
vormaleinst an bessere Tage gewöhnt, ist so weichherzig und milde.
    Ehgestern kommt ein Knabe zu mir, der einen Vogelkäfig mit sich schleppt.
Der Junge ist so klein, dass er mit seinem Händchen gar die Türklinke nicht
erreichen kann und eine Weile zaghaft klöpfelt, bis ich ihm öffne. Er steht noch
in der Tür, als er anhebt: »Ich bin der Bub' vom Markus Jäger, und mein Vater
schickt mich her - der Vater schickt mich her ...«
    Der Schlingel hat die Ansprache auswendig gelernt und bleibt stecken und
wird rot und will sich wieder von dannen wenden. Ich habe Mühe, bis ich es
erfahre, dass sein Vater mir sagen lasse, er sei völlig geheilt und mir wünsche
er dasselbe, und er komme demnächst zu mir, um sich zu bedanken, und er schicke
zwei übermütige Schopfmeisen, und er möchte mir, da ich, wie er wisse, noch
nicht in das Freie gehen könne, das ganze Frühjahr in die Stube senden.
    Was fange ich mit den kleinen Tieren an? sie flattern, wenn man ihnen nahe
kommt, wirr im Käfig umher und zerstossen sich vor Angst die Köpfchen an den
Spangen. Ich lasse sie in unseres Herrgotts Vogelkäfig, in den Mai
hinausfliegen.
    Und als endlich die Zeit erfüllt, da bin ich eines frühen Morgens auch
selber hinausgetreten in den freien Mai. - Der Haushahn kräht, der Morgenstern
guckt helläugig über den dunkeln Waldberg. Der Morgenstern ist ein guter
Geselle; der leuchtet getreulich, so lange es noch dunkel ist, und tritt
bescheiden in den Hintergrund, sobald die Sonne kommt.
    Leise schleiche ich durch das Haustor, dass ich die Leute nicht wecke, die
haben sich nicht wochenlang so ausgerastet, wie ich; denen liegt noch der
gestrige Tag auf den Augenlidern, die der heutige schon wieder wach begehrt.
    Im Walde ist bereits das zitternde, rieselnde Erlösen aus tiefer Ruhe. Wie
ist eines Genesenen erster Ausgang so eigen! Man meint, der ganze Erdboden
schaukelt mit einem - schaukelt sein wiedergeborenes Kind in den Armen. O du
heiliger Maimorgen, gebadet in Tau und Wohlduft, durchzittert und durchklungen
von ewigen Gottesgedanken! - Wie gedenke ich dein und deines Märchenzaubers, der
sich zu dieser Stunde von der Glocke des Himmels und von den Kronen des Waldes
niedergesenkt hat in meine Seele!
    Und dennoch habe ich zur selbigen Stunde ein seltsam Weh empfunden. - Mir
ist die Jugend gegeben und ich lebe sie nicht. Was ist mein Zweck? Was bedeute
ich? - Kurz vor diesen Tagen bin ich seit Ewigkeit her ein Nichts gewesen; kurz
nach diesen Tagen werde ich ein Nichts sein in Ewigkeit hin. Was soll ich tun?
Warum bin ich an dieser kleinen Stelle und zu dieser kurzen Zeit mir meiner
bewusst worden? Warum bin ich erwacht? Was muss ich tun? -
    Da habe ich mir's von neuem gelobt, zu arbeiten nach allen meinen Kräften,
und auch zu beten, dass mir so schwere, herzverbrennende Gedanken nicht mehr
kommen möchten.
    Als die Sonne aufgeht, stehe ich noch am Waldessaume. Unten rauscht das
Wasser der Winkel und aus dem Rauchfange des Hauses steigt ein bläulich
Schleierband auf und im Kirchenbaue hämmern die Maurer.
    Meine Hauswirtin hat es gleich wahrgenommen, dass ich des Morgens nicht in
der Stube, und hat gezetert über meinen Leichtsinn. Und als sie erst gar
erfährt, dass ich in der kühlen Frühe auf feuchtem Moosboden geruht, da fragt sie
mich ganz ernstaft, ob es mir denn zu schlecht sei in ihrem Haufe, oder ob ich
sonst was auf dem Herzen hätte, dass ich mir so ans Leben wolle; ja, und ob ich
nicht wisse, dass der, welcher sich so auf den Tauboden des Frühjahrs hinlege,
dem Totengräber das Mass gebe! -
                                                               Sonnenwende 1817.
    Das ist ein seltsamer Waldgang gewesen, und ich ahne, er lässt sich nicht
verantworten im Himmel und auf Erden. Wo in den schattigen Felsschluchten des
Winkelegger Waldes das Wässerlein rieselt, da bleibe ich stehen. - Hier auf
diesen Wellen lasse deine Gedanken schaukeln ohne Zweck und Ziel. Du kennst die
Mär vom Letestrom der Griechen. Das ist ein eigen Wasser gewesen, wer davon
getrunken, hat der Vergangenheit vergessen; die Wellen des Waldbächleins sind
ein noch eigeneres Wasser, wessen Seele auf denselben schaukelt, und trüge er
auch den Winter im Haar, der findet wieder die längst vergangene Zeit seiner
Kindheit und Jugend. - Sollte nicht der Lete für mich besser taugen?
    Ich gehe tiefer hinein in die Wildnis und ruhe im Moose und lausche der
immerdar klingenden Ruhe. Manches erst aufgeblühte Blümlein wiegt nah' an meiner
Brust und will leise anklopfen an der Pforte meines Herzens. Und mancher Käfer
krabbelt ängstlich heran, er hat im Dickicht der Gräser und der Moose etwan den
Weg verloren zu seinem Liebchen. Jetzund hebt er seinen Kopf empor und frägt
nach dem rechten Pfad. Weiss ich ihn selber? - Sag' du uns an, wo wird die
Sehnsucht gestillt, die mit uns ist auf allen Wegen? - Eine Spinne lässt sich
nieder vom Geäste; sie hat sich emporgerungen zur Höhe, und nun sie oben ist,
will sie wieder unten sein auf der Erden. Sie spinnt Fäden, ich spinne Gedanken.
Wer ist der Weber, der aus losen Gedankenfäden ein schönes Kleid weiss zu weben?
-
    Wie ich noch so träume, rauscht es im Dickicht. Es ist kein Hirsch, es ist
kein Reh; es ist ein Menschenkind, ein junges, glühendes Weib, erregt und
angstvoll, wie ein verfolgtes Wild. Es ist Aga, das Almmädchen. Sie eilt auf
mich zu, erhascht meine Hände und ruft: »Weil Ihr's nur seid, weil ich Euch nur
finde!« Dann schaut sie mich an, und es stockt ihr der Atem, und sie vermag den
Aufruhr in ihr nicht niederzudämpfen. »Es hat einen bösen Schick!« schreit sie
wieder, »aber ein ander Mittel weiss ich nimmer. Der bös' Feind stellt mir nach,
mir und ihm gleichwohl auch. Wir fürchten die Leut' jetzund, aber Euch bin ich
zugelaufen; Ihr seid fromm und hochgelehrt! Ihr helft uns, dass wir nicht
versinken allbeid', ich und der Bertold! Wir wollen in Ehren und Sitten leben,
gebt uns den Eh'spruch!«
    Ich weiss anfangs nicht, was das bedeutet, und als sie es klar tut, sage ich:
»Habt Ihr den treuen Willen, so wird Euch der Ehesegen von der Kirche nicht
vorentalten werden.«
    »Mein Gott im Himmel!« schreit das Mädchen, »mit der Kirche heben wir nichts
mehr an, die versagt uns die Ehe, weil wir nichts haben. Aber wenn der Herrgott
bös' auf uns tät' werden, das wäre arg! - Das Gewissen lässt mir keine Ruh', und
zu tausendmal bitt' ich Euch, schenket uns den Segen, den jeder Mensch kann
schenken. Ihr seid wohl selber noch jung, und habt Ihr ein Lieb, so werdet Ihr's
wissen, es gibt kein Lösen und Lassen. Wir leben in der Wildheit zusammen, weil
wir uns lassen mögen; wir haben keine Seel', die unser Freund wollt' sein und
uns das Glück wollt' wünschen von Herzen. Ein gutes Wort möchten wir hören, und
wenn nur einer tät' kommen und sagen: wollet mit Gottes Willen und Segen
einander verbleiben bis zum Tod! So ein einzig Wort und wir wären erlöst von der
Sünd' und ein Eh'paar vor Gott im Himmel!«
    Diese Sehnsucht nach Befreiung von der Sünde, dieses Ringen nach dem
Rechten, nach der menschlichen Teilnahme, nach dem Frieden des Herzens - wen
hätte das nicht zu rühren vermögen!
    »Ihr herzgetreuen Leut'!« rufe ich aus, und reck' die Arme: »der Herrgott
mög' mit Euch sein, ich wünsche es Euch!«
    Da ist schon auch der Bursche neben dem Mädchen gekniet. Und so habe ich mit
meinen Worten etwas getan, was von mir gar nicht zu verantworten ist im Himmel
und auf Erden. Ich habe eine Trauung vollzogen mitten im grünen Wald.
                                                    Am Peter- und Paulitag 1817.
    Doch seltsam, was in diesem Jungen steckt, in des schwarzen Mates Sohn. Er
hat das Herz seiner Mutter und das Blut seines Vaters. Nein, er hat ein noch
grösseres Herz als seine Mutter und ein dreimal wilderes Blut, als sein Vater.
Dieser Knabe wird ein Heiland oder ein Mörder.
    Die alte Russ-Kat siecht seit Monaten. Die Leute sagen, es fehle ihr an
gesundem Blut. Das hat auch der kleine Lazarus gehört, und gestern ist er zu mir
gekommen mit einem hölzernen Töpfel und dem grossen Seitenmesser seines Vaters
und hat mich aufgefordert, ich möge aus seiner Hand Blut ablassen und es der
Russ-Kat schicken.
    Er glüht im Gesicht, ist aber sonst ruhig. Ich verweise ihm sein Ansinnen.
Er schiesst davon. Und bald danach hat er im Hofe des Winkelhüterhauses eine
Taube erwürgt - aus Zorn, aus Liebe - ich mag es nicht entscheiden.
    Ich trete hinaus zu dem toten Tiere. »Lazarus,« sage ich, »jetzt hast du
eine Mutter umgebracht. Siehst du die armen, hilflosen Jungen dort? Hörst du,
wie sie weinen?«
    Bebend steht der Knabe da, blass wie Stein, und ringt nach Luft und zerbeisst
sich die Unterlippe. Ich drehe ihm den eingezogenen Daumen aus und giesse Wasser
auf seine Stirn.
    Ich führe ihn in seine Hütte zurück. Dort fällt er erschöpft auf das Moos
und sinkt in einen tiefen Schlaf.
    Es muss was geschehen, um das Kind zu retten. Wie, wenn es zu mir nähme, sein
Vater und sein Bruder wäre, es zähmte und leitete nach meinen Kräften, es
unterrichtete und zur Arbeit anhielte und in aller Weise seine Leidenschaft zu
töten suchte?
    Etwan hat der Knabe doch zu viel Blut ... meinen die Leute.
                                                                 Hundstage 1817.
    Der Sturmhanns hat ein Hündlein, ein gar possierlich Tier, weiss recht klug
dreinzuschauen und freundliche Augen zu machen und anhänglich schweifzuwedeln,
dass man meint, man müsse es frei liebhaben, wie ein Menschenkind. Und da ich ihm
in die Nähe gekommen bin - schwapp! hab' ich eins in den Waden. - Wie dieser
Hund, so sind auch die Hundstage. Das ist ein Glitzern und Sonnenleuchten des
Morgens und ein Vogelzwitschern und alle Blumen heben ihre Köpfeln zur Höhe und
grüssen und lachen dich an. Und die Sonne streichelt dich und küsst dich und die
Sonne umarmt die Welt mit glühender Lieb' - wer wollte da nicht hinausstreichen
in den wohligen Schatten der Wälder? Du wandelst frei dahin und schauest zur
grünen Erde und denkst: du lieber, du holder Tag! - Da sind auf einmal die
finsteren Wolken über dir und der Sturm reisst dir den Hut vom Haupt und der
Regen schlägt dir rasend ins Gesicht - birg dich rasch - es kommt auch Eis
gesaust.
    Die Hundstage. Kann denn auch die Natur untreu sein? Der Mensch ist's, der
ihr Böses zeiht, weil sein Denken unvernünftig und seine Weisheit mangelhaft
ist. Es gibt nichts Böses und nichts Gutes, ausser in dem Herzen des einen
Wesens, dem der freie Wille gegeben ist.
    Wenn wir uns den freien Willen abstreiten könnten, dann wären wir alles
Gewissens los. Im Walde gibt es manchen, dem das recht wäre.
                                                              Am Jakobitag 1817.
    Heute bin ich wieder im Hinterwinkel, im Hause des Mates gewesen. Das Weib
trostlos. Seit zwei Tagen ist der Knabe Lazarus verschwunden.
    Das Schreckliche ist geschehen. In seinem Jähzorn hat er einen Stein nach
der Mutter geschleudert. Als das geschehen, hat er einen grausen Schrei getan
und ist davongegangen.
    Auf der Grabstätte des Mates hat man gestern frische Spuren zweier Knie
entdeckt.
    Wir haben Leute aufgeboten, dass sie den Knaben suchen. In einer dar Hütten
ist er nicht. Es wird auch an den Abgründen und Bächen nachgespürt.
    »Er hat mich nicht treffen wollen!« jammert die Mutter, »und das ist ein
kleiner Stein gewesen, aber auf dem Herzen liegt mir ein grosser. Einen grösseren
hätt' er nimmer nach mir schleudern mögen, als dass er davon ist.«
                                                               Drei Tage später.
    Keine Spur von dem Knaben. Wohl eine andere Spur haben die Leute gefunden:
grosse Pfoten mit vier und fünf Zehen. Wölfe und Bären gibt es in der Gegend.
    Es geht das Gerücht, drüben in den Lautergräben habe ein Holzhauer gestern
die halbe Nacht mit einem Bären gerungen, bis es dem Manne endlich gelungen sei,
seinen Arm dem Tiere in den Rachen zu stossen, dass es daran erstickt. Ich bin
heute in den Lautergräben gewesen, dort wissen sie nichts von der Mär.
    Dagegen hat mich einer von dort gefragt, ob es wohl wahr, dass im Winkel
drüben, ganz nahe am Hause ein Rudel Wölfe den Erdmann gefressen hätte.
    Das sei nicht wahr, habe ich geantwortet.
    Aber der Mann behauptet, er wisse das zwar ganz bestimmt. Die Leute täten es
allerwärts erzählen, und hundert Schritte vom Kirchenbaue hintan sehe man das
Blut auf dem Sandboden und Fetzen von der Bekleidung.
    Ich entgegne, dass ich das Blut auch gesehen habe, dass dasselbe aber von
einem Lämmlein herrühre, welches die Winkelhüterin gestern abends eben für den
Erdmann ausgeweidet habe; dass den Erdmann also nicht die Wölfe aufgefressen
hätten, sondern dass der Erdmann das Lämmlein aufgegessen habe, und dass besagter
Erdmann ich selber sei.
    Der Mann ist darauf recht verlegen und meint, er habe mich nicht erkannt,
sonst hätte er das Gerücht nicht nacherzählt, ihm möge ihm nur verzeihen, dass
die Sache nicht wahr ist.
                                                   Am Petri-Kettenfeiertag 1817.
    Das ist wie ein knatterndes Lauffeuer durch den Wald gegangen. Im
Karwasserschlag wissen sie es, in Miesenbach wissen sie es, in den Lautergräben
wissen sie es; und ich im Winkel weiss es, dass es die bereits alle wissen, was
doch erst heute morgens geschehen ist.
    Das Töchterlein des Mates besucht zuweilen die Grabesstätte des Vaters und
bepflanzt sie mit Hagebuttensträuchern. Heute zur Frühe, wie es wieder hinkommt,
leuchtet ihm etwas entgegen. Auf dem Hügel ragt ein Stab und daran flattert ein
Papier. Das Mädchen läuft heim zur Mutter, diese läuft zu mir in das
Winkelhüterhaus, dass ich kommen und sehen möge, was das sei.
    Es ist sehr merkwürdig. Eine Nachricht ist es von dem Knaben. Auf dem Papier
stehen in fremden Zügen die Worte:
    »Meine Mutter und meine Schwester! Habt keinen Groll und keine Sorge. Ich
bin in der Schule des Kreuzes.
                                                                       Lazarus.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Leute richten ihre Blicke auf mich. Der Knabe kann nicht lesen und nicht
schreiben, fast niemand kann es im Walde. Die Leute meinen, ich sei hochgelehrt,
ich müsse von allem wissen.
    Ich weiss von nichts.
                                                               Allerseelen 1817.
    Das ist ein lautloses Auf- und Niedergehen der Menschen.
    Ein Tröpflein sammelt sich am hohen Zweig des Baumes, sickert hinaus auf die
letzte Nadel, wiegt sich und glitzert und funkelt, oft grau, wie Blei, oft rot,
wie Karfunkel. Kaum noch hat es die Farbenpracht des Waldes und des Himmels in
sich gespiegelt, so zieht ein Luftauch und das Tröpflein löst sich von dem
wiegenden Tannenzweig und fällt nieder auf den Erdengrund. Und der Erdboden
saugt es ein und keine Spur ist mehr von dem funkelnden Sternchen.
    So auch lebt des Waldes Kind und so vergeht es.
    Draussen ist es anders. Draussen erstarren die Tropfen in dem frostigen Hauch
der Sitte, und die Eiszapfen klingeln aneinander und im Niederfallen klingeln
sie und ruhen, eine Weile noch der Welt Herrlichkeit in sich spiegelnd, auf dem
Erdboden, bis sie zerfliessen und vertauen, wie der Gedanke an einen lieben
Toten.
    Draussen sind ja die Friedhöfe nicht für die Toten, sondern für die
Lebendigen. Der Lebende feiert dort das Andenken an seine Vorfahren und er
feiert seine künftige Friedhofsruhe. Für den Lebenden ist das Rosenbeet und die
Inschrift. Der Lebende empfindet in seinem Gemüte die Ruhe, wenn er an den
Schläfer denkt, der von Drangsal erlöst ist. Der Lebende fühlt das Hinabsinken
des Toten und hofft für jenen die Urständ. - Niemand geht unbelohnt über
Friedhofserde; diese Schollen kühlen die Leidenschaften und erwärmen die Herzen,
und nicht allein des Todes Frieden steht auf den Blumenhügeln geschrieben,
sondern auch des Lebens Wert.
    Der Wald legt Ruhe, wohin Ruhe gehört. Dort hat der tote Schläfer kein
Nachtlicht, wie der lebendige keines gehabt. »Das ewige Licht leuchte ihnen!«
ist das einzige Begehren. Die Späterbstsonne lächelt matt und verspricht ihren
ewigen Glanz, und der nächste Frühling sorgt für Blumen und Kränze.
    Nicht der toten Leiber wird im Walde gedacht, sondern ihrer lebenden Seelen
Wehe, wenn diese sündig verstorben im Fegefeuer schmachten!
    Als der hungernde Hans seinem hungernden Nachbar auf der Au das Stück Brot
hat gestohlen und darauf war verstorben, da war der Urwald noch nicht gestanden.
Der Leib war verwesen, der Hans vergessen, die Seel' ist im Fegfeuer gelegen.
Die Au ist zum Walde, der Wald ist zur Wildnis geworden; die Wölfe heulen und
kein Mensch ist weit und breit; an den Hängen des Gebirges wogen Sommerlüfte und
Winterstürme, und mit jeder Minute ein Körnlein Sand; und mit jedem Jahrhundert
eine Bergeswucht rollt in die Tiefe der Schluchten. Und die arme Seele liegt im
Feuer. Wieder kommen Menschen in die Einöden und die Hochwälder fallen, und
Hütten und Häuser erstehen und eine Gemeinde wird gebildet - die Seele aus
alten, längst untergegangenen Sonnen liegt in den Gluten des Fegfeuers und ist
verlassen und vergessen.
    Aber ein Tag geht auf im Jahre, solch' vergessenen Seelen zum Troste.
    Als Christus der Herr am Kreuz ist gestorben und nur noch der letzte Tropfen
Blut in seinem Herzen ist gewesen, da hat ihn sein himmlischer Vater gefragt:
»Mein lieber Sohn, die Menschheit ist erlöst; wem willst du den letzten Tropfen
deines rosenfarbenen Blutes zukommen lassen?« - Da hat Christus der Herr
geantwortet: »Meiner lieben Mutter, die am Kreuze steht; auf dass ihre Schmerzen
sollen gelindert sein.« - »O nein, mein Kind Jesus,« hat darauf die Mutter Maria
geantwortet, »wenn du den bitteren Tod willst leiden für die Menschenseelen, so
mag ich die Mutterpein auch noch ertragen, ist sie gleichwohl so gross, dass sie
nicht das Meer kann löschen, und wär' die ganze Erden ein Grab, sie nicht kunnt
begraben. Ich schenke den letzten Tropfen deines Blutes den vergessenen Seelen
im Fegfeuer, auf dass sie einen Tag haben im Jahr, an dem sie von dem Feuer
befreit sind.«
    Und so sei - nach der Sage Deutung - Allerseelentag entstanden. An diesem
Tage sind auch die verlassensten und vergessensten Seelen von ihrer Pein befreit
und stehen im Vorhofe des Himmels, bis der letzte Stundenschlag des Tages sie
wieder in die Flammen ruft.
    Das ist im Walde der Sinn und Gedanke des Festes Allerseelen, und manche
gute Tat wird geübt auf die Meinung, den abgeschiedenen Seelen die Feuerspein zu
lindern.
    Über den einsamen Gräbern aber brauen die Späterbstnebel, und junger Schnee
verbirgt des Hügels letzten Rest, und darauf haben etwa die Klauen eines Hähers
ein Kettchen gezogen - als einziges Zeichen des Lebens, das hier oben noch
waltet - des unauflöslichen Bandes Deutung: um Leben und Tod ist eine ewige
Kette gewunden.
    Heute muss ich oft an den Lucas denken. Ein Brenner, der in den Lautergräben
begraben liegt. Dem Holzmeister Luzer ist in einer Nacht ein Ziegenbock
gestohlen worden, unweit von der Lucas-Hütte haben sie hernach vom Tiere Haut
und Eingeweide gefunden. Da ist's offenbar: der Lucas ist der Dieb. Und wie im
Walde schon überall die Lässigkeit herrscht, so klagen sie den Brenner nicht an
und so kann er sich nicht rechtfertigen. Gleichwohl hat er gemerkt, wie er bei
den Leuten im Arg steht. Und einmal hat er ausgerufen: »Hättet ihr mir meine
Hände abgehauen, hättet ihr mir das Augenlicht genommen, ich wollte zufrieden
sein. Aber ihr habt mir meine Ehre weggenommen - - jetzt ist's vorbei.« Die
Leute haben gesagt: »Mag er sich winden und wenden wie er will, den Ziegenbock
hat er doch gestohlen. Ist der Lucas darüber närrisch geworden. »Diebe muss man
hängen,« soll er gesagt haben - und hat man ihn nachher an dem Aste einer Föhre
gefunden. Von jeher haben sich Selbstmörder ihren Grabplatz selber gewählt; so
haben sie den Lucas zwischen den roten Wurzeln der Föhre verscharrt.
    Erst vor wenigen Wochen hat er sich ereignet, dass ein arbeitsloser Holzmann
auf dem Totenbett das Geständnis abgelegt, er wäre es, der dem Luzer den Bock
davongetrieben hatte. - Ich werde heute doch noch zum Grabe des Lucas in die
Lautergräben gehen. -
    Dann gibt es in den Winkelwäldern noch ein Grab, das die Leute wissen und
verachten. Und dennoch ist es an diesem Tage des Gedächtnisses nicht einsam
gewesen.
    Das Töchterlein des schwarzen Mates hat am Grab des Vaters wieder ein Blatt
gefunden.
    »Mir geht es wohl. Ich denke an meine Mutter, an meine Schwester und an
meinen Vater. Lazarus.«
    Das ist die Botschaft. Die einzige Botschaft von dem verschwundenen Knaben
seit vielen Tagen. Die Schriftzüge sind dieselben, wie auf dem ersten Blatte.
    Keine Menschenspur geht ausser der des Mädchens zum Grabe hin, keine davon.
Pfade von Füchsen und Rehen und anderen Tieren ziehen in Zick und Zack durch den
winterlichen Wald.
                                                          Am Katarinentag 1817.
    Es ist ein Brief geschrieben worden, dass der Knabe um Gottes und der Mutter
willen zurückkehren möge in die Hütte. Der Brief ist gut verwahrt über dem Grabe
an dem Kreuzlein befestigt worden. Bis zum heutigen Tage ist er noch dort,
niemand hat ihn erbrochen.
                                                                 Weihnacht 1817.
    Heute habe ich Heimweh nach den Glockenklängen, nach in Wehmut erlösenden
Orgeltönen. Ich sitze in meiner Stube und spiele Krippenlieder auf der Ziter.
Meine Ziter hat nur drei Saiten; eine vollkommenere habe ich mir nicht zu
schaffen gewusst.
    Die drei Saiten sind mir genug; die eine ist meine Mutter, die andere mein
Weib, die dritte mein Kind. Stets in seiner Familie begeht man die Weihnacht.
    Nur wenige der Waldleute gehen mit Spanlunten hinaus nach Holdenschlag zur
nächtlichen Feier. Es ist auch gar zu weit. Die übrigen bleiben in ihren Hütten;
aber schlafen wollen sie doch nicht. Sie sitzen beisammen und erzählen sich
Märchen. Sie haben heute einen sonderartigen Drang, aus ihrer Alltägigkeit
herauszutreten und sich eine eigene Welt zu schaffen. Mancher übt alte,
heidnische Sitten aus und vermeint durch dieselben einem unsäglichen Gefühle des
Herzens zu genügen. Mancher strengt seine Augen an und blickt hin über die
nächtigen Wälder und meint, er müsse irgendwo ein helles Lichtlein sehen. Er
horcht nach Feierglockenklingen und lieblichen Engelsstimmen. Aber nur die
Sterne leuchten über den Waldbergen, heute wie gestern und immer. Ein kalter
Luftauch weht über den Wipfeln; Eisflämmchen flimmern nieder von den Kronen und
zuweilen schüttelt ein Geäste seine Schneelast ab.
    Aber anders berührt in dieser Nacht das Flimmern und das Fallen des Schnees,
und die Menschengemüter zittern in sehnsuchtsvoller Erwartung des Erlösers.
    Ich habe ein einfältig Christbäumlein, wie man sie in nordischen Ländern
haben soll, zusammengerichtet und dasselbe der Anna Maria Russ in die
Lautergräben geschickt. Ich denke, die Kerzenflammen müssen freundlich spiegeln
in den Äuglein ihres Kleinen. Vielleicht, dass gar ein Funke ins junge Herz
hineinzuckt und dort nimmer verlischt.
    In der Hütte der Witwe kann kein Christbaum sein. Auf dem Grabe des Mates
liegt sehr viel Schnee; das Briefgehäuse aus Reisig hat eine hohe Haube. Der
flehende Brief der Mutter an das Kind muss verderben, ohne erbrochen und gelesen
worden zu sein.
                                                                      März 1818.
    In einem Winkel der Karwässer drüben hat sich der Bertold eine Klause
erworben. Er ist zu den Holzleuten gegangen.
    Die Aga hat gestern ein Kindlein geboren. Es ist ein Mädchen. Sie haben es
nicht nach Holdenschlag getragen. Ich bin geholt worden, dass ich es taufe. Ich
bin kein Priester und darf dem Kirchenkalender keinen Namen stehlen. Waldlilie
habe ich das Mädchen geheissen und mit dem Wasser des Waldes habe ich es getauft.
                                                                    Ostern 1818.
    Wann wird der Engel kommen, der den Stein hinwegwälzt?
    »Jerum, jerum, unser Herrgott ist gestorben! Aber wie ich schon sag', es
erfährt ein's halt nichts in dieses Hinterland herein. Schau, schau, ist eh'
nimmer jung gewesen, hab' schon mein Lebtag von ihm gehört. Hat halt doch auch
einmal fort müssen. Uh, wem bleibt's aus!« - Das hat der alte Schwammelfuchs
gesagt, als er erfahren, dass zu Holdenschlag am Charfreitag von der Kanzel
verkündet worden, unser Herrgott sei gestorben zu Jerusalem.
    In ernster und in höchster Verwunderung meint es der Alte, der doch zu jedem
Abendgebete die Worte sagt: »Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuziget,
gestorben.«
    Es ist Zungengebet. Das wahre Gebet betet nur das Herz in seiner Not, in
seiner Freude, aber die Leute werden sich desselben nicht bewusst. In Untiefen
begraben liegt noch das Ding, das wir wahre Gottesehre oder Frömmigkeit heissen.
    Die Leute eilen in der Osternacht oder am Morgen in den freien Wald hinaus,
zünden Feuer an, lassen Schiesspulver knallen und spähen in der Luft nach dem
päpstlichen Segen, der am Ostermorgen von der Zinne der Peterskirche zu Rom
ausgestreut werde nach allen vier Winden.
    Es ist immer das unbewusste Sehnen und Ringen. Man merkt, es liegt etwas
begraben in den Herzen, was nicht tot ist. Wann aber wird der Engel kommen, der
den Stein hinwegwälzt?
                                                        Am Sankt-Markustag 1818.
    Der Schnee ist geschmolzen. Drüben im Gesenke donnern noch die Lahnen. Vor
einem Jahre haben wir einige Obstbäume gepflanzt; diese grünen jetzt ganz frisch
und der Edelkirschbaum treibt fünf schneeweisse Blüten.
    Der Kirchenbau hat wieder begonnen. Die Maurer haben sich auch schon an den
Pfarrhof gemacht. Der wird ein stattliches Haus nach dem Plane des Waldherrn.
Warum muss der Pfarrhof denn grösser sein als etwan das Schulhaus? Das Schulhaus
soll ja für eine ganze Familie und für eine Schar junger Gäste eingerichtet
sein; der Pfarrhof herbergt nur einen oder ein paar einzelne Menschen, deren
Welt sich nicht nach aussen breitet, sondern im Innern vertieft.
    Aber der Pfarrhof soll das Heim und die Zuflucht sein für alle Rat- und
Hilfebedürftigen; eine Freistatt für Verfolgte und Schutzlose - und auch der
Mittelpunkt der Gemeinde.
    Als Neues in der Jahreszeit kehrt stets das Alte wieder, die Leute leben in
ihrer gewohnten Beschäftigung und unbewussten Armut fort.
    Ich kann nicht mehr so im Walde herumgehen, um mit den Leuten zu verkehren,
von ihnen zu lernen und ihnen dafür anderweitig zu nützen. Ich kann nicht mehr
flechten und schnitzen, nicht mehr so in der Schöpfung leben und Baum- und
Blumenkunde treiben und das Erdreich ausspähen, was etwan aus demselben für uns
zu holen wäre. Ich muss stetig dem Baue sein; die Arbeiter und Vorarbeiter gehen
auf meinen Rat. Ich muss viel nachdenken und Bücher und fremde Erfahrungen zu
Hilfe ziehen, dass wir nicht auf Irrwege geraten.
    Mir behagt aber die Sache bei all der Anstrengung und ich werde jünger und
kräftiger.
    Gestern ist der Dachstuhl aufgesetzt worden. Viele Menschen sind dabei
anwesend gewesen; jeder will zur Kirche sein Scherflein beitragen. Die Witwe des
Mates und ihre Tochter arbeiten auch im Bau. Sie sprechen kein Wort mehr von
dem Knaben. Aber letztin hat das Weib ein Steinchen mit aus ihrer Hütte
gebracht und die Worte gesagt: »Ich möchte gern, dass dieses Sandkorn unter dem
Altar liege.«
    Es ist der Stein, den der Knabe nach der Mutter geworfen.
                                                                 Pfingsten 1818.
    Das erste Fest der neuen Kirche. Aber nicht in derselben, sondern vor
derselben. Gestern ist das Turmkreuz aufgerichtet worden. Es ist von Stahl und
vergoldet - ein Geschenk des Freiherrn.
    Eine grosse Menge Leute hat sich versammelt; es gibt doch viele Bewohner in
den Wäldern.
    Von Holdenschlag aber soll kein Mensch dagewesen sein, nicht einmal der
Pfarrer. Letztlich gönnen sie uns etwan gar die neue Kirche nicht? - Wohl aber
ist jenseits des Winkelbaches der Einspanig gesehen worden. Er schleicht und
lauert, zerrt sein aschenfarbig Lodentuch über das bewüstete Haupt; hastet am
Bache hin und wieder und endlich hinein in das Dickicht. - Das ist ein seltsamer
Mensch; mehr und mehr zieht er sich zurück von den Leuten und nur an bedeutsamen
Tagen wird er gesehen. Niemand weiss, wer er ist, von wannen er kommt und was er
webt, das weiss kein Weber.
    Auch der Holzmeister nimmt an dem Feste teil, ist ganz ausserordentlich
aufgeziert und hat gar seinen roten Vollbart gekämmt. In der Hand hat er einen
beknopften Stock getragen, da merke ich gleich, es geht nicht gewöhnlich. Und
richtig, er hält eine Rede, in welcher er sagt, dass er heute im Namen des
Waldherrn der neuen Gemeinde die neue Kirche übergebe.
    Das Kreuz trägt ein kräftiger Mann an den Arm gebunden hinauf. Es ist Paul,
der junge Meisterknecht aus den Lautergräben. Von dem Turmfenster, durch das er
heraussteigt, ist ein sehr einfaches Gerüste an dem beinahe senkrechten
Schindeldach empor bis zur Spitze. Gelassen klettert der Träger an den Balken
hinan. Zur Spitze angekommen, steht er frei aufrecht und löst sich das Kreuz vom
linken Arm. - In der Menschenmasse ist es still, und ringsum kein Laut, als ob
noch die Urwildnis wäre an den Ufern der Winkel. Jeder hält den Atem an, als
wäre ein unbewachter Hauch imstande, dem Manne auf schwindelnder Höhe das
Gleichgewicht zu stören.
    Der Paul hütet seinen Blick und seine Bewegungen sind langsam und
regelmässig. Ich vermeine schon ein Zucken und Wenden zu bemerken, das nicht zur
Sache gehört, schon fasst mich der Schreck - da senkt sich das Kreuz in seinen
Grund und steht fest. In demselben Augenblick strauchelt der Mann - da schallt
herunten in meiner Nähe ein Schrei. Aber Paul steht oben.
    Der Schrei ist aus dem Munde der Anna Maria gekommen. Sie ist blass und ohne
noch einen Laut zu tun, setzt sie sich auf einen Stein.
    Und jetzund wird's erst lustig. Der Paul zieht ein Glas hervor, hebt es,
leert es und schleudert es nieder auf den Boden. Es zerspringt in tausend
Scherben und die Leute ringen untereinander um diese Scherben, um solche für
ihre Enkel zu erhaschen und dereinst sagen zu können: sehet, das ist ein Teil
des Glases, aus dem bei der Aufrichtung unseres Kirchturmkreuzes getrunken
worden.
    Noch steht der Paul auf hoher Spitze, Arm in Arm mit dem Kreuze; da kommt im
Turmfenster der graubärtige Kopf unseres Fabelhans-Rüpel zum Vorscheine. Der
zwinkert so gewaltig mit den weissen Augenbüschen, dass man es gar herunten
bemerken kann, und hebt so an zu reden:
    »Weil ich mich nicht auf die Spitz' getrau, so ich zu diesem Fenster
herausschau. Auf der Spitz' steht ein junger Mann, dem steht das Trinken an; das
Reden aber mir Alten. Will euch doch keine Predigt halten; dafür wird unten die
Kanzel gebaut und dieselb' einem rechtschaffenen Pfarrer vertraut. Neben der
Kanzel werdet ihr einen Taufstein erblicken; dem hab' ich nichts mehr zu
schicken; aber es gibt Leut' in der Pfarr', die brauchen so ein Waschtrog alle
Jahr'; der Taufbrunn' darf nicht zu klein, im Holzhauerland muss das ein starker
Brunnen sein. Aber gleich daneben tut der Beichtstuhl steh'n, da tragen sie alle
Sünden hinein, sind sie gross oder klein. Gott wird sie verzeih'n; der
Beichtvater aber soll die Ohren verschliessen, der kann die Sünden von sich
selber wissen. Dann ist der Hochaltar, da schüttet man seinen Kummer aus und
geht wieder frisch und jung nach Haus. Und der liebe Gott wird zwölf Engel
senden, die werden die Gemeinde bewachen an allen Enden. Da hör' ich, was auf
dem Turm das Glöcklein spricht, und seh' leuchten das heilige Kreuz im
Sonnenlicht, wie ein Wegweiser, ein göttliches Zeichen, dass wir allzusamm' mit
Gottes Gnad' den Himmel erreichen. - Und weil ich heut' auf diesem Turm schon
die Glocken muss sein, so ruf' ich es weit ins Land hinein, dass es hallt und
schallt über Berg und Wald, bis hin in die schöne Stadt, wo unser braver Herr
seinen Wohnsitz hat. Ich und wir all' und die ganze Gemein' bedanken uns wohl
von Herzen fein für's Gotteshaus zur schönen Zier! und der Engel soll uns leiten
all' zur himmlischen Tür. - Das ist mein armer Gruss; und noch tät' ich meinen
zum Schluss: eh'vor wir selbander im Himmel uns freu'n, wollen wir auf Erden noch
lustig sein!«
    In den Herzen haben die Worte gezündet, und ich hätte gleich meinen eigenen
Schutzengel mögen schicken, dass er dem Herrn in der Stadt den lieblichen
Dankesgruss gebracht.
    Als hierauf der Paul glücklich vom Turme zurückkommt auf den festen
Erdengrund, hat ihn sein Weib mit beiden Armen empfangen: »Gott gibt dich mir
mit eigenen Händen zurück!«
    Darauf gehen sie dem Hause zu, das heute eine laute Schenke geworden ist.
Und siehe die Fügung, da ist der Paul nach wenigen Stunden auf dem breiten,
ebenen und grundfesten Boden des Wirtshauses nicht mehr so sicher gestanden, wie
oben auf der Spitze.
    Das erhöhte Kreuz aber hat seinen Arm huldreich ausgebreitet über die Kirche
und über das Wirtshaus.
                                                             Einige Tage später.
    Es wird aber nicht wahr sein, was man über den Sohn unseres Waldherrn redet.
Der junge Herr soll es toll treiben. Es haben auch der Reichtümer allzuviel auf
ihn gewartet, als er in dieser Welt ist angekommen. Ei freilich lässt sich mit
klingendem Namen und klingender Münze im Leben etwas machen!
    Aber ich habe dem guten Hermann ja gesagt, woher das Brot kommt und was
Arbeit heisst. Freilich, das eine hat mir nicht gefallen wollen, dass er niemals
auf die Arbeiter des Feldes und auch niemals auf die Blumen des Frühlings und
auf die Blätter des Herbstes hat geachtet.
    Doch nein, Hermann, du kannst so sehr nicht irren. An deiner Seite steht ja
der heiligste, treueste Schutzgeist, den die Erde und der Himmel geboren hat. -
    Komme doch einmal herein in unseren schönen, stillen Wald!
 
                             Morgenrot und Edelweiss
                                                                 Im Sommer 1818.
Zuweilen ist mir im Winkel hier doch gar recht einsam zu Herzen. Ich weiss nun
aber ein Mittel dagegen; ich gehe zu solchen Stunden hinaus in die noch grössere
Einsamkeit des Waldes; und ich bin in derselben sogar schon nächtlicher Weile
gewesen und habe die schlummernde Schöpfung betrachtet und Ruhe empfunden.
    Nacht liegt über dem Waldlande. Der letzte Atemzug des vergangenen Tages ist
verweht. Die Vöglein ruhen und träumen und dichten künftige Lieder. Aber die
Käuze krächzen und Äste seufzen in ihren Stämmen. Die Welt hat ihr Auge
geschlossen, aber ihr Ohr tut sie auf, der ewigen Klage der Menschen. Wozu? Ihr
Herz ist Felsgestein und nimmer zu wärmen. Nein, sie wärmt ja mit ihrer Ruhe und
mit ihrem Blick. - Oben drängt sich Gestirn an Gestirne, es tanzt seinen Reigen
und freut sich des ewigen Tages. - Auch dem Walde naht der Morgen wieder, schon
winken ihm die Zweige.
    Es naht der junge König auf Wolkenrossen vom Aufgang her geritten und bohrt
seine glutlodernden Lanzen in das Herz der Nacht, und diese stürzt nieder in
dämmernde Schluchten, und von felsiger Zinne rieselt das Blut.
    Alpenglühen nennen es die Leute, und wenn ich ein Dichter wäre, ich wollte
es besingen.
    Zu dieser Jahreszeit wäre es auf dem grauen Zahn gut sein. Zur Nachtszeit,
während unten in den Tälern die Menschen ausruhen von Mühsal, und träumen von
Mühsal, und sich stärken zu neuer Mühsal - stehen da oben die ewigen Tafeln in
stiller Glut, und um Mitternacht reicht über dem Zahn ein Tag dem andern die
Hand.
    »O, das ist ein schönes Licht!« hat der alte Rüpel einmal ausgerufen, »das
leuchtet hinaus in die weite Fern', das leuchtet mir hinein in mein tiefes Herz,
das leuchtet mir hinauf zu Gott dem Herrn!«
    In meiner Seele ist zuweilen eine so seltsame Empfindung; Sehnsucht nach dem
Weiten, nach dem Unbegrenzten ist nicht ganz der rechte Name dafür; Durst nach
dem Lichte möchte ich sie heissen. - Mein armes Auge, du vermagst der dürstenden
Seele nicht genug zu tun; du wirst in dem Meere des Lichtes noch ertrinken und
sie wird nicht gesättigt sein.
    Ich bin dieser Tage wieder auf dem Zahn gewesen. Bald werde ich ja an den
Glockenstrick geknüpft sein, wenn andere Leute Feiertag haben. Es sei, der
Glockenstrick ist ein langer Atem, der sagt mit jedem Zug den Menschen was Gutes
und lobet Gott.
    Ich habe von dem hohen Berge aus nach den Niederungen geschaut, aber das
Meer hab' ich nicht gesehen. Ich habe gegen Mitternacht geschaut bis zu den
fernsten Kanten hin, von da aus man vielleicht das Flachland könnt' sehen, und
die Stadt und den Giebel des Hauses, und das Gefunkel der Fenster ...
    Und wie lang' müsstest du fliegen, du Blick meines Auges, bis hin ins
Sachsenland zum Grabe! ...
    Der scharfe Wind hat meine Gedanken abgeschnitten. Da bin ich wieder
niederwärts gestiegen.
    An einem Überhang des Grates habe ich etwas Freundliches gefunden.
    Das habe ich am Gestade des fernen Sees von meiner Ahne schon gehört, und
das habe ich von den Menschen dieses Waldlandes wiederholt vernommen, dass in der
Sonne d'rin die heilige Jungfrau Maria am Spinnrade sitzt. Sie spinnt Wolle von
schneeweissen Lämmlein, wie sie im Paradiese weiden. Da ist ihr einmal, als sie
bei dem Spinnen eingeschlummert und vom Menschengeschlechte hat geträumt, ein
Flöcklein der Wolle auf die Erde gefallen, ist hängen geblieben an einem hohen
und Felsen, und die Leute haben es gefunden und Edelweiss geheissen.
    Zwei Sternchen davon hab' ich abgepflückt und sie an meine Brust getan. Das
eine, das ein wenig rötlich leuchtet, sei Heinrichrot genannt, das andere,
schneeweisse, das ... lasse ich bei seinem alten Namen.
    Als ich gegen Abend zu den Wäldern und Geschlägen niederkomme, stösst mir was
unsäglich Liebliches zu. Da sehe ich unweit meines Fusssteiges eine Schichte
frischgrünen Grases; es duftet mir einladend entgegen, und so denke ich, dass ich
hinschreite dazu und meine ermüdeten Glieder darauf ein wenig rasten lasse. Und
wie ich nun zur Grasschichte komme, sehe ich darin ein Kindlein schlafen. Ein
blütenzartes, herziges Kindlein, in Linnen gewickelt. Ich bleibe stehen und
wahre meinen Atem, dass er nicht in Verwunderung ausbreche und so das Wesen
wecke. Ich vermag kaum zu denken, wie es komme, dass dieses hilflose, blutjunge
Menschenkind zu dieser Stunde an dieser entlegenen Stelle sei. Da klärt es sich
schon auf. Von der Talmulde wankt eine Grasladung heran und unter derselben
schnauft die Aga, die für ihre Ziegen Futter sammelt, und das Kind ist ihr
Töchterlein - meine Waldlilie.
    Das Weib ladet hierauf den Grasvorrat auf ihren Rücken und das Kind auf ihre
Brust, und wir gehen zusammen dem Tale zu.
    Ich bin an demselben Abende in ihre Klause eingekehrt und hab' Ziegenmilch
getrunken. Der Bertold ist spät vom Holzschlage heimgekommen. Die Leutchen
führen ein kümmerliches Leben; aber sie sind guten Mutes, und die junge
Waldlilie ist ihre Glückseligkeit.
    Als der Bertold an meiner Brust das Edelweiss sieht, sagt er, mit dem Finger
drohend: »Ihr, gebt acht, das ist ein gefährlich Kraut!«
    Ich verstehe ihn nicht, da setzt er bei: »Das Edelweiss hätt' schier meinen
Vater getötet und das Edelweiss will mir die Lieb' zu meiner schon verstorbenen
Mutter vergiften.«
    »Wie so, wie so, Bertold?« frage ich.
    Da erzählt er mir folgende Geschichte: Auf der andern Seite des Zahn, vom
Gesenke hinaus, ist ein Forstjunge gewesen, der hat ein Sennmädchen lieb gehabt.
Aber das ist gottlos stolz gewesen und hat eines Tages zum Forstjungen gesagt:
»Bist mir ja recht und ich mag dein werden, aber eine Gewährschaft musst du mir
geben von deiner treuen Lieb'. Bist ein flinker Bursch; schlagst mir's ab, wenn
ich ein Edelweiss verlang' von der hohen Wand herab?«
    »Mein Leben, ein Edelweiss sollst du haben!« jauchzt der Bursch, denkt aber
nicht daran, dass sie die hohe Wand die Teufelsburg heissen, weil sie unbesteigbar
ist, weil an ihrem Fuss Martertafeln stehen, von Wurznern und Gemsjägern zeugend,
die herabgestürzt. Und die Sennin bedenkt es nicht, das sie eine neue
Martertafel begehrt.
    Aber dasselb' ist wohl wahr, dass einem die Lieb' toll den Kopf verrückt. Der
Forstjunge hat sich aufgemacht noch an demselbigen Tag.
    Er besteigt das niedrigere Gewände, über welches der Holzhauer mit seiner
Kraxa noch wandeln muss; er erklettert Hänge, an denen der Wurzner seinen Speik
aussticht; er schwingt sich über Schründe und Klippen, denen kaum mehr der
Gemsjäger traut. Und er erreicht endlich jene schaudervollen Stellen an der
Teufelsburg, die unter sich den zerrissenen Abgrund, über sich das senkrecht
aufsteigende Getürme haben.
    Auf einem nächsten Felsvorsprung ist ein Gemslein gestanden, das hat lustig
sein Haupt erhoben und spottend auf den Burschen herübergeschaut. Es ist nicht
geflohen, da oben ist das Wild der Jäger und der Mensch das hilflose Wild. Das
Gemslein scharrt mit dem Vorderfuss, da fliegen weisse Flaumschüppchen auf. -
Edelweiss.
    Der Bursche weiss wohl, er hat seine Auge zu wahren, dass das Rad in dem
Haupte nicht anhebt zu kreisen. Er weiss wohl: blickt er empor am Gewände, so ist
er der Abschied vom Himmelslicht, und senkt er sein Auge niederwärts, so schaut
er in sein Grab.
    Nicht die Gemse, der Boden, auf dem sie steht, ist heute sein Ziel.
Einstemmt er den Alpenstock und windet sich und schwingt sich. Blau und grau
wird es um sein Auge. Funken tauchen auf und kreisen und vergehen. Nichts sieht
er mehr als das Lächeln der Sennin, da schleudert er den Stock von sich, da hebt
er an und hüpft und springt in weiten Sätzen. Und die Gemse macht sich auf und
setzt wild über sein Haupt, und der Forstjunge sinkt hin auf das weisse Bett ins
Edelweiss.
    Am zweiten Tage nachher hat der Oberförster bei den Leuten nachfragen
lassen, ob der Forstjunge nicht gesehen worden sei. Am dritten Tage haben sie
das Sennmädchen gesehen im Walde laufen mit gelösten Haaren. Und an dem Abende
desselben Tages ist der Forstjunge auf einen Stock gestützt durch das Tal
geschritten.
    Wie er herabgekommen von der Teufelsburg, das hat er keinem Menschen
erzählt, noch vielleicht erzählen können. Edelweiss hat er bei sich getragen -
einen Strauss an der Brust - einen Kranz auf dem Haupte; schneeweiss, edelweiss
sind seine Haare gewesen.
    Und das Sennmädchen, das sich in seinem Übermut an dem braunen Lockenkopf
versündigt, hat jetzund das Weisshaupt geliebt und gepflegt, bis es selbst ein
solches geworden in späten Jahren. -
    Fast schön hat der Bertold diese Geschichte erzählt und letztlich
beigesetzt, dass er von dem Forstjungen und der Sennin das Kind sei.
                                                                 Im Herbst 1818.
    Wenn ich in den Wäldern herumgehe zu grossen und kleinen Leuten, und von den
ersteren lerne und die letzteren lehre, so sehne ich mich oftmals zurück zum
Steg der Winkel. Da haben die letzten Jahre her die Leute um das Winkelhüterhaus
mit Axt und Hammer so herumgearbeitet und ich habe selber zuweilen ein wenig
meine Hand daran gelegt. Und nun ich die Augen einmal aufmache und die Dinge
betrachte, sehe ich, dass wir ein Dorf haben.
    Neben dem Hause sind ein paar Hütten aufgerichtet worden, anfangs nur für
die Bauarbeiter, und nun werden sie zu ständigen Häusern eingerichtet. Und da
ist der Martin Grassteiger, ein Kohlenbrenner, aus den Lautergräben
herübergekommen und hat zwei solche Hütten um eine ganz erkleckliche Summe
erkauft und zur Verwunderung der Leute gleich bar ausbezahlt. Aus den
pechschwarzen Kohlen werden funkelnde Taler gemacht, hat die alte Russ-Kat
einmal gesagt. Und mit blanken Talern hat der Grassteiger die Hütten bezahlt,
und nun ist er ein ansehnlicher Mann.
    Der Pfarrhof ist der Vollendung nahe und die Kirche ebenfalls, und danach
kommt das Schulhaus dran; - o Gott, ich erlebe eine sehr grosse Freude in diesen
Wäldern.
    Gestern zur Abendstunde haben wir die Kirche zum erstenmal zugesperrt. Es
ist der Baumeister, der Tischler aus Holdenschlag, der Holzmeister dabei
gewesen, aber ich weiss nicht, wie es gekommen, dass, wie wir auseinander
gegangen, der Schlüssel mir in den Händen ist verblieben. Ja so - ich bin der
Schulmeister. Ich weiss es selber kaum, dass ich es bin, und da schreibt mir
letztlich der Waldherr, er sei mit meinem schulmeisterlichen Wirken im Walde
recht zufrieden. Was tue ich denn? Geschichten erzähle ich den Kindern, und
weise ihnen mancherlei Kleinigkeiten des Waldes, die sonst zeitlebens kein
Mensch hier noch beachtet hat, mit denen aber die Kinder tolles Wesen treiben
und ihre Freude haben.
    Die vordersten Fenster in der Kirche, zwischen welchen der Altar kommt, sind
mir nicht ganz recht. Die Scheiben sind so hell, und das tut mir zuweilen im
Auge weh. Und es schaut die Waldlehne und der Holzschlag herein. Ei, das wäre
was rechtes für den Sonntagsbeter, da tät' er im Gedanken allfort Holz hacken,
statt seine arme Seele demütig dem lieben Gott vorzuführen, und er tät die
geschlagenen Stämme zählen und die Stöcke und die Reisighaufen und solche Dinge,
um deren Anzahl er sich sonst die ganze Woche nicht kümmert. Da muss das Gebet
schon wie ein Blutquell aus dem Herzen strömen, wenn der Gedanke dabei nicht
durchzugehen trachtet, und weil das nicht immer ist, so muss man die Kirche wie
eine Burg bewahren, dass der Sonntag nicht hinaus und der Werktag nicht herein
kann.
    Die beiden Fenster müssen mit Glasmalereien versehen werden, und das will
ich besorgen. Ich habe mir rotes, gelbes, blaues und grünes Papier kommen lassen
und arbeite nun schon seit Tagen als Bildschnitzer bei verschlossenen Türen.
    Über den Kirchenheiligen sind die Leute noch nicht einig geworden. Aber ich
habe darüber meine Gedanken. Stellen wir gar keinen auf. »Leute,« habe ich
gesagt, »stellen gar keinen auf. Jeder soll sich den seinen denken nach
Belieben. Die Heiligen sind unsichtbar und im Himmel; wir können sie nur aus
schlechtem Holz nachmachen, und das täte sie leicht verdriessen.«
    »'s mag wohl richtig sein,« haben einige auf diesen Vorschlag geantwortet,
»und wir ersparen die Unkosten.«
    Den Altartisch hat ein Vorhacker vom Karwasserschlag gezimmert. Der
Vorhacker ist ein armer Mann mit reichem Kindersegen; er hat aber für die
Kirchenarbeit kein Entgelt genommen. - »Auf eine gute Meinung tu' ich's«, hat er
gesagt, »für die Meinigen tu' ich's, auf dass mir keines stirbt und keines mehr
dazukommt.«
    Der liebe Gott muss nicht recht verstanden haben; kaum ist der Altartisch
fertig, rückt dem Vorhacker der neunte Bub auf die Welt.
    Um zu zeigen, dass es eine Ehre ist für den Wald, wenn so ein armer Mann ein
gemeinnütziges Werk vollbringt, so nennen wir den Vorhacker, weil er auch einer
ist, der seinen Namen nicht weiss, - den Ehrenwald. - Der Name reicht für seine
neun Buben und für weiteres.
    Der Franz Ehrenwald ist ein geschickter und strebsamer Kopf. Weil ihm der
Altartisch gelungen ist, so will er sich nun ganz auf das Zimmer- und
Tischlerhandwerk verlegen. Er hat sich schon eine Unzahl Werkzeuge gesammelt und
zwei Körbe voll von Hobeln, Reifmessern, Bohrern, Sägen, Beilen, Stemmeisen und
Dingen verschafft, die er gar nicht anzufassen weiss und sein Lebtag nicht
brauchen wird. Aber die Werkzeugkörbe sind sein Stolz, und seine Buben können
ihm keinen grösseren Ärger verursachen, als wenn sie in ihren eigenmächtigen
Tischlerarbeiten ihm etwan einen Bohrer verschleppen oder ein Messer schartig
machen. Sie mögen nur brav das Handwerk lernen, die zwei Körbe werden ja einmal
ihre Erbschaft sein.
    Ich habe mehrere Pläne für Wohnhäuser gezeichnet, wie sie gebaut werden
sollen, dass sie dauerhaft, licht, luftig, leicht heizbar, für die Lebensweise
der Leute geeignet und geschmackvoll sind. Nach solchen Plänen hat der Franz
Ehrenwald bereits mehrere Häuser begonnen. Eines davon gehört dem Meisterknecht
Paul in den Lautergräben. Die Bauten sind nicht kostspielig, da der Waldherr das
Holz dazu umsonst gibt; auch sollen sie, sagt man, steuerfrei bleiben.
    So fängt das Geschäft des Meisters Ehrenwald gut an; er muss sich Gehilfen
nehmen und seine Buben werden ihm bald zu wenig sein. Auch geht er bereits mit
einem Plan für sein eigenes Haus um. Letztlich, als ich einmal unten am Bache
stehe und Forellen fische, kommt er sachte, ich weiss gar nicht von woher, auf
mich zu und lispelt mir geheimnisvoll ins Ohr: »Glaubt mir, mein neues Haus wird
saggrisch toll, saggrisch toll wird's!« Kein Mensch sonst ist in der Nähe
gewesen und die Fische sind auch in der Winkel taub. Aber saggrisch toll -
flüstert er leise - wunderprächtig wird sein Haus! Der Mann ist schier kindisch
vor Stolz; er ist auf seinem Fahrwasser; früher ist es gar keinem eingefallen,
dass man auch in den Winkelwäldern stattliche Wohnungen bauen könne.
 
                               Auf dem Kreuzwege
                                                                 Im Herbst 1818.
Oben, in der Öde des Felsentales steht ein hölzernes Kreuz. Es ist dasselbe,
welches emporgewachsen sein soll aus dem Samenkorne des Vögleins, das alle
tausend Jahre in den Wald fliegt.
    Ich bespreche mich mit dem Förster und einigen der Ältesten. Hernach frage
ich den alten Bartkopf und Fabelhans Rüpel, der sonst auch just kein wichtig
Geschäft hat, ob er mit mir gehen wolle hinauf in die Karwässer und in das
Felsental, und ob er mir das bemooste Kreuz wolle herabtragen helfen in das
Winkel.
    Und so gehen wir an einem hellen Herbstmorgen davon.
    Beiden ist uns unsäglich wohl gewesen. Dem schattendunkeln Winkelbach haben
wir Dank gesagt für sein Schäumen und Rauschen. Dem Wiesengrün haben wir Dank
gesagt, dass es Wiesengrün ist, dem Taue und den Vöglein und dem Reh und dem
ganzen Wald haben wir Dank gesagt. - Wir steigen über glatten Waldboden, wir
steigen über verwittertes Gefälle und bemoostes Gestein. Die Bäume sind alt und
tragen lange Bärte, mit jedem steht der Fabelhans auf brüderlichem Fusse. Auf den
Weben der Moose begegnen uns Käfer, Ameisen, Eidechsen; wir grüssen sie alle, und
lustflunkernde Schmetterlinge laden wir ein, dass sie mit uns kommen sollten zum
Kreuze. Die kleine bunte Welt hat davon nichts wissen wollen.
    Mein Gefährte ist ein sehr seltsamer Kauz. Wer ihn nicht kennt, der kann ihn
nicht glauben. Aber unter den Waldmenschen gibt es einmal die wunderlichsten
Leute. Draussen in der durchgebildeten und abgeschliffenen Welt nennt man solche
Erscheinungen Dichter; hier heissen sie Halbnarren.
    Der Rüpel ist so ein Halbnarr. Sie heissen ihn auch den Fabelhans, weil er
allfort was zu fabeln weiss; und sie heissen ihn den Reim-Rüpel, weil er - und das
ist die Merkwürdigkeit - nicht zehn Worte sprechen kann, ohne zu reimen. Es ist
eine tollwitzige Gewohnheit. Seine ganze Lebensgeschichte hat er mir unterwegs
in Reimen erzählt. Die Reime haben zwar gottslästerlich geholpert; aber wer soll
auf so steinigem Waldboden nicht holpern und stolpern? - Ich will es doch
versuchen, mir seine Geschichte einzuprägen.
    »Ein Küsterbüblein bin ich gewesen,« hebt er an, »draussen in Holdenschlag
steht's noch zu lesen. Wenn ich den Strick hab' geschwungen und die Glocken
haben geklungen, hab' ich den Takt gesungen und den Schwenkel nachgeahmt mit
meiner Zungen. Beim Ministrieren hab' ich dem Pfarrer Wein in den Kelch
gegossen; aber unter dem Wasserkrüglein hat er gleich gezuckt; kaum ein
Tröpflein, ist er schon davongeruckt. Wasser und Wein als Fleisch und Blut, das
ist unser höchstes Gut, aber wer in den Kelch zu viel Wasser tut, der verdirbt
das rosenfarben' Christiblut. - Als ich von der Kirchen bin fortgekommen, hat
mich ein Schmied in die Lehr' genommen. Der Blas'balg hat mit Gleichmass
angefangen und der Hammer ist taktfest mitgegangen, und der Amboss hat geklungen,
sind die Funken gesprungen, und alles hat sich gefügt und gereimt, als wär' es
gehobelt gewesen und geleimt. Gerade meinem Meister hat's nicht angepasst, da hat
er mich nach dem Takt beim Schopf gefasst. Und schaut, bei diesen taktfesten
Dingen, Klingen, Singen und Springen, hab' ich zum stillen Feierabendfrieden bass
angefangen, Reime zu schmieden. Aber, wie auch geschmiedete Reime geraten, es
sind keine Hufeisen, sind keine Spaten, und der Eisenschmied hat den Reimschmied
bald verjagt hinaus in den Wald. - Im Wald hab' ich Moos gezupft und Wurzeln und
Kräuter gerupft, bin federleicht geworden und mit dem Reh gesprungen, bin lustig
geblieben, hab' mit den Vöglein gesungen. Der Förster, ein Vetter von mir, hat
gedacht, ich kunnt bei dem Lungern gar leicht verhungern, und hat mich zum Jäger
gemacht. - Wie ich die erste Büchs hab' umgehangen, haben die Tier' im Wald ein
Freudenfest begangen. Ich hab' nach dem Wild geschossen und die blaue Luft
getroffen, da bin ich dem Reh auf Versfüssen nachgeloffen. Das ist gar stehen
geblieben: ich kunnt nach Belieben mich setzen auf seinen Rücken; auf so
ungleichem Bein', das sehe es ein, könne das Gehen nicht glücken. - Das tat sich
dem Förster nicht schicken, und von meinem Jagen und schiessen will er gar nichts
mehr wissen. - Bin eine Weil' in der Welt herumgegangen, hab' allerlei
angefangen; mit allerhand Herren tät ich verkehren; teils haben sie mir
guterzig den Dienst aufgesagt, teils haben sie mich davongejagt. - Und schaut,
so schleift es fort und so werd' ich alt, und so holper' ich wieder zurück in
den Wald; und das ist mein Aufentalt. Und wenn ich wo Leute find', die
guterzig und lustig sind, so mach' ich mich bescheiden und mit Freuden daran,
und singe sie an; und singe zur Tauf' und Hochzeit und anderer Lustbarkeit um
ein Stücklein Brot; ist's auch schwarz und trocken, gesegne mir's Gott! Bin ich
gesund und wird mir die Zungen nicht lahm im Mund, so leid' ich keine Not. Und
ist es Zeit, so kommt der Herr Tod, ich bin bereit und gehe heim, und das ist
der allerbeste Reim. Und hör' ich singen und posaunenklingen, so steh' ich
wieder auf. Und das ist des Reim-Rüpels Lebenslauf.«
    Ich möchte den Mann die wilde Harfe oder den Waldsänger heissen, oder den
evangelischen Sperling; er säet nicht und erntet nicht und bettelt nicht, und
die braven Winkelwälder ernähren ihn dennoch, während draussen im weiten Land die
Sänger hungern.
    Nach vielen Stunden sind wir endlich hinaufgekommen in das Felsental. Als
wir am zerrissenen Gewände hingehen, in deren Klüften das Grauen schlummert, und
als wir mitten in den niedergebrochenen Klötzen das Kreuz ragen sehen, teilt mir
mein Begleiter mit, es tät' ihm scheinen, als husche dort eine Menschengestalt
zwischen den Steinen. Ich aber habe ausser uns zweien niemanden bemerkt.
    Vor dem Kreuze stehen wir still. Auf dem Felsklotz ragt es, wie es vor
Jahren geragt, wie es nach der Menschen Sagen seit unerdenklichen Zeiten
gestanden. Wetterstürme sind über ihn hingezogen und haben die Rinde gelöst von
dem Holze; sie sind dem Kreuzbilde nicht weiter gefährlich worden. Aber die
milden Sonnentage haben Spalten gesprengt an den Balken. - Das Himmelsauge wölbt
sich in lichter Bläue über den verlorenen Weltwinkel. Die niedergehende Sonne
blitzt schräge hinter dem Gefelse hervor und spinnt in den uralten, kahlästigen
Baumrunen und bescheint den rechten Arm des Kreuzes. Ein braunes Würmchen
kriecht über den Balken dem sonnigen Arme zu, doch kaum es den Arm erreicht, ist
die Glut erloschen. - Ein Kieferschabkäfer läuft an dem Stamme empor und eilt
unter das letzte Rindenschüppchen, um etwan die Puppe einer Ameise zu erhaschen.
- Dem ist das bestrahlte Kreuz ein Gottesreich; dem ist es ein Tummelplatz
seines Strebens und Geniessens.
    Unserer Gemeinde möge es das erstere sein!
    Es ist gut, dass kein Mensch weiss, wer den Pfahl im Felsentale gezimmert und
aufgestellt hat. Denn niemals sollen sich unter den Anbetenden jene Hände
falten, die das Bild der Gotteit geschnitzt haben. Von dem Berge Sinai herab
hat Moses die Gesetztafeln geholt, dem Volke als wahres Bild Gottes. Erst als
die Israeliten aus ihrem eigenen Geschmeide und mit eigenen Händen ein Bild
geformt, ist ein Götzenbild daraus geworden.
    Als wir auf den Fels gestiegen, um den Kreuzpfahl abzulösen, hat der Rüpel
sein Gesicht bedeckt mit beiden Händen. »Wir brechen den Altar im Felsenkar!«
ruft er in Erregung, »bei wem soll nun im Sturme beten der Baum und das
verfolgte Reh am Waldsaum?«
    Mir selbst haben die Hände gezittert, als wir das Kreuz ausheben und auf
unsere Schultern nehmen. Ich habe es so getragen, dass der Querbalken an meinem
Nacken gelegen, wie ein Joch; der Rüpel hat den Stamm nachgeschleppt.
    Und so gehen wir mit der Last hin zwischen den Klötzen und zwischen den
Baumrunen. Als wir zu dem Hange kommen, da bricht die Abenddämmer an.
    Die ganze Nacht sind wir mit dem Kreuze gegangen her durch die Waldungen. In
den Schluchten und Engpässen ist es ganz grauenhaft finster gewesen und an manch
alten Stamm hat unser Pfahl gestossen. Wo der Weg über Höhen geht, da rieselt
durch das Geäste das Mondlicht, und wir schreiten hin über die weissen Tafeln und
Herzen, die auf dem Boden liegen.
    Mehrmals haben wir das Kreuz auf die Erde gestellt und uns den Schweiss
getrocknet; gar wenig haben wir mitsammen gesprochen. Nur einmal hat der Rüpel
den Mund aufgetan und folgende Worte gesagt: »Das Kreuz ist schwer und herb;
mag's nur tragen, bis ich sterb'. Aber tun sie mich begraben, möcht ich ein
grünes Bäumlein haben, das nicht zusammenbricht auf mein Gebein, das aufwächst
gegen Himmel im Sonnenschein!«
    Da ist es bei so einem Ablasten, dass neben uns eine dunkle Gestalt über den
Weg huscht. Sie streckt eine Hand aus, deutet auf einen breiten Stein und dann
ist sie verschwunden. Wir haben beide diese Erscheinung bemerkt, aber wir haben
kein Wort gesagt, und erst, als wir auf der Wiese der Karwässer das Kreuz wieder
aufrecht auf die Erde stellen, so dass dessen scharfer Schatten ruhesam über dem
tauigen Grasgrunde liegt, sagt der Alte: »Wie in den bitteren Leidenstagen der
Herr das Kreuz auf den Berg hat getragen, und wie er mit seinen schweren Lasten
auf einem Stein hat wollen rasten, da tritt aus dem Haus ein Jud' heraus, und
sagt: der Stein gehört mein. Und der Herr schwankt weiter in seiner Pein. - Und
selbiger Jud' kann nicht sterben und ruhen, muss heut' noch wandern von Landen zu
Landen, von einem Jahrtausend zum andern, in glühenden Schuhen.« - Dann nach
einer kleinen Weile fährt der Rüpel fort: »Und weil in der heutigen Nacht wir
mit dem Kreuze gehen, so haben wir gar den ewigen Juden gesehen. Er hat uns
geladen ein zur Ruh' auf den Stein, das wäre gewesen nicht unsere Rast, aber die
Ruhe sein.«
    In der Kohlstatt der hinteren Lautergräben haben uns vier Männer aus dem
Winkeltale erwartet. Diese nehmen uns das Kreuz ab, legen es auf eine
grünsprossige Bahre und tragen es davon.
    Wie wir herauskommen zu unserem Tale, da bricht der Tag an. Und es klingt
und zittert ein Ton durch die Luft, der nicht vergleichbar ist mit
Menschengesang und Saitenspiel und aller Musik auf Erden. Schon jahrelang habe
ich diesen Ton nicht gehört, weiss ihn kaum mehr zu deuten. Wir alle stehen still
und horchen; es ist die Glocke von unserer neuen Kirche.
    Während wir im Felsentale gewesen, sind die Glocken angekommen und erhöht
worden.
    Wie ich an diesem Morgen das Glöcklein gehört, da hab' ich es nicht lassen
mögen, habe laut gerufen: »Leute, jetzt sind wir nimmer allein! Alle Gemeinden
draussen läuten zu dieser Stunde; wir haben mit ihnen den gleichen Morgengruss,
den gleichen Gedanken. Wir sind nicht mehr stumm, wir haben unsere gemeinsame
Zunge auf dem Turm, die in Freude und in Trübsal spricht, was wir empfinden,
aber nicht vermögen zu sagen. Und der ewige Gottesgedanke, der überall weht und
webt, aber nirgends fassbar und in keinem Bilde und durch kein Wort voll und ganz
ausgedrückt werden kann, im klingenden Reife der Glocke allein nimmt er Gestalt
an für unsere Sinne und wird fassbar unserem Herzen. Und so bringst du uns, du
süsser Glockenklang, trostreiche Botschaft von aussen und von innen und von oben!«
    Die Männer haben mich angestaunt, dass ich rede, und was es denn viel zu
reden gäbe, wenn Kirchenglocken läuten; das höre man draussen zu Holdenschlag
doch alle Tage. Nur der gute Rüpel ist beiseite geeilt und hinter die
Erlenbüsche hinauf, auf dass er unbeschadet von meiner heiseren Rede den reinen
Glockenton hat hören können.
    Vor der Kirche sind sehr viele Menschen versammelt, um die Glocken zu
vernehmen und das Kreuz zu sehen. Jenes Kreuz, das entsprossen ist aus dem
Samenkorne, so das Vöglein hat gebracht, welches alle tausend Jahre einmal durch
den Wald fliegt.
                                                                 Kirchweih 1818.
    Sonntag ist!
    Der erste Sonntag in den Winkelwäldern. Die Glocken haben es schon im
Morgenrot verkündet, und da sind die Leute herbeigekommen aus dem Hinterwinkel,
aus dem Miesenbacheck, von den Lautergräben, von den Karwassern und aus allen
Klausen und Höhlen der weiten Wälder. Heute sind sie nicht Holzer oder
Kohlenbrenner, oder was sie eben sonst sein mögen, heute zum erstenmal schmelzen
sie zusammen in eins, in einen Körper und heissen: die Gemeinde.
    Die Kirche ist fertig. Über dem Altartische ragt das Kreuz aus dem
Felsentale; es steht hierorts so anspruchslos und schier so stimmungsvoll, wie
es dort in der Einsamkeit gestanden. Unter den Leuten werden Äusserungen gehört,
das sei das wahchaftige Kreuz des Heilandes. Wenn sie Trost und Erhebung in
diesem Gedanken finden, dann ist es, wie sie sagen.
    Das Gezelt des Heiligsten ist ein Geschenk des Freiherrn; die Kerzenleuchter
und das Speisegitter hat der Ehrenwald geschnitzt. Wer doch die zwei schönen
Altarfenster mit den Glasmalereien gespendet hat? werde ich gefragt. Es ist gut,
dass die Fenster so hoch sind, sonst müsste man es wohl merken, dass über den
Glastafeln nur buntes Papier klebt. Die beiden Fenster stellen in einem grünen
Dornenkranze mit roten und weissen Rosen die zwei Gesetztafeln Moses vor. Über
dem Altare und dem Kreuze ist ein Rundfenster mit dem Auge Gottes und den
Worten: »Ich bin der Herr, dein Gott, der dich befreit aus der Knechtschaft.
Mache dir kein geschnjetztes Bild, um es anzubeten.«
    Der Pfarrer von Holdenschlag, der hier gewesen, um die Weihe und den
Gottesdienst zu vollziehen, hat mir bedeutet, die obigen Worte passten nicht. »Du
sollst allein an einen Gott glauben!« müsse es heissen. Ich antwortete, dass ich
die angewendeten Worte in einer sehr alten Bibel gelesen hätte.
    Der Schulmeister von Holdenschlag hat die Orgel gespielt, die einen sehr
reinen, ich möchte sagen, innigen Klang hat. »Die Freuden und Schmerzen, die der
Mund nicht kann sagen, sie sprudeln aus Musik, wie ein Bronnen in der Sonnen!«
sagt der alte Waldsänger.
    Wie ich mich auf der Ziter geübt habe, so übe ich mich nunmehr auf der
Orgel. Jeder liebliche Ton ist ein Eimer, der niedersteigt in das Herz des
Andächtigen und die Seele emporhebt zum Altare Gottes.
    Der Pfarrer von Holdenschlag hat eine Predigt gehalten über die
Bedeutsamkeit der Kirchweih und der Pfarrkirche und über das Leben des Menschen
vom Taufstein bis zum Grabe. Da fällt mir ein, dass wir noch keinen Friedhof
haben. Kein Mensch hat daran gedacht oder denken wollen, so oft auch die Rede
vom Taufstein gewesen. - Meine ganze Andacht ist weg, und während hernach bei
der Messe der Schleier des Weihrauches aufsteigt, habe ich immer daran denken
müssen, wohin wir doch den Friedhof legen werden. Und nach dem Hochamte, da
alles herausströmt auf den Platz zu den Verkaufsbuden der Hausierer, um die
Schätze und Künste zu betrachten, die nun die Welt der neuen Gemeinde im Winkel
hereinzusenden beginnt, steige ich den Hang hinan bis zur sanften Hebung, über
die sich der finstere Hochwald hinzieht gegen das Gewände. Dort lege ich mich
auf die abgefallenen Fichtennadeln des Bodens. Ich bin schier abgespannt von den
ungewohnten Erregungen des Ereignisses und versuche des Friedhofes wegen, wie
sich's hier oben ruhen lässt.
    Vom Platze herauf höre ich das Geschrei der Marktleute und das Gesurre der
Menge.
    Vielen ist aber die Kirche nicht recht, weil noch kein ordentliches
Wirtshaus dabei steht. Ei, der Branntweiner Hannes ist ja doch da, der hat sich
unter Eschen ein Tischchen aufgeschlagen und grosse Flaschen und kleine
Kelchgläser darauf gestellt. »Was wär' das für eine steintrockene Kirchweih,
wenn wir nicht trinken täten!« sagen die Leute, und der Bursche will auch seiner
Maid ein Gläschen zahlen. Und der Teufel ist ein frommer Mann, der will jede
neue Kirche nachmachen, aber es wird halt immer ein Wirtshaus daraus. Der
Schenktisch ist sein Hochaltar, die lose Wirtin sein Priester, das Gläserklingen
sein Glocken- und Orgelspiel, des Wirts Säckel sein Opferstock, die Spielkarten
sind sein Gebetbuch, und wenn einer im Rausch und Zank niedergeschlagen wird, so
ist das sein Opferlamm.
    Das ist der Schatten von der Kirche. Und der Arbeiter legt sich nach der
heissen Woche nur zu gerne in den Schatten.
    Bei dem Mittagsmahle, das wir selbander im Winkelhüterhause eingenommen, hat
es der Holzmeister schon erzählt, der Grassteiger will um Erlaubnis einkommen,
dass er eine Schnapsschenke errichten dürfe.
    Den Wirt hätten wir schon, aber wo steckt unser Pfarrer?
    »'s wird auch keiner hereinwollen in diesen mit Brettern verschlagenen
Weltwinkel,« meint der Holdenschlager.
    »Gelt, Hochwürden!« schreit die Winkelhüterin ins Gespräch hinein,
»wahrhaftig, das sag' ich hundertmal. Fort möcht' ich von dieser Einöden, heut'
lieber wie morgen. Es ist nichts anzuheben in diesem Winkel. Wie wär' es
unsereinem so handsam gewesen, dass ein's an Sonntagen ein wenig Branntwein
ausgeschenkt hätt', aber halt ja, der Grassteiger ist der Hahn im Korb!«
    »He,« lacht der Pfarrer, »Wirtshäuser! Wird noch ein belebter Ort werden,
dieses Winkel - Winkel - ei, die Gemeinde hat ja noch gar keinen Namen?!«
    Über den Namen der Gemeinde ist nicht bloss nachgedacht, es ist ein solcher
sogar schon bestimmt worden. Wie soll die Waldpfarr' heissen? Den Leuten wäre die
Erörterung dieser Frage eine willkommene Veranlassung gewesen, bei dem neuen
Wirt zusammenzukommen und die Gemeinde mit Schnaps zu taufen. Aber wir taufen
mit Wasser. Unser Wasser heisst die Winkel; über die Winkel führt dahier seit
unvordenklichen Tagen ein Steg; wenn ihn das Wasser fortgerissen, haben ihn die
Leute wieder aufgebaut, weil er hier, am Kreuzpunkte der Talschluchten und der
Waldpfade unentbehrlich ist. Den Platz um das Winkelhüterhaus nennen sie kurzweg
»am Steg«.
    Am Steg, am Winkelsteg, steht die neue Kirche. Und Winkelsteg, so heisst sie,
und so heisst die Gemeinde. Unser Waldherr Schrankenheim hat's unterschrieben.
    Wie unsere Kirchweih eingeläutet worden, so wird sie ausgeläutet. Da hat
sich an diesem Tage noch etwas sehr Erregendes zugetragen. Die Holdenschlager
Herren und der Förster sind fortgewesen; am Winkelsteg ist es wieder still. Es
dunkelt schon früh und im Hochgebirge liegt der Nebel. Es ist bereits finster,
da ich zu meinen Glocken gehe. Heute zum ersten Male brennt das rote Ämplein am
Altare, das nun fortan das ewige Licht geheissen werden wird, und nimmer
verlöschen soll, so lange das Gotteshaus steht. Das ist die Wacht vor dem Herrn.
    Wie ich in die Kirche trete, sehe ich in dem matten Schein am Speisegitter
eine Gestalt. Da kniet noch ein Mensch und betet. Wenn einer so lange leben muss
in dem Elende des Tages, so wird hernach völlig Sonntag zu kurz, da man bei dem
lieben Gott eingekehrt ist, oder bei sich selber. - So denke ich und stehe eine
Weile still und trete endlich vor, dass ich den Beter aufmerksam mache auf das
Absperren der Kirche. Wie mich aber die Gestalt bemerkt, rafft sie sich auf und
will fliehen. - Zuletzt ist es gar kein Beter, sage ich, und fasse den
Davoneilenden und sehe ihm ins Gesicht. Ein junger Bursche ist's.
    »Was wirst du rot, Schelm!« rufe ich.
    »Ich bin kein Schelm,« antwortet er, »und Ihr seid auch rot; das ist von der
Ampel.« Da sehe ich ihn recht an. Wer wird es gewesen sein? Der Lazarus ist's
gewesen, der verschollene Sohn der Adelheid.
    Ich habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und ein Geschrei erhoben
mitten in der Kirche.
    »Junge, was ist das mit dir um Gottes willen, wo bist du gewesen? Wir haben
dich gesucht, deine Mutter hat dich ausgraben wollen aus dem Gestein der Alpen.
Und wie bist du heute da, Lazarus! Ja, das ist schon gar aus aller Weis'!«
    Der Knabe ist dagestanden und hat auf meine Worte gar nichts geantwortet -
nicht ein Wörtlein.
    Darauf habe ich geläutet. Lazarus ist neben mir gestanden; seine Bekleidung
ist eine Wollendecke, seine Haare gehen ihm über die Achseln hinab, sein Antlitz
ist blass. Er sieht mir zu, er hat noch keine Glocke läuten gesehen. Und was ich
empfinde! Jetzt hab' ich eine hellklingende Zunge, jetzt kann ich das Ereignis
ja verkünden hin in die Berge.
    Endlich kommt meine Haushälterin: was denn das Läuten bedeute, ein
halbdutzendmal habe sie schon den »englischen Gruss« gebetet und ich höre noch
nicht auf!
    Da lasse ich den Glockenstrick wohl fahren und deute auf den Jungen: »Seht,
endlich ist er da. Habt Ihr das Läuten denn nicht verstanden? Der Lazarus ist
gefunden.«
    Besser als jegliche Glocke weiss solche Mär ein Weib zu verkünden. Kaum eilt
die Winkelhüterin rufend davon, sind ich und der Lazarus schon von Menschen
umringt. Ich weiss kaum, wie ich die Sache erzählen soll, und der Junge murmelt
ein- um das andere Mal: »Paulus,« und sonst sagt er kein Wort.
    Wir fragen ihn, wer Paulus sei? Statt auf die Frage zu antworten, versetzt
er mit seltsam scheuem Blick: »Er hat mich hergeführt zum Kreuz.« Und laut und
angstvoll ruft er: »Paulus!« Seine Zunge ist unbeholfen, seine Stimme
fremdartig.
    Wir führen ihn ins Haus; die Hauswirtin stellt ihm zu essen vor. Traurig
blickt er auf den Eierkuchen, wendet den Kopf nach allen Seiten und immer wieder
zurück auf den Kuchen und rührt keinen Bissen an.
    Allmiteinander reden wir ihm zu, dass er essen möge. Seine mageren Hände
strecken sich aus dem Lodenüberwurf hervor und nach der Speise aus, aber sie
zucken wieder zurück und der Junge zittert und hebt endlich an zu schluchzen.
Später bittet er um ein Stück Brot, das er mit Heisshunger verschlingt. dabei
fallen ihm die schwarzen Locken über die Augen herab, er streicht sie nicht zur
Seite. Zuletzt taucht er das Brot in den Wasserkrug und isst mit gesteigerter
Gier und trinkt das Wasser bis auf den letzten Tropfen.
    Wir stehen herum und wir sehen ihm zu und wir schütteln unsere weisen
Häupter und wollen fragen und fragen; und der Junge hört nichts und starrt in
die Spanlunte, die an der Wand leuchtet, oder zum Fenster hinaus in die
Dunkelheit.
    Noch in derselben Nacht haben ich und der Grassteiger den Knaben
hinaufgeführt in den Hinterwald zu seiner Mutter Hütte. Ein paarmal hat er uns
davon und die Lehnen hinanklettern wollen in den Wald. Stumm wie ein Maulwurf
und scheu wie ein Reh ist er gewesen.
    Wir kommen zu des schwarzen Mates Haus, die schwarze Hütte genannt. Da
liegt alles in tiefer Ruh. Das Brünnlein flüstert vor der Tür; das Geäste der
Tannen ächzt über dem Dache. In der Nacht hört man auf solche Dinge; am Tage
ist, wenn einer so sagen dürfte, das stete Tönen des Lichtes, da wird
dergleichen selten beachtet.
    Der Grassteiger hält den Knaben an der Hand. Ich stelle mich an ein Fenster
und rufe hinein durch die Papierscheibe: »Adelheid, wacht ein wenig auf!«
    Da ist drinnen ein kleines Geräusch und ein verzagtes Fragen, wer denn
draussen.
    »Der Andreas Erdmann von Winkelsteg ist da und noch zwei andere!« sage ich.
»Erschreckt aber nicht. In der neuen Kirche hat sich ein Wunder zugetragen. Der
Herr hat den Lazarus erweckt!«
    In der Hütte leckt mehrmals ein roter Schein an den Wänden, wie matte Blitze
zu sehen. Das Weib hat an der Herdglut einen Span angeblasen.
    Sie leuchtet uns zur Türe herein, aber als sie den Knaben sieht, fällt der
Span zu Boden und verlischt.
    Da ich endlich wieder ein Licht zuwege bringe, lehnt das Weib an dem
Türpfosten und Lazarus liegt auf dem Angesichte. Er wimmert. Der Grassteiger
hebt ihn empor und tut ihm die Locken aus dem Antlitz. Die Adelheid steht fast
regungslos im Nachtkleide; nur in ihrer Brust ist Unruhe. Sie legt die beiden
Hände über die Brust, sie wendet sich gegen die Wand und lechzt nach Atem, ich
habe gemeint, sie bricht uns zusammen. Letztlich wendet sie sich zum Knaben und
sagt: »Bist wohl einmal da, Lazarus?« - Und zu uns: »Tut euch ab dort auf der
Bank, will gleich eine Suppe kochen!« - Und wieder zum Knaben: »Zieh' die nassen
Schuh' aus, Bub!«
    Er hat gar keine Schuhe an den Füssen; Sohlen aus Baumrinden hat er
angebunden.
    Das Weib geht zum Bette, weckt das Mädchen, es möge schnell aufstehen, es
sei der Lazarus gekommen. Das Mädchen hebt an zu weinen.
    Die Suppe steht fertig auf dem Tisch; der Knabe starrt mit seinen grossen
Augen den Tisch und die Mutter an. Und jetzt erst bricht das Mutterherz los:
»Mein Kind, du kennst mich nimmer! Ja, ich bin alt geworden über die hundert
Jahr'! Wo bist mir gewesen diese ewige Zeit! Jesus Maria!« Sie reisst das Kind an
ihre Brust.
    Lazarus lässt es geschehen und starrt zur Erde; ich merke wohl, wie seine
Lippen zucken, aber er sagt kein Wort. Er muss Bedeutsames erfahren haben; seine
Seele liegt unter einem Banne.
    Als er hierauf seinen Lodenüberwurf austut, um auf das frisch bereitete
Lager zu steigen, langt er aus diesem Übertuch eine Handvoll grauer Körner und
streut sie mit einem Wurf über den Fussboden hin. Kaum das geschehen, hebt er an,
sich zu bücken und die Körner, Steinchen sind es, wieder aufzulesen. Er zählt
sie in seiner Hand und sucht dann in allen Fugen und Winkeln, und hebt mit
Sorgfalt jedes der Körnchen, und zählt und sucht wieder, und sucht mit
Gelassenheit eine lange Weile auf dem Estrich der Hütte, bis er das letzte Stück
hebt und ihm die Zahl in der Hand voll ist. Und selbunter haben wir den Jungen
zum ersten Male lächeln gesehen. Danach tut er die Steinlein wieder in die
Tasche seines Überwurfes und geht zu Bette.
    Er schläft bald ein.
    Wir sind noch lange am Herd gestanden bei der Spanlunte und haben unsere
Gedanken ausgesprochen über das Seltsame, wie es mit und in diesem Kinde ist.
                                                               Christmonat 1818.
    Der Knabe Lazarus muss in einer wunderbar mächtigen Schule gewesen sein. Von
seinem Jähzorne ist kaum eine Spur mehr, nur geht, wenn er erregt ist, ein
kurzes, blitzartiges Zucken durch sein Wesen. Er wird auch wieder fröhlich und
heiter. Von seinem Leben im Jahre seiner Abwesenheit will er nichts Rechtes
aussagen. Paulus hätte ihm verboten, mehr zu reden, als nötig. Zuweilen erzählt
er aber doch, nur sind die Worte unklar und verwirrt, schier wie Traumrednerei.
Er spricht von einem Felsenhause und von einem guten, ernsten Manne, und von
Bussübungen, und von einem Kreuzbilde.
    Lebhaft und bestimmt werden seine Worte nur, wenn er in der Lage ist, seine
und des Mannes Ehre irgendwie verteidigen zu müssen.
    In der Gemeinde wird viel dem »Wunderknaben« gesprochen. Einige glauben,
Lazarus sei bei einem Zauberer in der Lehre gewesen und werde noch grosse Dinge
vollbringen.
    Der alte Waldsänger sagt, er täte meinen, nun müsse bald der Messias
erscheinen; Lazarus sei der neue Vorläufer, Johannes der Täufer, der sich in der
Wüste genährt von Heuschrecken und wilden Schnecken.
    Gott walte es. Ein tätiger und herzenswarmer Pfarrer wäre für Winkelsteg der
Messias. Aber es ist, wie der Holdenschlager gesagt hat, es will keiner herein
in die verlorenen Waldtäler.
    Ich bin der einzige, der die Kirche verwaltet, läutet, Orgel spielt, singt
und vorbetet, wenn Sonntag ist. Die Täuflinge und Toten müssen nach Holdenschlag
wie vor und eh.
                                                                Im Hornung 1819.
    Was geht das mich an? Gar nichts geht's mich an. Aber ich bringe es doch
nicht aus dem Kopf, was mir der Förster von dem jungen Herrn erzählt hat.
    Mit Verweichlichung seines Körpers sei es angegangen, mit losen, lockeren
Spielen, Gelagen, Schlemmereien und Ausschweifungen gehe es weiter. Bah, wir
sind Freiherr, wir sind Millionär, wir sind ein schöner junger Mann, also
dreinfahren! - So hat's der Förster ausgelegt. - Ei, der wird's so genau nicht
wissen.
    Hermann soll in der Hauptstadt sein, weit von daheim und von seiner
Schwester. Ja, selbunter wäre freilich alles möglich. - Gott schütze dich,
Hermann! Es wäre auch nicht schön von mir, dem Schulmeister, wenn sein erster
Schüler ein ...
    Heb' dich weg, du hässliches Wort! Hermann ist ein braver, junger Mann. Was
weiss der Förster.
                                                               Im Frühjahr 1819.
    Die Gegend altert schnell. Die Berge werden grau und kahl; der Wald wird
verbrannt; in allen Tälern rauchen Kohlstätten.
    Mit Mühe hab' ich es durchgesetzt, dass sie da oben an der Hebung einen
kleinen Schachen stehen lassen. Der soll das letzte und bleibende Stück Urwald
sein und unter seinem Schatten sollen die toten Winkelsteger ruhen.
    Der Pfarrhof ist fertig. Die Pfarre ist längst ausgeschrieben. Einen Lacher
tun sie, wenn sie es lesen: »Das mag eine saubere Seelsorge sein in diesem
Winkelsteg; der Messopferwein besteht aus Holzäpfelmost, die Hostie aus
Hafermehl. - Je, wenn in Winkelsteg der Pfarrer verhungert, so ist er selber
schuld, warum speist er nicht Baumrinden; die Waldkatzen kommen ja auch davon.«
    Winkelsteg ist bös' verschrien; es wäre aber so arg nicht. Ich kriege für
das, dass ich die Kirche versorge und zuweilen auf den Predigtstuhl steige, um
den Leuten zur Erbauung vorzulesen, reichlich Mehl und Wildbret. Die Leute
sagen, es sei schade, dass ich nicht Pfarrer geworden.
    Von der Herrschaft des Waldes sind Messengelder geschickt worden, dass in der
Gemeinde Winkelsteg ein Gottesdienst gestiftet und gebetet werde auf eine gute
Meinung. Es hat sich die Tochter des Hauses vermählt.
    - - - Gott sei Dank, dass mein Körper und mein Geist hier so reichlich
Beschäftigung findet. Dieser Einspanig gibt Nachdenken.
    Öfter und öfter wird er im Orte gesehen, gebückt, wie ein leibhaftig
Fragezeichen, gebückt und krumm, so geht er einher. Noch immer aber weicht er
den Leuten aus; und wer ihm doch nahe zu kommen weiss, um eine Frage an ihn zu
stellen, dem gibt er eine Antwort, die drei Fragen gebiert. Auch in der Kirche
ist er schon gesehen worden, ganz zu hinterst in der Nische, wohin der
Beichtstuhl kommen soll.
    Der alte Rüpel hält das Wesen ganz entschieden für den ewigen Juden. - Nun,
so viel mag ich selber glauben: der Einspanig ist ein Teil desselben. Der ganze
ewige Jude hat meines Glaubens viele Millionen Köpfe.
                                                                 Im Sommer 1819.
    Da hätten wir nun auf einmal einen Pfarrer, und zwar einen so seltsamen, und
der so geheimnisvoll ist, wie unser Altarbild, das Kreuz aus dem Felsentale.
    Am letzten Tage des Heumonats, zur Mittagszeit ist es gewesen. Ich gehe in
die Kirche, um die Gebetglocke zu läuten. Da steht der Einspanig auf der
obersten Stufe des Altars, und übt die Förmlichkeiten des Messelesens.
    Ich sehe ihm eine Weile zu. Er liest die Messe, wie sie der Holdenschlager
nicht vollendeter darbringt. Als er aber damit fertig ist, ernstaft von den
Stufen niedersteigt und mit niedergeschlagenen Augen dem Ausgange zuwandelt, da
ist es doch meine Pflicht, dass ich ihn anhalte und zur Rede stelle.
    »Herr,« sage ich, »Ihr tretet in dieses Gotteshaus, wie es ja jeder darf,
der aufrichtigen Herzens ist; aber Ihr steiget zu dem Allerheiligsten empor und
übet Dinge, die nicht jedem zustehen. Ich bin der Hüter dieses Hause und habe
Euch zu fragen, was Euer Treiben bedeutet?«
    Er ist dagestanden und hat mich mit grosser Gelassenheit angeblickt.
    »Guter Freund,« sagt er hierauf mit einer Stimme, die wie eingerostet tönt:
»Die Frage ist kurz und leicht; die Antwort ist lang und schwer. Weil Ihr aber
das Recht habt, sie zu verlangen, so habe ich die Pflicht, sie zu geben.
Bestimmet den Tag, an welchem Ihr hinaufgehen wollt zu den drei Schirmtannen in
der Wolfsgrube.«
    »Wozu?« sage ich.
    »Die Antwort liegt nicht auf dem Wege. Unter den Schirmtannen mögt Ihr sie
erfahren.«
    »Wohl,« sage ich, »wenn es so ist, so will ich mich am nächsten Sonnabend um
die dritte Nachmittagsstunde bei den drei Schirmtannen in der Wolfsgrube
einfinden.«
    Er neigt den Kopf und geht davon.
    Ich will von diesem Vorfalle einstweilen den Leuten nichts melden. Das ist
ein Narr! würden sie aufschreien allmiteinander.
    Mag ja sein. Ich werde zu den Schirmtannen gehen und vielleicht Näheres über
den Mann erfahren. Finde ich so viele und so schöne Narrheit in ihm, wie in dem
alten Rüpel, so bin ich zufrieden. Sollte es in Winkelsteg schon mit Pfarrhof
und Schulhaus nicht gehen, so bringe ich doch etwan einen lustigen Narrenturm
zuweg.
    Und das ist auch gut.
 
                           Die Antwort des Einspanig
                                                                      Am Morgen.
Im Tannenwalde herrscht tiefe Trauer; wie Totenklage, wie Grabesschauer, so
weht's durch der Wildnis umnachtete Mauer. Dahingestreckt am Waldessaum ins
Leichenbett aus moosigem Flaum, gemordet liegt der urälteste Baum. - O, sehet
den Mörder über die Steppe fahren, er rast in Verzweiflung mit fliegenden
Haaren, verfolgt und gegeisselt von rächenden Scharen. - Den armen Mörder, o lasst
ihn ziehen, ihm ist's gegeben, Unheil zu sprühen. Und neu aus dem Tode wird
Leben blühen.
    Nicht der alte Rüpel ist es, der mich ansteckt, dass ich schon am frühen
Morgen solche Zeilen schreibe, sondern eine innere Bewegung, die mich bei der
Kunde von dem Sturme erfasst, hat sich in Worten Luft gemacht.
    In dieser Nacht hat ein Sturm gehaust. In Winkelsteg haben wir nichts
verspürt; nur ein schweres Getose ist gehört worden von Mitternacht her. Im
Schachen des Gottesackers ist kein Wipfelchen geknickt.
                                                                       Am Abend.
    Wie ich aber nun, da ich in den neuen Geschlägen drüben Geschäfte habe, über
die Lauterhöhe geh', ist mir der Weg zehnfach verlegt durch wild zerzauste,
zersplitterte, in Kreuz und krumm gefallene Bäume. Ein starker Harzduft weht in
den Gräben; zahllose Waldvögel flattern heimatlos umher, denn ihre Nester sind
zerrissen. Hier und da machen sich schon Holzhauer an das Gefälle, dass sie die
Stämme glätten und schälen. In den Holzhauerhütten soll das eine fürchterliche
Nacht gewesen sein. Einigen hat es den Dachstuhl zerrissen, dass am Morgen die
treibenden Wolken des Himmels hineingeschaut auf den Feuerherd und die wirren
Strohstätten. Bei den Köhlern im Karwasser ist ein abgerissener Fichtenstamm auf
einen Meiler gefallen, so dass das Feuer herausgebrochen ist und die
hingepeitschten Flammen schier einen Waldbrand erzeugt hätten. Der Bertold soll
wie wütend mit dem Dämpfen des Feuers gearbeitet haben und dabei mit seinem
linken Fuss zu Schaden gekommen sein.
    Manch wüste Scharte ist den Wäldern geschlagen, und als ich am Nachmittage
zu den Schirmtannen in der Wolfsgrube komme, sehe ich, dass die mittlere geknickt
ist. Sie ist von den dreien die grösste und wohl die älteste gewesen.
    Auf dem hingestreckten Stamm, der sein Geäste tief in den Erdboden gebohrt
hat, sitzt der Einspanig.
    Er hat sich ein Wollentuch um die Schultern gelegt, und über das Tuch wallen
die Strähne des schwarzen Haares mit seinen vielen grauen Fäden. Die Beine hält
der Mann übereinander geschlagen, darauf stützt er seinen Ellbogen, und auf
diesen das gesenkte Haupt mit dem blassen Antlitz.
    Da ich nahe, erhebt er sich.
    »Ihr kommt doch,« sagt er, »und ich hätte beinahe nicht kommen können. Die
Sturmnacht hat meine Behausung gesperrt; sie hat einen Felsklotz vor den Ausgang
gewälzt.« Und nach einem schweren Atemzug sagt er das trübselige Wort:
»Vielleicht wäre es besser gewesen, diese Nacht hätte mich in der Felsenhöhle
begraben für alle Zeit, als dass ich Euch heute die Antwort gebe. Da ich sie aber
gebe, so gebe ich sie Euch am liebsten. Ich habe Rechtschaffenes von Euch gehört
und freue mich der Gelegenheit, Euch näher zu kommen. Meine Antwort, junger
Mann, ist eine schwere Last; helfet sie mir tragen, wie Ihr ja auch die Mühsal
der anderen Waldbewohner auf Euch geladen habt. Ich weiss wohl, Ihr versteht
Priesteramt zu vertreten; so seid mein Beichtvater und erlöset mich von einem
Geheimnis, von dem ich nicht weiss, ist es eine schwarze Taube oder ein weisser
Rabe. - Wenn es aber wäre, dass Ihr mich nicht solltet begreifen können ...«
    Er hat eingehalten; in seinem Blick ist etwas wie Misstrauen gelegen.
    Ich versetze hierauf, dass ich ihn nach nichts fragen wolle, als nach der
Ursache seines Gebarens am Altare unserer Kirche.
    »Da fragt Ihr mich ja nach allem!« ruft er mühsam lachend aus; »da fragt Ihr
mich nach meinem Lebenslauf, nach meinem Seelenweh, nach meinem Teufel und nach
meinem Gott. - Gut, gut, kommt nur her und setzet Euch zu mir auf diesen Stamm.
Besser schickt sich keine Stätte für meine Antwort, als eine aus Vernichtung
gebaute. So setzet Euch!«
    Mir wird schier unheimlich. Im Tann ist es still, dass man das träge Ächzen
des Geästes vernehmen kann; oben aber fliegt das Gewölke dahin von einem Gewände
zum andern.
    Ich setze mich neben den Mann, in dessen Augen und Worten aber viel mehr
Kraft liegt, als man in dem gebückten, sich schwer schleppenden Einspanig hätte
vermuten können.
    Ja, der Einspanig geheissen, weil er nie in Gesellschaft eines zweiten
gesehen worden. Jetzund sitzt das Zweispan auf dem Stamme, die Frage und die
Antwort.
    »Wisset, was das ist, ein Herrenkind?« frägt der Mann jäh und starrt mir ins
Gesicht. - »In einem Palast geboren, in einer goldenen Wiege gewiegt werden. Der
rauhe Erdboden ist verdeckt mit weichen Geweben; die brennenden Sonnenstrahlen
und Wetterwolken des Himmels sind verhüllt mit schweren Seidenvorhängen; für
jeden leisen Wunsch eine Dienerschar; - eine Gegenwart voll Ebenmass und
hundertfach gehüteten Behagens; eine Zukunft voll Genuss und hoher Würden: das
heisst Herrenkindschaft. Auch ich bin ein Herrenkind gewesen, und als solches
ärmer wie ein Bettelknab'. Ich habe es aber zur Zeit nicht gewusst, und erst als
ich der Jahre zwölf oder vierzehn gezählt, ist mir die schreckliche Frage
erwacht: Mensch, wo hast du deine Mutter? - Meine Mutter hat mir das Leben
gegeben und das Sonnenlicht; - ihr eigenes war's gewesen - bei meiner Geburt ist
sie gestorben.
    Meinen Vater habe ich selten gesehen; er ist auf Jagden oder auf Reisen,
oder in der grossen Stadt Paris, oder in Bädern. Meine Liebe, für Vater und
Mutter mir ins Herz gegeben, verschwende ich an meinen Hofmeister, der stets um
mich ist als Lehrer und Gesellschafter und der mich sehr lieb hat. Er ist ein
mildfreundlicher, heiterer Mann und sehr fromm und gut. Oft, wenn er in unserer
Hauskirche die Messe gelesen, hat er ein verklärtes Antlitz gehabt, wie der
heilige Franz Xaver auf dem Altare. Und hat gesagt, dass er eine Eingebung hätte:
ich sei zu grossen Dingen erkoren. Daraus habe ich seine ausserordentliche Liebe
zu mir wahrgenommen.
    Und nun soll ich eines Tages diesen Freund verlieren. Da ist zur selben Zeit
nämlich ein Gesetz herausgekommen und in den Ländern regt sich die Verfolgung
gegen den Orden, dem jener Mann angehört. Mein Hofmeister muss fort, spricht aber
die Zuversicht aus, dass wir nach überstandener Trübsal uns wiedersehen würden.
    Und siehe, das Wort ist über alles Erwarten schnell in Erfüllung gegangen.
Nach wenigen Monaten schon ist mein Erzieher wieder im Hause. Er ist, wie er
sagt, aus dem Orden getreten.
    Ich bin zum Jünglinge herangewachsen. Meinen Hofmeister liebe ich wie einen
älteren Bruder. Oft habe ich ihn insgeheim um seine Ruhe beneidet. In mir hat
sich zur selbigen Zeit ein Unstetes zu regen begonnen. Im Hause ist es mir zu
eng, im Freien nicht weit genug; ist es still, so verlangt mir nach Lärm, und
habe ich Lärm, so sehne ich mich nach Stille. Mein Drang ist gewesen wie ein
blinder, heisshungeriger, pfadloser Mann auf der Heide.
    Da sagt mir einmal mein Erzieher: Das, lieber Freund, ist der Fluch der
Kinder der Welt. Das ist die rasende Sehnsucht, die trotz aller Güter und
Genüsse der Erde keine Sättigung finden kann, ausser sie flieht in die Burg, die
Christus gegründet hat auf Erden.
    - Wenn du zu mir sprichst - entgegne ich - du weisst doch, dass ich ein Christ
bin.
    - Das bist du nur in der Gesinnung - sagt er - aber dein Leib ist es, der so
wild nach Erfüllung lechzt. Deinen Leib musst du in die Burg Gottes einführen.
Mein lieber Freund, alle Tage bete ich zu Gott, dass er dich so glücklich werden
lassen möge, als ich es bin, dass du wie ein Bruder Jesu werdest.
    Von diesem Tage an, als mein Hofmeister so gesprochen hat, empfinde ich die
Last und das Unstete in mir doppelt schwer; aber als ich mich ernstlich prüfe,
sehe ich, dass es mir unmöglich wäre, der Welt zu entsagen.
    - Du hast mich nicht verstanden, sagt hierauf mein Erzieher einmal, und es
wundert mich, dass du nach den Jahren der Erziehung deinen Freund so missverstehen
kannst. Wer sagt dir, dass du den Freuden der Welt entsagen solltest? Die Freuden
der Welt sind ein Geschenk Gottes; aber sie nicht geniessen seiner selbst willen,
sondern zu Gottes Ehre, das ist es, was uns wahre Befriedigung gewährt.
    So geht mir nun ein neues Leben auf; mein sittliches Gefühl, das mich sonst
zurückgehalten, eifert mich jetzt an, dass ich all den verlangenden Sinnen meines
Wesens Sättigung verschaffe. In Freude und Genuss Gott dem Herrn dienen - so gibt
es keinen Zwiespalt mehr.
    Mein Freund lächelt und lässt gewähren. Die Welt ist schön, wenn man jung,
und auch gut, wenn man reich ist. Ich lasse sie mir sehr gut sein; ich will
ihren Becher leeren, ehe ich am Altare den Kelch trinken soll.
    Und nach wenigen Jahren habe ich den Freudenbecher geleert bis zum
Bodensatz. Da ekelt mich, da bin ich satt und übersatt. Und die Welt langweilt
mich.
    Und nun, da ich mittlerweile auch grossjährig geworden, hat mein Freund
wieder ein Wort gesprochen, und auf seinen Rat habe ich mich entschlossen. Ich
trete der Gemeinschaft bei und tue das Gelübde. Mein Vermögen fällt dem Vereine
zu und ich leiste das Gelöbnis des unbedingten Gehorsams.
    Und nun - - da ist eines Tages ein Mädchen zu mir gekommen, das ich früher
oft gesehen. Jetzt darf ich es nicht kennen. Es bittet mich, dass ich es mit dem
Kinde nicht verlassen möge; es bittet um Gottes willen. Allein - ich bin
bettelarm, darf mich auch für sie an niemand andern wenden, mich bindet der
Gehorsam.
    Wenige Tage danach ist das Mädchen als Leiche aus einem Teiche gezogen
worden. - Schmerzerfüllt klage ich an der Brust meines Freundes, dieser schiebt
mich sanft von sich und sagt: »Gott hat alles wohl gemacht!« -
    Nach diesen Worten ist der Mann, den sie den Einspanig nennen, wie
erschrocken zusammengefahren. Ein Häher ist über unseren Häuptern
dahingeflattert. Hierauf greift der Einspanig rasch nach meiner Hand und ruft:
    »Heute noch bin ich vermählt mit ihr. In jeder Nacht steht sie mit dem Kinde
vor meinem Lager. Der Orden hat einen schönen Stern, das ist der Marienkult.
Mancher Jüngling, der entsagen muss, blickt liebeglühend auf zu der Jungfrau mit
dem Jesukinde. Mir aber wird das Bildnis zum Gespenst, ich sehe in demselben das
betrogene Mädchen.
    Ich bin zum Priester geweiht worden und habe statt meiner weltlichen Titel
und Würden nichts als den Namen Paulus erhalten. Ich bin vorbereitet worden,
viel eher, als ich und mein Vater es geahnt haben.
    Ich habe Natur und Vermögen geopfert und meinen eigenen Willen; und nur
eines habe ich noch besessen, das Vaterland. Auch daran kommt die Reihe. Es wird
erklärt, unsere Vereinigung sei nach dem bestehenden Gesetze des Bodens im Lande
verlustig. Fast war ich zu schwach gewesen, meine Heimat und meinen betagten
Vater zu verlassen; allein, da gibt es kein Auflehnen des Herzens. Wir sind
Märtyrer zur Ehre Gottes; und so sehr bin ich Schwärmer, dass mir dieser Gedanke
Entschlossenheit gibt, mich von allem loszureissen.
    Wir sind nach Welschland gezogen. Zu Rom habe ich die Gräber der Apostel und
Märtyrer besucht; und habe gewähnt, in dem Lande ein still beschauliches Leben
führen zu können. Aber bald werden wir ausgesandt zur Arbeit. Ich weiss kaum mehr
durch welche Vermittlung, aber auf einmal sehe ich mich versetzt in eines der
Länder, die gegen Abend liegen, an den Hof des Königs. Vielleicht ist es meine
Abkunft, vielleicht die Erziehung, die ich genossen, vielleicht auch meine
Gelehrsamkeit oder eine gewisse Klugheit, die ich mir nach und nach angeeignet,
oder es kann meine Körpergestalt gewesen sein, die schön genannt war - oder all
das zusammen oder noch ein anderes, was mich befördert hat, ich weiss es nicht.
    Ich habe nach einiger Zeit ein einflussreiches Amt in der Staatskanzlei
erhalten. Und mein Wahlspruch ist gewesen: Sei ein geheimes Rad.
    Geschmeidigkeit, Sanftmut, Heiterkeit und Duldsamkeit sind die Tugenden,
deren ich mich zu befleissigen gehabt habe. So bin ich der Freund des Hofes
geworden, der gerne gesehene Gesellschafter, der gesuchte Ratgeber; und wenn ich
in der Schlosskapelle meine Messe gelesen habe, so sind die hohen Frauen vor dem
Altare auf den Knien gelegen. Endlich bin ich Beichtvater des Königs geworden.
    Die Welt lächelt und mir gefällt ihr Lächeln wieder. Leicht trage ich das
Gelübde der Armut, denn ich wohne im Königspalast. Treu bleibe ich dem Gelübde
der Entsagung, denn was ich geniesse, das geniesse ich Gott zuliebe.
    Da bricht eine bewegte Zeit an. In der Welt wütet die Empörung; auch in
unserem Lande gärt ein Aufruhr. Öfter als sonst versammelt der König die Grossen
des Reiches um sich, und angelegentlicher wird die Beichte, die er an jedem
dreissigsten Tag mir ablegt.
    Da kommt eines Tages an mich ein Befehl; er ist mit grossem Siegel
verschlossen. Als ich ihn gelesen, lehnt sich etwas in mir auf. Nein, so kann
ich nicht handeln, so mein Amt nicht missbrauchen.
    Zur selben Zeit erhalte ich die Nachricht von dem Tode meines Vaters. Das
bringt mich zu mir selbst. Kindesliebe, Schmerz, Sehnsucht, Heimweh,
Schuldbewusstsein und Reue graben in meinem Gehirne.
    Da kommt plötzlich der Befehl, ich würde mich einschiffen nach Ostindien!
    Das schmettert mich vollends nieder. Anstatt ins Vaterland, soll ich in
einen fernen Weltteil reisen, Warum? Zu welchen Zwecken? Wer frägt? - Die erste
Satzung lautet: Gehorsam!«
    Hier hat der Mann seine Erzählung unterbrochen. Mit den Fingern ist er sich
über seine hageren Wangen gefahren bis herab zu den Bartstoppeln des Backens.
Sein Auge, in welchem Unruhe und Müdigkeit gelegen, hat sich schwermütig empor
zur Höhe gewendet. Da oben haben die finsteren Wolkenlasten nicht mehr
hingejagt, sondern angefangen, sich an den Felswänden niederzusenken. Tiefe
Stille und Dämmerung ist gelegen über dem Waldkessel der Wolfsgrube.
    Und endlich fährt der Einspanig fort: »Vier ewige Sommer habe ich mit
einigen Gefährten in dem heissen Indien verlebt. Die Beschwerden sind gross
gewesen. Nur in der Erfüllung des Berufes habe ich einigen Trost gefunden. Nicht
mehr für besondere Vorteile eines Bundes haben wir gearbeitet, sondern für die
gemeinsame Sache der Menschen, die Gesittung. Wir haben den Hindus den Pflug
gegeben, auf ihren Berghöhen haben wir das Kreuz gepflanzt. Wir predigen ihnen
die Gotteslehre der Selbstaufopferung und Liebe. Anfangs haben sie Misstrauen und
Verfolgung gegen uns, endlich aber öffnen sie ihr Herz. Als Boten des Himmels
haben sie uns verehrt.
    Bereits haben wie in Dekan eine christliche Gemeinde zustande gebracht, da
kommen abendländische Scharen, Engländer und Franken, bekriegen Teile des Landes
und unterjochen sie. Da handelt es sich nicht mehr um die christliche Liebe,
sondern um Reis und Gewürze. Und vorbei ist es gewesen mit dem Glauben der
Hindus an unsere Lehre. Ermorden haben sie uns wollen. Auf ein fränkisches
Schiff haben wir uns geflüchtet und sind zurückgekehrt nach Europa.
    Nun sehe ich endlich mein Vaterland wieder. Eine andere Zeit ist. Das Volk
ist lau und droht mit dem Abfalle. Wir werden planmässig verteilt in Stadt und
Land.
    Da ich mich am Königshofe nicht bewährt habe, ich auch auf den Reisen
verwildert und aus dem Geleise der gesellschaftlichen Verhältnisse gekommen bin,
und da an mir ferner mehr Gewissensskrupel als Klugheit zu merken ist, so trifft
mich das Los: ich werde den Volksmissionären zugeteilt. Kaum kann ich meine
Geburtsstadt und das Grab meines Vaters besuchen, ehe ich fort muss in das
Gebirge. Mit drei Genossen wandere ich von Gegend zu Gegend, um in bestimmten
Pfarrkirchen sogenannte Missionen abzuhalten. Bei mächtigen Herren sind wir die
Heiteren, Geschmeidigen, Duldsamen gewesen; bei den wilden Völkern die Apostel
der Kultur, die strengen und liebevollen Lehrer des Christusglaubens. Hier aber,
bei dem verknöcherten, trägen, leichtsinnigen und noch dazu durch neue
Grundsätze verdorbenen Landvolke müssen wir erscheinen als Warner, als Richter
der Sünde.
    Anfangs, da kommen sie mit Übermut und Neugierde zur Kirche herein, um die
Wanderprediger zu sehen; aber als sie die dumpfen Worte von der Not der Seelen,
von der Gefahr der Welt, von der Sterbestunde und von dem schrecklichen Gericht
hören, da heben sie an zu erbleichen. Bald liegen sie zerknirscht vor dem
schwarzverhüllten Altare, drängen sich zu unseren Beichtstühlen.
    Vor jeder Kirche haben wir ein hohes, kahles Kreuz aufgestellt. Christus ist
für euch gekreuzigt worden, jetzt kreuziget euch selbst in Abtötung und Busse.
    Ich bin in Eifer geraten, der mich fortgezogen hat in dem was unseres Amtes
gewesen, und der mich fortgerissen hat in eine Schwärmerei, die ich bislang an
mir nicht gekannt habe. - Mein beständiger Ruf: Tuet Busse! -
    Wie lebendig und lustig es im Dorfe auch gewesen ist, wo wir eingezogen: es
wird bald still in den Gassen und öde auf den Feldern und Wiesen.
    Der Roggen verdorrt, unser Weizen reift. - Aber wenn die Stunden der
Begeisterung vorüber, so ist eine Öde in mir und ein Dämon, der mich fortweg
abwenden will von dem heiligen Beruf. Ich habe diesen Dämon für den Teufel
gehalten. Es wird aber was anderes gewesen sein. - Nicht wahr, jetzt kommt schon
die Nacht?«
    Fast verwirrt hat mich der Mann angeblickt, als hätte er von mir die
Beantwortung seiner Frage erwartet.
    »Die Nacht kann das noch nicht sein,« habe ich entgegnet, »der Nebel legt
sich so über den Wald.«
    »Ja, ja,« fährt der seltsame Erzähler wie träumend fort, »es kommt die
Nacht. Junger Freund, Ihr werdet sehen, es kommt die finstere Nacht.«
    Nun ist es eine Weile so still, dass man vermeint, den Nebel spinnen zu hören
in dem Geäste der Tannen. Nachher erzählt der Mann weiter:
    »In einem grossen Dorfe ist es gewesen. Ich sitze noch spät abends im
Beichtstuhl. Die Kirche ist endlich leer geworden und die Ampel des Altars legt
ihren Schein schon an die Wände. Ein einziger Mann steht noch neben dem
Beichtstuhl und scheint unentschlossen, ob er sich nähern oder auch die Kirche
verlassen soll.
    Ich winke ihm. Er schrickt zusammen, tritt näher und sinkt auf die Knie vor
dem Schuber des Beichtstuhles. Sein Bekreuzen ist ein krampfhaftes Zucken der
rechten Hand über das Gesicht. Er sagt nicht das übliche Gebet; in wirren und
hastigen Worten teilt er mir sein Bekenntnis mit. Dann faltet er die Hände so
fest ineinander, dass sie zittern, und stammelt die Bitte um Lossprechung. - Ich
will dem Geängstigten Worte des Trostes sagen. Aber unwirsch stosse ich mein
eigen Herz zurück.
    Und wie er stumm so dakniet, entgegne ich in ruhiger Weise: das Unrecht
könne ihm nicht verziehen werden vor Gott, solange es nicht gutgemacht.
    - Gutmachen, das kann ich nicht mehr, versetzt er, mein Nachbar ist
fortgezogen; ich weiss nicht wohin. Er nicht ist nicht zu finden.
    - So wandert, ihn zu suchen; besser die Füsse abgehen bis auf die Knie, als
dass die Seele ewig verloren gehe.
    - Aber mein Weib, meine Kinder! ruft er.
    - Um so mehr Seelen stürzet Ihr mit Euch in das Verderben!
    - Ich will fasten, beten, will Almosen geben zehnfach mehr, als was ich
betrogen.
    Dem Betrogenen selbst müsst ihr das unrechte Gut zurückgeben!
    Da schreit er fiebernd: ist der Herr nicht am Kreuz gestorben? Mord und
Totschlag werden verziehen, und mir kann meine Verirrung nicht vergeben sein? -
Der Mann ist nimmer zu finden!
    Sein Widerspruch bringt mich in eine Erregung. Strenge den Unbussfertigen!
lehrt die Satzung.
    - Makelt nicht mit dem gerechten Gott! rufe ich. Dreimal höher ist der
Himmel, seit er durch das Kreuzopfer ist erkauft worden, und neunmal tiefer die
Hölle, seitdem die Menschen drei Nägel geschlagen durch Christi Händ' und Füsse.
    Über diese meine Worte ist ein Aufstöhnen, dann ein Fluchwort. Ich höre den
Schall der Tritte eines Davoneilenden. - Ich bin in der nächtigen Kirche allein.
    Ich trete aus dem Beichtstuhl, knie hin vor den hochragenden Altar und bete
für den Verstockten. Und wie ich so emporblicke zu dem Bilde der Königin der
Beichtiger, da ist es mir, als trete sie plötzlich hervor aus der Nische - aus
dem Teiche sie, mit dem Kinde in blutrotem Schein.
    Der Türe eile ich zu. Siehe, da ist der Ausgang verschlossen.
    Ich habe die Sperrstunde nicht wahrgenommen. Die Kirche ist entlegen vom
Orte; das nächste Haus ist die Totenkammer. Da hört es keiner, wie man auch
rufen mag.
    Eingeschlossen in den düsteren Raum, in welchem ich von dem leidigen Teufel
so oft gesprochen und von der ewigen Höllenpein. - Dort im Gezelt der ewige
Gott; jetzo bist du mit ihm allein.
    Nein, ich habe es nicht vermocht, hinzublicken auf den Altar; das rote Licht
schwebt auf mich zu. Ich verkrieche mich wieder in den Beichtstuhl.
    So bin ich dagesessen mit erregten Sinnen. Jetzt und jetzt muss sich der
Vorhang bewegen und eine kalte Hand hereinlangen. Aber es bleibt still.
    Sonst knien sie da draussen vor dem Schuber, die armen Sünder, und erforschen
das Gewissen; und jetzt erforscht es der Beichtiger selbst. Habe zurückgeblickt
auf mein Leben. Wie ist es so bewegt, wie bin ich arm und einsam gewesen! Und so
hart! - Und in dem Teiche ist ein Herz verloschen. - Das einzige, das mich lieb
gehabt in der weiten Welt ... Was ist gemeint gewesen mit meinen hohlen Taten? -
Wenn ich vor Gottes Richterstuhl stehe? Wird auch nur eine Seele sein, die sagt:
Er hat mich gerettet? -
    Und als es in mir so schreit, da ist plötzlich ein Stöhnen vor dem Schuber
des Beichtstuhles, als kniete jener Mann noch davor. Ich fahre empor, aber -
still ist es, das Mondlicht rinnt durch das Fenster. -
    An wem liegt die Schuld, als an mir? - Wie viele Jahre sind mir noch
gegeben? O Gott, führe mich weg von deinem Altare, dem ich ein unwürdiger Diener
gewesen. Und von den Menschen führe mich weg. Führe mich zu einer einsamen
Stätte, wo ich mich selbst erlösen kann!
    Diese Sehnsucht hat sich wie Tau gelegt auf mein Gemüt; ruhiger ist es
geworden und meine Augen sind gesunken.
    Jetzt aber höre ich plötzlich von aussen eine Stimme, die Pater Paulus! ruft.
Endlich befreit! denke ich und will mich erheben. In demselben Augenblick höre
ich aufschreien: Jesus Maria! da ist er, da hängt er am Strick!
    Ich tue einen Schrei, der in dem Kirchenschiffe gellt und von dem ich selbst
erschrocken bin. Da ist draussen noch ein Klageruf und ich höre, wie sich die
Leute eilig wieder davonmachen. Der Aufschrei in der Kirche, mein Hilferuf, hat
sie verscheucht. Ich bin allein. Erregt, dass mir der Atem stockt. Mitternacht
schlägt es. Und wie? Draussen hängt einer am Strick?
    Auf mein Angesicht bin ich gefallen: Heiliger Gott, bewahre mich vor
Selbstmord!
    Aber jetzo steigt plötzlich eine Ahnung in mir auf. Wie, wenn es der Mann
ist, dem ich zur späten Abendstunde die Lossprechung verweigert, den ich in die
Verzweiflung zurückgestossen habe? Wenn er hingegangen ist und sich das Leben
genommen hat?! - In derselben Stunde, guter Freund, habe ich Schreckliches
ausgestanden. Der Selbstmörder, wie er mich angrinst mit starrem Auge! - Und aus
den Tiefen des Teiches ...! Und all die unerlösten Seelen kommen, denen ich die
Verdammung gepredigt. Und inmitten steht das hohe Kreuz und eine Stimme höre ich
rufen: Du hast die Liebe getötet!«
    Ächzend ist der Mann hingesunken auf das Geäste des Baumes. Kaum habe ich es
vermocht, ihn wieder aufzurichten. Nebelfeuchtes Wildfarnkraut reisse ich ab und
lege es auf seine heisse Stirne.
    »Erzählet ein andermal zu Ende,« sage ich, »und gehen wir heute in unsere
Wohnungen, es kommt wahrhaftig schon die Nacht.«
    Er hat sich aufgerichtet, ist mit den Zipfeln seines Mantels sich über die
Augen gefahren.
    »Heute ist der Frieden in mir,« sagt er hierauf ruhig, »aber so oft ich an
dieselbe Stunde denke, stockt mein Blut. Nun jetzo wird es schon besser. - Wie
ich meine Augen wieder auftue, da schaut das Morgenrot zu den Fenstern herein.
Wie ein gütiges Lächeln liegt es auf dem Altare und auf dem Bilde der Mutter
Maria. - Ich habe mich aufgerichtet und ein Gelöbnis getan, und da ist mir
gewesen, als müsse alles anders werden.
    Bald danach haben die Schlüssel der Kirchentüre gerasselt; Leute kommen. Sie
brechen in ein Frohlocken aus, als sie mich sehen, und führen mich an der Hand
in das Freie. Sie erzählen, wie sie mich gesucht, wie sie wohl einen Schrei
gehört in der Kirche, wie sie aber gemeint hätten, es sei eine Geisterstimme.
Sie führen mich abseits vom Kirchhofe, denn dort ist an einem eisernen
Grabkreuze der Selbstmörder gehangen.
    Ich habe mich nachher in mein Zimmer verschlossen und bin in demselben
verblieben den ganzen Tag. Ich hätte an dem Tage eine Predigt halten sollen über
die Busse und die Erbarmungen Gottes. Ein anderer meiner Genossen hat es für mich
getan. Die Leute sollen sich erzählt haben, ich sei die Nacht über absichtlich
in der Kirche geblieben und hätte Offenbarungen gehabt.
    Spät abends, als ringsum alles geschlafen, habe ich auf ein Blatt Papier die
Worte geschrieben: Lebt wohl, meine Brüder. Forscht nicht nach mir.
    Und dann habe ich genommen, was mein, und bin aus dem Hause gegangen und aus
dem Dorfe, und die Landstrasse entlang die ganze Nacht.
    Planlos ist mein Wandern. Ich überlasse mich dem Zufall. Ich habe nichts zu
verlieren; nur aus dem Bereiche der belebteren Gegenden trachte ich
fortzugelangen. Ich habe meine Richtung gegen das Gebirge genommen.
    Als der Morgen graut, bin ich zwischen Waldbergen; ein Bach rauscht mir
entgegen. Ich trinke aus dem Wasser und ruhe auf einem Stein. Da kommt so ein
Waldmensch des Weges, der zieht seine Kopfbedeckung ab vor meinem priesterlichen
Kleide. Ich erhebe mich und bitte den Mann, dass er mir den Weg weise, ich wollte
weit hinein ins Gebirg, bis dortin, wo der allerletzte Mensch wohnt.
    - Der allerletzte Mensch, der wird wohl der Kohlenbrenner, der Russ-Bartelmei
sein, hat der Mann geantwortet.
    - So weiset mir den Weg zum Russ-Bartelmei und bedeckt Euer Haupt.
    - Habt Ihr mit dem Köhler was zu schaffen? frägt er dreister, da wir schon
auf dem Wege sind, Ihr, der Köhler ist 'leicht schwarz an Leib und Seel'; den
mögt Ihr nimmer weiss waschen. Schlechter wie andere wird er auch nicht sein. Was
wollt Ihr ihm denn?
    Ich glaube, ich habe dem Frager von einer weitläufigen Verwandtschaft was
gesagt. Da bleibt er stehen und sieht mich an: Verwandtschaft! tät' mich wohl
freuen! Der Russ-Bartelmei bin ich halt selber.
    Ich gehe mit dem Manne über Berge und durch Schluchten. Bis zur Mittagszeit
sind wir bei seinem Hause.
    Drei Tage bleibe ich bei den Leuten. Schwarz sind sie freilich. Bei einem
Volke des Morgenlandes ist schwarz die Farbe der Tugend und der Seligen; sie
malen dafür den Teufel weiss. - Ich habe das, in der Meinung, ihm ein Gefälliges
mitzuteilen, dem Kohlenbrenner gesagt. Der aber guckt seltsam aus seiner
Hutkrempe hervor und entgegnet: Wird doch nicht sein. Nachher wäre ja der
Pfarrer auf der Gasse ein Engel und in der Kirche ein -. Diese grobe Rede hat
mich wohl gestossen.
    Am dritten Tage, nachdem ich und der Bartelmei viel und über vieles
miteinander gesprochen und uns gegenseitig Teile aus unserer Lebensgeschichte
erzählt (die seine ist kohlschwarz und die meine noch schwärzer), da frage ich
ihn, ob er mein Freund sein wolle. Ich hätte vor, in der Wildnis zu leben und zu
arbeiten für meine Seele, und wolle redlich bestrebt sein, in der Einsamkeit
Gutes zu stiften, da man unter Menschenscharen auch mit bestem Willen nicht
immer das Rechte fördere. Als Freund habe er mich gegen Entgeltung mit den
allernotwendigsten Bedürfnissen zu versehen, des weiteren aber mich als
Geheimnis zu bewahren.
    Der Mann hat sich lange besonnen; dann sagt er: So, ein Einsiedler wollt Ihr
werden? Und da soll ich der Rab' sein, der Euch das Brot vom Himmel bringt?
    Ich erkläre, dass ich mir das Brot selbst suchen wolle, dass man aber auch
Kleidungsstücke und andere Dinge bedürfe, und dass ich nicht ermangeln würde, mit
meiner kleinen Habe dafür zu danken.
    So ist er bereit, mir zu dienen. Nur müsse ich ihm auch einmal eine
Gefälligkeit erweisen, und vielleicht eine ganz absonderliche. Er habe schon
auch sein Anliegen.
    Ich habe das Köhlerhaus verlassen, und der Bartelmei hat mich geführt noch
weiter in die Wildnis hinein. Bis in das Felsental bin ich hinaufgekommen; da
sind gar keine Menschen mehr, da ist nur der Urwald und das starre Gewände. Und
hier ist es mir recht gewesen; in einer verborgenen Höhle, an der eine Quelle
vorbeirieselt, habe ich mich eingerichtet. Im Felsentale ist ein hölzernes Kreuz
gestanden, das seiner Tage auch ein verlorener Waldmensch aufgerichtet haben
mag. Das ist mein Versöhnungsaltar. Ein Kreuz ohne Heiland, wie ich es sonst den
bedrängten Seelen vorgehalten, war mir endlich selber geworden.
    Und so, junger Freund, habe ich nun gelebt in der Einsamkeit, habe mit den
Wurznern und Pechern gearbeitet. Und so ist Jahr um Jahr verflossen. Von
Entbehrung will ich nicht reden, schwerer ist mir das Gefühl des Verlassenseins
geworden, und die Sehnsucht nach den Menschen hat mich oft hart gepeinigt. Nur
der Gedanke, dass Entsagung meine Sühne ist, hat mich getröstet. Oft bin ich
hinaus in die Täler gegangen, wo Menschen wohnen in lieber Geselligkeit. Ich
habe mich gelabt mit dem Bewusstsein ihrer Gewissensruhe und Zufriedenheit und
bin wieder zurückgekehrt in das ewig einsame Felsental zu meiner Höhle und zu
dem stillen Kreuze auf dem Steingrunde.
    Der Kampf in mir aber ist, statt geringer, grösser und schwerer geworden, und
zuweilen kommt mir der Gedanke: was ist das für ein Leben in lahmer
Tatlosigkeit, in der man niemandem nützt, sich selber doch verzehrt? Kann das
Gottes Wille sein?
    Zurückkehren in den Orden, das wäre unmöglich. In der offenen Welt leben
unter dem Schilde eines abtrünnigen Priesters, das wäre ein zu grosses Ärgernis
an der treuen Berufserfüllung im allgemeinen. Was bleibt mir übrig, als für das
Völklein des Waldes nach Kräften wohltätig zu wirken? Aber ich weiss es nicht
anzufassen. Mit trockenen Predigten stiftet man nicht immer das Wahre. Den
Teufel habe ich ja so lange gerufen, bis er mir selber gekommen. Gott und die
christliche Liebe lehren? Damit bin ich schlecht gefahren. So habe ich gar keine
Neigung mehr, den Menschen mit Worten zu dienen.
    Wo ich Kinder sehe, da gehe ich auf sie zu, dass ich ihnen ein Liebes könnte
erweisen; aber sie haben sich vor mir gefürchtet. Ich bin gemieden und nirgends
gern gesehen, selbst in der Hütte des Bartelmei nicht mehr. Ich bin auch so
seltsam, so unheimlich; zuletzt hat mir vor mir selber gegraut. Ein Verbannter
lebe ich im Felsentale und zwischen dem Gestein lechze ich nach Wohltun. Und ich
bin doch wieder davongeschlichen gegen die Wässer hinaus.
    Dem altersschwachen Weiblein habe ich die Holzschleppe vom Rücken genommen,
auf dass ich sie in seine Klause trage. Dem Hirten habe ich die Herde von dem
gefährlichen Gewände abgeleitet. Und im Winter, wenn gar keine Menschen sind
weit und breit, habe ich mit dürren Samen und wilden Früchten die Vöglein
gefüttert und die Rehe. Geweint habe ich über diesen meinen armseligen
Wirkungskreis und vor dem Kreuze habe ich gebetet: Herr, vergib! und nur einmal
lass mich was Gutes vollenden!
    Und so habe ich, in der Absicht, etwas Rechtes zu vollbringen, den Jungen
aus dem Hinterwinkel zu mir genommen. Ich hatte gehört, dass er von seinem Vater
die Tobsucht geerbt haben soll. Ich habe bedacht, dass, wie der Mates daran
zugrunde gegangen, so auch der Lazarus daran zugrunde gehen müsse, könne durch
eine entsprechende Zucht dem Übel nicht gesteuert werden. Auch habe ich bedacht,
dass ein schwaches, weichherziges Weib nimmer imstande ist, dem gefährdeten Kind
die strenge Leitung, die nötig ist, angedeihen zu lassen. Da habe ich eines
Tages im Walde den Knaben am Grabe seines Vaters getroffen. Er hat erbärmlich
geweint und ist nicht von mir geflohen wie andere Kinder. Und als ich ihn frage,
was ihn denn so sehr betrübe, da antwortet er, er hätte einen Stein geschleudert
nach seiner Mutter, und so wolle er jetzt sterben.
    Ich entgegne ihm, er möge getrost sein; ich hätte auch einmal so einen Stein
geschleudert gegen Menschen, aber nun wäre ich in die Wildnis gegangen, dass ich
Busse tue und einen besseren Mann aus mir mache. Und ich frage ihn, ob er es auch
so halten wolle. Der Knabe hat mich flehend angeblickt und ja gesagt.
    So habe ich ihn mit mir genommen in das Felsental und in mein Haus. Über ein
Jahr habe ich ihn bei mir behalten, auf dass ich ihn an strenge Ordnung hielte
und seine wilden Anfälle zu unterdrücken suchte. Täglich haben wir vor dem
Kreuze gemeinsam unsere Andacht verrichtet. Und ich habe dem Knaben die
Geschichte von dem Gekreuzigten erzählt, habe ihm mit aller Wärme eines
sehnenden Herzens dargestellt die Liebe, Geduld und Sanftmut des Heilandes, und
ich habe gemerkt, wie das Gemüt des Knaben davon ergriffen worden ist. Es ist ja
ein herzensguter Junge.
    Wir haben zusammen gearbeitet, haben Waldfrüchte, Kräuter und Schwämme
gesammelt zu unserer Nahrung. Hirsche und Rehe haben wir nicht geschossen, wie
der Lazarus einmal vorgeschlagen. Stühle und Fussmatten flechten wir für unsere
Felsenwohnung und für den Branntweiner, der sie an den Mann zu bringen weiss.
Viel Brennholz sammeln wir auf vor unserem Eingang. Gehe ich in die Lautergräben
oder in die Winkelwälder hinaus, so bleibt der Knabe willig im Felsenhause und
arbeitet allein. Gerne hat er mir von seiner kleinen Schwester erzählt, aber nie
ein Wort von seiner Mutter, gleichwohl er im Traume oft genug von ihr gesprochen
hat. Ich habe es ihm angemerkt, wie sehr das Gewissen seiner Tat ihn hat
gepeinigt.
    Auf dass der Knabe sich in Geduld und Sanftmut übe, habe ich ein Mittel
erfunden, das, wie seltsam und einfältig es auch aussehen mag, doch eine
schätzbare Wirkung in sich trägt. Ich fasse einen Rosenkranz aus grauen
Steinperlen zusammen, und diesen Rosenkranz muss mir der Lazarus allabendlich
abbeten, ehe er zu Bette geht. Aber nicht mit dem Munde abbeten, sondern mit den
Fingern und mit den Augen. Er muss nämlich alle Perlen von der Schnur streifen,
dass sie auf den Erdboden hinkollern; und nun ist seine Aufgabe, dass er die in
alle Winkel gerollten Kügelein mühsam wieder zusammensuche und auflese. Anfangs
hat er bei dieser mühsamen Arbeit sein Zucken wohl bekommen, aber da er dadurch
dem Geschäfte hinderlich statt förderlich ist, so hat er es nach und nach mit
mehr und mehr Fassung verrichtet, trotzdem das Suchen oft stundenlang dauert,
bis er die letzte und allerletzte Perle findet. Und endlich hat er es mit einer
Ruhe und Selbstüberwindung getan, die verehrungswürdig ist. - Kind, sage ich
einmal, das ist das schönste Gebet, dass du Gott und deiner Mutter zu Liebe tun
kannst, und damit erlösest du deinen Vater. Da blickt mich der Junge mit seinen
grossen Augen glückselig an.
    Wir haben nicht gar viel miteinander geredet, aber um so gewichtiger und
überlegter ist jedes gesprochene Wort gewesen. Er scheint mich lieb gehabt zu
haben, er hat jeden Wunsch meiner Augen zu erfüllen gesucht. Nach meiner Weisung
hat er mich den Bruder Paulus geheissen.
    Wohl, es ist eine gewagte Art gewesen, wie ich den Knaben zu mir gerissen
und geschult habe; aber ich mag hoffen, dass er glücklich auf einen besseren Weg
geleitet ist. - O, mein Freund, wie oft habe ich mir gesagt: einem, und wenn
auch nur einem Menschen musst du von allen Seelengaben, die dem Priester zu
Gebote stehen sollen, die Gabe der Selbstbeherrschung eigen machen, dann bist du
erlöst.
    Ich habe mich im Laufe des Jahres oft nach der Mutter des Knaben umgesehen;
und so sehr ich mich selbst an den Knaben gewöhnt, habe ich doch den Tag
ersehnt, an welchem ich dem armen Weibe das verschollene Kind wieder zurückgeben
kann, wie ein Stück reinen Goldes nach der Läuterung.
    Da finden wir eines Abends das Kreuz nicht mehr auf dem Steingrunde. Es war
unser Gottesaltar gewesen und das Zeichen der Entsagung und Selbstbeherrschung.
Und nun starrt uns die moderige Grube an, aus dem es emporgeragt.
    Wer hat mir auch dieses Einzige noch weggenommen? Soll es Kohlen geben oder
eine Herdflamme in der Hütte? Ist der weite Wald nicht mehr gross genug, legen
sie die Hand noch an das Kreuz? Was hat es ihnen getan? Oder schnitze einer den
Heiland dazu? Oder hat es ein Kranker, ein Sterbender holen lassen, auf dass er
davor bete?
    So habe ich an jenem Tage gefragt und gegrübelt. Und am Abend noch eile ich
durch das steinige Tal und meine, irgendwo müsse mein Gotteszeichen liegen. Ich
laufe in den Wald hinab, den Fusssteig hin, da sehe ich zwei Männer, die das
Kreuz auf den Schultern tragen.
    Und nun ist es mir eingefallen, es kommt in die neue Kirche am Steg, die
Wäldler stellen es auf den Altar. Sie verehren es, wie ich es verehre; auch sie
wollen Entsagung und Aufopferung lernen; auch sie sind Menschen, die streben und
ringen nach dem Rechten, wie ich. Da ist in mir eine Freude erwacht, die mir
schier das Herz hat zersprengt. Um den Hals fallen hätte ich Euch mögen, Euch,
der ganzen Gemeinde. Ich gehöre ja zu Euch - ein Pfarrkind.«
    Dann sagt er noch: »Jetzo ist keine Zeit mehr zum Reden. Ich bin ja auch zu
Ende. Kurze Zeit danach habe ich den Lazarus fortgeführt aus diesem Felsentale
und hinaus zur neuen Kirche, auf dass er vor dem Kreuze bete. Ich habe ihn von
Herzen gesegnet, denn ich habe wohl gewusst, dass er mir nicht mehr zurückkehren
wird in das Felsenhaus.
    Und allein habe ich weiter gelebt, wohl verlassener als je, und doch
beruhigter, und mein Herz hat sich gehoben, als wollte der Bann anheben zu
schwinden. Öfter und öfter bin ich hinausgegangen zur neuen Kirche, in der mein
Kreuz steht. Und die Menschen haben mich nicht mehr gemieden; Almosen haben sie
mir gereicht, auf dass ich beten möge vor Gott ihr Seelenheil. Daraus habe ich
wohl mit Beschämung ersehen, dass sie mich für besser halten, als ich selber.
    Ich bin auch wieder in das Haus des Bartelmei gegangen, in dem sie mehr von
mir wissen, als in den anderen Hütten. Des Köhlers Mutter, die Kat, ist schon
seit Jahren krank, die bittet mich, dass ich um Gottes Erbarmung Willen doch
einmal eine Messe für sie lese zu einem glücklichen Sterben. Das habe ich dem
alten Weiblein gerne versprochen und die Messe habe ich gelesen, und zwar vor
meinem Kreuze in der Kirche am Steg.«
    So weit hat der Mann erzählt.
    Wir schweigen beide eine gute Weile. Endlich habe ich die Worte gesagt: »Wie
sich das schon wunderbar fügt im Lebenslaufe, so ist das vielleicht Euere letzte
Messe in unserer Kirche nicht gewesen.«
    »Ich habe Euch die schuldige Antwort gegeben,« versetzt der Einspanig, »was
daraus für Euch, für mich erwächst, davon kann heute noch nicht gesprochen
werden.«
    Mit diesen Worten hat er sich von dem Holzstamme erhoben. Und wie er nun so
aufgerichtet vor mir steht, da ist er jünger und grösser, als er sonst
geschienen. Einen tiefen Atemzug hat er getan, und plötzlich hat er heftig meine
Hände gefasst in die seinen und mit bebender Stimme gerufen: »Ich danke Euch, ich
danke Euch!«
    Und hierauf ist er hastig davongegangen.
    Er schreitet aufwärts in der Richtung gegen das Felsental. Ich schreite
abwärts in die Lautergräben und gegen Winkelsteg.
    Meine Schuhe stossen oftmals an Gestein und Gefälle. Eine nebelfeuchte,
finstere Nacht liegt über den Wäldern.
    So ist mein Misstrauen gegen den Einsiedler glücklich zuschanden geworden.
    Wenn einer auf die Welt verzichtet, sie mag ihm sein, was sie will, und
jahrelang in der Wildnis lebt unter unerhörten Entbehrungen und mit eisernem
Willen die Wünsche seiner Seele bekämpft - dem ist es ernst. - Zu welchem Zwecke
wäre er auch in die Wälder gegangen, lange ehvor am Steg noch ein Kirchenstein
gelegen, zu welchem Zwecke hätte er sich gemieden gemacht von den Leuten und
seinem Wohltätigkeitsdrang nur im Verborgenen zu genügen gesucht? - Und vor mir
armem Mann hat er die Fasern seines Herzens entwirrt, dass ich hineinsehe in sein
Inneres, wie es auch dasteht in der Schuld.
    Oft habe ich mir gedacht, der erste Seelsorger in Winkelsteg darf kein
Gerechter sein, sondern ein Büsser. Nicht ein Mann sei es, der nie gefallen,
sondern einer, der aus dem Falle ist aufgestanden. In der Tiefe und Finsternis
der Wäldler muss er stehen und sich zurechtfinden können, auf dass er diesen
Menschen vorauszugehen weiss hinan zur lichten Höhe.
                                                                 Im Sommer 1819.
    Das ist sauber! das ist possierlich! das ist schon gar zu lustig, jetzund!
    Ich habe heute den ganzen Tag gelacht und geweint.
    Es wird nur eine scherzhafte Mär sein, aber sie wird allentalben ernstaft
erzählt. Und bei dem, was bislang schon zu hören gewesen, kann es ja möglich
sein.
    Verspielt soll er uns haben, der schlechte Mensch!
    Verspielt, uns samt und sonders, die ganzen Winkelwälder mit Stock und
Stein, mit Mann und Maus und mit dem Andreas Erdmann, verspielt am grünen Tisch
in einer einzigen Nacht. Und verspielt an einen Juden.
                                                             Einige Tage später.
    Sei es, wie es sei, wir wollen an unserem Tagwerk weiter arbeiten. Ich bin
heute in dem Miesenbachwald gewesen, um die Bäume zu besehen, die für den
Schulhausbau bestimmt sind. Sie müssen im Christmonat gefällt werden; das ist
für Bauholz die beste Schlagzeit; über den Sommer können sie trocknen und im
nächsten Herbst muss der Bau aufgeführt werden.
    Als ich an der Schwarzhütte vorübergehe, tritt der Einspanig heraus. Er hat
den Lazarus besuchen wollen; der Knabe ist aber nicht daheim, der ist jetzt
Ziegenhirt bei den Holzern im Vorderwinkel. Adelheid soll den Einspanig anfangs
bittere Vorwürfe gemacht haben; hierauf aber habe sie ihr Gesicht in die Schürze
verborgen und schluchzend ausgerufen: »Ich weiss es wohl, Ihr habt Euch das
Himmelreich verdient mit meinem Kinde!«
    Ich und der Einspanig sind mitsammen gegen Winkelsteg gegangen. Leute, die
uns begegnen, lachen sich die Hälse dick über die Geschichte, dass wir verspielt
seien. Der alte Rüpel sagt, er schneide dem Moisi zu Ehr' seinen Bart nicht
mehr.
    »Ja, Ja,« sage ich zu meinem Begleiter, »so sind wir jetzund jüdisch, und in
unseren neuen Tempel kriegen wir einen polnischen Rabbi herein. So säuberlich
hat uns der junge Herr Judas Schrankenheim verraten.«
    Da bleibt der Einspanig stehen und starrt mich an. Vom Fuss bis zum Kopf und
wieder vom Kopf bis zum Fuss starrt er mich an und sagt endlich: »Ihr seid mir
sonst nicht dumm vorgekommen, Erdmann.« Und da wir wieder einige Schritte
gegangen sind, versetzt er: »Ein ordentlicher Mensch sollte so alberne Dinge
nicht glauben. Wie kann uns denn der junge Herr Schrankenheim verspielt haben?
Mit dem besten Willen nicht. Er ist nicht Herr über die Güter seines Vaters und
noch gar nicht grossjährig.«
    Da glotz' ich einmal drein.
    Eine Bergeslast ist mir vom Herzen gefallen; aber im zweiten Augenblick bin
ich wieder erschrocken. Ich hab' ja noch gestern vor aller Leute Ohren den
jungen Herrn einen schlechten Menschen geheissen.
    Das wird mich noch in der Ewigkeit martern. Aber, wenn ich ein Ehrenmann
bin, dann mach' ich's gut. Ein lockerer Vogel mag er ja sein; doch redlich und
hochherzig bist du, Hermann, und das müssen die Leute wissen. An drei Sonntagen
nacheinander verkünde ich es von der Kanzel: unser junger, zukünftiger Herr,
Hermann von Schrankenheim, ist redlich und brav. Gott erhalte ihn! - Und das
Schmachwort bitte ich dir ab bis zu meinem Tode.
    Der Einspanig ist bei mir eingekehrt. Eines meiner Stubenfenster geht gegen
die Kirche und den Pfarrhof hinüber. An demselben sitzen wir und verfallen in
ein Gespräch, das zwei Stunden lang dauert.
    Wir können jetzt, wenn schön Wetter, die Zeit schon nach Stunden messen; der
Franz Ehrenwald hat an die Mittagsseite des Turmes eine Sonnenuhr gemalt.
    Als der Einspanig fort ist, schreit die Haushälterin: »Wie närrisch, jetzt
hat uns der Kuckuck den auch wiederum ins Haus getragen.«
    »Der Kuckuck?« entgegne ich übermütig, »ja wohl, dieser Mann ist selber wie
der Kuckuck, hat kein Nest, muss ruhelos von einem Baum zum andern flattern, ist
überall gemieden und nirgends daheim. Aber im Lenz hören wir ihn doch gern, denn
er bringt uns ja das Frühjahr, und er ist ein Wahrsager und zählt uns die
Lebensjahre vor.«
    »Ja,« schreit das Weib, »und fabelt uns himmelblau an, wie mich damalen; und
ist ihm die Welt leicht nicht mit Brettern verschlagen, so ist es sicherlich
sein Kopf. Geht mir weg mit Eurem Einspanig!«
    Wenn die gute Winkelhüterin wüsste, was ich in einer Stunde darauf dem
Freiherrn für einen Brief geschrieben habe!
                                                                    Im Mai 1820.
    Hier im Walde ist Tag und Nacht, ist Winter und Sommer, ist Friede und Not,
ist Sorge und zuweilen ein wenig Behagen im Ausruhen von der Arbeit. So schleppt
es sich fort. Der Wagen der Zeit hat bei uns das vierte Rad verloren, da geht es
zuweilen schief und unschön, aber es geht.
    Draussen, sagt man, wollen sie wieder die Welt umkehren. Von Krieg wird
gesprochen. Um uns Winkelsteger kümmert sich kein Mensch mehr. Aber ich erlebe
eine Freude. Mehrere junge Winkelsteger wollen sich freiwillig anwerben lassen
zu den Soldaten. Das ist ein Anzeichen ihres erwachten Bewusstseins, dass sie ein
Vaterland und eine Heimat haben, die sie verteidigen müssen. - Es ist eine
erste, schöne Frucht der jungen Gemeinde.
    Das Wäldermorden ist für eine Zeit eingestellt; draussen sind die Hämmer
geschlossen. Viele heben jetzt an, die Geschläge zu roden und daraus Äcker zu
machen. Aus Holzschlägern und Kohlenbrenner werden Ackersleute. Das ist gut; der
Holzschläger vernichtet, aber der Bauer richtet auf.
    Von der Herrschaft ist auf mein Drängen ein Schreiben gekommen. Anders, als
ich vermeint. Jetzt sei nicht die Zeit für Kirchen- und Pfarrergeschichten; wir
sollten uns behelfen.
    Das ist ein sehr weiser Rat. Aber die Leute wollen nicht mehr in die Kirche
gehen. »Wenn es keine Mess' und keine Predigt gibt,« sagen sie, »still beten
kann eins auch unter dem grünen Baum.« Sie stellen sich aber nicht unter den
grünen Baum, sondern in die Branntweinschenke.
    Die Herde zerstreut sich wieder, wenn kein Hirte ist.
    Der Förster ist auch davon, da er in anderen Gegenden zu walten hat. So bin
ich allein mit meinen Winkelstegern, wie Moses mit den Israeliten allein ist
gewesen in der Wüste.
    Die Gebote sind verkündet, aber die Leute bauen wieder an dem goldenen Kalb.
Und Manna fällt nicht mehr vom Himmel.
                                                                 Pfingsten 1820.
    Heute ist der Einsiedler aus dem Felsentale in unserer Kirche vor dem Altare
gestanden, hat die Messe gelesen.
    Das Kirchengeräte haben wir aus Holdenschlag, wie es dort in der Pfarrkammer
gelegen und nicht mehr benützt worden ist. In das Messkleid haben die Mäuse
Löcher gefressen, aber die Spinnen haben diese Löcher wieder zugewoben.
    Ich habe die Orgel gespielt. Die Kirche ist just so gross, dass man es vom
Chor aus noch sehen kann, wenn dem Priester am Altare Tropfen im Auge stehen.
    Die Leute haben wenig gebetet und viel geflüstert. - Dieser Einspanig, das
ist zuletzt ja der zweite heilige Hieronymus.
    Und der Waldsänger hat mir nach dem Gottesdienst die Worte gesagt: »Habt Ihr
den ewigen Juden gesehen? Er hat in den Leidenstagen für den Heiland das Kreuz
getragen heut' hinauf nach Golgata. Er ist erlöst, hosianna!«
    Ich habe dem Einsiedler diese Worte mitgeteilt und beigesetzt: »Lasst Euch
die Rede freuen; der Mann ist voll des heiligen Geistes!«
                                                    Am Feste Allerheiligen 1820.
    In Welschland haben sie Händel. Ansonsten ist es blinder Lärm gewesen und
unsere Vaterlandsverteidiger sind wieder zurückgekommen. Es geht in das alte
Geleise und wir stecken dem Wagen der Zeit das vierte Rad wieder an.
    Ich habe die Leute veranlasst, dass sie unter sich ein Oberhaupt wählen, auf
dass jemand sei, der Verordnungen erteile, Streitigkeiten schlichte und die
Gemeinde zusammenhalte.
    Sie haben den Martin Grassteiger gewählt und nennen ihn nun den Richter.
    Und bei derselben Versammlung hat der neue Richter den von dem Waldherrn
anerkannten, zukünftigen Schullehrer der Gemeinde Winkelsteg vorgestellt.
    Dieser Schullehrer bin denn ich. Die Leute sagen, das hätten sie längst
schon gewusst, dass ich der Schulmeister sei. Der Grassteiger sagt, es müsse alles
auch Form Rechtens geschehen.
    Wenige Tage nach dem obigen lässt der Richter durch mich die Pfarrerwahl
ausschreiben. Darüber lacht alles. - »Sollen wir aus den Pechhackern und
Kohlenbrennern einen wählen? 's wird aber keiner taugen. Studiert ist für uns
Winkler gleich einer genug, aber so närrische Gewohnheiten haben unsere Männer,
keine Häuserin mögen sie nit leiden.«
    So machen sie ihre Spässe, wissen aber recht gut, auf wen es abgesehen ist.
    Und sie haben ihn auch gewählt.
    Wir sollen uns selber behelfen, hat der Waldherr gesagt; so haben wir uns
selber beholfen.
    Der Einsiedler aus dem Felsentale ist Pfarrer von Winkelsteg.
                                                                   Martini 1820.
    Die Russ-Kat ist gestorben.
    Sie ist neunzig Jahre alt geworden. Ihr letzter Wille ist, dass man ihrer
Leiche feste, nägelbeschlagene Schuhe anziehe; sie würde den Weg aus der
Ewigkeit oftmals zurückmachen müssen auf die Erde, um zu sehen, wie es ihren
Kindern und Kindeskindern fortan gehe.
    Die Russ-Kat ist die erste, die sie in die Walderde unseres neuen Friedhofes
hinabtun werden.
    Auf zwei Stangen haben sie zwei Männer herübergetragen aus den Lautergräben.
Der weisse, noch harzduftende Tannenbrettersarg ist mit Erlstrauchbändern auf der
Bahre befestigt gewesen. Der Russ-Bartelmei und sein Schwestermann Paul Holzer
mit einem Knäblein sind hinter den Trägern dreingegangen. Sie haben laut gebetet
und stets auf die Wurzeln der Bäume geblickt, über die sie geschritten. Auch die
Träger haben sehr behutsam gehen müssen, denn der Boden mit dem Späterbstreif
ist jetzt gar schlüpfrig.
    Vor Jahren soll es gewesen sein. Da haben sie von den Almen einen Hirten
herabgetragen, um ihn draussen auf dem Holdenschlager Kirchhof zur Ruhe zu
bringen. Wie sie sich da oben an den schmalen Steigen der Miesenbachwände
herauswinden, strauchelt einer der Träger und und der Sarg rollt über den Hang
und stürzt in den Abgrund, so dass nicht ein Splitterchen davon mehr gesehen
worden ist.
    Das soll den Leuten sehr arg gewesen sein, und der Totengräber zu
Holdenschlag hat doch bezahlt werden müssen.
    Wir Winkelsteger haben keinen Totengräber. Wir können ihn nicht ernähren.
Wenn doch einmal einer stirbt, so tut er's nicht eher, als bis sein letzter
Groschen vertan ist. So müssen eben ein paar Holzerburschen her und die Grube
ausschaufeln. Sie verlangen nichts dafür, sie sind froh, wenn sie aus der Grube
frisch und gesund wieder hervorkriechen mögen.
    Während der Totenmesse ist der Sarg ganz allein vor der Kirche auf der
harten Erde gestanden. Da kommt ein Vöglein geflogen, hüpft auf den Sargdeckel
und pickt und pickt, und flattert wieder davon.
    Der Rüpel hat es gesehen; und das sei, habe es ihn nicht betrogen, der Vogel
gewesen, der alle tausend Jahr' einmal in den Wald kommt geflogen.
    Nach der Messe haben wir die Russ-Kat hinaufgetragen zum bereiteten Grab.
Die Angehörigen blicken starr in die Grube.
    Nach der Einsegnung hat der Pfarrer eine kurze Rede gehalten. Ich habe mir
nur davon gemerkt, dass wir durch den Tod der Unsern an Gleichmut gewinnen für
die Widerwärtigkeiten dieses Lebens, und einen ruhigen, ja vielleicht freudigen
Hinblick auf unser eigenes Sterben. Jede Stunde sei ja ein Schritt dem
Wiedersehen zu; und bis uns jene Pforte der Vereinigung wird aufgetan, leben
unsere Heimgegangenen fort im heiligen Frieden unseres Herzens.
    Er kann's auslegen. Wie es unsereins wohl auch empfindet, aber man weiss die
Worte nicht dazu. Er hat die Sach' nicht verlernt, und ist er gleich jahrelang
oben im Felsental gewesen.
    Jetzt ist noch ein anderer gekommen. Der Rüpel schiebt sich sachte vor, da
machen ihm die Leute Platz: »Schauen, was der Rüpel heut' weiss!«
    Und als der Waldsänger auf dem Erdhügel steht und den Spatenstiel als Stock
in der Hand hält, dass er auf dem lockeren Grund nicht strauchelt, und als er
einen Blick hinabtut auf den Schrein, da hebt er an zu reden, wie hier
aufgeschrieben:
    »Geboren ist sie worden vor neunzig Jahren. Ihr Lebtag ist sie mit keinem
Rösslein gefahren. Mit ihren Füssen ist sie gegangen talab und bergauf ihren
ganzen mühseligen Lebenslauf. Sie ist beigesprungen den Leuten in Kummer und
Nöten, und dabei hat sie hundert Paar Schuh' zertreten. Und andere hundert Paar
Schuh' tät sie wagen, um ihren Kindern das Brot auf den Tisch zu tragen. Und
weitere hundert Paar Schuh' sind zerrissen auf Schmerzenswegen, die sie hat
wandeln müssen. Für Tanz und sonstige Lustbarkeiten fürwahr, tät' sie brauchen
nicht ein einziges Paar. Dann hat sie angezogen die letzten Schuh' und ist
fortgegangen in die ewige Ruh'. Die heiligen Engel taten ihre Seele führen wohl
durch das Fegefeuer bis zu den himmlischen Türen. Und unter der Erde tut ruhen
der arme Leib in seiner hölzernen Truhen. - Schlaf' wohl, Katrin, in deiner
neuen Wiegen, wir werden bald an deiner Seiten liegen; bis der Herr uns tut
wecken zu seinen heiligen Scharen, auf dass wir mit Leib und Seel' in den Himmel
mögen fahren!«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Der Rüpel wäre der Pfarrer für die Winkelsteger!« hat nun der Mann gesagt,
den sie den Einspanig geheissen.
    Ja, wenn er nicht unter ihnen aufgewachsen wäre!
    Als wir, der Pfarrer und ich, mit der Schaufel einige Erdschollen auf den
Sarg geworfen, tritt der Russ-Bartelmei ganz betrübt zu uns und frägt, was uns
seine Mutter denn getan habe, dass wir ihr noch in das Grab die Klötze
nachschleuderten? Da haben wir es ihm dargelegt, dass das einen letzten
Liebesdienst bedeute, und dass Erde die einzige Gabe sei, die man einem Toten zu
Lieb' könne reichen.
    Darauf hebt der Bartelmei an und schaufelt Erde hinab, bis man keine Ecke
mehr sieht von dem weissen Schrein und die Leute ihm die Schaufel aus der Hand
nehmen, auf dass sie die Grube schliessen.
    Nach dem Begräbnisse sind sie in das Wirtshaus des Grassteigers gegangen und
haben sich mit Branntwein erfrischt ... so wie auch die Alten ihren Toten haben
nachgetrunken.
    Gott zählt seine Leute auch in Winkelsteg und da darf ihm keines fehlen.
    Kaum ist auf dem Friedhofe das Gräblein zugemacht, wird in der Kirche das
Taufbecken aufgetan. Der erste Tote und der erste Täufling an einem Tage - aus
einer Familie.
    Auf demselben Waldweg, den heran vor ein paar Stunden der Sarg ist
geschwankt, haben zwei Weiber ein neugebornes Kind herübergetragen aus den
Lautergräben.
    Das Kind ist eine Enkelin der Russ-Kat und gehört der Anna Maria.
    Es klopft an die Kirchentür, tät' bitten um die Taufe und heissen möcht' es
gern: Katarina.
    Wir haben alle Heiligen des Himmels zur Auswahl und der Name der Grossmutter
wird ihm nicht versagt sein.
 
                      Die Schriften des Waldschulmeisters
                                 (Dritter Teil)
                                                 Im Jahre 1830. Zur Winterszeit.
Die sechzehn Jahre her, seit ich in den Winkelwäldern bin, weiss ich keinen
solchen Schnee, als in diesem Jahre. Schon seit Tagen kommt mir kein Einziges
mehr in die Schule. Die Fenster meiner Stube sehen aus wie Schiessscharten. Wenn
es noch ein wenig so fortgeht, so sind wir allmiteinander verschneit. Zweimal
des Tages wird von mir bis zum Pfarrhofe ein Pfad ausgeschaufelt, der an der Tür
des Grassteigerhauses vorübergeht.
    In dem Grassteigerhause haben wir, der Pfarrer und ich, unser
gemeinschaftliches Mittagsmahl. Das Frühstück bereitet sich jeder in seiner
Wohnung. Am Abende kommen wir stets zusammen, entweder im Pfarrhofe oder bei mir
im Schulhause.
    Wie es nur denen in den Gräben und Karwässern gehen wird! Da drüben ist ein
Schneegestöber noch viel wüster, als im Winkel. Es liegen um diese Zeit in den
Häusern viele kranke Leute, und es werden sich keine Wege machen und erhalten
lassen, dass sie einander beispringen könnten. Und über die Lauterhöhe zu kommen,
ist schon gar eine Unmöglichkeit. Die Markstangen, die an den Steigen stecken,
gehen kaum mehr aus dem Schnee hervor, die Lasten auf den Bäumen reissen die Äste
ab und brechen die Stämme. Des Schneiens ist kein Ende. Keine Flocken fallen
mehr, es ist ein schweres, undurchsichtiges Staubwirbeln. Und die Hauben der
Geäste und Pfähle, und die Dachgiebel bauen sich höher von Minute zu Minute.
    Wenn ein Wind kommt, so rettet das vielleicht den Wald, kann aber zu unserem
Verderben sein. Eine Stunde Sturm über die lockeren Schneelehnen her, und wir
sind eingedeckt.
    Der Pfarrer hat alle Waldarbeiter, denen nur beizukommen ist, gedungen, dass
sie Pfade herstellen in die Lautergräben, Karwässer, und daselbst von einer
Hütte zur andern. Einmal sind sie richtig hinübergekommen, aber die Rückkehr ist
doch wieder die neue Mühe. Die verschneiten Leute drüben werden doch vorgesorgt
sein; sie haben ihre Welt ja in ihren Hütten.
    In einer Klause des Karwasserschlages soll wohl schon seit fünf Tagen die
Leiche eines alten Mannes liegen.
    Der Pfarrer hat sich heute Schneeleitern an die Füsse gebunden, um bei den
Kranken Besuche zu machen. Aber der Schnee ist zu locker, der Mann hat wieder
umkehren müssen. Nun macht er Pakete zusammen, sie sind aus der Speisekammer
unseres Wirtes und sollen durch kräftige Holzhauer in die Lautergräben zu den
Kranken getragen werden.
    Das sind kurze Tage und doch so lang. Ich habe meine Ziter, habe die neue
Geige, die mir der Pfarrer zu meinem jüngstvergangenen Namenstage hat bringen
lassen, ich habe andere Dinge, die mir sonsten Zerstreuung geboten haben. Aber
jetzt mutet mich nichts an. Stundenlang gehe ich in der Stube auf und ab und
denke nach, was dieser Winter noch für Folgen haben kann. Es gibt Hütten genug
in den Gräben, wo die Leute mit ihren Schaufeln nicht gewesen sind. Wir wissen
nicht, wie es in denselben aussieht.
    Auf dass ich mich von der drückenden Tatlosigkeit erlöse, habe ich heute die
Lade unter der Ofenbank aufgemacht und meine alten Tagebuchblätter
herausgenommen, um nachzuschlagen, was die Gemeinde seit ihrem Bestehen für
Schicksale gehabt.
    Da sehe ich, es ist seit zehn Jahren nichts mehr geschrieben worden. - Zwei
Dinge mögen die Ursache gewesen sein, dass ich die Aufzeichnungen unterbrochen
habe. Erstens ist das Bedürfnis nicht mehr in mir gewesen, meine Gedanken und
meine Empfindungen aufzuschreiben, da ich an unserem Pfarrer einen Freund
gefunden habe, dem ich mich unverhohlen mitteilen kann, wie er sich mir
mitteilt, und mir seine seltsame Lebensgeschichte dargelegt, ehe er mich noch
gekannt hat. Das ist einer der wenigen, die durch Drangsale geläutert edel und
rein aus den Wirren und Irren der Welt hervorgehen. Die Wäldler lieben ihn von
Herzen; er leitet sie nicht durch Worte bloss, sondern mehr durch seine Taten.
Seine Sonntagspredigten erhärtet er an den Wochentagen durch Beispiele. Er
opfert sich auf, er ist den Leuten alles. Seine Haare sind nicht mehr schwarz,
wie vormaleinst im Felsentale, sein Gesicht ist ernst und immer gütig. Die
Betrübten blicken ihm in die Augen und empfinden Trost.
    Gerne erzählt er, wenn wir auf der Bank oder um den Tisch beisammensitzen,
von der weiten, schönen Welt, von fremden, merkwürdigen Ländern, von den Wundern
der Natur. Pfeifenfeuer gehen dabei aus, denn alles hört ihm zu mit Ohren und
Mund. Nur die alte Frau aus dem Winkelhüterhause erklärt des Pfarrers
Erzählungen für vorwitzige Fabeleien; ein ordentlicher Priester, meint sie,
müsse hübsch von Himmel und Fegfeuer reden, und nicht allweg von der Erden. Sie
horcht aber zu und es gefällt ihr doch.
    Vor mehreren Jahren hat die kirchliche Behörde unsere Pfarrerfrage einmal
aufgetischt, hat unsern Vater Paul nicht anerkennen wollen, sondern einen neuen
hereinzustellen Miene gemacht. Hei! da haben die Winkelsteger zu toben
angefangen und die Sache ist beim alten belassen worden. Dagegen aber wird
Winkelsteg draussen nicht als Gemeinde und Seelsorge anerkannt, sondern als eine
Niederlassung von Halbwilden und verkommenen Menschen, wie sie das früher
gewesen.
    Mir hat das anfangs sehr wehe getan, wir hätten uns so gerne der
Allgemeinsame angeschlossen, aber da sie uns zurückdrängen, so sage ich schier
am liebsten: um so besser, so lassen sie uns fürder in Ruh und wir können
ungefährdet und unbeschränkt - wie sie es draussen nicht können, noch wollen -
dem Ziele einer Mustergemeinde zustreben.
    Die zweite Ursache der Vernachlässigung meines Tagebuches ist die viele und
mannigfaltige Arbeit, die mein Beruf mir auferlegt.
    Anfangs ist es der Bau des Schulhauses gewesen, der mir keine Ruhe gelassen.
Es ist denn alles hergestellt worden, wie ich es für die wichtige Sache am
zweckmässigsten halte.
    Das Haus ist von Meister Ehrenwald aus Holz aufgeführt. Das Holz regelt
Wärmezustand besser, als der Stein, auch zerstreut es mehr die Dünste und gibt
frische Luft. Dann ist mir darum zu tun gewesen, den Leuten einen zweckmässigen
und geschmackvollen Holzbau als Muster aufzustellen. Es ist zu meiner Freude die
leichte, zierliche und doch haltfeste Art meines Schulhauses und seine bequeme
Einteilung und Einrichtung schon vielfach nachgeahmt worden. Meine Fenster,
Türen, Maurer- und Schlosserarbeiten werden bereits von der ganzen Umgebung als
mustergültig betrachtet.
    Um das Haus ist ein Garten und ein geräumiger Spielplatz mit Werkzeugen für
körperliche Übungen angelegt. Das Haus ist zum Schutze gegen die Unbill der
Witterung ringsum mit einem breiten Vordache versehen, aber so, dass es dem
Lichte des Innern nicht Eintrag tut. In der Schulstube ist vor allem auf die
Gesundheit der Kinder Rücksicht genommen worden. Die Bänke stehen nicht zu dicht
aneinander und die Tischläden sind hoch, damit sich die Schüler das gebückte
Sitzen nicht angewöhnen. Bei dem Lesen lasse ich den Schüler aufstehen, damit er
das Buch von den Augen in entsprechender Entfernung halten kann. Die Fenster
sind so verteilt, dass das Licht den Lernenden von der linken Seite oder von
rückwärts kommt. Zum Ablegen der Überkleider ist ein Vorkämmerchen eingerichtet,
auf dass bei schlechtem Wetter uns die Ausdünstung nicht schädlich werde. Den
Wärmegrad der Stube suche ich immer mit jenem von draussen in einem gewissen
Verhältnisse zu halten, damit die Ein-und Austretenden nicht ein zu jäher
Wechsel treffe.
    Was meine Wohnung im Schulhause anbelangt, so ist sie nicht gross, aber sehr
traulich. Und tausendmal traulicher noch macht sie mir jene Winterfahrt durch
Russland, der ich zuweilen wie eines wilden Traumes gedenke. - Wohl, ich bin seit
jenem Traume um viele Jahre jünger geworden; wie mich die Stürme der Welt zu
Boden geschlagen, so habe ich mich aufgerichtet an der Ursprünglichkeit des
Waldes.
    Ein weit schwereres Amt als die Schulangelegenheiten und eine weit grössere
Pflicht ist mir die Überwachung der geistigen Gesundheit der mir Anvertrauten.
Klugheit und für ihren eigenen Vorteil zu denken und zu handeln, lernen sie
leicht; aber sich dem Ganzen anzupassen, dass ihr Dasein mit jenem der
Mitmenschen und jenem der Aussenwelt im allgemeinen stimme, das findet sich viel
schwerer. Es ist einmal so. Das erste und allererste Lebenszeichen, welches in
dem jungen Menschenkinde die aufkeimende Seele von sich gibt, ist die
Offenbarung der Selbstliebe. Ob Menschenliebe daraus wird oder Selbstsucht, das
entscheidet die Anlage und die Erziehung. Wer Kinder zu starken und rechten
Menschen machen will, der pflege in ihnen die harmlosen Freuden, den Mut, das
Gerechtigkeitsgefühl und die Wahrheitsliebe. - Mehr braucht es nicht, möchte ich
fast sagen.
                              Waldlinie im Schnee
                                                                 Im Winter 1830.
Uns ist ein Stein vom Herzen. Das Unwetter hat sich gelegt. Ein ganz leichter
Wind ist gekommen, hat die Bäume sachte von ihren Lasten erlöst. Ein paar
mildwarme Tage sind gewesen, da hat sich der Schnee gesetzt und man kann mit
Fussleitern gehen, wohin man will.
    Es hat sich in dieser Zeit aber doch etwas zugetragen drüben in den
Karwässern. Der Bertold, dessen Familie von Jahr zu Jahr wächst und von Jahr zu
Jahr weniger zu essen hat, ist ein Wilderer geworden. Der Holdenschlager
versteht es besser, als unsereiner, der ein weichmütiger Spiegelfechter ist sein
Lebtag lang. Arme Leute dürfen nicht heiraten, sagt der Holdenschlager. Nun,
nach Sitte und Brauch haben sie nicht geheiratet, aber vor mir sind sie gekniet
im Walde ... und - jetzt hungern sie allmiteinander.
    Meinetwegen? Nein, nein, mein Segen bedeutet ja nichts. O Herrgott, dein ist
die Macht und mich lasse nicht noch einmal versinken in Schuld!
    Ist also ein Wilderer geworden, der Bertold. Das Holzen wirft viel zu wenig
ab für eine Stube voll von Kindern. Ich schicke ihm an Lebensmitteln, was ich
vermag; aber das genügt nicht. Für das kranke Weib eine kräftige Suppe, für die
Kinder ein Stück Fleisch will er haben und schiesst die Rehe nieder, die ihm des
Weges kommen. Dazu tut die Leidenschaft das ihre, und so ist der Bertold, der
vormaleinst als Hirt ein so guter, lustiger Bursch gewesen, durch Armut, Trotz
und Liebe zu den Seinigen, und durch Torheit anderer recht sauber zum Verbrecher
herangewachsen.
    Einmal schon bin ich bittend vor dem Förster gelegen, dass er es dem armen
Familienvater um Gottes willen ein wenig, nur ein klein wenig nachsehen möge, er
werde sich gewiss bessern und ich wolle mich für ihn zum Pfande stellen. Bis zu
diesen Tagen hat er sich nicht gebessert; aber das Geschehnis dieser wilden
Wintertage hat ihn laut weinen gemacht, denn seine Waldlilie liebt er über
alles.
    Ein trüber Winterabend ist es gewesen. Die Fenster sind mit Moos vermauert;
draussen fallen frische Flocken auf alten Schnee. Bertold wartet bei den Kindern
und bei der kranken Aga nur noch, bis das älteste Mädchen, die Lili, mit der
Milch heimkehrt, die sie bei einem nachbarlichen Klausner im Hinterkar erbetteln
muss. Denn die Ziegen im Hause sind geschlachtet und verzehrt; und kommt die Lili
nur erst zurück, so will der Bertold mit dem Stutzen in den Wald hinauf. Bei
solchem Wetter sind die Rehe nicht weit zu suchen.
    Aber es wird dunkel und die Lili kehrt nicht zurück. Der Schneefall wird
dichter und schwerer, die Nacht bricht herein und Lili kommt nicht. Die Kinder
schreien schon nach der Milch, den Vater verlangt schon nach dem Wild; die
Mutter richtet sich auf in ihrem Bette. »Lili!« ruft sie, »Kind, wo trottest
denn herum im stockfinsteren Wald? Geh' heim!«
    Wie kann die schwache Stimme der Kranken durch den wüsten Schneesturm das
Ohr der Irrenden erreichen?
    Je finsterer und stürmischer die Nacht wird, je tiefer sinkt in Bertold der
Hang zum Wildern und desto höher steigt die Angst um seine Waldlilie. Es ist ein
schwaches, zwölfjähriges Mädchen, es kennt zwar die Waldsteige und Abgründe,
aber die Steige verdeckt der Schnee, den Abgrund die Finsternis.
    Endlich verlässt der Mann das Haus, um sein Kind zu suchen. Stundenlang irrt
und ruft er in der sturmbewegten Wildnis; der Wind bläst ihm Augen und Mund voll
Schnee; seine ganze Kraft muss er anstrengen, um wieder zurück zur Hütte gelangen
zu können.
    Und nun vergehen zwei Tage; der Schneefall hält an, die Hütte des Bertold
wird fast verschneit. Sie trösten sich überlaut, die Lili werde wohl bei dem
Klausner sein. Diese Hoffnung wird zunichte am dritten Tag, als der Bertold
nach einem stundenlangen Ringen im verschneiten Gelände die Klause vermag zu
erreichen.
    Lili sei vor drei Tagen wohl bei dem Klausner gewesen und habe sich dann
beizeiten mit dem Milchtopf auf den Heimweg gemacht.
    »So liegt meine Waldlilie im Schnee begraben,« sagt der Bertold. Dann geht
er zu anderen Holzern und bittet, wie diesen Mann kein Mensch noch so hat bitten
gesehen, dass man komme und ihm das tote Kind suchen helfe.
    Am Abende desselben Tages haben sie die Waldlilie gefunden.
    Abseits in einer Waldschluch, im finsteren, wildverflochtenen Dickichte
junger Fichten und Gezirme, durch das keine Schneeflocke vermag zu dringen, und
über dem die Schneelasten sich wölben und stauen, dass das junge Gestämme
darunter ächzt, in diesem Dickichte, auf den dürren Fichtennadeln des Bodens,
inmitten einer Rehfamilie von sechs Köpfen ist die liebliche, blasse Waldlilie
gesessen.
    Es ist ein sehr wunderbares Ereignis. Das Kind hat sich auf dem Rückweg in
die Waldschlucht verirrt, und da es die Schneemassen nicht mehr hat überwinden
können, sich zur Rast unter das trockene Dickicht verkrochen. Und da ist es
nicht lange allein geblieben. Kaum ihm die Augen anheben zu sinken, kommt ein
Rudel von Rehen an ihm zusammen, alte und junge; und sie schnuppern an dem
Mädchen und sie blicken es mit milden Augen völlig verständig und mitleidig an,
und sie fürchten sich gar nicht vor diesem Menschenwesen, und sie bleiben und
lassen sich nieder und benagen die Bäumchen und belecken einander, und sind ganz
zahm; das Dickicht ist ihr Winterdaheim.
    Am andern Tage hat der Schnee alles eingehüllt. Waldlilie sitzt in der
Finsternis, die nur durch einen Dämmerschein gemildert ist, und sie labt sich an
der Milch, die sie den Ihren hat bringen wollen, und sie schmiegt sich an die
guten Tiere, auf dass sie im Froste nicht erstarre.
    So vergehen die bösen Stunden des Verlorenseins. Und da sich die Waldlilie
schon hingelegt zum Sterben und in ihrer Einfalt die Tiere hat gebeten, dass sie
getreulich bei ihr bleiben möchten bis es aus ist; da fangen die Rehe jählings
ganz seltsam zu schnuppern an und heben ihre Köpfe und spitzen die Ohren und in
wilden Sätzen durchbrechen sie das Dickicht und mit gellendem Pfeifen stieben
sie davon.
    Jetzt arbeiten sich die Männer durch Schnee und Gesträuche herein und sehen
mit lautem Jubel das Mädchen, und der alte Rüpel ist auch dabei und ruft: »Hab'
ich nicht gesagt, kommt mit herein zu sehen, vielleicht ist sie bei den Rehen!«
    So hat es sich zugetragen; und wie der Bertold gehört, die Tiere des Waldes
hätten sein Kind gerettet, dass es nicht erfroren, da schreit er wie närrisch:
»Nimmermehr! mein Lebtag nimmermehr!« Und seinen Kugelstutzen, mit dem er seit
manchem Jahre Tiere des Waldes getötet, hat er an einem Stein zerschmettert.
    Ich habe es selber gesehen, denn ich und der Pfarrer sind in den Karwässern
gewesen, um die Waldlilie suchen zu helfen.
    Diese Waldlilie ist schier mild und weiss wie Schnee und hat die Augen des
Rehes in ihrem Haupte.
                                                                 Im Winter 1830.
    Von dem Sohne unseres Herrn wollen die Gerüchte nicht schweigen. Wenn es
auch nur zur Hälfte wahr ist, was von ihm gesagt wird, so ist das ein toller
Mensch. So fährt kein Vernünftiger drein.
    Ich will mir's doch anmerken und demnächst seinem Vater schreiben. Hermann
möge einmal in unseren Wald hereinkommen und sehen, wie es allhier aussieht und
wie arme Leute leben.
    Solche Gebirgsreisen können auch von Nutzen sein.
                                                                    Winterszeit.
    Der Lazarus Schwarzhütter sieht des Grassteigers Töchterlein Juliana gern.
Das Töchterlein mag auch den Burschen leiden; so gucken sie zusammen. Jetzt hat
aber der Pfarrer das Zusammengucken so junger Leute verboten. Gut, er hat das
Recht zu predigen; sie gucken zusammen und vermeinen dazu auch ein Recht zu
haben, ein Recht, von dem der Lazarus erklärt hat, dass sie nimmer davon lassen
wollen.
    Wohlan, denkt sich der Pfarrer, vor dem Altar gebe ich dem Lazarus, was ich
selber nicht habe.
                                                               Weihnachten 1830.
    In der heiligen Christnacht sind die Leute schon wieder von allen Seiten
herbeigekommen. Die von den Spanlunten abgefallenen Glühkohlen sind lustig
hingeglitten über die Schneekruste wie Sternschnuppen.
    Viele Wäldler sind in ihrem Begehr nach der mitternächtigen Feier ein gut
Stück zu früh dran. Da die Kirche noch nicht aufgesperrt und im Freien es kalt
ist, so kommen sie zu mir in das Schulhaus. Ich schlage Licht, und da ist bald
die ganze Schulstube voll Menschen. Die Weiber haben weisse, bandartig
zusammengelegte Tücher um das Kinn und über die Ohren hinaufgebunden. Sie
huschen recht um den Ofen herum und blasen in die Finger, um das Frostwehen zu
verblasen.
    Die Männer halten sich fest in ihren Lodengewändern verwahrt. Sie behalten
die Hüte auf den Köpfen, sitzen auf den Tischbrettern der Schulbänke und besehen
mit wichtigtuender Bedächtigkeit die Lehrgegenstände, welche die Jüngeren den
Älteren erklären. Einige gehen auch über den Boden auf und ab und schlagen bei
jedem Schritte die gefrornen Schuhe aneinander, dass es klappert. Fast alle
rauchen aus ihren Pfeifen. Der Urwald ist auszurotten, aber das Tabakrauchen
nimmer.
    Ich kleide mich rasch an; ich soll in der Kirche doch der erste sein.
    Jählings klopft es sehr stark an der Tür. Die Waldleute klopfen nicht, wer
ist es also? Eine weisse Schafwollenhaube guckt herein, und unter der Haube
steckt ein alter Runzelkopf mit weissen Lockensträhnen. Alsogleich erkenne ich
den Waldsänger. Heute trägt er einen gar langen Rock, der bis zu den Waden
hinabgeht und mit Messinghäkelchen zugeknöpft ist. Darüber hängt ein Schnappsack
und eine Seitenpfeife, und auf einen Hirtenstab stützt sich der Alte und seinen
braunen, weltumfassenden Hut hält er in seinen Händen. Dieser Hut ist seine
Hütte und sein Heim und seine ganze Welt. Ein guter Hut, denkt er, ist das beste
im Weltgetümmel, und der Erde Hut nennen sie den Himmel.
    »Was hocket ihr denn da, ihr Bärenhäuter!« ruft der Rüpel laut und lustig,
»draussen scheint schon lang' die Sonnen! - Gelobt sei der Herr, und ich bring'
auch die wundersame Mär, die sich heut' zugetragen hat drunten in der
Betlehemstadt. Hört ihr keine Schalmei und kein Freudengeschrei? So luget zum
Fenster hinaus, taghell beleuchtet ist jedes Haus!«
    Die Leute stecken ihre Köpfe richtig zu den Fenstern; aber da ist nichts als
der finstere Wald und der Sternenhimmel. - Was sollten sie ansonsten denn noch
sehen?
    Der Alte guckt schmunzelnd nach links und nach rechts, wie viel er wohl
Zuhörer habe. Sonach stellt er sich mitten in die Stube hin, pocht mit dem
Stocke mehrmals auf den Fussboden und hebt so an zu reden:
    »Da steh ich allein draussen auf der Heid, und schau' schläfrig herum weit
und breit, und treib meine Schäflein zusamm'; hab' dabei gehabt ein
wutzerlfeist's Lamm. Und wie ich das anschau eine Weil, da hör ich ein G'hetz
und ein G'schall, grad hoch in der Luft, es ist wahr, und sie musizieren sogar.
Ich hab nit g'wusst, was das bedeut't, und wer denn da tobt voller Freud. Die
Lämmlein sein g'sprungen drauf eins nach dem andern auf; das feiste hat so
lieblich plärrt, wie es das Wunder hat g'hört. Drauf seh' ich - hab g'meint, 's
ist ein' Mär - kleine Bub'n fliegen in Lüften umher. - Ein Engel fliegt grad auf
mich zua, den frag ich: was gibt's denn heut, Bua? Da schreit er gleich lustig
und froh: Gloria in excelsis Deo! - Das kunnt ich, mein Eid, nicht versteh'n:
Geh', Bübel, musst deutsch mit mir red'n; ich bin ein armer Hirt in der G'mein,
und die Lämmlein können auch nit Latein. - So mach' sich der Hirt nur geschwind
auf und geh' er nach Betlehem drauf, dort wird er finden ein neugebor'n
Kindelein; ja gar ein wunderschön Kind liegt zwischen Esel und Rind. Nicht in
einem Königssaal, nur in einem Ochsenstall liegt unser eing'fatschter Gott, der
uns hilft aus aller Not.«
    Das ist des alten Sängers »Botschaft«, die er während der Weihnachtszeit in
allen Häusern verkündet.
    Wir haben ihm einen kleinen Botenlohn gegeben, da sagt er noch ein paar
heitere Sprüche und humpelt wieder zur Tür hinaus.
    Die Leute sind ganz schweigsam und andächtig geworden; und erst als die
Kirchenglocken zu läuten anheben, werden sie wieder lebendiger und verlassen,
unbeholfen in Worten und Gebärden, die Stube.
    Ich habe das Licht ausgelöscht, das Haus verlassen und bin in die Kirche
gegangen. Das ist die Nacht, in welcher vom Orient bis zum Okzident die Glocken
läuten. Ein Freudenruf schallt durch die Welt und die Lichter strahlen wie ein
Diamantgürtel um den Erdball. - Auch in unserer Kirche ist es licht, wie am
hellen Tage, nur zu den Fenstern schaut die schwarze Nacht herein. Jeder hat ein
Stück Kerze, oder gar einen ganzen Wachsstock mitgebracht, denn in der
Christnacht muss er seinen Glauben und sein Licht haben. Die Leute drängen sich
zum Kripplein, das heute an der Stelle des Beichtstuhles aufgerichtet worden
ist. Ich habe vor mehreren Jahren aus Linden- und Eschenholz die vielen kleinen
Figuren geschnitzt und sie zur Versinnlichung der Geburt Christi
zusammengestellt. Es ist der Stall mit der Krippe, mit dem Kindlein mit Maria
und Josef, mit Ochs und Esel, es sind die Hirten mit den Lämmlein, die heiligen
Könige mit den Kamelen; es sind ferner spasshafte Gestalten und Gruppen, wie sie
Freude, Wohltun und Liebe zum Christkinde nach der Leute Auffassung ausdrücken
sollen. In der Luft hängen die Engel und die Sterne und im Hintergrunde ist die
Stadt Betlehem.
    Was der Rüpel weiss zu sagen in Worten, das will ich durch diese Bilder
erzählen. Und die Leute erbauen sich bass an dieser Darstellung. Aber sie halten
sie, Gott sei Lob, eben nur wie ein Bild, von dem sie wissen, dass es nichts
bedeuten und nichts wirken kann, als die Erinnerung.
    Mit einem Heiligenbilde auf dem Hochaltare wäre das anders; das hätten sie
Jahr um Jahr und in allen Lebenslagen vor Augen, das täten sie wohl zum Herrgott
selber machen.
    Auf dem Chore ist in dieser Nacht Unheil gewesen. Der Pfarrer stimmt schon
das ambrosianische Loblied an, ich sitze an der Orgel und ziehe zur hohen
Festfreude alle sechs Stimmenzüge auf - da platzt jählings der Blasebalg und die
Orgel stöhnt und pfaucht und gibt keinen einzigen klingenden Ton. Meiner Tage
bin ich nicht in solcher Verlegenheit gewesen, als in dieser Stunde. Ich bin der
Schulmeister, der Choraufseher, ich muss Musik machen; und die Musik ist ja
eigentlich das Fest und ohne Musik gibt es in der Kirche gar keine Christnacht.
Aller Leut' Herzen hüpfen, aller Leut' Ohren spitzen sich der Musik entgegen, da
schürft mir der Teuxel jetzt den Blasbalg auf. Ich habe meinen Kopf in die Hände
genommen, hätte ihn am liebsten zum Fenster hinausgeworfen. Vergebens hüpfen
meine Finger alle zehn über die Tasten hin; taubstumm ist das ganze Zeug und wie
maustot.
    Der Paul Holzer, sein Weib und die Adelheid von der Schwarzhütte, die auf
dem Chore neben mir sitzen, merken wohl meine Pein, aber sie rücken nur so her
und hin und hüsteln und räuspern sich und heben an in hellen Stimmen zu singen:
»Herrgott, dich loben wir all!«
    Das ist mir wie Öl ins Herz gegangen.
    Aber das Lied wird bald aus sein und danach kommt das Hochamt, und da muss
Musik, Chormusik sein um alle Welt.
    Holpert der alte Rüpel die Treppe herauf: »Schulmeister! Will schon heut'
die Orgel schweigen, so nimm die Geigen!«
    »O Gott, Rüpel, die ist zu Holdenschlag beim Leimen!«
    
    »Und kunnt ich auch die Geigen nicht zuwege bringen, so tät ich bei meiner
Treu die Kirchenlieder auf der Ziter singen!«
    Für dieses Wort habe ich den Alten so stürmisch umarmt, dass er erschrocken
ist. Ich eile und hole die Ziter, und bei dem Hochamte klingt auf dem Chor ein
Saitenspiel, wie es in dieser und etwan auch in einer andern Kirche niemalen so
gehört worden ist. Die Leute horchen, der Pfarrer selber wendet sich ein wenig
und tut einen kurzen Blick gegen mich herauf.
    Und so ist mitten in der langen Winternacht zu Winkelsteg das Christfest
gefeiert worden. Leise zittern und wiegen die Saitentöne; sie singen dem
neugeborenen Jesukindlein das Wiegenlied und dem Menschen den Frieden. Und sie
schrillen und wecken das schlafende Kind, ehe der falsche Herodes kommt; und sie
trillern ein Wanderliedchen für die Flucht nach Ägypten.
    Ich spiele den Messgesang, spiele Lieder, wie sie meine Mutter gesungen, und
mein Nährvater, der gute Schirmmacher, und im Hause des Freiherrn die Jungfrau
...
    Und letztlich weiss ich selber nicht mehr, was ich kindischer Mann der
Gemeinde und dem heiligen Kind hab' vorgespielt in dieser Christnacht.
    Ich werde den Winkelstegern noch so verrückt, wie der Reim-Rüpel.
    Nach dem Mitternachtsgottesdienst hat der Pfarrer durch mich die Ärmsten der
Gemeinde, die Alten, die Brestaften, die Verlassenen, zu sich in den Pfarrhof
rufen lassen.
    Je! da ist es noch heller, wie in der Kirche! Da ist mitten in der Stube ein
Baum aufgewachsen, und der blüht in Flammenknospen an allen Ästen und Zweigen.
    Da gucken die alten Männlein und Weiblein gottswunderlich drein, und kichern
und reiben sich die Augen über den närrischen Traum. Dass auf einem Baum des
Waldes Lichter wachsen, das haben sie all ihrer Tage noch nicht gesehen.
    - Jenes Wundervöglein von den tausend Jahren, sagt der Pfarrer, sei wieder
durch den Wald geflogen, habe ein Samenkorn in den Boden gelegt und dem sei
dieses Bäumchen mit den Flammenblüten entsprossen. Und das sei der dritte Baum
des Lebens. Der erste sei gewesen der Baum der Erkenntnis im Paradiese; der
zweite sei gewesen der Baum der Aufopferung auf Golgata; und dieser dritte Baum
sei der Baum der Menschenliebe, der uns das Golgata der Erde wieder zum
Paradiese gestalte. Im brennenden Dornbusch habe Gott vormaleinst die Gebote
verkündet, und in diesem brennende Busche wiederhole er es heute: du sollst den
Nächsten lieben, wie dich selbst!
    Hierauf hat der Pfarrer die Kleidung und Nahrung verteilt, wie die Gaben
bestimmt gewesen und die Worte gesagt: »Nicht mir danket, das Christkind hat's
gebracht!«
    »Du mein, du mein!« rufen die Leute zueinander, »jetzund steigt uns das
Christkind schon gar in den Bald herein! Ja, weil wir halt eine Kirche haben und
so viel einen guten Herrn Pfarrer!«
    Der Rüpel, auch einer der Beschenkten, ist allein kindischer, wie die andern
allmitsammen. Er eilt um den Baum herum, als täte er das Christkind suchen im
Gezweige. - »Aber mein!« schreit er endlich, »die Sonn darf nicht bös auf mich
werden, ich weiss kein Licht auf der Erden, weiss keins zu nennen, das so hell tät
brennen, wie dieser Wipfel mit seinem Gipfel! Seid fein still und lauscht! Hört
ihr, wie's in den Zweigen rauscht? Wie Spatzen fliegen die Engelein und bauen
ein Nest fürs Christkind zum heiligen Fest. Der Weisse dort, der Kleine - Flügel
hat er noch keine - der wär' jetzt schier herabgefallen. Geh, lass' dir ein paar
Steigeisen teilen vom Schmied, ich will sie schon zahlen. Schau, ich hab heut'
ein warm Jöpplein kriegt, und in jedem Säckel ein Taler liegt. - Und kommet, ihr
Engel, nur auch bald zu allen anderen Bäumen in unserem Wald, auf dass ihr tätet
anzünden die Lichterkronen zu tausend Millionen!«
    Keinen Löffel voll hat der alte Rüpel gegessen, als die andern beim
Grassteiger warme Suppe geniessen. Und als Stroh in die Stube getragen und ein
Lager bereitet ist worden, dass die Leutchen nicht in der Nacht zu ihren fernen
Hütten wandern müssen, da ist der Rüpel hinausgegangen unter den freien Himmel
und hat die Sterne gezählt und jedem einen Namen gegeben. Und der aufgehende
Morgenstern hat den Namen »Vater Paul« erhalten.
    Der Pfarrer hat sich mehrmals an den Waldherrn gewendet, auf dass den
Kleinbauern hier - die sich den schlechten Boden mit vieler Mühe nutzbar gemacht
haben - dieser Boden gegen Entgelt zu eigen überlassen werden möge. Es ist aber
kein Bescheid zurückgekommen. Es heisst, der alte Herr sei auf Reisen und der
junge in der Hauptstadt, und die Welt sei zu weit und die Hauptstadt zu laut,
als dass so ein Wort aus dem Walde gehört werden könne.
    Wir Winkelsteger bleiben denn Lehensleute.
                                                      Am 14. des Eismonats 1831.
    Heute habe ich die Nachricht von dem Tode meiner Base, der Muhme-Lies,
erhalten. Sie hat mich zu ihrem Erben eingesetzt. Alte Jugendbekannte, die sich
seit zwanzig Jahren nicht mehr um mich gekümmert haben, beglückwünschen mich zur
Erbschaft. Ich weiss aber noch nichts Näheres. Wie viel kann die alte Frau denn
besessen haben? Wohl war sie reich gewesen, hat aber alles in Glücksspielen
versetzt.
    Und wenn nur ein Groschen ist, und wenn gar nichts ist - bei meiner Seel',
so freut es mich doch, dass sie meiner gedacht hat. Sie hat mir es stets
wohlgemeint. Jetzt hab ich gar keinen Verwandten mehr auf dieser Welt.
                                                                    Ostern 1831.
    In den Winkelwäldern müssen die kirchlichen Feste und Darstellungen das
ersetzen, was sie draussen in der Welt die Kunst nennen.
    So wie ich nach meinem armen Können für die Weihnachtszeit ein Kripplein
aufgestellt, so hat nun der Ehrenwald mit seinen Söhnen ein Grab Christi
geschaffen.
    Da stehen im Seitenschiffe der Kirche vier hohe, mit Bildern aus der
Leidensgeschichte gezierte Bretterbogen, wie Eingangspforten, die von der
vordersten bis zu der hintersten immer enger und dunkler werden. Und im
dämmerigen Hintergrunde ist in einer Nische die Grabesruh Jesu, und darüber der
Tisch für das Heiligste, umgeben von einem Kranze bunter Lampen. An beiden
Seiten des Grabes stehen zwei römische Kriegsknechte zur Wacht. Bei der Feier
der Auferstehung verschwindet der Leichnam und in dem Lampenkranze erhebt sich
das Bild des auferstandenen Heilandes mit den Wundmalen und mit der Fahne.
    Ein tiefer Sinn liegt in der ganzen Begehung. - Die Fastenzeit schreitet
vor, wird ernster und ernster; die Musik verstummt wochenlang, die Bildnisse
verhüllen sich. Es naht die Charwoche, der würdevolle Palmsonntag, der
geheimnisvolle Gründonnerstag, der düstere, tiefbetrübte Charfreitag, der stille
Samstag. In der Ruhe liegt ein Ahnen und Sehnen, und leise mahnt des Propheten
Wort: Sein Grab wird herrlich sein! - Noch einmal verdüstert sich das
Gotteshaus, wie Golgata in der Finsternis; aber die roten und grünen Lampen
glühen, die Festkerzen strahlen - da erschallt hell und freudevoll der Ruf: Er
ist auferstanden! - Jetzt klingen die Glocken, klingt die Musik, knallen die
Böller; und die Fahnen, rot wie brennendes Feuer, wehen, und die Menschenschar
zieht in das Freie, und ihre Lichter flammen in Abenddämmerung hin durch den
Wald.
    In den Städten haben sie einen noch viel grösseren, einen schweren Prunk.
Aber wo nehmen sie die Stimmung und wo nehmen sie die wahre, hoffende Freude an
der Auferstehung, die in der gläubigen Armut liegt! Inneren Frieden suchend,
schleichen sie abseits an der Kirchhofsmauer hin und murmeln mit dem unseligen
Doktor: »Die Botschaft hör' ich wohl ...«
                                                                 Lenzmonat 1831.
    Ich hebe bereits an, aus der Erbschaft Bauten aufzuführen. Ich baue mir in
Winkelsteg ein grosses, schönes Haus, grösser wie der Pfarrhof. Den Plan dazu hab'
ich schon fertig. Aber ich selber will darin nicht wohnen, so lang' in die
Schulmeisterei mag betreiben. Einmal dem siechen Reutmann im Karwasserschlag
gebe ich im Hause eine Stübchen; und die alte, kinderlose Brunnhütterin aus den
Karwässern führe ich hinein und die kranke Aga; dann führe ich den Markus Jäger
herbei, der erblindet ist, und den Josef Ehrenwald, den ein fallender Baum
geschädigt hat. Und andere und andere, und so wird das grosse Haus nach und nach
voll werden. Es torkeln viele mühselige Leute herum in den Winkelwäldern.
    Einen Arzt und frische Arzneien stelle ich ihnen auch her, das heisst, wenn
das Geld auslangt. Dann nehme ich possierliche Leute auf, die viel Musik machen
und ansonsten allerhand unterhaltlich Spiel treiben. Ein Armenhaus muss man nicht
auch noch mit Einsamkeit und Trübsal umgeben; die lustige Welt soll ihm zu allen
Fenstern hereinlugen und sagen: ihr seid auch noch mein und ich lass' euch nicht
fahren!
    Den Baugrund für dieses Haus brauche ich heute noch nicht zu zahlen, denn
ich baue einstweilen mein Schloss nur so in die Luft hinein. Die Erbschaft ist
noch nicht da. Aber es heisst, meine Base hätte im Glücksspiel grosse Summen
gewonnen.
    Dem alten Rüpel werde ich in meinem Armenhause das freundlichste Kämmerlein
weisen. Der arme Mann ist schier ganz verlassen. Seine Sprüche lohnen die Leute
kaum mehr mit einem Stück Brot. Sie haben vergessen, wie sie vormaleinst zu
festlichen Stunden so oft von den heiterfrommen Liedern erbaut worden sind, wie
sie gelacht und geschluchzt haben dabei, und wie sie so oft zu einander gesagt
haben: »'s ist, wie wenn der heilige Geist aus ihm tät' reden.«
    Freilich wohl ist bei dem Alten heute nicht mehr viel zu holen und er wird
schon recht kindisch. Jetzund hat er sich aus Baumästen einen Reifen gebogen und
in demselben eitel Strohhalme wie Saiten aufgezogen. Das ist seine Harfe, er
lehnt sie an seine Brust, legt die Finger auf die Halme und murmelt seine
Gesänge.
    Es ist doch ein rührender Mensch, wenn er so dasitzt auf einem Stein im
Waldesdunkel, gehüllt in seinen fahlfarbigen, weiten Mantel, umwuchert von
seinem langen, schneeweissen Bart, von seinen schimmernden Lockensträhnen, die
voll und wild über die Achsel wallen. Sein starres, tautrübes Auge richtet er zu
den Wipfeln empor und singt den Vöglein, von denen er es gelernt.
    Die Tiere des Waldes fürchten sich nicht vor ihm; zuweilen hüpft ein
Eichhörnchen nieder vom Geäste auf seine Achseln und macht ein Männchen und sagt
ihm was ins Ohr.
    Seine Worte werden immer unverständlicher, so wie seine Lieder. Er passt
seine Gesänge auch nicht mehr den Menschen und ihren Gelegenheiten an. Er singt
tolle Liebes- und Kindeslieder, als träume er seine Jugend. Wenn der Weissbart
zur Sommerszeit unbeweglich auf einer Bergeshöhe sitzt, so meint man von weitem
ein Sträusschen Edelweiss zu sehen.
    Dann laufen Käfer und Ameisen an seinem Rock und krabbeln an seinem Bart
empor; und Hummeln umkreisen sein Haupt, als ob wilder Honig drin wäre.
    Der Pfarrer hat mir eine Besorgnis mitgeteilt.
    Er sagt, es sei möglich, dass ich ein reicher Mann würde. Und als reicher
Mann zöge ich fort in die Welt, um all die Wünsche mir zu erfüllen, die ich in
der Einsamkeit ausgeheckt und grossgepflegt hätte. Ganz selbstlos sei kein
Mensch.
    Diese Äusserung hat mir eine ruhelose Nacht gekostet.
    Ich habe mein Herz erforscht und wahrhaftig einen Wunsch in demselben
gefunden, der weit über die Winkelwälder hinausgeht.
    Aber mit Gut und Geld ist er nicht zu erfüllen. Sie ist vermählt ...
    Was lästerst du, Andreas? Dein Wunsch ist ja erfüllt. Sie ist glücklich.
                                                     Am 24. des Lenzmonats 1831.
    Heute haben sie in den Lautergräben den Sturmhans von der Wolfsgrubenhöhe
tot gefunden. Es ist an der Leiche der Bart versengt. Die Leute sagen, eine
blaue Flamme, die aus dem Mund hervorgestiegen, habe ihn getötet. Sie erklären
es sich so: der Sturmhans habe sehr viel Wacholderbranntwein getrunken, habe
sich dann etwan eine Pfeife anzünden wollen, und anstatt des Tabaks habe der
Atem Feuer gefangen und dem Manne die Seele herausgebrannt.
    Gut zur Hälfte wird das wohl richtig sein.
                                                               Am 1. April 1831.
    Heute ist mir meine Erbschaft behördlich zugewiesen worden.
    Sie besteht aus drei Groschen und einem Brief von der Muhme-Lies.
    Der Brief liegt bei:
                »Lieber Andreas!
    Ich bin alt und krank und hilflos. Du bist, Gott weiss wo, im Gebirge. In
meiner Krankheit denke ich über alles nach. Ich habe Dir wohl Unrecht getan und
bitte Dich um Verzeihung. Dieses Geld drückt mich am meisten, es ist Dein
Patengeschenk; Du hast es seiner Tage für Deinen Vater in den Himmel schicken
wollen. Ich habe es Dir damals genommen. Nimm das Andenken zurück, Andreas, und
verzeihe mir. Ich will ja ruhig sterben. Gott segne Dich, und eines muss ich Dir
noch sagen: wenn Du im Gebirge bist, so gehe nicht mehr zurück. Alles ist eitel.
In guten Tagen sind mir meine Freunde getreu gewesen; jetzt lassen sie mich in
der Armut sterben.
    Ich küsse Dich viel tausendmal, mein lieber einziger Blutsverwandter. Wenn
mich Gott in den Himmel nimmt, so will ich Deine Eltern grüssen.
    Deine bis in den Tod
                                                                  liebende Muhme
                                                                         Elise.«
                                                              Fronleichnam 1831.
    Seit drei Jahren schon sammeln wir Geld für einen Traghimmel. Aber wir
Winkelsteger können uns den Himmel nicht kaufen. Wir müssen uns selber einen
machen.
    Der alte Schwamelfuchs hat aus grünenden Birkensträussen ein tragbares Zelt
gebaut, auf dass wir zu diesem Feste das Hochwürdigste nach gebührender Weise aus
der Kirche in das Freie tragen können.
    Das ist ein feierlicher Umgang gewesen im Sonnenschein. Und die Leute, von
dem harten Winter endlich befreit, haben hellen Lobgesang gesungen. Im Walde
haben wir geruht und der Pfarrer hat mit dem Heiligsten den Segen gegeben nach
allen vier Gegenden des Himmels hin.
    Es ist noch nicht erhört worden, dass mitten im Gottesdienst ein weltlicher
Mensch so seine Stimme hätt' erhoben. Der alte Rüpel hat's getan, voll Seele wie
in seinen besten Zeiten, und das ist sein Fronleichnamsspruch gewesen:
    »Klinget alle Glöckelein, singet alle Vögelein; der grosse Gott kommt aus
himmlischen Türen, geht im grünen Wald spazieren. Er rastet süss auf dem grünen
Rasen, wo die Hirschlein und Rehlein grasen. Er sagt sein erstes, mächtiges
Wort, da steigen alle Blümlein aus der Erden hervor. Er spricht sein zweites mit
hellem Schall, das weckt jeglich Samenkorn im Tal. Und ruft er sein drittes
Wort, da müssen die Donner schweigen und die Blitze sich neigen, und vor seinem
Hauch sind die bösen check in Wasser zerflossen. O, dir sei Preis und Ehr',
du grossmächtiger Herr! Und wirst du einstmals dein letztes Wort sprechen, so
werden die Berge beben und die Felsen brechen; werden die Himmel krachen, werden
die Toten erwachen; wird das Feuer die Welt vernichten. Zu dieser lieblichen
Stund' im grünen Wald sei gebeten, o Gott, in Brotesgestalt: tu' uns gnädiglich
richten!«
    Der alte Mann weiss immer noch ans Herz zu stossen mit seinen Worten.
Erschüttert und gehoben sind wir, besonders der Pfarrer und ich, wieder
zurückgekehrt zur Kirche. Und das grüne Birkengezelt mit den weissen Tragsäulen
wird über dem Altare stehen, bis seine tausend Blätterherzen werden verwelkt
sein.
    Endlich ist die Antwort wegen der Grundablösung in unserem Pfarrhofe
eingelangt.
    Der Gutsherr gibt dem Pfarrer zu verstehen, er möge sich als gewissenhafter
Seelsorger, der er sei, nicht auch noch weltliche Sorgen aufbürden.
    Des Weiteren steht nichts zu lesen.
 
                         Von einem sterbenden Waldsohne
                                                                 Im Winter 1831.
Wer hätte das vorzeiten von dem Einsiedler im Felsentale gedacht! Die
Tatlosigkeit nach dem bewegten Leben, die Abgeschiedenheit von den Menschen
hätte ihn zum Narren machen können!
    Es ist wunderbar gekommen. Nur die grossen Sorgen und kleinen Leiden eines
Waldpfarrers und der einförmige und doch so vielseitige und vielbedeutende
Zustand einer Waldgemeinde in der Ursprünglichkeit und Abgeschlossenheit ist das
Rechte für ihn, das ihn gerettet hat.
    Nun hat er sich hineingelebt in die Verhältnisse, kennt jedes seiner
Pfarrkinder inwendig wie auswendig und leitet es mit seinen Beispielen.
    Es wütet jetzt eine böse Seuche in den Winkelwäldern; es wird uns der
Friedhof zu klein und wir können schier die Totengräber nicht auftreiben; die
kräftigsten Männer liegen auf dem Krankenbette.
    Der Pfarrer ist Tag und Nacht nicht daheim, sitzt in den entlegensten Hütten
bei den Kranken, sorgt für Seelentrost und auch für leiblich Wohl, hat ihm
gleichwohl der Freiherr geraten, sich nicht mit weltlichen Dingen zu befassen.
    Letztlich, da er doch einmal daheim in seinem warmen Bett schläft, klopft es
jählings ans Fenster.
    »'s ist eine rechte Grobheit, Herr Pfarrer!« ruft es draussen in der
pechfinsteren Nacht. »Ein Versehgang ist in die Lautergräben hinüber. Wir wissen
uns nicht zu helfen. Steht uns bei; mein Bruder will versterben!«
    »Wer ist denn draussen?« fragt der Pfarrer.
    »Die Anna Maria Holzer bin ich. Der Bartelmei will uns verlassen.«
    »Ich komme,« sagt der Pfarrer, »wecket nur auch den Schulmeister, dass er die
Laterne und das Heiligste bereite. Das Läuten soll er lassen, es schläft ja
alles.«
    Das Weib hat mich aber doch gebeten, dass ich die Zügenglocke läute, auf dass
auch andere Leute für den Sterbenden beten möchten. Und als der Pfarrer danach
zwischen den Häusern hingeht und das Weib mit der Laterne und dem Glöcklein
vorauswandelt, da knien an den Haustüren schlaftrunkene Menschen und beten.
    Es ist eine stürmische Winternacht; der Wind saust über die Lehnen und
pfeift durch das kahle, gefrorne Geäste der Bäume. Schneestaub wirbelt heran und
verlegt den Weg und stiebt in alle Falten der Kleider.
    Das Weib eilt mit Hast voran und die roten Scheintafeln der Laternen zucken
auf dem Schneegrunde hin und her und das Glöcklein schrillt unablässig, aber die
Töne verklingen im Sturmwind und die Menschen des Dörfleins sind wieder zur Ruhe
gegangen, und auch ich bin, nachdem ich den Zweien eine Weile nachgeblickt, in
meine Stube zurückgekehrt.
    Ich will es aber niederschreiben, was dem Pfarrer in derselbigen Nacht
begegnet ist. Es ist durch kein Beichtsiegel verschlossen.
    Als unser Vater Paul an dem Bette des Kranken steht, sagt dieser: »Gedenkt
es der Herr Pfarrer noch, wie er in die Karwässer gekommen ist? Gedenkt er's? 's
ist lang vorbei; wir beid' haben seiter wohl was erfahren, sind eisgrau
geworden, bei meiner Treu!«
    Der Pfarrer ermahnt den alten Kohlenbrenner, sich durch angestrengtes Reden
aufzuregen.
    »Und kann er sich erinnern, was ich damalen hab' gesagt: ich hätt' auch mein
Anliegen und kunnt 'leicht einmal von einem geistlichen Herrn eine grosse
Gefälligkeit brauchen. Dieselb' Zeit ist jetzt da. Ich lieg' auf dem Todbett.
Den Ehrenwald-Franz hab' ich schon angeredet, dass er mir die Truhen zimmert. Und
mit meinem Leib tät's nachher in Richtigkeit sein; - aber mit meiner Seel'!
Pfarrer, verzeih' mir's Gott, die ist dir schwarz wie der Teufel.«
    Der Pfarrer sucht zu sänftigen und zu trösten.
    »Warum denn?« frägt der Bartelmei, »bin ja gar nicht verzagt. Weiss
gleichwohl, dass alles recht muss werden. - Was macht denn der Herr Pfarrer für
Geschichten mit seiner weissen Pfaid? Nein, das brauch' ich nicht; wir tun die
Sach' kurzweg ab. Wenn einer so auf dem letzten Stroh liegt, ist man zu nichts
mehr aufgelegt. Tu' sich der Herr nur setzen. - Das sag' ich aber gleich, mit
dem Glauben steht's bei mir schlecht; glauben tu' ich, wenn ich's recht will
sagen, an gar nichts mehr. Der Herrgott ist selber schuld, dass ich so bin
herabgekommen. Er hat auf mich schön sauber vergessen. Er hat mir's versagt, und
er hätt's in seiner Allmächtigkeit wahrhaftig bei meiner Seel' leicht tun mögen!
- Ich mag davon ja wohl reden. Selbunter, wie die Sepp-Marian ist gestorben, die
ein wenig mein ist gewesen, hab' ich an ihrem Todbett gesagt, Marian, hab' ich
gesagt, wenn du jetzund musst verlöschen, du junges Blut, und ich allein sollt
verbleiben meiner Tage lang, so ist das die grösste Grausamkeit von Gott im
Himmel oben. Aber wissen möcht' ich's, Marian, und vor meinem Tode möcht' ich's
wissen, was es mit der Ewigkeit ist, von der sie sagen allerweg, dass sie kein
End' hätt', und dass die Menschenseel' in ihr tät' fortleben. Es ist nichts
Rechtes zu erfahren, und da sollt' einer fremder Leut' Reden glauben und etwan
wissen die auch nichts. Und jetzt, Marian, hab' ich gesagt, wenn du doch wohl
fort musst, und du bist in der Ewigkeit weiter, gleichwohl wir dich begraben
haben, so tu' mir die Freundschaft und komm', wenn du kannst, mir noch einmal
zurück, und wenn's auch nur ein Viertelstündlein ist, und richt' mir's aus,
damit ich weiss, wie ich dran bin. - Die Marian hat's versprochen, und wenn sie
kann, so wird sie's halten, davon bin ich überzeugt gewesen. - Darauf, wie sie
verstorben, hab' ich viele Nächte nicht schlafen mögen, hab' immer gemeint,
jetzt und jetzt wird die Tür aufgehen, wird die Marian hereinsteigen und sagen:
Ja, Bartelmei, magst es wohl glauben, 's ist richtig, 's ist eine Ewigkeit
drüben und du hast eine unsterbliche Seel'! - Was meint der Herr Pfarrer, ist
sie gekommen? - Nicht ist sie gekommen, gestorben und tot und weg ist sie
gewesen. Und seiter - ich kann mir nicht helfen - glaub' ich schon an gar
nichts mehr.«
    Er schweigt und horcht dem Tosen des Wintersturmes. Der Pfarrer soll eine
Weile in die flackernde Spanflamme gestarrt und endlich die Worte gesagt haben:
    »Zeit und Ewigkeit, mein lieber Bartelmei, ist nicht durch einen Heckenzaun
getrennt, über den man hin-und herhüpfen kann, wie man will. Der Eingang in die
Ewigkeit ist der Tod; im Tode streifen wir alles Zeitliche ab, denn die Ewigkeit
ist so gross, dass nichts Zeitliches in ihr bestehen kann. Darum ist der
Verstorbenen auch dein vorwitzig Wort ausgelöscht gewesen und alle Erinnerung an
das zeitliche Leben. Frei von allem Erdenstaub ist sie in Gott eingegangen.«
    
    »Tu' er das lassen, Herr Pfarrer,« unterbricht ihn der Kranke, »es drückt
mich auch gar nicht. Ist das, wie es ist, es wird schon recht sein. - Aber einen
andern Haken hat's; mit mir selber bin ich noch nicht in der Ordnung. Ich bin
nicht gewesen, wie ich hätt' sein sollen, aber ich möcht' gern meine Sach', und
andere tuen auch gern ihre Sach' richtig stellen. Lang' hab' ich nicht mehr
Zeit, das merk ich wohl, und desweg hab' ich den Pfarrer aufschrecken lassen aus
dem warmen Bett, und will ihn zu tausendmal bitten, dass er's wollt vermitteln.
Jetzt - 's ist zwar heimlich geblieben, aber sagen will ich's wohl: ein arger
Wildschütz bin ich gewesen; viel Rehe und Hirschen hab' ich dem Waldherrn
gestohlen.«
    Hier bricht der Köhler ab.
    »Und weiter?« fragt der Pfarrer.
    »So! und ist ihm das noch nicht genug?« ruft der Alte, »aufrichtig, Herr
Pfarrer, sonst weiss ich nichts. - Meine Bitt' wär' halt nachher die, dass mir der
Herr Pfarrer bei dem Waldherrn mein Unrecht wollt' abbitten. - Hätt's wohl lang'
selber schon getan, hab' mir aber allfort gedacht, eine Weil wartest noch zu;
könntest 'leicht wieder was brauchen vom Wald herein, müsstest später noch einmal
abbitten, wär' mir unlieb. Tu's nachher mit einem ab. - Allzulang' hab' ich
gewartet; jetzt kann ich nimmer. Der Waldherr ist, wer weiss wo, zu weitest weg.
Aber gelt, der Herr Pfarrer ist so gut und gleicht's bei ihm aus mit einer
christlichen Red' und tut sagen, ich hätt's wohl bereut, könnt' es aber nicht
anders mehr machen. - Jetzt, gewesen ist's halt so: Kohlenbrennerei gibt wohl
ein Stückel Brot, aber wenn einer zum Feiertag einmal so einen Bissen Fleisch
dazu wollt' beissen, so muss man schnurgrad mit der Büchs hinaus in den Wald. Man
kann's nicht lassen, und wenn sich einer noch so lang' spreizt, 's ist gar
schad', man kann's nicht lassen. - Wenn sie mich etwan einmal erwischt hätten,
die Jäger, so wär' jetzund das Gered' nicht vonnöten, und ich müsst' dem Herrn
Pfarrer nicht so schmerzlich zu Gnaden fallen. - Ei, der Tausend, jetzt hab' ich
mich dennoch wohl angestrengt; es steigen mir die Ängsten auf.«
    Sie haben ihn mit kaltem Wasser gelabt. Der Pfarrer hat seine Hände gefasst,
hat ihn mit guten Worten versichert, dass er bei dem Waldherrn Verzeihung
erwirken werde. Danach hat er dem Kranken die Lossprechung erteilt.
    »Bedank' mich, bedank' mich fleissig,« sagt drauf der Bartelmei mit schwacher
Stimme, »nachher wär' ich so weit fertig, und - Pfarrer, jetzt tät's mich bei
meiner Seel' schon selber freuen, wenn es wahr wär', dasselb' von der Ewigkeit,
und wenn ich nach der unruhevollen Lebenszeit und nach dem bitteren Tod schön
langsam könnt' in den Himmel einrücken. Wär' wohl eine rechtschaffen bequeme
Sach', das!«
    So hat sich in dem armen, schwerkranken Mann das Bedürfnis und die Sehnsucht
nach Glauben und Hoffen ausgesprochen. Unser Herr Pfarrer hat ihn dann gefragt,
ob er die heilige Wegzehrung empfangen wolle.
    »Nicht vonnöten,« ist die Antwort gewesen.
    »Musst doch, Bruder, musst doch,« meint die Anna Maria, »einem Geistlichen,
der mit dem heiligen Leib unverrichteter Sach' muss zurückkehren, tanzen die
Teufel nach bis zur Kirchentür!«
    »Du närrisch Weibmensch, du!« schreit der Bartelmei, »jetzund
Kindergeschichten erzählen, dass dich der Herr Pfarrer recht mag auslachen. - 's
wär mir doch all doch eins und gern möcht' ich das Teigblättlein verschlucken,
dass der Herr unangefochten könnt' nach Haus gehen, aber ich halt' nichts drauf,
und da, hab' ich oftmalen gehört, wär's eine grossmächtige Sünd', wollt' einer in
vorwitziger Weis' das heilige Sakrament empfangen.«
    Auf dieses Wort hat der Pfarrer des Kranken Hand gedrückt. »Hochmütig,
Bartelmei, musst du desweg nicht werden, jetzt in deinen alten Tagen, aber das
sag' ich dir, du denkest schon das Rechte. Du bist Büsser, du glaubst an Gott und
an der Seele ewiges Leben; ob du dir's gestehen magst oder nicht, ob du das
heiligste Brot zu dir nimmst oder nicht, rein ist dein Herz und dein ist die
Seligkeit!«
    Da soll sich der alte Mann hoch emporgerichtet haben; die Hände hätte er
ausgebreitet, mit nassen Augen hätte er gelächelt und gerufen: »Jetzt hab' ich
das Rechte gehört. Der Pfarrer mag so gut sein und mir die Wegzehrung reichen.
Nachher mag er kommen, der Knochenhans - Jesus, Jesus! was ist das? die Marian!«
schreit der Bartelmei jählings. Dann richtet er die Augen nach der Spanflamme
und flüstert: »Ja, Mädel, wie steigst denn du daher heut' in der finsteren
Nacht? Marian! Botschaft bringst mir? - Botschaft?«
    Immer höher richtet er sich auf, immer wiederholt er das Wort »Botschaft!«
endlich sinkt er zurück und schlummert.
    Nach einer Weile schlägt er die Augen auf und sagt mit matter Stimme: »Bin
ich kindisch gewesen, Schwester? Ein b'sunderlicher Traum! Es steigt mir das
Geblüt so auf. Ich verspür's, lang' wird's nimmer dauern; es kommt mir schon zum
Herzen. - Ich muss euch behüt' Gott sagen, allen miteinander. Hab' auf deine
Kinder acht, Schwester, dass sie dir nicht in den Wald laufen mit der Büchs. -
Für die Truhen ist der Ehrenwald schon bezahlt. - Und tut mich fleissig waschen;
will nicht als der kohlschwarze Russ-Bartelmei in den Himmel eingehen.«
    Als das Morgenrot durch die Fensterlein schimmert, ist der Mann tot. Sie
ziehen ihm sein Sonntagsgewand an und legen ihn auf das Brett. Seiner Schwester
Kinder besprengen ihn mit Wasser des Waldes.
    Gestern haben wir ihn begraben.
                                                         Zur Faschingszeit 1832.
    Das geht toll zu. Das ganze Grassteigerhaus wollen sie umkehren; über den
Kirchplatz johlen sie hin und treiben Unfug.
    Im Pfarrhofe liegt ein Bauernknecht, dem haben sie den Kinnbacken
zerschmettert.
    Faschingsonntag ist das. An die Seuche wird nicht gedacht. In das Wirtshaus
kommen sie zusammen und trinken Branntwein; sie sind heiter und lachen und
necken sich. Es röten sich die Gesichter, da will jeder sticheln und spotten,
aber keiner mehr geneckt sein. Eines krummen Wortes, eines scheelen Blickes,
oder auch eines Mägdleins wegen entsteht ein Streit. Es setzt Backenstreiche mit
flacher Hand - das ist zu wenig; sie schlagen mit den Fäusten drein - ist auch
zu wenig; sie brechen Stuhlfüsse, schwingen sie mit beiden Armen wütend, lassen
sie niedersausen auf die Köpfe. Das ist genug. Streckt sich einer auf den Boden.
Die Unterhaltung ist aus.
    »Seid gescheit, Leutchen,« hab' ich beim Grassteiger unten einmal gesagt,
»wollt ihr an den Ruhetagen so wüst sein, so weicht der Segen von euerer Arbeit
und es kommt noch eine böse Zeit über Winkelsteg.«
    Da tut sich ein Meisterknecht aus dem Schneetale hervor: »Weil wir Wildlinge
sind, desweg bleiben wir arme Teufel! Glaub's schon auch. Recht hat er, der
Schulmeister; gerauft wird nimmer, und ich sag' dir's, Grassteigerwirt, wenn
noch einmal ein Raufhandel geschieht in deinem Haus, so komm ich mit einem
Zaunstecken und klieb euch allen die Schädel auseinand!«
    Es steckt einmal so in den Leuten. Nur dass bei solchen Händeln der Lazarus
nicht mittut, das ist mein Trost. Sie wollen wohl mit ihm anhäkeln, aber da
macht er sich aus dem Staub. Es zuckt zuweilen in ihm, aber er dämpft wacker
nieder. Er ist ein Mann durch und durch. Auch ist die Juliana ein Schutzengel
und hilft ihm getreulich, dass er sich beherrsche.
    Der Förster hat den Lazarus wollen auf das flache Land hinaus befördern;
wenn einer einmal ein so seltsames Geschick habe, wie dieser junge Mensch, meint
er, so müsse auch ganz was Besonderes aus ihm werden. Aber der Lazarus will
nicht fort vom Wald. Er wird ein braver Mann und zu etwas Besserem könnte er es
auch draussen nicht bringen, und wollt' ihn gleich Kaiser und König an seinen
Tron setzen.
    Ein gutes Zeichen ist, dass er keinen Branntwein trinkt. Der Branntwein ist
Öl ins Feuer und so geschehen die bösen Händel.
    Wir Gemeindehäupter trinken nie einen Tropfen davon. Nun, um so mehr bleibt
für die anderen.
    Der Pfarrer hat schon mehrmals scharf vor diesen Getränken gewarnt.
Letztlich hat er in seinem Zorn den Branntwein einen Höllenbrunnen, ein Gift für
Leib und Seele, und die Branntweinbrenner und Schenker mit heller Stimme
Giftmischer geheissen.
    Der alte Grassteiger hat an seiner Nase hinabgelugt, und nicht lange danach
hat er bekannt werden lassen, dass bei ihm frischer Obstmost angekommen sei.
    Der Kranabetannes aber hat es so glatt nicht abgehen lassen. Mit einem
grösseren Stock, als er sonst gewöhnlich bei sich trägt, ist er vor zwei Tagen im
Pfarrhofe erschienen.
    Er klopft an die Tür; und selbst als der Pfarrer schon zweimal vernehmlich
herein ruft, klopft er noch ein drittesmal. Schwerhörig ist er nicht; er will
nur zeigen, dass, wenn gleich ein Waldteufel, er bei den Herren doch Schick und
Anstand zu halten weiss, und wäre es auch vor seinem Feind, den er heute
niederschmettern will.
    Endlich in der Stube, bleibt er eng an der Tür stehen, presst die Hutkrempe
in die Faust und murmelt in seinen fahlen Stoppelbart: »Hätt' ein Wörtel zu
reden mit dem Herrn Pfarrer.«
    Der Pfarrer bietet ihm freundlich einen Stuhl.
    »Hätt' ein kleines Anliegen,« sagt der Mann und bleibt auf seinem Flecken
stehen, »bin der Branntweinbrenner vom Miesenbachwald, ein armer Teufel, der
sich seinen Brotgroschen hart muss erwerben. Arbeiten mag ich gern, so lang' mir
altem Manne Gott das Leben noch schenkt, wiewohl mich die Leute schon
niederdrucken möchten und mir die Kundschaften abzwicken.«
    »Setzet Euch,« sagt der Pfarrer, »Ihr seid erhitzt, seid etwan recht
gelaufen?«
    »Gar nicht. Hübsch stad bin ich gegangen und hab' unterwegs gedacht bei mir
selber, dass keine Gerechtigkeit mehr ist auf der Welt, und bei keinem Menschen
mehr - bei gar keinem, er mag noch so heilig ausschauen. Was ist denn das für
ein Pfarrer, der einem armen Familienvater seiner Gemeinde das letzt' Stückel
Brot aus der Hand und schlägt? - Ist und trägt schon die ehrlich' Arbeit nichts,
recht, so muss einer halt stehlen, rauben; wird wohl besser sein, als wenn ein
armer, abgematteter so ein Tröpfel Branntwein in den Mund tut; - ist ja der
Höllbrunnen das!«
    Der Mann schnauft sich aus; der Pfarrer schweigt; er weiss, dass er den Sturm
vertoben lassen muss, will er bei ruhigem Wetter säen.
    »Und wer den Höllbrunnen braut,« fährt der Mann fort, »der muss wohl mit dem
Teufel bekannt sein. Die Leut' schauen mich auch richtig für so einen an. Sollen
recht haben. Aber wenn ich schlecht bin, aus mir selber bin ich's nicht. Und wer
mir mein Geschäft verdorben, der wird wohl anderweitig für mich sorgen, Herr
Pfarrer, umsonst bin ich nicht da!«
    Der Branntweiner vergisst ganz seine gewohnte Geschmeidigkeit und nimmt
schier eine bedrohliche Stellung an.
    »Wenn Ihr der Branntweiner vom Miesenbachwald seid,« sagt der Pfarrer in
seiner Gelassenheit, »so freut es mich, dass ich Euch sehe. Da Ihr so selten nach
Winkelsteg herauskommt, so habe ich schon zu Euch gehen wollen. Wir müssen
miteinander reden. Ihr gebt den Winkelwäldlern keinen Branntwein mehr, da seid
Ihr ein Ehrenmann, ein grosser Wohltäter der Gemeinde. Ich danke Euch, Freund! -
Und auch Euere Umsicht ist sehr zu loben. Es ist doch wahr, dass Ihr jetzt mit
den Kräutern und Harzen und Wurzeln Arzneien, Öle und kostbaren Balsam bereitet
und draussen im Lande dafür Abzugsquellen suchet. Ich gehe Euch nach meinen
Kräften und Erfahrungen gerne dabei an die Hand. Ei gewiss, das ist ein guter
Griff, den Ihr gemacht habt, und in wenig Jahren seid Ihr ein wohlhabender
Mann.«
    Da weiss der Branntweiner gar nicht, wie ihm geschieht. Er hat gar keinen
Griff gemacht, hat niemals an Balsam und Öl-Erzeugung gedacht; aber die Sache
kommt ihm auf der Stelle so vernünftig und fasslich vor, dass er dem Pfarrer nicht
widerspricht und schmunzelnd als angehender Balsam-Erzeuger den Kopf wiegt.
    »Und solltet Ihr, lieber Freund, vorläufig etwas für Weib und Kind benötigen
- mein Gott, zu Anfang behilft man sich, wie man kann - so mag ich gerne, gerne
mit einer Kleinigkeit dienen. Ich bitt' Euch recht, mich ganz als Euren Freund
zu kennen!«
    Der Hannes hat ein unverständliches Wort gebrummt, ist aus dem Hause
gestolpert, hat seinen Knittel über den Rain geschleudert.
                                                         In der Fastenzeit 1832.
    Die kirchliche Behörde fängt wieder an. Ihr ist unser Pfarrer noch immer
nicht rechtmässig genug; sie will ihm die Kirche verschliessen.
    Die Kirche, die wir gebaut haben mit Mühe und Sorgen.
    Es ist still genug in unserer Kirche; Vater Paul hält den Gottesdienst in
den Krankenstuben und auf dem Friedhofe. Die Leute kommen nur mehr in den Särgen
zur Pfarrkirche heraus. Die Seuche ist zur »Sterb« geworden. Die Schule ist
schon seit Monaten geschlossen.
    Es geht die Sage, der Pfarrer wäre schuld an der Seuche, da er das
Branntweintrinken abgesagt. Der Branntwein sei das allersicherste Mittel gegen
Ansteckungen.
    Der Hannes lauert. Erst jetzt lehnt sich sein Stolz auf gegen den Pfarrer,
dessen Schalkheit und Milde er vor wenigen Wochen unterlegen ist.
    Es ist ein immerwährender Kampf gegen das Geschick und gegen die Bosheit.
Wer ausharrt im Ringen und in seiner inneren Überzeugung, der erlangt das Ziel.
Das ist ein schönes Wort, aber ich habe es noch nicht recht erproben können.
                                                               Am 22. März 1832.
    Heute ist unser Pfarrer gestorben.
                                                               Zwei Tage später.
    So hat sich noch keiner selbst erlöst, wie dieser Mann - dieser seltsame
Mann, der an einem Fürstenhof regiert, in Indien gepredigt und in der Höhle des
Felsentales gebüsst hat.
    Alle Irrpfade des Priestertums hat er durchwandeln müssen, bis er das Wahre
gefunden: den Armen im Geiste ein Helfer und Freund zu sein.
    Er hat sich in den Häusern der Kranken seinen Tod geholt. Die Verlobung des
Lazarus Schwarzhütter mit der Juliana Grassteiger hat er gesegnet. Ein kleines
Unwohlsein hat ihn von der Feierlichkeit weg auf seine Stube gerufen. Er hat sie
nicht mehr verlassen. Und ein guter, getreuer Hirt, hat er uns in seiner letzten
Stunde noch das Bedeutsamste gelehrt, das Sterben. Wie ein lächelndes Kind ist
er entschlummert. Wir, die wir es gesehen, fürchten keiner mehr das Sterben; und
wir haben uns gelobt, nach seinem Vorbilde streng unsere Pflichten zu erfüllen.
    Und ich kann's nicht glauben. Ohne Ruh' und Rast schau ich zum Fenster
hinaus, ob er nicht des Weges kommt in seinem braunen Rock. Er hat sich schon
ein wenig stützen müssen; ist wohl doch gebeugt gewesen unter seinen weissen
Haaren.
    Ohne Ruf' und Rast geh' ich am Pfarrhofe vorüber; es ist kein Klopfen mehr
an den Fensterscheiben, es lächelt kein freundliches Gesicht mehr heraus.
    Da stehe ich still und meine, ich müsse laut seinen Namen rufen.
    Und ich kann es nicht glauben, dass er dahin ist.
    Bei dem Leichenbegängnisse ist der Holdenschlager Pfarrer dagewesen. Er hat
sich bass gewundert über die allgemeine Trauer, die in den Winkelwäldern
herrscht.
    Selbst der Branntweiner Hannes ist zum Grabe gekommen und hat eine Scholle
hinabgeworfen. Nur der alte Rüpel ist nicht zu sehen gewesen; der hat wohl im
Urwaldfrieden das Grablied gesungen. Zu Winkelsteg haben die Glocken gesprochen.
    Und als letztlich auch die Glocken stumm geworden, da sind die Leute still
davongezogen in ihre armen, zerstreuten Wohnungen.
    Nur ich allein stehe noch da und starre hinab auf den falben Tannensarg. Vor
achtzehn Jahren habe ich den Mann das erstemal gesehen. Er ist am Grabe
gestanden, das sie in der Wolfsschlucht dem »Glasscherbenfresser« gegraben. Seit
zwölf Jahren ist er Pfarrer zu Winkelsteg gewesen. Die Leute wissen es nicht und
messen es nicht, wie viel sie ihm zu verdanken haben. Heute blicke ich nieder
auf seinen Schrein; ja, das ist der Schlusspunkt zu der Antwort Einspanig.
    Wie ich darüber noch sinne, kommt die alte Haushälterin des
Winkelhüterhauses, meine ehemalige Wirtin, herbeigewackelt. Sie guckt auch in
die Grube, fährt sich mit der Hand über das Gesicht, tappt nach meinem Arm und
sagt: »Gott geb' ihm den ewigen Frieden! Das ist ein braver Mann gewesen. Aber
ein Fabelhans auch! Wie ein Vogel ist sein Sinn herumgeflogen in der weiten
Welt, und auf keinem Fleck, hat er gesagt, wär' die Welt mit Brettern
verschlagen. Und jetzt - gucket einmal recht hinab, Schulmeister! Da unten ist
sie - Gott geb' ihm den ewigen Frieden - da unten ist sie mit Brettern
verschlagen.«
    Das Wort ist gesagt und hastig humpelt sie auf ihren Krücken davon.
    Und sie hat halt doch endlich recht, die Alte. So unbegrenzt der menschliche
Geist auch fliegen mag in den Weiten, sein letztes Ziel wird umschlossen von den
Brettern des Sarges. - Glücklicher Schläfer, dir ist ein unendlicher Raum jetzt
die Truhe. Noch nicht lang', und dir war zu eng die unendliche Welt. -
    Grosser Dichter, vergib, dass ich dein Wiegenlied zur Grabschrift wandle.
                                                                    Ostern 1832.
    Die Seuche ist erloschen. Man sieht viele blasse, abgehärmte Gesichter
umherwandeln.
    In den Mulden der Waldberge und in den Spalten der Felsen schiessen
Wildwasser zur Tiefe. Der Wasserfall über die Breitsteinerwand ist meines
Erlebens noch nie so gross und schön gewesen, als jetzt. Aber es ist gar kein
Fallen, es ist ein lindes Niederschweben von der Höhe, aus der Ferne gesehen.
Doch wer die Wassermassen in der Nähe betrachtet! Das ist ein gar gewaltiges
Losreissen und wuchtiges Niederstürzen, dass der Erdboden klingt. Warum erhebt
sich unsere Seele zu einem Wohlbehagen, wenn man die Wirkung einer grossen Kraft
sieht? - Im Miesenbachgraben und in den Karlehnen donnern die Schneelahnen. Hoch
über den Firnen blaut der Himmel.
    Da wir in der Kirche keine Auferstehungsfeier haben, so drängt es die Leute,
das Osterfest in anderer Weise zu begehen.
    Der Charsamstag ist vorbei; das Turmkreuz der Kirche schimmert im Abendrot
viel glühender als sonst. Es wird heute aber nicht Nacht; ein neues Leben steht
auf. Die Leute gehen im Festkleide aus ihren Wohnungen hervor. Ein neuer Tag
bricht an am Abende und Festfeuer leuchten auf den Höhen. - Wer von diesen
Menschen weiss es denn, dass auch die alten Deutschen zu solcher Jahreszeit der
Göttin des Frühlings Freudenfeuer angezündet?
    Wem nur dieser Einfall ist beigekommen? Da oben auf dem Bühel steht ein
alter, einzelner Fichtenstamm; den haben sie vom Fuss bis zur Wipfel mit dürrem
Gezweige, Moos und Stroh umflochten.
    Wenige Schritte seitwärts haben sich die Leute um ein kleines Feuer
versammelt und singen Lieder. Weiber mit verdeckten Handkörben sind auch dabei
und Kinder spielen mit gefärbten Eiern.
    Es ist schon spät in der Nacht; der Lazarus will mit der Lunte gehen, dass er
die Osterkerze in Brand stecke, da huscht durch den finsteren Wald der alte
Rüpel herbei, reisst seine Binsenhaube vom Haupte und sagt: »Gelobt sei Jesu
Christ, der am Kreuz gestorben ist!«
    Wir sind alle hellverwundert, dass der Alte wieder einmal unter die Leute
geht, und ich will ihn sogleich einladen, dass er sich zu mir und dem Grassteiger
setze, wo wir einen Mostkrug stehen haben.
    »Dank für die Ehr'!« sagt der Rüpel und zieht seine Strohharfe unter dem
Rock hervor, und in die Flamme hineinstarrend, hebt er an zu reden:
    »Komm just von Jerusalem her. Alle drei Kreuz auf dem Berg Kalvari stehen
leer. Christi Leib haben sie gelegt in ein neues Grab, die Seel' ist gefahren
zur Höllen hinab. Die Altväter täten warten schon hart. Dem Abraham hat das
Feuer versengt den langen Bart; der Moses ist schon tausend Jahr im Rauchfang
gesessen und hat auf seine zehn Gebot vergessen. Der Adam, der vorwitzig' Mann,
und die Eva haben gehabt kein Röcklein nit an - die tät' das Feuer wohl
saggrisch beissen. Das Paradies ist ihnen schon lang' verheissen, und durch die
Leidensnot und den bittern Tod tät's ihnen jetzt Christus erlauben. - So hat
mir's der recht' Schächer erzählt, dem linken tät' ich's nit glauben.«
    »Nu, Rüpel,« sagen die Leut', »wenn du sonst nichts mehr weisst, so bist auch
grad kein heiliger Geist.«
    Unbekümmert um diesen Spott, fährt der Alte fort: »Am heutigen Morgen sind
unsere lieben Frauen zum Felsengrab gegangen schauen. Ist ein Junggesell
gesessen auf dem Stein; die Magdalena gucket schon vorwitzig drein, kreiselt ihr
güldenes Lockenhaar fein und denkt: wie alt mag er sein? - Mit Verlaub, schöne
Frauen, der liebe Herr Jesus ist nit hie, der ist auferstanden schon in
allerfrüh! Da haben die Frauen für die fröhliche Mär ein Trinkgeld wollen geben
Gott zu Ehr; aber der Junggesell ist gelaufen zum Himmel hinein; ich tät's auch
- täten mich tragen meine alten Bein'.«
    Wieder schweigt der alte Rüpel. Da aber keiner die Anspielung auf ein
Trinkgeld verstanden hat, so fährt er fort: »Der Herr Jesus geht spazieren im
Wald, tät' sich ausruhen von bitteren Leiden; ein Hirtenknab' steht auf stiller
Heid, der tät' weisse Schäflein weiden. Tät' weiden die Schäflein und weinen
dabei, gar bitterlich, bitterlich weinen. Da fragt ihn Herr Jesus: was weinst du
mein Kind, es tut ja die Sonnen scheinen! - Ja freilich, sie scheint auf den
Rasen grün, der mir meinen Vater tut decken; und der Heiland ist gestern am
Kreuze gestorben, wer wird mir den Vater wecken? - Da spricht der liebe Herr
Jesus: »Mein Kind! siehst du die Felsen beben? Der Herr ist erstanden, wird
wecken dereinst die Toten zum ewigen Leben.«
    Der alte Mann schweigt und starrt in die Flamme. Sein Haar und Bart ist im
Scheine des nächtlichen Feuers rot wie Alpenglühen.
    Und der Schein des Feuers fällt in Bändern hin durch das Gestämme auf die
frischen Gräber des nahen Kirchhofes.
    Eine schwere Stille ruht über der Versammlung; als erwarte sie schon diese
Osternacht die Auferstehung der Toten.
    Da richtet sich jählings der Kopf des Alten wieder auf, anmutig zart gleiten
seine Finger über die Saiten aus Stroh; wie Schalkheit zuckt es in seinen Zügen,
und als wollte er seine frühere Rede ergänzen, sagt er mit fast kecker Stimme:
»Der Hirtenknab', der junge Tropf, schüttelt ungläubig seinen grossen Kopf. Da
langt ihm der Herr die Hand hin zumal, und weist ihm sein heiliges Wundenmal;
just so fürwahr, und das Wundmal ist gross, wie ein Groschenstück gar ...«
    Überzeugend genug streckt der Greis die hohle Hand aus, und mancher legt
richtig ein »Wundmal« hinein - einen guten Pfennig oder ein Groschenstück. Ich
hätte ihm diesmal nichts geschenkt. Was hat er denn so fromme Sprüchlein zu
singen, wenn er sie nachher allemal wieder mit einem losen Frevel zerstört! -
    Der Alte bedankt sich für die kleinen Gaben, dann ist er im Walde
verschwunden. Man wundert sich, dass er neuerdings wieder so lebendig wird.
    Der Grassteiger hat den armen Mann suchen lassen, um ihn für die Ostern an
seinen Tisch zu führen. Der Rüpel ist nicht gefunden worden.
    So geht's immer tiefer in die Nacht; zum grossen Glück eine recht laue Nacht,
denn keiner, auch von den erst Genesenen, keiner ist zu bewegen gewesen, nach
Hause zu gehen.
    Der Stand eines Sternbildes weist die Mitternacht, den Beginn des
Ostertages. Da fährt ein Flämmchen in den strohumwundenen Baum, und die
Osterkerze lodert hoch über dem Waldtale gegen den Sternenhimmel auf.
    Nun jubeln die Kinder, die Weiber und die Männer; aber weiterhin, als Hall
und Schall vermag zu dringen, leuchtet die Feuersäule und verkündet dem
Waldlande ringsum den Ostertag.
    Und zur selbigen Stunde haben die Weiber ihre Handkörbe aufgedeckt, auf dass
die Gottesgaben darin, Brot, Eier und Fleisch, der liebe Osterhauch mag
befächeln. Und so ist unserem Festbrote die Weihe zuteil geworden, die der Vater
Paul uns für diese Ostern nimmer vermag zu spenden.
    Erst gegen Morgen ist die Osterkerze, deren hochstrebende Flamme sie gar in
den Miesenbachgräben sollen gesehen haben, verlodert zusammengebrochen.
    Dann sind wir von dem nächtlichen Osterfeste heimgekehrt in unsere Hütten.
    Von diesen Tagen an, Andreas, wirst du nicht mehr jünger. - Jünger? wer hat
dich gelehrt so ungereimt zu schwätzen? Zähl' deine Eisfäden auf dem Haupte,
zähle sie, wenn du kannst, du alter Mann!
    Ich meine, der Pfarrer hat mich mitgenommen.
                                                                       Mai 1832.
    Von unserem jungen Herrn hört man grosse Dinge. Und diesmal sind sie amtlich
erhärtet. Hermann hat die Güter des Vaters übernommen und ist demnach unser
Herr.
    Als Angebinde hat er den Winkelstegern alle rückständigen Arbeitsleistungen
und die Grundeinzahlungen auf zehn Jahre hinaus nachgesehen. Das ist ein guter
Anfang. Die Winkelsteger wissen ihre Dankbarkeit nicht anders zum Ausdrucke zu
bringen, als dass sie in der Kirche eine zwölfstündige Andacht halten, um für die
Gesundheit des jungen Herrn zu beten.
    Hermann soll kränklich sein.
    Gestern ist der Bertold zu mir gekommen. Seit jenem Tage, da er sein
vermisstes Kind unter den Tieren des Waldes gefunden, wildert er nicht mehr,
sondern arbeitet mit Fleiss und Schick in den Holzschlägen, und seine Kinder
erwerben sich ihr Brot durch Sammeln von Waldfrüchten.
    Der Mann hat mir gestern ein Bündel gedörrter Blätter gebracht; dieselben
wüchsen nur drüben im Gesenke und besässen eine wunderbare Heilkraft, die auch
der jahrelang kränkelnden Aga die Gesundheit wieder gegeben hätte. Die Lili habe
die Blätter gesammelt und getrocknet, und da sei es ihnen beigefallen, dieselben
dem jungen, gnädigen Herrn Schrankenheim zu schicken; es sei kein Zweifel, dass
er bei entsprechendem Gebrauche des Krautes genesen würde. Ob ich nicht so
freundlich sein wolle, die Arznei zu übermitteln?
    Ich habe es dem Bertold zugesagt.
 
                                    Alpenrot
                                                              Fronleichnam 1832.
Der Waldsänger ist nun auch verstummt. Sein ganzes Leben und Sterben ist
angelegt wie ein rosenprangender Dornstrauch in der Wildnis.
    Ich habe seine wunderlichen Worte so gerne aufgeschrieben und bin gegen
seine Sprüche ein paarmal ganz pharisäisch worden! Als ob eine solche Einfalt
freveln könnte! Er hat eben Himmel und Erde vermengt, wie das jeder Dichter tut.
Und Humor ist lange noch kein Frevel. - Nun lege ich in diesen Blättern sein
Ende nieder.
    Der Kropfjodel hat auf der Breitsteinalm eine Hirtenhütte. Und in dieser
Hirtenhütte hat er zur Sommerszeit zwei übermütige Söhne, welche die Rinder
versorgen und zu ihrem Zeitvertreib allerhand Tollheiten begehen. In letzter
Zeit hat sich der Rüpel bei ihnen aufgehalten und ihnen durch seine Lieder und
Strohharfenspiele Spass gemacht. Der Alte ist zeitweilig verwirrt und
schwachsinnig gewesen. Und das ist den Jugen just ein rechtes Spielzeug.
Allerwege ist der Alte der Bock, auf dem sie reiten; und er lässt es nicht
ungerne geschehen; es freut ihn schier, dass er bei »Teppen« noch Anwert hat,
sagt er, zu gescheuten Leuten tauge er nimmer.
    Des Abends ist der Rüpel stets in die Hütte gekommen, hat was zu essen
erhalten und die Nachtruhe auf dem Heuboden.
    Da ist es eines frühen Morgens, dass der alte Rüpel vor der Hütte auf einem
taufeuchten Stein sitzt. Er spielt auf der Strohharfe und wendet seine matten
Augen empor gegen das Morgenglühen der Felsen. Gellt ihm jählings ein wüster
Schrei in das Ohr. Er schrickt empor, da stehen die Jodelbuben neben ihm und
lachen. Der Alte blickt sie guterzig an und lächelt auch ein wenig.
    »Tust strohdreschen, Rüpel?« frägt der Veit und deutet auf die sonderlichen
Saiten.
    »Und schon so zeitig!« sagt der Klaus.
    Der Alte wendet sich: »Ihr wisset das von der Morgenstund?« Dann legt er die
Hände an die Lippen und lispelt den Burschen vertraulich ins Ohr: »Sie hat Gold
im Mund!«
    »Geh!« entgegnet der Klaus spottend, »du, da heisst sie sich ja die Zähn
aus!« - Die Hirten erheben über diesen ihren Einfall ein Lachen.
    »Da oben habt ihr's ja, das Gold, da oben!« Der Alte deutet zitternd gegen
die glühenden Wände.
    »Ja, du Rüpel, das ist wahr!« sagt der Veit ernstaft, das ist richtig Gold;
geh nur hinauf und schabe es herab.«
    Der Greis blickt befremdet drein.
    »Da kriegst du einen ganzen Korb voll Gold zusammen, und etwan mehr noch!«
sagt der Klaus, »da kannst du dir ein goldenes Schloss bauen und einen goldenen
Tisch kaufen und einen goldenen Wein und eine goldene Harfe und eine goldene
Frau!«
    »Eine goldene Harfe!« murmelt der Rüpel und seine Augen leuchten auf. Dann
fährt er sich mit der Hand über die Stirne. - Er hat das vom goldenen Morgen
zuerst selber gesagt, gleichnisweise. - Und jetzt sollte es wirklich so sein?
    »Und das Zeug da gibst du des Grassteigers Esel in die Krippe!« ruft der
Veit.
    Bei diesem Spott auf seine Harfe soll es wie der Schatten einer Wolke über
des Alten Antlitz gezogen sein.
    »Du, Veit!« droht er, »mein Harfenspiel, das legt dir nichts vor dein Ziel.
Das lass du in Ruh!«
    Das Wort reizt den Burschen. »So spielt man auf dieser Harfe!« ruft der Veit
und fährt mit der Hand über die Saiten, dass es rauscht und alle Halme springen.
Dann sind sie davongelaufen.
    Der Alte sitzt noch eine Weile und bewegt sich nicht. Er starrt auf die
zerrissene Harfe, er wischt mit beiden Händen die Augen, er will sich aus dem
Traume helfen; er kann es nicht glauben, dass es wahrhaftig sei. Sein Alles und
Einziges haben sie ihm zerstört - sein Saitenspiel. Erst als oben in den Felsen
schon der helle Sonnenschein liegt, erhebt er sich. Den Astreifen mit dem
Strohgewirre hat er sich umgehangen, zu den beleuchteten Wänden hat er
emporgestarrt, und mit schweren Schritten ist er davongewankt, hinan gegen die
Schroffen, über die der Wasserfall niederrieselt, im Sonnenleuchten zu sehen wie
flüssiges Gold ...
    An dem Abende desselben Tages ist es, dass die beiden Hirten wieder lustig um
den Herd ihrer Hütte wirten, wie sie es gewohnt. Sie kochen Mehlklösschen, welche
sie »Fuchsen« nennen, da sie fuchsbraun geröstet sind. Die Herde ist von ihren
Weiden geholt und in Sicherheit des Stalles gebracht.
    Lustig sind die Jodelbuben allerwege, aber zum Feierabend am lustigsten. Ist
der alte Harfner in der Hütte, so necken sie diesen; ist er nicht da, so necken
sie sich selbander. Der Harfner ist heute noch nicht da, so hüpft der Klaus wie
ein Affe dem Veit auf die Achseln, reitet auf dessen Nacken und ruft: »Esel, wer
reitet?«
    »Einer über dem andern.«
    So treiben sie es. Dann verzehren sie ihre Mehlfuchsen und mit dem
Pfannenruss streichen sie sich Schnurrbärte an. Nach einem Schnurrbart geht ihr
Sinn, und ein Mägdlein möchten sie küssen, weil das - nach dem Sprichwort - den
Bartwuchs fördert. - Der alte Rüpel könnt' aus seinem Bart Silbersaiten spinnen
für die Harfe.
    Heute ist der Alte noch nicht da; hat ihn etwan doch der Spass am Morgen
verdrossen? - Die Burschen mögen davon nicht reden. Eine gelinde Reue verspüren
sie, und ein Stück Mehlfuchs tun sie in eine Holzschüssel und tragen die
Holzschüssel auf den Heuboden und stellen sie auf die Lagerstätte des Alten.
dabei fasst sie schon wieder der Schalk; sie verrammeln das Lager mit Rechen und
Heustangen. - Und nun wird der Alte kommen und sich die Rase anrennen und
rechtschaffen brummen und zuletzt auf den Mehlfuchs stossen. Und der Mehlfuchs
wird ihn für alles versöhnen.
    Die Burschen haben in derselbigen Nacht prächtig geschlafen. Und als sie
erwachen, sind in den Wandfugen schon die goldenen Saiten des Morgens gezogen.
    Das Lager des Alten aber und das Mehlgericht ist noch unversehrt und
verrammelt mit Rechen und Heustangen.
    Der Klaus geht zu der Herde; der Veit geht in das Freie. Und das ist heute
wiederum eine Morgenfrühe! Frisch und klar und tauig die Almen und Wälder, der
Himmel reingeküsst von der Morgenluft. Und hoch auf den Zinnen des nahen
Felsgewändes leuchtet die Sonne. Ein Vöglein wirbelt übermütig auf dem Giebel
der Hütte, und der Brunnen plätschert emsig in den Trog.
    Der Veit geht zum Brunnen. Die Älpler waschen sich des Morgens Hände und
Gesicht so gerne am kalten Quell. Das schwemmt alle Schläfrigkeit hinweg und
macht Auge und Herz heiter - heiter wie der junge Tag. Veit kraut mit den
Fingern emsig sein wirres Haar zurecht und hält die beiden Hände unter die
sprudelnde Rinne. Wohl tut die rieselnde Kühle, Veit! Aber da spinnt sich im
Wässerlein heran ein blutroter Faden und er schwimmt und schlingelt und ringelt
sich in der hohlen Hand. Erschrocken zieht der Bursch die Arme zurück und starrt
in die Rinne, auf der ein zweites, drittes Fädchen und Fäserchen heranschwimmt,
und er starrt in den Trog, wo die Fädchen und Fasern sich winden und einigen und
teilen und lösen.
    Veit eilt in den Stall: »Klaus, komm', es sind heut' so Dinger im Wasser!«
    Klaus kommt und sieht und sagt halblaut: »Das ist Blut!«
    »So ist da oben eine Gemse ins Bächl gestürzt,« versetzt Veit.
    »Aber, dass der Rüpel nicht da ist!« sagt der Klaus, und ein wenig später
setzt er bei: »der tät's leicht kennen, ob es Gemsenblut kann sein.«
    Der Veit ist blass; »Klaus,« sagt er, »steig' mit hinauf in die Schlucht!«
    Sie sind dem Wässerlein entlang gegangen; es rieselt wieder klar.
    Tiefer und tiefer steigt die Sonne nieder an den stillen Felsen; höher und
höher und mit jedem Schritte hastiger steigen die beiden Burschen empor und
zwängen sich durch enge Schluchten, wie sie das Wasser in wildem Wettertoben
gerissen, oder in ruhigem Zeitlaufe gehöhlt hat. Die Burschen sagen kein Wort zu
einander, sie winden sich durch taunasses Himbeergesträuche und Knieholz; sie
klettern an den schroffen Wänden hin; sie hören ein Rauschen. Sie kommen der
Stelle nahe, wo das Wasser wie ein Goldband über die sonnige Wand stürzt.
    »Da ist ein Strohhalm,« sagt der Klaus jählings. Es sind zwei
aneinandergeknüpfte Halme. Und daneben liegt der Reifen aus Tannengeäste. An den
Gestrüppen des Hanges hängt mancher Halm zerrissen und zerknittert, und darunter
in der Tiefe des Grundes -
    In der Tiefe ist der alte Mann gelegen.
    Der Kopf ist zerschmettert; in der linken Hand hält er starr gepresst den
Zweig eines Alpenrosenstrauches. Über die Rechte rieselt das Wasser.
    So haben sie ihn gefunden. Wer kann es sagen, wie der alte Mann verunglückt
ist? Etwan hat er da oben nach dem Golde des Alpenglühens gefahndet, auf dass er
sich eine neue, goldene Harfe erwerbe. Und da ist der mühselige Greis gestürzt.
Noch im Fallen hat er sich halten wollen am Rosenstrauche, dessen Zweig mit
einem glühenden Röslein ihm in der Hand geblieben. - Und das ist des Waldsängers
Ende.
    An diesem Fronleichnamsfeste haben wir ihn in die Erde gelegt. Gar viel
Leute sind nicht dabei gewesen. Aber die Waldvögel auf den Wipfeln des Schachens
haben ihrem Sangesbruder ein helles Schlummerlied gesungen.
    So arm hat keiner geschienen in den Winkelwäldern als dieser Mann, und so
reich ist keiner gewesen. Das allwaltende, allumfassende und unfassbare heilige
Sängertum des Volkes hat in diesem Manne seine Verkörperung gefunden.
    Auf Vater Paulus' Grab steht ein Kreuz aus dem Holze einer uralten Tanne.
Auf des Sängers Hügel pflanze ich einen jungen Baum.
                                                                      Juli 1832.
    Mit den Jodelbuben haben wir ein Elend. Sie wollen oben in der Almhütte
nicht mehr bleiben; sie sollen in den Nächten immer Klopfen und Stöhnen auf dem
Heuboden vernehmen. Mitten im Sommer muss der Kropfjodel abtreiben und die Hütte
sperren. Der Veit will sich an keiner Quelle mehr waschen. Er sieht in jedem
Brunnen Blutstropfen, die sich anklagend an seine Hand wollen legen, an dieselbe
übermütige Hand, welche die Harfe des Alten zerbrochen.
                                                                 Im Herbst 1834.
    Die Schule ist auf einige Wochen geschlossen. Die Kinder helfen bei der
Ernte; diese ist spät reif geworden und muss nun noch vor dem Frost gewonnen
werden. Oben auf den Felsenhöhen gibt es schon Schneestürme.
    Ich hätte doch wieder einmal hinaufsteigen mögen auf den hohen Berg, auf dass
ich könnte hinausblicken. Ich lebe gar so vereinsamt in mich hinein. Die Alten
sind mir weggestorben; die Jungen habe ich erzogen, aber nicht zu meinen
Genossen. Ich bin ihr Schulmeister. Den Schulmeister lassen sie in Frieden
ziehen, und wenn er, alt und grau, auf seinem einschichtigen Bänklein sitzt, so
werden sie meinen, ein Schulmeister müsse so sitzen.
    Der neue Pfarrer ist ein junger Mann, der schickt sich besser für sie; der
tut mit im Wirtshaus und auf der Kegelbahn. Als er sich letztlich aus der
Kreisstadt das neue Messbuch verschrieben, hat er auch Spielkarten kommen lassen.
    Der Lazarus und sein Weib, die Juliana, sind Besitzer des Grassteigerhofes;
sie setzen das Wirtshaus fort, handeln mit Tabak und allerhand Kleinigkeiten.
Gar ausländische Kleiderstoffe sind bei dem Grassteiger zu haben. Es gibt Leute
in der Gemeinde, die nicht mehr mit den Loden- und Zwilchjacken vorliebnehmen,
die was Besonderes am Leibe haben wollen; so zum Probieren, sagen sie heute
noch. Aber ich achte, es ist Untreue!
    Manchmal durchstreifen, wie voreh, Häscher unsere Gegend, um Schwärzer und
Soldatenflüchtlinge einzufangen.
                                                                    Sommer 1835.
    Ich erzähle die Dinge wieder nur meinen geduldigen Blättern; sie bewahren
die Geschehnisse länger in Erinnerung, als ich und ganz Winkelsteg. Es ist mir
wie eine Pflicht geworden, unsere Schicksale aufzuzeichnen. Dereinst werden
andere Menschen sein; sie sollen auch von uns wissen.
    Zuweilen kommt Hagel und grosses Wasser und vernichtet die Ernten und
schleudert die strebsamen Ackerbauwirte in der Entwicklung ihres Wohlstandes auf
Jahre zurück.
    So auch wieder in diesem Jahre. Die Leute dörren nun das Stroh, bringen es
in die Mühle - es sind deren ein halb Dutzend im Tale - und das wird Brot für
den Winter sein.
    In meinem Leben ist kein Wettersturm und kein Sonnenschein.
    Aber ich will mein Frühjahr und meinen Sommer haben, und jetzt habe ich zu
meiner Wanduhr eine Vorrichtung gemacht. Die Metallschelle des Schlagwerkes habe
ich weggetan und dafür aus zwei Blättchen und einer Feder ein Ding
zusammengetan, das zu jeder Stunde den Wachtelschlag nachahmt. Hier in der
Gegend hört man die Wachtel kaum alle drei Jahre einmal; aber in meiner Stube
bleibt es nunmehr Sommer zu allen Jahreszeiten. Die Kinder und ich haben eine
rechte Freude daran.
    Da draussen im Holdenschlager Graben, durch den jetzt eine neugebaute Strasse
zieht, dort, wo die Winkelsteger Gemeinde begrenzt ist, haben unsere Bauern ein
Wetterkreuz setzen lassen. Es hat drei Querbalken, an denen die bildlichen
Leidenswerkzeuge des Herrn ragen. Das Kreuz wird als Schutz gegen böse Wetter
hoch verehrt. Der uralte Schwamelfuchs aber meint, dasselbe sei mehr schädlich
als nützlich; es lasse die bösen Wetter, die ja alle vom Zahn herabkämen, nicht
weiter, und so müsse es sich über Winkelsteg entleeren.
    Auf die Meinung des Schwamelfuchs hin haben die Bauern das Wetterkreuz
richtig niederreissen lassen. Hingegen haben nahe an derselben Stelle die
Holdenschlager ein ganz ähnliches aufgestellt, auf dass die Gewitter hier gebannt
und nicht hinaus auf ihre Felder gelangen können.
    Jetzt sind die Winkelsteger in doppelter Verlegenheit und ich, ihr Lehrer,
mit ihnen.
    Schulhalten und nichts als Schulhalten, und die Hirngespinste unter diesen
Filzhüten sind nicht umzubringen. Schulhalten! Es ist viel, und dennoch ist es
ein tatenloses Leben. Wie ist das anders gewesen zur Zeit, als wir die Gemeinde
erweckt haben! - Es gäbe auch heute noch genug und übergenug zu schaffen und zu
erschaffen; aber der alte Pfarrer ist gestorben, der neue schiebt mich beiseite
und soll letztin gesagt haben, es gäbe Wichtigeres zu tun, als was so ein
Abc-Jäger plane.
    Ich bin so alt noch nicht und täte noch arbeiten. Ein paar Stunden
schulhalten, Schreibbogen linieren, Federn und ein saures Gesicht schneiden, ein
wenig Brennholz klieben und die paar Geschäftchen in der Kirche, das macht
meinen Kopf leer und meine Zeit nicht voll.
    Der Schlaf ist bald satt, und wenn ich, bis die lange Nacht vergeht, im
Bette müssig liege, so ist das noch das Allerschlechteste. Da kommen mir Gedanken
zum Närrischwerden - alte Zeiten - blütenzarte Gesichter und totenblasse - ja
zum Närrischwerden. Und dann höre ich eine Stimme: ich hätte meinen Weg
verfehlt, könnte in Glanz leben und sehr glücklich sein ... Aufspringe ich vom
Lager, die Geige reisse ich von der Wand und hebe an zu scharren an den Saiten,
auf dass ich die Gespenster wieder verscheuche.
    Und die Saiten, die wissen mir besseren Trost; sie flüstern, ich möge
zufrieden sein, ich hätte das Glück gehabt, erspriesslich für die Menschen zu
arbeiten, ich hätte den Hang, stets der Vollkommenheit meines eigenen Wesens
zuzustreben, ich hätte die Herrlichkeit der Schöpfung um mich, ich hätte die
Geister grosser Menschen in meinen Büchern versammelt. Ich würde noch manches
nach meinen Kräften wirken und dereinst mit Befriedigung die Augen schliessen.
    Ich habe mir wieder, wie seiner Tage einmal, aber ernstlicher vorgenommen,
in meinen freien Stunden des Sommers mich mit der Pflanzenwelt abzugeben, sie
wissenschaftlich zu zerlegen und zu betrachten. Aber wie geht es mir dabei? Da
habe ich heute ein Pflänzlein gefunden, gepflückt und hier auf meine Mappe
gelegt.
    Mich reut der Mord. Es ist so frisch und hold gestanden am Rain und hat
seine kleinen Arme ausgestreckt, den lieben Sonnenschein zu umarmen. O, zürne
mir nicht, du liebholdes Wesen, du bist in deiner Jugend gestorben, es hat dir
ein Menschenauge gelächelt, es hat dich ein Menschenherz geliebt ...
    Und so geht es mir. Zu schluchzen hab' ich angefangen, ich altes Kind. Und
das heisst Pflanzenkunde treiben? - Andreas, für die Wissenschaft bist du ganz
und gar nicht zu brauchen, du bist ein Träumer.
    Letztlich habe ich wieder einmal das Zeichnen versucht, habe eine Karte von
den Winkelwäldern gemacht. Hätte ich nur auch die Messkunst gelernt; das gäbe
jetzt ein anregendes und nützliches Geschäft. Denn diese Gegend muss nun doch
auch der Welt zurechtgelegt werden.
 
                                Waldlilie im See
                                                         Maria Himmelfahrt 1835.
Jählings ist was Unvorhergesehenes gekommen.
    Vor mehreren Tagen erhalte ich ein Schreiben von meinem einstigen Schüler,
unserm jetzigen Herrn.
    Hermann schreibt mir, dass er jene Kräuter, die ich ihm von einem Holzer
gesandt, richtig verwendet habe und seiter eine Linderung in seinem kränklichen
Zustande empfinde. Dieser Umstand habe ihn auf den Gedanken gebracht, das
Gebirge, welches er bisher ohnehin noch nicht kenne, zu besuchen und in der
milden Frühherbstzeit einige Tage daselbst zuzubringen. Er beabsichtige ganz
allein zu reisen, denn die Menschen, namentlich die Städter, seien ihm unsäglich
zuwider; das sei wohl eine Eigenheit seines abgespannten Zustandes, aber er
könne sich derselben nicht entschlagen. An der Welt habe er sich krank genossen;
in der Ursprünglichkeit der Alpen, in ihren Wildnissen wolle er Heilung suchen.
- Er erinnere sich noch an mich, seinen ehemaligen Lehrer; er erinnere sich auch
meiner Verdienste um die Winkelwäldler, und er bitte mich nun, ihm im Gebirge
ein Führer zu sein und mich an dem bestimmten Tage in der Ortschaft Grabenegg
einzufinden.
    Grabenegg, eine gute Tagereise von hier entfernt, ist keine Ortschaft; es
sind nur einige Steinschlagerhütten, die an der Zillerstrasse stehen und von
einem dort auslaufenden Berggraben den Namen haben.
    Ich habe mich denn an dem bestimmten Tag in Grabenegg eingefunden, habe dort
den Waldherrn erwartet, der in einem gemieteten Wagen auch richtig angekommen.
Dann bin ich mit ihm weiter gegen das Hochgebirge gefahren.
    Der Herr hat mich völlig erschreckt; ich habe ihn schier nicht mehr erkannt,
aber er hat mich auf den ersten Blick als den Andreas begrüsst. Sein Gruss ist
höflich gewesen, und der arme Mann ist lebenssatt.
    Bis zum ersten Felsentore führt der Fahrweg. Hier hat der Herr das Fuhrwerk
zurückgeschickt und wir sind auf rauhen Steigen, wie sie das Hochwild getreten,
in die Wildnis hineingegangen, auf deren Höhen die Eisfelder liegen. Der Herr
ist vorangeschritten, fast finster und trotzig, zuweilen mit der Begier des
Jägers, der dem Hirsch auf der Fährte ist. Ich habe nicht gewusst, wohin und was
der Mann will; er auch nicht. Ich habe gewaltige Angst gehabt, dass wir für die
Nacht kein Obdach finden könnten, habe dem Herrn dieses Bedenken mitgeteilt, er
hat darüber eine Lache geschlagen und ist weiter gestürmt.
    Da ist mir jählings der Gedanke beigefallen: Andreas, du wanderst mit einem
Irren! - Wäre der graue Zahn vor mir niedergestürzt, so sehr hätte mein Herz
nicht erschrecken können, als vor diesem Gedanken.
    Ich habe gefleht und gewarnt, ich habe ihn nicht zu halten vermocht; nur an
Hängen ist er stehen geblieben, hat einen Blick in den Abgrund getan, um sofort
wieder weiter zu eilen. Alle Glieder haben ihm gezittert, grosse Tropfen sind ihm
auf der Stirne gestanden, als er in der Abenddämmerung an einer Felsenquelle
zusammengebrochen ist.
    Ich habe in derselbigen Stunde meinem lieben Gott alles, alles versprochen,
wenn er uns ein Obdach finden liesse. Er hat mich erhört. Unweit der Quelle habe
ich in der Kluft zweier Wände eine Klause entdeckt, wie solche gerne von
Gemsjägern aufgerichtet und zum Schutze benützt werden.
    Und unter diesem Dache, mitten in den Schauern der Wildnis ist ein Feuer
angemacht und dem Freiherrn aus Moos und Strauchwerk eine Ruhestätte bereitet
worden.
    Wir verzehren, was wir bei uns haben, und trinken Wasser. Als das Mahl
vorüber ist, lehnt sich der Herr aufatmend an die Mooswand und haucht: »Das ist
gut, das ist gut!«
    Und nach einer Weile richtet er sein Auge auf mich und sagt: »Freund, ich
danke Ihnen, dass Sie bei mir sind. Ich bin krank. Aber hier werde ich genesen.
Das ist ja das Wasser, von dem der angeschossene Hirsch trinkt? - Ich hab' es
toll getrieben - toll! Ist kein Spielzeug, der Mensch. Schliesslich bin ich zum
Glücke den Ärzten entkommen. Ich mag in keinem Metallsarg liegen, er riecht nach
Prunk, nach erkünstelten Tränen - pfui!«
    Zu meinem Troste ist er bald eingeschlummert. Ich habe die ganze Nacht
gewacht und auf Mittel gesonnen, den armen, kranken Mann unter Menschen zu
bringen. Wir sind weit ab; wollen wir nach Winkelsteg, so müssen wir über das
Gebirge.
    Am andern Morgen, als ich bereits ein neues Feuer angemacht habe und als
schon Sonnenstrahlen durch die Fugen blicken, erwacht der Mann, übersieht
anfangs wie staunend seine Lage und sagt: »Guten Morgen, Andreas!«
    Hierauf hebt er sogleich an, sich reisefertig zu machen.
    »Ich will auf den hohen Berg steigen, den sie den grauen Zahn heissen,« sagt
er, »ich will diese Welt einmal von oben ansehen. Begleiten Sie mich und machen
Sie, dass wir noch einen oder zwei Männer mitbekommen. Haben Sie keine Sorge
meinetwegen. Gestern ist ein böser Tag gewesen. Wie gehetzt bin ich durch die
wüsten Gegenden gezogen, ohne Ziel. Mir selber hätte ich entrinnen mögen, wie
ich denen da draussen entronnen bin. Der ganze Jammer meines Elends war über mich
gekommen. Aber diese Luft heilt mich - oh, diese reine heilige Luft!«
    Als wir aus der Klause treten, müssen wir die flachen Hände über die Augen
halten. Es ist ein mächtiges Leuchten. Die Äste des Tanns allein verschleiern
noch das Licht, in den Schatten des Geflechtbodens zittern Tautropfen. Viele
davon trinken schon von den glühenden Quellen der durch das Geäste rieselnden
Sonne. Auf den Wipfeln jauchzen die Vogelscharen. Eichhörnchen hüpfen herum und
lugen nach Morgenbrot und Gespielen.
    Da lächelt Hermann.
    Wir schreiten weiter. Wie lichtes Nebelgrau schimmert es uns zwischen den
Stämmen entgegen. Ein fast lauer Luftauch zieht. Da lichtet sich jählings der
Wald und jeder Baum am Rande streckt seine Arme aus - weist lautlos vor
Ehrfurcht, ein wunderbares Bild.
    Ein stiller See liegt da, weit hingedehnt, blau, grün, schwarz - wer kennt
die Farbe? An den Ufern der Morgenseite erhebt sich über graues Gestein der
dunkle Bergwald, mild umschleiert von den Lichtfäden der Sonne. An dem
gegenüberliegenden Strande baut sich eine ungeheuere Felswand, hinter der sich
Höhen und Höhen, Hänge und Hänge schichten, bis hinan zu den höchsten Riffen und
Zinnen und Zacken am Saume des blauen Himmels. Mannigfaltig und herrlich über
alle Beschreibung zieht sich das Hochgebirge hin in einem Halbrund. Hier unten
noch Lehnen, Rasen und samtgrüne Filze der Wacholdersträucher. Dann die
milchweissen Fäden der niederstürzenden Wasserfälle, deren Tosen von keinem Ohr
vernommen in den Räumen der Lüfte verhallt. Dann die Geröllfelder, die
Schuttrisen, jedes Steinchen klar gezeichnet in der reinen Luft; dann Klüfte mit
Schatten, mit Schründen, mit Schnee; dann verwitterte Felsgestalten, wild und
hochragend, dämonenhaft in ihrer Ungeheuerlichkeit und ewigen Ruhe.
    Ein Steinadler schwingt sich im Blau, jetzt wie ein schwarzer Punkt, jetzt
wie ein silbernes Blättchen umkreist er eine Felsenspitze. Und in den hintersten
Höhen aufgerichtet, sanft lehnend, lichte Gletscher und rötlich leuchtende
Tafeln der Wände, in welchen der Griffel der Zeit stetig meisselt, um einzugraben
in den Bau der Alpen die ewige Geschichte und die ehernen Gesetze der Natur ...
    Ich sehe es noch, sehe alles noch vor meinen Augen - es ist der See im
Gesenke mit dem Bergstocke des grauen Zahn.
    Ich habe Ähnliches schon geschaut, und dennoch hat mich die Herrlichkeit
fast erschreckt. Der Freiherr aber steht da wie ein Stein. Seine Augen haben
sich verloren in dem unendlichen Bilde; seine Lippen saugen bebend die Seeluft
ein.
    Danach sind wir hinabgestiegen zu den Ufern des Sees. Hier plätschert das
Wasser an den stumpfkantigen Steinen.
    »Der See kann auch wild sein,« hat hier der Herr bemerkt, »sehen Sie, wie
weit den Hang hinan die Steine glatt geschwemmt sind?«
    Aus diesen Worten habe ich ersehen, dass Hermann ein verständiges Auge für
die Natur besitzt. - Freilich, freilich kann dieser See ein wüster Geselle
werden, so mild und lieblich er heute ruht. - - - Und jetzt kommt jählings das
Wundersame. Dort unten, wo das Gebüsche der Wilderlen in den See taucht - dort
guckt ein Menschenhaupt aus dem Wasser hervor! Es hebt sich das Haupt und von
den braunen, langen Locken und von dem blühenden Antlitz rieseln die Tropfen der
Flut. Hals und Nacken sind ein wenig sonnengebräunt, aber die sanftgebauten,
wiegenden Achseln schimmern durch das Wasser wie schneeweisser Marmor. Ein
junges, schönes Weib, eine Wasserjungfrau! Weiss Gott, ein Dichter könnt' einer
werden! So was Schönes! - Und es hat sich noch mehr zugetragen.
    Der Waldherr ist kurzsichtiger als ich und hat sich dem Bilde genähert; in
demselben Augenblick ist die Gestalt untergesunken und nur die Erlen haben
gefächelt über dem Wasser und sonst haben wir nichts mehr gesehen.
    Hermann starrt mich an. Ich starre in den See. Der wirft im Luftauche
leicht wuppende Reifen, ist hier spiegelglatt, dort zitternd. Und das Haupt
taucht nicht mehr hervor.
    Minuten vergehen. Ich spähe mit Herzklopfen nach dem badenden Wesen, wer
weiss, ob es schwimmen kann? Mir fährt es durch den Kopf: Wie, wenn sich das
Mädchen aus Schamgefühl im Wasser vergräbt?
    Nach einer Weile der Angst und Not habe ich das atemlose Kind aus den Wellen
hervorgezogen. - Mit der wenigen Erfahrung, die uns zu Gebote steht, haben wir
sein Leben wieder erweckt, sein siebzehnjähriges Leben. Und siehe das wildscheue
Wesen! Kaum erwacht und von unseren Händen bekleidet, hat ihm die Angst Kraft
geliehen, ist es aufgesprungen und hingeflohen am Waldhange.
    Der Herr hält sich den Kopf mit beiden Händen. »Andreas!« ruft er, »mein
Übel kehrt wieder; ich habe Erscheinungen, eine Fee habe ich gesehen!«
    »Das ist keine Fee,« gebe ich ihm zur Antwort, »das ist die Tochter jenes
Holzers, der dem gnädigen Herrn die Kräuter geschickt hat.«
    Die Waldlilie ist es gewesen.
                                                             Einige Tage später.
    Heute ist der Herr mit dem Schimmel des Grassteiger davongefahren.
    Aus der Besteigung des Zahns ist nichts geworden. Als uns am See die
Waldlilie entschwunden gewesen, hat Hermann gesagt: »Mein Schicksal ist
gekommen; ich steige nicht auf den Berg. Führen Sie mich in Ihr Winkelsteg,
Andreas.«
    Und in Winkelsteg ist er drei Tage verblieben, hat unsere Einrichtungen
betrachtet und zum Teile belobt, hat viel von unserem Wasser getrunken. Die
Leute haben es nicht glauben wollen, dass das der Waldherr sei; ein Weiblein hat
gemeint, der Waldherr müsse einen goldenen Rock tragen, und dieser Mann hat
einen aus braunem Tuche. Sein Gesicht ist wie mit Asche bestreut, aber unter der
Asche merke ich Funken. Vor wenigen Tagen habe ich gesagt, er sei lebenssatt;
heute meine ich schier, er sei lebenshungrig. Es ist recht seltsam. Gestern hat
er den Bertold zu sich gerufen, dass er ihm das Heilkraut bezahle.
    Der alte Rotbart ist längst im Ruhestand, so ist der Bertold Förster in den
Winkelwäldern geworden und wohnt nun mit den Seinen im Winkelhüterhause. In
wenigen Tagen wird die kirchliche Trauung des Försters mit dem Weibe Aga still
vollzogen werden. So hat es der Herr angeordnet. Zu tausendmal freut es mich:
Hermann hat eine kerngesunde Seele; ein Kranker kann so rasch und sicher nicht
handeln. Aber ein absonderlicher Mensch ist er doch. Ehe er davonfährt, kommt er
zu mir in das Schulhaus, zieht mich zu sich auf eine Bank nieder und sagt:
»Schulmeister! sie hat ihr Magdtum höher gehalten, als ihr Leben; hätte ich denn
geglaubt, dass es ein solches Weib gibt auf Erden? Sie, Erdmann, haben voreinst
die Welt von unten herauf kennen gelernt. Ich habe die Welt von oben hinab
durchschaut. Wir sind ihrer beide satt. Mir ist nichts Ausserordentliches
widerfahren, Erdmann, ich habe nur gelebt - bis an die Grenzen des Wahnsinns.
Ich gehöre auch herein in diesen Wald - Andreas - ich gehöre auch herein! Aber
ich muss wieder zu meinem alten Vater. Gott bewahre, dass ich sie mit mir nehme!
Glückselig, dass sie die Welt nicht kennt! Ihnen vertrau' ich sie, Schulmeister.
Hat sie das Bedürfnis, einiges zu lernen, so lehren Sie sie; hat sie das
Bedürfnis nicht, so ehren und bewachen Sie sie wie eine wilde Lilie im Wald. -
Und bewahren Sie das Geheimnis, Schulmeister. Wenn ich genesen kann, so werde
ich wiederum kommen.«
    Und nachdem er mit seinen mächtigen Worten die grossen Änderungen vollzogen
hat, ist er mit dem Knecht und dem Schimmel des Grassteigers gegen Holdenschlag
gefahren.
    Andere hat das Leben, wie es unser junger Herr geführt, zugrunde gerichtet;
ihn hat es zum Sonderling gemacht. Sein tief angelegtes Wesen ist zwar
erschüttert, aber nicht gestürzt worden.
    An demselben Tage, als des Morgens Hermann von hier abgereist ist, sind drei
Steckbriefe angekommen. - - Der junge, gnädige Herr von Schrankenheim, seit
längerer Zeit schon an Schwermut leidend, sei in Verlust geraten. Aller
Wahrscheinlichkeit nach sei er in das Gebirge gezogen, denn er habe sich mit
Kleidern versehen, wie sie Bergreisende tragen. - Und nun sind die Kleider, ist
mein ganzer lieber Zögling Hermann beschrieben gewesen, so genau wie ein
entsprungener Sträfling.
    Gut, er wird ja zurückkehren. Er hat seine Waldbesitzungen bereist, was
weiter? Sollt' er denn just in der Weise der Reichen reisen? Sollte ein
Schrankenheim denn niemals aus seinen Schranken treten dürfen.
    Das ist einmal ein Herr für Winkelsteg, Gott sei Dank!
    Und mir ist Heil widerfahren, ist ja doch der Bertold und seine Familie
gerettet. Ich habe die Leute so schwer auf meinem Gewissen getragen.
    Die unklaren Worte unseres Waldherrn, die er mir bei seinem Abschiede
gesagt, sind zum Teile klar geworden. Die Waldlilie besucht das Schulhaus, und
wir üben uns im Lesen und Schreiben und allem, was daranhängt, so weit ich
selber Bescheid weiss. Sie ist gar fleissig und gelehrig, kann selbständig denken
und wird von Tag zu Tag noch schöner.
    Fürs erste in sie in ihren Namen hineingewachsen und hat etwas von einer
Lilie an sich; so schlank und weiss und mild, und doch verspürt man auf ihren
runden Wangen den Kuss der Sonne. Fürs zweite ist ihr von den Rehen jener
Winternacht was geblieben, die anmutige Behendigkeit und das Auge ...
    Du, Andreas! Siehst du jeden deiner Schüler so genau an?
    Ja, sie gefällt aber allen.
    Sie gefällt den Armen, den sie beizustehen weiss. Manchen Traurigen hat sie
schon getröstet durch ihre warmherzigen Worte; manchen Verzagten hat sie
erheitert durch ihren liebholden Gesang. Und es ist zu herzig, alle Kinder von
Winkelsteg kennen die Waldlilie und hängen ihr an. Tät' nur der Pfarrer noch
leben, der hat an so Leuten seine Freude gehabt.
    Und ritterlich ist das Mädchen; trutz wilder Tiere und böser Leute steigt
sie im Gebirge umher, um Früchte und Pflanzen zu sammeln. Es steht ja
geschrieben auf ihrer Stirne: »Machtlos ist vor dir alles Böse!«
    Letztlich bringt sie mir eine blaue Enziane mit hochroten Streifen, wie
solche nur drüben im Gesenke wachsen.
    »Bist du wieder am See gewesen, Lilie?« frage ich. Da wird sie rot wie die
Enzianstreifen und läuft davon.
    Etwan hat sie es gar nicht gewusst, dass ich einer jener Männer bin, von denen
sie in ihrem Wildbade überrascht worden, vor denen sie sich in ihrer Not in die
Tiefe des Sees geflüchtet, und von denen sie der eine ans trockene Land gezogen
hat?
    Der Vorfall muss ihr wie ein Traumbild sein, er möge nie mehr erwähnt werden.
    Aber von dem Waldherrn, der ihre Familie aus Not und Armut gezogen, spricht
sie mit Freude und Begeisterung.
                                                          Zur Auswärtszeit 1837.
    Es hat sich erfüllt. Die Anzeichen sind in der Luft. gelegen seit jenem Tage
im Vorsommer, an welchem Hermann, wie neu erwacht zum gesunden Manne, in
Winkelsteg wieder angekommen ist und als sein erstes mich nach der Waldlilie
gefragt hat.
    Er findet keinen Gefallen mehr an den lauten, schwelgenden Kreisen, von so
vielen die »Welt« genannt, aber nichts weniger, als die Welt bedeutend. Den
Wendepunkt hat er überstanden. Er ist eingetreten in das gereifte Leben, in
welchem man nach der Schönheit der Schöpfung und nach dem inneren Werte des
Menschen frägt. - Die Waldlilie ist eine wundersam schöne Jungfrau geworden, und
meine Mühe um die Ausbildung ihrer Seelenanlagen ist herrlich belohnt.
    So hat es sich erfüllt. Der Schrankenheimer hat seine Schranken
durchbrochen. Vor zwei Tagen, am Feste der Himmelfahrt des Herrn, ist in unserer
Kirche der Waldherr mit der Waldlilie getraut worden.
    Hermann hat drüben am See im Gesenke ein Sommerhaus bauen lassen wollen, um
mit seiner Gattin alljährlich einige Frühherbstwochen daselbst zu wohnen. Aber
die Waldlilie hat ihn gebeten, das zu unterlassen. Sie liebe jene Gegend, aber
sie könne den See nicht besuchen.
    Sie haben uns verlassen und sind davongezogen in die schöne Stadt Salzburg.
                                                                 Im Winter 1842.
    In Einöde und Einförmigkeit vergehen die Jahre; warum nennt mich niemand den
Einspanig?
    Die junge Frau hat sich seiter doch besonnen, am See im Gesenke steht das
Sommerhaus. Da geht es in den Wochen des Frühherbstes gar lebendig zu, und die
Bergwände bewachen das Familienglück unseres Herrn.
    Der Förster, Vater Bertold mit seinem Weibe wohnt jahraus, jahrein in dem
Hause am See, und die Geschwister der Frau von Schrankenheim dürfen auf ein
besseres Los hoffen, als jenes, von dem ihnen an der Wiege ist gesungen worden.
    Der alte Herr von Schrankenheim hat noch zwei Enkel gesehen, ehe er zu
Salzburg im Winter des Jahres 1840 verstorben ist.
    Winkelsteg hat durch das Haus im Gesenke nichts gewonnen. Dortin ist eine
gute Strasse gebaut worden, von dort aus werden die Wälder bewacht und die
Arbeiten geleitet. Dortin kommen die Besuche fremder Herrschaften, dort werden
die grossen Jagden angestellt. Das Haus in dem voreh so öden und verrufenen
Gesenke ist das Herrenhaus; und Winkelsteg bleibt die arme Bauern- und
Holzschlägergemeinde, und die Zustände zu Winkelsteg werden nicht besser, und
der Schulmeister zu Winkelsteg ...
    Lass das gut sein, Schulmeister.
    Vor einiger Zeit habe ich mir aus vielen Papierbogen ein Schreibebuch
zusammengeheftet und es zum Schutz mit Deckeln aus weissem Lindenholze versehen.
In demselben führe ich nun ein heimliches Leben, von dem niemand was weiss1.
                                                                 1. August 1843.
    Heute nacht ist dem Reiterbauer in den Karwässern ein Knäblein geboren
worden. Sie haben es zur Taufe gebracht. Da der Pfarrer auf einige Tage verreist
und das Kind schwächlich ist, so habe ich ihm die Nottaufe gegeben. Auf den
Wunsch des Vaters bin ich gleich auch der Pate gewesen. Die drei lieben
Herrgottsgroschen, meine Erbschaft von der Muhme, vormaleinst auch mein
Patengeschenk, jetzund soll sie der kleine Peter haben.
                                                                 Im Sommer 1847.
    Als ich in den Wald gekommen bin, habe ich die Menschen zerstreut,
verkommen, ungezählt gefunden. Heute sehe ich ein neues Geschlecht.
    Um die Kirche steht ein Dorf. Um das Dorf stehen Apfel- und Birnbäume und
tragen Früchte; in allen Winkeln ist versucht worden, aus Wildlingen Edelbäume
zu ziehen; grossenteils ist es gelungen.
    Zum Sonntag kommen schmucke Menschen aus allen Gräben. Die Männer tragen in
ihrer Eigenart schwarze Knielederhosen und grüne Strümpfe; die Weiber bauschige
Samtspenser und wunderspasshafte Drahtauben mit Vergoldung und Bänderwerk. Das
ist keine Kleidung mehr, wie sie im Walde wächst. Sonst haben sie die Leinwand
von ihren Flachsäckern, den Loden von ihren Schafen, das Schuhleder von ihren
Rindern, die Felle und Pelze von ihrem Wildstande getragen; heute streichen
Hausierer in den Winkelwäldern um, schleppen wertvolle Rohstoffe fort und lassen
Prunk und Flitter dafür da. Zum Probieren, »aus Spass« haben die Leute anfangs
die neuen unzweckmässigen Dinge genommen, heute haben sie sich hineingelebt und
der Spass ist Ernst geworden.
    Die Jungen sind wohl weit vielseitiger, als die Alten, aber auch weit
anspruchsvoller; auch haben sie mir zu wenig Sinn und Ehrfurcht für das Alte,
aus dem sie hervorgegangen sind. Nur den Tabak rauchen sie und den Branntwein
trinken sie noch, wie es die Alten haben getan.
    Was kann der alte Schulmeister allein machen? Ach, lebte mein Pfarrer noch!
    Der kleine Reiter Peter, mein Patenkind, ist ein ganz netter Junge; aber es
ist ein Unglück mit ihm geschehen, er hat durch einen Fall aus dem Bette die
Stimme verloren.
    Gerne wollte ich ihm die meine überlassen, für mich hat sie keinen Anwert
mehr. Des alten Schulmeisters Stimme ist heiser geworden, da wird nicht mehr auf
sie geachtet.
                                                               Im Frühjahr 1848.
    Ich weiss nicht, wie das für mich nun werden wird. Ob es nicht am besten
wäre, ich nähme auf einige Wochen Urlaub und ginge davon.
    Draussen zieht das Kriegsvolk, in den Städten verrammeln sie die Gassen und
die Strassen und reissen die Paläste ein. Eben deswegen kommt sie ja. Die Frau des
Feldherrn kommt, Hermanns schöne Schwester, die mich so hat närrisch gemacht.
    Im Hause am See ist kein Platz mehr, so flüchtet sie sich mit ihren Kindern
zu uns.
    Das Winkelhüterhaus wird für sie eingerichtet. Wie danke ich Gott, dass unser
Winkelsteg ihr eine Zuflucht bieten kann in dieser Zeit!
    Ich will denn doch nicht weggehen. Will bleiben und sehr stark sein und mich
nicht verraten. Ich will ihr einmal recht ins Auge schauen, ehe ich sterbe.
    Ich sehe es wohl, Gott meint es gut mit mir. Ihr Auge wird die dunkelnden
Waldberge lichten, ihr Atemhauch wird die Alpenluft mildern und weihen. Und
zieht sie auch wieder davon, Winkelsteg, wo sie geweilt, wird meine Heimat sein.
    Vor den Eingang des Hauses bauen wir einen schönen, hohen Bogen aus
Tanngezweige, und wir bekränzen den Altar in der Kirche.
    Alles wird fein bereitet, aber kein Mensch denkt daran, dass die Steine aus
dem Wege geschafft werden müssen. Solche Frauen haben zartere Füsse als
unsereiner im Gebirge.
    Jetzund klaube ich schon einen Tag und zwei Nächte an den Steinen des Weges.
Die Leute lass ich lachen und es ist nur gut, dass der Mond scheint.
                                                             Einige Tage später.
    Jetzt sind sie da. Sie und die zwei Kinder und die Dienerschaft. Da hätte
ich freilich die Seine nicht wegzuräumen gebraucht; sie sind mit Ross und Wagen
gekommen.
    Bei der Ankunft sind schier alle Winkelsteger auf dem Platze versammelt
gewesen. Der Pfarrer hat eine Begrüssung gehalten; ich habe mich in das Schulhaus
verkrochen. Aber ich bin im Herzen erschrocken; just vor meinem Fenster sind sie
ausgestiegen, und da hab' ich gemeint, sie wollten zu mir herein.
    Ich habe sie sehr gut gesehen; sie ist ja noch jünger geworden. Kaum aus dem
Wagen gehoben, läuft sie einem Falter nach. - Das ist aber ihre jüngste Tochter
gewesen. Sie selber ...
    Bei meiner Treu, ich hätt' sie nicht mehr erkannt.
    Sie hat alte Spiegel mit goldenen Rahmen, aber so treu ist keiner, dass er,
wie mein Herz, ihr herrliches Bild so bewahrt hätte bis auf den heutigen Tag.
    Das Bild ist jetzt verloschen und meine Jugend wie Nebel zergangen.
                                                                Brachmonat 1848.
    Gestern bin ich den ganzen Tag im Gebirge herumgestiegen, bin gar auf dem
Zahn gewesen. Unterwegs hab' ich mich zehnmal gefragt: warum steigst du hinauf,
du altes Kind? - Oben wird die Antwort sein, hab' ich gedacht. Ich habe
Alpenkrone gesehen, ich habe in die blauende Tiefe des Gesenkes geblickt, wo an
der schwarzen Tafel des Sees das Herrenhaus liegt, ich habe gegen Mittag hin
mein Aug' angestrengt, mein schon recht schwaches Aug' aber - es ist gar
umsonst. So oft ich hinauf mag klettern, das Meer hab' ich noch immer und immer
nicht geschaut.
    Man soll es sehen können, heisst es, aber an einem klaren Wintertag. -
Jetzund hab' ich sonst nichts mehr zu wünschen, so will ich das eine noch.
    Bei meinem Herabsteigen habe ich einen Strauss von Alpenrosen, Edelweiss,
Kohlröslein, Speik, Arnika und anderen Blumen und Pflanzen gesammelt, hab' ihn
vornehm auf meinen Hut gesteckt, wie ein tollverliebter Bursch. Für wen trägst
du den Buschen heim? - Ich? für Weib und Kind. - Hei, du verrückter Alter, du!
    Aber, wenn ich weg von ihr bin, wie da oben auf der Alm, so sehe ich doch
wieder, dass sie hold ist. - Einen Alpenblumenstrauss wird sie von mir nehmen, ich
will ja recht artig und nicht zudringlich sein. - Hätt' ich nur eine einzige
Ader von dem alten Rüpel, wie wollt' ich ein Lied hersagen, das sich zum Strauss
tät' schicken! - So meine Gedanken; es ist schrecklich, wie ich noch übermütig
bin.
    Wie ich herabkomme zur Lauterhöhe, wo der Schirmtanner ein Kreuz hat setzen
lassen und wo heute auf dem Waldanger des Holzmeisters Rinder grasen und lustig
dabei schellen, setz' ich mich zur Rast unter einen Baum. Ich gucke auf einen
arg verwüsteten Ameisenhaufen hin. Nur wenige der Tiere kriechen ratlos herum
auf der Trümmerstätte ihres Fleisses.
    Ich merke es, ein Ameisengräber ist dagewesen, hat den herrlich
eingerichteten Staat zerstört und beraubt. Mit den geraubten Eiern füttert er
gefangene Vögel, die frei sein sollten im Himmelslichte, die aber in der
Gefangenschaft schmachten ihr Lebtag lang, weil sie das Unglück haben, die
Lieblinge der Menschen zu sein. Es ist die Sage, dass über den Grabhügel eines
Ameisengräbers keine Ameise geht.
    Aus dergleichen Gedanken weckt mich ein Zupfen an meinem Hut; ich wende
mich, um zu sehen, wer mich neckt. - Eine braune Kuh steht da und zerkaut meinen
Alpenstrauss.
    Bin aufgefahren, hab' das vorwitzige Rind mit meinem Stab wollen züchtigen,
da fällt es mir ein: gutes Tier, etwan machen meine Blumen dir mehr Vergnügen,
als ihr; so gesegne dir sie Gott! Sie trinkt dafür deine gute Milch.
    Als ich zum späten Abend in das Dorf herabkomme, sind ihre Fenster hell
beleuchtet.
    Einen Spass muss man auch haben.
    Einer von den Bedienten der Frau, der Jakob, ist ein Kreuzköpfel. Können tut
er alles; er kann musizieren, kann schneidern und schustern und kann zeichnen;
gar Komödie spielen kann er. Die Frau muss aber solche Dinge nicht recht leiden
mögen, denn der Jakob kommt allerweg zu mir in das Schulhaus her, wenn er seine
Künste üben will. Da hab' ich meine Kurzweil und muss oft närrisch lachen.
    Ich habe dem Jakob einen Pfeifenkopf geschnitzt, dafür schenkt er mir
allfort den besten Tabak. So schnitzen, sagt er, das könne er nicht. Die
Höflichkeit hat mir noch kein Mensch gesagt, wie der Jakob. Auch macht er mir
allerhand Schwänke vor; auf dem Kopf kann er stehen, bauchreden kann er,
wahrsagen kann er und Karten aufschlagen. Meiner Tag' hab' ich keinen so
geschickten Menschen gesehen. Aber eines habe ich ihn gebeten, in Gegenwart der
Schulkinder möge er nicht allzu viel so Künste treiben; 's ist mir lieber.
    Letztlich hat mich der Jakob gar gezeichnet. Auf Ehre, ich hab' nicht sitzen
wollen, aber er hat mich herumgekriegt, bis ich all meinen Staat um mich getan
und dort auf dem Holzblock Platz gefasst habe. Er hat mich gezeichnet und mit
Farben bemalt, dass es eine Herrlichkeit ist. Das rote Halstuch ist gar zum
Sprechen getroffen.
    Das Bild hat er mir geschenkt. Ich guck' es heimlich an; aber die
Schulkinder dürfen mir's nicht sehen!
    Will's wohl fleissig verstecken.
    Hab' gemeint, ich werd' mich recht an ihre Kinder machen. Aber sie sprechen
eine welsche Sprache, und die versteh' ich nicht. Der junge Herr ist fortweg bei
Pferden und Hunden; das Mädchen möchte sich auf den Wiesen umhertreiben bei den
Blumen und Käsern. Aber das wird ihr verwiesen. Sie ist schon völlig zu gross, um
glückselig sein zu dürfen.
    Dieser Tage ist Hermann - verzeih' mir's Gott, dass ich ihn allfort noch so
nenne - vom Gesenke herübergekommen, um seine Schwester zu besuchen. Die Frau
hat sich krank gemeldet. Der Jakob sagt, die beiden hätten kein rechtes
Zusammensehen. Die Gnädigste erkenne keine Schwägerin an, die nach Tannenpech
rieche.
    Heute hat die Frau eine Tafel gegeben und dazu den Pfarrer und den
Grassteiger eingeladen. Mir ist ein Stück Braten und ein Glas Wein ins Haus
geschickt worden. Zum Glück geht ein Bettelmann vorbei, dass mir die Speisen
nicht verdorben sind.
    So sind heute zwei Bettelmänner abgespeist worden.
    Bei der Tafel sei von mir gesprochen worden, sagt der Jakob. Die Frau habe
erzählt, ich hätte als armer Student in dem Hause ihres Vaters eine Weile das
Gnadenbrot genossen, dann sei ich aus der Schule davongegangen und als Vagabund
zurückgekehrt; dann hätte mich ihr Vater um Gottes willen in den Wald getan und
mir das Brot gegeben.
    So weisst du's nun, Andreas Erdmann; aber kein graues Haar desweg, es täte
die weissen entstellen.
                                                                    August 1848.
    Nun sind sie wieder fort. Jakob hat mir ein schwarzes Beinkleid und einen
weissen Handschuh dagelassen.
                                                                      Juli 1852.
    Die Grundablösungen sind bewilligt worden. Die meisten Bauern von Winkelsteg
sind nun ihre eigenen Herren. 's ist ihnen vom Herzen zu gönnen. Aber ihre Augen
sind schlechter geworden; jeder sieht mich nicht, wenn ich des Weges an ihm
vorüberkomme.
    In diesem Sommer bin ich wieder auf dem Berg gewesen. Hab' schon gemeint,
ich sehe es gegen Mittag hin. Ist aber nur ein Nebelstreifen gelegen.
    Ich habe mir bei dieser Bergfahrt, ich weiss nicht, durch das grelle Licht
der Weiten, oder durch einen scharfen Wärmewechsel, wieder das böse Augenleiden
zugezogen, das viele Wochen gewährt und mich an meinem Berufe gehindert hat.
    Ich denke, dem stummen Peter Reiter sollte man ein wenig Musik lehren. Er
muss doch was haben, um sein Herz auszulegen. Es ist unglaublich, wie das weh
tut, wenn man alles in sich verschliessen muss.
                                                                           1853.
    Der Peter hat Schick; er spielt schon auf der Ziter und auf der Geige.
Später muss er mir an die Orgel. Die Winkelsteger werden auch in Zukunft noch ihr
Messlied haben wollen. Ich werde nicht immer sein.
    Der Grassteiger, oder wie sie ihn jetzt heissen, der Winkelwirt ist mir gut,
und er ist gegen jeden gut; ganz Winkelsteg hat an ihm einen Freund. Aber seine
alte Krankheit will sich wiederum melden. Wenn ihn zuweilen etwas erregt, so muss
er gar sehr mit sich kämpfen. Ich hab' gesagt, er sollt' wieder anheben mit den
Rosenkranzkügelchen; täten aber vielleicht nicht mehr viel helfen; es ist Gefahr
vorhanden, dass er ins Trinken kommt. Der ginge zu Grund', wenn er nicht eine so
brave Frau hätt'. Die Juliana weiss mit ihm umzugehen, ihr zu Lieb' leidet er den
bittersten Durst.
    Der Branntweiner Schorschl - der Hannes ist schon tot - wirft mir dann und
wann die Fenster ein. Er hält mich für seinen grössten Feind, weil ich die Kinder
vor dem Branntwein warne.
    Die Fenster verklebe ich mit Papier. Die Kinder warne ich vor Schädlichem,
so lang' ich lebe.
                                                                           1855.
    Der Pfarrer ist uns ausgetauscht worden gegen einen blutjungen. Der
Blutjunge sagt, die Seelsorge sei arg vernachlässigt, und will das Krumme auf
einmal gerade machen. Er ordnet Betstunden, Buss- und Bittgänge an. Seine
Predigten sind scharf wie Lauge. Für manche mags taugen. Aber - es gibt so viele
wunde Herzen.
    Seit der neue Pfarrer da ist, bin ich in der Schule schier überflüssig
geworden. Er füllt die Stunden mit Glaubensunterricht aus.
    Die Kinder haben mehr Fähigkeit, als ich je erfahren - den ganzen
Katechismus kennen sie auswendig.
    Der Kaiser und der Papst sollen miteinander ein eigenes Gesetz für das
Seligwerden herausgegeben haben, und seit ewigen Zeiten ist zu Winkelsteg nicht
so viel vom Teufel gesprochen worden als jetzt.
                                                                24. August 1856.
    Heute ist öffentliche Schulprüfung gewesen. Der Dechant von der Kreisstadt
ist da. In Glaubenssachen ist er sehr zufrieden. Was das Übrige anbelangt, hat
er den Kopf geschüttelt. Beim Kommen hat er mich artig gegrüsst, beim Fortgehen
hat er mich nicht gesehen.
    
    
    Oft sitze ich eine lange Weil' da oben im Schachen unter den alten Bäumen.
Dieser Schachen ist noch übrig geblieben, von den grossen Wäldern, über dessen
Gründen sich die Gemeinde breitet, als ein in die Kette der Menschheit
eingereihtes Glied.
    Ich mag unter dem Schachen sitzen, so lange ich will, kein Mensch ruft mich.
    Wenn die Toten nur nicht gar so fest schliefen!
    Ich bin ein alter Späher. Meine Augen sind krank und müd' und gucken doch
zuweilen was aus.
    Durch den Bretterzaun habe ich es gesehen, wie der Reiter Peter das
Schirmtannermädchen an der Hand gefasst und nicht mehr lassen hat wollen. Durch
tausend Gebärden hat er ihr was erzählt, das Blut ist ihm in die Wangen
gestiegen, aber das Mädchen hat fortweg gesagt: »Nein, Peter, nein.«
    Da hat der Junge jählings die Geige bei der Hand und spielt der Rosa ein
Stück vor, das ich ihm nicht gelehrt hab'. Wundersam ist es gewesen, wie ich es
meiner Tag nimmer hätt' gemeint, dass der Peter spielen könnt'.
    Ja, und so lange hat er's getrieben, bis ihm die Rosa ist an den Hals
gefallen: »Hör' auf, mir tut's zu weh! Peter, ich hab' dich ja gern.«
    's ist ein Gescheer mit den jungen Leuten. Hat so ein Bursch' keine Stimm'
zum Schwätzen, so hebt er seine Liebschaften gar mit der Geige an.
                                                           Zur Winterszeit 1857.
    So ein Tagebuch ist doch ein treuer Freund. Was man ihm auch anvertrauen
mag, es vergisst nichts und plaudert nichts aus. Wenn ich diese Schriften
durchsehe, so kann ich es gar nicht glauben, dass ich das alles mit erlebt und
geschrieben habe. Es sind wunderliche Geschichten.
    Ich bin doch einmal wer gewesen! Aus einem alten Mann bin ich ein junger
geworden; aus einem jungen wieder ein alter, halbblinder, dem bei dem Messliede
schon die Noten tanzen auf dem Blatt. Die Leut' haben mich beiseite geschoben
...
    Mein Gott, anderen geht es auch nicht besser. Ich verlang' ja nichts; ich
hab' mein Teil getan und bin's zufrieden.
                                                                           1864.
    Und seit fünfzig Jahren bin ich nicht mehr aus diesen Wäldern gekommen.
    Und die Waldleute entstehen, leben und vergehen, dahier und steigen in ihrem
ganzen Lebenslauf nicht ein einzigmal auf den Berg, wo man die Herrlichkeit kann
sehen, und am hellen Wintertag das Meer.
    Das Meer! Wie wird es da leicht und weit im Herzen! Dort zieht ein Kahn,
steht ein Jüngling darin, der winkt -
    Heinrich! Was ist das? -
    Der Narr! Versjetzt seine Lebenszeit im Winkel und hätt' ein Schiffer werden
sollen!
                                                            Heiliger Abend 1864.
    Die Laufbahn ist kurz. Vom Winkelhüterhause bis hinab zu der Kirchhofsmauer
rutschen sie auf ihren Brettchen und Schlittchen dahin über den gefrorenen
Schnee. Und wie sie dabei lärmen und die Sache beeifern! - Ich warte auf den
Reiter Peter, er kommt mit seiner Geige, dass wir zusammen das neue Krippenlied
versuchen. Einstweilen gucke ich den lustigen Kindern zu und schreibe.
    Pelzhauben haben sie auf, die Kleinen und eine ganze Weile haben sie zu
trippeln und zu schnaufen, bis sie mit ihrem Fahrzeug oben ankommen - und unten
sind sie in zehn Augenblicken. Lange Müh' und kurze Freud'!
    Der Peter kommt mit der Weihnachtsprobe. »Schlaf' süss, schlaf' in heiliger
Ruh'!« Das Lied soll morgen -
 
                                Das letzte Blatt
    - morgen -
    Mit diesem Worte enden die Schriften.
    Zwei lange Regentage hatte ich gelesen. Aus dem vorigen Jahrhundert hatte
ich mich durch ein merkwürdiges Leben herangelesen bis zu dem letztvergangenen
Weihnachtsfeste.
    - morgen -
    Der Kopf war mir heiss und schwer, ich blickte nach der Tür. Der Mann muss ja
hereintreten und weiter schreiben, was am nächsten Morgen gekommen, wie es
weiter gewesen war. Denn das ist kein Abschluss und kein Abschied, das ist ein
hoffender Blick in die Zukunft, ein Morgenstern.
    Fast wie eine Überzeugung empfand ich's: der Schulmeister lebt. In der
Fremde wird er wandern und irren, der arme Mann mit der grossen Sehnsucht, die
keinen Namen hat. Es ist die Sehnsucht, die wir alle empfinden, ob seichter, ob
tiefer, die Sehnsucht nach dem Ganzen, Allgemeinsamen, nach dem Wahren aber
Unfassbaren, in dem unsere drängende, strebende, bangende Seele Ruhe und Erlösung
zu finden hofft.
    Mir war, als müsste ich auf und davon und den alten, guten, kindlichen Mann
suchen allerwege. - Was war das für ein grosses Streben und Ringen gewesen! Ein
vergebliches Aufraffen nach den Zielen der Gesellschaft; ein krampfhaft
unterdrücktes Auflodern jugendlicher Leidenschaft, ein verzweifeltes
Hineinstürzen in die Wirren des Lebens, ein begeisterter Flug durch die Welt,
ein furchtbares Erwachen aus Täuschung, ein Fliehen in die Öden der Wildnis, ein
stilles, stetes Wirken in Ergebung und Aufopferung, ein grosses Gelingen, eine
tiefe Befriedigung. Da naht das Alter, ein junges Volk und neue Verhältnisse
bieten keine Gelegenheit zu Taten mehr; ein betrübtes Zurückziehen in sich
selbst, Verlassenheit und Einsamkeit, Zweifeln, Grübeln und Träumen und ein
stilles Ergeben und Versickern. In Alter, Unbehilflichkeit und Einfalt ist er
ein Kind geworden; ein in Träumen lächelndes, glückliches Kind. Aber die
Sehnsucht und das Ahnen des Jünglings ist ihm geblieben. Und ein grosser Lohn ist
ihm geworden, ein Entgelt, das uns mit seinen Schicksalen versöhnt; ein Entgelt,
wie es die Welt nimmer gibt und geben kann, wie es nur aus treuer Erfüllung des
Lebens entsteht: der Frieden der Seele.
    Die Wachtel der Uhr schlug achtmal. Ich verschloss die Blätter sorgsam in die
Lade und ging hinab gegen das Wirtshaus. Es dunkelte schon; eine frostige Trübe
lag allerseits und eine scharfe Luft strich durch den feinrieselnden Regen.
    Der Lazarus stand vor der Haustür, wendete sein Gesicht nach allen
Himmelsgegenden und sagte: »'s wird anders werden.« Er sagte es zu sich selbst.
Er hatte gewiss keine Ahnung, dass der junge, fremde Mensch, der ihm nun nahte,
seine ganze Geschichte wisse.
    Der Wirt war an demselben Abend recht redselig, aber ich war schweigsam und
begab mich bald wieder in mein Schulhaus zur Ruhe.
    Wie sah ich nun alles ganz anders an, als vor zwei Tagen. Fast daheim war
ich in diesem Alpendörfchen, in welchem ich gleichsam mit dem Schulmeister jung
gewesen und alt geworden.
    Und der Mann, der die Gemeinde gegründet und grossgezogen mit seinem
Lebensmark, sollte fremd sein und vergessen?
    Nein, er ist überall zu verspüren. Unsichtbar steigt er in Winkelsteg herum
Tag und Nacht, zu jeder Stund'! - hatte nicht so der Kohlenbrenner gesagt?
    Der nächste Morgen war so hell, dass er mir durch das geschlossene Augenlid
drang. Als ich es öffnete, sah ich einen lichten, klaren Wintertag.
    Ich sprang auf. Es hatte geschneit; die weisse Hülle lag über dem ganzen
Tale, auf allen Dächern und Bäumen. Der Himmel war rein.
    Bald war ich gerüstet zu meiner Alpenfahrt.
    »Heut' wohl!« sagte die Wirtin, »heut' ist es sein auf der Höh', wenn den
Herrn der Schnee nicht irrt. Wer Geduld hat, sag' ich fort, der erwartet alles
auf der Welt, gar ein schön' Wetter in Winkelsteg. Mitnehmen muss der Herr halt
wen.« Dann zu ihrem Manne: »Du, leicht will sich der Reiter Peter einen feinen
Führerlohn verdienen?«
    »Der Reiter Peter,« sage ich, »der ist mir schon recht; das Schwätzen
unterwegs ist mir ohnehin zuwider.«
    »Ei, der Herr weiss es schon, dass der Peter nicht schwätzt; ja, der ist fein
still, hat er die Geigen nicht bei sich.«
    Der Peter war jener stumme, junge Mann, der mir vor zwei Tagen nach der
Messe an der Kirchtür begegnete. So stieg ich denn mit dem Patenkind des
Schulmeisters, mit allem Nötigen wohl versorgt, das Gebirge hinan.
    Der Schnee war weich und leuchtete in der Morgensonne, und hub an zu
schmelzen. Bald standen die niedergedrückten Pflanzen und Blumen wieder auf, und
die Vögel sangen und hüpften in dem Geäste und schüttelten die Flocken von den
Bäumen. Frisch und neulebendig grünte es zwischen dem rosig angehauchten Weiss,
und in einer grossen Klarheit lagen die Waldberge. Es war in einer wundersamen
Weise der Sommer vermählt mit dem Winter.
    Wir gingen an dem Schachen des Friedhofes vorüber; der Peter zog seinen Hut
vom Kopfe und trug ihn solange in der Hand, bis wir vorbei waren. Die alten
Bäume flochten hoch über den wenigen Gräbern die Äste und Kronen so ineinander,
dass es war wie in einem gotischen Dome. Wohl legte sich über den Wipfeln noch
der Schneeschleier hin, im Schatten auf den Gräbern aber prangte frisches Gras
und Moosgeflechte, und darüber ragten und lehnten an den Stämmen, oder lagen
verwahrlost hingestreckt die grauen, bild- und inschriftlosen Holzkreuze.
    Ich wollte mir die Ruhestätte des Pfarrers Paulus und des Reim-Rüpels zeigen
lassen. Der Peter sah mich fragend an; davon wusste der junge Mann nichts.
    Später kamen wir auf einen Bergsattel.
    »Wir sind auf der Lauterhöhe?« fragte ich meinen stillen Gefährten. Er
nickte bejahend mit dem Kopfe. Ich dachte an den zerstörten Ameishaufen, an das
Rind, das den Alpenstrauss frass, an die Schirmtannen da hinten, an den
Schirmtanner, und plötzlich fragte ich den Peter: »Die Schirmtanner-Rosel, die
kennst du?«
    Er wurde rot wie eine Alpenrose.
    Von diesem Bergsattel aus hatte sich gegen Mitternacht hin eine ganz neue
Gegend aufgetan; Täler und Waldberge zogen sich in tiefer Klarheit hin; links
erhoben sich Felswände, die weit über die Wälder weg einen schründig
durchbrochenen Wall bildeten. In dieser Richtung hin dachte ich mir die Gegenden
der Lautergräben, Karwässer, der Wolfsgrube und des Felsentales.
    Der Weg führte talab; wir aber bogen links ein und stiegen durch
Fichtenwald, Zirmgesträuche immer höher empor bis zu den Almblössen, die sich
hinanziehen gegen die ragenden Felsmassen.
    Die Schneehülle war hier zwar etwas dichter und spröder, hinderte aber nicht
sonderlich im Wandern. Ein paar Hütten standen da, aus deren Dachfugen Rauch
hervordrang und in deren Ställen die Rinder schellten. Diese mussten heute Heu
fressen, aber nach dem Schnee sollen gute, warme Tage kommen. In welchem Fenster
dieser Hütten wohl der Meisterknecht Paul gesteckt sein mochte?
    Wir schritten weiter; bald merkte ich, dass mein Begleiter selbst den Weg
nicht kenne. Der Schnee war hier schon fast geschmolzen in der Sonne. Wir gingen
den Felsen zu, stiegen an den Mulden empor, wie ich mich erinnerte, dass der
Schulmeister gegangen war, und endlich kamen wir auf das Grat.
    Das Bild war unvergleichlich. Der Schulmeister hat es geschildert.
    Wir gingen dem Grat entlang, ruhten dann ein wenig, um uns mit Brot und
Fleisch zu laben und die Steigeisen an die Füsse zu schnallen. Hierauf gingen wir
langsam über das Gletscherfeld hinan gegen den Kegel.
    Die Luft war ausserordentlich rein und ruhig; ich empfand in mir eine Frische
und ein Wohlbehagen zum Aufjauchzen. Je näher wir der Spitze kamen, je flinker
förderten wir unsere Schritte; auch der Peter war lustig geworden.
    Nun waren wir oben, standen auf der Spitze des Zahn. Mir war zumute, als
wäre ich schon früher mehrmals auf dieser Höhe gewesen. Um uns lag in einer
unendlichen Ruhe - wie der Schulmeister sagt - die Krone der Alpen.
    Selbst dort hinter den weiten Wäldern, im sonnendurchwobenen Mittag ragten
die Kanten und Spitzen eines fernsten Gebirgszuges noch deutlich, und darüber
hinaus, schnurgerade hingezogen lag ein schimmerndes Band - das Meer!
    Mir war zumute, als müsste ich fortrasen hinab von Fels zu Fels und hin über
Berg und Tal, den Schulmeister zu suchen, ihm zuzurufen: »Kommet und sehet!«
    In lauter Begeisterung und in stiller Versunkenheit habe ich wohl lange
hinausgestarrt. Dann stiegen wir einige Schritte niederwärts unter den
Steinvorsprung, wohl denselben, an welchem der Mann vor fünfzig Jahren gesessen
war und geträumt hatte.
    Hier war noch ein wenig Schnee. Wir setzten uns auf trockene Klötze und
hielten Mahlzeit. Der Peter spielte mit seinem Stock im Schnee; er zeichnete
Buchstaben hin; ich meinte, er wolle mir etwa seine Gedanken und Empfindungen
aufschreiben. Aber er zerstörte die Zeichen wieder und es war nur loses Spiel.
    Mein Auge schweifte hinaus, flog von einem Berg zum andern, bis zu den
fernsten, italischen Höhen. Es glitt hin, es trank vom Meere. Über den Wassern
sah ich das Lichtwogen der mittägigen Sonne ...
    Plötzlich gellte neben mir ein Schrei. Der Bursche war emporgesprungen und
wies mit beiden Händen auf den hügeligen Schneeboden hin.
    Ich forschte nach der Ursache, da waren noch des Jungen Buchstabenreste, da
war aufgewühlter Flaum, da war -
    Es war grauenhaft zu sehen. Von der Schneehülle halb blossgelegt starrte ein
Menschenhaupt hervor.
    Nur wenige Augenblicke war der Bursche schreckerstarrt, tatlos dagestanden;
dann eilte er, die Erscheinung von der Schneehülle vollends zu befreien. Mit
Fieberhast arbeitete er, und als ein ganzer Menschenkörper dalag, da verbarg er
sein Gesicht, sank mir in die Arme und wimmerte.
    Da lag ein mumienhafter Mann, gerollt in einen braunen Mantel, die Züge
eingetrocknet, die Augen tief gehöhlt, die wenigen Locken des Hauptes wirr - - -
    »Kennst du ihn?« fragte ich den Burschen.
    Er neigte traurig den Kopf.
    »Ist es der Schulmeister?« rief ich aus.
    Der Peter neigte das Haupt. -
    Als wir endlich einige Fassung gewonnen hatten, huben wir an, den Toten
näher zu betrachten. Er war sorgsam in den Mantel geschlagen, an die Schuhe
waren Steigeisen geschnallt, daneben lag ein Bergstock. In dem halb offenen
Ledertäschchen fanden sich einige verdorrte Brotkrumen und ein
zusammengeknülltes feuchtes Papier. Nach diesem griff ich und zog es
auseinander. Da standen Worte, Worte in schiefen, regellosen Zeilen, mit
Bleistift unsicher hingedrückt.
    Die Worte sind leserlich und lauten:
    »Christtag. Ich habe bei Sonnenuntergang das Meer gesehen und das Augenlicht
verloren.« - - -
    So hatte er sein Ziel geschaut. Als Erblindeter hatte er das Blatt
beschrieben, das letzte Blatt zu seinen Schriften. Dann hatte er sich wohl
hingelegt auf den Steinboden, hatte die eisige Winternacht erwartet und war in
derselben gestorben.
    Wir bauten aus Steinen einen Wall um den Toten und wölbten ihn notdürftig
ein. Dann stiegen wir nieder zu den Almen und den kürzeren Weg über Miesenbach
nach Winkelsteg.
    Des andern Morgens zur frühen Stunde stiegen ihrer viele empor gegen den
grauen Zahn, und ich mit ihnen. Der alte Schirmtanner war auch dabei, der wusste
vieles von dem Schulmeister zu erzählen und seine Worte stimmten mit den
Schriften überein.
    Und so trugen wir den alten Andreas Erdmann, der in der trockenen, kalten
Alpenlust fast zur Mumie vertrocknet war, herab in das Tal der Winkel zur
Pfarrkirche, die unter seinem Walten erbaut worden war; trugen ihn auf den
Friedhof, den er selbst angelegt hatte im Schatten des Waldes.
    Die Nachricht, der alte Schulmeister sei aufgefunden worden, hatte sich bald
verbreitet in den Winkelwäldern, und alles strömte herbei zum Begräbnisse, und
alles pries den guten Mann. Der Winkelwirt weinte wie ein Kind. »Der hat meinen
verlassenen Vater gesegnet auf dem Todbett!« rief er. Den Peter musste der
Schirmtanner von der Bahre hinwegführen.
    Der Förster vom Herrenhaus war da. Ganz in der Nähe des Grabes wuchs eine
Waldlilie.
    Der Branntweiner Schorschl hielt einigen, die am Friedhofseingange standen,
eine Rede; er habe nichts, gar nichts gegen den Schulmeister gehabt, doch der
Schulmeister sei eigensinnig gewesen. Das eine sei zu bedenken: hätte der
Schulmeister ein Fläschel Wacholderbranntwein bei sich gehabt, er wäre nicht
erfroren.
    Zur Abendstunde unter Fackelschein ist der gute, alte Mann in die Erde
gesenkt worden.
    Die Schriften, zu denen ich in so eigentümlicher Weise gekommen bin, habe
ich mir von der Gemeinde Winkelsteg erbeten, auf dass ich sie der Öffentlichkeit
übergebe, als Zeugenschaft von einem armen, reichen, fruchtbaren und selbstlosen
Leben in der Verborgenheit des Waldes.
    In schmerzlicher Bewegung habe ich das letzte Blatt mit den Bleistiftworten
zu den Schriften gelegt. Schlage nach, mein Leser, es wird dir ein Umstand nicht
entgehen: das erste Blatt ist von einem Kinde an das Jenseits gerichtet. Und von
demselben Kinde wird nach der Erfüllung der Zeit das letzte Blatt gleichsam aus
dem Jenseits herübergesandt, uns Ringenden auf Erden als des Vermächtnisses
Siegel mit der Inschrift:
    Entsagung und Ergebung!
 
                                    Fussnoten
1 Dieses »Schreibebuch« ist in den Schriften nicht vorgefunden worden.
                                                                Der Herausgeber.
 
    