
        
                              Franz Michael Felder
                                 Reich und Arm
                                  Erstes Kapitel
      Wie zwei Helden dieser Erzählung sich auf das Osterfest vorbereiten
Mit aller möglichen Pracht und Herrlichkeit ward am Karsamstag abends in der
Auer Pfarrkirche die Auferstehung des Herrn gefeiert. Unzählige Lichter
erhellten die überall verhängte Kirche und beleuchteten das unter Singen und
Glockenläuten hinter dem Heiligen Grabe in die Höhe gezogene Auferstehungsbild.
Kurz, es war himmlisch, göttlich, flüsterten hernach die aus der Kirche
kommenden Weiber und Mädchen einander zu, während sie sich die von der
Tageshelle erschreckten Augen rieben. Sogar die zarten, schneeweissen Hände der
armen Stickerinnen legten rasch einen Taglohn auf den Teller, welcher zur
Aufnahme freiwilliger Beiträge für das neuerrichtete Heilige Grab vor der
Kirchentür angebracht war. Die roten Kupferkreuzer, die sich wie recht
verdächtige Kerle hinter breiten Sechsbätzlern versteckten, waren wohl nur aus
engen Lederhosentaschen herausgelangt worden. Wenigstens war nicht zu leugnen,
dass fast alle Männer das »Schauspiel« etwas kühl aufnahmen; sogar einiges
Kopfschütteln war zu bemerken. Auf dem Platz neben der Kirche stellten sie sich
schweigend zusammen. Jeder schien warten zu wollen, bis das rechte Wort zur
Beurteilung der etwas teuren »neuen Mode«, die zwar alles in die Kirche lockte,
doch keine Andacht in derselben aufkommen liess, gefunden sein würde. Lächelnd
schauten sie hinauf zu den glühenden und leuchtenden Bergen oder hinaus über den
schon etwas dunkeln, geheimnisvoll rauschenden Schnepfauer Wald, neben welchem
die Ach den bereits zu Wasser gewordenen Winter laut scheltend hinaustrug.
Rechts ob dem Wald erhob sich die stolze Liggsteinpyramide, die kühn emporragte
zum blauen Himmel, welchen links neben der Ach die Kanisfluh zu tragen schien.
Weiter draussen, dort, wo die äussersten Tannenwipfel des Waldes ins rötlichblaue
Licht hineinragten, trugen goldige Engelchen mit Feuerflügeln der scheidenden
Sonne den Strahlenmantel nach und winkten dabei mit weiss und rötlich
schimmernden Händen ihre letzten Grüsse zurück ins Tal. »Viel schöner doch und
so, dass man dabei auch etwas empfindet, ist die Art, wie die Natur ihr
Auferstehungsfest feiert«, begannen jetzt auf einmal mehrere. Gleich fielen auch
andere ein: »Das Osterlied der Vögel im weihrauchduftenden Walde draussen - hört,
hört! Und droben in den Bergen das Wiedergeben der angeschwollenen, tosenden Ach
- oh, das geht einem durch Leib und Seele, ganz, ganz anders noch als das
lateinische Osterlied, welches der Kaplan bis von Innsbruck heraus hat kommen
lassen.«
    Ganze Minuten lang schlug man jetzt überall Feuer, doch der Zunder wollte
gar nicht recht »empfangen«. Die krummrohrigen Tiroler Pfeifen blieben kalt, wie
gewöhnlich vor der glücklichen Zeit der Zündhölzchen, wenn es einmal etwas zu
sehen und auszukopfen gab.
    Noch hatten viele nicht eingeheizt, als das Matisle, ein ärmlich
gekleidetes Bäuerlein, welches den Wolkengestalten nicht nachblicken mochte, bis
es sich die scharfen grauen Augen verdarb, auf einmal ausrief: »Sehet dort!
Jetzt kommt der Bot' und geht ins Kronenwirtshaus. Was er wohl alles drin hat in
der grossen Tasche, dass er gar so eilt?«
    »Nun, der bringt ja jeden Samstag Zeitungen für die Wirtin oder die, welche
vornehm und reich genug sind, ins Herrenstüble.«
    »Es wäre doch nun ganz in der Ordnung«, begann das Matisle nach einer Weile
wieder, »wenn endlich Hansjörg, der Soldat, ein Briefchen schickte. Ist's doch
schon mehr als ein halbes Jahr seit dem letzten, und es wäre die einzige Freude,
die er mir machen könnte. Nun, eine Frag' ist wohl jedem erlaubt«, fügte er, das
Kopfschütteln der Umstehenden bemerkend, bei und eilte dem Wirtshause zu.
    »Möchte doch sehen, was das Männchen für ein Gesicht macht, wenn wieder
nichts gekommen ist«, lachte der frühere Gemeindevorsteher, der bei den Bauern
mehr galt als der behagliche Patron, welcher jetzt diesen Titel hatte. Schon im
nächsten Augenblick war's, als ob es da drüben halbe Batzen zu schneien
angefangen hätte bei heiterem Himmel; sogar sehr sparsame Hausväter, die sonst
nicht einmal jedes Vierteljahr ein Bierglas zu sehen, geschweige denn ein Glas
Bier zu trinken bekamen, vermochten jetzt dem Drange nicht zu widerstehen und
folgten dem Altvorsteher auf den Tritt, so dass die Gasse beinahe zu schmal
wurde.
    Staunend, mit einer Art von Ehrfurcht sahen viele, die noch ihr Lebtag
keinen Brief erhielten, wie das Matisle jetzt einen solchen gleich einer
Siegesfahne jubelnd emporhielt. Es war und blieb halt doch merkwürdig, wie so
ein Blatt für dieses kleine, ganz unbedeutende Männchen aus der weiten Welt sich
bis da hereinfinden konnte.
    »Nun, was schreibt der Spitzbube?« fragte der Altvorsteher lächelnd.
    »Ich hab' erst angefangen, aber kommt nun Ihr und leset es, bevor es ganz
dunkel wird«, sagte das Matisle, indem es davon in die Stube eilte.
    Mit einer Langsamkeit, die das ihm geschenkte Vertrauen nur schlecht zu
würdigen schien, folgte der Altvorsteher dem an ihn ergangenen freundlichen Ruf.
Ruhig legte er Matisles Brief auf den noch etwas feuchten Tisch vor sich hin,
bestellte sich einen halben Schoppen Wein, zog dann die Hornbrille heraus,
wischte eine Weile mit dem Halstuchzipfel an den Gläsern herum und begann
endlich, nachdem er noch den neben ihm sitzenden Gemeinderäten die grossmächtige
Schnupftabakdose vorgehalten hatte, mit Gemeindedienerstimme zu lesen.
    Der Brief erzählte viel von Hunger und Kummer; doch, schrieb Jörg unter
anderem, werde das nun bald überstanden sein. In einigen Wochen bekomme er
Urlaub und könne dann heim, wenn man so gut sei, die Zehrung zu überschicken. Es
werde wohl noch etwas da sein von dem, wofür er verkauft worden sei. Die Heimat
habe er übrigens noch nicht vergessen und fluche noch täglich, allen, die ihn
unter die Soldaten gebracht oder doch dabei ein Auge zugedrückt hätten.
Besonders für den Vorsteher sei es eine Schande, dass -
    Mit den Worten: »Er ist noch immer ein Lümmel«, warf der Letztgenannte das
Schreiben auf den Tisch; unmutig verliess er das noch volle Glas und die Stube.
    Gar so grosse Eile hatten die anderen freilich nicht; aber keiner mochte den
Brief zu Ende lesen, und wer den letzten Tropfen aus dem Glase hatte, machte
sich schweigend heim. Nur der junge Erbe des Stighofes, Stighans genannt, rückte
gegen das Jösle hinüber und bestellte für sich und seinen ehemaligen Schulfreund
eine Halbe Roten, ohne noch daran zu denken, dass er eigentlich mit der Wirtin
allein bleiben wollte. Jörgs Brief hatte ihn ganz aus dem Zeug gebracht. Er
musste gleich etwas Gutes tun, um mit sich selbst wenigstens wieder zufrieden zu
werden; darum hatte er für das schon seit Jahren fast ängstlich gemiedene
Schneiderlein eine Halbe Roten bestellt, und darum wohl rief er jetzt dem
Matisle, welches, schon unter der Türe, den wieder sorgfältig zusammengelegten
Brief in die Tasche schob, mit emporgehobenem Glase zu: »Komm noch und trink,
und wenn du ihm schreibst, so sag' es mir, dass ich ihm auch einen Gruss oder so
etwas mitschicken kann.«
    »Ist schon gut, recht gut«, rief das Matisle zurück. »Will schon einmal
kommen, wenn's die Alte, will sagen deine Mutter, nicht merkt. Jetzt aber muss
ich dem Vorsteher nach und ihn um Verzeihung bitten wegen dem Brief. Ich bin
sehr erschrocken, denn unsereiner weiss nie, wo er so einen Mann wieder braucht.«
    Hans warf dem Männchen einen verächtlichen Blick nach und lief dann in der
Stube umher, dass die Gläser auf den Tischen klirrten. Dann begann er auf dem
grossen Backtrog neben dem hintern Tisch einen wilden Marsch zu trommeln, wobei
er von Zeit zu Zeit verstohlen nach dem Jösle hinüberschielte. Dieses sass immer
wie angefroren beim Glase, welches kaum aller fünf Minuten ein wenig leerer
wurde, wie etwa das Schoppenglas eines armen Studentleins, welches gern um ein
billiges im Wirtshause sitzen und die neuesten Zeitungen lesen möchte.
    Endlich sagte Stighans, ihn dünke, dass es nun heut, am Feierabende, denn
doch die höchste Zeit zum Heimgehen sei.
    Jos gab ihm von Herzen recht, während er das allmählich denn doch etwas
erleerende Weinglas mit Wasser wieder füllte.
    Stighans bereute, wieder einmal einer augenblicklichen Stimmung nachgegeben
und alles andere dabei vergessen zu haben, selbst den Zweck seines Kommens, den
kein Mensch als die Wirtin erfahren durfte.
    Jos hatte wohl bemerkt, dass dem Hans etwas fehle, dass aber er ihm da im Wege
sei, fiel ihm um so weniger ein, da ja Hans selbst ihn dableiben hiess.
Vielleicht, meinte er, müsse er hier auf jemand warten helfen, und da könne er
dann, wenn Hans einmal hinausstürmen sollte, auch seine Frage an die Wirtin
richten. Aber Hans ging nie hinaus. Immer stärker trommelte er auf dem Backtrog
herum, während Jos mit der gähnenden Wirtin von allem Erdenklichen zu reden
begann, endlich auch von der nun wieder überstandenen Fastenzeit. Es sei doch
nicht zu leugnen, sagte er, dass in jedem Menschen etwas von der Eva stecke, die
am liebsten nach den verbotenen Früchten lange. Da seien viele, denen das
Fastengebot ungemein viel Redens und Klagens gebe, obwohl man ja so vielerlei
kochen könnte, ohne dass man zuerst rauben und morden müsste. Er würde für die
Erlaubnis, auch an gebotenen Fasttagen Fleisch zu essen, keine fünf Gulden
zahlen, denn ihm sei immer besonders wohl, wenn er nicht an Messer und Blut zu
denken brauche. Auch beim Essen komme viel auf die Einbildung an. Daheim bei der
Mutter sei ihm an manchem Fasttag wohler gewesen als jetzt beim Krämer, obwohl
es dort nicht einmal Eier gegeben habe. »Machest jetzt du da ein Schüsseln- und
Tellergeklapper!« fuhr der Stighans den Schulfreund an. Doch schon im nächsten
Augenblick zuckte etwas wie ein Lächeln über sein breites Gesicht. Stighans
konnte überhaupt nie lange sich über jemand ärgern; er selbst hätte das noch
viel weniger ausgehalten, als wer zufällig eben darunter litt. Nach einer Weile
fuhr er lächelnd fort: »Man könnte glauben, dass Essen dir die liebste Arbeit
wär', wenn man dich heute das erstemal hörte. So schwätzt allenfalls eine
Herrenköchin, und ich weiss wahrhaftig nicht, was du damit willst.«
    »Warten will ich - bis du endlich gehst«, sagte Jos mit kaum verhaltenem
Lachen.
    Es wäre nicht ratsam, jedem Hansen, der eine Halbe zahlt, so zu antworten.
Unserem Hans aber tat diese Offenheit recht in der Seele wohl, und fröhlich
sagte er: »Da haben wir's. Beide wollen das gleiche. Da sieht man nun, dass
gleich und gleich sich nicht immer gern gesellt. Ich hätte dich bald
fortschicken wollen, denn dass ich nicht wegen deinem Kuchengeschwätz dablieb,
kannst du dir denken.«
    Und Hans lachte wieder so hell und fröhlich, dass die Schlagfeder auf der
neuen Stubenuhr einen Klang gab. Jos sprach ernst, beinahe klagend: »Wir sind
uns also nur darum in den Wurf gekommen, weil uns die frühere Offenheit fehlte.
Früher hättest du nur gesagt: So, Jos, jetzt marsch! Ich wäre dann fort und
hätte mich gefreut, morgen die Ursache zu erfahren. Mit dem Vertrauen, Hans, ist
auch das rechte Befehlen und das rechte Folgen aus. Aber das ist ja der Welt
Lauf. Man hat dich besser gepflegt und begossen, drum bist du weit, weit über
mich hinausgewachsen.«
    »Nun«, bemerkte Hans, »bisher stehen wir leider nebeneinander, jeder wartet;
aber für jetzt wird's mir denn doch bald genug, drum sei so gut und geh mit der
Wirtin hinaus, sag' ihr deine Sache ganz kurz. Dann komm und lass uns die Plätze
wechseln.«
    »Für mich ist das am Ende gar nicht nötig«, sagte Jos, der Schneider. »Ich
will nichts von der Wirtin als Eierschalen, damit ich doch auch meine Freud'
hab' am Osterfest.«
    »Und just das«, rief Hans lachend und mit dem Fusse stampfend, »just das
ist's, was auch mich so lange wach erhalten hat.«
    Die Wirtin, die bisher ruhig auf der breiten Bank beim Backofen sass, verliess
rasch ihren Platz, rieb sich die müden Augen, und indem sie die Stube verliess,
tat sie alles, was sie schon oft wieder wach und munter gemacht hatte. Es galt
ja eine kleine Neckerei, und da hatte sie noch immer von Herzen gern nach
Kräften mitgeholfen. Wenn es wie diesmal den Mädchen gelten sollte, besann sie
sich freilich immer zweimal, bevor sie ja sagte; doch als Biggel hat auch sie
und wohl jede sich manches gefallen lassen müssen.
    Bis zu ihrem zwanzigsten Jahre tragen die Bregenzerwälderinnen weite Ärmel
aus beliebigen buntfarbigen Stoffen, und solche Ärmelmädchen werden noch von
allen beinahe wie Kinder behandelt. Nun aber vertauscht das Mädchen diese Ärmel
mit dem engen Schalk aus schwarzer Glanzleinwand, und an einem Feste, gewöhnlich
am Ostertage, zeigt sich der Biggel zum erstenmal ganz neu gekleidet im
Jungfrauenstuhl der Kirche; und wenn die Burschen ihre Eierschalen, die sie dem
Biggel als erstes Zeichen ihrer Aufmerksamkeit streuen wollen, auch schon damals
nicht mehr bis dortin tragen durften, so konnten sie doch noch nicht
unterlassen, ihm wenigstens etwas Hennenfutter vor das Haus auf die Gasse zu
legen; das wird dann von den Eltern der Gefeierten je nach Umständen sehr
verschieden aufgenommen, ausgelegt und berechnet.
    Bald kam die Wirtin mit der Schürze voll Eierschalen wieder in die Stube
zurück. Sie war gewöhnt, jedermann zu dienen; umsonst aber wollte sie so etwas
nie getan haben und war gerade dann am kargsten, wenn ihre Gegenforderung sich
nicht durch Zahlen ausdrücken liess. Wie sie schon gehört hatte, sollten morgen
nicht weniger als acht Biggel ausfliegen. Nun wollte sie denn doch bei so guter
Gelegenheit auch erfahren, auf welche von diesen die beiden Burschen, besonders
der reiche Stighans, es eigentlich abgesehen. Des Krämers eitler Zusel, die noch
kaum neunzehn Jahre hinter sich hatte und die doch - in dem Glauben, ihr stehe
gar alles wohl an - sich schon in den Jungfrauenstuhl machen wollte, wäre so ein
Streich - für sie eine Demütigung - zwar von Herzen zu gönnen gewesen. Ärgerlich
aber blieb dabei der Umstand, dass so eine Aufmerksamkeit von dem reichen
Stighans ihr sicher mehr Freude als Verdruss machte. Früher freilich, als Hans
mit Zusels älterer Schwester Angelika ein Verhältnis einfädelte, war die alte
Stigerin mit Leib und Seele gegen die Krämerei und alles, was drum und dran
hing; jetzt aber galt der Krämer etwas mehr im Hause, und es schien für Hansen
nicht ganz unmöglich, die Zusel in sein Haus zu bringen, obwohl die ältere
Schwester ihm viel besser gepasst hätte. Nein, schon der unglücklich
verheirateten Angelika zuliebe sollte das womöglich verhindert werden. Den
wackern Hans verdiente die Zusel nicht und er auch etwas Besseres. Sie
wenigstens, die Kronenwirtin, wollte lieber in der ganzen Fastenzeit keine Eier
gegessen haben, als dass nun auch noch die Schalen diesem Windspiel zur Freude
benutzt werden sollten. Wissen wenigstens musste sie jetzt Hansens Plan, und mit
ihrem Willen sollte Zusel morgen keinen fröhlicheren Tag erleben, als sie
verdiente.
    Gerade als ob das Mädchen, welches nun durchaus zum Tänzeln und Scharwenzeln
alt genug sein wolle, dort im Herrgottswinkel sitze, stellte sie sich gross vor
den Tisch hin und sagte etwas rauh: »Bisher wolltet ihr beide das nämliche; das
war gut für mich, denn so kann ich euch auf einmal bedienen. Ob es aber von
jetzt an für euch nicht um so böser wäre, wenn ihr noch länger das gleiche
wolltet? Das, ihr Burschen, ist eine ganz andere Frage. Es wäre nicht gut, wenn
ihr euch auch vor dem Hause des Biggels wieder treffen solltet wie hier. Macht's
daher lieber, wie der Jos schon gesagt hat. Seid so offen gegeneinander wie
früher, wo jeder dem anderen lachend seinen Plan mitgeteilt hätte.«
    Jetzt leerte Jos das Glas mit einem Zuge, stellte es vor sich auf den Tisch
und sagte so ernstaft als möglich: »Wir sind dir grossen Dank schuldig für die
Schalen und besonders für deinen guten Rat, den wir beim Heimgehen gewiss redlich
befolgen wollen.«
    So aber hatte die Wirtin es nicht gemeint. Die gute Frau besass auch viel zu
wenig Verstellungskunst, um ihre wahre Absicht noch länger verbergen zu können.
»Halt, ihr Herren«, rief sie lachend, »bei mir fordert man nicht und nimmt
nicht, ohne auch etwas zu geben. Unsereins ist an das gar nicht gewöhnt. Hier
sind meine Schalen, und dort ist euer Geheimnis - wollen wir tauschen oder
nicht?«
    Anfangs würde der Stighans gerne darauf eingegangen sein, jetzt aber war es
ja Ehrensache, treu zum Gefährten zu halten und sich von der listigen Wirtin auf
keine Weise mehr fangen zu lassen. »Nein«, sagte er entschieden, »Tauscher sind
wir keine, und nur so Notändel lassen wir uns keine aufzwängen. Was wir
fordern, wird gehörig bezahlt, dass wir nicht auch noch schöne Worte und Buckerle
machen müssen. Wir wollen aber bald gehen, drum nur herzhaft gesagt, für wieviel
bares Geld wir das Zeug da mitnehmen können.«
    »Ich mag aber nicht«, sagte die Wirtin trotzig und hielt die Schürzenzipfel
fester.
    »Auch gut«, versetzte Stighans ruhig, »ich glaube, du liessest dich nicht
gerne drum ansehen, für so etwas bares Geld genommen zu haben. Behalte du die
Schalen für dich und bring uns Eier. Bezahlt sollen sie dir gehörig werden, und
das Zeug drin bringen wir wohl heraus, wenn wir vom Kochen auch wenig verstehen.
Nicht wahr, Jos?«
    Dieser war bei den letzten Worten erschrocken nach seinen Taschen gefahren,
deren Inhalt Hans viel zu hoch anzuschlagen schien. Der reiche Bauer, die
Verlegenheit des Handwerkers bemerkend, warf einen Kronentaler auf den Tisch und
sagte: »Da, du Eigennutz, ist bares Geld, lauf nun und bring uns Eier, soviel es
dafür leiden mag. Aber mach' schnell, dass wir bald weiter können.«
    »Das wär' mir noch hübsch, das«, eiferte die sorgsame Hausfrau. »Nein,
Bürschchen Liederlich! So wird unter meinem Dache die liebe, gute Gabe Gottes
nicht verunehrt und missbraucht. Habt ihr denn daheim noch nie gesehen und nie
gehört, wie man dafür sorgt, dass doch nie ein Tröpflein oder ein Bröselein von
dem, was so viele auf der Welt bitterlich mangeln, mit Füssen getreten werde?«
    Und indem sie ihre Schürze in die grossen Hüte der beiden Burschen ausleerte,
fuhr sie fort: »Lieber nehmt den Plunder und was ihr wollt umsonst, als dass ihr
in meinem Hause, vor meinen Augen so schändlich frevelt. Es hat doch keine Art
und keine Gattung mehr in der jetzigen Welt. Alles hält man für erlaubt, wenn
man es nur bezahlen kann.«
    »Da ist's wohl am besten, wenn wir gleich gehen, dass wir dir nicht noch mehr
Kreuz machen«, sagte Hans mit etwas gezwungenem Lachen.
    Jos hatte schon nach dem vollen Hute gelangt. Hans suchte noch kleines Geld
für den getrunkenen Wein und folgte dann dem forteilenden Gefährten mit grossen
Schritten langsam nach.
 
                                Zweites Kapitel
              Worin sich Hans und Jos etwas deutlicher aussprechen
Der Mond war eben aufgegangen und schaute freundlich zwischen den von
blütenähnlichen Nebelstreifen umflossenen Bergspitzen aufs neuergrünte Tal herab
und auf die Kirche, deren schlanker Turm neben dem tannenbekränzten Fluhfelsen
emporragte. Nur unwillig gab der neben dem einsamen Gotteshaus am Felsen
vorbeirauschende Strom das trübe Bild des freundlichen Nachtwandlers wieder
zurück. Aber wie er auch zischen und tosen, wie drohend er sich gebärden mochte,
er war doch nicht imstande, die Ruhe der Bewohner seiner gesegneten Ufer zu
stören. Nie schläft wohl der Bauer besser und träumt süsser, als wenn die Flüsse
den unwillig grollenden Winter so mir nichts, dir nichts zum Tale hinaustragen.
Da öffnet er wohl, trotz den ängstlichen Warnungen der besorgten Hausmutter,
sich doch ja vor der Nachtluft in acht zu nehmen, vor dem Schlafengehen die
Fenster des Zimmerchens, um das Klagen und Lärmen des aus dem Lande ziehenden
Feindes recht deutlich zu hören. Im Winter muss man sich wohl oder übel mit
seinen Sorgen ins Zimmer einsperren, und die meisten sind, so sich selbst
überlassen, weitaus am schlimmsten dran, weil sie eben nicht viel mehr
anzufangen wissen, als ihre Langeweile totzustricken oder den Nachbar zu
hecheln, mit dem sie im Frühling und Sommer im schönsten Frieden leben und
arbeiten können. Erst das Auferstehungslied der Natur, das Tosen der Bäche,
welche endlich die eisige Decke wieder zu sprengen vermochten, öffnet auch die
Fenster und die Herzen wieder, dass überallhin ein Gefühl einziehen kann; da
reden sie alle wieder von den Arbeiten des Frühlings, während im Winter fast
jeder sich mit etwas anderem quälte.
    Doch unsere beiden Freunde hatten trotz der wunderschönen Osternacht recht
ungleiche Gedanken, als sie so auf dem mondbeleuchteten Platze zwischen der
tosenden Ach und der stillen Pfarrkirche dahinschritten. Dem Jos tat die frische
Nachtluft recht wunderbar wohl, nachdem er in des Krämers engem
Schneiderstüblein die ganze Woche für den morgigen Tag fast auf Leben und Tod
hatte arbeiten müssen. Ein Gefühl der Freiheit, wie er es noch selten empfand,
hob sein Köpfchen, welches er sonst ein wenig hängen zu lassen pflegte. Erst
jetzt schien ihm sein Trotz gegen den bisherigen Arbeitgeber nicht mehr nur
Folge einer Verstimmung, welche seit Wochen - ja offen sich zugestanden, seit
dem Faschingsdienstag, wo er das erstemal auf einen Tanzplatz kam - sein ganzes
Wesen belastete. Ja, wenn er jetzt alles wieder überdachte, so kam ihm sein
heutiges Betragen, obwohl es ihm den Dienst beim Krämer kostete, ganz gehörig
und planmässig vor. Der harte Winter war nun glücklich überstanden, unter dem
wiedergeschmolzenen Schnee wuchs überall Arbeit hervor, so dass er noch nichts
verloren geben musste, auch wenn seine erste Rechnung fehlte und Hans ihn nicht
auf den Platz seines bisherigen Knechtes liess, welchen letzte Woche ein Bericht
von der Erkrankung seines Vaters auf dessen stattliches Anwesen zurückrief.
    Am Ende lag ihm gar nicht so viel an diesem Dienst. Es war ja fraglich, ob
er da jemals eine frohe Stunde haben könnte und ob nicht die böse Stigerin oder
noch öfter fast die gute Dorotea, Hansens Magd, ihn zum Sterben ärgern würde
... Es gab auch anderwärts Arbeit in frischer, freier Luft, und das war ihm
genug. Wenn er sich nur nicht mehr bloss ins Zimmer zu seinen Gedanken einsperren
musste. Das aber hätt' er jetzt nicht mehr ausgehalten, während ihm früher so
wohl war bei der Nadel, wenn er leise fröstelnd andere hinaus in Kälte und Nässe
gehen sah.
    Es war gerade, als ob er nirgends mehr Ruhe finden könne, seit er auf dem
Faschingsdienstag mit Doroteen getanzt hatte. Noch ärger wurde das, als es
draussen immer mehr erwarmte und der allüberall jubelnd verkündete Frühling ihm
gar nichts als das Zimmer voll Fliegen und noch längere Arbeitstage bringen zu
wollen schien. Gewiss hätte selbst der Krämer, obwohl der sonst so abhängigen
Leuten gegenüber keinen Spass verstand, die trotzigen Stichelreden seines
Schneiders nicht gar so hoch aufgenommen, wenn er seine Stimmung zu fassen und
zu beurteilen imstande gewesen wäre. Aber das war des Krämers Sache nur bei
Leuten, wo es ihm etwas eintrug. In der Karwoche lagen ausser den Wänden des
Zimmers auch noch ganze Berge von dringender Arbeit auf dem armen Schneider, den
der Krämer nach Belieben einspannen zu können meinte. Schon seit Mittwoch
grollte und donnerte es bald da, bald dort; heut abend machten sie sich
gegenseitig ihren Standpunkt klar, und darüber hatte es nun Feuer zwischen ihnen
gegeben, dass sie so bald wohl nicht mehr zusammen unter einem Dache leben
mochten; darum war Jos heut ausnahmsweise lieber ins Wirtshaus als heim zur
Mutter, von der er über seinen Wochenbericht schwerlich ein besonderes Lob
erwartete. Jetzt aber war ihm wieder ganz leicht. Der Riss zwischen ihm und dem
Krämer musste ja recht gross werden, wenn er den Bitten der guten Mutter gegenüber
stark bleiben und einmal aus dieser Krämerhöhle herauskommen sollte. Das beste
war immerhin, wenn er auf alles Bitten und Betteln sagen konnte: »Es geht nicht
mehr«, wenn ihm selbst auf der anderen Seite das auch etwas traurig vorkommen
mochte. »Aber jetzt nichts von Traurigkeit!« rief er sich zu. »Wär's nicht eine
Schande gewesen, wo immer man einmal davon erzählt hätte, dass einer der besten
Schüler sich ohne die Gnade dieses Krämerwurms nicht mehr ordentlich durch die
Welt bringen könne?«
    Die Leute freilich hatten ihm immer ein faules Mutterbüblein gescholten,
weil er nie draussen im Schwabenlande blieb, wo das Einerlei der ungeheuren
Kornfelder dem an die nahen Berge Gewöhnten wie eine furchtbar grosse Rechentafel
vorkam. Ja, lieber als bei den wohlgenährten Württembergern, wo so manches arme
Landeskind Arbeit und Brot fand, blieb er daheim bei der Mutter. Aber seine
Tadler hatten darum denn doch nicht ganz recht. Faul war der Jos nicht. Er
sammelte das von der Ach ausgeworfene Holz, dass die Mutter mehr als genug hatte;
auch gewann er Beeren für den Pfarrer und andere Liebhaber; ja, man konnte ihn
brauchen, wozu man wollte, wenn man ihm nur nichts vom Schwabenland sagte. Diese
Furcht vor der Fremde hatte ihn schon früh in die enge Werkstätte beim Krämer
getrieben, die von diesem nebenbei auch noch als Rumpelkammer benutzt wurde.
Aber so wohl war ihm doch nicht geworden, als Hansjörg, der damals beim Krämer
arbeitete, ihn in die Lehre zu nehmen versprach, wie jetzt, wo er sich von dem
ewigen Nädeln und Fädeln erlöst fühlte.
    Aber nun musste er seine Bitte um Arbeit denn doch ein wenig einzuleiten
beginnen. Wenn Hans ihn auch nicht brauchte, so konnte der ihn doch vielleicht
irgendwo empfehlen. »Jetzt geht denn die Feldarbeit wieder an«, begann er
hustend, »wahrscheinlich schon gleich nach den Feiertagen.« Stighans schien ihn
gar nicht zu hören, der hatte jetzt auch an ganz anderes zu denken. Unverwandt
schielte er zu jenem kleinen Häuschen drüben über der Ach am Argenstein, dessen
halbblinde Fenster mit den runden Scheiben das trübe Bild des Mondes zwischen
neubelaubten Buchenästen hindurchschimmern liessen. Was jetzt wohl das Matisle
dort machte? Das arme, verlassene Matisle, das nicht einmal mit seinen drei
Kindern daheim Arbeit und Brot, ja selbst kein gutes Bett hatte! Gewiss dachte es
an den Hansjörg, der ihm seine Stütze werden sollte, und dabei ballte es seine
Faust vielleicht auch gegen ihn, Stighansen, der ja, wenn auch wider Willen,
seinen wackeren Buben zu den Soldaten gebracht hatte. Wie bitter Stighans auch
den Tod seines einzigen Bruders Karl beweinte, er wünschte doch oft, dass
derselbe, wenn es nun doch einmal sein musste, ein Jahr früher gestorben wäre,
damit er dann nicht mehr zur Rekrutenaushebung hätte mitlosen und verspielen
müssen. Dass es ihm nicht um die paar hundert Gulden war, welche er dem Hansjörg,
seinem Stellvertreter, zu zahlen hatte, wusste wohl jeder, der den Stighans auch
nur ein wenig kennen gelernt hatte. Geizig war er nicht, und seine Sparsamkeit
im Kleinen musste man ihm für Ordnungsliebe auslegen, wenn man seine
Freigebigkeit im Grossen sah. Freilich, er hatte es, denn er war, obwohl es dem
in schlechten Kleidern gleichgültig Daherwatschelnden kein Mensch angesehen
hätte, bei weitem der reichste Bauer in der ganzen Gegend. Ausser dem Stighof,
von dem seine Familie den Namen hatte, und vielen Kapitalbriefen gehörte ihm
auch das stattliche Anwesen in Argenau, einem der vielen Weiler des Dorfes, die
zusammen die Gemeinde Au bilden, und das schlechte Häuschen mit dem Gut am
Argenstein, zu dem er jetzt noch immer so scheu hinüberschielte, während er mit
seinem ehemaligen Schulfreunde langsam und schweigend auf dem seit lange zum
erstenmal wieder trockenen Platze neben der Kirche hart am Fusse des Fluhfelsens
dahinschritt. Erschrocken standen beide still, als sie, plötzlich durch das
dumpfe Geräusch der Schritte in ihren Gedanken unterbrochen, auf der gedeckten
Brücke sich befanden, welche rechts über die Ach zu den an der Arge liegenden
Weilern Argenfall, Argenzipfel und Argenau, dem sogenannten Herrendorfe, führt.
    Hans war ordentlich froh, dass Jos sich auf einen Balken der Seitenwand
setzte, indem er sagte: »Da ist's recht schön und ein gehöriges Durcheinander in
den Wasserwirbeln unten.
    In dem Lärmen und Tosen ist mir immer am wohlsten.«
    »Mir ist's schon auch recht, dass ich etwas höre«, sagte Hans leise, indem er
seinen silberbeschlagenen Tabakkübel aus der Tasche zog. »Da wollen wir eine
Weile sitzen und eins plaudern, lauter, als das Wasser tost.«
    Aber so ein lautes, frohes Gespräch, das alles übertönt und vergessen macht,
lässt sich nicht so mir nichts, dir nichts befehlen. Beide wollten unterhalten
oder vielmehr unterhalten werden, und doch sassen sie wieder schweigend da,
während Hans seinen wohlbeschlagenen Maserkopf aus der mit lieblich duftenden
Blättern bis zum Platzen gefüllten Schweinsblase füllte, die Dorotea ihm mit
seidenen Bändern hübsch eingefasst hatte. Jetzt schlug Hans Feuer, und als der
von seinem Stein aufzuckende Blitz die mächtigen Balken der sonst vom Dache
beschatteten Brücke beleuchtete, dachte er an den armen Hansjörg, der
seinetwegen über so manchen Gewehrblitz erschrecken musste; Jos aber beneidete
den Meister, der durch diese Brücke das Dorf verband und ganzen Geschlechtern
ein Wohltäter wurde. Dann schauten beide durch eine in der Brückenwand gelassene
Öffnung hinab auf die tosend hinausstürzende Ach. Hans erblickte nun auch wieder
die schneeweissen Eierschalen neben sich auf einem Balken und sagte lachend:
»Merkwürdig, wie man doch bei allem Ernste noch ein Kind ist und am Kindischen
seine grösste Freude haben kann!«
    »Und warum auch nicht?« fragte Jos. »Ist einem doch als Kind weitaus am
wohlsten! Ich wollte fast, dass ich mein Lebtag ein Kind hätte bleiben können.«
    »Ich doch nicht«, versetzte Hans schnell. »Glücklich«, fügte er dann sinnend
bei, »recht glücklich sind wir da freilich gewesen.«
    »O gewiss«, fiel Jos, dem das »wir« noch besonders wohlgetan hatte, herzlich
ein und begann dann zu schildern, wie wohl ihm damals gewesen, wenn auch ihn,
den Jungen der unbeliebten Schnepfauerin, nur höchst selten ein Auge freundlich
angeblickt habe. Auch Hans erinnerte sich lachend manches lustigen, tollen
Streiches, den sie damals mitsammen machten. Der gutmütige, nur etwas
unbeholfene Bursche konnte das lebhafte, zu allem aufgelegte Jösle unter den
Kindern der Nachbarschaft weitaus am besten leiden, weil es ihm gewöhnlich auch
die lästigen Schulaufgaben machte und überhaupt aus vielen Verlegenheiten half.
Hansens Vater fand das ganz in der Ordnung. Dafür ja, meinte er, sei man eben
reich, dass man andere gleich einspannen könne, wo man nicht gern selbst ziehe.
Die Stigerin war auch nicht gegen das Einspannen, doch sie wehrte Hansen den
vertrauten Umgang mit einem Menschen, dessen Dasein nach ihrer Ansicht in den
Augen Gottes und aller guten Menschen ein Greuel sein musste. Die arme
Schnepfauerin, die die vom Söhnchen verdienten Kreuzer des reichen Nachbarn
recht grausam nötig gebraucht hätte, kam auf den Gedanken, ihr Jösle sei der
Stigerin zu arm; doch dass sie damit nicht das Richtige getroffen hatte, bewies
später der Umstand, dass sie ihren Hans auch nie neben des reichen Krämers
Angelika sehen wollte, weil ihr Vater manches tat, was sie ihm erst vor drei
Jahren verzieh, als er den Hansjörg, seinen Schneider, - sie kümmerte sich in
der Angst nicht, wie - für ihren jüngeren Sohn zu den Soldaten geschwätzt hatte.
    Als Hans vorhin sagte, dass er doch die Jahre der Kindheit sich nicht mehr
wünschen würde, dachte er sicher an den Zwang, den die Mutter besonders nach dem
Tode des alten Stigers ihm und seinem Bruder selig angetan hatte. Sie durften
nur mit wenigen, meistens langweiligen, verzogenen Kindern aus den besten,
angesehensten Häusern spielen, und so wenig als bei der Wahl ihres Umgangs war
ihnen sonst gestattet, sich ihren Gefühlen und Neigungen zu überlassen. Das war
noch jetzt nicht anders, nur dass Hans sich nun eher daran gewöhnt hatte.
    Als Hans heute den Jos zum Mittrinken einlud, dachte er gewiss nicht im
entferntesten mehr an eine Auffrischung des alten freundschaftlichen
Verhältnisses. Das wäre ja jetzt etwas ganz Neues gewesen, und etwas Neues
wollte Hans ebensowenig als sein seliger Vater, dem er in diesem und noch in
vielen anderen Stücken merkwürdig ähnlich war. Nur sein Schrecken über den vom
Vorsteher vorgelesenen Brief hatte ihn gedrängt, irgend jemandem etwas Gutes zu
tun, um dann mit sich selbst wieder etwas zufriedener zu werden. Wenn es dann
dem Jos gelang, seinen ehemaligen Freund wieder lebhaft an gemeinsam verlebte
schöne Stunden zu erinnern, so darf man doch nicht glauben, dass er da schon als
fortgeschickter Schneider und dienstsuchender Knecht oder Tagwerker geredet
habe. Solchen armen Jöslein stehen in der Regel viel zu wenige Figuren zur
Verfügung, um gute Schachspieler zu werden. Hier auf der dunkeln Brücke, dem
einzigen Platz ausser seinem Hause, wo niemand ihn wegschicken durfte, war
wunderbar obenauf gekommen, was jetzt in ihm arbeitete. Begeistert redete er von
der Zeit, in der sie beide Kopf und Hand, Klugheit und Tatkraft, List und Geld
immer traulich zusammenzuhalten pflegten, bis er durch das Kommen eines Dritten
unterbrochen wurde.
    Es war der Krämer, der sich gleich hart neben Hansen stellte und vertraulich
plauderte, bis er auch den neben ihm im Dunkel sitzenden Schneider erkannte.
»So, du bist auch da?« sagte er etwas verlegen. Dann drehte er sich um, indem er
auch Hansen recht bald und glücklich heimzukommen wünschte.
    Bald waren die festen Tritte des für sein Alter noch ungewöhnlich rüstigen,
nur etwas nach vorn gebeugten Mannes verhallt.
    Unsere beiden Freunde aber dachten noch nicht daran, ihm ins Herrendorf
hinauf zu folgen, von wo der Schatten seines stattlichen Hauses über den Hügel
auf die mondbeglänzte Ach herunterragte. »Ich hätte gedacht«, bemerkte Jos, »der
Krämer hätte nun sein Hühnchen für morgen gerupft und müsste nicht auch noch in
der Nacht Geschäfte machen, da er ohnehin denen die Haare ausreisst, die sich von
ihm kämmen lassen.«
    »Lass ihn doch einmal gehen!« bat Hans in beinahe befehlendem Tone.
    »Ja, wir wollen uns die schöne Stunde nicht verderben«, stimmte der
Schneider bei. »Sie ist wirklich schön, und mir tut es so wohl, dass wir wieder
einmal vertraulich beisammen sind und, wie früher oft, das gleiche haben und das
gleiche wollen. Mir ist das Herz so aufgegangen, dass ich keinem Menschen mehr
etwas absein könnte. Mit dir ist mir der Mut und die Weichheit von früher wieder
gekommen. O Hans, es ist schade, dass du sonst in jetziger Zeit so weit von mir
stehst und so hoch ob mir, dass mir schon fast schwindelt, wenn ich zu dir
hinaufsehe.«
    Hansen schienen diese Worte nicht besonders zu gefallen. Hastig langte er
nach seinem Hute mit den Eierschalen und schritt über die Brücke auf die
Schattenseite hinüber. Jos ging, seine Rede herzlich bereuend, langsam nach. Es
war jedenfalls unklug, den Schwachen schon jetzt wieder an die Abneigung seiner
stolzen Mutter zu erinnern. Schweigend bestiegen sie die kleine Anhöhe, von der
aus sie nun die ringsum an die Berge gleichsam angelehnten Weiler und die einsam
stehende Kirche zu übersehen vermochten.
    Hans stand aufatmend still und sagte lachend: »Dein Schritt passt noch gerade
so zu meinem wie früher. Hans und Jösle, Hans und Jösle, Hans! klappt es noch
wie früher, wenn wir miteinander über die Gasse gingen. Das Hans ist mein Tritt
und das andere Gezappel dein Gang. Mir tut es wohl, das wieder einmal zu hören,
wenn ich mich auch freue, dass wir seitdem älter und auch etwas klüger worden
sind.«
    »Du hast gut fröhlich sein«, erwiderte Jos. »Fröhlich kannst du
zurückschauen und sorglos in die Zukunft. Wer ins Schwabenland hinausfährt, weiss
gar nicht, wie weit es ist. Und auch draussen erlebt er ganz anderes, als wer mit
der ganzen Habe im Zwillichsack auf dem Rücken ermüdet ankommt und einen Dienst
sucht. Ja, Hans, du bist ein glücklicher Wanderer!«
    »Und du?«
    »Ich bin müde worden auf meiner bösen Strecke und nun gar noch verirrt.«
    »Du ermüdet? Das sollte man in den Kalender drucken lassen.«
    »Warum nicht gar! Von mir mag man nicht einmal reden, geschweige denn
schreiben und lesen. Nur wenn ich einmal den Kopf auch ein wenig aufrichten
will, hat man Zeit, mich zu tadeln und wie ein Donnerwetter über mich
herzufahren.«
    »Um so etwas nur tät ich mich eben gar nicht bekümmern.«
    »Ich freilich auch nicht, wenn ich festsässe wie du. Aber den armen Leuten
geht zuweilen alles aus, sogar die Geduld.
    Auch sein Ross und das Rind schützt der Bauer und verzeiht ihnen einen tollen
Sprung, wenn sie sich sonst gut halten; so einem armen Teufel gegenüber jedoch
kennt man keine Gerechtigkeit und dünkt sich selbst um so höher und besser, wenn
man ihm ein rechtes Kohlrabengesicht gemacht hat.«
    »Ist dir wieder einmal einer auf die Zehen gestanden?«
    »Sie treten einem nicht bloss auf seine Zehen, sondern auch auf die Hände,
den Kopf und das Herz.«
    »So geht's einem, wenn er zu geduldig ist und sich so wenig zu regen und zu
wehren weiss wie du«, spottete Hans.
    »Wehre dich, wenn du die Katze im Sack bist, mach' eine Faust, wenn du keine
Hand hast!«
    »Lachen über alles oder gehen ist immer das gescheiteste.«
    »Es ist besser, zwanzig gute Lehren geben, als eine einzige befolgen. Das
Kätzlein weiss gar nicht, wie der Maus zumute ist. Stell' dich an meinen Platz in
Gedanken, weg von deinem Geld und deinem Anwesen, zu einer Mutter, für die du
arbeiten und etwas verdienen möchtest. Kannst du das?«
    »Ganz leicht.«
    »Wir wollen gleich sehen. Sag' mir nur, ob man da nur lachen und gehen kann,
wenn sich auch das Ehrgefühl niemals regen sollte?«
    »Aber so als Ladenschneider hast du doch keinem Menschen etwas nachzufragen,
wenn du nur deine Sache gehörig machst.«
    »Als den Bauern, allen Kunden und dem Krämer und der Zusel. Aber schon an
der hätte einer genug. Das ist dir eine, viel, viel ärger als drei Wochen
Zahnweh. Wenn dich der Alte - denn Vetter mag ich ihn nicht mehr nennen - lange
genug gebügelt und geschert hat, fährt auch sie noch daher auf ihrem Hochmut und
lässt es mich jeden Augenblick empfinden, dass ich nicht der Hansjörg bin, für den
sie ganz ein anderes und ein recht liebliches Paar Augen gehabt hatte. Aber das
ist jetzt aus. Ins Haus geh' ich nicht mehr, aber noch einmal bis vor die Tür,
um dem Pfau diese Schalen da zu streuen. Sie wär' nach dem Brauch noch zu jung
für den Jungfrauenstuhl, drum wird das unseren Biggel nicht wenig ärgern.«
    »Und was willst du dann?« fragte Hans ernst.
    »Was ich kann.«
    »Jetzt gibt's Arbeit genug, wenn einer nicht nur schimpfen, sondern auch
schaffen will. Du hast dich freilich an die Stube gewöhnt, und nicht jeder, der
einen Knecht oder Tagwerker braucht, würde dich gleich anstellen wollen. Komm
nach den Feiertagen zu mir. Man kann dich nicht auf der weiten Gasse lassen.«
    Hans hatte ungewöhnlich entschieden gesprochen, gerade so, als ob jemand das
Gegenteil sagte. Es war ihm auch wirklich, als ob er schon das Kopfschütteln
seiner Mutter sehe, an die auch seine letzten Worte gerichtet waren.
    Jos sagte bei weitem nicht so schnell und freudig ja, als Hans wohl erwartet
hatte.
    »Bei mir«, fing der reiche Bauer wieder an, »bei mir wirst du es dann wohl
aushalten können, und Zuseln, die dir böse Augen machen und dich quälen, gibt es
auch keine. Die Mutter kümmert sich nicht mehr gar so um alles wie früher,
Dorotea aber, die Magd, ist so gut und brav, dass du sicher mit ihr zufrieden
bist.«
    »Das glaub' ich von Herzen gern«, sagte Jos mit einem Seufzer. »Gewiss erleb'
ich in deinem Hause nur Liebes und Gutes, aber es kann einem zuweilen auch das
Heilsamste und Kräftigste ungesund sein, wenn es zur unrechten Zeit genommen
wird.«
    »Zu stolz wenigstens«, bemerkte Hans etwas streng, »wird dir des armen
Matisles Dorotea hoffentlich nicht vorkommen; aber ich weiss gar nicht, wie du
da meinst?«
    »Honig, zum Beispiel«, sagte Jos, »passt viel weniger auf den Hemdkragen als
auf das Butterbrot«.
    Jetzt war Hansens Geduld zu Ende. Er meinte es doch so herzlich gut mit dem
sonderbaren Trotzkopf. Sogar den lieben Hausfrieden setzte er seinetwegen aufs
Spiel, denn es war nicht zu erwarten, dass die Mutter es mit ihm auch habe wie
mit dem Krämer, den sie früher gar nicht leiden konnte, der aber jetzt ein Mann
ganz nach ihrem Herzen war, so dass Hans ohne seinen Rat kaum eine Ziege kaufen
durfte. Hans wenigstens erwartete einen tüchtigen Verweis, dass er so einen
ungeübten Knecht ins Haus bringe, einen Menschen überdies, den sie nun einmal
nicht leiden könne. Dafür aber hatte er von dem dienstlosen Schneiderlein gerade
keinen Dank, doch wenigstens ein freudiges Ja gehofft. Und nun waren solche
schlechte Spässe der Dank und die Antwort. »Der Teufel«, fuhr er auf, »oder wer
sonst Lust hat, mag da dein dummes Gerede deuten und erlesen. Ich will jetzt
ganz kurz und gut wissen, ob du am Dienstag kommst oder nicht.«
    »Ich komme«, sagte Jos, und man konnte ihm dabei leicht anhören, wie wohl
ihm wurde, als er endlich mit sich selbst eins geworden war.
    »Und warum«, fragte Hans, »kommt das denn gar so schwer, dass man fast
meinte, man müsse es mit einer Steinschraube heraufwinden?«
    Das kam dem guten Burschen in diesem Augenblicke so unerwartet und griff
dabei so tief, dass er in der Eile nur eine andere, scheinbar gar nicht hierher
gehörige Frage hervorzubringen vermochte: »Sagst du mir auch, für welches
Mädchen du die Schalen da bekommen hast, nachdem ich gegen dich so offen gewesen
bin?«
    »Von Herzen gern«, antwortete Hans fröhlich, »die sind für Doroteen, die
Magd. Die Wirtin hat also ganz umsonst gefürchtet, es könnte Händel geben ...
Solche Spässe machen wir immer, und du glaubst gar nicht, wie kurzweilig das dann
ist.«
    »Ich kann es mir wohl einbilden«, sagte Jos leise. Hans aber fuhr munter
fort: »Ihr Namenstag fällt in eine Zeit, wo es weder Blumen noch frisches Laub
gibt. Ich und der alte Knecht aber, ein herzguter Kerl und nicht so ein
Kopfhänger wie du heute, wir haben uns gleich zu helfen gewusst. Wir wollten ihr
zeigen, dass wir die Bedeutung kennen, die der sechste Hornung für sie hat. Rate
nun, damit du doch deinen Ärger über die Zusel einmal aus dem Gesichte bringst,
womit wir dem guten Mädchen seinen Namenstag schmückten?«
    »Nun, mit was denn?«
    »Morgens in aller Frühe, noch bevor sich eine Kuh im Stalle regte, haben wir
statt Festbäumchen zwei Besen rechts und links neben der Tür ihrer Kammer auf
die Stiele gestellt, um welche statt Blumen duftendes Bergheu gewunden und mit
alten Hosenträgern befestigt wurde. Schiessen konnte nun freilich keiner von uns,
ein gehöriges Namenstagsgerumpel aber hat es denn doch geben müssen; das hätten
wir durchaus nicht anders getan. Wir suchten auf der Rumpelkammer sorgfältig
alles Küchengeschirr, welches sie im Laufe des Jahres und seit länger
zerschlagen oder unbrauchbar gemacht hatte, und in einem alten, verwetterten
Hute befestigten wir es so ob der Türe, dass es laut klirrend niederstürzte, als
diese von innen geöffnet wurde. Die Gute hat herzlich gelacht über diese
Aufmerksamkeit, die wie eine andere den guten Willen zeigte; doch du musst nicht
glauben, dass uns der Streich geschenkt geblieben sei.«
    Jos konnte nicht so herzlich lachen wie Hans, obwohl er sich wenigstens den
Schein geben wollte. Er war froh, dass er nun bei dem Gässchen anlangte, welches
zum Hause seiner Mutter hinunterführte.
    »Also am Dienstag oder vielleicht schon übermorgen will ich kommen«, rief er
noch zurück und hätte fast dem Hans eine gute Nacht zu wünschen vergessen.
 
                                Drittes Kapitel
                               Die Schnepfauerin
Jos hatte nun doch wieder einen Dienst. Wenn er seiner Mutter erzählte, wie er
dem Krämer und seiner Zusel im Unmute derbe Wahrheiten gesagt habe, so brauchte
er auf ihr jammerndes: »Was aber nun?« nicht mehr verlegen, sprachlos vor ihr zu
stehen. Er hatte jetzt eine Antwort, deren er sich nicht zu schämen brauchte.
Gewiss hatte die Gute recht, dass sie ihn stets zur Geduld ermahnte. Jetzt gestand
er sich das von Herzen gern, denn erst jetzt wagte er, sich's recht lebhaft
vorzustellen, wie schlimm er nun daran wäre, wenn er keinen Platz hätte. Er
dachte dann auch, wie die gute Mutter sich freuen werde, dass nun ihr alter
Lieblingswunsch, ihn bei seinem Schulfreund im Dienst zu sehen, noch so schnell
und unerwartet erfüllt werden sollte. Das alles malte sich Jos beim Heimgehen
aus, um doch auch ein wenig fröhlich zu werden. Doch es war alles beinahe
umsonst. Nicht, dass ihm etwa vor der alten Stigerin besonders bange gewesen
wäre. Seine Erinnerung freilich hatte nur wenig Erfreuliches von ihr bewahrt,
doch damals, als er zuweilen in ihrem Hause spielte, kam ihm manches ganz anders
vor, als seit er beim Krämer gewesen war. Wer immer bei der reichen Witwe gelebt
und mit ihr verkehrt hatte, wusste nur Gutes von ihr zu erzählen, wenn man sie
auch ein wenig stolz oder eher seltsam nannte. Jedenfalls war es neben ihr
leicht auszuhalten, Hans war die Gutmütigkeit selbst und Dorotea - gewiss auch.
    Und doch!
    Das liebliche Mädchen hatte er, wie bereits erwähnt, am letzten
Faschingsdienstag seit Jahren wieder zum erstenmal gesprochen, und jenes
schmerzliche Gefühl, das er von ihr wegnahm, hatte ihn seitdem nie mehr ganz
verlassen. Zuweilen nannte er es den Wunsch, beständig neben Doroteen zu leben
und mit ihr zu arbeiten. Vielleicht aber wurde nun jener Abend das Bild seiner
nächsten Zukunft. Er sah das Mädchen von keinem der eben Tanzenden beachtet in
einem Winkel stehen und suchte sich ihm zu nähern. »Sie ist eine Magd«, dachte
er nach der allgemein im Bregenzerwalde geltenden Regel, man solle nur mit
gleichen Vögeln zu fliegen versuchen.
    So scheu, wie wohl fast jedes arme Bürschchen, welches zum erstenmal im
Leben auf einem Tanzboden auftreten will, fragte er, ob sie nicht, statt hier
beinahe erdrückt zu werden, sich eine Weile mit ihm herumdrehen möchte. »Von
Herzen gern«, antwortete ihre klangvolle Stimme so laut und fröhlich, dass viele
die Köpfe umdrehten und das errötende Paar entweder neugierig oder freundlich
lächelnd anblickten. Es wurde beiden fast angst, doch das währte nicht lange.
Das Tanzen ging wie geflogen. Jos dachte nicht mehr an die Umstehenden; nur noch
sie beide waren da und plauderten so viel zusammen, dass das Schneiderlein es
vorher so gar nicht für möglich gehalten hätte. Freilich, einem anderen, dem
alles Gesprochene erzählt worden wäre, hätte das sicher nicht eben viel Kurzweil
gemacht. Man musste so etwas von Doroteen selbst hören, die in jedes Wort so
gleichsam etwas von ihrem freundlichen Blick, ihrem seligen Lächeln legte und
dann wie das liebliche Echo ihres guten Herzens leise und doch so voll und rein
erklingen liess. Nur dann erst konnte man sich eine schwache Vorstellung davon
machen, wie schöne Minuten das Schneiderlein am Faschingsdienstag erlebte.
Leider waren es nur Minuten, und den neuen Freuden folgten neue Schmerzen
schnell nach. Für das arme, scheue Bürschchen stand der Becher der Freude auf zu
unsicherer, wankender Unterlage, als dass nicht sofort die darin entaltene Hefe
aufgerüttelt worden wäre, die nun alles verbitterte. Es fehlte gar bald am
nötigen Geld, um noch ein Schöpplein einschenken zu lassen, da beim Fortgehen
von Hause auf so etwas nicht gerechnet wurde und auch dort nicht gerade viel
mehr Bares mitzunehmen gewesen wäre. Schon schlich das arme Jösle, welches noch
heute vormittags eine Wirtshausschuld für das Allerschlimmste gehalten hätte,
zitternd und bleich dem hölzernen Aufwärter mit dem unbarmherzigen, starren
Geldtaschengesichte nach, um ein vertrautes Wort mit ihm zu reden, als der Hans
daherpolterte, Doroteen johlend bei der Hand fasste und eine Mass Glühwein samt
geschliffenen Gläsern zu bringen befahl. Wäre Jos imstande gewesen, noch eine
Weile in dem Winkel zu bleiben, in den er sich versteckte, so würde er gesehen
haben, wie Doroteens schöne Augen auch an Hansens vielbeneideter Seite ihn
immer noch in allen Ecken suchten. Aber als ob der Boden unter seinen Füssen
brenne, war er heimgeeilt zur Mutter, der er nun seine Not zu klagen begann.
    Ja, die arme Schnepfauerin hätte dem freundlichen Leser sagen können, warum
das gerade in ihr Kapitel hinein habe kommen müssen. Alles, was der Jos in
seinem Unmute so bitter beklagte, lastete auch auf ihr und ward ihr noch doppelt
schwer durch den Gedanken, dass eigentlich sie und nur sie an allem schuld sei.
»Die Sünden der Eltern werden noch an den Kindern gestraft«, das hörte die Arme
schon früher und hatte nur zu oft Gelegenheit, die Wahrheit dieses Spruches zu
erfahren. War es ihr nun auch noch so schmerzlich, ihren Jos ganz unschuldig
einzig ihretwegen immer wieder angefeindet und zurückgesetzt zu sehen, so hatte
sie dabei doch wieder den Trost, dass der arme Junge sich dadurch doch den Himmel
verdienen könnte. Damit vermochte sie sich wieder zu beruhigen, wenn Jos einmal
mit kaltem Lachen sagte, solche Leute wie er seien einmal dazu da, dass andere
ein Vergnügen hätten und nach Belieben auf ihnen herumtrampeln können. Diese
Ruhe der Verzweiflung, die sie Geduld und Ergebung in den Willen Gottes nannte,
hielt sie für die grösste Gnade, die dem Jos verliehen werden konnte. Sie sah
darin einen Beweis, dass er wenigstens von Gott nicht verlassen sei. Aber seit
jenem Abende war auch dieser Trost verloren. Jos kam als ein ganz anderer heim,
und vergebens betete sie seitdem, dass Gott ihm die frühere Ruhe wieder
verleihen, unter der ihn drückenden Last nicht auch seine Seele tiefer und immer
tiefer sinken lassen möge. Der alte war Jos seit dem Faschingsdienstag
allerdings nicht mehr, das hätte nicht nur der Scharfblick der liebenden Mutter
wahrnehmen können; aber man hätte die Veränderung ebensogut einem plötzlichen
Aufschnellen seiner lange niedergehaltenen inneren Kraft als einem Abnehmen der
Gnade Gottes zuschreiben können. Wenn ihn jetzt der Druck der Fesseln schmerzte,
an denen er immer gewaltiger rüttelte, so machte ihn das nicht mehr schwach wie
früher, sondern immer wilder und trotziger. Das brachte die Mutter beinahe zur
Verzweiflung und machte wahr, was sie schon seit Wochen fürchtete. Der Krämer
war mit dem Jos nicht mehr zufrieden und gab ihm endlich, als die vielen
Arbeiten auf Ostern fertig waren, mit einem Wochenlöhnchen, das die Mutter nur
nährte, weil auch sie mit Sticken noch manchen Batzen dazu verdiente, den
Abschied.
    Es wäre ihm bange gewesen, wenn er so ohne besseren Bericht zur Mutter hätte
gehen müssen. Der unbewusst in ihm erwachende Wunsch, von jetzt an neben dem
lieben Mädchen zu leben und zu arbeiten, hatte ihn in die Nähe des Glücklichen
getrieben, der das ganze liebe, lange Jahr kaum von ihrer Seite kam. Hansens
Antrag trieb ihm alles Blut ins Gesicht, und auch noch, nachdem er zugesagt
hatte, plagte ihn beständig die Frage, wie oft es ihm wohl gehen werde wie am
Faschingsdienstag. Ja, er hatte wirklich nur zu kommen versprochen, weil er
wusste, dass das die Mutter freuen werde, wie die Arme lange nichts mehr gefreut.
Als dann Hans das schöne, frohe Zusammenleben mit Doroteen schilderte, ward ihm
unaussprechlich weh, und er verliess seinen künftigen Broterrn in der übelsten
Stimmung. Vor der Beige von Bach- oder Bettlerholz, welches er und die Mutter
nach einer Überschwemmung neben der Ach zusammengelesen hatten, blieb er stehen
und sah das Bild des Mondes, wie es von den kleinen, halbblinden Scheiben der
Fenster seines Häuschens trüb und traurig zurückgeworfen wurde. »Alles«, rief er
laut, »gar alles, auch der liebe Mond kommt verdorben wieder aus so einer Hütte.
Ist's da noch zum Verwundern, wenn man auch an mir etwas Ähnliches bemerken
will?«
    Jetzt öffnete sich das Fenster, und eine sanfte Frauenstimme fragte: »Jos -
bist du da?«
    Wie aus dem geöffneten Fenster das trübe Bild des Mondes, so war auch des
Schneiders Unmut plötzlich verschwunden. Die Mutter war also auch noch wach.
Vermutlich hatte sie bis jetzt immer gestickt, um mit ihrer Arbeit noch vor den
Feiertagen fertig zu werden und den Lohn dafür zu erhalten.
    »Ja, Mutter«, antwortete er ganz eigen weich, und im nächsten Augenblicke
knarrte die schwere Haustür.
    »Ich hab' deinetwegen schon fast Kummer gehabt«, redete die blasse
Schnepfauerin den Eintretenden an, indem sie mit der weissen, fast durchsichtigen
Hand über die wohl vom vielen Nachtarbeiten so stark geröteten Augen fuhr. »Du
kommst sonst immer zur rechten Zeit«, setzte sie lobend bei und versuchte zu
lächeln.
    »Was würdest du aber sagen, Mutter, wenn ich von jetzt an auch abends nicht
mehr heimkommen tät'?« fragte Jos, indem er sich neben sie auf die Ofenbank
setzte und ihre Hand ergriff.
    »Grosser Gott! Bedeutet es kein Unglück, dass wir so auf den gleichen Gedanken
gekommen sind? Wenn du nicht mehr kommen tätest und mir tragen hülfest und dich
freutest mit mir, es wäre so schrecklich, dass ich doch hoffe, der liebe Gott
werde mir das nicht auch noch aufladen zu so vielem anderen.«
    »Gewiss nicht, liebe Mutter! Er will dir nur wieder einmal eine rechte Freude
machen und hat es drum gefügt, dass endlich dein Lieblingswunsch in Erfüllung
geht. Heimkommen aber werde ich nun freilich seltener, wenn ich auch immer nahe
bleibe. Ich komme am Dienstag als Knecht auf den Stighof.« Jos begann nun zu
erzählen, aber gar nicht so regelmässig wie sonst. Der guten Mutter sollte die
Freude nicht noch dadurch getrübt werden, dass sie erfuhr, wie weh er und der
Krämer sich in den letzten Tagen bei jeder Gelegenheit getan. Es war wohl das
erstemal, dass er der Mutter etwas ihr Wichtiges verschweigen wollte. Es war ihm
aber doch nicht recht wohl dabei, und mit eigener Hast kam er bald auf andere
Dorfneuigkeiten, und besonders breit wurde sein Bericht, als er von dem in der
Krone vorgelesenen Brief, zu erzählen begann.
    »Das ist für den Josef Anton noch viel zu früh, wenn der Hansjörg schon
wieder heimkommen sollte. Er ist ja noch kaum drei Jahre fort.«
    Diese Rede war der Schnepfauerin nur so entronnen. Sonst pflegte sie ihren
Bruder wie andere nur den Krämer zu heissen, und dem Jos war es von Kindheit an
streng verboten, ihn Vetter zu nennen. Dieses Verbot wurde ihm auch nie schwer.
Dafür hatte der Krämer durch sein Betragen von je her gesorgt. Nur wenn der
Schneider einmal einen rechten Zorn auf ihn hatte, nannte er ihn Vetter Josef
Anton - der Krämer meinte, um ihn mit der Erinnerung an die ihm so lästige
Verwandtschaft zu ärgern. Vielleicht aber geschah das nur, weil Jos von dem
Bruder seiner Mutter jede Unbill doppelt schmerzlich empfand. Heute horchte er
erstaunt auf. In so eigener Weise hätte die Mutter nicht geredet, wenn zwischen
dem Hansjörg und dem Krämer alles ganz eben gewesen wäre.
    »Aber«, sagte Jos sinnend, »Hansjörg ist doch mit dem Krämer immer gut
ausgekommen. Ich war schon damals dort, ich wüsste mich jedoch nicht zu erinnern,
dass er selbst mit der Zusel jemals ein böses Wort gewechselt hätte.«
    »Ja«, lächelte die Mutter wehmütig, »die zwei sind nur zu gut einig gewesen,
sonst hätte wohl Hansjörg nie zu den Kaiserlichen gehen müssen.«
    »Richtig«, fuhr Jos auf, »das gleicht wieder ganz dem starren, knochigen,
felsenköpfigen, grauäugigen alten Sünder. Dem hab' ich's aber heute gesagt, er
sehe mit seinen Spitzbubenaugen alle Menschen bloss für Tiere an. Solang er an
ihnen herummelken könne, seien sie ihm recht, der beste wie der schlechteste,
hernach aber ziehe er allen, und selbst den nächsten Verwandten, die Haut über
die Ohren.«
    »Hast du das sagen dürfen?«
    »Warum nicht«, fragte Jos zurück und erzählte nun in seinem Eifer auch das,
was er der Mutter zu verschweigen beabsichtigte.
    Endlich kam diese wieder zu Worte. Doch hörte man es dem Ton ihrer Stimme
sowohl als dem Ernst ihrer Worte an, wie ihr die Freude darüber, dass das Jösle
nun zu Stighansen kommen sollte, durch dessen letzte Mitteilung bedeutend
verdorben ward. »So wie du da«, sprach sie, »dürfen unserlei Leute sich nie
erbrechen. Die Reichen wollen nichts geschenkt, und das Böse zahlen sie
gewöhnlich am reichlichsten wieder zurück. Gewiss, Bürschlein, dein so
aufbrausendes Wesen schadet dir mehr als deine Armut. Du magst oft recht haben,
aber zum Strafen ist Gott da, wenn er will, und zum Predigen der Pfarrer. So
abhängigen Leutlein wie uns schadet es weniger, wenn man alles isst, was man hat,
als wenn man alles sagt, was man wüsste.«
    »Ach, Mutter, du glaubst nicht, wie weh mir dieses Zusprechen immer tut«,
rief Jos und begann, ihre bisher festgehaltene Hand fallen lassend, hastig in
der Stube auf und ab zu schreiten. »Kriechen kann ich nicht, und die Wahrheit
müsste heraus, wenn ich von so einem Feinde derselben viel abhängiger wäre, als
ich wirklich es bin.«
    Die Mutter sah den Erregten traurig an. Oh, er kannte die Welt, die böse,
böse Welt noch nicht. Er war viel zu leichtsinnig, überliess sich zu sehr dem
Augenblicke, wie früher auch sie. Auch sie war durch Leichtsinn so unglücklich
geworden und hatte aus der zwar armen, aber doch so warmen Heimat fliehen müssen
wie eine Verbrecherin. Sie war das Kind ordentlicher Leute. Ihr Haus und ihr
Anwesen in Schnepfau hatte sie und ihre Geschwister ernährt. Ihre Mutter war
eine arbeitsame Frau, die der Vater als Mädchen im Vorderwalde kennen lernte.
Ihre drei Kinder hatten viel von ihrer Lebhaftigkeit und Unternehmungslust.
Elisabet, das jüngste, erlebte die ersten bösen Tage, als ihr Vater, ein
gutmütiger, nicht gerade besonders pfiffiger Bauer, bedeutend erkrankte. Schon
am dritten Tage sagte man vom Sterben und davon, dass es höchste Zeit sei, mit
allem Zeitlichen die letzte Rechnung zu machen. Der gute Mann meinte, unredlich
erworbenes Gut besitze er nicht, Schätze hab' er auch keine vergraben, und was
durch seinen Fleiss zusammengekommen, sei wohl am schnellsten geteilt und am
redlichsten, wenn er alles ohne Testament seinen Kindern zufallen lasse. Es
stehe denen dann frei, ob sie noch länger gemeinsam wirtschaften oder gleich
alles in Frieden teilen wollten. Der Pfarrer jedoch war ganz anderer Meinung und
tat alles mögliche, um seine Kenntnis des Rechtes zur Geltung zu bringen. Den
Kindern wurde kalt und heiss, als der fromme Mann dem kranken Vater des langen
und breiten ausmalte, wie schlimm der Mutter gehen könnte, wenn man sie der
Gnade ihrer Kinder überliesse, und dass es daher Pflicht sei, das Vermögen jetzt
ihr fast ganz zu verschreiben und das Anwesen um ein billiges an den ältesten
Sohn zu verkaufen, dass der dann der Schuldner der Mutter und von ihr abhängig
werde. Der Bauer wehrte sich, so gut sich ein strenggläubiger Bauer in einer
Krankheit, die er für seine letzte hält, seinem geistlichen Rat, dem
Seelenhirten, gegenüber zu wehren imstande ist, und gab dann endlich mit dem
peinlichen Gefühl, von der Väter Sitte abweichend, Neid und Unfrieden unter die
Seinen zu streuen, in Gottes Namen und der ewigen Seligkeit zulieb' seufzend
nach. Des Vaters Zustand begann sich wenige Tage, nachdem er seinen »freien
letzten Willen« mit einem Kreuz unterzeichnet hatte, wieder zu bessern. Er wurde
noch einmal eine Zeitlang ziemlich gut, aber in seinem Hause war viel, alles
anders geworden. Wohl hatten seine Kinder nicht etwa nur mit Taglöhnersinn wie
recht eigennützige Erben auf dem einst ihnen zufallenden Erbe gearbeitet. Das
Gefühl der Zusammengehörigkeit war in allen so warm, dass Fleiss und Frieden ihre
schönsten Blüten treiben und zur Reife bringen konnten. Nun aber, da sie sich
auseinandergerissen, ja sich gegenübergestellt fühlten, fiel das schöne Gebäude
zusammen wie ein Haus, unter dem jeder Arbeiter den von ihm gezimmerten
Tragbalken wieder wegreisst. Die beiden Brüder besonders gerieten so oft in
heftigsten Streit, dass das friedliebende Mädchen nicht mehr mit ihnen unter
einem Dache leben mochte und sich in das besuchteste Wirtshaus des Dorfes als
Magd verdingte. Josef Anton fing einen Hausierhandel an, da er auch nicht mehr
für den bevorzugten Bruder umsonst arbeiten mochte. So stand denn nur noch eines
seiner Kinder am Bette des unglücklichen Vaters, als dieser ein Jahr später am
Kummer über den von ihm angerichteten Hauskrieg starb.
    Der Erbe des Anwesens verheiratete sich nun mit einem wohlhabenden Mädchen.
Seinem Bruder aber schien der Himmel den Verlust des väterlichen Erbes reichlich
ersetzen zu wollen. Josef Antons anfangs kleiner Handel gewann immer mehr an
Umfang und Bedeutung, wie das kaum anders sein konnte zu einer Zeit, wo noch
ganze Dörfer nur von Hausierern bedient wurden, die man überall als Hausfreunde,
lebendige Wochenblätter und Ratgeber sehr hoch schätzte. Seine Schwester
verlebte unterdessen auf einem Platze, wo manche es gar nicht aushalten zu
können meinte, so frohe Tage, wie sie ausser dem Vaterhause nimmer zu erleben
hoffte. Eben weil sie, ein mittelloses, verlassenes Mädchen, auf der Welt kaum
noch etwas Gutes erwartete, wurde es ihr leichter, einen so strengen Dienst zu
versehen und selbst die vielen Launen der mit ihrem Manne im dreissigjährigen
Kriege lebenden geldstolzen Wirtin - wenn auch nicht immer geduldig - zu
ertragen. Da sie aber keinen besseren Platz wusste und nicht heim wollte, liess
sie alles über sich ergehen und blieb. Das war ganz leicht erklärlich, aber dass
sie später, da auch andere Leute sie kennen und schätzen gelernt hatten, gar
manchen viel besseren Dienst ausschlug, konnte niemand begreifen, weil eben
niemand wusste, wie innig sie sich hier gefesselt fühlte. Der Fuhrknecht des
Wirtes, ein junger, lustiger Bursche, war der erste Mensch, der ihr kein
eigennütziges Kind dieser bösen Welt zu sein schien. Er konnte wirklich so wenig
bei jeder Gelegenheit nur seinen Vorteil berechnen als sie. Oft und oft hätte
ihn sein Eifer, das Mädchen der Wirtin gegenüber entschieden zu verteidigen, den
Dienst gekostet, wenn das Geschäft des tüchtigen Burschen hätte entbehren
können. Dem unter rohen, selbstsüchtigen Menschen aufgewachsenen Mädchen wurde
ganz eigentümlich, wenn es den armen Burschen mit allem, was er hatte, für sie
einstehen sah gegenüber einem Weibe, welches in drei Gemeinden gefürchtet wurde.
Hoch klopfte das Herz, wenn es den schönen Burschen vor der polternden Frau
stehen sah, der er in schönem Zorne die Meinung sagte, wie es selbst ihr Mann -
der arme Schlucker, den die reiche Witwe nur aus Gnade geheiratet haben wollte -
noch selten wagte. Ja oft traten dem Mädchen die hellen Tränen in die Augen,
wenn ihr Lob von den Lippen des guten Burschen floss. Er wurde dann immer wärmer,
und zuweilen klang das, was er sprach, fast wie ein Lied, und auch ihm sah man
die Augen erfeuchten, bis er zuletzt kaum noch reden konnte. Und warum tat er
das, warum vergass er nie, ihr ein kleines Geschenk, wenn auch zuweilen nur eine
Blume, ein Bildchen mit einem schönen Vers, mit heimzubringen? Einzig nur, weil
er der Guterzigste, der Beste war auf der Welt, antwortete sich anfangs das
Mädchen, in dem eine Neigung erwacht war, wie man sie nur denjenigen zu
schildern vermöchte, die sich einst auch so ganz verlassen fühlten. Ja später
fragte und antwortete sich das Lisabetle gar nicht mehr. Es las jetzt freudig
erschrocken die schönen Verslein auf den Bildern, die er von Bregenz brachte,
und fand alles natürlich, alles in der Ordnung. Schon redeten sie ernstlich vom
Heiraten, sobald sie noch einige Jahreslöhne beisammen hätten, und noch hatte
kein Mensch etwas von einem ernstlicheren Verhältnisse gemerkt, was wohl nur
dadurch zu erklären ist, dass man sich in diesem Hause nicht viel darum kümmerte,
wie und wo das Gesinde - hier Gesindel genannt - sich die seltenen freien
Stunden vertrieb. So verlebten denn die beiden schöne Tage, bis Jos zur
Rekrutenaushebung berufen wurde. Es war im Frühling, und das Lisabetle sank
ohnmächtig auf das von ihm eben sorgfältig gejätete Gartenbeet, als zwei
Vorübergehende sich das Ergebnis der Losung berichteten. Hier fand sie Jos, der,
da er keinen Ersatzmann zu zahlen vermochte, schon dem Kaiser den Eid hatte
schwören müssen. Weinend stürzten die beiden sich in die Arme. Lange jammerten
sie, dann vergassen sie noch einmal das Künftige, die ganze Welt und alles. Beim
Grauen des anderen Morgens sah das Lisabetle seinen Jos zum letztenmal. Er
hatte die Zeit der Rückkehr in seine Heimat nicht mehr erlebt.
    Zuerst nach der Abreise des Jos war das Mädchen noch stiller und geduldiger
als vorher, nur an der Arbeit schien es keine rechte Lust mehr zu haben. Ja
einmal, mitten im Heuen, lief es von aller Arbeit weg und sagte nur, es müsse
nach Au, um mit dem Doktor zu reden wegen seinem Kopfweh. So etwas war der
Wirtin noch nie vorgekommen, wie viele Mägde sie auch schon gehabt hatte. Je
öfter sie nachmittags davon redete, desto zorniger wurde sie und desto fester
ihr Entschluss, der liederlichen Person noch heute den Abschied zu geben. Dazu
aber war es zu spät. Abends erschien statt der erwarteten Magd eine Base von
ihr, die sich vor Jahren in Au, der Nachbargemeinde, verheiratet hatte, um
Lisabetles Kleider und den Lohn zu holen, da dieses plötzlich ein wenig
erkrankt sei und kein Mensch wissen könne, wann es wieder besser werde.
    Das arme Mädchen wagte nämlich nicht, bei seiner Mutter eine Zuflucht zu
suchen. Die jetzt schrecklich fromme Frau, die keinen Hauskrieg fürchtete, wenn
sie, der Aufforderung des Pfarrers folgend, wieder eine fromme Stiftung machte,
hätte gewiss für das arme gefallene Mädchen kein Herz, sondern nichts als die
bittersten Vorwürfe gehabt. Drum blieb es denn beim armen, kinderlosen Vetter in
Au in einem Nebenstübchen, wo es sich mit Sticken und Nähen kümmerlich
durchbringen musste, bis der kleine Jos kam und nun manche Stunde des Tages in
Anspruch nahm. Auch jetzt noch ging sie nicht in ihr Heimatsdorf zurück, ja
jetzt erst recht gar nicht, denn schon der Gedanke an das, was sie in der
Kirche, wo sie getauft wurde und die erste Kommunion empfing, erleben müsste,
machte sie erbeben und gab ihr auch Kraft zu jeder Anstrengung, jeder Entsagung,
dass sie doch keinen Menschen in Au belästigen und dadurch Veranlassung zu ihrer
Ausweisung geben müsse. Noch aus frühester Kindheit her konnte sie sich
schrecklich lebhaft vorstellen, was ein verführtes Mädchen hatte ausstehen
müssen, als es zum erstenmal am Osterfeste, das strenge Kirchengebot erfüllend,
den Gottesdienst mit der ihm von dem Gemeindediener angehängten alten Geige zu
besuchen wagte. Der Pfarrer liess die Übung dieses alten Landesbrauchs zu, wenn
dabei der Gottesdienst auch durch die rohesten Spässe entweiht wurde. Das gab der
Dorfjugend den Mut, sich nach der Messe, die kein Mensch auch nur mit einiger
Andacht angehört hatte, wie früher ihre Urgrossväter in zwei Reihen vor der
Kirche aufzustellen und die schutz-, ehr- und rechtlos gewordene schöne
Sünderin, die zwischen ihnen hindurch musste, mit Kot zu werfen und auf die
roheste Weise zu misshandeln. Freilich war seitdem manches Jahr vergangen.
Niemand hatte mehr von der Sache geredet, und vielleicht war endlich dieser alte
Brauch vergessen. Vielleicht aber auch nicht. Unbarmherzige Eiferer und rohe
Leute gab es ja noch genug, sagte sich das Lisabetle und wagte selbst am
Begräbnistag der Mutter nicht mehr die Pfarrkirche zu besuchen. Es war ihr dabei
ein grosser Trost, dass sie sich in Au überall ohne Erröten sehen lassen durfte.
Ihr Unglück und ihr Fleiss hatten ihr hier manches Herz gewonnen. Man betrachtete
sie um so eher als zur Gemeinde gehörend, da man es beinahe als Ehrensache
empfand, die nicht zu verstossen, solange sie durch ihr Betragen keine
Veranlassung gab, die hier eine Zufluchtsstätte gesucht hatte. Nicht einmal ein
Heimatschein wurde ihr abgefordert, und viele freuten sich darüber, dass es ihr
gelang, mit dem, was sie vom älteren Bruder als Erbe erhielt, und mit dem, was
der verstorbene Soldat ihr zukommen liess, das Häuschen in Argenau zu kaufen,
welches sie noch vor dem Tode ihrer Verwandten bezog und in dem wir sie auch
jetzt noch finden.
    Da, unter eigenem Dache, schlief sie nun wieder viel besser, und auch die
Wochen vergingen etwas schneller. Schon viermal hatte sie den Erdäpfelwinkel im
engen, niedrigen Keller geleert und ebenso oft die Knollenfrüchte vom Acker
heimgebracht auf dem kleinen Handwägelein, in welchem man sonst den etwas
verwöhnten Stighans im Dorfe herumzuführen pflegte. Der kleine Jos sprang
fröhlich hinten nach, doch sah man es seinen ersten Höschen ganz deutlich an,
dass er auf den Knien auflas, was die Mutter herausgegraben hatte. Es war ein
flinkes, talentvolles Bürschchen, über das hinweg nun die Mutter wieder zuweilen
in die Zukunft zu blicken wagte. Früher hatte sie als Büsserin alles ruhig über
sich kommen lassen, was nach ihrer Ansicht der erzürnte Himmelvater schickte,
ohne sich zu rühren und zu regen, ja ohne nur einmal zu denken, dass es anders
sein könnte oder sollte. Erst die Mutterliebe vermochte sie aus dieser Starrheit
zu bringen, das Schreien des hungrigen Kindes sie aus einem schlummerähnlichen
Zustande zu wecken und sie von manchem düstern Traume zu befreien. Mit den neuen
Pflichten kam auch Selbstvertrauen und Kraft, manches Widerwärtige von dem
schuldlosen Kinde abzuwehren, ihm die Mutter gesund zu erhalten und als solche
gleichsam ein neues Leben zu beginnen. Das tat sie denn auch mit Anstrengung
aller Kräfte und lebte dabei so abgeschlossen und still, dass wohl kein Mensch
sich hätte einbilden können, die Wahl eines neuen Gemeindevorstehers könnte für
sie und ihren geringen Verkehr mit der Nachbarschaft irgendwie ein wichtiges
Ereignis sein. Und doch war es so. Der neue Vorsteher sah beim Durchgehen der
ihm übergebenen Schriften, dass das Lisabetle noch keinen Heimatschein
beigebracht hatte, und glaubte nun, von der Vorstehung in Schnepfau einen
solchen, wenn auch nur der Form wegen, fordern zu müssen. Die Antwort von
Schnepfau aber verwies kurz und nicht ohne Beimischung von Spott auf das Gesetz,
nach dem jeder Fremde der Gemeinde gehört und zur Last fällt, in der ihm vier
Jahre ohne Heimatschein sich aufzuhalten gestattet wurde.
    Jetzt hatte alle Milde und Gutmütigkeit auf einmal ein Ende. Bisher hatte
man die stille, fleissige Stickerin als eine Unglückliche beschützt und geliebt,
keinem Menschen war sie gross in den Augen gewesen; nun aber war sie eine der
Gemeinde aufgedrungene Last, gleichsam das lebendige Denkmal einer von der
Regierung des Dorfes gemachten Dummheit. Sie hiess nun die Schnepfauerin, und
schon in diesem Namen lag etwas, das sich als Misston fast in jedes mit einer
Nachbarin beim Brunnen geführte Gespräch mischte. Die so aus der Heimat
Verstossene wurde immer argwöhnisch beobachtet, niemand traute ihr recht, und
sogar der kleine Jos musste dafür büssen, indem die Stigerin, der die Geschichte
wie ein grosser Klecks in dem Zeugnis ihres Vetters, des Altvorstehers, erschien,
ihrem Hans den Umgang mit dem Jungen einer aus der Heimat verstossenen Person
verbieten wollte.
    Das war jedoch nur der erste, leider bei weitem nicht der einzige Fall
dieser Art. Die meisten Bauern dachten wie die Stigerin und lehrten auch ihre
Kinder so denken, während die Ortsarmen durch sie schon im Genusse der
Armenkasse verkürzt zu werden fürchteten. Man fuhr wie gewöhnlich mit dem nun
einmal aufgelesenen Ärger dort hinaus, wo der Hag am niedrigsten, am schwächsten
war, und die arme Schnepfauerin mit ihrem Jösle musste alles entgelten.
    Und doch hätte die Unglückliche an diesem Schnepfauer Streich auch ohne die
ihr daraus erwachsenden äusseren Plagereien schon genug Herzleid empfunden.
Bitterlicher als jetzt oft hatte sie selbst damals nicht geweint, als ihre Scham
sie aus der Gemeinde trieb, die nun sie und ihr unschuldiges Kind aufs
schmählichste für immer verstiess. Oh, vieles hätte sie tun mögen, um sich
Achtung und Liebe zu verdienen. Oft, wenn sie in langen Winternächten arbeitete,
bis das allzu sehr angestrengte Auge den auf die Stickerei fallenden hellen
Schein der neben das Licht gestellten Glaskugel rötlich und bläulich aufflammen
zu sehen glaubte, sann sie nach, ob man sie und ihren guten Willen denn gar
nirgends brauche in diesem ewigen Einerlei. Zuweilen wünschte sie, ihr Leben für
andere wagen zu können! Aber wenn sie dann das ruhige Atmen des neben ihr
entschlummerten Kindes hörte, fuhr sie freudig erschrocken aus ihren Träumen auf
und brachte den Liebling mit doppelter Zärtlichkeit ins Bettlein, wie wenn sie
ihn wegen dem bösen Gedanken, der sie von ihm abzog, um Verzeihung hätte bitten
wollen. Erst das Jösle war vielleicht einmal imstande, sich und ihr wieder Boden
zu gewinnen, dass dann auch der alte Vorsteher seine Nachlässigkeit nicht mehr
bereuen musste.
    Von jetzt an durfte es nicht mehr so schlecht gekleidet herumgehen wie
bisher, wenn sie sich darum auch halb blind hätte arbeiten müssen. Sie brachte
überhaupt dem Scheine viel eher ein Opfer als früher, wo sie sich noch ganz
unbeobachtet glaubte. Man sollte sie nicht für zurückgekommen halten und den
Namen Schnepfauerin, der nun einmal nicht mehr wegzubringen war, wieder
aussprechen lernen, ohne dabei den Mund zu verziehen. Es galt ja das Wohl, die
Zukunft des Kindes, dem sie den Vater ersetzen sollte. Dieser Gedanke gab ihr
eine bewunderungswürdige Kraft und Ausdauer, aber niemand war, sie zu bewundern.
Sie galt für ein leichtsinniges Geschöpf, und doch war wohl kaum ein Mensch im
Dorfe, der innerlich und äusserlich so viel durchzukämpfen hatte wie sie, ohne
dass etwas anderes sie belohnte als - der freundliche Blick des seligen
Geliebten, den sie in trüben und frohen Stunden immer vor sich zu sehen glaubte.
Er war der einzige, mit dem sie sich besprach über die Zukunft ihres Josef, der
seine traurige Lage so spät als möglich ganz kennenlernen sollte und daher auch
nie merken durfte, was alles sie für ihn tat, litt und entbehrte. Nur dass er
arm, daher von Wohlhabenden abhängig sei, sollte er wissen, um deren Launen
etwas geduldiger zu ertragen und sich nicht überall schon zu Hause zu wähnen.
Ja, in diesem Stück konnte die sonst so zärtliche Mutter recht hart sein. Jösles
Klagen über die Ungezogenheit reicher Kinder, ihre Härte und Bosheit, suchte
sie, wenn auch mit blutendem Herzen, wegzuscherzen. Da tadelte sie seinen Trotz,
wie recht sie ihm auch innerlich geben mochte, und hatte dafür die Freude, zu
sehen, dass der Stighans immer noch den Umgang mit ihrem Jösle suchte, wie
strenge das ihm auch von der Mutter verboten wurde. Das Schneiderlein hatte ganz
recht, wenn es einen alten Lieblingswunsch der Mutter erfüllt glaubte, da es nun
als Knecht auf den Stighof kommen sollte. Schon vor vielen Jahren hatte sie
daran gedacht, und erst als sie aus dem vertrauten Umgange der beiden Knaben für
ihre Zukunft nichts erwachsen zu sehen meinte, konnte sie sich entschliessen, den
Jos zuerst ins sogenannte Schwabenland zu verdingen und dann, da er dort nicht
blieb, bei dem unterdessen wohlhabend gewordenen Bruder Josef Anton, dem Krämer,
ein Handwerk lernen zu lassen. Das war die einzige Bitte gewesen, die sie noch
an den Bruder richtete, und er hatte sie erfüllt, obwohl er es früher hoch und
teuer verschwor, er werde weder sie, die ihm überall im Wege stehe, deren
Schande die ganze Verwandtschaft niederdrücke, noch den Jungen jemals unter sein
Dach kommen lassen. Es schien ihm endlich gelungen, den Jos wie einen ganz
Fremden anzusehen, und diesem fiel es nie ein, ihn durch das Wort Vetter an die
nahe Verwandtschaft zu erinnern, wenn er es nicht gerade dem harten Manne zum
Possen tat wie heute. Die Schnepfauerin dankte Gott von Herzen, dass der längst
gefürchtete Wortwechsel der beiden für Jos noch so gute Folgen hatte. Als echte
Bregenzerwälderin sah sie die Aufnahme eines Dienstboten als einen Akt des
Vertrauens und grosser Hochachtung an. Der nun in Aussicht stehende höhere Lohn
freute sie nicht halb so wie der Umstand, dass Jos nun in ein rechtes Haus,
mitten in die wichtigste Arbeit hineinkam, gleichsam auf einen besonders
erhöhten Posten in der Gemeinde, auf dem nun viele Menschen ihn sehen und
hoffentlich auch schätzen lernen konnten.
    Es gab noch so viel zu besprechen, dass man erst spät in der Nacht ans
Schlafen dachte. Die Mutter, besorgt um den leidenschaftlichen, immer etwas
raschen, leichtsinnigen Jos und erfreut über seinen Bericht, hätte gleich wieder
zu arbeiten anfangen mögen, wenn sie dadurch nicht das hohe Osterfest zu
enteiligen gefürchtet hätte.
    Jos dachte beim Einschlafen noch an seine Eierschalen, die er vor der Mutter
sorgfältig verborgen hatte. Sie sollte da nichts zu sorgen bekommen. Im Traum
sah er des Krämers Haus mit der grossen, buntbemalten Türe, vor der die
Eierschalen lagen. Als dann statt der Zusel Stighansens Magd herauskam, erschrak
er so, dass er darüber erwachte.
 
                                Viertes Kapitel
                        Was Zusel am Ostersonntag erlebt
»Wie das Wetter am Ostertag ist, so wird es jeden Sommersonntag sein.« Diese
Bauernregel entstand wohl auch weit weniger durch langjährige Beobachtung als
aus den Eindrücken schöner und trüber Ostertage auf Menschen, die sich Kirche,
Haus und Feld, Göttliches und Weltliches nur als eines oder doch bloss als
gegenseitig sich bindend und tragend zu denken vermochten. Verständige Kinder
unserer verständigen, alles teilenden und trennenden Zeit zucken freilich über
solche Wetterregeln mitleidig die Achseln und meinen, mit den Festen der Kirche
würden Sonne und Nebel nicht viel zu tun haben. Als ob man das nicht schon lange
gewusst und allenfalls von Jahr zu Jahr erfahren hätte! Wo fiel es wohl je einem
ein, wegen Ostern am Weissen Sonntag ernstlich schönes oder trübes Wetter zu
erwarten? Dieser poetische Glaube jedoch hat sich stets vom Vater auf den Sohn
vererbt und wird sich vererben, solange Ostern das Auferstehungsfest bleibt, an
dem alle Stämme und Stengel sich füllen mit frischem Lebenssaft und um die mit
dem Karsamstagswasser geweihten Bächlein die ersten Blumen und Gräser sich
wieder herauswagen. Die ernste Karwoche schliesst den Winter nicht nur für
Mietsleute und Dienstboten, sondern auch für den Bauern, der sich am Ostertag,
in dem er das Bild des Frühlings sieht, schon so in die mildere Jahreszeit
hineindenkt, dass er, der Himmel und die Erde mögen aussehen, wie sie wollen, nun
wieder zum erstenmal im leichten, buntfärbigen Sommerkleide zur Kirche geht.
    Das müsste ein armes, recht unglückliches Menschenkind sein, das am lieben
heiligen Osterfeste gar nichts Funkelnagelneues anzuziehen und gleichsam
einzuweihen hätte. Es sehen daher nicht nur ernste Bauern, denen ein trüber Tag
die erste und reinste Frühlingsfreude verderben würde, schon früh am Morgen
besorgt zum Himmel auf, sondern auch junge, sonst sorglos lebende Mädchen, die
denn doch ihren Festschmuck nicht gerne verderben möchten, beobachten ängstlich
jedes Wölkchen droben am Himmel und finden es heute fast so unangenehm wie einen
Schmutzfleck im neuen Festtagskleide. Schon in der wie gewichst glänzenden
engfaltigen Juppe prangend, holen sie endlich auch die allerweissesten Strümpfe
aus dem Kasten und öffnen die von Rosmarin duftende Schachtel, in der, von
unzähligen Papierstreifen umwickelt, der neue goldgestickte Brustfleck mit dem
von Glasperlen gefassten Namenszuge liegt.
    Endlich schimmert alles an seinem Orte, der glanzlederne Gürtel mit den drei
silbernen Schnallen umfängt die schöne Gestalt und sucht ihre vollen Formen
unter der etwas starren Juppe zu verbergen. Nun wär's doch wirklich
jammerschade, wenn es regnen würde. Aber wer nichts wagt, gewinnt nichts. Ostern
ist's nur einmal im Jahr, und übrigens kann man ja auch einen Regenschirm
mitnehmen, der dann im schlimmsten Falle alles ein wenig schützt und doch -
nicht alles verbirgt.
    Noch ein Blick in den verstohlen gekauften kleinen Spiegel hinter den
Kleidern im Kasten oder in das gegen die Wand geöffnete Kammerfenster, das
weniger Verwöhnten als Spiegel schon manchmal dienen musste; dann fort zur
Nachbarin, um doch auch noch geschwind zu sehen, was die heute wieder Neues hat.
    Die überall beneidete, getadelte und bewunderte Susanna, des reichen Krämers
verzogenes Töchterlein, hatte schon etliche Jahre hintereinander den
Dorfbewohnerinnen am Osterfeste gezeigt, was für den kommenden Sommer Mode sein
werde; doch einen so schönen Ostermorgen wie den heutigen hatte selbst sie noch
niemals erlebt. Nicht einmal wecken musste man sie heute. Die Magd hatte noch
kaum ein Feuer, als sie schon zu ihr in die Küche kam und fragte, ob denn der
Kaffee noch nicht bald fertig sei. Auf das »Na« der Köchin befahl sie dieser
streng, sich einmal ein wenig zu tummeln, und doch musste man ihr dann hernach
dreimal rufen, bis sie endlich ihren wohlgefüllten Kleiderkasten verliess und in
die Stube kam, wo der Krämer lächelnd auf sie wartete. Der Kaffee hätte
spottschlecht sein können, ohne dass die sonst von der Magd so gefürchtete
Feinschmeckerin es heute bemerkt haben würde.
    Unter allen, welche fast ein Gefühl hatten, als ob eigentlich der Ostertag
nur ihretwegen endlich gekommen sei, blieb wohl keine vor dem Kirchengehen so
lange im Schlaf- und Ankleidezimmer wie die Zusel, was ihr auch vom Krämer
durchaus nicht verargt wurde, da er ja wusste und oft schon mit unverkennbarem
Behagen erzählte, dass die es mit Ankleiden überhaupt ungemein genau nehme. Es
verlohne sich das aber bei ihr auch wie nur bei wenigen, fügte er dann nicht
ohne Stolz bei, und seltsamerweise gab es nicht viele im Dorfe, die ihm solche
Reden öffentlich verargten, eine Nachsicht, die er wohl mehr seiner wirklich
schönen Tochter als eigenem Ansehen verdankte.
    »Er ist eben ein Emporkömmling und hat es nun wie die hungrige Kuh, wenn sie
in den Heustadel kommt.« Mit diesen Worten schlossen die meisten Erzählungen von
dem stolzen Manne, dem seine frühere Armut und seine gemeine Verwandtschaft
immer auf eine ihm freilich nicht erwünschte Weise zu seiner Entschuldigung
angeführt wurde. Von ihm, der noch immer für einen Auswärtigen galt, schien kein
Mensch viel Gutes zu erwarten. Er konnte tun und reden, was er wollte, ohne
jemals ernstlichen Tadel fürchten zu müssen. Der Jos hätte sich über diese
Nachsicht nicht so ärgern, sie nicht Kriecherei vor dem Goldenen Kalbe nennen
sollen, sondern nur Gleichgültigkeit gegen den Bruder der Schnepfauerin, den
Fremden. Eine Zeitlang hatte man sich doch schon etwas mehr um ihn gekümmert.
Das war damals gewesen, als er zuerst mit seinem kleinen Kram im Dorfe hausierte
und einem der reichsten Mädchen derart den Kopf verdrehte, dass es ihn am Ende
noch sogar heiraten musste. Selbst noch hernach konnten sich viele nicht recht
erklären, wie das zuging, obwohl es sechs Monate nach der Hochzeit die kleine
Angelika ins Dorf hinaus zu schreien begann. Freilich war der Krämer ein
merkwürdig durchtriebener Gesell und hatte als Hausierer so gut als einer jeden
bei seiner Eigenheit zu fassen und seinem Zwecke zuzuleiten gelernt. Sein
Ehrgefühl vermochte ihn nie zu beschränken; das schadete ihm in der öffentlichen
Meinung trotz seines erworbenen Vermögens bei weitem mehr als seine später nach
Au gekommene unglückliche Schwester, und es wäre wohl nicht nötig gewesen, der
Gefallenen sein Haus zu verbieten, solange er auf Wucher auslieh, mit armen
Witwen herzlos die unverschämtesten Notändel machte und keinen Weg für zu
schlecht hielt, wenn er darauf nur zu irgendeinem Vorteil kam. Nur noch lauter
wurde freilich das Reden und Lachen über ihn wegen dem Lisabetle, und viele
gönnten ihn jetzt als Strafe Gottes dem ehemals so eitlen Mädchen, das nur
verächtlich aus seinem hochdachstuhligen Hause auf die wackersten Burschen des
Dorfes herabgesehen hatte. Ihn ärgerte es schrecklich und machte ihn mit der
Zeit trotzig, dass man ihn nie zu denen zählen wollte, neben welchen er doch im
Steuerbuche stand. Aufgeben aber kann ein Mann mit eisernem Willen, der es schon
so weit gebracht hat wie der Krämer, seinen Lieblingsplan nicht so leicht. Rom
ist auch nicht an einem Tage gebaut worden. Der Boden war jetzt glücklich
geschaffen zum Fundament, und das weitere dachte Josef Anton seinen beiden
hübschen Töchtern zu überlassen. Die mussten wohl kein Tröpflein von seinem Blut
haben, wenn es ihnen nicht fast von selbst wie spielend gelang, auch alle die
Türen aufzutun, die man ihm bisher stolz und trotzig vor der Nase zugeschlagen
hatte. Mit der Angelika nun hatte dem Krämer seine Rechnung gänzlich gefehlt,
und zwar gerade darum, weil die Stigerin fürchtete, dass sie nur zu viele Tropfen
von seinem Blute, seiner Art habe. So entschieden war sie noch nie gegen Hansen
aufgetreten, hatte es auch noch nie so lange und mit aller Kraft und List zu tun
nötig gehabt, als da es eine Neigung im Herzen des Sohnes zu bekämpfen galt, die
ein so gemeiner Verwandtschaft entstammendes Mädchen mit Gewalt zu ihrer
Schwiegertochter machen wollte. Als Hans endlich der Mutter nachgab, kam die
gute Angelika in ein böses Gerede, wie das fast jedem Mädchen geht, wenn es
einen Liebhaber verliert, den ihm viele längst missgönnten, ohne dieses Gefühl
auch nur durch ein Wort verraten zu dürfen.
    Dem Krämer, der wohl wusste, dass der Spott umsonst kommt, wenn man den
Schaden hat, machte das weit weniger Kopfweh, als es wohl seinem seligen Weibe
gemacht hätte. Ihr war Angelika immer lieber gewesen als dem Krämer, welcher
behauptete, dass sie gar nicht seine Art habe. Als dann sein Weib starb, indem
sie der Zusel das Leben gab, wurde Angelika, damals sechs Jahre alt, zu einer
Verwandten der Mutter gebracht, die Gott von Herzen dankte, dass wenigstens ein
Kind ihrer unglücklichen Base nun doch noch ordentlich erzogen werden könne. Der
Krämer gönnte ihr diese Freude von Herzen und nahm sich der Zusel um so mehr an,
die viel von seiner Art hatte und aus der er nun etwas Rechtes machen wollte.
Zuweilen redete er wohl davon, auch die Angelika wieder heimzunehmen, aber neben
dem ernsten Wesen war ihm nie recht wohl, und so kam er denn auch nie dazu,
obwohl ihm ihre Erzieherin gar nichts recht machte, als da sie ihr Verhältnis
mit dem Stighans auf jede Weise begünstigte und mit allen Kräften vorwärts half.
Aber als dann der Base doch ihre Rechnung fehlte, empfand er etwas wie
Schadenfreude und meinte, zum lieben Glück sei denn auch noch eine Zusel da, die
schon fangen werde, was der Angelika entronnen sei. Angelikas mütterliche
Verwandte nahmen die Sache viel weniger leicht. Sie hielten es für höchst nötig,
die von Hansen, wenn auch wider Willen, so vielen Redereien preisgegebene Base
sofort zu verheiraten, um dem Geschwätz für immer ein Ende zu machen, bevor sie
bei keinem reichen Burschen mehr etwas gelte.
    Zum lieben Glück erklärte sich der Andreas, ein wohlhabender Bursche,
sogleich bereit, durch die Tat zu beweisen, dass Angelika schon noch einen
rechten Burschen bekomme, wenn auch der Hans zurückgetreten sei. Dem Mädchen war
er so recht oder unrecht als ausser Stighansen fast jeder andere. Sein Leichtsinn
machte ihr wenig Sorge, obwohl sie die Hoffnung der Basen, dass sie ihn leicht
bekehre, nicht zu teilen vermochte. Sie wollte nun einmal aus dem Gerede heraus
und lieber einen Gebieter als zwanzig Gebieterinnen. War er verschwenderisch,
wie man sagte, so brauchte sie nicht zu zittern, wenn sie einen alten Topf
zerbrach, und sein Leichtsinn liess sie wohl einmal frei atmen, wenn auch sie ihm
das Leben nicht allzuschwer machte. Sie hatte es also immerhin besser als
bisher. Der Krämer sprach es offen aus, dass er mit diesem Töchtermann durchaus
nicht zufrieden sei; doch liess er sich die Leute darüber streiten, ob diese
Abneigung mehr dem zügellosen Leichtsinn oder der Starrköpfigkeit des
Töchtermanns gelte. Andreas selbst kümmerte sich darum nicht viel, nur das
verletzte ihn, dass der Krämer die wegen Verwandtschaft eingeholte kirchliche
Dispens nicht bezahlen wollte, sondern trotzig sagte, er würde die hundert
Gulden lieber geben, wenn er von dieser Verwandtschaft loskommen könne, als
dafür, dass nun sein Kind sich wieder darin verheirate. Diese Rede verzieh
Andreas dem Krämer nie, und selbst Angelika empfand sie wie eine Beleidigung
ihrer lieben seligen Mutter. So kam es, dass Andreas und sein junges Weib nicht
viel mit dem Krämer zu tun hatten. Dieser dagegen wendete nur noch mehr all
seine Liebe und Sorgfalt der damals dreizehnjährigen Zusel zu, oder - um mit den
Nachbarn zu reden - er verzog und verdarb sie, dass man oft zuerst ihm und dann
ihr mit der Rute hätte nachlaufen mögen.
    Der Ostertag war daher auch für ihn ein wahrer Festtag, wie er noch selten
einen erlebt hatte. Mit der Auswahl der Stoffe zu neuen Kleidern hatte er es
noch viel strenger genommen als selbst Zusel, welche zu oberflächlich war, um
sich schon jetzt so ängstlich mit der Sache zu beschäftigen. Der Krämer jedoch
wusste aus Erfahrung nur zu gut, dass man schliesslich böse Stunden erlebe, wenn
etwas nicht recht passte und allen Anforderungen entspräche. Redlich hatte er das
Seine getan bei der Auswahl und dann der Nähterin wenigstens eine Viertelstunde
lang vorgepredigt; drum konnte er jetzt auch mit ruhigem Gewissen seines
Lieblings Rückkehr aus dem Ankleidezimmer erwarten. Die Geduld aber wär' ihm
beinahe ausgegangen, bis sich endlich die Stubentüre auftat und ihn die hohe, im
Festschmuck strahlende Gestalt seines wirklich wunderlieblichen Kindes mit dem
etwas herausfordernd aufgeworfenen Blondköpfchen sehen liess.
    »Nun, wie gefall' ich dir jetzt?« fragte sie mit einem Blicke, dass der
Krämer - Stighansen an seinen Platz gewünscht hätte. Ja, sie war schön mit dem
lachenden Blick und dem selbstsicheren Trotz, der bei jeder Frage um den kleinen
Mund zu spielen schien. Die Leute nannten sie Angelikas treues Ebenbild, der
Krämer jedoch fand sie viel, viel schöner. Angelikas ernster Blick machte einem
ganz angst. Sie tat oft, als ob sie die Mutter Gottes zu spielen hätte; neben
der Zusel aber wurde einem wohl. Die war doch eher ein Mädchen für den etwas
unbeholfenen, allzu gewissenhaften Hans. Die sollte der Gemeinde beweisen, dass
es früher nicht nur am Ansehen seiner Verwandtschaft fehlte und dass seine
Mädchen sich wenigstens durch ihre Erziehung sehr unähnlich geworden seien.
    »Nun, wie gefall' ich dir?« fragte das Mädchen abermals, und ohne den Krämer
zu einer Antwort kommen zu lassen, eilte sie hinaus auf die Gasse, wo man frohe
Mädchenstimmen hörte.
    »Es ist doch ein prächtiges Ding«, sagte er, der Forteilenden langsam
folgend. »Lustig wie ein Vogel und stolz. Das ist recht. Besser noch freilich
wär's gewesen, wenn sie diesen Stolz schon vor drei Jahren gehabt hätte ... Nun
- eine Dummheit kann man ihr schon verzeihen, besonders eine, die ihr jetzt
nichts mehr schaden wird.«
    In der Kirche wird Zusel sich wohl über die Auferstehung des Herrn gefreut
haben, wie der Pfarrer das in der Predigt von jedem Christen erwartete, heim
aber kam sie nach dem Gottesdienst in der allerübelsten Stimmung. Die ihr
entgegeneilende Katze, die plötzlich zischend unter den Kachelofen sprang, musste
das eher bemerkt haben als die Magd, die ihren Bericht über das Aufsehen,
welches Zusel heute gemacht habe, nicht eher endete, als da eine Stimme, wie sie
dem hübschen Mädchen unmöglich anzugehören schien, ihr zu schweigen und lieber
an das Mittagessen zu denken befahl. Der Vater fand sein Kind auf dem Kanapee,
wo es das verweinte Gesichtchen in die Kissen vergrub.
    »Nun?« fragte er nach einer Weile erstaunt.
    »Nun«, fuhr das Mädchen auf, »jetzt können wieder einmal alle lachen über
mich, bis sie genug haben.«
    »Das hab' ich durchaus nicht bemerkt«, tröstete der Krämer.
    »Übrigens hat es schon von je geheissen: Neid bringt Glück.«
    »Dann müsst' ich viel Glück haben, und ich wollte das, nur damit sie dann
fast vergehen täten vor Neid.«
    »Was hat's denn gegeben?«
    »Aber, Vater, wo bist du denn ins Haus hereingekommen?«
    »Natürlich durch die Tür. Warum?«
    »Dann musst du auch gesehen haben, dass gleich nach dem Gottesdienst - oder
wohl auch unter der Messe - die Leute nehmen es nicht so genau ...« Das Mädchen
verbarg sein glühendes Gesicht wieder tief in die Kissen.
    »Eierschalen für den Biggel gestreut worden sind«, ergänzte der Krämer
ruhig, und auf seinem Gesicht erschien wieder das frühere Lächeln.
    »Ja«, sagte Zusel, sich wieder aufrichtend. Sie musste den Vater ernstlich
drum ansehen, dass er das so heiter sagen konnte, als ob es ein fröhliches
Ereignis wäre. »Und weisst du auch, von wem?« fragte der Krämer.
    »Nun, von einem altmodischen Tropf. Ein paar Neidhämmel werden das
angerichtet haben.«
    »Nein«, widersprach der Vater. »Diesen Possen hat dir einer gespielt, dass du
dich mit mir darüber freuen kannst.«
    »Wer?«
    »Stighans«, antwortete der Krämer mit einer Feierlichkeit, die deutlich
genug sagte, für wie wichtig er diese Mitteilung halte. »Der?« fuhr Zusel auf,
»also eigentlich die alte Stigerin, der er folgen muss wie ein Schulbub. Was hat
denn die gegen mich? Soll ich auch noch dafür büssen, dass ihr dickköpfiger Hans
der Angelika zuweilen ein gutes Wort gönnte?«
    »Die Alte hat nichts gegen dich, und der gute Hans hat nur einen Spass machen
wollen, den du ihm ganz anders, viel besser auslegen solltest.«
    Zusel war durchaus nicht überzeugt, aber sie schämte sich ihrer Aufregung,
und indem sie sich mit Gewalt zur Ruhe zwang, sagte sie, das würde die Stigerin
wieder ganz rasend machen.
    »Die hat jetzt nichts mehr gegen uns«, versicherte der Krämer. »Hätt' auch
keine Ursache mehr dazu. Wie kommst du schon darauf, dass Hans so etwas zu tun
imstande gewesen sei?«
    »Der Hans ist nicht so übel. Sein bisheriger Knecht, von dem ich manches aus
dem Hause erfuhr, hat mir oft gesagt, er wäre gar nicht so einfältig, als er
aussähe, und mit keinem Menschen wäre besser auszukommen als mit ihm.«
    »Aber der Knecht ist schon vor einigen Tagen fort und hat nicht mehr sagen
können, dass ...«
    »Ich hab' aber die Schalen gestern abend selbst in seinem Hut auf einem
Balken der Brücke gesehen.«
    »Und dann wird er dir gesagt haben, die seien für mich?«
    »Du einfältiges Mädchen! Das ist gar nicht nötig für mich. Welche von allen
andern wäre denn, dass man ihretwegen dem Hans etwas derartiges zumuten sollte?«
    »Und ich möchte fragen: Welche von allen wär' ihm nicht gut genug? Wie eine
aussieht, wird ihn wenig kümmern, und Geld hat er selbst, und für eine Magd
könnte die Alte mich nicht brauchen. Wie sollte er da an mich denken, und warum
müsste ich mich noch gar freuen, wenn dieses Wunder wirklich geschähe?«
    »Zusel«, sprach der Vater streng, »deinen Stolz hab' ich dir nicht wie die
andern verargt, diese Demut aber ist zu gross. Jetzt gefällst du mir so wenig als
den anderen. Ist das eine Rede für dich?«
    »Aber wär' es stolzer und grossartiger, wenn ich mich über so eines Hansen
Gunst gleich einem armen Bettler freute? Wünschtest du mich so ähnlich jeder
anderen, der die Sorge für die Zukunft auf dem Halse liegt? Wenn ich der Magd
einmal irgendwo helfe oder sobald ich sonst einmal versuchen will, was ich
könnte, so heisst es gleich, ich solle nur alles sein lassen. Dann sagst du mir,
du hättest dir eben darum Tag und Nacht keine Ruhe gegönnt, dass ich es um so
ruhiger bekäme. Ich bin dir denn auch dankbar, dass du mir eine so schöne Zukunft
schaffen wolltest. So hab' ich denken gelernt. Du sagst mir immer, ich brauche
mich um niemand zu kümmern. Gut, also auch um Stighansen nicht, und selbst wenn
sein Anwesen noch einmal so gross wäre.«
    Zusel stand auf, stellte sich kerzengerade vor den erstaunten Krämer hin und
fuhr mit immer wachsender Leidenschaftlichkeit fort: »Mein Stolz ist nicht, hoch
droben just neben dem oder dem zu sitzen, wenn mir das nicht nach meinem Kopf
ist. Was hätte ich dir zu danken, als dass du es mir möglich machtest, fröhlich
zu leben, ohne dass ich mich um jemand etwas kümmern muss?«
    So hatte der Krämer seine Zusel noch nie gehört. Unfähig, seinen Ärger noch
länger zu verbergen, wollte er jetzt das Kind von seiner stolzen Höhe bringen.
Mehr nur, um sie zu bestrafen, als aus Berechnung sagte er so ruhig, als es ihm
in diesem Augenblicke möglich war: »Ich weiss nicht, wie lang es her ist, seit du
dich um keinen Menschen kümmerst, doch immer kann das nicht der Fall gewesen
sein, wie trotzig du auch jetzt das Köpfchen aufrichten magst. Damals, als der
Hansjörg zuerst bei den Soldaten war, hast du ihm noch geschrieben, dass du es
ohne ihn hier beinahe gar nicht aushalten könntest.«
    Das Mädchen sank wie vernichtet aufs Kanapee zurück. Als nun der Krämer,
seine Rede beinahe bereuend, seufzend mit der Hand sich über die faltenreiche
Stirne fuhr, sagte sie: »Ja, Vater, das und ähnliches hab' ich ihm geschrieben.
Ich schäme mich auch gar nicht, das zu gestehen, obwohl ich's jetzt nicht mehr
tun würde. Er war ein stolzer Bursche, der nicht immer rechnete, sondern
herzhaft zugriff und alles dransetzte, wenn er einmal etwas erreichen wollte. Du
wirst mich nicht kleiner, schlechter sehen wollen, Vater, als der Hansjörg ist?«
    »Gelt, von dem hätte dich der Spass mit den Eierschalen schon besser gefreut
als vom Stighans?«
    »Ich glaube, ja.«
    »Nun, da könnte der Hansjörg sich freuen«, lachte der Krämer bitter und fuhr
dann nach einigem Besinnen, gleichsam jedes Wort abwägend und zuspitzend, fort:
»Es ist nur jammerschade, ja fast zum Verzweifeln, dass er dein Vertrauen, deine
bewundernswerte Treue, von der man eine Geschichte in den Kalender machen
könnte, so ganz und gar nicht zu schätzen weiss. Aber fragst du denn nicht, wie
ich etwas von jenem Brief erfuhr?«
    »Du hast ja überall deine Berichtmacher und Horcher, als ob du alles am
Fädchen ziehen müsstest. Da geht es ja zu wie im Räderwerk der Kirchenuhr.«
    »Von dem Briefe«, sagte der Krämer mit Nachdruck, »weiss ich nur durch
Hansjörg selbst. Von dem Briefe und von noch einigen, verstanden! Später jedoch
scheinen sie seltener geworden zu sein, diese verliebten Zettelchen, oder sie
müssen ihn sonst minder gefreut haben, kurz, er mochte sie nicht länger
aufbewahren. In einem Schreiben, über das man sich so seine Gedanken machen
könnte, fragt er mich ohne viele Umschweife, ob er deine Briefe seinem Vater,
also dem schwatzhaften Matisle, zuschicken soll oder ob ich ihm zehn Taler
dafür geben würde. Du kannst dir denken, was ich tat. Wahrhaftig, ich hätte dem
Spitzbuben auch zehn Goldstücke dafür gegeben, doch scheint er sie eben nicht so
hoch geschätzt zu haben.«
    Wenn der Krämer mit den letzten Worten Zusels Herz noch schmerzlicher
treffen, noch schwerer belasten wollte, um jede darin etwa noch lebende Neigung
zu erdrücken, so schien er seinen Zweck nicht zu erreichen. Das Mädchen wurde um
nichts bleicher und regte kein Glied. Wie erstarrt sass es da und starrte ins
Leere. Dem Krämer wurde siedend heiss. Er bereute von Herzen, so der
Leidenschaftlichkeit nachgegeben zu haben. Das war dem wohlberechnenden Manne
wohl noch selten begegnet. Eben nur, wenn er, statt zu berechnen, empfand, wenn
er liebte. Dass das aber seinem hübschen Kinde gegenüber der Fall war, hörte man
sogar aus dem Klange der Worte heraus, mit denen er die Erstarrte wieder zu
beleben und aufzurichten suchte. »Gott Lob und Dank«, hauchte er unwillkürlich,
als sie die noch umflorten Augen wieder auf ihn richtete und die Lippen zu
bewegen begann.
    »Gelt, Vater, ich hab' geträumt!« fragte sie kaum hörbar.
    »Du bist nicht mehr recht bei dir selbst gewesen.«
    »Ja, gelt, Vater, und du hast nichts von ihm - dem Hansjörg gesagt?«
    »Wenn ich nur nichts gesagt hätte.«
    »Es ist also nicht wahr?«
    »Oh, wie wollt' ich das jetzt so gern, ich gäb' wahrhaftig viel drum, wenn
ich es widerrufen könnte.«
    Zusel, die sich schon wieder einigermassen gefasst hatte, fragte mit tonloser
Stimme: »Warum hast du mir denn früher nie etwas davon gesagt?«
    »Nur in meinem dummen Zorn konnte ich dir weh machen mit der erbärmlichen
Geschichte«, sagte der Krämer und verliess das Mädchen, welches wie vernichtet
aufs Kanapee zurücksank.
    Er konnte sein Kind so nicht sehen. Das hatte er angerichtet, und nun fand
er kein Wort mehr, das die so schmerzlich Getroffene auch nur ein wenig wieder
aufzurichten vermochte. Wohl sagte er sich, dass er länger als ein Jahr schwieg,
obwohl er wusste, dass mit der heute gemachten Mitteilung die noch immer
vorhandenen Spuren einer ihm so verhassten Neigung verwischt werden konnten. Ja,
das war seine Verteidigung gegen die Vorwürfe des Herzens, aber sie half ihm
nichts. Es trieb ihn zuerst fort von ihr und dann wieder vor die Türe ihres
Zimmers zurück. Er fand diese verschlossen. Lange blieb er horchend stehen, aber
er hörte nichts, nicht einmal ein leises Schluchzen. Des Mädchens Schmerz hatte
keine Träne mehr. Regungslos lag es noch, wie der Krämer es hinsinken sah, und
verbarg das Gesicht in den weichen Kissen. Oh, die Arme hätte versinken, hätte
die draussen hoch aufragenden Berge über sich herstürzen sehen mögen vor Zorn und
Scham. Zuerst schien es ihr auch, als ob wirklich etwas Unerhörtes geschehen
werde. Alles drehte sich um sie herum; das Zwitschern der Vögel wurde ein
furchtbares Hohngelächter, die Ach rauschte immer näher, immer lauter, und bald
musste sie da, unter dem Haus, hier im Zimmer sein und Kühle und Erlösung
bringen. Dann aber auf einmal ward es so still, dass sie das Klopfen ihrer Pulse
hörte. Der Klang der bekannten Hausglocke, die sie sonst aus dem tiefsten Schlaf
geweckt hatte, liess sie regungslos liegen. Sie kümmerte sich jetzt nicht mehr um
den Laden, und es kam ihr wunderbar vor, dass der Vater so rasch wie gewöhnlich
die Stiege hinuntergehen und jemandem Rauchtabak geben konnte. War es möglich,
dass der jetzt da unten wieder plaudern und handeln konnte, als ob gar nichts
vorgefallen sei! Dazu gehörte ein recht herzloser Mensch - und doch noch kein so
herzloser, wie der war, den sie bisher so hoch schätzte und der nun ihr
teuerstes Geheimnis um einige Gulden verkauft hatte. Ha! Schon früher war das
geschehen, und sie hatte noch heute an ihn gedacht und gewünscht, dass er sie
sehen, sie wieder einmal mit ihm sprechen könnte. Lange Zeit sann sie und litt,
ohne dass auch nur das leiseste Zucken ihren furchtbaren Schmerz verraten hätte.
Dann aber schrie sie plötzlich: »O Welt, o du Welt!« Und dann, als ob sie alle
Kraft verlasse, sank sie mit dem Seufzer: »Das wäre nun mein Ostertag!« wieder
in die Kissen zurück.
    Erst gegen Abend liess sie den Krämer zu sich ins Zimmer, welches er und die
Magd am Nachmittage mehrmals vergeblich zu öffnen versuchten. Er erschrak über
ihr Aussehen, doch hatte er sich wieder so gefasst, dass er ihr nicht lange
wortlos gegenüberstand. »Es ist nun einmal so«, sagte er. »Ich bedaure dich,
wenn dieser dein Kummer auch nur aus deinem Eigensinn entstand. Ich glaubte, du
würdest den Nichtsnutz endlich vergessen haben.«
    »Das kann ich nie - nie!«
    »Aber jetzt doch?«
    »Jetzt - oh, wie schäm' ich mich. Ich darf nicht daran denken, wie mir noch
gestern wohl war, wenn ich an ihn dachte. Ach, wenn er in unser langweiliges
Haus kam, dann war's, wie wenn man frische, duftende Blumen in ein Krankenzimmer
bringt und dem Vogelsang die Fenster öffnet und dem frischen Luftzug. Und nun! -
Ich sehe mich unterhöhlt, ich bin aufs Eis gekommen; drei ganze Jahre ging ich
vorwärts, weit, weit hinaus ... und nun bricht alles unter mir zusammen. Hu, mir
ist's, als ob ich's krachen hörte.«
    »Ah, das sind Dummheiten.«
    »Ja, Vater, du hast recht. Ich hab's nicht mehr gehörig im Kopf, das merk'
ich nur zu gut. Ich weiss mir nicht mehr zu raten und zu helfen. Nimm mich, du
starker, du kluger Mann, und verkaufe mich oder mache mit mir, was du willst.«
 
                                Fünftes Kapitel
                     Der Mann muss hinaus, es ist ein Graus
Die letzten Tage und Stunden daheim, wieviel gibt's da nicht noch zu durchleben!
Ist's doch gerade, wie wenn man sich mit tausend Wurzeln und Würzelchen aus dem
Boden reissen müsste, auf dem die liebsten Erinnerungen uns umblühen.
    Jos musste selbst darüber lächeln, dass ihm der Abschied so nahe ging und er
es doch auf dem Stighof immer noch riechen konnte, wenn die Mutter eine Suppe
anbrennen liess. Er lächelte darüber, aber unter Tränen. »Fort ist fort«, meinte
er immer wieder und schaute wie fragend zu Stighansens grossem Hause mit dem
Hirschkopf unterm Dachfirst hinüber. Auch der Mutter ging der Abschied nahe, und
dabei hatte sie nicht einmal die Freude, ihn mutig seinem neuen Beruf
entgegengehen zu sehen. Selbst ihr Trost, dass er da statt der Zusel die gute
Dorotee neben sich haben werde, tat die gehoffte Wirkung nicht. Jos entgegnete
klagend, er bleibe darum doch ein armer Teufel, um den das Mädchen sich nur
wenig kümmern werde; Zusels Neckereien wären eigentlich noch eher zu ertragen
als Doroteens Mitleid mit dem verjagten oder doch aus dem Dienste geschickten
Schneiderlein, welches nun wie sie bei dem gütigen, lieben Hans das Gnadenbrot
essen dürfe.
    Das war wieder eine der vielen, oft so schmerzlich beklagten
Wunderlichkeiten, die den guten Jungen gewiss nie glücklich werden liessen. Bald
schien es Demut, bald Trotz, sie selbst war noch nicht mit sich eins, wie man es
nennen müsse, aber es machte ihr mehr Sorgen als alles andere. Das Gnadenbrot
essen! Sie wusste nicht, wie er darauf kam. Hatte doch der Krämer, der ihn
zuweilen auch im Stall etwas tun und selbst kleinere Händel für ihn abschliessen
liess, nicht selten gestanden, dass im Jos ein tüchtiger Viehpatron verdorben und
zum Schneider verpfuscht sei. So einer war wie geschaffen für den etwas
unbeholfenen Hans, der sich nicht ungern bei allem, was in Kauf und Lauf kommen
sollte, von andern, in der letzten Zeit vom Krämer, raten und helfen liess. Gewiss
hätte man ihn gern gehabt auf dem Stighof, und vom Gnadenbrot wäre nie die Rede
gewesen, wenn er nur nicht auch seine Sonderbarkeiten mitgenommen hätte. Das
Ärgste fürchtete sie von seinem Eigensinn, seiner Empfindlichkeit und ähnlichen
Eigenschaften, die sie zwar an Wohlhabenden oft als schön und selbstverständlich
loben hörte, die aber denen, welche nun einmal zum Leiden und Dulden da waren,
zur Quelle vieler Leiden und übler Nachreden werden mussten. Das erinnerte sie
daran, wieviel sie ihm noch ans Herz zu legen habe. Doch wenn sie dann den guten
Jungen mit dem treuen Gesichte des unvergesslichen Vaters vor ihr stehen sah und
der sie mit den tiefblauen Augen so wehmutsvoll anblickte, dann war alles wieder
vergessen, was zu einer Predigt hätte werden können. So wie er da war, war er
ihr dann recht, und sie konnte nichts mehr, als ihn dem Schutze des lieben
Gottes anbefehlen. Er, der ihren liebsten Wunsch noch so gnädig erfüllte, da sie
selbst nicht einmal mehr zu hoffen wagte, erhörte wohl auch noch ihre anderen
Gebete für seine Zukunft, welche sich nun immer mehr von ihrer, der der armen,
strafbaren Sünderin, loszulösen begann.
    Mit einem wunderbaren Lächeln, in welchem sich Hoffnung und Sorge, Freude
und Schmerz gleichzeitig widerzuspiegeln schienen, trug sie in den beiden
Feiertagen weit Besseres als gewöhnlich auf das wackelige Tischchen im
Herrgottswinkel. Oh, es war ein Opfer der Entsagung, wie nur Mütter es zu
bringen vermögen, wenn sie so mit allem, was sie so für die nächste Zeit hatte,
vor dem kleinen, ärmlichen Hausaltar neben dem Kruzifix des Sohnes glückliche
Zukunft im voraus schon feiern wollte, seine Auferstehung aus dem Grabe ihrer
Sündenschuld. Nur der, den die frommgläubige Mutter vom Kreuz auf sich
herabblicken sah, konnte die Tränen wahrnehmen, die sie zu verbergen bemüht war,
während sie ihm ihre Bitt- und Dankgebete zusendete. Bloss wenn Jos einmal aus
der Stube ging, liess sie ihren Empfindungen freien Lauf. Dann betete sie laut:
»O du grundgütiger Gott und Heiland, wie hast du es doch so gut und recht
gemacht! Hilf ihm nur auch ferner, immer, und lass dafür mich um so übler dran
sein; mich, die doch nichts anderes will und zu nichts anderem da ist, als dem
sich zu opfern, für den zu tragen, der nur durch ihre Sünde auf der Welt und
unglücklich ist. Er muss fort, darf nicht länger unter der Last meines Kreuzes
bleiben. Dann hat er aber niemand mehr zu Rat und Schutz als dich. Du wirst ihn
doch nie verlassen - gewiss nicht!«
    Das Zusammenpacken machte den beiden viel länger zu tun, als man hätte
glauben können, wenn man sah, um wie wenig es sich dabei zu kümmern gab. Aber
die Mutter hatte eben um so eher Zeit, das wenige sorgfältig zu mustern, wobei
sie dann soviel zu richten und auszubessern fand, dass sie die halbe Nacht ihre
Nadel nicht mehr aus der Hand brachte. Türen und Fensterläden wurden, wie es für
ähnliche Fälle vom Pfarrer strenge befohlen war, sorgfältig geschlossen, damit
kein Mensch durch solche Enteiligung der hohen Festzeit geärgert werde, wenn
etwa ein verspäteter Wirtshausgast hart vor der niedrigen Stube vorbeigehen
sollte. Auch Jos nahm noch einmal seine Nadel zur Hand und dachte mit
schmerzlichem Behagen, wie schwer ihm die Anschaffung dieses und jenes
Kleidungsstückes geworden sei. Dann lebte er sich ganz in den Tag hinein, an dem
er es das erstemal trug. Waren doch solche Tage seine einzigen Festtage, wie
wenig man ihn auch eitel auf ein hübsches Kleidungsstück nennen konnte. Dann
dachte er wieder daran, wie rasch der Hans einen ganzen Kronentaler nur für
Eierschalen hergeben wollte. dabei schien ihn etwas wie ein Windzug aus dem
grossen, vollen Hause da drüben so stark anzuwehen, dass ihn beim Anblick seiner
abgetragenen Kleider ordentlich zu frösteln begann. Der Scharfblick der
liebenden Mutter wäre gar nicht notwendig gewesen, um das zu bemerken. Wenn er
wieder ein Kleidungsstück brachte, sprach er es deutlich genug aus, dass er das
so durchaus nicht tragen dürfe, während er früher über ähnliche von ihr
ausgesprochene Besorgnisse nur gelacht oder bitter bemerkt hatte, dass für Leute
seiner Art auch das Schlechteste gut genug sei. Es tat dem guten Weibe tief im
Herzen weh, ihn so unzufrieden zu sehen mit dem, wofür auch sie manches, manches
Opfer gebracht hatte. »Es ist doch ein Elend, dass er auch gar nie masszuhalten
weiss«, klagte sie. »Früher hat er da das Röcklein trotzig selbst am Sonntag
tragen wollen, und nun soll es auch für den Werktag nicht mehr gut genug sein.
Am Ende wird er mir nun gar noch kritisch und hochmütig werden.«
    Diese Sorge wäre wohl den meisten recht überflüssig erschienen, wenn sie das
ursprüngliche blaue, nun aber wie mit einem Register aller seit einem Schaltjahr
gekauften Tuchgattungen überlegte Röcklein gesehen hätten, welches er beim
Einpacken eine Bettlerfahne nannte. Aber ein klein wenig hochmütig und eitel war
der Jos denn doch, seine Mutter betrog sich nur, wenn sie wähnte, dass das erst
seit der Unterredung mit Hansen am Karsamstag so in ihn gefahren sei. Da war
eigentlich gar nichts anders geworden, als dass Jos in der wehmütigen Stimmung
dieser Stunden immer frei von der Brust weg reden musste und dass der Mutter jetzt
jedes seiner Worte zu sinnen gab. Der Stolz des Burschen auf seinen guten Kopf
und seine geschickte Hand, mit dem er innerlich allen den vom Glück zart und
warm Eingewickelten trotzte, wurde von ihr um so weniger bemerkt, da sie ihn,
wenn auch ihr selbst unbewusst, immer geteilt hatte. Erst seit dem Karsamstage
gingen Mutter und Sohn hierin etwas auseinander. Die erstere fand gerade jetzt,
wo beinahe jedes seiner Worte eine ganz eigene Weichheit ausdrückte, soviel
Gutes in ihm, dass sie für seine Zukunft viel unbesorgter blieb als er, der nicht
ohne Herzklopfen an den Empfang auf dem Stighof zu denken vermochte und sich -
wenigstens für den Anfang - so gern auch durch sein Äusseres ein wenig empfohlen
hätte. Er dachte sich neben die stolze, strenge Stigerin und die geschickte
Magd, malte sich ihren allmächtigen Einfluss auf Hansen so lebhaft aus, dass er
sogleich wieder hätte absagen mögen, wenn er sich nicht vor der tausendsappers
Magd allzusehr geschämt hätte. Ja, vor der war ihm schon jetzt so angst, dass ihm
eigentlich eine Zusel, gegen die er herzhaft grob und trotzig sein durfte, an
ihrem Platze weit lieber gewesen wäre.
    Vergebens bemühte sich die gute Schnepfauerin, ihm die letzten Tage daheim
so froh als möglich zu machen. Durch all die tausend Zärtlichkeiten, die die
wehmütige Abschiedsstimmung erfindet, macht man einen Menschen nicht heiter,
dessen Kraft hauptsächlich in seinem Trotze liegt. Wenn sie ihm das Beste
auftischte, wenn sie alles tat, damit er doch in seinem künftigen Glück, in
seiner Herrlichkeit auf dem reichen, stolzen Stighof, auch sie und die Heimat
nicht ganz vergesse - das hätte sie denn doch mit aller Opferwilligkeit
unmöglich ertragen können -, machte sie ihm nur weh, und er wünschte von Herzen,
dass er, wenn nun einmal die erste Dummheit beim Krämer nicht mehr zurückzunehmen
war, sogleich von diesem weg auf den Stighof hätte gehen können. Der Nachmittag
des Montags war unendlich lang für Mutter und Sohn. Die erstere quälte sich mit
der Frage, was wohl die neuen Verhältnisse, Ehre und allgemeine Achtung aus
ihrem Lieblinge machen würden; dieser aber fühlte sein Herz von tausend lieben
Erinnerungen noch schwerer belastet als von der Sorge um die Zukunft. Beide
hatten das Gefühl, dass sie so sich nie mehr gegenübersitzen würden, und doch war
es trotz allem, was sie gemeinsam zu tragen und zu dulden hatten, so schön
gewesen. Ja, schön, aber nun war das eben vorbei. Alles auf der Welt nimmt ein
Ende, und - das empfand Jos - am besten ist's, wenn's recht rasch geht.
Plötzlich, die Sonne war noch lange nicht über die hochaufragende Kanisfluh
hinaus, warf er sich das kleine Bündelein auf die Schultern und sagte mit
gewaltsam erzwungener Ruhe: »So, Mutter, jetzt geh' ich und sage dir tausendmal
Vergelt's Gott für alles Gute. Leb' wohl!«
    »Wie, was?« fragte die Erschrockene. »Ich hab' noch Fleisch zum Feuer getan,
das wollen wir doch abends noch mitsammen essen und uns so wohl sein lassen, als
wir können.«
    »Und uns dabei alles noch schwerer machen«, fiel Jos ein.
    »Na, Mutter, du hast nun genug Opfer für mich gebracht, und mir wär' jetzt
eine angebrannte Suppe, von Doroteen gekocht, viel lieber; ich könnte sie dann
doch darum ein wenig necken.«
    Die Mutter wollte noch etwas sagen, aber Jos war schon zur Türe hinaus.
    Jetzt sah er das Haus, in dem er nun leben sollte, mit den grossen Stallungen
und den stolzen Fenstern, dem hohen Dachstuhl und hundert anderen Zeugen eines
grossen Wohlstands, den mehrere Neubauten hinten und vorn als einen wachsenden
verkündeten. Jos zwang sich zum Lachen darüber, dass ihm der Abschied so schwer
werden wollte, als ob er viele hundert Stunden weit gehen müsste. »Du bist doch
ein recht dummer Tropf«, murmelte er und wollte schon wieder zur Mutter in die
Stube zurück, als eben der Stighans daherschlenderte, der ihm schon von weitem
zurief: »So, Jos, es ist recht, dass du endlich kommst! Ich hab' dich gerade aus
dem Nest holen und mitnehmen wollen.«
    »Wohin?«
    »Nun natürlich nach Emaus, das heisst zum Löwenwirt drüben über der Ach. Auch
meine Eigenen sind dort und wer heut' ein wenig lustig sein will. Ist doch der
Löwenwirt noch beim alten Brauch geblieben und gibt allen gedörrte Birnen und
Nüsse, die am Ostermontag zu ihm kommen. Drum nur flink! Wirf deine
Herrlichkeiten da in einen Winkel und nimm dafür die Mutter mit, wenn sie mag!
Ich sehe nicht ein, warum die allein heute traurig daheim sitzen sollte.«
    Das tat dem Burschen recht in der Seele wohl, und wie ein Lichtstrahl der
Freude zog es über sein Gesicht. Seinen Augen ging es wie allem, was schnell aus
der Kälte an die Wärme kommt; sie wurden feucht, während er wieder ins Häuschen
zurücklief, wo er es dann kaum erwarten konnte, bis die überraschte Mutter sich,
immer noch widersprechend und dabei zitternd vor freudiger Erregung, ein wenig
ordentlich angezogen hatte.
    Dem Jos war es auch schon darum sehr erwünscht, dass er zuerst allein mit
Hansen zusammentraf, weil er von diesem zu erfragen hoffte, was die Stigerin und
Dorotee zu dem neuen Knechte gesagt hätten.
    Doch dazu sollte er keine Zeit mehr finden. Auf dem Wege, der sie an
neuergrünten Wiesen, neben Hügelchen, von denen Gänseblümchen und Aurikeln die
ersten Grüsse des Frühlings still herüberwinkten, und über geschwätzige Bächlein
führte, sah Hans zum erstenmal in diesem Jahre seine Felder und Wälder wieder.
Mit seltener Lebhaftigkeit redete er von dem, was schon in den nächsten Wochen
getan werden könnte, und aus jedem seiner Worte klang die Freude, die ihm seine
Bauernarbeit machte. Selbst Jos wurde von dem herzlichen Tone so hingerissen in
die Welt seines heiter plaudernden Gefährten, dass er diesen nicht mehr nur für
einen einseitigen Bauern hielt, der am Nützlichen allein mit Leib und Seele
hing. Nun sah er sich auf einmal behaglich lächelnd als Knecht auf diesem
schönen Anwesen, das für sich selbst eine kleine Welt in der grossen zu sein
schien. Wie herrlich, wenn da nun einmal alles blühte und wogte unter seiner
Pflege, wenn die Sense rauschte und Schritt um Schritt hunderte fast mannshoher
Halme an die Mahdo wälzte, wenn das duftende Heufuder dem grossen Stadel
zuschwankte, der bald so voll war, dass man im Winter, wenn die Kühe im Stalle
ungeduldig auf ihn warteten, kaum noch Platz hatte, ihnen das selbstgedörrte
Futter nach Verdienst und Bedürfnis in kleinen Ballen nach der Reihe
aufzuwinden, wie sie nebeneinander im Stalle standen.
    Die beiden kamen bald so ins Reden hinein, dass es für die ihnen folgende
Mutter eine wahre Freude war, obwohl sie dabei eigentlich gar nicht beachtet
wurde. Hatte sie sich's auch nicht anders gedacht, als dass ihr Jos schnell und
leicht sich in alles hineinleben werde, so war sie doch angenehm überrascht, ihn
schon jetzt mit soviel Verständnis reden und fragen zu hören. Er ist doch ein
prächtiger Junge, dachte sie mit einem frohen Blicke zum tiefblauen Abendhimmel.
Der Hans mochte wohl etwas Ähnliches über seinen Zuhörer denken, während er ihm
mit der Länge und Breite eines echten Bauern auseinandersetzte, wie er das und
das und warum er es gerade so getan zu sehen wünsche. Jos hatte beim Fragen und
Zuhören doppelten Vorteil. Er gewann bei Hansen immer mehr Zuneigung und erhielt
manchen bedeutsamen Wink für sein künftiges Verhalten und brauchte nicht mehr
wie ein Kind über alles erst zu fragen, wenn ihm das einmal nicht mehr so
günstig aufgenommen, so freundlich beantwortet werden sollte als jetzt.
    Im Wirtshaus wurde dem Jos und seiner errötenden Mutter an dem Tische neben
dem Kanapee Platz gemacht zwischen der Stigerin und ihrer Magd, die den
Ankommenden das volle Glas entgegenhielt, aber so, dass man nicht sagen konnte,
ob es Hansen oder dem Jos gelte. Jos wusste selbst nicht, woher er den Mut nahm,
zu fragen, welcher von ihnen beiden denn auch eigentlich gemeint sei. »In der
Zeit, wo du fragst und Umstände machst, hätten beide ganz leicht ein Schlücklein
zum Bescheid nehmen können«, antwortete das Mädchen und zog lächelnd das Glas
wieder zurück.
    »Das ist ein schlimmes Zeichen«, bemerkte Hans. »Noch immer hat Dorotee es
mir ordentlich zugebracht, wenn sie einmal etwas Gutes hatte; nun aber, da auch
der Jos mitkommt, tut ihr die Wahl so weh, dass sie keinem mehr etwas anzubieten
wagt.«
    Die auf diese Bemerkung folgende Stille musste Doroteen etwas zu lang
vorkommen, denn bald sagte sie: »Jetzt geht ein Engel durch die Stube und
schreibt sich etwas auf.«
    »Vermutlich, dass die Schnepfauerin einmal ins Wirtshaus ging«, meinte Hans.
    »Und dass ihr der Wirt ein geschliffenes Glas bringt«, sagte Jos und hätte
beinahe noch beigefügt: »Wie den Vornehmen«, aber er fühlte dunkel etwas
Unpassendes und unterliess es, in diesem Augenblicke so derb an kaum vergessene
Gegensätze zu erinnern, die sich gewiss früh genug von selbst wieder geltend
machten.
    Das geschliffene Glas war übrigens nicht das einzige, was den etwas
empfindlichen Jos auf das angenehmste überraschte. Hans hatte gesagt, die Mutter
sei da mit den Eigenen; darauf hatte denn Jos erwartet, die ganze hochlöbliche
Verwandtschaft derer vom Stig in vornehmer Langweiligkeit beisammen an einem
eigenen Tische zu treffen. Nun aber sah er statt der ehrwürdigen Reihe die
Stigerin mit Doroteen in einem Kreise von Tagwerkern sitzen, welche gewöhnlich
den stattlichen Hof bearbeiten halfen. Früher hatte das Schneiderlein oft
gespöttelt über die halberfrorenen Taglöhnerseelen, die sich im Glanz ihrer
Herrschaft zu sonnen suchten und es sich noch zur Ehre rechneten, als Schweif
des prächtigen Kometen am Himmel des mit einer eingelegten Schiefertafel fast
ganz bedeckten Herrentisches beim Kanapee zu gelten. Nun aber gestand sich Jos,
es sei denn doch etwas Schönes, dieses Zusammengehören aller, die zur Ehre und
zum Wohlstand eines Hauses das Ihrige beitrugen. Es tat ihm wohl, sich mit
seiner Mutter in so einem Kreise zu wissen, und er beeilte sich, die seltene
Freundlichkeit aller als etwas Selbstverständliches lächelnd zu erwidern.
    Fröhlich stiessen alle auf ein langes, glückliches Zusammenwirken an, nur dem
Jos war etwas wunderbar zumute, als unterdessen der Wirt die ledigen Paare auf
die Kammer zu dem an diesem Tage wenigstens bei ihm - das wurde besonders stark
betont - noch üblichen Nussklopfen einlud.
    In Stighansens und Doroteens Gesicht hätte kein Zug sich ändern können,
ohne dass es Jos so schnell und wohl viel eher noch als sie selbst bemerkt hätte.
Selbst als Hans den Stuhl zurückschob, erschrak Jos nicht, weil er den Entschluss
zum Aufstehen noch nicht aus seinem ruhigen Blicke zu lesen vermochte. So hätte
er auch die Lippen schwerlich gespitzt, wenn er »Komm, Dorotee!« sagen wollte;
damit beruhigte sich Jos, und er hatte recht. Hans blieb sitzen und fragte den
Wirt, ob denn bloss auf der Kammer droben Ostermontag sei.
    »Das gerade nicht!«
    »Gut, so bring du deine Herrlichkeiten nur her; auch hier ist alles lustig
und ledig; oder wenn Verheiratete da sind, so missgönnt ihnen das Mitalten um
Gottes Willen nicht! Ich wüsste nicht, warum die Ledigen auch noch den Vorteil
des Nussklopfens vor den Bedauernswerten haben sollten.«
    »Das ist wieder einmal vernünftig geredet«, rief ein nirgends in der Stube
Sichtbarer dem Stighans zu. Jos wäre fast im Zweifel gewesen, ob dieser
Beifallsruf etwa ihm selbst entronnen sei, wenn er nicht sofort die wohlbekannte
Stimme des Krämers erkannt hätte. Der sass also drinnen im sogenannten
Herrenstüble, dessen Türe eine grosse Spalte offen liess, und er hätte es nun
nicht gerne gesehen, wenn da nun auf einmal nichts mehr als das Geschwätz
einiger Verheirateter von strengen Wintern und ungezogenen Kindern zu erhorchen
gewesen wäre. Davon kam seine Freude über Hansens entscheidendes Wort, und darum
fuhr er jetzt fast singend fort: »Der Hans trifft halt den Nagel auf den Kopf
und weiss immer genau das rechte Gewicht aufzulegen. Ja, das ist einer!«
    »Nur schade, dass er kein Krämer worden ist, wenn ihm allenfalls auch dann
das rechte Gewicht nicht abhanden gekommen wäre«, bemerkte Jos, der dem
Verhassten seine Freude soviel als möglich verderben wollte. Es entstand über
diese Rede ein Gelächter in der Stube, als ob er weit etwas Witzigeres gesagt
hätte. Nur Hans blieb ernstaft und sagte strenge verweisend: »Das ist etwas
grob für deinen Vetter; sei doch nicht gar so kindisch!«
    Jos, erschrocken aufblickend, begegnete zuerst dem strengen Gesichte der
Stigerin, dann brachte ihn eine unmutige Bewegung Doroteens und die
Verlegenheit seiner Mutter noch ganz aus der Fassung. Das durfte nicht so auf
ihm liegen bleiben; wie er es auch immer wieder abwälzen mochte, es musste weg.
    »Vetter hin oder her«, sagte er ohne langes Besinnen. »Was kümmert der Herr
Vetter sich selbst um seine Eigenen? Ich will gar nicht von mir reden; aber da
drunten bei den Schnäpslern sehe ich den Andreas, seinen Töchtermann, sitzen und
ins Herrenstüble hinüberblicken wie ein Stiefkind.«
    »Für den Andreas ist dort eben die passendste Gesellschaft«, bemerkte Hans
mit seltener Hast.
    Hatte es schon viel Redens gegeben, dass Jos auf einmal vom Krämer weg auf
den Stighof kommen sollte, so musste ein solches Gespräch um so eher die
allgemeine Aufmerksamkeit erregen. Es war auch wirklich so still, dass sogar der
zuunterst in der Stube sitzende Gatte Angelikas die über ihn gefallenen
Bemerkungen gehört hatte. Die gedrungene Gestalt richtete sich langsam auf, die
buschigen Augenbrauen hoben sich, und sein Auge funkelte, als er mit heiserer
Stimme sagte: »Hans, der Stich trifft mich nicht mehr. Lieber unter Schnäpslern
frei und selbherr als gebunden wie du am Herrentische. Wozu hätte mein Vater
gespart und mir kein warmes Winterkleid kaufen dürfen, wenn ich noch jetzt von
euerer Gnade abhängig wär'? Lasst mich immer der Lümmel sein, wenn ich nur mein
eigener Herr bleibe. Übrigens kann ich ja Stiefvater werden, wenn ich nicht mehr
gerne Stiefkind bin. Es gibt noch ganz anständige Leute, die nicht ungern eine
Flasche mit mir leeren, wenn ich einmal andere so gnädig bevatern will wie
Hans.«
    »Es wär' klüger gewesen, wenn du die Angelika mitgenommen hättest«, rief
Hans dem Erregten verächtlich zu.
    Andreas fuhr erschrocken zusammen. Dann aber erwiderte er trotzig: »Gelt, du
wähnst, es ärgere mich, dass sie nicht mitgeht? Nein, Hans, darüber bin ich
endlich hinaus. Ihr habt mich an viel gewöhnt. Sie bleibe nur, wo ihr wohl ist.
Ich mach' es auch so. Was hätt' ich auch sonst noch von meinem Geld als die
Freud' an euerem Neide?«
    Das Eintreten des Pfarrers unterbrach den Andreas in seiner immer
leidenschaftlicher werdenden Rede. Es wurde stiller in der Stube als in der
Schule, und wie Kinder blickten alle zu dem hochwürdigen Gaste auf. Jeder
wünschte und fürchtete, dass er sich an seinen Tisch setze. Die Ehre wäre eine
grosse gewesen, wenn man nur etwas mit ihm zu reden gewusst hätte. Der ehrwürdige
Greis richtete an manchen ein freundliches Wort, das aber oft nur mit einem
leisen Kopfnicken errötend beantwortet wurde. Jetzt war Jos, der eine Zeitlang
wie auf Nägeln sass, wieder ganz der Mann. Der Pfarrer setzte sich auch bald
neben ihn und begann ein Gespräch über die ihm im Winter geliehenen Bücher, bis
er von seiner Häuserin zu einem Schwerkranken geholt wurde.
    Von diesem begannen nun auch die zurückbleibenden Bauern zu reden, während
sie die langen Zipfelkappen wieder aufsetzten. Nur am Tische neben dem Kanapee
blieb alles still. Dem Jos aber machte man andere, viel freundlichere Augen als
während des von ihm angezündeten Streites, der nun ganz vergessen war. Hans kam
unmöglich aus seinem Erstaunen darüber, dass ein Mensch, nicht einmal ganz in
seinem Alter, der nur seinen, Lehrer hatte und noch dazu ein armer Teufel war,
so sicher und glatt mit dem hochstudiertesten Mann weit und breit zu reden
verstand. »Ja, gelt, Mutter!« nickte er der Stigerin zu, die gar nicht zu wissen
schien, was für ein Gesicht sie zu dem Vorgange machen müsse. Jos schien sich
darum auch gar nicht zu kümmern. Er hatte genug an dem glücklichen Lächeln
seiner Mutter, und Doroteens strahlendes Auge sagte ihm, dass auch sie den
Mutigen schätze, der vor dem Pfarrer und einer Stube voll neidischer und
besitzstolzer Aufpasser so herzhaft zu reden und sogar seine Meinung über Bücher
zu sagen wagte.
    Der Krämer, der jetzt langsam in die Gaststube herauskam, schien mit einem
Blick in den Augen aller gelesen zu haben. Er stiess mit Hansen an und wünschte
ihm kalt lächelnd Glück zu dem neuen Knechte, der wenigstens schwätzen könne wie
ein Briefträger. Der Handel sei freilich etwas schnell gegangen, doch werde man
ihn hoffentlich nie einen übereilten nennen. Er wenigstens gönne dem armen Wicht
einen so guten Platz, auf dem er manches lernen könne, wenn er nicht zu
eigensinnig sei, recht von Herzen und wünsche nur, dass er ihn lange zu behaupten
vermöge. Dienstwechsel sei stets schlimm, da man sich immer allerlei nachzureden
wüsste, doch der Gescheitere gebe nach und möge nicht durch Nachreden ganz
zwecklos schaden und auch den anderen zum Reden zwingen.
    »Der Mann scheint mich ein wenig zu fürchten«, dachte Jos, und das freute
ihn mehr, als ihn die Zumutung ärgerte, dass er es einem recht bösen,
geschwätzigen Weibe gleichtun könne. Behaglich begann er mit den andern über das
Sprichwort: »Neue Besen kehren gut, aber die alten wissen die Winkel besser« zu
plaudern; der Krämer schlich wieder zu seinem Schoppen zurück; doch blieb er
nicht lange ruhig, da es unter so vielen Menschen für ihn gar bald wieder etwas
einzufädeln gab.
    Bald wurde an jedem Tische ein eigenes Gespräch laut, und Jos war wohl
beinahe der einzige Bauernknecht, der einige Handwerker bemerkte, welche sich
beim Ofen an einem kleinen Tischchen allerlei Äusserungen über die stolzen Bauern
und ihr Gesindel zuflüsterten. Sonst war dort auch sein Platz, und heute kam er
gewiss nicht ungehechelt weg, wenn sie auch an ihm den ärgsten Spötter verloren.
Nun, sie konnten ihn immer als einen untreu gewordenen Zünftler betrachten. Er
hatte für sich selbst zu sorgen. Es lebte sich auch gar nicht übel bei einem
reichen Bauern. Das Feste, Sichere im Wesen dieser guterzigen Leute tat ihm
wunderbar wohl. Die Mutter hätte gar nicht so ängstlich husten müssen, damit Jos
die Witze seiner ehemaligen Gefährten nicht höre, denn er hatte nicht die
mindeste Lust, noch einmal Händel anzufangen oder auch nur ein unebenes Wort zu
erwidern. Mit dem gutmütigsten Lächeln sah er hinüber zu der alten Stigerin im
Herrgottswinkel, welche die von Doroteens rundlicher Hand ihr vorgelegten Äpfel
und Nüsse sich vortrefflich schmecken liess. Oh, die da unten, ohne festen Boden
unter sich und jeder der natürliche Gegner der anderen, sie wussten nicht, was es
hiess, zu einem geschlossenen Ganzen zu gehören. Sie waren ja die unbeachteten
Diener von Hunderten, da konnte kein Verhältnis zu ihren Kunden entstehen wie
zwischen Bauer und Knecht, die sich eine ganze kleine Welt beherrschen halfen,
wo es gleichzeitig immer zu schaffen und zu zerstören, zu säen und einzuheimsen
gab.
    Jos hatte schon oft gesagt, Stall- oder Hausgedanken, kurz, der ganze Jammer
des Werktaglebens mit allem, was drum und dran hänge, gehöre so wenig ins
Wirtshaus als in die Kirche. Jetzt konnte er sich selbst nicht mehr davor
erwehren. Die, welche nun etwa wegen seiner Unterhaltung da waren, mussten ihn
allerdings merkwürdig schweigsam finden; ihm selbst aber war dabei so wohl wie
noch nie. Immer tiefer dachte er sich in sein Knechtleben hinein. Er sah die
wohlgepflegten Kühe die Köpfe aufrichten und auf sein Kommen horchen, dann fuhr
er mit dem selbst gezogenen Rind aufs Feld und hätte fast überlaut zu jauchzen
und zu singen angefangen. Es litt ihn nicht mehr auf dem Stuhl. Plötzlich leerte
er mit wenigen Zügen sein geschliffenes Glas, stand rasch auf, wie wenn er auf
einmal zu einem Entschluss gekommen wäre, den er trotz allen Einwendungen sofort
auszuführen gewillt sei, und sagte: »Hier wär' alles recht und hübsch, aber ich
glaub', deine Kühe, Hans, täten nicht wünschen, dass immer Ostermontag wär'.«
    Die Magd wollte gleich gehen, um einstweilen ein Futter zu geben.
    »Das ist jetzt meine Arbeit«, widersprach Jos nicht ohne Selbstgefühl. »Nur
den Schlüssel zum Heu müsst ihr mir sagen, dann könnt ihr alle dableiben, so
lang' ihr wollt.«
    Dorotee meinte, man dürfe ihn denn doch nicht wie einen Einbrecher ins öde
Haus lassen ohne Gruss und ohne alles. Sie wolle lieber mit und ihn grüssen für
alle und ihm Glück wünschen.
    »Ja, geht nur und gewöhnt euch zusammen!« lachte Hans.
    Jos verliess rasch die Stube, während Dorotee durchaus noch einmal trinken
musste.
    Vor dem Hause wartete Jos etwas ungeduldig auf die Magd und eilte dann wie
ein von ihr Verfolgter zum Dörfchen Rehmen hinaus. Erst als das kleine
Tannenwäldchen am Ufer der Ach sie in seinen Schatten aufnahm, redete Jos das
erste Wort, und es kam gar nicht so überlegt heraus, als man nach der langen
Bedenkzeit hätte erwarten können. »Mich nimmt's wunder«, begann er und schwieg
dann erschrocken darüber, dass er bald laut gewünscht hätte zu wissen, was alle
dachten, die ihnen mit so eigentümlichem Lächeln nachsahen.
    »Was nimmt dich wunder?« fragte das Mädchen, aber erst, als sie wieder aus
dem Wäldchen hinausgekommen waren. Es schien Doroteen auch gar nicht
aufzufallen, dass sie keine Antwort mehr erhielt. Sie beide sahen errötend ihre
Schatten hart nebeneinander daherschreiten, als ob sie Arm in Arm gingen, bis
der Schatten eines mächtigen Baumstumpfs wie ein Riese zwischen sie zu fahren
schien. Erschrocken über die gehörnte Gestalt mit dem kurzen Hals wichen sie auf
die Seite. Dann lachten beide laut auf und eilten dem über die tosende Ach
führenden Stege zu.
    Erst hier sah Jos, dass auch die Mutter ihm langsam folgte. Er wartete, bis
sie bei ihm war, um ihr allenfalls hinüberhelfen zu können, wofür sie ihm mit
einem freundlichen Lächeln dankte, wie er es noch selten auf diesem
kummerbleichen Gesicht gesehen hatte.
    Sie hatte heut' seit vielen Jahren die schönste Stunde erlebt. Nicht der so
seltene Wein, die erlebte Ehre machte sie so froh und weckte tausend Hoffnungen
auf eine schöne, glückliche Zukunft. Einmal über das andere drückte sie des
Sohnes kräftige Hand, die sie führte, und wenn auch Doroteens Anwesenheit sie
zuerst etwas scheu machte, so konnte sie doch nicht unterlassen, ihre Freude
über das Erlebte auszusprechen. Freilich kam sie auch auf die Worte, mit welchen
Jos den Krämer neckte, und der Ton ihrer Stimme wurde dabei sehr ernstaft, aber
sie waren schon zu hart bei den Häusern von Argenau, um darüber noch lange reden
zu können. Sie dachte wieder an den Abschied, der ihr jetzt weit weniger schwer
fiel als zwei Stunden vorher. »Daheim sich wohl sein lassen«, meinte sie,
»können arme Leute nun einmal nicht, und, das angenommen, haben es wenige besser
als wir, da wir uns ja täglich einen guten Morgen wünschen können.«
    Sie sprang wie ein junges Mädchen, um dem Jos die eingepackten Kleider aus
dem Häuschen zu holen, und als er ihr die Hand reichend »Behüt' Gott!« sagen
wollte, meinte sie, es wäre doch lächerrlich, soviel Wesens zu machen, wenn man
nur in ein Nachbarhaus gehe.
    Dennoch zitterte ihre Stimme, als sie das sagte. Dann aber musste ihr eine
sehr dringende Arbeit eingefallen sein. Sie drehte sich rasch um und eilte ins
stille, öde Häuschen zurück. Stighansens neuer Knecht bemerkte kaum, wie gross
ihn die hungrigen Kühe ansahen, bevor sie sich an das ungestüm geforderte Futter
machten, so sehr waren seine Gedanken mit dem wunderlich gestalteten Schatten
beschäftigt, der sich so zwischen ihn und Dorotee gedrängt hatte. Je länger er
ihn vor sich sah oder zu sehen glaubte, desto ähnlicher wurde er dem etwas stark
gebauten, kurzhalsigen Stighans ... Jos liess alles, was er heute sah und hörte,
an sich vorüberziehen und war noch mit der Frage beschäftigt, ob Dorotee mit
einer goldenen Kette zu fesseln sei vom nächstbesten Hans oder ob nicht vielmehr
ein höherer Mut aus diesen lieben braunen Augen blicke. Da hörte er des Mädchens
wundervolle Altstimme von dem einsam auf der Alp stehenden Hause und von der
Sennerin singen. Oh, wie klang das gleichsam durch all seine Nerven hindurch! Er
setzte sich auf einen Melkstuhl und lauschte. Jetzt rechnete er nicht mehr und
fragte nichts. Um sein Herz weitete sich's, und feuchten Auges dankte er Gott,
dass er da war, es mochte nun kommen, wie es wollte.
 
                                Sechstes Kapitel
                         Der erste Tag im neuen Dienst
Im ersten Traum unter fremdem Dache pflegt man Vorbedeutungen für Künftiges zu
suchen, als ob man darin wie in einem freilich trüben Spiegel sähe, was man in
diesem Hause noch erleben werde.
    Es tat dem noch etwas scheuen Jos ungemein wohl, als am anderen Morgen beim
Kaffeetrinken sich Dorotee sogleich mit der Frage an ihn wendete, was er denn
heut' nacht im Traum erlebt und für seine Zukunft Bedeutungsvolles gesehen habe.
    »Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern«, antwortete er, fast traurig
darüber, dass sein Bericht nicht länger währen konnte, denn gestern beim
Abendessen war ihm die Stille beinahe peinlich geworden.
    »Das«, meinte die Stigerin etwas bitter, »könnte leicht bedeuten, dass du in
unserm Hause auch nicht viel oder doch nicht viel Unvergessliches erlebst.«
    »Ich freilich hab' mir es ganz anders ausgelegt«, wagte Jos zu erwidern. Und
als sich ihre Lippen etwas strenge verzogen, fuhr er, wie immer, wenn er sich
noch nicht recht sicher fühlte, geschwätzig fort: »Auch ich hätte recht gern
eine gute Vorbedeutung gehabt. Nach dem Erwachen hab' ich mich angestrengt wie
früher als Schüler, wenn ich mich auf die gestern so mühevoll auswendig gelernte
Katechismusaufgabe besann, um mich eines Traumes zu erinnern. Doch das ging
nicht und ging nicht, wie müd' ich mich auch sinnen mochte. Ja, ich ermüdete und
wäre bald über dem Nachdenken wieder eingeschlafen, als mir, wie vom Schutzengel
eingegeben, die Vorstellung kam, nicht ein Traum entscheide über meine Zukunft,
sondern ich selbst. Darüber hab' ich mir dann eine ganze Predigt gemacht, und so
mutig, so froh bin ich dann zu den Kühen in den Stall gegangen, dass es wohl
selbst der kaum glaubt, den mein Jauchzen und Singen weckte.«
    »So etwas«, meinte Dorotee, »kann man nicht jedem sagen, aber zeigen lässt
es sich; drum werden wir schon auch noch davon erfahren.«
    Solchen Mut wie aus diesen Worten hatte Jos von seiner selbstgemachten
Predigt schwerlich gewonnen. Er wurde also doch von dem guten Mädchen liebevoll
beachtet. Nun konnte seinetwegen die alte, fette Frau kichern und meinen, man
werde eben nicht viel sehen; ihm war das ganz gleichgültig, oder vielmehr es war
ihm recht, dass er die beiden sogleich etwas auseinandergehen sah.
    Nun sagte Hans, der inzwischen seine Kaffeeschüssel geleert und das grosse
Butterbrot verzehrt hatte: »Heut' muss denn doch endlich das Heu abgewogen und
heimgebracht werden, welches mir der Krämer vom Lipp gekauft hat. Es kostet
wahrhaftig nur einen Spottpreis.«
    »Ja«, rief Jos, »das war auch so ein Handel, für den man den Krämer einige
Wochen einstecken sollte.«
    »Ein Teufelskerl ist er, der Krämer«, lachte Hans. »Wenn unsereiner da oder
dort einmal mit Barem aus der bittersten Not helfen will, so bekommt er nichts
mehr als des Teufels Dank dafür zurück. Er aber steckt seine Finger überall
hinein und verbrennt sie doch nie, sondern immer hängt etwas nicht
Unbeträchtliches daran, wenn er sie wieder zurückzieht. Mit den Leuten, die
immer schon vorgegessenes Brot in Bäckers Tagebuch haben, kennt er sich aus, es
hat eine Art, und zu fangen und zu binden versteht er sie, dass man oft noch
beinahe lachen muss.«
    Jos fuhr wie von einem Wespenstich getroffen auf und fragte: »Kannst du das
Wuchern lächerrlich finden?«
    »Der Lipp ist so mit dem Krämer eins worden«, antwortete Hans ein wenig
spitz. »Oh, der braucht den Leuten nicht nachzulaufen. Wie gut sie ihn auch
kennen, sie gehen doch freiwillig in seine Falle.«
    »Freiwillig«, wiederholte Jos verächtlich. »Der Krämer hat dem Lipp sein
Darlehen gekündigt, als das Heu billig und nirgends Geld aufzutreiben war als
etwa bei solchen, die mit dem alten Sünder unter einer Decke zu spielen
scheinen.«
    Jos war so erregt, dass er, um sich nicht allzuviel Gewalt antun zu müssen,
die Stube verlassen wollte, da er sah, dass Schweigen hier jetzt Gold,
Weiterreden aber nur Öl in das auf dem Gesichte der Stigerin sich verratende
Feuer sei. Schon hatte er die Türe geöffnet, als die Stigerin ihn etwas rauh an
den Tisch zurückrief. »Bei uns wird gebetet, bevor man geht«, sagte sie und
begann, noch zornrot, eine endlos scheinende Zahl Vaterunser zu beten für
Lebendige und Tote, Gott und seinen Heiligen zu Ehren und den armen Seelen zum
Trost.
    Auch Jos brummte mit, von Andacht war aber dabei keine Rede. Dieses
gedankenlose Beten mit den Lippen, die noch vor einer Minute den Krämer
verteidigen wollten, kam ihm fast wie eine Gotteslästerung vor. Das gute aber
war, dass die Stigerin sich in eine ganz andere Stimmung hineingebetet zu haben
schien. Nachdem sie endlich das letzte Kreuz gemacht und noch einmal den armen
Seelen die ewige Ruhe gewünscht hatte, befahl sie Hansen, doch für Lipps arme
Kinder etwas Obst, Weissbrot oder Zucker mitzunehmen. »Die armen Tröpflein«,
sagte sie, »haben so selten etwas Gutes, und mit nur wenigem kann man ihnen eine
Freude machen, dass sie eins sein Lebtag drum ansehen.«
    »Und das ist schon eine Kleinigkeit wert«, sagte Jos rauh, aber zum Glück
hatte die Stigerin, die schon nach ihrem Speicher geeilt war, diese Bemerkung
nicht mehr gehört. Dorotee sah den Knecht mit einem vorwurfsvollen Blicke an.
Ja, sie hatte eben auch schon als Kind Weissbrot und Zucker bekommen, drum musste
sie mit allem einverstanden sein und musste freundlich lächeln beim Abschied vom
einzigen Bruder, der jetzt für Hansen des Kaisers Rock trug. Herrgott, wer hätte
dem alten Matisle und Doroteens kränklicher Schwester alljährlich soundso viel
Magdlohn gegeben, wenn Dorotee nicht mehr gelächelt haben würde! Auch das war
Zucker und Weissbrot für die armen Tröpflein und Hansjörg der Heustock, den man
um ein Sündengeld kaufte. Du lieber Gott, von dem allem siehst du nichts, denn
wie ein grosser, grauer, undurchdringlicher Schleier fällt das lange und breite
Tischgebet darüber herab.
    Auf dem Wege zu Lipps ärmlicher Behausung erzählte Hans dem Knechte von
seinen Kühen und wie er zu jeder einzelnen gekommen sei. Jos erfuhr dabei, dass
wenigstens in den letzten Jahren immer der Krämer dazu geholfen und geraten
hatte. »Das ist einer, mit dem man die anderen fängt«, bemerkte der langsame
Erzähler nebenbei. »Fehlen kann's ihm freilich auch, aber dann hat mir doch die
Mutter nichts vorzuwerfen.«
    Vor dem fast ganz neugebauten Hause des Andreas stand er still und flüsterte
dem Knechte zu: »Du, aber der da hätte wieder eine schöne Kuh feil. Die möcht'
ich kaufen, aber selbst, denn der Krämer tät wohl eher auf des Töchtermanns
Vorteil denken als auf den meinen. Geh doch einmal in den Stall und sieh dir den
Weissfuss drum an, was er wert ist. Aber höre noch: Handeln lass dann mich allein!
Die Angelika - will sagen: der Andreas - wenn der seinen Rausch von gestern
schon ausgeschlafen hat -, sie beide sollen nicht meinen, dass sie mit einem zu
tun haben, den man so leicht überlisten kann.«
    Hans blieb beim Wagen stehen, bis Jos wiederkam und seine Meinung sagte.
Dann gingen beide in die Stube, wo sie das sehr übernächtig aussehende Ehepaar
beim Morgenessen antrafen.
    Das schöne, blasse Weib stiess einen leisen Schrei aus, als es Hansen so
unerwartet eintreten sah. Andreas aber sagte ruhig und kalt: »Ihr seid da dem
Weib in die schönste Predigt hineingekommen.«
    »Schäme dich!« rief das Weib, und glühende Röte färbte ihr Gesicht, »schäme
dich, vor Fremden davon zu reden!«
    »Der Hans ist dir doch noch nicht gar so fremd, und Jos ist ein armer
Teufel, vor dem sich kein Mensch zu schämen braucht.«
    »Wo keine Scham, da ist auch keine Ehr'.« Hans sagte das nur, weil ihm just
nichts anderes einfiel und er doch diesem peinlichen Auftritte so gern ein Ende
gemacht hätte.
    Mit solchen Sprichwörtern ist ein Hans gewöhnt, jeden aus der Fassung und
zum Schweigen zu bringen. Hier jedoch hatte er nicht den rechten Mann getroffen.
Andreas erwiderte mit bitterem Lachen: »Und wo keine Ehr', ist auch keine Scham.
Ich aber bin nun einmal der Lümmel bis in die alten Tage und hab' nichts Gutes
an mir, als dass ich zuweilen am hellen Werktag in eine Predigt komme. Nützen tun
an mir diese Predigten freilich nichts, als dass ich den Trost daraus schöpfe,
sie hab' mich doch immer noch ein wenig lieb.«
    Bei den letzten Worten hatte seine Stimme ein wenig gezittert. Jetzt war es
so still, dass man das im Nebenzimmer erwachende Kind die Mutter zu sich rufen
hörte. Die Gerufene flog ans Bettchen, und Mutter und Kind beteten laut ihren
Morgenspruch. Andreas fragte unterdessen, was sein früher Besuch eigentlich
wolle. Hans brachte stotternd sein Anliegen vor. Er war jetzt gar nicht mehr zum
Handeln aufgelegt, wie sicher ihn auch die Angaben seines Knechtes gemacht
hatten. So musste denn Jos das Geschäft abschliessen, und es ging um so schneller,
da Andreas das Geld gleich holen durfte. In seinem Eifer, zu zeigen, dass man
künftig des Krämers Rat nicht mehr nötig haben werde, war Jos bemüht, mit der
Not des Verschwenders den Preis des Tieres herabzudrücken. Es gelang ihm das
auch so gut, dass sogar Hans es bemerkte und ihn gleich vor dem Hause darüber zur
Rede stellte. »Ich sehe wohl, du bist nicht besser als der Krämer«, sagte er.
    Den Knecht liess sein Gewissen sogleich erraten, was Hans damit meine.
»Aber«, antwortete er, »der Andreas ist denn doch kein armer Lipp.«
    »Aber er hat auch Weib und Kind.«
    »Oh, die sind sich selbst genug; sieh nur, wie froh sie sich da oben
zulächeln.«
    Das Weib, welches mit einem wunderlieblichen Mädchen auf dem Arm am offenen
Fenster stand, schien wirklich nicht mehr dasselbe, welches vorhin die Stube
verliess. Hansen schien dieser Anblick recht in der Seele wohlzutun. Er langte
sogleich in die Tasche und warf dem holden Geschöpfe ein grosses Stück Zucker zu.
    Was er sonst noch in der Tasche hatte, warf er in Lipps Stube auf den Boden
und hatte am Haschen und Zerren der ärmlich gekleideten Kinder seine Freude.
Selbst die Mutter sah eine Zeitlang behaglich lächelnd dem Kriege zu, bei dem ja
doch immer eines ihrer Kinder gewann. So gut als Hansen schien ihr aber die
Sache doch nicht zu gefallen. Sie ging auf einmal seufzend hinaus, während Hans,
der nun seine Taschen geleert hatte, seinen Geldbeutel zog und kleine
Kupfermünzen auswarf. Der Eifer der Kinder wurde immer grösser, immer weniger
schonten sie sich, und es begann bald da, bald dort eines laut zu weinen. Das
trieb die Mutter wieder in die Stube zurück. Rasch trat sie ein und sah den
reichen Bauern gar nicht wie einen Wohltäter an, indem sie sagte: »Wenn du aus
der Leidenschaftlichkeit der Kinder sehen willst, wie grausam nötig wir alles
brauchen könnten, so wirst du nun bald fertig sein. Ich könnte dir noch viel
erzählen, wenn du nicht selbst an den Heustock denkst, den wir aus purer Armut
um einen Spottpreis verkaufen mussten. Mir hat das weh getan, aber doch nicht so
weh, als es mir tut, meine Kinder jetzt um des leidigen Geldes willen zum
erstenmal in ernstlichen Unfrieden zu sehen.«
    Der Schusterlipp warf einen grossen Leisten so heftig in die Schublade, dass
alle anderen Werkzeuge in derselben klirrend aufflogen. Dann sagte er mit
schlecht verhaltenem Unwillen: »Sie werden sich noch viel mehr wehren müssen ums
liebe Geld. Es gab auch zum Anfangen wohl keine erwünschtere Gelegenheit als
heut'. Eins gewinnt ja immer, und wenn dir das nicht recht ist, so mach' dich
lieber gleich wieder in die Küche.«
    Das Weib, so erschrocken über den seltenen Ton in den Worten ihres sonst so
guten Lipp, dass sie die Anwesenheit der Fremden gar nicht mehr beachtete, bat
mit feuchten Augen: »Sei doch um Gottes willen nicht so! Du weisst ja, dass ich
immer dabei bin, wenn es für die Kinder etwas zu verdienen gibt, du weisst, dass
es mir da weder zu heiss noch zu kalt ist. Aber, Lipp, nicht gegeneinander sollen
sie sein; jedes für sich und gegen die anderen, das tät' mir weher als alles,
was sonst unsere Armut mitbringt.«
    »Wir wollen lieber in den Stadel zum Heu«, murrte der Schuster. »Wenn du
einmal auf deine Kinder kommst, kann man dir doch nichts mehr aus- oder
einreden.«
    Die letzten Worte sprach er weich, beinahe freundlich, und Jos hatte das
Gefühl, hier wäre doch besser sein als in dem neugebauten Hause des Andreas.
Trotzdem aber war er so froh als eine arme Seele über ein Vaterunser, dass man
jetzt vom Gehen redete. Rasch wendete er sich und erfasste den hölzernen Türnagel
mit beiden Händen, Hans aber blieb wie angebannt stehen. Eine Zeitlang nestelte
er an seinem Geldbeutel herum, dann warf er ihn auf den Tisch und sagte etwas
unmutig: »Da, du böses Weib, nimm du die wenigen Taler und verteile sie besser,
als ich es kann. Nimm nur!« drängte er, »gleich vor meinen Augen nimm! Es ist
nicht gebettelt und auch nicht geschenkt. Ihr beide müsst mir dafür eine
Gefälligkeit tun.«
    »Nur gefordert!« rief Lipp fröhlich.
    »Ihr dürft von der dummen Geschichte kein Wort mehr miteinander reden«,
bedingte Hans und eilte dann so schnell hinaus, dass Jos ihm kaum aus dem Wege
kommen konnte.
    Beim Abwägen und Aufladen des Heues war Lipp in der heitersten Stimmung. Er
erzählte viel Liebes und Gutes von seinem Weibe. »Dulden und entbehren«, sagte
er, alles entschuldigend, »haben wir zusammen gelernt; aber dass jemand etwas
bringt, war uns noch ganz ungewohnt, drum haben wir heut' unsere Sache so
schlecht gemacht.«
    Jos und Hans waren ziemlich schweigsam. Jeder schien mit seinen eigenen
Gedanken vollauf beschäftigt, und diese sprachen sie erst aus, als sie beisammen
in der Deichsel des schwer beladenen Wagens gingen, der ihnen auf dem ziemlich
guten, ein wenig abwärts gehenden Wege langsam nachschwankte. Hans sprach den
Wunsch aus, dass doch auch beim Andreas so leicht zu helfen wäre wie hier, dann
sollte Angelika keine böse Stunde mehr haben.
    »Dann«, fragte Jos, »wähnst also du, die Reichen seien schlimmer dran als
ein Armer, ein in der warmen Stube Sitzender, der einmal hinaus muss, mehr zu
bedauern als der Halberfrorene, den ein Sonnenstrahl erquickt?«
    »Ich hab' nicht gleich die ganze Welt im Kopfe wie du.«
    »Aber sag' mir, warum ist Angelika gar so zu bedauern? Sie musste den Andreas
kennen, als sie sein Weib wurde.«
    »Damals war er nicht so arg wie jetzt.«
    »Vielleicht ist aber gerade sie an manchem schuld.«
    »Sie? Angelika?«
    »Der Vater des Andreas hat ihn hart gehalten, dafür suchte er Ersatz, als er
sein eigener Herr wurde. Folgen wie ein Knecht hat er gelernt, sich selbst
beherrschen kann er nicht.«
    »Drum eben hätt' er auf Angelika hören sollen, das hätte ihm keine Schande
gemacht.«
    »Der Krämer sagte, dass sie das auch geglaubt und ihm oft eingeredet habe,
gepredigt wie heut', das machte ihn erst recht trotzig. Er mochte nicht mehr
daheim sein, suchte Unterhaltung im Wirtshaus und tat so, dass man ihn einen
Lümmel nannte. Das grösste Unglück, meint der Krämer, sei das, dass er sich jetzt
auch selbst für einen Lümmel halte.«
    »Aber wie du auf einmal den Krämer soviel gelten lassen kannst?«
    »Der kennt die Menschen sicher so gut als die Kühe, und gleichgültig ist ihm
sein Töchtermann denn doch nicht, wenn er sich vielleicht auch wenig um sein
Seelenheil kümmert.«
    »Und der Krämer wüsste also nicht, mit was der guten Angelika geholfen werden
könnte?«
    »Einmal, in der übelsten Laune, hat er gesagt, es wäre vielleicht kein so
grosses Unglück, wenn ihnen alles niederbrennen tät. Dann aber hat er an sein
liebes, hübsches Enkelchen gedacht und ist über seine Rede fast zu Tode
erschrocken. Ich aber hab' mich später oft mit dem Gedanken beschäftigt. So ein
reiches Muttersöhnchen würde Augen machen in der Schule der Armut. Sehen möchte
ich schon einmal, wie mancher sich anschickte, wenn er oft um etwas den
doppelten Kreuzweg machen müsste, dem jetzt alles bis vor das Kanapee getragen
wird.«
    Hansen schien dieser Wunsch nicht besonders zu erbauen. Er sagte etwas
bitter: »Nun, wunderlicher würden die Reichen sich auf dem Platz der Armen nicht
benehmen als diese, wenn man tauschen wollte. Man darf nur daran denken, wie
närrisch es in so einer schlechten Hütte zugeht, wenn unverhofft einmal ein
Stück Geld oder sonst eine Kleinigkeit hineinkommt. Gerade heute haben wir ein
herrliches Beispiel erlebt. Wir, ich und die Mutter, haben auch einmal einen
ähnlichen Fall erlebt wie heute beim Lipp. Es ist aber schon lange seitdem. Ich
war noch ein ganz kleiner Bursche und hing immer an der Juppe der Mutter. Mein
Bruder selig war mit dem Vater, nachher auch mit den Tagwerkern in Feld und
Wald, ich aber blieb immer daheim oder bei dir. Nur mit der Mutter ging ich aus,
wenn die einmal eine Base besuchte oder den Tagwerkern das Essen brachte. Noch
weiss ich's ganz gut, wie das eine schöne Woche war, in der wir am Argenstein
einige Tannen zu Schindeln fällen liessen. Das Matisle hatte gesagt, es
übernehme für den Hauszins die Verpflichtung, das Häuschen instand zu erhalten,
wenn man ihm das Holz dazu schaffe. Das war freilich nur wenig. Aber wir
brauchten das Häuschen einzig nur als Heustadel für das Gut daneben; auf die
weite Gasse setzen konnte man das arme Männchen auch nicht, und so nahm denn
mein Vater den Antrag an.«
    »In dem allem«, bemerkte Jos, der den Wagen fast ganz allein ziehen musste,
»sehe ich keine Ähnlichkeit mit dem heutigen Fall.«
    »Wird schon noch kommen; lass mich nur reden.«
    »Es ist also eine ganze Geschichte?«
    »Ja, und Lipp hätte nicht meinen Beutel mitsamt dem Gelde bekommen, wenn ich
nicht bei ihm wieder so lebhaft daran erinnert worden wäre.«
    »Grosser Gott, was werde dann erst ich bekommen, wenn ich sie geduldig bis zu
Ende angehört habe!«
    »Überwindung wird's dir sicher genug kosten.«
    »Nein, erzähle nur«, sagte Jos lächelnd.
    »Also, wo war ich? Wohl bei unserm Häuschen am Argenstein, in dem schon
damals das Matisle wohnte. Nein - ich war noch nicht dort. Wir gingen erst
hinauf, ich und die Mutter. Sie, mit dem eingepackten Mittagsessen für die
Holzhacker, kam nur langsam, mir viel zu gemach, vorwärts. Mit einem
grossmächtigen Butterbrot in der Hand sprang ich voran über Stock und Stein. Da
begegnet mir ein Mädchen, noch kleiner als ich, und richtete die schönen Augen
auf meine Hand, dass sie mich beinahe zu brennen schien. Ich wusste nicht, wie weh
der Hunger tut, aber ich hatte das Gefühl, die gute Dorotee möchte mein
Butterbrot. Anfangs wollte ich teilen, aber als ich sie darüber so erfreut sah,
schenkte ich's ihr ganz. Sie sprang heim, ich zur Mutter zurück. Als wir nun
mitsammen zu Matisles oder eigentlich zu unserm Häuschen kommen, da steht
Dorotee vor der Tür und weint die hellen Tropfen, will es aber mich und die
Mutter durchaus nicht merken lassen. Erst als ich frage, ob sie mit meinem
Butterbrot schon fertig sei, kann sie sich nicht mehr zwingen und weint nun
überlaut. Die Mutter aber hat darum den Lärm in der Stube doch noch gehört, denn
ihr ist das bei weitem nicht so zu Herzen gegangen wie mir. Zuerst blieb sie
stehen und horchte. Da war wohl zu merken, dass man stritt, aber worum es sich
handelte, das konnte man aus den einzelnen Worten nicht erlesen. Just das aber
wollte die Mutter wissen. Sie ging in die Stube, ohne lange anzuklopfen, und da
hat sie denn sogleich den ganzen Sachverhalt erfahren. Voller Freuden war
Dorotee mit ihrem Butterbrot heimgeeilt. Das Matisle wollte eben auch ins
Feld, obwohl es noch nicht zu Mittag gegessen hatte. So, sagte es, als es
Doroteens guten und ihm so seltenen Bissen sah, da gäb' es jetzt noch etwas zum
Mitnehmen für die Langeweile. Ja, nimm nur, soll das Mädchen schnell gesagt
haben. Der Vater hat schon nach dem gelangt, was das Mädchen ihm gibt, mit
weggewendetem Gesichte wohl, aber doch schnell und ohne zu teilen. Das ist denn
seiner Mutter gewaltig zu Herzen gegangen. Er sei herzloser, unverschämter als
ein wildes Tier, hat sie ihn angewettert, sonst würde er dem hungrigen Tröpflein
doch nicht so den ersten guten Bissen, den es bekomme, wegnehmen dürfen. Nun
klagte auch der Mann seine Not und behauptete, das Kind könne doch nicht einzig
von diesem Butterbrot, wohl aber von seiner Arbeit leben. Ich weiss nicht mehr,
was alles die beiden sich nun im Zorn sagten, wenn schon es mir und der Mutter
lang und breit erzählt wurde, wobei denn der Streit von neuem anging, obwohl sie
sich im ersten Schrecken recht ordentlich zusammengenommen hatten. Es war, als
ob sie nun miteinander zu rechnen angefangen hätten, und mir ist wohl noch nie
etwas so nahe gegangen als diese Rechnung. Und doch dachte ich dabei nur an
Doroteen, die zitternd neben dem Vater stand, nicht auch an ihren Bruder und an
die ältere Schwester, die während des Lärms miteinander spielten, als ob sie so
etwas lange gewohnt waren oder als ob es sie rein gar nichts angehen tät. Mir
kam es ganz unbegreiflich vor, dass meine Mutter heute so lange still sein und
ganz geduldig zuhören konnte. Dafür aber fuhr sie dann auch endlich um so wilder
auf: Euch ist nicht zu helfen, ihr Elenden, denn jede Gabe brächte nur neuen
Krieg ins Haus. Dem Kinde aber soll geholfen, es darf durch euer Beispiel nicht
auch noch verderbt werden. Wie konnte nur Gott euch ein so schönes, unschuldiges
Wesen anvertrauen?
    Es wär' ihm von Herzen zu gönnen, dass es euch gehören tat, murmelte das
Matisle.
    Gott hat es mir gezeigt, sagte meine Mutter, wie wenn sie beten täte, so
feierlich, wie ich sie nie gehört hab. Sein heiliger Schutzengel hat deutlich
genug zu mir gesprochen. Wenn ihr selbst mir das Mädchen wünscht, so will ich es
nehmen, bevor ihr es noch gar an eine Zigeunerbande verkauft.
    So hat meine Mutter gesagt. Vom Matisle und seinem Weib ist dann noch viel
mehr Wesens gemacht worden, als man hätte vermuten können. Besonders dem Weib
ist es schwer gefallen, dass man ihr das Kind nehmen wollte und dass sie zu seiner
Erziehung nichts mehr sagen, ja es nur höchst selten einmal besuchen sollte.
Trotzdem hat sie am Abende des nämlichen Tages das Mädchen und sein kleines
Bündelein in unser Haus gebracht. Die gute Mutter Doroteens - - Gott tröste sie
im ewigen Leben - hat im voraus für alles Gute mit feuchten Augen gedankt und
dem Mädchen zugesprochen zum Abschied, dass mir dabei ganz kalt worden ist. Nun,
sie könnte zufrieden sein mit dem Mädchen, wenn sie noch lebte, und mit uns
auch, und meine Mutter hat ihre Güte auch nie bereuen müssen.«
    Jetzt erst bemerkte Hans, dass er und Jos und der Heuwagen noch beinahe auf
demselben Platze standen, wo er seine Erzählung begonnen hatte. Jos, der alles
lebhaft vor sich sah, was er hörte, hatte immer schwächer gezogen und dachte
auch jetzt noch nicht an seine Arbeit. »Nun«, sagte er herzlich, »jetzt begreife
ich, warum dir das heute wieder einfallen musste.«
    Zu einer anderen Zeit hätte es den Jos ordentlich ärgern können, hier wieder
ein neues Band zu sehen, welches das Mädchen an dieses Haus fesseln musste. In
diesem Augenblick aber war er der alten Stigerin von Herzen dankbar für einen
Entschluss, der Doroteen aus ihren elenden Verhältnissen heraushalf. »Es sind
doch gute Leute, und sie meinen es redlich, wenn einer es auch nicht immer so
empfindet«, dachte er, indem er sich mit seltener Freudigkeit wieder an sein
Tagwerk machte.
    »Da ist's denn doch ganz anders als beim Krämer, der nur für sich selbst
wohlhabend ist«, dachte er, als er abends neben Doroteen beim Nachtessen sass.
 
                               Siebentes Kapitel
                        Jos fängt an gemütlich zu werden
Jener Handwerker, welcher sagte, um den Taglohn trage er das ganze Jahr Wasser
vom Brunnen in den Bach oder werfe seinem Arbeitgeber Prügel und Steine nach,
war gewiss ein armer Mann, der täglich im Schweisse des Angesichtes sein Brot
verdienen musste und auf der Welt nichts Höheres kennen lernte als den
Feierabend. Er war doppelt arm, weil er die Freuden der Arbeit nie empfand, weil
er sich nicht für einen Schaffenden, sondern nur für ein Werkzeug hielt. Die
Bauern haben daher vielleicht gar nicht so unrecht, wenn sie jene Rede einen
Fabriklerspruch nennen.
    Und auch der arme Ladenschneider hinter einem Berge von unfertiger Arbeit,
worauf sollte er sich freuen als auf Feierabend und Lohn? Wer soll ihm danken
für seinen Fleiss, wer seine Geschicklichkeit loben, wenn es sein Arbeitgeber
nicht tut, dem das alles zugute kommt? Ihm fehlt sogar das gemütliche Verhältnis
mit seiner Kundschaft, das anderen Handwerkern, die selbst mit dieser verkehren,
so wohl tut. Bei seinem Schaffen hat er nicht die Befriedigung, sein Werk
allmählich werden und wachsen zu sehen, hier schon die bisherige Tätigkeit
belohnend, dort neuen Fleiss, neue Anstrengung fordernd, wie der Bauer, dessen
einzelnes Tagwerk einem Nadelstich gleicht an dem Kleide für sich selbst, zu dem
ihm sein eigenes Wollen und Können das Mass gibt.
    Auf dem Stighof, der dem Jos wie eine kleine Welt vorkam, fiel es ihm bald
gar nicht mehr ein, dass er eigentlich immer nur für einen anderen arbeiten
müsse. Müssen - davon war jetzt keine Rede mehr. Wer hätte die Kühe hungern, die
schönen Felder unbearbeitet lassen können? Hier schaffte er nicht mehr wie beim
Krämer nur ins Blaue hinein. Die Wohltat jeder Arbeit kam seiner ganzen kleinen
Welt zu, der sie, wie der Segen des Herbstes, gleichzeitig Frucht und Samenkorn
wurde. Dorotee war ihm bald wie eine Schwester, Hans wie ein Bruder geworden,
und das Lächeln der alten Stigerin, die er nicht selten Mutter nannte, seit er
erfuhr, wie sie an Doroteen handelte, belohnte ihn wie das Mädchen, und es tat
ihm wohl, wenn die gute Frau ihn und Hansen wegen ihrer Eifersucht neckte.
    Anderen Leuten, die gern hatten sehen wollen, wie lange die geldstolze,
strenge Frau mit dem trotzigen Jos erträglich auskommen werde, kam das bald
etwas kopfschütterlich vor. Man wollte bemerkt haben, dass Jos und Dorotee sich
lieber hätten, als zur Verrichtung ihrer Arbeiten nötig wäre. Viele Väter
wohlhabender hübscher Mädchen, die bisher eine Heirat Hansens mit seiner Magd
gefürchtet hatten, begannen wieder neue Rechnungen zu machen und sagten sich
sogar, der klugen Stigerin sei vielleicht Doroteens Liebelei mit dem Knechte
ganz erwünscht und sie sehe nicht ungern, dass der so zwischen sie und Hansen
gekommen sei.
    Wenn aber auch die Stigerin so gedacht hätte, so wäre es ihr ein leichtes
gewesen, sich selbst zwischen die beiden zu stellen, und sie hätte darum gewiss
nicht eine andere Liebschaft grossziehen mögen. In dem Stücke war sie ungemein
streng. Von jener Weisheit, die den Menschen erst alles durchgeniessen und dann
ein lebendiges Buch des Predigers werden lässt, hatte sie freilich nichts, und
wie jetzt hatte sie schon vor dreissig Jahren immer nur gefragt, was etwas nütze
und was im besten oder im schlimmsten Falle daraus entstehen könnte. Einzig ihre
vielen Wohltaten wurden nicht auf dieser Waage gewogen.
    Als das einzige Kind wohlhabender Eltern und von Jugend auf gesunder und
kräftiger als ihr Vater, hatte sie schon früh den Sohn ersetzen müssen wie
vorher ihre Mutter den Vater. Alles, was in Kauf und Lauf kam, ging durch ihre
Hand, und selbst der Neid wusste ihr nicht nachzureden, dass sie dabei jemals
einen schlechten Schick gemacht hätte, wenn man nicht ihre Heirat einen solchen
nennen wollte. Wer aber sie und diejenigen kannte, welche um sie warben, dem
musste es ganz begreiflich vorkommen, dass sie, wenn nun einmal durchaus
geheiratet werden sollte, nur dem Reichsten gestattete, von ihr oder eigentlich
ihrem Hofe den Namen Stiger zu bekommen.
    Nie stellte der Bregenzerwälder sich trotziger, verschlossener der »Welt da
draussen« und allem, was aus dieser zu ihm kommen wollte, gegenüber als gleich,
nachdem die alte freie Verfassung des kleinen, kaum beachteten Achtales
aufgehoben wurde. Früher strebte der Ehrgeiz der Unabhängigen nach Höherem als
nach Geld und Gut; man hatte gesucht, in der Gemeinde, im Lande etwas Rechtes zu
sein, im Männerrate ein entscheidendes Wort mitzusprechen und sich bei den
Wahlen zur Geltung zu bringen. Nun aber musste auf einmal das alles den
studierten Herren überlassen werden, und der Bregenzerwälder sah nichts Besseres
mehr vor sich als den Genuss des Erworbenen. Die sogenannten unruhigen Köpfe und
Neuerer wurden aus dem Lande verdrängt, wenn sie es nicht vorzogen, freiwillig
zu gehen, und die Ruhigen besannen sich bald, es sei nun das gescheiteste, sich
wohl sein und die ganze Welt unbekümmert gehen zu lassen. Ward einer einmal in
seinem Dorfe zu den Reichern gezählt oder hatte er wenigstens ein Anwesen,
welches ihm einen Knecht trug, so konnte er sich hinsetzen zu den grossen
Vielbeneideten oder mit ihnen die Wette eingehen, wer es wohl am grossartigsten
zu treiben vermöge. Die Volksfeste, jetzt unter geistlicher und weltlicher
Aufsicht stehend, wurden, sobald ihnen der frohe Tanz und das freie Wort
fehlten, zu gemeinen Schlemmereien, von denen die Besseren sich ins sogenannte
Herrenstüble zurückzuziehen begannen. So wurde denn vom Strom des Vergnügens,
der rohesten Genusssucht, fast jeder Ungebundene fortgewirbelt; der Gebundene,
durch Not Gefesselte aber stand allein wie eingesandet und warf denen neidische
Blicke nach, die ihn lachend sich selbst und seinem Schicksal überliessen. Nur
die Frauen und Mädchen hatten am häuslichen Herd noch eher eine sichere Stätte.
Je weiter die männliche Bevölkerung von der nun einmal eingerissenen Strömung
fortgetrieben wurde, desto mehr mussten sie ihre Kräfte üben, damit doch nicht
alles zugrunde gehe. Ein Menschenalter später führten sozusagen in allen
wohlhabenden Häusern die Weiber das Hausregiment, denn die, in welchen das nicht
geschah, waren lange keine wohlhabenden Häuser mehr. Nie standen beide
Geschlechter sich misstrauischer, spröder gegenüber als in dieser traurigen Zeit.
Der Wirkungskreis des Weibes erweiterte sich mehr und mehr, aber dieses verlor
dabei soviel als der Mann, und das Volk an ihm wohl mehr als an dem letzteren.
Herzensgüte und Milde, der Kunstsinn, die Freude am Schönen und die Begeisterung
für das menschlich Grosse schienen verschwunden und der Mensch zum Stallknechte
geworden zu sein. Das unter der Herrschaft der Mannweiber herangewachsene
Geschlecht wurde kleinlich, pfiffig, sparsam und arbeitsscheu; der Taler galt
alles, und den Wert des Menschen pflegte man in seinem Steuerbüchlein zu suchen.
    Auch die Stigerin war so ziemlich ein Kind jener Zeit. Nutzen und Schaden -
das war ihr Gewissen. Darum hielt sie auch den Reichtum für die Frucht der
Arbeit, für den Gotteslohn jeder Entsagung, kurz für die sichtbar gewordene
Gestalt aller menschlichen Tugenden und Vorzüge. Sie ging fleissig in die Predigt
und nahm alles ohne Grübeln und Deuteln an; aber als einst ein Kapuziner die
Behauptung aufstellte, dass Wohlstand und Glück viel öfter eine Strafe Gottes für
allzu irdische Gesinnung seien, da mochte sie gar nichts mehr weiter von ihm
hören, und als man bald darauf für das Kapuzinerkloster in Bezau die übliche
Buttersammlung in der Gemeinde vornahm, war der Stollen, den sie in den Pfarrhof
schickte, bei weitem der kleinste, und den Gruss, welcher Doroteen mitgegeben
wurde, wagte diese gar nicht auszurichten. Es war wirklich Doroteen nicht zu
verargen, wenn sie alles für unüberlegt hielt und sogar den kleinen Stollen
verstohlen noch einmal in den Keller trug, um ihn ein wenig wachsen zu machen,
wofür sie dann aber von der Stigerin, die das sogleich merkte, die strengsten
Vorwürfe erhielt, die sie je unter diesem Dache erschreckt hatten. Doch noch am
nämlichen Tag hatte die Magd Gelegenheit, zu bemerken, dass die Frau noch keine
kärgere Geberin werde; ja wie vielleicht immer, fand ihr mildes Herz Ersatz im
Wohltun für das, was es dem strengen Verstand hatte opfern müssen. Wenn sie auf
das lange Tischgebet zu reden kam, welches auch während der dringendsten
Feldarbeit nicht um ein einziges Vaterunser abgekürzt wurde, so sagte sie: »Gott
sieht das und kann's auf andere Weise wieder reichlich ersetzen.« Von ihrer
Mildtätigkeit aber redete sie, besonders mit ihren kargen Freundinnen und Basen,
am liebsten gar nicht, oder sie sagte ganz kurz, wie um sich zu entschuldigen,
sie habe nicht anders können, als dem armen Teufel mit dem oder diesem wieder
ein wenig auszuhelfen.
    Jos hatte diese Seite ihres Wesens, die sie wie eine Schwäche sorgfältig
geheimzuhalten, ja mit einer recht unnatürlich rauhen Rinde zu umgeben suchte,
erst kennen gelernt, seit er als Knecht mit ihr unter einem Dache lebte. Der
unerwünschte Spielgefährte Hansens war ihr, besonders als Vater und Sohn mit
seltener Beharrlichkeit für ihn einstanden, zu sehr zuwider, als dass je ein
wärmender Strahl aus ihrem Herzen in sein dunkles, kaltes Kindesalter hätte
fallen können. Dieses listige, trotzige, dem Vorsteher und ihrer ganzen
Verwandtschaft zum Ärger in die Gemeinde hereingeschmuggelte Kind der Sünde war
ihr recht in der Seele zuwider, und wenn Hans für seine Mitteilung am
Ostermorgen, dass er den Jos als Knecht gedingt hatte, keine besonders lange
Strafpredigt hören musste, so kam das einzig davon, weil sie glaubte, der
schwache Schneider werde seinen Platz nicht eine Woche behaupten können. Weil
sie aber das ganz bestimmt vorauszusehen meinte, begann sich schon auch das
Mitleid mit dem Armen zu regen, in dessen traurige Lage sie sich jetzt
unwillkürlich immer wieder denken musste, bis sein Trotz eine ganz andere
Stimmung weckte. Doch Hansens Erzählung beim Heuführen hatte nicht nur diesem
Trotz seine Spitze genommen. Mit einer Art Ehrfurcht blickte er zu Doroteens
Mutter und Erzieherin auf. In jedem Augenblicke glaubte er, für tausend dem
armen Kinde zugekommene Wohltaten danken zu müssen. Sein ganzes Wesen schien
sich in wenigen Tagen verändert zu haben, und die Stigerin nahm mit Freuden den
guten Einfluss ihres Hauses auf den etwas verderbten Burschen wahr, den sie nun
mit fast mütterlicher Sorgfalt zu umgeben begann.
    Jos nahm das für einen Ausdruck ihrer Zufriedenheit mit dem Knechte, und
dadurch wurde ihm die ungewohnte strenge Feldarbeit bedeutend leichter. Sein
Ehrgeiz und der Gedanke, Dorotee dürfe ihn nicht für einen Schwächling halten,
gaben seinem schwachen Körper eine Kraft und Ausdauer, wie er früher das wohl
selbst kaum für möglich gehalten hätte. Anfangs blickte er am heissen Mittag wohl
zuweilen etwas traurig in die schattigen Werkstätten hinein und liess das
Köpfchen hängen, während er wieder an sein Tagwerk ging. Aber immer mehr
richtete er sich auf, so dass die Leute bald bemerkten, das Bürschchen sei am
guten Tische der Stigerin nicht nur fetter und kräftiger geworden, sondern auch
sein Köpflein sei ihm in der immer stark eingeheizten Stube erwarmt, wie allen,
die es früher darum ausgelacht habe.
    Gar so arg, als die Leute meinten, war es nun freilich nicht; aber wenn ein
Mensch, den man einmal als so und so sich vorzustellen gewohnt ist, nur in einem
Stücke umschlägt, so ist jedermann zu Übertreibungen geneigt, welche eine
vorgefasste Meinung zu bestätigen geeignet sind. Freilich verbrauchte er seine
Kraft nicht mehr in trotzigem Dulden; bei den wohlhabenderen Bauern, mit denen
er als Seele des Stighofes fast täglich verkehrte, seit ihm den Krämer als
Ratgeber und Notelfer zu verdrängen gelang, hatte er etwas ganz anderes zu
suchen als belachenswerte Fehler. Zwar stolzer als ehemals war er nicht, wenn er
auch etwas sicherer auftrat und neben Doroteen seine ehemaligen Gefährten
beinahe vergass; aber ganz der alte schien er auch sich selbst nicht mehr und
hielt sich in manchem Stücke für besser. Wie teuflisch hatte er sich am ersten
Tage gefreut, wenn er die Besitzer des Stighofes und Doroteen in ihren Urteilen
über etwas auch nur ein wenig auseinandergehen zu sehen meinte! Da glaubte er
gleich einen Platz entdeckt zu haben, wo er sich vielleicht zwischen sie
hineinsetzen konnte; jetzt aber machte es ihn noch viel glücklicher, sie alle
als zusammengehörig zu betrachten. Das Mädchen, das er schon früher zu lieben
wähnte, weil er es neidisch, eifersüchtig bewachte, stand jetzt zu gross, zu hoch
vor seiner Seele, als dass er noch ärgerlich den Eindruck jedes freundlichen
Wortes, jedes Geschenkes auf sein Herz hätte berechnen können. War es nicht
recht und ganz natürlich, dass Dorotee auch bei anderen, bei allen etwas galt?
Hatte doch er in der Zeit, wo noch die gemeinste Selbstsucht ihn so beherrschte,
dass er der Magd keine Freude gönnte, die ihr andere machten, bei Tag und Nacht
an sie denken, nur ihretwegen sich oft weit über seine Kräfte anstrengen müssen.
Die war eben der Mittelpunkt im Hause, und er schätzte sich jetzt glücklich
genug, dass ihm neben ihr zu leben und mit ihr zu arbeiten vergönnt war. Selbst
das Haus, die Felder und alles, was sie je betrat, wurde ihm lieber und werter.
Immer mehr lebte er sich mit Leib und Seele in den Zauberkreis hinein, aus dem
er anfangs nicht ungern auch das liebe Mädchen herausgerissen hätte. Die alte
Stigerin mit dem früher rabenschwarzen Haar, auf welchem bereits der Winter lag,
und mit der grossen Hornbrille auf den grauen Augen, deren ungewöhnlich starke
Brauen mit der die niedere, aber breite Stirne bedeckenden Pelzkappe
zusammengewachsen zu sein schienen, kam ihm ganz anders vor, wenn er sich
vorstellte, wie sie ein armes Mädchen allem Spott und Neide zum Trotz aus der
Hütte des Elends, des Unfriedens und der tiefsten Armut rettete, um ihm Mutter
zu sein und es so zu einer Dorotee zu erziehen. Oh, er gab ihr von Herzen
recht, wenn sie, von der Geschichte redend, mit einem Stolz, der ihm recht in
der Seele wohl tat, sich ein Werkzeug des lieben Gottes nannte, der keinen
Menschen unschuldig Armut und Not ertragen lasse, bis er dadurch an Leib und
Seele verderbt werde. Wohl hundertmal bat er sie, die die gute Dorotee schon
damals liebte und schützte, als er noch ein recht ungezogener Junge war, in
Gedanken um Verzeihung für die groben Verse, die er auf die nicht besonders
schöne und ihm recht in der Seele verhasste Mutter seines Spielkameraden gemacht
hatte, und die Schneeballen, die er in ihren Kamin warf, wenn die Milchsuppe auf
dem Herdfeuer stand, und für all die tollen Streiche, durch die er es hatte
rächen wollen, dass sie Hansen stets mit einem unheilverkündenden Pfiff heimrief,
sobald sie ihn einmal mit ihm spielen sah.
    Immer mehr lebte Jos sich in die Verhältnisse des lieben Mädchens, sogar in
seine Familie hinein, nicht nur Freude und Leid mit ihr teilend, sondern jede
Pflicht, alles, was ihr gross und heilig war. Es gab nichts Schöneres für ihn als
ihre Erzählungen aus der Vergangenheit, wie unbedeutend sie auch immer sein
mochten. Dorotee wurde oft verlegen, dass ihr aufmerksamer Zuhörer später manche
Kleinigkeit aus ihrem Leben, die ihr nur einmal im Erzählungsdrange mitsamt
allen Nebenumständen einfiel, bei weitem genauer wusste als sie selbst. So
wunderbar, als sie meinte, war das freilich nicht, denn oft genug beschäftigte
er sich mit jeder Einzelheit, und besonders ihre wichtigen Tage waren bald auch
ihm bedeutend geworden, hauptsächlich der zwölfte März, an dem sie in dieses
Haus kam, und der zwölfte Hornung, der Abschiedstag ihres Bruders. Früher
vermochte er nicht zu begreifen, wie sie nach diesem Tage noch auf dem Stighof
bleiben konnte. Jetzt aber dachte er sich nie mehr an Doroteens, nur noch an
Hansjörgs Stelle. Dieser tat dem Wohltäter seiner Schwester gewiss nicht ungern
einen so wichtigen Dienst, wenigstens hätte er es sollen, meinte Jos, als er
sah, wie treulich Hans noch immer daran dachte und wie überreich er auch dem
Matisle das ersetzte, was allenfalls Hansjörg als Wochenlohn jeden Sonnabend
heimgebracht hätte.
    So rechnete Jos und zeigte damit so gut als einer, was alles die Liebe zu
überwinden oder zu verklären vermag.
    Aber Jos war ja gar nicht mehr verliebt - er war weit über die elende
Selbstsucht hinaus, die ihn quälte und bitter machte, als er in dieses Haus, in
den Kreis so guter und glücklicher Menschen eintrat. Er wollte Doroteen nicht
mehr vor jedem Blick, jeder Wohltat, kurz vor allem warnen, was nicht von ihm
kam. Sie war seine Schwester, der er alles Gute und Erfreuliche recht von Herzen
gönnte. Er glaubte seine verliebte Zeit vorüber, seit er nicht mehr jeden
Schritt des Mädchens und derer, die mit ihm verkehrten, mit der Ängstlichkeit
der Eifersucht beobachtete, seit er, wie er sich selber sagte, sogar das zu
opfern vermochte, was eine andere als brüderliche Zuneigung durchaus für sich
verlangen würde. Früher hatte er seinen schönsten Tag, wenn Dorotee zu ihm aufs
Feld kam und ihm arbeiten half. Dann hatte er Glück in allem, was er machte, und
wenn er auch halbe Viertelstunden nur plauderte oder ihr zuschaute, wie flink
sie den Rechen durch die schöne Hand gleiten liess, wie regelmässig ihre Sense den
Halbkreis durchrauschte und die hohen Halme aufeinanderlegte, am Abend hatte er
doch immer weit mehr ausgerichtet, als wenn er allein war. Dann kam er sich auch
abends beim Heimgehen nicht mehr als ein einsamer, ganz besonders gearteter
Trübsalblaser mit von keinem Lebenden geteilten oder auch nur verstandenen
Leiden und Sehnsuchten vor. Sogar im frohen Wettgesang der Vögel hörte er sich
selbst. Alles in ihm weitete, leichtete sich, und es nahm ihn fast wunder, dass
er nicht zu fliegen vermochte. Ja zuweilen war's ihm, als ob er es schon könnte,
wenn er sich anders von Doroteens Seite weggewünscht hätte. Das aber war damals
eben nie der Fall. Dorotee sollte nirgends sein, nirgends arbeiten als nur
neben ihm. Schon wenn sie mit anderen, besonders wohlhabenden Burschen oder
sogar mit Hansen ein freundliches Wort wechselte, klagte er über Zurücksetzung
und konnte halbe Tage lang sehr übler Laune sein, gerade als ob man ihm weiss
Gott welches grosse Unrecht angetan hätte. Ja, er war ein recht unerträglicher
Mensch gewesen in den ersten fünf Wochen. Nun aber war denn diese verliebte
Selbstsucht doch glücklich überwunden.
    An heissen Julitagen, wo die Blätter an den Stengeln schon vormittags zu
erlahmen begannen, konnte er es nicht mehr übers Herz bringen, Doroteen den
ganzen langen Tag neben sich schaffen und schwitzen zu sehen. »Bleib doch
daheim, wo du ja genug zu tun hast - wohl mehr als ich draussen«, bat er oft,
wenn er aufs Feld zur Arbeit ging, und wie ein Strahl der eben aufgehenden Sonne
zog es über sein jetzt auch gebräuntes Gesicht, wenn sie endlich nachgab. Erst
dann war sie den ganzen Tag recht bei ihm, und wenn er abends das Getane
übersah, so war's wirklich, als ob sie ihm geholfen hätte. Ach, war das eine
Lust, so für sie zu arbeiten, und dabei unterhielt er sich besser mit ihr, als
wenn sie da war. Ja dann wusste er oft gar nichts zu sagen. Es war ihm ordentlich
angst vor dem Mädchen, und was er sagen wollte, wäre immer zu lustig oder zu
ernstaft herausgekommen. Doch nur selten liess die fleissige Magd ihn allein
neben dem rauschenden Wiesenbächlein den Sängern des nahen Waldes lauschen und
dem Geschwätz der Blätter. Immer wollte sie dabei sein und helfen, wenn ihr
nicht auch Hans daheim zu bleiben befahl. Das aber geschah immer häufiger. Sonst
war es dem Burschen nie eingefallen, dass das Mädchen einen strengen Dienst habe.
Er hatte sich schon daran gewöhnt, sie von früh bis spät in einem fort arbeiten
zu sehen, und wenn er mit der kurzen Pfeife im Munde neben ihr stand, so dachte
er nur selten daran, dass er ihr wohl auch ein wenig helfen könnte. Erst Jos
hatte ihn, ohne es gerade zu wollen, darauf gebracht. Die Arbeitslust, die sich
nun auf einmal in dem sonst etwas trägen Besitzer des Stighofes zu regen begann,
hätte in seinem Knechte gewiss allerlei Gedanken und Sorgen wachrufen müssen,
wenn er noch immer nur eifersüchtig gerechnet und nicht lieber sich herzlich
gefreut hätte über alles, was Doroteen auf irgendeine Weise zugute kommen
musste. Dass Hans sie gern habe, das war ganz klar, aber wer konnte es ihm
verargen? Musste man ihm nicht gerade darum gut werden, weil er dadurch zeigte,
wie weit er über anderen reichen Bauernburschen stehe?
    Die beiden redeten viel von der Magd, wenn sie allein mitsammen arbeiteten.
Dem Jos war es fast zu viel, und besonders weh tat ihm, dass Hans sich so bitter
über ihren gemeinen, verschwenderischen Vater aussprechen konnte, über den
Krämer dagegen und seinen Töchtermann sich kaum ein tadelndes Wort gefallen
liess. Wenn es der Andreas immer bunter trieb, so beklagte Hans allerdings die
arme Angelika, aber nie gab er zu, dass auch diese durch ihr unfreundliches,
strenges Wesen ihn aus dem Hause treibe. »Sie passen nicht zusammen und sind
mehr unglücklich als schuldig«, sagte er kurz abbrechend. Das Matisle aber und
sein Hansjörg sollten an allem selbst schuld sein, da taten die Verhältnisse gar
nichts. Doroteen war ein besseres Los geworden, weil sie ein besseres
verdiente, behauptete Hans und begann dann, seine Magd auf Kosten ihrer Eigenen
zu loben. Das wäre dem Jos rein unmöglich gewesen. Die, für welche Dorotee das
ganze Jahr sparte und sorgte, musste er entschuldigen, solange er konnte, dann
aber wenigstens ihre Fehler, wie weh ihm diese auch tun mochten, mit dem Mantel
der christlichen Liebe zu bedecken suchen. Es fiel ihm nie ein, von Hansens
Tadel gegen das Matisle, den Hansjörg und sogar Doroteens kränkelnde Schwester
auf das Nichtvorhandensein einer wirklichen Neigung zu schliessen. Es konnte ja
ebensogut in dieser Härte ein Unbehagen des stolzen Bauern verborgen liegen, der
sich von so gemeiner Leute Kind gefangen fühlte.
    Hans liess dem Knechte nie Zeit, über seine Reden lange nachzudenken. Nicht
etwa, dass er unermüdet arbeiten sollte. Hans hielt im Gegenteil das Leben eher
für eine Kurzweil als nur für eine Reihe von Tagwerken, und als Arbeiter war ihm
sein Knecht fleissig mehr als genug, aber beinahe zu still. Er bat den Jos oft,
ihm ruhig etwas recht Lustiges zu erzählen, und hörte dann so aufmerksam zu, als
ob Jos sein Ratgeber und Tröster sei. Aber der arme Knecht hatte nicht immer
einen lustigen Einfall in der Tasche, und beide waren oft, ja immer herzlich
froh, wenn Dorotee mit dem Mittagsessen kam, wie wenig sie bei der
ungewöhnlichen Hitze dieses Sommers auch hungern mochten. Wenn sie zum Essen
rief, dann kam der Appetit sicher. Oh, ihre Stimme konnte befehlen. Jos hatte
noch nie eine ähnliche gehört als vielleicht - denn ganz wunderbar bekannt, ja
eigen war sie ihm immer vorgekommen - in seinen Träumen, in denen er überhaupt
manches aus seinem jetzigen Leben schon einmal durchgemacht zu haben behauptete,
ohne jedoch noch ersinnen zu können, wie es dann endlich gekommen sei. Schon
früher wollte er im Traum, oder er wusste selbst nicht wann, unter der grossen
Buche neben Hansen und Doroteen gesessen seih, unter der er jetzt sein
Mittagsmahl einzunehmen pflegte. Auch dann hatte das Bächlein gemurmelt, und die
Vögel hatten laut gezwitschert, wenn Dorotee über seine nun dutzendweise
kommenden Einfälle laut auflachte. Aber das hatte er in seinen Träumen denn doch
nicht erlebt, dass Dorotee nicht nur für Hansen, sondern auch noch für ihn einen
besonderen Lieblingsbissen auspackte. Das war eine Freude! Doroteens wunderbare
Stimme musste nochmals bittend befehlen, bevor Jos so etwas zu vernichten wagte.
    Die glücklichsten Menschen wie die besten Frauen sind häufig die, von
welchen man am wenigsten zu sagen weiss. Das Glück unseres Knechtes glich nicht
der künstlichen Arbeit der Blumenmacherin, die den Kirchenaltar ziert, sondern
dem bescheiden blühenden und duftenden Kinde des Frühlings, welches vielleicht
kaum Beachtung findet. O schade, dass so ein liebliches, duftumflossenes Kind der
schönen Jahreszeit mit aller Kunst nicht auch den Sommer über erhalten bleibt
und dass es um so schneller verdirbt, wenn man es der einsamen Stelle entreisst,
wo es wuchs und blühte.
 
                                 Achtes Kapitel
         Was Jos mit den Eierschalen dem Krämer und seiner Tochter säte
Zu Ostern hatte nicht nur für Jos, sondern auch für den Krämer ein neues Leben
begonnen. Die Eierschalen vor der Haustür konnten keine anderen sein als die,
welche er am Abende vorher in Stighansens grossmächtigem Wetterhut auf einem
Balken der Brücke stehen sah. Was war auch natürlicher als das! Angelika und
Zusel hätten sich, wären sie im gleichen Alter gewesen, fast zum Verwechseln
ähnlich gesehen. Ja, Zusel hatte nach des Krämers Ansicht entschieden noch den
Vorzug gegenüber Angelika, welcher der feurige Blick ihrer Schwester fehlte und
jenes grelle Rot der Wangen, ohne welches der Bauer sich ein schönes Gesicht
nicht zu denken vermag. Schon die Angelika hatte Hansen die Mutter und seine
ganze Verwandtschaft kaum zu erwehren vermocht. Jahrelang trauerte er um sie,
aber endlich musste doch Zusel seine Trösterin werden. Das war dem Krämer ganz
klar, seit ihm durch die Entfernung Hansjörgs die Gunst der wunderlichen,
stolzen Stigerin zu gewinnen gelang.
    Länger, als im allgemeinen gerade Brauch ist, liess der Krämer des scheuen
Burschen erstes Liebeszeichen vor der buntbemalten Haustüre liegen, als ob das
den vielen hier nach dem Gottesdienste Vorübergehenden nicht nur etwas zu raten,
sondern viel zu verstehen geben sollte. Das seltsame Betragen seiner Tochter war
nicht imstande, ihn für die Länge aus seiner Festtagsstimmung herauszubringen.
Nachgesagt muss ihm werden, dass er bereute, dem Mädchen durch seine Mitteilung
und seinen Beweis von Hansjörgs Treulosigkeit so weh getan zu haben. Es war das
wirklich mehr in der Leidenschaftlichkeit des Augenblicks als, wie sonst das
meiste, was er tat, nur aus Berechnung geschehen. Er hätte diese Waffe gegen
eine Neigung, die er noch immer im Herzen seines Kindes lebendig fürchtete,
schon lange brauchen können, wenn er dem lieben Geschöpfe nicht gar so weh zu
tun gefürchtet hätte. Nun aber war es geschehen, das liess sich nicht mehr
ändern, und es galt nur an das zu denken, was jetzt zu tun oder zu verhüten sei.
Zusel krankte jetzt an dem, was doch einmal, früher oder später, über sie hätte
kommen müssen. Eine alte Geschwulst war plötzlich aufgebrochen. Das tat freilich
weh und erschreckte, wenn man sich schon daran gewöhnt hatte; doch die Hoffnung,
bald geheilt zu werden, war nun berechtigter als je zuvor. Es musste schmerzen,
sich von dem noch unvergessenen Geliebten so verraten und verkauft zu sehen,
aber nun erst musste sie sich gewaltig zu dem festen, ehrlichen Stighans
hingezogen fühlen, der so etwas gewiss niemals getan hätte.
    Und - das vergass der Krämer denn doch nicht ganz - ihm hatte es schon auch
weh getan, die hinter seinem Rücken an den ihm verhassten Hansjörg, den elenden
Schneider, geschriebenen Briefe zu lesen. Das aber gestand er seinem Kinde jetzt
nicht mehr zu. Mit Überlegung, nicht im Ärger wollte er geredet haben, während
er sonst sogar seinen berechnetsten Reden und Handlungen etwas Unwillkürliches,
einen Schein von Herzlichkeit zu geben suchte. Es schien ihm ein Trost, sich
selbst einzureden, dass notwendig alles zum Biegen oder Brechen habe gebracht
werden müssen. Erst als er selbst sich das einmal glaubte, war er wieder ruhig
und kalt genug zum Rechnen. Nur war ihm, wie sonst gewöhnlich, jeder menschliche
Trieb, jedes Bedürfnis und jede Regung des Hasses und der Liebe nichts weiter
als eine Naturkraft, die er beliebig einspannen und zu seinen Zwecken ausbeuten
zu dürfen meinte. Er tat das um so ruhiger, weil er glaubte und erfahren haben
wollte, dass es eigentlich jedermann so mache, nur dass mancher nicht klug genug
sei, um viel damit zu gewinnen, wenn nicht sein besonderer Stand, seine Stellung
ihm seine Opfer locke. An Beweisen fehlte es ihm nie, wenn seine Tochter das
Gegenteil behauptete. Doch pflegte er ihr nicht von dem Pfarrer zu erzählen, der
seine Mutter zur Erbin des Vaters gemacht hatte, um dessen Vermögen so seinen
Zwecken dienlich zu machen; auch nicht von der geld- und namensstolzen Stigerin,
die ihm nie einen freundlichen Blick gegönnt hatte, bis er den Hansjörg für
ihren unbeholfenen Jungen zu den Soldaten brachte. Das alles gab ja ihm selbst
zu sinnen und konnte ihn noch jetzt so ärgern, dass er meinte, es passe nicht für
Mädchen, die nun einmal zum Singen und Lachen und zu einem frohen und
erfreulichen Leben geschaffen seien. Wenn daher Zusel ihm vormalte, wie schön
das Leben desjenigen dahinfliesse, der wie ein Wiesenbächlein immer nur die
nächste Gegend in seines Innern Spiegel aufnehme, so sagte er, dass er nur einen
Menschen kenne mit dieser Gemütlichkeit, die aber ihn selbst und Weib und Kind
höchst unglücklich mache, nämlich den Andreas, seinen Töchtermann. Angelika, die
allerdings bei ihren Basen das ängstliche Sorgen und Rechnen habe satt bekommen
können, werde vermutlich einmal Abwechslung gewünscht haben. Wenigstens sei ihr,
das habe sie oft gestanden, kein Leben schöner vorgekommen als eines, welches
immer nur dem gegenwärtigen Augenblick gehörte. Drum sei ihr Hans mit seinem
leichten Humor ganz der Rechte gewesen. Sie habe sich wenig drum gekümmert, ob
er aus Schwäche oder Kraft, aus Überlegung oder Dummheit entstand, bis sie vom
Widerstand der alten Stigerin auf diese Frage gebracht worden sei. Die
Zaghaftigkeit des Burschen habe auf Angelika zurückgewirkt und ihr Betragen
gegen ihn verändert. »Das«, meinte der Krämer, der jetzt viel öfter als sonst
auf die Geschichte kam, »das, nicht etwas das Geschwätz der Weiber, hat die
beiden getrennt. Ich kenne Hansen, er kann, wenn's ihm einmal ernstlich drum
ist, recht verteufelt eigensinnig sein, selbst der alten Stigerin gegenüber. Hat
er doch den Jos, den sie ihr Lebtag niemals leiden konnte, ins Haus gebracht und
darin behalten können. Und ich hätte doch gedacht, er sollte es noch eher
durchsetzen, wo sich's um ein liebes Mädchen handelte. Und weisst du«, konnte der
wohlberechnende Mann dann plötzlich fragen, »wer dem Andreas am ähnlichsten
wäre, wenn er in seinen Verhältnissen steckte?«
    »Nein, wer?«
    »Der Hansjörg.«
    Wenn der Krämer auch hundertmal so fragte, so liess Zusel ihn doch immer
selbst antworten, ja sie konnte sich's nie erwehren, dass sie bei Nennung dieses
Namens zusammenzuckte. Der Krämer aber schien das gar nicht zu bemerken und fuhr
ruhig fort: »Leute, die der Stunde leben, können sich bald selbst für nichts
Rechtes mehr halten, dann folgt dem Genusse der Katzenjammer, den man, wie ein
Trinker, wieder mit Trinken vertreibt. Wer nicht das Leben für ein Ganzes
ansieht, der zerschlägt den schönsten Wandschrank, um ein glattes Brett zu einem
Melkstuhl zu bekommen, den er gerade braucht. Just so ist der Andreas. Die
Angelika aber hat so viel unter den berechnenden Basen und besonders unter
Hansens Unentschlossenheit gelitten, dass ihr der Leichtsinn, die Raschheit ihres
jetzigen Mannes eine Weile recht wohl gefiel. Jetzt aber ist sie unglücklich und
verachtet ihn. Sie geht wieder zu weit, und gerade der trotzige Stolz, den sie
ihn sehen lässt, nimmt ihm noch den Glauben an sich selbst, treibt ihn aus dem
Haus und macht ihn schlecht.«
    »Was wäre denn da noch zu machen?« fragte Zusel traurig. »Sicher nichts, als
eine gute Lehre für sich selbst daraus zu nehmen. Über den Andreas hat niemand
Gewalt, nicht einmal er selbst. Da schätze ich mir einen Hans, der vor- und
nachgibt, auch dem Hausfrieden ein Opfer bringt, wenn es sein muss. Könntest du
ihm im Ernste etwas Böses nachreden?« Zusel antwortete nicht, denn sie wusste nur
zu gut, wie leicht hier auch der vorsichtigste Widerspruch den sonst so
gelassenen Krämer leidenschaftlich machte. Dieser wurde immer dringlicher, denn
er fürchtete, dass Hans bald nach der Heldentat am Osterfest einen zweiten Anlauf
nehmen werde, und dann sollte der Erfolg ihn nicht wieder abschrecken. Der
Krämer sah wohl, wie ungern Zusel noch von Hansjörg reden hörte, drum stellte er
ihn immer wieder dem Stighans gegenüber. Wenn sie immer nur an diese beiden
dachte, so glaubte er seiner Sache sicher zu sein. Hatte er es doch schon so
weit, dass das Mädchen, wenn auch wider Willen, zuweilen den Wunsch verriet, den
wunderlichen Stighans etwas genauer kennen zu lernen. Schon als der Geliebte
ihrer jetzt so unglücklichen Schwester war er ihr immer bedeutender, je
Schlimmeres man von dem Andreas zu erzählen wusste.
    Nun verbreitete sich durch des Gerichtsboten Weib die Nachricht, der Stiger
habe Hansjörgen Geld geschickt und es ihm möglich gemacht, schon in wenigen
Wochen auf Urlaub heimzukommen. Den Krämer ärgerte das um so mehr, weil er, wie
er nun einmal war, es nicht Hansens Gewissensunruhe wegen der Verschacherung des
armen Burschen, sondern einzig und allein Doroteens Einflusse zuschrieb. Zum
Glück und Trost für ihn hatte die Nachricht auch seine Tochter ganz anders zu
stimmen vermocht. Das Mädchen hatte ein Gefühl, als ob es, die leichtesten
Sommerkleider tragend, in der grössten Winterkälte stehe und sich nicht zu regen
vermöge, wenn es sich - ohne Liebhaber dem Treulosen gegenüber dachte. Ja, jetzt
auf einmal wünschte sich Zusel einen Liebhaber, wenigstens dem Namen nach. Jetzt
wollte sie nicht mehr traurig, nicht mehr ruhig sein. Jammerschade, dass es im
Sommer, zur Zeit der strengen Feldarbeiten, gar keine Hochzeitsfeierlichkeiten
gab. Sie wäre gewiss dabei gewesen und hätte mit dem Nächstbesten gelacht und
getanzt bis zuletzt. Oft und oft klagte sie, dass es gar so still im Dorfe zugehe
und dass die schöne Jahreszeit nichts als Arbeit für die jungen Leute bringe. Der
Krämer lächelte. Beide waren jetzt wieder einig, und im schönsten Frieden
redeten sie wohl täglich vom Stighof und seinen Bewohnern. Der Krämer hatte
immer wieder etwas ausgekundschaftet, was, wie unbedeutend es auch sein mochte,
dennoch ihm und zuweilen auch der Zusel wichtig war. Aus einer Menge solcher
Kleinigkeiten brachte der Krämer endlich heraus, dass zwischen Knecht und Magd
sich eine ernstliche Liebschaft anzuspinnen beginne. Das nun wäre ihm ganz das
Rechte gewesen, denn er sorgte schon immer, dass Dorotee den Hans sowohl als die
alte Stigerin am besten kennen und am Ende ihm gar noch einen Strich durch seine
wichtigste Rechnung machen möchte. Diese Sorge quälte ihn besonders, seit er,
obwohl er die Gunst der wunderlichen Alten gewann, doch immer umsonst die Magd
aus dem Hause zu bringen versucht hatte. Doroteens Liebelei mit dem Sohne der
Schnepfauerin aber war der strengen Frau gewiss recht von Herzen zuwider und
Hansen auch, wenn allenfalls das Mädchen ihm nicht ganz gleichgültig sein
sollte.
    Zusel aber wollte an diese Liebschaft nie glauben. Sie kenne nun die Leute
aus dieser Verwandtschaft, sagte sie. Da sei jedes Wort, jeder Blick berechnet,
und aus Berechnung mache man mit dem Jösle nicht viel Wesens. Hansjörg - jetzt
redete sie zum erstenmal selbst und unaufgefordert von ihm -, Hansjörg habe oft
den Wunsch ausgesprochen: Wenn sie doch arm wäre! - da er ihr dann zeigen
wollte, wie wenig er sich ums Geld kümmere und was er für sie zu tun imstande
sei. So habe der Falsche gesagt, der sie dann um einige Taler so schmählich
verraten.
    »Zum Glück«, fiel der Krämer ein, »hat er dich nur in die Hände deines
Vaters gegeben.«
    Das Mädchen ging seufzend in die Küche.
    Dort war es jetzt überhaupt viel häufiger als sonst und überraschte den
Krämer sogar einmal mit der Behauptung, dass man eigentlich gar keine Magd im
Hause brauchen würde. Sie hatte mehrmals gesehen, wie gut Doroteen die Arbeit
anstehe in der sauberen Schürze und mit zurückgerollten Ärmeln. Das trieb sie
zuerst in die Küche. Dann aber hatte sie, die früher bei ihrer Näharbeit den Tag
kaum herumbrachte, gar bald auch ihre Freude und Kurzweil an der Arbeit selbst,
so dass sie ernstlich die leichtere Hausarbeit allein zu verrichten wünschte.
    Der Krämer, welcher meinte, das Mädchen wolle sich so nun als Bäuerin ein
Ansehen geben, damit auch nicht ganz fehlschoss, gab lächelnd und mit der
einzigen Widerrede nach, dass man die gute Magd nicht gleich aus dem Hause jagen
könne, sondern ihr erst künden und sechs Wochen Zeit lassen müsse, wie es früher
wörtlich ausgedingt worden sei.
    Das tat er denn auch wirklich, tröstete aber die fast zu Tode erschrockene
alte Jungfer damit, dass er lächelnd sagte, gar so ängstlich brauche sie sich
nicht um einen anderen Dienst umzusehen; den Winter über beziehe sie den Lohn
fort, das Essen verdiene sie daheim auch, und wenn der nächste Frühling komme,
vielleicht noch früher, könne man wieder miteinander reden.
    Die Magd sah grosse Veränderungen im Hause voraus. Sie machte eine wichtige
Miene, während sie ein kleines Trinkgeld einsteckte, und versprach, wie ein Grab
zu schweigen, ohne dass der Krämer das gerade von ihr verlangt oder gefordert
hatte.
    Man sieht, der Krämer konnte der Zusel auch Opfer bringen und dabei noch
sorgen, dass Reue wegen einer augenblicklichen Laune ihr nicht lange weh tun
musste. Die Zusel aber war noch nicht recht zufrieden, denn sie hätte am liebsten
gleich jetzt alles allein übernehmen mögen. Sie konnte es kaum erwarten, bis
endlich die zweite Heuernte begann. Sie musste ins Freie, musste sich regen und
etwas tun. Nicht der um sie besorgte Vater, aber das Rauschen der Sensen hart
vor ihrem Hause weckte sie schon früh am Morgen. Dann eilte sie hinaus, begann
selbst zu mähen und kam sich viel grösser vor, wenn sie die von ihr gemähte
Strecke übersah. Es war erst August, aber ihr kamen diese Tage kürzer vor als
gewöhnlich die im Winter. Bald nahm sie auch an den Gesprächen der angestellten
Tagwerker lebhafteren Anteil. Selbst ein Gespräch vom Arbeiten kam ihr nicht
mehr langweilig vor, und sie plauderte selbst so lebhaft mit, als ob sie dabei
ganz Neues beobachtet und gedacht hätte.
    Am muntersten aber und gerade ausgelassen war sie am Freitag vor der
Kirchweih.
    Einem rosenroten Morgen folgte ein ungewöhnlich heisser Vormittag. Die Berge,
die man jeden Augenblick noch näher rücken zu sehen meinte, schienen alle zu
lächeln, nur die zackigen Felsen schauten etwas düster drein. Und immer grösser
wurden die dunkeln, geisterhaft ins Tal herabschauenden Köpfe. Auf dem
grünlich-roten Flor, der sich von einer Spitze zur anderen zu ziehen begann,
zogen feuerrote Rosse kohlschwarze Wasserfässchen ob das Tal herein. Hart
nebeneinander beigten sie sich auf, und ein heftiger Sturmwind band sie
plötzlich haufenweise zusammen und hing sie an hochaufragende Felsenköpfe fest.
Das Tosen der Ach war mehr ein Pfeifen oder Schreien zu nennen. Das
Mittagsläuten, vom eiskalten Wind auseinandergeworfen, war einem Sturmsignale
viel ähnlicher als einer Mahnung zu Ruhe und Andacht. Und wer auch hätte jetzt
Zeit gehabt zum Ruhen und Beten? Der Pfarrer und sein Amtsgehilfe waren wohl die
einzigen im Dorfe, welche sich vor dem drohenden Gewitter heim unters schützende
Dach flüchten konnten. Männer, Weiber und Kinder, Krankenpfleger und Handwerker
waren wie rasend dran, das am Vormittag so herrlich dürr und fest gewordene Heu
noch unterzubringen, bevor der Regen es verdarb, dass nicht nur die Arbeit einer
halben Woche, sondern auch die beste Kraft des lieblich duftenden Futters
verloren ginge. Hier rasselten leere, dort knarrten und ächzten schwerbeladene
Wagen, die, wie vom Sturme getrieben, dem geräumigen Heustadel zuschwankten. Das
war ein Rennen und Jagen überall, ein Durcheinander von Befehlen und
Erwiderungen, die nur noch der Eingeweihte deutlich fand, wie die Rufe des
Seemanns beim Sturm. Kein Mensch ging noch seinen gewohnten Schritt. Selbst
Stighans war aus der Fassung gekommen. Es jagte - oder wie man hier sagt, wenn
beim Heuen ein Gewitter droht - jeuchte auch ihn so sehr als einen. Im Sprung
brachte er ein Fuder heim, welches der Knecht denn doch gar zu breit und zu hoch
geladen hatte. Noch hart vor dem engen Stadeltor, welches wohl für ein nicht so
bedeutendes Anwesen gebaut war, knackte ein Rad, und der Wagen leerte seine
allzu grosse Last gerade da ab, wo beim Regen, der schon näher und näher kam,
auch die lange Dachrinne auszuleeren pflegte. Die, welche Hansen das Futter
heimbringen halfen, wollen ihn sogar leise fluchen gehört haben, während er
fortlief, um einen schon zum dürren Heu gezogenen Wagen zum Umladen einer Last
zu holen, die er schon gerettet glaubte und die nun, hart vor dem Stadeltore,
nicht nur schwer von der Dachtraufe bedroht, sondern auch seiner ferneren
Tätigkeit ein Hindernis war, welches durchaus zuerst auf die Seite geräumt
werden musste.
    Andere erlebten ähnliches. Da zog einer zwei aneinander gebundene Wagen auf
einmal zu seinem Heu und hatte dann die Heugabel vergessen, ohne welche durchaus
nichts zu machen war; dort nahm einer aus Versehen den Wagen seines Nachbarn weg
- die Aufregung, der Lärm wuchs mit jedem neuen Donner, der minutenlang durch
die Berge rollte. Mancher Zuschauer hätte da seinen Spass gehabt, aber es gab
eigentlich keine Zuschauer mehr, seit der Pfarrer sich in seine hinter der
Kirche zwischen Bergen versteckte Wohnung geflüchtet hatte. Selbst des Krämers
Zusel tat heute mit, und zwar so streng als eine. Selbst als die ersten grossen
Tropfen auf den neuen Strohhut fielen, der zu ihrem glühenden Gesichtchen so
prächtig stand, liess sie sich nicht aus dem Felde treiben, wo sie bei ihrer
Verteidigungs- und Rettungsarbeit bei dem rauschend dürren Heu weit mehr Freude
als sonst beim Zusehen hatte. Mit einem flinken Heuer aus einer anderen Gemeinde
wollte sie ausharren bis zuletzt. Und wirklich fuhren die beiden erst mit einem
kaum halb geladenen Wagen heim, als es um sie dunkler und dunkler zu werden
begann und der Nebel auf sie herabhing, dass sie immer hart an einer Schneewand
zu stehen schienen, über die ein mächtiger Wasserfall zischend und brausend
herunterstürzte. Tropfnass kam Zusel heim, die schwarze, glänzende Juppe und der
neue Strohhut waren verdorben; dennoch hatte man das Mädchen lange nie so froh
und aufgelegt zu jeder Neckerei gesehen als jetzt. Während einige vom Barometer
redeten und bedauerten, dass man ihm mehr als der unheilverkündenden Morgenröte
geglaubt habe, hatte Zusel, die jetzt wieder trocken gekleidet, frischer und
schöner war als je, nur von ihren und des Heuers Heldentaten zu erzählen. »Das
war herrlich, und ich hätte noch gern eine Weile fortmachen mögen«, sagte sie
mit der Fröhlichkeit eines vom munteren Spiele heimgekommenen Kindes. »Schade
nur, dass es gar nicht mehr ging. Aber wir beide, ich und der Heuer, haben uns
tapfer gewehrt, drum müssen wir schon noch übermorgen mitsammen Kirchweih halten
und auch auf dem Tanzplatze die letzten sein. Nicht wahr, Heuer?«
    Dass der Heuer ja sagte, versteht sich wohl von selbst. Es war der grösste
Augenblick, den der Bursche erlebte, wie eine gute Meinung er auch schon früher
von sich selbst gehabt haben mochte. Eine ganz neue Welt tat sich vor ihm auf,
und bald stand er mitten unter tausend schönen Hoffnungen, so dass ihn selbst der
Krämer nicht in die Wirklichkeit zurückzurufen vermochte, wie alltäglich kühl er
auch sagte: »Nun, nun! Man muss noch nicht glauben, dass alles schon angebunden
sei, was einem einmal etliche Schritte nachläuft. Mädchenlaunen sind
übernächtig, und wer ihnen traut, dem kann es gehen wie dem, der über ein
schnell entstandenes Eis fährt. Doch ich gönne der Zusel den Spass, und der Heuer
ist wohl klug genug, um selbst ganz richtig über die Sache zu denken.«
    Mit diesen Worten, nur so im Vorbeigehen flüchtig hingeworfen, glaubte sich
der Krämer schon im voraus sicherstellen zu müssen gegen allerlei, was im stolz
aufgerichteten Köpfchen des Heuers vielleicht sich zu regen begann. Er konnte
sich den raschen Entschluss des wunderlichen Mädchens nur erklären, wenn er als
gewiss annahm, was er sich und ihm wünschte. Wenn Zusel jetzt einmal neben Hansen
vorbeiging, so redete sie ihn immer ganz besonders freundlich an; ja in der
Woche vor der Kirchweih blieb sie wohl auch auf der Gasse neben ihm stehen, als
ob sie erwarte, nun müsse er vom nächsten Sonntag anfangen und sie wenigstens um
ein Tänzchen bitten. Der Krämer nahm das um so gewisser an, da sie nie die beste
Laune von ihm zu holen schien. Tanzen aber wollte Zusel durchaus, das hatte sie
schon lange gesagt, und nun sollte wohl auch noch Hans ein wenig geärgert
werden. Dazu nun war der Heuer ganz der Rechte. Er stand gar zu niedrig, als dass
dieser Spass mit dem etwas eiteln Menschen für mehr als eine Spielerei gehalten
werden durfte. Als daher der Krämer nach seinem Zuspruch Zusels spöttisches
Lächeln zu bemerken glaubte, war ihm wieder so wohl wie einem armen Sünder mit
dem Beichtschein in der Tasche. Seine Freundlichkeit gegen den Heuer machte, dass
diesem der Kamm noch mehr schwoll und er am Samstag mit den vom Krämer
angestellten Heuerinnen kaum noch reden mochte. Wer den alten Mann seinen Laden
für die Kirchweih herrichten sah, so bedächtig und sicher, der ahnte nicht,
wieviel anderes dieser starre Kopf unterdessen rechnete. Aber es musste gut
gehen, die Zahlen schienen zu stimmen, denn über sein hartes Gesicht flog
zuweilen etwas wie ein Lächeln. Ja, ja, er hatte schon viel gewonnen. Das
Mädchen war wenigstens aus seiner Starrheit, aus dem unverfolgbaren Difteln und
Grübeln heraus. Allerdings musste Zusels toller Streich viel zu reden geben, doch
damit war vielleicht mehr zu gewinnen, als im schlimmsten Falle verloren ging.
Dass der träge Hans sich am Karsamstage selbst wegen Eierschalen umgesehen hatte,
war eine Tat gewesen, wie billigerweise wenigstens in diesem Jahr keine zweite
mehr von ihm verlangt werden konnte, wenn es nicht gelang, ihn mit Gewalt zu
treiben. Das aber sollte nun geschehen und geschah auch ziemlich sicher durch
die Laune seines Kindes. Ja, es stimmte alles so gut, dass der Krämer seine Zusel
für ein verteufelt kluges Mädchen zu halten begann. Die Eifersucht oder nichts
mehr musste wirken. Das war ganz klar, nun erfuhr man jedenfalls, woran man mit
dem närrischen Burschen sei. Hans war gewohnt, sich alles auf halbem Wege
entgegenkommen zu sehen; nun aber sollte er sich wenigstens so rühren und regen
lernen um das hübscheste und eines der reicheren Mädchen wie gestern um sein vom
Gewitter bedrohtes Heu. Immer siegesgewisser begann der Mann sich Hansens langes
Gesicht vorzustellen, wenn der Angelikas Schwester mit dem fremden Heuer
auftreten sehe. Stolz, Neid, Mitleid, alles musste sich regen und den Burschen
neben seiner armen, bleichen Magd keine frohe Minute mehr erleben lassen. Und
wenn's nun gleich zünden sollte, wenn es ihn mit Gewalt zu Zusel trieb, dann war
ja der Heuer eben der rechte Mann, den man jeden Augenblick wieder ganz ruhig
fallen lassen durfte, ohne dass dabei etwas zu fürchten war.
    Und wenn Hans wirklich und wider alles Erwarten sich gar nichts abtrotzen
liess, wenn er noch länger Doroteens Narr sein wollte und die alte Stigerin das
litt, nun, dann war das Mädchen darum noch nicht unglücklich. War er doch mit
dem Hansjörg endlich so weit, dass das Denken an ihn der Zusel lästig zu werden
begann und sie eine Zerstreuung suchte. Ja, Hansjörg war nun doch glücklich weg.
Das war dem Krämer jetzt genug, und freudig hoffte er, dass der morgige Tag etwas
Gutes bringen werde, während Zusel sich von der Ungeduld eines tanzlustigen
Mädchens nicht mehr das mindeste anmerken liess.
 
                                Neuntes Kapitel
                               Die Auer Kirchweih
Wer, der im hinteren Bregenzerwalde jung war, hätte sich noch nie beim Arbeiten,
beim Essen und selbst beim Geldzählen unterbrechen lassen, wenn unvermutet von
der Auer Kirchweih die Rede war? Wie ein mächtiger Zauberspruch ruft dieses Wort
eine ganze Reihe froher und trüber Bilder wach, die wohl auch den gestandenen
Mann und die fleissige Hausmutter noch länger beschäftigen, als sie andere gern
glauben liessen. Kaum dürfte je ein Menschenleben hier so arm gewesen sein, dass
keine Auer Kirchweih darin liebe, süsse Hoffnungen geweckt oder zerstört hätte.
Kommt, ihr Väter und Mütter unter der Strecke Himmelsbläue, die man hier sieht,
und sagt, ob es nicht eine Kirchweih war, wo ihr euch zuerst als Pärchen
öffentlich zeigtet, wo ihr einmal recht seelenvergnügt sein konntet oder euch
zum allererstenmal recht grausam ärgern musstet!
    Wer wäre wohl so geld- und freundesarm, dass er selbst heute nichts kaufen,
niemanden beschenken und erfreuen könnte? Das alte Bäschen dort strickt nicht
nur darum die Wochen vorher so fleissig, um eine Kirchweih zu vergessen, sondern
auch um dem Schwesterkind an diesem Tag etwas kaufen und damit eine Freude
machen zu können. Die Stände (Buden) der aus ganz Vorarlberg und noch weiterher
gekommenen Krämer sind den ganzen Tag derart belagert, als ob da um halbe Preise
verkauft würde, obwohl vielmehr das gerade Gegenteil der Fall zu sein pflegt. An
diesem Tage wird mancher noch unerfahrene Vogel gerupft; am meisten aber scheint
man es auf die ziemlich vollen Beutelchen der Sennen abgesehen zu haben, die
dieses Fest gewissermassen als das ihrige betrachten, weil sie da die Erzeugnisse
der Alpenwirtschaft zu verhandeln pflegen. Man erkennt sie schon an den Hüten
als Älpler, da auf diesen neben den Rosmarinstengeln der Geliebten auch die
seltensten, zu dieser Zeit nur noch auf den höchsten Bergen wachsenden
Frühlingsblumen zu stecken pflegen. Die Sennen sind neben den grossen
Alpenbesitzern die Helden des Tages. Aber diese Ehre ist eben nicht umsonst. Man
scheint sie dafür herzunehmen, dass sie, die den ganzen Sommer nie aus der Alp
kamen, nun schon seit Monaten kaum einem Menschen einen Kreuzer verdienen und
gewinnen liessen. Manchem geht in seinem Eifer, zu geben und zu erfreuen, beinahe
der halbe Sommerlohn drauf. So wird denn der schäbige Eigennutz der Wirte und
Krämer zum dunkeln Hintergrund, von dem sich die Gutmütigkeit der Festgäste um
so schöner abhebt. Es ist die Freude am Umgang mit Menschen und an ihren Werken,
die die Bewohner der einsamen Alpen unvorsichtig macht, wo sich's ja doch nur um
Kreuzer und Batzen handelt. Die wohlbeleibten Käse- und Butterhändler, die, von
Sennen und Alpenbesitzern umgeben, beim Kaufhause stehen, der Schellengiesser,
bei dem die Älpler für den Tag der Heimfahrt sich einrichten, und auch die Tuch-
und Lederhändler wissen davon zu erzählen, dass diese Leute schon noch rechnen
können, sobald ihr gutes Herz nicht mehr mit im Spiel ist. Auf dem Platz unter
der Kirche, rechts und links, wird den ganzen Tag hindurch gehandelt und
gelärmt, dass kein Mensch mehr etwas hört vom Tosen der Ach, die sich hart neben
dem Platze zwischen niedergestürzten Trümmern des hochaufragenden Fluhfelsens
dem Schnepfauer Walde zuwälzt. Die sagenumwobene Kanisfluh und die stolze
Liggsteinpyramide schauen ernst und still auf das bunte Getriebe herunter. Doch
was kümmern die tausend Geschäftigen hier die ernsten Berge mit ihren dunkeln
Tannen und den wunderbaren Sagen? Nur die buschigen, wunderbar duftenden
Bergblumen und Alpenrosen auf den Hüten der Sennen vermögen die Blicke der
Mädchen zu fesseln, die immer ungeduldiger auf die Tanzstunde warten. Beinahe
unerträglich wird nachmittags nach der Vesper die Lage derjenigen, die den
Ihrigen noch nicht gesehen oder doch noch nicht gesprochen haben, obwohl ihnen
ihre Brüder und Freundinnen schon vor einer Weile sagten, dass »seine« Geschäfte
bereits abgetan seien und »er« nun jeden Augenblick kommen müsse. Ihre Ungeduld
hinter einem Lächeln verbergend, stehen die Wartenden dutzendweise auf dem etwas
erhöhten Eingang zur Brücke, welche über die Ach führt, und überblicken immer
wieder mit einem leisen Seufzer verstohlen den Platz, während sie, scheinbar die
Lustigsten, mit jedem Vorübergehenden ein recht lautes Gespräch anzufangen
suchen.
    Bei diesen stand heut' auch des Krämers Zusel in aller Pracht und
Herrlichkeit, noch schöner, frischer, als da sie zum erstenmal als Biggel
auftrat Sie hatte beinahe ihre Freude am Ärger ihrer ehemaligen
Schulgefährtinnen, den die immer ungeduldiger Wartenden ihrem Scharfblicke
vergebens zu verbergen suchten. Warum auch trauten diese Tröpflein einem
Mannsbild und banden ihre Hoffnungen, ihr Glück, die ganze Zukunft an seine
Launen fest? Früher freilich - noch als unerfahrenes Kind - hätte auch sie lange
so hier stehen und, ihre De- und Wehmut hinter einem bittersüssen Lächeln so gut
als eben möglich verbergend, auf ihn warten können. Nun aber war das denn doch
überwunden ... Statt nur gezwungen zu lächeln, konnte sie lachen über ihren
guten Heuer, den sie nicht eine Minute lang aus dem Auge verlor.
    Dort drüben stand er bei einigen Bekannten und drehte sich auf den hohen
Absätzen der noch gestern abends geflickten Stiefel herum, dass die silberne
Uhrkette flog, an welcher sich - wie Neider und Spötter behaupteten - in
wohlverwahrter Tasche ein neugewachsener Erdäpfel befinden sollte. Sei dem nun,
wie ihm wolle, die silberbeschlagene Tabakspfeife war entschieden nur entlehnt.
Der Heuer aber wusste sich damit zu stellen, dass einem ordentlichen Bäuerlein
beinahe angst neben ihm werden musste. Die Blicke aber, die er dann der Zusel
drüben vor der Brücke zuschiessen liess, waren denn doch wieder so demütig
bittend, dass man es wirklich bewundern musste, wie diese nur im Kopfumdrehen
wieder so streng und stolz und kalt werden konnten. Alles Drängen und Drücken
brachte ihn nicht weg von seinem Platze zwischen der bereits heisern
Obständlerin und dem Laden des Buchbinders, mit dem er zuweilen um den Preis
eines silberbeschlagenen Gebetbuches stritt und sich schliesslich, als der
Buchbinder nachzugeben begann, in seiner Verlegenheit noch derart erhitzte, dass
er von dem in den nahen Bergen schon furchtbar tosenden Herbststurme nichts
bemerkte, bis das Fluchen des Buchbinders und der übrigen Krämer ihn auf ein
Naturereignis aufmerksam machte, welches jetzt gerade recht kam, um seine
Geldnot zu verbergen. Die Berge waren schon ganz dunkel, wie glühend rot auch
die Abendsonne über den Schnepfauer Wald, der immer näher und näher zu kommen
schien, hereinleuchten mochte. Jetzt war alles ganz still, dennoch schien ein
gewaltiger Sturmwind alles und alle zu erfassen und zu drehen. Die Krämer
begannen so schnell als möglich einzupacken, denn es nahm wohl nur noch der Wind
etwas von ihrer Ware mit. Viele Bauern eilten zum Pfarrer und baten ihn, die
Unterbringung des noch im Felde aufgehäuften Heues zu gestatten, bevor es vom
Winde weiss Gott wohin getragen werde. Diese Dispens war ihnen auch noch selten
so schnell und gerne erteilt worden, da der Pfarrer sie an diesem Sonntag viel
lieber beim Heu als im Wirtshaus und auf dem Tanzplatze wissen wollte.
    Jetzt verschwand die Sonne hinter einer buntfarbigen Wolke, die sich wie mit
schwarzen Haken an die Spitzen der Berge zu hängen begann. Draussen im Walde
brummte, rauschte und knisterte es immer lauter. An der Fluh krachten mehrere
Tannen und surrten hart neben der Brücke in die zischende Ach. Drinnen in
Argenau knallten die zugeworfenen Fensterläden, und losgerissene Dachschindeln
mitsamt den sie bisher festaltenden Steinen hagelte es von rechts und links auf
die Gasse, dass kein Mensch mehr sicher war. Selbst auf dem Marktplatze begann es
nachgerade gefährlich zu werden. Zwar von der Wolke der über die Gasse
getriebenen Hüte, ausgespannten Regenschirme, Ablassbriefe, Hosenträger,
Heiligenbilder, Knopftafeln und Taschentücher war nicht viel zu ersorgen; doch
wurden schon auch die Bretter, welche die nur für diesen Tag aufgerichteten
Buden lose genug bedeckten, von beiden Seiten hereingeworfen, und diesen suchte
jedermann, auch unser Heuer, so schnell als möglich zu entrinnen.
    Es war für ihn schon die höchste Zeit, und drüben über der Brücke, wo es
ziemlich scharf aufwärts geht, musste er sich beinahe atemlos laufen, um die
Zusel, die wie ein Reh davongeeilt war, noch vor dem Gastaus »Zum Rössle«
glücklich einzuholen. Er kam noch gerade recht und schritt nun senkelaufrecht
neben dem hübschen, reichen Mädchen ins Haus, die Stiege hinauf und eines Ganges
dem Tanzsaale zu. Hier war es schon so voll, dass Zusel ihm kaum noch zu folgen
vermochte. Wer daheim weder Kind noch Rind, im Felde kein Heu zu versorgen
hatte, mochte nicht mehr ans Weitergehen denken, nachdem hier einmal ein
sicheres Unterkommen gefunden war, wo es auch überdies noch so lustig zuging wie
hier. Besonders die nun endlich einmal wieder für einen Tag »entalpeten« Sennen
langten auf einmal nach allem nun so lange Entbehrten, was die Gesellschaft dem
einzelnen zu bieten vermag. Jauchzend, mit dem vollen Glas in der Hand,
umtanzten sie ihre Mädchen und machten dabei so tolle Sprünge, dass wohl auch der
ärgste Griesgram sich des Lächelns kaum erwehrt hätte und des behaglichen
Gefühls, welches in jedem sich regt, der andere sich einem Genusse gänzlich
hingeben sieht. Es gab schon solche, die sich zuflüsterten, was die Welt, der
Umgang mit Menschen und die Teilnahme an den Früchten gesellschaftlicher
Verbindung dem einzelnen sei, ahne man am ehesten, wenn man den beobachte, der
das nur einige Monate entbehrt habe! Aber nur wenige beschäftigten sich jetzt
mit solchen Gedanken, und unser Heuer und die reiche Krämerszusel sicher am
allerwenigsten. Sie hätten auch kaum geglaubt, dass noch jemand die Sennen
beachte. Jeder Kopf und jede Lippe, wähnten sie, bewege sich einzig nur
ihretwegen, und ihretwegen suchten die hinteren Zuschauer, sich auf die Zehen
stellend, über die anderen wegzusehen, und ihretwegen hätte man jetzt aufgehört
zu tanzen und aufzuspielen.
    Richtig! Sobald der Heuer mit Zusel in den Kreis der Tanzenden trat, begann
ein Walzer so lieblich und lustig, wie die guten Musikanten heute wohl noch
keinen aufgespielt hatten. Natürlich, einer, mit dem des Krämers hübsches Kind
sich öffentlich zeigen mochte, musste auch nicht auf einer Bettlersuppe daher
geschwommen sein, das konnten diese Leute sich denken. Nun aber galt es, sich
dieser Auszeichnung auch wert zu zeigen. Hierzu nun gab für ihn, der sich selbst
heute gestand, dass er als Gesellschafter nicht besonders viel zu leisten
vermöge, der Tanzplatz wohl die beste, ja die einzige Gelegenheit. Dass er der
beste Tänzer war, konnte ihm nicht abgestritten werden; er hätte bei den
gewagtesten Wendungen ein volles Weinglas auf den Kopf stellen dürfen, ohne
etwas für seinen weit hervorstehenden Hemdkragen fürchten zu müssen. Doch das
ängstliche Bemühen, es recht schön und künstlich zu machen, kam bald allen
lächerrlich vor, denen es nicht peinlich war, sich schon beim Zusehen müde werden
zu fühlen. Der Heuer jedoch hatte keine Ahnung von einer solchen Wirkung seiner
schweisstreibenden Arbeit. »Die werden Augen machen«, dachte er, während er sich
zu noch verzweifelteren Sprüngen, einer noch strammeren Haltung zwang. Der
Bursche hatte es heute viel strenger als die Woche hindurch beim Heuen. Er war
daher auch noch viel schweigsamer als dort und hatte für seine Tänzerin kaum
aller fünf Minuten ein schwer zu verstehendes Wort. So hatte diese denn Zeit zum
Beobachten, wobei sie sich, wenigstens eine Zeitlang, weit besser unterhielt,
als der Heuer sie zu unterhalten vermocht hätte.
    Gleich hinter ihr her tanzte der Stighans mit seiner Magd. Das närrische,
stolze Gänschen hatte doch immer etwas zu reden und zu lachen, so dass Zusel
ordentlich Gewalt brauchen musste, um sich nicht einmal umzukehren und der
Schwätzerin zu sagen, man wisse schon noch, wem sie sei, obwohl sie sich auf dem
Stighof schon lange gebärde, als ob sie allein der Hahn im Korbe wäre und jeder
Tannenwipfel sich nur ihretwegen bewegte. Noch widerwärtiger wurde ihr das
Mädchen, als sie es vom Hansjörg reden und dabei die Hoffnung aussprechen hörte,
dass er nun wohl bald heimkommen werde. Jetzt ging ihr ein Licht auf. Der Bursche
musste sich opfern, um den gutmütigen Hans für sein Lebtag zum Schuldner zu
machen. Darum wohl nur redete das Mädchen von ihm in einer Gesellschaft, wo Hans
leicht auch bedeutendere Mädchen hätte bemerken können, wenn er nicht durch
diese dumme Geschichte auf einem Punkte festgehalten worden wäre. Sie hatte dem
Vater sehr, sehr unrecht getan mit dem Verdachte, dass er den Hansjörg ihr
weggetrieben habe. Der ging wohl selbst, als sie sich nicht geneigt zeigte, sich
sofort zu verehelichen und ihm einige Tausende zu verschreiben - um so
wenigstens der Schwester den Hans zu fangen. Sein Handel mit ihren Briefen
bewies ja, dass der Elende zu so etwas schon der Mann sei. Wunderbar, dass ihr das
nicht schon längst einfiel, dass sie den guten Vater in so schlimmem Verdacht
haben konnte. Wie um Verzeihung bittend, schaute sie zu ihm hinüber. Er stand
neben den Musikanten und sah ihr lächelnd zu. Ja, er konnte lächeln und ihr ihre
kindische Freude am Tanzen lassen, wenn sie ihm damit vielleicht einen Plan,
eine Hoffnung verdarb! Er sorgte so sehr für ihren Namen und hielt sie von allem
immer fern, was ihr auf irgendeine Weise schädlich oder nachteilig hätte werden
können. Und nun warf sie sich öffentlich, wenn auch nur für heute, an diesen
Springinsfeld weg nur wegen einem flüchtigen Vergnügen. Vergnügen? Du lieber
Gott, was war es denn Herrliches, sich von dem eiteln Tropfen einige Stunden
herumreissen lassen und allen Gaffern ein Schauspiel sein? Ja, heute war Dorotee
wirklich besser dran als sie, das musste sich Zusel gestehen, und sie gestand
sich's auch so laut, dass sogar der gute Heuer etwas davon zu merken begann. Sie
hätte gern ihren Ärger an ihm ausgelassen und begann daher den Stighans und sein
schönes Anwesen über alle Massen zu loben. Dann erzählte sie, dass sie den
Wackeren jeden Augenblick haben könnte, wenigstens würde die ganze
Verwandtschaft die Hände nach ihr ausstrecken; sie aber verachte die groben,
selbstsüchtigen Leute, also die Mannsbilder, recht von Herzen und brauche sie
nur zuweilen zum Spass, um sich über die Tröpfe wieder recht lustig machen zu
können.
    Zusels Reden waren immer bitterer, je lauter, fröhlicher das Reden und
Lachen des nachtanzenden Paares wurde. Aber nicht nur ihr taten Hans und
Dorotee ganz unbewusst weh, der Jos war durch sie noch in viel üblere Stimmung
gekommen. Und doch sass er ganz im Dunkeln an der Wand auf einem Bänkchen unter
jungen Burschen, die bedauerten, nicht tanzen zu können, und Greisen, welche von
der guten alten Zeit mit Begeisterung erzählten, dass man hätte glauben können,
Jos vermöchte sonst nichts mehr zu hören und an nichts anderes zu denken. Gehört
wird er auch nicht alles haben, aber er glaubte dem Hans und Doroteen die Worte
von den glühenden Gesichtern lesen zu können. Die beiden waren so glücklich
jetzt, und er blieb vergessen bei seinem Tirolerwein in der dunkelsten Ecke
sitzen. Kein Wunder, dass er heute nicht mehr der alte opferwillige Jos war,
schienen doch auch jene beiden ganz anders geworden zu sein, seit er nicht mehr
allein mit ihnen war und für sie arbeiten musste. Wie dem Bettler das Almosen
hatte Hans ihm einen Taler hingeworfen, damit er sich einen Humor trinken könne,
und als er dann bat, ihm doch auch einige Tänze mit der Magd zu erlauben, ja, da
hatte diese Hansen angesehen, als ob er über Leib und Seele ihr Vormund sei.
Freilich, dass das ihn noch gar so ärgern würde, empfand er damals nicht, sonst
würde er den Tanzsaal gar nicht betreten haben. Damals wollte er die beiden als
Paar sehen, jetzt ärgerten sie ihn ungeheuer, und sein Glas wurde immer
schneller leer. Was auch sollte er an der Kirchweih tun als trinken? Heute
brauchte ihn niemand. Ganz war er sich selbst überlassen und konnte tun, was er
wollte, wenn er nur morgen wieder für alle schwitzte, sorgte und lief. Da die
Zusel, die er doch immer nur für ein eitles Ding hielt, hatte mit einem armen
Heuer auftreten mögen, Dorotee aber, die fromme, demütige Magd, hatte für ihn
nichts mehr als einen Blick des Mitleides. So nämlich nannte er das, was ihr
schönes Auge ihm einmal - verstohlen, glaubte er - in seine Ecke geschickt
hatte. Ihm war dabei ganz heiss geworden, und trotzig rückte er noch tiefer in
den Schatten seines Winkels, sich selbst quälend mit der Vorstellung, dass der
Glücklichen sein Anblick nicht recht angenehm sein könnte. Bald war ihm, dass er
hätte heim mögen zur Mutter, um sich auszuweinen; dann wieder regte sich alles
in ihm, dass er lärmen wollte und Händel anfangen mit der ganzen Welt. Dennoch
kam es zu nichts anderem, als dass das Glas neben ihm von neuem wieder gefüllt
und geleert wurde.
    Des Krämers Heuer hatte, wie eng es jetzt auch sein mochte, soeben einen
seiner kunstreichsten Sprünge begonnen, als Zusel ihn, ohne ein Wort zu sagen,
aus dem Kreise der Tanzenden führte und raschen Schrittes mit dem willenlosen
Erstaunten den Saal verliess.
    Bald hernach suchte Hans den Knecht und sagte, ohne sich um sein
unfreundliches Gesicht zu kümmern: »Die Zusel ist fort, und uns wird's jetzt
auch zu heiss und zu eng. Komm!«
    Ohne eigentlich zu wollen, folgte Jos dem Paar in die Kammer, wo neben dem
Krämer und den Seinigen für die eben Eintretenden gerade noch drei Stühle
aufgestellt werden konnten.
    Dem Jos wurde hier noch heisser als auf dem Tanzplatze. Angst aber war ihm
nicht, obwohl er sich von den Angesehensten der Gegend umgeben sah. Er überflog
die Gesellschaft mit einem Blicke und sagte dann mit eigentümlichem Lächeln, den
Heuer ins Auge fassend: »Heut' lass dir das Gnadenbrot nur schmecken. Vielleicht
sitzen wir beide in der Gesellschaft beim letzten Abendmahl, und das schöne,
grosse Osterlamm neben dem Heuer wird wohl ein anderer, möglicherweise sogar noch
einer allein bekommen.«
    Das hätte man allenfalls für die Eröffnung eines jener witzigen und derben
Wortgefechte halten können, wie sie der Bregenzerwälder im Wirtshaus liebt. Aber
wem auch der Anfang noch nicht besonders auffiel, den liess doch das Zittern der
Stimme bei diesen Worten und der starre Blick des Sprechenden leicht erraten,
dass hier Spass und bitterer Ernst wenigstens stark gemischt sein mussten. Aller
Augen richteten sich auf den Heuer. Man war begierig, wie der eitle Mensch so
einen Anfall aufnehmen und wieder zurückgeben werde. Dem wäre aber sicher noch
wenig Arges eingefallen, wenn ihm nicht die fragenden Blicke der Anwesenden
gesagt hätten, es schicke sich schlecht für so ein Bürschchen, so etwas zu
sagen, und für ihn noch schlechter, es geduldig hinzunehmen. »Neben so einen
Frosch«, rief er plötzlich, »lässt sich unsereiner nicht stellen, und kommst du
mir noch einmal so, dass man nicht weiss, ob's gehauen ist oder gestochen, so soll
ich sterben, wenn ich dir nicht zeige, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.«
    »Das hab' ich in dem Hause schon lange vor dir gewusst«, lachte Jos und fuhr
dann mit eisiger Kälte fort: »Es ist nicht zu übersehen, grösser, stärker und
meinetwegen auch hübscher bist du allerdings als ich, aber gerade das könnte
noch dein Unglück werden und dich allenfalls, solltest du etwa gar zu hübsch und
gewandt sein, noch unter die Soldaten bringen, wenn du nicht schon fast zu alt
dazu wärst. Man weiss von Leuten zu erzählen, die das auch schon erlebt haben.«
    Das hiess nun wieder einmal zwei oder noch mehrere Fliegen mit einem Schlage
getroffen, wie es überhaupt weit herum keiner so gut konnte als der Jos.
    Der Heuer zwar verstand von der ganzen Rede nicht viel mehr, als dass er
schon fast zu alt sein sollte, aber auch das war recht genug, ihm die feurigste
Zornesröte ins Gesicht zu treiben und seine Hände zur Faust zusammenzukrämpfen.
Der Krämer, obwohl er den Stich jedes Wortes empfand, zeigte sich bei weitem
nicht so schmerzlich getroffen wie der Heuer, doch war auch er zu sehr aus der
Fassung gebracht, um sich nicht dennoch als den Getroffenen zu verraten. Die
Zusel aber tat sich durchaus keinen Zwang an. »Wär' ich doch ein Bub!« hauchte
sie, »wär' ich ein Bub', ich wollt' es versuchen, ob man nicht mehr ungestört
und ungeschimpft eine Stunde in guter, anständiger Gesellschaft sein könne, ob
man sich von jedem Neidhammel allen zusammengescharrten Unrat nachwerfen lassen
müsse.«
    Der einzige, welcher vielleicht mit einem Worte wieder Frieden hätte
schaffen können, Stighans, fühlte sich von dem Stiche selbst ein wenig
getroffen, und wenn das einmal der Fall war, so hatte er seine Gewalt über den
Gegner wenigstens für den Augenblick gänzlich verloren. Wie ein Geschlagener sass
er neben Doroteen, der es anzusehen war, wie sehr es sie schmerzte, eine
Familienangelegenheit, die sie selbst noch oft beschäftigte, vom Jos nun
schonungslos vor die Öffentlichkeit gerissen zu sehen. Ihren Unmut hatte der
Knecht auch sofort bemerkt, und er litt furchtbar unter ihrem vorwurfsvollen
Blicke. Ruhiger aber wurde er leider nicht, und das Gefühl, sich doch reicht
ungeschickt benommen zu haben, brachte ihn nur noch mehr aus der Fassung. Er sass
wie auf Kohlen, und wohl hauptsächlich nur, um das ihm so peinliche Schweigen zu
unterbrechen, sagte er, an Zusels Ausruf anknüpfend: »Wo der Unrat so leicht
zusammenzubringen ist, muss wenigstens vieles nicht recht sauber sein.« »Wer will
das noch ertragen und wer es vergelten?« sagte Zusels Blick, der rasch von einem
zum anderen schoss. Endlich blieb er an dem Heuer hangen, nicht mehr stolz,
sondern demütig bittend, und ihre Stimme zitterte, als sie fragte: »Kannst du
denn nichts als schöne Sprünge machen auf dem Tanzsaal? Warum sitzest du denn
auch neben mir, wenn der Lästerer da so redet! Entweder schäme dich meiner oder
deiner selbst und geh!«
    »Hätt' ich ihn doch so in meiner Heimat!« wich der Heuer etwas verlegen aus.
»In einem fremden Dorf ist's denn doch nie recht ratsam, sogleich, ohne recht zu
wissen warum, mit dem Nächstbesten Händel anzufangen. Bei uns - ich soll
sterben, hätt' ich ihn schon lange braun und blau geschlagen!« Den übrigen im
Zimmer anwesenden Burschen war es ordentlich eine Genugtuung, dass der Heuer sich
des ihm schon lange missgönnten Platzes neben dem hübschen, reichen Mädchen so
unwert zeigte. In manchem regte sich die Lust und fuhr ihm in die Fingerspitzen,
der Zusel nun zu zeigen, was er könne und wen man an ihm hätte. Noch ärger wurde
das, als das Mädchen rief: »Fremdes Dorf? Ich, die Beleidigte, bin hier nicht
fremd.« Der Krämer, der längst auf glühenden Kohlen sass und sich durchaus nicht
als getroffen verraten wollte, befahl ihr auf das entschiedenste zu schweigen.
Zusel aber fuhr erregt fort: »Ich bin hier nicht fremd, musst du wissen, und es
wird schon noch solche geben, die sich für mich gegen einen Schneider wehren
dürfen.«
    Nun begannen auch die ernsten Väter zu brummen, das Mädchen sei eigentlich
herzhafter als alle, die sich gleichsam mit ihm von so einem Knechtlein foppen
liessen. Das feuerte die Burschen, denen schon Zusels Rede durch die Glieder
fuhr, nur noch mehr an, und Jos sah, wie aller Blicke sich drohend auf ihn zu
richten begannen. Es ward ihm so heiss, dass er aufstehen und sich ins offene
Fenster legen wollte, da er weder so gehen mochte noch ein Wort reden konnte.
Der Heuer, gewohnt, immer auf Wind und Wetter zu achten, hielt nun ein
entschiedenes Vorgehen nicht mehr für besonders gewagt, seit er in aller Augen
gelesen zu haben meinte. Anfangs dachte er, das Bürschlein würde ohne sichere
Hinterhut gewiss nicht so herzhaft auftreten dürfen. Nun aber sprang er auf den
Jos und fasste ihn hinten beim Halstuch, als ob es nicht nur seine Ehre, sondern
auch sein Leben gegolten hätte. So wären wir denn leider vor einer
Wirtshausrauferei. Freilich ist sie, wenn auch nur Bauernknecht und Heuer die
Helden sind, ebensogut Ausdruck verschiedener Ideen und Leidenschaften als eine
andere, die mit Beobachtung der feinsten Formen vor sich geht. Da es aber beim
besten Willen nicht möglich ist, unsere Kämpfer noch geschwind zu adeln und
ihnen Schwert oder Pistole in die Hand zu geben, so wär's wohl am besten, wenn
man die Sache so schnell als möglich abtun könnte. Die beiden scheinen auch
wirklich bald fertig zu sein. Kaum fühlt Jos von hinten sich gepackt, so dreht
er sich gegen den Heuer um, und zwar so schnell und mit solcher Kraft, dass er
den langen Heuer beinahe niederreisst und dieser das halb zerrissene Halstuch
mitsamt dem Jos erschrocken fahren lässt. Während der Heuer das volle
Gleichgewicht wieder zu gewinnen sucht und noch bevor er sich von seinem
Schrecken auch nur ein wenig erholt hat, steht Jos zornschnaubend mit geballter
Faust vor ihm, und das Bürschchen schaut so wild, so drohend zu dem grossen Manne
auf, dass dieser von Herzen gern die Zuschauer, die erstaunt und wie angebannt
dastanden, um Hilfe angerufen hätte.
    Jos schien das zu bemerken, denn er rief: »Nur mit dir hab' ich's jetzt zu
tun, und wenn auch ein anderer noch etwas will, so soll er doch warten, bis ich
mit dir fertig bin.«
    Den Heuer erschreckte das schallende Gelächter, welches dieser Rede folgte.
Es war klar, dass man sie beide sich einstweilen überlassen und dem Spasse zusehen
wollte. Aug' in Auge standen sie sich etwa eine halbe Minute lang gegenüber,
jede Bewegung beobachtend und immer auf Angriff und Abwehr gefasst. Im Zimmer war
es so still, dass man eine Nadel hätte fallen hören. Es war fast unbegreiflich,
wie so viele Zuschauer sich ohne Geräusch hereinbringen und Platz finden
konnten. Erst als die Wirtin hereinstürzte und nach der Ursache des Streites
fragte, wurde es wieder laut. Jeder wollte erzählen und wurde sogleich von dem
Nebenansitzenden unterbrochen oder widerlegt. Der Wirtin war's aber auch viel
weniger um den Anfang als das Ende des ihr heute doppelt unangenehmen
Zwischenfalles zu tun. Ohne lange zuzuhören, begann sie beiden das Kapitel zu
lesen und sie mit derben Worten zum Frieden oder zum Heimgehen zu ermahnen.
    »Meinetwegen«, lachte Jos bitter, »soll der Tropf ungestört gehen, wenn er
nichts kann als zierlich tanzen. Ich bleibe hier und hab' ihm nichts
abzubitten.«
    Wie ein wildes Tier stürzte der Heuer auf Jos oder eigentlich auf den Platz,
wo der gewandte Bursche noch vor einem Augenblicke stand, der ihn jetzt von der
Seite anzupacken suchte. Es war wunderbar, wie das Jöslein sich wehren konnte
und wie es rechts und links, hinten und vorn zugleich zu sein schien. Die
kräftigsten Streiche des Heuers fuhren in die Luft und rissen ihn selbst beinahe
zu Boden, so dass er, nach und nach um mehrere Schritte zurückweichend, in der
Verzweiflung endlich nach einer leeren Bierflasche langte, die er als Waffe
benützen zu wollen schien.
    »Jetzt ist's genug«, riefen mehrere Mädchen, die schaudernd seine Absicht
errieten.
    »Nein, lasst ihn mir!« schrie Jos.
    »Wozu noch?«
    »Wir sind nicht fertig.«
    »Aber es ist genug«, rief man von allen Seiten und begann dem Jos
einzureden, er habe sich tapfer gehalten, aber das schönste sei doch noch, wenn
er nun auch noch zur rechten Zeit wieder aufzuhören wisse.
    »Ja«, rief Zusel schneidend, »ihr stolzen Burschen meiner Heimat, seid doch
so gut und schützt den Fremden, der für mich und meine Ehre einstehen wollte.
Schützt den Schwachen, wenn ihr sonst gar nichts tut.«
    Diese Worte hatten eine wunderbare Wirkung. Der Heuer mit seiner Flasche
stand wie vernichtet da; die anderen Burschen aber begannen mit dem Jos in einem
ganz anderen Tone zu reden, und der Zusel antworteten sie: »Wir stehen schon
auch für dich ein, musst du wissen, und zwar besser noch als der Beschützer, den
du heute mitgebracht hast. Der Heuer soll darum nur ruhig sein, wir wollen das
kleine Bürschchen schon wegbringen.«
    »Hab' noch keine Lust zu gehen«, trotzte Jos.
    »Es wird am Ende wohl zu helfen sein«, riefen mehrere.
    »Einem allein geh' ich nicht; wer etwas gegen mich hat, der soll kommen.«
    »Gehst auch mir nicht?« rief Hans, so zornig über den eigensinnigen Knecht,
wie ihn dieser noch niemals gesehen hatte.
    »Hast du denn auch etwas gegen mich?«
    »Ja.«
    »Und Dorotee redet kein Wort für mich?« fragte Jos wehmütig.
    Alles blieb still.
    »Oh, wie seid ihr elende Leute!« rief Jos plötzlich. »Alle kniet ihr vor dem
Goldenen Kalbe, mag es Zusel heissen oder Hans.«
    Die Burschen und Hans mit drangen auf den Aufgeregten ein. Dieser floh gegen
das offene Fenster und rief mehrere Male: »Auch Hans kommt; alle, und er - er
bringt mich um alles!« Jetzt ein Sprung, und der Verfolgte war, ohne dass eine
Hand ihn auch nur zu berühren vermochte, aus dem Zimmer verschwunden.
    Hart neben dem niederstürzenden Strahle der durch ein Gewitter
angeschwollenen Dachtraufe lag er auf einer Steinplatte und wälzte sich langsam
aus dem Kreise der aufspritzenden kalten Tropfen hinaus. Im Zimmer begann man
vom Kriminalgericht und sogar vom Köpfen zu brummen. Wer nicht heimschlich,
setzte sich auf einen Stuhl und suchte so schnell als möglich von etwas anderem
zu reden. Nur Dorotee begehrte auf, wie man sie noch nie gehört, und Hans sass
neben ihr, als ob ihn der Blitz getroffen hätte. Es wurde ihm ordentlich wohl,
als die Magd ihn gegen Schick und Brauch verliess und vor das Haus hinabeilte,
nachdem sie hörte, dass Jos nicht mehr einen Tritt zu gehen imstande sei.
 
                                Zehntes Kapitel
                                  Die Heimkehr
»Erbärmliche Kreaturen ihr!«
    Das war die erste Antwort, welche Jos denen gab, welche sogleich vor das
Haus geeilt waren und sich nach seinem Zustand erkundigen wollten. Ja, nun kamen
sie zu allen Löchern heraus und streckten die Hälse und die Ohren, um etwa zu
sehen, was wohl der so gedemütigte Trotzkopf für ein Armensündergesicht machen
werde.
    Tausend Element, das sollten sie nicht!
    Aber vergebens strengte Jos sich zum Aufstehen an. Mühevoll hatte er sich
mit Händen und Füssen in die Laube des Hauses, den sogenannten Schopf, gebracht,
wo er nun doch wenigstens vor dem Regen geschützt war. Hier sass er auf einem
kleinen Heubündel und schaute die aus allen Winkeln des grossen Hauses kommenden
Leute trotzig an.
    »Jesus, Maria und Josef, sein Kopf ist ja blutig!« riefen mehrere der
Herbeigeeilten erschrocken aus. »Hat dich denn einer geschlagen? Wer?«
    »Niemand als ich selbst«, antwortete Jos und fuhr dann, wie von Widerwillen
und Ekel geschüttelt, fort: »Wenn mich einer so geschlagen hätte, hu - einer der
Elenden, und ich müsste jetzt auch so wehrlos daliegen und mich von jedem
angaffen und bemitleiden lassen - Gott, es wäre, um den Verstand zu verlieren.«
    »Und wie ist dein Zustand jetzt?«
    »Jetzt«, lachte der schmerzgequälte Jos bitter, »jetzt hab' ich gar keinen
Zustand, nur noch einen Zusitz, das muss doch jedes Kind sehen.«
    Nur mit grösster Mühe und vielen Kreuz- und Querfragen brachten einige
Schulfreunde des Leidenden endlich heraus, dass er zwar im Sprung aus dem offenen
Fenster glücklich auf die Beine gekommen, dann aber auf der abgewetterten
glatten Steinplatte auch noch auf den Kopf gefallen sei.
    Jos erzählte das, mit vielen bitteren Bemerkungen über die verschiedensten
Ausrufe des Mitleids sich unterbrechend. Diese Weichheit, dieses Beklagen des -
durch eigene Schuld nur - Geschehenen, was war es anderes als der jämmerliche
Tribut, mit dem sie ihrem Hochmut, ihrer frommen Eitelkeit die beste oder
eigentlich die schwächste Seite ihres Wesens wiedergewinnen wollten. Ha, Jos
hätte rasend werden mögen, als er einen sagen hörte, man könne unmöglich
begreifen, warum so ein Unglück Gottes heiliger Wille sei. Also auch an dem
sollte der liebe Gott die Schuld haben! Wie, wenn er nun der Gewalt nicht
gewichen wäre, wenn er statt dessen einige seiner Gegner verletzt hätte? Dann
wär' gewiss nur der Sohn der Schnepfauerin und nicht der liebe Gott an der ganzen
Geschichte schuld gewesen. Aber diese Leute kamen eben niemals auf das Richtige.
Da standen sie und jammerten über den blutenden Kopf, während ihm sein rechter
Fuss wohl zehnmal weher tat. Anfangs freilich wär's ihm selbst auch nicht anders
gegangen. Erst als er sich zum Gegenstande eines ihm widerlichen Mitleids
gemacht sah, dem er so schnell als möglich entfliehen wollte, empfand er im Fusse
einen furchtbaren Schmerz, der bei der ersten Bewegung den ganzen Körper
durchfuhr und ihn mit Gewalt auf den blutbedeckten Platz zurückwarf, von dem er
sich, da er jede Hilfe trotzig verschmähte, nur langsam wegzubringen vermochte.
Jetzt hatte er eine ganz eigene Freude daran, dass die Umstehenden, das Ärgste
gar nicht ahnend, noch immer über die gewiss nicht bedeutende Verletzung am Kopfe
jammerten.
    Bitter lachend starrte er die Umstehenden an und wies einzelne, die ihm ihre
Dienste anboten, trotzig zurück. Als dann aber die guten Leute sich
kopfschüttelnd zu entfernen begannen, wurde ihm auf einmal wunderbar angst.
»Lasst mich doch um Gottes willen nicht allein wie ein Tier!« flehte er. »Ihr
seht ja, dass ich einen Fuss gebrochen hab' und auch nicht einen Tritt mehr zu
gehen imstande bin.«
    Diese Worte wirkten wie ein gewaltiger Schlag. Alle standen einen
Augenblick, als ob ihre Beine sie nicht mehr tragen wollten, und eilten dann
wieder zu dem Unglücklichen, um den sich bald noch ein dichterer Kreis gebildet
hatte als vorher. Und nun regte sich in dem Unglücklichen wieder der frühere
Trotz, der für das bestgemeinte Wort im besten Falle nur ein bitteres Lächeln
zur Antwort hatte. Das wurde nicht anders, bis Jos die Stimme Doroteens hörte,
welche sich mit Gewalt durch die müssigen Zuschauer zu ihm hinarbeitete. »Wie
ist's doch gegangen? Was fehlt ihm? Kann er wirklich gar nicht mehr gehen? Ist
denn um Gottes willen noch kein Doktor da?« So fragte das Mädchen so schnell
nacheinander, dass kein Mensch zum Antworten kommen konnte.
    Jos strengte noch einmal alle seine Kräfte zum Aufstehen an. Es war
vergebens; er musste sich ins Unabänderliche fügen, musste leiden, wie er noch
niemals litt, an Leib und Seele zugleich. Nichts ist so herb, nichts so beinahe
unerträglich, als wenn man auf einmal seine liebsten Pläne und Hoffnungen als
tote Last auf dem Gewissen fühlt, wenn man sich sagen muss, dass man sich selbst
aus seinem Glückshimmel stürzte. Jos schien ein ganz anderer geworden, seit er
Doroteens auch in der Aufregung noch so leicht erkennbare Stimme hörte. Bisher
hatte jede leise Bewegung nur die in seinem Innern kochende Wut verraten, so dass
den Umstehenden immer doppelt weh und bange war; jetzt aber begann sein ganzer
Körper zu beben, wie vom Frost des Fiebers geschüttelt, und die zitternden Hände
suchten umsonst die aus den halbgeschlossenen Augen hervorquellenden Tränen zu
verbergen. Doroteens fortgesetzte Fragen, noch viel dringlicher als die früher
von den anderen an ihn gerichteten, die er nur trotzig zurückwies, machten ihn
ganz weich, und nur vor Weinen war er nicht imstande, sie so schnell zu
beantworten, als sie an ihn gerichtet wurden. Jetzt erst dachte er auch an seine
gute Mutter. Sie hatte doch wahrlich nicht verdient, auch das noch an ihm zu
erleben. Ach, die lieben Bilder aus vergangenen Tagen, das schöne Leben neben
Doroteen auf dem Stighof, es war nicht etwa nur einfach dahin, verschwunden und
verloren, sondern war ihm zur drückenden Last, und alle Rosen, die ihm auf
seinem Lebenswege jemals blühten, hatten sich in schmerzlich stechende Dornen
verwandelt. Er hatte geglaubt, Doroteen verachten, hassen zu können als die
Gefühllose, die berechnende Geliebte des reichen Bauern, nun aber lag er wehrlos
und unfähig zu Spott und Trotz. Nur noch weinen konnte er, und weinen musste er,
wenn ihm auch mit verhaltenen Augen die Anwesenheit der vielen Neugierigen
schmerzlich gegenwärtig blieb.
    Doroteens Erscheinen und ihre Fragen brachten etwas Leben in die Menge, die
vorher wie erstarrt um den Leidenden herumstand. Vielleicht mochten die von der
Magd gestellten Fragen an manches Versäumnis erinnern, und dazu kam noch, dass
die Veränderung im Wesen des Unglücklichen keinem einzigen ganz entging und alle
etwas weicher stimmte. Jedermann wollte nun gleich etwas für ihn tun. Während
viele, ohne noch Regenschirme mitzunehmen, forteilten, um den Doktor zugleich
daheim und in allen Wirtshäusern zu suchen, brachten die Zurückgebliebenen
Salben und Wein, Binden und Tücher aus dem Hause oder trugen aus der
Nachbarschaft herbei, was in Hausarzneibüchern belesene Mütterchen nur immer
wünschen und empfehlen mochten.
    Als Doroteens weiche, jetzt leise zitternde Hand das Haupt des Verwundeten
berührte - sie tat das so leise, dass man glauben musste, er werde es gar nicht
merken -, da öffnete er die Augen wieder und schaute zu ihr empor, so freudig
stolz und doch auch wieder so demütig bittend, dass das Mädchen erbebte vor dem
Blicke, in welchem des guten Burschen ganze Seele lag. Ja, sie, die bisher sich
so tapfer gehalten, wurde jetzt schwach und vergass in der Verwirrung die
Umstehenden und was sie eigentlich wollte. Zitternd stand sie da und wurde bald
blass, bald rot, bis ihr endlich die Wirtin ungeduldig das Wasserglas abnahm und
den Kopf des Jos zu waschen begann.
    Erst als der Unglückliche auf die in der Eile zusammengeflickte Tragbahre
gelegt und heimgebracht werden sollte, kam Dorotee wieder vollkommen zu sich
selbst, und während sie sich umsah, ob nicht auch etwa einem anderen Mädchen
beim Anblicke des Blutenden beinahe übel geworden sei - wie ihr -, befahl sie
den Trägern die grösste Sorgfalt, damit nicht am Ende das Unglück durch ihre
Schuld noch grösser werde. Während sie nun mit der kleinen, stillen Gesellschaft
das Haus verliess, wurde droben getanzt und gejubelt, dass die Fluh drüben über
der Ach die frohen Töne auch da noch wiedergab, als sie schon zu weit ins
Argenauer Dörflein hineingekommen waren, um aus dem Wirtshause selbst noch etwas
hören zu können. Doroteen kam das jetzt ganz verrückt, ja unmenschlich herzlos
und grausam vor, so dass in ihr der Vorsatz erwachte, ihr Lebtag keine Tanzmusik
mehr zu besuchen. »Kann man«, musste sie sich fragen, »so fröhlich sein, nachdem
man so kalt und lieblos war? Sieht niemand die Lücke, die das Unglück in dem
frohen Kreise riss?« Allerdings lärmte die Fluh herüber, dass man das könne, und
von dem, der sich da seufzend zum armen Mütterlein tragen lassen musste, sagte
sie nichts. Aber war's denn am Ende nicht mit jedem Vergnügen so, wenn auch der
Leidende nicht so hart daneben und für sie so hörbar ächzte? Was mochte nicht
schon vielleicht beim nächsten Nachbar alles vorgefallen sein, während ihr die
Stunde in der besten Unterhaltung unerwünscht rasch verging!
    Es hatte aufgehört zu regnen, aber noch war der Himmel benebelt, und auf die
Tannen herab hingen gewaltige Wolken, von denen der Kalendermacher, nach der für
heute angegebenen Tageslänge zu urteilen, durchaus keine Ahnung gehabt haben
musste. Schon lange vor sieben Uhr war es fast plötzlich Nacht und so dunkel, dass
die Freunde des unglücklichen Jos, sich mehr auf das Gehör als das Gesicht
verlassend, den Weg zwischen den rechts und links noch niederplätschernden
Dachtraufen suchen mussten. Es war Doroteen immer noch gewesen, als ob sie in
recht kurzweilige Gesellschaft komme, wenn sie zwischen den ihr so wohlbekannten
Häusern dahinschritt. Heute aber konnte sie sich keinen frohen, glücklichen
Kreis um die wenigen Lichter herum denken, die sie auf ihrer Wanderung
erblickte. Da sass wohl das arme Mütterlein mit dem Rosenkranz in der Hand auf
der breiten Ofenbank und erwartete, von Zeit zu Zeit nach dem schwarzen
Zifferblatte der alten Schwarzwälderuhr blickend, ungeduldig den einzigen Sohn,
der noch im Wirtshaus sass und wohl den halben Sommerlohn verjubelte. Dort am
Fenster lehnte die arme Terese, die heute hart neben der Zusel auf dem
Brückeneingang den Geliebten erwartete, bis dieser mit einer Angeseheneren,
Reicheren, ohne sie noch zu beachten, an ihr vorüberschritt. Hier sassen hungrige
Kinder mit der traurigen Mutter bei den ersten Erdäpfeln dieses Jahrganges, die
gestern so fröhlich heimgebracht wurden. Man dachte, sie gemeinsam zu essen am
Kirchweih tag und Gott dafür zu danken. Nun aber fehlte der Vater, und trotz des
Hungers wollte es niemand recht schmecken. Dort polterte der biedere Vater und
weinte die Mutter über die ungeratene Tochter, welche, wie man von Freunden,
Feinden und Nachbarn hören musste, ein bemittelter Taugenichts den ganzen Abend
auf dem Tanzplatze festielt. Auch Angelika hatte ein mattes Licht im Zimmer.
Ihr Kind half ihr auf den Vater, den Andreas, warten, welcher schon früh etwas
angetrunken war und mit einer Kellnerin tanzte. Und immer noch tönte es von der
Fluh herüber, die Hörner brüllten, die Burschen lärmten immer wilder, und sicher
hätte Dorotee sich beinahe zu fürchten angefangen, wenn sie jetzt mit ihren
Gedanken allein gewesen wäre. Vor ihr her trug man den Liebling, den einzigen
Sohn der armen Stickerin, die wohl jetzt noch ganz arglos daheim sass, ihre
Wochenrechnung machte und nebenbei dem lieben Herrgott dankte, dass ihr Jos einen
so guten Platz bekam und denselben auch zu behaupten imstande war. Ganz laut,
gerade als ob sie das widerliche Echo von der Fluh sich aus dem Gehör bringen
wolle, rief sie schmerzlich aus: »O du Welt, du böse, kalte, herzlose,
selbstsüchtige Welt! Du bist ein Wehhaus und ein Tränental, wie es im
Kirchengebete heisst.«
    Wie der vom Sturme vertragene Funken oft in viertelstundenweiter Entfernung
als mächtiges, weitin leuchtendes Feuer aufflammt, so spinnt sich dem
Aufgeregten, besonders im Dunkel der Nacht, wo Aug' und Ohr so bald an die
wenigen äusseren Eindrücke gewöhnt sind, ein einziger Gedanke auf seinem Wege bis
zum anscheinend entferntesten wunderbar und beinahe unbemerkt fort. Mit dem
einzigen Worte aus einem wohlbekannten Kirchengebete, dem Salve Regina, kam sie
vom Lärm des heutigen Tages hinweg in die Kirche, wo sie schon als frommes Kind
dem lieben Gotte und der heiligen Mutter so manches Leiden klagte. Auch jetzt
wieder versuchte sie zu beten. Aber es ging ihr wie immer - sie konnte viel
besser danken als bitten. Wenn sie recht glücklich war, dann fühlte sie sich dem
Allvater am nächsten und wurde demütig; hatte sie aber Klagen über die Welt,
dann fehlte es ihr nicht an Worten, aber die rechte Andacht wollte nicht kommen,
und es war, als ob sie sich schäme, mit so etwas vor den lieben Gott zu treten.
Auch heute ging es ihr so, und immer wieder fühlte sie sich in ihrer Andacht
gestört, obwohl die Vorangehenden noch kaum ein Wort gewechselt hatten. Sie
waren alle noch zu erschrocken, als dass ihnen selbst Doroteens lauter Ausruf
über die böse Welt besonders hätte auffallen können. Während Jos dem Heuer und
den anderen gegenüberstand, waren sie alle auf dem Tanzsaal gewesen. Erst der
auch dortin dringende Bericht von dem Unglück ihres ehemaligen lustigen
Gefährten hatte sie an seine Seite gerufen, und sie gingen um so lieber mit ihm
heim, da nun doch die Lust zum Tanzen ihnen allen gänzlich vergangen war.
    »Weiss die Mutter schon von der traurigen Geschichte?« fragte einer der
Burschen, das bange Schweigen endlich unterbrechend.
    Diese Frage gab Doroteen wieder Leben. Sie dachte an den Schrecken der
armen Stickerin, wenn nun Jos auf einmal so in ihre Stube gebracht würde. Nein,
das durfte nicht geschehen! Vorher sollte das arme Weib so gut als möglich
darauf vorbereitet werden. Dorotee eilte voran und sann, wie sie es nun
anzugehen habe. Es waren peinliche Gedanken, mit denen sie sich jetzt
beschäftigte, und doch war ihr wohler, als da sie noch müssig klagte und betete
und einen Wink des Himmels erwarten zu wollen schien. Ja, seit es wieder etwas
zu tun gab, fühlte das Mädchen sich mutig, wie es noch selten nach einem Gebete
war, welches nur einem Notschrei glich. Vor dem Häuschen der Schnepfauerin aber
wurde ihr wieder himmelangst. Zitternd trat sie in die dürftig erleuchtete
Stube, wo die Schnepfauerin fast zu Tode erschrak, als sie den späten Besuch
endlich denn doch trotz seiner ungewöhnlichen Blässe erkannte. Dorotee begann,
sich wunderbar beherrschend, mit einer Abhandlung über den Willen Gottes, ohne
den kein Haar von unserem Haupte fallen könnte. Die Schnepfauerin schnitt diese
Einleitung kurz und gewaltsam ab. »Du kämst heut' nicht zu mir, wenn du nicht
etwas Wichtiges und etwas Schlimmes sagen müsstest. Nun, ich leide schon unter
diesem Gedanken so viel, dass es nicht zu sagen ist. Drum schone mich nicht mehr
und sage mir offen, warum du da bist.«
    »Es ist wohl nicht so arg, als du denkst«, antwortete Dorotee langsam. »Der
Jos ist nur für einige Wochen arbeitsunfähig geworden bei einem gefährlichen
Sprung. Ich möchte der Stigerin nicht gern gleich von der Sache erzählen, du
aber wirst schon so gut sein und ihn einige Tage pflegen und warten. Ich stehe
dafür, dass dir - von Hansen oder sonst - jedenfalls alles reichlich ersetzt
wird, was du tust und anwendest.«
    »Ist gar nicht nötig«, sagte die Mutter, die viel Schlimmeres erwartet zu
haben schien, beinahe fröhlich. »Wer sollte so Zeit und Lust haben, für den
armen Jos zu sorgen, wie ich?« Und noch bevor sie fragte, was denn ihrem Sohne
begegnet sei, trug sie einen Laubsack auf die breiteste Bank, stellte einige
Lehnstühle davor und machte in der Eile ein Bett, so gut es ihr nur möglich war.
Als man aber die Tritte der Nachkommenden hörte, liess die arme Mutter alles
liegen, wie es eben lag, erfasste krampfhaft das auf dem Tische stehende Licht
und wankte zur Türe hinaus. Die langsam nachfolgende Dorotee sah, wie die
Mutter beim Anblick ihres Sohnes beinahe ohnmächtig auf den Tritt vor der
Haustür niedersank und ihr leichenblasses Gesicht in den zitternden Händen
verbarg. Dann raffte sie sich mit einer furchtbaren Kraftanstrengung wieder auf
und sagte tonlos und hart: »Er soll gewiss auch noch halb erfrieren hier in der
kalten Nacht? Seid ihr alle denn von Holz, dass ihr so gar nicht mit leidenden
Menschen umzugehen wisst?«
    Der Armen fiel es nicht ein, dass die Träger nur auf sie warteten. Die guten
Burschen verziehen ihr aber gern diese Ungerechtigkeit. Schweigend folgten sie
ihr ins kleine Häuschen, als sie das Licht wieder ergriff und rief: »Stosst doch
um Gottes willen nirgends an - oder«, fügte sie in ganz anderem Tone bei,
»macht, so gut ihr könnt. Ihr meint's ja redlich und habt ihn bis vors Haus
gebracht. Ach, es ist so traurig, aber ich hab' auch schon etwas für fröhlich
gehalten, und dann ist's nur zum Unglück gewesen.«
    Auf die Freunde des Jos würde die wohlgesetzteste Rede nicht einen halb so
tiefen Eindruck gemacht haben wie diese wenigen scheinbar gar nicht
zusammenhängenden Worte der armen Mutter. Feuchten Auges trugen sie ihren Freund
in die Stube und sahen mit Freuden die Mutter wieder etwas gehobener und fester,
als sie noch an manches erinnerte, was notwendig sogleich getan und hergerichtet
werden musste. Dann aber wollte sie auch wissen, was denn eigentlich dem armen
Jos begegnet sei.
    Jos, der noch kein Wort gesprochen hatte und auch keines zu sprechen
imstande war, zog die Bettdecke übers Gesicht, um unbemerkt weinen zu können.
Dorotee begann so schonend als möglich zu erzählen, bis sie durch das Kommen
des Arztes unterbrochen wurde. Dieser fand den Beinbruch sehr bedenklich. Aber
obwohl er sogar vom Abnehmen des Fusses einige Worte fallen liess, schien doch der
Mutter noch immer das traurigste, dass das alles nur die Folge eines
Wirtshausstreites war. Sie machte dem Hitzkopf, den sie doch schon so oft und
oft warnte, die bittersten Vorwürfe. Als aber der Schmerzgequälte laut
aufseufzte, da eilte sie ans Bett, zog die Decke herunter, dass sie sein Gesicht
sehen konnte, und kam dann nicht mehr dazu, ihre Strafpredigt wieder
aufzunehmen. Dafür gedachte sie nun der traurigen Zukunft. Die anderen suchten
sie zu beruhigen, aber ihre Trostworte weckten nur Widerspruch. Man erinnerte
sie daran, dass sie mit solchen Klagen dem Kranken weh tue, und das half. In der
Sorge um den Liebling fand sie Kraft und Selbstbeherrschung, ja nach wenigen
Stunden sogar eine gewisse Heiterkeit der Seele wieder, so dass Dorotee und die
anderen sie und den Kranken selbst viel beruhigter verliessen. Jos litt nicht nur
an seinen Verletzungen. Zu den quälendsten Vorwürfen wegen seiner Übereilung kam
bald auch noch die Sorge für seine und der Mutter Zukunft. Die Mutter fand immer
noch eine Art Trost und Aufrichtung in der sorglichsten Pflege des kranken
Lieblings; diesem aber war wie ein schmerzlich bitterer Vorwurf, was ihn sonst
als sprechender Beweis der Mutterliebe auch unter schlimmen Umständen
überglücklich gemacht hätte. Wie aufs tiefste beschämt, wie vernichtet lag er
da, sein verwünschter Trotz war gebrochen; nicht niedergeschlagen von den
Gegnern, die er im Traume sich wieder und wieder gegenüberstehen sah, sondern
mehr geschmolzen von der Wärme der Mutterliebe, die ihn umgab und ganz neue,
früher nie gekannte Gefühle in ihm keimen und wachsen liess. Eine wunderbare
Weichheit bemächtigte sich seines ganzen Wesens, so dass er ruhig zuhörte, als
später seine Freunde ihm erzählten, wie spottschlecht schliesslich auch sein
Gegner, der Heuer, noch weggekommen sei.
    So arg als einen hatte Jos mit seinem trotzigen Benehmen Stighans erzürnt.
Eine Demütigung gönnte ihm dieser recht wohl und wäre bereit gewesen, auch das
Seine dazu beizutragen. Als er dann aber hörte, wie schlecht dem Jos sein kühner
Sprung geraten, da war ihm nicht mehr recht wohl, wenn er sich davon auch nichts
anmerken liess. Er hätte eine schöne Kuh drum gegeben, wenn er damit alles
ungeschehen zu machen imstande gewesen wäre. Trotzdem brachten Doroteens
Vorwürfe ihn nicht von seinem Platze, ja diese zwangen ihn, innerlich sich zu
seiner Selbstverteidigung immer wieder an das lästige Benehmen seines Knechtes
zu erinnern. Er wollte kein wetterwendisches Weib sein wie Dorotee, welche -
das hatte er genugsam bemerkt - sich noch vor wenigen Minuten selbst recht von
Herzen über den Jos geärgert hatte. So blieb er denn sitzen und sendete
Doroteen einen zornigen Blick nach, als diese zu dem Unglücklichen eilte.
    Der Heuer hatte sich mit der Miene eines Mannes, welcher sich für den Helden
des Tages hält, neben die seit Doroteens Entfernung ausgelassen lustige Zusel
gesetzt und begann nun, Hansen als Kirchweihwitwer auf die derbste Weise zu
necken. Die Lacher natürlich hatte er bald auf seiner Seite, obwohl seine Witze
zuweilen so ungehobelt waren, dass Zusel sich seiner zu schämen begann. Endlich
war Hansens Geduld zu Ende, der Faden riss. Auf sprang er, schlug die Faust hart
neben der Stumpfnase des Heuers auf den Tisch, dass die Gläser klirrten, und
donnerte das geputzte Bürschchen an: »Derlei Brocken wirst du noch bekommen,
wenn du nicht schon genug hast. Willst du aber nichts mitnehmen, so mach' dich
nur im Fluge fort und lass dich nicht mehr sehen, du Händelstifter, solang' du
dein gestriegeltes Spitzköpflein und den breiten Hemdkragen in Ordnung erhalten
willst.«
    »Ich soll sterben -«, stammelte der Heuer und sah sich ängstlich suchend im
Zimmer um.
    Aber die Zusel, welche nun durchaus nicht mehr länger neben ihm gesehen sein
wollte und bereits mit der guten Gelegenheit zu rechnen begann, warf ihm einen
Blick zu, der ihn nicht mehr ausreden liess. Jetzt war sie entschieden für den
Frieden. Der Heuer sah sich allein und nur kalte, höhnende Blicke auf sich
gerichtet. So kam er denn bald zu der schmerzlichen Überzeugung, dass Gehen das
klügste sei, und langsam, so leise und unmerklich, als es in der Eile nur immer
geschehen konnte, rückte er seinen Stuhl so weit vom Tisch aus der Reihe der
übrigen Stühle weg, dass er Platz genug zum raschen Aufspringen gewann. Er hätte
aber gewiss nicht so aus dem Zimmer rennen, nicht auf jeden Tritt drei Stufen der
Stiege unter die Füsse nehmen müssen, denn sicher dachte kein Mensch daran, ihm
etwas in den Weg zu legen oder ihn gar zu verfolgen.
    Er eilte ins Haus des Krämers, packte seine Sachen zusammen und hinterliess
bei der Magd den Auftrag, ihm nach Abzug seiner Zeche den Heuerlohn so schnell
als möglich nachzusenden.
    Im Wirtshaus »Zum Rössle« ging es nun wieder so lustig zu, als ob gar nichts
vorgefallen wäre. Man gedachte auch des Geschehenen fast nur dadurch, dass man
sich erfreut aussprach, nun doch der lästigen Händelstifter glücklich
losgeworden zu sein.
    Stighans hatte sich unter allgemeinem Beifall auf des Heuers Stuhl gesetzt,
hart neben Zusel, die ihm des Knechtes wegen keine Vorwürfe mehr machte. Der
Krämer war überglücklich. Aber wie wohl ihm bei den jungen Leuten auch war, so
schickte er doch den Hans mit seiner Zusel grossmütig von sich weg auf den
Tanzsaal, den diese erst spät in der Nacht verliessen.
    Hans begleitete die Zusel heim, trank noch den in der Eile gemachten Kaffee
und eilte dann - dem Morgen noch zu entrinnen - auf den stillen Stighof, wo die
schon wieder tätige Dorotee ihm einen guten Tag wünschte.
 
                                 Elftes Kapitel
                       Wie man schiebt und geschoben wird
Wieviel auch, seit man das »Volk« als Kunstobjekt zu behandeln begann, über
Bauern und besonders über Bauernmädchen geschrieben wurde, es ist doch immer
noch fraglich geblieben, ob die guten Kinder sich mit der Kirchweih mehr die
Woche vorher oder nachher in Gedanken beschäftigen. Wahrscheinlich wird man,
wenn noch dreissig Jahre Dorfgeschichten geschrieben und alle deutsche
Erdenwinkel durchstöbert sind, sich für die Woche hernach entscheiden.
    Bei einzelnen kann das schon jetzt als ausgemacht gelten. Zusel hatte nicht
viel, wenigstens gar nichts Besonderes gehofft. Nur einmal ein wenig Lärm wollte
sie haben, und nun war aus dem Spasse ganz unvermutet Ernst geworden. Jetzt war
der Ehrgeiz des Mädchens wach. Was sich so wie von selbst angezettelt hatte, das
musste nun fort und fertig gewoben werden, damit sie sich vor Hansjörg, wenn er
wiederkam, nicht mehr so gleichsam in ihrer Blösse sehen zu lassen brauchte. Der
Bursche war ihr jetzt wieder viel im Sinn, woran vielleicht auch die von Jos
gemachten Anspielungen einige Schuld haben mochten. Sollte wirklich der Vater
ihn in des Kaisers Rock gebracht haben? Sie fragte, horchte, sah in den
Rechnungsbüchern nach und ergab sich nicht mehr, bis es ihr klar geworden war,
dass der Krämer wirklich nur Matisles Abhängigkeit benützt habe.
    Aber diese Entdeckung wirkte jetzt nicht mehr so, wie sie noch vor wenigen
Monaten gewirkt haben würde. Wohl konnte sie den armen Burschen bedauern, aber
sein Briefhandel war dadurch nicht entschuldigt. Hansjörg war eben ein Mensch,
der so wenig fest auf seinem Platze stehen konnte als der Heuer. Ob aus der
nämlichen Ursache, war ihr jetzt ziemlich gleichgültig. Ihr Liebhaber musste ein
ganzer Mann sein; woher es ihm kam, blieb ihr immer das nämliche, wenn es nur da
war. Hansjörg und der Heuer, sie waren sich so ziemlich gleich, denn beide zogen
schon vor dem ersten Hindernisse jämmerlich ab. Das waren keine Männer; einen
Mann aber wollte sie nun an ihrer Seite wissen, der sie schützen und jeden
Angriff von ihr abwehren konnte.
    Als Jos sie mit seinem Spotte erröten machte und der Heuer rat- und tatlos
neben ihr sitzen blieb, da hatte die Stolze es einmal ganz durch und durch
empfunden, wie wehrlos ein Mädchen neben dem aus Armut und - Gemeinheit
herausgewachsenen, vielleicht schuldbewussten Vater steht. Ja, er hatte recht,
dieser Vater, sein stolzes Gebäude musste stürzen, wenn sie ihm nicht das
schützende und bindende Dach aufsetzte. Und sollte sie das nicht von Herzen
gern, um in alle Zukunft froh und sicher wohnen zu können?
    Wie sie doch einmal so an Hansjörg hatte kommen können? Man hatte geredet,
gelacht, nach und nach die gleichen Ansichten bekommen und sich aneinander
gewöhnt, man wusste selbst nicht wie. Es war eben gefährlich neben so einem
berechnenden Burschen, gerade wie jetzt für Hansen neben dessen Schwester.
Freilich verriet Dorotee durch ihr Weglaufen von Hansen eine Neigung für den
ehemaligen Schneider, aber Zusel erfuhr ja an sich selbst, wie wenig derlei
launenhaften Spielereien zu trauen sei. Wohin konnte der leichtsinnige Hans
nicht von dem Mädchen noch gebracht werden, wenn erst Hansjörg wiederkam und den
Ratgeber machte! So einfältig, als sie sonst wohl geglaubt, war Hans jedenfalls
nicht, das hatte sie aus der mehrstündigen Unterhaltung mit ihm erfahren; aber
schwach war er, und besonders der Magd gegenüber recht schwach, sonst würde er
sie, die ihm so schmählich davonlief, schon am Tage nach der Kirchweih aus dem
Dienste geschickt haben. Freilich suchte sie sich zu bereden, dass das eben nur
seine Gleichgültigkeit verrate, aber es wollte nicht recht gehen, und Zusel, die
nun siegen musste um jeden Preis, nachdem sie einmal angefangen hatte, liess die
beiden bald auch durch andere in und ausser dem Hause auf Schritt und Tritt
beobachten.
    Wer sucht, der findet. Das gilt auch von einem Menschenpaar, dem man einmal
ein Liebesverhältnis zumutet, und gilt besonders, wenn die Beobachter und
Beobachterinnen für jede Mitteilung reichlich belohnt werden. Zusel bekam bald
jeden Abend Bericht und arbeitete sich so immer tiefer in die Sache hinein. Bald
vermochte sie Hansen, den sie jedesmal sah, wenn er mit Sense oder Rechen
vorüberging, bei weitem nicht mehr so unbefangen etwas Witziges nachzurufen als
in den ersten Tagen nach der Kirchweih. Später hatte sie nur noch ein scheues
»Guten Morgen« für ihn, und wenn er sie dann erstaunt, fragend ansah, so gab ihr
das aufs neue zu denken, weil sie dadurch etwa eine der schon von jemand
gemachten Beobachtungen bestätigt wähnte.
    Nachdem das letzte Heu beim Krämer glücklich untergebracht war, verkehrte
das Mädchen fast nur noch mit Leuten, welche von Stighansen redeten. Dadurch
gewannen die unbedeutendsten Reden und Handlungen des guten Burschen in den
Augen der Zusel eine Wichtigkeit, dass man davon leicht auf eine starke geheime
Neigung schliessen konnte. Es war auch ganz natürlich, dass das von den zum
Aufpassen Bestellten bald genug geschah. Sie vermochten aber das viel eher
geheimzuhalten als das, was sie an Hansen und Doroteen beobachteten oder dem
Beobachteten unterlegten. Auf einmal kamen über Hansen und seine Magd die
sonderbarsten Gerede ins Dorf. Kein Mensch wusste, woher, denn sie waren überall
auf einmal, und Zusel fand, freilich durch ihre Veranlassung und Schuld, nun
allgemein bestätigt, was sie geahnt und gefürchtet hatte. Es war schrecklich,
dass das Mädchen nicht nur den unschuldigen, unerfahrenen Burschen an die Ketten
der Sünde zu schmieden und daran festzuhalten wusste, sondern selbst die alte
Stigerin blind und taub zu machen verstand. Durch solche Mittel und auf solchen
Wegen sollte der stattliche Hof, auf dem redliche, sittenstrenge Väter in
Gottesfurcht walteten und alles zusammenhielten, nun einer herabgekommenen
Freundschaft zufallen? So ging es jetzt hin und her, dass Zusel, der das immer
einen Stich gab, beinahe zur Verzweiflung gebracht wurde. Auch der Krämer hörte
solches Gerede gar nicht gern. »Die altbackene, fromme Dorotee«, meinte er,
»wäre selbst nie so gefährlich als dieses Geschwätz, das Hans und vielleicht
sogar auch die alte Stigerin nur für den Lärm der Neidestrommel halten. Wenn das
geschieht, dann freilich kann aus der kindischen Liebelei etwas Grosses werden.«
    »Da sieht man's«, klagte Zusel, »auch du glaubst an diese Liebelei!«
    »Oh, die nur ist nicht gefährlich«, lachte der Krämer, »und besonders dir
nicht.« Und das errötende Kind mit wohlgefälligem Lächeln betrachtend, fuhr er
nach einer Pause schmeichelnd fort: »Gefährlich hätte dir nur eine werden
können, und die bist du selbst mit deinem trotzigen, leidenschaftlichen Sinne.
Seit ich diese eine nicht mehr fürchten muss, fürchte ich gar nichts mehr. Wenn
du nur nichts verdirbst, dann muss es gehen, auf diese oder jene Art. Die alte,
geldgierige Stigerin ist auch noch da, und Hans wird müssen, wenn er nicht
will.« »Aber ich will nicht und muss nicht, wenn es so klingt«, sagte Zusel
entschieden. »Alles wär' mir wie Gift und Messer, was nur so gezwungen käme. Die
Zusel ist zu stolz, um sich einen Liebhaber hur so gleich einem Gefangenen
zuführen zu lassen. Selbst, freiwillig soll er kommen - oder gar nicht.«
    Der Krämer, dem der Erfolg immer die Hauptsache und das einzige war, was er
im Auge hatte, fand seine Tochter geradezu unbegreiflich. In der letzten Zeit
hatte er sie für recht verliebt gehalten, drum glaubte er, nun müsse ihr jeder
Weg recht sein, auf dem der Geliebte ihr entgegengeführt werden könne.
Wunderbare Leute, diese Weibsbilder! Schon an seiner Seligen hatte er zuweilen
etwas bemerkt, was ihm rein unverständlich war.
    Der Mann sass und sann, bis es zu dunkeln begann. Auf einmal entstand draussen
an der Haustür ein Gerumpel, als ob nicht nur ein, sondern wenigstens ein
Dutzend Türklopfer in Bewegung gesetzt würden. Zusel wollte sehen, was es gebe.
Sie verliess das Zimmer mit den Worten: »Den Hans mag ich unter solchen Umständen
gar nicht, und du brauchst in der Sache nichts mehr zu tun.« Aber noch bevor der
Krämer sich von seinem Erstaunen über diese Rede wieder erholt hatte, schoss das
Mädchen zurück und hauchte fast atemlos: »Jetzt, Vater, jetzt haben wir's. Der
Hansjörg ist da! Geh doch du, denn ich kann ihn in seinen Soldatenkleidern, kann
ihn jetzt durchaus gar nicht mehr sehen.«
    »Was mag er wollen?« fragte sich der Krämer, während das Mädchen in seine
Kammer eilte. Langsam und jeden Tritt noch langsamer ging der Mann der Haustüre
entgegen. »Dass der Spitzbub' schon heute kommen muss«, murmelte er. »Es steckt
doch noch ein Tropfen vom früheren Blute in ihm, ein böser, giftiger Tropfen,
und kein Mensch kann sagen, wie lange das Mädchen so fortläuft, wenn er kommt.
Mit Hansen ist's wie aus. Sie hat keinen Sinn fürs Vermögen, denn die Verwöhnte
weiss nicht, mit wie blutsaurer Arbeit man es erwerben muss. Wunderliches,
ehrgeiziges, demütiges, opferwilliges, selbstsüchtiges Volk - diese Weiber! Am
End' ist's gut, dass Hansjörg mich trifft. Er soll nicht Lust kriegen, so bald
wiederzukommen.«
    Und der Krämer sah wirklich recht grimmig aus, als er der Türe zuschritt,
seine Hand aber zitterte beim Öffnen gewiss ärger, als wenn er je einem
Grenzjäger öffnete, der nach den wohl versteckten geschmuggelten Waren zu suchen
kam. Er erwartete etwas ganz Besonderes und nahm alle seine Kraft zusammen.
Trotzdem prallte er zwei Schritte zurück, als er die hohe Gestalt des schönen
Kaiserjägers in der kleidsamen Uniform erblickte, die seinem ganzen Wesen etwas
Stolzes, Sicheres gab, vor dem dem Handelsmann himmelangst wurde. Der Krämer
hatte seine Sprache verloren; auch der Mann mit dem schönen, etwas gebräunten
Gesichte schwieg eine Weile und schien unterdessen jeden Augenblick noch grösser
zu werden. Endlich wünschte seine klangvolle Stimme einen guten Abend.
    »Was ist gefällig?«
    »Ich hab' mich nur sehen lassen wollen in des Kaisers Rock.« Dieser Trotz im
Tone gab auch dem Krämer wieder Kraft. »Dann«, sagte er, »hättest du lieber am
hellen Tage kommen sollen.«
    »Kann schon auch noch geschehen. Ich werde überall sein, wie das böse
Gewissen.«
    »Hättest du sonst nichts wollen?« fragte der Krämer etwas scheu.
    »Einen Pfeifenkopf kaufen.«
    Das Geschäft war bald abgetan, und der Kaiserjäger verliess brummend das
Haus.
    »Was da«, rief der Krämer, die Schublade zuschlagend, dass die porzellanenen
Pfeifenköpfe klirrten, »so einen Taugenichts, der mit lauter Kupferkreuzern
zahlt, sollte unsereiner fürchten? Dummheit!«
    »Ist er fort?« fragte Zusel, die unbemerkt bis unter die Ladentüre
geschlichen war.
    »Natürlich, warum sollte er dableiben?«
    »Ich glaub', er sei ins Dorf hinein.«
    »Ist mir gleichgültig.«
    »Aber mir nicht. Wenn er nun auf den Stighof geht?«
    »So wird Hans keine grosse Freude haben.«
    »Oh, ich auch nicht!«
    »Pah!«
    »Der Kuppler und Verführer hat uns noch gefehlt. Wenn ein anderes Haus ins
Geschrei käm' wie der Stighof, dann tät's Predigten und Christenlehren geben,
dass jedes Kind sie heimzutun wüsste. Ist's doch im Frühling denen von der Kanzel
aus nachgetragen worden, die vor dem bestimmten Alter sich in den Jungfernstuhl
machen. Hier aber will man nichts sehen und nichts sagen, wenn schon das ganze
Dorf davon voll ist.«
    Der Krämer stand neben dem Ladentische und sann. Dann plötzlich sagte er:
»Mädchen, das ist gar nicht so übel«, und ging hinaus.
    Am anderen Tage ging er zur Messe und dann in den Pfarrhof. Langsam schritt
er durch den Garten, in dem er den greisen Pfarrer vergebens hinter schon
welkenden Blumenbüscheln und Rosenhecken zu erspähen suchte. Vor der Türe band
er sich noch das Halstuch fest, ordnete den Hemdkragen, nahm die Zipfelkappe ab
und trat auf das einladende »Herein« herzhaft in die Stube.
    Der Pfarrer sass beim Frühstück und sah den seltenen Gast etwas strenge an.
Doch länger als einige Augenblicke vermochte der gute Mann gegen keines seiner
Pfarrkinder unfreundlich zu sein. »Es wird doch nichts fehlen, dass Ihr selbst
einmal kommt?« fragte er und fuhr dann lächelnd fort: »Es ist mir lieb, dass ich
mich Ihres Besuches auch wirklich freuen darf.«
    »Ich hätte vielleicht zu einer etwas passenderen Zeit stören sollen«,
stotterte der Krämer.
    »Ich gehöre meiner Gemeinde zu jeder Stunde, bei Tag und Nacht«, antwortete
der Pfarrer.
    Der Krämer setzte sich auf den ihm gebotenen Stuhl und begann: »Es ist
vielleicht nur eine Einbildung, was mich hertreibt; aber solche Einbildungen
können oft vom Schutzengel kommen oder von den armen Seelen. Mir einmal sind in
meinem Leben schon weit weniger lebhafte Vorstellungen verhängnisvoll geworden.
In den letzten Tagen und ganz besonders heut' ist's mir immer ganz merkwürdig
vorgestanden, ich sollte für die Seelen meiner guten Schwiegereltern doch auch
etwas mehr tun, als was öffentlich und sozusagen nur anstandshalber für sie
geschah. Zum Beten freilich hat unsereiner keine Zeit, drum tat ich gern für die
Seligen ein Dutzend heilige Messen in aller Stille lesen lassen.«
    »So«, sagte der Pfarrer trocken und schritt langsam gegen den Schreibtisch.
    Dem Krämer war ordentlich wohl, dass der Pfarrer ihn endlich aus den Augen
liess. Der durchdringende Blick hatte ihm zuletzt beinahe die Sprache genommen.
Jetzt plauderte er wieder so behaglich wie einer, der eben einer Gefahr entrann
und nun jede Spur der gehabten Angst wegzulächeln sucht. »Mit meinen guten
Schwiegereltern«, erzählte er, »hab' ich denn doch nicht immer im schönsten
Frieden gelebt. Was konnten sie für die ererbte Denkungsart? Oh, es war gewiss
nicht böser Wille, wenn sie mich meine frühere Armut und die Fehler meiner
Schwester oft schmerzlich empfinden liessen. Ich ertrug das um so geduldiger,
weil ich selbst noch manchen Fehler abzubüssen hatte. Ich hab' viel gelitten,
aber der liebe Gott hat mich dafür gesegnet, mehr als ich hoffen konnte - viel
mehr, Herr Pfarrer! Als Vater kann ich immerhin zufrieden sein - wenigstens mit
dem Kinde, welches von mir erzogen wurde. Die Zusel hat freilich noch nicht
alles im Kopf wie ich. Natürlich, junge Mäuse bemerken nur den Speck, ältere
auch die Fallen, in welchen er liegt. Im ganzen muss ich das Mädchen loben und
sagen, für dieses Alter könnt' ich sie kaum anders wünschen. Verstand und
Ernstaftigkeit kommen erst mit den Jahren, das weiss ich nur zu gut von mir
selbst und muss ihr im Grund verzeihen, dass sie sich mit Matisles Hansjörg etwas
zu tief einliess. Er war eben als Ladenschneider im Haus, und man weiss wohl, dass
es kein Gut tun kann, wenn Feuer und Stroh so nahe zusammenkommen. Mich hat's
schon lange gewundert, dass das auf dem Stighof, wenigstens scheinbar, immer noch
so gut tun kann. Verbrannte Kinder fürchten das Feuer, und ich muss gestehen, dass
ich da nicht immer nur müssig hätte zusehen mögen. Die gute Alte aber scheint
nichts zu merken, und der Herr Pfarrer wird leider die Wichtigkeit der Sache
bisher auch noch zu wenig erkennen.«
    Der Pfarrer, welcher mit immer noch grösseren Schritten die Stube durchmessen
hatte, blieb jetzt vor dem erschrockenen Krämer stehen und fuhr diesen an: »Ich
hab' in Konstanz studiert!«
    Der Krämer verstand den Sinn dieser Worte nur zu gut. Der alte Pfarrer hatte
seine Studien schon damals vollendet, als der Bregenzerwald noch zum Bistum
Konstanz gehörte. Er meinte sich ordentlich damit, kein Brixner zu sein, und
ermangelte nicht, den jüngeren Geistlichen gegenüber seinen Hirscher und
Wessenberg mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Wesens zu verteidigen. So
brachte er sich unter seinen eifrigen Berufsgenossen in den Ruf eines allzu
freisinnigen Mannes, und bald betrachteten ihn seine Amtsbrüder nur noch so von
oben herab, wie einen verirrten Führer, dem die rechte Erleuchtung fehle. Ihn
aber schien das wenig zu kümmern. Lächelnd eilte er aus ihrer Gesellschaft zu
seinen Büchern heim. Mit den Jahren aber erlag er mehr und mehr seinen
Eigenheiten. Wenn andere Geistliche und besonders die ihm beigegebenen Kapläne
das Betschwestertum grosszogen, so sah er darin nur einen Schachzug gegen sich
selbst, und der Ärger darüber, dass man ihn so zu unterhöhlen trachte, liess ihn
bald zu streng und bald zu milde vorgehen. Besonders stolz war er auf den
unbestrittenen Ruf, dass er ein Mann des Friedens und für keinerlei Schwätzereien
zugänglich sei. Es lag auch etwas von diesem Stolz in den Worten, mit denen er
den Krämer und seit Jahren jeden heuchelnden und schmeichelnden Zuträger
abgefertigt hatte.
    Der Krämer sass auf seinem Stuhle wie ein verhagelter Frosch. Er sah sich
erraten, daher er denn von Stighansen und seiner Magd nichts weiter mehr sagen,
sondern sich vor allem wieder selbst so gut als noch möglich aus der Schlinge
ziehen wollte. Das ging wohl am besten, wenn er nochmals an den eigentlichen
frommen Zweck seines Kommens erinnerte. Schon ihm selbst gab der Gedanke daran
wieder eine gewisse Sicherheit, so dass er, während er die Zipfelkappe aus der
Tasche zog, zwar leise, aber doch ziemlich fest zu sagen wagte: »Nun, der Herr
Pfarrer muss ja seine Hirtenpflicht kennen. Messen aber für Verstorbene werden
wohl auch in Konstanz gelesen?«
    »Ja«, antwortete der Pfarrer mit erzwungener Ruhe, »in Konstanz und überall;
ob man ein paar Gulden zahlt oder nicht, wird wenig ändern. Da kommt's beim
Stifter auf die Absicht an. Ist die gut, so ist alles gut; mir selbst aber
schmeichelt das gar nicht, und ich mag mich durch solche Stiftungsgelder auch in
keinem Kloster besonders empfehlen lassen. Wer ein Opfer bringen will, der komme
mit reinem Herzen, sonst muss ich ihn bedauern. Ich will damit niemand
beleidigen, aber gegen so wackere Leute wie die vom Stighof solltet Ihr niemand
aufreden wollen, verstanden? Ein altes Weib kann Hans doch als Magd nicht
anstellen.«
    »Aber -«
    »Gut - weiss schon, dass Dorotee Euch im Weg ist, Euer Goldfischlein
unterzubringen und reichen Fischfang zu halten. Der gute Hans könnte mich
wahrhaftig dauern. Er ist schon was Rechtes wert, und die Dorotee auch. - Nur
nicht gemuckst! Wo die ganze Gemeinde fürs Reden und Lügen bezahlt wird, darf
der Pfarrer doch auch noch etwas sagen, wenn er es umsonst tut. Der Dorotee tät
ich ein rechtes Glück gönnen, aber dreinreden möcht' ich weder so noch so, denn
ich hab' in Konstanz studiert -«
    Der Krämer war zum Pfarrhof hinaus, als ob ein Sturmwind ihn erfasst hätte,
und heim kam er, ohne etwas davon zu merken. Aber müde fühlte er sich,
unaussprechlich müde, so dass er eine Weile sich erschnaufen musste, bevor er
seiner Tochter das Erlebte zu erzählen imstande war. Der Bericht wurde etwas
ungenau, so dass Zusel daraus die Überzeugung schöpfte, der Pfarrer müsse von
Doroteen schon gewonnen sein.
    »Zum Pfarrer hätte man eigentlich gar nicht gehen sollen«, meinte sie.
    »Wär's aber anders gegangen, so würdest du alles jetzt dein Werk heissen«,
antwortete der Krämer ärgerlich. »Beim Kaplan werden deine Freundinnen sicher
das Ihrige tun. Mein Gang hat doch zuwege gebracht, dass wir wissen, woran wir
mit dem alten Konstanzer sind.«
    »Das hätte man sich denken können.«
    »Nicht so leicht«, widersprach der Krämer. »Nicht viele würden Doroteen vor
dir den Vorzug geben.«
    Jetzt stellte sich Zusel in Gedanken zum erstenmal neben das stille,
fleissige, bescheidene Kind. Sie dachte sich an den Platz des Pfarrers und derer
vom Stighof und wechselte die Farbe. »Heiraten wird sie Hans aber doch nie«,
tröstete der Krämer. »Da wird die alte Stigerin entschieden auf deiner Seite
sein, und die ist denn doch noch mehr als der wunderliche Pfarrer.« »Mir ist
Hans am meisten«, klagte Zusel. »Der sollte wollen, und sonst sollte dann
meinetwegen alles dagegen sein. Ja, erst dann wär's hübsch und könnte man seine
Freud' haben an einer Liebschaft. So aber, wie du die Sache nimmst, ekelt's mich
ordentlich an, und ich hab's schon gesagt, dass ich keinen mag, den man mir mit
Gewalt zuführen muss. Weit lieber ging ich noch heut' in ein Kloster.«
    »Oho!«
    »Ja ja, man hat mir schon gesagt, wie es dort eine mit meinen Mitteln so gut
haben könnte, und der Himmel wäre gewiss.« Der Krämer kannte die Launenhaftigkeit
seines Kindes zu gut, um diese Worte besonders ernstaft aufzunehmen. Vielleicht
war's auch nur ein Seitensprung, um ihn von der Hauptsache abzubringen. Das
sollte aber nicht so leicht gehen. Er fragte geradezu: »Du willst also den Hans
nicht?«
    »Eben will ich ihn, und nur dass er nicht auch will, noch lieber als ich,
könnte mich zum Weinen bringen.«
    »Dann sind wir ja eins.«
    »Bei weitem nicht. Mir ist sein Vermögen ganz gleichgültig.«
    »Du bist halt eben verliebt. In der Ehe wird das schon wieder anders
kommen.«
    »Verliebt bin ich nicht. Wenigstens war mir Hansjörg einmal viel lieber.
Wenn nur der nicht gerade jetzt gekommen wäre, dass noch eine Weile alles beim
alten bleiben dürfte. Aber ich bin im Gerede. Es muss etwas geschehen, und ich
weiss nicht, was. In meinem Kopf dreht sich alles um und um. Vater, du kluger
Mann, mach' mich ruhig. Du hast mir den Hansjörg genommen, nimm mir auch den
Hans! Dir muss das noch viel leichter werden. Gib ihnen Geld, tu, was du kannst,
dass niemand mehr von mir und von ihm und von Doroteen rede. Tu das, oder ich
werde krank und sterbe.«
    Der Krämer verliess unmutig die Stube, Zusel blieb allein. Aber schon einige
Minuten später schlich eine ihrer Freundinnen, die Köchin des Kaplans, so leise
zu ihr herein, dass Zusel sie erst bei ihrer leisen Anrede erschrocken auffahrend
wahrnahm.
    »Ich hab' dir nur noch geschwind etwas erzählen wollen«, flüsterte die
Betschwester.
    »Ich dir auch«, sagte Zusel etwas unfreundlich.
    »So erzähle nur, ich muss gleich wieder gehen, damit mich niemand hier
sieht.«
    »Man darf dich hier schon sehen.«
    »Aber so erzähle doch«, drängte die Köchin.
    »Wir haben die arme Dorotee denn doch zu sehr ins Geschrei gebracht. Es
könnte sie leicht den Dienst kosten, wenn einmal die alte Stigerin etwas davon
erfährt.«
    »Das soll es auch«, fuhr die Betschwester auf. »Wenn du auch erkalten
solltest im frommen Eifer, die Mitglieder des Dritten Ordens, den der Kaplan
selbst errichtete in diesem Dorfe, haben sich der Sache kräftig angenommen, und
dir winkt die Siegespalme schon auf Erden, wenn du nicht wankst. Dorotee ist
eine Sünderin, und die Mutter unseres Ordens, bei der du sehr wohlan bist, hat
unter den Schwestern ein tägliches Gebet für sie und um Ausrottung des
Ärgernisses angeordnet. Das wird wirken.«
    »Ist Dorotee denn auch im Orden?«
    »Keine Rede, aber wir haben die Pflicht, für grosse Sünder und für Bedrängte
zu beten.«
    »Dann betet nur auch für mich!«
    »Warum nicht gar! Das würde dich gleich in ein böses Gerede bringen.«
    »Wie denn in ein Gerede?«
    »Man hat so seine Gedanken über die, für welche man betet, und es gibt viel
zu viele, die diese Gedanken, die man natürlich nicht immer für sich selbst
behält, zu erhorchen wissen. Aber um so fruchtbarer ist unser Gebet. Ich will
dir zu deiner Aufrichtung nur ein einziges Beispiel erzählen. Unser jetziger
Pfarrer war in der ganzen Gemeinde seiner Lauheit wegen beliebt, und es schien
unmöglich, die Leute darauf zu bringen, dass etwas nicht in Ordnung sei, da ja
Frieden und Eintracht herrschte. Lachte doch noch fast alles mit, als er die
ersten Schwestern unseres Ordens ihrer vielen Kommunionen wegen Tabernakelmäuse
nannte. Nun, wer zuletzt lacht, der lacht am besten. Wir begannen, für ihn um
Erleuchtung und einen christlichen Eifer zu beten, und schon steht er ziemlich
ohne Einfluss, wie gefällig er sich auch gegen jedermann zeigt. Nur noch der
Doktor, die Zeitungsleser und einige Fremdler stehen auf seiner Seite. Der
verspottete Kaplan aber ist zu Ehren gekommen in der Gemeinde, bei den anderen
Geistlichen und auch beim Bischof, der dem guten Manne, von Haus aus blutarm und
niedrig, seinen Eifer noch auf dieser Welt belohnen kann. Soviel vermag unser
Orden selbst gegen den Pfarrer.«
    Zusel hatte erstaunt zugehört. Von dem vielen Gehörten war ihr nur noch
eines ganz klar, dass der Pfarrer nicht den rechten Eifer habe. Sie sagte: »Was
du erzählst, kommt mir fast wie ein Wunder vor.«
    »Das ist es auch.«
    »Dass ihr aber recht habt, weiss ich wegen dem Pfarrer. Dass der manches zu
leicht nimmt, haben wir selbst erfahren. Es ist wohl recht, wenn man dem auf die
Finger klopft.«
    »Und die Dorotee sollten wir schonen? Du willst Hansens arme Seele nicht
retten?«
    »Lass mich darüber nachsinnen.«
    Die Köchin stand auf, öffnete die Tür und fragte zurück: »Wir haben für dich
angefangen, sollten wir gegen dich enden?« »Wer so viel kann, muss recht haben.
Ich gehe in Gottes Namen mit und will das Meine tun«, antwortete das Mädchen
langsam mit bebender Stimme.
 
                                Zwölftes Kapitel
                                Eine Versöhnung
Während wegen Stighansen soviel geredet, vermutet, gehofft, gewünscht und
gefürchtet wurde, bewegte dieser sich arglos in Haus und Feld. Recht
aufpasserische Nachbarinnen freilich wollten behaupten, das Gerede über ihn und
seine Magd mache ihm weit mehr Kopfarbeit, als er sich anmerken lasse. Sonst
hab' er immer mit Doroteen gesungen, schon am frühen Morgen, und in der ganzen
Nachbarschaft habe man keinen Menschen früh zu wecken gebraucht. Jetzt aber
bleibe den ganzen Tag alles still, und man könne leicht auf den Glauben kommen,
dass Hans kein gutes Gewissen habe. Etwas jedenfalls müsse ihm über das Leberlein
gekrochen sein, da man ihn auch nie mehr neben Doroteen arbeiten sehe, neben
der er sonst in der letzten Zeit noch gewisser als ihr Schatten gewesen.
    Wer aber Hansens kräftige, gedrungene Gestalt so sicher und gleichsam stich-
und kugelfest in den wenigstens achtpfündigen Holzschuhen unter der breiten
Stalltüre sah, mit dem stolz aufgerichteten Krauskopf ob den beiden lateinischen
roten H, welche die Hosenträger mit den breiten Querbändern über Brust und
Rücken auf dem blauen Werktagshemde bildeten, der verliess den beinahe trotzig
und doch auch wieder so gutmütig unter schwarzen Lockenrädern herausblickenden
Burschen mit der festen Überzeugung, dass dem noch nichts aufs Leben oder auch
nur bis an die Haut gekommen sei. Unter dem, was ihm jetzt Sorge machte und was
allenfalls für Minuten seinen Humor verderben konnte, war das Gerede wegen
seinem Verhältnisse mit der Magd ganz hinten dran. Gehört hatte er allerdings
davon und sich etwa eine Viertelstunde darüber geärgert, weil möglicherweise
doch auch die Mutter davon hören konnte, die in diesem Stücke sehr streng war.
Aber dann konnte er sie ja fragen, warum denn das Mädchen am Kirchweihtag so
ganz gegen alle Art von seiner Seite weg und dem händelsüchtigen Knechte
nachgelaufen sei. Gewiss, mit diesem konnte er die Mutter beruhigen, viel besser
beruhigen als sich selbst. Ihn wurmte dieser Streich noch immer recht gewaltig,
und das Gerede von einem heimlichen Liebesverhältnis mit Dorotee kam ihm fast
wie ein Hohn vor.
    Das war für ihn eine Demütigung, welche sogar die schöne Zusel nicht
wegzulächeln vermochte; ein Schlag für sein Herz, der ihn schon genugsam dafür
gestraft hätte, dass er den Knecht so ganz sich selbst und seinem traurigen
Schicksal überliess. Und doch kam etwas noch viel Ärgeres. Jos, der kluge,
unentbehrliche Jos, der Ratgeber und Helfer in allen Fällen, war arbeitsunfähig
geworden und musste daheim liegen in der unruhigen, peinlichen Zeit der
Viehmärkte, wo es auf dem Stighof so viel zu tun und zu sinnen gab. Das blieb
jetzt Hansens schwerste Sorge, weil es die nächste war. Sie konnte diese breite,
hosenträgerumpanzerte Brust recht schwer drücken, wenn er ratlos vor einem
listigen Viehhändler stand, welcher die Bäche aufwärts schwätzen zu können
schien. Jetzt erst fühlte er, was das verteufelte Bürschchen war, und viel
leichter als sich selbst seine Untätigkeit verzieh er ihm, dass es das Köpfchen
auch einmal ein wenig hatte aufrichten wollen. Jetzt stand Jos bei ihm zu hoch,
als dass er noch hätte Unrecht auf Unrecht häufen und einen der vielen Burschen
anstellen können, die ihm unter den vorteilhaftesten Bedingungen ihre Dienste
antrugen. Er wollte sich, bis Jos wieder ein wenig hergestellt war, mit
Taglöhnern behelfen. Freilich lebten die sich weniger in alles hinein, was zum
Hause gehörte, als ein Knecht, liessen auch eher dies und jenes ausser acht; aber
ob jetzt hundert Gulden mehr oder minder aufgingen, kam weit weniger in Betracht
als die Ehre des Stighofes, die es soweit als möglich zu retten galt. Unter Ehre
denkt man sich sehr verschiedenes. Fast jede Lebensstellung bildet dafür ein
eigenes Gefühl; doch überall wird schliesslich die Frage entscheidend, ob es dem
Menschen um das Sein oder nur um den Schein zu tun ist. Im ersteren Falle findet
er die Befriedigung seines Ehrgefühls in der Ruhe des Gewissens, die ihn bei
allen äusseren Stürmen aufrechterhält, im anderen kann ihm nur Kühnheit oder der
Zufall und die Blindheit der Menge, die nur dem Scheine folgt, dazu verhelfen.
Hans dachte nie daran, dass das Gerede wegen der Magd seiner oder der Ehre des
Hauses weh tun könne, weil er sich Doroteen gegenüber nichts vorzuwerfen hatte,
als was er nun selbst büssen musste, nämlich die stolze Trägheit, mit welcher er
den trotzigen Knecht in seiner üblen Laune ganz dem Schicksal überliess und
schliesslich durch sein ungeschicktes Auftreten zum Äussersten trieb. Wenn er
hören musste, er habe dem Knechte nicht geholfen und sei sogar noch gegen
denselben im entscheidenden Augenblicke aufgetreten, weil er, wie Jos ja selbst
deutlich genug verraten, den lästigen Nebenbuhler nicht nur habe entfernen,
sondern auch demütigen wollen, so tat ihm das weit weniger weh, als wenn man
sagte, er habe den Knecht verlassen, wo er mit einem Worte den Frieden hätte
herstellen können, und der Beweis wäre nun geliefert, dass er selbst neben dem
betrunkenen Jos noch der Dümmere sei.
    Das hatte Hans von einigen Freunden des ehemaligen Schneiders hören müssen,
und das schnitt furchtbar tief ein. Entschuldigt freilich war Jos damit noch
nicht. Das Bürschchen tat damals viel zu stössig und war zu sehr obenauf. Es tat
gar nicht wie gewöhnlich und war kaum noch für den klugen Jos zu erkennen. Wer
aber konnte das so gut wissen als Hans? Jeder hat einmal seine schwache Stunde,
und wer soll ihn dann ertragen und zurechtweisen so gut als möglich, wenn nicht
die, die ihn besser kennen? Dorotee hatte das auch gesagt, und er, zu redlich,
um seine Fehler hinter fremde zu verstecken, liess ihr ohne Widerrede vollkommen
recht; nur meinte er, dass eine kleine Demütigung dem Jos denn doch nicht übel
getan hätte. Er sagte das an dem Morgen nach der Kirchweih, als er die Magd in
der Küche traf, und hatte dabei schon etwas Schlaf in den Augen. Der aber
verging ihm, als das Mädchen sich hart vor ihn hinstellte und sagte: »Weisst du
nicht, dass einem leicht Seifenschaum in die Augen kommt, wenn man ihn mit Gewalt
weisswaschen will? Warum soll gerade er, der Fleissige, Durchtriebene, Unermüdete,
von dessen Kraft und Kühnheit du und dein Hof das ganze Jahr zehren, an dem Tage
gedemütigt werden, an welchem ihr alle euch in euerer Herrlichkeit zeigt und mit
allem prahlt, was ihr habt?«
    Hans eilte aus der Küche, als ob er fürchte, die aufgeregte Magd könnte ihm
mit einem Topf voll siedenden Wassers nachstürmen. Das war aber auch alles, was
die beiden in der Woche nach der Kirchweih über diese Geschichte miteinander
redeten. Sie redeten überhaupt nicht mehr, als die Verrichtung der täglichen
Arbeiten unumgänglich notwendig machte, und die Nachbarinnen hatten nicht ganz
unrecht, wenn sie behaupteten, dass die beiden sich mit solchem Fleiss mieden, als
sie sich in den Wochen vor der Kirchweih gesucht hätten. Das Unglück des armen
Jos, den Dorotee jeden Abend besuchte, und seine unsicher gewordene Zukunft mit
der seiner vielgeprüften Mutter machten dem Mädchen um so mehr Kopfweh, da es
selber sich nichts vorzuwerfen hatte. Wenigstens in den ersten Tagen nicht. Nach
und nach aber war denn der armen Magd nicht mehr recht wohl neben dem immer
mürrischeren, immer schweigsameren Hans. Das Gefühl der Abhängigkeit begann ihre
Teilnahme für Jos zu schwächen und sie immer schwerer, immer schmerzlicher zu
drücken. Auf dem Stighofe hielt man sie so, dass sie kaum anders einmal an ihre
Stellung gegenüber den Besitzern dachte, als wenn sie den ausserordentlich grossen
Jahreslohn empfing. Dann war sie gerührt von so grosser Güte, und mit tausend
guten Vorsätzen ging sie gleich an ihre Arbeit, um wenigstens so vieler
Wohltaten sich nicht unwert zu zeigen. Dieses Abhängigkeitsgefühl konnte aber
bei so liebevoller Behandlung um so weniger lange dauern, da nur kindliches
Pflichtgefühl sie noch an die Heimat am Argenstein fesselte, seit die Mutter
einem jahrelangen Leiden erlag. Wohl trug sie dem alten, geldgierigen Vater und
der kränkelnden Schwester jeden verdienten Kreuzer zu, ja sie versagte sich noch
manches, um ihnen einen frohen Tag machen zu können, was, wie sie wusste, mit
Geschenken immer gelang; aber sie lieben, so recht gern haben und alles vor
ihnen abschütteln, was drückte, das konnte sie nie. Es fehlte ihr Achtung und
Vertrauen, doch wagte sie sich das nie zu gestehen und errötete vor sich selbst
bei der Frage, was denn in der engen, heissen Stube ihr so die Brust beklemme und
sie immer fast mit Gewalt hinaus und auf den Stighof zurücktreibe. Um sich
wenigstens dem Vater gegenüber zu entschuldigen, hatte sie ihm einst gestanden,
dass sie sich eigentlich nicht mehr am Argenstein, sondern auf dem Stighof in den
seit mehr als fünfzehn Jahren gewohnten Verhältnissen recht und ganz daheim
fühle. Eine kleine Strafpredigt oder wenigstens einige Klagen über dieses
Geständnis hätte das Mädchen entschieden viel lieber gehabt, als sie das Lächeln
sah, mit welchem das Matisle sein kurzes: »Schon gut, ganz recht!« begleitete.
Von jetzt an ward es ihr immer noch heisser in des Vaters kleiner Stube, in
welche sie jedoch kaum noch jedes Halbjahr zu kommen pflegte.
    Was nun aber, wenn sie mit Hansen nicht mehr einig wurde, wenn er es ihr
immer nachtrug, was sie gesagt und getan, als er einmal nicht gerade ihr zum
Dienst gehandelt hatte? Am ersten Tage nach der Kirchweih antwortete sie sich
auf diese Frage ganz kurz, sie könne auch anderwärts ihr Brot verdienen. Bei
ruhigerer Überlegung jedoch war sie mit dieser Antwort in keiner Weise mehr
zufrieden, obwohl sie keine andere finden konnte. Wenn sie an den Vater, an ihre
Pflicht gegen ihn und die Schwester dachte, musste sich sich sagen, auch Jos
hätte an seine Mutter denken und sich anders benehmen sollen. Erst seit Hans so
mürrisch an ihr vorüberschoss, wusste sie recht, wie gut er sonst immer war. Nur
einmal hatte er sich so gegeben, dass sie ihn kaum noch kannte; aber wenn er am
Kirchweihtag den Knecht seine Unzufriedenheit empfinden liess, und mehr tat Hans
ja eigentlich nicht, so war das noch immer weit eher in der Ordnung, als wenn
sie dann Hansen, ihren grössten Wohltäter, darum öffentlich tadelte.
    Dem Mädchen ging's wie ein Stich ins Herz, wenn es dem mürrischen Burschen
begegnete, denn es hatte keine Ahnung, dass oft nur seine Ratlosigkeit wegen
einem Kuhhandel ihm die Stimmung verdarb und dass er überhaupt sich selbst noch
weit mehr vorzuwerfen habe als ihr, die ihn eigentlich nur mit sich selbst noch
unzufriedener gemacht hatte.
    Am Sonntage nach der Kirchweih ging Hans wie jeden Sonntag, wo die Hitze
während des Nachmittagsgottesdienstes ihn durstig machte, in die
Kronenwirtschaft, die des guten Bieres wegen besonders berühmt war. Kaum hatte
er sein Glas vor sich, als auch der Krämer, hier ein etwas seltener Gast, sich
neben ihn hermachte und von allem redete, was er von der Kirchweih mit
heimgebracht hatte. Der Mann wurde dabei so lang und breit, wie vielleicht kaum
den vertrautesten Freundinnen gegenüber ein Mädchen, welches da zum erstenmal im
Leben auf dem Tanzplatz aufgeführt wurde. »Recht lustig«, schloss er endlich laut
und beinahe feierlich, »prächtig ist alles gewesen. Jede Stunde, jede Minute ein
neues Vergnügen. Ich hab' noch keine solche Kirchweih erlebt, und doch weiss
jedermann, dass ich schon weit in der Nähe herumgekommen bin. Musik, gute Weine,
ordentliche Bedienung, nun, das sind so Sachen, die unsereiner immer und überall
findet, aber seltener trifft sich's, dass ganz die rechten Leute sich
zusammenfinden. Da wurde denn doch einmal mit dem Gesindel gehörig aufgeräumt.
Lächerlich noch zu allem Unfall ist dem Jos gegangen.«
    »Wenn etwas an der ganzen Geschichte noch lächerrlich sein sollte«, betonte
die Wirtin streng, »so wär' das gewiss nur der Umstand, dass ein Mensch so ganz
zum Krämer wird, dass er auch Menschen verhandeln und umtauschen will wie Tuch
und Mehl um einen Heustock.«
    Hans hatte unwillkürlich die Augen geschlossen wie immer, wenn ein
unerwartetes Wort ihn wie ein Schlag traf, den er wehrlos hinnehmen musste. Er
sah nicht mehr, wie aller Blicke sich auf ihn richteten, aber er fühlte es
ebensogut, als er den Hieb der Wirtin auf den Heustock gefühlt hatte. Die schon
mitgebrachte üble Laune hatte ihn viel empfindlicher gemacht, als er sonst gegen
derlei Bemerkungen zu sein pflegte. Gewöhnlich mochte Hans mit jedem Menschen
sich gern unterhalten, und über einen guten Einfall konnte er herzlich lachen,
ohne zu fragen, von wem er sei. Mancher wohlhabende Wälder kümmert sich vor
allem um Stand und Vermögen seines Gesellschafters, damit er einen Massstab für
die Länge und Vertraulichkeit der Unterhaltung gewinne. Hans aber pflegte nur
seinem Gefühle zu folgen. Er konnte jeden sogleich verlassen, der ihm nicht
passte, sobald er irgendwo Besseres wusste; nur heute, als der Krämer zu ihm her
katzenbuckelte, blieb er trotz dem in ihm sich regenden Widerwillen wie
angenagelt sitzen. Das vom Krämer gebrauchte Wort »lächerrlich« machte ihn
schwach und empfindlich für die Zurechtweisung der Wirtin, welche er ganz
bestimmt erwartet hatte. Nein, lächerrlich war's nicht, was dem guten Jos
begegnete, als er, zu bescheiden, um gegen den Broterrn aufzutreten, sich so
gut als noch möglich durch die Flucht aus der Sache wickeln wollte. Die Wirtin
hatte - wie gewöhnlich - ganz recht, dass sie den herzlosen Mann gehörig
abtrumpfte und auch dass sie ihn, Hansen, einen Heustock nannte. Ja, er war
wirklich der träge, dumme Heustock gewesen, heute aber wollte er der um keinen
Preis mehr länger sein. War auch der Wirtin nicht ganz zu entrinnen, so wollte
er denn doch ihre Predigt nicht mit dem Krämer anhören; besonders da nicht mehr,
als der, statt seine frühere Rede zu verbessern, ganz trocken sagte: »Dir, du
strenge Predigerin, würde die Geschichte schon auch lustiger vorgekommen sein,
wenn sie unter deinem Dach und bei deinem Weine sich zugetragen hätte.«
    Solche Krämerantwort auf einen so gegründeten Vorwurf war Hansen in seiner
jetzigen Stimmung gerade, was er noch brauchte, um rasch aufzustehen und vom
vollen zweiten Glase wegzugehen.
    Wenn er auf der steinernen Stiege vor dem Hause nur ein bisschen
stillgestanden, so hätte er hören müssen, wie scharf die Wirtin dem Krämer
auseinandersetzte, dass sie ihr Geschäft eigentlich nur aus Liebhaberei betreibe.
»Wär' ich nur wegen dem lieben Profitchen da«, sagte sie, »und wär' mir das, wie
dir, das Gewissen und alles, dann müsst' ich ja jedem schmeicheln und streicheln,
wenn ich ihm auch viel lieber mit Feuer in den Pelz fahren tät'. Ich ehre aber
und achte mein Geschäft, drum soll es auch mich ehren und nicht etwa meine beste
Tugend, meine Offenheit, von mir zum Opfer fordern. Wenn du nun noch nicht
merkst, wie unberechnet ich bin und wie gleichgültig gegen den Gewinn, den mir
gewisse Leute bringen, so sollst du das noch heut, noch diese Stunde von mir
erfahren.«
    Der Krämer schien aber schon genug zu haben. Er sass so demütig und still bei
seinem Glase, dass die Wirtin ihre Heftigkeit beinahe bereute und etwas unwillig
über sich selbst die Stube verliess. Sie glaubte, dem Manne denn doch gar zu rauh
gekommen zu sein, weil es ihr nicht einfiel, dass ihre Auseinandersetzung es weit
weniger sei als Hansens schnelles und ganz unerwartetes Fortgehen, was ihm jetzt
sichtlich Kopfarbeit machte.
    Hans würde jetzt weit weniger bald schwach und mitleidig geworden sein als
die Wirtin. Ja zum Lachen hätte ihn der Anblick des sonst so grossen Mannes
bringen können, der stumm dasass, mit den mageren Fingern einen langsamen Marsch
trommelte und den Takt dazu ächzte. Aber Hans sah und hörte jetzt in dieser
Gegend nichts mehr. Heim lief er, als ob ihm der Kopf brenne, und die schwere
Haustür schlug er hinter sich zu, wie wenn zu weltewigen Zeiten ihm kein Mensch
mehr nachkommen sollte. Die Stube fand er brütig heiss, die Pfeife wollte nicht
ziehen, und der Kaffee war so schlecht, dass er Doroteen ernstlich darum tadeln
wollte. Doch da sagte ihm die Mutter, er sollte wissen, dass die sogar am Werktag
in jeder freien Minute beim Jos drunten stecke, geschweige denn am Sonntag, wo
Krankenbesuch sogar vom Pfarrer als gutes Werk empfohlen sei.
    Ja, ja, das war richtig! Hans empfand etwas wie Eifersucht. Aber das ihn
quälende Gefühl war doch ganz ein anderes, als da er die Angelika zuerst mit dem
leichtsinnigen Andreas vertraulich tun sah. Damals fuhr ein rechter Ärger über
die böse Welt in ihn, jetzt aber war's ihm, als ob der Boden unter seinen Füssen
weiche. Er vermochte sich nicht mehr auf der Höhe zu behaupten, die die Mutter
ihm damals mit Erfolg als seinen Platz anwies. Wie vernichtet stand er da und
sann eine Weile. Dann verliess er das Haus, und als ob es an eine Feuersbrunst
ginge, eilte er der Wohnung der armen Stickerin und ihres kranken Sohnes zu.
    Auf der hinteren Bank, hart neben dem wohlgepflegten, lieblich duftenden
Rosmarinstock, war dem Jos das Bett gemacht worden, so sauber und nett, dass es
mit dem Rosmarin zu seinen Füssen und dem Glase voll hochstengeliger Feld- und
Gartenblumen beinahe einem Altar der Mutterliebe glich. Dem Eintretenden war's
wirklich nicht anders, als ob er in die Kirche komme zum Beichten. Jetzt erst
begann er sich vorzustellen, was alles diese guten Leute leiden müssten. Er
verstand auf einmal, was es bedeute, dass die Mutter auch das Kreuz aus dem
Tischwinkel genommen und ob dem Leidenden zwischen zwei Heiligenbildern
aufgehängt hatte. Die Arme wollte ihn mit allem umgeben, was je sie getröstet
oder auf andere Gedanken gebracht hatte. Konnte das etwas nützen, wie schön es
auch war? Oh, gewiss nicht viel! Hans wenigstens gestand sich, dass ihm schon die
wohlgepflegten Pflanzen zuwider sein würden, wenn sie ihn immer ans Freie
erinnerten, während er keinen Augenblick aus dem Schatten könnte. So da liegen
und in den schönen Sommertagen sich nicht regen und nicht bewegen dürfen, leiden
wie ein angebundenes Tier, dabei auf Gnad' und Ungnade sich dem Doktor mit
seinen scharfen Messern und Binden und dem Schicksal überlassen wie die Katze im
Sack, schon das - und es wollte Hansen noch immer mehr einfallen - war so ganz
gegen seine Natur, quälte ihn schon als Vorstellung so, dass er augenblicklich
kein Wort der Anrede finden konnte. Er hatte eine so peinliche Empfindung wie
früher in der Schule, wenn unvermutet ein Knabe mit eisernem Nagel über eine
Schiefertafel fuhr.
    »Guten Abend«, brachte er endlich mit Mühe hervor und war nicht wenig
erstaunt, dass Jos so freundlich, ja gerade heiter zu antworten und seinen Gruss
zu erwidern vermochte. Etwas erklärlicher allerdings wäre ihm das geworden, wenn
er sich gleich anfangs weit genug in das Stübchen hineingewagt hätte, um auch
Doroteen erblicken zu können, die schweigend im hinteren Ofenwinkel gerade dem
Jos gegenübersass. Doch wenn er auch die gesehen, wenn er sich in der Aufregung
noch an die Worte seiner Mutter erinnert hätte, alles, was in diesen Menschen
vorging, wäre ihm doch noch nicht begreiflich geworden. Wo so ein verwöhnter
Hans nichts mehr vermutet und nichts mehr sucht, da finden arme Leutlein das
Beste, denn gerade da offenbart sich recht der Schatz der heiligen, reinen,
selbstlosen Mutterliebe, welcher in dem Grade wächst, wie das launische Glück
seine Gaben zurückzieht. In der Hütte der Armut, wo sie so viel Platz hat, da
waltet sie allein und beinahe allmächtig, so dass es schwer zu beschreiben und
doch jedem leicht begreiflich zu machen ist, der dabei selbst an eine liebe
Mutter denkt.
    Als Jos damals das Durcheinander von der Kirchweih in Gedanken etwas erlesen
hatte und mit sich so gut als eben möglich eins geworden war, begann ihn die
Vorstellung zu quälen, dass er nie mehr der Mann zu einem gehörigen Tagwerk
werde, um sich und die Mutter wenigstens vor der äussersten Not zu schützen.
Jedes freundliche Wort der Guten ward ihm ein Vorwurf, jede Äusserung ihrer
Teilnahme, ihres Mitleids traf den von eigenen Vorwürfen nicht Freien viel
schmerzlicher als der bitterste Tadel. Aber wie so viele Liebe und Sorgfalt ihn
auch beschämten, er vermochte doch nicht lange zu widerstehen. Es war, als ob er
das Herbste, Drückendste allmählich wegbrächte in stillvergossenen Tränen, die
er jetzt häufiger fast als in seinen Kinderjahren weinen musste. Es tat ihm
wunderbar wohl, sich mitten in seiner Armut so reich und bei seinen grossen
Fehlern so innig geliebt zu wissen. Er ward demütig von Herzen, und drum trug er
leichter die Last, die er nun einmal zu tragen hatte.
    Wenn die Mutter neben ihm bei der Stickerei sass und so vertraulich mit ihm
plauderte, war es ihm oft, als ob die schönste Lebenszeit, die der Knabenjahre,
wieder gekommen und alles seitdem Erlebte nur ein Traum sei. Wirklich war er
auch wieder weich und fromm und fügsam wie damals, wurde auch wie ein Kind
behandelt, und nur der Gedanke an die Zukunft schlich wie ein düsterer Schatten
durch seine schönen Träume. Es war auch die Zukunft der Mutter!
    Er war zu bedauern, und die Stickerin neben ihm auch, wenn ihm solche
Gedanken kamen, und sie kamen immer häufiger. Die Mutter fand kein Wort, sie zu
bannen, Doroteen aber war das schon durch ihr Erscheinen, wenn auch ohne Wissen
und Willen, gelungen. Hätte er auch auf ihre Fragen nach seinem Befinden eine
betrübende Antwort geben können? Es war ihm doch recht wohl jetzt, und es gab
Augenblicke, wo er sich sagte, Doroteens Teilnahme sei schon wert, dass man sie
durch ein Leiden errege. Es ging auch sonst gleich alles besser, als er im
ersten Schrecken gefürchtet hatte. Seit der Doktor das Bein wieder einrichtete
und verband, fühlte er oft so lange gar keinen Schmerz, bis er sich vergass und
zu unruhig wurde. Aber Dorotee redete ihm darum so eindringlich zu, dass er dann
selbst im Traume noch daran denken zu können glaubte. Nur als Hans kam, hatte er
unwillkürlich aufspringen wollen. Aller Groll gegen ihn war vergessen, und
heiter fragte er den reichen Arbeitgeber, der den Türnagel noch immer nicht aus
der Hand gelassen hatte: »Du wirst endlich sehen wollen, wie lang der Knecht
braucht, bis die Kirchweih gehörig ausgeschlafen ist?«
    »Ja, es ist eine schlimme Geschichte«, antwortete Hans, der in des Knechtes
heiteren Ton nicht überzugehen vermochte, etwas unbeholfen. Ihm kam die
freundliche Frage ganz unerwartet und beinahe auch unerwünscht. Hätte Jos den
Mürrischen gemacht und ihn am Ende tüchtig ausgescholten, so würde er ihm schon
auch gesagt haben, wieviel an dem Unglück auf Josens eigene Rechnung komme. So
aber konnte Hans nichts tun als dastehen wie ein armer Sünder und sich schämen.
Einen Augenblick bedauerte er wirklich, dass er nicht lieber beim Krämer in der
Krone geblieben war. Dann aber schritt er ans Bett heran, erfasste die Hand des
Knechtes und rief: »Sind doch wir beide wieder einmal Narren gewesen! Dorotee
hat -«
    Hans hatte erst in diesem Augenblick die Genannte im Ofenwinkel erblickt und
hielt nun verlegen inne.
    »Was hast du denn von der gleich erzählen wollen?« fragte das Mädchen.
    »Nun«, murrte Hans, »du solltest mich gut genug kennen und mich für keinen
Verleumder halten. Da hättest du gar keine Sorge haben, ja nicht einmal kommen
müssen.«
    »Ich bin ja schon vor dir dagewesen«, trotzte das Mädchen. »Dich«, fuhr es
dann halb im Scherz und halb im Ernste fort, »dich haben wir beim Krämer
vermutet, und dass der keinem Menschen zu nahe tritt, ist bekannt genug. Also
nichts für übel!«
    Durch diese Worte ward Hans wieder an die heutige Rede des Krämers erinnert,
die ihm diesen jetzt noch mehr zuwider machte. »Nein«, sagte er, »mit dem lass
mich gehen, wenn du das von Doroteen noch hören willst.«
    »Nun, ich bin ja still und höre.«
    »Dorotee hat - aber nein, das sag' ich nicht mehr.«
    »Der Krämer«, ahmte das Mädchen Hansens Redeweise nach.
    »Nur still und lass mich: Dorotee-«
    Der beiden Blicke waren sich freundlich begegnet. Sie mussten laut lachen,
und Jos und die Schnepfauerin lachten mit. »Dorotee«, begann Hans nun herzhaft,
»hat ganz recht gehabt, als sie mir am letzten Sonntag tüchtig den Marsch
machte.«
    »So,« spottete das Mädchen, »und dieses Bekenntnis hätte man fast mit Winde
und Hebstange heraufholen müssen?« »Nun ist's da, und du kannst machen damit,
was du willst.« Das Mädchen war hocherfreut, nun Hansen doch wieder freundlich
zu sehen. Sogar Jos, der zuweilen schon selbst nicht ungern ein wenig zwischen
die beiden geworfen hätte, fühlte sich erleichtert, als er eine schwere Sorge
des Mädchens, auch aus seinem ungeschickten Benehmen erwachsen, wieder schwinden
sah. Er nahm an den nun folgenden Gesprächen so lebhaften Anteil, dass ein nur
Hörender ihn für den Gesundesten unter allen gehalten hätte. Es war ihm auch
wirklich noch selten an einem Sonntage so herzlich wohl gewesen.
    Nur als Hans und Dorotee die Stube verlassen hatten und er sie von seinem
Lager aus hart nebeneinander dem stolzen Stighofe zuschreiten sah, zog etwas wie
eine Wolke über sein ausdrucksvolles Gesicht, und der Fuss begann recht weh zu
tun, gerade als ob das in den letzten Stunden Versäumte und Verplauderte
sogleich wieder eingebracht werden müsse.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                        Eine Unterredung im Herrenstüble
Die Unterhaltung mit Jos war so lebhaft, dass Hans dabei ganz vergass, er habe
einen Kranken besuchen wollen. Dachte er doch nicht einmal mehr daran, den
Knecht zu fragen, ob er auch so bald als nur menschenmöglich wieder auf den
Stighof zu kommen entschlossen sei. Das kam wohl zum Teil davon, weil das
Benehmen des Burschen eine solche Frage wirklich fast unnötig erscheinen liess,
hauptsächlich jedoch unterblieb sie darum, weil Hans jetzt um den Jos besorgter
war als um sich selbst. Daheim war ihm das ärgste an der Geschichte gewesen, dass
er dem geschickten Knechte unrecht tat und ihn nun missen sollte; nun aber
begann er sich dessen angebundenes, sorgenvolles Leben zwischen den engen vier
Wänden vorzustellen, und dagegen war nur eine Kleinigkeit, was seit der
Abwesenheit des unersetzlichen vertrauten Notelfers ihn gedrückt und beunruhigt
hatte. Erst jetzt ärgerte er sich recht über den Krämer, welcher die Stirn
hatte, das lächerrlich zu nennen. Im Heimgehen machte er seinem Herzen etwas
Luft. Die Magd war erstaunt, ihn gleich einer eifrigen Betschwester, die mit der
ganzen bösen Welt im Kriege lebt, am Krämer und seinem falschen Kätzchen
herumtadeln zu hören. Dorotee mochte die Zusel auch nicht besonders wohl
leiden, aber endlich ging ihr denn Hans doch gar zu weit, und beinahe bittend
empfahl sie ihm Mass und Billigkeit in Lob und Tadel. Besonders betonte sie, dass
man einem Menschen seiner Eltern und Verwandten wegen nichts geben und nichts
nehmen dürfe, was er nicht selbst von ihnen habe.
    Das aber war von Hansen gar zuviel gefordert gegenüber einem Mädchen,
welches er sich vergebens mit Gewalt aus dem Kopfe bringen wollte. Zusel hatte
denn doch zu viel von ihrer älteren Schwester, als dass sie ihm ganz gleichgültig
hätte bleiben können. Wie mit Gewalt zog es ihn immer wieder zu ihr, aber dabei
hatte er stets das Gefühl, dass das Mädchen ihn um den Frieden mit sich selbst
bringen, ihn unglücklich, ja sogar schlecht machen werde. Er empfand das am
lebhaftesten, als er aus dem Hause des Jos kam, gegen den auch nur die Zusel
aufgehetzt hatte. Darum stellte er alles in bunter Reihe vor sich auf, was er
über das Mädchen wusste oder gehört hatte, in dem guten Glauben, sich schliesslich
dahinter gegen sie verschanzt und sicher zu machen. Hans sagte sich sogar, dass
Zusel mit der stolzen Gestalt ihrer Schwester gleichsam sein böser, die etwas
strenge, dabei aber doch so demütige Dorotee dagegen sein guter Engel sei.
Unter dem Worte Engel aber dachte er, wie wohl jeder Bregenzerwälder, an ein
ungemein ernstaftes, strenges Wesen, und neben dem Mädchen war ihm auch
wirklich beinahe zumute wie einem Feiertagsschüler neben dem Pfarrer. Er nahm
daher Doroteens Zuspruch hin, ohne viel darauf zu erwidern. Daheim wurden ihm
die Stunden bis zum Abendessen so lang, dass er Gott von Herzen dafür dankte, dass
es nun wieder sechs Tage zum Arbeiten gab, ehe man abermals einen langweiligen
Sonntag erleben musste. Er arbeitete wieder so oft als möglich neben Doroteen,
obwohl jene Scheu gegen das Mädchen immer noch nicht ganz überwunden war. Am
Abende jedes Tages schickte er sie selbst, sich nach dem Befinden des Knechtes
zu erkundigen. Es wollte ihm fast zu lang immer beim alten bleiben, und als es
wieder Sonntag wurde, suchte er im Herrenstüble beim Rösslewirt den Doktor auf,
um sich ernstlich nach dem Stande der Dinge zu erkundigen und, wenn's möglich
war und er sich's ordentlich vorzubringen getraute, dem Arzte etwas mehr Fleiss
zu empfehlen. Doch mit solchen Herren wusste er nicht gut umzugehen. Was er sagen
wollte, konnte er allerdings ganz gut vorbringen, aber die gestellten Fragen
brachten ihn dann gleich in Verlegenheit, weil er sich darauf eben gar nicht
vorbereiten konnte.
    Sonst wurde Hansen nicht so leicht bang. Er machte, so gut er konnte, und
dann ging's. Geschlittet oder mit dem Wagen galt ihm gleichviel, wenn er nur ans
Ziel kam, und das gelang noch immer. Wenn's schwer hielt, trank er vorher zwei
Schoppen Tiroler, und dann war er der Mann. Wie? Sollte das nicht auch vor einer
Unterredung mit hochgestellten Herren gut sein und die Zunge beweglich machen
wie sonst? Den Versuch war's jedenfalls wert, und wenn's nun gelang, dann sollte
noch einer kommen und sagen, dass er niemals einen klugen Einfall habe! Er dachte
schon daran, künftig sogar der Mutter diese Behauptung nicht mehr unbestritten
zu lassen. Siegesicher trat er erst in die Gaststube und machte sich mit einem
Eifer an den ersten Schoppen, dass bald auch der zweite geholt werden musste.
    Mit einer Beredsamkeit, die den funkelnden Inhalt der Gläser lobte, erzählte
er der Wirtin im Vertrauen, was er vorhabe, und war nicht wenig erstaunt, für
seinen Einfall kein besseres Lob davonzutragen. Die gute Frau wollte ihn
durchaus nicht mehr ins Herrenstüble lassen, doch war es unmöglich, den immer
Aufgeregteren zurückzuhalten. Mit der Zipfelkappe in der Hand trat er ein,
setzte sich, und ohne die übrigen Anwesenden zu beachten, redete er den Doktor
an: »Ich hätte nur sagen wollen, dass ich alles zahle, was der Jos noch kosten
mag. Anfangs dachte ich, mir davon nichts anmerken zu lassen, weil er wohl
schneller hergestellt werde, wenn kein besonders gutes Trinkgeld für viele
Ständ' und Gäng' zu erwarten sei.«
    »Ich hab' eben schon auf Hansen gerechnet«, lachte der Doktor fröhlich,
»lieb aber ist's mir doch, das nun selber zu hören. Auch ich werde redlich das
Meine tun und dafür sorgen, dass er in einem Vierteljahr wieder beinahe der alte
ist.«
    Hans hatte den Wein ziemlich empfunden, jetzt aber wurde er wieder ganz
nüchtern. So ernstaft hatte er die Sache bisher nicht genommen. Es war ihm, als
ob der Pfarrer predige, als der menschenfreundliche Arzt fortfuhr: »Helfen
sollte hier, wer kann, denn es wär' jammerschade, wenn ein so talentvoller
Mensch der Gesellschaft verloren wäre und noch gar an der Ungunst der
Verhältnisse zugrunde gehen sollte.«
    »Das tut er hier gewiss nicht«, meinte der Pfarrer, und der ebenfalls
anwesende Vorsteher schüttelte beistimmend den Kopf, dass seine lange seidene
Zipfelkappe auf den Tisch fiel. »Ist der Spitzbub' doch selbst als Knecht
durchgekommen, obwohl ihm das sicher kein Mensch zugetraut hätte.«
    Das hob Hansen wieder auf die rechte Höhe. Herzhaft wagte er dem Vorsteher
in die Rede zu fallen: »Allerdings hab' ich es ihm angesehen, sonst würde er auf
dem Stighof gar nicht angestellt worden sein. Ich weiss noch nicht, wie ich es
machen soll, wenn man ihn so lange mangeln muss.«
    »Es wäre gut, wenn er gar nichts tun möchte«, meinte der Doktor. »Wo aber
die Hand ruhig bleiben muss, da arbeitet so ein unruhiger Kopf doppelt und kommt
auf allerlei Gedanken. Ich besorgte, er könnte der Gesellschaft verloren gehen.
Dafür hab' ich natürlich meinen Grund. Wir sehen sie am Schnapstische, alle, die
die Ungerechtigkeit unserer Zustände, die man Schicksale nennt, empfinden. Sie
trennen sich vom Bestehenden und finden doch nichts Grösseres, wo sie sich
freudig anschliessen. Da ist der Hansjörg am Freitag wieder heimgekommen. Er war
ein ordentlicher Bursche, aber das Unrecht, welches ihm vom Krämer geschah, hat
ihn trotzig und in seiner Weise stolz gemacht. Mir ist's nicht lieb, dass er
immer beim Jos steckt, der - mit Verlaub, Hans - für seine treuen Dienste auch
nicht besser belohnt wurde. Man sage mir nichts von dem Eigensinn, dem Trotz des
Burschen. Das eben ist zuweilen der Ausdruck der Kraft, mit der er sich durchs
Leben hilft und welcher auch der Stighof schon manches verdankt. Jetzt ist er
aus der ordentlichen Bahn geworfen, und die Unzufriedenen beginnen sich um ihn
zu versammeln, besonders arme Teufel, die dem Krämer wegen Verschuldung um einen
Sündenlohn arbeiten müssen, und alte Fremdler, die aus Frankreich noch einige
Brocken von 1789 mitgebracht haben.«
    »Dann kann am Ende noch hier die schönste Revolution erleben, wer alt genug
dazu wird«, bemerkte der Pfarrer.
    Den Doktor machte das Lächeln, welches diese Worte begleitete, etwas warm.
Er zwang sich zur Ruhe, indem er entgegnete: »Die Geistlichen verbieten nicht
nur den Ehebruch, schon der Kuss ist ihnen vom Übel. Sie mögen ihre Gründe dafür
haben wie ich die meinen, wenn ich es bedauere, dass man sich gegenseitig immer
zwingt, eher das Trennende als das Gemeinsame aufzusuchen und herauszukehren.
Davon der Kampf des selbstgewaltigen Reichen gegen den Trotz des Armen, der, von
jenem ein böses Beispiel nehmend, ihn weiter und weiter treibt. Elende Zustände,
wenn ein Mensch mit etwas Selbstgefühl sich nicht einmal als Bauernknecht
behaupten kann. Aber auch natürlich, denn zum Tragen hat Gott Tiere geschaffen.
Wer etwas mehr kann, sollte fort. O schade, dass so einer hier nie zum Studieren
kommt!«
    »Sie betrachten den Jos ja schon als einen verlorenen Mann.«
    »Ich rede nicht von ihm allein, sondern von jedem, der zu kräftig ist zum
Kriechen und zu gebunden, um frei zu gehen; ich rede von einem grossen Teil
derjenigen, die jetzt ihr Elend am Schnapstische vertrinken.«
    »Das ist aber immer so gewesen«, meinte der Vorsteher.
    »Nein, das war anders, als ein Tag noch mehr wert war als ein Taglohn und
ein Mensch mit allen Gaben des Ebenbildes Gottes mehr als ein geerbtes oder
zusammengeschachertes Vermögen.«
    »Sie halten also den Taler doch nicht für den Gott der Welt?« fragte der
Pfarrer.
    »Er ist überall gerade das, wozu man ihn macht. Da belebt er den Verkehr und
bringt Segen, dort und hier ist er der grösste Tyrann. Früher hiess der Mensch
seines Glückes Schmied, jetzt ist das Steuerbüchlein das Wanderbuch, welches uns
den Lebensweg, oft sogar die Mutter unserer Kinder vorschreibt.«
    »Das aber«, fiel der Pfarrer ein, »ist in der Welt draussen gewiss wenigstens
nicht besser.«
    »Drum hätte Jos studieren sollen. Wer fähig ist, die Kluft zwischen Arm und
Reich zu übersehen, dem bietet nur die Bildung einen Notsteg mit schützendem
Geländer.«
    »Man denkt gern an die Jahre des Lernens«, sagte der greise Pfarrer
lächelnd. »Man bekommt noch spät beim Gedanken an die damalige Tatenlust neuen
Mut. Ich hab' noch in Konstanz studiert und könnte lang erzählen, welche Klüfte
zu überbrücken ich da einem Gebildeten zugetraut hätte. Aber wir wollten davon
reden, was denn auch jetzt beim Studieren herauskäme ausser Lateinischem und
Griechischem. So ein armer Tropf wie der Jos müsste Geistlicher werden wohl oder
übel, denn beinahe alle Stipendien sind nur unter dieser Bedingung zu gewinnen,
und ein Weltlicher kann überhaupt nur schwer Unterstützung finden. Das Volk ist
nun einmal schon so.«
    »Wissen Sie, warum?«
    »Ich hab' in Konstanz studiert und brauche wenigstens mir selber da nichts
vorzuwerfen. Gut! Unser Mann kommt also nach Brixen.«
    »Warum gerade nach Brixen?«
    »Er muss die echteste Lehre haben, um so bald als möglich einen ordentlichen
Platz zu bekommen, wo er sich wenigstens ohne Schulden durchbringt. Der Arme
wird immer auf Unterstützung sehen müssen, und es ist dafür gesorgt, dass er sie
nicht überall findet. Der, dem sein Wissen eine Art Selbständigkeit gibt, mag
sich mit dieser behelfen, so gut er kann, oder aus der Not eine Tugend machen,
wenn man kleinlichen Beamtenehrgeiz und Veräusserlichung Tugend nennen will wie
unser Kaplan, der sich am Schlusse jedes Jahres öffentlich auf der Kanzel damit
grosstut, unter seinen Amtsbrüdern im Verhältnis zur Zahl der anbefohlenen
Schäflein am meisten Hostien verbraucht zu haben. Fragt man, ob nun mit den
vielen Beichten auch Besserung, mit den unzähligen Liebesmahlen auch Liebe ins
Dorf gekommen sei, so sagt euch der immer zur Rede, aber nie zur ordentlichen
Antwort bereite Mann, es sei ihm auch gelungen, den Söhnen sterbender Väter noch
ein paar fromme Stiftungen vor der Nase wegzuschnappen.«
    »Sie sehen schwarz, ich habe doch auch studiert.«
    »Aber nicht so arm und abhängig nach rechts und links, wie so ein armer
Tropf es tun müsste. Drum glaub' ich trotz allem Schönen, was man mit Recht von
der Bildung sagt und von den Brücken, die sie bauen soll, für einen wie den Jos
ist's besser, wenn er hier für Kopf und Hand Beschäftigung findet« Jetzt rückten
auch Hans und der Vorsteher etwas näher zum Tisch, wie Spieler, die nach langem
Harren und vergeblichem Hoffen wieder einmal eine gute Karte zum Mittun
bekommen. Hans hatte sich eine Weile mit der Vorstellung zu versöhnen bemüht,
dass Jos noch ein Vierteljahr, dreizehn lange Wochen liegen, er unterdessen ohne
den Knecht sich behelfen oder einen anderen anstellen solle. Machte ihm schon
die Frage, welches klüger sei, nicht wenig Kopfarbeit, so war es doch viel mehr
noch Mitleid mit dem nicht ohne seine Schuld Unglücklichen, was den redlichen
Burschen so schnell ernüchtern liess. Erst zuletzt hörte er wieder, wovon geredet
wurde, gerade als der Pfarrer aussprach, was für den Burschen das beste wäre,
und schnell wollte er sagen, die Sorge für den Jos sei seine Sache und brauche
kein Mensch ihn zu bedauern. Aber der Vorsteher, bemüht, das Gespräch nicht mehr
aus bekannten Gleisen in Höhen entgleiten zu lassen, die für ihn geradezu
unerreichbar waren, kam dem stets etwas langsamen Hans mit einem Antrage zuvor:
»Jos«, rief er fröhlich, »wär' am Ende ganz der Mann, der mir schon lange fehlt.
Guter Kopf, ein wenig stolz, fertige Hand zum Schreiben und die Geduld eines
Schneiders! Ist's nicht, als ob er von Gott schon lang zu meinem Schreiber
bestimmt wäre? Meine Buben überlassen ihm das Amt von Herzen gern. Einträglich
ist's genug, und nebenbei kann er auch noch mit der Nadel arbeiten. Was sagt ihr
zu meinem Plan?«
    »Er ist gar nicht übel«, sagte der Pfarrer, »und die Zeit, wo er doch als
Knecht nicht arbeiten kann, ist gerade recht, ihn zu versuchen.«
    »Da hab' ich denn doch auch noch ein Wörtlein mitzureden«, meinte Hans.
    »Aber«, versetzte der Pfarrer bittend, »wenn er allenfalls den Jahreslohn
schon empfangen hat, so wirst du das doch nicht wie ein Bleigewicht auf ihn
werfen, dass es ihn in Knechtschaft niederdrücke für immer?«
    »Davon ist keine Rede.«
    »Und die Arbeit auf dem Stighof können Hunderte so gut verrichten als er.«
    »Das«, fiel Hans etwas spitz ein, »weiss denn unsereiner doch wohl selber am
besten.«
    »Allerdings - aber jedenfalls ist er zu ersetzen, drum soll ihm niemand im
Wege sein, wenn er einen wichtigen Schritt machen kann. Er ist in der Gemeinde
von vielen schief angesehen. Eine einträgliche Stelle, man könnte fast sagen,
die erste nach dem Vorsteher, wird ihm Vertrauen und Achtung gewinnen.«
    Das nun hätte Hans dem Pfarrer allenfalls auch unterschrieben, wenn er etwas
lieber mit Feder und Papier zu tun gehabt hätte. Ihm aber hatte die edle
Schreibkunst immer für halbes Hexenwerk gegolten, und obwohl er sonst dem
Knechte wirklich mehr zutraute als sich selbst, ward ihm doch schwarz und weiss
vor den Augen, als dem Bürschchen, welches er noch vor kurzem mit drei Worten in
Stall und Feld schicken konnte, ein so wichtiges Amt zugestanden wurde. Erst
jetzt schien ihm Jos ganz unentbehrlich, und klagend fragte er: »Was soll denn
aber ich machen?«
    »Doroteens Bruder«, tröstete der Doktor, »ist viel stärker als Jos, ich
würde gleich den anstellen, damit er auch wieder einen sicheren Weg vor ihm
hätte.«
    »So, den?« fragte Hans beinahe verächtlich.
    »Ja, den«, sagte der Doktor ruhig. »Zur Arbeit ist er sicher so gut als der
ehemalige Schneider. Doroteen gegenüber ist er auch viel weniger gefährlich als
Jos, welcher nach den Äusserungen am unglücklichen Kirchweihtag ein Aug' auf das
flinke Mädchen geworfen hat.«
    Das wirkte auf Hansen wie ein Schlag. Er hatte sich daran gewöhnt, das
Mädchen von ihm abhängig zu denken, obwohl er es Doroteen niemals empfinden
liess. Das böse Gerede, worin Zusel ihn wegen der Magd gebracht hatte, machte ihm
weit weniger Kopfweh als diese Rede. Ja jenes schmeichelte ihm noch, da er den
darin liegenden Stachel in seiner Gutmütigkeit kaum bemerkte; die leicht
hingeworfene Bemerkung des Doktors aber wirkte um so stärker, da ihm Jos nun
alles ein anderer Mann war, als während er ihn noch zum grössten Teil vom Stighof
abhängig dachte. Nun erst war ihm von der Kirchweih alles, gar alles klar. Es
litt ihn nicht mehr im Herrenstüble, welches jede Minute noch heisser zu werden
schien. Er musste ins Freie, musste sich ein wenig erspazieren wie immer, wenn er
etwas nur mit Nachdenken nicht zu verwinden imstande war.
    Er mochte ziemlich weit in der Nähe herumgehen, denn er kam erst vor dem
Nachtessen heim, eine Weile nach Doroteen, die den Jos besucht hatte, und
beinahe in besserer Stimmung als sie. Das war übrigens diesmal bald geschehen.
Nach der Kirchweih hatte Dorotee manches in sich verarbeiten müssen, aber sie
war doch imstande, sich so zu beherrschen, dass die Stigerin nicht im
entferntesten auf den Gedanken kam, auch sie konnte bei der Geschichte mit Jos
auf die oder jene Weise beteiligt sein; heute aber fiel ihr das seltsame
Benehmen des Mädchens denn doch auf, und zwar umso mehr, da sie keinen Grund
dafür von Doroteen erfragen konnte. Das allerdings betonte Dorotee etwas
stark, dass sie den Bruder erst am dritten Tage, und noch dazu in einem fremden
Hause, das heisse bei der Stickerin und ihrem Jos, angetroffen habe.
    Die Stigerin, die schon lange an einem grossen Erdäpfel herumschälte, ohne
dabei das Mädchen aus den Augen zu lassen, fand diese an Doroteen gar nie
bemerkte Empfindlichkeit um so unerklärlicher, weil es mit dem Bruder wenigstens
nie mehr als mit den anderen Eigenen zu tun gehabt hatte. Die Frau sprach das
offen aus, worauf denn Dorotee zu verstehen gab, dass das noch nicht alles sei,
dass sie aber lieber gleich schlafen gehen als noch von allem reden möchte.
Sicher hätte Dorotee auch weit etwas Ärgeres noch viel lieber getan. Für wie
kindisch wäre sie wohl gehalten worden, wenn jemand erfahren hätte, dass ihr Jos
so weh getan mit der Mitteilung seines Entschlusses, das Dienen eine gute Sache
sein zu lassen und wenigstens nie mehr auf den Stighof zu gehen. Ihr erster
Gedanke war, an dem sei nur einzig der Hansjörg schuld. Man hörte es aus allen
seinen Reden, dass er den Stighans durchaus nicht leiden konnte. Er sagte offen,
der Hans habe mit dem Krämer unter einer Decke gespielt, und ihm wäre selbst das
Fortgehen nicht so schwer geworden als der Gedanke, dass er nun dem einen Dienst
tun und für ihn durch Feuer und Wasser gehen müsse. So redete ihr Bruder heute
vor allen Burschen, welche den Jos besuchten; was erst mochte er ihm heimlich
schon aus- und einzureden versucht haben? Er war ja den ganzen Abend mit Jos im
Gespräch über einen Plan, den er eine kleine Verschwörung gegen den Krämer
nannte. Die anwesenden Handwerker, bisher von dem Blutsauger abhängig, sollten
sich zusammentun und einen Handel mit ihrer Arbeit anfangen. Hansjörg versprach,
durch Schleichhandel das, was das Land nicht selbst hervorbringe, so billig als
einer zu besorgen. Dann wurde auch berechnet, dass man schon soviel bares Geld
zusammenbringe, als ein kleiner Anfang brauche. Hansjörg schien vor Begierde zu
brennen, dem Krämer diesen Possen zu spielen, und Dorotee hätte daraus die
Abneigung des Jos gegen den von ihr erwähnten Knechtsdienst erklärt, wenn er
seine Antwort ihr nicht gleichsam wie eine Beleidigung mit der Gewalt und
Beredsamkeit eines recht Zornigen entgegengeworfen hätte. Was wollte die Rede
sagen, er möge nicht länger auf dem Stighof das fünfte Rad am Wagen sein? Es war
gerade, als ob sie glauben sollte, er komme wegen ihr nicht mehr, und doch tat
das gewiss niemand weher als ihr. Sie drei hatten so froh zusammen gelebt, und
nun sollte das aus sein und sie zittern müssen für die trotzigen Waghälse, sooft
Gott den Tag schickte.
    Dass aber Dorotee von dem jetzt nicht reden mochte, war um so erklärlicher,
weil sie sich nebenbei wieder mit dem Gedanken zu beruhigen suchte, dass das auch
einer jener vielen an langen Sonntagen unter lebhaften Burschen entstandenen
Pläne sein könne, die schon am anderen Morgen bei ruhiger Überlegung nur noch
belächelt werden.
    Das Nachtmahl ward schweigend genommen, und schon kam Dorotee gähnend und
sich recht schläfrig stellend aus der Küche zurück, als Hans scheu und leise,
wie wenn er einen Fehler einzugestehen hätte, der Stigerin erzählte, wenigstens
ein Vierteljahr werde Jos noch daheim bleiben müssen.
    »Ohne Brot und sich selbst überlassen!« jammerte Dorotee, die sich jetzt
nicht mehr zu beherrschen vermochte. »Wohin«, fuhr sie strenge fort, »wohin kann
die Not und das Misstrauen ihn in der langen Zeit noch treiben?«
    Hans hatte dem Mädchen durchaus nicht erzählen wollen, für welchen
Prachtkerl der Jos bei rechten Männern gelte. Es war ihm schon peinlich, neben
der lieben Dorotee nur daran zu denken. Dem letzten Ausrufe gegenüber jedoch
zwang es ihn mit Gewalt zum Reden. Jedes Wort traf ihn wie ein Stich, und
gleichsam aufschreiend versetzte er: »Dem Jos ist's ja sein Glück. Man hat mir's
deutlich gesagt, er sei zu gut zum Knecht. Gemeindeschreiber soll er werden, der
erste Mann nach dem Vorsteher, und weiss Gott was noch. Der Pfarrer und die
Herren selber haben's gesagt.«
    Dorotea sah den Burschen erstaunt an. Sie schien Ton und Gehalt seiner Rede
nicht wohl vereinbaren zu können. Hans war sich im Leben noch nie so klein
vorgekommen wie jetzt, als er auf einmal etwas in ihrem Gesichte leuchten sah,
als ob ihr ganzes Wesen juble: »Das hab' ich mir gedacht!« Da musste gleich auch
er etwas tun, um dem Jos die Freude des Mädchens nicht ganz allein zu lassen.
»Als Knecht ist Jos verloren«, sagte er trocken. »Ich hab' schon an einen
anderen gedacht und will gern hören, was du dazu sagst.«
    »Wer ist es?«
    »Hansjörg.«
    »Gott Lob und Dank!« rief das Mädchen, und das Weinen wär' ihm fast gekommen
vor Freude. Nun war doch alles, alles recht. Hansjörg kam auf einen guten Weg
und war dem Jos nicht mehr gefährlich. Dorotee wusste selbst nicht, welches sie
besser freue. Beides aber machte sie so glücklich, dass sie dem Hans hätte um den
Hals fallen mögen. Jetzt musste noch alles heraus, was sie gedrückt und gequält
hatte. Sie weinte Tränen der Freude, während sie erzählte, wie viel sie um der
beiden Burschen willen schon litt, besonders nachdem sie dieselben beisammen
gesehen habe. Das sei für alle ein grosses Glück, dass die wieder getrennt würden,
und noch auf eine Weise, dass man's gar nicht besser hätte wünschen können. So
gut hätten es nur die Reichen! Die könnten überall helfen, wenn sie nur wollten;
doch es gebe nicht viele, auf die man sich verlassen könne und von denen etwas
zu hoffen sei. Hans freute sich wieder an Doroteens Freude. Er sah sich dem Jos
gegenüber im Vorteil und begann den guten Burschen fast zu bemitleiden. In
dieser Stimmung erzählte er alles, was er heute von ihm gehört hatte. So
plauderten die zwei, die sich noch vor kurzem stumm und misstrauisch
gegenübersassen, so froh und offen, dass es endlich der alten Stigerin zu
gemütlich wurde. Man könnte vor Glück noch gar betrunken werden, sagte sie; der
Anfang scheine schon gemacht, und da man morgen keine Zeit hätte, den Rausch
auszuschlafen, so sei wohl das klügste, wenn man sich jetzt eine gute Nacht
wünsche.
    Dorotee tat das ebenso schnell, als sie seit Jahren jeden Befehl der
Stigerin auszuführen gewohnt war. Sie ging um so lieber, weil die Rede der
strengen Frau sie denn doch ein wenig unangenehm berührt und abgekühlt hatte.
Jetzt unterschied sie schärfer als je zwischen Mutter und Sohn. Die erstere war
streng, blieb beim alten, und ihre Güte war vielleicht nur Ausdruck ihres
stolzen und dabei behaglichen Wesens. Wie anders bei Hansen! Der war ihr noch
selten so gross erschienen wie jetzt. Selbst neben den Jos durfte sie ihn
herzhaft stellen, ohne dass er viel verlor. Sie dachte überhaupt mit ganz anderen
Empfindungen an den ehemaligen Knecht, seit er ihr nur noch durch sein
unerklärliches Benehmen Sorge machte. Erst im Traum sah sie ihn wieder deutlich
vor sich, aber nicht mehr als armen Schneider, sondern als Besitzer des
Stighofs. Er war von einer ganzen Menge von Leuten umringt, die alle Rat und
Hilfe bei ihm suchten. Er gab nicht nur Geld, sondern auch was aus mehr als
einer augenblicklichen Not helfen konnte. Sein Wort wirkte auf alle. Streitende
gingen versöhnt, Traurige getröstet von ihm, und so beredt wie er war kein
Mensch, als wer eben von ihm redete. Nur sie durfte ihm nicht sagen, was ihr
fehle. Sie wusste es aber auch eigentlich selbst nicht, und doch war ihr so weh,
dass sie weinte. Als Jos dadurch auf sie aufmerksam wurde, erschrak sie so, dass
sie erwachte.
    Hansen tat es später doch weh, dass das Mädchen sich mehr über die schönen
Aussichten des Jos zu freuen schien als um ihres Bruders willen. Unwillig schlug
er die Türe seines Zimmers zu und verbrachte eine schlaflose Nacht.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                               Zusel und Angelika
Dorotee kam durch Zusels fromme Freundinnen immer ärger ins Geschrei. Sogar der
Zusel war zuweilen bang vor dem, was durch sie angerichtet wurde, wenn sie schon
fest glaubte, dass Dorotee wenigstens alles tun würde, wodurch sie den
unbeholfenen Burschen möglicherweise fangen könnte. Bestand aber ein sündhaftes
Verhältnis noch nicht, so durfte doch auch das Entstehen desselben verhindert
werden. Das war Zusels Trost, neben der Hoffnung, dass sie sich bald in Ehren aus
der Sache ziehen und dann auch ihre Werkzeuge wieder wegwerfen könne.
    Sehr bedenklich aber war es, dass trotz allem Dorotee noch immer auf dem
Stighof blieb. War denn die Stigerin unempfindlich für die Ehre des Hauses, oder
hatte die Magd auch sie schon gewonnen? Der Krämer, der immer gut unterrichtet
sein wollte, behauptete freilich das Gegenteil, aber seiner Tochter war das nur
ein schlechter Trost. Sie hätte, besonders da sie einmal die schlimmen Folgen
des durch sie erregten Lärms empfand, auch etwas von der beabsichtigten Wirkung
erleben mögen. Allerdings galt jetzt das sündhafte Verhältnis der beiden auf dem
Stighofe für eine ausgemachte Sache; nun aber begannen die Leute sich auch an
das wunderfreundliche Paar Augen zu erinnern, welches Zusel Hansen am
Kirchweihtage gemacht hatte. Dorotee lief damals von dem Burschen weg und kam
doch hernach mit ihm ins Geschrei. Zusel, hiess es, war also nicht imstande
gewesen, etwas zu erlächeln. Hans habe nicht so unrecht. Vielleicht komme er mit
einer Armen - wenn's nur eine brave Person sei - weit besser durch die Welt, als
wenn mit dem Halben von dem, was der Krämer erschachert, seine Zusel auf den
Stighof gebracht würde. Dort sei gewiss jetzt kein unredlich erworbener Kreuzer,
und schon das sei mehr für ein Ehepaar, das von vorn anfange, als wenn mit ein
paar tausend erheirateten Gulden der Unstern ins Haus hineinkommen tät, wie man
das schon so oft erlebt habe. Hübsch nun wäre die Zusel allerdings, aber sie
wisse schon auch davon, und dass sie sich es dann zuweilen so sehr anmerken
lasse, sei entschieden nicht hübsch. Zudem wisse jeder, dass man keinem ein
schönes Weib und ein hübsches Ross missgönnen dürfte, weil sie beide vornezu
verdient werden müssten. Hauptsache sei für einen Besitzer des Stighofes im
Grunde doch unbescholtener Name, schönes Gemüt und eine geschickte Haushälterin.
Das Geld komme weniger in Betracht als die Frage, was denn sonst aus der
Verwandtschaft Gutes oder Böses zu erben wäre. So sei zu urteilen; und wenn man
so urteile, müsse man die Zusel eine schöne Sache sein lassen. Freilich aber sei
damit noch nicht gesagt, dass Hans darum nun gleich mit der Magd hätte anbinden
sollen.
    Zusel, der solche Bemerkungen von den Betschwestern beinahe täglich
zugetragen wurden, prüfte ängstlich, was daran wahr sei. Nebenbei suchte sie zu
berechnen, welchen Eindruck nun alles zusammen auf Hansen und seine Mutter
machen werde. Das konnte sie dann recht unglücklich machen. Ihre Neigung zu
Hansen war doch von der Art, dass sie nicht nur ihn fangen, sondern durch eigenen
Wert gewinnen wollte. Derlei Bemerkungen taten ihr daher doppelt weh. Dem und
jenem wollte sie wieder eine Rede bei passender und unpassender Gelegenheit
gehörig heimzahlen, wobei sie stets ungemein leidenschaftlich zu Werke ging. So
verwickelte sie sich bald überall in böse Händel und wurde von den früheren
Freundinnen und von allen, die es wahrhaft gut mit ihr meinten, fast ängstlich
gemieden. Wenn sie nachsann, was alles in wenigen Wochen durch sie und wegen ihr
geschah, dann hätte sie versinken mögen vor Scham; und laut - um ihre Gedanken
zu verscheuchen - sprach sie den Vorsatz aus, in Zukunft nur sich Hansens wert
zu machen, den sie aber um jeden Preis nun haben müsse.
    Der wunderliche Bursche tat jetzt wieder so hölzern und fremd, als ob er nie
mit ihr von der Kirchweih heim sei. Woher sollte das kommen als von dem Gerede,
welches über sie umlief? Was war also gewonnen, wenn auch Dorotee schliesslich
noch vom Platze kam? Ein Gewissen freilich brauchte sie sich daraus nicht mehr
zu machen. Dorotee hätte Hansen einzig nur um des Geldes willen genommen, was
bei ihr - der Vater mochte schon seine Rechnungen haben - wahrhaftig nicht der
Fall war. Je länger sie der Sache nachsann, desto klarer liess es die Eigenliebe
erscheinen, dass nur uneigennützige Neigung zu dem guten Burschen sie so
unvorsichtig und leidenschaftlich habe werden lassen. Denn - wieviel Herzeleid
hatte nicht dieser Hans ihr schon gemacht! Hansjörg musste einst seinetwegen
fort, und ihr selbst liess er seit Wochen keine ruhige Stunde mehr! Auch ihrer
armen Schwester schon war es früher nicht besser gegangen. Ach, jetzt auf einmal
dachte sie mit ganz anderen Empfindungen als sonst an Angelika, ihre
Leidensgefährtin, deren sonderbares Wesen sie früher nicht begriff, nun aber
ganz gut zu verstehen meinte. Ja, Angelika war allein fähig, auch sie zu
verstehen und ihr zu sagen, woran sie sich halten, wie sie sich wieder
aufrichten könne. Ihre jetzigen Freundinnen, die sie eigentlich recht von Herzen
verachtete, hatten sich wie Bleigewichte an ihre Schwäche gehängt und sie noch
tiefer niedergedrückt. Der Vater verstand sie auch nicht, und von den
mütterlichen Verwandten war schon gar nichts zu erwarten. Also zu Angelika, der
edlen, die das nämliche ertrug und doch noch aufrecht zu stehen vermochte! Ihre
Angst vor Angelikas strengem Wesen half die Gemeinheit und der Leichtsinn ihrer
jetzigen Freundinnen überwinden. »Alles Geschwätz, alle Schmeichelei dieser
Elenden für ein Wort von ihr, der es mit Hansen gerade ging wie mir, obwohl sie
ihn vielleicht eher verdient und glücklicher gemacht hätte als ich!« rief sie
eines Tages und ging, ohne sich wie sonst noch besser anzukleiden, zum Hause
hinaus.
    Vergebens fragte der Krämer zweimal, wohin sie wolle. Dem Mädchen kam sein
Gang wie ein Ergeben in sein Schicksal vor. Es dachte sich schon in der Lage der
Schwester und fand dabei eine innere Beruhigung, die ihm während der Blütezeit
seiner Hoffnungen gefehlt hatte.
    Das stattliche, überall neu angeschindelte Haus, in welchem die Schwester
wohnte, nahm sich noch viel stolzer aus neben dem alten Stadel, der jetzt nur
noch als Holzbehälter und zum Aufbewahren der Wagen und Schlitten benutzt wurde.
Zusel ging jeden Schritt langsamer. Was für eine Ausrede für ihr Kommen sollte
sie brauchen? Aber sie kam ja nur ins Haus ihres Schwagers, zu eigenen Leuten,
sagte sie sich, emporblickend zu den Reihen grün angestrichener Fensterläden und
zum hohen Dachstuhl, wo noch der Busch zu sehen war, welchen die Zimmerleute
nach Vollendung ihres Werkes aufgesteckt hatten. Es tat ihr wohl, ihre Schwester
in diesem schönen Hause zu wissen. Ihre Entsagungswilligkeit schwand schneller
noch, als sie kam. Zusel dachte an Stighansens stattlichen Hof - vielleicht zum
erstenmal - und stellte sich vor, wie prächtig es nun wäre, wenn sie beide, die
Kinder des vom Neide so vielgeschmähten Krämers, so stolz neben der Gasse im
Herrendorfe wohnen und den Neidhämmeln hinter schneeweissen Vorhängen auf die
Gasse herab nachlachen könnten. In so einem Hause konnte man sich schon auch
etwas gefallen lassen, und für gar zu unglücklich brauchte sich Angelika doch
nicht zu halten, wenn ihr auch manches an ihrem Gatten nicht gefiel. Sie war
doch etwas wunderlich, altmodisch, und ein lustiger Mann wie der Andreas konnte
mit ihr unmöglich gut auskommen. Mit solchen Gedanken beschäftigte sich das
Mädchen, noch immer stille stehend, und vielleicht wäre sie gar nicht mehr zu
der wunderlichen Schwester hinein, wenn sie nicht den neugierigen Blicken
einiger Vorübergehender zu entrinnen gewünscht hätte; sie ging schnell durch den
Schopf, öffnete geräuschlos die Türe und liess sich durch den Empfang der
Schwester, wie wenig ermutigend er auch sein mochte, nicht im mindesten
erschrecken. Die auf dem Wege zusammengestellte Einleitung hatte sie freilich
vergessen, aber die wäre doch in der jetzigen Stimmung auch nicht mehr zu
brauchen gewesen. »Du wohnst recht schön hier«, begann sie, nachdem sie sich für
den etwas kühlen Gruss der Schwester bedankt hatte.
    »Hohes Haus, grosses Kreuz drin«, antwortete die Schwester, indem sie sich
wieder mit der Umkleidung der Puppe zu beschäftigen begann, die ihr
wunderliebliches Kind ihr lächelnd reichte.
    »Ich möchte dir tragen helfen«, sagte Zusel wehmütig. »Gelt«, fuhr sie, sich
zu einem heiteren Tone zwingend, fort, »du meinst, wir Ledigen sollten gar nicht
wissen, wie wohl euch Eheleuten ist, wenn ihr mit euern Kindern wieder zu
spielen beginnt. Ja, Schwester, ich möchte dir tragen helfen an deinem Kreuz und
trage vielleicht auch schon mehr daran, als du glaubst.«
    »Jedermann hat zu tragen genug an den Früchten seiner eigenen Torheit.«
    Dieser ernste Ton in einer so freundlichen Stube, neben so holdem Kinde,
mitten im Wohlstand, den die Verschwendung des Mannes ja noch kaum zu
verkleinern vermochte! »Bist du denn noch immer nicht glücklich?« fragte Zusel
eigen weich. »Wer ist das und weiss es? Wer? Etwa dein - unser Vater? Er hat
mehr, als er sich früher träumte, aber um so grösser sind seine Wünsche jetzt. Du
könntest der Stolz der Gemeinde sein, aber eben weil du das fühlst, bist auch du
nicht glücklich.«
    »Du nimmst die Sache zu ernst.«
    »Für dich wohl, denn du spielst. Mit dem Grössten und Heiligsten, selbst mit
deiner, nicht nur mit der Ehre und Zukunft anderer spielst du. Das hab' ich nie
getan und muss doch schon so schmerzlich büssen.«
    »Ich weiss, was du meinst, aber ich halte mich nicht für schuldig. Nur eine
Kleinigkeit, einen Schneeballen gleichsam hab' ich fallen lassen. Was kann ich
dafür, dass er im Rollen zur Lawine heranwuchs, die mich selbst gewaltsam mit
fortriss?«
    »Lass mich gehen, ich kenne das«, sagte Angelika bitter. »Mich haben alte
Weiber erzogen, die ärgsten Schwätzerinnen im Lande, nur haben sie die Sache
feiner zu treiben verstanden als die Leute, mit denen du jetzt umgehst. Ja, da
konnte man etwas lernen. Alle Gemeindeangelegenheiten sogar wurden von
Vorsteherin und Rätin verhandelt und dabei geprüft, was wohl am besten zum
Einschlag in ihren Zettel passe, denn immer hatte man Günstlinge, denen man gern
das Wasser auf ihre Mühle richten, und andere, denen es zerstörend durch den
angesäten Acker geleitet werden sollte. Waren einmal die Weiber eins, dann hatte
die Meinungsverschiedenheit der Männer nicht mehr viel zu bedeuten. Die ganze
Gemeinde hatten meine Basen und ihr Kreis am kleinen Finger. Alle menschlichen
Fähigkeiten, Kräfte und Leidenschaften, Stand, Besitz, Abstammung, kurz alles
ward hier geschätzt, gezählt, abgewogen und verhandelt, ohne Liebe, rein nach
Willkür, wie es jetzt auch die Betschwestern tun möchten, nur etwas anständiger
noch, da man damals noch nicht jeden Gegner gleich einen Gottlosen nennen
durfte. Alles kam auf diesen Markt, jede Veränderung im Dorf musste, es mochte
eine Hochzeit oder ein Testament sein, zuerst hier gutgeheissen werden. Schon da
aber hat mich das angewidert, und die Leute, die sich ziehen und treiben liessen
wie Schafe, sind mir so erbärmlich vorgekommen, dass ich's ums Leben nicht
geglaubt hätte, eines Tages meine stolze, eigensinnige Schwester in einem noch
schlechteren Netze zappeln sehen zu müssen. Nicht einmal an meiner Heirat mit
Andreas, wie sie auch ausgefallen sein mag, kann ich dem aus unserem Verhältnis
entstandenen Gerede die Schuld geben. Im hohen Rate, das heisst an den
Kaffeetischen der beiden Verwandtschaften, die überall im Dorf das Kraut fett
werden lassen, war man eigentlich gegen unsere Hochzeit eins und hatte dafür
seine Gründe. Den reichen Basen des Andreas war mein Vater nicht gut genug;
meine Erzieherinnen aber hielten den Andreas für einen leidenschaftlichen
Menschen und meinten, nur wer so sei wie er, könne mit ihm gut durchkommen; an
andere werde sich der auch durch den Pfarrer nicht binden lassen.«
    »Und warum hast du ihn denn doch genommen?« fragte Zusel, welche der
Erzählenden anfangs gähnend, dann aber immer aufmerksamer zugehört hatte.
    »Schon der Trotz gegen die Basen«, antwortete Angelika leidenschaftlich,
»war viel stärker, als du dir einbilden kannst. Er lag schon früh in mir - seit
ich zum erstenmal vom Vater geredet hatte. Die Bedeutung dieses Namens bekam ich
erst von anderen Mädchen meines Alters. Nun fragte ich auch meinem Vater nach,
und viel, viel haben sie mir vergiftet mit der Antwort. Alle Kinder hatten gute
Väter, ja sie sagten, es gebe gar keine bösen, und der meine sollte doch nur ein
herzloser, unfreundlicher, ja ein böser Mann sein. Das aber brachten sie nicht
in mich hinein. Nur auf mich gelegt hat sich's wie eine Last. Einmal bin ich
verstohlen zum Vater geschlichen und hab' ihm alles erzählt. Drauf ist ihm das
Wasser in die Augen gekommen, das hab' ich gesehen, und drum ist's mir nicht
mehr eingegangen, was später über ihn gesagt worden. Auch anderes ist mir nun
immer minder eingegangen. Ich war innerlich so eigensinnig, dass es kein Mensch
geglaubt hätte. Die, welche mich zogen und nährten, galten mir immer weniger, je
schärfer ich ihnen aufpasste. Auch mit dem Vater war ich unzufrieden, dass er mich
nicht zu sich nahm und meinen Bitten darum nur die Antwort werden liess, ich
würde doch nicht mehr zu ihm passen, weil ich schon zuviel andere Luft in mich
aufgenommen. Und nun denke dir, wenn ein reicher Bursche kam, der unter den
Mädchen auslesen konnte und durchaus nur mich haben wollte trotz allem Einspruch
derer, die mir wie Gift waren! Ich hatte mein Lebtag noch nie so etwas Grosses
gesehen als seine Festigkeit, seinen Trotz, und in meinem Alter hielt ich das
für Liebe zu mir, nicht für die Laune eines verwöhnten, eigensinnigen
Muttersöhnchens. Das ist die ganze Geschichte.«
    »Aber Hans?« fragte Zusel kaum hörbar.
    »Der war ein lieber, guter Bursche, aber still. Ganz früh sind wir oft und
oft beisammen gewesen. Später sahen wir uns etwas seltener. Er war fast scheu
gegen mich. Ich glaubte jedesmal, wenn ich ihn traf, wir hätten fast nichts
geredet, und es war mir schon neben ihm nicht recht, dass wir uns nicht noch
etwas, noch viel - ich wusste jedoch nie recht, was - zu sagen hatten. Trotzdem
gaben mir die Worte, die wir wechselten, hernach so viel zu sinnen wie sonst
kein langes Geschwätz. Ihm musste das auch so gehen, denn er wusste alle meine
Reden so genau, dass mir dabei ordentlich angst wurde. Dass wir uns gern hätten,
haben wir uns nie gesagt, das verstand sich ja von selbst. Nur der Mutter hat
Hans es verraten, als einmal auf dem Stighof über mich losgezogen wurde. Drauf
ist dann der gute Bursche zu mir gekommen - es war im Garten und abends zwischen
Feuer und Licht. Ich seh' ihn noch, wie er dastand und mir sagte, nun dürften
wir nie mehr zusammen, denn die Mutter hab' ihm aus der Übertretung dieses
Gebots eine schwere Sünde gemacht Wir dachten damals an keine Liebschaft, auch
nicht an Widerspruch. Es war, wie wenn man über einen schönen Weg geht, und nun
rollt ein Stein vom Berge herunter und trifft den fröhlichen Wanderer. Es war im
ganzen kein Zusammenhang, keine Ordnung, keine Gerechtigkeit, und doch liess sich
nach unserer Ansicht nichts daran ändern. Lange nahmen wir Abschied und weinten.
Klar aber war mir alles erst hernach, erst als der Andreas Ernst machte. Nun
erst hatte ich meinen Ärger über den schwachen Hans, der gleich nachgab. Da war
doch Andreas ein anderer Mann. Damit wollte ich mich trösten, dennoch hab' ich
Hansen weder verzeihen noch mich einmal recht über ihn ärgern können. Jetzt wär'
ich vielleicht noch glücklich verheiratet, wenn Andreas der alte geblieben wär'.
Aber sein Trotz richtete sich gegen mich, und nun hatte er bei allen Unarten
wieder die ganze Verwandtschaft auf seiner Seite, und ich nur muss daran schuld
sein. Ach, wär' doch der Vater arm geblieben, dass wir unbemerkt unseren Weg
durchs Leben gehen könnten! Dann hättest du deinen Hansjörg, und nicht so, wie
er jetzt ist, ich aber -«
    Zusel warf einen fragenden Blick auf das spielende Mädchen. »Das macht
nichts«, sagte die Mutter mit schmerzlichem Lächeln. »Hast du geglaubt, ich
würde dir etwas sagen, was sein Vater nicht hören dürfte? Was nicht unter die
Leute soll, behält man am besten ganz für sich, denn aus dem Sack ist fort. Das
hättest in deinen Jahren auch du wissen und deine ohnehin nicht ganz ebenen
Angelegenheiten nicht jedermanns Gnad' oder Ungnad' überlassen sollen.«
    »Aber, Schwester, auch andere Mädchen, wenn sie einen recht von Herzen gern
hätten -«
    »Werden schwach und unüberlegt«, fiel Angelika ein, »aber nicht so
erbärmlich wie du. Auf solche Wege treibt Liebe nicht. Sie gibt eher Kraft zum
Dulden.«
    »Was hab' ich denn getan?«
    »An der Kirchweih wär' ohne dich alles ruhig und friedlich geblieben.«
    »Jos hat unseren Vater geschimpft.«
    »Ja, als ich seine Worte gehört, ist mir zumut worden, dass ich gewiss keine
Schlägerei mehr angehetzt hätte.«
    »Der Unmut regt sich in jedem Menschen auf andere Art. Sogar beim nämlichen
ist's ungleich. Ich hab' auch schon zu lachen angefangen, wenn ich lieber
dreingeschlagen hätte.«
    »Aber warum ist denn Hans mit Doroteen so auf einmal ins Geschrei
gekommen?«
    Zusel bückte sich, um ihre Verlegenheit zu verbergen, und machte sich mit
dem spielenden Kinde zu schaffen.
    »Was hast du davon«, fuhr Angelika strenger fort, »dass nun Jos krank ist und
alle anständigen Leute ihn auf deine Rechnung hin bedauern? Er wäre vielleicht
der einzige gewesen, der dir Doroteen bald genug aus dem Wege geschafft hätte.«
Zusel sah die Schwester gross an.
    »Schäme dich«, rief diese, »nicht einmal rechnen hast du bei aller
Herzlosigkeit gelernt und sonst schon gar nichts.«
    Über des Mädchens schönes Gesicht zog etwas wie ein Lächeln, als es sagte:
»Du musst nicht ungerecht werden. Gleiches Gewicht soll man brauchen bei dem, was
man kauft und was man hergibt. Mir ist's ein Vorwurf, dass meine Neigung und ihre
Gewalt mich vielleicht zu etwas Unüberlegtem, ja zu recht Närrischem brachte,
und nun sagst du in der nämlichen Predigt, du habest Hansen seine Schwachheit
nie verzeihen können.«
    Das junge Weib errötete. Zusels Absicht, Angelika aus ihrer Strafrede und in
Verlegenheit zu bringen, war erreicht. Aber der Sieg wurde dem Mädchen bald
wieder streitig gemacht. Angelika fragte: »Hast du den Hansjörg auch schon
gesehen, seit er heimgekommen ist?«
    »Ich hörte dich sagen, jedermann hab' an seinen Dummheiten zu tragen genug;
warum denn magst du dich immer auch um so etwas noch kümmern?« fragte das
Mädchen, ohne dass es sich auch anstrengte, seinen Zorn zu verbergen.
    »Ich glaubte nicht, dass ich dir mit dem so weh tun werde«, sagte Angelika,
die über den leidenschaftlichen Ausbruch der Schwester wirklich erschrocken war.
»Wenn dir aber das schon so hart ans Leben geht, ja - dann weiss ich erst recht
nicht, wie du von so grosser Neigung zum Stighofbauern reden kannst.«
    »Um seines Geldes halber doch gewiss nicht«, antwortete Zusel
leidenschaftlich. »Der Vater hat mir genug erworben. Selbst seine Ehre wurde dem
Gewinn geopfert. Glaubst du, ich werde nun auch noch mein Glück opfern? Nein,
Angelika, so elend bin ich nicht. Aber Hansen muss ich haben. Ihn und nicht den
Stighof. Bis dahin soll Hansjörg mich gar nicht mehr sehen - der Elende, der
mich verriet und meine Briefe an den Vater verkaufte für ein Sündengeld! Ha, wie
wird's mir kalt und heiss, wenn ich mich nur vor seinen Blick denke, so elend, so
verlassen, wie der Treulose mich gemacht hat. Den ersten Burschen in der
Gemeinde will ich und lache, wenn das dann seine sanfte Schwester zur
Verzweiflung bringt.«
    Angelika, die zuerst ihre Schwester erstaunt, erschrocken ansah, gewann ihre
Ruhe in dem Grade, wie Zusel die ihre verlor. Jetzt endlich glaubte sie, klar zu
sehen und den Weg gefunden zu haben, auf dem das arme Mädchen wieder zum Frieden
mit sich und der Welt gelangen konnte. Angelika dachte nicht mehr an den strenge
rechnenden Krämer, der den Hansjörg schwerlich je als seinen Töchtermann
anerkannte. Sie hatte Mitleiden, und nur ihrem Herzen folgend, sagte sie:
»Hansjörg war ein wackerer Bursche, nur der Vater hat ihn vom rechten Wege mit
Gewalt vertrieben.«
    »Gibt's denn für dich gar keine Arbeit, als uns aufzupassen?« fragte Zusel
spitz.
    »Die tun die Basen meines Mannes für mich«, antwortete das Weib wehmütig
lächelnd. »Die tragen alles zusammen auf meine Rechnung. Was du und der Vater
tun, wird als meine unsaubere Wäsche ausgeklopft, dass ich im Staube fast
ersticken muss.«
    »Nun - und was weisst du noch mehr?«
    »Du und der Soldat, ihr steht euch noch ziemlich gleich. Ihr beide seid in
der Irre herumgelaufen, und es wäre nicht recht, wenn nun eins das andere einen
schlechten Führer hiesse, sobald ihr euch wieder sehet. Setzet den Kampf zwischen
Reichen und Armen nicht fort, begiesset nicht noch einmal mit Tränen die Sünde
des Vaters. Reicht euch lieber die Hände und machet vereint das Geschehene
wieder gut!«
    »Wo denkst du denn jetzt hin? Wir sind auf der Welt«, sagte Zusel, doch in
einem Tone, der ihre Bewegung deutlich genug verriet.
    »Schau einmal so einem Kinde recht, recht tief in die Augen!« rief Angelika
mit einem zärtlichen Blick auf das spielende Mädchen. »Tu' das - und dann sag'
mir, ob du die böse Welt mit ihren Kämpfen und Rechnungen nicht vergessen
kannst. Und dann denke dir, ob du ihm mehr wünschest als Eltern, denen
gemeinsame Liebe Kraft gibt und was sie brauchen. Dann wirst du empfinden, wie
sündlich du vorhin geredet hast.«
    Das Mädchen seufzte.
    Angelika fuhr fort: »Auf mir liegt's jetzt bleischwer wie etwas Furchtbares;
der Vater ist immer mit zu abhängigen Leuten umgegangen, um den Menschen noch zu
schätzen. Ach Gott, sie alle sind ihm nur wie sein Kram! Jetzt ist er im Fallen,
und dem Fallenden rollen die Steine von selber nach. Halbe Nächte lässt mich das
nicht schlafen, besonders wenn auch der Andreas nicht ordentlich daheim ist.
Jedes Geräusch erschreckt mich, und ich werde ganz furchtsam. Gestern am hellen
Morgen durfte ich kaum in den alten Stadel, um zu sehen, warum denn in der Nacht
dort ein Gerumpel entstand, als ob alle Heuwagen übereinander gefallen seien.«
    »Und was hast du denn gesehen?«
    »Zuerst nichts als Hansjörgs grosse Tabakspfeife, die der Seltenheit wegen
jedes Kind kennt.«
    »Und dann?«
    »Dann auf dem Heustock ganz kleine Hügelchen, die aber nicht von selbst
entstanden sein konnten. Wir haben jetzt nur noch wenig Heu dort. Ich
durchsuchte es, bevor ich die umgestürzte Holzbeige wieder aufzurichten begann,
und fand Tabak, Schiesspulver und ähnliche geschmuggelte Ware.«
    »Das also war der Geist?«
    »Ja, Mädchen, der böse Geist, der dich und den Vater nie ruhen lassen wird.
Hansjörg hat jetzt keine Freude mehr an einem ordentlichen Leben, die könntest
nur du ihm wiedergeben.«
    Zusel schien eine Minute mit sich selbst zu kämpfen, dann auf einmal sagte
sie traurig, aber entschieden: »Es ist ja alles aus!«
    »Was ist aus?«
    »Ich gehöre dem Vater, das hat der nicht verdient. Ich will die Strecke
nicht wieder zurück, die er so mühsam erklomm. Er war ein Schleichhändler, mein
Mann soll etwas Besseres sein. Wir haben mit dem Soldaten nichts mehr zu tun.«
    »Das ist zweifelhaft«, antwortete Angelika, die sich nun auch nicht mehr
beherrschen konnte. »Schon das Unrecht bindet euch an ihn, und wenn man
Hansjörgs Warenlager findet, so muss der Verdacht auf meines Mannes
Schwiegervater fallen.«
    »Richtig, das ist der Witz«, rief Zusel. »So weit geht der Mensch. Das will
ich gleich dem Vater sagen. Gute Nacht!«
    »Um Gottes willen höre!« flehte Angelika.
    »Ich habe gehört genug.«
    »Stürze den Unglücklichen nicht noch tiefer. Ich hab' nicht einmal dem Mann
etwas davon sagen dürfen. Es ist meine erste Unredlichkeit, weil ich den
schützen will und muss, dem der Vater so grosses Unrecht tat. Ich hab's,
geschworen.«
    »Und ich will Rache«, antwortete Zusel kalt und stürzte ohne Abschied zur
Türe hinaus.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                                    Im Walde
Im ersten Augenblick wollte Angelika der Rasenden nach, wollte noch unter der
Haustüre sie mit Gewalt festalten und ihr den Schwur abzwingen, dass sie nie und
nimmer dem Unglücklichen sein Gäu verraten wolle. Aber womit sollte sie das
Mädchen zu diesem Schwur zwingen, wenn selbst Mitleid und Liebe zum Vater, der
an allem die Schuld hatte, rein nichts über dieses Felsenherz vermochten? Für so
hatte sie die Zusel nicht gehalten, sonst würde sie kein Wort verraten haben.
Einen Stein, meinte sie, müsst' es erbarmen; die Zusel aber liess sich das Elend
des noch nicht vergessenen Geliebten erzählen, heuchelte noch Rührung, bis sie
alle Fäden in der Hand hatte, und eilte dann, ihn womöglich noch tiefer ins
Verderben zu bringen. Vorhin sagte sie, aus dem Sack sei fort, und nun? Sie
hätte versinken mögen vor Reue und Scham, dennoch versuchte sie nicht, sich mit
ihrer guten Absicht zu trösten. Da stand sie und konnte gar nichts tun, was
wirklich zum Frieden führen musste! Wenn sie den Soldaten warnte, so konnte auch
das wieder neue Feindschaft erregen. Angelika stand und sann und betete, bis ihr
Kind sie von neuem erschreckte. Es hatte manches von dem Mann im Stadel
aufgefasst und behalten, und sie bekam nun genug zu tun damit, ihm die Sache
recht lächerrlich und unbedeutend darzustellen und soviel Unmögliches
einzustreuen, dass, im Fall es plaudern sollte, sich der Andreas nichts mehr aus
der Sache mache.
    Zusel musste schon der Leute wegen etwas langsamer durchs Dorf hinausgehen,
als ihr anfangs lieb und ihrem Gemütszustande angemessen war. Gewaltsam mässigte
sie ihre Schritte, und das zwang sie gleichsam, auch ruhiger zu denken. Was
Angelika von einer Versöhnung mit Hansjörg sagte, tat ihr um so weher, da sie es
für unmöglich hielt. Und nun weckte Angelika noch gar mit Drohungen ihren Trotz!
Es war gut, dass sie ging, denn nie war sie so hart und kam so weit, als wenn ihr
Widerspruchsgeist die Herrschaft über ihr Herz gewann. Sobald dieser schwieg,
begann sich die Stimme des Herzens wieder zu regen. Die Worte Angelikas fingen
wieder zu wirken an, und noch ganz anders, als da Zusel, ihr gegenüberstehend,
nur auf Trotz und Verteidigung sann. Hansjörg konnte doch seine Waren daheim
nicht wohl verbergen! Wenn er hausieren wollte, so musste er damit gleich mitten
unter den Leuten sein. Vielleicht ganz zufällig hatte er unter dem Dache eines
der Ihren Sicherheit gesucht. Sollte er sie alle für Verräter halten, sie alle
verachten? »Nein«, rief das Mädchen, »mir soll er nichts vorwerfen können!«
    Sie kam mit dem Vorsatze heim, dem Vater einstweilen kein Wort von der Sache
zu sagen. Sie hielt ihn auch, als der Vater sich etwas besorgt über die
Anwesenheit eines Grenzjägers im Dorfe aussprach und dabei merken liess, dass ihm
jetzt eine Durchsuchung des Hauses nicht lieb wäre, da man sich für den Winter,
wo die Schleichwege über die Berge ganz ungangbar seien, mit manchem einrichten
müsse, was so ein Grünrock nicht zu sehen brauche.
    Am anderen Tage berichtete die Magd, auf dem Stighof sei laut die Rede
davon, der Soldat, Doroteens Bruder, werde im Winter den Knechtsdienst dort
versehen; allem nach müsse die Sache schon abgekartet sein; wenigstens Hans und
Dorotee täten so gegenüber der alten Stigerin, die sich immer noch nicht recht
darein ergeben wolle.
    »Hat Hans denn einen Narren gefressen an diesem Gesindel?« fuhr der Krämer
auf. »Was soll aus dem Tropfen werden, wenn er in Haus und Stall und Feld nicht
mehr von diesen Leuten loskommt?«
    Zusel war über den Bericht der Magd sehr erfreut. Eine Zentnerlast ward ihr
damit vom Herzen genommen. Unbefangen teilte sie dem Vater das Geheimnis mit,
welches sie belastet und ihr eine schlaflose Nacht gemacht hatte. »Es ist dem
Burschen doch zu gönnen, dass er wieder auf einen ordentlichen Platz kommt«,
schloss sie. »Er soll nicht sein Lebtag uns fluchen und alle Schuld an dem, was
er tut oder unterlässt, auf uns werfen können.«
    Zu einer anderen Zeit hätte dem Krämer diese Rede auffallen und ein scharfes
Verhör seines Kindes, das noch nie in der Art mit ihm von Hansjörg redete,
hervorrufen müssen; jetzt aber war er so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er
den Vorwurf gar nicht merkte, der für ihn in dieser Rede lag. »Schleichhändler«,
murmelte er, in der Stube herumschreitend, »erst Schwärzer und dann Knecht, erst
ein freies, bewegtes Leben, wie es dem Waghals ansteht, und nun in das Einerlei
auf dem Stighof, wo er in der Woche kaum den Schwärzertaglohn verdient bei aller
Plage. Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Gewiss, er wird nicht Hansens, er
wird Doroteens Knecht. Für sie will er arbeiten und Hansen dabei sagen, was
alles er ihm habe opfern und für ihn tun müssen. Will doch dem Trotzkopf einmal
sagen, was er da macht und - ja, das muss gehen.«
    Der Krämer sah in dem Soldaten so gut den Rächer als Angelika. Drum sollte,
musste er bei seinem Stolz und Trotz erfasst, gebunden und in eine Tiefe gezogen
werden, wo auch Zusel ihn schaudernd sah, ohne dass noch ihr Mitleid sich regte.
Der Krämer hatte seinen Plan fertig, einen in jeder Weise vorteilhaften Plan.
Tatendrang trieb ihn aus der engen Stube und liess ihn nicht mehr ruhen, obwohl
er nicht gleich ans Werk schreiten durfte. Noch nie kam es ihn so hart an, den
geeigneten Zeitpunkt ruhig abwarten zu sollen, als jetzt. Lange stand er unter
der Haustüre und sann auf eine Zerstreuung. Plötzlich schoss sein Kopf in die
Höhe. Dann verschwand er im Haus, um eine Minute später mit Hut und Stock
wiederzukommen.
    Rasch lief er hinunter zur Brücke, und eine Minute später war er auf dem
Wege, der an der grauen, vielköpfigen Fluh neben der Ach zu den Dörfern der
Sonnenseite führt. Beim Schneeschmelzen oder wenn die Ziegen im Wald ob dem
kahlen Felsen weideten, sah er von seinem Hause aus hier schon manchen Stein
herunterstürzen, der dann, auf dem eingesprengten Felsenweg zu vielen Stücken
zerschlagen, weisse Ringe in die blaue Ach graben zu wollen schien. Freilich ging
er hier auf dem Kirchweg für die guten Bauern da droben, die ihn frommgläubig
einen Glücksweg nannten, aber sein Blick blieb wie gebannt an den in den Felsen
gehauenen Kreuzen, die, geschehenes Unglück verkündend, jenes Glaubens zu
spotten schienen. Wie leicht konnte aus hundert Ursachen da droben einer der
vielen Steine sich lösen und ihn unversehen in die Ewigkeit bringen. »Ich will
beichten, nächstens, sobald ich mit Hansjörg im reinen bin, und dem steht es ja
frei, zu tun, was er will. Ich werde ihn nicht zwingen, nur reden mit ihm«, rief
er aus, immer zu den hervorhängenden Tannen aufschauend, als ob er damit den
Geist beschwichtigen wollte, welchen die Sage als Wächter für fromme Kirchgänger
da oben hausen liess. Er rief so laut, dass der Geist, wenn er auch nur mit
Menschenohren versehen war, es trotz dem Tosen der Ach hören musste. dabei lief
er immer schneller, denn zurück durfte er fast noch weniger als vorwärts, und
der Schweiss stand ihm auf der Stirn, als er endlich mit einem fröhlichen »Gott
Lob und Dank« unter dem letzten über den Weg herausragenden Felsenkopfe vorüber
war. »Wenn jetzt Hansjörg da droben gestanden wär'!« dachte er noch zitternd und
schloss die Augen; aber der Bursche stand drohend vor ihm, bis er sie wieder
öffnete und beinahe erstaunt die friedlich nebeneinander stehenden Häuser vor
ihm sah, umkränzt vom herbstlich buntfarbigen Wald unter dem Felsen, der die
wunderbar blaue Decke des Himmels zu tragen schien. Alles war so friedlich und
still, dass er sich seine Aufregung nicht mehr zu erklären vermochte.
»Schrecklich«, hauchte er, »wär' so ein Tod ohne Feuer und Licht freilich, aber
wenn man nun so krank daheim liegt und die Sterbkerzen sind schon gerichtet und
man hat der Magd schon Befehl gegeben, die Immen, wenn er in den letzten Zügen
liegt, auf einen anderen Platz zu stellen, dass sie nicht auch mit dem Herren und
Hausvater sterben ... man könnte gleich krank werden vor Angst, wenn man sich's
denkt, und kommen tut's halt doch und bald, wenn man schon so alt ist wie ich.
Kräftig bin ich wohl noch, aber das ist wie dieser schöne Herbsttag. Er macht
nur die Blätter gelb und treibt nichts mehr als Zeitlosen. Auch die fehlen
meinem Kopfe nicht. Ja, bald ist's aus, und was sagen sie dann, und was machen
sie mit dem, was ich erschwjetzt und ersprungen hab'? Ich muss mir's gefallen
lassen und kann nichts mehr machen.« Wäre dem Mütterlein, welches dort in dem
schattigen Schöpfe seines Häuschens sass und spann, zumute gewesen wie dem
Krämer, es hätte gleich zu beten angefangen um ein seliges Sterben und eine
glückliche Ewigkeit. Aber das Weiblein hatte ganz andere Gedanken, als es den
Krämer kommen sah, der ihr schon lange mit Versteigerung seines schönen Waldes
da droben ob dem Dorfe gedroht hatte. Ihm war es gewiss, der harte Mann komme
nur, um sein Gutaben zum letzten Male zu fordern, und es hatte nicht ganz
unrecht, denn wirklich trieb ihn nur das da herauf. Den schönen Wald wünschte er
lange zu kaufen, und nun sollte das seine Kurzweil werden. Aber an der Fluh
drunten war ihm ein ganz anderer Kopf gewachsen. Nein, alle Welt sollte sich
nicht freuen über seinen Tod wie die Ameisen da neben dem Wege, die sich eben an
eine überfahrene Eidechse machten. Er machte der Witwe entgegen ein so
freundliches Gesicht, als ihm nur möglich war, und als er sah, dass sie ihn
anreden wolle, sagte er: »Weiss alles, wenn du nur einen Zins gibst. Verkauf' nur
eine einzige Tanne, das wird mehr als reichen. Ich brauche Holz und will mir
gleich da droben einen Stamm aussuchen.« Der gerührte Dank der Witwe tat ihm
weh, und furchtbar brannten die Freudentränen, die sie weinte, seine Seele. Er
hatte doch nur getan, was recht und billig war, und daraus machte man soviel
Wesens. Gab's ein schärferes, vernichtenderes Urteil über sein bisheriges Leben
und Wirken? Dieser Dank, weil er einer armen Witwe den einzigen Besitz nicht um
ein Sündengeld abdrückte, sobald er sie in der Hand hatte!
    Ohne Abschied ging er weg und bog, ohne noch auf den Weg zu achten, sogleich
aus dem Dörfchen gegen die Halde, die, in frischem Grün prangend, der liebste
Weideplatz der jetzt frei auf den Feldern sich herumtreibenden Kühe und Ziegen
geworden war, da in der Ebene unten neben den dritten Grasstoppeln des Jahrgangs
nicht viel Grünes mehr gefunden werden konnte. Dem Krämer wurde ganz wunderbar
zumute mitten in dem Schellenläuten dieser friedlichen Tiere. Sie liessen sich
gehen, neideten sich nicht, und der Mann begann sich vor ihren fragenden Blicken
beinahe zu fürchten. Er lief so rasch aufwärts, dass er sich, als er ob den
Weideplatz kam, ermüdet auf einen bemoosten Stein setzte. Hier nun konnte er
ungesehen verschnaufen und sich das Schellengeklingel wieder aus den Ohren
kommen lassen.
    Schon früher, er konnte sich noch ganz gut erinnern, wann und unter welchen
Verhältnissen, war er mehrere Male hier gesessen auf dem nämlichen Steine und
hatte so von oben hinausgeschaut über die Häuserreihen rechts und links neben
den beiden Ufern der Ach, deren Tosen hier kaum noch gehört wurde. Dort unten
wohnte keiner, mit dem er, der einzige Krämer seit Jahren, der alles im Dorfe
kaufte und verkaufte, noch nichts zu tun gehabt hatte. Sonst, wenn er hier sass,
musste er lächeln über die guten Tröpfe da drunten, für deren Vorsehung er sich
selbst, die Herren im Pfarrhof und einige alte Basen und Pflastersibyllen hielt.
Und noch war ja alles beim alten. Noch arbeiteten und verbrauchten sie alle für
ihn, und doch wollte und wollte jenes Lächeln, jenes behagliche Gefühl nicht
mehr kommen! Dort drüben im entlegensten Winkel der Gemeinde, in der Gruben,
stand das schlechte Hüttchen des armen Holzhackers. Grad' erst am letzten
Sonntag hatte der für den hart verdienten Wochenlohn seiner Herzallerliebsten
einen silbernen Rosenkranz gekauft und sich dabei von ihm übertölpeln lassen.
Aber - mochte das Silber des Geschenkes auch falsch sein, die Liebe des
opferwilligen Burschen, der nicht einen Kreuzer mehr herunter marktete am hohen
Preise, die war gewiss echt, und das hatte wohl den höchsten Wert auf dieser
Welt, wo es soviel Unechtes, Falsches gibt. Vielleicht machte die beiden echte
Liebe glücklicher als echtes Silber!
    Es erfasste den Mann eine Art Heimweh, als er so viele zum Teil recht
ärmliche Häuser überschaute, in denen er friedliche, guterzige, gläubige und
glückliche Leute wusste, denen höchstens einige Taler fehlten und - denen kein
Mensch auf der weiten Gotteswelt im Wege war. Und er, der sich so plagte, ihnen
auf den Köpfen herumtrampeln zu können, was hatte er bei seinem scheinbaren
Erfolge bisher davon, und was dann, wenn er neben so einem auf dem Friedhofe
lag? Einmal war das so, vielleicht schon bald -
    »Und dann?«
    »Auf, fort!«
    Der Krämer dachte nicht mehr an den Zins, welchen er sich im Walde der armen
Witwe hatte suchen wollen, wie viele Tannen da auch über ihn in das tiefe Blau
des wolkenlosen Himmels hineinragten. Hier hörte er nichts mehr vom
Schellengeläute der Kühe, die drunten an der Halde weideten. Aber auch das
Brummen der von einem leisen Lüftchen geschüttelten Wipfel erschreckte ihn.
Zwischen diesen jahrhundertealten Stämmen kam er sich recht klein vor. Auch hier
war Friede. Es wurde ihm unheimlich im grünen Halbdunkel. Lange suchte er nach
einer offenen Stelle, wo die Sonne hereinschien, um sich abermals zu setzen.
Dumpf und unsicher hörte er einige Axtiebe fallen. »Ich möchte kein Holzhacker
sein - und doch wollt' ich, dass ich einer sein könnte«, sagte er, mit seinem
Stock an den Stamm einer Tanne schlagend, dass er selbst über das Geräusch und
den eigentümlichen Nachhall weit im Walde erschrak. Als Knabe war er so gern im
stillen Wald, und dieser Nachhall machte ihm Spass. Wie wohl ward ihm damals,
wenn er etwas tat, selbst, eigenhändig auf der Welt etwas anders machte, als es
war. Und jetzt, in der kurzen Zeit seit damals schon so starr, so - nein! Er war
doch noch nicht gar so alt, war noch ziemlich rüstig, konnte doch auch noch
etwas tun, um sich aus dem Gedankenspinngewebe zu reissen, wenn er sich recht
ermannte. Früher schlug er nur so drein, dass es Fetzen hagelte ringsum, wenn ihm
etwas überzwerch in den Kopf kam.
    »Wollen doch sehen, was er noch kann!« rief er aufspringend, grub mit der
Hand einen Stein von ziemlicher Grösse los, und bald stürzte derselbe
funkensprühend im Halbdunkel über den felsigen Abhang in die Tiefe.
    »Halt, Freund!« rief eine Stimme, über welche der Krämer fast zum Sterben
erschrak.
    Zwischen zwei jungen Tannbüscheln erschien eine Gestalt, eine grosse
männliche - der Hansjörg in seinen besseren Bauernkleidern.
    Noch vor zwei Stunden war der Krämer gewillt, diesen Menschen so schnell als
möglich aufzusuchen und ein vertrautes Wort, ein wichtiges, mit ihm zu reden.
Jetzt aber wollte er ja gar nichts als hier sein und allein. »Was willst denn du
da?« fragte er etwas rauh.
    Hansjörg kletterte am Felsenkopf herauf wie eine Waldkatze, ohne darauf zu
achten, dass er's nur wenige Schritte weiter rechts oder links viel bequemer
gehabt hätte. Erst als er hart neben dem Krämer stand, antwortete er: »Was ich
wolle? Nun, wenigstens nicht ruhig warten, bis mir ein Stein an den
Verstandskasten springt und zu den sieben Löchern, durch die schon zu viel
heraus und hinein kommt, noch das achte schlägt. Stein und Bein passt denn doch
wohl nicht überall so gut aufeinander als in den hochweisen Reden der alten
Stigerin.«
    »Was tust du denn da unten?«
    »Jetzt natürlich nichts mehr.«
    »Du bist also fertig?«
    »Das liesse sich mit einem einzigen Worte beantworten, nicht wahr?«
    »Kommst wohl wieder aus dem Bayrischen?«
    »Ursprünglich von daheim wie die Kinder.«
    »Aber heut?«
    »So nach und nach«, antwortete Hansjörg lachend, »könnte man noch von viel
Dümmeren manches erfahren. Gewiss hast du aber nichts bei dir, dass man etwa von
Gemeinde wegen antworten muss.«
    Das war aber dem Krämer denn doch selbst in seiner heutigen Stimmung zuviel.
»Wenn du einmal dem Gemeindediener in die Hände kommst, wirst du es schon
merken. Es gibt aber noch ganz andere Kerle mit Haar auf den Zähnen, die dich in
unliebsamer Weise zum Reden zwingen könnten.«
    »Dann«, spottete Hansjörg, »müssen's freilich andere sein als der, welcher
hier ist.«
    »Weisst du, Bürschchen, dass gestern und heut ein Grenzjäger bei der
Kronenwirtin ist?«
    »Das heisst bei ihrer Bierpfanne. Solang er dort ist, ist er nicht hier.«
    »Nur ein Wort von mir zu diesem, und -«
    »Und eins von der Wirtin sind zwei.«
    »Eins ist genug.«
    »Dann will es der Grenzjäger - ich kenn' ihn ganz gut - gewiss lieber von der
Wirtin, wenn sie auch schon ein bisschen alt ist.«
    »Nur deinetwegen«, rief der Krämer, »wird er den Eid nicht brechen wollen.
Ich gelte etwas beim Amt. Noch nie hat es gegen mich gesprochen, und wenn ich
will, kann ich ihn noch heut zu einer Hausdurchsuchung treiben.«
    »Der würde Augen machen drüben am Argenstein und suchen.«
    »Die Sach' ist nicht halb so spassig. Mein Töchtermann, der Andreas, will
deinen schlechten Kram nicht mehr länger unter seinem Dach.«
    Hansjörg wechselte die Farbe, doch schon einen Augenblick später sagte er
gefasst: »Das ist mehr als ein Wort, und zudem nicht von dir.«
    Der Krämer biss sich auf die Lippen. Er hatte schon zuviel gesagt, denn wenn
er den Burschen nun nicht gleich fing, so konnte er ihm wieder ganz entrinnen.
Da mussten schon andere Saiten aufgezogen werden. »Andreas«, sagte er gemütlich,
»ist eigentlich ein guter Löffel und tut fast immer, was ich will.«
    »Und du«, lachte der Bursche, »musst einstweilen, was ich will, dann hab' ich
also dich und den Andreas, zwei Fliegen mit einem Schlag, oder ist eins noch gar
ein Hummel?«
    Der Krämer sah den Soldaten erstaunt, erschrocken, fragend an. Er sah dessen
Auge wild aufblitzen, als er nach kurzem Schweigen, welches dem verlegenen Mann
wohl Zeit zu einer Frage lassen sollte, erklärend fortfuhr: »Wer kann, der tut,
was sein Vorteil ist, und macht nicht viel Federlesens, hast du einmal gesagt.
Nun gut, heut' bin ich der Stärkere. Krämer, ich kann! -«
    »So«, sagte der Erbleichende mit vor ohnmächtiger Wut bebender Stimme, »du
schleichst also in Wäldern und Tobeln umher, eins dann plötzlich wie ein
Strassenräuber zu überfallen!«
    Hansjörg stellte sich hart vor den Krämer, der an allen Gliedern bebte.
Stolz und wunderbar gross stand der Bursche da. Seine Wangen glühten, seine Augen
blitzten, sein glühender Atem traf die mit kaltem Schweiss belegte Stirn, und
seine kräftigen Hände erfassten die Schultern des in sich Zusammensinkenden,
während er mit donnernder Stimme rief: »Du elender Wicht! Schau, ich möchte dich
zerreissen, und ich wär's imstand. Vernichten könnt' ich dich, zertreten, dass man
nichts mehr säh' als einen unsauberen Platz, wo gewiss nie mehr Gras wachsen, nie
mehr ein noch so müde gehetztes Tierlein ruhen tat. Du bist mir aber zu
erbärmlich. Ich will nicht dein Richter sein, denn es gibt einen, der noch viel
mehr weiss. Nur zeigen will ich dir, wie elend du bist, wenn du einmal aus deiner
zusammengeschacherten Herrlichkeit herauskommst in gesunde Luft. Dir spricht
nichts für als dein Alter, und das ist nicht ehrwürdig. Aber fürchten musst du
dich nicht vor mir. Hier unter heiterem Himmel übergeb' ich dich dem
Strafgericht des furchtbaren dreieinigen Gottes! Es gab wohl Tage, Wochen,
Jahre, wo ich uns so zusammen daher wünschte mit verflucht heissem Wunsch,
brünstiger, als ich jemals ein Gebet zum Himmel schickte. Auf ganz andere Weis'
noch hätt' ich dir den Meister zeigen wollen. Jetzt aber ist's mir genug so, und
ich mag das Kreidemännchen nicht wegwischen. Seine Kraft steckt ja doch nur im
Schimmel, der sich daheim um seine Taler legt.«
    Dem Krämer war es, als ob der Boden unter ihm wanke. Vernichtet sank er
zusammen. Hätte er die Kraft seines Gegners gehabt, es wäre ein furchtbarer
Kampf entstanden und hätte wenigstens einen von ihnen nicht mehr lebendig vom
Platze gelassen. Begann es doch jetzt zuweilen in seinen Armen zu zucken und zog
ihn fast mit Gewalt vom Boden auf, aber, jedesmal noch schwächer, sank er
zwischen die halbverdorrten Waldgrashalme zurück. Wohl sah ihn niemand als
Hansjörg, aber ihm war, ob der Wald, ob jeder Stamm, jeder Grashalm Augen und
Ohren bekommen hätte. Die welken Blätter schienen sich kichernd etwas
zuzuflüstern, die ernsten Tannen schüttelten brummend die bebarteten Äste, und
die Vögel ob den Wipfeln erzählten sich etwas und flogen wieder weg. Oh, wenn
auch er hätte fliegen können bis - ja, wo hätte er denn gleich etwas gegen den
Menschen tun und sich beruhigen können? Jetzt empfand es der Krämer so
schmerzlich wie noch nie, dass seine Kraft wirklich nur in seinen Talern liege.
Es war ihm das kein neuer Gedanke, aber sonst hatte er ihn stark, tätig gemacht,
heute schien er ihn vernichten zu wollen.
    »Ich bin sonst ein guter Kerl«, begann Hansjörg nach langem Schweigen
beinahe mitleidig. »Nur dein böses Gewissen hat dich niedergedonnert. Ich wäre
ganz ruhig da drunten geblieben, bis die Nacht mich und meinen letzten
verbotenen Pack bedeckt hätte.«
    »Den letzten?« fragte der Krämer lauernd.
    »Ich will ein ordentlicher Mensch werden.«
    »Du gehst auf den Stighof. Ist das klug?«
    »Nein, zum Bauernknecht pass ich wohl trotz der Kraft nicht.«
    »Das glaub' ich auch«, sagte der Krämer, dem allmählich wieder etwas
leichter wurde.
    »Aber«, sagte Hansjörg, »wohin wär' ich besser? Und hineinleben kann man
sich in alles. Hab' ich mich doch sogar ans Kasernenleben gewöhnen können, so
dass mir selten etwas den gottgesegneten Appetit verdarb. Der schlimmste Tag war
der, wo ich dir von Zusels Briefen schrieb. Ich hatte ein Viertelhundert Prügel
überkommen, weil ich einem erstickten Studenten, dem sein Vater dann eine hohe
Stelle kaufte, nicht viel mehr Buckerle machte, als er verdiente. Herrgott, und
daheim sassen sie behaglich und verhandelten Menschen und Waren! Die Zusel
schrieb auch seit Monaten nicht mehr. Alles schien aus, und ich sass ohne Geld im
Arrest und hatte keine Aussicht mehr auf die schon täglich erwartete
Beförderung. Da schrieb ich in der Wut an dich wie ein dummer Junge, der
abgetragener Butter auch das Brot nachwirft. Dein Geld hat mich gar nicht
gefreut. Einige Freunde haben's vertrunken an einem Tag. Ich hab' nicht einmal
helfen mögen und habe geweint die hellen Tropfen. Mir war's, als ob ich lachende
Erben das Liebste meines liebsten Freundes verzechen sähe.« Wider Willen musste
der Krämer sich das Bild, das Hansjörg da brachte, recht lebhaft ausmalen. Ja,
lachende Erben - das machte den Schluss. Aber Susanne war dazu zu weichherzig.
Jetzt wurde sein Trost, was ihm sonst immer im Wege war. Ja, die Zusel war ein
gutes Kind. An die wollte, musste er sich halten, die noch glücklich machen. Es
ging leicht, wenn sie nur diesen Burschen aus dem Sinn schlagen konnte. Das aber
schien ihm nie schwerer als jetzt, wo er ihn, wenn auch zähneknirschend, achten
musste.
    Den Kopf auf den im Moose ruhenden Arm gestützt, sass der Krämer sinnend,
heimlich Rache brütend, neben dem Burschen, der sich nach der Aufregung immer
mehr in liebe Erinnerungen verlor. »Ach Gott«, rief er aus, »wie hab' ich's dumm
und schlecht gemacht, dass mich das gute Mädchen mein Lebtag drum ansehen muss,
wenn es auch sein Herz nicht mehr so schwer traf, wenn auch die Lieb' vergangen
war neben dir wie die Blumen unter Schnee! Schuld bist nur du, alter Sünder, dass
ich so tief, tief herabkam.«
    Jetzt hatte der Krämer einen Ableiter gefunden. Trotzig richtete er sich auf
und sagte: »Wer das Herz hat zu solchem Streich, soll nur sich selbst bei der
Nase nehmen. Wurde von mir ein liebendes Herz verraten für so niederen Preis?«
    Der Krämer hatte wirklich das Gefühl, für seine Zusel einzustehen. Das gab
ihm wieder Mut und machte ihn hart und fest, wieder ganz zum alten. Seine
Klugheit hatte des Burschen Schwäche heraus und suchte gleich etwas damit zu
machen. Nur einen Handel, bei dem er selbst mehr wagte als sein Gegner. »Zu
geschehenen Dingen«, meinte er, »muss man das Beste reden; wichtiger für uns drei
- ich meine Zusel auch - ist die Zukunft.«
    »Die hast du mir zerstört.«
    »Es ist grell in dein Leben eingegriffen worden, aber nur für Stighansen.
Das weiss der und wird noch etwas gutmachen wollen. Meinen tut er es wohl gut,
aber mir kommt's vor, ob da einer dem anderen die Handschuhe leihen tat zu
Strümpfen. Ich möchte dir besser helfen, da ich auch etwas gutzumachen habe.«
Mit diesen Worten leitete der Krämer ein langes und breites über die Eigenheiten
der geld- und namensstolzen Stigerin ein, neben der ein tüchtiger Bursche kaum
auszuhalten vermöchte, wenn er noch viel mehr eine Knechtsnatur hätte, als das
an Hansjörg zu bemerken sei. Der Krämer wurde um so eifriger, weil er nicht bloss
den anderen, sondern auch sich selbst überzeugen wollte, dass er es nur gut
meine. »Arbeite du wieder für mich - für uns«, schloss er eine lange Abhandlung,
»und du sollst nicht mehr an der Klage sein.«
    »Nein«, antwortete Hansjörg entschieden, »lieber mich noch einmal verkaufen
lassen und für immer. Im Stüble neben dem Laden - das hab' ich verschworen -
soll mich kein Mensch wieder sehen, wenn ich so alt werde wie die Sünde.«
    »Ist mir lieb zu hören«, lächelte der Krämer. »Kein Mensch weiss, was es
wieder gäb', wenn du und das Blitzmädel unter einem Dache lebten.«
    Die Wangen des Burschen röteten sich. Er sah Zusels Vater erstaunt an und
fragte mit unsicherer Stimme: »Was soll ich machen?«
    »Daheim für mich arbeiten.«
    »Um ein hübsches Vermögen tat ich nicht mehr immer sitzen.«
    »Nicht nötig; du sollst genug Bewegung haben.«
    »Was hättest du denn im Kopf?«
    »Bleib, was du bist, ein Schwärzer, und mach' mit mir gemeine Sache«, sagte
der Krämer. »In meinem Laden kommt alles am besten fort. Auch brauchst du dann
mich so wenig zu fürchten, als unsereiner das Amt zu fürchten hat. Du bist
sicher, an Betriebskapital und Lohn soll's nicht fehlen, und du musst nichts als
das klug gewählte Warenlager teilen mit einem, der dir ein mächtiger Freund
werden kann. Dass dann die bisherige Feindschaft ein End' hat, ist auch noch
etwas wert.«
    »Knecht«, stotterte Hansjörg nach einer Weile, »wär' ich freilich nicht
gern, und wir könnten immer wieder aufhören -«
    »Allerdings, wir binden uns gegenseitig und machen uns gegenseitig frei. Du
müsstest nicht einmal nur mir als Schwärzer dienen; doch als Soldat und sonst
wird es gut sein, wenn wir jedes Aufsehen vermeiden. Es wär' sogar gut, wenn du
zum Schein ein wenig mit der Nadel arbeiten tätest. Zu verdienen brauchst du
nicht viel.«
    »Und wenn man mich fängt?«
    »Ich werde dir helfen auf jede Art, wenn du mich nicht angibst. Aber lass
immer die Ware lieber fangen als dich. Ich weiss, dass Zusel viel lieber einmal
die paar Taler weniger erben will.«
    Dieser Schluss wirkte mehr als alles andere. Bald waren sie handelseins und
reichten sich die Hände.
    »Morgen kannst du etwas Geld haben«, rief der Krämer schon im Gehen. Jetzt
war er in der besten Stimmung. Die Todesgedanken kamen nicht mehr; trotzdem aber
suchte er einen Alpweg, der über die Fluh hinaus und neben dem Liggstein gerade
zur Kirche hinunterführte, um den gefährlichen Weg unter dem Felsen neben der
Ach zu vermeiden. Vorzuwerfen übrigens hatte er sich nichts mehr. Hintergedanken
hatte Hansjörg so gut als er, und mancher wohl wäre nicht imstande gewesen, so
einem Grobian auch nur zum Scheine die Hand zu geben. Das war also überstanden,
und in Zukunft wollte er denn doch etwas gewissenhafter vorgehen, besonders wenn
einmal Zusel Stigbäuerin war.
    Hansjörg kletterte mit tausend neuen Plänen und Hoffnungen zu seiner Ware,
um da das Dunkel der Nacht zu erwarten. Am Tage darauf, es war ein Sonntag,
predigte der Kaplan von den Pflichten der Arbeitgeber und Dienstboten, besonders
von jungen Mädchen, die einer teuflischen, unvernünftigen Berechnung ihre Ehre
und Tugend opferten. Der Prediger wollte nichts Verächtlicheres kennen, als wenn
so ein magerer, blonder, blauäugiger Brocken so einer fetten Maus in die Falle
gelegt werde.
    Nach dem beinahe endlosen Vortrage sagte der Krämer ziemlich laut: »Man
hätte Doroteens schmutzige Wäsche doch nicht so auf die Kanzel bringen sollen.«
Diese zarte Andeutung wäre nicht mehr nötig gewesen, da ohnehin schon fast alles
nur an die Magd auf dem Stighofe dachte.
 
                              Sechzehntes Kapitel
                      Das Echo der Predigt auf dem Stighof
Wie es Büchlein gibt, über die wieder viele und grossmächtige Bände geschrieben
werden, so gibt es im Bregenzerwalde Predigten, über die und denen nach gleich
wieder in allen Ecken gepredigt wird, wenn sie auch nicht halb so lang und
»kräftig« sind wie die, welche der Kaplan diesmal gehalten hatte. Wie eine
Lawine fuhr sie durchs Dorf. Einige meinten, man hätte auch von dem und diesem
reden können, und fingen dann andere durchzuhecheln an. Eins war man nur noch
darüber, dass es mit Doroteen ein wahres Elend sein müsse. Auf den Stighof
brachte der Kanzelvortrag kaum grössere Aufregung als in andere Häuser, wo Eltern
ihren Kindern zusprachen, sich das zum Spiegel zu nehmen. Aber zwei oder beinahe
drei kleine Predigten wurden aus der grossen doch auch gemacht. Eine war für
Hansen ganz allein, und es wurde daher von der Stigerin, bevor sie begann, die
Stubentüre sorgfältig verriegelt. »Heut unter dem Gottesdienst«, sagte sie,
jedes Wort scharf betonend, »ist's mir geworden, als ob nun Sterben für mich das
nächste und wohl auch bei weitem das allerbeste sei.«
    »Ich hab's ja gesagt, du solltest lieber in Gottes Namen daheim bleiben und
eine gute Meinung machen«, sagte Hans und fuhr dann, als die Mutter den Kopf
schüttelte, wehmütig fort: »Du bist nun einmal nicht mehr für die grelle
Herbstluft genatürt und solltest dich um Gottes willen mehr schonen.«
    »Schonen!« wiederholte die Stigerin bitter. »Schone nur du mich, wenn ich
wieder eine frohe Stund' haben soll. Aber ja, du hast mich schonen wollen! Ich
sollte nicht merken, was schon die ganze Gemeinde gemerkt hat, und das macht mir
so Kummer und liegt wie ein Berg auf dem Herzen. Wenn ich einmal auf Doroteen
zu reden kam und auf das, was mir schon seit einigen Wochen fast jedes Lüftlein
zuwehte, ja, da tatest du, ob du nicht fünfe zählen könntest. Ich hab' dich zu
dumm gehalten zur Verstellung und zu gut und blieb ruhig, bis ich mich nun von
jeder Obst-und Besenhändlerin für die Überlistete, die blinde Affenmutter
ansehen lassen muss.«
    »Und warum denn das?« fragte Hans, der noch immer nicht recht wusste, wovon
denn eigentlich die Rede sei.
    »Wegen der Dorotee, Matisles Dorotee, unserer Magd, wenn du sie kennst.«
    Hans erschrak, aber nicht weil er nun an die zum grössten Teil verschlafene
Predigt dachte, sondern weil er glaubte, dass es sich um das Verhältnis des
Knechtes mit der Magd handeln werde. Die Mutter war ein wenig stolz und hielt
viel auf die Ehre ihrer Verwandtschaft, besonders aber ihres Hauses. Es konnte
ihr wohl nicht gleichgültig sein, wenn das Mädchen offenbar dem Knechte vor ihm
den Vorzug gab.
    Die Stigerin hatte natürlich für seine Verlegenheit eine andere Auslegung,
und unwillig fuhr sie ihn an: »Jetzt stehst du da wie das Schaf am Hag, und alle
Verstellung ist aus. Ach Gott, wie einfältig und dabei doch so schlecht!«
    »Mit wem bist du heut aus der Kirche?«
    »Geht dich nichts an; was ich weiss, hätt' ich von jedem hören können.«
    Hans wusste nicht, was er denken sollte von »jedem« und vom Kopfschmerz, über
den die Mutter in den letzten Tagen immer geklagt hatte. »Wir wollen lieber von
anderem reden«, sagte er. »Derlei Geschwätz macht mir und dir wohl mehr Kopfweh,
als es eigentlich wert ist. Ich hab' selbst genug zu verwinden, wenn man mir
auch nicht noch schwer macht, und ich glaube, dass das ganz nur meine Sache,
daher auch nur meine Sorge sei.«
    »Das glaub' ich aber nicht!« erwiderte die Mutter heftig. »Wie hab' ich mir
es doch sauer gemacht alle Tage, hab' sogar die grössten Löcher in meine Nächte
hineingebrannt, um nur den Hof und das Anwesen gehörig im Stande zu erhalten,
bis du gewachsen sein würdest. Und nun steht der Lümmel lang und breit da wie
ein Klosterkoch, und sogar sein Schweigen bestätigt, was ich Närrin sonst nie
habe glauben wollen, nämlich den Spruch: Kleine Kinder kleines Kreuz, grosse
Kinder grosses Kreuz. Hätte ich gewusst, wie es gehen werde, dann wäre es gewiss
nie so gegangen. Aber wem wär's eingefallen, dass Dorotee auf die Art uns danken
werde.«
    Durch diese Worte glaubte Hans seine Vermutung nur zu sehr bestätigt zu
hören. Undank aber durfte er denn doch dem Mädchen nicht vorwerfen lassen.
»Mutter«, begann er etwas schüchtern, »wenn's auch für uns nicht ehrenhaft ist
und besonders mir weh tut, dass sie mich nicht will, so -«
    »Eben will sie dich fangen, du Tropf. Wenn sie sich gar noch ziert, so wird
sie dich halt schon am Faden haben, aber noch fester machen wollen. Du steckst
schon drin, dass du mich von Herzen gern ein wenig zu dir sehen lassen solltest;
aber statt dem will man mich gar nicht einmal mehr in die Kirche lassen, seit
auf allen Gassen von dem sauberen Pärlein geredet wird.«
    »Von welchem Pärlein?«
    »Jetzt steht er wieder da wie der Gottverlassmichnicht. Von wem denn als dir
und der Magd? Hat es je so einen Tropfen gegeben, wie du einer bist, seit man
warm kocht und doch wenigstens mit dreissig Jahren ein bisschen etwas in den
Verstandskasten bekommt? Ich aber soll meine Gesundheit schonen, mich in acht
nehmen vor der Herbstluft, um doch noch jahrelang die Herrlichkeit mitansehen zu
können neben dem alten Matisle. Tat mir auch not! Schon lang hätt' ich sterben
sollen, schon da, wo ich Doroteen, die Hexe, in -«
    »Jetzt das ist denn aber doch zu arg!« konnte Hans endlich einfallen, als
die Stigerin, noch nach mehr ähnlichen Ausdrücken suchend, einen Augenblick
innehielt. »Mir tät es Freud' machen, wenn sie mich so gern hätt', als man
sagt.«
    »Dein Geld nur hätt' sie gern, dich, wie du bist, tät keine gern haben.«
    »Dann will ich mich vor den Reichen in acht nehmen, die brauchen mein Geld
nicht, geradeso wenig als ich das ihre. Überhaupt heiratet jeder für sich, drum
soll man es ihm überlassen. Mir kommt es ungemein gross und wichtig vor, sich auf
sein Lebtag an ein Weibsbild zu binden. Ich mein', das muss so aus einem
herauswachsen; aber wenn man den gesäten Erdäpfeln oder Rüben jeden Tag
nachgräbt, wächst gar nichts. Das war grad' auch so ein Gezisch und Getue bei
verschlossenen Türen, bis man die gute Angelika dem Andreas verkuppelt hatte,
und nun -?«
    »Die geht mich nichts an, und ich weiss nicht, warum du noch mit der alten
Geschichte kommst.«
    »Wer daran keine Schuld hat, kann um so leichter und ohne Gewissensplag'
eine gute Lehre daraus nehmen. Es wär' für beide Teile besser gewesen, sie
hätten sich gar nie gesehen. Er mag nun einmal nicht mit ihr gehen, drum kommt
er gerade dann am meisten auf den Abweg, wenn sie auf dem rechten ist. Warum bin
nicht ich an sie verkuppelt worden? Dann hätt' ich jetzt den Batzen schon
gegolten. Zusel hat auch keinen besseren Vater als sie, denn der Krämer ist
seitdem noch kein Heiliger worden.«
    »Und sonst natürlich ist nur noch die Magd für dich im Dorf und auf der
Welt.«
    »Man redet also von uns beiden?« fragte Hans lächelnd.
    »Eben.«
    »Und tadelt uns?«
    »Wenigstens dich. Dass sie dich gern hätt', ist etwas, das man sich einbilden
kann. Sie ist ja nicht einmal hübsch mit dem blassen Gesicht, den grossen
Betschwesteraugen und dem fuchsigen Haar.«
    »Hübscher freilich wär' Angelika gewesen.«
    »Und Zusel gleicht ihr, ohne das Alter, wie ein Ei dem anderen.«
    »Auch sie ist hübsch. Wenn ihr Blick eins trifft, wenn sie einem zulächelt
und dann den Mund wieder so stolz und trotzig spitzt und das Näschen aufwirft,
meint man schon -«
    »Was meint man?«
    »Man müsse rasend werden, dass so ein - ja noch ein herrlicheres und vor
allem besseres Wesen so elend verschachert werden konnte. Ja, Mutter, damals war
ich ein Tropf, sonst wär's anders gegangen.«
    »Lassen wir das Alte, solang wir am Jetzigen so genug haben. Die Magd soll
noch heut' aus dem Haus, denn nach dieser Predigt will ich euch nicht mehr unter
einem Dache wissen, solang ihr beide ledig seid.«
    »Dann«, sagte Hans entschlossen, »dann muss ich gleich fragen, ob sie mich
nicht heiraten möchte.«
    »Möchte!« schrie die Stigerin, mit dem Fusse stampfend, »möchtest du sie?«
    »Sobald sie sonst nicht mehr bei uns und alles im alten bleiben kann.«
    »Das geht nicht mehr, denn sie ist mit dir nun und du bist wegen ihr in ein
greuliches Geschrei gekommen. Ich glaub' selbst nicht alles, nicht das Halbe -
aber ...«
    »Und ich geb' jetzt schon gar nicht mehr nach. Nachgeben hiesse alles
bestätigen und alles auf sie werfen. Mutter, was würde dein Herrgott sagen? Er
nimmt es sonst in Kleinigkeiten so genau, dass man glauben sollte, du dürftest
ihm gar nicht mit so etwas kommen, denn das ist grundschlecht und schändlich. Da
kommt das Mädchen in unser Haus als kleines Kind, noch unverderbt, ein Engel,
wenn es gestorben wär'. Von dir nur ist es erzogen worden, denn das Matisle
hast du nicht bei ihr und sie kaum einmal bei ihm gelitten. Doroteen haben wir
auf dem Gewissen und alle bösen Reden und alles, was sie jetzt aus unserem Hause
mitnehmen müsste. Wär' sie schlecht, so hätten wir die Schuld und dürften sie
nicht fortschicken; wir müssten nicht verschlimmern, sondern gutmachen auf jede
Art und um jeden Preis. Das darf ein hilfloses Mädchen erwarten, wenn einmal die
vom Stighof sich seiner angenommen haben. Wer A sagt, muss auch B sagen.« Hätte
sich Hans eine Woche lang auf diese Rede vorbereitet, es wäre nicht besser, ja
weniger gut gegangen, als da er ganz nur dem Herzen folgte. Dass er das tat,
bewiesen die grossen Tropfen, die er sich dabei verstohlen aus den Augen wischte.
Er hätte sich nicht schämen müssen, und vor der Mutter schon gar nicht, denn
diese war selbst gerührt und sagte mit kaum noch erzwungener Strenge: »Wie man
sich jetzt regen kann, und sonst tut man wie gefroren. Wer soviel weiss, der
sollte über so was gar nicht reden mögen. Geh nur und mach' einstweilen, wie du
willst, es wär' da doch alles Widersprechen umsonst.«
    »Ich will lieber eigenköpfig heissen, als wenn ich selber mich für schlecht
halten müsste«, brummte Hans, während er die von der Mutter geschlossene
Stubentür öffnete und ging.
    Jetzt war die Stigerin mit sich selber weit weniger zufrieden als mit ihrem
Sohne, der seine Sache nun einmal gar nicht schlecht gemacht hatte. Ganz uneben
war nicht, was er sagte, doch ein Ausweg durfte gesucht und womöglich benützt
werden. Wenn auch Jos das Mädchen gern hätte? Und fast war es gewesen, ob Hans
das selber fürchte. Da wär' etwas zu erforschen gewesen, wenn sie sich nicht so
leicht gefangen gegeben hätte. Dass doch einem so viel zu spät einfällt, wo es
nur noch quält, statt zu nützen!
    Sie kannte Hansen, sie wusste, wie er sich für etwas warm machen konnte,
während er der Überredungskunst beinahe unzugänglich war. Wenn er jetzt einen
halben Tag ohne Beschäftigung mit sich allein blieb, dann war ihm das Mädchen
gewiss schon zu einer halben Heiligen und schöner als selbst Angelika geworden.
Jetzt noch wollte er Doroteen nur glücklich wissen, und das wollte sie auch.
Glaubte er an eine Neigung des Mädchens zum Knechte, so war jetzt vielleicht
noch etwas zu machen, ehe das arme Kind wusste, dass ein Hans und ein Stighof zu
bekommen war. Aber gleich musste man dran. Dorotee sollte - damit beruhigte sie
ihr Gewissen - durch ein schönes Heiratsgut entschädigt werden. Sie ging hinaus,
um den Sohn noch einmal zu sich zu rufen, und erschrak fast zu Tode, als sie den
Hansjörg die Stiege heraufkommen sah. Es war ihr, ob sie von ihm hören müsse und
schon höre, zuerst hab' man die schönsten Jahre seines Lebens verhandelt und nun
sollte noch die Schwester verschachert werden.
    »Was willst du?« fragte sie ängstlich, als er hart vor ihr stehen blieb.
    »Wo ist Hans?«
    »Er wird sich ankleiden zum Nachmittagsgottesdienst, und ich muss auch
machen, dass ich beim Zusammenläuten in der Kirche bin.«
    »Aber den Kirchweg wirst du doch nicht mitnehmen, wenn du gehst?«
    »Dumme Frage!«
    »Nun, dann geh meinetwegen. Ich und Dorotee können auch später nachkommen.«
    Die Stigerin hatte keine Lust mehr, mit Hansen zu reden. Sie schickte den
Burschen zu Doroteen in ihr Stübchen und war froh, gleich wieder aus seiner
Nähe zu kommen.
    Bald rief die grosse Glocke die Besitzer des Stighofs zur Andacht. Jedes
hatte dem lieben Gott viel und jedes anderes vorzutragen. Hansjörg und Dorotee
sassen beisammen in der Wohnstube.
    »Was hättest du eigentlich wollen?« fragte das Mädchen, nachdem es die
Vorhänge ausgezogen hatte, um sich den Vorübergehenden zu verbergen.
    »Wenn ich dir das alles sagen sollte, so würdest du mehr vom Gottesdienst
versäumen müssen, als dir lieb zu sein scheint. Lass dir daher lieber in aller
Kürze sagen, was ich nicht will.«
    »Und was denn?«
    »Nicht hier Knecht werden.«
    »Nicht?« fragte die Schwester erschrocken.
    »Nein.«
    Eine Weile sassen beide schweigend nebeneinander, dann stellte Hansjörg sich
kerzengerade vor der Schwester auf und sagte: »Ich gleiche doch keinem Knechte.«
    »Das ist nur Soldatenstolz.«
    »Oder Demut«, erwiderte Hansjörg. »Ein rechter Bauer tat mit mir nicht lang
zufrieden sein, dann hätt' ich nur die Schand' und du den Ärger. Ich bin
empfindlich, eigensinnig, hochmütig und nur das nicht, was man sein muss, wenn
man mit Schaufel und Gabel exerzieren will.«
    »Sag' du nur lieber gleich, du mögest das liederliche Schwärzerleben nicht
lassen.«
    »Nun, wenn's besser klingt, kann ich das sagen.«
    »Und ich hab' mich schon so gefreut, dass du nun doch noch zum Rechten kommen
werdest«, klagte das Mädchen.
    »Ich will eben weiter.«
    »Ja, in den Turm, wo man die Spitzbuben einsperrt und alle, die die Gesetze
trotzig übertreten.«
    »Noch bin ich auf guten Füssen, und man wird mich auch nicht so leicht
fangen. Man hat in der Regel die Kraft schon vor einem Wagnis, die man dabei
braucht, sonst ist man nur ein halber Kerl.«
    »Aber um so jämmerlichen Gewinn, Bruder!«
    »Du begreifst das Lustigste bei der Sache gar nicht. Das ist eben, sich
täglich durchzuschlagen und nach dem Entrinnen aufatmend schon wieder einen
neuen Plan zu machen. Sie haben mich zum Krieger gemacht. Auch du hast es
geschehen lassen - mit Lächeln -, und es ist recht; aber nun hab' ich halt an
Feldzügen und Eroberungen mehr Freude, als wenn wieder ein Rock gemacht oder ein
Heufuder geladen ist. Geschaft wird ohnehin schon überall so viel, dass man kaum
noch Arbeit findet und nur anderen damit im Weg ist; wer aber wohlfeile Ware
schafft in unser abgeschlossenes Tal, dass nicht mehr einer ganze Gemeinden
allein aussaugen kann, der nützt mehr. Und er soll nur nicht glauben, dass ich
nur ganz ihm gehöre. Doch das gehörte zu dem, was ich will, und davon zu reden,
haben wir heut' keine Zeit. Auch ist's mir zu heiss in der Stube da. Es wird
einem fast angst vor lauter Vornehmheit. Droben auf den Bergen, da hat man es
weit und frei, und ein österreichischer Jodler hallt aus dem Bayrischen zurück,
als ob es gar keine Grenzen und keine Grenzjäger geben tät.«
    »Es gibt aber, und wenn sie dich einmal doch fangen sollten?«
    »Oh, den Hansjörg fängt man nicht mehr so leicht, als man meint. Weder der
Krämer noch die Grenzer. Nur einmal, in der letzten Woche und beim ersten Gang,
haben die Spitzbuben mir ein Päcklein abgejagt. Ich bin so müd gehetzt worden,
dass ich den Plunder wegwerfen musste, um selbst zu entrinnen. Das muss wieder
eingebracht werden, hab' ich mir gesagt und mich gleich wieder mit einem grossen
Sack über die Berge gemacht.«
    »Grosser Gott!«
    »Es ist ein herrlicher Tag gewesen da oben. Ihr da habt noch euer Lebtag nie
so einen gesehen. Da ist es still gewesen in mir und rings um mich herum, so dass
ich's ganz gut hörte, wie zwei Grenzer in einer öden Alphütte sich was
zubrummten, als ich vorüberschritt.«
    »Und hast du nicht an mich gedacht und an den Vater, und bist du vorwärts?«
    »Versteht sich, und dann tüchtig beladen wieder zurück.«
    »Hast du denn alles schon auf den Bergen droben gehabt, dass es so schnell
ging?«
    »Das ist oft der Fall, und die Grenzer, die richtig noch da waren, haben
auch so etwas vermutet. Wie von Wespen gejagt, sprangen sie heraus und schrien:
Halt! Hansjörg aber hielt nicht, ob sie rufen, laufen oder schiessen mochten.«
    »Jesus Maria! Sie schössen?«
    »Allerdings, aber der Soldat darf nie fürchten.«
    »Ja, als Soldat fällt er für Gott, Kaiser und -«
    »Stighansen mit seinem Handgeld - als Schwärzer dagegen für sich selbst.
Aber lass mich weiter erzählen! Das Beste kommt zuletzt«
    »Mir grauset's.«
    »Abwärts halfen alle Heiligen. Wie im Winter ein Schlitten, schoss ich mit
meiner Last über die glatten Bergheuplätze hinab, rutschte durch Halden, sprang
über Felsen und verschwand im Gebüsch.«
    »Gottlob und Dank im hohen Himmel!«
    »Ich war einstweilen sicher, und ein weitin hallender Jauchzer verkündete
das meinen guten Freunden, die mir zitternd auf Umwegen nachkletterten. Nun
hörte Gott mich ächzen und den allerjämmerlichsten Klagton versuchen, bis ich
die Verfolger herankeuchen hörte. Dann klomm ich wieder abwärts mit meiner Last,
aber so gemach, dass sie mir immer näherkamen und bis auf einen Schritt bei mir
waren, als ich wie ein halb zu Tode Gesprengter niederfiel und meinen Plunder im
Sack über den Felsgrat ins Tobel warf.«
    Dorotee rückte ungeduldig hin und her. »Es wär' nun Zeit in die Kirche«,
sagte sie.
    »Du musst aber doch noch hören, wie es gegangen ist mit dem Pack.«
    »Ich tät es lieber hören, wenn du ihn dem armen Vater gebracht hättest.«
    »Der«, lachte Hansjörg, »würde Augen gemacht haben, fast wie meine Freunde!
Lass mich aber nur der Ordnung nach erzählen. Da lag ich und keuchte so
jämmerlich, dass die Burschen es aufgaben, mich mit Rippenstössen zum Pack zu
treiben. Einer bewachte mich, bis der andere mit grosser Müh und viel Schweiss den
Schatz gehoben hatte. Ein Fässlein Tabak, meinte er. Hast du schon aufgemacht?
fragte mein Wächter. Narr, ich konnte kaum stehen, antwortete der andere
schaudernd. Nun wurde aufgeknüpft, und aus dem Sacke kugelte ein kurz abgesägter
Tannenblock, so rund und glatt, dass man sich zum Schindelnmachen keinen
hübscheren denken konnte. Meine Grenzer standen da wie verhagelt, mir aber war
die Müde vergangen, und lachend sagte ich ihnen, wenn es keinen Schnee habe,
könne man solche Klötze nicht auf Schlitten laden und trage sie lieber in Säcken
aus dem Walde heim, wenn's nicht an der Kraft dazu fehle. Es war wohl strafbar,
dass ich auf das Halt nicht stillestand, aber sie hätten sich geschämt, mich
jetzt auf das Gericht zu nehmen, und, wie die Katze vom heissen Brei weg,
schlichen sie den schlechten Weg hinab.«
    Ganz gegen Hansjörgs Erwarten belohnte die Schwester seine Erzählung nicht
mit dem leisesten Lächeln. Fast schaudernd sah das Mädchen aus den grauen Augen
des Bruders etwas leuchten, was weniger Mut und Tatenlust als Trotz,
Schadenfreude, Rachsucht oder sonst etwas Schreckliches sein musste. »Du bist mir
ganz fremd worden«, sagte sie traurig. »Nie könnte mich freuen, was anderen nur
den Beruf schwer macht.«
    »Der Beruf«, antwortete Hansjörg mit einem mitleidigen Lächeln, »der Beruf,
du gutes Ding, ist nichts anderes als das Leitseil, an dem sie unsereinen nach
Wunsch und Willen in der Welt herumführen. Als Soldat muss ich im Frieden
berufsmässig der Ankläger meiner Freunde, im Krieg der Mörder der sogenannten
Feinde werden. Mach' ich da nicht auch anderen den Beruf schwer? Aber sogar wenn
ich daheimsitze, still und unbemerkt zwischen den vier Pfählen, wenn ich die
Nadel walten lasse in schönem, stillem Tuch und statt meiner nur einen Rock nach
dem anderen ins Feld schicke, mach' ich anderen den Beruf schwer, und je
fleissiger wir schneidernde Soldaten sind, desto hitziger ist der Krieg ums
Leben, um die Kundschaft nämlich und ums tägliche Brot. Das sind so Gedanken
eines Verkauften, wenn er von da droben herabschaut auf die wunderbar närrische
Welt und seinen Ärger vergisst im Lachen darüber, dass sich sonst kein Mensch weit
herum darüber ärgert und das alles ganz in Ordnung gefunden wird. Machen die
Grünröcke mir's nicht auch schwer? Und werde ich hier Knecht, so hab' ich einen
anderen, heiss' er Peter oder Paul, von Kost und Most verdrängt. Krieg ist
überall, und ich will, am liebsten da mittun, wo doch auch noch ein Spass zu
erleben ist.«
    Dorotee stand vor ihrem Bruder, wie ein Mensch vor einem Ungeheuern
Ereignisse steht, welches ihn um so mehr erschüttert, weil plötzlich dessen
Ursachen und Wirkungen in ihrer Nackteit so hart vor ihn hintreten, dass er
nicht einmal mehr das Walten einer höheren Macht, sondern nur noch den furchtbar
regelmässigen Lauf der Dinge darin zu erkennen vermag. So hatte der Bruder werden
müssen, und doch sollte, durfte er nicht so bleiben. Sie würde - das fühlte sie,
wenn sie ihn entschuldigen wollte, viel stärker, als ihr augenblicklich lieb war
- an seinem Platze nicht so geworden sein; aber vergebens suchte sie, was in ihr
sich dagegen aufgelehnt hätte, in ein Wort zu fassen, um dem Bruder es wie ein
schöpferisches »Werde« zuzurufen. Es klang recht traurig, als sie mit
abgewandtem Gesichte fragte: »Möchtest du nicht am liebsten ruhig leben und brav
werden?«
    »Das wird nicht allen so leicht und so gut belohnt, als man sagt. Nur dir
lächelt Stighans dafür so freundlich zu, dass der Kaplan keine Ruhe mehr bekam,
bis er darüber eine Predigt hielt.«
    Dorotee verstand diese Rede nicht, obwohl sie vormittags, wie gewöhnlich,
dem ganzen Gottesdienste beigewohnt hatte. »Mit mir ist's anders«, plauderte
Hansjörg weiter. »Mir stünde das Dulden nicht an, und meine grösste Kraft gibt
mir der Trotz. Sie haben mir es aber auch danach gemacht mein Lebtag. Der Vater
-«
    »Lass ihn«, fiel das gute Kind ein, »auch er hat es hart gehabt, und die
Mutter ist viel zu früh gestorben.«
    »Mutter!« rief der Bursche traurig. »Ja, sie konnte recht gut sein, sie war
es, aber auch wieder furchtbar hart. Da hab' ich gesehen, was die Not aus den
besten Menschen macht. Dich hat ihr Unfriede mit dem Vater aus dem Hause
getrieben und unter ein besseres Dach gebracht, ich aber musste bleiben, und alle
Hiebe, die Vater und Mutter in groben Reden sich austeilten, fielen vor allem
auf mich, bis ich hart und unempfindlich war, so dass mir bald ein Sonnenblick
der Mutterliebe fast weher machte als das Ärgste, was ihre üble Laune mir antat.
So ein Blick begann das Eis zu schmelzen, welches sonst den furchtbaren Riss in
unserem Hause bedeckte. Gott tröste sie im ewigen Leben! Sie hat es doch nicht
mehr erleben müssen, mich zu einem Handwerk zwingen zu sehen, für das ich am
allerwenigsten Neigung hatte. Der kräftigste, trotzigste Bursche im Dorf, musste
ich ein Schneider werden, weil ich das beim Vater umsonst ein wenig lernen und
dann gleich beim Krämer Arbeit nehmen konnte. Man hatte schon Jahre daraufhin
gesündigt, und zwar so, dass ich mich nicht mehr freimachen konnte. Die Schuld
wurde grösser von Jahr zu Jahr, so dass man mich endlich an Hansen verhandelte.
Diese Schule hab' ich durchmachen müssen, drum ist mir denn auch ein schönes
Vermögen das Höchste auf der Welt geworden. Wie ist der Krämer ein Mann und lebt
trotz Neid und übeln Nachreden in aller Herrlichkeit! Und warum? Zuerst weil er
ein unerfahrenes Mädchen verführte. Das machte ihn zum Herrn ihres Vermögens,
und nun hat er sich natürlich gar alles erlauben dürfen. Und nun war eine
Tochter da neben mir im Haus, ein übermütiges, keckes Ding, und die sah mich
gern. Ja, ja, der Krämer tat sich recht, dass er mich aus dem Haus und aus dem
Dorfe schaffte, denn die reiche Zusel hätte mein werden müssen um jeden Preis.
Wohl hat mir das Mädchen nachgeweint und nachgeschrieben von ewiger Liebe. Aber
daran hab' ich nicht geglaubt. Wär' doch auch ich gleich wieder einer anderen
nachgegangen, wenn mich das Glück wieder auf den Weg einer so Reichen geführt
hätte. Drum - ja, ich will nur beichten, dass doch auch hier etwas Gutes
geschieht unter dem Gottesdienst -, drum hab' ich dann sogar die Schreiberei von
ihr um ein Sündengeld an den alten Krämer verschachert in der verworfensten
Skorpionsstunde meines Lebens. Als ich heimkam und das hübsche Kind sah -
Herrgott! Ich hätte mir alle Haare ausraufen mögen. Erst jetzt seh' ich, wie
hübsch sie ist, und ich weiss nicht, ist's Reue oder was, das mich mit Gewalt
immer zu ihr zieht und mich selbst dem Krämer gegenüber, den ich von ganzer
Seele hasse, immer wieder so schwach macht. Er sagte mir oder verriet doch, dass
mich sein hübsches Töchterlein auch noch nicht ganz vergessen habe.«
    »Und nun lässt du dich wieder fangen von der Lügenspinne?« fragte Dorotee im
Tone des Vorwurfs.
    »Der Krämer«, antwortete Hansjörg, »hat es mir in einem grossen Augenblick
gesagt, und ich glaub' es, denn ich empfinde nur zu gut, wie mir selber zumute
ist.«
    »Der Krämer meint es aber gewiss nicht redlicher mit dir als mit anderen.«
    »Ich mit ihm auch nicht. Wenn er glaubt, dass ich nur für seinen Laden über
die Berge gehen werde, dann trügt er sich viel ärger als ich. Das ist nur, um in
seinem Hause nicht ganz fremd zu werden.«
    »Er kann dich aber verraten beim Gericht.«
    »Ich ihn auch.«
    »Die Grossen beissen einander nicht.«
    »Eben drum auch muss man sich an diese hängen, wenn man sicher sein will.«
    »Wenn du so etwas im Kopf hast«, sagte das Mädchen ungewöhnlich streng, »so
ist die heutige Predigt für dich schon ganz besonders wichtig. Es wär' doch
traurig, wenn's dich träfe, wenn du als Dienstbot arbeiten tätest, und dein Lohn
wäre der Zorn Gottes, der ja will, dass man ihm allein dienen und keine fremden
Götzen daneben haben soll. Weisst du, der Kaplan hat die, welche dienen um
Befriedigung der sündhaften Begierden, den Zauberern verglichen, die ihre arme
Seele dem Schwarzen verschrieben aus Geldgier und Zeitlichkeit. Mir ist das
schrecklich vorgekommen, und doch hab' ich da noch gar nicht an dich gedacht. Es
ist mir nicht eingefallen, dass es dich treffen könnte.«
    »Oder gar dich auch noch«, bemerkte Hansjörg.
    »Du hast recht! Wer steht, der sehe zu, dass er nicht falle. Ich mein' es
nicht bös, und es kommt mir selbst wunderbar vor, wie ich von deiner Erzählung
weg an die Predigt denken muss.«
    »Du hast recht, dass du nicht gleich dich selbst bei der Nase nimmst, das tun
schon die anderen. Aber lass sie dich nur beneiden. Neid bringt Glück.«
    »Mich nähme man dafür her?«
    »Ja, dich und den Hans, den dir nicht nur die recht grausam übel gönnen,
welche bei Prozessionen noch das Kränzlein tragen müssen.«
    »Mir - missgönnen sie - ihn?«
    »Ja; aber tu du nur jetzt nicht mehr gar zu falsch, nachdem ich doch auch so
offen gegen dich gewesen bin. Du wärst nur ein Närrchen und er ein Klotz, wenn
du ihn nicht bekommen tätest.«
    »Aber, Hansjörg -«
    »Man vermutet von anderen nur und redet ihnen nach, was man selbst an ihrem
Platze getan hätte, drum auch brauchst du vor keinem Menschen rot zu werden, und
am allerwenigsten vor mir. Ich hab' dem Stighof schöne Jahre geopfert, es ist
recht, wenn er sie meiner Schwester zurückgibt. Ich gönne dir dein Glück von
ganzem Herzen.«
    »Ja, ich bin glücklich hier, und du könntest es auch werden. Komm doch,
schlag deine Leidenschaften nieder! Man kann's mit einem Ruck, wenn man die
Faust ballt und recht trotzig tut. Ich mach' es immer so, wenn mich Kummer plagt
um den Vater, dich oder - und der Kummer sitzt doch noch viel tiefer, als was
dich vom ordentlichen Weg treiben will.«
    »Wenn du für mein Vertrauen nichts hast als diese Predigt«, bemerkte
Hansjörg unmutig, »so wär's fast schad', wenn ich die ganze Vesper versäumen
tät. Dass ich nicht gewillt bin, Knecht zu werden, hast du verstanden.«
    »Nützt alles Einreden nichts?«
    »Nein.«
    Eine Minute später schritten die beiden schweigend über die längst leere
Gasse des verödeten Herrendorfes hinaus der Kirche zu.
 
                              Siebzehntes Kapitel
                           Ratlosigkeit und Entschluss
Hansjörg hatte nicht ganz unrecht, wenn er Doroteens Predigt für eine Decke
hielt, hinter der das Mädchen ganz andere Gedanken und Empfindungen zu verbergen
suche. Ernst aber war es ihr mit dem Zuspruch doch; sie hätte ihn in der
Verlegenheit gar nicht mehr finden können, wenn er ihr nicht ganz obenauf
gelegen wäre. Erst als sie schweigend neben dem Bruder zur Kirche schritt,
fragte sie sich ernstlich, ob er mit der Predigt des Kaplans wohl recht gehabt
haben könnte. Sie wusste sich aber so wenig vorzuwerfen, dass sie wieder ziemlich
ruhig darüber wurde. Als sie aber in die Kirche kam, man sang eben den letzten
lateinischen Psalm, da drehten Männer und Weiber die Köpfe um, sahen sie lange
an und schienen dann Wichtiges sagen zu müssen. Ihr wurde siedig heiss und
himmelangst. Auch das wieder schien man zu merken und auf allerlei Weise
auszulegen, denn noch unverschämter starrte man sie an, noch länger steckte man
die Köpfe zusammen, und weniger, um zu beten, als um einen Punkt für den
unsicher werdenden Blick zu gewinnen, zog sie ihr kleines Andachtsbüchlein
heraus. Gelesen aber hat sie nicht, die Buchstaben schwammen auf dem weissen
Blatte so schnell durcheinander, dass ihr die Augen übergingen, sobald sich diese
fest auf eine Zeile richten wollten. War sie denn in der Kirche, dem Hause
Gottes, wo alle gleich, alle Sünder sind, aber auch alle Ruhe und Trost finden
können und Schutz vor den Stürmen, die da draussen toben? Es kam ihr wie eine
Entweihung des heiligen Ortes vor, dass sie heute so viele zeitliche Gedanken und
Erinnerungen mit da hereinbrachte, und doch war sie vergebens bemüht, derselben
loszuwerden. Was sie dem Bruder noch nicht recht glauben wollte, war ihr jetzt
furchtbar klar geworden. Alle sahen sie um die heutige Predigt an, alle dachten
an den Stighof und weiss Gott an was, während der Kaplan droben vor dem prächtig
geschmückten Altar ein lateinisches Kirchengebet eintönig heruntersang, welches
ausser ihm und dem Pfarrer kein Mensch in der ganzen Versammlung verstand. Warum
betete er nicht lieber, dass man es verstehen konnte? Vielleicht wäre doch ein
Gedanke drin gewesen, der ihr hinausgeholfen hätte über die Beziehungen und
Verhältnisse des Werktagslebens! Ihr Andachtsbüchlein hatte sie ja zu Hause
auch. Nur in dem lesen hätte sie dort auch können, und noch besser als da, wo
sie sich von jedem anblicken und ihn dabei unwillkürlich auch seine Rechnung
machen lassen musste. Es war heute in der Kirche gar nicht wie sonst. Noch immer
hatte sie da, wo reich und arm nebeneinander knieten und gemeinsam zum Mahl der
Liebe gingen, sich als Kind Gottes gefühlt; heute dachte sie nur an ihre Armut,
ihre Abhängigkeit. Wenn sie zu beten versuchte, war's nur ein Flehen zu Gott,
dass doch er sie nicht verlasse und noch fernerhin den Schutzengel mit guten
Einsprechungen sende an die, von deren Gunst ihr guter Verdienst und damit das
Wohl des Vaters und der Schwester abhängig sei. Aber selbst in diesem
Zusammenfassen ihrer zeitlichen Sorgen wurde sie durch das vielleicht ihr heute
auch besonders auffällige Benehmen der Umstehenden gestört. Sie alle schienen
ihre Wechseltische hier aufgeschlagen und das Haus Gottes zu einer Höhle des
Neides, des Ehrenmordes gemacht zu haben. Nur einer in den unteren Stühlen war
so in seinem Gebetbuch, dass er weder sie noch die anderen zu bemerken schien -
Stighans. Der hätte gewiss auch Grund gehabt, sich zu ärgern, und besonders über
sie, wegen der er - wie der Bruder sagte - ins Gerede und in die Predigt
hineingekommen war. Und doch war ihm auch unter dem Mittagsessen gar nichts
anzumerken; die alte Stigerin freilich tat etwas wunderlich. Es war das aber
auch weniger zum Verwundern, als dass Hans alles so gelassen hinnehmen konnte.
Das war denn doch ein anderer Mann als Jos, dessen Leidenschaftlichkeit sie seit
einem halben Jahre schon so oft erbeben machte! Freilich brauchte er sich um
Kleinigkeiten auch nicht viel zu kümmern. Er stand fest auf dem Erbe seines
Vaters, Jos dagegen musste sich jede Stufe mühevoll erkämpfen. Das mochte den
guten Burschen so trotzig gemacht haben, wie er damals war, als er ihr sagte,
dass er nicht mehr auf den Stighof kommen werde. Freilich, zu erklären war
allenfalls sein Benehmen, aber darum ärgerte das eins doch. Zwar nicht so recht
und ganz wie heute die unverschämten Blicke - nur »a bitzle«, doch so, dass man
es ihn nicht ungern auch etwas empfinden liess. Und wie beim Jos war's auch bei
Hansen. Wenn man auch seinen heitern Sinn, seine unverwüstliche Seelenruhe dem
schon durch seine Stellung gegebenen Gefühle der Sicherheit zuschreiben konnte,
so tat sie einem doch wieder wohl, und man freute sich, bald wieder zu ihm zu
kommen auf seinen stillen Stighof. Wie schlimm wäre sie doch jetzt daran, wenn
auch er noch dem Winde folgte? Ängstlich dachte das Mädchen, wie viele Leute er
nun vielleicht wieder reden höre, bis er daheim sei. Sie Verliess mit den ersten
die Kirche, und der Weg nach Argenau kam ihr endlos vor. Wen alles konnten die
Stigerin und Hans auf dieser Strecke antreffen, wie vielerlei hören!
    Heute tat ihr die Freundlichkeit der Bäuerin so wohl, dass sie nun in der
Küche ein inniges Gebet zum Himmel schickte, was sie in der Kirche nicht
vermocht hatte. Es kam aber auch die Frau ihr so freundlich entgegen, dass dem
armen Mädchen, welches ihrer Heimkehr mit Sorge entgegensah, vor freudiger
Rührung das Wasser in die Augen schoss. Das waren Leute! Viel wohler wurde einem
zumute, viel frömmere und bessere Vorsätze konnte man neben ihnen machen als
selbst in der Kirche. Und nun kam auch Hans und erzählte, dass er heute gar keine
Lust gehabt habe, mit den anderen Burschen in die Krone zum Bier zu gehen, um da
ihr dummes Geschwätz zu hören. Wenn böse Leute sie nun einmal alle
zusammennähmen, so wollten sie auch gehörig zusammenhalten, so treu und fest,
bis man vor Ärger darüber gar nichts mehr sagen möge.
    So redete Hans, und die Stigerin hatte nicht einmal ein Wörtchen dagegen
einzuwenden.
    Dem Mädchen war ganz wunderbar zumute. Hansjörg hatte also vielleicht doch
nicht ganz unrecht, wenn er eine Neigung Stighansens andeuten wollte. Noch wurde
ihr fast angst vor diesem Gedanken, aber Hans galt ihr jetzt zu viel, als dass
sie sich nicht immer mehr und lieber damit beschäftigt hätte. Auch die
Freundlichkeit der alten Stigerin, die man fast eine mütterliche nennen konnte,
begann sie für einen Beweis zu halten, dass die gute Frau sich mit dem Gedanken,
sie einmal als Stighofbäuerin zu sehen, schon ein wenig vertraut gemacht habe.
    Dorotee hatte wirklich nicht ganz unrecht. Wenn die Stigerin das Mädchen
weit weniger gern gehabt hätte, als das wirklich der Fall war, so hätte Hansens
Rede doch genügt, sie an ihre Pflicht als Erzieherin zu erinnern und das Glück
des Kindes ihr zu einer Gewissenssache zu machen. Freilich wär' ihr jetzt jedes
erlaubte rechtliche Mittel, Doroteen aus dem Hause und mitin Hansen aus dem
Gerede zu bringen, fast um keinen Preis zu teuer gewesen. Aber in Unehren sollte
sie nicht aus dem Hause, da sie doch entweder unschuldig an allem war, was man
sagte, oder gewiss auch Hansen sein Teil an allem zufiel. Nein, unglücklich
werden für immer nur eines Geredes wegen durfte die nicht, welcher Mutter zu
sein die Stigerin einmal gelobt hatte. Lieber wollte sie Hansen mit dem Mädchen,
das an und für sich gewiss so gut als eine zu ihm gepasst hätte, vor den Altar
treten sehen, wie sehr das auch immer gegen ihre Rechnungen sein mochte.
Glücklich musste Dorotee werden, nur, wenn's menschenmöglich war, nicht gerade
um den allerhöchsten Preis; denn näher noch als das angenommene lag ihr doch
noch immer das eigene Kind am Herzen, ihr einziger Sohn, den sie fast zu
enterben glaubte, wenn sie keinen anderen Ausweg als eine Verehelichung der
beiden zu finden imstande war.
    Aber noch weniger als bei der Mutter tat die Predigt und taten die durch
selbe gutgeheissenen Verleumdungen bei Hansen die Wirkung, die der Krämer ganz
bestimmt erwartet hatte. Erst nachdem es Hansen von allen Seiten vorgehalten
wurde, dass nur er und die Magd gemeint, sogar zum Greifen deutlich gezeichnet
worden seien, ward er recht fest und sagte mit Stolz, dass er dem Übel leicht
abhelfen könne, wenn Dorotee gar so gern Stigbäuerin werden möchte. Ja, nun
trotzte Hans aller Welt, daheim aber, wo er die so unschuldig Verfolgte so
sicher und doch auch so demütig ihre Wege gehen und die vielen Arbeiten
verrichten sah, konnte er zuweilen recht weich werden. Nein, die sollte man ihm
nicht mehr nehmen! Diese Freude sollte dem Neid und dem Eigennutz nicht werden!
Eine Angelika fand er doch nicht wieder, und da gab es nichts Besseres, als
dieses edle Wesen so hoch und frei zu stellen, als er's konnte und als sie an
innerem Wert über den meisten stand.
    Nach der Kirchweih war Hans dem Mädchen gegenüber gewesen wie ein
Bürschlein, welches das der Mutter geholte Öl verschüttete. Wie dieses eine
halbe Stunde zu spät mit den sorgfältig zusammengelesenen Scherben des Kruges,
kam er mit seinen Klagen gegen den Knecht heim. Dorotee war seine Richterin,
und erst die Versöhnung mit ihr gab ihm auch den Frieden mit sich selbst wieder.
Schon stand jetzt das Mädchen so hoch, dass er eifersüchtig werden konnte, und
als er sie nun gar seinetwegen verleumdet sah, stand sein Entschluss, sie zu
heiraten, damit die Plagerei doch einmal ein Ende habe, so fest, dass sich alle
darüber wunderten, die ihn einmal seine Abneigung gegen den Ehestand aussprechen
hörten.
    Doroteen war jetzt wunderbar zumute. Es kam alles so unerwartet, dass sie
weder recht daran glauben noch sich darüber freuen konnte. Es war freilich ein
grosses Glück für sie und die armen Ihrigen. Aber es war ihr, wie es einem sein
müsste, der auf einen Berg getragen würde. Liesse man ihn droben auf der
furchtbaren Höhe, rings von Abgründen umgähnt, plötzlich allein, so käm' er
gewiss nicht dazu, sich an der herrlichen Aussicht zu erfreuen. Ach, auch sie sah
rings um sich neidische Aufpasser, geldstolze Basen und Unheilstifter aller Art.
Sie war eben nicht durch sich selbst auf diese Höhe gekommen, sondern nur durch
ein Zusammenwirken von Umständen, die ihr jeden Augenblick wieder untreu werden
konnten. Auch andere dienten so treu wie sie, ohne solchen Lohn zu erhalten. Jos
tat dem Hofe so viel, und nun lag er daheim. Wohl sagte sie sich, dass ja Hans
neben ihr stehen würde auf der stolzen Höhe; aber wie lieb und recht ihr auch
der Bursche war, so konnte sie doch kein solches Vertrauen zu ihm gewinnen, dass
sie ganz ruhig wurde. Besonders quälte es sie, wenn sie aus seinen Reden etwas
wie Trotz gegen den Kaplan und gegen alle, die fürs ganze Dorf Wetter machen
wollten, herausklingen hörte. Jene Predigt machte ihr noch viel Kopfweh, und
immer häufiger fragte sie sich, ob sie denn auch wirklich von jenen herben
Vorwürfen so frei sei, als sie anfangs glaubte. Sie fand freilich nichts, und
doch wollte ihr Gewissen nie ruhig werden. Ach, wie gern hätte sie bei jemandem
um Rat fragen und einmal alles in ein vertrautes Herz ausschütten mögen! Aber an
wen sollte sie sich wenden? Sie dachte zuerst an Jos, aber nur um heftig den
Kopf zu schütteln, ohne dass sie sich noch sagte, warum das nicht gehen werde.
Den Rat des Vaters aber und all der Ihrigen konnte sie sich denken. Diese Leute
hatten nie ein Verständnis für ihre Gedanken und Gefühle. Die Not hatte sie hart
und geldgierig gemacht. Ja, die Not! Aber nun konnte sie ja helfen und musste
dabei nicht einmal ein Opfer bringen! Ja, Hans hatte sie recht gern, und die
Stigerin tat auch, als ob sich wenigstens von der Sache reden lasse, ja vermied
leise Andeutungen bei weitem nicht so ängstlich als sie selbst. »Es darf gehen
und kann gehen«, sagte sie sich in der folgenden Woche wohl hundertmal, aber
immer war sie mit ihren Gedanken, mit ihrer unerklärlichen Angst am alten Fleck.
Es ging eben nicht. Irgendwo musste ein Querholz in die Speichen hereinragen, und
sie bemühte sich vergebens und sann Tag und Nacht, um die Stelle zu finden. Es
war ihr peinlich, immer nur noch an das zu denken, und dennoch suchte sie in
freien Stunden gerne die Einsamkeit auf, um sich ungestört ihren Gedanken
überlassen zu können. So schritt sie am folgenden Samstag abends dem kleinen
Weidenwäldchen zu, welches sich unter Argenau südöstlich an der Ach hinaufzieht
und den von ihr in früheren Jahren angerichteten Schaden so gut als möglich
verdecken zu wollen scheint.
    Eine Bregenzerwälderin auf einem Spaziergang - das ist etwas Seltenes! Ihr,
der es doch bei Tag und Nacht, im Sommer und Winter an nichts weniger als an
Bewegung fehlt, muss gewiss etwas viel zu eng, zu schwer geworden sein, wenn sie
auch noch in den so seltenen Stunden der Ruhe und der Erholung die geselligen
Kreise flieht und einen Gang macht, um die Einsamkeit aufzusuchen. Man kennt sie
alle, die am Feierabend noch herumgehen wie der Schatten an der Wand und dabei
tun, als ob sie an ihrem Kopf voll Gedanken recht grausam schwer zu tragen
hätten. Wenn man ein Mädchen so auf einmal die schönsten Spaziergänge oder am
Ende gar die allergreulichsten Schluchten und Tobel aufsuchen sieht, dann achtet
man sorgfältig auf alles, was sie redet und tut, ob etwa nichts beweise, dass sie
sich beinahe hintersinnt habe. Findet man aber noch alles in Ordnung, so sieht
man ihr mitleidig nach und denkt an ein herbes, tiefes, kaum noch erträgliches
Weh, an selbstverschuldetes Herzeleid, eine Liebe ohne Hoffnung oder an eine
recht unglückliche Ehe. Auch die Angelika trug immer häufiger ihr Hauskreuz
feuchten Auges in das Wäldchen neben der Ach hinab. Wenn ihr Kind beim Spielen
oder unter dem Abendgebete einschlief und auch in Haus und Stall alles versorgt
war, dann trieb es die Unglückliche, die doch noch nicht schlafen konnte, gar
bald aus dem Hause. Es war ihr noch immer fast unmöglich, den Andreas in
betrunkenem Zustande heimkommen zu sehen; ja aufpasserische Leute wollten
bemerkt haben, dass sie nicht selten erst nach ihm ins Haus gehe, vermutlich,
weil das das einzige Mittel war, einen Wortwechsel mit ihm zu vermeiden.
Freilich mochte der Mann sich auch hierüber ärgern, aber Angelika konnte
ungemein eigensinnig sein, wo sie die Schuld ganz nur dem Gatten zuschreiben zu
dürfen meinte.
    Auch heute traf Dorotee das unglückliche Weib. Sie sass hart neben der Ach
auf einem moosbedeckten Steine und warf die ihr vom warmen Herbstwinde
zugetragenen welken Blätter scheinbar gedankenlos in den rasch vorüberstürzenden
Fluss. Ihren Kopf bedeckte statt der schweren Pelzkappe nur ein weisses Tuch, und
Doroteen kam es gerade vor, als ob sie eine Leidtragende mit dem bei
Begräbnissen üblichen weissen Trauerschleier, dem sogenannten Sturz, erblicke. Da
sie sich schon bemerkt sah, wagte sie nicht mehr zurückzutreten, wie bang ihr
auch wurde neben Hansens ehemaliger Geliebten, die ihr in dem Halbdunkel des
Waldes fast wie ein höheres Wesen erschien. Lang suchte sie vergebens nach einem
Worte, die unglückliche Ernstblickende anzureden, und erbebte leise, wie vom
Frost geschüttelt, als diese, sie immer schärfer ins Auge fassend, endlich
fragte: »Hat auch dich die böse Welt schon da herausgetrieben? Kannst auch du
ihr nur noch dienen und deine Kräfte opfern, aber dich nicht mehr mit ihr
freuen, ruhen und geniessen?«
    Dorotee sann verlegen nach, wie und warum sie denn eigentlich da
herausgekommen sei, oder vielmehr sie sann, was sich denn eigentlich darüber
Vernünftiges sagen liesse. Sie wollte sich nur ein wenig erspazieren, um - weil
es daheim nichts mehr zu tun gab und - weil man ja keinen Tag sicher war, ob
nicht der Winter dem freien Herumgehen in Feld und Wald ein Ende machen und
alles ins Haus einsperren werde für lange Zeit. Sie floh eigentlich niemand und
hatte auch keine Freude, sich mit der Welt unzufrieden zu zeigen. Sie war
herzlich erschrocken, als Angelikas Rede sie daran erinnerte, dass ihr müssiges
Herumtappen eine solche Auslegung zulassen würde.
    »Warum«, fragte sie endlich, »sollte denn eins nicht einmal, bevor es
schneit, noch gern einmal in einer freien Stunde, wo nichts Gutes und nichts
Wichtiges versäumt wird, einen Gang durch das schöne, ruhige Wäldchen machen,
auch wenn man mit Gott und der Welt zufrieden und in der besten Stimmung ist?«
    Noch selten hatte Dorotee solche lange Frage in einem Atemzuge getan. Sie
musste eben eine zustimmende Antwort haben, um dann so bald als möglich
wegzukommen.
    »Nun, meinetwegen wohl«, sagte Angelika trocken. »Es hat jeder Mensch
Liebhabereien, aber gewöhnlich streift sich das bald ab, wie die Blätter der
Alpenrose, wenn sie vom Stamm wegkommt. Ist auch gar nicht schad' um die Rose,
wie hübsch sie sein mag. Sie ist nicht zum Verbrennen und taugt nichts ins
Futter. Ich glaub', es gibt viele, die es dem lieben Gott verargen, dass er ganze
Strecken Boden mit diesen Rosen angegärtnert hat. Schau' mich nur nicht gar so
gross an, wir redeten zuerst von Liebhabereien, dann von den Rosen. Ist's nicht
eins? Hier hat man Gärten, aber die brauchen sie nur für Rüben und Kraut. Das
ist nützlich. Denk' einmal an einen Menschen, der alles so genug hat, dass er gar
nicht mehr auf den Nutzen sehen muss! Gute Nacht, Ordnung und Fleiss und Friede
und Tugend! Und wer da nicht gleich mit Schlaf wohl sagt, der kann da heraus und
Blätter in den Bach werfen und ihnen nachsehen, bis ihm die Augen übergehen. Ja,
Mädchen, du bist meine Leidensgenossin, meine Schwester, drum hab' ich dir auch
soviel zu sagen. Wir beide haben keine Eigenen mehr, die uns verstehen, drum
gehören wir uns. So ganz allein ist das Leben doch gar zu langweilig.«
    »Du hast ja dein Kind«, bemerkte Dorotee beinahe streng. »Seine Zukunft
macht mir schwere Sorgen.«
    »Und Arbeit«, fuhr das Mädchen fort, »gibt's auf so einem Hof alle Hände
voll.«
    »Dazu vergeht einem aber die Lust gar bald, wenn andere zum Fenster
hinauswerfen, was man mit Mühe zum Schlüsselloch hereingebracht hat.«
    »Mir«, sagte das Mädchen, »ist auch die Arbeit eine Liebhaberei. Wieviel
hab' ich schon verschwitzen können! Hat man den Kopf ganz frei für jeden
Gedanken, der kommen will, dann kann man über keinen Weg, oft nicht einmal in
die Kirche, ohne dass einem etwas aufstösst und viel ärger ist, als wenn's bei der
Arbeit schief geht. Ich weiss gewiss, dass auch du bei der Arbeit am glücklichsten
bist und dir auch bald nicht mehr so einsam vorkommst.«
    »Hast du es auch verarbeiten können, dass sie deinen Bruder verkauften?«
    »Das tat mir da noch nicht so weh. Ich selbst hätte für Hansen durch ein
Feuer mögen, drum fand ich's in Ordnung, dass der Bruder ging für den guten
Hans.«
    »Ja, das glaub' ich, denn auch ich hätte viel für ihn tun können. Wir haben
uns früher auch oft und gern getroffen. Viel- und vielmal sind wir da heraus,
haben dem Wirbeln und Wallen der Ach zugesehen, haben Blätter hineingeworfen und
uns dann über ihren Gang verwundert. Die von mir wurden rasch erfasst, aber nach
allen Seiten hinaus und dann wieder in die ärgsten Strudel hineingetrieben, bis
sie mit Hansens grossen Ahornblättern endlich wieder zusammengekommen sind. Ich
hab' an diesem kleinen Wunder oft meine Freude gehabt und denk' noch jetzt
daran, wenn ich ein Blatt im Flusse schwimmen sehe. Auch der Jos ist vielmal
dabei gewesen. Schon da hat er Hansen vielfach dienen müssen, wie später auch
noch, und jetzt sitzt er vergessen daheim.«
    Dorotee fuhr erschrocken zusammen. Dann aber sagte sie um so
leidenschaftlicher, weil ihre Worte hauptsächlich an sich selbst gerichtet
waren: »Vergessen ist er nicht, und wir alle auf dem Stighof haben schon viel
für ihn getan.«
    »Dein Bruder wird sogar die Arbeit auf dem Hofe für ihn tun, da er doch
ausgebraucht ist.«
    »Das ist nicht wahr«, sagte Dorotee traurig.
    »Nicht?« fragte Angelika, die ihre bittere Rede sogleich bereut hatte. »Er
bleibt also - ach Gott, sein jetziges Handwerk ist recht gefährlich.«
    Das endlich war Doroteens Herzen ein verwandter Ton. Jetzt trat sie näher
zu dem wunderlichen Weibe, welches sie bald zu bemitleiden, bald zu hassen
schien. Der letzte Ausruf gewann ihr Herz um so mehr, weil sie im Augenblicke
nicht daran dachte, wie sehr Angelika dem eine glückliche Zukunft wünschen
müsse, der durch ihren Vater einst aus seiner eingeschlagenen Bahn geworfen war.
»Er hätt' etwas werden können und wär' bei uns nicht zu bedauern gewesen«,
klagte das Mädchen.
    »Ja, gewiss, dehn Hans hat viel gutzumachen. Just so viel als mein Vater.
Wenn er auch kein so geübter Knecht gewesen wär', man hätte sich leiden müssen
und denken, in der Zeit, wo er dem Kaiser dienen musste, hätten auch andere
manches vergessen können. Oder sonst, wenn man daran sich nicht mehr erinnerte,
wär' er doch der Schwager. Ja, der sollte doch kein Schleichhändler sein, damit
auch die Alte mit der Verwandtschaft ein bisschen zufrieden wär'. Die sieht auf
so etwas, und den Hans hat sie am kleinen Finger.«
    »Gute Nacht«, sagte Dorotee unmutig.
    »Wir wollen aber doch erst auch reden.«
    »Reden, einem deutsch Gutes und Böses sagen möcht' ich schon auch, aber da
weiss man nie, ob es gehauen oder gestochen gilt.«
    »Ich hab' dir weh getan, gutes Kind, aber mir selbst noch viel weher«, sagte
das schöne Weib in ganz verändertem Tone. »Gewiss, ich gönne dir sein Vermögen so
gut als einer. An ihn denken darf ich auch noch, nicht wahr? Auch du denkst
vielleicht später an einen anderen.«
    Dorotee hatte die letzten Worte nicht mehr gehört. Schon ragte eine Wand
von Buschwerk empor zwischen Angelika und dem offenen Platze, wo Dorotee
aufatmend zum tiefblauen Himmel emporblickte.
    Die Sonne war bereits hinter der Kanisfluh verschwunden. Nur einzelne
geflügelte Wölklein trugen ihre letzten Grüsse über die Talenge herauf. Im Dorfe
hörte man das Schellengeläute der zum Brunnen getriebenen Kühe, und die Ziegen
eilten von den Bergen ihren Ställen zu. Aus den nahen Scheuern duftete das Heu
wie reifes Obst, alles war in schönstem Frieden und schien sich gesättigt zur
Ruhe begeben zu wollen. Dorotee kam nur langsam vorwärts, wie schnell sie sich
anfangs heimmachen wollte. Waren ihr auch Angelikas Reden grösstenteils
unverständlich geblieben, so hatten sie ihr Herz doch mit einer ganzen Reihe
quälender Gedanken belastet. Hansens Mutter und der stolzen Verwandtschaft war
nicht einmal Angelika gut genug gewesen, und nun sollte sie, die Magd, an den
Platz, während der treue Knecht daheim lag! Einem von ihnen beiden geschah nicht
recht, oder es musste aus den jetzigen Verhältnissen noch ganz anderes erwachsen,
als man augenblicklich vermuten konnte. Auch der Vorwurf wegen dem Bruder gab
dem Mädchen zu sinnen. Es hätte doch schon damals etwas tun können bei Hansen,
wenn es jetzt soviel bei ihm galt. Ums bare Geld hätte er auch einen anderen
Stellvertreter für sich bekommen. Durfte sie den Hansjörg opfern für die
allerdings zahllosen Wohltaten, die nur sie erhielt? Während sie stand und sann,
trugen zwei Mütterchen die mit dürrem Buchenlaub gefüllten Bettsäcke nicht weit
von ihr vorüber. »Mein Ältester«, sagte die eine Laubsackträgerin, ohne die
unfreiwillige Lauscherin zu bemerken, »hielt sich auch mit aller Kraft an einem
Dornstrauch fest, als vor einem Jahr droben am Üntscherspitz das Bergheu unter
seinen Füssen wegzurutschen begann.«
    »Das wohl«, entgegnete die andere, »aber Dorotee hält sich im Fallen an
anderen Menschen fest und reisst sie mit in den Abgrund der Schande. Hans ist mit
ihr ins Gerede gekommen. Nun hält er sie für die Unglückliche, und da will der
gute Bursche sie beide durch eine Verbindung retten. Bei ihm ist's nur Mitleid
und Trotz gegen die Leute, und aus Dummheit und Eigensinn ist noch nie viel
Gutes entstanden.«
    Gefühlvolle Menschen, deren Einbildung sich beständig in einem engen Kreise
bewegt, pflegen noch mehr als andere jedem Gegenstand, jedem Erlebnisse die
Farbe ihrer augenblicklichen Stimmung zu leihen. Alles lebt, liebt, jubelt und
weint mit ihnen, und der unbedeutendste Vorgang wird auf diese oder jene Art in
Zusammenhang mit ihrem Leben gebracht. Es geschah, um sie zu mahnen,
aufzumuntern oder das Künftige anzudeuten. Hätte Dorotee die beiden Mütterlein
zu anderer Zeit so reden gehört, so wäre sie dadurch allenfalls an andere
närrische Schwätzereien derselben erinnert worden; jetzt aber waren es nicht
etwa kurzweg die und die, sondern ein höheres Wesen hatte jene wenigen und doch
so inhaltsschweren Worte durch sie gesprochen. Wie hätte sich alles so gut
treffen, sie gerade diese Worte hören müssen, wenn daraus nichts Wichtiges
werden sollte? War wirklich sein Entschluss nur aus Trotz entstanden, oder hatte
er sie wahrhaft gern? Das erste konnte sie nicht glauben, und wenn sie das
zweite annahm - sie suchte und fand dafür Gründe -, so hätte sie lange schon
gehen sollen. Dann hatte der Kaplan recht.
    Feierliches Glockenläuten erklang im Tale. Die Berge gaben mit den den
Feierabend verkündenden Klängen die frohen Lieder der Arbeiter wieder, die nun
aus Feld und Wald zu den Ihren zurückkehrten. Ein leises Lüftchen schüttelte die
mächtigen Buchen, und mit dem letzten Laub rieselten tausend Keime auf den nur
noch mit Zeitlosen bedeckten Grund. Herbst und Samstag -! Man steht gern einmal
still, um eine gewisse Strecke des Lebensweges von solchen Höhen aus zu
übersehen. Viele gingen jetzt zur Beichte und liessen sich helfen bei ihrer
Rechnung. Ach, auch sie hätte sich in diesem Augenblicke zum Pfarrer gewünscht!
Warum fiel es ihr denn nicht schon längst ein, wohin sie sich wenden müsse in
ihrer Ratlosigkeit? »Wenn ihr«, hatte der edle Greis in der Schule gesagt,
»keinen Freund auf der Welt mehr habt und niemand, der euch hinaushilft aus
Nebel und Nacht, oh, so glaubt nicht, dass ihr das allein könnt, glaubt euch
nicht zuviel, sondern nehmt teil an den Schätzen der Gnade, der Erfahrung und
des Trostes, die die Kirche durch den Beichtvater anbietet; wendet euch an ihn,
der nicht wegen den Gesunden auf guter Weide, sondern gerade wegen den Kranken
und Verirrten jeden Sonnabend und an jedem Heiligen Tag im Beichtstuhl sitzt, um
zu helfen, zu trösten und zu erlösen!«
    Ganz deutlich wusste das Mädchen noch jedes Wort, so dass es die ganze Rede
wie gelesen hersagen konnte. Und dabei wurde sein Gesicht immer heiterer. Ja, es
wollte beichten, alles sagen, wie es war, und dann den Zuspruch erwarten. Eine
Gewissenssache war's jedenfalls, und die wichtigste, die es noch gehabt hatte.
Der Priester an Gottes Statt sollte nun sprechen und seinem Herzen Ruhe
gebieten.
 
                              Achtzehntes Kapitel
                             Eine Beichte ohne Reue
Dorotee kam in der heitersten Stimmung auf den Stighof, wo man bereits mit
Ungeduld die Köchin erwartete. Gewöhnlich war es ihr noch unlieber als den
anderen, wenn ihretwegen etwas nicht in gewohnter Ordnung vorwärts ging. Heute
aber ging ihr die etwas unfreundliche Frage der alten Stigerin, wo denn um
Gottes willen sie so lang und so Wichtiges zu tun habe, dass das ganze Haus auf
sie warten müsse, weit weniger nahe als die Freundlichkeit, mit der man den
neuen Knecht begrüsste, einen kräftigen Burschen, der bald nach ihr mit Sack und
Pack auf dem Stighof ankam. Diese Leute hatten den armen Jos schon ganz
vergessen, seit ein anderer ihn zu ersetzen versprach! Auch an ihren Bruder
dachte kein Mensch mehr. Wenn nur das Rad vorwärts ging, um den Treiber kümmerte
man sich nicht viel. Mit keinem Worte wurde des bisherigen Knechtes gedacht; das
tat dem Mädchen so weh, dass es, obwohl für die spät gekommene Köchin sicher
nicht die rechte Zeit zum Reden war, in immer offeneren Andeutungen an das frohe
Zusammenleben mit Jos und an seine Verdienste um den Hof erinnern musste. Hans
sah sie dabei recht unfreundlich an, die Stigerin aber schnitt bald mit der
trockenen Bemerkung: »Andere Leute sind auch wieder Leute«, jede weitere
Erörterung ab. Ja, was gab es auch Wichtigeres, als dass das Nachtessen im
rechten Augenblick auf dem Tische stand und gedüngt und gemäht wurde, wenn der
Mond im rechten Himmelszeichen stand! Das Mädchen ward recht böse auf die alte,
harte Frau, während es Hansen, der nichts anderes daheim lernen konnte als
selbstsüchtige Rücksichtslosigkeit, nach Kräften zu entschuldigen suchte. Aber
auch das wollte ihr nicht recht gelingen. Denn so ein böses Gesicht hatte der
Jos doch nie verdient, und ihr sollte es denn doch hoffentlich auch nicht
gelten. Freilich war der Hans aus Liebe zur Bequemlichkeit gut und böse, wie es
die Umstände gerade mit sich brachten; aber wenn ihre Erinnerung auch an sein
Gewissen geklopft haben sollte, so durfte er sie nicht mit einer neuen
Ungerechtigkeit abweisen. Noch in ihrem Schlafkämmerlein machte die Sache ihr
Kopfarbeit. Wenn sie allenfalls, was ihr immer wahrscheinlicher wurde, nach der
morgigen Beichte diesen Dienst verlassen musste, so konnte ja die Stigerin
wenigstens Hansen damit schnell trösten, dass doch andere Leute denn auch wieder
Leute seien. Sie malte sich's schon lebhaft aus, wie es dann sein werde, und
fand fast einen Trost darin, dass es ihr dann gehe wie dem guten Jos, ja dass sie,
der die Verleumdung schon überall den Boden unterwühlt, noch tiefer als er
falle, aber doch keinen Menschen mitreisse. Keinen? Nicht den Vater, der den
hübschen Jahreslohn, den sie gewiss nur hier erhielt, so grausam nötig brauchte,
seit er selber kaum noch etwas verdienen konnte? »Nein«, rief sie laut, »er soll
nicht mit mir fallen! Lieber will ich mich an den Dornstrauch der Arbeit
festalten, wie blutig mir die Hände dabei auch werden mögen. Wenn einmal solche
Bedenken mich hielten, dann wär' ich wahrhaft nicht besser, als der Kaplan
gesagt hat. Erst will ich den Frieden mit mir selbst. Den gibt es morgen auf die
oder jene Art, und dann - oh, dann bin ich wieder zu allem fähig und stark!«
    Und nun konnte sie sich niederlegen und ruhig schlafen, wie sie seit Wochen
nicht mehr geschlafen hatte. Kein beunruhigender Traum quälte sie mit den
Gedanken und Fragen, welche sie in der letzten Zeit bei Tag und Nacht
beschäftigen und ihr keine frohe Stunde mehr lassen wollten.
    Ihr hohes Bett mit dem zum Platzen vollen Laubsack stand hart neben dem
Fenster, welches sie offen gelassen hatte, um eher von den Klängen der
Avemariaglocke geweckt zu werden. Aber sie erwachte noch vorher, und das galt
ihr für ein gutes Zeichen. Vielleicht hatte sie der Schutzengel so ungewöhnlich
früh geweckt. Hurtig stand sie auf und hätte sich kaum schneller ankleiden
können, wenn's gleich an eine Feuersbrunst gegangen wäre. Nur die letzte Arbeit,
das Ordnen der grossen blonden Zöpfe, nahm ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch,
und immer noch war sie nicht zufrieden mit sich selbst, obwohl sie vor keinem
Spiegel stand, aus dem sie einen Grund zu weiteren Anstrengungen hätte ersehen
können. Jetzt erst fragte sie sich, was sie denn eigentlich nun zu beichten
habe. Sie wollte losgesprochen werden von der inneren Unruhe, die sie quälte. Es
musste klar werden, ob ihr Gewissen oder Launenhaftigkeit sie vor einer
Verbindung mit dem reichen Burschen immer noch zurückschrecken lasse. Ja, sie
wollte eben gar nicht beichten, nur um Rat fragen beim Beichtvater. Und doch
sollte sie sich auch anklagen, sollte losgesprochen werden. Ihr Gewissen ward
von etwas recht furchtbar schmerzlich gedrückt, aber sie konnte diesem Etwas
keinen Namen geben, wusste weder, woher es kam, noch, warum es da war, sondern
nur, dass es etwas recht Sündhaftes sein müsse, weil sie noch nie ein innerer
Vorwurf so gequält hatte. Sollte sie vielleicht sagen, dass sie sich über Hansen
zuweilen noch recht ärgern könne? Richtig war das, obwohl sie ihn für einen
herzguten Kerl hielt, den man gern haben müsse, wenn man ihn recht kenne. Ja,
Hans war ihr trotz allem nicht recht - vermutlich, weil sie ihn eben ganz nach
ihrem Kopfe haben wollte. Da steckte es! Das Gute an ihm war seine Güte gegen
sie und die Ihrigen. Es fehlte nur noch, dass er sich nicht ganz von ihr
beherrschen liess! Der Kaplan hatte daher ganz recht in seiner Predigt. Die Sache
steckte schon viel tiefer, als sie bisher selber glaubte. Schon meinte sie, klar
zu sehen, und nun gleich sollte alles das wieder heraus, wieviel anderes dabei
auch mitgerissen werden möchte.
    Sie war mit den Zöpfen fertig und spitzte schon den kleinen Mund, um das
Licht auszublasen, als der Glockenschlag der alten Schwarzwälderuhr sie
erschreckte. Wie war das möglich? Das Mädchen war über sich selbst erstaunt und
hielt die Hand gegen die Wärme des Lichts, um sich zu überzeugen, dass nicht etwa
das alles nur ein Traum sei. Aber nein, sie war hellwach und zählte fünf
Glockenschläge der alten Uhr, die ihr schon so viele glückliche Stunden zählte.
Und heute konnte der bekannte Klang sie erschrecken, als ob nun die letzte
derselben geschlagen hätte! Unmöglich war es allerdings nicht, dass ihr der
Dienst vom Beichtvater ausgeredet wurde. Ängstlich blickte sie eine Weile in
ihrem kleinen Zimmerchen herum; ob sie wohl noch manches Mal hier schlief? Die
ernsten Heiligenbilder an der Wand gegenüber dem hohen Bette neben dem bunt
bemalten Kasten schienen die Häupter zu schütteln, alles im Zimmer begann sich
zu regen und tausend liebe Erinnerungen in ihr zu wecken. Sie konnte das Licht
nicht mehr löschen, konnte nicht auf einmal, vielleicht für immer, den lieben
kleinen Raum verschwinden lassen, um dann im Dunkel herumzutappen. Mit
zitternder Hand erfasste sie den Leuchter und trug ihn mit bis in den Schopf vor
der Haustüre, wo ein leichter Windstoss das kleine Flämmchen sogleich verblies.
Dennoch war es ihr hell genug von dem Leuchten und Glühen daroben über dem
Üntscherspitz, der sich mit seiner Schneekappe immer tiefer in die Flammentore
des Tages steckte und kleiner und kleiner zu werden schien. Noch einmal, beim
Knarren der langsam hinter ihr ins Schloss fallenden schweren Haustüre, ging
Doroteen ein Stich ins Herz. Nun war sie herausgesperrt, und ein Fremder, der
strenge Geistliche, kam zwischen sie und die guten Leute, welche sie eben
verliess. Aber nun trat sie ins Freie; ein frischer Wind wehte sie an und schien
ihr Kraft und Mut einzuhauchen. Wie das schwache, erloschene Lichtlein drin
gegenüber dem Lichtmeer, in welches die Berge sich tiefer und tiefer
eintauchten, kamen auch ihre Sorgen und Wünsche hier im Freien ihr recht klein
und unbedeutend vor. Wie froh sangen die Vögel von den herbstlich gelben
Buchenwäldern dem schönen Morgen entgegen, ohne sich viel um das Nahen des
Winters zu kümmern, der schon von den Bergen ins Tal herunterblickte. Sollte
sie, für die die Vorsehung schon so väterlich sorgte, da sie selbst noch
unerfahren und schwach war, denn weniger auf den Schöpfer trauen als diese
Tiere? »Weg mit aller Kleinlichkeit und mit allem, was nur belastet und
niederdrückt«, rief sie, und ihr Schritt ward immer schneller. »Komm, Heiliger
Geist«, betete sie, sich zur Gewissenserforschung vorbereitend, »erleuchte
meinen Verstand, bewege meinen Willen, dass ich meine Sünden recht und
vollständig beichten möge! - Die Sorge um seine und die Zukunft der Eigenen ist
nur Misstrauen gegen Gott und sich selbst. Weg damit und mit allem Hochmut, aller
Selbstsucht und allem, was Zeitliches wie eine Last sich ans Herz hängen will!«
    Voll Mut ging das Mädchen in die schwach erhellte Kirche und schritt
vorwärts bis zu dem langen Stuhl neben dem Hochaltar, wo bereits zwei
Beichtkinder auf die Ankunft des Geistlichen warteten. Hier begann sie ihre
Selbstanklage zu ordnen, bis endlich, ganz weiss gekleidet, der Kaplan erschien
und sich nach einem kurzen Gebete vor dem sonntäglich geschmückten Hochaltar in
den Beichtstuhl einschloss. Dorotee hätte sich eigentlich den Pfarrer gewünscht.
Noch heute ward ihr etwas bang, wenn sie an den grossen Mann mit dem blassen,
kalten Gesichte dachte. Jetzt aber sah sie im Beichtvater nicht mehr den oder
jenen, sondern nur noch den Stellvertreter Gottes, und sie hätte gleich die
erste vor dem Beichtstuhlgitter sein mögen, um von ihrer Last so schnell als
möglich befreit zu werden. Dann aber fiel ihr wieder ein, dass sie ja noch immer
nicht eins sei, wie und über was sie sich anzuklagen habe. Wieder sann sie und
betete und kam nicht vorwärts, bis die erste und dann auch die zweite der vor
ihr Knienden das Gitter verliess. Noch war sie nicht fertig, als ihr schon der
Priester lateinisch den Segen erteilte. Sie kniete vor dem Gitter nieder,
bezeichnete sich mit dem Kreuze und begann dann mit bebender Stimme, selbst dem
Geistlichen kaum hörbar: »Ich hab' vor zwei Monaten das letztemal gebeichtet.
Seitdem aber bin ich durch eine Predigt und durch anderes auf den Gedanken
gekommen, es sei vielleicht nicht alles recht und wie es vor Gott sein sollte
zwischen mir und meinem Diensterrn. Ich weiss mir nichts vorzuwerfen, aber die
Sache drückt mich, und da hätt' ich denn mehr um Rat fragen wollen, ob -«
    »Du möchtest ihn wohl gern heiraten?« fragte der Kaplan, der, das Mädchen
schon beim ersten Wort erkennend, sich nun sogleich an das Gerede der
Ordensschwestern erinnern mochte.
    »Ebenda wird es wohl stecken«, antwortete das Mädchen. »Er gilt viel bei
mir, durch ein Feuer tat ich für ihn gehen, und doch ist etwas unrecht, und ich
weiss gar nicht, was.«
    »Ja, ja, durch ein Feuer«, sagte der Kaplan und begann das Mädchen in eine
Menge von Kreuz- und Querfragen zu verwickeln, die es grösstenteils nicht einmal
verstand. Es konnte fast immer ruhigen Gewissens mit Nein antworten, und doch
wurde ihm heiss und kalt, als es sagen musste, ob sie sich nie geküsst hätten, ob
sie auch jeden Abend gehörig die Kammer schliesse, und ähnliches, was nach
Doroteens Gefühl weder in den Beichtstuhl noch sonst wohin gehört hätte. Etwas
nachdenklich wurde sie auf die Frage, wie ihr denn sei, wenn seine Hand
unversehens oder absichtlich die ihrige berühre. Sie fühlte ein eigenes Zucken
im rechten Fuss, der so oft beim Essen den des neben ihr sitzenden Jos gesucht
hatte. Der Geistliche merkte ihre Verlegenheit und wurde nun noch dringlicher.
Ob sie auch Geschenke von ihm erhalten habe? Wie oft? Verstohlen vor den anderen
Hausgenossen? Wie sie dafür gedankt, was sie versprochen, zugestanden und sich
vorgenommen habe, wenn sie einmal beschenkt worden sei? Das nun waren lauter
Fragen, auf welche das Mädchen etwas, ja sogar viel zu antworten wusste. Der
Kaplan hielt eine kleine Rede und wollte dem guten Mädchen klarmachen, dass schon
das freiwillige Verbleiben in der nächsten Gelegenheit zur Sünde vor Gottes
Augen ein grosses Unrecht sei. Er schloss mit der ernstlichen Mahnung, vor allem
für die unsterbliche Seele zu sorgen und daher noch heute den gefährlichen
Dienst zu verlassen. Wenn eine Heirat mit dem Arbeitgeber dem Willen Gottes
gemäss wäre, so könnte sie darum doch noch einmal zustande kommen.
    Jetzt das aber war denn Doroteen doch gar zu arg! Warum hätte sie sich denn
nicht freuen sollen über die vielen Beweise von Hansens Zufriedenheit? Freilich
nicht so wie der Geizhals über seine Taler; aber das war auch bei ihr nie der
Fall, indem sie fast alles nur wieder den Ihrigen zukommen liess. Der Kaplan
sagte wohl, dass geschenkte Pracht das Auge blende, sich wie ein Dorn ins Herz
bohre und nur zu leicht auch die Unschuld verwunde. Doch ihr ging das nicht mehr
recht ein. Hatte sie doch das Prächtigste, das Köstlichste von Hansen nicht so
gefreut wie das kleine, ganz einfache Gebetbüchlein, welches Jos ihr im letzten
Frühling vom Pfingstmarkt von Dornbirn mit heimbrachte! Überhaupt stand sie
nicht gern beim Beichtvater im Ansehen, als ob nur teure Geschenke von ihr
geschätzt würden und sie schon beim Gold und Silber hart und kalt geworden.
Nein, so schlecht war sie denn doch nicht und hatte zum Beispiel den armen Jos
noch immer, seit sie ihn recht kannte, für so viel oder noch mehr als den
reichen Stighans gehalten mitsamt aller seiner Pracht und Herrlichkeit. Sagen
mochte sie davon jetzt freilich nichts, ihr selbst aber war es durch die vielen
vom Beichtvater an sie gerichteten Fragen noch viel, viel klarer geworden als
jemals vorher. War es ihr doch, wenn sie im Wald oder auf dem Felde, mit Hansen
oder nur vom blauen Himmel gesehen, neben dem guten Knechte sass, wenn ihr Blick
den seinen traf oder sie ihm etwas aus der warmen Hand nehmen sollte, gerade so,
wie der Kaplan in seinen Fragen gesagt hatte.
    Doroteen ward auf einmal ganz wunderbar leicht und wohl, gerade so, wie
wenn schon alles abgeschüttelt und die Lossprechung bereits gewonnen wäre. Sie
fühlte jetzt, wo es ihr fehlte. Der Jos war ihr lieber als Hans, und ihr ganzes
Innere wehrte sich gegen eine Verbindung mit dem reichen Bauern, obwohl sie ihm
nichts Übles nachzureden wusste. Das und nur das war das Unrecht, vor dem sie so
gezittert hatte. Nun - Gott Lob und Dank im hohen Himmel! - fühlte sie sich
glücklich darüber hinaus für immer. Eine Weile freilich, da hatte der Kaplan
ganz recht, vermochte das Geld sie zu blenden wider Wissen und Willen. Jetzt
aber war sie mit Hansen fertig. Drum eben hielt sie auch sein Haus nicht mehr
für so gefährlich. Wo noch hätte sie wohl wieder einen so guten Platz gefunden,
von dem aus sie auch den Ihrigen soviel helfen konnte, wie auf dem Stighof bei
den guten Leuten, die doch ihr und denen sie schon lange ganz eigen geworden
war? Ja, jetzt wollte sie erst recht wieder dem guten Hans dienen und mit den
Ihrigen sich seines Wohlwollens freuen und für ihn beten. Warum auf die weite
Gasse eilen, wo unter dem Dache keine Gefahr mehr war, sondern Schutz und
Sicherheit für sie und die Ihrigen? Hätte sie nur sich selbst angehört oder den
Vater getrost und mit gutem Gewissen ihrem Bruder überlassen dürfen, dann hätte
sie schon auch gehen mögen, wo Jos nicht mehr bleiben konnte und man ihn so
schnell wieder vergass. Ja, damals, als Hans den guten Burschen, den treuen
Jugendfreund, den unermüdlichen Knecht nicht nur seinen Gegnern überliess,
sondern sich selbst an ihre Spitze stellte und ihn dadurch zu jenem
verzweifelten Sprunge trieb, da hätte sie gleich auch zusammenpacken, noch am
nämlichen Tage gehen sollen, statt sich mit Hansen auf sein erstes gutes
Wörtlein hin wieder zu versöhnen. Sie liess bald sich wieder wohl sein, als ob
gar nichts geschehen wäre, suchte das Unrecht zu vergessen, begann sogar ihre
eigenen selbstsüchtigen Rechnungen zu machen. Das war es, und nur das, was ihr
Gewissen belastete. Der Unfriede mit sich selbst währte auch gerade seit der
Kirchweih, obwohl dann erst das, was sie seit der Predigt am vorigen Sonntage
hörte und erlebte, sie recht ins Nachdenken und Grübeln gebracht hatte. Jetzt
aber war das vorbei. Dem unglücklichen Jos konnte sie gewiss mehr nützen, wenn
sie blieb und Hansens Gewissen weckte, dass es ihm gehörig sagte, wie ein grosses
Unrecht er an dem Burschen wieder wenigstens nach Kräften gutzumachen habe.
    Solche Gedanken gingen dem Mädchen viel schneller, als sie wiedergegeben
werden können, im Kopfe herum und liessen es nur wenig von der langen Rede des
Geistlichen hören, der immer entschiedener auf ein sofortiges Verlassen eines
Dienstes drang, der nicht nur dem Heile der armen Seele, sondern auch ihrer Ehre
recht grausam gefährlich sei. Nun erinnerte sich Dorotee wieder an das
entstandene Gerede und sagte nicht ohne Bitterkeit: »Was die Ehr' anbelangt, ist
das Tuch schon zerschnitten, so dass es doch immer eine Naht gibt, man mag wieder
flicken und machen, soviel man will.«
    »Um so leichter«, meinte der Kaplan, »lässt der Arbeitgeber dich gehen und
wird dir sogar noch ein gutes Unterkommen suchen helfen.«
    »Nein, der weiss grad' so gut wie ich, dass alles erlogen, was über mich in
Umlauf gekommen ist.«
    »Darum schadet's ihm doch.«
    »Aber nicht so viel als mir, wenn ich tun wollte, wie wenn alles lautere
Wahrheit - -«
    »Der Christ sucht seine Ehre in der Verdemütigung.«
    »Ich will ja doch auch alles über mich ergehen lassen, wenn Gott mir
beisteht.«
    »Er entzieht seine Gnade denen, die trotzig auf sich selbst bauen und in der
Gefahr zum Bösen freiwillig verbleiben.«
    In Doroteen wurde das Gefühl, dass ihr, wenn auch nicht mit Absicht, sehr
unrecht geschehe, stets lebendiger, besonders seit sie an die in der letzten
Zeit entstandenen Schwätzereien erinnert worden war. Sie sah im Beichtvater
wieder eher den Mann, der, wenn auch nur im Eifer und mit bester Absicht, sich
viel zu sehr an die Meinung scheinheiliger Leute zu halten pflege. Es wuchs
daher auch ihr Eigensinn in einer Weise, dass sie selber darüber erschrak.
Trotzdem aber konnte sie nicht unterlassen, auf den letzten Vorwurf zu erwidern:
»Freiwillig gehen wohl wenige von den Eigenen weg und dienen anderen ums
tägliche Brot.«
    »Wer hochmütig ist und träge, der will herrschen, selbst um den Preis der
unsterblichen Seele. Wir sind fertig, und du hast noch heute den Dienst zu
verlassen.«
    »Ach, was würde der Vater sagen und Hans und - Nein, Herrl - Euer
Hochwürden! -«
    »Du willst also das nicht versprechen?«
    »Nein«, antwortete Dorotee entschlossen. »Ich sehe nun die Sache ganz
anders und mache mir kein Gewissen mehr zu bleiben.«
    »Nun - in Gottes Namen, dann kann ich dir auch nicht helfen, dich nicht
lossprechen. Gelobt sei Jesus Christus!«
    »In Ewigkeit«, sagte Dorotee laut und verliess sicheren Schrittes den
Beichtstuhl.
 
                              Neunzehntes Kapitel
            Ein kleiner Hauskrieg, bei welchem Hans eigensinnig wird
Erstaunt gewahrte Dorotee, dass es während ihrer Beichte in der Kirche schon
ganz hell geworden war. Über die Berge herein, welche hart vor den hohen
Kirchenfenstern zu stehen schienen, leuchtete und funkelte es so goldig
blendend, dass das Mädchen auf den Stufen unter dem Chorbogen ganz gewiss einen
Fehltritt getan hätte, wenn es hier nicht gar zu gut »zu Hause« gewesen wäre.
Selbst mit geschlossenen Augen musste sie hier durchkommen und kam auch wirklich
mit geschlossenen Augen durch. Wie sie nun die Augen sich erholen lassen wollte
von dem grellen Glanze und ihr Blick in dem noch etwas dunkleren unteren Schiffe
der Kirche zu ruhen suchte, gewahrte sie erschrocken die vielen Andächtigen,
deren Augen recht ernste Fragen an sie zu richten schienen. Ais sie endlich in
ihrem Stuhl ankam, verkündete feierliches Glockenläuten den sofortigen Beginn
der Frühmesse. Sie hatte also das erste Glockenzeichen gänzlich überhört und war
demnach mehr als eine Viertelstunde, ja, nach dem Tagen zu schliessen, sogar mehr
als eine halbe Stunde im Beichtstuhl gewesen. Was mussten diese Leute jetzt über
sie denken, und was erst, wenn man sie unter der vom Pfarrer gelesenen Messe
nicht mit den andern, die gestern und heute beichteten, zur Kommunionbank gehen
sah? -
    Einen Augenblick beschäftigte und plagte Doroteen hauptsächlich diese
Frage, doch kaum länger als einen Augenblick, während manches andere Mädchen an
ihrem Platze darüber gewiss den beklagenswerten Seelenzustand sowohl als auch
alles andere gänzlich vergessen hätte. Die Lossprechung - hätten die meisten
gerechnet - war ja schon morgen, am Fest Allerheiligen, von einem weniger
scharfen Geistlichen der Nachbargemeinde zu bekommen; aber von denen, die heute
da in der Kirche waren, und von allen, welche mit diesen in den nächsten
vierzehn Tagen redeten, war man darum noch keineswegs losgesprochen. Ja bei
diesen ging's gewiss erst recht an, wenn jetzt auch noch ein fremder Geistlicher
aufgesucht wurde. In der Regel kann so ein Mädchen aus eigener Erfahrung wissen,
was man alles über ein nicht absolviertes Beichtkind denkt und wie erbarmungslos
jedermann darüber herzieht. War es doch gewöhnlich schon selber dabei, wenn des
Unglücklichen ganzer Lebenslauf durchgegangen, wenn alle seine Beziehungen und
Verhältnisse siebenmal umgekehrt wurden, um das entweder herauszufinden oder
hineinzulegen, was etwa heute im Beichtstuhl hängen geblieben war. Das ist
vielen die erste, die grösste und sogar die einzige Sorge; drum denkt man, wenn
man so ein junges Mädchen von gewöhnlichem Schlag ist - Mannsbilder sind viel
weniger ängstlich -, wie herrlich es doch wäre, wenn ihm nun auf einmal recht
grausam übel würde und seine Wangen erblassen täten, dass man es kaum noch zu
erkennen vermöchte. Doch das Gesicht brennt, die Pulse fliegen, und von so einer
schönen Ohnmacht ist gar keine Rede. Trotzdem steckt man schon unter dem
Staffelgebet den schweren silbernen Rosenkranz ein, als ob es gleich aus wäre,
beim Gloria setzt man sich nieder, stützt unter dem Evangelium das Köpfchen auf
die ein wenig zitternde Rechte, während die Linke das schneeweisse Schnupftuch
und den von der Stuhlnachbarin entlehnten Rosmarinstengel festält. Schon vor
der Wandlung scheint es trotz allem Riechen nicht mehr zum Aushalten, nach
derselben aber wankt die Bedauernswerte zur Kirche hinaus. Während nun die
anderen Beichtkinder zur Kommunionbank hinlenken, steht sie draussen bei einem
Brunnen, und wenn sie sich von jemand gesehen glaubt, wird Wasser getrunken,
mehr, als man sonst am heissesten Sommertage für menschenmöglich gehalten hätte.
    Dorotee kam zu dem allem nicht. Demütig und ohne sich noch um die anderen
Leute zu kümmern, kniete sie vor dem Muttergottesaltar in ihrem Stuhl und fragte
sich nun, wie es denn möglich gewesen, dass im Beichtstuhl nach so vielen guten
Vorsätzen sie solcher Eigensinn habe ankommen können. Freilich sah und fühlte
sie, dass Hans in Zukunft ihr nicht mehr gefährlich sei, aber war es nicht
dennoch ihre Pflicht, dem Beichtvater zu folgen? Sie wünschte seinen Rat, um
dann aus und draus zu sein, und nun hatte sie ihm nicht einmal gesagt, was beim
Erforschen des Gewissens sich zwar noch nicht zeigte, doch im Beichtstuhl ihr
auf einmal kam wie eine höhere Eingebung, die sie aber statt dankbar und demütig
nur trotzig machte ... Wär's möglich gewesen, so würde sie jetzt, gleich mitten
unter der Messe, wieder in den Beichtstuhl gegangen sein und das Versprechen
gemacht haben. Aber dann hielt sie das nur wieder für Angst vor dem Urteil der
Menschen und sagte sich, dass das - wenigstens jetzt - zur Beruhigung ihres
eigenen Gewissens noch durchaus nicht nötig sei. Entschieden hatte der
Geistliche das Ganze noch weniger verstanden als sie selbst, das schienen schon
seine wunderlichen Fragen zu beweisen. Warum sich also noch viel um sein Urteil
kümmern, wenn man ein viel richtigeres gewonnen hatte? Sie war ja nun
losgesprochen von ihrer Last, fühlte sich wieder eins mit sich selbst, und das
blieb die Hauptsache. Anders reden hätte sie sollen; aber es war in sie gefahren
wie wohl auch in den Jos am Kirchweih fest. Nun, für sie, die dadurch ins klare
kam, hatte sogar das sein Gutes. Vielleicht konnte also doch auch dem Burschen
etwas Wünschenswertes aus jener traurigen Geschichte kommen. Unter der Messe
betete sie fast mehr für ihn als für sich selbst, wobei ihr so wohl zumute
wurde, dass sie es kaum bemerkte, wie die anderen Beichtkinder zur Kommunionbank
schritten und nun aller Blicke sich von neuem auf sie zu richten begannen.
    Es heisst allgemein: Der Schein trügt. Richtiger wär's wohl, wenn man sagte:
Der Mensch betrügt sich selbst, denn er hat seine Freude, trotz aller Erfahrung,
am Scheine. Kommt man einmal mit Bauern und Bäuerinnen auf das Kapitel von
Schein und Sein, ja dann lächeln sie recht vornehm und richten die Köpfe gehörig
auf; da dürfen sie die Meinung um so herzhafter sagen, weil das nun sie selber
gar nichts angeht. Es gilt nur den hoffärtigen Stadtleuten in ihrer teuren
Herrlichkeit, die nicht kalt und nicht warm zu machen vermag. Sie aber, die
Bauern, haben diesen Fehler nicht und sind nicht eitel. Was würden die Leute
dazu sagen, wenn auch sie sich um den Schein kümmerten, sich etwa gar über den
Stand kleiden und gnädige Herren spielen wollten? Dadurch müsste man ja den
Kredit und sogar für die Kinder oft die schönsten Aussichten auf eine gute
Versorgung verlieren. Drum doch beileibe keinen Aufwand machen um des Scheins
willen wie die Stadtleute, viel lieber zu demütig, zu einfach und ärmlich! Es
ist doch weit genug bekannt, wie einer steht und dass er es leicht grossartiger
geben, viel mehr Aufwand machen könnte, wenn er dazu nicht zu bescheiden wäre
und eben an. Einfachheit und Sparsamkeit seine grösste, seine einzige Freude
hätte.
    Dorotee, die bisher stets ziemlich unbeachtet gebliebene Magd, galt und
hielt sich selbst für gleichgültig gegen Urteil und Meinung derjenigen, an die
sie nicht durch ihre Dienstpflicht gebunden war. Heute aber zeigte sie das auf
eine Weise, die der erwähnten Gleichgültigkeit anderer Bauern so ziemlich glich.
Sie blieb ruhig an ihrem Platze, als die anderen die Kirche verliessen, und zog
abermals ihr Gebetbüchlein heraus. Daran konnte man sehen und sollte sehen, wie
leicht sie diese Blicke ertrug, wie wenig sie sich um die vielleicht
entstandenen Gedanken kümmerte und wie stark ihr gutes Gewissen sie machte. In
ihrem Büchlein stand freilich ganz anderes, aber davon sah sie nichts, schon
weil sie es lange verkehrt in der Hand hielt. Sie kam erst darauf, als ihr Auge
einem auf sie gerichteten Blicke des Pfarrers, der wegen Unwohlsein die Kirche
bald nach der Messe wieder verliess, ins Büchlein zu entrinnen suchte. Sie fand
und las das Gebet einer christlichen Hausmagd, wodurch sie nun wieder an die
vielen Arbeiten erinnert wurde, die ihrer auf dem Stighofe warteten und noch
morgens, vor dem Beginn des eigentlichen Gottesdienstes, verrichtet werden
mussten. Sie schloss das Büchlein, steckte den Rosenkranz ein, dachte wieder an
den Stighof und kam nun von neuem ins Grübeln und Sinnen hinein. Aber je mehr
die, welche sie aus dem Beichtstuhl und später nicht zur Kommunion gehen sahen,
die Kirche verliessen, desto herzhafter gab sie sich nun sogar in den Stücken
recht, die ihr sonst noch wenigstens etwas bedenklich erschienen. Sie
wiederholte sich noch einmal jedes Wort des Kaplans und ihre Antworten, dabei
richtete sie das Köpfchen immer mehr auf, und sie trug es wirklich so hoch wie
sonst nur selten, als sie endlich die Kirche verliess.
    Und schnellen Schrittes, dem heiteren Herbstmorgen, der Berg und Tal
vergoldete, fröhlich entgegenlächelnd, ging sie kurz darauf durch Argenau
hinein. Den Begegnenden, die sich ein wenig stellen und ein Gespräch mit ihr
anfangen wollten, wünschte sie nur einen guten Morgen, aber nicht aus übler
Laune, sondern weil ihr einfiel, dass es schon vor einer Weile sieben geläutet
hatte. Da durfte sie neben und unter ihr kein Gras mehr wachsen und keinen
Reifen vergehen lassen, wenn sie noch in der Küche und überall rechtzeitig
fertig sein wollte, so dass die Stigerin keine Veranlassung mehr zu neuem Tadel
fand. Und das sollte sie nicht. Lange genug schon hatte Dorotee hier,
wenigstens halb und halb, das Gnadenbrot gegessen. Jetzt aber mochte sie nichts
mehr geschenkt. Nur Magd wollte sie sein, eine fleissige, ja eine unentbehrliche
Magd für ein gehöriges Hauswesen, wie das auf dem Stighof war. Dann konnte dem
Vater und ihr das Gerede nicht lange schaden, welches über sie in Umlauf kam und
vielleicht von heute an sogar noch ein wenig ärger wurde. »Gott und gute
Menschen haben mir zu einer Zeit geholfen, wo ich selber gar nichts war als ein
armes, hilfloses Ding, für das niemand als sein Elend um Hilfe, um Erbarmen
flehte. Gott und gute Menschen sind aber überall und helfen, wenn man redlich
das Seine tut.« So tröstete sich das Mädchen, als allerlei trübe Gedanken kommen
und ihm schwer, recht schwer machen wollten. Sie dachte daran, wie wunderbar
Gott sie bisher geführt, wie ihr noch nie unbelohnt blieb, was sie tat, und
wieviel sie der Stigerin zu verdanken habe. Dafür wollte sie nun doch auch etwas
sein in der Stunde der Prüfung und ihrer Erzieherin Ehre machen. Als Jos
gestürzt, aus seiner Bahn geworfen, scheinbar vernichtet zu Hause lag, bekam
Hans aus der Unterredung des Doktors mit dem Vorsteher einen Respekt vor ihm,
dass es eine Freude war. Das galt ihr für ein Muster und Beispiel, dass sie sich's
gar nicht anders gewünscht hätte.
    Es war ihr ordentlich lieb, noch keinen Rauch ob dem hohen Hausdach zu
sehen. Das Kochen war ja ihre Arbeit, und heute wollte sie zeigen, wie leicht
sie auch eine versäumte halbe Stunde wieder einzubringen imstande sei.
    Fröhlich sprang sie die Treppe hinauf, und ohne vorher sich umgekleidet zu
haben, eilte sie in die Küche, wo sie einstweilen Wasser zum Kaffee obs Feuer
bringen wollte. Noch kein Verweis der zuweilen etwas strengen Stigerin hatte sie
so erschreckt wie jetzt die Entdeckung, dass hier schon gekocht worden, und ihre
Stimme war unsicher, als sie, in die Stube tretend, den am grossen runden Tische
sitzenden Hausgenossen einen guten Morgen wünschte.
    »Für heute«, bemerkte die Stigerin etwas rauh, »ist's mit dem guten Morgen
schon fast zu spät.«
    »Ja«, stammelte Dorotee, »verspätet hab' ich mich allerdings, und viel
ärger, als ich selbst meinte; aber -«
    »Aber!« fiel die Stigerin hastig ein. »Wenn Weihnachten auf einen Freitag
fällt, so hört das Fastengebot auf, und Fleisch darf essen, wer will und bis man
genug hat. Du bringst wohl auch so ein Aber mit, welches die alte Hausordnung
über den Haufen wirft? Ist's nicht ein Ereignis wie das, welches am Heiligen
Tage gefeiert und anpsalmiert wird, wenn einmal jedermann dich ansieht und etwas
dabei denkt? Das, wirst du gewähnt haben, sei schon wert, dass man von der Regel
abgehe und eine halbe Stunde Dienst versäume?«
    
    Dem armen Mädchen war das Wasser in die Augen gekommen, es schwieg.
    »Ja, du kannst mir nun wieder Augen machen«, eiferte die Bäuerin, »es gibt
Flecken, welche die salzigste Träne nicht mehr aus dem Lebenswandel waschen
kann.«
    Dorotee wollte nun auch reden, doch die Stigerin liess ihr noch kein Wort.
»Kurz und gut!« rief sie, »heut' machest du mich nicht mehr zum Narren wie vor
Jahren einmal, als ich dich in einer bösen Stunde zum erstenmal sah. Wär' ich da
nicht gar zu gut gewesen und hätte dich an uns gebunden, so hätten wir heut' auf
dem Stighof einen besseren Morgen als den, welchen du uns hintennach noch
wünschen kannst. Wir haben dich emporziehen wollen, und nun drückst du uns
hinab. Der faule Apfel steckt nur die frischen an. Ich hätte wohl wissen sollen,
dass es gar nie anders, nie umgekehrt gehen kann, aber ich bin immer viel zu
gut.«
    So ging es noch lange fort, bis das Mädchen endlich erfuhr, dass die Stigerin
schon alles wisse, was heute in der Kirche beobachtet wurde. Es gelte, so klagte
die Mutter, schon überall für eine ausgemachte Sache, dass heute sich öffentlich
bestätiget habe, was über Hansen und seine Magd schon seit länger in Umlauf
gekommen sei. Man sage sogar schon, Hansen wäre wohl vor kurzem beim Beichten um
kein Härlein besser als ihr gegangen, wenn er auch so redlich gewesen wäre wie
sie oder so klug, um die Sache richtig beurteilen zu können. »Nun darüber«,
schloss die Stigerin, »haben wir noch viel zu reden. Was man so sagt unter den
Leuten, ist nicht wie Siegel und Brief, darum darf man sich nie gar zu viel
kümmern, aber denn doch auch nie so wenig, dass man in deiner heutigen Lage noch
die Stirn hat, den Leuten eine halbe Stunde lang ohne Not gross in den Augen zu
sein und wie eine Schandtafel für unsere ganze Verwandtschaft dazustehen, und
besonders für den grossen Einfaltspinsel da!«
    Das war für Hansens Geduld zuviel auf einmal, wie wenig es auch immer
scheinen mochte im Verhältnis zu dem, was er sonst immer ziemlich geduldig über
sich ergehen liess. Wenn er allein bei der Mutter war, so tadelte diese
schliesslich immer nur seine Unempfindlichkeit, wovon auch zuerst die Rede
gewesen sein mochte. Heute aber liess er sie dazu nicht mehr kommen. Was die
Mutter über Doroteen sagte, tat ihm um so weher, weil auch er sich recht von
Herzen über das Mädchen ärgerte. Was denn hatte sie, die er für die Unschuld
selber hielt, so Grosses zu beichten, dass der Kaplan es ihr nicht einmal abnehmen
konnte? Sollte er sich auch hier wieder betrogen haben? Noch wollte er es nicht
glauben, aber das »Einfaltspinsel« der Mutter traf ihn doch schmerzlicher als
gewöhnlich und brachte ihn in jene Stimmung, wo er um jeden Preis widersprechen
musste, gerade wie wenn dadurch das etwa verlorene Ansehen rasch wieder zu
gewinnen wäre. »Wenn die Geschichte mich besonders viel angeht«, sagte er, »so
sollte doch auch ich das erste Recht haben, darüber zu reden. Ein bisschen
predigen werd' ich wohl auch können, sonst müsst' ich ja gar keinen Blutstropfen
von meiner Mutter haben. Aber zu einer gehörigen Predigt und schon voran als
Fundament gehört ein schönes Evangelium. Für ein solches nun kann man denn doch
die Vermutung und das Durcheinander von lieblosem Geschwätz nicht halten.
Zuerst, bevor man anderen die Wege weisen kann, muss man doch auch selber wissen,
woran man ist. Ihr Weiber wollt alles mit Reden richten, ich aber kann und mag
niemand die Meinung sagen, solang ich noch gar keine eigene Meinung habe. Kurz
und gut, in die jetzige Schwätzerei hinein will ich nicht noch ärger verwickelt
werden.«
    »Eben darum, du Verblendeter, Undankbarer, hab' ich mich wehren wollen.«
    »Zu spät, wie gewöhnlich«, bemerkte Hans bitter.
    »Warum zu spät?«
    »Man hätte dem Krämer kein Türlein offen lassen dürfen, wenn der seinen
Unrat nicht hereinbringen sollte.«
    »Du hast aber schon früher mit dieser Verwandtschaft zu tun gehabt.«
    »Ja, und jetzt möcht' ich gleich alles wiederholen, was damals gegen den
alten Sünder gesagt wurde. Doroteen hat nur er so ins Geschrei gebracht. Aber
mit derlei Mitteln fängt man Hansen nicht. Da gewinnt der Krämer wenig und macht
seine Zusel nur noch unglücklich wie die gute Angelika.«
    »An der Geschichte bin aber ich nicht schuldig.«
    »Dann ist die Lehre, die man daraus nehmen kann, um so wohlfeiler.«
    War Dorotee zum Teil froh, dass das Wetter sich so auf eine andere Seite zu
ziehen schien, so tat es ihr doch recht von Herzen weh, Mutter und Sohn so
unfreundliche Worte wechseln zu hören. Solche Hauskriege waren ihr immer
ungemein peinlich, wenn sie selbst auch nichts zur Veranlassung derselben
beitrug; heute aber hätte sie um alles in der Welt nicht mehr länger dabei zu
sein vermocht. Für sich selbst hatte sie schon eine kurze Verteidigungsrede
nicht eben von höflichster Art zusammengestellt. Die würde sie gehalten haben,
wenn's noch länger in dem Ton fortgegangen wäre, welchen die Stigerin anfänglich
anschlug. Jetzt aber vermochte sie das rechte Wort nicht mehr zu finden.
Geräuschlos verliess sie die Stube, ohne noch an ihren Kaffee zu denken, der
eingeschenkt auf dem Tische stand. Sie hatte weder Hunger noch Durst und war
herzlich froh, dass es in der Küche noch so manches anzurichten gab, obwohl sie
nicht mehr mit der Freudigkeit arbeiten konnte, die ihr noch vor einer halben
Stunde gar alles leicht gemacht hätte.
    Unterdessen verteidigten sich Mutter und Sohn immer tapferer; die Worte
wurden um so weniger gewogen, als man endlich gewahr wurde, dass die Magd sich
entfernt hatte. Die Stigerin sagte Hansen, er dürfe sich schon ein wenig
einreden lassen, denn er habe doch für nichts Talent als für seinen Stall, aber
auch das nur so, dass er nicht einmal auf seinen Kopf ein Kälblein für zehn Taler
kaufen dürfe. In dem Stück arte er ganz nur seinem Vater nach. Dagegen gute
Blutstropfen hab' er von dem Seligen keine geerbt. Der habe doch seine Schwächen
gekannt und sei daher immer fügsam und nachgiebig gewesen.
    Über seinen Vater nun liess Hans nicht so leicht etwas kommen, wie sorgfältig
man es auch, gleich einer bösen Pille, ins Zwetschkenfleisch versteckte. Ja er
konnte der Mutter gegenüber es offen aussprechen, dass er den Guten noch jetzt
bedauere und als grossen Dulder verehre. Die Stigerin kam daher jetzt nur noch in
der grössten Erregung auf ihren Mann zu sprechen; dann verlor sie überhaupt alle
Kraft zum Überlegen, während Hans gerade im Zorn am klarsten zu denken schien.
Auch heute sprach er sich so klar und entschieden aus, wie man es von ihm wohl
nie erwartet hätte. Er sagte: »Ich hab' auch noch Blut von anderen Leuten und
schlage vielleicht nicht ganz aus der Art, wenn ich zuweilen ein bisschen
eigensinnig bin und glaube, meine Herzensangelegenheiten - das sind wichtigere
als die des Stalles - gehen niemand mehr an als mich.«
    »Redet man so jetzt?« rief die Stigerin aufspringend. »Bin ich die Mutter,
oder bist du sie?«
    Hans sass ruhig am Tisch und machte ein ganz ernstaftes Gesicht.
    »Wenn du mein Mann wärst«, sagte die Stigerin nach einer Weile, »so liesse
sich das noch viel eher ertragen. Man weiss ja schon, wie die Männer alle sind.
Dir aber, dem eigenen Kinde, das ich so klein und schwach gesehen, das ich mit
soviel Mühe gehen lehrte und gross zog, dir kann und will ich den heutigen Morgen
nie mehr vergessen. Das gräbt sich tief, tief ins Herz und tut recht grausam
weh!« Sie zog das Taschentuch heraus und bedeckte das Gesicht. »Tut man doch
heut' wieder einmal, und weiss kein Mensch, warum es nötig wär'!« murrte Hans,
der sich schon etwas schwächer fühlte.
    »Nur deinetwegen, zu deinem Wohl.«
    »Oho!«
    »Ja, so ist's, und wenn du nicht eben der Hans wärst, müsstest du das auch
einsehen.«
    »Ich bin aber der Hans«, sagte der Bursche, herzlich froh, dass die Mutter so
schnell wieder in eine andere Tonart überging.
    »Ja, du siehst und merkst immer nichts, bis dir eine Kuh auf den Fuss tritt.«
    »Ich merke wohl, wie man jeden Zufall hereinzieht, um dem guten Mädchen, der
Dorotee, böses Spiel zu machen.«
    »Nennst du das einen Zufall, dass ihr Beichtvater sie nicht einmal mehr
lossprechen kann?«
    »Der Kaplan hat nicht so viel erfahren, als ich in der letzten Zeit an dem
Mädchen gesehen habe.«
    »Was hast du denn gesehen?«
    »Seit im Sommer«, erzählte Hans, »die Zeit weiss ich nicht mehr so genau,
kommt mir die Magd in gar allem ganz verändert vor. Nach der Kirchweih schien es
mir mehrmals, als ob eine böse Krankheit in ihr stecken müsse. Trotzdem war sie
unermüdet früh und spät wie sonst, ja fast noch fleissiger, wenn es sein konnte.
Nur zuweilen, wenn sie sich nicht gesehen wähnte, stand sie wie angenagelt und
gebannt oder als ob sie etwas recht schwer drücke. Dann und wann hätt' ich sie
von Herzen gern heimgeschickt ins Bett, aber wenn ich sie noch so freundlich
anreden wollte, erschrak sie und redete so heillos närrisches Zeug, dass ich ihr
im Ärger darüber zuerst vielmal kein gutes Wort mehr gönnen konnte. Jetzt aber
weiss ich, dass man viel von dem, was sie über sich selbst und über andere sagt,
bei weitem nicht so grell nehmen muss, wie sie es gibt. Es wär' gut gewesen, wenn
das auch der Kaplan gewusst hätte.«
    Die Stigerin, welche aufmerksam zugehört hatte, sagte mit seltenem Ernst:
»Ich fürchte, dass auch du das nicht kennst, will aber Gott auf den Knien danken,
wenn du wenigstens keine Schuld hast.«
    Hans besann sich: »Das wegen dem Jos auf der Kirchweih allerdings hat sie
sich recht grausam zu Herzen genommen. Fast nur um sie darüber hinauszubringen,
hab' ich dann ihren Bruder anstellen wollen, da sein Herumstreichen ihr viel
Kummer machte.«
    »Sie hätt' wohl den Jos lieber gehabt?«
    »Nein, sie hat nach der Kirchweih gesagt, der werde dem Stighof nicht mehr
dienen.«
    Die Stigerin ward immer nachdenkender. Immer schneller zog sie den langen
Rosenkranz zwischen den rundlichen Fingern herum. Plötzlich warf sie ihn auf den
Tisch, und im nächsten Augenblick würde Hans ihre Gedanken erfahren haben, wenn
nicht eben Dorotee zur Tür hereingekommen wäre. Sie bat um Erlaubnis, nach dem
Gottesdienste den Vater zu besuchen, und schloss mit der Bemerkung, dass sie noch
selten mit einer solchen Bitte gekommen sei.
    Diese Bemerkung war so überflüssig, dass die Stigerin, nachdem sie kurz ja
gesagt, der wieder Forteilenden beinahe ängstlich nachsah. »Da ist nicht alles
in Ordnung«, flüsterte sie, »so scheu, so blass. Es ist, wie ich dachte. Für das
Mädchen ist Heiraten das beste, für dich aber nicht, wenn du dir nichts
vorwerfen musst.«
    »Ich weiss nichts.«
    »Nun, angelogen hast du mich noch nie. Dummheiten machst du schon, aber
Schand' auf die Verwandtschaft und ein Mädchen ins Unglück bringen wirst du
nicht. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, drum wird es wohl der Jos sein.
Wenn wir den Spitzbuben doch nur nie ins Haus gelassen hätten!«
    »Eine Liebschaft?« fragte Hans ängstlich.
    »Eine Verführung, und wenn du noch nichts gemerkt hast, so bist du dümmer
als dumm.«
    »Da kenn' ich mich freilich nicht aus.«
    »Aber ich ganz gut. Alles wird nun dich dafür hernehmen, drum ist's wohl das
beste, wenn man ihr so schnell als möglich zum Heiraten hilft. Einige hundert
Gulden Heiratsgut können wir den beiden schon geben, und dann geht's.«
    Hans war auf einmal ein ganz anderer. »Jos«, rief er, »der Lümmel, hätte das
Mädchen verführt? So hätten sie uns hintergangen, und nun sollten wir noch Geld
ausgeben und ihnen zusammenhelfen? Na, so dumm ist denn der Hans doch nicht!«
    »Nur nicht so laut; sie könnte dich hören.«
    »Sie soll und jedermann soll hören, dass der Hans nicht auf den Kopf gefallen
ist.«
    »Aber damit verdirbst du mir dann meinen Plan.«
    »Das will ich auch, wenn er so ist, dass eine Schlechtigkeit dabei noch
belohnt werden soll!«
    »Nun, dann magst du es haben, wenn drei Gemeinden von dir reden. Und das
kommt gewiss, wenn wir nicht helfen. Ich möchte Doroteen gleich rufen.«
    »Nein, Mutter! Die drei Gemeinden sollen sich heiser krähen, wenn sie mir
nur nicht so eine Dummheit nachreden können.«
    »Aber-«
    »Nichts da! Jetzt läutet es schon bald in die Kirche, und wir sind noch
nicht einmal gehörig angelegt. Es wär' doch sicher Sünde, wenn wir wegen derlei
Schneckentänzen auch nur ein halbes Vaterunser versäumen täten.«
    Das alles sagte Hans in einem Atemzug und verliess dann hastig die Stube.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
                          Dorotee besucht ihren Vater
»Dem unbeliebten Krämer wird auch die beste Ware nur getadelt.« Vom unbeliebten
Geistlichen hat man im Bregenzerwalde keine ähnliche Redensart, obwohl man auch
gegen diesen durchaus nicht gerechter ist. Schöner als unser Kaplan hat an
diesem Sonntag wohl weit herum kein Geistlicher die Messe gesungen: trotzdem
liess Dorotee sich nicht aus dem Lesen bringen und hatte nur einen mitleidigen
Blick für die, welche, dem geübten Sänger lauschend, zuweilen ihre Gebetbücher
schlossen und es machten, wie auch sie früher es jeden Sonntag gemacht hatte.
Ja, wären die gesungenen Gebete und Psalmen deutsch gewesen, so hätten sie
vielleicht ihr frommes Herz über die Erlebnisse des Tages zu erheben vermocht;
so aber kam es ihr beinahe widerlich vor, dass ein frommer Mann so singen mochte
nach der wichtigen Unterredung, die er heute morgens mit ihr gehabt hatte.
Sorgte der denn gar nicht, wie sie das alles in sich verwerchen und noch dazu
das Gerede der ganzen Gemeinde ertragen werde? Nein, dazu stand er zu gross und
zu prächtig droben auf den Stufen des geschmückten Altars, und das Rauchfass
schwang er so zierlich, als ob's auf der Welt nichts Wichtigeres gäbe. Dorotee
kam sich wie eine Ausgestossene vor. In ihrem Stuhl wurde es ihr immer enger, und
sie war herzlich froh, dass sie endlich den vielen schmerzlich treffenden
Blicken, welche schon ihr Hiersein ihr zu verargen schienen, wieder entrinnen
konnte.
    Ja, jetzt war sie nicht mehr so fest und sicher wie noch nach der
Unterredung mit dem Beichtvater. Schon der Empfang auf dem Stighof hatte ihr den
Mut genommen, die Ruhe des Herzens erschüttert. Drum wollte sie über Mittag zum
Vater und ihm den Rest des vor kurzem erhaltenen Jahreslohns bringen. Da war sie
gewiss ein willkommener Gast. Wenn sie heimkam und Geld brachte, dann sagte ihr
der Vater in einer Stunde mehr Liebes und Gutes, als sie sonst in einem ganzen
Jahr hörte und auch zu hören wünschte. Dieses Schmeicheln und Loben des Vaters
tat ihr so weh, dass sie, um es nicht erleben zu müssen, schon seit einigen
Jahren den verdienten Lohn durch den Knecht auf dem Stighofe heimtragen liess.
Heute aber musste sie liebe, gute Worte hören, wie selbstsüchtig sie auch immer
gemeint sein mochten, musste die Freude der Eigenen über ihr Erworbenes sehen und
- vielleicht doch auch teilen, denn das blieb wohl nun alles, was sie von ihrem
bisherigen Leben hatte.
    Sie eilte so schnell als möglich über den Platz. Dennoch hörte sie, wie ein
Freund des Jos mehreren Bauern sagte, dass es dem Schneider ganz unmöglich sei,
die bestellten Sachen alle zur bestimmten Zeit zu liefern, wenn er nicht einen
Gesellen auftreiben könne.
    Das gab Doroteen wieder Mut. »Wenn auch ein Ast unter den Füssen bricht«,
dachte sie, »so fällt man drum noch nicht aus der Welt, sondern bloss vom
Kirschbaum zurück auf den festen, sicheren Boden, der überall fruchtbar ist und
den Fleissigen nährt. Das Glück und seine Kinder sind launisch! Aber ich will
stark sein und trotzig werden wie Jos. Oh, jetzt erst jetzt versteh' ich ihn
ganz.«
    Das Mädchen lief noch rascher und richtete das Köpflein immer höher auf.
Alles war vergessen, seit sie sich in das kleine Stübchen dachte, wo jetzt der
noch etwas blasse Schneider und Gemeindeschreiber sass. Was war die ganze
Herrlichkeit des Stighofes gegen ein Leben, welches nicht hauptsächlich dem
lieben Vieh, sondern den Menschen diente. Wenn auf dem Stighof ein dreitägiges
Kälblein kurz vor Mitternacht recht erbärmlich schrie, so musste alles aus dem
ersten Schlafe heraus, und kein Mensch fand mehr Ruhe, bis der Tierarzt auf die
eine oder die andere Art geholfen hatte; wenn aber Jos um Hilfe rief, dann war's
umsonst. Hansjörg hatte nicht so unrecht, dass er lieber etwas anderes tun wollte
als da Knecht sein, wenn es nur nicht etwas gar zu Gefährliches gewesen wäre.
Warum sollte er nicht lieber dem Jos bei seiner Arbeit helfen? Sie hätte sich
doch nichts Angenehmeres denken können und glaubte daher, dass es ihr noch
gelingen müsse, ihn zu bereden.
    Mit solchen Gedanken langte sie vor dem kleinen Häuschen an, welches ihr
Vater seit seiner Verehelichung bewohnte. Die schwere, niedrige Haustür war noch
geschlossen, und nichts regte sich, bis des Vaters kleiner Pudel das Mädchen wie
eine Landsfremde wild anbellte. Ach, so fremd war sie hier, dass nicht einmal der
Wächter des Hauses sie kannte! Das wär' wohl anders gewesen, wenn die Mutter
noch gelebt hätte. Machte sie die Not auch hart, so hatte sie doch ein Herz für
ihre Kinder und wäre gewiss nicht dahin zu bringen gewesen, dass sie den Hansjörg
verkauft hätte. Aber die Lebenden müssen sich selber helfen. Die Mutter war
vielem Bösen durch den Tod entronnen. Da, neben dem früh gealterten, durch
bittere Erfahrungen lieblos, hart, selbstsüchtig gewordenen Vater, dem wilden
Bruder und der kränkelnden Schwester, hätte sie ein Leben gehabt, wie man es ihr
nicht wünschen konnte. Man musste Gott danken, dass die so Empfindliche von dem
erlöst wurde, was sie doch nicht anders zu gestalten vermocht hätte.
    Dorotee sass auf der Bank neben der Haustür, erwartete die Heimkehr des
Vaters und sann und betete, bis sie in der Stube einige Tritte zu hören meinte.
Die kleinen Fensterchen waren zwar niedrig genug, aber zu trüb und verklebt, als
dass man hätte sehen können, wer sich drinnen geregt. Eins der Ihrigen aber musste
es sein, da der Pudel sofort zu bellen aufhörte und sich neben die Türschwelle
legte.
    »Ja so, du kommst endlich wieder einmal«, rief eine schwache, heisere
Mädchenstimme. Die unvermutet Angeredete fuhr erschrocken auf und erblickte
hinter einer in die Verklebung des Fensters gerissenen Öffnung das bleiche
Gesicht ihrer Schwester.
    »Bist du denn nicht in der Kirche gewesen?« fragte sie Marien, als diese
gleich darauf die Haustür aufschloss.
    »In der Frühmesse wohl, soweit ich sie nicht verschlief, wie das leicht
geht, wenn man mehr als die halbe Nacht arbeitet. Vormittag hab' ich eine
Stickerei fertigmachen müssen, die gleich nach dem Essen abzugeben ist.«
    »So, so«, sagte Dorotee, der es nicht recht war, dass also auch die
Schwester sie in der Frühmesse gesehen und vermutlich schon da von ihrer
ungültigen Beichte gehört hatte.
    »Du musst mir nicht verargen, was mir sogar der Pfarrer erlaubt hat«, sagte
Marie, die sich Doroteens trüben Blick ganz anders erklären zu müssen meinte.
»In den letzten Nächten hab' ich mich fast blind gearbeitet, um doch den Sonntag
feiern zu können, aber es war alles umsonst. Wenn ich dich erwartet hätte - mit
deinem Lohn -, hätt' ich mir freilich etwas mehr Zeit gelassen.«
    »Du solltest wirklich nicht so streng, ja du solltest gar nicht sticken. Der
Doktor hat es dir doch schon vor Jahren verboten.«
    »Er sollte kommen, der Doktor, sollte neben dem Vater leben und für ihn den
Tisch decken müssen! Die Herren haben gut reden.«
    Dorotee schaute die Schwester traurig an. Das war einst in der Schule
weitaus das schönste Mädchen, wenigstens in den ersten Schuljahren. Dann aber
wurde sie zum Sticken gehalten, dass sie nie mehr eine freie Stunde hatte. Die
Lieferanten von Stickereien streckten dem Vater von Herzen gerne ziemlich
bedeutende Summen vor, um die beste Stickerin der Gegend recht lange an sich zu
binden. So musste sie denn arbeiten, bis sie so bleich wurde, wie sie jetzt,
etwas nach vorn gebeugt, vor Doroteen stand. »Aber am Sonntag solltest du dir
doch Ruhe gönnen!« sagte sie mitleidig.
    »Auf das hin«, antwortete Marie hüstelnd, »muss ich dir sagen, was ich schon
dem Doktor gerne gesagt hätte. Man darf nicht glauben, ich sei gern bei der
Stickerei gesessen, wenn meine Schulfreundinnen früher vor dem Hause sangen und
spielten, oder abends, wo es oft so lang währte, dass der Vater mich wach machen
musste mit einem greulichen Fluch.«
    »Hat der denn gar nie genug?« fragte Dorotee mit schlecht verhaltenem
Unmut.
    »Sei doch nicht bös über ihn, ich verdiene mir mit allem Fleiss nicht einmal
das tägliche Brot. Die meisten Stickerinnen sind hier nur so nebenbei, mehr zum
Zeitvertreibe, bei der Nadel. Sie kümmern sich daher auch nicht viel um den
Lohn. So behält der Lieferant den Wurf in der Hand, und unsereins kann nichts
Besonderes anfangen, wenn seine Arbeit auch mehr wert wäre als die von
Stickerinnen, deren Hände an viel rauhere Arbeiten gewöhnt sind. Kaum einmal
bekomme ich so feine Arbeit, als ich mir wünschte. Nur in der letzten Zeit hab'
ich etwas für eine Ausstellung machen müssen. Ich bin dem Herrn in der Schweiz
drüben dankbar, dass er mir so schöne Arbeit überliess, wenn ich auch täglich nur
zehn Kreuzer verdiente. Ich hab' einen grossen Fleiss gehabt und glaube, dass die
Arbeit ihm Ehre machen werde.«
    »Und hast du nichts als täglich zehn Kreuzer?«
    »Und in der Nacht noch zehn, wenn ich arbeite, bis mir alles vor den Augen
herumtanzt.«
    »Es ist ein Elend!«
    »Heut unter dem Gottesdienst ist es mir gewesen wie damals, als die Kinder
vor dem Hause spielten. Ich bin mir vorgekommen als eine, die an nichts auf der
Welt ein Recht hat.«
    »Leidet ihr denn wirklich Not?«
    »Ja, Hunger!«
    »Hunger?« fragte Dorotee erschrocken. Was waren dagegen ihre kleinen,
meistens nur eingebildeten Leiden und Sorgen! »Grosser Gott!« rief sie aus, »ich
helfe doch, soviel ich kann!«
    »Davon sagt auch niemand; aber wir beide verdienen nicht viel, und Hansjörg
steckt alles nur in seinen Handel und sagt, dass er sich schon einmal für uns
habe verkaufen lassen. Ja, Schwester, der Friede fehlt - und damit der Segen
Gottes und alles. Die beiden reden vielmal gegeneinander, dass ich in den Boden
versinken möchte oder gleich davonlaufen, wenn ich nur wüsste, wohin.«
    »Ach, dass ich doch recht und für immerzu helfen vermöchte!«
    »Du wirst das schon können, wenn du einmal auf dem Stighof zu befehlen hast.
Mir und dem Vater ist das jetzt immer der beste Trost -«
    Dorotee sank auf eine Bank zurück. Marie bemerkte nicht, wie weh sie der
Schwester mit diesen Worten getan hatte, denn sie sah den Vater kommen und
erinnerte sich nun daran, dass sie zur Bereitung des gewiss schon fertig
erwarteten Mittagsmahls noch nicht einmal Feuer angemacht habe.
    Sie schickte Doroteen aus dem etwas kühlen Vorhaus in die Stube, damit sie
unbemerkt ein Ei und etwas gutes Mehl zur Bewirtung des seltenen Gastes in der
Nachbarschaft auftreiben könne.
    Dorotee begab sich in das dunkle Wohnzimmer mit dem grossen Ofen und den
schwarzen Wänden. Nirgends ein Schmuck oder etwas, das das Auge zu fesseln
vermochte. Die Erinnerungen, die in Doroteen erwachten, kamen ihr wie ein böser
Traum vor. Sie dachte an die freundlichen Zimmer auf dem Stighof und sagte sich,
dass es doch nur Ehrensache für Hansen wär', auch wieder einmal an dieses Nest zu
denken. »Bist du auch da?« redete sie der Vater etwas unfreundlich an und ging
dann, ohne ihr noch einen Blick zu gönnen, rasch in der Stube auf und ab.
    Heute schien keines der glatten Worte kommen zu wollen, mit welchen sonst
ihr Lohn und ein besonderer »Gruss« der alten Stigerin erwartet wurden. Das
erschreckte sie noch mehr, als was sie schon von der Schwester hören musste. Sie
wäre gern zu dieser in die Küche, doch wagte sie sich nicht mehr zu regen, als
des Vaters kurze gedrungene Gestalt sich wie drohend hart vor sie hingestellt
hatte. Lange sass sie zitternd und schweigend, bis sie endlich Mut gewann, der
ihr unerträglich gewordenen Stille ein Ende zu machen. »Wie lebt Ihr, Vater?«
fragte sie mit bebender Stimme.
    »Von einem Tag in den anderen, wenn das allenfalls auch gelebt heisst«,
antwortete das Matisle, indem es sich zum Lachen zwang. Es gelang ihm aber so
schlecht, dass es den Versuch sofort wieder aufgab und sich seufzend auf einen
alten Lehnstuhl warf.
    »Fehlt Euch etwas?« wagte das Mädchen wieder zu fragen.
    »Alles.«
    »Ich hab' Geld mitgebracht; freilich ist es nicht gerade mehr viel, aber -«
    »Das wär' wenigstens das. Nur her mit. Ich höre Hansjörgen, den Lümmel,
schon vor der Tür, und was der einmal sieht, hat unsereiner gesehen.«
    Dorotee zog ein kleines Beutelchen heraus, welches ihr der Vater sofort
entriss und einsteckte. Dann durchschritt er etwas langsamer als vorher die Stube
und begann vom Wetter zu reden. Hansjörgen, der die Schwester kühl, aber doch
freundlich begrüsste, schien des Vaters lange Lobrede auf die wunderschönen
Herbsttage verdächtig vorzukommen. Lächelnd bemerkte er: »Es ist doch ein Glück,
dass es immer so genug Wetter gibt. Immerfort hat der Vater etwas in dasselbe zu
wickeln, und besonders erst halbfertiges Zeug liebt er darin zu verstecken. Aber
gar so viel Wetter können wir doch in dem elenden Neste da nicht brauchen, drum
will ich gleich eine Ladung mit hinausnehmen; auf die Art gibt's Platz und
können wir nachher um so näher zusammenrücken.«
    Gar so schlimm konnte er doch nicht sein, der das jetzt so gemütlich sagte,
nur um eine leicht zu machende Beobachtung auszusprechen, nämlich die, dass man
ihn hier noch nicht vermissen würde. Er sollte jedoch dieses Gefühl nicht länger
haben. »Bleib nur da!« sagte die Schwester und hätte gern etwas recht Witziges
beigefügt, wenn ihr nur auch etwas eingefallen wäre. Ihr aber ging das Spötteln
hier nicht so leicht wie dem Bruder, der sich nun auch über Marien lustig
machte, da diese unter die Stubentür kam und rief, dass sie sich wahrhaft schäme,
weil sie nicht einmal etwas Ordentliches aufzutischen imstande sei. »Wenn du
dich schämst«, entgegnete er, »so brauchst du nicht vor uns zu stehen wie ein
magerer Küchenzettel, sondern du kannst dich in den Mehltrog verstecken und mit
dem Schmalztopf läuten, bis dein Schmarren verzehrt ist.«
    Das nun aber war denn Doroteen doch gar zu arg, und bei nächster
Gelegenheit wollte sie den Bruder ernstlich daran erinnern, dass so etwas nicht
einmal für Unbeteiligte ein Spass sei, geschweige denn für solche, die darunter
leiden müssten. Zu dieser Predigt aber kam sie nicht, hatte dagegen bald Ursache,
dem Bruder dankbar zu sein, dass er alles niederspotten konnte, was wie ein böses
Gespenst sich aufrichten und Schwermut erregen oder Unfrieden stiften wollte.
    Unter dem Essen pflegen die Bregenzerwälder sehr wenig zu reden. Arme und
Reiche löffeln schweigend ihre Suppe aus der für alle mitten auf den Tisch
gestellten grossen Schüssel und wischen alsdann den mit den Anfangsbuchstaben
ihrer Namen bezeichneten Löffel am Tischtuch ab, was immer soviel heisst als:
»Ich habe genug, und ihr könnt mit dem Dankgebet anfangen.« Hansjörg aber, der
die üble Stimmung der Tischgenossen sah, schien viel mehr an die Erheiterung
derselben als an die Stillung seines Hungers zu denken. Besonders gern
beschäftigte er sich mit den Torheiten der Angesehensten in der Gemeinde. Für
Doroteen hatte dieses schonungslose Blosslegen menschlicher Schwächen anfangs
etwas ungemein Peinliches. Bald aber sah sie im Bruder nicht mehr nur den
scharfen Beobachter, der aus der Welt herein für die heimatlichen Verhältnisse
ganz einen anderen Massstab brachte, sondern einen herzguten Menschen, dem die
Welt wohl wie ein aus erbärmlichen Kleinigkeiten zusammengesetztes Wehhaus
vorkommen mochte, der ihr auch wirklich zuweilen mit dem halben Gesichte zu
lachen und mit dem halben zu weinen schien. Recht lieb ward ihr Hansjörg, als
sie einmal zu merken meinte, was er niederspotten und was darüber aufrichten
wollte. Er schien ihr etwas, ja ziemlich viel vom Jos zu haben, drum ging denn
auch ihr das Herz auf, und sie sprach einen Gedanken aus, den die bitteren
Klagen der Schwester in ihr geweckt hatten. »Dem Jos«, begann sie, »hast du
vorgerechnet, es sollte jeder sein eigener Broterr sein. Dem Jos wolltest du
auch dazu helfen, warum nicht ebenso dir und den Deinigen? Mit dem Geld, welches
du in den Handel steckst, könntest du doch auch ein kleines Gütchen, eigene
Arbeit kaufen.«
    »Ja, ein sehr kleines Gütchen, welches wohl Arbeit machte, mich aber nicht
nähren hülfe.«
    »Warum nicht? Andere Leute -«
    »Gut - andere Leute stehen auch nie auf dem Fleck Welt, wo ich just bin. Ein
Bauerngut ist ein Werkzeug, wie eine Nadel, aber eins, das nur ein Kapitalist
sich anschaffen kann.«
    »Es muss aber doch auch seinen Zins tragen.«
    »Nur den, der noch darauf liegt, und das ist in der Regel der wirkliche Wert
des Anwesens. Man bringt aber auch ein Opfer, wenn man so ein Werkzeug will, man
zahlt mehr als den wirklichen Wert. Auf einem grossen Anwesen bringt man sich
noch durch, auch wenn's gerade um das zu teuer ist, was man als eigenes Vermögen
besass; drum trachten die Bauern, die sich doch mit dem Hofe nur abgeben, so sehr
auf Vergrösserung ihres Grundbesitzes, dass im kleinen gar nicht mehr anzufangen
ist.«
    Hansjörg musste lange reden, bis es Doroteen klar war, dass nur durch dieses
Opferbringen für das Werkzeug der Preis der Bauerngüter bestimmt und mit dem
durch den Holzhandel und dergleichen wachsenden Geldreichtum so regelmässig
hinaufgetrieben werde, dass es schon zum voraus zu berechnen sei. Es war ihr
heute eine Erholung, sich mit solchen die ganze Aufmerksamkeit fordernden
Gedanken zu beschäftigen. Um so schmerzlicher traf es sie, als Hansjörg
schliesslich sagte: »Nun siehst du, wie schwer es geht. Ich bin schon zu alt, um
noch reich zu werden, du aber machst am klügsten, dass du auf den Stighof kommst.
Dann, wenn einmal der dicke Hans weg ist, kann auch ich mein Glück bei der Zusel
wieder versuchen.«
    »Ja, wenn!« rief das Matisle, wischte den Löffel hastig ab, liess sein
Messer zuschnappen und begann dann das übliche lange Tischgebet so schnell, dass
die anderen ihm kaum zu folgen vermochten. Dorotee, der Hansjörgs letzte Worte
einen doppelten Stich ins Herz gaben, hatte noch selten so zerstreut gebetet.
Wohl hätte sie für die Eigenen sich zur Herrin auf dem Stighof heiraten lassen
mögen, solange sie sich nicht besser kannte; nun aber war das gegen ihr
Gewissen. Sich schon so auf den Webstuhl gespannt und in hundert verschiedene
Berechnungen eingezettelt zu sehen, kam ihr jetzt doppelt unheimlich vor. Dieser
Hansjörg konnte so gut rechnen und sagen, was andere können und sollen, er aber
tat nichts als reden. Wie anders war der Jos! Die besprochene Berechnung - sie
war richtig, und eine Menge Beispiele dafür konnten leicht in der nächsten
Umgebung gefunden werden - kam gewiss von dem guten Burschen. Aber der rechnete
dann auch für sich einen Weg heraus, auf dem er mit seiner armen Mutter in Ehren
durch die Welt kommen konnte. Sie nahm sich vor, das dem Bruder ernstlich ans
Herz zu legen. Dieser aber verliess gleich nach dem Tischgebet die Stube, indem
er sagte, dass Dorotee nicht seinetwegen gekommen zu sein scheine und er daher
auch nicht länger stören möge.
    Als es zum Nachmittagsgottesdienste läutete, wollte auch Dorotee mit ihrer
Schwester, welche die fertige, wirklich zierliche Stickerei in ihr bestes
Taschentuch eingeknüpft hatte, die düstere Behausung verlassen. Doch das
Matisle befahl ihr zu bleiben, da man noch allerlei zu besprechen habe. Er ging
der Schwester nach, um die Haustüre zu schliessen, und kam dann schnell wieder in
die Stube zurück.
    Doroteen ward himmelangst, obwohl der Vater jetzt bedeutend ruhiger schien,
als da sie ihn zuerst gesehen hatte. In seinem unsicher und scheu herumirrenden
Blicke suchte sie zu lesen, was nun kommen solle, bis er endlich fragte: »Warum
hat dich der Kaplan heut' nicht losgesprochen?«
    »Weil ich nicht versprechen wollte, meinen Dienst sogleich zu verlassen.«
    »Aber was um Gottes willen hast du denn auch gebeichtet, du grosse Einfalt?«
    »Eigentlich gar nicht viel. Er wollte nur wissen, ob Hans mir manchmal etwas
geschenkt habe.«
    »Das geht doch die Herren gar nichts an!« fuhr das Matisle auf. »Soll man
denn bloss für ihre Missionen und in ihre Klöster hinein schenken dürfen, die
Eigenen seiner Dienstboten aber verhungern lassen? Oh, geh mir doch mit dieser
-«
    »Vater, ich bitte, redet doch nicht noch etwas Sündhaftes, erzürnet nicht
auch den lieben Gott! Was habt Ihr in dem Elend als seine Gnad' und seine
Liebe?«
    »Er soll nur einmal kommen, dieser gerechte Gott, und soll gehörig
dreinschlagen, dass man wieder ein wenig Respekt vor ihm bekommt. Jetzt geht es
zu in dieser seiner Welt, dass man gar nicht mehr weiss, wo er ist.«
    »Ach, Vater, wenn Ihr so redet -«
    »Er soll nur auch die beim Kopf nehmen, die mich zur Verzweiflung bringen.
Wenn er alles gar so genau nähme, so könnten gewiss nicht mehr alle Kapläne davon
erzählen, und ich hätte schon eine viel bessere Welt angetroffen. Aber sag', was
hast du noch mehr gebeichtet?«
    »Das muss ich nicht und will ich nicht«, sprach Dorotee, sich stolz
aufrichtend, mit fester Stimme.
    Einen Augenblick sah sie das Matisle fast erschrocken an, dann fragte es
spöttisch: »Was willst du denn, Mädchen?«
    »In die Kirche, denn es ist die höchste Zeit.«
    Mit einem Lehnstuhl bewaffnet, stellte sich der kleine Mann vor die
Stubentür und schrie: »Du bleibst mir da und erzählst mir alles, oder es gibt
ein fürchterliches, ein doppeltes Unglück. Ich merke, dass ich mich nicht mehr
bezwingen kann. - Sage nur gleich, was hast du gebeichtet?«
    »Nichts - als was ich schon gesagt habe.«
    »Nichts - überall nichts«, jammerte der Vater. »Mit nichts kommt man zu
nichts. Du Närrin, warum läufst du zur Kirche, wenn du nichts zu sagen hast? Der
Kaplan hielt das wohl nicht für möglich, glaubte nur eine Heuchlerin vor sich zu
haben, und darum wurdest du nicht losgesprochen.«
    »Aber ich hab' mir, so wahr mir Gott helfen möge, gar nichts vorzuwerfen!«
    »Bald genug wirst du auch nichts mehr zum Einstecken haben. Ich wollte
lieber, dass du uns recht viel vorzuwerfen hättest.«
    »Der Kaplan verstand mich nicht. Ich bleib' darum aber doch im Dienst und
will auch immer nach Kräften helfen.«
    »Solang das geht; aber wie lang wähnst du, Tröpflein, dass du noch bleiben
könnest, nachdem du so herabgesetzt bist? Kurz und gut, jetzt ist's aus. Die
Stigerin wird dich nicht mehr im Hause lassen.«
    »Ich hab' aber doch nichts Unrechtes getan.«
    »Das ist mir nur ein schlechter Trost.«
    »Vater!«
    »Ich weiss, was ich will, du aber willst mich umbringen mit deiner dummen
Ehrlichkeit. Für Leute von unserer Art ist die liebe Tugend ein teurer Spass. Wir
müssen selbst schieben, oder wir werden geschoben. Ist es recht gewesen, den
Hansjörg unter die Soldaten zu lassen? Recht? Lächerlich! Aber klug war es, wenn
man auf dich rechnen konnte. Mit der Zusel ist's aus gewesen, da hat's nun
gegolten, den Hans anzubinden an sein Gewissen. Bloss den Krämer mit seiner
Forderung hätt' ich allenfalls schon noch abfertigen können.«
    Das Matisle redete mit einer Kälte, die Doroteen das Blut beinahe zum
Stehen brachte. Nun aber fuhr es wild auf: »Der Bursche konnte tot, zum Krüppel
geschossen werden, dennoch hab' ich ihn gewagt, um den Töchtermann zu fangen.
Durch dich aber, du närrische Tugend, hab' ich beide verloren. Dein Ruf ist hin
durch deine Schuld, und auch uns hast du die ganze Zukunft verdorben.«
    »Ich hab' aber doch nichts getan.«
    »Das ist der Trost jedes Faulenzers, aber damit bringt man es nicht weit.
Ich wollte bei Gott lieber, der Kaplan hätte Grund gehabt, dich nicht
loszusprechen. Aber so wegen nichts und wieder nichts aus allem heraus und so
ins Geschrei hineinzukommen, das - ja, Mädchen, das ist schon zum Wütendwerden!«
    »Aber«, wagte Dorotee dem wirklich beinahe rasend gewordenen Vater zu
erwidern, »ehrlich währt denn doch am längsten. Hansjörg mit aller List und
Berechnung bringt es auch zu nichts, wie mutig, ja toll er es auch anfängt;
dagegen ...«
    »Hansjörg ist ein Lümmel. Er mag nicht, und du kannst nicht; aber was hast
du noch mehr sagen wollen?«
    »Dagegen kommt Jos in Ehren, und wenn auch langsam, doch sicher, immer mehr
empor.«
    »Hab' ich mir doch gedacht, dass es da steckt!« schrie das Matisle und
schwang den noch immer krampfhaft festgehaltenen Stuhl um sich herum, dass es
surrte. »Herrgott im Himmel! Also darum nur musst du beichten? Du dummes,
leichtsinniges, elendes Ding bringst mich noch rein um!«
    »Vater!«
    »Nichts mehr, kein Wort mehr dein Lebtag, du verfluchter und vermaledeiter
Balg, wenn du noch etwas mit diesem Schneider, diesem hergeschmuggelten Bettler
zu tun hast.«
    »Aber -«
    »Schwöre mir ihn ab, gleich, bei allem, was du hoffest und wünschest, was
dir heilig und trostreich ist!«
    Draussen begann der Hund zu bellen. »Vater«, stammelte das Mädchen, »wenn
jetzt jemand kommt -?«
    »So wird man etwas Greuliches, unsere ermordeten Leichen, sehen, wenn du
nicht schwörst.«
    »Ach du mächtiger, grundgütiger Gott!« jammerte Dorotee. Der Vater mit
seinem Stuhl kam näher. Er schwang ihn so gewaltig, dass er an der niedrigen
Decke der Stube ein Bein abschlug. Das Hundsgebell wurde wilder.
    »Dorotee!« stammelte der Wütende.
    »Ich schwöre ja!« schrie das Mädchen und sank auf die breite Ofenbank
zurück.
    Das Matisle stand lange stumm und bewegungslos, als ob es sich auf das eben
Vorgegangene besinne. Dann wollte es sehen, was dem Kinde fehle, welches wie
leblos auf der Bank lag. Da bellte der Hund noch wilder. Wer um Gottes willen
kam denn jetzt? Es eilte, wieder mit dem Stuhl bewaffnet, ans Fenster und sah
nun den Krämer mit einem überkindeten Bauern vorüber-, vermutlich seinem Walde
zu schreiten. Die beiden warfen dem treuen Wächter Steine nach und machten ihn
so wütend, dass ihn auch das noch immer zitternde Matisle kaum zu beschwichtigen
vermochte.
    Bis es ihm gelang, unbemerkt an den Vorübergehenden das aufgeregte Tier zu
sich ins Haus zu locken und zum Schweigen zu bringen, hatte sich seine Stimmung
bedeutend gemildert. Mit einer gewissen Scheu ging er langsam in die Stube
zurück, wo er Doroteen noch gerade so traf, wie er sie - nach seinem
Dafürhalten schon vor langer Zeit - verlassen hatte.
    So leise wie nur möglich setzte sich der Mann auf die knarrende Bank und
wagte kaum zu atmen, bis das Mädchen, endlich sich langsam aufrichtend, wie im
Traume sagte: »Ach Gott, wie war das eine böse, eine schreckliche Stunde!«
    »Ich bin weit getrieben worden«, stammelte der Vater. »Ich will und muss auch
Gewalt brauchen, wie der Krämer. Der aber hat's angefangen und ist viel der
grössere Sünder als ich; den müsste Gott zuerst, lange vor mir strafen. Einmal
hab' ich an die Gerechtigkeit geglaubt, jetzt aber weiss ich, dass man sich selber
helfen muss, so gut oder so schlecht man kann.«
    »So will ich meinen Vater nun nicht mehr hören!« rief Dorotee. Mit
furchtbarer Kraftanstrengung sprang sie auf und verliess die Stube. Der Vater
suchte sie nicht mehr daran zu hindern. »Wir haben uns verstanden«, sagte er
scharf. »Gewalt für Gewalt, wenn die göttliche Gerechtigkeit schläft. Solang die
Reichen mit den Menschen machen, wie sie wollen, solange Gott dem Krämer sein
Handwerk nicht legt, gilt zwischen uns, was wir eben ausgemacht haben.«
    Unter der Stubentür kehrte Dorotee sich noch einmal um und schien etwas
sagen zu wollen. Sie warf einen langen, wehmütigen Blick in die dunkle,
unfreundliche Stube. Dann plötzlich drehte sie sich um und verliess das Häuschen
so schnell, als ob der Boden unter ihren Füssen zu brennen begonnen hätte.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
                     Wie Dorotee die Lossprechung bekommt
Als Dorotee wieder im Freien war und sich von einem frischen, kräftigen
Luftauch angeweht fühlte, wollte das eben Erlebte ihr nur noch wie ein
schrecklicher Traum vorkommen. Hatte sie so Ungeheures wirklich gesehen und
gehört, oder war es nicht vielmehr eine Vorstellung aus jenem Zustande, in dem
sie ziemlich lang auf der breiten Ofenbank gelegen sein mochte? Sie besann sich,
wie es denn vorher gewesen, bis sie wirklich den Vater wiedersah mit dem Stuhl
in der Hand und seine Worte nochmals zu hören meinte. Es war aber alles das so -
närrisch, dass sie selbst diesen Vorstellungen, wie sie sie auch erbeben machten,
noch immer nicht glauben wollte. Das fromme Mädchen war, wie beinahe jede
Bregenzerwälderin, von der Schule auf gewöhnt, in allen Ereignissen einzig bloss
Belohnung und Strafe des gerechten Gottes zu sehen. Das heutige Erlebnis aber
wusste sie mit nichts aus ihrer Vergangenheit in Zusammenhang zu bringen. Hatte
sie, der traurigen Lage der hilflosen Ihrigen gedenkend, sich in der letzten
Zeit auch als Herrin auf dem Stighofe gewünscht, so tat sie das gewiss niemals
aus Selbstsucht, und es war zu hart, dass der Vater, für den sie sich opfern
wollte, sogar an den guten Jos zu denken verbot. Unrecht, ja wohl sogar Sünde -
das gestand sie sich nach langer, sorgfältiger Gewissenserforschung - war es
freilich gewesen, dass sie schon ganz im Ernste an eine Verehelichung mit Hansen
dachte. Sie schätzte den Burschen - und vermutlich nur der erhaltenen Wohltaten
wegen - zu hoch und verzieh ihm zu viel. Hatte sie es doch noch gar für eine
Gnade gehalten, dass er sie nicht aus dem Dienste jagte, nachdem sie ihm wegen
seiner Treulosigkeit gegen Jos ein wenig die Meinung gesagt. Und schon vor
Jahren fand sie es ganz in der Ordnung, dass der Bruder seine Freiheit, seine
Zukunft um ein Sündengeld an den reichen Burschen verkaufen musste. War's zum
Verwundern, wenn man jetzt, wo das erhaltene Geld verbraucht sein mochte und
sich an Hansjörgen die Folgen jenes Blutandels zeigten, vom Stighof einen
weiteren Ersatz zu fordern sich berechtigt wähnte? Mussten Vater und Bruder nicht
annehmen, sie betrachte Hansen schon als den Künftigen, da sie nicht ein
tadelndes Wort für jenen bedauerlichen Handel hatte? Sie hätte mit Zusprechen
und Bitten das alles verhindern können. Auch der Bruder war, wie sie, zu einem
furchtbaren Eide gezwungen worden, der alle seine Hoffnungen zerstörte und ihn,
den trotzig gewordenen, zum Kriege trieb gegen die gesellschaftliche Ordnung.
Nun hatte das Mädchen die Schuld gefunden, welche es büssen zu müssen meinte.
Schaudernd blickte es zum tiefblauen Himmel empor und dankte dem Gerechten für
diese Erkenntnis, die ihm in diesem Augenblicke wirklich ein grosser Trost war
und Kraft verlieh, auch dem Ärgsten mutig und voll Vertrauen auf den weisen
Leiter der Menschenschicksale entgegenzugehen. Jetzt musste sie die Folgen
früherer Herzlosigkeit tragen; einmal hätte sie es anders machen können.
Freilich wäre dadurch all dieses Elend nicht unterblieben; Hans hätte doch einen
Ersatzmann gekauft und vermutlich das Lebensglück eines anderen zerstört. Sie
und die Ihrigen trugen nur am Elend, an der Not der ganzen Klasse. Arme Leute
mussten sich eben verkaufen lassen auf die oder auf jene Art; drum war's, wenn
auch nicht recht, so doch erklärlich, dass der Vater, der das wohl oft im Leben
erfuhr, den höchsten Preis aus ihr lösen wollte. Lange stand Dorotee auf der
Brücke, die über die Ach führt, und beschäftigte sich mit diesen neuen Gedanken,
bis sie trotz Sonnenschein und warmer Herbstluft wie im strengsten Winter zu
frieren begann. Nur schon weil sie arm war, musste sie für eine listige
Verführerin gelten, die den reichen Burschen um jeden Preis in ihr Netz zu
bringen suche; der Besuch daheim und was sie da zu erleben hatte, bewies
deutlich genug, dass dieses Vorurteil gegen die Armen auch nicht ganz unbegründet
war. »Macht denn das Geld auch tugendhaft?« fragte sich das Mädchen, blickte
aber dabei nicht mehr zum Himmel empor, sondern nieder in den Strom, der unter
der Brücke dahinbrauste. Wenn jetzt die Brücke zusammengebrochen wäre - dann
hätte doch alle Not ein Ende gehabt ... für sie wenigstens; die Ihrigen freilich
...
    »Du wirst dir da nicht etwa gar noch ein Leid antun wollen?« fragte die
helle, klangvolle Stimme der Kronenwirtin das Mädchen, welches über dieses
Erraten seiner Gedanken noch mehr als über die unvermutete Anrede der Frau
erschrak, die, ohne bemerkt zu werden, bis hart neben Doroteen herangetreten
war.
    »Ich wollte nur - ich komm' eben vom Vater herüber«, stammelte die
Verlegene.
    »Ich glaub' schon, dass es nicht so weit mit dir ist, aber eben drum solltest
du dich auch nicht öffentlich in so einen Verdacht bringen. Die Kirche ist aus,
und mehr als hundert Augen blicken von allen Seiten auf dich. Was man dabei
denkt, kann ich, die sonst doch nicht eben zu den Bösdenkenden gehört, mir
selber abnehmen.«
    Dorotee schloss unwillkürlich die Augen.
    »Ich hab' dich von meinem Haus aus gesehen und bin geschwind herüber, um
dich zu holen, denn mir fiel etwas Schlimmes ein. Jetzt aber seh' ich, dass dir
gar nicht wohl ist. Du zitterst, als ob es Winter wär', und dabei glühen deine
Wangen wie im Fieber. Komm nur mit mir und trink vor allem ein kräftiges Glas
Wein; das wird dir wohltun an Leib und Seele. Unterdessen verlaufen sich dann
die Leute wieder ein wenig. Es wird dir lieb sein, nicht gar so vielen Blicken
zu begegnen.«
    »Ich bin ein armes Mädchen«, sagte Dorotee, »das ist das einzige, dessen
ich mich zu schämen hätte.«
    »Vor mir nicht«, sagte die freundliche Wirtin. »Wenn das das Ärgste ist, so
richte dein Köpflein nur wieder auf und denke, du seist noch lange nicht am
schlimmsten dran.«
    »Aber schlimm genug«, meinte Dorotee, welche der Wirtin langsam folgte.
    »Du hast recht - wenigstens zum Teil. Nennt man doch im gewöhnlichen Leben
das Betragen eines liederlichen, streitsüchtigen und unredlichen Menschen ein
ärmliches. Er tut ärmlich! Damit ist einem sein Urteil gesprochen.«
    »Ja«, fiel Dorotee leidenschaftlich ein, »und wenn man es anders will und
nicht sein Herz und die Ruhe des Gewissens ums Geld verkauft, so handelt man
gegen die Ordnung und mag es büssen. Nirgends wird man verstanden, nirgends mehr
geschätzt.«
    »Ach, Mädchen, was musst du gelitten haben, dass du so urteilen lerntest! Aber
gar so arg ist es denn doch nicht. Zwar niemand hat die ganze Welt und kann
allem das Rechte treffen; aber liebe, gute Menschen, denen man ganz trauen kann
und darf, solche findet jeder, der ihrer wert ist. Hast du denn keine mehr?«
    Doroteen traf der Wirtin vorwurfsvoller Blick. »Kann und darf!« wiederholte
sie. »Noch vor fünf Minuten hab' ich niemand gehabt, jetzt aber ...« Tränen
erstickten ihre Stimme. Unterdessen waren sie vor dem Wirtshaus angelangt. Die
Frau führte Doroteen am Arme die steinerne Stiege hinauf und durch die
geräumige Küche ins Herrenstüble, um den Blicken der im Gastzimmer Anwesenden zu
entgehen.
    Es war Doroteen ganz wunderbar zumute, als sie einige Minuten später im
sauber getäfelten Zimmer mit den wunderbar schönen Bildern und dem grossen
Spiegel vor einem guten Schoppen sass und durch die halboffene Türe die in dem
vollen Gastzimmer geführten Gespräche hörte. Viele suchten für die nächsten Tage
Arbeit und Brot, boten ihre Arbeitskraft öffentlich an und trieben sich dabei
die Löhne herunter. Nun wurde die Waldung versteigert, welche der Krämer unter
dem Gottesdienst mit dem bisherigen Besitzer besichtigt hatte. Der Krämer bot
etwas über den verhältnismässig sehr niedrigen Anschlag, und nun wartete der
Ausrufer vergebens auf ein höheres Angebot. Endlich schrie man ihm von allen
Seiten zu, er solle doch der langweiligen Geschichte ein Ende machen, da ja der
Krämer schon mit allen eins sei, welche die Mittel hätten, den Wald zu kaufen.
    »Nicht wahr, da geht's wunderbar zu?« fragte die Wirtin, als sie endlich
wieder etwas freie Zeit für ihren Gast im Herrenstüble gewann.
    »Es tut einem weh und wohl zugleich, das Durcheinander zu hören«, antwortete
Dorotee. »Weh, so viele leiden zu sehen, und fast wohl, da man das Eigene dabei
wieder ein wenig vergessen kann. Es ist doch ein Trost, wenn auch ein schwacher,
sich mit so vielen leidend zu denken. Man lernt den anderen vieles vergeben, und
Gott wird hoffentlich noch barmherziger sein, als man selber ist.«
    »Wenn man sich nur nichts vorzuwerfen hat.«
    »Wer ist so gut?« fragte Dorotee.
    »Oh, viele sind nicht schuld an ihrem Unglück.«
    »Das wollt' ich sonst nie glauben.«
    »Und nun?«
    »Hab' ich es erfahren und empfunden. Jetzt aber möcht' ich wissen, was denn
Gott tut.«
    »Er hat die Menschen einander gegeben, dass sie sich lieben und sich helfen
nach seinen Geboten, nicht so sich bekriegen, wie du es da draussen und überall
hörst. Tun sie das nicht, so folgt die Strafe von selbst. Den Reichen kann sein
Überfluss tiefer hinabdrücken als den Armen seine Not. Oder um wieviel ist der
Krämer besser, seit er einer der Reichsten wurde? Er hat nur noch mehr Gewalt
für seinen bösen Willen. Ja, Mädchen, mir hat der Pfarrer genug erzählt.
    Wer im Beichtstuhl redet, dass man ihn nicht lobt, gilt mir mehr als die,
welche sich dann, sei es aus Dummheit oder Lieblosigkeit, über ihn hermachen,
als ob kein guter Faden mehr an ihm wär'. Das sag' ich unverhohlen. Wenn der
Krämer mit seinem Anhang dich noch um den Dienst bringt und du dann als
ehrliche, unverdorbene Magd zu mir kommen kannst und magst, so will ich dir mit
Freuden die Tür auftun, es mag dann Tag oder Nacht sein.«
    »Das ist guter Bescheid und grossen Dank wert«, antwortete Dorotee gerührt.
»Glück, Gunst, Neigung, alles ist übernächtig auf der Welt. Man kann immer nur
sagen, was gewesen ist, nie, wie es noch kommen wird. Aber nicht bloss darum,
schon als Beweis des Vertrauens tut mir der Antrag recht im Herzen wohl, wenn
ich auch nicht glaub', dass ich so schnell werde daraus Ernst machen müssen. Der
Hans gibt um solche Redereien nicht viel.«
    »Aber heut' haben sie ihm schon auch warm und kalt gemacht.«
    »Meint Ihr?«
    »Ich weiss es. Heut', als er nach dem Gottesdienst seinen Enzianer trank,
ging es gehörig über ihn her.«
    »Was haben sie gesagt?«
    »Sei nur froh, wenn du es niemals hören musst. Des Kaplans Predigt und deine
Beicht' nimmt man zusammen und glaubt, entweder mit Hansen oder dem Jos müsse
nicht alles in Ordnung sein. Man beginnt schon, den reichen Bauern so halb und
halb aus der Sache zu wickeln.«
    »So!« rief Dorotee mit einer Lebhaftigkeit, welche die Wirtin zuerst fast
erschreckte, »der Jos ist also jetzt auch noch mit hineingekommen! Das lass ich
mir gefallen. Er kann sich nun um so eher denken, dass an dem ganzen Gerede kein
wahres Wort sei.«
    Die Wirtin blickte Doroteen erstaunt an und sagte nicht ohne Strenge: »Was
Hans denkt, ist jetzt für seine Magd am wichtigsten.«
    »Hans steht auf sich selbst und tut, was er will.«
    »Du kennst die Welt noch schlecht, wenn du glaubst, dass nur wir Weiber uns
nach dem Winde drehen. Ja, dann ist's zum Teil gut, dass Gott dich schon jetzt
etwas erfahren lässt.« Die Wirtin wurde wieder in die Stube gerufen. Auch
Dorotee stand auf, dankte für den Wein und noch mehr für das, was dabei ihr
Herz erleichtert hatte.
    Die freundliche Frau war anfangs bemüht, Doroteen, die ihr noch sehr
aufgeregt schien, zurückzuhalten, da ja das Glas noch nicht einmal zur Hälfte
geleert sei. Dorotee sagte jedoch, sie wäre soviel derlei Getränk gar nicht
gewöhnt, wenig aber mache ihr leicht und wohl. Zudem sei es ihr immer, als ob es
nicht recht wäre, so in einem fremden Hause vom Broterrn zu reden, während es
daheim vielleicht dies und jenes zu tun gäbe.
    Sie sehnte sich wirklich zurück zu den stillen häuslichen Verrichtungen, die
ihr die Stigerin seit längerer Zeit fast ganz allein überliess. Da vergass sie
alles andere, konnte den Zusammenhang leicht übersehen und war ganz in ihrer
Welt. Das Reden und Tun der Menschen aber tat ihr weh und drückte ihr Herz wie
eine Last, unter der sie sich nicht mehr frei regen konnte, wie gern sie auch
eingegriffen und etwas getan hätte. Ja, sie kannte die Welt noch nicht, da hatte
die Wirtin ganz recht; aber sie wusste doch schon zuviel von ihr, als dass ihr das
Plaudern der Leute in der Gaststube und das Klingen der Gläser noch ein
Vergnügen machen konnte. Das schönste war für sie und das beste, treulich ihre
Pflicht zu tun, dass kein Mensch einen Grund zum Tadeln hatte. Dann konnte sie
das Gerede vorüberschwirren lassen wie einen Herbststurm, vor dem sich kein
Mensch fürchtet, wenn er nur sein Schindeldach gehörig mit Steinen überlegt und
festgedrückt hat und auch sich selbst nicht auf der weiten Gasse befindet. Wäre
sie heute wie sonst ordentlich zu Hause geblieben, statt sich grosstun zu wollen
mit ihrem Gelde, dann hätte sie gewiss nicht so Schlimmes erlebt. Mit solchen
Gedanken kam sie vor den Stighof, den sie ihr Daheim zu nennen so gewohnt war,
dass sie es auch noch jetzt nicht lassen konnte, obwohl sie eben von den Eigenen
kam und nicht wusste, wie lange sie noch hier bleiben durfte. Sie begrüsste das
Haus, schon da sie nur dessen hohen Dachstuhl über die anderen Häuser
herüberragen sah, mit dem Gefühl des Wanderers, welcher eine liebe Stätte, den
Schauplatz seiner frohesten Tage, nach langer, mühevoller Reise wieder betritt
mit dem festen Vorsatze, nun - wenn's irgend möglich - für immer dazubleiben und
unbekümmert um die Welt, die er nun genugsam kennt, sich hier so nützlich und
angenehm als nur immer möglich zu machen. Aber wie es dann gewöhnlich solchen
Wanderern begegnet, dass sie nicht mehr alles finden, wie sie auf mühevoller,
unsicherer Fahrt sich's träumten, so fand auch Dorotee nicht mehr alles, wie
sie es erwartet hatte und gewohnt war. Etwas freilich mochte davon kommen, dass
sie jetzt auch zu scharf beobachtete, zu ängstlich jedes an sie gerichtete Wort
auf der Goldwaage wog, um nicht sowohl Hansen als die Stigerin ganz erstaunlich
verändert zu finden.
    Was die Stigerin heute morgens noch mehr als Vermutung aussprach, indem sie
der Liebe zum gutmütigen Sohne und der Abneigung gegen Jos folgte, hörte Hans
nach dem Gottesdienste überall so bestimmt behaupten, dass ihm die Sache mehr als
bedenklich zu werden begann. Die Leute glaubten, es geschehe dem Burschen gewiss
ein grosser Dienst, dass er noch so ziemlich ungeschlagen aus der Geschichte
gewickelt werde; doch sie täuschten sich. Wenn Dorotee so falsch war, dann
konnte man an keine Tugend mehr glauben und keinem Menschen trauen. Das aber
wäre Hansen unerträglich gewesen. Er glaubte fest noch immer an Doroteens
Unschuld, daher war es ihm nicht genug, dass das Gerede ihn selbst jetzt schonte.
Unschuldig musste das Mädchen sein, aber seine Neigung zum Jos - ja, die hielt er
jetzt für eine ausgemachte Sache, und das wurmte ihn mehr, als er sogar sich
selbst gestehen wollte. Davon wohl kam es hauptsächlich, dass er den Vorschlag
der Mutter, Doroteen um jeden Preis und so schnell als möglich aus dem Hause zu
bringen, immer vernünftiger fand. Ärgerlich, dass nun das frohe Zusammenleben mit
Doroteen, die ihm die Schwester ersetzte, noch auf so unangenehme Weise zu Ende
sein sollte, erklärte er sein Einverständnis mit dem Plane der Stigerin auf eine
Weise, dass diese nicht wusste, was sie daraus machen sollte. »Mit diesen
Weibsbildern«, murrte er, »sollte man gar nichts zu tun haben oder, wenn das
nicht geht, gleich die Allerärgste heiraten, damit sie sich für einen gegen die
anderen Weibsleute wehre. Dieses Gelärm wird mir denn doch zu arg, seit auch ein
Geistlicher dahintersteckt, der das Unheiligste bekreuzigt und segnet, dass jeder
schon zum voraus verdammt ist, der sich noch dagegen wehren will. Dorotee muss
heiraten, und wenn sie noch keinen hätte, so tat gleich ich sie nehmen aus purem
Trotz; aber man kann ja darüber reden.«
    Unter der Kinderlehre kam Hans zu dem Entschluss, das Mädchen gleich offen zu
fragen, ob es lieber ihn oder den Jos zum Manne möchte. Nach dem Gottesdienste
eilte er gleich heim, obwohl er wusste, dass in der Kronenwirtschaft eine
Versteigerung stattfinden sollte, bei der er nicht ungern auch ein wenig
mitgetan hätte. Ungeduldig wartete er nun auf die Magd; aber die wollte nicht
kommen. Das verdarb ihm von neuem seine Stimmung, und bald war er mit der
Stigerin wieder übers Kreuz, da er sich nun gar nichts mehr sagen lassen wollte.
So, unzufrieden über das lange Ausbleiben und noch aufgeregt vom Wortwechsel mit
der Mutter, traf ihn die Magd, welcher er jetzt um alles kein gutes Wort hätte
geben können. »Ich hab' schon gedacht, du machest eine Wallfahrt nach Einsiedeln
oder Rankweil«, brummte er. »Mädchen, die man nicht mehr losspricht, suchen gern
die Beichtväter dort auf, die sie nicht kennen und längst allerlei Brocken
gewohnt sind.«
    Solchen Gruss erwartete das Mädchen nicht. Die Wirtin schien also ganz recht
zu haben, wenn sie besorgte, dass es hier nicht lange mehr gut tun werde. Etwas
hastig antwortete sie Hansen: »Ich kann schon auch hier losgesprochen werden,
wenn ich nur verspreche, was man will.«
    Hans bereute zwar seine Rede; doch um sich das nicht anmerken zu lassen und
weil er hoffte, mit dem armen Mädchen schon so nach und nach wieder einlenken zu
können, fragte er mit erzwungener Härte: »Was will man denn?«
    »Dass ich dich - dass ich den Dienst verlassen soll«, antwortete das Mädchen,
welches durch diese Frage und diesen Ton sich aufs neue verletzt fühlte.
    »Das ist wohl auch das allergescheiteste«, bemerkte die Stigerin, welche
beide nicht ungern auseinandergeraten sah. »Man muss sich immer in die Zeiten
oder die Menschen schicken, wie sie sind, und dafür sorgen, dass die Kirche noch
im Dorfe bleibt. Wir sind lange friedlich beieinander gewesen und wollen uns nun
auch im Frieden trennen, wenn einem Gerede, das dir mehr als uns schadete, nur
dadurch noch abzukommen ist.«
    Dorotee hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und sagte nun mit halberstickter
Stimme: »Oh, dieses Reden alles braucht es nicht. Nur durch euere Güte bin ich
hergekommen als armes Kind und gehe nun mit dankbarem Herzen. Mit schwerem
Herzen freilich auch; aber ihr verzeiht mir es wohl, wenn ich nicht so leicht
ein Haus verlasse, wo so viele Lieb' und Güte mich fast vergessen liess, dass es
nicht meine Heimat sei. Nun, Gott wird mich weiter führen«, fügte sie nach einer
Pause bei und wollte, da sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, das
Zimmer verlassen.
    »Wohin denn gleich?« fragte die Stigerin etwas unsicher.
    »Meine Sachen einpacken«, antwortete Dorotee.
    »Das tut nicht gar so not«, wehrte die Stigerin. »Gleich schon zum Jos
hinein wirst du denn doch nicht wollen, heim aber kommst du noch lang. Man gönnt
jeder Magd so viel Zeit, dass sie sich gehörig auf den Umzug vorbereiten kann. -
Und du bist mir mehr gewesen als Magd«, fügte sie immer weicher werdend bei.
»Ich merke so etwas an mir selbst. Ich hab' mir fest vorgenommen, für dich zu
sorgen, und will es auch halten, drum darf dir für die Zukunft nicht gar zu
bange sein. Komm nur, wenn dir etwas mangelt, und auch an einem hübschen
Zehrpfennig soll's nicht fehlen.«
    Dorotee schüttelte traurig den Kopf. »Ich hätte gewiss nie nur einen Kreuzer
Lohn von euch genommen, wenn's mir nicht um die armen Eigenen gewesen wäre. Aber
etwas dafür nehmen, dass man jetzt meiner los wird, kann ich sogar diesen zuliebe
nicht.«
    »Aber dir zuliebe dürftest und wirst du, wenn du wieder zu dir selbst
kommst, doch nehmen, was wir dir als Beweis unserer Zufriedenheit von Herzen
gern geben.«
    »Solche Beweise hab' ich täglich bekommen und mich daran gefreut, ohne mich
einer Sünde zu fürchten. Jetzt aber sind wir fertig. Meinen Lohn hab' ich heute
den Eigenen gebracht und - ich muss offen sagen - auch da wieder von Herzen für
die Rettung aus dem Hause drüben gedankt. Aber jetzt - Mutter - Stigerin - lasst
uns scheiden und uns das Herz nicht noch schwerer machen -«
    »Das wird mir nun doch gar zu ernstaft«, sagte Hans in einem Tone, welcher
deutlich verriet, wie sehr die letzten Worte des immer schöner und schuldloser
vor ihm stehenden Mädchens ihn ergriffen. »Wo um Gottes willen wolltest du doch
gleich wieder ein ordentliches Unterkommen finden?«
    »Dafür«, antwortete Dorotee, »haben Gott und gute Menschen schon gesorgt.
Ich kann gleich heut' noch als Magd bei der Kronenwirtin einstehen.«
    Hansen hatte wohlgetan, sich das arme Mädchen ganz von ihm abhängig zu
denken. Nie hatte sich sein Kopf stolzer aufgerichtet als bei dem Gedanken, dass
er dieses holde Wesen aus seiner Niedrigkeit erheben und auf einen seiner
würdigen Platz stellen könne mit einem Worte.
    Schmerzlicher traf ihn noch nichts als die Mitteilung, dass das Mädchen ohne
sein Wissen und Zutun sich geholfen habe. Er fuhr auf, wie wenn ihn eine Wespe
gestochen hätte. »Also darum«, rief er zornig, »hat die Mutter vom Jos heut' so
viel mit der Wirtin zu zischeln gehabt unter der Kirchentür.«
    »Ich weiss das nicht.«
    »Aber ich weiss nun, dass du falsch bist wie Galgenholz. Alles war heimlich
abgekartet. Uns ging das nichts mehr an. Wir haben jetzt lange genug für dich
gesorgt.«
    »Sei das, wie es wolle«, beruhigte die Stigerin den Sohn, welchen seine
Aufregung kaum noch auf dem Stuhle litt. »Jeder Mensch hat ein Recht, für sich
selbst auf seine Weise zu sorgen, und er soll das auch, wenn er sich einmal
seinen Erziehern entwachsen glaubt. Der Platz in der Krone ist nicht schlecht,
wenn man mit der Alten auszukommen weiss.«
    »Ich wünsch' ihr Glück«, sagte Hans unmutig, »und mehr scheint sie von uns
nicht mehr zu wollen.«
    Dorotee ging oder vielmehr wankte weinend in ihr Zimmer; Hans holte einen
grossen Sack aus der Rumpelkammer, warf ihn vor die Mutter auf den Tisch und
rief: »Den da kann man ihr bringen, wenn sie gleich einpacken will.«
    »Sei doch nicht so ungeschickt!« bat die Mutter.
    »Ja, gelt, dass sie mir nicht noch überall Böses nachredet wie eine
fortgejagte Wäscherin? Oh, nicht eine Hand tat ich dafür umkehren. Sie soll nur
machen, wie sie will, denn schon zu lange hat sie sich immer verstellen müssen,
dass man glaubte, Ross und Wagen könnten sie nicht von uns bringen.«
    »Es ist aber doch recht, dass sie geht«
    »Ganz recht. Jos könnt' am End' gar noch eifersüchtig auf mich werden. Drum
wird sie so grosse Eile haben.«
    »Du hast vergessen, was das Gerede der Leute dabei tat.«
    »Ich wäre fest gestanden, und sie hätt' es neben mir wagen dürfen. Aber da
muss man sich immer nach dem Nebel richten wie die Weiber bei der Wäsche. Zuerst
lauter Wörtlein, so eben und glatt, dass man darauf leicht fallen und den Kopf
verlieren könnte; dann läutet's eine ganz andere Glocke, und nun macht man einen
Kopf und dreht sich und geht wie ein Bettler von einem Wucherer.«
    »Du bist sonst im Urteilen so billig als einer.«
    »Ich hab' auch noch nie so was Unbilliges erlebt. Was heisst das bisschen Lärm
gegen das, was Angelika leidet; aber die ist noch nicht davongelaufen, obwohl es
auch einen geben tät, der sie besser zu schätzen wüsste als ihr Mann.«
    »Grosser Gott«, jammerte die Stigerin, »muss ich meinen Buben so sündhaft
reden hören von dem Weib eines anderen! Schäme dich vor dem hellen Tag!«
    »Ich bin nicht schuld, dass sie das Weib eines anderen wurde.«
    »Nun«, begütigte die Mutter, »ich hab' jetzt nichts mehr gegen die
Verwandtschaft, und Zusel, die hübschere, ist noch zu haben.«
    »Ja, falscher, treuloser als Dorotee kann sie gewiss nicht sein, und dabei
ist sie zu herzhaft, um sich wegen einem Gerede zu kümmern. Immer lustig,
hübsch, klug; ja, die Zusel ist nicht so übel und dabei der Angelika fast
ähnlich.«
    Während Mutter und Sohn sich so allmählich wieder näherten, hatte Dorotee
ein Kleidungsstück nach dem anderen in den Überzug ihrer Bettdecke zu packen
begonnen. Sie kam damit um so langsamer vorwärts, weil sie immer wieder daran
denken musste, bei welcher Veranlassung sie dies und jenes erhielt Erst jetzt
empfand sie es recht lebhaft, wieviel sie diesen Leuten zu verdanken hatte.
Zuerst glaubte sie, so, noch halb im Unfrieden und mit dem Gefühl, dass ihr sehr
unrecht geschehen sei, werde sie am leichtesten gehen; doch beim Anblick der
vielen Geschenke Hansens und der Stigerin nahm ihre Aufregung bedeutend ab.
Endlich aber fragte sie sich: »Bist du denn gar so in diese Herrlichkeiten
vernarrt?«
    »Nein!« rief sie, indem sie alles ordnungslos aufeinander warf, um dann so
schnell als möglich von hier fortzukommen. Dennoch war es schon beinahe dunkel,
bis endlich alles beisammen war, was sie nicht einzupacken vergass. »Nun, in
Gottes Namen!« sagte sie, indem sie ihr Bündlein anfasste, sich noch einmal die
grossen Tropfen von den Wangen wischte und dann mit geschlossenen Augen das
Zimmer verliess.
    In der Stube war ihr nicht mehr anzumerken, wieviel sie in den letzten
Viertelstunden gelitten hatte. »Ich will Euerer Erziehung immer Ehre machen«,
sagte sie beinahe heiter zur Stigerin, welche die Fassung des Mädchens um so
mehr in Erstaunen setzte, da sie selbst das Weinen kaum erwehren konnte.
    »Geh mit Gott, und der heilige Schutzengel begleite dich und zeige dir gute
Wege und gute Menschen!« sagte sie, indem sie in das Weihwasserkrüglein hart
neben der Türe langte und des Mädchens Stirne segnend bekreuzigte.
    Dorotee bat noch, ihr Hansen, welcher nirgends mehr zu sehen war, herzlich
zu grüssen und ihn um Verzeihung zu bitten wegen allem Unrechten, was sie je aus
Schwäche oder Unwissenheit gesagt und getan habe. Dann verliess sie die Stube und
das Haus.
    Jetzt war sie im Freien, im Weiten, allein. Ihre Erzieher hatte sie
verlassen, ihre grössten Wohltäter. Nun wollten wohl auch die Eigenen nichts mehr
von ihr hören, und den guten Jos hatte sie abschwören müssen! Im ersten
Augenblicke kam ihr das alles wie eine ungeheure Übereilung vor, und sie wusste
nicht, ob sie vorwärts gehen sollte oder wieder zurück. Dann aber entsann sie
sich des Geschehenen und jedes gewechselten Wortes ganz genau und ohne dabei
wieder weich zu werden. »Wo es einmal so klingt, ist gut gehen«, sagte sie sich
und schritt rasch durch das Herrendorf hinaus, dann hinunter zur Kirche und der
Kronen Wirtschaft zu.
    Der alten Stigerin hat ihre Rechnung jämmerlich gefehlt. Hans kam erst recht
ins Gerede hinein, als am anderen Tag, am Fest Allerheiligen, jedermann davon
erzählte, Dorotee sei nun doch noch losgesprochen worden, weil sie den Dienst
auf dem Stighofe verlassen hab' und bei der Kronenwirtin eingestanden sei.
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
                              Bei der Brunnenstube
Die wackere, noch etwas altmodische Wirtin und Dorotee kamen sehr gut
miteinander aus. Das Mädchen gewöhnte sich viel schneller an das unruhige Leben
einer Wirtsmagd, als selbst die Wirtin erwartet hatte. Gerade das ewige Kommen
und Gehen, die Gespräche über die verschiedensten Angelegenheiten und
Verhältnisse, das ganze Durcheinander der Gaststube war Doroteen schon darum
erwünscht, weil es sie den ganzen Tag niemals zu sich selbst kommen liess. Recht
lieb war ihr auch, dass sie nur jeden Gast gehörig, ja sogar reichlich bedienen,
sonst aber nicht besonders viel Wesens machen musste. Die Kronenwirtschaft war
ein recht eigentliches Bauernwirtshaus. Die Wirtin schien das Geschäft nur zu
Ehren des verstorbenen Mannes fortzuführen, um es einst dem einzigen Töchterlein
im alten guten Rufe abtreten zu können. Die Gäste, die hier kamen und gingen,
waren um so mehr geachtet, je williger sie sich von der guten Frau auch ein
wenig bemuttern liessen. Man durfte ihr aber das Vertrauen schon schenken. Sie
schien nicht nur die Sprüche und Redewendungen ihres unvergesslichen Seligen,
sondern etwas, ja sogar viel von seinem ganzen Wesen geerbt zu haben. Da war
alles einfach, aber solid, wie in ihrer Hauseinrichtung, die auf den ersten
Blick recht bäuerlich altmodisch aussah, aber durch ihre Zweckmässigkeit jeden
befriedigte. Nützlich, vernünftig und klar, das waren ihre Lieblingsworte, und
mit diesen liessen sich auch all ihre Reden und Handlungen bezeichnen.
    Um so mehr setzte Doroteen ein Auftrag in Erstaunen, den sie am Abend vor
dem Martinstag erhielt. Sie gebot sich aber so schnell, dass die Wirtin den
Schatten gar nicht bemerkte, der dabei über das Gesicht des Mädchens flog. Es
war ein Glück für Doroteen, dass sie gerade nicht besonders scharf beobachtet
wurde, denn es handelte sich um einen alten Brauch, den man im Hause seit
Urgrossvaters Zeit - und kein Mensch wusste, wie lange vorher schon - übte und
über den die sonst so nüchterne Frau sich um so weniger zweifelnd oder gar
spöttelnd hätte befragen lassen, weil auch sie mit ganzem Herzen daran hing.
    Dorotee langte schon nach dem Weihwasserkrüglein an der Wand neben der
Stubentür, um sich gleich in ihr freundliches Dachkämmerlein zur Ruhe zu
begeben, als sie von der Wirtin mit eigen feierlicher Stimme, die etwas
Wichtiges zu verkünden schien, in die Küche gerufen wurde. Sie folgte, so
schnell sie konnte, denn ihr war's lieb, wenn es noch etwas zu tun gab an diesem
wunderbar schönen und doch so stürmischen Abend. Vorhin, als sie den die Stube
lang sich hinziehenden Zechtisch abgeräumt hatte und ihren Blick alsdann durchs
mondbeglänzte Tal schweifen liess und der Sturm einige Fensterläden zuschlug,
wurde sie wieder so wach, dass sie viel lieber noch an irgendeine Arbeit als
gleich ins Dachkämmerlein ging.
    Auf dem schneeweiss gescheuerten Schranke in der geräumigen Küche, über dem
sich ein vierfacher Rahmen voll glänzenden Porzellangeschirrs an der Wand
hinzog, stand ein grosser Topf, den die Wirtin soeben mit Weissbrot, Butter, Honig
und Schweizerkäse - von ihrer Alp - füllte. Als sie Doroteen bemerkte, sagte
sie: »Leg' dich noch einmal ordentlich an, dass dir der Föhn nichts schadet, und
bring das alles unserem Brunnen.«
    Dorotee sah die Wirtin erstaunt fragend an. Wohl hatte sie von dem schon
damals ziemlich aus der Übung gekommenen Brauche gehört, am Martinsabend die im
Jahre gebrauchten Quellen - Ursprünge - zu speisen, aber es kam ihr doch
sonderbar, beinahe lächerrlich vor, da sie eine sonst so nüchterne,
wohlberechnete Frau die Sache noch so ernstaft nehmen sah. »Ich hab' das noch
gar nie getan«, flüsterte sie beinahe bittend, »ich weiss auch nicht, wie man es
machen muss, und es wär' mir lieb, wenn Ihr diesmal den Knecht schicken tätet,
der doch heut' auch sonst nicht mehr besonders viel anfangen wird.«
    »Das geht nicht.«
    »Warum?« fragte Dorotee, nachdem sie eine Sekunde schaudernd das Tosen des
immer mächtigeren Sturmes gehört hatte.
    »Es muss ein Mädchen, eine Jungfrau sein.«
    Dorotee, die es ordentlich fröstelte, wagte nochmals zu fragen: »Warum?«
    »Meines Mannes Grossvater selig«, erzählte die Wirtin, »soll das einmal
unterlassen haben, dafür hat ihm dann der Ursprung im nächsten Sommer auch kein
Wasser mehr gegeben. Seitdem ist's immer getrieben worden, und mein Mann selig
soll auch in dem Stücke mit mir zufrieden sein. Vielleicht haben auch die
Ursprung' ihren eigenen Schutzpatron, wie das Feuer den heiligen Florian, dessen
Bild man in jedem christlichen Hause findet. Jedenfalls heiss' ich dich nichts
Schlimmes, nur das, was ich selbst als Magd in diesem Hause früher jeden
Martinsabend habe tun müssen.«
    »Und wie habt Ihr es denn gemacht?« fragte das Mädchen, welches nun seinen
Mut wieder wachsen fühlte.
    Die Wirtin stellte zwei Teller vor sich auf den Küchenschrank und begann:
»Siehst du, das rechts ist die Fluh und das links der Fuss vom Liggstein. Drin,
da zwischen den Bergen in der Enge, wo am längsten Sommertag die Sonne nur
wenige Stunden zu sehen ist, hart neben dem Weg, den die Schleichhändler und
Alpknechte benützen, wenn's einmal Eile hat, grad' wo der Wald angeht, mitten in
einem Buchenkranz, unter hölzernem Deckel, ist im Boden ein ausgehöhltes Holz,
ein Trog. Das ist unsere Brunnenstube, wo mehrere Ursprünge gesammelt sind, um
in einer Leitung bis zu unserem Hause geführt zu werden. Da gehst du hin. Die
Schaufel darfst du aber nicht vergessen, denn mit der musst du hart neben die
Brunnenstube gegen Sonnenaufgang vergraben, was ich dir da zusammengerichtet
habe. Ich summte dabei gewöhnlich ein frommes Lied, und mein Lebtag nie hab' ich
mich so gern gehört als da. Noch weiss ich's ganz gut, als ob es gestern gewesen,
wie da die fallenden Tropfen klangen und rauschten, die Baumwipfel flüsterten
und es dann wieder, wie in der Kirche unter der Wandlung, still, ganz still
worden ist. Ich tät am liebsten selbst gehen und lang, lang drüben bleiben, wie
vor zwanzig Jahren. Wie wird mir doch so eigen, und alles liegt noch so lebhaft
vor mir, dass ich dir gleich erzählen muss, wie mir damals gegangen ist.«
    Beide setzten sich auf die an der Fensterwand hinlaufende Bank; Dorotee
knüpfte den ihr übergebenen Topf mit zitternden Händen in ein weisses Tuch, die
Wirtin aber erzählte: »Ich bin da Magd gewesen, aber du musst nicht glauben, dass
meine Eigenen den lächerrlich kleinen Lohn gerade nötig gehabt hätten. Von der
Stickerei wusste man damals noch nicht viel, aber ein Vater, der nicht eben
gebunden war, hätte sein Mädchen auch um den schönsten Lohn ungern das ganze
Jahr in der Stube sitzen lassen. Man meinte, gerade wohlhabenden Mädchen, denen
später vielerlei durch die Hände geh', könne es nicht schaden, wenn sie schon in
den jungen Jahren ein bisschen herumgepudelt würden und die Arbeit so lernten,
dass auch die eine Freude daran hätten, die nicht mit der Verliebteit des Vaters
oder der Mutter urteilten. Besonders der Dienst in einem ordentlichen Wirtshaus
ward einem jungen Mädchen recht herzlich gegönnt, wenn es sich nur auch gehörig
zu stellen wusste. Nun, mir hat es an dem nicht gefehlt und auch nicht an
Burschen, die ich hätte haben können. Es gab manchen Spass, und ich mag oft
schuld gewesen sein, dass einer länger dablieb, als es bisher seine Gewohnheit
war. Ich meinte, den jungen Wirt müsse es freuen, wenn ich ihm so Kundschaft
warb, und nichts hat mir so weh getan, als ihn immer stiller und unfreundlicher
gegen mich zu sehen. Zuweilen wollte ich ihm einmal gehörig das Kapitel lesen,
aber zu dem bin ich Schwache doch nie gekommen, denn ich hab' gleich gemerkt,
dass ich ihm noch viel eher den Dienst aufkünden könnte. Das aber wollt' ich
wirklich tun. Da kam der Martinsabend und sah just aus wie der heutige. Ich
wusste schon, was ich zu tun hatte, doch sann ich über ganz anderes, und so kam
es denn, dass ich Einfalt zur Brunnenstube hinauflief und vergass, was ich zur
Speisung hätte mitnehmen sollen. Der Wirt musste mein Versehen schon bemerkt
haben, und eben das war mir zehnmal ärger als der Gang zurück, den ich nun
wieder noch machen musste. Der Spott des Wirtes über jedes Versehen war in der
letzten Zeit so spitz, dass man zehnmal eher einen kräftigen Vorwurf ertragen
hätte, auf den sich wieder etwas Gesundes entgegnen liess. Das tut's da nicht
mehr, und du musst fort auf einen anderen Platz! rief ich überlaut und erschrak
dann selbst über den sonderbar fremden Klang meiner Stimme. Wenn du allein am
Ursprung stehst unter den gelben, flüsternden Wipfeln und du das Murmeln und
Plätschern hörst, ganz allein, als ob es nur für dich da wär', dann beginnt sich
das Fallen der Tropfen, das einen Saitenklang von sich gibt, in die Weise eines
wunderbaren Liedes zu ordnen, das dir ganz bekannt ist, obwohl du es auf der
Welt noch nie gehört haben kannst. Dann wird's dir weit und wohl, alles ist dir
gut und recht, und du bist nicht mehr fähig zu einem Entschluss, der irgend etwas
ändern könnte. Mir wenigstens ist es so gewesen. Ich bin dagesessen wie
verzückt, bis das gefallene Laub unter den Buchen raschelte und auf einmal - der
Wirt mit dem Vergessenen hart vor mir gestanden ist. Trifft man dich doch einmal
allein, wo man ein vertrautes Wort mit dir wechseln kann? fragte er. Jawohl,
hab' ich gesagt, wenn deine Spottsucht auch ein vertrautes Wort aufkommen lässt.
Jetzt redeten wir lang hin und her, wir räumten uns erst gehörig herunter, dann
wurde alles klar zwischen uns, und acht Wochen später sind wir Brautleute
gewesen. Drum denk' ich noch jeden Martinsabend an den Ursprung am Alpweg und
bleibe treulich beim alten Brauch, wie sehr der auch sonst aus der Übung
gekommen ist.«
    Dorotee, welche zuerst das ihr Übergebene den hungrigen Eigenen weit besser
als dem Ursprung am Alpwege gegönnt hätte, ward tief ergriffen von der
Erzählung, aus der sie eine so schöne Neigung zu dem Seligen heraus klagen und
jubeln hörte. Der ihr befohlene Gang ward nun fast zu einer gottesdienstlichen
Verrichtung. Sie musste der Wirtin zum Abschiede die Hand drücken, was wohl die
meisten Bregenzerwälderinnen noch nie in solchen Fällen gesehen, geschweige denn
selber getan haben.
    Hastigen Schrittes verliess Dorotee das Haus. Die Wirtin ward ihr das
bewundernswerte Weib, indem sie sich als Stellvertreterin ihres Seligen dachte.
So, meinte Dorotee, hätten die meisten Menschen einen Gedanken, ein Gefühl,
woran sie sich in allen Stürmen mit Herz und Seele festalten könnten. Ach, und
sie stand einsam, abgerissen überall, und ein furchtbarer Eid bannte sie und
trennte sie sowohl von den Ihrigen, deren Selbstsucht sie dazu zwang, als auch
von dem Geliebten, dessen Bild jetzt bei Tag und Nacht vor ihrer Seele stand.
Wann sollte das enden, wann sie das aufklärende, versöhnende Wort finden?
Schaudernd blickte sie hinüber zu dem stattlichen Hause des Krämers, wo noch
alle Zimmer beleuchtet schienen. Es ward ihr kalt und heiss, als sie daran
dachte, dass ihre Erlösung an das Verderben jenes Mannes geknüpft sei. Lange Zeit
lehnte sie an dem schon etwas morschen Stamm einer vielästigen Buche, so in
Gedanken verloren, dass sie das Tosen des immer wilderen Sturmes kaum bemerkte,
bis derselbe einen halbdürren Ast von ihrer Buche brach und surrend hart neben
ihr niederwarf, dass die vielen Zacken sich mehr als fusstief in den Boden
bohrten. Einen lauten Schrei ausstossend, sprang das Mädchen von der gefährlichen
Stelle weg und empfand, als einmal der erste Schreck überstanden war, ein ganz
eigenes Behagen, alle Glieder nach Belieben regen zu können. Sie hatte ein
Gefühl, als ob ihr Leben und Gesundheit aufs neue wiedergeschenkt worden sei.
»Es ist doch schön auf der Welt!« rief sie, emporblickend zu den stillen,
ernsten Bergen, die jetzt mit Sternen bekränzt schienen. Nie noch hatte sie den
Liggstein, der stolz und wie ein Wächter des Tales über den Schnepfauer Wald
gegen die Kanisfluh hinüberragte, so aufmerksam betrachtet und so klar gesehen,
wie jetzt im Scheine des Mondes. Die Schatten der vom Sturme geschüttelten
Tannen, welche zwischen den übereinander gewölbten Steinschichten hervorwuchsen,
zogen an dem rot und bläulich schimmernden Felsen auf und ab und schienen ihr zu
winken. Der Wald dort, welcher sich in der noch nicht beleuchteten Tiefe weit
bis an den Streifen Himmelsbläue hinzog, welcher zwischen den beiden
Felsenköpfen herunterhing, hatte sich viel zu erzählen. Geheimnisvoll rauschten
und flüsterten die rötlich schimmernden Buchen und die ernsten Tannen, wenn
wieder ein Sturm ob ihren Wipfeln dahinfuhr, dass man sogar das Tosen der blauen,
tausend Silberstreifen über die von den Bergen gestürzten Steine werfenden Ach
nicht mehr hörte. Endlich in der geschützten Schlucht der Brunnenstube
angelangt, wo nicht mehr Äste, sondern bloss noch die welken Blätter sich regten,
empfand Dorotee, wie wahr die Wirtin das Gefühl schilderte, von dem man hier
erfasst und gehoben wurde. Noch nie hatte sie wie jetzt die Bewegung des Gehens
und den Gebrauch jedes ihrer Sinne als Wohltat empfunden. Lange war sie zu
nichts fähig als zum Sehen, Hören und Bewundern der herrlichen Gotteswelt, deren
Anblick und Genuss ihr eben wieder geschenkt worden war. Selbst in der Kirche, wo
zuweilen manches noch an die Not und Plage des Alltagslebens erinnerte, war ihr
noch selten so leicht und frei gewesen wie hier. Nie hätte sie geglaubt, dass sie
bei der wunderbar lieblichen Musik der Ursprünge mit solcher Andacht ihrem Opfer
ein Grab graben würde, denn noch nie sonst war ihr eine Quelle fast wie etwas
Lebendiges erschienen. Jetzt aber lauschte sie dem Geplauder der Tropfen so
aufmerksam, dass sie das ihr aufgegebene Vaterunser für den seligen Wirt beinahe
vergass. Erst als die Arbeit fertig, fiel es ihr ein. Als sie nun auf einem ganz
mit Moos bedeckten Stein kniete, laut und langsam betend, war's ihr gerade, wie
wenn der Geist des Verstorbenen sie umschwebte. Von den zitternden, rauschenden
Buchen ringsum rieselten Blätter herab auf die Beterin und das Opfergrab,
welches sie mit Moos bedeckt hatte. Sie begann unwillkürlich ein zweites
Vaterunser zu beten. Da fiel der erste Mondstrahl hell und voll auf ihr fast wie
verklärt leuchtendes Gesicht. Einen Augenblick später war der ganze Platz
erhellt. - Dorotee stiess einen lauten Schrei aus und wankte einige Schritte
zurück. Nicht weit vor ihr erblickte sie, an einen Buchenstamm gelehnt, eine
männliche Gestalt. Nur das Gesicht wurde noch vom Schatten eines Astes bedeckt.
»Wer ist da?« fragte das Mädchen, alle Kraft zusammennehmend und schon auf dem
Sprung zur Flucht.
    »Niemand als ich.«
    Diese Antwort war sehr unbestimmt. Dorotee jedoch hatte schon an der Stimme
genug. Diese Stimme würde sie überall und unter allen Umständen sogleich erkannt
haben. »Ach Gott, es ist Jos!« jammerte sie und langte nach ihrer Schaufel, als
ob sie so schnell als möglich zu gehen entschlossen sei.
    »Was tust du da?« fragte Jos, indem er langsam dem Mädchen näher trat,
welches noch immer zwischen Gehen und Bleiben schwankte.
    Endlich lehnte sie die Schaufel an einen Buchenstamm und sagte: »Ich hab'
die Brunnenstube speisen müssen.«
    »Ich kann nicht begreifen«, begann Jos nach einer Weile, »wie eine sonst
verständige Frau noch solche Dummheiten treiben lässt.«
    Diese Rede tat Doroteen weh. Jetzt dachte sie nicht mehr ans Gehen. Erst
sollte Jos eine bessere Meinung von der Wirtin bekommen. Sie setzte sich neben
den Burschen auf einen Stein und erzählte, was jene hier als Mädchen einst
erlebt habe.
    Aufmerksam hörte Jos zu; auch als Dorotee geendet hatte, blieb er eine
Weile ganz still. Endlich aber sagte er: »Der Platz ist ganz dazu gemacht,
einmal frei auszusprechen, was man sonst in sich vergraben musste - da drunten,
wo jetzt der Sturm zieht. Auch ich hab' dich heute zu mir hergewünscht, Gott hat
mich erhört, und aus dem schöpf ich die Hoffnung, dass nun alles noch gut werde.
Viel, viel hab' ich zu sagen und zu fragen, ich will gleich anfangen, so treibt
mich die Ungeduld, und zudem weiss ich nie, wann dein Bruder kommt und uns
stört.«
    »Hansjörg?« fragte das Mädchen erschrocken. Es hatte dem Bruder oft einen
ordentlichen Freund gewünscht, und besonders den Umgang mit dem fleissigen Jos
hatte es ihm recht von Herzen gegönnt, weil der ihn wohl so leicht als einer
wieder auf den rechten Weg bringen konnte. Als nun aber allem nach die beiden
hier sich treffen wollten, wusste sie nicht mehr, welchen sie für den Leiter und
Führer des anderen halten sollte.
    Jos fühlte sich durch den Ton der Frage verletzt. »Dein Bruder«, antwortete
er, »scheint dich lieber zu haben als du ihn.«
    »Der Schein trügt.«
    »Ich bin froh, wenn es das ist«, sagte Jos mit Wärme, »Hansjörg braucht
jetzt Liebe. Nur seinen Tadlern und Aufpassern zulieb' wird er nicht viel tun
und nicht viel unterlassen.«
    »Das glaub' ich auch«, versetzte Dorotee näher rückend. »Gerade du
vermöchtest viel über ihn und könntest ihn weit bringen.«
    »Wir schaffen auch wirklich zusammen jetzt.«
    »Gott Lob und Dank im hohen Himmel!« jubelte das Mädchen, dem seine Freude
recht ordentlich anzusehen war, obwohl es im Schatten eines noch nicht
entblätterten Astes sass. »Aber«, sagte es dann, sich besinnend, »mich nimmt's
doch wunder, dass ich noch nichts davon gehört habe.«
    »Das kommt nicht an den Wirtstisch, und es wäre schlimm, wenn jeder davon zu
erzählen wüsste«, lachte Jos, fuhr dann aber, das Erschrecken des Mädchens
bemerkend, in ganz anderem Tone fort: »Davon jedoch können wir auch neben dem
Hansjörg noch reden. Jetzt sag' mir lieber, wie es dir auf der Wirtschaft
gefällt? Du glaubst nicht, wie viel ich mich schon darum sorgte.«
    »O du guter Jos, mir geht ja ganz wohl!«
    »Nein, Dorotee, das sagt man nicht in dem Ton; so redet man, wenn man krank
oder ganz unglücklich ist. Hast du denn kein Vertrauen mehr wie früher, wo du
mir alles sagtest?«
    »Was aber soll ich dir sagen? Ich bin kaum zwei Wochen im Haus. Die Wirtin
hält mich wie eine Mutter, und sonst tat ich nur wünschen, dass die anderen
Hausgenossen mit mir so zufrieden wären, als ich es mit ihnen bin.«
    »Dann ist's noch schlimmer«, klagte Jos.
    »Warum noch schlimmer?« fragte das Mädchen mit einer Hast, welche wohl seine
Streitlust verraten sollte.
    »Weil dann dein wunderliches Benehmen einen noch tieferen, schmerzlicheren
Grund hat. Du glaubst gar nicht, wie gut ich deine Stimme kenne. Sie ist mir wie
ein Lieblingslied, welches man ganz in sich aufgenommen hat, so dass man gleich
jeden falschen Ton darin merkt. Wie mancher bei der Arbeit sein Liedchen summt,
so hör' ich dich stundenlang reden in mir, aber nicht so wie heute. Dann bist du
ganz das, was immer mich anlächelt, wenn ich auch nur den Namen Dorotee von
einem Gassenbuben höre, der dabei vielleicht an ein Butterbrotbäschen denkt.
Heut' kommst du mir fremd vor, aber doch nicht so fremd, als du dich stellen
willst. Ein tiefes Leid klagt aus jedem deiner Worte. Gewiss, ich hätt' es dir
gegönnt, wenn bloss die Kronenwirtin dran schuld gewesen wäre. Das wär' nur ein
Dorn am Strauch, dem wieder zu entrinnen sein würde. Gefährlicher sind die
Dornen, die man schon im Leib hat; die schmerzen sehr und machen krank.«
    Nun konnte Dorotee nicht mehr trotzig und kühl antworten. Es fehlte dem
armen Mädchen alles, was dazu gehört hätte. Seine Stimme klang weich und etwas
unsicher, als es fragte: »Gibt es nicht auch Dornhecken, zu denen wir gebannt
sind und von denen wir uns immer wieder weh tun lassen müssen?«
    Kein Dornstich hätte das Jösle schmerzlicher treffen können als diese Frage,
die alles wieder umzuwerfen schien, was aus Vermutungen auf das in letzter Zeit
Beobachtete gebaut werden konnte. Wer anders war wohl mit diesem Vergleich
gemeint als Hans, den sie noch nicht aus dem Herzen brachte, an den sie noch
gebannt war, wie weh er ihr auch immer getan hatte? »Hast du noch das Heimweh
auf den Stighof?« fragte das arme Bürschchen mit bebender Stimme.
    »Nein, Jos«, antwortete Dorotee fest, und es ward ihr dabei so leicht, ob
sie nun erst die Lossprechung des Kaplans verdient hätte.
    Auch dem Jos war wieder leicht ums Herz; leichter selbst, als da er hörte,
dass nun Dorotee vom Stighof auf die Kronenwirtschaft gekommen sei. Und auch das
schon tat ihm wunderbar wohl, und sein Fuss besserte von dem Tag an so schnell,
dass auch der Doktor darüber staunen musste. Doro-teens eigenes Nein aber war
noch viel mehr wert als alles, was aus einem vielleicht nur zufälligen
Zusammentreffen von Umständen sich herausrechnen liess. Jos dachte nicht mehr an
den immer schmerzenden Dorn, von welchem Dorotee gesagt hatte. Wenigstens jetzt
einmal atmete er frei auf und sagte fröhlich: »Auch ich hab' mich nie mehr auf
den Stighof gewünscht, wohl aber zu dir. Ich passe nicht zum Bauern, das hab'
ich im Sommer nur zu gut empfunden, aber auch, dass mir neben dir und für dich
alles, gar alles möglich wär'. Anders hab' ich mir nach der Kirchweih niemals
erklären können, dass ich es nur so lang auszuhalten vermochte.«
    »Mir kommt es vor, ob du dem Hans jenen Abend noch immer nicht vergessen
habest.«
    »Es ist nicht mehr viel davon in mir, aber jetzt muss auch das Versteckteste
heraus«, antwortete Jos. Dann, des Mädchens zitternde Hand erfassend, fuhr er
fort: »Du glaubst gar nicht, wie wohl es mir tut, hier unter Gottes freiem
Himmel, ganz in der Stille gar alles aus mir herauszureden, was drückt und
quält.«
    »Tu das nur, wenn du es kannst«, sagte das Mädchen traurig. »Ich kann und
muss es, aber auch du solltest es können wie früher. Du tust ja, wie wenn sich
etwas zwischen uns gestellt hätte. Was ist's denn, wenn du kein Heimweh auf den
Stighof hast?«
    »Das plagt mich nie«, sagte das Mädchen, und Jos glaubte dabei einen leisen
Druck ihrer Hand zu empfinden, die ihm aber so schnell entzogen ward, als die
seinige denselben erwidern wollte.
    »Ich will dich nun in Gottes Namen mit Fragen gehen lassen«, sagte Jos etwas
verlegen. »Sag' mir nur noch, ob ich dir etwas helfen, etwas tun kann, wodurch
dir vielleicht denn doch etwas abgenommen würde.«
    »Ja, das kannst du.«
    »Und was?« fragte Jos, indem er den Kopf wieder aufrichtete und dem trüben
Blick des Mädchens ein fröhliches Gesicht sehen liess.
    Dorotee rückte näher zu ihm und flüsterte: »Tu für den Hansjörg, was du
kannst! Benutze deine Macht über ihn zu seinem und deinem Heil. Er traut dir,
und du hast ihn auf dem Gewissen.«
    »Weisst du das so gewiss?« fragte Jos etwas verlegen.
    »Von dir kann er lernen, wie man mit blutsaurer Arbeit alles Misstrauen, alle
Hindernisse überwindet. Ich weiss aus Erfahrung, wie leicht man sich auf einen
schweren Weg macht, wenn ein Mutiger voran ist. Ich fühle, wie hoch du über ihm
stehst, wenn du willst, ich -« Das Mädchen stockte.
    »Nun, wir tun jetzt auch mitsammen. Bin ich doch da, um auf ihn zu warten.«
    »Aber der Führer ist er. Du hilfst ihm etwas tun gegen das Gesetz, dem wir
folgen müssen.«
    »Aber nichts Sündhaftes.«
    »Was gegen das Gesetz geht, ist nicht recht. Wie es uns schützt in unseren
Rechten, so schützt es auch andere. Es sieht weiter als wir, drum sollen wir es
auch achten, wo wir es nicht verstehen.«
    »Ich hätt' auch lieber einen grossen Hof geerbt«, sagte Jos etwas unmutig,
»als armer Teufel aber muss ich mich wehren, wie es geht Unser mehrere haben sich
zusammengetan, um die Sache in Gang bringen zu können.«
    »Wenn's nur etwas anderes wär'«, klagte Dorotee. »Ich hab' auch schon
gedacht, die Armen sollten so zusammenhalten wie die Reichen, aber zu etwas
Ordentlichem. Ihr da kommt mir fast vor wie die Bauern, welche sich
vereinbarten, um auf der letzten Versteigerung beim Kronenwirt einen Wald recht
wohlfeil an sich zu bringen. Beide Teile handeln gegen das Gesetz. Jene
schadeten einem, ihr dem Staate.«
    Diese Rede Doroteens bewies, wieviel sie sich in Gedanken mit dem
Schleichhandel beschäftigt und dass sie auch andere, die mehr davon verstanden
als sie selbst, gelegenheitlich darüber befragt hatte. Jos jedoch war über
diesen Beweis, dass das Mädchen auch jetzt noch an ihn denke und für ihn sorge,
nichts weniger als erfreut. Schüchtern begann er der lieben Predigerin
auseinanderzusetzen, dass er immer an sie denke und nur ihretwegen soviel wage.
Vor den Menschen nehme man sich in acht, und Gott werde seine gute Absicht sehen
und ihm verzeihen. Doroteen wurde heisser und heisser. Sie merkte, auf was alles
der gute Bursche noch kommen werde. Und schon fühlte sie nicht mehr die Kraft in
sich, ihm in seinen Auseinandersetzungen zu widersprechen und vielleicht mit
einem Worte alle seine Hoffnungen zu zerstören. Hoffnungen auf eine Zukunft,
die, ach, auch ihr so lieblich erschien, dass sie hätte weinen, laut aufschreien
mögen bei dem Gedanken, dass niemals etwas daraus werden könne! Ja, sie musste
fort, das war ihr furchtbar klar. Nicht mehr länger durfte sie zuhören und den
guten Burschen reden lassen. Auf einmal, ohne sich zu erklären, wollte sie
wegspringen und heimeilen ... auf einmal - jetzt, nur noch einen Augenblick,
eine halbe Minute neben ihm, und dann scheiden fürs ganze Leben. - Ja, scheiden!
... Sie erfasste krampfhaft die Hand des Burschen, ihre Blicke begegneten sich
innig und inniger, und mit einem Seufzer, in dem der ganze Schmerz und die ganze
Wonne eines Menschenlebens lag, sank sie an seine Brust. Da nun ruhte sie und
weinte. Er legte den zitternden Arm um den weissen Hals, welchen der Schatten der
Buchenäste gar nicht zu treffen schien. In der Brunnenstube rauschte es ganz
wunderbar, das Fallen der einzelnen Tropfen klang wie Saitenspiel, das Flüstern
der Wipfel da droben wie Gesang. Doroteen war's, als ob sie nun alles, alles
herausweinen könnte, was bisher sie erdrücken und ersticken wollte, während Jos
vergebens nach Worten für seine Empfindungen suchte. Vergessen war die böse,
böse Welt und alles, womit sie diese beiden Herzen schon belastet hatte,
vergessen alle Verhältnisse und Verbindungen, selbst Vater und Mutter -
wenigstens eine Zeitlang und viel länger, als die Glücklichen glaubten, die
jedes Zeitmass verloren. Dann durchzuckte es das Mädchen wie ein furchtbarer
Schmerz. Es stiess einen leisen Schrei aus und schien dann etwas sagen zu wollen,
aber wieder wurde seine Stimme von einem Strome noch heisserer Tränen erstickt.
    Wenn der Schutzgeist der Ursprünge noch in der nun folgenden Viertelstunde
bei seinen Opfergaben weilte, so segnete er gewiss das Paar, welches wie
angebannt unter den Buchen sass und sich schweigend umschlungen hielt. Wurde doch
selbst Hansjörgen, der unbemerkt nahe genug kam, um beide zu erkennen, so
wunderbar zumute, dass er, da er sie nicht stören, nicht auf einmal aus ihrem
Himmel bringen wollte auf die böse Welt, wieder zurückschlich und in der Ferne
nur leise, doch so laut, dass die beiden es hören mussten, ein Soldatenliedchen zu
summen begann.
    Das tat Hansjörg, der sonst so fest rechnete, die Schwester einmal als
Bäuerin auf dem Stighof, auch zu seinem Vorteil, walten zu sehen. Seit Hans
Doroteens oder ihrer Verwandtschaft sich so schämte, dass er sie gleich aus dem
Dienste liess, hätte Hansjörg ihm so ein Mädchen wie seine Schwester gar nicht
mehr gegönnt. Des Vaters schonungslose Selbstsucht war jetzt seinem Wesen fremd,
und die Mitteilung desselben, Dorotee habe den Jos abschwören müssen, war' ihm
gewiss recht schwer auf dem Herzen gelegen, wenn er die Sache so ernstaft wie
Dorotee genommen hätte. Doch er wähnte, dem Vater sei der Jos nur zu arm. Wenn
das einmal etwas anders und der Vater überzeugt sei, dass man den dicken Hans
nicht mehr fangen könne, werde das im Zorn gesprochene Wort von Herzen gern
zurückgenommen werden. Auch den Jos brachte er zu dieser Ansicht und machte ihn
so fest, dass den guten Burschen die Zurücksetzung Doroteens zuweilen ordentlich
ärgern konnte, wie manche Sorge dadurch ihm auch abgenommen wurde. Hansjörg war
noch begieriger, den Jos in seinen für einen Schneider so vorteilhaften
Schleichhandel zu ziehen, seit er damit auch für seine Schwester zu sorgen
meinte. Der Krämer konnte doch nicht verlangen, dass man einzig für ihn über die
Berge gehen werde. Jos hatte den Gewinn viel nötiger, der z.B. von billigen
Seidenstoffen zu machen war. Er war schwer zu bereden. Endlich aber, als auch
andere Handwerker ihn drängten und ihm ihre Sparpfennige vorzustrecken
versprachen gegen die Zusage, dass er ihnen, wenn sie etwas kauften, keinen
Profit berechne, hatten sich die beiden geeinigt, und heute kam Jos, um den
ersten Warenballen abzuholen. Nur Doroteens Predigt brachte ihn um den Mut, ihr
das offen zu sagen. Jetzt freilich hätte er ihr alles sagen, hätte nötigenfalls
ihr in allem nachgeben mögen. Aber dazu blieb keine Zeit mehr, als Hansjörgs
leiser Gesang das Mädchen aufschreckte. »Ach Jesus, wer kommt?«
    »Gewiss niemand als Hansjörg«, beruhigte Jos.
    »Aber was will der?«
    »Sei ohne Sorgen, der sagt dem Vater gewiss nichts.«
    Dorotee schien zuerst erschrocken über diese Erinnerung an den Vater und
das ihm gegebene Wort. Gleich jedoch richtete sie sich stolz auf und rief: »Was
geht ihn auch diese Stunde an? Gott hat sie mir gelassen, und ich fühle, wie
ganz sie hineingehört in mein Leben, wie der Frühling ins Jahr. Aber weisst du
denn auch schon, was ich habe versprechen müssen?«
    »Hansjörg hat es vom Vater selbst, aber er nimmt's nicht besonders
ernstaft. Der Vater wär' wohl zurückzubringen, wenn ich nur etwas mehr Vermögen
hätte. Das, Dorotee, nur das ist der Grund, dass ich auch den Schleichhandel
betreibe.«
    »Ach Jos, warum doch musst du mir diese Stunde noch so verderben!«
    »Ich tu das gewiss nicht. Ich will nur machen, dass wir noch viele solche
Stunden erleben können und dürfen.«
    »Mir wird nie mehr wohl sein, wenn ich an dich denke.«
    »Sei nur unbesorgt. Unser gefährlichster Feind ist der Krämer, aber Hansjörg
dient auch ihm und mir nur so nebenbei. Wenn der später etwas von unserem
Zwischenhandel merkt, wird er doch nicht mit mir auch sich selbst in
Verlegenheit bringen wollen.«
    »Wir tragen am gleichen Unglück, wir sollten es gemeinsam und demütig
tragen, bis Gott hilft. Es ist nicht mehr in Ordnung, wenn man sich nur auf den
Eigennutz anderer und auf List und Frechheit verlassen muss. Ich hab' keinen
gekannt, der dabei noch ein guter Mensch geblieben ist. Ich möchte dich lieber
arm sehen als wie den Krämer, und ich weiss, was arm sein heisst und was ich dabei
leiden werde. Du solltest Hansjörgs guter Engel werden, und nun verführt er
dich! Komm, lass ihm seinen Plunder und geh mit mir!« bat das Mädchen und erfasste
seine Hand.
    »Das kann ich doch unmöglich; denk', er ist auch dein Bruder, und ich darf
ihn nicht verlassen.«
    »Und ich kann dich nicht als Schwärzer denken«, sagte das Mädchen; sein
Händedruck aber, mit dem es schied, schien dem Jos doch wieder zu verzeihen.
    Jos stand zitternd, zweifelnd, ratlos, bald vier Schritte vorwärts, bald
zwei zurück gehend. »Sie ist gut«, rief er, »viel zu gut für diese Welt, und
wenn man es da zu was bringen will, darf man ihr nicht folgen. Ich handle gegen
ihren Willen, aber doch für sie, nur für sie.«
    Jetzt stand Hansjörg neben ihm.
    Etwa zehn Minuten später eilte Jos mit der Last, welche er Doroteens Bruder
abgenommen hatte, so schnell als möglich ins Dorf zurück. Hansjörg, der durch
nichts andeutete, was er sah, und auch die heimeilende Schwester nicht zu
bemerken schien, machte sich wieder über die Berge, um noch vor dem Grauen des
Morgens auch den Krämer zu bedienen, von dem er in der vorletzten Nacht schon
über die Grenze geschickt worden war.
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
                     Dorotee kommt abermals in ein Gerede
»Ach, Jos, warum doch musst du mir noch diese Stunde verderben?« jammerte
Dorotee, als der Geliebte ihr mitteilte, auf was für eine Art er für sie beide
wirken werde. Aber so eine Stunde lässt sich nicht so leicht wieder verderben,
und besonders schon gar nicht dadurch, dass man hernach für den mutigen,
opferwilligen Mitgenossen derselben zittern muss. Wäre die Liebe die grosse,
mächtige Weltbeherrscherin, wenn sie sich nur aus wohlgeordneten Verhältnissen
wie das Resultat oder die Probe einer Berechnung ergäbe und wenn sie so den Weg
schon geebnet finden müsste? Dann segnete sie nie des Armen baufällige Hütte,
dann wäre sie die Qual des grössten Teils der sorgenbeladenen Menschheit, die sie
nur noch tiefer unter ihre Lasten begrübe. Die wahre Liebe aber erhebt über die
Kleinlichkeiten des Lebens. Sie überwindet die Selbstsucht und alle anderen
Suchten, deren Jammergestalten die, welche sie ihres Segens unwert hält und
strafen will, als ihr Bild verehren, zu spät erst den Abweg erkennend, auf
welchen ihr Götzendienst sie geführt hat.
    Eine ganz unglückliche, ganz hoffnungslose Liebe gibt es eigentlich gar
nicht; denn die Liebe findet Hoffnung und Glück immer und überall wieder in sich
selbst. Der Liebende, der im Kampfe mit entgegenstrebenden Verhältnissen erläge,
gliche nur erst dem gefangenen Weisen, welcher doch noch besser daran ist als
sein roher Überwinder, der noch immer den Lichtstrahl der Wahrheit fürchtet,
welchen er nicht einzusperren vermag.
    Die Neigung hat einen strengen Wertmesser bei sich, für den es fast jeden
Tag etwas zu tun gibt; hat aber einmal die Liebe gesprochen und ihren Schatz in
ein Herz ausgeleert, dann wird alles aufgewogen, was auch die ärgsten
Plaggeister der Menschen in die andere Waagschale werfen mögen, und die Macht
der Verhältnisse ist wenigstens innerlich überwunden. Die Liebe nährt sich nicht
mehr bloss von dem Werte ihres Gegenstandes, sondern durch sich selbst glaubt
sie, hofft sie und ist glücklich.
    Auch das ärmlich gekleidete Dorfkind, der einfachsten Erziehung entwachsen,
kann so leicht und wohl noch leichter etwas von diesem Segen der Liebe empfinden
als die fleissigste Romanleserin, wenn es darüber auch nicht so gut wie diese
jeden Augenblick ein langes und breites zu machen weiss. Eine schöne Strecke des
Lebensweges legt man gern in der Erinnerung wieder zurück, wenn man auch für
einzelne Stellen leichter eine Farbe, ein Bild als eine sprach gerechte
Bezeichnung findet. Der Gewinn für sich selbst kann gewiss in beiden Fällen der
gleiche sein. Dorotee sann Tage, Wochen über das, was Jos und was sie mit ihm
seit einem Jahr erlebt hatte. So entstand ihr ein Zug nach dem anderen, bis das
Bild eines Mannes, den sie zitternd bewundern musste, lebendig vor ihrer Seele
stand. Vieles freilich war in seinem Wesen, was ihr Sorge machte, aber auch das
webte nur wieder den Teuern tiefer in ihre Gedanken und Träume, selbst in ihre
Gebete hinein. Er musste so sein, wie er war, sonst wär' er nicht mehr er
gewesen; und so wie er war, war er ihr auch recht, obwohl sie sich's niemals
gestand. So, beständig nun auf ihn blickend, für ihn sorgend und betend, übersah
sie stets die Kluft, welche sie wohl für immer von ihm trennte. Wenn sie aber
einmal daran dachte, so sagte sie sich, dass diese Welt eben kein Himmel sei und
jeder Mensch seinen Teil zu tragen habe. Hierüber waren ihr erst in der
Gaststube der Kronenwirtin die Augen aufgegangen. Da erst erfuhr sie recht, was
alles im Leben sich zwischen die Menschen und ihr mit Aufopferung aller Kraft
verfolgtes Ziel stellen kann und welch verzweifelte Anstrengung zur Beseitigung
solcher Hindernisse gemacht werden. Von solchem Kämpfen und Treiben hatte sie
auf dem friedlichen, stillen Stighofe neben dem behaglichen Hans keine Ahnung
bekommen. Seit sie vernahm, wie man's da und dort getrieben hatte, war es ihr
leichter, den Vater zu entschuldigen und somit auch das ihm gegebene Versprechen
etwas weniger wichtig zu nehmen. Je länger sie die Leute beobachtete, desto mehr
kam sie dazu, alles nur der Gunst oder Ungunst der Verhältnisse zuzuschreiben.
Menschliche Leidenschaften und Schwächen wurden selten so milde beurteilt wie
von ihr, die bald fast in jedem Gesunkenen bloss noch einen Niedergedrückten sah,
der endlich seiner Last erlegen war wie ihr Vater, und in jedem Waghals einen
Helden, der auf gewöhnlichem Wege seine Pläne so wenig ausführen konnte als Jos
und daher ohne Rücksicht auf das Urteil der Menschen alle Schranken überspringe.
Jeden von diesen begleiteten auf seinen gefahrvollen Wegen ihre Glückwünsche,
seit sie stets für den Jos und ihren Bruder zittern musste. Derlei Gedanken und
Sorgen waren für sie grosse Wohltaten. Womit sonst hätte sie sich beschäftigen,
wie sich wieder ganz herausbringen sollen aus der engen, düsteren Wohnung ihrer
armen Eigenen, wenn sie nicht hätte zur Brunnenstube fliehen können in Gedanken
oder ins Durcheinander des Lebens, wie man es in der Gaststube beobachten und
innerlich mitleben konnte. Wie ihr in ihrer jetzigen Stimmung Dezembersturm und
Schneegestöber lieber war als ein stiller, warmer, nebliger Tag, so freuten sie
auch recht lebhafte, mitunter fast gar zu laute Gäste weit mehr als diejenigen,
welche sich still hinsetzten und mit einer Amtsmiene ihr Geldlein zu verzehren
begannen. Unter allen, die sie mit der öffentlichen Meinung und mit dem
Hergebrachten im Kriege sah, war nur einer ihr lange Zeit recht von Herzen
zuwider, nämlich der Andreas, Angelikas Gatte, dem sie gar keine menschlich
schöne, liebsame Seite abgewinnen zu können meinte. Zuerst hielt sie ihn für
einen verzogenen reichen Bauern, der, immer am Gängelbande geführt, sich selbst
nie habe weisen und leiten lernen, für einen Spielball jeder Laune der Menschen
und des Zufalls. Auf diese Weise nun erklärte sie sich auch seine Verbindung mit
der guten Angelika, die doch unmöglich aus dem Herzen der beiden herausgewachsen
sein konnte. Ein Beweis für ihre Vermutung lag schon in dem, was sie damals auf
dem Stighof sah und hörte, wie heimlich auch die Stigerin ihre Kämpfe mit Hansen
gekämpft hatte. Bald aber kam sie zu der Überzeugung, dass eigentlich nur
Angelika das Opfer elender Berechnungen geworden sei; dieser Andreas mit dem
harten, abgewetterten Gesicht und der gewaltigen Stimme, neben der nichts
anderes mehr zu hören war, schien sich nie von etwas anderem als von seiner
Leidenschaftlichkeit beherrschen zu lassen. Sagte doch der Trotzkopf es der
Wirtin, die ihn einmal ernstlich an seine Gatten- und Vaterpflicht erinnern
wollte, ganz offen, wie eine schon ausgemachte Wahrheit, dass es für ihn da gar
keine Pflichten gäbe. Die, welche nun einmal zu ihm gehörten, hätten ja noch
immer mehr als genug daheim, um recht anständig leben zu können. Er gönne dem
Weib die Freude, ihn die meiste Zeit gar nicht zu sehen; dafür nun müsse sie
ihm, wohl oder übel, eine Kurzweil im Wirtshaus erlauben. Seine Schulden würden
gewiss in der Ordnung bezahlt, und sonst brauche doch ein Mann in seiner Lage
sich nicht um alle die altmodischen Hausmannsregeln zu kümmern und könne seines
Besitzes auf seine Weise sich freuen, wenn er nur frei von der Dummheit sei,
sich dabei noch viel um so hohle Worte wie Ehr' und guten Namen zu kümmern.
    So sagte der Andreas und machte dabei ein paar Augen, dass wohl mancher Mann
am Platze der Wirtin sich vor seiner schon oft erprobten Faust gefürchtet und
von Glück gesagt hätte, wenn gleich alles wieder aus gewesen wäre. Die Wirtin
aber war durchaus nicht von der Art. Sie kümmerte sich auch nicht viel um die
Kundschaft eines Mannes, der sich mit solchen Grundsätzen grosstat. Andreas musste
nun eine lange, sehr gesalzene Predigt hören, und so schnell kam Schlag auf
Schlag und traf so richtig, dass ihm nicht einmal mehr einfiel, er könnte ja
gehen und dadurch sich aus der wachsenden Verlegenheit retten, ja, da die Wirtin
ihm lebendig ausmalte, wie gut er es daheim hätte, wenn ein ordentliches Leben
wieder den Segen Gottes auf sein Haus zöge, wie er aber statt dessen sich Weib
und Kind entfremde, dass sie seiner sich schämen müssten, da wurde der Mann
ordentlich weich und liess die Wirtin nicht weiter ausführen, warum auch die
ärmste Bettlerin mit Angelika noch lange nicht tauschen würde.
    »Sie liebt mich nicht mehr und glaubt mir nicht, das treibt mich aus dem
Hause zu anderer Kurzweil. Es wird nie mehr besser, und drum kann ich auch
nichts verderben, wenn ich mich auch räche, dass sie durch ihren finsteren Ernst
mein Lebensglück zerstörte«, rief Andreas trotzig, aber doch etwas weich. Der
Wirtin gefiel diese Antwort durchaus nicht, und sie verliess gleich die Stube.
Dorotee dagegen, die neben der Stubentür am runden Haustische mit der grossen
Schiefertafel stand und des Pfarrers messingenen Bierkrugdeckel wieder glänzend
fegte, glaubte aus dieser Rede des Andreas etwas wie eine Klage herausgehört zu
haben. Nun erschien ihr selbst dieser Mann in viel günstigerem Lichte, als ihn
sonst die öffentliche Meinung sehen liess. Angelika war wirklich nicht mehr wie
früher. Das Finstere, Abstossende ihres Wesens hatte Dorotee schon an jenem
Abende vor der ungültigen Beichte auf ihrem Spaziergang empfunden. Und beim
Andreas kam dazu noch, dass sie mit besonderer Vorliebe von Stighansen zu
erzählen schien. Jos hatte so ängstlich gefragt, ob sie, Dorotee, nicht mehr
das Heimweh auf den Stighof habe; wie weh nun mussten dem Andreas von seinem
Weibe dergleichen Andeutungen tun und ihm das Leben unter seinem eigenen Dache
verbittern. Man sieht, wie sich's das Mädchen schon angelebt hatte, sich in die
Verhältnisse der Gäste mit Benutzung aller früher gemachten Beobachtungen
hineinzuleben und mit ihnen und für sie zu sinnen und zu sorgen. Schon zu oft
hatte sie die wunderbare Wirkung eines lobenden, tadelnden oder beruhigenden
Wortes wahrgenommen, um nicht zuweilen auch so ein schöpferisches Werde sprechen
zu wollen. Besonders nötig und auch nicht ganz vergebens schien ihr das jetzt
beim Andreas. Freundlich, beinahe bittend sagte sie, dass der Mensch nie verloren
sei, bis er sich selbst aufgebe, dass man aber bei anderen Einfluss und Achtung
erst wieder gewinne, wenn man sich selbst und seiner Empfindlichkeit befehlen
und sich wieder achten gelernt habe. Andreas antwortete so vernünftig, dass
Dorotee sich in ein langes Gespräch mit ihm einliess und am Schlüsse desselben
schon recht viel ausgerichtet zu haben meinte.
    Von jetzt an wendete sich Andreas immer nur an sie, sooft er kam, was immer
häufiger geschah, und die Wirtin durfte ihm auch nicht einen Schoppen mehr
bringen, obwohl er von Doroteen ebenfalls zuweilen hören musste, dass es nun
genug sei, was er sich immer gleich beistimmend gefallen liess. Doroteen freute
das um so mehr, da es ihr ja nur ganz natürlich, nicht etwa bloss geheuchelt
schien. Seit langem schon machte wohl niemand ihm ein freundliches Gesicht, als
wer etwa dabei seinen Vorteil suchte. Musste ihm nicht wohl werden, als er sich
wieder freundlich behandelt sah von ordentlichen Leuten, so dass er auch in den
Augen anderer wieder ein wenig zu wachsen begann! Dorotee hatte die grösste
Freude, ihn fast jeden Abend noch stiller zu sehen, so dass endlich auch die
Wirtin sein Benehmen zu loben begann. Wenn sie nur immer einen freien Augenblick
gewinnen konnte, setzte sie sich zu ihm und begann ein Gespräch mit ihm
anzuknüpfen, wie sehr dabei die anderen Gäste dann auch die Köpfe
zusammenstecken mochten. Die Wirtin war nämlich bei den letzten unter allen,
welchen das etwas verdächtig schien. Man erinnerte sich wieder daran, dass das
Mädchen sich auch mit Stighansen so weit einliess, dass es aus dem Dienste treten
musste, damit es im Beichtstuhl wieder gehörig losgesprochen werde. Zwar wollte
niemand etwas wissen und niemand etwas gesagt haben, aber das galt für eine
ausgemachte Sache, dass das Mädchen reichen Leuten gegenüber ungemein schwach und
blind sein müsse, sonst würde es wenigstens mit diesem landesbekannten
Taugenichts nach den früher gemachten Erfahrungen in kein Gerede mehr gekommen
sein.
    Die Wirtin, die Doroteen recht von Herzen liebte, würde dem Andreas gerne
das Haus für immer verboten haben; aber sie fürchtete, dadurch dem nun einmal
entstandenen Gerede noch einen Scheingrund zu geben, wie Hans, da er das arme
Mädchen mitten in der Zeit fortschickte. Wollte sie Doroteen warnen, so sagte
diese, sie habe solches Gelärm schon gewohnen müssen und wolle nun durch den
vielgeschmähten, unglücklichen Andreas beweisen, dass noch nicht jeder schlecht
sei, den man verdamme, sondern mancher bloss durch solches Urteil den Glauben an
sich selbst verliere und wirklich schlecht werde. Wurde die Wirtin, die es recht
gut meinte, über solche Antwort ärgerlich, so konnte sie Doroteen wohl zum
Weinen, aber nie zum Nachgeben bringen. So sass die gute Frau eines Tages in der
Stube bei ihrem Strickstrumpf, und während Masche sich an Masche reihte, sann
sie darüber nach, wie wohl das unerfahrene Mädchen am besten von seiner
Bekehrungssucht zu heilen wäre. Da polterte der Stighans herein und verlangte,
sogleich ein vertrautes Wort mit ihr zu reden.
    Im Herrenstüble angelangt, zupfte der Bursche verlegen am Halstuch, während
die Wirtin die Türe schloss, und sagte dann, rasch wie immer, wenn er kaum den
rechten Anfang finden konnte: »Was ist denn anders worden in der
Kronenwirtschaft, dass da ganz ein ordentliches Mädchen so ins Geschrei kommen
kann?«
    »Gerade so«, versetzte die Wirtin, »hätte man vor kaum einem halben Jahre
auch die auf dem Stighofe fragen können.«
    »Nein«, widersprach Hans, »diesmal ist's viel ärger, und wer ihr zusieht,
muss fast wider Willen glauben, was der Wein aus dem Grosssprecher herausredet.«
    »Aus welchem Grosssprecher?«
    »Natürlich dem Andreas.«
    »Was weiss denn der?«
    »Kurz und gut, dass er bei Doroteen alles gelte, dass er sie fast um einen
Finger wickeln könnte. Sicher sagt er zehnmal mehr, als wahr ist, aber er sollte
gar nichts zu sagen den Mut haben; und wenn mancher herkommt und beide so
vertraulich tun sieht, glaubt er schon alles bestätigt. Ich kenne das Mädchen
freilich besser, möchte denn aber doch erfahren, was es mit dem Andreas immer zu
reden gibt. Du musst das wissen, sonst würdest du es gewiss nicht leiden. Von der
Art bist du nicht, dass du solche Goldvögel um jeden Preis fangen und rupfen
lassen willst.«
    »Ich meine doch auch«, sagte die Frau nicht ohne Selbstgefühl.
    »Wie kann aber Dorotee so blind werden und nicht merken, wer der Mensch ist
und wohin er sie bringen möchte?«
    »Ja«, sagte die Wirtin scharf, »sie muss sich beim Weinen über andere trübe
Erfahrungen die Augen gewaltig verdorben haben. Andere, seit langem kurzsichtige
Leute haben die gefährlichen Stellen im Gedächtnis, aber sie scheint eben an
diesen Zustand noch nicht recht gewöhnt zu sein.«
    »Ich verstehe das nicht.«
    »Nun - dann werd' ich dir mit einem Holzschlegel winken müssen. Wenn man von
denen, die man schätzt und liebt, so wie sie dich geschätzt hat, nur feige
Treulosigkeit erlebte, was um Gottes willen soll man dann von anderen denken?
Anfangs drückt so eine Erfahrung beinahe das Herz ab, später muss man an allem
verzweifeln oder alles entschuldigen. Dorotee nun ist zum Verzweifeln zu gut.
Jetzt glaubt sie jedes Fehlers Ursprung zu wissen, der Mensch hat immer keine
Schuld, und alles ist nur durch die Verhältnisse so geworden. Sie muss das wohl,
um den Leuten ein freundliches Gesicht machen zu können, so auslegen. An dem nun
bist gewiss du so viel als einer schuld. Wie weh muss es ihr getan haben, als ein
dummes Gerede dich schwach machte. Nun will sie grösser sein als du, und den
Glauben an das Urteil der Menge hat sie verloren, weil sie weiss, wie unschuldig
sie damals verschrien und von dir verlassen wurde.«
    Hans stand eine Weile wie angedonnert, dann rief er: »Nur nicht aufbegehrt!
Sie hätte nicht gar so schnell gehen müssen. Mich hat das mehr geärgert als
alles andere. Wärest nur du nicht auch noch dazwischen gekommen, so würde nun
alles in schönster Ordnung sein.«
    »Damals«, fiel die Wirtin, die aus diesen Reden durchaus nicht klug werden
konnte, ungeduldig ein, »damals hast du dich nicht so viel um des Mädchens Ehre
bekümmert und um seinen guten Ruf wie heute.«
    »Damals«, erwiderte Hans, »hab' ich der Mutter gefolgt und heute meinem
eigenen Herzen.«
    »Solches Geschwätz«, fuhr die Wirtin auf, »hätt' ich von dir nicht mehr zu
hören erwartet. Jedes Kind weiss, wie ganz dich der Krämer in seiner Schublade
hat, seit das auch der Mutter in ihren Kram passt. Und nun kommt der Spitzbub'
und redet mir von seinem Herzen, als ob ich alles gerade so leicht entschuldigen
tat wie Dorotee.«
    Hans fühlte sich jetzt viel zu sehr im Rechte, um so schnell wieder seine
Fassung zu verlieren. »Die Mutter«, sagte er, »hätte jetzt auch gegen Angelika
nichts mehr. Aber das ist schon zu spät. Sie ist gebunden, und ich kann sie
nicht mehr erlösen, aber hoffentlich doch noch ein wenig etwas für sie tun.«
    »Für wen?«
    »Muss ich auch noch mit dem Holzschlegel winken? Für Angelika -«
    »Dann winke und deute nur zu, denn ich verstehe dich noch immer nicht.«
    »Dann bist du doch auch nicht gar so klug und hast alles gar so klar aus dem
Kaffeesatz, wie man meint. Ich bin der Hans, aber als Dorotee mit dem Andreas
ins Gerede kommen ist, da ist mir doch gleich etwas eingefallen, und dir kommt
es jetzt noch nicht einmal in den Sinn. Ich hab' mir eingebildet, wie weh dieses
Gerede der Angelika tun müsse. Diese Vorstellung hat mir keine Ruh' und an
nichts mehr eine rechte Freude gelassen.«
    »An Angelika«, fragte die Wirtin erstaunt, »an die hättest du zuerst
gedacht?«
    »Allerdings, und hab' ihr gewiss alles treulich nachempfunden, was die Arme
litt. Ich kann das schon auch. Zwar bei so Mädchen, die jeder Wind herumdreht,
kann kein Mensch erraten, aus welchem Dorfe sie eben wieder läuten zu hören
meinen, und ich mag mich auch nicht besonders viel darum kümmern. Ein Weib aber
hält vor allem, selbst vor ihrem Glück, an der Ehre des Hauses und hängt mit
Leib und Seele fest an denen, mit welchen sie leben und Schand' oder Ehre teilen
muss.«
    »Du kennst die Weiber ziemlich gut«, spottete die Wirtin, obwohl oder gerade
weil sie dem Burschen innerlich recht lassen musste.
    Hans aber sagte ganz ruhig: »Ich hätte schon lange geheiratet, wenn man
gleich ein Weib nehmen könnte. So ein unerfahrenes Ding jedoch ist nur zum
Kurzweilen, zum Singen und Springen recht.«
    Der Wirtin kam diese Ansicht so vernünftig vor, dass sie dieselbe Hansen
schwerlich einmal zugetraut hätte. Noch etwas ungläubig fragte sie: »Ist dir das
schon immer so vorgekommen?«
    »Nein, der Verstand kommt einem erst mit den Jahren. Damals, als Angelika
noch ledig und ein junges Mädchen gewesen ist, ja, da hätt' ich sie nicht anders
wünschen können - in keinem Stücke. Später ist's mir so worden, und an den
Mädchen gefiel mir das am besten, was dann zum Segen des Hauses mit in den
Ehstand genommen werden kann. Es ist nicht die oder die gute Eigenschaft, und
ich wüsste nicht, wie ich alles zusammen, was ich meine, ganz kurzweg nennen
sollte. Auch Empfindlichkeit für die Ehre der Familie gehört dazu, drum hab' ich
mir gleich vorgestellt, wie weh der Angelika so ein Gerede tun müsse. Wohl hat
man schon früher hören können, dass er, wie ein Lediger, mit allen Kellnerinnen
bis Bregenz hinaus bekannt sei; aber das war so allgemein und übertrieben, dass
es viel weniger in die Augen stach, als was man jetzt von Doroteen hört. Du nun
kannst da viel ausrichten mit einem ernsten Wort, und ich halte das auch für
deine Pflicht.«
    »Du hast recht«, sagte die Wirtin, und mehr konnte gewiss einer nicht
verlangen, welcher kam, sie an ihre Pflicht zu erinnern. Hans ging auch recht
zufrieden heim, obwohl er nicht wusste, wie leicht es ihm diesmal hätte fehlen
können bei der Kronenwirtin, die sich noch von ganz anderen sehr ungern einreden
und gar von der Ehre ihres Hauses vorpredigen liess.
    Nun wurde Dorotee sogleich ins Herrenstüble gerufen, die Türe wieder
geschlossen und ihr dann das ganze Gespräch mit Hansen mit nur wenigen
Auslassungen mitgeteilt. Es war das anfangs nicht der Plan der Wirtin, doch als
Dorotee sogar jetzt noch recht haben wollte, schien es ihr das klügste, Hansen
selbst, den doch nicht jedes leere Geschwätz in der Welt herumtrieb, gegen sie
auftreten zu lassen. Als nun das kam, was Andreas gesagt haben sollte, wechselte
das Mädchen die Farbe. »Nun helfe mir Gott!« rief es mit tonloser Stimme, »denn
ich weiss mir nicht mehr zu helfen. Drückt denn die Armut so tief nieder, dass man
in allem, was unsereins tut, nur etwas Schlechtes sehen kann?«
    »Nun danke Gott für die Einsicht und glaube nicht, dass es dein Beruf sei,
überall einzugreifen! Dazu muss man fester stehen als du. Denk' an den faulen
Apfel, der den frischen ansteckt, statt neben ihm frisch zu werden!«
    Schweigend verliess Dorotee das Herrenstüble und ging still wieder an ihre
Arbeit. Es war Sonnabend und gab daher noch viel zu tun für den morgigen Tag,
für den man, wie jeden Sonntag, auf sehr viele Gäste rechnen konnte. Das Mädchen
aber beeilte sich, um fertig zu werden, bevor der Andreas kam. Vielleicht ging
ihm auch alles um so schneller aus der Hand, weil es darauf hielt, seinen Unmut
zu verwerchen und keinen Augenblick zu sich selber zu kommen. Wohl noch selten
oder nie war die fleissige Magd so früh in ihr Dachkämmerlein gekommen als heute.
Zum Schlafen war sie freilich nicht aufgelegt, aber sie hatte schon genug daran,
doch nun allein und unbeobachtet sein zu können. Aufatmend öffnete sie das
Fenster und schaute hinaus über die eingeschneiten Häuser, aus denen man da und
dort noch ein Lichtlein schimmern und wie ein immer breiter werdender
bläulich-gelber Streif über den Schnee vor dem Fenster hinausleuchten sah; und
hinauf zu den rötlich schimmernden Bergspitzen, deren eigentümliches Glühen wohl
eine Sturmwoche verkünden mochte. Leise schlich die Ach hart neben dem Hause
dahin, und Dorotee wollte sich zwingen, in Gedanken ihren Lauf bis zum Bodensee
zu verfolgen, in der Hoffnung, dass auf dem langen Wege doch irgendein
Zeitvertreib zu finden sein werde.
    Es gelang ihr nicht, die Gedanken anzubinden. Schon vor der Haustüre
begegnete der aufgeregten Einbildung Andreas, wie er leibte und lebte, und sie
begriff nicht mehr, wie sie sich um ihn so viel kümmern konnte, ihm es schon für
ein Grosses hielt, dass er sich einige Male wie andere vernünftige Menschen zu
benehmen suchte. Wenn er anders geworden wäre, hätt' es ihn gewiss früher
heimgetrieben zu Weib und Kind, dass man ihn daran nicht mehr hätte mahnen
müssen. Das alles musste Dorotee sich jetzt gestehen, und es war ihr dabei
stets, als ob jemand mit durchdringenden Blicken sie verfolge. Schon wollte sie
das Fensterchen schliessen, da glaubte sie das Geräusch von Tritten zu hören und
sah gleich darauf, wie ein schwerbeladener Schlitten von zwei Männern vor dem
Hause vorbeigezogen wurde.
    Das Mädchen horchte. »Wenn doch nur der Sturm noch wartet, bis wir auch dem
Krämer seine Sachen unters Dach gebracht haben«, flüsterte der eine.
    Dorotee zitterte. Sie hatte die Stimme des Geliebten erkannt.
    »Sei du zufrieden, wenn du deinen Plunder hast. Der Krämer kann mir einige
Träger mitgeben oder meinetwegen alles bei der Brunnenstube verschneien lassen«,
versetzte Hansjörg mit heiserer Stimme.
    Doroteen war's, als ob der schneidende Windstoss ihr den Geruch fauler Äpfel
entgegentrüge. Erschrocken fuhr sie zurück und schlug das Fenster vielleicht
noch um so heftiger zu, damit die beiden daran erinnert wurden, wie leicht man
sie belauschen könnte. Der Schleichhandel kam ihr noch nie so verdächtig vor wie
jetzt, aber mit den beiden, die sie eben gehört hatte, war sie doch nicht so
bald fertig wie mit dem Andreas. Es wär' ein Büchlein davon zu schreiben, wie
sie von den schrecklichsten Gedanken, dann wieder von bösen Träumen gequält
wurde, wie sie sann und betete, bis endlich - endlich das Morgenrot über die
nahe Fluh heraufdämmerte. Zum lieben Glück hatte man diesen Tag das Haus voll
Gäste, die das Mädchen kaum einen Augenblick zu sich selbst kommen liessen. Es
waren viele da, die über Mittag trotz ihrer Sparsamkeit lieber im Wirtshaus
blieben als in ihre entlegeneren Wohnungen eilten, da sie es für eine
Gewissenssache hielten, besonders an einem so stürmischen Tag wie dem heutigen,
wo Gott sich seinen Zorn einmal recht anmerken liess, auch den nachmittägigen
Gottesdienst nicht zu versäumen.
    Auch Andreas war über Mittag nicht heimgekommen und sass auf seinem alten
Platze. Als Dorotee nun einmal einen freien Augenblick hatte, wollte er sie,
ohne die vielen Anwesenden zu berücksichtigen, sogleich neben sich auf einen
Stuhl ziehen. Das Mädchen jedoch sprang, einen Schrei ausstossend, mehrere
Schritte zurück und schickte dann, als es von seinem Schrecken sich wieder ein
wenig erholt hatte, die Wirtin an den Tisch, wo nun Andreas den Ärger an den in
einem Weinglas aufgestellten Zigarren auslassen zu wollen schien. »Ist das ein
elendes Kräutlein, das nicht brennt und nicht geht, elend wie die ganze
Wirtschaft«, rief er immer wieder, versuchte ein Stück nach dem andern und warf
es dann zum Fenster hinaus.
    Der Wirtin ward das endlich zuviel, und als nun Andreas gar noch die
Äusserung fallen liess, er denke nicht daran, die weggeworfenen Stücke zu
bezahlen, sagte sie ihm vor allen Leuten die Meinung, dass er es zur Erforschung
des Gewissens nicht besser und genauer hätte wünschen können. Er sagte auch
spottend, hier könne man sich nun auf die Beichte gehörig vorbereiten, aber
niemand lachte über diese Bemerkung, und ihn selbst erschreckte die plötzlich
entstandene Stille so, dass er, anfangs verlegen, sich nun erst recht in seinen
Zorn hineinzureden begann. Immer wieder dachte er ans Beichten. Noch nie kam er
sich so schlecht vor als jetzt, da auch Dorotee ihn verliess, deren
Freundlichkeit ihm doch so wohlgetan hatte. »Aber weg mit solchen Gedanken!«
sagte er sich, ein volles Glas Wein hinunterstürzend, und schrie: »Kein Gericht
und kein Amt kann mich zwingen, geschmuggelte schlechte Ware zu zahlen, die hier
um den Preis der guten verkauft wird. Zeigt mich nur an, dann werdet ihr Wunder
sehen. Ich kenne die Ware schon auch.«
    »Sie ist von deinem Schwiegervater, und noch kein Mensch hat sie getadelt«,
versetzte die Wirtin.
    »Natürlich«, spottete der Andreas, »weil die dummen Bauern was Rechtes gar
nicht kennen. Ich aber will schon Zeugen bringen, welche sagen, dass ich's kenne.
Wer mit mir Händel anfängt, muss sie haben.«
    »Mache, was du kannst«, sagte die Wirtin.
    Dorotee zitterte für den Geliebten und ihren Bruder. Alles Frühere für den
Augenblick vergessend, näherte sie sich ihm, und es gelang ihr leicht, den schon
etwas Angetrunkenen zu besänftigen. Er zog sie neben sich und sagte: »Du
Trotzkopf hast nicht einmal mehr mit mir dich unterhalten wollen!«
    »Ich will noch nicht«, rief das Mädchen und machte eine vergebliche
Anstrengung, sich zu befreien. Die Wirtin eilte der noch Ringenden zu Hilfe,
doch sie kam schon zu spät. Dutzende von Händen hatten den Andreas beim Kragen,
bei den Haaren, den Händen, überall erfasst, und eine Minute später lag er neben
der steinernen Stiege vor der Türe bei den zerstreuten Zigarren im Schnee.
    »Das ist euch nicht geschenkt!« hörte man ihn keuchen, indem er sich
aufrichtete. »So geht man nicht heim; ihr sollt aber merken, wohin ich gegangen
bin, und bis dahin will ich nicht mehr in dieser Gemeinde übernachten; fort,
fort!«
    Und fluchend eilte er weg, wirklich nicht seiner Heimat, sondern dem
Schnepfauer Walde zu.
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
               Wie sich der Andreas rächt und was daraus entsteht
Als Hans am Samstag aus der Krone heimging, wo er die Wirtin an ihre Pflicht als
Hausmutter erinnert hatte, wurde er vom Krämer, der ihn nicht gern von Doroteen
kommen sah, zu einer Unterredung in die Stube gerufen. Ein Wort gab nun das
andere, und man trennte sich nicht mehr, bis Hansens Heirat mit der Zusel eine
ausgemachte Sache war. Hans wünschte die Hochzeit noch zu verschieben, der
Krämer jedoch war um so weniger dazu geneigt, weil er bei der Unterredung die
unentschlossene Rat- und Tatlosigkeit des Burschen aufs neue kennen lernte.
Schnell musste da wohl alles gehen, wenn es nicht wieder vergehen sollte. Dass er
Doroteen besuchte, nachdem diese von Zusels Freundinnen abermals ins Geschrei
gebracht wurde, blieb jedenfalls verdächtig. Der Krämer tat nun alles, um die
Sache so schnell als möglich ins reine zu bringen. Er versprach dem stolzen
Töchtermann sogar, nun als Mitglied einer angesehenen Verwandtschaft seine
allerdings zuweilen entehrenden Händelchen, die böse Zungen Wucher zu nennen
beliebten, für immer aufzugeben, sobald sein Laden geräumt sei. Hansen wurde
schon um vieles leichter, als ihm endlich das Ja glücklich abgeschwätzt war. Nun
hatte das Predigen der Mutter ein End', und er war doch im klaren darüber, was
er zu tun hatte. Man täte nicht recht, es nur dem vom Krämer aufgestellten Weine
zuzuschreiben, dass ihm so wohl wurde neben dem schönen, heute seltsam stillen
Mädchen und er spät abends in der besten Stimmung das Haus verliess.
    Den Krämer hatte es etwas nachdenklich gemacht, dass die Gläser des Paares
beim Anstossen keinen Klang von sich geben wollten, obwohl er sah, wie
ungeschickt der Bursche sein Glas in die Hand nahm. Schliesslich aber lachte er
über sich selbst, die gute Stimmung stellte sich wieder ein, und er begann an
der Erfüllung des gegebenen Versprechens zu arbeiten. Von jetzt an wollte er
ganz ruhig und behaglich leben. Sogleich schrieb er an einige Geschäftsfreunde,
um die in letzter Zeit gemachten Bestellungen zu widerrufen, und erfreute sich
dabei noch an dem Weine, welchen die Verlobten auf dem Tische hatten stehen
lassen. Dann setzte er sich in den Lehnstuhl, kreuzte die Arme und malte sich
seine Zukunft mit den lieblichsten Farben, bis Hansjörg kam und um einige Träger
zur schnellen Beförderung der Waren bat, die er glücklich bis zur Brunnenstube
beim Liggstein gebracht habe.
    Der Krämer gab ihm drei Taler und sagte: »Da nimm und suche dir deine Leute
selber aus, aber zuerst komm und trink.«
    Erstaunt sah der Schwärzer die Gläser auf dem Tisch. Dann tat er einen
herzhaften Schluck.
    Der Krämer fuhr fort: »Bring' alles zum Andreas in den Stadel. Ich mag nicht
hinein, damit ich weniger verraten werde. Jetzt schon gar nicht mehr, da nun
doch alles bald aus ist. Der Vater der jungen Stighoferin treibt keine solchen
Händel mehr, und du kannst mir morgen deine Rechnung bringen.« Dem Hansjörg war
es im Kopf, als ob ihm jemand unversehens eine recht gottserbärmliche Ohrfeige
gegeben hätte. Alles drehte sich surrend um ihn herum, und ohne auch nur noch
gute Nacht gesagt zu haben, verliess er die Stube. Mit welcher Lust er nun an die
Ausführung des Auftrages ging, den er mit den drei Talern erhielt, kann sich
wohl denken, wer noch so wenig als er vergass, welche Hoffnungen ihm der Krämer
einst im Wald ob der Halde gemacht und seiter immer mehr oder minder genährt
hatte. Trotzdem aber merkten die gedungenen Gehilfen, unter denen auch der Jos
wieder war, nichts Besonderes an ihm als seine Ermüdung, die sie natürlich
fanden, sobald sie die Lasten sahen, die er den Tag über zur Brunnenstube
geschafft hatte.
    Am Sonntag, während in der Krone der Andreas hinausgeworfen wurde, rechneten
Hansjörg und der Krämer, der heute nicht karg war, im Frieden miteinander ab.
Kein böses Wort wurde gewechselt. Hansjörg war dem Krämer sogar zu still, zu
ergeben, und er hätte ein gesundes Aufbegehren weit lieber gehabt als diese
Ruhe, die weiss Gott was verbergen mochte. Es war eine förmliche Herausforderung,
als der Krämer schliesslich sagte: »Von der Heirat kannst du erzählen, wem du
willst. Am nächsten Sonntag wird sie freilich verkündet, aber es ist mir lieb,
wenn die Leute schon jetzt wissen, woran sie sind.«
    »Zu Befehl«, sagte der Soldat trocken und ging. Ihm tat die Geschichte zu
weh, als dass er hätte aufbegehren können. Nur Klagen hatte er, Klagen über seine
Einfalt, die ihn ins Netz des bekannten Spitzbuben geraten liess, und über die
böse Welt. Aber um alles hätte er seine Gefühle vor dem herzlosen Manne nicht
äussern mögen.
    Nun war der Krämer am Ziel. Er sah seine kühnsten Hoffnungen sich der
Erfüllung nahen, und es waren doch elende Kleinigkeiten genug, ihm die Freude zu
verderben. Zuerst lag das Klirren der Weingläser ihm in den Ohren, und nun hatte
er stets Hansjörgs ernstes Gesicht mit dem unheilverkündenden Schatten vor sich.
Schonungslos hatte der Mann jeden getreten oder geworfen, der ihm auf dem Wege
zu seinen Zielen hindernd entgegentrat, und nun sollte er nicht einmal mit
blossen Einbildungen fertig werden. Leichter freilich wär's gegangen, wenn er
Zuseln recht fröhlich gesehen hätte. Die aber schlich wie ein Schatten herum und
fragte wohl fast ein dutzendmal, was doch auch Hansjörg zu der schnellen Wendung
der Dinge gesagt habe. Erst am Montag, als der Krämer das Haus verliess und an
seine neue Stellung in der Gemeinde, ja sogar schon an Ämter und Ehrenstellen
dachte, die dem wohlhabenden Mitglied einer solchen Verwandtschaft in seinem
Ruhestand nicht mehr fehlen konnten, vermochte er sich des Errungenen wieder
ganz von Herzen zu freuen. Er machte, damit Hans nicht in seinem Behagen gestört
werde und nur mit seiner Mutter über sein Vorhaben rede, die zur Vorbereitung
der Hochzeit nötigen Schritte selbst und weidete sich an dem Erstaunen der
Leute, dass die Sache noch so schnell ins reine gekommen sei. Ein Vergnügen aber
war ihm auch dafür zu gönnen, dass er an einem so stürmischen Tage den Pfarrer
und den Vorsteher, Musikanten und Kleidermacherinnen aufsuchen musste. Sicher
würden alle Häuser abgedeckt worden sein, wenn nicht die allerdings nur noch
unbedeutende Schneelast die Schindeln festgehalten hätte. dabei stoben die
grossen Flocken herum, dass man halbe Viertelstunden lang nicht von einem Hause
zum anderen sehen konnte. Wer einen Gang zu machen hatte, kam geschlossenen
Auges auf dem verwehten Wege daher, als ob er einen schwerbeladenen Schlitten
nachziehen müsste. Doch wenn ein vorteilhaftes Geschäft zu machen war, pflegte
der Krämer sich weder von check noch Schneeflocken abschrecken zu lassen. Und
galt es jemals ein vorteilhafteres als heute? Am Sonntag musste Zusel sich als
Braut gehörig stellen, und nun sollten Schuster, Schneider und Näherin den
Arbeitszuwachs doch rechtzeitig erfahren.
    Es ging schon stark gegen Abend, als er, von seinen vielen Ständen und
Gängen zurückkommend, vor dem Hause des Rösslewirtes anlangte, dem er noch den
gewiss willkommenen Auftrag hinterlassen wollte, dass er sich auf einen gehörigen
Hochzeitsschmaus vorzubereiten habe.
    Des alten Mannes übrigens noch ziemlich gute Augen waren von der
Schneewolke, die ihn im Freien überall umgab und jeden dunkleren Ruhepunkt
verhüllte, so angegriffen und geblendet, dass er einen Grenzjäger, der ihm unter
der Haustüre entgegenkam, beinahe noch umgestossen hätte. Und noch war der
Schreck über den unvermuteten Anblick des grünen Kragens ihm nicht aus den müden
Gliedern, als ein kräftiger Arm ihn in einen Winkel schob und Hansjörgs aus
Tausenden zu erkennende Stimme ihm kühl und fast verächtlich einen guten Abend
wünschte.
    »Jetzt ist's gefehlt!« klagte der fast zu Tode erschrockene Krämer und
taumelte in die Stube.
    Hier aber ward er nicht besonders freundlich empfangen. Mehrere Tausende der
von ihm gekauften Zigarren hatte der Grenzjäger hier gefunden und für streng
verbotene Ware erklärt. Nach dem Berichte des Wirtes war es nur dem Treiben und
Fortdrängen Hansjörgs, der als des Grenzjägers Schlafkamerad noch viel bei ihm
galt, und seinen listigen Antworten auf alle an den Wirt gerichteten Fragen
zuzuschreiben, dass der Krämer nicht verraten wurde.
    »Er ist aber doch der Verräter. Niemand kann das wie er und hat so viel
Grund, wenn er ein Auge hergeben will, dass ich beide verliere«, jammerte der
Krämer.
    »Die Kronenwirtin«, erzählte nun eine Magd, »hat viel eher deinen
Töchtermann, den Andreas, im Verdacht. Er soll gestern bei ihr im Zorne fort
sein und mit etwas Derartigem gedroht haben.«
    Der Krämer, nur Hansjörgen fürchtend, glaubte das nicht, aber mit Schrecken
dachte er an die im Stadel versteckten Waren. Sollten die ihn jetzt, wo er
aufhören wollte, noch in Unglück und Schande bringen? Mit der Kronenwirtin
mochte der Trunkenbold Händel haben, doch ihn, den Schwiegervater, durfte er
wohl schon aus Eigennutz nicht in eine so hohe Geldstrafe bringen. In der Krone
fand die erste Haussuchung statt. Dorotee mochte dem Bruder das geschwind
berichtet haben, und nun liess das übrige sich denken. Andreas machte die erste
Dummheit nur, weil er nichts von der Ware in seinem Stadel wusste. Aber Hansjörg,
der verkaufte, ins Joch gespannte, angelogene, ausgebeutete und weggeworfene
Hansjörg, musste heute die Gelegenheit, sich zu rächen, mit Freude benützen. Dem
sonst so weitsehenden Mann hätte einfallen sollen, dass der beeidete Soldat
fürchten musste, am tiefsten in die ihm gegrabene Grube zu fallen. Er meinte, der
Kampf zwischen Verstand und Leidenschaft sei schwer zu berechnen, und da hatte
er ganz recht. Selbst ihm gelang es nicht, sonst würde er viel ruhiger bei
seinem Schoppen gesessen sein.
    Hansjörg, der auch den Vorrat seines Freundes, den ganzen Reichtum des Jos
und die Sparpfennige seiner armen Freunde neben der Ware des Krämers verborgen
wusste, war fast zu Tode erschrocken, als er vom Grenzjäger, den er zufällig
antraf, erfuhr, warum er bei dem Unwetter mit dem betrunkenen Andreas ins Dorf
gekommen sei. Wohl redete der alte Bekannte so freundlich und offen, dass
Hansjörgen alle Angst wieder vergangen wäre, wenn er nicht gefürchtet hätte, der
Krämer könnte von einem der Wirte verraten werden, um sich straffrei zu machen.
Schon sich selbst und dem Jos zulieb' musste der Spitzbube diesmal geschützt
werden. Zum lieben Glücke kannte er den Grenzjäger als einen grundgemütlichen
Kerl, der gewiss kein Wässerlein trübte, wenn's nicht von seiner traurigen
Pflicht gefordert war. Da schien es das klügste, gleich mit ihm in alle
Wirtshäuser zu gehen, die durchsucht werden mussten, und mit Scherz und Ernst so
viel als möglich alles abzuschneiden, was den pflichttreuen Freund etwa zu
weiteren Fragen und Untersuchungen zwingen musste. Wohl war das ein sehr gewagtes
Spiel, aber der Schwärzer fand kein anderes Mittel, sich und diejenigen, an die
sein Schicksal nun einmal gekettet war, zu retten.
    Der Krämer aber legte den Eifer ganz anders aus, mit welchem Hansjörg sich
dem Grenzjäger nach dem Berichte des Rösslewirtes dienstbar zu zeigen suchte.
Wenn er sein eigener Angeber wurde, so suchte er sich doch jedenfalls noch einen
vielleicht mächtigen Fürsprecher zu gewinnen. Das erklärte alles, oder besser,
der Krämer glaubte, dass er an Hansjörgs Platze so handeln würde. An seinem
Platz! Es war das erstemal, dass der Krämer sich in die Lage eines Menschen
dachte, der ein Opfer seiner Geldgier wurde. Jetzt aber tat er das, gedachte
schaudernd der grossen Rechnung, welche gestern nicht ausgeglichen ward, und
glaubte nun zu wissen, was er zu erwarten habe.
    Und was Hansjörg, dem er vielleicht zweimal sein Lebensglück zerstörte,
gegen ihn auch unternehmen mochte, er konnte ihm nicht unrecht geben. Ja, das
war noch beinahe das quälendste, dass bei allem dem ein herzliches Mitleid mit
dem Armen sich in ihm zu regen begann. Es litt ihn nicht lange bei seinem
Schoppen. Auf musste er, fort, hinaus in Nacht und Sturm, wo er wenigstens
ungestört sinnen konnte. Mit zitternder Hand legte er zwei Sechser neben den
kaum berührten Schoppen und ging. Jetzt schien ihm der verschneite Weg nicht
mehr gar so schlecht zu sein, auch peitschte der Sturm einem den Schnee nicht
mehr gar so arg ins Gesicht als nachmittags. Nur sehen konnte man auch jetzt
nicht weit, das war womöglich schlimmer geworden; und doch hätte er es vermeiden
mögen, unversehens jemandem zu begegnen, da man ja leicht Verdacht schöpfen
konnte, wenn man ihn auf dem Wege sah, während ein Grenzjäger im Dorfe
verweilte.
    Unwillkürlich verliess er den durchs Dorf hinein zu der Wohnung des Andreas
führenden Weg und merkte nun, dass ihn der alte Schnee ganz vortrefflich trug. Er
lief also gerade so bequem oder unbequem ob dem Dorfe hinein als durch die
verschneite und überdies unter der glatten Decke des neugefallenen Schnees recht
holperige Gasse, musste nicht zwischen Häusern hindurch und war sicher, dass ihm
kein Mensch begegne. Schon eilte er hinauf, als ob es das Leben gelte. Schon
musste er jedem, der im Dorfe war, in der Schneewolke verschwunden sein, und doch
eilte er immer noch weiter hinauf, bis er sich endlich ein wenig stillzustehen
und zu verschnaufen gezwungen fühlte. Bitter lachend sank er zusammen. Es wurde
ihm jetzt nicht so schnell zu kalt auf dem neugefallenen Schnee. Er sass und
sann, während es im Tale dunkler und dunkler ward. Zum Teil war es ihm doch noch
lieb, dass Hansjörg sich zu solchem verräterischem Spitzbubenstreich fähig
zeigte. Nun hatte man wenigstens die Beruhigung, ihn an und für sich schon für
einen grundschlechten Kerl halten zu dürfen, an dem wohl nicht viel mehr zu
verderben gewesen war. Die tausend Gulden, oder was der Spass allenfalls kostete,
konnte er den Kindern ohne Sorge noch wegnehmen, und mitin war dann alles
wieder aus. Alles? Wahrhaftig nicht. Es blieb noch der heillose Spott und die
frömmelnde Schadenfreude aller der Einfaltspinsel zu überstehen, die in den
elenden Nestern ihrer Väter gewissenhaft am Hungertuche nagten und schon längst
gerne sehen wollten, wie lang er es treiben könne, bis ihm endlich das Wasser in
die Schuhe rinnen werde. Nicht überstanden und sicher kaum zum Überstehen war
das Gejammer der alten Stigerin, die mit frommem Augenverdrehen jedes Abweichen
von Gesetz und Ordnung zu verdammen pflegte. Ängstlich malte der Krämer sich die
traurigen Folgen dieses verwünschten Zwischenfalles aus, alles Mögliche, ja noch
viel Unmögliches fiel ihm ein, nur das nicht, dass Hansjörg ihn so gut als
möglich aus der Geschichte zu wickeln bemüht sei. Wäre er nur sicher gewesen,
dass die beiden jetzt noch nicht im Stadel herumschnüffelten, so würde er gleich
hinabgegangen sein und wenigstens soviel als irgend möglich zu retten versucht
haben. Vielleicht noch das meiste! Ja, und dann wäre Hansjörg vergebens sein
eigener Verräter geworden! Es war zum Rasendwerden, ruhig hier sitzen zu sollen,
während da drunten weiss Gott was geschehen oder versäumt werden konnte. Traurig
blickte er über das Dorf, welches wie ein schwarzer Strich unter ihm sich
hinzog, wenn das Schneegestöber einmal für eine Minute freie Aussicht liess.
Alles war dann ruhig und still, die meisten Häuser mussten des Unwetters wegen
schon von allen Seiten geschlossen sein, denn nur hier und da sah man den
Schimmer eines Lichtes. Jetzt sassen sie beim Nachtessen oder beim
Abendrosenkranz still und behaglich, wie er es früher daheim hatte, da die
Eltern noch lebten und alles im Frieden beisammen war. Welch ein unruhiges Leben
hatte er durchlebt seit damals, wieviel sich versagt und wie oft gegen die
eigene Überzeugung reden und handeln müssen, um schliesslich hier zu stehen wie
ein Ausgestossener, während der Sturm jeden heimtrieb und auch des elendesten
Nestes froh machte. - Regierte denn nicht Geld die Welt? Oder fehlte ihm das?
Nein, er war einer der Wohlhabendsten - und sollte nicht mehr in sein
Heimatsdorf, etwa zu seiner armen Angelika und ihrem holden Kinde gehen dürfen?
Jetzt gleich wollte er es zeigen, und mochte daraus entstehen, was wollte, er
konnte schon zahlen. Nebenbei liess sich dann wohl erhorchen, wie es im Stadel
stand. Vielleicht gelang es ihm noch, wenigstens den Tabak und das Schiesspulver
auf die Seite zu bringen und die ungestempelten Kalender und den Kaffee und die
Tuchballen und alles. Dann konnte er später, so zwischen Feuer und Licht, auch
ganz behaglich daheim sitzen, so behaglich als einer. Das bisherige Leben war
nur ein beständiger Krieg gewesen, nun aber musste Frieden werden für die letzten
Tage. Ein Heimweh, eine nie so empfundene Sehnsucht nach einem ruhigen,
gottgefälligen Leben erfasste ihn. Die Lichter da drunten sah er nur noch in den
Tränen schwimmen, die seinen Augen entquollen. Er wollte gewiss ordentlich und
fromm werden, recht fromm, und zur Messe gehen und Stiftungen machen und alles -
nur noch heute, zum letztenmal, sollten List oder Gewalt ihm irgendwie
durchhelfen. Hansjörg musste noch ungefährlich gemacht und Zusel in Ehren
versorgt werden auf dem Stighof, sonst war's ja gar nicht möglich, seinen guten
Vorsätzen gehörig nachzukommen.
    Mit solchen Gedanken beschäftigt, war er, immer schneller gehend, endlich
beim Stadel seines Töchtermanns angelangt. Derselbe stiess gegen die durchs Dorf
gehende Gasse hinab hart an den hinteren Teil des der Gasse entlang stehenden
Hauses, den die Stallungen und Heulager einnahmen, während die Wohngebäude sich
jenseits des mitten auf dem hohen Dachfirst aus dem Schnee hervorragenden Kamins
befanden. Aber wie fern auch der Stadel der Wohnstube stand, hörte der Krämer
doch, wie Angelikas Margretle mit vor Weinen halberstickter Stimme der Mutter
rief. Zuerst glaubte er, sich jetzt um Wichtigeres kümmern zu müssen als das
Schreien eines Kindes, dessen Mutter gewiss in der Nähe war. Aber das Kind rief
immer schmerzlicher, so dass er endlich, wenn auch mürrisch, hinüberfragte: »Wo
ist denn die Mutter?«
    »Beim Grossvater.«
    »Das ist nicht wahr«, sagte er etwas freundlicher. Das Mädchen mit den
goldigen Locken und dem schnellen Blicke hatte längst sein Herz gewonnen, und er
spielte lieber mit ihm, als er früher mit seinen eigenen Kindern gespielt hatte.
Margretle wusste das, und seine Stimme klang viel heiterer, als es dem schon
Erkannten zurief: »Komm doch herein! Ich geh' gleich mit, wenn die Mutter auch
wegbleibt.«
    Der Krämer vergass, warum er herkam, und ging in die Stube. Das Mädchen war
allein und erzählte, dass die Mutter schon vor dem Dunkelwerden das Haus
verlassen habe. »Der Vater«, klagte dann das Kind, »ist nachmittag heimgekommen
und hat nicht mehr gehen und kaum reden können. Dann ist er ins Bett. Die Mutter
ist aufs Kanapee gefallen und liegen geblieben, aber sie hat nicht geschlafen.
Geweint hat sie recht grausam, und ich hab' auch weinen müssen. Die Kühe haben
das Futter viel zu spät bekommen, dann ist die Mutter fort zu dir und hat
gesagt, sie frage dich, ob es nicht auch für uns noch Platz gab' in deinem
Hause, weil es hier doch nicht mehr zum Aushalten sei.«
    Nun konnte der Krämer sich alles erklären. Es tat ihm wohl, dass jetzt auch
Angelika, die sich bisher immer etwas scheu stellte, zu ihm die Zuflucht nehmen
und so das Werk ihrer stolzen mütterlichen Verwandten öffentlich verdammen
wollte. Nun waren noch schöne Tage zu erleben in seinem Hause. »Möchtest du zu
mir?« fragte er freundlich.
    Das Kind warf einen traurigen Blick nach dem Schlafzimmer des Vaters und
antwortete: »Ich möchte nicht mehr dableiben, wenn die Mutter gehen tät. Wenn
doch nur der Vater nicht krank wär'! Oh, du hättest ihn heute sehen sollen! Er
hat nicht einmal essen mögen, und der fremde Mann mit dem langen Rock und dem
grünen Kragen und dem grossen Messer ist allein bei dem Braten gewesen, den
Mutter schon gestern abends für den Vater gerichtet und heute weinend wieder
gewärmt hat.«
    Das erinnerte den Krämer wieder an den Stadel. Hastig langte er nach der
Laterne auf dem buntbemalten Wandschrank, und indem er die darin stehende Lampe
rasch anzündete, sagte er: »Die Mutter kommt schon, leg' dich nur aufs Kanapee,
bis sie kommt, und schlaf - oder bete.«
    Ohne sich noch um die Einwendungen des Kindes zu kümmern, verliess der Krämer
die Stube und eilte dem Stadel zu. Seine Hast, die alle Vorsicht vergass, musste
ihn verraten, wenn irgendein Beobachter in der Nähe war. Trug er doch sogar die
Laterne ganz frei in der Hand, als ob es keinem Menschen auffallen könne, wenn
er gesehen werden sollte. Von vorsichtigem Horchen vor Eröffnung des grossen
Tores war keine Rede mehr. Erst als er im Stadel war, dachte er daran, wie sehr
er die beiden schon hier zu treffen fürchtete. »Gott Lob und Dank!« hauchte er,
als er alles in Ordnung fand. Auf dem Boden, unter welchem er seine Waren
versteckt wusste, lagen eine Menge Hobelspäne, wie sie Hansjörg immer
herumzustreuen pflegte. Die, in viele Teile zerlegt, hier an der Wand
aufgebeigten Heuwagen warfen lange, gespensterhaft aussehende Schatten an Wand
und Decke, deren sonderbares Nicken und Winken dem Krämer grausig vorkam, einem
anderen aber sicher nur das Zittern der Hand verraten hätte, welche die Laterne
krampfhaft festielt. Endlich stellte er sie auf den Boden - und schrie vor
Schrecken laut auf, als er dabei die Schatten länger werden und gegen ihn
herausfahren sah. Seine Hand war zu unsicher, sein Arm zu kraftlos, um gleich
eines der schweren Bretter zu heben, welche, lose nebeneinander gelegt, den
Boden des Stadels bildeten. Er glaubte jemand reden zu hören, und nun dachte er
mit Schrecken an seine Vorsichtslosigkeit beim Hereingehen. Es war nichts
Gewisses zu erhorchen, denn der Sturm, obwohl er jetzt bedeutend nachgelassen
hatte, pfiff, brummte und klapperte noch überall. Aber das nun - was war das?
Sturmläuten in der Pfarrkirche! Der Krämer fuhr zuerst erschrocken auf, dann
aber zog etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht. »Gott, nun bin ich sicher da,
gewiss ganz sicher. Jetzt haben sie zu tun ohne mich. Wie doch alles auch wieder
zu etwas gut ist! Es soll nur brennen meinetwegen, wenn nur -«
    Er eilte vor den Stadel, um zu sehen, wo Feuer ausgebrochen sei. Aber er sah
nichts und hörte, da es wieder windstill geworden war, die Glocke ganz
regelmässig anschlagen, während die Wellen des Sturmes nur einzelne Klänge da
hereingetragen hatten. Ha, nur Feierabend läutete es, zur Ruhe und zum Gebet.
Alle konnten daheim bleiben und sich wohl sein lassen, nur er nicht. Und da
kamen auch noch zwei schnellen Schrittes die Gasse herauf?! Der eine just so
gross wie der Grenzjäger - und auch der lange Rock und die Bewaffnung?! Herrgott!
Und der andere redete und war wie der ganze, leibhaftige Hansjörg. Oh, jetzt
hätte es brennen sollen, fürchterlich, dass alles zu tun gehabt hätte. Fliehen?
Ein Alter zwei Jungen entrinnen? Unmöglich! Und zudem hatte er sich vorhin schon
mit der Laterne verraten. Die beiden kamen näher, näher - Brennen musste es, oder
er war verloren, gefangen neben den Beweisen wie ein Dieb! Und dann das Lächeln
Hansjörgs - und Doroteens, wenn gar auch aus Zusels Heirat nichts mehr werden
sollte. Das konnte man um keinen Preis erleben!
    Wäre der Krämer noch wenige Sekunden auf seinem Platze geblieben, so hätte
er die beiden hinter dem stattlichen Hause seines Töchtermannes wieder
verschwinden sehen. Aber es litt ihn nicht mehr auf seinem Platze. Schon in der
nächsten Minute mussten sie im Stadel sein, daran hätte er seine Seligkeit setzen
dürfen. Nun, sie sollten schon Arbeit bekommen, dass er auf eine Weile vergessen
wurde. Als ob es das Leben gelte, sprang er in den Stadel zurück, riss das Licht
aus der Laterne, zündete mit zitternder Hand in einen Haufen Hobelspäne, und
schon im nächsten Augenblick wälzte sich die Flamme, grösser und grösser werdend,
über den Boden hin gegen die ordentlich aufgebeigten Heuwagen, deren Schatten
jetzt der Krämer mit furchtbarer Schnelle kleiner und kleiner werden sah. Schon
knisterte und prasselte es, dass nichts mehr zu hören war vom Tosen des Sturmes,
der jetzt das Tor aufwarf und die schon überall emporleckenden Flammen gegen den
Holzvorrat hintrieb, welcher in der dem Hause zugekehrten Ecke des Stadels
aufgehäuft war. Die Hitze wurde schon fast unerträglich. Der Krämer hatte gleich
fliehen und das Löschen und Lärmschlagen seinen Verfolgern überlassen wollen,
jetzt aber stand er zitternd und innerlich verzweifelnd vor seinem Werke, bis es
ihm zu heiss wurde. Sollte noch gar das Haus in Gefahr kommen und die
Nachbarschaft? Himmel, das hatte er nicht wollen! Ohne noch an die Folgen zu
denken, die es für ihn haben musste, wenn er hier von denen angetroffen wurde,
die zuerst zur Hilfe herbeieilten, trug er einen Arm voll Schnee nach dem
anderen herein, um vielleicht die wachsende und wachsende Flamme doch noch ein
wenig zu zähmen. Erst als er gelbliche Streifen an der Decke herumziehen sah,
wie vorher die Schatten der jetzt in vollem Brande stehenden Heuwagen, und als
draussen die Dachtraufe zu plätschern begann, nicht nur wie wenn der heisseste
Frühlingstag den Schnee zu schmelzen beginnt, sondern gerade wie ein Brunnen,
sank er vernichtet nieder und starrte gleich einem Wahnsinnigen in die immer
wilder um sich schlagende Flamme, bis hart neben ihm ein Dachbalken
herunterstürzte und zwei Bretter des Bodens brach, dass er nun auch sehen konnte,
wie seine Warenballen Feuer fingen. Mit einem lauten Schrei dachte er an das
Schiesspulver und stürzte hinaus. Ohne zu wissen, wohin er ging, eilte er wieder
ob das Dorf hinauf. Er hatte keinen anderen Gedanken mehr als den, dem
Schiesspulver und dem furchtbaren Geprassel zu entrinnen. Ohne Furcht, sich zu
verraten, würde er um Hilfe gerufen haben, wenn er nicht durch den Schreck und
die Angst um Besinnung und Stimme gekommen wäre. Aber die Nachbarn in ihren
wohlverschlossenen Häusern hörten jetzt das Geprassel und eilten hinaus. Die
ersten kamen mit leeren Händen auf den erhellten Platz, als eben das letzte
Wasser des auf dem Dache geschmolzenen Schnees in das leise zischende
Flammenmeer tropfte. Schon begann auch die Dachtraufe des Hauses zu rinnen, und
lawinenartig stürzte der Schnee vom hohen Dachstuhl nieder. Ein gewaltiger
Windstoss trieb die weit über den Stadel hinwallende Flamme gegen das Haus, an
dessen oberer Ecke sie schon im nächsten Augenblick mit der Schnelligkeit des
Sturmes rechts und links emporklomm. Das Feuer schwoll und schwoll, die
einzelnen Flammenstränge liefen wie Bäche zusammen, der Sturm trug den ersten
schrillen Klang der Sturmglocke wie einen Wehruf übers Dorf, dessen hintere
Hälfte verloren war, wenn der Wind nicht ruhiger wurde. Die zum Löschen
Herbeigekommenen jammerten, beteten und riefen den Bewohnern des weiter und
weiter nach vorn in Brand stehenden Hauses. Viele Nachbarn eilten, um die eigene
Habe noch zu retten, und dem mit Hansjörg herbeigekommenen Grenzjäger fehlte es
wieder an Leuten, als er, um weiteres Unglück zu verhüten, das Haus
niederzureissen befahl. Die Gegenwärtigen wollten nicht an ein so schönes Haus.
»Und Andreas?« riefen mehrere. »Und Angelika?!« schrie Hans, der in diesem
Augenblick atemlos herbeistürzte. Während nun die Bauern, auf die Feuerspritze
wartend, die Nachbarhäuser mit einer schützenden Schneemauer zu umgeben
anfingen, sprang Hans, abwechselnd Andreas und Angelika rufend, um das Haus
herum. Endlich polterte der erstere in seinen Holzschuhen heraus und eilte den
brüllenden Kühen zu. »Wo sind Weib und Kind?« fragte Hans in furchtbarer
Aufregung. »Weiss nicht«, war des Andreas kurze Antwort, dann eilte er in den
schon überall brennenden Stall, um die brüllenden Tiere zu erlösen. Eben waren
die ersten Männer mit Feuerhaken angekommen und hatten die Antwort des Andreas
gehört. Dass er noch nicht ganz ernüchtert war, wussten sie nicht, und seine
Herzlosigkeit kam ihnen so unnatürlich vor, dass sie wie erstarrt stehen blieben
und den aus einer Rauchwolke heraustaumelnden Tieren nachsahen. Nur Hans war
immer unruhiger. »Angelika!« schrie er, dass es den Leuten durch Mark und Bein
ging, und mit einer Schnelligkeit, die kein Mensch ihm zugemutet hätte, sprang
er durch den schon brennenden Schopf in das Haus. Zwei Flammensäulen schlugen
hinter ihm zusammen und fuhren durch die nicht mehr ganz zugeworfene Türe dem
Burschen nach. Die Zuschauer sprachen ein stilles Gebet, bis sie in der Andacht
gestört wurden durch ihren Ärger über Andreas, der jetzt seiner letzten Kuh nach
aus dem Stalle schwankte.
    Hunderte standen ums Haus herum, und jeder wollte befehlen, obwohl er selbst
nicht wusste, was er sollte. Einzelne sagten vom Niederreissen des Hauses, aber
ihnen wurde erwidert, es seien noch Leute drinnen, und so geschah denn
eigentlich nichts, wieviel auch jeder tat und wie günstig die Zeit auch gewesen
wäre. Der Wind hatte gänzlich aufgehört, und ruhig verglühten die letzten Reste
des Stadels auf dem Boden. Andreas starrte eine Weile in die Glut, dann rief er:
»Plündert das Haus, ihr Narren! Werft alles heraus, das Geld, die Kleider,
Herrgott, und das Kind und - -«
    Niemand wusste, ob die Hölle sich aufgetan oder der Blitz vom Himmel
eingeschlagen habe. Auf einmal war's da, wo der Stadel stand, hell - furchtbar,
gewaltig. Balken, Steine und Eisenzeug flogen aus der blitzartigen Flamme.
Andreas lag schwer getroffen im Schnee, den das Blut des Bewusstlosen färbte.
    Des Krämers Pulverfass war in die Luft geflogen.
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
                    Was an diesem Abend noch weiter geschah
Auch Zusel und Angelika, die beisammen in der mit Heiligenbildern verzierten,
ungewöhnlich stark eingeheizten Wohnstube sassen, hatten das nur in einzelnen
Klängen vom Sturm da herüber geworfene Feierabendläuten gehört. Aber wie seltsam
auch die Glocke klang, die beiden Schwestern dachten doch an gar nichts
Besonderes. Stehend beteten sie laut den Englischen Gruss und setzten sich dann
wieder zu dem kleinen Tischchen, auf welchem Zusel die verschiedensten
Seidenstoffe zur Auswahl für ihre Hochzeitsärmel ausgelegt hatte. Das Mädchen
prüfte, verglich, stellte sich bald näher, bald ferner, wand jedes Stück um die
schöngeformten runden Arme und schien über die Vorbereitungen zur Hochzeit alles
andere vergessen zu haben. Oder war es gar etwas noch Ärgeres als nur ihr
Leichtsinn, was ihr bang machte, wenn Angelika von der Zukunft redete und sie
sogar zum Weinen brachte, da die so unglücklich verheiratete Schwester sagte,
dass nun sie den einsamen Väter zu pflegen und ihm nach Kräften frohe Tage zu
machen gedenke? Angelika kam zu der Überzeugung, dass die Leidenschaft für
Hansen, wohl nur aus Trotz und Hochmut entstanden, fast schon wieder mit den
anfänglich im Wege stehenden Hindernissen vergangen sei. Hansens ehemaliger
Geliebten tat diese Bemerkung jetzt noch doppelt und dreifach weh. Sie konnte
die Frage nicht mehr zurückhalten, ob wohl Dorotee und Hans einander
unglücklich gemacht hätten.
    Zusels kleiner Mund konnte sich recht unschön verziehen bei dem Ausruf: »Du
bist auch noch auf der Seite der Elenden, die mir Hansen hat wegnehmen wollen!«
    »Sie hat ihn vielleicht so innig geliebt wie du.«
    »Das wär' für so ein armes Ding schon anfangs eine Dummheit gewesen.«
    »Wenn aber so eine Neigung ohne jede Aussicht war, hättest du das arme
Mädchen bedauern sollen, statt sie mit den allergemeinsten Mitteln zu bekriegen,
ja fast zugrunde zu richten«, sagte das Weib, und ohne das unfreundliche Gesicht
der Schwester bemerken zu wollen, fuhr sie, immer wärmer werdend, fort: »Vor dir
steht eine schöne Zukunft, wenn du nur nichts Böses mit hineintragen musst. Sonst
aber wär's schade, wahrhaftig schade um alles. Denke dir nur, dass du jetzt nicht
mehr bloss für dich allein da bist, sondern dass ein gewiss lieber, guter Mensch
nun sein Schicksal an das deine knüpfen will. Es wär' schon grad' zum Weinen,
wenn du nicht einmal empfinden solltest, wie wichtig das ist. Hans gehört dein,
du kannst glücklich werden, wenn dein Weg zum Glücke rein ist. Wäre doch die
Welt so weit und gross oder der Mensch so gut und vernünftig, dass niemand
gestossen und getreten würde, wenn man auf diesem Wege vorwärts ginge! Euch beide
will, muss ich glücklich sehen, das Gegenteil tät mir noch weher als alles
andere.«
    »Zur Unterweisung«, antwortete Zusel spitz, »hat man uns auf den Freitag zum
Pfarrer befohlen. Du bist mir gar nicht die Rechte zum Predigen über glückliche
Ehen. Es fehlt da zu sehr am guten Beispiel.«
    »Aber nicht an Erfahrung.«
    »Gut, so benütze sie nur für dich!«
    »Es ist schon zu spät, wenn man einmal gegen sein Herz, gegen sein Gewissen
gehandelt hat in einer so wichtigen Sache - wenn das grosse Ja vor dem Altar nur
eine Lüge gewesen ist. Ein kleines Unrecht, nur eine Verirrung ragt oft wie ein
Schatten in die ganze Zukunft hinein. Ich bitte dich um Hansens, um deines
Glückes willen, keinen Fluch mit in die Ehe zu nehmen. Oh, die Tropfen sind
furchtbarer Same des Unglücks, die über eine Verbindung in gerechtem Schmerz
geweint werden! Denk' an Hansjörg und an Dorotee!«
    »Das«, lachte Zusel gezwungen, »sind freilich nur Schatten, und vor denen
fürcht' ich mich nicht. Die sollen meinetwegen nur hereinragen ...!«
    In diesem Augenblicke begann die Sturmglocke zu läuten, und vor dem Haus
entstand ein gewaltiger Lärm. Aus dem Durcheinander von Fragen und Antworten
brachte Angelika schliesslich heraus, dass es hinten im Dorf irgendwo brenne, dass
aber Genaueres in dem Schneegestöber nicht zu erkennen sei. »Jesus Maria, mein
Margretle!« jammerte die junge Mutter schon unter der Stubentür. »Um Gottes
willen, Schwester, komm!«
    »Was kann ich tun?« fragte Zusel ruhig. »Es wird jetzt nicht gerade bei dir
brennen müssen. Der Vater ist nicht da, jemand aber muss daheim sein. Ist mir
eigentlich auch ganz recht. Wochenlang hätt' ich keine Ruhe mehr bei Tag und
Nacht, wenn ich so ein Elend mitansehen müsste.«
    Der grösste Teil dieser Rede war von Angelika nicht mehr gehört worden. Mit
einem »Ach Gott!« stürzte sie die Stiege hinunter und befand sich jetzt schon
mitten unter denen, die auch zum Retten und Helfen auf den Schauplatz des
Unglückes eilten.
    Der Schmied mit den jüngeren Burschen der Gemeinde war fluchend bemüht, die
Feuerspritze unbeschädigt durch die enge Gasse und noch überdies zwischen
Zaunpfählen, die starr aus dem Schnee herauf in den Weg hineinragten, halb
zerfallenen Mauern und Holzbeigen hineinzubringen. Es war aber nicht mehr
möglich, auch bei dem hinter einem Hause rechts und links aufgehäuften Bauholz
vorbeizukommen. Mit unsäglicher Mühe musste die Spritze wieder um die ganze Länge
des Hauses zurück und aus der Gasse auf den Schnee gebracht werden, dessen
untere Schicht zwar ziemlich hart, aber doch nicht fest genug gefroren war für
solche Last. Nur schrittweise war hier, wo keine Pferde mehr benützt werden
konnten, dem brennenden Hause näher zu kommen. Auf den Ruf des Schmieds ging es
einen Ruck um den anderen. Auch Weiber und Mädchen halfen ziehen und stossen oder
waren doch wenigstens mit anderen am Platze. Sogar Angelika stand still und
dachte ans Helfen. Aber die Angst der Mutter trieb sie bald wieder vorwärts auf
dem schlechten Weg. Sie musste doch vor allem wissen, ob ja nicht ihr Haus
bedroht oder gar von dem Unglücke getroffen sei.
    Der Sturm liess nach, das Schneegestöber legte sich, und am bleiernen Himmel
sah man da und dort ein Sternlein flimmern. Im Dorfe ward es immer heller, und
jetzt fuhr's über den Schnee wie der Blitz. Der gleich folgende Schlag war dem
des fernen Donners ähnlich. Angelika hatte bei der furchtbaren Beleuchtung schon
genug gesehen. Einen leisen Schrei ausstossend, sank sie zusammen, aber schon im
nächsten Augenblick eilte sie über den Schnee, wie es nur eine Mutter konnte,
der es das Leben des einzigen Kindes zu retten galt. Das Auffliegen des
Pulverfasses hatte auch dem Krämer, welcher ziemlich nahe dem brennenden Hause
bewusstlos im Schnee lag, die Besinnung wiedergeweckt. Erschrocken sprang er auf
und sah, wie das stattliche Gebäude schon an drei Ecken in Flammen stand. Alles,
was er in den letzten Viertelstunden durchmachte, lag auf ihm mit furchtbarer
Schwere und würde den Greis wieder in den früheren Zustand niedergedrückt haben,
wenn er nicht noch ans Margretle, das liebe, gute Kind, gedacht hätte. Das lag
nun in dem brennenden Hause, vielleicht von der erwarteten Mutter träumend oder
von ihm, während sich die Flamme näher und näher wälzte, immer lauter brummend
und prasselnd, wie vorhin im Stadel. Diese Vorstellung gab dem Krämer alle seine
Kräfte mit einemmal wieder. Wie oft auch der Schnee jetzt unter seinen schweren
hastigen Tritten brechen und er fast knietief einsinken mochte, dennoch kam er
früher als Angelika vor dem Hause an. Ach, alle die vielen sah er einzig mit der
Rettung der anderen Häuser beschäftigt. »Niemand«, rief er verzweifelnd,
»niemand hat ein Herz für das arme Kind, niemand, niemand!«
    Kein Mensch hatte gesehen, was der Krämer litt, als er den Himmel röter und
röter werden, die ernsten Felsenköpfe da droben immer heller leuchten sah,
während die Sturmglocke läutete. Niemand wusste noch, dass auf ihm allein alles
mit doppelter Schwere liege, was diese Stunde der ganzen Gemeinde brachte. Aber
eine Empfindung davon weckte schon der Ton seiner Stimme. Es war etwas in seinem
Ausruf, das alle schaudern machte und ihr Mitleid mit dem sonst so unbeliebten
Mann erregte, dass auch die Nachbarn sogar nicht mehr an die Gefahr dachten, die
ihren Häusern drohte. Es war nur den folgenden Worten des Krämers zuzuschreiben,
dass man sich bald wieder von ihm abwandte und besorgt nach den immer mehr
zusammenschmelzenden Schneemauern blickte. Der unglückliche Mann sah die Leute
rat- und tatlos herumstehen. Er wusste nicht, dass alle mit Schmerzen warteten,
bis Hans wiederkomme, dass man dann das Haus niederreissen und wenigstens der
ärgsten Gefahr ein Ende machen dürfe. Mit heiserer Stimme rief er: »Steht ihr
denn alle müssig, wenn man aus Menschenliebe sich regen sollte? Regt euch nur,
ihr tut's nicht umsonst! Hundert, tausend Gulden, alles dem, der mir das
Margretle wiederbringt!«
    Ein unwilliges Gemurmel war die Antwort. »Er soll sein Geld nur behalten«,
hiess es, »das Leben ist dafür niemand feil. Beim nächsten Windstoss ist alles
aus, und besser wär's, wenn man das Haus gleich niederwerfen tät.«
    Der Schnee zum Erhalten der schützenden Mauern vor den Nachbarhäusern war
immer schwerer herbeizuschaffen. Schon flogen brennende Schindeln von der
Stubenwand darüber hinaus, und fast alles eilte den bedrohten Gebäuden zu. Der
Krämer schrie ihnen nach: »Seid ihr Menschen? Um alles nicht einmal einer! Und
ich habe so viel getan fürs Geld, alles ums Geld! Herr und Gott, ich, ich muss
das Margretle retten oder mit ihm sterben! Ja, sterben will ich, wenn man gar
nicht mehr helfen kann.«
    Den Bauern fiel es in der Verlegenheit nicht ein, ihm zu sagen, dass Hans
schon hinein sei und gewiss das mögliche tun werde. Prüfend schauten sie sich um;
es schien schwer, noch ins Haus, und unmöglich, später wieder herauszukommen.
    Jetzt kam Hansjörg mit einer Leiter und lehnte sie vor der Wohnstube an.
Viele wehrten ab und sagten: »Das Haus muss zusammengestürzt werden, sobald Hans
herauskommt, oder gar noch früher.«
    »Ist Hans drin?« fragte der Krämer, und ohne noch auf Antwort zu warten, die
er schon aus den Gesichtern las, machte er sich auf die Leiter und rief: »Ich
muss auch hinein, und ihr mögt dann einen dreifachen Mord begehen. Ich muss
retten. Hab' ich alles das Elend im Stadel angerichtet, um nicht für einen
Schleichhändler zu gelten, so will ich doch nun kein Mörder sein!«
    Hansjörg wollte den Aufgeregten, Verzweifelnden zurückhalten. Der aber
machte sich mit Anstrengung aller Kräfte los und schrie, dass es alle hörten:
»Ich hab' das Feuer angelegt im Stadel, als ich den Grenzjäger merkte, und ich
will nun auch mit ihm kämpfen. Lasst den Mordbrenner retten oder zugrunde gehen!«
Ein Fenster klirrte, und der Krämer verschwand hinter der ersten Flamme, die ein
leiser Windstoss an dieser Seite des Hauses vorübertrieb.
    Jetzt brannte das Haus auf allen Seiten. Hansen musste das Entrinnen jeden
Augenblick schwerer, ja schon fast unmöglich werden. Alles rief ihm zu, dass
schon die Decken in den Zimmern sich zu senken begännen, aber dann fragte man
sich erschrocken, wo er denn eigentlich noch herauskommen sollte, da ja schon
alle Löcher in den Wänden Flammen ausspien.
    Nochmals riefen alle Hansen und dem Krämer zu, sich doch um Gottes willen
gleich herauszumachen. In den Lärm hatte sich eine Stimme gemischt, die jeder
hörte und die jedem durch Mark und Bein ging. Es war die Stimme Angelikas. Schon
im Herbeistürzen hatte sie aus dem Lärm alles erraten können. »Vater, Margret,
Hans!« rief sie in einem fort. »Ja«, glaubten endlich mehrere von innen
antworten zu hören, und im nächsten Augenblick sprang Hans mit dem zitternden
Kind im Arme auf den Schnee, wie wenn jener Flammenstrom ihn herausgespien
hätte.
    »Das werd' ich dir nie vergessen!« jubelte die Mutter.
    »Ich dir auch nicht«, sagte Hans. »Da die alle hätten rufen können! Als das
Kind gefunden war, sah ich mich überall eingesperrt. Schon war mir der Mut ganz
vergangen. Ich machte Reu' und Leid. Aber da hab' ich dich gehört, gewaltig hat
es mich erfasst, eine neue Kraft ist in mir lebendig worden und hat getrieben,
dass ich dann, ich weiss selbst nicht wie, herausgekommen bin.«
    Jetzt stürzten mehrere Decken im Hause ein. »Nun ist's aus mit dem Krämer!«
jammerten sogar die, welche wie Angelika neben dem geretteten Kinde alles andere
vergessen zu können schienen.
    »Und wo ist Andreas?« fragte Angelika mit unsicherer Stimme.
    Die Bauern sahen sich verlegen an und meinten, er müsse noch neben dem
Stadel im Schnee liegen. Einige jedoch wollten gesehen haben, dass der Verwundete
von Jos, Doroteen und noch einigen, die doch sonst nicht viel zu nützen glauben
mochten, hinweggebracht worden sei.
    Das war auch wirklich so gewesen. Dorotee, die eben einen Gang ins
Herrendorf zu machen hatte, war mit den ersten auf dem Platze gewesen und sprang
sofort dem Unglücklichen bei, den alle anderen verliessen. Später kam auch Jos so
schnell, als ihm sein immer noch nicht ganz hergestellter Fuss zu gehen erlaubte.
Um das Haus herumgehend, sah er Doroteen, und die beiden wollten sich eben
anreden, als der Krämer laut vor allen seine Untat bekannte. Beide schwiegen
erschrocken still, und erst nach einer Weile sagte das Mädchen: »Wie ist doch
das eine schreckliche Stunde; jener Fluch meines Vaters, wie furchtbar hat er
gewirkt!«
    »Nein, Dorotee, das ist ja, wie du hörst, nur aus Misstrauen und
Schuldbewusstsein entstanden.«
    »Und aus dem unseligen Schleichhandel. Oh, nehmet eine Lehre für euch, wenn
ihr auch diesmal noch ungeschlagen durchkommt!«
    »Gar nicht so ungeschlagen«, sagte Jos etwas bitter. »Auch mir und meinen
Freunden ist hier der letzte Sparpfennig, alles zugrunde gegangen.«
    »Dann«, sagte Dorotee noch beinahe fröhlich, »hat euch doch auf euerm Weg
nur ein ersetzbarer Schaden getroffen. Ihr seht nun, wie es noch gar zum
Verbrechen führt, wenn man aus Gesetz und Ordnung heraustritt und nur an sich
selber denkt.«
    Jos aber konnte seinen Verlust nicht so leicht verschmerzen. »Unseliges
Misstrauen!« rief er. »Es wär' nie so weit gekommen, wenn auch der Krämer
gemeinschaftliche Sache mit uns gemacht hätte. Aber der wollte den Hansjörg
wegwerfen, drum hat er dann sich so vor ihm und dem Grenzjäger gefürchtet, als
die beiden kamen, um mich zu einem Schoppen einzuladen. Ja, du hast wohl recht.
Diese Stunde ist ernstaft und lehrreich für Arme und Reiche, die einander im
Kriege gegenseitig furchtbar werden.«
    »Und du versprichst mir nun wohl, in Zukunft bei fleissiger, friedlicher
Arbeit dein Heil zu suchen?«
    »Nicht nur ich«, antwortete Jos, »wir alle sollten den Vorsatz mit
heimnehmen, uns gegenseitig das Leben so zu gestalten, dass jeder mit der
bestehenden Ordnung zufrieden wär' und keiner auf Abwege getrieben würde, weder
Arm noch Reich. Wenn man das tät, so wär's noch mehr als nur so ein Haus wert.«
    »Nun, so mach' den Anfang!« bat das Mädchen lächelnd.
    »Versprich mir, in dieser Weise das Deine zu tun!«
    Sie reichten sich die Hände und wechselten einen herzlichen Druck. Dann
drehte sich jedes auf eine andere Seite und hatte mit dem Verwundeten zu tun
oder dafür zu sorgen, dass er so schnell als möglich irgendwo untergebracht
werde. Sie hätten viel nicht genommen, wenn ihr Gespräch von jemand auch nur
gesehen worden wäre. Wie sind die Leute! Ihr Urteil ist sehr streng, und man
verargt es einem, in solchen Augenblicken an sich selber zu denken, obwohl es
fast jeder tut. Nun aber bemühten sie sich auch desto mehr um den Verwundeten,
welcher mit Hilfe noch einiger Herbeigerufener in das nicht gar zu fern stehende
Häuschen der Schnepfauerin gebracht wurde.
    Nun glaubte Jos den Andreas in guten Händen. Er eilte wieder fort, den
Doktor zu holen, und kam gerade recht an dem brennenden Hause vorüber, um
Angelika noch geschwind Auskunft auf ihre Fragen über das Befinden des
unglücklichen Gatten zu geben. »Er lebt, ist aber bewusstlos und scheint mir am
Kopfe sehr bös von etwas getroffen«, sagte Jos kurz und machte sich, ohne noch
auf weitere Fragen zu hören, wieder fort.
    »Und mein Vater?« jammerte Angelika.
    »Tröst' ihn Gott im ewigen Leben!« riefen mehrere, die kein anderes
Trostwort für die Unglückliche fanden.
    »Hat er denn so aus der Welt gehen müssen? So schnell und unvermutet, sogar
ohne Beicht' ...!«
    »Er hat gebeichtet«, sagten einige, die dann aber erschraken, dass sie an
sein schreckliches Geständnis erinnerten, und sich so schnell als möglich aus
der Nähe der Unglücklichen machten, um nicht noch genauere Auskunft geben zu
müssen.
    Man redete wieder vom Niederreissen des Hauses, aber die Nachbarn, welche
nach dem Dafürhalten aller die Sache doch weitaus am allermeisten anging,
wollten durchaus nichts davon wissen. Seit der Sturm aufgehört habe, sei keine
Gefahr mehr vorhanden, und auf der anderen Seite wär's doch noch möglich, dass
der Krämer lebte. Im Grunde glaubten das nur wenige, aber man schwieg, weil man
Angelika nicht um die letzte Hoffnung bringen wollte. Sie stand auf dem alten
Platze wie angebannt, während der glänzende Strahl aus der nun endlich
angekommenen Spritze mitten in die zischenden Flammen fuhr. Tränenlosen Auges
starrte sie in die Glut, nur wenn wieder etwas am Hause zusammenstürzte, fuhr
sie auf, wie wenn sie selbst getroffen zu werden fürchtete, sonst aber schien
sie nichts, nicht einmal das Weinen des ermüdet neben ihr in den Schnee
gesunkenen Kindes zu bemerken.
    Erst als Jos mit dem Doktor zurückkam, rief sie: »Der Vater ist als Retter
in guter Absicht gestorben. Gott sei ihm gnädig!« Dann hob sie das zitternde
Kind auf den Arm, küsste es und folgte den beiden zum Gatten ins Häuschen der
Schnepfauerin.
    Mit immer besserem Erfolg arbeiteten Löschmannschaften und Spritze, da bald
schon die letzten Dachbalken brachen und in den Glutaufen stürzten, dem nun
auch mit Schnee, welchen man von allen Seiten auf Schlitten herbeiführte, ganz
vortrefflich beizukommen war. Schon um zwölf Uhr wurden zwanzig Mann als Wache
gewählt, damit die anderen heimgehen und sich zur Ruhe begeben könnten.
    »Aber ihr Leute!« rief Hans, und alles drehte sich, um zu hören, was denn
der so vielen zu sagen wage. »Uns allen«, fuhr er fort, »ist ernstaft zumut,
und es ist natürlich, denn wir verlassen ein Grab. Beten wir noch die üblichen
fünf Vaterunser!«
    Und alle knieten um den Glutaufen herum und beteten laut und mit einer
Andacht, wie sie sonst sogar in der Kirche selten war.
    Nachher wurde überall von dem traurigen Ereignisse geredet. Den Krämer aber
behandelte man so schonend, als ob in jenem Gebet ihm jeder die Hand zur
Versöhnung gereicht hätte.
    Wenn auch nicht alles über die Geschichte denken mochte wie Jos, es nahm
doch jeder eine gute Lehre mit heim, die der seinen gerade nicht besonders
unähnlich war.
    Hans fragte nach der Zusel und erfuhr, dass die sich zu sehr fürchte und zu
erschrocken sei über das Geschehene, um nur das Haus noch verlassen zu dürfen.
Trotzdem ging er geradewegs ins Häuschen der Schnepfauerin, wo er eben recht
kam, um den Andreas ins Haus des Krämers hinausbringen zu helfen. Nach einer
kurzen Untersuchung sagte der Arzt, es sei vergebens, was man tun möge, wenn der
Mann hernach nicht in Ruhe gelassen werde. Jetzt sei es windstill, und es würde
dem Unglücklichen am allerwenigsten schaden, wenn man ihn gleich jetzt wieder
hinaus und ins Haus des Krämers brächte, wo nun doch vorläufig seine Heimat sein
würde. dabei gab er nicht undeutlich zu verstehen, dass er freilich nur noch für
kurze Zeit ein Haus auf dieser Welt nötig habe. Bald war Andreas auf eine
Tragbahre gebracht, und schweigend trugen ihn vier kräftige Burschen dem Hause
des Krämers zu. Angelika ging langsam hinten nach und war so in trübe Gedanken
verloren, dass sie nicht darauf hörte, als einige Bauern ihr erzählen wollten,
wie und wo einstweilen ihre Kühe, die herrenlos im Dorf herumirrten, von
Hansjörg und ihnen untergebracht worden seien. Anders aber war's, da das
Margretle auf den Grossvater kam und der Mutter sagte, wie er gleich auf den
ersten Ruf zu ihm gekommen und so freundlich gewesen sei. Da horchte Angelika
gleich auf, und das Mädchen musste jedes Wort wiederholen.
    »Und dann?« fragte sie hastig.
    »Dann«, antwortete das Margretle, »dann ist er mit dem Licht in den Stadel,
und gleich darauf hat es zu brennen angefangen. Mir ist angst worden bei dem
Geprassel, und ich hab' mich in den Keller versteckt, wo ich nichts mehr davon
hören musste.«
    »Und hat Hans dich erst dort gefunden?«
    »Ja, ich bin nicht einmal gern mit ihm. Der Vater hat mir vorher auch
gerufen, aber ich bin geblieben.«
    »Wie ist aber das Feuer ausgekommen?«
    »Hans, rede du!« sagte Hansjörg. »Sie soll das nur vom Retter ihres Kindes
hören.«
    »Ach Gott, was?« fragte Angelika, von einer plötzlich erwachenden Ahnung
erschreckt.
    Hans erzählte, was er gehört hatte, doch würde seinen Gefährten zu einer
anderen Zeit aufgefallen sein, dass ihm seine sonst ganz rücksichtslose
Wahrheitsliebe solche Milderung der Tatsachen zuliess. Der Krämer erschien
vielmehr von der Sorge um das Margretle als von dem unruhigen Gewissen in das
durch ihn angelegte Feuer getrieben, und Hans endete mit der Behauptung, dass ihr
Vater als Märtyrer gestorben sei. Angelika dachte schaudernd noch immer an das
ja vom Vater selbst noch ausgesprochene Wort Mordbrenner. Hans schien das zu
vermuten, denn er sagte nach einer Weile: »Als Märtyrer oder auch als Büsser ist
er gestorben. Es gefällt mir nicht, was er gemacht hat, aber ihm selbst hat es
auch nicht gefallen, als er es gar so schrecklich werden sah. Nur weil eine
Reue, wie sie selbst unsereinen, nicht bloss den lieben Gott rühren muss, ihn
trieb, hat er seinen Fehler öffentlich bekannt und sein Leben gewagt, um das des
Kindes zu retten. Solches Busswerk bewirkt, dass es ernst ist mit der Beicht'.
Gott wird ihn so gnädig richten als wir und ruhen lassen im Frieden.« Jetzt war
man bei dem Hause des Krämers angelangt, und Hans ging voran hinein. Der Zusel,
die neben der Magd am Tische sass und den Rosenkranz durch die Finger zog, machte
er kein besonders freundliches Gesicht und gab ihr zu verstehen, dass sie in den
letzten Stunden wohl etwas anderes zu tun gehabt hätte, als daheim sitzend zu
beten.
    »Warum aber«, fragte das Mädchen, »bist denn du nicht zu mir gekommen an
diesem traurigen Abend?«
    »Weil ich Wichtigeres zu tun hatte«, war Hansens kurze Antwort; dann hiess er
sie streng für den Andreas ein Bett herrichten, wenn auch das noch nicht
geschehen sei.
    Zusel gestand, sie hab' im Schreck noch an gar nichts gedacht als an den Tod
des Vaters. Hans ging kopfschüttelnd hinaus und befahl, den Unglücklichen
einstweilen in die Stube zu bringen.
    Angelika half nun der Schwester, die kaum wusste, was sie tat und sollte.
Eine Viertelstunde später lag Andreas im Schlafzimmer des Krämers und ward ruhig
und still, während er vorher in unzusammenhängenden Worten vom Feuer, von
Doroteen, dem Grenzjäger und seinen Kühen zu reden angefangen hatte. Bei der
Untersuchung des Doktors, die ihn fürs Leben verloren erscheinen liess, kehrte
ihm das Bewusstsein auf Augenblicke zurück. Dann schien er wieder in tiefen
Schlaf zu versinken. Angelika, Zusel, Hans und der Doktor sassen schweigend vor
dem Bette.
    Auf einmal öffnete sich die Tür. Hansens jetziger Knecht polterte so laut
ins Zimmer, dass auch der Schlummernde erschrocken mit der Frage auffuhr, wo es
denn wieder brenne. Der Knecht aber schien ausser Hansen gar niemanden zu
beachten. Er sagte mit rauher Stimme: »Die Mutter lässt dich grüssen, du sollest
heimkommen, da nun doch aus der Hochzeit nicht so schnell etwas werde. Sie hoffe
nämlich als christliche Mutter eines anständigen Hauses - -«
    »Gut«, sagte Hans, der Zusel mit seltener Leidenschaftlichkeit das Wort
abschneidend, »als christliche Mutter wird sie nichts dagegen haben, wenn ich
nun dem Kranken den Pfarrer hole.«
    Das war die rechte Antwort, um über das Peinliche dieses Augenblickes so
schnell als möglich hinauszukommen. Zwar war der Doktor dagegen, aber man kam
nun doch wieder auf andere Gedanken, so dass es Hansen leichter war, das Zimmer
zu verlassen. Er war sehr unzufrieden mit dem Knechte und folgte der Mutter
weniger aus Gehorsam, als damit er sich nicht mehr von Angelika und den anderen
um ihre Rede ansehen lassen müsse.
    Angelika wollte nicht ins Bett, und der Doktor musste sie ernstlich daran
erinnern, dass sie nicht nur für den Gatten, sondern auch für Margretles Mutter
zu sorgen habe. Es war schon spät, als sie den Kranken einigen von Zusel
hergebetenen Nachbarsleuten überliess.
    Also wieder im Vaterhause! Zum erstenmal seit der Geburt ihrer Schwester,
die der Mutter das Leben kostete und sie zuerst aus dem Hause und dann auch aus
dem Herzen ihres Vaters verdrängte. Schlafen konnte sie nicht, oder war es etwa
schon ein Traum, in dem sie, sobald sie das Licht löschte, wie noch in jeder
grossen Stunde die unvergessliche Mutter vor sich stehen sah? Sie blickte jetzt
wieder gerade so ernst wie damals, als Angelika, zum Teil fast aus wunderlichem
Trotze, sich dem Andreas versprechen wollte. Die Erscheinung schien Angelika das
Buch ihres Lebens aufgeschlagen zu haben. Sie sah nicht Buchstaben, wohl aber
ihre Reden und Handlungen viel klarer, als das je vorher der Fall gewesen war.
Ach Gott, an so vielem lag die Schuld auf ihr! Dem Hans verargte sie es, dass der
Familienstolz der Mutter ihn schwach machen konnte, und sie selbst hielt dieser
Stolz ihrer Basen vom Hause des Vaters fern! Freilich tat ihr das weh, aber wohl
nicht weher als Hansen und auch dem guten Vater. Und dann liess sie den Gatten
empfinden, welches Opfer sie brachte, da sie sich mit ihm statt mit Hansen
verband. Sie wollte ob ihm stehen und seine Führerin sein, nicht sein Weib. Das
nun hatte ihn aus dem Hause getrieben ins Weite, wo er, an nichts gefesselt, von
der ersten Strömung erfasst und wehrlos fortgetrieben werden musste.
    Angelika lebte sich immer tiefer in das Elend ihrer letzten Jahre hinein.
Eins nach dem anderen sah sie entstehen und wachsen in dem Riss, der zwischen ihr
und dem Gatten sich aufgetan hatte. Sie sann und betete, bis der rötliche Morgen
über die Berge heraufzog. Nun aber eilte sie ans Bett des kranken Gatten. Sie
traf ihn furchtbar leidend, aber augenblicklich bei vollem Bewusstsein.
    »Angelika, wir hätten uns nie heiraten sollen«, sagte er mit schwacher
Stimme. »Mir kommt das Feuer und alles wie eine Strafe Gottes vor, wenn ich auch
nicht weiss, wie alles aufeinander geht.«
    Angelika war unfähig zu antworten.
    Andreas fuhr nicht ohne Anstrengung fort: »Es macht mich fast verrückt, wenn
ich daran denke, wie schlecht ich in letzter Zeit worden bin. Wir haben keine
guten Tage gehabt in dem hübschen Haus, und das Unglück, dass es zugrunde ging,
ist wohl bei weitem nicht das grösste.«
    »Oh, es hat nicht am Hause gefehlt, sondern einzig an uns, hauptsächlich an
mir!« klagte Angelika, die sich vergebens noch zu beherrschen suchte.
    »Dann ist nichts, was mich entschuldigt. Ich hab' mir schon gedacht, mein
Reichtum sei mein Unglück gewesen, weil er mich von jung auf daran gewöhnte,
nichts und niemandem etwas nachzufragen.«
    »Mein Vater dagegen war arm«, sagte des Krämers Tochter.
    »Der wurde unglücklich durch seine Geldgier. Tröst' ihn Gott!«
    »Ist er gestorben?«
    »Ja«, sagte das Weib und erzählte ganz kurz, wie er ihr Kind habe retten
wollen.
    »Er ist also doch noch viel besser als ich«, jammerte der Kranke. »Er geht
dem Kinde nach, ich aber komme im Schrecken bloss dazu, ihm zu rufen. Dann eile
ich, der Verschwender, dem Stalle zu. So gehen wir jetzt beide als Retter
zugrunde. Gerechter Gott!«
    Angelika setzte sich auf das Bett des Kranken, welcher zitternd nach ihrer
Hand langte. »Gelt, es hat nur an uns gefehlt?« fragte er mit schwacher Stimme.
    »Ja.«
    »Sag' herzhaft: nur an mir! Schone mich nicht mehr! Ich muss die letzte
Rechnung machen.«
    »Will's Gott, nicht! Ich hab' viel, viel noch gutzumachen an dir. Bisher war
ich nur die Predigerin, aber ich hatte nicht Liebe, Demut und Billigkeit neben
der strengen Wahrheit. Du warst nur trotzig gegen mich Stolze, nicht schlecht.«
    »So ist denn das doch wahr«, sagte er demütig. »Zuzeiten hab' ich das auch
geglaubt. Aber ich wollte schlecht sein aus Hochmut und solchen zum Trotz, die
doch nichts Gutes mehr von mir erwarteten. Ja, diese Erfahrung hat mir weh
getan, und ich musste sie mit Gewalt vergessen, ertränken. Drum ging mir
Doroteens Freundlichkeit so tief ins Herz und war wie ein Strahl aus dem
Himmel! Aber im unreinen Gefässe wird alles Wasser trüb. Sogar dieses Glücks hab'
ich mich unwert gezeigt. Ich war damals schon zu weit.«
    »Oh, vergib mir, dass ich dich so weit getrieben, statt dir dein Haus lieb,
zu einem Tempel zu machen!«
    »Und du mir auch!« bat er.
    Der nun eintretende Pfarrer traf die beiden Hand in Hand. »Es freut mich,
dass das Wichtigste und Schwerste schon vorüber ist«, sagte er freundlich.
    »Nicht das Schwerste«, widersprach der Kranke, »mir ist lang nie so wohl
gewesen innerlich als jetzt. Der Friede mit sich und der Welt tut einem so wohl,
dass man sogar sein spätes Kommen nicht mehr bedauern kann.«
    Der Pfarrer schickte Angelika, deren Schmerz in heisse Tränen zu schmelzen
begann, zum Zimmer hinaus, um dem Kranken seine Beichte abzunehmen.
    Es war die höchste Zeit, denn immer seltener kehrte ihm das volle Bewusstsein
zurück. Angelika aber galten diese Augenblicke für die wichtigsten ihres Lebens.
Mit ihm glaubte sie an die geheimnisvolle Pforte getreten zu sein und läuterte
sich von mancher Kleinlichkeit an dem auch sie furchtbar brennenden Schmerz der
immer wachsenden Entzündung, der der Arzt vergebens wehrte.
    Am dritten Tag verkündete die Glocke das Ende seiner Leiden. Mit ihm wurden
die aus dem Schutt gefundenen Gebeine des Krämers beerdigt.
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
                                     Schluss
Am folgenden Sonntage, an welchem Zusel neben Stighansen die ganze
Verwandtschaft auf beiden Seiten zu einer Hochzeit einzuladen gedachte, wie man
sie noch selten erlebt haben sollte, ging sie unter dem weissen Schleier der
Leidtragenden mit brennender Kerze hinaus auf das Grab ihres wahrhaft geliebten
Vaters. Neben ihr auf der Bank, welche das Weihwasserbecken trug, kniete die
ältere Schwester und betete für ihren Gatten. Noch als nirgends mehr ein
Kirchgänger zu sehen war, knieten sie stumm nebeneinander. Angelika konnte
wenigstens doch weinen. Seit sie und Andreas in demütiger Selbstbeschuldigung
sich die Hände reichten, war ihr Herz leichter geworden. Zusel aber fand noch
keinen Gedanken, der die Tiefgebeugte nur ein wenig erhoben hätte. Bleiern und
unbeweglich lastete auf ihr die Untat des Vaters und sein trauriges Ende. Sie,
die früher, wo es angeblich Hansens und Doroteens ewiges Heil galt, schon fast
in den Ruf einer Betschwester kam, sie fühlte sich nun von den ihr eingegebenen
Trostgründen der Religion fast noch mehr als von jeder anderen Vorstellung
gequält. Die Unglückliche hatte, wenn auch sich selbst unbewusst, im vertrauten
Umgange mit ihren frommen Freundinnen die Überzeugung gewonnen, welche der
Krämer schon aus dem zuletzt plötzlich entstandenen Unfrieden des Elternhauses
mitnahm und später fast immer als massgebend gelten liess - nämlich die, dass
fromme Worte für die erwachsenen Kinder soviel seien als für die kleinen die
Erinnerung an den heiligen Klaus oder an den heissen Rollhafen im Fegfeuer. Wer
solche Worte brauche, wolle nur selbst einen Vorteil daraus ziehen. Zusel war
ihrem Gotte nie ferner gewesen, als da sie so häufig von seinen Geboten redete.
Da kam der letzte Montag und predigte der kalt und hart Gewordenen furchtbar
eindringlich von einer gerechten Vergeltung. Auch da wieder nahm Zusel wie eine
rechte Betschwester vor allem den Rosenkranz zur Hand, aber sie fühlte bald, dass
ihr eigenes nun erwachtes Gewissen weniger leicht als ihre Nachbarschaft zu
täuschen sei. Sie wagte nicht mehr zu beten. Jeder fromme Trostgedanke traf das
tiefwunde Herz wie ein neuer Stich. Auch hier auf dem frischen Grabhügel betete
sie nicht. Trockenen Auges starrte sie unverwandt auf die beiden Kreuze, bis sie
hinter sich ein schwaches Hüsteln zu hören meinte. Schnell drehte sie sich um,
während Angelika ganz ruhig blieb und nichts zu merken schien.
    Bleich und zitternd lehnte das Matisle drüben an der Kirchenmauer. Es
verliess jedoch seinen Platz und kam dem Grabe näher, sobald es sich bemerkt sah.
    Ein kalter Schauer durchrieselte das Mädchen beim Anblick des Mannes, dessen
Kindern durch sie und den Vater so viel Unrecht angetan war. Ihre früher ganz
guten Gründe dafür wollten sie nicht mehr beruhigen. Lange rang sie mit sich,
bis ein Wort der Anrede gefunden war. Es passte zwar noch nicht recht, aber es
musste nun einmal etwas gesagt werden. »Du hast wohl noch kein Seelenalmosen
erhalten?« begann sie mit möglichster Ruhe. »Man denkt im Schrecken über solche
Todfälle nicht mehr an alle die Armen, die man dann den Verstorbenen zu Hilf'
und zum Trost als Fürsprecher bei Gott gewinnen möchte. Nun klage nur nicht, dass
du nicht mit dem Haufen abgefertigt worden bist. Heute mittag kommst du hinauf,
und du wirst zufrieden sein.«
    Noch selten hatte Zusel sich zu etwas Gewalt antun müssen wie zu diesen
Worten. Jetzt aber belohnte sie das Gefühl, ein gutes Werk getan zu haben, und
es ward ihr schon etwas leichter. Sie hatte die Mittel, dem armen Vater
gegenüber manches noch gutzumachen, und der Vorsatz, es auch zu tun, gab ihr
wieder Selbstgefühl und Kraft.
    Das Matisle hüstelte noch einmal, dann sagte es, um ein Seelenalmosen tät
es freilich bitten, aber um eines, das man ihm auch da gleich geben könnte;
Verzeihung möchte es, dass es doch wieder einmal ruhig leben und schlafen könnte.
Und nun wurde des langen erzählt, wie und warum es des Himmels Strafrute dem
Krämer gewünscht und Gott schon durch einen der älteren Tochter abgezwungenen
Eid und auf andere Weise gleichsam zum furchtbaren Strafgerichte gezwungen habe.
Das Matisle behauptete so bestimmt, an dem ganzen Unglück schuld zu sein, dass
auch die aufmerksam gewordene Angelika zu erschüttert war, um gleich ein Wort
zum Widerlegen und Beruhigen zu finden. Zusel war mit dem Gehörten vollkommen
einverstanden. Mit bebender Stimme lud sie den Mann zum Essen ein, dem so grosses
Unrecht angetan war, dass der Himmel seinen bösen Wunsch erhörte. Wohl sah sie
jetzt in ihm den Mörder des geliebten Vaters; aber sie fand auch den besten
Trost darin, ihm Gutes zu tun und seinen Dank zu verdienen, den sie wie den
Segen der Versöhnung empfand.
    Wäre das Matisle nicht auch in der Folge noch zu sehr von seinem Gewissen
beunruhigt worden, um sich an Zusels reichlichen Geschenken recht zu freuen, die
es von diesem Tag erhielt, so würde dieses jetzt die beste Zeit seines Lebens
gehabt haben. Sein Lieblingswunsch war erfüllt. Es konnte von fremdem Überflusse
leben, aber keinen Augenblick war ihm dabei recht wohl. Jeden Tag kam es ins
Haus des Krämers, nachdem es der Messe beigewohnt hatte, und blieb oft bis gegen
Abend sitzen. Wenn auch es und Zusel nichts Gemeinsames zu haben schienen als
ihr unruhiges Gewissen und das, dass sie den Tod des Krämers nicht mehr vergessen
konnten, wenn sie sich auch eher fürchteten als liebten, war es ihnen doch
Bedürfnis geworden, einander stets Liebes und Gutes zu erweisen, um sich
gegenseitig zu überzeugen, dass das Vergangene allerdings nicht vergessen, aber
doch vergeben sei. So kam man sich immer näher. Das Matisle wurde sozusagen
Zusels Vertrauter. Sie teilte ihm bald auch ihre häuslichen Sorgen mit;
hauptsächlich, dass Angelika das vom Vater hinterlassene Durcheinander mit allem
Fleiss nicht zu entwirren vermöge. Das Matisle begann seinen Hansjörg und auch
den Jos zu empfehlen, die als frühere Gehilfen sicher in manchem Bescheid
wüssten. Klüger und fleissiger nun wäre Jos, das wisse jetzt die ganze Gemeinde
und auch der Vorsteher, aber eben darum sei dem schon so viel übergeben, dass er,
wie gern er auch überall aushelfe, doch nicht so leicht Zeit haben werde als
Hansjörg, der wenig anzufangen wisse, seit er an jenem Abend mit Jos das
Schwärzen abgeschworen habe. Es kam auch wirklich bald dazu, dass Hansjörg von
den beiden Schwestern als Geschäftsführer angestellt und bevollmächtiget wurde.
    Zusel hatte schon Matisles erste Andeutung für einen Wink des Himmels
gehalten, wie sie dem vielleicht durch ihre Schuld herabgekommenen guten
Burschen wieder helfen und Gelegenheit geben könne, seine Fähigkeiten zu zeigen
und sich schnell wieder zu Ehr' und Ansehen zu bringen. Hansjörg sollte, musste
glücklich werden, darum war es ihr mehr zu tun als um das Ordnen von Geschäften,
um die sie sich nie viel gekümmert hatte. Angelika hätte sich anfangs, wo das
beständige Zählen und Rechnen gar nicht zu ihrer Gemütsstimmung passen wollte,
weit lieber helfen lassen als jetzt, wo sie besonders im Verkehr mit allerlei
Menschen das beste Mittel gegen die Schwermut fand, welche sie in müssiger
Einsamkeit behalten wollte. Im Geschäfte gab sich's von selbst, dass sie den
Spuren folgen musste, welche der Vater hinterliess. Je mehr sie sich nun in sein
Walten auf ihre Weise hineinlebte, desto mehr musste sie den strebsamen Mann und
seine Vielseitigkeit bewundern. Sie mochte sich wohl täuschen, wenn sie zuweilen
glaubte, dass sie nirgends besser als in so einen Laden passen würde, denn sonst
hatte sie eben die Freude noch nie empfunden, die wohl jede dauernde
Beschäftigung auch dem Kummerbelasteten zu gewähren vermag; das aber war gewiss
richtig, dass auch ohne Hansjörgs Beistand sie alles gehörig im Gang erhalten
hätte. Trotzdem stimmte sie der Schwester freudig bei, sobald diese den
ehemaligen Ladenschneider ins Haus nehmen wollte. Ja sie betrieb das nun selbst
mit einem Eifer, der beinahe die Sorge verriet, es könnte der jetzt gänzlich
unberechenbaren Zusel schon über Nacht wieder anders werden. Angelika dachte
dabei an die frühere Neigung, die in beiden immer noch nicht ganz erloschen
schien. Vielleicht ... Auf Hansen rechnete Zusel nicht mehr. Der hatte seit
jenem Unglücksabend ihr Haus nicht mehr betreten. Aus einem beständigen
Zusammenleben konnte doch noch etwas Gesundes für die Gemütskranke erwachsen.
Ja, so musste Zusel wieder geheilt werden ...!
    Früher würde das Matisle seine grösste Freude gehabt haben, Hansjörgen schon
wie den Herrn des Hauses walten zu sehen; jetzt aber war sogar das nicht mehr
imstande, die trübe Stimmung zu vertreiben, die seiner sich nun immer mehr
bemächtigte. Wenn man mit ihm von Hansjörgs schönen Aussichten redete, so wehrte
es sich gewaltig und sagte, dass es nicht seinen Sohn auf den Platz des Krämers
habe fluchen wollen, wenn es sich schon erfrecht habe, vom Himmel das Verderben
dieses Mannes zu fordern. Aus Fluch könne weder ihm noch den Seinen wahrer Segen
werden. Es war vergebens, gegen diese Vorstellung anzukämpfen. Sie blieb in dem
Unglücklichen, raubte ihm den Schlaf, verdarb ihm jeden Genuss und warf ihn
endlich aufs Krankenbett, von dem er nicht mehr aufstehen sollte. Erst der
Kaplan konnte dem Leidenden bei seiner letzten Beichte die Überzeugung
beibringen, dass nicht sein Fluch, sondern die verfluchten Handlungen an allem
Unglück schuld seien und dass der barmherzige Gott nicht so strenge gestraft
hätte, wenn nicht auch in dieser Strafe wieder nur lauter Segen wäre.
    Unmöglich aber war es dem Kaplan, auch die Zusel von ihrer Schwermut zu
heilen. Er bemühte sich um so mehr, weil ihre Beichte ihn überzeugte, dass der
von seinen Betschwestern gewonnene Einfluss auch auf sie sehr nachteilig gewirkt
und deren gemeines Auftreten sie um das volle Vertrauen zu allen gebracht habe,
welche mit heiligen Worten auf andere zu wirken suchten. Aber was der verlegene
Kaplan auch sagen mochte, sie behauptete, den Ruf Gottes an jenem schrecklichen
Abende gehört zu haben in der Sturmglocke und sich daher um Worte der Menschen
wenig kümmern zu müssen. Sie wisse wohl, dass sie niemandem recht sei, dass man
sie für eine halte, die sich hintersinne; doch sie wisse gerade so gut, dass zu
der Zeit, wo sie das getan, was sie jetzt so schmerzlich bereuen müsse, gar
allen alles recht gewesen sei. Von den Frommen wäre sie auf den Händen getragen
worden, und die, welche doch klüger gewesen als sie, hätten auf ihren Wunsch
eine Predigt zustande gebracht, durch die dann die gute Dorotee noch um Ehr'
und guten Namen gekommen sei. So hätten es die Menschen, und sie möge schon gar
keinen Zuspruch mehr von ihnen hören, seit ihr eigenes Gewissen erwacht sei.
    So antwortete Zusel dem Kaplan, und dabei blieb sie. Hansjörgs Anwesenheit
im Hause vermochte nur wenig zu ändern. Angelika glaubte freilich bei der
Schwester noch die alte Neigung zu gewahren, aber auch dass Zusel sie wie etwas
recht Sündhaftes mit aller Kraft bekämpfte. Hansjörg schien sich auch darum
nicht mehr besonders viel zu kümmern. Er lebte ganz nur im Geschäft und für die
Seinen, zu denen er auch den Jos mit Stolz zählte. Die beiden verkehrten täglich
miteinander und führten auch manche Neuerung im Laden ein, der ihnen gänzlich
überlassen war. Auch Hansjörgs jüngere Schwester Marie, die seit dem Tode des
Vaters ebenfalls hier im Hause war und neu aufzuleben begann, tat dabei, was sie
nur konnte. Es war den beiden Burschen gelungen, ihre ganz besonders zierlichen
Stickereien viel vorteilhafter als bisher zu verwerten, und schon erlebten sie
die Freude, dass auch andere Mädchen zu so kunstvoller Arbeit sich mehr Mühe und
Zeit kosten liessen. Auch Weber und andere Handwerker hatten wohl nie so viel zu
tun gehabt wie jetzt. Hansjörg hörte stets auf den Rat seines Freundes, und Jos
wusste zu gut, wie einem armen Handwerker zumute sei, um nicht dafür zu sorgen,
dass das Geld und der gute Verdienst so viel als möglich in der Gemeinde bleibe.
- -
    Des Frühlings lieblich duftender Odem hauchte wieder allen Wesen neues Leben
ein. Das war ein Rauschen und Jubeln, ein Singen und Flüstern, als ob es immer
und überall Sonntag wäre. Die Welt schien ganz neu geworden. Sogar die Berge
ringsum trugen Blumensträusse und schauten freundlich ins Tal herab, wo die
Menschen fröhlich ihre Feldarbeit begannen. Auch Angelika war im Freien, sooft
es die ihr von der Schwester ganz allein überlassene Hausarbeit erlaubte. Sie
wand Kränze aus den Blumen, die ihr Margretle jubelnd zusammentrug. Wehmütig
dachte sie an die eigenen Kinderjahre und wie sie da neben Hansen spielte. Dann
aber musste gleich wieder eine Arbeit ersonnen werden, dass man vom Platz und auf
andere Vorstellungen kam. Zusel war die alte geblieben. Sie schien keine der sie
umblühenden Blumen zu sehen als die, welche sie auf des Vaters Grab gepflanzt
hatte. Auf dem Friedhof, und nur dort, musste man sie suchen, wenn sie nicht zu
Hause war.
    Im Sommer wurde das etwas anders. Man riet ihr, den Laden und alles
aufzugeben, da doch nicht viel Gewinn dabei sei, wenn alles durch fremde Hände
gehe. Dieser Rat kam von einigen geizigen Basen, denen das gemeinnützige Walten
der beiden Burschen missfiel, obwohl es dem Geschäfte nur Vorteil brachte. Es
traf Zusel um so schmerzlicher, weil sie darin einen Vorwurf empfand, dass sie
auf so ein Geschäft, wie das, welches der Fleiss ihres Vaters errichtete, gar
nicht passe, sondern eher in irgend einem abgelegenen Neste das alte Bäschen
spielen sollte. Sie sagte kurz, dass sie den Hansjörg nicht mehr aus dem Hause
schicke, wenn sie ihm auch gar keine Arbeit hätt' und er nur noch essen und
vergessen müsste.
    Diese Antwort weckte nun um so eher die Vermutung, das Mädchen denke noch an
eine Heirat mit dem Burschen, weil es als ausgemachte Sache galt, dass sonst wohl
nicht mehr der hundertste des Krämers Töchtermann werden möchte.
    Zusel ging von jetzt an etwas weniger selten in den Laden als bisher.
Hansjörg und Angelika glaubten damit schon viel gewonnen und gaben sich alle
Mühe, sie nun auch in Verkehr mit der immer zahlreicheren Kundschaft zu bringen.
Das aber war nicht möglich. Wenn sie auch einmal etwas half, so war ihr
anzusehen, dass sie die Gedanken bei etwas anderem hatte So stand sie auch an
einem Sonntag neben dem Zahltisch und sah dem Hansjörg zu, wie der ein von
Angelika gebrachtes Schriftbündel durchsuchte. Es fehlte ihm die Rechnung mit
Stighansen, welcher heute sagte, dass er mit dem Heu, welches Jos als Knecht ihm
am ersten Tage heimholen half, noch nicht alles ganz im ebenen habe. Davon war
nun im Hauptbuche nichts zu finden, die Rechnung musste daher unter den anderen
Papieren gesucht werden. Hansjörg überflog ein Blatt nach dem anderen und
schüttelte den Kopf. Endlich kamen nur noch Briefe. Diese sah der Bursche bloss
an. Einen jedoch las er ziemlich weit hinein. Die Wangen glühten ihm, und seine
Hand zitterte, da er ihn plötzlich in die Tasche schob.
    »Was machst du?« fragte Zusel.
    »Diesen Brief braucht kein Mensch mehr zu sehen. Ich will ihn verbrennen.«
    »Aber er ist mein ...«
    »Gewiss ... drum darf ich ihn vernichten, wenn du es erlaubst.«
    »Aber ich erlaub' es durchaus nicht.«
    »Wenn du mir nicht glauben willst, dass niemand ihn sehen darf, so künd' ich
dir gleich den Dienst.«
    »Ich will ihn erst sehen, er ist mein.«
    »Ja, das ist er«, hauchte Hansjörg, warf den Brief auf den Tisch und
bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.
    Zusel entfaltete den Bogen und sah mit Staunen die eigene Handschrift. Ein
schwerer Seufzer verriet, dass sie den Inhalt schon wusste. Regungslos stand sie
da und starrte nur die zierlichen Buchstaben an.
    »Was habt ihr denn?« fragte Angelika näher tretend.
    »Was wir haben?« fuhr Zusel auf, während eine unnatürliche Röte ihr blasses
Gesicht überflammte. »Unser verratenes, verkauftes Lebensglück sehen wir in
seiner Schöne. Diesen Brief hab' ich an Hansjörg geschrieben. Er aber hat doch
noch nicht an mich geglaubt, hat gewähnt, die Zusel verzweifle so bald als er.
Der Elende redete von Liebe zu mir und empfand nicht, wie stark sie macht. Er
glaubte schon alles verloren, da er mir nicht mehr vorschwätzen konnte, und doch
redete mein Herz für ihn. Aber er hielt auch des Herzens Sprache nur noch für
Geschwätz und verkaufte nur aus Eitelkeit und dummem Trotz diesen Brief mit ein
paar anderen um einige Gulden an meinen Vater. Nun hört, ob er nicht etwas wert
war! Er fängt an: Innigstgeliebter, Unvergesslicher!«
    »Um Gottes willen, hör' auf«, bat Hansjörg, welcher, schon durch die
unbestreitbare Einleitung tief getroffen, wie vernichtet auf seinem Stuhl sass.
    Zusel aber las: »Von mir bist du noch nicht fort, überall hab' ich dich bei
mir. Ich fürchte nicht einmal, du werdest mich vergessen in der weiten Welt
draussen. Ich merke, wie schwer man das kann, und du wirst mir drum glauben.«
    »Ja«, unterbrach sich das Mädchen, »für dich, wie du warst, ist nun das
freilich kein Trost und vielmehr ein Absagebrief gewesen. Hier steht noch
deutlich: Du brauchst nur an das zu denken, was du an meinem Platze tun
würdest.«
    Das Mädchen schwieg. Es erschrak selbst über sein strenges Gericht. Die
anfängliche Aufregung wich einer milden Stimmung, und es klang eigen weich, als
es, mehr sprechend als lesend, fortfuhr: »Der Vater ist freilich gegen dich, und
wie er es nimmt, hat er auch recht. Ich weiss, er meint es immer gut mit mir. Ich
hab' ihn auch gern und könnte für ihn durch ein Feuer ... aber in diesem Stück
...«
    »Nein!« schrie das Mädchen plötzlich, dass es allen durch Mark und Bein ging,
und zerriss den Brief. »Ich kann das nicht mehr lesen, denn mir fehlt die Kraft,
welche mir die Liebe gab.«
    »Du strenge Richterin«, begann Hansjörg kaum hörbar, »ich kann mich nicht
einmal entschuldigen, da du mich schon durchschaut hast. Ich armer, elender
Tropf sah damals in dir nur das reiche, launenhafte Mädchen. Erst als ich
wiederkam im letzten Herbst, hat eine wahre Neigung mich recht unglücklich
gemacht.«
    »Und ich hab' nach dem Osterfest im vorletzten Frühling, wo der Vater mir
von deinem Streich erzählte, wohl jeden Tag und jede Nacht daran gedacht, um
recht bös auf dich zu werden. Ich hab' es auch so weit gebracht, dass ich dir
Schlimmes wünschte. Ja, fast nur dir zum Possen hab' ich anfangs den Stighans zu
fangen gesucht. Jetzt aber hab' ich dir - ich will dir verzeihen.«
    »So gefällt es mir«, sagte nun Angelika. »Jetzt ist von früher alles klar,
und jetzt wird euerer Neigung niemand mehr im Wege sein.«
    »Gewiss ist niemand ärger dagegen als ich selbst«, antwortete Zusel. »Einmal
hielt ich sie nur noch für Mitleid. Ich bat ihn zu uns, nur um ihm Gutes zu tun,
aber sein Fleiss verdient ja mehr, als ich ihm gebe.«
    »So lasst jetzt um Gottes willen die alten Rechnungen und denkt einmal an die
Zukunft!«
    »Ich hab' schon daran gedacht.«
    »Und -?«
    »Meinen Plan gemacht.«
    Das war nun einmal ein gutes Hören für Angelika, die Freude leuchtete ihr
aus den Augen, während sie, der Antwort schon ziemlich sicher, lächelnd die
Vermutung aussprach, sie werde wohl den guten Hansjörg noch einige Jahre mit
ihrer Wunderlichkeit plagen, jeden Tag seine Geduld auf die Probe stellen und
dann am Ende -
    »Ich geh' in ein Kloster!« sagte das Mädchen so leidenschaftlich, wie es
noch selten auch den boshaftesten Bemerkungen widersprochen hatte.
    »Ins Kloster?« fragte Angelika noch fast erschrockener als Hansjörg.
    Zusel war selbst erstaunt über das, was ihr da die Begierde zu widersprechen
oder ihr Unmut oder der Heilige Geist eingab. Sie sann darüber nach, und es war,
als ob schon dieses Wort sie von vielem erlöst habe. Das war nicht nur ein
Schreckschuss. Ja, das war für sie, die alles schief ansah, die auf der Welt
keine Ruhe, keinen Genuss mehr hoffte, und auch für die arme Seele des Vaters das
beste. Rasch entschlossen richtete sie sich so stolz und trotzig auf wie früher.
Dann aber sah sie den Hansjörg auf seinem Stuhl und sagte nun etwas unsicher:
»Ja, Hansjörg, ins Kloster, denn dort hab' ich viel zu tun, und hier wird mich
wohl niemand mangeln.«
    Der Bursche schwieg. Angelika dagegen sagte: »Du hättest auch hier noch viel
zu tun. Gott sieht es gewiss lieber, wenn wir das, was seine Güte verliehen hat,
zum eigenen und zum Wohle des Nebenmenschen brauchen, als wenn wir alles in ein
Kloster vergraben. Hansjörg weiss nicht mehr, was er sagen soll, ich aber sage:
Durch dein sonderbares Wesen hast du euch beiden eine schöne Zukunft verdorben.«
    Vielleicht ärgerte dieser Vorwurf das Mädchen weniger, als dass Hansjörg
schwieg, aber Angelika musste nun doch dafür büssen. »Ich verderbe gar nichts
mehr«, sagte sie. »Er denkt nicht so schnell ans Heiraten und ich auch nicht wie
du. Sonst aber wären wir schon selber eins worden und hätten keine Kupplerin
gebraucht. Ich seh' es euch an, dass ihr mich nicht mehr versteht, höret drum,
wie wunderlich die Zusel ist. Die Geschichte mit den Briefen wär' noch unsere
Sache, doch es steht auch anderes zwischen uns. Um uns zu trennen, hat der Vater
wohl in ganz guter Absicht alles aufs Spiel gesetzt und ist unglücklich worden
vielleicht an Leib und Seele. Gewiss, er hätte noch im Grab keine Ruh, wenn das
alles nun gar nicht mehr geachtet würde.«
    Angelika meinte: »Im Fall, dass das aber eine Ungerechtigkeit gewesen sein
sollte, wär' der Vater gewiss froh, wenn sie nun aufhören tät.«
    »Ungerechtigkeit! Für mich ist's geschehen, und wenn er fehlte, muss er für
mich büssen. Soll ich nun jubeln und tanzen auf seinem Grab? Sollen wir beide vor
Gottes Altar ihm zurufen mit unserem Ja, dass sein Tod uns recht glücklich und
selbherr gemacht habe?«
    »Ja, du hast recht«, sagte Hansjörg feierlich. »Jetzt versteh' ich dich
einmal wieder, und wieder bist du grösser, besser, als ich mir vorstellen konnte.
Deine Opferwilligkeit für die Deinen soll mir immer ein Beispiel sein. Auch ich
will ihnen leben und früheres Versäumnis einbringen. Nicht beten, aber handeln
kann ich für sie - und, nicht wahr, auch das ist schön?«
    »O gewiss!« rief Zusel begeistert, und indem sie dem Burschen die Hand
reichte, setzte sie bei: »Du bist und bleibst mein Bruder!«
    »Aber«, warnte die ältere Schwester, »bedenkt noch, was ihr tut! Ins Kloster
führen viele Wege, heraus nur noch der ins Grab. Jedermann, sogar der Pfarrer,
wird gegen diesen Schritt sein.«
    »Ich kenne sie«, versetzte Zusel heftig, »sie, die einem immer aus- oder
einreden wollen, und ich hab' oft gesehen, warum sie das tun. Du brauchst mich
ja nicht so zu verkuppeln, den Stighans lass ich dir freiwillig, wenn du den
bekommst, und will ihn dir von Herzen gönnen.«
    In ihrer Aufregung hatten alle drei nicht bemerkt, dass die Ladentür sich
langsam öffnete. Erst jetzt sah Angelika den Letztgenannten in Lebensgrösse hart
neben ihr stehen, und einen lauten Schrei ausstossend, eilte sie ins Nebenzimmer.
    Noch nichts tat ihr so weh wie dieser Vorwurf der Schwester. Litt sie nicht
schon sonst genug an dieser unglücklichen - Liebe? Und hatte sie nicht gerade
darin Trost suchen wollen, wenigstens die Schwester glücklich zu machen? Hans
kam seit jenem Unglücksabend nie ins Haus, und gerade heute nun musste er kommen.
Ihr Gesicht glühte, während sie in ihr Zimmer eilte und hinter sich die Türe
schloss.
    Auch Zusel hatte sich, ohne noch ein Wort zu sagen, sofort aus dem Laden
entfernt.
    Hansjörg, wie sehr ihm auch die unterbrochene Unterredung noch im Kopfe war,
hatte doch noch genug Fassung wiedergewonnen, um dem Angekommenen, bevor dieser
zum Worte kam, die Mitteilung zu machen, dass die Rechnung nicht unter den
vorhandenen Schriften und wahrscheinlich mit der Brieftasche des Krämers im
Feuer zugrunde gegangen sei.
    »Dann«, sagte der Bauer, »ist's doch gut, dass ich die mitnahm, die mir Jos
geschrieben hat.«
    Hansjörg begann mit gewohnter Sorgfalt nachzuzählen, während Hans über die
beim Hereinkommen von Zusel gehörten Worte nachdachte. - Gleichgültig warf er
die auf dem Blatt stehende Summe hin und fragte dann, welche Zimmertür Angelika
vorhin so gewaltig zugeschlagen habe.
    Hansjörg machte sogleich den Führer, wobei er behauptete, dass auch
geschlossen worden sei.
    »Wer ist denn im Hause?« fragte Hans.
    »Niemand Fremdes als du.«
    »Dann hat sie meinetwegen geschlossen.«
    Hansjörg schwieg.
    »Nun, sie soll auch meinetwegen wieder auftun.«
    Das war bereits geschehen, aber jeden Augenblick wollte sie wieder
schliessen. Bald wünschte, bald fürchtete sie sein Kommen; dann sagte sie
traurig: »Er kommt nicht«, und als sie seinen Tritt auf der Stiege hörte, hätte
sie den Gang von dort bis zur Türe wenigstens eine Stunde lang wünschen mögen,
um sich noch zu besinnen, ob sie schliessen sollte oder nicht.
    Fest und sicher trat Hans herein, setzte sich aufs Kanapee neben das bebende
Weib, und kurzweg, als ob sie täglich beisammen wären, fragte er, was vorhin da
drunten verhandelt worden sei.
    »Zusel will nun gar noch in ein Kloster. Ich aber möchte das ihr ausreden.
Es kommt mir vor, ob doch noch eine Versöhnung zwischen ihr und Hansjörg möglich
sei. Sie wird mit der Zeit, will's Gott, wieder anders denken lernen, und dann -
-«
    »Das ist ein Abweg«, fiel Hans ein, »mach's nur kurz und gut! Du sprichst
ihr also gehörig zu - nun - und dann?«
    »Dann heisst sie mich eine Kupplerin, und doch weiss Gott im Himmel -«
    »Aber der Tausend! Was sagte sie noch?«
    »Sie möge gar nicht heiraten, auch dich nicht.«
    Eine Minute war alles still im Zimmer, dann sagte Hans: »Du wirst doch nicht
halb und falsch gegen mich sein?«
    Angelika richtete sich stolz auf, und ihr Blick begegnete dem des Burschen
so frei und offen, wie seit langer Zeit nicht mehr. Jetzt gleich sollt' er die
ganze Rede wörtlich hören, dieser Entschluss war ihr anzusehen. Aber es ging
nicht und ging nicht. Aus war es plötzlich mit aller Selbstbeherrschung, und ihr
Erröten an seiner Brust verbergend, flehte sie: »Du hast es schon gehört - und
gelt, du plagst mich doch nicht mehr damit, es noch einmal zu sagen?«
    »Ich weiss davon, dass sie mich dir geschenkt hat. Ich hab' das auch nicht
ungern, wenn du mich nur willst.«
    Angelika schob sanft den Arm weg, der sich um ihren Hals legte. »Wir hätten
dieses traurige Spiel nicht noch einmal anfangen sollen«, sagte sie wehmütig.
    »Aber mir ist's heiliger Ernst. Ich hab' nun lange genug nur gespielt und
mich Pontius und Pilatus gefügt, hab' lange Predigten gehört und mit mir selber
gehadert. Willst du mein Weib werden oder nicht? Wenn nicht - ja, dann freilich
hätten wir uns nicht mehr sehen sollen.«
    »Gelt, Hans?!«
    Es war das eigentlich gar keine Antwort, aber der Bursche hörte doch schon
ein Ja heraus und jubelte: »Also doch noch mein, und es ist kein Traum mehr!
Schon einmal hat deine Stimme mich durch die Flammen zu dir gerufen. Schon da
ist es mir gewesen, ob ich und du und das Kind zusammengehörten.«
    »Aber deine Mutter?« fragte Angelika.
    »Plagen wir uns doch nicht mehr mit dem Alten«, bat Hans, der diese Frage
wie einen Vorwurf empfand. »Wir haben schon genug darunter gelitten. Ich bin
damals noch ein schwacher, dummer Junge gewesen, du vielleicht zu empfindlich,
zu rasch. Das ist nun vorbei, wenn wir es auch vorbei sein lassen und uns darum
nichts mehr vorwerfen.«
    »Das will ich nicht, aber denke, was alles die Mutter jetzt erst gegen mich
haben würde.«
    Hans richtete sich stolz auf und sagte fröhlich: »Wer einmal durchs Feuer
ist, fürchtet sich schwerlich vor einem kleinen Hagelwetter. Und bös wird es
nicht werden. Sie hat schon alles gesagt, ich fleissig zugehört, wie es einem
Sohne Pflicht ist; aber ich hab' nichts gehört, was so stark war wie meine
Liebe. Ich hab' alles erwogen, drum komm' ich erst heut'. Bisher geht's gut -
und ferner schon auch noch. Die Mutter hat mich überaus gern und will nur mein
Glück, das zeigt sich sogar in dem, womit sie mir weh tut. Oh, lass mich jetzt
nur machen!«
    So beinahe wie damals im Bregenzerwalde nur irgendein »anständiges Paar«
wären die beiden sogar noch zum Küssen gekommen. Ganz freilich kamen sie nicht
dazu, doch auch ohne das fühlten sie sich überglücklich. Ein Wonneschauer
durchrieselte den Burschen, als des schönen Weibes weisser Hals willig seinen
zitternden Arm trug, während ihr Köpfchen an seinem hörbar pochenden Herzen
ruhte. Selbst als er immer ernstlicher vom Heiraten redete, sagte sie nicht mehr
viel dagegen, und beim Abschied - es war schon spät - gaben sie sich die Hand
darauf, im nächsten Frühling, womöglich neben Jos und Doroteen, vor den
Traualtar zu treten. - -
    Alles, was jetzt noch zu erzählen bleibt, könnte der freundliche Leser sich
leichter selbst vorstellen als das Lächeln der Stigerin, mit dem sie sich, über
Hansens Eigensinn staunend, nach einigem Sträuben in ihr Schicksal ergab, nun
trotz allem und allem noch Angelikas Schwiegermutter zu werden. »Hans ist nicht
mehr der alte, und Nachgeben wird wohl das klügste sein«, sagte sie, sich dabei
feierlich verwahrend vor aller Schuld an dem, was daraus entstehen möge. Viel
allerdings mochte neben Hansens wahrhaft männlichem Auftreten auch der Kaplan
dazu beigetragen haben, dass es so gut ging. Der war jetzt mit den Betschwestern
geradeso streng wie der Pfarrer, mit dem er überhaupt im schönsten Frieden lebte
und wirkte. Es wurde den frommen Ordensmitgliedern bei jeder Gelegenheit
eingeschärft, dass sie ihr Lesen und Beten bloss in der Stille für sich, anderen
gegenüber jedoch nur Geduld, Sanftmut, Liebe und vor allem Demut üben sollten.
Die Betschwestern murrten freilich über solchen Zuspruch, und solche, die schon
beinahe für den Orden gewonnen waren, wollten jetzt nicht mehr eintreten, da man
diese Regeln ja jeden Sonntag in der Predigt sattsam hören könne. Jede
Betschwester hatte die andere im Verdacht, beim Kaplan das Spiel verdorben zu
haben, und gab sich so liebsam, dass es für viele zum Staunen war, um ja selbst
für nichts schief angesehen zu werden. Die so entstandene Verwirrung in dem
Bunde, dessen Beschlüsse fast jeder Dorfbewohner bisher gefürchtet hatte, wenn
er keines Fürsprechers in demselben sicher war, kam nun Hansen und seiner
Angelika sehr trefflich zustatten. Die Stigerin hörte fast nur Liebes und Gutes
über das Paar, so dass die Sorge um das Urteil der öffentlichen Meinung ihr bald
nicht eine Stunde Schlaf mehr kostete.
    Der Kaplan sorgte Zuseln wider Willen um Aufnahme in ein Kloster, was in
Anbetracht ihres hübschen Vermögens nicht viele Mühe machte. dabei redete er
immer noch dagegen, aber alles, was er als untergeordneter Geistlicher sagen
durfte, war umsonst. Die Dorfbewohner fast durchweg fanden Zusels frommen
Entschluss ganz in der Ordnung, und er trug nicht wenig dazu bei, dass man jetzt
das Vergangene gänzlich ruhen liess, weil man alles gesühnt sah. Überall kamen
die Leute jetzt dem guten Mädchen, in dem sie schon ein höheres Wesen
erblickten, mit scheuer Freundschaft entgegen und baten sie um ihr Gebet. So
wurde ihr denn der Abschied vom Dorf und vom Bruder Hansjörg noch so schwer, dass
sie die Abreise verschob, ohne jedoch den Entschluss aufzugeben, in dem ihr
ganzes Wesen wirklich wieder neue Kraft und neues Leben gewonnen hatte. Angelika
hoffte darauf umsonst. Eines Morgens war Zusel fort, und auf dem Tische fand
sich ein kurzer Abschiedsbrief mit der Bemerkung, dass sie über ihr Vermögen
brieflich bestimmen und gewiss auch den Hansjörg nicht vergessen werde.
    Der Winter - es war ein mehr als halbjähriger - verging den Dorfbewohnern
ungewöhnlich schnell, weil Hansjörg, der in der Welt draussen für alles ein
offenes Auge hatte, nun in der Lage war und die Mittel besass, manchen bisher
unbekannten Erwerbszweig in der Gemeinde einzuführen. Dass eigentlich Jos die
Erinnerungen des weitgereisten Soldaten verwertete, war kein Geheimnis, aber
dieser selbst gönnte seinem Freunde gerne die Freude des Erfinders. Das tat ihm
wohl und brachte ihn wieder auf neue Pläne, mit deren Ausführung sich dann der
Sohn der Schnepfauerin für frühere Unbilden rächte. - -
    Den Tag, welcher unsere beiden Paare für immer verband, schmückte der
Frühling mit aller seiner Pracht und schien noch etwas mehr für dieses Fest
besonders aufbehalten zu haben. Vogelsang und Blumenduft drang bis in die
Kirche, wo trotz des wunderlieblichen Morgens, der die Bauern zur dringenden
Feldarbeit einlud, beinahe die ganze Gemeinde versammelt war. Jos, der jetzt
wieder so sicher und aufrecht daherschritt, trug lange fremde Kleider. Hans
erschien in kurzen Lederhosen und Kamisol neben der noch halb in Trauer
gekleideten Angelika. Dorotee, die Vielgeprüfte, trug das Kränzchen. Es war zum
letztenmal, drum trug sie es auch nach Ortsbrauch auf dem weissen Trauerschleier,
der wahrscheinlich seinen Tod bedeuten soll.
    Zu einer lärmenden Hochzeitsfeier waren die beiden Paare nicht aufgelegt.
Gegen Abend sassen sie in dem damals recht geräumigen Schopfe des
Kronenwirtshauses bei einem einfachen Mahl. Aber wie still es auch, schon der
noch immer nicht vergessenen Toten wegen, zugehen sollte, abends war's doch
allen recht, dass die Dorfmusikanten mit ihrem fleissigen Kapellmeister vor dem
Hause sich aufstellten und ihre lustigen und anmutigen Weisen zu spielen
begannen. Hans rief sie fröhlich herein und war glücklich, ihnen viele junge
Leute, Burschen und Mädchen, folgen zu sehen. Er schaffte überall zu trinken an
und lief selbst, um Gläser zu holen, während Jos für hundert herzliche
Glückwünsche dankte und vor lauter Reden kaum noch an den Tisch kam, wo die
angesehensten Männer der Gemeinde neben Doroteens ärmlich gekleideten
Verwandten Platz genommen hatten und ungeduldig warteten, bis der kurzweilige
Hochzeiter sich mit seinen vielen Freunden abgefunden hatte.
    Als er kam, stiess der Vorsteher kräftig mit ihm an und sprach dann laut sein
Bedauern darüber aus, dass nun wahrscheinlich des Krämers Haus mitsamt dem Laden
in ganz andere Hände kommen werde. Die ganze Gemeinde habe sich wohl befunden
unter der jetzigen Leitung. Das Häuschen der Schnepfauerin sei wahrhaftig zu eng
für so unruhige Köpfe, so dass die leicht noch einmal über die Grenze kommen
könnten. Wenn mehrere, die auch etwas vermöchten, gesinnt und gesotten wären wie
er, tät man zusammenstehen, um dem Jos mit den Seinen durch Bürgschaft und wie
immer auf den Platz zu helfen. Er halte das für eine Gemeindeangelegenheit und
habe daher öffentlich davon sprechen wollen.
    Ein Beifallssturm, der nicht enden wollte, war diesen Worten gefolgt.
Hunderte wohl erzählten sich jetzt, dass auch ihnen diese Sorge die Freude des
Festes ein wenig verdorben habe. Hans, der aufgestanden war, musste lange warten,
bis es wieder so stille war, dass er glauben konnte, seine kräftige, volle Stimme
werde nun doch einigermassen gehört werden. Dann aber begann der reiche Bauer,
während seine Wange sich röter und röter färbte, laut und feierlich: »Ich kann
gar nicht gut reden, aber wenn mir einmal etwas auf dem Herzen liegt, - ihr alle
wisst es ja - dann muss es mir heraus, und mag man darüber sagen, was man will.
Lange schon ist in mir ein Gedanke im Wachsen, der dem des Vorstehers gleicht
wie ein Gänseblümchen dem anderen. Heut' nun, wo es doch so wunderbar warm ist
und wie ein ganzer Frühling auf einmal, darf man sich nicht wundern, dass er
plötzlich reif worden ist. Da der Jos mit der wackeren Dorotee, Hansjörg und
alles, was drum und dran hängt, soll und muss im Hause bleiben. Ich will schon
bürgen für den Preis, den Zusel fordert. Sie ist gern im Kloster und will dem
ein hübsches geben, aber auch uns hat sie noch nicht vergessen. Dem Jos wär'
also geholfen, und er muss nicht mehr über die Grenze, damit er sich auch rühren
könne; doch wie vielen mag es schon gegangen sein wie ihm und Hansjörg. Behalte
drum und allenfalls dem Jos zulieb deinen guten Willen für dich! Versprich mir
das! Du wirst sehen, es ist gut angewendet.«
    Der Vorsteher nickte Hansen beifällig zu.
    Jos bemühte sich vergebens, ein Wort hervorzubringen, aber auch die beste
Rede wäre nicht gehört worden im Jubel der Menge, die sich mit ihrem Lieblinge
geehrt fühlte. Dorotee hatte grosse Tropfen in den schönen Augen, und die
Goldfäden in ihrem Kränzchen zitterten fort und fort. Angelika wollte Hansen
sagen: »Wenn Zusel diesen Tag noch hier mitgelebt hätte, wäre sie gewiss nicht
mehr ins Kloster«; Hans aber hörte nichts in dem fröhlichen Lärm und verstand
nur ihren dankbaren Blick. Auf einmal, man wusste nicht, wer den Anfang machte,
standen die zwei Paare auf und reichten sich die Hände. Lange hielten alle viere
sich fest, die Musikanten begannen ein lustiges Stück zu spielen, und ohne dass
jemand nach polizeilicher oder anderer Bewilligung fragte, tanzte ein Paar nach
dem anderen um die Brautleute und den Tisch herum.
    Endlich hörten die Musikanten auf. Die jungen Leute ruhten, und jetzt konnte
man wieder ein Wort reden. Das wollte nun aber auch alles benützen, um seinem
Herzen Luft zu machen. Sogar Hansjörg, der anfänglich etwas still war, plauderte
vertraulich mit der alten Stigerin, und sein Auge, ja sein ganzes Gesicht
leuchtete, während er sagte: »Alles ist recht gekommen und auch gut, dass es wohl
die Kämpfe wert ist und die Leiden, die es gekostet hat.«
    »Freude am Glück anderer ist doch auch Freude«, sagte die Stigerin in einem
Ton, so herzlich, wie man's gewiss von ihr nur selten hörte.
    Und die arme Schnepfauerin, die man vor vielen, vielen bösen und guten
Jahren gleichsam da hereingeschmuggelt hatte, wie still und selig sass die
Demütige dort an der Tischecke grad' im Schatten des wohlbeleibten
Gemeindevorstehers, und ihr Herz wollte doch beinahe springen vor Freude, da
dieser mit ihrem Jos anstiess auf eine Zukunft, so glücklich, wie er und sein
wackeres Weib es verdienten. Oh, schon das war dem guten Mütterlein zuviel, viel
zuviel! Es ward ihm angst vor so hoher Ehre, so grossem Glück. Und nun kam auch
noch des Vorstehers Antrag, Hansens Rede, und dann standen sie Hand in Hand, die
schönen kräftigen Gestalten. War's nicht ein Traum? Hatte nicht ihr Geliebter
sie in den Himmel geholt? Nein, auch die Welt konnte so viel geben! Die arme aus
der Heimat Verstossene kam sich jetzt hier fast noch fremder vor als damals.
Hatte sie denn das verdient? Wunderbarer, gerechter, heiliger Lenker aller
Schicksale! Ja, der hatte geholfen, dass sie nun ihren armen Jos als den Liebling
aller gefeiert sah. Wie gönnte sie ihm das, und doch schwindelte ihr auf dieser
Höhe! Fast wollte sie zaghaft werden und kleinmütig, aber ein Blick schon in des
Lieblings funkelndes Auge gab ihr die feste Zuversicht, dass er das alles noch
verdiene und dass noch gar nicht zuviel geschehen sei. O wie gern hatte sie den
Lärm, der ihr nun doch laut zu jubeln, zu beten und zu weinen erlaubte!
    Sie hielt sich für ganz unbeachtet, aber nach dem Tanz, als man wieder
sprechen konnte, wendete der Gemeindevorsteher sich um und liess etwas Licht auf
sie fallen. »Stoss an, Schnepfauerin!« rief er, fröhlich das Glas erhebend. »Und
nun sag' mir«, fuhr er nach einem herzhaften Schluck fort, »ob du nicht das
Heimatsrecht noch in aller Form bekommen habest? Man sollte halt keinen Menschen
ganz wegwerfen aus Gewinnsucht oder vorgefasster Meinung; denn was er wird, kommt
viel auf andere an. Dein Jos da, der herzhafte, fleissige, belesene Sappermenter,
hat sich nun einen Heimatschein in viele Herzen geschrieben. Er lebe hoch!«
    »Hoch! hoch! hoch!« scholl es von allen Ecken.
    Jetzt aber konnte, musste Jos reden. »Was ich getan hab' - und so ein armer
Tropf kann wenig -, ist zum grossen Teil auch aus Hochmut geschehen«, rief er
aus. »Tag und Nacht hab' ich geschafft und mich neben der Sorge fürs Brot um
alles und jeden angenommen; aber viel geschah wieder nur, damit man sehe, wer in
mir geschimpft und verhöhnt worden sei. Aber jetzt - o wie geht mir das Herz
auf! Was für einen Schatz von Liebe gibt mir dieser Tag! Einen Schatz, mit dem
sich das Vergangene wettmachen, dann aber auch die ganze Zukunft davon zehren
lässt. Ja, dieser Tag macht mich zu allem stark.«
    »Dieser Tag«, sprach feierlich der Kaplan, den man bisher nicht beachtet
hatte, »wird hoffentlich nicht nur unseren Gefeierten ein Segen fürs ganze Leben
sein. Wir alle, reich und arm, wie wir eben sind, freuen uns gemeinsam mit
gleicher inniger Freude, wie das gewöhnlich nicht auf Hochzeiten vorkommt,
sondern bloss da, wo alles durch irgendwelches Ereignis eine schwere, drückende
Last abgeworfen, etwas Wichtiges, Folgenreiches gewonnen fühlt. So ein Gewinn,
wie der dieses Tages, ist für uns die Erkenntnis des hohen Menschenwertes und
ein Funken christlicher Liebe. Wo diese fehlen, ist auch der Reiche recht, recht
arm, und der Arme ist es dreifach; wo sie aber sind, ja, da kann man gewiss nicht
bloss bei einem äusseren Anlass, sondern ganz von selbst und jeden Tag ein Fest
feiern.«
 
    