
        
                                 Wilhelm Raabe
                                Der Schüdderump
                         Ergötztet ihr
        Nicht lieber euch am lächerlichen Tand
        Der Torheit? Oder an dem heitern Glück,
        Womit am Schluss des drolligen Romans
        Die Lieb ein leicht genecktes Paar belohnt? -
        Vielleicht! -
                                                             Gottfr. Aug. Bürger
 
                                 Erstes Kapitel
Ich eröffne dieses Buch recht passend mit einer kleinen Reiseerinnerung und
durch dieselbe mit einer Erklärung und Rechtfertigung des Titels, um nicht
späterhin, d.h. im Laufe der Erzählung, allzuoft über diesen Titel zu stolpern
oder mit Vergleichen, Folgerungen und Nutzanwendungen an demselben
hängenzubleiben. Einige Male wird das letztere freilich doch wohl geschehen.
    Ich war mit dem Postwagen in einem hellen, lustigen norddeutschen Städtchen,
dessen Namen ich deshalb verschweige, um nicht den Neid und die Eifersucht
anderer Gemeinwesen zu erregen, angekommen, hatte zu Mittag gegessen und zwei
bis drei Stunden zur vollkommen freien Verfügung, ehe der frische Schwager die
frischen Gäule zur Weiterfahrt aus dem Stalle zog. In solchen Fällen widmet sich
jeder, der nicht ein Geschäftsreisender ist, einer ganz behaglichen innerlichen
Beschaulichkeit, die jedoch bald in eine sonderbare Ruhelosigkeit überzugehen
pflegt. Man dehnt sich, man gähnt eine Weile auf der Bank unter der Laube vor
dem Gastofe, man erhebt sich, schlendert die nächste Gasse bis zur nächsten
Ecke hinauf, guckt träumerisch auf die verstaubten toten Fliegen hinter dem
Ladenfenster eines Krämers und kehrt zurück zu seinem Tische und seiner Bank vor
der Tür, um von neuem einen muntern Kampf mit den lebendigen Fliegen des Ortes
aufzunehmen. Die meisten Reisenden verfallen nunmehr in ein etwas stupides
Hindämmern und ermuntern sich erst wieder, wenn die Pferde angeschirrt werden;
ich dagegen, der von vielem Gebrauch macht, was andere Leute verachten, ich
erkundige mich nach den nächstgelegenen Merkwürdigkeiten des Munizipiums;
natürlich reservatis reservandis, d.h. unter Vorbehalt alles dessen, was der
verständige Mann sich eben vorbehält, nämlich ob er die Kuriositäten besichtigen
will oder nicht. Ich stellte eine ähnliche Erkundigung also auch diesmal an und
kann gerade nicht sagen, dass es mich tief bekümmerte, als der Wirt, ein
behaglicher Mann, sich hinter den Ohren kratzte und Merkwürdigkeiten, sei es der
Natur oder der Kunst, in seiner Umgebung nicht vorzuführen wusste.
    Schon lehnte ich mich mit einem unwillkürlichen Seufzer der Befriedigung
zurück in den Lindenschatten, als ein kleines schwarzes Männlein, welches auf
der Bank an der andern Seite der Tür sass, eine kleine, kurze schwarze Pfeife
rauchte und deshalb von den Fliegen mit hohem Widerwillen vermieden wurde, mich
melancholisch ansah und leise und scheu sagte: »Wir haben noch einen
Schüdderump. Wenn der Herr den sehen will, so ist er willkommen dazu; und die
Zeit langt auch, und ich will, mit Respekt zu sagen, den Herrn hinführen.«
    »Ein Schüdderump? Was ist ein Schüdderump?« fragte ich, von dem Wort
ungemein angezogen.
    »Gehe der Herr nur mit mir«, sprach der Melancholische noch schwermütiger
als zuvor. »Es kostet nichts, als was dem Herrn zu geben beliebt. Ich bin der
Totengräber der Stadt, und da des Herrn Forstschreibers Grab fertig und parat
steht und der Herr Forstschreiber erst um vier Uhr bei mir arrivieren wird, so
langt, wie gesagt, die Zeit für den Postwagen und item für des Herrn
Forstschreibers Leichenkondukt.«
    Ich rückte auf der Bank. Dieser kleine Schwarze, der diese beiden Fahr- und
Reisegelegenheiten so gleichgültig und mit so trübsinniger Verständigkeit
zusammenbrachte, wurde mir ganz unbehaglich; allein der Grundstoff unseres
Gespräches gewann dadurch an Interesse. In welcher Verbindung stand der
Schüdderump mit dem Herrn Forstschreiber? Stand der Herr Forstschreiber in
irgendeiner Verbindung mit dem Schüdderump? Ich brachte eine ganze Reihe
ähnlicher Fragen dadurch zum Abschluss, dass ich aufsprang, den Hut ergriff und
meine Meinung dahin aussprach: ich sei fertig und parat für den Schüdderump. Da
aber sah mich der Melancholische bedenklich von der Seite an, schüttelte das
Haupt und flüsterte, während er Feuer für seine Pfeife schlug: solches wolle er
nicht verhoffen; aber er sei bereit für mich. - Damit gingen wir quer durch
einen Teil des Ortes der Kirche zu.
    Hinter der Kirche befand sich der Kirchhof; dicht am Kirchhofe lag meines
Begleiters Amtswohnung, und dicht neben meines Begleiters Amtswohnung war ein
uraltes steinernes Gewölbe, abgesperrt durch eine rostige, schwarze eiserne
Gittertür. Diese Tür schloss der Traurige auf, deutete in den dunkeln Raum und
sprach unheimlich hohl:
    »Da steht er!«
    Und mit unheimlichstem Behagen fügte er hinzu:
    »Und jedermann muss sagen, dass er eine grosse Merkwürdigkeit ist und für jedes
Mausoleum eine grosse Ehre wäre!«
    Da stand er wirklich - ein hoher, schwarzer Karren auf zwei Rädern, mit
einem halb erloschenen weissen Kreuz auf der Vorderwand und der Jahreszahl 1615
auf der Rückwand. Mein Begleiter legte zärtlich die Hand darauf und sprach:
    »Trete der Herr nur näher; man sagt, und es steht auch davon geschrieben, er
sei der einzige in der ganzen Welt. Anno 1665 ist er zum letzten Male gebraucht
worden - sieht der Herr - so!«
    Und der heitere Bursche zog den Karren herum, schlug einen Riegel weg, und
die abscheuliche Maschine tat einen Ruck und kippte über und schüttete eine
imaginäre Last von Pestleichen in die Grube.
    »He, he«, kicherte der Alte. »Was sagt der Herr dazu? Das war bequem und
ersparte unsereinem manche Arbeit - was? Ei freilich, vor zwei Jahren in der
Cholerazeit, da hätten wir ihn beinahe wieder hervorgeholt und zu Ehren
gebracht; aber der löbliche Magistrat und der Kirchenrat und am allermeisten die
hochlöbliche Bürgerschaft fürchteten sich allzusehr vor ihm, und so blieb's,
wie's war, und unsereiner hatte die Plackerei davon. Ein gut Stück Arbeit hätt
er uns gespart. Will der Herr vielleicht einmal die Maschinerie selber
probieren? Ich versichere den Herrn, es ist bequem für beide Parteien.«
    Ich dankte herzlich, aber mit unverhohlenem Schauder für das Vergnügen und
gab ein reichliches Trinkgeld, um alle ferneren Anmutungen dadurch
abzuschneiden; allein es freute mich doch, dass ich von nun an ganz genau wusste,
was ein Schüdderump sei, und ich hielt ihn in der Tat für eine grosse
Merkwürdigkeit. Jetzt sah ich noch einen Augenblick in die Grobe des Herrn
Forstschreibers, die neben dem Hügel seiner seligen Frau gegraben war; dann
blies vor der Postalterei der Schwager, ich eilte zurück, stieg ein und fuhr ab
und weiter durch Wiesengrün und Sonnenschein der Goldenen Au entgegen, aber den
Schüdderump behielt ich für immer im Gedächtnis. Ja für immer, und trotzdem dass
auch ich in meinem Leben mancherlei sah, hörte und bedachte, was dem uralten
Gespenst durch lebendigen Schrecken und Schmerz wohl ein Paroli bot!
    In mancherlei Glanz und Licht sah ich seinen Schatten fallen, in allerlei
Flöten- und Geigenklang vernahm ich sein dumpfes Gepolter, und manch einen
herzerfrischenden braven Wunsch, aber auch verschiedenes andere wurde ich von
der Seele los, indem ich wie jener kleine schwarze Mann die Kette aushob, den
Karren überkippte und die Last hinabrutschen liess in die grosse, schwarze, kalte
Grube, in der kein Unterschied der Personen und Sachen mehr gilt. So ist mir der
Schüdderump allmählich zum Angelpunkt eines ganzen, tief und weit ausgebildeten
philosophischen Systemes geworden, und es würde mich recht freuen, wenn ich im
Laufe dieses Buches einige Anhänger, Schüler und Apostel für mein System
heranbildete.
Wo das Harzgebirge seine Vorberge gleich lustig grünen Vorwachten hinausschiebt
in die norddeutsche Ebene, da spürt man's in jedem Wasser und Wässerlein, das
hervorsprudelt aus den Tannenwäldern und Buchenwäldern und dem Laufe der Täler
folgt, wie eine Ahnung in jeder Welle, dass der gewaltige ewige Reigentanz dieses
Elementes, das Meer, nicht allzufern und nun kein Fels und Abhang mehr zu
überspringen sei, um die Heimat, den lustigen Festplatz, zu erreichen. Mit
verhaltenem Jauchzen und einem allerliebsten, lachenden Leichtsinn, wie
vierzehnjährige Mädchen aus der Schule, hüpfen die Bäche und kleinen Flüsse
hervor: die Ilse und die Bode, die Oker und die Radau, die Selke und die
Holzemme, und keine der ausgelassenen Dirnen weiss ihrer Lust genugzutun bis
mitten in das flache Land. Hier beginnt dann freilich ein etwas
altjüngferliches, fast matronenhaftes Schlurfen und Schleichen, bis die beiden
alten Muhmen, die Weser und die Elbe, den gesamten Schwarm einfangen und ihn
richtig der wackeren und munteren Grossmutter, der Nordsee, abliefern, welche bei
Bremerhaven und Kuxhaven ihre Türen weit genug offenhält. -
    An einem dieser Wasserläufe, inmitten der letzten Hügelreihen des berühmten
Gebirges, liegt das Dorf Krodebeck und dicht daneben das adlige Gut, der
Lauenhof, auf welchem die Herren von Lauen sitzen und seit geraumer Zeit sassen.
Die Gegend ist angenehm und ziemlich fruchtbar, die Bauern sind fett, wenn auch
gerade nicht fromm; an Ackerfeldern, Wiesen und Wald ist kein Mangel, und der
alte Brocken sieht sowohl den Bauern wie den Rittern ganz gemütlich über den
Zaun und steht als Wetterprophet seit des Götzen Krodos Zeiten in dem grössesten
Ansehen. Krodo - Krodebeck, Bach des Krodo - etymologisiert ein nicht
unbekannter und nicht unrühmlich bekannter antiquarischer Gelehrter der
Umgegend, und wir wissen dadurch nunmehr sicher, auf welchem uralten und
urheiligen germanischen Kulturboden die Männer des Ortes den Pflug zu Felde
führen. Ein Bach plätschert freilich durch das Dorf und ergiesst sich in das
schon erwähnte Flüsschen, allein das Wässerchen heisst heute nur der »Bach« oder
vielmehr die »Beke« an und für sich und trägt auf den ältesten Flurkarten und in
dem Gedächtnis der ältesten Leute keine andere Bezeichnung.
    Auch von dem Lauenhofe und den Herren von Lauen weiss der antiquarische
Gelehrte einiges zu sagen: es hat sich das Geschlecht aber auch in frühern
Zeiten von Goslar bis Quedlinburg der Pfaffheit und der Reichsbürgerschaft so
bekannt gemacht, dass da - wie man heute in der Reichshauptstadt zu reden pflegt
- alles aufhörte. Damals sass das Geschlecht jedoch weiter oben im Gebirge auf
einer Burg, deren Trümmer der Liebhaber heute noch findet, wenn er vom
Stubenberg bei Gernrode seinen Weg durch das wilde Hasseltal dem Hexentanzplatz
zu nimmt. Leider hab ich vergessen, welcher Dynast, Bischof oder welche Stadt
sich einst das Verdienst erwarb, mit dem Nest eine ganze Brut bis auf das
jüngste Nestküchlein auszuräuchern; was aber dieses jüngste Nestküchlein
anbetrifft, so habe ich eine dunkle Ahnung, dass es wie gewöhnlich durch einen
treuen Diener gerettet wurde und sich unter den Schutz einer frommen Tante,
einer Domina zu Gandersheim, flüchtete. Hier, unter der frommen Obhut und
geistlichen Fürsorge wuchs der Knabe zu einem biderben Jüngling heran, sammelte
später einen Haufen ihm an Flegelhaftigkeit und Frommheit nichts nachgebenden
Gesindels, bemächtigte sich des Dorfes Krodebeck, richtete den Lauenhof auf,
schlug sich weidlich herum mit Askaniern und Welfen, mit Stolbergern und
Halberstädtischen und verschied seliglich als der Stifter einer neuen Linie,
welche auch heute noch den Lauenhof festält und wohl festalten wird, obgleich
sie auf zwei Augen und zwei Beinen steht, aber auf ganz muntern und soliden.
    Von dem Lauenhof aus plagten die Ritter das Land bei weitem weniger als von
der Lauenburg. Dagegen erzeugten sie mehr Korn, auch Obst aller Arten und
vorzüglich viele Kirschen, die heutzutage in guten Jahren gern von Berliner
Händlern auf den Bäumen gekauft werden. Sie brauten und brauen ein nicht zu
verachtendes Bier, und ihre Viehzucht erhielt sich stets auf der Höhe der Zeit.
Ihre Kinderzucht war weniger zu loben, denn das Geschlecht lernte erst gegen den
Anfang des achtzehnten Jahrhunderts das Lesen und Schreiben; allein jeweilig
fand sich ein biederer Junker, der gern und aufmerksam zuhorchte, wenn berufene
Leute, Kleriker oder Laien, die Rede auf ästetische oder wissenschaftliche
Dinge brachten. Glaubwürdige Zeugen dafür könnten wir vorführen, wenn es uns
gestattet wäre, diesen oder jenen Stein auf den Gräbern der Mönche zu
Walkenried, Michaelstein, Schlanstedt und so weiter umzuwenden und die
ehrwürdigen Schatten der gelehrten geistlichen Herren heraufzubeschwören.
    Sie sassen gern nieder an dem Herd der Lauen, die Mönche, die fahrenden
Schüler, und manch einer der letzteren, welchen der harte Winter auf den
Lauenhof trieb, blieb auch den lustigen Sommer über drauf hängen, zog mit auf
die Falken- und Schweinsjagd und setzte, falls sich Dinte, Pergament und
späterhin Papier fand, zum Dank für gut Futter und Losament die Familienchronik
fort.
    Welcher Art aber diese Aufzeichnungen waren, das will ich zum Lobe des guten
Geschlechtes kurz, jedoch nicht unvergnüglich mit einer Probe belegen.
    »Anno domini 1578 war Hilmar Juncker zu Krodbke und auf dem Lawenhofe, mit
dem hat sich ein Sonderliches zugetragen und hat es eine merkwürdige Ehr und
weitruchbar Gloriam auf ihme gebracht. Das lief folgendermassen: Als in bemeldtem
Jahr Herr Friedrich des Namens der Viert von Liegnitz mit Dem von Schweinichen
zu Herzogen Julium kamen, daselber einen Zehrpfennig zu holen, hat sich die
Fama, dass die beiden Herrn im Land seien, gar balde verbreitert, und ist ein
mächtig Aufsehen auf jeglichem festen Haus geworden; sintemalen es kein Kleines
war, wann der Herr von Schweinichen mit seinem Liegnitzer Herzogen in ein Tor
einritt. Und ist ein Kehlenräuspern und Greifen nach denen Gurgeln gewesen, und
wurde manch gut Rösslein aus dem Stalle gezogen zum Ritte nach Wolfenbüttel für
des hochlöblichen Kreises Ritterehre und Ruhm.
    Und ist der Ruf auch auf den Lawenhof gekommen zum Juncker Hilmar, und nach
dreien verdriesslichen Tagen voll Kopfreibens und unnötlichen Bedenklichkeiten
hat auch er gesattelt zum grossen Turnei und ist mit denen anderen Herren und
seinem Knecht Zwiebrecht Affen gen Mitternacht gezogen zu des Herzogen Julii
Hoflager. Nun haben Fürstliche Gnaden wohl zu solchem Zusammenfluss ein wenig
scheel gesehen, denn Sie waren ein gar genauer Herr und den Conviviis und
Poculationes wenig ergeben, und mit der Ritterschaft hatte es auch sonsten einen
Haken, von wegen der verpfändeten Schlösser aus der Erbschaft des Herzogen
Erich, so Sie einlösten, und welche die Juncker nicht in Güte räumen wollten.
Haben aber doch Schanden halber ein gut Auge zum bösen Spiel und Dem von
Schweinichen und der Liegnitzer Liebden sammt der Ritterschaft des
niedersächsischen Kreises machen müssen. So ist das Saufen angegangen auf dem
Schloss in dem Saale, so man den burgundischen nennt, und hat zum guten Anfang
gewähret drei Tage und drei Nächte in Einem fort. Am vierten und fünften Tag hat
man den guten Rausch verschlafen, und am sechsten Tag hat man unter Fürstlicher
Gnaden Fürtritt des Ortes Merkwürdigkeiten visitiret, und ist allda des Herrn
von Lawn Ehr mit Gottes gnädiger Zulassung auf dem Tisch gehoben. Nämlich
nachdem dem Liegnitzer und Dem von Schweinichen Pulver und Geschütz, Blei und
Kostbarkeiten aller Art gezeiget worden sind, hat ihnen Herr Julius den Mund zum
Beschluss am wässerigsten machen wollen; da sie doch ja nur auf einer Bettelfahrt
da waren. Hat man ihnen nämlich im Proviantaus die grosse gerauchte Bratwurst,
so ein viertel Meil Weges lang gewesen ist, gezeiget! Sind dem Schweinichen
freilich die Augen übergegangen, und der Herzog Julius hat sich des bass
ergötzet; aber nicht lange; denn auf die Frag, wie viel Zeit ein Mann zu tun
hätt mit dem Wunderstück, ist mein Juncker Hilmar von Lawen vorgetreten und hat
gesprochen, mit Gott's gnädigem Beistand verhoff er's fertig zu bringen in
vieren Tägen; allein es müsse der Trunck nicht darzu fehlen.
    Da hat man laut aufgeschrien vor Wunder, und Jeder hat seine Meinung gehabt
und der Herzog Julius die seinige, nämlich er hätt seine Wurst nicht gern an die
Probe gesetzet. Allein wiederumb der Schanden halber, und weilen die
Ritterschaft mit Heimtücke zugestachelt hat, musste er den Liebling dranrücken,
und am sechsten Tag der Festlichkeit ist dem Juncker von Lawen der Zipfel in den
Mund gegeben und haben die Anderen im Kreise das Bacchanalium mit grosser Lust
aufgenommen. Ist nun freilich des Herzogen Gesicht um so länger geworden, je
kürzer die Wurst wurd; aber die Juncker haben mit heimlicher böser Lust dem
zugesehen und den Herrn von Lawen mit gutem Trost und Zuspruch ermuntert.
    Es war die Wurst um eine Säule gelegt, und vier Tage lang hat sich der Herr
Hilmar um gemeldte Säule fort und fort herumgefressen, und am dritten Tag schon
ist ein Eilbot an den ehrbaren Rat zu Braunschweig um einen Schilderer
abgesendet, dass er den Juncker mit dem letzten Zipfel der Wurst zum ewigen
Gedächtnuss abconterfeie. Am vierten Tag musste der Herzog richtig mit saurer
Miene alle Drommeter und Heerpauker dem Herrn Hilmar zu Ehren posaunen und
pauken lassen, und die Ritterschaft hat den Juncker mit Triumph auf den
Schultern in sein Quartier getragen und ihn auf das Stroh gelegt zum Verdauen.
Der Liegnitzer und Der von Schweinichen sind am folgenden Tage abgezogen,
nachdem sie den Wirt kahl genug gemacht; allein Der von Lawen lag acht Tage und
grunzte im Schlaf, und sein Knecht Zwiebrecht Affen pflegte ihn lieblich. Der
Liegnitzer und Der von Schweinichen ritten zu Herzogen Heinz von Dannenberg auf
das nämbliche Spiel, aber mein gnädiger Juncker Hilmar kam auf einem bekränzten
Leiterwagen mit Geschnarrch und im tiefsten Schlaf auf dem Lawenhofe an, und
hätt der getreue Knecht Zwiebrecht der Frauen nicht verzählet, was der Gestrenge
ausgeführet und zu ewigem Ruhm des Hauses Lawen ausgefressen, mein gestrenger
Juncker selber hätt wenig darvon sagen können.«
 
                                Zweites Kapitel
Auf einem etwas später geschriebenen Blatte der Chronik des Lauenhofes ist zu
lesen, dass der Herzog Julius eine heftige Abneigung gegen das Geschlecht der
Lauen bekommen habe und dass er den Namen nie hören konnte, ohne einen argen
Verdruss und Widerwillen kundzugeben; wir aber hoffen fest, dass jene grosse Wurst
weder in dem Magen noch in dem Gemüte einer unserer zartsinnigen Leserinnen
einen Ekel an dem guten Geschlechte und unserer Geschichte erregte, und
verpfänden unser Wort, dass ein ähnlicher Diätfehler im fernern Verlaufe
ebendieser Geschichte nicht wieder vorfallen soll. Das silberne Glöcklein
erklingt, und auf das etwas schauerliche mittelalterliche Schattenspiel, welches
doch ein wenig gegen unsern Willen an der Wand aufdämmerte, folgt das
Schattenspiel der süssen Gegenwart, die ihrer Verdauungskraft sicher nicht auf
eine Viertelmeile Weges hinaus trauen dürfte, allein dafür in anderer Weise
Taten ausübt, auf welche sie ebenso stolz sein darf wie der Junker Hilmar auf
die seinige im Proviantause zu Wolfenbüttel.
    Auf den Junker Hilmar folgte der Junker Asche, der noch ziemlich weit in den
Dreissigjährigen Krieg hineinreichte und welchem es hundeelend darin ging. Auf
diesen folgte Jobst und auf diesen wiederum ein Asche, der unter den
Brandenburgern vor Turin das Leben verlor, allein glücklicherweise vorher einen
Sohn erzeugt hatte, welcher den Alten Fritz noch als blutjungen Burschen zu
Küstrin aus dem Fenster gucken sah und von dessen sechs Söhnen fünf im
Siebenjährigen Kriege fielen. Der Überlebende tat das Seinige, den Verlust
auszugleichen; doch auf dem Lauenhofe regierten nur noch zwei Herren von Lauen
bis zu Hennig, der bei Beginn dieser Geschichte Stammhalter des Geschlechtes ist
und gewissermassen eine Rolle darin spielt, zuerst freilich nur eine Rolle unter
der Vormundschaft seiner Frau Mutter, die sich selber einführen mag, sobald sich
die Gelegenheit dazu bietet. Die gnädige Frau ist resolut genug dazu, und wir
haben andere Leute, welche einer teilnahmsvollen Einführung eher bedürftig sind
als jene.
    Da ist zuerst und vor allen Dingen mit dem grössten Respekt Herr Karl
Eustachius von Glaubigern, ein westfälischer Edelmann und armer Vetter, der nach
Abschluss des zweiten Pariser Friedens aus dem Kriege verwundet, mit Rheumatismen
behaftet und sehr kahl in Beutel und Hoffnungen auf dem Lauenhofe einrückte und
- nebst dem Kinde der schönen Marie - den höchsten Anspruch auf Achtung in
dieser Historie hat. Er ist langen Wuchses, hält sich ungemein reinlich und
nimmt sowenig als möglich Dienstleistungen an. Er geht und spricht langsam,
sammelt Wappen, weiss darüber zu reden und zu schreiben und ist der einzige,
welchen die gnädige Frau nach dem Tode ihres Gemahls dann und wann um Rat angeht
und welcher diesen Rat auch wirklich zu geben weiss. Die Nachbarschaft gibt ihm
den Ehrentitel des Ritters, und das Fräulein Adelaide Klotilde Paula von
Saint-Trouin nennt ihn den Chevalier; er aber verdient die Bezeichnung, und zwar
nicht allein deshalb, weil er in einem Kürassierregimente gegen die Franzosen zu
Felde zog.
    Das Fräulein Adelaide Klotilde Paula de Saint-Trouin kam einige Jahre früher
als er auf dem Lauenhofe an, ist auch einige Jahre älter als er und würde ohne
die abscheuliche französische Revolution von 1789 nicht unter den Barbaren des
Herzynischen Waldes leben. Sie ist die Tochter des Grafen von Pardiac, der im
Anfang dieses neunzehnten Jahrhunderts einer der tüchtigeren Zeichenlehrer zu
Berlin war, aber doch in grosser Armut starb und seine Tochter dem Grossvater des
Junker Hennig vermachte. Das Hofgesinde bezeichnet sie kurz als »Frölen« oder
höchstens »Frölen Trine«; aber sie selbst nennt und schreibt sich: Très noble et
très puissante Dame Comtesse de Pardiac, Dame Haute-Justicière du Comté de
Valcroissant, née Chevalière de Malte par privilège accordé par le Pape Honorius
III à la très illustre famille de Jehan de Brienne, premier Prince de Tyr et
ensuite Empereur de Constantinople. Zu deutsch: Sehr edle und mächtige Frau
Gräfin von Pardiac, Frau und Gerichtsherrin der Grafschaft Valcroissant,
geborene Ritterin von Malta zufolge des Privilegs des Papstes Honorius des
Dritten, verliehen der sehr glorreichen Familie Johanns von Brienne, ersten
Fürsten zu Tyrus und späterhin Kaisers von Konstantinopel.
    Die Last aller dieser Titel und Würden, welche alle, bis auf die
Malteserritterschaft und den Papst Honorius, dem Chevalier ungemein »plausibel«
erschienen, hat nicht in der vorteilhaftesten Weise auf den Charakter des
Fräuleins eingewirkt. Es fühlt sich selbstverständlich leicht in seiner Würde
gekränkt und ist etwas zänkischer Natur. Der Chevalier hat am meisten unter den
Launen der Chevalière zu leiden, denn die Gutsfrau hat selten Zeit, darauf zu
achten, und weist noch dazu alle Zumutungen mit ihrem Lieblingsworte ab:
    »Herze, das ist alles dummes Zeug, und darauf kann ich mich nicht einlassen.
Wissen Sie was? Gehen Sie damit zu dem Ritter.«
    Das Fräulein folgt fast immer diesem Rate, wenn es sich nicht mit
irgendeinem französischen Romane, Memoirenwerk oder, seltsamerweise, mit
Hufelands »Kunst, das Leben zu verlängern« in einen Winkel zurückzieht, um das
Leben zu verachten. In den sonnigeren Momenten seiner Existenz beschäftigt sich
das Fräulein mit allerhand leider meistens vergeblichen Versuchen, von der Höhe
des Daseins herabzusteigen und sich dem gemeinen Volke, dem Rest der Menschheit,
soweit er durch die Bauern von Krodebeck vertreten wird, zu nähern und von
»wohltätigem Einfluss« auf ihn zu sein. Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin
hat das heftige Bedürfnis, gute Lehren zur unrichtigen Zeit und an dem
unrichtigen Orte zu erteilen, wie sie immer noch imstande ist, eine Stunde nach
Mitternacht plötzlich die Gitarre am blauen Bande umzuhängen und zum Entsetzen
sämtlicher Bewohner des Lauenhofes zu beginnen:
A Toulouse il fut une belle;
Clémence Isaure était son nom:
Le beau Lautrec brûla pour elle,
Et de sa foi reçut le don.
Für die Stunden der Nacht ist der »schöne Lautrec« zwar sehr angenehm; allein
für den langen Tag genügt er doch nicht, und das Fräulein hat einen angemessenen
Raum im Busen übrig für sein Hündchen Peccadillo, welches gleich seiner Herrin
sehr nervöser Natur ist und mit dem stattlichen ruhigen Kater Mystax, dem
Stuben- und Studiengenossen des Ritters, auf einem ähnlichen Fusse lebt wie das
Fräulein selber mit dem Chevalier.
    Das ist ein Schattenspiel, aber ein etwas chinesisches, und der junge Herr
Hennig von Lauen hat ausnehmenden Nutzen davon! Das trippelt und tänzelt und
ziert sich wie die Figuren auf einem Rokokodamenfächer. Wie auf alten
Punschschalen und Teetassen lächelt und verbeugt sich das und führt unter den
sehr abnormen Bäumen und Büschen der Phantasie sehr abnorme Tierlein spazieren,
während erstaunlich merkwürdige Vögel die Luft durchschwirren und bedenkliche
Nester in dem Flachskopfe des Junkers Hennig bauen würden, wenn die gnädige Frau
Mutter nicht manchmal mit einem verständigen Holla! und Halt da!
dazwischenführe.
    Es arbeitet mancher und manche an der Erziehung des kleinen Hennig; denn
viel Leute: Bergleute, Schäfer, Jäger, Bauern und Bettler, kommen und gehen auf
dem Lauenhofe, und der Vagabund, der euch einst - vor langen, langen Jahren
vielleicht - am Weidenbach die erste Pfeife schneiden und blasen lehrte, war oft
von grösserem Einflusse auf eure Erziehung und euer Leben als der sehr gelehrte
und ernste Mann, welcher zuerst die lateinische und griechische Grammatik euch
vor der Nase aufschlug und behauptete: nur in ihr sei das wahre Arkanum des
Wandels im Fleisch zu finden und ohne sie kein Heil und Vergnügen auf Erden
weder in den Tagen der Jugend noch in denen des Alters.
    Bergleute, Fuhrleute, Schäfer, Jäger, Bauern und Bettler hielten sich gern
auf dem Lauenhofe auf, denn es war von jeher ein nahrhafter Hof, und die
Geschichte weiss nur von einem einzigen Herrn von Lauen, der ein geiziger Hund
war und deshalb in grösster Missachtung bei seinen Stammesgenossen steht. Menschen
und Tiere haben es gut auf dem Lauenhofe, so wie auch die Geistlichkeit stets
das Ihrige bekam, sowohl früher in katolischer wie jetzt in luterischer Zeit.
Freilich, was der Pastor von Krodebeck ein »inniges, gottgefälliges Verhältnis«
nennt, findet nicht statt. Die gnädige Frau geht so resolut an ihre Erbauung wie
an ihre Arbeit, bringt einen merkwürdig scharfen und geraden Blick sonntags in
die Kirche mit und hat häufig nach der Predigt ihrerseits ihrem frommen
Seelenhirten den Text gelesen. Der Chevalier und das Fräulein sind katolischen
Bekenntnisses, wovon jedoch der Chevalier nie Gebrauch macht, während das
Fräulein sich häufig eines etwas enzyklopädistischen Anhauches nicht erwehren
kann, was nicht immer vollständig zu ihren Verpflichtungen gegen den Papst
Honorius den Dritten passt. Der Pastor von Krodebeck speist nicht selten mit
seiner Gattin auf dem Lauenhofe zu Mittag, aber der Ritter von Glaubigern
spricht immer das Tischgebet.
 
                                Drittes Kapitel
Die Landstrasse führt durch das Dorf Krodebeck, und jenseits des Dorfes, dem
Norden zu, liegt ein wenig abseits der Strasse ein kleines ärmliches Haus oder
vielmehr eine niederträchtige verwahrloste Hütte neben einem Wassertümpel und
dem Kirchhofe: das Armen- und Siechenhaus der Gemeinde. Unmalerisch ist das Ding
nicht. Die Eschen- und Holunderbäume des Kirchhofs bilden einen ganz
freundlichen Hintergrund für das graue Strohdach; allein ein Vergnügen ist es
keineswegs, in dem Siechenhaus von Krodebeck leben und dem Dorfe zur Last liegen
zu müssen.
    Die Hütte entielt zwei Gemächer, das eine rechts, das andere links von der
morschen Eingangstür, dazu eine sehr primitive Zigeunerküche und unter dem Dache
einen engen Bodenraum, in welchen Wind, Regen und Sonnenschein nach Belieben
eindringen konnten. Manch liebes langes Jahr hatte an den schwarzen klebrigen
Pfosten gerüttelt, und niemand zählte die schleichenden Schritte der Verlorenen,
welche diese unglückselige Schwelle ausgetreten hatten. Von den kahlen Wänden
hatte sich der Kalküberwurf längst abgelöst. Die Scheiben in den niedrigen
Fenstern schillerten in jenen ironischen Regenbogenfarben, welche ein so arger
Hohn auf jenes lieblichste Himmelszeichen sind, das einst der liebe Gott als den
Bogen des Friedens über die ertränkten Geschlechter ausspannte; und gerade weil
das alles so war, so hatte das Haus seine Geschichte wie das stolzeste
Königsschloss, so gut wie das Heidelberger Schloss, die Alhambra, und was es sonst
für Ruinen in der Welt gibt.
    Aber niemand hatte diese Geschichte aufgezeichnet, und so müssen wir uns an
der melancholischen Moral genügen lassen, welche aus allen Ruinen aufwächst,
einerlei ob sie einen Historienschreiber fanden oder nicht.
    In dunkeln windvollen Herbst- und Winternächten tastete etwas wie mit
unsichern Händen an den Wänden hin, klopfte an die Fenster und ächzte und
stöhnte in den Winkeln oder gab sich mit einem dumpfen Fall und schnellem Laufen
und Trappeln auf dem Dachboden kund. Dann kam es auch wohl häufig mit dem Russ im
Schornstein wie ein Schnarchen und Schnauben herunter, wie ein Fluch auf die
harte, böse Welt, die solche Zufluchtsorte für ihre Armen, Kranken und Beladenen
bauen kann; dann - ja dann war es Nacht und Winter und nicht heller Tag und
Sommer wie damals, als das alte Weib, in jener Zeit die einzige Bewohnerin des
Siechenhauses, am offenen Fenster in der Sonne sass und auf der Landstrasse jenen
Karren, der eine so grosse Ähnlichkeit mit dem Schüdderump hatte, vorbeikommen
sah.
    Das wäre die rechte Historiographin für die Hütte gewesen, diese alte Frau,
welche an jenem Tage das Reich allein hatte im Siechenhaus zu Krodebeck und
welche schon so manche Generation in dem armseligen, hässlichen Asyl hatte kommen
und schwinden sehen! Es ist die Eigenart solcher Häuser, dass sie manchmal voll
bis zum Überlaufen und manchmal leer sind wie das Gehirn eines Narren oder wie
das Herz eines Klugen. Es hatte Zeiten gegeben, wo der Raum für die Bewohner des
Hauses durch Kreidestriche auf dem Fussboden nach Zollen abgemessen war, wo das
Alter in jedem Winkel hockte und mummelte, wo die Krankheit bis unter das
Strohdach sich wand und wimmerte und wild hinausschrie, wo unter den
Lagerstätten der mit dem Nervenfieber Behafteten die Kinder krochen, kreischten
und zappelten, bis der Tod und der Gemeinderat aufräumten. Der letztere pflegte
nämlich in den Nervenfieberzeiten Erd- und Strohhütten auf dem Anger vor dem
Dorf zu errichten.
    Der Säuferwahnsinn, der Blödsinn und die gemeine verkommene Brutalität des
aus dem Zuchtause entlassenen Verbrechers waren in dem Siechenhause
zusammengehäuft worden, und das alte Weib hatte damit hausen müssen und hätte
darüber reden und schreiben können. Sie tat aber selbst das erstere nicht gern;
denn sie hatte sich leider diesen Dingen und Zuständen gegenüber nicht die
gehörige Objektivität bewahrt, sondern ganz jämmerlich und subjektiv darunter
gelitten und schauderte sprachlos, wenn sie daran dachte. Es war lächerrlich,
allein dessenungeachtet doch wahr: die alberne alte Person hatte unter dem
Geschrei und Gestöhn, den Zoten und Flüchen an ihren Nerven gelitten wie die
vornehmste Dame, die nicht zwanzig lange Jahre hindurch dergleichen ertragen und
anhören musste. Man konnte nicht verlangen, dass, als endlich der Alte da oben ein
Einsehen tat, gesunde und nahrhafte Jahre schickte und die Bevölkerung des
Siechenhauses zu Krodebeck auf die eine oder die andere Art lichtete, dass, sage
ich, die Alte hier unten sich hinsetze, ihr Elend beschreibe und den Schüdderump
als das einzig echte und wahrhaft philosophische Vehikel für alle Dinge und
Vorkommnisse auf Erden hinstelle!
    Sie versuchte höchstens, die Stille und Einsamkeit zu guter Letzt noch
einmal zu einem kurzen Nachdenken über ihr eigenes Leben und ihren eigenen Tod
zu benutzen; allein auch das ging schlecht genug, und das war kein Wunder in
Anbetracht der übermässigen Betäubung.
    Die Landstrasse lag in der vollen Glut der Julisonne da, und man übersah sie
von dem Fenster des Armenhauses aus eine ziemliche Strecke, bis sie in einem
Buchengehölz und Tannenwalde verschwand. Aus diesem Gehölz und Wald hervor kroch
in einer Staubwolke der Karren, von dem wir eben redeten, und der uniformierte
und mit einem grossen Säbel bewaffnete Reiter, der ihn geleitete, liess sein Pferd
neben ihm im Schritt gehen. Es war ein grau angestrichener Karren mit einem
grauen Leinwanddach, und er wurde von einem magern Gaule gezogen, dessen Lenker
in einem blauen Leinwandkittel verdriesslich nebenherschritt. Er kroch langsam
heran, aber die alte Frau im Siechenhaus hatte Zeit, ihn zu erwarten, und tat es
in stumpfsinnigem Hinbrüten, indem sie die Hand über die blöden Augen hielt und
mit schläfrigem Nicken ihm entgegensah, bis er dicht vor ihrem Fenster angelangt
war und der Landreiter ironisch grüssend die Hand an die Pickelhaube legte.
    Da blieb der zahnlose Mund offenstehen vor Schrecken, die alten, hagern,
braunen Hände fingen mehr als gewöhnlich an zu zittern, und die Herrin des
Siechenhauses zu Krodebeck hinkte mit leisem Ächzen vom Fenster weg, verkroch
sich wieder einmal im dunkelsten Winkel und seufzte:
    »O liebster Herrgott im Himmel, hol mich doch endlich ab aus der Welt, wenn
du mir absolut keine Ruhe lassen willst!«
    Der Karren fuhr dem Dorfe zu; die Grillen zirpten ruhig weiter in den
Gräben, die Schwalben fuhren über den Weg, die Spatzen zankten sich in den
Apfelbäumen; die Uhr auf dem Kirchturm schlug fünf, und es kam nicht das
geringste darauf an, ob die Alte im Siechenhaus Ruhe haben sollte oder nicht.
    An diesem nämlichen Nachmittag hatte die Familie auf dem Lauenhofe ihre
Siesta ohne Störung gehalten, dann den Kaffee in einer der schattigen Lauben des
Gartens eingenommen, und darauf war jeder seinen eigenen Wegen und Geschäften
nachgegangen, ohne von dem andern gehindert zu werden - alles nach gewohnter
Sitte und Weise.
    Es war ein ziemlich heisser Tag; aber es war ein schöner und, sozusagen,
nahrhafter Tag. Die Harzberge erhoben sich lachend im blaugrünen Glanz, über den
Feldern und Wiesen lag jenes Flimmern und Zittern, welches auch über den Werken
der grossen Dichter liegt und überall die Sonne zur Mutter hat.
    Jeder Bauer verspürte den Tag wie einen Handschlag auf das Versprechen einer
guten Ernte; jede Bäuerin schwitzte mit Behagen in den Abend hinein. Selbst aus
den Ställen erklang das Gegrunz der Schweine wie ein mit Mühe unterdrückter
behaglicher Jubel über die schönen Würste und fetten Schinken, welche die lieben
Tiere für den Winterkohl des Jahres mit Selbstgefühl in der Stille
heranbildeten. Gutmütig heiter sprudelten die Dorfbrunnen trotz der Wärme
hervor, in den Baumgärten wälzten sich die Kinder im hohen Grase; die Hühner und
Gänse gackerten und schnatterten im Schatten der Ackerwagen und der Hecken, und
auf der Terrasse des Gutsgartens las Fräulein Adelaide von Saint-Trouin die
Korrespondenz der Marquise de Pompadour, durch deren Erdichtung sich der jüngere
Crébillon ein so grosses Verdienst um die gebildete europäische Welt am Ende des
vorigen Jahrhunderts erwarb.
    Es stand ein chinesischer Pavillon auf dieser Terrasse, von welcher aus man
die Dorfstrasse und den Platz vor dem Hause des Schulzen überblickte. Schläfrig
träumerisch sahen Peccadillo und Mystax von der Mauerbrüstung auf das Dorf
hernieder, und mit höhnischem Behagen sah von Zeit zu Zeit das Fräulein über
seinen Crébillon weg auf den Band des Télémaque, welchen es dem Chevalier zur
eigenen nützlichen Nachmittagslektüre und zur Bildung des jungen Hennig in die
Hand gegeben hatte und welchen er sowohl wie der junge Hennig mit höflichem
Missbehagen in Empfang genommen hatten.
    Da ein jeder der im Pavillon Versammelten die Aussicht kannte, so bekümmerte
man sich durchaus nicht um sie, und das Gepolter eines vorbeifahrenden Karrens
konnte die Aufmerksamkeit auch nicht erregen; aber der junge Hennig hatte, auf
dem Knie des Chevaliers sitzend, soeben eine ziemlich anzügliche Bemerkung über
den ehrenwerten Herrn Mentor gemacht, als ein von der Gasse herauftönendes
Lärmen, ein verwirrtes Geschrei und Johlen sowohl den Fénelon als auch den
Crébillon für den heutigen Tag vollständig zu den Akten legte.
    Jener Karren, welcher dem alten Weibe im Siechenhaus einen so argen
Schrecken eingejagt hatte, hielt jetzt vor dem Hause des Gemeindevorstehers, und
ein guter Teil der Dorfbewohner war bereits um ihn versammelt und machte seinen
Gefühlen durch das eben erwähnte Getöse Luft. Der Dorfschneider, welcher noch in
dem süssen Kreise gefehlt hatte, kam eben eilig, um die Lücke auszufüllen, und
rief im Vorüberlaufen dem Ritter eine Neuigkeit zu, welche auch das
Malteserfräulein aber die Marquise von Pompadour hinaus merkwürdig
interessierte.
    »Mon Dieu, das ist das Widerlichste, welches mir heute begegnen konnte!«
rief das Fräulein, die Pompadour in den Pompadour schiebend. »Mais, Chevalier,
ich glaube, es ist unsere Pflicht, hinabzusteigen, um - um -«
    »Um unnötige Aufregung und Roheiten der Menge zu verhüten!« schloss der
Ritter höflich und bot der Dame den Arm, um sie samt dem jungen Hennig die
Treppe hinabzuführen, welche von der Terrasse in die Dorfgasse hinunterlief.
    Sie gingen auf den Haufen zu, welcher sich vor der Tür des Schulzen
angesammelt hatte, und selbstverständlich machten die Leute ihnen gern Platz.
Auf der Vortreppe des Hauses stand der Landreiter, der das Fuhrwerk geleitet
hatte, mit einer braunroten Feldwebelbrieftasche in der Hand, und neben ihm
stand Klodenberg, der Ortsvorsteher, und sah aus - sah aus wie ein Bauer, der Ja
zu einer Sache sagen muss, ohne vorher einen jahrelangen Prozess darum führen zu
dürfen.
    »Das hilft Euch nun weiter nichts, Klodenberg; also nehmt Vernunft an«,
sprach der Reiter. »Raus mit der Bescheinigung für richtige Ablieferung, und
nachher wünsche ich recht viel Pläsier und die wenigsten Unkosten mit der
Bagage. Ziert Euch nicht, Vadder, und macht's kurz und propre. 's ist ein
durstiger Dienst, und ich hab so kaum Zeit für eine Pfeif Tobak im Krug.
Aufgesessen! Marsch!«
    »Das sagen Sie wohl, Wachtmeister; auf der Zierlichkeit kommt's mich
freilich nicht an, und ein Präsedenzfall ist's auch nicht, denn es ist schon zu
oft dagewesen; aber eine Schande ist's und bleibt's mit und ohne die Kosten«,
brummte der Schulze der wohl wusste, dass die halbe Gemeinde und der ganze
Gemeinderat ihn auf eine derartige Gemütsäusserung ansehe.
    »So ist es. Klodenberg; und in den Schein könnt Ihr's auch setzen, dass es so
ist!« brummte der Kreis nach.
    Lang und dünn hob sich jetzt das maltesische Fräulein auf den Zehen und
guckte mit der Lorgnette unter die Leinwanddecke des Wagens; über die Schulter
des Fräuleins sah der Chevalier, und der junge Hennig wurde von einem Knecht des
Gutes in die Höhe gehoben, damit er ebenfalls von dem Wunder und Vergnügen zu
geniessen bekomme.
    »Ei mein Himmel, sie ist's«, murmelte das Fräulein giftig und erbarmungslos;
der Chevalier nahm eine Prise und zog die Achseln in die Höhe und schüttelte den
Kopf mit einem bedenklichen: »Hm, hm!« Der junge Hennig aber sperrte den Mund
weit auf und griff mit beiden Händen seinem Träger in das Halstuch.
    Das Schauspiel konnte nicht erfreulich genannt werden, und die Bemerkungen
Klodenbergs waren, von einem gewissen Standpunkt aus, gar so unbegründet nicht.
Ein Weib lag, in sich zusammengezogen, unter dem Tuch auf einem Bündel Stroh und
vergrub das Gesicht in dieses Stroh, als könne es nichts mehr von der Welt
brauchen und wolle nichts mehr von ihr sehen. Und von der Brust oder aus den
Armen des Weibes war ein Kind, ein kleines Mädchen, gegen das Fussende des Wagens
hinabgerutscht, hatte sich an dem Wagenrand emporgehoben, klammerte sich mit
beiden Kinderpfötchen krampfhaft da fest und sah mit grossen, schwarzen und
merkwürdig ruhigen Augen unter dem Verdeck hervor auf die höhnische erboste
Menge, als könne es nie genug von dieser Welt bekommen, von der die Mutter
genug, übergenug, viel zuviel bekommen zu haben schien.
    »Wer ist das? Ist das wirklich Marie Häussler?« wendete sich der Chevalier an
die Autoritäten des Ortes, welchen natürlich das böse Weib des Dorfes das Wort
abschnitt, ehe sie den Mund zum Antworten öffneten, indem es kreischte:
    »Die Marie, die schöne Marie ist's, wirklich und wahrhaftig, obgleich man 's
ihr nicht mehr ansieht, Herr von Glaubigern. Marie Häussler mit ihrem Balg ist's,
und nun ist's gekommen, wie wir's lange verhofft und wie das gnädge Frölen es
lange vorausgesagt haben, und sie kommt in der Kutschen und mit zweien Bedienten
ins Dorf zurück, wie sie es selbst vorausgesagt hat, Herr von Glaubigern, und
hier sind wir alle miteinander, um sie nach Gebühr mit Vivat und Musik wie 'n
neuen Pastor zu empfangen.«
    Das Volk von Krodebeck pfiff und schrie selbstverständlich nach diesen
anregenden Worten, aber der Wachtmeister rief wütend von der Treppe herab:
    »Haltet das Maul, ihr Rüpel und Lümmel, und der Hexe da schlage ich auf das
Maul, wenn sie es nicht halten kann! Noch steht die Fracht und Fuhre unter
meinem Kommando, und da duld ich keine Anzüglichkeiten. Wann ich die Quittung
hab, mögt ihr Bauern sagen und tun, was ihr wollt; mich geht's weiter nichts
an.«
    Ein für die arme Heimkehrende viel Übel bedeutendes Murren und stilles
Schimpfen lief durch den Haufen. Die Kranke verkroch sich darob tiefer in ihr
Stroh, nachdem sie einen matten Versuch gemacht hatte, das Kind zu sich
hinzuziehen. Das Kind sah sich auf das Rascheln des Strohes um nach seiner
Mutter und lachte dann, als ob es meine, die Mutter wolle nur Verstecken mit ihm
spielen; es liess von seinem Halt ab, purzelte zurück und kroch mit glückseligem
Kreischen zu ihr hinauf.
    »Ich verbitte mir gleichfalls alle Anzüglichkeiten, denn was ich in betreff
dieses Weibes gesagt habe und sagen werde, werde ich selber bemerken«, sprach
plötzlich mit sehr schnarrendem Ton Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin auf
der Höhe ihres Standpunktes als Haute-Justicière der Grafschaft Pardiac und
klopfte, um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben, mit dem jüngern Crébillon, den
sie wieder hervorgezogen hatte, auf den Rand des Karrens. »Herr Wachtmeister,
ich bitte -«
    »Zu Befehl, gnädiges Frölen«, sagte der Landdragoner, ordonnanzmässig die
Hand an die Pickelhaube legend.
    »Herr Wachtmeister, ist dieses Frauenzimmer wirklich die Marie Häussler hier
aus dem Ort? Ist dieses in der Tat das Kind der Marie Häussler?«
    »Zu Befehl, gnädiges Frölen. Die Papiere sind in schönster Ordnung, und
Klodenberg weiss, dass er nichts dargegen machen kann. Aberst er tut's und
versucht's doch, und das ist« (mit einem verächtlichen Blick im Kreise umher)
»einmal ihre Art so. Wissen Sie, gnädges Frölen - Marie Häussler - Krodebeck -
Heimatsberechtigung - schleichendes Zehrfieber - ärztliches Attestat - und
kurzum - alles in schönster Ordnung.«
    »So mache man dem Skandal endlich ein Ende und bringe die Person und das
Kind unter Dach«, befahl das Fräulein, während der Chevalier wiederum ein
kopfschüttelndes »Hm, hm« hören liess.
    »Jaja«, brummte der Schulze, »schon recht! Alles in Ordnung; und wenn der
Mensche alles gesagt und getan hat, was sein muss, so gibt er sich, weil er
freilich nicht anders kann. Kommt herein, Wachtmeister, Ihr sollt die
Bescheinigung haben und einen Nordhäuser dazu. Holla, ihr andern da, schiebt den
Karren nur nach dem Siechenhaus; es ist nicht das geringste dagegen zu machen.
Die Herrlichkeit ist da, die Kosten sind nicht wegzudisputieren; also - macht
euch ein Verdienst aus dem Verdruss und macht dem Volk das Ding so bequem, als es
eben angeht.«
    Er trat mit dem Reiter in das Haus, und von neuem erhob sich das Geschrei,
das Pfeifen und Grunzen von Krodebeck. Ein Dutzend Hände griff in die Speichen
der Wagenräder, und ein Dutzend Hände griff dem Fuhrknecht in die Zügel seines
hagern Gauls. Dass dieses doch nicht ohne Unbequemlichkeiten für die schöne Marie
und ihr Kind abgegangen wäre, ist sicher; allein der Chevalier und die
Nachkommin des tapfern Johann von Brienne legten sich mit ihrem ganzen Ansehen
ins Mittel, und der junge Herr von Lauen half durch ein helles Gezeter.
    So wurde der Karren vor das Siechenhaus von Krodebeck gezogen und geschoben,
ohne dass - wenigstens auf diesem Wege - Mutter und Kind weiter zu Schaden kamen.
 
                                Viertes Kapitel
Adelaide von Saint-Trouin, welche eine zarte, eine zierliche Antipatie gegen
jeden nahen Verkehr mit den untern Klassen der Gesellschaft hatte und aus
gewissen Gründen eine unaussprechliche Abneigung gegen die schöne Marie zu hegen
berechtigt war, ging nicht mit in das Siechenhaus, hielt auch den jungen Hennig
fest an der Hand zurück, sowohl während der Karren abgeladen wurde, wie auch
nachdem mit Hülfe einiger guterziger Männer - nicht Weiber - die Kranke und ihr
Kind in die Hütte geschafft worden waren. Der Ritter von Glaubigern, weniger
zart organisiert, steuerte nach Kräften den noch immer sich wiederholenden
Roheiten des Volks von Krodebeck, und es gelang ihm auch, den jetzt
nachkommenden Vorsteher zu bestimmen, sein Ansehen in dieser Richtung walten zu
lassen. Es zeigte sich, dass die alte Praktik des Gellertschen Amtmanns noch
immer Geltung hatte. Der Dorfgewaltige wusste überzeugend zu sprechen. Vor seinen
Ochsen, Eseln und Flegeln zerstreute sich der Haufen, bis auf das
Malteserfräulein, welches sich keinen der mannigfachen Ehrentitel zurechnete und
mit dem jungen Herrn von Lauen seinen Standpunkt auf der Landstrasse behauptete,
während der Chevalier jetzt hinter der Tür das alte Weib zu beruhigen suchte,
welches, bis zum Zittern bestürzt über die neuen Ankömmlinge, die Hände rang und
dumpfe Angsttöne hören liess.
    »Es wäre vielleicht angemessener, wenn wir nach Hause gingen, Hennig«, sagte
das Fräulein. »Solche Szenen haben etwas Widerliches und Unschickliches, und
diese vor allen kann mir nur peinlich sein. Auch sehe ich eigentlich nicht,
welche Moral für dich, mein Kind, in diesem hässlichen Fall liegen könnte.«
    »Ich gehe nicht nach Haus ohne den Herrn von Glaubigern«, sagte Hennig fest.
    »Mon Dieu, der Chevalier! Ich begreife den Chevalier wirklich nicht. Er weiss
doch, dass er hier auch einige Rücksicht auf mich zu nehmen hat.«
    »Er wird der kranken Frau Geld geben, und ich will dem kleinen Mädchen
meinen neuen Ball geben. Sagen Sie, Frölen Trine, weshalb schrien und schimpften
die Leute so sehr über die kranke Frau und das kleine Mädchen?«
    »Hennig«, sprach die Abkömmlingin der Kaiser von Konstantinopel mit Würde
und Entrüstung, »Hennig, wie oft habe ich mir schon diese pöbelhafte und
zugleich alberne Bezeichnung meiner Persönlichkeit verbeten? Das ist unaussteh-
nun, Vorsteher, sind Sie endlich mit Ihrem Arrangement da drinnen fertig?«
    »Frölen Trine«, sagte der Vorsteher, sich den Schweiss von der Stirn
wischend, »das sind kuriöse Sachen da innenwendig. Wer offiziell nichts d'rmit
zu tun hat, der ist wohl dran, und wenn ich, mit Permission zu sagen, der Herr
von Glaubigern wäre, so tät ich was Besseres, als mir darmit zu vermengelieren.
Der Herr Ritter sind aber zu gütig, und so habe ich jetzo die Angelegenheit in
seine Hände refüsiert, und er muss nun zusehen, wie er die Alte zur Ruhe und die
Junge mit ihrer Krabbe in ein angenehmliches Verhältnis zu ihr bringt! 'pfehle
mich, Frölen Trine.«
    »Er hat auch Frölen Trine gesagt!« schrie Hennig, dem abmarschierenden
Schulzen nachdeutend. »Alle im Dorfe sagen es, und ich bin auch aus dem Dorfe,
und es ist ganz die Geschichte vom kleinen Töffel, sagt der Herr Ritter!«
    Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin erwiderte nichts. Sie schritt mit
dem Crébillon im Pompadour und mit den Händen auf dem Rücken auf und ab vor dem
Siechenhause, um das Wiedererscheinen des Chevaliers zu erwarten und von ihm
ohne weiteres über den kleinen Töffel und das Verhältnis desselben zu ihr
bedingungslosen Aufschluss zu fordern. Hätte sie eine Ahnung davon gehabt, dass
der Schulze, im Weitereilen über die Schulter zurückblickend, tief
geschichtsphilosophisch bemerkte: »Ein Frauensmensch ist genug, um sämtliche
Nationen des Erdbodens in einen Knäuel drum aufzuwickeln!«, so würde sie sich
auch zu dieser Unverschämteit jedenfalls eine Erläuterung ausgebeten haben.
    Die verscheuchten Dorfkinder lauschten verstohlen hinter und an den Hecken
und suchten auf alle Weise die Aufmerksamkeit des Stammhalters der Herren von
Lauen auf sich zu ziehen. Allein Hennig konnte sich jetzt nicht mit den
Spielgenossen beschäftigen. All dieser Aufwand von Unruhe, Lärm, Ärger,
geheimnisvollem Kopfschütteln und Ohrenkratzen beunruhigte sein junges Herz
immer mehr, so dass er endlich in fast atemloser Spannung mit Auge und Ohr an den
erblindeten Fenstern des Siechenhauses hing. Er fuhr ordentlich zusammen, als
jetzt das eine dieser Fenster aufgerissen wurde und das gelbe traurige Gesicht
des Ritters sich vorbeugte nach einem Atemzug frischer Luft.
    »Ich bitte, Herr von Glaubigern«, rief das Fräulein, »die Atmosphäre hier
ist drückend; - werden wir bald die Ehre haben -?«
    »Sogleich, Gnädigste!« erwiderte der Chevalier mit artigstem Gruss und
verschwand in demselben Augenblicke von neuem.
    »Unausstehlich!« rief das Fräulein und zog den kleinen Hennig fast zornig
über den Weg zu dem geöffneten Fenster hin. »Man scheint nicht die mindeste Zeit
und Höflichkeit für uns überzuhaben«, murmelte Adelaide, während sie sich
niederbückte und während Hennig sich auf den Zehen hob, um feurig neugierig in
das Fenster gucken zu können.
    »Also hier hängt der Schwarm am Zweig?« rief jetzt aber eine helle, sehr
metallreiche Stimme hinter den beiden Lauschern. Mit aufgerichteter Nase,
aufgestecktem Schurz und trotz der Hitze mit ungemein elastischem Schritt,
welcher am ganzen nördlichen Abhang des Harzes seinesgleichen suchte, kam eine
Dame über den Weg vom Dorfe her, der man es schon auf vierzig Schritt ansah, dass
sie sich zur Herrin der Situation machen würde. Frau Adelheid von Lauen, die
Herrin des Lauenhofes, war vor zehn Minuten auf dem Hofe von einem Ackerwagen
niedergestiegen, hatte vernommen, was sich begeben hatte während ihrer
Abwesenheit, hatte ihre Haube mit einem Ruck zurechtgeschoben und stand nun vor
dem Siechenhause, um auch hier Ordnung zu stiften.
    Zuerst bekam Hennig ihre wackere Hand zu kosten; im Vorbeimarsch fuhr sie
ihm durch die Haare, zog ihm die Jacke zurecht und gab ihm durch einen
wohlgemeinten Klaps zu verstehen, dass seine Erscheinung wie gewöhnlich
mancherlei zu wünschen übriglasse. Sodann nahm Fräulein Adelaide einige
geflügelte Worte in Empfang.
    »Nichts für ungut, Base, aber ich wäre dem Dinge doch etwas näher gegangen
und liesse mich jedenfalls nicht unnötig hier in der Sonne braten. Also die Marie
ist wieder da? Das hat Sie wohl recht gefreut, Beste? Na, den Tag, an welchem
sie kommen würde, konnte ich nicht vorauswissen; aber gewartet hab ich seit
Jahren drauf. Jawohl, es ist auch für Sie eine recht nachdenkliche Geschichte,
Fräulein Adelaide. Munter!«
    Mit dem letzten Wort, welches sie nicht selten sowohl an ihre Reden vor dem
Volk wie an ihre Selbstgespräche hing, nahm die Frau Adelheid das Siechenhaus
mit Sturm, und zwar mit dem besten Willen, Ordnung, Friede und Sicherheit mit
oder gegen den Willen der Leute darin aufzurichten.
    Fräulein Adelaide dagegen fasste das Handgelenk des jungen Hennig fester,
drehte ihn mit einem ärgerlichen Ruck um und führte ihn zurück auf die
Gartenterrasse des Lauenhofes unter den chinesischen Pavillon. Hier angekommen,
liess sie den kleinen Junker nach einem zweiten Ruck frei, sank sodann auf den
nächsten Sessel und befand sich bereits im nächsten Augenblicke in der
Gesellschaft des jüngeren Crébillon tief in der Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts mit Peccadillo auf dem Schosse und Mystax in angemessener Entfernung
zu ihren Füssen; - ach ja, Frau Gräfin von Baschi, ma vie est une mort
continuelle. Je devrois, sans doute, me retirer de la cour: mais je suis foible,
et je ne puis ni la souffrir ni la quitter. Es zeugte freilich von einer grossen
Mässigung und Duldsamkeit, von einer höchst anerkennenswerten Milde im Charakter
des Fräuleins, dass es so grosses Elend so sanft ertrug und nicht längst den Hof,
nämlich den Lauenhof, verlassen hatte, um in die orientalische Frage
einzugreifen und als Prätendentin für den Tron von Byzanz aufzutreten.
    Der junge Hennig, dessen Leben noch nicht ein ununterbrochenes Sterben war,
vergass bald die Ereignisse des Nachmittags, den Karren, den Wachtmeister, die
kranke Frau mit dem kleinen Mädchen über wichtigeren Angelegenheiten, Die
Verwalter ritten von den Feldern heim, und in ihrer Begleitung begann er die
gewohnten Inspektionswege durch Kuh- und Pferdeställe. Dann war die Klappermühle
im Bach, welche er am Morgen aufgerichtet hatte, im Gange zu halten; der
Hühnerhof verlangte sein Recht, und mit der Dämmerung meldete sich das nicht
ungerechtfertigte Verlangen nach dem Abendessen. Der Tag war hingegangen, ohne
dass er sowohl für das Fräulein von Saint-Trouin wie für den Knaben etwas
absonderlich Merkwürdiges mitgebracht hatte. Eiligen Schrittes kam die Gutsfrau
vom Siechenhause zurück und stürzte sich von neuem in die gewohnteren Sorgen.
Einige Zeit später kam der Chevalier langsam, melancholisch nachdenklich heim,
stand einige Minuten wortkarg in dem Getümmel, der Unruhe, die auf dem Lande dem
Feierabend voranzugehen pflegen, und schloss sich dann bis zum Klange der
Tischglocke in seinem Zimmer ein. Nachdem diese Glocke er- und verklungen war
und der sonst so pünktliche Ritter noch immer nicht erschien, stieg Mystax die
Treppe hinauf, um ihn zu holen, und kratzte leise an seiner Zimmertür. Ihm
gelang es, den Ritter aus seiner trüben Mutlosigkeit emporzuziehen, und unter
seiner Führung erschien der Herr von Glaubigern in dem Gartensaale, in welchem
der Tisch gedeckt stand.
    Es war ein schöner Abend. Die Fenster und Flügeltüren des Saales waren weit
geöffnet. Unter ihren hellen Glasglocken flackerten die Lampenflammen nur ganz
wenig im kühlern Abendwinde, und vergeblich versuchten die verirrten
Nachtschmetterlinge im taumelnden Flug gegen das Licht zu ihrem Verderben zu
gelangen. Draussen rauschte und lispelte der Garten, die Frösche liessen sich bald
näher, bald ferner vernehmen, und die Leute vom Lauenhofe hatten alle einen
guten Appetit - alle, bis auf den Ritter von Glaubigern, welcher durchaus gar
keinen Appetit bewies und gegenüber den freundlichsten Ermutigungen der
Gutsherrin nur die Hand auf den Magen legte und mit stummem Achselzucken um
Entschuldigung bat.
    Nach dem Essen kam die Stunde, in welcher die Zeit, vorzüglich nach einem
solchen heissen Tage, stillzustehen scheint, die Stunde, in der selbst der
gefürchtetste und gehassteste Anekdotenerzähler es wagen darf, sich noch einmal
ungestraft seinem Laster hinzugehen, weil jedermann, geschaukelt zwischen dem
Bewusstsein, dass es heute sehr heiss war und jetzt so angenehm kühl sei, manches
ruhig hinnimmt, wogegen er sich in muntereren Minuten auf das hartnäckigste
wehren würde.
    Zwischen Schlafen und Wachen, mit der Stirn auf dem Knie des Chevaliers
liegend, vernahm Hennig von Lauen die Geschichte der schönen Marie Häussler,
verstand jedoch wenig mehr davon, als dass sie für die meisten Leute sehr traurig
und unbehaglich war, aber dem Fräulein Adelaide von Saint-Trouin zu vielen
ausgesuchten und treffenden Bemerkungen Anlass gab.
    Plötzlich fühlte er eine Hand in seinen Haaren und vernahm blinzelnd
auftaumelnd die Worte der Mutter:
    »Der Junge schnarcht doch zu greulich! Marsch zu Bett! Munter!«
    Am folgenden Morgen wusste er weder von der Geschichte noch von den
Bemerkungen das geringste mehr, und das war in mehrfacher Beziehung recht gut.
 
                                Fünftes Kapitel
Die Alten und die Jungen, die Patrizier und die Plebejer, die Klugen und die
Narren, die ehrbaren Frauen und jene muntern Frauen in roter Haube oder gelbem
Mantel zogen sie hervor aus den Häusern oder huben sie auf in den Gassen und
luden sie auf jenen schrecklichen schwarzen Karren, den Schüdderump. Das ist
lange her. Der schwarze Wagen ist zu einer unvergleichlichen Merkwürdigkeit
geworden und wird dem durchreisenden Fremden als die einzige Kuriosität des
Städtchens, welches das Glück hat, ihn zu besitzen, gezeigt! Es ist lange, lange
her, seit er zum letztenmal in Gebrauch war, seit zum letztenmal die Lebendigen
vor dem dumpfen Geknarr seiner Räder vom Fenster wegstürzten und scheu einander
ansahen und sich die Ohren verstopften! Wir haben eine sich selbst nicht wenig
lobende Gesundheitspolizei, die Sitten sind andere und bessere geworden, selbst
der Ungebildete weiss, dass grüne Pflaumen und Gurkensalat zur Zeit der Brechruhr
nicht zu den gesunden Nahrungsmitteln gehören. Gesundheitstlanell, wollene
Leibbinden und Korksohlen werden täglich in den Intelligenzblättern angeboten
und von den verständigen Leuten gekauft. Selbst der Ungebildete vermag,
wenigstens in Deutschland, die Intelligenzblätter zu lesen, für die Gebildeten
haben Lessing, Herder, Schiller, Goete und Jean Paul gelebt, und - um so
erstaunlicher ist es, wie nahe wir trotz alledem doch noch dem Schüdderump
stehen! Wer sich eingehender damit beschäftigt, dem vermischen sich endlich die
Vorstellungen derartig, dass er kaum noch die Vergangenheit von der Gegenwart zu
unterscheiden Vermag.
    Es war ein schönes, halbnacktes Mädchen, dem nicht einmal der schwarze Tod
alle Reize hatte nehmen können, und selbst auf dem Schüdderump wehrte es sich
noch gegen die scheussliche Grube, gegen die Verwesung mit und in dem Haufen der
andern Leichen. Ich habe sie im Traume gesehen; - die im letzten Krampf starr
und steif gewordenen Arme klemmten sich zwischen den Leisten der Seitenwände des
schwarzen Wagens, ein Nagel hatte ihr Gewand gefasst und es ihr von den Schultern
gezogen. Als die wilden, rohen Knechte den Karren umstülpten, schien diese Tote
allein den andern Leichnamen nicht folgen zu wollen. Die Knechte mussten sie mit
ihren eisernen Haken losreissen und sie den übrigen nachschieben, und sie lachten
dabei und wiesen die Zähne und die Zungen; denn es war ein sehr schönes Mädchen
und war noch schön auf dem Schüdderump - und so ist auch Marie Häussler, die
Tochter des Dorfbarbiers zu Krodebeck, ein sehr schönes Mädchen gewesen.
    Zieht den Hut; der eigentliche Held und Triumphator dieser Geschichte
erscheint für einen Augenblick im Hintergrund und schleicht leise über die
Bühne!
    Dietrich Häussler wurde zu Anfang des Jahrhunderts in Krodebeck geboren. Er
verheiratete sich im Anfange der zwanziger Jahre und zeugte die schöne Marie. Im
Jahre achtzehnhundertneununddreissig starb seine Frau, nachdem er im Jahre vorher
mit seiner Tochter aus dem Dorfe verschwunden war. Die schöne Marie kam im Jahre
fünfzig mit ihrer kleinen Antonie zurück nach Krodebeck; der Stammherr des
Geschlechtes Häussler Von Haussenbleib, dem freilich Schild und Schwert sogleich
mit in die Grube gegeben werden muss, wird im Jahre einundsechzig zurückkommen,
wenn Antonie Häussler eine schöne Jungfrau geworden ist, und dann - dann wird der
Titel des Buches seine volle Lösung finden.
    Dietrich Häussler hatte mit dem Kollegen von Sevilla nur die leichte Hand,
doch nicht den leichten Sinn gemein. Er rasierte eigentlich vortrefflich; allein
da er den Gott in seinem Busen kannte und eine Ahnung davon hatte, zu welch
grossen Dingen er berufen sei, so rächte er sich für jetzt dadurch an seiner
niedrigen Lebensstellung und an der Menschheit, dass er so schlecht als möglich
rasierte. Blutgierig zog er an jedem Sonnabend den Bauern von Krodebeck die Haut
ab, machte in dieser Hinsicht sein Handwerk wirklich zur Kunst und konnte so mit
ganzer Seele sich seinem Geschäft hingeben, grad wie in früheren Jahrhunderten
ein schwärmerisch entflammter Folterknecht dem seinigen. Er war gewiss nicht
dumm, sondern ein hinterlistiger, heimtückischer Gesell, welcher seine Lehrzeit
und drei Jahre drüber in Berlin zugebracht hatte und einen grossen Teil seiner
Lebensanschauungen und Grundsätze auf diese fromme und vergnügte Zeit
begründete. Sein Weib und seine Kinder führten ein gar elendes Leben unter
seinem Regimente. Sein Weib, von dem weiter nichts zu sagen ist, starb, und
seine Kinder verdarben bis auf diese Marie, welche man in Krodebeck die schöne
nannte und welche ebenfalls starb und verdarb, aber auf eine andere Art als die
übrigen, denn die übrigen versanken nach einem kurzen Taumeln und Quälen in
Krodebeck selbst; Marie aber kam in die weite Welt hinaus und erlebte viele
Dinge, ehe sie nach Krodebeck zurückgebracht wurde, um ebenfalls daselbst
unterzugehen.
    Wie gesagt, hatte Dietrich die Verhältnisse der grossen Stadt, da seine
eigenen Neigungen schlecht waren, von der schlechtesten, erbärmlichsten Seite
angesehen, und noch dazu von der erbärmlichsten Seite in der geringen Sphäre, in
welche ihn sein Schicksal hingestellt hatte. Aber er war dazu mit einer gewissen
Phantasie begabt, welche ihm die Dinge oft in einem absonderlichen Lichte
erscheinen liess. Er konnte so gut wie ein anderer träumen und die Wirklichkeit
idealisieren und die Welt vollständig auf sich als den Mittelpunkt der Welt
beziehen und in seinen einsamen Stunden gradeso glücklich sein wie ein anderer.
Das ist das erfreuliche am Leben, dass der Mensch für seine Natur kaum
verantwortlich zu machen ist, und so werden wir gewiss nicht auf den Meister
Dietrich Häussler um das, was er war, und um das, was er wurde, mit zu finsterm
Auge und zu tiefem Stirnrunzeln blicken. Nun hat ein Barbier in einer grossen
Stadt, der sich auch ein wenig aufs Frisieren versteht, Gelegenheit, allerlei zu
sehen und zu hören, worüber sich nachdenkliche Betrachtungen anstellen lassen,
Das Ideal tritt in erstaunlichen Formen auf, und schon in Berlin lag das Ideal
für Dietrich in der Vorstellung, eine schöne Tochter zu haben und beliebig über
dieselbe verfügen zu dürfen. Da er ein ganz stattlicher Bursche war, gelang es
ihm, in der preussischen Hauptstadt in ein Geschäft hineinzuheiraten und dasselbe
in zwei Jahren zu ruinieren. Er kam nach Krodebeck zurück, imponierte den Bauern
mächtig in der ersten Zeit, log fürchterlich und wurde allmählich zu einer
Persönlichkeit, welcher das Dorf alles in der Welt zutraute, jedoch nicht das
Allergeringste anvertraute. Man lachte über ihn und fürchtete ihn ausnehmend,
man glaubte seiner Versicherung, dass er morgen vierspännig fahren könne, wenn er
wolle; allein man glaubte nicht, dass er morgen die fünf Silbergroschen, die er
heute borgte, zurückzahlen werde. Man schenkte ihm heute die vollste Bewunderung
und warf ihn morgen aus der Kneipe, und der, welcher ihm dabei den grimmigsten
Fusstritt gab, schlich übermorgen zu ihm und schob die Schuld auf einen andern.
Dass er seine Gelegenheit in allen Dingen abzuwarten wusste und nach Jahren noch
jede Beeinträchtigung und Beleidigung heimzahlte, war jedermann bekannt, und da
jedermann bekanntlich dem andern gern von Zeit zu Zeit einen tüchtigen
Schabernack spielen lässt, so behauptete der Meister Dietrich Häussler seine
Stellung in Krodebeck, bis er selbst es für angezeigt hielt, sie aufzugehen.
    Er zeugte drei Söhne, die, wie gesagt, in früher Jugend verkamen, da er
nichts mit ihnen anzufangen wusste. Nachher wurde Marie geboren und wuchs auf in
Schmutz und Lumpen und hatte schon in ihrer Kindheit ein übel Leben; denn es
wiederholte sich mit ihr eine alte, alte Geschichte, nämlich die von der
Schönheit, welche in die Welt hineingeboren wird und natürlich von denen, die
sich am heftigsten nach ihr sehnten, anfangs auf das stumpfsinnigste verkannt
werden muss. Es haben viel grössere und edlere Leute als der Barbier von Krodebeck
ihr Ideal verkannt, ja blieben sogar noch hinter dem Barbier zurück; denn als
diesem die Augen geöffnet worden waren, da glaubte er an sein Ideal und begrüsste
es mit Jauchzen, was sehr hohe Geister und herrliche Charaktere sehr häufig
nicht über sich gewinnen konnten.
    Die Augen gingen ihm übrigens nicht sogleich auf und vor Vergnügen über. Das
kleine Mädchen erschien anfangs in seinem Schmutz und seinen Lumpen, in seiner
vollen und abscheulichen Verwahrlosung hässlich genug und wurde daher auch in den
ersten Kinderjahren fast noch ärger misshandelt als die unnützen Buben. Es bekam
wenig zu essen, aber viele Fusstritte und Schläge. Was die Bauernschaft von
Krodebeck dann und wann an dem Vater Häussler sündigte, kam der Familie des
Barbiers in ganz logischer Folge heim, und oft vernahm man das Geheul und
Wimmern dieses häuslichen Herdes in ruhigen Nächten durch das stille Dorf. Oft,
sehr oft fanden die gnädige Frau vom Lauenhofe, welche damals noch eine viel
jüngere und in behaglicher Ehe lebende gnädige Frau war, und der Chevalier von
Glaubigern, welcher ebenfalls in jener Zeit ein noch viel rüstigerer Ritter war,
Gelegenheit, hier ihre Autorität geltend zu machen, jedoch ohne grossen Nutzen.
    Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin hielt es unter ihrer Würde, in
solchen Fällen ihre Autorität geltend zu machen. Von einer Dame, welche
eigentlich berechtigt war, Byzanz zu regieren und den Sultan Mahmud den Zweiten
für einen niederträchtigen Usurpator zu erklären, von der konnte man doch nicht
verlangen, dass sie sich so weit herunterlasse, um die Verhältnisse im Hause des
Barbiers von Krodebeck zu regeln und sein Weib vor Prügeln, sein Kind Vor
Fusstritten zu schützen. Und doch trug nur die sehr noble und sehr mächtige
Chevalière von Malta die Schuld davon, dass der Meister Dietrich sein Ideal
erkannte.
    Es war an einem schönen Sommermorgen, als das Fräulein, von einem
romantischen Spaziergange in die Wälder durch das Dorf nach dem Lauenhofe
zurückkehrend, durch einen argen Lärm im Hause des Barbiers aus seinen hohen
Träumen aufgeschreckt und der trivialen Gegenwart gegenübergestellt wurde. In
dem Hause dauerte zwischen Mann und Weib der Kampf um den täglichen Frieden noch
fort; doch vor dem Hause am Brunnen wusch Marie Häussler bereits die Tränen aus
den Augen und das Blut von der Nase. Ein schicksalvoller Sonnenstrahl fiel auf
die Stirn, das Haar und die nackte braune Schulter des Mädchens, und statt in
das Haus zu stürzen und dem Barbaren den Prügel aus der Hand zu nehmen, stand
das Fräulein sehr still und hob die Lorgnette und winkte lächelnd hinüber:
    »Himmel, welch ein Bild!«
    Es war freilich ein Bild, ein reizendes Bild, und Adelaide bewährte das
feinste Gefühl für den Zauber desselben. Sie ging langsam näher und hob mit den
äussersten Fingerspitzen das Kinn der Weinenden empor, liess das Augenglas
herabfallen und rief:
    »Es ist in der Tat keine Täuschung; - es ist wirklich überraschend! Und das
ist heraufgekommen wie die Blumen unter der Hecke. Mon Dieu, Kind, wie kommst du
unter die Kanaille? Weisst du genau, wer du bist und woher du kommst?«
    Mit ziemlich weit geöffnetem Munde, aber noch immer schluchzend, deutete
Marie Häussler auf die Tür ihres Vaterhauses, in welcher jetzt der Meister
Dietrich stand und, gleichfalls sehr verwundert, nicht zu wissen schien, ob er
sich näher heranwagen oder sich so tief als möglich vor der Malteserin in das
Innere zurückziehen solle. Aber Fräulein Adelaide winkte, und der Barbier von
Krodebeck trat oder kroch vielmehr mit den höflichsten Bücklingen näher und
wünschte dem Fräulein einen guten Morgen, worauf dieses jedoch entgegnete:
    »Er ist ein elender, ein flegelhafter, nichtswürdiger und zu gleicher Zeit
ein dummer Gesell, Häussler. Ohne Komplimente, Häussler, Er ist ein widerlicher,
brutaler Patron, und wenn die Welt noch regiert würde, wie es sich gebührt, so
würde Er sicherlich nicht einen solchen heitern Morgen durch seine Roheiten
ungestraft verstören dürfen. Übrigens hab ich Ihn nicht gerufen, um Ihm das zu
sagen, denn es ist kaum noch etwas darüber zu sagen; aber das will ich Ihm
mitteilen, dass ich dieses junge Mädchen von jetzt an unter meinen besondern
Schutz nehme. Weiss Er, Häussler, dass Er eine sehr hübsche Tochter hat, welche
nicht in Krodebeck unter dem Bauernpöbel verkommen soll? Sieh auf, Kind, und
schäme dich nicht, mein feines Lärvchen. Komm im Lauf des Tages zu mir, nachdem
du dich gewaschen hast. Bringe deine Schulbücher mit, wir wollen ein kleines
Examen anstellen und sehen, ob die Stirn hält, was sie verspricht. Bist du
willig, so sollst du bei mir bleiben als Chambrière; - ja, ich will dich
erziehen, Kleine, und dein Glück zu machen suchen. Eine Kammerfrau der guten
alten Zeit sollst du werden; ach, auch das Geschlecht ist vergangen mit allem
übrigen Guten und Schönen! O mon Dieu, ich will mir ein Verdienst daraus machen,
der Welt eine wirkliche Kammerjungfer zu bilden. Bonjour, Marion, weine nicht
länger, mein Miezchen, und vergiss nicht, im Sonntagskostüm zu erscheinen.«
    Mit graziösem Kopfneigen schritt die Enkelin so hoher Ahnen weiter und liess
den Barbier Dietrich Häussler in dem ungeheuersten Erstaunen an der Seite seiner
Tochter zurück. Er blickte der Dame nach und sah auf seine Tochter; er sah lange
und von den verschiedensten Standpunkten aus auf seine Tochter, rieb sich die
Augen und die Stirn, blickte wie zweifelnd nach seinem Hause hin und blickte von
neuem auf seine Tochter. Auch er hob jetzt ihr Kinn empor, wenn auch nicht mit
den zartesten Fingerspitzen, und endlich trat er drei Schritte weit zurück,
schlug mit der geballten rechten Hand in die offene linke und rief:
    »Alle Donner - ob sie recht hat! Dreimal hat sie recht! Und ich bin ein
Esel, ein Rindvieh, ein elendiger Tropft! Fünfzigmal hat sie recht, die
hochnäsige Gans, und nun, marsch mit dir ins Haus, du nichtsnutziges Balg -
nein, wollte ich sagen, geh rein, mein Herzchen, mein Püppchen, und sag der
Alten, ich käm sogleich nach; aber vorerst müsste ich mich noch ein wenig erholen
von allen Alterationen und angenehmen Überraschungen!«
    Marie ging, wie ihr befohlen war; der Barbier aber lief dreimal um das Dorf
und kam ganz kühl und ruhig heim, half selbst mit merkwürdig milder Hingebung an
der Toilette der Tochter und schickte sie am Nachmittag mit dem schönsten Gruss
auf den Lauenhof zum Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin.
    Von dieser Unglücksstunde an aber kam eine grosse Veränderung in das Haus
Häussler. Der Vater Dietrich wurde immer höflicher und immer zärtlicher gegen
sein Kind und stieg durch tiefe Unterwürfigkeit allmählich auch immer höher in
der Achtung, Gunst und Neigung der Gerichtsherrin von Valcroissant. Ober ein
Jahr blieb und studierte Marie Häussler in Adelaides Zucht und Schule, und nicht
ein einziges Mal während dieser Zeit gab der Vater Häussler nach der gewohnten
Art dem Dorfe Stoff zum Skandal oder Zorn. Es wurde merkwürdig still in seinem
Hause; auch Dietrich studierte, und zwar die sonderlichsten Dinge; sein
unglückseliges Weib quälte er schlimmer als je, doch ebenfalls auf eine andere
Weise, ganz ohne alles fernere öffentliche Aufsehen und Ärgernis.
    Was der Lauenhof über das Verhältnis denken mochte, welches sich zwischen
dem Fräulein Adelaide und dem Hause Häussler angesponnen hatte, wie der Ritter
von Glaubigern auch den Kopf schütteln mochte; es hatte niemand das Recht, sich
zu verwundern, als am zehnten September des Jahres achtzehnhundertachtunddreissig
plötzlich das Geschrei im Dorf erging, der Barbier sei über Nacht verschwunden
und habe seine Tochter, die schöne Marie, mit sich genommen, und niemand wisse,
wo er geblieben sei, seine Frau am allerwenigsten.
    Betäubt und verstört erschien die Frau auf dem Lauenhofe und verlangte
hustend und heulend ihr Kind und ihren Mann von Adelaide von Saint-Trouin. Das
Fräulein jedoch war durchaus nicht in der Stimmung, sich auf dergleichen
Zumutungen einzulassen; es lag in Krämpfen auf seinem Sofa, winselnd über sein
allzu gutes Herz und die Undankbarkeit der Welt, trotzdem dass es bereits all
seine Schiebladen, Kasten und Kisten genau durchgesehen hatte und sich der
Überzeugung hingehen konnte, Marie Häussler habe den Dienst verlassen, ohne sich
an andern Köstlichkeiten als eben dem guten Herzen ihrer Gönnerin zu vergreifen.
Ohne den Chevalier und die gnädige Frau würde das arme Weib des Krodebecker
Barbiers nicht den geringsten Trost vom Lauenhofe heimgebracht haben; so aber
nahm sie wenigstens die Versicherung mit, man werde nach Kräften für sie sorgen,
und was der Chevalier und die gnädige Frau versprachen, das hielten sie auch.
Sie brauchten jedoch nicht lange für die Verlassene Sorge zu tragen, denn sie
starb an der Schwindsucht und wurde begraben und vergessen.
    Auch der Meister Dietrich und die schöne Marie wurden vergessen; wenn auch
nicht so bald. Diejenigen, welche das Unglück haben, in die Mäuler der Leute zu
geraten, mögen sich damit trösten, dass die Leute sehr beschäftigt sind und
ungemein viel mit sich selber zu schaffen haben und dass der grösste Skandal in
Dorf und Stadt in demselben Augenblick beiseite gelegt wird, in welchem das
Schicksal jeden einzelnen stillvergnügten Schwätzer an den Schultern fasst und
ihn selber zurechtschüttelt.
    Man vernahm, dass der Meister Häussler mit seiner Tochter zuerst sich nach
Berlin gewendet habe, und natürlich erkundigte jeder, der aus Krodebeck nach der
Reichshauptstadt kam, sich nach den beiden Ortsangehörigen. Es gelangten
freilich nur wenige Krodebecker nach Berlin, und diesen imponierte die grosse
Stadt so sehr, diese verloren in dem ungewohnten Gewirr und Getümmel so
vollständig ihre schlaue ländliche Unbefangenheit, dass ihre Aussagen vor Gericht
kaum einigen Wert gehabt haben würden. Die Nachrichten, welche sie heimbrachten,
waren so unbestimmt und schwankend und widersprachen einander häufig derartig,
dass jedermann alles daraus machen konnte und machte, ohne sich zu überheben, das
heisst ohne mit dem Daumen über die Schulter auf jene hinzuweisen, die seit den
Tagen der Keilschriftsteller von Babylon und Ninive Weltgeschichte zu unserm
Nutzen und Vergnügen zusammentrugen und niederschrieben.
    So war die schöne Marie in Krodebeck heute eine vornehme Dame, welche in
ihrem eigenen Wagen durch die Strassen fuhr und ihren Herrn Vater zum Geheimen
Oberhofbarbier am Hof von Schaumburg-Oder-Lippe gemacht hatte; morgen dagegen
war sie eine Lumpensammlerin, und der Papa, der Lump, sass ruhig in Spandau und
zupfte Wolle und spann Trübsal. Die guten Krodebecker hatten einen gewaltigen
Respekt vor den, Meister Häussler und allem, was zu ihm gehörte. Sie konnten sich
eine solide mittlere Lebensstel!ung für ihn durchaus nicht vorstellen, und so
hatte er nur die Wahl zwischen der höchsten Höhe und der tiefsten Tiefe des
Daseins.
    Friedrich Wilhelm der Dritte ging nach Charlottenburg und zu seinen Ahnen;
der Professor Krüger malte das unsterbliche Huldigungsbild Friedrich Wilhelms
des Vierten, welches der Unendlichkeit gegenüber nur den einzigen Mangel hat,
dass es auf der Tribüne im Vordergrund den Meister Dietrich noch nicht mit zur
Darstellung bringt. Dass er darauf gehörte, bewies er später zur Genüge, wie wir
selber beweisen werden. Für jetzt freilich kam nur die erste autentische
Nachricht über ihn nach Krodebeck vermittelst eines Steckbriefes, der ihn in
ganz seltsamer Weise mit dem in der Angelegenheit des Erzbischofs von Köln
begangenen Dokumentendiebstahl in Verbindung brachte. Wer kann übrigens sagen,
auf welche Art dieser Steckbrief in die Amtsblätter kam? Er tat gewiss Herrn
Dietrich Häussler keinen Schaden; denn schon in der nächsten Woche zeigte der
Brave in den nämlichen Blättern an; es sei ihm nie eingefallen, durchzugehen,
und er sei immer noch in Berlin, Grosse Friedrichstrasse Nummer soundso, zu finden
für jeden, der ihn aufzusuchen wünsche. Zugleich machte er Anspielungen auf den
neukreierten Bischof von Jerusalem, welche ganz heimtückischer Natur waren. Der
Exbarbier von Krodebeck hatte seine Verbindungen mit Ober-Lippe; allein schon im
nächsten Jahre übertrug er dieselben nach Hannover, und der mytische Nebel, der
bald um alle grossen Menschen aufsteigt, zog sich nunmehr immer dichter über ihm
zusammen. Immer undeutlicher und deshalb auch immer phantastischer tanzte der
Meister Dietrich in dem sonderbaren Dunst und Duft, und als man einmal wieder
schärfer hinsah, war er vollständig verschwunden und blieb es für lange Jahre.
Man vernahm, er habe sich nach Österreich gewendet, doch ohne die schöne Marie.
Heinrich Heine soll sie auf seiner berühmten Reise nach Hamburg im Zuchtaus zu
Celle gesehen und mit Entzücken seinen Pariser Freunden von ihr gesprochen
haben; doch dieses müssen wir dahingestellt sein lassen, denn Heinrich Heine
besah und besang so manche schöne Damen in so mannigfachen Situationen, dass eine
Verwechslung der Persönlichkeiten hier wohl zu entschuldigen ist. Dass Marie
Häussler vier Jahre später sich in königlich preussischer Untersuchungshaft
befand, ist urkundlich nachzuweisen, ebenso, dass sie aus derselben entlassen
wurde, ohne dass der preussische Staat darüber zusammenfiel, und drittens, dass sie
in ihre Heimat verwiesen wurde, aber daselbst nicht anlangte. Vom Februar des
Jahres achtzehnhundertachtundvierzig bis zur Präsidentschaft, das heisst der
Polizeipräsidentschaft des Herrn von Hinckeldei lebte sie zum zweitenmal in
Berlin, und zwar mit einem unmündigen Kinde, der kleinen Antonie. Vor dem Herrn
von Hinckeldei flüchtete sie im Januar achtzehnhundertfünfzig nach Braunschweig,
und von Braunschweig kam sie im Sommer des nämlichen Jahres auf dem Schub heim
nach Krodebeck.
    So spann Lachesis, welche von vielen für die liebenswürdigste und
behaglichste der drei sonderbaren Schwestern gehalten wird!
 
                                Sechstes Kapitel
Wenn der Junker Hennig von Lauen traumlos die Nacht durchschlief, so erwachte er
am folgenden Morgen mit einem fressenden Appetit, gleich allen seinen Ahnen. Und
da am Frühstückstisch natürlich wieder von dem Ereignis des vergangenen Tages,
der Heimkehr der schönen Marie und ihres Kindes, die Rede war, so fiel unter dem
Kauen und Schlucken auch dem Junker der Karren mit der kranken Frau und dem
kleinen wildäugigen Mädchen ein, und zwar begleitet von jenem eigentümlichen
Grauen der Kinder, welches oft so unerklärbar ist und meistens doch viel mehr
bedeutet als das Grauen der Erwachsenen.
    Hier freilich war des Kindes Abneigung und Furcht nicht unerklärlich, und
wird an dieser Stelle die passende Gelegenheit gekommen sein, einige Worte über
die Erziehung Hennigs zu sagen. Der Einfluss des Vaters auf dieselbe bestand
darin, dass der biedere Landedelmann mit grossem Erstaunen in die Wiege des
Stammhalters sah und seine Verwunderung darüber aussprach, wieviel der Mensch in
seinem Leben erleben könne. Hennig hatte nur ein dumpfes Bewusstsein davon, dass
ihn ein grosser Mann mit grossem, wehendem rötlichem Schnauzbart vor sich im
Sattel gehalten habe und mit ihm durch den Wald, entlang dem Rande des Waldes
und über das Stoppelfeld im vollen Galopp gejagt sei und dass er in Angst und
Wonne, schreiend und lachend, umflattert von der schwarzen Mähne des Gauls, die
Bäume, die Ackerstiere, die Menschen, die ganze weite Welt mit dem blauen
Gebirge in der Ferne, vorüberfliegen sah. Der Tod hatte den braven Herrn von
Lauen leider allzufrüh selber aus dem Sattel gehoben, und die Frau Adelheid
regierte an seiner Statt auf dem Lauenhofe. Wir wissen bereits, dass sie das
Regiment ernst nahm, allein in die Erziehung ihres Sohnes griff sie nur selten,
dann aber jedesmal an dem rechten Orte und in der rechten Weise ein. »Munter!«
sprach sie, dem Jungen in den Haarbusch greifend und ihn mit Energie auf den
Standpunkt des gesunden Menschenverstandes zurückschüttelnd, wenn der Chevalier
oder das Fräulein den »Taps« ihrer Meinung, d.h. der Meinung der gnädigen Frau
nach zu hoch von demselben weggehoben hatten. Sie jagte ihn in das kalte Wasser
und im Notfalle mit der Haselgerte dreimal um die Mauern des Lauenhofes. Sie
war's, welche das Kopfschütteln des Ritters von Glaubigern in Worte übersetzte
und der Malteserin damit in den Weg trat:
    »Nun, Frölen, jetzt tun Sie mir die einzige Liebe an und machen Sie mir den
Bengel nicht ganz verrückt. Weiss der Himmel, nächstens muss ich ihn noch mit den
Hämmeln auf die Weide schicken, damit er nicht verlernt, dass das Gras grün ist
und dass der Regen nass macht!«
    Der Chevalier stand ihrer Anschaunngsweise am nächsten, und wahrlich, solche
Lehrmeister wie er sind sehr selten in dieser erziehungsbedürftigen Welt! Er
hatte den Krieg gesehen und über den Frieden nachgedacht. In Einsamkeit und
Stille, in Geduld und Entsagung hatte er an seinem eigenen Wesen wenn auch nicht
gebaut und gemeisselt, so doch geschnitzelt und gedrechselt, und damit soll gewiss
kein Tadel ausgesprochen sein, sondern das höchste Lob, was einem guten Mann in
seiner Lage gegeben werden mag. Ein altes, wunderlich kluges Kind! Und der
Lauenhof, das Dorf Krodebeck und vor allem die Frau Adelheid wussten, was für
einen Schatz sie an ihm besassen, und überlegten es dreimal, ehe sie einem Worte
oder Winke von ihm entgegentraten. Selbst seine grösseste Widersacherin, das
Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin, fürchtete sich im geheimen
unendlich vor ihm, wenn es das gleich im gegebenen Falle nur durch höheres
Aufwerfen der Nase, kläglichere Seufzer und anzüglichere Bemerkungen kundgab.
Der Ritter von Glaubigern hatte viel studiert seit seiner Ankunft auf dem
Lauenhofe. Er hatte seinen Sinn darauf gesetzt, zu erfahren, wie es eigentlich
bei den Römern zu Hause aussah, und er hatte wirklich Latein gelernt, und zwar
nach Johann Amos Comenius. Er hatte alle seine Wissenschaften nach dem Rezept
des alten berühmten Rektors von Lissa zusammengetragen, und er gab sie nach
demselben Rezepte wieder von sich; die Herren von der Domschule zu Halberstadt
konnten freilich nachher die Hände über den Köpfen zusammenschlagen, als der
Junker von Lauen in ihre Lehre geriet. Die Bilder fanden sich überall, im Hause
und draussen und zu jeder Zeit, und der Kommentar fand sich ebenfalls am Rande
ein, wie in jenem wunderlichen lateinischen Orbis pictus, den selbst die Türken,
Perser, Araber und Mongolen seit 1641 handschriftlich weitergaben. Wenn von dem
Gebirge her die Schneewolken sich über das flache Land wälzten; wenn die
Wetterfahnen des Lauenhofes wehklagend sich im Kreise drehten; wenn die
Schornsteine mit Stimmen begabt wurden, die lebhaft an die Hexentänze des
Blocksbergs, der so nahe in die Fenster guckte, erinnerten; wenn der Regen der
Tagundnachtgleiche über den Hof, durch das Dorf und über die Felder in Stössen
fuhr; wenn im Walde die ersten Anemonen und Leberblumen aus dem welken Laub
unterm Gebüsch aufsahen und wenn der Wald so grün stand, wie das freudigste
Kinderherz nur irgend verlangen konnte: so - hatte das alles stets seinen
besondern Zusammenhang mit dem alten Comenius, und der Chevalier verfehlte
nicht, den Finger an die Nase zu legen und diesen Zusammenhang ernstlich
hervorzuheben. Der Comenius war für alles brauchbar, nur nicht für das Fräulein
von Saint-Trouin. Dieses zog seine Weisheit und Lehrhaftigkeit aus anderen
Quellen und liess sie über die junge Seele des junkers laufen trotz der Dämme,
welche der Ritter wehmütig, kläglich und bescheiden dagegen zu errichten
beflissen war. In der Politik wie in der Pädagogik begegneten sich der Chevalier
und das Fräulein wie Mystax und Peccadillo bei einem Knochen. Wenn jener, d.h.
der Herr von Glaubigern, die reichsunmittelbare Herrlichkeit des Rittertums im
westlichen Deutschland und vorzüglich in seinem Stammlande Westfalen für die
Krone auf dem Tempel der Weltgeschichte hielt, so setzte das Fräulein den grossen
König Ludwig den Vierzehnten als alleinigen wahren Gott in diesen Tempel und
berief sich auf dieselbe Memoirenbibliotek, aus welcher es zugleich in seiner
Weise die Erziehung Hennigs mitleitete. Diese Memoiren hasste der Ritter, und die
gnädige Frau Verachtete sie. Letztere - deren allergrössester Stolz und
allerherrlichste Familienzierde jener bei Zorndorf gefallene Oberstleutnant Von
Lauen war, der sich durch diesen Fall die ganze Approbation des Alten Fritz
erwarb - half sich durch ein erhöhtes Geklapper ihres Schlüsselbundes gegen den
grossen Louis. Der Ritter, welcher als feiner Kavalier nie vor den Damen mit
irgend etwas klapperte, fand sich ziemlich wehrlos gegen denselben, zog nur im
verborgenen die Achseln in die Höhe und sagte Bah! im geheimen. Auf diese
Interjektion hin sah der junge Hennig den treuen Mentor fragend an, aber der
Chevalier warf sich jedesmal mit entsagungsvoller Energie auf die Historie vom
Herzog Wittekind und trieb ihn nebst seinen Sachsen melancholisch in die Enge
und in die Weser. Dem jungen Hennig wurde erst ziemlich spät klar, was jenes Bah
bedeutete, aber auch dann sah er freilich lange nicht vollständig ein, wieviel
Philosophie der Geschichte darin verborgen lag.
    Das Grauen, von welchem im Anfange dieses Kapitels die Rede war, wurde
diesmal einzig und allein durch die Prätendentin des oströmischen Kaisertrons
in die junge Seele gepflanzt. Adelaide verspürte es ja selber vor vielen Dingen
und Verhältnissen, die verständigeren Leuten nur merkwürdig, achtbar,
beklagenswert oder gleichgültig erscheinen können. Adelaide stand viel zu hoch,
um die Welt zu nehmen, wie sie war, und da sie also naturgemäss in recht
ungemütlicher Verlassenheit wandelte, so suchte sie andere zu sich
emporzuziehen, sei's, um eine Kammerjungfer der Vergangenheit, sei's, um den
Kavalier der Zukunft für diese tief gesunkene erbärmliche Welt heranzubilden.
    Im Winter behielt der Chevalier gewöhnlich die Oberhand im pädagogischen
Wettstreite. Die lieblichere Zeit des Jahres war, dem alten Comenius zum Trotz,
selbstverständlich auch die Zeit der lieblicheren Belehrung.
    Da wurde allerdings dann dem Kinde vieles klargemacht, was dem Herrn von
Glaubigern in alle Ewigkeit dunkel blieb, und umgekehrt wurde manches in Nebel
und Dunst gehüllt, was der Ritter eben erst mit vieler Mühe dem Kinderkopfe in
ein helle res Licht gerückt hatte. Wenn der Herr von Glaubigern auch das
Bewusstsein des Standes und des durch den Stand bedingten Interesses im höchsten
Grade besass, so war er doch zu verständig und billig, um nicht einzusehen, dass
die Welt sich doch nicht ganz seit dem Untergang des Heiligen Römischen Reichs
Deutscher Nation zum Schlechten verändert habe. Trotz aller Sehnsucht nach
verlorenen bessern Zuständen konnte er auch den gegenwärtigen Tag gelten lassen
und hielt es unter seiner Würde, die Gegenwart durch jenen bekannten, mehr oder
weniger geschickt und feierlich verhängten Standesegoismus hinter das Licht zu
führen. Er konnte sich immer noch an der Lebendigkeit, der Bewegung des Tages
freuen, und wo er ihn nicht mehr verstand, da suchte er den Widerspruch lieber
im stillen zu verdauen, als dass er sich mit seiner harmlosen Umgebung in einen
zwecklosen und unfruchtbaren Kampf darüber eingelassen hätte. Er sagte sich, dass
von Krodebeck aus die Weltenuhr sich wahrscheinlicherweise nicht vor- oder
zurückstellen lassen werde, und verdiente somit die Verachtung des Frölens im
vollsten Masse. Mit Verachtung blickte das Frölen selbst auf den
Kürassierharnisch, welchen der gute Ritter bei Ligny trug und über welchem er
mit so heissen Tränen die Arme gekreuzt hatte, als er in der Nacht verwundet auf
dem Schlachtfeld lag und der Rückzug seines Volkes an ihm vorüberrauschte.
    Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin, Gräfin von Pardiac und allen
möglichen und unmöglichen andern Grafschaften, hielt es unter allen Umständen
für ihre Pflicht, selbst da nein zu sagen, wo niemand verlangte, dass sie ja
sage. Einmal in jedem Jahre wallfahrtete sie sicher nach Blankenburg, um auf dem
Schloss und am Fuss der Teufelsmauer eine stille Andacht zu halten. Auf dem Schloss
hatte ja Seine geheiligte Allerchristlichste Majestät der König Ludwig der
Achtzehnte, leider recht bescheiden, selbst hofgehalten, und an der Teufelsmauer
zeigte man eine Felsenfratze, welche dem dicken Herrn wie aus dem Gesichte
geschnitten war und die bourbonische Nase sowie das bourbonische Kinn in
wahrhaft genialer Weise zur Schau trug; wobei übrigens die Bemerkung gestattet
sein wird, dass man in Deutschland kaum eine grössere Felsenpartie bereisen kann,
ohne dass die Reisehandbücher und die Führer aus der bourbonischen Physiognomie
Kapital schlagen: vorzüglich in Gegenden, wo der Sandstein vorherrscht. Vor
dieser Blankenburger Felsennase betete das Fräulein im vollsten Sinne des Wortes
an und versank in eine Verzückung, welche den Schwarzen braunschweigischen
Jägeroffizieren, die es zuerst auf das loyale Naturwunder aufmerksam gemacht
hatten, grossen Spass bereitete. Dass der junge Hennig von Lauen sehr bald an
diesen Wallfahrten teilzunehmen hatte und auch ein grosses Vergnügen dran fand,
war vorauszusehn. Es wurde ihm der Glaube an noch ganz andere Wunder zugemutet,
und da er sich in jener Lebensepoche befand, in welcher man vorzüglich gern an
alles Wunderliche und Wunderbare glaubt, so hatte er häufig einen grössern Genuss
davon als von dem grimmigen Amos Comenius, jedoch nicht immer. Den
ausgezeichneten Jüngling Télémaque zum Beispiel hasste er viel ausbündiger als
den Comenius.
    War aber nicht der Klang der Fanfaren und Pansflöten von Marly und
Versailles am Fusse dieser Harzberge ein Wunder, welches die junge Seele mit Lust
und Behagen erfüllen musste? Mit Begeisterung folgte Hennig dem Ritter von
Glaubigern auf die wirkliche Hasenjagd; allein der barocke Zauberspuk des
achtzehnten Jahrhunderts, welchen Adelaide heraufzubeschwören wusste, hatte
gleichfalls seine innigen Reize. Ehe der Junker von Lauen die ersten Hosen
aufgetragen hatte, war er zeitweise vollständig in einen Kreis gebannt, um
welchen der Chevalier ängstlich genug herumtrippelte und von welchem aus er,
d.h. Hennig, vorzüglich jenes ekle Grauen vor den ungewaschenen, lärmenden
Erscheinungen der Wirklichkeit - das Grauen der Unmündigen und - der verzogenen
und verzärtelten Erwachsenen empfand.
    Mit Ekel, Abscheu und ohne die geringsten Gewissensbisse hatte sich das
Fräulein von Saint-Trouin von dem Elendskarren der einst so schönen Marie
Häussler und ihrem armen Kinde abgewendet; Furcht und Ekel erweckte das Bild
dieser drei »Gegenstände« dem Junker von Lauen am Frühstückstisch auf dem
Lauenhofe. Sogar die Neugier, welche das kindliche Alter allen Dingen
entgegenträgt, wurde hier durch die Furcht überwogen, und mit heftigem
Missbehagen horchte der Knabe auf das, was die Mutter und der Ritter über die
Leute im Siechenhause zu sagen hatten, während das Fräulein appetitlos,
mürrisch-weinerlich dasass und in allem, was gesprochen wurde, eine tiefe
Kränkung seiner eigenen Persönlichkeit fand.
    Der Herr von Glaubigern und die Frau Adelheid nahmen allerdings auf die
Gefühle und Anschauungen des Fräuleins keine Rücksicht. Der Chevalier setzte
auseinander, was geschehen könne, um die Aufregung des Dorfes Ober die
heimgekehrte Gemeindegenossin so schnell als möglich zu verwischen. Er sprach
sehr nüchtern von den Bauern von Krodebeck und gab sich darüber keinen
Täuschungen hin; allein er sprach jeden falls wie ein guter Mann, der ein unter
seinen Augen begangenes Unrecht, welches er nicht verhindern konnte, nach
Kräften auszugleichen bestrebt ist. Dass er bei seinen Vorschlägen und
Ratschlägen nicht die Malteserin ansah, sondern lieber seinen Teller, war
sicherlich ebenfalls ein Zeichen eines gutmütigen und feinfühlenden Herzens.
    Die gnädige Frau blickte auf den grauköpfigen braven Hausgenossen mit den
hellsten, glänzendsten, freundlichsten Augen und nickte von Zeit zu Zeit
vergnügt in seine Worte hinein. Als er aber geendet hatte, knüpfte sie ihre
Schürzenbänder fester, schüttelte sich in ihren Röcken zurecht und rief: »Man
muss eben sein Bestes tun!«
    Dann nickte sie auch dem Fräulein zu und sprach, durchaus nicht die
Rücksichten des Chevaliers nehmend:
    »Was machen Sie denn eigentlich wieder für 'n Gesicht, Frölen? Herrgott und
alle Klagelieder Jeremiä, eine Ananas haben Sie damals nicht aus der Krodebecker
Gurke gezogen; aber - aber nun heulen Sie nur nicht! Ich will ja gern Abbitte
tun, wenn ich zuviel gesagt habe! - Ach du liebster Himmel, da geht sie wieder
hin!«
    Da ging sie wirklich wieder hin mit dem Taschentuch vor den Augen,
schwankend und stöhnend wie die Clairon in der Rolle der Phädra. Den Junker von
Lauen hatte sie am Handgelenke gepackt und zog ihn hinter sich her. Belfernd und
kläffend folgte Peccadillo ihr, während Mystax mit Bedacht auf ihren Stuhl
sprang und mit ruhiger Würde sich der gnädigen Frau und dem Chevalier gegenüber
niederliess.
    »Nun bitt ich Sie, Glaubigern!« sagte die Frau Adelheid und fügte nach
einigen Augenblicken hinzu: »Alter Freund, lassen Sie mir den Jungen nicht aus
den Augen!«
 
                               Siebentes Kapitel
Wir haben bis jetzt mit dem Fräulein von Saint-Trouin und dem kleinen Hennig nur
von der Landstrasse aus in das Fenster des Krodebecker Siechenhauses gesehen und
haben also noch über einiges zu reden, was sich am vorigen Abend hinter den
erblindeten Scheiben begab.
    Der »Homeister«, welcher unter der Oberaufsicht der gnädigen Frau eine
zweite Bettstatt in der Hütte aufschlagen musste, hatte sich entfernt mit seinem
Handwerkszeug. Die gnädige Frau hatte der schönen Marie noch einmal das
Kopfkissen zurechtgezogen und sich sodann gleicherweise mit dem Herrn von
Glaubigern entfernt. Sie hatte die neugierigen Gaffer vor der Tür
auseinandergejagt, und es war still in der Hütte geworden; - die alte Erbherrin
und Burgfrau des Siechenhauses von Krodebeck fand sich zum erstenmal mit ihren
neuen Hausgenossen allein, sass im Winkel und starrte auf das Bett. Marie Häussler
hatte die Decke über den Kopf gezogen; das Kind kauerte neben dem Bette auf dem
Erdhoden und starrte auf die Alte. Krieg oder Frieden? Die Atmosphäre war dumpf,
schwül und drückend wie vor allen grössern Auseinandersetzungen, sei's zwischen
zwei dummen nichtsbedeutenden Weibsbildern oder zwei klugen mächtigen Nationen!
    Diese Auseinandersetzung musste kommen, und sie begann in einer höchst
drolligen, aber durchaus bezeichnenden Weise. Wie ein Käfer, der in einer
gefährlich erscheinenden Situation wieder Mut fasst, regte die Alte allmählich
wieder Glied um Glied. Wie eine Henne, über welche der Habicht hinrauschte, zog
sie den Kopf wieder unter dem gesträubten Flügel hervor. Leise und scheu
streckte sie den Hals aus ihrem Winkel vor und wiegte immer schneller den
Oberkörper hin und her. Sie stöhnte laut und unterbrach sich dabei, nach dem
Bett hinhorchend; und als ihr Seufzer von dem Lager her ein Echo fand, erhob sie
sich und stand gebückt, wiederum lauschend. Sie hielt die Hand an das Ohr, und
das Kind, welches sich immer mehr vor ihr fürchtete, fing an zu weinen, an zu
schreien. Die Alte richtete ihre Aufmerksamkeit von der Mutter auf das Kind und
murmelte ununterbrochen durch zwei Minuten:
    »Oje, oje, oje!«
    Es dauerte zwei volle Minuten, ehe sie in jenes Stadium übertrat, in welchem
der Käfer anfängt, seine Fühlhörner zu putzen und zu »zählen«. Dieses Stadium
fand endlich seinen Ausdruck durch die Interjektionen:
    »O du lieber Gott! O Gott, Gott, Gott!«
    Im dritten Stadium entfaltet der Käfer seine Flügeldecken und schnurrt
davon, die Henne schüttelt sich und gackert hell auf; die alte Burgfrau im
Siechenhaus aber, von einem ganz aussergewöhnlichen Entschluss, von einem von Tor
und Wodan zu gleicher Zeit gesandten Mut ergriffen, fuhr mit einem Kamm auf das
angstvolle Kind los, packte es mit ihren knöchernen Händen, zog es trotz seines
Widerstrebens zwischen die Knie und fing an, es mit gespanntestem Nachdruck zu
kämmen. Die Lage der Dinge hatte sich mit einem Schlage geändert. Der Standpunkt
für den fernern Verkehr war auf die natürlichste Weise gewonnen.
    Auf das Geschrei des Kindes hob Marie ein wenig die Decke vom Gesicht, um zu
sehen, was vorgehe, sagte jedoch nichts und sagte auch nichts, als die Alte,
nachdem sie ihr Werk vollendet hatte, die kleine Antonie zu dem Stuhl am Fenster
führte, um ihr das heimkehrende Dorfvieh zu zeigen.
    Die Sonne war nunmehr untergegangen, und die Glocken der Kuhherde ertönten
bereits in der Ferne. Antonie stand wieder zwischen den Knien der Alten, doch
jetzt ohne Zwang; die alte Frau wie das Kind warteten beide mit gleicher
Spannung auf die Heimkehr des Viehs, und wenn wir den guten Gebrauch, jeden
Abschnitt durch eine passende Überschrift zu bezeichnen, in diesem Buche zur
Anwendung bringen wollten, so würden wir über dieses Kapitel die Worte: Das
liebe Vieh! setzen und mehr als einen Grund dafür bereit haben. Ein recht
schöner Grund lag zum Exempel schon in dem plötzlichen Angriff mit dem Kamm auf
den verwilderten Kinderkopf; allein das war, wie gesagt, nicht der einzige. Die
Alte, welche den Menschen wenig Dank schuldete und noch weniger Zutrauen, besass
eine grosse und innige Neigung für das Vieh und stand mit demselben auf dem
allerbesten Fusse, vorzüglich soweit es, in Herden versammelt, am Morgen und am
Abend an der Tür des Armenhauses vorbeizog. Sie hatte nicht den geringsten Teil
daran und sah deshalb gewöhnlich ganz philosophisch unbefangen in das Getümmel;
und da der Stall, die Weide und die Schlachtbank nicht nur im Leben der Tiere,
sondern auch im Menschenleben ihre Rolle spielen, so kann man wohl über das
»liebe Vieh« und seine Geschicke die merkwürdigsten philosophischen
Betrachtungen anstellen. An diesem Abend jedoch sah Hanne Allmann nicht
unbefangen dem Heimzug ihrer Freunde zu. Sie sass und hielt sich die Stirn mit
der Hand und wiederholte immerfort:
    »Das liebe Vieh! Das liebe Vieh!«
    Sie zogen alle vorbei. Zuerst die beredsamen Gänse, die Glück bedeuten, wenn
man ihnen begegnet auf dem Wege. Sodann die zappelhaften, dummunruhigen
Schweine, welchen man nicht begegnen soll, wenn man es irgend vermeiden kann, da
sie Verdriesslichkeit. Hader, Zorn und Unglück anzeigen. Es kamen, geführt vom
gewaltigen Dorfbullen, die stattlichen Kühe mit den Rindern und Kälbern, und den
Beschluss machten die dummen, aber sehr viel Staub aufwühlenden Schafe samt den
nervösen Ziegen.
    »Das liebe Vieh! Das liebe Vieh!«
    Verschiedene der Tiere kamen als nähere Freunde an das alte Weib heran, um
es mit den feuchten Schnauzen anzublasen oder ihm die Hand zu lecken, die es
ihnen aus dem Fenster hinhielt:
    »Guten Abend, Hanne! Guten Abend, Hanne Allmann. Wie ging es den lieben
langen Tag über? Und was für zwei junge, unbekannte Augen hat Sie da bei sich?«
    Das Kind schlug die Hände zusammen und fragte, ob das an jedem Abend so sei;
und Hanne Allmann - sie hatte wunderlicherweise wirklich auch einen Namen! -
strich der Kleinen freundlich über die gekämmten Locken: freilich sei das so,
vom Frühjahr bis in den späten Herbst. Da lachte Antonie und meinte, das sei
schon recht, und die Alte lächelte auch.
    »Ja, es ist schon recht!« sagte sie. »Siehst du, das ist des Vorstehers
vornehme Schwarze, die kommt aus einem fernen Lande, ist allmächtig berühmt
wegen ihrer Herkunft und kommt doch alle Abend und grüsst und nimmt nichts dafür,
dass sie das alte Bettelweib im Siechenhaus kennt. Da ist Ulenbrinks Blesse, die
ist auch aus einem reichen Hause, und da kommt des Barbiers Scheckichte, die ist
die Schönste und Klügste in der ganzen Herde -«
    Die Alte fuhr schreckhaft zusammen und blickte schnell und verstohlen nach
dem Bett hinüber. Die Ideenverbindung hatte trotz aller Tragik etwas unendlich
Komisches; doch die schöne Marie war zu krank und elend, um die Komik oder die
unwillkürliche Beleidigung zu fühlen. Aber sie verkroch sich wieder tiefer unter
ihrer Decke und fürchtete sich vor der alten Hanne Allmann schrecklich und nicht
ohne Grund, soweit es das eigene böse Gewissen betraf. Von allen Krodebecker
bösen Kindern hatte sie in ihrer Jugend der verachteten Bewohnerin des
Siechenhauses die ärgsten und abgefeimtesten Possen gespielt, die schlimmsten
Schimpfworte nachgerufen. Und sicher hatte sie gewusst, dass sie das klügste Kind
im Dorfe sei, und deshalb in allen Boshaftigkeiten die übrigen angeführt. Ausser
dem Dorfbüttel, welcher zugleich den Armenvogt von Krodebeck vorstellte,
fürchtete Hanne Allmann das hübsche Kind des Barbiers Häussler am meisten. Das
war nun vor ihrer Tür abgeladen worden! Das sollte von nun an mit ihr unter
demselben Dache wohnen! Zu Ende war die kurze Ruhestunde, der armselige
verlorene Frieden; - die alte Unruhe, der alte Lärm und Schmutz, die alte
Unzucht richteten von neuem ihr Reich in dem Siechenhause von Krodebeck auf! O
es war, um sich unter die Erde in die letzte Ruhe, in den letzten Frieden - in
den feuchtesten, schlechtesten Winkel des Kirchhofes, unter die Nesseln, welche
der Totengräber in der Mauerecke aufhäufte, hinabzuwünschen! -
    Das liebe Vieh! Ach ja, das liebe Vieh!
    Schreckhaft war Hanne Allmann über ihr unbedachtes Wort zusammengefahren;
doch sie mochte sich beruhigen: das kluge Kind des Barbiers war nicht mehr
imstande, so feinen, wenn auch unwillkürlichen Spielen des Witzes zu folgen.
Marie Häussler konnte nur noch das Allergemeinste, das Allergewöhnlichste, das,
um welches auch die Dümmsten und Einfältigsten lachen und zittern, in Sinnen und
Gedanken begreifen und festalten. Sie wendete sich mühevoll auf die Seite, sah
auf die beiden am Fenster und rief weinerlich:
    »Hanne! - Hanne Allmann!«
    »Ja, was, Marie?«
    »Da bin ich!« sagte die schöne Marie.
    »Oh! Ja, da bist du«, sagte die Alte und versuchte vergeblich, zu lächeln.
    Marie Häussler lachte, und ihr Kind, welches glaubte, es sei etwas zum Lachen
vorhanden, lachte auch; aber Hanne Allmann wischte sich den kalten Schweiss von
der Stirn. Es entstand wieder eine Pause in der Unterhaltung, bis die Alte es
nicht länger aushielt und sich zu der Bemerkung aufraffte: »In Krodebeck lässt es
sich auch leben!«
    Da griff die schöne Marie im höchsten Fieber, in Wut und Angst ihre
Bettdecke mit beiden Händen, als müsse sie etwas zerreissen.
    »Und sterben lässt es sich auch da, und das ist das beste! He, alter Uhu,
alte Hanne, wo sind die Maulschellen, die Ohrfeigen, welche du mir einst
versprochen hast? Jetzt könntest du die alten Schulden zahlen! Komm heran,
schlage mich - komm, schlage mich tot! Jawohl, du musst es wissen, wie es sich in
Krodebeck leben lässt!«
    Jetzt lachte die kleine Antonie nicht mehr, sondern zeterte hellauf.
    »Mein Kind! Mein Kind!« rief die Mutter. »Hanne Allmann, das ist mein Kind,
und es und mich haben sie auf dem Schinderkarren nach Krodebeck geschleppt, und
es soll da leben, und ich soll da sterben. Hanne Allmann, vergib mir; ich kann
in meinem Leben nicht wieder in der Gasse hinter dir herrufen. Vergib mir!
Schlage mein Kind nicht! Schrei es nicht an! Um Jesu Christi willen, ich bitte
dich um Vergebung!«
    Für einen anständigen Menschen gibt es nichts Unangenehmeres, als um
Verzeihung gebeten zu werden. Die braven Leute werden in solchen Fällen ungemein
nervös dem Bittenden gegenüber. Sie liefen am liebsten weg, um dieser heissen
Hand, die ihnen nach der Gurgel greift, zu entgehen, und sie fühlen einen Druck
auf der Seele, ein vages Schuldbewusstsein, welche ihnen den Standpunkt in jeder
Weise verrücken. Der arme Sünder weiss dies gewöhnlich ganz klar und nimmt,
seiner Last erledigt, seinen Standpunkt vollkommen danach. Edlen Leuten, die
sich mit Vergnügen um Verzeihung bitten lassen, braucht eigentlich niemand, und
sei es der ärgste Bösewicht, dieses Vergnügen zu bereiten.
    Hanne Allmann, welcher der Fall zum erstenmal in ihrem Leben begegnete,
geriet ausser sich. Es wurde ihr schwarz vor den Augen, sehr schwarz; sie
seufzte, sie stöhnte, und jeder dritte Physiognomiker hätte voraussagen dürfen,
dass sie sich im nächsten Augenblick auf die schöne Marie stürzen würde, um die
verspätete Züchtigung vollkräftig nachzuholen und zum Anfang wenigstens ihr die
Augen auszukratzen und die Haare auszuraufen. Wir aber wissen, dass dies nicht
der Fall sein konnte, sondern dass sie jetzt nur noch etwas tiefer in sich die
ganze Kleinheit des armen Geschlechtes der Menschen verspürte.
    Sie hob das Kind von dem Schemel am Fenster herab und humpelte, die Hand
desselben haltend, zu dem Lager der Kranken, sah ihr zum erstenmal genau und
ohne zu zucken in das Gesicht, setzte sich neben dem Bette nieder und sagte:
    »Sei nur still, Marie. Jag einem nicht solch einen Schrecken ein; - wir
wollen schon miteinander auskommen.«
    Und weil sie so ein altes Weiblein war, das stets ganz allein und ganz
zuunterst in der Weltgeschichte gelebt und seine einzigen und besten Freunde
unter dem lieben Vieh hatte, so wusste sie wirklich und wahrhaftig nichts weiter
zu sagen. Nachher brachte sie ganz leise die kleine Antonie zu Bett und kroch
selber unter ihre Decke und wartete die ganze Nacht mit einem sonderbaren Summen
und Singen im Gehirn auf eine grosse Erleuchtung. Es kam aber nur mit dem neuen
Morgen eine Vision; doch auch diese war nicht zu verachten unter so bewandten
Umständen.
 
                                 Achtes Kapitel
Mancherlei, und zwar seit uralten Tagen, wusste das Dorf Krodebeck und mit ihm
das Siechenhaus von den Leuten zu erzählen, die von dem Gebirge zu ihnen
niederstiegen, und das Siechenhaus hatte vielleicht die meisten und
wunderlichsten Sachen berichtet, wenn Türen und Wänden die Zungen gelöst werden
könnten. Bergleute und Vogelhändler, Kienrusshändler und Kohlenhändler, Jäger und
Spielleute zogen durch den Ort und hielten, und zogen durch und hielten an seit
mehr als tausend Jahren. Ihr Weg ging meistens immer weit nordwärts und den
grossen und reichen Städten der Ebene zu, ja oft sogar über das Meer hinaus zu
den fremden Völkern, und ganz selten ohne Zweck und Grund. Es schlägt manch ein
Fink in der Stadt London, welcher am alten Brocken aus dem cheruskischen Nest
genommen wurde, und manch ein munterer Kanarienvogel singt vor ausländischen
Ohren das Lied, welches ihm zu Zellerfeld und Andreasberg vorgepfiffen wurde.
Wie die Singvögel reisen aber auch die Bäume. Bis hoch hinauf oder vielmehr tief
hinab an den Strand der Ostsee und die Nordsee entlang flammt die herzynische
Tanne am Weihnachtsfest. Harzknaben führen sie bis zur Eisenbahnstation, und der
Dampfwagen bringt heutzutage den Kindern in Stettin die Freude und Poesie ihrer
schönsten Feierstunde. Die Krodebecker sehen die Vögel und die Bäume
vorüberziehen, und wenn die Träger, die Wagen und Schlitten vor dem Kruge
anhalten und die klugen und unternehmenden Handelsleute sich durch einen Trunk
für das fernere gute oder böse Wetter stärken, so erkundigen sie sich gern nach
dem Wetter und den Wegen »da oben« bei den Leuten und geben ihnen vielleicht
auch, wenn sie recht guter Laune sind, ein freundlich Wort mit auf die Reise.
Was aber durch Krodebeck nordwärts zieht, das muss an dem Siechenhause vorüber,
und die meisten aus dem fahrenden Volk haben eine Neigung, ein Verständnis, ja
manchmal sogar durch die Verwandtschaft daheim eine gewisse brave, aber
klägliche Achtung für dasselbe. Die meisten stehen in einem viel abhängigern,
erniedrigenderen Verhältnis zu dem Siechenhaus als das liebe Vieh, welches
gleichfalls daran vorüberzieht.
    Übrigens, wenn in früheren Zeiten das Gebirge unheimliche, schlimme
Gesellen: Schafdiebe, Wilddiebe und Diebe und Räuber, die womöglich alles
mitnahmen, in die Ebene herniederschickte, so sieht auch der heutige Tag und die
Nacht, welche demselben folgen wird, sonderbares Volk genug, welchem der Bauer
trotz der guten Polizei, trotz Kirche und Schule nicht über den Weg traut und
welchem auf den einsameren Gehöften kein Hausvater gern ein Nachtlager in seiner
Scheune oder auf seinem Heuboden gestattet. Auch in dieser Hinsicht könnten die
Wände des Siechenhauses von Krodebeck von manchem späten Gast erzählen, der
verstohlen hinter den Hecken und Zäunen heranschlich, leise pochte oder pfiff
und zu jeder Stunde der Nacht Einlass erhielt, ohne dass der Baron, der Pfaff oder
der Bauernvorsteher vorher Wanderbuch und Pass, die Moral und die Taschen visiert
und visitiert hatten. Das war auch noch zu den Zeiten der Hanne Allmann
vorgekommen. Wie die Wände hätte das alte Weib davon erzählen können, welchen
kuriosen Besuch der lahme Peter, die blinde Kölkenbecksche und der Trippel-Brand
bekamen und was für ein gutes und nahrhaftes Leben es dann und wann im
Armenhause gab. Da brotzelte freilich mancherlei auf dem Jammerherde, was in
einen andern Topf oder an einen andern Spiess gehörte, und zu manchem wackern
Trunk kam das Siechenhaus nicht auf dem richtigen Wege.
    Die Alte im Siechenhaus spricht sowenig davon als die Wände. Sie duckte sich
damals, wenn es draussen im Nebel und der Finsternis pfiff oder wenn es am
Fenster kratzte und hustete, scheu nieder und verkroch sich unter ihrer Decke.
Wenn jedoch die Tür sich wieder hinter dem späten Besucher geschlossen hatte und
der heimliche Jubel oder Geschäftsaustausch anhub, dann verstopfte sie beide
Ohren mit den Händen, um sowenig als möglich von den Verhandlungen, den Zoten
und Schelmenliedern zu vernehmen. Sie hörte trotz der verstopften Ohren genug
davon, um das Dorf, die Pfarre und den Gutshof durch Kundmachung in die grösseste
Aufregung zu versetzen; allein niemand durfte es ihr verdenken, dass sie nichts
davon laut werden liess; weder vor Junker, Pfaff und Bauerschaft wäre das nicht
ohne Gefahr und gewisslich nicht ohne die beschwerlichsten täglichen und
stündlichen Martern, Unbequemlichkeiten, Quälereien und Kränkungen für sie
abgegangen. Und jetzt - in den ruhigeren Tagen und seit der Zeit, in welcher sie
allein das Armenhaus bewohnte, hatte es für sie weder Sinn noch Nutzen, die
alten Geschichten wieder aufzurühren und andern Leuten zum Spass oder zur
Verwunderung das vergangene Gruseln und den alten Ekel wachzurufen. Ebensowenig,
doch aus einigen andern Gründen dazu, sprach Jane Warwolf, die jetzt, das heisst
seit drei Uhr morgens, im Anmarsch auf Krodebeck war, von den alten Geschichten
und vergangenen Zeiten, es müsste denn sein im grössesten Vertrauen und im
heimlichsten Zusammenhocken mit Hanne Allmann.
    Um die Zeit, in welcher die Gutsfrau auf dem Lauenhofe aus dem Bett fuhr,
fuhr auch die Frau im Siechenhause aus dem einzigen Schlummerstündchen auf, das
ihr in dieser Nacht zuteil geworden war und in welchem sie eine Vision von einem
alten grauen Unterrock, aus dem sich vielleicht ein Unterröckchen für das Kind
der schönen Marie machen liess, gehabt hatte. Die abbröckelnden Wände der Hütte
hätten kaum von einem behaglichern und zugleich leichter in die Wirklichkeit zu
übertragenden Traum berichten können; doch die Wirklichkeit kratzte längst schon
wie ein verhungernder Hund an der Tür, und lange ehe der erste Sonnenstrahl über
den Horizont schoss, war Hanne Allmann auf aus dem Stroh und in den Kleidern. Die
schöne Marie schlief um diese Zeit zuerst ruhiger, während das Kind, welches
sich durch nichts hatte stören lassen, ruhig weiterschlief.
    Unhörbar schlich das Mütterchen umher, die armselige Ausstattung der Wohnung
in Ordnung zu bringen. Erst als dieses geschehen und für jetzt nichts mehr zu
schaffen war, warf sie einen Blick aus dem Fenster in die stille Frühe und auf
die dämmerige leere Landstrasse nach beiden Seiten hin, doch ohne das Fenster zu
öffnen. Leise kam sie sodann zurück und sah auf die beiden Schlafenden, auf die
wegemüden Wanderer, die das Schicksal von dieser staubigen grauen Strasse in ihr
betrübliches, dumpfes, enges Reich geworfen hatte. Sie blickte von der Mutter
auf das Kind und wog Tod und Leben wie je eine Norne unter dem Zeitenbaum am
Urdarborn. Jetzt war sie wieder allein, ungestört und ruhig. Die Zweige und
Blätter der grossen, geheimnisvollen Wunderesche rauschten leise ob ihrem Haupte,
und die Verheissung einer noch tiefern Ruhe, eines noch tiefern Friedens war in
diesem Rauschen. In dieser stillen Stunde überwand sie den grossen Schrecken, die
schlimme Angst in ihrer Seele vollständig und gewann einen Sieg, dessen sich
kein noch so berühmter Held hätte zu schämen brauchen: sie trat ein für das
Leben, wie schwer ihr Wunsch sie auch nach der andern Seite hinüberziehen
mochte.
    »Oje, was lacht das Kind im Schlaf?« murmelte sie. »Guck einer, dem ist's
noch einerlei, wohin es die Welt schob und was aus ihm werden mag. Ei, ei, hat
das der liebe Gott noch auf meine alten Tage mit mir im Sinne gehabt? Guck,
Hanne Allmann, das hättest du gestern um diese Zeit wohl nicht gedacht, dass er
dir vor deinem End noch einen Sarg und eine Wiege zu versorgen geben würde.«
    Sie hatte vorhin in der Hast ihre Strümpfe umgewendet angezogen und schob's
zum grössten Teil darauf, dass ihr die Sache jetzt so leicht erschien; aber was
auch die Meinung der Nation darüber sein mag, wir haben jetzt von dem grössern
Trost zu berichten, der nun vom Harz her heranmarschiert war, und zwar unter
einer Form und Gestalt, welcher die meisten scheu ausgewichen wären.
    Mit dem ersten Strahl der Sonne, als auch das Dorf sich schon regte, doch
der Tau noch in voller Frische an Blatt, Gras und Spinngeweb haftete, klopfte
dieser Trost an das Fenster des Siechenhauses und sah hinein - ein braun,
runzlig Altweibergesicht, mit Stoppeln um das Kinn und Stoppeln um die
Mundwinkel, gefurcht gleich einem übelgepflügten Ackerfeld, mit schneeweissen
Augenbrauen, doch vollem, rotbraunem Hauptaar, das nach cheruskischer Sitte
nach dem Hinterkopf hinübergezogen und in einen Knoten geschlungen war, mit
grauen tiefliegenden Augen, die früher noch schärfer gesehen haben mochten, aber
auch jetzt noch jedenfalls ihren Weg klar vor sich sahen!
    Dieses war Jane Warwolf, und als die Alte in der Hütte ihr Gesicht am
Fenster erblickte, verklärten sich ihre Mienen, und mit einem Ausruf der Freude
humpelte sie wieder dem Fenster zu.
    »Glück auf, Hanne!« rief die Alte draussen, ungeduldig einen kurzen Wirbel an
den Scheiben trommelnd.
    »Still, Jane, sie schlafen!« flüsterte Hanne Allmann mit einem Blick über
die Schulter auf die schöne Marie und das Kind. Im nächsten Augenblicke stand
sie vor der Tür, und wie die eine Hexe nun der andern die Hand schüttelte und
die Zahnstumpfen zeigte, da mochte die rote Morgensonne ihre helle Freude an den
beiden haben.
    Die wandernde Frau war vielleicht nur um zehn Jahre jünger als die Frau aus
dem Siechenhause, allein obgleich sie jetzt unter einer schweren Last gebückt
stand, so sah man doch, dass sie sich in jedem Augenblick hoch genug aufrichten
konnte. Und obgleich sie sich schwer auf den hohen Weissdornstock mit der
künstlich geschnitzten Knopffratze stützte, so unterlag's doch nicht dem
geringsten Zweifel, dass sie im Notfall mit ebendiesem Stabe tüchtig
dreinschlagen würde. Auf dem Rücken trug sie ihre Harzkiepe voll hölzernen
Geschirrs, voll Löffel und Teller und Kinderspielzeug und trat damit jedermann
frei unter die Augen. Auf dem Grunde des Tragkorbs jedoch führte sie einige
Flaschen, welche sie bedächtig den Augen der hohen Medizinalbehörden entzog. Sie
entielten sehr gesunde Tränke, erprobt seit Jahrhunderten gegen die
mannigfaltigsten Gebresten des Leibes, und konnten sich den zu Goslar gebrauten
nach Heilkraft und Wohlgeschmack kühn an die Seite stellen.
    »Da bist du! Und willkommen bist du wie ein Mairegen!« rief Hanne.
    »Glück auf, junge Frau!« wiederholte Jane »Freilich bin ich da, und den
ganzen Weg von Wildemann her hab ich mich auf dies alte Drudengesicht gefreut;
und richtig, ein Gesicht macht sie wie der Uhu vor dem Blitz - ganz wie ich's
mir vorstellte, und ganz und gar nichts hässlicher. Nanu nur lustig! Wie steht's
im flachen Land? Was macht Bratpfanne und Kuchenblech im Armenhaus zu Krodebeck?
Aber nun sag einmal, Hanne, wie steht's denn mit unserer Reise? Raus aus der
Schüchternheit! Sie werden allgemach ungeduldig da oben auf dem Blocksberg. Sie
recken nun schon manch liebes Jahr die Hälse nach uns, und länger als bis zur
nächsten Walpurgisnacht wollen sie unter keinen Umständen warten. He, he, Hanne
Allmann, wie ist's mit dem Besen und der Ofengabel? Und wer geht noch mit aus
euerm Dorf? Jaja, ich habe da eben im Vorbeihinken mehr als einen Schornstein
angesehen; da kann man sich schon freuen auf das nächste Auffahren. Es werden
wenige Besen in der Nacht in Krodebeck zurückbleiben, und wer von den Gevattern
einer Ofengabel benötigt sein sollte, der wird dann wohl danach ein wenig
bergauf zu steigen haben.«
    Die alte Hanne duckte sich auch unter diesem Redestrom und liess ihn über
sich hinschiessen. Sie wusste, dass die alte Jane sich aussprechen müsse, wenn sie
angefangen hatte zu sprechen. Erst als die wandernde Frau ihre Last auf dem
Rücken zurechtschob, nahm sie das Wort in der eintretenden Pause oder versuchte
wenigstens, die Rede auf etwas anderes zu bringen.
    »Von Wildemann kommst du, Jane?«
    »Von Wildemann? Hab ich das gesagt, dann wird's freilich wohl seine
Richtigkeit damit haben. Aber wo bin ich gewesen! Rund um den Erdball herum in
der schlechten Welt in diesen letzten vierzehn Tagen! Oben und unten! In
Rübeland und in Wernigerode, in Harzburg, Ilsenburg und in Klaustal, in Goslar
und in Wieda, in Sachsa und in Walkenried - als ob es bei unsereinem darauf
ankäme, woher er käme und wohin er ginge! Das Volk bleibt überall gleich, und
Hunger und Durst hat man überall umsonst; die Hunde hängen sich einem überall an
den Rock, und die hölzernen Bänke wollen mein Lebtage zu keinen seidenen
Polstern unter mir werden. So will ich denn den Weg mal wieder ins Platte
nehmen; das ewige Bergauf, Bergab kriegt man endlich auch satt, und es hat's
nicht jeder so gut wie die gnädige Frau vom Siechenhaus zu Krodebeck. Ja
freilich, die Hanne Allmann kann es mitansehen! Die sitzt hier in Saus und Braus
und wartet im Lehnstuhl auf ihre Zeit und lacht auf dem Stockzahn und ziert
sich; denn sie hat's schriftlich, dass der Junker mit der roten Feder endlich
doch einmal vierspännig vorfährt, um sie durch die Lüfte mit sich zu nehmen.«
    »Man könnte dir trotz aller Freundschaft gram werden, wenn man dir auf dein
Maul nicht ein gut Stück zugute täte! Nun sage, wohin geht der Weg jetzund? Und
wenn du alles los bist von der Seele, so höre an, was ich dir zu sagen habe.«
    »Wohin der Weg jetzund geht? Nach Braunschweig zur Sommermesse. Als ob
dieses sich nicht von selber verstände! Hannchen, Hannchen, etwas mehr Einsicht
in den Handel mit hölzernen Löffeln wäre dir doch zu wünschen! Aber still - nun
horch, junge Frau, jetzt kann dein Glück blühen, wenn du wenigstens Verstand und
Einsicht genug auftreiben kannst, um den richtigen Wunsch aus dem Bettelsack
hervorzuholen. Ich habe mir nunmehro fest vorgenommen, dir mitzubringen, was
dein Herz begehrt, und sollt's mich eine Million in barem Gelde kosten. Für alle
sechs Nullen darfst du dir was wünschen, nur mit der nichtsnutzigen Eins davor
musst du mir aus alter Liebe, Freundschaft und Gefälligkeit vom Leibe bleiben.
Das wäre also gesagt, und da ich dein dankbares Gemüte kenne, so komme ich auf
etwas anderes und stelle die höfliche Frage: was kosten die Zichorien in
Krodebeck, und was hat der hochgelobteste Gemeinderat fürs erste Frühstück im
Korb ohne Boden, im Hotel zum Falschen Mariengroschen ausgeworfen?«
    »Komm herein, du sollst dich wundern!« rief Hanne Allmann.
    »Das wird mir lieb sein; denn so leicht wundere ich mich über nichts mehr in
der Welt. Aber weisst du, Hannchen, umsonst nehme ich nichts an - unter keinen
Umständen! Dafür hat mein seliger Herr Vater gesorgt - der trug ein ganzes,
wirkliches und wahrhaftiges Bergwerk auf dem Rücken mit allen Silbergängen und
Goldgängen und wurde ein reicher Mann dabei, wie du weisst, dass er mit seinem
Mammon von Tür zu Tür zog und grosses Aufsehen erregte.«
    »Dieses ist wahr, und er wusste wahrhaftig gut dazu zu reden, Jane.«
    »Und das Kupferbergwerk trug er in seiner Tasche - das war ein Mann, Hanne -
und ich bin seine Tochter, Hanne, und habe von ihm gelernt, was sich schickt und
womit man sich den Leuten am angenehmsten macht. Es wär doch auch eine rechte
Schande, sich lumpen zu lassen, wenn man ganz Peru und Paphlagonien auf dem
Buckel mit sich herumschleppt!«
    »Nun höre sie einer an! Wo sie nur all die grausamen und gelehrten Worte
herkriegt? O Jane, Jane, jetzt lass aber auch mich einmal sprechen!«
    »Alter Schatz, du tust ja nichts anderes seit einer Viertelstunde, und es
scheint dir nur ein heimtückischer Spass, dass ich dir währenddem mit Jammer und
Klage den Sehnsuchtswalzer um eine Tasse Kaffee vorpfeife.«
    Hanne Allmann, fast zum Äussersten gebracht, fasste die Schwätzerin an der
Schulter und flüsterte ihr einige Worte ins Ohr. Da horchte Jane Warwolf denn
doch hoch auf und stiess mit dem Wanderstock einige Male ziemlich fest auf den
Boden. Dann liess sie, wenn auch nicht den Sehnsuchtswalzer, so doch einen
langen, bedeutungsvollen Pfiff hören und trat der alten Gastfreundin nach über
die Schwelle des Siechenhauses von Krodebeck - ein ganz anderes Weib, als wie
sie sich bis jetzt gezeigt hatte.
 
                                Neuntes Kapitel
Mutter und Kind schliefen noch immer. Sie hatten nichts von der oft ziemlich
lauten Verhandlung der beiden Alten vor dem Fenster und der Tür vernommen. Hanne
ging noch immer auf den Strümpfen, aber Jane Warwolf trat fest auf; das lachende
lustige Gesicht war zu einem fast bösen und zornigen geworden, und sie murmelte
mehr als ein Wort, welches die schöne Marie Häussler besser nicht vernahm. Das
alles hatte wohl seinen Grund; denn Jane Warwolf hatte nicht zum erstenmal für
die Freundin eintreten und das Gebiss zeigen müssen. Sie hatte die arme Hanne vor
Schulz, Schulmeister und Pastor, vor den Bauern, ihren Weibern und Kindern unter
ihre Flügel genommen und sie mit grossem Gegacker verteidigt: sie versah sich
natürlich von der schönen Marie nichts Gutes und hatte sich schnell vorgenommen,
sich von Anfang an auf den richtigen Standpunkt ihr gegenüber zu stellen. Auf
dem kurzen Wege von der Tür bis zum Bette der Schlafenden spiegelte ihr die
Phantasie einen ganzen Reigen von zukünftigen Katzbalgereien der muntersten und
hitzigsten Art vor, und so fasste sie ihren Stab fester und handgerechter und
schnitt ein Gesicht, scheusslicher als das, welches den Knopf dieses braven
Stabes bildete. Am liebsten würde sie die schöne Marie durch eine tüchtige
Tracht Prügel erweckt haben, und vor nicht sehr langer Zeit wäre dieses
sicherlich auch die zweckmässigste und wohltätigste Art des Morgengrusses gewesen.
Die schöne Marie verdiente leider recht häufig als erste Begrüssung noch etwas
viel Eindringlicheres, wenn sich solches hätte ausfindig machen lassen.
    Doch die Sonne war nun auch schon wieder höher gestiegen, und herrlich war
der Morgen. Freudig schimmerte das Gebirge in der Ferne, und freudig glänzten
die nahen grünen Hügel und Wälder von Krodebeck. Dass die Vögel in den Bäumen und
den Lüften diese gute Gabe eines neuen, anscheinend regelrechten Sommertages
besser würdigten und jedenfalls dankbarer empfingen als die Menschen, konnte
keinem Zweifel unterliegen, und dass es kaum noch nützt und ergötzt, sich eines
weitern darüber zu verbreiten, unterliegt noch weniger einem Zweifel.
    Aber die Sonne kam in demselben Augenblick durch die niedern Fenster in dem
Siechenhause zu Krodebeck an, in welchem die zwei alten Weiber über die
Stubenschwelle traten, und das war nicht ohne Einfluss auf den Verlauf unserer
Geschichte. Es ist immer ergötzlich und nützlich, es ist immer schön, wenn das
Licht, wenn die Sonne sich irgendwo einmischt, und sie weiss das auch und tritt
jedesmal lachend im richtigen Moment hervor bei Krönungszügen,
Denkmalsentüllungen, Paraden und so weiter. Da verkriechen sich die
Regenschirme, die Begeisterung der Menge steigt, die hohen und allerhöchsten
Herrschaften lächeln, und die Sonne lacht sowohl über die hohen und
allerhöchsten Herrschaften wie über den Pöbel und die Berichterstatter.
    Die Sonne traf das Haupt der höchsten Herrschaft, welche in dieser
Geschichte erscheint, das Haupt Antonie Häusslers; und das Kind lächelte
ebenfalls, als Jane Warwolf sich nunmehr über es beugte und es aufmerksam
betrachtete.
    »Hm! Hm!« machte Jane und warf einen erstaunten Seitenblick auf Hanne
Allmann.
    »Ich hab es auch gesehen«, flüsterte Hanne. »Man findet es nicht zum
zweitenmal in Krodebeck. Ich habe es vorhin eine Stunde angesehen und doch nicht
genug gehabt, und - die Sonne allein ist nicht schuld daran.«
    Jane richtete sich wieder empor und zog die weissen Augenbrauen von neuem
zusammen:
    »Ihre Mutter war auch hübsch genug in der Wiege! Jetzt lass mich die sehen!«
    Sie trat an das Bett der schönen Marie und blickte finster auf sie nieder.
Nach einigen Augenblicken forschender Prüfung schob sie einige Haarflechten,
welche der Kranken über die Stirn gefallen waren, von ihr zurück. Dann lehnte
sie leise ihren Stock an den Bettpfosten, dann zog sie die Arme und Schultern
aus den Tragriemen ihrer Last und setzte dieselbe mit Hülfe Hannes ab; dann
setzte sie sich selber auf den Schemel neben dem Bette, stützte den Ellenbogen
auf das Knie und das Kinn in die Hand; endlich sagte sie:
    »Hanne Allmann, ich habe mir die Sache deinetwegen schlimmer vorgestellt,
als sie sich jetzo ausweist; wir wollen deshalb nicht weiter gehen, als recht
ist und wie wir vor Gott verantworten können. Nämlich so meine ich: wir haben
schon manchen und manche mit solchem Gesichte, wie diese hier, gesehen, und wie
mir deucht, kam jedesmal alles auf dasselbe Ende hinaus, nämlich zur Tür hinaus,
die Füsse voran. Also, Hanne, habe Geduld; einen weichen Sitz im Himmel hast du
dir bereits erworben, nun kannst du dir ein Fusskissen zu noch grösserer
Bequemlichkeit dazuverdienen. Ich halte mir viel vorgenommen mit ihr und hätte
ihr meine Meinung deutlich genug machen wollen; aber nun fehlt mir doch das
Herz, zumal da es doch nichts hilft als zu einem Zank am Sterbebett und - das
fehlte mir gerade noch. Jaja, Hanne Allmann, heute rot, morgen tot - Schönheit
vergeht, Tugend besteht - und wie die Narreteien sonst alle heissen bei ähnlichen
Gelegenheiten. Ich wollte dir mit Vergnügen eine von meinen gesunden Flaschen
für sie zurücklassen; doch das ist nur etwas für die Gesunden. Hätten wir die
Lisabet aus Elend hier, so möchte die vielleicht genauer sagen können, wie
lange die arme Kreatur es noch machen wird; dass dahingegen der lahme Bock von
Hüttenrode gestern nachmittag mit seiner Weisheit und seinem Schubkarren voll
Apotekenkräuter seitwärts abschob, ist durchaus kein Schaden. Also, sage ich,
halt sie nicht zu warm und gib ihr klares Wasser zu trinken, soviel sie begehrt.
Hm, Wasser und Erde, daraus entstehen alle Dinge, und alle Dinge haben darin ihr
Ende, wes halben es auch kein Fieber gibt, welches sich nicht mit Wasser oder
aber mit dem Grabscheit verheilen lässt. Das wäre denn genug gesagt über die
schöne Marie; was jedoch die hübsche Krabbe da anbetrifft, so hat die freilich
und wahrscheinlich einen längern Weg vor sich als die Mutter; aber was das beste
für sie wäre, wer mag das sagen?!«
    »Still!« flüsterte Hanne Allmann. »Sie erwacht! Jetzt sei still und sei gut;
- die Marie Häussler wacht!«
    Die Warwölfin nickte, und die schöne Marie richtete sich in der Tat auf und
warf verstörte, verwirrte Blicke umher. Erst suchte sie angstvoll ihr Kind mit
den Augen, und dann sah sie schier noch angstvoller in die beiden
Altenweibergesichter.
    »'s ist die Jane aus Hüttenrode, die Jane Warwolf, erschrick nur nicht!«
sagte Hanne. »Guten Morgen, Marie, das Kind schläft wie ein Engel, und auch du
hast noch einen guten Schlaf gehabt.«
    »Glück auf, Mariechen!« rief Jane. »Da sind wir richtig wie der einmal und
empfehlen uns höflichst. Gib mir die Hand, ich beisse nicht. Halt den Kopf in die
Höhe, Mädchen; wer in der Welt leben will, muss was ausstehen können.«
    »War das ein Schlaf und Traum, oder ist mir das wieder passiert, was ich
eben erlebte? Ja richtig, ich habe wirklich geschlafen; ach, Gott behüte euch
alle vor solchem Schlafen!«
    »Sieh, Mariechen, da liegt deine Puppe. Die gefällt mir recht, und du kannst
wohl stolz auf sie sein. Kennst du mich nicht? Ich bin wirklich die Warwölfin
aus Hüttenrode und hatte mir vorgenommen zu beissen, habe mich jedoch anders
besonnen; also gib mir die Hand und kümmere dich nicht um die vergangenen
Zeiten.«
    »Ja, Marie, tu es!« sagte auch Hanne Allmann. »Jetzt koch ich uns einen
Kaffee, und die Jane setzt sich derweilen zu dir und unterhält dich als ein
Frauenzimmer, das auch in der Welt herumgekommen ist und Bescheid weiss in vielen
Dingen, die unsereinem zu hoch im Siechenhause zu Krodebeck sind.«
    »Hussa, sie traktiert!« rief Jane Warwolf. »Juchhe, jetzt wird's schön in
der Welt! Sie traktiert wirklich und wahrhaftig; nimm meine dumme Kompanie an,
Mariechen, wir wollen ihr um eine Million nicht in den Weg laufen bei so
lieblichen und schenerösen Absichten.«
    »Wecke mir nur das Kind nicht«, sagte die alte Hanne und ging zu ihrem Herd,
um das Frühstück, so gut es sich tun lassen wollte, zuzubereiten. Mit Hülfe
derer von Lauen aber liess es sich ziemlich gut tun.
    Die Jane aus Hüttenrode blieb neben dem Lager der schönen Marie sitzen und
unterhielt sie in der Tat als eine weltgewandte, weitgewanderte, welterfahrene
Frau auf das angemessenste und anmutigste.
    »Das hätte ich freilich nicht gedacht, dich hier zu finden, mein Mädchen,
als ich vorhin in das Fenster guckte. Ehrlich gestanden, die Überraschung war
anfangs grösser als die Freude; doch - ärgere dich nur nicht, bei besserer
Besinnung findet man wohl das richtige Mass und legt nicht alles und jedes übers
Knie wie einen unnützen Buben, zumal wenn man weiss, dass es doch zu nichts
hilft.«
    »Nein, es nützt zu nichts!« sagte die schöne Marie in einer Weise, welche
eine Pause in der Unterhaltung unbedingt nötig machte.
    Erst nach einem minutenlangen Stillschweigen fing die Warwölfin ganz
verschüchtert und mit viel gedämpfterer Stimme von neuem an:
    »Ich hab einen Bruder gehabt, der kam auch so ähnlich aus der Welt heim, und
ich bin zuletzt doch ganz gut mit ihm fertig geworden. Aber der hatte zu
Wolfenbüttel im Zuchtause gesessen - fünfzehn Jahre hatte er da gesessen. Und
fünf Jahre haben sie ihm geschenkt wegen mildernder Umstände oder weil sie
dachten, dass sie ihn doch wohl lange genug festgehalten hatten; aber das nützte
ihm nicht viel mehr; denn nachher sass er nur noch eine kurze Zeit im Winkel, sah
niemanden an, brummte in den Bart und starb. Die Zuchtausjacke war ihm auf dem
Leibe festgewachsen, und als man sie ihm auszog, ging die Haut mit, ihn fror
gottsjämmerlich, und so starb er.«
    »Was hatte er getan?« fragte Marie Häussler.
    »Nun, es war solch eine Busch- und Berghistorie drüben im Okertal an den
Arendsberger Klippen. Du kennst uns ja, Kind! Frischauf zum fröhlichen Jagen!
weisst du. Einer der Jägerburschen vom Arendsberg holte sich dabei die Brust und
Lungen voll groben Schrotes und verblutete sich in den Tannen. Nachher ging denn
die Jagd erst recht an, und meinen Bruder fingen sie unter der Harzburg, als er
zur Eisenhahn herunterkletterte. Es waren noch andere dabeigewesen; allein die
hatten mehr Glück, und das ist die Moral von der Geschichte: aufs Glück kommt's
an in allen Dingen, Marie Häussler, und du hast auch wenig davon gehabt, also lass
dir keine grauen Haare um das wachsen, was hinter dir liegt.«
    »Ich lasse mir keine grauen Haare wachsen, Warwolfsche!« rief die schöne
Marie, eine ihrer braunen Haarflechten von dem Kissen aufhebend und sie durch
die Finger ziehend. »Das ist echte Farbe, dem Spuk darunter zum Trotz. Zum
Verbleichen wird jetzt die Zeit nicht mehr langen, und darum gräm ich mich
nicht, Jane Warwolf. Ich habe auch noch keinen gefunden, der mich auf einen
andern Weg gewiesen hätte, und so bin ich denn aus eigenem Geschmack auf diesem
hier angekommen - aber dein Bruder hat's gut gehabt, Jane.«
    Die wandernde Frau schnob sich und schüttelte den Kopf und räusperte sich
und sah nach der Tür, als ob sie nicht begreifen könne, wo die Hanne so lange
bleibe, und als ob ihr die schleunige Rückkehr derselben sehr erwünscht sei.
    »Ich weiss, was du denkst, Jane!« rief Marie. »Du hattest dir vorgenommen,
ganz anders mit mir zu sprechen. Mit den Fingernägeln wolltest du mir zu Leibe
gehen, den Stock da wolltest du mir auf dem Rücken zerschlagen, und nun findest
du mich zu elend und jammervoll dazu, und mein hübsches Kind in seinem Schlaf
hat dir auch gefallen, und nun bist du wie einer, der sich nach einem Brett
umsieht, um es über den schmutzigen Bach zu schieben, dass er drüber weg kann.
Lüge nicht - es ist so!«
    »Ich lüge nicht; du hast recht, Marie Häussler, und ich meine, ich hätte auch
mein Recht dazu gehabt, und der Hanne Allmann wegen ein dreidoppeltes.«
    »Ich lüge auch nicht«, schluchzte die schöne Marie: »denn das ist nur vor
Gericht meine Art gewesen, wenn sie alle zusammen auf mich eingeschrien haben
und ich allein gegen so viele stand. Wenn ich Reue hätte, so würde ich es sagen
und dein Mitleid annehmen; es ist aber keine Reue in mir, und so kann ich auch
dein Mitleid nicht gebrauchen. Wer weiss, was ich dir täte, Jane Warwolf, wenn
ich nicht so schwach wäre? Ich habe auch kein Mitleid mit der Welt, ich schäme
mich nur, und darüber bin ich wieder so zornig wie ein gehetzter Hirsch, der
sich gegen die erbärmlichen Hunde stellt. Das sage mir, du Alte: wozu schämt
sich der Mensch, wenn in der ganzen weiten Welt niemand ist, der's verlangt und
einem darum näher rückt?«
    »Sieh, sieh! Da hast du dein Kind zur rechten Zeit aufgeweckt, Marie
Häussler! Was fragst du mich? Da, das dort frage - das weiss dir vielleicht eine
Antwort zu geben. Glück auf, klein Mädchen! Guck, wie das mit den Augen den Mund
aufsperrt! Lustig, du Kobold, der Kaffee kommt gleich, und die Sonne scheint auf
das Dach des Siechenhauses zu Krodebeck.«
    Das Kind streckte die Hände nach der Mutter aus und lachte hell und
freundlich, aber die Mutter fuhr zusammen über den lustigen Ruf. Zugleich
verkniff sie die Lippen in einer Weise, die jeden tüchtigen Kriminalrichter
nachdenklich gestimmt haben würde und der alten Jane Warwolf, welche gleichfalls
ein Stück von einem Kriminalrichter in sich hatte, keineswegs entging. Der eine
hätte den Zug wahrscheinlich ins Debet geschrieben, die andere trug ihn
unbedenklich im Kredit ein: wir, die wir hier bloss nüchtern niederschreiben, was
geschah und was gesagt wurde, wir melden einfach, in welcher Weise die schöne
Marie nach dieser Unterbrechung durch das Erwachen der kleinen Antonie fortfuhr,
und überlassen jedem Leser seine eigene, wohlerwogene Entscheidung.
    »Du Feind«, schrie die schöne Marie die Alte an »siehst du, dass du mich doch
schlagen und mit den Zähnen fassen musstest! Ich habe es wohl gewusst, du
Teufelin, dass du nur deshalb herzugeschlichen bist! Lache ihr nicht zu, Tonie,
sie wird dir zunicken, um deine Mutter zu schlagen. Sieh weg, sieh weg, Tonie,
sie will deine hellen Augen gegen deine Mutter ins Gericht führen. Sieh den
bösen Feind nicht an, Kind, er wird auch dich beissen, wenn er deine Mutter
totgebissen hat.«
    Erschreckt fing die Kleine an, laut zu weinen.
    »Ach, Marie Häussler, was alles musst du erlebt haben!« rief traurig Jane
Warwolf.
    »Genug, um Bescheid zu wissen, dass niemand das Recht hat, das Kind gegen
seine Mutter zum Gericht aufzurufen!«
    »Du hast gefragt, und ich habe geantwortet.«
    Nun fing die schöne Marie an, bitterlich zu weinen, und das war gut; denn es
zeugte für die Richtigkeit der Auffassung dieses vorliegenden Falles durch die
Warwolfsche.
    Diese meinte nun:
    »Jetzt will ich dir etwas sagen, Marie. Ich bin ein altes Weib und habe
mancherlei durchgemacht, sowohl in den Bergen wie im platten Lande. Ich habe
Verkehr mit vielen Leuten gehalten, guten und schlechten, dummen und klugen, und
ich weiss, was der Mensch ist. Der Mensch ist ein armselig Geschöpf, und je
weniger man von seinen Meriten spricht, desto besser ist's. Dahingegen nützt es
aber auch im andern Falle gar nichts, wenn man ihm seine Nichtsnutzigkeiten und
Dummheiten zu oft und zu grob vorrückt. Du schämst dich nicht, Mariechen? Ich
will dir sagen, wie es ist, Mariechen! Du bildest dir ein, die ganze Welt stehe
schon tausend Jahre auf den Zehen, um dich am Schandpfahl stehen oder unter
diesem elenden Dache liegen zu sehen. Bilde dir nichts ein, Schatz, taxiere die
Bauern von Krodebeck nach ihrem Werte, ziehe sie ab von der Welt, und dann
rechne nach, wer sich um deinen Hochmut schiert.«
    »Mein Kind! Mein Kind! Ich gehe fort und kümmere mich um nichts; aber sie
lassen mein Kind zahlen, was ich verzehrt habe!« wimmerte Marie Häussler, und mit
einem schweren, schweren Seufzer sagte Jane Warwolf:
    »Ja, so hat man es freilich seit mehr als tausend Jahren gehalten!«
    Der Faden der Unterhaltung war damit abermals abgerissen, und es wurde immer
schwieriger, ihn wieder anzuknüpfen; aber jetzt ging der Alten eine neue Frage
wie ein Licht auf.
    »Du hast schon den Ritter gesehen und gesprochen, Marie?«
    »Wen?«
    »Den Herrn von Glaubigern! Den Ritter, den Ritter!«
    »Ja. Er kam und reichte mir die Hand in den Schinderkarren und ging
nebenher, als man uns hierher schob, und er hielt das Volk, als man uns ablud,
dass sie uns nicht hier hineinwarfen, mit gebundenen Füssen, wie zwei Kälber in
den Metzgerschuppen.«
    Jane Warwolf strich langsam mit der Hand über das Gesicht, und die alte,
sozusagen geniale, weltverachtende Behaglichkeit war im vollen Glanze wieder
vorhanden.
    »Nanu, du Narr, weshalb sagst du denn das nicht gleich? Na, da wollen wir
denn wenigstens von jetzt an mit mehr Seelenruhe das Frühstück und Ihro Hoheit
die Frau Erbprinzessin dieses glorwürdigen Siechen- und Armenhauses zu Krodebeck
erwarten. Es ist die allerhöchste Zeit mit dem Frühstück, dein Bergkobold dort,
Mariechen, sprengt uns sonst noch die vier Wände voneinander.«
    Das Kind hatte sich in der Tat längst in so ungebärdiger Weise in das
Gespräch gemischt, dass Jane Warwolf auch in Rücksicht auf dieses der Hanne ganz
wohlgefällig und billigend zunickte, als diese nun endlich wieder eintrat, und
zwar mit zwei dampfenden Töpfen in den Händen und einem Brotlaib unter dem Arme.
    »O du meine Güte, welch ein Aufwand!« rief Jane. »Aber für uns ist nichts zu
gut, nicht wahr, Tonie? Jetzt sperre den Schnabel nur auf; richtig, das kannst
du gradso gut wie der König von Preussen, der Kaiser von Russland und der
Vorsteher Klodenberg. Aber halt, meine Damen, eine offene Hand hat der Herr
lieb, und lumpen lässt die Warwölfin sich auch nicht. Da, klein Mädchen, da hast
du einen Löffel in die Aussteuer; bleib brav und halte ihn in Ehren, wenn er
auch nicht von Gold oder Silber ist. Da hast du auch einen, Marie; und hier habt
ihr zwei Schüsseln, alles aufs feinste geschnitzt und gedreht; weine nicht,
Marie, wann der Herr von Glaubigern jetzt anklopfte, sollt's mir auch für ihn
nicht auf einen Löffel ankommen, und wann er Hunger hätte, würde er mit Dank bei
uns niedersitzen und mitalten, ohne sich zu schämen.«
    »Von dem sprecht ihr?« rief Hanne Allmann, den wackligen Tisch gegen das
Bett heranschiebend und die schwarzen wackelnden Schemel dazu. »Von dem könnt
ihr nie genug und nicht leise genug sprechen. Ich denke immer, der hat sich aus
einer andern Welt in diesejenige verirrt und kann den Weg nicht wieder
zurückfinden und geht suchend umher und fragt sich, weiter von arm zu reich, von
Tier zu Mensch, durch Sturmwetter und Sonnenschein, und will nichts als diesen
Weg und gar nichts von dem, was an diesem Wege zu finden ist und um was sich
alles andere zankt und zerrt und mit Hinterlist wegschiebt und stösst und
schimpft und das Herz zerbricht! Da ist die gnädige Frau, die ist schon ganz
anders, und das gnädige Frölen -«
    Die schöne Marie lachte hell und böse auf, und Jane Warwolf schielte böse
seitwärts auf die alte Freundschaft und murrte :
    »Von dem sei still, Hanne, denn niemand hat dich danach gefragt. Von dem
einen kann man nicht zuviel und von der anderen nicht zuwenig reden. Du fass den
Ritter ins Gemüte, Marie Häussler, und du, Hanne, schneid Brot und schneide dich
nicht an Sachen, die dich augenblicklich nichts zu kümmern brauchen.«
    »O herrje!« seufzte Hanne Allmann und tat mit Eifer, was ihr geheissen wurde,
und alle frühstückten jetzt im Siechenhause zu Krodebeck; die schöne Marie
allein konnte wenig geniessen.
    Lächelnd sah die schöne, grosse Weltensonne ihnen zu, wie sie auch mit
auffälligem Wohlwollen und Behagen auf den Chevalier und Kürassierleutnant a.D.
Karl Eustachius von Glaubigern sah, welcher jetzo im Garten des Lauenhofes mit
der geöffneten silbernen Dose in der linken und einer Prise zierlich zwischen
dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand vor seinen Lieblingsblumenbeeten
stand, dazwischen auch wohl an das Siechenhaus und die schöne Marie darin dachte
und dann jedesmal die Augenbrauen beträchtlich höher zog und hob.
    Sie sprachen während des Essens und Trinkens nichts weiter, denn das,
nämlich die Ernährung, ist für armes Volk eine zu ernste Sache und muss mit der
gehörigen Bedachtsamkeit und Zusammenfassung aller Leibes- und Geisteskräfte
betrieben werden. Auch nach dem Frühstück hatte die wandernde Frau wenig mehr zu
Marie Häussler zu sagen. Aber sie nahm ganz zärtlich Abschied von dem Kinde und
ganz wohlwollend von der Mutter, und man fand später am Tage ein
Zehngroschenstück unter ihrer Tasse. Mit der alten Hanne Allmann hatte die Jane
Warwölfin natürlich noch ein Gespräch unter der Tür.
    »Es wird ein heisser Tag, und ich sollte schon längst auf dem Wege sein, doch
der Mensch weiss nie, was ihn am Rock zurückehält«, sagte sie. »Das hätt ich mir
heut nacht auf meinem Strohbund nicht träumen lassen, wen ich heute morgen bei
dir wiederfinden sollt. Ach, Hanne, ein Jammer ist es doch, und mit leichterem
Herzen ziehe ich nicht ab. Zwar deine Ruh und Behaglichkeit macht mir weniger
Sorge; allein eine elende Welt ist's, und die Marie tut mir leid!«
    »Und um das Kind möcht man gerad herausheulen!« sagte Hanne Allmann.
    »Ja, Madamchen, wenn das was nützte, so wollte ich gern mitelfen, wie sehr
's auch meiner Natur zuwider ist; aber ich hab noch nie gefunden, dass es anders
wirkt als auf den Magen und die Verdauung, und wenn du das bei solchen
Hungerleidern als wir eine Verbesserung nennen willst, so tu's auf deine eigene
Gefahr. Also gehe ich denn, und zwar auf den Jahrmarkt, auf die Braunschweiger
Messe mit Juden und Orgeln, mit Geigen und Meerkatzen, mit Pfeifen und
Trompeten, und die schöne Marie lass ich dir zum Sterben zurück, denn ich kann's
nicht hindern. Gib ihr klar kalt Wasser zu trinken, und das Kind das Kind halt
reinlich und frag den Herrn von Glaubigern um das Kind. Wenn ich zehn Jahre
jünger wäre, wollt ich dir's abnehmen und es auf meine Kiepe setzen und ihm der
Welt Wunder auf meine Art zeigen. Das ist nun nichts, also geh den Ritter um
sein freundliches Herz an; wann ich wiederkomme, wollen wir einen neuen
Kriegsrat halten; wer weiss, ob ich nicht von der Messe einen guten Rat darzu
mitbringe?! Es wird ein heisser Tag. - Glück auf, Hanne Allmann!«
    »Glück auf, Jane Warwolf!« sagte beklemmt die Frau vom Siechenhause und
hielt die Hand über die Augen, denn die Sonne blendete, und sah der Freundschaft
nach, wie sie auf der gelben Strasse dem Walde zuschritt. In der Hütte weinte das
Kind der schönen Marie; Hanne Allmann hatte keine Zeit, in diese wunderliche,
geheimnisvolle, weite Welt, in welche alle diese Leute hineingingen und aus der
sie zurückkamen, der alten guten Kameradin nachzudenken.
 
                                Zehntes Kapitel
In Braunschweig war in dieser Messe ein heftiges Gedränge, grosser Verkehr und
Handel; auch die Warwölfin machte treffliche Geschäfte und trieb den Handel mit
hölzernem Geschirr ins grosse. Kuriose Dinge waren zu sehen und zu hören und
wurden hell ausgeschrien vor dem Granitpostament, auf welchem nun bald die
ehernen Füsse Gottold Ephraim Lessings ruhen sollten, und viel Weisheit und
Verstand wurde hin und her ausgegeben unter den Topfweibern rund um den alten
Löwen vor der Burg Dankwarderode und unter den Glocken von Sankt Blasius. Aber
guter Rat war auch in Braunschweig auf der Messe teuer und rar, und als die Jane
aus Hüttenrode auf der Heimkehr nach ihren Harzbergen abermals durch Krodebeck
zog, da war die schöne Marie schon tot, und der beste Rat wäre in dieser
Hinsicht zu spät gekommen, was das Kind der schönen Marie anbetraf, so verliess
sich die Warwölfin immer mehr auf den Ritter, legte nur einen preussischen Taler
auf den Tisch des Siechenhauses und versprach, von neuem wieder vorgucken zu
wollen, wenn die Umstände und der Handel mit hölzernen Löffeln, Mulden und
Quirlen es gestatten würden. Sie hatte nicht einmal die Zeit, das Grab Marie
Häusslers, welches doch so dicht neben der Tür des Siechenhauses lag,
aufzusuchen. Die blauen Berge zogen sie nach dem Staub und Spektakel der Ebene
zu heftig und verlockend an, und wir haben nicht das geringste Recht, der Alten
darum gram zu werden, denn sie war eine brave Frau und tat und sagte zu jeder
Zeit, was sich schickte.
    Die schöne Marie war tot und begraben. Hanne Allmann hatte grossen Besuch im
Siechenhause gehabt, denn das halbe Dorf war gekommen, um die Leiche zu sehen,
und alle hatten ihre Bemerkungen leiser oder lauter darüber gemacht.
    Die einen sagten, es sei kein Schaden, dass das so schnell abgemacht sei, und
die anderen meinten, es sei ein Glück. Die geistlichen und weltlichen Behörden,
das Pfarramt und der Ortsvorsteher Klodenberg trugen das Nötigste schriftlich
über den Fall ein, und die Ernte des Jahres nahm ihren gesegneten Fortgang. Am
Begräbnis nahm nur der Lauenhof teil, und zwar durch den Chevalier von
Glaubigern; die Gutsfrau hatte das Leichentuch gern hergeschenkt, aber weiter
keine Zeit gehabt, sich um die traurige Geschichte zu kümmern. Adelaide Klotilde
Paula von Saint-Trouin schenkte nichts her und erschien auch nicht in Person, um
ihrem früheren Schützling die letzte Ehre zu geben. Sie schloss sich an dem
Begräbnistage in ihrem Gemache ein und beschränkte ihre Bedürfnisse auf ein
gebratenes Hühnchen, Kaffee und die Lektüre von Hufelands »Makrobiotik«; noch am
folgenden Morgen aber war sie recht grämlich, bissig und unliebenswürdig und
verlangte, dass man ihre Gefühle schone und die »unselige Person« in ihrer
Gegenwart fürs erste nicht erwähne oder gar zum Tema der Unterhaltung mache.
»Schämen Sie sich, Frölen Trine!« sagte die gnädige Frau ziemlich kurz.
    Der Herr von Glaubigern erschien feierlich und in Gala am Sarge und am Grabe
und zwang durch seine Erscheinung auch den Pastor, sich herzubemühen, welcher
jedoch nicht offiziell kam, sondern höchst ungern und sehr verlegen. Die
Grabrede hielt auch der Chevalier, und zwar ganz in der tiefsten Stille seines
Herzens; sie musste wohl sehr vortrefflich gewesen sein, denn sie rührte ihn
selber und wurde von Hanne Allmann bis in die feinsten Abschattungen verstanden.
    Ein Leichenmahl wurde nicht gehalten, denn diesmal erregten die Tränen den
Appetit nicht, wie dies nach dem Wort Jane Warwolfs häufig der Fall sein soll.
Aber der Ritter hatte noch ein langes Gespräch im Siechenhause mit der Hanne
über die kleine Antonie Häussler, und da wurde verabredet, dass das Kind für jetzt
in dem Siechenhause unter der Pflege der Frau vom Siechenhause verbleiben und
dass der Ritter Karl von Glaubigern zwischen dem Kinde und dem Dorf Krodebeck und
der übrigen Welt stehen solle. Jane Warwolf aus Hüttenrode war eben ein kluges
Weib, welches ziemlich genau wusste, wie sich die Dinge auf Erden ineinander zu
schicken pflegen!
    Der Ritter von Glaubigern stellte sich, wie es ihm beliebte; aber das
Fräulein von Saint-Trouin nahm gleichfalls seinen besondern Standpunkt ein und
behauptete denselben mit grosser Charakterfestigkeit. Es übertrug seine Abneigung
ohne Abzug von der schönen Marie auf die kleine Antonie und suchte in allem, was
das Wohl der letzteren anbetraf, dem Chevalier so hinderlich als möglich zu
sein, jedoch ohne alle Auffälligkeit. Zugleich zog es die Zügel seines
Einflusses auf den Junker Hennig von Lauen fest an und erlaubte sich immer
rücksichtslosere Eingriffe in den Teil der Erziehung des Jungen, welchen der
Ritter sich fest gesichert hielt. Es fand die humane Bildung des Schlingels
grenzenlos vernachlässigt und hielt den alten Comenius weniger als je für einen
Ersatz für das Mangelnde. Es führte den Junker häufiger als je zwischen seinem
Pompadour und dem Hündlein Peccadillo spazieren und lehrte ihn Weisheit und
Tugend auf seine Art. »Was endlich daraus werden wird, soll mich doch wundern,
Glaubigern!« seufzte ärgerlich die gnädige Frau; aber der Chevalier zuckte nur
ganz leise mit den Achseln und sagte:
    »Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass wir uns nicht allzusehr zu
ängstigen brauchen; der Junge ist kein Genie, und es würde schwerhalten, selbst
für das Fräulein, ihm den Kopf derartig zu verdrehen, dass sein Standpunkt als
Gentleman dadurch in Gefahr geriete. Der Lauenhof war immer ein braver,
nahrhafter Ort; man lebt zu gut darauf, um seine Ungereimteiten weit über die
Feldmark hinauszureiten.«
    »Und ich hoffe, so soll es immer verbleiben, lieber Alter!« rief die Frau
Adelheid, treuherzig dem Ritter die Hand schüttelnd.
    Der Junker Hennig sträubte sich oft heftig, wenn ihn die kalte Hand der ihre
Pflicht kennenden Byzantinerin packte, um ihn zwischen den Hecken von Krodebeck
und in ihren Idealen spazierenzuführen; aber auch Adelaide von Saint-Trouin fuhr
oft heftig zusammen, wenn es hinter diesen Büschen raschelte und rauschte, die
Zweige auseinandergezogen wurden und das Kind der schönen Marie ihr
neugierig-furchtsam daraus entgegensah. Sie benutzte die Gelegenheit jedesmal
aufs beste, den Zögling von neuem auf die Gemeinheit, Ekelhaftigkeit und
Nichtsnutzigkeit der Welt jenseits ihrer Ideale hinzuweisen, und jedenfalls
zeigte sie als das Erste und Selbstverständliche der kleinen Antonie ein
Gesicht, vor welchem diese schnell genug in die Büsche zurückfuhr. Wie dann
endlich der Junker Hennig sich zu diesen Lehren und der kleinen Antonie Häussler
stellte, das kam an einem absonderlichen Tage des Späterbstes zum Vorschein und
zeigt, wie misslich das höchste Ideal, die edelste, zarteste, feinsinnigste An-
und Absicht dieser schlechten, gemeinen, nichtsnutzigen und ekelhaften, aber
wirklichen Welt gegenüber stets und immerdar gestellt ist.
    Es war ein Tag im Späterbst des Jahres. Der Wald war bunt und der Himmel
grau, sehr grau. An diesem Tage hatte sich der Ritter dem Fräulein zum Begleiter
auf dem gewohnten Nachmittagsspaziergang angeboten, und das Fräulein hatte mit
der gewöhnlichen grämelnden, süsslichen Miene die Begleitung angenommen.
Verdrossen und mit hängendem Kopfe ging Hennig in der Mitte der beiden, und
verdrossen, mit hängendem Kopfe folgte ihnen Peccadillo dicht auf dem Fusse so
waren sie abgezogen vom Hofe und hatten sich den Hügeln zugewendet.
    Es war kein Tag, es war kein Wetter für die beiden alten Herrschaften. Ein
unheimlich am Boden hinkriechender Wind trieb ein mattes Spiel mit den welken
Blättern, und wenn Johann von Brienne plötzlich aus dem Boden aufgestiegen wäre,
um den letzten Sprössling seines erlauchten Hauses dringend vor Rheumatismen und
heftigem Gliederweh zu warnen, so würde dieses zwar sehr freundlich von ihm
gewesen sein, hätte aber nur bei Leuten, die durch verwandtschafliche Liebe und
Affektion nicht verwöhnt waren, Staunen erregen können.
    Es war kein Tag und kein Wetter überhaupt für alte Menschen. Auch der Herr
von Glaubigern fühlte sich gedrückter und durch den engen Horizont befangener
als sonst. Beide, das heisst der Ritter und das Fräulein, schritten langsam,
erschienen dem Junker sehr langweilig und sprachen ihre Meinung und Absicht
dahin aus, dass man nur bis zum Rande des nächsten Gehölzes gehen, sodann still,
sittsam und vorsichtig umkehren und den Abend nützlich und anregend hinter den
Wänden und hinter den Fensterscheiben des Lauenhofes verbringen wolle, welches
letztere gleicherweise dem Junker durchaus nicht interessant und erfreulich
erschien, denn es schloss mancherlei unausdrückbaren Jammer für ihn in sich.
    Weiterhin auf dem Wege wurde Fräulein Adelaide recht gesprächig, doch
stimmten Färbung und Stoff ihrer Unterhaltung leider ganz und gar zu der
Witterung. Düster und lebenssatt schritt die hohe Dame dahin, missgelaunt sowohl
gegen die Vorsehung im allgemeinen wie gegen ihr Schicksal im besondern und
gegen ihr Schicksal auf dem Krodebecker Burghof im allerbesondersten. Sie, die
sonst so stattlich auf ihrer Einbildungskraft zu Ross sass, sie zog diese selbe
Einbildungskraft wie einen müden Gaul am Zügel hinter sich her. Das närrische,
aber doch glänzende Wellenspiel ihrer Phantasie hatte sich augenblicklich in ein
bleigraues Gewoge verwandelt; die tollen Wolken ihres Gehirns hatten den letzten
goldnen und silbernen Anhauch von ihren Säumen verloren. Adelaide von
Saint-Trouin sah die Welt heute ebenso nüchtern an wie Adelheid von Lauen, wenn
dieser ein Unglück in der Milchkammer passierte, wenn ein Viehsterben eintrat
oder ein unvermuteter Abschlag der Fruchtpreise einfiel.
    Ein jeglicher hat solche Tage, an welchen ihn alle Illusionen verlassen, an
welchen der Pomp, die Pracht und das Vergnügen seines Daseins stückweise von ihm
abfallen, Tage, an welchen er zwar nicht minder sich täuschen lässt, jedoch nicht
durch den lachenden Schein und das behagliche Blendwerk, durch welches für
gewöhnlich gütige Götter seinen Pfad bunt machen und verkürzen. Und alle schönen
Illusionen hatten heute die Erbin des griechisch-lateinischen Kaiserstuhls im
Stiche gelassen. Die Spinne hing ihr Gewebe in dem armen Gehirn Adelaides auf;
die funkelnden Kuppeln von Byzanz versanken im Nebel, selbst der Papst Honorius
der Dritte verlor seinen Reiz. Tyrus und Malta versanken wie Byzanz, und mit der
Grafschaft von Paidiac löste sich die Grafschaft von Valcroissant in Nebel und
Dunst auf. Zu ganz gewöhnlichem, misstönigem Krodebecker Rabengekrächz war der
Klang der Jagdhörner des grossen Louis geworden, und was neben der Landstrasse im
Walde rauschte, das waren nicht die schönen Damen, die Marquis, Grafen und
Herzöge von Versailles, sondern das war einfach und höchst ärgerlich das
winterliche Blasen vom alten langweiligen Brocken und der Heinrichshöhe her.
    Nun wusste der Chevalier freilich, dass die gnädige Frau sich von ihren
ökonomischen Anfechtungen stets sehr bald erholte, obgleich auch sie von ihrem
guten Humor immer auf Niewiedersehen Abschied nahm, und dass auch dem gnädigen
Fräulein die alte närrische Herrlichkeit schnell von neuem anschiessen werde. So
konnte er die trübe Gegenwart mit ziemlich weiser Gelassenheit tragen, was der
Junker von Lauen nicht vermochte. Der stieg zwischen den beiden Alten immer
mürrischer hügelan und verspürte von Schritt zu Schritt immer grössere Lust,
etwas zu tun, was dem Fräulein diesen Nachmittag für seine ganze spätere
Lebenszeit unvergesslich mache und sein eigenes Rachebedürfnis wenigstens fürs
erste befriedige.
    Was ging es aber auch ihn an, dass doch eigentlich nichts mehr in der Welt
auf dem rechten Flecke stehe und dass die Hoffnung, dass alles wieder auf diesen
richtigen Fleck zurückgestellt werde, nun doch wohl zuletzt von den
glaubenstreuesten Seelen aufgegeben werden müsse?! Was ging es ihn an, zu
erfahren, dass es gar keine Freude sei, in einer so schlechten, gemeinen,
plebejischen, demagogischen Judenwelt leben zu müssen? Was ging es ihn an, dass
selbst diese miserable, nichtsnutzige Welt noch erbärmlicher und
niederträchtiger werden könne und in der Tat von Tag zu Tag werde? Was endlich
ging es den Stammhalter des Lauenhofes an, dass es den Fürsten von Tyrus und
Kaiser von Konstantinopel, Johann von Brienne, nicht im Traume eingefallen war,
seine verwandtschaftliche Pflicht zu erfüllen, und dass die Erbin seines Trones
nun wirklich ein bedenkliches rheumatisches Ziehen von Schulterblatt zu
Schulterblatt verspürte?
    Herr Hennig von Lauen litt bis jetzt noch nicht an Rheumatismus. Der graue
Tag brachte ihm keine Weltuntergangsgedanken, und was die Verschlechterung im
sozialen Wesen betraf, so fühlte er, wie schon bemerkt wurde, heute selber ein
Gelüst, als ein Rebell gegen dasselbe in seinen edelsten Inkarnationen
aufzustehen und der Madame de Genlis, der Madame de Campan und so mancher
anderen Madame und adeligen weiblichen Autorität was man nennt einen Esel zu
bohren oder gar einen Tritt zu geben. Er war eben ganz unvermerkt und trotz
aller zarten Sorgfalt und scheuen Vorsicht des Fräuleins auf jenem Standpunkt
angelangt, auf welchem er die Gesellschaft und die Ansichten der Bauernjungen
von Krodebeck bei weitem dem grossen Louis, der Königin Marie Antoinette, dem
alten Amos Comenius und sogar dem Herzog Wittekind, dem Liebling des Herrn von
Glaubigern, vorzog, und gerade heute war der Tag und die Stunde, die eine ganze
Epoche seines Daseins zum Abschluss brachten.
    Die Lustwandelnden waren, bis jetzt ziemlich geschützt vor dem Winde, zu dem
Walde emporgestiegen. Jetzt erreichten sie die Höhe, und der Wind kroch nicht
mehr am Boden, zu ihren Füssen, sondern er fasste sie sehr rücksichtlos ganz und
gar, kümmerte sich in Hinsicht auf das Fräulein nicht im geringsten um das
Dekorum, wirbelte es einen Augenblick höchst frech und unanständig im Kreise
umher und drehte es sodann ruckartig mit der verdriesslichen Nase gegen das Tal
und Dorf zurück, als wolle er sagen: »So, jetzt marsch nach Hause - bis hierher
und nicht weiter! Für heute haben wir genug von Ihnen!«
    Den Peccadillo hob dieser Wind fast von den Füssen; der kluge Hund drehte
ohne weitere Notiz kurz um und ging in wackelndem Trabe heim. Der Chevalier
griff mit beiden Händen nach seiner Fuchspelzmütze, um sie tiefer über die Ohren
zu ziehen.
    Was den Junker anbetraf, so wendete sich dieser wie alle übrigen und sah mit
tränenden Augen zurück. Da schlängelte sich der graue, steinige Feldweg hinab,
da lag das Dorf, wo die Dreschflegel taktmässig auf den Tennen klappten; da
erhoben sich die spitzen Dächer und Giebel des Lauenhofes, und den Junker Hennig
überkam plötzlich ein Widerwillen gegen alles das und ein noch heftigerer Ekel
gegen die Heimkehr mit den alten Freunden und gegen die stillen Vergnügungen des
Abends im Kreise derselben sowie der arbeitsseligen Mutter und der anderen Haus-
und Stubengenossen.
    Mit einemmal schien dem Jungen ein Licht darüber aufzugehen, wieviel vom
Leben er infolge seiner trefflichen Erziehung bereits verloren habe. In einem
langanhaltenden dummen Geschrei machte er plötzlich seiner Entrüstung darüber
Luft, tat einen Sprung über den Graben, lief den Abhang hinauf dem Walde zu und
war verschwunden, ehe der Ritter und das Fräulein im geringsten fähig wurden,
den Dämon, welcher ihren Zögling ergriffen hatte, zu begreifen und zu würdigen.
Ehe sie sich sogar von dem ersten Schrecken erholt hatten, befand sich der
sittsame Knabe schon so tief im Gebüsch unter den wild geschüttelten Eichen, dass
die Rufe, die ihm endlich nachgesendet wurden, nur einen schwächlichen Eindruck
auf seine Ohren machen konnten und bereits im nächsten Augenblick gänzlich
verlorengingen in dem Sausen des Windes und dem Rauschen der Blätter. Hennig war
allein, vielleicht zum ersten Male in seinem Leben wirklich allein, und fand
keinen andern Ausdruck für das Gemisch von Furcht, Schauder und Wonne, welches
ihn ob seiner Freimachung ergriff, als einen abermaligen ziemlich tierischen
Schrei, den er so lange stets von neuem ertönen liess, bis er braunrot im Gesicht
und vollständig ausser Atem war.
    Dazu lief er immer fort - blind und rein besessen -, bis auch dazu seine
Kräfte nicht mehr ausreichten. Keuchend vor geistiger und körperlicher
Aufregung, hielt er inne und horchte.
    Das Rauschen und Sausen war nun ganz in den Baumkronen. Am Fusse der hohen
Stämme war die Luft still und ziemlich warm; man merkte hier erst recht, wie
nahe der Regen war, an welchem die ganze Woche gebrauet hatte.
    Draussen vor dem Walde war das Fräulein ausser sich; aber der Chevalier rieb
sich verstohlen die Hände und vermochte nicht ganz ein Lächeln der Befriedigung
zu verbergen. Hätte er den vollen Gewinn des Knaben geahnt, seine Befriedigung
würde sich noch heller und deutlicher Luft gemacht haben, aller Wehklage und
saueren Bosheit der verzweifelnden Adelaide zum Trotz. Hätte er sich indessen
vollkommen klargemacht, wie wenig doch auch bei diesem Gewinn zuletzt
herauskommen werde, so würde er zwar auf die Lamentationen des Fräuleins nicht
mehr geachtet haben, allein eine grosse Freudigkeit hätte er sicherlich weder in
Mienen noch in Gesten offenbart.
    Der im Wohlleben aufgewachsene Hennig besass jenes animalische Gefühl für die
Behaglichkeit des Lebens, welches man auch Gemütlichkeit zu nennen pflegt, im
hohen Grade. Den Genuss, faul und fett am Fenster oder am warmen Ofen zu sitzen,
wenn die Nebel von den Bergen niederstiegen, wenn die Blätter und der Wind und
Regen rauschten, kannte er sehr wohl; und nun riss ihn an diesem dunklen
Nachmittag ein anderer Geist zum erstenmal über diese bequemen Stimmungen
hinaus.
    Die Wolken, die ihm über dem Kopf schnell hinglitten, verwandelten sich in
Rosse, welche ihn weit fort von Krodebeck und aus der engen Welt seines
väterlichen Hauses hinwegtrugen. In dem Winde klang eine muntere Stimme, die
nicht an nasse Füsse, Schnupfen, Rhabarber und Kamillentee mahnte. Zum erstenmal
packte den Knaben das Robinson-Crusoe-Gefühl, das Gefühl der Abenteurer,
Entdecker und Eroberer. Noch einmal trug ihm ein Windstoss den schrillen Ruf der
Chevalière von Malta herüber, und grinsend warf der Taugenichts seine Mütze in
den nächsten Baum und lachte laut auf, erschrak jedoch trotz aller Tollmütigkeit
nicht wenig, als dieses Lachen ein helles, fröhliches Echo fand.
    Schnell und scheu blickte er umher, sah jedoch niemand, was seinen Mut und
seine Sicherheit grade nicht erhöhte. In demselben Augenblick aber flog ihm
seine Mütze aus den unteren Zweigen einer verkrüppelten Buche ins Gesicht. Auf
leicht ersteigbarem bequemem Sitz in diesem untern Gezweig des gebogenen Baumes
sass das schöne Kind der schönen Marie und lachte zum zweitenmal den Knaben hell
an und der geschickt geworfenen Mütze nach.
    Es ist schon gesagt worden, wie sich das Fräulein von Saint-Trouin den
ganzen Sommer hindurch bemüht hatte, seinem Zögling einen gehörigen Abscheu vor
der kleinen Vagabundin einzuflössen, und wie viele treffliche Lehren und
Folgerungen sich für ihn an dieses winzige, zierliche Persönchen knüpften. Also
war es kein Wunder, dass der Junker ziemlich dumm zu dem Vöglein auf dem Ast
emporsah und eine nicht kleine Sehnsucht nach dem schützenden Rock des Fräuleins
verspürte. Allein noch schlug das Herz zu hoch in der jungen Freiheit, als dass
nicht auch dieses Unbehagen überwunden werden konnte.
    »Guten Tag, Hennig! Komm herauf, hier ist Platz für mehr Leute!« rief
Antonie Häussler. »Eh, eh, er fürchtet sich, und er kann nicht klettern, und die
gelbe Frau leidet's nicht. Hu, wie kommst du in den Wald, wenn's regnen will,
und ohne die gelbe Frau? Komm herauf, oder ich komme herunter und fliege mit dir
fort, dass du in deinem Leben nicht wieder in dein Dorf den Weg zurückfindest.«
    »Untersteh dich!« rief der Knabe, sehr bestürzt und hastig einen dürren Ast
vom Boden aufgreifend.
    »Er fürchtet sich wirklich!« jauchzte das kleine Mädchen. »Soll ich dir auf
den Kopf fallen, dummer Junge?«
    »Ich fürchte mich nicht!« schrie der Knabe, mit Tränen in den Augen den
Stock fortwerfend. »Ich will mich nicht fürchten! Komm herunter, du; ich tue dir
auch nichts, und das Frölen ist weit genug, vor dem brauchst du dich auch nicht
zu fürchten.«
    Einen kurzen Moment zögerte das Kind, dann stand es auf seinem Aste leicht
auf den Füssen, und im nächsten Augenblick glitt und trat es blitzschnell von dem
knorrigen Stamm hinunter und stand vor dem Junker von Lauen in seinem
flatternden Röckchen, dessen Stoff aus der Plunderkammer der gnädigen Frau
stammte und dessen Zuschnitt und solide Arbeit der alten Frau vom Siechenhause
alle Ehre machten.
    Um diese Jahreszeit fängt der Rehbock an, sein Gehörn abzuwerfen, und ein
solches Gehörn zog die Kleine hervor und bot es gleichsam als Friedensunterpfand
dem Knaben an.
    »Das findet man im Holze, und ich schenke es dir.«
    »Das ist nichts Grosses, aber gib es nur her, du kannst es doch nicht
gebrauchen«, sagte Hennig. »Wir haben zu Hause einen Saal mit Geweihen von
Hirschen, einen ganzen Saal voll, die solltest du einmal sehen!«
    »Ich frage nichts danach!« war die Antwort, und das Gespräch stockte
bedenklich, bis Hennig es zuletzt von neuem in Gang brachte, und zwar durch die
schlaue Frage:
    »Bist du immer im Walde? Was tust du im Walde? Bist du immer allein im
Walde?«
    Antonie lachte wieder ganz lustig.
    »Ich denke mir was dabei; aber das geht dich nichts an, Schafskopf! Hab ich
dich gefragt, weshalb du hierherkommst?«
    Nun hätte die Unterhaltung füglich wieder zu Ende sein können und diesmal
mit vollem Recht; allein der gegenseitige Reiz, sie fortzuführen, war doch zu
gross.
    »Was schimpfst du?« fragte der Knabe. »Habe ich dich geschimpft?«
    »Nein. Ich sage auch nur, was mir einfällt; aber mich schimpfen sie in der
Schule und im Dorf, und ich mache mir nichts daraus. Mach du dir auch nichts
daraus!«
    »Du, Tonie Häussler, weshalb will Frölen Trine nichts von dir wissen? Weshalb
schimpft sie dich und fürchtet sich vor dir?«
    »Ich weiss nicht. Frage deinen guten Herrn, den Herrn Ritter. Frag meine
Pflegemutter, die alte Frau im Armenhause. Du weisst ja, dass ich im Armenhause
wohne, wenn ich nicht im Walde bin.«
    »Das weiss ich. Ich habe dich selbst mit den andern hingebracht, als du in
Krodebeck ankamst, und ich habe mit dem Fräulein Adelaide vor der Tür gewartet,
bis der Herr von Glaubigern mit der kranken Frau und dir drinnen fertig war.«
    »Meine Mutter ist tot, und ich wohne im Siechenhause, und ich wünsche mir
kein besser Leben. Fürchtest du dich vor mir, dummer Junge?«
    »Nein - du gefällst mir!«
    »So lass uns laufen. Ich laufe gern. Ich laufe gern mit dem Winde um die
Wette. Horch, da oben geht er in den Wipfeln und ruft uns hier unten am
Erdhoden. Husch - he, weshalb hast du deinen alten Herrn nicht mitgebracht? -
Der liefe mit uns und lachte wie ich über die gelbe, lange Frau.«
    »Ich bin ihnen weggelaufen!« sprach Hennig mit kuriosem Selbstgefühl.
    »Dem mürrischen Fräulein? Hussa, das ist recht! Da, komm, du bist kein
dummer Junge. Das wirst du nun noch öfters tun!«
    »Läufst du oft weg, Tonie?«
    »Jeden Tag, denn sie sind an jedem Tag hinter mir her, sobald die Schule zu
Ende ist. Sie machen es schon arg in der Schule, wenn der Kantor den Rücken
wendet; aber auf dem Kirchhof sind sie sehr schlimm. Ich habe keinen, der mir
hilft, und deshalb laufe ich - laufe immerzu, immerzu. O ich kann schnell
laufen, ich habe es gelernt.«
    »Von jetzt an will ich dir helfen!« sprach Hennig von Lauen, und das kleine
Mädchen knickste so zierlich, dass selbst die Haute-Justicière von Valcroissant
ihre Freude darüber hätte haben müssen.
    »Ich bedanke mich, junger Herr von Lauen.«
    Beide Kinder fühlten deutlich die Ausnahmestellung, in der sie sich
befanden. Der Zögling des Chevaliers und der Chevalière und die Pflegebefohlene
Hanne Allmanns standen seltsamerweise gar nicht so weit voneinander, wie es
zuerst den Anschein haben mochte; denn sie standen beide allein und im vollen
Gegensatz zu den gesellschaftlichen Verhältnissen von Krodebeck. Zwischen beiden
und der Dorfkinderwelt lag die Dorfschule, welcher Antonie Häussler zwar
gleichfalls angehörte, die aber denn doch nicht das geringste von ihr wissen
wollte, in der sie heute nachmittag noch auf Erbsen gekniet hatte, um nachher
auf dem Kirchplatz der ganzen jungen, in geordneten tausendjährigen
Verhältnissen aufgewachsenen Bande als Spielzeug und Uhu zu dienen, ohne dass die
Erwachsenen sich grosse Mühe gaben, der Quälerei des armen Kindes ein Ende zu
machen. Wie der Junker zur Dorfschule stand, wissen wir, da wir die Ehre haben,
Adelaide von Byzanz schon jetzt genauer zu kennen, als sie wahrscheinlicherweise
sich selber kannte.
    »Jetzt lass uns laufen, damit sie weder dich noch mich finden!« rief Tonie.
»Ich habe dir das Horn vom Hirsch gegeben; wenn sie kommen, musst du dich damit
wehren. O es ist schön im Wald, und ich finde mancherlei darin. Aber die meisten
Vogelnester waren schon leer, als ich hierherkam, jetzt sind sie alle leer. -
Du, frage mal deinen guten Herrn, wohin die Vögel ziehen. Ich möchte es gar zu
gern wissen; denn ich möchte mit ihnen gehen; aber die alte Mutter im
Siechenhause weiss nichts davon; wenn einer davon weiss, so ist's dein guter Herr.
Esst ihr auch Heidelbeeren auf dem vornehmen Hofe? Ich hab mich satt daran
gegessen. Hui, jetzt ist nur der Wind da; aber auch der ist gut; ich jage mich
immer mit ihm, und niemand hat mir was zu befehlen. Der Wald gehört mir, dass du
es nur weisst - deiner Mutter gehört er nur auf der Landkarte; aber mir gehört
er, weil ich darin zu Hause bin. Hörst du den Wind, willst du ihn mit mir jagen?
Ich tu dir nichts, fürchte dich nicht; - kannst du klettern?«
    Sie hatte die Hand des Knaben ergriffen und zog ihn mit sich fort. Er liess
sich willig fortziehen. Das Zünglein stand ihr nicht einen Augenblick still; es
musste alles heraus, was sich in der aufgezwungenen Stille und Einsamkeit im
Köpfchen und Herzchen angesammelt hatte.
    »Wärst du früher gekommen - als der Wald noch grün war -, so hätt ich dir
Dinge zeigen können Das steht in keinem Buch; davon weiss der Herr Kantor nichts.
Fürchtest du dich auch vor dem Herrn Pastor? Das darf man nicht; weisst du, es
ist Sünde. Lustig! Die Blätter tanzen im Winde, der Wald ist nicht mehr grün;
aber den Fuchs vor seinem Bau sollst du noch sehen; aber du musst auf den Zehen
schleichen, ganz leise, wenn wir vor seine Tür kommen.«
    »Das hab ich hundertmal gesehen«, sagte Hennig. »Ich bin ein Jäger, und der
Herr von Glaubigern lehrt mich das Schiessen mit der Pistole.«
    »Davor fürcht ich mich!« rief Tonie Häussler. »Es steht auch geschrieben: Du
sollst nicht töten!«
    »Du bist ein Mädchen und kannst sagen, was du willst. Ich bin ein Junge und
ziehe in den Krieg, wenn ich gross bin. Der Ritter ist auch drin gewesen - in
mancher Schlacht! - Du sollst seinen Säbel sehen und seinen Helm. Er hat auch zu
Tod auf dem Felde gelegen, und die Reiterei ist über ihn weggegangen. Das wäre
mir eins; alle meine Vorväter sind in den Schlachten gewesen, mit dem Alten
Fritz und noch weiter hinauf, dass man es gar nicht mehr weiss.«
    »Vielleicht ist es schön; aber ich weiss nicht«, meinte Tonie nachdenklich.
»Sieh, da hättest du auf der Nase gelegen, wenn ich dich nicht gehalten hätte!«
rief sie dann lachend; und munter, den Augenblick um den Augenblick vergessend,
sprangen beide Kinder weiter, ohne darauf zu achten, dass die Wollen immer
dunkler wurden und der Abend immer sturmvoller herandrang.
    Sie kamen vor die Tür des Fuchses, trafen jedoch leider den Herrn nicht zu
Hause; dagegen fanden sie manche Spuren - abgenagte Knöchelchen, Federn und
Pfoten, welche bezeugten, dass er wohlauf sei und sich an seinem Leibe nichts
abgehen lasse.
    »Siehst du, albernes Ding, der kümmert sich auch nichts darum, dass
geschrieben steht: Du sollst nicht töten!« lachte der Junker, und das kleine
Mädchen sagte noch nachdenklicher:
    »Vielleicht ist es recht; aber ich weiss nicht.«
    Malepartus war in einem engen Tälchen gelegen, in welchem bereits fast
vollkommene Dämmerung herrschte. Die beiden Kinder, nachdem sie die Wohnung
Meister Reinekes betrachtet, die Knöchelchen mit den Füssen hin und her gewendet
und einige der Federn aufgehoben hatten, folgten dem Zuge dieses Tälchens, das
sie noch tiefer in den Wald führte. Aus den Eichen- und Buchenbeständen
gelangten sie jetzt in einen Tannenschlag, und hier sah Hennig von Lauen zum
erstenmal seit seiner Flucht bedenklich auf und beklommen um sich.
    Der Tannenwald hat das an sich mit seinem Duft, seinen regelmässigen fahlen
Stämmen und seinem toten glatten Boden, dass er den Lustigsten ernster stimmt,
selbst am sonnigsten, glanzvollsten Sommertage. An diesem düstern Späterbsttage
herrschte vollständige Nacht unter den Tannen, und das fröhliche Rauschen in der
Höhe war zum unheimlichen, gespenstischen Zischen in den Nadeln geworden.
    Mehr als eine Stunde war vergangen, seit das Fräulein von Saint-Trouin dem
Junker nachzeterte, und weinerlich rief der Junker jetzt:
    »Du, ich will nach Haus! Ich weiss gar nicht mehr, wo ich bin. Weisst du es,
Tonie?«
    »Fürchtest du dich? Weshalb hast du deine gelbe Frau und deine Pistole nicht
mitgebracht? Hast du schon einmal einen toten Menschen gesehen?«
    »Nein, nein! O ich will jetzt umkehren!«
    »Horch, jetzt kommt der rechte Sturmwind. Hast du schon einmal die Wilde
Jagd gesehen? Hier in eurem Lande fährt sie, und die Tutursel fliegt voran;
frage nur die alte Mutter im Siechenhause. Du brauchst dich nicht zu fürchten,
der Hackelberg fährt nur bei Nacht, sagt die Mutter Hanne. Sei lustig! Sieh nur,
wie die Welt sich schüttelt!«
    »O Frölen, o Frölen, ich will in meinem Leben nicht wieder Frölen Trine
sagen!« schrie der Knabe, fest den Arm seiner kleinen Gefährtin packend. »Frölen
Trine, ich will es in meinem ganzen Leben nicht wieder tun!«
    »Das hier ist der Mordgrund: da hat ein toter Mensch gelegen, und dort unten
haben sie ihn gefunden. Ich habe schon zwei tote Menschen gesehen; hier in
Krodebeck meine Mutter und in der Stadt, die Hamburg heisst, ein kleines, ganz
kleines Kind, das schwamm in dem grossen Wasser. Bist du schon in Hamburg
gewesen, Hennig?«
    »Nein, o nein, und ich will auch nur nach Haus; ich will nach Hause. O
bitte, bitte, lass uns umkehren; ich schenke dir zwei weisse Kaninchen, dann hast
du nach vier Wochen einen ganzen Stall voll, und ich schenke -«
    Das Schlucken und Schluchzen des tapfern Junkers wurde zu arg und erstickte
ihm die übrigen Versprechungen in der Kehle; aber auch das Mädchen wurde
natürlich von seiner Zaghaftigkeit angesteckt und drängte sich dichter an ihn
heran und blickte scheu hinter sich.
    »O du! Du wolltest mir ja überall beistehen!« rief es.
    »Unter den Menschen; - aber hier sind keine Menschen, und es wird immer
dunkler - sieh!«
    Da nahm Antonie Häussler von neuem ihren Mut zusammen, lachte wieder und
rief:
    »Ja guck, das ist mir noch gar nicht eingefallen, dass man sich vor dem Walde
und vor dem Winde fürchten könne; ich habe mich immer nur vor den Menschen
gefürchtet. Jetzt sei still und heule nicht; ich bringe dich schon heim. Komm!
Du musst mich nur nicht auch bange machen mit deinem Geschrei. Es schadet deiner
Jacke nichts, wenn sie auch ein wenig nass wird, jetzt laufen wir wieder und
lassen die Wölfe und Gespenster hinter uns und sind bald aus dem Dickicht und
sind im Dorfe, und dann magst du gehen und mich bei deiner vornehmen Dame
verklagen.«
    Sie liefen wirklich. Das landfremde Kind der schönen Marie wusste in der Tat
besser Bescheid in den Wäldern von Krodebeck als der erbangesessene Herr des
Grund und Bodens. Es hielt die Hand des Knaben und zog ihn hinter sich drein,
und er folgte täppisch, mit dem Ärmel der Jacke sich die strömenden Tränen
abwischend.
    Sie kamen über Waldblössen, auf denen der Sturm sie schon tüchtig schüttelte
und schwere Regentropfen sie trafen. Sie standen hinter grosse Stämme gedrückt
und suchten den verlorenen Atem wiederzugewinnen. Immer zierlich und behende
wand und schmiegte sich das Mädchen durch das Gestrüpp, immer täppischer tappte
der Knabe ihr nach und zerstiess sich die Knie und liess sich die Nase von den
Dornenzweigen zerkratzen. Endlich fanden sie sich wieder auf der Landstrasse,
eine Stunde von Krodebeck, und zwar gerad in dem Augenblick, als die Wolken sich
öffneten und der Platzregen, vom Sturmwind gepeitscht, auf Wald und Strasse
niederfuhr. Wasser, Staubgewölk und gelbe wirbelnde Blätter fegten auf die
beiden kleinen Wanderer hinein und machten sie für die ersten Minuten
vollständig blind. Beide Kinder schrien hell auf und stürzten sodann der Mütze
des Junkers nach, welche munter auf der Landstrasse vor ihnen her tanzte.
 
                                 Elftes Kapitel
Mit lautem Jammergeheul hatte der Knabe mit beiden Händen nach seinem Kopfe
gegriffen, als es bereits zu spät war, und sehr verständig wär's gewesen, wenn
er nunmehr wenigstens auf seine Beine Achtung gegeben hätte, denn dieser
Wirbelwind und Regen liessen in keiner Hinsicht mit sich spassen. Beide Kinder
wurden trotz ihres Sträubens von den Füssen gehoben, gedreht und auf der der
Heimat entgegengesetzten Seite fort- und der Mütze nachgetrieben. Sie suchten
sich zwar noch immer aneinander zu halten, allein es wollte nicht mehr gelingen,
und auch Antonie Häussler hatte den Mut verloren und zeterte so hell wie der
Junker.
    Und dieser Sturm, der sie trieb, fuhr natürlich einem ihnen
entgegensteuernden schwerbepackten alten Weibe gerad ins Gesicht, dass es mit
gesenktem Haupte und vorgebeugtem Leibe seinen Weg dem Unwetter mühselig
abgewann und ebenfalls weder sah noch hörte. So stiessen denn die drei tüchtig
und derb aufeinander, und die Herzen der Kinder wurden gar nicht ermutigt durch
die Art und Weise, in der die wandernde Frau diesen Zusammenstoss aufnahm. Keine
Hexe in irgendeinem Waldmärchen gab ihrer Bosheit und Entrüstung
durchgreifenderen Ausdruck als die brave Jane Warwolf aus Hüttenrode; denn diese
war es, welche das Schicksal zum Trost für »Hänsel und Gretel« in den Wald
ausgesandt hatte.
    »Holla! Oje! O dreidoppelt Düwelsdunnerwetter! Heilige Angst, was läuft
einem da zwischen die Beine? O potz Sackzieher und Lederfresser, wen haben wir
hier? Ihr Kanaillen, ist das eine Witterung, um seinem Nebenmenschen so auf den
Hals und einer abgerackerten, hungernden, durstenden Bettelmadam also auf die
Krähenaugen zu springen? Ich will euch!«
    Schon hatte die nasse, ärgerliche und ermüdete Frau die rechte Faust, ohne
den Knotenstock fahrenzulassen, in den Haarbusch des Junkers versenkt und griff
eben grimmigst mit der linken nach den wirren Locken und Flechten Tonies, als
sie bei der letzten Helle des Tages glücklicherweise noch rechtzeitig erkannte,
wen sie vor sich hatte. War ihr Zorn gross, so schien ihre Verwunderung jetzt
doch noch grösser zu sein, und sie machte auch der letzteren nicht weniger offen
Luft als eben dem ersteren.
    Zuerst liess sie den Haarbusch des Junkers los, packte ihn dagegen an der
Schulter und stellte ihn samt der kleinen Antonie, welche sie ebenfalls an der
Schulter ergriff, vor sich hin.
    »Ei herrje! Nanu, das ist mir eine schöne Bescherung! Ei, ei, darf man
wirklich und wahrhaftig seinen Augen trauen? Der junge Herr vom Lauenhof mit dem
gnädigen Fräulein vom Armenhause in angenehmster Kompanie, abends um halb sechse
im stichdunkeln Walde und bei solch lieblichem Wetter! Ei Himmel, was verschafft
denn gerade mir die Ehre? Und wie geht es der gnädigen Frau und dem Herrn Ritter
und dem gnädigen Frö - ja, na, na, Hennig, was sagt denn das gnädige Frölen
darzu, Hennig?«
    »Dem gnädigen Fräulein ist er selbst durchgebrannt, und in den Mordgrund hab
ich ihn gebracht, nachdem wir den Fuchs besucht haben!« rief Tonie Häussler gar
weinerlich. »Aber wir waren schon auf dem Heimwege.«
    »I kurios! Ist das der Heimweg, ihr Kröten? Ist das der Weg nach Krodebeck,
dem Siechenhause und dem Lauenhofe, ihr ausbündigen Halunken? Das ist der Weg
nach Goslar, meine Zuckerpüppchen, und ich wünsch euch eine recht glückliche
Reise und kein schlimmeres Wetter als dieses gegenwärtige - Glück auf!«
    Angstvoll griff der Knabe nach dem Rocke der Alten:
    »O Frau Jane, wir wollen nicht nach Goslar. Es war der Wind und der Regen,
die uns trieben, und in meinem Leben will ich nicht wieder weglaufen. O Frau
Jane, Frau Jane, bringt uns nach Hause, bringt uns nach Hause!«
    »Schön! Ist der Schacht verschüttet und das letzte Grubenlicht aus? Na, das
Wetter ist freilich soso, und das gnädige Fräulein ist ebenfalls soso, also
keine langen Worte und Komplimente. Marsch, ihr Bergkobolde, haltet euch rechts
und links an meine Gesellschaft, legt euch an den Karren, schief mit der
Schulter gegen den Wind! So ist's brav - nun lasst das Weinen und Plärren, es
kommt so schon zuviel Wasser herunter, und wann der liebe Herrgott durchaus aus
Wohlgefallen an der Menschheit eine neue Sündflut schicken will, so hat er eure
Hülfe dazu nicht nötig. Na, Junkerchen, Junkerchen, auf Eurem - möcht ich an
diesem Abend auch nicht sitzen, für alles Silber nicht, was sie seit tausend
Jahren aus dem Rammelsberg heraufgeholt haben. Dazu kenne ich die gnädige Frau
Mutter und das gnädge Fräulein viel zu gut!«
    So gut wie die Warwölfin die beiden Damen vom Lauenhof kannte, so gut kannte
Hennig von Lauen sie auch, und es war viel mehr als eine blosse Ahnung von dem
ihm Bevorstehenden, was ihn, trotzdem er übergenug mit dem Wege und Wetter vorn
zu tun hatte, doch unwillkürlich von Zeit zu Zeit nach hinten greifen liess. Aber
vorwärts ging's jetzt unaufhaltsam im muntern Schritt gen Krodebeck, und Tonie
Häussler, die längst wieder besten Humors war, hüpfte und sprang lustig querhin
und querüber vor den beiden anderen her und schien nur dann auf ihren Pfad
achten zu müssen, wenn ein Regensturmstoss sie ganz von ihm wegschwemmen und -
blasen wollte.
    Sie kreischte vor Vergnügen und neckte den müden, frierenden, grämlichen
Knaben nach Herzenslust, und Jane Warwolf aus Hüttenrode, die auch müde, hungrig
und frostig genug war, schüttelte zwar den Kopf und brummte, jedoch laute
Bemerkungen erlaubte sie sich nicht, und im Grunde hatte sie ihre Freude an dem
wilden Dinge und nahm sich vor, der alten Hanne Allmann etwas recht
Schmeichelhaftes über ihre Erziehungsmetode zu sagen.
    Aber hier war nun das liebe Dorf Krodebeck endlich doch wieder! Zwar
gleichfalls im strömenden Regen und sausenden Winde, aber doch mit Lampenschein
aus den Fenstern und mit ermutigendem Hundegebell hinter den Hofmauern.
    »Jetzt lauf, Tonie, und grüsse die Mutter Hanne und sag ihr, ich spräche noch
vor, um ein gut Wort für dich einzulegen. Sei brav und bleibe vergnügt und nimm
das ganze Leben wie das Wetter heut abend.«
    »Gute Nacht, Hennig, grüss deinen guten Herrn und schieb alle Schuld auf
mich!« rief Antonie Häussler.
    »Gute Nacht, du!« ächzte der Knabe und wurde von Jane weitergeschleppt,
während das kleine Mädchen leichtfüssig in der Dunkelheit verschwand.
    Hier war nun auch der Lauenhof wieder, der Lauenhof in gewaltiger und nicht
unmotivierter Aufregung und Verwirrung! Es war nicht bloss der Junker und
Stammhalter dem Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin durchgegangen,
sondern auch ein glücklich auf ein Gewicht von vierhundert Pfund herangemästetes
Schwein, an welchem sich am folgenden Morgen sein letztes Schicksal erfüllen
sollte, hatte der unerbittlichen Parze und der gutmütigen Frau Adelheid
durchgehen wollen und war wirklich den ganzen Nachmittag über vermisst worden.
    Nun kamen beide, der Junker und die Sau, in der nämlichen Stunde heim, und
das war unbedingt ein Glücksfall für den Junker, denn die Freude über den
zweiten Sünder und wirklichen Trebernfresser, der heimkehrte, war zu gross, um
nicht den Ärger und Verdruss über den erstgenannten Taugenichts und Ausreisser ein
wenig zu mildern.
    Dass es noch immer regnete, wissen alle meine Leser, und wie auch der
reinlichste Ökonomiehof bei dergleichen Wetter aussieht, wissen sehr viele
meiner Leser. Die Dachtraufen des alten Hauses gossen Ströme trüber Fluten aus
ihren fratzenhaften Mäulern, Schnauzen und Schnäbeln. Das Volk des Hofes lief
mit und ohne Laternen, mit und ohne Wasserstiefel, beschuht und unbeschuht
durcheinander und spektakulierte heillos. Aus den Stallungen erscholl das
Gebrüll und Gebrumm der Ochsen, Kühe und Rinder, das Federvieh in seinen
Behältern griff munter mit offenem Schnabel in das Konzert ein; die Hunde waren
natürlich ausser sich, und die gnädige Frau war ganz in ihrem Elemente. Mit
aufgeschürzten Röcken und aufgekrempelten Ärmeln widmete sie sich in der Mitte
ihrer Hintersassen ganz ihrem Schwein, und das Gequiek dieses Schweines unter
den zärtlichen Händen von zwanzig Knechten, Mägden, Verwaltern und Milchmamsells
war fürchterlich.
    »Da hat Sie Ihren Jungen, Fraue«, sprach Jane Warwolf, den greinenden Bengel
am Ohr herzuführend. »Mitten im Kuckelrucksholz hab ich ihn arretiert. Da hat
Sie ihn, Fraue, und es soll Sie nichts kosten als eine Abendsuppe und ein
Nachtquartier.«
    »Richtig! Natürlich! Mun-ter!« sagte die Gnädige, versetzte ihrem Sprösslinge
im Fluge eine tüchtige Maulschelle und widmete sich, ohne weitere Zeit für ihn
übrig zu haben, von neuem mit Energie dem Hinterteile des Borstentieres, welches
letztere noch immer eine heftige Abneigung gegen seinen Stall kundgab und nur
geschoben seitwärts sich demselben zubewegte.
    »Das war dir versprochen, mein Sohn! Tröste dich und sei dankbar«, sprach
Jane zu ihrem Schützling und zog ihn weiter über den Hof; denn jetzo erklang von
der Vortreppe des Herrenhauses ein geller Ruf schneidend und schrill über allen
Lärm und Aufruhr des Abends.
    Auf der Treppe unter dem Vordach des Hauses standen der Chevalier und
Fräulein Adelaide, ebenso erregt wie die anderen, nur aus einem anderen Grunde
und mit grösserem Abscheu vor Schmutz, Regen, harten Ellenbogen und nassen Füssen.
Den Schrei aber hatte das Fräulein ausgestossen, als es des Junkers und seiner
Führerin im Laternenschimmer ansichtig wurde. Der Ritter nahm eine Prise über
die andere, und Peccadillo und Mystax, welche ebenfalls auf der Treppe harrten
und die Abneigung der beiden alten Herrschaften gegen das schlechte Wetter
teilten, spitzten die Ohren und bewegten die Schwänze sehr hastig.
    »O Hennig! O ciel! Da ist er! Da ist er! Um das Stück Vieh ist der ganze Hof
und das halbe Dorf auf den Beinen gewesen, und für das arme böse Kind war
niemand übrig!« schrillte hysterisch die Malteserin. »O mon Dieu, Hennig, wie
hast du mir dieses antun können! Sie, Frau, bringe Sie ihn hierherauf! Bringe
Sie ihn auf der Stelle hierherauf! O Gott, o Gott, diesen Tag vergesse ich in
meinem Leben nicht! Sie da, Weib, Frau, wo hat Sie ihn gefunden? Herr von
Glaubigern, geben Sie der Person zwei und einen halben Silbergroschen, und - o
Hennig, Hennig, war denn alle Tendresse, alle zarte Sorgfalt, Bildung und
Lektüre weggeworfen an dich, wie an jenes widerliche Tier, welches sie dort
unten soeben mit so entsetzlichem Lärm in sein Behältnis zurückbringen?«
    »Ja, da haben Sie Ihren Deserteur wieder, Frölen. Jetzt wickeln Sie ihn nur
recht hübsch in Baumwolle und Seidenpapier und seien Sie von neuem recht
glücklich d'rmit. Glück auf, Herr von Glaubigern, schlecht Wetter! Aber brave
Herzen bei schlechtem Wetter, das ist das Wahre!«
    »Die Haut habe ich mir Von den Händen gerungen, und jetzt ist alles wie gar
nichts!« wimmerte Adelaide.
    »Glück auf, Jane!« sprach der Ritter, der wandernden Frau statt des
Geldbeutels die Hand bietend. »Ich danke Ihnen, Jane, wir haben uns einige Sorge
um den Knaben gemacht.«
    »War nicht nötig, Herr Von Glaubigern - er war in guter Kompanie und hat was
gelernt heute.«
    Der Ritter nahm abermals eine langsame Prise und bot die Dose dem alten
Weibe, welches mit einem Knicks zugriff.
    »Ich will Ihnen nachher davon erzählen, Herr von Glaubigern.«
    Der Ritter neigte das Haupt und wandte sich zu dem gnädigen Fräulein,
welches mit dem feuchten, triefenden, schmierigen, heulenden Liebling in den
Armen einen harten Kampf zwischen Ekel und Entrüstung einerseits und Entzücken
und Rührung andererseits kämpfte.
    »Mein Sohn«, sprach er, »ein kluger Mann benutzt jede Gelegenheit, um sich
zu bilden; wie nennt sich nach dem Herrn Professor Comenius das Schwein in
lateinischer Zunge?«
    »Sus! Ja, sus!« winselte der unglückliche Examinand.
    »Und wie in der Sprache der Franzosen?«
    »Cochon!« jammerte der Junker.
    »Sehr richtig. Vorzüglich, wenn es sich noch in den Jahren der lugend
befindet! Nun, mein lieber Hennig, werde ich raten, nicht abzuwarten, dass die
Frau Mutter dort unten im Hofe ihre Hände zu frei mache, es könnte sonst leicht
noch zu einem zweiten Examen kommen, für dessen Resultate ich nicht einstehen
würde.«
    »Herr von Glaubigern?!« rief das Fräulein vorwurfsvoll und entrüstet, folgte
aber nichtsdestoweniger eilig der wohlmeinenden Zuflüsterung und führte den
Junker, der nur allzugern sich führen liess, ab, um ihn wenigstens für den Abend
dem rächenden Arme des Gesetzes zu entziehen. Was zwischen den beiden ferner
noch vorging, ist unbekannt; allein schon nach einer Viertelstunde lag Hennig,
an den letzten Brocken eines frugalen Nachtessens kauend, warm zugedeckt unter
berghohem Federbett, und niemand auf dem Lauenhofe hatte eine Ahnung davon, von
welch entscheidendem Einflusse dieser eben vergangene Tag auf die meisten
Bewohner des Lauenhofes, vor allem aber auf den Erben und Herrn desselben sein
sollte. Selbst der Chevalier ahnte nichts davon.
    Es dauerte eine geraume Zeit, ehe Ordnung und Ruhe auf dem Hofe
wiederkehrten; nur ganz allmählich wurde es still und wurde auch die Frau von
Lauen fähig, sich mit Dingen zu beschäftigen, welche sich nicht ganz und gar auf
die Landwirtschaft bezogen. Sie wusch sich die Hände, liess ihre Röcke nieder und
stieg zu dem Zimmer des Ritters von Glaubigern hinauf, allwo sie die Warwölfin
im lebendigsten Verkehr mit dem Chevalier traf. Die Frau Jane, welche dem
Fräulein von Saint-Trouin gegenüber einen ziemlich phantastischen Tanz
aufgeführt hatte, wurde vor dem Ritter und der Frau Adelheid in ihrem Berichte
kurz, klar und bündig. Sie erzählte, wo und in welcher Gesellschaft sie den
Junker Hennig gefunden habe, und benutzte die Gelegenheit, ein hohes Loblied
über Tonie Häussler und die Pflegemutter derselben im Siechenhause anzustimmen.
    Der Ritter und die Edelfrau liessen sie freundlich gewähren, nickten sogar
Billigung und schickten sie nach Anhörung dessen, was sie zu sagen hatte, in die
Gesindestube hinab, wo sie vom sämtlichen Volke mit einer gewissen scheuen
Zurückhaltung, jedoch keineswegs ungern aufgenommen wurde und, nachdem sie ihren
Wanderstab und ihre Last abgesetzt hatte, in einem weiten Kreise sogleich die
hervorragende Stelle einnahm, welche ihr von Rechts wegen gebührte. Über den
Köpfen der braven Leute aber fragte die Gutsfrau:
    »Nun, olle Fründ, was meinen Sie, hole ich ihn mir noch aus dem Neste, um
ihm das Leder zu gerben?«
    Der Ritter schüttelte bedachtsam den Kopf.
    »Solches wollen wir nicht tun, Frau Adelheid. Wollen ihn ruhig schlafen
lassen auf die Strapazen. Und im Vertrauen, Frau Adelheid«, fuhr der alte Herr
flüsternd fort, »wir wollen ganz still sein und mehr als ein Auge zudrücken,
wenn dem Jungen morgen wieder einfallen sollte, sich auf ähnliche Art unserer
Leitung, unserer Erziehungs- und Bildungsmetode zu entziehen. Sie sind eine
resolute Frau, meine Liebe, aber gegen Johann von Brienne, Konstantinopel, Malta
und den Papst Honorius kommen wir doch nicht an -«
    »Das weiss der liebe Himmel!« seufzte die Edelfrau.
    »Und was Krodebeck gegen Versailles und den König Louis den Vierzehnten
ausrichtet, das will wenig bedeuten«, flüsterte der Ritter weiter, »also - im
höchsten Vertrauen, meine Gute, wir wollen klug sein wie die Schlangen, wenn
auch ohne Falsch wie die Tauben, und wollen alle beide Augen in betreff des
Kuckelrucksholzes zudrücken, und gegen das gnädige Fräulein wollen wir sehr
liebenswürdig und galant sein. Ach, Adelheid, Sie, welche uns, das heisst das
Frölen und mich, als zwei unnütze, unbequeme Inventarstücke auf den Lauenhof
übernommen haben, Sie wissen nicht, wie nachsichtig und freundlich man gegen uns
sein muss; - Sie sind eben eine brave Frau und verdienen es, uns totzufüttern.«
    »Hören Sie, Ritter, wenn ich jünger wäre, so sollten Sie einen Kuss haben,
aber so wie's jetzt ist, käm's lächerrlich heraus, und ich schämte mich«,
schluchzte die Gutsfrau, die hellen Tränen lachend abwischend. »Sie sind ein
alter Narr, das weiss das ganze Dorf, und jetzt geben Sie mir Ihre alte, gute,
liebe Hand und schlafen Sie wohl. Ich denke, morgen machen wir wohl wieder
einmal in Kompanie der Hanne Allmann eine Visite?!«
    Es war dem Junker Hennig von Lauen von dem Fräulein Adelaide strengstens
anbefohlen worden, zu schwitzen; und er schwitzte. Und obgleich er sich am
ganzen Leibe ziemlich zerschlagen fühlte, so hatte er doch zuviel erlebt, um auf
der Stelle einzuschlafen. Der Sturm war nach und nach in einen echten und
gerechten Landregen übergegangen, und wer so tüchtig im Kuckelrucksholze
durchgewaschen worden war, der mochte aus diesem unablässigen Rauschen wohl
mancherlei heraushören, was Leuten, die ruhig unter Dach und Fach geblieben
waren, entging.
    Es waren lauter selbstverständliche Dinge, welche die schwingende Phantasie
rekapitulierte; aber alles warf einen Schatten, wie die Haube einer
märchenerzählenden Amme oder Grossmutter am Winterabend. Es war ein Gemisch aus
Schauer und Wonne, welches den Junker wach erhielt; und alles in allem genommen,
überwog zuletzt die Wonne den Schauer bedeutend, bedeutete aber kaum etwas Gutes
für die Meinungen und Ansichten der armen Adelaide von Saint-Trouin. Der Junker
von Lauen hatte eine bessere Spielkameradin gefunden, als die Haute-Justicière
der Grafschaft Valcroissant sein konnte, und es war viel lustiger, nach
Malepartus hinunterzuhorchen und auf das Erscheinen der spitzen Schnauze und
klugen Äuglein Meister Reinekes zu warten, als mit dem frommen und eleganten
Jüngling Télémaque die krummen rosigen Wege des Lasters zu vermeiden. Der Knabe
hatte die Ohrfeige der ungnädigen Mama wohl gespürt, allein über alles siegte
die unbezwingliche Vorstellung, dass doch das grösste Vergnügen in der Welt sei,
dem weisen Mentor und dem Frölen Trine davonzulaufen und zu erkunden, wie weit
der Wald sich in die Welt erstrecke und wie es hinter diesen, Wald aussehe!
    Freilich stiegen verschiedene sehr ansehnliche und würdige Persönlichkeiten
empor, um sich diesen schönen Vorstellungen und den daraus entspringenden
schlechten Vorsätzen strengstens entgegenzustellen. Wenn sich auch mit dem
Herzog von Engern und Westfalen, dem biedern Wittekind, Warnekinds Sohn, dem
Haupt und Stammeshelden des Herrn von Glaubigern, wohl fertig werden liess; so
war doch mit den sämtlichen Louis von Frankreich und Navarra nicht zu spassen,
und Madame de Campan und Madame de Genlis zeigten sehr drohend die Rute und
zeigten bedenklich spitzige und mit scharfen Nägeln bewaffnete Finger. Aber die
Krisis war eingetreten, und sämtliche im Körper wie im Geiste auf dem Lauenhofe
zu Krodebeck ein und aus gehende Persönlichkeiten hatten sich darein zu finden.
Dass sich jedoch Hennig mit allen gleichfalls abzufinden hatte, verstand sich von
selbst und ging in den Träumen, welche dann endlich doch auf den Halbtraum
folgten, ziemlich leicht und bequem vonstatten, wie solches auch bei erwachsenen
Leuten in zweifelhaften Situationen und gefährlichen Kollisionen des Lebens der
Fall zu sein pflegt. Die Dämonen der Nacht stehen nicht immer mit den Dämonen
des Tages auf dem besten Fusse, und wie der Mensch dabei fährt, als Federball
dient und sein armes, leeres Schicksal erfüllt, das kümmert bekanntlich und
erweislich die Götter sehr wenig. Weshalb sollten sie ihr Spielwerk nicht
gebrauchen? Beim Styx, meine Herren und Damen, versetzen wir uns an ihre Stelle,
und seien wir einmal - gerechter als sie.
                                Zwölftes Kapitel
Ein Gehirn, in welchem Tonie Häussler und der Herzog Wittekind, der Professor
Amos Comenius und Fräulein Adelaide von Saint-Trouin, Louis XV und Madam Scrofa
aus Krodebeck zugleich mit Jane Warwolf aus Hüttenrode, dem Ritter von
Glaubigern und der gestrengen Frau Adelheid einen Tanz aufführen, soll wohl wirr
und müde werden! Auf das Gezappel und Geschwirr von Figuren und Stimmen folgte
das dunkle, unermessliche, raum- und zeitlose Nichts, und dann war es plötzlich
wieder Morgen für den Junker von Lauen, und ein neuer Tag seines Daseins hatte
unter veränderten Aspekten begonnen.
    Die grosse Hausglocke des Lauenhofes machte allem Spuk der Nacht ein Ende.
Früher als sonst war Meister Hennig aus den Federn und in den Kleidern und
suchte sofort die Frau Jane in der Gesindestube auf, um die frischgeschlossene
Freundschaft nicht erkalten zu lassen. Die Warwölfin begrüsste ihn aufs
höflichste und erkundigte sich teilnehmend nach seinem Befinden überhaupt, aber
vorzüglich, wie ihm das kalte Bad des vorigen Tages bekommen sei. Er bezeigte
jetzt einige Lust zu renommieren und sich als Held aufzuspielen, doch da kam er
an die Unrechte und wurde an der Nase auf den richtigen Standpunkt
zurückgeführt, ohne dass jedoch die Freundschaft darunter litt. Nachher
begleitete er die wandernde Frau bis an das Hoftor und sah sie durch den immer
noch fortdauernden Regen abmarschieren, dem Siechenhause zu, und sah ihr dumm
mit offenem Munde nach, bis die liebliche helle Stimme Fräulein Adelaides ihn
zum Frühstück rief und an die nahende französische Lektion mahnte. Das Frühstück
ging vorüber, ohne dass weiter nach den Vorgängen des vergangenen Nachmittags
gefragt wurde; die französische Stunde nahm ihren Anfang.
    Mit dem Glockenschlage winkte die Chevalière mit spitzem Zeigefinger über
ihre Tasse und den Tisch weg, erhob sich langsam mit einem würdigen Rundgruss an
alle Tischgenossen und ergriff die Schulter des noch dämischer und grämlicher
als gewöhnlich aussehenden Hennig. Widerwillig erhob auch er sich und folgte der
grausigen Notwendigkeit - verstockt, giftig und doch dem Weinen nah, folgte er
ihr treppauf, und die Tür der weisen und strengen jungfräulichen Lehrmeisterin
öffnete sich vor ihm, verschlang ihn und schloss sich. Adelaide hatte ihn es war
keine Rettung mehr für ihn vorhanden, und unaufgefordert liess er alle Hoffnung
draussen.
    Draussen vor den angehauchten Fensterscheiben mischten sich die ersten
Schneeflocken des Winters in den Regen. Lieblich duftete in den Fensterbänken
die altjungferliche Blume, das Geranium, und Peccadillo suchte seinen gewohnten
Platz in der Sofaecke und setzte sich bequem hin, um die kommenden Erörterungen
zu notieren. Auf den Kupferstichen an der Wand schwuren die Gardedukorps im
Ballsaal und sange »O Richard, o mon roi« - beschäftigte sich Marie Antoinette
zu Trianon mit Menschenliebe und Kindererziehung - stieg der Sohn des heiligen
Ludwig zum Himmel empor, während der Flegel Santerre die Trommeln rühren liess,
um die Rührung der neugierigen Pariser in der Geburt zu ersticken. Es war sehr
warm und altjungferlich behaglich in dem Zimmer der Erbin Johanns von Brienne.
Die närrischen Blumen und Vögel auf den Stuhllehnen und Kissen, die vergilbten
Zeichnungen des Grafen von Pardiac über der Kommode, der dicke wackelköpfige
Chinese auf derselben, der Spiegel im Rokokorahmen, in den Vasen die Sträusse
künstlicher Blumen, die Potpourrivase auf dem Rokokoschrank - alles dies konnte
nicht netter und behaglicher sein, und auf nichts in der Welt blickte der Junker
von Lauen in seiner jetzigen Seelenstimmung mit solchem Verdruss als auf alles
dieses. Freilich an und für sich war jedes Ding freundlich genug, wenn sich nur
von jedem Dinge das Fräulein von Saint-Trouin hätte trennen lassen! Aber hier
sass sie in ihrem Reich, und kein oströmischer Kaiser, kein
Johanniter-Grossmeister von Rhodus oder Malta blickte je saurer von seinem Stuhl
auf einen abzuurteilenden Verbrecher als Adelaide anjetzo auf den Junker Hennig.
    »Hennig«, sagte sie, »Hennig, Hennig, ich habe die ganze Nacht kein Auge
geschlossen, und der Kummer - der Kummer um dich liess mich nicht schlafen.«
    »Frölen Trine -«
    »Wieder ein Dolchstoss!« ächzte das Fräulein. »Kind, Kind, du treibst mich
zur Verzweiflung; - du bringst mich dahin, auch an dir zu verzweifeln, an dir,
welcher mich bis jetzt allein noch an dieses kummervolle, arme, verachtete
Dasein gefesselt hat! Hennig, du bist ein abscheulicher Taugenichts, und ich
werde zu den strengsten Mitteln greifen, um dich auf den Pfaden des Anstandes
und der Selbstachtung zu erhalten. Ist denn alles, alles vergebens gewesen? Habe
ich wirklich diese ganzen Jahre hindurch diesen täglichen, stündlichen Kampf um
dich gegen all diese schädlichen Einwirkungen - ich könnte viele derselben
nennen! - vergeblich kämpfen müssen?... Und welchen Mächten soll ich
unterliegen? Ich will nicht reden von den Einflüssen, die in nächster Nähe
wirken - ich will dich nur fragen, mein Sohn, um welche Gesellschaft du gestern
nachmittag die meinige vertauscht hast?... Hélas, du antwortest nicht, du saugst
an dem Daumen, welches gleichfalls ein Horreur ist - du weisst keine Antwort.
Stelle dich auf beide Füsse, mein Kind; es ist anständiger; ja, gebrauch nur dein
Mouchoir, es ist freilich nützlich, jedoch zu Tränen wirst du dich dadurch wohl
nicht zwingen -«
    »Ich zwinge mich auch nicht, ich schneuze mich, und was ich gestern getan
habe, das tut jeder ordentliche Junge jeden Tag, und ich will auch ein
ordentlicher Junge sein, und Tonie gefällt mir recht gut, und ich habe ihr
versprochen, jeden Jungen durchzuprügeln, der sie nur schief ansieht. Und
Frölen, ich weiss gar nicht, was Sie wollen, und ich weiss gar nicht, wenn Sie
mich spazierenführen, weshalb ich immer anhören soll, dass die Welt so schlecht
sei und dass es besser wäre, man stürbe, und dass alle Leute nur alle Leute nicht
erkennten und alle Leute alle Leute nur verachteten und kein Adel mehr sei und
hier auf dem Hofe gar nicht und dass es sonst besser war und nur immer schlechter
würde und, was schrecklich ist, dass ich der Beste werden soll und alles
wiedergutmachen soll und gar keinen Spass für mich allein haben soll und nur
alles soll, was ich nicht mag, was gar zu schrecklich und langweilig ist, huhi,
huhi - hihihi!«
    Der Junker, von seinen Gefühlen überwältigt, heulte gradhinaus, Peccadillo,
steif auf alle viere sich stellend, bellte. Das Fräulein aber, aus allen
Illusionen und Idealen hinausgeschlagen, sah das Tabernakel in ihrem Herzen von
einem Steinwurf zertrümmert, sah bleich, wortlos, und als ob ihr übel werde, auf
den Junker, lehnte sich zurück auf ihrem Stuhle und wies mit matter Hand auf das
Lehrmaterial auf dem Tische und keuchte tonlos:
    »Wir wollen fortfahren, wo wir gestern morgen stehengeblieben!«
    Sie fuhren fort; jedoch nicht, wie sie aufgehört hatten. Es lag zuviel
zwischen dem gestrigen Tage und dem heutigen. Wohl machte die treffliche Dame
Adelaide Klotilde Paula von Pardiac und Valcroissant dem schäbigen neunzehnten
Jahrhundert noch immer Filet unter der Nase; aber die Nadel, mit welcher sie von
Zeit zu Zeit ihrem verstockten heimtückischen Zögling auf den Blättern seines
Buches den Weg andeutete, zitterte und verlor selber den Weg. Seinen eigenen Weg
fand Hennig schon allein durch die Porzellanpalmenwälder und Biskuitwildnisse
des Monsieur Bernardin de Saint-Pierre; und ob es auf Islede-France regnete oder
auf Krodebeck und das Kuckelrucksholz, war ganz einerlei. Übrigens war der Paul
doch gar zu weise und dumm, und der Unterrock Virginiens stammte unzweifelhaft
ebenfalls aus der berühmten Fabrik von Sèvres, und es war eine ganz andere und
viel lebendigere Sache, mit Tonie Häussler dem Chevalier und der Chevalière
durchzugehen, den Meister Reineke in seinem eigenen Hauswesen aufzusuchen und im
Sturm und Unwetter mit Jane Warwolf heimzukommen!
    Als die alte schwarze Wanduhr auf dem Hausflur, welche dem braven
Herrenhause durch so manchen bösen und guten Tag geholfen hatte, abermals die
Stunde schlug, erwachten beide, Schüler und Lehrerin, aus einem tiefen Traum;
doch jeder hatte etwas anderes geträumt, und als sich Hennig ein wenig
schwankend erhob, um sich zu dem Ritter von Glaubigern zur zweiten Lektion zu
begeben, erhob sich auch das Fräulein und sprach lemurenhaft:
    »Was geschehen müsste, um mir und dir zu helfen, weiss ich nicht, mein Sohn;
aber es müsste etwas geschehen, es müsste etwas geschehen, es müsste in der Tat
etwas geschehen!«
    Damit sank sie mit geschlossenen Augen von neuem zurück, und schleunigst
nahm der Junker von Lauen Reissaus im panischen Schrecken vor dem unheimlichen
Etwas, welches unbedingt geschehen musste und welches nur augenblicklich noch der
Schleier der Zukunft deckte.
    Im vollen Galopp durchmass Hennig den Korridor, stolperte und fiel zuerst
gegen die Tür des Ritters und sodann in das Zimmer desselben, dass der gute, alte
Herr ganz entsetzt auffuhr:
    »Lümmel, ist dieses die Art, bei anständigen Leuten einzutreten?«
    »Ich kann nichts dafür, Herr von Glaubigern«, winselte der Knabe. »Sie hat
mir nachgesehen wie ein Gespenst. Ich habe mich gefürchtet; denn es muss etwas
geschehen, sie weiss nur noch nicht, was. O Herr Ritter, ich hab geglaubt, sie
ist hinter mir her, und ich habe mich so sehr gefürchtet!«
    Der Chevalier griff stumm nach dem Handgelenk des Knaben, fühlte ihm den
Puls, schüttelte das würdige Haupt und murmelte:
    »Es ist die allerhöchste Zeit, dass dieses ein Ende nehme. Junge, bist du auf
dem Lande aufgewachsen? Bist du ein Lauen? Bist du wirklich ein Sprössling jenes
Lauen, welchen der gelahrte Hauspfaff als Hilmar Allantophilos in die
Hauschronik eingetragen hat, dass ganze ungelehrte Generationen sich den Kopf
über das grausame griechische Wort zerbrechen mussten, bis ich herauskriegte, dass
es Wurstfreund hiess... Was ist geschehen, und was muss geschehen, du Narr?«
    »Weil ich gestern dem Herrn Ritter und dem Frölen Trine weggelaufen bin, muss
etwas geschehen!« schluchzte Hennig. »Und weil ich in schlechte Gesellschaft
geraten bin! Und weil ich der Beste in der ganzen Welt werden soll, und weil
sich alle meine Grossväter im Grabe umdrehen, wenn sie an mich denken, was noch
das wenigste wäre, wenn sich nicht Frölen Trines Grossväter alle miteinander
mitdrehten!«
    »Ei, ei, ei!« murmelte der Chevalier.
    »Ja, und es wird mir zuletzt alles einerlei, und ich will's nur gestehen,
Herr Ritter; ich habe gesagt: ich wäre schon so gut genug für mich, wenn man
mich nur in Frieden liesse, und der Beste könnte ich in meinem ganzen Leben nicht
werden und hätte auch keine Lust dazu, und der Herr Leutnant von Glaubigern wäre
ja da, und wenn einmal die Welt absolut umgedreht werden müsste, so könnte der
das allein tun, und mich brauche er ganz gewiss nicht dazu!«
    »Hm, hm!« machte der Chevalier, nahm eine sehr lange Prise und stand in
seinem weissen, reinlichen Hausrock, dem wohlgefältelten Busenstreif, seinen
hellgrauen Pantoffeln und seinem hellgrauen Hauskäppchen mit dem hellblauen
Quast in der Tat wie ein Heros da, der aus höherer Region herniederstieg, um
diese schlechte Erdenwelt in ihre Fugen wieder einzurenken; allein ziemlich
verlegen erschien er dessenungeachtet. Wie dem heiligen Markus der Löwe, so
strich ihm Mystax, sein Kater, um die Beine; er fasste den Schnurrenden am
Genick, nahm ihn unter den Arm und sprach:
    »Mein Sohn Hennig, das einzige, was ich dem soeben von dir hervorgebrachten
Unsinn entnehme, ist, dass du gegenwärtig durchaus nicht fähig bist, dich den
Musen mit der ihnen zukommenden stillen und feierlichen Subordination zu widmen.
Hm, hm, ich halte es für besser, den Eutropium heute nicht hervorzulangen, und
was Gatterer Abriss der Heraldik betreffen möchte, so wollen wir auch den dahin
gestellt sein lassen, wo er steht. Mein Sohn Hennig, ich hätte mancherlei zu
bemerken; allein da du doch nur das wenigste davon begreifen würdest, so mache
ich dich nur auf den lustigen Schnee da draussen aufmerksam und rate dir, dich
auf der Stelle zu trollen, das heisst aus der Tür zu scheren und mir höchstens in
den Essensstunden wieder vor die Augen zu kommen.«
    Mit grossen Augen und weit offenem Munde starrte der Knabe den wackern
Lehrmeister an.
    »Ich soll allein laufen? Ohne Sie und - ohne das Fräulein?« stammelte er.
    Der Ritter neigte das Haupt.
    »Wenn ich aus der Haustür gehe, so ruft - sie mich um! Nachher sitze ich
wieder da, und es ist alles zu Ende.«
    »Ei, Mystax, Mystax, gutes Tier«, sprach leise der Ritter zu seinem Kater,
indem er ihm zärtlich den Pelz streichelte. »Das Haus hat auch eine
Hinterpforte, nicht wahr, Mystax? Ei, ei, Mystax, gutes Tier!«
    Es war unmöglich, dass der Junker von Lauen Augen und Mund noch weiter
aufreissen konnte. Mit einem Male drehte er sich auf den Hacken, stürzte aus dem
Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu, dass der Helm, der Brustarnisch und
der Kürassiersäbel von Ligny an der Wand klirrten.
    Es roch auch in dem Gemache des Leutnants von Glaubigern ein wenig
altjungferlich; allein es herrschte noch ein anderer Duft darin, der sich
freilich schwer bestimmen liess.
    »Ei, ei, ei«, sagte der Ritter von Glaubigern, ans Fenster tretend, »sie
wäre imstande, auch mich umzurufen, wenn ich aus der Haupttür ginge und nicht
die Hinterpforte benutzte!«
    Es würde uns zu weit führen, wenn wir den Junker von Lauen auf allen seinen
Wegen bis zur Mittagsstunde begleiteten. Als die Essglocke erklang, erschien er
pünktlich; aber selbst in diesen wenigen Stunden, die verflossen waren, seit ihn
das Fräulein kummervoll entliess, hatte er die bedauerlichsten Fortschritte zum
Schlimmern gemacht. Mit herzzerreissender Wehmut betrachtete ihn das Fräulein,
als er über seinen Teller herfiel. Sein Gemüt schien noch verstockter geworden
zu sein; sein Äusseres war jedenfalls schmutziger geworden, seine Ausdrucksweise
plebejischer oder, wie Adelaide es bezeichnete - volkstümlicher. Er bezeigte
weder als Christ noch als Edelmann Reue, dass er gestern allen höheren, reineren,
tugendhafteren, heiligeren Gesinnungen durch die Lappen gegangen war, und nur
wenn es Art der Menschheit wäre, Busse durch erhöhte Gefrässigkeit zu tun, hätte
er einige Hoffnung für die Zukunft gegeben.
    Nach aufgehobener Tafel fühlte sich das Fräulein zu schwach, um den Kampf um
diese verlorene Seele mit den bösen Mächten von neuem aufzunehmen, tief gebeugt
und halb gebrochen zog es sich zur Mittagsruhe zurück; der Ritter hatte noch
eine halb heitere und halb ernste Unterredung mit der gnädigen Frau, und der
Junker ging abermals seiner Wege, ohne dass ihm jemand dieselben verlegte. Auch
dieses Mal trauete er dem Dinge noch nicht und verliess, vorsichtig über die
Schulter zurückblickend, den Lauenhof wiederum auf Nebenwegen. Er hatte die
Hosen in die Stiefelschäfte gesteckt; unter den Armen trug er, was ihm von
seinen Schätzen als das Begehrenswerteste erschien, eine Schachtel mit arg
mitgenommener königlich preussischer Infanterie im Sturmschritt, eine sehr lecke
Arche Noah und eine in Fetzen zerflatternde Ausgabe des »Robinson Crusoe« mit
schönen, bunten Bildern. Dazu trug er an den Ohren sein sehr erstauntes und
deshalb sehr zappelndes Lieblingskaninchen mit den schönen roten Augen vor sich
her, und so war's kein Wunder, dass er ziemlich keuchend - das Siechenhaus von
Krodebeck erreichte.
    Tonie Häussler, die vom Fenster aus gleichfalls in den ersten Schneefall des
Winters hinausblickte und ihre Kinderbetrachtungen darüber anstellte, sah den
Genossen von gestern hinter den Hecken hervorkommen, stieg herab von ihrem Stuhl
und verkroch sich, ohne ein Wort zu sagen, hinter dem Ofen. Die alte Hanne,
welche am Ofen spann, hatte den Schnee allzuoft kommen und gehen sehen, um viel
darauf zu achten; aber verwundert erhob sie das Haupt, als es vor ihrer
Stubentür kratzte und stolperte und der Junker von Lauen, ohne anzuklopfen und
ohne die Begleitung der Mutter oder des Herrn von Glaubigern, in ihrem grauen,
trüben Reich erschien. Die Alte war sehr verlegen über die hohe Ehre, wackelte
ein wenig ängstlich hin und her, sagte: »Ei, ei, ei!« wie der Chevalier,
erkundigte sich zaghaft nach der gnädigen Frau und noch zaghafter nach dem
Befinden des gnädigen Fräuleins.
    »Der bin ich zum zweitenmal durchgegangen!« sprach Hennig, »und es wird
nicht das letzte Mal sein, und hier bin ich mit dem Karnickel und mit den
Zweiundzwanzigern im Sturmschritt und dem Noahkasten; ich habe gestern der Tonie
versprochen, es zu bringen, und da ist es!«
    Der ehrliche Bursche kramte seine Herrlichkeiten aus auf dem zertretenen
Fussboden; aber wo war der Kobold aus dem Kuckelrucksholz? Der steckte hinter dem
Ofen und leuchtete nur mit verwunderten grossen Augen aus der Dämmerung hervor.
Es hielt sehr schwer, ihn aus seinem Versteck hervorzulocken; allein was dem
Junker und dem weissen Kaninchen nicht gelingen zu wollen schien, das gelang den
Magdeburger Füsilieren. Sie nahmen auch das Herz der jungen Dame mit Sturm, und
die Familie Noah sowie der »Robinson Crusoe« vollendeten die Eroberung, und so
wurde das, was sich gestern unter freiem Himmel, im Walde und im Windessausen
angesponnen hatte, heute innerhalb der vier Wände des Siechenhauses
weitergesponnen. Ergötztet ihr euch nicht lieber
an dem heitern Glück,
Womit am Schluss des drolligen Romans
Die Lieb ein leicht genecktes Paar belohnt?
Vielleicht! Sehr wahrscheinlich! Ja ohne alle Zweifel! - O wie schön, wie
friedlich und freundlich könnte unser Weg sein ohne das dumpfe Poltern in der
Ferne, ohne den schwarzen Wagen, der immerfort seinen Weg durch die Geschlechter
alles Lebendigen fortsetzt, dessen Fuhrmann so schläfrig düster mit dem Kopfe
nickt und dessen Begleiter, die Leidenschaften, mit Zähneknirschen und
Hohnlachen die eisernen Stangen und Haken schwingen; denn ihrer ist ja das Reich
und die Herrlichkeit der Welt, und wer kann sich rühmen, dass er im Kampfe wider
sie wirklich den Sieg davongetragen habe?
    Hanne Allmann hatte sich wieder an ihr Spinnrad gesetzt; sie drehte das Rad,
zog den Faden und nickte ebenfalls mit dem Kopfe - schläfrig, aber doch
verwundert über das junge Leben zu ihren Füssen. Sie mummelte und summte auch zu
dem schnurrenden Rade, legte die Hände im Schosse zusammen und schüttelte das
Haupt, uralte Weisheit dumpf und mühsam im stumpfen Gehirn und Herzen
zusammensuchend. Sie und der Ritter von Glaubigern wussten ja am besten Bescheid
in Krodebeck, was es auf sich habe mit dem Schüdderump; die andern waren viel zu
sehr beschäftigt mit dem lärmenden Tage, und die beiden Kinder - dort am Tische
des Siechenhauses - ja, die hatten noch nicht mitzureden; obgleich sie
mitzuleiden hatten, wenn ihre Stunde kam.
    »Erstorbenes Leben, blindes Augenlicht« - es hatte die Greisin aus dem
Siechenhause das Recht, vor einem grössern Palast niederzusitzen zu Fluch und
Klage als die beiden Königinnen und die alte Herzogin, die Mutter von Königen,
die vor dem Königsschloss von England zu Klage und Fluch niedersassen; und zuletzt
wurde sie auch nur durch den wackern Freund Robinson Crusoe daran verhindert.
Die blauröckige königlich preussische Infanterie füllte eben mit dem durch sie
hervorgerufenen Interesse nicht den ganzen Nachmittag aus. Sie zog sich wieder
in ihre Schachtel zurück, und das Karnickel trat als handelnde oder vielmehr
leidende Person in das Spiel. Doch auch dieses hatte seine Zeit; nicht wenig
zerzaust rettete sich das Tierchen unter den Ofen und sah von dorter aus seinen
roten Augen ängstlich dem ferneren Treiben der beiden Kinder zu.
    Es war nunmehr der erst so sehr missratene und dann vom Schicksal so gut
gezogene Meister Robinson an der Reihe, und der Junker Hennig fand die schönste
Gelegenheit, durch ihn sich als einen welt-und bücherkundigen Mann zu erweisen.
Mit den Augen und den Ohren folgte Tonie Häussler seinen deutenden Fingern und
Erklärungen, und die Alte am Spinnrad wurde auch alles Wunderns voll und fragte
einmal über das andere, ob das wirklich in dem Buche stehe, ob das nicht
erstunken und erlogen sei.
    »Nein«, sagte Antonie, »es ist wahr. In Hamburg hab ich einen schwarzen
Menschen gesehen, der war ganz so schwarz als der liebe Freitag, und vielleicht
war er auch aus seinem Dorfe. Seinen Vater Donnerstag hätt ich zu gern gesehen,
aber der ist ja tot. Es steht ganz gewiss in dem Buche, und hier ist sein Bild,
wie er gebunden im Kahn liegt und eben an den Bratspiess gesteckt werden soll.«
    Sie legte das zerfetzte Buch der Alten auf die Knie, und trotz ihrer blöden
Augen musste Hanne Allmann von Blatt zu Blatt die herrliche Historia in den
Bildern betrachten und erhub die Hände über Heiden und Türken und
menschenfressende Mohren und fand ein grosses Behagen und Wohlgefallen an den
frommen Lamas, wie sich das in Anbetracht ihrer Verwandtschaft mit dem »lieben
Vieh« eigentlich von selbst verstand. Stolz, mit den Händen in den Hosentaschen,
stand der Sohn des reichen Hauses in der Stube der Bettelleute und gab noch
sonst mancherlei aus dem reichen Schatze seiner Studien zum besten; ja er hätte
fast sogar in dem noch reichern Schatze der Studien seiner Lehrmeisterin, des
Fräuleins Adelaide, Stoff zum Prahlen und Grosstun gefunden, allein da ging ihm
doch ein Schrecken durch die Gebeine; denn plötzlich fiel ihm ein, dass
vielleicht grad in diesem Augenblick das Fräulein von Saint-Trouin auf dem
Lauenhofe sich aus seiner Mittagsruhe erhebe und flötend durch die Säle und
Gänge des Kastells den lockenden Ruf erschallen lasse:
    »Hennig! Hennig! Lieber Hennig!«
    Da zog er schnell die Hände aus den Taschen hervor und warf misstrauische
Blicke nach dem Fenster und der Tür. Er wusste nicht, dass das Fräulein mit einer
argen Migräne aus dem Schlafe der Edlen erwacht war und den Chevalier von
Glaubigern zu einer Partie »Tokadille« zu sich gebeten hatte. Er wusste nicht,
dass schon seit einer Stunde der Chevalier ihm mit einer bedenklichen Anlage zum
Trismus, das heisst der Maulsperre und dem Kinnbackenkrampf, gegenübersass und dass
der Chevalier in dieser einzigen Stunde für alle Sünden seines Lebens Genugtuung
geleistet hatte. Er wusste nicht, dass der Chevalier sich bereits ein kleines
Gutaben zuschreiben durfte und dass in diesem Moment die gnädige Mama in der
Milchkammer zu ihrer Adjutantin sagte:
    »Mamsell Molkemeier, Sie sind erst nach den Sommergewittern auf dem
Lauenhofe eingetreten, deshalb will ich Ihnen von einem Mittel hier in der
Milchstube reden, und ich lasse mich darauf totschlagen, dass es jedesmal hilft.
Sehen Sie, es steigt kein Unwetter am Himmel auf, ohne dass ich nicht den Herrn
Leutnant auf irgendeine Weise und auf Umwegen hierherkriege und mit angenehmer
Unterhaltung bis zum letzten Donnerschlag festalte. Wissen Sie, unser
drittletzter Erster Verwalter war ein Gelehrter von den Ökonomieuniversitäten,
der hat es mir griechisch gesagt, nämlich der Herr Ritter verneutralisiert die
Elektrizität; aber das gnädige Fräulein darf freilich nicht dazukommen oder nur
in die Nähe; denn das verneutralisiert den Herrn Ritter, und so haben wir denn
leider auf dem Lauenhof gradso viel und häufig sauer gewordene Milch wie andere
Leute; denn das Frölen halte sich einmal einer vom Leibe und noch gar beim
Gewitter!«
    Hennig wusste aber auch nicht, dass seine Mutter an diese liebliche Anekdote
und das treffliche Hausmittel eine bedenklichere Frage nach seinem eigenen
Verbleiben geknüpft hatte und dass die Mamsell Molkemeier ziemlich sichere
Auskunft darüber gegeben hatte. Er wusste nicht, dass die gnädige Frau darauf
einen Blick in das Wetter geworfen und, als sie es befriedigend fand, eine
ziemliche Neigung kundgegeben hatte, in eigener Person den Spuren des Sohnes und
Erben zu folgen und den mit dem Ritter von Glaubigern verabredeten Besuch im
Siechenhause fürs erste einmal allein abzustatten.
    Der Regen liess gegen Abend allmählich nach und hörte mit einem letzten
tüchtigen Guss ganz auf. Von dem Schnee war selbstverständlich in derselben
Minute keine Spur mehr vorhanden. Die kahlen Pappeln an den Wegen zeichneten
sich scharf gegen die Luft ab. Rote Streifen des Sonnenunterganges spiegelten
sich in den Lachen und wassergefüllten Gleisen der aufgeweichten zerfahrenen
Landstrasse, und auch vor den Harzbergen rollte das schwere Gewölk langsam fort.
Nur der alte Brocken blieb verdriesslich unter seiner Nebelkappe; die Vorberge
lagen bald gänzlich klar da, und das weisse Schloss der Stolberge zu Wernigerode
blickte ganz hell herüber.
    Beide Kinder in dem Siechenhause hatten sich wieder zu dem Fenster gezogen
und sahen nach den roten Wolken und den schwarzen Krähen, welche letztere in
grossen Schwärmen von den Bergen kamen oder nach den Bergen reisten und auf den
Pappeln von Krodebeck ihre Neuigkeiten gegeneinander austauschten.
    »Da kommt deine Mutter, Hennig!« sagte Antonie Häussler.
    Sie kam wirklich; und später, das heisst lange Jahre nach ihrem Tode,
erinnerte sich Hennig daran, wie sie kam und wie sie gewöhnlich zu kommen
pflegte. Natürlich wieder mit aufgeschürzten Röcken, die wackern Waden in den
glänzendsten, weissesten Strümpfen, und auf dem solidesten Rindsleder marschierte
sie heran vom Lauenhof. Sie hätte der Spitze des grössesten und tapfersten Heeres
keine Schande gemacht, und ihr Humor blieb derselbe, ob sie auf eigenem Gebiet
freundschaftlich begrüsst einherzog oder die Grenze feindlichen Territoriums
kriegerisch überschritt.
    »Komm hinter den Ofen!« flüsterte der Junker, eilig und tölpisch seine
Siebensachen zusammensuchend; aber auch Tonie Häussler stellte sich fest auf
ihren kleinen Füssen und sagte:
    »Ich brauche mich vor niemand zu verkriechen und vor deiner Mutter gar
nicht. Sie kann mich ganz gut leiden, und ich sie auch.«
    »Wer kommt? Von wem sprecht ihr, Kinder?« fragte Hanne Allmann, die Hand
hinter das halbtaube Ohr haltend.
    »Von der gnädigen Frau, Mutter Hanne«, rief Tonie. »Da ist sie am Fenster.«
    Die gnädige Frau guckte richtig in das Fenster; sie hatte die Gewohnheit,
erst in das Fenster zu gucken, ehe sie das Haus der Leute betrat, denen sie
einen Besuch zugedacht hatte. Ihr Sprössling stand mit der Arche Noah, dem
»Robinson« und dem blauröckigen Fussvolk unter den Armen und zog den Kopf
zwischen die Schultern. Sie aber stand mit in die Hüften gestemmten Händen auf
der Stubenschwelle, blickte helläugig und durchaus nicht blöde umher und erst
ganz zuletzt auf den Stammhalter.
    »So!?« sagte sie mit leicht fragender Betonung und fasste den ganzen Lauf der
in diesem Teile des Buches entaltenen Dinge merkwürdig gut in diesem einzigen
kleinen Worte zusammen. Fünf Minuten später sass sie behaglich neben der greisen
Bewohnerin des Siechenhauses und hielt den allergemütlichsten Dorfklatsch ab.
Von dem, was sonst noch besprochen wurde, wird im zweiten Teile die Rede sein.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Die Frau Adelheid von Lauen war eine kluge Frau, und wer das bisher nicht
merkte, dem wird kaum zu helfen sein. Sie war vielleicht das klügste Weib auf
viele Meilen in der Runde, jedenfalls aber sämtlichen Bewohnerinnen Krodebecks
und des Lauenhofes doppelt gewachsen in Hinsicht auf Verstand und den guten
Willen, bemeldeten Verstand zu gebrauchen. Wenn wir sie nicht stets und überall
zuerst hervortreten und frisch ihre Meinung sagen liessen, so handelten wir dabei
ganz nach ihrem Sinne; denn sie pflegte im Leben keineswegs eher auf der Bühne
zu erscheinen, als bis es Zeit und ihr Stichwort gefallen war. War dann aber
ihre Zeit wirklich gekommen, so kannte sie jedesmal ihre Rolle durch und durch,
griff munter und tapfer mit beiden Händen in die jedesmalige Komödie oder
Tragödie des Tages ein und wusste Hindernisse, vor denen andere Leute ratlos
stillstanden, ungemein schnell aus dem Wege zu räumen.
    So hatte sie nun auch die Erziehung ihres Kindes den beiden alten
Hausfreunden überlassen, ohne die daraus hervorgehenden Unzukömmlichkeiten
anders als von Zeit zu Zeit durch eine vergnügte Bemerkung zu rügen. Nun hielt
sie diese mehr oder minder segensreiche Epoche der Entwickelung ihres Junkers
für abgeschlossen, und dass der Ritter von Glaubigern darin mit ihr
übereinstimmte, trug nichts zur Befestigung ihrer Ansichten bei, aber war ihr
doch in hohem Grade angenehm. Die Summe ihrer Meinungen hatte sie wahrscheinlich
am vorigen Abend während der Jagd auf das nützliche, fette, aber felone
Borstenvieh gefunden, hatte die Sache zu guter Letzt noch einmal beschlafen und
war jetzt gekommen, um in dem Siebenhause von Krodebeck unter Gegenzeichnung von
Hanne Allmann das Siegel unter ihre Entschlüsse zu drücken. Die gnädige Frau
hatte keine bessere Gevatterin, um eine längere Gedankenreihe vor ihr zu
rekapitulieren, als die Alte im Armenhause. Dass dann für das Kind der schönen
Marie auch einiges dabei abfiel, war sehr natürlich; übrigens müssen nicht
selten die Hauptpersonen im bunten Erdengewühl sich mit dem begnügen, was
beiläufig für sie abfällt - sie sind nicht immer daran gewöhnt, dass der Tag sich
viel um sie kümmere.
    Die Witterung und die Gesundheit waren besprochen, einige interessante
Dorfgeschichten kurz und gut zurechtgerückt, und die gnädige Frau holte jetzt
mit einem hellen suchenden Blick und bedeutsamen Wink den Sohn aus dem
Ofenwinkel hervor und sagte:
    »Hanne Allmann, wir kennen uns jetzt lange genug, um zu wissen, was wir
voneinander zu halten haben. Du bist eine kluge Frau und hast mir schon manchen
guten Rat gegeben, also unbeschadet dessen, was meine eigene Meinung ist, sage
mir, was fange ich mit meinem Jungen da an?«
    »O gnädige Frau«, sprach die Alte, ohne sich im geringsten zu besinnen,
»wenn es mein Junge wäre, so täte ich ihn ganz gewiss um Ostern künftigen Jahres
weg vom Hofe.«
    Der Junker Hennig sperrte wieder einmal den Mund auf und bereitete sich zu
einem dumpfen Jammergeheul vor. Die Idee, dass man ihn vom Hofe »weg« und
irgendwo »hin tun« könne und unter Umständen werde, erschien ihm im hohen Grade
ungemütlich und bedrohlich.
    »Ich täte ihn auf Schulen; er ist nichts nütze mehr allhier«, fuhr Hanne
Allmann fort.
    »Sieh, das wollte ich nur hören, Hanne!« rief die Frau Adelheid. »Wenn zwei
verständige Leute wie wir dasselbe denken und der Herr von Glaubigern auch
nichts dagegen einwendet, so kann man abwarten, wie sich die übrige Menschheit
dazu stellt, und weiss, worauf man sich beruft, wenn andere Leute anderer Meinung
sind. Das wäre also abgemacht, Munter!«
    Mit einer frei und sicher einen Kreis, sozusagen in das Universum hinein,
beschreibenden Handbewegung schien das Geschick des Junkers in der Tat abgemacht
zu sein; aber dieselbe Hand, welche diesen Kreis in die Luft gezogen hatte,
griff jetzt noch weiter, zog die kleine Antonie Häussler hinter dem Rücken des
Knaben hervor und stellte sie in das letzte Licht des scheidenden Tages.
    »Und nun zu dieser, Hanne. Auch darüber hab ich längst mit dir reden wollen;
aber du weisst ja, wie es auf dem Hofe zugeht, wie unsereins bei Tag und Nacht in
seinen Knochen und Gedanken zusammengeschüttelt wird und wie man vor allen
Sorgen und Dummheiten kaum am Sonntag in der Kirche zu einem ruhigen Augenblick
und vernünftigen Nachdenken kommt. Da hast du's besser als wir alle, Hanne
Allmann; dir summt dein Leben jetzo hin wie dein Spinnrad da; dir springt
niemand mit beiden Füssen in deinen stillen Tag, und wenn dir einmal ein Faden
reisst, so ist's ein Ereignis für dich. Aber davon wollten wir nicht sprechen,
sondern von dem Kinde. Du handelst brav an ihm - es sieht ganz menschlich aus; -
ich möchte dir gern helfen, alte Sünden und altes Elend gutzumachen; aber das
weiss ich eben nicht, ob du mich schon jetzt dazu gebrauchen kannst. Wie ist es
mit dem Kinde? Wie hat es sich? Und vor allen Dingen, was fangen wir mit ihm
an?«
    Die alte Frau rieb hastig die Hände im Schoss aneinander und sah mit den
wunderlichsten Augen von Tonie Häussler auf die Frau von Lauen.
    »Gnädige Frau«, sagte sie sodann leise, »ich lebe über ein Menschenalter
unter diesem Dache, und ich will nichts Nachteiliges darüber sagen; aber es ist
ein kurioses Dach, und allerlei habe ich darunter sehen und hören und fühlen
können, was kaum ein anderer Mensch ausgehalten hätte, und Sie hat recht,
Gnädige, je weniger man darüber spricht und spintisiert, desto besser ist's.
Doch von diesem Kinde muss man freilich sprechen; denn das ist wie aus einem
fremden, fremden Land unter das Dach gekommen, und nun leben wir miteinander, es
und ich, und wissen nicht Bescheid umeinander und müssen uns zu jeder Stunde
übereinander verwundern. Ach, gnädige Frau, das muss ein sehr kluger Mensch sein,
der hier Bescheid weiss; ich aber sehe es des Nachts im Traum mit zwei goldenen
Flügeln, und am Tage ist's doch nur ein Bettlerkind und das Kind der Marie
Häussler; ich bin zu dumm, um klug daraus zu werden. Weiss Sie, Gnädige, manchmal
fürchte ich mich mehr vor dem Kinde, als ich mich sonsten vor irgendeinem
Menschen hier im Siechenhause gefürchtet habe; aber lassen kann ich nicht mehr
von ihm, und wenn man mir es nähme, so wär's mein Tod. Komm, Tonie, lass die
gnädige Frau in deine Augen gucken; der Herr Ritter hat das schon häufig getan
und hat jedesmal den Kopf geschüttelt.«
    »Und gesagt hat er nichts?« fragte die Frau Adelheid.
    
    »Freilich hat er manches gesagt; aber davon habe ich nichts verstanden. Er
hat von Wundern gesprochen, die täglich auf Erden geschähen und von niemand
begriffen würden. Er hat auch von der Schönheit gesprochen, die komme, ohne dass
man wisse woher und wozu, da doch niemand nach ihr verlange, als um sie zu
schänden und zu ruinieren. Zuletzt hat er mich gefragt, ob ich wissen könne, wie
diese jungen Augen auf dem Totenbett dreinsehen würden; aber, Gnädige, das muss
Sie doch selber sagen: im Siechenhause zu Krodebeck sollte man solche Fragen
nicht stellen!«
    »Mit dir kann man vielerlei aufs Tapet bringen, Hanne Allmann; also ziere
dich nicht. Und dass ich hier sitze, um Rat mit dir zu halten, das ist wohl auch
kein kleines Zeichen davon, dass man dich für eine gescheite Person hält. Was du
freilich hier eben durcheinanderworfelst, das verstehe ich auch nicht; aber
deinen Willen sollst du haben. Komm her, Kleine; zeig mir deine Augen, Mädchen,
und fürchte dich nicht, ich reisse dir den Hals nicht ab.«
    Die Kleine sträubte sich zwar im ersten Schrecken ein wenig gegen den festen
Griff der Gnädigen; allein das ging blitzschnell vorüber; schon im nächsten
Augenblick sah sie nicht mehr aus, als ob sie sich vor irgend etwas in der Welt
fürchte, und was ihre Augen anbetraf, so öffnete sie dieselben womöglich noch
weiter als sonst, und tapfer liess sie sich hineinblicken.
    »Es ist ihre Mutter, wie sie leibt und lebt!« rief die Frau Adelheid. »O
Frölen! Frölen! Frölen Adelaide!... Seht doch die kleine Hexe -«
    Die alte Bewohnerin des Siechenhauses zupfte ängstlich die Lehnsherrin am
Rock und legte bittend den Finger auf den Mund. Die gnädige Frau wendete sich
schnell zu ihr und sagte:
    »Du hast recht, Hanne Allmann, es ist nicht gut, alte böse Dinge
aufzurühren, wenn niemand es verlangt und nichts dadurch verbessert wird. Und du
hast weiter recht, und der Chevalier hat gleichfalls recht: die Augen sind
wunderlich und kommen nicht zum zweitenmal in Krodebeck vor, und vielleicht ist
das ein Glück. Da sollte man freilich meinen, das winzige Ding habe mehr erlebt
als das ganze Dorf seit hundert Jahren; - da sollte man es wirklich fragen, ob
es vor hundert Jahren schon einmal vorhanden gewesen sei und heute durch die
Augen davon erzähle -«
    »Grad wie das liebe Vieh!« sagte Hanne Allmann ernst und tiefsinnig.
    »Ich schicke dir dein Teil von der frischen Wurst, Hanne!« rief die Gnädige,
ihre Begriffe seltsam, aber ganz regelrecht aneinanderhängend. »Jetzt gehe,
Kind, und spiele; das ist das beste für dich. Du gefällst mir recht gut, trotz
deiner Augen. Sei brav und fürchte dich nicht; wir wollen trotz allem als
Christenmenschen an dir handeln.«
    »Ich fürchte mich nicht«, sagte Tonie Häussler; »nicht einmal in der Schule
und in der Kirche.«
    Die beiden Frauen sahen sich ziemlich betroffen an; Hanne Allmann aber sagte
schnell:
    »Das hat seinen Grund, Gnädige, und ich will nachher noch ein Wort darüber
sagen. Sonst aber ist das Kind wirklich ein gutes Kind, und wir haben schon
unsern Trost aneinander gefunden. Nicht wahr, Tonie?«
    Statt aller Antwort drängte sich das kleine Mädchen dicht an die greise
Pflegemutter heran und umfasste sie zärtlich. Dies Beispiel wirkte, und der
Junker von Lauen schmiegte sich gleichfalls an seine Mutter, welche, obgleich
sie sonst für überflüssige, unnötige Zärtlichkeitsbeweise wenig Sinn und noch
weniger Zeit hatte, es diesmal ganz gutmütig duldete und freundlich dem Sohne
die Haare aus der Stirn strich. Der Tag war vergangen, die schwarzen Wände des
Siechenhauses und die schwarze niedere Decke drückten schwer das Herz zusammen,
und selbst die muntere, helle Frau Adelheid von Lauen fühlte sich ganz
schwermütig und bänglich gestimmt. Sie sah sich um in dem traurigen Raume und
sagte:
    »Es ist nicht meine Schuld, dass du hier sitzest, Hanne. Du weisst, wie oft
ich dich herausnehmen wollte, seit ich das Regiment führe; aber einem Trotzkopf
wie dir rückt die ganze preussische Armee den Kopf nicht zurecht.«
    »Es ist aber doch auch nicht meine Schuld«, sprach die Greisin mit rührender
Einfachheit. »Als Ihr noch ein jung Mädel auf Eures Vaters Hof waret, da habe
ich freilich bei Tag und Nacht die Hände gerungen nach einem, der mich aus
meinem Jammer erlöse; doch es ist schon manches Jahr seit der Zeit gegangen und
gekommen. Nun ist es lange, lange zu spät, mich anders aus dem Hause
herauszunehmen als im Sarge. Ich bin hineingewachsen in das Haus. Also, gnädige
Frau, lasse Sie mich darin; aber nachher - Sie weiss: nachher! Nachher hole Sie
sich das Kind heraus, und verdiene Sie sich einen Gotteslohn, ohne sich um die
Welt zu kümmern. Die schöne Marie wird bald vergessen sein, also ist wenig
Gefahr und Schande dabei vorhanden. Verdiene Sie sich einen Kranz, liebe Frau,
um uns Weiber, und nehme Sie eins von uns in die Höhe, und lasse Sie sich vom
Herrn Ritter von Glaubigern dabei raten; dann kann ein gut und edel Werk daraus
werden und der Lauenhof grosse Ehre davon haben.«
    Die Frau von Lauen strich noch immer ihrem Sohn mechanisch über die wirren
Haare; jetzt nickte sie ins Weite und sagte:
    »Jaja, Junge, wir Weiber haben sicher unsere schwere Not, und es wäre wohl
zu wünschen, dass sich eines des andern annähme. Ich denke, ich habe es gut
gehabt, sowohl in meines Vaters Hause wie unter deines seligen Vaters Zucht,
Junge; aber das weiss doch keiner auszusagen, wie schwer es uns gemacht wird, uns
durch die Welt zu schlagen und uns stramm und fest so zu halten, dass die Welt
uns nicht nach ihrem Sinn als Spielzeug behandele. Halt den Schnabel, dummer
Junge; denn das verstehst du nicht!«
    »Ich sage ja gar nichts!« winselte der Junker, der »das« in der Tat nicht
verstand; denn vergeblich mochte er sich wohl auf den kühnen Gesellen besinnen,
der es gewagt haben konnte, seine Frau Mutter als Spielzeug zu behandeln. Es
fiel ihm nur ein der Landwirtschaft sich als Volontär widmender junger Herr von
Waschewitz ein; doch der konnte nicht als Exemplum gelten; denn nach dem ersten
schwachen Versuch, seine Lebensanschauungen der gnädigen Frau gegenüber geltend
zu machen, hatte er schleunigst den Lauenhof verlassen und sich seines Versuchs
nimmer gerühmt.
    »Du sollst kein vergebliches Wort geredet haben, Hanne Allmann«, sprach die
Gnädige, sich erhebend. »Das muss ich aber sagen, wenn es einem Menschen gegeben
ist, mir das Herz schwer zu machen, so bist du's, Hanne. Da sollte man sich ja
wahrhaftig nach dem Frölen Trine sehnen! Hier hast du meine Hand darauf, Alte:
der Lauenhof soll für das Kind der Marie eintreten, wenn du deine Vollmacht
abgegeben hast, und der hochlöbliche Gemeinderat samt dem Gevatter Klodenberg
werden sich hüten, mir dreinzuräsonieren. Übrigens hoffe ich, du wirst mir noch
lange zum Trost in solchen Dämmerstunden wie heute dienen, und du sollst mir
doch in Anbetracht dieses erlauben, dir auch jetzt schon ein wenig mehr zu
helfen.«
    »Es ist mir wirklich nichts nütz, Gnädige, und dem Kinde wäre es jetzo noch
weniger nutz. Sie tut schon übergenug an uns, Fraue, und wenn ich mehr von Eurer
Güte brauche, so schicke ich das Kind. Jetzt bleib drin, Tonie; das letzte
Wörtlein sage ich der gnädigen Frau draussen.«
    Auch die Alte erhob sich von ihrem Schemel und begleitete die Frau Adelheid
und den Junker von Lauen vor die Tür ihrer Hütte. Hier sprach sie:
    »Darum wollte ich Sie bitten, Fraue, legt ein gut Wort ein beim Schulmeister
für die Antonie, dass er die andern Kinder mehr von ihr zurückhalte; das Elend
begreift keiner, dem nicht tagtäglich unter diesem Dache mit Tränen davon
vorgesungen wird. Und wenn Sie sich auch an den Herrn Pastor wagen will, so -«
    »Ja, ich wage mich daran, und es soll alles besorgt werden, wie du es
wünschest, Hanne!« rief die Frau Adelheid. »Du kannst das übrige für dich
behalten; es wird mir ein Pläsier sein, den Herren deine Meinung nach meiner
Melodie vorzugeigen.«
    »Mache Sie es nicht zu arg«, sagte die Alte lächelnd, »hätt ich solche Musik
gewollt, so hätt ich die Jane Warwolf geschickt.«
    »Keine Sorge, Hanne!« sprach die gnädige Frau mit grosser Würde. »Ich weiss
mit der hohen Geistlichkeit umzugehen, sowohl vor als nach Tisch. Guten Abend,
Hanne - also fürs erste wäre alles zwischen uns wieder in Ordnung.«
    Sie hielt noch immer ihren Sohn am Oberarm; jetzt fasste sie ihn fester und
führte ihn ab, tapfer durch den Schmutz der Landstrasse, den väterlichen Laren
und Penaten zu.
    Unter dem Tor des Lauenhofes sprach sie:
    »Junge, Junge, was machst du für ein Gesicht? Es werden jedermann zu seiner
Zeit die Koffer gepackt, und du Narr wirst keine Ausnahme machen wollen; -
schäme dich! Übrigens bei besserer Überlegung brauchst du heut abend dem
Fräulein Adelaide noch nichts von deinem jämmerlichen Schicksal zu sagen. Wenn
erst der Metzger vom Hofe ist, passt die Zeit besser zu allen freundschaftlichen
Erörterungen, und man hat seine Gedanken mehr beisammen, um auf nichtsnutzige
Einwendungen und unangenehme Tränenfluten dienen zu können.«
 
                              Vierzehntes Kapitel
Die Alte hatte recht; sie hatte viel Unruhe, aber auch viel Freude und grossen
Segen von dem Kinde, welches die schöne Marie in der Welt und in dem
Siechenhause von Krodebeck zurückliess. Die Unruhe und Sorge entsprang bald ganz
und gar den Gedanken an die Zukunft; die Gegenwart bot nur Freude und Licht. Ja,
Licht! Es folgte überall ein glänzender Schein den kleinen Füssen, welche das
Siechenhaus nun so lustig machten und die Greisin in stets neue Verwunderung
setzten. Es war ja auch das erstaunlichste, dass diese kleinen Füsse so viele und
verschlungene Wege über Berg und Tal, durch Städte und Dörfer geführt worden
waren, um endlich das Siechenhaus von Krodebeck zu erreichen und die alte Hanne
Allmann zu umtanzen und zu umtrippeln, wie nur Elfenfüsse trippeln und tanzen
konnten.
    Ein Lebensjahr war der Hanne Allmann noch zugemessen, gerechnet von der
Ankunft Marie Häusslers an - ein Jahr des Segens von Sommer zu Sommer! Es war,
wie wenn zu guter Letzt nun doch noch aller Welt Lieblichkeit und Schönheit in
den dunkeln Winkel der Alten blicke und lächelnd rede: Hattest du gar keine
Ahnung davon, Hanne, dass man diese kurzen fünfundsiebenzig Jahre hindurch nur
seinen Spass mit dir getrieben habe? Du Närrin, es war ja nur ein
Versteckenspiel; jetzt mach die Augen auf, so weit du kannst, und sieh uns, wie
wir sind und wie schön die Erde für ihre Bewohner, wie süss das Leben sein kann!
    Die Greisin sperrte die trüben Augen freilich so weit auf, als sie konnte,
und merkte, wie das immer geschieht, wenn die Freude auf Erden in ein Haus und
in ein Herz kommt, durchaus nicht den bittern Hohn, der aus den Falten des
blauen Gewandes der Göttin die Zähne wies. Sie war dankbar, als ob wirklich eine
Verpflichtung dazu vorhanden sei. Ganz menschlich vergass sie die
fünfundsiebenzig Jahre der Dunkelheit um einen Augenblick nicht des Lichtes,
sondern des Widerscheins des Lichtes. Sie vergass den Scherz, welchen das
Schicksal mit ihr getrieben hatte, im fünfundsiebenzigsten Lebensjahre, als ihre
Augen bereits stumpf geworden waren und ihre Glieder zitterten unter der Last
des höchsten Alters.
    Jauchzend brachte das Kind sein Spielzeug und füllte die Hütte damit an -
das alte, das uralte Spielzeug der Menschheit, die Lust an den roten Morgen-und
Abendsonnen, den treibenden Wolken, dem Reif am Baum, dem Mondschein auf den
beschneiten Feldern! Die Tür stand jetzt immer offen; denn das Kind ging aus und
ein und hatte die volle Schürze mit beiden Händen zusammenzuhalten, um nichts
von seinen Schätzen zu verlieren.
    Fünfundsiebenzig Jahre war Hanne Allmann alt geworden, und immer noch rief
es in dem Walde:
Kuckuck up der Wie'n,
Wannehr schall eck frien?
Immer noch blies man auf die befiederte Samenkugel der abgeblühten Butterblume
und fragte den Tod um seine Meinung und Absicht, während Mutter Natur ihr
beschwingtes Blütenleben auf dem Kinderhauche weiter in die Welt
hineinbeförderte. Noch immer war der Apfelbaum im Frühling aller Schönheit und
im Herbste aller Herrlichkeit voll, und noch immer gab es nichts Geheimnis- und
Ahnungsvolleres als im Februar den Haselstrauch mit seinen blutroten Kämmchen
und gelben Troddeln.
    Antonie Häussler, das verwahrloste, verwilderte Kind der Vagabundin, kam wie
die Tochter eines gar reichen, hohen Hauses in das Siechenhaus von Krodebeck.
Die kleinen Hände, die zierlichen Füsschen, die klaren, klugen Augen und der
lachende Mund waren gleich der Mitgift eines Königskindes zu achten, und der
kluge, verständige Sinn, das leichte, gute Herz des Kindes, an welches niemand
ein Recht hatte, stammten aus dem tiefsten, reichsten Grunde der Welt. Die Alte
im Siechenhause schlug offen oder im stillen die Hände zusammen über den
Reichtum, welchen ihr Tonie mitgebracht hatte; die Alte vor allem war berufen,
den Schatz zu erkennen und den höchsten Genuss sowie die grösseste Sorge davon zu
haben. Dass dem so war, sprach sich im vorigen Kapitel in der Unterredung mit der
gnädigen Frau deutlich aus.
    Aber das Kind, das Kind war da in seiner ganzen Lieblichkeit, und die Sorge
nahm in dem Gemüt der Greisin doch nur einen geringen Raum ein! Erst kam die
Verwunderung, dann das Lachen in das Siechenhaus zurück; es ging kaum ein Tag
vorüber, an welchem Hanne Allmann nicht sich und die schwarzen Wände fragte:
    »Wo kommt sie her? Und wie komme ich zu ihr?« Wenn Tonie dann zufällig die
halblaute Frage verstand, so schmiegte sie sich dichter an die Pflegemutter und
rief dagegen:
    »Von wem sprichst du, Mutter? Sprichst du von mir? Wenn du von mir sprichst,
so sag's; - ich will dir sagen, woher ich komme. Ich war bei meiner Mutter auf
dem Kirchhofe, und nachher habe ich mich doppelt gesehen im Entenweiher. Wo ist
meine Mutter geblieben? Ich bin doch mit ihr in so vielen Ländern und unter so
vielen Menschen umhergezogen, bis ich hierher zu dir gekommen bin. Meine Mutter
hat mich immer auf dem Arm getragen, und wenn die Leute schlecht gegen sie
gewesen sind und sie in der Nacht oder auf dem Wege hat weinen müssen, so habe
ich sie an den Flechten gezogen und an den Ohren gezogen und ihr die Augen
zugehalten, dass sie hat lachen müssen. Ich sehe sie nicht mehr und höre sie
nicht mehr - sie ist gestorben; - ist das nicht kurios und recht traurig? Sieh,
wie grau der Himmel ist, es ist gar kein grün Blatt mehr an den Bäumen und nicht
eine einzige Blume auf dem Kirchhof. Das Gras ist noch da, das ist auch noch
grün, aber es gefällt mir nicht; meine Mutter liegt darunter und sagt nichts und
rührt sich nicht. Der Wind pfiff über den Zaun, und mir ist bange geworden, und
ich habe mich gefürchtet, bis die Enten durch die Hecke krochen und über die
Gräber und Steine wackelten. Sie schnatterten und schlugen mit den Flügeln und
steckten die Schnäbel durch das Gras. Die dickste wollte sich auf meiner Mutter
Kopf stellen; aber da habe ich sie gescheucht, und es hat einen grossen Lärm
gegeben, und wir sind alle zu gleicher Zeit am Weiher angelangt. Sie sind
hinein- und hinübergefahren; aber ich bin auf der Brunnenröhre sitzen geblieben,
bis das Wasser wieder ruhig war, und nachher habe ich mich doppelt gesehen. In
dem Wasser war der graue Himmel auch; weisst du, und meine Mutter hat oft gesagt,
sie wolle in das Wasser gehen, da sei ihr allein geholfen. Weshalb habt ihr sie
denn in die Erde gegraben, wenn ihr im Wasser geholfen war? Ich gehe gern an das
Wasser, vorzüglich im Sommer an den Teich im Walde. Darin sieht man viel, und
die Enten stören einen nicht. Da fährt's leise und schnell drauf hin und her,
und von unten auf wächst Kraut und kommen Blumen auf langen Stengeln. Wenn die
Sonne drein scheint, sehe ich doch noch mal meine Mutter darin; aber heute am
schmutzigen Weiher, da habe ich nichts gesehen als mich, und das Wasser hat mich
ganz hässlich gemacht. Dann sind zu den Enten die Gänse gestanden, und alle haben
die Hälse nach mir gereckt und geschrien und gezischt. Ich habe einen Stein nach
mir im Wasser geworfen, da war alles aus; und weil das lange gelbe Fräulein vom
gnädigen Hofe mit dem guten Herrn auf der Landstrasse dahergekommen ist, habe ich
mich wieder gefürchtet und bin gelaufen. Sieh, nun weisst du, woher ich gekommen
bin. Vor dem guten Herrn allein hätte ich mich nicht gefürchtet; doch das ist
alles gleich, mir kann doch ja keiner helfen.«
    »Kind«, rief die Alte, »jetzt hab ich dich lange genug angehört. Was
schwatzest du da stundenlang her? Und weshalb soll dir keiner helfen können?«
    »Die Leute im Dorfe sagen es. Sie sagen, ich sei nichts nutz und nichts
wert, und als die Buben neulich die Katze versauft haben, haben sie mich mit
versäufen wollen und sind mit einem Strick und einem Stein hinter mir drein
gerannt; aber diesmal bin ich ihnen noch zu schnell gewesen. Die Mädchen haben
aber nachher gelacht und gesagt, es helfe mir doch nichts, dass ich so flink sei;
ins Wasser müsse ich doch einmal. Nun sage du, muss ich ins Wasser, und ist mir
dann geholfen?«
    Wenn nun in diesem Augenblick die Wände des Siechenhauses zu Krodebeck
auseinandergerückt wären, wenn die hellste Sonne eines Wiener Sommertages durch
rotseidene geschlossene Vorhänge in das hohe, stolze Gemach gefallen wäre und
den modernen, weissen, silberbeschlagenen zierlichen Sarg in der Mitte dieses
Gemaches mit einem rosigen Schimmer bemalt hätte, so würde die Alte im
Siechenhause nicht schmerzensreicher und angstvoller dreingesehen haben als
jetzt, wo alles fürs erste beim alten blieb und sie mit abwehrenden Händen nur
stöhnen konnte:
    »O Kind, Kind, was für Unsinn redest du und was für schlechte Dummheiten
lässest du dir in den Kopf setzen!«
    Hüpfend und lachend in die Hände klatschend, rief Tonie Häussler:
    »Sei ganz ruhig, ich gehe mein Lebtage nicht ins Wasser; es gefällt mir zu
gut auf der Erde und bei dir, Mutter! Und heute hab ich viel trocken Fallholz
aus dem Kuckelrucksholz geholt, non können wir heut abend warm sitzen und hören,
wie's im Ofen schilt und schwatzt. Nachher kriech ich zu dir ins Bett; dann
braucht sich keiner zu fürchten vor Gluhschwänzen, Tückebolden und Gespenstern.
Wenn du im Schlaf Angst hast, zupf ich dich an deiner alten spitzen Nase; dann
wachst du auf und merkst, dass du bei mir bist, und alles ist gut. Und wenn ich
vom gelben gnädigen Fräulein träume, so schüttle mich nur tüchtig; - wenn ich
wache, fürchte ich mich vor niemandem. Den möcht ich sehen, dem zuliebe ich ins
Wasser ginge! Ich habe es ganz gut in der Welt und verlange es nicht besser.«
    Das letztere war mehr, als der Junker Hennig von Lauen in diesen Zeiten von
sich behaupten konnte. Seine Verdauung war noch immer vortrefflich; allein sein
Gemütszustand liess vieles zu wünschen übrig, und dass auch ihm dann und wann vom
Fräulein Adelaide von Saint-Trouin träumte, war noch das wenigste; denn er hatte
die wohlmeinende Dame auch im Wachen um sich, und da liess sie sich keineswegs
abschütteln wie ein Traum. Nachdem der Metzger vom Hofe war, hatte sich der
ruhige Moment zur »freundschaftlichen Erörterung« in der Tat bald gefunden, und
das darauf folgende Geschrei war freilich entsetzlich gewesen.
    Während der Chevalier mit billigend erhobenen Augenbrauen und zustimmendem
Kopfnicken eine stumme Prise nach der andern nahm, hatte die Enkelin Jehans de
Brienne gleichfalls eine Prise nach der andern genommen, nachdem der erste
Stupor vorüber war, jedoch nicht stumm. Keine tragische »Madame« ihrer
klassischen Landsleute erhob je den Dolch der Verzweiflung oder den Giftbecher
der Rache mit furchtbarerem Patos; die Frau Adelheid hatte - so was in ihrem
Leben noch nicht gesehen.
    Das sei zu arg, rief Adelaide von Saint-Trouin - das habe sie nicht um den
Lauenhof verdient.
    Sie ging so weit, als eine zimpferliche alte Jungfer nur irgend gehen kann,
und behauptete, sie habe dieses Kind geliebt, als ob sie es selber geboren und
gesäugt habe.
    Ja, sie sagte »gesäugt« und rührte selbst den jüngsten Verwalter dadurch zu
Tränen!
    Sie behauptete: Da sie es - das Kind - in einer andern und bessern Weise als
sonst jemand unter den Barbaren des Lauenhofes gebildet habe, so habe sie auch
ihre Meinung über dasselbe, und ihre Meinung sei, dass man dieses Kind, bloss um
sie - Adelaide Klotilde Paula - zu ärgern, auf den Pfad des Verderbens
hinausstosse. Sie wusste fest, dass es sich hier gar nicht um die Sorge für die
Edukation des Junkers handle, sondern einzig und allein um eine giftige,
heimtückische, boshafte Verschwörung und Verabredung gegen eine unglückliche,
hülflose Persönlichkeit, deren Namen sie nicht nennen wolle, da es doch nichts
helfe. Wie die eben versteinernde Niobe ihr Jüngstes, umfasste sie den
zerknirschten Hennig und fand ebensowenig Erbarmen als jene, obgleich sie
jedesmal, ehe sie in Krämpfe verfiel, ausser sich vor tragischem Weh, schrie:
noch nie sei für einen echten Kavalier etwas Gutes und Anständiges aus diesem
In-und Auf-Schulen-Gehen zum Vorschein gekommen, und durch hundert traurige
Beispiele aus der Geschichte des hohen und niedern europäischen Adels wolle sie
das beweisen und belegen.
    Wenn sie dabei auf den Chevalier von Glaubigern sah wie die Gemahlin
Amphions auf den hochgebildeten, aber rachgierigen Gott Apollo, so hatte das
weiter keine Folgen, als dass der erstere alte Herr im Innersten seiner Seele
wehmütig sagte:
    »Ach du lieber Gott, das wird eine schöne Zeit werden!«
    Die gnädige Frau erwiderte auf alles, was das gnädige Fräulein vorbrachte,
einfach:
    »Liebste Seele, dass Sie ein arges Lamento erheben würden, das hab ich im
voraus gewusst, und dass ich mich sehr davor gefürchtet habe, das können Sie mir
auf mein Wort glauben. Aber was hilft's? Die Sache ist einmal beschlossen, und
ich meine, Sie kennen mich gut genug, um zu wissen, dass sie nicht übers Knie
abgebrochen wurde. Dass ich auf Ihre Meinung viel halte, Frölen, wissen Sie
gleichfalls, wenn Sie's auch nicht zugestehen werden; aber mein Seliger hat doch
auch ein Wort mitzureden, und dessen Meinung war's item, dass der Junge nicht
gänzlich unter uns Mistfinken hocken bleibe und ebenfalls zu einem werde.«
    Mistfinke!... Wir müssen leider das scheussliche Wort noch einmal
hinschreiben; denn seine Wirkung auf die Erbin von Byzanz war zu fürchterlich
und wirkte wie ein Topf voll griechischen Feuers von den Mauern Konstantinopels
auf ein sarazenisches Admiralschiff. Es hob die Versteinerung der Tochter des
Tantalus vollständig auf; Fräulein Adelaide liess den Junker frei aus den Falten
ihres Gewandes, richtete sich zur vollen Höhe ihrer majestätischen Erscheinung
empor, sprach: »Ich habe keine Macht, mir das zu verbitten; aber ich verbitte es
mir doch!«, wandte sich, ging die Treppe hinauf und liess sich acht Tage lang das
Essen auf ihr Zimmer schicken!
    Den Junker nahm dann der Ritter von Glaubigern mit auf seine Stube und
wendete sich in langer, wohlgesetzter Rede erst an seine Vernunft sowie seinen
Verstand, und als dieses nichts half, an sein Ehrgefühl, was von besserer
Wirkung war. Die gnädige Frau, welche nicht die Zeit hatte, um, wie sie sagte,
abgetane Geschichten noch einmal breitzutreten, ging ihren Geschäften mit
gewohnter energischer Gemütsruhe nach und machte sich ein Vergnügen daraus, das
Fräulein in seiner grämlichen und gramvollen Abgeschlossenheit mit den
lieblichsten Delikatessen der Jahreszeit zu versorgen. Um Weihnachten machte das
Schicksal den letzten Schwankungen im Busen Hennigs dadurch ein Ende, dass es den
Sohn des Pastors von Krodebeck, den lieben Franz Buschmann, zum erstenmal als
Unterquartaner mit einer roten Mütze von Halberstadt nach Hause führte. Der
liebe Franz, sonst ein blöder, etwas heimtückischer Knabe, trat jetzt stolz und
überlegen dem frühern Spielkameraden entgegen und fand selbstverständlich einen
grossen Reiz darin, ihn durch seine Würde und Welterfahrung niederzudrücken.
Hennig prügelte ihn zwar hinter der Pfarrscheune jämmerlich durch und warf die
rote Mütze in die nächste Pferdeschwemme; allein moralisch erlag er jedoch
vollständig gegen den Pastorenfranz. Dieses zeigte sich vorzüglich daran, dass er
eine halbe Stunde nach dem Kampfe gegen seine kleine Freundin im Siechenhause in
ganz derselben Art und Weise renommierte, wie Franz gegen ihn geprahlt hatte,
und sich in den glorreichsten Phantasien darüber erging, wie er nun ebenfalls in
nicht gar langer Zeit mit einer roten Mütze von Halberstadt nach Krodebeck
heimkehren werde.
    Daraus wieder geht für den Leser hervor, dass das mit dem Siechenhause
angeknüpfte Verhältnis in vertraulichster Weise fortdauerte. Das Fräulein von
Saint-Trouin hatte sich auch darein finden müssen. Es kann leider nicht länger
verhehlt werden, dass das so vielfarbig leuchtende Gestirn Adelaides immer tiefer
am Horizont des Knaben sank, während der Ritter von Glaubigern mit seiner ganz
gewöhnlichen Laterne sich immer höher erhob. Seit der Chevalier seinen Zögling
auf die Hintertüren des Hauses und des Lebens aufmerksam gemacht hatte, hatte er
seine Stellung ihm gegenüber merklich verbessert, allein ihn zugleich auf Wege
und Gänge hingewiesen, die jedermann leider nur zu bald von selber findet und
die nur von so ganz gewöhnlichem Mittelgut, wie der Junker Hennig von Lauen,
ohne weitere Gefahr beschritten werden.
    Ungehindert trug der Knabe die Subsidien jeglicher Art, welche der nahrhafte
Edelhof der alten Bewohnerin des Armenhauses fast gegen ihren Willen zukommen
liess, hinüber und den Dank in ebenso mannigfachen Gaben zurück. Die Welt nahm
allmählich eine andere Form und Farbe für ihn an, und immer neue Elemente
mischten sich in die phantastischen Anschauungen, die eine Folge seiner
bisherigen wunderlichen Erziehung waren. Als mit abziehendem Winter die
wandernde Frau Jane Warwolf von neuem in Krodebeck vorsprach, da fand sie im
Äussern alles beim alten, allein im Innern doch manches verändert, und zwar nicht
zum Nachteil weder des Ganzen noch des einzelnen.
    Auf dem Lauenhofe stellte die scharfe Frau Jane den Junker nach ihrer Art
zwischen ihre Knie, tat ganz verwundert über ihn, als ob sie jetzt erst merke,
was für ein merkwürdiger Bursche er eigentlich und unwissentlich sei, und
erquickte ihn sehr durch das Gelöbnis, ihn auch in Halberstadt auf dem hochedeln
und hochberühmten Gymnasium nicht verlassen, sondern ihn auch dort mit ihrem
besten Rat und Trost unterstützen zu wollen. Als der Chevalier hierzu ein wenig
lächelte, wurde sie ziemlich grob und versicherte ihn; sie wisse, was sie sage,
mit ihrem Vater seliger habe sie das weltberühmte Bergwerk bis in die höchsten
Klassen produziert, und ihr seliger Mann habe mit Stieglitzen, Dompfaffen und
Kanarienvögeln in alle vier Winde hinein gehandelt. Sie habe sich mit den Herren
Primanern und Sekundanern um manchen lieben Groschen geschlagen - rief sie -,
und was die Herren Präzeptors und Klabberaters betreffe, so müsse es keine
Botanik und Apotekerwirtschaft mehr auf Erden geben und kein kurios Kraut mehr
rechts und links vom Brocken wachsen, wenn ihr die nicht grün wären bis in die
äussersten Zweige.
    »Nur stille, stille, ich glaube alles!« ächzte der Ritter mit beiden Händen
vor den Ohren, und der Junker Hennig glaubte gleichfalls alles und noch mehr;
denn vor der Tür teilte ihm die Frau Jane noch im höchsten Vertrauen mit: Was
den Pastorenfranz angehe, so möge er sich um das »Trübsal« keine grauen Haare
wachsen lassen; denn das Geschöpf sei froh, wenn es unter den jungen
halberstädtischen Herren nicht selber Haare lassen müsse; seine Stellung im
dortigen sozialen Leben sei nicht sehr bedeutend, und von seinen
wissenschaftlichen Leistungen verstehe sie - Jane Warwolf - zwar wenig, allein
reden habe sie noch gar nicht davon gehört; Prügel seien unter allen Umständen
das Beste für den jungen Heiligen, und wenn sein Herr Vater -
    Hier nieste sie glücklicherweise und nahm, ohne den Satz zu vollenden, mit
dem gewohnten helltonigen Glückauf für diesmal Abschied vom Lauenhofe.
    Im Siechenhause zog sie darauf die kleine Antonie Häussler ebenfalls zwischen
ihre Knie. Sie betrachtete sie dann eine geraume Weile wirklich in stiller
Verwunderung und liess sie frei, nachdem sie ihr mit leiser Hand über Stirn und
Haare gestrichen hatte, ohne ein Wort zu sagen und ohne ein Gelöbnis zu tun. Als
das Kind jedoch die Stube verlassen hatte, fasste sie schnell die Freundin Hanne
am Oberarm, schüttelte sie ziemlich energisch und rief:
    »Du, du, was hast du mit der Kreatur angefangen? O Hanne Allmann, sag, was
für ein Vogel wird aus dem Ei, das dir der Kuckuck ins Nest legte? Herrje,
willst du das Geheimnis und Rezept zu der Zucht nicht verkaufen? Damit liesse
sich ein schön Stück Geld verdienen!«
    »Ich habe viel Freude von dem Kinde, Jane«, sagte Hanne.
    »Und Schade, was beizu fällt!« lachte Jane.
    »Ja!« sagte Hanne Allmann, aber fügte leise hinzu: »Ich wollte freilich, das
Kind wäre früher zu mir gekommen; jetzt fällt mir sicher der schönste
Sonnenschein auf mein Grab; aber es ist auch so gut, und ich bin zufrieden.«
    »Unsinn!« rief die Warwölfin ärgerlich. »Willst du junge Dirne vom Sterben
sprechen, während ich eben das Maul auftue, um dir mein Kompliment über dein
frivol und frisch Ansehen zu machen? Die Sonne wird freilich manch liebes Jahr
auf deinen und meinen Hügel schauen, und dass wir manches Pläsier verpasst haben,
das steht auch fest, aber weshalb du anjetzo damit angerückt kommst, das
begreife ein anderer.«
    »Das Kind ist so jung - und die Welt ist so jung, und ich bin so alt, so
alt!« rief Hanne Allmann weinerlich.
    »Schön, sehr schön! Ei herrje, was man doch für Neuigkeiten erfahren kann,
wenn man am Wege vorspricht!«
    »Ja, du auf deiner Landstrasse erfährst natürlich nichts davon, wie man alt
werden kann; aber ich, ich spur's in allen Knochen, und es tut mir so leid, es
tut mir jetzt so leid, und davon sprech ich heut zum ersten Male zu einem andern
Menschen. Mir ist so weh, wenn ich das Kind ansehe, und ich bin doch so
glücklich mit ihm. Auch Zorn ist dabei und Angst ist dabei, aber wie ich es auch
sage, ich kann es doch niemandem recht sagen, wie es mir zumute ist um mich und
um das Kind!«
    »Dann halte den Mund; - andere Leute müssen es auch tun. Was weisst du von
meiner Landstrasse? Was weisst du, was ich erfahren und nicht erfahren, bedenken
und nicht bedenken kann? Hanne Allmann, ich habe dich lieb, und du bist mein
einziger Freund in der ganzen weiten Welt; aber ich kenne dich auch durch und
durch, und was kein anderer verrichtet hat, das wirst auch du nicht verrichten:
wirr und blöde lass ich mich nicht machen. Glück auf! Ich meine, einmal sehen wir
uns doch noch wieder und mögen die angenehme Unterhaltung weiterspinnen. Glück
auf!«
    »Glück auf und lebe wohl, Jane Warwolf!« sagte Hanne und reichte der
Freundin abgewendet die Hand. Jane hob ihren Tragkorb wieder auf den Rücken,
schüttelte die dargebotene Hand und schritt von dannen, wie immer mit einer
Miene, als ob sie Indien erobert und nun des Spasses halber das Dorf Krodebeck
noch nachgeholt habe. Sie schritt sogar noch straffer und sieghafter als
gewöhnlich einher; aber nur so lange, als ihr Weg vom Siechenhause her zu
überblicken war. Sobald sie den traurigen winterlichen Wald erreicht hatte, sank
ihr Kopf herab und ging sie tief gebückt unter der Last auf ihrem Rücken. Die
dichten, alten, borstigen Augenbrauen zogen sich finster zusammen, sie schlug
mit ihrem Wanderstabe zornig in die Pfützen und nach den Steinhaufen an ihrem
Wege und hub an, in einer ganz andern, unmutigen und zornigen Weise als die
melancholische Freundin mit den Göttern und Menschen zu hadern.
    »Sie hat recht; wir leben ein Hundeleben und sterben einen Hundetod! Sie
weint darüber, und ich lache darüber; aber es kommt auf dasselbe hinaus, und
niederträchtig ist's! Der alte Herr vom Lauenhof weiss auch davon zu sagen - ein
Hundeleben, ein Hundeleben! Ja, wie viele Jahre Zuchtaus hätt's gekostet, wenn
die schöne Marie das Kleine mit einem Stein am Halse in den Bach geworfen hätte?
Hui, da ist der Wind wieder! Da jagt er die Schneewolken über die Tannen herauf.
Nun hab ich ihn wieder bis in die Nacht im Gesicht; - Sackerment, die sitzt und
jammert über den letzten Sonnenstrahl, der in ihren Jammerwinkel fällt; -
Sackerment, ein Hundeleben und ein Hundetod, und das letzte ist das Beste; -
Glück auf, Jane Warwolf!«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Der alte Herr auf dem Lauenhofe litt in der Tat am Leben, und zwar in zwiefacher
Beziehung. Erstens im allgemeinen, wie Frau Jane Warwolf aus Hüttenrode das ganz
richtig aufgefasst hatte, und zweitens im besondern, wie davon selbst dem Junker
Hennig von Zeit zu Zeit eine dumpfe Ahnung aufging.
    Es war ein schwerer Winter für den Chevalier, denn erstens war's auch für
ihn keine Kleinigkeit, sich von seinem Zögling trennen zu müssen, und zweitens
wurde, je näher diese Trennung rückte, seine Stellung gegen das Fräulein immer
misslicher und verdriesslicher.
    Noch einmal hatte Adelaide von Saint-Trouin, Chevalière, Haute-Justicière
usw. usw., sich gerüstet de cap en pied erhoben zum Kampf für ihren Zögling.
Konnte sie auch das Verderben nicht vollständig von ihm abwehren, so trat sie
doch noch einmal für sein besseres Bewusstsein ein, indem sie dasselbe vor der
Abreise des Schlingels mit allem Hohen und Feinen bis zum Rande zu füllen
strebte.
    »Was wird der arme Junge in Halberstadt auszustehen haben, bis sie ihm das
wieder aus dem Leibe und der Seele gedroschen haben!« stöhnte die gnädige Frau,
und der Ritter von Glaubigern hielt es für seine Pflicht, ein ernstes Wort mit
dem gnädigen Fräulein zu sprechen. Ein grades ernstes Wort liess sich jedoch sehr
übel mit dem Fräulein reden; denn sie nahm es stets krumm, und in ihrer jetzigen
Stimmung nahm sie es natürlich aussergewöhnlich krumm.
    »Mein Gnädiges, wenn ein Mensch von dem hohen Verdienst, welches Sie sich um
unsern Knaben erworben, überzeugt ist, so bin ich dieser«, sprach der Chevalier.
»Aber, mein Gnädiges, wenn ich mir je erlauben würde, Ihnen gegenüber von einer
Danaidenarbeit zu reden, so würde ich es jetzo tun müssen. Ich bin der
bescheidentlich anheimgegebenen Meinung, dass in Halberstadt alles wieder
auslaufe.«
    »Und ich, mein lieber Herr von Glaubigern, ich bin der Meinung, dass Sie seit
längerer Zeit einen Ton gegen mich angenommen haben, den ich ignorieren muss,
aber nie verzeihen werde«, erwiderte das Fräulein mit einem Lächeln süss wie
Essig und fügte hinzu: »Ich fühle mich allen Anfechtungen gegenüber stark genug,
meine Pflicht bis zum Äussersten zu tun, und ich werde sie tun, mein Herr
Leutnant. Dass ich freilich auf jede Höflichkeit Ihrerseits, mein Herr von
Glaubigern, zu verzichten habe, ist mir schmerzhaft, kann mich jedoch in meinen
Vorsätzen nur bestärken. Ich bitte, sich also fernerhin nicht mehr durch mich
und mein armes Kind irgendeinen Chagrin machen zu lassen; bitte übrigens auch,
bei Gelegenheit an einem andern Orte diese meine Sentiments zu kommunizieren.«
    Als der Ritter diese Sentiments wirklich andernorts mitteilte, ächzte die
Frau Adelheid:
    »Ich sage Ihnen, Alter, in meinem ganzen Leben nicht habe ich das heilige
Osterfest so inbrünstig herbeigewünscht als diesmal. Ich habe den Jungen
herzlich lieb, und es geht mir schwer ab, ihn in die Welt hinauszuschicken, aber
ich will meinem Schöpfer auf den Knien danken, wenn er glücklich vom Hofe ist.
Ich fange jedesmal an zu schwitzen, wenn er mir vor die Augen kommt, und nachher
ist mir das Frölen mit seinem Wassereimer mehr als ungesund. O liebster Alter,
machen Sie es wie ich und gehen Sie beiden soviel als möglich aus dem Wege! Ich
versichere Sie, Ostern muss kommen! Und was man mit Geduld ausrichtet, das können
Sie tagtäglich an mir lernen!«
    Und endlich kam Ostern wirklich! Gleich einem zweiten jungen Ritter Sankt
Georg zog der Junker zum Kampf mit dem nichtswürdigsten aller Drachen, nämlich
der »erbärmlichen Gegenwart«, aus.
    »Und das will mein Junge sein! Und das schneidet Gesichter, wenn es in die
weite Welt hinausgeht!« sprach die Frau Adelheid beim Abschiednehmen mit
ziemlicher Entrüstung.
    »Ich schneide keine Gesichter«, greinte der Junker Hennig; »aber mir sind
genug geschnitten worden die letzte Zeit hindurch. Kein Mensch weiss, wie ich
heimkommen werde, sagt das Frölen; aber mir ist zuletzt alles einerlei!«
    »Der Junge könnte einen um den letzten Rest natürlicher Abschiedsrührung
bringen!« stöhnte die gnädige Frau mit erhobenen Augen und Händen. »Jetzt trolle
dich - der Wagen wartet - bleib gesund, sei brav und lerne was, auf dass du
deinen Vorfahren einmal einen wirklichen richtigen Grund zur Verwunderung
gibst!«
    Was das Fräulein noch am Hoftor sprach, ist durch keine Feder dem vollen
Wert und Inhalt nach wiederzugeben; der Chevalier sagte wenig oder eigentlich
gar nichts; wir aber benutzen die hoffentlich im Leser durch diese
Abschiedsszene hervorgerufene Beklemmung, um ihn zu versichern, dass wir im
folgenden ihn nicht mit den Leiden und Freuden der sehr dankbaren, jedoch auch
recht bekannten Schulgeschichten behelligen werden.
    Der Junker Hennig von Lauen zeigte sich in den jetzt folgenden Jahren nicht
besser und nicht schlimmer als die Millionen guter Jungen, die vor ihm diese
Wege beschritten und denen man am Schluss ihrer irdischen Laufbahn das Lob mit in
die Grube gab: Kein Licht, aber ein braver Kerl. Dass er seine Ahnen durch
aussergewöhnliche Gelehrteit nicht in Verwunderung setzen würde, war seinen
Lehrern bald klar; aber dass er ein wackrer Bursch sei, wurde ihnen ebenso
schnell kund, und so rechneten sie, wie solches ebenfalls seit Jahrhunderten
geschieht, eins ins andere und hielten ihn wert, wie es sich gebührte.
    Dass die Frau Jane Warwolf ihr Wort einlöste und ihn ihrerseits in die grosse
Welt einführte, gereichte ihm sehr zum Vorteil. Die Frau Jane kannte die grosse
und die kleine Welt, und viele der Mitschüler des Junkers beneideten ihn nicht
wenig um diese Bekanntschaft und Freundschaft, obgleich er auch viel Hohn und
Spott darum zu leiden hatte. Der Oberlehrer Krummholz, bei welchem dem Junker
ausser der körperlichen auch noch einige geistige Pflege kontraktlich ausgemacht
worden war und der beim ersten Auftreten der würdigen Frau ziemlich bedenklich
dreinsah, hatte bald nichts mehr gegen ihre Besuche einzuwenden und trat sogar,
im Laufe der Zeit, selbst in ein freundschaftliches Verhältnis zu ihr.
    Als der Knabe in den Sommerferien zum erstenmal nach Haus zurückkehrte, fand
er sich in der schönsten Blüte der Flegeljahre dem Faktum gegenüber, das von
jetzt an die Farbe und den Lauf unseres Berichtes bestimmt. Und dass er dasselbe
unbefangen hinnahm, ohne es in seiner ganzen Bedeutung zu verstehen und ohne
weiter darüber nachzudenken, versteht sich wohl von selber. Er kam nach Haus und
fand die kleine Antonie Häussler in das tiefste Vertrauen und die innigste
Zuneigung des Fräuleins Adelaide von Saint-Trouin aufgenommen! - - - Die Sache
aber war in der Art zugegangen, dass selbst der Chevalier und die gnädige Frau,
obgleich sie in mancher stillen Stunde den Kopf darob schüttelten und die Stirn
rieben, nicht einen einzigen wirklichen Grund zur Verwunderung auffinden
konnten.
    Überreich an den schönsten Verheissungen war der Frühling am Fusse der
Harzberge erschienen; und was der Frühling versprochen hatte, das erfüllte der
Sommer im reichsten Masse. Wir haben bereits im vorigen Kapitel erzählt, in
welcher Weise das Kind im Siechenhause die düstern wie die sonnenhellen Tage zu
benutzen wusste und welche Schätze es von jedem Streifzug der alten Pflegemutter
heimbrachte; so voll von Blumen, Licht und Wohlduft war die elende Hütte seit
Menschenaltern nicht gewesen! Mit rührend listigen Sprüngen folgte das Kind dem
leise lachenden Wandel der Natur, und keine Knospe konnte sich entfalten am
Bach, am Waldrande, im Gebüsch und auf den Wiesen von Krodebeck, die es nicht
vorausahnte, im Traume sah und am Tag pflückte, am sie liebkosend der Greisin in
den Schoss zu werfen.
    Alles freudige Leben des Jahres schien sich dichter an das alte verwahrloste
Haus zu drängen. Über den Zaun des Kirchhofs quollen die Blüten der Holunder-und
Goldregenbüsche auf das morsche Dach. Dem Efeu und dem wilden Wein liess sich
nicht wehren, und die Vögel sangen zu Scharen auf dem First, setzten sich auf
die Fensterbrüstung und hüpften vertrauter als je über die Türschwelle.
    »Es ist ein Wunder, wie schön es auf der Erde ist!« sagte Hanne Allmann an
jedem neuen Morgen. »Ach, ich habe nicht gewusst, wie leid es einem ums Fortgehen
sein könne. Ja, das klingt im Sinn und flimmert vor den Augen und summt im Ohr;
- wüsst ich nur, was mir noch im Ohr poltert - das ist, als schaufelten sie die
ersten Schollen auf einen Sarg, als polterte ein Karren über den Knüppeldamm!
Ja, wäre die Jane hier, die könnt ich fragen, denn sie hat manch ein gutes
Mittel gegen mancherlei Gebresten; aber den Ton könnt sie doch nicht bannen. Da
kommt das Kind aus der Schule mit den hellen Schweisstropfen vor der Stirn. Es
sagt, und die Leute sagen, es sei ein heisser Sommer; aber die alte Hanne
friert's bis tief in die Knochen. Freilich, die Jungen haben eine Sonne, und die
Alten haben eine, und es bleibt doch ein und dieselbe. Die Reichen haben ein
Leben, und die Armen haben ein Leben, und es ist doch ein und dasselbe; - o
wieviel hat der Mensch zu bedenken, wenn er so alt geworden ist wie ich und in
der letzten Stunde eine Hand einen Laden aufwirft wie in einer dunkeln Kammer!
Ach, die Sonne, die Sonne! Ich hab sie so lange, lange vor der Tür, und nun
ist's mir, als hätt ich niemals darauf geachtet!«
    »Du«, sagte das Kind, »der Schulmeister hat gesagt, hier hätten blinde
Heiden gewohnt, wo wir jetzt wohnen; blinde Heiden, arme Leute vor tausend
Jahren!«
    »Davon hab ich auch vernommen, aber es ist lange vor meiner Zeit gewesen.«
    »Und nachher haben grosse Könige regiert, die hat man Kaiser genannt, und
Sachsen hat man sie genannt. So stehen sie aufgeschrieben. Sie haben ihre Burg
dort an den Bergen gehabt; aber sie haben bis nach Rom hinunter regiert. Das ist
ein Land, da ist immer Sommer.«
    »O Herrgott!« seufzte die Alte.
    »Jawohl! Und die Apfelsinen wachsen da. Die hab ich in Hamburg gesehen, aber
der Schullehrer weiss nichts; wäre Hennig hier, der sollte uns mehr von den
Kaisern und dem Römerland und den Apfelsinen sagen.«
    »Tonie, ich bin gar nicht zur Schule gegangen. Das war zu meiner Zeit noch
nicht. Ich bin auch hier gesessen wie ein blinder Heide und weiss von nichts. Ja,
die Jane Warwolf, die ist in der Welt herumgekommen, doch nicht bis in die
Sommerländer, und die sagt, ich hab's gut gehabt! Gut gehabt! Und vielleicht
ist's so, wenn ich es nur recht verstände. Ich verstehe nichts, und nun bist du
gekommen, mein Kind; das Jahr ist so schön, und ich hab eine so grosse Freude und
eine so grosse Angst; weisst du denn, wie ich's meine?«
    »Ach ja! Das ist, wie wenn mir der gute Herr vom Hofe und das gnädige
Fräulein begegnen. Da habe ich auch Freude und Angst zugleich. Heute aber ist
mir das gnädige Fräulein allein begegnet und hat mich am Ohr gezogen. Da bin ich
ausgerissen, und deshalb bin ich so heiss. Wenn ich dem guten Herrn begegne, will
ich's ihm klagen.«
    »O Himmel, tu das nicht, Kind! Hast du denn gar keine Furcht?«
    »Nein! Weshalb sollte ich mich fürchten?« fragte Antonie dagegen.
    »Ich habe immer Furcht gehabt! Mein ganzes Leben lang.«
    »Jetzt bin ich bei dir; nun ist das andere alles vorbei. Hast du mich lieb?
Ich habe dich sehr lieb, deshalb fürchte ich mich nicht; denn ich weiss, wohin
ich laufen kann, wenn man mir nachspringt.«
    Die Alte bedeckte die Augen mit beiden dürren Händen und sank kümmerlich in
sich zusammen. Sie vernahm das Poltern und Rollen deutlicher als je, und als sie
die Hände sinken liess, murmelte sie schreckhaft:
    »Tonie, und wenn ich jetzt auch fortginge?«
    »Das tust du nicht!«
    »Doch.«
    »Wohin?«
    »Hinaus - hinunter - fort - zu deiner Mutter!«
    »Nein«, rief das Kind mit vollster, lachendster Überzeugung, »das tust du
nicht! Über dich sprechen sie lange nicht so schlimm im Dorfe wie über meine
Mutter!«
    Das seltsame Gespräch fand gegen Ende Mai statt; in den ersten Tagen des
Juni wurde Hanne Allmann von einer grossen Schwäche, verbunden mit leisem Fieber
und starker Schlafsucht, befallen, und schon am vierten Juni konnte sie sich
nicht mehr in der gewohnten Weise erheben, um für sich und das Pflegekind den
kleinen Haushalt weiterzuführen.
    Nun hätte es unter anderen Umständen wieder lange Zeit währen können, ehe
das gute Dorf Krodebeck und selbst der Lauenhof von diesen Umständen Kenntnis
erhalten hätte; denn die Greisin war schon häufiger schwach und krank gewesen
und verlassen geblieben - man braucht eben nicht auf die Insel Juan Fernandez
verschlagen zu werden und dort das Nervenfieber bekommen, um solche Erfahrungen
zu machen. Die Frau Adelheid war ein sehr beschäftigtes Weib, und den Herrn
Ritter von Glaubigern führte sein Spaziergang doch nicht immer unter dem Fenster
des Siechenhauses vorüber. Ohne die Gegenwart des Kindes in der Hütte würde man
vielleicht auch diesmal die alte Frau wochenlang nicht an der Tür oder am
Fenster derselben vermisst haben, und diesmal nicht, um ein vergnügtes
Wiedersehen mit Hm und Ha und einigem bedächtigen Kopfschütteln zu feiern.
Diesmal würde man zu grossem Aufsehen und unter noch grösserem Geschrei die Alte,
zur Mumie vertrocknet, auf ihrem Bett gefunden haben. Dann freilich wäre das
ganze Dorf samt dem Lauenhof zum Besuch gekommen. Die gnädige Frau würde sich
arge Gewissensskrupel gemacht haben und der Herr Ritter von Glaubigern noch
ärgere; aber der Vorsteher Klodenberg hätte doch ziemlich gefasst das kuriose
Ereignis zu Protokoll genommen und dieses an die zustehende Behörde abgeliefert.
    »Sie hat's fast zu lange gemacht«, hätte ein würdiger Gemeinderat
gesprochen. »Da sollt dem Geduldigsten der Geduldfaden reissen!« - Nachher hätte
der Pastor Buschmann den Sterbefall in sein Amtsregister eingetragen, um bei
Gelegenheit den Totenschein ausstellen zu können. Krodebeck hätte nun auch
leider noch die Kosten des Begräbnisses zu tragen gehabt. Dann hätte das
Siechenhaus zum erstenmal seit fünfzig Jahren leer gestanden, und die Geschichte
Hanne Allmanns wäre regelrecht zu Ende gewesen, wenn nicht vielleicht Jane
Warwolf aus Hüttenrode auf einem Marsch durch Krodebeck einen boshaften Lärm und
dem Gemeinderat eine hässliche Stunde gemacht hätte. Vielleicht hätte aber auch
Jane Warwolf sich nur für eine stille Stunde in der leeren Hütte hingesetzt, um
sich zum erstenmal seit langen Jahren recht auszuweinen. Das letztere wäre wohl,
alles in allem genommen, das Passendere gewesen!
    Die alte Hanne sandte auch jetzt das Kind nicht selber zu den Freunden auf
dem Gutshofe. Sie hatte eine gewaltige Meinung von sich und hielt fast zuviel
auf das, was sich schickte; vielleicht war es aber auch nur der Instinkt des
lieben Viehes, der sie verhinderte, um Hülfe zu rufen; für solch ein armes Tier
schickt es sich eben nur, bei keiner Gelegenheit, und selbst beim Sterben nicht,
einen unnötigen Lärm zu machen.
    Also sagte Hanne Allmann zu Antonie Häussler:
    »Ich weiss nicht, was das mit mir ist. Ich bin krank! Doch ich meine, so
wohlauf bin ich in meinem Leben nicht gewesen. Aufstehen kann ich nicht, um uns
die Suppe zu kochen; im Schrank liegt ein Brot für dich und ein Beutel mit
trockenen Birnen im untern Fach. Einen Groschen hab ich auch in meiner
Kleidertasche; den such und lauf ins Dorf um Milch. Sag aber nichts von mir,
bring mir nur einen Krug voll frischen Wassers mit.«
    »Jaja, ich weiss alles und bin mit allem zufrieden!« rief Tonie und tat, wie
ihr geheissen. Sie ass das Brot und die gedörrten Birnen und trank die Milch; die
Pflegemutter aber trank das Wasser und fiel aus einem Schlaf in den andern. So
ging dieser Tag ganz gut vorbei; am Abend kroch das Kind ins Nest, und die Alte
und die Junge verschliefen die Nacht ganz ruhig. Am folgenden Morgen, also am
fünften Juni, war das Kind früh auf, allein Hanne Allmann schlief weiter; Tonie
wusch sich draussen vor dem Hause und kam glänzend zurück, half sich allein in
die Kleider, ass den Rest des Brotes und trank jetzt ebenfalls Wasser. Die Alte
verlangte nicht mehr nach dem irdenen Kruge, sondern schlief weiter, schlief
immerzu, und das Kind sass den ganzen Tag hindurch still am Bette, sah dem Wege
der Sonne durch die Stube zu, sah sie am Abend weichen, hatte am Tage einen
Schutz vor den Gespenstern am Leben und Treiben auf der Landstrasse, am Abend an
dem Singen der jungen Dorfleute und fing erst dann an, im Innersten sich
unbehaglich zu fühlen, als es wiederum in der vollen Dunkelheit in sein Bett
kroch, und diesmal recht hungrig. Aber es schlief wieder schnell genug ein,
schlief wiederum gesund und traumlos und erwachte erst, als die Sonne hell und
hoch am Himmel stand. Das war der sechste Juni.
    Die Sonne stand hoch und hell am Himmel; es war fast neun Uhr, als Tonie
aufrecht auf ihrem Strohsack sass, mit beiden Händen sich fest aufstützte und
nach der Pflegemutter hinübersah und horchte. Die Pflegemutter schnarchte; aber
auf sonderliche Art. Ihr Kopf lag zurückgebogen, und sie hatte die Augen halb
geöffnet, doch sah man nur das Weisse, und das war ganz schrecklich anzusehen.
    »Mutter, Mutter!« rief das Kind; aber es war die eigene Mutter, nach der es
nun in seiner plötzlichen, heftigen, zitternden Angst rief.
    Hanne Allmann antwortete auf den Ruf nicht.
    Nun stand Tonie auf blossen Füssen neben dem Lager der Greisin und rief auch
sie leise mit Namen und streichelte ihr zitternd den dürren Arm; Hanne Allmann
antwortete nicht und regte kein Glied. Rückwärtsschreitend im immer heftigeren
Entsetzen, zog sich das Kind, unverwandt den Blick auf das Bett heftend, gegen
die Tür, und als es dieselbe erreichte, riss es sie mit Macht auf, warf sie mit
einem erbärmlichen Schrei hinter sich wieder ins Schloss und stürzte hinaus aus
dem Siechenhause von Krodebeck auf die sonnebeschienene Landstrasse und lief, von
allen Schauern gejagt, dem Dorf und dem Gutshof zu. So kam der erste Schrecken,
den Hanne Allmann auf ihrem Lebenswege einem Wesen einjagte, vollständig an das
unrechte.
    In dem chinesischen Pavillon auf der Terrasse des Gutsgartens aber sass
Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin, den schönen Morgen und
Gressets »Vert-Vert« geniessend. Sie sah entsetzt das Kind der schönen Marie
nackt, im blossen Hemde, mit aufgelöstem Haar und vorgestreckten Händen
heranstürzen; sie sah es am Fusse der Treppe, die von der Terrasse auf den
Fahrweg hinunterführte, zusammensinken; sie beugte sich über die Brüstung der
Mauer und rief hinab:
    »Mädchen, was soll das? Wie siehst du aus? Schäme dich! Steh auf, geh
fort!... Du böses Kind, welch eine Unanständigkeit! Soll ich hinunterkommen und
dir Beine machen?«
    Und sie kam, als das Kind sich nicht aus dem Staube der Heerstrasse erhob,
wirklich herunter, langsam - grimmig-ernstaft - ganz Porphyrogenneta, im Purpur
Geborene, und wurde fünf Minuten später von dem Ritter von Glaubigern in dem
chinesischen Lustause gefunden, das Haupt Antoniens im Schoss und ihr energisch
die Schläfen mit Kölnischem Wasser reibend.
    In dem nämlichen Augenblick erwachte das Kind und rief wimmernd:
    »Ich bin so sehr hungrig und - zu Hause - ist - ein Gespenst! Ich weiss mir
nicht zu helfen!«
 
                              Sechzehntes Kapitel
»Herr Chevalier«, hatte dann das Fräulein gesagt, zum erstenmal seit ziemlich
langer Zeit wieder einmal das Wort an den Leutnant richtend, »Herr Chevalier, es
scheint mit diesem unglücklichen Geschöpf etwas vor sich gegangen zu sein.«
    »In der Tat, mein Gnädiges!« hatte der Ritter erwidert und, ohne vorerst das
ihm widerfahrene Glück zu würdigen, das Kind auf seinen eigenen braven Armen in
das Herrenhaus getragen. Adelaide, mit dem »Vert-Vert« in der einen Hand und dem
Eau-de-Cologne-Fläschchen in der andern, war ihm, äusserlich höchst unbewegt, auf
dem Fusse gefolgt und hatte auch den ferneren Hülfsleistungen und Bemühungen um
das Kind nur von weitem durch die Lorgnette zugesehen. Ein wirres Zulaufen aus
allen Ecken, Gängen und Räumen des Lauenhofes war geschehen, die gnädige Frau
hatte sich wie gewöhnlich gross gezeigt, Tonie Häussler hatte sich allmählich ein
wenig erholt und klareren Bericht über die Zustände des Siechenhauses gegeben;
Fräulein Adelaide von Saint-Trouin schien ihre Beteiligung an der Sache für
vollkommen abgeschlossen zu halten.
    In eigener Person, doch nicht ohne die Begleitung des Ritters von
Glaubigern, hatte sich die Frau Adelheid auf den Weg zum Siechenhause gemacht.
Stärkungsmittel, kühlende Säfte, Delikatessen aller Art folgten im Überfluss. Der
Pastor Buschmann war unnötigerweise gleichfalls von der Sachlage benachrichtigt
worden; Klodenberg war, begleitet von einem Mitgliede des Gemeinderats,
gekommen; nichts von dem traf ein, was hätte eintreffen können! Hanne Allmann
starb, wohlversehen mit allen geistlichen und leiblichen Tröstungen, unter den
Augen sowohl des Staates wie der Kirche und unter der fast allzu regen Teilnahme
der gesamten Bevölkerung von Krodebeck. Hanne Allmann erlangte aber ihr
Bewusstsein nicht so weit wieder, um das alles geniessen, empfinden und würdigen
zu können; sie starb oder vielmehr sie schlief weiter und hinweg, und selbst der
gnädigen Frau und dem guten Herrn von Glaubigern gelang es nicht, ihr noch einen
freundlichen Blick abzugewinnen. Eines Tages war sie gestorben; und als eine
Woche darauf Jane Warwolf durch das Dorf kam, erschrak sie sehr heftig, als sie
an das Fenster des Siechenhauses nach ihrer Art klopfte und niemand antwortete
und als sie die Tür verschlossen fand. Sie liess ihren Stab fallen und sah um
sich, blind und blass; sie griff mit beiden Händen nach dem Kopfe und rief:
    »Ist das wahr? Ist das wahr? Ist das möglich? Hanne, Hanne, mach auf! Reg
dich! Ich bin's, ich, ich, die Jane, die Jane! Hanne, Hanne Allmann, ich bin's.
Wir kennen einander länger als fünfzig Jahre, und es soll, es soll nicht wahr
sein!«
    Als alles Rufen und Pochen nichts geholfen hatte, war sie auf den Lauenhof
getaumelt, einer Betrunkenen gleich, und da sass sie dann auf der untersten Stufe
der Treppe, die unter das Vordach der Haustür führte, hatte das Gesicht, unter
der Schürze verborgen, auf die Knie gelegt, und um sie her im gedrängten Kreis
stand stumm und angstvoll das Hofvolk, unter welchem auch der Ritter, das
gnädige Fräulein, die gnädige Frau und die kleine Antonie Häussler nicht fehlten.
    Als sie zum erstenmal aufsah, sagten alle weiter nichts als: »O Jane!« oder
»O Jane Warwolf!«, und dann sagte sie:
    »Ja - o Jane! Das ist zu schrecklich! Ich weiss nicht, wie mir ist; aber
Hanne, Hanne Allmann, fünfzig Jahre, sechzig Jahre, und auf solche Weise vorbei!
Tür zu und Fenster zu, und alles vorbei, alles vorbei, als ob nie etwas gewesen
sei. Ja, guckt alle nur und seht betrübt - es hat sie kein Mensch gekannt und
liebgehabt wie ich, und ihr wusstet alles und habt ihren armen Sarg gesehen, und
ich laufe draussen herum in der Welt, lustig und grimmig, immer lustig! Tür zu,
Fenster zu! Alles wie nichts, wie nichts! Keinem König kann's grausamer zumute
sein! O Herr von Glaubigern, was soll ich anfangen? Sagen Sie mir, was ich
anfangen soll?«
    Da ist der Herr von Glaubigern näher zu dem armen alten Weib herangetreten,
hat ihr die Hand gegeben und sie sanft emporgezogen; der schlimmste Grobian auf
dem Lauenhof hat ihr höflich ihren schweren Tragkorb vom Buckel gehoben und die
gnädige Frau sämtliches Volk kurz an seine Geschäfte geschickt. Der Chevalier
ist allein mit der alten Jane fortspaziert, hat sie zuerst in die Putzstube
derer von Lauen geführt, dann auf seine eigene Stube, sodann im Verlauf des
Tages nach dem Kirchhofe, hat auch einen Boten an den Gemeindevorsteher um den
Schlüssel zum Siechenhause geschickt und hat am Abend, als die Sonne untergehen
und die Vagabundin unter keiner Bedingung auf dem Lauenhofe und in Krodebeck
übernachten wollte, sie auf den Weg gebracht, ihren Bergen zu.
    Die Sonne ist recht schön untergegangen und hat die zwei Alten auf der Höhe
des Weges freundlich genug bei ihrem Scheiden angeblickt.
    »Glück auf, Herr von Glaubigern«, rief da Jane Warwolf, »ich will nie
vergessen, was Sie heute an mir getan haben! Sie haben recht in allen Dingen, so
altes Volk wie wir sollte wahrhaftig das Sterben leichter nehmen als das Leben;
wenn es nur nicht gegen die Natur wäre! Das weiss der liebe Gott, was für eine
gottsjämmerliche Plage man an sich selber hat; die ganze übrige Welt macht einem
nicht halb soviel zu schaffen. Ja, freilich weiss ich es recht gut, dass der
Herrgott auch aus Ihnen ein arm Tier gemacht hat; aber die Hände will ich Ihnen
küssen für Ihr tapferes liebes Herz, wenn Sie es verlangen. Und was die Hanne
Allmann anbelangt, so hat die es sicher jetzt gut; der langt niemand mehr mit
Krallen und Klauen in ihre Ruhe hinunter. Schön und zufrieden! sagte mein Vater,
wenn er die Klappe vor seinem Bergwerk schloss und die Einnahme auf fünf
Silbergroschen gestiegen war. Und was das Kind anbetrifft, so -«
    »Die Gnädige hat nichts dagegen, dass es auf dem Hofe bleibt unter der
speziellen Obhut der Mamsell Molkemeier, die eine sehr respektable Dame ist.
Auch das gnädige Fräulein scheint glücklicherweise nichts dagegen zu haben, und
so brauchst du dir deswegen weiter keine Sorgen zu machen, Jane.«
    »Sehen Sie nach dem Rechten, so ist mir alles recht, Herr von Glaubigern. Es
wäre mir um der Hanne willen lieb, wenn das Geschöpf nicht verkäme und
verwahrloste. Es hat der Alten gutgetan in ihren letzten Tagen, und das soll ihm
in alle Ewigkeit hinein vergolten werden; dafür würde ich es im Notfall oben auf
meiner Kiepe durch die Welt tragen. Ja, die Hanne! Es ist nicht auszudenken, dass
sie da unten liegt und dass ich jetzt fortgehe und weiss, dass ich nicht mehr
anzuklopfen brauche an ihrem Fenster. Wären die alten Berge dort nicht, ich
glaube, das Himmelszelt fiele doch noch heut abend über mich, so wenig trau ich
mich jetzt im flachen Land! Die ganze Welt ist anders geworden seit heute
morgen; wie ein gejagt Kind muss ich laufen, um zu meinen Bergen zu kommen. Und
der Tau fällt auch; kehren Sie um, Herr von Glaubigern; ich muss laufen - von
allen Seiten schreit das platte Land auf mich ein!«
    »Das weiss ich leider wohl, dass du wie blind und toll in die Nacht
hineinrennen wirst«, rief der Chevalier. »Jane, Jane, nimm dich zusammen und sei
ein vernünftig Weib!«
    »Wie blind und toll! Wie blind und toll!« murmelte die Alte; dann wendete
sie sich plötzlich, rief mit lautem Schluchzen: »Glück auf, Herr von
Glaubigern!« und ging mit weiten, doch nicht wie sonst sicheren Schritten. Der
Chevalier hat noch lange Zeit gestanden und ihr nachgesehen, mit diesem Geschick
auch das seinige im Busen bewegend; denn auch ihm war es im Verlauf seines
langen und gar kümmerlichen Lebens sehr oft zumute gewesen, als schreie alles
Land rings um ihn her auf ihn ein! - -
    Hanne Allmann war begraben, und Tonie Häussler hatte auf dem Lauenhofe ein
Unterkommen gefunden. Im Dorfe schwatzte man viel über das letztere; aber
glücklicherweise brauchten die Leute, auf welche das Geschwätz hinausging, sich
am wenigsten darum zu kümmern. Mamsell Molkemeier hatte die Kleine gern unter
ihre spezielle Aufsicht in der Milchkammer genommen, der Ritter behielt sie mit
dem grössten Wohlwollen im Auge, die Gnädige sah scharf, aber durchaus nicht
unfreundlich auf das arme, heimatlose Wesen, und das Gnädige sah mit immer
seltsameren Blicken auf es.
    Das gnädige Fräulein hatte seit jenem Tage, an welchem es fürs erste so
unwiderruflich mit dem Chevalier brach, aus seinem Leben eine Wüste gemacht,
unübersehbar nach allen vier Himmelsgegenden hin, graufarbig, schwül und mit
Peccadillo als einzigem lebendem Wesen darin. Aber was am Ende war Peccadillo in
der Sahara? Ein schwärzlicher, hin und her hüpfender Punkt auf einem
Riesenbettlaken! Er machte die Landschaft doch nur ungemütlicher, unbehaglicher!
Adelaide von Saint-Trouin fühlte zu gross, um die Lücke, welche der Junker Hennig
in ihrem Busen gelassen hatte, vollständig durch ihren Schosshund ausfüllen zu
können; sie fühlte zu stolz, um ihrer Verlassenheit durch erhöhte
Unliebenswürdigkeit am Busen eines Mannes Luft zu machen, den sie verworfen
hatte, sie fühlte sich auf Tonie Häussler - reduziert, und man konnte gerade
nicht sagen, dass die Existenz des Kindes dadurch im Anfang anmutiger gemacht
wurde.
    Die Zuneigung begann unter fortwährendem Tadeln, Ohrzupfen und
In-den-Weg-Fahren. Die Tochter der schönen Marie lernte den Schatten, welchen
Byzanz auf Krodebeck und den Lauenhof warf, kennen, wie ihn Meister Hennig und
der Herr Ritter von Glaubigern kennengelernt hatten.
    »Es ist ein Jammer; keine Katze spielt ärger mit der Maus als das Gnädige
mit der armen Kreatur!« sagte die Mamsell Molkemeier.
    »Es sollte doch an der Mutter genug gehabt und getan haben!« sagte die
gnädige Frau.
    Der Ritter von Glaubigern sagte gar nichts; ein Schrei der Überraschung aber
ging über den Lauenhof, als an einem Sonntagmorgen Tonie Häussler in einem
seidenen Röckchen erschien und zwischen Lachen und Weinen erzählte, das gnädige
Fräulein habe sie auf ihr Zimmer geführt und ihr den Staat unter Verabreichung
von zwei tüchtigen Ohrfeigen (auf jede Backe eine, sagte Tonie) angelegt.
    »Es ist der Rest von einer alten Fahne ihrer Mutter!« rief die gnädige Frau.
»Ich kenne es genau, von dem übrigen hat sie vor Jahren der Marie eine Jacke
gemacht; - ach du himmlischer Vater, jetzt geht auch das liebe Leiden von neuem
an!«
    Der Ritter von Glaubigern sagte gar nichts; aber er nahm das Kind ebenfalls
mit auf sein Zimmer und fing an, ihm in verschiedenen guten Dingen Unterricht zu
geben, jedoch ohne diesmal den Amos Comenius zu Hülfe zu nehmen. Dass dieser
Eingriff des Chevaliers dem Fräulein sehr kränkend erschien, muss jedermann
einsehen; - Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin holte ihrerseits die
Antonie auf ihr Zimmer, um die schlechten Einflüsse so nachdrücklich und schnell
als möglich zu neutralisieren. Die gnädige Frau schlug die Hände über dem Kopfe
zusammen; aber der Ritter rieb die seinigen sehr heiter aneinander und sprach:
    »Frau Adelheid, diesmal gewinnen wir den Sieg auf der ganzen Linie. Dieses
Kind ist zu unser aller Segen auf den Hof gesendet worden, verlassen Sie sich
darauf. Und, Frau Adelheid, verlassen Sie sich auch auf mich; wir werden hier
ein Wunder erleben, wenn wir es erleben.«
    »Ich will es wünschen, lieber Alter«, sagte die Gnädige mit einem tiefen
Seufzer, »aber, erinnern Sie sich, an der Marie wollte das Frölen gleichfalls
ein Wunder tun, und wir haben es erlebt, was daraus geworden ist.«
    »Auf meine Ehre, der Fall wird sich nicht wiederholen!« rief der Chevalier
mit einem Nachdruck in Stimme und Gebärde, vor welchem selbst die Frau Adelheid
von Lauen betroffen zurückwich.
    Als der Junker Hennig zum erstenmal von der Schule heimkam, hatten die
Einwirkungen des Ritters und des Fräuleins auf seine kleine Spielkameradin im
vollsten Masse begonnen. Mit seltsam veränderten Augen sah sie schon in eine neue
Welt, während der Meister Hennig, wie wir bemerkten, durchaus nichts
Verwunderungswürdiges in den neuen Zuständen fand. Er hatte wichtigere Dinge im
Kopfe und lebte ja noch in dem glücklichen Alter, in welchem man das
Aussergewöhnlichste als das Selbstverständlichste nimmt und eigentlich nur dann
überrascht wird, wenn sich das Mirakelhafte in das ganz Gewöhnliche, Alltägliche
auflöst.
    Er trug nunmehr auch eine rote Mütze und kam munter in Begleitung des
Pastorenfranz auf dem Hügel an, von welchem man zuerst den spitzen Kirchturm von
Krodebeck zu Gesicht kriegt. Es war gegen Abend und der Marsch durch den heissen
Sommertag ziemlich anstrengend gewesen; aber das Herz des wackeren Jungen war
leicht und vergnügt genug, während das seines Begleiters mit etwas bänglichen
Gefühlen dem Vaterhause entgegenschlug. Das Sündenregister des Pastorenfranz,
auf welchem übrigens die Unterlassungssünden am schärfsten hervortraten, war
diesmal nicht klein und der Arm des Herrn Pastors unter Umständen nicht schwach.
Je mehr Hennig vorwärts trieb, desto trübseliger schritt sein Wandergenoss
einher; je mehr Lust zum Jauchzen und Jubilieren der eine verspürte, desto mehr
Neigung zum Heulen und Zähneklappern verspürte der andere. Bedenkliche Visionen
von einem nicht in den Teichen Krodebecks gewachsenen gelben Röhrchen tanzten
vor seinen wässerigen Blicken, und er trug sehr schwer an seinem Ranzen, in
welchem auch der Bericht über sein etisches und intellektuelles Verhalten neben
der Notiz steckte, dass man ihn, den Träger, keineswegs schon in der Oberquarta
brauchen könne und dass man in Halberstadt wenig Hoffnung habe, ihn jemals -
wenigstens sicherlich nicht vor dem vierzigsten Lebensjahre - in ihr gebrauchen
zu können.
    Franz Buschmann begriff durchaus nicht, weshalb Hennig so eile, um nach Haus
zu kommen. Er erklärte, ihm liege nicht das geringste an dem albernen Dorf und
am liebsten würde er auch jetzt noch umkehren, um auf jeder beliebigen wüsten
Insel ein glücklicheres Dasein zu führen und wenigstens dort seinen eigenen
Willen zu haben.
    So warfen beide Knaben recht lange Schatten über die Felder, als sie an den
Rand jenes Gehölzes gelangten, in welches der Kobold aus dem Siechenhause vordem
den Junker zu so argem Schreck und Ärger des Fräuleins von Saint-Trouin entführt
hatte, um ihm Reineke des Fuchses Wohnung zu Malepartus zu zeigen. Und siehe -
wer wandelte jetzt zuerst den heimkehrenden Söhnen des Tals auf den Gefilden der
Heimat entgegen? Der Chevalier Karl Eustach von Glaubigern sowie Fräulein
Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin! Und zwischen den beiden Alten schritt
Antonie Häussler, die Tochter der schönen Marie, das Kind aus dem Siechenhause,
der Kobold aus dem Kuckelrucksholze, ganz zierlich und ohne die allergeringste
Koboldhaftigkeit einher, und alle drei freuten sich sehr der glücklichen
Begegnung, jedoch ohne aussergewöhnliche Ekstase. Das Fräulein hatte einen Ersatz
für die Bedürfnisse seines Herzens gefunden, und der Herr Ritter war zu
gescheit, um in diesem Augenblicke seine Genugtuung darüber zu laut werden zu
lassen. Im Innern sang sein Herz freilich sehr, und zwar aus der tiefsten Tiefe
des Satzes vom zureichenden Grunde.
    Ganz zierlich reichte Tonie Häussler dem Spielgesellen die Hand, sagte:
»Guten Abend, Buschmann!« und verkroch sich scheu hinter dem Ritter, welcher
beide Knaben auf die Schultern klopfte und sprach: »Da seid ihr also wieder?
Sehr schön! Sehr erfreulich! Nun, ich hoffe, wir werden recht vergnügte Wochen
miteinander verleben.«
    »Das hoffe ich auch«, sprach das gnädige Fräulein. »Übrigens, mein lieber
Hennig, ist Peccadillo seit deiner Abwesenheit nicht mehr daran gewöhnt, am
Schwanz in die Höhe gehoben zu werden. Ich bitte dich dringend, dieses in
Zukunft zu unterlassen.«
    Beschämt liess der Junker den Köter fallen. Mit zornigem Gebell verkroch sich
Peccadillo hinter seiner Herrin, und der Chevalier setzte nun doch alle Vorsicht
beiseite und rieb sich so befriedigt die Hände, dass ihn nur ein sehr
wohlmeinender Dämon vor grossem Schaden und vielen Verdriesslichkeiten bewahren
konnte.
    Im Triumph stieg jetzt die Gesellschaft zum Dorf hinunter. In diesem
Triumphzuge aber agierte der Pastorenfranz den gefesselten barbarischen König,
die Fürstin Zenobia oder sonst eine jammergeschlagene antike Persönlichkeit
trefflichst durch hängende Lippen, gesenktes Haupt, schwankenden Fuss und
verstockt trotzig-wütigen Blick, und zwar ohne den geringsten Kunstaufwand. Der
Empfang auf dem Lauenhofe entsprach dann freilich nicht ganz der Feierlichkeit
des Moments. Die gnädige Frau bezeigte nicht die mindeste Lust, dem
heimkehrenden Sohne einen Lorbeerkranz auf die Stirn zu drücken. Im Gegenteil,
sie fuhr, ohne sich im mindesten gerührt oder begeistert zu zeigen, in ihrer
Arbeit, nämlich im Brotkneten, fort, reichte dem Sohne nur einen mit Mehl und
Teig bedeckten Finger und sagte:
    »So, da bist du also wieder, Junge! Na, da wird die ruhige Zeit wohl wieder
fürs erste zu Ende sein. Na, 's ist gut marsch hinein, und lass dir von der
Mamsell Molkemeier ein Butterbrot geben, nachher wollen wir eine Stunde früher
zu Nacht essen, dass du doch merkst, dass du zu Hause bist.«
    Der Gruss war doch auch römisch und solide, und der Junker merkte es in der
Tat bald, dass er zu Hause sei. Nur ein wenig ungewöhnlich erschien es ihm, dass
ihm die kleine Antonie Häussler in die Speisekammer folgte; aber auch der Ritter
von Glaubigern und Fräulein Adelaide gingen mit, und dieses hielt die Sache im
alten Gleichgewicht. Nach dem Abendessen in der Gartenlaube wurde der Ranzen des
jungen Scholaren einer genauen Prüfung unterworfen, und der Chevalier nahm mit
grossem Ernst und vieler Würde die Zeugnisse der Halberstädter Scholarchen
entgegen, schüttelte nicht wenig das Haupt und sprach zuletzt mit etwas
zögernder Wehmut:
    »Es hätte noch schlimmer ausfallen können!«
    Auch der Koffer des Junkers langte noch am nämlichen Abend an und wurde
ebenfalls ausgepackt. Er entielt den gelehrten Apparat sowie die Wäsche und
Kleidungsstücke des Meister Hennig und gab Anlass zu einer heftigern Szene, und
zwar zwischen dem gnädigen Fräulein und dem heimgekehrten jugendlichen
Ungeheuer.
    Zu dem gelehrten Apparat gehörten natürlich auch die blauen Hefte des
Knaben, und in dem ersten derselben, welches der Chevalière in die Hände fiel,
fand sie auf der ersten Seite eine ausgezeichnet gelungene, aber sonst
keineswegs schmeichelhafte Federzeichnung, sie selber darstellend mit Peccadillo
unter dem Arm und ihrem Namen samt einigen bodenlos frechen Notizen über ihren
Charakter, ihr Alter und ihren jungfräulichen Stand zu Füssen.
    Mit einem Schrei der Entrüstung liess Adelaide von Saint-Trouin dieses
schändliche, schändliche Pasquill aus den Händen fallen, schauderte im Innersten
zusammen, brach mit einem nicht unbedeutenden Teil ihrer Vergangenheit, indem
sie sich erhob, ihrem früheren Liebling und Goldsohn die nachdrücklichste aller
Ohrfeigen versetzte und zu Bett ging, nachdem sie ihn einen Flegel ersten Ranges
geheissen hatte.
    Nachdem hierauf auch der Junker, und zwar in ziemlich kläglicher Stimmung,
zu Bett geschickt worden war sagte der Herr Ritter von Glaubigern nichts weiter
als: »Sehen Sie wohl, Frau Adelheid!?«, und die gnädige Frau erwiderte mit sehr
munterer und befriedigter Miene:
    »Jawohl sehe ich, alter Freund! Und dass Sie wieder einmal recht gehabt
haben, sehe ich gleichfalls.«
    »Nun, so wollen wir auch das kleine Mädchen fürs erste unter dem Schutze der
Mamsell Molkemeier ruhig schlafen lassen.«
    »Jaja, so sind die alten Jungfern und Junggesellen!« lächelte die Gnädige.
»Ohne ein Spielzeug trotz Mystax und Peccadillo geht's nun einmal nicht. Na, ich
mengeliere mich in nichts; - gute Nacht, Glaubigern.«
    Der Chevalier erhob sich ebenfalls und küsste der Frau von Lauen die Hand,
was er nur dann tat, wenn er mit ihr und sich in der Tiefe seines guten Herzens
so recht zufrieden war.
    Aus dem Pfarrhause hat man in dieser nämlichen stillen und milden
Sommernacht immer von neuem sich wiederholende, eigentümlich klatschende Töne,
vermischt mit einem immer von neuem beginnenden Zetergeschrei und Jammergeheul,
vernommen.
 
                              Siebzehntes Kapitel
Auch am nächsten Morgen schien die Sonne hell, und der Junker war früh aus den
Federn; denn so wie die Krodebecker Spatzen sangen die Spatzen vor dem Fenster
des Oberlehrers Krummholz zu Halberstadt doch nicht. Er fand sich sehr behaglich
in der Heimat, und mit ihm verzichten wir gern auf alle zarteren und innigeren
Gefühle und Empfindungen in dieser Hinsicht, haben dagegen mitzuteilen, wie er,
der Pastorenfranz und die kleine Tonie sich von neuem zusammenfanden und in
welcher Weise sie ihre Erfahrungen und Anschauungen gegeneinander austauschten.
Es geschah an dem nämlichen Tage, und zwar in dem bekannten Pavillon auf der
Terrasse an der Landstrasse, wo das chinesische Dach einen erquicklichen Schatten
gegen die heisse Mittagssonne gab und wo man doch auch die Welt, nämlich die
Dorfgasse, nicht gänzlich aus den Augen verlor.
    Franz Buschmann, welcher bei weitem die meisten Erfahrungen gesammelt zu
haben glaubte, ganz abgesehen von denen, welche er noch am vergangenen Abend zu
den übrigen gelegt hatte - führte selbstverständlich das grosse Wort und war
gegen das Bettlerkind ausnehmend grob und unverschämt.
    »So, Hennig«, sprach er, »da wären wir zwei mal wieder bei den Alten; und
wenn's auch kein Spass und Vergnügen ist, so werde ich mir für die lumpigen vier
Wochen nichts daraus machen. Na, gestern abend - uh - ja, es ging lustig bei uns
her; aber ich hatte mich darauf eingerichtet; - das ist abgeschüttelt, und das
Schlimmste habe ich hinter mir, und jetzt heisst es lustig! Die Alte war fast
noch giftiger als der Alte; aber sie sollen sich beide wundern - geschenkt wird
ihnen nichts, sie sollen noch Mund und Nase aufsperren: Die Rache ist süss, und
ich will vergelten, spricht der Herr, sagte der Alte, und er soll es nicht
umsonst gesagt haben! Fürs erste aber wollen wir uns es bequem machen; - du,
Zigeunermädchen, schieb mir die Bank unter die Füsse; wir sind in den grossen
Ferien, und da muss man sich von dem Drangsal erholen - uh!«
    »Ich bin kein Zigeunermädchen, und deine Magd bin ich gar nicht, Buschmann!«
rief Tonie entrüstet, trat jedoch vorsichtig einige Schritte zurück.
    »Hi, guck einer die Hexe! Sag mal, du, was willst du denn eigentlich hier?
Wie kommst du eigentlich hierher? Weisst du nicht, wohin du gehörst? Mach dich
nützlich und angenehm - auf der Stelle pariere oder scher dich dahinunter auf
die Strasse. Dahin gehörst du; denn da bist du hergekommen.«
    »Sei still, Franz! Das brauchst du nicht zu sagen!« rief Hennig mehr
verlegen als ärgerlich; trotz seiner Tölpelhaftigkeit sah er dem Kinde an den
Augen an, dass in der Seele desselben mehr vorging, als der Pastorenfranz
vermutete.
    »Vieh!« rief Tonie Häussler, fest und lange dem Angreifer in das Angesicht
blickend. »Du bist der richtige Buschmann - der Buschmann aus Afrika!... Du, du,
o du - was habe ich dir zuleid getan?«
    Sie liess die geballten Hände sinken und wendete sich laut weinend zu dem
Junker:
    »Weisst du es nicht, weshalb ich hier bin, Hennig? Es ist, weil der schlechte
Buschmann recht hat; weil ich auf die Landstrasse gehöre, weil niemand mich haben
will, seit die Mutter Allmann gestorben ist. Weil niemand mich haben will,
deshalb darf ich hier sein; die gnädige Frau will es, das gnädige Fräulein will
es, und der Herr Ritter will es erst recht! Was kümmert es dich, Franz, dass man
mich gut und gescheit machen will? Dich kümmert's nicht; aber die Buschmänner
nennt man auch Botokuden, und solch einer steht in deinem Buch, Hennig, und
solch einer bist du, Franz Buschmann!«
    »Frag im Dorf und frag den Schullehrer und frag meinen Vater und meine
Mutter, wer du bist; man wird dir sagen, wer du bist!« schrie der Knabe, die
Faust dem Kinde unter die Nase haltend.
    »Und es ärgert dich, dass ich auf meine Nester und Eier und flügge Brut im
Walde Achtung gegeben habe, wenn du zu Haus warst!« lachte durch ihre Tränen das
kleine Mädchen. »Nicht eine Feder hast du mir nehmen dürfen!«
    Der Pastorenfranz lachte auch, aber zeigte zugleich doch die Zähne, denn
diese Erinnerung schien ihn mehr als alles übrige zu erbosen.
    »Kusch, kusch, Katz!... Katz! Katz! Fort die Katz!« rief er, nach der
Gegnerin schlagend; aber jetzt hielt ihn Hennig und rief weinerlich:
    »Buschmann, jetzt gib Ruhe! Franz, ich werfe dich von der Mauer, wenn du
nicht still bist! Lass die Tonie; ich leid's nicht, dass du sie anfassest und
schimpfst! Es soll sie niemand schimpfen, sie gehört auf den Hof und zu uns,
denn der Herr Ritter hat sie lieb, das hab ich gleich gewusst, und für den Herrn
Leutnant steh ich auf gegen Russen und Franzosen und alle wilden Völkerschaften
aus dem kleinen und grossen Roon!«
    »Und eine Zigeunerin und eine Katze ist sie doch, und um den Ritter, den
armen Ritter kümmere ich mich keinen Pfifferling, und jetzt fliegt sie grad die
Trepp hinunter. Fort, kusch, fort, Katz, Katz, Katz!«
    Er war auf das den Kopf angstvoll mit den Händen schützende Mädchen
zugesprungen, und Hennig sprang eben gleichfalls zu und fasste ihn am Haarbusch,
als sich dem erbosten ersten Angreifer eine dürre, aber sehr weisse und zugleich
recht kräftige Hand auf die Schulter legte und der Herr Chevalier von Glaubigern
ruhig sagte:
    »Ei ei mein Söhnlein gemach! gemach! Welche unnötige, welche gewalttätige
Aufregung? Es hat nie als Sitte gegolten, den Damen solche Worte ins Gesicht zu
sagen oder sie gar durch Tätlichkeiten zu beleidigen; und auf dem Lauenhofe war
es nie Sitte.«
    Nun übertrieb der Ritter hier freilich ein wenig; denn Frau Adelheid von
Lauen war imstande, bei passenden Gelegenheiten den ihr untergebenen Damen noch
ganz andere Titulaturen zu verleihen, ja sie sogar mit bewaffneter oder
unbewaffneter Hand ohne weiteres körperlich anzugreifen; allein die plötzliche
Anrede und der Ton des Leutnants machten dessenungeachtet einen bedeutenden
Eindruck auf den rohen Sünder, zumal da der Redner noch nicht fertig war,
sondern fortfuhr:
    »Was aber dieses hier gegenwärtige Fräulein anbetrifft, so verbitte ich mir
dringendst alle weiteren und ferneren Brutalitäten gegen es. Ich würde jeder
fernerweitigen Roheit, auch Lümmelhaftigkeit in Ausdruck und Gebärde gegenüber
die nötigen und durchgreifendsten Massregeln zu treffen wissen, was man sich
hinter die Ohren schreiben möge. Anjetzo marsch nach Hause, du Schlingel - mit
dem Herrn Vater werde ich die nötige Rücksprache nehmen, auch der Frau Mutter
eine freundliche Bitte vorzutragen mir erlauben. Marsch - marsch!«
    Das gegenwärtige Fräulein küsste auf dieses hin dem alten Kavalier zärtlichst
die Hand; Herr Franz Buschmann jedoch zog die Schultern bedenklich in die Höhe
und schlich auf eine Weise davon, die mit dem Rückzuge der zehntausend Griechen
oder sonst einem tapfern und berühmten Rückzuge nicht die mindeste Ähnlichkeit
hatte. Unser Freund Hennig zog das dümmste Schulbubengesicht, welches jemals
seit dem Sündenfall, dem wir bekanntlich jegliche Erkenntnis zu danken haben,
geschnitten wurde. Er hatte erkannt, dass unter Umständen kein Mensch, auch der
beste Kamerad, auch der Pastorenfranz nicht, zum Leben und Gedeihen
unentbehrlich sei; doch war er weit davon entfernt, alle Folgerungen dieser
uralten, urewigen Wahrheit, dieses alleinigen Grundrechtes, durch welches sich
die Menschheit vor dem Menschen rettet, zu ziehen. Das letztere ist eine ganz
allgemeine Bemerkung, mit welcher auch wir uns wieder in das Allgemeinere
erheben.
    Nur schandenhalber kümmerten sich der Chevalier und das Fräulein um die
Bildungsfortschritte ihres frühern Zöglings.
    »Es kann uns genügen, dass er im rechten Fahrwasser ist«, sagte der Ritter zu
der gnädigen Frau; »was Ausserordentliches wird doch nicht aus ihm; aber ein
braver Kerl ist er geblieben, und solches ist die Hauptsache. Dass der Comenius
einige Heiterkeit bei den Halberstädter Herren erregt hat, verberge ich mir
keineswegs, also - legen wir ihn ad acta; ich schmeichle mir doch, dass er seine
guten Dienste leistete.«
    »Ich wüsste nicht, vor welchem Schulmeister ich grössern Respekt als vor dem
alten schweinsledernen Burschen hätte. Ich habe ihn immer mit Ehrfurcht auf dem
Tische liegen sehen«, meinte die Frau Adelheid, und der Ritter schob lächelnd
die Mütze von einem Ohr aufs andere.
    »Jaja, es ist ein gefährlich Ding!« sagte er. »Ich und der Hennig haben
unsere liebe Not mit ihm gehabt; nun aber soll ihm seine Ruhe im Winkel von
Herzen gegönnt sein.«
    Sie glaubten alle auf dem Lauenhofe ihre eigenen Wege für sich zu haben, und
nur selten ging ihnen eine Ahnung davon auf, wie sie sich sämtlich im Kreise
bewegten und wie ihre Wege sich schnitten und stets von neuem dicht
nebeneinander herliefen. Der Frau Adelheid war dieser Sachverhalt noch am
klarsten, und sie unterliess es nicht, sich gegen die Vertraute ihrer Seele, die
Mamsell Molkemeier, darüber auszusprechen.
    »Merken Sie was, Mamsell?« fragte sie. »Ich merke was, und bald werden wir
alle noch mehr merken. Der Herr Ritter ist ein herzensguter Mann; er ist fast zu
gut für diese Welt; aber ohne ein Spielzeug kann er ebensowenig leben wie das
Frölen. Merken Sie was, Mamsell? Sie haben eben nie genug an Mystax und
Peccadillo, und dazu bleiben sie merkwürdig jung, und die beiden guten Tierchen
werden allmählich recht alt und viel zu faul und fett für den muntern Verkehr.
Ich habe es gleich gemerkt, als das Kind auf den Hof kam, was wir erleben
würden. Erst hat mein Junge herhalten müssen, und es hat mich oft konfus genug
gemacht - aber der ist ihnen nun über den Kopf gewachsen; sie haben ihn als Kalb
am Bändchen auf die Weide geführt, und nun ist ihnen unter der Hand ein Ochse
daraus geworden - das macht sich immer so und ist nur für den nicht kurios, der
nichts damit zu tun hat. Nun ist ihnen die Tonie wie vom Monde in den Schoss
gefallen; nun haben sie die am Bande, und was daraus werden soll, das weiss ich
nicht! Und ich gebe Ihnen mein Wort, Mamsell, ehe der Herbst ins Land steigt,
wird der Herr Ritter noch hitziger drüber sein als das Frölen! Für meinen Jungen
ist es mir lieb, dass er drüber weg ist; aber das Mädchen, das Mädchen!?... Ich
hatte es ja auch gut mit ihm im Sinn; aber anders! Es wird mir ganz schwül, wenn
ich dran denke, und ein Jammer ist es, Mamsell; denn was für ein gesundes und
nützliches und braves Leben hätten wir dem Kinde im Molkenwesen zurechtgemacht,
wenn wir unsern Willen allein hätten.«
    »Frau von Lauen«, sprach die Mamsell, »wenn ich an Ihrer Stelle wäre, so
hätte ich meinen Willen sicher allein.«
    »Und das zeigt, dass Sie nichts davon verstehen, Molkemeiern, und dass Sie mal
wieder wie eine Gans in den Tag hinein schnattern. Solange ich auf dem Lauenhofe
zu befehlen habe, so lange kann der Herr von Glaubigern darauf und damit tun und
lassen, was er will. Lieber wollt ich mir doch die Zunge abbeissen, als dem
lieben Mann ein widrig Wörtchen sagen! Einen Mann wie einen Engel findet man
nicht alle Tage, und - Mamsell Molkemeier, wenn ihn der liebe Gott, was er
selbst verhüten möge, eines Tages zu sich riefe und der Herr Ritter bietet Ihnen
an, Ihre arme Seele in der Rocktasche mit hinaufzunehmen, so greifen Sie dreist
zu und zieren Sie sich nicht; eine solche gute Gelegenheit, die ewige Seligkeit
zu erlangen, finden Sie so bald nicht wieder.«
    An einer andern Stelle liess sich die Gnädige ähnlich vernehmen.
    »Jaja, Herr Pastor, Sie haben vollkommen recht, und Ihre liebe Frau hat
recht, und das Dorf soll auch recht haben; aber ich sehe wahrhaftig nicht ein,
wie es zu ändern wäre. Sie sagen, es schicke sich nicht und es entstehe nur
Verdruss und wer weiss was alles draus; aber - können Sie es ändern? Ich kann's
nicht! Versetzen Sie sich in meine Lage, Herr Pastor. Das Frölen hat seinen Kopf
aufgesetzt, mehr denn je, und was das bedeutet, wissen Sie ebensogut wie ich. Es
meint, da die Welt doch auseinanderginge, so sei's das vornehmste und nobelste,
man stelle sich wieder auf Adams Standpunkt und nehme jegliches Tierchen, wie es
sich produziere. Und wissen Sie, der Herr von Glaubigern hat es daraufhin gross
angesehen und hat ihm nachher, als es vom Tisch aufstand, ganz fein und
ehrerbietig die Hand geboten und die Tür geöffnet mit einer Verbeugung, und
nachher hat er mir gesagt, entweder gehe die Welt wirklich unter, oder das
gnädige Fräulein sei noch von keinem Menschen recht gewürdigt worden. Der Herr
von Glaubigern hat sich ganz auf die Seite des gnädigen Fräuleins gestellt, und
dagegen ist nichts zu machen. Wozu sich übrigens das Dorf eigentlich in diese
Geschichte mischt, sehe ich gar nicht ein. Von Ihnen, Herr Pastor, und Ihrer
lieben Frau rede ich natürlich nicht; aber die andern Maulaffen sollen mir nur
kommen, ich werde sie gehörig heimzuschicken wissen. In den alten Schriften und
Chroniken steht freilich nichts davon, dass die Herren von Lauen jemals das Kind
einer Vagabundin an ihren Tisch aufgenommen haben; aber das kann doch den
Krodebeckern unmenschlich gleichgültig sein. Jetzt bin ich da und der Herr
Leutnant von Glaubigern und Fräulein Adelaide von Saint-Trouin, die eine so
vornehme Dame ist, wie die Welt und der alte Blocksberg da sie noch gar nicht
gesehen haben, und was ich der alten Hanne Allmann versprochen habe, das ist mir
auch noch hell im Gedächtnis, und somit, Herr Pastor, wenn wir, die alte Hanne
mitgerechnet, nichts gegen die Tonie Häussler einzuwenden haben, so möchte ich
den sehen, der mir mit seinem Wenn und Aber das Leben noch saurer machen wollte,
als es mir schon so zuweilen ist. Sie kommen doch heut abend mit den lieben
Ihrigen, Herr Pastor? Wir haben einen Puter mit Johannisbeeren und nachher eine
Schüssel recht schöner Krebse!«
    Selbstverständlich kam der Herr Pastor samt der Frau Gemahlin und dem
trefflichen Herrn Sohn, Ihnen gegenüber zwischen dem Chevalier und dem Fräulein
von Saint-Trouin sass Antonie Häussler, und so konnte denn noch späterhin an
demselben Abend Frau Adelheid ihr gutes Herz gegen ihre Vertraute in der Küche
ausschütten:
    »Jetzt lässt sich wirklich nichts mehr ändern, Mamsell Molkemeier. Ein
sonderbares Ding ist es; aber wenn ich wirklich einen Trost gebraucht hätte, so
hätte mir das Gesicht der Buschmann denselben verliehen. Ich glaube, heut nacht
lach ich mich in den Schlaf; aber wissen möcht ich wohl, was mein Seliger dazu
sagen würde. Gott sei Dank, der Herr Ritter übernimmt die Verantwortung! Sieh,
bist du auch einmal wieder da, Jane Warwolf? Du hast dich ja lange nicht sehen
lassen auf dem Hofe.«
    »Ja, Fraue, ich bin wieder einmal da«, sagte die Greisin, von ihrem Sitz
neben dem Herde sich erhebend. »Ich bin gekommen, um nach der Erbschaft der
Hanne zu sehen; da nehmt meine Hand, Fraue von Lauen; Ihr seid ein stolz, brav
Weib und sollt Euch nicht bloss in den Schlaf, sondern auch in den Tod lachen.
Eure Sterbestunde soll Euch so leicht werden, als Ihr mit Eurem guten Herzen das
Leben den Menschen macht. Fraue, Ihr seid eine stolze Frau, und es ist eine
Ehre, Euch liebzuhaben.« - -
    Wie gut es ist, dass sich dann und wann durch Menschenkraft nicht ändern
lässt, was man gern anders haben möchte! Wenn Tonie Häussler wie aus dem blauen
Himmel auf den Lauenhof herabgefallen war, so brachte sie auch alle Schönheit
und Freundlichkeit ihrer Heimat als Gastgeschenk mit herab, und der Lauenhof
hatte nicht nur grossen Nutzen, sondern auch viel Vergnügen davon. Hier war nun
in der Tat das richtige Bildungsobjekt für den Chevalier und das Fräulein von
Saint-Trouin, und auch das Sonderbarste und Verschrobenste, welches bei allem,
was die beiden Alten zu geben hatten, mit unterlief, konnte hier keinen Schaden
stiften; wovon im nächsten Kapitel weiter die Rede sein wird. Jegliches Körnlein
der Weisheit und Courtoisie, welches der Ritter und das Fräulein ausstreuten,
fiel auf den besten Boden und ging sehr lieblich auf. Zu der Zierlichkeit der
körperlichen Erscheinung des Kindes fügte sich von Tag zu Tage wundervoller eine
unbeschreibliche Zarteit des Gemütes; und die grossen dunkeln Augen, die vor
kurzem noch so wild und scheu in das Erdengewirr hineinfunkelten, leuchteten
jetzt in einem Lichte, welches selbst den Rohesten betroffen machen und anmuten
musste. Früher als bei andern Kindern entwickelte sich bei Antonie Häussler eine
gewisse Jungfräulichkeit, welche die Herzen aller gewann und die Frau Adelheid
immer mehr in ihrer Überzeugung bestärkte, dass sich nicht das geringste mehr an
den neuen Zuständen des Lauenhofes ändern lasse.
    In dem Siechenhause von Krodebeck hatte Tonie vollkommen die Erziehung
erhalten, welche die guten Feen ihren Lieblingsschützlingen in der Einsamkeit
und Wildnis angedeihen lassen; gewissermassen wurde diese Erziehung auf dem
Lauenhofe fortgesetzt, und seltsamerweise verspürte auch der Junker jetzt einen
wohltätigen Einfluss davon. Was früher in anima vili nur komisch, verdriesslich
oder gar beängstigend auf ihn gewirkt hatte, das kam jetzt durch ein Medium,
durch das, was man in der Naturlehre einen Lichtleiter nennen würde, in gänzlich
veränderter Beleuchtung und Bedeutung an ihn, und manches wurde ihm nunmehr
höchst interessant, um was er früher sogar seinen besten Freund, den Herrn
Leutnant von Glaubigern, in den tiefsten Abgrund der bekannten Hölle des
westfälischen Adels verwünschte, während er sich zu gleicher Zeit recht anmutig
ausmalte, wie er Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin als
konstantinopolitanische Stechfliege zwischen
    dem Deckel und Titelblatt des Amos Comenius fing und sie grausam
zerquetschte.
    Jedenfalls ging der Junker schon aus seinen ersten Ferien nicht dummer nach
Halberstadt zurück, obgleich seine Faulheit nichts zu wünschen übriggelassen
hatte und er mit den eigentlich exakten Wissenschaften sehr im Rückstande
geblieben war. Dagegen war der Pastorenfranz diesmal fast übermenschlich fleissig
gewesen; denn der Herr Papa hatte ihn kaum aus der physischen und moralischen
Klemme freigelassen. Der Charakter des Knaben hatte jedoch nicht dadurch
gewonnen; Franz Buschmann trug zu schwer an der Bürde seiner unfreiwilligen
Gelehrsamkeit. Mürrisch, verdrossen und boshaft, ein Feind der Götter und der
Menschen, zog er von neuem mit dem Schulgenossen von Krodebeck ab, dem einstigen
Wohnsitz des guten alten Vater Gleim zu. Dass er Teologie studieren werde, stand
nach wiederholten Familienberatungen fest. Weshalb auch nicht?
 
                              Achtzehntes Kapitel
Sechs Jahre hintereinander kam Hennig von Lauen viermal jährlich, nämlich zu
Weihnachten, Ostern, Pfingsten und in der Erntezeit, heim von der Schule zu
Halberstadt nach Krodebeck ohne dass sich während dieser Periode etwas anderes
Verwunderungswürdiges zugetragen hätte als das ewige grosse Wunder, dass alle
Dinge, lebendige und tote, älter werden und die Welt doch jung und gesund
bleibt. Dass er das an sich selber nicht merkte, war kein Wunder, sondern ein
Glück der Jugend; in dieser Hinsicht fühlt das Alter feiner und klammert sich um
so fester an der Erde ewig junge Schönheit.
    Der Chevalier und Fräulein Adelaide bemerkten sicher das Winken des
fleischlosen Fingers, den eiskalten Hauch, der sie dann und wann aus dem
grünsten Walde, von der sonnigsten, blumigsten Wiese anwehte; auch in den
braunen Flechten der gnädigen Frau zeigten sich silberweisse Streifen, und nur
Jane Warwolf aus Hüttenrode trat unverändert einher, als ob die Zeit über sie
keine Macht habe. Die Gräber von Hanne Allmann und der schönen Marie auf dem
Kirchhofe des Dorfes wurden von Gras und Gebüsch überwuchert, sanken ein und
verschwanden aus dem Gedächtnis der Leute wie die Gräber berühmterer Leute, die
soeben hie und da von ratlosen Komitees im Schweisse des Angesichts gesucht
wurden, da allmählich die Zeit der Bronze für die erlauchten Toten gekommen war.
    Da nun weder Hanne Allmann noch die schöne Marie zu den erlauchten Toten zu
rechnen waren, so wäre nicht abzusehen, weshalb gerade ihretwegen, und noch dazu
so bald nach ihrem Abscheiden, ein Ausschuss sollte zusammengetreten sein, um
ihre Ruhestätten in Ordnung zu halten; es besorgte das doch Jane Warwolf so gut
als möglich. Diese passierte nie das Dorf Krodebeck, ohne ein Viertelstündchen
auf einem der beiden Hügel auszuruhen und mit ihren harten Händen und ihrem
Wanderstabe unter die Nesseln und Ranken zu fahren. Glitt doch auch Antonie wohl
im Abendnebel daran vorüber oder stand daneben einen Augenblick still, um eine
Rosenknospe oder einen Strauss Waldblumen darauf zu werfen, ehe sie wieder hinter
den Hecken des Lauenhofes verschwand! Sie aber stand jetzt glücklicherweise zu
reich beschattet und umduftet von den Blütenzweigen ihres kurzen Lebens, um mehr
als einen flüchtigen Augenblick stillen, aber nicht schmerzvollen Traumes für
die trübe, ängstliche, verworrene Vergangenheit übrig zu haben.
    Denn als die Zeit gekommen war - wie denn für alles Gute und alles Böse
einmal das Siegel von den Augen, Ohren und Lippen der Welt fallen muss! -, da
staunten alle Leute, was für ein schönes Mädchen aus dieser Antonie Häussler
geworden sei, und selbst die Übelwollenden, deren nicht wenig waren, mussten
zugeben, dass Krodebeck augenblicklich sonst nichts dergleichen aufzuweisen habe.
Die, welche sich ihrer Mutter in deren vollster Pracht noch erinnerten,
behaupteten freilich, die Marie Häussler sei noch schöner gewesen, allein da
fragte es sich denn doch, ob solches möglich sei; und die, welche die schöne
Marie nicht gekannt hatten, mochten mit vollem Rechte behaupten, es sei nicht
möglich. Aber auch noch nie hatte eine junge Dirne des Ortes unter solcher
scharfen Aufsicht des Dorfes gestanden als dieser Schützling des Lauenhofes.
Überall, überallhin folgten ihr die Seitenblicke und das Geflüster und das leise
Lachen hinter vorgehaltener Hand, und aus welchem Blut und Zustand sie stammte,
das merkte man klar an ihrem scheuen Wesen, das niemandem gerade ins Gesicht zu
blicken sich getraute, an ihrem bösen Gewissen, das jedermann aus dem Wege wich,
und vor allen Dingen an der kuriosen Hartnäckigkeit, mit der sie an der »anderen
Vagabundin«, der Jane Warwolf, trotz ihrem närrischen, unverdienten und
unverschämten Glücke festielt. Wenn man alles recht bedachte, so war dieses
Mädchen trotz seinem hübschen Gesicht und schlanken Wuchs doch nur eine Schande
für die Gemeinde und alle ordentlichen Leute. An das aber, was für den Lauenhof
aus dieser Grille der beiden alten Fratzen, nämlich des Herrn Leutnants und des
französischen Fräuleins, entstehen musste, mochte man gar nicht denken. Dass das
Fräulein längst für das Tollhaus reif sei, habe man freilich schon gewusst; aber
dem Herrn von Glaubigern habe man doch mehr Verstand und Einsicht zugetraut. Dass
die gnädige Frau es sich bieten lasse, sei kurzweg unbegreiflich; ja die sei
sogar die Verblendetste, der Pastor Buschmann habe das zu seinem Schaden und
tiefen Kummer erfahren, als er seine Pflicht getan und, wie es sich schicke,
geredet habe; der mische sich nicht mehr darein, sowenig als irgendein anderer
in Krodebeck, und man könne es ihm nicht verdenken.
    So war es in der Tat! - Tonie Häussler behielt eine tiefe, unauslöschliche
Neigung zur Jane Warwolf und allem, was mit ihr, ihrem Leben, Wesen, Wandern und
Treiben zusammenhing. Die gute Frau konnte nicht kommen, ohne dass Tonie, gleich
als habe sie eine Ahnung ihres Nahens, sie auf einem Stein an der Landstrasse
oder im Walde erwartete; sie konnte nicht gehen, ohne dass das junge Mädchen sie
stundenweit, sei es auf ihrem Wege gegen die Harzberge oder in das flache Land
hinein, begleitete. Wenn sie nach ihrer Gewohnheit den Wanderstab für eine Nacht
auf dem Lauenhofe in die Ecke setzte, so war Tonie Häussler ihre treueste
Genossin und aufmerksamste Zuhörerin. Und alles dieses war leider Gottes der
einzige Kummer, der noch dazu zum grössten Teil nur der Kummer der Eifersucht
war, welchen das Kind dem Fräulein Adelaide von Saint-Trouin und allen seinen
hohen Ahnen bis zu Johann von Brienne, dem Fürsten von Tyrus und Kaiser von
Konstantinopel, hinauf bereitete. Und noch dazu hatte das Dorf Krodebeck nicht
einmal die Gewissheit, dass sich der Papst Honorius der Dritte darüber im Grabe
umwende!
    Ausser dieser Hinneigung zum Gemeinen fand das gnädige Fräulein nichts an
Antonie Häussler auszusetzen. Das Schicksal rächte die schöne Marie durch ihr
Kind vollständig an der alten Feindin und Verderberin, und zwar in einer Weise,
deren es sich viel häufiger bedient, als man gewöhnlich glaubt. Das gnädige
Fräulein unterlag den eigenen Maximen, Ansichten und Lehren, indem die Schülerin
mit denselben und durch dieselben hoch über die Lehrerin sich erhob und sie
zwang, verwirrt, beschämt und zweifelnd vor dem Wunder, das sie als ein Werkzeug
in mächtigerer Hand hervorgerufen hatte, dazustehen. Was bei Adelaide von
Saint-Trouin als beklagenswerte oder lächerliche Verzerrung auftrat, das
erschien in Antonie Häussler als süssester Reiz; was bei dem Fräulein ein
krankhaftes, kindisch unverständiges Abzappeln aus einem unbegriffenen Zustande
nach dem anderen war, das wurde in Tonie zu dem stillen, tiefverborgenen
Heimweh, der melancholischen Sehnsucht nach Ruhe und Licht, die allein nur, und
auch nur in vereinzelten Momenten, das Reich der Ruhe und des Lichtes in der
Seele des Menschen aufbaut.
    Diesmal hatte der Ritter von Glaubigern recht seine Freude an den
pädagogischen Siegen seiner alten Freundin. Da gab es kein Achselzucken und
Kopfschütteln mehr; sein Behagen stieg von Tag zu Tag, der Comenius verstaubte
im Winkel, und mit lustig ausgebreiteten Fittichen folgte der Chevalier den
seltsamsten Flügen der Chevalière.
    »Jetzt sind sie beide närrisch! O mein Himmel, muss ich das noch an dem
Alten, an dem Leutnant erleben!« rief die gnädige Frau. »Unter den Händen ist er
mir toll geworden, und am Ende hab ich noch gar meine Freude daran; denn da
müsste man ja blind sein, um nicht zu sehen, wie wohl ihm bei seiner Narrheit
zumute ist.« -
    Die Frau Adelheid hatte nie in ihrem Leben in irgendeiner Behauptung so
vollkommen recht gehabt wie hier. Der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern war
nicht nur rein verrückt in seinen Beziehungen zu der Erbschaft der Hanne Allmann
aus dem Krodebecker Armenhause, sondern es war ihm wirklich wohl in seiner
Verrückteit. Ihm war nie während seines Lebens so wohl zumute gewesen.
    Wir wissen, dass er ein armer Mann war, dass er gleich dem Fräulein von
Saint-Trouin in Abhängigkeit von dem Vermögen und Wohlwollen anderer, wenn auch
anständiger Menschen auf dem Lauenhofe wohnte. Dass der Lauenhof ohne ihn
durchaus nicht zu denken war, dass er, der Ritter, bei weitem mehr gab, als er
empfing, und dass die gnädige Frau in allen Stücken ihn gern, willig und meistens
mit Tränen der Rührung in den Augen als ihren Herrn und Meister anerkannte,
änderte hieran nichts.
    Wir wissen auch bereits, dass er ein sonderbarer Mann war, der sich mühselig
an der Welt abquälte und in stiller, ununterbrochener Arbeit auf eigentümlichen
Umwegen ihren Geheimnissen beizukommen strebte. Er hatte nicht nur die Frau
Adelheid und den Junker Hennig, sondern auch sich selber erzogen, und an dem
letztern Gegenstande putzte, zog, schnitzelte und schabte er noch immer
ununterbrochen herum. Es war ein grosser Pädagog an ihm verlorengegangen, aber
ein fast noch grösserer Philosoph gewonnen worden, und das war kein Wunder, dass
er im Verlauf seines Lebens manchen bittern Kern aus der Hülse abgegriffener,
ganz behaglicher Gemeinplätze löste. Nicht wie andere Erdgeborene begnügte er
sich damit, zu seufzen: »Es ist ein elendes Dasein!«, sondern er fragte dabei
nach dem Warum, und das ist unter allen Umständen ein zwar recht
verdienstliches, jedoch zugleich sehr missliches Ding und häufig schmerzhafter
als dieses elende Dasein selber. Und er gehörte durchaus nicht zu den wenigen
Ausgewählten, den Glücklich-Unglücklichen, denen ein grosses Ziel, ein hoher
Zweck gegeben wurde, um sich daran und darnach zu Tode zu ringen. Aber wie sich
die Sonne des höchsten Genius gewöhnlich in den weihevollsten Stunden hinter dem
trüben Gewölk der Wirklichkeit verbirgt und, wie das Volk sich auszudrücken
pflegt - Wasser zieht, so konnte auch seine Seele Wasser ziehen, und das Volk
von Krodebeck und der Umgegend bemerkte es auf der Stelle und meinte:
    »Ist dem auch mal wieder der Buchweizen verhagelt? Der hat doch wahrhaftig
keinen richtigen Grund, um das Maul zu verziehen!«
    Seine beste Freundin aber, die Frau Adelheid von Lauen, sagte höchstens:
    »Lasst ihn! Es hat ein jeder seine kuriosen Stunden, und so muss man sie auch
dem Alten gönnen. 's wird sich schon wenden. Munter!«
    Ja munter! Alle jene, welche dem Chevalier von Glaubigern jede Berechtigung
zur Melancholie absprachen, hatten recht, und die gnädige Frau hatte gleichfalls
recht, und der Herr Ritter hatte sehr unrecht, sich durch die unbegreiflichsten,
nichtsnutzigsten Lappalien die behaglichsten Tage ganz mutwillig zu verderben.
Wahrlich, es ist niemand verpflichtet, seinen Lebenstag dem des andern
unterzuordnen, wie niemand verpflichtet ist, über einen Gewinn ausser sich zu
geraten, den vielleicht erst eine ferne Zukunft auf ihrem Wege findet.
    »Haben Sie Geduld mit mir, Frau Adelheid«, sagte der Ritter. »Mir ist wieder
einmal ganz wie dem Oliver Cromwell zumut gewesen.«
    »Von dem Menschen hab ich noch nie etwas gehört«, antwortete die Gnädige.
    »Nun, er war ein gewaltiger Kriegsmann und Regent, aber auch zuweilen voll
finsterer Phantasien und voll Sorgen um Vergangenes und Zukünftiges. Und als es
mit ihm zum Sterben ging, da hat er seinen Leibpastor gefragt, ob ein Mensch,
der einmal in der Gnade Gottes gewesen, je wieder aus derselben herausfallen
kann. Nein! hat der Pastor geantwortet, und das hat dem Cromwell merkwürdig
wohlgetan, und meine Meinung ist, dass die Geschichte für jedermann passt, denn in
der Gnade waren wir alle einmal, wenn wir nur immer an den dunkelen Tagen daran
denken könnten.«
    »Das ist in der Tat eine vortreffliche Geschichte, Liebster, und sehr
brauchbar in allen möglichen Ärgernissen«, meinte die gnädige Frau und fügte
dann wie gewöhnlich hinzu: »Verlassen Sie sich darauf, Glaubigern, ich werde sie
mir merken; aber jetzt tun Sie mir auch den Gefallen und führen Sie das Frölen
ein wenig in die frische Luft, Die gute Seele liegt mit seit einigen Tagen
gleichfalls wieder schwer auf der Seele und dem Leibe.«
    »Mit Vergnügen!« sprach dann der Chevalier, doch er hätte hinzufügen können:
    Wahrlich, es geht keine Müdigkeit über die des Starken und Tapfern! - -
    Jetzt führte der Herr von Glaubigern mit dem gnädigen Fräulein die Tonie
Häussler spazieren, und die Stunden der Gnade, die ihm in den sechs Jahren, von
denen hier die Rede ist, zuteil wurden, folgten einander immer lichter und
lieblicher auf dem Fusse. Zwischen seiner braven und sehr gescheiten Pedanterie
und der Rokokozierlichkeit des Fräuleins von Saint-Trouin wurde das Kind aus dem
Siechenhause zu einer feinen Jungfrau und zu einer Dame im höchsten Sinne des
Wortes; denn Mutter Natur ging glücklicherweise auch mit allerwegen und liess ihr
Kind nicht aus den Augen. Nun mochten die Schalmeien und Jagdhörner der Königin
Marie Antoinette klingen, wie sie wollten; der Chevalier fand nichts daran
auszusetzen; ja er fand sogar selber ein still inneres, träumerisches Behagen
daran. Er hatte nichts dagegen, dass seinem jetzigen Liebling die oft so
graziösen Nebelbilder verlorenen Glanzes und untergegangener Sitte vor der
Phantasie vorübergaukelten.
    »Sie wächst in allen Dingen in die Anmut hinein!« rief er. »Die Blüten
schlagen über ihrem Haupte zusammen. Und man spricht von der Armut der Erde,
während so etwas auf ihr möglich ist! Alles begreift sie auf den ersten Wink -
Herrgott, und wenn ich daran denke, wie der Bursch, der Hennig, der Esel, mir
und sich den hellen Angstschweiss über denselben Wissenschaften ausgepresst hat,
so möchte ich ihr zu Ehren den Jungen heut noch rechts und links ohrfeigen! Und
sie allein darf das Frölen Frölen nennen, ohne auf der Stelle zu Asche zu
werden! Es ist ein Wunder, ein Wunder, ein Wunder - ein Wunder! Sie ist die
Lehrerin, und wir sind die Schüler. Achtundsechzig Jahre bin ich alt geworden
und habe mich abgequält, um zu erfahren, was mir fehle; bis sie gekommen ist, um
es mir und um es uns allen zu sagen. Denn allen hat das gefehlt, was sie nach
Krodebeck bringt, sie haben sich nur nicht gleich mir gemüht und abgeängstet.«
    Daran musste wohl etwas Wahres sein; es war jedenfalls ein Vergnügen, zum
Exempel auf die Gefühle und die Mimik der gnädigen Frau in dieser Hinsicht zu
achten. Wenn die schlanke Gestalt des jungen Mädchens mit holdem Lächeln sich
ihr entgegenbeugte oder an ihr vorbeischritt, so war das Mienenspiel der Frau
Adelheid ungemein drollig anzuschauen. Sie sah ihr entgegen, sie sah ihr, fast
verstohlen, seitwärts ins Gesicht, sie sah ihr nach, und dann - ja, dann schien
sie noch lange nicht fest überzeugt zu sein, recht gesehen zu haben, und die
Ausrufe, in welchen sich dieser Gemütszustand Luft machte, waren nicht weniger
seltsam als ihre Gebärden.
    »Sie wächst mir in allen Dingen aus meinem Leben hinaus!« rief die Gnädige
kopfschüttelnd. »Hätte ich die Angst nicht um das, was daraus werden mag, so
würde ich es mir nur allzugern gefallen lassen. Jaja, Mamsell Molkemeier, es ist
gar nicht beneidenswert, unter lauter Narren und Phantasten allein die Augen
klar und verständig offenzuhalten.«
    »An Ihrer Stelle, gnädige Frau, schickte ich die Jungfer morgen aus dem
Hause«, sprach die Mamsell, worauf die Frau von Lauen mit einem
unbeschreiblichen Blick auf ihre Vertraute erwiderte:
    »Dann würden Sie mit der Familie Buschmann freilich wohl das Reich auf dem
Lauenhof allein haben. Ich glaube, wir zögen ihr alle nach, und was mich
anbetrifft, so könnte ich schon des Anstands halber nicht zurückbleiben, da der
Herr Ritter den Zug anführen würde. Übrigens, Mamsell, verfügen wir uns für
jetzt zu unseren Käsen zurück, wie der Herr von Glaubigern sagen würde, Sie
alberne Person.«
    Über die Blicke, das Flüstern und das halbverlegene Kichern des Dorfes
Krodebeck haben wir bereits das Nötige gesagt und könnten darüber schweigen,
wenn nicht auch hier das Wunder eingetreten wäre, dass Antonie Häussler im Spiel
des Zeus mit der Welt die beste Hand erlangte. Einen Teil des Dorfes, als dessen
Protagonist der Pastorenfranz gelten konnte, jagte sie in Furcht, und den andern
gewann sie einfach durch ihre Liebenswürdigkeit: - die Gleichgültigen kamen hier
wie überall nicht in Rechnung. Die Menschen finden sich in den Willen der Götter
viel leichter, als sie je zugestehen werden; die allerhöchsten Herrschaften
erfreuen sich eben eines sehr lauten und herzlichen Gelächters, wie man auf
Erden aus alten und neuen Historien zur Genüge lernen kann. Wir, mit einer
umfangreichen Erfahrung in dieser Hinsicht - was nämlich das Lachen der Götter
anbetrifft - begnadet, finden durch dieselbe leicht den Weg zu der
Schicksalsverknüpfung des Kindes aus dem Siechenhause mit dem Junker Hennig von
Lauen, einem Verhältnis, dessen Bedeutung wohl nicht zu verkennen ist.
    Die jungen Leute waren nicht immer eines Sinnes während ihres zeitweiligen
Zusammenlebens, wie man solches auch von den besten Kameraden nicht verlangen
kann. Aber sie waren oder wurden vielmehr gute Kameraden in der vollsten Meinung
des Wortes. In den ersten Jahren von Hennigs Schulleben zankten sie sich um
alles und jedes sowohl innerhalb als ausserhalb der Mauern des Lauenhofes, jedoch
am meisten ausserhalb derselben, und dem Pastorenfranz liess sich gerade nicht
nachrühmen, dass er beflissen gewesen sei, die Steine des Anstosses ihnen aus dem
Wege zu räumen - im Gegenteil.
    Aber in allen den häufig wiederkehrenden Stunden und Tagen, in welchen das
zärtliche Verhältnis des Junkers zu dem Pastorenfranz auf dem Nullpunkt stand,
bedauerte Hennig auf das innigste, dass Tonie Häussler kein Knabe sei, damit man
ein ewiges Freundschaftsbündnis mit ihr schliessen und den Franz für ewige Zeiten
seinem Schicksal überlassen könne. In allen den Tagen, in welchen die alte
Freundschaft zum Franz in gewohnter Blüte stand, hatte Hennig weniger dagegen
einzuwenden, dass sie ein Mädchen sei und bleibe, zumal da sie in dieser Form und
Erscheinung häufig genug sehr nützlich war, um vor der Mama, dem Herrn von
Glaubigern und dem »Frölen Trine« für manche Dinge und Angelegenheiten als
freundlicher Schutzgeist einzustehen, für welche der Junker trotz allem
Kopfzerbrechen und allen Schulbubenausflüchten so leicht keine Entschuldigung
gefunden hätte. Man ist ja dem, der mit sanft abwehrenden Händen zwischen Schuld
und Sühne tritt, immer dankbar, wenn es gleich jedermann dringend anzuraten ist,
seine Rührung und Dankbarkeit ja nicht laut und naiv merken zu lassen. Hält man
in solchem Fall den Mund und hält man die Träne zurück, so zeigt man erstens
Charakter und kann zweitens, im Fall der andere je in ähnlicher Art unseres
Beistandes bedürfen sollte, viel ruhiger und stoischer das Schicksal walten und
der ewigen Gerechtigkeit freien Lauf lassen.
    Doch jede Vakanz, die Hennig in Krodebeck zubrachte, verlängerte die
jedesmalige Dauer des Einverständnisses zwischen ihm und dem jungen Mädchen und
verringerte in demselben Verhältnis die freundschaftlichen Neigungen zu dem
armen Franz Buschmann. Als Tonie Häussler sechzehn und Hennig achtzehn Jahre alt
geworden waren, gab es kaum noch irgendwelche Schatten zwischen ihnen, und -
»das habe ich immer gefürchtet, und das ist mir das fatalste bei der ganzen
Geschichte, und jetzt mag der Ritter beweisen, dass er jede Verantwortung auf
sich nimmt!« sagte die gnädige Frau.
    Sie hatte leider nicht den geringsten Grund zu ihren Befürchtungen; die
Götter schufen sich eben nur einen Grund zum Lachen, und - wer will ihnen das
verdenken in ihrer langweiligen ewigblauen Seligkeit? - Dass dieses Lachen nicht
immer das angenehmste ist, wird auch das Ende dieses Teiles lehren. Wenn aber
die Götter den Ihrigen alles Gute im Traum verleihen, so gehörte Hennig in
dieser Zeit zu ihren bevorzugtesten Lieblingen. Was er unmittelbar von dem
Chevalier und dem Fräulein von Saint-Trouin nicht hatte annehmen wollen und
können, das nahm er zum grössten Teil von Antonie gern und willig hin. Er fand,
dass es gar nicht übel und im letzten Grunde ein gar nicht unberechtigter Wunsch
der beiden Alten gewesen sei, dass er das Leben ein klein wenig mit Zierlichkeit
anzufassen sich befleissige, und so suchte er mehr und mehr in Gegenwart des
jungen Mädchens selbst Bäume und Felsen mit Zierlichkeit zu erklettern. Er
stolperte jetzt längst nicht so oft wie früher über seine eigenen Füsse; er
schämte sich eben vor dem leichtfüssigen guten Kameraden und ärgerte sich zu sehr
an dem Pastorenfranz, der in den heimatlichen Gefilden stets eine Ehre
dreinsetzte, sich so rüpelhaft als möglich aufzuführen.
    Das war alles damals! - Damals schien die Sonne in der rechten Weise; damals
machte der Regen auf die rechte Art nass. Damals vernahm das junge Ohr noch nicht
das dumpfe Rollen in der Ferne, bei dessen Ton die Alten stehenbleiben, stutzen
und schweigend horchen. Die Räder des goldenen Wagens, auf dem Oberon und
Titania über die Welt fahren und dann und wann auch wohl ein begünstigtes
Menschenkind als blinden Passagier mitnehmen, glänzen, aber sie poltern nicht
wie die Räder jenes anderen, schlimmen Karrens, der nur blinde Passagiere
befördert und dessen Lenker sich wenig darum kümmert, wie tapfer Hüon und wie
schön Rezia ist.
    Sie erlebten grosse Wunder in all der Unbefangenheit, die eben dazu gehört,
um Wunder zu erleben. Der Glaube, welchen das alte Fräulein von Byzanz so lange
festgehalten hatte, dass nämlich die Welt ein Zaubergarten von Rechts wegen sein
müsse, stand für die jungen Leute als erster und letzter Glaubensartikel
unumstösslich fest, und sie hatten ihn nicht einmal wie Fräulein Adelaide von
Saint-Trouin in den schlimmen und schlechten Anfechtungen des Tages mühevoll
festzuhalten; denn sie stellten sich unter einem Zaubergarten doch etwas anderes
vor als jenes Paradies, aus welchem der Papa der würdigen Dame vordem emigrieren
musste. Von allen Fluren und Hügeln, aus allen Wäldern Krodebecks rund um sie
her, erscholl ihnen tausendstimmig das Kredo der Jugend. Aus jedem Buche,
welches sie lasen, lachte ihnen das Wunder entgegen. Bei Gott, sie waren nicht
so dumm, sich mit dem Herrn von Florian und der Frau von Genlis zu begnügen. Sie
begnügten sich nicht einmal mit der Bibliotek des Herrn von Glaubigern und den
Herren Schiller und Goete, denn da hätte es doch keine Leihbiblioteken in
Halberstadt geben müssen. Der Chevalier und das Fräulein erfuhren längst nicht
von jeder Lektüre, die Meister Hennig verstohlen herbeischafte, und als echten
Kindern der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts behagte ihnen - d.h.
nicht dem Chevalier und dem Fräulein - die Lyrik und der Roman der zweiten
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ungemein, und sie erlitten durchaus nicht
den ästetischen und moralischen Schaden dadurch, welchen sehr ehrenwerte Leute
nicht voraussagen werden, weil sie auch diese Erzählung nicht lesen.
    Viel grösseren Schaden als alle Lektüre hätte ihnen aber fast der junge
Gottesgelehrte Franz Buschmann getan. Er erlebte kein Mirakel in Krodebeck, und
so setzte er natürlich auch alles daran, bei den andern den Glauben daran zu
untergraben; nur gelang es ihm glücklicherweise nicht ganz so, wie er wünschte.
Die Unbefangenheit der armen Tonie zerstörte er freilich allmählich, und er
schien kein grösseres Vergnügen zu kennen, als sie in Zorn und Tränen zu sehen.
Als dann endlich die Seele des jungen Mädchens zu allen Lebensgefühlen erwacht
war, winkte das Schicksal von neuem: die Götter liessen lachend auch dieses
Spielzeug aus den Händen fallen; Herr Dietrich Häussler kam als ein grosser Mann
nach Krodebeck zurück, doch nicht, um daselbst zu wohnen und Gutes zu tun,
sondern um, nach so langem Verschollensein, ganz und gar wie früher vollkommen
das Gegenteil von dem zu tun, was man von ihm zu erwarten sich seltsamerweise
immer noch berechtigt glaubte.
 
                              Neunzehntes Kapitel
Es ist jetzt mehr Sitte als Notwendigkeit (wie ältere Sachverständige schnöde
behaupten) geworden, dass diejenigen jungen Leute, die sich dem Landbau widmen,
wenn ihre Vermögensumstände oder ihre Hoffnungen es erlauben, ein Jahr oder ein
halbes auf einer Universität zubringen, weniger der Wissenschaften und des Herrn
von Liebig als des Gaudeamus igitur wegen, wie die oben angeführten
Sachverständigen gleichfalls behaupten. Auch für den Junker von Lauen war dieser
heissersehnte Zeitpunkt nunmehr herangekommen, das Halberstädter Gymnasium lag
hinter ihm, und nach abgehaltenem Familienrat stand es fest, dass er im Oktober
nach Berlin gehen werde. Man befand sich, nach der Juden Zeitrechnung, im
sechsten Jahrtausend der Welterschaffung, und so war es in der Tat hohe Zeit,
dass das, was Adam sehr verdriesslich und ganz als Autodidakt begonnen hatte,
endlich in ein System gebracht werde.
    »Es ist vor allem unsere Pflicht und Aufgabe, uns auf der Höhe der Situation
zu erhalten«, meinte der Ritter von Glaubigern. »Der grössere Grundbesitz hat
auch hier dem kleineren mit einem guten Beispiel voranzugehen - weshalb sollten
wir den jungen Menschen nicht nach der Hauptstadt senden? Er mag gehen und wird
nachher sich der Verwaltung des alten Erbteils seiner Väter mit desto grösserem
Eifer widmen und den Römischen Kaiser in partibus, Joseph II., Maria Teresia
regnante, das heisst unter der obersten Leitung seiner braven Frau Mutter, desto
freudiger und nutzbringender agieren.«
    »Ich sehe kaum einen Grund davon ein!« hatte Fräulein Adelaide gesagt; aber
die gnädige Frau war natürlich wieder auf die Seite des Chevaliers getreten, und
mit innerlichem Jauchzen hatte Hennig seinen Willen durchgesetzt, obgleich ihm
die eigentliche Wissenschaft des Pflügens, Düngens, Säens und Erntens bereits
wie im Spiel in die Hand gewachsen war, wie vordem allen seinen Ahnen, die nie
eine Universität besuchten und doch den Lauenhof stets auf der Höhe ihrer Zeiten
erhielten.
    Doch wir befinden uns augenblicklich erst in der Weizenernte.
    Der Pastorenfranz war zum erstenmal von Halle heimgekommen, wo er ein
Stipendium und einen Freitisch genoss und seine kostbare Gesundheit durch allzu
eifrige Hingabe an seine Studien in Gefahr setzte, wie seine Mama behauptete.
Dass er studierte, dass er ohne alle Widersetzlichkeit Teologie studierte, war zu
einer Tatsache geworden, und dass er sich von dem Freitisch und seinen Studien in
Krodebeck mit aller Hingabe erholte, war gleichfalls eine Tatsache. Den
Freitisch lästerte er ganz offen und ohne Zwang; über seine Studien dagegen
sprach er sich natürlich nur ganz im Vertrauen gegen Hennig mit Verdruss und
Verachtung aus. »Aber man frisst sich durch«, setzte er jedesmal hinzu;
»Behaglichkeit ist die Hauptsache, die Gnade wird sich späterhin auch wohl
einstellen, und Hennig, ich verlasse mich fest auf dich und rechne auf
Krodebeck, wenn der Alte einmal - na, du verstehst mich!«
    Der Junker verstand ihn freilich und ärgerte sich häufiger denn je an ihm;
weniger über Insinuationen gleich der eben angeführten, die er im Grunde doch
für ganz natürlich und wohlbegründet erachtete, sondern über die wirklich
wunderbare Behaglichkeit, mit der ihn der junge Gottesgelehrte dann und wann auf
die Felder hinausbegleitete und seiner harten Arbeit zusah.
    Während Hennig im Schweisse seines Angesichts den Verwaltern und Knechten
seiner Mutter half und, hochrot vor Eifer, riesige Garben der heissen Augustsonne
entgegen auf die Wagen schwang, lag Franz gewöhnlich unter einem Busch lang
ausgestreckt neben dem Viktualienkober und rief nur von Zeit zu Zeit kauend
hinüber:
    »Ich bewundere, aber ich begreife dich nicht, mein Sohn. Jetzt komm endlich
her und erquicke dich; denn siehe, es stehet geschrieben: Du sollst dem Ochsen,
der da drischet, nicht das Maul verbinden!«
    »Keine Zeit!... Nachher!« ächzte der Junker dann wohl grimmig durch die
Zähne, und Franz Buschmann drehte sich faul auf die andere Seite, seufzte: »Des
Menschen Wille ist selbst bei einer solchen Hitze sein Himmelreich!«, zog einen
abgegriffenen Band der »Abenteuer des Chevalier Faublas« aus der Tasche und
blickte aus der idyllischen Gegenwart wohlig über denselben hinweg in eine
stille, friedliche, nahrhafte und gottselige Zukunft.
    Auch Antonie begleitete im leichten Sommerkleid und gelben Strohhut die
Ernteleute des Lauenhofes häufig auf die Felder hinaus; aber sie suchte sich
nützlicher zu machen als der ekstatische Studiosus der Teologie, und sie
gereichte jedenfalls den Knechten und Mägden sowie dem Junker zu grösserem Trost
und Vergnügen als der junge gefrässige Gottesgelehrte. Eine lächelnde freundliche
Hebe, trug sie den Arbeitern die Krüge mit dem Erntebier zu und lächelte nur
dann nicht, wenn sie notgedrungen den Busch des Pastorenfranz streifen musste und
es breitmäulig aus dem Schatten klang:
    »Mir auch einen Tropfen zur Labe, Fräu-lein Häussler!«
    »Sei kein Flegel, Buschmann! Ich meine, du kannst den Weg zur Tränke selber
finden!« rief dann wohl Hennig aus den Garben herüber. »Tonie, kümmere dich
nicht um den Dickhäuter; schon in Halberstadt haben wir gewusst, dass ihm eine
ganze Seite in der Zoologie allein gehöre. Lustig, Tonie, du bist ein gutes
Mädchen, du bist wahrhaftig ein gutes Mädchen, und, bei den lateinischen
Göttern, was mich angeht, so fühle ich mich wie ein Gott in meinen Armen und
Beinen. Hurra, es geht doch nichts über Krodebeck in den Erntetagen!«
    Es war eine gute Zeit. Wenn die gnädige Frau auf die Felder hinauskam,
segnete sie sich mit Fug und Recht über das fette Jahr und sang helle
Jubellieder in der Tiefe ihrer Seele. Und wenn in der kühlern Abenddämmerung der
Ritter von Glaubigern und das Fräulein von Saint-Trouin nachfolgten, so freuten
auch sie sich und hatten gleichfalls allen Grund dazu. Sie konnten auch
Jubelhymnen in der Tiefe ihrer Seele anstimmen, und zwar über ihre beiden
Zöglinge. Sie wussten beide, was schön und gut sei, wenn auch auf verschiedene
Weise, und sie standen oft beide still und stumm, während ihr Herz über die
jungen Leute lachte.
    In diesen Augenblicken pflegte das Fräulein dem Chevalier die goldene Dose
zu bieten:
    »Ein schöner Abend, Herr von Glaubigern!«
    Und der Ritter, zierlich mit spitzen Fingern zugreifend, erwiderte:
    »Ein sehr schöner Abend! Wahrlich, mein Fräulein, wir haben wohl beide
häufig nicht gedacht, dass die Sonne uns so freundlich untergehen werde!«
    »Mein lieber Herr von Glaubigern!« sprach Adelaide, »wem hat man das zu
danken? Wie häufig und wie unverständig ist man mir unter den frivolsten
Vorwänden in den Weg getreten? Ja, und was würde sowohl aus dem Hennig wie aus
dem Kinde geworden sein, wenn ich in allen Dingen meinem bessern Verständnis und
meinen Gefühlen hätte folgen dürfen? Nun, ich will nicht alte Wunden von neuem
aufreissen, mein verehrter Herr Chevalier; es ist in der Tat ein recht schöner
Abend für uns, obgleich hoffentlich die Sonne doch noch nicht so tief steht, um
auch diese ziemlich verständliche und recht ironische Bemerkung in betreff
meiner Lebensjahre zu motivieren.«
    »Oh!« seufzte der Ritter, und von jedem andern hätten wir sagen dürfen, er
habe einen grunzenden Seufzer laut werden lassen, und zwar mit vollkommenster
Berechtigung. Der Chevalier aber grunzte überhaupt nicht und also auch nicht in
diesem Falle.
    Es war eine herrliche Zeit, eine Zeit der Erfüllung. Niemand, selbst der
Ritter von Glaubigern nicht, hatte eine Ahnung davon, welches Gewölk hinter den
Bergen brauete und welch hinkender, hämischer Schritt langsam und unaufhaltsam
sich näherte. Nicht einem klang dieser metallische Schritt, der halb Hufschlag
war, in den guten Stunden durch die Seele, selbst nicht durch die ängstliche
Seele des Chevaliers und Leutnants Karl Eustach von Glaubigern.
    Es war eine sehr vergnügte Zeit; allein vorüber musste auch sie gehen.
Allmählich verklang das Schärfen der Sensen, das Rufen und Singen der Arbeiter
und Mägde auf den Feldern von Krodebeck. Die Felder wurden leer, und Wagen auf
Wagen schwankte zum Dorfe hinab. Endlich kam der Abend, an welchem die letzten
Garben auf den letzten Wagen geladen wurden und auch diese Ernte vollendet war.
    Der Morgen war sonnig und heiss wie gewöhnlich gewesen; gegen Mittag hatte
sich ein leichter Dunst über das Land gelegt, und als am Abend die bebänderte,
mit Goldflittern und künstlichen und wirklichen Blumen geschmückte Erntekrone
auf der höchsten Garbe des letzten Erntewagens aufgepflanzt wurde, änderte sich
die Atmosphäre in eigentümlicher Weise. Über den Wald im Westen schob sich ganz
plötzlich eine seltsame gelbliche Wand empor, in welche die Sonne, eine feurig
rote Kugel, hinunterglitt. Mit ungemeiner Schnelligkeit wogte der Dunst heran;
der Höhenrauch verhüllte die Ferne und die Nähe, legte sich schwer und betäubend
auf Augen und Hirn und machte sich den Lungen so sehr bemerklich, dass selbst die
stattlichen, starken Gäule des Lauenhofes in ihren Geschirren unruhig wurden,
die Köpfe in die Höhe warfen und laut und unmutig schnoben.
    Natürlich sah auch das Volk von den Stoppeln auf und umher, und alle
tauschten die uralten Bemerkungen Fragen und Antworten über den geheimnisvollen
Dunst und Nebel aus; allein der Schleier, der sich über die geleerten Felder
legte, fiel nicht zugleich über ihre Seelen. Im Gegenteil schien er den halben
Rausch, in welchem sie sich alle befanden, nur noch zu erhöhen. Sie schrien und
jauchzten und umtanzten die Wagen; sie jagten einander durch den wehenden Duft.
Der Pastorenfranz lief den kreischenden Mägden nach, und Hennig hob, wie ein
junger Herkules auf der Deichsel zwischen den Pferden stehend, in seinen starken
Armen Antonie als Erntekönigin auf den für sie bereiteten Sitz, gerade unter der
bunten, bebänderten Krone. Was für Wetter der Höhenrauch auch bedeuten mochte,
der Segen des Landes war vor allen bösen Mächten in Sicherheit gebracht, und der
grösste und höchste Jubeltag des Bauern war nach langem, hartem Mühen zwischen
Furcht und Hoffnung dem Jahre abgewonnen.
    Noch lag die gelbrote Kugel in dem gelben Dunst, und etwas Schöneres als das
Gesicht der Erntekönigin auf dem schwankenden Sitz in diesem magischen Lichte
gab es nicht auf Erden. Und sie allein blieb in ihrer freundlichen Ruhe unter
den vielen aufgeregten Menschen. Still lächelnd blickte sie von ihrem hohen
Sitze hin über das Land, über all die leeren Felder. Das Lächeln verschwand, die
Sonne ging unter, mit einem Male hatte der unheimliche Rauch, der sich auf die
Fluren von Krodebeck gelagert hatte, die rechte Färbung angenommen: alles Bunte
und Leuchtende versank in dem trüben Grau, der Horizont verengerte sich mehr und
mehr, und lachend rief Hennig von Lauen zu der Spielgenossin hinauf:
    »Hallo, Tonie, ist das nicht, als ob der Herbst dem Sommer die Lichter
ausbliese? Wie schade, dass der Ritter und das Frölen zu Hause sitzen, wir kommen
dadurch um einen ganzen Sack voll Philosophie und Klagelieder Jeremiä! Munter,
sagt meine Alte; jetzt geht's nach Haus, nun schreit euch alle aus und bringt
dem guten Jahr ein Vivat; nachher tanzen wir in den Winter hinein!«
    Das Wort liess sich niemand unter den Ernteleuten zum zweiten Male sagen. Sie
schrien allesamt mächtig und aus sehr gesunden Lungen, und dreimal hallte die
Gegend von ihrem Hochrufen wider.
    Nun schwang sich Hennig auf den Sattelgaul, die Knechte und Mägde ordneten
sich zum Zuge vor und hinter dem Wagen. Das schwere Viergespann zog an; tief in
den Ackerboden unter der schweren Last einschneidend, drehten sich knarrend die
Räder, und von den Stoppeln schwankten die letzten Garben dem Feldwege zu, der
nach dem Dorfe hinabführte.
    Mit hellem Gesang zog man einher, nachdem man auf ebenerem Boden angelangt
war. Selbst der Pastorenfranz sang misstönig mit, trottelte aber doch ziemlich
verdrossen nach; denn heute an dem arbeitvollen Tage hatte er bei niemand die
Beachtung gefunden, welche er doch stets verdiente, und auch jetzt in dem
Triumphzuge spielte er keine hervorragende Rolle und fühlte das.
    Die Mägde neckten ihn, die Knechte sahen mit einem gewissen Hohn auf ihn
herab, und der Junker in seiner Pracht auf seinem Lieblingsgaul schien gar nicht
mehr zu wissen, dass der Buschmann auch noch in der Welt sei.
    Und je näher man dem Dorfe kam, desto mehr wuchs die Erregung des Volkes.
Längst reichte das im Chor angestimmte Lied nicht mehr aus, um dem Jubel Luft zu
machen. Wild und toll jauchzten einzelne in die Melodie hinein, und der Junker
auf dem Sattelpferde tat mit Hollageschrei und Peitschengeknall das Seinige, die
schwere, graue Atmosphäre zu erschüttern.
    Der Lärm des Ernteheimzuges hätte einen Toten auferwecken können, und doch
stand da, wo der Feldweg auf die grosse Strasse trifft, eine alte Frau mit einem
Tragkorb auf dem Rücken, gestützt auf ihren Stab, und schien nicht das mindeste
davon zu vernehmen. Mit gesenktem Haupte, wie in das tiefste und betrübteste
Nachdenken versunken, stand Jane Warwolf aus Hüttenrode da, hexenartiger als je
in der gelbgrauen Beleuchtung. Sie erhob den Kopf erst, als sie zurücktreten
musste, um nicht unter die Hufe der Pferde zu geraten, und sah mit einem Gesicht
auf den lustigen Haufen, über welches jedermann, der sonst ihren Humor kannte,
sich billig verwundern musste.
    »Glück auf, Jane Warwolf!« rief Hennig. »Da bist du wie gewöhnlich zur
rechten Zeit. Du willst natürlich den Tanz eröffnen und sollst deinen Willen
haben - der Ritter wartet längst mit Sehnsucht und weissen Handschuhen. Marsch,
Alte, ins Glied! Fühlung, Fühlung! Wärst du früher gekommen, hätten wir dich
sicher als Königinmutter da oben hinauf neben die Tonie gesetzt!«
    »Glück auf, Herr von Lauen!« sprach die Alte finster und gebärdete sich in
allem ganz anders, als jedermann erwartete. Denn statt munter vorzuspringen und
trotz ihrer siebenzig wohlgezählten Lebensjahre als die Ausgelassenste in den
Zug und Gesang einzufallen, stapfte sie krummen Rückens neben dem Gaule Hennigs
her und sagte nur:
    »Mir ist nicht tanzlustig zumute, Herr von Lauen.«
    Dazu starrte sie schief von unten auf mit einem solchen Ausdruck von Sorge,
Gram, Hass und Schrecken nach dem hohen Sitz der schönen Erntekönigin, dass diese,
welche sich gleichfalls grüssend von ihrem Tron zu der Alten niedergebeugt
hatte, betroffen rief:
    »O Jane, was ist dir begegnet?«
    »Ach, Tonie, Tonie - Tonie Häussler, wenig Gutes!« antwortete Jane Warwolf
mit solchem sibyllenhaften Klagelaut, dass nun auch der Junker sie genauer
betrachtete und gutmütig rief:
    »Ja, wahrhaftig. Jane, es ist nicht richtig mit dir. Das Gesicht hätt ich
heute von dir am wenigsten erwartet! Hallo, was ist geschehen? Heraus damit,
alte Jane, du weisst, wenn dir zu helfen ist, so wird sich fürs erste immer noch
jemand auf dem Lauenhofe dazu bereit finden lassen.«
    »Ich danke Ihnen für das gute Wort, Herr von Lauen«, sagte Jane; »aber zu
helfen steht mir nicht. Und was das schlimmste ist, die Not geht mich nicht
allein an; denn da liesse sie sich wohl tragen. Sapperment, ihr kriegt alle euren
Löffel voll heut abend, und es bleibt noch genug über, um euch für lange Jahre
einen bittern Mund zu machen.«
    »Kann ich dir nicht helfen, Jane?« rief Antonie von ihrer Höhe herunter.
    »Nein, mein Kind, liebes Kind! Du am allerwenigsten. Ei, Mädchen, hast du
Gold und bunte Bänder zu Häupten?! Flitter- und Schaumgold heute, echtes,
richtiges Gold morgen! Wer weiss? Wer weiss? Ei Jesus, haben sie dich wie eine
Fürstin auf die Garben gesetzt? Wer weiss, ob du nicht morgen als eine richtige
Edelfrau auf deinen eigenen Garben sitzest? O Jesus, Jesus, die Haare möchte man
sich um den Jammer ausraufen!«
    »Jane Warwolf«, rief der Junker nun ziemlich ärgerlich, »jetzt sag grad
heraus, was du nach Krodebeck bringst, oder halt den Mund, bis wir zu Hause
sind. Das wäre freilich eine Kunst, vier Gäule vor einem Erntewagen zu regieren
und solch eine Unterhaltung zu gleicher Zeit zu führen!«
    »Es ist schon recht, Hennig, und ich wollte. Herr von Lauen, ich dürfte den
Mund für ewige Zeiten halten. Ein paar Jahre früher, und ich würde mein Elend
zuerst zum Herrn von Glaubigern getragen haben; aber heut muss ich zuerst zu dir
reden, Hennig; bist ja doch allgemach Meister auf dem Hofe geworden. Jetzo fahr
zu und bring den Segen Gottes heim; ich wollte, du wärst stark und klug genug,
allen Segen Gottes in Sicherheit zu bringen, ehe der Sturm daherfährt und der
Teufel seine Tatze darauf legt.«
    »Das Weib könnte einen toll machen, wenn sie ihren Sinn drauf setzte!«
murmelte der Junker, seine Zugel fester zusammennehmend und scheue Blicke auf
die Alte werfend, die gespenstisch neben seinem Pferde mitumpelte, dem Dorfe
und dem Lauenhof zu. Allein der Ernteheimzug ist für den Landmann ein zu grosses
Ereignis, um nicht alle anderen Angelegenheiten darüber in den Hintergrund zu
schieben.
    »Munter!« sagte Hennig von Lauen, die Peitsche schwingend. »Die Närrin wird
mit der verehrlichen Landespolizei in einen Konflikt geraten sein, oder es ist
ihr eine überseeische Handelsspekulation mit irdenem Geschirr oder hölzernen
Löffeln fehlgeschlagen; - jedenfalls wird sich wohl ein Pflaster auf die Wunde
finden lassen.«
    Der Zug hatte jetzt das Dorf erreicht, und wenn hier in der Gasse der
Entusiasmus gross war, so stieg die Begeisterung doch erst am Tore des
Lauenhofes auf ihren Gipfel. Da stand die gnädige Frau trotz der dämmerigen
Stunde strahlend in der ganzen Würdigkeit des Moments. Da standen dem Höhenrauch
zum Trotz der Chevalier Karl Eustach von Glaubigern und Fräulein Adelaide von
Saint-Trouin, Pardiac, Valcroissant, Tyrus und Byzantium und wehten hingerissen
mit den Taschentüchern, mit welchen sie sich vor dem ungesunden Nebel und Dunst
Mund und Nase verstopften.
    Es war aber auch ein schöner Anblick, als Antonie Häussler mit Beihülfe
Hennigs von den hohen Korngarben niederglitt und zierlich und leicht sich vor
der gnädigen Frau verneigte. Es war gut und lieblich anzuhören, als sie der
gnädigen Frau den alten niedersächsischen Erntespruch hersagte, den die Gutsfrau
nun schon bei so mancher Ernte vernommen hatte und welchen sie trotzdem nie
genug hören konnte. Auch die Gnädige hatte in Reimen zu antworten, und es wäre
freilich eine Merkwürdigkeit auf dem Lauenhofe gewesen, wenn sie beim Aufsagen
ihrer Rolle einen Zubläser nötig gehabt hätte.
    In tiefem Schweigen, mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschte natürlich das
Volk im achtungsvollen Kreise, und heiter waren die Mienen aller Hörer, bis auf
das verrunzelte, graue Gesicht der wandernden Greisin dicht neben dem Junker.
Das blieb grimmig-sorgenvoll und liess sich nicht erheitern und erweichen.
    Nach den Reden folgte von neuem ein wirres Durcheinander. Hennig wurde
hierhin und dortin gerufen, alle hatten mit ihm zu sprechen, und so war's sehr
verzeihlich, dass er in dem Tumulte gänzlich vergessen, dass auch Jane Warwolf aus
Hüttenrode mit ihm zu reden habe. Erst als der Abend beinahe ganz in die Nacht
übergegangen war, fiel ihm die Erinnerung, und jetzt seltsam schwer und schwül,
auf das Herz. Er ging, die Alte aufzusuchen, und fand sie. Sie sass auf dem
Prellsteine an einem der Pfeiler des Hoftors mit beiden Ellenbogen auf den Knien
und dem Kinn in beiden Händen. Ihr Korb stand neben ihr, der Stab lag zu ihren
Füssen, und sie, die sonst die Lebendigste und Lauteste in jedem Tumult war,
schien heute mit der Welt Lust und Lärmen völlig abgeschlossen zu haben.
    Als ihr Hennig die Hand auf die Schulter legte, sah sie kratzbürstig und
boshaft auf und rief:
    »Also kommen Sie doch, Herr von Lauen? Ich rechnete schon nicht mehr darauf.
Nun, ich will Sie nicht lange aufhalten; die Geschichte geht Sie auch im Grunde
wenig an. Sowie ich mein Teil des Elends von der Seele los bin, mögen Sie zurück
zu Ihren Narren laufen, um weiter zu jubilieren.«
    »Sei nicht grob, Jane. Du hast nun lange genug mit deinen Hexenkrallen an
mir herumgezerrt. Kann ich dir helfen, so weisst du, dass ich es gern tue, und
übrigens verbitte ich mir alle dummen Redensarten.«
    Die Greisin stand auf:
    »Es ist schon gut, und ich habe unrecht. Kommen Sie mit mir, Herr von Lauen.
Ich bin nichts als eine nichtsnutzige Vagabundin, und im Laufschritt ist mir
noch allewege alles am leichtesten abgegangen. Kommt, Junker!«
    Sie schritt voran, und Hennig folgte ihr. Sie führte ihn auf der Landstrasse
gegen das Siechenhaus von Krodebeck hin, immerfort nach ihrer Art leise mit sich
selber redend.
    Vor dem Siechenhause hielt sie an, fasste nunmehr plötzlich mit einem
hastigen Griff die Hand ihres Begleiters und rief:
    »Das weiss niemand als ich, wie einem zu Sinne ist, der nur ein Fleckchen zum
Stillsitzen in Frieden auf seinem Wege hat und kommt und findet die Tür
verschlossen und die Fenster erblindet und sieht den Tod sitzen am Herd, wenn
man durch die Scheiben guckt. Und sie haben gelacht im Dorfe über die zwei
närrischen alten Weiber, die Freundschaft halten wollten wie andere Leute! Wäre
der Herr von Glaubigern nicht gewesen - doch was schwatze ich davon? Ich rede
davon, weil mir wiederum sehr schlecht zu Sinne ist, nur auf eine andere Weise,
Herr von Lauen. Sehen Sie, Herr von Lauen, mir ist übel vom Leben, und die wüste
Höhle da, in welcher die Hanne Allmann ihr ganzes schönes Leben durch sass und
meine alleinzigen Ruhestunden im Schosse wiegte, die passt ganz in meine Übelkeit
und meinen Ekel. O Herr Hennig, ich komme ja von Alexisbad, und in Mägdesprung,
da habe ich einen Gevatter, und der hat eine Vogelhecke für den Handel und eine
Epimedie darin, was man eine Seuche oder Krankheit und so nennt, und da habe ich
noch von meinem seligen Vater her Rat wissen und doktern müssen wie der
gelernteste Menschendoktor, und da habe ich ihn gesehen in Glanz und Gloria und
ihn trotz Glanz und Gloria auf der Stelle wiedererkannt, und er ist auf dem Wege
hierher, und nun frage ich Sie, Herr von Lauen, was in aller Welt und um Jesu
willen sollen wir mit ihm anfangen?«
    »Das weiss ich nicht!« sprach der Junker, sich hinter den Ohren kratzend.
»Erst musste ich doch wissen, wen in aller Welt und um Jesu willen du in
Alexisbad oder in Mägdesprung gesehen hast. Wer ist in Glanz und Gloria auf dem
Wege nach Krodebeck?«
    »Hab ich das noch nicht gesagt?« schrie Jane Warwolf immer erregter. »Nun,
wer anders als mein anderer Gevatter?! Ihr Grossvater, Herr von Lauen! Tonies
Grossvater, Herr von Lauen. Der Meister Dietrich Häussler, der Balbierer, als
grosser, grossmächtiger Herr! Der Grossvater unserer Antonie, Herr von Lauen, und
dass er nicht ohne eine schlechte heimtückische Absicht da ist, darauf mögen Sie
einen Eid ablegen, Herr Hennig. Der Kerl hat immer gewusst, was er gewollt hat!«
    »I verflucht! Hat er das? Der Teufel! Ja, aber was soll ich -« Der Junker
stand mehrere Augenblicke da, ohne die Bedeutung der Nachricht der wandernden
Frau zu fassen. Antonie Häusslers Grossvater? Was wusste er von Antonie Häusslers
Grossvater? Was ging ihn Antonie Häusslers Grossvater an?
    Da stand eine Welt auf, von der er heute kaum noch etwas wissen konnte!
Personen und Verhältnisse wuchsen hier plötzlich im wunderlichen Nebel und Rauch
des Abends empor, deren Bezüge zueinander und zu ihm selber er erst nach und
nach zu fassen imstande war. Es war deshalb auch gänzlich ungerechtfertigt, dass
ihn Jane Warwolf aus Hüttenrode schier beim Kragen nahm und ihm ins Ohr gellte:
    »Es ist ihr Grossvater! Es ist der Meister Dietrich Häussler! Wer soll uns
denn gegen ihn helfen, wenn Ihr nicht wisst, was Ihr sollt, Herr von Lauen?«
    Verständiger war's, dass sie in fliegender Hast, sprudelnd und spuckend,
ihrem verwirrten Zuhörer auf der Stelle einen kurzen, aber farbenreichen Auszug
der Geschichte des trefflichen Signor barbiere lieferte und ihn dadurch fähiger
machte, ihre Leidenschaftlichkeit zu begreifen und selber in die grösste
Aufregung und Wut zu geraten.
    Obgleich er unter gewöhnlichen Umständen, sowohl dem Fell wie dem Charakter
und dem Intellekt nach, sich als ein ganz regelrechter Esel zeigte, so stand er
diesem hässlichen Geschick schnell genug feinfühlig und klar gegenüber.
    »Das ist ja heillos! Niederträchtig ist es. Er soll und darf nicht
hierherkommen. Er hat kein Recht, jetzt zurückzukommen. Du aber hast recht,
Jane, dies ist gewiss eine Nachricht, die einem die gute Laune verderben kann.
Herrgott, je klarer mir die Geschichte wird, desto schwüler wird mir; er darf
unter keinen Umständen nach Krodebeck zurück. Er ist ein Landstreicher, ein
schlechter Mensch; heut abend noch spreche ich mit dem Vorsteher, der muss uns
helfen, und im Notfall reit ich noch in der Nacht zum Amte. Er hat kein Recht,
die Tonie zu berühren; er ist ein heimatloser Taugenichts, und ich leide nicht,
dass er nach Krodebeck zurückkehrt.«
    Jane Warwolf schüttelte betrübt den Kopf: »Er ist kein Vagabund mehr,
Hennig. Das ist gerade das schlimme. Er ist ein vornehmer Herr mit Bedienten in
bunten Jacken; ganz Krodebeck, der Lauenhof eingerechnet, kann gegen ihn
einpacken, wie sie auf der Braunschweiger Messe sagen. Der wird sich viel um den
Vorsteher kümmern! Ja, wenn er als ein Landstreicher und Bettler heimkäme, da
wär ich eine Närrin, wenn ich mir die geringste Sorge um den Lumpen machte. Da
könnte man ihn freilich am Kragen nehmen oder ihn mit einer Hand voll Taler
hinschicken, woher er gekommen ist. Aber er kommt aus dem Österreich mit
Extrapost, als ein Graf oder Fürst oder Baron oder noch viel Schrecklicheres. Er
ist ein grausam reicher Mensch geworden in dem Österreich, um den reitet Ihr
vergeblich zu Amte, Herr von Lauen, und wenn Ihr Euer bestes Pferd darüber zu
Tode jagt. Hat er mich nicht fast zu Tode gejagt von Gernrode herüber? Die Beine
zittern mir noch unter dem Leibe; der wird dem alten Dummkopf, dem Klodenberg,
schön heimleuchten! Glauben Sie, dass der Halunk nach Krodebeck käme, wenn er
nicht wüsste, was er da wollte? Er weiss es sicher und wird es uns sicherlich
seinerzeit kommunizieren, und ich weiss nicht, was wir gegen ihn vorbringen und
tun sollen.«
    »Himmeltausenddonnerwetter!« rief der Junker mit solchem Nachdruck, dass der
graue quieszierte Zuchtäusling, welcher jetzt an Stelle Hanne Allmanns das
Krodebecker Siechenhaus innehatte und welcher längst mit der Hand hinter dem Ohr
gehorcht und nun bereits genug erfahren hatte, schnell seine Blechlampe
anzündete und mit dieser aus dem Fenster leuchtete, um zu erkunden, mit welcher
Berechtigung der junge Herr vom Hofe da so gotteslästerlich fluche und so
anheimelnd seine abendliche beschauliche Gemütlichkeit störe.
    »Der Teufel soll den Burschen holen!« schrie Hennig in halber Verzweiflung.
»Da sollte man ja alle Hunde loslassen. Sackerment, je genauer man
darübernachdenkt, desto miserabler wird einem! Und ich habe noch gar nicht
darüber nachgedacht - das kommt erst noch. Und mir sagst du das zuerst, Jane?
Und ich soll euch hier heraushelfen? Hier auf einmal soll ich mehr wissen und
klüger und stärker sein als ihr alle? Das ist auch leichter aufgeladen als
gefahren; fürs erste bin ich jedenfalls ebenso dumm und blind wie ihr, und ich
sehe nicht ein, Jane Warwolf, weshalb du nicht die schöne Nachricht und
Bescherung zuerst zum Herrn von Glaubigern gebracht hast.«
    Die Lampe des Emeritus hinter dem Fenster des Siechenhauses gab nicht so
viel Licht, um das Mienenspiel Janes erkennen zu lassen, und das war recht
vorteilhaft für den jungen Herrn von Lauen, denn schmeichelhaft war das Zucken
um Nase und Mund nicht für ihn.
    »Jaja, Herr von Lauen, es ist freilich eine sehr verdriessliche Geschichte«,
sagte die Alte trocken und kurz. »Ich hätte sie Ihnen auch sicher nicht zuerst
zugetragen, wenn ich nicht bei der Jugend an die Jugend gedacht hätte. Andere
alte Leute hätten bei besserem Verständnis vielleicht anders gehandelt, und ich
bitte um Verzeihung, Herr von Lauen. Und es ist doch auch ein Unterschied, wer
in die Krallen des Bösen fallen und wem man zu Hülfe springen soll! Dem armen
Kinde, dem armen Mädchen kann wohl niemand helfen - wer denkt des einen bunten
Schmetterlings, wenn der Sommer vorüber ist? Es flattern ihrer mehr über dem
Tal, und der nächste Sommer wird wieder andere bringen. So wollen wir beide
anjetzo kein Wort mehr darüber verlieren, Herr von Lauen; aber dem Herrn Ritter
von Glaubigern wollen wir doch Kenntnis von unserer Ratlosigkeit geben.«
    »Das wollen und müssen wir!« rief Hennig mit einem erleichternden Atemzug.
»Wenn einer hier noch Rat weiss, so ist es der Ritter. Das wäre ein gesunder
Schlaf geworden, wenn ich die Geschichte als der einzige mit zu Bett hätte
nehmen müssen.«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
War dieses noch der stille, unschuldige Erdenwinkel, der von der Welt nichts
wusste und sich nicht um sie kümmerte? Die wackeren alten Berge, die auf ihn
herabsahn wie Schutzgeister, gute Ammen und brave Gevattern auf eine
grünverhangene Wiege, bedeckte die Nacht, und immer betäubender legte sich der
Dunst des Höhenrauchs auf Krodebeck. Kein Stern erschien in der Finsternis; das
Tal war schutzlos gegen jeglichen bösen Willen, der in sein bis dahin so
sicheres, abgeschlossenes Dasein hineingreifen wollte. Ein tiefer, unendlicher
Schmerz erfasste den Junker Hennig von Lauen, ein Schmerz, wie er ihn noch nie in
seinem jungen Leben erduldet hatte. Und mit dem unendlichen und tiefen Schmerz
kam die volle Erkenntnis dessen, was Antonie Häussler für den Lauenhof bedeutete
und was sie ihm, das heisst dem Junker selber, geworden war im Laufe der Jahre,
ohne dass er es gemerkt hatte. Er, das heisst der Junker Hennig von Lauen, weinte
blutige Tränen nach innen und rang im stummen, fiebernden Jammer die Hände.
    So oder ungefähr so hätten wir berichten - schreiben müssen, wenn uns im
geringsten daran gelegen wäre, den Beifall und die Teilnahme unserer Leser in
der gewöhnlichen Weise zu fesseln und nach altem und durch die Gewohnheit fast
geheiligtem Brauche das Wahre dem Erhebenden mit wahrhaft rührender Naivität
nachzusetzen.
Wer gut sein Schifflein zu steuern weiss,
Den soll man höchlichst preisen;
Doch vitam impendere vero ist
Das Wort der Helden und Weisen;
und obgleich wir weder zu den Helden noch den Weisen zu rechnen sind, werden wir
in diesem Fall doch bei der Wahrheit bleiben. Der Junker von Lauen weinte keine
blutigen Tränen, er rang nicht die Hände und hatte durchaus nicht die Absicht,
seine Vasallen aufzurufen und mit Schild und Schwert den süssen Schatz des
Lauenhofes gegen den nichtsnutzigen Feind zu decken. Er war ärgerlich, wütend,
ein wenig ängstlich betrübt und vor allem in grosser Verlegenheit. Das war aber
auch alles, was wir in diesem Momente über seine Stimmung mitteilen können.
    »Und ich habe nicht einmal den Mut, dem alten Herrn die Sache vorzutragen,
Jane!« sagte er. »Wenn einer ausser sich geraten wird, so ist's der Ritter; denn
er vor allen hat sein ganzes Herz an das arme Kind gehängt. Ich glaube, er würde
es nicht überleben, wenn er sich von ihr trennen müsste.«
    Jane Warwolf antwortete auf diese Lamentationen nichts mehr; sie trat nur
fester auf und schritt schnell vorwärts, und so kamen sie beide zurück auf den
Lauenhof.
    Hier herrschte noch immer grosse Unruhe. Das Getümmel war fast so arg wie an
jenem Abend, an welchem Hennig triefend aus dem Kuckelrucksholze von Jane
Warwolf zurückgeführt wurde, nachdem er in der Wildnis die Bekanntschaft Tonie
Häusslers gemacht hatte. Da war wieder viel Geschrei und Hinundherrennen von
Menschen und Tieren, aber heute standen der Chevalier und das Fräulein von
Saint-Trouin nicht angstvoll in banger Erwartung unter dem Vordach der Treppe.
Sie hatten sich längst als ruheliebende und ruhegewohnte Leute aus dem
fröhlichen Wirrwarr zurückgezogen und sassen ein jegliches friedlich in seinem
Gemach, behaglich die Frau Adelheid dem ihr gemässen Element überlassend.
    Wir kennen bereits den Chevalier in seinem schneeweissen wollenen Schlafrock,
seinem Jabot, seinen hellgrauen Pantoffeln und dem hellgrauen Hauskäppchen mit
dem hellblauen Quast. Manches Jahr ist hingegangen, seit wir ihn zum erstenmal
darin erblickten, und nichts hat sich an diesen Äusserlichkteiten verändert. Nur
Mystax ist tot und nicht ersetzt worden, er liegt im Garten begraben, und der
Herr Ritter kann das Frölen nicht begreifen, welches den Peccadillo von einem
kunstreichen Harzförster ausstopfen liess, ihn in einem Glaskasten aufbewahrte
und immer noch viel Kampfer und Wehmut an ihn verwendet, trotzdem dass Tonie
Häussler auf den Lauenhof gekommen ist. Wir kennen den Chevalier in seinem
Lehnstuhl vor seinen Wappenbüchern und Sigillenkästen und brauchen also nicht zu
schildern, wie ihn Jane und Hennig bei angezündeter Lampe und zugezogenen
Vorhängen fanden, nachdem auch sie sich dem aufdringlichen Spektakel des Hofes
entwunden hatten.
    Sie hatten angeklopft, und der Ritter hatte sie aufgefordert einzutreten.
Nun standen sie in dem stillen, warmen Raume vor dem alten Herrn, der verwundert
bei ihrem Eintritt seinen Sessel zurückgeschoben hatte und, wie es schien, für
heute trotz aller Herzensgüte genug der Aufregungen hatte. Ach, er wusste nicht,
wie das Schicksal ihn jetzt zu überraschen gedachte und wie wenig bald die
Behaglichkeit dieser Abendstunde für ihn in Betracht komme!
    »Siehe da, meine Freundin Jane!« sprach er. »Und auch du, Hennig? Nun, das
war heut ein anstrengender Tag für die Bewohner des Lauenhofes, aber doch auch
ein recht gesegneter. Ich habe deiner Frau Mutter bereits meinen Glückwunsch
abgestattet; aber der Höhenrauch, Heerrauch, Haarrauch oder wie du sonst willst,
hat mich wie gewöhnlich frappiert, indigniert und intrigiert. Du siehst mich
beschäftigt, Hennig, einige ältere Autoren über seine Entstehung, Bedeutung und
seinen sehr fraglichen Nutzen nachzuschlagen; ich finde jedoch auch hier leider
nichts als Dunst, Nebel und einen höchst übeln Geruch. Also, Jane, ich freue
mich stets, dich zu sehen; was bringst du mir noch in so später Stunde? Du
weisst, es ist eine späte Stunde, um noch irgendein Geschäft abzumachen, wenn es
nicht sehr dringlicher Art ist. Hat Eure Botschaft nicht Zeit bis morgen?«
    »Nein, Herr von Glaubigern«, sagte Jane Warwolf leise und betrübt. »Wie
gern, wie gern würde ich Ihnen das Herzeleid ganz ersparen, wenn es anginge.
Aber es geht nicht an; denn es ist mir alle Augenblicke, als spüre ich eine
haarige Kralle im Nacken, und ich muss mich umsehen, als ob mir der Teufel schon
in die Kiepe gesprungen wäre und ich seinen heissen Hauch hinter den Ohren
verspürte. Ich hab mit dem Herrn von Lauen allbereits von dem Elend gesprochen,
weil ich mir gleich gedacht habe, der Fall gehöre - und noch dazu so spät am
Abend - zuerst der Jugend zu; allein der Herr Hennig getraut sich nicht, ihn
anzufassen, und, Herr Ritter, Herr Ritter, so hab ich mir wieder einmal in
meiner Angst keinen andern Rat gewusst als bei dem Herrn Ritter, und jetzo sage
ich's gradheraus, ich brauche den Herrn Ritter als Kumpan bei der Mordtat; er
mag es nehmen, wie er will; aber ich weiss, wie er es nehmen wird!«
    »So kurz als möglich!« murmelte der Chevalier, den der böse Rauch vor seinen
Fenstern ungemein nervös machte.
    »Das wäre mir auch das liebste«, sprach Jane, »aber ich kenne den Herrn
Ritter ebensogut, als er sich selber kennt, und so meine ich, ein kleiner Umweg
-«
    »Ärgert mich nicht, Jane!« rief der Chevalier. »Sperrt man ihn noch so sehr
aus, im Notfall findet er seinen Weg durch den Schornstein, ich meine den
Höhenrauch oder Heerrauch, und du, Hennig, sprich, was wollt ihr eigentlich? Was
habt ihr mir noch mitzuteilen?«
    Er war aufgestanden und stützte sich, vorgelehnt, den beiden Besuchern
gegenüber mit beiden Händen auf den Tisch. Er schien die grösste Lust zu haben,
sowohl die Jane als den Junker wieder zur Tür hinauszuschieben; allein der
letztere schob nun die alte Frau zur Seite, stützte gleichfalls beide Hände auf
den Tisch und sprach mit der unheimlichen Lust, mit welcher auch der Gutmütigste
seinem Nebenmenschen eine unangenehme Nachricht überliefert:
    »Herr Leutnant, der Herr Dietrich Häussler ist auf dem Wege nach Krodebeck.«
    Der Ritter sah ihn fragend an. Auch er hatte die Existenz des Meisters
Dietrich ziemlich vergessen. Selbst der Name Häussler sagte ihm zuerst nichts, so
sehr war Antonie Häussler allmählich zu einem von allen solchen äusserlichen
Bezügen abgelösten Wesen auf dem Lauenhofe geworden. In dieser Hinsicht ging es
ihm wie dem Junker, und erst nachdem ihm die Nachricht von Jane Warwolf mit mehr
Nachdruck wiederholt worden war, begriff er sie in ihrer vollen Bedeutung. Da
suchte er mit zitternden Händen zwischen seinen Papieren und Höhenrauch-Autoren
nach seiner Tabaksdose, und als sie ihm zwischen die Finger geriet, schüttete er
ihren Inhalt auf den Tisch und rettete nur eine Prise, auf welche er nieste, was
eins der grössten Wunder war, das ihm passieren konnte.
    »Der Meister Dietrich - der Dietrich Häussler ist auf dem Wege nach
Krodebeck?« stammelte er.
    »Ja - ja und dreimal ja!« rief Jane Warwolf. »So ist es; in Alexisbad bin
ich ihm begegnet.«
    »Das Kind! Das Kind! Aber wir haben das Kind!« schrie der Ritter. »Was will
er hier? Will er uns das Kind nehmen? Das wird er nicht, das soll er nicht!
Holla, mein Gott, das ist ja fürchterlich. Rufe deine Frau Mutter, Hennig; - ja,
ruft auch das Fräulein - ruft sie alle zusammen, ruft das ganze Haus zusammen:
ich gebe das Kind nicht her. Die ganze Welt hat es aufgegeben, und ich habe es
mir erworben; mir gehört es, und niemand soll es mir nehmen. Aber er wird das
auch nicht wollen, wir werden es ihm abkaufen, er war stets ein erbärmlicher
Schuft; ich werde selber ihm entgegenfahren, er soll den Lauenhof gar nicht
betreten.«
    Jane schüttelte den Kopf:
    »Der Junker wollte die Hunde auf ihn loslassen und ihn mit der Hetzpeitsche
bewillkommnen. Das wäre freilich das richtigste, wenn es anginge; aber es geht
nicht an. Und mit dem Loskaufen ist's auch nichts, Herr von Glaubigern. Sie
werden ihn nicht wiedererkennen, Herr. Er ist ein gar vornehmer Mensch geworden,
wenn ich gleich nicht weiss, was er sonsten dabei geblieben ist. Er ist imstande
und frägt bei der gnädigen Frau an, wieviel sie für den Lauenhof verlangt.«
    »Das ist unmöglich!« rief der Chevalier.
    »Gerade darum!« sprach die Frau Jane.
    »Er wird uns das Kind nicht nehmen wollen!« rief der Chevalier.
    »Er hat ein Band im Knopfloch, einen dicken Bauch, weisse Haare wie ein
Generalsuperintendent und zwei Bediente in langen gelben Röcken und mit blanken
Knöpfen; was er tun wird, weiss ich nicht«, sprach die Frau Jane.
    Der Ritter blickte verwirrt und hülflos von einem zum andern.
    »Das Kind! Das Kind! Wem gehört das Kind? Jane, du musst uns bezeugen, wie
das Kind nach Krodebeck gekommen ist und wie wir es nachher an der Gartenmauer
des Lauenhofes auf der Landstrasse gefunden haben. Ihr habt es heut noch gesehen,
wie es von eurem Erntewagen heruntersah und lachte. Wem gehört das Kind, wie es
jetzt ist? Mir, mir und - dem Fräulein von Saint-Trouin. Jaja, das ist es, wenn
ihr alle keinen Rat wisst wenn alles so ist, wie ihr sagt - Hennig, so hilf mir
in die Kleider, ich gehe zu dem gnädigen Fräulein. Jaja, die Komtess wird mir
helfen. Sie ist klüger als wir alle; - o er soll nur kommen, der Landläufer, der
Räuber, der Bösewicht; wir beide, das Fräulein und ich, werden für die Tonie
einstehen. Meinen Hut! Meine Schuhe! Meinen Stock, ja meinen Stock, Hennig -«
    »Ob ich mir den Jammer nicht so auf ein Haar hinaus vorgestellt habe, den
ganzen Weg hierher!« ächzte Jane Warwolf. »Es ist wahrhaftig zuletzt ein Mirakel
und eine Lächerlichkeit, zu welchem kuriosen Elend man auf Erden jung werden
muss.«
    Ein Mirakel und ein Zeichen allergrössester Ratlosigkeit war es jedenfalls,
dass der Ritter von Glaubigern bei der »Komtess« Rat und Hülfe suchte. Es zeigte
vor allen Dingen recht deutlich, wie sehr auch Adelaide von Saint-Trouin bei der
Erziehung Antonie Häusslers beteiligt war und der Ritter ihren Einfluss, und
vorzüglich in einem solchen Notfall, zu würdigen verstand.
    Mit zitterhafter Unbehülflichkeit zog der Chevalier seinen Schlafrock aus,
unter Beihülfe der alten Freundin. Mit zitternder Unbehülflichkeit tastete er
nach den Ärmellöchern seines dunkelblauen Staatsfracks, welchen Hennig ihm
hinhielt. Er griff in der Tat nach seinem Stock wie nach einer Waffe, beschrieb
damit einen drohenden Kreis in der Luft, nahm ihn unter den Arm, und gefolgt von
den beiden Unglücksboten, wackelte er eilig über den Korridor nach den Gemächern
des Fräuleins von Saint-Trouin.
    Auch Adelaide hatte sich in Betracht des Erntelärms und des Höhenrauchs früh
zurückgezogen und den Tee auf ihrer Stube eingenommen. Obgleich sie jetzt nicht
ganz so häufig an Kopfweh litt wie in früheren Tagen, so litt sie doch noch
häufig genug daran; und sie schlug nicht die Bücher der Gelehrten nach und
benutzte die Gelegenheit nicht, um ihre Kenntnisse zu vermehren. Ein etwas
gespenstischer Heroenkultus, bestehend aus einer weinerlichen Andacht vor dem
Glaskasten Peccadillos, war alles, was ihr jetzt in solchen Fällen ihre Nerven
erlaubten, wenn sie die Tür selbst vor Antonie Häussler verriegelt hatte.
    Noch nie hatten die Angehörigen des Lauenhofes, welche nur allzu gut die
Symptome kannten, es gewagt, die hohe Dame in solchen Zuständen herauszupochen!
    Heute - jetzt klopfte der Chevalier an, aber er winkte zugleich warnend und
abwehrend nach rückwärts, und seine Begleiter blieben gern auf dem Gange zurück,
mischten sich nicht in die Kapitulationsverhandlungen zwischen den beiden
vortrefflichen Herrschaften und beneideten den Ritter gar nicht um den nun
endlich erlangten Eintritt in das jungfräuliche Refugium.
    Der Ritter trat ein, die Tür schloss sich hinter ihm; Jane Warwolf setzte
sich matt auf eine Bank, die in der Fensternische der Tür des Fräuleins
gegenüber stand; Hennig aber legte das Ohr an die Tür und horchte: auch er
winkte dabei warnend und abwehrend rückwärts.
    Sie lauschten beide, und beide sehr beklommen.
    Die Türen auf dem Lauenhofe waren noch aus gutem, altem, schwerem Eichenholz
gezimmert und taten ihre Pflicht, wie moderne Türen sie nicht mehr tun, aber
dessenungeachtet vermochten sowohl der Junker wie auch die Frau Jane den Gang
der Handlung drinnen ziemlich genau zu verfolgen.
    Zuerst hörten sie natürlich die ziemlich klägliche und scharfe Stimme, die
Familienstimme Jehans von Brienne, die vor so vielen Jahrhunderten schon die
Einwohner von Konstantinopel mit Vergnügen vernahmen. Das gnädige Fräulein
beklagte sich mit bitterer Höflichkeit über die Störung in so später und
ungewöhnlicher Stunde. Doch ein dumpfes Gesumm gleich dem Getön einer an einer
Fensterscheibe auf und ab summenden Brummfliege liess sich vernehmen; der
Chevalier von Glaubigern bat jedenfalls um Entschuldigung und versicherte, dass
nur die dringende Not ihn zu solcher Ausschreitung, zu solcher Überschreitung
der Grenzen der Sitte und Höflichkeit getrieben habe.
    Wieder vernahm man des Fräuleins Organ. Adelaide nahm die Entschuldigungen
des Ritters an, bat jedoch unbedingt um eine nähere Erklärung; - es wurde still
hinter der Eichentür, das heisst, die Horcher draussen vernahmen nicht den
atemlosen Bericht des Herrn von Glaubigern. Es blieb aber nicht still, und jetzt
war nur eines schade, nämlich dass der Meister Dietrich Häussler nicht ebenfalls
an der Tür des Fräuleins von Saint-Trouin horchte: jetzt hätte sich die Tugend
an ihm gerächt, jetzt hätte er den Lohn für alle seine Sünden, Bosheiten und
Lasterhaftigkeiten in Empfang nehmen können! Heller denn je klang die Stimme
Adelaides auf, und Jane Warwolf legte sich auf ihrem Sitze zurück und seufzte
mit einer gewissen Befriedigung;
    »Na gottlob, jetzt ist die Katze auch da aus dem Sacke! Herr von Lauen,
anjetzo haben wir wenigstens nicht mehr zu befürchten -«
    Sie konnte ihren Satz nicht vollenden. Die Tür wurde aufgerissen, und das
Frölen, échevelée, jede Rücksicht auf das, was es seiner Stellung schuldig war,
beiseite lassend, erschien stürzte hervor - stürzte sich (o wie schade, dass es
sich nicht auf den Meister Dietrich stürzen konnte!), stürzte sich im
flatternden feuergelben Nachtgewand auf die in ihrer Mattigkeit scheu sich
duckende Jane, packte sie an beiden Schultern, zog sie in die Höhe, zog sie
gegen die Zimmertür, zog sie in das Zimmer und schlug dem Junker Hennig von
Lauen die Tür vor der Nase zu - »als ob man nicht das mindeste Interesse an der
Sache gehabt hätte!«, wie sich der Junker später ausdrückte.
    Einige Zeit wartete Hennig noch, ob man nicht auch ihn zur Beratung
hereinrufen und -holen werde, allein man schien ihn drinnen durchaus nicht mehr
nötig zu haben. Es blieb ihm nichts übrig, als zu seiner Mutter zu gehen, um bei
dieser das zu suchen, was die andern nicht mehr von ihm zu wollen schienen,
nämlich Hülfe und Trost. Noch warf er einen Blick durch das eben erwähnte
Fenster des Korridors in den dunkeln, nebeligen Hof, wo es jetzt allgemach
ruhiger geworden war, hinunter, und in demselben Augenblick schlüpfte Antonie
Häussler drunten, ein Laternchen tragend, vorüber. Sie ging, mit einer weissen
Schürze angetan, nach einem der Nebenwirtschaftsgebäude, lächelnd, schlank und
leichtfüssig - allein licht und freundlich in dem schweren schwarzgrauen Dunst
und der Nacht. Sie schien ihre Freude an den phantastischen Schatten, welche sie
umgaben, zu haben; denn sie hielt ihre kleine Laterne hoch und blieb stehen und
drehte sich und sah über die Schulter, wie ein Kind, das sich von einem
Spielkameraden nicht fangen lassen will. Zierlich nahm sie einen Zipfel ihrer
Schürze auf und verschwand um die Ecke eines Gebäudes; da musste jemand sie
anhalten und mit ihr reden, denn der rote Schein der Laterne zitterte noch eine
Weile in dem Nebel, bis er endlich verschwand und Hennig von Lauen - seinen Mund
schloss.
    Er, der Junker, tat einen Sprung und einen Faustschlag in die Luft und
rannte treppab, stolpernd und polternd, zu seiner Mutter, fiel ihr, wie sie
behauptete, gleich einem Klotz auf den Leib und gebärdete sich nun mit einem
Male schlimmer als irgendein anderer auf dem Lauenhofe um das, was die Rückkehr
des Herrn Dietrich Häussler dem Hofe androhte und möglicherweise wirklich antun
konnte.
    Es war unmöglich, der Lauenhof konnte nicht von der Tonie lassen!
    »Und das muss einem auch jetzt, wo man schon alle Hände voll zu tun hat, über
den Hals kommen!« war das erste, was die gnädige Frau sagte; aber trotz aller
gegenwärtigen und aller in Aussicht stehenden Unruhe und Aufregung (der
Erntetanz musste unbedingt in den allernächsten Tagen gefeiert werden!) sagte sie
doch noch mehr und schüttelte sich mit der gewohnten Energie in ihren Röcken.
    »Das ist Schwindel, und wir lassen uns nicht darauf ein!«
    »Was sollen wir aber anfangen, wenn sich alles wirklich so verhält, wie Jane
Warwolf erzählt?«
    »Zuerst glaube ich noch nicht daran. Seit die Alte vor die verschlossene Tür
des Siechenhauses gekommen ist, sieht sie Funken, Flammen und Gespenster auf
allen Wegen. Bah, wen mag sie in Alexisbad gesehen haben? Und dann, wenn
wirklich ein Fetzen Wahrheit der Vogelscheuche aufgehängt sein sollte, so« (und
hier richtete sich die Gnädige zu ihrer ganzen Höhe auf), »- so soll er mir nur
kommen, der Hauptlump, der Jammerkerl! Er soll's nur wagen, mir vor die Augen zu
treten; er hat bereits früher das Pläsier gehabt, die Frau von Lauen
kennenzulernen, und mit Vergnügen werde ich ihm die guten alten Zeiten ins
Gedächtnis zurückrufen.«
    »Das wird viel helfen!« meinte Hennig kläglich.
    »Halt den Mund. Junge. Herrgott, diese alten Zeiten! Man darf nichts
anrühren, ohne dass es irgendwo klingt und klirrt und rauscht, dass einem die
Tränen vor Rührung in die Augen kommen. Das ist wie eine Rumpelkammer oder wie
ein alter dunkler, vergessener Kleiderschrank von der Grossmutter her. Wie lang
ist's eigentlich her, dass ihn, ich meine den Häussler, mein Seliger zum erstenmal
aus dem Hause warf? Da, halt mir einmal das Licht, Junge, das ist eine solche
Ewigkeit, dass ich alle Finger gebrauche, um es herauszurechnen. Und wie alt war
die schöne Marie, als sie uns zum Sterben hierher nach Krodebeck zurückgebracht
wurde? Halt das Licht gerade, Junge; - sechzig Jahre ist heut der Bursch sicher
alt; auch zwei oder drei Jahre drüber, darauf soll's mir bei solch einem
nichtsnutzigen Exempel und Exemplar nicht ankommen. Munter, jetzt hab ich's,
seit Anno 1838 haben wir nicht die Ehre gehabt, ihn bei uns zu sehen; ja, da
kann er es freilich in der Zeit zu etwas Ordentlichem gebracht haben! Sie sagten
immer, er sei ein Genie, und der eine sagte: ein verrücktes, und der andere
sagte: ein heilloses; aber die meisten meinten kurzweg, er sei ein Halunk, und
das war auch meine Meinung, und er natürlich hat behauptet, das sei eine alte
biblische Geschichte, dass der Prophet in seinem Vaterland nichts gelte. Sieh,
sieh, und nun kommt der wieder und ist ein grosser Mensch, ein grosser Herr
geworden! Wir waren damals so froh, als wir ihn los waren. Herrje, erleben möcht
ich wohl, dass die Jane richtig gesehen hätte! Da muss man die Menschen kennen!
Das würde ein schönes Leben in Krodebeck abgeben.«
    »Und Antonie wird er uns nehmen und wird sie ruinieren, wie er seine Tochter
zugrunde gerichtet hat!« rief Hennig. »Es wird mir immer klarer, was uns
geschehen soll, und immer erbärmlicher wird mir auch. Ich gebe die Tonie nicht
her! Ich tu's nicht. Ich schiesse ihn nieder wie einen Hund. Eben ging sie über
den Hof. Vor einer Viertelstunde wusste ich noch nicht, was wir an der Tonie
verlieren; aber jetzt weiss ich's. Ich gebe sie nicht her; ich schiesse jeden, der
Hand an sie legt, nieder wie einen tollen Hund.«
    Die Mutter nahm das Licht, welches der Sohn immer noch hielt, ihm aus den
Händen und leuchtete ihm ins Gesicht. Mit einemmal war sie ganz kühl und ruhig
geworden, und nach einer ziemlichen Pause sagte sie: »Junge, was fällt dir
eigentlich ein? Und - wie ist mir denn? Jawohl, ja freilich, er könnte wohl ein
Recht haben, seine Enkelin von uns zu fordern. Das ist doch eine Sache, über
welche man ernstlich nachdenken muss, Hennig. Wenn er wohlhabend und irgendwie
ein anständiger Mensch geworden ist, so sehe ich nicht ein, welch ein Recht wir
aufzuweisen hätten, dem Kinde an seinem Glück hinderlich zu sein. Nur keine
Sentimentalitäten! Herrje, da traue ich selbst dem Herrn von Glaubigern nicht.
Wo ist die Jane? Ich muss sie auf der Stelle sprechen, jetzt muss ich mit eigenen
Ohren hören, was sie von dem Herrn Häussler gesehen und über ihn gehört hat. Und
wo ist die Tonie? Weiss sie es schon, was ihr bevorsteht?«
    Hennig schüttelte den Kopf:
    »Noch weiss sie es nicht. Sie ging soeben mit der Laterne über den Hof zur
Mamsell Molkemeier. Jane Warwolf ist mit dem Ritter in der Stube des Frölens; -
sie haben mir die Tür vor der Nase zugeschlagen, als ob mich die ganze
Geschichte nicht im geringsten zu kümmern brauche, und da hab ich das Kind mit
der Laterne über den Hof gehen sehen; da ist mir klar geworden, wie sehr mich
die Geschichte kümmert, und hier bin ich, Mutter, und du wirst uns helfen, dass
wir die Tonie nicht verlieren und sie gar noch an einen solchen Schuft
verlieren.«
    »Ich werde jedenfalls meine fünf gesunden Sinne beieinanderbehalten, und das
übrige wird sich finden«, sprach die Frau Adelheid von Lauen. »Auf
Phantastereien lass ich mich nicht ein: - o Gott, da kann ich selbst den Herrn
von Glaubigern nicht zu Rat und Trost gebrauchen; das seh ich schon, jetzt werde
ich fürs erste die einzige verständige Seele auf dem Lauenhofe sein, und gerade
jetzt in all dem Wirrwarr und Erntearbeiten! Das hat mir gerade noch gefehlt;
und so ist es mir mein ganzes Leben durch gegangen! Aber das sage ich euch,
allen: hier behalte ich die Zügel in der Hand, und jetzt werde ich mit der Jane
reden, an das Frölen und den Ritter mag ich gar nicht denken. O Himmel, da möcht
ich lieber doch zum Pastor Buschmann um Hülfe und Beirat schicken!« -
    Hätte Herr Dietrich Häussler Edler von Haussenbleib geahnt, in welche
Verwirrung er das Haus derer von Lauen durch sein Erscheinen nördlich am Harz
stürze, so würde er sich in seinem schlechten Gemüte sicher trefflich darüber
ergötzt haben. Wer sagt uns aber, dass er es nicht wusste?
    Es entstand in dem obern Stockwerk des alten Rittersitzes eine grosse
Bewegung. Unten im Hause vernahm man den Chevalier, das Fräulein von
Saint-Trouin und Jane Warwolf auf der Treppe. Sie stiegen in aller Hast hinunter
und redeten wirr durcheinander.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Der seltsame Nebel, der, so weit sein Reich ging, jedermann betäubte oder
aufregte, hatte auch an Tonie Häussler seine Macht nicht verloren. Sie bekam kein
Kopfweh wie Fräulein Adelaide, aber sie fühlte sich unruhig, beängstigt und
verspürte eine rechte Lust zum Weinen, ohne zu wissen weshalb und ohne ihr
nachzugeben. Im Gegenteil, sie nannte sich selber ein dummes Närrchen, warf all
die lustigen und traurigen Melodien, die ihr in den Sinn kamen, in einen Reihen
oder Leich zusammen und trug im Tanzschritt ihre Laterne über den Hof zur
Mamsell Molkemeier, um ihr ihre Hülfe anzubieten.
    Doch die Mamsell war sehr ungnädig und sagte: »Kind, tu, was du willst, nur
geh mir aus dem Wege! Gebrauchen kann ich dich jetzt nicht.«
    Dasselbe hatte bereits die gnädige Frau gesagt und hinzugefügt:
    »Tonie, du siehst müde und matt aus; geh zu den Alten oder suche dir sonst
einen stillen Winkel aus; für heute sollst du Ruhe haben.«
    Aber heute einen stillen Winkel auf dem Lauenhofe zu finden, das war eine
Kunst; in den beiden einzigen, welche es an diesem Abend gab, hatten sich die
beiden »Alten« bereits verriegelt, und selbst den Chevalier hätte Tonie an
diesem Abend nur ungern in seiner Ruhe gestört. Da trug sie denn ihr Laternchen
aus dem Bezirk der Mamsell Molkemeier weiter und trug es in den nächtigen
Garten.
    »Es ist das beste, ich hole mir noch einen Strauss«, sagte sie; »einen Strauss
für den Tisch; sie haben doch alle ihre Freude dran, und es ist so bald vorbei
damit. Sie waren alle heute so vergnügt und ich auch; ich habe mit ihnen gelacht
und gesungen, aber so recht gefreut habe ich mich doch nicht. Nun liegen die
Felder wieder leer hinter uns, ich sah hoch vom Wagen durch den hässlichen Dunst,
weiter als sie alle; es war alles leer, und deshalb war ich traurig selbst unter
der Erntekrone. Ja, ich hole mir und ihnen noch einen Strauss von lebendigen
Blumen; wenn auch nur der Ritter darauf achtet, so ist's gut und genug.«
    Sie nahm ihr Lämpchen auf und gelangte durch eine Seitenpforte in den
Garten, und hier unter den alten hohen Bäumen war es finsterer als sonstwo.
Tonie Häussler liess schnell die hohen rauschenden Wipfel hinter sich und warf im
Vorübereilen nur einen scheuen Blick an den Stämmen empor, wie der Schein ihrer
Laterne an ihnen vorbeiglitt und an ihnen in die Höhe lief. Sie hätte unter
ihren Blumen selbst ohne ihr Laternchen Bescheid gewusst; schon hatte sie
zierlich ihre Kleider zusammengefasst und schlüpfte zwischen den feuchten
Buchsbaumeinfassungen der Beete hin. Nun kauerte sie unter ihren Lieblingen,
stellte ihr Licht mitten in einen vollen Asternbusch und sagte lächelnd:
    »Das ist meine Ernte.«
    Sie pflückte zur Rechten und Linken und im Kreise umher und hielt jede Blume
in den Lampenschein, ehe sie dieselbe den Schwestern in der linken Hand
hinzufügte. Sie neigte das hübsche Haupt zur Rechten und zur Linken und summte
leise ihre Melodien fort; doch der fröhlichen wurden leider immer weniger, und
die melancholischen gewannen bald ganz und gar die Oberhand.
    Jetzt betrachtete die Sängerin ihren Strauss, und dann trug sie ihre Laterne
zu einem anderen Beet, kauerte von neuem nieder, aber sang nicht weiter. Ganz
ängstlich blickte sie nun über die Schultern und sagte leise lachend:
    »Man sollte meinen, ich wolle mir selber Mut machen mit dem Singsang! Ei
Tonie, fängst du an, dich vor der Nacht und dem Höhenrauch zu fürchten? Das wäre
noch besser, und nun hältst du dir selbst zum Trotz den Mund und kümmerst dich
um nichts.«
    Das war leicht gesagt, aber schwer getan, denn der Strauss war noch lange
nicht fertig, und an Stelle der Liedersätze kamen die Gedanken, und leider
Gottes kamen sie gleich von Anfang an trüb und auf schwermütigen Fittichen.
    »Ein Vogel sollte doch noch wach geblieben sein um mich, das wäre freundlich
gewesen«, meinte Tonie, aber sie meinte auch: »Freilich, das ist keine Stunde
und keine Witterung für sie, und dann - wie viele sind schon fortgezogen! Ich
will mich gleichfalls beeilen, dass ich wieder zu meinesgleichen komme; selbst
die buntesten Astern fangen an, mir Gesichter zu ziehen, und ich traue ihren
Farben nicht. Ach Gott, ist das nicht, als ob meine Blumen aus dem
Gespensterreich aufwüchsen? So, da und da und nun noch die dort aus der Mitte -
komm, Liebchen, ich bringe dich zu Freunden! Jetzt bin ich fertig, und das ist
gut, und nun wollt ich, ich hätte die grosse Kastanienallee schon hinter mir und
könnte mein Lämpchen in Sicherheit ausblasen.«
    Sie erhob sich, ordnete ihren Strauss ein wenig handgerechter und sprach
ruhig-nachdenklich:
    »Wer eben freien Eintritt in meine Seele erhalten hätte, der würde allen
Hausrat in arger Verwirrung drin gefunden haben und müsste einen herrlichen
Begriff von mir mit fortnehmen! O Tonie Häussler, schäme dich und stifte mir hier
auf der Stelle Ordnung!«
    Sie ging noch nicht. Sie stand still und liess auch die Laterne am Boden.
    »Wie schnell heute der Rauch herankam! Sie hatten mich eben auf den Wagen
unter die Krone gesetzt, und eben schien noch die Sonne über die Stoppelfelder,
da rollte er heran und frass alles - Farben, Licht und Stimmen!... Wie habe ich
mich heute wieder über den Pastorenfranz geärgert! Ja, ohne den wäre ich ganz
glücklich auf dem Lauenhofe, aber es soll niemand ganz glücklich sein. Ohne den
Buschmann wäre ich gewiss zu glücklich und vergässe sicherlich alles, was ich doch
stets im Gedächtnis behalten muss; er sagt mir jeden Tag, woher ich komme, und
das ist sehr gut.«
    Jetzt ordnete sie ein wenig an ihrem Blumenstrauss.
    »Ei, ei, ich glaube, ich bekomme Nerven wie das gute Fräulein; aber es ist
nur der dumme Nebel daran schuld. Der Franz Buschmann ist nicht schuld daran; da
hilft mir der Chevalier, jaja, der Herr Ritter!« Und mit den hellen Tränen in
den Augen fing sie von neuem an, leise zu summen, und zwar:
En partant, reçois le seul gage
Que je possède encore ici,
Ce bouquet de rose sauvage,
De violette et de souci.
Das war närrischerweise aus dem schönen Liede, welches schon in früheren Jahren
Adelaide von Saint-Trouin so gern sang, und passte weder zu den Spätsommerblumen
in der Hand der Sängerin noch sonst in den jetzigen Augenblick; aber:
L'églantine est la fleur que j'aime,
La violette est ma couleur,
Dans le souci tu vois l'emblème
Des chagrins de mon triste coeur.
»Und jetzt bring ich meine Ernte, meinen Strauss meinen eigenen Anverwandten, und
der Herr Ritter wird mich darum nicht weniger liebhaben!« schluchzte Tonie
Häussler.
Hastig ergriff sie die kleine Laterne, fasste ihren Strauss fester und drückte ihn
gegen den Busen. Im Lauf durchmass sie die gewundenen, jetzt so dunkeln Kieswege
des Gartens, gelangte von jener Terrasse mit dem chinesischen Pavillon auf die
Landstrasse und eilte dem Kirchhofe dicht neben dem Siechenhause von Krodebeck
zu. Sie, welche eben so scheu und ängstlich in die sie umgebenden Schatten sah,
welche sich vor dem Rauschen der Bäume fürchtete, sie fürchtete sich nicht mehr
zwischen den Gräbern ihrer Anverwandten. Sie wand sich zwischen den Hügeln,
Kreuzen und tauigen Sträuchern durch bis zu den beiden Gräbern im Winkel, die
ihr gehörten. Da stand sie und teilte ihren Blumenstrauss und gab der Mutter ein
Teil und der Pflegemutter das andere.
    »Beinahe hätte ich euch vergessen«, flüsterte sie, »aber ihr wisst doch, ich
kann euch nicht vergessen, und es wird immer zwischen uns im Rechten bleiben.«
    
    Sie hob die Laterne und liess ihren Schein zur Rechten und Linken über beide
Hügel fallen. Der Nebel schien immer dichter zu werden, und der Emeritus im
Siechenhause, der von seiner einsamen Zuchtauszelle her immer noch eine
fiebernde Ruhelosigkeit in Gliedern und Knochen verspürte und auf keinem Platz
mehr stillsitzen konnte, kam eben an sein Hinterfenster und verwunderte sich
sehr über das rote schwankende Licht auf dem Kirchhofe zu so ungewöhnlicher
Stunde. Zuerst erschrak er sogar, doch ein alter Sünder fasst sich kurz und
schnell, und so sah er im nächsten Augenblick ganz scharf und genau auf das
Phänomen und rief:
    »Sackerment, das ist ja die junge Mamsell vom Hofe. Hehe, da muss ich der
Krabbe doch meine Gratulation anbringen und ihr die Hohnörs vom Ort und der
Gelegenheit machen. Verdammt, die Haare möchte sich ein ehrlicher Mensch
ausraufen, wenn er nur von weitem an den Glückspilz, an den Dietrich denkt -
Sackerment!«
    Er nahm die schwarze kurze Tonpfeife aus dem Mund, drückte die Asche mit dem
Daumen hinab und tappte vorsichtig aus seiner Höhle hervor. Leise schlich er um
die Ecke, und plötzlich fuhr Antonie Häussler mit einem Schrei unter der
Berührung seines Zeigefingers zusammen und fuhr zitternd herum und sah das alte,
grimmig grinsende Gesicht gerade vor sich:
    »Schönsten guten Abend, Tonie, Mamsell Tonie, Fräulein Tonie Häussler!«
    »Was wollt Ihr - was - was wollen Sie von mir? Das ist unrecht! O wie haben
Sie mich erschreckt!«
    »Nun, nun«, sagte der Emeritus begütigend, »es war nicht schlimm gemeint.
Unsereiner nimmt doch auch immer noch teil an dem Vergnügen der Menschheit und
hat sein Pläsier dran, wenn seinem Nebenmenschen ein guter Bissen auf den Teller
fällt. Na, Fräulein Tonie, Fräulein Häussler, vergessen Sie den Alten im
Siechenhause nicht, wenn der Herr Grossvater angekommen ist. Wissen Sie, aus
alter Bekanntschaft - er wird sich wohl selber erinnern; aber es ist einerlei,
ich wünsche viel Glück und gönne ihm sein Glück, und ich wollte nur sagen, dass
es mir eine grosse Ehre wäre, wenn er sich meiner auch erinnerte und vielleicht
aus seinem guten Herzen eine Gabe in das Hotel Schubbejack schickte.«
    »Ich weiss nichts - ich verstehe nicht - ich bin so sehr erschrocken. Jetzt
will ich heim - geht fort, lasst mich frei, ich bitte Euch herzlich! Man wird
mich daheim vielleicht schon vermissen!«
    »Halt!« rief der Emeritus, »halt! Fräulein Tonie, wissen Sie wirklich nicht,
was für ein unmenschliches Glück und unverdiente Herrlichkeit für Sie unterwegs
ist?«
    Das junge Mädchen schüttelte immer ängstlicher den Kopf.
    »Ei, so soll mich der Teufel holen, wenn ich mir nicht auch von Ihnen ein
Trinkgeld, und zwar ein anständiges, verdiene, gnädiges Fräulein. Also hat die
Bagage Ihnen noch nichts verkündigt? Schön, so horchen Sie gefälligst; ich habe
vorhin auch gehorcht und Wunderdinge erfahren; aber so sind die Leute: alles
Gute behalten sie so lange als möglich für sich selber und lassen nichts heraus,
wenn man ihnen nicht mit dem Brecheisen oder dem Dietrich kommt. Ja, der
Dietrich, der Dietrich - ach, gnädigstes Fräulein Tonie, wenn ein Mensch gewusst
hat, was in dem Dietrich steckte, so bin ich der Mensch gewesen, und jetzt
kommen Sie her und lassen sich erzählen und denken nachher dankbar und
erkenntlich an den armen alten Mann im Siechenhause, von dem kein Mensch was
wissen will und der es doch so gut mit der Menschheit meinte.«
    In seiner Weise, das heisst mit seinen Redensarten und Ausschmückungen,
flüsterte der Emeritus dem jungen Mädchen alles das zu, was er vorhin
bruchstückweise von der Unterhaltung Hennigs und Janes erlauscht hatte, und so
erfuhr Antonie Häussler über den Gräbern der Mutter und Pflegemutter, im Schatten
der zerbröckelnden Mauer des Armenhauses von Krodebeck das grosse Glück, welches
ihr bevorstand und um welches so grosse und betrübte Aufregung bei allen Freunden
auf dem Lauenhofe herrschte. Was der gute Ritter von Glaubigern ihr in der
zartesten Weise sagen sollte, das sagte ihr jetzt das brutale Schicksal mit
rohem Lachen, heimtückisch-neidisch, frech und erbarmungslos - o weshalb
brauchte der Chevalier so lange Zeit, sich zu besinnen? Weshalb musste Fräulein
Adelaide von Saint-Trouin auch heute um ihre Meinung gefragt werden? Müssen die
braven Leute überall und immer zu spät kommen, um sich mit denen, die zu ihnen
gehören, zu verständigen, ehe die gleichgültige, schadenfrohe oder eigennützige
Welt sich vordrängt und jede Verständigung, jeden Trost und jeden Ausgleich so
häufig unmöglich macht?!
    Lautlos hörte Antonie Häussler den Emeritus an. Sie lehnte an dem hölzernen
Gitter, welches eines der Gräber des Dorfes umschloss, ihre Hand lag auf einem
der Eckpfosten, und diese Hand umklammerte immer fester ihre Stütze. Sie schloss
die Augen und öffnete sie wieder, sah vor sich im roten Schein und Nebel das
alte böse Gesicht schwankend, undeutlich und doch peinlich klar wie alles umher,
wie das Laternchen auf dem Hügel der Mutter, wie die zerstreuten Blumen, wie das
hohe Gras zu ihren Füssen, die schwarzen Bäume und Büsche und die schwärzere
Nacht, die von allen Seiten grimmig herandrängte. In diesem Augenblick wurde vom
Lauenhof her ihr Name gerufen, da entfloh sie mit einem leisen Schrei; sie lief
in die Dunkelheit hinein, gänzlich unfähig, über ihren Weg und Willen
Rechenschaft zu geben.
    Es war Hennig, welcher dem guten Kameraden rief. Die Herrschaften auf dem
Hofe waren nach heftigem Durcheinander der Meinungen zu der Ansicht gekommen,
dass es leider unbedingt nötig sei, das Kind von der Sachlage in Kenntnis zu
setzen, und man suchte nach dem Kinde. Während die anderen hin und her fragten,
ging der Chevalier, fort und fort unverständliche Sätze murmelnd, auf und ab.
Man verfolgte die Spur der Tonie von der Mamsell Molkemeier in den Garten und
erfuhr, dass sie mit ihrem Strauss und ihrer Laterne auf der Landstrasse gesehen
worden war. Jane Warwolf ahnte, wohin sie gegangen sein könne, und folgte ihr
mit Hennig. Sie riefen beide und horchten und warteten auf Antwort; aber der
Emeritus sass kichernd und glucksend, seinen schwarzen Pfeifenstummel im Munde,
wieder in seinem Winkel und liess sie rufen, ohne sich zu rühren. Als jedoch
Hennig an sein Fenster klopfte, öffnete er es sehr vergnügt und antwortete auf
die Frage, ob er nicht das Fräulein Tonie auf dem Kirchhofe gesehen habe:
    »Freilich habe ich sie gesehen und ihr mit Höflichkeit die Hohnörs gemacht,
wie es sich schickte. Hab mich auch recht schön und bescheiden im voraus bei dem
Herrn Grossvater in gütige Erinnerung empfohlen. Sie brauchen sich weiter keine
Molesten zu machen, Herr von Lauen; ich hab dem Fräulein alles erzählt - alles
der Reihe nach, wie ich es vorhin von meinem Jammerwinkel her von Ihnen und der
gnädigen Frau von Warwolf hier in Erfahrung gebracht habe. Das Fräulein waren
sehr interessiert und dankbar, aber auch, ein wenig ausser sich und sind
verschwunden und haben mich stehenlassen, wie denn die jungen Leute so sind,
Herr von Lauen.«
    Wütend schlug der Junker mit der Faust nach dem alten Halunken, aber lachend
fuhr dieser zurück und warf das Fenster zu. Jane Warwolf fasste den zornigen
Hennig, zog ihn zurück, zog ihn auf die Landstrasse und rief:
    »Das ist schlimmer als alles andere und noch dazu unsere Schuld! O das arme
Geschöpf! Es ist meine Schuld, meine Schuld! Weshalb hab ich nicht mich um
keinen Menschen gekümmert und sie beiseite genommen und mich mit ihr unter einen
Busch am Wege gesetzt und selber zu ihr gesprochen? Da bin ich von einem zum
andern gelaufen, und wohin ist sie nun in ihrer Verwirrung gelaufen?«
    »Ich breche dem Hund die Tür auf und ziehe ihn an den Ohren hervor - er muss
es wissen!« rief Hennig.
    »Und ruf das ganze Dorf zusammen und schicke es ihr nach! Wir wollen langsam
und still auf dem Wege zum Holze weitergehen, dort werden wir ihr wohl begegnen;
zu bessern und gutzumachen ist jetzt doch nichts mehr«, sagte Jane.
    Hennig folgte der Alten störrisch, aber doch ohne eigenen Willen, und so
gingen sie auf der Landstrasse weiter, dem Walde entgegen. Es war der Weg, auf
welchem die schlimmen Geisterfusstritte das Pflegekind des Lauenhofes verfolgt
und gejagt hatten, und unter den ersten Bäumen standen Jane Warwolf und Hennig
von Lauen still und horchten. Nun rief Jane von neuem zärtlich und weinerlich
den Namen des jungen Mädchens, und nun meinten sie, dicht neben sich ein
verhaltenes Schluchzen zu hören; sie hatten sich jedoch geirrt, denn jetzt
näherte ein leichter Schritt sich ihnen aus der Finsternis des Waldes, Antonie
Häussler trat ruhig an sie heran und fragte:
    »Hast du mich gerufen, Jane? Bist du auch da, lieber Hennig? Ei, wie hätt
ich euch necken können, wenn ich in solcher Stunde und bei solchem Nebel mit
euch hätte Versteckens spielen wollen. Aber ihr brauchtet keine Sorge darum zu
haben, ich bin gern zu euch gekommen; es ist gar zu schaurig und unheimlich da
hinter mir.«
    »Liebe, liebe Tonie«, rief Jane, und Hennig rief:
    »Du kannst dir nicht vorstellen, wie betrübt und wütend wir alle dort unten
sind. Wir kamen, dich zu suchen und heimzuholen, und dann - dann haben wir den
alten Schuft im Siechenhause gesprochen, und - und -«
    »Ja«, sagte Antonie, »er hat mir einen grossen Schrecken eingejagt, und
darauf bin ich recht töricht gewesen und bin in die Nacht hineingerannt wie ein
Kind, das man mit einer Maske schreckte. Vielleicht ist es so am allerbesten
gewesen, Jane, denn nun hab ich alles, was mir an Verstand mit auf die Welt
gegeben wurde, wieder beieinander; und jetzt wollen wir nach Haus gehen. Da ist
der Herr Ritter und die gnädige Frau und Fräulein Adelaide, und es ist mir doch,
als habe sich alles mit einem Schlage verändert. Seit einer Stunde hab ich
manches Jahr gelebt - zurück und weiter hinaus; immer weiter hinaus und tiefer
zurück. Das ist so bunt und ängstlich und unbegreiflich, dass man wohl Vernunft
und Verstand zusammennehmen muss. Kommt, wir gehen zurück zum Lauenhof - sie
müssen alle mit mir sprechen, ich muss alle die freundlichen Stimmen wieder
hören, denn eben ist mir doch gewesen, als sei das Leben der Freunde, und mein
Leben mit, schon vor hundert Jahren verklungen.«
    »Der Klügste sollte darüber zum Narren werden!« sprach Jane Warwolf mit
allem Nachdruck.
    »Der - Mann dort unten sagte, du habest die Nachricht hierhergebracht,
Jane?«
    »Ja, Herzenskind, es ist mein Schicksal gewesen, und du darfst es mich nicht
entgelten lassen, wenn du in Purpur, Pracht und Herrlichkeit sitzen wirst.«
    Tonie lachte und sagte:
    »Ich glaube alles, aber daran glaube ich fürs erste noch nicht. Was meinst
du dazu, Freund Hennig!«
    »Ich weiss nichts, ich meine nichts; aber von Stunde zu Stunde kriege ich
grössere Lust, der ganzen Welt in das Gesicht zu springen.«
    »O Gott - und der Herr Ritter!« rief Antonie in schmerzlichster Bewegung und
zog die alte Jane schneller mit sich fort.
    Sie gingen heim durch die stille Nacht und den wogenden Dunst, in welchem
die Lichter des Dorfes und des Rittergutes trübe und schwankend flimmerten. Sie
erreichten das Tor des Lauenhofes, an welchem eine murmelnde Gruppe von Knechten
und Mägden verlegen-stumm bei ihrer Annäherung auseinandertrat. Sie gingen in
die grosse gelbe Stube zur Rechten des Hausflurs, wo die kuriosen und durchaus
nicht anmutigen Ahnenbilder des wackern Hauses an den Wänden hingen und wo an
dem runden Tische in der Mitte des Gemaches die Mutter, der Chevalier und
Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin ebenfalls eine stumme Gruppe
bildeten. Auch diese Gruppe löste sich bei ihrem Eintritt, doch zog sich niemand
zurück, sondern alle drei kamen mit erhobenen Armen und Händen heran, und der
Herr Ritter von Glaubigern fasste das junge Mädchen in seine Arme und hielt es
fest und streichelte ihm wortlos mit zitternder Hand die Haare und versuchte zu
reden, brachte es aber nur zu einem zärtlichen, halb abgebrochenen
Schmeichelwort und sah über die Schulter des Kindes die Frau Adelheid mit einem
so verlorenen Blicke an, dass die gute Frau trotz aller eigenen Rührung
unwillkürlich lächeln musste.
    Nun wurde den ganzen Abend hindurch die seltsame Nachricht hin und her
gewendet, ohne dass man ihr viele Lichtseiten abgewann. Am schweigsamsten hielt
sich die Frau Adelheid; sie liess die anderen reden und fiel nicht ein einziges
Mal dem Fräulein von Saint-Trouin ins Wort. Dagegen warf auch sie den ganzen
Abend hindurch absonderliche Seitenblicke auf den Sohn und das Pflegekind,
versank häufig in ein tiefes Nachdenken und fuhr aus demselben kurz und schroff
empor. Sie war sogar einige Male gegen das arme Mädchen, die Tonie, kurz und
schroff, und da sie für alles ihre Gründe hatte, so musste sie auch hierfür
dergleichen aufweisen können. Gegen Mitternacht wurde sie grob und scheuchte den
melancholischen Kreis auseinander und in die Betten; aber reumütig bot sie zu
gleicher Zeit dem Chevalier den Arm und geleitete ihn selber die Treppe hinauf
bis zur Tür seines Zimmers und wünschte ihm kläglich und mit unverhohlenem
Zweifel an der Erfüllung ihres Wunsches die angenehmsten Träume.
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Auf den Höhenrauch fiel sogleich eine sehr nasse Witterung ein. Man hatte eine
alte Bauernregel in dieser Beziehung, und unter andern Umständen würde der
Ritter von Glaubigern jedenfalls seinen Teorien über den ungemütlichen Dampf
mancherlei Zweckdienliches angefügt haben; allein weder er noch das Dorf
Krodebeck hatten jetzt Zeit und Stimmung, sich um das Wetter zu kümmern. Mit
Blitzesschnelle hatte sich natürlich das Gerücht von dem glorreichen Nahen des
einst so verachteten Meister Dietrich verbreitet, und war die Verwirrung darob
gross auf dem Lauenhofe, so war sie fast nicht geringer im Dorf. Die älteren
Generationen, welche den Mann noch persönlich kannten, schüttelten die harten
Köpfe, kraueten sich in den cheruskischen Haarwülsten, schnarrten, brummten,
knurrten und meinten, das gehe freilich weit über alles hinaus, was der Mensch
sonst wohl auf Erden erleben möge. Die jüngeren Geschlechter, welche den Meister
nicht mehr von Person kannten, sperrten die Mäuler auf, vernahmen mit Staunen
und Verwunderung die Erzählungen der weisen Alten, und da sie sich kaum einen
klaren Begriff von »dem Österreich«, aus welchem der einstige Dorfgenosse
vierspännig anfuhr, machen konnten, so hielten sich ihre Phantasien ganz
naturgemäss mehr westwärts auf der bekanntern germanischen Flugbahn, und
verschiedene dumpfe, undeutliche Auswanderungspläne nahmen rasch eine bestimmte
klare Form an. Schon im nächsten Frühjahr verdankten die Vereinigten Staaten von
Amerika dem »unverschämten und nichtswürdigen Glück« des klugen Meister Dietrich
Häussler die Landung einiger gar nicht unbrauchbaren neuen Bürger, teilweise mit
Familie.
    Gleich einem Smyrnafahrer, auf welchem nicht ein Fläschchen, sondern ein
ganzes Fass voll Rosenöl platzte, verbreitete der Meister Dietrich weiter einen
sehr süssen Wohlgeruch, wie auch sonst das Piratengesindel, welches das Fahrzeug
bemannen mochte, beschaffen war. Und das Pastorenhaus roch die Süssigkeit von
ferne wie das übrige Dorf, nur vielleicht mit noch feinerer Nase und richtigerem
Verständnis, und es hatte sie, wie sich zeigen wird, weit früher als sonst
jemand im Dorfe und auf dem Hofe gerochen. Die Kunde, wie sie von der Frau Jane
Warwolf gebracht wurde, gelangte freilich am ersten Abend leider zu spät zu dem
geistlichen Herd, als dass der Herr Pastor noch in derselben Nacht den
pflichtmässigen Besuch auf dem Lauenhofe hätte abstatten können; allein am
folgenden Morgen, und zwar so früh als möglich, erschien und vernahm er mit
grossem Interesse alle näheren Umstände genauer. Nachdem er sehr höflich und
zärtlich gegen Fräulein Antonie Häussler gewesen war, empfahl er sich würdig
nachdenklich, das heisst, er wurde von seiner Gattin abgelöst und zu seinen
sonstigen Pflichten heimgeschickt, während die ehrwürdige Frau nunmehr selber
recht fest Posto fasste und allmählich allen melancholischen Bewohnern des Hofes
den Wunsch nach einem Kaminbrande im Pfarrhaus innig ans Herz legte.
    »Wir haben zuerst unsern Ohren nicht getraut und darauf jedenfalls eine
ungemein unruhige Nacht gehabt, Fräulein Antonie«, sprach die Gute. »Ja,
Fräulein Antonie, liebes Fräulein, der liebe Gott weiss die Seinen wohl zu finden
und ihnen das Ihrige zur rechten Zeit zu geben. Wir haben uns herzlich über das
grosse Glück, welches Ihnen zuteil werden soll, liebes Fräulein, gefreut. Bis zum
grauen Morgen hat uns die Unruhe umhergetrieben, und mein Mann wachte mit einem
recht argen Kopfweh auf, aber im Hause litt es ihn doch nicht; er musste und
musste nach dem Lauenhof, um zu erfahren, ob das Ganze nicht auch auf einer
Täuschung beruhe, und als er viel länger ausblieb, als er sollte, da litt es
auch mich nicht länger daheim, und da bin ich nun, und da sitze ich nun und kann
nur immer von neuem Glück wünschen, mein liebes, liebes Fräulein.«
    »Aber sehen Sie sich doch nur um, meine verehrte Frau Pastorin: wir sind gar
nicht so sehr glücklich!... Durchaus nicht!« rief die Gnädige mit ziemlich
saurem Gesicht.
    »Und darauf wollte ich eben kommen, meine Liebe«, erwiderte die geistliche
Dame. »Es freut mich, dass Sie selbst davon anfangen, Beste. Ach, Fräulein Tonie,
Sie sind noch so jung und sollen erst nach und nach erfahren, was das Leben ist.
Nicht wahr, Herr von Glaubigern und gnädiges Fräulein, wir Alten wissen und
haben längst erfahren, wie es sich damit verhält und dass der Tropfen Wermut in
jeden Freudenbecher fällt, wie mein Mann sagt. Wir haben auch in diesem
besonderen Falle lange genug in Krodebeck gelebt, meine Besten, um zu wissen,
woher hier der sehr, wirklich sehr bittere Tropfen -«
    »Frau Pastorin, ich halte es für angemessener, wenn wir augenblicklich« - -
hierüber schweigen! wollte der Chevalier sagen.
    »Hierüber schweigen«, sagte die Frau Pastorin Buschmann, und der Herr Ritter
gab mit einem tiefen Seufzer seinen Kampf auf.
    »Jawohl, hierüber schweigen!« wiederholte die Seelenhirtin. »Ganz dasselbe
sagte ich auch zu meinem Mann, und er gab mir vollständig recht. Er muss mir,
beiläufig gesagt, sehr häufig recht geben. Freilich, liebe Tonie, wir haben
recht viel in der vergangenen Nacht von dem Herrn Grossvater gesprochen. Wir
mussten es, Fräulein von Saint-Trouin! Es war unsere Pflicht, Frau von Lauen!
Leider war es unsere Schuldigkeit, Herr von Glaubigern, denn wir sind zu alt in
Krodebeck geworden. Der Herr Grossvater gehört zu unseren Jugenderinnerungen,
Tonie.«
    »Man muss mit seinen Jugenderinnerungen abschliessen können, meine Gute«,
meinte Adelaide Klotilde Paula von Byzanz mit einem Gesicht, welches jeglichen
byzantinischen Heiligenmaler in Verzückungen hingerafft haben würde.
    »Und das haben wir unter Gebet und Tränen getan!« rief die Frau Pastorin
Buschmann, welche unter dieser Erinnerung fast von neuem in Tränen und
allgemeiner und ganz spezieller Menschenliebe unterging. »Wir haben vollkommen,
vollständig und ganz und gar abgeschlossen - der Herr ist unser Zeuge! O ja,
mein liebes Fräulein Häussler, wenn sich alles wirklich und wahrhaftig so
verhält, wie Jane Warwolf behauptet, so soll es dem Herrn Grossvater an einem
offenen, freudigen, herzlichen Willkommen in Krodebeck und im Krodebecker
Pfarrhause nicht mangeln. Sie sollten meinen Mann in dieser Hinsicht gehört
haben, das Herz würde Ihnen aufgegangen sein; und wie mein Mann, so hat sich
auch mein Sohn geäussert: wir werden es sämtlich für eine grosse Ehre ansehen,
alte wohlmeinende, freundschaftliche Beziehungen in einfacher ländlicher
Befangenheit erneuern zu dürfen, mein armes, sü-sses Kind. Nicht wahr, ich darf
hoffen, dass wir hierin alle einer Meinung sind.«
    Mit glänzenden Augen blickte die Rednerin im Kreise umher, ohne
innezuwerden, dass auch sie in einer Wüste predige. So trug sie denn ihr Jauchzen
über den heimkehrenden Sünder zur grossen Erleichterung des Lauenhofes wieder
nach Haus, und die gnädige Frau sprach mit einem tiefen Atemzug:
    »Gottlob, dass sie fort ist! Beinahe wäre ich ausfallend geworden.«
    Fräulein Adelaide von Saint-Trouin aber meinte sehr fein:
    »Meine Teure, gegen ein so gutes Gewissen richtet man kaum durch Impertinenz
irgend etwas aus.«
    Auf dem Wege nach Haus nahm die geistliche Hirtin noch einen anderen Korb
mit. Sie lud die alte Jane Warwolf, die sonst durchaus nicht in der Gunst des
Pfarrhauses stand, mit dringender Freundlichkeit ein, am Nachmittag eine Tasse
Kaffee bei ihr zu trinken, und Jane lehnte die Einladung schnöde ab.
    Das war ein trostloser Tag! Die Witterung wurde immer feuchter, die Wolken
zogen immer niedriger und wurden immer grauer. Niemand fand irgendwo Ruhe, und
selbst die Frau Adelheid wurde der Vorstellung, dass der letzte Erntewagen so
glücklich noch ins Trockene gebracht worden war, kaum froh. Der Chevalier
wanderte ununterbrochen im Hause umher, er stieg die Treppen hinauf und kam im
nächsten Augenblick wieder herunter; er sah aus allen Fenstern, öffnete alle
Türen und blickte in Schränke und Schubladen, in welchen er nicht das mindeste
zu suchen hatte und zu finden hoffen konnte. Er verbrauchte sehr viel
Schnupftabak, und die Haute-Justicière folgte in allem seinem Exempel; wahrhaft
ahnfrauenhaft, stumm und Arme und Busen voll eiserner Messer, stieg sie
jedesmal, wenn er die Treppe hinaufstieg, ebendieselbe hinab und umgekehrt.
Hennig vermied das Haus und die Gemeinschaft der Leute drin nach Tunlichkeit. Er
trieb sich in den Ställen, Scheunen und auf dem Hofe umher, und die Leute
draussen hatten alle Gründe, sich über seine üble Laune zu beklagen. Die gnädige
Frau fand ihren besten Trost an ihrer Mamsell Molkemeier, und Tonie - Fräulein
Antonie Häussler hatte ihr Spinnrädchen hervorgeholt, sass in einem Winkel
dahinter, bleich, müde, mit zuckenden Lippen, und der Faden brach ihr recht oft,
und das surrende Rad brachte den Tumult in ihrer Seele nicht zur Ruhe. Wahrhaft
lächerrlich in ihrer Unruhe erschien aber unsere wackere Freundin Jane Warwolf.
Sie, die überhaupt so selten an irgendeinem Orte Ruhe fand, wusste unter den
bewandten Umständen gar nichts mit sich anzufangen und trieb sich umher wie ein
herrenloser Hund - wir wissen leider keinen anständigern Vergleich. Dass sie mit
den andern die Ankunft des Meister Dietrich in Krodebeck zu erwarten hatte,
verstand sich von selber, »aber«, sagte sie später, »der Mensch kann mancherlei
erleben, was er nicht zum zweiten Male erleben möchte, und sollte ich die Tage
noch einmal durchmachen müssen, so könnte es der liebe Gott selbst einer Kreatur
wie mir nicht verübeln, wenn sie mit einem Strick in den Wald ginge und nicht
eher wieder zum Vorschein käme, als bis man sie gefunden hätte - brrr!«
    So lief sie im Dorfe hin und wider, wurde hier angerufen und dort angerufen,
sass auf der Bank und auf jener, lief ein Stück Weges auf jeder Landstrasse und
auf allen Feldwegen hinaus und kehrte grimmig um und kam regennass zurück und
betrug sich sehr unfreundlich in der Gesindestube des Lauenhofes - »und das war
kein Wunder«, sprach sie ebenfalls später, »denn soviel Gift, als andere Leute
in sich lassen können, ohne die Miene zu verziehen, kann ich auch in mir lassen,
doch nicht mehr. Und ich sage Ihnen, Herr von Glaubigern, kein Engel im Himmel
hat jemals mehr stille Wut in sich hineingeschluckt als ich in den Tagen, und
was herausmuss, das muss heraus, sonsten gäbe es gar keine Engel - Sie immer, mit
Erlaubnis zu sagen, ausgenommen, Herr von Glaubigern.«
    Es war ein trostloser Tag, und die Tage, welche ihm folgten, waren noch
schlimmer; denn wenn es schon arg ist, auf etwas Gutes, Angenehmes und
Erfreuliches warten zu müssen, so ist eine Geduldsprobe, wie sie jetzt die
Bewohner des Lauenhofes zu bestehen hatten, kaum zu ertragen. Der einzige lichte
Schein ging am zweiten Tage nach der Ankunft Janes auf dem Hofe von dem
Pastorenfranz aus, der gleichfalls dort einen Besuch abstattete und sein
möglichstes tat, die düstere Gesellschaft durch sonderbar unbefangene
Liebenswürdigkeit zu erheitern. Er zeigte sich ungemein höflich gegen Tonie
Häussler, und als sie unglücklicherweise ihr Taschentuch fallen liess, sprang er
mit einer Gelenkigkeit zu, welche selbst den Herren von Bock und von Kalb auf
der Jagd nach dem klassischen Strumpfband der Prinzess Amalie hätte beneidenswert
erscheinen müssen. Er hätte etwas anderes verdient als die blosse Verwunderung
der Anwesenden, und es war ihm unter solchen Umständen nicht zu verdenken, dass
er die Gesellschaft wenigstens in noch grössere Verwunderung versetzte, indem er
zu ihrer Kenntnis brachte, er werde morgen eine kleine Vergnügungsreise in die
Berge unternehmen.
    Sie sahen ihn alle an, und mürrisch fragte Hennig:
    »Bei diesem Wetter?«
    »Ja, mein Junge! Das Wetter ist freilich nicht verlockend, allein vielleicht
habe ich die letzte Zeit hindurch zu still über den törichten Büchern gesessen.
Leider ist meine Körper- und Seelenstimmung noch schlechter als das Wetter, und
meine Mutter hat sich schon längst über meine Nerven beklagt. Ich fühle es, die
Berge werden mir guttun, und es wäre eine grosse Freundlichkeit, wenn du mich auf
der Fahrt begleiten wolltest, Hennig.«
    Der Ritter von Glaubigern räusperte sich sehr ausdrucksvoll, die Übrigen
schwiegen bis auf die Frau Adelheid, welche der Meinung sämtlicher Anwesenden in
den einfachen Worten Ausdruck gab:
    »Machen Sie sich nicht lächerrlich, Franz.«
    Dass der hoffnungsvolle Kandidat der Gottesgelehrteit hierdurch ein wenig
aus dem Konzept gebracht wurde, kann nicht geleugnet werden; aber er fasste sich
schnell, redete noch einiges über das Wetter und seine Gesundheit und nahm
sodann Abschied mit der Versicherung, dass ihn sein Reiseglück noch nie verlassen
habe und dass auch diesmal die Sonne auf seinen Pfad herablächeln werde, sobald
er Krodebeck im Rücken habe.
    »Man schickt ihn dem - Mann entgegen!« flüsterte Adelaide dem Chevalier ins
Ohr, als sich die Tür hinter dem jungen Leidenden geschlossen hatte. Der
Chevalier sah auf die gnädige Frau, diese zuckte die Achseln und warf einen
Seitenblick auf ihren Sohn, und dieser trommelte verdrossen an der
Fensterscheibe und sprach:
    »Da geht er hin mit seinem Regenschirm und Gummigaloschen! Weiss denn
niemand, was der Bursche bei solchem Wetter im Harz zu suchen hat?«
    Gehörten die Leute auf dem Lauenhofe nicht zu unseren allerbesten Freunden,
wir könnten über alle lachen. Sie hätten es nun bald für eine Gnade genommen,
wenn der Meister Häussler endlich angelangt wäre; aber der Meister Häussler kam
fürs erste noch nicht. Das Wetter blieb feucht, die Tage wurden immer
trostloser, und zu allem andern Elend hatte der geängstete und geärgerte Kreis
auf dem Hofe jetzt auch noch in der Phantasie den Pastorenfranz auf seinen
Pfaden zu verfolgen: Ist er wirklich gegangen, um ihn zu treffen? Wie wird er
ihn treffen? Wo wird er ihn treffen? Hat er ihn in diesem Augenblick bereits
getroffen? Und: was für einen Eindruck hat er auf den Buschmann gemacht?
    Fast hätte die gnädige Frau einen Besuch im Pastorenhause abgestattet, und
sie hätte in der Tat gar nicht übel daran getan, denn das Pastorenhaus wusste
auch diesmal, das heisst unter der neuen Lage der Dinge, wirklich bald besser
Bescheid als der Lauenhof und war ruhig.
    Im Alexisbad hielt sich Herr Dietrich Häussler nicht mehr auf; aber in
Wernigerode auf dem Marktplatz, dem alten, herrlichen Rataus gegenüber, liegt
der Gastof zum Hirsch, und hier fand Franz Buschmann, ganz zufällig das
Fremdenbuch durchblätternd, was er nicht suchte, nämlich ein ihm doch
interessantes Autogramm:
    
    »D.H. Edler von Haussenbleib, mit Bedienung.«
    Am folgenden Tage schon langte im Krodebecker Pfarrhause ein Brief an, in
welchem der gute Sohn den zärtlichen, besorgten Eltern einen kurzen Bericht von
seiner Reise, seiner Gesundheit und einer höchst interessanten Bekanntschaft,
welche er ganz zufällig gemacht hatte, gab; und umgehend schrieb der Herr Pastor
an den guten Sohn im Hirsch zu Wernigerode zurück und freute sich sehr der
Fügungen des Himmels und sah einen augenfälligen Fingerzeig Gottes da, wo andere
Leute vielleicht etwas anderes gesehen haben würden.
    Kein Diplomat hätte sich der Wendungen zu schämen brauchen, in welchen der
geistliche Herr seinen Gefühlen in einer bestimmten Richtung Ausdruck gab und
den augenblicklichen Stimmungen und Verhältnissen von Krodebeck Rechnung trug.
Wer den Mann nur nach seinem all- und sonntäglichen Auftreten kannte, hätte
gewiss nicht geahnt, wie zart und feinfühlig er unter Umständen sein konnte und
in diesem Briefe war. Dass er am Schluss dieses Schreibens sich und sein Haus dem
Edlen von Haussenbleib zur vollkommenen Verfügung stellte und ihn einlud, während
seines voraussichtlichen Aufentalts in Krodebeck sein Absteigequartier unter
seinem bescheidenen Dache zu nehmen, war freilich für den überraschend, welcher
den Mann und sein Haus nur aus dem Alltagsverkehr kannte.
    Es erfolgte keine schriftliche Antwort auf diesen Brief; allein der liebe
Franz hatte gefunden, dass das Wetter in den Bergen noch viel schlechter sei als
das Wetter vor den Bergen. Seine rheumatischen Beschwerden nahmen zu; er nahm
Vernunft an, kehrte verdriesslich-ergeben das Gesicht wieder gen Norden und
kehrte heim zum väterlichen Herde; der Edle von Haussenbleib liess herzlichst
grüssen und nahm mit aufrichtiger Dankbarkeit die wohlgemeinte, gütige Einladung
freundlich an; jedoch auch er litt leider am Rheumatismus und hielt es für eine
Pflicht sowohl gegen sich selber als gegen - seine Enkelin, seine Gesundheit
nicht mutwillig zu vernachlässigen. Der Edle von Haussenbleib liess sagen, er
werde erscheinen, sobald das Wetter sich nur ein wenig aufgehellt habe, und sein
sehnlichster Wunsch sei, dass dieses recht bald geschehen möge.
    »Wir haben nunmehr unsere christliche Schuldigkeit getan und können jetzt
das Weitere ohne Unruhe und Ungeduld erwarten«, sprach der Herr Pastor zu seiner
Gattin; aber kummervoll müssen wir gestehen, dass wir nicht die christliche
Geduld besassen, um zu zählen, wie oft er von jetzt an nach dem Hahn auf seinem
Kirchturm und nach dem Wetterglas sah und wie oft er melancholisch vor seine
Haustür trat und die Hand prüfend in den Landregen hineinhielt.
    Diesmal erfuhr der Lauenhof zuletzt das Gute, was der Herr Kandidat von
seiner Fahrt heimgebracht hatte. Und er erfuhr es auf Umwegen, denn der
Pastorenfranz, durch einen Schnupfen ins Zimmer gebannt, zeigte sich fürs erste
nicht auf dem Hofe. An einem Sonnabend war der Kandidat heimgekehrt, und am
folgenden Tage bereits hielt es der Herr Pastor für seine Pflicht, seine
Gemeinde von einem erhöhten Standpunkte aus auf das bevorstehende Ereignis recht
salbungsvoll vorzubereiten. Was er sagte und wie er es sagte, machte denn auch
den gewünschten Eindruck: die Bauernschaft von Krodebeck lauschte mit
aufgesperrtem Maul, Antonie Häussler war in Schrecken und Verwirrung einer
Ohnmacht nahe, und die gnädige Frau war nahe daran, ihr Gesangbuch gegen die
Kanzel zu schleudern und im Sturmschritt die Kirche zu verlassen. Dass sie sich
bezwang, war eine Merkwürdigkeit, aber eine Merkwürdigkeit war's auch, dass die
fromme Gemeinde nicht auf der Stelle aus der Kirche fortstürzte, um vor dem
südlichen Ausgange des Dorfes eine Ehrenpforte für den heimkehrenden Helden, der
merkwürdigerweise diesmal wirklich als ein Ritter heimkehrte, zu errichten.
Besprochen wurde das Ding wirklich am Nachmittag im Kruge, und wer weiss, ob
nicht die Tat dem Rate gefolgt wäre, wenn nicht die Frau Adelheid ihren Gefühlen
bereits an der Kirchentür mit Nachdruck Luft gemacht hätte. Auch die Frage, was
der andere Herr Ritter zu der Sache sagen werde, fiel ins Gewicht, und so
begnügte sich das Dorf damit, gleichfalls nach den Regenwolken zu sehen und mit
Spannung zu erwarten, dass der Himmel sich aufkläre.
    Seien wir nun kurz. Der Edle Häussler von Haussenbleib ist endlich lang genug
ausgeblieben; und wie es bei allen mit Sehnsucht oder Furcht erwarteten grossen
oder kleinen Dingen zu gehen pflegt, so war auf einmal das Ereignis in die Welt
getreten, ohne dass die Welt dadurch über den Haufen geworfen worden wäre: der
Edle Häussler von Haussenbleib war in Krodebeck eingetroffen. Am Mittwoch schon
und wirklich bei recht heiterem Himmel war der grosse Mann angelangt und hatte
sogar das Pfarrhaus durch seine Ankunft überrascht; denn ganz einfach, wie der
Einfachste der Sterblichen, zu Fuss kam er an, wandelte langsam und behaglich an
den Stockrosen und Stachelbeerbüschen des Pfarrgartens vorüber, schlug tändelnd
im Vorbeischreiten mit dem eleganten Stöckchen einer frühen Dahlie den Kopf ab,
besah das geistliche und gastliche Haus eine kurze Weile durch sein Augenglas
und trat ein. Der geistliche Herr fuhr verstört und ein wenig blödsinnig
stierend aus dem Nachmittagsschlummer empor, die Gattin endigte mit einem leisen
Schrei einen heftigen und sehr lauten Streit mit der Magd des bescheidenen
Daches, und nur Franz war imstande, sich rasch zu fassen und die notwendige
gegenseitige Vorstellung zu besorgen. Im nächsten Augenblick zeigte es sich denn
freilich, dass über einen reuig heimkehrenden Sünder mehr Freude ist als über
neunundneunzig Gerechte. Der Edle von Haussenbleib konnte mit dem ersten Empfang
in Krodebeck wohl zufrieden sein.
    Er war nicht nur zufrieden, er war sogar gerührt, und sein Wagen, oder
vielmehr der Wagen des Wirts zum Hirsch in Wernigerode, hielt vor dem Dorfkruge,
wo der vornehme Wiener Bediente mit Herablassung das scheue Staunen hinnahm,
welchem sich der Herr so bescheiden entzogen hatte. Es zeigte sich bald, dass der
Edle durchaus nicht deshalb nach Krodebeck gekommen sei, um Aufsehen zu erregen,
und dass die Familie Buschmann in mehrfacher Beziehung über den Mann, welchen sie
so gastfreundlich unter ihr Dach einlud, sich getäuscht habe. Von einer schönen,
milden und etwas wehmütigen Vertraulichkeit war gar nicht die Rede. Unbefangen
genug trat der erfahrene, weltgewandte Mann auf; aber diese helle lächelnde
Unbefangenheit blieb seltsamerweise gänzlich auf der Seite des Herrn von
Haussenbleib, und bereits während der ersten gern und höflich angenommenen
Erfrischung merkte der Herr Pastor mit wachsendem Unbehagen, dass nicht er,
sondern ganz und gar der verehrte Gast die Sachlage beherrsche und die
Verhältnisse von Krodebeck nach seinem Gefallen zurechtrücken werde.
    Der Pastor Buschmann hatte sich den Meister Dietrich Häussler ganz anders
vorgestellt, und selbst die Frau Pastorin fühlte zum erstenmal in ihrem Leben
sich einer Macht gegenüber, die über ihre Krodebecker Erfahrungen weit
herausging und gegen die sie keine Waffe besass. Der behagliche Fremdling in dem
eleganten grauen Herbstkostüm, welches aussah, als ob jedermann es tragen und
wie ein Gentleman drin aussehen könne, lächelte sie aus allen ihren
Verschanzungen. Es war rein unmöglich, mit diesem Mann von Dingen zu reden,
welche er nicht hören wollte. Eine leichte Handbewegung genügte, um ganze
Jahresreihen Voll der interessantesten Data und Fakta abzutun und sie für immer
aus dem Gespräch zu verbannen. Das war ein Mann, der jede Krodebecker
Weltanschauung wie von einem hohen Berge übersah und der den Vorhang seiner
Welt, der Welt, aus welcher er jetzt zum Besuch erschien, nur mit
grösstmöglichster Vorsicht lüften durfte, wenn das dreimal glühende Licht nicht
seine volle blendende Wirkung auf diese einfachen Bewohner des nördlichen
Abhanges des Harzgebirges ausüben sollte.
    Nach eingenommener Erfrischung bat der grosse Zauberer den verschüchterten,
schwindelnden Pfarrer um eine vertraulichere Unterhaltung und - führte ihn
gemütlich die Treppe hinauf in das Studierstübchen desselben. Er führte den
Pastor in das Studierstübchen und litt es als feiner Kavalier durchaus nicht,
dass die Dame des Hauses sich jetzt noch länger durch ihn in ihren
Haushaltsgeschäften stören liess. Als nach einer halben Stunde peinlich
prickelnder Aufregung die geistliche Hirtin es nicht länger aushielt und leise
ebenfalls die Treppe hinaufging und die Hand auf den Türgriff legte, fand es
sich, dass der Edle die Delikatesse fast etwas zu weit getrieben hatte: er hatte
den Riegel vorgeschoben!
    »Wir kommen sogleich, meine Liebe!« klang von drinnen die Stimme des Gatten,
eigentümlich gehalten und gedrückt. Kopfschüttelnd stieg die geärgerte Frau
wieder hinab und fand sich - dem überwältigenden Wiener Lakaien gegenüber,
welcher eben das Gepäck vom Dorfkrug hatte herbeischaffen lassen und dessen
grossartiger Unterwürfigkeit gegenüber sie fast in Schwachheit, Angst und
Ratlosigkeit verging.
    Und die beiden Herren kamen noch lange nicht, und als sie endlich kamen,
lächelte der Herr von Haussenbleib mehr denn je, und der Pfarrer sah sehr
erschöpft aus, trocknete sich die Stirn mit dem Sacktuch und flüsterte, als er
die Gelegenheit fand, einen kurzen Augenblick die Gattin allein beiseite zu
nehmen:
    »Er weiss nun alles, und ich weiss nichts, als dass er nicht seinen Aufentalt
in Krodebeck nehmen und nicht friedlich fürderhin unter uns wohnen wird; o mein
Gott! O meine Gute, meine Be-ste!«
    »Wer hat dir geraten, dass du dich in nichts mengen und mischen solltest?«
fragte die Beste scharf, schneidend und kurz und hätte noch mehr gesagt, wenn
der Gast nicht in diesem Augenblick wieder eingetreten wäre. Der Ritter von
Haussenbleib hatte den imposanten Bedienten mit einer Karte nach dem Lauenhof
geschickt und liess anfragen, wann es den gnädigen Herrschaften gefällig und
angenehm sein werde, den gnädigen Herrn zu empfangen. Der gute Franz hatte dem
Menschen den Weg zu zeigen und tat's mit einem schrillen Gefühl des Unbehagens.
    Es war jetzt gegen vier Uhr am Nachmittag. Der Pastorenfranz hatte dem
Diener das Tor des Lauenhofes von ferne gezeigt und war wieder zurückgekehrt;
der Diener trat ein in das Tor und traf zuerst auf die Frau Jane Warwolf, die
nach ihrer Gewohnheit auf dem Prellsteine sass und jetzt aufsah und seufzte:
    »Da ist der erste von der Bande! Glück auf, jetzt bricht das Unglück
herein!«
    Der Fremde, welcher natürlich die Meinung der Alten nicht verstand, grüsste
höflich, schritt weiter dem alten Herrenhause zu und wurde mit seiner Botschaft
von Hennig in Empfang genommen und zur Mutter weiterbefördert. Die Frau Adelheid
nahm die Karte und die Bestellung hin, betrachtete den Boten aus einer besseren
Welt geraume Zeit mit grosser Aufmerksamkeit und liess zurücksagen:
    »Der Herr - Edle - von Haussenbleib - mag kommen, wann er will. Sagen Sie ihm
das, mein lieber Mann, und sagen Sie ihm zugleich, es habe der Umstände gar
nicht bedurft, denn der Herr Häussler werde sich noch erinnern, dass er ein ganz
guter alter Bekannter von mir sei und dass ich mich weder vor ihm noch sonst
jemand in meinem Leben im geringsten geniert habe.«
    Auch diese Rede verstand der Bote nur zur Hälfte, aber er verstand doch
genug davon, um mit einer tiefen Verbeugung seinen Rücktritt nehmen zu können.
Er schritt wieder fort, wie es schien, gar nicht erbaut von dem Ton, welcher auf
diesem nordischen Bauernhofe herrschte, und gegen fünf Uhr kam an seiner Stelle
der Edle Häussler von Haussenbleib in Begleitung, wenn auch nicht des Genius loci,
so doch des Pastor loci. Und wenn die Frau Adelheid von Lauen sich, ihrem Wort
zufolge, vor keinem Menschen in der Welt genierte, so hatte sie sich doch auf
den Besuch keines Menschen innerlich und äusserlich so sehr vorbereitet wie auf
den dieses Mannes.
    Den anderen schwamm, sang und klang es vor Auge und Ohr in einer Weise, die
sie fürs erste vollständig unfähig machte, die nötige Klarheit der bedenklichen
Stunde gegenüber festzuhalten.
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Wir haben wohl den Schüdderump gänzlich vergessen? Das Leben ging uns so leicht
und weich ein, die Tage gingen wie auf samtnen Schuhen vorüber: weshalb auch
sollten wir in der guten Stunde selbstquälerisch das aufsuchen, was seinerzeit
ohne Einladung nahen und sich nicht abhalten lassen wird? Wir waren gesund und
wohlauf; ja, wir konnten lachen, ohne zu wissen warum; warum sollten wir
freiwillig das dunkle Bild im Winkel aufstöbern, welches uns sehr ernst stimmt,
ohne dass wir behaupten könnten, wir wüssten nicht weshalb?
    Horch, was war das? Vielleicht traf das Rad des widerwärtigen Karrens auf
einen Stein im Wege, und so wurde die schauerliche Last ein wenig
zusammengerüttelt, und den Ton vernahmen wir mitten im fröhlichen Behagen des
Daseins, im Kreise der Freunde, einsam am warmen Ofen in der Winternacht, auf
der Höhe des Gelags, unter den Kränzen der Hochzeitsfeier, im Teater, am
Wirtshaustisch oder im tiefen traumlosen Schlaf. Das ist's! Und man fährt mit
der Hand an die Stirn: soviel Lichter um uns her angezündet sein mögen, so hell
die Sonne scheinen mag, auf einmal wissen wir wieder, dass wir aus dem Dunkeln
kommen und in das Dunkle gehen und dass auf Erden kein grösseres Wunder ist, als
dass wir dieses je für den kürzesten Moment vergessen konnten.
    Da denken wir mit Schauern derer, welche gestern starben, und derer, die in
tausend Jahren sterben werden, und vielleicht denken wir auch an ein uns
fremdes, gleichgültiges, unbekanntes Kind, das wir einst zufällig unter den
Blumen seines Sarges erblickten, und sehen ernst genug geradaus und begreifen
augenblicklich kaum noch, wie der dicke Gevatter uns gegenüber so herzlich über
den alten Witz seines hagern Nachbars lachen kann, bis dasselbe Wunder auch uns
von neuem widerfährt und das Messer- und Gabelgeklirr des Lebens auch uns von
neuem betäubt und obendrein uns recht vergnügt stimmt. -
    Sie waren wiederum alle in der gelben Stube versammelt und sahen auf die
Karte des Herrn von Häussler, welche auf dem Tische lag. Auch Jane Warwolf sass im
Winkel; die Frau Adelheid hatte ihr den Eintritt und Aufentalt nicht verwehrt,
in Anbetracht, dass sie wohl ein Recht besass, bei diesem Empfang zugegen zu sein,
und sich vielleicht dabei sogar nützlich machen konnte.
    Antonie sass bleich und zitternd zwischen dem Chevalier und dem Frölen; sie
kannte nun ihre Familiengeschichte bis in die geringsten Einzelheiten, und als
die gnädige Frau, welche am Fenster Posto gefasst hatte, plötzlich den Kopf
zurückwarf und rief: »Da kommt er, wahrhaftig! Nun munter!«, da lehnte sich das
junge Mädchen im Stuhl zurück, griff zur Rechten und Linken nach den Händen der
beiden alten Freunde und schloss für einen Moment ganz die tränenschweren Augen.
Der Junker von Lauen blickte seiner Mutter entsetzlich dumm über die Schulter
und murmelte:
    »Also das ist er?«
    Er war es wirklich! Ein ältlicher, wohlerhaltener, behaglicher Herr von
Mittelgrösse, mit grauweissem Haar, in einem schon erwähnten grauen Herbstkostüm;
ein freundlicher Herr, dessen äussere Erscheinung weder etwas Auffallendes noch
etwas Unangenehmes hatte, ein Herr, dem man im Eisenbahnwagen mit Vergnügen die
Tabaksdose angeboten hätte, um eine erfreuliche Reisebekanntschaft anzuknüpfen,
ein Herr, der keineswegs aussah, wie die Frau von Lauen ihn sich vorgestellt
hatte, und der weder durch Arroganz noch Verlegenheit eine Handhabe für einen
übelwollenden Gegner bot.
    Er hatte seinen Arm in den des Pastors Buschmann geschoben, und diesem Herrn
sah man freilich die Verlegenheit und das Gefühl seiner falschen Stellung
deutlich an. Er lächelte auch, allein auf vollkommen andere Weise als der Edle
von Haussenbleib. Oh, der Würdige duldete Arges in diesem Augenblicke, und seine
Qualen wurden nicht dadurch gemindert, dass er wohl ahnte, sein Begleiter wisse,
wie sehr er leide und für seine tiefe, herzliche, selbstlose Teilnahme am Wohl
und Wehe des Nächsten büsse. Der Edle Von Haussenbleib hielt ihn sehr fest, er
liess ihn nicht los, er hielt ihn sogar immer zärtlicher, und die gnädige Frau
hinter der Fensterscheibe sprach:
    »Ganz wie Pastor und Pullox, oder wie Ihre beiden alten Völkerschaften sonst
heissen mögen, Glaubigern! O Kinder, Kinder, er ist es, er ist es wirklich! Aber
einem andern als mir selber würd ich's doch nicht glauben. Das ist der Häussler,
der Dietrich Häussler? Da sollte es freilich jeder verschwören, je einen Eid vor
Gericht abzulegen.«
    Er war es unzweifelhaft, und er liess den Pastor Buschmann anklopfen;
schnarrend rief Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin: »Entrez!« Antonie
erhob sich mit einem klagenden Ausruf und wankte mit ausgestreckten Händen
vorwärts; der Edle trat ihr rasch entgegen, sah sie einen Moment starr, erstaunt
und doch ein wenig fragend an und rief sodann, mit ausgebreiteten Armen, in voll
herausbrechender naivster Herzlichkeit und Freude:
    »Jesus Maria, ganz wie ihre Mutter, ganz wie mein liebes Kind! Ganz wie ich
sie mir vorstellte und wünschte! Tonerl, Tonerl, du bist's! Du bist's gewiss und
wahrhaftig, und hier hast du mich, hast du deinen armen, alten Grosspapa, und nun
werden wir uns unter keinen Umständen wieder verlassen!«
    Niemand hatte das Recht oder masste es sich an, ihn zu hindern, das Kind in
seine Arme zu ziehen und es fünf Minuten hindurch immer von neuem abzuküssen;
selbst das Fräulein von Saint-Trouin konnte ihn nicht daran hindern. Antonie
weinte laut, und als der Edle, von so vielen sonderbaren Mienen umringt, sie
endlich freiliess, sah er doch endlich auch einmal aus wie jemand, der irgend
etwas ganz anders fand, als er's sich in der Phantasie ausgemalt hatte.
    Aber unter dem Blicke Adelaides fasste er sich ungemein schnell. Die Hand
seiner Enkelin haltend, trat er einen Schritt zurück, verbeugte sich ernst und
würdig im Kreise und wendete sich an den Angstschweiss schwitzenden Pfarrherrn
mit den Worten:
    »Mein verehrter Freund, ich bitte Sie, kommen Sie mir zu Hülfe. Sie wissen
alles, was ich sagen könnte; o reden Sie, reden Sie, reden Sie für mich! Sie
sehen, ich habe für tausend unbedingt nötige Worte nur ein unverständliches
Stammeln. Mein würdiger Freund, Sie, dem ich meine ganze Seele geöffnet habe,
sprechen Sie, sprechen Sie für mich!«
    Der Pfarrherr, mit einem Gesicht wie ein nicht schnupfender Diplomat,
welcher aus der Dose eines regierenden Herrn eine Prise nehmen musste, wand und
drehte sich, allein es war keine Hülfe für ihn, und er erhob die Hände, und er
öffnete den Mund und begann mitten aus der eigenen vollkommenen Enttäuschung
heraus:
    »Ach, hochgeliebte Anwesende, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder
einträchtiglich miteinander wohnen -«
    Weiter liess ihn die gnädige Frau leider nicht gelangen, denn ohne auf seine
Stellung im Leben und in der Kirche Rücksicht zu nehmen, wohl aber seine
Stellung zu den gegenwärtigen Zuständen scharf ins Auge fassend, unterbrach sie
ihn und sagte:
    »Lassen Sie das, Buschmann. Von allem andern abgesehen, meine ich, dass sich
für dieses merkwürdige und erfreuliche Wiedersehen vielleicht passendere
Bibelstellen finden und anwenden lassen würden. Sprechen Sie nur dreist selbst,
lieber Häussler; wir kennen uns ja und werden einander gewiss verstehen. Ich bin
eine einfache Frau, aber auf den Kopf bin ich doch nicht gefallen; also stammeln
Sie in Gottes Namen nur los, Alterchen; und um einen guten Anfang zu machen,
fasse ich ebenfalls tausend Worte in eins und sage Ihnen, dass Sie uns heute eine
recht sonderbare Ehre erweisen, und ich hätte nimmer gedacht, Sie noch einmal
mit meinen leiblichen Augen in Krodebeck und hier auf dem Lauenhofe zu
erblicken.«
    »Sie haben, wie immer, recht, gnädige Frau«, erwiderte der Edle plötzlich
gefasst, kühl und ohne jegliches Stammeln. »Sie haben heute ebenso recht wie
unter andern Umständen vor zwanzig Jahren; es ist eine grosse Ehre sowohl für
Krodebeck als auch für den Lauenhof. Einer solchen Dame gegenüber ist es
freilich besser, selber seine Sache zu führen, und so stimme ich der gnädigen
Frau in aller Untertänigkeit bei: lassen wir jetzt und in Zukunft alle
Mittelpersonen beiseite! Verhandeln wir von Mund zu Munde, vom - Herzen zum
Herzen! - im Grunde war das alle Zeit meine Maxime. Vom Herzen zum Herzen! Kann
man einen bessern Wahlspruch, eine edlere Devise für ein Wappenschild ersinnen?
Und ich habe die Worte zur Devise genommen, meine Herrschaften, und ich habe im
grossen und im kleinen zu jeder Zeit danach gehandelt. Tonerl, Tonerl, vom Herzen
zum Herzen; würde ich hier auf dieser Stelle, in diesem Zimmer stehen, wenn
nicht das Herz mich hergeführt hätte, wenn nicht das Herz jeden meiner Schritte
gelenkt hätte!?«
    »Bravo!« murmelte Fräulein Adelaide und schickte das Wort wie einen Pfeil
gegen das Herz des Redners; allein der Edle schien mit siebenfältigem Erz gegen
dergleichen ironische Angriffe gepanzert zu sein. Er achtete wenigstens nicht im
geringsten auf die Haute-Justicière und diesen Akt peinlichen Rechtes;
kaltblütig fuhr er gegen die Frau Adelheid gewendet fort:
    »Ja, meine Gnädige, ein Zweck und Ziel, wie ich im Busen trage, lassen wohl
grössere Anstände überwinden als einige seit einem Menschenalter veraltete
törichte Reminiszenzen, zumal wenn man sich im Rücken so gut gedeckt weiss durch
eine ernste, segensreiche, mühevolle Tätigkeit wie der arme Dietrich Häussler. Es
steht ein Greis vor Ihnen, gnädige Frau, ein Greis unter greisen Leuten, von
allen übrigen Unterschieden gegen die Vergangenheit zu schweigen. Wir sind alle
andere geworden, und ich bitte, nicht zu vergessen, dass ich nur deshalb in
meinem Alter eine solche weite und beschwerliche Reise unternommen habe, um hier
an dieser Stelle meinen innigsten, tiefgefühltesten Dank für alles
auszusprechen, was man mir, meinem Haus und vor allem diesem lieben Kinde Edles
und Gutes erwies. Ich bin kein armer Mann mehr, meine Herrschaften, und meine
soziale Stellung lässt kaum noch etwas zu wünschen übrig; allein, was ich auch
vor mich brachte, das Herz erhielt bis jetzt seinen Teil noch nicht, und dieses
wünsche ich ihm nunmehr zu geben. Verzeihen Sie, gnädige Frau, dass ich mich
immer zu diesem Engel wenden muss. Ja, Tonerl, Tonerl, dich habe ich nötig, du
allein hast mir zum vollen Frieden und Glück meines Alters noch gefehlt. Und wie
ähnlich du deiner armen, seligen Mutter siehst! Du bist wahrhaftig das Kind
meiner Marie - es ist kein Zweifel möglich -, alles übrige gilt mir nichts!
Himmlisch! Rührend, rührend! Ach, meine Hochverehrtesten, das ist wahrlich ein
süsser, ein unbeschreiblicher Moment!«
    »Na, so beschreib ihn lieber nicht, Dietrich!« liess sich, aus dem Winkel,
entsetzlich roh und rücksichtslos die Meinung der Frau Jane Warwolf vernehmen
und brachte auf sämtliche Anwesende einen ganz wunderbaren Eindruck hervor.
Leider fasste sich der Edle am schnellsten. Er bediente sich seiner Lorgnette,
zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe und sagte milde und lächelnd:
    »Schau! Wohl noch eine alte Bekannte? Wenn ich nicht irre, eine recht gute
alte Bekannte, die Frau Christiane Warwolf aus Hüttenrode? Mein Gott, wie sich
die Zeiten ändern und wie einem die besten Freunde aus dem Gedächtnis schwinden
können!«
    Er liess das Augenglas fallen und schloss damit dieses Intermezzo vollkommen
ab. Dagegen fasste er die zitternde Antonie von neuem in die Arme und richtete
die feuchten Augen - diesmal ohne Lorgnette - auf die übrigen Anwesenden.
    »Jaja«, rief er in Freude und Wehmut zugleich, »dies ist denn das junge
Mädchen, mein Kind, meine Enkelin, deren Existenz mir so lange verborgen blieb
und die ich jetzt als mein ganzes, vollstes, eigenstes Eigentum an mein Herz
nehme! Nicht wahr, meine Teuren, ich darf sagen, es ist unsere Antonie? Die
Vergangenheit ist vollständig in diesem jungen, schönen Wesen begraben, und
niemand hier in diesem Kreise trägt dem alten vereinsamten Mann es nach, wenn er
auch seinerseits alles tun will und wird, was den Segen der Gegenwart und das
Glück der Zukunft unbedingt erhöhen muss?!«
    Der Ritter von Glaubigern seufzte tief; der Edle von Haussenbleib aber setzte
sich auf den nächsten Stuhl und zog das Kind der schönen Marie auf seine Knie.
    »O gnädige Frau«, sprach er, »gönnen Sie uns Zeit, uns von einer solchen
Aufregung zu erholen. Dort sinkt die Sonne hinter den bekannten Horizont meiner,
ich kann leider nicht sagen glücklichen oder unschuldigen Jugendzeit. Ich bin
ein sehr reicher Mann, aber ehe ich das Kind liesse, würde ich lieber als ein
blinder Bettler mit ihm den Lauenhof verlassen. O gnädige Frau, könnten Sie
wirklich das Brot und Salz des guten, alten Hauses, welches Sie keinem Bettler
verweigern, mir verweigern wollen?«
    Mit andern Worten hiess das: der Herr von Haussenbleib lud sich hiermit auf
dem Lauenhofe zum Abendessen ein, und das war denn in einer Art praktisch und
den Verhältnissen der Gegenwart und Zukunft so sehr angemessen, dass keine
Weisheit und Welterfahrung, kein Plato und kein Pytagoras etwas Verständigeres
und dem Moment Angemesseneres an die Stelle hätte setzen können.
    Nur einen kurzen Augenblick sah die Gutsfrau etwas verloren und zweifelhaft
auf den Edlen und die Freunde; aber da ihr niemand zu Hülfe kam oder zu Hülfe
kommen konnte, so murmelte sie eine undeutliche Zustimmung und setzte etwas
deutlicher hinzu, sie habe sich jedenfalls dieses Vergnügen ausbitten wollen.
Was für eine gewaltige Kluft zwischen den Parteien dadurch plötzlich überbrückt
war, das musste bald jedermann klarwerden.
    Jane Warwolf stöhnte und knurrte in ihrer Ecke und wiegte den Oberkörper in
höchster Missbilligung hin und her.
    »Wird dir übel, Jane?« fragte die Frau Adelheid, und tückisch erwiderte die
Alte:
    »Ja, recht sehr übel wird mir!«
    Die Gnädige ergriff die Alte am Handgelenk, wendete sich nochmals an den
Edlen:
    »Also, wir haben nachher die Ehre!« und schritt steif hinaus, die Warwölfin
hinter sich drein ziehend. »Es war die allerhöchste Zeit«, sagte sie nachher,
»einen Augenblick später wäre sie ihm wie eine Wildkatze ins Gesicht gesprungen,
und, lieber Glaubigern, anjetzt ist es mir wieder völlig unklar, weshalb ich sie
eigentlich dran gehindert habe. Ach Gott, wir sind in diesem Punkte immer zu
kitzlig auf dem Hofe gewesen. Einer Anspielung auf die Speisekammer gegenüber
haben unsere besten und gröbsten Vorsätze nicht Stich halten können.«
    Dem sei nun, wie ihm wolle, fürs erste war die Gnädige herzlich froh, einen
Atemzug freierer Luft einnehmen zu dürfen, und leider müssen wir hinzufügen, dass
sie, sobald sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, in der Tiefe ihrer Seele
folgendes Selbstgespräch hielt:
    »Wer hat denn eigentlich diese ganze Suppe eingebrockt? Ich nicht! Da
brauchte man wahrhaftig kein Prophet zu sein, um vorhersagen zu können, was aus
diesem Wesen mit dem armen Kind zuletzt herauskommen musste. Dass dieser Bursche,
dieser Häussler, auf einmal wieder auftauchen würde, konnte freilich keiner
wissen; aber das ist ganz einerlei, einmal musste der Kuchen in die Asche fallen,
und wer weiss, ob die Vorsehung nicht auch hier wieder den besten Weg gefunden
hat? Ja, er soll bei uns essen, und der Ritter und das Frölen mögen jetzt die
Kosten ihres Vergnügens tragen, ich habe sie oft genug gewarnt.«
    »Sie sieht finster drein, Frau von Lauen«, sagte Jane Warwolf, »aber es
hilft nichts. Jetzo möcht ich auch die Hunde loslassen.«
    »Untersteh dich!« rief die gnädige Frau, aus ihrem Nachdenken erwachend.
»Hier kann niemand helfen, und der liebe Gott kennt überall das Beste. Nein, es
hilft nichts - der Herr isst bei uns.« -
    In der gelben Stube erschien der Edle gerührter denn je. Er vergoss sogar
einige Tränen, was dem in Kummer und Zorn ringenden Ritter unmöglich war. Aber
viel rührender als die Tränen des Edlen waren die Liebkosungen des Ritters, mit
welchen er sein Pflegekind jetzt umfing, anzuschauen. Sowie die Frau Adelheid
das Zimmer verliess, hatte Antonie sich den Armen des Grossvaters entzogen und mit
einem Wehelaut sich in die Arme des Pflegevaters geworfen, während sie eine
heisse, fieberhafte Hand dem Fräulein von Saint-Trouin reichte:
    »Ich kann euch nicht lassen! O wo ist meine Mutter? Wo ist die alte Frau,
der ich ganz gehörte, als meine Mutter gestorben war? Was soll aus mir werden?
Was soll ich tun?«
    »Mein Kind! Mein liebes, liebes Kind!« stöhnte der Ritter, der in diesem
Moment vor den blinden Augen eine seltsame Vision von dem Kürassiersäbel und
Panzer droben über seinem Sofa und vom Feld bei Ligny und der anrasselnden
französischen Reiterei hatte, unfähig, sich von dem zerstampften Boden
emporzurichten.
    »O mein Kind!« ächzte das Fräulein, und Hennig rief:
    »Tonie, bleibe bei uns! Es wird dich niemand uns nehmen, wenn du wirklich
bei uns bleiben willst!«
    Mit ausgebreiteten Händen wendete sich der Edle gegen den jungen Mann.
    »Das Herz bricht mir, und doch - doch bin ich so glücklich!« rief er mit
zitternder Stimme. »Jetzt erkenne ich erst ganz, welch ein Juwel mir zuteil
wurde und welch einen Dank ich abzutragen habe. Ach, meine Antonie, es wird
niemand dein Herz zwingen - niemand hier im Kreise! Frei und ungehindert musst du
der Stimme in deinem Innern folgen; ach, wer erkennt besser als ich, wie - wie
étrange und delikat der Standpunkt ist, auf den dich ein hartes Geschick uns und
der Welt gegenüber stellte. Ach wohl, mein teures Mädchen, folge hier und immer
dem Zuge deines Herzens, es wird dich jederzeit das Richtige lehren.«
    Er war noch lange nicht fertig. Es war sehr gefährlich, ihn zum Wort
gelangen zu lassen, denn fürs erste hörte er nicht wieder auf. Er redete mit
tränenvoller Stimme weiter von berechtigten Gefühlen, von süssschmerzlicher
Gegenwart und hoffnungsreicher glanzvoller Zukunft. Er schlug einen
vortrefflichen Seifenschaum und seifte sämtliche Anwesende in einer Art ein,
die, ihn zu seiner jetzigen Lebensstellung vollberechtigt erscheinen liess. O er
spielte trefflich den hochgebildeten Mann und liess den reichen nur in den
feinsten, aber grade darum anlockendsten Abschattungen hervortreten. Er freute
sich so unendlich um des Kindes willen, sich aus Not, Elend und Niedrigkeit zu
solcher wundervollen Lebenshöhe aufgeschwungen zu haben, und er liess die
Autorität, die er hätte in Anwendung bringen können, so zart verschleiert im
Hintergrunde durchblicken, dass er auf jedem Punkte - zum zweiten Male sei es
gesagt - im elegantesten, aber auch undurchdringlichsten Harnisch erschien.
Zuletzt bat er in noch zartern Tönen und überquellenden Herzensklängen um ein
kurzes Einzelgespräch mit Antonie und würde nicht darum gebeten haben, wenn man
es ihm hätte verweigern können.
    Willenlos trat Antonie Häussler wieder zu ihm hin; der Pastor von Krodebeck
erhob sich von dem Stuhl, auf welchem vorhin Jane Warwolf sass, und wankte, sein
Taschentuch erst auf das linke und dann auf das rechte Auge drückend, zur Tür.
Vernichtet bot der Ritter dem Fräulein von Saint-Trouin den Arm, und der Junker
von Lauen stürzte wie ein Verrückter ins Freie und stöhnte:
    »Oh, wenn mir doch jetzt ein Mensch begegnete, dem ich die Seele aus dem
Leibe prügeln könnte! Oh, wenn mir doch jetzt mein Freund Buschmann begegnete!«
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Der Edle von Haussenbleib nahm, wie die gnädige Frau sich ausdrückte, mit dem
Lauenhofe »vorlieb«. Er war so gütig und griff zu, auch da, wo er seinen
Gefühlen einen Zwang antun musste. Er sass bei Tisch neben seiner Antonie, der
einzige, welcher, seiner Wehmut zum Trotz, Appetit entwickelte, und bedauerte
nur, dass sein gütiger und vortrefflicher Gastfreund, der Herr Pastor, nicht auch
an dem freundlichen Mahle teilnehmen konnte. Die übrigen wussten wenig zu sagen
und konnten noch weniger essen.
    Es war ein schöner, stiller, warmer Abend; die Erde sah auf den Mond, als ob
Höhenrauch und Regenwolken gänzlich unbekannte Begriffe für sie seien, und die
Bewohner des Lauenhofes blickten teilweise auch zum Monde empor. Sie gingen
nämlich nach dem Abendessen im Garten spazieren - es war wirklich eine
wunderschöne Herbstnacht. Der Edle hatte natürlich wiederum den Arm Antoniens
unter den seinigen gezogen und führte sie langsam durch die hellen Gänge, als ob
er seit zwanzig Jahren jede Nacht verstohlen über die Mauer geklettert sei, um
sich Ortskenntnis zu verschaffen. Er plauderte nunmehr ganz munter - er war sehr
heiter - er war ausnehmend vergnügt und in der Tat ungemein unterhaltend. Selbst
Hennig, welcher grollend hinter dem Alten und seiner Enkelin drein zog und
Blätter und Zweige von den Büschen abriss und sie entweder grimmig in den Weg
streute oder sie noch grimmiger zerkaute, musste mit immer stärkerem Interesse
ganz gegen seinen Willen aufmerken.
    Da sprach der vielerfahrene, weitgewanderte Greis, mit einem Blick auf den
guten, ehrlichen Mond, von der schönen Stadt Wien, und wie herrlich man dort
lebe. Hohe Dinge redete er von seinem Leben dort und den noch höheren Personen,
welche ihn daselbst der Ehre ihrer Bekanntschaft würdigten. Dann erzählte er von
Italien, und jetzt fing der Mond an, wirklich sein ehrlich, breit Gesicht zu
einem Grinsen zu verziehen. Von Venedig, Mailand, Padua, Mantua usw. schwärmte
er, und seltsamerweise mit der höchsten Begeisterung von der herrlichen Stadt
Verona. Der Name schien ihn jedesmal in eine mildere Ekstase zu versetzen. Von
Romeo und Julia, vom Dietrich von Bern schien er wenig zu wissen; aber desto
mehr wusste er von der trefflichen strategischen Lage des Ortes und über das Fort
San Felice und das Kastell San Pietro zu sagen. Fast zärtlich sprach er von der
dreifachen Verteidigungslinie der Stadt, von all den wunderbaren Massentürmen,
Terrassen, den bastionierten Fronten, Revers- und Traversalmauern,
Ausfallsrampen und dem Brückenkopfe am neuen Arsenale: es war kaum zu glauben,
dass dieser Mann einst an jedem Sonnabendabend die Krodebecker Bauern für den
sonntäglichen Kirchengang rasiert hatte!
    Er wusste ausgezeichnet gut Bescheid in Verona, und wer ihn hörte, der musste,
wie er sich auch sträubte, endlich daran glauben, dass die Veroneser über diesen
ihren zweiten Dietrich von Bern in einem fortwährenden Taumel von Entzücken und
Dankbarkeit schwammen. Kein Mensch auf Erden meinte es so gut mit den Veronesern
wie der Edle von Haussenbleib, und wiedermal drückte der Edle das Taschentuch auf
die Augen, wenn er an die gratitudine und riconoscenza der braven Leute dachte.
    »Ich habe sie schon dreimal mit verproviantieren helfen!« rief der Edle, in
diesen süssen Erinnerungen schwelgend, und dann - dann wendete sich der
Gartenpfad, und die drei Lustwandelnden richteten ihre Schritte von neuem dem
alten Herrenhause zu. Dort schimmerte die Lampe durch die Glastüren und Fenster
des Gartensaales, und wenn man näher herantrat, erblickte man den Ritter von
Glaubigern und das Fräulein von Saint-Trouin an dem noch gedeckten Tische, die
Stirnen auf die Hände gestützt, kummervoll einander gegenübersitzend; und das
war gewiss kein fröhlicher Anblick. Die Frau Adelheid hatte sich längst zu ihrer
Mamsell Molkemeier begeben und sass ganz behaglich, ihr Herz ausschüttend, in der
Milchkammer; aber diese beiden armen Greise sassen, trotz der Gesellschaft, die
sie einander leisteten, allein - ganz allein - jedes für sich allein! Sie
erschienen kümmerlicher, verlorener, antiquierter denn je, und es gab nichts
Schmerzlicheres in der Welt für Antonie Häussler, als zu gleicher Zeit den
Gesprächen ihres muntern, hellen Grosspapas zuhören zu müssen und diese beiden
guten, alten, treuen, sonderbaren Leute, deren letzter Lebenstrost sie gewesen
war, im Auge zu haben.
    »O und wie oft werde ich sie noch verproviantieren helfen!« jubilierte der
Edle, und in diesem Augenblicke trat die gnädige Frau, welche ihre Seele in der
Milchkammer vollkommen befreit hatte, zu ihm, und der Herr von Haussenbleib fing
von neuem an, seinen seligen Empfindungen über die Kasematten und bombenfesten
Speicher von San Felice Worte zu geben.
    Sie traten wieder in den Gartensaal und nahmen wieder Platz an der Tafel,
und da der Edle nunmehr bei dem Feldzuge von achtzehnhundertneunundfünfzig
angelangt war, so stieg seine Begeisterung natürlich auf den Gipfel. Das Wasser
lief einem im Munde zusammen, wenn man ihn von den Delikatessen reden hörte, die
er für das kaiserlich-königliche Heer in seinem wunderbaren Verona aufgehäuft
hatte. O diese glückseligen Veroneser! Sie bekamen ja nach dem Frieden von
Villafranca alle schönen Reste, welche das kaiserlich-königliche Heer
übriggelassen hatte, und der gnädigen Frau fing wirklich an das Wasser im Munde
zusammenzulaufen.
    Nun zog sich der Edle bescheiden hinter seine Verdienste in doppelter
Bedeutung zurück und liess nur leise ahnen, wie sehr sein Eifer und seine Mühen
Anerkennung und Würdigung gefunden hatten. Die gnädige Frau schüttelte immer
verwunderungsvoller, aber auch immer billigender den Kopf, und ihre Blicke auf
Antonie wurden immer teilnehmender, inniger und gerührter, als ob sie sich im
geheimen sage: Nein, was für ein Glück dieses Mädchen hat! Was für ein Glück
dieser Mensch, dieser Häussler gehabt hat! Es ist ein Vergnügen, ihn von
komprimiertem Gemüse sprechen zu hören, und wie man sonst von ihm denken mag,
seine Zeit hat er nicht verloren. Ei, was für eine verzauberte Prinzessin haben
wir in der Tonie hier auf dem Lauenhofe aufgezogen, während er in einem Jahre
mehr erlebte als der Lauenhof in einem Menschenalter! Alles, was recht ist, aber
das muss man dem Mann lassen, er überhebt sich nicht und weiss doch zu reden. Wer
hätte gedacht, als mein Seliger ihn zur Tür hinauswarf, dass er auf solche Weise
wieder hereinkommen würde? Munter! Man muss ihm wirklich mit Pläsier zuhören, und
ich sehe wahrhaftig nicht ein, weshalb die Tonie immer noch mit solcher
Jammermiene dasitzt! Darüber muss ich doch mit dem Herrn von Glaubigern reden.'
    Die arme Antonie! Sie sass wieder zwischen dem Ritter und dem Fräulein und
schien ihr Glück durchaus nicht zu begreifen. Noch wenigstens war sie nicht
imstande, über das Kastell San Pietro und das Fort San Felice den Lauenhof und
die guten, alten, treuen Freunde zu vergessen. Als der Edle sie endlich beim
Abschiednehmen zärtlichst auf die Stirn küsste, brach sie in ein krampfhaftes
Weinen aus, welches um so heftiger wurde, je mehr sie dagegen ankämpfte.
    »Es ist die übermässige Freude«, meinte der Edle, »und es wird das beste
sein, ich überlasse sie jetzt der treuen Teilnahme derer, welche ihr bereits
soviel des Guten erwiesen. Obgleich Tausende auf die wenigen Jahre, die mir noch
vom Leben übrigbleiben, Anspruch haben, werde ich doch gern einige Tage in der
alten Heimat verweilen, um dem Kinde Zeit zu geben, sich zu beruhigen und sich
in sein neues Leben zu finden. Ach, meine Herrschaften, mit schwerem Herzen und
schwankendem Fusse betrat ich diesen Boden, aber dankerfüllt und leichten Gemütes
scheide ich und wünsche sämtlichen hochverehrten Anwesenden eine angenehme
Nachtruhe. Ach, was mich selbst betrifft, so werde ich trefflich nach einem so
segensreichen Tage schlafen. Gnädige Frau - gnädiges Fräulein - meine Herren,
ich hab die Ehr!«
    Er hatte die Ehre, sich zu empfehlen, d.h. er ging für heute; dass er jedoch
morgen wiederkommen werde, unterlag keinem Zweifel. Er ging, nachdem er den
schönen Überrock, welchen ihm am Nachmittag sein Diener nachgetragen hatte,
angezogen hatte. Die gnädige Frau begleitete ihn bis auf die Treppe der Haustür,
und hier küsste er ihr die Hand und jagte ihr dadurch einen solchen Schrecken
ein, dass sie fast das Licht fallen liess. Die Begleitung eines Knechtes und einer
Laterne lehnte er dankbar ab, da es ihm Vergnügen mache, seinen Weg durch
Krodebeck einmal wieder allein zu finden.
    »Hm«, sprach er, als er in der Dorfgasse stand, »wer hielte mich jetzt nicht
für einen Narren?« Gleich darauf lächelte er und berührte den Nasenzipfel mit
dem Stockknopf: »Nun, solange ich selbst mich nicht dafür ansehe, wollen wir
diese Frage beiseite lassen. Ach, welch eine angenehme Nacht! Also dies ist
Krodebeck, und das war die Tochter der Marie? Ah, wandeln und geniessen wir alle
Eindrücke, wie sie sich darbieten! O Heimat, Heimat, weshalb darf ich dich nicht
auch verproviantieren? Chè diavolo, nur dadurch könnte ich alle meine
Verpflichtungen gegen dich abtragen, und wer trüge nicht gern alte Schulden ab,
wenn es auf solche Art geschehen könnte?!«
    Unendlich wohlwollend sah er sich um; aber er pfiff leider auf eine
sonderliche Weise dazu, und dann ging er langsam weiter, immerfort nach rechts
und links ausschauend und mit heimwehtrunkener Seele die lange entbehrten Düfte
von Krodebeck einschlürfend.
    »Noch geradeso wie vor dreissig Jahren!« murmelte er. »Und dort ist der Krug,
und man scheint sich, wie vor dreissig Jahren, drin zu prügeln. Evviva, welch
eine herrliche, stärkende, göttliche Luft! Wirklich, man prügelt sich dort. Und
wenn ich daran denke, dass auch ich - - - ach, lassen wir uns von dem weichen
Herzen nicht allzusehr entmannen, lauschen wir lieber in genügender Entfernung
und mit heiterer Erinnerung schönerer Tage, warum man sich eben im Kruge prügelt
und wer sich prügelt.«
    Er trat ein wenig näher, und in demselben Moment quoll der kämpfende Haufe
aus der Tür der Schenke hervor, und ein arg zerzauster Mensch flog unter einem
Sturm von Fusstritten und Faustschlägen ihm vor die Füsse, rappelte sich so eilig
als möglich auf und schoss ächzend, fluchend und schimpfend in die Nacht hinein,
gerad als der Mond hinter dem Horizonte versank.
    »Na, so gfallt's mir, dös muss i sagn!« erklang eine Stimme aus der Mitte des
siegjauchzenden Haufens, und der Edle von Haussenbleib trat noch einen Schritt
näher, hielt die Hand hinter das Ohr und murmelte:
    »Eh, eh, mein Joseph? Piano! Das gfallt mir auch! - Holla, heda, Joseph!«
rief er, und sogleich stand der Gerufene neben ihm und rief atemlos:
    »Euer Gnadn, i hab mi neutral verhalten, ganz neutral; aber a kreuzbrav Volk
ist's hier, Euer Gnadn. Da habn sie den Mensch, weil er auf Euer Gnadn, mit
Permiss zu sagn, grossartig geschimpft hat, blitzblau schlagn.«
    »Oh, wie leid tut mir das«, seufzte der Edle. »Und wen haben sie dergestalt
gemisshandelt?«
    »Den Peter Quickbrei aus dem Siechenhause!« erklang es aus dem Kreise der
jungen Bauern, welche sich jetzt dumm verschämt herangezogen hatten. »Der Herr
ist eine Ehre für Krodebeck, und von solchem Kerl und Zuchtäusler lassen wir
Sie nicht verschimpfieren, Herr Häussler, und deshalb haben wir ihn traktiert,
wie sich's schickte, und ihm das Maul gestopft.«
    »Hm, hm, der Peter Quickbrei!« murmelte der Edle unendlich elegisch. »Also
der lebt noch? O meine Herren, den hab ich freilich in meiner frühesten Jugend
gekannt, allein er war schon damals keine Ehre für das Dorf, und kein
anständiger Mann duldete ihn in seiner Gesellschaft. Also der arme Teufel lebt
noch, und zwar im Siechenhause; - Joseph, erinnere mich doch morgen, dass ich ihm
eine kleine Unterstützung in das Siechenhaus schicke. Meine Herren, ich danke
herzlich für Ihre freundliche Intervention; sollte einmal jemand von Ihnen bei
Seiner Kaiserlich-Königlich-Apostolischen Majestät - doch das hält uns zu lange
auf - meine Herren, ich danke nochmals und wünsche Ihnen, recht wohl zu ruhen.«
    Ein dumpfes, furchtsames, achtungsvolles Gemurmel der Bauern begleitete ihn
auf seinem Rückzuge. Schnelleren Schrittes eilte er dem Pfarrhause zu, wo die
ganze Familie ihn mit Herzklopfen erwartete und wo er noch einmal in vollster,
heiterster Liebenswürdigkeit zu strahlen begann, ehe er sich zur Ruhe begab.
    In dieser Nacht gab es in Krodebeck vom Siechenhause bis zum Lauenhofe kein
Dach, unter welchem man nicht vom Edlen Dietrich Häussler von Haussenbleib
träumte.
    Im Siechenhause rieb sich der Emeritus auf seinem Strohsacke wütend
Schultern und Rücken, und im Herrenhause hatte der Junker Hennig von Lauen eine
Gespenstererscheinung.
    Es erschien nämlich dem Junker um Mitternacht oder doch nicht lange nach
Mitternacht der Chevalier Karl Eustachius von Glaubigern in dem genügend
beschriebenen Callot-Hoffmannschen Nachtkostüme mit dem Nachtlicht in der Hand,
winkte ihm, ruhig liegenzubleiben, setzte die Lampe auf den Tisch und sich neben
das Bett des jungen Mannes, schlug die Hände zusammen und stöhnte:
    »Oh, Hennig, was fangen wir an? Er würde sie uns verkaufen, wenn wir ihm
genug dafür bieten könnten; er wird sie in Wien verkaufen; es ist mir alles,
alles klar, und es gibt kein Mittel, ihn in seinem Willen zu hindern, als das
Geld, das Geld - das Geld! Fräulein Adelaide sitzt auch noch wach auf dem Bette
- ich sah ihr Licht unter der Tür durchschimmern - wer kann in dieser Nacht auf
dem Lauenhofe schlafen?«
    Nun hatte der Ritter den Junker freilich aus einem ganz gesunden Schlummer
erweckt, aber das war einerlei; der ruhelose Kummer achtet in solchen Stunden
nicht allzu genau auf die Gemütsverfassung der Umgebung; er überträgt sein
Gefühl womöglich auf das Universum und schwatzt deshalb so häufig in den Tag
oder die Nacht hinein.
    »Seit ihr an jenem unglücklichen Abend von eurer Ernte heimkamet, Hennig,
ist mir keine ruhige Stunde mehr zuteil geworden. Die Seele hab ich mir
zermartert um die Frage, was diesen Mann zu diesem, auf den ersten Blick so
törichten Vorgehen gebracht haben könne. Jetzt weiss ich es! Er hat erfahren, wie
schön und gut das Kind geworden ist, und er kann es nun gebrauchen, und jetzt
nimmt er es mir - mir, welchem es ganz und gar allein zu eigen gehört! Er nimmt
es mir, und ich bin ein armer Mann, der auch nur von den Almosen anderer gelebt
hat: ich habe kein Geld, mein Eigentum dem elenden, erbärmlichen Gesellen
abzukaufen. Er nimmt es mir, der es mit seinem Herzblut nährte, in dessen
Gedanken es seine ganze Heimat hat und der allein weiss, was es in diesem armen
Leben wert ist!«
    »Nun ja, ich weiss doch auch, was ich weiss!« murmelte Hennig unter seiner
Decke hervor, aber der Chevalier schüttelte betrübt den Kopf:
    »Das könnte Fräulein Adelaide auch sagen; aber es ist gleichgültig; wir
vermögen alle nichts gegen die Macht, welche uns in der Höhe und in der Tiefe
entgegensteht. Knabe, es ist das ganze Schrecknis der Welt, das mir mit einem
Male klargeworden ist, und - es ist auch gleichgültig, zu wem ich davon rede.
Das ist das Schrecknis in der Welt, schlimmer als der Tod, dass die Kanaille Herr
ist und Herr bleibt. Ach, schlafe nur, mein Sohn; ich will nun auch zu Bett
gehen, mich friert entsetzlich.«
    Während auf dem Lauenhofe der Ritter von Glaubigern so das Elend der Erde
fühlte und jetzt gespenstisch die Wände entlang sich zu seinem Gemache
zurücktastete, stützte sich in dem friedlichen Pfarrhause, in der ehelichen
Kammer, die Frau Pastorin im Bette auf den Ellbogen und sprach:
    »Da hast du nun, was du gewollt und wie du's gewollt hast, Buschmann! Droben
liegt er in meinem Visitenbett, und wie ich ihn jetzt kennengelernt habe, liegt
er im sanftesten Schlummer, und wir sitzen hier wach in Angst und Ärger.
Buschmann, Buschmann, so hast du es gewollt! Das war ein Heimlichtun mit seinem
Briefe und deiner Antwort darauf; selbst der arme Franz durfte nicht das
geringste davon erfahren, und hätte ich nicht von meinem Rechte Gebrauch
gemacht, so würde ich auch nichts erfahren haben. Was mischtest du dich in
Sachen, welche dich nichts angingen? Aber so bist du, Buschmann; sein
grossmäuliger Brief verdrehte dir auf der Stelle den Kopf. Da musste auf der
Stelle geantwortet und haarklein Bericht über das alberne Mädchen und alles, was
damit zusammenhing und - hängt, gegeben werden, und Quartier wurde angeboten,
und dann ging die Komödie mit den Leuten vom Lauenhofe an, und wir wussten von
nichts, als die Warwölfin kam, und dann wurde das arme Kind, der Franz, ins
Blaue geschickt. Da musste er unbedingt als reuiger Millionär seinen Wohnsitz in
Krodebeck nehmen, und man konnte nicht wissen - und man musste die Augen offen
behalten - und es war unsere christliche Pflicht und Schuldigkeit, und wie die
schönen Redensarten sonst noch heissen: aus der Haut möcht ich jetzt über die
Dummheit fahren! Mein Visitenbett und die Bewirtung lässt er sich freilich
gefallen, aber weiter haben wir nichts davon, als dass wir uns mit den Leuten auf
dem Hofe tödlich verfeindet haben. O Buschmann, Buschmann, wenn der Mensch in
diesem Augenblicke von etwas träumt, so träumt er von deiner Stupidität, und er
hat recht, ich tät's selber an seiner Stelle. So rede doch! Mit einem solchen
Schafsgesicht besserst du nichts!«
    Der Herr Pastor stöhnte schwer, allein er antwortete nicht; denn was er auf
diese schöne Rede erwidern konnte, durfte er nicht äussern. Ach, er war nicht der
Mann gewesen, so feine diplomatische Fäden allein zum Gewebe zu schlingen; er
hatte in dieser Angelegenheit nichts ohne das Wissen und den Willen der Gattin
getan; wahrlich, er mochte mit Fug und Recht ächzend an seinen Busen schlagen!
Was den Edlen Häussler von Haussenbleib anbetraf, so lächelte der wirklich im
Schlaf, und gleichfalls mit Fug und Recht; aber am andern Morgen erwachte er
doch auch ziemlich früh und - überlegte. Dass er der Überlegung rasch die
Ausführung folgen lassen würde, konnte man von ihm erwarten, und so geschah's,
zumal da schon beim Kaffee ein Eilbote von der nächsten Telegraphenstation mit
einer Depesche anlangte, welche die Anwesenheit des grossen Mannes in Frankfurt
am Main dringend wünschte und die er mit bescheidenem Selbstgefühl sowohl seinen
Gastfreunden im Pfarrhause wie auch den Herrschaften auf dem Lauenhofe zur
Einsicht vorlegte.
    »Ich - wir sind den Frankfurtern manche Verbindlichkeiten schuldig«, sagte
er; »Tonerl, ich muss am Nachmittag reisen, sosehr es mich schmerzt, die teure
Heimat sozusagen nur im Fluge zu streifen, um dich, meinen höchsten Schatz, mit
mir draus fortzutragen. Nur das tröstet mich und wird auch die Freunde im Kreise
trösten, dass ich dich in ein schönes, glänzendes Leben hineinführe und alte
Schulden mit Zins und Zinseszins ausgleichen kann. Ich habe auch stets gefunden,
dass ein kurzer Abschied einem langen bei weitem vorzuziehen sei; das übervolle
Herz schöpft man bei solcher Gelegenheit ja doch niemals leer.«
    Bei den letzten Worten zog er die Uhr hervor und sagte:
    »Wir haben also noch drei Stunden zur Verfügung; o Tonerl, brich mir nicht
das Herz durch diesen Blick!«
    Drei Stunden! Er sprach diese beiden Worte langsam aus und sah dabei
jedermann der Reihe nach fest und freundlich an; er hatte sein wahres Vergnügen
an der Bestürzung, welche sich auf jedem Gesichte malte.
    Wer könnte nun schildern, wie sie auf dem Lauenhofe diese drei Stunden
ausfüllten, wie sie Abschied nahmen und dem Wagen nachblickten, der das
Pflegekind von dannen trug?! Weder der Ritter von Glaubigern noch das Fräulein
von Saint-Trouin haben etwas Neues oder Geistreiches dabei bemerken können. Die
anderen gleichfalls nicht. Aber die Berge, Hügel und Wälder, die Wohnungen der
Lebenden und die Gräber der Toten, die Wände der gelben Stube und der
chinesische Pavillon auf der Gartenterrasse redeten wie mit Menschenzungen.
    Die gnädige Frau meinte zwar auch, es sei gut, dass der Herzquälerei so
schnell ein Ende gemacht worden; aber sie wandte sich doch mit Tränen in den
Augen ab; - Hennig sagte nichts als:
    »Lebe wohl, Antonie!«
    Als der offene Wagen gegen vier Uhr nachmittags durch den
sonnedurchleuchteten Tannenwald rollte und der behagliche alte Herr neben der
jungen bleichen Dame eben die erste Zigarre anzündete, erhob sich Jane Warwolf
vom Rande des Strassengrabens, streckte die Hand gegen die Reisenden aus und
schrie heiser und zornig:
    »Du bist doch ein Narr, Dietrich Häussler!«
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
Hinter uns versinken die blauen Berge des deutschen Nordens; es versinkt der
alte, sagenhafte Gipfel des Brockens, der bis jetzt so vertraut und doch so
geheimnisvoll auf den Lauf dieser nachdenklichen Alltagsgeschichte herabsah und
in jeden Traum mit seinen uralten Märchen und ewig neuen Gedichten hineinwinkte.
Vor uns im Süden steigen immer andere Berge über immer andern grünen und
fruchtbaren Ebenen auf: wir aber fahren dahin über den Häuptern und Wohnungen
der Millionen, bis ein letzter Kranz himmelanragender, zackiger Gipfel den
Horizont begrenzt. Dahinter liegt Italien, dahinter wohnt ein anderes Volk, und
wir besinnen uns, dass wir von deutschen Leuten schreiben und erzählen.
    Siehe dort unten unsern Weg!
    Jetzt liegt er im Sonnenschein und Frieden; die Glocken der Kirchen dringen
leise zu uns herauf; wenn es auf den Feldern blitzt, so ist's das Gerät in der
Hand des Ackermanns, wenn es rollt und rauscht, so ist's die freudige Arbeit der
Menschen, und wenn ein Lied klingt, so ist's auch ein Schall der Freude.
    Wie lange wird das dauern?
    Noch eine kurze Zeit, und diese Friedensglocken werden Sturm rufen, und ein
ander Rollen und Rauschen wird sich erheben. Dann wird es auch auf den Feldern
flimmern und blitzen; aber ein ander Gerät wird in den Händen der Arbeiter sein,
und eine schreckliche Arbeit wird man damit verrichten. Wie riesige Schlangen
werden die Heere, schillernd und dunkel zugleich, über die Ebenen gleiten, durch
Wälder, Städte und Dörfer, über Flüsse und Gebirge sich winden. Aus Schluchten
und Tälern werden sie hervorbrechen und züngelnd sich suchen; und gleich
riesigen Schlangen werden sie sich finden und umfassen und werden sich umwinden
und erdrücken wollen. Ein Schauspiel für die Götter, wird das eine der Ungeheuer
sieghaft das Haupt emporbäumen im Qualm und in den Flammen brennender Städte und
Dörfer, und mit Tränen in den Augen werden die - die - Unbefangenen in der
Nation sich die Hände reiben über den Sieg.
    Schön! Wenn man ganz genau wüsste, dass die Olympier wirklich mit Herz und
Hand an dem Kampfe um Ilion beteiligt wären, so könnte man die Sache sich schon
gefallen lassen; allein es hat stets nachdenkliche Leute gegeben, die offen und
rücksichtslos behaupteten: der Kampf der Mäuse und der Frösche liege den
Herrschaften da oben viel mehr am Herzen als der Zorn des schnellen Achilleus
und die biedere Tapferkeit Hektors, und nicht die »Iliade«, sondern die
»Batrachomyomachie« sei das Lieblingsbuch derer auf den goldenen Stühlen.
    Das ist freilich unter allen Umständen eine schlimme Vorstellung für die
armen Sterblichen, die in allen Dingen so sehr auf die gute Meinung angewiesen
sind, welche sie von sich selber und den hohen Regierenden haben. Fort damit! -
Und wenn sich der Krieg vom Frieden nur durch einen etwas mehr
zusammengedrängten und inhaltreichern Lärm und Tumult unterscheidet, so ist das
Mehr oder Weniger in dieser Beziehung doch von einiger Bedeutung für das
Wohlbehagen der Menschheit und darf nicht allzu leichtsinnig unterschätzt
werden.
    So fahren wir, denn noch liegt ja die Welt im Frieden, soweit ihr derselbe
möglich ist, und, bei den Göttern, wie ein Garten Gottes ist das deutsche Land
anzuschauen - sehr hoch von oben - aus der Vogelperspektive! So fahren wir -
jetzt durch das ewige Blau, und jetzt durch das ewig wechselnde, verwehende, von
neuem sich ballende, vielfarbige Gewölk. Die goldenen Tropfen sprühen um uns
her, in jeglichem spiegelt sich der beneidenswerte Komfort der Unsterblichen,
und nur solange wir uns also in der Höhe halten, nehmen auch wir teil an dem
impertinenten Behagen jener. -
    Siehe, da ist die grosse Wasserscheide! Hunderttausende fliegen daran vorüber
und denken nicht daran. Ein Bach geht südwärts und wird das Schwarze Meer
erreichen; ein Bach rauscht nach Norden, und seine kleinen Wellen werden in den
mächtigen grauen Wogentanz der Nordsee gezogen werden. Es ist Verstand - ein
Weltverstand in dem geschwätzigen Rauschen und Murmeln, und das beste ist doch,
dass keine menschliche Macht und Willkür das lustige Element hindern wird, seinen
verständigen Willen durchzusetzen.
    Aber schon senken sich unsere Flüge. Schon haben wir kaum noch etwas mit dem
Weltverstande zu schaffen. Jener Strich durch die Marchebene ist die
Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, und auf jenem Bahnzug, der soeben mit Geschnauf und
Gezisch Lundenburg passiert, sitzt ein alter guter Freund von uns, der sehr edle
Junker Hennig von Lauen aus Krodebeck, der nun wiederum einige Jahre älter
geworden ist, einiges in diesen Jahren erlebte, den wir als einen ganz
verständigen Menschen kennenlernten, von dessen Weltverstande es bis jetzt
jedoch ebenfalls heissen mag:
Aus besondrer Konsideration
Wollte man stilleschweigen davon,
wobei das übrige im Examen des Kandidaten Hieronymus Jobs nachzulesen sein
würde.
Er kam von Krodebeck und wusste im letzten Grunde durchaus nicht, weshalb er es
verlassen habe. Gesund und männlich genug sah er aus; dass er klüger aussehe,
konnte man gerade nicht behaupten, und was das schlimmste war, frei und leicht
blickte er eben nicht in die sonnige Abendlandschaft hinein und nach den Kleinen
Karpaten zu seiner Linken hinüber.
    Er trug einen schwarzen Flor um den Hut - es hatte sich manches in der
Heimat verändert, seit Tonie Häussler den Lauenhof verlassen musste. Der Junker
war nicht umsonst einige Jahre älter geworden; was aber auch geschehen sein
mochte, nichts war aus dem gewöhnlichen Lauf der Dinge herausgefallen, und das
ist unter allen Umständen wenigstens ein Trost für den wohlmeinenden und treuen
Historiographen, selbst in einem Bericht wie der unsrige.
    Wir wissen, dass der Junker von Lauen um die Zeit, als der Edle Dietrich
Häussler von Haussenbleib auf dem Lauenhofe erschien, gleichfalls im Begriff
stand, den Hof für einige Zeit zu verlassen, um in Berlin die Landwirtschaft von
einem höhern, geistigern Standpunkt auffassen zu lernen. Das war ausgeführt, wie
es im Familienrat beschlossen wurde; der Junker war ausgezogen gen Ahala - wie
er sich jetzt auf dem Wege nach Ahaliba befand -, er war heimgekommen und musste
in der Tat sich sehr merkwürdigen und geheimnisvollen Studien hingegeben haben,
denn der Lauenhof bemerkte von den Früchten derselben, weder im Guten noch im
Schlimmen, das allergeringste. Fräulein Adelaide von Saint-Trouin behauptete
natürlich; sie
    habe doch recht gehabt; der Ritter von Glaubigern zuckte kümmerlich die
Achseln, und die gnädige Frau meinte:
    »Er hat wenigstens einmal frische Luft geschöpft!«
    Was sie sich unter dieser frischen Luft eigentlich vorstellte, das mochte
sie vor allen vier Winden Verantworten.
    Es war kein angenehmes Leben auf dem Lauenhofe. Der Ritter und das Fräulein
schrieben viele Briefe nach Wien und erhielten viele Briefe von dort; sonst aber
kümmerten sie sich um nichts mehr und schlichen ohne Teilnahme umher oder sassen
trübselig in ihren Stuben. »Ich würde einen Finger von meiner linken Hand darum
geben, wenn ich ihnen dadurch ein neues Spielzeug verschaffen könnte!« seufzte
die gnädige Frau.
    »Es ist nicht auszuhalten!« rief der Junker, und er hielt es auch nicht
lange aus. Eines Morgens spielte er seine letzte Karte gegen diese Öde und
Langeweile aus, setzte sich zu Pferde, ritt nach Halberstadt und trat als
Einjähriger Freiwilliger Kürassier in das Regiment. So brachte er ein zweites
Jahr nach dem Abschied Tonie Häusslers erträglich hin; allein auch das ging
vorüber, und als er dann wieder nach Hause kam, fand er daselbst das alte Leiden
in derselben melancholischen Blüte und selbst seine alte brave Mutter müde,
verdriesslich und verstimmt, und das war das schlimmste.
    »Ach, Hennig«, sprach die Gnädige, »jetzt erst sehe ich recht ein, welchen
Trost und welche Hülfe ich vordem an dem Chevalier gehabt habe. Jetzt weiss
niemand mehr, warum er lebt; es ist, als habe jeder nur daran sein Vergnügen,
dass er dem andern den Tag so sauer als möglich mache. Jede gute Stunde wird
einem vor der Nase weggeschnappt, und allmählich kommt es doch auch mir vor, als
ob in meiner Jugend alles besser gewesen sei, selbst das Wetter. In meinem
ganzen Leben ist mir die Butter nicht so oft missraten als jetzt. Mit den Leuten
lässt sich auch nicht mehr wie früher verkehren; - es ist alles anders geworden,
ich verstehe die Welt nicht mehr, und so kann ich dir nicht helfen, mein Junge,
du wirst die Zügel jetzt selbst in die Hand nehmen müssen, und ich werde mich
hinter mein Spinnrad setzen und es wie die andern machen und den lieben Gott
verlästern vom Abend bis zum Morgen und umgekehrt wie die andern.«
    Vergeblich hatte Hennig versucht, der Mutter diesen Vorsatz auszureden. Sie
blieb fest, und der Ritter und Leutnant Karl Eustachius von Glaubigern hatte
wirklich als gewissenhafter Chronist den Beginn einer neuen Regierung in das
»Geschichtsbuch« derer von Lawen auf dem Lauenhofe einzutragen. Das geschah
grade um die Zeit, als der Pastorenfranz nach abgelegtem altem Adam, ein ganz
anderer Mensch und ein wohlbestallter, wirklicher Kandidat der Teologie, von
Halle kam, um seinen Vater in der Führung seines Amtes zu unterstützen. Längere
Zeit betrachtete der gottselige Jüngling den Jugendfreund und sprach sodann
wehmütig-salbungsvoll und mit leisem Kopfschütteln:
    »Hennig, auch du hast den Weg zur Gnade noch nicht gefunden!«
    Darüber liess sich nun nicht streiten, und obgleich der Junker den frommen
Freund ebenfalls eine ziemliche Weile mit einem etwas eigentümlichen Seitenblick
von oben bis unten mass, so musste er doch zugestehen, dass die Gnade freilich noch
nicht bei ihm eingekehrt sei.
    »O Buschmann!« seufzte Hennig fast ebenso kläglich wie der Kandidat; allein
der Ton war doch ein anderer und deutete nicht darauf hin, dass der Pastorenfranz
viel dazu beitragen werde, dass das, was er die Gnade nannte, sehr bald bei
diesem Sünder einkehren werde. -
    Der Kandidat Buschmann hatte es viel besser als der Junker von Lauen. Er war
in seinem Gott vergnügt, trug das Haar à la Jésus-Christ gescheitelt, und wenn
er sich je langweilte, so nannte er das Zerknirschung, gab sich eine Haltung
dadurch und machte sich sogar ein Verdienst daraus. Ob er immer noch einen Teil
seiner kostbaren Zeit der Lektüre des »Chevalier Faublas« und der Claurenschen
Romane widmete, wollen wir dahingestellt sein lassen; aber ein Faktum ist, dass
er mit ziemlichem Beifall vor den Bauern von Krodebeck predigte und fester denn
je an eine dereinstige selige Auflösung seines Herrn Vaters die schönsten
Hoffnungen knüpfte, sowohl für den Herrn Vater wie auch für sich selber. Von
Antonie Häussler sprach er selten, und wenn es geschah, stets mit der grössten
Hochachtung; dem Ritter von Glaubigern und dem Fräulein ging er mehr denn je aus
dem Wege. -
    Von dem Ritter und dem gnädigen Fräulein an dieser Stelle zu reden würde
sehr unpassend sein. Wir werden mit ihnen noch einmal zusammentreffen und dann
ausführlicher erfahren, wie sie in diesen Jahren lebten und dachten. Dass jene
Seiten unseres Buches dann recht heiter und lichtvoll werden, können wir leider
nicht verbürgen; der Trost, welchen ihre Zustände in diesen Zeiten dem Junker
gewährten, war ein sehr mittelmässiger, und ihr Leben auf dem Lauenhofe trug auch
jetzt nicht dazu bei, ihrem Zögling das seinige daselbst erfreulicher zu machen.
    Nachdem Hennig von Lauen die Zügel der Regierung ergriffen hatte, tat er ein
ganzes Jahr lang sein möglichstes, um seinen Pflichten gerecht zu werden. Er
säete und erntete, er trieb Handel mit allerlei Vieh und Früchten des Bodens; er
ritt auf den Feldern umher und liess sich doch in guten Augenblicken mit einigem
Behagen von seiner Mutter darum loben. Wenn er gewusst hätte, was ihm eigentlich
fehle, so würde er eine benachbarte hübsche und gutmütige Amtmannstochter
geheiratet haben und schon jetzt so glücklich als möglich geworden sein. Er
wusste es aber noch nicht, und so musste denn das, was alle verständigen Leute der
Umgegend späterhin wirklich sein Glück nannten, noch eine Weile anstehen.
    Er hielt sich für entsetzlich dumm, was er nicht war, welche bescheidene
Ansicht sogar von einem ganz offenen Kopf und gesunden Blick Zeugnis ablegte.
Dass er sich für unmenschlich verlassen und elend versimpelt hielt, können wir
eher gelten lassen; allein dass er bei verschiedenen Gelegenheiten sogar den
Kandidaten Buschmann um sein Streben, Wissen und seinen freien Blick in die Welt
beneidete, war wiederum im höchsten Grade übertrieben und musste im Grunde
niemandem lächerlicher erscheinen als dem Pastorenfranz selbst.
    Jetzt erst traten die Folgen seiner ersten Erziehung recht zutage. Wenn auch
der Meister Amos Comenius längst tot und begraben war und nicht
wiederauferstehen konnte, so erwachten seltsamerweise die alten Wunder, welche
die Enkelin Jehans von Brienne, Fräulein Adelaide Klotilde Paula von
Saint-Trouin, Tyrus, Byzanz und Malta vordem in seine junge Seele gepflanzt
hatte, zu erneutem Leben, wenn auch unter veränderten Formen und Farben. Er fing
wieder an, Gesichte zu sehen, wie man sie nur in den Jahren sieht, in welchen
noch alle Fibern der Phantasie der leisesten Berührung schwingend und klingend
antworten, wo schon hinter dem nächsten Hügel, der die Aussicht versperrt,
entweder das Paradies oder die Hölle liegt, wo kein Ton und Lichtstrahl uns
trifft, kein Wolkenschatten auf uns fällt, ohne dass in Herz und Gehirn ein Heer
von unbändigen Gedanken und närrischen Vorstellungen sich in den Sattel
schwingt, sich in den Steigbügeln emporrichtet und die geflügelten Rosse,
allesamt mit einem Male die Schwingen entfaltend, mit Brausen zur Verwunderung
und zum Ärger aller bereits verständig gewordenen Leute sich in die Lüfte
erheben. Es ist immer sehr bedenklich, wenn dieser abnorme Zustand im Verlaufe
eines Menschenlebens zum zweitenmal eintritt, und die Verständigen haben wohl
recht, sich darüber zu entsetzen, denn wie jeder Rückfall zeugt er von einer
bedauerlichen Schwäche der Konstitution nach einer bestimmten Richtung hin. Ein
dritter Anfall pflegt gewöhnlich unheilbar zu sein und den Patienten für alle
Zeiten entweder dem Gesichtskreis oder doch jeglicher Berücksichtigung in allen
soliden Fragen und Verwicklungen der vernünftigen Leute zu enteben.
    Eine prickelnde Unruhe und Ungeduld bemächtigte sich des Junkers von Lauen
immer mehr, und diejenigen seiner Bekannten, die ihn wegen der Behaglichkeit
seiner Existenz beneideten, wussten nicht, was sie taten; denn er selber glaubte
nur deshalb in Krodebeck zu leben, um das Leben zu versäumen, und da er jetzt
alt und selbständig genug war, um seinen Willen gegen einen andern, selbst gegen
den seiner Mutter durchsetzen zu können, so tat er das oder verkündete
wenigstens, dass er's tun werde; allein grade zu unrechter Zeit und Stunde.
    Die alte Frau erschrak heftig und erzürnte sich sehr an dem Abend, an
welchem der Sohn ihr erklärte, dass er sein Regiment von neuem in ihre Hände und
die des Herrn Fröschler, des jetzigen Oberverwalters und Majordomus des
Lauenhofes, niederlegen werde, um den Hof noch einmal und wiederum auf längere
Zeit zu verlassen. Es entstand eine betrübliche Szene und ein ärgerliches
Hinundhergerede; aber Hennig blieb fest. Er erklärte, er komme um, wenn man ihm
nicht seinen Willen lasse; er müsse reisen, er müsse die Welt sehen, ehe er es
daheim aushalten könne. Jedermann sei in Paris und Italien gewesen, nur er
nicht, und doch habe niemand nördlich vom Brocken jemals eine solche Sehnsucht,
in den Vesuv zu gucken, gehabt als wie er, und man möge um Gottes willen
Vernunft annehmen und ihn nur noch ein einziges Mal von der Kette loslassen, er
wolle wie der gute Ritter Götz von Berlichingen sein Ehrenwort geben, dass er
nachher nie wieder die Feldmark von Krodebeck überschreiten werde.
    Die Mutter führte die triftigsten Gründe dagegen an. Sie wurde sogar
ziemlich grob, indem sie behauptete: noch nie sei ein Herr von Lauen in die Welt
ausgezogen, der nicht heimgekehrt sei wie der Peter aus der Fremde. Von dem Land
Italien hatte sie überhaupt noch nie etwas Gutes vernommen, und jener Lauen, der
mit dem Kaiser Lotar von Süpplingenburg drunten war, der mochte allein als
abschreckend Exemplum für seine sämtlichen Nachkommen bis in die späteste
Zukunft dienen, und der Herr Ritter von Glaubigern mochte noch heute zu jeder
beliebigen Stunde in der Chronik mit dem Finger auf den unglückseligen Tropf
deuten.
    »Hm!« hatte aber der Herr Ritter von Glaubigern gebrummt und weiter nichts
hinzugefügt; das Fräulein von Saint-Trouin aber hatte sogar nicht undeutlich zu
verstehen gegeben: was das schöne Frankreich anbetreffe, so sei sie allen
Orleanisten, Republikanern und Bonapartisten zum Trotz gar nicht abgeneigt, die
Gefahren und Unbequemlichkeiten der Reise zu teilen, und dass ein junger Mensch
sich von chevalereskem Abenteurergeist beseelt zeige, finde sie gar so übel
nicht, Kartoffelspiritus könne er in reiferen Jahren doch noch genug brennen.
    »Es ist dummes Zeug, und es bleibt dummes Zeug, und ich gebe meine
Einwilligung nicht. Übrigens magst du tun und lassen, was du willst, Hennig!«
hatte die Frau Adelheid von Lauen gerufen und sehr aufgeregt den Familientisch
verlassen.
    Es war ein stürmischer Februarabend, an welchem diese Verhandlung stattfand.
Barhäuptig und im hohen Grade erhitzt, schritt die Gnädige über den Hof, um nach
ihrer Gewohnheit den letzten Trost am treuen Busen ihrer Mamsell Molkemeier zu
suchen, und zum ersten Male in ihrem Leben erkältete sie sich und wurde sehr
krank.
    Als man sie dann einige Tage später mit Mühe und Not fest in ihr Bett
gebracht hatte, zog sie trotz dem Fieber und Schmerz einer Unterleibsentzündung
den Kopf des Sohnes am Ohrläppchen zu sich nieder und flüsterte:
    »Munter, alter Kerl! Wenn ich etwas in der Welt nicht leiden mag, so ist es
solch ein Gesicht, und - du bist doch ein guter Junge, Hennig, und recht hast du
auch darin, dass du deine jungen Tage gebrauchen willst, solange es noch Zeit
ist. Ich hab's ebenso gemacht, wie ich es verstand, und habe mich wenig um die
sauern Mienen rundum gekümmert. Und, lieber Junge, auf schmucke, weisse Strümpfe
hab ich von je viel gehalten, also sollt es sich so machen, wie ich fast
vermeine, so guck einmal nach, oben in dem linken Eckzimmer nach dem Garten zu,
in der Kommode rechter Hand, die unterste Schublade ganz unten. Da wirst du zwei
Paare finden, mit Hanfgarn zugebunden, und sie mögen dir bekommen - das ist mein
eigener Verdienst seit sechsunddreissig Jahren, und meine Patenpfennige stecken
auch dabei, und du magst sie endlich wieder mal unter die Leute bringen, denn es
wird doch Zeit dazu. Und Hennig, das sage ich dir, der Lauenhof gehört dir von
Rechts wegen; aber den Ritter und das Frölen, die vermach ich dir, und ich weiss,
du wirst die armen guten Kreaturen stets obenan zu Tisch sitzen lassen. Es
gehört sich auch so, wenn es auch kurios genug ist, dass sie bleiben und ich
gehe; denn wer hat stets und je auf das Leben geschimpft und gewinselt darüber,
ich oder sie? Ich gewiss nicht! Ich habe an jedem neuen Morgen meine neue Lust
gefunden, so schwer 's mir auch oft geworden ist. Es mag sein, dass ich nicht
einen solchen tiefen Verstand davon gehabt habe wie die andern, aber kurios ist
es, sehr kurios, und ich hätte nimmer gedacht, dass die beiden mir noch die Hände
und Füsse zurechtrücken würden! Nun ja, es ist einerlei; wer das Gute genossen
hat, muss auch das andere mit in den Kauf nehmen, und solches wird dir ebenfalls
nicht erspart bleiben, Kind. Jetzt geh und schick mir den Ritter, das kann gar
kein Mensch aussagen, was für eine Gabe der Mann hat, einem über jede böse
Stunde wegzuhelfen. O Hennig, Hennig, halte mir den Ritter in Ehren und setze
ihn obenan und frage ihn stets um seine Meinung, auch wenn du es besser weisst
und seinem Rate nicht folgen willst! Ich habe es stets so gemacht und bin stets
gut dabei gefahren...« -
    Sollen wir davon erzählen, wie die vier schwarzbehängten Rappen auf dem
Lauenhofe scharrten und stampften, wie die Glocke der Dorfkirche von Krodebeck
verkündete, dass eine wackere, gute Frau gestorben sei? Sollen wir davon reden,
wie in der Kirche die Steinplatte von der Gruft der Lauen aufgehoben und der
Sarg in das Gewölbe hinabgetragen wurde? Sollen wir von der Rede des Pastor
Buschmann sprechen, von dem, was die Leute sagten, und von dem, was der Ritter
von Glaubigern und das alte, alte Fräulein von Saint-Trouin nicht sagten? Wir
fahren und haben keine Zeit dazu! Wochenlang war der Junker Hennig von Lauen
ausser sich, aber er hatte den ganzen Frühling vor sich, um sich zu beruhigen.
Nachher überliess er doch dem Chevalier, dem Frölen und dem Administrator
Fröschler den Lauenhof und ging wirklich auf einiges Zureden hin abermals auf
Reisen. -
    »Wenn du durch Wien kommen solltest, so bringe dem Kinde einen Gruss von mir;
ich habe es sehr liebgehabt. Sag ihr das, mein Sohn; aber - halt - dich nicht zu
lange dabei auf!« hatte die gnädige Frau am Tage vor ihrem Tode gesagt.
    »Wagram! Station Wagram!«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
Wer Wagram erreicht hat, der wird auch wohl nach Wien kommen. Hinter Floridsdorf
zeigte es sich, dass der Kahlenberg immer noch an seiner Stelle lag, und die
Zigeunerbande auf dem Bahnhofe hielt noch immer den Radetzkymarsch für das zur
Erquickung und Ermunterung der Reisenden geeignetste Tonstuck. Der Sommerabend
war sehr schön, die Landschaft in den letzten Strahlen der Sonne unendlich grün
und leuchtend, und - dort guckte der Stephansturm aus dem Grün wie jeder andere
Kirchturm hervor - »Bassama, wär das auch übergestanden! Sind wir da, und wünsch
fernerhin glücklichen Reis!« sagte der alte ungarische Dorfpastor. Mit
Sonnenuntergang war man in der Tat in Wien angelangt.
    Der alte dicke ungarische Dorfpastor, welcher von Brünn an dem Junker von
Lauen die treffliche Vorlesung über die ungarischen Flüche gehalten hatte und
welcher sich zur Belohnung und als einzige Gegenleistung für seine
Gefälligkeiten in Hinsicht auf seinen Zwetschgenbranntwein und seinen
ausgezeichneten Tabak ausgebeten hatte, der Herr möge ihm einmal einen
preussischen Taler - einen »wirklichen preussischen Taler mit dem Alten Fritz
drauf« zeigen, hatte den jungen Mann seiner väterlichen Obhut und Führung
entlassen. Der junge Prager Geistliche, welcher in Hinsicht auf Gesichtsfarbe,
Gesichtsausdruck und Haltung so sehr dem teuren Kandidaten der Teologie Franz
Buschmann glich und den braven Ungar seiner »Weltgewandteit« wegen für einen
luterischen Priester hielt, war in dem Gewühl des Nordbahnhofes
verlorengegangen, ohne eine Spur hinterlassen zu haben. Hennig nahm höflichst
Abschied von der jungen hübschen Dame, die in Gänserndorf einstieg und so sehr
freundlich und zuvorkommend gegen ihn war und, wie es schien, recht gern eine
recht deutliche Spur auf ihrem ganzen Wege bis in die innere Stadt, bis zu ihrem
Nestchen in der Entengasse hinterlassen hätte. Es war sehr heiss in Wien, heiss
und staubig. Die Bäume vor dem Bahnhof standen weiss bepudert, und das
Menschengewühl, die Fiaker und Omnibus trugen nicht dazu bei, die Atmosphäre zu
klären.
    Der Junker zündete auf dem Wiener Boden die erste der glücklich
durchgeschmuggelten Zigarren an - eine Zigarre der Unentschlossenheit und
Unbehaglichkeit. Die leichten Wölkchen, die sich den lieben langen Tag auf den
Wiesen und Feldern von Krodebeck emporkräuselten, waren ganz andere als die,
welche sich hier in der schwülen, stauberfüllten Luft verloren; da war er denn,
der Junker von Lauen, und hatte nicht einmal Eile, einen Gastof zu erreichen.
    Er hatte überhaupt keine Eile in irgendeiner Beziehung, und doch fühlte er
sich im höchsten Grade unruhig und sorgenvoll. Die lange Fahrt dieses Tages von
Prag her konnte nicht allein die Schuld dieser Abspannung tragen; wie eine
Drohung von Unheil, Verdruss und grossen Widerwärtigkeiten schwebte es über ihm,
es überkam ihn plötzlich ein Gefühl, als hab er sich von jetzt an machtlos,
willenlos einem übellaunigen harten Meister zu fügen. Es war ihm, um seine
eigenen liebenswürdigen Ausdrücke zu gebrauchen, als werde ihm der Sattelgurt
viel zu fest angezogen und als reite ihn jemand, der um Sporn, Trense und
Kandare teufelsmässig gut Bescheid wisse. Andere Leute pflegen derartigen
Stimmungen in andern Bildern Ausdruck zu geben, allein die Sache bleibt unter
allen Umständen dieselbe. -
    Die Korrespondenz, welche der Lauenhof diese Jahre hindurch mit Antonie
Häussler geführt hatte, gab keinen Grund zu irgendwelcher Besorgnis in dieser
Richtung. Ein Brief aus Wien war im Gegenteil stets ein Anlass zum hellern
Aufflackern aller Lebensgeister auf dem Hofe gewesen, und wenn der Herr von
Glaubigern mit einem solchen zierlichen Blättchen in der Hand erschien, hatte
selbst die gnädige Frau, im eilfertigen Lauf ihre Hände in der Schürze
trocknend, häufig ihren Schuh auf dem Wege in das gelbe Zimmer verloren. Eine
sehr betrübte, tränenreiche Antwort war freilich auf das Schreiben
zurückgekommen, in welchem der Chevalier dem Kinde den Tod der Frau Adelheid
meldete; allein, was diese Antwort auch an seltsamen, verworrenen Andeutungen
und dunkeln, unverständlichen Klagelauten entalten mochte, der Anlass dazu war
so natürlich gegeben, dass der Ritter von Glaubigern nur bemerkte:
    »Sie nimmt es sich mehr zu Herzen als irgend sonst jemand; - ich hab's mir
wohl gedacht, es war immer ihre Art so. Übrigens, bei meiner Ehre, ich könnte
wahrhaftig nächstens einmal an den Meister Dietrich schreiben, um ihn wegen
meiner schlimmsten Befürchtungen um Verzeihung zu bitten.«
    Das letztere hatte der Ritter nun doch nicht getan; aber welch ein Teil der
Schuld an der jetzigen Fahrt des Herrn von Lauen auf ihn fiel, wollen wir nicht
weiter erörtern.
    »Es soll mich wundern, wie ich sie finde, ob sie noch hübscher geworden ist
und was der Schuft, ihr vornehmer Herr Grosspapa, sonst aus ihr gemacht hat!«
murmelte Hennig, seine Zigarre fortschleudernd und einen Lohnkutscher
heranwinkend. Er war nicht mehr der Knabe, der Krodebecker Bauerjunge, welcher
mit dem wilden Pflegekinde der alten Hanne Allmann sich im Kuckelrucksholze
umhertrieb und welcher später mit der schönen Tonie Häussler unter den Hecken der
Heimat Veilchen suchte und dann und wann die grösste Lust verspürte, den
albernen, rohen Franz Buschmann mit Ohrfeigen und Fusstritten aus der Idylle
hinauszujagen.
    Er dachte wirklich an den Pastorenfranz, als er sich in die Kissen seines
Wagens zurücklegte, und dann dachte er an den Freund Fröschler, dem er nicht nur
den Lauenhof, sondern auch den Chevalier von Glaubigern und das Fräulein von
Saint-Trouin zur Verwaltung anvertraut hatte, und dabei musste ihm irgend etwas
ungemein komisch erscheinen; denn plötzlich lachte er hell und laut auf. Dann
schlug er beide Hände auf die Knie und rief:
    »Und hier bin ich - und es ist, als wenn man eine uralte, verquollene
Rokokoschranktür mit Stöhnen und Angstschweiss zugezwängt hätte. - Hurra! Es ist
doch angenehm, hier zu sein, und auf die Kleine freue ich mich unmenschlich! Ob
sie wohl noch gewachsen ist? Ich glaube es nicht. Tonie, Tonie, es ist, bei den
Göttern, ein hübscher Name, ein Name wie helle Glocken - selbst wenn die Mutter
ihn in Haus und Hof und Garten hineinrief, klang er wie Musik. Wie das alles
vorübergeht! Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal so fremd an Krodebeck denken
könnte wie in diesem Augenblick. Da bin ich hier, und in acht Tagen bin ich in
Venedig - selbst der Edle von Haussenbleib, unser Herr Grossvater, ist mir auf
einmal zu einem viel realern Gegenstand geworden als alles, was ich vor drei
Wochen am Fusse des alten Blocksbergs zurückliess. Nun glaube ich auch wirklich
daran, dass ich den Vesuv und den Ätna erklettern werde, und hier sind wir vor
dem National-Gastof. Bei Gott, es ist doch nicht alles Sattelgurt, Hafer,
Roggen, Kartoffeln und Krodebeck in der Welt! O Tonie Häussler, ich meine, du
wirst auch dein Vergnügen an der alten Freundschaft haben; und morgen bei guter
Stunde werden wir dem alten braven Mädel in grosser Gala unsere Aufwartung machen
und unsere Kreditivbriefe aus dem Rokokoschrank nicht dabei vergessen!«
    Für alle Zeit sollte er sich des Zimmers, welches man ihm in dem Hotel in
der Taborstrasse anwies, erinnern. Was er auch noch erleben mochte, an keinen Ort
knüpfte sich soviel für ihn als an diese Wände, an diesen Teppich, auf welchem
er eine Nacht nach der andern ruhelos, schlaflos hin und her schritt in einer
Welt, die eine andere geworden war, mit brennenden Augen, klopfenden Pulsen und
geballten Händen. Für jetzt nahm er ein Bad, speiste mit ausgezeichnetem Appetit
zu Abend, legte sich mit einer neuen Zigarre ins Fenster und sah behaglich in
die Taborstrasse hinunter. Er glaubte für alles Zeit zu haben und glaubte in
allen Dingen sich die gehörige Ruhe gönnen zu können.
    Es war vollständig Abend geworden, die Gasflammen in der Strasse und in den
Läden wurden angezündet, und es war in der Tat kein geringes Behagen, nach den
Anstrengungen und passiven Mühen des heissen Reisetages vorerst aus sicherer Höhe
eine friedliche halbe Stunde lang in das Getümmel von Ahaliba hinabzusehen, ehe
man durch seine eigene Person das Gewühl vermehrte und alle Folgen davon auf
sich zu nehmen hatte.
    Wir wissen, dass der Junker von Lauen dann und wann das, was man im
gewöhnlichen Leben ein beschauliches Gemüt zu nennen pflegt, in einem ziemlich
hohen Grade betätigen konnte; und beschauliche Gemütlichkeit war die einzige
richtige Bezeichnung für seinen augenblicklichen Seelenzustand.
    Im Anfang sah er wohl noch ein wenig verquer und stumpf in das Leben der
grossen Stadt, allein das dauerte nicht lange; er gehörte gottlob nicht zu den
nervösen Leuten, die in der jeglicher Aufregung folgenden Betäubung sich
tagelang abzuzappeln haben. Seine Vergleichung des Lauenhofes mit einem
zugezwängten Rokokoschrank kam ihm von neuem in den Sinn, und er konnte von
neuem darüber lachen.
    Dann sagte er:
    »Wenn der Himmel doch geben wollte, dass er grade jetzt wieder Verona
Verproviantierte!«, und er meinte hiermit nicht den Rokokoschrank; aber auch
diese Vorstellung vergnügte ihn sehr, und er fuhr fort:
    »Ja, das wäre das beste. Da hätten wir uns allein, wahrhaftig, ich könnte
viel drum geben, wenn er augenblicklich wieder einmal Verona Verproviantierte.
Ihm würde es Vergnügen machen, und mir wäre es eine wahre Herzenserleichterung!
Da könnten wir zusammensitzen in diesem Wien wie einst in der Fliederlaube in
unserm Garten. Ihr würde es gewiss ebenfalls recht sein, denn wie hat sie oft den
armen Franz angebljetzt, wenn er um die Hecke schob, der - Esel!«
    Jetzt näselte er dem gottseligen Franz nach:
    »Hennig, ich sehe, auch du hast den Weg zur Gnade noch nicht gefunden!« und
lachte hell auf:
    »Es ist zu gut! Wenn ich mich nicht zu sehr auf morgen freute, möchte ich
wohl den Buschmann an meine Stelle wünschen und mich hinter die Türritze; da
würden wir wohl vernehmen, ob sie von dem fraglichen Wege mehr weiss als ich.«
    »Hm«, fügte er nach einer Weile hinzu, »wenn ich an jene Nacht denke, in
welcher der Chevalier an mein Bett kam, seinen leeren Geldbeutel bejammerte und
der Welt und dem Herrn von Haussenbleib sein Pflegekind mit seinem Herzblut
abkaufen wollte, wird's mir doch ganz wunderlich. Holla, und in diesem
Augenblick fährt sie vielleicht dort unten vorüber, und ich bin wahrscheinlich
nur deshalb hier in Wien, um auf es aus dem Fenster zu glotzen wie auf einen
Krodebecker Düngerhaufen? Das sieht ihm ganz ähnlich! würde meine Mutter gesagt
haben. O Tonie, Tonie, Tonie, wenn er doch Verona verproviantierte!«
    Eilfertig griff er nach dem Hut und stürmte, als ob er bereits das Beste
versäumt habe, hinaus in den Abend, in das fremde Leben; und der Reiz, aufs
Geratewohl durch die Lichter und Schatten einer grossen unbekannten Stadt zu
solcher Stunde zu schreiten, bemächtigte sich seiner bald im vollsten Masse. Er
geriet an die Ferdinandsbrücke und wusste genug von der Topographie des Orts, um
überlegen und wählen zu können zwischen einem Gang und Glas Eis im Prater und
den Geheimnissen und nächtlichen Reizen der innern Stadt. Der Stephansturm, der
schwarz durch die Dämmerung herübersah, gewann natürlicherweise schnell die
Oberhand in einem Menschen, welcher daheim der schönen Natur zur Genüge hatte
und der mit der allerschönsten Natur stets nur körperlich durch die trefflichste
Gesundheit in Gefühlsverwandtschaft gestanden hatte.
    Also kreuzte Hennig diese kleine Donau, irrte ein wenig auf dem Glacis umher
und die Trümmer der alten Basteien entlang und fand endlich seinen Weg durch die
Kärntnerstrasse in immer höherer Stimmung.
    »Es ist doch eine vornehme Stadt«, brummte er. »Schade, dass wir sie nicht an
unser Berlin anhängen können, wir würden dann, glaube ich, jedes andere Nest
rund um den Erdball herum um mehrere Nasenlängen schlagen!«
    Nun fiel ihm eine alte Melodie aus der alten, lustigen, längstvergessenen
Posse, den »Wienern in Berlin«, ein, und er summte sie im Weiterschlendern
behaglich vor sich hin. So verwöhnt war er nicht, dass er nicht sein Behagen
genommen hätte, wo er es fand, und es war in der Tat ein Behagen, sich hier in
Wien zu finden, den Chevalier, das Fräulein von Saint-Trouin und den Freund
Fröschler in Krodebeck sitzend zu wissen, Geld zu haben, mit der schönen
Jugendfreundin dieselbe Luft einzuatmen und ein Freiherr in der angenehmsten und
tiefsten Bedeutung des Wortes zu sein.
    »Am Ende ist es mir auch höchst gleichgültig, ob er Verona verproviantiert
oder nicht. Was kümmert mich das, worüber die Alten daheim die Köpfe schütteln?
Da fällt einer nach dem andern heraus, und selbst meine arme Mutter hat
herausfallen müssen, und das Leben mit seinen Lichtern und Wagenrollen und Kling
und Klang geht weiter, und jedermann hat doch nur mit seiner eigenen Gegenwart
abzurechnen. Es lebe die Gegenwart! Da wäre ich doch ein Narr, wenn ich mich in
Wien an einem Haar ekeln würde, das die andern Vor einem Menschenalter in
Krodebeck in der Suppe fanden! Und die Tonie hat ja in jedem Briefe gemeldet,
dass es ihr wohl gehe und dass ihr kaum etwas zu wünschen übrigbleibe. Le Nozze di
Figaro? Ob das der Barbier von Sevilla ist? Hören wir dem Herrn von Häussler zu
Ehren noch einen Akt von diesem Barbier! Zum Teufel, in der richtigen Stimmung
kann man alles in Musik setzen, selbst den Barbier von Krodebeck !«
    Er geriet wirklich noch zum Finale der »Hochzeit des Figaro« in das
Opernhaus und erfuhr, wie man in Österreich Silber mit Silber zahle. Dazu machte
er einige recht freundliche Bekanntschaften, welche ihm allerlei Dinge wiesen,
die nur den Ortseingeborenen und den von diesen unter die Flügel Genommenen
bekannt zu werden pflegen, und vergnügte sich durchgängig vortrefflich. Seine
Laune wurde immer besser; mit sich selber war er recht zufrieden, und mit dem
Universum fand er sich im vollkommensten Einklang. Einige Offiziere -
Norddeutsche im Dienste des Hauses Habsburg -, welche mit Bereitwilligkeit die
Landsmannschaft hatten gelten lassen, geleiteten ihn weit nach Mitternacht nach
der Leopoldstadt zurück. Sie wussten von dem Edlen von Haussenbleib, kannten ihn
jedoch nicht persönlich, wenn sie ihn gleich als eine sehr bekannte
Persönlichkeit darstellten. Im National-Gastof konsumierte der Junker von Lauen
noch ein bedeutendes Quantum Sodawasser und schlief den Schlaf der Glücklichen
bis tief in den hellen Sommermorgen hinein.
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
Glücklicherweise haben wir uns mit den Empfindungen unseres Schutzbefohlenen bei
seinem ersten Erwachen in Wien nicht eingehender zu beschäftigen. Wenn wir
sagen, dass er einen grossen Teil seiner gestrigen Exaltation für kaum begründet
erklärte und auf den Rest derselben mit einem nur mit Mühe zurückgedrängten
Missvergnügen blickte, so haben wir in dieser Hinsicht das Unsrige geleistet und
können ihn ruhig für die ersten beschaulichen Morgenstunden sich selbst
überlassen.
    Es war irgendein kirchlicher Feiertag, und zugleich wurde irgendwo eine
Parade abgehalten oder die kaiserlich-königliche Infanterie zu sonst einem Zweck
in Gala durch die Strassen geführt. Die Sonne schien, die Glocken klangen, und
die Musikbanden der verschiedenen weissröckigen Regimenter lärmten
kriegerisch-munter durch die Gassen und über die Märkte, in und auf welchen das
eilig-behäbige Menschengetriebe heute sonderbar wenig mit den Kümmernissen und
Sorgen anderer Städte der Erdenbewohner zu tun zu haben schien.
    Nahe Glocken und ferne Militärmusik sind etwas, was die Stimmung nicht
verschlechtert, und solches erfuhr unser Freund Hennig, den wir jetzt in einem
Fiaker wiederfinden, welcher ihn der Wohnung des Edlen Dietrich Häussler von
Haussenbleib zuführt. Der Junker befand sich in diesem Moment in der Lage, solche
äusserliche Anreize wohl gebrauchen zu können; er sah dem ersten Zusammentreffen
mit der Jugendfreundin nicht mehr durch solch einen rosigen Schleier wie gestern
entgegen, und er konnte nicht mehr über die Bilder der Heimat lachen, sondern
fühlte tief und klar, dass der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern sich nie
dazu geeignet habe, für ihn - Hennig von Lauen -, auch in der aufgelegtesten
Stimmung nicht, den Stoff zur geringsten possenhaften Bemerkung abzugeben. Jetzt
blickte der Junker trübselig genug auf die bunten Gruppen und in die lachenden
Gesichter auf seinem Wege. Er sass vorgebeugt, mit den Händen auf den Knien, und
von Zeit zu Zeit griff er in der Brusttasche nach den Briefen, welche ihm der
Chevalier und Fräulein Adelaide an ihr Pflegekind mitgegeben hatten. Er hielt
sich, sozusagen, daran und hatte allen Grund dazu.
    »Nun weiss ich doch wieder nicht, wie mir ist«, murmelte er. »Nur eines weiss
ich genau: ich wollte, wir träfen uns wie gewöhnlich im chinesischen Pavillon
auf unserer Gartenterrasse und nicht hier in der Fremde! Gestern abend sah sich
das Ding leicht genug an; aber jetzt erst merke ich, weshalb ich eigentlich hier
bin, und ich wurde viel drum geben, wenn ich den Leutnant in diesem Augenblick
neben mir hätte, und wir könnten beide uns bei ihr anmelden lassen und mit der
Visitenkarte zu gleicher Zeit herein und ihr an den Hals fallen: Da sind wir,
Tonie! Nur deinetwegen sind wir da, und ganz Krodebeck lässt grüssen; und nun,
Mädchen, wie geht es dir? Und wie ist es dir diese ganzen langen langweiligen
Jahre hindurch gegangen?... Da würde der Chevalier wie gewöhnlich alles übrige
aufs beste besorgen, und ich könnte wie gewöhnlich mein Vergnügen und meine
Freude im Winkel haben!«
    Nun sah der Junker den Edlen von Haussenbleib gleichfalls in einer andern
Beleuchtung als am Abend vorher.
    »Wie wird er mich empfangen? Was habe ich ihm zu sagen? Was kann ich ihm von
Krodebeck aus Gutes bestellen?«
    Es war ein grosses Glück, dass in diesem Moment der Wagen hielt und der
Kutscher die Tür aufriss; in seinen Gefühlen gegen den Edlen war Hennig eben im
Begriff, seinen Rosselenker an der Schulter zu packen und ihm den heftigen
Wunsch auszudrücken: er möge umkehren und ihn bis auf weiteres nach der
Leopoldstadt zurückfahren. Jetzt war er gezwungen, auszusteigen und seine,
Geschicke zu erfüllen, und der Fiakerkutscher sah längere Zeit von seinem Bock
aus nach ihm zurück und sprach nachdenklich:
    »Kruzitürken, ist mir all eins, was d'Leut giftet; aber den hätt ich doch
drum fragn mögn.«
    Der Junker befand sich jetzt in der Vorstadt Mariahilf, ungefähr in jener
Gegend, allwo die »Laimgrube« in die Mariahilfer Hauptstrasse übergeht, und wenn
wir es für passend hielten, könnten wir die Nummer des Hauses nennen, an welchem
er nunmehr sehr betreten emporstarrte, ehe er es betrat.
    Wir nennen aus mehrfachen Gründen die Nummer des Gebäudes, in welchem sich
die Privatwohnung des Edlen Dietrich Häussler von Haussenbleib befand, nicht; aber
da wir auch auf unsere Leser einige Rücksicht zu nehmen haben, dürfen wir es
doch nicht ganz der Phantasie derselben anheimgeben, sich die Lokalitäten
auszumalen.
    Hennig von Lauen sah ein stattliches Bauwerk vor sich, das in keiner Weise
an Krodebeck und an den Lauenhof erinnerte. Zwei grosse elegante Läden nahmen zu
beiden Seiten der Tür das untere Stockwerk ein: - ein Trauerwarenmagazin unter
der wunderbar passenden Firma »Zur betrübten Hekuba« auf der Rechten - ein
Modewarenmagazin unter dem ebenso treffenden Zeichen »Zur schönen Helena« auf
der Linken. Die lebensgrossen, gar nicht übel gemalten Bildnisse der Trojanerin
und Achäerin in ganzer Figur suchten so erschütternd und verlockend als möglich
auf die vorbeiwandelnden Phäaken zu wirken und liessen ihnen jedenfalls die Wahl,
im eiligen Vorüberstreifen einen Zug Zerknirschung aus dem düstern memento mori
rechts zu schöpfen oder dem lachenden, verführerischen, aber etwas kostspieligen
Leben links einen nickenden Wink zu geben.
    Eine Treppe hoch befanden sich die Geschäftszimmer einer
Versicherungsgesellschaft, an welcher der Herr von Haussenbleib wohl auch in
irgendeiner Art beteiligt war, obgleich er ein eigenes Büro auch noch tief im
wimmelnden Mittelpunkt der innern Stadt in irgendeinem »hintern Trakte« besass.
    Im dritten Stock wohnte der Edle, und darüber hinaus stieg der Bienenstock
mit seiner summenden Bevölkerung bis hoch in den blauen Wiener Himmel hinein und
gab noch einer wunderlichen Bevölkerung von Studenten, Jüngern der Kaiserlichen
Kunstschule. Photographen und so weiter Licht genug und Schutz gegen Wind und
Wetter fast zur Genüge; und der Hausmeister wusste, welche Stellung ein
Hausmeister diesem unberechenbaren Völkchen gegenüber einnimmt.
    Von neuem griff der Junker nach den Krodebecker Briefen in seiner
Brusttasche. Die schönen jungen Damen, die, je nachdem sie das Leben oder den
Tod dem Publikum gegenüber vertraten, in hellern oder dunkelfarbigern Toiletten
hinter den Spiegelfenstern der Läden beschäftigt waren, sahen ihn bereits darauf
an, ob sie ihre Rechnung auf ihn als glücklichen Erben oder als glücklichen
Verliebten und Verlobten machen durften; er aber hatte sie nunmehr nach beiden
Seiten hin zu enttäuschen.
    Wie das Haus, in welchem Tonie Häussler in Wien wohnte, von aussen aussah,
musste er allgemach wissen.
    »Es ist doch zu wunderlich, dass ich sie hier finden soll!« seufzte er. »Aus
der Ferne sah sich alles das ganz anders an, und so albern wie jetzt bin ich mir
im Leben noch nicht vorgekommen. Bei Gott, ich habe Angst! Verlegen bin ich
schon häufiger gewesen; aber jetzt habe ich Angst! Und vor wem? Um was? O dummes
Zeug und kein Ende, jetzt stelle ich dem Unsinn ein Bein; nach zehn Minuten
werden wir ja doch darüber lachen, und, auf Ehre, ich werde ihr beichten und
mich herzlich gern von ihr auslachen lassen!«
    Mit einem Sprunge war er im Hause und erstieg eilig die Treppen, und da er
sein Leben unterwegs nicht bei der Nilassidantia versicherte, so erreichte er
ohne weitern Schaden die Tür, an welcher eine glänzende Metallplatte ihm
anzeigte, dass hier der Landsmann aus Krodebeck - nein, der Edle D. Häussler von
Haussenbleib, Ritter des Erlöserordens usw., unzweifelhaft seine Wohnung habe und
dass man nur die Glocke zu ziehen brauche, um die arme Tonie hinter der polierten
Pforte mit den geschliffenen Scheiben zu finden. Mit zaghafter Hand griff er
nach dem blanken Messingknopf und horchte atemlos auf den hellen Klang drinnen.
Hätte ihn seine selige Mutter jetzt erblicken können, würde sie die Schultern
beträchtlich in die Höhe gezogen und dazu gemeint haben:
    »Ganz wie ich's mir vorstellte! Natürlich der Peter in der Fremde! Jawohl -
als ob ich das nicht schon vom Kaiser Lotar her gekannt hätte. Wozu heiratet
man denn aus einer Familie in die andere und führt seine alten Register, wenn
man sich allmählich dabei nicht selber kennenlernte?«
    Zunächst fand sich Hennig natürlich einem ähnlichen schönen Bedienten
gegenüber, wie er vor einigen Jahren den Bauern von Krodebeck so sehr gefiel;
doch war's nicht mehr derselbe, welcher damals den Edlen begleitete, der Frau
Pastorin Buschmann mehr als nötig imponierte und im Dorfkruge so elegant für die
Ehre seines Herrn einzutreten wusste. Durch diesen stattlichen Jüngling erfuhr
Hennig vor allen Dingen, dass die Götter, wenn es ihnen beliebt, immer noch
imstande sind, der menschlichen Einfalt zu Hülfe zu kommen; der Edle von
Haussenbleib war wirklich nicht zu Hause, er befand sich in der Tat wie auf
Bestellung in Italien, und der Diener konnte nicht sagen, wann er heimkehren
werde, da der gnädige Herr das häufig selbst nicht vorher bestimmen könne.
    Mit einem tiefen erleichternden Atemzug schickte der Junker von Lauen
nunmehr seine Karte der Tonie und wurde zugleich einem zierlichen Kammermädchen
überliefert, welches ihm die Hoffnung gab, das gnädige Fräulein werde ihn
wahrscheinlich sogleich empfangen können. Er wurde in das nächste Gemach
geführt, man schob ihm einen Sessel zu, doch nahm er nicht Platz, sondern blieb
aufrecht in der Mitte des Gemachs und suchte, klopfenden Herzens, sich in der
kühlen Dämmerung zurechtzufinden.
    Die Kammerjungfer, welche in Wesen und Erscheinung dem Schilde zur Linken
der Haustür zu nicht geringer Empfehlung gereicht und es im Notfall vollständig
ersetzt haben würde, hatte ihn mit einem besondern Blick angesehen, als er ihr
die Karte zustellte, und gesagt:
    »Das gnädige Fräulein ist schon längere Zeit nicht ganz wohl«, mit
eigentümlicher Betonung des Wortes »ganz«.
    Die Vorhänge waren zugezogen, und das heisse Licht des Tages fiel nur
gedämpft in den reichen Raum. Da stand selbstverständlich irgendwo auf einer
Konsole eine Nachbildung der Ariadne von Dannecker; und dunkel erinnerte Hennig
sich später, an den Wänden neben einer schönen Kopie des Zinsgroschens von
Tizian, welche gleichfalls die Leute gern zur Ausschmückung ihrer Zimmer
verwenden und die, wie sich verschiedene Herrschaften erinnern werden, z.B. auch
in dem Zimmer der Frau Geheimen Rätin Götz in Berlin hing - lebensgrosse Porträts
des Kaisers Franz Joseph und der Kaiserin Elisabet gesehen zu haben. Er behielt
stets ein Gefühl von diesem ersten Warten auf die Jugendgespielin in der Kühle
nach der langen Fahrt durch den glühenden Sommertag, ein Gefühl der harmonischen
Wirkung von reichen Vorhängen, Tapeten und Teppichen, und behielt für alle
Zeiten im Gedächtnis, dass er von einem Tischchen ein Album aufgenommen habe und
hundert Photographien unbekannter Gesichter und Gestalten zwischen den Fingern
und wirbelnden Gedanken gedankenlos durchlaufen liess.
    Aber er hatte auf die Bemerkung der Kammerjungfer auch gesagt:
    »O das tut mir leid!«
    Eine ganz gewöhnliche, alltägliche Redensart - das erste Glied einer Kette,
welche sich ihm jetzt um die Seele legte und welche noch nach Jahren, wenn die
hübsche, gutmütige, verständige Amtmannstochter vielleicht längst das Ihrige
hingenommen hat, durch seine Träume im Wachen und im Schlafe klirren wird!
    Sie war also nicht ganz gesund, und er hatte sie doch immer nur gesund
gekannt?! In Krodebeck war ja überhaupt niemand je krank gewesen als Vielleicht
dann und wann das Fräulein Von Saint-Trouin, und der machte es Vergnügen, und
deren Leiden kannte man und ging der Patientin höchstens ein wenig mehr aus dem
Wege. Die Leute starben wohl auch in Krodebeck, wie wir bereits an einigen
Beispielen erfuhren, allein das ist etwas ganz anderes, wie jedermann weiss; denn
trotzdem war man sehr gesund in Krodebeck!
    »Sie hat uns nichts davon geschrieben; - weshalb hat sie das nicht getan?«
fragte sich Hennig. »Es ist unrecht. In ihren Briefen lacht sie, wie sie auf dem
Lauenhof über alles und nichts lachen konnte; selbst wenn sie sich über den
Buschmann ärgerte, lachte sie. Aber vielleicht ist es nichts, und sie wollte den
alten Ritter nicht unnötigerweise ängstigen. Der Teufel hole das feine
Frauenzimmer mit der seidenen Schürze - mit solchen dummen Redensarten kommen
sie stets in der Komödie aus den Kulissen.«
    Er sah sich nochmals um; aber die Vorhänge sanken nicht herab, die Wände
rückten nicht auseinander; nach wie vor blickte der listig lauschende
Pharisäerkopf dem Heiland über die Schulter, und Ariadne hielt sich auf ihrem
Panter noch immer im Gleichgewicht. Die grünen Wiesen, Büsche und Wälder von
Krodebeck, das alte Herrenhaus und die ganze Kette der blauen Harzberge samt dem
Blocksberg lagen weit, weit in der Ferne und wohlverpackt und verschlossen in
der alten schnurrigen Rokokokommode; und der Junker von Lauen besass, in diesem
Moment wenigstens, nicht das Zauberwort, welches einen frischen Hauch, einen
freundlichen Ton, einen freudigen Strahl aus ihr in die Vorstadt Mariahilf
herüberrufen konnte.
    Jetzt trat das feine Frauenzimmer mit dem zierlichen Schürzchen schnell
wieder hervor und sah ihn noch viel aufmerksamer als vorhin und sehr erstaunt
an. Es winkte ihm und bat ihn leise, zu folgen, das gnädige Fräulein freue sich
sehr, ihn zu sehen. Er durchschritt mit der Führerin noch ein zweites reiches
Gemach, und dann stand er vor Antonie Häussler, die in ihren Briefen stets
gelacht hatte, wie sie auf dem Lauenhofe über alles und nichts lachen konnte.
Starr stand er da - - die arme Tonie hatte freilich in ihren Briefen den Herrn
Ritter von Glaubigern nicht ängstigen wollen!
    »Tonie! Tonie?« rief Hennig zitternd, zum Tode erschreckt von dem, was er
nicht gedacht, nicht sich vorgestellt hatte.
    Und Tonie Häussler hatte sich aus ihrem Sessel erhoben, mit Hülfe der
hübschen gesunden Kammerjungfer, welche der Edle von Haussenbleib wahrscheinlich
fertig und vollendet in dem Laden zur Linken seiner Haustür gekauft hatte. Die
hübsche gesunde Kammerjungfer hielt ihre Herrin mit einem Arm umfasst; denn nur
so schien letztere sich aufrecht halten zu können. Und jetzt streckte Tonie
Häussler beide Hände nach dem Besuch aus und rief mit leiser, stockender Stimme:
    »Hennig! Hennig! Ist es denn wahr und möglich? Bist du es wirklich, Hennig?
Das ist wie ein Erwachen zum Leben, zu dem guten alten Leben. Sie haben ihre
Tonie nicht vergessen in der Heimat! O Hennig - lieber, lieber Hennig!«
    Er antwortete ihr nicht. Er trat ihr näher - einen Schritt - zwei Schritte.
Er legte zögernd seine Hände in die ihrigen und sagte langsam:
    »Das ist sehr unrecht! Ich muss dies auf der Stelle nach Haus schreiben. Das
haben wir nicht gewusst. O Tonie, Tonie, hast du gar nicht an uns gedacht?«
    Antonie Häussler versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr schlecht. Sie
sagte:
    »Mein Grossvater ist in Italien: er ist sehr häufig dort, und ich bin mit
dort gewesen - es war sehr schön. Ich kann euch nicht vergessen; aber sieh, ich
lebe hier nun mitten in der grossen Stadt Wien, und da muss ich das Gute mit dem
Bösen nehmen, wie es kommt. Es ist mir auch immer gut gegangen, und ich bin
recht vergnügt gewesen bis zum Tode deiner Mutter. Da hattet ihr euren Schmerz
und ich den meinigen. In den letzten Zeiten bin ich freilich ein wenig unwohl
gewesen; aber jetzt geht es viel besser - vielleicht war's nur ein bisschen
Heimweh, und weil ich nicht schreiben konnte, wie - doch es ist nun alles gut,
und ich freue mich so sehr, so sehr, dich zu sehen, deine Hände zu halten und
dich bei mir zu haben, als wärst du mit der ganzen Heimat gerad vom Himmel mir
in die Fremde hineingefallen.«
    Nun hatte Hennig bereits die Stelle der Kammerjungfer eingenommen; sanft,
wenngleich etwas unbehülflich, hielt er die Jugendgespielin, das Kind aus dem
Siechenhaus zu Krodebeck, im Arm und stützte sie, zog ihren Sessel heran und
setzte sie vorsichtig in die Kissen. Die Kammerjungfer sah alledem ziemlich
verwundert zu, schüttelte den Kopf, blickte wie fragend auf ein grosses,
trefflich gelungenes photographisches Porträt des Edlen von Haussenbleib an der
Wand und zog sich zurück. Der Junker holte sich gleichfalls einen Stuhl, rückte
ihn so dicht als möglich an den Sessel Antoniens und rief:
    »Ja, da bin ich, Mädchen - du dummes, böses Mädchen, und fürs erste geh ich
jetzt nicht wieder. - Darauf richte dich ein. Den Herrn - Grosspapa lassen wir
ruhig in Italien bei seinen Geschäften; wenn einer aus Krodebeck dort ist, so
hat Krodebeck in dieser Beziehung vollkommen seine Pflicht und Schuldigkeit
getan. Mir gefällt dieses Wien ausgezeichnet, und jetzt - ganze Eskadron,
marsch! - liefre dein Elend aus, oder - Jott sei uns jnädig! - ich nehme es mit
Sturm wie den hartmäuligsten Ascherslebener Kommissgaul.«
    
    Nun lachte Tonie Häussler doch wirklich und faltete die Hände:
    »Ach, Hennig, das ist wie ein Mairegen! Das ist Krodebeck! O ich bin so
glücklich!«
    »Und Franz Buschmann lässt grüssen - und der Chevalier - und das Frölen! - Du
solltest unsere Saaten sehen, Tonie - und hier hab ich die ganze Tasche voll
Briefe. Sie haben Tag und Nacht darüber gesessen, und der Ritter hat mich fast
umgebracht mit dem, was ich dir sagen sollte, Tonie, und was ich nicht vergessen
sollte, und in Peccadillo sind trotz aller Vorsichtsmassregeln doch die Motten
gekommen, und das Frölen war ausser sich; der ganze Lauenhof sass acht Tage lang
mit unter dem Glaskasten und roch nach Kampfer! Von meiner armen Mutter will ich
noch nicht sprechen, das alles kommt später: wir haben Zeit, für alles haben wir
Zeit, Tonie, und nun sei ein braves Mädchen und mach mir das Herz nicht zu
schwer; wir bringen alles wieder in den Sattel - Kreuzelement, ob wir nicht zum
nächsten Appell parademässig ausrücken werden?!«
    »Und ich nenne ihn noch immer du; als ob sich das ganz von selbst
verstände!« rief Tonie fröhlich. »Wann bist du angekommen, und wo wohnst du,
Lieber? Ich finde mich noch gar nicht zurecht, du bringst mir fast zuviel Glück
mit. Ja, fürs erste darfst du mich nicht wieder verlassen - weisst du, ich bin
daran gewöhnt, meinen Willen zu bekommen; ich bin sehr verzogen - es ist eben
ein Unheil: die alte Hanne Allmann hat den Anfang damit gemacht, und so bin ich
aus einer weichen Hand in die andere gegangen, und hier - jetzt - hier habe ich
auch meinen Willen!«
    Ihr ganzes Wesen hatte sich bei den letzten Worten verändert. Sie hatte sich
wieder halb aufgerichtet, ihre Augen glänzten halb ängstlich, halb
triumphierend, und ein anderer als der Junker von Lauen hätte schon aus der
abwehrend-drohenden Bewegung ihrer Hand allein erkannt, wie Antonie Häussler hier
in Wien ihren Willen bekam und wie der Edle Dietrich Häussler von Haussenbleib
sich gegen denselben verhielt. So leicht jedoch merkte der Junker von Lauen
nichts; er sah nur mit erhöhtem Staunen die schnelle Röte auf den Wangen der
jungen Dame kommen und gehen, er sah mit erneutem Schrecken die bleiche Farbe
wiederkehren.
    Doch nun fing Tonie an zu fragen, und er hatte zu antworten und zu erzählen.
Sie liess ihm kaum Zeit zu seinen Antworten - auf halbem Wege ahnte sie schon,
was er zu sagen hatte. Ach, er wusste gar nicht, wie viele wissenswerte Dinge er
als Reisegeschenk mitbrachte, er staunte selbst darüber, wie interessant ihm
selber mit einem Male die Alltagsneuigkeiten von Krodebeck und dem Lauenhofe in
der Kaiserstadt Wien wurden.
    Und immer rief Tonie dazwischen:
    »Nimm dir Zeit, wir haben ja Zeit! Ich will alles wissen, und ich will alles
ganz genau wissen. Ich will dir helfen zu erzählen; aber, sieh, du musst dir auch
rechte Mühe geben; vielleicht freust du dich, wenn du ein alter Mann, ei - ein
alter würdiger Herr bist, noch darüber, dass du mir heut und in diesen Tagen den
Gefallen tatest. Vielleicht kannst du auch Tote auferwecken - probier es einmal.
Es soll uns keiner stören, wir wollen ganz allein sein, den guten langen Tag
durch - o ich bin so glücklich, Hennig.«
    Hennig von Lauen gab sich rechte Mühe. Er blieb den ganzen Tag an der Seite
Tonies und kehrte sich nicht im geringsten an die Sitte der Welt. Er erzählte,
er schwatzte; dazwischen las sie mit flimmernden Augen die Briefe, welche er ihr
gebracht hatte. Er hatte auch ihren Schlummer zu bewachen und wusste oft selbst
nicht, ob er jetzt im Wachen oder im Traume sitze, und am Abend ging er betäubt
nach Haus und sass die halbe Nacht durch, um das Versprechen zu lösen, welches er
dem Ritter von Glaubigern und dem Fräulein von Saint-Trouin gegeben hatte,
nämlich umgehend von Wien aus zu schreiben.
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
Es war bereits Dämmerung, als er den National-Gastof in der Taborstrasse
erreichte, und auf seinem Wege dahin hatte sein Dämon ihn wie einen Trunkenen
vor Unglück und Verdriesslichkeiten aller Art zu hüten. Es war ein ziemliches
Wunder, dass er sein Zimmer mit gesunden Gliedern erreichte; wie es in seinem
Innern aussah, werden wir uns aus seinem Briefe zusammenreimen müssen. Er war
kein Held von der Feder, aber dessenungeachtet ist es unsere Pflicht, sein
Schreiben nach Krodebeck diesem Buche vom Schüdderump beizulegen. Einen schönen
Stil leidet unsere Aufgabe diesmal überhaupt nicht, und wir haben deshalb nicht
einmal um Entschuldigung zu bitten.
    Der Junker von Lauen schrieb, wenn nicht gut, so doch recht ausführlich,
folgendes:
»Lieber Herr Leutnant!
Ich zeige an, dass ich in Wien und gesund bin. Aber mit dem Vesuv ist's fürs
erste noch nichts, und auf die Kamelzucht bei Pisa habe ich mich vielleicht auch
umsonst gefreut, und das wäre doch über alle feuerspeienden Berge in der ganzen
Welt gegangen. In Leipzig war ich in Möckern, wo Sie Anno dreizehn auch waren;
aber da ist leider alles zugewachsen und zugebaut, Sie würden sich selber nicht
mehr zurechtfinden. Ich stieg über mehrere Zäune, um die Stelle zu sehen, wo die
Gardemarine zusammengehauen wurde; aber dabei fing mich ein Feldwächter und ging
mit mir nach Eutritzsch, wo mich mein Patriotismus zwei preussische Taler
kostete. In Dresden ist's schön. Die Elbe ist dort so breit wie in Magdeburg am
Herrenkrug, in dem Bildersaal bin ich auch gewesen, aber es waren mir fast zu
viele Bilder drin, und so bin ich umgekehrt; aber ich bringe einen Katalog mit.
Das Grüne Gewölbe hat mir eigentlich besser gefallen; weil jedoch fortwährend
eine furchtbare Hitze war, so habe ich mich meistens auf dem Waldschlösschen, dem
Feldschlösschen, dem Felsenkeller und an ähnlichen schönen Punkten aufgehalten.
Nachher hätte ich in der Sächsischen Schweiz beinahe dreimal den Hals gebrochen,
nämlich auf der Bastei, am Kuhstall und am Prebischtor. Am Prebischtor gab's
böhmischen Wein; aber vorher auf dem Grossen Winterberge nichts als Nebel. Von
Prag will ich weiter nichts sagen, es war zu schön; ich habe auch Streit mit
einem österreichischen Jägeroffizier bekommen, und die Herren waren
ausserordentlich freundlich und zuvorkommend, und ein liebenswürdiger ungarischer
Husarenleutnant arrangierte alles aufs beste für mich; doch zuletzt wurde die
Sache in Güte beigelegt, und wir fuhren und ritten in bester Kameradschaft nach
Bubentsch und kamen spät, aber recht vergnügt in der Nacht heim.
    Hätt ich den Weg von Prag nach Wien zu Pferde gemacht, so würde ich nicht
den grössten Teil verschlafen haben. Auf der Eisenbahn schlafe ich immer, und
diesmal schlief ich fester denn je, woran die lieben Prager Herren wohl ein
wenig mit schuld sein mochten. Aber in Brünn ass man zu Mittag, und von hier an
blieb ich wach bis Wien, allwo wir mit untergehender Sonne vergnügt anlangten,
nachdem wir Wagram passiert hatten, was mir sehr merkwürdig war und Ihnen gewiss
gleichfalls recht kurios vorgekommen wäre.
    Ich kam mit zwei geistlichen Herren und einer jungen Dame heiter und
vergnügt an und fuhr zum National-Gastof in der Taborstrasse, wohin jedermann in
Krodebeck für die nächste Zeit seine Briefe richten mag, und erholte mich von
den Strapazen der Reise, das heisst, ich lief zuerst allein und dann unter dem
Schutz einiger angenehmer Leute vom Regiment Erzherzog Rainer bis spät nach
Mitternacht umher; denn wer sich in einer fremden Stadt nächtlicherweile
ordentlich orientiert hat, der weiss sich nachher auch bei Tage zurechtzufinden.
Sehen Sie, Herr von Glaubigern, das gnädige Fräulein meint immer, ich hätte
keine Maximen; aber wenn das keine Maxime ist, so weiss ich nicht, was eine ist.
    Wien ist wirklich eine recht hübsche Stadt und macht den Wienern alle Ehre;
aber die Donau, welche ich bis jetzt kennenlernte, ist nicht weit her, doch
existieren zwei, und die andere ist die rechte. Herr Leutnant, Sie kennen
Goslar, und ich kenne es auch, und da muss ich sagen, dass es mir stets sonderbar
vorgekommen ist, wie man einst hat glauben können, Rom und den Erdball von
Goslar aus regieren zu können. Warten Sie nur, ich breche nicht aus der Bahn;
denn trotzdem dass Wien eine prachtvolle Stadt ist, hat es in einer Hinsicht doch
eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Goslar; nämlich trotz allem und allem ist es
meine feste Meinung, dass man Krodebeck und den Lauenhof nicht von Wien aus
regieren kann; die Infanterie versteht kein Deutsch, und es wird zwar deutsch
kommandiert, aber geflucht muss italienisch, polackisch und böhmisch werden.
Donnerwetter, wenn das Goslarer Kontingent vor achtundert Jahren italienisch
gesprochen hätte, würde die Weltgeschichte ganz anders aussehen; aber das sind
nur so meine dummen Gedanken, und weil ich vor Verwirrung und Betrübnis nicht
weiss, was ich eigentlich schreibe.
    O lieber Herr von Glaubigern, am folgenden Morgen, als wie heute morgen, war
ich bei unserer Tonie, und da habe ich mit blutendem Herzen erfahren, dass wir
nach Belieben sitzen und politisieren mögen, es geht doch alles seinen
gewiesenen Gang. Ach, Herr Leutnant, wir haben auch den Lauf der Welt nicht von
Krodebeck aus regieren können, das wissen Sie ja; aber so schlimm hatte ich's
mir nicht vorgestellt! Was ich Ihnen jetzo auch geschrieben haben mag, ich kann
mit der Hand auf dem Herzen versichern, dass ich mich auf der Reise bis jetzt auf
nichts mehr gefreut habe als auf das Kind; aber die Freude ist mir vollständig
ins Wasser gefallen.
    Und es liess sich alles so gut an! Sie erinnern sich, Herr Leutnant, was uns
der Herr von Häussler während seines Besuchs auf dem Hofe vorräsonierte von
Mantua, Peschiera und Verona; und so dumm bin ich nicht, dass ich nicht bei
jetziger Zeitlage die stille Hoffnung hegte, er würde sich augenblicklich wieder
dort aufhalten. Diese Hoffnung hat mich nicht getäuscht; der Herr Dietrich
Häussler verproviantiert Verona, und Tonie, unsere Tonie war allein zu Hause! Den
ganzen Tag heute hab ich bei ihr gesessen, und wir haben von Krodebeck wie von
einem himmlischen Paradiese gesprochen, was es doch nicht ist, wie Sie ebensogut
als ich wissen. Es kommt alles darauf an, wie man ein Ding ansieht, und seit
heute morgen sehe ich den Lauenhof in einem viel bessern Lichte als gestern
abend, allwo ich wie ein Narr auf der Wolke ritt. Jetzt haben wir 'ne Lerche
geschossen, und ich suche mühselig meine Gliedmassen wieder zusammen. Kreuzlahm
bin ich nach Haus gehinkt und sitze hier und schreibe, ich weiss nicht was!
    Die Tonie ist krank, Herr Leutnant, und hat uns schon lange erbärmlich mit
ihren fröhlichen und vergnügten Briefen hinter das Licht geführt; und seit ich
sie gesehen habe, ist es mir zumute geworden, als habe diese ganze grosse Stadt
Wien mit einem Male Trauer angelegt - selbst die Luft kommt mir seit heute
morgen ganz anders vor; und wie kann da noch von grossem Spass die Rede sein, wo
jede Glocke klingt, als ob sie zum Begräbnis läute?
    Ich habe dem Mädchen schön die Wahrheit gesagt - auch in Ihrem Namen, Herr
von Glaubigern; - allein was hilft das? Sie lächelt und meint: es habe nichts zu
bedeuten, sie habe es sehr gut, alles gehe nach ihrem Willen, und der Grosspapa
Häussler suche ihr jeden Wunsch aus den Augen abzulesen. In der letztern Hinsicht
ist es mir durchaus nicht lieb, dass sich der Herr von Haussenbleib in Italien
befindet, dem möchte ich ebenfalls verschiedenes aus den Augen ablesen, ehe ich
der Tonie wieder traue, und etwas Ähnliches habe ich dem Kind zu verstehen
gegeben; allein es hat wieder nur gelächelt - doch nicht so, wie es in Krodebeck
lachte. So wütend und betrübt zugleich bin ich noch nie in meinem Leben gewesen,
und in einer merkwürdig tollen Stimmung bin ich heute abend in die Taborstrasse
zurückgekehrt. Wäre ich betrunken gewesen, hätte kein vernünftiger Mensch an
meinem Zustande was aussetzen können, so aber bin ich mir fast selber zum Ekel
geworden und finde meinen einzigen Trost nur in diesem Schreiben an Sie, lieber
Herr von Glaubigern, denn ich weiss, dass Ihnen dabei womöglich noch übler werden
wird; denn Sie haben in jener Nacht, als Sie wie ein Geist umgingen und an mein
Bett kamen, vollständig recht gehabt, woran ich übrigens schon damals nicht
zweifelte.
    Der Edle Dietrich Häussler wohnt hier in einer ganz schönen Gegend in der
Vorstadt Mariahilf in einem sehr schönen Hause. Und da sitzt denn auch unsere
Antonie, und ich habe heute neben ihr gesessen, das Herz voll von Tränen, wie
die Mamsell Molkemeier, wenn ihr ein Unglück mit der Butter passiert ist. Wir
haben von nichts anderem gesprochen als von Krodebeck und dem Lauenhofe, von der
Mutter, von dem Fräulein Adelaide, von der alten Hanne Allmann, der alten Jane
Warwolf und Ihnen, Herr Ritter. Sie hat auch Ihre und des Fräuleins Briefe
gelesen und lässt sich allen empfehlen, aber schriftlich kann man das nicht
ausdrücken, wie! - Wir haben zusammen zu Mittag gegessen, und das allein schon
konnte einem den Wagen umwerfen, wenn man das Vergangene und das Gegenwärtige
zusammenhielt. Der Edle Dietrich Häussler scheint in der Tat hierzulande ein
grosses Tier zu sein; aber das Kind ist krank - sehr krank, Herr von Glaubigern,
und ich schämte mich fast, so dick und fett ihr da gegenüberzusitzen und die
ganzen letzten Jahre hindurch so vergnügt gewesen zu sein und so wenig an sie
gedacht zu haben. Sie hat Bediente und Kammerjungfern, allein man braucht sie
nur anzusehen, um zu wissen, wie heillos sie jedesmal gelogen hat, wenn sie uns
schrieb, dass es ihr gut gehe. Ja, während es uns freilich besser ging, als wir
verdienten - den Tod der Mutter abgerechnet -, verkümmerte sie hier oder wurde
auf das niederträchtigste mit Kunst fast zu Tode gequält. Davon will sie zwar
nichts hören; aber ich bleibe in Wien, bis ich mir alles ins klare gebracht
habe, und hoffe, dass ich damit auch Ihre und des gnädigen Fräuleins Meinung
treffe, Herr Leutnant.
    Herr von Glaubigern, mit dem gnädigen Fräulein ist das eine eigene Sache,
und wir haben ihm allesamt vieles abzubitten, was ich mit einem höflichen
Kompliment auszurichten bitte. Das sage ich ganz offen, ich für mein Teil habe
früher kein grösseres Vergnügen gekannt, als wenn sich plötzlich beim schönsten
Wetter das Gnädige mit seinem Taschentuch in den Winkel setzte und den König
Ludwig den Sechzehnten und die Eroberung Konstantinopels durch die Türken
bejammerte und für vierzehn Tage seine Gesellschaft in diesem irdischen
Jammertal für jedermann unmöglich machte. Damals war mir bärenmässig wohl, aber
heute fühle ich zum erstenmal den Klotz am Bein und tue dem Fräulein Adelaide
Abbitte und Ihnen auch, Herr Leutnant. Und dazu muss man nach Wien gekommen sein,
um solche Erfahrungen zu machen! Das alles muss einem hier in Wien klarwerden,
hier, allwo jeder, der Ihnen begegnet, vor Behagen kaum Platz in seiner Haut zu
haben scheint!
    Ich war in einer netten Stimmung, heute abend auf dem Heimwege; - Fräulein
Adelaide in ihren elendesten Momenten war das reine Himmelblau gegen mich! O ich
hätte sie alle mit den Nasen gegen die Laternenpfähle stossen können, wenn sie
nicht zu freundlich und vertraulich Platz gemacht hätten! Und die Frauenzimmer
gar! Die tanzten alle, und ich glaube, unsere Tonie ist die einzige, die mitten
unter ihnen allein sitzt und weint. Nur ein Blinder, welchem die Augen in dem
Augenblick aufgehen, in welchem die Sonne untergeht, kann wissen, wie mir in
dieser Stunde zumute ist. Ja, Herr Leutnant, auch Sie hatten recht, wenn auch
auf eine andere Art als das gnädige Fräulein. Aber wir andern in Krodebeck waren
alle zu dumm, um Sie zu begreifen, weshalb wir uns natürlich um soviel weiser
und klüger dünkten als Sie. Jetzt erst reime ich mir allmählich zusammen, was
Sie eigentlich meinten, wenn Sie Ihre unverständlichen Reden hielten, wie zum
Beispiel, wenn Sie sagten, der Tag sei nicht so hell, als man denke, und das
Licht liege nur in dem Vergangenen und der Sehnsucht darnach, die Zukunft aber
bringe auch nur, was der Tag heute sei, oder noch etwas Schlimmeres und so
weiter.
    Dass dieses so ist, habe ich nun gemerkt. Wir haben heute von nichts als der
guten alten Zeit sprechen können. Was frage ich noch nach den Kamelen und dem
Vesuv? Schon dass der Edle von Haussenbleib in dem Italien sein Glück gemacht hat,
könnte mir die sämtlichen Pomeranzenländer in alle Ewigkeit verleiden; aber
hoffentlich hängen ihn die Garibaldiner demnächst einmal an den Beinen auf, und
nachher werde ich mir den Baum mit Vergnügen besehen und auch alles übrige
Sehenswürdige mit Gemütlichkeit nachholen.
    Grüssen Sie den Fröschler, Herr Leutnant, und bitten Sie ihn, in der Ernte
die Eichsfelder scharf unterm Zügel zu halten. Nur durch die menschenmöglichste
Grobheit kann man mit denen in Güte auskommen, wenn sie gleich nicht so schlimm
sind, als die römischen Eichsfelder, welche die Maler so gern in den
Kunstausstellungen aufhängen, aussehen. Aber auf den Fröschler gerate ich nur,
weil die Tonie und ich von nichts anderm als dem Lauenhof gesprochen haben und
er jetzt doch auch zum Lauenhofe gehört. Wir haben hier freilich mit ganz anderm
Volk zu schaffen als den Ernteleuten vom Eichsfelde. Sehr viele Herrschaften -
Herren und Damen mit prachtvollen Titeln und noch prachtvollern deutschen,
polnischen und italienischen Namen haben nach mir gleichfalls ihre Visitenkarten
hereingeschickt und anfragen lassen, ob das gnädige Fräulein zu sprechen sei.
Wir haben sie diesmal jedoch sämtlich abgewiesen, da wir den Tag für uns allein
brauchten. Ich hoffe, einige dieser Herrschaften genauer kennenzulernen, und
werde sodann dem Lauenhof mehr darüber melden. Ach, ich glaube, ich erfahre
dadurch Schlimmeres, als wenn ich den Ärzten der Tonie einen Besuch machte. Der
Edle von Haussenbleib hat sicherlich einen höchst sauberen Bekanntenkreis. Der
Teufel hole ihn, nämlich den Edlen!
    Ich sah ganz genau, wie das Kind bei einigen jener Namen den Kopf zurückwarf
oder die Lippen zusammenbiss. Und der Bediente sah es nach jeder neuen Abweisung
immer grösser an, und das schöne Kammermädchen schien sogar einmal die Absicht zu
haben, eine vorlaute Bemerkung zu machen.
    Herr Chevalier, verlassen Sie sich auf mich! Etwas Grosses und allzu Kluges
haben Sie mir nie zugetraut; aber an dieser Stelle bin ich imstande, den
Pferdemarkt zu bereiten, ohne irgendeinem Juden Gelegenheit zu einem Israel,
frohlocke! über mich zu gehen. Das Kind ist mir immer noch viel zu lieb, um ihm
nicht gern einige Wochen meines Daseins zu opfern, und ausserdem gefällt mir Wien
in der Tat ungemein, und ich begreife schon jetzt ganz wohl, dass man daselbst
ganz angenehm leben kann.
    Nun wäre ich für heute zu Ende, sowohl mit meinen Kräften als auch mit
meinem Papier. Das ist die schwerste Arbeit gewesen, die ich ausgeführt habe,
seit Sie den Comenius zuklappten; freilich ob Sie daraus klug werden, ist Ihre
Sache. Wäre es irgend möglich gewesen, so würden Sie auch diesen Brief nicht
erhalten; aber dafür befände ich mich dann bereits mit der Tonie auf dem
Heimwege nach Krodebeck.
    Schreiben Sie an mich in den National-Gastof, Zimmer 38, was Sie wollen;
und schreiben Sie und das gnädige Fräulein an die Tonie so vergnügt als möglich
- Sie tun ein gutes Werk damit und werden mich schon verstehen.
    Leben Sie wohl und bleiben Sie mein bester Freund!
                                                              Hennig von Lauen.«
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
Wir haben dieses konfuse Schreiben, wie gesagt, seiner ganzen Länge nach geben
müssen und ersehen daraus, dass Leute, welche nicht gewohnt sind, Briefe zu
schreiben, in gegebenen Fällen mit sonderbarer Energie ans Werk gehen. Aber wir
erfahren noch einiges andere daraus. So z.B. erhalten wir leider vor allen
Dingen die Gewissheit, dass der Junker von Lauen nicht der Mann war, um dem
dunkeln Fuhrmann in die Zügel zu fallen und die Speichen der schwarzen Räder
rückwärts zu drehen. Seine Erziehung hatte ihn nicht fähig gemacht, einer
    Welt, wie sie ihm jetzt entgegenstand, mit Aussicht auf Erfolg den Kampf
anzubieten; und unklare Gefühle haben, selbst in Verbindung mit dem besten
Willen, stets sehr wenig gegen die offenkundigen Geheimnisse des Erdenlebens
ausgerichtet. Es war vorauszusehen, dass Hennig sich eine Weile abmühen würde, um
endlich mit blutenden Fingern nach Hause zu schleichen und sich zu trösten, wie
Millionen vor ihm sich getröstet haben. So geschah es! Und dass er kein übler
Gesell war, geht ebenfalls in unumstösslicher Gewissheit aus seinem jetzigen, an
den Ritter von Glaubigern gerichteten Notschrei hervor. Und dass er das fremde
reiche Leben, welches ihn jetzt umgab, nicht ohne Nutzen für spätere Zeiten
durch ein so eigentümliches Medium in seine Erfahrung aufnehmen musste, war,
seinen schriftlichen Ergüssen zufolge, gleichfalls nicht zu bezweifeln. Er war
nicht der Mann, welcher bis jetzt viel über die Dinge, welche ihn umringten,
nachgedacht hatte. Menschen und Sachen liess er gelten, wie sie sich gaben, was
unter allen Umständen wohl das behaglichste ist, jedoch nicht grade für die
Stärke und Regsamkeit des eigenen Geistes spricht. Das änderte sich natürlich
auch in der Folge wenig: er liess Menschen und Sachen nach wie vor in der alten
Art auf sich wirken; allein er konnte sich unter Umständen doch darüber ärgern,
und das war unbedingt ein grosser Gewinn, wenn auch nicht für seine
Behaglichkeit, so doch für sein etisches Bewusstsein. Der Pastorenfranz war
übrigens durchaus nicht gezwungen, die süsse Gewissheit, an seines Vaters Stelle
Pfarrherr zu Krodebeck zu werden, infolge dieser Wiener Reise seines Patrons
aufzugeben! - -
    Der Junker von Lauen siegelte seinen Brief an den Herrn von Glaubigern, wog
ihn in der Hand, atmete etwas erleichterter und sprach:
    »So! Nun wissen sie, woran sie sind, und können mir ihrerseits mitteilen,
wie sie das Elend ansehen und was ich in ihrem Namen an die Tonie bestellen
soll. Übrigens ist es mir recht lieb, dass ich nicht auf dem Hofe vorhanden bin,
wenn dies Skriptum anlangt. Das wird eine schöne Bescherung geben; es ist schon
von ferne schlimm genug, sich allein das gnädige Fräulein auszumalen, und an den
Ritter mag ich gar nicht denken.«
    Mit einem nicht sehr zarten Segenswunsch warf er sein Schreiben auf den
Tisch und sich nach einer kurzen Weile aufs Bett und erwachte am andern Morgen
nach einem gesunden Schlaf mit dem Gefühl, sich einer erstaunlichen Mühe und
Arbeit ohne die geringste Aussicht auf Nutzen und Gewinn unterzogen zu haben.
    »Ich verderbe den Alten höchstens den Appetit, wie er mir verdorben worden
ist. Das ist alles!« sagte er während des Ankleidens, warf aber nachher den
Brief eigenhändig in den nächsten Briefkasten und sass mürrisch und brütend in
einem Kaffeehause, bis ihn die Wirbel der grossen Stadt von neuem mit sich
fortrissen. -
    Wir haben im Grunde über die Zeit, welche er nun durchlebte, wenig zu sagen;
wusste er doch selbst späterhin wenig davon zu erzählen! Naturen gleich der
seinigen geraten nur zu leicht, wenn sie aus der gewohnten Bahn und Umgebung
gerissen werden, in einen Taumel, der sie eben nicht befähigt, auf sich zu
achten und für andere zu sorgen. Nur zu leicht verlieren sie jeden Massstab für
die Dinge und sind nachher, wenn sich die hohen Wogen verliefen, kaum imstande,
was jene Periode ungewöhnlicher Aufregung betrifft, die Wirklichkeit von den
Gebilden der Phantasie zu unterscheiden. Wohl aber sind sie zu jeder Zeit
imstande, das Unglaublichste glaublich zu finden, wie sie sich den allerderbsten
Realitäten gegenüber vorzugsweise gern dem drolligsten, aber für sie selber
keineswegs vorteilhaften Skeptizismus zu überlassen pflegen.
    Dazu finden sich denn natürlich Leute, welche sich ihrer auf das
wohlwollendste annehmen, im Überfluss. Die guten, heitern, leichterzigen Freunde
und Freundinnen tauchen an allen Ecken und Enden auf und sind stets zur rechten
Zeit gegenwärtig, um kleine Unannehmlichkeiten, Missverständnisse und
Verdriesslichkeiten mit wahrhaft rührender Aufopferung des eigenen Wohls und
Behagens aus dem Wege zu räumen.
    Der Junker Hennig von Lauen, welcher nicht nach Italien weiterreiste,
sondern in Wien sitzenblieb, um der armen Tonie Häussler mit Rat und Tat
beizustehen, hatte nach acht Tagen selber nichts nötiger als den Rat und die
treue, ängstliche Hülfe der Jugendgespielin: ein Fall, den auch gescheitere
Köpfe als er in einige Überlegung ziehen können.
    In einer Hinsicht hielt der Junker vollständig Wort - er setzte sein ganzes
Herz daran, der Tonie die Grillen zu vertreiben; nur war's eine andere Frage, ob
er sich rühmen konnte, die richtige Art und Weise dafür ausfindig gemacht zu
haben!
    Ein Mensch der sentimentalen Heimats- und Heimwehgefühle war er nicht, und
so fing er denn sehr bald an, in bezug auf die Heimat recht witzig zu werden. Je
mehr Bekanntschaften er machte, und er machte deren auch einige im Hause des
Herrn von Haussenbleib, desto mehr verringerte sich der Druck auf seiner Seele,
desto schneller schwanden die Sorgen und zornmütigen Aufwallungen, die ihn bei
und nach dem ersten Wiederzusammentreffen mit dem Pflegekinde des Lauenhofes
erfasst und geschüttelt hatten. Von Tag zu Tage gefiel es ihm besser in der
grossen Stadt an der Donau, und je besser es ihm dort gefiel, desto grösseren
Trost fand er auch für Tonie Häussler in der Vorstellung, dass Krodebeck doch den
Himmel auf Erden nicht bedeute und dass man mit einer gewissen harmlosen, jedoch
nicht übertriebenen Neigung zu demselben allen Verpflichtungen gegen dasselbe
Genüge leisten könne.
    In diesem Sinne suchte er das arme Kind durch allerlei Karikaturen des Ortes
und der Leute dort zu erheitern, und da der Ort und die Leute, seit Antonie sie
verlassen musste, so ziemlich die nämlichen geblieben waren, so war auch der
Junker darauf beschränkt, seinen Humor in den alten Geleisen zu halten, und
Tonie hatte also nicht einmal die Gelegenheit, andere Dinge und Personen in
einem andern Lichte zu sehen. Er war unerbittlich im Auskramen seiner
verbrauchten Platteiten, und das schlimmste war, dass er den Chevalier von
Glaubigern in der besten Absicht lächerrlich zu machen suchte und gar nicht
ahnte, wie er dadurch das Glück, welches er der Enkelin des Edlen von
Haussenbleib gebracht hatte, in das Gegenteil verkehrte.
    Dann und wann gelang es dem jungen Mädchen, ihn zurückzurufen in die
Stimmung und den Ton der ersten Stunden ihres Zusammenseins; allein das dauerte
nie lange, und er erschien an jedem neuen Tage aufgelegter, heiterer und
zufriedener mit sich und aller Welt. Dass er darum ganz und gar aus dem
Gedächtnis verloren hätte, weshalb er seine Reise nach dem Süden nicht weiter
fortsetzte, weshalb er in Wien sitzengeblieben war - wollen wir nicht sagen. Er
dachte häufig daran; es schwebte ihm fast jeden Augenblick vor der Seele; allein
er wandelte in Betäubung, und das war auch eigentlich gar kein Wunder, denn
Tonie Häussler lebte in einer seltsamen Welt, und diese Welt hatte seltsame
Fangarme, denen man sich nur mit grosser Gefahr näherte und die nicht leicht
wieder losliessen, was sie einmal erfasst hatten.
    Es war von dem grössten Interesse für ihn, den neuen Bekanntschaften
gegenüber recht klar und bei Sinnen zu bleiben, denn da er nach und nach fast
alle Freunde und Freundinnen des Edlen Dietrich Häussler von Haussenbleib
kennenlernte, so hatte er sich auch gegen alle in irgendeiner Art zu wehren. Und
dazu verwirrten ihn allmählich die Äusserlichkeiten des Lebens, die Gassen, die
Teater, die Berge und Gärten, die Kunstwerke und selbst der grosse Fluss in einer
Weise, dass ihm zuletzt wenig von seinem frühern Anschauen und Denken
übrigbleiben musste. Oft griff er, wenn er spät in der Nacht sich endlich in
seinem Zimmer in der Taborstrasse allein fand, an die Stirn, um sich zu fragen:
wer, was und wo er sei, und was mit dem nächsten Sonnenaufgang werden solle.
Antonie Häussler, welche denselben Kampf in ziemlich derselben Art gekämpft
hatte, war zu einem andern Ende gekommen, als dem Junker von Lauen bevorstand:
sie hatte gesiegt und ihren Willen behalten, aber Hennig von Lauen war verloren,
wenn nicht eine kräftige Hand zugriff und ihn nun von dem Abgrund zurückriss.
    Die arme Tonie, was vermochte sie von ihrem Sessel, von ihrer Krankenstube
aus gegen Ahaliba?!
    Man nahm alles so leicht in Ahaliba! Man war so gern bereit, jedes und jeden
von der bequemsten Seite zu nehmen. Da gab es keine unnötigen Haarspaltereien
zwischen dem, was geschah, und dem, was eigentlich hätte geschehen oder nicht
geschehen sollen. Jedermann schien nur zu bereit, den lieben Nächsten und noch
lieber die hübsche Nächste unter allen den bedenklichen Umständen zu
entschuldigen und in Schutz zu nehmen, unter welchen man demnächst selber
entschuldigt und in Schutz genommen zu werden wünschte. Freundlich und heiter
wurden Angelegenheiten und Verhältnisse behandelt, welche dem Moralisten wie dem
Kriminalrichter Stoff zum Denken und zum Arbeiten geben konnten; und freundlich,
heiter und lächelnd wurden natürlich auch die Resultate hingenommen, welche die
Moralisten und Kriminalisten in einzelnen Fällen dieser fröhlichen, unbefangenen
Lust des Daseins abgewonnen hatten.
    Und jedermann hatte soviel erlebt und gesehen und kannte die Welt so gut.
Und niemandem konnte man es übelnehmen, wenn er es sich in dieser drolligen Welt
so bequem als möglich machte! Der Edle Dietrich Häussler von Haussenbleib war
vollkommen berechtigt, auf dieser Schaubühne den Patriarchen zu agieren, und
wurde so häufig als Muster und verehrungswürdiges, nachahmenswertes Beispiel
höchsten irdischen Strebens und Erreichens aufgestellt, dass selbst der Junker
von Lauen aus Krodebeck sich allgemach daran gewöhnte, ihn derartig loben zu
hören. Von dem Schüdderump wusste niemand etwas. Von dem Schüdderump hatten ja
überhaupt in diesem Buche nur der Ritter und Leutnant Karl Eustachius von
Glaubigern und sein Pflegekind, die Tochter der schönen Marie Häussler aus dem
Siechenhause zu Krodebeck, mehr als nur eine Ahnung.
    Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die einzelnen Perlen der Schnur zu
zählen und sie in der Sonne glitzern zu lassen; sie haben doch nur in ihrer
Gesamtwirkung ihren Einfluss auf den Lauf unserer Geschichte und selbst auf den
Junker Hennig von Lauen. Was kümmert uns z.B. jener Herr, welcher mit Seiner
Päpstlichen Heiligkeit auf einem solchen guten Fusse stand, dass er jedem, welcher
es verdiente, den Orden des Goldenen Sporns verschaffen konnte? Es war ein sehr
interessanter Herr, ein sehr liebenswürdiger und würdiger Herr; allein obgleich
Hennig ihm mit Vergnügen zuhörte, war er, Hennig, doch noch bescheiden genug, um
zu erklären, dass er sich keiner so auffälligen Verdienste um das Erbteil des
heiligen Petrus bewusst sei, um auf die freundlichen Vermittlungen des Herrn
Barons irgendwelchen Anspruch zu haben. Aber er besuchte den Herrn Baron in
seiner eleganten Wohnung und traf daselbst andere Herren, welche ihn wiederum
mit anderen Herren bekannt machten, und so fühlte er sich binnen kürzester Frist
dem Herrn Baron zu mannigfachem Dank verpflichtet.
    Von den Damen, gegen welche Hennig sich gleichfalls bald in der
verschiedensten Weise verpflichtet fühlte, wollen wir noch weniger reden. Sie
rühmten sich alle ihrer guten Seiten; aber auch meistens des Gegenteils
derselben. Von allen Lebensaltern und Lebensstellungen, waren sie fast alle mit
einem Stück mehr oder weniger mytischer Lebensgeschichte behaftet, und ihre
Vergangenheit war selten danach angetan, dass sie einer schönen Vertraulichkeit
in der Gegenwart Abbruch getan hätte. Aller Zukunftsgedanken entschlugen sie
sich gern und eilig, und das war sehr verständig, denn die Zukunft ist am Ende
keines Menschen Freund und am wenigsten die Freundin der schönen Damen, und das
nicht bloss in Wien, sondern auch in Ahala und rund um den Erdenball herum.
    Worüber könnten wir noch schweigen? Natürlich über die hohe und niedere
Finanz, die selbstverständlich eine hervorragende Stellung in dem
abenteuerlichen Kreise des Hauses auf der Laimgruben einnahm. Aber auch die
Kunst in ihren verschiedensten Verzweigungen bietet uns eine treffliche
Gelegenheit, unser Manuskript abzukürzen; und gerade hier müssen wir vor allen
Dingen den Finger auf den Mund legen, denn der Edle Dietrich Häussler von
Haussenbleib, welcher selbst sein Leben so künstlerisch abgerundet hatte, galt
diesen Künstlern als ein grosser Mäzen, und sein Name hatte den besten Klang auf
ihren Zungen.
    Ach, wir schweigen wohl; aber die Herrschaften sprachen alle sehr laut für
sich selber, und sie imponierten dem Junker von Lauen, was auch das Kind aus dem
Siechenhause zu Krodebeck und er selbst dagegen einwenden mochten! Das war ein
anderer Verkehr als auf dem Lauenhofe in Krodebeck, in der berühmten Stadt des
guten Vaters Gleim, ja selbst ein anderer Verkehr als in der sonderbaren Stadt
Berlin an der Spree. Die Bauern und der Pastor Buschmann nördlich vom
Blocksberg, die schon ausser sich vor Respekt gerieten, als sie den Edlen, den
sie doch in seiner Jugend gekannt hatten, wieder zu Gesicht bekamen, was würden
sie zu allen den Herren und Damen gesagt haben, welche in dem Hause des Edlen
aus und ein gingen und die sie nicht in ihrer Jugend gekannt hatten?
    Ob wohl der Pastorenfranz diesen gnädigen Frauen gegenüber auch von dem Wege
zur Gnade geredet haben würde? Sicherlich nicht! Er wäre fest überzeugt gewesen,
dass sie denselben längst gefunden hätten; - bescheidentlich würde er sein
evangelisch gescheitelt Haupt ihnen entgegengeneigt und höchstens den Wunsch
ausgesprochen haben: ihnen mit sanften Schritten auf ihrem Pfade nachwandeln zu
dürfen. Der Pastorenfranz hätte gewiss nicht seinem Junker einen Vorwurf daraus
gemacht, dass derselbe sich ohne viel Sträubens in den bunten Tanz hineinziehen
liess. Er würde unzweifelhaft mit Vergnügen selber der nächsten Nachbarin auf der
Stelle die Hand gereicht haben und hätte nachher bei gehöriger Musse eine
Abhandlung über das Weib in Scharlach auf dem rosenfarbenen Tier mit den sieben
Köpfen und zehn Hörnern geschrieben. Vielleicht würde man ihn dann auf diese
Abhandlung hin in Halle zum Doktor der Teologie gemacht haben - so wäre man
durchaus nicht aus der Apokalypse herausgefallen, und alles hätte den Weg
genommen, den es auf dieser muntern Erde zu nehmen pflegt.
    Fort damit! Ein ander Gesicht steigt uns in der Seele empor. Der Abend ist
klar und still, die Sonne sinkt eben hinter die Vorhügel der Herzynischen Berge.
Die alte Hanne Allmann sitzt am offenen Fenster ihrer Hütte und hält ein kleines
Mädchen auf dem Schosse. Jetzt klingeln vom Walde her die Glocken der nach Haus
zurückkehrenden Herden. Da kommen die guten Freunde der armen Hanne, da kommt
das liebe Vieh, und die besten Bekannten darunter treten nach alter guter
Gewohnheit näher, recken die Hälse und legen die feuchten blasenden Schnauzen
auf das Fenstergesims. Vielleicht tritt auch Jane Warwolf aus dem Staubgewölk
auf der Heerstrasse mit ihrem hellen, kratzbürstigen »Glück auf!«. Es ist alles
eins - man kennt einander und versteht einander; man weiss wenig von Ahala und
noch weniger von Ahaliba; ach Gott, das liebe Vieh, das liebe Vieh!
    Aber die Sonne von Krodebeck ist viele Male seit jenen Zeiten hinter den
Wald hinabgesunken; wir beschwören Geister, die nur unwillig unserm Wort Folge
leisten. Jane Warwolf ist längst vor die verschlossene Tür des Siechenhauses
gekommen und hat vergeblich am Fenster gepocht. Nach der alten Hanne Allmann hat
Peter Quickbrei, welcher auch den Edlen von Haussenbleib in seiner Jugend kannte,
in dem Siechenhause von Krodebeck gewohnt. Der ist neulich ebenfalls gestorben,
er hat es in dem Siechenhause nicht so lange ausgehalten als Hanne Allmann; wir
aber haben nicht den Beruf mehr, die Geschichtsregister der traurigen Hütte
weiterzuführen; wir befinden uns mitten in der prachtvollen Stadt Wien, wo das
gnädige Fräulein, wo Antonie Häussler auf ihrem Sessel in ihren Kissen sitzt und
die Bekannten und Freunde ihres Grossvaters lächelnd zu empfangen und heiter zu
unterhalten hat und wo sie auch von Zeit zu Zeit mit Herzklopfen den Besuch des
Junkers Hennig von Lauen annimmt. -
    Pflichtgemäss hatte Tonie dem Edlen in Verona zwischen seinen Mehlsäcken,
Fässern voll eingepökelten Fleisches und Büchsen voll komprimierter Gemüse
Nachricht von der Ankunft des jungen Landsmannes in Wien gegeben, und der Edle
hatte fast umgehend geantwortet. Er hatte sogar sehr ausführlich geantwortet,
ganz gegen seine Gewohnheit! Denn für gewöhnlich liebte er es, sich jenes kurzen
und bündigen Stiles zu bedienen, der in der Korrespondenz des ersten Napoleon
vielleicht seinen vollwichtigsten Ausdruck fand. Auf dem Leipziger Schlachtfelde
konnte man seine Meinung kaum lakonischer diktieren, als sie der Edle von
Haussenbleib sonst aus seinen Kasematten in der berühmten Stadt des Fürsten
Escalus zu wissen tat; aber diesmal - en famille - wusch er seine schmutzige
Wäsche wie das allergewöhnlichste alte Weib und füllte andertalb Bogen mit
seinen Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen und Befürchtungen.
    Zu Anfang seines Briefes freute er sich vor allem ungemein, dass das Befinden
seines lieben Kindes in Wien stets weniger zu wünschen übriglasse, und dankte
herzlich für alle lieben Nachrichten aus der Laimgruben. Die Ankunft des jungen
Herrn von Lauen in der Kaiserstadt gereichte ihm zur unendlichen Befriedigung,
und er glaubte kaum fähig zu sein, schriftlich seine volle Genugtuung darüber
ausdrücken zu können. Das war freilich eine Nachricht, welche das Herz höher
schlagen machte; denn was aus Krodebeck kam oder nur an Krodebeck erinnerte, war
wie eine »Pièce auf dem Alphorn für einen Schweizer Kuhhirten« in der
ungemütlichen Fremde - nämlich unter den Fleischtöpfen von Verona. - Der alte
Herr wurde vollkommen sentimental an dieser Stelle, so sentimental, dass man es
seinem Schreiben ganz und gar nicht ansah, dass er während der Abfassung
desselben ein anderes Blatt daneben liegen hatte, auf welchem er, zwischen
seiner Rührung durch, den Preis von fünfhundert Fässern eingepökelten
Schweinefleisches zusammenrechnete und seine Prozente davon abzog. Wie Amyntas
blies er auf dem Haferrohr, gerad als ob er für dies süsse Getön keine Prozente
erwarte und den Lohn für seine Bemühungen nur im eigenen Herzen und in den
Zähren von Daphnis und Chloe, und zwar sein ganzes Leben hin durch, gefunden
habe. Er hoffte, dass der junge Herr in seinem Hause wenigstens einen Hauch aus
der teuren Heimat wiederfinden und davon in seinen Briefen nach der Heimat
berichten werde. Er hoffte, wünschte und bat, dass das gute Tonerl nichts
versäumen werde, um dem lieben Gast den Aufentalt in der Kaiserstadt so
angenehm als möglich zu machen, und er bedauerte innig, augenblicklich nicht in
dieser Kaiserstadt anwesend zu sein, um dieses hohe Vergnügen mit der Enkelin
wenigstens teilen zu können, hoffte jedoch, den verehrten Herrn von Lauen bei
seiner Rückkehr aus Italien - die er beiläufig in nahe Aussicht stellte - noch
vorzufinden, um selbst zeigen zu können, wie ein ehrlich treues Herz weder durch
die Jahre noch den Wechsel des Glückes in seinen Neigungen und Empfindungen
verändert werde. -
    In dieser Weise ungefähr füllte der Edle den Bogen aus, und konnte der
Inhalt unbefangen Wort für Wort, Satz für Satz dem Gast aus dem Norden
vorgelesen, ja selbst zu eigener Einsichtnahme vorgelegt werden.
    Was dagegen den halben Bogen betraf, so schien der Briefschreiber noch nicht
das Vertrauen zu seiner Antonie zu haben, dass sie bereits das streng
Geschäftliche von aller schönen Vertraulichkeit zu sondern wisse. Der zweite
Teil der Epistel begann mit einem dicken schwarzen NB! und forderte die teure
Enkelin mit vollem Ernst und Nachdruck auf, wohl ihre Stellung im Leben und der
Gesellschaft zu bedenken und mit möglichster Delikatesse alles zu vermeiden, was
den Interessen des Edlen und damit ihren eigenen Interessen zum Schaden
gereichen könne. Der würdige alte Herr hielt sich versichert, das Tonerl wisse,
dass es sich in einer Situation gleich der des Hauses in der Laimgruben nicht um
dumme, kindische Sensiblerien handle, sondern um sehr ernste und bis jetzt mit
eiserner Konsequenz durchgeführte Zwecke und um Hoffnungen, die man nicht ein
ganzes langes Leben hindurch verfolgt habe, um sie zuletzt vielleicht den
lächerlichen Vorurteilen und Wallungen einer albernen, nervösen jungen Dirne
aufopfern zu müssen. Es sei keine Kleinigkeit - schrieb er -, als reicher Mann
zu leben und als sehr reicher Mann dereinst - wenn es nötig sein sollte - zu
sterben. Nicht umsonst habe er sie - die Tonie vom Lauenhofe abgeholt und in
solch ein glänzendes Dasein geführt, nachdem er sich überzeugt habe, ein
glücklicher Zufall habe sie ganz seinen Ansichten gemäss erzogen. Nun solle sie
und sonderbarerweise bat er das Kind jetzt »auf den Knien« -, nun solle sie ihm;
dem treuen Verwandten, wohlmeinenden und die Welt kennenden Grosspapa, nicht
wiederum die bittere, herzkränkende Überzeugung wachrufen, er habe sich hier
sowohl in seinen Ansichten wie auch in seinem Vorgehen recht verdriesslich geirrt
und sich durch seine Reise nach Krodebeck höchstens eine tüchtige Rute gebunden.
    Wie er am Schluss dieser Auslassungen der Adressatin noch seinen Segen geben
konnte, ist eigentlich unbegreiflich, allein zum Glück knüpfte er denselben an
die Bedingung, dass der »Junker vom Blocksberg« so schnell als möglich nach Hause
oder weitergeschickt werde, und so kam alles wieder ins Gleichgewicht. Der Brief
aber kam richtig in Wien an und gelangte wie alles, was der Edle von Haussenbleib
seit jener Reise nach Krodebeck Antonie Häussler mitzuteilen hatte, leider Gottes
an seine Adresse.
 
                              Dreissigstes Kapitel
Es wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben, ob auch Toinette, die schöne
Kammerjungfer, um diese Zeit einen Brief aus Verona empfing. Dass sie mit dem
Edlen von Haussenbleib in Korrespondenz stand, unterlag keinem Zweifel, und dass
sie ihr gnädiges Fräulein und den jungen Kavalier aus dem Norden bei allen
Gelegenheiten scharf im Auge behielt, war gleichfalls sicher. Sie nahm den
innigsten Anteil an dem jungen Kavalier aus dem Norden, empfing ihn mit dem
sonnigsten Lächeln, wenn er die Glocke des Hauses in der Vorstadt Mariahilf zog,
und hatte für alles, was er sprach, ein offenes Ohr - vorzüglich hinter
Vorhängen, halboffenen Türen und an Schlüssellöchern. Sehr ärgerlich dabei war
nur, dass sie nicht immer verstand, was das gnädige Fräulein und der gnädige Herr
eigentlich sagen wollten; kein verständiger Mensch konnte gewöhnlich aus dem
Larifari und ausländischen Geschwätz klug werden, und wenn man sich zuletzt den
Sinn wohl auslegen konnte, so war's doch ein Elend um das verschrobene
Geträtsch, und der Angstschweiss trat einem dabei auf die Stirn. So himmelhohe
Worte um nichts konnte man doch nur im Reich machen, und es gehörte schon ein
gar gutes Herz dazu, um sich, selbst für einen so lieben Herrn wie den gnädigen
Herrn von Haussenbleib, einem so schweren Dienst zu unterziehen.
    »O Jesus Maria, da ist er wieder!« seufzte Fräulein Toinette, die
Taffetschürze glattstreichend. »Der gnädige Herr ist zu gut, dass er dieses
duldet. Ach, bonjour, Herr Baron; - das gnädige Fräulein ist heut weniger wohl -
wir haben Briefe erhalten aus Italien vom gnädigen Herrn, und das gnädige
Fräulein hat recht geweint. Treten's ein, Herr Baron, wir freuen uns immer, Sie
zu sehen.«
    Hennig von Lauen schob die hübsche Rednerin fast unhöflich zur Seite und
fand schnell seinen Weg ohne sie zu Antonie.
    Toinette blickte ihm nach, zog die Achseln in die Höhe, liess sie mit einem
Ruck wieder fallen und murmelte:
    »Der arme gnädige Herr, wie er mich schmerzt! Ach Maria und Josef, säss ich
an der Stelle der Gans da drinnen, da sollte die Welt ein ander Spiel sehen!«
    Mehr als vieles andere gab dieses geflügelte Wort dem Edlen zu Verona in
seiner Vermutung, er habe wenigstens einmal bei einem Griff ins Leben
fehlgegriffen, recht. Mehr als vieles andere beweist diese
Kammerjungfer-Philosophie, dass die Reise nach Krodebeck einen bedenklichen
politischen Fehler des Herrn Dietrich Häussler bedeute und dass er schwerlich
jemals die Kosten derselben aus der Befriedigung der verwandtschaftlichen
Bedürfnisse seines grossväterlichen Herzens herausschlagen werde.
    Der Junker von Lauen hatte am vorigen Tage eine Einladung der Freiin Zoe von
Wanesch, in einem kleinen, gewählten Kreise liebenswürdiger Leute den Nachmittag
auf ihrer Villa in der Nähe von Hietzing zuzubringen, mit Vergnügen angenommen
und sich in der Tat vortrefflich daselbst vergnügt. Der kleine gewählte Kreis
hatte aus einer ziemlichen Menge liebenswürdiger Leute bestanden, aus Leuten,
die meistens alle den Edlen von Haussenbleib kannten und schätzten und mit grosser
Zärtlichkeit und leisem innigem Bedauern von seiner schönen Enkelin sprachen.
Ein junger jüdischer Bankier aus einem grossen Hause, und mit ausgezeichnetem
musikalischem Talent begabt, war diesmal in Verbindung mit der Freiin Zoe die
Seele der Gesellschaft gewesen. Erst spät in der Nacht war man zur Stadt
zurückgekehrt, und Hennig, von Lichtglanz und süssen Melodien bis in den Traum
begleitet, hatte ausserdem sehr lieblich von einer gewissen Frau Emanuele
Werdenberg, die uns sonst weiter nichts angeht, aber auch in der Leopoldstadt
wohnte und den Junker in ihrem Wagen dortin mitnahm, geträumt. Und jetzt erst,
nach den Worten Toinettes, an der Tür Antonies fiel ihm ein, dass diese Madam
Emanuele in der vorigen Nacht, als der Wagen durch die Mariahilfer Hauptstrasse
rollte, eine Bemerkung über die Existenz der Tonie fallenliess, welche er nur im
halben Rausch an seinem Ohr vorübergehen lassen konnte, ohne den Ritter von
Glaubigern würdig zu vertreten.
    Mit der weissen rechten Schulter gegen die Wohnung des Edlen Dietrich Häussler
von Haussenbleib winkend, hatte die gnädige Frau gemeint:
    »Wir können alle Komödie spielen, wenn es nötig ist; aber die dort oben
versteht's am besten. Halb Wien hält sie mit ihrer Hektik zu ihren Füssen fest.
Oh, das ist eine Feine und macht Ihrer Heimat alle Ehre, Herr Baron, und der
Alte - der Herr von Haussenbleib, ah, cela s'accorde à merveille avec son
système! Gestehen Sie es selbst, lieber Freund, Sie haben uns schon manchen
braven Intriganten von Ihrem biedern Norden hierher hinuntergeschickt; allein
dies kleine bleiche Passionsblümerl schlägt doch alles, was uns in dieser Art
zuteil wurde. Agréez mes hommages, monsieur; je m'en connais, c'est de notre
ressort, und mein Mann, der sich, wie Sie wissen, augenblicklich in Karlsbad mit
seiner Gicht befindet und dessen linken Fuss in Wachs ich erst vor vierzehn Tagen
nach Mariazell in Gebet und schwarzer Wollrobe brachte, würde Ihnen mit Tränen
in den Augen seinen Entusiasmus für das süsse Kind aussprechen!« -
    »Es ist eine Niederträchtigkeit, eine bodenlose Abscheulichkeit, und ich bin
ein Narr - ich bin schlimmer als ein Narr, ich bin ein Affe, den man auf dem
Seil tanzen lässt und Zuckerbrocken zuwirft!« stöhnte Hennig an der Tür Tonie
Häusslers. »O Tonie, Tonie, mein liebes Mädchen«, rief er, in das Zimmer
stürzend, »schilt mich, lache über mich, mach mit mir, was du willst; aber -«
    Vielleicht wollte er sagen: »Verzeihe mir, denn du weisst ja, wie wenig ich
bedeute, wie wenig von jeher mit einem Gesellen gleich mir anzufangen ist!« -
allein er brachte den Satz nicht heraus, er verstummte plötzlich und stand und
liess den Hut zur Erde fallen und sagte erst nach einer Weile:
    »Tonie, du brichst mir das Herz! O Tonie, was ist dir nur begegnet?«
    Antonie Häussler hatte den Brief ihres Grossvaters im Schoss liegen. Sie
reichte Hennig die matte Hand und sagte:
    »Ich habe nicht gut geschlafen in der Nacht; ich habe über allerlei
nachdenken müssen, davon ist mir der Kopf ein wenig wüst. Dann habe ich auch
schlimm geträumt, ich bin mir selber begegnet, und da hat man - das andere hat
gefragt: wohin ich gehe und woher ich komme. Ich habe dann geantwortet, ich weiss
nicht mehr was, aber es muss wohl ziemlich traurig gewesen sein, denn wir haben
beide geweint, ich und das andere. Das war alles dummes Zeug; doch es liegt mir
in den Nerven, und es ist nicht meine Schuld. Dazwischen hab ich auch viel an
Krodebeck gedacht, da hast du in den Wagen geguckt, als ich mit meiner Mutter
ankam, und das Fräulein von Saint-Trouin hat die Hand auf den Rand des Wagens
gelegt und hat böse auf meine Mutter eingeredet. Ich habe die ganze
Vergangenheit wie durch ein scharfes Glas gesehen. O ich wollte, ich wäre bei
meiner Mutter, und ich wollte, der Herr von Glaubigern wäre auch gestorben; denn
von dem habe ich nachher ebenfalls geträumt. Ich bin ihm auch begegnet, und da
habe ich ihn gefragt, wie es ihm gehe, und er ist in seiner Uniform gewesen, mit
Helm und Harnisch und mit dem Degen an der Seite, ganz stattlich und
kriegerisch; aber er hat sich traurig umgewendet und nicht geantwortet, und das
ist das schlimmste in dem ganzen Traum gewesen, denn ich habe doch bis in das
tiefste Herz hinein gewusst, was er gemeint hat. Doch das ist einerlei, ich freue
mich, Hennig, du siehst wohl aus, es geht dir gut, und es ist so gut von dir,
dass du immer zu mir kommst. Setze dich - heut morgen hab ich auch Briefe aus
Italien bekommen, und nicht wahr, du gehst nun bald - recht bald - o recht bald
nach Italien?! Bitte, tu es; du wirst dich einst freuen, dass du es getan hast!«
    Der Junker von Lauen setzte sich neben - vor die Tonie und hielt ihre Hand
fest und rief: »Tonie, es fängt alles an, sich rund um mich her zu drehen! Ich
bin zu dumm, um die Welt zu verstehen, und ein Tag wirft mich dem andern wie
einen Ball zu. So einer wie ich soll seinen Pflug führen und mit der frischen
Luft und seinen gesunden Knochen zufrieden sein. Und es ist mir noch jedesmal so
gegangen und zumute gewesen! Sowie ich den Lauenhof und das Kuckelrucksholz
hinter mir habe, geht das Elend an, und alles, was mir das Frölen und der Ritter
in der Jugend an Weltkenntnis und Verständnis und Feinheit beigebracht haben,
geht unter und verloren in dem Tumult um mich her. Alles ist ganz anders, als
ich es mir einbildete, und alle Augenblicke hüpfe ich mit dem Schienbein in
beiden Fäusten wie wahnsinnig im Kreis herum, weil ich mich mit dem Knie an
irgendeinem unbekannten Gegenstand gestossen habe. Das ist in Berlin so gewesen,
und im Regiment war's fast das gleiche, und hier in Wien ist's am schlimmsten.
Ach, du hast wohl recht, mir zu zürnen; aber bei Gott, ich verspreche dir,
liebes Mädchen, ich habe genug davon, und von heute an wird's anders, auf Ehre,
ich werde selber die Hand hinhalten, und sie sollen mir alle drauf steigen,
alle, auf Ehre! Aber weiter - nach Italien gehe ich noch nicht; ich werde wieder
an den Chevalier schreiben; - o Tonie, was sollte ich mich in der weiten Welt
lustig machen, wenn du hier so kümmerlich sitzest?!«
    »Du bist ein guter Junge, Hennig«, sagte Antonie, »und ich verstehe dich
wohl in allem, was du mir eben gesagt hast.«
    »Siehst du, das weiss ich ja, das habe ich immer gewusst, und deshalb darfst
du mich nicht fortschicken. Du allein hast mich immer verstanden, und deshalb
habe ich dich auch stets so gerne gehabt. Es ist in Krodebeck zur Zeit der
Kleeblüte kein grüner Busch, an dem ich nicht noch einmal gern mit dir sässe und
das alte Leben, die alten guten Tage, noch einmal von vorn durchspielte. Und zum
Donnerwetter, ich bin ja auch nur in Wien, um dich aufzuheitern, ich hatt es nur
die letzte Zeit hindurch ein wenig vergessen; - auch in Krodebeck hab ich
manchmal um ein Dachsgraben oder dergleichen wenig Notiz von der übrigen
Menscheit genommen, und mit den grünen Büschen und den Mondscheinabenden in der
Laube und alledem hat es doch seine Richtigkeit.«
    »Ich danke dir für alles, was du sagst, lieber Hennig; aber du musst doch
gehen. Sieh, ich - ich - gehe ja auch.«
    »Du gehst auch? Du wirst auch reisen?« fragte der Junker erstaunt.
    »Ja! Hast du das noch nicht gemerkt? Ja, ich bin reisefertig, und ich gehe
gern von hier fort.«
    »Und ich gehe mit! Das ist vortrefflich! Wir gehen zusammen nach Italien,
nach Verona! Hurra, es lebe der Edle von Haussenbleib, dein Herr Grossvater. Das
ist das beste Stück, welches er je ausgeführt hat - denn nicht wahr, er ruft
dich doch zu sich?! O das ist vortrefflich!«
    Jetzt lächelte Tonie Häussler wirklich, sie lächelte wieder wie in den alten
Tagen; aber der Ernst kam schnell genug zurück, sie blickte gradeaus, an dem
Junker von Lauen vorüber, und sprach, als spreche sie mit einem andern, während
das schöne Kammerfräulein draussen an der Tür sich ebenfalls höchst verwundert
fragte:
    Sie verreist? Sie geht fort? Was ist nun das wieder? -
    »Ich gehe fort«, sagte Tonie. »Mir ist mein Bündel gemacht wie meiner
Mutter, und ich bin ohne Heimat wie sie. Sie wurde gejagt, und ihr Kind hat es
nicht besser getroffen; - was macht es, in welcher Art uns das Licht verleidet
wird?... Ich wäre gern geblieben, wahrhaftig, ich habe Freude an der Welt
gehabt, ich wäre gern geblieben, aber nun ist es das beste, dass ich gehe. Der
Herr Ritter würde dasselbe sagen, und ich hole zu allen Dingen die Meinung des
Herrn Ritters ein. Ich bin bald zum Bewusstsein meiner selbst erwacht und habe in
allem Sonnenschein meiner Kindheit doch stets die dunkle Hand gesehen, welche
mir meinen Weg anweist, und der ging abseits aller andern Wege. Ach Hennig, es
ist heute doch mein einziges Glück, dass ich eine Fremde in der Welt bin; denn
wie elend und nichtswürdig wäre ich, wenn ich jetzt keine Fremde in diesem Leben
wäre, wenn ich nur im geringsten teil daran hätte. Ich wäre entweder
erbärmlicher als alle, welche je den Fuss in diese Räume setzten und sich wohl
darin fühlten, oder ich wäre so unglücklich, dass selbst der Ritter mir nicht
mehr helfen könnte; und sieh, lieber Hennig, damit das letztere nicht doch noch
kommt, ist es am besten, dass ich gehe und mich aus dem Leben verliere, wie meine
Mutter sich draus verloren hat.«
    »'Tonie, Tonie«, rief der Junker von Lauen, »ich verstehe nicht deine
einzelnen Worte; aber ich weiss, was du sagen willst, und das ist heillos, das
soll nicht sein! Das haben wir auch daheim nicht um dich verdient. Du wirst
nicht sterben - ich werde dem Ritter schreiben - du wirst nicht davongehen, weil
die Lumpen und solche Esel wie ich die Oberhand auf Erden haben - du wirst das
dem Chevalier und dem gnädigen Fräulein nicht zuleide tun. Man wird dir von
Verona geschrieben haben, und das hat dich verstimmt. Man wird dir vielleicht
über mich geschrieben haben - sage es nur; morgen schon, heute, wenn du willst,
können wir heimgehen und die beiden Alten zu den glücklichsten Leuten machen.
Dann lassen wir eine Dornenhecke um uns aufwachsen und sind in vierzehn Tagen
von der ganzen Welt vergessen. Da wären wir denn binnen Jahr und Tag wie der
Chevalier und das Frölen, aber es ist mir einerlei, wenn du hier solch ein
Gesicht machst. Mamsell Toinette geben wir unsere Karten, und beim Teufel, ich
glaube, damit haben wir unsere Pflicht und Schuldigkeit gegen jedermann getan
und können ruhig abreisen. Sage ein Wort, Tonie, und ich renne nach der
Leopoldstadt und packe!«
    Nun lachte Antonie doch und sagte:
    »Hennig, bei welchem deiner Berliner Diplomaten bist du in die Schule
gegangen? Weisst du nicht, dass es die Feinheit aller klugen Leute ist, sich dumm
zu stellen? Aber verstelle dich nur nicht, mein armer Junge: es wird dir trotz
aller deiner Klugheit nicht gelingen, mich aus meinen Banden zu erlösen, so
tapfere Ritter ihr auch seit Jahrhunderten gewesen seid und so viele arme, von
Riesen und Drachen gefangengehaltene Jungfrauen ihr auch vordem befreit haben
mögt.«
    »Dummes Zeug!« brummte der Junker so kläglich und so herzlich betrübt, dass
die Freundin schnell sagte:
    »Schau, es sollte dich freuen, preux chevalier, dass ich noch Lust zum Lachen
habe; aber in der Hinsicht bin ich ganz wie mein Grossvater und verproviantiere
immer von neuem meine Festungen. Es hilft nur leider wenig; die guten Vorräte
von Heiterkeit verderben immer früher, ehe ich Gebrauch davon machen kann -
ach!«
    Sie griff mit der Hand nach der Brust und presste die Lippen fest
aufeinander; denn plötzlich fühlte sie in ihrem Busen den grimmigen Ritter, der
allein imstande war, sie zu befreien; und Hennig von Lauen biss auch die Zähne
zusammen und drohte mit der Faust in die leere Luft. Es mochte zweifelhaft sein,
wem die Handbewegung galt, doch ein unauflösbares Rätsel war es nicht. Der
Junker wollte reden; aber Tonie winkte ihm zu schweigen, und so sassen sie
nebeneinander, beide in grossen Schmerzen, bis der Anfall vorüber war. Darauf
sprach Antonie wieder.
    »Deine selige Mutter, Hennig«, sagte sie, »war doch die Glücklichste auf dem
Lauenhofe. Ich habe viel darüber nachgedacht und weiss es ganz bestimmt. Sie hat
es recht sauer gehabt, ihr Leben durch; aber ihre Sorgen waren mit all ihren
Freuden so fest verbunden, dass sie sie gar nicht voneinander unterscheiden
konnte. Wenn ihr etwas misslang, so geriet sie nur in grössere Arbeit und
Munterkeit, und das war ihre Lust vom Morgen bis spät in die Nacht. Und sie ist
immer in ihrem Reich und Kreise geblieben und hat immer Bescheid gewusst in allen
ihren Pflichten und Rechten, und damit allein schon hat sie das allerbeste Los
gezogen. Siehst du, Hennig, ich lege mir jetzt oft mein Leben zurecht, wie es
hätte geführt werden müssen, damit es auch mir wohl darin geworden wäre. Ihr
guten Leute hättet mich lassen sollen, wie ihr mich am Todestage der alten Hanne
Allmann fandet; dann wäre ich jetzt eine fröhliche Magd und sänge vielleicht mit
der Mamsell Molkemeier meinen Tag weg. Aber der Ritter und das Fräulein, die
tragen die Schuld an meinem Unglück; denn sie gaben mir den Schein, als sei ich
brauchbar für die Welt, in der ich heute lebe. O der Ritter, der Ritter! Ich
küsse den Staub von seinen Füssen; dem Ritter danke ich all mein Glück - o merke,
Hennig, wie scharf ich über mein Leben nachdenken muss, um so sprechen zu
können!«
    »Ich werde ihm alles schreiben«, stöhnte der Junker von Lauen. »Er wird
damit umzugehen wissen.«
    »Er weiss schon alles«, sagte Tonie. »Du brauchst ihm nichts mehr zu
schreiben. Als er vor vier Jahren Abschied von mir nahm, hat er bereits gewusst,
wie alles kam und wie es weiter kommen musste. Du kannst ihm durch kein Schreiben
etwas Neues sagen. Ich bin bei euch wie ein Vogel mit gestutzten Flügeln
gewesen. Draussen ist es kalt, der Schnee liegt hoch, und der Wind fährt durch
den Wald, es ist eine grosse Barmherzigkeit, das kleine Tier in der warmen Stube
zu halten, und es ist auch eine Barmherzigkeit, ihm die Flügel zu stutzen; denn
sonst würde es sich den Kopf an der Fensterscheibe zerstossen. Aber ich bin doch
den Schauder der Gefangenschaft nicht losgeworden; - niemals, auch in den
glücklichsten Stunden nicht, bin ich von einer argen Furcht vor einem drohenden
Etwas, einem dunkeln Unbekannten frei geworden, und wie allen in solcher Art
Furchtsamen waren mir scharfe Sinne und ein feines Gefühl für allerlei, was
andere Menschen nicht bemerken, gegeben. Da ist es denn sehr süss, aber auch sehr
gefährlich gewesen, dass der Chevalier und das gnädige Fräulein solches Gefallen
an mir fanden und mich an ihr Herz nahmen, denn bald gehörte ich ihnen ganz und
gar an und gehörte doch nicht in diese Welt, und, wiederum, gehörten wir alle
drei dann nicht in den Erdentag: deine Mutter hat das wohl gewusst, Hennig von
Lauen! Es war eine Seligkeit, der Schönheit auf den Wiesen von Krodebeck zu
begegnen und von ihr geküsst zu werden; aber es war auch furchtbar und tötend,
doch kein Recht an den Gruss zu haben, sondern hinauszumüssen - früher oder
später hinauszumüssen in das abscheuliche Gewühl, wo das, was der Ritter von
Glaubigern sah und fühlte und lehrte, keine Geltung hat, sondern nur gebraucht
wird, um Nutzen und Gewinn daraus zu ziehen, wie aus jedem andern. Sie kaufen
und verkaufen alles, und ich habe in vergangener Nacht im Traum den Ritter von
Glaubigern in seiner Rüstung gesehen, und er bedeckte die Augen mit der Hand und
war wehrlos. Und ich bin eine grosse Dame - eine sehr grosse Dame durch den Ritter
von Glaubigern geworden, ganz ohne dass du es gemerkt hast, mein armer Hennig,
und ich trage auch meinen Harnisch und - bin so wehrlos wie der Ritter von
Glaubigern und so stark und unüberwindlich wie er, Hennig von Lauen!«
    Sie sah prächtig aus in ihrem Stolz: der Junker ertrug fast den Blitz ihrer
Augen nicht, und seltsamerweise fiel ihm gerade jetzt der Pastorenfranz ein, der
einst gewagt hatte, dieses Mädchen zu necken und reizen, wie man ein schwaches
Tier, das sich nur durch ungeschickte, ohnmächtige Flügel- und Pfotenschläge
wehren kann, neckt. In Hennigs Bewunderung mischte sich ein wenig Furcht und
dann noch etwas anderes, ein schmerzlich Gefühl, wie Reue um ein
unwiederbringlich Verlorenes, dessen Wert man zu spät erkannt hat - ein erstes
wahrhaftiges Weh, das bei Leuten seiner Art wirklich gleich einem gewappneten
Mann hereinbricht und um so überraschender wirkt, je schneller es vorübergeht.
    »Du sollst mit mir nach Haus kommen, Antonie! Du musst!« rief er, mit
geballten Händen aufspringend. »Du bist ja frei und gerettet, wenn du willst.
Sei nicht widerspenstig! Ich weiss nicht, was ich dir sage; aber ich fühle das
Rechte! Du gehst mit mir - mit mir - und du bist wieder bei deinen Freunden, und
der Ritter soll uns weiter raten auf dem Lauenhofe.«
    Tonie Häussler schüttelte den Kopf:
    »Ich darf nicht, ich kann nicht, Lieber. Ich bin auch für deine Heimat
verdorben und verloren. Ich würde von selber schon zu euch gekommen sein, wenn
das angegangen wäre; aber auch dort ist kein Platz mehr für mich.«
    »Weshalb ziehst du deine Hand weg? Lass sie mir! Ich weiss ja nun, wie alles
bestimmt war und weshalb das so kommen musste. O Tonie, wie glücklich wollen wir
auf dem Lauenhofe sein, und was wird der Chevalier sagen! Du hast es vielleicht
sowenig als ich gewusst, dass du mit Leib und Seele mir gehörst, doch nun wissen
wir es beide, und alles, was geschah, musste geschehen, damit wir unsern Weg
fänden und den Weg nach Haus. Nicht wahr, Tonie? Jetzt nicke nur mit dem Kopfe,
und wir ziehen einen dicken Strich durch unsere Rechnung, und der Mann in Verona
mag sich wundern, soviel er will.«
    Antonie Häussler nickte nicht mit dem Kopfe, sie gab auch nicht dem Junker
von Lauen die Hand; sondern sie legte beide Hände im Schoss zusammen, sah still
und traurig auf den Jugendfreund und sagte ganz leise:
    »Woher kommst du, Hennig, um so mit mir sprechen zu können? Seit wann weisst
du, dass du mich liebst? Ach Lieber, du glaubst in der Tiefe deiner Seele selbst
nicht an diesen Rausch und willst verlangen, dass ich daran glauben soll?! Nein,
nein, in Krodebeck war ich dein guter, lustiger Spielkamerad, und hier in Wien,
da du mich nicht mehr lustig und zum Spiel aufgelegt findest, misskennst du dein
Mitleid, dein ehrliches braves Herz, und trägst beides in die Taufe und gibst
ihm einen neuen Namen. Nun soll ich deinen Irrtum wiegen und das Herz dir, weil
es heute ein wenig schwer und unruhig ist, in den Schlaf singen. Nein, nein, das
wäre freilich ein schönes Spiel; aber die Sonne ist nun schon allzu tief dafür
gesunken, wir haben keine Zeit mehr dazu. Siehst du, ich bin in allen Dingen zu
klug für dich, mein armer Freund.«
    »Jawohl! Ich bin freilich zu allen zeiten ein Dummkopf, ein Tölpel gewesen,
und du hast sicherlich das Recht, mir die Wahrheit zu sagen. Aber es ist nicht
die Wahrheit, es soll nicht die Wahrheit sein! Früher in den Tagen von Krodebeck
hätte ich dich deinem Schicksal wohl leichter abgewinnen können; aber auch heute
noch ist es nicht zu spät. Ich will mit dir selbst nun streiten, bis ich dich
habe, festalte, und bis du mein bist.«
    »Oh, das ist schlimmer als alles andere!« rief Tonie mit hellem Wehlaut.
»Was willst du noch gewinnen, Hennig? Du kannst nichts mehr gewinnen! Oh, du
sollst nicht mehr zu mir kommen! Geh fort - heut noch musst du von Wien abreisen.
Ich will dich nicht wiedersehen!«
    »Wage das!« rief Hennig grimmig. »Siehst du, du bist sehr klug; aber ich
gewinne es dir doch ab!«
    Tonie Häussler antwortete nicht, sie sank wie leblos in ihren Sessel zurück.
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                           Einunddreissigstes Kapitel
Man hoffte wieder einmal auf eine gute Ernte in Krodebeck; und hatte die besten
Gründe für diese Hoffnung. Es war ein Jammer, dass es der Frau Adelheid von Lauen
nicht mehr vergönnt war, den Segen zu sehen, welcher sich über ihre Felder
hinbreitete und im lauen Sommerwinde regte - jegliche Ähre ein Wunder für alle,
die Hunger hatten, und alle die, welche auf den Hunger anderer Leute hin Handel
trieben und ein Vermögen erwerben wollten. Jeder Tag legte einen neuen Segen zu
dem des vorigen. Der Administrator, Freund Fritz Fröschler, und sämtliche
Gehülfen und Untergebenen desselben wuchsen hoch über ihre gediegensten
Hoffnungen hinaus und hatten so etwas in ihrer ganzen Praxis noch nicht erlebt.
Sie schrieben sich aber auch kein geringes Verdienst um die Herrlichkeit zu, und
niemand war berufen, es ihnen abzusprechen.
    Es war gute Nahrung und ein herzhaft Wohlbehagen bei allem niedersassischen
Volk am nördlichen Rande des Harzgebirges; seit Menschengedenken hatte der alte
Geisterberg, der Brocken, nicht solch ein treffliches Wetter angezeigt wie in
diesem Jahre. Die Bauern von Krodebeck wurden zusehends dicker und würdiger, das
heisst gröber. Es triefte wie Fett aus der Höhe, und selbst das liebe Vieh wurde
glänzender und rundlicher darob von Tag zu Tage. Um so wehmütiger und
betrüblicher war der Kontrast, welchen zwei Leute zu dieser erfrischten Gegend
und zu diesen behaglichen Zuständen bildeten, und zwar zwei Bewohner des
Lauenhofes, der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern und die Inhaberin so
vieler hohen Titel und Würden, Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint
Trouin. Die beiden waren weder jünger noch rundlicher, noch glänzender geworden;
die beiden hatten keine Freude an der gediegenen Gegenwart und der lachenden
Zukunft, und wer ihnen ins Gesicht sah, dem wurde es freilich schwer, den
Glauben an die über alles sich erstreckende Güte Gottes sich unversehrt zu
erhalten. Während ihre ganze Umgebung sich entweder verjüngt oder sich doch in
einem recht befriedigenden Stillstand erhalten hatte, waren sie um vieles älter
geworden und bedeuteten für sich allein eine Welt, aber eine gar traurige, in
dem sie umgebenden Leben. Ohne die Frau Jane Warwolf hätte man sie vielleicht
gar nicht mehr zu den Lebendigen gerechnet, und der alten Jane allein hatten sie
es zu danken, wenn das noch des Dankes wert war, dass sie nicht ganz in ihrem
Winkel verstaubten, mit Spinnweb überzogen wurden und zuletzt das Los des
Spinnwebs in jeder Hinsicht teilten.
    Wer hätte nach dem Tode der Frau Adelheid und jetzt, wo der Junker von Lauen
in Wien auf der Hohen Schule des niedrigsten Lebens sich befand, noch grossen
Anteil an ihnen nehmen sollen?
    Der Freund Fröschler, den wir selber kaum kennen?
    Das Pastorenhaus? Der Pastorenfranz?
    Ach, es war schon etwas für die beiden Greise, auf einer heissen grünen
Gartenbank zu sitzen und ein dumpfes Gefühl des Dankes für die Treue und
Teilnahme der Hundstagssonne zu haben! Was konnten die Menschen den beiden Alten
noch bieten, was besser gewesen wäre als die Sonne um die Mittagsstunden?! Die
Warwölfin war die einzige, welche einiges an den Fingern aufzählen konnte.
    »Jane«, hatte die gnädige Frau am Tage vor ihrem Tode zu der neben ihr
sitzenden Freundin gesagt, »Jane, eines will ich dir sagen und verbitte mir jede
Widerrede. Von jetzt an hört das dumme Herumlaufen in der Welt auf; du machst
mir kein einfältig Gesicht hin, sondern du nimmst Vernunft an und setzest dich
fest auf dem Hofe. Du kriegst alle deine Bequemlichkeit, wie man das schriftlich
finden wird, und dazu vermache ich dir den Ritter und das gnädige Frölen - hörst
du, den Ritter und das Frölen! Denn das ist jetzo meine einzigste Sorge, was die
wohl anfangen sollen ohne mich! Du gibst dich also drein, Jane, und stellst
deinen Stock in den Winkel. Merken lässt du dir nichts, aber das sage ich dir, du
lässt sie mir nicht aus den Augen, und was das gnädige Frölen anbetrifft, so
verlasse ich mich auf dein gutes Herz in betreff von seinen Humoren und
Anzüglichkeiten! Du lässt sie mir nicht aus dem Sinn beide nicht - und hör, was
den Ritter anbetrifft und wenn ihr so zusammensjetzt in einer guten Stunde und
ihr redet von mir und den Tagen, die wir zusammen gelebt haben, so macht euch
nicht gegenseitig das Herz schwer, sondern haltet euch vergnügt und hell, ich
bin es auch gewesen; und das überlass ich dir ganz, wie du jedesmal von neuem es
bringst an den Chevalier, dass er eine so grosse Ehre und Freude und solch ein
Trost für mich gewesen sei mein ganzes Leben lang!«
    »Verlasse Sie sich drauf, Fraue«, hatte Jane Warwolf geantwortet. »Ich nehme
Ihr Vermächtnis an, Fraue, und will mich danach halten, wie ich es verstehe und
wie ich Sie verstehe. Auf dem Hofe bleib ich.«
    Und so war es geschehen! Die Vagabundin hatte ihren Wanderstab für alle Zeit
auf dem Lauenhofe abgestellt und ihr Amt als Wartefrau leise, unbemerkt und
unendlich feinfühlig angetreten. Und wie sich die Frau Adelheid das Verhältnis
der wunderlichen drei vorgestellt haben mochte - wenn sie dieselben im Verlauf
der Tage hätte beobachten können, so würde sie sicherlich mit ihrer heitersten
Miene gesagt haben: »Nun, die Sache macht sich!«
    Es war ein eigentümliches, halb komisches, halb rührendes Schauspiel, die
greise, hexenhafte, helläugige Führerin mit ihren beiden Schutzbefohlenen durch
Hof und Dorf, durch Haus und Garten ziehen oder sie mit ihnen zusammenhockend zu
sehen, und eigentümlich war die sehr verschiedene Art und Weise, in der sich die
beiden alten Herrschaften in die Pflegerin fanden.
    Der Chevalier behielt, trotzdem er viel schwächer, gebrochner und
hinfälliger erschien als die ausgewetterte, tapfere und scharfe Führerin, sein
volles Übergewicht über sie; aber das Fräulein von Saint-Trouin war wie ein
verzogenes, unzufriedenes, weinerliches Kind und machte der wackern Jane in der
Tat das Dasein oft recht schwer.
    Je älter die Enkelin Jehans von Brienne wurde, und sie wurde allmählich sehr
alt, desto deutlicher, und für die Umgebung unbequemer, redeten ihre hohen Ahnen
und alle ihre Jugendgefühle auf sie ein, und sie weinte und wimmerte, nachdem
sie kurz vorher sehr vornehm, schroff und anzüglich gewesen war, und wünschte
tot zu sein und fürchtete sich sehr vor dem Sterben und war fortwährend mehr als
je, was sie vor drei Lustren war: Très noble et très puissante Dame Comtesse de
Pardiac, Dame Haute-Justicière du Comté de Valcroissant, née Chevalière de Malte
par privilège accordé par le Pape Honorius III à la très illustre famille de
Jehan de Brienne, premier Prince de Tyr et ensuite Empereur de Constantinople,
etc. etc.
    Der Ritter von Glaubigern war seit dem Tode der Frau Adelheid von Lauen
eigentlich weiter nichts mehr als ein guter, alter Mann. Wir wissen, wie sein
Reichtum immer den Kreis seines Daseins ausfüllte, aber seit man ihm das
Pflegekind nahm, war dieser Kreis von Tag zu Tage enger geworden, und mit dem
Tode der braven Freundin und Beschützerin schien auch sein Leben abgeschlossen
zu sein. Dass dieses jedoch nur so schien, das merkte seine Umgebung jedesmal
aufs deutlichste, wenn ein Brief aus Wien anlangte; und wie noch einmal, aber
freilich zum letzten Male, der gute Ritter, der alte Kriegsmann und Held, der
grolle Chevalier Karl Eustach von Glaubigern aus dem Schlummer erwachen und in
voller Rüstung in den Kampf hinausreiten sollte, das werden wir bald erfahren. -
    Der Junker Hennig von Lauen hatte seit jenem ersten Schreiben gleich nach
seiner Ankunft in der österreichischen Hauptstadt, welches wir in seiner vollen
Länge mitteilten, noch verschiedene andere abgeschickt und geschrieben, wie er
es verstand. Auch Tonie Häussler hatte geschrieben, und sie hatte gelogen; aber
Hennig hatte nicht gelogen, denn wir haben erfahren, wie leicht ihm das Leben
verging und wie leicht ihn die Leute und Dinge überredeten, sie von der besten
und heitersten Seite zu nehmen, kein Narr zu sein, sondern ein kluger junger
Mann: und - er schrieb, wie er die Leute und die Dinge sah und nahm, er schrieb
vergnügt, und so log er wirklich nicht in seinen Briefen. Ach, Tonie log, und
der Ritter von Glaubigern wusste, dass sie log; und an dem Tage, an welchem wir
unsere Leser zum erstenmal wieder in persönliche Berührung mit den drei Alten
auf dem Lauenhofe bringen, war ein neuer Brief von Wien angekommen, in welchem
der Junker abermals die Wahrheit schrieb und der, wie Jane Warwolf sich
ausdrückte, dem aufgerichteten Jammergerüst den Kranz auf das Dach steckte. -
    Wir befinden uns wieder auf der Terrasse des Gutsgartens, und der Blick von
derselben ist noch immer der nämliche. Da liegt die staubige Landstrasse in der
heissen Sonne, dort öffnet sich die Aussicht in die Dorfgasse und auf das
Gemeindehaus, vor welchem vor so vielen Jahren der Karren mit der schönen Marie
und der kleinen Antonie anhielt. Die Krodebecker Kinder sitzen auf der Treppe
des Gemeindehauses, einige Wagen und Pflüge stehen zusammengeschoben um den
Brunnen; das ist alles, wie es immer war. Nur die jungen Bäume in der Umgebung
sind sämtlich tüchtig gewachsen und verdecken hie und da den Blick in das freie
Feld und auf den Wald; doch dafür sind andere Bäume abgestorben oder
niedergehauen, und somit ist auch das so ziemlich im gleichen geblieben.
    An den chinesischen Pavillon hätte Freund Fröschler neulich beinahe ruchlos
eine verschönernde Hand gelegt, das heisst, an seinem Platz eine ästetischere
Birkenhütte aufgerichtet; aber der Chevalier ist glücklicherweise noch zur
rechten Zeit gekommen und hat das alte gute Plätzchen für das Fräulein von Saint
-Trouin gerettet. Der chinesische Pavillon wirft noch immer seinen Schatten auf
die Bänke und den kleinen runden Tisch. Der Lack und die schönen Farben sind
freilich abgesprungen und verblichen; aber dem Lack und den schönen Farben ist
überhaupt wenig zu trauen, und der Chevalier tat wohl daran, als er dem
Administrator in den Arm fiel und ihm durch seinen architektonischen Ehrgeiz
einen dicken Strich zog.
    Der chinesische Pavillon stand noch; aber das Fräulein von Saint-Trouin
studierte an dem Tage, an welchem auch wir ihn von neuem betreten, darin nicht
mehr die Korrespondenz der Marquise von Pompadour vom jüngern Crébillon; sondern
der letzte Brief aus Wien lag auf dem kleinen, runden, wackelnden Tischchen, und
der Ritter von Glaubigern und das Fräulein sassen regungslos auf den Bänken und
sahen blind vor sich hin.
    Wo der Chevalier und das Fräulein sich aufhielten, da war jetzt auch die
Frau Jane Warwolf nicht weit entfernt, und diesmal lehnte sie mit
untergeschlagenen Armen an dem Tische, schlug grimmig den Takt zu irgendeinem
Marsch mit dem Fusse und rieb von Zeit zu Zeit mit dem Knöchel des rechten
Zeigefingers heftig die Stirn. Wenn das gnädige Fräulein von Zeit zu Zeit den
Oberkörper stöhnend und seufzend hin und her wiegte, so schien das die Jane
nicht in ihrem Nachdenken stören zu können; aber als sich endlich der Ritter
rührte und mit einem tiefen Seufzer von neuem nach dem Briefe des Junkers von
Lauen griff, da war die Jane auf der Stelle mit ihrem Sinnen zu Ende. Auch sie
streckte von neuem die Hand nach dem Briefe aus; doch sie nahm ihn nicht,
sondern klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers nur scharf darauf und rief:
    »Da haben wir es also, und nun wären wir soweit, und alles kommt regelrecht
im Gänsemarsch, eins nach dem andern, wie wir es uns längst ausgephantasiert
haben. Also die Speisekammer mit dem welschen Namen ist mit allen Wintervorräten
versehen, und der gnädige Herr von Häussler, mein lieber Freund, ist in der
grossmächtigen Stadt Wien angekommen oder wird demnächst dort anlangen, um
anjetzo nun in seinem eigenen Hauswesen den guten Wirt zu spielen. Ach, Herr von
Glaubigern, lassen Sie nur die Hand davon; es steht alles drin, und es wird sich
wohl alles so verhalten, wie der junge Herr schreibt. Und den Koch, will ich
sagen den Grafen mit dem ausländischen Namen, bringt er mit, der Dietrich, da
muss denn wirklich das Leben da unten so fidel werden, dass es kein Mensch mehr
aushalten kann. Jawohl hat es unser Herr Hennig mit den Festivitäten und
Lustbarkeiten gut getroffen, oje, oje; und wir hier, tausend Meilen fern, sitzen
und stehen hier auf dem Lauenhofe wie in der Luft und in diesem Babilljon wie
auf dem Kopfe, und das Herz möchte uns zerspringen aus Elend ob all der
Herrlichkeit! Wie lange ist es her, seit ich meine Hanne Allmann wie ein
Rohrsperling heruntermachte, weil man ihr die Marie und das Kind von Gemeinde
wegen unters Dach gelegt hatte? Ja, ist das nicht eine Stunde, wo man recht
merkt, wie oft man den Menschen um nichts ins Gesicht springt?! Da schreibt der
junge Herr von der Herrlichkeit, und das Kind, unser Kind bezahlt die Kosten mit
seinem Blut und Leben. O gnädige Herrschaften, freilich haben wir das alles
allhier schwarz auf weiss von unserm Herrn Hennig, und wie dem zumute ist, das
steht auf dem nämlichen Blatt - Sackerment!«
    Die Warwölfin schlug so derb mit der Faust auf das Wiener Schreiben, dass
Fräulein Adelaide heftig zusammenschrak und trotz allem Kummer Gelegenheit fand
zu bemerken:
    »Jane Warwolf, diese Heftigkeit war unnötig und ist unschicklich. Vergesse
Sie sich nicht, Jane Warwolf; erinnere Sie sich stets, wen Sie vor sich hat.«
    »Ich mich vergessen?« rief die Alte mit einem wenig reumütigen Blick auf das
Gnädige. »Ich mich erinnern? Ich mich vergessen? O du grundgütiger Himmel, weiss
ich nicht, wen ich vor mir habe, und habe ich nicht erst heute morgen zwei
Stunden lang im Schweisse meines Angesichts den Pikkadill im Glaskasten mit
Kampfer traktiert und aus purster Verehrung für die Hinterlassenen die Motten
ausgebürstet?«
    Der Ritter winkte seufzend abwehrend mit der Hand, und mit vollständig
verändertem Ausdruck und Ton fuhr Jane Warwolf gegen ihn gewendet fort:
    »Und nachher hab ich die Gräber auf dem Kirchhof verrestauriert, die schöne
Marie und die Hanne Allmann. Das war auch eine harte Arbeit, und nachher ist der
Brief von unserm Junker gekommen, und jetzt wollte ich, dass ich auch in der
Grube läge, da möchte ein anderer kommen und mir das Unkraut vom Leib reissen und
mich verrestaurieren oder es bleibenlassen, das wäre mir ganz einerlei.
Vergessen?... Ja was soll denn der Mensch eigentlich vergessen, und was soll er
im Gedächtnis behalten? Vergessen?... Da bringt einen ein Wort auf das andere,
und man weiss nie, wohin man kommt, wenn man beim Pikkadill angefangen hat. Was
soll der Mensch im Gedächtnis behalten? Das Gute und Liebliche oder das
Schlechte und Hundsföttische? Was hab ich und der Herr Ritter hier denn davon
gehabt, dass wir das erstere aufbewahrt haben im tiefsten Hirn und Herzen? Nichts
als Jammer und Kummer, und desto mehr davon, je älter wir geworden sind. Sagen
Sie es gradheraus, liebster bester Herr von Glaubigern, dass ich recht habe.
Fürchten Sie sich nicht! Die gnädige Frau hört uns leider Gottes nicht mehr, um
einen Narren und Philosophen aus uns zu machen. Schämen Sie sich nicht; denn das
gnädige Fräulein will ich diesmal, mit Respekt zu sagen, zu uns rechnen. Sehen
Sie, Sie schütteln mit dem Kopfe, und das ist immer ein Zeichen, dass Sie ja und
amen sagen wollen. Das ist grad das Schreckliche und Scheussliche! Aus dem
Häussler oder dem Herrn von Häussler, oder wie er sich jetzt nennt, mache ich mir
nichts. Es ist mir einerlei, ob er lebt oder stirbt, dick und fett oder
umgekehrt wird; denn was kann er dafür, dass er jetzt unser Kind ruiniert? Nichts
kann er dafür! Es musste so sein, und es ist immerdar so gewesen! Die Hanne
Allmann war auch ein schön und lieblich Wesen in ihren ältesten Tagen und ist da
drüben im Siechenhaus verdorben und hat fünfzig Jahre drauf gewartet. Und hier
sitzen wir drei - Sie vor allen, Herr von Glaubigern -, und da sollte man
freilich den Faden in der Weltistorie verlieren.«
    »Hab ich nicht ein gutes Los gewonnen, Jane Warwolf?« fragte der Ritter.
    »Sie?! Sie?« fragte dagegen die alte kluge Frau. »Gehen Sie hin und fragen
Sie das Kind, unsere Tonie in Wien, darnach; die muss Sie jetzt noch besser
kennengelernt haben in ihrer Not als ich hier, und die wird Ihnen Bescheid
geben. Ich wollte, ich dürfte über Sie lachen, Herr von Glaubigern, da käme ich
doch heute einmal dazu.«
    »Von mir scheint heute gar nicht die Rede sein zu sollen!« sprach jetzt das
gnädige Fräulein mit sehr pikierter Miene.
    »O Sie gehören freilich zu den Allerglücklichsten, Frölen!« rief die
Warwölfin. »Sie haben wohl auch allerlei Dinge und Sachen gesehen, die Sie nicht
bekommen konnten; aber Sie haben eben nichts Unverständiges gesehen, sondern
sich stets hübsch auf dem Erdhoden gehalten und haben dazu immer warm und
behaglich gesessen, und so - seien Sie froh und vergnügt, dass von Ihnen hier
nicht die Rede gewesen ist. Ein böser Wille ist gewiss und wahrhaftig nicht dabei
vorhanden gewesen! Wir sprechen ja auch nur von dem Herrn von Häussler, und dass
der nicht schuld daran ist, dass alles Liebliche und Schöne in der Welt
verruiniert wird; denn wenn das nicht so sein müsste, so möcht ich den wohl
kennen, welcher das zustande brächte. Was mich im besondern anbetrifft, so
rechne ich mich ganz und gar zum Vieh und mache mir, mit Respekt zu sagen, eine
Ehre draus.«
    »Dafür danke ich Ihr, Jane Warwolf«, sprach das Fräulein von Saint-Trouin
halb empört und halb beistimmend. »Es zeigt mir, dass Sie Ihren Standpunkt bei
besserer Überlegung einzunehmen weiss. Es ist ein Unterschied in der Welt immer
noch, und ich rechne mich bis jetzt denn doch nicht zum Vieh, was auch die
erbärmlichen Zeiten aus uns gemacht haben.«
    Die Frau Jane fand nicht die Musse, auf diese Eräusserung der Haute-Justicière
noch etwas zu entgegnen; denn nun hatte sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Ritter
von Glaubigern zuzuwenden, und es war ihr nicht zu verargen, wenn sie plötzlich
gar grosse Augen machte und den Mund sehr weit öffnete.
    Der Ritter, welcher bis zu diesem Augenblick in sich zusammengesunken und
kümmerlich vorgebeugt dasass und die Stirn mit beiden Händen hielt, liess jetzt
die Hände sinken und richtete sich empor. Das erstaunliche Ereignis, von welchem
wir zu Anfange dieses Kapitels sprachen, trat ein - der Ritter richtete sich
auf!
    Das Alter schien ihm wie ein schwerer Mantel von den Schultern zu sinken;
die welken Glieder und Muskeln reckten und dehnten sich und schienen mit einem
Male neue Kraft zu gewinnen. Er seufzte noch einmal aus tiefer Brust; aber dann
stand er wie ein Mann in seinen besten Jahren vor dem Tischchen, nahm den Brief
des Junkers Hennig von Lauen, überflog ihn noch einmal, faltete ihn bedächtig
zusammen, schob ihn in die Brusttasche und sprach langsam, aber klar und
bestimmt:
    »Vergeblich ist alles Sinnen, Grübeln und Grämen, wir lösen den Bann nicht
dadurch. Von allen Seiten dringt der Feind auf sie an, und sie steht ganz
allein. Was will der Knabe? Er weiss kaum, was er schreibt! Auch er lässt sich
gegen die Unglückliche ins Feld führen. So wird es denn, alles in allem
genommen, das beste sein, dass man mit eigenen Augen sieht; und solches zu tun
ist meine Absicht. Ich werde nach Wien reisen!«
    »Herr von Glaubigern?!« kreischte das Fräulein.
    »Ja, ich werde nach Wien reisen«, wiederholte der Ritter.
    Jane Warwolf schrie nicht auf wie Adelaide von Saint-Trouin; allein ihr
Blick, ihr Emporfahren und Zurücktreten war ausdrucksvoller, als wenn sie nicht
nur die Decke des chinesischen Pavillons, sondern auch ein gut Stück der blauen
Himmelsdecke über der Gartenterrasse heruntergeschrien haben würde.
    »Ich reise nach Wien und nehme dem Mann das Kind, wie er es mir genommen
hat«, sagte der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern. »Da wäre denn das Rätsel
gelöst, Ober welches ich mir den Kopf und das Herz zerbrochen habe, seit der
Wolf in der Nacht über uns kam! Der alte Mann dort unten hat seinen Willen
gehabt, er hat jahrelang versuchen dürfen, was er durchsetzen mochte. Nichts hat
ihn gerührt: unbarmherzig, leichtsinnig, verblendet und - vergeblich, vergeblich
hat er sich abgemüht, das Beste in der Welt sich - sich dienstbar zu machen. Nun
aber tritt mein Recht von neuem in Kraft und Geltung, und bei meiner Ehre, ich
werde es mir nehmen! Auch ich will wie der Wolf über den Mann kommen und
Rechenschaft fordern über diese Jahre. Ich reise nach Wien - morgen reise ich;
ich werde das Kind zurückholen, mein Fräulein! Ja, Jane, ich werde das Kind
zurückholen, und es wird mir folgen. Ja, Jane Warwolf, wenn ich es wagte, so
würde ich hierüber auch lachen; denn merkt ihr wohl, welch ein Allerweltsspass
darin liegt, dass dieses das richtige geworden ist, dass heute ich hingehen darf,
mein Eigentum zu nehmen, wie jener Mann es sich vordem genommen hat?! Das ist
die Komödie, die grosse Komödie der Welt, und der Schluss ist nahe, und ich bringe
den Schluss, und du - du hattest unrecht in allem, was du soeben vorbrachtest,
Jane Warwolf!« -
    Darin lag freilich ein göttlicher Humor, und wer sich zuerst darüber fasste,
war nicht die Frau Jane Warwolf aus Hüttenrode, sondern Fräulein Adelaide
Klotilde Paula von Saint Trouin, rechtmässige Beherrscherin von Malta, Tyrus und
Byzanz. Auch sie erhob sich jetzt stattlich von ihrem Sitze, reichte dem
Chevalier die Hand zum Kuss und sprach:
    »Mein Herr von Glaubigern, Sie haben mich überrascht; aber Sie machen mich
heute stolzer als je auf Ihre Bekanntschaft und Achtung. Mein Herr von
Glaubigern, wir haben einander oft missverstanden, und ich glaube nicht, dass die
Schuld immer auf meiner Seite lag: in diesem Augenblick verstehen wir uns,
vielleicht zum erstenmal in unserm Leben, vollkommen. Sie machen mich heute sehr
glücklich, Herr Chevalier, und ich rechne es mir für eine Ehre an, dass ich seit
dem sechsten Februar des Jahres achtzehnhundertsechzehn meine Tage in Ihrer
werten Gesellschaft hinbringen durfte; aber - glauben Sie wirklich, Ihren
Kräften diese weite Reise zutrauen zu dürfen?«
    Der Ritter hob die dürren Finger der Dame mit altgewohnter Zierlichkeit an
seine Lippen und erwiderte mit einer tiefen Verbeugung:
    »Mein Gnädigstes, ich fühle mich heute nicht angegriffener als gestern, als
vor zwanzig Jahren. Ich gedenke meinen Vorsatz auszuführen, und es ist mir
wahrlich eine grosse Ehre und Freude, dass Sie denselben billigen.«
    »Allons, à cheval!« rief das Fräulein mit einem unnachahmlichen Wink der
Hand und warf einen Blick umher, als ob sie sämtliche Vasallen ihrer sämtlichen
Länder dadurch zur Heeresfolge aufrufen könne. »Mein teurer Herr von Glaubigern,
ich bitte Sie freundlichst, den Tee heut abend in meinen Zimmern einzunehmen.«
    Nun hatte sich endlich auch die Frau Jane so weit gefasst, um artikulierte
Laute für ihre Gefühle zu finden.
    Vor allen Dingen stürzte sie sich auf den Chevalier, packte ihn und umarmte
ihn mit solcher furiosen Inbrunst, dass auch ihm nunmehr der Atem fast entging.
Dann liess sie ihn frei, trat wieder einen Schritt zurück, erhob von neuem die
Arme in die Luft und rief:
    »Das ist das Allergrösste, was Krodebeck je erlebt hat, und wenn ich auch nur
deshalb auf dieser Erde jung geworden wäre, um hiervon Zeugnis ablegen zu
können, so wär's genug, zum Überfliessen genug, und glauben tät's mir doch
niemand, wenn nicht der Herr Ritter selber noch einmal dafür einträte! Da wird
sich freilich der Häussler wundern! Kein Gespenst um Mitternacht könnte keinen
grössern Affekt zuwege bringen, und darbeisein möcht ich wohl! O und Tonie!
Unsere Tonie!... Das wär alles, als wenn das Mühlrad angehalten wird und alles
still wird! O Herr von Glaubigern, Herr von Glaubigern, aber seit dreissig
Jahren, ich will sagen, seit zwanzig Jahren haben Sie ja keinen Fuss vom Lauenhof
gesetzt. Vor zwanzig Jahren waren Sie einmal in Hannover -«
    »Und jetzt reise ich nach Wien!« sprach der Ritter mit seinem mildesten
Lächeln, bot dem Fräulein von Saint-Trouin den Arm und führte es von der
Terrasse herab, dem Hause zu.
    »Es ist wohl nicht möglich!« stöhnte Jane Warwolf und fiel auf die nächste
Bank.
    Zufällig führte den Administrator sein Weg eine Viertelstunde später in den
Pavillon. Mit einer Weizenähre zwischen den Zähnen kam er summend daher,
wahrscheinlich, um von neuem, wenigstens in Gedanken, die Axt an das chinesische
Wunder zu legen.
    Bei seinem Nahen erwachte Jane aus ihrer Betäubung, erhob sich und fragte:
    »Sagen Sie, Herr Fröschler, waren Sie schon einmal da hinten - dort um die
Ecke, in Quedlinburg?«
    »Ich hatte einige Male das Vergnügen, meine Hochverehrteste.«
    »Und hat man Ihnen auch die alte ausgeräucherte Äbtissin gezeigt?«
    Freund Fröschler schnalzte wie in der Erinnerung eines hoben Genusses mit
der Zunge:
    »Die schöne Aurora? Die holde Gräfin von Königsmark? Ich hatte die Ehre - o
delikat - brr! Sehr Pergament und Wurmfrass - zehn Silbergroschen an den Küster.«
    »Nun, Herr Fröschler, so will ich Ihnen etwas sagen. Die hat sich auf heut
nachmittag zum Kaffee angemeldet und kommt im Staat - sechsspännig - und Sie
mögen ihr entgegenreiten!«
    Damit humpelte auch die Alte dem Hause zu, und der Administrator stand, sah
ihr nach, nahm die Ähre aus dem Munde, wirbelte sie zwischen den Fingern und
murmelte:
    »Das weiss der Teufel! Hätt man nicht diesen festen Boden unter sich und
tagaus, tagein mit den Lümmeln vom Eichsfelde zu tun, das Grauen sollte einem
über diese alten Spukgestalten, die man hier zur Gesellschaft hat, am hellichten
Tage ankommen.«
 
                           Zweiunddreissigstes Kapitel
Das Nest mit dem unbekannten welschen Namen, wie die Frau Jane Warwolf die
hochberühmte Stadt und Festung Verona für gewöhnlich zu bezeichnen pflegte,
quoll über. Die bombenfesten Speicher, die wunderbaren Kasematten über und unter
der Erde, die Vorratskammern in allen Innen- und Aussenwerken und in den grossen
Forts San Felice und San Pietro waren mit allem angefüllt, was ein
kriegserfahrener Festungskommandant nur irgend wünschen konnte. Der weissröckigen
Infanterie lief das Wasser im Munde zusammen, wenn sie nur an die Herrlichkeiten
dachte; und vor allen Vorratskammern wurden Doppelposten ausgestellt, um einen
grössern Teil der Besatzung des Vergnügens und der Ehre teilhaftig machen zu
können, das Gewehr vor der unberechenbaren strabbondanza zu schultern.
    Unberechenbar? No, signori! Die Veroneser wussten ziemlich genau, was die
neue Verproviantierung ihrer Stadt gekostet hatte, und der Edle Dietrich Häussler
von Haussenbleib wusste es ganz genau. Er hatte seine sämtlichen Posten auf dem
Papiere. Er konnte in jedem beliebigen Moment in ausführlichster Weise
Rechenschaft ablegen, und die Kommission, welche ihm denn bei Gelegenheit diese
Rechenschaft abgenommen hatte, war mit seinen Leistungen aufs höchste zufrieden
und wusste, wenn auch nicht so sicher wie der Edle, doch jedenfalls so genau als
die Veroneser, dass man in diesem kostspieligen irdischen Jammertal nichts
umsonst bekam.
    Was die Privatangelegenheiten des Edlen von Haussenbleib anbetrifft, so
können wir uns auch in dieser Hinsicht beruhigen: der Edle hatte nicht nur ein
anständiges, sondern auch ein sehr gutes Geschäft gemacht und einen neuen Orden
dazugewonnen. Der sardinische Orden des heiligen Lazarus war es
selbstverständlich nicht, und dass jener Herr, welcher dem Junker von Lauen zu
einem ähnlichen Schmucke helfen wollte, nichts mit der Dekoration zu tun hatte,
konnte ihren Wert nur erhöhen. Was jener Herr geben konnte, das hatte der Edle
längst sich selber verschafft. -
    Figaro là - Figaro quà! Noch einmal wandelte der Edle Dietrich Häussler von
Haussenbleib, ein wohlbeleibt, behäbig Männlein und immer noch Grau in Grau, über
den Schauplatz seiner segensreichen Tätigkeit, hierhin grüssend, dortin winkend
und einen letzten Sorbetto auf der Piazza Bra schlürfend. Welcher Vogel um diese
Jahreszeit in dem Granatbaum singen mochte, es gab keinen vergnügteren Vogel
rund um die dreifachen Verteidigungslinien der Stadt als den Edlen von
Haussenbleib am letzten Abend seines diesmaligen Aufentalts in Verona.
    »Ich werde auch dem Mädchen einen Spass machen, so wenig sie es um mich
verdient!« murmelte er. »Aber wenn man der ganzen Welt seinen Segen geben
möchte, wie könnte man da sein eigen Fleisch und Blut ausschliessen? In Venedig
kaufe ich dem dummen Ding einen Schmuck, so prachtvoll ich ihn finde, und da ich
den Conte ebenfalls dort finden werde, so meine ich, wir bringen auch diese
Angelegenheit, da wir augenblicklich so gut im Zuge sind, endlich in
Richtigkeit. Da kann sich das Tonerl dann wirklich nicht beklagen, dass ich mit
leeren Händen nach Haus gekommen sei, und hoffentlich wird sie dann sowenig
gegen den Grafen wie gegen den Schmuck mit ihren gewöhnlichen albernen
Einwendungen vorrücken und mir die Laune verderben.«
    Er sah in diesem Moment nicht darnach aus, als ob er sich je in seinem Leben
die gute Laune habe verderben lassen.
    Nicht ohne eine gewisse Berechtigung
Evviva Vittorio
Emanuele
summend, zog er sich in sein Quartier zurück und reiste am andern Morgen nach
Venedig ab.
Es war im Anfang ein lachender Morgen, und erst hinter Vicenza bezog sich der
Himmel mit einem leichten Regendunst, der hinter Padua zu einem wirklichen Regen
wurde. O könnten wir unsere besten Freunde und Freundinnen in die Stimmung des
Edlen auf dieser Fahrt versetzen und sie dauernd darin erhalten! Mit wahrhaft
wollüstiger Befriedigung dehnte er sich in seiner Ecke, blies leichte blaue
Wölkchen aus seiner Zigarre und sah mit halbgeschlossenen Augen die
Rebengehänge, die alten und neuen Schlachtfelder, die Maulbeerpflanzungen, die
alten romantischen Städte, Städtchen, Dörfer, Flecken und Villen bis zu den
Tiroler Bergen hin vorüberfliegen. Als es, wie gesagt, in der Nähe des
Adriatischen Meeres anfing zu regnen, versank der Träumer in einen
Halbschlummer, der süsser als alles übrige war, und da er die lange Brücke von
Mestre wohl schon einige hundert Male passiert hatte, so erweckte ihn das
Donnern des Zuges auf derselben keineswegs. Er erwachte zum vollen Bewusstsein
erst im Venediger Bahnhof und sagte gähnend:
    »Ah, das waren vier sehr angenehme Stunden. O Gott, wie billig sind doch die
Genüsse dieses Lebens, wenn man zu geniessen versteht!«
    Aber wenn der Edle von Haussenbleib bei vollem Bewusstsein war, so wusste er
vor allen Dingen klar und scharf, dass die Geschäfte den Vortritt vor jeglichem
Vergnügen zu beanspruchen haben. Er liess sich deshalb schleunigst zu seinem
gewohnten Hotel rudern und gab auf der Stelle den verschiedensten Leuten
Nachricht von seiner Ankunft in der alten Kaufmannsstadt. Die also
Benachrichtigten liessen dann auch nicht lange auf ihre Besuche warten, und die
mannigfaltigsten Konferenzen dauerten einige Tage hindurch, oft bis tief in die
Nacht hinein. Aber das alles war doch nur ein behagliches Tändeln mit einem
deliziösen Nachtisch nach aufgehobener üppiger Tafel, und wir - wir haben nur
einer einzigen Verhandlung beizuwohnen. Diese hat denn aber auch ein um so
grösseres Interesse für uns, obgleich hoffentlich niemand erwarten wird, dass es
sich dabei um all die oft besungenen, gemalten und photographierten
Herrlichkeiten und Schönheiten Venedigs, um Historie, um die Wunder der Kunst
und der Natur, um Gondeln, Serenaden, Ave-Marias und Mondenschein auf den
Lagunen handelte.
    Es regnete ja in Venedig, und:
    Sankt Johannes im Kot heisst jene Kirche; Venedig
    Nenn ich mit doppeltem Recht heute Sankt Markus im Kot.
Freilich haben auch wir diesmal ein doppeltes Recht, von dem Ort und der
Gelegenheit so geringschätzig zu sprechen, indem wir uns leider die Freiheit
nehmen müssen, unsere Leserinnen in wirklich ausnehmend schmutzige Gesellschaft
einzuführen; denn wir treffen jenen Herrn im eifrigen Gespräch mit dem Edlen von
Haussenbleib, welchen der letztere augenblicklich seinen besten Freund nannte.
    Es war, an dem drückend schwülen, feuchten Tage, ein kühles, weites,
stattlich-dämmeriges Gemach, in welchem der Edle mit seinem Freunde, dem Grafen
Basilides Conexionsky, bei einem Glase duftiger Eislimonade und einem Bündel
Zigaretten im vertraulichen Gespräch sass, während vor den offenen
maurisch-gotischen Fenstern der Regen leise niederrieselte und ein
mittelalterlicher venezianischer Nobile, der vor einigen Jahrhunderten
vielleicht ebenfalls recht gute Geschäfte gemacht hatte, aus seinem gebräunten
Rahmen von der Wand wohlwollend auf sie herabsah und seine rechte Freude an
ihnen zu haben schien.
    Der Conte Basilides, ein lang aufgeschossener, in ein hellfarbiges
Sommerkostüm hineingeschlotterter Mensch von ungefähr fünfunddreissig Jahren, lag
seiner ganzen Länge nach auf einem dunkelroten Diwan; der muntere Greis dagegen
sass aufrecht, mit seinem neuen Bändchen im Knopfloch, in einem Stuhl, der einst
das Eigentum des Venezianers an der Wand gewesen sein konnte, beobachtete und
betrachtete den Grafen scharf und aufs zärtlichste und sagte eben:
    »Also, mein Lieber, es bleibt dabei. Sie geben mir das Zeugnis, dass ich
meinerseits alles tat, mögliche Hindernisse des Glückes meiner Kinder - ich sage
meiner Kinder, mein Sohn! - aus dem Wege zu räumen: Sie begleiten mich nach
Wien, und wir bringen die Sache zum Abschluss wie verabredet.«
    »Weshalb sollte es nicht dabei bleiben, Babbo Teodorico, allersüssester
Schwiegerpapa?« stöhnte der Graf, beide Arme unter den Hinterkopf schiebend.
»Gewiss begleite ich Sie, und zwar um so entusiastischer, je weniger ich Ihnen
das verlangte Zeugnis verweigern kann. Ach, stören Sie die Süssigkeit dieses
Momentes nicht durch unnötige Worte - Sie wissen es ja nur zu gut, Sie
Grausamer, welch eine innige Sehnsucht nach diesem - diesem erfreulichen
Abschluss ich seit Monden mühevoll zu unterdrücken hatte. Sie wissen es nur zu
gut, was ich litt, wie ich litt und warum ich litt, Sie herzloser Mann.
Bewundern musste ich Sie immer, selbst vor einem Vierteljahre, als Ihr Gestirn
bedenklich in cadente domo stand: ein um so grösseres Vergnügen macht es mir, Sie
heute - lieben und bewundern zu dürfen! Wahrhaftig. Alter, Sie haben Ihre
Chancen glorreich zu benutzen gewusst - es lebe Verona und mit ihm Romeo und
Julia, Basil und Antonia! Da sitzen Sie wieder und sind Ihr Gewicht in Gold
hundertfach wert, und hier liege ich, den Edelstein meines Wertes im Busen, und
fühle die Schwingen wachsen, die mich meinem holdesten Lebensziel entgegentragen
sollen, Ja, Babbo, Babbo, Sie sind das begehrenswerteste Grossväterchen, welches
mir jemals in meinem Leben begegnete, und morgen mit dem ersten Dampfschiff
gehen wir nach Triest hinüber.«
    »O Basilides, wenn Sie wüssten, Basilides, wie sehr ich Sie um diesen Ton, in
welchem Sie zu mir reden, beneide, so würden Sie denselben nicht mit einer
solchen Virtuosität gegen mich anstimmen!« sprach der Edle, welcher diesen Ton
durchaus nicht nach seinem Geschmack fand und nicht wenig darunter litt,
obgleich er wirklich unter Umständen ebenfalls ein Virtuose darin war, wie er
das zum Beispiel vor einigen Jahren in Krodebeck unter den Barbaren des
Herzynischen Waldes zur Genüge bewies. »Lassen Sie uns ernst sprechen, Graf«,
fuhr er fort, »ich halte das Glück meiner Enkelin für einen Gegenstand der
ernstaftern Unterhaltung.«
    »Ich bin ernst und offen - ich bin nie anders, Signor«, erwiderte der Graf;
»aber ich bin heute glücklich, und ich habe das Recht, glücklich zu sein; denn
aufrichtig gestanden, mein sehr würdiger Freund, noch vor zwölf Wochen sah es
kaum danach aus, dass wir je zu einem solchen angenehmen Geplauder uns
zusammenfinden würden. Ihre besten Freunde, und ich habe das Recht, mich
dazuzurechnen, hatten Ihre Stellung aufgegeben und hielten Sie für verloren,
unwiderruflich verloren, was wollen Sie? Sie vor allen sollten meine Heiterkeit
zu würdigen wissen; denn ach, Sie allein wären ja nur imstande gewesen, meine
Verzweiflung zu messen, wenn das Fatum mich gezwungen hätte, das seligste
Verhältnis, das ich je entrierte, abzubrechen, Babbo!«
    Babbuino! sprach der Edle Dietrich Häussler von Haussenbleib in der tiefsten
Tiefe seiner Seele; äusserlich aber schnitt er nur eine bittersüsse Grimasse; ja
er vermochte es sogar, dem »Pavian« mit einem neuen Lächeln zu antworten.
    »Sie haben recht, Basil; wenn auch nicht völlig, so doch in mancher
Beziehung«, sagte er. »Ich muss Ihre Behutsamkeit loben: denn ich weiss sie zu
würdigen, und sie gerade gibt mir die besten Garantien für eine segensreiche
Zukunft. Da wir zusammen ernten wollen, so muss freilich vollkommene Offenheit
über sämtliche ökonomische Vorbedingungen zwischen uns herrschen. Ich werde mir
die Freiheit nehmen, in andern Dingen bei Gelegenheit ebenfalls so offen als
möglich gegen Sie zu sein, Basil. Ja, vor einigen Monden standen meine
Angelegenheiten nicht so günstig wie heute. Einen Augenblick schien es, als ob
ich das Los aller jener Schwärmer zu teilen hätte, jener braven, törichten
Leute, die sich immer, wie das Beispiel zeigt, wieder finden, um Glück, Kraft,
Vermögen, Blut und Seele dem allgemeinen Besten zu opfern, und zuletzt ihren
teuersten Illusionen zum Opfer fallen. Dem lieben Gott sei Dank, diese Gefahr
ist fürs erste glücklich abgewendet. Meine Anstrengungen wurden mit dem besten
Erfolg gekrönt. Wir haben uns wiedergefunden, teuerer Basil! Das Gewölk hat sich
verzogen - die Luft ist wieder rein!«
    Weshalb streckte der Graf Basilides Conexionsky plötzlich beide Beine gegen
die Zimmerdecke empor und krähte förmlich vor überwältigender Heiterkeit?
    »Si, si, carissimo!« rief er unter fortwährenden Lachkrämpfen. »Die Luft ist
wieder rein, und es geht nichts über eine gesunde, reine Luft«, kicherte er, und
diesmal versuchte der Edle von Haussenbleib vergeblich, zu lächeln, geschweige
denn mitzulachen.
    Vor drei Monaten hing in der Tat ein sehr schweres Gewölk, ganz unfigürlich
genommen, über dem Haupte des Edlen, und die Luft um ihn her war so ungesund, so
unrein, dass selbst seine besten Freunde - und beim Zeus, der Graf Basilides
gehörte zu seinen besten Freunden - sich die Nase nicht ohne Grund zuhielten.
    Es war durchaus nicht abzusehen, in welcher Art eine ungeheuere Lieferung
komprimierter Gemüse endigen werde; denn der Dunst, der vierzehn Tage nach der
Ablieferung aus einigen der geöffneten Büchsen emporstieg, war schauderhaft und
trieb selbst eine slowakische Arbeiterkompanie im Laufschritt aus den Magazinen.
Der Edle hatte allen Grund, von einem düstern Gewölk über seinem Haupte zu
reden; aber der Edle hatte auch alles Recht, sich der endlichen Desinfektion zu
freuen. Mit Energie hatte er die verschiedenen Mittel und Mittelchen, die in
solchen anrüchigen Fällen die Lüfte am sichersten reinigen, angewendet, und das
Resultat war ein glänzendes gewesen. Der infernalische Duft hatte sich verzogen,
die slowakische Arbeiterkompanie war in die Vorratskammern zurückkommandiert
worden, und heute strahlte die Sonne des Glücks mit erneuertem Glanz auf das
würdige Haupt des ehemaligen Barbiers von Krodebeck hernieder. Seine Enkelin war
von neuem eine sehr annehmbare Partie für den Herrn von Conexionsky, und die von
dem Edlen so hochgepriesene Offenherzigkeit seines jüngern Freundes legte der
Exbarbier höchstens als ein weiteres Zeichen des guten Herzens des Grafen zu den
übrigen bereits vorhandenen Beweisen. -
    Nach einer frischen Papierzigarre greifend, gab aber Basilides Conexionsky
jetzt sowohl seinem Körper wie der Unterhaltung eine andere Wendung. Indem er
das wohlriechende Zündhölzchen, welches ihm der umsichtige Versorger Veronas
dienstbeflissen reichte, mit einem sanften Neigen des Kopfes nahm und
gebrauchte, sagte er:
    »Ach, Väterchen, hören Sie den Regen! Hören Sie, wie er auf den Sumpf
niederrauscht! Man könnte fast vor träumerischem Behagen zum Poeten darüber
werden! Es geht doch nichts über einen solchen innern Frieden in Verbindung mit
einem solchen äussern monotonen Geräusch. Mein Herz ist freilich in Wien; aber
mein Körper ist augenblicklich mehr als je auf diesem Sofa, und aus dieser
Trennung erwächst ein so ausserordentlich anmutiges, süsses, unsagbares Drittes -
ein, sozusagen, schwankendes Genügen, dass die Phantasie in Wahrheit eine brutta
puttana sein müsste, wenn sie sich irgend im geringsten bemühte, einen Namen
dafür aufzufinden. Beiläufig, mein Bester, jetzt wäre vielleicht der rechte
Moment gekommen, um mir etwas Ausführlicheres über diesen jungen norddeutschen
Kavalier, der bis jetzt einige Male so sonderbar durch Ihre liebenswürdige
Konversation schäkerte, mitzuteilen. Nicht, dass er mich über den Rauch dieser
Zigarre hinaus interessierte, allein Sie wissen, Papa, alle Menschen
interessieren den Weisen, zumal wenn sie sich in so angenehmer Weise und in so
innigster Vertraulichkeit mit der promessa in seinen Gesichtskreis einführen.
Ist der junge Mann ein buon camarado, oder - oder das, was wir unter dem
Gegenteil verstehen?«
    Der Edle von Haussenbleib drehte sich ein wenig in seinem Fauteuil und
antwortete: »Mein lieber Sohn, da es Ihnen gefällt, auch dieses Tema zu
berühren, und ich gestehe wiederum, dass Sie auch hier einiges Recht dazu haben,
so sollen Sie in dieser Hinsicht ebenfalls meine Seele so klar sehen wie den
blauesten italienischen Himmel.«
    Mit einem Blick nach dem Fenster meinte der Graf lächelnd:
    »Das freut mich, vorausgesetzt, dass Sie nicht den heutigen Tag zum Bürgen
Ihres Gleichnisses machen, Babbo! Offen gestanden, wenn mir jener junge
nordische Edelmann unendlich gleichgültig ist, so interessiert es mich doch
nicht wenig, zu erfahren, weshalb Sie nicht diesen Herrn von Lauen als Gemahl
Ihrer Enkelin vorzogen, da doch, wie mir scheint, mannigfache Umstände, ältere
und neuere Bezüge, heimatliche Neigungen und, wie ich fast Grund habe
anzunehmen, auch gewisse Herzensbedürfnisse dort oben in Wien für ihn
sprechen?!«
    Der Edle hatte Furcht - er hatte unbedingt sehr grosse Furcht vor dem jungen
Adeligen mit dem slawischen Namen, und er hätte nur das anzuführen brauchen, um
deutlich darzulegen, weshalb er den Grafen Basil Conexionsky dem armen Junker
Hennig vorzog. Er fühlte auch trotz allem eine gewisse, nicht unberechtigte
Neigung zu dem Grafen und hätte auch dieses anführen können; allein der Graf
würde vielleicht am allerletzten eine derartige Erklärung erwartet haben und war
jedenfalls bereit, jede andere Auseinandersetzung eher gelten zu lassen.
    »Sie wissen genug von meiner Vorgeschichte und der meiner Enkelin, teuerer
Basil, als dass ich nötig haben sollte, noch einmal darauf zurückzugreifen«,
sprach der Edle Häussler von Haussenbleib. »Und da ich in dieser Beziehung Ihnen
gegenüber so ziemlich auf demselben Standpunkte mich befinde und das Buch Ihres
Lebens sowie die höchst eigentümliche Chronik Ihres Geschlechts bis zurück in
das dritte Glied, bis zu dem glänzenden Ahnherrn, Ihrem eigenen sonderbaren
Herrn Grossvater, zur Genüge kenne, so verbürgt mir das, dass auch Sie gar nicht
wünschen, in solcher Art mich zurückgreifen zu lassen. Wir kennen einander,
schätzen einander und können einander sehr nützlich sein - das genügt
vollkommen, nicht wahr, lieber Graf?«
    »Vollkommen!« gähnte Basilides. »Aber greifen Sie ruhig, wie es Ihnen
beliebt; sie können mich stets nur auf das angenehmste berühren«, fügte er
hinzu, und wenn ein Mensch imstande war, den Edlen von Haussenbleib aus der
Fassung zu bringen, so vermochte das der liebe Graf durch solche Bemerkungen.
    Allein der Edle fasste sich, wie wir wissen, sehr rasch, und so rettete er
sich auch diesmal schnell, und zwar wiederum durch ein Wort, welches er nur in
der Tiefe seiner Seele sprach, und fuhr laut fort:
    »Wenn ich also über gewisse Tatsachen schweige, so kann ich über die Gefühle
und Empfindungen, welche sich an ebendiese Tatsachen knüpfen, da Sie es
wünschen, nicht schweigen. O Dio, wie gern würde ich jene Idylle von Krodebeck,
welche mir dieser Herr Hennig von Lauen vertritt, in den Kreis meiner
Anschauungen, Geschäftsverbindungen und Hoffnungen aufnehmen; aber es geht
nicht! Ich weiss kaum, wie ich mich in diesem Punkte Ihnen gegenüber delikat
genug ausdrücken kann, und hoffe nur, dass wir uns auch hier, ohne viele Worte,
verstehen werden. Ach, Basil, Sie machen sich keinen Begriff von dem Wust der
Vorurteile, kleinlichen Rankünen und philisterhaften Begriffsverwirrungen,
welche dort unten in jenem albernen Erdenwinkel in den Köpfen der Leute nisten,
brüten und sich ins Unendliche vermehren. Dagegen ist die grösste Intelligenz
machtlos, und selbst Ihr Witz, mein Freund, würde vor so grossartiger Stupidität
kläglich die Flagge streichen müssen. Überlegen Sie es nur! Würde ich heute mit
Ihnen hier in Venedig sitzen, wenn es ginge, wenn es gegangen wäre? Als ich vor
drei, vier Jahren dort war, brachte ich einige Illusionen hin und glaubte mich
der kuriosen Rumpelkammer zum mindesten gewachsen; allein ich fand schnell
genug, dass ich mich sehr hierin getäuscht hatte. Ich gestehe Ihnen offen, werter
Graf, dass ich nichts in meinem Leben so sehr bereut habe als jene Reise und dass
meine ganze Tatkraft dazu gehörte, die Rute, welche mir da band, im Laufe der
Jahre wieder aufzulösen.«
    Der Graf Basilides nahm die Zigarette aus dem Munde, seufzte zärtlich, küsste
die Fingerspitzen der rechten Hand und warf einen Kuss in die weite Ferne - nach
Wien - in die Vorstadt Mariahilf; und der Edle von Haussenbleib wusste den Gestus
vollkommen zu deuten und sagte:
    »Sie haben wiederum recht, Basil. Da ich Sie gefunden habe, den Mann ohne
Vorurteile, den Menschen, welchen ich mein ganzes Leben hindurch suchte, um
alles mit ihm zu teilen, den Mann, der wirklich die Absicht hat, alles zu
gewinnen, und im Notfall alles daransetzt, um eine Grille zu befriedigen, wenn
sie ihm einmal durch den Kopf fuhr, den wahren, wirklichen Ritter ohne Furcht
und Tadel, so wäre es lächerrlich, einen falschen Schritt zu beklagen, der doch
auch nur zum Glücke geführt hat, indem er dazu dient, uns beide auch durch liebe
verwandtschaftliche Bande zu vereinigen.«
    »Mille grazie«, lächelte der Graf, »übrigens heirate ich die süsse Antonie
nur, weil auch ich entsetzlich viele Vorurteilte hege, dieselben liegen nur nach
einer andern Direktion als die anderer Leute.«
    »Und sehen Sie«, fuhr der Edle, ohne auf die Unterbrechung zu achten,
begeistert und gerührt fort, »sehen Sie, trotz ihrer doch sehr fraglichen
geheimen Neigungen weiss meine Enkelin so gut als ich, dass Krodebeck
unwiderruflich hinter uns liegt, dass jener junge Mensch nicht nur ein Tölpel
ist, sondern auch ein kompletter Esel gerade in Hinsicht auf diese fragliche
Neigung; und deshalb - deshalb, Signor Conte, treffen auch hier unsere
Kalkulationen zu und können wir auch hier heiter, hell und freudig in eine
lachende Zukunft blicken.«
    »Unbedingt!« sprach der Graf mit einem sonderbaren Blick auf den Redner und
einem eigentümlichen Zucken um die Mundwinkel. »In dieser Beziehung gebe ich
mich am allerwenigsten irgendeiner Täuschung hin. Sie geben und ich nehme, ich
gehe und Sie nehmen, wie man an der Börse sagt; und, bei allen Freuden und
Herrlichkeiten des Paradieses, Sie haben recht, Papa, wir haben uns gefunden,
weil wir einander brauchen können, und wir können uns nicht fest genug
aneinander binden.«
    »Und deshalb kann es Ihnen wie mir nur sehr erwünscht sein, dass dieser
nordische Balordo augenblicklich seinen Aufentalt in Wien nahm. Er wird das
sentimentale Gänschen uns in unsere Wünsche, in unsere Berechnungen
hineintreiben. Er versperrt ihr den Weg nach jeder Seite; - ich kenne sie: um
ihn nicht unglücklich zu machen, wird sie uns, wird sie Sie, Basil, glücklich
machen; und, bei allem, was Ihnen heilig ist, Graf Conexionsky, ich gebe Ihnen
einen Schatz, einen Schatz, einen köstlichen, unbezahlbaren Schatz in dem Kinde
für alles, was Sie mir durch Ihren Namen und Ihre Verbindungen zu bieten haben!«
    »Und bei Bacchus und Cytere«, rief der andere aufspringend, »ich liebe
dieses Mädchen seiner Mitgift, nach jeder Seite hin, zum Trotz und halte Sie,
Babbo Teodorich, für den genialsten Kuppler, der jemals das Schöne mit dem
Nützlichen zu verbinden wusste. Das Kind imponiert mir durch seine tiefe
Abneigung gegen Sie, ehrwürdiger Greis, gegen mich, gegen uns alle. Sie haben
keine Idee davon, wie mir das Mädchen imponiert und wie mich hier eine völlig
unbekannte Region, ein süsses Zauberreich voll Lindenblüte, Veilchenduft und
Nachtigallengesang bewegt, reizt und zu allen möglichen Entsagungen befähigt. Es
ist ein so neues, ungewohntes, anmutig-bängliches Gefühl, irgend etwas
respektieren zu müssen. Eine verschüchterte galizische Landbaronesse von
sechzehn Jahren kann ihrer superior finishing-governess gegenüber nichts
empfinden, was ich nicht ebenfalls zu den Füssen dieses holden Wunders empfinde.
Sie hasst uns alle und mich mehr als alle, und deshalb will ich sie haben mit
ihren Kinderaugen, in ihrem weissen Kleidchen, und in ihrer Gesellschaft den
Versuch machen, wie es sich eigentlich leben lässt im Buchenwäldchen unter
Nachtigallengesang und Veilchenduft. Ach, wir werden sehr glücklich miteinander
sein!«
    »Würde ich sonst diese Verbindung gewünscht, erstrebt oder zugelassen
haben?« fragte der Edle mit einem so zärtlichen Vorwurf in Stimme und Gebärde,
dass der Graf Basilides mit dem Ausdruck höchsten Ekels und Überdrusses die
Zigarette dem edlen Venezianer an der Wand an die Nase warf und sich zurück auf
den Diwan.
    Es entstand eine längere Pause, in welcher jeder der beiden Herren seinen
eigenen Gedanken nachhing; dann fragte der Graf:
    »Sie haben natürlich in den letzten Zeiten recht eifrig mit Wien
korrespondiert; - wie werden wir die Stimmung dort finden?«
    »Befriedigend, wie ich hoffe. Das Kind scheint wieder einmal ein wenig an
den Nerven zu leiden, aber das hat nichts zu bedeuten. Sie schreibt von
Müdigkeit, aber wie mir scheint, sozusagen geduldiger, sanfter, hingegebener.
Sie bittet mich, mir keine Sorgen um sie zu machen -«
    »Und dazu wird man Sie ersuchen, Babbo, Sie mit verhaltenen Tränen bitten,
uns Ruhe, Ruhe zu lassen - unser armes Herz nicht zu quälen, nicht ungeduldig zu
werden, und so weiter- eh?«
    »Die Briefe stehen sämtlich zu Ihrer Verfügung, lieber Sohn!«
    Der Graf winkte abwehrend mit der Hand.
    »Den Jugendfreund, den lieben Spielkameraden werden wir also jedenfalls noch
in der Stadt vorfinden?«
    Der Edle von Haussenbleib lachte.
    »Ich lese in dieser Hinsicht mancherlei zwischen den Zeilen. Sie wissen ja,
Basil, dass ich zwischen den Zeilen zu lesen verstehe. Dem Burschen scheint es im
Kreise unserer Freunde recht zu behagen, und ich habe auch aus jenen Kreisen
Nachrichten, welche mich nicht wenig erheitern. Die arme Tonerl! Ich habe ihr im
Anfang ziemlich barsch meine Ansichten ausgedrückt; allein ich empfinde jetzt
einige Reue darüber. Man macht sich eben viel unnötige Sorgen in dieser
wunderlichen Welt, lieber Graf. Jaja, es gefällt dem jungen Mann sehr gut in
Wien, und die Tonie ist sehr überrascht und einigermassen aus aller Fassung
darüber gebracht. In einem Postskript hat sie mich neulich selbst gebeten, dem
armen Teufel mein Haus zu verbieten, und in einem letzten Billett habe ich ihr
natürlich den vortrefflichen Landsmann auf das beste empfohlen und ihm selber
alle Annehmlichkeiten meines Wiener Etablissements zur Verfügung gestellt. Man
hält eben alte Verbindungen und Bezüge aufrecht, auch wenn man keinen momentanen
Nutzen davon sieht und wenn man höflich ohne Gefahr sein kann.«
    »Wann geht das Dampfschiff?« fragte der Graf.
    »Morgen früh um sechs Uhr.«
    »Benissimo!« lallte Basil. »Was sagen Sie zu einem Akt der Traviata?«
    »Wie Sie wünschen! Ach, Basil, Sie haben keine Ahnung davon, wie jung ich
mich nach den Qualen, Anstrengungen und Aufregungen der letzten drei Monate
fühle!«
    »Und Sie haben keine Ahnung davon, wie sehr ich Sie beneide«, erwiderte der
Graf, und diesmal im bittersten Ernst, und doch ahnte er nicht zur Hälfte, wie
ernst ihm dieser Neid sein musste. -
 
                           Dreiunddreissigstes Kapitel
Sie reisten ab von Venedig und kamen gesund und wohlbehalten in Wien an; aber es
mussten sich doch sowohl auf dem Dampfer wie auf dem von ihnen benutzten Bahnzug
einige ausnehmend Gerechte befinden, um die erfreuliche Tatsache zu ermöglichen.
In gelassener Heiterkeit kamen beide, der Graf wie der Edle, in Wien an, und da
Leute ihres Schlags auf Erden so ziemlich allein das Recht haben, ihr Leben nach
ihrem Willen einzurichten und mit den Nachteilen die überwiegendsten Vorteile
hieraus zu ziehen, so wäre es sehr undankbar und ein grosses Unrecht gegen ihre
Götter gewesen, wenn sie nicht in vergnügter Stimmung sich befunden hätten.
    Der Edle fuhr natürlich sofort vom Südbahnhof seinen Laren und Penaten zu
und überliess den jüngern Freund bis zum nächsten Morgen seiner eigenen
Schicksalsgöttin, und da diese stadtkundig genug war, so führte sie ihn recht
behaglich sowohl durch den Rest des Tages als auch durch einen bedeutenden Teil
der Nacht.
    Doch das Behagen des Grafen Basilides kümmert uns augenblicklich weniger als
das des Edlen von Haussenbleib, und diesen auf der Heimfahrt durch die muntere
Stadt an diesem sonnigen Spätnachmittag zu sehen war ein Vergnügen für jeden,
der dem Manne nichts Böses gönnte.
    Sein Lächeln auf der Reise durch die Lombardische Ebene war gar nichts im
Vergleich zu dem fröhlichen Glanz seiner Physiognomie auf seiner jetzigen Fahrt
durch die heimatlichen Gassen. Nie erschien er so jung, so wohlkonserviert wie
heute.
    Er hatte den Hut abgenommen und fuhr immer von neuem mit der Rechten über
den silbergrauen Scheitel, wie um seine innerliche Freudigkeit niederzureiben.
Er hatte mehrere Westenknöpfe springen lassen müssen und sah alle Augenblicke so
zärtlich träumerisch nach der Uhr, dass er, wie er zu seinem Schrecken sogleich
bemerkte, verschiedene wertvolle Bekanntschaften übersah und vorüberfuhr, ohne
tief und lächelnd gegrüsst zu haben.
    Diese Versäumnisse kühlten ihn ein wenig ab, er liess fortan die Uhr stecken,
rieb nur mit beiden Händen die Knie und hauchte vorkostend, aber die Leute zur
Rechten und zur Linien scharf im Auge behaltend:
    »Ausgezeichnet!... vortrefflich!... angenehm... höchst angenehm!«
    Er übersah nun keine Bekanntschaft mehr, und er hatte viele Menschen zu
grüssen; aber er nickte auch aus allgemeinem Wohlgefallen an der Menschheit und
vorzüglich an der Wiener Menschheit ununterbrochen vor sich hin.
    Endlich hielt der Wagen vor dem Hause in der Mariahilfer Hauptstrasse. Es
entstand eine grosse Bewegung sowohl unter den dunkelfarbig gekleideten Fräulein
unter dem Zeichen der trauernden Hekuba wie in dem Lokale links von der Haustür,
allwo die »naschenden Vernichterinnen aufgekeimten Wohlstands«, die rosigen
Jungfrauen und Dienerinnen der schönen Helena, die Chignons an den
Spiegelscheiben zeigten und den heimkehrenden fröhlichen Greis holdanlächelnd
mit Kichern und Kusshändchen begrüssten. Der Edle von Haussenbleib hatte einen
wohlwollend-verständnisreichen Blick nicht nur für die schöne Helena, sondern
auch für die trauernde Hekuba; aber er hielt sich diesmal nicht bei ihnen auf,
sondern stieg eilig die Treppen empor, warf im Vorübertrippeln eine Visitenkarte
in den Briefschalter der Nilassidantia und war nach fünf Minuten bei sich selber
derartig zu Hause, als ob das Festungsviereck nur ein Traum im Traum für ihn und
die Verproviantierung Veronas ein Besuch im Kontor des benachbarten
Wechselagenten gewesen sei.
    Er hatte von Toinette vernommen, dass Antonie sich ein wenig zum Schlummer
niedergelegt habe, hatte lächelnd, mit dem Finger auf den Lippen, tiefes
Schweigen geboten und war in seine eigenen Gemächer geschlüpft, wo er behaglich
ein halbes Stündchen seiner Toilette widmete, um sodann mit der hübschen
Kammerjungfer eine längere und ziemlich ernste Konferenz zu halten. Da er es
verstand, unter allen Umständen seine Fragen zu stellen und das Wichtige von dem
Unwichtigern zu scheiden, so erhielt er einen ziemlich genauen Bericht über
alles, was sich während seiner Abwesenheit zugetragen hatte. Dass er jedoch
vollständig dadurch befriedigt worden wäre, können wir leider nicht sagen; denn
er entliess die Jungfer mit einem recht missmutigen Kopfschütteln und schritt noch
eine geraume Zeit in seinem Zimmer auf und nieder, ehe er sich so weit gesammelt
hatte, um sich mit der gewohnten Zärtlichkeit persönlich nach dem Befinden
seiner Enkelin erkundigen zu können.
    »Das wäre in der Tat wieder ein Strich durch die Rechnung, und zwar einer
ganz nach ihrem Geschmack!« murmelte er verdriesslich. »Sie wäre dazu imstande!
Sie wäre imstande, mir aus reinem Eigensinn ein Konto drunten in dem
Trauermagazin zu eröffnen. Ach was, die Toinette wird sich ebenfalls zur Närrin
haben machen lassen - wahrhaftig, sie war mir viel zu gerührt. Aber das ist
Weiberart - da ist nicht einer zu trauen, die hellsten verlieren die Balance, wo
irgendeine sentimentale Dummheit ins Spiel kommt. Nun, wir werden ja sehen! Aber
eines steht fest, man soll in diesen Dingen nichts zu leicht nehmen: eine solide
Notiz an meinen jungen Freund aus Krodebeck zur rechten Zeit würde mir manche
Unannehmlichkeiten erspart haben. Jedenfalls werde ich ihm heute noch einige
schriftliche Worte zukommen lassen und ihm die Dinge ins rechte Licht rücken.«
    Nach einer weitern halben Stunde sass er klar, erfrischt, mit dem gewohnten
Gleichmut auf dem Gesichte und im prachtvollsten Schlafrock neben dem Sessel
seiner Enkelin, von Teilnahme und Zärtlichkeit überquellend: er hatte die Sache
nicht so bedenklich gefunden, wie er sie sich einige Augenblicke lang nach dem
Bericht Toinettes vorgestellt hatte.
    Antonie war freilich nicht so wohl, als man es hätte wünschen mögen; allein
einen Grund zu irgendwelcher tiefergreifenden Besorgnis fand der Edle durchaus
nicht vorliegend. Er fand sie ein wenig fieberisch, ein wenig unruhig, allein
beides doch nicht mehr als bei seiner Abreise vor vier Monaten, und damals
hatten ihn die Ärzte gebeten, sich keine unnötigen Sorgen um die junge Dame zu
machen, welchen Bitten er gern nachgegeben hatte.
    Ich hatte recht, mich vorhin nicht durch die Kammerkatzenzimpereien
beunruhigen zu lassen, dachte er. Und übrigens, glaube ich, würde die Tonerl, um
mich zu ärgern - vorzüglich bei einem solchen Nachhausekommen zu ärgern, alles
tun; und ich halte es für gar nicht so schwer, die Sterbende zu spielen; eine
wahnsinnige Ophelia oder einen blödsinnigen König Lear könnte auch ich agieren,
ohne dass man mich auslachte.
    In diese irenischen Anschauungen sich immer mehr und immer beruhigter
vertiefend, brauchte der Edle natürlich seinem grossväterlichen Herzen keinen
Zwang mehr anzutun. Nachdem ihn das liebe, teuere Kind, die gute, beste Antonie
mit allen ihren Zuständen hatte bekannt machen müssen, konnte er, ohne als ein
Barbar zu erscheinen, harmlos, offen und herzlich sie auch über alle Umstände
seines eigenen Befindens und alles das, was er zur Erhaltung desselben für
zweckmässig erachtet hatte und erachtete, vertraulich unterhalten, und Antonie
Häussler legte darum nur von Zeit zu Zeit öfters die Hand auf die Stirn, zog sich
nur ein wenig tiefer in ihre Kissen zurück und atmete nur um ein klein wenig
schneller und angstvoller.
    Es war eigentlich rührend, den alten Sanguiniker in seinen herzinnigen
Auseinandersetzungen und eifrigen Gestikulationen zu hören und zu sehen. Es war
ihm Ernst um das, was er noch für seinen Komfort, für sein Glück in seinem Leben
zu tun und durchzusetzen beabsichtigte, und der Ernst - wohin er sich auch
richten mag - ist immerdar eine interessante, nachdenkliche Erscheinung in einer
Welt, wo der Ernst fast immer nur von aussen an die Menschen herandringt, wo die
Million dahingetrieben wird und der Wind in der Tat das Wahre und das Blatt im
Winde wirklich nichts ist.
    Dass der Graf Basilides Conexionsky augenblicklich so unzertrennlich mit dem
Komfort und dem Glück des Edlen Dietrich Häussler von Haussenbleib verbunden war,
war freilich recht traurig für Antonie Häussler, aber ändern liess sich nichts
daran. Der Edle hoffte auch fest, dass das Kind solches einsehe und endlich
einmal Vernunft annehme und endlich einmal ihrem alten, wohlmeinenden Grossvater
in einem Wunsche freudig und offen entgegenkomme und endlich einmal einsehe, dass
derjenige, welcher in der Komödie des Lebens mitzuspielen wünsche, auch das
passende Kostüm anzulegen und die nötige Schminke anzuwenden habe.
    »Wir spielen alle trotz dem hellsten Sonnenschein in einer künstlichen
Beleuchtung, und du änderst nichts daran, Tonerl!« seufzte der Edle mit
gefalteten Händen. »Und welche Kostüme, welche Kostüme habe ich dir zu bieten?!
Denke an deinen Weg und sei dankbar. Du, du, du willst allein in der Loge
sitzen, während alle andern, ich sage, alle andern, auf der Bühne beschäftigt
sind? Erinnere dich an das Fuhrwerk, auf welchem du vor dem Siechenhause zu
Krodebeck anlangtest, und sieh dich heute um, blicke um dich und überlege! Und
wenn ich es auch zugeben wollte, dass du im Parterre dich über unsere Sprünge auf
den Brettern mokiertest, die andern würden es nicht leiden - du bist verloren
wie eine Herrnhuterin in einer Karnevalsnacht. O Tonerl, Tonerl, es ist nichts
schlimmer, als allein zu sein in der Welt, und du bist allein... aber zum
Henker, du bist zugleich nicht allein, denn du bist mein Eigentum, hörst du,
mein volles, eigenstes Eigentum, und ich dulde es nicht, dass du noch länger eine
Närrin aus dir machst! Also bitte ich dich auf den Knien bitte ich dich, sei
lieb und sei verständig - und kurz und gut, ich hoffe, dass du morgen dem armen
Basil in einer andern Weise entgegentreten wirst, als dir bis dato zu meinem
grössten Kummer und Ärgernis beliebte. Ach, wenn du wüsstest, was alles zwischen
eurem letzten Zusammentreffen und dem heutigen Tage liegt, so würdest du
sicherlich nicht zögern - zögern, den günstigen Moment festzuhalten! Und und
wenn du ahntest, welch eine edle, edle Seele du hier - auf deine Weise - dem
Verderben entreissen kannst, du würdest dich noch viel weniger bedenken, sondern
wie ein gutes, liebes Mädchen, das du doch trotz allem bist, herzhaft
zugreifen.« -
    »Allein und hülflos«, sagte Antonie leise. »Ja, ich bin allein; es wird mir
niemand helfen.«
    »Und dein Jugendfreund am wenigsten!« fiel der Edle rasch ein. »Sieh, Kind,
das würde ich ja nur allzugern zugeben, dass du den Jüngling dir und uns
gewönnest. Dazu gäbe ich heute noch meinen Segen. Ich kenne dein Herz durch und
durch, und du wirst mich verstehen, wenn ich dir mein Ehrenwort gebe, dass ich
den Grafen Basil auf der Stelle zum Verzicht auf seine schönsten, innigsten
Wünsche zu bringen wissen werde, wenn du mir dagegen deinerseits die Überzeugung
liefern kannst, dass nach jener Seite hin alles gewonnen ist.«
    »Nein, nein, nein, das will ich nicht, das kann ich nicht!« rief Tonie
Häussler mit einem solchen Ausdruck des Schreckens, des Jammers und der
Verzweiflung, dass der Edle trotz seiner Befriedigung ein wenig ängstlich seinen
Stuhl zurückschob. »Er soll dein Haus nicht mehr betreten; er ist mir nichts -
er kann mir nie etwas sein. Ich habe selbst ihm deine Tür verschlossen; aber ich
habe doch keine Macht gegen ihn. O es soll alles so werden, wie du es verlangst;
nur verbiete du ihm dein Haus - auf den Knien bitte auch ich dich darum!«
    »Mein armes Kind!« sprach der Edle, mitleidig das graue Haupt schüttelnd. Er
sprach weiter nichts; aber er hielt einen Augenblick das Taschentuch Vor die
Augen, zog es wieder herab, küsste die Enkelin auf die Stirn und verliess langsam
mit einem tiefen, tiefen Seufzer das Zimmer. Vor der Tür schlug er ein
Schnippchen, schob das Taschentuch in die Tasche, fasste das Kammermädchen am
Kinn und sagte mit einem mehr als patriarchalischen Lächeln:
    »Du albernes Gänschen!«
    Darauf zog er sich von neuem in seine Gemächer zurück und überlegte.
    Was tue ich nun? - Wenn ich jetzt meinen eigenen Herzensbedürfnissen folgen
wollte, so müsste ich dem Junker vom Lauenhofe nunmehr mit einem höflichen Gruss
meine Ankunft melden und mich ihm mit allem, was mein ist, zu unbedingter
Verfügung stellen. Ich könnte nicht herzlich genug gegen ihn sein; ich könnte
ihn nicht dringend genug von neuem auffordern, mein Haus als das seinige zu
betrachten. Nein, nein, das wäre doch zu grausam, und auch aus Rücksicht auf den
armen Basil wollen wir lieber diesen zartesten Saiten unseres Gemütes einen
Drücker auflegen. Ja, ich werde nur höflich gegen den Tropf sein; es ist doch,
alles in allem genommen, das einfachste und deshalb das beste.
    Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb ohne viel weiteres Nachsinnen
ein Billett an den »jungen nordischen Freund«, in welchem er demselben seine
Heimkunft in Begleitung des Verlobten seiner Enkelin, des Grafen Basilides
Conexionsky, ganz gehorsamst meldete und sich freute, die beiden Herren in den
nächsten Tagen miteinander bekannt machen zu können. Dazu hoffte er, dass sich
ein recht inniges Verhältnis zwischen den beiden Kavalieren herstellen werde, um
dadurch ältere und neuere werte Bezüge für ihn - den Briefschreiber - in
anmutigster Weise zu verknüpfen. Natürlich setzte er voraus, dass der Herr Hennig
sich noch einige Zeit wenigstens in Wien aufhalten werde, damit auch er,
Dietrich Häussler, imstande sei, wenn auch nur einen kleinen Teil der leider
versäumten Gelegenheit nachzuholen und dem verehrten Gast nach seinen schwachen
Kräften die Honneurs der Stadt an der blauen Donau zu machen.
    Damit schloss er und schickte noch am selbigen Abend einen Diener mit dem
Billett in die Taborstrasse; und dann - dann gab es kein leichteres, wohligeres
Herz in ganz Ahaliba als das Dietrich Häusslers Edlen von Haussenbleib. - -
    Es sind schon manche junge Leute ausgezogen wie Saul, der Sohn Kis', um
ihres Vaters Eselinnen zu suchen, und haben statt derselben ein Königreich
gefunden. Allein bei weitem die meisten dieser Günstlinge der Götter erkannten
im gegebenen Fall den Wert dessen, was ihnen in die Hände fiel, durchaus nicht;
oder wenn ihnen vielleicht eine dumpfe Ahnung darüber aufging, so wussten sie
sicherlich nichts damit anzufangen. In dieser gerade nicht sehr ehrenvollen Lage
befand sich der Sohn der klugen Frau Adelheid, der Zögling des Ritters von
Glaubigern und des Fräuleins Adelaide von Saint-Trouin - der Junker Hennig von
Lauen. Es gehört immerhin ein fein organisiertes Geflecht der Nerven dazu, um
die wirklichen Königreiche dieser Welt von den nachgemachten, den unechten, den
scheinbaren zu unterscheiden, und der gute Junker war von der Natur, wie wir
wissen, viel zu sehr begünstigt, um jemals durch seine Nerven veranlasst zu
werden, eine wirkliche Krone, die doch immer nur eine Dornenkrone sein kann, vor
seinen Füssen vom Boden aufzuheben.
    Hennig von Lauen fühlte sich schon seit einiger Zeit recht unbehaglich,
recht unglücklich in Wien und kam sich noch dazu vollständig Überflüssig
daselbst vor. Seit jenem Morgen, welcher auf den Tag folgte, den er so heiter in
der Gesellschaft der schönen Freiin Zoe auf ihrer Hietzinger Villa verbrachte,
hatte das Leben in der heitern Stadt vieles von seinen Reizen für ihn verloren.
Ohne irgendeinen Halt in sich oder in den Dingen ausser ihm zu finden, trieb er
sich verwirrt und melancholisch umher, und um gerecht zu sein, müssen wir sagen,
dass ihm solches eigentlich nicht gerade übelzunehmen war; denn er befand sich
wirklich in einer bedenklichen, einer betrübten Lage.
    Er war dem nobelsten Antrieb seines braven Herzens an jenem Morgen nach dem
Fest gefolgt, und die Tonie hatte ihm dafür die Tür vor der Nase schliessen
wollen. Dieses hatte er sich freilich nicht gefallen lassen, allein die letzte
Harmlosigkeit im Verkehr mit der Jugendfreundin war nun gänzlich
verlorengegangen, und er war ganz wohl imstande, das zu empfinden und sich recht
darüber zu grämen.
    Nun war er selten für seine besten Freunde, und er hatte deren von allen
Arten, zu Hause. Einsam trieb er sich in der schönen Umgebung der Stadt umher
und suchte durch körperliche Anstrengungen die geistige Unruhe, die ihn hier
festbannte und ihm doch den Ort über alles in der Welt verleidete,
niederzudrücken; und von einem Ausflug nach Baden zurückkehrend, fand er das
Briefchen des Edlen von Haussenbleib auf seinem Nachttische.
    Der Kellner, welcher ihm voranleuchtete und die Lichter anzündete, machte
ihn auf es aufmerksam, und der Junker betrachtete die Adresse, wie man jede
unbekannte Handschrift auf einem Briefe betrachtet, ehe man ihn öffnet. Er bekam
bereits viele schriftliche Notizen in Wien, und so konnte er, nachdem der
Kellner sich verabschiedet hatte, ziemlich gleichgültig das Miniatursiegel
erbrechen.
    Diesmal umnebelte ihm kein leichterer oder schwererer Rausch, nicht einmal
der Nachhall eines Rausches, Stirn und Augen; aber dessenungeachtet bedurfte er
mehrerer Minuten, ehe er die Meinung seines jetzigen Korrespondenten fasste und
würdigte. Dann würdigte er sie aber auch gleich darauf um so mehr!
    Er stiess einen Fluch hervor und trat vor seinem eigenen verstörten Bilde in
dem Spiegel vor ihm zurück. Unwillkürlich griff er nach dem Glockenzug, als
müsse er das ganze Haus im Sturm zu seiner Hülfe zusammenläuten.
Glücklicherweise zog er jedoch die Hand zurück; denn der National-Gastof würde
doch wohl keinen Rat und Trost für ihn gehabt haben.
    Nun überlas er das Billett zum zweitenmal, knitterte es wütend zusammen und
warf es gegen die Wand. Was sollte er tun? Was konnte er tun? Er rannte umher im
Gemach und fiel auf einen Stuhl und suchte wenigstens einen Teil seiner Fassung
wiederzugewinnen. Er zog den Stuhl an den Tisch, stützte den Kopf auf beide
Hände, und - da sass er denn.
    Was sollte, was konnte er tun für sie?
    Hatte er ihr nicht seine Hand angeboten? Hatte er sie nicht retten wollen?
Hatte er sie nicht fortführen wollen aus diesem wüsten Getriebe - zurück in die
Heimat, in das vergessene Fleckchen am Fusse der Harzberge?
    Sie hatte ja das schöne Haupt geschüttelt, und zähneknirschend gestand er
sich selbst in dieser schweren Stunde als ein ehrlicher Gesell, dass er ihr am
folgenden Tage gewissermassen dankbar dafür gewesen sei und dass schon im ersten
Augenblick ein leiser Hauch der Befriedigung über ihre Weigerung durch seine
Seele gegangen sei.
    Aber nun rüttelte das Schicksal des armen Geschöpfes, mit dem er doch nur
alle Holdseligkeit des Lebens daheim verknüpft hatte, um so schrecklicher an
ihm. Am liebsten wäre er mit Gewalt in das Haus in der Vorstadt Mariahilf
eingebrochen; am liebsten hätte er als ein anderer Karl von Eichenhorst die
Tonie auf dem Sattelknopf entführt, trotzdem dass sie nicht wollte; bei allen
Teufeln, es war zu niederträchtig!
    Und in dieser Nacht - und während der Junker mit halbblinden Augen den Brief
schrieb, welchen der Ritter von Glaubigern, das Fräulein von Saint-Trouin und
Jane Warwolf in dem chinesischen Pavillon zu Krodebeck zusammen lasen - lag
Tonie Häussler still in ihrem Bettchen, still und regungslos, und fürchtete sich
nicht.
    Es war zu traurig.
 
                           Vierunddreissigstes Kapitel
Beinahe vierzehn Tage gebrauchte der Junker Hennig von Lauen, um sich notdürftig
zu fassen, und nie während seines Aufentalts in der Fremde hatte er mit solcher
Sehnsucht auf eine Lebensäusserung aus Krodebeck und vom Lauenhofe gewartet als
dieses Mal. Er wartete vergeblich, und wir wissen weshalb. Da er die Sache den
Leuten zu Krodebeck so eilig als möglich gemacht zu haben glaubte, so begriff er
nicht im mindesten ihr Stillschweigen, und das machte ihn womöglich noch
ratloser und zorniger. Er war ratlos im höchsten Grade. Hatte er das Recht, dem
Herrn Dietrich Häussler einen Besuch auf seine freundliche Mitteilung zu machen
und ihm mit den Fäusten auf den Leib zu rücken? Was wusste er von dem Grafen
Basilides Conexionsky? In welcher Weise sollte er ihm gegenüber auftreten?
    Der Name dieses Herrn war ziemlich häufig in der Unterhaltung seiner Wiener
Freunde und Freundinnen aufgetaucht, und jedermann schien eine Ehre darein zu
setzen, ihn zu kennen, und es für ein grosses Vergnügen zu halten, mit ihm
verkehren zu dürfen.
    Tonie hatte freilich nie von ihm gesprochen, und nun zeigte es sich
plötzlich, dass sie ihn jedenfalls genau gekannt haben musste, dass sie längst im
allergenauesten Verkehr mit ihm gestanden haben musste!
    Und was hatte die schöne Emanuele Werdenberg neulich, als er mit ihr nachts
von der Villa Wanesch heimfuhr, gesagt? Alle Augenblicke sah er erschreckt über
die Schulter, als ob da eben jemand hinter ihm höhnisch und hell gelacht habe;
und dann lachte er selbst und nannte sich einen Dummkopf und hielt sich vor, wie
vielen Ärger, wie viele Sorgen und Unannehmlichkeiten er sich erspart haben
würde, wenn er nach dem ersten Besuch in der Laimgruben ruhig nach Italien
weitergereist wäre und sich bei Pisa dem Studium der Kamelzucht, seiner Absicht
gemäss, gewidmet hätte.
    »Heut könnt ich mich selber dort auf die Weide geben!« rief er grimmig.
»Dann wäre doch Hoffnung, dass ich einmal wieder in Krodebeck anlangen würde -
mit einem Affen auf dem Buckel und einem Tanzbären, einer Querpfeife und Trommel
zur Seite. O du lieber Himmel, da fehlte dann wirklich nichts weiter, als dass
meine Mutter noch lebte und ihr Vergnügen an diesem Triumphzug haben könnte!«
    Im nächsten Moment durchrieselte es ihn wieder heiss und kalt:
    »Es ist nicht wahr! Es ist nicht möglich! Sie spielt nicht mit in der
heillosen Posse! Sie ist nur elend und wird von den andern mit herumgezerrt und
kann sich nicht wehren. Beim Satan, weshalb glaube ich ihr denn nicht? Sie hat
nie ein unwahres Wort gesprochen. Ich höre ihre Stimme auf dem Lauenhofe hinter
den Hecken, wenn man sie rief und sie aus der Ferne antwortete; - als ob die
Stimme lügen könnte!? Weshalb der Chevalier nur nicht schreibt? Es kann ihm doch
kein Vergnügen machen, sie - seinen Liebling hier im Pech zu wissen, von mir gar
nicht einmal zu reden! Wenn ich nur wüsste, was ich anfinge! Ein
frischgeschorener Pudel unter einem Sofa ist ein couragierter Kerl, ein Held
gegen mich. Was hilft es mir und ihr, wenn ich auch hervorkrieche, um die
hochverehrte, miserable Gesellschaft anzuheulen und anzubellen? Ich habe ja
nicht die kleinste Berechtigung dazu vorzuweisen, und sie hätten das grösste
Recht, mich auszulachen, und zwar ganz höflich im besten Ton. Hallo, aber wenn
sie mich auslachten und ich benutzte die Gelegenheit, um dem Don Basilio, oder
wie der Bursch heisst, scharf auf den Leib zu rücken?! Das ginge vielleicht an!
Das ist wenigstens ein Gedanke! Da könnte ich auch ganz fein sein und brauchte
durchaus nicht aus dem guten Ton herauszufallen. Wir lernten einander bei der
Gelegenheit kennen, und auf diese Weise würde einem von uns beiden jedenfalls
geholfen werden! Das ist wahrhaftig ein Gedanke, und es ist eine wahre Schande,
dass ich vierzehn Tage brauchte, um ihn zu finden. Der Tonie würden dadurch auch
noch einmal sozusagen die Würfel in die Hand gegeben; dem alten Rattenkönig, dem
Häussler, würde unbedingt für einige Zeit das Konzept verdorben, und was das
beste ist, ich brauchte nicht mehr auf einen Brief aus Krodebeck zu warten.
Abgemacht! Auf Ehre, morgen mache ich dem Herrn von Haussenbleib den Gegenbesuch
für seine Visite auf dem Lauenhofe!«
    Seit vierzehn Tagen hatte Hennig von Lauen nicht so frei und leicht geatmet
wie an dem Abend, an welchem ihm dieser praktische, für alle Parteien so
komfortable »Gedanke« aufging. Zum erstenmal seit vierzehn Tagen speiste er
wieder mit Vergnügen und Appetit zu Nacht, um sich dann in das Karlsteater zu
begeben und mit bescheiden-heiterm Gemüte den alten Nestroy in seinem eigenen
Meisterstück »Einen Jux will er sich machen« - zu bewundern. Das war ganz ein
Stück, sowohl für sein allgemein ästetisches Verständnis wie für seine
augenblickliche Stimmung. Für die hohe Komödie oder gar die Tragödie war er eben
nicht gemacht, und da er sich ganz gemächlich und wohl dabei befand, so können
wir ihm nur Glück dazu wünschen.
    Er kam vollkommen in Harmonie mit sich und der Welt heim, speiste zum
zweitenmal zu Nacht und trank diesmal, in seiner Ecke allein sitzend, fast
zuviel. Seit vierzehn Tagen hatte er nicht einen so ruhigen Schlaf genossen wie
jetzt, und als er am folgenden Morgen erwachte und mit etwas schwerem Kopf sein
Programm für den heutigen Tag sich aufs neue zurechtlegte, fand er nichts daran
zu ändern und machte, seine rüstige Gestalt und sein ehrlich Gesicht mit
aussergewöhnlichem Wohlgefallen im Spiegel beschauend, eine aussergewöhnlich
sorgfältige Toilette.
    Während derselben fiel ihm allerlei ein, an welches er »viele Jahre nicht
gedacht« hatte, und seltsamerweise spielte das Fräulein Adelaide Klotilde Paula
von Saint-Trouin keine unbedeutende Rolle in diesen schwankenden Erinnerungen.
Der Junker von Lauen dachte an die Zeiten, wo er mit offenem Munde zu den Füssen
der hohen Dame sass, mit dem tapfern Johann von Brienne Tyrus eroberte und Kaiser
von Konstantinopel wurde und alles glaubte, was das Frölen sagte, und nichts an
der Art und Weise, wie es es sagte, auszusetzen fand.
    »Es ist doch angenehm, wenn man etwas auf sich halten darf!« murmelte er,
und: »Alles für die Ehre!« fügte er hinzu, sich seiner eigenen ritterlichen
Ahnen erinnernd.
    Ach - »alles für die Ehre!« hatte auch jener Herr Hilmar von Lauen gerufen,
der im Jahre des Herrn 1578 mit dem einen Ende der grossen Wurst in den Fäusten
drei Tage und drei Nächte hindurch seinen Schemel im Kreise um die Säule im
Kommisshaus zu Wolfenbüttel rückte, und es war ein Glück zu nennen, dass der
jetzige Junker von Lauen mit seiner Toilette zu Ende gekommen war, ehe er seine
Erinnerungen bis zu diesen Almen hinuntergeführt hatte! -
    »Wie gut hat's doch der Mensch, der endlich weiss, was er zu tun hat«, sagte
er vor dem Frühstückstisch im Kaffeehause. »Was mag die arme liebe Tonie sich
über mein Ausbleiben eingebildet haben? Na, jetzt wird alles recht werden! Ah,
und jetzt vorwärts! Wahrhaftig, nach einem reinen Gewissen geht doch nichts über
solch eine reine, frische Morgenluft! Bei Gott, ich habe mich lange nicht so
sehr Krodebeck gefühlt wie in diesem Augenblick.«
    Er trat hinaus in die Gassen und ging noch ein wenig spazieren. Im
Schaufenster eines Waffenhändlers betrachtete er längere Zeit mit innerlichstem
Wohlbehagen ein elegantes Pistolenkästchen, und da in diesem Augenblick ein
anderer junger eleganter Herr neben ihm stehenblieb, blickte er denselben
unwillkürlich mit Interesse an und würde sich wenig verwundert haben, wenn sich
derselbe ihm plötzlich als der Graf Basilides Conexionsky vor- und zur Verfügung
gestellt haben würde.
    Da das aber nicht geschah, so ging er weiter und sah noch eine geraume Zeit
dem Exerzitium an der Franz-Josephs-Kaserne zu und verlor sich allmählich dabei
vollständig in seine eigenen heitern und finstern militärischen Erlebnisse.
Unter den nachdenklichsten Betrachtungen über die Frage, ob die tschechischen,
slowakischen und hungarischen Flüche und Liebkosungsworte, die ununterbrochen
durch das deutsche Kommando schnarrten, rollten, zischten und klapperten, an
Ausdruck und Bedeutung wohl denen seines eigenen alten Wachtmeisters
gleichkommen möchten, hätte er beinahe die Visitenstunde versäumt. Mit einem
plötzlichen Schrecken hörte er die Turmuhren schlagen und blickte auf die eigene
Uhr und richtete eiligst seine Schritte der Vorstadt Mariahilf zu. Wir aber
haben vielleicht wieder einmal Gelegenheit gehabt, uns zu überzeugen, dass auf
sein Denken, Dichten, Tun und Lassen jetzt, wo sich unsere trübe Geschichte
ihrem Ende zuneigt, noch viel weniger ankommen kann als im Beginn derselben. -
    Vor dem Hause in der Vorstadt Mariahilf hielt ein Reitknecht zu Pferde mit
einem prächtigen ledigen Pferde, welchem der Junker von Lauen fünf Minuten lang
mit höchstem Verständnis seine Aufmerksamkeit widmete, ehe er das Haus betrat.
Mit ihrem zuvorkommendsten Lächeln begrüsste ihn im dritten Stockwerk die schöne
Toinette, und mit seinem hellsten, offensten Lachen kam ihm der Edle von
Haussenbleib unter dem Bilde des Zinsgroschens entgegen, nachdem ihn die
Kammerjungfer angemeldet hatte.
    »Da sind Sie endlich!« rief der Edle, beide Hände ihm darbietend. »Wie lange
haben Sie auf sich warten lassen, und meine liebe Tonie sagte mir doch, dass wir
Sie ganz zur Familie rechnen dürften. O Sie ahnen wohl, was alles mich
abgehalten hat, zu Ihnen zu eilen, Ihnen die Hand zu drücken, mein lieber junger
Freund, mein teuerster Landsmann? Aber nun ist alles recht - kommen Sie nur,
mein Schwiegersohn wird sich gleichfalls unendlich freuen, Sie endlich
kennenzulernen! Kommen Sie, Hennig, liebster Hennig - ach verzeihen Sie meine
Vertraulichkeit, ich bin im Glück - vollkommen Hans im Glücke, und da setzt man
über alle dummen Mauern und Gräben leicht weg und hat das Recht dazu. Jaja, ich
habe ja zu meiner Genugtuung auch bereits vernommen, dass es Ihnen in unserm
schönen, gemütlichen Wien recht wohl gefällt! Jaja, unter Wölfen muss man eben
mit den Wölfen heulen! Kommen Sie, mein werter, teurer Landsmann, Ihr Name hat
eine recht innige, herzliche Aufregung da drinnen hervorgerufen.«
    Dem Junker summte der Kopf, und Arm in Arm betrat er mit dem Edlen das
Zimmer Antoniens. Es schwindelte ihm, es drehte sich alles um ihn, er hatte ein
dumpfes Bewusstsein, dass er einem eleganten jüngern Herrn im Reitkostüm mit den
herzlichsten Worten vorgestellt werde; er hatte ein dumpfes Bewusstsein davon,
dass er etwas von Ehre und grossem Vergnügen murmele. Dazwischen schwankte, fast
noch undeutlicher, eine Vision von seiner Tonie in einem schwarzen Sammetkleide,
bleich und doch lächelnd, in ihrem Sessel; er wusste ziemlich deutlich, dass er
den Arm des Edlen sehr fest gepackt halte, und - wer es dem Edlen gesagt haben
mochte, jetzt war das Wort eine Wahrheit: er gehörte ganz zur Familie, und er
wusste ganz bestimmt und klar, dass man von ihm erwarte und innigst wünsche, er
werde diese Ehre, dieses Vergnügen tief im Herzen zu empfinden und zu würdigen
wissen und sich demgemäss aufführen und betragen. Am meisten klares Gefühl von
sich selber hatte er in dem Moment, als er eine kleine kalte Hand in der
seinigen hielt und jemand mit ruhiger, sanfter, aber tonloser Stimme zu ihm:
»Guten Morgen, lieber Hennig!« sagte; doch das ging schnell vorüber, und nachher
dauerte es eine geraume Weile, ehe ihm seine Umgebung vollständig klar und
bestimmt aus dem Nebel hervortrat.
    Noch eine geraume Weile hörte er gleich einem Betrunkenen nur Bruchstücke
der fortgesetzten Unterhaltung, die längst weitergeglitten war, ehe er diese
Bruchstücke in irgendwelche logische Verbindung unter sich hatte bringen können.
Und als er endlich seine gewöhnliche Beurteilungskraft wiedergewonnen, da musste
denn auch er einsehen, dass es längst zu spät war, hier die Lösung des Knotens
nach dem alten faustrechtlichen, oft ganz praktischen Modus vorzunehmen.
    Als ein alter Freund des Hauses war er von dem gerührten Schwiegervater dem
Schwiegersohn vorgestellt worden, und mit dem freundschaftlichsten, offensten,
herzlichsten Entgegenkommen hatte ihn der Graf Basil angenommen. Es war eine
absolute Unmöglichkeit, von dem klarsten Rechte, grob zu sein, Gebrauch zu
machen; durch aussergewöhnliche Höflichkeit, sozusagen durch einen Brennspiegel
von poliertem Stahl hätte sich in dieser Hinsicht vielleicht noch etwas
ausrichten lassen; allein einen solchen Brennspiegel besass der Junker von Lauen
freilich nicht.
    Man sass ganz harmlos und plauderte, und zwar durchaus nicht über irgend
etwas Aussergewöhnliches. Alle sassen, nur der Edle stand oder lehnte vielmehr
hinter dem Sessel des Schwiegersohnes, etwas bedientenhaft zwar, aber doch nur
mit grosser Mühe fähig, sich selbst zu bezwingen und den teuren Menschen nicht
alle zwei Minuten zärtlich tätschelnd auf die Schultern zu klopfen. Alle hatten
die Tür und damit auch die horchende Kammerjungfer im Rücken; nur Antonie sass
ihr mit dem Gesicht zugewendet. Wieder waren der Sonne wegen die Vorhänge
herabgezogen, aber ein schöner Wind hob und senkte sie, durch die geöffneten
Fenster spielend, und glänzende Lichter und magische Schatten durchtanzten
wechselweise das Gemach. Es hielt ein Wagen vor dem Hause, und Zoe von Wanesch
kam mit Emanuele Werdenberg - lachend, rosig, rauschend kamen sie und
schüttelten perlende, blitzende Tropfen des Lebens von ihren Schwingen und aus
ihrem Gefieder, wie ein Paar weisse Schwäne, die sich im Sonnenschein halb aus
ihrem Element freudekreischend aufrichten. Sie küssten Antonie auf die Stirn, und
sie lachten über den Grafen Basil. Sie lachten über den Edlen und lachten über
den Junker von Lauen, und sie hätten mit und über jeden geweint, wenn es die
Umstände erfordert hätten - teilnehmend, naiv, herzlich und voll überquillender
Lust am Dasein unter allen Umständen. Sie litten es nicht, dass Antonie noch
länger die Augen mit der Hand beschattete. Emanuele zog ihr liebkosend die Hand
herab und nannte sie ein dummes, süsses, zuckersüsses Herzchen.
    »Antonie, um Gottes willen!« rief der Junker von Lauen. »Antonie! Antonie!«
    Sie sahen ihn alle darauf sehr verwundert an, und vor allen übrigen der Graf
Basilides, welcher jetzt auch am meisten das Recht dazu hatte.
    »Meine Herren - meine Damen - Herr Graf, das ist eine Grausamkeit! Das ist
eine -«
    Tonie Häussler erhob die Hand wieder und winkte dem armen Teufel: »Sei still,
lieber Freund! Es ist nichts; - ich bin wohl und - sehr glücklich.«
    Sie blickten sämtlich wahrhaftig mit grosser Verwunderung auf den Junker von
Lauen, und Zoe klopfte ihm mit dem Fächer auf den Arm: »Liebster, wir sind en
famille. Weshalb sollten wir uns nicht glücklich fühlen?« Und Emanuele drohte
ihm lächelnd mit dem Finger und legte denselben zierlichen Finger in demselben
Augenblick bedeutungsvoll auf die Lippen.
    Unterdessen war wieder ein Wagen vorgefahren, und ein alter Herr war
mühselig ausgestiegen, hatte die Nummer des Hauses mit einer Notiz in seiner
Brieftasche verglichen und war mühsam die Treppen hinaufgestiegen. Niemand hatte
den Klang der Türglocke vernommen, niemand den schweren greisenhaften Schritt im
Vorzimmer.
    »Der Herr von Glaubigern!« sagte die hübsche Kammerjungfer, voll
zweifelhaften Staunens den neuen Besucher meldend, und mit einem lauten Schrei
richtete sich das Pflegekind des Herrn von Glaubigern empor, stiess mit heftiger,
krampfhafter Bewegung die sie auf beiden Seiten Umgehenden zurück und sank
langsam in die Knie, beide Arme nach dem Retter ausstreckend. Dass der Edle von
Haussenbleib nicht in die Knie sank, hatte seinen Grund einzig und allein in der
vollkommenen Versteinerung des Mannes. Er wusste die Bedeutung des Besuches sehr
gut zu würdigen und sah gläsern auf den alten Mann und wiederholte tonlos die
Meldung der schönen Kammerjungfer:
    
    »Der Herr Ritter von Glaubigern!« -
 
                           Fünfunddreissigstes Kapitel
Ja, da stand er! - so alt, so kümmerlich, halb blind und tief gebückt, und doch
ein Ritter und ein Held, dieser Chevalier Karl Eustach von Glaubigern - wie
vielleicht in diesen Tagen die menschenbevölkerte Erde keinen zweiten aufweisen
konnte, um damit vor dem milden Auge der Sonne zu prangen und sich zu rühmen!
    Es war ein weiter Weg aus dem chinesischen Gartenhäuschen auf der Terrasse
zu Krodebeck in die Vorstadt Mariahilf; aber es war ein noch viel weiterer und
wunderbarerer Weg aus der müden, schlaftrunkenen, längst wie in sich selber
verlorengegangenen Existenz des Greises in diese helle, grelle, wirbelnde
gegenwärtige Stunde hinein. Wahrlich lag ein Heroentum sondergleichen in dieser
Kraft, mit welcher der alte Mann aus der vergangenen Zeit den Leuten der
Gegenwart unter die Augen trat - ein vom Kopf bis zu den Füssen geharnischter
Streiter, ein waffenrasselndes Gespenst, das den besten Willen hatte, den Kampf
auf Leben und Tod mit den erstaunten und bestürzten Herrschaften aufzunehmen,
und welches sich durchaus nicht aus dem goldenen, heiterblauen, vergnüglichen
Tage, aus dem hellen Mittage hinweglächeln liess.
    Was der Edle von Haussenbleib auf der Stelle wusste, das ahnten die übrigen
bereits im nächsten Moment so bestimmt und deutlich, dass der Herr des Hauses
sich jede weitere Erklärung ersparen mochte. Der Graf Basilides Conexionsky
wusste ganz genau, was ihm die Ankunft dieses wunderlichen Ritters bedeute; er
erschien als der Ruhigste im Kreise, und da wir die Ehre hatten, ihn ziemlich
genau kennenzulernen, so wissen wir, dass er auch wirklich vielleicht der
Ruhigste war. Er lehnte sich jetzt freundlich-nachdenklich auf den Sessel der
schönen Zoe, und um Augen und Mund zwinkerte und zuckte ein gar nicht
geheimgehaltenes Ergötzen über die händereibende Verlegenheit seines lieben,
teuren, verehrungswürdigen und verehrten Geschäftsfreundes, seines Nonno
Teodorico von Haussenbleib, seines babbo carissimo, oder wie er ihn sonst in den
Momenten zärtlichster Vertraulichkeit zu nennen beliebte.
    Der Edle war in der Tat verlegen und rieb sich wirklich die Hände. Er sprach
von der grossen Ehre, die ihm und seinem Hause widerfahre, er bat seine Enkelin,
sich doch zu fassen und zu beruhigen; er bat mit dem kläglichsten Blick im
Kreise umher um Hülfe, und vor allen Dingen wünschte er den Chevalier von
Glaubigern, die holde Zoe, die heitere Emanuele, den norddeutschen Krautjunker
und - sich selber zu allen Teufeln oder - mit Ausnahme der letzterwähnten
Persönlichkeit - in die allerunterste, tiefste und kühlste Kasematte der von ihm
so unendlich geliebten und verpflegten Festung Verona.
    »Sollen wir gehen?« flüsterte Emanuele Werdenberg der Freiin von Wanesch zu,
und Zoe bewegte leise das Haupt:
    »Nein!... Natürlich nicht!«
    Sie blieben natürlich, und sie blieben auch nicht die einzigen, welche an
diesem seltsamen Morgen dem Edlen von Haussenbleib und seiner Enkelin einen
Besuch machten. Es hielten noch mehrere Wagen vor dem Hause, und die Türglocke
klang, und Toinette meldete manchen wohlklingenden Namen. Es rauschten Schleppen
herein, und Kavaliere von allen Lebensaltern und Stellungen kamen, ihre
Glückwünsche zu bringen; die glänzenden, im Sonnenschein tanzenden Wogen stiegen
immer höher um den Greis und sein Pflegekind, und beide sahen und hörten nichts
mehr von dem, was sie umgab, umflüsterte und in wachsender Verwirrung umdrängte.
    Der Ritter von Glaubigern hatte seinen Pflegesohn zurückgeschoben und sich
über die Tonie geneigt. Er hatte sie wortlos aufgehoben, und sie hatte die Arme
um seinen Nacken geschlungen und hing an ihm, und er war stark genug, sie zu
halten und zu stützen. Sie weinte laut und bitterlich, als ob sie beide allein
miteinander in einer Wüste gewesen wären. Es war für beide die Zeit vergangen,
wo sie auf die Gefühle der Leute um sie her Rücksicht nahmen, den Anstand
bewahrten und Furcht hatten, sich lächerrlich zu machen. Sie waren ja allein in
einer Wüste allein in der Wüste des Lebens, der Lebendigkeit. Sie fühlten wohl
den Boden, den Fels, auf welchem sie standen, unter sich wanken, sie wussten, dass
die Wogen um sie her wuchsen, dass das Leben, die Lebendigkeit immer recht
behält, sie wussten, dass sie verloren waren, und sie waren doch glücklich und
sicher - gerade darum waren sie glücklich und sicher.
    Mit zärtlicher, liebkosender Hand streichelte der Ritter von Glaubigern
unter den Blicken des Edlen von Haussenbleib, des Grafen Basil, der schönen Damen
und des Junkers Hennig von Lauen der Tonie Häussler die Wangen:
    »Mein Kind!... Mein liebes, liebes Kind! Da bin ich; ich bleibe bei dir. Sei
still, mein Kind.«
    »Ich kann nichts sagen! Mein Vater, mein Vater! Und ich habe gedacht, dass
niemand mir helfen würde! Mein Freund mein Vater, wie bin ich nun in Sicherheit!
Hab Dank - Dank-«
    Sie schloss die Augen und glitt mit einem schweren schmerzlichen Seufzer
langsam an der Brust des Greises herab. Der Ritter von Glaubigern sah mit einem
wilden, zornigen Blick umher; er schwankte unter der Last, und Tonie würde ihn
mit sich zu Boden gezogen haben, wenn jetzt nicht Hennig und die Kammerjungfer
beide aufgefasst hätten.
    »Pardon«, sagte der Graf, »das gnädige Fräulein« - aber er vollendete nicht;
der Chevalier winkte ihm zu schweigen, und er schwieg wirklich. Für die übrigen
Herren und Damen wurde die Szene allmählich ein wenig peinlich trotz dem
Interesse, welches sie so überreichlich darbot. Es wurde leer in dem Salon des
Edlen von Haussenbleib, und selbst Zoe von Wanesch und Emanuele Werdenberg nahmen
endlich mit Tränen in den Augen und wiederholten heftigen Küssen von der
wehrlosen, halb bewusstlosen jungen Freundin Abschied und entrauschten, um mit
lebhaftesten Farben und glühender Phantasie das Erlebte weiterzutragen im Kreise
der Bekannten und Freunde des Hauses und überall eine lächelnde Verwunderung zu
erregen.
    Die Nächstbeteiligten fanden sich allein, und mit einem Ton und Ausdruck,
den wir bis jetzt noch nie von ihm vernahmen, sprach der Ritter von Glaubigern,
die Hand seines Pflegekindes fest in der seinigen und ihr Haupt auf den Kissen
des Diwans im Arm haltend:
    »Meine Herren, ich habe vielleicht in irgendeiner Weise die Formen des
heutigen Tages verfehlt, und ich bitte, das zu entschuldigen. Ich bin sehr alt,
um ein bedeutendes älter als der Herr von Häussler, und der Herr von Häussler
weiss, aus welchem abgeschlossenen Dasein ich hierherkomme, und wird dem Herrn
Grafen gewiss später das Notwendige darüber mitteilen. Ich bitte, Geduld mit mir
zu haben; denn ich komme, vieles zu fordern - ein ungeschriebenes Recht, mein
Recht an dieses Kind - diese junge Dame.«
    Der Graf Basilides verbeugte sich stumm vor dem alten Herrn. Er stand da wie
Buffon mit dem Knochen eines vorsintflutlichen Tieres vor sich, und nicht ohne
einen geheimen Reiz baute auch er aus der Erscheinung, den ersten Worten und
Gesten des Chevaliers eine untergegangene Welt auf. Der Edle aber ergoss sich
wiederum in einen Schwall von Worten und konnte doch nicht Worte genug für seine
Gefühle finden. Mit der Hand auf dem Herzen versicherte er immer von neuem, dass
er sich unendlich geehrt durch diesen Besuch des Herrn von Glaubigern und durch
dessen Teilnahme an dem Wohle seiner Familie tief gerührt fühle. Er habe es nie
vergessen und werde es nie vergessen, was das berühmte, edle, alte Haus unter
den Harzbergen für ihn - den Edlen von Haussenbleib - und seine Enkelin getan
habe. Dass das Haus derer von Haussenbleib dem Herrn Leutnant zur unbeschränkten
Verfügung stehe, sei so selbstverständlich, dass er hoffentlich darüber kein Wort
zu verlieren brauche.
    Der Ritter von Glaubigern neigte das Haupt und verwendete diese Verbeugung
zu gleicher Zeit mit zu einem kurzen Grusse für Hennig, den er bis jetzt von
allen Anwesenden am wenigsten beachtet hatte. Dann sagte er ruhig:
    »Ich danke Ihnen, mein Herr von Häussler. Ich werde Ihre Freundlichkeit nicht
missbrauchen. Ich werde niemand ein wirkliches Recht streitig machen: aber auch
das meinige wünsche ich mir zu erhalten und bitte deshalb, mein Erscheinen
allhier so ernstaft als möglich zu nehmen. Herr Graf, ich bitte Sie, sich der
Vorteile der Jugend nicht überall in unserm Verkehr miteinander zu erinnern.«
    »Mein Herr«, sagte der Graf sehr ernstaft, »ich fühle mich so alt wie Sie,
und ich vertrete eine Welt, die nicht jünger ist als die Ihrige. Ich bin mir
keines Vorteils gegen Sie bewusst.«
    Zitternd fasste die Hand des Mädchens den Arm des Greises fester; aber der
Chevalier legte der Tonie seine Hand auf die Stirn und sprach:
    »Der Herr Graf hat recht, Tonie, und wir werden freundlich miteinander
verkehren und friedlich miteinander auskommen. Liege still, mein Kind! Du liegst
wie auf dem Strohlager der Hanne Allmann im Siechenhause zu Krodebeck; - der
Schnee fällt draussen - liege still, wir wachen.«
    »Herr von Glaubigern, Herr von Glaubigern, ich bitte Sie!« rief der Edle von
Haussenbleib trotz aller seiner Selbstbeherrschung in halber Verzweiflung und sah
wie hülferufend auf den Grafen; allein dieser kam ihm keineswegs zu Hülfe,
sondern sagte mit einem eigentümlichen Blick auf den Edlen:
    »Unsere arme Antonie scheint in der Tat durch die plötzliche und heftige
Gemütsbewegung sehr angegriffen worden zu sein. Mein Herr von Glaubigern, ich
finde mich plötzlich sowohl dem Fräulein wie Ihnen gegenüber in einer ziemlich
verlegenen Stellung. Ach, Antonie, Sie werden nicht an meiner Aufrichtigkeit
zweifeln, wenn ich Ihnen sage, dass ich von ganzem Herzen wünsche, dass dieser -
dieser Besuch für Sie, für uns alle seinen Zweck erreiche! Wenden Sie sich nicht
ab, Antonie; ich habe Ihnen nie einen Grund dazu gegeben, an meiner Ehrlichkeit
zu zweifeln, und ich habe Sie mir nur gewonnen, um Sie glücklich zu machen!«
    Antonie Häussler schauderte leise, und der Ritter von Glaubigern fühlte, wie
ihr ganzer Körper erzitterte.
    »Wir haben einander beide sehr erschreckt, das Kind und ich«, sagte der
Ritter. »Die Herren sollten uns einen Augenblick allein lassen. Es ist eine
Bitte, Herr Graf.«
    »Die ich vollständig erklärlich finde und der ich gern und willig Folge
leiste, mein verehrter Herr; Sie werden in allen Dingen während Ihres hiesigen
Aufentalts verfügen - in allen Dingen, mein teuerer Herr von Glaubigern; und wo
wir einander als Gegner finden, da wollen wir wenigstens mit ehrlichen Waffen
kämpfen. Kommen Sie, Haussenbleib.«
    Er winkte dem Edlen, und dieser sah zum erstenmal in dieser Geschichte dumm
aus, vollendet dumm. Er blickte auf Antonie, er sah auf den Ritter, und er sah
sehr fragend auf den Grafen Basil. Aber der letztere zuckte ungeduldig die
Achseln und trat leise mit dem Fusse auf. So blieb denn dem Edlen nichts übrig,
als dem Winke des Grafen zu folgen.
    »Kommen Sie denn, mein lieber junger Freund«, ächzte er, seinen Arm zärtlich
in den des Junkers von Lauen schiebend. »Vielleicht ist es wirklich das beste,
dass wir den Herrn Ritter und meine Enkelin einige Augenblicke allein lassen.«
    Das war der schlimmste Moment, den Hennig je in seinem Leben durchlitt.
Zorn, Angst, Selbstvorwürfe ballten sich zu einem Chaos in seiner Brust. Er warf
einen ratlosen, hülfeflehenden Blick auf den Chevalier, welcher denselben
gänzlich unbeachtet liess. Betäubt und zerschmettert hatte der Junker den
dringenden Nötigungen des einstigen Barbiers von Krodebeck zu folgen, und vor
der Tür blieb der Graf Basilides Conexionsky kurz stehen, klopfte den Herrn des
Hauses auf die Schulter und sagte sehr kühl und ruhig:
    »Babbo Teodorico, ich rate Ihnen herzlich, einen genügenden Vorrat
philosophischer Trostgründe einzulegen. Ich hoffe übrigens, dass Sie fest im Auge
halten werden, bis zu welcher zarten Nuance des Lächerrlichwerdens Sie mich
kompromittieren dürfen. Meine Herren, ich habe die Ehre, mich zu empfehlen.«
    Hennig war zu betäubt, um ihn aufhalten oder ihm folgen zu können. Der Graf
Basilides sagte auf der ersten Treppe: »Maledetto!«, auf der zweiten: »Ah, ah,
on n'a pas toutes ses aises en ce monde!«, und als er in der Gasse sein Pferd
bestieg, murmelte er: »Das war freilich ein raffinierter Geschmack, sich in eine
Sterbende zu verlieben, und noch dazu unter den übrigen lächerlichen Umständen.
Da ist es freilich kein Wunder, wenn die Toten am hellen Mittag aufstehen, um
das Ihrige in Anspruch zu nehmen!«
    Er blickte grimmig an dem Hause hinauf und stiess mit einem slawischen Fluch
seinem Pferde die Sporen in die Seiten, dass es hoch aufstieg. So ritt er davon.
    »Sie sind alle fort - wir sind allein«, flüsterte der Ritter von Glaubigern,
und sein Pflegekind legte das Haupt an seine Brust und küsste seine Hand.
    »Wir sind allein, Tonie«, sagte der Ritter. »Aber sie mögen zurückkommen -
fürchte dich nicht - wir bleiben zusammen. Hast du wirklich gedacht, dass
Krodebeck dich ganz und gar im Stich lassen würde?«
    Das junge Mädchen schüttelte den Kopf:
    »Ich konnte es mir nicht Vorstellen aber so schön hab ich's mir doch nicht
gedacht! Es war mir immer, als könne ich die Heimat zuletzt doch noch mit meinem
Herzen herziehen; aber jetzt ist die Wirklichkeit doch viel wundervoller als
jeder Traum, als jeder heisse, weinende Wunsch und Gedanke. Mein Vater, mein
einziger Freund, wie hat man Ihr armes Kind gequält! Ist es Ihnen in der Nacht
langsam, langsam wie heisse Blutstropfen auf Ihre Seele gefallen? Haben Sie so
tief fühlen müssen, wie ich mich nach Ihnen sehnte, dass auch Sie keine Ruhe mehr
in der Heimat hatten, dass Sie einen so weiten, weiten Weg kommen mussten, um mir
zu helfen, um mir Ruhe und Erlösung zu bringen in meiner Not?«
    »Freilich, freilich hab ich das, und der Hennig hat geschrieben, und es war
schlecht bestellt um unsere Ruhe und Freude dort oben. Von dem weiten Wege habe
ich nichts gespürt. Da richtet das arme, gemeine Volk, auf seinen Wegen übers
Meer in fremde Wildnisse hinein, grössere Wunder aus! Lache mich nicht aus,
Tonie; ich bin noch sehr jung, und die Reise hat mich noch jünger gemacht; -
wenn wir beiden zusammenhalten, können wir es noch mit vielen Leuten aufnehmen.
Und höre - ich bringe die allerschönsten Grüsse von Krodebeck, dem alten Hause,
deinem Gärtchen und dem Fräulein Adelaide, von der Jane Warwolf - ja, die lässt
dich tausendmal grüssen - und hundert andern Leuten und Dingen, welche allesamt
eine grosse Sehnsucht nach ihrer kleinen Wiener Freundin haben und sie auf das
feurigste zu sich zurückwünschen.«
    »Sie werden mich nicht wiedersehen«, sagte Antonie Häussler.
    »Für die Hoffnung ist es zu spät; aber ich bin so glücklich, so glücklich in
der Gegenwart, dass die über alle Träume und Hoffnungen geht.«
    »Kind, Kind, das dürfte ich sagen; aber nicht du, mein liebes Kind!« rief
der Chevalier.
    »Doch, mein Vater, ich darf es auch sagen, denn es ist die Wahrheit, und
gerade in dieser Wahrheit bin ich ruhig und glücklich und verlange nichts mehr.
Die Heimat wird mich nicht wiedersehen; aber sie hat mir ihren liebsten
Abgesandten geschickt, und der soll ihr nachher von meiner Liebe und Dankbarkeit
erzählen.«
    »Nachher, nachher!« murmelte der Greis. »Nachher ist ein Wort, das für
fünfundsiebenzig Lebensjahre und diesen kahlen Schädel nicht mehr passt, von
einem solchen jungen Munde gesprochen.«
    »Es ist doch wahr, mein Vater! Du von allen, die mich liebgehabt haben im
Leben, hast zuerst gewusst, wie schwer es sein werde, eine ruhige Stelle für mich
in diesem Leben zu finden. Du hast vielleicht Freude an mir gehabt, denn ich
habe das sehr gewünscht; aber die schwere Sorge um mich bist du nie losgeworden.
Und weshalb wärst du jetzt zu mir gekommen? Hast du einen Platz auf Erden
gefunden, wohin du mich führen und allein lassen und lächelnd sagen könntest: Da
sitze still und sei zufrieden, denn du bist geborgen!? - Nein, mein Herr Ritter,
in jener Nacht, in welcher der alte Mann aus dem Siechenhause mir am Grabe
meiner Mutter die Hand auf die Schulter legte, bin ich zum Tode erschreckt
worden. Seit der Nacht friert mich in der Sonne. Seit jener Nacht habe ich
angefangen, mich vor der Sonne zu fürchten. Der Chevalier von Glaubigern wird
nach Krodebeck zurückkehren und den Leuten sagen, wo das Kind, das mit der
schönen Marie ins Dorf gebracht wurde, geblieben ist. Ach, er wird den Leuten
nicht erzählen, welch einen Segen er jenem Kinde in der letzten Stunde aus
seinem treuen guten Herzen brachte!«
    »Und mit einem solchen Glauben, mit einer solchen Gewissheit in deinem Herzen
hast du dem Mann, welcher da eben hinausging, deine Hand gegeben?«
    »Mein Grossvater hat das getan, und Sie, mein Vater, sind zu mir gekommen,
als Sie davon hörten. Nicht wahr, Sie sind nicht zu mir gekommen, um mich so
schlecht Komödie spielen zu sehen? Ach, das ist heute nicht anders, als es
gestern, als es vor einem Jahre war, als es seit dem Tage ist, an welchem man
mich von dem Lauenhofe fortführte: ich habe immer Komödie spielen sollen, und
weil ich stets meine Rolle schlecht machte, habe ich schlechte Tage und Nächte
gehabt. Nun hat man mir meine letzte Rolle gegeben. Sie glauben es nicht, dass es
meine letzte sein wird; aber ich weiss es, und da lache ich zum erstenmal über
das Spiel, in welchem ich selber von den harten Händen um mich her vor- und
zurückgeschoben werde. O mein Vater, dies Lachen müssen Sie mir gönnen; es ist
der einzige Gewinn, den ich mir aus meinem Leben, meinem schrecklichen Leben in
dem Hause meines Grossvaters erworben habe.«
    »Wehe über sie alle, welche dich so lachen machten!« rief der Ritter von
Glaubigern. »Du hast recht; ich bin zu dir gekommen, nicht um dein hiesiges
Leben persönlich zu erkunden, sonder um dich mir zurückzufordern. Du sollst mit
mir heimgehen, Antonie! Sie haben ja jetzt erfahren, dass du nicht zu ihnen
gehörst - der alte Mann hasst dich und fürchtet dich; er wird dich gern
freilassen. Du spielst nicht Komödie; aber nun mache dem Spiel der andern mit
dir ein Ende - dieser Graf wird dich nicht halten, ich habe in seiner Seele wie
in der deines Grossvaters gelesen. Sie wissen, warum ich hier bin; sie haben
heute Furcht vor mir gehabt. Sie wissen, dass sie keine Macht mehr über dich
haben; sie haben Furcht auch vor dir, und du hast gesiegt in diesen Jahren,
nicht sie! Sie wissen das ganz genau und werden uns nicht auf unserm Wege
aufhalten! Ich führe dich heim nach dem Lauenhofe.«
    »Nach dem Lauenhofe?« rief Antonie, in Angst und Scham und Schrecken die
Hände erhebend. »Nach dem Lauenhofe? Wissen Sie nicht, mein Freund, dass Hennig
mich aus Mitleid dahin führen wollte? Da ist der Tod unwiderruflich in mein Herz
getreten, als er mir seine Hand aus Mitleid anbot. Mein Vater, mein Vater, ich
rede zu Ihnen über die Schulter, schon halb verdeckt von dem Schatten, der nach
dem Tage kommt und zur ewigen Dunkelheit wird - deshalb allein kann ich so zu
Ihnen sprechen! Ahnen Sie nicht, weshalb mein Heimatsrecht an den Lauenhof nur
bei Ihnen ist und bei den zwei Gräbern auf dem Kirchhof, dicht an der Hecke des
Siechenhauses?«
    Sie barg von neuem ihr Gesicht an der Brust des Greises und weinte sehr. Der
Ritter von Glaubigern sah in ratloser Verzweiflung umher - er wusste freilich
jetzt alles. Er wusste vor allen Dingen, weshalb das Kind der schönen Marie, sein
Pflegekind, die arme Antonie Häussler, so wenig Widerstand gegen den Willen ihres
Grossvaters in betreff des Grafen Basilides Conexionsky geleistet hatte. Sie
spielte doch Komödie! Das Herz zerbrach ihm im tiefen Schauder über die
tragische, entsetzliche Rolle, die sie diesmal auf sich genommen hatte.
    »Sie liebt den Knaben - den törichten, nichtigen Knaben, der nichts als ein
halb unbewusstes, ein schnell vergehendes Mitleid für sie hat!« murmelte er. »O
sie sieht furchtbar klar - sie wäre doch verloren in der Heimat. Sie hat recht,
sie hat keine Heimat - dort nicht - dort nicht. Und weil sie weiss, dass man an
einer Rolle wie der ihrigen wirklich stirbt, so hat sie sich in dieselbe
hineingeflüchtet, und ich - ich habe ihr nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu
bieten!« -
    Da merkte er, dass er nicht umsonst mehr denn siebenzig Jahre alt geworden
war und das Vermögen, über sein eigen Dasein und das seiner Brüder und
Schwestern im Leben nachzudenken, behalten oder doch für einen kurzen Augenblick
wiedererhalten hatte. Grimmig richtete sich die furchtbare Sphinx vor ihm empor
und sah ihn an mit den grossen, kalten, unergründlichen Augen.
    Was war es auch, was ihn hier in dem Geschicke seines Pflegekindes so tief
bewegte? War es wirklich so spät am Abend der Mühe und der Tränen wert? So spät
am Abend! Was hatte er selber dadurch gewonnen, dass er siebenzig Jahre alt
geworden war und dass er es, wie die Leute in Krodebeck sagten, in seinem Leben
gut gehabt hatte? -
    Hatte er es in seiner träumerischen, einsiedlerischen, verlorenen
Abgeschiedenheit wirklich so gut gehabt, wie die Leute in Krodebeck meinten?
    Ach, er fühlte sich als ein gar armer Mann, als er so spät am Abend seinen
Gewinn zusammenzählte, während das bleiche Pflegekind von seinen Kissen ihn
ebenfalls mit grossen, unergründlichen Augen anblickte, als warte es darauf, dass
er ihm das Ergebnis seiner Rechnung leise sage.
    Er hatte hier Hülfe bringen wollen? Er? - - - So alt, so alt und ebenso
allein und hülflos in dem wilden, wimmelnden, vorwärts stürzenden Leben wie
dieses junge Wesen - ja hülfloser noch!
    Er blickte auf den Weg zurück, auf welchem er gekommen war, und er sah ihn
leer. Nur die Nacht schritt hinter ihm her, die Schatten wuchsen um ihn.
    »Ach, lebte doch die Frau Adelheid noch!« sagte er, und dann dachte er an
die zwei andern alten Weiber, die noch auf dem Lauenhofe sassen; aber was konnten
die ihm und der Tonie helfen?
    Er dachte an das hohe Alter der beiden, und das kam ihm auf einmal ganz
aussergewöhnlich gespenstisch vor, und dann blickte er sich von neuem in seiner
Umgebung um und besann sich mühsam, wo er sich befinde. Er strich langsam über
die dünnen weissen Haare und murmelte ganz ängstlich fragend:
    »Tonie, Tonie?«
    Sie verstand schnell, was das bedeute, und fasste seine Hand und flüsterte
ihm zärtlich ermutigend zu: »Fürchte dich nicht, Vater. Du bist bei mir - bei
deinem Kinde! Wir halten zusammen, wir bleiben zusammen. Niemand kann uns mehr
ein Leid antun. O wir können ruhig sein, ganz ruhig, mein Vater!«
    Da nickte er mit dem Kopfe, und das Kinn sank ihm tiefer auf die Brust
herab. Die greisenhafte Erschöpfung gewann langsam wieder ihr Recht über ihn.
    Noch wehrte er sich tapfer und ritterlich dagegen; aber schon wusste er, dass
er unterliegen müsse, und jammernd rief er:
    »Tonie, Tonie, weshalb bin ich denn hier? Weshalb bin ich hergekommen? Wo
bin ich?«
    »Du bist zu meinem höchsten Glück zu mir gekommen. In der höchsten Not. Nun
bist du bei mir, mein Vater, und ich bin bei dir, und wir bleiben zusammen,
niemand soll uns voneinander trennen. Sei ruhig, wir gehen denselben Weg, mein
Vater!«
    Noch einmal und zum letztenmal ging eine grosse Helle, ein grosses Licht durch
die Seele des Ritters Karl Eustach von Glaubigern. Noch einmal sah er sein Leben
vom ersten Augenblick des selbständigen Denkens bis in diese feierliche Stunde
in höchster Klarheit vor sich, und ganz klar erkannte er plötzlich, inwiefern
seine tapfere Fahrt vollkommen misslungen war und inwiefern dieselbe vollständig
ihren Zweck erfüllte.
    »Du sagst die Wahrheit, Tonie«, sprach er. »Wir wollen zusammenbleiben und
zusammengehen, mein Kind, denn wir treffen auf ein und demselben Wege zusammen;
ich komme nur ein wenig weiter her. Das sind deine jungen Locken, mein armes
Kind; - man sollte es nicht denken, dass wir auf demselben Wege zusammentreffen
könnten; aber es ist so. Wir können in dieser Welt einander nicht helfen, Tonie;
wir können nur den Rest unseres Weges zusammen gehen.«
    »Mein Glück, das ist mein Glück, lieber Vater! Und jetzt wollen wir die
anderen Herren zurückrufen, und wir wollen verschwiegen sein und haben das
leicht; denn wir müssten laut rufen, um uns hörbar zu machen.« -
    Gerufen von Toinette, kam der Edle von Haussenbleib mit dem Junker von Lauen,
stumm, sorgenvoll, verlegen und verstört. Sie hatten allen Grund, über den
Ritter und sein Pflegekind zu erstaunen, denn Tonie empfing sie mit einem
ruhigen Lächeln, und der Chevalier erschien ihnen nur ein wenig erschöpft von
der Reise, und das konnte kein Wunder sein. Sie rieten ihm - dem Ritter von
Glaubigern -, sich früh niederzulegen, und das versprach er gern, und als er
dann mit Hennig nach der Taborstrasse fuhr, schlief er wirklich schon im Wagen
ein und schlief ruhig und fest die Nacht durch.
    Auch Antonie Häussler schlief ruhig und lächelte im Schlafe; aber alle andern
wachten in grosser Unruhe und vielen Sorgen; vor allen andern aber wachte in
Sorgen, Angst und grossem Grimm der Edle Dietrich Häussler von Haussenbleib, denn
er hatte gesiegt und triumphiert; - auch diesmal hatte er seinen Willen gehabt
und den Sieg gewonnen, wie er unter allen Gestalten und in allen Verhältnissen,
in der Tiefe und in der Höhe seit vielen, vielen tausend Jahren den Sieg
gewinnt. - -
    Und er war so zufrieden mit seinem Siege, wie er es seit Jahrtausenden stets
ist; nämlich er zuckte die Achseln, da er die, welche ihm das Feld räumen
mussten, nicht halten konnte. Dass er von allerlei verdriesslichen und unbequemen
Gemütsbewegungen geplagt wurde, haben wir soeben erst gesagt; allein er wusste
sich nach seiner Art ganz vortrefflich zu beherrschen, erschien dann und wann
sogar recht gerührt und - erwies sich diesmal sogar aussergewöhnlich höflich,
nachgiebig und zuvorkommend gegen die Scheidenden bis - zum Schluss, bis zur
Vollendung dessen, was er sein - gewöhnliches schlechtes Glück zu nennen
beliebte.
    Auch mit dem Grafen Basilides Conexionsky hatte sich jetzt der Edle von
neuem auseinanderzusetzen, und dieses war für in feinfühliges Gemüt, gleich dem
seinigen, vor allem eine peinliche Aufgabe. Er versuchte es nach gewohnter
freundschaftlicher Weise und, um die Wirkung zu erhöhen, mit dem Taschentuche
vor den Augen. Aber wenn ihm der Graf Basil selbstverständlich auch auf halbem
Wege entgegenkam, so nachte doch das Taschentuch nicht die geringste Wirkung auf
ihn.
    »Mein lieber Herr«, sagte der Graf mit grossem Ernst und mit gerade nicht
geheimgehaltenem Ekel, »mein lieber Herr, ich hielt Sie für einen besseren
Impresario, als Sie sich gezeigt haben. Per Bacco, ich schäme mich selber und
finde für mich nur in meinem langen Aufentalt in Italien eine Entschuldigung
für die entsetzliche Gutmütigkeit, mit welcher ich mich Ihnen zur Verfügung
stellte. Ich glaubte mich für eine Buffoneria engagieren zu lassen, und nun
finde ich mich als Arlecchino im fünften Akt einer Tragödie sondergleichen und
hätte Lust, Sie, nein teurer capo della compagnia, auf eine Art dafür
verantwortlich zu machen, die Ihnen für alle Zeit derartige Spekulationen
verleiden müsste.«
    »Ich bitte Sie, Basil!« rief der Edle mit gefalteten Händen.
    »Lassen Sie das nur, mein wertester Exbabbo; aber danken Sie gehorsamst
Ihren Göttern, dass meine Weltanschauung objektiv genug ist, um Sie wenigstens zu
verstehen und deshalb milde gegen Sie sein zu können. Bei Ihrer Ehre, Sie haben
nicht gewusst, dass Ihre Enkelin aus blossem Eigensinn und Trotz unser lustiges
Leben so tragisch nehmen würde! Natürlich! Sie waren mit Geschäften überhäuft,
Sie hatten das Quadrilatère zu verproviantieren, und Sie wollten eben noch ein
letztes Geschäft machen und verrechneten sich ein wenig. Sie dachten mit dem
Strohmann zu spielen, und an seiner Stelle setzt sich der Tod an den Tisch; und
- nun sage ich Ihnen, bei meiner Ehre, Signor Pantalone, wenn mir etwas unsere
Situation in einer eigentümlich fahlen Beleuchtung zeigt, so ist es die Art und
Weise, in der mir dieses arme Mädchen den Korb gegeben hat. Es ist Schick darin,
mein Bester. Und es ist Schick in diesem alten Herrn vom Blocksberg, diesem
gespensterhaften Kavalier aus Tule, der uns alle mit einer Handbewegung über
den Haufen wirft und dem ich unbedingt mein Kompliment in jeder Hinsicht zu
machen habe. Wahrhaftig, ich bin heute ein guter Freund hören Sie wohl -, ein
sehr guter Freund Antonias; aber vor diesem süperben Greise streiche ich gern
und willig die Flagge. Sie werden mich Verstehen, mein Bester, wenn ich Ihnen
wiederhole, dass Fräulein Antonie heute nur einen bessern Freund hat als mich -
dass ich mich als ihr Freund behaupten werde und dass Sie bei Ihrem fernern
Vorgehen gegen die Signorina dieses wohl im Auge behalten werden; denn ich würde
unter Umständen dereinst Rechenschaft über die nächsten Wochen von Ihnen
erbitten. Im übrigen empfehle ich mich jetzt. Man hat auf meinen Wunsch im
Ministerium des Auswärtigen ausfindig gemacht dass eine Verstärkung unseres
diplomatischen Apparats zu Konstantinopel durch meine bescheidene Persönlichkeit
höchst wünschenswert sein werde. Nach den Erfahrungen der letzten Zeit kann mir
nur ein längerer Aufentalt unter einfachern Menschen und in gesunderen sozialen
Verhältnissen einigermassen wieder auf die Beine helfen - ich reise. Addio, mein
Teuerer; wir sind unwiderruflich geschlagen und haben uns, jeder in seiner
Weise, mit den Siegern abzufinden.«
    Der Graf Basilides Conexionsky hatte niemals ein wahreres Wort gesprochen,
und der Edle von Haussenbleib hatte noch niemals so scharf mit seinen Gefühlen
abzurechnen als in den traurigen Wochen, welche dieser Unterhaltung folgten. -
 
                          Sechsunddreissigstes Kapitel
Wir sind am Schluss - wirklich am Schluss. Von neuem fällt der Schatten des
norddeutschen Gebirges auf die Leute unserer Geschichte, welche an diesem Schluss
das Rollen des schwarzen Wagens noch von ferne hören. Wir befinden uns auf dem
Bahnhofe zu Halberstadt, und auf dem Bahnhofe zu Halberstadt wartet ein Wagen
aus Krodebeck auf zwei Reisende, die eine telegraphische Depesche
vorausschickten, der zufolge sie mit dem nächsten Eisenbahnzuge anlangen werden.
Ein weicher Duft liegt über den Bergen und der Ebene; die Welt lacht in
Lieblichkeit, obgleich der Herbst nahe und der Winter durchaus nicht fern ist.
Wir sind in der zweiten Woche des Septembers; es kommt ein frischer,
erquickender Hauch vom Harz herüber, und man ahnt bei jeglichem Atemzug, wie
dort oben die Waldwasser jubelnd durch Licht und Dunkel tanzen, über Stock und
Stein hüpfen und lustig einstimmen in das Singen der Bergleute und Hirten, in
das Geläut der Herdenglocken.
    Aber die Wasser kommen selber aus dem Gebirge in die Ebene hinab, um
Nachricht zu bringen, wie es in der Heimat zugeht. Da tanzt die Holzemme her,
der alten Bischofsstadt die Grüsse der blauen Höhen zuzutragen, und nimmt es für
gar nichts Erstaunliches, dass ihr die Glocken des Domes, der Liebfrauenkirche
und der andern Kirchen antworten wie da oben die Herdenglocken.
    Es ist ein Freitagmorgen, und der Kutscher auf dem Bock der Kutsche vom
Lauenhofe zu Krodebeck sagt:
    »Sie kommen gerade recht. Es gefällt mir, dass sie grad zum Lohntag
heimkommen. Es macht sich nicht immer so, dass man so zur rechten Stunde seinen
Willen kriegt. Ja, der Fröschler! Ja, man hat ihn gerade satt, und vorzüglich am
Sonnabend, allwo ihm ein jeder Tagelöhner am liebsten mit dem Knüppel zu Leibe
stiege; - der Teufel weiss, wie es zugeht.«
    Viel Getümmel am Halberstädter Bahnhof! Der Braunschweiger Herzog wird auch
mit einem der nächsten Züge erwartet. Er fährt nach seinem Schloss Blankenburg,
und von Berlin kommt ein preussischer Prinz zum Aufgang der Jagd auf Besuch, und
wenn jedweder offizielle Empfang von den beiden Herren verbeten wurde, so
empfängt die Bevölkerung bei derartigen Gelegenheiten immer offiziell und lässt
sich ihr Recht nicht nehmen.
    In der Stadt ist's desto stiller. Die Fliegen summen dem steinernen Roland
am Ratause und dem wie aus Erz gegossenen andern Harnischträger vor seinem
Schilderhause an der Hauptwache um die Nase; an den Fenstern der schönen und der
hässlichen alten Holzhäuser sitzen die schönen und hässlichen, die klugen und
törichten Jungfrauen der Stadt sowie auch ihre Mütter. Die Kinder spielen vor
den Türen; die Kindermädchen nehmen die Huldigungen der weissen Kürassiere
entgegen; es geht ein Geist wie der des so kriegsmutigen und doch so guten alten
Vaters Gleim durch die Strassen und sonnt sich in der Mittagssonne auf den
ruhigen, reinlichen Plätzen. Es ist immer recht still und behaglich in
Halberstadt trotz seiner Garnison von grimmen Panzerreitern.
    Unter den schattenden Bäumen des Domhofes, wo einst der gute alte Vater
Gleim in Person lustwandelte und - es sind eben, auf die Stunde, hundert Jahre -
als »Tyrsis« seine Sappho, die Karschin, mit spitzen Fingern spazierenführte,
wandelte augenblicklich ein anderer guter Mensch, jedoch ohne Sappho, einher,
der Kandidat der Teologie Franz Buschmann aus Krodebeck. Feierlich im Frack und
mit einem Trauerflor um den Hut, doch knickbeinig wie immer kam er daher. Er
hatte dem Generalsuperintendenten einen Besuch gemacht und wandelte jetzt in
Christo nachdenklich zum Bahnhofe, um die gute Gelegenheit zur Heimfahrt zu
benutzen, wie er die nämliche gute Gelegenheit, das heisst den Wagen vom
Lauenhof, am frühen Morgen auch zur Herfahrt benutzt hatte. Er grüsste höflich
und doch vertraulich verschiedene geistliche Herren, die ihm auf seinem Wege
begegneten, und er grüsste höflich den Kutscher vom Hofe auf seinem Bocke.
    »Ist der Zug noch nicht angezeigt worden, lieber Fritz?«
    »Ja, eben, Herr Kandidate, und jetzt haben wir gottlob am längsten gewartet.
Na, wird das eine Freude sein! Ich glaube, endlich hat's doch niemandem gepasst,
dass der Herr in der Fremde herumvagabondierte und andere Leute, die ich nicht
nenne, das grosse Maul führten.«
    Der Kandidat Buschmann seufzte und ging in die Halle, wo der Zug, welcher
den preussischen Prinzen, den Junker Hennig von Lauen und den Ritter von
Glaubigern mit sich brachte, soeben in die entgegengesetzte Bogenwölbung
hereinächzte und - zischte. Es war ein sehr heftiges Gedränge; aber der Kandidat
sah, wie wir wissen, ebenso lang als dürr über die Häupter der übrigen Menschen
weg, und - da - da waren sie wirklich sowohl der preussische Prinz wie auch der
Junker und der Chevalier von Glaubigern, und der Kandidat seufzte wiederum, als
er sich auf den Zehen hob und sagte:
    »Ja, da sind sie! O du lieber Gott, da sind sie wirklich, und der Hennig
scheint seine liebe Not mit dem Alten gehabt zu haben. Nun, nun, ich hoffe,
solches wird ihn auch für meine traurige Nachricht weich und teilnehmend
gestimmt haben.«
    Sofort drängte er sich mit einer Rücksichtslosigkeit, die nur durch jene
seine traurige Nachricht entschuldigt werden konnte, durch das Getümmel den
beiden Reisenden entgegen, streckte ihnen die Hände dar und rief:
    »O mein lieber, lieber, mein teurer Hennig! Mein teurer Freund! O mein
lieber Herr von Glaubigern, der Herr segne Sie in der Heimat! In bangen Sorgen
und Schmerzen haben wir auf Sie gewartet.«
    »Guten Tag, Buschmann!« erwiderte Hennig. »Hilf uns vor allen Dingen durch
den Lärm. Wir haben auch unsere Sorgen gehabt und bringen ein gut Teil von
unseren Schmerzen heim. So! Da haben wir Luft. Guten Tag, Buschmann - da sind
wir. Wie geht es dir? Wie steht es daheim?«
    Der Kandidat wies mit einem scharfen Ruck auf den Trauerflor an seinem Hute:
    »Vor allen Dingen ist mein armer guter Vater recht sanft und friedlich
eingeschlafen.«
    »Oh!« rief Hennig.
    »Und er ist im tiefsten, innigsten Glauben an seinen Erlöser
hinübergegangen, und er hing mit grosser Liebe an dir, Hennig! Selbst in dem
letzten, schweren Stündlein hat er noch von dir geredet.«
    Nun seufzte auch der Junker von Lauen sehr tief; aber der Kandidat Buschmann
fuhr fort:
    »Wir sprechen noch davon, Lieber. Du bist so gütig, mir ein Plätzchen in
deinem Wagen zu geben, dort hält er; - auf der Fahrt werde ich dir alles, alles
sagen. Und nun, vor allen Dingen, Hennig, wie ist es euch ergangen? Was macht
unsere gute Antonie? Wir haben lange keine Nachrichten von euch erhalten, und
das hat unsere Unruhe nicht vermindert.«
    Hennig fasste hastig den Arm seines Freundes und flüsterte:
    »Sei still! Sprich nicht von Antonie! Jetzt nicht! Er ist mir unter den
Händen zu einem Kinde geworden, und er weint und wimmert wie ein Kind, wenn der
Name genannt wird. Lass uns gehen; wir wollen uns nicht aufhalten; hilf mir, ihn
in den Wagen zu bringen. Es ist mir lieb, dass ich dich hier treffe, Buschmann;
ich bin mit meinen Kräften vollständig zu Ende, und ich werde diese Reise in
meinem Leben nicht vergessen.«
    »Steht es so schlimm dort unten?« flüsterte der Kandidat.
    »Es ist vorüber. Es ist vorbei. Wir haben viel Unglück gehabt und kommen
auch von einem Begräbnis; mir aber ist sehr schlecht zumute«, erwiderte Hennig.
    »Oh!« rief Franz Buschmann; und dann fassten sie beide den Herrn von
Glaubigern unter die Arme und geleiteten ihn, ohne sich weiter nach dem
preussischen Prinzen und dem Herzog von Braunschweig umzusehen, zu dem Wagen. Sie
hoben den Ritter mühsam hinein, und Hennig rief:
    »Das sind die Krodebecker Rappen, Herr von Glaubigern! Das ist wieder der
erste gesunde Atemzug! Wir sind zu Hause, Herr Leutnant.«
    Der Chevalier sah blöde umher und lächelte und nickte altersschwach:
    »Jaja! Recht gut! Aber es waren nicht wir, sondern die brandenburgischen
Husaren und die reitenden freiwilligen Jäger, welche die Marinegarden bei
Möckern zusammenhieben. Wir Kürassiere hielten vor Klein-Wiederitzsch gegen
Nei.«
    »So ist er nun«, flüsterte Hennig. »Er hat alles andere bis auf den Namen
Antonie vergessen; aber was er in seiner Jugend erlebte, weiss er alles wieder
ganz genau, und von der Gardemarine habe ich ihm vor einem Vierteljahre von Wien
aus geschrieben. O Franz, es wäre eine wahre, richtige Kuriosität, wenn es nicht
so jammervoll wäre.«
    Dem Krodebecker Fritz auf dem Kutschbock blieb die wohleingelernte
Gratulation zur vergnügten Heimkehr in der Kehle stecken, als sie den Ritter
heranführten. Er fuhr wie in einer Betäubung befangen vom Halberstädter Bahnhof
ab und blickte häufig, mit aufgesperrtem Munde, über die Schulter nach den
Herren im Wagen.
    Sie hatten den Chevalier von Glaubigern auf den Rücksitz gesetzt, und da sass
er neben dem Junker und stellenweise von diesem unterstützt. Mit dem Kinn auf
dem Stockknopf, mit geschlossenen Augen sass er da und schien jegliches Interesse
für seine Umgebung verloren zu haben. Auch die für ihn immer bekannter werdende
Landschaft machte keinen ermunternden Eindruck auf ihn. Er schlummerte bald ganz
ein und schlief vom Mittag bis spät in den Nachmittag; die beiden jungen Leute
hatten das Gespräch für sich allein und führten es weiter, ohne ebenfalls viel
auf ihren Weg und das zur Linken ihres Weges in immer andern Höhen, Wäldern und
Talausmündungen sich hinschiebende Gebirge zu achten.
    »Das ist freilich eine trostlose Geschichte«, sprach der Pastorenfranz,
melancholisch das Haupt schüttelnd. »So jung, so hübsch und in so - hübschen
Umständen! Wir haben davon wie von einem Märchen gesprochen, und es war auch in
der Tat märchenhaft, wie sie bei uns ankam und nachher sechsspännig wieder
abgeholt wurde! Und nun geht das so aus - ich begreife es noch lange nicht. Nun,
der Herr führt uns alle nach seinem heiligen Willen; aber wer hätte das gedacht,
als wir als Kinder so gute Freundschaft miteinander hielten?! Ich hatte sie sehr
gern, obgleich ich sagen möchte, dass - dass sie - nun, wir wollen das übrige dem
überlassen, der allein auf die rechte Weise in der Tiefe des Menschenherzens zu
lesen versteht; aber - du verstehst mich schon, lieber Hennig - sie hatte auch
ihre boshaften Launen, und dann gehörte viel christliche Geduld dazu, um es in
ihrer Gesellschaft aushalten zu können. Doch - sie wusste euch sämtlich auf dem
Lauenhofe recht gut zu nehmen; man hatte öfters Grund, sich darüber zu
verwundern.«
    Der Junker von Lauen setzte unwillkürlich einen Eckzahn auf die Unterlippe
und sah den Kandidaten ziemlich sonderbar an:
    »Es wird für jetzt und alle Zeiten besser sein, wir reden in dieser Weise
nicht von ihr, Buschmann!« sagte er, und Blick und Ton bewogen den guten Franz
wirklich, sofort in einer andern Weise von der armen Tonie Häussler zu reden,
nämlich nur Gutes.
    Nach einer Weile sagte Hennig, nachdem er den zungenfertigen Freund hatte
reden lassen, ohne auf ihn zu achten:
    »Es ist mir merkwürdig zu Sinne. Ich kenne hier jeden Baum an der Strasse;
ich kenne dort jeden Berggipfel, ich bin diesen Weg wohl hundertmal gefahren,
geritten und gelaufen, und nun erscheint mir alles wie ausgewechselt. Es ist die
ganze Welt eine andere geworden; ich habe mehr erlebt, als ich ausdenken kann.
Ich bin auch ein anderer geworden, Buschmann.«
    Darin irrte er sich. Seine Umgebung mochte ihm heute wohl in einer andern
Gestalt und Färbung erscheinen, allein er selbst war noch ganz derselbe, der er
vor Jahren gewesen war. Das Phänomen wiederholt sich häufig, wie viele Leute,
die auch dann und wann meinten, sich vollständig geändert zu haben, aus ihrer
eigenen Erfahrung bestätigen können.
    Der Pastorenfranz sprach nun ein langes und breites von dem Tode seines
Herrn Vaters und suchte nicht ohne Absicht einen tiefern Eindruck durch seinen
rührenden Bericht hervorzubringen, infolge dessen er leider geraume Zeit
hindurch nicht merkte, dass er diesen Eindruck keineswegs hervorbringe. Als er
endlich erkannte, dass ihm der Jugendfreund nicht mit der wünschenswerten
Aufmerksamkeit folge, seufzte er tiefer denn je, brach aber sofort ab und
trocknete auf der Stelle für jetzt seine Tränen.
    Sie näherten sich, da es Abend wurde, allmählich der Heimat. Als die kühlen
Schatten des Tannenwaldes von Krodebeck auf ihre Häupter fielen, erwachte der
Ritter von Glaubigern, rieb sich die Augen, sah sich um und blickte erstaunt auf
den Pastorenfranz, als sei es ihm unmöglich, an die Möglichkeit seines
Vorhandenseins da auf dem Wagensitze vor ihm zu glauben.
    »Es ist der Franz - der Franz Buschmann«, rief Hennig. »Wir haben den alten
Jungen in Halberstadt auf dem Bahnhofe getroffen, Herr von Glaubigern, und ihn
mitgenommen. Dies ist das Kuckelrucksholz, in einer Viertelstunde sind wir nun
wirklich zu Hause!«
    Der Chevalier richtete sich empor von seinem Sitze; hätte ihn der Junker von
Lauen nicht schnell umfasst und gehalten, so würde er im nächsten Augenblicke
unter den Hinterrädern des Wagens gelegen haben. Er wehrte sich aber heftig,
wenn auch unbewusst, gegen die haltenden Arme seines Zöglings und schrie mit
gellender, angstvoller Stimme:
    »Wo ist sie? Sie! sie! Sie sass neben mir! Ich habe ihre Hand gehalten! Da
mit dieser Hand! Wo ist sie geblieben? Wir brachten sie mit uns zurück - sie hat
neben mir gesessen - halt die Pferde an, es ist ein grosses Unglück geschehen.
Horch, horch, sie ruft aus der Ferne!... Antonie, hier, Antonie!«
    »Sie ist da - sie kommt uns nach«, murmelte Hennig in peinlicher
Verlegenheit über die Art und Weise, in welcher er den alten Mann beruhigen
sollte.
    »Es ist nicht wahr! Es ist eine Lüge. Alle lügen, jeder lügt! Sie ist tot,
und wir haben sie begraben, ich bitte um Entschuldigung«, sagte der Ritter von
Glaubigern weinerlich und fiel in seine Ecke zurück. »Wann haben wir sie
begraben, Herr von Lauen? Sie waren ja dabei. O es war sehr schön, Herr
Buschmann - es ist recht schade, dass Ihr Herr Vater nicht zugegen sein konnte;
aber es ist lange her, sehr lange, und ich hätte doch auch nicht gern gesehen,
wenn Ihr Herr Vater zugegen gewesen wäre, es waren schon zu viele unbekannte
Leute da. Ja, Herr Buschmann, der Hennig ist ein guter Junge, allein in der
Fremde ist wenig mit ihm auszurichten. Nun, seine Mutter wird sich recht freuen,
dass ich ihn gesund und vergnügt zurückbringe. Ich hatte es ihr versprochen, und
ich habe immer mein Wort gehalten; nur meiner Tonie, der armen Tonie nicht. Die
habe ich in der Fremde zurückgelassen und hatte doch versprochen, bei ihr zu
bleiben oder mit ihr zu gehen. Aber ich werde ihr nachkommen, ich werde ihr ganz
gewisslich nachkommen - ich bin so sehr alt, und sie war so sehr jung, da ist es
kein Wunder, dass sie auf ihren kleinen leichten Füssen solchen Vorsprung mir
abgewann.«
    »Das ist ja Wahnsinn! Ist er jetzt immer so?« fragte der Kandidat leise.
    »Nein - sei nur still«, erwiderte Hennig ebenso leise. »Er ist nur wirklich
recht alt, und das grosse Elend hat ihn mit einem Male kindisch gemacht. Warte
nur, ich werde ihn auf seine Jugendzeit bringen, darin ist er einzig und allein
jetzt vollständig zu Hause.«
    »Und ich habe sie ihm doch wieder abgeholt; er hat sie nicht behalten
können!« rief der Greis plötzlich mit einem wilden triumphierenden Blick; aber
dann schloss er sogleich von neuem die Augen und sass fürderhin stumm und
zusammengesunken. Der Wagen fuhr an dem Siechenhause von Krodebeck vorüber; es
war nicht mehr nötig, dass der Junker von Lauen den Ritter von Glaubigern auf
seine Jugendzeit zu bringen suchte.
    Hennig sah nach der elenden Hütte hinüber, und wenn ihm je in seinem Leben
die Welt in einem andern Lichte als gewöhnlich erschienen war, so war das in
diesem Augenblicke. Einen Augenblick lang erfasste er wirklich die grosse
Tragikomödie der Welt, insoweit er und die Seinigen darin mitgespielt hatten und
noch mitspielten, im tiefsten; und in diesem Augenblicke erhob er sanft und in
schmerzlicher Zärtlichkeit das müde, schlaftrunkene Greisenhaupt an seiner Seite
im Arme und gab ihm eine bequemere Lage an seiner Brust. Aber das ging schnell
vorüber, denn dort ragten die Bäume des Lauenhofes, dort grüsste ein bekannter
Bauer, dort erhob sich die Gartenterrasse mit dem morschen Sommerhause - die
letzte Wendung des Weges, und dort ragten die alten braunen Giebel, die
Schieferdächer und Schornsteine seines alten, wackern Vaterhauses empor! Er
hörte das Gebell seiner Hunde, und ein freudiges Grinsen verbreitete sich über
sein. Gesicht, und seine Seele füllte sich mit den gewohnten Bildern. Er dachte
an den Freund Fröschler, und er dachte an seine Gäule, an die Wintersaat, an die
neuen friesischen Kühe, die sich jetzt allgemach eingewöhnt haben mussten.
    Der Kutscher Fritz klatschte lustig mit der Peitsche; der Wagen fuhr in das
Hoftor - und Hennig von Lauen war in der Tat wieder zu Hause. Es fehlte wenig,
dass er fast einen lauten Jubelruf hätte hören lassen - er seufzte vor Behagen!
    Von allen Seiten drängten sich die Leute heran, ihn zu begrüssen. Fröschler
kam im Laufschritt über den Hof und reichte dem heimkehrenden jungen Patron
zuerst die Hand in den Wagen. Die Knechte und Mägde standen schüchtern in
einiger Entfernung und liessen plötzlich das Jubelgeschrei hören, in welches der
Junker von Lauen - so gern eingestimmt hätte. Sie schrien laut genug, und ihr
Vivat drang zu den Ohren von zwei alten Frauenzimmern, die soeben von der
Vortreppe des Hauses herabhumpelten, einen Augenblick verwundert stehenblieben
und sodann ebenfalls so eilig als möglich herbeikamen.
    Da niemand auf sie achtete, so machte ihnen auch niemand Platz; aber die
eine der beiden Alten verstand es, sich selber den Weg frei zu machen.
    »Lasst mich hinzu!« rief sie. »Glück auf, Herr von Lauen! Herr Ritter - o
Herr Ritter, wo ist das Kind?«
    Nun war der Chevalier von Glaubigern durch den Lärm der Hintersassen des
Lauenhofes auch von neuem aus seinem Schlummer erweckt worden und sah dicht vor
sich am Wagenschlag das verwitterte und im Staunen und Schrecken verzogene
Gesicht Jane Warwolfs und neben der Jane die trümmerhafte Gestalt der einst so
grossen und hohen Freundin, Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin.
Schon aber hatte die Warwölfin mit den spitzen Ellenbogen den Junker zur Rechten
und den Kandidaten der Teologie Franz Buschmann zur Linken auf die Seite
geschoben. Sie umfasste den Greis und hob ihn wie ein Kind aus dem Wagen. Er
stand taumelnd und schwankend auf dem Boden des Lauenhofes und nahm den Hut ab
und verbeugte sich und grüsste blöde und meinungslos lächelnd im Kreise.
    »O du mein Gott im Himmel, Herr von Glaubigern, was bringen Sie uns heim?«
rief Jane, ihn immer noch unterstützend. »O Jesus Christus, was haben Sie uns
mitgebracht, Herr von Glaubigern? Nichts weiter als solch ein Gesicht? O Himmel,
was hat man aus Ihnen gemacht!«
    Da ging unter den scharfen Augen Jane Warwolfs noch einmal und zum letzten
Male ein Zug schärfsten Verständnisses über dieses Gesicht des kindisch
gewordenen Ritters Karl Eustach von Glaubigern; er legte den Finger auf den Mund
und sah hastig nach beiden Seiten hin über die Schultern. Dann fasste er die Hand
der Greisin und flüsterte:
    »Sei still! Ich kam zur rechten Zeit. Sie ist glücklich! Glaube niemandem,
der dir sagen will, dass sie im Elend gestorben sei. Wie hiess der Mann, der sie
uns nahm und wegführte und meinte, er habe ein Recht auf sie und sie gehöre ihm
an?! Ich habe den Namen vergessen, aber das ist einerlei, es war da eine ganze
Welt, die denselben Namen führte und dasselbe von unserem Kinde behauptete. Es
war eine Lüge - und jetzt ist alles gut und in Ordnung: wir bleiben beieinander;
aber es ist ein Geheimnis. Achte nicht auf den Hennig und diese andern um uns
her, sie wissen nichts, denn sie sind nur so lange glücklich, als die Sonne
scheint und es ihnen wohl geht! Auch das ist gut. Jetzt geh fort, ich muss mit
dem Fräulein sprechen, sie nimmt es schon übel, dass ich so lange mit dir rede.«
    Und der Chevalier bot dem Fräulein von Saint-Trouin den Arm und führte es
mit der altgewohnten Höflichkeit und Zierlichkeit dem Hause zu, und sie
erreichten das Haus als zwei alte, alte Kinder, für die das Erdenleben kaum noch
einen klaren Sinn hatte.
    Jane Warwolf sah ihnen finster und mit zitternden Lippen nach. Dann wendete
sie sich an den Junker:
    »Ist das so wahr, wie ich es mit meinem schlechten Verstande begriffen habe,
Herr von Lauen?«
    Hennig nickte traurig:
    »Wir kommen von ihrem Begräbnis, Jane. Was ich durchgemacht habe, das hat
noch kein anderer Mensch erlebt. Jetzt lass mich in Ruhe, es dreht sich alles um
mich. Du wirst alles erfahren, ich gehe dir mein Wort darauf.«
    »Das wäre denn freilich das Ende, wie ich es vom Anfang an gesehen habe!«
sagte Jane, wendete sich ab und ging still fort nach dem Siechenhause von
Krodebeck.
    Sie umschritt die Hütte und trat durch die Hecke auf den Kirchhof des Dorfes
und setzte sich kopfschüttelnd auf das Grab Hanne Allmanns und murmelte:
    »Glück auf - Glück herunter - ja freilich, darauf läuft's hinaus, dass wir
zuletzt doch alle beieinanderbleiben; aber wer am wenigsten darüber nachdenkt,
der hat's vielleicht doch am besten. Nun bin ich auf meine alten Tage aus einer
Landläuferin eine Kinderfrau geworden; aber - lache, lache nicht, Hanne! Es ist
gewiss und wahrhaftig nicht zum Lachen, Hanne Allmann. Den Ritter muss ich
abwarten, von dem gnädigen Frölen gar nicht zu reden. Den Ritter! Den Herrn
Ritter, Hanne Allmann!«
    Und die Greisin bedeckte die Augen mit den Händen und weinte selber
bitterlich; wir aber, wir haben uns bereits im Anfang dagegen verwahrt, dass wir
imstande seien, aus dem Buche vom Schüdderump eine besonders lustige Geschichte
zu machen. -
    Im Dorfe von Tür zu Tür, von Gevatterin zu Gevatterin, von der Schmiede bis
in die Schenke ging ein Geflüster: die beiden Herren vom Hofe seien heimgekehrt
aus der grossen Stadt da unten in Osterreich und hätten kuriose und üble
Nachrichten mitgebracht von dem Kinde der schönen Marie. Es nutzt uns aber
nicht, von den verschiedenen Gestalten und Färbungen zu reden, welche diese
Nachrichten in den verschiedenen Köpfen und Mäulern annahmen. Es genügt uns,
noch einmal die Ansicht eines einzigen Mannes zu vernehmen, auf dessen Denken
und Fühlen wir im stillen immer ein hohes Gewicht legten, selbst dann und da, wo
wir es gerade nicht hervorhoben oder hervorheben konnten. Uns genügt hier
vollständig die Moral oder die Quintessenz der Moral, welche der teure Kandidat
der Gottesgelehrteit, Franz Buschmann, der nicht nur die beste Anwartschaft auf
die Krodebecker Pfarre hatte, sondern auch wirklich die innigsten Gefühle eines
bedeutenden Teiles der menschlichen Gesellschaft repräsentierte, aus dem
betrüblichen Fall abzog Nach aussen hin neigte er nur das Haupt, seufzte schwer
und sprach ganz im allgemeinen von der Nichtigkeit des Lebens, von dem einen,
was allein not tue und ohne welches freilich alle irdische Herrlichkeit und
Schönheit, alle Klugheit und geistige Pracht zu Schlingen des ewigen Verderbens
würden. Im Innern aber tanzten folgende Betrachtungen eines gewiss nicht irdisch
dummen Menschen den seltsamsten Tanz:
    Das war ein reizendes Mädchen - jammerschade drum! Ich hatte das liebe Kind
ungemein gern und habe stets mein möglichstes getan, um in einem angenehmen
Verhältnisse mit ihr zu bleiben. Welch ein Schicksal, und welch ein Charakter!
Und - welche Moral, o Gott, welche Moral! Ein eigentümliches Kind, so ganz
unweiblich und doch allerliebst-scharmant; sie hat mich häufig in Verlegenheit
gesetzt und noch häufiger recht geärgert. Also ist sie tot! Wirklich tot! Lasst
mich sehen - sie kann kaum zwanzig Jahre alt geworden sein. Ach, ich hätte sie
wohl sehen mögen in ihrem Glanze in Wien. Apage, apage! - Welche unnützen
Vorstellungen! Und doch wird man das nicht los, man hat sie zu gut gekannt. Wie
wäre das geworden, wenn sich mein Herr Vater ihrer Erziehung angenommen hätte -
wie glücklich hätte dann ihr Leben sein können - und sie würde heute leben und
glücklich sein. Es ist gar nicht auszudrücken, in was für eine glänzende Ferne
man da hinaussieht. Apage! Als der brave Papa, der Grosspapa, der Edle Häussler
von Haussenbleib kam, war's freilich bereits zu spät. Jaja, wir werden eben
unerforschliche Wege geführt, und es ist nur ein Trost, dass der Herr den Seinen
die besten anweiset. Sela!
    Dass der Herr die Seinigen die besten Wege zu führen weiss, ist wohl auch
durch dieses Buch wieder einmal gezeigt worden, und wir könnten nunmehr still
unsere Feder weglegen, unser Manuskript schliessen und es den Leuten überlassen,
wie sie sich mit dem Buche vom Schüdderump abfinden mögen.
    Der Edle Dietrich Häussler von Haussenbleib hat augenblicklich in Fiume vielen
Verdruss und führt eine verwickelte Korrespondenz mit der Admiralität zu Triest.
Aber er baut an der zweiten Million und verspürt keine Lust mehr, mit dem Grafen
Basilides Conexionsky zu teilen. Der Junker von Lauen möchte gern seine Zigarre
in Frieden rauchen und seinen melancholischen Gedanken in Ruhe nachhängen;
allein er kommt selten dazu, sein Freund Fröschler und ein Dutzend gute Nachbarn
und die Eichsfelder dulden es nicht.
    Wenn die Witterung es erlaubt, schleichen drei alte, kümmerliche Gestalten
nach dem Siechenhause, das wieder leer steht, und Jane Warwolf trägt den
Schlüssel und öffnet so schnell als möglich; denn der Ritter von Glaubigern wird
sehr böse jetzt, wenn er nicht sogleich seinen Willen bekommt. Die drei sitzen
in einer Reihe auf der Bank und betrachten die kahlen Wände. Wenn jedoch
plötzlich ein Schein über die morsche Wand hinliefe und eine lichte Gestalt
leise winkend und freundlich lächelnd vorbeiginge und den Finger auf den Mund
legte, so würden sie sich kaum darüber wundern.
    Wir sind am Schlusse - und es war ein langer und mühseliger Weg von der
Hungerpfarre zu Grunzenow an der Ostsee über Abu Telfan im Tumurkielande und im
Schatten des Mondgebirges bis in dieses Siechenhaus zu Krodebeck am Fusse des
alten germanischen Zauberberges!
 
    