
        
                                 Wilhelm Raabe
                                Abu Telfan oder
                          Die Heimkehr vom Mondgebirge
                                     Vorwort
Indem ich dieses nicht in einem lustigen Sommer entstandene Buch in die Hände
der Leser gebe und es ihrem guten Herzen anbefehle, drängt es mich, eine gute
Gewohnheit scheuerer Zeiten und schämigerer Autoren wachzurufen und mich
strengstens gegen alle Missdeutungen zu verwahren, Ich bitte ganz gehorsamst,
weder den Ort Abu Telfan noch das Tumurkieland auf der Karte von Afrika zu
suchen: und was das Mondgebirge anbetrifft, so weiss ein jeder ebensogut als ich,
dass die Entdecker durchaus noch nicht einig sind, ob sie dasselbe wirklich
entdeckt haben. Einige wollen an der Stelle, wo ältere Geographen es notierten,
einen grossen Sumpf, andere eine ausgedehnte Salzwüste und wieder andere nur
einen unbedeutenden Hügelzug gefunden haben, welches alles keineswegs hindert,
dass ich für meinen Teil unbedingt an es glaube. -
Stuttgart, im November 1867
                                                                   Der Verfasser
                          Wenn ihr wüsstet, was ich weiss,
                                sprach Mahomet,
                  so würdet ihr viel weinen und wenig lachen.
 
                                 Erstes Kapitel
An einem zehnten Mai zu Anfange des siebenten Jahrzehnts dieses, wie wir alle
wissen, so hochbegnadeten, erleuchteten liebenswürdigen neunzehnten Jahrhunderts
setzte der von Alexandria kommende Lloyddampfer ein Individuum auf dem Molo von
Triest ab, welches sich durch manche Sonderlichkeit im bunten Gewimmel der
übrigen Passagiere auszeichnete und selbst den an mancherlei Erscheinungen der
Menschen und Völker gewöhnten Tergestinern als etwas Neues sich darstellte. Ein
verwilderteres und, trotz der halbeuropäischen Kleidung, aschanti-, kaffern-
oder mandingohafteres Subjekt hatte seit langer Zeit nicht vor dem Zollhause auf
seinem Koffer gesessen und verblüfft umhergestarrt. Der Mann hätte sich in das
Fremdenbuch oder vielmehr auf den Fremdenzettel des Schwarzen Adlers dreist als
»particolarissimo« einzeichnen dürfen: er tat es aber nicht, sondern schrieb
einfach seinen Namen: Leonhard Hagebucher, hinein und fügte, den
Polizeivorschriften gemäss, hinzu: »Kriegsgefangener - kommt aus Abu Telfan im
Land Tumurkie, Königreich Dar-Fur - geht nach Leipzig im Königreich Sachsen.«
Natürlich liess sich eine Viertelstunde später ein kaiserlich-königlicher Beamter
bei ihm melden, um sich verwundert einige weitere Auskunft zu erbitten, verliess
ihn jedoch wieder eine Viertelstunde darauf noch etwas verwunderter mit der
altklassischen Bemerkung: »Aus Afrika doch immer etwas Neues.«
    Um seine Rechnung im Schwarzen Adler bezahlen und seine weiteren Reisekosten
decken zu können, verkaufte der Fremdling einen Elefantenzahn an einen Händler
in der Poststrasse und fuhr auf der Eisenbahn, ohne unterwegs die Adelsberger
Grotten zu besichtigen, nach Wien, wo er wohl Gelegenheit gefunden hätte,
einigen mitgebrachten Goldstaub gegen ein gutes Agio in Papier zu verwandeln, es
jedoch in Anbetracht, dass der Triestiner Elfenbeinhändler ebenfalls bereits in
Papier gezahlt hatte, unterliess. Natürlich erschien auch in Wien, ausser dem
bekannten, für sein Kloster sammelnden Barmherzigen Bruder, ein Polizeibeamter
auf seiner Stube, ersuchte ihn ebenfalls sehr höflich, ihm einen genauern
Einblick in seine Personalakten zu gestatten, und verliess ihn gleichfalls
verwundert und befriedigt. Sobald sich die Tür hinter dem Beamten geschlossen
hatte, legte sich der Reisende wieder ins Bett, und da er in demselben bis zu
seiner Abfahrt nach Prag verblieb, so konnte er selbstverständlich weder den
Sankt-Stephans-Turm besteigen noch den Prater besuchen. In Prag kam er am Abend
an, und da er am andern Morgen in der Frühe nach Dresden abreiste, so kam der
kaiserlich- Beamte tschechischer Nationalität, welcher es gleich den Kollegen zu
Triest und Wien für seine Pflicht hielt, sich spezieller nach ihm zu erkundigen,
zu spät und gab nur dem Wirt zu den Drei Karpfen den Rat, künftig in solchen
absonderlichen und verdächtigen Fällen den Gast den ersten Zug versäumen zu
machen. Die Prager Glocken vernahm der Kriegsgefangene aus dem Lande Tumurkie
noch vom Eilzuge aus, um dann sogleich wieder sänftiglich zu entschlummern. Er
schlief, bis ihn die königlich-sächsischen Mautbeamten zu Bodenbach weckten, und
durch den Kampf um seine Habseligkeiten ermuntert, blieb er wach bis Dresden, wo
er im Schatten der Drei Palmzweige auf dem Palaisplatz in der Neustadt von neuem
einschlief.
    Es ist nicht zu verlangen, dass die Polizei sich überall persönlich bemühe;
in Dresden kam sie nicht zu dem Reisenden aufs Zimmer, sondern zitierte, weniger
verbindlich als in den kaiserlich königlichen Staaten, ihn zu sich aufs Büro,
was dem Leser der Abwechslung wegen nicht unlieb sein kann, dagegen aber dem
geheimnisvollen Fremdling ganz und gar nicht gelegen war. Da er musste, so ging
er, wie jeder gute Deutsche es tut, kam schlaftrunken zurück und fuhr, ohne sich
nach der Sixtinischen Madonna und der Brühlschen Terrasse umzusehen, nach
Leipzig ab und ruhte sanft auf dem süssen Bewusstsein, auch die Dresdener
Sicherheitsbehörde über seine Persönlichkeit nicht in Unruhe und Zweifel
gelassen zu haben.
    Zwischen Dresden und Leipzig liegt Riesa an der Bahn. Da trinkt man ein sehr
gutes Eierbier. In der Nähe von Leipzig soll der Fürst Schwarzenberg den Kaiser
Napoleon geschlagen haben, was jedenfalls eine grosse Merkwürdigkeit wäre, wenn
es sich beweisen liesse. Wir wollen aber die Sache in der Dunkelheit beruhen
lassen, in welcher sie uns von unsern Vätern überliefert wurde - die alten
Herren wussten nicht genauer als wir, wer eigentlich bei Leipzig den Kaiser
Napoleon geschlagen habe.
    Der Kriegsgefangene verschlief Paunsdorf, wo die Sachsen zur guten Sache
übertraten, und befand sich in Leipzig, wo die Polizei, aufgeklärt durch die
Verlagsartikel einiger hundert Buchhändlerfirmen und tolerant gemacht durch das
dreimal im Jahre wiederkehrende Mess-Völkergewimmel, ihn zum erstenmal seit
seiner Ankunft auf dem Territorium des Deutschen Bundes ungeschoren liess und
über die Unzukömmlichkeit seiner Angaben im Fremdenbuch hinwegsah. Wir sind ihr
sehr dankbar dafür, denn sie hat uns dadurch einen Ruhepunkt verschafft, von
welchem aus wir die fernern Erlebnisse und Abenteuer unseres interessanten
Fremdlings durch einige wenige erklärende Worte einleiten können.
    Auf unserer wenn auch nicht langen, so doch unzweifelhaft ungemein
verdienstvollen literarischen Laufbahn haben wir uns arg und viel geplagt,
verkannte Charaktere, allerlei Spiegel der Tugend und der guten Sitte,
abschreckende Beispiele des Trotzes, des Eigensinns und der Unart, lehrreiche,
liebliche Exempel aus der Geschichte und aus der Naturgeschichte, sei es in
alten oder neuen Dokumenten, sei es in den Gassen oder den Gemächern, auf dem
Hausboden oder im Keller, in der Kirche oder in der Kneipe, im Walde oder im
Felde, aufzustöbern und sie nach bestem Vermögen abgestäubt, gewaschen und
gekämmt in das rechte Licht zu stellen. Da ist uns seit dem Jahre
achtzehnhundertvierundfünfzig mancher Schweisstropfen entfallen und manche
Dummheit entfahren. Hier waren wir zu breit, dort zu flach, hier zu flüchtig,
dort zu reflexiv, hier zu hoch, dort zu tief. Hier waren wir affektiert, dort
manieriert, hier zu sentimental, dort zu trivial, hier zu transzendental, dort
zu real, und unser einziger Trost bleibt nur, dass wir überall und immer zu
bescheiden gewesen sind.
    Seien wir letzteres heute einmal nicht, sondern rühmen wir uns nach unserm
Verdienste!
    Wieder liegt ein recht maulwurfsartiges Suchen und Wühlen hinter uns, und
vor uns liegen die Materialien der sehr wahrhaften Begebenheiten, deren
Zusammenstellung wir jetzt unternehmen. Mit dem unbedingtesten Vertrauen auf die
Teilnahme und Anerkennung der Leser werfen wir unsern Hügel auf: »Allerseits
schönsten guten Morgen!«
    Ah, welch ein Vergnügen, wieder einmal die Nase aus der Tiefe emporzurecken!
In welcher Pracht und Herrlichkeit steht der Garten der deutschen Literatur! Wie
blitzt der Tau aus den Augen des gefühlvollen Publikums an jeder schönen Blüte,
wie jubilieren die lyrischen Lerchen in der blauen Luft, wie jauchzt der
Kuckuck, wie freut sich der humoristische Frosch aus dem Grunde seines
gesprenkelten Bauches!
    Wahrlich, es ist eine Lust, sich noch lebendig zu fühlen in seiner Haut und
in seiner Nation; aber wie haben wir auch gesucht und gewühlt! Man gebe uns das
uns von Rechts wegen gebührende Lob und gebe es uns um so willfähriger, als wir
doch wieder eingestehen, dass alles menschliche Wissen und Wollen nur Stückwerk
sei: unsere über alle Begriffe reichhaltigen Materialien sind lange nicht so
vollständig, wie wir es im Interesse der Nachwelt wünschen möchten. Verschiedene
alte Tanten und Basen haben in keiner Weise bewogen werden können, ihre
Schränke, Kommoden und Strickbeutel zu öffnen; die wichtigsten Papiere sind auf
eine schmähliche Art zugrunde gegangen, und mehr als eine löbliche Verwaltungs-
oder Justizbehörde mehr als eines hochlöblichen deutschen Bundesstaates hat es
schroff von der Hand gewiesen, uns einen Blick in ihre Archive zu gestatten.
    Wir waren auf Vermutungen angewiesen, wo wir Gewissheit wünschten, und unsere
Phantasie fand häufig einen viel weiteren Spielraum als unser Verstand oder das,
was wir unsere Vernunft zu nennen belieben.
    Wir nehmen unser Lob scheffelweise und löffelweise; - wir haben das
möglichste geleistet in bezug auf Wahrheit, Ernst und Unparteilichkeit; wir
haben uns weder durch den Geschmack des Tages noch durch die glückliche
Leichtigkeit unseres literarischen Handwerks zu Ausschreitungen verführen
lassen. In jeder Beziehung haben wir uns bestrebt, dem grossen Vorwurf
nachzuwachsen, und weder häusliches noch öffentliches Ungemach haben uns je
länger als eine Erdumdrehung in unserm Vorwärtsschreiten aufgehalten; ja wir
haben sogar jede schlaflose Nacht für einen Segen erachtet; denn sie beförderte
uns gewöhnlich wenigstens einen Schritt weiter auf unserm hohen Pfade. Niemals
aber wurde auch ein schwierigeres, verantwortungsvolleres Werk von uns
unternommen als diese Geschichte der Heimkehr
                             Leonhard Hagebuchers.
Und sie war um so schwieriger, je leichter sie im Anfange erschien!
    Es war recht angenehm, einen Helden frisch, fromm und frei aus dem
allerunbekanntesten, allerinnersten Afrika in Triest landen zu lassen. Man hätte
glorreich lügen können, ohne die mindeste Gefahr zu laufen, dessen überführt zu
werden, und wir hatten uns entschlossen, es zu tun. Was alles hätten wir mit
unserer bekannten Gefälligkeit über den Gorilla, die Tsetsefliege, den Tsadsee,
den Sambesi und dergleichen Kuriositäten sagen können! Überall hatten wir es mit
Dingen zu tun, von welchen jedermann etwas gehört hat, ohne jedoch etwas
Genaueres darüber zu wissen.
    Wie gesagt, nachdem unser literarisches Schicksal uns die Gunst hatte zuteil
werden lassen, die Bekanntschaft unseres Freundes Hagebucher zu machen, waren
wir anfangs fest davon überzeugt, dass eine solche Art, ihn nach seiner langen
Abwesenheit der erstaunten europäischen Welt von neuem bekannt zu machen, die
einzig richtige sei, und unser entzücktes Herz schlug und flatterte wie ein
betrunkener Schmetterling über den tausend Blumen des Mondgebirges - Dschebel al
Komri.
    Wie jedoch auf jeden Rausch binnen kurzem die Ernüchterung folgt, so trat
dieselbe auch sehr bald nach dieser ersten gehobensüssen schriftstellerischen
Betäubung ein. Je bekannter wir mit dem vielgewanderten trefflichen Manne
wurden, desto mehr griff in unserer Seele die Gewissheit Platz, dass er seine
mannigfaltigsten, buntesten, gefahrvollsten, geheimnisvollsten Abenteuer nicht
in Ägypten, Nubien, Abyssinien und im Königreich Dar-Fur erlebte, sondern da, wo
aus alter Gewohnheit der mytische Name Deutschland auf der Landkarte
geschrieben steht, da, wo das biederste Volk der Erde seit uralter Zeit Treu und
Redlichkeit übt und, seit es aus dem Urschlamm entstand, seinen Regierungen
nicht ein einziges Mal einen gerechten Grund zur Klage gegeben hat.
    So wurde eine grosse Aufgabe durch die andere verdrängt; es handelte sich
nicht mehr um Ätiopien, sondern um Germanien, nicht mehr um Nymphaea lotus,
sondern um Herba nicotiana, nicht mehr um unsträfliche Lieblinge der Götter,
sondern um arg und oft gestrafte Sündenböcke der Menschen. Der Schmetterling vom
Mondgebirge wurde wieder zu einem gewöhnlichen, weissgelben Buttervogel, der sein
kurzes Sommerleben über einer angenehmen deutschen Wiese austummelt, ruhig seine
Eier legt und der Vater einer entsetzlichen Menge sehr grüner und dickleibiger
Raupen wird, was man dann in bestimmten Fällen Romane schreiben nennt.
    Wir befinden uns aber ausnahmsweise diesmal nicht in einem solchen Falle;
wir schreiben etwas ganz anderes als einen Roman und sind fest überzeugt, dass
niemals ein Biograph Lebendiger oder Toter mit tieferer Würdigung eines grossen
Gegenstandes die Feder ergriffen hat, durch welche Bemerkung wir noch dazu
abermals unsere Berechtigung manifestieren, uns im Gastofe zum Palmbaum in
Leipzig nach dem Fremdling, der hoffentlich binnen kurzem recht vielen
anständigen Leuten ein sehr guter Bekannter sein wird, umzusehen.
    Aller Anfang ist schwer, sagt das Sprichwort und trifft hier durchaus nicht
zu. Es war nichts leichter, als den Kriegsgefangenen des Sultans von Dar-Fur vom
Molo zu Triest bis in den Palmbaum zu Leipzig zu verfolgen und ihn daselbst samt
seiner afrikanischen Kiste im Zimmer Nummer einundachtzig zu deponieren. Wo
blieben aber Mann und Kiste nachher?
    Gleich den Juden in der Wüste, welchen Jehova die ihrem Zuge voranwandelnde
Feuersäule im nicht unbegründeten Ärger vor der Nase ausbläst, gleich dem
liebenden Gemüt, welches beim Mondaufgang in der Jasminlaube einen Kuss erwartete
und eine Ohrfeige erhält, gleich der deutschen Nation in allen den Augenblicken,
wo ihr ein Licht aufgeht, stehen wir sehr verdutzt und im dicksten Nebel.
    Leipzig ist eine schöne Stadt und, wenn wir dem Volksliede glauben wollen,
sogar eine Seestadt. In seiner nächsten Umgebung pflegen, wie wir bereits leise
berührt haben, seit längerer Zeit die Völkerschlachten stattzufinden, und dass
seine Messen und sein Buchhandel zu den europäischen Berühmteiten gehören,
haben wir auch schon angegeben. Leipzig ist die Stadt der Denkmäler, und es ist
ein grosser Vorzug, daselbst zu einem Monument berechtigt zu sein - Hagebucher
aber war es nicht. Hagebucher kam nicht als Anführer von hunderttausend Mann
Mongolen, Schweden oder Franzosen; er kam nicht als Verleger oder Sortimenter,
er kam nicht als Händler in Leder oder Fuchspelzen, es gelüstete ihn nicht nach
den von Dichtern und Feinschmeckern gleich geachteten Lerchen - was wollte er in
Leipzig?
    Er hatte weder mit der »Allgemeinen Modenzeitung« noch mit den »Blättern für
literarische Unterhaltung« irgend etwas zu schaffen - was wollte er in Leipzig?
    Ja, was wollte er in Leipzig? Unsäglich haben wir uns abgemüht, es
herauszubekommen, und als alle unsere Nachforschungen nur zu der einen
Vermutung, er wolle ausschlafen, leiteten, erhoben wir uns jauchzend: was für
einen frischen, muntern, helläugigen Helden konnten wir unsern Lesern vorführen!
Leider aber verlor sich schon im nächsten Augenblick jegliche Spur von
ebendiesem Helden; wir standen, wie gesagt, verwirrt und verdutzt und tappten im
dicksten Nebel umher. Wir verfolgten eine dunkle Spur über den Augustusplatz,
durch die Grimmaische Strasse, aber sie führte hinab in die Eingeweide der Erde,
und wenn auch nicht zu den »Müttern«, so doch in Auerbachs Keller, wo sie sich
verlor. Eine zweite, noch vagere Spur brachte uns durch das Frankfurter Tor an
der grossen Funkenburg vorüber nach dem Kuhturme und liess uns daselbst in einem
Kampf auf Leben und Tod mit dem furchtbaren Getränke »Gose« auf das
schmählichste im Stich. Auch in einem Kuchengarten zu Reudnitz opferten wir uns
für das allgemeine literarische Beste ohne Resultat, und ein unbestimmtes
Gerücht, welches den abenteuerlichen Mann aus Afrika, den Kriegsgefangenen des
Herrschers von Dar-Fur, im Knoblauchsduft und Mückentanz des Rosentals, auf
einer Bank in der Nähe von Gohlis gähnend sein Reisetagebuch vervollständigen
lässt, wird ewig ein Gerücht bleiben; denn niemals wurde uns die Existenz dieses
Reisetagebuches zu einer Gewissheit.
 
                                Zweites Kapitel
Und die Erde drehte wieder einmal ihre Ostseite der Sonne zu; die letztere ging
dem, was die Menschen die Alte Welt nennen, auf, und wurde es denn auf diesem
nicht mehr ganz ungewöhnlichen Wege gottlob auch in Europa von neuem Tag. Mit
der östlichen Halbkugel aber drehte sich das Städtchen Nippenburg, welches
jedenfalls recht anerkennenswert war; denn wie jedes deutsche Gemeinwesen hielt
es etwas auf seine Selbständigkeit und wusste sich sonst mit Hartnäckigkeit auf
seiner Stelle, im alten Recht und Unrecht, zu behaupten.
    Der Nonnenberg sank nach dem Orient hinüber, die Sonne blickte von seinem
abgeplatteten Gipfel in den germanischen Frühling, und jeder Vogel, welcher
schon stundenlang vom Lichte gesungen hatte, konnte sich nunmehr beruhigter an
sein munteres Tagewerk begeben. Dass auch die Menschheit sich sofort an ihr
Tagewerk begab, braucht in Ansehung der unendlichen Lust an der Tätigkeit,
welche in ihr steckt, nicht erst gesagt zu werden; aber wichtig ist es, zu
wissen, dass auch das Dorf Bumsdorf, zweiundeinenhalben Büchsenschuss westlich von
der Stadt Nippenburg gelegen, sich von der allgemeinen Bewegung nicht ausschloss.
Es war ebenfalls ein Vogelnest im Grün, dieses Dorf Bumsdorf, aber weniger voll
zwitschernder Melodien als voll Gebrumm und Gegrunz, Geschnarr und Geknarr,
Gequiek und Gequak, Gefluch und Gepfeif, Gezeter und Gejodel, und die Sonne
beschien heiter die Kirche, das Pfarrhaus, den Gutshof, das Wirtshaus und den
Mühlenteich, die Wohnungen der Vollspänner, Halbspänner, Brinksitzer, Kotsassen,
Häuslinge und Anbauer und das Haus des pensionierten Steuerinspektors
Hagebucher, eines Mannes, der seiner wohlverdienten Ruhe in ländlich sittlicher
Abgeschiedenheit, jedoch nicht gar zu entfernt von den Annehmlichkeiten des
städtischen Lebens, genoss. Der Storch klapperte auf dem Dache des
Steuerinspektors, die Schwalbe bewohnte ungestört ihr Nest an seinen Mauern: den
frommen Tauben war alle Gelegenheit zu einer wünschenswerten Vermehrung geboten:
über der Pforte stand der biblische Spruch : Gesegnet sei dein Eingang und
Ausgang - und hinter der Tür stand der dicke Knüppel für unverschämte
Bettelleute, Handwerksgesellen und fremde Hunde; denn das Haus des
Steuerinspektors war dicht an der Landstrasse gelegen, und seine Küchenfenster
waren nur durch einen Graben von derselben getrennt. Die Front des Hauses
bildete mit der Nippenburger Landstrasse einen rechten Winkel, und auf drei
Seiten war es von einem nicht allzu grossen, aber wohlgepflegten Garten mit
Gemüsefeldern, Blumenbeeten, Grasplätzen, Obstbäumen und drei Lauben umgeben.
Lebendige Hecken und stellenweise ein hölzernes Gitter zogen die Grenzen gegen
die übrige Welt.
    Das Licht aus dem Fenster des Wohnzimmers im untern Stockwerk der
Vorderseite und das Herdfeuer aus den Küchenfenstern der rechten Nebenseite
warfen im Sommer wie im Winter einen gleich behaglichen Schein in die
Abenddämmerung oder die schwarze Nacht. Der Dampf des Schornsteins war so
appetitlich wie irgendein Opferrauch, der je zu der unsterblichen Nase Jehovas,
Jupiters oder des Gottes der spanischen Inquisition emporstieg, von welchen
letztern kirchlich-kulinarischen Darbietungen sich, beiläufig gesagt, die schöne
Redensart herschreibt, dass jemand den Braten rieche. Tausende und aber Tausende
von müden Wanderern, die auf der Landstrasse an dem Hause des Steuerinspektors
vorübergezogen waren, hatten den Mann beneidet, während der Winterabend düsterer
herabsank und die Schneewolken tiefer sich zur Erde senkten; wir aber beneiden
ihn an diesem Frühlingsmorgen, welcher auf die Heimkehr seines Sohnes Leonhard
folgte.
    Hund und Katze sonnten sich auf der Steinbank vor dem Hause des
Steuerinspektors, und der Steuerinspektor selbst rauchte nachdenklich seine
Morgenpfeife auf dem mit feinem Sand bestreuten Platze zwischen seiner Tür und
seinen Rosenstöcken. Die Steuerinspektorin hielt die Hand über die Augen, um
nicht von der Sonne geblendet zu werden, und sah nach den Fenstern des obern
Stockwerks hinauf. Fräulein Lina Hagebucher aber sass im Innern des Hauses auf
der Treppe, hielt die Hände im Schosse gefaltet, still wie ein Mäuschen, und
bewegte in ihrem Herzchen alle Wunder, die sich seit gestern abend an ihr und
dem Hause ihrer Eltern erfüllt hatten. Es ist keine Kleinigkeit, wenn ein
Bruder, den man im Dienste des Vizekönigs von Ägypten gegen die Nubier gefallen
glaubt, von dem man aus frühesten Kindheitsjahren her nur noch eine sehr dunkle
Erinnerung hat und der allmählich in der Phantasie zu einem sehr romantischen,
märchenhaften Wesen geworden ist, plötzlich auf der Landstrasse von Nippenburg
heranwandelt und, schlimmer von Aussehen als ein Zigeuner, über die Hecke in die
Geissblattlaube guckt, nach dem Papa und der Mama fragt und dann entsetzlich
nervös wird, unter lautem Schluchzen sein Inkognito fallenlässt und Lina beim
Halse nimmt und sie abküsst, wie es ihr noch nie passierte.
    So war es geschehen, und Nikola von Einstein, das Ehrenfräulein aus der
Residenz, welches sich auf dem Gutshofe zum Besuche oder, wie es sagte, »auf
Urlaub« befand, und Sophie und Minchen, die beiden Bumsdorfer Ritterfräulein,
konnten es bezeugen, denn sie waren alle drei bei dem Vorgange zugegen und
schrien sämtlich mit um Hülfe. Der Papa und die Mama waren im höchsten Schrecken
aus dem Hause hervorgestürzt, und Fräulein Nikola schrieb an demselben Abend
noch die ganze Geschichte ausführlich, ihre eigenen Gefühle und die aller andern
recht anschaulich schildernd, nach der Residenz; - sie langweilte sich ein klein
wenig bei ihrer Milch- und Molkenkur zu Bumsdorf und hatte jetzt zum erstenmal
daselbst etwas erlebt, was des Berichtens wert war.
    Du kleines, flatterndes Herz auf der Treppe, nicht wahr, das war eine
schlaflose Nacht? Hinter der dünnen Wand schluchzte die Mutter, und der Vater
lief auf und ab bis zum ersten Hahnenschrei, und du, du weintest und lachtest
durcheinander und schwebtest in dem Mirakel von Mondenaufgang bis
Mondenuntergang, um dann einen kurzen, unruhigen, ängstlichen Traum davon zu
träumen. Nun war es Morgen, die Sonne war aufgegangen, man brauchte sich nicht
mehr an der Nase zu zupfen, um sich zu vergewissern, dass man wach sei und seine
fünf Sinne sämtlich beieinander habe: die Geschichte, welche Nikola nach der
Residenz schrieb, war zweifellos wahr; die wilden Mohren hatten den Bruder
Leonhard nicht erschlagen - er war heimgekehrt und schlief in der blauen Stube.
Die Welt und die Zeit hatten mit einem Schlage sich geändert: nicht das Kleinste
erschien mehr so, wie es gestern gewesen war; jeder Ton, jeder Schimmer und
Schein hatten eine andere Bedeutung, und doch, wenn Baum und Busch, der Garten
und das Feld über Nacht den grünen Rock aus- und einen blauen angezogen hätten,
so wäre das durchaus von keiner Bedeutung und ganz und gar nicht merkwürdig
gewesen.
    »Es ist in der Tat eine merkwürdige Geschichte«, sprach aber der Vater
Hagebucher, zum dreizehntenmal seine Pfeife in Brand setzend. »Man gibt sich
alle Mühe, das Faktum mit Überlegung und Fassung zu behandeln: allein es will
nicht gelingen. Mutter, nimm dich zusammen und halte den Kopf oben: sei
vernünftig und wirf einem das Rechenexempel nicht noch mehr durcheinander -
heule nicht, Alte, dazu ist doch wahrhaftig kein Grund - der Junge ist wieder
da, das ist jedenfalls ein Trost, den wir fürs erste sicher ins Haben schreiben
können, das Weitere muss sich ja wohl allmählich finden.«
    »Mein Kind, mein Kind, mein armes Kind!« schluchzte die Mutter. »Wie habe
ich mich um ihn gehärmt, und wie sieht er aus! Mein Kind ein Sklave - zwischen
einem Ochsen und einem Kamel an einen Pflug gespannt! Und zehn Jahre lang nichts
zu essen als saure Elefantenmilch und spanischen Pfeffer. O mein verlorenes
Kind, mein Leonhard! Mein Kind, ein schwarzer Sklav, ich fasse es nicht, ich
fasse es nicht! Und dass wir ihn wiederhaben, dass er oben in seinem Bett liegt,
dass wir hier mit dem Kaffee auf ihn warten, das kann ich, Gott mag es mir
verzeihen, noch weniger fassen.«
    »Konfus müsste es den Besten machen: na, nur Ruhe, Ruhe; was hilft das
Gezappel, es kommt alles zu einem Fazit«, brummte der Steuerinspektor. »Addieren
und subtrahieren können ist zuletzt doch die Hauptsache, und die Kunst hat noch
keinen Menschen im Stich gelassen, man muss sie nur richtig anzuwenden wissen.
Guten Morgen, Herr von Bumsdorf - jawohl, es ist so - wir haben ihn wieder - er
ist heimgekommen.«
    »Gratuliere, gratuliere von Herzen!« rief der Ritter, sich halben Leibes
über den Zaun lehnend. »Aber sagen Sie, Inspektor, trägt er denn wirklich einen
Ring in der Nase?«
    »Gottlob, das doch nicht!« rief die Mutter entrüstet. »Schlimm genug ist's
mit dem armen Kinde, aber einen solchen Jammer hat uns doch der Herr gnädig
erspart.«
    »Das Frauenzimmer aus der Residenz lügt wie gedruckt und verdirbt mir meine
Mädchen dazu in Grund und Boden«, sprach der Herr vom Hofe. »Ich bitte ganz
gehorsamst um Verzeihung, Frau Inspektorin - also ist die Geschichte von der
grünen und gelben Tatauierung natürlich -«
    »Auch erlogen!« schloss die Mama. »Schicken Sie mir nur Fräulein Nikola, Herr
von Bumsdorf; ich werde ihr meine Meinung sagen. Das arme Kind, als ob es nicht
schon genug unter den Mohren und Heiden erduldet hätte.«
    »Die ganze Gegend auf sechs Meilen in der Runde schlägt einen Purzelbaum
über diese Geschichte!« rief jetzt der Ritter von Bumsdorf im hellen
Entusiasmus. »So etwas ist ja noch gar nicht dagewesen; kein Mensch hat es für
möglich gehalten, das geht über alle Zeitungsblätter und Romangeschichten von
Eduard und Kunigunde, über den Gehörnten Siegfried, die Gartenlaube und den
ganzen Alexander Dumas. Hagebucher, alter Freund, Sie sind ein glücklicher
Patron, und wenn es Ihnen ansteht, so vertausche ich auf der Stelle meinen
Leutnant gegen Ihren Afrikaner.«
    »Wir haben beide in dieser Hinsicht das Fazit noch nicht gezogen, Herr von
Bumsdorf«, sagte der Steuerinspektor. »Dass der Junge aber wieder da ist, ist
freilich ein gutes Ding, schon der Alten wegen. Wir haben böse Nächte durchlebt
diese Jahre durch; aber wer kann sagen, was wir anjetzo zurückempfangen haben?
Nun, wir wollen den angenehmen Morgen dankbarlichst geniessen; es ist gewisslich
eine grosse Freude, wenn auch eine grosse Verwirrung, eine merkwürdige Konfusion.
Da gehen alle vier Spezies durcheinander, dass es einem vor den Augen schwimmt;
wenn das Exempel Kopf und Fuss haben wird, so wollen wir weiter davon sprechen.«
    »Es ist wahr«, sprach der Ritter, »man weiss niemals, wie Petz nach Hause
kommt. Mein Leutnant hat mir auch häufig genug das Gaudium am Wiedersehen
raffiniert verdorben. Na, man wird ja schon sehen, was man erleben soll,
Inspektor: - jedenfalls wünsche ich immer wieder aus vollem Herzen Glück, und
ich denke, es weiss ein jeder, wie ich es meine.«
    »Ja, das wissen wir«, sagte die Mutter Leonhards, und dann ging der Ritter
von Bumsdorf, seine Roggenfelder zu besehen, und überliess die Familie Hagebucher
ihrer Aufregung und zitternden Unruhe. Der Steuerinspektor gab es auf, seine
Pfeife im Brande zu erhalten, er setzte sie fort und trug seine »Irritation« zu
seinen Spargelbeeten, die Mutter trug ihr klopfendes Herz in das Haus, und Lina
machte ihr neben sich Platz auf der Treppenstufe, und beide waren überzeugt, nie
in ihrem Leben auf solche Weise gehorcht und so viel, so viel
durcheinandergebracht zu haben. Wir aber, indem wir den seltsamen Wanderer,
dessen Spur wir in Leipzig verloren und den wir in Bumsdorf wiedergefunden
haben, um dieses Lauschen und Gedankenspiel auf der Treppe sehr beneiden, wenden
uns zu ihm selber.
    Er lag selbstverständlich noch im Bette, und man braucht eben nicht
gleichfalls aus der Gefangenschaft im Tumurkielande zurückgekehrt zu sein, um
sich mit Genauigkeit in seine Gefühle und Stimmungen versetzen zu können.
Epimenides, die sieben Brüder von Ephesus, welche unter der Regierung des
Kaisers Decius in die Höhle gingen und unter der Regierung des Kaisers
Teodosius, einhundertfünfundfünfzig Jahre später, wieder herauskamen, und
zuletzt Meister Rip van Winkle haben uns längst befähigt, ihm in allen seinen
Empfindungen gerecht zu werden.
    Er lag auf dem Rücken und hatte beide Hände unter den Hinterkopf geschoben;
er schnarchte, und Mutter und Schwester hörten ihn schnarchen. Jetzt zuckte er,
wie von einem elektrischen Funken getroffen, und fuhr jählings empor,
meinungslos, halb erschreckt um sich her starrend - mit einem Seufzer sank er
zurück und sah zweifelnd, ohne sich zu bewegen, auf den von der Sonne
durchstrahlten Fenstervorhang. Eine Ahnung ging ihm auf, wo er sich befinde, und
allmählich, ganz allmählich wurde diese Ahnung zur sichersten Gewissheit, und die
Furcht, den Dämonen der Nacht wieder einmal zum Spielzeug gedient zu haben,
verschwand nach und nach; die Lippen zitterten, und es ging etwas über das
verwilderte Gesicht, über die benarbte Stirn, was nichts mehr mit dem Königreich
Dar-Fur zu tun hatte. Leonhard Hagebucher hatte sich aufgerichtet und horchte
und rief dann:
    »Mein Gott, da sind ja wieder einmal die Erdflöhe dem Alten über das junge
Gemüse geraten! Mein Gott, mein Gott!«
    Und dann sank er wieder zurück und legte beide Hände auf das geschwärzte
Gesicht, und dann - dann hat er geweint, trotzdem dass er ein starker Mann und
nahe an sechs Fuss hoch war und mehr erlebt hatte als das ganze Dorf Bumsdorf und
die Stadt Nippenburg dazu.
    Gestern waren es Abu Telfan, die schwarzen Freunde mit der Peitsche aus der
Haut des Rhinozeros, Moskitos, Riesenschlangen, Kopfabhacken, Bauchaufschneiden,
Sumpffieber, Affen- und Gallaneger-Braten. Heute hiess es Bumsdorf, Elternhaus,
deutsches Kaffeebrennen, deutscher Westwind - Spatzen Schlafrock und Pantoffeln,
das war der Unterschied!
    Draussen auf der Treppe flüsterte Lina:
    »Horch, Mama, er regt sich, er ist erwacht!«
    Und beide dumme Dinger erhoben sich schwindelnd und kratzten an der
Kammertüre und riefen zwischen Lachen und Weinen: »Guten Morgen, Leonhard!« Und
Leonhard rief etwas ganz Ähnliches zurück, hinzufügend, dass er in fünf Minuten
bei ihnen sein werde. Darauf war es, als sei in dieser verflossenen Nacht ein
neues Volkslied in einem der Schwalbennester unter dem Dachrande geboren worden
und nehme jetzt seinen Flug in die Welt hinaus - es war aber nur Fräulein Lina
Hagebucher, welche singend die Treppe hinunter- und hinaus in den Garten sprang
und ihren Vater an den Schössen seines Schlafrocks aus seinen Erbsenfeldern
hervorzog.
    »Er wird sogleich kommen, er wird sogleich hier sein!«
    »Schön!« sprach der Alte, die Brille zurechtrückend. »Es soll mich wundern,
wie er bei Tageslicht aussieht; gestern in der Abenddämmerung und beim
Lampenschein - nun, wir wollen sehen.«
    »Das wollen wir, Papa!« rief Lina und richtete sich mit glänzenden Augen
empor.
    »Erwacht, erwacht, erwacht!« rief Leonhard, seine Mutter unter der Haustür
in die Arme schliessend und sie küssend, grade unter dem alten wackern Worte:
Gesegnet sei dein Eingang und dein Ausgang.
 
                                Drittes Kapitel
Meilenweit ins deutsche Land hinein stellte sich die Umgebung von Bumsdorf auf
die Zehen, um gleich dem Freiherrn von Bumsdorf über die Hecken in den Garten
des Steuerinspektors Hagebucher zu gucken. Natürlich wurde der kuriose Fall auf
die verschiedenste Weise angesehen; denn je nach Alter, Geschlecht und Stand ist
der Gesichtspunkt des Menschen ein anderer, und man schlägt nicht auf eine und
dieselbe Art die Hände über dem Kopfe zusammen. Zu den seltsamsten Münzen wurde
das Ding ausgeprägt und in Umlauf gesetzt. In den Gerichtsstuben und in den
Wochenstuben, auf dem Markte und in den Gassen, in der Wirtsstube und in dem
langen Trauerzuge, welcher dem soeben verstorbenen, uns jedoch sonst weiter
nicht interessierenden Nippenburger das Geleit zum Kirchhof gab, wurde von dem
Mann aus dem Tumurkielande gesprochen. Unsere Aufgabe aber ist es, vor allen
Dingen Herrn Leonhard Hagebucher selbst zu hören und dann erst der Welt das Wort
zu geben und den behaglichen oder unbehaglichen Eindruck ihrer Meinung auf den
heimgekehrten Abenteurer in Betracht zu ziehen.
    Also sprach Leonhard Hagebucher zu seinen Eltern und seiner Schwester und
»tat bedeutend den Mund auf«, wie es in »Hermann und Dorotea« geschrieben
steht, wobei jedoch noch zu bemerken ist, dass die Erzählung nicht ununterbrochen
fortlief, sondern, durch alles, was naturgemäss einen solchen Bericht verzögern
und von der graden Strasse abdrängen muss, aufgehalten, nach altem Recht des
Zuhörers und des Erzählers selbst im hüpfenden Zickzack vorschritt und sich
durch Tage und Wochen ringelnd hinschleppte.
    »Selten mag wohl einem Menschen eine so günstige Gelegenheit, über seine
Sünden und Laster nachzudenken und sie zu bereuen, gegeben werden, wie sie mir,
ganz und gar gegen meinen Willen, zuteil geworden ist, und da ihr mich wieder in
eurer Mitte aufgenommen habt, ohne die alten Zerwürfnisse von neuem
aufzufrischen, so will auch ich so wenig als möglich Worte über das verlieren,
was ihr beiden Alten zur Genüge kennt und was das Schwesterlein gottlob nicht
weiter kränkt. Ein relegierter Studiosus der Teologie konnte wahrlich kein Mann
für den lieben Papa sein, und auch ich habe heute nichts mehr dazu zu sagen und
werde jetzt gewiss keine Untersuchung mehr anstellen, ob jenem Schläger, welcher
diese Schmarre hier über die Nase und jenen Strich durch alle Hoffnungen,
Erwartungen, Voraussetzungen der Familie Hagebucher in betreff meiner
leichtsinnigen Individualität zog, in irgendeiner anständigen Weise ausgewichen
werden konnte. Ich weiss nicht, welche Fee von der Mama nicht zu meiner Taufe
eingeladen wurde, aber das weiss ich, dass sie mich diesen Verstoss gegen die
Höflichkeit und den allgemeinen Anstand schwer hat büssen lassen. Ich bin in
einen Schlaf gefallen wie die Prinzess Dornröschen, aber es war ein Schlaf voll
sehr unangenehmer, ärgerlicher Träume, und durch einen Kuss wurde ich auch nicht
geweckt. Es liegt ein Dasein, welches nicht zu beschreiben ist, zwischen der
heutigen Stunde und dem Jahre achtzehnhundertfünfundvierzig. Es ist etwas gleich
der Wirkung eines Schlages vor die Stirn; oder noch besser - die Brigg
scheiterte, und zerschunden und zerschlagen richte ich mich am Strande auf mit
einem dumpfen Bewusstsein von der Brandung, einem Umhergreifen nach Masttrümmern
und Planken, einem Ritte auf einer leeren Wassertonne und dergleichen halb
unwillkürlichem Kampf mit der Gewalt und Macht des Ozeans. Ich habe eine unklare
Erinnerung, dass ich meine Fähigkeiten in Hinsicht auf die matematischen
Wissenschaften und neuern Sprachen in den Zeitungen dem Publikum rühmte, dass ich
den Versuch machte, als Lehrer einer Privaterziehungsanstalt mein Schicksal zu
erfüllen, dass ich als Poet mich in Gelegenheitsgedichten und Wichseannoncen
versuchte, jedoch weder durch das eine noch das andere den Lorbeer weder zu noch
in der Suppe erhielt. Aus Italien habe ich mehrfach nach Bumsdorf geschrieben
und Nachricht über meine Zustände gegeben. Ich war Kommissionär eines grossen
Hotels in Venedig, ich war Kammerdiener einer belgischen Eminenz in Rom, und in
Neapel lebte ich nach der Gelegenheit des Ortes harmlos, behaglich, frei, ein
Lazzarone und ein Gentleman, und habe es dem Fatum kaum Dank zu wissen, als es
mich dieser paradiesischen Existenz entriss und mich Hals über Kopf in die
verfängliche Weltfrage der Durchstechung der Landenge von Suez warf. Wenn ich,
wie leider nicht geleugnet werden kann, ein ziemlich unreputierlicher,
vagabondenhafter Gesell gewesen war, so gab mir nunmehr der Zufall Gelegenheit,
meinen lieben Eltern und dem, was unsereiner hier in Deutschland sein Vaterland
nennt, alle Ehre zu machen. Als Sekretär des Sekretärs des Monsieur Linant-Bei,
Oberingenieurs Seiner Hoheit des Vizekönigs von Ägypten, welcher damals, das
heisst im Jahre achtzehnhundertsiebenundvierzig, im Kontraktverhältnisse mit
Seiner Majestät dem König der Franzosen untersuchen liess, ob in der Tat das Rote
Meer dreissig Fuss höher liege als das Mittelländische, hatte ich das Vergnügen,
das Interesse meiner vierzig Millionen Landsleute in dieser Frage würdig
vertreten zu können. Die Engländer und Franzosen schickten Fregatten, Diplomaten
und Rudel von Gelehrten, der deutsche Genius sandte mich, was jedenfalls in alle
Ewigkeit ein glänzender Ruhm für Nippenburg und Bumsdorf bleiben wird.
Schwindel! grunzte John Bull, welchem wenig oder nichts an dem Graben gelegen
ist. Weltistorische Idee! kreischte Robert Macaire, dem bekanntlich die mer
méditerranée von der Vorsehung zum Eigentum und Waschbecken überwiesen wurde;
und die Nivellementsexpedition unter den Herren Linant-Bei und Bourdaloue begab
sich mit Eifer ans Werk, um die Engländer ad absurdum zu führen. Im Interesse
der deutschen Bundesstadt Triest, des gesunden Menschenverstandes und meiner
eigenen Stellung schlug ich mich natürlich auf die Seite Frankreichs und des
Mameluckenzivilisateurs Mehemed Ali. Recht vergnüglich richteten wir uns im
Sande zwischen Pelusium und Suez ein, trabten mit Messketten und Stangen, mit
Diopterlinealen, Quadranten, Sextanten und Bussolen hin und her, rechneten und
massen, dass uns der Kopf schwitzte, und wechselten ebenso häufig unsere Haut als
unser Hemd unter dem Einflusse dieser wohlmeinenden ägyptischen Sonne.
Dazwischen redigierten wir Zeitungsartikel für alle möglichen europäischen und
aussereuropäischen Blätter, um nicht nur den Kanal, sondern auch die öffentliche
Meinung in das rechte Bett zu leiten; und da es mir gegeben wurde, dass ich in
mancherlei Zungen mich verständlich machen kann, so stieg ich allmählich sehr in
der Achtung meiner Arbeitsgeber, was ich übrigens damals pflichtgemäss nach
Bumsdorf gemeldet habe. Aber gegen das Ende des Jahres siebenundvierzig waren
unsere Untersuchungen leider schon beendet, und Monsieur Paulin Talabot, der
Präsident der Société d'Études du canal de Suez, welcher ruhig und bequem daheim
in Paris geblieben war, publizierte das Resultat zum grössten Ärger der Regierung
Ihrer Majestät der Königin Viktoria. Die alte zimperliche Exjungfer Europa sass
wieder beruhigt in der Oberzeugung, dass eine Durchgrabung der vielbesprochenen
Landenge ihr nicht jene von grossbritannischer Seite angedrohte Überschwemmung
bedeute; - John Bull fühlte sich sehr auf den Mund geschlagen, denn der Indische
Ozean drückte mit höchstens zwei Fuss Übergewicht auf das mittelländische
Gewässer, ja zur Zeit der tiefsten Ebbe steht sogar das Meer bei Tineh um
andertalb Pariser Fuss höher als die Wasser bei Suez. Der Kanal war zu einem
unabweisbaren Bedürfnis und ein Kontrakt mit Seiner ägyptischen Hoheit in
betreff der Lieferung von fünfzigtausend Fellahleben zu einer brennenden
Notwendigkeit geworden. Mit grossem Triumph waren die Mitglieder der
französischen Expedition auf ihrer Fregatte nach Marseille unter Segel gegangen,
und ich - war im Sande zwischen den Pyramiden, Ibissen, Krokodilen, Ichneumons
und spekulativen Fabrikunternehmungen Mehemed Alis sitzengeblieben. Ägypter und
Franken zuckten bedauernd die Achseln, als ich meine Talente zu fernern
Dienstleistungen empfahl. Man hatte mir vierhundert Franken aus der Kasse der
Expedition ausgezahlt, und so schlenderte ich ziemlich gemütlich in den Gassen
von Kairo umher, ruhig in der sichern Voraussetzung, dass mir im Falle der Not
eine Stelle als polyglotter Hausknecht in einem der grossen europäischen Hotels
nicht entgehen könne. Letztere Vorstellung würde für einen Nippenburger
Honoratioren wenig Verlockendes gehabt haben, für mich aber hatte die gegründete
Hoffnung, auf einem solchen Posten in nicht zu langer Zeit ein artiges Vermögen
zu machen, durchaus nichts Stinkendes: jedoch das Schicksal hatte es anders mit
mir im Sinn. Ich war eben nicht für Lehnstuhl, Schlafrock und Pantoffeln geboren
worden. Die Jahrtausende, welche nach einem bekannten Ausspruch von den
Pyramiden auf die Wüste herabblicken, konnten unmöglich einen ärgern Schuft
gesehen haben als den ausgezeichneten Signor Luca Mollo, genannt Semibecco, und
ich sollte die Ehre, die Bekanntschaft dieses berüchtigten Elfenbeinhändlers vom
Weissen Nil gemacht zu haben, teuer bezahlen. Ich weiss nicht, ob je ein anderes
Dichterwort so viele arme Teufel in den Sumpf geführt hat als jene klassische
Zeile: Nichts Menschlichem fremd! Die Leute, welche mit ihr das Leben zu
bezwingen gedenken, werden zu allen Zeiten erfahren, welchen Unannehmlichkeiten
sie sich durch dieselbe und in derselben aussetzen. Auch ich erfuhr es und
wünsche keinem Bumsdorfer den Genuss der Menschlichkeiten, mit welchen ich
vertraut geworden bin. Mit meinem Freunde Luca Mollo oder Semibecco und einem
Haufen des niederträchtigsten Lumpengesindels, über welches Allah regnen und die
Sonne scheinen liess, zog ich nach Chartum und von da weiter stromaufwärts gen
Kaka, wo wir gegen Anfang des Januar achtzehnhundertachtundvierzig eintrafen und
unsern Handel mit den Leuten des Landes, den Schilluks, anfingen, welche meinen
abenteuernden Genossen an Heillosigkeit kaum etwas nachgaben. Meine Ausrüstung
bestand in einer guten Doppelbüchse, nebst der dazugehörenden Munition, und
einem Kasten voll Nürnberger Hampelmänner, welche letztere auf einem
österreichischen Lloyddampfer in Alexandria gelandet waren. Ich muss leider
gestehen, dass ich in einem Jahre mehr Fetische in der Gegend zwischen dem Bahr
el-Abiad und dem Bahr el-Asrek verbreitete, als die deutschen und englischen
Missionäre in zehn Jahren abschaffen werden. Trotzdem aber, dass man mit uns
Handel und Wandel trieb und gegen Kuhglocken, Glasperlen, Rasierspiegel und
dergleichen Kostbarkeiten selbst das hergab, was der zivilisierte und
sentimentalere Mensch sein Liebstes nennt: so war unser Ruf doch nicht der
beste. Wir waren nach unsern Verdiensten bekannt von der Strasse Bab el-Mandeb
bis weit übers Sultanat Wadai hinaus, und kein germanischer Steckbrief konnte
uns schwärzer anstreichen, als wir bereits im Gedächtnis der Leute vom Nildelta
bis zum Mondgebirge angeschrieben standen. So war es denn auch durchaus nicht
verwunderlich, sondern einzig ein nur zu lange verschobener Akt der göttlichen
Gerechtigkeit, als unserer Expedition auf einem Streifzug gegen die Baggaraneger
durch einen nächtlichen Überfall plötzlich ein Ende gemacht wurde. Mit Lanzen
und Keulen und Messern kamen sie über uns, als wir es am wenigsten vermuteten,
um die Rechnung für dieses Mal zu quittieren, und sie bedurften keiner langen
Zeit zur Auszahlung des uns von Rechts wegen Gebührenden. Der grösste Teil meiner
Reisegesellschaft wurde auf der Stelle totgeschlagen, und nur ein kleiner Rest
wurde bis auf weiteres, ohne alle Rücksicht auf körperliche oder moralische
Gefühle, mit Stricken aus Aloe- und Palmbaumfasern geknebelt. Das Weitere kam
bald. Es zeigte sich, dass mein armer Freund Semibecco der bekannteste und
deshalb auch gehassteste unserer ganzen Bande war. Man spiesste ihn, und ich kann
nicht sagen, dass man ihm zuviel dadurch antat, wenn es gleich nicht angenehm
war, der Exekution und dem dreitägigen Todeskampfe des Unglücklichen zusehen zu
müssen. Die Aussicht, in gleicher Weise auf einem zugespitzten Pfahl der Sonne,
dem Durste und den Moskitos ausgesetzt zu werden, konnte auch mit dem nil humani
alienum a me puto in Verbindung gebracht werden. Glücklicherweise blieb ich
diesem Menschlichen jedoch fremd. Ich ging nur als ein Handelsartikel mit
variierendem Werte von Hand zu Hand, von Stamm zu Stamm, und wurde zuletzt im
Schatten Dschebel al Komris zu Abu Telfan im Tumurkielande einem meiner eigenen
Hampelmänner, einem glotzäugigen, grinsenden Kerl mit blauen Hosen, gelben
Husarenstiefeln und einer roten Jacke - zugegeben. Tiefer war doch gewiss noch
niemals ein deutscher Studiosus der Gottesgelehrteit im Preise gesunken?!«...
    Wir haben zu Anfang dieses Kapitels unsere Meinung dahin ausgesprochen, dass
man Herrn Leonhard Hagebucher seine Abenteuer erzählen lassen müsse, ohne ihn zu
unterbrechen, ohne die Fragen und Interjektionen der Welt dazwischenplatzen zu
lassen. An dieser Stelle aber können wir nicht umhin, unsere Ansicht zu ändern;
der Nürnberger Zappelmeier fiel denn doch der Bumsdorfer Verwandtschaft zu stark
auf die Nerven. Mit offenem Munde, mit zurückgehaltenem Atem sass sie da, den
Erzähler anstarrend, und als sie wieder fähig war zu sprechen, rief sie:
    »Und dann, und dann, o Gott, und dann?«
    »Nichts!« sagte der Afrikaner mit einer Ruhe, die in der Tat etwas
gespensterhaft Unheimliches hatte. Das Licht seiner Augen schien sich wie in
einem Nebel zu verlieren, seine ganze Gestalt sank zusammen, die Mutter fasste
ihn laut weinend in die Arme, Lina sass mit gefalteten Händen regungslos im
zitternden Gram und Schrecken, und dem Papa Hagebucher ging wieder einmal die
Pfeife aus.
    »Nichts!« wiederholte Leonhard. »Zwanzig bis dreissig in einen kahlen,
glühenden Felsenwinkel geklebte Lehmhütten - hundertundfünfzig übelduftende
Neger und Negerinnen mit sehr regelmässigen Affengesichtern und von allen
Altersstufen von Zeit zu Zeit Totengeheul um einen erschlagenen Krieger oder
einen am Fieber oder an Altersschwäche Gestorbenen - von Zeit zu Zeit
Siegsgeschrei über einen gelungenen Streifzug oder eine gute Jagd - von Zeit zu
Zeit dunkle Heuschreckenschwärme, welche über das gelbe Tal hinziehen - zur
Regenzeit ein troglodytisches Verkriechen in den Spalten und Höhlen der Felsen!
Im Juni des Jahres achtzehnhundertneunundvierzig geschah jener Überfall -
rechnet, rechnet - zählt an den Fingern die Jahre und - gebt mir ein Glas Wasser
aus unserm Brunnen: wahrhaftig, es war eine arge Hitze und sehr schwül in Abu
Telfan im Tumurkielande!«
    »Aller Segen Gottes über den guten Mann, welcher dich befreite, mein armer
Sohn, und dich uns wiedergab!« rief die Mutter.
    »Van der Mook! Van der Mook! Jawohl, jawohl; er kam ins Land, junge Löwen,
Affen und andere merkwürdige Bestien zum Vertrieb an die europäischen Menagerien
einzuhandeln, und da ich allmählich der Kategorie seiner Handelsartikel so
ziemlich anheimgefallen war, so trat er kaum aus dem Kreise seines Geschäftes
heraus, als er auch um mich zu feilschen begann. Kornelius van der Mook, der
Name steht freilich mit flammender Schrift in meiner Seele! Er kaufte mich
billig und wahrscheinlich nur in einer augenblicklichen Laune; aber er kaufte
mich, und das war das wichtigste. Er gab mir Gelegenheit, auf unserm Wege durch
Dar-Fur und Kordofan durch verschiedene kleine Hülfeleistungen mich an seinen
Spekulationen beteiligen zu können und wenigstens mein Reisegeld bis Chartum zu
verdienen. In Chartum nahm sich die katolische Mission meiner an, und meine
Abenteuer endigten dort; denn von hier an bis zur Mündung ist für einen
Menschen, der elf Jahre in Abu Telfan gefangensass, der Nil kaum vom englisierten
deutschen Rhein zu unterscheiden, und das rote Reisehandbuch ersetzt die
Doppelbüchse, den Revolver und das nubische Jagdmesser vollständig. Ihr sagt,
dies sei Bumsdorf und ich heisse Leonhard Hagebucher - ich will es euch glauben
und muss die Konsequenzen auf mich nehmen.«
 
                                Viertes Kapitel
Wald, Wiesen, Ackerfelder, Kirchturmspitzen und Hausdächer, blaue Höhenzüge bis
in die weiteste Ferne - alles in schönster Ordnung und in anmutigster
Beleuchtung: alles so hübsch und reinlich, so bunt und fein, so freundlich und
friedlich wie nur möglich, aber alles dessenungeachtet nicht imstande, den an
die Dekoration Gewöhnten in eine ungewöhnliche Ekstase zu versetzen.
    Es war aber nicht jeder daran gewöhnt.
    Der Wald warf seinen Schatten auf den Rand der Wiese, und im weichen Grase
unter den ersten Bäumen lag Leonhard Hagebucher und blickte, zwischen den
Fingern durch, hinaus in den Sonnenschein. Er für sein Teil hatte noch das
Recht, am Himmel und auf Erden mehr zu sehen als ganz Bumsdorf und Nippenburg
zusammen, und er machte in ungestörter träumerischer Behaglichkeit von seinem
Rechte Gebrauch. Wie ein grosses Kind lag er in der Wiege der Heimat und liess
sich schaukeln und von der Lerche, dem Finken und dem Wind im Buchengezweig das
Lied von der ewigen Jugend und Schönheit der Welt vorsingen.
    Auf der Wiese Vor dem Walde glänzten die leichten Frühlingskleider der
Mädchen, und jede Bewegung der jungen Geschöpfe musste in solcher Umgebung, in
solchem Lichte zierlich und grazienhaft erscheinen. Ihr Rufen und Lachen und
selbst ihr helles Gekreisch, als sie sich im Spiel durch die Blumen und das Gras
und um die vereinzelten Büsche jagten, war vollkommen melodisch und in Harmonie
mit allen übrigen Klängen und Lauten. Sogar die beiden guten Kinder vom
Gutshofe, Sophie und Minchen von Bumsdorf, welche in einem nahrhaften und
sorgenlosen Dasein und unter dem Einfluss der Milch- und Molkenwirtschaft sich zu
recht wohltuend rundlichen Jungfräulein entfaltet hatten, trugen hier mehr vom
Reh und der Gazelle zur Schau als in der Küche oder auf dem wohlgestampften,
mauerumschlossenen, vom schwerwandelnden Rindvieh belebten Boden des väterlichen
Hofes. Lina Hagebucher schwebte wie eine kleine blonde Fee, und Fräulein Nikola
von Einstein erschien wie Titania selber. Das war ein Gegensatz in Temperatur,
Färbung, Beleuchtung und Gestaltung gegen Abu Telfan, und der Mann vom
Mondgebirge empfand und fühlte ihn bis in die feinsten Abtönungen und
Schwingungen. Wie in ein Zauberreich sah Leonhard Hagebucher aus dem Schatten
seiner Bäume in die goldgrüne Landschaft, und ein Zauber war's, als Fräulein
Nikola die drei andern Mädchen ihre Spiele allein fortsetzen liess, langsam gegen
den Waldrand heranschritt und sich, ihren Schoss voll Wiesenblumen, neben dem aus
den libyschen und ätiopischen Hexenbanden Erlösten niederliess.
    »Der Himmel möge Ihre Beschaulichkeit segnen, Herr Afrikaner. Darf man
wissen, was der gute Tag Ihnen Angenehmes zu sagen hat?«
    »Er sagt nur: Halte den Mund, liege still und rühre dich nicht!« antwortete
Leonhard, und das Hoffräulein meinte lachend:
    »So wird es sein. Wir riefen Sie vorhin, den wilden Rosenstock dort für uns
niederzuziehen, da die feinsten Knospen gewöhnlich in der Höhe wachsen. Sie
liessen uns rufen, mein Herr, brummten höchstens, dass Sie sogleich kommen würden,
und blieben liegen, so lang Sie sind. Das war, allem geheimnisvollen
Naturverkehr zum Trotz, nicht höflich.«
    »Es ist so schwer, sich wieder in der Zivilisation zurechtzufinden,
Fräulein«, sprach Leonhard mit einem tiefen Seufzer. »Es ist eine so schwere und
traurige Arbeit, zum zweitenmal mit dem Abc des Lebens beginnen zu müssen.«
    »Weshalb geben Sie sich die Mühe?« fragte Nikola von Einstein, schnell und
hell von ihren Blumen aufblickend. »Ich würde es nicht tun; ich würde bleiben,
wie ich wäre; gewiss, gewiss, ich würde eine solche mir vom Schicksal angewiesene
magische Ausnahmestellung sicherlich nicht wieder austauschen gegen diese
erbärmliche, langweilige Routine des europäischen Alltagslebens.«
    »Das klingt, als hätten sie über den Zustand meiner armen Seele ziemlich
tief nachgedacht, junge Dame.«
    »Natürlich! Sind Sie doch etwas ganz Neues im Kreise meiner Erfahrung! Die
Historie Ihrer Abenteuer hat mich nicht wenig aufgeregt; ich danke den
freundlichen Göttern, welche Sie während meines hiesigen Aufentaltes nach
Bumsdorf zurückführten. Sie sind ein Problem, Herr Hagebucher, und ein solches
lässt das Wesen, welches Sie einen gebildeten Menschen nennen werden, in unsern
Tagen so leicht nicht fahren, ohne es nach den verschiedensten Seiten hin
gedreht und gewendet zu haben.«
    »Fräulein von Einstein, wie alt sind Sie?« fragte Leonhard, sich halb
aufrichtend, und das Ehrenfräulein lachte von neuem hellauf und antwortete mit
einem vergnügten Seitenblick:
    »Unausdenkbar alt! Weit, weit, weit hinaus über jegliches Abc. Länger als
siebenundzwanzig sehr lange Jahre hat die Welt sich meiner Gegenwart zu
erfreuen, und mein Taufschein soll Ihnen zur Einsicht bereit sein, wenn Sie mich
demnächst einmal in der Residenz besuchen wollen, Herr Afrikaner.«
    »Siebenundzwanzig Jahre? Siebenundzwanzig Jahre! 's ist freilich ein schönes
Alter für ein junges Mädchen«, sprach Herr Leonhard Hagebucher nachdenklich.
    »Und um so schöner, als mir die Ketten des Tumurkielandes noch um Hand- und
Fussgelenke klirren.«
    »Maschallah!« rief Leonhard mit einem Blick auf den zierlichen Knöchel,
welcher sich unter dem Saume des Kleides hervorgestohlen hatte. »Das wäre eine
Geschichte, welche mich freilich um manchen Schritt auf meinem Wege in den
europäischen Tag hinein fördern könnte. Erzählen Sie mir ein weniges von Ihren
Ketten, Fräulein Nikola, Sie finden auf der ganzen Erde keinen Menschen, der
weniger Missbrauch von Ihrem Vertrauen machen könnte und der mehr zu lernen
hätte.«
    Nikola fügte eine neue Blume ihrem Kranze ein und summte:
Debout, ihr Kavaliere!
Ihr Pagen und Hartschiere,
Werft auf die Flügeltür!
Vor einem Fächerschlage
Wird jetzt die Nacht zum Tage,
Klymene tritt herfür.
Dann fuhr sie schnell in Prosa fort, fast ohne Atem zu schöpfen:
    »Ich heisse Nikola von Einstein, mein Herr Vater war der General von
Einstein, Exzellenz; meine gnädige Frau Mama ist eine geborene Freiin von
Glimmern, und meinen Taufnamen trage ich Seiner Höchstseligen Majestät dem
Kaiser aller Reussen Nikolaus dem Ersten zu Ehren, obgleich der Mann nicht mein
Pate war. Meinen Vater rührte nach der Einnahme von Sebastopol der Schlag, und
es fand sich nach seinem Tode, dass er kein so guter Rechner gewesen war, als man
hätte wünschen mögen. Die Herrschaft musste eintreten, um mir eine standesgemässe
Erziehung zu verschaffen; meine Mama lebt jetzt in anständiger
Zurückgezogenheit, ich bin Ehrenfräulein Ihrer Hoheit der Prinzess Marianne und
befinde mich augenblicklich meiner angegriffenen Nerven wegen allhier zu
Bumsdorf bei meinen Bumsdorfer Gevettern, speziell von der Vorsehung zur
Mitteilung des eben Gesagten beauftragt.«
    »Ich danke der Vorsehung demütigst«, sagte Leonhard; »aber -«
    »Das würde für jeden andern als den wilden Mann aus Afrika ein sehr
indiskretes Aber sein; doch, bei diesem blauen Himmel über uns, ich habe in der
Tat Lust, Ihnen in dieser guten Stunde ein wenig von meinem Leben auszuplaudern;
die Gelegenheit und ein von der Laune des Fatums so vernaivisierter Zuhörer
finden sich vielleicht niemals wieder. Sie sind vom Monde herabgefallen, Herr
Leonhard Hagebucher, und ich bin eine Hofdame der Prinzess Marianne, Hoheit; wir
tragen zwei ganze Welten zusammen, eine so kurios wie die andere - wir beide
können einander nie missverstehen, Herr Hagebucher. Also:
Sie neiget sich im Kreise:
Die Damen flüstern leise:
Le sue spine ha! -
Was kümmert es die Rose,
Klymene lächelt lose,
E passo passo va.
Sie nennen mich nämlich Klymene, Herr. Der Name ist von einer Schäferquadrille
her an mir hängengeblieben, ohne jedoch eine Bedeutung zu haben. Unsere Verse
machen wir selber, und mein Lieblingspoet ist Herr Martin Opitz von Boberfeld,
und am liebsten wäre ich ein Ehrenfräulein am Hofe zu Liegnitz oder Brieg in
Schlesien gewesen. Der erste Eindruck, welchen mir das Leben gab, war ein
gewaltiger Respekt, eine grosse Furcht vor meinem kriegerischen Vater, welcher
gewiss ein tapferer und guter Soldat gewesen wäre, wenn man ihm die Gelegenheit
gegeben hätte, sich als einen solchen zu betätigen. Was er war in his hot yout,
when George the Tird was king, weiss ich nicht und würde es sehr wahrscheinlich
nicht sagen, wenn ich es wüsste; ich kann nur angeben, dass das Leben in unserm
Miniaturstaate, unserer Miniaturresidenz und seiner Miniaturarmee ihn in eine
Form gezwängt hatte, welche für niemand in seiner Umgebung und noch weniger für
seine Untergebenen etwas Behagliches hatte. Wie viele Knöpfe trägt der Soldat an
jedem Uniformstück, Herr Hagebucher? Was, das weiss man in Abu Telfan nicht, man
hat keine Ahnung davon im Tumurkielande? Nun, ich, Nikola von Einstein, habe
mehr als eine Ahnung davon, und wenn mein kleiner Vetter Bumsdorf neulich im
Leutnantsexamen nicht durchfiel, so hat er das viel weniger seinen eigenen
Studien zu verdanken als den meinigen. Hätte ich ihm nicht den Katechismus
seiner erhabenen Rechte und Pflichten abgehört und eingepaukt, so würde er heute
noch in seinem Kadettenhause sitzen. Mein Vater war ein treuer Diener seines
Herrn, und gleich Seiner hochseligen Hoheit glaubte er an den Kaiser Nikolaus,
und zu Ehren und zur Bekräftigung dieses rührend grandiosen Glaubens trage ich
meinen Namen, welchen ausserdem aber auch die Kammermädchen der ältern
französischen Komödie zu führen pflegen. Meine Mutter ist eine Freundin der
verwitweten Herzoginmutter und mit ihr erzogen worden; ich glaube nicht, dass
beide die Herren Herder, Wieland, Goete und Schiller an unsern Hof berufen oder
sie daselbst geduldet hätten. - Ich bin ich, und das ist das Leiden. Wie jedes
anständige denkende Wesen machte ich den Versuch, in Waffen gegen die Welt
aufzustehen; sie erhaschten aber den bunten Stieglitz schon auf der nächsten
Hecke wieder, und nun sitzt er in seinem Käfig und zieht seinen Bedarf an Wasser
und Hanfsamen zu sich in die Höhe. Wenn ich auch nicht auf und davon und mit dem
interessanten Räuberhauptmann Signor Semibecco auf die Elefantenjagd ging, so
kam ich doch in das Tumurkieland, und was das schlimmste ist, ich sitze noch
darin! Liebster Herr Afrikaner, Hoheit, meine Prinzess, bewohnt den linken Flügel
des Schlosses, und wir haben von unsern Fenstern aus eine recht schöne Aussicht
auf den Platz. Bei Sonnenschein und Regen sehen wir die Wachtparade aufziehen
und schwärmen für die türkischen Becken, den Schellenbaum, die grosse Pauke und
den jüngsten Leutnant. Die Posten wandeln auf und ab, unsere zeisiggrünen
Portiers und krebsroten Lakaien bringen den Glanz unseres Daseins dem gaffenden
Marktvolk zum Bewusstsein; eine Familienkarte zur Besichtigung des Schlosses
kostet zwei Taler, eine Einzelkarte nur einen Taler, wie ich von meinem Freunde,
dem Kastellan, weiss; Seine Exzellenz der Herr Hofmarschall und der Herr Marquis
von Carabas in allen Abstufungen fahren vor und ab, wir fahren spazieren und
kommen zurück, und die Wache trommelt, und eine Abwechslung ist's nur, wenn der
wachtabende Offizier sich verspätet und mit verkehrt aufgesetztem Tschako
hervorstürzt. Eine Abwechslung ist's auch, wenn die Atmosphäre infolge einer
Spannung mit dem rechten Flügel des Palais um einige Grade schwüler wird. Es
gibt so manche gefährliche und leicht verwischte Grenzlinien, und dazu
repräsentieren wir auf der Linken gar noch den Rationalismus und erbauen uns an
Zschokkes Stunden der Andacht gleich der Kusine zu Windsor. Drüben auf der
Rechten und im Mittelbau gehören sie zu den ausgewählteren Gefässen und sind uns
auf dem Wege zur Gnade wenigstens um zehn Postmeilen voraus. Kennen Sie
Zschokkes Stunden der Andacht, Herr Hagebucher? Nicht? Nur eine dumpfe
Erinnerung? Ich habe mehr davon; ich habe sie vorzulesen, ich kenne verschiedene
Stücke auswendig; darf ich Ihnen eines oder das andere rezitieren? Nein?! Es
wäre aber eine grosse Gefälligkeit von mir! O Herr Hagebucher, auch Abu Telfan
hat Reize, nach welchen ein Bruchteil der Menschheit sich sehnen kann. Ein sehr
hübsches eisernes Gitter mit vergoldeten Spitzen trennt, wie Sie vielleicht noch
wissen, unsern Schlossplatz von der Hauptstrasse der Stadt. Da es verboten ist,
mit Paketen oder Körben am Arme, einer Zigarre im Munde, einem Kinde oder einem
Hunde den geheiligten Bezirk zu durchwandeln, so bleibt die gewöhnliche Welt
hübsch draussen. Wir betrachten und beobachten sie nur durch unser Gitter und
achten uns viel zu hoch, um uns nicht bescheiden zu können, und können letzteres
um so mehr, als uns die Vorsehung für alles, was wir entbehren müssen oder
zuviel haben, so unaussprechlich reichlich entschädigt hat. Unsere Galatage
heben uns hoch über das Gallaland hinaus, mit unsern hohen Geburtstagen kann
keine Herrlichkeit an der Gold- und Pfefferküste konkurrieren, und die noch
höheren Besuche aus allen himmlischen Reichen wären imstande, das innerste
Afrika vor Neid nach aussen zu kehren, wenn es nur die geringste Ahnung von ihrer
Importance hätte. O Gott, und haben wir nicht die Adjutanten, die Kammerherren
und die verschiedenen Leibärzte der verschiedenen Herrschaften? O Gott, o Gott,
und man sieht es Frühling werden, Sommer und Winter, und man wird immer älter -
immer älter und immer sublimer und zarter, und das ganze Universum wird immer
mehr zu einem ehrfurchtsvollen Geflüster. Und die Menage, die
Naturalverpflegung, wie mein kleiner Vetter Bumsdorf es nennt, bleibt immer
tadellos; ein Ballkleid oder ein neues Armband fällt auch von Zeit zu Zeit für
uns ab, und die Etikette sorgt mit unleidlichem Nachdruck dafür, dass wir auf
unsern Redouten nicht als Immobilien die Wände zieren. Und immer wird's wieder
Frühjahr und immer wieder Sommer und immer wieder Winter; aber kein Herr van der
Mook will an unserm Horizonte aufgehen, um uns von diesem sanften, mit Sammet
ausgeschlagenen Elend zu befreien! Was glauben Sie, Herr Afrikaner, was aus mir
werden würde ohne meine schwachen Nerven und den guten Onkel Bumsdorf auf
Bumsdorf?«
    Ehe Herr Leonhard Hagebucher dieser plötzlichen Frage gerecht werden konnte,
kam atemlos sein Schwesterchen, welches sich mit den beiden andern Mädchen dem
Dorfe zu hinter den Hecken verloren hatte, zurückgelaufen.
    »Leonhard, Leonhard, du musst schnell heimkommen, die Tante Schnödler ist
da!«
    Der Afrikaner sprach einige, vielleicht nicht sehr freundliche Worte in der
Sprache von Dar-Fur; doch er befand sich noch zu kurze Zeit wieder in der
Heimat, um nicht allen ihren Rufen Folge zu leisten. Auch Fräulein Nikola von
Einstein sprang lachend in die Höhe.
    »So geht es mir doch immer - jedesmal, wenn ich im besten Zuge bin, mein
Herz auszuschütten! Nun wissen Sie doch noch nicht das allergeringste von mir,
mein Herr, und es steht dahin, ob Sie in aller Ewigkeit mehr erfahren werden.
Die gute Stunde ist vorübergegangen, und die Tante Schnödler ist angekommen, und
der grosse Familienrat über Herrn Leonhard Hagebucher beginnt - gehen wir heim
und unterwerfen wir uns den Dingen, Verhältnissen und Verhängnissen, da wir doch
nicht um unsern Willen gefragt werden.«
    Leonhard wollte ihr die Hand bieten, um sie den etwas steilen Abhang
hinunterzuführen: sie aber wies seine Hülfe lachend von sich.
    »Nein, nein! Bei besserer Überlegung werde ich doch lieber bleiben, wo ich
bin, und meinen Kranz vollenden. Ich ziehe den Wald allen Familienräten vor;
denn ich habe auch unter den letzteren gelitten und weiss davon zu singen und zu
sagen.«
 
                                Fünftes Kapitel
Das helle Lachen des Hoffräuleins verklang hinter der Waldecke, und mit
gesenktem Kopfe schritt Leonhard Hagebucher auf dem Pfade, welcher die Wiese
entlang dem nahen Dorfe zu führte, weitbeinig fort. Das Schwesterchen hatte sich
an seinen Arm gehängt und trippelte atemlos an seiner Seite und blickte von Zeit
zu Zeit stumm, aber liebevoll-ängstlich zu dem ernsten fast finstern Gesichte
des Bruders in die Höhe.
    Es waren am heutigen Tage grade drei Wochen seit dem Wiederkommen des
afrikanischen Gefangenen verflossen, und wie kein Kind im Dorfe Bumsdorf den
geheimnisvollen, staunenden Schrecken vor dem grossen, braunen Mann, der mit den
Menschenfressern aus einer Schüssel gegessen hatte, vollständig überwunden
hatte, so war auch für Fräulein Lina Hagebucher dieser Bruder immer noch ein
hohes, unsägliches Wunder und Mysterium und konnte für noch längere Zeit nicht
in seiner ganzen Fülle und Bedeutung ausgedacht werden. Was Nippenburg und
Bumsdorf aber im ganzen und grossen anbetraf, so nahmen sie, obgleich ein Mann,
der aus dem unbekannten innersten Afrika heimgekehrt, jedenfalls etwas
Ungewöhnlicheres war als der abenteuerlichste Amerikafahrer, das Ding bereits
viel kühler und gelassener, und die liebe weitere Verwandtschaft, die sich heute
im Hause des Steuerinspektors versammeln sollte, nahm es sogar sehr kühl und
sehr gelassen. Dem Manne aus dem Tumurkielande wuchsen mit den Haaren auf dem à
la Tumurkie geschorenen Schädel auch die unangenehmeren europäischen Gefühle
wieder, und wir müssen ihm die volle Berechtigung zugestehen, auf manchem Wege
und auch auf diesem durch das Dorf Bumsdorf den Kopf hängen zu lassen.
    Er hatte viel geduldet bis zu seiner Befreiung durch den Herrn Kornelius van
der Mook: dann war er in dem Hause seiner Eltern erwacht und hatte jene seltene
Minute des vollen, sichern Glückes gekostet. Aber schnell wie immer war dieser
Augenblick vorübergegangen - ein Morgenschlummer, ein sonniger Tag in der
Geissblattlaube, am Abend ein Gang durch die Wiesen und Kornfelder nach dem
Walde! Schon das nächste Erwachen brachte wieder das erste leise Anspülen
bitterer Fluten, und nach acht Tagen war Leonhard Hagebucher vollständig daheim,
das heisst, er wusste Bescheid, und Bescheid zu wissen gehört und stimmt
gewöhnlich nicht im geringsten zu und mit dem Glück. Wohl sass er noch in der
Geissblattlaube an der Landstrasse und freute sich der Sonne des Vaterlandes, der
Stimmen und Schritte der alten Eltern, des lieblichen Lachens der kleinen
hübschen Schwester, wohl suchte und fand er in Stadt und Dorf hundert und aber
hundert freundliche Jugenderinnerungen; man kam ihm immer noch an den meisten
Orten mit Gruss und Handschlag herzlich entgegen, und es gab immer noch viele
Leute, welche seiner Odyssee mit Herzklopfen lauschten und dankbar für alles
waren, was er in dieser Hinsicht zu bieten hatte; aber - aber dem Unbehagen
wuchsen doch täglich mehr züngelnde, saugende Polypenarme, mit welchen es die
Seele des müden Wanderers fester und immer fester umschlang. Nun wusste die Welt
bereits, dass der Sohn des Steuerinspektors Hagebucher als ein armer Mann aus der
Fremde heimgekehrt sei, und die wundervollen Illusionen, welche sich Nippenburg
gemacht hatte, waren schnell in ihr Gegenteil umgeschlagen, und man teilte
einander unter bedächtigem Kopfschütteln mit, dass ein Vagabond in alle Ewigkeit
ein Vagabond bleiben werde und dass es vielleicht um vieles besser gewesen wäre,
wenn die Mohren dahinten am Äquator den unnützen Menschen bei sich behalten
hätten. In der Kiste, welche dem armen Leonhard auf einem Schubkarren gen
Bumsdorf nachgefahren worden war, befanden sich keine Säcke voll Diamanten und
Perlen, keine Schachteln voll Goldstaub, sondern höchstens einige afrikanische
Merkwürdigkeiten zum Andenken für die näheren Freunde und Verwandten. Herr
Leonhard Hagebucher konnte aus dem Inhalt dieses Reisekastens keine Villa bauen
und nicht nunmehr im Schatten seines Parkes, an seinem eigenen Herde und in der
Gesellschaft eines liebenden Weibes aus den bessern Ständen seine Tage
verbringen. Keine Nippenburger Mutter hätte einem solchen in der Luft stehenden
Individuum ihre Tochter zur Ehe gegeben, und das war noch das allerwenigste:
Leonhard Hagebucher hatte während seiner Gefangenschaft im Tumurkielande so
ziemlich alles vergessen, was dem Menschen in unsern zivilisierten Zuständen zu
seinem Fortkommen verhilft, ja ihn nur notdürftig auf der Stelle aufrecht
erhält. Jede Wissenschaft, jede Kunst, jede Technik war über ihn
hinausgeschritten; wo sonst die hohen Wasser sich umgetrieben hatten, da war
jetzt öder Sand oder fruchtbares Ackerland, und wo vordem Sand und Wiesen
gewesen waren, da jagten sich jetzt die Wellen. In Abu Telfan im Tumurkielande
hatte den armen Gefangenen nichts gestört als die physische rohe Gewalt und die
Sehnsucht nach der Freiheit, das Heimweh nach dem Vaterlande; jetzt in der
Heimat fing alles an, ihn zu stören und zu beunruhigen; er war fremd geworden in
der Zivilisation, in Europa, in Deutschland, in Nippenburg und Bumsdorf; eine
unendliche und in jeder Weise begründete Angst vor den Dingen und vor sich
selber musste sich seiner bemächtigen - ein Schritt weiter, und er konnte sich
nach dem Tumurkielande leise zurücksehnen: die Würde und Freiheit, die Bildung
und Sitte des europäischen Menschen imponierten ihm viel zu mächtig. Lassen wir
ihn übrigens jetzt vorerst seinen Weg zum Dorfe fortsetzen, und sehen wir
derweilen, wer von der Freundschaft und Verwandtschaft zum grossen Rat und Kaffee
im Hause seiner Eltern ankam oder schon angekommen war.
    Angekommen war in ihrer gelben Kutsche die Tante Schnödler, zu welcher
eigentlich auch ein Onkel Schnödler gehörte, der jedoch, da die Tante das Geld
hatte und er - der Onkel - dieses weder durch Talente, Energie noch die
geringste männliche Grobheit ausglich, nicht mitgerechnet wurde. Sie, die Tante
Schnödler, die Kusine der Mutter Leonhards, sass bereits, jede Situation
beherrschend, in dem Paradezimmer des Hauses Hagebucher auf dem Kanapee und fand
es, wie Ludwig der Vierzehnte, sehr provozierend, dass man sie sowohl auf den
Kaffee als auch auf den Neffen aus dem »Kaffernlande« warten liess.
    In Sicht auf der Landstrasse war der Onkel, Kaufmann und Stadtverordnete von
Nippenburg, der Herr Stadtrat Hagebucher, ein Mann von körperlichem und
geistigem Gewicht, der drei Töchter in seinem Ehestande erzeugt hatte und im
Gänsemarsch mit denselben gen Bumsdorf zog: heiterer als im vorigen Jahre, wo
noch seine Selige stets den Zug anführte und er ihn nur beschloss. Es kamen zwei
jüngere Vettern, welche jedoch auch bereits Haare auf ihrer Beamtenlaufbahn
gelassen hatten und welche, obgleich der Staat ihnen ihren Gehalt quartaliter
mit einem gewissen Hohn, mit zweifelloser Ironie auszahlte, sich den idealsten
wie den materiellsten Mächten, den Schwärmern für die Republik Deutschland wie
der reichsten Bankiers- oder Fabrikantentochter gewachsen glaubten. Eine solche
wohlhabende Fabrikantentochter und Kusine, Fräulein Leonore Sackermann, langte
aus entgegengesetzter Weltgegend unter den Fittichen ihrer einen sehr guten
Kartoffelspiritus produzierenden Eltern vor dem Hause des Steuerinspektors an.
Hoch zu Ross kam der Wegebauinspektor Wassertreter, ein dreiundsechzig Jahre
alter, verächtlicher Junggesell, welcher sich von Amts und Wetters wegen dem
Trunke ergeben hatte und es besser hätte haben können, wie die Base, Fräulein
Klementine Mauser, die ebenfalls allein, aber zu Fusse anlangte, zur
unbehaglichen Zeit der Äquinoktialstürme ihrem jungfräulichen Kopfkissen
ärgerlich anvertraute.
    Wer kam noch? Schliessen wir die Liste, nachdem wir sie kaum begonnen haben!
Es versammelte sich so ziemlich der ganze Vetter Michel, und Herr Leonhard
Hagebucher trat in den geweihten Kreis und bot ihm, wenn nicht den bekannten
deutschen »guten Abend«, so doch das arabische Selam aleikum, das Heil sei mit
euch, worauf die Tante Schnödler erwiderte:
    »Wir danken dir, Herr Neffe, und freuen uns, dich anständig und christlich
in Rock, Hose und Weste wieder unter uns zu haben. Du bist einst zwar ohne
Abschied weggegangen, aber hier sind wir, wie es sich geziemen will, und heissen
dich in verwandtschaftlicher Kompanie willkommen in Nippenburg und sind uns
vermuten, dass du nun wohl endlich genug von der Vagabondage und Unreellität und
sonstigen Phantasterei haben wirst. Sag 'n Wort, Schnödler.«
    »So ist es, Minette«, sprach der Onkel Schnödler, und mehr wurde nicht von
ihm verlangt, würde im Gegenteil sehr übel aufgenommen worden sein; Leonhard
aber fühlte sich lebhaft an jene Audienzen erinnert, welche ihm vor kurzem noch
Madam Kulla Gulla, die Schwiegermutter seines Besitzers im Tumurkielande, so
häufig erteilte und welche stets damit endigten, dass ihm fünfundzwanzig auf die
Fusssohlen zudiktiert wurden.
    Es war ein grosser Tag! Wenn auch die jungen Kusinen, gleich den Kindern von
Bumsdorf, noch immer mit einer aus Schrecken und Mitleiden gemischten
Verwunderung auf den Vetter blickten, so hatte doch die ältere Verwandtschaft
jegliche mysteriöse Scheu gründlich abgeworfen und zog ihren autochtonen
Lebensanschauungen und Gefühlen alle Schleusen. Das germanische Spiessbürgertum
fühlte sich dieser fabelhaften, zerfahrenen, aus Rand und Band gekommenen,
dieser entgleisten, entwurzelten, quer über den Weg geworfenen Existenz
gegenüber in seiner ganzen Staats- und Kommunalsteuer zahlenden, Kirchstuhl
gemietet habenden, von der Polizei bewachten und von sämtlichen fürstlichen
Behörden überwachten, gloriosen Sicherheit und sprach sich demgemäss aus, und der
Papa Hagebucher wäre der letzte gewesen, welcher für seinen Afrikaner das Wort
ergriffen hätte.
    Es war ja der Tag des Papa Hagebucher. Er hatte diese Versammlung berufen,
um sich von ihr in seinen innersten Anschauungen recht geben zu lassen. Er
mochte den Verlust des Sohnes noch so sehr bedauert, ja betrauert haben: die
plötzliche und so gänzlich anormale Rückkehr musste ihm naturgemäss doch noch
fataler werden. Die frohe Überraschung ging allmählich in eine mürrische,
grübelnde Verstimmung über; - berechnen liess sich hier nichts mehr, denn
sämtliche Ziffern waren ausgelöscht, nur ein Fazit stand zuletzt klar da: »Der
Bursche lief fort, weil er einsah, dass man ihn hier nicht gebrauchen könne; man
hat ihn auch dort nicht gebrauchen können, er ist heimgekommen, und ich habe ihn
wieder auf dem Halse!«
    Klar war die Rechnung, doch nicht tröstlich, und es war jedenfalls
wünschenswert, dass die liebe Freundschaft und Verwandtschaft ihre Unterschriften
oder drei Kreuze zu dem Wahrspruch hergebe. Man hatte sich denn doch zu
rechtfertigen vor der Welt, und das konnte nicht besser bewerkstelligt werden,
als wenn man sie von Anfang an mitverantwortlich machte. Es war auch keine
Kleinigkeit, wenn man sich hinter der grünen Gardine des Ehebetts auf das Urteil
der Tante Schnödler, die Meinung des Bruder Stadtrats oder des Vetter
Sackermanns berufen konnte - man trug die Verantwortlichkeit jedenfalls nicht
gern allein.
    Es war ein sehr grosser Tag, und Lina Hagebucher hielt zuletzt ganz ängstlich
die Faust ihres Bruders, denn sie konnte viel schärfer als die Mutter für ihn
fühlen und beobachtete mit Zittern, wie seine Stirn von Augenblick zu Augenblick
dunkler wurde und es immer grimmiger aus seinen Augen wetterleuchtete. Jeder
hatte seinen Rat zu geben und gab ihn gern und ausführlich. Es war gar nicht so
schwer, sich anständig durchs Leben zu bringen, wenn nur der gute Wille dazu
vorhanden war; verschiedene Wege führten noch aus der Nichtsnutzigkeit hinüber
in die wünschenswerteste Respektabilität, und ein jeder stellte sich mit
Vergnügen als Wegweiser auf den Kreuzweg, vorzüglich die Tante Schnödler, welche
sich räusperte und sprach:
    »Es ist nicht genug, dass der Mensch den Schneider kommen und sich ein neu
Habit anmessen lasse; es gehört noch mehr dazu, um wieder ein anständiger
grossherzoglicher Staatsbürger und Untertan zu werden. Da könnte jeder Lumpazi
kommen, der sein alt zerlumpt Wams am Grabenrand zum öffentlichen Ekel abgetan
und das gestohlene neue angezogen hat! Der Mensch und wilde Indianer muss auch
geistlich nach dem Balbierer schicken und keine Gesichter schneiden, wenn Leute
zu ihm reden, die im Lande geblieben sind und sich in Gottesfurcht
fünfundzwanzig Jahre redlich genährt haben, was ich übrigens nur beiläufig und
zum Besten von der fernern guten Freundschaftlichkeit gesagt haben will. Was ich
nun dem Leonhard raten will, das ist, er tut alles hochmütige und ausländische
Wesen ab und fängt da wieder an, wo er aufgehört hat, das heisst, da es mit einem
Pastor nunmehr wohl nimmermehr was werden wird, so geht er zum Vetter Stadtrat,
lässt sich von neuem in die Schreiberei einschiessen und kann's mit der Zeit und
der Nachhülfe von der Verwandtschaft wieder zu einem nützlichen Mitgliede vons
Gemeinwesen und bis zum Ratsskribenten bringen.«
    »Als wozu der Herr Neffe wenig Lust zu haben scheinen, wenn man nach seiner
Miene urteilen dürfte«, sprach der Onkel Hagebucher mit einem wenig freundlichen
Seitenblick auf den Verwandten aus Abu Telfan.
    »Sprich 'n Wort, Schnödler! Sage deine Meinung, Leonhard! Lasset euch aus,
Steuerinspektor und Kusine Hagebucher! Sagen Sie item, was nötig ist, Vetter
Sackermann!« rief die Tante Schnödler, »Ich aber sage, dass wir hier in
Nippenburg nicht im afrikanischen Mohrenlande leben und dass kein Mensch es
prätendieren kann, dass wir uns in die Mohren schicken: sondern die Mohren werden
sich in uns schicken müssen, wenn sie mit uns hausen wollen. Ratsschreiber zu
Nippenburg - hundertundfünfundsechzig Taler jährlich bar, achtzig Taler Sporteln
und zwei Klafter Holz - und solch ein Gesicht! Sind wir vielleicht ein
regierender König im Mohrenlande gewesen? Wenn das ist, so haben wir freilich
nichts mehr zu sagen, und es handelt sich freilich nur um ein Retourbillett auf
dem Postwagen und der Eisenbahn nach Afrika, und ich empfehle mich dem Herrn
Potentaten ganz gehorsamst und sage nichts mehr.«
    Die süsse Heimat fing an, einen seltsamen indianischen Kriegestanz um den
armen Leonhard aufzuführen. Die Mutter hielt das Taschentuch vor die Augen; der
Vater sog mürrisch an der erloschenen Pfeife; Lina drückte sich immer fester an
den Bruder; die beiden jüngern Vettern, welche noch mit dem Afrikaner die
Universität besucht hatten, lachten: die Familie Sackermann blickte gläsern im
Kreise umher; die Tante Klementine nahm verstohlen eine Prise, und der
unbenannte Verwandtenchorus beschäftigte sich unter leisem Gemurmel mit den
Kaffeetassen und dem festlichen Gebäck des grossen Tages; der Onkel Wassertreter
würde das Wort ergriffen haben, wenn Leonhard es nicht vorher genommen hätte.
    Er - der Mann aus Tumurkie - er, welcher so vielen Gefahren zu Wasser und zu
Lande kaltblütig getrotzt hatte, er, welcher das Leben eines Elfenbeinhändlers
auf dem Weissen Nil mit allen seinen Schrecknissen kennengelernt hatte, er,
welcher den grossen Signor Luca Mollo, genannt Semibecco, im Glück und Unglück
und zuletzt auf dem Pfahle der Baggaraneger beobachten, studieren durfte: er
fühlte sich der jetzigen Stunde nicht gewachsen. Es schwamm ihm vor den Augen,
im Kreise drehte sich die Verwandtschaft, die Tante Schnödler wuchs bedenklich
über Madam Kulla Gulla hinaus, und ihre rötlich angehauchte Nasenspitze erschien
nicht weniger bedrohlich als die mit Henna rotgefärbten scharfnägeligen Krallen
der Tumurkierin: die Atmosphäre des Vaterhauses wurde beängstigender als die
heisse Luft der Lehmhütten zu Abu Telfan.
    Mit Stottern sprach Leonhard Hagebucher gleich einem, welcher sich mühsam in
einer fremden, ungewohnten Sprache auszudrücken hat:
    »Ach, teure Verwandte und Angehörige, könntet ihr doch in meiner Seele
lesen! Jeder Blutstropfen, den ich heimgebracht habe, gehört dem Vaterlande.
Iblis möge es nehmen! Aber bedenket, welch ein grosses Kind euch wieder auf die
Arme gefallen ist. O könnte doch jeder von euch eine Viertelstunde in meiner
Haut zubringen, es würde ihm dann gewiss begreiflicher erscheinen, dass man nicht
heute Ratsschreiber zu Nippenburg sein kann, wenn man gestern aus der
Gefangenschaft im innersten Afrika zurückkam. Wenn ich nicht sehr irre, so habe
ich sogar das Schreiben verlernt, und was ich dafür in der Fremde vielleicht
gelernt habe, nämlich allerlei Anfechtungen mit Geduld zu tragen, das honoriert
sich selber, wird aber von keinem Gemeinwesen mit einem Jahresgehalt von
hundertundfünfundsechzig Talern und zwei Klaftern Brennholz bezahlt. Verehrte
Angehörige, wer länger als zehn Jahre mit den Fingern in die Schüssel greifen
musste, der wird sich nur allmählich wieder an den Gebrauch von Messer und Gabel
gewöhnen, und wenn man ihm dazu nicht Zeit lassen kann, so wird ihm der beste
Bissen im Halse steckenbleiben, und er muss jämmerlich daran erwürgen. Wenn ich
wüsste, was noch aus mir werden kann, so würde ich es auf der Stelle sagen: aber
ich weiss es nicht -«
    »Und damit ist alles gesagt, mein Junge«, rief der Vetter Wassertreter, »und
jetzt lass mich ans Wort. Betrachte dir meine Nase und behalte deine Meinung
darüber für dich; denn ich werde das Nötige darüber selber von mir geben, sobald
das verwandtschaftliche Gesumse und die Aufregung der Base Schnödler sich gelegt
haben werden.«
    Das Familienkonklave summte und erhob sich freilich, und die Tante Schnödler
war in der Tat aufgeregt und suchte hinter ihrem Taschentuche die gewohnte
Fassung; aber der Vetter Wassertreter legte den Zeigefinger an das Glied, auf
welches er den Afrikaner aufmerksam gemacht hatte, und wartete mit schlauem,
schändlichem Lächeln auf die Wiederherstellung der Ruhe, um sodann in seiner
Rede fortzufahren:
    »Achte auf diese Nase, mein Sohn, sie bringt dich aus dem Sumpfe - in hoc
signo vinces, wie die Lateiner sagen; unter diesem Panier wirst du den Sieg
gewinnen. Unsereiner, welcher den ganzen Tag auf der Landstrasse herumzuliegen
hat, denn der Wegebau hat seine Mucken gradesogut wie das Wetter, ein solcher,
sage ich, der hat Zeit und Gelegenheit, den Lauf der Welt zu studieren, und kann
bei passenden Umständen seine Meinung kommunizieren, wenn man ihn noch so schief
und verdächtig ansieht. Es passiert allerlei über herzogliche Chaussee, und das
Getränke ist auch nicht unter allen Schenkenzeichen dasselbe, und dann zottelt
man auf seinem alten Gaule in die Kreuz und Quere, und es kommen einem
Philosophien, von denen sich andere Leute nichts träumen lassen, und von der
Kusine Mauser, dem Vetter Sackermann oder dem Vetter Stadtrat gerät man auf den
Kaiser Louis Napoleon, und von der Tante Schnödler kommt man auf den Heiligen
Vater, das Patrimonium Petri oder die Hohe Pforte, und von den Steinklopfern am
Graben, welche die Kappen herunterziehen und Guten Morgen, Herr Inspektor sagen,
auf sich selber. Da steht einem der Verstand still, was der Mensch erlebt, wenn
er Achtung auf sich gibt; da lernt man seinen Schöpfer kennen, o du grundgütiger
Himmel! Siehe, mein Söhnchen, als sie mich im Jahre achtzehnhunderteinundzwanzig
mit einem Tritt in Gnaden von der Wartburg hinunterschickten, da kam ich gradso
heim wie du aus dem hintersten Afrika, und die Karlsbader Beschlüsse hatten ihr
Werk gradsogut an mir verrichtet, wie die Peitsche im Tumurkielande es an dir
tat. Wir waren Anno siebenzehn am achtzehnten Oktober als frische und wackere
Bursche hinaufgezogen; aber was hat die hündische Niederträchtigkeit, was haben
die feigen Halunken, die über uns zu Gericht sassen, uns aus unserm blauen
Himmel, aus unserm deutschen Herrgott, aus allem, was in uns und über uns war,
gemacht! Zu Hause schlugen uns die Alten natürlich auch die Tür vor der Nase zu
oder setzten uns wenigstens an den Katzentisch: wir hatten es ja nicht besser
haben gewollt, und was von meiner Jurisprudenz noch übrig war, das konnte ich
dreist dem Herrn von Kamptz mit in die Rapuse geben, ohne viel daran zu
verlieren. Da lag ich auf dem Bauche und liess mir die Sonne auf den Rücken
scheinen, und ganz Nippenburg verzog das Maul über den Lumpen. Die Tante
Schnödler dort war dermalen ein recht sauber Mädel, aber um die Essig- und
Vitriolfabrikation hat sie auch Anno Tobak schon recht leidlich Bescheid gewusst.
Der Vetter Stadtrat war immer zu was Grossem geboren und wusste es einem gut zu
geben: ich sage dir, Leonhard, es ist nichts Neues unter der Sonnen, dass die
angenehme Verwandtschaft ein Konzil über einen aus dem Geleis geratenen armen
Tropf ausschreibt und sich weiser dünket als der liebe Gott am siebenten
Schöpfungstage; und wenn kein Consilium abeundi daraus wird, so ist die
Verwandtschaft niemalen daran schuld. Ach, Kusine Mauser, es ist immerdar eine
böse Welt gewesen, deswegen sollen die empfindsamen und zärtlichen Seelen
zusammenhalten; aber - Sie bringen mich doch immer aus dem Konzept, sobald ich
Sie nur ansehe, Klementine! - wo war ich stehengeblieben? Richtig, ich hab's!
wie gewöhnlich bei der argen, hinterlistigen, nichtsnutzigen Welt und ihren
Nücken und Tücken, und was ich sagen wollte, ist folgendes, Leonhard: Hier sitze
ich, und Nippenburg sagt, ich saufe. Dem ist aber nicht so, sondern es ist nur
ein langer Weg von der Wartburg im Lande Türingen zu hiesigem hochlöblichem
Wegebauamt, auch ein intrikater Weg, welchen man nur mit Philosophie und Geduld
findet und nicht ohne geistige Stärkungsmittel wandelt, wenn man ihn gefunden
hat. Innere Beschaulichkeit ist meine Force, und in ihrem Namen heisse ich dich,
Leonhard Hagebucher, im warmen Schosse der Mutter Germania willkommen und sage
dir und allhier gegenwärtiger hochachtbarer Verwandtschaft meine Meinung, weil
wir doch deshalb von der Einladung des Vetter Steuerinspektors Gebrauch gemacht
haben: Ich bin ein alter Mann, und meine Reputation ist nicht die beste; Geld
und Gut habe ich nicht, aber Philosophie ist meine Freude, und die will ich mit
dir teilen, du afrikanischer Taugenichts. Komm zu mir, Leonhard Hagebucher, wenn
die andern dich nicht wollen. Für ein paar Jahre, hoff ich, reicht der Lebensmut
noch aus; ein alter Bursch verlässt den andern nicht, und - Germania sei 's
Panier! Ratsschreiber zu Nippenburg! Haben sie mich nicht auch dazu gemacht,
Anno fünfundzwanzig, als ich noch einige Grade weiter herunter war als du, mein
Junge? Gehe mit mir auf die Landstrasse, Leonhard - holla, wohin will die Base
Schnödler?«
    »Mein Teil Anzüglichkeiten und Grobheiten habe ich mit Geduld angehört:
jetzt aber hab ich mein voll gerüttelt und geschüttelt Mass. Sieh nach dem Wagen,
Schnödler; - Base Hagebucher und Herr Vetter, ich bitte, es nicht für ungut zu
nehmen, wenn mein Rat und meine Meinung in eurem Hause Ombrage und Ärgernis
erregt haben, sie waren gut gemeint; aber allzuviel lass ich mir auch nicht
bieten. Sieh nach den Pferden, Schnödler, und empfiehl dich den Herrschaften,
und was den Herrn Afrikaner betrifft, so mag er tun und lassen, was er will, und
was den Herrn Wegebauinspektor Wassertreter angeht, so sage ich nichts, als dass
ich seine gehorsamste Dienerin bin, aber meine Ansicht über ihn nur aus
christlicher Barmherzigkeit bei mir behalte. Guten Abend.«
    Guten Abend kann jeder sagen; aber die Tante Schnödler konnte den
freundlichen Wunsch auf eine ganz besondere Art ausdrücken - siehe, es war
gleich einem Habichtschrei über einem Hühnerhofe, gleich einem Steinwurf in
einen Sperlingshaufen! Mit Flattern und Flügelschlagen erhob sich die
Verwandtschaft, und jegliches Temperament brachte sich in seiner Weise zur
Geltung. Vergeblich suchte die Mutter Leonhards durch Bitten und Beschwörungen
die erregten Gemüter zu besänftigen. Jedes gute Wort fiel gleich einem Tropfen
Öl in das Feuer, und nur um das Trutahnsgekoller in der Versammlung
auszurotten, hätte jemand dem Onkel Stadtrat und dem Vetter Sackermann den Hals
umdrehen müssen, und selbst der Elfenbeinhändler vom Weissen Nil hielt sich
innerhalb der Grenzen der gebildeten europäischen Welt und tat diese Tat nicht.
    Der Steuerinspektor Hagebucher, der Vater des Hauses, welcher der Majorität
der Verwandtschaft und vor allem der Tante Schnödler vollständig recht in ihren
Anschauungen gab und im Innersten seiner zahlenkundigen Seele den Vetter
Wassertreter zu Atomen verrieb, sagte nichts als: »Da haben wir's.«
    Er verschwand hinter den Wolken seiner Pfeife und rührte sich nicht von
seinem Stuhl; denn wie er seine Leute schätzte, so kannte er sie auch und wusste,
dass unter bewandten Umständen kaum eine Macht des Himmels, geschweige denn eine
irdische Gewalt die Bande der Freundschaft, Neigung und Liebe für den heutigen
Abend wieder fest zuziehen könne. Der Familienrat löste sich auf in seine
einzelnen Bestandteile, die Agnaten und Kognaten zogen ab, wie sie gekommen
waren, jeder und jede mit dem befriedigenden Bewusstsein, höchst praktisch,
verständig und wohlwollend einem sehr zerfahrenen und verfahrenen Zustande
gegenüber die Ehre und das Ansehen der Gevatternschaft vertreten zu haben. Die
gelbe Kutsche verschwand in dem Staube der Landstrasse; die Pappelbäume zeigten
wieder einmal, dass sie imstande seien, einen sehr langen Schatten zu werfen, und
der Vetter Wassertreter zeigte, dass er dasselbe tun könne. Er hielt aus und sass
dem grimmig schweigsamen Steuerinspektor stumm, aber behaglich gegenüber und
schob erst, als es vollständig Dämmerung geworden, die kurze Pfeife in die
Brusttasche.
    »Tue mir die Liebe an und lass dem Jungen seine Zeit«, sagte er aufstehend.
»Wenn aber nicht, so zeige, dass du ein gutes Herz hast, mach dem Jammer ein Ende
und wirf den Lump schnell aus dem Hause. Frau Base, ich sage meinen schönsten
Dank für die angenehme Unterhaltung; gib mir einen Kuss, Lina, und sage dem
Leonhard - na, lass nur, ich will ihm schon selber meine Meinungen sagen. Horch,
Philomele schlägt im Gebüsch, und dort steigt der silberne Mond über den
friedlichen Hütten des Dorfes auf. Jetzt holt der Mensch sein treues Ross aus dem
Stall der Schenke, und einsam trabt der Einsame zu seinem einsamen Gezelt. Auch
meinerseits guten Abend!«
    »Guten Abend!« sagte der Vater Hagebucher sehr kurz und rührte sich auch
dieses Mal nicht vom Platz. Die Mutter Leonhards aber begleitete den
Wegebauinspektor bis zu der Tür des Gartens:
    »O Vetter, Vetter, was soll daraus werden?«
    »Ja, Base Hagebucher, diese Frage habe ich sehr häufig an das Schicksal
gestellt und selten die Antwort bekommen, welche ich zu hören wünschte. Im
letzten Grunde lebt man nur deshalb, und das ist wenigstens ein Trost. Wer will
so ungeduldig sein? Auch beim Wegebau kann man lernen, dass die Vorsehung ihre
Zeit haben will. Wünsche eine geruhsame Nacht, Base; hören Sie, jetzt geht der
Alte drinnen los - jaja, ich weiss schon seit dem Jahre siebenzehn, dass wir in
einer kuriosen Welt leben. Wünsche recht wohl zu ruhen, Base Hagebucher.«
 
                                Sechstes Kapitel
Wo war der Mann aus Troglodytice geblieben? In dem Augenblicke, in welchem die
Tante Schnödler und mit ihr sämtliche Verwandtschaft rauschend und entrüstet
emporfuhr, hatte er sich geduckt, war hinter dem Rücken seiner Lieben an der
Wand dahingeschlichen, hatte mit einem Sprung die Haustür erreicht und mit einem
zweiten Sprunge über die Gartenhecke hinter dem väterlichen Hause das freie
Feld. Seit ihn die Baggaraneger jagten und fingen, hatte er nicht eine solche
Gelenkigkeit der Glieder entwickelt, war er sich nicht einer solchen Schwung-
und Schnellkraft bewusst geworden; aber wie die Baggaraneger blieben ihm auch die
süssen Heimatsgefühle auf den Fersen, und er konnte ihnen nicht entwischen. Da
lag er im Grase unter der Hecke, atmete aus und zitierte einige auf die Tante
Schnödler bezügliche Stellen des Korans; dann fielen die Schatten des Abends
auch über ihn, der Mond ging ebenfalls über ihm auf, und er Leonhard Hagebucher
- sprach ein anderes Wort aus, welches der Prophet freilich nicht gesagt hatte
und welches nicht nachgeschrieben werden kann, ohne den Anstand bedenklich zu
verletzen.
    Nur ganz allmählich gewann die Grille in dem Schlehenbusch neben ihm den
schrillen Heimatstönen in seiner Seele die Dominante ab; mit leisem Gegurgel
schien sich das seichte Wasser des Feldgrabens in die Tiefe der Erde zu
verlaufen, und ähnlich gurgelnd verliefen sich die hohen Wasser, die vor einer
Stunde noch in der väterlichen Wohnstube so arge Wellen geschlagen hatten. Am
Rande des Grabens sass der Afrikaner, zog die Knie gegen das Kinn in die Höhe,
umschlang die Schienbeine mit den Händen und gelangte in dieser dem Nachdenken
so günstigen Positur zu der Überzeugung, dass der heutige Tag ihm kein verlorener
gewesen sei.
    Merkwürdig, merkwürdig! Was war der beste Wille, die Zeiten der
Vergangenheit zu alter, vergnüglicher, bunter Lebendigkeit wiederaufzufrischen,
gegen die Ankunft der gelben Kutsche von Nippenburg? Was war alles Zurücksehnen,
Zurückträumen, Zurückdenken gegen den Onkel Stadtrat und den Onkel Sackermann,
welche beide in Fleisch und Blut das, was gewesen war und noch war, auf das
gediegenste zur Erscheinung brachten?! Das innigste und eifrigste Bestrehen, mit
dem Gefühl, dem Verstande, der Vernunft, der Phantasie, mit dem süssesten
Ahnungsvermögen den Dingen der Heimat wieder beizukommen, hatte sich als ein
nichtiges, sehr vergebliches Abquälen erwiesen: vor diesem Familienkonklave aber
waren die sieben Siegel wie von selber aufgesprungen. In klarster Beleuchtung
lagen die stillen Gefilde der Kindheits- und Jünglingsjahre vor Herrn Leonhard
Hagebucher da; es war nicht mehr nötig, ihren Mysterien nachzugrübeln und sich
den Kopf darüber zu zerbrechen.
    Wie der deutsche Mond höher stieg, fing das Wasser, welches mit dem schon
beschriebenen Gegurgel den Graben durchschlich, an, hie und da lieblich zu
schimmern, und der leider schon vom ehrlichen Wandsbecker Boten lyrisch
verwendete weisse Nebel machte sich ebenfalls auf den Wiesen bemerkbar. Der Mond
schien dem Mann aus dem Tumurkielande auf den Kopf, der Nebel stieg ihm in die
Nase, und er - Hagebucher - liess die Schienbeine fahren, schnellte empor, stand
hoch aufgerichtet in der holden Nacht, rieb die Hände und hub an - leise vor
sich hin zu lachen. Er lachte, der Barbar, er wagte sogar, laut zu lachen, der
verwilderte Unmensch; und dann schüttelte er sich, er wagte es, sich zu
schütteln: und ohne auf die Gefühle der Tante Schnödler Rücksicht zu nehmen,
gratulierte er sich selber zu der soeben zum Durchbruch gekommenen wohltätigen
Krisis, und leider hatte er allen zarteren Regungen des Menschenherzens zum
Trotz recht. In diesem Lachen hatte er für seine künftige Existenz tausendmal
mehr gewonnen, als ihm ganze Säcke voll Seufzer und ein Dutzend von ihm selber
wohlgefüllte Tränenkrüge einbringen konnten. Er hatte jetzt wenigstens in einer
Beziehung die Überzeugung errungen, dass er während seines Siebenschläferschlafes
im Mondgebirge nicht viel daheim versäumt habe und dass somit alles gebrochene,
mutlose Fortdämmern und melancholische Hinbrüten über solchen imaginären Verlust
recht überflüssig und töricht sei. Was seine jetzige Umgebung während seiner
Abwesenheit gewonnen hatte, das konnte er in jedem Augenblicke auch noch haben,
und wenn er mehr wollte, so gehörte vielleicht nur eine türkische Ruhe dazu, um
jenseits jedes unnützen Schwebezustandes in einer nützlichen Tätigkeit wieder
sicher Fuss zu fassen. Er prüfte seine Gelenke und Muskeln und tat den Sprung,
das heisst, fürs erste sprang er über den Graben, welcher die nebelige Wiese von
dem väterlichen Gütchen schied, und schritt bedächtig mit
übereinandergeschlagenen Armen erst durch das feuchte Gras und sodann auf dem
engen Fusswege an den Gärten des Dorfes hin.
    Es war auch die letzte Fest- und Jubelnacht der Maikäfer, deren es in diesem
gesegneten Jahre eine erkleckliche Anzahl gegeben hatte. Sie schienen zu wissen,
dass ihre Zeit nunmehr um sei, hatten sich zum letztenmal im Tau und Duft der
Nacht berauscht und schwärmten in nicht unberechtigtem Leichtsinn in die
Unsterblichkeit hinüber. Sie summten durch die Luft und umtanzten Busch und
Baum; in ihrer Trunkenheit gaben sie nicht im geringsten acht auf ihre Wege und
flogen dem schier ebenso berauschten Leonhard gegen die Nase oder hingen sich
ihm in Haar und Bart.
    »Hallo, Gesindel«, rief er, »seid ihr auch da? Recht so, hussa, tummelt
euch, nehmt die Stunde, wie sie euch gegeben wird - lustig, lustig, surr, surr,
so ist's recht, und morgen ist's doch vorbei. Beim Berge Kaf, vivat der Vetter
Wassertreter!«
    Er lachte abermals hellauf, brach aber schnell horchend ab. Seine wilde
Lustigkeit hatte ein melodischeres Echo hinter den Büschen gefunden; ein
lockiges Haupt erhob sich über die Hecke - der Genius dieser Mondscheinnacht des
letzten Mais hätte sich nicht neckischer und vorteilhafter verkörpern können:
    Fräulein Nikola von Einstein - siebenundzwanzig Jahre alt - Hofdame Ihrer
Hoheit der Prinzess Marianne - unverheiratet - - - ach! -
    »Er ist es, Lina«, sagte das Fräulein, »nun weine nicht länger, Närrchen; er
sieht keineswegs aus, als ob er mit Selbstmordgedanken umgehe; tröste dich,
Herz, einer geknickten Lilie gleicht er noch lange nicht; guten Abend,
unsträflicher Herr Ätiopier.«
    Sie reichte dem Afrikaner die Hand über das Gezweig und rief:
    »O Gott, wie indiskret! Aber auch welch ein Abend für alle Indiskretionen!
Es freut mich in der Tat, Sie so heiter zu sehen, Herr Hagebucher; hier hab ich
mit dem Schwesterchen in grosser Sorge um Sie gesessen. Ist es zu indiskret, wenn
ich Sie frage, was für einen Grund Ihnen die Welt für Ihre Heiterkeit seit
Mondenaufgang gab?«
    »Hören Sie, junge Dame«, sagte Leonhard, »man kann aus der Gefangenschaft
bei den Heiden recht schwache Nerven heimbringen. Bedenken Sie, dass ich an
solches allerliebste Auffahren aus Hagedorn und Heckenrosen durchaus nicht
gewöhnt bin. Fühlen Sie meinen Puls.«
    »Nein, nein, ich danke und glaube Ihnen auf Ihr Wort!« lachte Nikola. »Aber
dies ist die Grenze Von meines Onkels Reich, und das Recht, hier
herüberzugucken, lasse ich mir nicht nehmen.«
    »Ich auch nicht«, sprach der Afrikaner, sich Vorbeugend. »Lina, wo steckst
du denn?«
    »Hier!« klang weinerlich die Stimme des Schwesterchens, das auf der Bank
sass, auf welcher das Hoffräulein stand. »Ach, Leonhard, ich bin so betrübt um
dich, und ich habe mich so geärgert. O Gott, o Gott, lass mich mit dir wieder in
die weite Welt laufen; wir wollen zusammenhalten, Leonhard, und die Mutter, weiss
ich, wird auch zu uns stehen, und der Vater meint's gewiss nicht so bös, und was
geht uns die Tante Schnödler und das übrige alberne Volk an! O Gott, o Gott, wie
habe ich mich geärgert -«
    »Jaja, Herr Leonhard Hagebucher, und da ist sie hergelaufen und hat sich mir
in die Arme gestürzt, grad als ich mit dem Haarbesen auf die Fledermausjagd
gehen wollte. Nun weiss ich alles, was das Konzil gebrütet hat, und rate Ihnen
recht sehr, doch ja Ihr Bestes zu bedenken und so schnell als möglich
Ratsschreiber zu Nippenburg zu werden. Warten Sie, ich kenne zehn Schritte
weiter abwärts ein Loch in der Hecke - komm, Lina.«
    Das schöne Haupt der Sprecherin tauchte unter, zwei Sprünge brachten den
Afrikaner zu dem besagten Loch; es rauschte im Gebüsch, ein schlaftrunkenes
Vogelpärchen flatterte, aus dem schönsten Traum der Sommernacht geweckt, auf;
mit dem Schwesterchen wand sich Fräulein Nikola von Einstein durch das Gezweig.
Die drei standen auf dem schmalen Pfade nebeneinander, und Lina umschlang den
Bruder und schluchzte:
    »Sei nur still, sei nur ruhig; ich halte gewiss bei dir aus! Fürchte dich
nicht, wir wollen, ja, wir wollen -«
    »Uns eine Drehorgel kaufen und unsere eigene Geschichte auf eine Leinwand
malen lassen und ein Lied davon machen und es absingen auf allen Gassen des
Vaterlandes!« schloss das Hoffräulein den Satz. »Lustig, wir wollen unsere
Sparbüchsen zusammenschütten, um die ersten Auslagen dieser Unternehmung zu
decken. Vivat! Vivat! Herbei aus den Büschen, Oberon und Titania, Puck,
Bohnenblüt, Spinnweb, Motte und Senfsamen! Herbei, ihr Elfen, zur
Ratsversammlung; auch wir können unsere Köpfe zusammenstecken, auch wir können
die Finger an die Nase legen. Lasst den Onkel Wassertreter aus der Schenke zum
Goldenen Rad kommen, auf dass der Rat vollständig sei; - ich stimme für den
Leierkasten und erbiete mich, das Orgellied in Musik zu setzen.«
    Wie flüssiges Silber rann der Mondenschein durch die Natur, und in vollen
Zügen atmete Leonhard den Zauber und das Leben dieser hellen Nacht ein. Es war
wie eine Verzückung über ihn gekommen: er hätte sich die Seiten halten und immer
lauter hinauslachen mögen; es war wie der Rausch eines Opiumessers, und er wusste
es und wunderte sich im Innersten seiner vernünftigen Seele selbst über seinen
Zustand. Vielleicht würde es ihm sehr wohlgetan haben, wenn er sich eine
Viertelstunde lang auf den Kopf gestellt hätte, um in solcher Weise den
Überschuss seiner Heiterkeit loszuwerden. Die Figuren, Gruppen, Meinungen und
Vorgänge des Tages schlugen auf das närrischste Purzelbäume vor ihm; das
Gleichgewicht aber stellte Fräulein Nikola von Einstein her, da sich Herr
Leonhard Hagebucher nicht auf den Kopf stellte wie ein Baggaraneger oder sonst
ein Exaltado aus dem Tumurkielande. Sie - Fräulein Nikola - legte ihm jetzt die
Hand auf den Arm und sagte ganz ernst:
    »Armer Freund, wir sollten eigentlich doch nicht so lachen, zumal bei diesem
dummen Mondlicht. Am hellen Tage, im Sonnenschein lässt sich weniger dagegen
einwenden. Ihre Geschichte ist recht, recht traurig, mein Freund. Auf dem
Grenzsteine dort oder noch besser unter dem Wegweiser an der Landstrasse wollen
wir uns niedersetzen, die Taschentücher hervorziehen und nach denken über unser
Schicksal und über den Weg, neben welchem wir stillsitzen. Heute am Nachmittag
hab ich Ihnen auch mit Lachen von meinem närrischen Dasein erzählt; ach, jetzt
hätte ich wohl Lust, Ihnen in einem andern Ton eine andere Geschichte von mir zu
erzählen, wenn es mir oder Ihnen im geringsten nützlich wäre. Wenn ich ein Mann
wäre, so würde ich mir einen nobeln Krieg irgendwo in der Welt aufsuchen und
darin etwas tun, was mir Freude machte oder nur Ruhe gäbe oder auch nur die
Gelegenheit, mit Gleichmut zu verbluten. Ich hasse diesen Mondenschein, und ich
fürchte mich vor diesen surrenden Käfern. Es sind Gespenster des Frühlings, der
nicht mehr ist. Sie lügen sich das Leben nur noch vor, und ich bin wie sie und
halte mich meiner Nerven wegen in Bumsdorf auf - Maikäfer, flieg, Maikäfer,
flieg! Ach, Herr Leonhard Hagebucher, wir passen recht gut zueinander, Sie und
ich; kommen Sie, wir wollen uns auf den Stein an die Landstrasse setzen und
warten - warten. Vielleicht lese ich Ihnen auch einmal im Sonnenschein aus dem
Buche meines Lebens eine finstere Seite vor. Weine nicht, Lina, mein Herz, es
ist doch eine schöne Nacht; auch für dich wird einst die Zeit kommen, wo du von
der Gefangenschaft im heissen Lande Afrika wirst erzählen können. Lustig, lustig,
höre nur den Frosch dort - welch ein Komiker! Satt, zufrieden und dankbar - den
Burschen lob ich mir, und horch, wer ist das? Der Vetter Wassertreter! Den lob
ich mir auch! Der Vetter Wassertreter! Vivat der Vetter Wassertreter!«
    Welle auf Welle rollten die Fluten des neuen Lebens heran und umspülten
wachsend und steigend das Herz des Afrikaners. In jedem Atemzuge fühlte er die
Erstarkung über sich kommen; er hätte eine lange Rede halten müssen, um das in
Worten auszudrücken, was in seiner Seele sich ereignete: Halte den Mund,
Mädchen, und schilt mir diese Nacht und diesen Mondenschein nicht! Du bist zu
schön, um zu schelten, und weinen sollst du noch weniger. Wie schön du bist! Das
Licht der Offenbarung ist mit dir aus dem Gebüsch emporgestiegen; ich war ein
Verirrter, doch nun kenne ich meinen Pfad wieder. Was Trauer und Verdruss, was
Grübeln und Grämen, was Zerschlagenheit und Apatie; wenn du mir hilfst,
Mädchen, bin ich von neuem Herr in meinem Reich! Das Leben war mir zerbrochen,
wie einem der rechte Arm zerbricht; ich habe ihn lange, lange in der Schlinge
getragen, und jetzt prüfe ich von neuem seine Stärke. Mädchen, ich weiss wieder,
in welchem Sinne ich mein Leben begann und wie ich es fortsetzen mag, ohne dem
Wahnsinn zu verfallen gesegnet sei die Tante Schnödler, der deutsche Mond und du
- du schöne, schöne Nikola von Einstein!
    So oder ähnlich wäre es dem Afrikaner erlaubt gewesen, sich zu äussern: er
hätte auch, wie folgt, sprechen können:
    Gnädiges Fräulein, Sie haben gleich bei unserer ersten Begegnung einen
merkwürdigen Eindruck auf mich gemacht; denn Sie bedingen für mich einen
merkwürdigen Gegensatz zu meiner bisherigen Existenz. Gnädiges Fräulein, einem
Manne, welcher zehn Jahre in Abu Telfan im täglichen Verkehr mit Madam Kulla
Gulla, ihren Freundinnen, Töchtern, Nichten und so weiter zubrachte, geht der
Begriff des Vaterlandes in wundervoller Klarheit und Anmut auf, wenn es ihm auch
nur vierzehn Tage hindurch vergönnt ist, täglich einige Male in Ihre Augen zu
blicken. Fräulein von Einstein, die schönsten Illusionen der Jugend müssen sich
mir notwendig in Ihnen verkörpern. Und was die Tante Schnödler anbetrifft, so
bilden Sie auch zu dieser einen angenehmen Gegensatz, gnädiges Fräulein; und
wenn einmal im deutschen Mondenschein, während dem letzten Maikäfergesumme des
Jahres einem Menschen in meiner Situation das Tumurkieland und das Vaterland
durcheinanderquirlen und das Lachen dem Elend das Beste abgewinnt, so wird jeder
Einsichtige dieses der Gelegenheit des Orts, der Zeit und der Umstände
vollkommen angemessen finden.
    Herr Leonhard Hagebucher äusserte sich weder auf die eine noch die andere
Art, er rief:
    »Der Vetter Wassertreter! Wahrhaftig, es ist der Vetter Wassertreter!«
    Der Mond lächelte gar vergnüglich herab, und von der Landstrasse her erklang
es etwas rauh und unsicher, aber jedenfalls sehr heiter:
Wir hatten gebauet
Ein stattliches Haus -
Der Herr Wegebauinspektor und Vetter hatte die Gastfreiheit der Muhme Hagebucher
nicht verachtet; aber er verachtete auch den Krug zum Goldenen Rad nicht. Er
hatte tapfer auf dem Familientage standgehalten und ebenso tapfer den Notabeln
des Dorfes in der Schenke. Er hatte jedem, der ihn trocken oder nass anging,
Bescheid getan. Gestärkt, friedlich und wohlwollend zog er jetzt auf seiner
Landstrasse heim und seinen Gaul am Zügel hinter sich her. Seine Schuld war es
nicht, dass weder das Gebäude der deutschen Burschenschaft noch der
Hagebuchersche Familienfriede unter Dach kamen; er hatte das Seine redlich getan
und kümmerte sich um üble Nachreden nicht im mindesten. Als ihn Lina anrief und
ihm mit den beiden andern in den Weg trat, betätigte er durchaus keine
ungewöhnliche Verwunderung, sondern nahm auch diesen guten Augenblick, wie er
ihm gegeben wurde, schob die Mütze noch ein wenig mehr auf den Hinterkopf,
drückte den Tabak in der kurzen Pfeife fest und sagte:
    »Guten Abend! Ich wünsche der Jugend alles nur mögliche Pläsier
miteinander.«
    »Danke, Herr Vetter«, erwiderte das Hoffräulein, »ich habe bereits wie
gewöhnlich Ihr Loblied gesungen, und wir wissen, wie wir es meinen. Wir hielten
soeben auch eine Ratssitzung zwischen den Büschen in Sachen Herrn Leonhard
Hagebuchers und vermissten Sie sehr dabei, Wegebauinspektorchen. Sie haben so gut
zwischen vier Wänden gesprochen, wollen Sie uns nicht auch noch ein Wörtchen
hier im Mondenschein und im Grünen sagen?«
    »Im Grünen und im Mondenschein, ihr Narren«, brummte der Alte, »das ist
wahrlich die rechte Zeit und Gelegenheit für uns, Rat zu geben und zu nehmen. Ei
freilich, die Vögel, die zueinandergehören, finden einander, und lockt der eine
im Zaun, so antworten zwanzig seinesgleichen aus dem Roggenfeld, dem Walde oder
von der Wiese. Mondschein und Grünkraut, unsereiner, der aus dem Jahre
siebenzehnhundertachtundneunzig stammt, weiss freilich davon zu sagen. Es war
eine schöne Zeit, als man neunzehn Frühlinge durchlebt hatte und in Kompanie mit
den tapfern und treuen deutschen Fürsten und ihren frommen Ministern das neue
heilige Reich baute. Vor dem Krachen des groben Geschützes bis zum Jahre
fünfzehn hatte sich das Gewölk zerteilt, und ganz Deutschland lag in der
silbernsten Beleuchtung unter unsern Berggipfeln. Junges Volk,
Kreuzhimmeltausenddonnerwetter, das war eine liebliche Zeit, eine schöne Zeit,
die Zeit der Halluzinationen und die Zeit für die Halunken! O Freiheit, die ich
meine - sämtliche Zuchtäuser und Kasernen von Gottes Gnaden verwandelten sich
in gotische Dome, und für jeden schwarzen Sammetrock erzog eine deutsche Mutter
eine deutsche Jungfrau mit blondem Haar und blauen Augen. O verflucht - das war
über alle Beschreibung; aber ein Glück war's, dass die Tante Klementine damals
erst die Wände beschrie, sie hätte mich sonst ganz gewiss bei meinen süssesten
Gefühlen gepackt. Mondschein und Maikäfer! Fräulein von Einstein, sehen Sie es
mir noch an, dass ich einstmalen an den Kaiser im Kyffhäuser geglaubt und die
Gitarre dazu geschlagen habe? Jaja, wir waren alle auf dem Marsche nach Utopia,
gleich dem Afrikaner dort, als er von der Universität durchbrannte; und als wir
uns wie er im Tumurkielande wiederfanden, in dem guten Land, wo Lieb und Treu
den Schmerz des Erdenlebens stillt - nämlich auf der Festung, da hatten wir
diesen Karlsbader Beschluss des Schicksals dankbarlichst zu akzeptieren und
unsern Mainachtsrausch ohne weiteres Gesperr, Gezerr und Gezappel zu
verschlafen. Als wir dann erwachten, war ein höchst ungemütlicher Tag
heraufgedämmert. Der Himmel grinste uns so erbärmlich grau an, als wir es
verdienten, und jeder Hanswurst, Narr, dumme Junge und Entusiast bekam seinen
Tritt, der ihn bergab in den Sumpf, in den düstern Keller, in den Winkel
expedierte. Im Winkel bin ich sitzengeblieben, und wenn das Loch verschlossen
sein sollte, Leonhard, so liegt der Schlüssel auf dem Vorplatz unter dem
Uhrkasten. Den Küchenschrank kennst du ja wohl noch aus deiner Knabenzeit: die
Knasterrolle hält sich seitwärts im Kabinette hinter der Tür auf. Du bist zu
jeder Zeit willkommen, wie ich dir schon vorhin sagte, mein Junge; und mehr
Glück hast du auch als der Vetter Wassertreter, solches ist mir längst
klargeworden.«
    Es fiel in diesem Augenblicke eine Sternschnuppe, und hastig fragte das
Hoffräulein:
    »Was dachtest du eben, Lina?«
    »An meines Bruders Glück.«
    »Und der Gedanke war ein Wunsch - ohne Zweifel! Was haben wir noch nötig,
hier Rat zu halten? Der Schlüssel zu des Vetters Gemächern liegt unter dem
Uhrgehäuse, im Fall der Vetter nicht zu Hause sein sollte: merken Sie sich das,
Herr Leonhard Hagebucher. Herr Vetter, ich rekommandiere mich Ihren Ratschlägen;
Lina, ich empfehle mich deinen süssen Wünschen; übrigens wird es kühl und feucht;
dass wir allesamt sehr kluge und gescheite Leute sind, haben wir wieder einmal
bewiesen und erfahren; gute Nacht, gute Nacht!«
    »Gute Nacht, mein Allergnädigstes«, sagte der Wegebauinspektor mit
ungemeiner Zärtlichkeit und wandte sich, als das Hoffräulein durch das Loch in
der Hecke des Bumsdorfer Gutsgartens verschwunden war, zu den beiden Verwandten:
    »Schlafe auch du wohl, Lina, mein Herzblatt! Komm ich wieder, so bring ich
dir eine grosse Düte voll Zuckerwerk mit, und nach einem guten Mann werde ich
mich seinerzeit gleichfalls umgucken, sollte ich ihn bis in den Mond suchen
müssen. Vergiss den Schlüssel unter der Uhr nicht, Leonhard. Es ist eine
nichtswürdige Welt; allein:
 das rechte Burschenherz
Kann nimmermehr erkalten,
Im Ernste wird, wie hier im Scherz,
Der rechte Sinn stets walten;
Die alte Schale nur ist fern,
Geblieben ist uns doch der Kern,
Und den lasst fest uns halten.
O jerum, jerum, jerum!
O quae mutatio rerum!«
Der Schlussreim des alten Studentenliedes verhallte fern auf der Nippenburger
Landstrasse, die der Vetter Wassertreter in so preislichem Zustande erhielt; auf
den Zehen schlichen Leonhard und Lina heim, und wenn der Afrikaner nicht von der
Tante Schnödler träumte, so konnte er von dem Fräulein Nikola von Einstein
träumen. Der Mond ging unter zu seiner Zeit, der Maikäfertanz nahm auch sein
Ende, es wurde noch einmal recht dunkel und kühl, ehe das Licht des neuen Tages
kam. Durch die Natur zog mehr als ein Schauern und Frösteln, vor dem die letzten
Schwarmgeister und Musikanten der ersten Sommernacht in Luft und Gezweig
abfielen und vergingen oder doch scheu unterduckten und sich verbrochen.
 
                               Siebentes Kapitel
»Nun sage mir, ob diese Gegend nicht daliegt wie Goetes sämtliche Werke in
vierzig Bänden?« rief der Vetter Wassertreter, mit beiden Backen kauend und mit
der Spitze des aufgeklappten Taschenmessers einen weiten Halbkreis vor sich in
der Luft beschreibend. Leonhard Hagebucher, noch immer schweigsam und wortkarg,
nickte dem Gleichnis seine Billigung und hielt sich gleichfalls con amore an den
nahrhaften Inhalt des geöffneten Schnappsacks. Es waren ungefähr acht Wochen
seit den in den beiden vorigen Kapiteln beschriebenen Szenen vergangen, es war
ein schöner, heiterer Morgen und die Stunde, in welcher der gesunde Mensch, der
früh aufstand, die Scheu des Leeren in hohem Masse zu empfinden berechtigt ist.
Der alte und der junge Vetter sassen auf einem Haufen zerschlagenen Basalts unter
einem Apfelbaum an der fürstlichen Landstrasse; der Gaul des Wegebauinspektors
stand friedlich und fromm daneben und riss mit lang vorgestrecktem Halse das Gras
aus dem Graben. In Duft und Glanz lag die Nähe und die Ferne, und der Vetter
Wassertreter wiederholte:
    »Goetes sämtliche Werke! Von diesem Steinhaufen bis zum Horizont und hinaus
über den Horizont sagt alles mit Behaglichkeit: Blättern Sie weiter, auch über
die nächste Seite scheint die Sonne!... Vierzig Bände Weltruhms, zweiundachtzig
Lebensjahre und nur vier Wochen ungetrübtes Glück oder besser eigentliches
Behagen - welch ein Trost für uns alle dieser alte Knabe in seiner Fürstengrube
zu Weimar ist! Ob man ein grosser Poet und Staatsminister oder ein kleiner Narr
und Wegebauinspektor ist, bleibt sich am Ende verflucht gleich - ein Vivat allen
guten wackern Gesellen zu Wasser und zu Lande, auf ebner Erde und auf den
goldenen Wolken im blauen Äter, den guten wackern Gesellen, die aushalten und
sich nicht irren lassen und bei jeder Witterung den Tag preisen. Tue, was du
willst, Leonhard, aber in allen Lagen nimm dir ein Exempel an dem alten Geheimen
Rat und an dem Vetter Wassertreter; stirbst du jung, so wirst du das Deinige
genossen haben, stirbst du alt, so kannst du dich in Ruhe einen Quietisten,
Lumpen, oder wie es dem Pöbel sonst beliebt, schimpfen lassen: du hast, was dir
gehört, gerettet und kannst die Leute reden lassen.«
    »Das ist alles recht schön«, sagte Leonhard Hagebucher kläglich, »aber fürs
erste handelt es sich für mich weniger darum, die Nase hoch zu tragen, als sie
aus dem Schlamm zu ziehen. Alles Schlagen mit Händen und Füssen versenkt mich nur
immer tiefer in den Morast; noch eine kurze Zeit, und der arme Teufel ist
verschwunden, und der Vetter Wassertreter kann ihm ein Denkmal setzen mit der
Inschrift: Hier liegt der Tropf, seines Schicksals würdig. Daheim im
Tumurkielande -«
    »Daheim?« rief der Vetter in fast kläglicherem Tone als der Afrikaner.
»Daheim im Tumurkielande! Also so weit bist du schon herunter? Es wäre freilich
nicht zu verwundern; aber traurig ist's doch. Armer Bursch, die Gefangenschaft
hat dich grenzenlos verwöhnt - statten wir der Madam Klaudine einen Besuch ab;
auch das wäre kein Wunder, wenn sie den Rat für uns hätte, den wir nunmehr schon
wochenlang vergeblich in allen Ritzen und Winkeln suchen.«
    »Wer ist diese Madam Klaudine?« fragte Leonhard. »Ich höre diesen Namen
nicht zum ersten Male, und immer wird er mit einer gewissen melancholischen
Betonung ausgesprochen. Wer ist diese geheimnisvolle Madam Klaudine?«
    »Eine Frau, welcher du schon längst einen Besuch gemacht haben solltest,
Sohn Afrikas. Jetzt haben wir noch einige restaurierte Abzugsgräben und den Weg
am Nonnenkopf, über welchen mir neulich der Wolkenbruch so niederträchtig
herfiel, zu revidieren; - im Ochsen zu Fliegenhausen halten wir Mittag und
Mittagsruhe, und nachher gehen wir zur Madam Klaudine. Im Laufe des Tages werde
ich dir dieses und jenes von der Frau erzählen. Sammle die übrigen Brocken und
lass uns wandern.«
    Leonhard Hagebucher erhob sich, und der Vetter Wassertreter bestieg von
neuem sein Ross. Sie verbrachten den Morgen ihrem Programm gemäss, zählten
Steinhaufen, untersuchten Wasserläufe und Gräben und hielten allen die grüne
Ferne durchschnurrenden Eisenbahnzügen zum Trotz ihre Wege rein und in gutem
Zustande.
    Gemütlichkeit und Grobheit wechselten in den Kundgebungen des Vetters den
Umständen und den Leuten gemäss, mit welchen er es in seinem Amte zu tun hatte,
und was er von der Madam Klaudine zu erzählen wusste, erzählte er. Leonhard hatte
wiederum Gelegenheit, sich in manchen Dingen zu orientieren, die ihm sehr neu
erschienen, es aber keineswegs waren.
    »Fliegenhausen wird dir wohl noch bekannt sein, und der Katzenmühle wirst du
dich ebenfalls noch erinnern«, sprach der Vetter Wassertreter. »Solch ein
deutsches Dorf hält seine Erscheinung und seinen Geruch mit merkwürdiger
Zähigkeit fest, und aus dem Boden wächst immer dasselbige Geschlecht, und im
Ochsen steht der Eichentisch noch auf derselben Stelle, auf welcher er vor
fünfzig Jahren stand. Mit der Mühle ist das anders, und du wirst ja sehen, was
davon übriggeblieben ist. Den Bach hat der Teufel - wollt ich sagen, das
neunzehnte Jahrhundert geholt, und es ist ein Jammer und Schaden um seine
Forellen. Den Katzenmüller mitsamt seiner Familie hat der Teufel wirklich geholt
und via Bremen nach Amerika expediert, wo es ihm besser geht, als er's verdient.
Im Jahre einundfünfzig waren Bach, Mühle, Müller, Müllerin und Müllertochter
noch im lustigsten Flor; um Weihnachten zweiundfünfzig aber, als Madam Klaudine
ankam, ging es zu Ende mit allem: die hübsche Karoline war in das
Landeszuchtaus abgeliefert, die beiden Alten rüsteten sich zu ihrer Fahrt über
die See, und oben im Lande war bereits der Grund zu den Fabriken gelegt, welche
den Bach frassen. Das ist so eine einfache Geschichte, so eine Art
Dorfgeschichte, ohne Glanzwichse, Pomade und Kölnisches Wasser. Das schöne
Müllermädchen spielte natürlich die Hauptrolle in dem Trauerspiel, das
Kriminalgericht fand sich berufen, allerlei Dorfgerüchten nachzugehen - eine
Kindsleiche wurde irgendwo gefunden im Bach, im Fichtengrunde, unter dem
Düngerhaufen, wer weiss wo! - Es ist auch einerlei, die Geschichte ist seitdem
bereits wiederum einige Male in der Umgegend passiert; die hübsche Sünderin hat
ihre acht Jahre Zuchtaus hinter sich und ist Anno sechzig ihren Eltern nach
Missouri gefolgt, soll nach einem Gerücht einen Quäker geheiratet haben, nach
einem zweiten und wahrscheinlicheren aber die Bestimmung des Weibes zu Utah im
Mormonenlande zu erfüllen suchen. Das alles hat nicht das geringste mit Madam
Klaudine zu schaffen; die hat ihre eigene Historie, welche jedoch im Grunde
ebenso einfach wie die der Familie in der Katzenmühle ist. - Im Februar des
Jahres achtzehnhundertzweiundfünfzig fiel hierzulande ein starker Schnee, von
welchem ihr in eurem Afrika unter dem Äquator wohl kaum etwas gespürt haben
mögt. Es war, als ob der Welt nach den politischen Aufregungen der
jüngstvergangenen Jahre das Deckbett für einen gesunden Schlaf von einem halben
Säkulum aufgelegt werden sollte. Acht Tage hindurch währte der Spass, und das ist
dann die rechte Zeit für unsereinen, welcher der Menschheit die Wege offenhalten
soll und selber nicht durchkann. Herrgott, und nachher will einen die Tante
Schnödler und die Kusine Mauser und die ganze übrige Verwandtschaft an seiner
roten Nase zupfen und die eigene rümpfen! Tag und Nacht bis an den Hals im
Schnee oder im Wasser - Tag und Nacht keine Ruhe - Herr Inspektor vorn, Herr
Inspektor hinten - von der hohen vorgesetzten Behörde Tritte, Knüffe und Püffe,
dass einem der Kopf summt und man seine Seele mit Vergnügen auf dem ersten besten
trockenen Bund Stroh ausächzen möchte. Na, du hast ja auch, mancherlei erlebt,
Leonhard, und wirst dir eine Vorstellung davon machen können! - Bei so bewandten
Umständen rief mich nun damals meine Amtspflicht auch in das Eichental hinter
Fliegenhausen, wo die Poststrasse durch die Schneemassen vollständig verschüttet
war und die Bauernschaft mit Aufbietung aller Kräfte den ganzen Tag über an der
Aufräumung derselben gearbeitet, aber für jede Schaufel voll, die sie zur Seite
warf, drei Scheffel voll über die Köpfe bekommen hatte. Der Wind wurde mit
zunehmender Dämmerung immer boshafter und tat nach bestem Vermögen das Seinige,
um unsere Mühen vergeblich zu machen; es konnte in der Tat keine bessere
Gelegenheit geben, eine angenehme Bekanntschaft zu machen, und so liess mich denn
auch der Himmel die Madam Klaudine auf meiner Chaussee finden. Trotz allen
Hindernissen und Schrecken des Wetters hatte eine von der Residenz kommende
Extrapost sich Bahn gebrochen bis zum Eingang des Fliegenhäuser Tales, wo sie
denn aber doch endlich steckenblieb. Ein junger, stattlicher, sehr aufgeregter
Mann - ein Offizier in Zivilkleidung, arbeitete sich durch die Schneewehen, um
uns zu Hülfe zu rufen. Ich hielt ihn im Anfang für betrunken, er war's aber
nicht, und ich erfuhr bald, dass er Grund zu seiner Aufregung hatte. Sein
Kutscher war ohne allen weiteren Zweifel betrunken, eines der Pferde
zusammengebrochen und der Wagen selbst so tief versunken, dass er kaum noch
aufzufinden war. Die Dame im Wagen lag ohnmächtig - im Fieber - dem Tode nahe;
und mit gerungenen Händen schrie mir der junge Herr zu: Es ist meine Mutter!
Helfen Sie mir, o helfen Sie uns! Es ist meine Mutter, welche stirbt; wo können
wir sie, wenn auch nur für einige Stunden, unter Dach bringen? - Ganz
Fliegenhausen stand nunmehr im Kreise um den versunkenen Wagen und kratzte sich
hinter den Ohren, und mir für mein Teil erschien die Geschichte kurios und
verwunderlich genug. Die Leute sahen anständig und vornehm aus; aber auf den
ersten Blick musste man erkennen, dass der Unfall und das arge Wetter sie nicht
allein bedrängten. Sie erschienen wie Menschen, die von einem plötzlich
ausbrechenden Feuer aus dem Schlafe aufgeschreckt und aus ihrem brennenden Hause
gejagt wurden; eine wilde, hastige und doch stumpfsinnige Verzweiflung sprach
aus jedem Wort, jeder Gebärde des jungen Mannes, und der stupideste meiner
Arbeiter und Bauern wich betroffen vor seiner krankhaften Heftigkeit zurück. An
einem solchen ärgerlichen, mühevollen Tage hat man jedoch genug zu tun, wenn man
auf das Nächste und Nötigste achtet und, wenigstens für den Augenblick, zur
Seite liegenlässt, was einen für den Augenblick nichts angeht. Das nächste Obdach
bot die Katzenmühle, und dortin brachten wir, nicht ohne Anstrengung, die
erschöpfte Frau. Wir hatten lange zu pochen und zu klopfen, ehe man uns die Tür
öffnete; die beiden Alten waren nicht in der Stimmung, barmherzig und milde
gegen die Welt zu sein, und man konnte es ihnen auch kaum verdenken. Das Elend
suchte bei dem Elend Schutz, und das ist immer und allewege ein ander Ding, als
wenn das Glück mit Lachen das Glück zum Tanz auffordert. Die Müllerin war
natürlich noch widerborstiger und grimmiger als der Müller und wehrte sich am
längsten gegen unser Eindringen in ihren dunkeln Jammerwinkel. Endlich wich auch
sie halb der Gewalt, halb der Überredung und verkroch sich grollend zu ihrem
Mann hinter den Ofen. Wir legten die kranke Dame auf ihrem Bette nieder und
konnten nunmehr kaum noch etwas für sie tun. Ich versprach, wo möglich den Arzt
von Nippenburg herüberzuschicken, aber die Kranke wies, ebenfalls mit grosser
Heftigkeit, diesen Dienst zurück. So nahm ich denn Abschied und zog mich mit
meinen Bauern und Strassenknechten nach Fliegenhausen zurück. Wir waren gleich
einem geschlagenen Heer; der Sturm und der Schnee hatten das Feld siegreich
behauptet; den Wagen der Fremden mussten wir lassen, wo wir ihn gefunden hatten,
und froh sein, dass wir noch die Gäule und den Kutscher retteten. Wenn ich den
festen Entschluss hatte, schon am folgenden Tage die Katzenmühle wieder zu
besuchen, so lag es nicht an mir, wenn ich ihn nicht zur Ausführung brachte. Ich
hatte mir aus dem Schnee der letzten Tage ebenfalls ein Fieber geholt, welches
mich unsern Herrgott in seinem Zorn erkennen liess, mich in einem Federbett halb
erstickte und halb mich in Strömen von Kamillentee ersäufte. Erst nach Wochen
ritt ich wieder durch Fliegenhausen und dachte dann zum erstenmal wieder an jene
Begegnung im Unwetter, welche ich dir beschrieb. Der Schnee war jetzt längst zu
Wasser geworden, und der Frühling regte sich schon überall in den Büschen und
unter den Büschen. Mir war recht wohl zumute, und in solcher sehr glücklichen
und leichterzigen Gemütsstimmung trabte ich denn auch zur Katzenmühle und rief
mit lautem Hallo nach dem Müller, um mich nach seinen Gästen und ihren fernern
Schicksalen in seiner Behausung zu erkundigen. Der Mensch soll aber ja nicht
meinen, dass die Welt auf ihn wartet, während er, mit über die Ohren gezogener
Nachtmütze im Bett liegend, schwitzt und Tee trinkt. Die Katzenmühle fand ich
noch vor, aber den Katzenmüller und die Katzenmüllerin nicht mehr; sie waren
abgezogen nach Amerika, und an ihrer Stelle sass die Madam Klaudine in der
Katzenmühle, und die Madam Klaudine war jene ohnmächtige Dame, welche ich mit
Hülfe der Fliegenhäuser Bauernschaft aus dem Schnee aufgrub. Eine Magd wies mich
zuerst von der Tür fort, wie uns an jenem stürmischen Abend der Müller
abgewiesen hatte. Der Herr Leutnant sei in die Fremde gegangen, und Madam
Klaudine sei unwohl und nicht zu sprechen, hiess es. Der Vetter Wassertreter aber
hat sich nicht umsonst dem Wegebau gewidmet, er fand seinen Weg zu der
geheimnisvollen Frau, und nicht zu ihrem Schaden: denn die frommen Hirten und
biedern Ackerbebauer der Gemeinde Fliegenhausen machten ihr bereits das Leben
sauer genug. Ich fand häufig Gelegenheit, mich der Frau nützlich zu machen und
ihre Ruhe und Behaglichkeit gegen die Nachbarschaft, der das Wesen gar nicht
gefiel, in Schutz zu nehmen. Dass ich etwas Vertrauenerweckendes in und an mir
habe, hat die Base Klementine mir noch nie abgestritten, und so bin ich denn im
Laufe der Jahre ein guter Freund der Madam Klaudine geworden, und wir wissen,
was wir aneinander haben. Sie sitzt still in einem grossen Schmerze und würde ihr
Geschick gewiss gern um deine Gefangenschaft zu Abu Telfan vertauscht haben; aber
ihr Leid ist ebenfalls nicht neu, ihre Historie ist sowenig zum erstenmal auf
Erden passiert wie die der schönen Müllerin. Diese Frau, welche wir hier Madam
Klaudine nennen, ist die Gattin eines hochgestellten Beamten, der einer
Kriminaluntersuchung nur dadurch entging, dass er in dem Augenblick, als der
Verhaftungsbefehl ihm vorgezeigt wurde, wie man sagt, am Schlagfluss starb. Ihr
einziger Sohn glaubte seine Ehre mit der seines Vaters verloren und warf in
unverständiger Verzweiflung alles von sich, was sein Leben bis dahin bedingt
hatte. Als die Katastrophe über sein Elternhaus hereinbrach, muss sie ihn als
einen verweichlichten, verwöhnten Knaben gefunden haben; denn er besass nicht die
Kraft, seine Persönlichkeit, sein. Ich in dem gewohnten Lebenskreise zu
behaupten, sondern liess alles hinter sich und floh wie dein Landsmann, der Vogel
Strauss, um irgendwo den Kopf in den Sand zu stecken. Die Mutter steht natürlich
für die Richtigkeit seines Verhaltens ein; sie liess sich ebenso natürlich in dem
Augenblick der Glückswende von ihm fortreissen und wäre ihm bis ans Ende der Welt
auf seiner Flucht in das aschgraue Ungewisse gefolgt, wenn nicht
glücklicherweise der grosse Schnee sämtliche Eisenbahnlinien verweht und sogar
die Poststrasse des Vetters Wassertreter am Eingange des Eichentals von
Fliegenhausen gesperrt hätte. So sitzt sie nun länger als zehn Jahre in der
Katzenmühle und harrt auf die Rückkehr ihres Sohnes, und wie ich glaube, warten
andere Leute mit ihr darauf. Dass der junge Herr noch am Leben ist, steht der
Mutter unzweifelhaft fest, aber desto zweifelhafter ist mir, was er aus sich
gemacht hat. Der Unterhaltungsstoff ist uns während dieser zehn Jahre nicht
ausgegangen; wir wissen im Sommer wie im Winter, worüber wir zu schwatzen haben,
und im Notfall können wir träumen nach Belieben. Du wirst eine schöne, alte
Frau, eine weise Frau, eine Heldin kennenlernen, Leonhard Hagebucher. Wenn du im
Tumurkielande dein Elend mit solchem Anstand trugest wie Madam Klaudine
Fehleisen das ihrige in der Katzenmühle, so mache ich dir mein allergehorsamstes
Kompliment. Himmelsackerment, nun sieh einmal an, wie mir die Lümmel hier den
Winterweg zugerichtet haben! Die ganze Böschung ruiniert! Wie viele besoffene
Kotsassen und Brinksitzer haben mit ihren Mistwagen hier im Graben gelegen?
Sollte man da nicht den Glauben an die Menschheit verlieren und den an die
Karlsbader Beschlüsse finden? Das ist ja rein um des -«
    »Eine Unglückliche und eine Heldin!« sprach Leonhard in tiefem Nachdenken
vor sich hin, und der Vetter, wieder in den gelassenen Ton seiner Erzählung
übergehend, sagte:
    »Du wirst sie sehen, und hoffentlich gefällst du ihr so wie mir. Du wirst
sie kennenlernen, und das ist mehr, als sehr vielen Leuten zuteil wird. Da ist
übrigens Fliegenhausen; wir wollen jedenfalls den kürzesten Weg zum Ochsen
nehmen. Bei solcher Mittagshitze ziehe ich die Sehne dem Bogen immer vor, dir
aus dem heissen Land Afrika kann's einerlei sein.«
 
                                 Achtes Kapitel
Sie erreichten den Ochsen auf einem wenn auch nicht ungewöhnlich reinlichen, so
doch schattigen Nebenwege und wurden von dem Wirt und der Wirtin mit ländlicher
Herzlichkeit an der Pforte in Empfang genommen. Ländlich speisten sie zu Mittag,
und nach der Mahlzeit streckte sich der Vetter auf die Bank von weichem Holz und
riet dem Begleiter, dasselbe zu tun und sich um die Fliegen nicht zu kümmern.
Wenn sich die Fliegen nicht um den Vetter bekümmert hätten, so wäre das
jedenfalls recht freundlich von ihnen gewesen. Leonhard Hagebucher legte die
Arme auf den Tisch und den Kopf auf die Arme mit dem festen Vorsatz, das
Beispiel des Wegebauinspektors nicht nachzuahmen, und verwunderte sich eine
Stunde später sehr, als er, erwachend, sich nicht in der Lehmgrube der Madam
Kulla Gulla zu Abu Telfan, sondern in der Gaststube des Ochsen zu Fliegenhausen
fand. Auch der Vetter richtete sich verstört auf; man trank den Kaffee des
Landes weniger des Inhalts als der Form wegen. Der Gaul blieb gern im Stall des
Ochsen zurück. Der Vetter und der Afrikaner machten sich auf den Weg zur Madam
Klaudine, jetzt wieder der Landstrasse folgend. Sie durchschritten den obern Teil
des Dorfes und gelangten bald in den kühlen Schatten des Eichentales; eine
Viertelstunde von Fliegenhausen schlugen sie sich zur rechten Seite auf einem
ausgefahrenen Hohlweg tiefer in den Wald; der Pfad wurde in einem Seitentälchen
immer schmäler und brachte sie durch eine kurze Wendung um eine hervorspringende
Felsenecke zu der Katzenmühle, dicht hinter welcher die Welt nicht mit Brettern
vernagelt, sondern durch eine ungefähr fünfzig bis sechzig Schuh hohe Granitwand
von den Ährenfeldern der über dieser Steinwand beginnenden weiten Ebene
abgeschnitten war. Von diesem Felsen herab stürzte sich früher der lustige Bach
auf das Rad, aber, wie gesagt, die grossen neuen Fabriken droben im Lande hatten
längst den Hauptfluss des Wassers für sich in Anspruch genommen und dem demütigen
Schwesterchen in der Tiefe nur grade soviel davon gelassen, als nötig war, um
rund um das alte Gemäuer, Gestein und Gebälk und das zerbrochene Radwerk eine
Vegetation hervorzubringen und zu erhalten, wie kein Maler sie sich anmutiger,
üppiger, frischer und grauer vorstellen konnte, Ein wildes Gärtchen zog sich vor
dem Hause her, und es war kaum zu erkennen, wo die lebendige Hecke in das
Gebüsch des Waldes überging. Wilde und edle Rosen hatten sich ineinander
verflochten, Zaunwinden und Jelängerjelieber ebenso unzertrennlich ineinander
verschlungen. Über das Dach der Mühle hatte sich der Efeu in einer Weise gelegt,
dass eine wahre Merkwürdigkeit daraus geworden war. Wie es um den Speichen und
Schaufeln des alten schwarzen Rades blühte und grünte, lässt sich kaum
beschreiben. Es war ein Wunder, dass die Fenster des Hauses nicht aus
Bonbontafeln bestanden, und kein Wunder war's, wenn Leonhard Hagebucher vor
Überraschung stehenblieb und rief:
    »Das ist die Katzenmühle?! O was ist aus der geworden? Der Anblick würde
einem in den Hundstagen unterm Äquator Kühlung geben, o das ist schön!«
    »Nicht wahr? Aber so ist es immer und an jedem Orte: man braucht die Natur
nur ihr Spiel weiterspielen zu lassen, sie weiss mit den gegebenen Hülfsmitteln
üppig zu wuchern. Unter des Katzenmüllers Regierung sah das Ding anders aus,
Madam Klaudine hat es gelernt, der alten Mutter Isis ihre Wege offenzulassen,
und nicht bloss um Haus und Zaun her.«
    »Allah, was haben wir hier?« rief der Afrikaner, als sich plötzlich aus dem
Wald- und Gartengebüsch ein weisser Pferdekopf hob und schnaufend und vertraulich
sich ihm auf die Schulter legte. »Bei allen Mächten Dschinnistans, Prospero,
bist du auch da? Weisst du auch den Weg hierher zu finden?«
    »Wahrhaftig, 's ist der Engländer vom Bumsdorfer Gutshof!« brummte der
Vetter. »Na, denn nur zu; die Kompanie wird immer hübscher.«
    »Ich hab ihn aus seinem Stall gestohlen und, wie gewöhnlich, selber satteln
müssen, Herr Vetter«, sprach Nikola von Einstein, aus der Gartentür vortretend.
»Seid gegrüsst, ihr Herren. Madam Klaudine wird sich freuen, euch zu sehen, wir
haben schon länger, als uns gut ist, zusammengehockt.«
    Eine ältere Dame in schwarzer Kleidung zeigte sich jetzt an dem offenen
Fenster der Mühle und nickte freundlich lächelnd dem Wegebauinspektor zu.
Geführt von dem Hoffräulein, betraten die beiden Männer das Haus, und Nikola
sagte:
    »Frau Geduld, hier ist er denn, und es soll mir nicht darauf ankommen, seine
Abenteuer und Erfindungen zum sechstenmal anzuhören. Fragen Sie ihn nur immerhin
aus, Frau Geduld; ich halte mich derweil an den Herrn Vetter, welcher auch das
Seinige, und zwar jeden Tag, erlebt.«
    »Danke, meine Allerschönste«, sagte der Inspektor und stellte nun den
Begleiter in aller Form der Frau Klaudine vor, und diese reichte dem letztern
die feine hagere Hand und hiess ihn auf das herzlichste in ihrem stillen Reiche
willkommen. Dem Afrikaner aber ward's zumute, als sei er jetzt wirklich einer
grossen Hitze in der Libyschen Wüste, auf den Landstrassen des Vetters
Wassertreter, in den Gassen von Nippenburg, einer argen Verfolgung durch immer
von neuem aufspringende Widersacher von allen Hautschattierungen, einem
erbärmlichen Geschrei, wilden, wüsten Rufen, Lärmen und Spektakel glücklich
entgangen, als könne er jetzt wirklich in Sicherheit Platz nehmen und
verschnaufen. So tat er.
    Die Frau Klaudine war eine schöne, alte Frau mit ruhiger, sanfter Stimme und
ruhigen Augen in einem stillen Gesicht. Ihre Bewegungen waren langsam und ein
wenig mühsam, wie die einer von schwerer Krankheit Genesenden. Sie trug sich
schwarz und hatte im Innern ihrer Hütte gewaltet wie die Natur draussen. Mit dem
geringsten Aufwande und den gewöhnlichsten Mitteln hatte sie den verwahrlosten
Bau und Aufentalt des Katzenmüllers und seiner Familie verwandelt, als eine
geschmackvolle Fee, welche durch ihren Zauberstab ebenso mächtig ist wie andere
Leute durch ihr Geld. Sie, Madam Klaudine, liess auch Kaffee bringen durch ein
hübsches Bauernmädchen; der Vetter Wassertreter durfte seine Pfeife anzünden,
und insgesamt sassen sie nieder zur Unterhaltung.
    »Fräulein Nikola hat Sie nach ihrer Art empfangen Herr Hagebucher«, sprach
die Frau Klaudine; »aber glauben Sie mir, Sie sind mir hochwillkommen, und - und
wir sind auch schon recht gute Bekannte. Wenn die junge Dame die Erzählung Ihrer
Erlebnisse sechsmal angehört hat so hat sie jedenfalls gut zugehört. Ich habe
viel gefragt, und sie wusste immer gar schön Bescheid. Ach, geben Sie mir noch
einmal Ihre Hand, Herr Leonhard: Sie müssen mir viel, viel mehr von Ihrem Leben
sagen; ich möchte noch recht vieles von Ihnen wissen.«
    »Und wir kommen auch, um mehreres mitzunehmen für das, was wir bringen
können«, fiel der Wegebauinspektor ein.
    »Wir stecken fest, wir wissen nicht mehr ein und aus!« lachte das Fräulein
von Einstein. »Wir möchten gern wissen, wo die gebratenen Tauben der
Zivilisation am dicksten in der Luft fliegen; - wir möchten gern die Frau
Klaudine bitten, uns zu sagen, wo und wie man sich niederzusetzen hat, um nicht
mitten im alten Europa das Tumurkieland recht sehr zu vermissen. Papa und Mama,
die Tante Schnödler und der Vetter Wassertreter haben uns wenig Trost geben
können, und so sind wir denn zur Katzenmühle gewandert. Jaja, es geht mehreren
Menschen so.«
    »Ach, gnädige Frau«, stammelte Leonhard mit einem Blick auf das Hoffräulein,
welches anfing, mit einer Geissblattranke, die sich neugierig in das Fenster bog,
zu spielen; »Madam - Frau Klaudine, im Grunde ist es so, wie das Fräulein
spricht, und soeben fühle ich zum erstenmal wieder seit langer Zeit eine kühle
Hand auf der Stirn. Ich bin freilich zu Ihnen gekommen, weil so viele Leute
sagen, Sie allein könnten mir einen Rat für mein verzetteltes Leben geben; denn
Sie seien nicht nur eine gute, sondern auch eine kluge Frau, und nicht nur eine
kluge Frau, sondern auch eine weise. Es sei keine geringe Kunst, hier in der
Katzenmühle zu leben, meinen die Leute; wer es aber so könne wie Sie, Frau
Klaudine, der habe so viel gewonnen, dass er einem andern recht gut davon abgeben
könne, und darum bitte ich, der es vor Tausenden nötig hat, mir einen Rat zu
geben und mir zu sagen, was ich mit einem Dasein gleich dem meinigen anzufangen
habe.«
    Madam Klaudine hatte wieder die Hand des Afrikaners genommen und sah ihn mit
einem ruhigen, aber doch sehr traurigen Blick an.
    »Also so reden die Leute draussen in der Welt von mir und haben Sie zu mir
geschickt?« fragte sie. »Ei, ei, soll ich euch den Merlin spielen und im
Dickicht verworrene Sprüche vor mich hin sagen, dass ihr neue Rätsel zu den alten
aufzulösen bekommt? Was denken die Menschen, und was denken Sie, lieber Freund!
Ich bin eine alte Frau, und Sie sind ein junger Mann; ich bin müde zum
Einschlafen, und Sie reiben sich, soeben wieder erwachend, den Schlaf aus den
Augen. Ich habe mich unter bittern Schmerzen, in hartem Kampfe dessen entledigt,
was Sie mit allen Kräften wiedergewinnen möchten; und wenn auch das letztere
leichter ist als das erste, so ist es doch grade für mich schwer, sehr schwer,
die Wege zu zeigen.«
    »Lassen Sie sich nicht darauf ein, Frau Geduld!« rief Nikola. »Es ist ein
undankbarer Herr, der so leicht nicht zu befriedigen ist. O Gott, was würde ich
darum geben, wenn man mich zum Ratsschreiber von Nippenburg machen wollte! Und
wenn ich, wie er, meine Historia zu einer Orgel und einer bunten Leinwandtafel
in den Gassen absingen dürfte, dann verlangte ich nichts weiter vom guten Glück
und zöge sicherlich nicht so verdrossen und griesgrämlich einher und langweilte
die Menschheit. Ach, es weiss selten einer, wie gut er's haben könnte, wenn er
nur wollte und wagte, nicht wahr, Frau Klaudine?«
    Während der Vetter Wassertreter bestätigte, dass der Gedanke mit der
Drehorgel etwas recht Verlockendes habe und jedenfalls in nähere Überlegung zu
ziehen sei, sah die Bewohnerin der Mühle mit noch tieferer Melancholie auf das
Hoffräulein und nahm erst nach einem längern Stillschweigen von neuem das Wort.
    »Ich kann Sie nicht einladen, Herr Hagebucher, in den Wald zu kommen und bei
den sieben Zwergen zu leben; denn es wäre nicht gut und nützlich. Sie haben
lange genug nur mit sich allein hausgehalten; deshalb lassen Sie sich nicht
verführen von augenblicklicher Abspannung und Ermüdung. Ach, ich bin keine kluge
und noch viel weniger eine weise Frau, obgleich die Leute es sagen; aber man
braucht's auch nicht zu sein, um zu wissen, was den Tod für Sie bedeuten würde.
Was für einen andern Rat könnte ich Ihnen geben, als dass Sie wieder hinausgehen
müssen auf den Markt; und wer sich Ihren Freund nennt der soll dazu helfen und
unter keinen Umständen dazu beitragen, dass Ihnen der gegenwärtige Tag allzu
behaglich werde.«
    »Hab ich es nicht immer gedacht, mein Junge!« rief der Vetter Wassertreter
mit Emphase. »Was hilft mir der Grossvaterstuhl, wenn ich nicht drin sitzen darf?
Nur weiter, Frau Klaudine, ich habe meine Meinung schon längst gewusst, ich hab
sie nur nicht ausdrücken können. Warte, mein Söhnchen, wir werden dir schon
Nadeln aus jeglichem Sitz wachsen lassen. Nur immer weiter, liebste Frau
Klaudine.«
    Lächelnd fuhr die Madam Klaudine fort:
    »Der Vorschlag mit dem Drehorgelbild und dem schönen Lied dazu gefällt auch
mir ausnehmend wohl, und es wäre meine feste Meinung, dass wir nichts Besseres
tun können, als ihn so schnell als möglich zur Ausführung zu bringen. Ja, es ist
mein völliger Ernst, lieber Freund, und ich glaube auch nicht, dass man dadurch
gegen die Sitte der Zeit verstosse -«
    »Nicht im geringsten!« rief Nikola von Einstein. »Das wäre noch besser,
nicht im allergeringsten!«
    »Was jedermann tut, kann auch einer aus dem hintersten Afrika machen«,
brummte der Vetter. »Leonhard, fasse dich kurz; auf die Auslagen soll's mir
nicht ankommen, und den rechten Schick traue ich dir schon zu.«
    »Mein Jammer muss doch recht komisch sein, dass alle das Lachen ihrer
Teilnahme beifügen«, sagte Leonhard kläglich und mit einem etwas vorwurfsvollen
Blick auf Frau Klaudine. »Man hat auch recht, und das Wort ist alt genug, dass
der für den Spott nicht zu sorgen braucht, welcher den Schaden hat. Es ist sehr
komisch, und ich will auch lachen wie die andern, und wisst ihr, was ich tun
werde, Vetter? Mit einer Drehorgel werde ich nicht im Lande umherziehen; aber
Eure Steine will ich zerklopfen an Eurer Landstrasse, Herr Vetter. Bei Allah, das
werde ich tun, und morgen werde ich damit beginnen! Das ist mein Entschluss, und
niemand soll mir mehr dreinreden. Bei Allah, wie dumm der Mensch sein kann! Ist
es mir doch noch gar nicht eingefallen, dass ich die Philosophie, die ich im
Tumurkielande teoretisch übte, im Lande der Deutschen praktisch ausführen
könne! Beim Ring des Königs Salomo, jetzt habe ich des guten Rates genug; ich
will nichts mehr hören, sondern meine Tage zerklopfen wie den Basalt an Euren
Landstrassen, und Eure Zivilisation mag über meine Gedanken und Hirngespinste
weggehen und -fahren, was kümmert's mich.«
    »Wohinaus, Nikola?« fragte die Frau Klaudine, als das Fräulein sich jetzt
schnell erhob und nach ihrem Hütchen und ihrer Gerte griff.
    »Nach Bumsdorf zurück auf dem Prospero, Liebste.«
    »Und Sie wollen nicht warten und uns nicht mit sich nehmen?« rief der Vetter
Wassertreter.
    »Nein, nein! Was hat Sie auch angetrieben, uns jenen dort herzuschleppen?
Auch wir kommen selten genug dazu, uns einer guten Stunde zu freuen, und es ist
durchaus nicht nötig, dass man uns ungeladen eine Fratze in den Sonnenschein
schneide. O Frau Geduld, werden Sie einmal recht, recht ungeduldig und sagen Sie
dem Herrn aus dem Mohrenlande, dass wir unsere Meinungen und Ratschläge
keineswegs wie Brombeeren hergeben, oder, noch besser, rufen Sie die Christine
mit dem Besen und lassen Sie Ihr Haus kehren. Guten Abend, Madam! Guten Abend,
Gentlemen! Ich hab an meinem eigensten Eigensinn schwer genug zu tragen und
brauche mir von keinem andern dazu mit dem Borstwisch durch die blaue Minute
fahren zu lassen. Guten Abend, meine Herrschaften, guten Abend, Herr Leonhard
Hagebucher - vielleicht treffen wir in einer bessern Stimmung wieder zusammen.«
    Sie hatte der Frau Klaudine die Stirn geküsst und war zur Tür
hinausgesprungen. Sie sass auf dem weissen Pferde und grüsste in lachender
Schönheit, die nun gar seltsam mit ihren ärgerlichen Worten kontrastierte, über
die Hecke. Als die lustige, grazienhafte Erscheinung im Walde verschwunden war,
sassen die beiden Männer noch eine geraume Weile sehr verblüfft da und starrten
ins Leere, bis die Frau Klaudine seufzte:
    »Mein armes Kind, geh nur; es darf dich niemand schelten um deine Ungeduld!
Ihr lieben Herren, da ist auch eine glatte Stirn und krause Gedanken darunter,
und keiner in der Welt draussen, ihre Gespielinnen nicht und ihre Mutter nicht,
kann soviel davon wissen als ich. Und sie kommt ebenfalls zu mir, um auf die
Tropfen zu horchen, die von dem zerbrochenen, nutzlosen Rad meiner Mühle
klingen; aber auch sie ist zu jung, als dass die Lehre dieses Klanges den rechten
Sinn für sie haben könnte, und zu jung sind auch Sie, Herr Leonhard.«
    Mit den letzten Worten hatte sich die Bewohnerin der Katzenmühle von neuem
an den Afrikaner gewendet und fuhr jetzt fort:
    »Ich wollte Ihrer nicht spotten, mein Kind. 's ist auch eine Kunst wie so
manches andere; und wenn ich voreinst mehr davon wusste, so habe ich das gleich
so manchem andern lange verlernt hier in der Stille. Es ist ein übel Lachen in
der Katzenmühle, wenn man allein sitzt und auf das Fallen der Wassertropfen
horcht und auf den Häher tiefer im Walde. Man lernt das Lachen und den Spott
nicht in der Einsamkeit! - Weshalb wollen Sie das, was Sie in der Wüste erlebten
und dachten, nicht auf eine Tafel malen, um es dem Volke zu zeigen und zu
deuten? Viele kluge und gute Leute haben dasselbe getan und so einen grossen
Nutzen gestiftet, indem sie ihr Schicksal, ihre schweren Mühen und Arbeiten, ihr
Glück und Unglück sing-und sagbar machten. Denken Sie nach über das, was Sie
erlebten; - hier im Walde, auf der Landstrasse des Herrn Vetters, in Ihrer Eltern
Hause, überall denken Sie darüber nach, und wenn Sie wollen, können Sie auch
niederschreiben, was Sie für nützlich und neu halten. Es ist ein schöner Sommer,
die Tage sind lang, und man hat volle Zeit, sich allerlei zu überlegen, bis der
Herbst in das Land kommt; - nachher, wenn Sie genug zusammengetragen haben,
reden Sie zu dem Volke davon, Sie werden tausend Hörer finden, und wenn Sie Ihre
Sache recht machen, so sollen Sie sich wundern, wie schnell sich Steine in Gold,
Verdruss in Wohlbehagen und grosses Elend in noch grösseres und sehr dauerhaftes
Glück verwandeln können.«
    »Was sagst du, Leonhard? Was habe ich dir gesagt?« rief der Wegebauinspektor
in heller Begeisterung. »Haben wir an die rechte Tür geklopft? O Frau Klaudine,
was hätte aus mir werden können, wenn Sie Anno neunzehn in Mainz an der Tür der
Zentraluntersuchungskommission auf mich gewartet hätten! Rühr dich, Leonhard,
und küsse der Madam Klaudine die Hand, oder ich ziehe die meinige so vollständig
von dir ab wie nur je der Stamm Levi von der übrigen Vetternschaft, wenn der
Kirchenzehnte in Gefahr kam, weil Bacchus und Venus, Baal oder der Drache zu
Babel es billiger taten.«
    Die Herrin der Katzenmühle erhob drohend lächelnd den Finger und sagte:
    »Herr Vetter, Herr Vetter, es ist sicherlich zu jeder Zeit ein schweres
Stück Arbeit gewesen, Sie einen Weg zu führen, den Sie nicht gehen wollten.
Jetzt halten Sie gefälligst den Mund und lassen mich aussprechen. Sie fallen vom
Monde herab, Herr Hagebucher, und haben somit viel zu erzählen; singen Sie Ihr
Lied vor Ihrer bunten Tafel, und das Leben der Gegenwart, das Sie unter so
grossen Mühen wiederzufinden suchen, wird gewiss zu Ihnen kommen, und wohl Ihnen,
wenn es Sie nicht ertränkt und erstickt mit seinen bittern, trüben Fluten.«
    Leonhard Hagebucher hatte die Stirn tief gesenkt; der Vetter Wassertreter
aber schlug von neuem mit grosser Gewalt auf sein Knie und rief begeistert:
    »Madam Klaudine, der Bursche kann's machen, und ich werde ihm helfen! Hurra,
da sollen nicht Nippenburg und Bumsdorf allein Augen und Ohren aufsperren!
Vivat, jetzt haben wir eine Beschäftigung für den Winter -«
    »Wo steht Euer trefflicher Gaul, Herr Wegebauinspektor?« unterbrach die Frau
Klaudine den Entzückten, und der Vetter, der gern noch länger das Wort behalten
hätte, antwortete:
    »Nun, im Ochsen, wie gewöhnlich.«
    »So tut mir den Gefallen, Liebster, und schlendert hin zum Ochsen; reitet
heim und lasst mir diesen hier noch einige Augenblicke allein; ich schicke ihn
Euch so bald als möglich nach. Ihr habt mir ein freundliches Zutrauen erwiesen,
Herr Vetter, indem Ihr Euren Schützling mir zuführtet, und dass ich dasselbe
nicht täuschen werde, wisst Ihr. Lasst mir den Herrn Leonhard noch ein Stündchen,
ich verspreche Euch auch, dass Ihr noch viele Freude an ihm erleben sollt.«
    Der Vetter Wassertreter machte eine Bewegung, als ob er sich die Hände
wasche, und sagte greinend, indem er sich langsam erhob:
    »Madam Klaudine, es ist sicher, dass Ihr eine kluge Frau seid und dass man
sich auf Euch jederzeit verlassen kann, auch wenn Ihr einem den Stuhl vor die
Tür setzt. Ich habe schon Zerbrechlicheres als den Vetter Hagebucher in Eure
Hände gelegt; also wünsche ich Euch hiermit einen guten Abend und marschiere
Eurem Wunsche gemäss nach dem Ochsen. Bringt ihn rum, ich meine den Jüngling aus
Afrika, und lasst nicht los, eh Ihr seiner Unmündigkeit auf die Beine geholfen
habt. Sei brav, Leonhard, und bedenke, wieviel Liebe und Ehre dir angetan wird.
Solltest du mich bis gegen zwei Uhr morgens noch nötig haben, so melde dich
unter meinem Fenster; du weisst, dass der Schlaf meine schwache Seite ist.«
    »Guten Abend, Herr Wegebauinspektor!« rief die Frau Klaudine ein wenig
ungeduldig; der Vetter Wassertreter küsste mit grosser Zierlichkeit die Hand gegen
sie und verschwand endlich pfeifend hinter den Büschen, ein gut Stück Weges
begleitet von dem Wächter der Katzenmühle, einem stattlichen weissen Spitzhund,
dessen Verwandtschaft in sehr guten Umständen auf dem Bumsdorfer Edelhofe lebte.
 
                                Neuntes Kapitel
Kaum hatte der Vetter den Rücken gewendet, und noch waren die melodischen
Klänge, womit er seine Anabasis begleitete, nicht verklungen im Walde, als eine
grosse Veränderung über die Bewohnerin der Mühle kam. Die ruhige Heiterkeit
verschwand aus ihrem Gesichte, sie sah noch einen Augenblick angstvoll und scheu
in die stille Wildnis vor ihrem Fenster; dann fasste sie mit beinahe wilder
Heftigkeit den Arm Leonhard Hagebuchers, stellte sich dicht vor ihn hin, sah ihm
immer tiefer in die Augen und flüsterte:
    »So sind Sie endlich doch gekommen? Weshalb kamen Sie nicht früher? O es war
sehr grausam, mich so lange warten zu lassen. Sie durften am wenigsten mit mir
spielen, da Sie doch auch so Schweres leiden mussten und auch keine Waffen
dagegen hatten! Hat Ihnen niemand gesagt, wie die Einsiedlerin nach Ihnen
verlangte? Hat Ihnen selbst Nikola nicht von mir gesprochen und Sie zu mir
geschickt? O das war nicht gut, nicht gut! Aber nun danke ich Ihnen doch, denn
ich habe Sie ja und gebe Sie so leicht nicht wieder frei. Sie müssen mir alles
sagen, von allem erzählen - Sie dürfen das Kleinste, das Geringfügigste nicht
auslassen, denn es kann mir Leben oder Tod bedeuten, was Ihnen nichts ist.«
    Ratlos und bestürzt stand Leonhard unter diesem Schauer von rätselhaften
Vorwürfen. Fragen und Bitten. Die Vorstellung, dass er sich einer Irrsinnigen
gegenübersehe, drängte sich ihm mit aller Gewalt auf, und er wusste es dem Vetter
Wassertreter wenig Dank, dass er ihn zu dieser geheimnisvollen Mühle und Frau
geführt habe, um ihn sodann seinem Schicksal zu überlassen. Er sagte stammelnd
und stotternd:
    »Es haben mir viele Leute und auch das Fräulein von Einstein von Ihnen
gesprochen, und ich würde gern früher hierhergekommen sein, wenn ich geahnt
hätte, dass die Frau Klaudine meinen Besuch so gern sehen würde. Ich will auch
gern noch einmal meine Historie erzählen und mit allem Vergnügen jede mögliche
Auskunft geben; es lässt sich hier gut sitzen, und ich will recht oft kommen,
wenn die Frau Klaudine ihre Erlaubnis gibt.«
    Die Frau Klaudine schüttelte traurig das Haupt. »Ich merke, man hat Ihnen
doch nicht genug von mir erzählt. Ach, halten Sie mich nicht für eine Närrin:
ich bin nur eine unglückliche Mutter und frage die Leute aus nach meinem Kinde.
Verzeihen Sie mir meine Aufregung, lieber Freund. Ja, ich denke, wir werden
recht oft und lange zusammensitzen, und da wollen wir einander allmählich besser
kennenlernen. Nun reden Sie, was hat man Ihnen von der Einsiedlerin in der
Katzenmühle gesprochen?«
    Leonhard Hagebucher teilte mit, was dann und wann beiläufig im Gespräch
vorgekommen war, und sodann, was der Vetter Wassertreter auf dem heutigen Wege
von der Geschichte der Frau Klaudine ihm kundgemacht hatte, und die Bewohnerin
der Mühle hörte nun wieder still und ruhig zu und nickte nur von Zeit zu Zeit
mit dem Kopfe. Als er mit seinem Bericht zu Ende war, sagte sie:
    »Freilich, es kann niemand wissen, wie dem Nachbar zumute ist, sei's, dass
ihm eine Schale aus der Hand fällt und zerbricht, sei's, dass er vor den Scherben
seines ganzen Lebensglückes steht. Ich suche mein Kind - meinen Sohn, Leonhard
Hagebucher; er hat mich verlassen und ist davongegangen in die weite Welt; er
ist geflohen vor dem Schimpf der Leute und hat mich bewegungslos hier
zurückgelassen, und ich bin eine Närrin, Leonhard Hagebucher, glaube an Wunder
und wäre schon längst gestorben, wenn ich nicht an Wunder glauben durfte. So
sitze ich hier in der Katzenmühle und horche bei Tag und Nacht. Es muss einst in
dem Wind eine Stimme zu mir herüberdringen, ein Stein muss anfangen zu reden, und
während ich darauf harre, lasse ich keinen, der aus der weiten Welt kommt und
über meine Schwelle tritt, los, ohne dass er mir Rechenschaft gab über seine Wege
und alle, welche ihm auf denselben begegneten. Ich frage sie alle nach meinem
Sohne; wenn ich hundert Jahre lebte und wüsste, mein Kind sei längst tot, ich
wurde doch fragen und fragen müssen - ich lebe nur, um mit angehaltenem Atem zu
horchen; o und es ist oft sehr schrecklich, so allein zu wohnen und nichts zu
hören als das Niederfallen der Tropfen dort vor dem Fenster! Ja, die Nikola, die
weiss am meisten von allen Menschen davon; aber sie darf auch am wenigsten davon
sprechen. Sagen Sie ihr nicht, dass ich ungehalten auf sie war, Herr Hagebucher!
Ich darf keinem zürnen; das Schicksal, das über mir ist, könnte es mich
entgelten lassen, und ich habe schon so lange, so traurig lange gewartet. Nur
die Geduld kann mir helfen, und ich will geduldig sein; ich will nicht an dem
Zeiger der Uhr rücken; die Leute, die aus der Welt kommen, sollen mir nur sagen,
wie es draussen aussieht, wie die Menschen es treiben und wer ihnen begegnete. Es
muss einmal jemand kommen, der meinen Sohn kennt, der ihn im Gewühl streifte und
ein Wort mit ihm wechselte; ich aber will still sein hier in der alten Mühle und
will mit Geduld auf ihn warten; weiss ich es doch vor Hunderttausenden nur allzu
gut, wie es da draussen zugeht und wie bitter, grausam und blutig das Treiben auf
den Strassen der Erde ist!«
    Bewegt rief Leonhard Hagebucher:
    »Liebe Frau, jetzt verstehe ich Sie ganz und hätte Ursache, eine tiefe Reue
zu empfinden. Kein Mensch kann die Frau Klaudine so gut verstehen wie der,
welcher sich auch zehn Jahre in der Gefangenschaft in Geduld zu fassen hatte und
dem nicht einmal die Geduld, sondern nur der Stumpfsinn, das blödsinnige
Hinstarren und Hinhorchen in die Leere übriggeblieben war. Ja, nun will ich auch
zu der Frau Klaudine sprechen wie zu keinem andern und ihr wie keinem andern
Rede stehen; denn wer könnte gleich ihr einen Sinn in diese Trostlosigkeit und
bodenlose Nichtigkeit legen?!«
    »Wir haben uns gegenseitig viel zu bieten und wollen einander nach Kräften
helfen«, sprach die Frau aus der Katzenmühle, und dann - erzählte Hagebucher
abermals seine Geschichte, diesmal jedoch in einem andern Ton, auf eine andere
Weise und der rechten Zuhörerin. An diesem ersten Tage konnte er freilich nur
einen Überblick geben; schon nistete sich die Dämmerung in den tieferen Gründen
des Waldes ein, und schon erglühten die höchsten Wipfel und Zweige der Bäume im
rötern Lichte der untergehenden Sonne. Schon hatte Leonhard hundert Gestalten,
und darunter wunderliche Gesellen, zu Land und zur See vor dem verlangenden
Herzen der armen Mutter vorübergleiten lassen, aber den, welchen sie suchte,
erkannte sie nicht unter ihnen. Die Dämmerung schlich von allen Seiten immer
kühler und kühler aus dem Walde heran gegen die Mühle. Der moosige Fels über dem
Dache erhob sich schwärzlich gegen den reinen Himmel des Sommerabends, und die
erste Fledermaus verliess ihren Schlupfwinkel und prüfte ihre Schwingen, indem
sie einen unsichern Kreis um den morschen Schornstein der Frau Klaudine
beschrieb. Fern im Walde erhoben sich die Stimmen der Nacht, und der Spitzhund
vor der Gartentür schlug leise an und schritt in dem engen Wege bis zur Tür der
Mühle auf und ab, gleich einem treuen Wächter, der sich rüstet, sein Amt in der
Finsternis wohl zu versehen.
    Noch immer sassen Leonhard und die Frau Klaudine neben dem offenen Fenster,
und keines von beiden merkte, wie das Licht und die Zeit vorübergegangen waren.
Noch immer sprach Leonhard Hagebucher, der jetzt längst seine Zuhörerin in das
gelbe glühende Felsental von Abu Telfan zu seiner Lehmhütte geführt hatte, und
nannte jetzt auch zum ersten Male den Namen des Herrn van der Mook.
    »Nun sagen Sie mir noch ein Wort von Ihrem Befreier und von der Stunde Ihrer
Erlösung!« rief die Frau Klaudine. »Schildern Sie mir den Mann, welchen Ihnen
die Vorsehung sandte, um Sie zu retten, und wie es Ihnen war, als die Fesseln
zur Erde fielen und das Fürchterliche hinter Ihnen lag. Sagen Sie mir mit Ihrem
eigenen Munde, wie Sie erlöst wurden, das soll mich bestärken in dem Glauben an
die eigene Erlösung; ach, es sind zu viele, die sagen: Ihr kann nicht geholfen
werden! Und ich bin so allein, und ich habe das Wunder und den Glauben und die
Leute, welchen gesagt wurde: Steh auf und wandle - so nötig, o so nötig!«
    Fortgerissen von der fieberhaften Heftigkeit dieser Frau, sprach Hagebucher
zum erstenmal seit seiner Rückkehr aus Afrika auf solche Weise, wie es sich nach
solchen Erlebnissen gehörte. Er gab jedem Ding die rechte Farbe und wunderte
sich, während er redete, selber darüber. Es erwachte ein Talent in ihm, von
welchem er bis zum gegenwärtigen Augenblicke nichts gewusst hatte und über
welches er sich nachher auf dem Heimwege nach Bumsdorf noch mehr zu wundern
begann, wie wir bald erfahren werden.
    Die wilden schwarzen Jäger mit ihren Sklaven waren durch Chasm-el-Bab, den
Eingang der Wüste, in ihr Felsendorf heimgekehrt. Kopfschmerzen, Übelkeiten,
wunde Füsse und einige sehr rote Striemen waren die Ausbeute des Tages für den
Sohn des Steuerinspektors Hagebucher gewesen. Nun lag er stumpfsinnig, lang
ausgestreckt, drückte das Gesicht in den Sand, um nichts mehr von dem heillosen
Lichte des Tages zu sehen, und war nicht imstande, Protest gegen die fröhliche
Jugend, welche im kindlichen Spiel seinen armen Leichnam zum Tummelplatze
erwählte, zu erheben. Schrill erklang die Stimme der Madam Kulla Gulla durch das
Gequiek der Kleinen, das Schnarchen der Kamele, das Brüllen des Rindviehs, das
Schnarren der Kuhhörner und das Triumphlied der Jäger. Die Alten und Weisen
unterhielten sich von dem letzten Heuschreckenzuge, und ihrer einige trieben
ebensogut Politik wie die Gevattern nordwärts vom Mittelländischen Meere. Die
Feuer zur Bereitung der Nachtkost wurden soeben angezündet - Leonhard Hagebucher
hatte selber am Morgen den Kamelmist zusammengetragen -, einige Brüllaffen, ein
junger Gorilla und zwei Rieseneidechsen waren bereits an die Spiesse gesteckt; in
einer Stunde war es unwiderruflich Nacht. Es war besser, der Zubereitung des
Abendessens in Abu Telfan nicht zuzusehen, man speiste mit viel grösserm Appetit;
es war besser für den europäischen Menschen, auch die Ohren im Sande zu
vergraben, das Stimmen der Instrumente zu dem Konzert, welches den Tag
beschliessen sollte, war kaum ergötzlich anzuhören. Eine Schildkröte, mit aller
geistigen Begabung der Schildkröte und nicht mehr, zu sein - o die Vorstellung
eröffnete einen Blick in das Reich der höchsten krönenden Gnade! Die
Vorstellung, den Kopf unter die Schale ziehen zu können und nichts zu fühlen, zu
sehen und zu denken - diese Vorstellung war zu beseligend, um nicht bitterer zu
sein als jener Stern Wermut, der alle Brunnen und Wasserläufe der Erde
untrinkbar machte. Dass der Vollmond den Neger betrunken mache, ist zwar noch
nicht vollständig erwiesen; was jedoch sämtliche Touristen, Handelsleute,
Missionäre und Entdecker von seinen Wirkungen auf die Seelen der unsträflichen
Ätiopier erzählen, deutet darauf hin, dass etwas dran sei, und Hagebuchers
Erfahrungen traten mit ganzer und klarster Gewissheit für das Faktum ein. Noch
lag die feurige Sonnenkugel auf dem westlichen Rande des Tales; erst in einer
halben Stunde war's Nacht, und dann musste der wahre, echte afrikanische Sabbat
beginnen - Leonhard Hagebucher dachte mit Schauder daran und begrub seine Stirn
zum drittenmal tiefer in den Sand.
    Ein Schuss, der ein hundertfaches Echo in den zerklüfteten Felsentälern
weckt! Ein zweites Krachen, das an den roten Berglehnen dahinrollt! Stille im
Dorf und Lager und darauf ein gellendes, hundertstimmiges Geschrei und Geheul!
Die Männer und Krieger zu den Waffen, die Weiber und Kinder in die dunkelsten
Winkel der Hütten oder in die tiefsten Verstecke der Erdhöhlen! Mrs. Lavinia
Drawboddy in weiten roten türkischen Hosen, einer weiten gelblichen
Flanelltunika und mit einer blauen Drahtbrille auf einer Kamelstute; - Mr.
Augustus Montague Drawboddy ganz in gelbem Flanell, mit Revolver, Doppelbüchse,
Jagdmesser auf dem merkwürdigsten und zottigsten aller Ponys; - Herr Kornelius
van der Mook ebenfalls bewaffnet bis an die Zähne, bärtig, sonnverbrannt, in
einem Kostüm, welches dem der englischen Dame an phantastischer Willkürlichkeit
nichts nachgibt, auf einem stattlichen Maulesel - ein unendliches, wühlendes,
staubaufrührendes, brüllendes, plärrendes, kreischendes, quiekendes, rasselndes,
klapperndes, hinten und vorn ausschlagendes, purzelbaumschlagendes Gefolge von
Arabern und Affen, Nubiern, Abyssiniern, Schilluks, Baggaras und Dschournegern,
von Büffeln, Eseln, Lasttieren aller Art, Käfigen mit jungen Löwen und Tigern,
Kasten mit Krokodilen und Schlangen und bunten Vögeln! Halt des Zuges an der
Barriere von Abu Telfan; exaltiertestes Verhandeln der Parlamentäre und
Dolmetscher - allgemeine Verständigung und wahnsinnigster Jubel! Grosse
gegenseitige Vorstellung von Altengland und Tumurkieland, Mrs. Lavinia Drawboddy
und Madam Kulla Gulla; - der Gorilla am Bratspiess und Mr. Augustus Montague
Drawboddy in tiefsinniger Betrachtung des Gorillas - Herr Kornelius van der Mook
und Herr Leonhard Hagebucher aus Nippenburg, Grand-Duchy of ***, German
Confederation! - -
    »Es war die allerhöchste Zeit, dass er kam, Frau Klaudine«, seufzte der
Erzähler in der Katzenmühle. »Noch eine kurze Frist, und er hätte meinetalben
ebensogut wegbleiben können. Einen Tag später, und der Rest wäre die
unbefangenste Tierheit, die absoluteste Blödsinnigkeit gewesen; denn was man
zehn Jahre ertrug, das mag einem in den ersten Stunden des elften zuviel werden.
Law, bless me, what a horror! sprach sogar Mrs. Lavinia Drawboddy, als sie die
Kuriosität in ihr Reisetagebuch eintrug, und ihr Gatte ging dreimal um mich
herum und sagte: Wonderful, wonderful!«
    »O lassen Sie diese Engländer!« rief die Frau Klaudine. »Was sagte der Herr
van der Mook? Sprechen Sie mir von diesem; denn er ist's gewesen, welcher Sie
erlöste und Ihnen die Ketten abnahm. Sagen Sie mir alles von ihm - was wollte
ich darum geben, wenn ich ihn sehen, den Klang seiner Stimme hören dürfte.«
    »Er stolperte über meinen am Boden ausgestreckten Leib, als er die Madam
Kulla Gulla zum Stadtaus von Abu Telfan führte, und da er beinahe gleichfalls
sich zu Boden gelegt hätte, so entfuhr ihm eine nicht sehr höfliche Redensart,
und zwar in deutscher Sprache. Da bin ich aufgefahren und habe ihn ebenfalls
deutsch angerufen, und dann kamen mir vor übermächtiger Aufregung meine fünf
Sinne für einige Zeit abhanden, und als ich das Bewusstsein wiedererlangte, war
der Handel um meine Person bereits im besten Gange; ich aber konnte nichts
weiter tun als den Verlauf der Unterhandlungen in Geduld abwarten. Mr. Augustus
Montague Drawboddy, der mehr als mich in seinem Leben taxiert hatte, schätzte
meinen Wert auf sechs Schnüre böhmischer Glasperlen, zwei königlich
grossbritannische ausrangierte Perkussionsmusketen, drei Solinger
Faschinenmesser, zwölf Pfund Tabak und sechs Flaschen Rum. Mrs. Drawboddy
gestand ein, dass man wohl noch ein Exemplar von Bunyans Te Pilgrim's Progress
zulegen könne, welcher letztere generöse Vorschlag jedoch von Tumurkieland sehr
kühl aufgenommen wurde, ja sogar beinahe allen weitern Verhandlungen ein Ende
gemacht hätte. Schon zuckte Altengland die Achseln und wandte sich ab, um den
eigenen Geschäften nachzugehen, als der Herr van der Mook auf arabisch und in
der Lingua franca dartat, dass er ausser den beiden angebotenen Flinten noch
einige Dutzend gute Büchsen hinter sich habe und es in mancanza d'un accordo
amichevole, in Ermangelung eines gütlichen Vergleichs, auf einen Austrag durch
Waffengewalt ankommen lassen werde. Übrigens gebe er den Herrschaften zu
bedenken, dass er nach Abu Telfan gekommen sei, um ganz andere und lukrativere
Verbindungen einzugehen, dass er aber auch verhoffe, man komme ihm freundlich und
billig entgegen. Er sei bereit, die Messer und Glasschnüre zurückzuziehen und
dafür drei Flaschen Rum und eine halbe Rolle Tabak mehr zu bieten; er erwarte,
dass man diesen Vorschlag annehme und den Landsmann ihm zur Verfügung stelle.
    Unter dieser schönen Rede ist der Mond aufgegangen, und unter seinem
erregenden Einfluss wurde der Handel abgeschlossen. Mit einem letzten Fusstritt
entliess mich Madam Kulla Gulla ihres Dienstes, und der Herr van der Mook sagte:
Seien Sie kein Narr, mein Bester! Denn ich habe jetzt wie ein Kind geweint. Er
hielt mich in seinen Armen aufrecht, dieser Herr van der Mook, während der
afrikanische Dämonentanz ihn und mich, den Mr. Drawboddy und die Lady umkreiste.
Er rieb mir die Schläfen mit Kölnischem Wasser aus dem Flakon der Lady: und, o
Frau Klaudine, Jahrtausende der Zivilisation waren in diesem Duft, in welchem
die europäische Welt von neuem um mich emporstieg! Man muss das Barbarentum
gerochen haben, muss es länger als zehn Jahre gerochen haben, Frau Klaudine, um
das, was ich fühlte, empfand und einatmete, zu begreifen. Dieser Tropfen Eau de
Cologne hat mir in der vollen Bedeutung der Worte das Leben gerettet; denn in
ihm war Europa mit all seiner Kultur, und so löste er die tödliche Stockung im
Blute und wendete den Herzschlag, der mich bedrohte, ab. Es war jedenfalls
echtes Kölnisches Wasser, das Mrs. Lavinia Drawboddy in ihrer Tasche mit sich
führte.«
    »Sagen Sie mir mehr und anderes von Ihrem Befreier!« murmelte die Bewohnerin
der Mühle; Hagebucher aber rief, indem er fast wie in einem Krampf die Hände
aneinander rieb:
    »Verzeihung, ach Verzeihung, Frau Klaudine! Aber ich kann jenen Tagen nicht
beikommen, ich kann von jenen Gestalten nicht loskommen als auf diese Weise. Es
ist eine Feigheit, aber ich kann dieser heillosen Vergangenheit nicht grad ins
Gesicht sehen; der Schauder liegt zu tief in den Nerven - mein ganzes Leben ist
ja zu einem solchen Seitwärtsschielen geworden! Freilich trage ich diesen
Kornelius van der Mook in dem stillsten Winkel der Seele, wenn er gleich nicht
zu jenen Menschenfreunden gehörte, die, aus Heroismus und Aufopferungsfähigkeit
zusammengesetzt, nach der Meinung phantasiereicher wohlwollender Leute so häufig
in der Welt vorkommen, aber doch ungemein selten im richtigen Augenblick sich
Vorfinden. Der Herr van der Mook war ein mürrischer, schweigsamer Mann, der, wie
jeder in Afrika Handeltreibende, seine Peitsche aus Büffelleder an dem Gürtel
trug und dieselbe nötigenfalls sehr rücksichtslos gegen Menschen und Vieh
gebrauchte. Er rechnete vortrefflich in allen von London bis zum Mondgebirge
landläufigen Münzsorten, und während seines Aufentalts zu Abu Telfan waren ihm
die Gefühle und Stimmungen der Madam Kulla Gulla wichtiger als die meinigen Er
hatte Geschäfte mit meinen früheren Gebietern zu machen und liess sich in
denselben nicht stören. Unsere halbe oder viertel Landsmannschaft achtete er wie
ein echter Holländer sehr gering, und einen Wunsch, etwas Näheres über den Mann
zu erfahren, der ihm zu so hohem Dank verpflichtet war, zeigte er in keiner
Weise. In allem, was er tat und sagte, gab er sich als ein sehr praktischer,
kühler, scharfer Rechner kund, und erst nachdem wir Von Abu Telfan aufgebrochen
waren, trat er mir etwas näher, doch hab ich nicht herausgekriegt, ob er
wirklich ein echter Holländer war. Die Unterhaltung in unserer Karawane wurde in
allen möglichen Zungen geführt, nur nicht in der deutschen; und der Herr van der
Mook, der jedenfalls Deutsch verstand und sprach, schien sich sogar nunmehr sehr
davor zu hüten, sich dieser Sprache im Verkehr mit mir zu bedienen. Es ist mir
auch immer deutlicher geworden, dass er nicht von Deutschland und den deutschen
Verhältnissen reden wollte: und wie ich mich abmühte, ihn zu Äusserungen und
Mitteilungen in dieser Richtung zu bewegen, es blieb stets bei jener uralten
batavischen Redensart, mit welcher schon Civilis und Velleda allen unbequemen
Erörterungen aus dem Wege gingen: Kan niet verstaan! - Seinen Rat, seinen Arm,
seinen Geldbeutel und seinen Kredit hat er mir jederzeit, auf dem Nil und in
Alexandria wie in Abu Telfan, auf das bereitwilligste zur Verfügung gestellt;
mit dem Gemüt hat er mir auf keine Weise geholfen, und so haben wir mit einem
Handschütteln Abschied voneinander genommen, wie an der Türe einer Konditorei
oder eines Klubhauses. Zu allem andern Unbehagen schleppe ich auch das Gefühl
mit mir, dass sich auch hier wieder Schritte, die mir wert und hochgeliebt bis
zum Tode bleiben müssen, in die Wüste verlieren. Es ist ein arges, grimmiges
Gespenst, welches auf allen Wegen hinter mir dreintritt und die Fäden, die mich
mit den Hoffnungen und Sorgen, der Arbeit, der Freude und dem Leide um mich her
verknüpfen, mit scharfem Messer zerschneidet. Ich habe nichts, gar nichts
heimgebracht aus der Fremde, halte es aber auch für kein Wunder, dass die Heimat
gar nicht daran glaubt, eine solche Tatsache gar nicht fassen kann.«
    Der Erzähler brachte somit für dieses Mal seinen Bericht kleinlaut genug zu
Ende, und auch die Frau Klaudine war eine Weile ganz still. Endlich sprach sie
mit einem tiefen Seufzer:
    »Wer verliert nicht mehr, als er findet, auf seiner Wanderung? Welche
ehrlichen Leute rühmen und freuen sich dessen, was sie heimbringen? Nur die
Kleinen und Nichtigen dürfen Triumph rufen, wenn sie ihren Bettelsack
ausschütten; die Grossen und Edeln werden immer sich abwenden und sagen: Das
Beste gehört nicht uns zu, und wir wissen nicht, von wem wir es haben! - Was
sind wir allesamt anders als Boten, die versiegelte Gaben zu unbekannten Leuten
tragen? Die grösste Schlacht und das höchste Gedicht, von wem kommen und zu wem
gehen sie? Kein rechter Sieger auf irgendeinem Felde wird je rufen: Dies ist
mein Werk und das soll es wirken! - Ich danke Ihnen, mein Freund, für die
Stunden, welche Sie mir heute gegeben haben. Wir wollen immer bessere Freunde
werden, Sie und ich und Nikola Einstein und noch einige andere. Wir wollen
einander helfen und nicht ungeduldig sein. So lange Zeit, als Sie in der
entsetzlichen Gefangenschaft lagen, hab ich hier in der Einsamkeit, in Gram und
eintönigem Schmerz gesessen und hab auch heute nicht gefunden, was ich suche.
Wir wollen Geduld lernen und lehren und einander helfen, wie wir vermögen. Nun
wird es Nacht; Sie müssen gehen, und ich bleibe wieder allein; daran werden Sie
denken auf Ihrem Wege, und es ist gut für Sie. Sie werden oft zu der Mühle
zurückkehren, und das ist gut für mich. Nun will ich Sie auf die Stirn küssen,
Leonhard Hagebucher, und Ihnen gute Nacht sagen; heute soll kein böses Gespenst
Ihnen folgen und den Faden, der Sie an die Katzenmühle bindet, zerschneiden. Ich
will gute Wache darüber halten, und morgen sollen Sie die alte Frau in der alten
Mühle loben.«
 
                                Zehntes Kapitel
»Gute Nacht, Madam Klaudine«, hatte auch Leonhard Hagebucher gesagt und war
seines Weges, oder was man so nennen mag, gegangen; denn er wusste wenig von
seinem Wege, er spürte ihn jedenfalls kaum unter den Füssen. Von den ersten
Bäumen des Waldes aus hatte er noch einmal zurückgeblickt nach der kleinen Hütte
unter der Felsenwand. Der Fels war dunkel, das Gärtchen lag in tiefer Dämmerung,
und es war wie Magie, als jetzt Christine die Lampe der Frau Klaudine anzündete
und der Lichtschein aus dem Fenster der Mühle dem zögernden Lauscher nachfolgte
in den Wald. Leonhard grüsste diesen Schein noch einmal tiefer zwischen den
Bäumen und schritt erst dann schneller vorwärts, als der Stamm einer alten Eiche
ihn seinem Blick entrückte; die letzten Worte der Greisin erhielten jetzt erst
ihr volles Gewicht: kein arglistiger Dämon durfte seine heutigen Schritte
auslöschen oder verwirren, eine Ruhe und Sicherheit, die er lange nicht mehr
gekannt hatte, erfüllten sein Herz und machten seine Seele still wie die schöne
Nacht rings um ihn her. Nicht alles, was er heute sah, hörte und erlebte, war
geeignet, ihm die so wünschenswerte Klarheit des Daseins zu gehen; aber ein
erster Hauch eines neuen Tages hatte ihn getroffen und kühlte ihm die heisse
Stirn: so schüttelte er sich und schritt rüstig weiter, erst auf dem kaum
sichtbaren Pfade durch den düstern Tal- und Waldgrund, dann auf der Landstrasse
durch das Dorf Fliegenhausen und zuletzt auf einem andern engen Pfade seitwärts
der Landstrasse, durch das hohe Korn, dessen nächste Halme er fortwährend durch
die Hände gleiten liess.
    Er hatte sich in eine grosse Aufregung, ein halbes Fieber hineingeredet, als
er der Frau Klaudine die letzten Augenblicke seines Aufentalts in Abu Telfan
schilderte; aber die leisen Tropfen an dem zerbrochenen Mühlrad und die
Bewohnerin der Mühle selber hatten doch den Sieg davongetragen über die
Aufregung und das Fieber. Immerfort klangen die Tropfen und die gute sanfte
Stimme der alten Frau in seinem Ohre. Er sah Nikola von Einstein in der
Fensterbrüstung sitzen, wie sie mit den Blüten und grünen Zweigen, welche in das
Fenster lugten, spielte; er sah sie auf dem weissen Pferde gleich einer Jägerin
aus »Tristan und Isolde«, wie sie über die Hecke winkte, ehe sie im Walde
verschwand. Auch ihre Stimme und ihr Lachen erfüllten die Nacht und sein Herz; -
sein Weg führte ihn sanft ansteigend aus der Tiefe in die Höhe, und nun stand
er, immer noch zwischen den Ährenfeldern, neben einem alten, morschen, sehr
überflüssigen Wegweiser und blickte zurück und rief, was er schon einmal am Zaun
des Bumsdorfer Gutsgartens ausgesprochen hatte:
    »Bei Gott, es ist doch schön im Vaterlande. Kurru, kurru, kurru, masch biqwa
Schilla qwa Baggara!«
    Letzteres Gegurgel bedeutete die Nationalhymne des Mondgebirges, deren
Anfang in wortgetreuer Übersetzung lautet:
Was ist des Negers Vaterland?
Ist's Schillukland? Baggaraland?
Ist's, wo der Niger brausend geht?
Ist's, wo der Sand der Wüste weht?
O nein, nein, nein usw.
und welche deshalb für den Deutschen von Interesse und literarisch- wie
politisch-historischer Bedeutung sein muss, weil sie mit einem Liede, welches er
selbst bis in die jüngste Zeit gern und häufig sang, eine unverkennbare
Ähnlichkeit besitzt.
Ja, das Vaterland war sehr gross und sehr schön, und sehr hübsches, angenehmes,
verständiges, aber auch sehr kurioses Volk lief darin herum. Mit einer
ausgezupften Ähre in der Hand ging der Afrikaner weiter, und die Vorstellung,
die Landenge von Suez durchgraben zu helfen, würde ihn heute nicht bewogen
haben, von der Universität Leipzig durchzubrennen. Dagegen erschien ihm die
Idee, der deutschen Nation öffentliche, gut honorierte Vorlesungen über das
Tumurkieland zu halten, in der Tat recht einleuchtend und leicht ins Werk zu
setzen.
    »Warum nicht?« fragte er den dunkeln Horizont, den warmen Nachtwind und die
funkelnden Sterne und fügte hinzu:
    »Nur Mut - und Selbstvertrauen bis zur Unverschämteit, Hagebucher! Zeige
ihnen, mein Sohn, dass du doch nicht so ganz umsonst so lange in die Schule der
Troglodyten gingst und mit einigem Nutzen am Mondgebirge den Eselskopf trugst,
auf Erbsen knietest und die Rute bekamst. Weshalb solltest du es nicht wagen,
Alter, den Kampf mit dieser närrischen Zivilisation von neuem aufzunehmen - wer
weiss, wieviel Honig die Biene in sich hat? Jedenfalls, mein Kind, hast du weder
Ruf noch Ruhm zu verlieren; und zu gewinnen -«
    Er brach ab und seufzte tief; doch es war ein Zauber in dieser Nacht, und er
konnte auch schon den Gedanken an Gewinn tapfer von sich abschütteln. Seine
Schritte wurden immer länger, er ging körperlich und geistig durch, und es war
ein grosses Wunder, dass er mit heilen Gliedern auf der Bumsdorfer Landstrasse
wieder anlangte.
    Nochmals hielt er an und horchte auf ein Rauschen seitwärts von des Vetters
Wassertreter tadellos gehaltenem Pfade. Da war ein laufender Brunnen und eine
Steinbank daneben inmitten einer Baumgruppe, ihm wohlbekannt aus seinen
Knabenjahren. Obgleich er den Platz schon am hellen Tage einige Male aufgesucht
hatte, so behagte es ihm doch auch jetzt in dieser Nacht wieder, dass der Strahl
noch immer so frisch und kräftig in das Becken schoss, dass das lustige Gesprudel
und Geplätscher während seiner Abwesenheit nicht versiegt war. Er beugte sich
nieder, um gleich dem alten Zyniker mit der hohlen Hand zu schöpfen, besann sich
jedoch eines Bessern und hielt den Mund an die Rinne wie vorzeiten und trank in
vollen Zügen. Oft hatte er an diesen Quell denken müssen in dem heissen,
glühenden Felsental von Abu Telfan und hätte oft mit Freuden ein Jahr seines
Lebens für eine Minute an dieser Stelle hingegeben. Nun dachte er daran zurück
und richtete sich wiederum dankbar und klüger in die Höhe. Er sass noch einen
Augenblick ausruhend auf der Bank und benutzte die gute, klare Stimmung, um sich
und der alten Dame in der Katzenmühle zu versprechen, fürderhin auch mit wenigem
zufrieden zu sein und nötigenfalls das Leben fortzuführen in Europa wie in der
Lehmhütte des Tumurkielandes, auch sich nicht allzusehr an den Worten und Werken
seiner lieben Nachbarn zu ärgern, sondern in Geduld die Tage und die Dinge an
sich kommen zu lassen, ferner mit Hülfe der Götter seine Meinung deutlich zu
sagen, dieselbe aber auch, und zwar ebenfalls mit Hülfe der Götter, ruhig für
sich zu behalten, dann für seine Gesundheit zu sorgen und zuletzt sich ein gutes
Konversationslexikon zu eifrigstem Studium anzuschaffen. Lauter verständige,
ehrenwerte und nützliche Vorsätze, Gelöbnisse und Pläne, aber alle kaum
originell genug, um näher darauf eingehen zu müssen, weshalb wir sie ihm zu
eigener reiflicher Überlegung anheimgeben und uns, da er überdies recht bequem
neben diesem rauschenden Born sitzt, zu einem andern Wanderer kehren, der sich
ebenfalls um diese Zeit auf dem Wege gen Bumsdorf befindet.
    Am Marktplatz der Stadt Nippenburg liegt ein stattliches Haus mit glänzenden
Spiegelscheiben und graugrünen Fensterläden, einem weiten Torweg und einem
kurzstämmigen, haarigen Hausknecht: der Goldene Pfau, der erste Gastof der
Stadt. Seit undenklichen Zeiten steht sein Ruf fest, nicht nur in Nippenburg,
sondern weit in die Lande. Generationen von Honoratioren haben ihre Bälle in
seinen Räumen gehalten, Generationen von fetten Amtmännern und fetten und hagern
Pastoren sind vor seiner gastlichen Pforte abgestiegen, hundert Generationen von
Handlungsreisenden haben seinen Preis gesungen weitinaus einst über die Grenzen
des Hansabundes und jetzt über die des Zollvereins, und der Goldene Pfau
verdient das alles; er ist auch heute noch ein Ort, an welchem man es sich wohl
sein lassen kann und wo man unter allen Umständen seine Rechnung findet.
    Im Goldenen Pfau befand sich natürlich auch der »Herrenklub« von Nippenburg,
und der Steuerinspektor Hagebucher war ebenso natürlich ein ausgezeichnetes,
wohlangesehenes Mitglied dieser trefflichen Gesellschaft. Seine Pfeife mit einer
Fliege auf dem Kopfe wurde vom Kellner mit kaum geringerm Respekt in Verwahrung
gehalten als die des Kreisgerichtsdirektors und des Generalsuperintendenten; er
- der Herr Steuerinspektor - war sehr eigen in betreff seiner Pfeife. Sein Platz
wurde selten von einem frechen oder unwissenden Usurpator eingenommen. Er der
Inspektor - machte keinen Anspruch darauf, die Zeitungen zuerst zu bekommen,
aber er bekam sie zu seiner Zeit und erinnerte sich nicht, dass ein anderer als
ein hospitierender Vorgesetzter oder sonst im höhern Rang stehender Mann die
altergebrachte Reihenfolge in frevelhaft politischer Neugier gestört habe.
    Viele, viele Jahre hindurch hatte sich der Steuerinspektor Hagebucher
ungemein behaglich in diesem Kreise der Aristoi, der Besten in Nippenburg,
gefühlt; und sowohl vor als nach seiner Pensionierung war der Tag in seinem
Kalender schwarz unterstrichen, an welchem ihn irgendein Umstand zwang, seine
Pfeife, seinen Stuhl und die Zeitung daselbst einmal aufzugeben. Es entstand
dann eine Lücke in seinem Dasein, für welche seine Hausgenossen jedesmal
ziemlich schwer zu büssen und mit ihrer Behaglichkeit einzutreten hatten.
    Was ist aber der Mensch und das Vergnügen des Menschen? Es hat beides seine
Zeit und leider eine gar kurze. Wir mögen noch so sicher, sei's hinter dem Ofen
oder am Fenster, je nach unserm Geschmack Posto fassen: über ein kurzes, und die
Nesseln drängen sich durch den weichsten Teppich, das schönste Parkett, wuchern
um unsere Füsse, wachsen und schlagen über unserm Kopfe zusammen. Es ist an und
für sich ein nobles Gefühl, Stammgast zu sein, Stammgast sowohl auf der grünen
Erde wie im Goldenen Pfau: aber dauerhaft ist der Genuss keineswegs, und der
Steuerinspektor Hagebucher fühlte sich seit einiger Zeit längst nicht mehr so
wohlig im Goldenen Pfau wie früher. Niemand aber trug die Schuld daran als der
Afrikaner, der aus dem Tumurkielande so unvermutet heimgekehrte Sohn.
    Seltsam! Solange unser wackerer Freund Leonhard in der geheimnisvollen Ferne
undeutlich und schattenhaft vor den Augen von Nippenburg umhertanzte, ja sogar
als ein Verlorener erachtet werden musste, zog sein Papa im Pfau einen gewissen
wehmütig-würdigen Genuss aus ihm. Man wusste ja von seiner Tätigkeit auf der
Landenge von Suez und seiner Fahrt nilaufwärts; der junge Mann war gewissermassen
ein Stolz für die Stadt, und wenn er wirklich zugrunde gegangen war, so hatte
Nippenburg das unbestreitbare Recht, sich seiner als eines »Märtyrers für die
Wissenschaft« zu erfreuen und ihn mit Stolz unter all den andern heroischen
Entdeckern als den »Seinigen« zu nennen. Es war sogar bereits die Rede davon
gewesen, ob man dem heldenmütigen Jüngling nicht eine Marmortafel an irgendeinem
in die Augen fallenden Ort oder seinem Geburtshause schuldig sei, und der Papa
Hagebucher hatte bei einer jeden derartigen Verhandlung das Lokal stumm,
gerührt, aber doch gehoben verlassen und das achtungsvolle Gemurmel hinter sich
bis tief ins Innerste verspürt.
    Nun hatte sich alles dieses auf einmal geändert und war sogar ins Gegenteil
umgeschlagen. Der tief bedauerte Afrikareisende war heimgekehrt, aber nicht als
glorreicher Entdecker; und wer sich allmählich sehr getäuscht und gekränkt
fühlte, das war die gute Stadt Nippenburg. Schon im fünften Kapitel ist davon
die Rede gewesen, wie sie im allgemeinen ihn aus ihrem goldenen Buche strich;
wie aber der Goldene Pfau im besondern sich zu und gegen ihn und seinen Erzeuger
verhielt, das muss noch gesagt werden.
    Der Goldene Pfau fing ganz süss, sanft, sacht an, seinen Stimmungen Ausdruck
zu geben; aber man weiss, über welche Stimmmittel dieses Gevögel zu gebieten hat,
sobald es ihm Ernst wird, seine Meinung zu äussern. Der Schritt vom Erhabenen zum
Lächerlichen ist sicher nicht kürzer als der vom Bedauern zum Hohn, und der Papa
Hagebucher durfte sehr bald als Autorität für diesen Erfahrungssatz vortreten,
ohne jedoch im geringsten hieraus einen Genuss zu ziehen. Man zog ihn bald ganz
erschrecklich auf mit dem »berühmten« Sohn, und nachdem dieser sogar frech genug
gewesen war, die ihm angetragene Stelle auszuschlagen, nahm keiner der Herren im
Klub mehr ein Blatt vor den Mund, sondern man erklärte den Mann aus dem
Tumurkielande kurzweg für einen Lumpen.
    Der Steuerinspektor schluckte nun im Goldenen Pfau Galle und Gift
löffelweise, pillen- und pulverweise, und das schlimmste war, dass er ganz und
gar auf der Seite der Achselzucker, Seufzerfabrikanten und Spötter stand und
alles, was man ihm in betreff des Sohnes zusammenkochte und -braute, selber im
eigenen Busen wütend durcheinanderquirlte. An jedem Abend kehrte er verbissener
und grimmiger aus dem Pfau heim; denn die Gesellschaft hielt mit Energie an
diesem ausgiebigen Unterhaltungsstoff fest, was ihr eigentlich auch nicht zu
verdenken war, da er gleich einem guten Wein mit den Tagen an Gehalt zunahm. Es
ist traurig, aber wahr: je tiefer unser Freund Leonhard in der Achtung des
Goldenen Pfaus sank, desto lieber wurde er ihm. Der Steuerinspektor gewann ihn
freilich nicht lieber: eine Krise musste kommen, und sie kam; denn auch der
Geduldigste will sein Behagen in seiner Kneipe haben, und dass der Vater
Hagebucher nicht zu den Allergeduldigsten gehörte, wissen wir bereits.
    An diesem Abend, an welchem so viele gute Geister dem freier atmenden
Leonhard auf seinem Wege nach Bumsdorf folgten, an diesem Abend, an welchem die
Greisin in der Katzenmühle mit milder, aber tapferer Hand alle bösen und
hämischen Kobolde von seinem Pfade zurückhalten wollte, an diesem Abend war die
Gesellschaft im Pfau anzüglicher denn je. Die hohe und niedere Geistlichkeit
überbot die hohe und niedere Jurisprudenz, das Steuerfach überbot das Forstfach
und der Kaufmannsstand die gelehrten wie die ungelehrten Schulen der Stadt an
treffenden, aber unangenehmen Bemerkungen; und wenn der Papa Hagebucher sonst
einen keineswegs von ihm gewürdigten Trost und Schirm an dem Vetter Wassertreter
besass, so fehlte ihm heute der Gute auch, und die andern hatten den alten Herrn
für sich allein.
    Der Goldene Pfau benutzte die Abwesenheit des Vetters Wassertreter auf das
heilloseste. Mit der unverhohlenen Absicht, zu ärgern, zweifelte man an allem,
was noch den armen Leonhard in der Meinung der Welt heben konnte; man stand
nicht an, den Kanal von Suez für einen Humbug zu erklären, man glaubte durchaus
nicht mehr an das Tumurkieland und die Gefangenschaft zu Abu Telfan; ja es
fehlte wenig, so würde man sogar an der Existenz dieses Erdteils, genannt
Afrika, gezweifelt haben, und alles nur in der löblichen, unschuldigen Absicht,
sich einen vergnügten und dem Vater des Afrikaners wie gewöhnlich einen sehr
unvergnügten Abend zu bereiten.
    So brieten sie den Alten bis zehn Uhr, als der Onkel Schnödler die Pfanne
umstürzte. Der Steuerinspektor verachtete den Onkel Schnödler im Grunde seines
Herzens nicht wenig, sowohl als Staatsbürger wie als Privatmann und Gemahl der
Tante Schnödler. Und nun fing dieses wesenlose, vom Pantoffel zerquetschte Ding
auch noch an, seine - o grosser Gott, seine! - Ansichten über den verlorenen Sohn
und den Vater desselben herauszupiepsen!
    Den Gerichtsdirektor, den Superintendenten, den Forstrat, den Amtsrichter,
den Konrektor und den Vetter Sackermann liess sich der Alte gefallen und hatte
ihren Insinuationen kaum etwas anderes als ein geheimes Grunzen und Stöhnen
entgegenzusetzen. Aber der Onkel Schnödler! - Himmel und Hölle - bei dem Fazit
sämtlicher Hauptbücher des Universums, Fleisch und Blut ertrugen es nicht, es
war zu niederträchtig, zu kränkend, zu entwürdigend!
    Der an die Versammlung im allgemeinen gerichteten Erklärung, er - der
Steuerinspektor Hagebucher - werde nie wieder einen Fuss in den Goldenen Pfau
setzen, fügte der Alte, speziell gegen den schreckensbleichen und mit
aufgerissenem Mund und Augen dreinstarrenden Onkel Schnödler gewendet, hinzu, er
- der Onkel Schnödler - sei ein allzu eselhafter Tropf und allzu jämmerlicher
Waschlappen, als dass irgendein Nutzen, Genuss oder eine Genugtuung zu erhoffen
sei, wenn man die wohlverdiente Ohrfeige auch noch so nachdrücklich verabreiche.
    Verachtungsvoll drehte der Vater des afrikanischen Abenteurers dem Gatten
der Tante Schnödler den Rücken zu, überlieferte diesmal nicht mehr die Pfeife
dem zitternd harrenden Louis, sondern verliess mit ihr, nachdem er grimmig Hut
und Stock verlangt hatte, tief gekränkt, aber doch als ein sehr würdiger Mann
den Goldenen Pfau. Der Herrenklub bedauerte sehr, den Spass ein wenig zu weit
getrieben zu haben, freute sich jedoch, alle Schuld an der unerwarteten
Katastrophe auf die sehr geduckten Schultern des elenden Onkel Schnödler abladen
zu können. Unter dem Eindruck des unerhörten Ereignisses trennte sich die
Gesellschaft früher als gewöhnlich - fiel ihr nicht ein, im Gegenteil, sie sass
viel länger als sonst zusammen, um die Sache reiflich durchzusprechen; und nur
der Onkel Schnödler durfte, mit der Missachtung aller bedeckt, abziehen und seine
Zerknirschung zu der am häuslichen Herd in mürrischer Unnahbarkeit tronenden
Gattin tragen, welches letztere gleichfalls seine Folgen für die Heiterkeit und
Harmlosigkeit der sozialen Verhältnisse Nippenburgs hatte.
    Wenden wir uns nun wieder zu dem im entsetzlichsten Groll in die Nacht
hinausschreitenden Steuerinspektor. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er den
Goldenen Pfau verlassen, ohne seine Rechnung bezahlt zu haben; auch dieses musste
ihm unter dem Stadttor noch einfallen und stellte in einem Charakter wie der
seinige das philosophische Seelengewicht sicherlich nicht wieder her. Er sprach
den ganzen Weg über mit sich selber, und die Pappeln zu beiden Seiten der
Bumsdorfer Chaussee schienen flüsternd ein und dieselbe Bemerkung über ihn
weiterzugeben. Von Nippenburg bis Bumsdorf schüttelten sie sich leicht
schaudernd, und es ging ein leises Raunen und Rauschen des Vetter Wassertreters
Landstrasse entlang:
    »Wehe dem Haus Hagebucher, da kommt der Alte, und in welcher
Gemütsverfassung! Wehe der Matrone, der Tochter und vor allem dem Sohne! Seit
der Vater der Götter und der Menschen unsern hochfliegenden Bruder Phaeton mit
dem tödlichen Strahle traf, ihn in den Eridanus stürzend, sahen wir nicht einen
gleichen Zorn. Wehe dir, armer Leonhard; wie sind auch mit dir deine
jugendlichen Wünsche durchgegangen! Sehet, ihr Schwestern, den hohen Greis!
Schon erhebt er den strafenden Stab; noch eine grässliche Pause wie vor dem
Schlage, der unsern Bruder traf, und auch er schlägt zu, und billigend nickt
Zeus aus den olympischen Höhen.«
    Also flüsterten die Heliaden an der Bumsdorfer Chaussee, und der
Steuerinspektor Hagebucher, mit immer wachsendem Grimme an der erkalteten
Klubpfeife saugend, schritt vorüber, seinen verdüsterten Laren und Penaten zu.
    »Es ist aus und vorbei, es wird ein Ende gemacht - heute noch - in dieser
Stunde! Hehehe, wenn mir das einer vor fünf Monaten prophezeit hätte! Obwohl
jemals ein Vater in solcher Art gestraft wurde? Hahaha; aber es wird in dieser
Stunde noch ein Ende gemacht!«
    So ist das Schicksal. Zwei Gegner, welche die beste Absicht haben, sich zu
versöhnen, können lange auf eine passende und bequeme Gelegenheit dazu warten;
sobald aber jemand recht inniglich sich darauf freut, einem andern Jemand bei
der ersten Begegnung, wenn Zeit und Umstände günstig sind, in die Haare zu
fallen, so wird diese Begegnung sicherlich an der nächsten Strassenecke
stattfinden, und Zeit und Umstände werden nicht das mindeste zu wünschen
übriglassen. In dem Augenblick, in welchem Hagebucher senior vom Westen her
seine Pforte erreichte, langte Hagebucher junior beschleunigten Schrittes von
Osten her vor derselben an, und die Auseinandersetzung konnte auf der Stelle vor
sich gehen.
    »Guten Abend, lieber Vater«, sagte Leonhard sanft und herzlich. »Das war ein
schöner Tag, und dies ist ein glückliches Zusammentreffen.«
    Der Alte, leise keuchend mit zitterndem Hausschlüssel das Schlüsselloch
suchend, antwortete nicht.
    »Welch eine Ernte!« suchte Leonhard für seinen Teil die Unterhaltung
weiterzuführen. »Welche Kornfelder! Welcher Weizen! Das wäre etwas für meine
Freunde in der afrikanischen Wüste, im Tumurkielande -«
    Der Alte hatte jetzt das Schlüsselloch gefunden, die Haustüre jähzornig
aufgerissen und stand nun auf der Schwelle, den Eingang in das Haus mit seinem
Körper deckend.
    »Ich will nichts mehr von der afrikanischen Wüste, ich will nichts mehr von
dem Tumurkielande, ich pfeife auf beides!« schrie er. »Ich habe übergenug davon
gehabt, und jetzt soll ein Ende damit gemacht werden! Aus dem Pfau bin ich
herausgelästert, und zehn Pferde sollen mich nicht wieder hineinbringen; aber in
meinem Hause will ich Ruhe haben. Mein ganzes Leben bin ich ein solider und
achtbarer Mann gewesen, und so hat man mich ästimiert; aber jetzt bin ich wie
ein Kamel mit einem afrikanischen Affen drauf und kann mich nicht sehen lassen,
ohne das ganze Pack mit Geschrei und Fingerdeuten und Gepfeife in den Gassen
hinter mir zu haben. Und wer ist schuld daran? Wer hat den ehrlichen Namen
Hagebucher so in den Verruf und in die Mäuler des Janhagels gebracht? Kein
anderer als der Herr aus dem inwendigsten Afrika, der Phantast, der Landläufer
-«
    »Vater! Vater!« rief Leonhard; doch im höhern Tone schrie der Alte:
    »Was Vater, Vater? Seit der Heimkehr des saubern Herrn zweifle ich an meiner
eigenen Existenz; die ganze Welt hat die Drehkrankheit gekriegt, und - und ich
will es nicht mehr haben! Aus dem Goldenen Pfau konnten sie den pensionierten
Steuerinspektor Hagebucher hinauswerfen; aber innerhalb meiner vier Pfähle
bleibe ich noch Herr, der ganzen Welt zum Trotz, und lasse mir meine Rechnung
nicht so leicht verwirren.«
    Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn die Mutter und die Schwester
Leonhards sowie die Magd des Hauses sich in diesem Moment nicht ins Mittel
gelegt hätten. Aber von dem Lärm vor der Haustüre aufgeschreckt, kamen sie
bleich und zitternd und warfen sich, als sie erkannten, wer da in der
nächtlichen Dunkelheit im Streit liege, mit hellem Angst- und Wehruf zwischen
die Parteien. Das goss nicht Öl, sondern Erdöl in die Flammen, und zu dem Feuer
kam die erschrecklichste Explosion.
    »Ich lasse mir meine Rechnungen nicht verwirren«, schrie der Alte, »und
einen Rechnungsfehler verachte ich, dulde ihn nicht und werfe ihn hinaus!«
    Damit schob er die entsetzten Frauenzimmer in das Haus zurück, folgte ihnen,
schlug dem Sohne die Tür vor der Nase zu und schob, um alle fernern
Verhandlungen für heute unmöglich zu machen, den Riegel vor. Mitternacht
schlug's auf dem Bumsdorfer Kirchturm, und Leonhard Hagebucher stand und hatte
augenblicklich weiter nichts zu sagen. Ein halbe Stunde später jedoch konnten
die Töchter des Helios und der Nymphe Merope an der Bumsdorfer Strasse auch über
ihn ihre Bemerkungen machen. Unsichern Schrittes wanderte er nach Nippenburg,
und um ein Uhr morgens vernahm der Vetter Wassertreter seinen leisen Ruf unter
dem Fenster, kam in schlurfenden Filzpantoffeln die Treppe herab, öffnete ihm
die Tür und sprach, nachdem er das Geschehene erfahren hatte:
    »Auch wenn ich nicht längst auf dieses gewartet hätte, würde ich mich nicht
darüber wundern.«
 
                                 Elftes Kapitel
In einer ebenso schönen Nacht wie die eben geschilderte, auch nicht sehr lange
Zeit nach dieser, sass Nikola von Einstein in ihrem Erkerstübchen auf dem
Bumsdorfer Gutshofe und schrieb.
    Das Stübchen war schon manches Jahr auf dem Hofe unter der Bezeichnung
»Nikolas Nest« bekannt und wurde als solches von jedermann mit einem zugleich
liebevollen und bewundernden Lächeln respektiert. Es war wie eine Rosenknospe
auf einem Korb voll Käse. Der Lehnsherr betrat es nur auf den Fussspitzen und
hielt sich stets vorsichtig, aber mit staunender Billigung im Mittelpunkt
desselben; die Lehnsherrin konnte immer nur mit Mühe bewogen werden, ihre Schuhe
vor der Tür nicht auszuziehen, und die Kusinen erklärten, es sei »zum Küssen
reizend«, und hielten sich dann in ihrem Entzücken mit um so grösserer Inbrunst
an die Gebieterin des Zauberreiches.
    Es gab aber auch für Nikola in der ganzen weiten Welt, ausser vielleicht der
Katzenmühle, keinen andern Ort, an welchem sie sich so behaglich und geborgen
fühlte wie in diesem ihrem Stübchen auf dem Bumsdorfer Gutshofe. Seit ihren
Kinderjahren hatte sie alle ihre Neigungen dahin zusammengetragen, und jede neue
Sommerfrische hatte das Nest weicher und zierlicher gemacht und seinen Schmuck
und Putz vermehrt. Als Kind und junges Mädchen war sie hier sorgenlos,
leichterzig, lustig, glücklich gewesen, als älteres, sehr verständiges Mädchen
und Hofdame der Prinzess Marianne hatte sie hier - - doch ein gut Stück ihres
Lebens ist in dem, was sie augenblicklich an ihre Freundin Emma in der Residenz
schreibt, somit überhebt sie uns der nicht leichten und jedenfalls sehr
verantwortungsvollen Aufgabe, das Buch ihres Daseins ins kurze zu bringen, und
sagt selber, was zu sagen ist.
»Hochwohlgeborene Frau Majorin und allersüssestes Herz!
Wälder und Felder schlafen, das Dorf schläft, und auch die gute Verwandtschaft
weiss wenig von sich nach einem in hergebrachter Weise, nach der Väter Sitte, in
nützlicher Tätigkeit durchlebten Tage. Es ist so still um mich her, im Hause wie
vor dem Fenster, und die weite dunkle Welt ringsum hat ein so gutes Gewissen,
und nur mir ist unruhig zumute, als wäre es mit meinem Gewissen nicht so ganz in
der Ordnung. Ich bin aufgeregt, nervös, nenne es, wie Du willst, nur lass mich
mit Dir plaudern; schlafen kann ich nicht.
    Du hast ja früher, als Dein Major noch nicht Dein Major war, oft genug
meinen närrischen Kopf an Deiner Brust gehalten und Dir nächtlicherweile kuriose
Dinge erzählen lassen; - warte nur, morgen im Sonnenschein, wenn Dir diese
Bekenntnisse einer blutenden Seele zu Händen kommen und Du betroffen,
kopfschüttelnd, mitleidig, verstört Dich hindurchwindest und Deinen klaren
Verstand an jedem Ausrufungszeichen und Fragezeichen hängen lassen musst, will
ich schon meine Genugtuung haben und über Dich lachen - auch wie in vergangenen
schönen Tagen!
    Augenblicklich kann ich nicht lachen, und eine tolle Ballmusik, ein
klingelnder, schwirrender, dummer Walzer käme mir gerade recht, und dass die
Nachtigallen - wir sind ja gottlob über den Johannistag hinaus - bereits still
geworden sind im Garten, ist mein Glück. Ich glaube, dieser Vogel brächte mich
in dieser Nacht um, wenn er plötzlich und ganz gegen die Naturgeschichte wieder
anfinge, unter meinem Fenster zu singen.
    Ist es denn wahr, dass ich von Rechts wegen ein so böses Gewissen haben
sollte? Was habe ich getan? Was habe ich nicht getan? Bin ich nur krank? Sind es
nur meine Nerven, welche das Kopfkissen, das allen guten und gesunden Kindern so
sanft ist, mir verleiden? Ich komme nicht dahinter, wie sehr ich mich quäle und
abmühe, das Rätsel zu lösen und zu Bett gehen zu können.
    Kind, ich bin verdriesslich und unzufrieden mit mir. Nicht deshalb, weil ich
seit dem Frühling nicht an Dich schrieb; denn ich weiss, dass Du solches Schweigen
nach Verabredung als ein Zeichen meines Wohlergehens zu nehmen hast. Auch nicht
deshalb, weil die Zeit der goldenen Freiheit vorüberging, weil die Herrschaft
nunmehr wieder am Faden zieht und der Hänfling aus der blauen Luft herniedermuss,
um aus gnädiger Hand mit Mohnsamen gefüttert zu werden und im vergoldeten Käfig
Betrachtungen über das Gelbwerden der Blätter anzustellen. O nein, ich kann ja
meinen Frühling und Sommer jetzt in Wasserfarben aufs Papier bringen und habe
dem Onkel Bumsdorf mein Ehrenwort gegeben, ihm die neue Brennerei samt dem
restaurierten Kuhstall und ihn - den Oheim - zwischen beiden in Öl zu liefern.
Da habe ich schon meine Rettungsmittel vor dem nessun maggior dolore - doch
Dich, Bevorzugte, hat man nicht bereits in zartester Jugend mit der Nase in die
italienische Grammatik gestossen, und so weisst Du auch nicht, dass es nach Dante
Alighieri keinen grössern Schmerz gibt, als sich im Unglück glücklicherer Zeiten
zu erinnern. Sollte letzteres wahr sein und die italienische Grammatik also
mittelbar die Schuld meiner augenblicklichen Stimmung tragen? O Kind, unter der
Voraussetzung, dass Dein Major, der Major aller Majore, nicht durch das schmalste
Hinterpförtchen oder Seitentürchen in den geheiligten Bezirk meiner
Jungfernconfessions eingelassen werde, will ich mit Dir darüber schwatzen.
Keinen Blick darf er aber drauf tun; versprich es mir und riegele ihn ein in der
Kinderstube!
    Nun sehe ich Dich schon, wie Du stehst, mit dem Federwedel Deinen
Nippestisch in Ordnung hältst und wie der Briefträger Dir meinen Brief bringt.
Ich höre den kleinen Freudenschrei, welchen Du ausstössest - ach Gott, lege den
Flederwisch nicht zur Seite, stäube mich auch ein wenig ab mit Deiner linden
Hand; ich habe es sehr nötig, und Du verstehst es! Ach Gott, wäre ich doch auch
solch eine Schäferin aus Meissen oder wenigstens so vernünftig, verständig und
gut wie Du! In beiderlei Art wäre mir geholfen, und auf beiderlei Art liesse sich
das Leben mit Genuss tragen. Übrigens hast Du das Gutsein auch leichter gehabt
als andere Leute. Das Schicksal hat Dich auf weichen Händen getragen und Dich in
weiche Hände gelegt. Grüsse mir Deinen Major, doch lasse ihn nur noch ein
Weilchen hinter Schloss und Riegel bei den Kleinen: später wird er um so mehr den
Liebenswürdigen spielen! Ja, sie haben Dir Wiegenlieder gesungen Dein ganzes
schönes Leben durch: ich aber bin unter dem Lärm einer Quadrille geboren; die
Klarinette ist mein Instrument, und dabei fällt mir eine Bitte ein: wenn Du mich
überlebst, so leid es nicht, dass man mich mit Pauken und Trompeten zu Grabe
bringe: ich habe genug davon gehabt, ehe ich die ersten weissen Atlasschuhe
durchschleifte.
    Gott segne Dein gutes Gemüt, Emma, und lasse Dich das Deinige in Ruhe
geniessen: ich weiss, Du tust mir zu jeder Stunde auf, wenn ich an Dein
Fensterlädchen klopfe. Sieh, hier sitze ich zu Deinen Füssen, wie Bettina auf
ihrer Schawell in der Frau Rat Stube, und geduldig wirst Du Sinn und Unsinn
durcheinander anhören müssen. Bist Du etwa nicht meine Frau Rat, und zwar meine
junge? Und dass Du meine junge Frau Rat bist, das soll nicht bloss Deinem Major
zugute kommen, sondern andern Leuten auch. Ich habe freilich auch noch eine alte
Frau Rat, und in deren Stube hab ich gleichfalls ein Schawellche, hinter den
sieben Bergen, in der Katzenmühle - aber wie kann ich der Frau Klaudine sagen,
was ich doch sagen muss? Das leiseste Wort würde unter ihren stillen Augen wie
der gellendste Schrei sein. Was soll ich ihr sagen; sie sieht mit ihren
Zauberaugen ja doch tief in den Grund aller Dinge! Ich fürchte mich vor ihr -
vor ihr! Ist es nicht das allerschlimmste, sich vor der Liebe eines Menschen,
vor einer solchen Liebe fürchten zu müssen?...
    Was habe ich gestern unter den Garben und Erntekränzen getan? Rate!... Auf
dem Bauche - o Himmel, kann ein Hoffräulein sich natürlicher und abscheulicher
ausdrücken, und was würde meine Prinzess dazu sagen? - habe ich gelegen im Kreise
der Schnitter und Schnitterinnen, und Richard den Dritten habe ich gelesen und
bin gewillt,
                                                         ein Bösewicht zu werden
                                       Und feind den eitlen Freuden dieser Tage.
Was habe ich heute getan, Emma? Mein Herz habe ich begraben und die Welt
angenommen, wie sie ist: ich habe das Buch meiner Hoffnungen und Träume
abgeschlossen und mich in das Unabänderliche ergeben!
    Friedrich hat geschrieben, und meine gnädige Mama hat geschrieben, und beide
haben mich an mein Wort gemahnt. Der Wechsel, den ich ausstellen musste und mit
meinem Herzblut unterzeichnete, ist fällig; ich bin fällig mit Leib und Seele,
und so werde ich abgeholt mit dem zwölften Schlag der Mitternacht. O man ist
sehr pünktlich!
    Friedrich hat liebreich und verständig geschrieben, die Mama sehr pikiert;
aber beide sagen ein und dasselbe, nur dass die Mama doch immer am wahrsten, wenn
auch sehr grob ist. Sie nennt mich kurz und gut eine alte Jungfer, eine
überreife Pflaume - mögen auch ihr sämtliche Oberhofmeisterinnen Europas die
Natürlichkeit des letztern Bildes verzeihen! - und beklagt sehr fein, aber auch
sehr boshaft, dass sie mir leider damit nichts Neues sage. Die arme Mutter! So
viel Verdruss muss ich ihr bereiten, dass ich sie dadurch sogar witzig mache; dass
sie aber recht hat, das weiss Gott, und niemand kann's ihr streitig machen.
    Ich bin allmählich eine alte, alte Jungfer geworden, und da ich eine arme
Jungfer immer war, so bleibt am Ende wenig Erfreuliches von der närrischen
Nikola Einstein für Sinn und Gemüt der Welt übrig. Ich wundere mich auch an
jedem jungen Morgen darüber, was den Herrn von Glimmern bewegen könne, so
hartnäckig auf der Einlösung der Verschreibung meiner nichtigen Person zu
bestehen.
    O Emma, Emma, wie anders könnte doch das alles sein, wie anders müsste es von
Rechts wegen sein! Da könnte sich selbst ein Hoffräulein zu Tode weinen: ja
gerade ein Hoffräulein - ein Hoffräulein erst recht ist hier vor allen andern
Erdenweibern befugt, sich über die Erbärmlichkeit in einem feuchten Gewölk zu
erheben. Was habe ich getan, dass mir grad in mein Leben ein so grosses
Fragezeichen gesetzt ist? Ich habe immer noch meine Stunden, in welchen ich mich
für ein ganz braves und ehrliches Mädchen halte; das sind meine schlimmsten
Stunden, denn in ihnen muss ich am tiefsten über jenes Fragezeichen nachdenken,
und es hilft doch nichts. Hier lässt mich alles im Stich, das eigene Herz, auch
Du und die Frau Klaudine!
    Es ist aber zu guter Letzt noch einmal ein schöner Sommer gewesen, und ich
hoffe, den Duft und Glanz davon tief in die Zukunft hinüberretten zu können.
Manchmal hab ich gedacht: Nikola, mit dem Winter kommt der Tod, sei gescheit,
steh früh auf und gehe nicht zu früh zu Bett: trage zusammen, was du greifen und
schleppen kannst; verhocke nicht den letzten Sonnenschein im Schmollwinkel:
rette, was du retten kannst! Dann habe ich den Shakespeare zu Hause gelassen und
bin mit dem armen Hölty zu Walde gezogen. Der Hölty stammt aus der Tante
Bumsdorf Bibliotek und ist in himmelblauen Sammet eingebunden, und der Schnitt
war einmal vergoldet. Ich habe das Buch nicht immer aufgeschlagen; allein das
Bewusstsein, es in der Tasche zu tragen, genügte auf des Onkels Bumsdorf
doppelschürigen Wiesen. Es sind Tage gewesen, in denen ich die ganze
geheimnisvolle Naturempfindung des Kindes wiedererlangte, in denen Auge und Nase
aus korrumpierten Sklaven der Gesellschaft zu freien Bürgern des wahren Reichs
Gottes wurden. Wäre das alles aber auch nur ein Zeichen von Gesundheit gewesen!
Ach, die Frau Klaudine hat's wohl gewusst, was es bedeutete. Siehst Du, Emma, die
Mühle, die alte Mühle in der Wildnis und die alte Frau in der Mühle, die halten
mich wach und lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Das Rad ist freilich längst
zerbrochen und kann mir nicht im Kopf herumgehen; aber die Geister der Zeit, die
nicht mehr ist, umschweben das Dach und kauern auf der Schwelle der morschen
Hütte, und was soll ich gegen sie tun? Es zieht mich hin, es reisst mich zurück,
ich sträube mich mit aller Kraft; aber ich werde durch den Wald gezogen und
geschoben: ich möchte mich an allen Büschen und Zweigen halten, aber sie geben
nach und lassen mir ihre Blätter, ihre Rinde in den Händen; weiter muss ich! Und
es ist keine wilde, keine harte, unwillige, zornige Gewalt, der ich
anheimgegeben bin - mein eigener Wille ist in den Mächten ausser mir: alle meine
Neigungen, all mein Sehnen und Wünschen wohnen bei der Greisin in der
Katzenmühle, und da bin ich wieder in der Katzenmühle, sitze zu Füssen der
Mutter, ja, der Mutter, und für mein Haupt ist keine Ruhestätte als in ihrem
Schosse. - Die Bäume des Waldes und unser Gärtchen, welches vor allen Gärten
aller Weltteile mir köstlich und wundervoll ist, blicken in unser niederes
Fenster, und einmal ist auch ein Reh gekommen, um hineinzugucken. Da ist es gut
sein, da lässt sich ganz leise sprechen von dem, was eigentlich hätte werden
müssen, wenn alles unter den Menschen mit rechten Dingen zuginge. Kein
Kornblumenkranz ist so blau wie unsere Phantasien, bis auf einmal die Dämmerung
da ist und der Wald anfängt, kühl zu atmen. Wie kann die Frau Klaudine auch dann
noch mir die Haare mit einem Lächeln aus der Stirn streichen? Ich muss fort, und
alle schönen Farben erblassen. Ich reite heim auf meinem Schimmel, und zur
linken Seite des Weges begleitet mich eine Stimme, die sagt ganz eintönig: Er
ist tot, er ist tot! Und zur rechten Seite ist eine andere Stimme, dicht am
Boden hinkriechend, und sie sagt ebenso tonlos: Zehn lange Jahre, zehn lange
Jahre! Weiter wissen sie nichts; aber verwunderlich ist's eben doch nicht, dass
ich häufig atemlos auf sehr atemlosem Gaule auf dem Bumsdorfer Hofe anlange und
dass der Oheim dann mit bedenklichem Kopfschütteln um seinen vielgeliebten
Prospero herumsteigt und imstande ist, mir eine längere Vorlesung über die
Behandlung der Pferde, und vorzüglich seiner Pferde, zu halten.
    Was sind das für Leute, die dort bei Euch jenseits der Berge wohnen, was
kümmern sie mich, was habe ich mit ihnen zu schaffen? Vor einer Stunde, in der
Katzenmühle, auf dem Schemelchen zu den Füssen der Frau Klaudine hatten sie
freilich keine Bedeutung für mich; aber sie zwingen mich schon, an ihre
Wirklichkeit zu glauben! Sie haben ebenso starke Hände wie die Geister, die mich
durch den Wald zur Mühle ziehen; ach, aber wenig von meinem eigenen Willen ist
bei diesen Mächten, welche auch kein Widerstreben dulden und hart, zornig und
spottend mich aus dem geheimsten Versteck hervorzerren. Wie haben sie diese
Herrschaft über mich erlangt? Sie sagen, sie haben das Recht, mich mit sich zu
nehmen: sie pochen auf ihre Rechte und behaupten, was ihnen noch daran gefehlt
habe, das sei ihnen längst von mir freiwillig hinzugelegt, und wenn ich dann
eine Nacht den Kopf mit beiden Händen gehalten habe, so bleibt mir kein Zweifel
mehr: sie reden die Wahrheit!
    Friedrich hat aus Paris geschrieben, einen sehr hübschen und geistreichen
Brief, der mir sehr allerliebste Höflichkeiten und Schmeicheleien sagt und mich
hoffentlich, wenn er mir nach einem Dutzend Jahren wieder in die Hände fällt,
recht ergötzen wird. 's ist zwar nicht ganz die Regel, dass ein solcher Brief an
der Stirn das Motto: Illusions perdues! führe; aber die Tatsache steht doch
einmal fest: wir sind ein paar verständige, kühle, gesetzte Personen und sehnen
uns beide nach Ruhe. Friedrich freut sich ungemein auf unsern Haushalt, und
seine Pläne und Vorschläge in betreff desselben haben meine ganze Billigung. Er
meint, unsere gesellschaftlichen Verpflichtungen würden sich leicht um ein
bedeutendes verringern lassen: man habe gewiss das Seinige getan, um andern das
Dasein angenehm zu machen, und man könne nunmehr mit gutem Gewissen eine
Rosenhecke, aber immer eine Hecke, um sein eigenes Behagen ziehen.
Einverstanden! Er mag das alles so einrichten, wenn es wirklich seine Absicht
ist; ich verlange weiter nichts, als so oft wie möglich eine Tasse Tee mit Dir,
Emma, hinter jener Hecke trinken zu dürfen, und verpflichte mich jedenfalls, der
Welt kein aussergewöhnliches Ärgernis zu geben. Wenn ich Dich, mein Kind, nicht
hätte, so würde ich die Hochzeit noch immer einige Monate hinauszurücken suchen:
aber Deinetwegen soll sie zu Anfang des Winters stattfinden, und mit diesem
Briefe an Dich trägt der blöde Hans zwei andere Schreiben, die besser stilisiert
und klarer sind als dieses, nach Nippenburg zur Post. Es hat mir eine gewisse
Befriedigung gewährt, die Erlaubnis, glücklich gemacht zu werden, in
tadellosester Prosa zu erteilen, und ich habe zum erstenmal in meinem Leben auf
einem Linienblatt geschrieben. O Emma, liebe, gute Emma, hilf der armen Nikola
in all ihrem Glück und habe Geduld mit ihr, denn ihre Anfechtungen sind gross,
ihre Kräfte sind schwach, ihr Kopf ist dumm, und kein Häslein im Felde führt
während der Jagdzeit ein so zitterig-schreckhaftes Dasein wie Klymene in ihren
Brauttagen. In der vergangenen Nacht habe ich besser geschlafen als in dieser,
aber fast noch hässlicher geträumt, und zwar aus Alexander von Humboldts
Ansichten der Natur. In diesem schönen Buche, welches Dein verständiger Major
Dir sicherlich in einem behaglichen Winter vorgelesen hat, wird geschildert, wie
irgendwo in Mittel- oder Südamerika, an irgendeinem grossen Strome die
Alligatoren während des heissen Sommers im Schlamm eintrocknen, um erst in der
Regensaison von neuem zu erwachen. Die Sache ist sehr anschaulich ausgemalt; die
Schollen bersten mit Krachen und springen in die Höhe, wie das gepanzerte Untier
sich aus seiner langen Siesta erhebt. Es gähnt entsetzlich, es reibt sich die
Augen; vor allen Dingen erwacht es mit einem ausgezeichneten Appetit, und so hat
es mir zwischen zwei und drei Uhr morgens ein helles Angstgeschrei entlockt und
mich hochauf aus meinen Kissen gejagt; Du aber, mein Kind, schau nach in Deinem
Traumbuche und sage mir bei unserm ersten Zusammentreffen, was es bedeuten kann.
    Ich habe überhaupt angefangen, in den letzten Zeiten sehr tropisch zu
träumen, den Grund davon aber kann ich selber angeben. Es ist kein Zweifel, der
wilde Mann aus Afrika trägt die Schuld.
    Das Gerücht von diesem wilden Mann wird wohl auch bereits zu Euch in Eure
Residenz gedrungen sein, und wie ich Euch kenne, habt Ihr ihn sicherlich recht
lustig zerpflückt und zerfasert, ehe Ihr ihn gleich Eurem andern Spielzeug
beiseite warfet. Da er aber zu meinen sehr guten Freunden gehört und durch seine
Heimkehr aus der Gefangenschaft viel dazu beigetragen hat, meinen Willen in den
des harten Schicksals mit besserm Humor zu beugen, so muss ich ihn doch noch
Eurer guten Meinung und Eurem Wohlwollen empfehlen, denn er hat beide in der
nächsten Zeit vielleicht recht nötig.
    Mein Freund nennt sich Leonhard Hagebucher und wurde vor beinahe vierzig
Jahren in Nippenburg geboren. Fast zwölf Jahre hat er am Mondgebirge in der
Sklaverei gelegen, und zu Anfang dieses Sommers ist er in seines Vaters Hause
hier zu Bumsdorf wieder angelangt, merkwürdigerweise weniger stumpfsinnig und
vertiert als manche unserer geschätzten Bekannten, die nie die Grenzlinie
unserer guten Gesellschaft überschritten. Ich habe natürlich sogleich das
innigste Verhältnis zu ihm angeknüpft; denn niemals ist ein Mensch so zur
rechten Zeit für die Stimmungen und Zustände eines andern eingetreten wie dieser
Mann der Wüste für die meinigen.
    O Emma, zehn oder zwölf Jahre hat dieser Hagebucher unter der Peitsche des
Negers ausgehalten, und nun ist er wieder da, als ob ihm nichts geschehen sei,
und geniesst alle Segnungen der Zivilisation und Nippenburgs! Zwölf Jahre hat er
sich gleich dem tapfersten Helden gegen die Affen und Ungeheuer gewehrt, und sie
haben sein mutiges, ausdauerndes Herz nicht untergekriegt, obgleich er ganz
allein - zwölf lange, lange Jahre ganz allein zwischen ihnen steckte. Er sagt,
die Mohren hätten sich noch ertragen lassen, aber die Mohrinnen seien schlimm
gewesen; o Emma, Emma, und eine gewisse Madam Kulla Gulla sei ihm fast zuviel
geworden! Er erzählt sehr gut, denn er hat während seines Erzählens noch die
Schultern zu reiben. Das ist alles so anschaulich, und tröstlich ist's auch, dass
einem jeden die Hoffnung unbenommen bleibt, er werde noch einmal irgendwo sitzen
und die Historie von seiner Gefangenschaft und seiner Befreiung zum besten geben
wie dieser Herr Leonhard Hagebucher.
    Ja, Du mein süsses Herz, ohne diesen wilden Mann aus Afrika müssten Mama und
Friedrich doch noch ein wenig Geduld haben; aber jener hat allerlei vom
Mondgebirge heimgebracht, was unsereins in seinen kleinen Nöten und Ärgernissen
trefflich gebrauchen kann; und dass jetzt Nippenburg und Bumsdorf ihn nach Recht,
Verdienst und Gebühr behandeln, kräftigt mich gleichfalls nicht wenig in meiner
Ergebung.
    's ist ein unnützer Vagabund, mein armer Afrikaner, schon in seiner frühsten
Jugend taugte er wenig, und von der Schule ist er sehr bald fortgelaufen. Wenn
er zu Lande und zur See mancherlei versucht hat und sogar die Landenge von Suez
mit durchgraben half, so hat er doch niemals einen Begriff davon gehabt, wie ein
verständiger Mensch für sein Glück und sein Wohlbehagen sorgt. Und als endlich
die Baggaraneger ihn an die Leute von Tumurkieland verkauften, kam er wahrlich
nicht zum erstenmal als Handelsartikel auf den Markt der Welt. Jetzt ist
Nippenburg seiner auch längst wieder überdrüssig, und vor vierzehn Tagen hat
sein Papa ihn gleichfalls aus dem Hause geworfen, weil man ihn, den Alten, des
Sohnes wegen aus dem Goldenen Pfau warf. Jedermanns Hand ist wider meinen
Freund, und jedermann macht sich selbstverständlich ein Verdienst daraus und
hebt sich höher darum in seinen Schuhen; mir aber ist der arme Sünder
unschätzbar als mein guter Kamerad; denn was für einen Anspruch kann er darauf
machen, sanfter angefasst zu werden als seinesgleichen?
    Ich habe vielen Verkehr mit diesem Herrn Hagebucher gehalten, zuerst in
seines Vaters Haus, dann auf manchem Spaziergang in Wald und Feld; und auch bei
der Frau Klaudine sind wir in den beiden letzten Wochen häufig
zusammengetroffen. Wir haben uns gegenseitig recht ausgesprochen und merkwürdige
Beobachtungen und Erfahrungen zum besten gegeben und beiderseitig dadurch
gewonnen: sich totzustellen in der Hand des Fatums ist unter allen Umständen das
vernünftigste und bequemste. Die Frau Klaudine versteht's am besten; aber auch
Leonhard Hagebucher und Nikola Einstein sind auf gutem Wege, die Kunst zu
lernen.
    Also, Frau Emma, ich heirate, da man es so haben will, und traue mir zu, als
Frau von Glimmern meine Rolle mit allem Anstand durchführen zu können. O sie
sollen schon nichts merken von der wirklichen Nikola von Einstein! Die ist tot
und tief begraben für alle, welche auf ihrer Hochzeit tanzen; ganz still liegt
sie in der dunkeln sichern Tiefe, blickt nur durch halbgeschlossene Augenlider
unter dem schweren Stein schläfrig hervor und denkt: nur schlau muss der Mensch
sein und so tot wie möglich, dann lässt sich das Leben schon tragen. Was meint
die Frau Majorin? Ist das keine behagliche Vorstellung?
    Morgen fange ich an, meine Kisten, Kasten und Schachteln zu packen, und
beginne auch mit meinen Abschiedsvisiten, deren ich eine grosse Menge abzustatten
habe in Bumsdorf und der Umgegend. Mancher alten dickköpfigen Weide, den
Mühlbach entlang, hab ich mein Kompliment zu machen; mancher luftigen Berghöhe,
manchem lieben Winkelchen, manchem stillen Pfade und manchem alten Felsblock hab
ich Lebewohl zu sagen. An Menschen und Tiere darf ich eigentlich gar nicht
denken, und am vernünftigsten wär's, ich schliche mich bei Nacht und Nebel weg
aus ihrer Mitte und suchte, mit den Schuhen in der Hand, den Nippenburger
Postof zu erreichen. Es wäre aber doch unrecht gehandelt, und der Oheim würd's
mir nie verzeihen. So will ich denn, wie es sich gebührt, in die Runde gehen,
und ich habe es ja nötig genug, dass jeder mir verspreche, die arme Nikola nicht
zu vergessen. Und zum letztenmal sollen mich Oheim, Tante und Kusinen durch alle
Ställe und Vorratskammern, durch Gemüsegarten und Blumengarten und um den
Fischteich führen, und niemandem soll's verwehrt sein, mir nach Nippenburg zur
Post das Geleit zu geben.
    Wie ich von der Katzenmühle und der Frau Klaudine loskomme, weiss ich in
dieser Stunde noch nicht. Mein ganzes besseres Wesen ist plötzlich ausser mir,
ist ein Wesen für sich, das mich mit drängenden Armen umfasst und herzzerreissend
bittet: Bedenke dich, bedenke dich, Nikola! O es ist keine gegeringe Kunst, sich
totzustellen, und es wird wohl eine geraume Zeit vorübergehen, ehe ich der Frau
Majorin berichten kann, wie ich sie in der Mühle mit dem zerbrochenen Rade übte!
    Es ist immer noch dunkel über dem Garten vor meinem Fenster, allein der
erste Hahn hat sich doch bereits in Bumsdorf gerührt, und Nikola geht zu Bett in
dem befriedigenden Gefühl, auf eine dreitägige Migräne mit Sicherheit rechnen zu
können.
    Grüsse Deinen Major, Alte, und küsse Deine Kinder in meinem Namen; schreibe
mir jedoch unter keiner Bedingung, ich kann keinen Brief gebrauchen. Hörst Du,
hörst Du, Emma, ich will keinen Brief haben! Sei also gut und lieb wie immer und
behalte morgen Deine Meinung für Dich. Da kräht der Hahn zum zweitenmal, und
gradeso krähte er zu Jerusalem im Palastofe des Hohenpriesters Kaiphas; ich
ziehe die Bettdecke über den Kopf - einen Brief nehme ich ganz gewiss nicht an!
                                                            Nikola von Einstein«
 
                                Zwölftes Kapitel
Der blöde Hans, der Simpel des Gutshofes und des Onkels Bumsdorf auserwählter
Liebling und Sündenbock, humpelte in der heiligen grauen Frühe richtig mit der
Korrespondenz seiner Gebieter und Gebieterinnen gen Nippenburg, und es bekam im
regelrechten Verlauf der Stunden der Dynast seine Zeitung und die Frau Majorin
Emma in der Hauptstadt das wilde, tränenreiche Schreiben Nikolas, auf welches
sie nicht antworten sollte Was sie also darüber dachte, in welcher Weise sie
ihren Major
    an ihrer Angst und ihrem Zorn teilnehmen liess, bleibt uns daher fürs erste
ein Geheimnis. Später werden wir schon erfahren, wie nicht nur die Frau Emma,
sondern auch manche andere Leute sich zu diesen Angelegenheiten stellten; aber
noch hält uns die Provinz ein ganzes Kapitel hindurch, und wir haben nicht die
Absicht, gleich dem Fräulein von Einstein die Augen zuzukneifen, die Zähne
aufeinanderzusetzen und uns kopfüber in den Strom zu stürzen, ohne zu wissen,
wohin die Wellen uns tragen werden. Wir gehen langsam ins Wasser, nachdem wir
uns vorher sorgsam abkühlten; wir halten unsere Kräfte zusammen, denn wir kennen
unsere Aufgabe und wissen, dass es leichter ist, sich treiben zu lassen, als jene
Stelle am andern Ufer, nach der wir vor Beginn des Wagnisses so sehnsüchtig
hinblickten, tief atmend, aber siegreich zu erringen, gar nicht zu gedenken, dass
wir den Kurs des Fräuleins von Einstein wie aller andern fest dabei im Auge
behalten müssen.
    »So! Das ist gradso gut, als ob du zum zweitenmal das Mondgebirge zwischen
dich und das süsse Vaterland geschoben hättest!« hatte der Vetter Wassertreter,
den Riegel seiner Türe vorschiebend, zu dem Afrikaner gesprochen, und es war in
der Tat so. Zum andern Male befand sich Leonhard Hagebucher auf dem besten Wege,
um zu einem Mytus für Nippenburg und Bumsdorf zu werden: Dschebel al Komri
hatte ihn wiederum in seine Schatten aufgenommen, und nicht viele Leute konnten
sagen, was aus ihm geworden war.
    Nippenburg befand sich, seit jener verhängnisvollen Katastrophe im Goldenen
Pfau, noch immer in einer dumpfen Aufgeregteit. Seltsame Gerüchte über spätere
Vorgänge im Hause des Steuerinspektors zu Bumsdorf durchkreuzten einander, es
bildeten sich Parteien und Gruppen, welche die Ereignisse von sehr
verschiedenartigen Standpunkten aus betrachteten und besprachen. Der Onkel
Schnödler, zu Boden gedrückt durch die qualvolle Last seines bösen Gewissens und
die auf seinem silberhaarigen Scheitel immer mehr sich häufende allgemeine
Verachtung, wankte durch die Gassen des Städtchens und suchte, gleich andern,
viel klügern Burschen und grössern Philosophen, auf den Pflastersteinen und in
den Mienen der guten Freunde die ihm in so schnöder Weise abhanden gekommene
stupide Beschaulichkeit des Daseins vergeblich. Leonhard Hagebucher war und
blieb verschwunden, und nur das Gerücht konnte ihn dann und wann erhaschen. Man
wollte ihn in dunkler Nacht an den Häusern hinschleichend ertappt haben; an
einem sehr nebeligen Morgen hatte er aus dem Fenster des Vetters Wassertreter
geniest, und die Tante Klementine Mauser, die gegenüber gute Wache hielt, wollte
»zur Gesundheit!« gesagt haben. Auf fernen Bergen und in den Wäldern der
Umgegend sollte er häufig umherstreifen, und dass er in Gesellschaft des
Wegebauinspektors die fürstliche Landstrasse nicht selten unsicher mache, war
durch nicht ganz unglaubwürdiger Zeugen Mund den Bürgern und Bürgerinnen von
Nippenburg zur Gewissheit gemacht worden. Wie er aber seine Aus- und Eingänge
bewerkstelligte, ohne von Hunderten gesehen und kommentiert zu werden, blieb ein
Rätsel, erschien jedermann als eine unaussprechlich heimtückische afrikanische
Wüstenpraxis und zeugte jedenfalls von einem sehr verstohlenen Wesen und einer
grossen Kunst, »hinter den Leuten wegzulaufen«. Laufen wir ebenfalls hinter den
Leuten weg.
    Wie immer tropfte mit leisem Klingen das Wasser, welches das ferne
geschäftige, brausende, sausende, pfeifende und rasselnde Fabrikgetriebe für die
Katzenmühle noch übrigliess, über das schwarze, nutzlose Rad, und jeder reinlich
perlende Tropfen war ein Flüchtling, der nur mit Mühe seine Reinheit und
Klarheit vor den nützlichen, aber schmutzigen und erbarmungslosen Mächten und
Kräften da droben auf der Hochebene gerettet hatte. Die Bewohnerin der Mühle,
die Frau Klaudine Fehleisen, lag bleich und müde auf ihren Kissen und horchte
dem Tropfenfall, wie ein Kranker dem Ticken seiner Uhr horcht. Die Frau Klaudine
war ganz allein mit dem leisen Spiel des Wassers; die Magd war ins Dorf
gegangen, um Brot zu kaufen, und der Spitzhund vom Bumsdorfer Gutshofe hatte
tiefer im Walde auf einem Spaziergange einen Igel getroffen und natürlich fürs
erste keine Zeit, an die Mühle, die Herrin und seine Pflicht zu denken.
    Die Frau Klaudine war so oft, so lange und so durch ihren eigenen tiefsten
Willen allein, dass sie gewöhnlich kaum noch ein Bewusstsein ihrer Einsamkeit
besass; aber heute musste sie unwillkürlich wieder einmal darüber nachsinnen, und
diese Gedanken hätte doch weder die tapfere, treue Christine noch der redliche,
biedere Spitz des Onkels Bumsdorf von ihrer Seite fernhalten können. Sie kamen,
wenn auch nicht gefürchtet, so doch ungebeten zu Unserer Lieben Frau von der
Geduld, und sie kamen wie in dem hellen Sonnenstrahl die Sonnenstäubchen und
tanzten ihren Tanz, grade weil der Tag schön und der Himmel blau war, grade weil
die Sonne schien und es eine Sünde gewesen wäre, das Fenster zu schliessen und
die Vorhänge zuzuziehen. An einem stürmischen Tage voll dunkel treibenden
Regengewölkes hätten sie sich vielleicht ferngehalten und nicht gewagt, in den
Bezirk der Mühle einzudringen: aber, wie gesagt, die Frau Klaudine fürchtete
sich zu keiner Zeit vor ihnen, und zu jeder Zeit hatten sie freien Eintritt,
wenn sie kommen wollten.
    Andere Frauen können in solchen Stunden geheime Schubfächer aufschliessen und
mit einem Schoss voll greifbarer Angedenken niedersitzen zum weinerlichen oder
heitern Verkehr mit der Vergangenheit; die Frau Klaudine hatte bei ihrer Flucht
in die Wildnis nichts von derartigen Zeichen und Symbolen glücklicher und
unglücklicher Augenblicke oder Lebensepochen gerettet. Sie hatte sowohl das
Stammbuch ihrer Mädchenjahre wie den Brautkranz und die ersten Schuhe ihres
Kindes verloren: und hundert andere Dinge, welche sie gleich allen andern Frauen
einst unter ihren teuersten Kleinodien fest verwahrt hielt, musste sie fremden
Menschen zurücklassen und wusste nicht, wer sein Spiel damit treiben durfte und
in welchem Winkel sie verkamen.
    Die Frau Klaudine hielt heute eine Musterung über alle diese Schätze, welche
nicht mehr existierten. Keiner der Namen, die in jenem Album standen, war ihrem
Gedächtnis entfallen; wenn sie die Augen schloss, vernahm sie deutlich das lange
verklungene Summen und Kichern und - da - da war der hübsche, bunte,
leichterzige, leichtsinnige Kreis: Assuérus, roi de Perse, Klaudine - Ester,
reine de Perse, Rosalie - Mardochée, oncle d'Ester, Juliane - Aman, favori
d'Assuérus, Madame Euphrosine Babillot aus Lausanne in der französischen
Schweiz, und so weiter durch den ganzen Jean Racine. Ah, es ist etwas, in der
Katzenmühle auf den leisen Fall des Wassers und jene Stimmen zu horchen:
Courons, mes soeurs, obéissons.
La reine nous appelle:
Allons, rangeons-nous auprès d'elle!
Aber der Kranz der Freundinnen war zerrissen und zerstreut wie jener andere
Kranz, welchen Klaudine an ihrem Hochzeitstage trug; die winzigen roten
Kinderschuhe wurden in den Kehricht geworfen wie der rostige Heckpfennig und der
unsichtbarmachende Däumling: niemand kannte ihren Wert. Die Frau Klaudine in der
Mühle erinnerte sich an manche stille, liebliche Stunde, welche sie vor Jahren
in ihrem reichen, stattlichen Hause, eingewiegt von allen Bequemlichkeiten des
Lebens, über diesen und so vielen andern Schätzen verträumte. Sie dachte aber
auch daran, wie sie, so oft und grundlos verstimmt, verdriesslich, missgelaunt,
unter denselben Schätzen gehockt habe, und dann dachte sie an den plötzlichen
Sturmwind, der uns erfasst und zur Seite schleudert, ehe wir nach einem Halt
greifen können, der unsere Mauern eindrückt, unser Dach abdeckt, unser Eigentum,
alles, was uns lieb und wert ist, in alle Welt hinauswirbelt und uns nichts
übriglässt von dem, was wir uns bis in den Tod gesichert hielten.
    Die Frau Klaudine fürchtete sich auch vor diesen Erinnerungen nicht mehr;
auch ihnen blickte sie geduldig ins Gesicht, und sie versanken wie in einem
tiefen stillen See und erregten keine Kreise auf der lichten ruhigen Fläche.
Eine Hoffnung genügte der Greisin, und in ihr trug und entbehrte sie alles, was
der Menschen Leben sonst ausmacht. Ausserhalb ihrer Klausur mochte man davon
reden wie von einer fixen Idee, einer leichtern Form des Wahnsinns: das Weib,
welches alles übrige ohne Zögern aufgegeben hatte, liess sich das eine nicht
entreissen.
    Horch, eines Pferdes Hufschlag im Walde! Die Einsiedlerin in der Mühle
richtete sich lauschend auf und beugte sich vor in ihrem Lehnstuhl.
    Da ist sie! Da kommt sie!... Die grossen Wasser, die glänzenden Ströme
rauschen fernhin, mir gehören nur die einzelnen verlorenen Tropfen zu; aber sie
kommt, und es wäre kein Wunder, wenn mein Bach von neuem erwachte und sich mit
dem alten lustigen Sprunge vom Felsen stürzte und selbst mein arm zerbrochen Rad
dort aus dem Schlafe weckte. Sie kommt, und der Weg lacht unter den Füssen ihres
Rosses. Sie kommt wie meine Jugend - ach weh, nein, nein! Nicht wie meine
Jugend; soviel Glück wie mir ist ihr nicht gegeben; Schmerzen und Ärgernisse
bedrängen ihr süsses Herz schon in der Frühe, und niemand kann ihr helfen, sich
derselben zu erwehren. Spring an, Prospero, aber hüte dich, trage sie sicher zu
meinem Garten! - Da ist sie willkommen, Tochter, willkommen, mein armer, wilder
Edelfalk, willkommen, Nikola!
    Im nächsten Augenblick tauchte der Kopf des weissen Engländers auf hinter den
letzten Büschen des Waldes und den Stockrosen des Mühlgartens, der Zügel war um
den gewohnten Ast geschlungen, und das Fräulein von Einstein kniete wieder zu
den Füssen der Frau Klaudine; aber die Greisin erschrak heftig, als sie der
jungen Freundin in das Gesicht blickte, und sie rief:
    »Wie heiss! Wie wild, wie aufgeregt, Kind?! Was ist geschehen, was hast du
jetzt, o wirst du nie lernen, Ruhe zu halten, willst du dein ganzes Leben auf
solche Weise durchstürmen?«
    Nikola, schluchzend und nach Luft ringend, brachte anfangs nichts weiter als
das Wort: Mutter! hervor und wiederholte es leise und immerfort, bis sie
plötzlich sich aufrichtete und rief:
    »Nein, nein - lass deine Hand von meiner Stirn, halte mich nicht mit deinen
Armen; du weisst nicht, was ich tat und was ich dir sagen werde! Blicke mich
nicht an, wende dich fort; sie haben gewonnen, sie haben ihren Willen, und ich
habe ihnen alles gegeben und nichts mehr für dich und mich übrigbehalten. Ich
umklammere dich hier, meine ganze Seele ist bei dir, und doch ist nun keine
Gemeinschaft fernerhin zwischen uns beiden - stoss mich von dir, heisse mich
gehen, ich habe kein Recht mehr in deinem Hause und deinem Herzen!«
    Die Frau Klaudine war sehr bleich geworden; auch ihre Lippen zitterten; aber
sie fasste sich doch schnell gegenüber dieser ungestümen Naturgewalt, die hier
auf sie einstürmte. Sie hielt die fiebernde Nikola fest und zog sie wieder herab
auf die Knie, und als nun das helle, laute Weinen unaufhaltsam hervorbrach, sah
sie wohl längere Zeit hindurch starr und wild ins Weite, sagte dann aber still
und milde:
    »Sei ruhig, mein Kind, fasse dich. Es konnte ja niemand ändern, es musste ja
so kommen. Was fürchtest du dich vor mir, habe ich nicht Zeit gehabt, über das,
was werden musste, nachzudenken? Es wäre freilich nicht gut, wenn es
unvorhergesehen, unvorbedacht mich überraschte; aber die Tage sind lang in der
Katzenmühle und die Nächte oft noch länger; es kommt so leicht nichts mehr aus
dem Säkulum über die alte Frau in der Mühle, dessen Fusstritte nicht weit vorauf
durch den Wald schallten. Du bringst mir heute wahrlich Trauer und Freude
durcheinander; aber ich segne dich in deinem Willen und in deiner Unterwerfung.
Du hast dich lange und wacker gewehrt und brauchst dir heute keine Vorwürfe zu
machen. Mein liebes Mädchen, auch sie meinen es gut und wollen dir ein weiches,
schönes, glänzendes Los und Leben, wie sie es verstehen, bereiten, und sie haben
sich lange in Geduld gefügt und auf deine Zustimmung gewartet. Ja, du musst
gehen, und du wirst, wenn nicht glücklich, so doch ruhig und gelassen werden,
und einst wirst du an einem Morgen erwachen und dich wundern: dann bist auch du
eine alte, alte Frau, und die sengende, bittere heutige Stunde ist nur ein
ferner, ferner leiser Klang, und nun denke, was für ein Märchen es sein wird,
wenn du dich dann auch der Katzenmühle und der alten Frau Klaudine erinnern
wirst. Sei ruhig, liege stille, lass deine Stirn in meinen Händen; denn es tut
mir sehr leid und weh, dass ich dich lassen muss! Wenn du nun von neuem in den
Kreis deiner Verwandten eingetreten bist, so ertrage die kleinen Schwächen und
Nichtigkeiten in Geduld; weisst du, sie fürchten sich eigentlich vor dir - werde
eine gute Frau, werde eine gute Frau!... O mein Kind, mein Kind, meine Tochter,
weshalb hat das so kommen müssen?!«
    »Sie fürchten sich vor mir?!« lachte Nikola bitter. »O nein, sie lieben mich
sehr und haben mich deshalb den Kontrakt, der mich an sie bindet, mit meinem
Blute unterschreiben lassen. Die Zeit ist um, der Schuldschein ist verfallen -
die - die Verlorenen kommen nicht wieder, und meine Gläubiger zucken die
Achseln, legen die Hand aufs Herz, und - ich bin, nach dem Wunsche meiner Mutter
dort drüben in der Residenz, die Braut Friedrichs von Glimmern. Ja, ich will es
versuchen, ihm eine gute Frau zu werden!«
    »Was sagst du von den Verlorenen, die nicht zurückkehren können, Mädchen?«
rief jetzt die Greisin mit erhobener Stimme. »Du hattest auch ein ander Wort auf
der Zunge und hast es nur nicht ausgesprochen. Die Toten kommen nicht zurück,
wolltest du sagen und erschrakest und wolltest mich nicht erschrecken. O mein
armes Kind, sieh dich um, blicke dortin; die Verlorenen können doch heimkehren,
selbst wenn niemand mehr auf sie wartet. Du musst freilich jetzt deinen eigenen
Weg gehen; aber die Zeit meines Hoffens und Harrens ist noch nicht um; der
Mutter darf keiner die Frist zum Warten auf ihr Kind nach Stunden, Tagen und
Jahren zumessen. Sieh dortin, Nikola, o ich fürchte mich nicht vor deinen
dunkelsten und tiefsten Gedanken; - es ist mir lange ein Zeichen versprochen,
und endlich ist jener in meine Tür getreten, und so wie er wird auch mein Sohn,
mein Kind zu mir heimkommen. O Gott, er ist nicht tot, denn das wüsste ich, wie
ich jetzt weiss, dass er lebt!«
    Nikola von Einstein war der deutenden Hand der Frau Klaudine mit einem
schnellen, tränen- und angstvollen Blicke gefolgt. Draussen an der Gartentür
neben dem Prospero stand Leonhard Hagebucher, dem schönen Tiere den Hals
streichelnd und die Mähne glättend. Er stand in tiefe Gedanken versunken; die
Frauen hatten genügende Musse, ihn zu beobachten, und Nikola vorzüglich hatte
volle Zeit, sich die Augen zu trocknen und die nötige Fassung wenigstens
äusserlich wiederzuerlangen.
    Diese letzten Sommertage waren, nicht ohne eine merkliche Veränderung
hervorzubringen, an dem Afrikaner vorübergegangen. Die Klausur und die
moralische und physische Diät, welche er unter dem Regime des Vetters
Wassertreter einzuhalten hatte, schienen bis jetzt trefflich bei ihm
anzuschlagen und von grossem zivilisatorischem Einfluss auf ihn zu sein. Das
Studium des Konversationslexikons tat ihm unbedingt gut; es war wieder ein
europäisches Licht in seinen Augen, welches er nicht über das Mittelländische
Meer zum Molo von Triest mitgebracht hatte; selbst in den Bewegungen der Hand,
die dem Schimmel das Stirnhaar zurechtlegte, zeigten sich Bildung und Gesittung
in unzweifelhafter Weise; kurz, das, was der Vetter Wassertreter den
»Häutungsprozess« nannte, nahm einen recht befriedigenden Fortgang, und die neue
Epidermis guckte, einem zweiten Ausdruck des Wegebauinspektors zufolge, »recht
delikat« hervor.
    Jetzt, nach beendeter Unterhaltung mit dem Engländer, wand sich Leonhard
Hagebucher vollends aus dem Gebüsch und grüsste die beiden Frauen am Fenster der
Katzenmühle. Er kam schnellern Schrittes durch den Garten und verneigte sich
aufs neue unter der Tür, indem er seinen arabischen Gruss sprach. Das Fräulein
von Einstein neigte stumm das Haupt, die Madam Klaudine aber rief mit herzlichem
Ausdruck:
    »Willkommen, lieber Sohn! Sie kommen zur rechten Zeit für zwei gar betrübte
und bedrängte Leute. Mein Kind hier nimmt soeben Abschied von ihrer alten
Freundin, sie muss weggehen von hier, sie wird sich verheiraten, und sie weint
aus vielen Gründen.«
    »Jaja, es ist so, Mann der Wüste!« rief Nikola, aufgeregt und ungeduldig mit
dem Fusse aufstampfend. »Was stehen Sie und starren Sie mich an? Haben Sie kein
Wort der Beglückwünschung für mich, können Sie nicht das kleinste Kompliment
vorbringen?«
    »Nein!« sprach Leonhard mit einer Energie und einer Grobheit, die seinem
Charakter alle Ehre machten. »Sie eine Braut, Fräulein von Einstein, Sie einem
Manne verlobt? O das ist mir nicht lieb, das ist mir wahrhaftig nicht lieb!
Scheitan falle mich an, wenn das nicht schlimmer ist als ein vergifteter Pfeil
aus dem Gebüsch - - o Fräulein von Einstein!«
    Dieser Ausbruch höchsten Verdrusses war so wahr, so drollig und kam so
überraschend, dass beide Damen trotz aller Beklemmung und Betrübnis sich des
Lächelns nicht erwehren konnten. Ja, Nikola lachte sogar hellauf, sprang in die
Höhe und rief, indem sie dem Afrikaner kräftig die Hand drückte:
    »Liebster Freund, ich habe Sie doch verkannt und bitte herzlich um
Verzeihung. Seien Sie nicht ungehalten; 's ist keine Geschichte von gestern, das
Gespenst geht schon längere Zeit um, darf aber jetzt erst seine Ketten rasselnd
der Welt zeigen. Dazu ist's nicht meine Schuld, Herr Hagebucher; ich bliebe
freilich lieber in Bumsdorf und sässe in der Katzenmühle. Scheitan und alle die
übrigen Herrschaften aus Dschinnistan sollen auch über mich verfügen dürfen,
wenn ich nicht die Wahrheit rede.«
    Herr Leonhard Hagebucher sass auf dem nächsten Stuhle mit den Händen auf den
Knien wie Ramses der Grosse vor seinem Palast zu Luksor und sah mit einer ebenso
geistreichen und verständnisreichen Physiognomie auf die beiden Frauen wie jener
Monarch auf die Trümmer seiner Residenzstadt Teben. Er erholte sich nur ganz
allmählich von seiner Überraschung, und als er endlich seinen Gefühlen Worte zu
geben vermochte, sagte er:
    »Auch ich bitte um Verzeihung und habe mehr Grund dazu als das gnädige
Fräulein. Wie kann man so dumm und frech sein?! Aber es war auch nicht ganz
meine Schuld, Fräulein Nikola! Erinnern Sie sich noch jener Mondscheinnacht an
der Hecke von Ihres Oheims Garten? Sie guckten über die Hecke und riefen mich an
in meiner Verwirrung; was kann ich für den Zauber, der in jener Nacht war? In
jener Nacht, um jene Stunde, in der ich dem Tollhause näher war als vielleicht
irgendein anderer Mensch dazumal in Deutschland, bin ich durch Ihre Erscheinung
auf der Lichtseite des Daseins festgehalten worden. Wer weiss, ob selbst der
Vetter Wassertreter es heut noch für lohnend halten würde, mich in betreff der
Zeitgeschichte aufs laufende zu bringen, wenn Sie damals nicht aus den grünen
Büschen aufgetaucht wären. Ich hatte mir während meiner Gefangenschaft dahinten
ein wundervolles Ideal von der Heimat zurechtgemacht, was daraus geworden ist,
wird Ihnen nicht unbekannt sein -«
    »Und um sich vor der Tante Schnödler zu retten, haben Sie sich an meinem
Rocke gehalten!« rief Nikola. »Und weil ich mein eigen Elend wegzulachen suchte,
nicht dumm und auch recht gut gewachsen bin und weil ich mich immer, wenigstens
bis jetzt, als eine peeress in my own right gehalten habe, setzten Sie mich
sozusagen an die Stelle jenes Ideals und beteten mich von ferne an wie den
Deutschen Bund vom Tumurkielande aus! Ach, Leonhard, geben Sie mir nochmals Ihre
Hand, wir wollen Freunde bleiben unser Leben lang; aber unsere Ideale wollen wir
so tief als möglich begraben. Wir sind ein paar alte zerzauste Aventuriers und
werden wohl beide in unserm Harnisch sterben.«
    »Nikola, Nikola!« rief Frau Klaudine mit gefalteten zitternden Händen; das
Hoffräulein beugte sich nieder zu ihr und küsste sie auf die Stirn:
    »Es ist so, Mutter, und niemand kann es ändern. Was sollte wohl aus mir
werden, wenn ich nicht mit gepanzertem Herzen von dir wegginge? Dich, meine
Mutter, tragen und retten deine Geduld und Hoffnung und dein Einsiedlertum hier
in der Wildnis; jener und ich haben andere Waffen nötig. Ich kenne die meinigen
und werde sie gebrauchen, und der Herr Hagebucher wird gleichfalls die seinigen
finden, sobald er begriffen hat, dass Childe Harold nichts weiter als ein
Baedeker in Spenserstanzen ist.«
    »Achten Sie jetzt nicht auf sie, Leonhard«, sagte Frau Klaudine wehmütig.
»Sie ist krank; aber sie ist doch ein gutes Mädchen und klug und kennt die Wege,
die zur Genesung führen. Sagen Sie uns jetzt ein wenig von Ihrem eigenen Leben,
und wie die Welt sich von dem Lehnstuhl des Vetters Wassertreter aus anschauen
lässt. An welcher Stelle haben Sie ein Zeichen in das grosse europäische
Bilderbuch gelegt?«
    »Ja, reden wir von Ihnen, oder vielmehr sprechen Sie von sich allein«, rief
auch Nikola, ihre Tränen trocknend. »Wir drei hier in der Mühle bilden doch ein
merkwürdiges Kleeblatt und könnten hundert Jahre alt werden, ehe wir mit unsern
Geständnissen und Herzensergiessungen zu Ende wären. Gott schütze jedermann vor
einem derartigen embarras de richesse. Was macht der Vetter Wassertreter und das
europäische Abc-Buch, Herr Hagebucher?«
    Leonhard erzählte nun ausführlich von seiner Hamsterexistenz und dem
erspriesslichsten Kursus allermodernster Weltweisheit, den er augenblicklich
gleichsam unter der Erde durchmache. Er berichtete, wie er krebsartig politische
und literarische Zeitungen und Journale bis zum Jahr achtzehnhundertundfünfzig
rückwärts durchwandele und unermesslichen Nutzen davon habe. Dunkle, Verworrene
Sagen, wie zum Exempel die von jenem Feldzuge der Westeuropäer auf Tauris und
der Belagerung der Stadt Sebastopol, löse er leicht mit allen Wurzeln aus der
Tiefe und hebe sie klar hervor aus der Nacht der Zeiten, um mit Vergnügen und
Behagen das Resultat seiner Forschung seinen übrigen Kollektaneen anzureihen. Es
sei wunderbar, meinte er, was alles geschehen und von den Leuten vergessen
werden könne, während einer abwesend sei am Mondgebirge; ungemein freue er sich
vor allem auch auf die Meisterwerke der deutschen Literatur, welche er bis zum
Jahre fünfzig zurück nachzulesen habe und welche er, dem Vetter Wassertreter,
der sie schnöde verleugne, zum Trotz, in den kommenden Winternächten mit
Begeisterung studieren werde. Der Vetter Wassertreter, meinte er, orakle und
kommentiere aber oft gar nicht übel aus seinem dichten Tabaksgewölk hervor, und
so habe er - Leonhard Hagebucher - eins zum andern gelegt, sein Schulbubenfatum
mit dem nötigen Schulbubenhumor auf sich genommen und sitze er ganz heiter nach.
Von dem Vaterhause könne er natürlich das wenigste Gute berichten und wisse das
Fräulein von Einstein durch die arme Schwester Lina sicherlich mehr von den
Stimmungen und Vorgängen dort als er, der verlorene, ausgestossene Sohn. Die
Mutter tue ihm sehr leid und der alte verdriessliche Papa eigentlich nicht
weniger; denn derselbe sei in jeder Beziehung in seinem Rechte und habe sowohl
psychologisch wie moralisch höchst korrekt gehandelt. Im Goldenen Pfau aber
sitze der Vetter Wassertreter als rächender Genius der Familie Hagebucher, zeige
sich sämtlichen Honoratioren von Nippenburg mehr als doppelt gewachsen und hoffe
nach Verlauf des Winters das einzige nicht leberkranke und nicht von
Gallensteinen geplagte Mitglied der würdigen Gesellschaft zu sein.
    Dieses und noch manches andere erzählte der Afrikaner, da man es von ihm
verlangt hatte; aber er sprach doch traurigen Mutes, und die beiden Frauen
konnten ihm auch nicht mit freier Seele zuhören. Es wurde wieder Abend; der
Spitz kam ohne den Igel aus dem Walde heim; aber Christine brachte ihren Laib
schwarzen Brotes mit.
    »Gib mir noch davon, Mutter, dann will ich gehen«, sagte Nikola von
Einstein.
    Mit zitternder Hand schnitt die Greisin ein Stuck ab und reichte es stumm
der Braut des Herrn von Glimmern.
    »Ich will es mit mir nehmen in mein neues Leben«, sprach Nikola weiter, »und
ich will in der rechten Stunde immer davon essen - es soll mir guttun, so hart
es auch werden mag. O Mutter, Mutter, du hast mir so viel gegeben aus deinem
reichen, süssen Herzen; aber dies ist nun das letzte, was du mir geben kannst.
Ein Stück schwarzen Brotes der armen Nikola auf den Weg, das ist das letzte
Zeichen!«
    Sie knüpfte das Brot in ihr Taschentuch und wendete sich gegen Leonhard:
    »Nun gehen Sie vorauf, mein Freund; ich hole Sie doch ein auf dem Prospero,
um Ihnen ein besonderes Lebewohl sagen zu können. Aber jetzt muss ich noch einen
Augenblick allein sein mit meiner Mutter, um sie zum letztenmal zu küssen.«
    Tief bewegt und wortlos trat Leonhard Hagebucher zurück und verliess die
Mühle langsamen Schrittes und ohne sich umzusehen. Im Walde nistete sich die
Dämmerung bereits ein, und auf der Fliegenhausener Landstrasse trieb ein erstes
kühleres Abendlüftchen Staubwirbel vor sich her. Er wartete vergeblich am
Ausgang des Holzes auf die schöne Reiterin; er stand oft still und blickte auch
im Wandern über die Schulter zurück; aber erst hinter dem Dorfe vernahm er den
Hufschlag des Schimmels hinter sich, und dann ritt Nikola von Einstein noch eine
ganze Weile stumm neben ihm her, und er wagte kaum, zu ihr aufzublicken.
    Sie auch nahm die Unterhaltung auf, indem sie sagte:
    »Es war doch ein schöner Sommer, Herr Hagebucher, und wenn wir einander
wieder begegnen, so werden wir seine guten Gaben sicherlich richtiger zu
schätzen wissen, als wir es in dieser dämmerigen Stunde vermögen. Wir werden
jedenfalls wieder zusammentreffen, Kamerad; dann grüssen wir uns nach einer
andern Welt Art und Sitte und haben wohl darauf zu achten, wie wir's treiben,
dass das kluge Narrenvolk dort hinter den Bergen uns nicht unter die Füsse
bekommt. Wir besitzen aber beide das Bürgerrecht in einem Reiche, von welchem
jenes Volk nichts weiss, und keine Macht soll uns es entreissen. Jetzt wollen wir
uns die Hände drücken und kurz Abschied nehmen; mit Redensarten ist keinem von
uns gedient. Wenn Sie Ihre Waffen geschmiedet haben, so lassen Sie dort in der
Katzenmühle von der alten Frau den Segen darüber sprechen, und dann mögen Sie
mir nachfolgen. Leben Sie wohl, Leonhard Hagebucher!«
    »Leben Sie wohl, Fräulein von Einstein!« sagte der Mann vom Mondgebirge.
Nikola ritt talab weiter auf der Landstrasse, Leonhard aber folgte wieder jenem
uns schon bekannten Feldwege, umschritt das Dorf Bumsdorf in einem Bogen und
erreichte wie gewöhnlich in dunkler Nacht das Quartier des Vetters Wassertreter.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Da uns in früheren, dunkleren Jahrhunderten leider schon viel deutsche
Geschichte dadurch verzettelt wurde, dass jeder Mönch, der sich in dieser Weise
schriftstellerisch beschäftigte, nur die Historie seines eigenen Klosters für
die Ewigkeit niederschrieb, so wollen wir an dieser Stelle nicht die Geschichte
der Stadt Hannover, Braunschweig, Darmstadt, Kassel, Stuttgart und so einige
dreissig Mal und so weiter schreiben. Wir können unsere mittel- und
kleinstaatliche Herrlichkeit an den Fingern herzählen, aber, in echt
germanischer Schamhaftigkeit, ohne einen Namen zu nennen; der Plunder bleibt
eben überall derselbe und die Liebe und Verehrung zum angestammten Fürstenhause
sowie die Anhänglichkeit an sonstige altgewohnte, behagliche oder unbehagliche
Überkommnisse und Einrichtungen gleichfalls.
    Solch eine deutsche Kulturstätte, von einem im ganzen ziemlich unhedeutenden
Bruchteil der Nation seine Residenz genannt, liegt entweder in einem Tal oder in
einer Ebene und nie auf einem Berge, hat jedoch stets in ihrer Umgebung eine
natürliche oder künstliche Erhöhung des Bodens, von welcher aus man eines
umfassenden Blickes über die Pracht geniesst und auf welche die Leute des Ortes
und der Gelegenheit sehr gern ihre Gäste führen, um sich an ihrem Erstaunen und
Entzücken mit bescheidenem Stolz zu weiden.
    Solch eine deutsche Residenz hat immer die Ähnlichkeit mit der Stadt Rom,
dass sie wie diese nicht an einem Tage erbaut worden ist. Ihr Alter ist häufig
ganz bedeutend, ein Umstand, auf den man sich gemeiniglich auch etwas zugute
tut, welcher aber jedenfalls nicht immer seinen letzten Grund in der
Überschwenglichkeit der landschaftlichen Reize findet.
    Dichter Nebel, Sumpf und Urwald bedeckten vor zweitausend Jahren die Stelle,
auf welcher heute die Gesittung und Bildung ihre schönsten Blüten treiben. Wo
heute vor dem Hotel de St. Pétersbourg der Polizeimann die öffentliche Moral im
Auge behält, da lauerte einst der wilde Urgermane auf den zottigen Bär: wo heute
Staatsräte und Generalmajore, Präsidenten des Obertribunals und Konsistoriums,
Direktoren, Ministerial-, Oberkriegs- und Kollegialräte, Stadtdirektoren,
Zollinspektoren und Staatskassiere, Prälaten, Medizinalräte, Archivare und
Bibliotekare den Triumph der höchsten Zivilisation zur Erscheinung bringen, da
brachte einst der schwerfällige Büffel höchstens sich selber zur Darstellung.
Selbst die Römer, welche doch an mancherlei klimatische Unterschiedlichkeiten
gewöhnt waren, holten sich hier den Schnupfen und zogen sich niesend zurück,
ohne dass der rohe Eingeborene ihnen nur ein Zur Gesundheit! nachrief. Dieses
Römervolk hatte wie mit einer Laterne in den Urwald hineingeleuchtet; nachdem
ihm das Lämpchen ausgeblasen war, wird es wieder sehr dunkel und bleibt so sehr
lange Zeit hindurch; die Stämme schlagen sich nach alter guter Gewohnheit
untereinander tot, und die Fremden, wie die Hunnen und dergleichen Durchzügler,
helfen ihnen nach Kräften dabei. Das Licht, welches das Christentum in der
Wildnis aufsteckt, hindert niemanden, sein Wohlwollen dem Nachbar nach Sitte der
Väter zu betätigen; aber eine Villa taucht plötzlich im Dunkel der Urkunden auf;
ein fabelhaftes Dynastengeschlecht, welches nachher vom frommen Äneas oder sonst
einem biedern Trojaner abzustammen behauptet, hat sich zwischen Sumpf und Wald
mit einem rohen Mauer- und Pfahlwerk umgehen - es ist Dämmerung geworden auf
dieser Erdstelle für mehr als einen Professor der Geschichte. Ein Ortsname, der
einmal in den Urkunden erschien, erlischt so leicht nicht wieder in denselben;
das Eigentumsrecht ist zu Papier gebracht, und am Ende ist das Papier doch der
irdische Stoff, welcher alle andern überdauert. Die Nachkommen des alten Vaters
Priamus, von germanischen Gewissensskrupeln geängstet, fundieren eine Kirche
oder ein Kloster, und die Geistlichkeit ermangelt sicherlich nicht, sich das
Ihrige schriftlich geben zu lassen - es wird immer lichter für den Herrn
Professor. Um Kirche und Burg, unter dem Schutze des geistlichen und weltlichen
Armes, erhebt ein sehr schutzbedürftiges, verwahrlostes, halb tierisches
Menschenhäuflein seine Lehmhütten, und unser Freund, der Professor, mag seine
Brillengläser putzen und anfangen zu spezifizieren: die Grundelemente des
heutigen Gesellschaftsverbandes sind vorhanden. Advenit imperator, das heisst,
ein anderer Dynast - ein Adler im Verhältnis zum Sperber - ist an der Spitze von
vielen tausend guten Rittern und Knechten ins Land Italia gezogen, hat sein
Heergefolge daselbst glücklich versorgt und unter den Boden gebracht und ist,
nachdem er einem andern geistlichen Herrn einige unbedeutende Konzessionen in
betreff der physischen und moralischen Verwaltung der deutschen Nation machte,
als wohlbestallter römischer Kaiser heimgekehrt. Der Herr Professor nennt ihn
mit Namen und weiss ganz genau das Jahr anzugehen, in welchem er die Siedelung
mit Stadtrechten begabte und ihr die Abhaltung eines Jahrmarktes gestattete. Wir
befinden uns im allerromantischsten Mittelalter; die Schweinerei ist gross, aber
das angestammte Fürstenhaus gedeiht herrlich und treibt bis zur Reformation eine
Menge kurioser Blüten, deren Epiteta sich merkwürdig durch das ganze Heilige
Römische Reich gleichbleiben: der Faule, der Fette, der Böse, der Eiserne haben
überall regiert, überall die gleichen zivilisatorischen Erfolge erzielt und
werden heute noch in sehr idealisierten Nachbildungen von dem Schlosskastellan in
den respektiven Tronsälen vorgewiesen. Was ein Kastellan in den Reichspalästen
zu Aachen, Ingelheim, Trebur, Trifels, Goslar den Touristen damaliger Zeit zu
zeigen hatte, wollen wir dahingestellt sein lassen.
    Gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts erscheint urkundlich der erste
Oberbürgermeister; aber das residenzliche Bürgertum bleibt sehr geduckt im
Vergleich zu dem Leben, welches sich in den Reichsstädten erhebt; die Dynastie
blüht immer herrlicher und beginnt, sich weniger an dem Kaiser als an der Hansa
und dergleichen unberechtigten Verbindungen zu ärgern. Der reichsunmittelbare
Adel fängt an, Hofluft zu wittern; die Pfaffheit in dem Hofkloster wittert den
Augustinermönch zu Wittenberg. Grosses Dilemma Fürstlicher Gnaden in betreff der
Kirchenverbesserung - höchst fatale, unbequemliche Situationen Fürstlicher
Gnaden während des Dreissigjährigen Krieges - post nubila Phoebus! Nach dem
Gewitter die Sonne! Le grand monarque! Ludwig der Vierzehnte! Pauken und
Posaunen, allgemeiner Tusch!...
    Merkwürdigerweise verliert die deutsche Geschichte und mit ihr die
Geschichte unserer »Residenz« in dieser Epoche ihrer glänzenden Wiedergeburt
jegliches Interesse für unsern Professor, er weiss sogar nichts mehr von ihr;
wenn ihm seine Würde erlaubt, seine Studien bis zu dem Frieden von Münster und
Osnabrück zu erstrecken, so ist das sehr viel. Wir aber, die wir keine gelehrte
Würde zu behaupten haben, wir lassen uns lächelnd den gekrümmten Rücken von der
aufgehenden französischen Sonne bestrahlen und erwärmen; wir ersterben
alleruntertänigst vor den durchlauchtigsten Herrschaften und rufen Vivat, wenn
sie in ihren Staatskarossen nach Monbrillant, Monplaisir, Monrepos, nach
Ludwigsburg, Ludwigslust, Herrenhausen, Salzdahlum, Schwetzingen oder
Nymphenburg zur Erholung von ihren anstrengenden Staatsgeschäften fahren. Wir
machen ein tiefes Kompliment vor dem Wagen der schönen Hof-, Haupt- und
Leibitalienerin; der heidnische Mohr, welchen Serenissimus aus der sündhaften
Wasserstadt Venedig mitbrachte, erregt unser respektvolles Staunen; wie wir uns
gegen den Hofjuden zu verhalten haben, wissen wir so recht nicht; er kann unter
Umständen eine sehr gefährliche Persönlichkeit werden, und man tut am besten,
auch vor ihm den Hut abzuziehen. Welches seltsame Leben und Treiben in den
Häusern und auf den Gassen! Welche loyalen Bürger, welche wundervollen
Hofmarschälle, Heiducken und Hofpoeten! Welche Epitalamien, Geburtstagsgedichte
und Trenodien! Welche Komödien, Tragödien und vor allem welche Opern!
    Wir begreifen den Herrn Professor, der nichts damit zu tun haben will, sehr
gut; aber wir, die wir einen andern Zweck verfolgen als er, wir können nicht
gleich ihm unser Objekt wie einen Spargel stechen, wenn es uns gut dünkt; wir
müssen es wachsen lassen bis in den hellen, heutigen Tag hinein. Der Herr
Professor braucht bloss mittelalterliche Tatsachen; wir aber haben neue Blüten
und Früchte nötig, und auch der Spargel erzeugt dergleichen, wenn man ihm seine
Zeit gönnt.
    In welcher Tiefe der deutsche Geist seine Quellen haben mag, seine
»Residenzen« datieren sämtlich von diesem Dieudonné- und L'Etat-c'est-moi-König
zu Versailles. Es ist nicht auszudenken, nicht auszuschreiben, was alles wir ihm
zu Verdanken haben, und niemals ist ein lumpiger Fetzen deutschen Landes wie das
Elsass mit mehr Gewinn für sämtliche Serenissimi und ihre sämtlichen
Hofmarschallämter losgeschlagen worden. Erst von der Verbrennung Heidelbergs an
datiert der wahre, der rechte Flor alles dessen, was - jedes Schild über der Tür
jedes Hoflieferanten, so weit die deutsche Zunge klingt, besser ausdrückt und
reinlicher umschreibt, als wir es vermögen. Welch ein Glanz auf den Höhen der
deutschen Menschheit! Eben war's noch der blutrote Widerschein der
Reunionskriege, des Spanischen Erbfolgekriegs: nun aber ist's couleur cuisse de
nymphe, eine süsse rosa Dämmerung über Taxushecken, langen, langen, schnurgeraden
Alleen, Exerzierplätzen, Sandsteingöttern und -göttinnen, über Schloss und Stadt!
Welche Wasserkünste, Reiterkünste und Reifröcke, welche Perücken und
Komplimente; am Hof und in der Stadt welche Manschetten, Halskrausen und
goldbordierten Westen! Ist es ein Wunder, wenn sich der Mann der Kaiser- und
Städteregesten in schaudernder Verachtung von den Riedingerschen Kupferstichen,
von Lünings »Teatrum ceremoniale« abwendet?
    Der wilde Urgermane, der hinter dem Ureichenbaum auf den Urochsen lauerte,
würde sich sehr wundern, wenn er die Erlaubnis bekäme, sich dieselbe Gegend von
derselben Stelle aus im Jahre 1780 zu betrachten. Serenissimus haben im Laufe
des achtzehnten Jahrhunderts viel Geld, sehr viel Geld gebraucht. In
Schweinshatzen, Fuchsprellen, Parforcejagden, Karussells, Balletten und Komödien
ist manch ein rheinischer Gulden oder Reichstaler draufgegangen; eine politische
Spekulation dem alten preussischen Fritz gegenüber ist auch nicht so
eingeschlagen, wie man's wünschte und verhoffte: der Urgermane kann das
Vergnügen haben, zuzusehen, wie man auf der »Esplanade« oder auf der »Planie«
oder sonst einem dazu geeigneten Platze der »Residenz« seine Nachkommen
regimenterweise abgezählt gegen blanke englische Guineen oder vollwichtige
holländische Dukaten austauscht; er kann sehen und hören, wie Serenissimus die
Front bereiten und Höchstihro Landeskinder vermahnen, auch in der Fremde dem
»hessischen, württembergischen oder braunschweiglüneburgischen Namen« Ehre zu
machen und tapfer für das Vaterland und »Unsern« Profit Haut und Haare zu
lassen.
    Vivat Karolus, Fridericus oder etwas dem Ähnliches! Trommelwirbel -
Querpfeifengequiek und Beckenklang! - Heute abend im Teater »Götz von
Berlichingen mit der eisernen Hand«, ein Trauerspiel vom Doktor Goete - morgen
zur Feier des Geburtstages der durchlauchtigsten Frau Herzogin grosse
Illumination und Oper, »Idomeneo, Re di Creta«, vom jungen Herrn Mozart, genannt
il cavaliere filarmonico.
    Aber im Westen, jenseits des Rheins, auch ein Stimmen von allerlei seltsamen
und etwas unheimlichen Instrumenten - plötzlich ein dumpfer, lang anhaltender
Paukenschlag: Monsieur Honoré Gabriel Victor Riquetti, Marquis de Mirabeau!...
Ratsadvokat Bürger George Jacques Danton!... Citoyen Maximilian Joseph
Robespierre!... Allerdurchlauchtigstes Zusammenfahren und höchst gerechtfertigte
Entrüstung, welche letztere sich einige Jahre später mit dem Kaiser Napoleon
durchschnittlich recht gut abzufinden weiss. Folgt die liebliche Zeit des
Rheinbundes, folgt der Deutsche Bund, folgen die russischen und englischen
zarten und zärtlichen Verbindungen, welche letztern die landschaftlichen Reize
des Vaterlandes sehr vermehren, indem sie griechisch-moskowitische Kapellen und
Mausoleen sowie herrschaftliche Landsitze im englisch-normannischen Stil an
Stellen aufschiessen lassen, von wo aus sie den besten Eindruck auf die Bewohner
des angestammten Staates und die denselben mit dem Bahnzug passierenden Fremden
machen.
    Bah - immer herbei, herbei, meine Hochzuverehrenden! Die Gläser des
Guckkastens sind geputzt, die Lämpchen angezündet, es verlohnt sich schon der
Mühe, die Hände auf die Knie zu klappen und einen Blick in die Herrlichkeit der
Stunde, an welcher Jahrtausende gearbeitet, geputzt und poliert haben, zu
werfen.
    Wiesen, Hügel und Gewässer dehnen sich behaglich im verschleierten Licht der
Sonne des Späterbstes. Ober dem grauen Kern, den zusammengedrängten Turmspitzen
der Stadt lagert freilich eine dichtere Dunstmasse; aber die modernen Vorstädte
glänzen heiter und weiss, und die italienischen und gotischen Landhäuser sind
gleichwie aus einer Nürnberger Schachtel munter in das Gebüsch der Gärten
gestreut oder zierlich die Linden- und Kastanienalleen entlang aufgestellt.
    Wir folgen einer solchen Allee, in welcher das welke Laub sauber
aufgehäufelt ist; es begegnen uns oder gehen mit uns viele anständig gekleidete
Menschen, darunter sehr bunte Damen und sehr bunte Offiziere. Reitknechte führen
ganz elegante Pferde spazieren, in einem öffentlichen Garten wird Musik gemacht
und soll mit anbrechender Nacht ein Feuerwerk, das Bombardement von Sebastopol
darstellend, abgebrannt werden. Ein Tor, bewacht von zwei schläfrigen
Sandsteinlöwen, ein Schilderhaus, bewacht von einer schläfrigen Schildwache, ein
gähnender Akziseeinnehmer, ein sonniger Platz und in der Mitte desselben,
umgehen von Ruhebänken, Kindermädchen und Ammen mit ihren Schutzbefohlenen, ein
etwas schläfriger Vater des Vaterlandes in Bronze, eine Allee zur Rechten, eine
Allee zur Linken; wieder allerlei Spaziergänger, Reitknechte, Droschken,
Privatequipagen, wieder sehr viele bunte Damen und sehr bunte Offiziere!
Schlagen wir die Allee zur Rechten ein, so wird sie uns, wenn wir im
Briefträgertrab gehen, nach Verlauf von drei Viertelstunden von der Linken her
zu dem Grosspapa in Bronze zurückbringen: nehmen wir den Weg zur Linken, so
werden wir den würdigen alten Herrn in derselben Zeit von der Rechten her zu
Gesicht bekommen. Gehen wir den Gang des Beobachters, so können wir nach
Belieben und vielleicht nicht ohne Nutzen eine halbe Elle unseres Lebensfadens
auf ebendiesen Kreis zugeben; folgen wir den Radien des Kreises in die Mitte der
Stadt, so - - doch weshalb sollen wir ihnen jetzt schon folgen? Der Abend ist so
angenehm, die Luft so weich, die Kieswege entlang der Überbleibsel der Gewässer
des einstigen Stadtgrabens so fest und reinlich und die Ruhebänke so zierlich
und einladend; das Teater beginnt erst um sieben Uhr. Nehmen wir Platz, bergen
wir die träumende Stirn in der Hand; wer weiss, was die Stunde Herrliches,
Schönes, Nützliches bringt? Serenissimus oder Serenissima können sechsspännig
vorüberfahren, das schönste Mädchen der Residenz kann uns mit der Schleppe ihres
Kleides streifen, unser Schicksal kann uns hier ebensogut als anderswo auf die
Schulter klopfen und unser Anstellungsdekret als wirklich geheimer
Kabinettssekretär oder dergleichen aus dem Portefeuille nehmen oder nur
unmerklich mit dem Finger deuten und winken: Sieh!, ganz leise, leise flüstern:
Achtung, mein Bester! - Das letztere geschieht diesmal; wir sehen und hören und
geben Achtung, und zwar mit Eifer, obgleich es nur unser literarisches Schicksal
war, das winkte. - - -
    Er kam durch eine der Strassen, welche aus dem Innern der Stadt gegen die um
die Stadt sich ziehende Promenade führen. Wer kam aus dem Innern der Stadt, um
wie andere gewöhnlichere Leute unter den gelben Linden und Kastanien
spazierenzugehen? Nicht ein gewöhnlicher Mann, sondern einer, der die andern um
eine Haupteslänge überragte: unser sehr guter Freund aus Bumsdorf und dem
Tumurkielande, Herr Leonhard Hagebucher. Sehr verändert, und zwar, was die
malerische Seite anbetrifft, nicht zu seinem Vorteil! - Mehr als ein Jahr ist
vorübergegangen, seit wir ihn in den Gefilden seiner Kindheit aus dem Gesicht
verloren, und ein Jahr ist eine Macht, welche es mit vielen Dingen, die von den
Menschen auch für sehr mächtig gehalten werden oder sich selber für sehr stark
halten, aufnimmnt und in dem Ringkampf mit ihnen recht häufig die Oberhand
gewinnt. Zuerst hatte dieses Jahr den Afrikaner geschält, ja geschunden; aus dem
Rotbraun der Haut war ein ungemütliches Gelbgrau geworden: die grauen Kreise um
die Augen waren dagegen ins Schwarze übergegangen; die Augen selbst hatten ihren
Glanz behalten, aber man sah ihnen an, dass sie viel gebraucht worden waren. Der
wilde Bart war grösstenteils dem Messer zum Opfer gefallen, wogegen das
Hauptaar, welches vordem der Mode von Abu Telfan Vollständig hatte weichen
müssen, mit Bewilligung der zivilisierten Welt treiben durfte, wie es konnte. Es
hatte getrieben und war von neuem emporgesprosst, allein leider nicht zur
Verschönerung des Mannes. Es war, sozusagen, in allen Farben gekommen, braun und
grau, gelb und weiss, und es war sehr borstig und widerspenstig gekommen - -
jeder Büschel ein Rebell gegen den Kamm und den Salbentopf.
    Herr Leonhard Hagebucher trug nicht mehr einen Turban oder Fes, sondern
einen sehr schönen, schwarzen, glänzenden Zylinderhut: er trug einen glänzenden
schwarzen Frack, eine schwarze Sammetweste und schwarze Beinkleider, und
sämtliche Teile des Kostüms von dem Hut bis zu den Stiefeln erinnerten jeden in
der Naturhistorie nicht Unbewanderten an jene Stiefel, welche der heimtückische
Mensch inwendig mit Leim beschmiert und zum Affenfang im Urwald unter den Baum
stellt, von dessen Gipfel ihn der rauhhaarige Vetter beobachten kann. Es war
viel von dem haarigen Vetter in den Augen unseres Freundes. Er fühlte sich
jedenfalls geleimt; aber er trug den Zustand mit einer wilden Munterkeit, einer
Ironie, die ihn zu einem gefährlichen Kumpan für alle Genossen, die sich wohl in
ihren Jacken fühlten, machten. Man fühlte, dass das Ding es nicht beim
Zähnefletschen bewenden lassen, sondern unter Umständen tüchtig zubeissen werde,
und somit war man gewarnt und hatte es sich selber zuzuschreiben, wenn ein
Unglück geschah. Was der Afrikaner im letzten Jahre getrieben, was er vergessen
und was er gelernt haben mochte, eines stand fest: er sah jetzt jeglicher Art
seiner Landsleute scharf ins Gesicht, und wenn die frühere Blödigkeit bei
Gelegenheit in ihr Gegenteil umschlug, so hatte sich keiner darüber zu wundern.
Herr Leonhard Hagebucher ging niemandem mehr aus Verlegenheit, sondern höchstens
nur aus Höflichkeit aus dem Wege: augenblicklich aber ging er wie die andern
Bewohner der Hauptstadt spazieren und sah freundlich-nachdenklich auf die mit
ihm frische Luft Schöpfenden.
    Mit dem Strom und gegen den Strom wandelte er gleich den andern im Kreise um
die Stadt bis zu dem segnenden Landesgrosspapa und an demselben vorüber und liess
sich zuletzt auf einer Bank nieder, von welcher man einen Teil des geschilderten
Platzes überblicken konnte. Hier sass er und grüsste allerlei Leute, deren
Bekanntschaft er schon gemacht hatte, und viele Leute, die ihn bereits kannten,
widmeten ihm im Vorübergehen ihre ganze Aufmerksamkeit. Eine Schar Buben
versammelte sich um ihn, starrte ihn aus einiger Entfernung an und nahm sogleich
Reissaus, als er eine Unterhaltung mit ihr beginnen wollte. Zuletzt rollte über
den Platz ein offener Wagen, in welchem zwei Damen sassen, gegen ihn heran, und
in höchster Überraschung, ja im hellen Schrecken schnellte er empor und rief:
»Nikola!... Nikola!«
    Die eine der Damen trug ein weisses Hütchen, die andere ein blaues, und jene
mit dem weissen beugte sich mit ihrer Lorgnette herüber; aber der Wagen rollte
schnell weiter, und Leonhard, nach einigen Schritten vorwärts, als wolle er ihm
nachlaufen, setzte sich wieder sehr fest hin und sprach: »Warten wir also!«
    In dem Wagen fasste Nikola von Glimmern die Hand ihrer Freundin, der Majorin
Emma, und rief:
    »Wer war das eben! Sahest du ihn auch? War er es denn? O gütiger Himmel,
welch eine Abscheulichkeit! Welch eine Karikatur! O Gott, Emma!... Johann, wir
fahren noch einmal um die Stadt; aber schnell - ventre à terre, schnell,
schnell!«
    Der Kutscher trieb die Pferde an, und Emma sagte:
    »Das war dein Afrikaner in Fleisch und Blut und in einem sehr schönen
Gesellschaftsanzuge; in der Tat, ein närrischer Held ist's! Seit einiger Zeit
befindet er sich in der Residenz, und man spricht genug von ihm. Mein Mann ist
bereits einige Male mit ihm zusammengetroffen und lobt ihn ungemein: auch ich
freue mich sehr darauf, ihn genauer kennenzulernen. Werden wir ihn wohl noch auf
seiner Bank treffen?«
    »Ohne Zweifel!« sagte Nikola; aber man merkte es ihr an, dass sie kaum auf
die Worte der Freundin Achtung gegeben haben konnte; sie blickte zerstreut vor
sich hin, und wie alles übrige entging ihr jetzt auch das leise Kopfschütteln
Emmas.
    Der Wagen fuhr schnell weiter. Viele Leute grüssten, und viele Leute sagten:
»Siehe da, die schöne Baronin Glimmern! Welch eine gute Partie sie gemacht hat!«
- Und wieder andere Leute fragten andere Leute: »Ist das nicht das wilde
Fräulein von Einstein, die Tochter der alten, kleinen Generalin in der
Schlossstrasse?« Worauf die Antwort lautete: »Freilich ist sie's! Wir nannten sie
im Klub la belle effarouchée; aber damit ist's vorbei, man hat sie nun endlich
doch unter die Haube gebracht, und es war Zeit; der Herbstwind fing an, recht
impertinent mit den Blättern der Rose zu tändeln. Begreifen Sie übrigens unsern
Freund Glimmern? Es gehört eben ein Charakter wie der seinige dazu, um ein
solches Spiel bis zum Äussersten durchzuführen!«
    Noch manche Bemerkungen ähnlicher Art wurden in den Gruppen der
Spaziergänger gemacht, ehe der Wagen zum zweitenmal den pater patriae in Bronze
erreichte; jetzt aber kam derselbe von neuem in Sicht, und wirklich befand Herr
Leonhard Hagebucher sich ebensowohl noch an seinem Platze auf der Bank wie der
Höchstselige Herr auf seinem Postament.
    »Lass halten, Emma!« flüsterte die Baronin, und der Kutscher zog die Zügel
an. Der Bumsdorfer Afrikaner zog den Hut vom Kopfe und trat an den Wagenschlag.
    »Da wären wir wieder«, sagte Nikola, ihm die Hand reichend. »Sehen Sie,
lieber Freund, es ist, wie ich Ihnen sagte und wie Sie bereits aus eigener
Erfahrung wissen konnten: man geht so leicht nicht in der Welt verloren.« Und
fast in alter Heiterkeit und Schelmerei sich zu der Frau Emma wendend, rief sie:
»Das ist mein Sindbad der Seefahrer, von welchem ich dir soviel des Löblichen
und Wunderbaren mitteilte. Nun bitte ich dich, sieh ihn an; hat jemals die
Wirklichkeit der Phantasie ärgerlicher ein Bein gestellt? Abscheulich,
abscheulich! O lieber Herr, es glaubt Ihnen niemand mehr, dass Sie auf einem
Greifen oder dem Vogel Roch nach Nippenburg geritten seien. Wir haben uns viel,
viel zu sagen; aber vor allen Dingen bitte ich um den Namen Ihres Schneiders!«
    »Felix Zölestin Täubrich, Kesselstrasse Numero fünfundfünfzig«, lautete die
Antwort, und die Majorin Emma nickte lächelnd, als ob der Künstler zu ihrer
genauesten Bekanntschaft gehöre und wohl verdiene, gekannt zu sein.
    »Wir sind gestern heimgekommen, Herr Hagebucher, und ich hoffe Sie bald
meinem Gemahle vorstellen zu können«, fuhr Nikola fort: »Sie sehen mich
gleichfalls bedenklich an; ach, suchen Sie die alte Nikola nicht länger! Es
findet sich wohl die Zeit, in welcher wir uns um die Aussenseite nicht mehr zu
kümmern haben; dann wollen wir andere Sachen mit mehr Ernst besprechen. Die
Gaffer nehmen zuviel Anteil an uns; hier haben Sie meine Freundin, Frau Emma
Wildberg, die Gattin eines trefflichen Mannes; sie soll unser nächstes
Wiedersehen bewerkstelligen. Fort, Kutscher - die Leute werden unerträglich.«
    Beide Damen verneigten sich gegen den Afrikaner, und dieser blickte dem
Wagen nach, und alle seine Gedanken hafteten an jenem schwarzen Brote, von
welchem die Frau Klaudine Fehleisen in der Katzenmühle ein Stück abschnitt, um
es dem Fräulein von Einstein, der Verlobten des Herrn von Glimmern, mit auf den
Weg in die weite Welt zu geben.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Es war nur ein Gerücht, dass der grosse Reisende, Naturforscher und Kammerherr
Seiner Majestät des Königs Friedrich Wilhelm des Vierten sich einst in der
Schneidergesellenherberge unserer Residenz persönlich nach einem andern grossen
Reisenden umgesehen und, als er den Gesuchten nicht vorfand, seine Visitenkarte
mit umgebogenem Rande für denselben zurückgelassen habe. Es war nur ein Gerücht;
aber dieses Gerücht erhielt sich mit Zähigkeit in allen den Kreisen des
Türkenviertels, welche durch die populäre illustrierte Literatur des Tages die
Bekanntschaft jenes berühmten Mannes gemacht hatten, und wem anders konnte der
grosse Alexander von Humboldt einen Besuch zugedacht haben als dem Herrn Felix
Zölestin Täubrich, der auch sein Wanderbuch aufzuweisen hatte und den man weit
über das Türkenviertel hinaus unter der Bezeichnung »Täubrich-Pascha« kannte und
zu schätzen wusste?
    Sein Vater war ein Schornsteinfeger gewesen, ein dunkler Ehrenmann, welcher
zu einem solchen Sohne kam, ohne zu wissen wie; seine Mutter, vordem eine
gebildete Putzmachermamsell, hielt alles Klettern. Kriechen und Kratzen in
anderer Leute Feueressen und Rauchfängen für sehr gemein und für völlig
unverträglich mit eigener Reinlichkeit und den zartern Regungen der Seele: ihr
hatte die Welt vorzüglich die Bildung dieses Charakters zu danken, der denn
freilich die höchsten Schornsteine der Erde tief unter sich liess.
Täubrich-Pascha glaubte an die Visite des Herrn von Humboldt so fest wie an
seine eigene Existenz; wie fest er aber an seine eigene Existenz glaubte, kann
nur durch einen längern und genauern Verkehr mit ihm deutlich gemacht werden.
    Weiss und zart und zierlich erblickte er das Licht der Welt und begrüsste es
mit einem schrillen Stimmchen. Der schwarze Vater und dessen schwarze Gesellen
begrüssten ihn mit kopfschüttelnder Verwunderung und nannten ihn einen »ganz
kuriosen Fisch«. Gegen alle Erwartung gedieh er unter der sorgsamsten
mütterlichen Pflege vortrefflich, wie denn auch die gütige Mutter Natur bestens
für ihn sorgte, indem sie ihn mit einem sehr reizbaren Nervensystem, einem
dünnen rötlichen Haarwuchs und einer erklecklichen Menge Sommersprossen begabte,
ihm aber die Zierde des Mannes, den Bart, welchen er als geborener
Damenschneider doch nicht gebrauchen konnte, gänzlich vorentielt. Er wurde ein
Damenschneider, allem Gebrumm und Gepolter des Erzeugers zum Trotz; - grollend
stieg der Alte, welcher allmählich für seinen Beruf viel zu fett geworden war,
in seinen eigenen Schornstein hinauf, blieb in demselben stecken, wurde längere
Zeit vergeblich gesucht und spät am Tage entdeckt, als er dem Rauche des Feuers,
welches man zur Bereitung der Abendsuppe anzündete, den Weg versperrte. Man zog
ihn an den Füssen herab, ohne dass er sich für die Gefälligkeit bedankte; ein
Schlagfluss hatte ihn getroffen und ihn allen Erdensorgen schnell entrückt. Seine
Witwe erhielt sich noch einige Jahre als sehr belesene Eigentümerin einer
kleinen, aber ausgewählten Leihbibliotek, starb dann gleichfalls, und zwar in
ziemlich bedrängten Umständen, worauf Felix Zölestin, aller schönen und
romantischen Gefühle voll, auf die Wanderschaft ging gleich unserm Freunde
Hagebucher, weit über Konstantinopel hinauskam und wie jener lange Zeit zu den
Verschollenen gerechnet wurde.
    Gleich jenem kam aber auch er zurück, und zwar auf kläglich durchgelaufenen
Sohlen und von Jerusalem. Da er erst vor einigen Tagen dem Mann aus Abu Telfan
einen Bericht über diese Heimkehr abstattete, so setzen wir auch hier mit
Vergnügen seine eigene Relation an die Stelle der unsrigen.
    »O in Jerusalem ist es schön!« rief er mit Begeisterung. »Adrianopel,
Konstantinopel, Smyrna, Brussa und Jaffa haben auch ihre Annehmlichkeiten; aber
Jerusalem geht dem gefühlvollen Menschen über alles! Da ist blauer Montag das
ganze Jahr durch bei Juden und Christen von allen Sorten, bei Heiden und Türken
und die letztern haben die Polizei. Sie sind nicht in Jerusalem gewesen, Sidi,
sonsten würden Sie auch davon erzählen können oje, oje! Da habe ich zwei Jahre
in Kondition gestanden bei einem Meister aus Böblingen im Württembergischen, und
leider nur als Mannsschneider; denn das schöne Geschlecht hab ich schon in
Adrianopel mit Tränen an den Haken hängen müssen. Hab's auch ganz gut gehabt bei
dem Böblinger bis zum Osterfest neunundfünfzig, da veruneinigte ich mich mit
ihm, denn solches ist der Stilum: am heiligen Osterfest veruneinigt sich alles
miteinander in Jerusalem, und schon eine Woche vorher exerziert der Musselim,
der Gouverneur, die türkische Garnison auf die Karbatsche ein, alles zum Besten
der frommen Pilger. So ist es, man muss überall erst des Landes Sitte
kennenlernen, um keinen Anstoss zu geben, und als im ersten Jahre am Grünen
Donnerstag der Meister bockig wird und mich aus lauter Zerknirschung einen
herrgottssträflichen Lump und keinnutzigen Strahlnarr heisset, da denke ich:
Täubrich, mässige dich und fang keinen Skandal an diesen heiligen Stätten an, und
in dieser Zeit will es sich gar nicht schicken. Bon - im nächsten Jahre kenne
ich mich schon aus, und als mein Schwab mich diesmal einen norddeutschen
Windbeutel tituliert, da geht's drunter und drüber, und 's wird ein Trubel im
Atelier wie an der Tür der Grabeskirche, und naturellement schmeisst man mich
heraus und mein Felleisen mir nach, und da wär's mir schlimm gegangen ohne einen
guten Bekannten. Das ist ein Mönch gewesen aus dem Kloster Mar Saba, welches im
Tal Kidron, dem Toten Meer zu, liegt, und der trifft auf mich, wie ich mit
verbundenem Kopf auf einem Eckstein sitze, und rechter Hand liegt ein toter Esel
und linker Hand ein betrunkener Pilgrim, und der, will sagen der Mönch, hat mich
nach dem Fest mit sich genommen in sein Kloster auf die Stör, was man heisst auf
Arbeit mit Kost und Schlafstelle. Da habe ich die ganze Garderobe für die
Heiligen aufbessern müssen, und auch die Brüder hatten genug zu flicken: das war
eine schlechte Arbeit, aber die Verpflegung war gut. So nähre ich mich hier in
der Wüste und der frommen Einsamkeit gradsogut vom Handwerk wie in Hanau oder
Offenburg, bis auch diesem Vergnügen wiederum sein Ende mit dem Knüppel gemacht
wird, und ist das das Merkwürdige am Orient, dass hierfür niemand zu keiner Zeit
sicher ist; es wäre auch sonst zu schön! Kommt also ein Mann aus Nebi Musa zu
unserm Abt und gibt an, er wisse einen Schatz im Wadi en Naar, dem Feuertal,
welches gleichfalls zum Kidrontal gehört, und, Sidi, wie da das Kloster an zu
lecken fing, das ist unglaublich zu erzählen. Wo und wie, wie und wo? ging das
durcheinander, und der Beduin wusste auf alles einen Bescheid. Ein Christ habe
den Schatz vergraben, und nur ein Christ vermöge ihn zu heben, und in der
nächsten Nacht sei die rechte Zeit; denn da sei der Dschinn abwesend zu einer
Vergnügungsfahrt auf Bahr Lut, dem Toten Meer, und halte mit seinesgleichen
einen Schmaus bei Ain Djidi an der Säule des Salzes. Das hätte man nun wohl
nicht geglaubt zu Offenburg, Hanau oder Frankfurt am Main; aber in Mar Saba
glaubte man es mit Vergnügen, und in der folgenden Nacht haben wir richtig den
Schatz gehoben. Das halbe Kloster samt dem Abt ist unter der Führung des
Beduinen ins Feuertal gezogen, in eine Schlucht wohl tausend Fuss tief. Und als
wir drin sitzen und fast kein Ausweg ist, geht es los, als ob der Geist des
Christen Unrat gemerkt habe und schleunigst heimgekehrt sei, um nach seinem
Recht zu sehen. Erst regnet es von allen Seiten Steine aus der Höhe, und dann
regnet es Prügel aus nächster Nähe. Auf allen Seiten wird's zu unserm Jammer
lebendig; denn von vier Meilen in der Runde, aus Mird, aus Nebi Musa, aus Khan
Hudrur, ja aus Gilgal und vom Dschebel al Fureidis, dem Frankenberge, ist die
Bevölkerung herbeschieden, um den Spass durch ihre Gegenwart zu verschönen. Wer
einen Prügel halten konnte, hat sich damit ins Versteck gelegt und geduldig seit
Sonnenuntergang auf unsere Ankunft gewartet. Vergebens hat der Abt erst seine
Heiligen und dann den Gouverneur von Jerusalem angerufen, die einen konnten
sowenig als der andere zu Hülfe kommen: das letzte, was ich in dieser
Mondscheinnacht erblickte, war ein mir wohlbekannter Kollege, der Schneider aus
Mird, welcher aus Brotneid und künstlerischer Eifersucht einen faustgrossen
Kieselstein in sein Turbantuch geknüpft hatte und mich damit an den Schädel
traf, dass es mir schwarz wie seine Seele vor den Augen wurde und ich
besinnungslos zu denjenigen meiner geistlichen Freunde sank, welche bereits am
Rande des Baches Kidron am Boden zappelten. Das war ein sehr romantisches
Abenteuer, Sidi, aber ein noch grösseres Wunder ist es gewesen, dass ich mich beim
Erwachen aus meiner Betäubung nicht etwa im Wadi en Naar oder im Kloster Mar
Saba oder im Spital zu Jerusalem, sondern hier in meiner Vaterstadt, hier im
Türkenviertel, hier am Eingang der Kesselstrasse wiedergefunden habe!«
    »Was?!« hatte der Mann aus dem Tumurkielande, der doch auch manches erlebte,
gerufen, als der Schneider bis zu diesem Punkte seiner Erzählung gekommen war;
aber Täubrich-Pascha hatte kühl gesagt:
    »Ja, es ist ein Mirakel; aber fragen Sie nur unten im Hause, ob die Sache
sich nicht so verhält; oder noch besser, hier haben Sie mein Wanderbuch, Hadschi
Hagebucher; darin steht's beschrieben, wie es zugegangen ist.«
    Es stand wirklich darin zu lesen, und zwar in englischer Sprache:
    »Wir, die Unterzeichneten, Lehrer und Prediger des Wortes, wie es entalten
ist in dem Buche Mormon, Elders of the church of Jesus Christ of Latter-day
Saints, sind gezogen in das Land, aus welchem gekommen ist Lehi, der Vater des
Volkes, so da sein wird im Herrn, und sind geritten Von der heiligen Stadt
Jerusalem bis zu dem Fluss Jordan, zu holen Wasser, zu taufen und zu weihen die
Kinder des goldenen Buches. Haben wir geschöpfet ein jeglicher ein Fässlein,
entaltend 50 Quart, und sind abwärts gefolget dem Laufe des Flusses bis zum
mare mortuum seu salsum, die Stätte des Zornes zu erkennen, und sind von da
wieder geritten aufwärts entlang den Bach, so da genennet wird Kidron, mit
unsern Brüdern und unserm Gefolge. Und als es geschah, dass wir kamen an den Ort
Wadi en Naar, das Feuertal, haben wir gefunden den, welchem eignet dieses
Büchlein, und haben ihn aufgehoben und, weil noch Leben in ihm war, auf einer
Eselin mit uns geführet gen Jerusalem. Da haben wir ihn gelassen.
                                J. J. Johnstaff,
                                J. W. Smitfield
,
                         beide Sendboten und Geheiligte
                         der Kirche des Letzten Tages«
»Freilich haben sie mich da gelassen«, fuhr Täubrich-Pascha in seiner Erzählung
fort; »aber andere haben mich weiterbefördert, wie des Spasses halber, und alle
haben ihren Namen in mein Wanderbuch gezeichnet, und hier steht von einem Wiener
Doktor in Jaffa geschrieben, ich sei ein kurioser Kasus, frisch auf den Beinen,
aber konfus im Kopf, und hier ist mein Passagezettel von Beirut aus, und so bin
ich von Triest ab auf den europäischen Schub gekommen; da konnte ich denn
natürlich nicht mehr verlorengehen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Sehen Sie,
Sidi, da fehlt kein Stempel und keine Polizeikralle: da kann ich mich vor
jedermann und jeder Behörde ausweisen, obwohl ich, wie gesagt, erst in der
Kesselstrasse auferwachte, als mir der letzte Gendarm den Kragen aus der Hand
liess. Was sagen Sie dazu?«
    »Wunderbar, höchst wunderbar!« hatte Herr Leonhard Hagebucher gesagt; aber
kein Wunder war's, dass er sich aufs innigste zu diesem seltsamen Wanderer
hingezogen fühlte, zumal da die Aufnahme desselben in der Kesselstrasse nach
seiner Rückkehr aus dem Gelobten Lande gleichfalls eine grosse Ähnlichkeit mit
seinem eigenen Empfang in Nippenburg und Bumsdorf besass. Auf die Tage des
Erstaunens und der Verwunderung war die Zeit der Gleichgültigkeit und der
Verachtung gefolgt. Der verrückte Schneider war bald aus der Mode gekommen,
trotz dem grossen Alexander von Humboldt, und seit dem Frieden Von Villafranca an
ein langsames Verhungern so sehr gewöhnt, dass er sich kaum noch etwas daraus
machte und imstande war, einen vollen Magen als etwas ganz Anormales zu achten.
Über seine Kunst war die Mode ebenfalls hinweggeschritten, und so fristete er
kümmerlich sein Dasein, halb als ein elendiger Flickschneider, halb als ein arg
gehänselter Botenläufer und Lohndiener, und fühlte sich unendlich glücklich.
Hätte der Kollege aus Mird geahnt, welche Magie in seinem Kiesel aus dem Bache
Kidron stecke, so würde er noch fester oder gar nicht zugehauen haben: und wäre
es manchem achtbaren, verständigen und würdigen Manne von Herzen zu wünschen und
zu gönnen, dass er von seinem besten Freunde einen ähnlichen Schlag um die Ohren
erhalte wie Herr Felix Zölestin Täubrich, genannt Täubrich-Pascha. - - -
    Ein Stuhl, ein Tisch und eine Matratze nebst Wolldecke in einer hölzernen
Bettlade bildeten, einige Kleinigkeiten abgerechnet, das ganze Meublement des
Jerusalemer Schneiders in der Kesselstrasse, und das einzige Fenster seines
Zimmers gewährte ihm einen nicht allzu holden Blick auf das stehende Gewässer
eines versumpften Kanals ohne Abfluss.
    In der Tasche seiner Beinkleider, welche hinter der Tür am Nagel hingen,
befanden sich nur noch zwei Silbergroschen und einige Kupfermünzen, beides
Geldsorten, auf welchen die Fürsten der Erde ihre Porträts nicht zum Abdruck
bringen lassen; und auf drei Meilen in der Runde gab es keinen zweiten Menschen,
der sich so leicht und so wohl fühlte wie Herr Zölestin Täubrich, genannt
Täubrich-Pascha.
    Er sass mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Lager wie Mohammed
Abulkassim ibn Abdallah auf seinem Ehrensitz im siebenten Himmel. Er trug einen
Fes, einen echten Fes, gekauft von Abul Abdallah ibn Mohammed im Basar zu
Beirut; er sass in einer blau und gelb geblümten Kalikojacke und gelben
Flanellunterhosen, trug einen wollenen Schal als Leibbinde und rauchte eine
Pfeife, die leider keine türkische war. Kein Pascha in seinem Harem hatte es
besser als Täubrich-Pascha in seiner Dachkammer, kein Opiumesser, so weit die
Fahne des Propheten wehte, sah, fühlte und roch grössere Delikatessen und war den
Armseligkeiten, Mühen und Entbehrungen des gemeinen Lebens weiter entrückt -
    »Täubrich!...«
    Es war unser Freund Leonhard Hagebucher, der, von seinem Spaziergang früher
als gewöhnlich nach Hause zurückkehrend, sogleich an die Tür seines Freundes
geklopft hatte und ihn jetzt an beiden Schultern hielt, um ihn in die schlechte
Wirklichkeit zurückzuschütteln.
    »Täubrich, erwachen Sie nur für fünf Minuten - nur fünf Minuten, Täubrich,
für einige Bemerkungen und einige Fragen! Ich bin soeben der Baronin von
Glimmern begegnet.«
    Der Schneider seufzte tief, wie jemand, den man im besten Schlafe stört, hob
die schweren Augenlider halb empor, um einen wässrigen Blick umherzuwerfen, blies
eine ganz dünne Rauchwolke wie die Quintessenz seines Wesens von sich und sagte:
    »Sie ist vorgestern mit dem Herrn Gemahl von der Hochzeitsreise heimgekehrt
- Florenz - Rom - Neapel - Paris, wie es die Sitte so mit sich bringt. Ja, gutes
Wetter und gute Wechsel helfen beide zu einem angenehmen Fortkommen zu Land und
Wasser - o Je-ru-salem! Haben sich hoffentlich ausgezeichnet amüsiert unterwegs?
Der Herr von Glimmern sind ein sehr angenehmer Gesellschafter.«
    Der Afrikaner zog den einzigen Stuhl, dessen sich der träumende Schneider
als seines Eigentums zu rühmen hatte, dicht an das Lager oder vielmehr den Sitz
des seltsamen Freundes klopfe demselben vertraulich auf das spitze Knie und
flüsterte eindringlichst:
    »Täubrich, Sie wissen bereits, dass ich einiges Interesse an der Dame nehme;
ich bitte Sie, erwachen Sie noch ein wenig mehr: Was halten Sie von dem Baron
Glimmern? Sagen Sie mir Ihre Meinung über diesen Mann.«
    Täubrich öffnete jetzt die Augen sehr weit, um sie sodann völlig zu
schliessen, sein Hals kroch fast grauenhaft lang hervor und zuckte blitzschnell
wieder zurück. Er öffnete abermals die Augen und sprach verhältnismässig munter:
    »Ich würde mich wohl hüten, jedem beliebigen auf ähnliche Fragen die rechte
Antwort zu geben; es wäre für einen armen Teufel in meiner Stellung nicht
ungefährlich und könnte mancherlei Folgen haben; Ihnen jedoch, Sidi -«
    »Erzählen Sie mir Von dem Leben des Mannes«, rief Leonhard ungeduldig. »Sie
haben hinter so manchem Stuhle gestanden und wissen so gut in allen übrigen
Angelegenheiten und Verhältnissen der Stadt Bescheid, dass Sie sicherlich auch in
diesem Falle mehr Erfahrung besitzen als viele Leute, die nicht soviel zu
bedenken haben als - wir beide.«
    »So ist es!« sagte der Schneider kläglich. »Ich habe freilich in den letzten
Jahren hinter so manchem Stuhle gestanden und werde tagtäglich von so vielen
Menschen zum Narren gehalten, dass ich wohl Bescheid wissen muss. O Je-rusalem,
wie sieht das aus in meinem Kopf, und welch eine Plage ist es, sich immer von
neuem darauf besinnen zu müssen, ob das Schwarze schwarz und das Weisse weiss ist.
Ist das meine Nase, oder ist sie's nicht? Bin ich Abul Täubrich ibn Täubrich,
Pascha von Damaskus, oder bin ich es nicht? Ja, der Herr Baron wird genauer
wissen, was er ist, und Allah segne ihm sein Verständnis. Nach Merseburg schnürt
man sein Bündel, und nach Smyrna gerät man, und im Schlaf wird man wieder
abgeladen in der Kesselstrasse, wie der schnurrige Abu Hassan, von welchem der
Erzähler im Chan zu Jericho erzählte. Da stehen die Leute im Kreis um einen her
und lachen, und jedes Stück Brot kriegt man nur auf Kosten seiner
Selbstästimation zu essen: die Kinder laufen einem in den Gassen nach, und die
Alten treiben in den Häusern ihr Spiel mit einem. So macht man sich denn seine
Stellung zurecht, und je weiter man die Augen aufreisst, desto blinder wird man,
und je fester man sie schliesst, desto klarer wird einem, wer man ist und wo man
eigentlich zu Hause ist. Da hört man das Leben nur wie ein Gesumm um sich her:
was geht es einen an, man sitzt ja in seinem eigenen Kiosk und -«
    »Bismillah! Die seidene Schnur Ihnen um den Hals!« fuhr der Afrikaner den
armen Pascha von Damaskus, ausser sich vor Ungeduld, an. »Von dem Baron von
Glimmern und nicht von dem schnurrigen Abu Hassan sollen Sie mir erzählen. Weder
ich bin der Sultan Shahriar noch Sie die kluge Scheherezade; jetzt nehmen Sie
sich zusammen; was wissen Sie von dem Baron Glimmern?«
    Täubrich-Pascha faltete die Hände über dem Magen und sprach das Folgende mit
dem Ton und Ausdruck eines abschnurrenden Uhrwerkes:
    »Der Herr Baron begannen ihre Karriere im hiesigen Leibbataillon als
Fähnrich und avancierten baldigst zum Leutnant; in dieser Stellung hatten sie
die Ehre, das Vertrauen Seiner Hoheit des Prinzen Reinald in hohem Grade zu
gewinnen, und Seine Hoheit waren ein grosser Liebling ihres Herrn Onkels, des
Höchstseligen regierenden Herrn; also haben die beiden jungen Leute sich das
Leben am hiesigen Ort recht angenehm gemacht, es ist eine lustige Zeit gewesen
und viel Geld in den eigenen Taschen und noch mehr Geld in den Taschen anderer
Leute; das rollte und klang an allen Ecken und Enden, und wer etwas dagegen zu
sagen hatte, der tat am besten, wenn er sich mit einem Achselzucken begnügte;
denn es haben sich einige nicht geringe Herrschaften in jenen fidelen Tagen die
Finger böse verbrannt: aber davon bekommt selbst unsereins nicht die letzte
Wahrheit heraus, weil zu viele sind, denen dran liegt, dass ein recht hübscher
dichter Schleier drübergeworfen werde, und also zum Exempel, Sidi, wenn die Frau
Hofrätin Fehleisen selber Ihnen nicht ihre Geschichte und die des Herrn Hofrats
und des Herrn Leutnants Viktor erzählt hat, so kann ich Ihnen auch nicht helfen.
Als ich aus dem Orient heimkam, da hatten Seine Hoheit der Prinz Reinald längst
sich die schöne, berühmte Dresdener Ballettänzerin, Fräulein Armida, an die
linke Hand antrauen lassen und lebten mit ihr in Paris, da waren die Frau
Hofrätin und der Herr Sohn lange verschollen; aber der Herr von Glimmern waren
noch vorhanden: es ist nicht seine Schuld gewesen, dass der Prinz Reinald die
schöne Armida heiratete, sondern er hatte sein möglichstes getan, es zu
verhindern, und es wäre sehr unrecht, ihm zum Beispiel auch den Tod des Rats
Fehleisen schuld zu geben: o Jerusalem, in Syrien ist's schön, aber hierzulande
lässt es sich doch auch leben; ja, und der Herr von Glimmern sind immer
weiteravanciert, auch unter dem jetzt regierenden Herrn - Kapitän, Major,
Oberstleutnant und nun zu guter Letzt Exzellenz und Intendant des Fürstlichen
Hofteaters und ehelicher Gemahl des schönen Fräuleins von Einstein. Jaja, ich
hab mir häufig dahinten in der Wüste oder sonst im Orient gedacht: Täubrich, das
wär so was, wenn dir jetzt auf einmal der Herr Viktor Fehleisen begegnete; es
hat sich aber nicht gemacht, er soll mit vor Sebastopol zugrunde gegangen sein.
Sie sagen mir, Sidi, die alte Mutter glaube nicht daran, dass der junge Herr tot
sei; aber ich glaube es, trotzdem ich in der Wüste auf ihn wartete; es kommt
jedoch nichts darauf an, und dem Herrn Baron von Glimmern wird's auch einerlei
sein, der hat das Glück gehabt und die Braut heimgeführt; alte Liebe rostet
nicht, und man behauptet in den Kreisen, welche es wissen können, jung seien die
jungen Leute nicht mehr: freilich, freilich, es ist in der Tat etwas
Merkwürdiges, wie alt die Menschen geworden sind in der Zeit, dass man abwesend
war unter den Palmbäumen! Wie ein neugeboren Kind kommt man sich manchmal vor,
linden Sie das nicht auch, Sidi Hagebucher?«
    Der träumende Schneider hatte durch diese letzte Frage nunmehr den Mann aus
Abu Telfan zu wecken.
    »Jawohl, Sie haben ganz recht, Täubrich!... Was sagten Sie?« rief er, aus
einem Gewebe des verworrensten Denkens und Träumens mit Mühe sich losreissend;
aber im nächsten Augenblick schlief Täubrich-Pascha wieder gleich einem Hasen
mit offenen Augen oder hatte sich vielmehr schleunigst von neuem unter die
Palmen der Levante zurückgezogen.
    »Guten Abend!« sagte Hagebucher.
    »Selam aleikum!« sprach Täubrich, den Oberkörper vorneigend.
    Vor seinem eigenen Gemache, jenseits des dunkeln Ganges, der seine Tür von
jener des Schneiders trennte, fand der Afrikaner einen Offiziersburschen mit
einem sehr höflichen Billett von dem Major Wildberg, welcher im eigenen Namen
und dem seiner Majorin Seine Wohlgeboren den Herrn Leonhard Hagebucher für den
folgenden Tag zum Mittagessen einlud.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Es wird ohne Zweifel einmal eine Zeit gekommen sein, in welcher keine
»Residenzen«, weder grosse noch kleine, mehr in unserm Weltteil existieren
werden; dann aber haben vielleicht die Vereinigten Staaten von Europa ihre
Geschäftsträger, Gesandten, Generalkonsuln und Konsuln an den Höfen der
fürstlichen Herrschaften jenseits des Ozeans zu erhalten, und freie und
erleuchtete Bürger werden mit Vergnügen die grosse Republik bei den Majestäten
von Neuyork, Ohio, Illinois, Virginien, Louisiana und so weiter vertreten, und
wird die Etikette sowie alles übrige monarchische Spielwerk in ihren Händen
recht sicher aufgehoben sein, tat is a fact. Bis aber dieser glückselige und
wahrhaft normale Zustand eingetreten ist, wollen wir uns das Leben auch unter
den jetzigen Verhältnissen so angenehm wie möglich zu machen suchen.
    »Derjenige politische Zustand ist immer der normalste, welcher den meisten
kleinen Eitelkeiten der Menschen gerecht wird«, sagte Leonhard Hagebucher, und
der Major Wildberg, ein feiner, gutmütiger Mann von gelehrtem Äussern, ein Herr
mit einer goldenen Brille, einem blonden Bart und einer angehenden Glatze, liess
die Behauptung gelten, wenn auch nicht ohne ein bedeutsames Adeselzucken.
    Hagebucher hatte bei dem Major zu Mittag gespeist, und zwar ganz
ausgezeichnet. Jetzt vergoldeten die letzten Strahlen der scheidenden
Herbstsonne das Dessert; die Kinder hatten sich zwischen die Erwachsenen
gedrängt, um ihr Teil von den Annehmlichkeiten des Daseins zu erhaschen, und das
allerbehaglichste Lächeln verschwand von dem Gesicht der Frau Emma erst in dem
Augenblicke, als ein Wagen in der Gasse rollte und vor der Tür des Hauses
anhielt.
    Die Frau Emma warf einen Blick zu ihrem Major hinüber und sagte, indem sie
sich erhob:
    »Das wird sie sein! Ich erwarte die Herren in meinem Zimmer.«
    Der Afrikaner sprang auf und warf, um ihr die Tür öffnen zu können,
verschiedene Stühle über den Haufen: der Major knackte seufzend die letzte Nuss
und sagte, wieder die Achseln in die Höhe ziehend:
    »Füllen Sie noch einmal Ihr Glas, mein Bester, wir wollen auf gute
Kameradschaft anstossen. Übrigens kam wahrscheinlich Nikola, ich meine die Frau
von Glimmern, soeben. In einem Weilchen wollen wir meiner Frau folgen.«
    Es war eine stille, ziemlich breite Strasse, in welcher der Major Wildberg,
im Mittelpunkt der Stadt, wohnte. Jahrhunderte waren durch die Gasse
geschritten, ohne sie ungemütlich gemacht zu haben, und das angesehenere Zivil-
und Militärbeamtentum des kleinen Staates wohnte mit Vorliebe hier bei dem
soliden Bürgertum zur Miete. Die Kasernen, Kanzleien und Kirchen waren nach
allen Seiten hin von hier aus leicht und trockenen Fusses zu erreichen, und die
wohlklingendsten Titulaturen des Landes grüssten sich daher nicht
ungerechtfertigterweise hier über den Weg und auf den Bürgersteigen vor den
Haustüren, und manches grosse Verdienst um Fürst und Volk verzehrte in dieser
Gegend der Stadt seine gesetzliche Pension mit angemessener Würde sowie in
ungestörtester Musse. Benützen wir die Übergangsepoche, während welcher nicht
etwa die deutsche Kleinstaaterei ein Ende nimmt, sondern während welcher der
Major seinen Gast zu den Damen führt, um uns der Meinung des Mannes aus dem
Tumurkielande vollständig anzuschliessen und den Staat für den besten zu
erklären, der am humansten sich darstellt, das heisst, den Gefühlen der
Menschheit am meisten Rechnung trägt und seine Bürger nur dadurch dezimiert, dass
er den zehnten Mann zu einem Geheimrat, Generalleutnant oder sonst anständig
besoldeten und betitelten Beamten macht. Dass die Bürgerinnen mitdezimiert werden
müssen, versteht sich natürlich von selbst.
    Die Sonne hatte sich längst ganz befriedigt von der Tafel des Majors
zurückgezogen, aber sie spiegelte sich noch in manchem Fenster und vergoldete
manchen Erker, Giebel und Schornstein der Gasse. Von den Stufen seiner Haustüre
aus taxierte der Hausherr des Majors den Wagen, die Pferde und den stattlichen
Kutscher der Frau Intendantin. Gegenüber kam der alte Finanzrat vom Spaziergang
heim, und der Steuerrat führte seine Gattin nach dem Teater, begleitet von dem
Herrn von Punschold, welcher dem Klub zusteuerte. Fräulein Luise von Punschold
sang über dem eleganten Laden des Fürstlichen Hofhandschuhfabrikanten Schrader
und wurde auf dem Flügel von Fräulein Amalie von Punschold begleitet; der Posten
am Eckhause mit dem Rokokobalkon gähnte entsetzlich; ebenso gähnte der
städtische Polizeimann, welcher durch die Gasse schlenderte, ohne zu wissen
weshalb. Die Frau Emma sass unter ihren Blumen und Blattgewächsen in der
Fensternische, und zwar mit einem Strickstrumpf in den Händen. Nikola Glimmern
lag im dämmerigsten Winkel des Gemaches, so tief als möglich von den Kissen
eines Diwans versteckt. Der Major und Leonhard hatten in der Nähe dieses Diwans
gleichfalls ganz behagliche Plätze gefunden, und jeder Uneingeweihte hätte sich
einbilden können, dass die Zeit für alle diese Leute in ebenso angenehm
träumerischer Beschaulichkeit stillestehe wie für die ruhige, reinliche Gasse
draussen und die kleine, in ihrem Selbstbewusstsein sich vollständig genügende
Hauptstadt rundumher. Wir, die wir zu den Eingeweihten gehören, wissen freilich,
dass es sich nicht so ganz um die Stimmungen der Siesta handelte und dass das
Leben wenigstens zwei der anwesenden Personen in einen andern Schein hüllte, als
die rote, freundliche Abenddämmerung über die Präsidentengasse, das Strickzeug
der Frau Emma und die Zeitung des Majors warf.
    Die schöne Exzellenz in den weichen Kissen des Diwans hatte den Inhalt eines
sehr reichhaltigen Reisetagebuchs in flüchtigen Umrissen dem kleinen Kreise
mitgeteilt und versprochen, demnächst und bei passenden Gelegenheiten diese
Konturen so buntfarbig wie möglich ausfüllen zu wollen; aber sie liess heute
nicht deshalb ihren Wagen drunten in der Gasse vor der Tür halten. Sie hatte
heute zu fragen, und Hagebucher hatte zu erzählen, und eine Frage überkugelte
immer die andere: was bedeuteten Rom und Florenz gegen die Hügel und Täler um
Fliegenhausen, gegen den Wald um die Katzenmühle und die Katzenmühle selber?
    »Klingen die Tropfen noch an dem alten Rade?« rief Nikola. »Auf manchem
staubigen Pfade, zwischen Felsen und Tempeltrümmern, in manchem heissen Festsaale
hab ich auf sie gehorcht; im Saale des preussischen Botschafters zu Paris, des
Herrn von der Goltz, habe ich dem türkischen Gesandten davon gesprochen, und er
hat nicht gelacht wie Sie, Wildberg. Es ist auch nicht zum Lachen: sehen Sie auf
Emma, Major, die weiss es, und Sie wissen es auch, dass ich mich nur verstohlen
hierherschleichen darf, um mir von der Frau Klaudine erzählen zu lassen.«
    »Sie haben recht, Nikola«, sprach der Major sehr ernst, »das letztere ist
nicht zum Lachen; aber es ist auch nicht in der Ordnung, und Emma wird mir
beipflichten, wenn ich Ihnen bemerke, dass Ihr Weg Ihnen nunmehr klar
vorgezeichnet ist. Sie haben, einerlei unter welchen Prämissen, Ihr Schicksal
auch durch eigenen Willen unwiderruflich bestimmt: o liebe Freundin, blicken Sie
jetzt nicht mehr zuviel seitwärts und zurück. Bedenken Sie, wie viele Augen und
Ohren überall auf Sie achten; haben Sie Geduld; Mut und Heiterkeit finden sich
allmählich auf dem Marsche -«
    »Und mit der Zeit kann man ein recht wetterfester Troupier werden«, murmelte
die Frau von Glimmern, fügte aber hinzu: »Ich danke Ihnen, Wildberg, Sie haben
recht, hundertfach recht! Sie sind ein verständiger Mann und haben nur genommen,
was Ihnen zukam, als Sie jene dort hinter dem Gummibaum zur Frau nahmen.«
    Die Frau Emma, deren Stricknadeln während der letzten Minuten heller als
gewöhnlich geklungen hatten, hob nun das Gesicht von ihrer Arbeit empor und
sagte:
    »Wollen Sie jetzt in Ihrer Historie nicht fortfahren, Herr Hagebucher?
Bitte, tun Sie es! Nikola hört auch wohl gern, wie Sie Ihr Leben fortspannen,
seit sie Bumsdorf verliess. Seine Vorgeschichte hat der Herr uns bereits über
Tisch erzählt, Nikola das ist alles und klingt alles wahrlich wie ein Märchen:
ich werde die Lampe noch nicht bringen lassen, von solchen Wundern vernimmt man
am besten im Dämmer; man kann die ordinäre Welt, die gewohnte Umgebung und das
helle Tageslicht kaum dabei gebrauchen.«
    »Ach, gnädige Frau«, sagte Leonhard, »von Wundern hab ich nun nicht weiter
zu berichten. Die Katzenmühle und die alte Dame drin sind freilich immer ein
Wunder; aber die Stadt Nippenburg reicht sicherlich nicht über das Epiteton
wunderlich hinaus, und was den Vetter Wassertreter und seinen Vetter vom
Mondgebirge betrifft, so kennt die Frau Nikola beide viel zu genau, um nicht in
ihrer Ecke die Achseln zu zucken und verschiedene ganz unproblematische Gedanken
besser für sich zu behalten.«
    »Wie Sie wünschen, amico«, sagte die Exzellenz mit leisem Lachen, »fahren
Sie fort, aber reden Sie mich nicht wieder an während Ihrer Erzählung; wenden
Sie sich mit Ihren Exkursen an den Major oder die Majorin; augenblicklich will
ich nichts weiter als hören - weiter, weiter, Leonhard Hagebucher.«
    »Die sickernden Tropfen am zerbrochenen Rade messen der Frau Klaudine noch
immer die Zeit zu«, sprach Leonhard, »doch im Winter war die Mühle tief
verschneit, und da ist der Zauber noch grösser. Was hätt ich anfangen sollen ohne
die Katzenmühle? Wenn der Wust und Ekel mir bis an den Hals stieg und mich zu
ersticken drohte, dann habe ich keine andere Rettung gefunden als den Weg nach
Fliegenhausen, und hundertmal bin ich den Weg gezogen, im Winter und im Sommer,
im tiefsten Jammer und im wildesten Grimm, und immer konnte mir die alte Frau
die geschlagene Seele aus den Ketten lösen. Mit Heulen und mit Zähneknirschen
bin ich noch vor der Tür der Katzenmühle angelangt, aber jedesmal haben auf der
Schwelle die Fratzen von mir ablassen müssen. Ei, meine Herrschaften, was habt
ihr vor euch gebracht in den Jahren meiner Gefangenschaft unter den Barbaren! Es
ist keine Kleinigkeit, inmitten der Errungenschaften eurer Zivilisation auf dem
Rücken zu liegen und eure Taten und Siege nachzulesen. Ihr seid ein rares Volk,
aber, offen gestanden, mein guter Freund Semibecco hatte auf dem Pfahle der
Baggaraneger kaum ärger zu zappeln und zu stöhnen als ich in dem Hinterstübchen
des Vetters Wassertreter unter den Makulaturbergen, welche der Gute über mir
aufschüttete wie der Kaiser Heliogabalus - bemerken Sie das feine klassische
Zitat - seine Rosenblätter über seinen Gästen. Ganz von neuem sollte ich mir das
Sein, das Wesen und den Begriff der Welt klarmachen, ganz von neuem der Dinge
Mechanik, Physik und Organik erkennen lernen. Bei allen Meistern, Lehrern und
Propheten diesseits und jenseits der fünf Sinne des Menschen, ohne den
trefflichen schwarzen Kaffee des Vetters Wassertreter, ohne die Frau Klaudine
und ohne den Mantel des alten Goete sässe ich jetzt sicher im Landesirrenhaus
und zählte an den Fingern: a) der subjektive Geist - b) der objektive Geist - c)
der absolute Geist - und wenn ich dann nicht bei jedem Übergang zu einer neuen
Kategorie einen neuen Wutanfall bekäme, so würde der Zustand recht befriedigend
genannt werden können! - Die Frau Klaudine sprach: Mein Sohn, es ist eine
Glocke, die klingt über alle Schellen; wer in der rechten Weise still sein kann,
der wird sie wohl vernehmen; - mein Kind, für die heisseste Stirn hat das
Schicksal ein kühlend Mittel: dem einen legt es eine weiche Hand darauf, dem
andern einen klaren Schein und zuletzt allen eine Erdscholle; du, sei still und
warte, bis deine Augen hell werden. Der alte Goete meinte: Lieber Hagebucher,
ein schäbiges Kamel trägt immer noch die Lasten vieler Esel; übrigens aber
verweise ich Sie auf den dritten Band der Taschenausgabe meiner sämtlichen
Werke, wo auf Seite hundertsechzehn geschrieben steht:
Anschaun, wenn es dir gelingt,
Dass es erst ins Innre dringt,
Dann nach aussen wiederkehrt,
Bist am herrlichsten belehrt;
und dann etwas weiter unten meine Haupt- und Leibmaxime:
Denk an die Menschen nicht;
Denk an die Sachen!
Der Vetter Wassertreter, von seiner Kaffeemaschine aufblickend, rief: Der Mann
hat recht wie immer; halte Er sich an den Herrn Geheimen Rat, Vetter; ich habe
länger als vierzig Jahre in Nippenburg gelebt, und ich habe ihn auch persönlich
kennengelernt, aber nur von hinten; denn ich kam leider erst in dem Augenblick
vor dem Goldenen Pfau an, als er zur Weiterreise in seinem langen Überrock in
den Wagen stieg. - Vierzig Jahre in Nippenburg, und nicht ein einzig Mal hat er
mich in der Patsche steckenlassen, Vetter:
Dein Los ist gefallen, verfolge die Weise,
Der Weg ist begonnen, vollende die Reise,
Denn Sorgen und Kummer verändern es nicht,
Sie schleudern dich ewig aus gleichem Gewicht.
Und so, meine Damen und Herr Major, wurde mir durch eigene Ausdauer und die gute
Hülfe anderer allmählich geholfen in meiner Verworrenheit. Ich machte den Sprung
vom Mondgebirge durch den papierüberklebten Reif der Logik in eure helle,
vergnügte Gegenwart, und hier bin ich, frech genug, wohlbewehrt mit Speer und
Schleuder; und wenn eine Genugtuung für den Menschen darin liegt, dass er sich
auf der Höhe seiner Zeit halte, sich auf den Kämmen der Wellen seines Volkes
schaukle, so darf ich mich solcher Genugtuung in hohem Masse, und ganz ohne mich
zu rühmen, erfreuen. Der Lärm eurer Revolutionen von achtundvierzig hatte mir
bis nach Suez nachgezittert; alles übrige verschlang die Wüste. Es ist ein
dumpfes, verworrenes Gerücht gen Abu Telfan gekommen, die Mitternacht schwimme
in Blut und eine Stadt der Zauberer und Dämonen, welche ganz in der Finsternis
am Rande der Welt liege, werde bestürmt von den grossen Sultanen der Nordwelt;
der Islam habe sich herrlich erhoben und der Padischah umreite auf einem weissen
Ross das Mittelmeer, alle Kinder des Propheten zum Streite und zum Siege
aufzurufen. Ich mache jetzt dem Padischah und den verehrlichen Westmächten
nachträglich mein Kompliment über ihr exaktes Vorgehen gegen den seligen Kaiser
Nikolaus: mit Vergnügen habe ich die dahin einschlägige Literatur nachgelesen.
Wie ein in der Bastille lebendig Begrabener die Bewegungen der Stadt Paris
vernahm, so vernahm ich im Tumurkielande das Rauschen der Weltgeschichte. Von
dem dritten Napoleon und Mylord Palmerston wurde erzählt wie in einem
Karawanserei von Albondokani und dem Grossen Wesir Dscha'afar dem Barmekiden; und
auch die Begebenheiten des Jahres neunundfünfzig drangen in arabischer Fassung
zu uns. Ach Herrschaften, es war ebenso schwer, sich politisch wie allgemein
menschlich wiederzufinden: aber, wie gesagt, es ist mir gelungen: ich weiss von
neuem Bescheid im individuellen Recht wie im sozialen; ich kann euch eine
Vorlesung halten sowohl über die Familie wie über die bürgerliche Gesellschaft,
über den Orient und den Okzident; ich kann reden gleich den andern über bildende
Kunst, Musik und eure allerneueste Poesie. Wollt ihr mich episch - mit
Vergnügen! Wollt ihr mich lyrisch, ungemein gern! Wollt ihr meine Ansichten über
euer Drama haben - know noting, aber dessenungeachtet surgit orator, macht der
Redner sein Kompliment, euch auch in dieser Richtung seine besten Komplimente zu
Füssen zu legen! Wie hiess der erste Engländer, welcher im Kriege gegen Russland
fiel, Herr Major?«
    »Know noting«, antwortete der Major lachend.
    »William Salter hiess er und wurde an Bord des Terrible vor Odessa von einem
Holzsplitter in den Hals getroffen. Seht ihr, aus dem Tumurkielande muss man
zurückkommen, um euch das sagen zu können; lasset mir Zeit, und ich werde zu
euch reden, in Prosa und in Versen, wie vormals Faunen und Schicksalssprecher
gesungen!«
    Die Frau Emma hatte längst in staunender Verwunderung die Hände in den Schoss
fallen lassen und rieb von Zeit zu Zeit bedenklich die Stirn; ihr Gatte lachte,
aber Nikola lachte nicht, sie erhob ihr Haupt ein wenig von den Kissen, indem
sie sich auf den Ellbogen stützte, und sagte leise und traurig:
    »Armer Freund, Sie stehen da, wo Sie mich fanden, als Sie aus der Wüste
heimkehrten. Sie wollen Ihr zerstörtes Leben durch wilde Ironie zusammenfassen
und zusammenhalten und glauben sich in dem Lachen retten zu können, mit welchem
Sie sich in alle Gegensätze stürzen. Mit fieberheissen Händen wühlten Sie in dem
bunten Kehricht der Gegenwart; wir dürfen Ihnen wohl glauben, dass Sie mehr von
derselben kennen als wir, die wir in der Zeit lebten; aber Sie sollen uns heute
nichts mehr von Ihren Studien, Ihren tränen- und spottreichen Errungenschaften
erzählen; es ist ein unerquicklich Horchen, und es überfällt einen ein Grauen
dabei. Lieber Hagebucher, hätten wir beide uns unsere Hütten neben der
Katzenmühle, unter dem Schirm und Bann Unserer Lieben Frau von der Geduld
aufgerichtet, es würde besser für uns gewesen sein. Jetzt sagen Sie noch
schnell, wie Sie hierherkamen und wie Sie leben; dann muss ich gehen, es ist ja
bereits völlig Nacht geworden.«
    »Sie haben immer recht, gnädige Frau, wie von Gottes Gnaden. Sprechen wir
nicht mehr von dem, was Sie meine Errungenschaften nennen«, sagte Leonhard
ernst. »Post spiritum tandem commotio, das ist eine Stelle aus der Vulgata,
meine Damen, welche ich übersetze: Nach dem Winde kam endlich die Bewegung. Die
Bibel setzt hinzu: aber der Herr war nicht in der Bewegung - doch darüber kann
ich augenblicklich noch nichts Genaueres mitteilen; denn die Konsequenzen sollen
meinen jetzigen Schritten erst folgen. Nachdem ich den Spiritus der Zeiten in
vollen Zügen eingeschlürft hatte, bekam ich häufig Anfälle von körperlichem
Schwindel und litt an heftigen Kopfschmerzen und Augenschmerzen. Der Vetter
Wassertreter hätte mich freilich am liebsten an der Kette behalten; er sah nicht
ein, weshalb andere Leute es besser haben sollten als er, und behauptete, nach
zwanzig Jahren werde ich mich ebenso wohl in Nippenburg fühlen wie er. Nur der
Frau Klaudine gelang es, mir endlich die Freiheit zu erwirken, aber seine
Vormundschaft hat der Vetter bis zum letzten Augenblick festgehalten. Er schrieb
geheimnisvolle Briefe, bekam geheimnisvolle Antworten auf dieselben, und eines
Tages führte er mich sehr missgelaunt persönlich hierher, um mich guten Händen,
das heisst einem alten Universitätsfreunde, dem Professor Reihenschlager, zu
überliefern. Der alte Bursch quält sich unendlich mit der Abfassung einer
koptischen Grammatik; nun helfe ich ihm dabei, und wir vertragen uns
ausgezeichnet. Wir passen ganz zueinander, und er ist der festen Oberzeugung,
das Schicksal habe mich nur seinet- und der Grammatik wegen zu den Ätiopen
geschickt.«
    »Und Serena?« fragte die Majorin.
    »Serena ist ein liebes Kind, ein gutes Mädchen. Sie hält mich für den ersten
Märchenerzähler der Welt, und ich suche meinen Ruf nach besten Kräften
aufrechtzuerhalten. Wenn sie sich nicht hinter meinem Rücken über mich lustig
macht, so habe ich das Recht, sie für eine gar ernstafte, verständige kleine
Person zu halten. Hübsch ist sie.«
    »Und Täubrich-Pascha?« fragte Nikola von Glimmern.
    »Täubrich-Pascha ist mein Wandnachbar in der Kesselstrasse. Er ist der
Famulus des Professors, und in dessen Hause vergönnten mir die Götter das Glück
seiner Bekanntschaft. Wir leben zusammen und wir träumen zusammen; auch wir sind
füreinander geschaffen, auch uns scheint das Fatum nicht ohne genügende Gründe
aus so weiten Fernen einander entgegengeführt zu haben.«
    »Wenn es die Absicht hatte, dadurch Ihre äussere Erscheinung zu verbessern,
so täuschte es sich sehr in seinen Mitteln«, sagte Nikola; aber ernst fügte sie
hinzu, indem sie sich erhob: »Ich danke Ihnen aus vollem Herzen, mein Freund;
Ihre Worte heute haben mir gar gutgetan, und jetzt bitte ich euch alle noch
einmal, habt auch fernerhin Geduld mit dem mürrischen, launischen Weibe. Die
Schrift redet weiter, Herr Hagebucher: Und nach der Bewegung kam ein Feuer, aber
der Herr war nicht im Feuer; und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen!
- Auf das letzte hoff ich, und nun lebt wohl für heute.«
    Ein Diener brachte die Lampe, der Herr und die Frau des Hauses geleiteten
die Exzellenz vor die Tür, und Leonhard hörte ihren Wagen fortrollen. Als er
sich nun gleichfalls empfahl, griff auch der Major nach der Mütze und begleitete
ihn durch mehrere Gassen, wie ein Mann, der etwas auf dem Herzen hat, ohne so
recht zu wissen, auf welche Art er es am schicklichsten von demselben loswerde.
An der Ecke der Kesselstrasse erst fasste er nach einem Knopfe des Afrikaners und
sagte:
    »Lieber Hagebucher, es ist meine Gewohnheit nicht, die Nase zu tief in
anderer Leute Angelegenheiten zu stecken; allein ich kann nicht umhin, Ihnen
jetzt eine Frage vorzulegen, welche Sie mir recht ehrlich beantworten müssen.
Wie stehen Sie zu dieser schönen Freundin meiner Frau, welche vor einem Jahre
als Nikola Einstein mit Ihnen in Bumsdorf Kränze wand und heute noch als Baronin
Glimmern gern mit Ihnen neben der Katzenmühle Hütten bauen möchte?«
    Der Hausfreund des Professor Reihenschlager klopfte dem Major leise auf den
Arm:
    »Sie repräsentierte mir zuerst die ganze Schönheit einer Welt, die mir
abhanden gekommen war unter der Herrschaft meiner nicht angestammten Herrin
Madam Kulla Gulla zu Abu Telfan. Wie einen zusammengekugelten Kaliban rollte das
Geschick mich ihr in den Weg, und sie lehrte mich zuerst wieder, aufrechten
Hauptes die Sonne zu betrachten. Ich habe nie daran gedacht, sie in irgendeiner
Weise zu meinem stumpfsinnigen Elend herabzuziehen; in dem, was die Gesellschaft
ein Verhältnis nennt, stehe ich also nicht zu ihr.«
    »Sie nehmen mir einen Stein von der Seele!« rief der Major, kräftig dem
Afrikaner beide Hände schüttelnd. »Hagebucher, Sie sind ganz mein Mann, und
morgen führe ich Sie in unsern Klub ein.«
    Leonhard lachte herzlich, und so schieden beide Herren im besten
Einvernehmen voneinander; als aber der Major zu Hause unter dem Siegel der
tiefsten Verschwiegenheit das eben so schlau Ausgeforschte der Gattin mitteilte,
fragte ihn die Frau Emma mit noch viel gescheiterer Miene, für was er sie
eigentlich halte und ob er wirklich glaube, dass sie als Gattin, Hausfrau und
Freundin das nicht längst sich klargemacht habe.
    »Ich kenne meine Pflichten, Philipp!« sprach sie.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Der Professor Reihenschlager bewohnte ein eigenes Haus, einige hundert Schritte
vor dem Marstalltor, und der Garten desselben grenzte an den fürstlichen Park,
welcher letztere aber keineswegs ein allen Menschen Von ihrem Schätzer
gewidmeter Belustigungsort war, sondern Von nicht wenigen Schildwachen Vor allem
zudringlichen Volk gut behütet wurde und uns auch weiter nichts angeht.
    Die Sonne des Oktobers flimmerte über den bunten Blättern des Gartens des
Professors, und Serena Reihenschlager stand hübsch und zierlich, gebückt
lauschend hinter einem noch ziemlich dicht belaubten Busch und hielt einen
gewundenen Pfad, der zwischen anderm Gebüsch sich hinzog, Verstohlen, aber
stetig im Auge und im Ohr. Auf jenem Wege schritt der Papa mit dem närrischen
Mann aus Afrika in eifriger Unterhaltung auf und ab, und Serena hatte seit
einiger Zeit angefangen, ein seltsam ängstliches Interesse an allem, was der
närrische Mann sagte oder tat, zu nehmen.
    Serena Reihenschlager war ein viel besseres Mädchen, als einst ihre selige
Mama war, da sie den Papa beim Kragen nahm und ihn zum Altar hinleitete. Serena
wusste zwar ebensogut wie die selige Mama, dass der Papa steter Beaufsichtigung
bedürfe; aber sie liess es ihn nicht so deutlich merken wie die Mama, sondern
leitete und hielt ihn an einem viel feinern Bande, gewoben sozusagen aus
Marienfäden und mädchenhaft-schalkhafter Überredungskunst, auf dem rechten Wege.
Das arme Kind hatte aber auch einen schweren Stand; denn ein recht kurioses
Hauswesen mit allen seinen Sorgen und ungeheuren Verantwortlichkeiten lag allein
auf ihren Schultern!
    Die Mama hatte den Papa nicht in seiner Sünden Maienblüte geheiratet, sie
hatte ihn als einen bereits recht kahlköpfigen Oberlehrer aus dem wüsten,
schleimigen Sumpf des Junggesellentums aufgezogen, aber sie hielt, was sie vor
dem Altar versprach, sie war sein Herr bis zu ihrem Tode. Zehn lange Jahre hatte
sie das Zepter der Sitte über dem Guten geschwungen, und als dann durch ein
hitziges Gallenfieber dem fernerweitigen Missbrauch ihrer Gewalt ein Ende gemacht
wurde, hinterliess sie das Haus rein und ihren Professor innerlich zwar etwas
gebrochen, aber äusserlich in einem sehr respektabeln und präsentabeln Zustande.
Ihr arg verschüchtertes Töchterchen spielte an ihrem Begräbnistage noch mit der
Puppe; es war daher kein Wunder, wenn der Professor samt seinem Hauswesen fast
schneller in die äusserste Barbarei zurücksank, als er daraus emporgehoben worden
war. Er konnte für beides nichts!
    Das Ding nahm seinen ganz natürlichen Verlauf, und es gab manche jüngere
Witwe und manche ältere Jungfrau in der Stadt welche über alle Stadien des
Verfalles kopfschüttelnd Buch hielten; aber unverantwortlicherweise ersuchte der
arme Mann keine, zu seinem Besten einzuschreiten und die Zügel des Hauses zu
ergreifen.
    So vermehrte sich denn die Bibliotek des Witwers ebenso bedenklich, wie
sich alles übrige, was doch auch zum Leben gehört, verminderte.
Wirtschafterinnen, Haushälterinnen, Dienstmädchen betrachteten ihn als eine
gottgegebene Beute und schoren ihn wie ein Schäflein, allen teilnehmenden und
entrüsteten Witwen und Jungfrauen frech vor der Nase. Kein Prätendent, der je
auf den Tron seiner Ahnen gelangte, hatte auf dem Wege zu demselben mit grössern
Schwierigkeiten zu kämpfen als Serena Reihenschlager auf ihrem Wege zur
Herrschaft in ihres Vaters Hause.
    Seltsamerweise war ihr nicht vom Papa, sondern von der Mama der Name Serena
in der Taufe beigelegt worden; aber zu ihrer Charakterbildung hatten Vater und
Mutter ein gleiches Teil beigetragen, und darin lagen die Keime ihres Sieges
verborgen. Es kam der Tag, an welchem sie die Zügel, nach welchen so viele
andere Damen gestrebt hatten, endlich mit ihren eigenen kleinen Händen ergriff,
und das war alles in allem genommen ein sehr segensreicher Tag für den Professor
Reihenschlager. Nun kehrte die Ordnung schnell wieder ein in Haus und Hof, in
Küche und Keller. Das Haus war nicht länger eine Herberge der Ungerechtigkeit
und jeglicher Wüstenei, der Garten war nicht mehr eine unromantische Wildnis von
Brombeeren, Brennesseln, Schierling und ausgewuchertem Spargel: der Professor
selber erschien nicht länger als ein Greuel in den Augen der Menschheit. Die
koptische Weisheit quoll nicht länger aus dem Loch im Ärmel, und niemand, der
hinter dem Professor herging, konnte nunmehr den Kragen seines Rockes als
Spiegel benützen. Die Bibliotek vergrösserte sich nur im richtigen Verhältnis zu
den Zahlenreihen des Haushaltungsbuches.
    Da stand sie - Fräulein Serena Reihenschlager -, neunzehnjährig, aber mit
der festen Gewissheit im Busen, im nächsten Monat zwanzig Jahre alt zu werden. Da
stand sie hinter dem Busch, diese Tochter einer grade nicht sehr glücklichen
Ehe, dieses Kind des Geschreies und der Unordnung, reinlich und rundlich,
treuherzig und bieder, ein gutes Mädchen, auf welches man sich überall und unter
allen Umständen verlassen konnte! Da stand sie, nicht zu gross und nicht zu
klein, mit Augen, die etwas von einem Hausmärchen am Winterabend und von einem
Lied beim Heumachen im sonnigen Monat Juni an sich hatten; da stand sie
hinterlistig hinter dem Busch und spitzte die Ohren wie jede andere Tochter
Evas, welche nicht aus der Art schlug. Ehe wir jedoch die ihr so ungemein
interessante Unterhaltung der beiden Herren unsern Freunden vor den Blättern
dieses Buches mitteilen, haben wir noch einige Zeilen dem Papa Reihenschlager zu
widmen.
    Er sah nicht aus wie ein Mann, der gewohnt ist, stets seinen Willen
durchzusetzen. Er trug die Schultern hoch und den Kopf zwischen die Schultern
gezogen. Die Hände hatte er sehr tief in die Taschen seines schwarzen Rockes
gesenkt, und er konnte es, denn seine Arme waren lang genug. Sein Haar war weiss
und hing weit über den Kragen des Rockes hinunter; eigentlich merkwürdig an ihm
war nur die breite, klare, reine Stirn; aber sie machte ihn auch zu einem der
beneidenswertesten Bürger dieser Welt und entschädigte ihn reichlich für alles,
was er im Leben erdulden musste, und die Summe desselben konnte nicht gering
sein, wie wir wissen. Innere und auswärtige Kriege, alle täglichen und
nächtlichen Widerwärtigkeiten des Ehestandes, Regentage, Frostbeulen,
Scheuerlappen, Haar- und Reisbesen mochten über den Mann hereingebrochen sein
und ihr Ärgstes an ihm versucht haben: diese glorreiche, weisse Stirn hatte
zuletzt doch den Sieg behalten. Seinen echten, wahren Willen hatte der Professor
Reihenschlager immer durchgesetzt!
    Serena Reihenschlager besass ein sanftes Herz; allein in diesem Augenblick
stampfte sie jedesmal ärgerlich mit dem Füsschen auf, wenn das Gespräch der
beiden Herren wieder in das Koptische zurückfiel oder ein Rauschen in den
letzten Blättern des Jahres einen Teil der Unterhaltung ihrem Verständnis
entzog. Wir halten es für ein grosses Glück, dass uns von dieser Unterhaltung
nichts verlorenging.
    Die Sache hatte ungemein gelehrt angefangen!
    »Was ist der Ursprung der Sprache? Ein ungeschlachter Naturlaut aus vollem
Halse!« sagte der Professor beim Eintritt in den Garten. »Der Urmensch
verwundert sich ungeheuer, und alle Verwunderung ist O A! Bekommt der Urmensch
einen Tritt, wirft man ihm ein Loch in den Kopf, stösst er mit der Kniescheibe
gegen einen scharfen Stein, so ist der verdumpfte Vokal, das U, ganz an seiner
Stelle. Der Urmensch, aber auch der moderne Mensch schliesst seinen Mund und
schnaubt Unwillen; der Nasenlaut verabscheut oder verneint überall, wo zwei im
Namen des Geselligkeitstriebes zusammenkommen, um die Prinzipien der
Geselligkeit über den Haufen zu werfen -«
    »Der Mensch, und nicht allein der Urmensch, verengt seinen Mund und zieht
die Spitzen desselben lächelnd zurück in E I bei jedem lieben, lieblichen,
vergnüglichen Anblick, und das soll für heute den Übergang aus der Wissenschaft
der Sprache zu einer andern gleich hohen Wissenschaft bilden«, sagte Hagebucher.
»Herr Professor, was ist Ihre Ansicht von dem Weibe im allgemeinen und von dem
europäischen Weibe im besondern?«
    Der Professor zuckte zusammen gleich einem Schuldner, welchem ganz
unvermutet an einer Strassenecke die Faust des Gläubigers in die Weste greift:
    »Wa-a-as?! Was wollen Sie von mir wissen? Diese Frage -«
    »Erscheint Ihnen etwas wunderlich und jedenfalls sehr ex abrupto gestellt.
In der Tat, ich habe sie auch noch ein wenig näher zu begründen; hören Sie mich!
In der Ästetik, der Weltgeschichte und dem sozialen Rechte habe ich mich,
Wasser und Blut schwitzend, von neuem orientiert: das Individuum ist mir mehr
als je ein Rätsel. Ich weiss, wie sich die Massen bewegen, wie sie sich heben und
senken; dem einzelnen gegenüber bin ich heute noch gradso verloren wie an jenem
Tage, an welchem der Lloyddampfer mich am Triestiner Molo absetzte, und habe ich
jetzt eigentlich nichts weiter erlangt als die Überzeugung, dass jeder, der den
Menschen kennen will -«
    »Sich der vergleichenden Sprachforschung zu widmen hat!« suppeditierte der
Professor.
    »Mit dem Weibe beginnen muss!« schloss Hagebucher ein wenig grimmig seinen
Satz und fuhr fort:
    »Ich habe mit dem Weibe begonnen: aber ich bin nicht weit gekommen. Der
Vetter Wassertreter kannte nur die Tante Schnödler und die Kusine Klementine;
meine Mutter und Schwester dürfen natürlich nicht in Betracht gezogen werden;
denn solche verwandtschaftlichen Beziehungen verwirren das Auge mehr, als sie es
klar machen: die erste, welche mir im höchsten Glanz und Reichtum der Form und
des Temperaments entgegentrat, war jene Nikola von Einstein, welche jetzt zur
Frau von Glimmern geworden ist; aber sie studierte ich nicht, aus dem einfachen
Grunde, weil sie eher befähigt war, mich zu studieren. Das Tumurkieland lag noch
zu frisch hinter mir, als dass mich diese glänzenden Augen nicht geblendet haben
sollten. Von der Frau Klaudine Fehleisen aber kann unter Leuten, die irgend noch
im Alltage leben, durchaus nicht die Rede sein.«
    »Ja, wie kann ich Ihnen denn hier helfen?« rief der Professor. »Ein Mann der
vergleichenden Sprachkunde hat doch sicherlich am allerwenigsten Zeit, sich auf
solche Allotria einzulassen.«
    »Aber Sie waren verheiratet und haben lange Jahre in einer glücklichen Ehe
gelebt.«
    »Ja so... richtig... das habe ich!« sagte der Gelehrte etwas sehr gedehnt.
»Also, wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie wissen, wie der denkende Mensch
sich in einem solchen anormalen Verhältnisse zurechtfinde. O Hagebucher,
Hagebucher, Sie betrüben mich sehr: ich blicke in diesem Momente tief in Ihre
Zukunft und sehe nichts Erfreuliches! Wie undankbar sind Sie doch gegen Ihre
Moira, die Sie bis jetzt so trefflich leitete und Ihnen alles aus dem Wege
räumte, was Sie hinderte, ein Licht in der innerafrikanischen Sprachennacht zu
werden, vom Koptischen gar nicht zu reden! O lassen Sie sich warnen, Hagebucher,
heiraten Sie nicht! Der Nutzen ist gering und die Auslage an eleatischer
Eutymia für den philosophischen Menschen viel zu bedeutend! Spreizen Sie die
Beine auseinander, stemmen Sie die Füsse fest, sperren Sie sich, sträuben Sie
sich; o Hagebucher, Hagebucher, gehen Sie mir, gehen Sie sich, gehen Sie uns
nicht auch verloren wie so viele andere, die ich kannte und welche der reinen
Wissenschaft schnöde den Rücken wandten, um der angewandten Nichtigkeit
unaufhaltsam in die Arme zu fallen!«
    Die Lauscherin hinter dem Busch seufzte ebenso tief wie der Papa, jedoch aus
einem andern Grunde; Hagebucher aber sagte gerührt:
    »Nur die reine Wissenschaft ist's, die mich auch auf dieses, wie ich zugebe,
nicht ungefährliche Feld der menschlichen Forschung treibt; die praktische
Anwendung des Erforschten liegt sicherlich noch weitab. Es ist damit wie mit
allem, was ich bis jetzt zusammenraffte: ich hab es nur, um es zu haben.«
    »Das lässt sich hören; und zuletzt ist das auch der einzig richtige
Standpunkt des wahren Gelehrten«, meinte der Professor lächelnd. »Was aber soll
ich Ihnen sagen? Meine Erfahrungen sind so subjektiver Natur, und auch meine
Terese halte ich für eine so spezifische Erscheinung, dass Sie unmöglich durch
eine Schilderung derselben zur objektiven Anschauung des ganzen Geschlechtes
gelangen werden.«
    »Mehr als in einem andern Falle bilden in diesem viele Tropfen einen
Wasserfall«, sprach Leonhard mit allem dem Tema angemessenen Ernst. »Was könnte
der Mann über das Weib anders als Subjektivitäten zutage schaffen?«
    »Sie, nämlich meine Selige, hat sich für mich und mein Wohlbehagen
aufgeopfert«, seufzte der Professor, das Hauskäppchen vom rechten Ohr auf das
linke schiebend. »Sie sagte das mir zwar täglich; aber eingesehen hab ich es
leider erst, als sie nicht mehr war. Ach, lieber Freund, da sitzt man als
Jüngling in seiner Einsamkeit und denkt an nichts und lässt es sich zwischen
seinen Büchern und seinen vier Wänden so wohl sein, wie man kann. Niemand
kümmert sich um einen, und man kümmert sich ebenfalls wenig um die Welt; sein
Mittagessen findet man im Kaffeehaus, und einen abgesprungenen Knopf näht man
sich selbst wieder an - man weiss gar nicht, wie glücklich man ist und wie gut
man's hat! Es hindert einen niemand, in den Tag oder die Nacht hineinzuträumen,
und man hat seine Träume - nicht wahr, lieber Hagebucher, man hat sie? Ich habe
sie jedenfalls gehabt, und das ist grad das beste dran, dass man sich Zeit dazu
nehmen kann im Hellen wie im Dunkeln, dass man sie von seinem Schreibtisch hinaus
in die Gasse oder das freie Feld und von dort zu seinem Schreibtisch
zurücktragen kann, ohne Rechenschaft darüber ablegen zu müssen! Das war ein
angenehmer Tag, an welchem ich sie, das heisst meine Terese, fragte, ob sie die
Meinige, das heisst meine Frau, werden wolle, eine recht mysteriöse Stunde war's:
aber, mein bester Freund, als sie ja gesagt hatte und ich dann gegen Mitternacht
wieder in meinem Junggesellenstübchen allein war und mir die überschwengliche
Seligkeit zurechtlegte, da sind mir doch die hellen Tränen in die Augen
gekommen: es stand nichts mehr am richtigen Fleck, und jedes Ding, mit welchem
ich seit undenklichen Jahren auf dem Du-Komment stand, blickte mich nunmehr mit
so fremden Augen an, dass ich mich ordentlich davor fürchtete. Mein Tabakskasten,
meine Büchersammlung, mein Stiefelknecht, ja mein alter Schlafrock, welche
sämtlich bis jetzt meine Freunde und mein Eigentum gewesen waren, waren jetzt
mit einem Male zu Fremden, zu Mächten geworden, die mir zwar noch dienten, aber
alle schöne Vertraulichkeit strengstens von sich wiesen. Mein neues Glück warf
seinen Schatten über mein altes Behagen, und im Anfang hat das denn doch etwas
Unheimliches.«
    »O dieser Papa!... Das ist ja ganz allerliebst«, murmelte Serena hinter dem
Busche; der Professor aber ging ohne Unterbrechung in seinem ihm nunmehr höchst
geläufig werdenden Texte weiter:
    »Ja, Hagebucher, es ist ohne Frage ein süsser Zustand, wenn man sich so nicht
mehr allein in seiner Existenz findet; aber gewöhnen muss man sich dran - sehr,
sehr daran gewöhnen. Trotz aller schönen Befriedigung fühlt man sich so kahl, so
weichlich wie ein Hummer ohne Schale, und man schämt sich, und nicht allein vor
seinen alten Freunden, sondern auch vor dem Stiefelknecht, der Kaffeemaschine
und dem Schlafrock.«
    »O diese Helden, diese Helden t« murmelte Serena und hatte grosse Lust, wie
Zieten aus dem Busch hervorzuspringen und ihre Meinung kundzugeben; doch jetzt
äusserte sich Hagebucher dahin, der erste Eindruck, welchen das europäische Weib
auf den Herrn Professor gemacht habe, scheine ziemlich beängstigender Natur
gewesen zu sein und die Tatsache verdiene unbedingt ein intensives Nachdenken.
    »Sehr beängstigender Natur!« wiederholte mit jedenfalls intensivem
Kopfschütteln der Professor. »Warten Sie nur; - da wir einmal die Grammatik
beiseite legten, lassen Sie uns unser jetziges Tema weiterverfolgen, es ist
merkwürdig, wie die alten Erinnerungen einem bei Gelegenheit zurückkommen! O
popoi, wozu wäre man ein philosophisch gebildeter Mann, wenn man sich nicht auch
an sein Glück gewöhnen könnte, vorzüglich, wenn man so weich und warm von der
Liebe zugedeckt wird? Terese war gut wie ein Engel, und ihre Verwandtschaft war
nun auch plötzlich da; die angenehmsten Aus- und Einsichten eröffneten sich auf
allen Seiten: die Periode, in welcher man sich fragte, weshalb man eigentlich so
lange gezögert habe, so glücklich zu sein, stand in ihrer vollen Blute, und die
Verwandtschaft tat nach, Kräften das Ihrige, einem die ganze Grösse seines
Gewinns klarzumachen. Da war jener rotnäsige zugeknöpfte Herr mit der grossen
Schnupftabaksdose auf dem Museo. Ich hatte drei Jahre lang dreimal in jeder
Woche Domino mit ihm gespielt, ohne seinen Namen zu wissen, geschweige denn
danach gefragt zu haben, und nun entfaltete er sich auf einmal als ihr Onkel
Pfeffermütze und fragte: Also hat sie dich endlich, mein Sohn?! - Und eine Tante
Pfeffermütze trat auch aus dem Nebel hervor, nahm ein genaues Register meiner
Leibwäsche und meiner Schulden auf und erwies sich erschrecklich inquisitorisch
und höhnisch dabei. O du meine Güte, diese alten, guten, süssen Erinnerungen! Wie
oft ist das Gras über ihnen gemäht worden? Jaja, Hagebucher, ich gehe gern auf
dem Kirchhofe spazieren und habe längst Bekanntschaft mit dem Aufseher gemacht.
Der Mann hält Kühe des Grases wegen; aber es ist ein Risiko, denn das Vieh frisst
den Draht der Totenkränze mit herunter und geht so ebenfalls häufig vorzeitig
den Weg alles Lebendigen: - doch wir schweifen ab.«
    »Es wäre hier wieder ein Moment festzuhalten«, sprach Hagebucher. »Kann man
das europäische Weib nie sozusagen an und für sich aus dem Boden heben, kann man
die Blüte nie ans Herz drücken, ohne sämtliche Wurzeln und mehrere Pfund
Erdreich mit emporzuziehen?«
    »Selten!« sagte der Professor.
    »Abscheulich!« murmelte Serena Reihenschlager; doch der Papa fuhr fort:
    »Ich heiratete, lieber Leonhard, und jetzt will ich Ihnen in drei Worten
alle Teorie und Praxis meines Ehestandes exponieren: Fünfunddreissig Jahre lang
war ich links um die Ecke gebogen, und vom neunundzwanzigsten September mittags
zwölf Uhr und fünfundzwanzig Minuten im sechsunddreissigsten Lebensjahr bis zum
Tode meiner guten Terese hatte ich rechtsum zu biegen. Forschen Sie in allen
glücklichen und unglücklichen Ehen nach, und Sie werden überall denselben
Angelpunkt finden und können sich an ihn halten. Ja, Hagebucher, einmal, nur ein
einziges Mal versuchte ich es noch, links abzubiegen: aber ich liess es bei
diesem Versuche bewenden; alle angenehmen Stunden jedoch, welche ich in der Ehe
verlebte, hab ich übrigens ihm zu verdanken; denn er lehrte mich erkennen, was
der Mann der Frau schuldig ist und dass der Mann der Frau nicht wenig schuldig
ist.«
    »Wollen Sie damit meine Grundfrage beantworten, teurer Meister?«
    »Ja!« sprach der Professor Reihenschlager fest. »Meine Ansicht von den
Weibern geht dahin, dass es zwei Arten derselben gibt, unverheiratete und
verheiratete, im Verkehr mit welchen dem männlichen Menschen die höchste
Vorsicht anzuempfehlen ist. Ich will grade nicht sagen, dass der Herr den,
welchen er liebhat, dadurch am ärgsten züchtige, dass er ihn verliebt werden lässt
oder gar ihm eine Frau gibt; aber ein gutes Mittel, einen seinen Herrgott
erkennen zu lassen, ist es. Übrigens aber glaube ich auch, dass die Damen im
allgemeinen wie im besondern überall einander gleich sind und dass jemand, der im
Tumurkielande Achtung gegeben hätte, ebensoviel davon wissen könnte wie der
Doktor der Weltweisheit und Professor der orientalischen Sprachen am hiesigen
illustren Collegio Augustino, Christian Georg Reihenschlager.«
    Leonhard Hagebucher tat jetzt die letzte Frage an den würdigen gelehrten
Mann, und sie gab keiner der vorhergehenden an Unverschämteit etwas nach, sie
war sogar frecher als alle: »Sie haben eine Tochter, Professor; hat diese
Tochter, hat Fräulein Serena Sie nicht für manches Erduldete reichlich,
überreichlich entschädigt? O sagen Sie mir auch dieses noch, und ich verspreche
Ihnen; auf der Stelle mit Ihnen zum Koptischen zurückzukehren.«
    Der Professor zog den Afrikaner dicht an sich heran und flüsterte:
    »Ja, Hagebucher, sie hat mich entschädigt! Sie ist ein gutes Mädchen; aber
auch sie ist ein Weib und war es von ihrer Wiege an. Da war mein früherer
Hausgenosse und Schüler, Ferdinand Zwickmüller, ein guter Junge, welcher sich
jetzt in der Nähe von Genf dem internationalen Unterrichtswesen widmet; glauben
Sie wohl, dass ich mit blutendem Herzen ihn entlassen musste, um ihn vor dem
Verderben zu bewahren? Der Narr war fest überzeugt, er liebe die junge Gans und
sie könne nicht ohne ihn leben; aber ich bat mir sein Stammbuch aus, schrieb
hinein: Kullu muskirün haram, alles, was trunken macht, ist verboten, gab ihm
einen anständigen Wechsel und schickte ihn in die frische Luft. Heute ist er mir
sehr dankbar dafür.«
    »Wissen Sie das gewiss?« fragte Hagebucher tief nachdenklich.
    »Er lässt es in jedem Briefe, den er mir schreibt, durchblicken. Aber kommen
Sie jetzt, Freund, es wird kühl; lassen Sie uns in mein Studierzimmer
hinaufsteigen.«
    Die beiden Herren wendeten sich, verliessen den Garten und traten in das
Haus. Häslein hinter dem Busch hatte sich längst geduckt und war gleichfalls aus
dem Garten verschwunden; aber Hagebucher suchte und fand es noch für einige
Augenblicke, ehe er dem Papa die Trepp hinauf folgte; allein ob er nicht besser
getan haben würde, es für jetzt sich selber zu überlassen, lassen wir eine
offene Frage bleiben.
    Dicht neben der Tür des Hauses, welche in den Garten führte, befand sich die
Küche des Hauses. Es brannte ein lustiges Feuerchen auf dem Herde, und ein Topf
und ein Kessel sangen neben der Glut ihr heimliches Duett und rüsteten sich eben
zum Überkochen. Und vor dem Herde, der lustigen Flamme, dem Topf und dem Kessel
stand Fräulein Serena Reihenschlager; und die beiden kleinen Händchen, welche
sonst wie ein Schwalbenpärchen fort und fort hin- und widerflatterten und
zusammentrugen, hatten sich in diesem Augenblicke untätig auf dem Rücken
zusammengefunden, hatten ihre Arbeit ganz gründlich eingestellt.
    »Ist's erlaubt, Fräulein Serena, darf man sich ein wenig die Hände wärmen?«
fragte der Afrikaner, an den Herd tretend.
    Die kleine Hauswirtin wich nach der andern Seite hinüber und sagte mit einem
Blick nach dem Fenster:
    »Sie führten ja da eben im Garten eine recht lebhafte Unterhaltung mit dem
Papa, Herr Hagebucher; wovon war denn die Rede, wenn man fragen darf?«
    Mit kläglichster Miene zog Leonhard die Achseln in die Höhe, als sei er des
tiefsten Bedauerns und Mitleids der jungen Dame wie seines eigenen sicher, und
seufzte:
    »O Gott, nur immer von der koptischen Grammatik - es ist fürchterlich und
auf die Dauer nicht auszuhalten!«
    Und Topf und Kessel kochten in diesem Moment wirklich über und konnten
keinen passendern dazu wählen. Und Feuer und Wasser sagten einander ihre Meinung
mit gewaltigem Gezisch, Gesprudel und Geprassel. Es entstand ein mächtiger
Dampf, und durch denselben rief Fräulein Serena Reihenschlager:
    »Sie haben recht, Herr Hagebucher, es ist wirklich auf die Dauer nicht zu
ertragen! Gehen Sie mir aus meiner Küche, Sie Störenfried! Sie haben nicht das
mindeste darin zu suchen!«
    Hustend und niesend wich der Mann vom Mondgebirge zurück und murmelte,
während er die Treppe hinauf dem Professor nachstieg, mehrere Male:
    »Kullu muskirün haram!«
    Die Leser wissen bereits, was diese Worte in deutscher Zunge bedeuten.
 
                              Siebzehntes Kapitel
Dieses ist das siebzehnte Kapitel der wahrhaften und merkwürdigen Historie des
Herrn Leonhard Hagebucher, der zwölf Jahre zu Abu Telfan im Tumurkielande in der
Gefangenschaft zubrachte, und bittet der Verfasser zu bemerken, mit welch einer
ausserordentlichen Feinheit er seinen Helden hier dicht vor ein zweites Examen
stellt. Dem ersten hatte er sich im fünften Kapitel zu unterziehen und fiel
jämmerlich durch.
    Die polizeiliche Erlaubnis war erbeten und erteilt worden; der Saal stand
zur Verfügung, die Bevölkerung der Residenz und der umliegenden Landschaft war
durch das Landesintelligenzblatt sowie einige andere Blätter genügend
benachrichtigt worden: Herr Leonhard Hagebucher aus Bumsdorf hatte die Ehre,
einem verehrungswürdigen Publiko die erste seiner Vorlesungen über das innere
Afrika und das Verhältnis des europäischen Menschen zu demselben zu halten!
    Langsam, langsam, langsam war der grosse Tag herangeschlichen: oft, oft, oft
hatte es geschienen, als ob er niemals anlangen werde, doch jetzt war er da und
dämmerte viel zu schnell, und ein grosser Wind war ihm in der Nacht
vorangegangen.
    Um ein Uhr schon fuhr Täubrich-Pascha auf aus einem Traume, welcher ihn
diesmal nicht zu den Palmen von Jericho, den Ölbäumen von Getsemane und
Betlehem geführt hatte. Jach fuhr er in die Höhe, stiess mit der Stirn gegen das
schräge Dach über seinem Lager und sank zurück mit dem Wort:
    »O Je-rusalem - richtig!«
    Er hatte jenen heftigen Wind in seiner Dachkammer aus erster Hand, und so
war's nicht unnatürlich, dass ihm träumte, er werde von einem unwiderstehlichen
Verhängnis aufgehoben und mit dem Kopf voran durch eine Bretterwand getrieben.
Seinem Nachbar jenseits des Ganges träumte ganz das nämliche, und auch dieses
widersprach in Anbetracht der Verhältnisse weder dem Wesen des Traumes noch der
augenblicklichen Stimmung und Empfänglichkeit des Träumenden.
    Noch war es vollständig Nacht, als der Schneider das Feuerzeug ertastete und
seine Lampe anzündete: zwischen fünf und sechs Uhr stand er, nach Befehl, vor
dem Bette seines Patrons, neigte sich über ihn wie Gülnare über den zum Tode
verurteilten Konrad und flüsterte:
    »Da liegt er, da liegt er sanft und süss und unschuldig wie ein Kind im
Schlummer und weiss nicht, was er vor sich hat!«
    Ein tiefes Ächzen antwortete ihm, und unter seiner Decke hervor stöhnte
Hagebucher:
    »Sie irren sich sehr, Täubrich! Er weiss sehr gut, was er vor sich hat:
Schlummer? Unschuld? Süssigkeit? O Täubrich, seien Sie kein Esel - ich wünsche
von Herzen, dass Sie eine bessere Nacht gehabt haben mögen als ich.«
    »Es war ungewöhnlich windig, Sidi.«
    »Reden Sie mir nicht davon, Täubrich, ich habe grosse Lust, das für ein recht
böses Omen zu nehmen. O Gott, weshalb musste ich mich doch auf diesen Unsinn
einlassen?«
    Die Gedanken und Vorstellungen, an welchen Herr Leonhard Hagebucher sich
stiess, als er sich jetzt gleichfalls aufrichtete, waren viel härter als der
Balken über dem Haupte des Paschas, und alle Trostgründe des letztern waren
ebenso vergeblich wie der eigene schwächliche Versuch, sich selber zu
überzeugen, dass man doch wohl schon etwas Schlimmeres durchgebissen habe.
    Im tiefsten Schweigen bereiteten die beiden Orientalen ihren Kaffee und
tranken ihn; düster qualmten die beiden Morgenpfeifen in den düstern Morgen
hinein, und als der Mann vom Mondgebirge nun gar sein Heft vor sich hinlegte und
anfing zu memorieren, da steckte der Wahnsinn in Person den Kopf in die Tür und
versprach, heute abend wieder nachsehen zu wollen. Wie ein totgeborenes Kind
trug Täubrich das schwarze Beinkleid des Redners in das Gemach, und als er am
Frack einen wichtigen Knopf nicht vorfand, entrang sich seiner Brust ein solcher
Seufzer, dass Hagebucher für eine lange Zeit den Faden dessen, was er sagen
wollte, total verlor und von dem zitternden Pascha nur mit äusserster Mühe zu der
Überzeugung gebracht wurde, dass nur ein Knopf vermisst werde. Es war ein grosser
Tag, und wie es zu geschehen pflegt, so sollte an ihm eine Aufregung der andern
folgen.
    Schon um acht Uhr erschien atemlos der Leutnant Hugo von Bumsdorf, bat
inständigst um Verzeihung, weil er so früh störe, und erkundigte sich ungemein
zärtlich und besorgt nach dem Befinden des Afrikaners, dem er zugleich
unaufgefordert versprach, nach eigenen schwachen Kräften für den Erfolg des
Abends wirken zu wollen; zugleich aber hatte er auch seine Sorgen und erlaubte
sich, dieselben dem berühmten Bumsdorfer Landsmann und guten Freunde des Papas
vorzutragen. Es unterlag keinem Zweifel, der »Alte« kam sicher heute in die
Stadt, um den Vortrag des Herrn Hagebucher anzuhören, und da wäre es doch im
höchsten Grade unangenehm, wenn der gute, aber häufig untraktable Greis sogleich
allerlei bösartigem, intrigantem, gewinnsüchtigem Volk in die Hände falle, ohne
von einer zwar sanften, aber festen Freundeshand zu einem richtigen, der
gegenwärtigen Lebensanschauung konformen Verständnis der Dinge hingeleitet zu
werden. Er, der Herr Leutnant, kannte die Schlechtigkeit der Menschen nur zu gut
und wusste genau, welche Behutsamkeit im Verkehr mit ihnen erforderlich sei; sein
kindliches Herz empörte sich bei dem Gedanken, den geliebten, aber etwas
bockbeinigen Erzeuger mit seinen Provinzialbefangenheiten einem solchen Wirbel
von Schlechtigkeit ohne den beratenden Beistand eines verständigen Freundes zu
überliefern. An die innige Bitte, dem Papa doch, dieser treue Knecht Eckart zu
sein, knüpfte der Leutnant einen Schwall der verschiedenartigsten und
verworrensten Versicherungen. Er sprach von Reue und Wehmut, von Besserung und
Heimweh, von seinem Rattenfänger Whig und der Jasminlaube vor dem Hause des
Steuerinspektors zu Bumsdorf. Er sprach von seiner Mutter und der Mutter
Leonhards, von Freundschaft und Liebe, von der Infanteriekaserne und einem
eigenen Herde, welcher letztere Goldes wert sein sollte, ihn aber von neuem auf
seine Schulden brachte, weshalb er atemlos, wie er kam, fortstürzte, um des
Geschickes Tücke womöglich schon am Stadttor zu parieren und den noch viel
tückischeren Alten abzufangen und ihn durch unendliche Liebenswürdigkeit und
Zärtlichkeit zu bezaubern und vollständig blind zu machen.
    Auf den Leutnant von Bumsdorf folgte um neun Uhr ein Billett der Baronin von
Glimmern, welche Glück zu dem Tage wünschte, aber auf etwas dunkle Weise vor zu
grosser Unvorsichtigkeit warnte und bat, das, was der Major Wildberg heute noch
vortragen werde, nach Kräften zu berücksichtigen.
    In fieberhafter Erregteit erschien um halb zehn Uhr der Professor
Reihenschlager. Er brachte alle Taschen voll Notizen mit, welche er noch in das
Konzept eingeschoben zu haben wünschte, und ausserdem einen Gruss von Fräulein
Serena, welchen er jedoch nur auf dringendes Verlangen von seiten Leonhards und
etwas verlegen herausgab.
    Fräulein Serena bot dem Herrn Hagebucher einen guten Morgen und wünschte, er
möge sich am Abend nicht blamieren. Übrigens werde sie jedenfalls der Vorlesung
anwohnen und hoffe sich unter allen Umständen zu amüsieren.
    »Es kommt doch alles, an was man nicht dachte, über einen!« stöhnte der
Afrikaner. »Professor, wenn ich noch einen Nervenschlag oder dergleichen
ankündigte?!«
    »Das wäre noch besser und in der Tat eine Blamage!« rief der koptische
Gelehrte. »Mut, Mut! Wie kann ein Mensch, der den unsträflichen Ätiopen
trotzte, diesem degenerierten Europäertum gegenüber so zaghaft sein?«
    »Sie haben gut reden«, seufzte der Held des Tages. »Sie sitzen mitten in dem
dicksten Haufen dieses Europäertums und hören gelassen zu; ich aber - - - o
Gott, o Gott, die Luft geht mir von Stunde zu Stunde mehr aus, und meine einzige
Hoffnung ist, dass sie mir bis acht Uhr abends völlig abhanden gekommen sein
wird!«
    »Ich kenne diese Symptome; sie sind beängstigend, aber weiter nicht
gefährlich«, sprach der Professor mit der Gemütsruhe eines Henkers, welcher
schon mehr als einen Von der Leiter stiess. »Brausepulver und Selbstvertrauen
helfen am sichersten darüber weg. Das erstere Mittel führe ich als alter
Praktikus bei mir; hier das Natrum bicarbonicum, hier die Säure; Täubrich,
besorgen Sie uns eine Flasche Brunnenwasser.«
    Der Pascha kreuzte nach der Sitte des Morgenlandes die Arme über der Brust,
doch ehe er den Auftrag auszuführen vermochte, entstand ein solches Gepolter auf
der Treppe und wurde so heftig an die Tür gepocht, dass er entsetzt von derselben
zurückfuhr.
    »Der Vetter Wassertreter! Er hat es richtig nicht lassen können, da ist er!«
rief Leonhard; die Tür wurde aufgeschleudert, und unzweifelhaft war's der Vetter
Wassertreter, der, bepelzt wie ein Samojede, auf der Schwelle stand und ein
dreimaliges Hurra ertönen liess. Dieses Geschrei fand ein Echo in der kräftigen
Lunge eines zweiten, fast noch bepelzteren Herrn, welcher dem Wegebauinspektor
auf dem Fusse folgte. Der Dynast von Bumsdorf machte die schwermütigsten Ahnungen
seines Sohnes Hugo wahr, auch er »hatte es nicht lassen können«! Er war da, mit
dem besten Appetit für alle Freuden und Herrlichkeiten der Residenz und mit dem
grössten Wohlwollen in betreff all ihrer Bewohner; seinen Leutnant hatte er noch
nicht zu Gesicht bekommen.
    Der Vetter Wassertreter fasste zuerst den Afrikaner in die Arme, dann aber
auch den Professor, welchen er mit seinem alten Burschennamen »Pilz« jauchzend
begrüsste, worauf Professor Reihenschlager, der mit genauer Not dem
Erdrücktwerden entgangen war, ebenso freudig jauchzte:
    »Hurra, Schaumlöffel! Ohne dich wär's auch nicht gegangen! Es ist wacker von
dir, dass du gekommen bist.«
    »Und hier stelle ich dir meinen Freund Bumsdorf vor, Pilzchen! Leonhard
kennt ihn, ein Biedermann und rationeller Landwirt ersten Ranges. Weisst du,
Pilz, Bumsdorf, uraltes Geschlecht, wird dich sehr interessieren!... Bumsdorf,
hier haben Sie den Professor Reihenschlager, meinen guten Freund und Korpsbruder
- gelehrtes Lumen, Abhandlung über die ägyptische Finsternis,
koptisch-grammatikalischer Lexikonswüterich! Muss Sie unmenschlich freuen,
Bumsdorf! Mach die Tür zu, Leonhard, wir bringen einen harten Winter von
Nippenburg mit.«
    »Halt, offenlassen!« schrie der Dynast, die Hand des Professors halb
abgeschüttelt freigebend und mit Energie sich der Pforte zuwendend:
    »Sievers, rück 'r herein, lad Er ab!«
    Und Sievers, ein breitschultriger, kurzbeiniger, stiernackiger Vasall des
Bumsdorfer Feudalsitzes, stapfte in das Gemach, mit einem Flaschenkorbe und
einem Viktualienkober beladen, setzte beides auf den Boden, scharrte den Herren
einen schönen guten Morgen und zog sich, fortwährend den staunenden
Täubrich-Pascha im Auge haltend, rückwärts schreitend an die Wand zurück.
    »So, jetzt können wir die Klappe mit gutem Gewissen schliessen!« sprach der
Herr von Bumsdorf. »Jetzt sind wir komplett. Die Viktualien schickt heimlich die
Mama Hagebucher, Leonhard, die Flüssigkeiten liefre ich; frühstücken wir also
vor allen Dingen gut bumsdorfisch, nachher können wir dann mit um so grösserem
Gusto an die Tabeldehot im Hotel de Prusse denken.«
    »Rücken Sie den Tisch heran, Täubrich!« rief der Vetter Wassertreter, und
der Jerusalemer Schneider, welcher sich bis jetzt noch immer nicht satt an dem
Bumsdorfer Vasallen gesehen zu haben schien, wurde unter diesem Anruf auf einmal
höchst munter und lebendig. Um elf Uhr war die Sache ungeheuer gemütlich
geworden; die vier Herren taten dem improvisierten Frühstück alle Ehre an; der
Pascha und der Vasall warteten ihnen und sich selber mit dem lobenswürdigsten
Eifer auf, und selbst Leonhard Hagebucher vergass auf eine kurze Stunde das
dunkle Gewölk über seinem Haupte. Von Bumsdorf und Nippenburg brachte der Vetter
unbegreiflicherweise nicht die kleinste Neuigkeit mit. Jedermann befand sich
wohl, aber jedermann wusste immer noch, was er sich schuldig war, und hielt
seinen Standpunkt mit dem löblichsten Selbstgefühl fest. Was das Haus Hagebucher
im besondern betraf, so vergrunzte der Alte freilich noch immer seine Tage und
machte den Hausgenossen das Leben sauer und dunkel genug; aber der Vetter
Wassertreter sah auch hier heiter in die Zukunft und hoffte das Beste von einem
Fackelzug und einer Deputation mit Musik, welche dem zürnenden Greis vor die
Türe rücken und ihn mit allen Ehren in den Goldenen Pfau zurückholen sollte.
    »Du kennst und würdigst mich immer noch nicht gänzlich, Leonhard!« rief der
Vetter. »Der ganze Apparat ist längst beisammen. Morgen um zehn Uhr fahren wir
heim, um drei Uhr nachmittags sind wir in Nippenburg, und das Experiment kann
auf der Stelle gemacht werden. Ich tanze wie Demokrit vor dem Zuge der
Abderiten; ich halte eine Rede, und nachher ist Festessen im Pfau. Der Onkel
Schnödler tut Abbitte, der Alte bekommt eine Ehrenpfeife, und sämtliche
Klubmitglieder lassen sich später photographieren und werden ihm in einem
kalbledernen Album mit Goldschnitt überreicht. Wenn das nichts hilft, so werde
ich freilich meine Kenntnis des menschlichen Herzens in die nächste
Trödelauktion geben und mich keineswegs verwundern, wenn kein Nippenburger drauf
bietet.«
    Um zwölf Uhr klang man zum letztenmal die Gläser für den Erfolg des Abends
an. Der Professor Reihenschlager hielt eine kleine Ansprache, in welcher er den
Afrikaner ermahnte, den freien, heitern Blick des gegenwärtigen Augenblicks ja
für die kommende grosse Stunde festzuhalten, was Leonhard versprach, leider aber
nicht hielt. Der Vasall und der Pascha, welche um diese Stunde einander besser
kennen- und schätzengelernt hatten, tranken Brüderschaft, und gegen ein Uhr
erschien der Leutnant Hugo von Bumsdorf zum zweitenmal in Hagebuchers Wohnung,
wurde zärtlich in die väterlichen Arme gezogen und warf über die Schulter des
ahnungslosen Alten einen gerührten und dankbaren Blick im Kreise der Anwesenden
umher.
    »Die Laune wäre schon recht!« flüsterte er dem Afrikaner zu. »Jetzt führ ich
ihn ins Hotel de Prusse und nachher - - ah!«
    Und sie gingen zum Hotel de Prusse, aber Leonhard ging nicht mit ihnen. Die
lichte Stunde war nur allzu schnell vorübergeflogen, und mit dem vollen
Bewusstsein seiner Lage stand der Redner vor den Flaschen und Tellern des
Frühstückstisches und hob von neuem an zu memorieren. Täubrich-Pascha ass weiter
und schien die Absicht zu haben, sich vollständig durch den Tag durchzufressen.
    »Es ist einzig und allein die Aufregung!« seufzte er beschönigend und
stellte dadurch sein treffliches Verdauungssystem doch ein wenig zu sehr in den
Schatten.
    Was hilft es, die Sanduhr vor Ablauf der Stunde umzukehren, man hält die
Zeit dadurch ebensowenig auf, als man sie dadurch beschleunigst, wenn man das
Glas ungeduldig schüttelt. Gegen ein Uhr klopfte und bürstete Täubrich seinen
eigenen Frack in seinem eigenen Gemache, und gegen vier Uhr klopfte es abermals
an die Tür Leonhard Hagebuchers, und wiederum fuhr er zusammen wie unter der
Peitsche von Abu Telfan.
    Diesmal trat der Major Wildberg herein, der einzige, auf welchen der Redner,
infolge des Billetts der Frau von Glimmern, mit einiger Ungeduld gewartet hatte
und welchen er freudig in der Voraussetzung begrüsste, dass er ihm etwas
Förderliches mitzuteilen haben werde. So war es auch, aber doch nicht gerade so,
wie der Mann aus dem Tumurkielande es sich vorgestellt hatte. Der Herr Major
brachte die schönsten Grüsse und besten Wünsche von seiner Frau Emma, allein er
brachte sie mit einer sehr bedenklichen Miene, und nach einigen allgemeinen und
gleichgültigen Redensarten kam er schnell zur Sache. Wir aber können uns
begnügen, einen Auszug seines Vortrages mitzuteilen; denn jeder verständige
Mensch kann bei einigem Nachdenken sich selber sagen, was er zu sagen hatte.
    Es gab allerlei Stimmen und Stimmungen in der Residenz. Es gab eine Menge
Leute, welche den Afrikaner bereits genug kannten, um ihm alles mögliche
zuzutrauen, Leute, welche dem Abend nicht mit den günstigsten Gefühlen
entgegensahn. Selbst in die höchsten Kreise war das Interesse an dem Herrn
Hagebucher gedrungen; aber auch hier schüttelte man den Kopf, fürchtete arge
afrikanische Indiskretionen und besorgte die unangenehmsten Verwicklungen
dadurch mit dem Kaiser von Abyssinien, dem Vizekönig von Ägypten und dem Sultan
von Wadai. Der Major hielt es für seine Pflicht, den afrikanischen Redner zu
bitten, sich und andere nicht zu sehr blosszustellen, sich in seinen Ausdrücken,
Scherzen und Gleichnissen tunlichst zu mässigen, stets wo möglich die gemütliche
Seite herauszukehren und, schon seines eigenen Vorteils wegen, sich stets mehr
an das Herz als an die Vernunft der Leute zu wenden. Eine leise Andeutung, dass
wohl bereits einige Intrigen betreffs Gestattung oder Verhinderung von
derartigen öffentlichen Vorträgen angesponnen sein könnten, beschloss die
gutgemeinte Warnung. Leonhard Hagebucher konnte auf alles dieses leider nur mit
einem grimmigen Lächeln antworten, dass es durchaus nicht in seiner Absicht
liege, irgendeinen andern als sich selber zum Narren zu halten. Diese
Versicherung gewährte nur einen geringen Trost; der Major schüttelte das Haupt,
fast geradeso bedenklich wie die höchsten Kreise, drückte dem Freunde die Hand
und zog ab mit einem tiefen Seufzer, der ausser allem Mitgefühl ein ganz kleines
Bruchteilchen von Neid auf den Afrikaner in sich schloss.
    Um sieben Uhr abends hatte Nikola von Glimmern mit ihrem Gemahl noch eine
Unterredung, welche allmählich einen ziemlich bittern Charakter annahm, aber die
schöne Exzellenz nicht an der Vollendung ihrer Toilette hinderte. Infolge dieses
Wortwechsels fuhr der Baron jedoch noch einmal zu dem Polizeidirektor von
Betzendorff und hatte mit diesem Herrn gleichfalls eine längere Unterredung,
welche aber nicht mit einem Missklang endete, sondern die vollständigste
Übereinstimmung der beiden Mächte in mehr als einem Punkte herbeiführte.
    Ein letzter Blick in den dunkeln Abend zeigt uns im flackernden Licht der
Gaslaterne eine Droschke in der Kesselstrasse sowie den Professor Reihenschlager
und den Vetter Wassertreter, welche den geknickten Hagebucher in das Fuhrwerk
mehr heben als schieben. Sie steigen ihm nach, Täubrich-Pascha schlägt den
Schlag zu, schwingt sich neben den Kutscher auf den Bock: La ilaha ilallah und
Mohammed rassul Allah!
    Der Herr von Bumsdorf und sein Stammhalter erreichten den Ort der Vorlesung
auf verschiedenen Pfaden; der biedere Alte hatte längst den innigen Wunsch
ausgesprochen, der Junge möge ihm fürs erste nicht wieder vor die Augen kommen!
 
                              Achtzehntes Kapitel
Dieses ist das achtzehnte Kapitel der Historie des Herrn Leonhard Hagebucher,
welcher zwölf Jahre zu Abu Telfan im Tumurkielande in der Gefangenschaft
zubrachte. Es bildet sowohl formell wie dem Inhalte nach den Mittelpunkt der
wahrhaften und merkwürdigen Geschichte, die Spitze der Pyramide, auf welcher der
afrikanische Redner sitzt, seine schöne Seele aufknöpft und mit dem besten
Willen sein Erbauliches und Beschauliches der Residenz preisgibt.
Täubrich-Pascha stand an der Pforte und nahm die Eintrittskarten ab; ein
ausgewähltes Publikum hatte sich auf den Stufen der Pyramide um den Redner
Versammelt; der Saal war zum Erdrücken voll, aber:
das Volk, nie möcht ich es kündigen oder benennen,
Wären mir auch zehn Kehlen zugleich, zehn redende Zungen,
Wär unzerbrechlicher Laut und ein ehernes Herz mir gewähret!
Es ist schon schwer genug, die allein, welche von irgendeinem Einfluss auf den
Gang unserer Geschichte sind, im Auge zu behalten.
    Da sass vor allem, mit dem Fächer an den feinen Lippen, die schöne Nikola
zwischen der Mutter und dem Gemahl, als ob sie nie mit einem Wiesenblumenkranz
im Schosse unter einem Bumsdorfer Hagedorn gesessen und nie dem Mann vom
Mondgebirge auf seinem Wege zu dem grossen Familienrat nachgelacht habe. Und die
Frau Generalleutnantin von Einstein war eine kleine, schwächliche, kümmerliche
Dame, welcher neunundneunzig Leute gewiss nicht zutrauten, dass sie imstande
gewesen sei, den Willen, die Seele einer so stattlichen Tochter zu brechen und
das Fräulein um dreissig Silberlinge zu verhandeln, welcher aber dafür der
hundertste nicht nur dieses, sondern noch manches viel Schlimmere auf das
bereitwilligste und aus vollster Überzeugung schuld gab. Seine Exzellenz der
Herr Schwiegersohn der trefflichen Matrone war ein feiner, schlanker Mann im
Alter von zweiundvierzig bis vierundvierzig Jahren, nicht hager, aber ein wenig
müde, und zwar nicht allein in den Beinen, sondern auch in den Augen. Er trug
die allermodernste Art des Backenbartes zur Schau, und obgleich er keine Perücke
trug, so konnte kein Zweifel obwalten, dass er eine solche mit Anstand, und ohne
Aufsehen zu erregen, tragen könne, eine Gabe der Götter, welche nicht einem
jeglichen kahlköpfigen Sterblichen verliehen wird. Er lächelte fast ebenso milde
und gewinnend wie der Herr Polizeidirektor, welcher auf dem Sessel zu seiner
Linken Platz genommen hatte, und tat nur seine Pflicht: denn wie würden die
Räder des Wagens kreischen, und wie würden Nabe und Achse zu dampfen anfangen,
wenn solche Leute und Kondukteure nicht mehr lächelten! Ob Seine Exzellenz
jemals ein lautes Wort gesprochen hatte, konnten nur diejenigen wissen, welche
ihn während des ersten Teils seiner militärischen Laufbahn kannten. Übrigens
bediente er sich, um den wilden Mann aus Afrika besser zu verstehen, einer
zierlichen Lorgnette und schenkte ihm den ganzen Abend hindurch auf das
wohlwollendste seine Teilnahme und Aufmerksamkeit, weshalb es um so
wünschenswerter erschien, dass auch die übrigen Freunde vor seinem Rednerstuhl
aushielten, um auch ihr Wohlwollen zur Geltung zu bringen.
    Da sass die Frau Majorin Emma mit den allertreuherzigsten Augen und jenem
ängstlichen Zug aus dem Lärm der Kinderstube um den Mund und »passte genau auf«.
Da stand der Major an einen Pfeiler gelehnt, und dicht neben ihm stand der
Professor Reihenschlager und hielt sich, zitternd vor übermächtiger Spannung, an
der Stuhllehne seiner Tochter Serena, welche so gern all ihre üble Laune in
Worte fasste, um für ihre Werke desto freiere Hand zu behalten. Da stand mehr im
Hintergrund der Vetter Wassertreter aus Nippenburg und hielt sich, um nicht
durch unzeitgemässe Verrenkungen und Purzelbäume allgemeines Ärgernis zu geben,
an dem Herrn von Bumsdorf, welcher, durch übermässiges Schuldenbezahlen und
Wechseleinlösen recht elegisch gestimmt, um so fähiger war, die »ganze Predigt«
anzuhören und das Unbegreiflichste begreiflich zu finden. Herr Hugo von
Bumsdorf, bedeutend heiterer als sein Papa und nur ganz unbedeutend von seinem
Gewissen gequält, war durch eine Seitentür in den Saal getreten und hatte eine
ganze Schar jugendlicher Entusiasten aus den nächsten Kaffeehäusern
mitgebracht; es war seine feste Absicht, alle seine Verpflichtungen heute
einzulösen und somit auch das am Morgen gegebene Wort: für den Erfolg des Abends
mit ganzer Kraft eintreten zu wollen!
    Ein letztes Rauschen, Raunen und Zischeln durch die Versammlung, ein letztes
Räuspern und Stuhlrücken!
    Drei Verbeugungen des Redners hinter dem grünbehängten Tischchen und den
beiden Wachskerzen; ein dumpfes Gefühl der Reue, je Abu Telfan verlassen zu
haben; eine tiefe Sehnsucht spornstreichs dortin zurückzukehren und das Gesicht
tief, tief, tief in den Schoss der Madam Kulla Gulla zu vergraben!
    »Meine Damen und Herren...«
    Ein flüsternd Ah! durch den ganzen Saal und aus einem Winkel die leise, aber
höchst verwundrungsvolle Bemerkung: »Herr Gott, er spricht ja deutsch!« - die
Vorlesung hatte begonnen: Herr Leonhard Hagebucher hatte unbedingt das Wort und
behielt es fast zwei Stunden hindurch.
    Zuerst sprach er natürlich von sich selber, aber ziemlich bescheiden, und
kam schneller, als es sonst die Gewohnheit öffentlich redender Männer ist, zur
Hauptsache. Nach einer kurzen, aber recht anschaulichen Schilderung der Landenge
von Suez und seines Anteils an Durchgrabung derselben hielt er sich in
Unterägypten nur so lange auf, um, ganz wider die Erwartung des
Polizeidirektors, Seiner Hoheit dem Vizekönig ein ziemlich gewandtes Kompliment
zu machen, ging darauf mit den Elfenbeinhändlern und seinem Freunde Semibecco
nilaufwärts und befand sich auf dem bekannten und behaglichen Terrain von Abu
Telfan, fast ohne zu wissen, wie er so bald und so sicher dahin gelangt sei.
Sein Selbstvertrauen wuchs, je näher er dem Äquator kam, seine Gedanken wurden
um so lichter, je mehr sich das Pigment unter der Epidermis der Völkerschaften
verdichtete und schwärzte; und als er nun gar die Felsen des Tumurkielandes
glücklich zwischen sich und die Zivilisation geschoben hatte, wurde er seiner
gegenwärtigen europäischen Zuhörerschaft gegenüber so heiter, unbefangen, ja
unverschämt, dass er die Wünsche und Hoffnungen des Herrn von Glimmern und die
schlimmsten Befürchtungen des Majors Wildberg weit übertraf. Er machte in der
Tat Vergleichungen, und zwar solche, welche nur einen ungewöhnlich verworfenen
deutschen Staatsbürger und Untertan angenehm berühren konnten. Er erlaubte sich,
von den Verhältnissen des Tumurkielandes wie von denen der eigenen süssen Heimat
zu reden und Politik und Religion, Staats-und bürgerliche Gesetzgebung,
Gerechtigkeitspflege, Abgaben, Handel und Wandel, Überlieferungen und Dogmen,
Unwissenheit und Vorurteile auf eine Art und Weise in seinem Vortrage zu
verarbeiten, dass mehr als ein staunender Horcher durchaus nichts Erstaunliches
drin gefunden hätte, wenn Seine Höchstselige bronzene Hoheit, der Grossfürst vom
Promenadenplatz, gleich dem steinernen Komtur in den Saal gerückt wäre, um
Allerhöchst persönlich nach dem Rechten zu sehen, der Schande Allergnädigst ein
Ende zu machen und den verruchten Spötter Allerhöchst eigenhändigst beim Ohr zu
nehmen und abzuführen.
    Nie war eine polizeiliche Erlaubnis in Gegenwart eines verehrungswürdigen
Adels und gebildeten Publikums schmählicher missbraucht worden; und der Gipfel
der Abscheulichkeit war, dass der Sünder nicht einmal ahnte, wie schlecht er sei
und wie mangelhaft er sich aufführe, sondern der festen Oberzeugung sich hingab,
er mache jedermann ein unendliches Vergnügen und es befinde sich niemand im
Saal, der nicht fühle, hier werde der Wahrheit die angenehmste Form und die
höchste Politur gegeben. In diesem Stadium seiner Rede fühlte sich der Redner so
eins mit seiner Zuhörerschaft, dass es eine wahre Freude war. Der Nebel, welcher
im Anfange auf seinen Augen lag, hatte sich längst verzogen, die glänzenden
Toiletten der Damen schwirrten nicht mehr gleich einem wahnsinnig gewordenen
Tulpenbeet durcheinander; mehr und mehr orientierte sich Herr Leonhard
Hagebucher unter den Gesichtern und Gestalten und fing an, auf einzelne
einzureden, wie im gemütlichsten Gespräch.
Wo Andacht auferwacht, da stirbt
Das Ich, der dunkele Despot,
sagt Dschellalledin, und da sass der Herr Polizeidirektor und lächelte immer
süsser, süsser, als ob es seine feste Absicht sei, sämtlichen
Runkelrübenzuckerfabriken und -raffinerien des Zollvereins Konkurrenz zu machen,
und der Redner wendete sich in seinen Ausführungen vorzugsweise gern an ihn;
denn in keinem Gesichte der ersten Reihe, in welcher doch auch der Herr von
Glimmern sass, las er eine innigere Hingabe an die Sache und ein feineres
Verständnis derselben. Da sass die Generalin von Einstein und sprach ihrem
Schwiegersohn ziemlich laut ihre Verwunderung aus, dass »so etwas« von den
betreffenden Behörden gestattet werden könne. Und da sass die Baronin Nikola und
seufzte in tiefster Seele Ach, armer Leonhard! Und der Professor Reihenschlager
rieb sich ein Mal über das andere die Stirne und murmelte: »Wo hat er denn sein
Konzept? Ist denn das sein Konzept? Steht denn das in seinem Konzept?« Da sass
die Frau Emma, zog ihr Tuch um die Schultern zusammen und suchte ganz ängstlich
mit den Augen ihren Gemahl, welcher leise einen Marsch mit dem Fusse trommelte
und den Blick der Gattin tunlichst vermied. Und Fräulein Serena Reihenschlager
machte die allergrössten Augen und amüsierte sich königlich; überhaupt gab es
viele, welche ihr Behagen nicht verbargen, dem wunderlichen Menschen hinter den
beiden Wachskerzen mit stets steigender Spannung auf seinen Wegen folgten und
somit alle spätern Vorsichtsmassregeln durch ihr Gebaren auf das glänzendste
rechtfertigten. Das Neue und Gewagte machte zugleich betroffen und entzückte;
die Ironie fühlten nicht alle, die tiefe Bitterkeit sehr wenige, das Komische
fast alle ausser den Damen, welche dagegen um so mehr von dem Romantischen, dem
Schrecklichen und dem Mitleiderregenden angezogen wurden.
    Es war nicht zu leugnen, Leonhard Hagebucher zeigte sich seiner Aufgabe
vollkommen gewachsen: er entwickelte ein beträchtliches Talent der Schilderung,
und das Land vom Mittelmeer bis zum Mondgebirge lebte vor den Augen seiner
Zuhörer. Sein Vortrag war zwar nur eine Fata Morgana, welche manches verzog oder
auf den Kopf stellte, welche aber doch oder oft grade deshalb magisch genug auf
diese deutschen Kleinresidenzler, ihre Weiber und Töchter wirkte. Bei manch
einem mischte sich ein Gefühl der Beschämung in das Interesse, welches er an
diesem Gefangenen der Madam Kulla Gulla nahm, ein Gefühl, dass es mit dem
Wohlbehagen an und in einer engen, wenn auch noch so reinlich und schmuck
gehaltenen Umgebung doch nicht völlig getan sei. Es rüttelte etwas an diesen
wohldressierten Beamten- und Bankiersseelen und wies hinaus über den
Polizeidiener an der Tür des Saales und den Polizeidirektor in der ersten
Sitzreihe der Zuhörer. Hier hatte sich jemand durch viel Dreck und Blut, durch
sehr unsolide und ungeordnete Verhältnisse unter Türken, Mohren und Heiden aller
Schattierungen wacker durchgeschlagen und brachte aus der grimmigsten Sklaverei,
der heillosesten Erniedrigung einen solchen Hauch der Freiheit in diese so
rationell geordnete Gewöhnlichkeit mit, dass das philisterhafteste Selbstgefühl
darob mit bangem Ekel und Überdruss und bei den edleren Naturen mit einem dunkeln
Schmerz in Widerstreit geriet. Manch einem ward es wie einem Kranken zumute, der
auf seinen heissen Kissen vom blauen Meer und einem Segel in weiter Ferne träumt;
es füllte sich mehr als ein Paar jugendlicher Augen mit Tränen, und verschiedene
glatzköpfige Assessoren und zahlenerdrückte Rendanten nahmen sich fest vor, bei
der nächsten Begegnung mit dem Vorgesetzten diesen zuerst grüssen zu lassen. Was
den Vetter Wassertreter anbelangte, so befand sich derselbe in einem Zustande
der Entzückung, welcher sich kaum beschreiben lässt. Sein Leonhard übertraf seine
schönsten, aber auch boshaftesten, heimtückischsten, frevelhaftesten
Erwartungen. Er wurde gross und wurde klein, er atmete schnell und erstickte fast
vor einem Vergnügen, welches ihm sicherlich keinen Anspruch auch auf die
allerunterste Klasse des Landesordens für verdiente Zivilbeamte gab.
    »Recht so, recht so, mein Sohn!« murmelte er. »Herunter mit dem Immergrün
unserer Gefühle von dem alten Gemäuer! Nieder mit dem Efeu! Zeige dem Pack, wie
das Ding ohne das grüne Behängsel aussieht! O welche Narren, welche grasgrüne
Narren waren wir, als wir jung waren! Wahrhaftig, der einzige Trost, der einem
bleibt, ist, dass man nichts dafür konnte und die himmelblaue Affenjacke trug,
wie sie einem angemessen worden war!«
    Der Ritter von Bumsdorf hatte seine liebe Not mit dem Vetter und behauptete
später, es sei eine Kleinigkeit, einen Aal am Schwanz zu halten, aber zwanzig
Aale solle der Teufel regieren; denn so etwas könne nicht verlangt werden von
einem Manne und Familienvater, der sich selber schwach und matt genug fühle und
erst am Nachmittag von seinem einzigen Sohn so infam in die Presse genommen
worden sei!
    Es kann natürlich auch von uns nicht verlangt werden, dass wir den ganzen
Vortrag hier abdrucken, sowenig als wir eine Photographie des Vortragenden
beilegen werden: doch geben wir an dieser Stelle ein Bruchstück des Schlusses,
welches uns dann zu einer Katastrophe führt, die niemand voraussehen konnte,
weder der Redner selbst noch seine Freunde und merkwürdigerweise auch der Herr
Polizeidirektor nicht.
    Mit dem gefälligsten Lächeln sich von dem soeben wieder angeführten Herrn
ab- und von neuem an sein Gesamtpublikum wendend, sprach Hagebucher folgendes,
indem er sich aus den realistischen Einzelheiten seiner afrikanischen
Erfahrungen zu einer letzten allgemeinen Betrachtung erhob:
    »Ich habe Ihnen manches erzählt, meine Herrschaften, was mir erst während
des Erzählens in den Sinn kam; ich habe Ihnen einen grimmigen Ernst in einem so
heitern Licht gezeigt, wie mir nur irgend möglich war, und hoffe Sie nicht
allzusehr gelangweilt zu haben. Es ist etwas Gewaltiges um den Gegensatz der
Welt, und die zweiundneunzigste Nacht der arabischen Märchen weiss davon zu
berichten. Wenn der König von Serendib auf seinem weissen Elefanten ausreitet, so
ruft der vor ihm sitzende Hofmarschall von Zeit zu Zeit mit lauter Stimme: Dies
ist der grosse Monarch, der mächtige und furchtbare Sultan von Indien, welcher
grösser ist, als der grosse Salomo und der grosse Maharadscha waren! - Worauf der
hinter Seiner Majestät hockende erste Kammerherr ruft: Dieser so grosse und
mächtige Monarch muss sterben, muss sterben, muss sterben! - Und der Chor des
Volkes antwortet: Gelobt sei der, der da lebt und nie stirbt! Meine
hochverehrten Herrschaften, es ist niemand auf Erden, wes Standes und
Geschlechts er auch sein möge, den diese drei Rufe nicht fort und fort auf
seinem Wege von der Wiege bis zur Grube umtönen. Wohl dem, der seines
Menschentums Kraft Macht und Herrlichkeit kennt und fühlt durch alle Adern und
Fibern des Leibes und der Seele! Wohl dem, der stark genug ist sich nicht zu
überheben, und ruhig genug, um zu jeder Stunde dem Nichts in die leeren
Augenhöhlen blicken zu können! Wohl dem vor allen, dem jener letzte Ruf überall
und immer der erste ist, welchem der ungeheure Lobgesang der Schöpfung an keiner
Stelle und zu keiner Stunde ein sinnloses oder gar widerliches Rauschen ist und
der aus jeder Not und jeder Verdunkelung die Hand aufrecken kann mit dem Schrei:
Ich lebe, denn das Ganze lebt über mir und um mich! - Meine Damen und Herren, es
ist etwas sehr Schönes und unter Umständen recht Angenehmes um den Gegensatz -
war es nicht die Lust am Kontrast, welche Sie alle bewog, mir heute abend so
zahlreich in diesem Saale Ihre Gegenwart zu schenken? Sie sprachen zueinander
oder zu sich selbst: Hier ist ein Mensch zu uns gekommen der zwölf Jahre bei den
Unterirdischen wohnte, während wir ohne Unterbrechung im Licht des fröhlichen
Äters unser Dasein weiterspinnen durften. Jener wird drollige, seltsame Dinge
zu erzählen wissen; hören wir seine Mémoires d'outre-tombe, machen wir uns den
Spass, dieses Irrlicht, diesen Spuk auf dem Grabe seiner eigenen Existenz tanzen
zu sehen! - Meine Hochzuverehrenden, das Gespenst hat getanzt, und Sie vernahmen
den Anfang dessen, was es Ihnen gern mitteilen möchte. Sie waren viele Wachende
gegen einen Träumenden, viele Sehende gegen einen Geblendeten: ich aber habe
jetzt nur den einen Wunsch, dass Sie alle Ihre Rechnung - -«
    Die beiden Wachskerzen gerieten ins Schwanken auf dem schwankenden
Tischchen; in dem Augenblick, als der Vetter Wassertreter seinen Leonhard
glücklich aus allen Gefahren, Tiefen, Untiefen, Brandungen und Wirbeln des
Abends an das Land gerettet glaubte, jagte dieser ihm einen Schrecken ein,
welcher über alle seine vieljährigen Nippenburger Erfahrungen ging.
    Der Redner stockte im besten Flusse seiner Rede und starrte in den Saal, als
tauche nunmehr ihm selbst in den Reihen seiner Zuhörer ein Gespenst auf, ein
Geist, welchen er in diesem Augenblicke nicht gerufen hatte.
    Und so war es auch! Und die ganze Versammlung merkte so gut wie der
Geisterseher selbst, dass sich ein unerwarteter Gast in ihre Mitte gedrängt habe,
obgleich sie ihn nicht wie jener erblickte oder, wenn sie ihn auffand, ihn doch
nicht erkannte.
    Ganz im Hintergrunde des Saales, aber bloss von einer Gasflamme beleuchtet,
erhob sich über die hübschen Gesichtchen der beiden Töchter des Postrats
Zwirnemann ein anderes Gesicht, bärtig, sonnverbrannt und gefurcht und zerfetzt,
als ob eine Tigerkatze mit ausgespreizter Kralle hineingeschlagen habe.
    Der Herr van der Mook!... Wenn der wilde, zerzauste Fremdling vorgesprungen
und mit einem Satz und dem schönsten Gruss von Abu Telfan und der Madam Kulla
Gulla dem Redner an den Hals geflogen wäre, so würde das diesen nicht so sehr
aus dem Konzept gebracht haben als die ziemlich entgegengesetzte Art, in welcher
er seine Freude am Wiedersehen und Wiedererkennen kundgab. Der Herr van der Mook
legte den Zeigefinger der linken Hand bittend auf den Mund und schüttelte
drohend die rechte Faust gegen den erstarrten Hagebucher die Vorlesung war
unbedingt zu Ende, und der Pulsschlag des Vetters Wassertreter stockte wie das
Wort des Redners.
    Noch einmal versuchte der letztere seinen Faden wiederzufinden; aber er gab
es schnell auf und schloss mit der konfus und undeutlich hervorgestotterten
Versicherung, dass er in acht Tagen, wenn das Schicksal es erlaube, da fortfahren
werde, wo er jetzt endige. Das Schicksal, soweit es sich an dem heutigen Abend
durch den Polizeidirektor Betzendorff vertreten liess, lächelte fein und
verbindlich; es pflegt das bekanntlich häufig so zu machen, auch in Fällen, wo
seine Schlussentscheidung noch lange nicht feststeht.
    Folgte das Getümmel des Aufbruchs und riss alle in dem gewöhnlichen
ungemütlichen Durcheinander aus dem Saale fort, die bleiche, erregte Nikola
unter dem Schutze der Mutter, des Gatten und des Herrn von Betzendorff. Mit den
verschiedenartigsten Gefühlen drängten sich die Freunde um den verwirrten,
schwitzenden, betäubten Redner, der nicht ein Wort von dem, was sie ihm zu
bemerken hatten, verstand.
    »Van der Mook, van der Mook!« murmelte er, sich gegen die Türe drängend;
aber der Befreier war verschwunden, und Täubrich-Pascha, der Wächter an der
Türe, hatte nur gehorcht, aber nicht gesehen. Der spukhafte Finger und die
gespenstische Faust duldeten keine zu laute und zu sehr das Aufsehen der
Menschen erregende Nachforschungen; es blieb dem fiebernden Mann aus dem
Tumurkielande nichts anderes übrig, als sich den Freunden wieder anzuschliessen
und eine sehr zerstreute und geistesabwesende Hauptperson bei dem feierlichen
Mahl zu sein, welches der Professor Reihenschlager oder vielmehr des Professors
Tochter ihm, dem Vetter Wassertreter und dem Ritter von Bumsdorf hatte bereiten
lassen.
 
                              Neunzehntes Kapitel
Es war ein braves Essen und machte dem Charakter der kleinen, wackern Serena
alle Ehre. Der Wein des Professors war recht zu loben; wäre nur auch die
Gemütsverfassung der Schmausenden zu loben gewesen. Sie liess alles zu wünschen
übrig: selbst auf die heitere Seele des Vetters Wassertreter drückte allmählich
ein schwarzes Gewölke; der Gastgeber war still und nachdenklich, die Tochter
fast noch stiller und nachdenklicher, und der Ritter von Bumsdorf ass und trank,
aber ohne Genuss. Ein umgekehrter alter Ägypter, hatte er nicht seinen
verstorbenen Grossvater, sondern seinen höchst lebendigen Herrn Sohn sich
gegenüber an der Wand lehnen und liess sich von ihm den guten Humor mit
ebensolcher Berechtigung verderben wie irgendein tebanischer oder memphitischer
Grundbesitzer vor viertausend Jahren den seinigen durch die anrüchigste
Ahnenreihe.
    Wie immer vergnügten sich diejenigen am meisten, die Gewinn und Verlust des
Tages oder der Stunde am wenigsten berechnen konnten. Täubrich-Pascha war fest
überzeugt, dass sein Patron, wie er sich ausdrückte, heute gradso einen grossen
Sieg über die Residenz gewonnen habe als der König Xerxes von Griechenland über
den Kaiser Alexander von Persien. Sievers, der stahlherzige Vasall des Hauses
Bumsdorf, hatte einen Taler von seinem jungen Herrn Hugo empfangen und hielt ihn
im seligsten Bewusstsein fortwährend warm in der linken Hand und in der linken
Tasche seiner gelben ledernen Hose. Beide, der Pascha und der Vasall, sassen in
der Küche des Hauses Reihenschlager, und beide Mägde des Hauses hatten Befehl,
ihnen den Aufentalt drin so angenehm als möglich zu machen. Als die Glocke der
Mitternacht erklang, fand es sich, dass die Zeit in den untern Räumen des Hauses
viel schneller und angenehmer hingegangen war als in den obern, und es bedurfte
längerer und dringender Überredung, um den biedern Knappen zu bewegen, die Rieke
vom rechten Knie freizulassen und seinem Ritter in den Pelz zu helfen.
    Pilz und Schaumlöffel hatten viel von ihren Studentenjahren gesprochen, aber
die besten Schnurren in Anbetracht der Gegenwart des Fräuleins für sich behalten
müssen. Der Herr von Bumsdorf hatte mit dem Fräulein Ökonomie -
Gartenwirtschaft, Milchwirtschaft und Federviehzüchtung - getrieben. Von der
Vorlesung war kaum noch die Rede gewesen, und Leonhard Hagebucher durfte sich
seinen unruhigen Gedanken, dem Gewimmel von Fragezeichen in seiner Seele
ungestört hingeben: jeder der Anwesenden hatte sich vorgenommen, ihm seine
Ansichten über den Abend in einem ruhigen Augenblick ausführlich mitzuteilen;
allein diese stille Minute hatte sich für niemanden gefunden. Es war übrigens
auch besser so.
    Als die Herren aufbrachen, drückte der koptische Professor seinem
Mitarbeiter an der grossen Grammatik die Hand und sprach dumpf:
    »Morgen, lieber Hagebucher!«
    Und Hagebucher antwortete zerstreut:
    »Es wird sich wohl für alles eine Zeit finden! - Fräulein Serena, ich danke
herzlich für die gütige Bewirtung.«
    »O ich habe zu danken!« rief die kluge Tochter des gelehrten Vaters. »Sie
haben uns heute ganz andere Dinge, als in meinem Kochbuche zu finden sind,
zusammengerührt und aufgetragen! Nun, der liebe Gott möge jedem von uns einen
gesunden Schlaf nach der Aufregung verleihen.«
    »Ein guter Wunsch! Wollen Sie einen Kuss dafür, Liebchen?« rief der Vetter
Wassertreter, aber Serena versteckte sich lachend und kopfschüttelnd hinter dem
Papa, und auch der Wegebauinspektor fuhr endlich in seinen Pelz. Man nahm
Abschied; dreimal nahm man Abschied. Zuerst an der Tür des Speisezimmers, sodann
oben und zuletzt unten an der Treppe; an der Haustür aber fasste der Vetter den
Hospes in die Arme, streckte ihm den Kopf über die rechte Schulter und stöhnte:
»O Pilz, dein Keller!«, streckte ihm den Kopf über die linke Schulter und
seufzte: »O Pilz, dein Herz!«, schob ihn sodann von sich, legte ihm beide Hände
auf die Schultern, blickte ihm gerührt in die Augen und stammelte unter einem
langen, langen Kuss:
    »O Pilz, deine Tochter!... Gute Nacht, Pilz!« -
    Es kostete einige Mühe, die beiden alten Herren und den Vasallen im Hotel de
Prusse in ihre Betten zu bringen; aber endlich gelang es wie alles, was man mit
Geduld und Liebe angreift. Gegen ein Uhr wandelten Hagebucher und Täubrich
allein ihrer Behausung in der Kesselstrasse zu - der Pascha betrunken-weinerlich,
Leonhard vollkommen nüchtern, dessenungeachtet aber verwirrt und betäubt wie
kein anderer Bewohner der Residenz in dieser Nacht.
    Je mehr er über das plötzliche Erscheinen und Verschwinden jenes Mannes,
welchem er zu so vielem Dank verpflichtet war, nachdachte, desto unbegreiflicher
erschien es ihm. Hatte er denn wirklich recht gesehen? Hatte er sich nicht
getäuscht? Hatte die Erscheinung wirklich und wahrhaftig Fleisch und Blut, und
war sie nicht bloss ein Spiel der durch das eigene Wort erregten Phantasie, eine
Folge der übermässigen Exaltation des Abends? Die Antwort auf diese Frage blieb
immer dieselbe: der Herr van der Mook war ebenso unvermutet im Saale der
Harmonie erschienen wie einst zu Abu Telfan im Tumurkielande, Königreich
Dar-Fur. In seinen Unterhosen auf dem Rande seines Bettes sitzend, sprach der
Redner, nachdem er dem schlaftrunkenen Pascha die ungeheure Tatsache so klar als
möglich gemacht hatte, ein letztes hohes Wort.
    »Täubrich«, sagte er, »Täubrich, wenn ich morgen früh nicht wieder erwachen
sollte, so geben Sie mir den grössten hölzernen Löffel, den Sie auftreiben
können, als Symbol mit in die Grube, und auf meinen Grabstein lassen Sie
schreiben: Er bekam sein Teil!«
    »O Je-rusalem!« seufzte der Schneider, und seufzend zog Leonhard Hagebucher
die Füsse in die Höhe, sah den Pascha aus der Tür wanken und blies das Licht aus.
Dass der Herr van der Mook ihm jetzt nicht zum zweitenmal erschien, war
gleichfalls als ein beruhigendes Zeichen seines Wandelns unter den Lebendigen zu
nehmen, und dass auch Leonhard am nächsten Morgen noch unter den Lebenden
aufstand, bewies klar, er habe den Löffel doch noch etwas zu voreilig neben die
Schüssel legen wollen.
    Der Morgen kam und brachte durch die Stadtpost ein Billett, welches eine
Karte mit dem Namen van der Mook und die Notiz entielt:
    »Suchen Sie mich nicht, reden Sie nicht von mir; vielleicht werden wir am
    Abend irgendwo zusammentreffen; verlassen Sie also nach acht Uhr Ihre
    Wohnung nicht. Es ist mir recht angenehm gewesen, Sie so schnell und in so
    günstig veränderten Zuständen wiederzufinden. Vielleicht habe ich
    mannigfache Gelegenheit, Ihren guten Willen und Ihre Hülfe in Anspruch zu
    nehmen. Leben Sie wohl.«
Gleich einem Regenguss auf ein dürstendes Saatfeld wirkte dieses Schreiben auf
den afrikanischen Redner. Schnellkräftig erhob er sich aus tiefster moralischer
Zerknickteit, aus kläglichster, katzenjämmerlichster Versunkenheit.
Blitzschnell fuhr er aus dem Bett und in die Kleider; unter seinen Schritten
erdröhnte der Fussboden, und mit unverhohlenem Staunen blickte Täubrich-Pascha
auf die merkwürdige Veränderung in Wesen und Erscheinung seines Patrons und
hätte sich gern das Rezept davon ausgebeten; aber Hagebucher achtete wenig auf
ihn, sondern griff bald nach Hut und Regenschirm, um nach dem Hotel de Prusse zu
eilen und den Vetter Wassertreter sowie den Ritter von Bumsdorf nach Nippenburg
abfahren zu sehen.
    Es war, wenngleich ziemlich warm, doch ein arger Nebel; aber der graue Tag
besass nicht mehr die Macht, niederdrückend auf den Mann vom Mondgebirge zu
wirken. Er schritt weit aus durch die schmutzigen Gassen und kümmerte sich um
nichts. Manche Leute blieben stehen, blickten ihm nach, steckten flüsternd die
Köpfe zusammen oder deuteten gar mit den Fingern auf ihn; er liess sie gewähren
und zog den Kopf nicht mehr zwischen die Schultern. Was ging es ihn an, was man
über ihn dachte und sprach?
    Im Hotel fand er die beiden alten Herren über einem stillen Frühstück; der
Dynast hatte eine offene Brieftasche neben dem Teller liegen, notierte mürrisch
lange verdriessliche Zahlenreihen und verdarb sich den Genuss des Château-la-Rose
durch allerlei Rechenexempel, welche er nicht ein einziges Mal zu seiner
Zufriedenheit löste.
    »Na, gottlob, da ist er endlich!« rief der Vetter. »Das ist mir ein
liebliches Verfahren! Man kommt Seinetwegen, um Ihm eine Ehre anzutun, durch
Sturm, Schnee und Regen vom Ende der Welt, von Nippenburg und Bumsdorf, und hier
sitzt man mit einer Welt von Komplimenten im Sack, wie ein junges Mädel, das auf
einen Heiratsantrag wartet, und kann sie sowenig an den Mann bringen als jenes,
sondern muss eben warten, bis es dem Herrn gefällig ist nachzufragen, wie das
Befinden ist. Hurra, mein Sohn, jetzt stürze dich mit verdoppelter Schnelligkeit
an meinen Busen! Du bist als ein grosser Mann, als ein ungeheurer Mensch, sowohl
was den Charakter als was das Talent anbelangt, aus dem Hinterstübchen des
Vetters Wassertreter hervorgegangen. Küsse mich, mein Kind; noch eine solche
Rede wie die gestrige, und sie werfen dich hier gradesogut vor die Tür wie der
Alte in Bumsdorf! Aber der Schlüssel liegt noch immer unter dem Uhrgehäuse, und
ich brauche wieder nicht mehr zu sagen. O Leonhard, Leonhard, dass ich dieses
noch erleben durfte! Den alten Goete hab ich nur von hinten gesehen, aber dich
kann ich von hinten und von vorn herzen, was fast ein noch grösserer Genuss ist.
Ja, so musste er aussehen, der Mann mit dem vernichtenden Blick, der berufen war,
für einen Gulden Entree die Person, dem deutschen Philistertum den Kopf auf
afrikanische Art zu waschen! O herrje, das Volk hier in der Residenz wird fürs
erste sicher nicht wieder verlangen, dass du ihm spanisch kommst!«
    »Ja, Sie sind ein Sohn, der seinem Vater Freude macht!« sprach der Ritter,
seine Brieftasche mit siebenfältigen Lederriemen verknüpfend und sie mit einem
Seufzer tief in seine Brusttasche versenkend. Erst nachdem der Ausspruch getan
war, erinnerte er sich, dass auch Hagebucher senior sein Glück wohl zu tragen
wisse, blickte etwas verlegen den Redner von unten nach oben an und ergänzte
seinen Stossseufzer durch ein bedeutungsreiches »Ja so!«, welches dem Vetter
Wassertreter zu einem neuen herzerfrischenden Gelächter verhalf. Mit gutem
Appetit liess sich Leonhard am Tische nieder und trug kauend und schlürfend den
ebenfalls mit ungeschwächten Kräften und munterer Behendigkeit von neuem ans
Werk gehenden Alten die besten Grüsse an die Heimat - an den Bumsdorfer Gutshof,
an Frau Klaudine, an Mutter und Schwesterchen und wo möglich auch an den Papa
auf. Um halb zehn Uhr gab s einen gerührten Abschied; Sievers, der Vasall,
welcher in der Hauptstadt an einem fortwährenden leichten Schwindel zu leiden
schien, meldete, die Post werde in einer halben Stunde abgehen; der Oberkellner
brachte die Rechnung und die Nachricht, dass eine Droschke vor der Tür halte. Man
leerte ein letztes Glas, wünschte dabei einander alles Gute und verpflichtete
sich, zu jeder Zeit das Beste voneinander zu denken. Nippenburg und Bumsdorf
schickten auch noch dem Professor und des Professors Töchterlein ihre schönsten
Grüsse, und der Dynast sprach die gediegene Absicht aus, denselben in den
allernächsten Tagen zwei merkwürdig schöne und in betreff der Trichinen über
jeden Verdacht erhabene Schinken sowie einen gleichfalls garantierten Korb voll
frischer Würste folgen zu lassen. Nachdem nun noch Leonhard recht unnötigerweise
seine Verwunderung darüber ausgesprochen hatte, dass der Leutnant nicht auch
erscheine, um dem Erzeuger Lebewohl zu sagen, und nachdem der landbebauende
Greis seine Meinung energisch dahin veröffentlicht hatte, ihm liege nicht das
geringste an dem Schlingel!, fuhr man ab, das heisst, Leonhard sah von der Pforte
des Wirtshauses aus die beiden Alten und den Vasallen abfahren und blickte ihnen
ernst bis zur nächsten Ecke nach. In dem Augenblicke, wo der Vasall vom Bock zum
letztenmal mit dem Hute winkte, fühlte der Afrikaner einen Schlag auf der
Schulter und vernahm dicht neben sich den vergnügten Ruf:
    »Da fahren sie hin! Fort ist er! Hurra! Bumsdorf und Nippenburg für immer!«
    Der Herr Leutnant Hugo von Bumsdorf hatte, im Billardzimmer des Hotels
verborgen, seinen kindlichen Gefühlen allen möglichen Zwang angetan; aber länger
hatte er's nicht getragen. Da stand er jetzt und liess den schönsten, innigsten,
zartesten Regungen seiner Seele freiestes Spiel.
    »Ich sage Ihnen, Hagebucher, das war gestern ein heisser Tag für uns alle
beide, und wenn er Ihnen so schwer wie mir in den Knochen liegt, so werden Sie
heute früh zu Bett gehen und Ihrem Schutzpatron ein recht anständiges Wachslicht
versprechen, wenn er Sie ruhig die Decke über den Kopf ziehen lässt. Ich hatte
mich auf manches eingerichtet und mich für allerlei kleine Verdriesslichkeiten
mit dem nötigen Stoizismus gewappnet; aber, sollten Sie es glauben, schon der
zweite Jude war diesem entarteten Greise zuviel, der dritte machte ihn
vollkommen rabiat, und als nun gar im Laufe der Unterhaltung die Rede auf den
armen Roland kam - Sie kennen das vortreffliche Vieh und wissen Blut und Zucht
zu schätzen, Hagebucher - da - o Hagebucher, ein letzter schöner Rest kindlicher
Pietät verbietet mir das Wort, schweigen wir! Lassen wir still den Mantel über
den Papa Noah fallen, und geniessen wir heiter und unbefangen unsere Jugend; denn
siehe, es wird auch für uns die Zeit kommen, da wir von Bumsdorf herziehen
werden, um die Schulden unserer Söhne zu bezahlen.«
    »Die letztere Vorstellung sollte einen jungen Gesellen wie Sie freilich
reizen, die Gegenwart nach Möglichkeit zu geniessen«, rief Leonhard lachend.
»Einem alten Knaben gleich mir wird ein solcher Gedanke weder am guten noch am
bösen Tage hinderlich oder förderlich werden.«
    Er ärgerte sich aber doch ein wenig, als der Leutnant treuherzig sprach:
    »Da haben Sie recht, Hagebucher.«
    Sie hatten beide Arm in Arm den Torweg des Hotels de Prusse verlassen und
schritten vertraulich nebeneinander durch die Strassen. Jetzt aber zog plötzlich
Herr Hugo von Bumsdorf seinen Arm aus dem des Afrikaners und sagte:
    »Wissen Sie, Hagebucher, wenn mir diese bunte Jacke nicht längst zum Ekel
geworden wäre und wenn es mir irgend darauf ankäme, Karriere zu machen und im
vierzigsten Jahre Hauptmann zweiter Klasse zu werden, so würde ich mich ganz
gehorsamst hüten, mit Ihnen hier so bras dessus, bras dessous am hellen Mittag
vor den Augen der Hauptstadt zu wandeln. Haben Sie eben den Blick des Geheimen
Kriegsrats Canini bemerkt? Nicht?! Nun, um so besser für die Ruhe Ihrer armen
Seele. Ich sage Ihnen, der Mann gilt etwas, Sie aber gelten nichts; im
Gegenteil, seit dem vorigen Abend gibt es keinen zweiten Menschen, der so tief
in der Achtung und Neigung der dirigierenden Kreise steht wie Sie. Bester
Freund, wenn der Staat einmal anfängt, Prämien für das Ausplaudern der Wahrheit
auszusetzen, dann wollen wir Sie wiederrufen; aber bis dahin färben Sie sich
gefälligst selber schwarz und verziehen Sie sich ruhig wieder in das heisseste
Afrika; Sie werden dort unbedingt kühler sitzen als hier bei uns. Fragen Sie nur
meine arme Kusine Nikola; die hat auch gemeint, es sei eine Kleinigkeit und
jedes Menschen angeborenes Recht, ein vergnügter, frischer und ehrlicher Kerl zu
bleiben; aber man hat sie nach Gebühr mit der Rute in die Ecke zurückgefegt, und
sie sitzt jetzt still genug in dieser Ecke. Was sehen Sie mich an? Na, mein
Gutester, ein Unterleutnant, welchem vom Papa der Kopf gewaschen wurde wie mir,
ist zu jeder philosophischen Betrachtung fähig und hat einen anständigen
Überschuss trefflicher Lehren und Warnungen an gute Freunde abzugeben Guten
Morgen!«
    »Guten Morgen!« sprach Hagebucher und blickte dem seitwärts abtänzelnden
jungen Krieger längere Zeit nach; aber der Gedanke an den Tag der Erlösung aus
den Banden von Abu Telfan, der Gedanke an den Herrn Kornelius van der Mook
überwog alles andere, und festen Schrittes erreichte er die Kesselstrasse.
    Vor der Tür seines Hauses stand Täubrich-Pascha mit schlaff herabhängenden
Armen und kläglichst verzogenen Lippen, und neben ihm stand ein gut
uniformierter wohlgefütterter Bote der Tochter des Erebus und der Nacht, welche
die einen Adrastea, die andern Nemesis und wieder andere anders nennen. Dieser
Gesendete der Göttin des Masses, des Einhalts und der Vergeltung liess nichts
herabhängen, sondern überreichte dem herantretenden Afrikaner ein umfangreiches,
grossversiegeltes Schreiben der hochlöblichen Polizeidirektion. Dieser Bote
lächelte nicht; aber der Herr Polizeidirektor lächelte auf das leutseligste aus
diesem Schreiben, in welchem er sich die Ehre gab, dem wohlgeborenen Herrn
Leonhard Hagebucher P.P. mitzuteilen, dass, wie sehr er - der Herr
Polizeidirektor - vom Nutzen öffentlicher Vorträge, gleich dem am gestrigen
Abend mit hohem Interesse vernommenen, auf die Bildung und Erbauung des
Publikums überzeugt sei, er sich doch nicht der Überzeugung verschliessen könne,
auch hier müsse das Gute dem Bessern, nämlich das Vergnügen des Publikums dem
Wohlergehen desselben weichen. So müsse er - der Herr Polizeidirektor -
gestehen, dass er sich leider mit der Art und Weise, wie der Herr Hagebucher das
Problem, der Gesellschaft Geschichten zu erzählen, auffasse, durchaus nicht im
Einklang befinde, wie denn auch von anderer sehr massgebender Seite unbedingt
dagegen Verwahrung eingelegt worden sei. Mit dem innigsten Bedauern sehe er -
der Herr Polizeidirektor - sich deshalb genötigt, dem verehrten Herrn die
Mitteilung zu machen, dass eine hohe Behörde nach reiflicher Überlegung zu der
Überzeugung gekommen sei, es sei ihre Pflicht, ein ruhiges, aber festes Veto
gegen alle fernern Produktionen dieser Art einzulegen.
    Zum Schluss dieses höflichen und konfidentiellen Amtsschreibens empfahl sich
der Briefschreiber dem Adressaten mit ausgezeichneter Hochachtung und hing zur
letzten Zierde mit einem kunstvollen Schnörkel seinen Taufund Familiennamen
sowie seinen Titel darunter:
                             Johann v Betzendorff,
                          Fürstlicher Polizeidirektor.
Der Pascha seufzte: »O Jerusalem!« Leonhard Hagebucher aber schob den Wisch in
die Tasche, liess durch den Diener der öffentlichen Sicherheit an den Direktor
derselben einen recht schönen Gruss bestellen und stieg nicht in seine Wohnung
hinauf, sondern ging zum Professor Reihenschlager, weniger um sich seinen Rat
und Trost, als um von dem Töchterlein eine Tasse Kaffee zu erbitten.
    Der koptische Gelehrte wusste auch weder Rat noch Trost; er lag moralisch und
körperlich zerschlagen auf seinem Sofa und sprach nur den Wunsch aus, sich aus
dieser verruchten Welt gänzlich zurück in den Bauch der grossen Pyramide ziehen
zu können. Serena, helläugiger als je, wusste dagegen ihrer Heiterkeit kaum
genugzutun. Summend und singend umschritt sie ihre Kaffeemaschine und
behauptete, der Herr Polizeidirektor sei ein Mann ganz nach ihrem Herzen, der
wisse, was sich schicke, und der Papa und der Herr Hagebucher sollten sich von
Rechts wegen schönstens bei ihm bedanken, weil er so schnell solcher »Parade«
ein Ende gemacht habe. Fräulein Serena Reihenschlager ging so weit, zu
behaupten, dass es sich eigentlich für einen gescheiten und ordentlichen Mann gar
nicht schicke, sich so öffentlich zum Narren zu machen.
    »Ich will keinen Namen nennen«, sprach sie, »aber ich kenne Leute, die
sollten ihrem Gott danken, dass niemand sie hindert, sich ihre Meinung über ihrem
hinterindischen Wörterbuch und ihrer türkischen Grammatik unter vier Augen zu
sagen. Es ist immer etwas anderes, ob jemand innerhalb seiner vier Wände sich
auf den Kopf stellt oder ob er auf freiem Markte auf dem Seil tanzt, und das ist
meine Ansicht von der Sache!«
    »Und es ist eine sehr vernünftige Ansicht, Fräulein Serena!« rief Leonhard.
»Ach, in welcher prächtigen Welt lebten wir, wenn die verständigen Leute ihren
guten Rat stets zur rechten Zeit kundgeben würden! Jetzt bitte ich um eine
zweite Tasse Kaffee.«
    »Und mir stopfe meine Pfeife, Kind«, sagte der Professor und wendete sich an
den jungen Hausfreund mit den tragischen Worten: »Es ist die erste heute!«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Um sieben Uhr trat der Afrikaner aus der märchenhaftesten Behaglichkeit in den
sehr unfreundlichen dunkeln Abend hinaus. Unter dem dreifach beruhigenden
Einfluss des Töchterleins, der Pfeife und des koptischen Wörterbuchs hatte der
Professor fest, aufrecht, aber gemächlich, wie es dem Mann und dem Gelehrten
geziemt, in seinem Lehnstuhl Posto gefasst, und Leonhard Hagebucher musste seine
Aufmerksamkeit so sehr zwischen dem Lexikon und der zierlich umherhuschenden
Serena teilen, dass ihm die Stunden bis zum Dunkelwerden schnell und lieblich
vorüberglitten. Mit der Dämmerung freilich kam die Erinnerung an jenen, welcher
draussen vor der Tür wartete, stärker zurück: Leonhard ass nicht bei dem Professor
Reihenschlager zu Nacht, sondern nahm Abschied und sah auf seinem Wege zur
Kesselstrasse häufig über die Schulter nach dem Herrn van der Mook aus und blieb
mehr als einmal stehen, wenn ein Männerschritt in der Dunkelheit hinter ihm
erklang. Der Herr van der Mook trat ihn jedoch weder in der Gasse an, noch
erwartete er ihn an der Haustür; aber in dem Augenblick, als der Mann aus Abu
Telfan den Schlüssel im Schloss seiner Stubentür umdrehte, erschien Täubrich auf
der Schwelle seines Gemaches, winkte und flüsterte:
    »Sidi, ich habe einen Gast, der Sie länger als eine Stunde bei mir
erwartet.«
    Mit einem Sprung stand Leonhard in der Dachkammer des träumenden Schneiders,
allein er fand sich wiederum nicht dem Herrn van der Mook, sondern einem
gänzlich unbekannten, ältern Herrn von militärischem Aussehen gegenüber.
    Eine trübe Lampe brannte auf dem Tische und verbreitete eine kaum
ausreichende Helle durch das Gemach. Neben dem Tische sass der Gast des Paschas
auf dem einzigen Stuhle des Paschas, erhob sich jedoch sogleich beim Eintritt
Hagebuchers, machte eine kurze Verbeugung und sprach mit einer harten Stimme:
    »Mein Name ist Kind - pensionierter Leutnant der Strafkompanie zu
Wallenburg. Ich komme im Auftrage eines von Ihnen gekannten Mannes, des Herrn
van der Mook. Derselbe befindet sich augenblicklich in meiner Behausung ein
wenig unpässlich und bittet Sie durch mich, Herr Hagebucher, ihm am heutigen
Abend noch die Ehre Ihrer Gesellschaft zu schenken. Ich würde mich zu Ihrer
Verfügung stellen und Sie sogleich zu ihm führen.«
    Der Mann hatte etwas absonderlich Rostiges an sich, und die Anrede war nur
mit einem Stück brüchigen Eisen, welches einem vor die Füsse geworfen wird, zu
vergleichen; doch in atemloser Aufregung erklärte sich Leonhard auf der Stelle
bereit, dem Rufe seines Befreiers Folge zu leisten, und lieh seinen
überströmenden Gefühlen mehr Worte, als es sonst seine Art und Gewohnheit war.
    »Es ist gut, gehen wir!« sagte der Leutnant, drückte den Hut auf den Kopf,
nahm den Stock unter den Arm, schritt mit einer zum Folgen einladenden
Handbewegung aus der Tür, kommandierte auf dem Vorplatze: »Licht!« und liess den
ängstlich vorschnellenden Schneider, der sich in seiner Gesellschaft keineswegs
wohl gefühlt zu haben schien, mit der Lampe voraus treppab leuchten. In der
Gasse deutete er zur Rechten, kommandierte den Pascha in das Haus zurück und
schritt weiter wie ein Mann, der die Kunst, jemanden abzuholen, auf ihr
allereinfachstes Prinzip zurückzuführen wünscht.
    Vergebens versuchte Leonhard es noch einige Male, den schweigsamen Mann in
ein Gespräch zu ziehen; der Leutnant liess sich auf nichts ein und antwortete auf
jede Frage:
    »Ich bin in dieser Hinsicht nicht beauftragt und kann Sie nur an den Herrn
van der Mook selbst verweisen.«
    Auch seine Schritte beschleunigte er nicht der Ungeduld des Afrikaners
gemäss. Im ruhigen Marschtempo führte er den Begleiter einen weiten Weg quer
durch die Stadt bis zu den Teichen, von welchen aus die Residenz in Feuersgefahr
mit dem nötigen Wasser versehen wurde. Hier in einer ziemlich unangebauten und
verrufenen Gegend stand zwischen halb verwüsteten Gärten, Lehmgruben,
Schuttaufen, Zimmerplätzen das öde, kahle, ungetünchte und unbemalte Haus, in
welchem der Exleutnant der Strafkompanie wohnte; und nur ein Mann wie er konnte
hier seinen Aufentalt nicht ungern nehmen.
    Eine steile, neue, aber doch gebrechliche Treppe führte der Bote des Herrn
van der Mook seinen Begleiter hinauf und riet ihm, sich links zu halten; denn es
fehle der »Bequemlichkeit« rechts ein Geländer und es sei bereits ein junges,
unvorsichtiges Mädchen hier zwei Stockwerke tief hinuntergestürzt und habe das
Rückgrat gebrochen.
    Auf dem dritten Absatz sprach der Leutnant Kind: »Hier!«, ergriff die Hand
Hagebuchers und leitete ihn durch die tiefste Finsternis zu einer Tür, welche
er, ohne anzuklopfen, öffnete. Ein schlecht erhelltes Zimmer, welches in keinem
Stücke sich mit dem Gesamteindrucke des Hauses in Widerspruch setzte, einige
schlechte Gerätschaften, ein eisernes Feldbett, über welchem ein Offiziersdegen
an der Wand hing! Auf dem Bette die Gestalt eines Mannes, der sich in seinen
Kleidern darauf hingeworfen hatte! Der Herr van der Mook!
    »Da sind Sie endlich!« rief Leonhard Hagebucher. »Gelobt seien alle Mächte,
an welche Sie glauben!«
    Er beugte sich nieder, und der Liegende richtete sich halb empor und reichte
dem Manne aus dem Tumurkielande eine heisse Hand zum kräftigen Druck.
    »Wie ein Mädchen nach dem Bräutigam, so habe ich mich nach Ihnen gesehnt,
van der Mook. Jetzt habe ich Sie endlich, und Sie sollen mir diesmal nicht so
entgehen wie damals in Chartum! Und Sie sind also doch ein Deutscher?! Wahrlich,
es war nicht recht, erst einem armen Teufel einen so grossen Dienst zu leisten
und sich sodann schroff und grob wie jeder andere Deus ex machina von neuem in
die Wolke zu hüllen.«
    »Habe ich Ihnen einen Dienst geleistet? Glauben Sie heute, in dieser Stunde
wirklich noch, mir für meinen zufälligen Besuch der Hütten von Abu Telfan
dankbar sein zu müssen?« fragte Herr van der Mook mit einem wilden Lachen. »Ja,
dann war es in der Tat unrecht, dass ich mir nicht als Erlöser und Befreier von
Ihnen die Hand küssen liess; dann bitte ich dafür demütigst um Verzeihung und
werde Ihnen alle nur mögliche Genugtuung für meine früheren Unterlassungssünden
geben. So habe ich Ihnen wirklich einen Gefallen getan, als ich Sie jener
schwarzen Hexe abkaufte? So haben Sie mich nicht seitdem tausendmal in den
tiefsten Abgrund für mein zudringliches Eingreifen in Ihr Geschick verwünscht?
Sie segneten mich, während ich mir häufig in stillen Stunden Gewissensbisse
wegen meiner Handlung machte; das ist wunderlich, sehr wunderlich, und ich
könnte fast Ihnen nun meinen Glückwunsch abstatten, wenn es mir nicht immer noch
unglaublich erschiene.«
    Leonhard Hagebucher hatte einen Stuhl an das Lager des so bitter redenden
Mannes gezogen und sagte jetzt merkwürdig ruhig:
    »Lieber Herr, als Sie mich zu Abu Telfan fanden, lag ich als ein
Blödsinniger auf Ihrem Wege. Damals brachte Sie der Zufall zu mir, und mit dem
letzten Hauch meiner Kräfte rief ich Sie an, als Sie über mich wegtraten. Durch
Ihre Hülfe wurde ich gerettet und habe, mit grosser Mühe freilich, die
Bruchstücke meiner europäischen Existenz wieder aneinandergekittet; was ist das
nun heute? Haben wir die Rollen jetzt vollständig getauscht? Es ist kein Zufall
mehr, was uns in diesem Augenblick abermals zusammenführt; Sie sind krank und
rufen mich, wie ich Sie damals rief. Lassen wir also alle weitern Erörterungen
des Vergangenen: hier bin ich, Mann, was soll ich für Sie tun? Was kann ich tun,
um Sie aus Ihren Ketten zu befreien? Sie verleugneten mir früher Ihre
Nationalität; werfen Sie jetzt alle Verkleidungen weg; wir wollen einander klar
in die Augen sehen, und ich denke, wir haben beide eine Schule hinter uns,
welche uns vor aller Verirrung in die Phrase schützt.«
    »Ei, ei, Kamerad, wie besonnen!« rief der Herr van der Mook, sich jetzt ganz
von seinem Lager erhebend. »Aber Sie wissen doch nicht, wie sehr Sie recht
haben. Geben Sie mir noch einmal Ihre Hand; da, ich grüsse Sie herzlich, und
daheim im Tumurkielande wird alles wohl sein, und die alten Freunde und
Bekannten werden in alter Liebe Ihrer gedenken. Nun, vielleicht findet sich doch
noch eine Zeit für diese gemütlichen Erinnerungen; jetzt aber, ohne Phrase, wie
Sie trefflich bemerken, o Leonhard Hagebucher, ich habe Sie nötig, und deshalb
rief ich Sie. Sie sollen erfahren, wer ich bin und wer ich war; aber es gehört
mehr dazu, als Sie sich augenblicklich träumen lassen. Reden Sie jetzt,
Leutnant.«
    Der Leutnant Kind hatte bis zu diesem Moment mit untergeschlagenen Armen am
Tische gelehnt und nicht durch eine einzige Bewegung oder Muskelzuckung
angedeutet, dass das Gespräch zwischen den beiden andern Männern auch für ihn
einen Sinn habe. Nun schüttelte er sich ein wenig und sprach gegen die Wand oder
vielmehr, als ob er seine Erzählung an den Degen über dem eisernen Feldbett
richte.
    »Um von mir anzufangen, Herr Hagebucher, so bin ich gewöhnlicher Leute Kind
aus einem Kleinbürgerhause in hiesiger Stadt und habe keine gelehrte oder auch
nur ausreichende Erziehung genossen. Ich bin ein Friedenssoldat gewesen und habe
nur einmal in meinem Leben Feuer im Ernst kommandiert. Fürs Militärwesen hatte
ich eine Vorliebe, weil es ein pünktlicher und ordentlicher Stand ist und man
sich drin reinlich und nach der Uhr halten muss und weil es keinen andern Stand
gibt, in welchem man seine Pflicht und Schuldigkeit so weit und klar
vorauskennt. Bin also Soldat geworden nach meiner Natur, und wenn ich kein
kluger und gelehrter Mann war, so konnte ich doch lesen, schreiben, rechnen und
nach den Kriegsartikeln stillstehen oder marschieren: damit brachte ich es im
Verlaufe der Zeit und, wie gesagt, durch angeborene Ordentlichkeit,
Pünktlichkeit und Adrettité zum Feldwebel. Dafür passte ich, und weiter ist mein
Wunsch nicht geflogen. Als Feldwebel nahm ich eine Frau und weiss heute noch
nicht, wie ich dazu kam, einen andern Menschen so liebzuhaben, denn im Grunde
bin ich leider Gottes ein harter Mann, das weiss ich, und habe wenig Freude am
Leben, und das ist auch meine Natur. Ich liebte aber mein Weib, wie mir selbst
zum Trotz, und sie musste es wohl zuletzt merken, wie lieb sie mir war, obgleich
es sicher schwer zu merken gewesen ist; sie war eine gute Frau, wie die meisten,
welche man anständig behandelt. Jetzt ist sie tot, und mein Kind ist auch tot;
ich aber weiss nicht, ob das mir recht ist oder ob es mir doch noch das Herz
abfressen wird. Ich habe mich wenigstens auf das letztere mit bester Fasson
eingerichtet, und so mag es kommen, wie es will. Mein Kind hatte ich auch lieb,
und als es noch ganz klein war und auf meinem Schoss sass, da hab ich auch wohl
Stunden gehabt, in welchen ich die Welt ebenso rosenrot und golden sah wie die
andern Leute, welche der Herrgott nicht so aus Holz und Leder machte wie den
Feldwebel Kind. Ein Junge hätte wohl besser zu mir gepasst, allein ich nahm auch
das Mädchen dankbar hin, und ein schönes Mädchen ist's geworden, viel zu schön
und fein für unsereinen. - Was ist der Mensch, wenn er sich nicht etwas Rechtes
zu sein dünket in allen Stücken, wenn er nicht das Geringste verrichtet, als ob
er die allergrösseste Ehre damit einlegen müsse? Ein armseliger Tropf ist und
bleibt er, und ob ich gleich nur ein Friedenssoldat gewesen bin, so hab ich doch
so was mein ganzes Leben lang nicht an mich herankommen lassen. Keiner hat mir
was vorwerfen dürfen. Wenn der Mensch einmal seiner Natur nach ein Militär ist,
dann soll er seine Ehre so blank halten wie seine Knöpfe mit dem Wappen seines
Landesherrn, und kein Stäubchen soll er dulden, sowenig auf seiner Renommee als
auf seiner Uniform. Es schickt sich nicht, ein Lump zu sein, und was sich nicht
schickt, das mag Gott nicht in der Welt und der Oberst nicht im Regiment leiden.
Glaubt's, ihr Herren, es muss hinaus, wie es sich auch sperrt und wehrt - alles
zu seiner Stunde, mag ihm längere oder kürzere Frist gegönnt sein. Stand also
mit dem Herrn Baron von Glimmern in einer Kompanie in der wilden Zeit des
Prinzen Reinald, und dem Baron hatte ich es zu verdanken, dass ich das Portepee
und den Posten als Leutnant der Strafkompanie zu Wallenburg bekam, einen bösen
Posten, den man eben nur an Leute unserer Art vergibt und der mir eben wie eine
Kette mit eiserner Kugel an den Fuss gelegt wurde, obgleich er meiner Frau eine
Seligkeit war, denn sie wuchs um einen Fuss über alle ihre Gevatterinnen hinaus.
's ist aber nicht ihr und mir, sondern unserer Tochter halber geschehen, dass man
uns so über unsern Stand erhöhte; der Herr Oberleutnant von Glimmern hatte sie
in meinem Quartier, wo er sich gern und häufig in dienstlichen Angelegenheiten
zu schaffen machte, kennengelernt, und es war ein reinliches, sauberes, hübsches
Frauenzimmer, das steht fest; war aber bereits fest genug versprochen und hatte
ihren Schatz lieb. Der Soldat soll nicht rechts und nicht links gaffen, sondern
gradaus sehen, das hat sein Gutes für den Dienst, kann aber für den Menschen
allerdings Unbequemlichkeiten mit sich bringen, und für mich brachte es diesmal
das Allerschlimmste. Des Mädchens Bräutigam ist ein stattlicher, ehrlicher
Bursch gewesen, ein Schreiber bei dem Gerichtsrat Fehleisen, hat alle Aussicht
auf eine gute Versorgung gehabt und wäre auch wohl vom Militärdienst frei zu
machen gewesen, wenn das in meinen Kopf gepasst hätte, allein es passte nicht. Ich
setzte ihn auf, meinen eigensinnigen Kopf, und verlangte, der Adolf solle seine
Zeit dienen so gut als jeder andere; denn es war meine Meinung, es könne
eigentlich niemand ein ordentlicher Hausherr oder Hausvater sein, ohne vorher in
Reih und Glied gestanden zu haben; und dass ich meinen Willen bekam, verstand
sich von selber. Zur richtigen Zeit wurde der junge Mensch eingestellt; um die
bösen Gesichter zu Hause kümmerte ich mich wenig, und in der Kompanie ging es,
wie es sich gehörte, so dass der Junge mir von Tag zu Tage mehr ans Herz wuchs.
Wir, das heisst der Herr Leutnant Fehleisen und ich, hatten ihn noch ein Halbjahr
hier in der Residenz in der Zucht; dann kam meine Versetzung nach Wallenburg,
und weil ich nun meinen Kopf in betreff des Adolfs aufgesetzt hatte, so setzte
jetzt meine Frau ihren in betreff des Mädchens auf. Da bin ich zum erstenmal in
meinem Leben schwach und ein erbarmungswürdiger Narr gewesen; wir zogen ab, ich
mit meinem Portepee und meine Frau mit sehr hoher Nase, und liessen das Kind hier
zurück, und ich glaube, wenn meinem Weib die Hand, welche sie dem Mädchen zum
Abschied gab, vom Arm gefallen wäre, sie hätte es nicht für eine üble
Vorbedeutung genommen.
    Die Herren kennen Wallenburg. Vor Anno dreizehn war das Ding eine Festung
mit Wällen und Gräben, Vorwerken und bedeckten Wegen, kurz, allem Zubehör; davon
sind heute nur ein paar Hügel und Wasserlachen und das Landeszuchtaus samt der
Station der Strafkompanie übriggeblieben. Wer es wollte, konnte es sich in dem
Nest ganz gemütlich machen, und also tat ich mit meiner Alten und meinen wilden
Kerlen. Es war nämlich ein Dienst, der seine Meriten hat für einen, so sich mit
Liebe an ihn hingibt, und weicher wird man nicht durch denselbigen. So wurde ich
das Kind eher aus den Gedanken los, als sich schickte, bildete mir etwas ein auf
meine Disziplin und nannte das, was andere anders nennen mochten,
Pflichterfüllung. Ja, ich habe meine Pflicht erfüllt, nur meine Pflicht, nichts
als meine Pflicht; kann s kurz machen mit meinem Rapport, Herr Hagebucher. Acht
Monate, nachdem ich meinen Posten angetreten hatte, grad als die Engländer,
Türken und Franzosen ihren grossen Krieg gegen den Russen anfingen, haben sie mir
den Adolf dienstlich zugeführt: wegen Insubordination, stand im Zettel, und ich
war natürlich wie ein wildes Tier, habe dem Jungen entgegengeflucht wie ein
rechter Kannibale und ihm ins Gesicht zugeschworen, nie solle ein solcher
Halunke, der seinem Stande, seiner Ehre und seinem Namen so grosse Schande antun
könne, mein, des Leutnants Kind, Tochtermann werden. Das hat mich wohl
gewundert, wie kalt er's nahm, allein ich schob's nur auf die unmenschliche
sittliche Verderbteit; denn der früher so alerte und helläugige Junge war wie
ein Stück Stein, wie ein Klotz, sagte, es sei gut, alles sei ihm schon recht,
und das Totschiessen wär ihm 's liebste. Hätt ich oder mein Weib den
unglückseligen Tropf nur zu behandeln gewusst, so wär wohl noch alles gutzumachen
gewesen, aber zwei Gänse können nicht dümmer sein, als wir zwei Alte waren. Ja,
nachher, als wir uns die Haare zu raufen hatten, sind wir klug genug gewesen;
denn was hat der Narr gemeint? Geglaubt hat er, es sei ein abgekartet,
niederträchtig Spiel gewesen mit der Leutnantsschaft zu Wallenburg und dem
Abzuge aus der Residenz; geglaubt hat er, der Feldwebel Kind habe seine Seele
und seiner Tochter Leib für ein Paar Epauletten an den Satan verkauft. Pfui
Teufel, Teufel! Sehet, ihr Herren, da hängt der Degen mit der silbernen Troddel
über meinem Bett, und ich sage euch, wer an der Schlafsucht leidet, der mag sich
unter das Wahrzeichen legen und von dem träumen, was ich noch zu rapportieren
habe. Sind also der Adolf und ich einander gegenübergestanden, und hat jeder auf
den andern mit den Zähnen geknirscht und ihn zwischen den Zähnen eine Kanaille
geheissen, bis zum nächsten durchlauchtigsten Namenstage. Der Herr van der Mook
kennt die Gewohnheit und Sitte; dem Herrn Hagebucher will ich sie sagen. An
diesem durchlauchtigsten Namenstag wird nämlich immer dieser oder jener von den
in die Strafkompanie Eingestellten, so es nicht zu arg machte, wieder in Gnaden
gesetzt, und so auch das Mal. Kommt also der Herr Baron von Glimmern als
Adjutant mit Extrapost aus der Hauptstadt nach Wallenburg, die Liste zu
verlesen, und steigt natürlich in meinem Quartier ab. Wir frühstücken
miteinander, und meine Alte weiss nicht wohin aus Seligkeit über die Ehre; und
der Herr Baron sind affabel und heiter genug, bringen Grüsse von unserm Kinde und
diskurrieren aufs freundschaftlichste von allem, was der Tag gibt. Nachher
rücken wir aus in den Hof der Kaserne, blank und propre, und ich denke auch, es
ist mein Ehrentag und ich kann Ehre mit allem einlegen, ausser meinem
Familienunglück, dem verbissenen, dummtrotzigen Adolf. Gut, da steht der
Adjutant in Gala vor der Front, meine Kerle stehen wie die Bilder, und jeder
meiner Unteroffiziere hat nach dem Reglement die Kugel im Lauf. Der Tambour
schlägt seinen Wirbel, der Herr von Glimmern sagt, was unter diesen Umständen
immer gesagt wird, entfaltet sein Schreiben, liest seine Namen, und der
feierliche Moment soll mit einem dreimaligen Vivat auf den allergnädigsten
Landesherrn, welches der Adjutant auszubringen hat, zu Ende kommen. Das ist
geschehen; - ich kommandiere: Präsentiert 's Gewehr!, der Tambour wirbelt zum
zweitenmal, und die Kompanie schreit dreimal hurra, alles nach dem Reglement.
Das Reglementswidrige kam erst nach dem dritten Ruf; denn da ist der Adolf aus
dem Glied vorgesprungen, hat auch scharf geladen gehabt, legt auf den Herrn
Baron an und drückt ab. Der Knall ist in jedem Ohr wie ein Erdbeben; der
Adjutant greift nach der Brust, taumelt und überschlägt sich auf dem Boden; der
Adolf ist aber auf ihn los wie eine Bestie mit dem Bajonett. Was tut der Mensch,
wenn er in solchem Augenblick nicht hört und sieht? Weiss es nicht! Der Leutnant
der Strafkompanie kommandierte: Feuer!, zwei Korporale drücken ab, dass auch der
Adolf seinen Sprung in die Luft tut und sich rückwärts in seinem Blute
überkugelt, und das war wieder nach dem Reglement, Herr Hagebucher. Ich habe
nachher Zeit genug gehabt, darüber nachzudenken; es war ganz nach den
Kriegsartikeln, und niemand hätte seiner Pflicht und Schuldigkeit besser
nachkommen können als ich damals.«
    »Es ist furchtbar, furchtbar!« rief Leonhard tief erschüttert. »Aber noch
schlimmer fast ist der Ton, in welchem Sie das alles erzählen!«
    »O nein«, sagte der Leutnant kopfschüttelnd, »der Ton ist ganz richtig; wo
soll ich einen andern dazu herkriegen? Auch das Schlimmste kommt eigentlich noch
nach. Der Adolf war tot, so tot, wie es ihm nur sein ärgster Feind oder sein
bester Freund wünschen mochte; den Herrn von Glimmern aber hub man wieder auf
vom Boden, und es fand sich, dass ihn eine Wendung des Körpers oder die
Vergoldung der Uniform oder sonst so etwas besser vor einem solchen Mordanfall
und vorzeitigen Ende geschützt hatte als sein Gewissen, sein Herz und seine
Ehre. Natürlich wurde ein Gericht über die Sache zusammenberufen und -«
    »Lassen Sie mir jetzt die Fortsetzung und was sonst noch zu sagen und zu
erklären sein wird«, sprach der Herr van der Mook und wendete sich von seinem
Lager an Leonhard Hagebucher: »Ich bin sehr beteiligt, und mein Vater ist als
Rechtsbeistand zugezogen worden.«
    Der Afrikaner griff mit bebender Hand nach der Lehne seines Stuhles:
    »O Frau Klaudine!«
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Der wilde Jäger, der, um Affen und junge Meerkatzen einzuhandeln, nach Abu
Telfan gekommen war und sich damals Kornelius van der Mook nannte, sass jetzt
aufrecht auf dem Feldbett des Leutnants Kind, rieb sich die Stirne, kratzte sich
hinter den Ohren, fuhr durch das wirre Haar und sagte, während Leonhard
Hagebucher ihn nicht mit den zärtlichsten Gefühlen anstarrte:
    »Es würde vergeblich sein, es länger abzuleugnen; ja, Compagno, ich bin der
Sohn jener alten Dame, welche Sie eben nannten, ich bin der Sohn des Rats
Fehleisen, welcher mit über den Leutnant zu Gericht sass. Bleibt ruhig, Kind, Ihr
habt mich gerufen, und hier bin ich, nun habt Ihr mich aber auch zu nehmen, wie
ich bin - etwas insalvaticato, wie wir es in der Lingua franca nennen; etwas
verwaldmenscht, he, Hagebucher? Nun, Herr Leonhard, wie erscheine ich Euch? Das
ist ein Aufsteigen aus dem Boden, behängt mit Wurzeln und Erdklössen, mit Moos
und vermodernden Blättern? Würde es nicht besser sein, wenn wir den Kopf wieder
zurückzögen und von neuem in die Tiefe versänken? Noch steht es bei Euch, in
dieser Nacht schon kann die Bestie verschwinden, wie sie kam: - was ist Ihre
Meinung, Freund Hagebucher?«
    Leonhard nagte kurz atmend an der Oberlippe: Das also war die Hoffnung der
Frau Klaudine? Also davon sangen die Tropfen an dem stillen Mühlrade in dem
zauberhaften Waldfrieden? Wie tückisch-falsch, wie verlogen, verlogen! - Der
Afrikaner sah den Wald um die Mühle, wie er ihn so oft gesehen hatte in zwei
Frühlingen und Sommern, er sah die wilden Rosen den edleren Geschwistern über
den Zaun des kleinen Gartens die Hände reichen, er hörte die Drossel und den
Vogel Fink fern im Gebüsch und sah das feine Haupt der Greisin an dem niedern
Fenster. Er blickte tief in das ruhige Herz der Mutter und vernahm seinen leisen
Schlag: er lebt und wird wiederkommen, und dann erst ist alles gut, und dann
erst sind der wahre Friede und die wahre Schönheit zurückgekehrt!... Verdammt,
da qualmte die Lampe des Leutnants Kind auf dem leeren Tische und stellte die
Welt in das rechte Licht, hier grinste die Wahrheit von den kahlen Wänden, und
die schwarze Winternacht, die in das Fenster sah, die log nicht, und der Degen
des Leutnants über dem zerwühlten Bett log auch nicht. Ein Tropfen Blut zog sich
langsam an der Klinge abwärts und hing an der Spitze, dicht hinter dem Haupte
des Sohnes der Frau Klaudine, und Leonhard Hagebucher sah auf die Klinge, sah
auf den Leutnant und sah auf den Herrn van der Mook und sprach:
    »Herr von Fehleisen, ich habe in Abu Telfan wenig Gelegenheit gehabt, die
alten europäischen, gesellschaftlichen Lügenhaftigkeiten zu üben und
auszubilden, und so sage ich Ihnen, wenn ich die Macht hätte, so würde ich Ihnen
auf allen Wegen, die zu Ihrer Mutter führen, entgegentreten, ehe Sie Ihr volles
Recht an jene heilige Stelle mir klar und deutlich bewiesen hätten. Ich bin
Ihnen unendlichen Dank schuldig, aber Ihre Mutter tat doch noch ein Grösseres an
mir, und ich will sie in ihrem Frieden schützen, solange ich kann. Viktor, wo
ist Ihr Recht an Ihre Mutter? Wo ist nach so langen Jahren der Abwesenheit Ihr
Geleitsbrief zu ihr? Sie haben eine Frage an mich gestellt, welche ich nur
beantworten kann, wenn ich die Geschichte Ihres Lebens ganz kenne. Reden Sie
also, und ich werde Ihnen sagen, was Sie zu tun und was Sie zu lassen haben.«
    »Hört Ihr es, Leutnant!« rief der Herr van der Mook. »Der dort ist seiner
Sache nicht so gewiss als Ihr, und da er doch mehr als wir über den Parteien
steht, so wollen wir auf seine Stimme im Rate hören und den Besen nicht ohne
seinen Konsens aus der Ecke holen.«
    »Wir haben ihn dazu gerufen«, sprach der Leutnant Kind mürrisch, »erzählen
Sie ihm das Nötige, und lassen Sie uns weitergehen.«
    »Höret und ergötzt Euch, Don Leonardo«, rief Viktor von Fehleisen. »Meine
Mutter kennt Ihr, mein Vater war ein Mann der römischen virtus, und was ich bin,
das will ich Euch jetzt klarzumachen suchen. Reden wir aber zuerst von den
Toten! Mein Vater war ein strenger Mann der Arbeit, der peinlichsten
Rechtlichkeit, ein Hypochonder der Pflichterfüllung, und bis auf seine
Handschrift war alles an ihm fest und stark. In Aten würde ihn das
Scherbengericht in die Verbannung geschickt haben; in Rom hätte ihm der
Imperator durch den Zenturionen die Wahl der Todesart freistellen lassen;
hierzulande zuckte man die Achseln über ihn, und als man ihn glücklich aus der
Luft gelächelt hatte, da waren Tausende, welche ihn mit Vergnügen einen Halunken
nannten, ohne ihn zu kennen; und Hunderte, welche ihn kannten, glaubten sehr
milde zu sein, wenn sie ihn einen Narren hiessen. Aus meinen frühesten
Kinderjahren habe ich eine Erinnerung an nächtliche Schritte, die das Gemach
neben meiner Kammer durchmassen von Mitternacht bis zu der Morgendämmerung; da
ging mein Vater, welchen seine hohe, ernste Lebensgöttin, die sehr wohlgeborene
Dame Gerechtigkeit nicht schlafen liess, welchem die Arbeit des Tages zu seinem
Lager folgte, um ihn immer von neuem von demselben aufzujagen. Am Tage sass er in
Eisen gerüstet zu Gericht, und seine Starrheit gehörte zu ihm wie der Panzer zum
Kriegsmann. Natürlich machte er sich nach den verschiedensten Seiten hin
missliebig, und das schlimmste für ihn ist gewesen, dass er längst über seinen
kleinen Staat hinausgewachsen war und seine Ansichten nicht verhehlte. Er hatte
sich als Abgeordneter sehr verhasst gemacht, aber so recht individuell wurde der
Hass erst nach jener Kriegsgerichtssitzung, von welcher der Leutnant soeben
Bericht gab. In derselben und infolge derselben zerfiel er gänzlich mit einer
gewissen Partei, welche von diesem Augenblick kein Mittel scheute, ihm überall
die Wurzeln abzugraben. Kränkungen, Zurücksetzungen, Verleumdungen folgten
einander in ununterbrochener Reibe; man benützte eine langwierige Krankheit, in
welche er verfiel, um während derselben ihn überall zu verdrängen, sogar aus dem
Vertrauen seiner eigensten Gesinnungsgenossen, und als er von seinem Bett wieder
aufstand, begegneten ihm selbst die, welche sonst im öffentlichen Leben treu an
seiner Seite standen, mit Kälte und Zurückhaltung. Es woben Meisterhände das
Netz, in welchem man ihn fing, und als man zuletzt die Flucht eines seiner
Subalternen benützte, um ihn selber der Missverwaltung, der Restsetzung und
dergleichen anzuklagen, da war das Kunststück vollendet, das Messer dem Opfer
mit aller Höflichkeit vor die Füsse geworfen und das Haus Fehleisen für alle Zeit
zu Boden gelegt. Ich bin der Sohn dieses Hauses. Ho, welch ein fader,
hohlköpfiger, eitler Gesell ich meinerzeit war! Sie wissen davon zu sagen, nicht
wahr, Kind? Wir trugen den bunten Rock mit den goldenen Schnüren nicht umsonst;
es waren lustige Tage, und wir fühlten uns recht wohl in ihnen! Ach, Hagebucher,
den schlimmsten Widersacher hatte der Vater in seinem eigenen Hause - von
frühester Jugend an war ich ein Rebell gegen seinen Ernst und seine Strenge und
habe das Meinige vollauf getan, ihm das Leben zu verdüstern, und die Mutter
büsste mit, was mein leichtes Blut täglich verschuldete. Soldat wurde ich
natürlich gegen den Willen des Alten; aber das nichtige Wesen passte in einer
andern Art gradsogut zu meinem Charakter wie zu dem des Leutnants dort. Wir
waren wie die Mücken an einem warmen Sommertage, nur nicht so harmlos; ein
ganzer Schwarm Mädchen und Junggesellen, umtanzten wir den wilden Prinzen, und
die Mädchen taugten fast noch weniger als wir. Sie haben Gelegenheit gehabt,
Hagebucher, die schöne Frau von Glimmern danach zu fragen, und sie wird Ihnen
die Antwort sicherlich nicht schuldig geblieben sein. Nikola! Nikola! Ich sage
Ihnen, Don Leonardo, es gibt keinen Namen in der Welt ausser dem meiner Mutter,
welcher mich grimmiger würgte. Nikola von Einstein! Leutnant, Sie haben doch
recht, wir wollen die Rechnung abschliessen und einen recht roten Strich durch
das Debet des Herrn von Glimmern ziehen. Halali, alle Hunde auf das Fell und
alle Messer in das Herz des Schuftes!... Bah, wie man sich immer von neuem so
unnötigerweise aufregt. Sie war auch eine klingende Schelle, diese meine schöne
Nikola, Hagebucher, und ihre Erziehung hatte sie wahrhaftig zu nichts anderm
machen können. Meine arme, arme Nikola! Wir begegneten einander in dem
Mückentanze und nahmen unser Teil von dieser Seifenblasenexistenz, welche man
rund um uns her Leben nannte. Wir gingen im ironischen Menuettschritt umeinander
herum und scherzten frivol die schönsten Stunden der Jugend hinweg. Wir
vertändelten unsere besten Gefühle und schlugen all unser Gold in zwei kurzen
Sommern zu der allerschlechtesten Scheidemünze. Sogar über meine Mutter lachte
ich und nannte sie eine liebe, gute Törin, wenn sie das hervorkehrte, was ich
ihre verjährte Taschenbüchersentimentalität nannte. Meine Mutter litt tausend
Schmerzen um uns, kummervoll sah sie auf das frivole Spiel; aber auch sie konnte
uns nicht vor uns selber retten. Sie wusste besser als Nikola Einstein selbst,
was Nikola Einstein wert sei, und nannte sie ihr Kind, ihre liebe Tochter. - O
Fluch, Fluch! Heute noch klopfe ich mich häufig mit der Frage an die Stirn:
Weshalb reichtet ihr euch nicht in einer vernünftigen Minute die Hände und
sprachet: Genug der Albernheiten! - ? - Es war so wenig nötig, um uns beide zu
anständigen Menschen zu machen; ein Hauch, ein Blick, der Klang einer Glocke an
einem stillen Abend hätte genügt, um uns für alle Ewigkeiten zusammenzuführen;
und nun - nun ist sie die Baronin Glimmern, das Weib des feigen Mörders, des
Betrügers, und ich bin der verwilderte, störrige Landstreicher, der Mann ohne
Heimat, ohne Ehre, ohne Namen, der tolle Tierhändler und Tierbändiger Kornelius
van der Mook; und ein altes Weib ist sie mit der Weile auch geworden, und das
ist das Beste von der Geschichte, nicht wahr, Leutnant, denn was sollte aus uns
werden, wenn der Zeiger nicht rückte auf dem Zifferblatt?«
    »Sicher rückt er, und wer Geduld hat und es erlebt, wird die Stunde für
manch einen Wunsch und manch ein Geschäft schlagen hören«, murrte der Alte; der
Herr van der Mook aber ergriff den Afrikaner an einem Knopfe, deutete auf den
Leutnant der Strafkompanie und rief:
    »Sehen Sie, Hagebucher, das ist ein glücklicher Mensch! Wie er da steht und
wartet, wie er im rechten Moment zuschlagen wird ohne Zaudern und jegliche
Rührung! Er begrub seine Kinder und geduldete sich, manch liebes, langes Jahr
bewies er grosse Geduld; doch nun wird er zupacken - mit beiden Händen, ohne
Erbarmen. Doris hiess die Kleine, welche mit dem Sekretär meines Vaters
versprochen war; es ist ein hübscher Name, Hagebucher, ein Schäfername, und mein
Freund Friedrich von Glimmern glaubte seinen Schäferroman ohne alle Gefahr oder,
was ihm noch lieber gewesen wäre, ohne alles aussergewöhnliche Aufsehen spielen
zu können. Der Papa Kind sass zu Wallenburg und ritt seine Taugenichtse zusammen,
der arme Adolf stand hier in der Stadt in Reih und Glied, und man konnte mit
Recht erwarten, dass er sich ruhig Verhalte. Doris lernte die bekannte feine
Bildung, und der Herr von Glimmern hätte ihr mit Vergnügen allen Vorschub dabei
geleistet. Pfui Teufel, wie nüchtern ist das Leben geworden! Das Mädchen war
ehrlich, und der junge Mensch, der alberne Schreiber, parierte nicht Order; aber
auch die beiden unseligen Tröpfe gönnten einander nicht das rechte Wort, sondern
dachten selbstverständlich das Schlechteste voneinander, bis die Katastrophe im
Kasernenhof zu Wallenburg die Wahrheit an den Tag brachte. Ho, Leutnant,
vielleicht wäre es doch komfortabler für alle Parteien gewesen, wenn Ihr dieser
Wahrheit freien Lauf gelassen hättet; die Ohren aber klangen Euch ebensosehr wie
das Herz. Na, einem Burschen, wie Ihr seid, soll man seinen Weg lassen und, wenn
er seine Toten mit allem Anstand begräbt, ihm nicht dazwischenheulen; er
verscharrt seinen Grimm nicht mit in der Grube.«
    »Das tut er nicht«, sagte der Leutnant, »er weiss, was sich schickt, und ruft
nicht die ganze Welt zu Hülfe, um zu verrichten, was er mit Geduld, Akkuratesse
und gutem Willen allein besorgen kann. Es ist soviel Geschrei unter den
Menschen, und wer's vermag über sich, der soll seinen Gram mit keinem Ekel
vermengen. O wären Sie, als das Dach über Ihrem Kopfe einstürzte, Herr von
Fehleisen, zu mir gekommen, statt wie blind und toll in die weite Welt zu
laufen, wir hätten Sie gewiss noch gerettet für ein recht erträgliches Dasein.«
    »Vielleicht... ja, vielleicht!« murmelte Viktor mit einem Seufzer, fiel
jedoch sogleich wieder in den alten Ton und rief mit Lachen: »Wir sind eben
nicht alle aus demselben sonderbaren Metall gegossen wie Sie, tapferer Leutnant;
- jetzt lassen Sie mich meine Geschichte zu Ende bringen, das wird dem Herrn
Hagebucher mehr als alles andere beweisen, wie sehr Ihre Anschauungsweise
vorzuziehen ist. Auf die Katastrophe zu Wallenburg folgte bald die Katastrophe
in meines Vaters Hause, und ich fand keine Kraft in mir, wie ein Mann zu denken
und zu handeln; der Faustschlag traf eine hohle Stirn, und damit ist alles
gesagt. Ich floh gleich einem Feigling vor dem Geschrei der Menschen, vor dem
Gespenst der verlorenen Ehre, vor den Blicken und dem Achselzucken meiner
Kameraden, vor den Knöpfen meiner Uniform. Nicht der stolze, tote Vater, sondern
das, was die Leute über ihn, über uns sagten, jagte mich hinaus. Gleich einem
Wahnsinnigen riss ich die Mutter mit mir fort, aus ihrem Hause, von der blutigen
Leiche des Gatten, hinaus in die Winternacht, um sie auf der Landstrasse zu
verlassen. Es war ein kindisches, tierisches Scheuwerden, eine Panik, wie sie
nur über die Schwachen im Geist kommt. Niemals rannte ein Maulesel bei einer
Estampede toller in die Prärie. Wo ich ruhig, tapfer und kalt wie Eis hätte sein
sollen, da zersplitterte das bisschen Verstand und Überlegung in hundert
Stückchen, wie ein Spiegel unter einem Steinwurf. Ich verliess meine Mutter und
fing erst einige hundert Meilen weiter südwärts an, soweit es möglich war, zur
Besinnung zu kommen. Eine schöne Besinnung, die Besinnung eines Pavians, welcher
die Peitsche von seinem Wärter bekam - ein Gemisch aus Scham, Wut und Tücke! So
ging ich mit einer Kolonne der französischen Fremdenlegion von Toulon aus nach
der Krim und kaufte dem Korporal Kornelius van der Mook im Militärspital zu Pera
seinen Taufschein ab. Ich war dann in Kleinasien mit den Polen, wurde ein Jäger
und ein Händler mit wilden Tieren, kam bis hinunter gen Abu Telfan im
Tumurkielande, um den Siebenschläfer Leonhard Hagebucher aus seiner Höhle im
Königreich Dar-Fur zu erlösen, und sitze jetzt hier auf dem Bette des Leutnants
Kind, um demselben Hagebucher meine Historie vorzutragen. Ich bin ein gesunder
Lump, der nötigenfalls viel Geld verdient, weiter nichts. Aber es gibt noch viel
grössere Lumpen, und einen davon gedenken der Leutnant und ich in den nächsten
Tagen vom Baum zu holen. Zweimal kroch ich im Laufe der letzten fünf Jahre auf
allen vieren um die Katzenmühle und sah die alte Frau und sah auch die schöne
Nikola, aber der Schakal zeigte das struppige Fell und den geifernden Rachen
nicht, er heulte leise in der Ferne und verkroch sich, ehe man im Lager auf
seine Gegenwart aufmerksam wurde.«
    »Das haben Sie über sich gewonnen?« rief Leonhard, der bis jetzt stumm,
unter den wechselndsten Empfindungen, zwischen Empörung und Mitleid schwankend,
der wilden Selbstanklage zugehört hatte. »Wahrlich, das zeugt mehr für Sie als
alles, was Sie sonst zu Ihrer Entschuldigung sagen könnten.«
    »Ich sage es aber nicht zu meiner Entschuldigung!« rief Viktor Fehleisen.
»Es war Feigheit und Trotz, nichts anderes. Ich fürchtete die alte Frau, ich
schämte mich vor der einstigen Geliebten, und ich hielt es nicht der Mühe wert,
die Auferstehung des Jünglings von Nain zu spielen und dadurch den Frieden jener
Hütte zu zerstören.«
    »Das ist eine Lüge, Herr von Fehleisen!« schrie jetzt Hagebucher zornig.
»Spielen Sie nicht den Wahnsinnigen, nachdem Sie so lange in Wahrheit und
Wirklichkeit dem Tollhause zu eigen waren. Wen wollen Sie täuschen, Sie, der
sich den Kopf an so manchen Realitäten zerstiess? Um Ihrer Mutter willen sollen
Sie sich nicht schlechter machen, als Sie sind, und da Sie jetzt von neuem
heimkehrten, um die arge Verknotung so manches traurigen Geschickes zu lösen, so
sollen Sie sich und uns diese Aufgabe nicht erschweren.«
    »Zu welchem Zwecke haben Sie mich gerufen, Leutnant Kind?« fragte der Herr
van der Mook.
    »Um zu schlagen und zu töten!« sagte der Leutnant, und der andere wendete
sich wieder an Hagebucher:
    »Wenn Sie das eine Lösung nennen - benissimo! Zehn Jahre hindurch hat der
Alte schätzbares Material zusammengetragen; fragen Sie ihn, ob er die Benützung
desselben noch länger zu verschieben gedenkt.«
    »Ich denke nicht«, sprach der Leutnant. »Ich habe die Papiere in
schicklicher Ordnung und kann morgen damit in aller Form vor Fürstlichem
Kriminalamt auftreten, um das Weitere zu veranlassen.«
    »Was für Papiere?« rief Hagebucher in atemloser Spannung, und der Leutnant
zog aus der Brusttasche eine rote, abgenutzte Feldwebelbrieftasche, ruckte mit
Bedacht die Lampe auf dem Tische zurecht und breitete daneben stumm aus, was er
seine Dokumente nannte. Es waren meistens Quittungen und Gegenquittungen,
Baurechnungen, Lieferungsverträge für den Haushalt der Prinzess Marianne. Ein
Teil dieser Papiere bestand in Kopien, die von ungeübter Hand angefertigt waren,
ein Teil trug aber auch die eigenhändige Unterschrift des Freiherrn Friedrich
von Glimmern, und schon das dritte Blatt wog so schwer in der Hand Leonhards,
dass er es niederlegte und die Faust darauf:
    »Der Fälscher, der Betrüger! O Nikola, Nikola! Um Gottes willen, Leutnant,
wie sind Sie zu diesen entsetzlichen Zeugnissen und Beweisen der schamlosesten
Felonie gelangt?«
    »Durch Adrettité und konstantes, treuliches Aufmerken auf die Wege und Gänge
des Herrn Barons. Es steckt manch ein guter, alter Kamerad aus der Kaserne in
dem Dienste der Herrschaften, sei es als Verrechner oder Forstgehülfe, als
Aufseher oder als Portier und sonstiger Diener. Da fliegt einem eine Feder vor
der Nase auf, und man folgt ihr, und sie bringt zu Geheimnissen, die einem
merkwürdig in die Augen stechen. Eine kuriose Welt! An einem Spinnenfaden ist
nichts gelegen, aber dreht man derselben genug zusammen, so wird man einen
tüchtigen Strick zu allerhand nutzbarem Gebrauch bekommen. Weshalb war der
Exzellenz soviel drum zu tun, das bettelarme Fräulein von Einstein zu erfreien?
Ist sie nicht immerdar der Liebling der Prinzess Marianne gewesen, und hat nicht
der Herr von Glimmern den ganzen Haushalt Ihrer Hoheit durch seine Hände laufen
lassen? Eine recht kuriose Welt, Herr Hagebucher - ich habe das Rechnen gelernt,
weil ich es in meiner früheren Charge als Feldwebel sehr nötig hatte, und ich
habe gerechnet die ganzen letzten Jahre hindurch. Zuallererst fand ich einen
kleinen Bruch, der nicht aufging, nun aber sind Tausende und Tausende draus
geworden; da liegen die Rechnungen, und sie stimmen, soweit die Sache mein
Lebensglück und das des Herrn Leutnant von Fehleisen anbetrifft. Was die andere
Partie dagegen einzuwenden hat, das wollen wir morgen hören und darnach das Buch
meinetwegen und der Toten wegen zuklappen. Was der Herr Viktor dann tun wird,
das weiss ich nicht; aber der Leutnant Kind, der wird in Geduld den letzten
Zapfenstreich erwarten. Das Leben ist ein ekel Ding für einen Menschen, der
nichts mehr vor der Hand hat, der das Alte abtat und nichts Neues mehr vornehmen
kann.«
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Die drei Männer im feurigen Ofen hatten es gut; ihnen war kühl zumute, und sie
sangen nur um so heller, je scheusslicher der grause König Nebukadnezar sich
gegen sie stellte. Die drei Männer in der Stube des Leutnants Kind schwiegen,
und es befand sich nur einer unter ihnen, der ganz genau wusste, was er zu tun
hatte. Nach einer Pause nahm der Leutnant seine traurigen Dokumente zusammen,
schob sie ohne Hast in die Tasche zurück und sagte:
    »Also morgen, meine Herren.«
    Jetzt aber fuhr Leonhard Hagebucher aus seiner Erstarrung auf:
    »Morgen! Viktor, Viktor, hören Sie das? Wie kann das geschehen? Dürfen Sie
Ihre Hand dazu bieten? Morgen, morgen! Denken Sie an Nikola! Besinnen Sie sich!
Was wollen Sie tun?«
    »Ich bin der Landflüchtige, Ehrenflüchtige; Sie aber sind der Freund der
schönen Frau von Glimmern, sind der Freund meiner Mutter, Sie sollen mir raten,
was ich tun soll. Dazu habe ich Sie an diesem Abend gerufen; dazu haben wir Sie
jetzt in unsere kleinen Geheimnisse eingeweiht. Leonhard, Leonhard Hagebucher,
es zerwühlt mir Magen und Hirn, die Wände drehen sich um mich her! O stehen Sie
fest, stehen Sie ein für die arme Nikola. Wie soll sie gerettet werden vor den
Toten? Wer kann sie retten vor der grimmigen Firma Kind und Kompanie?«
    Der Sohn der Frau Klaudine warf sich von neuem auf das Bett und verbarg mit
Gestöhn das Gesicht in den Kissen; Leonhard sah bedeutsam auf den Exleutnant der
Strafkompanie; aber an diesem hatte sich während der letzten Minuten nichts
geändert, und den Blick erwiderte er nur durch ein Achselzucken. Leonhard trat
auf ihn zu und flüsterte, seine Hand erfassend:
    »Nicht morgen! Gönnen Sie mir, sich selber, uns allen Zeit, Leutnant.«
    »Das ist mir nicht kommod«, sprach der Alte. »Es ist auch nicht anständig,
weder mir noch dem Herrn von Fehleisen.«
    »Es soll aber so sein, Sie alter, harter Mann!« rief Hagebucher, mit dem
Fusse aufstampfend. »Haben Sie zehn Jahre lang Ihre Rache verschieben können, so
werden Sie jetzt nicht um einige Stunden des Aufschubs rechten. Viktor, morgen
wollen wir zu Ihrer Mutter gehen, um einer andern Flüchtigen und Elenden eine
Zufluchtsstätte in der Katzenmühle zu bereiten. O Leutnant Kind, haben Ihre
Gräber Sie nichts gelehrt als die leichte Kunst, die Wege eines schlechten
Gesellen zu erkunden, um ihn am Ende durch einen Hauch zu vernichten? Ja, ich
will eintreten, aber für alle, auch für Eure Toten und Euch selbst, alter Mann!
So gönnt uns Zeit, zu retten, was zu retten ist; denkt daran, wie Ihr jetzt
sitzen würdet als ein glücklicher Mensch unter Euren Enkeln, wenn nicht die
blinde Wut dareingegriffen und alle Eure schönsten Hoffnungen vernichtet hätte.
Das Schicksal hat Euch ein schweres Richteramt auf die Seele gelegt, Leutnant
Kind; zeigt, dass Ihr ihm vollständig gewachsen seid, und handelt nicht wie ein
boshafter Schulknabe, sondern wie ein Mann, welcher sich seiner Pflicht nach
allen Seiten hin bewusst ist. Ihr werdet diese vernichtende Anklage gegen den
Herrn von Glimmern morgen noch nicht erheben; morgen gehen wir zu der Frau
Klaudine, auch sie hat teil an jenem Manne, und Ihr müsst ihr Wort hören.«
    »Sie wird mich zurückhalten wollen«, murmelte der Leutnant. »Ich habe sie in
der letzten Krankheit meiner Tochter kennengelernt, sie ist zu gut und lebt
nicht in der richtigen Welt. Ich kann es nicht prästieren, dass ich mir von ihr
die Hände binden lasse, und sie wird's versuchen.«
    »Das soll und wird sie nicht, dafür verpfände ich Ihnen mein Wort, Leutnant
Kind. Es ist niemand berechtigt, den Verbrecher seiner Strafe zu entziehen.
Reden Sie doch, Viktor Fehleisen, nicht wahr, wir gehen morgen zu Ihrer Mutter?«
    Der Tierhändler nickte tief seufzend; der Leutnant Kind aber schritt einige
Male durch das Zimmer und blieb dann dicht vor Leonhard Hagebucher stehen:
    »Ich habe lange genug gewartet, Herr; aber Sie gefallen mir, und so mag's
drum sein, Sie sollen Ihren Willen haben. Ich hörte von Ihrer Historie und
Gefangenschaft, und das hat mir wohl gefallen. Sie sind ein Mann geblieben in
harter Drangsal und allem Malheur; deshalb will ich Ihnen auch jetzt trauen; ich
bin kein Unmensch und kein Untier. Sie haben mir eben in kurzen Worten viel
Wahres gesagt; reisen Sie also morgen mit dem Herrn Viktor zu der guten Frau in
der Mühle und sorgen Sie gut für die arme Frau Nikola; aber behalten Sie mich
stetig im Gedächtnis, ich bin ein alter Mann und will keine fremden Hände über
meine eigensten Geschäfte kommen lassen.«
    »Ich danke Ihnen, Leutnant!« sprach Leonhard und wendete sich jetzt von
neuem zu dem Sohne der Frau Klaudine; denn auch da war noch manches gute und
manches harte Wort zur Bändigung und Bestimmung der wilden Seele nötig; aber es
gelang auch hier dem Afrikaner, seinen Willen durchzusetzen. Gegen Mitternacht
hätte er Sieg rufen können, wenn das eine Gelegenheit, Sieg zu rufen, gewesen
wäre; so nahm er nur betäubt und erschöpft Abschied und ging still seinen
einsamen Weg nach Hause. Er blieb aber nicht still; die winterliche Nachtluft
tat ihm gut, er gewann bald seine Stimmung wieder, und es war eine eigentümliche
Stimmung.
    Tragische Dinge hatte er vernommen, tragische Verhältnisse kennengelernt,
allein er fühlte sich nicht niedergedrückt in seinem tapfern Herzen, und nachdem
die physische Erschöpfung und Betäubung etwas überwunden war, schlug er sogar
ganz heiter an seine Brust und sagte:
    »Brav, Hagebucher!«
    Und er hatte recht. Den beiden Gesellen gegenüber, welche er soeben verliess,
durfte er es sich wohl aussprechen, dass er trotz allem doch ein ordentlicher
Kerl geblieben sei, der sich seines Daseins weder zu schämen noch dasselbe für
abgeschlossen zu halten habe. Weder der Zorn noch das Mitleid trübten ihm so
sehr den Blick, dass er darüber in Gefahr kam, die Tramontana aus den Augen zu
verlieren. Er konnte sich das Zeugnis ausstellen, dass er in der Stube des
Leutnants Kind merkwürdig gelassen geblieben sei, und vor dem stattlichen Hause
Seiner Exzellenz des Freiherrn Friedrich von Glimmern gab er sich das Wort, auch
in der Katzenmühle ruhig zu bleiben.
    Er stand einige Augenblicke still vor der Wohnung Nikolas und blickte empor
zu den dunkeln Fenstern, indem er an das schwarze Brot auf dem Tische der Frau
Klaudine dachte. Das gab ihm eine weitere Beruhigung, und er murmelte:
    »Lass sie essen und genesen!«
    Endlich erreichte er seine Wohnung und fand den Pascha zwar im Bett, aber
wach über seinen schönsten Träumen, mit einer langen Pfeife im Munde und
eingehüllt in Wolken des perfidesten Lausewenzels. Er winkte ihm, sich nicht zu
rühren, setzte sich auf den Rand seines Bettes, betrachtete ihn zärtlich und
sagte:
    »O Täubrich, wenn Sie wüssten, wie angenehm Sie anzuschauen sind und wie kalt
und widerlich unheimlich es da draussen in der Dunkelheit ist! Es geht ein kalter
Wind in den Gassen, und Fratzen und Gespenster aller Art haben die Oberhand;
aber bei allen Palmen im Aufgange, Täubrich, wir beide haben doch den wahren
Weltverstand erobert, und es soll diesem alten Europa nicht leicht werden, ihn
uns aus der Tasche zu spielen. Bleiben Sie ruhig liegen, es tut meinen Augen
gut, Sie zu betrachten.«
    »Das war ja ein grässlicher Kerl!« seufzte der Schneider. »Ich sehe ihn noch
immer dort auf dem Stuhle. Ach, Sidi, ich dachte es mir wohl, dass er Sie zu
bösen Orten führen würde. Können Sie mir nicht sagen, was er von Ihnen wollte?«
    »Jetzt nicht, Täubrich - morgen, ein andermal. Ich werde nun auch ins Bett
kriechen - rühren Sie sich nicht, Täubrich; denn der Spuk lauert vor der Tür.
Gute Nacht, ich verreise morgen auf einige Tage.«
    Der Mann aus dem Tumurkielande träumte in dieser Nacht nicht von dem Herrn
Polizeidirektor Betzendorff, er träumte überhaupt nicht von einer ihn selber
betreffenden Sache. Am folgenden Morgen packte er einige Notwendigkeiten in
einen Reisesack und schickte den Pascha mit einer kurzen schriftlichen Notiz
über sein Verschwinden zum Professor Reihenschlager.
    Der Professor empfing, öffnete und las das Billett, schüttelte den Kopf und
meinte, solch ein polizeiliches Eingreifen in ein wissenschaftlich-humanes
Unternehmen sei zwar nicht hübsch, sondern sogar sehr ärgerlich und durchaus
nicht geeignet, den ruhigen Staatsangehörigen mit allen bestehenden
Verhältnissen im Einklange zu erhalten; aber ein freiwilliges Exil trage es im
Grunde doch nicht für den Betroffenen aus. Er erbat sich die Meinung der Tochter
darüber, und Fräulein Serena Reihenschlager behauptete, sie halte es nicht der
Mühe wert, eine eigene Meinung darüber zu haben, mit Vergnügen füge sie sich in
die des Papas.
    Leonhard Hagebucher befand sich mit dem Herrn Kornelius van der Mook auf dem
Wege zur Katzenmühle.
    Zu den Müttern! Es war in der Seele beider Männer etwas von jenem Grauen
Fausts, als er zu jenen andern Müttern, den geheimnisvollen Schlüssel in der
Hand tragend, niederstieg. Der Tag war dunkel und stürmisch, und das war gut;
denn weder Leonhard noch Viktor Fehleisen hätten mit der holdseligsten Witterung
etwas anzufangen gewusst. Sie fuhren desselben Weges, auf welchem Viktor einst
mit der Frau Klaudine vor dem Schicksal des väterlichen Hauses floh. Erst die
Post mit ihrem wüsten, zähneklappernden Getümmel, dann die Landstrasse durch Wald
und Feld und Verregnete, schmutzige Dörfer!... Knielahme Gäule, verdrossene
Kutscher, mürrische Schlagbaumwächter, die den niederträchtigsten Weg teuer
bezahlt haben wollten! Wald und Feld - bergauf, bergab; welch ein Tag und welch
ein Pfad, um zu dem schönen Wunder in der Einsamkeit, um zu der Frau Klaudine zu
gelangen!
    Der Tierhändler lag entweder stumm in der Ecke des Wagens, oder er machte
seiner Erregung durch wilde, unartikulierte Ausrufe Luft und erzählte dazwischen
in abgebrochenster Weise seinem Reisebegleiter von dem, was ihm am gestrigen
Abend als das Unbedeutende, Gleichgültige erschienen war, nämlich von seinem
Leben, seinen Fahrten und Abenteuern nach der Flucht aus der Zivilisation. Aber
auch Hagebucher hatte ihm bis ins kleinste Rede zu stehen, nicht etwa über
seinen Aufentalt in Abu Telfan, sondern über seine Rückkehr in die Heimat, über
seine Ankunft und sein Leben in Nippenburg, Bumsdorf und der Umgegend. Auf das
allergenaueste verlangte Viktor jetzt zu wissen, wann und wie der Afrikaner
zuerst den Namen seiner Mutter vernommen und wie er ihre Bekanntschaft gemacht
habe, und gern berichtete Leonhard, wie es von ihm verlangt wurde. Er suchte den
reuig-zornigen Sohn, den wilden Schwächling zu beruhigen und ihn in jeder Weise
besser auf dieses seltsam-traurige Wiedersehen vorzubereiten; aber der Herr van
der Mook war ein zu ausgelernter Selbstpeiniger, um sich so schnell zu geben.
Als der Wagen sich seinem Ziele näherte, sank er jedoch vollständig in sich
zusammen, und nie hatte die Madam Kulla Gulla ihren Gefangenen so weich und
gebrochen unter ihren Händen gespürt, als jetzt Leonhard den Tierhändler in den
seinigen fühlte. Es war ein furchtbarer Passionsweg für den Sohn der Frau
Klaudine, und er tat Busse nach seiner Art auf jeglicher Station desselben.
    Sie erreichten die Stelle, an welcher Viktor die Mutter in jenem Schneesturm
verliess, um die Hülfe des Vetters Wassertreter und seiner Myrmidonen anzurufen.
Sie liessen auch heute halten und stiegen aus dem Wagen, welchen sie jetzt
zurücksendeten. Fieberschauernd stand der Herr van der Mook auf der Landstrasse
und hielt den Arm seines Begleiters oder vielmehr Führers wie ein Kind die
Schürze der Mutter. Zerrissenes Gewölk hing in den Wipfeln der Bäume, schwere,
dunkle Massen des Regennebels wälzten sich langsam an den Berglehnen hin, es
träufelte aus den Zweigen, und es war still und öde ringsumher.
    Gegen vier Uhr am Nachmittag erreichten die beiden Wanderer den schon
geschilderten Eingang in das kleine Seitental, in welchem die Katzenmühle lag.
In dem Walde selbst herrschte bereits halbe Dämmerung -
                                Bist du bereit?
               Nicht Schlösser sind, nicht Riegel wegzuschieben!
Sie standen vor der Mühle, standen und starrten, und ihre Herzen schlugen wie in
keiner Gefahr ihres abenteuerlichen, gefahrenreichen Lebens.
    Ach, wie sehr gehörte das frischeste Grün des Jahres dazu, um eine solche
Stelle dem Auge und der Phantasie lieblich zu machen! Heute war der Zauber
gebrochen und der Schleier von den Dingen gefallen, das Märchen war zu Ende, und
die Wirklichkeit drängte sich nackt und nüchtern vor und schrie laut zu dem
Herzen und dem Verstande. Der Felsen drohte kahl und kalt über dem zerfallenden
Dache der Hütte; die Katzenmühle war nichts anderes als eine gespenstische,
verwahrloste Ruine, und der dünne Rauch ihres Schornsteins stieg gleich der
leisen Klage eines Bettlers zum Himmel empor.
    Wo waren die blinkenden, spielenden Tropfen, die mit heimlichem Klang so süss
die Stunden massen und so viel von einer seligen erfüllungsreichen Zukunft zu
erzählen wussten? Ein trüber Strom schmutzigen Wassers ergoss sich über das
schwarze, zerbrochene Rad, versumpfte den Weg und verwandelte das Gehölz auf
eine weite Strecke in einen hässlichen Morast. Auch das war wie Spott und Hohn.
    »Jetzt habt ihr unser wahres, echtes Gesicht!« rief alles in der Runde.
»Waret ihr solche Narren, zu glauben, wir seien anders als ihr, so lachen wir
eurer und freuen uns eurer Narrheit: wir sind ebenso falsch und so hässlich als
ihr und tragen unsere Feiergewänder und unsere feinen Mienen wie ihr. Fort mit
euch, zurück! Ihr eitlen, selbstsüchtigen Gefühlskrämer, was wir auch sein
mögen, wir sind gute Wächter und wollen euer Eindringen in unsern Bezirk nicht
leiden.«
    Einen tiefen Schauder hatte Leonhard zu überwinden, als er über diesen
hastigen, sprudelnden Bach, der jetzt seinen Weg kreuzte, sprang. Der Herr van
der Mook warf den Hut zu Boden und zerbiss die Lippen, dass sie bluteten, während
Hagebucher an die Tür der Mühle pochte; er drückte sich unwillkürlich gegen den
Stamm der Eiche, neben welcher er stand, und murmelte unzusammenhängende Worte
der schrecklichsten Selbstanklage, und dann lachte er, aber das war noch
schrecklicher und fand kein Echo im Walde.
    Des Hundes wohlbekannte, rauhe, ehrliche Stimme antwortete zuerst dem
anklopfenden Leonhard; dann blickte die Magd Christine vorsichtig durch das
Fenster, zog aber schnell den Kopf zurück und kam eiligst, die Tür zu öffnen und
den unerwarteten Gast zu ihrer Herrin zu führen.
    »O Herr Hagebucher, da sind Sie schon?! Ach, es tut uns so sehr leid, und
meine Madam sitzt in tiefer Betrübnis um Sie und die Mutter und Schwester zu
Bumsdorf!« rief sie, indem sie jetzt auch die Stubentür öffnete. »Treten Sie nur
ein und nehmen Sie es sich nicht allzusehr zu Herzen. - Madam, hier ist der Herr
Leonhard schon.«
    Und die Frau Klaudine, welche bereits, horchend auf den Tritt und die Stimme
des Nahenden, das schöne, alte Gesicht Von der Arbeit erhoben hatte, richtete
sich jetzt ganz aus ihrem Sessel auf und streckte dem Eintretenden beide Hände
entgegen:
    »Leonhard, Leonhard, sind Sie es denn wirklich? So schnell kann die
Nachricht des Unglücks fliegen? Gott tröste Sie, mein Freund; - aber Sie können
nicht von dem Dorfe kommen, das ist unmöglich - wie führt Sie Ihr Weg jetzt zur
Mühle?«
    Das war ein eigentümlicher Gruss, und betroffen suchte Leonhard in den Mienen
der Frau Klaudine nach einer näheren Erklärung.
    »Noch lebt er, aber leider in grossen Schmerzen. Der Herr von Bumsdorf ritt
erst vor einer Stunde zu meiner Hütte und rief mir die traurige Botschaft ins
Fenster, und nun treten Sie, mein armer Leonhard, da so plötzlich aus dem Walde
- welch eine Unruhe, welch ein ängstliches Drängen, o Gott!«
    »Was ist das?« stammelte Hagebucher. »Wer ist so sehr krank? Was für eine
Nachricht hat der Herr von Bumsdorf gebracht?« Und die Frau Klaudine trat zurück
und rief:
    »Also hat nur der Zufall Sie heute hierhergeführt, und Sie wissen nichts von
dem, was in Ihrem elterlichen Hause vorgeht?«
    »Nichts, nichts!«
    »Das ist das Leben! Immer die alten, harten Hände am Webstuhl! Ihr Vater ist
seit gestern schwer erkrankt, Leonhard; es ist kaum eine Hoffnung, ihn zu
erhalten, und der Vetter Wassertreter ist sehr betrübt und aufgeregt und soll
meinen, es sei seine Schuld, dass dieses Unglück so plötzlich hereingebrochen
sei.«
    Einen Augenblick stand Leonhard Hagebucher betäubt, erschüttert,
fassungslos, doch dieses konnte nicht dauern. Jetzt trafen zwei Strömungen in
seiner Brust aufeinander, und daraus entstand wenigstens für den Moment die
innerlichste Klarheit.
    Er beugte sich nieder, und als die Madam Klaudine ihn nun auf die Stirn
küsste, flüsterte er:
    »Nicht der Zufall, gewiss nicht der Zufall! O Frau Klaudine, ich komme nicht
allein, sondern bringe einen alten Bekannten mit mir. Er steht vor der Tür, er
kniet vor der Tür, Frau Klaudine; ich aber wusste nicht, wie ich ihn einführen
sollte, denn es erfordert ein starkes, tapferes Herz, die Begegnung zu tragen.
Ich bringe den Herrn van der Mook, meinen Befreier aus der Gefangenschaft: er
aber kannte bereits den Weg zu dieser Hütte. Sie redeten zu mir von dem Tode,
Frau Klaudine; ich bringe Ihnen das Leben, die Erfüllung eines langen
schmerzlichen Sehnens, einer Liebe, die auch stark ist wie der Tod.«
    Er geleitete die Mutter Viktors zu ihrem Sessel und liess sie sich
niedersetzen: sie liess sich willenlos führen.
    »Ich gehe jetzt zu meiner Mutter«, sprach er mit Bedeutung. »Wenn ich
hierher zurückkehre -«
    Er vollendete nicht, denn er sah, dass die Frau Klaudine ihn nicht mehr
verstand. Sie sass bleich und sprachlos, und Leonhard Hagebucher befreite seine
Hand von ihrem krampfhaften Griff, verliess das Zimmer und trat an die Tür der
Katzenmühle, wo der andere schon stand und die Stirn an den morschen Pfosten
lehnte.
    Stumm wies er in das Haus, sah den Sohn in die Stube der Mutter treten und
ging, ohne sich umzusehen, allein weiter, zurück durch das enge Tal. Schnell
eilte er auf der Landstrasse durch Fliegenhausen und dann fast im Lauf nach
Bumsdorf,dem Vaterhause zu.
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Früher beschrittene Wege, ist das nicht etwas, das zu dem Schönsten oder
Schlimmsten im menschlichen Leben zu rechnen ist? Wo der Pfad führte, durch die
Einöde oder die wimmelnden Gassen einer grossen Stadt, über die stille Wiese, der
grünen Hecke entlang oder durch den grünen Wald, es redet überall der Boden
unter den Füssen und mahnt: Erinnere dich, erinnere dich!
    Es gibt kaum etwas Wehmütigeres als schon einmal beschrittene Wege, selbst
wenn sie zum Glücke führten; denn nichts lehrt so eindringlich als sie, in
welchem Traume die Menschen wandeln.
    Fortwährend ein Schall gleich dem Tritt eines Rosses im Ohr, fortwährend ein
weisser Schein wie von einem weissen Pferde in der Dämmerung zur Seite, trotz der
Gedanken an den sterbenden oder gestorbenen Vater! Wie hatte der Wanderer einst
in das Gesicht der schönen Reiterin und Kranzwinderin geblickt und ewige Jugend
und alle Heiterkeit und Herrlichkeit des Daseins da gefunden, wo sich die Falten
des Alters, der Sorge, der tiefsten Lebensnot zusammenzogen! Was war noch übrig
von alledem, was sich vor zwei kurzen Jahren mit dem schönen, lachenden Haupt in
jener Mondscheinnacht aus dem Gebüsch, aus dem Boden der Heimat erhoben hatte?
    »Dem Manne ein Schwert, dem Weibe das schwarze Brot der Frau Klaudine!«
murmelte der Wanderer, dessen Pfad sich durch so viele Trümmer und Täuschungen
wand.
    Da war die Höhe, und wieder lagen die dunkeln Täler zu den Füssen Leonhard
Hagebuchers; aber er trug jetzt nicht mehr eine Kornähre in der Hand.
    »Krieg! Krieg!« rief er laut hinaus. »Krieg für alle, denn wir wollen ihn
alle! Die Täler sollen sich regen und die Höhen von Waffen leuchten, und wer die
Schlacht überlebt, dem soll's erlaubt sein, sich zu wundern über den Sieg.«
    Er horchte, als ob jetzt der Klang von tausend Trompeten die Nacht
durchbrechen müsse, und als es nun doch still blieb, dachte er von neuem an den
alten wunderlichen Vater, und wie er denselben so sehr geärgert und in seinen
einfachsten und natürlichsten Erwartungen getäuscht habe. Dadurch wurde er
wieder schneller vorwärts getrieben, bis der Brunnen, aus welchem er vor einem
Jahre als ein ganzer Narr und ein halber Verliebter trank, an der Landstrasse vor
ihm rauschte. Damals war er, wie wir wissen, längere Zeit niedergesessen, um
sich über die neu hervorbrechenden Quellen der Hoffnung, des Lebensmutes zu
freuen; diesmal hielt er bloss einen flüchtigen Augenblick an, um wie in jener
Sommernacht von dem klaren Strahl zu trinken. Als er sich aufrichtete, lächelte
er doch wieder, trotz allem, was ihn bedrängte. Und so wandelte er für der und
gab in Gedanken seinem armen Freunde, dem träumenden Schneider Felix Täubrich,
genannt Täubrich-Pascha, von allen Empfindungen, Gefühlen, Worten und Handlungen
des heutigen Tages Bericht, bis er den ersten Bumsdorfer Hahn krähen hörte.
Damit versanken alle Gestalten, die ausserhalb des Vaterhauses in seinem
Gesichtskreis sich bewegten, selbst die der Frau Klaudine und des Herrn van der
Mook. Die Familie trat zum erstenmal wieder ganz und gar in den Vordergrund, und
naturgemäss musste jeder Streit und Kampf für und um die eigene Existenz oder die
anderer aufhören; denn es lag ein Sterbender oder ein Toter in der Familie, und
die Toten verstehen es, Stille zu gebieten. -
    Der Hahn krähte, aber er bedachte sich, und indem er nach der Uhr zu sehen
schien, schloss er den Schnabel, ehe er seinen Weckruf vollständig
hervortrompetet hatte. In den warmen Ställen regten sich die Kühe, und ein Gaul
schien unter einem schweren Traum zu leiden und wurde von einem erbosten
schlaftrunkenen, fluchenden Knechte zur Ruhe verwiesen. Mitternacht war kaum
vorüber, als der Wanderer am Ende der Dorfgasse das einzige Licht des Dorfes,
das Licht in der Kammer seiner Eltern, zu Gesicht bekam, und im heftigsten Laufe
erreichte er das Haus.
    Der sonst so zierlich geglättete Kies in den Wegen des Gartens war von
vielen Fusstritten zerstampft, ja sogar der Buchsbaum, welcher die Beete
einfasste, der Stolz des Alten, war an mehreren Stellen niedergetreten. Die
Haustüre stand offen, und schwer fiel dieses deutlichste Zeichen, dass der Herr
des Hauses nicht mehr über dem Seinigen wache, dem Sohne auf das Herz.
    Die Schlüssel lagen nicht mehr unter dem Kopfkissen des Steuerinspektors
Hagebucher; eine in Schmerz und Schrecken zitternde Hand hatte sie unter dem
sorglichen, sorgenvollen, ängstlichen Haupte hervorgezogen - das mächtigste
Königreich kann auf die gleiche Weise zerfallen oder in die Gewalt eines andern
übergeben.
    Auf dem Flur stiess Leonhard auf einen feuchten Mantel und einen Mann drin,
auf den Reichsvikar des Hauses Hagebucher, den Vetter Wassertreter, der soeben
einen Erfrischungslauf durch den Garten und das Dorf gemacht hatte, jetzt den
Afrikaner mit einem leisen »Wer da?« empfing, ihn sodann in höchster
Überraschung in die Arme schloss, um ihm das ewige, trostlose »Zu spät!«
zuzuflüstern.
    Wie die Frau Klaudine wusste auch er sich dieses plötzliche Erscheinen
Leonhards nicht zu erklären; aber noch war die Zeit für solche Erklärungen nicht
gekommen.
    »Gegen neun Uhr ist er gestorben«, sagte er. »Herrgott, welch ein Trost, dass
du da bist! O Leonhard, ich, ich habe ihn auf dem Gewissen, und wenn er auch
einen schönen Tod hatte, so verzeihe ich es mir doch mein Leben lang nicht, ihm
dazu verholfen zu haben. Willst du dich erst fassen, mein Junge, oder soll ich
dir meine Beichte auf der Stelle ablegen?«
    »Was macht die Mutter? Wo ist die Schwester?« fragte Leonhard, die
eigentümliche Selbstanschuldigung des Wegebauinspektors wenig beachtend.
    »Sie sind natürlich ausser sich!« rief der Vetter Wassertreter. »Aber auch
sie wird deine Ankunft unmenschlich trösten.«
    Er öffnete dem Afrikaner die Tür der Wohnstube im untern Stockwerk des
Hauses und führte ihn in dieses Gemach, worin vordem jener grosse Familienrat
unter dem Vorsitz der Tante Schnödler gehalten wurde.
    »Ich will das Kind rufen. Die Alte sitzt natürlich neben dem Alten und will
nicht davon weichen. Wärme dich, wenn du es kannst, und mache dem armen kleinen
Mädchen das rechte Gesicht, sie hat es nötig.«
    Der Vetter zog leise die Tür hinter sich zu, und Leonhard stand in dem
dunkeln Zimmer, in welchem noch ein letzter warmer Hauch des erkaltenden Ofens
schwebte. Die Uhr, welche der Vater noch aufgezogen hatte, setzte ihren Weg
durch die Zeit auch jetzt in ihrem Winkel fort; der runde Tisch in der Mitte des
Zimmers stand noch an seiner Stelle, und als der Sohn des Hauses an demselben
einen Stützpunkt suchte, stiess er mit der Hand an die Schnupftabaksdose des
Alten und erschrak sehr darüber. Der Raum war so voll von Gespenstern wie in der
vergangenen Nacht die Stube des Leutnants Kind, und der Spuk von Nippenburg und
Bumsdorf zupfte kaum weniger an den Nerven als der von Wallenburg und der
Residenz. Dazu durchfröstelte jetzt den Wanderer am Ziel seines Weges das erste
Gefühl der Übernächtigkeit und Erschöpfung im vollsten Masse; er seufzte tief,
aber er wagte nicht, einen Stuhl heranzuziehen und sich zu setzen. Mit
geschlossenen Augen und übereinandergeschlagenen Armen lehnte er an dem Tische,
bis Lina mit einem Lichte in der Hand hereinschwankte und ihr bleiches,
entsetztes, tränenüberströmtes Gesicht an der Brust des Bruders verbarg.
    »Der Vater, der arme Vater, der Vater ist tot!« Mehr vermochte sie nicht
hervorzubringen; aber Leonhard Hagebucher hätte nun doch vielleicht manchen
Regentag seines Lebens hingegeben, wenn er dafür in dieser Stunde nur einige
solcher erfrischenden Tränen, wie das junge, zitternde, furchtsame Ding in
seinen Armen weinte, hätte eintauschen können. Er hatte zu lange in der Fremde
und in der Heimat unter den Wilden gelebt und hatte von manches Menschen Tode
gehört oder gar ihn sterben sehen, um bei solcher Gelegenheit noch über das
köstliche Nass verfügen zu können.
    Dafür sprach er aber um so besser und verständlicher leise, schmeichelnde
Trostesworte zu der kleinen Trostlosen und trug sie dann mehr, als dass er sie
führte, die Treppe hinauf, zu der alten Frau.
    »Ach, das ist ein so grosses Grauen! Es ist mir so sehr fürchterlich, und ich
schäme mich, denn ich habe ihn doch so liebgehabt und habe ihn so lieb -«
    »Wo ist der Vetter, mein Herzchen?« fragte der Bruder.
    »Auch dort drinnen bei der Mutter und - und dem Vater.«
    »Ich schicke ihn dir heraus. Sei ruhig; wir müssen nun recht wacker
zusammenhalten. Mein armes Kind, alles wird ja zu seiner Zeit zu einem Ding,
welches anfängt: Es war einmal! Fasse dich, Lina, auch diese böse Nacht wird
vergehen; es ist übrigens kein Unrecht, Respekt vor den Toten zu haben, sie
fürchtet man nur dann nicht mehr, wenn man anfing, die Lebenden sehr zu
fürchten.«
    Mit zärtlicher Sorglichkeit setzte er nun die Schwester auf einen Stuhl,
welcher vor der Kammer der Eltern stand, und den Leuchter zu ihren Füssen nieder,
dann trat er ein in das Sterbegemach, winkte dem Vetter Wassertreter hinaus und
fasste darauf sanft die alte Frau neben der Leiche in die Arme, und wenig lässt
sich über dieses Wiedersehen, diese traurige Begrüssung sagen: der alte stumme
Herr spielte eben die Hauptperson dabei, und der war schon zu Lebzeiten nicht
auf viele und unnötige Worte eingerichtet.
    Da lag er! Durchaus nicht gelber und verdriesslicher als in den heitersten
und behaglichsten Momenten seines Daseins, aber jedenfalls ebenso gelb und
verdriesslich.
    »Er war so gut, so gut!« schluchzte die alte Dame. »Vierzig Jahre haben wir
miteinander gehauset und Leid und Freude miteinander getragen. Es weiss niemand
so als ich, wie gut er war, wenn man ihm seinen Willen tat. Nimmer hat er mir
ein böses Wort gesagt, und nun liegt er da. Vorgestern noch beim Kaffee hat er
alles eingerichtet, wo die Bohnen gepflanzt werden sollten und wo der Salat und
die Erbsen, und es war ganz gegen meine Meinung, aber ich habe sie wieder einmal
nicht durchgesetzt, und das ist mein einziger Trost in dieser Stunde. Tot, tot,
ja, ihr habt gut sagen, es sei so; ich muss mich noch langehin besinnen, ob es
wirklich wahr ist und ob es wirklich möglich sein kann. Vierzig Jahre, vierzig
Jahre, und nun, als ob es alles nichts gewesen sei! Ich kann nicht dran glauben!
O Leonhard, ich freue mich, dass du gekommen bist, aber helfen kannst du deiner
alten Mutter auch nicht, der kann niemand helfen.«
    »Was soll aus dem Hause und allem, was dazu gehört, werden, wenn du es und
uns aufgeben willst, Mama?« fragte der Sohn mit rührender Listigkeit. »Es geht
jetzt schon alles drunter und drüber, wie wird das erst morgen aussehen! Da ist
denn doch noch ein Trost, dass der Vater den Jammer und die Verwahrlosung nicht
mehr sehen wird, denn es würde ihn sehr ärgern. Solch ein akkurater Mann! Ich
glaube sicher, Mama, du tätest ihm nun grade die rechte Liebe an, wenn du dich
zusammennähmest und an seiner Stelle Ordnung hieltest und alles, was ihm am
Herzen lag, nach seiner Weise versorgtest! Ich glaube, du musst dich jetzt in
jeder Art schonen, dass du Kräfte behältst; du weisst, spassen liess er nicht mit
sich, und dass er einmal eine ganz genaue Rechenschaft verlangt, das ist mir
unzweifelhaft, wie ich ihn kenne.«
    »Das wird er, mein Kind! Jaja, ich sehe es wohl ein, und ich will auch tun,
was menschenmöglich ist; aber ich fürchte mich schon jetzt, an seine Schiebladen
und Kasten und Rechenbücher zu rühren: er war so sehr eigen.«
    »Wer sollte es aber sonst ihm zu Dank machen? O Mama, jetzt bringe ich dich
zu der armen Lina, und du musst mit ihr zu Bett gehen. Er passt uns ganz sicher
auch von da oben auf die Finger, und die Verwandtschaft wird ebenfalls mit dem
frühesten kommen, ihm die letzten Ehren anzutun, und nichts ist vorgerichtet. O
Mama, was soll daraus werden, wenn du uns und ihm nicht bei Kräften bleibst?«
    Dieses war die rechte Art, zu trösten und zu kräftigen, sie führte also auch
besser zum Zweck als hundert weinerliche Sentimentalitäten. Es gelang, die alte
Frau aus der schwülen Kammer zu entfernen und sie unter Beihülfe des
Wegebauinspektors der Schwester zu übergeben. Nachdem dieses geschehen war,
öffnete Leonhard Hagebucher mit einem tiefen Seufzer die Fenster und liess die
winterliche Luft hinein in das dumpfige Sterbegemach. Nun krähten die Hähne von
neuem, aber dieses Mal mit vollem Rechte, es war Morgen geworden. Der Vetter
Wassertreter trat wieder ein und sagte:
    »Gottlob, endlich haben sie Vernunft angenommen und sind ins Bett gekrochen,
beide in ein Bett und in den vollen Kleidern. Nun werden sie sich in den Schlaf
weinen, aber derselbe soll ihnen nichtsdestoweniger ebenso gesegnet sein wie uns
dieser frische Nordwind. Ah, welche Wohltat!«
    Die beiden Männer standen jetzt wieder neben dem Toten und betrachteten ihn
schweigend.
    In tiefem Grame dachte Leonhard daran, mit welchem Glanze er so oft während
seiner Gefangenschaft dieses Haupt umkleidet gesehen hatte und wie nun nicht
eine seiner würdigen und schönen Phantasien zur Wirklichkeit geworden sei. Er
grübelte aber, zu seiner Ehre sei's gesagt, nicht seiner selbst wegen darüber
nach: ein unendliches Mitleid mit dem alten Mann, der aus so tausenderlei
kleinen und nichtigen Kümmernissen und Sorgen sein Leben spann, beherrschte ihn
ganz und gar und regierte alle seine Gedanken. Er quälte sich bitter damit,
Selbstvorwürfe aus allen Winkeln seiner Brust zusammenzuscharren; aber wie er
sich auch anstellte, der Alte tat's nicht, auf keine Weise passte er als
weisslockiger Patriarch auf die Bank unter den Lindenbaum, um weise Lehren und
würdige Lebenserfahrungen einem ehrfurchtsvollen, lauschenden Kreise
mitzuteilen.
    »Lass es gut sein, Leonhard«, sagte endlich der Vetter, »wir wollen nicht
bloss den Frauen gute Lehren geben, wir wollen selber uns danach halten.«
    »Jaja«, sprach Leonhard traurig, »das werden wir wohl müssen. Jetzt aber -«
    »Jetzt willst du meine Beichte und wünschest zu erfahren, wie das Unglück
seinen Weg ins Haus fand. Leider kann ich immer nur wiederholen, dass ich einzig
und allein die Schuld trage und mir grad, weil alles in der besten Absicht
geschah, die schlimmsten Gewissensskrupeln mache.«
    »Ich habe das wunderliche Wort bereits gehört: was soll es bedeuten?«
    »Nichts weiter, als dass ich mein Versprechen hielt und ihn mit der
Menschheit aussöhnte. Seine Natur war jedoch nicht darauf eingerichtet, und so -
so hast du denn die Folgen davon hier vor dir.«
    »Ach, Vetter, lass uns jetzt nicht einander Rätsel aufgeben.«
    »Das ist wahrhaftig nicht meine Absicht; im Gegenteil, ich werde die
Geschichte dir so klar wie möglich zu Protokoll geben. Es ist mir ein wahres
Bedürfnis, mir die Hände zu waschen und mich schlafen zu legen. Also höre; ich
habe es glorreich zustande gebracht!«
    »Was, was?«
    »Den Fackelzug und die Stadtmusik und die Deputation aus dem Pfau und die
Reden und die Abbitte des Onkel Schnödler samt dem dreimaligen Tusch und Vivat.
Es war gelungen, ungemein gelungen, und der Vetter Wassertreter durfte sich wohl
die Hände reiben, wenn der Alte mir nicht zum Schluss, als alles in schönster
Ordnung war, diesen Streich gespielt hätte. Ich traute ihm zwar vieles zu, aber
das nicht!«
    Ein grosses Licht ging dem Afrikaner auf: von neuem betrachtete er
kopfschüttelnd das verrunzelte, verkniffene Gesicht auf dem Kopfkissen,
unterbrach jedoch durch keine weitere Bemerkung den betrübten Vetter, und dieser
fuhr im kläglichsten Tone fort:
    »Wie habe ich fast seit deinem Fortgehen von Nippenburg gearbeitet,
intrigiert und gewühlt! Kein Maulwurf auf zwanzig Meilen in der Runde hätte
seine Sache besser gemacht. Welche Hebel habe ich in Bewegung gesetzt! Ganz
Nippenburg hat mir helfen müssen, ohne es zu ahnen. Die Menschheit hat in mir
einen ihrer grössten Triumphe gefeiert. Ein Kunstwerk, ein wahres, richtiges
Kunstwerk; das lasse ich mir auch in dieser Stunde noch nicht nehmen! Und eines
seligen Todes ist er auch verblichen, das ist mein zweiter Trost, Leonhard, und
wenn ich wüsste, wie jener alte Grieche hiess, dem man zurief: Stirb, du hast
nichts mehr zu wünschen, so würde ich dir ein recht passendes Zitat zu kosten
geben. Ach, liebster Herrgott, auf dem Markte in Nippenburg formieren wir uns
vorgestern bei einbrechender Dämmerung, wie ich es dir versprach - sämtliche
Honoratioren, die Schützengilde, der Gesangverein und natürlich alles Volk, das
abkommen kann, und du weisst, wir können alle abkommen in Nippenburg. Bedeckter
Himmel, windstilles, recht angenehmes Wetter, sämtliche holde Weiblichkeit an
den Fenstern, in den Haustüren oder die Häuser entlang! Banner und Fahnen, kurz,
alles, was dazu gehört! Jedermann sein eigener Fackelträger, jeder Nippenburger
Philister mit seinem eigenen Lichte - - wundervoll!
    O Leonhard, es ist kein Unterschied zwischen den Gefühlen Manzonis in der
Ode über den fünften Mai welche ich ans der Übersetzung meines Goete kenne, den
ich von hinten kenne, und meinen eigenen Gefühlen in betreff deines Vaters! Da
liegt er still und stumm, er, um den vor so kurzer Zeit noch eine so grosse
Bewegung stattfand! - Wir sendeten drei auserwählte Männer zu der Tante
Schnödler, nämlich den Bürgermeister, den Kreisdirektor und den Steuerrat, und
liessen ihn holen, nämlich den Onkel Schnödler, und führten ihn dicht hinter der
Musik nach Bumsdorf. Und die Musik hatte auf meine spezielle Rekommandation den
Einzugsmarsch aus dem Tannhäuser für die grosse Gelegenheit einstudiert; aber sie
brachte ihn leider nicht zustande, sondern brach schon an der nächsten Ecke
damit zusammen und fiel natürlich wieder in die alte Leier: Heil dir im
Siegeskranze, Freut euch des Lebens, Ich bin ein Preusse, kennt ihr meine Farben,
und sonstige Angewohnheiten. Einerlei, es ging doch; am Tor wurden die Fackeln
angezündet, und wir marschierten mit polizeilicher Erlaubnis für den Ulk nach
Bumsdorf, immer mit dem Blech und der grossen Pauke voran und dem Onkel Schnödler
zwischen mir und dem Steuerrat, hinter den Stadtmusikanten, doch vor dem
Liederkranz. Das Dorf ist selbstverständlich bereits auf den Beinen und läuft
uns mit Hurra entgegen oder erwartet uns an den ersten Düngerhaufen mit
atemloser Spannung. Mit Knecht und Magd und allem, was sein ist, und ebenfalls
mit Fackeln rückt der Ritter von Bumsdorf, welchem ich die nötige Instruktion
zukommen liess, aus und dem Alten vors Haus, wo wir in demselben Augenblick unter
der Melodie Wir winden dir den Jungfernkranz anlangen und mit einem grossartigen:
Vivat Hagebucher! Es lebe der Herr Steuerinspektor Hagebucher! unsere Gegenwart
ankündigen und den Zweck unseres Besuchs eröffnen. Ach, Leonhard, Leonhard, der
schlaueste Diplomat geht immer nur so lange zu Wasser, bis er bricht, der
feinste Plan hat gewöhnlich doch eine schwache Stelle, an welcher der Erfinder
die Schuld trägt und die sich bei besserer Überlegung auch wohl hätte vermeiden
lassen. Weshalb instruierte ich dich, mein Junge, nicht wie den Ritter Bumsdorf?
Weshalb nahm ich dich nicht mit herüber, dass du zur rechten Zeit hervortreten,
die Exaltation zum Abschluss bringen und das benötigte kalte Wasser aufschütten
konntest?! Ich kannte doch den Alten lange genug, um zu wissen, dass dein
persönliches Erscheinen allem Übermass der Gefühle den richtigen Dämpfer
aufgesetzt hätte, und nie, nie werde ich es mir verzeihen, dass ich nicht daran
dachte im Hotel de Prusse. - Nun stehen wir im Kreise um die Haustüre, sämtliche
Hauptpersonen voran. Und der Garten ist voll, und die Landstrasse ist voll von
Menschen und Fackeln, und die Liedertafel hat zuerst das Wort und singt den
Gefeierten an:
Wir kommen ihn holen,
Den bie-de-ren Mann,
Den Nippenburg, ganz Nippenburg
Nicht länger missen kann -
und so weiter; der Text liegt bei mir zu Hause, und ich bin verantwortlich für
ihn, aber nicht für die Melodie, an welcher der Kantor Tüte von der Hauptkirche
schuld ist. Tusch und Rede des Bürgermeisters, welcher sagt, dass wir hier sind
im Namen der Stadt und der Gesellschaft im Goldenen Pfau und dass wir es uns zur
Ehre anrechnen, hierzusein, worauf er auf die Nase fällt, wie die Musik mit
meinem Tannhäusermarsch, und ich mit dem Onkel Schnödler für ihn eintrete. Ich
mit dem Onkel Schnödler! Ich als Redner und Opferpriester und der Onkel als
bekränztes Opfervieh. Vetter, spreche ich, Vetter, hier sind wir, aber nicht
allein im Namen der Stadt Nippenburg und des Goldenen Pfaus, sondern auch im
Namen der ewigen Gerechtigkeit, und hier bringe ich das Lamm, welches so
unverschämt und hinterlistig den Bach trübte. Sagen Sie ein Wort, Schnödler,
oder nein, sagen Sie kein Wort, sondern lassen Sie mich reden, denn jeder weiss
schon, was für ein loses Maul Sie haben. Vetter Hagebucher, mit Flöten und
Fackeln, mit Pauken und Posaunen legen wir den Onkel und uns Euch zu Füssen und
befehlen ihn Eurer grimmigsten Rache, uns aber Eurem innigsten Wohlwollen sowie
Eurer klarsten Überlegung. Sie sehen, Vetter Steuerinspektor, wieviel Ihren
besten Mitbürgern an Ihnen gelegen ist, lassen Sie also auch Ihnen an uns
gelegen sein und kommen Sie wieder in den Pfau. Soeben kehre ich aus der
Residenz zurück; o wären Sie mit mir gegangen, Vetter, Sie hätten erfahren
können, wie man Ihren Jungen in der grossen Welt schätzt und ehrt. Fragen Sie nur
den Ritter Bumsdorf, ob es nicht wahr ist! Schönheit und Adel, Reichtum und
Bildung, alles bezahlte seinen Gulden Eintrittsgeld, um ihn zu sehen, zu hören
und sich über ihn zu verwundern. Er ist doch ein Stolz für Sie und Nippenburg,
und er ist es um so mehr, je mehr man ihn verkannte! Allen Sündern sei vergeben,
Vetter Hagebucher, hier haben Sie den Onkel Schnödler, nehmen Sie ihn hin,
nehmen Sie uns alle hin - einen Kuss der ganzen Welt - das festliche Mahl, das
Mahl der Versöhnung wartet im Pfau, mit offenen Armen wartet der Ehrensessel -
Hagebucher, Hagebucher senior, Würdigster aller Steuerinspektoren, da wir hier
denn einmal so fröhlich beisammen sind, umarmen Sie in mir ganz Nippenburg,
ausser dem Onkel Schnödler, den Sie noch ganz speziell umarmen mögen! Musik,
Tusch, donnerndes Vivat! Die Schützengilde präsentiert das Gewehr, der
Liederkranz gibt seinen Gefühlen höchst unmotiviert durch das Lied Wer hat dich,
du schöner Wald Ausdruck, und der Alte, der Alte hängt an meiner Schulter und
schluchzt O Vetter, das ist eine gar zu grosse Freundlichkeit! Ich drehe ihn, ehe
er recht zur Besinnung kommt, hinunter von der Treppe in den Kreis der
begeisterten Abderiten. Man schwenkt ein in die Marschlinie, und Arm in Arm mit
dem Onkel Schnödler, unter Jubelruf, Trommelwirbel, Drommetenklang, begossen von
dem roten Schein von hundertundfünfzig Pechfackeln, marschiert der Alte mit uns
zurück nach Nippenburg, hinein in den glänzend illuminierten Goldenen Pfau, und
die Alte und Lina weinen uns von der Gartentüre aus die hellen Freudentränen
nach. Ach, Leonhard, weshalb warest du nicht bei uns, weshalb hatte ich dich
nicht mitgenommen nach Nippenburg? Wo warest du, als er sich in seinem Sessel
zurücklegte und der Stadtphysikus, der ihm gegenübersass, bestürzt aufsprang, die
Tischmusik abbrach und der Stadtchirurg, obgleich er sein Besteck bei sich trug
und seine Lanzette schnell genug brauchte, doch den Kopf schüttelte?«
    »Ich liess mir von dem Herrn van der Mook und dem Leutnant Kind Geschichten
erzählen«, murmelte Leonhard: allein der Vetter fuhr in aller Hast fort:
    »Wir brachten ihn zurück in sein Haus, diesmal ohne Fackeln, Schützengilde
und Stadtmusik, und der Herr von Bumsdorf lief vorauf zu den Weibern. Gestern,
den ganzen Tag, hat er still gelegen, bis gegen neun Uhr am Abend. Bei Gott, er
war doch ein anständiger, wackerer Gesell in seiner Art, und es tut mir leid,
sehr leid, und viel, viel würde ich drum geben, wenn ich ihn ruhig in seinen
Grillen und Schrullen hätte sitzenlassen. Ach, Leonhard, das habe ich dir nicht
versprochen, als ich am Dienstag vor dem Hotel de Prusse in den Wagen stieg und
dir versprach, den Alten herumzubringen!«
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Leonhard Hagebucher hatte den Vetter Wassertreter sprechen lassen, ohne ihn zu
unterbrechen, doch ohne mehr als die Hauptzüge, den Kern des Berichtes,
aufzufassen: am Schlusse desselben drückte er ihm nichtsdestoweniger die Hand
und seufzte:
    »Es war wohlgemeint, Vetter, und daran wollen wir uns halten, alles übrige
ist nicht in unsere Hände gelegt. Ich danke Euch herzlich, Vetter, Ihr habt Euer
Bestes getan, wenngleich auf Eure Weise. Was aber wird jetzt das nötigste sein?
Ist schon in irgendeiner Art für die nächsten Tage vorgesorgt, oder -«
    Ein schnarrender Ton bewog den Afrikaner, sich schnell umzuwenden: der
Vetter Wassertreter hatte die Hände im Schoss zusammengelegt und schlief fest auf
seinem Stuhle neben dem Bette; er musste mit dem letzten Worte seiner Erzählung
eingeschlafen sein. Auf den Zehen ging Leonhard zu den Fenstern und schloss sie
leise nach einem letzten Blick in die graue Morgendämmerung. Er wollte wachen,
er musste wachen, doch auch er nahm einen Sessel zu Häupten der Leiche und
versuchte es, seine Gedanken so klar zu halten wie seinen Willen.
    Das war schwer und erwies sich bald sogar als eine Unmöglichkeit. Es hätte
eine übermenschliche Kraft dazu gehört, unter den Aufregungen der letzten Woche
ad sidera tollere vultus, d.h. die Nase so zu tragen, wie es die Naturgeschichte
vom Menschen verlangt.
    Fünf Minuten noch behielt Leonhard das starre Gesicht des Vaters unverwandt
im Auge; dann füllte sich das Gemach mit einem Nebel und dieser Nebel mit einem
Hexentanz alles dessen, was die Woche so bunt gemacht hatte. Der
gaslichterhellte, menschengefüllte Saal der Vorlesung, der Herr von Betzendorff,
der Herr von Glimmern, die Frau von Glimmern, der Professor Reihenschlager und
Serena Reihenschlager, der Herr van der Mook - die Stube des Leutnants Kind und
der Leutnant Kind selbst - der Weg nach der Katzenmühle, die Mühle und die Frau
Klaudine - der Weg nach Bumsdorf - das verstörte Vaterhaus, der tote Vater, die
Erzählung des Vetters Wassertreter und, seltsamerweise, aus dem Bericht des
Vetters Vorzugsweise der Onkel Schnödler purzelten in seiner Seele durcheinander
gleich den Tönen eines Klaviers, auf welchem eine Kinderhand Musik macht, bis -
ja, bis Mutter Natur endlich Ruhe gebot und dem wildesten Lärm die tiefste
Stille, dem angestrengtesten Denken die völlige Bewusstlosigkeit folgte.
    Es war heller Tag, als der zum zweitenmal aus der Fremde heimgekehrte Sohn
erwachte, und er hatte mancherlei verschlafen. Die Leiche war aus dem Bette
gehoben und in einer Nebenkammer auf ein anderes Lager niedergelegt worden: es
war wieder ein Feuer in dem erkalteten Ofen des Sterbegemachs angezündet, und
unten in dem Familienzimmer wartete das Frühstück und empfing der Vetter
Kondolenzbesuche.
    Als der Schläfer hastig emporfuhr und an das Fenster taumelte, hielt ein
Handwagen vor der Gartentür auf der Landstrasse, und der Meister Schreiner mit
seinen Gesellen lud den Sarg ab, und die Magd des Hauses, mit einem frisch
geschlachteten Hahn in der linken Hand und dem Schürzenzipfel vor dem rechten
Auge, sah der traurigen Arbeit schmerzlich, jedoch nicht unangenehm interessiert
zu. Bestürzt wich Leonhard zurück und blickte schnell nach dem leeren Bett
hinüber; mit beiden Händen griff er nach der Stirn und starrte von Wand zu Wand,
von der Decke zum Boden, von dem alten Kupferstich, dem Opfer Isaaks, auf das
Porträt des Grossvaters in Öl. Das war Bumsdorf, das war das elterliche Haus, das
war die Kammer der Eltern!... Zitternd, in namenloser Angst nochmals zwei
Schritte gegen das Fenster - der schwarze Schrein wurde über des Hauses Schwelle
gehoben; - bei dem klaren Winterhimmel, die Sache verhielt sich so, und es war
das vernünftigste, die Treppe hinunterzusteigen, um die alte Frau in ihrer
Witwenschaft in ruhiger Trauer zu begrüssen! Wie von einem Fenster unserer
Erzählung treten auch wir zurück; und gleichwie recht gute Freunde ihre Besuche
auszusetzen pflegen, wenn Verdriesslichkeiten über das Haus, in welchem sie aus
und ein gingen, hereinbrachen, so lassen auch wir die unerquicklichen Tage,
welche jetzt dem Haus Hagebucher zugemessen wurden, vorüberstreichen, ohne uns -
aufzudrängen. -
    Alle Wasser waren erstarrt vor dem kalten Hauche aus Norden. Die Wälder und
Täler lagen da, als ob niemals ein Ton in ihnen erklungen sei. Nun war die
rechte Zeit der Einsamkeit für die Katzenmühle gekommen, die ja versteckter lag
als sonst eine Menschenwohnung weit umher. Mit den andern Wassern verstummte
natürlich auch das Rinnsal des Baches; auch das leiseste Klingen der
vereinzelten Tropfen aus der fernen Welt des Lebens über dem zerbrochenen Rade
hatte aufgehört; Mutter und Sohn in der Mühle waren allein, und niemand störte
sie, selbst Leonhard Hagebucher nicht.
    Wir kommen aus dem Hause des Todes, und der Tod ist eine ernste Sache: aber
er hinderte uns nicht, festen Schrittes einherzugehen und verständlich, mit
heller Stimme unsere Meinung zu sagen. Nun fürchten wir das Echo in den Wäldern
zu erwecken was ist das? Kann das Leben grössere Mysterien haben als der Tod?
    Hier war ein Wunder; die Frau Klaudine war gewachsen! Um eines Hauptes Länge
war sie höher geworden über Nacht. Sie hatte beide Hände vor sich auf den Tisch
gestützt und so sich langsam aufgerichtet. Mit grossen, klaren, ernsten Augen
blickte sie in ihr Geschick - - bis hierher und nicht weiter!
    Sie hatte in der Einsamkeit und Hoffnung einen mächtigen Willen gewonnen.
Sie fürchtete sich nicht; sie war die Starke, die Herrin, und keine Unbändigkeit
hielt vor ihr aus. Die Laufbahn des wilden Abenteurers war zu Ende in dem
Augenblick, wo er den Fuss über die Schwelle seiner Mutter setzte; die Laufbahn
der Frau Klaudine Fehleisen begann in demselben Augenblick von neuem.
    Er konnte krank, gebrochen, als ein Bettler an die Tür der Katzenmühle
pochen; er konnte als ein verfolgter Verbrecher zurückkehren: durch tausend
schlaflose Nächte hatte die Mutter auf die Tritte gehorcht, die sich nahen
mussten. Wenn er mit sinnlosem, tierischem Lachen durch den Wald taumelte, wenn
sie ihn dir mit geschlossenen Händen brächten und dich fragten: Ist dieser dein
Sohn?, wenn er mit einem Haufen wüster, trunkener Genossen Einlass begehrte, die
Mutter war auf alles gerüstet, sie hatte für alles ihren Gruss bereit, und
nun?...
    Am Tage nach dem Begräbnis seines Vaters ritt Leonhard Hagebucher auf dem
Gaul des Vetters Wassertreter von Bumsdorf herüber, in schweren Sorgen um das,
was er finden würde. Er fühlte sich müde und verwirrt und hatte grosse Furcht,
dass man ihn frage, was zu tun und was zu lassen sei; ja er hatte sich sogar
eines gewissen egoistischen Überdrusses an den Schicksalen der Leute, zu denen
er ging, zu schämen. Das Bedürfnis nach Ruhe lag ihm nicht nur in den Knochen,
sondern es lähmte ihm jede Seelenfiber, und als zwei fette Krähen, die eine
Zeitlang auf dem Wege Vor ihm herhüpften, sich jetzt erhoben und mit munterm
Flügelschlage krächzend über dem Walde zur Linken verschwanden, da schüttelte er
ihnen eine matte Faust nach und murrte:
    »Ihr Kerle wisst gar nicht, wie gut ihr es habt; übrigens meine besten Grüsse
an das Kind, den Herrn Professor und die koptische Grammatik!«
    Des Vetters Gaul hatte, wie der Vetter selber, seinen eigenen Gang; aber
auch er brachte einen an Ort und Stelle, wenn man ihn gewähren liess, und da sich
Leonhard vollkommen in der Stimmung befand, jedermann gewähren zu lassen, so
erreichte er mit ihm und auf ihm wohlbehalten und eigentlich früher, als ihm
lieb war, das gastliche Haus zum Ochsen im Dorfe Fliegenhausen. Hier fand der
Gaul seinen Weg in den warmen Stall allein, und Hagebucher ging zu Fusse zur
Katzenmühle und schüttelte unterwegs manchen über den Pfad hängenden und mit
klingenden Eiszapfen behangenen Ast, um sich eine Haltung zu geben.
    Kalt zwar schien die Sonne auf das bereifte Dach der Mühle, aber es war doch
die Sonne, und der gefrorene Boden tönte unter den Füssen; Sumpf und Morast
Versperrten heute nicht den Weg zu der Tür der Frau Klaudine. Mit fröhlichem
Gebell sprang der Spitz dem Nahenden entgegen, und auf der Schwelle des Hauses
erschien der Herr van der Mook, schüttelte stumm und ein wenig verlegen die Hand
Leonhards und führte ihn in die Stube, wo die Frau Klaudine schreibend am Tische
sass, aber schnell die Feder niederlegte und mit einem Blick aus der staunenden
Seele Hagebuchers alles Dunkel und alle Müdigkeit verscheuchte.
    »Siehst du, Viktor«, sprach sie, »ich wusste es, dass er kommen würde. Ich bin
von Stunde zu Stunde seinen Schritten durch die letzten Tage gefolgt - wie hätte
ich mich täuschen können? Wir wandelten in den Schatten des Todes, Leonhard,
aber wir glauben an das Leben; nicht wahr, nicht wahr, du kommst nicht, um Asche
auf unsern Glauben, auf unsere Hoffnung, auf unsern Sieg zu streuen? Dein Mut
ist mein Mut, dein Glück ist mein Glück, wir stehen auf einem Felde. Wir sind
wenige gegen eine Million, wir verteidigen ein kleines Reich gegen eine ganze
wilde Welt: aber wir glauben an den Sieg, und mehr ist nicht nötig, um ihn zu
gewinnen.«
    Gleich einem hellen Glockenklang hallte dieses Du der Frau Klaudine in dem
Herzen Leonhards wider. Nie hatte ihm in seinem eigenen Leben oder in einem
Buche der Geschichtsschreiber und Poeten etwas so imponiert wie diese Frau,
welcher jener Stern Wermut jeden, auch den süssesten Brunnen vergiftete. So
königlich stand sie in ihrem schwarzen Kleide vor ihm, dass er gar nicht daran
dachte, ihr mit einer wohlgesetzten Rede zu antworten, dass er weiter nichts tun
konnte, als dem Jäger die Hand hinzureichen und stotternd zu sagen:
    »Wir wollen unser Bestes tun, Viktor!«
    Noch war das alte wüste Lachen nicht überwunden, aber es klang doch
gedämpfter.
    »Ihr seid ein eigener Patron, Meister Hagebucher, und habt Eure Zeit nicht
verloren zu Abu Telfan. Führt mich der Teufel oder der Zufall oder das
Verhängnis, oder wie Ihr es nennt, dortin, und ich stosse mit dem Fusse an einen
Klotz im Wege, an einen Leichnam oder dergleichen und wundere mich nicht wenig,
als das Ding sich aufrichtet und sagt: Pardonnez, monsieur, auf ein Wort, es
wäre mir sehr lieb, wenn Sie einen Augenblick Ihrer kostbaren Zeit für mich
übrig hätten. - Und weil ich noch ziemlich munter und bei Kräften in den
Stiefeln stehe und mir im Notfall wohl mit Büchse und Jagdmesser Bahn breche,
denke ich, hier ist doch ein Trost für den Herrn Leutnant und der Landsmann
steckt sicher um eine gute Elle tiefer im Sumpf als der Korporal Kornelius van
der Mook. Das war ein recht tierischer Triumph, Mama, und erinnert mich jetzt
lebhaft an das behagliche Kollern und Kichern meines Freundes Mustafa Bei zu
Kars, als die Mine vor uns mit zweihundert Russen in die Luft ging. Verflucht,
es war nahe genug vor der Kapitulation und der ganze Lärm ziemlich überflüssig,
und wie wir dort hinten unsere Rossschweife senkten und unsere Gewehre abgaben,
so rücke ich auch jetzt vor die Wälle und kann nur sagen: Mach es anständig,
Freund Leonhard! - Wie habe ich ihn gefunden, Mama? Er sagt die Wahrheit dem
Volke von der Kanzel, und er sagt sie einem unter vier Augen; und was das
tollste ist, er weiss, was er sagt. Überall treffe ich auf ihn; er hat seine Hand
in dem Leben Nikolas, er hat seinen Platz hier an deinem Tische und in deinem
Herzen. Setzt er nicht seinen Willen durch? Dem Leutnant Kind hat er ein Schloss
vor den Mund gelegt, mich hat er an Händen und Füssen gebunden hierhergeführt. O
er ist frei und klug und weise; ich aber bin ein eigensinniger Bube mit
ergrauendem Haar, ein erbärmlicher Sklav, ein Hund, den man an die Kette
schliesst. Ist es nicht so? Redet doch! Habt ihr etwas anderes für mich als ein
kümmerliches Mitleid und ein stilles Bangen, dass der Hund einmal ganz toll
werden und selbst seine nächsten Freunde anpacken könne?«
    Die Frau Klaudine sah mit verlangenden Augen auf Leonhard, und dieser
sprach, gegen den Tierhändler gewendet:
    »Du hast mir soeben recht schmeichelhafte Dinge gesagt, Viktor Fehleisen,
und mir eine Macht zugeschrieben, auf die ich wohl stolz sein dürfte, wenn der
Stolz hier unter diesem Dache Raum fände. Nur eines weiss ich und sage ich dir:
Du würdest dieses Haus mit meinem Willen nie betreten haben, wenn ich nicht am
eigenen zerrütteten, verlorenen, niedergetretenen Dasein die hohe Kraft, die
hier wohnt, kennengelernt hätte und nun auch die Genesung für dich von ihr
erwartete. Ich habe dich schon einmal an einem andern Orte nach deinem Rechte an
deiner Mutter gefragt, Viktor; jetzt will ich dir die Antwort darauf geben: Es
liegt in deinem Unglück und unser aller Ratlosigkeit. Hier stehen wir zwei von
allen Wettern zerzauste Männer, der eine zu Land und zur See, im Kriege und in
den Wäldern gehärtet und gehämmert und jeder Gefahr, welche die Materie dem
Menschen droht, lachend, der andere in der Knechtschaft zum Manne geschmiedet,
wohlbewandert in der Logik der Tatsachen, mit allen Waffen zum Kampf des Geistes
gegen die Geister ausreichend versehen, und doch - beide wie schwach und
schwankend, wie hinfällig und nichtig in all ihrem Tun und Urteilen, in all
ihrem Wollen und Vollbringen. Wohin wir uns wenden, stossen wir gegen die Mauern,
welche die dunkeln Hände gegen uns errichten. Vergeblich mühen wir uns in Zorn
und Angst, knirschend und atmend ab und stemmen uns wider die Mächte, die unser
spotten. Wir ringen nach Atem, Licht und Luft, und es gelingt uns auch wohl, von
der Höhe eines Trümmerhaufens einen Blick in die Weite zu werfen und die Welt im
goldenen Lichte der Schönheit und des Friedens liegen zu sehen. Dann dünken wir
uns gross und gewaltig, rufen Sieg und merken nicht, wie hinter unserm Rücken die
schwarzen Wälle während unseres eitlen kurzen Triumphes höher emporstiegen und
wie wir nun da die Nacht haben, wo uns vor einer Stunde noch der helle Tag
leuchtete. Wir riefen Sieg von der Höhe eines Trümmerhaufens, und aus den
Spalten und Ritzen zu unsern Füssen klingt ein höhnisches Lachen: in unsern
Triumph hinein wächst es auch vor uns wieder auf: Hinab, hinab, nieder in die
Tiefe zu neuer vergeblicher Arbeit, zur Rechten oder zur Linken, bis in den Tod
keuchend und ringend! Nun seht auf diese Frau und wagt es, Euern Gewinn vor ihr
zu zählen! Sie lag unter berghohem Jammer verschüttet, die Feinde waren in ihr
Allerheiligstes gedrungen, sie war vernichtet in ihren Gefühlen als Gattin und
Mutter, aus ihrer Heimat war sie in die Wüste gejagt und dort allein gelassen
worden, und sie brauchte nicht wie wir an die Brust zu schlagen und zu sagen: Es
ist nur mein Recht, was mir widerfährt! Wie stehen wir ihr gegenüber, Viktor
Fehleisen? Die Welt hatte ihr nichts gelassen, und heute weiss sie ihres Schatzes
kein Ende. Wir sind die Bettler, sie ist die Reiche; mit leeren Händen kommen
wir zu ihr, und sie allein kann uns geben, was wir bedürfen: die Kraft, den Mut,
den unerschütterlichen Willen. Ach, wie feige sind wir gegen ihre heldenhafte
Geduld! Sie lag tiefer gebeugt als wir alle, aber leise richtete sie sich auf
und füllte die Wüste mit ihrer Hoffnung. Sie sass still in der Einsamkeit,
rechtete mit niemand und wies nur den Zorn, den Hass und die Rache von ihrer
offenen Tür fort. Ja, ihre Tür war offen, und die Tage zogen an derselben
vorüber und sahen fremd und befremdet hinein: die Frau Klaudine aber lächelte
ihnen entgegen: Was wundert ihr euch? Freilich sitze ich hier und lebe und
spinne an meinem schönsten Feiertagsgewande: - ihr kommt, sucht eine Gestorbene
und findet eine Lebende: ja, ich lebe und will leben; - wie die Zweige des
Waldes mir in mein Fenster wachsen, so drängen sich die lichten Gedanken in mein
Herz; - ich baue für meine Kinder, die in der wilden Welt umherirren, ein neues
Haus, einen neuen Herd, an welchem sie einst niedersitzen werden, mir von ihren
Mühen und Leiden zu erzählen - was sollte daraus werden, wenn ich nicht
stillbliebe und den armen Wanderern, den Gejagten und Verfolgten eine Freistatt
offenhielte?! - Wahrlich, es ist nicht allein der Helden und Könige Sache, zu
rufen: Sonne, stehe still und leuchte der Vollendung unserer Siege! Auch der
Schwächste, der Ärmste, der Geringste kann den glanzvollen Stern über seinem
Haupte und Herzen festalten, bis alles vollbracht ist, und die Frau Klaudine
konnte es. Jetzt, wo die Nacht um uns dunkler denn je zuvor ist, kommen wir zu
ihr und bitten um ein Fünklein Licht - wie können wir gerettet werden, wenn
nicht ihr Mut zu unserm Mut, ihr Glück zu unserm Glück wird, wenn wir uns nicht
zu ihr, auf ihr Feld stellen und in dem milden Scheine ihrer Sonne ihre Götter
anrufen?!«
    »Er hat sicherlich die Wahrheit gesprochen, Mama!« rief Viktor Fehleisen mit
bebender Stimme. »Wir haben uns nur zu schämen, und du hast den Sieg innerhalb
und ausserhalb deiner Wälle gewonnen. Ich habe überhaupt keine Stimme mehr im Rat
und will gehen und stehen, wie du es befiehlst. Aber auch die andern sollen
deinem Kommando gehorchen. Wenn ich besser sprechen könnte und nicht in jedem
Augenblick das Gleichgewicht verlöre, würde ich es ihnen schon sagen. Der da aus
Abu Telfan versteht das Ding gut genug und hat es auch schon bewiesen in der
Höhle des Leutnants Kind; - Fluch und Wehe über mich, lass ihn Wache halten vor
Nikolas Tür! Einst fand ich jenen Friedrich von Glimmern auf allen meinen Wegen;
nun steht dieser hier überall da, wo ich stehen sollte, und dass beides
verdriesslich für mich ist, weiss ich; doch was mir am meisten Schande bringt, hab
ich noch nicht herausgeklügelt, hoffe es aber mit der Zeit und Weile noch
herauszubekommen.«
    »Mein Kind, mein Kind, du bist im Hause deiner Mutter!« rief Frau Klaudine.
»Deine Mutter tritt zwischen dich und dieses Grübeln, Rechnen und Rechten über
und um das Vergangene. Leonhard Hagebucher hat recht, ich wollte ein neues Haus,
einen neuen Herd bauen für meine Kinder, denn ich wusste, dass sie zu mir
zurückkehren würden - wie sie kommen mochten, das kümmerte die Mutter nicht. Ich
habe Feiertagskleider gewebt für mich und für die Meinigen, und wir wollen sie
alle tragen, alle, alle! Und jetzt, Leonhard, sagen Sie uns von Ihrem trauernden
Vaterhause, von der Mutter und der Schwester; ach, die nächsten Gräber verlieren
oft über dem Leben ihren Anspruch an uns; aber meine Gedanken sind doch immer
bei Ihnen und den Ihrigen gewesen, mein Freund!« -
    Sie sprachen nun von dem Tode und dem Begräbnis des wackern
Steuerinspektors, und wie der Vetter Wassertreter so treu und trotz aller
Betrübnis so lustig zu dem Haus Hagebucher stehe. Der Herr van der Mook sass
stumm im Winkel, hielt den klugen Kopf des Spitzes zwischen den Knien und hielt
seinen eigenen Kopf tief gesenkt. Die Frau Klaudine sprach innig teilnahmsvoll
von den Verhältnissen und Zuständen Leonhards, aber den Sohn liess sie doch kaum
einen Augenblick aus den Augen, immer suchte ihn ihr unruhiger Blick über die
Schulter; und mehr als einmal streckte sie, ohne es zu wissen, die Hand aus, als
suche sie die seinige, wie in grosser Angst, dass er sich erheben, vor die Tür
treten und nimmer wiederkehren werde. Der Herr van der Mook regte sich jedoch
kaum, bis im Verlaufe des Gesprächs wieder einmal der Name Nikola von Glimmern
genannt wurde. Da sprang er so jäh auf, dass der erschreckte Hund mit einem Laut
der Angst vor ihm zurückfuhr. Heftig fasste er den Arm Hagebuchers und rief:
    »Sei mein Freund und stehe mir bei! Ich bin nur wie ein Mann, der aus einem
Haschischrausch erwacht, ein Kind kann mich mit dem Verstand und mit der Hand
meistern. Wann gehst du zurück nach der Hauptstadt? Denke für mich, handle für
mich; ich fasse deine Hand, wie du die meinige zu Abu Telfan im Tumurkielande
fasstest!«
    »Ach, wenn man nur mit den Mächten der Zivilisation handeln könnte wie mit
den Barbaren am Mondgebirge!« seufzte Leonhard kopfschüttelnd. »Nur die Frau
Klaudine wird uns alle retten. Sie allein hat den Zauberstab, der die Winde
bändigt und die Wellen ebnet: sie allein ist reich genug, das Lösegeld
aufzubringen, welches die Seelen frei macht von den Banden der Knechtschaft; sie
hat das Brot und Wasser des Lebens und kann die Hungernden speisen, die
Dürstenden tränken. Nikola von Einstein aber weiss das, hat es am vollsten und
klarsten erfahren, deshalb hab ich kaum eine Sorge, gewiss aber keine Furcht um
sie. Der Sturm, welchen wir nur aufhalten, nicht verbieten können, wird ihr
schönes Haupt tief beugen, doch den Baum ihres Lebens wird er nicht entwurzeln.
Einst hat sie mir von einem Bürgerrecht in einem Reiche, von dem die Welt nichts
wisse, gesprochen. In der rechten Stunde wird sie diesen Freibrief vorweisen,
und alle da draussen werden ihn widerwillig oder freudig anerkennen müssen, und
an diesem Tische wird sie niedersitzen und sprechen: Mutter, ich danke dir, dein
Brot hat mich erhalten!« -
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
In seinem Studierzimmer sass der Professor Christian Georg Reihenschlager,
beschäftigt mit dem Studium der vergleichenden Sprachwissenschaft; in ihrem
Zimmer sass Fräulein Serena Reihenschlager, ebenfalls mit einer vergleichenden
Wissenschaft beschäftigt. Es war ein klarer Januarnachmittag, die Sonne blickte
heiter, wenn auch nicht warm in die Fenster, aber so licht wie der Tag war weder
die Seele des Papas noch die der Tochter. Auf beiden Seelen nämlich lag ein
leichter Schleier, nicht der graue des Missmutes, nicht der grüngelbe des
Verdrusses, sondern der bläulichviolette des nicht unbehaglichen Sehnens nach
einem guten, gemütlichen Kameraden, einem freundlichen, unterhaltenden
Hausgenossen, welcher auf Reisen gegangen war und dessen leerer Platz am
Kaffeetisch bereits zu mehreren der Stunde und Stelle wohlangemessenen
Bemerkungen und Eräusserungen An lass gegeben hatte.
    »Es ist doch ganz abgesehen von der koptischen Grammatik, ein recht
angenehmes Zeichen in Hinsicht auf den Charakter des jungen Mannes, dass wir ihn
nach kurzer Bekanntschaft schon so sehr entbehren«, hatte der Professor gesagt,
und Serena, mit der Zuckerzange spielend, hatte darauf bemerkt:
    »Nun, so ganz jung ist er wohl nicht; aber auch ich hab ihn wirklich gern.
Er ist recht unterhaltend und hat bald herausgefunden, dass ich nicht ungern
lache und einen Narren am richtigen Platze wohl zu taxieren weiss. Was hat man
auch sonst von dem langweiligen gelehrten Leben? Ja, wir haben uns bis jetzt so
ziemlich vertragen, und in Anbetracht, dass die grosse Wäsche wieder einmal hinter
mir liegt, hab ich den Pascha in Ermangelung seines Herrn herbestellt, um mit
ihm ein Schwatzstündchen abzuhalten. O Himmel, was der Himmel eigentlich mit mir
im Sinn hat, dass er mich so mir nichts, dir nichts mitten in diese afrikanische
und koptische und indianische Menagerie setzte, ist mir bis dato durchaus nicht
klargeworden.«
    »Om!« hatte der Professor gesagt, den Blick beider Augen auf die Spitze
seiner Nase gerichtet, und war in seinen Pantoffeln und seinem Kaftan wieder in
sein eigenes Reich hinaufgestiegen. Er war selten bei den Audienzen, die sein
Töchterlein erteilte, zugegen; und was den Pascha anbetraf, so achtete er ihn
zwar als Menschen, fühlte sich jedoch in Hinsicht auf Klarheit der
Weltanschauung merkwürdigerweise zu hoch über ihn erhaben, um selbst nur ein
Bruchteil seiner kostbaren Zeit für ihn übrig zu haben.
    Om! - Mit blinzelnden Augen sass Täuberich ganz vorn auf einem Stuhlrande,
und in einem Schaukelstuhle ihm gegenüber lag, ebenfalls mit blinzelnden Augen,
die kleine Inquisitorin, mit den Fingerspitzen beider Hände einen allerliebsten
Kontertanz ausführend.
    »Also, Täubrich, Sie sind gleichfalls überzeugt, dass Ihr Herr und Meister
neben seinem gediegenen Verstande auch ein goldenes Herz besitze?«
    »O Fräulein!« seufzte der Schneider, »Fräulein, seinen Verstand ahne ich
nur, den kann unsereiner nicht taxieren, aber sein Herz kenne ich auf beiden
Seiten wie jeden Rock, den ich je wendete. Sein Herz ist auf beiden Seiten echt:
denn wieso sollte er sich sonst grad mit mir abgeben, der auf dem Schub unter
den verständigen Leuten wieder ankam und heut noch nicht weiss, wie's zuging? Ich
weiss wohl, was ich bin, und ich weiss, was er ist. Dass es bei mir nicht ganz so
ist, wie es von Rechts wegen sein sollte, hat mir schon mehr als einer gesagt,
aber er niemals. Bin ich ein Spielzeug? Bin ich ein armer blöder Kujon, der zu
nichts taugt, als dass man seinen Witz dran auslasse? Die ganze Welt und
Nachbarschaft sagt es, aber er nicht! Ich glaube, ich tue ihm leid und er
bedauert mich, was zwar nicht nötig ist, mich aber doch recht freut. Doch zu
andern Zeiten denke ich wieder, das ist's nicht allein; aus blossem Mitleid hält
er nicht zu dir, Täubrich, sondern es ist auch wegen der Kameradschaft im Leben,
dass er sich zu dir setzt am Abend oder mitten in der Nacht und zu dir wie zu
einem vernünftigen Menschen und seinesgleichen redet und dir sein ganzes gutes
und weises Herz ausschüttet.«
    »So? Tut er das, Täubrich?« fragte das Fräulein. »Das ist ja sehr merkwürdig
und recht brav von ihm. Wenn Ihnen der Kaffee noch nicht süss genug ist, so steht
die Zuckerdose neben Ihnen links von Ihrem Ellenbogen. Also er schüttet Ihnen
sein ganzes gutes und weises Herz aus? Und Sie verstehen, was er spricht?«
    »Durchaus nicht!« sprach der Pascha mit grossem Nachdruck. »Manchmal ist's
mir wohl, als sähe ich durch einen Riss in meinem blauen Nebel in das freie Land;
aber es hält nicht an. Ich kann eben nicht loskommen von Damaskus und Jerusalem,
das ist die Fatalität; aber es hat nichts auf sich: wenn nur einer recht weiss,
was er will, so ist's genug für zwei.«
    »O Täubrich!« seufzte tief nachdenklich das Fräulein, hätte aber ebensogut:
O Ferdinand! oder etwas Derartiges seufzen dürfen.
    »Ja, sehen Sie, Fräulein, ich bin, sozusagen, mein ganzes Leben hindurch
eine arme Waise gewesen, und ein Schneider ist dann schon an und für sich kein
Wesen, welches der Menschheit imponiert, wenn es nicht mit einer recht langen
Rechnung kommt. Und ich hab's nur bis zum Schneidergesellen gebracht, denn ich
hatte Triebe zum Höhern, und so bin ich nach dem himmlischen Orient, nach
Jerusalem und weit durch die Wüste bis tief in die Palmenländer gekommen, wie
mein Herr Hagebucher ins Innerste von Afrika. Und dann bin ich auf einmal hier
wieder im Land und vor meiner Mutter Tür gewesen, die Leute sagen: auf dem
Schub, mir aber ist es wie eine Zauberei, und davon bin ich nie wieder zurecht
geworden, sondern bin im Traum geblieben und werd auch wohl drin bleiben. Die
Leute sagen nun, grad vor der Tür des Narrenhauses sei ich abgesetzt worden, und
die meisten von ihnen mögen auch wohl das Recht dazu haben, aber nicht alle. Und
was mich selber angeht, so denke ich oft, auf einem sehr hohen Berg habe der
Vogel Greif mich niedergesetzt; denn wie hätte sonst der Herr Hagebucher mich
auffinden und Brüderschaft mit mir machen können? Der Herr Leutnant Kind wundert
sich auch gar nicht drüber, und das ist mir ein Trost bei dieser Bekanntschaft!«
    »Kind? Kind? Wer ist denn nur dieser Leutnant Kind?« fragte Serena.
    »Der ist, wie ich eben schon sagte, ebenfalls eine Bekanntschaft von mir,
aber keine aus dem Palmenlande und von meinem Berggipfel, sondern eine ganz
nagelneue und gar nicht angenehme.«
    »Sie haben in der Tat sehr viele Bekanntschaften, Täubrich!«
    »Das habe ich. Jenseits und diesseits des Mittelländischen Meeres, diesseits
und jenseits der Wolken. Ach, Fräulein, Sie sitzen hier in einem hübschen
Stübchen, und unsereinem aus der Kesselstrasse ist's wie eine neue Welt, dass die
Sonne selbst im Winter durch so grünes Gebüsch und solche Blumen scheinen kann.
Es ist auch herzig so und soll so bleiben, und es wäre sehr schlimm, wenn Sie je
mehr von der bösen Welt und den Bekanntschaften, welche man drin machen muss,
wissen sollten als Ihr Zeisig dorten in seinem bunten Käfig. Hier sitze auch ich
geborgen, und meine Augen sind heute klar genug; wenn ich aber in einigen
Minuten oder nach einer Stunde Ihre liebe Tür wieder hinter mir zugezogen habe,
dann ist das eine andere Sache. Gott behüte Ihre klaren Augen, Fräulein; denn
für jedes, was einem von seiner Entstehung an bekannt ist, gibt es zwanzigerlei
um uns her, was uns ein grösseres Geheimnis bleibt als die Erschaffung des
Universums; und es ist keinem Lachen und keinem Weinen, keiner offenen Hand und
keiner geballten Hand zu trauen. Wenn Sie an den Häusern hingehen, Fräulein, so
wissen Sie nicht, was hinter den Fenstern passiert, und wenn Sie auch einmal
einen Blick in eines hineinwerfen, so gibt es doch Hinterstübchen und Kammern
genug, in welche man Sie gewiss nicht gucken lässt; aber es schadet auch nichts,
Sie sitzen gut hier in Ihrem hellen Stübchen. Bleiben Sie sitzen, solange Sie
dürfen! Wenn Sie einmal draussen sind, haben Sie keine andere Wahl als zwischen
meinen Palmen oder denen des Herrn Leonhard oder dem Tollhause - so ist es! Und
der Herr Professor, mein grundgütiger Gönner oben in seiner Studierstube,
zwischen seinen Hieroglyphen und Pyramiden und Obelisken, weiss es ebenfalls;
doch Sie brauchen ihn nicht in meinem Namen danach zu fragen, denn auf meine
Weisheit hält er nichts.«
    »Aber der Herr Leutnant Kind hält wohl etwas auf Ihre Weisheit, Täubrich?
Ungefähr so, wie der Herr Hagebucher etwas drauf hält?«
    »Doch nicht, mein Fräulein! Sehen Sie, der Leutnant, der kommt aus einem
ganz andern Lande als mein Patron; mit den Palmen und hohen Berggipfeln hat er
nichts zu schaffen. Der Herr Leutnant Kind, der ist so eine Bekanntschaft, die
man nachts in einem bösen Traume macht, und wenn sie einem da schon einen argen
Schrecken einjagt und ein Haarsträuben und Gliederzittern zuwege bringt, so ist
das gar nichts gegen die Überraschung, wenn sie am andern Morgen in Fleisch und
Blut in die Tür tritt und einem wie jeder andere natürliche Mensch die
Tageszeit, wenn auch auf ihre Art, bietet. Wir haben ein Wohlgefallen aneinander
gefunden, der Herr Leutnant und ich, das heisst, er mehr an mir, seit er am Tage
nach der grossen Vorlesung, das heisst am dunkeln Abend kam, nach dem Herrn
Hagebucher fragte und in meiner Stube auf denselben wartete.«
    »Er brachte unserm Herrn Leonhard die Nachricht von dem Tode seines Vaters?«
fragte Serena.
    »Das glaube ich nicht. Der Herr Leonhard hat die Sache vielleicht mit
Absicht dunkel gelassen, sowohl in dem Briefe, welchen er an mich, sowie in
demjenigen, welchen er an Ihren Herrn Vater schrieb, Fräulein.«
    »Und ich halte das für recht unfreundlich; ich sollte meinen, wir wären dem
Herrn doch mit allem Vertrauen entgegengekommen!« rief Serena achselzuckend;
aber Täubrich-Pascha schüttelte nur bedenklich den Kopf und sprach:
    »Bleiben Sie ruhig sitzen, Fräulein! Wie gesagt, Sie sitzen warm und hübsch
in Ihrem Stübchen! An Ihrer Stelle rührte ich mich gar nicht, sondern bliebe in
meinem Versteck still wie ein Mäuschen -«
    »Und käme nur nachts, wenn alle Leute zu Bett gegangen sind, heraus, um die
Speisekammer zu inspizieren und Zucker zu naschen. Danke, Meister
Täubrich-Pascha, ganz zu einem Zeisig, Dompfaffen oder Kanarienvogel möchte ich
aber doch nicht werden. Erzählen Sie weiter von dem Leutnant Kind.«
    »Er ist öfter bei mir gewesen, nachdem er einmal den Weg gefunden hatte«,
sagte Täubrich, »hat mich desgleichen zu sich invitiert, und ich bin
hingegangen: aber das ist gar nicht gemütlich, und man behält zu lange das
Frösteln davon in den Gliedern.«
    »Aber Sie unterhalten sich doch und reden miteinander von diesem und jenem?«
    »Freilich! Wir rauchen, mit Erlaubnis zu sagen, jeder seine Pfeife und
sitzen uns gegenüber stundenlang, und keiner spricht ein Wort: ich, weil ich
nichts weiss, und Herr Leutnant höchstwahrscheinlich, weil er nicht will.«
    »Das ist ja sehr interessant!« rief Serena lachend.
    »Ach nein, interessant ist es nicht!« meinte Täubrich; »aber es ist immer
noch viel angenehmer, als wenn der Herr Leutnant seine gesprächige Stunde
bekommt und sein Vergnügen dran findet, mich graulich zu machen. Sein
Vergnügen?! Ich will doch nicht sagen, dass er vergnügt dabei ist und aussieht;
aber mit grossem Gusto tut er's, das ist sicher.«
    »Und wodurch tut er's, Täubrich?«
    »Er unterhält mich von seiner seligen Frau und seiner seligen Tochter und
andern Leuten, toten und lebendigen, und zwar auf eine Weise, die einem armen
Schneidergesellen, und wenn er auch in Jerusalem und Damaskus war und sich sein
ganzes Leben lang mit Türken, Beduinen, Juden und Christen von allen Sorten
herumschlug, doch nicht zuträglich sein kann. Ich glaube auch fest, in solcher
Gemütsverfassung denkt er gar nicht an meine Gegenwärtigkeit, sondern meint, er
rede nur die Wand an. Ach, Fräulein, für einen, der zu Mar Saba im Kidrontale
einschlief und in der Kesselstrasse wieder aufwachte, hat er stellenweise eine
Art an sich, die einen leicht mit dem hohen Adel und verehrten Publikum
kompromittieren könnte; denn da möchte man ja wie ein erschrecktes Kind laut
hinausschreien, mit den Füssen strampeln und nach Haus verlangen, weg aus dieser
schlechten, schmutzigen, blutigen Not und Schande. Da kommt es einem vor, als
seien Sonne, Mond und alle Sterne aus Blut und Kot zusammengeballt und
hinausgeworfen in die Ewigkeit, und von der tiefsten Tiefe bis zur höchsten Höhe
hänge alles in Fäulnis nur durch die Sünde und den Tod zusammen. Oje, oje,
liebes Fräulein, kümmern Sie sich nicht um den Herrn Leutnant Kind und seine
Historien, lassen Sie uns von unserm Herrn Hagebucher reden, oder schicken Sie
mich nach Hause!«
    Serena Reihenschlager hatte sich längst aus ihrer nachlässig behaglichen
Lage in ihrem Sessel aufgerichtet, jetzt stützte sie, sich vorbiegend, beide
Arme auf die Lehne desselben, sah dem Schneider mit Staunen in die Augen und
sprach sodann:
    »Täubrich, wenn ich Sie nicht für einen vollkommen unschädlichen Menschen
hielte, so würde ich Ihnen in der Tat einen guten Abend wünschen und nachher
hinter der verriegelten Tür alles mögliche von Ihnen denken. Übrigens
meinetwegen, ich will mich nicht in Ihre und des alten Werwolfs Mordgeschichten
und Phantastereien mischen, zumal da es doch schon Dämmerung wird. Reden wir von
Ihrem afrikanischen Herrn, weil das Ihnen besser ansteht: der würde mich
freilich sicher um zwölf Uhr in der Nacht auf einem Kirchhofe zum Lachen
bringen. Sagen Sie, Täubrich, welch ein Alter geben Sie dem guten Menschen?«
    »Gegen sein Schicksal gehalten, ist er noch ein reiner Jüngling; sonsten
aber mag er wohl nahe an die Vierzig reichen«, sagte der Pascha, und Serena
richtete sich noch ein wenig mehr in die Höhe, begann mit dem rechten Füsschen
auf dem Boden die bedenkliche Zahl nachzuzählen, gab es jedoch bald auf und
lachte leise, aber ungemein vergnüglich.
    »Vierzig, vierzig! Ein recht solides, verständiges Alter! Aber was in aller
Welt nennen Sie eigentlich sein Schicksal, gegen welches er ein reiner Jüngling
sein soll? Etwa seinen Aufentalt dort unten bei den Mohren? Bah, was ist das
zum Exempel gegen mein Schicksal?«
    »Ihr Schicksal? O Fräulein, versündigen Sie sich nicht!«
    »Durchaus nicht, Freund Täubrich-Pascha. Sass und sitze ich etwa nicht tiefer
in aller Mohrenwirtschaft wie jemals ein anderes Frauenzimmer auf Gottes weitem
Erdhoden? Hat jemals ein anderes Frauenzimmer auf Erden wohl mehr Langeweile und
Überdruss ausstehen müssen als ich? Da möchte ich doch bitten! Was gehen mich das
ägyptische Lexikon und die koptische Grammatik an? In einem Ameisenhaufen hätte
ich geboren werden sollen, aber nicht in dem Hause meines lieben Papas, der
erstens viel zu gelehrt und zweitens viel zu gut für mich ist. Ach, Herr Jesus,
bin ich nur darum in die Welt gesetzt, um erst Ordnung zu stiften und dann einen
Ekel an dieser Ordnung zu bekommen? Täubrich, Sie sind mein Mann, mit Ihnen kann
man reden, ohne sich blosszustellen und für seine Offenherzigkeit ausgelacht zu
werden. Sie sind ein gefühlvoller Mensch und ein personifiziertes
Dämmerstündchen, und im Orient waren Sie auch: Sie sind der einzige, welcher
mich begreifen könnte, ohne nachher hinzugehen und seine unverschämten Glossen
darüber zu machen. Horch - hören Siel Wissen Sie, was das war?«
    »Die Pfeife einer Lokomotive auf dem Bahnhof, Fräulein.« »Natürlich! Die
Pfeife des Frankfurter Eilzugs; ich habe meinen Fahrtenplan gut im Kopf, und das
ist mein Elend. In früheren romantischen Ritterzeiten standen die Damen auf dem
Balkon und sahen den Mond auf- und untergehen, und der Ritter oder sonst wer,
der ankam oder abreiste, blies unten im Walde auf dem Jagdhorn; etwas später
horchte man auf das Postorn und dachte sich das Seinige dabei, und, offen
gestanden, das hatte schon mehr Sinn, denn an die Ritterzeiten glaube ich so
recht nicht. Heute haben wir für unsere sehnsüchtigen, reiselustigen Gefühle den
Pfiff der Eisenbahn, und der ist unbedingt für eine bängliche, schwärmerische
Seele das Aufregendste, zumal wenn der Bahnhof nicht zu weit ab gelegen ist.
Einsteigen, einsteigen, meine Herrschaften! O Täubrich, Täubrich, da ist ein
Zug, welcher bald nach Mitternacht abgeht und mich sehr häufig noch wach findet,
der bringt mich noch einmal zur Verzweiflung oder zum Durchbrennen. In der
stillen Nacht vernimmt man auch ziemlich deutlich die Glocke des Portiers, und
da hört denn alles auf, und ich bitte ganz gehorsamst, mich zu verschonen mit:
Eilende Wolken, Segler der Lüfte - oder: Wenn ich ein Vöglein wär - oder
dergleichen Sentimentalitäten, welche man doch keinem Dichter mehr glaubt.«
    »Dieses sind freilich solche Gefühle, welche der gefühlvolle Mensch in
gewissen Perioden fühlt«, seufzte der träumende Schneider tief nachdenklich.
»Das kenne ich wohl! Ja, freilich, wenn man nicht recht Achtung gibt, so kann
das einen viel weiter über die nächsten blauen Berge hinausführen, als man im
Anfange für möglich hielt. Ich weiss recht gut, wohin es mich und den Herrn
Leonhard geführt hat; aber darüber zerbreche ich mir wirklich den Kopf, wo es
Sie, mein Fräulein, niedersetzen könnte.«
    »Es wäre gewiss recht freundlich von Ihnen, wenn Sie es ausfindig machten;
ich würde Ihnen sehr dankbar sein. Ich selber habe tief darüber nachgedacht,
allein ich glaube, ich hätte mich derweilen doch nützlicher beschäftigen
können.«
    Der Pascha sah gradaus, wie in jenen Momenten, in welchen er sich sonst am
allerwenigsten mit den Angelegenheiten der alten Jungfer Europa beschäftigte.
Seine Augen erstarrten in der bekannten hellblauen Wässerigkeit, und er
murmelte:
    »Zum Beispiel, da ist das schöne Fräulein Nikola von Einstein, welches den
Herrn Baron von Glimmern heiraten musste, die fuhr auf den Wolken, und die Leute
standen in den Gassen und deuteten auf die Pflastersteine, verzogen die Mäuler
und wussten genau, wo die Stirn der Frau liegen werde. Ach, Fräulein -«
    »Täubrich«, flüsterte Serena Reihenschlager, »Täubrich, jetzt sind wir
wieder an der Stelle, wo wir vorhin abschweiften. Und wir sind unter uns,
erzählen Sie mir von Ihren Träumen. Ich schwatze ganz gewiss nicht aus der
Schule; aber ich möchte gar zu gern wissen, was der Herr Leonhard Hagebucher mit
diesem merkwürdigen Fräulein von Einstein in Bumsdorf getrieben hat. Sie suchten
und pflückten Maiblumen und Veilchen miteinander, sie führten weisse Lämmchen an
einem rosaroten Seidenbande auf der Wiese spazieren; das Fräulein ritt auf einem
schneeweissen Pferde, welches Prospero hiess, und der Herr Hagebucher lief atemlos
nebenher. Dann ist dort noch eine geheimnisvolle Dame, eine Einsiedlerin in
einer alten, verfallenen Mühle, und alles das hat man so nahe vor der Nase, dass
man es mit der Hand greifen könnte, und nichts weiss man davon, also sprechen
Sie, mein sanfter Täubrich, mein allersüssester Täubrich-Pascha: was wissen Sie
von all diesen Mysterien, welche der Herr Hagebucher von Rechts wegen uns zuerst
hätte auflösen sollen?«
    »Still, still, Fräulein«, flüsterte der Pascha. »Lassen Sie die Maiblumen
und Veilchen, die Lämmer und die grünen Wiesen! Ich sehe ein Haus, hier in
dieser Stadt, und Sie kennen es ebenfalls, Fräulein Reihenschlager. Eine
schwere, grobe Faust schlägt nieder - ich sehe hohe Spiegel in goldenen Rahmen
zersplittern und Kronleuchter erlöschen. Ich höre Stimmen und hinter mir ein
höhnisches Lachen - eine Stimme ist wie ein Schrei der Desperation, und eine
Stimme ist wie ein Fluch. Ich denke mich auf die vierte Galerie im Teater und
in den fünften Akt von Wallensteins Tod. Das hat der Schiller gut gemacht mit
dem Leichnam, der, in einen Teppich gewickelt, hinten vorbeigetragen wird, und
man braucht grad kein Schneider zu sein, um das durch alle Glieder zu fühlen.
Das macht einen Eindruck, mein Fräulein, und ebenso wie vorher, wo man die Tür
in der Ferne einschlagen hört, und -«
    Das Fräulein schrie gell auf, und der Schneider hielt sich mit beiden Händen
an seinem Sitze - es hatte in diesem Augenblicke jemand zwar nicht die Tür
eingeschlagen, wie Deveroux und Macdonald, aber vernehmlich angeklopft und
klopfte jetzt, da keine der Plaudertaschen imstande war, Herein zu rufen, von
neuem und noch vernehmlicher.
    »Ach, du liebster Gott, her-ein!« ächzte Serena, während der Pascha
bolzengerade sich jetzt an die Wand drückte; und in die leise geöffnete Pforte
blickte freundlich lächelnd Herr Leonhard Hagebucher und fragte höflich:
    »Darf man eintreten, Fräulein Reihenschlager?«
    »Alle guten Geister! Muss er denn einem immer in die Quere kommen?« rief
Serena zwar lachend, aber doch ziemlich ärgerlich.
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
»Und da ist ja auch mein Täubrich! Und der Papa sitzt jedenfalls droben tief in
der Arbeit und gräbt und wühlt im Schweisse seines Angesichts nach Wurzelwörtern.
Alles steht und hängt und liegt am richtigen Flecke, und draussen vor der Haustür
sass soeben ein nichtsnutziger, zerzauster schwarzer Kobold und schluchzte
grimmig und hielt seinen Kopf mit beiden Fäusten, und im Hause auf der Treppe
begegneten mir zwei Wichtelmännchen mit aufgestreiften Ärmeln und sagten: Dem
Lumpen haben wir sein Teil gegeben und ihn hinausgeworfen mit all seinen
Spinngeweben, zerbrochenen Töpfen und sonstigem widerlichen Plunder, es hat aber
Mühe gekostet! - Es ist ein Vergnügen, Fräulein Serena, in so kalter Zeit
heimzukommen und sich an einem so warmen Ofen die Hände wärmen zu dürfen.«
    »Schüren Sie nach, Täubrich, und dann können Sie dem Papa melden, sein Herr
Hagebucher sei wieder da und es habe sich wenig an ihm verändert!« lachte
Serena, und Täubrich-Pascha, der in diesem Augenblick ebensogut Gänserich-Pascha
hätte heissen mögen, denn er stand bald auf dem einen, bald auf dem andern Beine,
schoss aus der Tür und fuhr die Treppe hinauf. Dann wurde droben ein schwerer
Stuhl mit dumpfem Geräusch zurückgeschoben, und es erfolgte ein Gepolter, als
stürzten sämtliche fünfundvierzig Folianten des »Tesaurus antiquitatum« von der
Bücherleiter und sämtliche Herausgeber vom grossen Meister Peter van der Aa bis
auf die Doktoren Grävius und Gronovius ihnen nach. Jetzt polterte es fast noch
ärger auf der Treppe, und nun stürzte der Professor Reihenschlager in das Gemach
seiner Tochter und packte mit beiden dürren Händen den afrikanischen Hausfreund
am Halse:
    »Salve! Salve! Hab ich doch den ganzen Tag ein Ziehen um das Zwerchfell her
verspürt; aber ich schob's auf das Wetter. Gottlob, dass Sie wieder da sind,
Leonhard; ich stecke fest in den Dialekten des Sudan und bekomme das Fieber,
wenn ich an die Somalisprache nur denke. Von dem Mädchen dort will ich nicht
reden, da ich, offen gestanden, wenig auf es geachtet habe; aber der Täubrich
ist während der ganzen Zeit Ihrer Abwesenheit unzurechnungsfähiger als je
gewesen. Es war nicht hübsch von Ihnen, Hagebucher, uns fast ohne jede
Benachrichtigung zu verschwinden und die hohe, die einzige Wissenschaft gleich
einem Frühstück im Stich zu lassen. Na, kommen Sie jetzt nur mit mir auf meine
Stube; ich habe Ihnen mancherlei zu zeigen und mitzuteilen, was Sie höchlichst
interessieren wird.«
    »Bravo, Papa! So ist es recht, nur zu!« rief Serena. »Der Herr kommt wie ein
Eiszapfen von der Eisenbahn und bringt eine Kälte mit sich, die er unter dem
Äquator für Geld sehen lassen könnte. Dazu hat er daheim seinen armen Vater
begraben und seine Mutter und Schwester in Tränen zurückgelassen, und du
empfängst ihn mit deiner Grammatik und Somalisprache und deinen Sudandialekten,
als ob es nichts Weiteres und nichts Breiteres für ihn in der Welt gebe, als dir
die Vokabeln aufzuschlagen. O Papa, in meinem ganzen Leben hab ich nicht einen
solchen Egoisten gefunden wie dich.«
    »Das ist wahr, daran dachte ich nicht!« sprach der Professor kläglich. »Ich
bitte Sie herzlich um Entschuldigung, Leonhard; Sie kommen halb erfroren von der
Reise und haben einen recht betrübten Trauerfall in Ihrer Familie erlebt;
Täubrich soll uns eine Flasche Wein aus dem Keller holen, das Kind wird für ein
gutes Nachtmahl sorgen; und Sie, Leonhard, sind, wie ich gewiss weiss, fest
überzeugt, dass wir den innigsten Anteil an allem, was Sie betrifft, nehmen. Sie
werden uns also von Ihrer Reise sowie Ihrem Aufentalt in Bumsdorf und dem
elterlichen Hause das Nötige erzählen, und wir werden Sie bedauern und Sie zu
trösten suchen, wie es uns gegeben ist. Freilich, freilich - reden wir heute
über unsere Familienangelegenheiten, morgen mögen wir uns dann guten Mutes von
neuem einschiffen, um das hohe Meer der Wissenschaften zu befahren.«
    »Du bist unverbesserlich, Papa«, sagte Serena; Leonhard Hagebucher drückte
aber doch dem Professor die Hand, und dann drückte er dem Fräulein die Hand, und
der Pascha ging auch nicht leer aus. Und des Professors Abendprogramm wurde
gleicherweise ausgeführt, da es den Umständen vollkommen Rechnung trug und man
dem Behagen wie der Wehmut ihr Recht dabei auf die bequemlichste Weise zukommen
lassen konnte.
    Die weissen Fenstervorhänge zog Serena mit eigener zierlicher Hand zu, die
bronzene Indianerin, welche das abendliche Licht des Hauses Reihenschlager in
mattgeschliffener Glaskugel trug, setzte Täubrich auf den Tisch, die Teemaschine
fing an zu singen, und der Professor fing an zu summen, und Hagebucher fing an
zu erzählen von Nippenburg und Bumsdorf, von der Mutter und der kleinen
traurigen Schwester, von dem toten Vater und dem lebendigen Vetter Wassertreter,
aber nicht von der Katzenmühle, der Frau Klaudine und dem Herrn van der Mook.
Und Fräulein Serena Reihenschlager war sehr teilnehmend und hatte manche
nachdenkliche Frage zu stellen; der Professor versuchte zwar, wie das nicht
anders sein konnte, einige Male die Unterhaltung doch noch in das Koptische
hinüberzuleiten, sah aber jedesmal das Unpassende und das Nutzlose dieser
Versuche ein und bat fast noch eher um Entschuldigung, als ihn das Töchterlein
durch ihr Achselzucken und Lippenspitzen daran erinnerte.
    Es gab soviel zu bedenken und zu besprechen, ohne dass man nötig hatte, auf
die vergleichende Sprachwissenschaft im allgemeinen und das ägyptische Lexikon
im besondern zurückzugreifen. Der Herr van der Mook war bis jetzt noch höchst
überflüssig an dem Teetisch des Hauses Reihenschlager, und dass in der Residenz
während der Abwesenheit Leonhards nicht das mindeste vorgefallen war, was als
Neuigkeit gelten konnte, tat der Unterhaltung keinen Abbruch. Hier war jene
Vorlesung im Saale der Harmonie, welche so disharmonisch geendet hatte, ein
unerschöpfliches Tema, welches in jeder andern Beleuchtung anders spielte und
über welches sogar der Professor manches zu sagen hatte, was zur Sache gerechnet
werden konnte. Was aber war nach den Erlebnissen der jüngsten Tage diese
Vorlesung dem Afrikaner anders als ein behaglicher Stoff zu einem behaglichen
Geplauder?
    Sogar die dunkle Gestalt des Leutnants Kind wagte sich erst dann hervor, als
es elf Uhr schlug, man Abschied voneinander nahm und Leonhard den Pascha zum
Heimweg nach der Kesselstrasse aus der Küche des Hauses Reihenschlager abholte.
    »Das ist ein lieber, ein sehr angenehmer und gescheiter Mensch! Und dass er
kaum eine Ahnung von seiner Bedeutung für die Wissenschaft hat, könnte ihn mir
noch werter machen, wenn solches möglich wäre. Ich werde noch einmal so gut
schlafen in dem Bewusstsein, dass er wieder im Lande ist. Gute Nacht, Serena.«
    »Gute Nacht, Papa!« sagte das Töchterlein, aber ohne den Kopf nach dem alten
Herrn hinzuwenden. Sie blieb noch eine geraume Zeit vor dem Tische sitzen und
stützte die feine Stirn mit beiden Händen. Eine unverkennbare Ähnlichkeit mit
dem Papa in den Stunden, wo er am tiefsten in die vergleichende
Sprachwissenschaft versunken war, trat auf dem hübschen Gesichte hervor. Auch
Serena Reihenschlager verglich allerlei, und zwar sehr gründlich, stak jedoch
nicht weniger fest darin wie der vortreffliche Gelehrte in den Sudandialekten
und der Somalisprache.
    »Es ist doch zu arg!« rief das Fräulein halb erbost, halb weinerlich; aber
in demselben Moment hob sie lauschend den Kopf. Mitternacht schlug es, und kaum
war der letzte Schlag der Glocke verhallt, so sandte jener nach Südwest
abgehende Eisenbahnzug vom Bahnhof seinen schrillen Abschiedsgruss herüber. Ein
leises, aber immer noch schmollendes Lächeln überflog das Gesicht des Fräuleins,
und dann sagte sie ernstlich entschlossen:
    »Jetzt weiss ich, was ich tue; ich gehe auch zu Bett und kümmere mich um
nichts!«
    So tat sie; aber als sie das Kopfkissen zurechtrückte und die Decke um sich
her festzog, murmelte sie, schon halb im Schlaf, zwischen einem Gähnen und einem
Erröten:
    »Einerlei! Wissen möcht ich wohl, was der Täubrich-Pascha dem andern Narren
heute in der Nacht von mir erzählt und was der andere darauf zu erwidern hat!« -
Wir, die wir auch jene beiden auf ihrem Wege nach der Kesselstrasse begleiteten,
wissen es und sind nicht berechtigt, der Nachwelt diese merkwürdige Konversation
vorzuentalten.
    »O Herr, das sind ein Paar liebe Augen!« sprach der Schneider, zum Beschluss
eines langen Selbstgespräches das Wort an seinen Begleiter richtend, und
Hagebucher sagte:
    »Ja!«
    »Ein Blitz von einem Forellenbach durch den schönsten grünen Wald! Und wenn
sie ihren Mund auftut und spricht mit einem Grübchen rechts, einem Grübchen
links und einem Grübchen im Kinn: Herr Täubrich, ich freue mich, Sie so wohl zu
sehen, so ist das grad wie - als - als ob -«
    »Spart Euch den Vergleich, Gastfreund. Was nützt es, sich dergestalt
abzuquälen? Lass den Quell rauschen und halte den Mund.«
    »O Herr, im Karawanserei zu Jaffa hörte ich einmal einen Märchenerzähler,
der meinte, zu einer guten Musik gehörten vier Instrumente, Geige, Laute, eine
Ziter und eine Harfe, zu einem rechten Blumenstrauss gehörten viererlei Blumen,
Rosen, Myrten, Levkojen und Lilien, und zu einem rechten Leben Wein, Geld,
Jugend und Liebe. Ich aber meine, mit diesen beiden Augen hätte man alle Musik,
alle Blumen und alles, was zu einem fröhlichen Leben gehört, zusammen und
brauchte sich um das übrige nicht weiter zu kümmern.«
    »Alles Berauschende ist verboten!« seufzte Hagebucher.
    »Das ist auch meine Ansicht, indessen haben wir doch viel von Ihnen
gesprochen, Herr Leonhard -«
    »Bismillah, was hat sie von mir gesagt?« fragte Hagebucher, stehenbleibend
und dem Schneider mit solchem Nachdruck auf den Leib rückend, dass Täubrich,
zusammenfahrend, sich beinahe auf den nächsten Eckstein gesetzt hätte. »Schönes
Zeug werdet ihr beiden zusammengetragen haben! - Nun, heraus damit, wie denkt
das liebe Kind über das Tumurkieland und den Mann aus dem Tumurkielande?«
    »Ach, Sidi, häufig sassen wir in der Dämmerung traulich in ihrem Stübchen;
und da - da - ja, kurios ist es, in Worten finde ich's nicht wieder, was wir
eigentlich von Ihnen redeten. Das ist doch wirklich merkwürdig! Meine ganze
Seele und Erinnerung ist voll davon, und nun weiss ich weiter nichts, als dass sie
unbeschreiblich hübsch und schalkhaft dasass - aber gesprochen haben wir von
Ihnen, Herr Leonhard, und von der Eisenbahn und der Sehnsucht in die Ferne und
hundert andern Dingen, vorzüglich aber von unsern Träumen und Nippenburg und
Bumsdorf.«
    Der Afrikaner lachte:
    »Geben Sie sich weiter keine Mühe, Täubrich; Ihre Relation lässt nichts zu
wünschen übrig. Übrigens haben wir hier unsere Gezelte erreicht. Segen begleite
unsern Eintritt, und es überhebe sich keiner, welchen Lichtstrahl die Götter ihm
auch vor die Füsse fallen lassen mögen. Gehen Sie zu Bett, Täubrich-Pascha, und
träumen Sie, wie Sie im Wachen leben. Einen bessern Wunsch habe ich nicht für
Sie.«
    Sie standen vor ihrer Haustür, doch es war bestimmt, dass Leonhard Hagebucher
selbst fürs erste noch nicht zu Bett gehen sollte.
    »Ich hörte bereits auf dem Bahnhof von Ihrer Ankunft«, sagte der Exleutnant
der Strafkompanie zu Wallenburg, Kind, »und so habe ich denn hier auf Sie
gewartet. Willkommen, Herr Hagebucher.«
    Der Schneider drückte sich gegen die Mauer des Hauses; aber Leonhard sprach
finster:
    »Sie sind pünktlich wie der Teufel, wenn der Pakt ablief, Leutnant. Wohl,
wohl! Seien Sie auch mir willkommen: denn das muss ich ja doch wohl sagen, da die
Höflichkeit es fordert? Womit kann ich Ihnen dienen, werden Sie in dieser Nacht
noch die Sturmglocke an dem Hause Glimmern läuten? Es hindert Sie niemand
vorwärts, vorwärts, lassen Sie alle Ihre Hunde los - frisch, packen Sie selber
an; was Ihnen nicht zugehört, das werden Sie uns schon lassen müssen.«
    »Sie sollten nicht in dieser Weise mit mir reden, Herr Hagebucher«, sagte
der Leutnant. »Sie vor allen haben keine Ursache dazu.«
    »Nein, nein, Sie haben recht, Herr. Sie hielten Ihren Vertrag, und wir
werden den unsrigen halten; und nun, was haben Sie mir in so später Stunde noch
mitzuteilen? Wollen Sie mit mir in mein Zimmer hinaufsteigen?«
    Der Alte schüttelte den Kopf.
    »Das Atemholen wird mir zwischen vier Wänden seit einiger Zeit immer
unbequemer; auch werde ich Sie nicht lange aufhalten. Lassen Sie uns in der
freien Luft bleiben.«
    Leonhard schob den Pascha in die Türe des Hauses und schloss sie hinter ihm;
dann legte er seinen Arm in den des alten Mannes und schritt mit ihm weiter
durch die Kesselstrasse; doch schon nach einer Viertelstunde kehrte er zurück,
stieg schwerfällig durch all die schlafenden Stockwerke des Hauses zu seiner
Wohnung empor, schleuderte den Hut zu Boden und lachte bitter und zornig:
    »Also das war die Meinung?... Den Herrn van der Mook verlangt er zurück von
mir, um mit ihm das Trauerspiel zu Ende zu bringen! Gleich einem
Galeerensklaven, welchem der Kettengefährte abhanden kam, verlangt er nach
diesem Genossen! Ho, die eiserne Kugel wird ihm allein zu schwer. Bei Gott, er
soll ein Ende machen, wie er kann; aber niemand soll ihm eine helfende Hand dazu
leihen! Auge um Auge, Zahn um Zahn - er hat freie Bahn vor sich und ein
löbliches Ziel, was sucht er zur Seite, was blickt er sich um? Nichts, nichts
hat er auf dem Wege, der zur Frau Klaudine führt, zu suchen; was kümmert es die,
welche diesen Weg fanden, ob das Messer in seiner Hand zittert?«
    Er blickte ergrimmt in dem Gemach umher. Der Schneider hatte ein Feuer im
Ofen angezündet und die brennende Lampe auf den Tisch gestellt - zum erstenmal
seit seiner Erlösung aus den Lehmhütten von Abu Telfan achtete Leonhard
Hagebucher auf die schmutzigen Wände, die niedrige Decke seines jetzigen
Aufentaltsortes und verzog den Mund darob. Er fühlte sich alt, durchfröstelt,
misslaunig und voll Verlangen nach Licht, Ruhe und Reinlichkeit. Gestern erst
hatte er Frau Klaudine von neuem Lebewohl gesagt, und heute schon entbehrte er
sie tief und schmerzvoll und suchte krankhaft in allen Winkeln seiner
Philosophie und Erfahrung nach einem Ersatz für ihre beruhigende Gegenwart und
hohe, stille Weisheit. Nur einen kurzen Augenblick hatte er an diesem Abend in
dem Stübchen Serenas seine eigentliche verwirrte Existenz vergessen dürfen; aber
kalt und rücksichtslos griff der Leutnant Kind in die trügerische Behaglichkeit,
und statt dieselbe mit in den Schlaf zu nehmen, konnte der Afrikaner sich nur
auf den Rand seines Bettes setzen, um den Gewinn und Verlust der letzten Wochen
gleich einem ordentlichen Haushalter in die betreffenden Schiebladen seines
Daseins zu verteilen.
    Es unterlag keinem Zweifel, der alte Herr in Bumsdorf war tot und begraben,
und der verlorene Sohn regierte an seiner Stelle. Der Vetter Wassertreter hatte
ein vorhandenes Inventarium auf das genaueste mit der Wirklichkeit verglichen
und das Vermögen bis zum Stiefelknecht in der wunderbarsten Ordnung gefunden,
ohne sich zu wundern. In Nippenburg wusste man schon längst, dass der
Steuerinspektor Hagebucher als ein sparsamer Mann, welcher das Rechnen und die
Landwirtschaft verstand, im Laufe der Jahre ein Erkleckliches zusammengebracht
habe, und bedauerte nur, dass das »schöne Geld« nunmehr in so nichtsnutzige Hände
gerate. Das letztere war der Vorsehung grenzenlos gleichgültig; sie hatte Mutter
und Schwester des afrikanischen Abenteurers ganz warm geborgen; und wieder
einmal zeigte es sich deutlich, dass auch ein zu den Honoratioren von Nippenburg
gehöriger Mensch von der Bühne abtreten kann, ohne dass die Welt im geringsten
dadurch aus dem Geleise kommt. Übrigens erschien seit dem Tode von Hagebucher
senior Hagebucher junior doch in einem viel günstigeren Lichte vor den Augen
Nippenburgs, und es gab bereits viele Leute, welche anfingen, ihm den Ärger, die
Unruhe und Aufregung, die er durch sein unvermutetes Wiederauftreten auf der
Bühne über das Gemeinwesen brachte, zu verzeihen, und schwache Versuche machten,
ihn als einen wenn auch »eigentümlichen«, so doch ganz respektablen Mann in der
öffentlichen Meinung zu heben. Das war unserm Freund Leonhard grenzenlos
gleichgültig, und mit einer kurzen Handbewegung verwies er von dem Rande seiner
Bettstatt aus sowohl das Inventar wie die Glossen darüber zur Ruhe.
    Die verschneite Mühle im Tal! Sie bereitete dem Afrikaner ein ganz anderes
Kopfzerbrechen als das ruhig trauernde Vaterhaus. Wohl hatten es Mutter und Sohn
jetzt ganz gut beieinander, und wenn eine undurchdringliche Dornenhecke um die
Mühle emporgewachsen wäre wie um den schlafenden Palast des Märchens, so würde
nur ein sehr unverständiger Mensch noch etwas anderes für die beiden Leute in
der Mühle haben wünschen können. Aber wie lange liess sich das Geheimnis in der
Verborgenheit halten? Der Vetter Wassertreter wusste darum, und er hatte gute
Wache versprochen: doch liessen sich Nippenburg, Bumsdorf und das Dorf
Fliegenhausen ausschliessen - nur bis zum Schmelzen des Schnees?
    Und wenn nun aus dem Gemurmel ein Geschrei wurde, wenn nun plötzlich eine
Stimme der Frau Nikola Von Glimmern ins Ohr riefe: Die Toten sind doch
wiedergekommen! - ? Ihre Zufluchtsstätte war der armen Nikola in der Katzenmühle
bereitet: aber konnte sie mit diesem Klang im Ohre dahin fliehen, musste sie
nicht vor dem Namen Viktor Fehleisens in die fernste Ferne zurückweichen?
    Nach keiner Seite ein Ausweg! Die Luft mangelte dem Afrikaner, er sprang in
die Höhe, öffnete das Fenster und beugte sich weit hinaus: »Der Feigling!«
zischte er zwischen den Zähnen, und wunderlicherweise meinte er mit dem Worte
den Leutnant Kind. Er verfolgte die Gestalt des Leutnants durch die Nacht; er
zuckte mit den Händen, als halte er unsichtbare Fäden darin, durch welche er den
alten Mann nach seinem Willen leite. Er begleitete ihn von Gasse zu Gasse:
Schritt vor Schritt stiess er ihn vor sich her, bis zu der Schwelle jenes Hauses,
dessen Schatten so dunkel in all sein europäisches Tun und Denken fiel. Er sah
ihn - er sah ihn, wie er die Hand nach dem Messinggriff der Türglocke
ausstreckte - er würde den schrillen, erschreckenden Klang dieser Glocke über
die halbe Stadt weg gehört haben; mit einer zweiten Verwünschung, welche aber
dieses Mal nicht dem Leutnant Kind galt, griff er hinaus in das Leere, als wolle
er die harte, knöcherne Hand des Schicksals zurückreissen: Lass sie noch diese
eine, eine Nacht schlafen!...
    Er schloss das Fenster, trat zurück und warf sich abermals auf sein Bett. Von
einem klaren Denken, einem ruhigen, leidenschaftslosen Ordnen der Begriffe - des
Gewinns und Verlustes konnte nun wieder nicht die Rede sein. Am Waldrande sass
die schöne Nikola von Einstein, ordnete die Blumen in ihrem Schosse zum Kranze
und sang:
Debout, ihr Kavaliere!
Ihr Pagen und Hartschiere,
Werft auf die Flügeltür!
Vor einem Fächerschlage
Wird jetzt die Nacht zum Tage,
Klymene tritt herfür.
Welch eine nichtige Welt! Kein Gedanke, kein Wunsch, kein Vorsatz, die sich über
die nächste Viertelstunde hinaus festalten liessen! War das stumpfe Hinbrüten in
der Gefangenschaft zu Abu Telfan oder das wilde, meinungslose Hinausstürmen in
alle Welt nach Art des Herrn Van der Mook nicht doch diesem vergeblichen
Abquälen, diesem fieberhaften Suchen nach dem Rechten vorzuziehen. Frau
Klaudine? Wem geschieht auf Erden etwas anderes als sein Recht? Lasse man es
also jedem geschehen! Wer ist so dumm, sich anders als unter der Peitsche von
Büffelhaut zu rühren; wer ist solch ein Narr, um nach so viel tausendjähriger
Erfahrung noch immer den irrenden Ritter spielen und die Köpfe, die Herzen und
Mägen der Menschheit zurechtrücken zu wollen?
    Der Glücklichste, der Schuldloseste wird immer derjenige sein, welcher so
vollständig in den Traum gerettet wird wie Täubrich-Pascha. Wem es aber nicht so
gut zuteil wird, der rette sich selber in jenen Egoismus, welcher den Nächsten
ungeschoren lässt und sich sein Nest aus den Federn, Flocken, Grashalmen und
Sprossen baut, die zum freien Gebrauch in der Welt ausgestreut liegen. Wir haben
neulich hohe Worte gesprochen in der Katzenmühle, Frau Klaudine Fehleisen, und
trotz aller Verwirrung lag die Welt im ruhigen Glanz vor uns beiden. Aber das
war in der Katzenmühle mitten im Walde, wo selbst die leisen Wasser nicht mehr
die Stunden zählten. Da sitzt auch Ihr in den Traum gerettet, Frau Klaudine:
aber wie soll man hier in der hochfürstlichen Residenz sich verhalten, wo der
Leutnant Kind in natura auf der Schwelle der Frau Nikola sitzt?
    »Ich schlafe mit dem Schwerte unter dem Kopfkissen!« rief Leonhard grimmig,
und als er endlich wirklich schlief, träumte er von einem warmen Schlafrocke,
einem Paar wunderschöner weicher Pantoffeln, einer langen Pfeife und einer
singenden Teemaschine.
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
»Herein!«
    Mit nervöser Spannung hörte Hagebucher den schnellen Schritt die Treppe
heraufkommen und vor seiner Türe anhalten; doch mit um so grösserm Behagen
empfing er sodann den frühen Besuch, nämlich den Leutnant Herrn Hugo von
Bumsdorf, den heitern Sohn des nahrhaftesten Vaters.
    »Ich vernahm soeben von Ihrer Rückkehr aus der süssen Heimat«, sprach der
jugendliche Krieger, »und ich hielt es für meine Pflicht, Ihnen auf der Stelle
mein innigstes Beileid zu erkennen zu geben. Sie verloren Ihren Papa, wie mir
der meinige etwas melancholisch schrieb, und, wie gesagt, ich kondoliere ganz
gehorsamst, obgleich ich wohl bemerken könnte, dass die Verehrung des Seligen für
mich niemals so intensiv war als die meinige für ihn.«
    »Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme, Herr von Bumsdorf«, erwiderte Leonhard.
»Die Ihrigen befinden sich wohl, und ich habe von allen die besten Grüsse zu
überbringen.«
    »Schön!« sagte der Leutnant gänzlich ungerührt. »Hat Ihnen der Alte sonst
nichts mitgegeben?«
    »Ja«, lächelte Hagebucher, »aber etwas - etwas -«
    »Etwas mehr in das Gebiet des höheren Patriarchalismus, in Campe Väterlichen
Rat an meine Tochter, etwas tief in das Handbuch des Sittengesetzes
Einschlagendes! O schweigen Sie still, mein Bester, wenn dieser mein arkadischer
Erzeuger wüsste, wie sehr jeder Tag, jede Stunde mir hier Moral predigte, er
würde sicherlich seine Etik für sich behalten und Ihnen etwas Reelleres, etwas
Verwendbareres für den arg geplagten, den sehr gedrückten und geknickten
Sprössling seiner Lenden mitgegeben haben. Doch lassen wir das, reden wir von
Ihrer Familie, von den armen Damen; wahrhaftig, ich nehme den innigsten Anteil
an dem Schmerze derselben; wir haben so gut zusammengehalten während Ihrer
Abwesenheit in Afrika. Ich verlebte so glückliche Stunden in der Fliederlaube an
der Landstrasse, und wenn die Kusine Nikola in Urlaub aus der Residenz und ich
aus dem Kadettenhause kam, welch ein lustig idyllisches Wesen war das mit meinen
Schwestern und mit Ihrer Schwester, Leonhard, auf den Wiesen, auf dem Heuwagen,
in der Milchkammer! Ja, das war ein Leben, welches sich loben lässt, da brauchte
man sich freilich nicht den Code moral vor die Nase rücken zu lassen, und ich
sage Ihnen, Hagebucher, es ist doch kein Mensch mehr für die rationelle
Landwirtschaft gemacht als ich, und, auf Parole, ich werd's der Welt und dem
Alten noch beweisen. Der Teufel hole mich, wenn ich's nicht tue, und zwar in der
allernächsten Zeit!«
    »Sind Sie Ihrer jetzigen Lebensstellung so sehr überdrüssig, Herr Leutnant?«
    »Überdrüssig?! Dies Wort reicht meinen Gefühlen nicht bis an den Nabel.
Überdrüssig! Keine Naturgeschichte hat je tiefer über einen neuen Namen für eine
neue Insektenart nachgedacht als ich über einen neuen Ausdruck für meine
jetzigen Zustände. Meine einzige Hoffnung in dieser Hinsicht ist noch Ihr
koptischer Professor; wenn der mir nicht in irgendeiner ägyptischen Felsenkammer
oder Pyramide eine zutreffende Keilschrift- oder Hieroglyphenbezeichnung dafür
ausfindig macht, so bin ich verloren, gebe alle Öffentlichkeit und Mündlichkeit
auf und beschränke mich auf stumme Zerknirschung und schweigende Verachtung. O
lachen Sie nicht, Liebster, Bester! Wenn ich heute in das Tumurkieland gehen und
dort eine Rede halten würde, so glaube ich fest, die Damen dort würden meinen
Schmerzen ebenso gerecht werden wie die süssen Kinder, angenehmen Witwen und
holden Gattinnen hier den Ihrigen!«
    »Das glaube ich auch!« lachte Hagebucher doch. »Aber woran liegt es denn
eigentlich? Sie sind jung, gesund und wissen den Papa vortrefflich zu nehmen,
ohne sich dabei durch ein übertriebenes Zartgefühl hindern zu lassen.«
    »Verflucht«, ächzte der tief gebeugte junge Kriegsmann, »verflucht! Einem
Sekondeleutnant glaubt man doch nichts von seinem Elend und akkompagniert die
hohlsten Brusttöne seiner Verzweiflung wohl gar noch durch die ironische
Versicherung, man glaube alles und begreife nur nicht, wie ein Mensch unter
solcher Last des Daseins es zu einem so hoben Alter habe bringen können. O
glücklich alle jene singenden, pfeifenden, tastenschlagenden Individuen, welche
ihre Schmerzen durch ihre Künste ventilieren können! Aber was kann ich? Nichts
kann ich! Nein doch, Whist und Lomber; aber das sind freilich zwei Künste, durch
welche es sich schwer sagen lässt, wie man leidet, in welchen man weniger seinem
Herzen als seinem Geldbeutel Luft macht! Gott, o Gott, Hagebucher, wissen Sie,
wie tief der Mensch sinken kann?«
    »Ich glaube einige Erfahrung davon zu haben«, sprach der Mann aus dem
Tumurkielande; aber der Leutnant Hugo von Bumsdorf legte ihm die Hand auf die
Brust, schob ihn zwei Schritte zurück und rief:
    »Sie? Ach, überheben Sie sich nicht. Was können Sie davon wissen? Sie werden
schweigend sich beugen, wenn ich Ihnen mitteile, dass ich, Hugo von Bumsdorf
Sekondeleutnant im zweiten Jägerbataillon, Stunden habe, in welchen ich - in
welchen ich über die - Unsterblichkeit der menschlichen Seele nachzudenken
gezwungen bin!«
    »Das ist freilich entsetzlich!« rief Leonhard, doch der Leutnant fuhr fort:
    »Und es ist noch nicht das entsetzlichste. Denken Sie sich, ich habe sogar
den Versuch gemacht, diese Frage unter den Kameraden im Kasino zur Sprache und
zur Lösung zu bringen! Was sagen Sie nun?«
    »In der Tat, ich kann mich nur schweigend beugen. Aber was war die Meinung
der Kameraden?«
    »Die Meinung der Kameraden? Ich glaube nicht, dass sie sich schon eine
festere Meinung gebildet hatten, dass sie es überhaupt der Mühe wert hielten,
danach auszuschauen. Mit gellendem Hohngelächter gingen sie über mich und meine
Motion zur Tagesordnung über; und ich - ich liess die Herren im hellen
Sonnenschein zwischen den Nymphäen auf der Jagd nach den Wasserjungfern und
sonstigen geflügelten und ungeflügelten Delikatessen und versank langsam gleich
einem kranken Karpfen von neuem in meine eigene bodenlose Tiefe.«
    »Ungemein anschaulich«, lachte Hagebucher. »Haben Sie wirklich noch nie
versucht, diese seltsamen, diese erbaulichen Stimmungen auf dem Papier
festzuhalten? Haben Sie nie versucht, mit der Feder in der Hand sich von
denselben zu befreien?«
    »Papier? Stimmung? Feder in der Hand? Herr, sagte ich Ihnen nicht bereits,
der Gott, der mir im Busen wohnt, er kann nach aussen nichts bewegen?! Beachten
Sie das Zitat, es ist nicht aus dem Paul de Kock, sondern aus Goete Faust.
Sehen Sie mich nicht so gross an, ich studiere de Faust. Er liegt stets
aufgeschlagen auf meinem Nachttische, und ich habe meinem Kerl strenge Order
gegeben, ihn stets dort liegenzulassen. Ja, dieser Doktor Faust! Es ist kaum
glaublich, aber dessenungeachtet erschütternd wahr, ich fühle mich stellenweise
ihm unendlich verwandt in meinen Empfindungen, und längst ist mir die dunkle
Ahnung zur vollsten, klarsten Gewissheit geworden, dass auch für mich die höchste
Tätigkeit, die letzte Rettung in einem grossartigen Wasserbau, ganz abgesehen von
dem Ewig-Weiblichen, liege. Mit ganzer Hingebung widme ich mich augenblicklich
dem Studium der Dränage, und, auf Ehre, ich werde einst Erspriessliches dadurch
auf unsern heimatlichen Gefilden zu Bumsdorf wirken! Ja, drücken Sie mir nur die
Hand, vielleicht ist der Augenblick, in welchem wir uns noch besser verstehen,
in welchem wir einander noch näher treten werden, nicht allzu fern. Ach,
Hagebucher, ich habe Sie immer für einen guten Gesellen gehalten, und es würde
mich sehr alterieren, wenn Sie mich vielleicht für das Gegenteil hielten.«
    »Ich halte Sie für einen wackern, treuen Freund, für einen frohherzigen
Kameraden und hoffe, dass dies immer so bleiben wird. Ha Monjoie, Crillon, ich
glaube selber, wir werden einmal mit grossem Behagen von diesen residenzlichen
Tagen in der Fliederlaube an der Bumsdorfer Landstrasse den Damen erzählen. Unter
allen Umständen aber wollen wir uns tüchtig durchbeissen, und Ihnen, Bumsdorf,
wünsche ich das beste Glück zu allen Ihren Wasser- und Landbauten.«
    »Amen!« rief der Leutnant und setzte hinzu: »Sie haben keine Idee davon, wie
sich der Mensch in unsern Verhältnissen abquälen muss, um zu irgendeinem Spasse zu
gelangen. Von Vergnügen oder gar Gemütlichkeit ist natürlich nie die Rede, und
ich kenne nur eine Person, welche noch schlimmer als unsereiner dran ist, und
das ist meine Kusine Nikola von Glimmern.«
    »Nikola!«
    Der Afrikaner, welcher seinen Besuch schon gegen die Tür begleitete und im
Grunde froh war, dass derselbe endlich Abschied nehmen wollte, schob sich jetzt
wieder schnell zwischen die Pforte und den Leutnant und rief:
    »Sie sollten doch noch einige Augenblicke verweilen, um mir noch ein Wort
über jene Dame, deren Namen Sie soeben aussprachen, zu sagen. Sie wissen,
welchen Anteil auch ich an ihrem Leben nehme, und dazu komme ich soeben von der
Katzenmühle, von der Frau Klaudine. Sie werden während meiner Abwesenheit von
der Stadt täglich mit Nikola in Verbindung geblieben sein; ich bitte Sie
herzlich, erzählen Sie mir noch etwas von ihrem Leben. Auch ich kann sagen, dass
vielleicht eine Stunde nicht fern ist, in welcher ich Ihre ganze Kraft, Ihren
besten Willen für diese Frau in Anspruch nehmen werde.«
    Der Leutnant legte seine Mütze wieder nieder und sah verwundert fragend auf
den Afrikaner. Dann sagte er:
    »Was liegt eigentlich in der Luft, was geht so spukhaft auf den Zehen, kurz,
Hagebucher - was geht vor? Das ist ein Rauschen und Raunen von oben und unten,
wie die Goldschnittpoeten sagen würden; es läuft eine Wolke über unsern
gesellschaftlichen Himmel und wirft einen eigenen Schatten über sämtliche
Klatschrosen, Mohnköpfe, Hahnenkämme und Jungfern im Grünen dieses heillosen
Nestes. Ein jeder scheint etwas zu riechen, weiss jedoch durchaus nicht, was; Sie
aber scheinen mir genauer in die Büchse gesehen zu haben. Was ist es,
Hagebucher, was zieht sich zusammen um das Haus meines teuren Vetters Glimmern?
Ich bitte, wenn es irgend möglich ist, so geben Sie auch mir das Losungswort;
ich werde mir alles, alles, meinen Schnurrbart wie meinen Kopf für die Kusine
abschneiden lassen. Sie zögern? Nun, so will ich Ihnen einen neuen Beweis meines
Vertrauens gehen, indem ich nicht weiter in Sie dringe. Aber eines fordere ich
als mein Recht, Sie müssen mich rufen in der rechten Stunde.«
    »Ich danke Ihnen, Freund«, sagte Leonhard ernst; »zur rechten Stunde rufe
ich unter Ihrem Fenster, doch jetzt, wie lebt Nikola, seit -«
    »Seit Sie Ihre vortreffliche Vorlesung hielten, um dann in so überraschender
Weise zu verschwinden? O Freund, Sie könnten diese Frage zehntausend
Sekondeleutnants vorlegen, und Sie würden immer die Antwort erhalten: Die
Gnädige befindet sich vortrefflich, es ist eine amüsante Frau, welche es
ausnehmend versteht, der Existenz die Lichtseiten abzugewinnen; gestern auf dem
Ball sah sie entzückend aus, und morgen auf dem Ball wird sie selbstverständlich
wiederum die Herrlichste unter den Weibern, nämlich den verheirateten, sein. Ich
aber, Hagebucher, ich seufze erbost: Was hat man aus der gemacht, und was hat
die Närrin aus sich machen lassen? Die Arme! Ich habe mit ihr immer so gut
gestanden, und in jener Zeit, als ganz Bumsdorf mich als den verruchtesten aller
Sünder total aufgab, wagte sie allein, die in Wehmut und Entsetzen zerfliessende
Verwandtschaft auszulachen und den schönen Glauben an den Demant in meiner
Seele, den Glauben an meine edlere Bestimmung festzuhalten. Ich werde ihr das
nie vergessen; aber der Teufel soll mich holen, wenn ich noch länger einen Fuss
in ihr Haus setze, um mich über den Jammer zu Tode zu ärgern! Ja, was sage ich
da? Muss ich nicht zu ihr gehen und neben ihr sitzen? In früheren Zeiten
erschlugen die Ritter und jungen tapfern Vettern alle möglichen Drachen, welche
die Damen bedrängten; heute ist der Dienst ein anderer geworden, und die Ritter
kommen und sitzen neben den Damen, um sie durch ihre Sottisen auf andere
Gedanken zu bringen. Bumsdorf à la recousse! Ich sitze täglich bei dem armen
Mädchen und vertreibe ihr die Grillen, so gut ich kann. Und den Drachen, den
Herrn Vetter, ertrage ich der Kusine wegen, welches ebenfalls zu dem veränderten
Dienst gehört. Indessen am angenehmsten ist's immer, wenn er Hut und Stock nimmt
und sein Feuer anderswo speit. Es ist ein recht höflicher Drache, der die Welt
kennt und durch seine bengalischen Naturgaben die wundervollsten Beleuchtungen
der Dinge, und zwar nicht bloss bei Hofe, hervorbringt. Eine hühnerologische
Preisfrage wäre übrigens aufzuwerfen: Ist einem Hahne gestattet, Eier zu legen,
aus denen -«
    »O lassen Sie doch das! Lassen Sie den Baron«, unterbrach Leonhard den
phantasiereichen Leutnant, und dieser rief:
    »Gern, gern, nur allzugern! Lassen wir den exzellenten Basilisken und den
ebenso exzellenten Kotschinchinesen oder Brahmaputra, seinen seligen Papa. Wir,
das heisst Nikola und ich, sassen also auch während Ihrer Abwesenheit, Hagebucher,
zusammen, und es fiel nichts Bemerkenswertes vor. Wir schwatzten wie gewöhnlich
von diesem und jenem, grad wie ich hier mit Ihnen schwatze. Wir sprachen von
Bumsdorf, dem Prospero Sie kennen den Prospero, Leonhard, bei grösserer Musse
werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen, wie ich ihn vor drei Jahren dem Alten
ausführte und wie der Alte wütend ihn mir hier wieder aus dem Stall holte. Wir
sprachen von der Katzenmühle, von der Frau Klaudine, der verzauberten Dame in
der Mühle. Was wir sprachen? Ja, da steckt der Jammer, und wenn ich daran denke,
wie vergnügt wir vorzeiten miteinander gewesen sind, so ist die Gegenwart um so
schlimmer. Sie lacht noch wie sonst; aber es ist doch nicht mehr das alte
Lachen. Ich glaube, wenn sie manchmal ein wenig weinen würde, so brächte das
doch etwas Heiterkeit in unsere Zustände. Ach, Hagebucher, Psychologie ist sonst
nicht die Wissenschaft, in der unsereiner exzelliert; doch hier ist eine Seele,
welche ich vollständig begreife. Sie hat sich lange genug gewehrt und zuletzt
einen ehrenvollen Vertrag abgeschlossen; aber was kann solch ein armes,
gequältes Frauenzimmer beginnen, wenn man ihr die traktatmässigen Bedingungen
nicht hält? Sie kann nicht durchbrennen wie Sie, Herr Leonhard; sie kann nicht
verschwinden und, sozusagen, zu einer Myte werden gleich jenem Narren, dem
Viktor Fehleisen, von dem noch so manche dumpfe Sage in der Stadt geht. Sie kann
ihr Elend nicht an den Rekruten oder am Spieltisch ausfluchen oder ausgehen wie
ich. Sie steht immer da, Gewehr bei Fuss, und hat sich vom Kommando Grobheiten
und Anzüglichkeiten vortragen zu lassen. Und das Kommando, dann die alten
Weiber, der Hof und zuletzt die Witterung mit all ihren veränderlichen
Niederschlägen, die kennen kein Erbarmen, und es wäre ein Wunder, wenn sie
zuletzt nicht die Oberhand über den stolzen schönen Mut meiner Kusine Nikola
gewönnen. Herr, Sie sind mein Mann, Sie haben unter dem Äquator das Schweigen
gelernt und mir soeben eine Probe davon gegeben. Ich achte das und verehre jeden
Menschen, der mit Gelassenheit auf seine Stunde passen kann. Ich vermag es
nicht, und so erlaube ich mir hier vor Ihnen auszusprechen: Wenn das Gespenst,
welches in jenem Hause umgeht, nicht bald offen, und am liebsten mittags um
zwölf Uhr, während der Wachtparade zum Beispiel, hervortritt, so werde ich, Hugo
von Bumsdorf, sehr unangenehm gegen diesen Herrn Vetter Glimmern, und es wird
mir ein unendliches Vergnügen machen, ihm einmal zwischen Tür und Angel die
Seele aus dem Leibe zu schütteln! Jetzt leben Sie wohl und behalten Sie mich
lieb, Hagebucher Morgen abend ist Ball beim Polizeidirektor Betzendorff, da
werde ich Sie freilich nicht sehen; aber die Nikola will ich dort in einem
stillen Winkel von Ihnen grüssen. Guten Morgen!«
    Der Afrikaner bewies, dass sein junger lebhafter Freund in betreff seiner
Schweigsamkeit recht habe. Er behielt alles, was er dem Davoneilenden vielleicht
hätte nachrufen können, für sich und trug seine Unruhe, sein innerliches Fieber
zum Professor Reihenschlager und jenes Paar liebe Augen, welches dem träumenden
Schneider Felix Täubrich so sehr gefiel. Doch vergeblich lächelte und schmollte
Serena, vergeblich breitete der Professor alle seine in den letzten Monden
eroberten wissenschaftlichen Resultate vor dem Hausfreunde aus, vergeblich
türmte er ihm alle während derselben Zeit sich erhoben habenden Schwierigkeiten
und Anstösse vor der Nase auf: Leonhard hatte arges Kopfweh von dem Besuche des
Leutnants bekommen. Er musste häufig mit beiden Händen nach den fliegenden
Schläfen greifen, und des Professors koptische Vokabeln bauten durchaus keinen
Damm gegen die Bruchstücke, Trümmer und weggeschwemmten Tische und Bänke, welche
sich noch immer in der Erinnerung Hagebuchers auf dem ausgebreiteten Strome der
Redeüberflutung des jungen Kriegers schaukelten.
    »Dieses geht nicht, Tochter!« sprach der Professor, nachdem der afrikanische
Freund Abschied genommen hatte, kopfschüttelnd. »Es geht wahrlich nicht, Serena.
Wo bleibt die Sammlung, das logische Denken, das innige Verständnis des
Notwendigen? Welch eine bedauerliche Zerstreuteit! Welch ein betrübender
Nachlass sämtlicher philologischer Seelenkräfte! O Vater Zeus und alle ihr andern
unsterblichen Götter, erhaltet mir diesen Jüngling -«
    »Vierzig, vierzig Jahre!« murmelte Serena, tiefsinnig über ihr Nähzeug
gebeugt.
    »Erhaltet mir diesen Jüngling in dem ganzen vollen Erkennen meiner und
seiner hohen Lebensaufgabe. Bei den Geheimnissen von Eleusis, wozu hättet ihr
ihn auch gerettet aus der Gefangenschaft jener, die das Salz nicht kennen und
das schöngeglättete Ruder für eine Worfschaufel nehmen?«
    »Wozu, wozu?« seufzte Serena pianissimo, fügte jedoch laut und deutlich an:
    »Papa, du wirst von Tage zu Tage komischer; nimm es mir nicht übel.«
    Leonhard Hagebucher machte zuerst dem verstorbenen Landesvater von Bronze
auf dem Promenadenplatze seine Aufwartung und stattete sodann dem Hause des
Majors Wildberg einen Besuch ab, um auch hier zu zeigen, dass er wieder am Orte
sei, doch nicht aus diesem Grunde allein. Wie es ihn von den Menschen forttrieb,
so trieb es ihn immer von neuem wieder zu ihnen hin - verlieren wir weiter kein
Wort über einen Zustand, den jedermann aus eigenster bitterer Erfahrung kennt.
    Das Haus des Majors war bald erreicht; aber es war nicht leicht, die Treppe
hinaufzugelangen. Die ganze rotbackige Nachkommenschaft des biedern Strategen
und der wackern Frau Emma hielt dieselbe unter der Obhut eines Kindermädchens
und einer Amme blockiert und hing sich dem Afrikaner mit hellem Freudejauchzen
an Arme, Beine und Rockschösse wie ein schwärmender Bienenstock an den Weisel.
    »Er ist wieder da! Mama, der Mann aus dem Mohrenlande ist wieder da! Hurra,
vivat! Papa, hier haben wir den Onkel mit den Elefantengeschichten und
Löwengeschichten! Er ist wieder da! Hurra, Herr Mohrenkönig, erzählen Sie uns
eine Geschichte von dem grossen Affen und dem Krokodil und den schwarzen Männern,
welche sich nie zu waschen brauchen, weil es doch nichts hilft, und welche sich
nie anzuziehen brauchen, weil sie gar keine Kleider haben, und welchen Sie so
lange Zeit die Stiefel putzen und die Röcke ausklopfen mussten.«
    »Hurra, vivat, das wird alles zu seiner Zeit geschehen!« rief Leonhard, über
den Wirbel von Kinderhänden und Kinderköpfen weg der Frau Emma die Hand
reichend. Und der Major kam aus seiner Studierstube von einem Plan des Forts
Sumter und versuchte es lange vergeblich, die blühende Hoffnung seines Stammes
zur Ruhe zu kommandieren, bis ihm ein Tanzbär nebst einem Affen und Dudelsack in
der Gasse zu Hülfe kam, worauf der wilde Schwarm natürlich die Erzählung von den
Affen für das wirkliche Wunder aufgab und mit lautem Getöse die Trepp
hinunter-und aus dem Hause stürzte.
    »Da möchte man ja den Himmel für einen Dudelsack ansehen!« rief der Major,
die Brille in die Höhe schiebend. »Grüss Sie Gott, Hagebucher; wir wussten schon,
dass Sie aus der Provinz zurückgekehrt seien, und heissen Sie herzlich
willkommen.«
    »Treten Sie schnell herein, Herr Hagebucher!« rief die Frau Majorin. »Mir
ist es immer, als hielte ich das Leben wie einen Aal in den Händen. Hier, treten
Sie in meines Mannes Stube; vor ihr hat das wilde Völklein doch noch den meisten
Respekt, und wir werden hier am längsten ungestört sein.«
    Da sass der Afrikaner wieder einmal in dem wohlbekannten behaglichen Raume
und erhielt eine Zigarre und die volle Erlaubnis, zu sagen, wie es ihm ums Herz
sei. Das letztere tat er denn auch, doch immer nur bis zu dem schwarzen,
schweren Balken, der ihm quer über den Weg geworfen worden war und über den er
nicht hinauskonnte. Er bekam auch hier gutmütige und ernstgemeinte
Beileidsbezeugungen über den Tod des Vaters und hörte auch hier wieder manches,
doch eben nichts Neues über das Leben der Frau Nikola von Glimmern.
    »Sie kommt wie gewöhnlich«, sagte die Frau Emma, »bald im Vorübereilen, um,
wie sie meint, in einem flüchtigen Augenblick sich einen Atemzug gesunder Luft
zu holen, bald kommt sie zu späterer Abendzeit, wenn der Herr von Glimmern im
Offizierskasino am Spieltisch sitzt; doch immer setzt sie sich am liebsten in
die Kinderstube, und wenn die Kleinen zu Bett gebracht sind, spricht sie selten
noch ein Wort, sondern lässt uns reden, was wir wollen. Es ist ein Elend; fragen
Sie nur meinen Mann, ob er es noch lange aushält, mich für mein Teil bricht's in
der Mitte entzwei, und wenn ich nicht nächstens dem Herrn Intendanten einen sehr
wunderlichen Brief schreibe, so weiss ich nicht, was aus meinen Nerven werden
soll.«
    »Die Frau hat recht, Hagebucher«, sprach der Major, »es ist in der Tat eine
trübselige Historie, aber wer ist befugt, da einzugreifen, und welch ein Nutzen
könnte dadurch geschaffen werden?«
    Der Afrikaner sah wiederum den Schatten des Leutnants Kind an der Wand; doch
schon hatte das nichts Erschreckendes mehr für ihn. Im Gegenteil, als er in der
Tiefe seiner Seele den Namen des alten Mannes aussprach, verschafte er sich
dadurch einen befreienden, erleichternden Atemzug. Er nahm seinen Hut, nachdem
er noch vernommen hatte, dass wohl der Major, aber nicht die Frau Majorin den
Ball des Herrn von Betzendorff besuchen werde.
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
Über Einförmigkeit des Daseins hatte Herr Leonhard wahrlich sich jetzt nicht zu
beklagen. Er würde sowohl dem Tumurkielande wie dem deutschen Vaterlande unrecht
getan haben, wenn er dieselben in dieser Hinsicht einer Vergleichung unterzogen
hätte.
    Im Tumurkielande ist es im Sommer gewöhnlich sehr heiss, und die einzigen
Wolken, die vor die Sonne treten, sind die Heuschreckenwolken, welche jedoch
keine Kühlung durch ihre Verdunkelung des glänzenden Gestirns hervorzubringen
vermögen und es übrigens auch gar nicht beabsichtigen. Auf die
Heuschreckenwolken pflegen die Regenwolken des Winters zu folgen; es regnet
entsetzlich im Tumurkielande, die Sommerwohnungen der Bevölkerung werden zu
Brei, und jedermann sucht die Winterquartiere auf. Die Familien beziehen grössere
Höhlen in den Felsen, die Junggesellen und einzelnstehenden Jungfrauen mieten
der gütigen Mutter Natur eine bescheidenere Ritze im Gestein ab. Auch die
Sklaven haben ihre eigenen Behältnisse, welche, wenn sie gleich ein wenig dunkel
und dumpfig sind, dessenungeachtet ihre gemütlichen Reize einem Aufentalt im
Freien gegenüber besitzen.
    Herr Leonhard Hagebucher kannte das und verglich, wie gesagt, diese
fremdländischen Verhältnisse nicht mit denen des Vaterlandes. Aber er setzte
indessen jene nicht gegen diese zurück, und vorzüglich nicht an dem Morgen,
welcher auf den im vorigen Kapitel geschilderten Tag folgte.
    Es war ein unruhiger Morgen, an welchem es sich deutlich zeigte, zu welcher
Bedeutung die Persönlichkeit des Afrikaners während seiner Abwesenheit von der
Residenz herangeschwollen sei. Wirklich merkwürdig war's, wie vielen Leuten es
über Nacht einfiel, dass dieser afrikanische Fremdling zu manchem nützlichen oder
pekuniären Gewinn abwerfenden Zwecke trefflich zu verwenden sei. Und sie hatten
alle von seiner Rückkehr aus der Provinz vernommen, und sie kamen alle, ihn zu
begrüssen und beiläufig ein Wort über das und das, was sie entweder seinem
praktischen Blick oder seinem weichen Gemüt und guten Herzen, jedenfalls aber
seiner gespanntesten Aufmerksamkeit anempfahlen, fallenzulassen. Es war wie ein
Wunder, was diese verhältnismässig so unbedeutende Stadt für verschiedenartige
Elemente entielt, die jetzt alle ihr Interesse an dem Dasein des Afrikaners
hatten oder doch zu haben glaubten.
    Da kam ein Buchhändler, welcher nicht der Hofbuchhändler war und der, dem
Herrn Polizeidirektor zum Trotz, die nicht gehaltenen Vorträge zu Papier und in
seinen Verlag gebracht zu haben wünschte. Da erschien ein Photograph, welcher
der festen Überzeugung lebte, dass ein Brustbild des Herrn Hagebucher und ein
Bild in ganzer Figur der Welt zu einem tiefinnern Bedürfnis geworden sei und ein
brillantes Geschäft verspreche. Verschiedene Kaffeehausbekanntschaften suchten
den Verkehr auf das Privatleben des »guten Freundes« auszudehnen. Es erschienen
zwei hagere Damen, welche den »geprüften Mann« für die segensreichen Zwecke der
Innern Mission zu gewinnen hofften. Es kam ein junger Mann, welcher einen Stoff
für das moderne Epos suchte, welcher in den Abenteuern des Afrikaners diesen
Stoff gefunden zu haben glaubte und welchen Hagebucher ohne Rücksicht auf die
Gefühle der Mit- und Nachwelt bedeutete, er möge ihn ungeschoren lassen, und
übrigens halte er es in dieser Zeit für ein Zeichen von ganz entschiedener
dichterischer Begabung, wenn jemand keine Verse zu machen imstande sei.
Politische Parteien streckten ihre Fühlhörner in den Morgen hinein, kurz, der
Verkehr war lebhaft und anregend genug; doch Leonhard blieb leider hart,
teilnahmslos, traurig und lächelte nur einmal, als er unter dem überströmenden
Wortschwall des jungen Poeten überlegte, was wohl aus der Welt, nämlich seiner
eigenen, werden möge, wenn er - heirate, und zwar Fräulein Serena Reihenschlager
heirate!
    Denselben Gedanken dachte er laut, als sich gegen die Mittagszeit die Flut
der Besucher endlich verlaufen hatte und er mit dem Pascha allein war; oder
vielmehr, nachdem er verschiedene Male leise gesagt hatte: »Weshalb sollte
ich?«, sprach er ungemein deutlich das grosse Wort aus: »Weshalb sollte ich
nicht?« und brachte dadurch einen Seitenzug seiner neueuropäischen seelischen
Entwickelung zu einem recht befriedigenden Abschluss, nur einen Seitenzug - die
Hauptlinie lief gradeaus weiter in alle Verwirrung und Finsternis hinein!
    Vier Worte genügten, um das ganze Getümmel zusammenzufassen, wie sich in das
nüchternste Freikuvert der leidenschaftlichste Jubel- oder Trauerbrief schieben
lässt; und gleich einem Echo hallte Täubrich-Pascha nach:
    »Ja, weshalb nicht?«
    »Was wissen denn Sie davon, Täubrich?« rief Hagebucher fast ärgerlich. »Sind
Sie etwa imstande, meinem Seufzer die rechte Deutung zu gehen?«
    »Es sind ein Paar liebe Augen!« sagte der Schneider mit seitwärts gehängtem
Kopf. »Es gibt kein anderes Fräulein hier in der Stadt, welches ein solches
gutes Gesicht hat.«
    »Und es gibt keinen zweiten Damenkleidermacher, der ein so merkwürdiger
Mensch ist wie Sie, Felix! Bei Gott, weshalb sollte ich nicht? Lassen Sie uns
jedoch abbrechen und zu Mittag speisen. Nachher mögen Sie die Tür verriegeln -
gegen jedermann, hören Sie! Ich habe einen Blick in den Sanchoniaton zu werfen,
ich versprach's dem Professor.«
    »Sancho - Sanchoniaton!« wiederholte der Schneider, die schwärmerischen
Augen gegen die Decke richtend. Ein so klangvoller Name musste halten, was er
versprach; und in der festen Oberzeugung, dass sein Patron die richtige Lektüre
für die gegenwärtige Stimmung ausgewählt habe, schlich Täubrich auf den Zehen
zur Tür und schob den Riegel vor.
    Nach Tisch las Hagebucher im Sanchoniaton, und Täubrich-Pascha nähte einen
Knopf an seinen Frack; denn auch er hatte versprochen, am heutigen Abend den
Ball des Herrn von Betzendorff durch seine Gegenwart zu verschönern, und zwar in
einer sehr offiziellen Stellung. Wir wissen, dass er ein sehr aufmerksamer und
gewandter Mensch war und dass keine grössere Festlichkeit in der Residenz ohne
seine Beihülfe stattfinden konnte.
    »Wir besitzen ihn nur in der griechischen Übersetzung eines gewissen Philo
aus der Stadt Byblus, und einige wollen sogar behaupten, dass wir ihn gar nicht
mehr besitzen«, sagte Leonhard träumerisch über sein Buch weg und fügte hinzu:
»Ich könnte sie jetzt in mein Haus führen, und mein altes Mütterchen würde sie
mit offenen Armen empfangen! Das ist die grosse Frage unter den Gelehrten, ob er
zur Zeit der Semiramis oder zur Zeit Alexanders des Grossen oder ob er gar nicht
lebte. Mir ist es ungemein gleichgültig; - sie hat in ihres Vaters Hause
Gelegenheit genug gehabt, mit Narren umgehen zu lernen. Seine Lehrer sollen die
phönizischen Oberpriester Hierombalus und Jarobalus gewesen sein! O Gott, ob sie
in ihres Vaters Hause wohl auch gelernt hat, einem Gesellen wie mir keinen Korb
zu geben? Hierombalus und Jarobalus! Ich dächte, wir müssten ein stilles, solides
Ehepaar darstellen!«
    »Das denke ich auch!« rief Täubrich-Pascha, der vor Entusiasmus kaum
imstande war, seine Nadel einzufädeln.
    »Ja, weshalb nicht?!« sprach Leonhard Hagebucher immer nachdenklicher.
    Er warf den alten Phönizier auf den Tisch, sprang empor und schritt im
Zimmer auf und ab:
    »Ich bin nicht mehr in den Jahren, in welchen es noch tunlich ist, etwas auf
den andern Morgen zu verschieben. Das wäre nun freilich wohl ein Grund, sich
hier noch recht lange zu besinnen, allein - - - was wünsche ich, was kann ich
noch erreichen in dieser närrischen europäischen Welt? Wahrlich, ich kenne die
jetzt genug wieder, um in dem Kreise, welchen ich mit der Spitze meines Stockes
um mich zu ziehen vermag, ein Genügen finden zu können. Was meinen Sie,
Täubrich, wenn ich so um die Zeit der heranbrechenden Dämmerung meinen Rock
anzöge und mich auf den Weg zum Professor machte? Wahrscheinlich würde ich sie
dann in der Küche neben dem hellen Feuer finden, und sie sieht allerliebst in
der Beleuchtung aus. Ich könnte mit ihr einige Augenblicke in die Flammen
gucken, um sodann, wenn wir alle beide unsere Gedanken genug gesammelt haben
würden, zu sagen: Serena, mein Kind, ich bin zu einem Entschluss gekommen, wollen
Sie eine Bitte eines wunderlichen, aber doch ganz ehrlichen Mannes anhören? Und
wenn sie dann die Achseln zuckte und mit dem Kopfe nickte, so könnte ich
ziemlich ruhig fortfahren: Serena, mein Kind, ich hab es mir nach allen Seiten
hin überlegt, ich möchte Sie ganz für mich besitzen, und dem Papa sollte doch
nichts von seiner häuslichen und gelehrten Behaglichkeit abhanden kommen. Ich
dürfte dann wohl noch einmal eine Exkursion in meine Vergangenheit machen, doch
dieses vielleicht nicht zum Schaden der Aussichten in die Zukunft, und wenn in
diesem Augenblicke mein Dämon, welcher auch über diese Stunde wacht, den Topf
überkochen liesse, so ist es meine feste Überzeugung, dass sie, nur ein klein
wenig rötlicher angehaucht, ihn von der Glut abrücken und, den Deckel in der
Hand haltend, lispeln wurde Herr Gott, Herr Hagebuch - Leonhard! - Da wäre dann
sicherlich bereits der erste Kuss gefallen, Täubrich, und wir hätten nur noch die
Treppe hinaufzusteigen, um den Papa von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu
setzen.«
    Es war ein Vergnügen, den Pascha in diesem Moment, während dieser
Schilderung zu beobachten. Er war mit der Nadel weit nach rechts hin ausgefahren
und hielt den Arm starr und steif und den Mund weit offen; in voller Verzückung
blickte er aus seinen wasserblauen Augen auf den sich in diese urheitern
Phantasien, welche doch auf so dunkelm Grunde ruhten, ganz verlierenden Patron.
    Nun fing er an zu weinen und rief dazwischen:
    »O Sidi, Sidi, Sie verstehen alles am besten und wissen alles gehörig
einzurichten! Die ganze Zeit über während Ihrer Abwesenheit hab ich mir den Kopf
zerbrochen, wie es sich wohl am lieblichsten machen liesse, und da kommen Sie und
brauchen nur zu sagen: So ist es!, und es ist so. Sidi, Sie stehen auf dem
Sprung, meinen schönsten Traum zu erfüllen; denn nun wollen Sie tun, was ich
nicht tun konnte, weil das Geschick es nicht litt. Sie haben meine Wehmut bis
ins tiefste, aber auch aufs süsseste aufgerührt, und ich küsse den Saum Ihres
Gewandes dafür. Ja, auch ich war in Arkadien und ganz dafür geschaffen, ein Weib
glücklich zu machen! Ich habe auf Zion und Golgata, aber noch mehr zu Mar Saba
unter der alten Garderobe meiner Freunde, der Mönche, tief darüber nachgedacht.
Ich war immer fürs Nesterbauen, doch ich bin auch leider immer zu blöde gewesen,
sowohl im Gelobten Lande als auch hier im Lande, und nur ein einzig Mal hatte
ich volle Gelegenheit, meinen Willen zu kriegen; allein da hab ich nicht gewollt
und kann es auch jetzt noch nicht bereuen. Das war nämlich in Pera, wo mich eine
alte Schuhmacherwitwe aus Perleberg als Landsmann und jungen gefühlvollen
Menschen ganz sicher mitgenommen hätte auf ihrem Lebenswege. Sie war jedoch dem
Trunke ergeben und stiess mich auch sonst durch allerlei körperliche und
unmoralische Eigentümlichkeiten ab. Wenn es seine Vorzüge hat, für das Ideal und
das ewige Himmelblau und die Sterne und die Sphärenmusik in der Nacht geschaffen
zu sein, so hat es auch seine Nachteile fürs menschliche Leben. Es ist zu Pera
nichts aus meinem häuslichen Glück geworden, weil ich zu fein roch; und nachher
noch einmal zu Jerusalem in meines Meisters, des Böblingers, Hause wurde wieder
nichts daraus, weil ich zu scharf sah. O Herr, nun aber wird mein allerhöchster
Wunsch in Ihnen erfüllt, und sie, ich meine das süsse, liebe, gute Fräulein, hat
ihre ganze Seele auf Sie gesetzt, und Sie passen ganz zu ihr und dem alten
Herrn, Sidi; und mich nehmen Sie mit, wo Sie Ihr Zelt aufschlagen. O Allah,
Allah, ich bin gewisslich fürs Ideale, aber hier sehe ich doch klar, dass es auch
eine grosse Freude sein kann, in der Wirklichkeit und nicht bloss im Traume zu
leben.«
    »Trocknen Sie Ihre Tränen, fassen Sie sich, Täubrich«, sprach Hagebucher.
»In Ihrem letzten Satze gehe ich Ihnen vollständig recht: es ist eine Freude, in
der Wirklichkeit zu leben, so viele scharfe Ecken, boshafte Haken und
heimtückische verräterische Fallgruben sie auch haben mag. Wer gab übrigens dem
klugen Narren, dem Mahomet, das Wort ein: Alles Berauschende ist verboten! - ?
Wer darf dieser armen geplagten Menschheit das Berauschende verbieten? Solange
der Schmerz, die Sünde und der Tod umwandeln unter ihr, so lange kann auch das
Berauschende nicht verboten sein! Jetzt, edler Täubrich, beschäftigen Sie sich
gefälligst mit Ihrem Frack, ich werde noch einen letzten Rat halten, und zwar
mit der Frau Klaudine und nicht mit dem Sanchoniaton. In einer Viertelstunde
hoffe ich Ihnen das Resultat mitteilen zu können.«
    »Gott segne Sie, lieber Herr«, schluchzte der Pascha, und der Afrikaner
stopfte langsam eine Pfeife und streckte sich lang auf dem wackelnden Sofa aus.
Wer ihn so gesehen hätte, der würde sicher nicht geahnt haben, mit welchem
aufregenden Tema er sich beschäftigte und welches herz- und nervenerschütternde
Problem er mit Aufbietung aller Seelenkräfte und Zuziehung aller a priori wie a
posteriori erlangten Erfahrungen zu lösen bemüht war.
    Und der Tag rückte vor, und die Dämmerung rückte wiederum näher. Längst war
der Schneider mit der Vervollständigung seines Gesellschaftsanzuges fertig,
längst sass er unbeschäftigt, stumm, regungslos, ein Bild atemlosen und doch
resignierten Wartens, da: der Afrikaner schien nicht in der Auflösung seines
Problems weiterzurücken. Er, Leonhard Hagebucher, stöhnte von Zeit zu Zeit sehr:
er veränderte wohl auch seine Lage und hatte von neuem seine Pfeife anzuzünden,
aber ein Licht schien ihm darum doch nicht aufgehen zu wollen.
    Einmal sprach er:
    »Es scheint grimmig kalt draussen zu sein. Sehen Sie doch einmal nach dem
Ofen, Täubrich.«
    Kurze Zeit darauf knöpfte er die Weste auf, blies und fuhr durch die Haare
wie jemand, dem es ungemein heiss zumute ist.
    Um fünf Uhr fragte er kläglich, was die Glocke geschlagen habe, und eine
Viertelstunde später zog Täubrich-Pascha noch kläglicher die Schultern in die
Höhe und klagte trübselig und enttäuscht im Innersten seiner Seele:
    Es ist aus! Es ist vorbei! Er tut es nicht! Er kommt nicht dazu!
    Der Afrikaner atmete in der Dunkelheit vom Sofa her ruhig und friedlich
gleich einem schlafenden Kinde. Es hatte in der Tat allen Anschein, als ob er es
nicht tun werde. Doch die Überraschung war dann um so grösser, als Punkt sechs
Uhr der Grübler die Pfeife zur Erde fallen liess, auf beide Füsse sprang und im
schärfsten Kommandoton rief:
    »Zum Henker, Täubrich, so zünden Sie doch die Lampe an! Sind wir zwei Eulen,
dass wir unser ganzes Leben in der Finsternis zubringen? Wo ist mein Halstuch? Wo
ist mein Hut? Das ist ja eine entsetzliche Wüstenei! Flink! Vorwärts! Bismillah,
ich habe diese Wirtschaft im Zentrum wie in der Peripherie vollkommen satt!«
    »Hier, Herr! Hier, Herr!« rief der Schneider, froschartig und an allen
Gliedern zitternd im Zimmer umherhüpfend, Die Lampe brannte, Halstuch und Hut
fanden sich, noch einmal wollte der Pascha mit der Kleiderbürste auf den Patron
los, doch dieser schob ihn feierlich von sich ab und fragte:
    »Was für ein Datum schreiben wir?«
    Täubrich nannte den Tag, und Hagebucher sprach:
    »Nicht übel! Nicht ungünstig!«
    Mit einem Zitat fuhr er fort:
Gehab dich wohl, mein Cassius, für und für!
Sehn wir uns wieder, nun so lächeln wir,
Wo nicht -
Er brachte den Satz nicht zu Ende, sondern zog leise die Tür hinter sich zu. Der
Tanz aber, welchen Täubrich-Pascha hinter ihm aufführte, hätte kaum kurioser
sein können, war jedoch der Gemütsstimmung des Menschen vollständig angemessen.
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
Im Tumurkielande pflegen die Leute ebenfalls zu heiraten, der junge Mohr nimmt
seine Mohrin, wie und wo er sie findet, und die Moresken kommen nach wie in
Europa, das erste Exemplärchen neun Monate nach der Hochzeit, die folgenden in
angemessenen, naturgemässen Zeiträumen. Während seiner Gefangenschaft zu Abu
Telfan hatte Herr Leonhard Hagebucher glückliche und unglückliche Liebe in all
ihren Phasen und Ekstasen reichlich kennengelernt, und Europa hatte ihm in
dieser Hinsicht nichts Unbekanntes, nichts Neues zu bieten. So musste denn auch
das, was die weisse Gesellschaft über diese Verhältnisse dachte und sagte, dem,
was jene schwarze Gesellschaft darüber kundzugeben pflegte, der Form wie dem
Inhalt nach sehr ähnlich sein. Herr Leonhard Hagebucher fühlte sich, noch
während er die Treppe in der Kesselstrasse hinunterstieg, diesem Prozess sowie
allen seinen Folgen vollkommen gewachsen. Das Experiment erschien ihm leicht,
geschmeidig, glatt und ohne übermässige Anstrengung auszuführen.
    Diese heitere Anschauung änderte sich jedoch schon in dem Augenblick, als er
den Fuss in die Gasse setzte. Sprach die kalte, winterliche Luft in Hinsicht auf
seine afrikanischen Nerven mit, oder war's der plötzliche Übergang aus dem
traulich-stillen Zusammensein mit dem träumenden Schneider in die
aussergewöhnlich lebhaften Gassen: er fühlte eine Beklemmung, welche mit jedem
Schritt über den zertretenen Schnee zunahm.
    »Mutig voran!« sagte er und versuchte noch einmal der grossen Stunde ins
Antlitz zu lächeln; doch dieses Lächeln war sehr hohläugig, und das Atmen wurde
ihm bald sehr schwer. Er zog den Hut über die Nase, als könne er nichts von der
Aussenwelt in der Welt seiner jetzigen Gedanken brauchen, und riss ihn wieder in
die Höhe und stierte die Dinge an, als sei aller Trost doch nur bei ihnen und er
selber ganz und gar nicht bei Troste. Einige Gassen weiter suchte er bereits
luftschnappend nach einem stichhaltigen Grunde, das Unterfangen noch bis zum
folgenden Tage zu verschieben. Auf dem Johannisplatze wurde ihm sogar recht übel
zumute, der Schweiss trat ihm vor die Stirn, er suchte nach seinem Taschentuche,
und wenn er es nicht in der hintern Rocktasche gefunden hätte, so würde er
unbedingt das für den plausibeln Grund und das bedenkliche Omen genommen haben
und nach Haus zurückgekehrt sein. Er fand es jedoch, und so blieb ihm als Mann,
Held und Verliebten nichts übrig, als sich die kalten Tropfen abzutrocknen und
seinen Weg fortzusetzen, seinem Verhängnis entgegen. Wäre ihm nun ein Bekannter
begegnet und hätte ihm den leisesten Vorschlag zu einem Gang um die Stadt, zu
einer Partie Domino oder einer Zigarre in irgendeinem stillen Winkel eines
Kaffeehauses gemacht, mit Freuden würde er seinen Arm in den des Freundes
geschoben, die Werbung verschoben und sich glänzend gegen sich selbst und gegen
Täubrich-Pascha gerechtfertigt haben.
    Es begegnete ihm niemand als jener Myrmidone des Herrn von Betzendorff,
welcher ihm einst das elegante Billett des Herrn Polizeidirektors und das Verbot
seiner Vorlesung überreichte. Der Mann griff ganz höflich an die Dienstmütze,
und Hagebucher blickte ihn einen Augenblick betroffen nachdenklich an, griff
sodann in die Tasche, schenkte ihm einen Gulden und rief:
    »Nein, nun grade, nun erst recht! Mein guter Freund, Sie werden sich doch
nicht einbilden, dass ich Sie für ein omen nefastum, für ein verneinendes Zeichen
der Götter nehmen soll?«
    »Ich bilde mir gar nichts ein, aber ich danke Ihnen, Herr Hagebucher«,
sprach der Mann der öffentlichen Sicherheit, mit dem Auge des Gesetzes zwinkernd
und das Geldstück verstohlen in die Tasche schiebend. »Häufig kommt diese Sorte
nicht vor!« fügte er kopfschüttelnd hinzu, als Hagebucher aus dem Lichtkreise
der Gaslaterne, unter welcher die Begegnung stattfand, verschwand.
    So heimtückisch ist das Schicksal! Selten legt es dem Menschen andere
Hindernisse in den Weg als solche, die ihn grade anreizen, bis zu dem Punkte
vorzudringen, an welchem es ihn haben will; und es soll durchaus nicht gesagt
werden, dass es ihm mit Vorliebe ein Vergnügen oder nur eine Annehmlichkeit an
das Ziel seines Pfades lege, wie eine Mutter, die ihr Kind das Gehen lehren
will.
    »Nun grade, nun erst recht!« wiederholte Leonhard im schnellern
Vorwärtsschreiten und hätte sich jetzt nicht mehr durch ein vergessenes
Taschentuch oder einen guten Bekannten von der Ausführung seines Unternehmens
abbringen lassen. Noch eine Ecke, und das Haus des Professors kam in Sicht! Da
stand es. Kein böser Zauberer aus dem Innern Afrikas hatte dem Afrikaner zum
Tort Aladins Wunderlampe gerieben und es durch die Genien der Lampe mit seiner
hübschen, klugen, silberstimmigen Bewohnerin in das Innerste der Tartarei
versetzen lassen. Es befand sich alles an seiner richtigen Stelle, sogar die
Inschrift über der Tür: Introite hospites! -
    Der Schnee war zu beiden Seiten der gastlichen Pforte fast zierlich
zusammengefegt und - geschaufelt. Der Lampenschein aus des Professors
Studierzimmer glänzte behaglich anlockend in die Nacht. Die zarte Mondsichel
stand über dem weissen Dache, und ein Rauch ging empor aus Serena Reihenschlagers
Schornstein, und lächelnd winkte der silberne Mond dem Afrikaner durch diesen
tief bedeutungsvollen Dampf Einen Augenblick stand Leonhard still und blickte
hinüber nach dem Fenster des Professors, dem Monde, dem nahrhaften Schornstein
und den schwarzen Baumwipfeln des Gartens - es war ein anderes Stillstehen als
neulich vor der Katzenmühle; aber, bei Allah, von einem gleichmütigen,
gleichgültigen Gaffen konnte auch heute durchaus nicht die Rede sein.
    Serena Reihenschlager befand sich jedenfalls in der Küche. Der Afrikaner
kannte den Weg dortin ganz genau. Die volle Gelegenheit war gegeben, nach so
langem, abenteuerlichem, mühevollem Zickzackfluge durch die Welt das Leben zu
einem ruhigen, wohlbehaglichen Kreise zu runden und aus dem Mittelpunkte
desselben den Göttern zu danken, dass sie es endlich und zuletzt doch noch so gut
gemacht hatten.
    Und noch immer kein Hindernis! Hagebucher, der so häufig in seinem Leben auf
die Nase gefallen war, stolperte nicht auf der Schwelle des Hauses und Vernahm
daher auch keine Stimme, welche sich das Recht angemasst hätte zu sagen: »Ein
Römer würde umkehren!« Dagegen traf ein wohltuender, leckerer Bratenduft seine
Nase, und höchst lächerrlich wär's gewesen, das für ein abschreckend Zeichen zu
nehmen. Es zischte und prasselte lustig aus Serenas Zauberreiche. Rötliche
Lichter tanzten an der der Küchentür gegenüberliegenden Wand - nicht der
kleinste Stein des Anstosses in dem Hausgange - nicht das leiseste Stolpern auf
der Schwelle dieser Pforte. Und jetzt - es konnte ja nicht anders sein, es war
ja so ausgemacht worden -, jetzt stand sie da vor dem schwarzen Herde, in all
ihrer Allerliebsteit, nachdenklich, so hold beleuchtet von der tanzenden Flamme
wie je ein verliebt sinnend Mägdelein in einem Genrebilde, welchem letztern auch
alles übrige in dem malerischen Raume entsprach, von den blankgescheuerten
Kesseln und Kannen an bis zu dem stattlichen weissen Kater, der schnurrend um die
Falten ihres Hauskleides strich.
    Sie trug eine zierliche, feingestreifte Schürze mit zwei niedlichen Taschen,
jede ganz am richtigen Fleck, um Schlüssel, Nadelbücher, Taschenkämme und
Liebesbriefe schnell dreinschieben und sie drinnen vor dem neugierigen Auge der
Welt verbergen zu können. In diesem Moment jedoch hatte sie nichts
hineingeschoben, sondern im Gegenteil etwas herausgeholt, nämlich ein
zerknittert Blättchen, welchem man es ansah, dass es den Weg heraus und hinein
schon mehrere Male, und zwar unter grosser Aufregung der Besitzerin, gefunden
hatte, dem man es ansah, dass es nicht zum ersten Male gelesen wurde.
    Und sie las es wiederum und liess merkwürdigerweise den Topf, welchen Herr
Leonhard Hagebucher dem Täubrich-Pascha in seiner Mitwirkung bei den Ereignissen
des Abends so anschaulich geschildert hatte, jetzt schon überkochen, und zwar
ohne den Deckel abzuheben oder ihn zur Seite zu rücken.
    Sie las, wie ein junger Schriftsteller die erste Korrektur liest; sie las,
wie ein alter Gauner das Reskript, welches ihm den Rest seiner Strafzeit erlässt,
verschlingt; ja sie las sogar wie ein junges Mädchen, welches den ersten
Liebesbrief liest, oder wie des Mädchens Mutter ebendiesen Liebesbrief, wenn er
zuerst an ihre Adresse gelangte, das heisst, wenn sie dem verstohlenen Boten
hinter der Haustür her auf den Hals gesprungen ist und sich nicht verpflichtet
fühlt, das durch die Verfassung garantierte Briefgeheimnis zu respektieren.
    Sie las, und wahrlich erschien sie rosig angehaucht, bedeutend rosiger, als
selbst jene beiden phantasievollen Leute, Herr Leonhard Hagebucher vom
Mondgebirge und Herr Felix Täubrich, genannt Täubrich-Pascha, aus Jerusalem,
sich vorgestellt hatten. Sie las, und als Herr Leonhard Hagebucher endlich nicht
länger an sich halten konnte und seine beklemmte, zaghafte Anwesenheit durch ein
ängstlich befangenes Räuspern kundgab, tat sie den vollkommen in sein Programm
gehörigen kleinen Schrei, ja sie führte das Programm noch weiter pünktlich aus,
indem sie rief: »O Gott, Herr Hagebucher!« Das »Lieber Leonhard« liess sie
freilich aus, doch wer wird in einer solchen Minute um ein Wort, um einen Ton
rechten wollen?
    Was konnte jetzt der Afrikaner anders hervorbringen als die Frage, ob er
nicht störe, und was konnte Fräulein Serena Reihenschlager anders darauf
antworten als: Durchaus nicht, bitte treten Sie näher, Herr Hagebucher - ? Hätte
sie gesagt: Ist er schon wieder da, muss er einer denn immer in die Quere
kommen?, so würde solches nicht in das Programm gepasst haben.
    Noch immer kein Hindernis! Sie verbarg das kleine, eng beschriebene
Blättchen blitzschnell in der Tasche und widmete sich mit verdoppeltem Eifer
ihrem Topfe, rettete von dessen Inhalt, was noch zu retten war, erlangte auch
das, was sie selbst von ihrem moralischen Gleichgewicht verloren hatte, bald
genug wieder, hob ein sehr glückliches, lächelndes Gesicht zu dem Hausfreunde
empor und sagte:
    »Guten Abend, lieber Herr Hagebucher!«
    »Guten Abend, Fräulein Serena!« antwortete der Hausfreund, gleichfalls
lächelnd herabblickend, und hatte sich im Vertrauen mitzuteilen, dass es
ungeheuer überflüssig und fast eselhaft töricht gewesen sei, sich auf dem Wege
von der Kesselstrasse her so sehr vor dieser schönen Minute gefürchtet zu haben.
Er fühlte sich jetzt so wohl geborgen, so sicher vor allem Weh, allen
Schrecknissen und Ärgernissen. Es rieselte ihm ganz warm sowohl durch die Seele
als auch den Leib, und der deutsche Frost, an welchen er sich doch noch immer
nicht ganz, nach seinem unheimlichen Aufentalt unter dem Äquator, gewöhnen
konnte, schwand vollständig unter dem wonnigsten Anhauch gleich dem Eis an der
Fensterscheibe, welches ebenfalls unter einem warmen Hauche zu verschwinden
pflegt.
    »Der Papa ist in seiner Stube. Gehen Sie nur zu ihm, ich werde sogleich
nachkommen, Herr Leonhard«, sagte Fräulein Serena Reihenschlager.
    »Sogleich?« fragte Hagebucher leise und zärtlich.
    »Gewiss. Sobald die Magd vom Brunnen zurückgekommen ist, folge ich Ihnen.«
    »Ach, Fräulein Serena, lassen Sie mich noch einen kurzen Augenblick hier auf
der Bank niedersitzen!« rief Hagebucher, schwankend zwischen der Furcht vor der
wasserholenden Magd und dem koptischen Papa, welche alle beide er bei seinem
Vorhaben nicht nötig zu haben glaubte. »Nur eine kleine Minute, Serena! Es ist
bitter kalt draussen, zumal für eine verwöhnte Haut gleich der meinigen«, fügte
er schaudernd vor Vergnügen hinzu; und gutmütig besorglich rückte das Fräulein
ihm einen Schemel neben die Glut ihres Herdes, welche sie dann, das Licht und
die Wärme zu vermehren, zu neuen Flammen »aufschuf«.
    Nicht das geringste Hindernis! Da sass er neben dem Herde, und sie stand vor
ihm und hielt die Hand in der Tasche ihrer Schürze, in welcher sie jenes
zerknitterte Blatt versteckt hatte. Nichts in der Welt, das ihn hinderte, frei
und offen herauszusprechen und seinem Herzen Luft zu machen, wie das schon
Millionen vor ihm taten und glücklich zum Ziele ihrer Wünsche gelangten.
    »Ach, Fräulein Serena«, begann er und sah richtig längere Zeit - ganz der
Verabredung gemäss - in die knisternden Flammen.
    »Ach, Herr Hagebucher!« seufzte das Fräulein, ohne die Hand aus der Tasche
hervorzuziehen, und dann nahm er, wie jemand, der über einen gefährlichen Graben
springen will, einen Anlauf, kniff die Augen zu, ballte die Hände und - sprang
wirklich.
    »Serena, Liebe«, begann er von neuem, und da er einmal drin war, ging das
Ding ganz fliessend und fliegend. »Serena, ich - wir - ich habe es mir jetzt
lange genug überlegt, und Kopf und Herz tragen es nicht länger. Auch Sie haben
reichlich Gelegenheit gehabt, mich kennenzulernen, und halten mich hoffentlich
nicht für einen schlechten Charakter, und der Papa - ja, was geht der Papa uns
eigentlich dabei an? - o Serena, mein liebes Mädchen, die ganze Welt brauche ich
weiter nicht, wenn ich Sie habe! Gehen Sie mir Ihre Hand, Serena, und sagen Sie
mir ganz offen, ob Sie meine Frau werden wollen! Sie - ich - wir - Täubrich -
ich möchte Sie ganz für mich allein besitzen, und dem Papa sollte doch nichts an
seiner Behaglichkeit abgehen - wir wollten - wir könnten -«
    Natürlich! Was hätten sie alles gewollt und gekonnt, wenn wenn nicht
Fräulein Serena Reihenschlager mit einem zweiten und viel hellern Schrei des
Schreckens, der Überraschung mehrere Schritte zurückgewichen wäre, beide Hände
abwehrend weitin von sich ausstreckend?
    »Liebster Himmel, Herr Hagebucher! Also doch? O Gott, liebster Herr
Hagebucher! Und grade heute, o Herr Jesus!«
    »Ich liebe Sie in der Tat recht herzlich, Serena!« sprach Hagebucher, noch
immer mit zugekniffenen Augen über dem Graben in der Luft schwebend. »Was mir an
Jugend mangelt, werde ich durch Liebenswürdigkeit ersetzen. Ein unverträglicher
Mensch bin ich nicht, und einen Hausstand könnten wir uns wohl in der
behaglichsten Weise gründen. Meine Mutter würde sich unbeschreiblich freuen, und
was Ihren Papa anbetrifft, so glaube ich sicher, dass er mich gern auch durch
solche liebe Bande an die koptische Grammatik fesseln würde.«
    »O Gott, Gott, Gott, das glaube ich gern; aber das ist so schrecklich, und
die Magd wird gleich zurückkommen; was soll ich sagen, was soll ich tun? Lieber
Herr Hagebucher, er schreibt mir grade heute, grad an diesem Abend, und
entschuldigt sich so sehr. In drei Tagen wird er selbst kommen, alles ist in
Ordnung und kein Hindernis mehr, und der Papa oben in seiner Stube weiss auch
alles.«
    »Wer schreibt? Was schreibt wer?« rief Hagebucher, in höchster Verblüffteit
und mit weit offnen Augen mitten im Sumpf platschend, sprudelnd und spuckend.
    »Ferdinand! Wer denn anders als mein Ferdinand?« schluchzte das Fräulein.
»Hier hab ich seinen Brief, und er war vor Ihnen hier im Hause und half wie Sie
dem Papa an dem Wörterbuch und der Grammatik. Und der Papa schickte ihn fort,
was gar nicht recht von ihm war, und da ist er in die weite Welt gegangen, nach
Hamburg und nach Edinburg und zuletzt nach Genf, als Lehrer der neuen Sprachen.
Man könnte blutige Tränen weinen, so sehr hat er sich an allen Instituten quälen
müssen, und jetzt gründet er in Kompanie mit einem andern ein eigenes Institut,
und hier schreibt und bittet er um Verzeihung, weil er so lange nicht
geschrieben habe, und übermorgen kommt er selbst, und der Papa weiss alles und
sieht ein, dass er jetzt nichts mehr dagegen machen kann. Und er ist mein
Ferdinand, und nun sagen Sie selber, liebster Herr Hagebucher, was ich Ihnen
noch sagen soll!«
    »Ich wüsste nicht, was mir noch zu erfahren übrigbliebe«, sprach der Mann vom
Mondgebirge sehr dumpf und wiederholte sodann: »Er war vor mir hier im Hause und
half wie ich dem Papa an dem Wörterbuche und der Grammatik.«
    Nach einer Pause setzte er noch hinzu:
    »Da wäre ich ja wohl wieder einmal zu spät gekommen? O 'Täubrich, Täubrich,
Täubrich-Pascha!« Und dann - dann sah er auf und sah, dass das arme gute Kind
nicht mehr die Hände in den Schürzentaschen, sondern die Schürze mit beiden
Händen vor die Augen hielt und den Schrecken und die Bestürzung leise dahinter
ausweinte. Sanft fasste er diese kleinen zitternden Hände, zog den Vorhang von
dem purpurroten Gesichtchen weg und sagte:
    »Liebes Fräulein, wenn Sie dem Papa nichts von dieser dummen Geschichte
sagen wollen, so werde ich es gewiss nicht tun; und was dieses glückliche -
dieses erfreuliche Ereignis betrifft, so wünsche ich Ihnen und dem Herrn
Ferdinand das beste, das allerschönste Glück.«
    Das Kind hatte bereits von neuem die Schürze vor die Augen gehoben und
schluchzte hinter ihr weiter und konnte seinen Dank für die guten Wünsche nur
durch ein schnelles, krampfhaftes Kopfnicken kundgeben. Da Herr Leonhard
Hagebucher nichts mehr in der Küche des Professors Reihenschlager zu suchen
hatte, so verliess er dieselbe, und zwar wiederum auf den Zehen. Er trat zurück
in den dunkeln Hausflur und zögerte einen Augenblick an der Treppe. Sollte er
nicht doch lieber nach Haus gehen und den armen Täubrich-Pascha bis aufs Blut
durchprügeln, um ihn zu lehren, künftighin nicht so leichtfertig einen Mann in
der Ausführung einer Dummheit durch allzu inniges Eingehen auf die
Herzenswünsche desselben zu bestärken? Nein! Ein gebildeter Mann sucht seinen
Überschuss an deterioriertem Nervengeist nicht in solcher Art loszuwerden; ein
gebildeter Mann geht unter solchen Umständen nicht nach Hause, um jemand
durchzuprügeln, sowenig als er sich ins Wasser stürzt oder eine Kugel durch den
Kopf jagt. Leonhard Hagebucher ging hinauf zum Professor Reihenschlager; wenn
wir aber noch einen Blick in Serena Reihenschlagers Küche werfen, so steht das
Fräulein wieder emsig beschäftigt vor ihren Töpfen und Pfannen. Ein leises
Lächeln spielt um die Mundwinkel der jungen Dame, und der Zwiespalt in ihrer
Seele scheint vollständig zum Austrag gebracht worden zu sein.
 
                              Dreissigstes Kapitel
Der Mann vom Mondgebirge klopfte an die Tür des Mannes, welchen er zu seinem
Schwiegervater hatte machen wollen, horchte, glaubte von innen einen tiefen
Seufzer zu vernehmen und trat ein, ohne die Einladung zum Eintreten abzuwarten.
Er hätte auch lange darauf warten können; die Pfeife war dem Professor
Reihenschlager erloschen, und mit ihr schien auch der Professor erloschen zu
sein. Der Schein trügt: welch ein behagliches Licht hatte diese Studierlampe in
den Schnee der Winternacht hinausgeworfen, und welchen Missmut, welche
Zerschlagenheit an Leib und Seele beleuchtete sie!
    Inmitten des Rüstzeuges seiner gelehrten Forschungen sass der Schwiegervater
des trefflichen Institutsvorstehers Ferdinand Zwickmüller, gebeugt, geknickt,
und blickte nach der gegenüberliegenden Wand wie der König Belsazar, mit dessen
ausserbiblischer Geschichte er sich vor einer Stunde noch harmlos und ohne eine
Ahnung dessen, was ihm der Briefträger ins Haus trug, beschäftigt hatte.
    An welcher Felsenwand, an welchem Obelisken, in welcher Grabhöhle stand in
Keilschrift oder in Hieroglyphen der Trostspruch geschrieben, durch welchen sich
das aus den Fugen gebrochene Leben wieder einrenken und zusammenleimen liess?
    »Wo? Wo? Wo?« rief der Professor, und einer andern Ophelia gleich, machte er
seiner Bestürzung, seiner Ratlosigkeit halb in Prosa, halb in Versen Luft; und
was die letztern betraf, so erwachte wie in einem Chloroformrausche die
rührendste Jugendpoesie in seinem verschobenen Gehirn.
    »Das ist eine schöne Bescherung!« murmelte er. »Bei der tausendbrüstigen
Isis, was soll nun aus mir werden?
Die Männer, Völker, Flüsse, Wind'
und Monat' maskulina sind -
Alles Material zu einem geordneten Leben, zu einem ruhigen Greisenalter
durcheinandergeworfen!
Die Weiber, Bäume, Städte, Land'
und Inseln weiblich sind benannt -
Und ich alter Tor vermeinte, alles sei vorbei, und renommierte mit meiner
Schlauheit und meinem scharfen Blick!
Commune heisst, was einen Mann
und eine Frau bezeichnen kann -
Ja, kommun ist es, Ferdinand Zwickmüller! O welchen Kuckuck hab ich mir im Neste
ausgebrütet! Und wie das Kind seine Rolle gespielt hat! O was soll ich tun, was
soll ich tun?«
Was man nicht deklinieren kann,
das sieht man als ein neutrum an!
sprach Leonhard Hagebucher. »Ich glaube nicht, dass Ihnen etwas anderes
übrigbleibt, als diese Sache in der Art anzusehen.« Der Professor aber fuhr
empor und mit ausgebreiteten Armen dem Afrikaner entgegen:
    »Wissen Sie es schon? Was sagen Sie dazu? Hat man es Ihnen unten im Hause
zugejauchzt? Hagebucher, verlassen Sie mich nicht! Bleiben Sie bei mir! Ja, hier
ist der Busen, welcher mir von den tausend Brüsten der allernährenden Mutter
allein noch übrigblieb! Was sagen Sie zu der heillosen Geschichte?«
    »Ich gratuliere bestens«, sagte Hagebucher so munter, als es sich eben tun
lassen wollte. »Nach einem triftigen Grunde zur Verzweiflung blicke ich mich
vergebens um.«
    »So? Da danke ich Ihnen ganz gehorsamst, mein Freund. Es ist in der Tat
merkwürdig, es ist eine der grössten Merkwürdigkeiten, welche es auf Erden geben
kann: selbst die Vernünftigsten, die Verständigsten, die Nüchternsten und
Trockensten können die Hand nicht davon lassen. Einen Grund zur Verzweiflung
sehe auch ich nicht; aber als denkender Mensch, als vorurteilsfreier Betrachter
menschlicher Verhältnisse ärgere ich mich ungemein.«
    »Wenn der Herr Zwickmüller sonst ein anständiger Gesell ist -«
    »Seien Sie mir still! Ein anständiger Mensch? Ich wollte nur, Sie kennten
ihn persönlich.«
    »Das würde mir freilich am heutigen Abend zu grosser Genugtuung gereichen«,
brummte der Afrikaner.
    »Ich wünschte, Sie kennten ihn, wie ich ihn kenne. Solch ein trefflicher
Jüngling und ausgezeichneter Matematiker wird nicht leicht zum zweitenmal in
diesem irdischen Jammertal gefunden. Er ist viel zu gut für mich, und an seinem
Äussern ist nicht das mindeste auszusetzen. So nüchtern, so verständig ist er -
ach, Hagebucher, dort pflegte er zu sitzen, dort auf Ihrem Stuhle, Hagebucher,
und dann pflegte er die Unterlippe gradeso wie Sie in diesem Augenblicke
herunterhängen zu lassen, was mich darauf bringt, dass Sie mir eben auch nicht
aussehen wie sonst. Na, ich danke Ihnen nochmals für Ihre innige Teilnahme, denn
in ihr wurzelt doch hoffentlich Ihre Verstimmung. Was wollt ich aber sagen?
Richtig - richtig, die Lippe hing ihm sehr häufig herab; o man musste ihn sehr
zart angreifen, man war zu keiner Zeit sicher, ob man ihn nicht unwissentlich
aufs tiefste gekränkt habe. Er ist ein wenig nervenschwach, der Gute, und kann
einem die harmloseste Bemerkung sechs Wochen lang nachtragen; aber was das
betrifft, so passt er ganz zu dem Mädchen, und sie werden eine recht vergnügte
Ehe zusammen führen.«
    »Der Herr segne sie alle beide!« brummte Hagebucher.
    »Als Vater und Schwiegervater muss ich pflichtgemäss wohl dasselbe wünschen,
aber meinen Missmut kann das nur erhöhen. Jahrelang hat dieser Zwickmüller dort
auf Ihrem Stuhle gesessen, und jahrelang habe ich im Schweisse meines Angesichts
an seiner Ausbildung gearbeitet, und über das Verhältnis zwischen den beiden
Geschlechtern habe ich mich in den Pausen ernsterer Beschäftigung wahrhaftig
eingehend genug ausgelassen. Wäre er mein leiblicher Sohn gewesen, so hätte ich
diesen Ferdinand nicht zärtlicher, nicht herzlicher warnen können. Wenn ich
nicht irre, so habe ich Ihnen früher schon erzählt, wie ich dann, als sich
bedenkliche Symptome zeigten, dass alles doch vergeblich sei, ihn kurzweg aus dem
Hause jagte und wie er mir später aus der Fremde schrieb und sich für mein
korrektes Verfahren innig bedankte. Fortwährend standen wir im vertraulichsten
Briefwechsel; o der Hinterlistige behauptete, nie etwas ohne meinen Rat tun zu
wollen, und nun tut er mir dieses an! Hier sitze ich ruhig und denke an nichts,
oder ich denke vielmehr sehr tief über das N in pno, pneima snuf, nys, nas, snut
nach, aber was mir bevorsteht, das rieche ich nicht. Kommt das Mädchen plötzlich
wie eine Windsbraut hereingestürmt, hält mir von hinten die Augen zu, lacht und
weint, kichert und schluchzt, küsst mich und schiebt mir, als ich mich verwundert
nach dem Grunde des Getöses erkundige, einen Brief unter die Nase, welcher alles
pneima auf der Stelle aus mir heraustreibt. Was schreibt der Schlingel? Von dem
scharfen Auge väterlicher Liebe schreibt er, und es könne mir gewiss nicht
entgangen sein und so weiter, und seine Hochachtung und seine Verehrung für mich
seien unermesslich und so weiter, und seine materiellen Umstände seien derartig,
dass er sich wohl getraue, eine Frau zu ernähren. Hagebucher, Hagebucher, wissen
Sie, was ein Ölgötze ist? Ich wusste es auch nicht, jedoch in diesem Augenblicke
wurde mir die Bedeutung des Wortes klar. Wie ein Ölgötze sass ich da, und vor mir
stand das Mädchen und wusste nichts Besseres zu tun, als mir immer von neuem um
den Hals zu fallen und zwischen Heulen und Jauchzen zu zwitschern Ja, Papa,
liebster, liebster Papa, es ist so, es ist wirklich so, und es ist eine solche
alte Geschichte, und wärst du nicht mein alter, lieber, dummer Papa, so würdest
du gewiss nicht ein solches Gesicht dazu machen! - Nun frage ich Sie, Leonhard,
was für ein Gesicht sollte ich machen? Wenn ich in vierzehn Tagen darüber mit
mir im klaren bin, so will ich mich glücklich schätzen. Ich will nicht mit den
Göttern rechten, doch weshalb muss dieses grade mir passieren? Weshalb müssen
grade mir die verständigsten, die hoffnungsvollsten Menschen, die solidesten
jungen Leute unter den Händen zu Narren werden? Weil ich eine hübsche Tochter
habe? Ist das ein Grund? Habent sua fata puellae! Freilich, freilich haben sie
ihre Schicksale; aber war es wirklich zur Erhaltung und Verschönerung dessen,
was Marcus Tullius Cicero die Wohnung der Götter und Menschen, domus communis
deorum hominumque, nennt, nötig, dass mir mein eigen Fleisch und Blut das eigene
Dach über dem Kopfe abdecke? O Hagebucher, weshalb hiessen Sie nicht Zwickmüller,
und weshalb führte das Schicksal jenen nicht zu den Kaffern und Hottentotten?
Sie würden mir gewiss nicht einen solchen Streich gespielt haben. Ja, Sie sind
mein einziger Trost; in diesem Augenblicke erquickt mich Ihre Gegenwart, aber in
den nächsten Tagen, wenn der Narr von Genf angelangt ist und mit der Dirne das
Weitere verabredet, wird sie mir unschätzbar und durch nichts anderes zu
ersetzen sein.«
    »Herr Professor!...« hub Hagebucher mit einem vollen Atemzuge an, wie
jemand, der im Begriff ist, eine sehr lange Rede zu halten, sehr viel zu sagen
hat und das, was er auf dem Herzen trägt, im Geiste wohl ordnete und
zurechtlegte. »Herr Professor!« sprach Hagebucher mit kräftigstem Nachdruck im
tief rollenden Brustton, und dann - dann brach er ab, ehe er angefangen hatte,
schüttelte stumm, gerührt dem Papa Reihenschlager die Hand, schnappte dreimal
nach Luft, entwich schwankend, und draussen auf der Treppe setzte er seine Rede
fort, zog sie zusammen und brachte sie zu Ende. Der schändlichste Fluch der
Baggaraneger genügte ihm längst nicht zum Ausdruck seiner Gefühle: er fand einen
Segenswunsch seines Freundes Semibecco in der Erinnerung zur rechten Zeit
wieder; - das Wort sprach er aus auf der Treppe, und das Wort tat ihm wohl.
    Leise stieg er nun die Stufen hinab, indem er sich an dem Geländer hielt.
Unhörbaren Schrittes schlich er an Serenas Küche vorüber, erschrak sehr über den
hellen Klang der Haustürglocke und entging seinem Schicksale doch nicht.
    »Wollen Sie schon gehen, Herr Hagebucher?« erklang hinter ihm die Stimme
Serenas, und zwar ebenso hell als die Türglocke und dazu so
vergnügt-gleichmütig, so frei von allem Zittern, Stocken und Anstossen, dass es
eine Lust war, sie zu hören, nur nicht für den Afrikaner.
    »Ja, ich gehe schon, Fräulein. Gute Nacht! Empfehlen Sie mich in Ihrem
Traume freundlichst dem Herrn Ferdinand!«
    Und er ging wirklich.
    Als er wieder in der Strasse stand, klopfte er sich mit dem Knöchel des
Zeigefingers der rechten Hand vor die Stirn und glaubte einen hohlern Klang als
sonst herauszuschlagen. Auch jetzt schreiben wir die Wendung, die er dem tiefen
Spruch: Erkenne dich selbst! gab, nicht nieder, sowenig als vorhin den
Lieblingsausruf des Freundes und Elfenbeinhändlers Semibecco. Dass er sich damit
von der Wahrheit nicht sehr weit entfernte, kann leider nicht geleugnet werden.
    Die Stadt war voll ungewöhnlichen Getümmels, Privatequipagen und Mietwagen
führten mit dumpfem Geroll die Eingeladenen, die Bevorzugten der Gesellschaft
zum Feste des Herrn von Betzendorff. Durch das glänzendhelle Fenster eines
Handschuhladens erblickte Leonhard den Leutnant von Bumsdorf im eifrigen Verkehr
mit der den Laden hütenden Göttin und entwich schleunigst, ehe der junge Krieger
seinen Einkauf beendet hatte.
    Nach Hause? Mit geheimem Grauen erinnerte sich der Afrikaner, dass dort noch
der Sanchoniaton auf dem Tische liege und dass er daselbst auf keine andere
Gesellschaft als die des alten Phöniziers zu rechnen habe.
    Zum Leutnant Kind auf ein Plauderstündchen? Das liess sich eher hören! Der
Mann passte besser in die Stimmung. Nein, er passte zu gut hinein, und schaudernd
wendete Hagebucher sich auch von dieser Idee, seiner eigenen Gesellschaft zu
entgehen, ab. Fast ohne zu wissen, wie die Sache sich gemacht habe, fand er sich
zuletzt in einer ziemlich leeren Weinstube einer Flasche Rüdesheimer gegenüber
und mit der Speisekarte in der Hand.
    Er ass, ganz unnatürlicherweise, gut, und er ass viel. Er trank eine zweite
Flasche Rüdesheimer. Das Geschwätz der Gäste um ihn her, das Gehen und Kommen,
das breite, gleichmütige Gesicht des Wirts, die automatenhaften Bewegungen der
Kellner, ja sogar die Bilder, Fahrtenpläne und die Plakate der
Auswanderungsagenten und vor allem der Pendel der Uhr übten einen wohltätig
narkotischen Einfluss auf seine Nerven.
    Er griff nach einer Zeitung, legte sie wieder hin und griff von neuem
danach. An der andern Ecke des Tisches dehnte sich ein Stammgast, gähnte sehr
und beklagte sich bitterlich über die Langweiligkeit des Daseins in der Welt im
allgemeinen und in dieser vortrefflichen Residenz im besondern. Sein Nachbar,
von dem Gähnen angesteckt, gab ihm vollkommen recht, und das Gähnen gab er
weiter. Leonhard Hagebucher sah es von Mund zu Mund sich verbreiten und
überlegte träumerisch, wieviel Widerstandsfähigkeit er ihm wohl entgegenzusetzen
habe, wenn es bei einer solchen Stimmung sich auch an ihn heranwagen würde. Und
indem er überlegte, war er schon besiegt, und nun brach er ebenfalls, seiner
Stimmung zum Trotz, in ein ganz munteres Lachen aus, und das war die erste
wirkliche Erfrischung, welche ihm das Schicksal an dem heutigen Abend gönnte.
Die Gäste sahen verwundert auf den heitern Menschen, und einige beneideten ihn
jedenfalls um seine frohe Laune. Er aber bezahlte seine Rechnung, zündete eine
frische Zigarre an und trat, grad als es elf Uhr schlug, wieder in die kalte
Nacht hinaus und fand nichts Ungewöhnliches auf seinem Wege. Es war noch viel
Leben in den Gassen. Die Leute lachten und schalten höchstens über den strengen
Winter: nicht ein einziges Mal traf ein Wort das Ohr des Afrikaners, welches ihn
hätte aufhorchen und sich umsehen machen können. Weder den Gassen noch den
Leuten merkte man es im geringsten an, dass soeben etwas in der Stadt sich
ereignet hatte, welches wochen-, ja monatelang den ausgiebigsten Stoff zu allen
möglichen Unterhaltungen, Erörterungen, Angriffen und Verhetzungen gehen sollte,
welches ganze Kreise der Gesellschaft zerreissen und nach allen Richtungen hin
auseinandersprengen, welches den höchsten wie den geringsten dieses so sehr in
sich abgeschlossenen Gemeinwesens auf das tiefste berühren und welches, durch
Wort, Schrift und Druck weit über die engen Grenzen des Landes hinausgetragen,
für lange Zeit sowohl das Ländchen wie das Hauptstädtchen arg in das Gerede der
Menschen bringen musste.
    »Wenn ich nur den Täubrich zu Hause vorfände«, meinte Hagebucher im
Weitermarschieren. »Ich glaube, wenn ich ihm sein Teil von der Blamage hätte
zukommen lassen, so würde ich den Sonnenaufgang in aller Gemächlichkeit abwarten
können. Aber der Gute ist beim Herrn von Betzendorff und ergötzt sich verstohlen
an ganz anderen Delikatessen, als ich ihm vorzusetzen habe. Bei Gott, ich fühle
mich noch immer nicht zu gross, ihm die ganze Geschichte in die Schuhe zu
schieben. Ah, in Abu Telfan war es schön, und im Hinterstübchen des Vetters
Wassertreter war es auch schön! Es ist fabelhaft, aber nichtsdestoweniger wahr:
selbst der Sanchoniaton kann einem in der Bedrängnis noch zum Troste werden;
ich werde hingehen und den Sanchoniaton lesen.«
    Am Eingange der Kesselstrasse überkam ihn mit dem klarsten Verständnis für
die Enttäuschung, welcher er sich so mutwillig ausgesetzt hatte, ein neuer, aber
auch letzter Paroxysmus. Er tanzte vor Aufregung ein weniges im Schnee und rief:
    »Das kommt davon, wenn man sich nicht ganz allein auf sich selber verlässt!
Wäre es mir ohne das Zureden des Menschen, des verruchten Täubrich, des
wasserblauen Pinsels eingefallen, an diesem Abend die Nase aus der Tür zu
stecken? Bei zwanzig Grad Kälte? Wahrhaftig, ich will dem Pascha gewiss nicht die
Schuld allein in die Babuschen schieben; aber die sentimentale, liebebedürftige
Minute wäre ohne ihn auch vorbeigegangen, und der nächste Morgen hätte ein
besseres Verständnis für die Dinge gebracht. Ferdinand! Es ist zu lächerrlich!...
Ferdinand Zwickmüller! Zwick-müller! Und wenn man nur behaupten könnte, das Kind
habe unrecht und sehe sein eigenes Beste nicht ein! Es wusste aber gar wohl,
wohin es sein junges Herz am passendsten zu verschenken hatte, und ich möchte
wissen, wer unsereinem die Berechtigung, sich zu beklagen, geben könnte.«
    Er erreichte seine Haustür und packte den Türgriff, indem er seine
fernerweitigen Gefühle in lauter Gaumenlauten und Schnalzern von Abu Telfan
kundgab, welches immerhin noch ein recht bedenklicher Umstand für
Täubrich-Pascha war. Auf der Treppe jedoch kam ihm eine mildere Vorstellung, und
diese sprach er wieder deutsch aus:
    »Ich kann ihn nicht über den Tisch ziehen, denn ich habe ihn nicht; aber
obgleich ich ihn nicht habe oder grad weil ich ihn nicht habe, werde ich ihm
eine Rede halten, eine sehr schöne Rede. O ich habe schon öfters im Leben ins
Blaue hinein gesprochen, und nicht immer mit solcher Berechtigung. Und,
Täubrich, ich werde mir nicht dreinreden lassen, merken Sie sich das. Bismillah,
die Gelegenheit, sich einmal recht ordentlich auszusprechen, findet sich nicht
so häufig, als die Welt gewöhnlich annimmt.«
    Jetzt trat er in sein Zimmer und glaubte fest, durchaus zu wissen, was er zu
sagen habe; allein der Anblick, der ihn traf, bannte ihn für eine ganze Weile
auf die Schwelle und löste allmählich alles, was ihm noch von Grimm in der Seele
übriggeblieben war, in Rührung auf. Das Zimmer war geordnet wie noch nie. Die
Vorhänge waren niedergelassen. Der Fuss trat auf zierlich und künstlich
gestreuten weissen Sand. In der Mitte des Gemaches stand der Tisch mit einem
weissen Tuch gedeckt, und neben der hell brennenden Lampe stand in einem
Wasserglase ein Blumenstrauss, so schön, wie ihn der Kunstgärtner in dieser
Jahreszeit für weniges Geld einem guten Freunde liefern konnte. Vor dem Strausse
lag ein grosser Bogen weissen Postpapieres, und auf demselben stand in grossen
Charakteren geschrieben
                               »Ich gratuliehre!«
und darunter der Name: »Felix Täubrich«, samt der schlauen Bemerkung: »In seiner
Abwesenheit.«
    Eine Träne konnte Leonhard Hagebucher aus dem einfachen Grunde nicht aus dem
Auge wischen, weil sich keine darin sammelte; aber der schlimmste der
Baggaraneger hätte er sein müssen, wenn er noch den kleinsten Rest von Rachgier
mit zu diesem geschmückten Tische genommen haben würde. Kopfschüttelnd,
lächelnd, mit dem Hute auf dem Kopfe stand er vor diesem Altar der innigsten
Zuneigung und malte sich aufs lebendigste aus, welche Tänze und Sprünge der
arme, gute, wackere Gesell, der träumende Schneider Felix Täubrich, genannt
Täubrich-Pascha, um diesen Strauss und dieses Blatt aufführte, ehe er, das Herz
voll der schönsten Hoffnungen und blühendsten Phantasien, sich auf den Weg zum
Herrn von Betzendorff machte. Und nun wäre beinahe doch die Träne gekommen mit
der Vorstellung, in welcher schlechten Narrenwelt dieser echte, wahre Narr,
dieser der Gotteit so wohlgefällige Narr, dieser ganz und gar närrische
Täubrich Pascha aus Jerusalem jetzt hinter den Stühlen stehe und aufwarte.
    Da hielt er denn seine Rede und trug den Papierbogen mit dem Glückwunsch wie
sein Konzept in der Hand. Ganz direkt an den Pascha hielt er seine Rede, wandte
sich häufig an den Tisch und liess es bei den eindringlichen Stellen an den
nötigen Gesten nicht fehlen.
    »Sie wünschen mir Glück, Täubrich, und ich nehme den Wunsch mit dem besten
Dank an. Sie will nicht und hat ihre Gründe dafür, welche wir gelten lassen
müssen. Wir haben uns beide getäuscht, Felix Täubrich, aber in den Mund der
Kinder haben die Götter eine grosse Macht gelegt; mit einer törichten Hoffnung
bin ich ausgezogen, ein voll gerüttelt und geschüttelt Mass der Weisheit bringe
ich heim. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre wohlgemeinte Gratulation, nie ist
eine solche mehr der Zeit und den Umständen gemäss abgestattet worden. Wir
bleiben immer Kinder, und so klug wir auch werden mögen, wir behalten immer die
Lust, mit scharfen Messern und spitzen Scheren zu spielen. Nun lassen Sie mich
räsonieren, Täubrich! Sie sind ja doch der einzige Mensch in diesem Neste, mit
welchem sich vernünftig über so etwas sprechen lässt: es wird nicht jedem so gut,
sich sein Publikum wählen zu können, wie wir das bereits vor einiger Zeit
erfuhren. Was trieb mich zu dem Gange am heutigen Abend. Täubrich, und was
wollte ich durch denselben gewinnen? Ruhe - Zufriedenheit - Glück? Ich, der Mann
aus dem Tumurkielande? Ich, der Mann vom Dschebel al Komri, dem Mondgebirge? Sie
haben gut mit dem Kopf zu nicken, Täubrich-Pascha! In dem Rauschen der
phantastischen Wipfel über Ihrem närrischen Haupte ist freilich Musik, in der
alles einen Klang findet, was der Seele und dem Leibe süss und behaglich ist.
Ach, Täubrich, über meinem Schädel ist kein Rauschen, weder von den Palmen des
Morgenlandes noch von den Buchen und Linden der Heimat! Eine leere dunkle Bläue
liegt von Osten nach Westen, von Mittag nach Mitternacht ausgebreitet, und es
war eine Verruchteit, eine heillose Lüge, zu einem armen, kindlichen Wesen zu
sagen: Komm her, sitze nieder in dem Schatten meiner Bäume, du sollst es da gut
haben! - Das habe ich getan, Täubrich, und ich habe es getan in dem Augenblick,
in welchem ich mich sehnte, dass nur eine Wolke, und wäre es auch das schwärzeste
Wettergewölk, sich zwischen diese arge helle Sonne und mein armes Gehirn
schieben möchte. Schütteln Sie nicht den Kopf, Täubrich; das war der Schatten,
welchen ich dem Kinde bieten konnte und welchen ich ihm angeboten habe! Ja, es
war mir zu heiss und zu langweilig da draussen in der Sonne, unter dem
wunderschönen Blau. Und ich vergass das Mondgebirge, meinen Bürgerbrief von Abu
Telfan, meine grauen Haare und langen Ohren; und weil ich mich trotz meiner
vierzig Jahre immer noch jünger fühle als diese lustige Welt um uns her,
Täubrich, so vermeinte ich es auch immer noch ebenso gut haben zu können wie
andere Leute und stellte die verabredete Frage an das Fräulein. Ich gratuliere!?
Ja, gratulieren Sie nur, Täubrich! Sich selber, dem Fräulein und mir, vorzüglich
aber sich selber, denn ich hatte auf dem Heimwege grosse Lust, an Ihnen, Ihrer
verführerischen Insinuationen und häuslichen Tugenden wegen, ein schauerliches,
ein grausames Exempel zu statuieren. Hier rieche ich an Ihrem Blumenstrauss und
bemerke -«
    Was der Mann vom Mondgebirge bemerkte, blieb der Nachwelt verborgen. Es
polterte unten an der Haustür, es stolperte jemand auf der Treppe, und es pochte
eine Hand an der Tür. Den Afrikaner durchfuhr der Gedanke, der Professor habe
vom Töchterlein das Nötige und Unnötige doch erfahren und werde von seinen
Gefühlen selbst in dieser späten Stunde hergetrieben, um dem Hausfreunde seinen
innigsten Dank auszusprechen.
    Es trat jedoch, zurechtgewiesen von der aus dem Schlaf aufgestörten
Hauswirtin, ein anderer ein, den Leonhard Hagebucher ebenfalls nicht erwartete,
nämlich der Major Wildberg.
 
                           Einunddreissigstes Kapitel
Wer hört den Knall der Mine, die ihn in die Luft schleuderte? Die Explosion
erfolgte vielleicht, während man auf ganz andere Dinge als das unheimliche,
gefahrdrohende Wühlen und Graben in der Tiefe unter den Füssen achtete. In die
Ferne hatten sich die Gedanken verirrt; es ist so ermüdend, es kann so
langweilig werden, immer mit der Partisane im Arm auf derselben Stelle stehen
und auf das finstere Treiben da unten horchen zu müssen! Ob wir gleich
siebenfältiges Erz um die Brust tragen, die Seele geht doch spazieren, und wir
können es nicht hindern. Jenseits der äussersten Bastionen und Gräben lustwandelt
sie im freien Felde, pflückt Kornblumen und Klatschrosen aus dem Weizenfelde,
vielleicht wohl auch eine echte Rose, die über eine Gartenhecke guckt, oder ein
süsses Vergissmeinnicht vom Rande der murmelnden Quelle und träumt sich mitten im
Kriege in den tiefsten Frieden hinein. Und während sie lustwandelt, Blumen
pflückt und »über goldene Schmetterlinge lacht«, beugt unten im Abgrunde ein
wildes, grimmiges, hohnlachendes Gesicht sich über einen kaum sichtbaren Funken
und bläst ihn an zu heller Glut. Ein roter Schein zuckt über das Gesicht, das
Lachen des Feindes; die Lunte berührt die Zündrute, tempus fuit! Zeit ist
gewesen - Zeit ist nicht mehr, die irrende Seele zurückzurufen aus den grünen
Gefilden, aus dem Wandeln in der Vergangenheit oder Zukunft, der Reue oder der
Hoffnung: nicht zu einem halben Vaterunser, nicht zu dem kürzesten Stossgebet ist
mehr Zeit.
    Es gab freilich fast immer nach derartigem verderblichen Feuerwerk Leute,
welche man mit ziemlich heilen oder ganz unverletzten Gliedern und nur ein wenig
betäubt von der Trümmerstätte zwischen den zerschmetterten Balken, Mauern und
Kameraden aufhob und genau über ihre Gefühle ausfragte. Diese Leute blickten
dann jedesmal sehr verwirrt im Kreise umher und auf den Platz oder die Stelle
des Platzes, auf welchem sie standen, ehe sie in die Luft flogen, und - wussten
nichts zu sagen. Im Gegenteil, sie mussten sich von den andern berichten lassen,
was eigentlich geschehen sei, wie die Erde unter entsetzlichem Krachen sich
geöffnet habe, wie die Feuergarbe turmhoch in die Luft gefahren sei, wie die
schwarze Rauchwolke gleich einem Fächer sich in der Höhe über der Unglücksstätte
ausbreitete und wie schrecklich der Regen von schwarzen Trümmern, Steinen,
Schutt, Asche und blutigen menschlichen Gliedern gewesen sei. In dieser Lage
befand sich augenblicklich unser sehr guter Freund Leonhard Hagebucher. Er war
mit in die Luft gegangen, ohne es zu merken, und der Major Wildberg, der von
seinem Whisttisch aus die beste Gelegenheit gehabt hatte, mit emporgesträubten
Haaren und starrenden Augen das erschreckliche Ereignis wahrzunehmen, kam jetzt
eilends, dem Patienten die nötigen Mitteilungen zu machen.
    Der Major Wildberg erschien in dem Zimmer des Afrikaners zwar in
Paradeuniform, aber gewiss nicht mit der zu jeglicher Schaustellung unbedingt
notwendigen Ruhe und Selbstbeherrschung. Er trug ungeachtet der strengen Kälte
den Mantel über dem Arme und schien sich nicht die Zeit genommen zu haben, ihn
anzuziehen oder umzuhängen. Die Uniform war schief über der weissen Weste
zugeknöpft, und wenn der Leutnant Herr Hugo von Bumsdorf je im öffentlichen
Leben die Schärpe so getragen hätte, wie sie jetzt sein Major trug, so würde er
sicherlich Gelegenheit gefunden haben, acht Tage lang in der Einsamkeit des
Stubenarrestes über den tief bedeutungsvollen Unterschied zwischen hinten und
vorn, zwischen rechts und links nachzudenken.
    Hagebucher liess den Strauss des träumenden Schneiders auf den Tisch fallen
und stiess einen Laut hervor, der, grade weil er nichts bedeutete, alles
ausdrückte: volles Wissen, höchstes Erschrecken und zugleich schon den ersten,
ratlosen Griff ins Blaue.
    »Jetzt? Jetzt?! Ist es geschehen?!«
    »Lassen Sie mich zu Atem kommen, Freund. Dieses ist fürchterlich! Welch eine
Nacht! Wissen Sie, was mich herführt, was ich bringe?«
    Der Afrikaner nickte und griff bereits nach dem Hute. Der Major fiel auf den
nächsten Stuhl, suchte keuchend nach dem Taschentuch und trocknete sich die
Stirn.
    »Ich komme von dem Ball des Polizeidirektors; der Boden ist den Tanzenden
unter den Füssen gewichen - haben Sie das Krachen und den Schrei nicht gehört?
Nikola sitzt bei meiner Frau, und hier bin ich. Welch eine Nacht! Gilmore
beschiesst jetzt Fort Moultrie bei Charleston aus glatten Fünfhundertpfündern -
eine solche Bombe, fünfundzwanzig Zoll im Durchmesser, ist unter uns gefallen.
Wenn der Himmel eingefallen wäre, die Wirkung könnte nicht ärger sein. Von uns,
welche wir dort anwesend waren, hat niemand mehr seine fünf Sinne beieinander,
und der Herr von Betzendorff vielleicht am wenigsten. Nun kommen Sie,
Hagebucher, raten Sie, helfen Sie. Lassen Sie alles hinter sich. Hass und Zorn,
Freundschaft, Mitleid; wir brauchen einen klaren Kopf, eine starke Hand und
weiter nichts! Kommen Sie, kommen Sie, unsere einzige Hoffnung liegt darin, dass
Sie sich durch nichts verwirren lassen, dass Sie aufrecht und unbewegt in all
diesem nichtswürdigen Jammer stehenbleiben werden.«
    Das war recht wohlmeinend und schmeichelhaft und gab jener Rede, welche der
Afrikaner, der Mann vom Mondgebirge, vor einigen Augenblicken an den imaginären
Täubrich hielt, einen vortrefflichen Abschluss: aber so ganz war die ruhige
Objektivität des Standpunktes unseres Freundes doch nicht sichergestellt. Nun
war die Stunde, deren Herannahen er so sehr gefürchtet und in den letzten Tagen
im halben Fieber doch wieder so sehr herbeigesehnt hatte, da. Der Leutnant Kind
tat sein Schlimmstes; das Wie war im Grunde gleichgültig: aber wer, der die
Rettung nicht in sich selber trug, konnte aus einem solchen Verhängnis von einer
fremden Hand in die Höhe gezogen werden?
    »Wo ist Nikola?« fragte Leonhard.
    »Ich sagte es bereits. Sie ist in der Begleitung, unter dem Schutze Ihres
Dieners, Ihres Hausgenossen, jenes seltsamen Schneiders und Aufwärters Täubrich
in unser Haus - zu meiner Emma geflohen, und ich bin hierhergelaufen, denn sie
verlangt nach Ihnen. Das ist solch eine Minute, in welcher man jeden glücklich
preisen möchte, welchem nur ein Felsblock auf den Kopf fiel.«
    »Es ist nur ein Weg für sie, sie kennt ihn und will ihn gehen!« murmelte
Hagebucher, und dann drückte er den Hut fest auf den Kopf, gleich einem Mann,
der weiss, dass ein arger Sturmwind ihn vor der Tür erwartet, nahm den Arm des
Majors und sagte:
    »Jetzt wollen wir zu ihr gehen. Nicht ich, sie - sie steht aufrecht - sorgen
Sie nicht um diese Frau. Nehmen Sie meinen Arm, mein Freund; in der Gasse sollen
Sie mir erzählen, was in dem Hause des Herrn von Betzendorff vorging.«
    Sie stiegen die gebrechliche Treppe wieder hinab und traten hinaus in die
Kesselstrasse. Letztere schlief ruhig und kümmerte sich um nichts. Sie hatte
nicht die Ehre, den Herrn von Glimmern zu kennen, und was den Herrn
Polizeidirektor von Betzendorff anbetraf, so trat dieser ausgezeichnete Mann nur
durch seine untern Beamten mit ihr in Verbindung, und es war ihr deshalb
unendlich gleichgültig, in welche peinliche Situation der Edle durch diesen
Eklat in seinem Hause geraten war. Die Kesselstrasse hatte ihre eigenen Sorgen,
Ängste und Aufregungen, und es war nicht von ihr zu verlangen, dass sie sich um
jene Leute dort, in jener andern Welt, in so später Stunde von ihrem Strohsacke
aufrichte.
    Die Kesselstrasse schlief sanft, aber es gab viele Strassen welche nicht
schliefen. Es rollten Wagen an dem Major und seinem Begleiter vorüber, und das
Licht der Laterne beleuchtete darin bleiche, erschreckte Gesichter.
    »Das war der Tribunalrat Igeler mit seinen Töchtern«, sagte der Major. »Er
sass neben mir am Spieltisch, als die Lichter erloschen und die Türen vor dem
Gespenst aufsprangen. Um Gottes willen, Hagebucher, wie können Sie mit solch
einem geisterhaften Menschen, wie dieser Täubrich-Pascha ist, Verkehr halten?«
    »Der Arme! Was, hat er denn auch mit dieser finstern Historie zu schaffen?«
rief Leonhard.
    »Er?! Bei Gott, wie wäre das Gespenst denn ohne ihn hereingekommen? Er
führte es ja sozusagen an der Hand und stellte es in unsere Mitte und stellte es
uns vor!«
    »Er führte den Leutnant Kind herein?«
    »Den Leutnant Kind? Freilich, den pensionierten Leutnant der Strafkompanie,
Kind! Gedulden Sie sich nur, die Besinnung, die Erinnerung kommt mir nur
allmählich zurück. Das ist wie ein Auftauchen der Dinge aus dem Nebel; - warten
Sie nur jaja, so war's, wir machten eine Partie: der Herr des Hauses, der Herr
von Glimmern, der Tribunalrat und ich. Betzendorff sass zu meiner Rechten, der
Tribunalrat zur Linken, und der Herr von Glimmern sass mir gegenüber. Wir sassen
in einem Nebenzimmer, und Glimmern hatte den Rücken gegen die offene Tür des
Saales, in welchem man tanzte, gewendet. Ich bin kein grosser und feiner Spieler,
aber mir war recht behaglich zumute, ich liebe solch eine lustige Ballmusik wie
einen fröhlichen Marsch und kann immer noch meine Freude an den hellen Lichtern
und dem jungen Volk haben. So achte ich denn eigentlich mehr auf das
Vorüberschweifen dieser muntern Paare in dem hellen Raume zwischen den
Türvorhängen als auf meine Karten, und nicht ganz zu meinem Vorteil. Der Herr
von Glimmern hat mir auch schon manchen erinnernden Blick und mehr als eine
zierliche Bemerkung hingeworfen; aber was kann der Mensch gegen seine Natur? Ich
denke eben an die Jahre, die gewesen sind, an meine Emma, die damals doch ein
viel hübscherer Partner war, als jetzt diese spitzfindige Exzellenz ist, und wie
sie so gut tanzte, meine Emma, und mit ihrem guten Lächeln der grössten Schönheit
und selbst der stolzen Nikola Einstein den Kranz abnahm. Und ich denke tief
darüber nach, wie es eigentlich zugeht, dass ich hier sitze und sie daheim; ich
weiss nicht recht, über wen ich mich mehr ärgere, über mich oder über sie, und
der Tribunalrat sticht mir natürlich wieder das As mit dem Trumpf oder umgekehrt
-«
    »Und Glimmern? Glimmern?« rief Hagebucher ungeduldig.
    »Er sprach griechisch wie Cicero in Shakespeare Julius Cäsar. Nein,
griechisch sprach er nicht; er lächelte seine Meinung mit einer französischen
Phrase herüber; aber wie gesagt, ich fühlte mich ganz wohl und warm, kurz, ich
war ganz in der Stimmung, alle Dinge so leicht als möglich zu nehmen und nicht
über die angenehme Stunde hinauszudenken.«
    »Wo war Nikola?« fragte der Afrikaner.
    »Wir hatten im Beginn des Abends einen Augenblick miteinander geschwatzt,
doch, da sie bereits am Nachmittag bei meiner Frau gesessen hatte, uns kaum
etwas mitzuteilen gehabt. Ich verlor sie dann bald aus den Augen und, aufrichtig
gestanden, habe mich auch weiter nicht nach ihr umgesehen. Es waren sehr viele
Menschen gegenwärtig, und es ist eine Eigentümlichkeit von mir, dass ich die
Weiber, meine Emma ausgenommen, sobald sie in Masse erscheinen und in ihren
grossen Toiletten daherfahren, sehr schwer erkenne und voneinander unterscheide.«
    Trotz seiner Aufregung oder vielleicht noch mehr infolge seiner Aufregung
fiel es dem Mann aus dem Tumurkielande als eine Merkwürdigkeit auf, wie
wortreich und wie weitschichtig und weitschweifig in ihren Berichten der
fünfzigjährige Friede alle diese jüngern und ältern Kriegsleute des Deutschen
Bundes gemacht hatte. Beinahe hätte er diese Merkwürdigkeit als eine
Merkwürdigkeit dem Major nicht vorentalten; allein unter dem Eindruck, dass die
Zeit eigentlich auch dazu nicht ausreiche, schwieg er und tat wohl daran. Sie
schritten eben an der Polizeidirektion, auf der entgegengesetzten Seite der
Strasse, vorüber, blieben, von derselben Empfindung angehalten, stehen und
blickten nach dem stattlichen dunkeln Gebäude hin. Noch war ein Teil der Lichter
nicht ausgelöscht, unruhige Schatten glitten an den Vorhängen vorüber; vor der
halb geöffneten Tür stand eine Gruppe von Männern im leisen, eifrigen Gespräch,
und wieder rollte ein Wagen um die Ecke und in das grosse Einfahrtstor.
    »Das war der Herr von Betzendorff selbst, und ich kann Ihnen sagen, woher er
kommt. Er war im Palais, um Seiner Hoheit Rapport abzustatten und sich die
Ansichten und Wünsche der Herrschaften in betreff dieses Falles zu holen. Der
arme Mann! Er war sehr eng liiert mit diesem Glimmern, und hat man wahrlich
nicht Ursache, ihn um die Wege und Gänge dieser Nacht zu beneiden. Und was wird
erst morgen sein?«
    »Was kümmert uns die Million!« rief Leonhard ziemlich barsch und zog den
würdigen Krieger mit sich fort. »Das ist gleich einem Schlachtfeld nach der
Schlacht; wir wollen nichts mit den Leichenräubern und Totengräbern zu schaffen
haben - erzählen Sie mir jetzt, wie der Leutnant Kind in den Ballsaal kam.«
    »Der Herr von Glimmern verteilte die Karten zu einem neuen Spiel, und ich
hatte mir von Ihrem Täubrich ein Glas Zuckerwasser ausgebeten. Ich glaube auch,
es sollte eben im Saal ein neuer Tanz begonnen werden, als er in der Tür stand
und jener Täubrich mit dem Präsentierteller in den zitternden Händen neben ihm.
Er trug seine Uniform und den Degen an der Seite, ich hielt ihn anfangs für eine
Maske, und er hatte, um zu uns zu gelangen, den Saal quer durchschritten und
sogleich ein ziemliches Aufsehen unter den Herren und Damen erregt. Von dem
jungen Volk lachten einige, und ein paar hübsche Mädchenköpfe schoben sich ihm
nach um die Vorhänge, und die Frau von Betzendorff trat schnell mit ihm ein und
sah ihn sehr verwundert vom Kopf bis zu den Füssen an. Der Herr von Glimmern aber
sah ihn nicht, denn er hatte, wie gesagt, der Tür den Rücken zugekehrt und gab
seine Karten mit aller Zierlichkeit. Auch der Polizeidirektor wurde erst durch
seine Frau, den Tribunalrat und mich aufmerksam; aber der Mann ist durch sein
Amt an mancherlei seltsame Erscheinungen gewöhnt und zog im Anfang nur etwas
verwundert die Augenbrauen in die Höhe. Er wollte sich erheben, wahrscheinlich
um den wunderlichen Gast von fernerer Störung seines Festes abzuhalten und ihn
an Stunde und Ort zu erinnern; aber da sprach Ihr Täubrich luftschnappend: Der
Herr Leutnant Kind!, und der Leutnant legte dem Herrn von Glimmern die Hand auf
die Schulter. Ich bin ziemlich nervös und habe einen Sinn für viele
Kleinigkeiten, wenn meine Aufmerksamkeit erregt ist, und jetzt sah ich dieses
alles ganz genau und kann Ihnen davon sprechen, Hagebucher. Er legte ihm die
Hand auf die Schulter, ganz leise und fast, als wolle er sich darauf stützen -
ganz ohne allen Eifer; aber das ist mir in diesem Moment nur um so unheimlicher.
Und der Herr von Glimmern, welcher die Meldung Ihres Täubrichs überhört haben
musste, blickte sich zuerst auch gar nicht um. Er musste glauben, ein Bekannter
berühre ihn, und er teilte ruhig lächelnd die letzten Karten aus. Als er sich
dann umblickte, verschwand freilich das Lächeln; er fuhr zusammen und biss die
Lippen fest aufeinander. - Ich bin der Leutnant Kind! sagte der Leutnant nun
ebenfalls, und er sagte es keineswegs unfreundlich und drohend Was soll dieses,
Herr, was wünschen Sie von mir? fragte der Intendant; doch der Alte antwortete
nicht, sondern klopfte ihm nur leise auf die Schulter und wendete sich gegen
uns, während die Frau vom Hause sich bereits nach den andern Bedienten umsah. In
diesem Augenblick stand auch Nikola schon zwischen den roten Vorhängen der Tür,
dicht hinter dem Leutnant Kind, und der Leutnant hatte sich, wie gesagt, an uns
gewendet und sprach leise, wie jemand, der gar kein Aufsehen zu machen wünscht
Die Herren sollten sich doch ein wenig vorsehen, mit wem sie sich zum Spiele
niedersetzen; es steckt wohl manche schmutzige Hand im weissen Handschuh, und es
fällt wohl manche falsche Karte auf den Tisch! Wir waren alle aufgesprungen, und
der Herr von Glimmern hatte seinen Stuhl umgeworfen Das ist ein Wahnsinniger!
Wie ist er nur hereingekommen? rief die Frau vom Hause; aber der Alte sagte
Nein, Madam, es ist kein Wahnsinniger, es ist der Leutnant Kind, und der hat das
Recht, hier einzutreten. Und jetzt richtete er sich in seiner ganzen Länge empor
und rief mit lauter Stimme Ich klage den Freiherrn Friedrich von Glimmern in
seiner eigenen Kompanie und Freundschaft des Betrugs an! Es passt mir so besser
und wird den Herrschaften gewiss auch so am liebsten sein.«
    »Wie teuflisch, wie raffiniert teuflisch! O die Rache ist eine grosse
Künstlerin!« rief Leonhard Hagebucher.
    »Es war die Bombe aus dem Blakelymörser!« rief der Major. »Sie fiel unter
uns und zersprang regelrecht in ihre hundertunddreissig Stücke.«
    »Vor seiner Gesellschaft! Vor seiner Freundschaft!« murmelte Hagebucher.
»Und Nikola? Nikola?«
    »Ich sehe alles durch einen feurigen Nebel! Ich sehe Papiere in den Händen
des Tribunalrates und des Herrn von Betzendorff und hundert bleiche Gesichter -
Uniformen - nackte Schultern und tanzende Flammen. Das enge Gemach, in welchem
wir sassen, ist plötzlich verschwunden, ich bin in dem Saale, wo der Tanz sich
aufgelöst hat - ich bin betrunken, taumelnd, und nun ist alles umher mit einem
Male regungslos, und nur eine hohe Gestalt, eine Frau in einem weissen Kleide
schreitet an mir vorüber und durch den Saal, und vor und hinter ihr bildet sich
eine Gasse durch die Blumen, Federn und Lichter. Ich rufe ihren Namen: Nikola!
Nikola! Aber sie sieht sich nicht um. Ich bin auf der Treppe - in der Gasse - in
der Dunkelheit, die dann wieder zu dem Schein einer Gaslaterne wird. Ich finde
mich barhäuptig in einem Haufen Volkes, welcher unter den Fenstern des Hauses
auf die Ballmusik gehorcht hat. Da sind Mädchen, Weiber und Bediente. Einige
lachen und kreischen, andere starren dumm mich an, und wieder andere starren die
Gasse hinab. Da tritt der Jäger des Grafen Laurenstein, ein anständiger Mann,
der einst in meiner Kompanie stand, an mich heran und sagt Eine Dame ging eben
vorüber, wenn der Herr Major die suchen! Er stotterte das hervor wie jemand, der
nicht weiss, ob er das Rechte trifft, und dann nennt er auch noch den Namen Ihres
Menschen, des Täubrich. Und nun - hier bin ich, und Nikola Glimmern ist, auf den
Arm dieses Täubrich gestützt, zu meiner Frau gegangen. Da habe ich sie gefunden,
und dann bin ich zu Ihnen gekommen, Hagebucher; denn nachdem sie sich nur so
weit von ihrem halb wahnsinnigen Wege durch die Gassen erholt hatte, um sprechen
zu können, verlangte sie heftig nach Ihnen, schickte sie den Täubrich zu ihrer
Kammerfrau und mich in die Kesselstrasse. Und nun bitte ich Sie, wo sind Ihre
Mittel, dieser unseligen Frau in ihrem bodenlosen Jammer zu helfen?«
    Leonhard schüttelte traurig den Kopf und sagte dann:
    »Ihre Flucht ist mit diesem Wegschreiten aus dem Festsaal noch nicht
vollendet - sie blickt über die Schulter und sieht die Verfolger dicht hinter
sich. Sie hat noch einen langen Weg durch die Nacht vor sich, und ich soll sie
auf demselben zu dem Orte führen, wo sie Ruhe zu finden hofft. O ich bin schon
solch ein Seelenführer gewesen in der letzten -«
    Er hielt erschreckt ein und murmelte sodann:
    »Aber mein Gott, wie kann ich sie dort hinbringen? Das, was die schönste
Rettung sein könnte, vermehrt jetzt nur die Verwirrung und erschwert die Lösung.
Wildberg - der Herr van der Mook - doch nein, fort, fort, lassen Sie uns eilen.
Ich will Ihnen in Ihrem Hause davon sagen!«
    Sie gingen schneller und warfen im Vorübereilen den Blick auf manche
erhellte Fenster und nannten die Gäste des Herrn von Betzendorff, welche dort
ebenfalls noch wachten und unter dem zermalmenden Eindrucke des unerhörten
Ereignisses auf und ab schritten oder gebrochen oder - schadenfroh um die Lampen
sassen. Der Major nannte die Namen und sagte: Dort wohnt der und der, und fügte
stöhnend jedesmal hinzu: »Welch eine Geschichte - was soll daraus werden?«
    Sie gingen immer schneller; aber ehe sie die Wohnung des Majors erreichten,
trat ihnen noch jemand entgegen, der vor vielen andern berechtigt war, auch ein
Wort zu sagen: der Leutnant Kind von der Strafkompanie zu Wallenburg. Sie trafen
unter einer Gaslaterne mit ihm zusammen und hatten vollkommen genügende
Gelegenheit, den Körper- und Geisteszustand, in welchem sich der Mann befand, zu
erkennen. Es war eine furchtbare, eine schreckenerregende Veränderung in seinem
Wesen und seiner Erscheinung vorgegangen. Der finstere, schweigsame Greis war zu
einem Tollen, einem Wahnsinnigen geworden. Er, der durch so lange Jahre eine
solche grimmige, fast übermenschliche Selbstbeherrschung ausübte, hatte mit dem
ersten Worte, welches er in dem Saale des Polizeidirektors dem gehassten Feinde
entgegenwarf, alles Mass und jeden Halt verloren.
    Mit einem heisern, tierischen Lachen stellte er sich den beiden Männern in
den Weg und streckte ihnen die Fäuste entgegen und schrie zähneknirschend:
    »Da seid ihr ja, meine lieben Herren; ich dachte wohl, dass ihr mir noch
begegnen müsstet vor Sonnenaufgang. Hoho, das ist der Krieg, auf welchen ich mein
ganzes langes Leben wartete und für welchen ich die Knöpfe und das Riemenzeug
blank hielt! He, Major Wildberg, so frisch und lustig hätten wir es uns doch
nicht vorgestellt in der Knopf-, Gamaschen- und Paradeherrlichkeit! Krieg!
Krieg! So ist es recht und so soll es sein.«
    »Ihr seid krank, und es ist kein Wunder, dass Ihr das Fieber habt, Leutnant
Kind!« sprach Hagebucher. »Gehet nach Hause und schliesst Euch ein in Euer
Gemach. Euer Recht habt Ihr Euch genommen; was irrt Ihr nun noch gleich einem
Trunkenen umher? Eure Rache ist Euch geworden nach Eurem Willen; es war Euer
Recht, den Schuldigen zu Boden zu schlagen; aber nun geht uns aus dem Wege und
hindert uns nicht, aufzuräumen unter Euren Trümmern, unter denen auch die
Unschuldigen begraben liegen.«
    »Pfeift der Wind daher, mein Bürschchen?« flüsterte der Leutnant. »Aus dem
Wege, aus dem Wege? Seid Ihr auch schon so weit wie die andern und schreit
Zeter, weil ein Mann sein Recht wie ein Mann nahm! Der Hund ist immer toll, der
an die seidenen Strümpfe und unter die sammetnen Schleppen fuhr. Ich wünsche
Ihnen Glück, Herr Hagebucher! Haben Sie schon soviel gelernt seit Ihrer
Heimkehr?«
    »Ich habe viel gelernt, alter Mann, und die Hand hätt ich mir eher abgehauen
als Sie auf Ihrem Wege aufgehalten, die Zunge mir eher abgebissen als Ihnen ein
Wort entgegengesprochen. Nun lassen Sie mich meinen Weg fortsetzen.«
    »Ich will nicht! Mit wem soll ich jauchzen und meine Lust teilen? Weshalb
haben Sie mir den Herrn van der Mook genommen? Gehen Sie und geben Sie mir
diesen Viktor Fehleisen zurück! Fluch ihm, weil er mich heute allein liess!«
    Der Major Wildberg taumelte vor diesem Namen Viktor Fehleisen und griff von
neuem nach der Hand Leonhards; dieser aber sagte ruhig:
    »Der Herr Kornelius van der Mook ist in eine andere Macht als die unsrige
gegeben. Ich halte Sie aber auch da nicht, Leutnant Kind; gehen Sie, suchen Sie
ihn unter dem Dache, am Herde seiner Mutter, und führen Sie ihn mit sich fort,
dass er mit Ihnen über diese Stunde Triumph rufe!«
    Der Alte trat zur Seite, und wieder lachte er grimmig:
    »Sei es denn, ihr feinen Leute mit der zarten Haut und den zärtlichen
Gefühlen. Ich gehe allein und fordere allein meinen Gewinn von den andern. Aber
ich verlange den vollen Einsatz, Blut um Blut, Leben um Leben. Die Karten liegen
auf dem Tische, aber sie haben alle falschgespielt, wie der Herr Friedrich von
Glimmern, und wollen auch nicht zahlen. Es ist ihre Art so, und sie vermeinen,
sie können es treiben, wie sie wollen, weil sie das Regiment führen im
Mäusenest, und dünken sich gross, weil sie vier Quadratmeilen zum besten haben.
Er gehört zu ihnen, und ob er schon nichts weiter als ein gemeiner Schuft und
Dieb ist, so war's doch unpasslich und verdriesslich, ihm dasselbe Mass gehen zu
müssen wie dem Pack, welchem sie ihre gottesjämmerliche Erbärmlichkeit in Kupfer
ausgeprägt und vergoldet als der Welt grösste Herrlichkeit und Erhabenheit
vorzahlen. Ho, es wird wohl einmal die Stunde kommen, wo der Auktionator mit dem
Hammer auf den Tisch klopft und den ganzen Trödel vor dem ganzen deutschen Volk
versteigert. Zwölf Exzellenzen für 'n Groschen und die dreizehnte zu! Zwölf
Durchlauchten für einen Groschen und die dreizehnte zu! Doch das ist einerlei,
da mag auf die Schande bieten, wer's erlebt; ich will mir an dem einen genügen
lassen, für den ich einen höheren Preis zahlte, als die ganze Niederträchtigkeit
umher wert ist. Mit meiner Ehre, meinem Glück und dem Leben meiner Kinder habe
ich das Ding bezahlt, und der Kauf gilt. Beim alten Gott da oben, er gilt, und
wenn sie einen Fehler in der Rechnung finden, so lasst sie. Ho, es ist ein Fehler
in allen ihren Rechnungen; sie zählen nur sich selber und vergessen stets die
Hände, die Fäuste, welche sich von da unten erheben mögen. Hier sind wir, die
Toten und ich, und wenn sie nun ihre Hunde an die Kette legen wollen, so müssen
wir die Jagd desto lustiger und couragierter fortsetzen. Lasst ihn nur laufen,
den falschen Betrüger, den blutigen Mörder, wir wollen sehen, ob ihm unser
Gebell und Gekläff und die Angst vor unsern Zähnen aus dem Ohr und dem Sinn
kommen wird!«
    Es war unmöglich, ein Wort in diesen wilden Zorn hineinzuwerfen, und noch
unmöglicher war's, den rasenden alten Mann auf seinem Wege aufzuhalten.
    »Da stehen die Herren und gaffen!« schrie der Leutnant Kind. »Jaja, er wird
schon fort sein, und an Reisegeld wird's ihm nicht gefehlt haben. Verflucht
seien die, welche mich hinderten, ihm schon eher das Knie auf die Brust zu
stemmen und ihm die Hand an die Gurgel zu legen! Was gaffen die Herren? Er ist
hinaus; aber die Toten und ich fahren ihm nach, und wir werden ihn erreichen und
Abrechnung mit ihm halten, der ganzen falschen, feilen, heuchlerischen Welt zum
Trotz.«
    Noch einmal streckte Leonhard Hagebucher die Hände nach ihm aus; allein
jetzt riss er sich los und stürzte fort, nach seinem eigenen Bilde wie ein
Schweisshund auf der Fährte.
    Der Major Wildberg hielt sich an dem Laternenpfahl und stöhnte: »Wie
ohnmächtig man doch ist, wo man die Kraft der Götter haben sollte!«
    Der Afrikaner aber rief: »Wenn er die Wahrheit sprach, und ich zweifle nicht
daran, so will ich ein ehrlicher Mann bleiben und ihm die beste Jagd wünschen.
Und jetzt kommen Sie, Major, wir wollen den Herrn van der Mook ihm nachsenden.
Gott ist wahrhaftig Gott, und die Finsternis ist nicht weniger sein Diener und
Prophet als das Licht.«
    »Viktor von Fehleisen?! Ist das eine Wahrheit?« rief der Major Wildberg.
»Ist das keine Blase, die in dem Hexenkessel dieser Nacht aufbrodelt und gleich
einer Blase zerspringen wird?«
    »Der Sohn der Frau Klaudine ist heimgekehrt zu seiner Mutter und sitzt bei
ihr dort in der verschollenen Mühle, in dem verschollenen Tale, wo Nikola von
Glimmern hinfliehen und wo sie sich verbergen will, um Ruhe zu finden.«
    »Die Unglückliche!« murmelte der Major; Leonhard Hagebucher zuckte die
Achseln und schwieg, und so erreichten sie die Tür der Wohnung Wildbergs, an
deren Schwelle wiederum jemand in aller Angst und Ungeduld auf sie wartete. Seit
einer Stunde bereits schritt der Leutnant Hugo von Bumsdorf vor dem Hause auf
und ab, zerbiss seinen feinen Schnurrbart, zerpflückte seine Handschuhe, hatte
aber nicht den Mut gehabt, die Glocke zu ziehen und einzutreten. Jetzt kam er
den beiden heraneilenden Männern mit einem Sprunge entgegen und rief:
    »Nikola, meine Kusine, meine arme Nikola! O ihr Herren, ihr Herren, was soll
ich tun? Was muss ich tun? Wie kann ich hier helfen? Ich muss etwas für sie tun,
um nicht toll zu werden. Hagebucher - zu Fuss und zu Pferde, wen soll ich zu
Boden schlagen? - Was soll ich meinem Vater sagen, wenn er mich fragt, welchen
Posten ich in dieser Nacht gehalten habe?«
    »Sie werden niemand ermorden, lieber Hugo«, sagte Hagebucher. »Sie werden
sich zu beruhigen suchen und mit uns kommen. Wir haben Ihre Hülfe in der Tat
sehr nötig, und Sie sollen wenig Zeit zum unnötigen Grübeln übrigbehalten.«
    »Dafür werde ich Ihnen auf den Knien danken«, rief der Leutnant, und alle
drei betraten das Haus.
    Der Major führte die Begleiter leise die Treppe hinauf, schob sie zuerst in
sein eigenes Zimmer und ging, seine Emma von ihrer Ankunft zu benachrichtigen.
Während seiner Abwesenheit machte Leonhard den Leutnant in flüchtigen Worten mit
der Person, der Geschichte und dem jetzigen Aufentaltsort des Herrn van der
Mook bekannt und erhöhte auch die Verwirrung des jungen Kriegers sehr dadurch.
Nun kehrte Wildberg wiederum auf den Fussspitzen zurück und sagte:
    »Gehen Sie jetzt, Hagebucher, Sie finden sie in dem Zimmer meiner Frau. Hugo
und ich erwarten hier Ihre Rückkehr und das, was Sie uns dann zu sagen haben
werden.«
    Der Afrikaner pochte an die Tür der wackersten Frau Majorin, welche jemals
einem biedern und friedfertigen Major Losung und Feldgeschrei erteilt hatte.
 
                           Zweiunddreissigstes Kapitel
Man konnte nicht sagen, dass der Mann vom Mondgebirge, der Siebenschläfer aus dem
Tumurkielande sich als Herr der Situation fühlte, als er, mit dem Bedürfnis, das
Ohr an das Schlüsselloch zu legen, vor der Tür der Majorin stand, und doch musste
er sich gestehen, dass er und die Frau Klaudine die einzigen Leute seien, deren
Umgang und Zusprache nunmehr der unglücklichen Gattin des Barons Glimmern allein
gemäss waren. Hier gab es zwei Menschen, um welche das Schicksal, gleichsam in
der Absicht, ein Problem dadurch zu lösen, einen Kreis gezogen hatte; und aus
Millionen war Nikola Glimmern jetzt allein berechtigt, diese düstere
Grenzscheide, welche das drängende Gewühl des Lebens von der tiefinnern
Einsamkeit dieser beiden Verschollenen trennte, zu überschreiten.
    Die Tür öffnete sich ein wenig. »Gott sei Dank!« rief die Frau Emma, zog den
Afrikaner in das Gemach und flüsterte, indem sie mit zitternder Hand auf die
Freundin wies:
    »Sehen Sie! Helfen Sie!«
    Im glänzenden Hof- und Ballkostüm, mit nackten Schultern und Armen, schritt
Nikola von Glimmern auf und ab, die weite Schleppe rauschend hinter sich
herziehend, wunderbar schön in ihrer verwilderten Pracht und doch unendlich
betrüblich anzusehen.
    Sie weinte nicht. Ihr zartes, weisses Spitzentuch hatte sie längst in Fetzen
gerissen, sie lachte durch die weissen, fest aufeinandergesetzten Zähne, und so
kam sie auf den Afrikaner zu, fasste seinen Arm und keuchte:
    »Was flüsterte sie? Was sagte sie zu Ihnen? Weshalb spricht sie nicht laut
und deutlich wie sonst?«
    »Nikola?!« rief die Frau Emma.
    »Sie werden jetzt alle in meiner Gegenwart nur leise, ganz leise sprechen,
und ich werde mich daran gewöhnen müssen. Verzeih mir, Gute, es wird gewiss eine
Zeit kommen, wo ich nicht mehr so dumm nach dem frage, was sich von selbst
verstellt. Guten Abend, lieber Freund; man wird Sie hoffentlich nicht
meinetwegen aus dem Bett geholt haben; es ist recht kalt hierzulande, und die
Sonne unter den Palmen muss Sie jedenfalls ein bisschen verwöhnt haben. Es ist
wohl auch ein wenig spät, und wer es vermag, der soll schlafen, und kund und zu
wissen sei, dass wir bei Todesstrafe hiermit verboten haben wollen, Feuer vor der
Tür der Schnarchenden zu rufen, ehe das eigene Dach derselben brennt.«
    »Ich war sehr wach und munter, als ich von dem Feuer in des Nachbars Hause
vernahm«, sagte Hagebucher wie ein Arzt, welcher an einem Krankenbette
Stadtneuigkeiten erzählt und wohl weiss, was er tut. »Ich war recht munter und
lebendig und hatte nicht nötig, mir die Augen zu reiben. Ich sah in einen Korb,
wie der Mann auf dem Brett der Guillotine, in einen leeren Korb, und eine sehr
liebenswürdige junge Dame, von der sich nichts Böses sagen lässt, hatte mir
denselben vorgeschoben, nachdem ich meine Absicht ausgesprochen hatte, sie zu
meiner Frau zu machen und glücklich mit ihr zu sein, solange der Tag oder
vielmehr das Leben dauern mochte. Aber, wie gesagt, sie dankte höflichst und gab
mir zu verstehen, sie sei schon längst und recht gut versorgt; - da war es keine
Kunst, diese böse Sturmglocke nicht zu überhören.«
    In beschaulicheren Zeiten würde die Frau Emma bei solcher Mitteilung die
Hände hoch über den Kopf gehoben haben; in dem jetzigen Augenblicke begnügte sie
sich damit, den Namen jener jungen Dame zu nennen und die Frau Nikola anzusehen.
Die Frau Nikola aber stiess die Hand Leonhards von sich und sagte:
    »Ich höre allerlei Worte, aber es wird mir so schwer, irgendeinen Sinn damit
zu verknüpfen. Da sprach jemand von heiraten und glücklich sein, von Feuerlärm
und jenem Korbe vor dem Fallbeil. Wartet nur, ich besinne mich schon auf die
Phrase! Cracher au panier nannten das die Damen, welche mit dem Strickstrumpf in
der Hand der lustigen Komödie auf dem Revolutionsplatze zusahn. Sie sollten
nicht Hochzeit machen, ohne mich um Rat zu fragen, Hagebucher; ich bin eine
kluge Frau und könnte viele Leute als Zeugen dafür aufrufen, wenn ich mich nicht
vor den Stimmen der Menschen so sehr fürchtete.«
    »Wir gingen einmal von der Katzenmühle fort«, sagte Hagebucher ruhig. »Das
heisst, Sie ritten auf dem Prospero, und ich lief nebenher auf der Landstrasse,
und da sprachen wir vieles von den Tagen, die da kommen könnten. Sie trugen das
schwarze Brot der Frau Klaudine am Busen mit sich fort, und ehe wir uns auf der
Höhe hinter Fliegenhausen trennten, redeten wir miteinander von einem Reiche der
Freiheit, Ruhe und stolzen Gelassenheit, dessen Bürgerbriefe wir zu besitzen
glaubten. Wir redeten auch davon, dass wir einst von neuem zusammentreffen
würden, und vielleicht in einer schlimmen, todbringenden Stunde. Da wollten wir
uns dann gegenseitig an jenes lichte Reich und an jenen Freibrief erinnern, und
das stille Auge in der Waldmühle sollte über uns beide wachen. Jetzt, Nikola,
jetzt wollen wir uns und der Welt halten, was wir uns und ihr versprachen. Sind
Sie nicht mehr die frühere Nikola, die mit Lachen behauptete, in allen Ketten
frei bleiben zu können? Blicken Sie auf, blicken Sie in sich: in unserm Reiche
hält man den Sieg grade dann am festesten, wenn die Widersacher am lautesten
Sieg über uns kreischen. O besinnen Sie sich, Nikola Einstein, was Sie waren und
was Sie sind.«
    »Das ist freilich die Frage, aber besinnen kann ich mich nicht darauf. Sie
reden von Träumen, die ich vor hundert Jahren träumte, wie von einem Wirklichen;
doch es hat keinen Sinn für mich. Was bin ich? Ein armes, geschlagenes Weib,
keine Heldin, die an einem Sommerabend auf einem weissen Pferde durch den Wald
reitet und den Rausch und die Lieblichkeit der Natur für ihren eigenen Mut, ihr
eigenes Denken und Fühlen ausgibt! Eine alte Jungfer, welche ein Zauber in den
letzten Illusionen der Jugend festielt, war ich, als wir zuerst zusammentrafen,
und heute bin ich eine alte, kranke Frau, welche ihr Reich nur in dem ganz
Gewöhnlichen hat und mit demselben auf Nimmerwiederaufstehen zusammenbricht.
Schütteln Sie nicht den Kopf. Sie wissen so gut wie alle andern Leute Bescheid
und wissen wie alle andern, dass das Leben, welches heute so lustig mit uns
fährt, doch das einzig wahre und wirkliche ist. Du bist eine verständige Frau,
Emma, und du hast es immer gesagt; jetzt überzeuge auch jenen und lass dir den
Dank in Seufzern und Tränen auszahlen. Jetzt sind wir so weit, als wir kommen
mussten, um dem Publikum mit unserm Dasein den rechten Nutzen zu stiften. Die
Sache ist recht lehrreich; die ewige Gerechtigkeit tritt so trefflich, ganz im
rechten Augenblick und an der rechten Stelle aus der Kulisse und gibt jedem sein
Teil nach seinem Verdienste. O es ist ein recht süsser und erquicklicher Gedanke
in allem Elend, dass man zuletzt doch nichts weiter ist als ein Bild in dem
grossen Abc-Buch der Welt und dass der ihr am besten diente, welcher sein Ich am
Schandpfahl am nacktesten ihren Blicken, Worten und Steinwürfen darbot. Mein
Kopf, mein armer Kopf! Wer hätte gedacht, dass es so pochen könnte in den
Schläfen? Gebt mir ein Riechfläschchen, ich will mir die Stirn mit Kölnischem
Wasser reiben und so ruhig und vergnügt sein, als ihr nur wünschen mögt. Seht,
wir können uns wohl loben; wir haben unsere Sache gut gemacht, und nun wollen
wir gehen und uns in den Winkel setzen. Sie greifen doch schon nach Hut und
Regenschirm und ziehen ihre Kleider zusammen und rücken auf den Sitzen. Gute
Nacht, gute Nacht!«
    »Nikola, Nikola, fasse dich, mein Herz! Das streift ja an den Wahnsinn,
meine arme Seele!« rief die Majorin, indem sie laut schluchzend die Freundin in
die Arme schloss; doch Nikola sprach weiter:
    »Hab keine Sorge um meinen Verstand, mein Kind, den konservier ich mir gut,
nur zu gut. Aber weine nur, Emma, ich gäb ein gross Stück von meinem Verstand,
um's auch zu können; aber ich kann es und darf es nicht. Es ist auch dumm, zu
weinen, wenn man kein Recht dazu hat. Ja freilich, kleine Frau, du hast's gut,
und Gott segne dir dein Glück. Du hast alles immer ganz und vollständig gehabt,
das Lachen wie das Weinen, und hast dich bei dem einen wenig um das andere
gekümmert. Dich rief man nicht von allen Seiten, wenn du auf deinem eigenen
Schemel stillsitzen wolltest, und zerrte dich nicht an den Flügeln herbei, wenn
du den schrillen Ruf überhörtest. Du konntest ruhig deines Weges gehen, gute
Leute haben dich zurechtgewiesen, und gute Leute begleiteten dich. Ich wünschte
wohl, ich hätte meine Gedanken und auch meine Kinder wiegen dürfen wie du:
sintemalen das nun aber nicht hat geschehen können, mein Herz, so mache dich
morgen früh auf die Beine, bestelle meiner gnädigen Frau Mama einen schönen Gruss
von mir und sage ihr, ich sei mit jenem sonderbaren Herrn Hagebucher aus dem
Tumurkielande auf und davon gegangen und bitte, dass man es mir nicht übelnehmen
wolle. Sage auch, ich habe es hier nicht länger aushalten können und ich sei
fest überzeugt, dass unter den obwaltenden Umständen die frische Luft und eine
veränderte Umgebung sehr wohltätig auf meinen Charakter und meine Stimmung
wirken müssten. Du kannst einen Wink fallenlassen von den sieben Zwergen hinter
den sieben Bergen oder sonst einer bekannten Gegend des Märchenlandes, wohin
weder Briefe noch telegraphische Depeschen von der Postverwaltung expediert
werden. Flüstere auch ganz leise, es sei ja nun doch alles verspielt und keine
weitere Aussicht, auf diesem Wege zu noch höherer Ehre, Würde und
Vergnüglichkeit zu gelangen, und da, wiederum unter so bewandten Umständen,
Prinzess Marianne, Hoheit, gewiss nichts gegen ein solches Verschwinden
einzuwenden habe, so werde auch Mama sicherlich sich dreinzufinden wissen. Wenn
du willst, kannst du dann noch beifügen, ins Wasser gehe die Nikola auf keinen
Fall, und wenn das ein Trost sei, so stehe er zur Verfügung; auch schreiben
werde die Nikola, sobald sie dazu imstande sei, und sofern man es ihr nicht zu
schwer mache, wolle sie auch weiter hinaus eine gehorsame und in allen Dingen
geduldige Tochter bleiben. Du wirst den ministre plénipotentiaire schon zu
agieren wissen, Frau Emma Wildberg: und mein ehrliches Wort - ja, ihr da alle,
mein ehrlich, ehrlich Wort! -, keinen Roman aus meinem Elend machen zu wollen,
gebe ich auch. Sage, es sei meine Absicht, die Wildnis, das Wurzelngraben und
Eichelnessen sehr ernst zu nehmen, und daher könne man nichts Besseres tun, als
mich meines Weges gehen zu lassen. Dann mache dein Kompliment, kehre nach Hause
zurück, wirf zur Beruhigung des Gemütes einen Schuh hinter mir her, und dann
setze dich in eine Ecke, denke nach über eine lehrhafte und rührende Historie
für deine Kinder und lass sie beginnen: Es war einmal ein feines junges Mädchen,
das hiess Nikola und erlebte allerlei mit Feen, Zwergen, Zauberern, wilden
Drachen, mit Gold und Silber und Demanten, und es ging verloren im Walde, man
weiss eigentlich nicht so recht, auf welche Weise; doch es ist sehr rührend und
lehrhaft, davon zu sagen.«
    So redete Nikola von Glimmern und drückte die geballten Hände gegen die
Stirn und schwieg erst in äusserster Erschöpfung und aus vollkommenem Atemmangel.
Leonhard Hagebucher liess sie auch ruhig reden und machte nicht ein einziges Mal
den Versuch, sie zu unterbrechen. Erst als sie leise schluchzend in den Kissen
des Diwans der Frau Emma lag, sagte er, aus dem Fenster blickend:
    »Es fängt an zu schneien. Bismillah, wer seine Fusstapfen verbergen will, dem
wird jetzt ein treffliches Reisewetter gegeben, und es ist auch meine Meinung,
Frau Majorin, dass die Frau Nikola und ich die Stadt mit dem frühesten Morgen
verlassen und über Nippenburg und Bumsdorf den Weg zur Katzenmühle einschlagen.
Es ist jetzt sehr still in den Wäldern um Fliegenhausen, die Erfahrung davon hab
ich neulich mitgebracht. Die Natur hat den Finger auf den Mund gelegt, und
niemand braucht Furcht zu haben vor dem Jauchzen und Jubilieren der Felder und
Wiesen. Wir klopfen an die Tür der Frau Klaudine und wundern uns, wie mancher
Ton, der uns jetzt schrill und schneidend ins Ohr klingt, hinter uns verhallte.
Die Frau Majorin kennt die Katzenmühle nicht; aber die Frau Nikola kennt sie: es
ist kein besserer Ort auf Erden, um ein grosses Leid dahin zu tragen; und was
Eisen und Feuer nicht heilen können, das wird mit linder Hand Unsere Liebe Frau
von der Geduld, die Frau Klaudine, heilen. Viele Worte sind darüber nicht zu
verlieren, den Weg zu wissen ist die Hauptsache; übrigens verspreche ich der
Frau Emma, die Frau Nikola gut zu führen und sie unterwegs auf das angenehmste
von meinem eigenen Leidwesen, welches ich diesmal zur Katzenmühle trage, zu
unterhalten.«
    Die Majorin fasste den Afrikaner an beiden Schultern und gab ihm einen
herzhaften Schmatz.
    »Sie sind ein Prachtmensch, Hagebucher!« sprach sie.
    Nikola richtete sich auf und sagte, indem sie dem Freunde die Hand reichte:
»Auch Sie wieder? Sie sprachen schon vorhin von einem Leid, das Ihnen geschehen
sei. Aber ich bin so taub und so blind! Was hat man Ihnen wieder angetan?«
    Leonhard fühlte jetzt beinahe einige Gewissensbisse, dass er sein kleines
Malheur in solchem Augenblicke dem Unglück dieser Frau, wenn auch in der besten
Absicht, an die Seite geschoben habe. Allein das Mittel hatte doch seine Wirkung
getan und das Weib des Barons von Glimmern aus der allertiefsten Betäubung
emporgezogen.
    »Ich werde Ihnen und der Frau Klaudine das Weitere in der Mühle erzählen;
jetzt aber lassen Sie uns überlegen, wann und auf welche Weise wir unsere Fahrt
bewerkstelligen sollen.«
    Es kostete Mühe und viel Überredungskunst, manches gute und auch einige
harte Worte, um die aufgeregte Nikola zu überzeugen, dass man nicht in dieser
Stunde und in einem solchen Zustande des Leibes und der Seele aufbrechen könne,
dass man wenigstens den Morgen erwarten müsse. Nicht immer siegt unter ähnlichen
Umständen der ruhige Pulsschlag über den fiebernden: der Schmerz und der Zorn
sind fast ebenso hartnäckige Gegner des Verstandes als die Liebe; aber dieses
Mal siegte Hagebucher zuletzt doch. Gleich einem matten, ausgeweinten Kinde liess
er Nikola auf den Kissen und in der Obhut der Majorin und ging zu den beiden
Herren zurück. Er fand dieselben noch in derselben Stellung, in welcher er sie
vor einer halben Stunde hinter sich liess.
    »Wie geht es den Damen? Wie geht es meiner armen Kusine?« rief der Leutnant.
»O Hagebucher, ich habe schon sehr häufig recht bänglich an einer Türe gewartet,
doch noch niemals in einer solchen absoluten Auflösung wie jetzt. Auch mir wären
die schwedischen Hörner augenblicklich lieber als manches andere, und obgleich
ich ein guter Kerl und leicht zu überzeugen bin, etwas sei wahr oder etwas
gehöre ins Reich der Fabel, so kann ich - kann ich mit dem besten Willen nicht
an diesen Herrn van der Mook glauben, und was die Meinung des Majors betrifft,
so fragen Sie ihn selber darnach.«
    Der Major schüttelte den Kopf und zeigte sich von neuem als ein
wohlbelesener Kriegsmann. Er zitierte:
Dies
Gibt wie ein Traubenschuss an vielen Stellen
Mir überflüss'gen Tod.
»Ich denke nicht!« meinte Leonhard und konnte trotz aller Not und Sorge ein
Lächeln über das so ungemein charakteristische Gebaren der beiden militärischen
Herren nicht unterdrücken. »Viktor Fehleisen lebt und ist heimgekehrt, und wie
ich glaube, uns allen zum Heil. Sie, Freund Bumsdorf, werden zuerst die
Gelegenheit haben, den Wiederauferstandenen zu begrüssen. Wir greifen mit beiden
Händen nach der Hülfe, welche Sie uns anboten; Sie müssen auf der Stelle nach
der Katzenmühle, und es wird Ihre Sache sein, auf welche Art Sie die Mühle am
sichersten und schnellsten erreichen. Auf der Stelle müssen Sie aufbrechen, um
den Herrn van der Mook von allem, was hier geschah, in Kenntnis zu setzen. Er
wird begreifen, was er zu tun hat, und Nikolas Ankunft nicht am Herde seiner
Mutter erwarten. Gehen Sie ihm von allem Nachricht, vorzüglich von der Flucht
Glimmerns und der wilden Verfolgung des Leutnants Kind. Der nächste Eisenbahnzug
in der Richtung geht erst morgen ab; Sie werden den Weg also zu Pferde
zurücklegen müssen. Wird sich das tun lassen?«
    »Ich führte dem Alten den Prospero bei ganz ähnlicher Witterung und
ebenfalls in tiefster Nacht aus!« rief der Leutnant, zum erstenmal seit längerer
Zeit wieder das Glas ins Auge kneifend und freundlich den Afrikaner dadurch
betrachtend. »Das Verbrechen gelang vollkommen, das heisst, der entrüstete Greis
holte mir den Gaul erst hier am Ort wieder aus dem Stalle. Hagebucher, ich danke
Ihnen herzlich, Sie haben mich durch diesen Auftrag von neuem zu einem Mann
gemacht. Ich werde reiten, wie noch niemals ein vernünftiger Mensch ritt. Lassen
Sie mich sehen - ein Uhr vorüber! Ich werde den armen Roland dransetzen, und
wenn er und ich nicht den Hals brechen, so bin ich um sechs Uhr in Nippenburg
und zwischen sieben und acht Uhr vor der Katzenmühle.«
    »So sind wir gerettet. Nach Mittag werde ich mit der Frau Nikola vor der Tür
der Frau Klaudine anlangen«, sagte Leonhard.
    Der Leutnant hatte bereits den Säbel zurechtgerückt und griff jetzt nach der
Mütze. »Empfehlen Sie mich meiner Kusine - in einer Viertelstunde sitze ich im
Sattel. Ich würde Pegasus und das Ross der vier Haimonskinder für sie zuschanden
reiten. Ach, armer Roland!«
    »Der Herr Papa wird den Ritterdienst gleichfalls zu schätzen wissen«, sprach
Hagebucher tröstend, und Herr Hugo von Bumsdorf liess das Glas vom Auge fallen,
rief: »Das ist wahr«, und fügte hinzu: »Lieber Freund, ich setze sowohl als
Kavalier wie als Mensch das gute Vieh ohne Gewissensskrupel dran und werde mit
Vergnügen auch in Ihrem eigenen Hause Ihre demnächstige Ankunft melden. Au
revoir unter gemütlicheren Umständen!«
    Er sprang fort, und der Major sagte:
    »Ihre Botschaft ist in guten Händen, Hagebucher. Ich werde übrigens dafür
sorgen, dem Tollkopf den nötigen Urlaub nachträglich zu verschaffen; aber was
kann ich weiter tun? Ich fühle mich so nutzlos und möchte doch auch meinesteils
gern in diesen ernsten Augenblicken handelnd eingreifen.«
    Hagebucher zuckte die Achseln:
    »Was können wir alle tun? Wir breiten unsere Mäntel auf dem Wege aus, aber
der Weg selbst führt nichtsdestoweniger nach Golgata. Wenn die Kraft, das
schlimme Verhängnis zu ertragen, nicht in der eigenen Brust des Opfers wäre, so
würde alles, was wir zur Milderung der Krisis vollbringen können, gleichgültig,
ja vielleicht zum Schaden sein. Gehen Sie jetzt zu den Frauen: es wird sich
Gelegenheit zu manchem guten und ernsten Wort finden. Ich werde meine eigenen
Vorbereitungen zur Reise treffen. Wenn Sie die - Kranke bewegen könnten, sich
für einige Augenblicke niederzulegen, würden Sie ein grosses Werk verrichten.«
    Wie dem Leutnant von Bumsdorf gab der Afrikaner nun auch noch dem Major
Wildberg einen gedrängten Bericht über die Heimkehr Viktor Fehleisens, trat dann
noch einmal in das Zimmer der Frau Emma und fand daselbst nichts verändert. Er
versuchte es auch keineswegs, von Vernunft, Seelenstärke und Philosophie zu
schwatzen, sondern nahm nur still und herzlich Abschied von der Majorin und
zeigte an, dass er um acht Uhr mit einem Wagen vor der Tür halten werde. Nikola
von Glimmern schien ihn kaum zu bemerken, und so verliess er das Haus und fand
seinen Weg langsam zur Kesselstrasse zurück.
 
                           Dreiunddreissigstes Kapitel
Die Stadt war jetzt so dunkel und still, wie nur eine kleine deutsche Residenz
in so später Nachtzeit sein kann. Die Lampen an den Strassenecken und in den
Häusern waren erloschen; die Leute, welche von dem aufregenden Ereignis Kunde
hatten, waren doch, bis auf wenige, mit demselben zu Bett gegangen, und jene
wenigen sassen in ihren Winkeln, hinter dicht zusammengezogenen Vorhängen, und
trugen gewiss nichts dazu bei, der Stunde einen Ausdruck von Lebendigkeit zu
verleihen. Der munterste, helläugigste Bewohner der Stadt war vielleicht in
diesem Augenblicke der Mann vom Mondgebirge, Herr Leonhard Hagebucher!
    Er hatte unter der Haustür des Majors Wildberg einen tüchtigen Zug frischer
Luft in sich gesogen; er hatte durch einen Sprung über einen Schneehaufen die
Gelenkigkeit seiner Glieder geprüft und alles im besten Zustande gefunden. Er
fühlte sich leicht und frei, ungefähr wie ein Mann, der lange Zeit eine
Büchsenkugel in der Seite trug, nun endlich das unbequeme Bleistück in der Hand
hält, es mit aller Musse betrachten und, wenn er will, es an der Uhrkette
befestigen oder die tiefsten philosophischen Untersuchungen über das Verhältnis
desselben zu seinem physischen und moralischen Menschen anstellen kann.
    »Es soll mich wundern, was Täubrich-Pascha dazu sagt!« sprach Leonhard
Hagebucher, in der Kesselstrasse vor seiner eigenen Haustür anlangend, und dann
kam ihm ein Gedanke, welcher ihn um so schneller die Treppe hinauftrieb.
    »Teufel, wir haben uns auch ja sonst noch allerlei Konfessionen zu machen. O
sedes sapientiae, wie kam der Bursche dazu, den Leutnant Kind in dieser Weise
der Gesellschaft des Herrn von Betzendorff zu präsentieren?«
    Eilig trat er in seine Stube und fand den Jerusalemitaner mit den Armen auf
dem Gratulationsbogen und mit der Nase auf dem Gratulationsstrauss in
vollständigster Geistesabwesenheit liegen und erschrak selbst heftig vor dem
Angstschrei, den der träumende Schneider von sich gab, als er ihm, um ihn
aufzurütteln, die Hand auf die Schulter legte. Einen gellen Schrei stiess der
Pascha hervor, fuhr auf vom Tisch und gegen die entfernteste Wand, von welcher
aus er verstörte Blicke umherwarf und mit den hagern Armen und Händen
windmühlenhaft abwehrende Bewegungen machte.
    »Gut Freund! Ich bin es! Besinnen Sie sich, Täubrich!« schrie der Afrikaner.
    »Wer? Wer? O Jesus, Erbarmen!«
    Hagebucher nahm die Lampe vom Tische, trat mit derselben vor den Schneider
hin, beleuchtete sich und ihn und sagte:
    »Überzeugen Sie sich gefälligst, dass niemand die Absicht hat, Sie zu fressen
oder mit Ihnen durch den Schornstein auf- und davonzufahren. Fassen Sie sich -
wen glaubten Sie vor sich zu sehen?«
    »Immer ihn - meinen - guten Freund - den Herrn Leutnant - Kind!« ächzte der
Schneider. »O Gott, auf die nämliche Art pflegte er während Ihrer Abwesenheit
stets zu kommen, um - mir - Gesellschaft - zu - leisten. Er hat mich aufgerieben
durch seine - Zu-nei-gung; und in dieser Nacht hat er sein Werk vollendet und
mein - Ner-vensystem für alle Zeiten ruiniert.«
    »Kommen Sie, Täubrich«, sagte Hagebucher zuredend, »setzen wir uns und
sprechen wir von dieser Nacht. Sie war freilich bewegt genug, und auch Sie haben
Ihre Rolle darin gespielt. Wie kam der Leutnant in das Haus des Herrn von
Betzendorff?«
    »Wie er immer kommt! Er stand hinter mir im Vorzimmer, und ein Dutzend
Gläser mit Limonade gingen darüber zugrunde. Ich hab es schon gesagt, die
Klapperschlange ist ein Engel gegen ihn - oh, er klappert nicht, kein Gedanke
daran! Er ist da, und man hat keinen Willen, solange er einen unter dem Auge
hält. Ich stehe zwischen den Scherben, und er fragt gradso wie damals, als er
zum erstenmal hierherkam und Sie abholte, Sidi Der Herr zu Hause? Und dann weiss
ich nur, dass er mich am Arm gepackt hält und dass ich einen andern
Präsentierteller in den Händen trage und dass wir uns durch den Saal mitten durch
alle die Herrschaften schieben und dass mit einemmal die Festivität in Aufsehen
und Schrecken zu Ende geht und aus dem Vergnügen, Putz und Staat das
allerschlimmste Durcheinander wird.«
    »Sie standen mit dem Leutnant hinter dem Stuhle des Herrn von Glimmern?«
    »Ich musste wohl! Er hatte mich ja hingeführt! Es war, als könne er die Sache
durchaus nicht ohne mich abmachen. Ja, ich stand hinter dem Stuhle Seiner
Exzellenz, und als dieselbe aufsprangen und sich gegen den Herrn Leutnant
wendeten, liess ich das Tellerbrett zum zweitenmal fallen, und dann - dann nahm
die Frau von Glimmern meinen Arm und führte mich zurück durch den Saal, und das
war noch schlimmer als der Weg mit dem Herrn Leutnant Kind.«
    Der Afrikaner klopfte dem Jerusalemitaner leise auf die Schulter und sagte:
    »Ich danke Ihnen, Sie haben Ihre Sache recht gut gemacht und sich wie ein
wackerer, treuer Ritter aufgeführt.«
    »Tat ich das? Ach Gott, ich weiss es nicht; aber es ist mir lieb. Mein Herz
blutete, als sich die arme gnädige Dame an mich klammerte, und ich hab auch aus
der Garderobe den ersten besten Mantel gerissen und ihr denselben um die
Schultern gehängt; doch ich glaube nicht, dass sie es gemerkt hat. Wie hätte ich
wissen können, dass sie mich kannte? Und sie kannte mich, Sidi, und nannte meinen
Namen und den Ihrigen. Es wollten verschiedene von den Damen und Herren sie
aufhalten oder zu ihr sprechen; aber sie blickte sie nur an, und sie wichen
zurück und erschraken sehr; sie liessen uns unseres Weges ziehen -«
    »Und sie taten wohl daran«, murmelte Hagebucher.
    »Wir waren in der Gasse, wie man auch wohl im Schlafe in demselben
Augenblick in allem Glanz und Licht und in der äussersten Finsternis ist. Dann
schauderte sie zusammen, und dann sprach sie zum erstenmal zu mir und fragte
Wohin gehen wir, Täubrich? Ich erlaubte mir natürlich, zu meinen, nach Hause
oder zu der gnädigen Frau Mutter; doch sie schüttelte zu beiden Vorschlägen den
Kopf und antwortete, sie habe kein Haus mehr und zu ihrer Mutter möge sie nicht.
O Sidi, ich hätte sie am liebsten zur Kesselstrasse geführt, allein das ging doch
nicht gut an, und so gingen wir zu der Frau Majorin Wildberg - ich wusste es eben
nicht besser, und dortin liess sie sich ruhig führen.«
    »Gott weiss es immer genau, wem er ein Führeramt aufzulegen hat«, sprach
Leonhard Hagebucher ernst; und lächelnd sagte er: »Täubrich, es werden viele
Schneider geboren werden, ehe wieder einer das Licht dieser Welt erblickt, der
Ihnen das Wasser reicht. Und nun erlauben Sie mir, Ihnen meinen besten Dank für
Ihren Glückwunsch und diesen ausgezeichneten Blumenstrauss abzustatten.«
    Länger und immer länger zog der Pascha den Hals aus den Schultern, ein
unbeschreibliches Grinsen verklärte sein Gesicht, jeder Muskel erwachte wie ein
Winterschläfer unter dem belebenden Strahl der Frühlingssonne.
    »O Himmel, o Je-rusalem, ich bitte tausendmal um Vergebung, das hatte ich ja
ganz und gar vergessen!«
    »Hat gar nichts zu sagen, Täubrich«, sprach Hagebucher. »Offen gestanden,
ich hatte eigentlich im Sinn, Sie wegen Ihrer verführerischen Insinuationen und
Ihrer ungemeinen Anlage zur Ausübung aller häuslichen Tugenden recht grausam zu
behandeln; aber - video meliora proboque, das heisst, für diesmal ist's wieder
nichts, und ich denke, wir lassen es nunmehr dabei bewenden.«
    Der Pascha sah von neuem ein Gespenst und wich abermals gegen die Wand
zurück.
    »Sie will nicht, Täubrich!« seufzte Hagebucher.
    »Sie will nicht?« schrie der Schneider im höchsten Diskant.
    »Unter keiner Bedingung.«
    Täubrich-Pascha setzte sich, fuhr mit beiden Händen durch die Haare und
fragte, wie der vollberechtigtste Professor der Logik, der das, was er zu
erfahren wünscht, für alle Dinge im Himmel und auf Erden anzugeben weiss:
    »Gründe?!«
    »Ferdinand!« antwortete Hagebucher dumpf und fügte noch dumpfer hinzu:
»Zwickmüller!«, und Täubrich-Pascha versank in einen Abgrund, in welchen wir ihm
unter keiner Bedingung nachsinken werden; denn wir würden nicht die Fähigkeit
und Kraft in uns finden, wieder aus ihm emporzuschnellen und der alte zu sein.
Es kostete freilich den Afrikaner einige Mühe, ihn jetzt zu der nötigen,
bewussten Tätigkeit zu wecken; allein als es gelungen war, wurde er in seiner
nervösen Zerschlagenheit sehr lebendig, gab seine Ratschläge klar und deutlich
und nahm seine Verhaltungsmassregeln für die nächste Zeit mit ganz offenen Augen
und Ohren entgegen. Um sechs Uhr hielt durch seine Vermittelung Leonhard
Hagebucher mit einem Wagen vor der Tür des Majors Wildberg. Ein neuer Tag
dämmerte über der Welt, über dem Wege des Herrn von Glimmern, über dem Wege des
Leutnants Kind und selbstverständlich auch über dem Wege des Leutnants Hugo von
Bumsdorf.
    Ein dichter Nebel lag um diese Zeit über und zwischen den Bergen von
Fliegenhausen, und der Pfad war jetzt fast schwieriger zu finden und
gefährlicher zu beschreiten als in den ersten Stunden nach Mitternacht, wo die
Luft klar war und der Schnee die Nacht doch ein wenig heller machte. Aber der
Leutnant Hugo von Bumsdorf war ein trefflicher Reiter, und, was unter den
augenblicklichen Umständen fast noch nützlicher war, er kannte seine
Heimatgegend in allen Winkeln und Ecken auswendig; denn er hatte sie sowohl in
seiner unschuldigen Jugend als auch in seinen weniger unschuldigen
Jünglingsjahren unsicher genug gemacht. Er erreichte Nippenburg eine halbe
Stunde eher, als er für möglich gehalten hatte, und durchtrabte den Ort, leider
ohne sich mit vollstem Genuss den tausend heitern Erinnerungen, die sich für ihn
mit dem Nest und seinen schlaftrunkenen Philistern verknüpften, hingehen zu
können. Er blickte kaum hinauf nach den Fenstern der holden Jungfrauen der
Stadt, er fühlte diesmal nicht das Bedürfnis, dem Onkel und der Tante Schnödler
einen Possen zu spielen, er fror sehr, und seine Pflicht erlaubte ihm nicht
einmal, einen Augenblick vor dem Goldenen Pfau zu halten und um ein Glas Madeira
das ganze, noch im tiefen Schlummer liegende Haus vom Keller bis zum Giebel zu
erschüttern. Er ritt auch durch Bumsdorf, ohne anzuhalten, und warf nur einen
verlangenden Blick rechts auf das Haus des weiland Steuerinspektors Hagebucher
und links über die Gartenmauer auf die geheiligten Dächer des väterlichen Gutes.
    »Ich möchte wohl wissen, wer die Freundlichkeit hat, in diesem Augenblick
von mir zu träumen!« brummte er. »O Roland, mein armer Gesell, da liegen sie,
warm eingewickelt - bah, was der Alte dort links zusammenschnarcht, ist mir
unermesslich gleichgültig, allein die kleine Lina - weiter, weiter, Roland! Sie
werden jedenfalls kuriose Augen machen, wenn wir unsern Auftrag ausgerichtet
haben und uns ihnen präsentieren werden.«
    Er stiess von neuem dem arg abgehetzten Gaul die Sporen in die Seiten und
jagte weiter, indem er fortwährend zwischen allerlei Verwünschungen des Herrn
von Glimmern die Namen Viktor Fehleisens und der Frau Nikola brummte. Er
verwünschte, da er einmal im Zuge sich befand, noch manches andere, und so
langte er bald nach sieben Uhr wohlbehalten, jedoch von Zorn, Wehmut und einer
gewissen Angst seltsam bewegt, vor der Katzenmühle an und erblickte zu seinem
Trost durch den dichten Nebel den Schein eines Lichtes. Es wachte also bereits
jemand im Hause, der Bote konnte mit Bequemlichkeit melden, was er zu sagen
hatte, und, wenn es ihm so beliebte, auf der Stelle das Haupt seines Rosses
umwenden und nach der Hauptstadt zurückreiten. Es beliebte ihm nicht so.
Erstarrt und schaudernd liess er sich mühsam von dem schaudernden, dampfenden
Pferde zur Erde herab, schleuderte den Zigarrenstumpf in den Wald hinter sich
und taumelte durch das Gärtchen auf das Fenster, aus welchem der Lichtschimmer
hervordrang, zu. Gern würde er erst einen forschenden Blick in das Zimmer
geworfen haben, allein die Eisblumen an den Scheiben verhinderten es, und so
musste er doch pochen, um Einlass zu erhalten. Sogleich fuhr im Gemach jemand, den
Stuhl umwerfend, empor, eine dunkle Gestalt trat zwischen das Fenster und das
Licht.
    »Gut Freund!« rief der frierende Bote und fügte, sich schüttelnd, hinzu:
»Alle Wetter, ich merke, dass man uns nicht erwartete.«
    In demselben Augenblick schon öffnete sich die Tür der Katzenmühle, der Herr
van der Mook erschien auf der Schwelle, und zwar mit einem Revolver in der Hand,
für welche Vorsichtsmassregel sich leicht eine Entschuldigung in seinem früheren
Leben finden liess.
    »Bitte, keine Umstände zu machen«, sagte der Leutnant herantretend. »Mein
Name ist Bumsdorf, ich komme im Auftrage des Herrn Leonhard Hagebucher, meines
sehr guten Freundes, aus der Residenz, und wenn ich die Ehre habe, mit dem -
Herrn - Herrn van der Mook, das heisst dem Herrn - Herrn Viktor -«
    »Ich bin Viktor Fehleisen oder auch, wenn Sie wollen, der Tierhändler
Kornelius van der Mook«, sprach der andere, erstaunt und misstrauisch den
erfrorenen jungen Krieger anstarrend. »Was ist geschehen? Da Hagebucher Sie
schickt, so - da Sie meine Existenz, meinen Namen kennen, so - bitte, treten Sie
ein - ein wenig leise, wenn ich bitten darf; meine Mutter schläft noch; und was
Sie auch bringen mögen, mein Herr, Sie müssen leise auftreten.«
    In dem sehr heissen Zimmer wäre der Leutnant fast zu Boden gesunken. Viktor
Fehleisen griff ihm unter die Arme und setzte ihn in den Lehnstuhl seiner
Mutter. Der Ofen glühte, der Dampf türkischen Tabaks erfüllte in dicken Wolken
den Raum; eine Kaffeemaschine stand auf dem Tische neben der Lampe und zwischen
einem bunten Durcheinander von Landkarten, Büchern und Rechnungen. Der Leutnant
Hugo von Bumsdorf hatte nie in seinem Leben eine so ausgezeichnete Tasse Kaffee
getrunken wie die, welche der Herr van der Mook ihm jetzt reichte.
    Es währte eine geraume Zeit, ehe der Bote fähig war, sich seiner Botschaft
zu entledigen; aber schon bei den ersten Worten seines Berichtes kam eine
Veränderung über den Herrn van der Mook, die dem Mann aus dem Tumurkielande
sicher nicht missfallen hätte. Viktor von Fehleisen war dem Leutnant mit
derselben stumpfsinnigen Verbissenheit entgegengetreten wie allen andern, deren
Hände er wider sich glaubte, und der Leutnant Hugo hatte sich in der Tiefe
seiner Brust die Bemerkung gestattet Das scheint mir ein widerlicher, ein recht
unangenehmer Patron zu sein! Teufel, ein heiterer Kumpan, um einen Winter lang
sich mit ihm in einer Höhle wie diese zu verschliessen. Gott tröste die arme
Nikola und die Frau Klaudine!
    Er hatte dann auch sobald er dazu fähig war, mit vollem Bewusstsein das
Wichtigste, nämlich dass die Frau Nikola von Glimmern ihm auf dem Fusse folge, an
die Spitze seines Berichtes gesetzt und fuhr fort, im schnellen Fluge zu
erzählen, wie getrieben von dem Bedürfnis, seinem Zuhörer wieder aus den Augen
zu kommen.
    Aber die Augen dieses Zuhörers leuchteten, wie gesagt, merkwürdig; er fing
an, schnell und immer schneller zu atmen, er knöpfte die Weste auf, und nicht
nur die Weste, sondern viel mehr als die. Ohne den Erzähler zu unterbrechen,
hörte er zu, und nur einmal murmelte er dazwischen: »O Mutter! Mutter!«
    Und Herr Hugo von Bumsdorf berichtete so objektiv, wie es ihm niemand
zutrauen konnte; er liess seine eigenen Anschauungen, Empfindungen und Gefühle
sowie alle jene beliebten Exkursionen in das eigenste Privatleben diesmal
gänzlich beiseite und sprach sogar von dem Leutnant Kind, ohne sich dadurch auf
das Gebiet seiner eigenen militärischen Erfahrungen, Freuden und Leiden
hinüberlocken zu lassen.
    Der Leutnant Kind! Pah, der Leutnant Kind befand sich bereits auf dem Wege;
- er reiste dem Herrn von Glimmern nach, und der Leutnant von Bumsdorf war der
Ansicht, dass die beiden Herren jedenfalls irgendwo zusammentreffen würden. Der
Leutnant Viktor von Fehleisen schritt auf und ab und sah unschlüssig bald nach
dem Revolver, welchen er auf den Tisch niedergelegt, hatte, bald nach der Tür
und sagte leise von Zeit zu Zeit: »Ich freue mich, dass ich lebe! Ich freue mich,
dass ich lebe!«
    Da öffnete sich die Tür, und herein trat hastig und sehr bleich die Frau
Klaudine, gab dem schnell aufspringenden Hugo die Hand und schloss den Sohn fest
in die Arme.
    Das Schnaufen und Scharren des armen, müden Roland draussen im Schnee hatte
sie aus dem Morgenschlafe geweckt; sie hatte die fremde Männerstimme in dem
Gemache unter ihrer Kammer gehört, und die heftigste Angst um den Sohn trieb sie
schnell vom Lager empor und die Stiege hinab. Schon an der Tür erhorchte sie
einige Worte und Namen, die sie teilweise beruhigten, teilweise aber auch um so
heftiger erschütterten; und nun stand sie, blickte von einem der beiden Männer
auf den andern und rief: »Ihr dürft mir nichts von allem, was geschah,
verbergen. Sie sind die Nacht durch geritten, und Leonhard sendete Sie, Hugo: -
Sie sprachen von Nikola; - was bringen Sie meinem Sohn und mir?«
    »Wir wollen dir auch nichts verbergen, Mutter«, sprach Viktor so sanft, wie
es sonst durchaus nicht in seiner Art lag. »Du hast deinen Sieg über uns alle
gewonnen; aber du wirst dich wohl wieder einmal von neuem einzurichten haben.
Nikola kommt zu dir, und ich gehe, aber diesmal in Frieden, und du wirst mich
auch nicht zurückhalten wollen.«
    Die Frau Klaudine erfuhr ebenfalls durch den Leutnant von Bumsdorf alles,
was sich in der Residenz zugetragen hatte und was noch kommen sollte. Sie sass
während der Erzählung mit tief verhülltem Gesichte; als jedoch Herr Hugo zum
zweitenmal zu Ende kam, blickte auch sie aus feuchtglänzenden Augen fast heiter
auf und sagte: »Ja, gehe, mein Sohn, ich habe dich lange in Schmerzen entbehren
müssen; doch heute gebe ich dir mit ruhigem Herzen meinen Segen zu deinem
Scheiden. Du hast nur einen Weg vor dir - geh und sich zu, dass jenem unseligen
Mann von deinem alten Kettengenossen nicht mehr geschehe, als zu verantworten
steht! Du kannst nicht mit der Frau Friedrichs von Glimmern unter einem Dache
wohnen - geh und sei gut, mein lieber Sohn! Gott hat sich als ein gerechter Gott
an uns erzeigt; Viktor, Viktor, siehe zu und hilf, dass kein neues Blut über
unsern Weg fliesse, dass keine neue wilde Tat zum Himmel um Rache schreie. Gedenke
zu allen Stunden daran, wer von jetzt an der Seite deiner alten Mutter wandeln
und sitzen wird, und du wirst ein tapferer Mann sein, ein starker und milder
Mann.«
    »Wahrhaftig, das sage ich gleichfalls«, seufzte der Herr van der Mook, »es
ist gut so, wie es ist. Das sehe ich wohl ein, und ich danke auch dem jungen
Herrn Kameraden hier recht herzlich für seinen beschwerlichen Nachtritt. Er jagt
mich aus einem warmen Nest, du gute, alte, stolze Mama; aber es ist mir, als
hätt ich hundert Jahre lang geschlafen, und bei allem, was lebendig ist, ich
freue mich, dass ich wache! Ich hatte das Leben vor mir wie einen Tanz
nächtlicher Spukgestalten und hatte das Wort, das sie auseinanderjagen konnte,
vergessen. Nun hat es ein anderer aus der Ferne herübergerufen, ich wache - ich
lebe, und ob ich gleich wieder hinaus muss auf die Landstrassen, der Tag ist von
neuem mein, und ich werde ihn benützen, nicht wie ein Wilder, ein Betrunkener,
ein Wahnsinniger, sondern wie ein vernünftiger Mann, ein anständiger Gesell.«
    Nun hatte die Frau Klaudine schon seit einigen Augenblicken die Hand des
Leutnants Hugo gefasst und fing jetzt an, mit ihm zu reden, als ob das Grosse und
Ängstliche der Stunde gar nicht vorhanden sei. Mütterlich besorgt, erkundigte
sie sich nach seinem Befinden und freute sich sehr, zu vernehmen, dass er
vollkommen wieder aufgetaut sei und dass die Strapazen der Nacht nur von den
wohltätigsten Folgen für ihn in jeder Beziehung sein würden. Sie konnte sogar
ein Wort des innigsten Mitleids für den armen Roland finden, und wie der Herr
van der Mook kam auch der Leutnant von Bumsdorf immer mehr zu der Überzeugung,
dass die Frau Klaudine doch eine »stolze Seele« sei.
    Um zehn Uhr hielt der Leutnant auf dem Fuchs des Wirts zum Ochsen in
Fliegenhausen in Bumsdorf vor dem Hagebucherschen Vaterhause und hatte, ehe er
sich dem eigenen Hause zuwandte, ein recht angenehmes, aber doch ziemlich
unnötiges Gespräch mit dem Fräulein Lina Hagebucher.
    Um elf Uhr hatte Viktor von Fehleisen die Katzenmühle verlassen; die Frau
Klaudine sass still mit geschlossenen Augen in ihrem Stuhl und horchte auf die
Schritte, die sich in der Ferne verloren, und horchte auf die Schritte, die sich
aus der Ferne näherten. Sie betete für alle - für alle; wer aber betete für
Unsere Liebe Frau von der Geduld?
 
                           Vierunddreissigstes Kapitel
Auch wir sitzen und lauschen einen Augenblick den Fusstritten, die sich
entfernen, und denen, die sich nähern; denn wir haben nunmehr zwei Wege vor uns,
auf welchen wir dieses Mal das Ziel unserer Wanderschaft zu erreichen vermögen.
Wir können dem Herrn Kornelius van der Mook von Stunde zu Stunde, von Station zu
Station folgen und erzählen, wie es ihm gelang, sowohl den Baron Glimmern wie
auch den Leutnant der Strafkompanie Kind einzuholen, wie beide ihm
dessenungeachtet für alle Zeit entgingen und wie er im Grunde und seiner ganzen
Charakterentwicklung gemäss über das letztere herzlich froh war, wenn er es sich
gleich anständigerweise nicht merken lassen durfte. Wir können aber auch einen
zweiten Pfad einschlagen, auf welchem die wilden Worte, die harten Taten, die
schlimmen Verhängnisse uns nicht gellend und grell zu Ohr und Auge dringen,
sondern nur leise aus der verschleierten Ferne uns mahnen, wie die Welt
beschaffen ist, in der wir leben, unsere Freude haben und uns in allen unsern
Kräften und Empfindungen zur Geltung bringen wollen. In utrumque paratus, zu
beidem gerüstet, wählen wir die letztere Art zu endigen; denn wir halten es
weder für eine Kunst noch für einen Genuss und am allerwenigsten für unsern
Beruf, das Protokoll bei einer Kriminalgerichtssitzung zu führen.
    Um zwölf Uhr mittags kam Leonhard Hagebucher mit der Frau von Glimmern in
dem Walde von Fliegenhausen an, und zwar an derselben Stelle, von welcher aus
man einst die bewusstlose Frau Klaudine zur Katzenmühle trug. Er geleitete die
tief verschleierte Nikola durch den Wald, und nun klang nichts mehr um sie her
als vielleicht der Schnee, welchen irgendein Zweig, der sich von seiner Last
befreien konnte, abschüttelte.
    Lasset uns sehen! Es war im Frühling, Sommer und im Herbst ein heftig
Rauschen und Spülen der Wasser im obern Land. Sie wurden im hastigen Schuss über
Räder gezwungen, sie wurden durch künstliche Maschinen, durch allerlei Kraft in
die Höhe gezogen und abwärts gestürzt, je nach dem Willen des Menschen. Sie
wurden aus ihren natürlichen Betten in künstliche Kanäle über und unter der Erde
gedrängt und mussten in Schmutz und Verdriesslichkeit ihre klaren, reinlichen
Gewänder zurücklassen. Wie der Mensch hatten sie wenig Vergnügen von ihrem
Dasein; es war eine ewige Qual, ein freudeloses Abarbeiten bei Tag und bei
Nacht: lasset uns hören, was die einzelnen Tropfen, welche da drunten in der
Tiefe, in dem abgeschlossenen Tal, bei den sieben Zwergen, über das alte,
zerbrochene, vom grünen Moos überzogene Rad der Mühle klingen, von dem Leben da
draussen vor den Bergen, von dem Gewühl und Treiben der Märkte und Gassen in
Brabant, von dem Hofstaat der schönen Richilde zu sagen haben!
    Still, still! Der leise Fall der Tropfen an dem Rade war ja verstummt in dem
weissen Walde, die Frau Klaudine hatte schon lange nicht mehr nach ihrem Klang
die Zeit gezählt, und wer hatte das Recht, unter dem Dache und am Herde der Frau
Klaudine nach dem Gewimmel von Brabant und nach dem Hofhalt der Prinzess Richilde
zu fragen?
    Die Geduld, die Treue und mit ihnen der Sieg in seiner schönsten Gestalt
standen auf der Schwelle des Hauses, die nahende, schmerzensreiche Nikola zu
empfangen und zu sagen: »Sei uns gegrüsst, du bist heut noch tausendmal mehr
willkommen als in jenen Tagen, in welchen du mit deinem hellsten Lachen
hierhersprangest. Sei gegrüsst, wir beiden Schwestern wollen dein müdes Haupt im
Arme halten; solange du nicht über unsern Bann hinaustrittst, hast du nichts zu
fürchten von den Mächten, welche dich zu diesem Orte jagten. Sei gegrüsst, wir
heissen Geduld und Treue, die Menschen reden viel von uns, und wenige kennen uns;
wer aber stark ist, wie die alte Frau, deren Wohnung wir bewachen, dem gibt
unser Bruder den Kranz, welchen er der Frau Klaudine gegeben hat.«
    Man vernahm in der Katzenmühle den Schall keiner Kirchenuhr; aber es war
zwölf Uhr mittags, und in Fliegenhausen setzten die Bäuerinnen eben den
dampfenden Suppennapf auf den Tisch, als der Mann vom Mondgebirge mit der Frau
Nikola die Mühle erreichte.
    Die Frau Klaudine schrie nicht auf und sprang nicht auf, sie streckte nur
den Eintretenden beide Hände entgegen und rief:
    »Mein Kind, meine liebe, liebe Tochter, nun bist du heimgekehrt, nun hab ich
dich ganz und lasse dich nimmermehr von mir. Siehst du, die Verlorenen, die
Toten kehren doch zurück! Die mit hundert Ketten in der tiefsten Knechtschaft
gebunden lagen, können sich losringen oder können von ihren bösen Herren selbst
mit Lachen in die Freiheit hinausgestossen werden. Nikola, meine Tochter, jetzt
hat niemand mehr einen Anspruch auf deine Seele als ich - hörst du? Niemand!
Niemand! Keiner in der Nähe und in der Ferne: keiner in der Vergangenheit und in
der Zukunft; keiner in der ganzen weiten Welt! Die einen haben nun alle Rechte
an dich aufgegeben; die andern musstest du selber von dir weisen; nur mich allein
darfst du jetzt lieben; nur meine Tochter, mein Kind darfst du sein; denn sieh,
das ist das schöne süsse Innerste des herbsten Schmerzes, dass, wenn es nicht so
wäre, du ja auch gar nicht zu mir kommen durftest! Du bist betäubt, aber die
Stunde ist nicht fern, wo du selbst an deine Freiheit glauben wirst. Sei still
und gedulde dich; es gehen Jahre vorüber wie ein Tag, das ist ein altes Wort;
aber nicht immer ist der Mensch fähig, seinen ganzen guten und tröstlichen
Inhalt zu fassen.«
    Es war im Anfange nur der Klang der Stimme der Frau Klaudine, welchen Nikola
von Glimmern vernahm. Den Sinn der Worte begriff sie in ihrer jetzigen Betäubung
noch nicht; allein auch die Stunde war nicht fern, in welcher die Mutter von der
Heimkehr des Sohnes klarer und bestimmter reden durfte und musste und für das
leiseste Beben und Schwingen ihres Herzens einen Widerhall fand.
    Das war noch eine schreckliche Stunde für Nikola, als ihr nun das volle
Verständnis ihrer Lage zuteil wurde. Die Entüllung geschah in der
Abenddämmerung, als sich die Nebel und die Schatten des Waldes wieder dicht um
die Katzenmühle zusammengezogen hatten und die Frau Klaudine, in ihrem Lehnstuhl
sitzend, das Haupt der Frau Nikola im Schosse hielt. Der erste Eindruck war
überwältigend und die Erschütterung fast grösser als bei jener schrecklichen
Szene in dem Ballsaal des Herrn von Betzendorff. Langsam, mit Augen starr und
gläsern, erhob sich Nikola von Glimmern. Mit einem hellen Schrei riss sie sich
aus den schützenden, den treuen Armen der Greisin los und stand aufrecht und
lachte wild und rief: »Mutter, es war nicht recht, mir das zu verschweigen! Auch
das war ein falsches Spiel! O wie grausam, mich hierherzuführen, um mir zu
verkündigen, es sei auch an dieser Stelle kein Raum mehr für mich, es sei
überhaupt kein Raum mehr für mich auf Erden und alles sei vorüber und jeder habe
sein Teil dahingenommen und ich das meinige.«
    Und sie zog ihr Tuch mit hastiger Gebärde um die Schultern zusammen, sie
eilte gegen die Tür, als sei ihres Bleibens in der Mühle, am Herde der Frau
Klaudine keinen Augenblick länger, als müsse sie auf der Stelle hinausstürzen in
die Nacht, in den Wald, in das Grab, gleichviel wohin und zu welchem
allerletzten Schicksal.
    Noch einmal stöhnte sie laut, halb im wilden Schmerz, halb im wilden Zorn;
aber der Zorn galt doch nur ihr allein, und in dieser Trennung und Teilung ihres
Gefühls war jetzt einzig ihre Rettung vor dem Wahnsinn und konnte sie von einer
abermaligen ziellosen Flucht zurückgehalten werden. Der Schmerz gehörte auch der
Frau Klaudine, und deren Macht über die Unglückliche lag in ihm verborgen. Leise
und bittend und weinend rief die Frau Klaudine ihren Namen, da liess sie die Hand
von dem Türgriff sinken und stand einen Augenblick, die Hände gegen die Schläfen
drückend, stürzte dann zurück und lag von neuem auf den Knien vor Unserer Lieben
Frau von der Geduld, barg von neuem das Gesicht in ihrem Schoss und liess sie
ausreden und liess sie erzählen, wie er heimkam, was er alles erlebte und wie er
nun freudig und als ein besserer Mann gegangen sei und den Platz am Herzen
seiner Mutter mit der frohen Überzeugung geräumt habe, dass alles sich zum besten
wenden werde.
    Die Mutter verschwieg nichts. Sie schilderte den Sohn, wie er war, und
zauderte nicht, ihn bis ins kleinste so darzustellen, wie das tolle, wüste Leben
ihn herangebildet hatte. Nicht Leonhard Hagebucher, nicht Freund und Feind
hätten ein unbefangeneres Urteil über ihn abzugeben vermocht. Sie entkleidete
ihn von allem Glanze, der ihm nicht gehörte, sie verschwieg nicht, was ihm stets
mangelte und was er dazu verlor; aber sie verschwieg dann auch nicht, was er
erwarb auf seinen abenteuerlichen Wegen. Sie zeigte, wie man ihm helfen, wie man
ihn fördern könne; sie zeigte, wie grade in dem Aufentalt der
Heimatlosgewordenen im Schutze und am Herzen der Mutter der grösste Segen und die
teuerste Bürgschaft des Friedens für den so lange heimatlos gewesenen Sohn
liege. Zuletzt sprach sie von dem Leutnant Kind, und dichter drängte Nikola sich
an sie, als dieser Name genannt wurde.
    Nikola von Glimmern kannte jetzt die Geschichte des Leutnants Kind
ebenfalls. Auf dem schweren, tränenreichen Wege zu der Katzenmühle hatte
Hagebucher sie vorsichtig und ganz allmählich damit bekannt gemacht, jedoch den
Platz des Herrn van der Mook leer darin gelassen; nun öffneten sich vor ihren
Augen auf allen Seiten die Abgründe, zwischen denen sie gewandelt war; nun
blickte sie mit einemmal schaudernd in das Gewimmel gespenstischer Arme und
fleischloser Hände, die sich von jeder Seite aus der Tiefe emporgereckt und nach
ihr gegriffen hatten. Eine Gespensterfurcht kam über sie, von der sie in ihrem
spätern Leben nie wieder ganz frei wurde; und nie mehr konnte sie von der Stunde
an ein Zimmer verlassen und eine Tür hinter sich zuziehen, ohne bis in alle
Tiefen ihres Wesens ein Gefühl zu haben, dass sich in dem leeren, eben
verlassenen Raume ein unheimliches Etwas aufrichte und mit einem öden,
totenhaften, blöden Grinsen ihr nachstarre und zische. »Glaubst du, du seist je
allein und bei dir? Wir sind da! Wir sind da, sehen auf dich, hören auf dich,
achten auf dich und lachen deiner! Dir hilft kein Trotz, dich rettet nicht die
Scham, wir sehen, wir hören, wir haben unsere Lust an dir, sind deine Feinde und
wissen, dass wir dich mit unsern Blicken töten werden!« - Die Genien auf der
Schwelle und am Herde der Frau Klaudine hatten einen harten Stand gegen diese
Feinde.
    »Ich will bleiben; denn ich habe ja doch keinen Willen mehr«, sagte Nikola.
»Ich habe ihn von neuem hinausgetrieben und mich an seinen Platz gesetzt. Du
sagst, es sei gut so, meine Mutter, und ich will es versuchen, daran zu glauben;
aber denken kann ich nicht mehr darüber.«
    »Es ist gut so!« sprach die Greisin und konnte weiter nichts sagen; denn nun
folgte für Nikola von Glimmern jener Zustand, welchen die Sieger wie die
Besiegten kennenlernen, jener Zustand, in welchem man dem Patienten nichts
weiter zuliebe tun kann, als ihm im Sommer die Fliegen abzuwehren und im Winter
ihn liegenzulassen, wie er sich niederlegte, oder ihm höchstens das Kopfkissen
zurechtzurücken.
    Es war keine Krankheit, von der Nikola ergriffen wurde, es war nur diese
unendliche Müdigkeit und Schlummersucht, während welcher ein jegliches dem
Menschen gleichgültig wird, nicht nur das Knarren der Tür, das Zurückschieben
eines Stuhles oder Tisches, der Lärm der Gasse und die Besuche selbst der besten
Freunde. Vor alle diesem aber war die Müde in dem winterlichen Walde, in der
verzauberten Mühle ganz sicher. Der Ruf der Krähen und der wilden Gänse, wie sie
ihren Flug über die Baumgipfel nahmen, störte nicht, sondern klang sogar wie
eine tröstende Stimme aus dem grossen wahrhaftigen Reiche der Natur herüber, und
das nämliche tat der Wind im Leisen und im Lauten.
    Auch Leonhard Hagebucher, der einzige, welchem aus dem weiten
vielgestaltigen Kreise, der einst seine Wirbel um die Frau Nikola zog, jetzt die
Tür der Katzenmühle offenblieb, störte nicht. Er kam auf den Fussspitzen, ging
auf den Fussspitzen und sagte wenig. Stundenlang sass er oft mit einem Buche in
der Hand, ohne zu lesen, in einem Winkel oder am Fenster der Mühle und sah in
den Wald hinaus. Und wenn man ihn gefragt hätte, an was er denke, an die Tante
Schnödler oder den klugen Schneider Felix Täubrich, an die Madam Kulla Gulla zu
Abu Telfan im Tumurkielande oder an Herrn Ferdinand Zwickmüller zu Montreux am
Genfer See, so würde er gewiss häufig die Antwort auf solche Fragen schuldig
geblieben sein. Aber doch gab es etwas, an welches er zu jeder Stunde denken
musste und auf welches er auch allstündlich mit dumpfer Unruhe wartete. Das war
eine Nachricht von dem Herrn Kornelius van der Mook, welche dieser ihm weder
mündlich noch schriftlich versprochen hatte und welche doch einmal von ihm an
langen musste: heute oder morgen, beim Frühstück oder beim Zubettegehen, am
hellen, lichten Mittage oder um Mitternacht, in der Stunde, in welcher die
Geister Erlaubnis haben, auf Erden zu erscheinen, welche letztere Zeit
vielleicht die passendste genannt werden konnte. -
 
                           Fünfunddreissigstes Kapitel
Ist das nicht ein wunderliches Ding im deutschen Land, dass überall die
Katzenmühle liegen kann und liegt und Nippenburg rundumher sein Wesen hat und
nie die eine ohne das andere gedacht werden kann? Ist das nicht ein wunderlich
Ding, dass der Mann aus dem Tumurkielande, der Mann vom Mondgebirge nie ohne den
Onkel und die Tante Schnödler in die Erscheinung tritt? Wohin wir blicken, zieht
stets und überall der germanische Genius ein Drittel seiner Kraft aus dem
Philistertum und wird von dem alten Riesen, dem Gedanken, mit welchem er ringt,
in den Lüften schwebend erdrückt, wenn es ihm nicht gelingt, zur rechten Zeit
wieder den Boden, aus dem er erwuchs, zu berühren. Da wandeln die Sonntagskinder
anderer Völker, wie sie heissen mögen: Shakespeare, Milton, Byron; Dante, Ariost,
Tasso; Rabelais, Corneille, Molière; sie säen nicht, sie spinnen nicht und sind
doch herrlicher gekleidet als Salomo in aller seiner Pracht: in dem Lande aber
zwischen den Vogesen und der Weichsel herrscht ein ewiger Werkeltag, dampft es
immerfort wie frisch gepflügter Acker und trägt jeder Blitz, der aus den
fruchtbaren Schwaden aufwärts schlägt, einen Erdgeruch an sich, welchen die
Götter uns endlich, endlich gesegnen mögen. Sie säen und sie spinnen alle, die
hohen Männer, welche uns durch die Zeiten voraufschreiten, sie kommen alle aus
Nippenburg, wie sie Namen haben: Luter, Goete, Jean Paul, und sie schämen sich
ihres Herkommens auch keineswegs, zeigen gern ein behagliches Verständnis für
die Werkstatt, die Schreibstube und die Ratsstube; und selbst Friedrich von
Schiller, der doch von allen unsern geistigen Heroen vielleicht am schroffsten
mit Nippenburg und Bumsdorf brach, fühlt doch von Zeit zu Zeit das herzliche
Bedürfnis, sich von einem früheren Kanzlei- und Stammverwandten grüssen und mit
einem biedern »Weischt« an alte natürlich-vertrauliche Verhältnisse erinnern zu
lassen.
    Es lebe Nippenburg und Bumsdorf, der Bierkrug und die Kaffeekanne, der
Strickstrumpf und das Tintenfass, es lebe der Boden, auf welchem wir stehen und
in welchem wir begraben werden, es lebe der Herr von Bumsdorf, es lebe der Onkel
und die Tante Schnödler, es lebe der Onkel und Stadtrat Hagebucher, es lebe die
Kusine Klementine, und vor allen Dingen lebe der Vetter Wassertreter!
    Der muntere Leutnant Herr Hugo von Bumsdorf hatte keinen Grund gehabt, nach
seinem nächtlichen Ritt zur Katzenmühle unter den behaglichen Laren und Penaten
seines Vaterhauses aus seinem überquellenden Herzen eine Mördergrube zu machen.
Dagegen hatte er sein plötzliches Erscheinen unbedingt zu rechtfertigen und
tat's auf die vollgültigste Art und Weise. Er holte weit aus und brach wie
gewöhnlich häufig aus der Bahn; aber dafür übersprang er auch nichts von
Bedeutung, oder was sonst den »verruchten Provinzialsumpf zum Wellenschlagen
bringen konnte«.
    Und die Provinz schlug Wellen! So etwas war seit der Rückkehr Leonhard
Hagebuchers aus der afrikanischen Gefangenschaft nicht erlebt worden und liess
sich jenem Ereignis ebenbürtig an die Seite setzen, wenn es dasselbe nicht sogar
noch weit übertraf an allgemeiner und tiefgehender Bedeutung. In immer weiterer
Schwingung setzte sich auch diesmal wieder die Bewegung vom Bumsdorfer Gutshofe
über das Hagebuchersche Haus fort, erreichte Nippenburg auf den Flügeln des
Windes und fand überall einen Widerhall, den sonst nur der Ruf der Feuerglocke
zu finden das Vergnügen hat. Der Vetter Wassertreter hatte nachher das Recht,
sich ganz passend und klassisch mit dem alten Römer Horatius Kokles, welcher
allein die sublizische Brücke gegen die ganze Armee des Königs Porsenna
verteidigte, zu vergleichen. Wie jener wackere Held verteidigte auch er solus
die Chaussee nach Fliegenhausen gegen die vordringenden Nippenburger
Neugierigen. Die Kusine Klementine Mauser hätte sich, freilich in einer andern
Weise, mit der berühmten Jungfer Klölia vergleichen dürfen. Sie schwamm zwar
nicht durch den Tiber, aber sie umging in Begleitung von zehn andern ältern
Jungfrauen den Vetter Wassertreter und gelangte wirklich bis zum Roten Ochsen in
Fliegenhausen, wo sie jedoch leider von Leonhard Hagebucher abgefangen und mit
der Notiz, die Frau Baronin von Glimmern sei augenblicklich noch nicht imstande,
Besuche zu empfangen - zurückgeschickt wurde.
    Der Vetter Wassertreter war auch in dieser Zeit wieder der einzige Trost und
Stützpunkt, welchen Leonhard ausserhalb der Katzenmühle fand, wie er auch der
einzige war, mit welchem der Afrikaner über die Vorgänge der letzten Zeit und
ihre Bedeutung wirklich reden konnte, ohne durch einen Schwall von
Interjektionen betäubt und durch einen nicht geringern Schwall von Fragen platt
darniedergelegt zu werden.
    Der Vetter Wassertreter als ein Mann, welcher noch den alten Goete von
hinten erblickt hatte, sagte einfach:
    »Mein Sohn, du hast deine Sache recht gut gemacht; übrigens ist es meine
Meinung, dass du anjetzo hier ebenso festsitzest wie ich, nachdem sie mich damals
mit dem bekannten offiziellen Fusstritt aus dem Loch entliessen. Lass es gut sein,
auch er musste in Weimar hocken, und die Welt kam doch an ihn heran. Ojemine,
auch Nippenburg hat seine unaussprechlichen Verdienste, und du, mein Junge,
kannst immer noch Ratsschreiber zu Nippenburg werden; und wenn dein Ehrgeiz noch
immer nicht damit zufrieden wäre, so verschaffen wir dir den Titel
Stadtsekretär, worauf du dich auf die Nelken- oder Dahlienzucht legst, deine
Schwester solide verheiratest und allmählich gross und ehrwürdig wirst, sowohl im
Kreise deiner Neffen und Nichten wie auch im Goldenen Pfau, allwo deines Vaters
Stuhl mit offenen Armen auf dich wartet. Ich glaube, selbst Luzifer würde sich
nach den gemachten Erfahrungen keinen Augenblick besinnen, wenn man ein Auge
zudrückte und ihm eine ähnliche Stellung und Existenz dort oben in den
himmlischen Regionen anböte.«
    Was der Mann vom Mondgebirge dem grauen vergnügten Heimtücker auf dieses
Ansinnen antwortete, verschweigt die Geschichte, allein es steht fest, dass er
die eigentliche Meinung, den einfachen, aber tief philosophischen Grundgedanken
wohl herauszulösen verstand und ihn nachdenklich aus des Vetters Hinterstübchen
auf der Bumsdorfer Pappelchaussee nach Bumsdorf trug. Er hatte solche holden
Vertröstungen auf eine behaglichere, ruhige Zukunft sehr nötig; denn trotz der
Stille, welche in dem Hause des seligen Steuerinspektors herrschte, war es
augenblicklich ein ziemlich ruheloser Aufentaltsort.
    Die alte Frau, die Mutter, trug doch schwer an dem Verlust des alten
subtrahierenden und addierenden Murrkopfs, und wenn sie länger als vierzig Jahre
schwer an seinem Erdendasein getragen hatte, so vermisste sie ihn desto
schmerzlicher jetzt überall und suchte ihn in allen Winkeln, wo sie ihn früher
nur mit grossem Unbehagen gefunden hätte. Es ist so etwas um eine verklungene
Stimme, und wenn sie auch noch so verdriesslich knarrend oder schneidend war! Man
kann selbst auf Fusstritte, die man innerlich bedeutend fürchtete, mit höchstem
Verlangen warten und die Gewissheit, dass man dieselben nimmermehr in der
Nebenstube oder draussen auf dem Gange vernehmen werde, nur mit wehmütig bangem
Widerstreben an sich kommen lassen.
    Der »Vater« fehlte der Alten, wo sie ging und stand, und der Sohn konnte ihr
den Abgeschiedenen nun keineswegs ersetzen. Ja die Tante Schnödler, die Base
Klementine und die Onkel Sackermann und Hagebucher waren ihr jetzt ein viel
grösserer Trost und eine viel liebere Gesellschaft als der stumme, nachdenkliche,
zerstreute Leonhard. Mit jenen konnte man doch sitzen und von dem Gewesenen
sprechen, wie es sich gehörte: allein die Welt war überhaupt mit einemmal eine
andere geworden, und der Tod hatte alles verschoben. Die Alte hatte sich sehr
ducken und fügen müssen, solange der Alte an jedem Morgen grämlich die Wacht
bezog, und nun ging sie, wie gesagt, ruhelos umher und sprach nur noch davon,
wie es für sie doch keine bessere und liebere Stelle mehr gebe als die neben
seinem Grabe und wie angenehm es sein werde, wenn man auch sie dort hintrage und
zur Ruhe bringe, da nun doch einmal alles aus der Welt fortgenommen sei, was ihr
Freude gemacht habe, und der auf Nimmerwiederkommen fortgegangen sei, der's
allein in allen Stücken gut mit ihr gemeint habe.
    Auf leisen Sohlen schlich der Afrikaner der Mutter nach, und es kostete ihm
nicht die geringste Mühe, sich in ihre tausend und aber tausend weinerlichen und
krittligen Launen zu schicken. Aber an manchem dunkeln, stürmischen Tage sendete
er das bleiche, betrübte, verschüchterte Schwesterchen fort aus dem Hause,
hinüber auf den Gutshof zu den Freundinnen; und der Herr Leutnant Hugo, der sich
seinen Urlaub um ein nicht geringes hatte verlängern lassen, war ihm sehr
dankbar dafür.
    Es waren andere Grillen, welche der Mann aus dem Tumurkielande am Fenster
der Katzenmühle, und es waren andere Grillen, welche er daheim der alten Frau
gegenüber fing. Dazwischen fielen dann allerlei Briefe. Täubrich-Pascha schrieb
sehnsüchtig-unverständlich, der Professor schrieb wehmütig-grimmig und
stellenweise ebenfalls etwas unverständlich; doch eins ging aus den
Seelenergüssen beider Korrespondenten unzweifelhaft hervor: die Aufregung über
die Vorgänge der letzten Zeit war immer noch mächtig in der Residenz, und was
die Privataufregung der zwei trefflichen Charaktere betraf, so hatte sich auch
diese durchaus noch nicht gelegt.
    Leonhard antwortete, so gut er's vermochte. Er vertröstete den Pascha auf
ein baldiges heiteres Zusammentreffen und setzte ihn fürs erste in den absoluten
Besitz seines hauptstädtischen Nachlasses. Den Professor, welcher ihm auch die
heitere Gegenwärtigkeit (hicceitas, wie er's nannte) des liebenswürdigen Herrn
Ferdinand Zwickmüller meldete, vertröstete er auf die baldige Abreise desselben
und warf ihm, d.h. dem Professor, die Entdeckung zwischen die Zähne, dass
Bumsdorf wie so vieles andere im deutschen Lande seine Entstehung den Römern
verdanke, lud ihn ein, sich in der Sommervakanz nach der Hochzeit der Tochter
persönlich von der Richtigkeit der Sache zu überzeugen und den Stein, welcher
das Ding bewies, abzuholen.
    Was bedeutete dieses alles? Es hat Leute gegeben, die auf einer Watte, auf
einem Felsenstück am Strande von der Flut überrascht wurden, die Wellen um sich
anschwellen sahen und es dennoch vermochten, die Pfeife im Brand zu halten und
die Uhr aufzuziehen, ehe die erbarmungslosen Wasser die Westentasche erreichten.
Es waren nicht die schwächsten Charaktere, welche dieses konnten, und die
Wahrscheinlichkeit, noch einmal aus der Gefahr gerettet zu werden, war für sie
vielleicht grösser als für alle jene, die in solchen Momenten nichts als ein
verzweiflungsvolles Händeringen oder ein stumpfsinniges Hinstarren auf die graue
tödliche Wüste übrig hatten. Der Herr van der Mook musste im Laufe der Tage
schreiben, und das einfachste und natürlichste war, so ruhig als möglich das
Anklopfen des Briefboten zu erwarten und ihm nicht weiter entgegenzugehen, als
eben unbedingt nötig war. Gegen Anfang des Monats Februar schrieb denn auch der
Herr van der Mook, und zwar einen Brief folgenden Inhalts:
                                              »Soutampton, an Bord der Borussia
Lieber Hagebucher!
Ich besitze eine zähe Natur und befinde mich so wohl, als den Umständen
angemessen ist; allein die Umstände sind auch darnach, und der Teufel hole mich,
wenn ich weiss, was für Gesichter Sie und andere, welche ich nicht zu nennen
wage, zu diesem Schreiben machen werden. Als wir beide in Abu Telfan im
Königreich Dar-Fur zusammentrafen und ich das Vergnügen hatte, Ihnen in
jedenfalls nicht durchgängig angenehmen Situationen meine schwache Hülfe zur
Verfügung zu stellen, da konnten wir keine Ahnung davon haben, welche
Verhältnisse uns noch das Schicksal in Kompanie auf die Schultern laden würde.
Ich drücke der Bestie, die in mir steckt, eben wieder einmal mit beiden Fäusten
die Gurgel zusammen, allein es wäre ein Mirakel, wenn sie sich nicht doch in
dem, was ich zu sagen habe, Luft machte; und somit werden Sie nach der Mühle
steigen, um den betrübten Seelen, den zwei armen Weibern den schmutzig blutigen
Lappen in ein reinliches Tuch gewickelt zu überreichen.
    In Paris fand ich nicht, was ich suchte, und das war mir eigentlich nicht
unlieb, denn ich bin dort früher recht vergnügt gewesen; und in dieser
verruchten Welt muss man sich solche unschuldig grüne Fleckchen möglichst
unentweiht zu halten suchen. Bon, ich habe allerlei gejagt, Menschen und Vieh,
und verliere nicht so leicht eine Fährte, wenn mir die Sache - das Leben, das
Fell oder das Gefieder am Herzen liegt. Treffe einen alten Bekannten, einen
Engländer, der wie ich allmählich ein solider Mann geworden ist und sich redlich
von seiner Frau ernähren lässt. Die Dame hat ein sehr nützliches und
gewinnreiches Institut gegründet, Adresse: Lying-in villa, Rue Chateaubriand No.
14 (No sign); und Monsieur geht auf den Boulevards spazieren und hat wohl einen
freien Augenblick für einen guten Freund zur Disposition. Wir verstehen uns
beide auf Flatterjagd und Kesseltreiben, kommen aber doch in Havre zu spät an,
um mit dem Leutnant Kind dasselbe Paketboot zur Überfahrt nach England benützen
zu können. Miss Julia Brown ist in unaufschiebbaren Angelegenheiten soeben aus
Lancashire angekommen und an die Gattin meines Begleiters in der Rue
Chateaubriand dringlichst empfohlen worden. Mr. Robinson hat natürlich keine
Zeit mehr für mich, er hat Miss Julia heimzubegleiten und tut es; ich geniesse
eine sehr stürmische Überfahrt, lande glücklich in Dover und habe bald das
Vergnügen, unter meinem Fenster in Piccadilly den Strom, aus welchem ich die
bekannten zwei Tropfen auffangen soll, rollen zu sehen und rauschen zu hören.
    Dass ich mit einigem Widerwillen an die Aufgabe ging, werden Sie mir glauben,
mon cher, und dass mich mein Fatum wieder so tief als möglich in das Pech
hinabdrücken würde, war mir bereits in dem Augenblicke klar, als ich die
Katzenmühle und Ihre zuversichtliche Miene hinter mir hatte. Lieber Freund, Sie
ahnen wohl schon, was ich Ihnen mitzuteilen habe - es war eine kurze Jagd, und
der Kamerad ist so schnell und hitzig auf seinem Wege gewesen, dass ich nicht
einmal beim Halali zugegen sein konnte. Da wäre ich denn wieder einmal mit
meinen allerbesten Vorsätzen um eine Nasenlänge hinter dem festen Willen eines
andern zurückgeblieben! Und, bei meinem Leben, es tut mir nicht so leid, dass ich
jetzt nicht zu Euch heimkehren und mich meiner Fahrt rühmen kann, als dass ein so
starkes, ehrliches Leben an ein so schlechtes, niederes Wild gewendet werden
musste. Mein Kamerad, o mein Kamerad, mein wackerer, lieber Leidensgefährte aus
dem Bagno! Bah, ich glaube, er ist besser dran als ich!
    Die Londoner Polizeibeamten sind liebe Leute. Ich habe bereits in früheren
Jahren die Freude gehabt, ihre Bekanntschaft in einer andern Angelegenheit zu
machen, doch die Sache ging mich schon damals nichts an und kann uns heute gar
nicht mehr kümmern. Nachdem ich einige Tage gleich einem sewer-hunter, einem
Kloakenjäger, auf eigene Faust gesucht und nichts gefunden hatte, blieb mir, da
die Zeit drängte und meine Unruhe von Stunde zu Stunde wuchs, nichts übrig, als
in Bowstreet auf dem Polizeizentralbüro meine Visitenkarte abzugeben und mir den
Rat und Trost der dortigen Gentlemen zu erbitten. Tat also und fand ein
geneigtes Gehör und williges Entgegenkommen. Man stellt mir einen ruhigen,
schweigsamen Herrn vor und zur Verfügung, Inspektor Cuddler, den ich wohl noch
längere Zeit auf einsamen Spaziergängen an meiner Seite zu haben glauben werde.
Er zieht bedächtig die Handschuhe an, nimmt den Regenschirm unter den Arm, und
wir treten zusammen in die Gasse, gleich zwei guten Freunden und würdigen
Cockneis, die sich vorgenommen haben, einen freien Tag dazu zu benützen, den
Löwen des Towers einen Besuch abzustatten. Wir wandern und wandern, aus dem Tage
in die Nacht hinein, aus der Nacht in einen neuen Tag. Zu Fuss, im Omnibus, im
Cab, auf Spuren, die verlöschen, stärker hervortreten und wieder Verlöschen - im
Kreise, im Zickzack. Wir nehmen mit einem Händedruck Abschied voneinander und
treffen am folgenden Morgen an einem verabredeten Platze von neuem zusammen. Aus
Belgravia nach Saint Giles, von Pimlico nach Islington! Wir halten Konferenzen
und machen Notizen auf den Polizeistationen in Westminster, Marylebone,
Soutwark und Tames Street. Nichts, nichts! Das Ding hätte für einen Amateur
langweilig werden müssen: ich, welcher ich dieses Mal kein Amateur war, hielt
aus, und Mr. Cuddler, der nichts anderes auf Erden zu besorgen zu haben schien,
desgleichen. Wir warten an Strassenecken, in Kaffeehäusern, wir haben eine
nächtliche Erscheinung am Haymarket unter den Babylonierinnen. Ein Herr steigt
dort in ein Cab, und ich gebe meinem Inspektor einen Stoss. Wir haben nicht das
Recht, den Herrn Friedrich von Glimmern zu verhaften, denn niemand erhob eine
Anklage gegen ihn, und ich bin nicht deswegen über den Kanal gekommen; aber ein
Königreich für seine Adresse! Wir werfen uns in ein anderes Fuhrwerk und
instruieren den Kutscher: doch Erin ist natürlich wieder mal dreiviertel über
Bord, will sagen total betrunken, strandet an einer Orangenbude, und ich gehe
abermals getäuscht zum Teetrinken heim.
    Was soll ich Sie länger aufhalten, Freund Hagebucher? Die Szene ist in Lower
Tames Street, in dem dritten Stockwerk eines Hotels dritten Ranges: - Zeit:
Mitternacht: - Wetter: regnerisch und windig. Das Haus ist in vollem Aufruhr:
Mord! schreit die Finsternis, und die police hat die von innen verriegelte Tür
des Zimmers Nummer sechsundzwanzig erbrochen. Um elf Uhr hörte Mr. Tomas
Giblets, der Bewohner von Numero fünfundzwanzig, den Gentleman nebenan
heimkehren, doch nicht allein, und wurde seine - Mr. Giblets' - Aufmerksamkeit
nach einer Weile durch einen heftigen Wortwechsel erregt, welchem er, wie er
sagte, im Anfange mit Behagen hinter seine Economist horchte. Er - Mr. Giblets -
hatte ein mühevolles, verdriessliches Tagewerk zurückgelegt, und es trug - wie er
meinte - zu seinem augenblicklichen Komfort bei, dass andere Leute ebenfalls
allerlei verdriessliche Geschäfte abzuwickeln hatten, und er fand - wie er zu
Protokoll gab - die Sache erst dann etwas extraordinary, als hinter der Wand
plötzlich - fast gleichzeitig - zwei Pistolenschüsse fielen, der Fall von
schweren Körpern diesen folgte und andere bedenkliche Töne sich vernehmen
liessen.
    Das Haus lief zusammen, und gegen zwei Uhr zog der Inspektor Cuddler die
Schelle an meiner eigenen Wohnung in Piccadilly. Ich stelle es Ihnen anheim,
Carissimo, sich auszumalen, was ich in der Untern Temsestrasse fand. Wir, die
wir beide allerlei Schlachten und Gefechte der Menschen sahen und beide wohl
dann und wann zwischen den Blutlachen standen ohne grade viel nach der Moral des
Dinges zu fragen, wir behalten immer ein gewisses kitzelndes Gefühl für das
Malerische, und malerisch war das Zimmer des Herrn von Glimmern in dieser Nacht.
    Sie waren beide von der Gasse heimgekommen und hatten ihre Angelegenheit in
Frieden besprochen, nachdem der Leutnant Kind die Tür verschlossen und den
Schlüssel aus dem Fenster geschleudert hatte. So friedlich, dass der sich
ergebende Wortwechsel, wie gesagt, nur zur Erhöhung des Komforts des
Stubennachbars beitrug. Und dann waren sie über den Tisch weg zu einem
Verständnis und alle Differenzen beiderseits vollständig ausgleichenden Schluss
gekommen. Man fand sie zu beiden Seiten des Tisches, die abgeschossenen Pistolen
in der Hand; man fand meinen Freund, Seine Exzellenz den Freiherrn Friedrich von
Glimmern, tot, durch das Herz getroffen wie Alp, Venedigs Renegat, und man fand
meinen Freund und Kameraden, den Exleutnant der Strafkompanie zu Wallenburg,
Friedrich Kind, nicht ganz so gut getroffen, jedoch ebenfalls über alle fernern
irdischen Widerwärtigkeiten hinausgehoben. Er hat noch eine halbe Stunde nach
dem Aufbrechen der Tür gelebt und sich recht friedfertig, sanft und gelassen
gezeigt. Auf dem Bette des Herrn von Glimmern ist er ruhig entschlafen, seit
fünfzig Jahren der einzige wirkliche Soldat des Bundeskontingents, welches die
Ehre hatte, ihn in seinen Reihen aufzuführen. Ich fand einen Citymissionär neben
der Leiche, als ich mit meinem Begleiter anlangte. Der Mann hatte durch seinen
Beruf vor vielen andern Menschenkindern Gelegenheit, kuriose Sachen zu sehen,
und wer an dem faulen Stroh der Sterbenden von Betnal Green und Spital Fields
zu knien hat, der mag wohl ein Wort über die Mysterien des Todes mitreden. Ich
gab ihm im ersten ruhigen Augenblick eine kurze Erklärung über den vorliegenden
Fall, und er nannte ihn - tragically refreshing! Nach Jahr und Tag werde ich
mich entscheiden, ob er mehr tragisch oder mehr erfrischend zu nennen ist;
augenblicklich laboriere ich noch ein wenig zu sehr unter den Einwirkungen des
Blutgeruchs auf Geschmack und Geruch und halte mein Votum deshalb zurück.
    Einige weitere Förmlichkeiten werden die deutschen und englischen Behörden
schriftlich austragen, und ich weiss in dieser Hinsicht nichts weiter
hinzuzusetzen, als dass für ein anständiges Unterkommen der Leichen gesorgt wurde
und dass es mir gelang, ein Verscharren derselben Seite an Seite zu verhindern,
wodurch ich die Herzensmeinung und Neigung beider Toten so ziemlich getroffen zu
haben glaube.
    Werden wir nunmehr so elegisch und weich, wie es sich gebührt! Die grauen
Wellen klatschen um den Bauch meines Schiffes, und meine Gedanken begleiten
dieses Schreiben über die ärgerliche See nach der deutschen Küste. Ich male mir
auf die verschiedenste Weise aus, in welcher Stunde es Ihnen ins Haus getragen
wird und was Sie nach Empfang desselben beginnen werden. Ich habe ein wenig das
Fieber oder sonst dergleichen. Bei Allah, ein Opiumrausch, ein Berberross, ein
Moskowiterkarree und die Aussicht auf den siebenten Himmel des Propheten, das
sind die vier Dinge, aus denen seit Erschaffung der Welt die einzigen
vernünftigen und vergnügten Momente der Menschheit zusammengedreht wurden! Bei
Allah, ich wollte, ich läge auf irgendeinem alten oder neuen türkischen
Schlachtfeld begraben und hätte Ruhe!
    Was werden sie sagen in der Mühle, was werden sie tun? O Hagebucher, ich
hätte noch immer die grimmigste Lust, dieses wahnsinnige Blatt zu zerreissen und
selber zu kommen und selber in das Fenster zu sehen und selber an der Tür zu
horchen! Fort damit! Ich glaube, ich käme, wenn ich selber die Hand in dem
blutigen Spiel in Lower Tames Street gehabt hätte und sagen könnte: Das tat
ich!
    Ich peitsche diese Vorstellung im Kreise umher wie ein Bube seinen Kreisel!
Mein armes Mädchen, was wird sie sagen, wenn Sie in die Tür treten und sprechen:
Er ist tot! - ?
    Zum Henker, ich weiss meiner Seele selbst keinen Rat, und Sie, Hagebucher,
Sie, der Fremde, sollten es dort in dem verschlafenen Walde aussprechen, klar
aussprechen können, was mir das Herz und den Gaumen austrocknet und mir das
Gehirn zu Schaum quirlt? - Es wird wohl so sein; - leben Sie wohl und grüssen Sie
meine Mutter.
                                                                Viktor Fehleisen
PS. Ich bin zu einem Weibe geworden und habe dadurch das Recht erworben, eine
Nachschrift anzuhängen. Um vier Uhr am Nachmittag geht die Borussia, die nicht
meinetwegen gestern Soutampton anlief, nach New York. Ich befinde mich auf dem
Wege zum General Grant; man sagt, der Herr besitze allerlei gute Mittel gegen
Schwäche der Nerven, Blutandrang nach dem Kopfe und dergleichen und gebe
dieselben wohlfeil ab.
                                                Korporal Kornelius van der Mook«
Einen Tag und eine Nacht wog Leonhard Hagebucher den Inhalt dieses Briefes. Tief
sank die eine Schale seiner Waage herab, während die andere hoch emporschnellte.
Er trug schwer, schwer an dem leichtern Teile, welchen er am folgenden Morgen
den Frauen in der Katzenmühle brachte.
 
                          Sechsunddreissigstes Kapitel
»Dieses ist fürchterlich und keiner meiner Voraussetzungen entsprechend!« ächzte
der Professor und Doktor der Weltweisheit Reihenschlager, die triefende Stirn
mit dem Sacktuch betupfend und unter der emporgeschobenen Brille weg die
Landstrasse entlangschauend. »Der Weg scheint um so länger zu werden, je länger
wir ihn beschreiten, der Staub ist mir im höchsten Grade zuwider, die Sonne ist
trotz dieses Regenschirmes unerträglich, und von dem Zustand meiner Füsse will
ich gar nicht reden. Täubrich, wäre es nicht mein Grundsatz, jedes Unternehmen,
dem ich mich einmal gewachsen fühlte, bis ins Äusserste durchzusetzen, so würde
ich mich unserm Vorsatz, Nippenburg ganz und gar zu Fuss zu erreichen, im
gegenwärtigen Augenblick nicht mehr gewachsen erklären und auf sämtliche Lehren
der stoischen Schule pfeifen. Verstehen Sie mich?«
    »Ich glaube es, doch weiss ich es nicht recht«, sprach Täubrich-Pascha, mit
dem gewohnten melancholischen Kopfschütteln den gelehrten Mann anstarrend.
    »Sie glauben mich zu verstehen, aber wissen es nicht - gut! Das Begehren ist
entweder sinnlich oder vernünftig. Daraus entstehen nach Beschaffenheit der
Gegenstände vier Leidenschaften oder Gemütsbewegungen und drei vernünftige
Willensbestimmungen, über welche Sie das Nähere beim Cicero in de Tuskulanischen
Unterhaltungen selber nachlesen mögen. Der Weise bestimmt sein
Begehrungsvermögen nur durch die letztern drei, und darin bestand die stoische
Apatie, und darum werden wir unter allen Umständen Nippenburg zu Fusse
erreichen. Verstehen Sie nun?«
    »Vollkommen!« rief der Schneider und Famulus mit einem muntern Bockssprung
und fügte hinzu, was die Strapazen und die Sommerwärme anbetreffe, so sei das
noch gar nichts: in Palästina könne man ganz andere Dinge erleben, ein Ende
finde jeder Weg, und auch Nippenburg lasse sich wohl noch vor Mittag erreichen,
wenn man nicht vor jedem Steine anhalte oder über ihn stolpere. Der Professor
fasste mit einem tiefen Seufzer von neuem alle körperliche und geistige Kraft
zusammen und trabte keuchend dem leichten Schneider nach auf der staubigen
Chaussee des Vetters Wassertreter, durch den schwülen Hochsommermorgen den
Bergen von Nippenburg, Bumsdorf und Fliegenhausen entgegen. Wie aber das
drollige Paar auf die Landstrasse geriet, darüber ist jedenfalls einiges zu
sagen, ehe wir das Vergnügen haben werden, seinem Einzug in die Heimat Leonhard
Hagebuchers anzuwohnen.
    Der Professor hatte viel erlebt im letzten Winter und Frühling. Sein
Hausfreund Leonhard war in schnödester Weise zum zweiten Male ihm und der
koptischen Grammatik durchgegangen, und seine Tochter hatte selbstverständlich
sich an nichts gekehrt, hatte um Pfingsten ihren Ferdinand zum Altar geführt und
besorgte mit grosser Energie die Küche und Wäsche in ihrem internationalen
Erziehungsinstitut am Lacus Lemanus. Die ganze Welt stand auf dem Kopf, der
Professor wusste sehr häufig nicht, wo ihm der seinige stand, und um ihm
denselben zurechtzusetzen, war ihm niemand geblieben als der Pascha, ein Mann
und Berater, auf welchen man sich freilich in allen Dingen verlassen konnte.
    Wohl hatten ihm das Töchterchen und der Schwiegersohn den Vorschlag gemacht,
mit ihnen in die Fremde zu ziehen und durch seinen Beistand das internationale
Institut auf die höchste Stufe pädagogischer Vollkommenheit zu heben: allein da
war er wirklich grob geworden und hatte sämtliche Götter von Latium und Hellas
zu Zeugen aufgerufen, dass er tausendmal lieber bei lebendigem Leibe den Rogus
besteigen als sich zu solcher Versündigung an der treuen deutschen gelehrten
Gründlichkeit und den hohen Ahnen wahrhaftiger germanischer Philologie
herbeilassen werde, gab also der Tochter so viel des väterlichen Segens, als er
davon zu geben hatte, liess sie ziehen, ohne sie weiter als bis zur Haustür zu
begleiten, verriegelte sich in seinem Studierzimmer und versank vollständig aus
der Welt der Lebendigen. Schimmel bildete sich in seinem Tintenfass, Wurmmehl
sammelte sich unter seinem Stuhle, Staub auf seinen Papieren und immer tieferer
Missmut auf seiner Stirn. Die Arbeit an dem hochgelehrten wichtigen Werke, die zu
keiner Zeit mit Dampfeskraft vorschritt, stockte allmählich ganz; das Haus war
still wie das Innere einer Pyramide, der Alte repräsentierte vortrefflich die
Mumie in der tiefsten dunkelsten Grabkammer, und Täubrich-Pascha stand
nachdenklich wie ein melancholisch von Nilpflanzen und Krokodileiern träumender
Ibis auf der Schwelle und antwortete jedem Einlassbegehrenden:
    »Der Herr Professor sind nicht zu sprechen.«
    Es muss ewig unentschieden bleiben, wer von den beiden dumpfigen Ägyptiern
zuerst den grossen Gedanken fasste und aussprach, dem Freunde aus dem
Tumurkielande in seiner eigenen Heimat, das heisst in Bumsdorf, einen Besuch
abzustatten. Der Gedanke war jedenfalls ein rettender, und der römische Stein
von Fliegenhausen tat sicherlich das Seinige dazu, dass er nicht beiseite
geschoben wurde, sondern allmählich in immer schärfern Umrissen hervortrat.
Einige anlockende neue Briefe Leonhards steigerten die Sehnsucht nach dem Manne
vom Mondgebirge. Zu Anfang Juni war aus dem Wunsch, ihn zu besuchen, ein
Entschluss geworden, und zu Anfang der Hundstage waren sämtliche Vorbereitungen
zu der abenteuerlichen, aufregenden Expedition getroffen; es stand dem Aufbruche
nichts mehr im Wege, und eines schönen Morgens brach man wirklich auf.
    Seit zwanzig Jahren war der Professor nicht über die nächste Umgebung der
Hauptstadt, die bekannte Promenade und den bronzenen Grossherzog hinausgekommen
und wusste durchaus nicht, was er tat, als er sich in antiker Waghalsigkeit für
eine »Fussreise« entschied. Man hat auch wohl in der Hand einer Mumie
Weizenkörner gefunden, welche man nach dreitausendjähriger Ruhe in die Erde
pflanzte und genügend begoss und welche lustig zu keimen anfingen, grüne Halme
trieben und zuletzt recht anständige Ähren trugen: ein ähnliches Erwecktwerden
und Erwachen erfuhren jetzt die Gefühle und Stimmungen dieses alten Kopten.
    Seine Frau hatte er begraben, seine Tochter war er ebenfalls los; er holte
den Ziegenhainer aus dem Winkel, in dem derselbe mehr als vierzig Jahre hindurch
unbeachtet stand; er fand sein altes Kommersbuch wieder und summte: »Frei ist
der Bursch, frei ist der Bursch!« Er legte den Ziegenhainer auf den Tisch und
das Kommersbuch daneben und betrachtete beide mit untergeschlagenen Armen, wie
der edle Junker von La Mancha am Abend vor seinem ersten Ausritt Schwert und
Tartsche betrachtet haben mochte. Der Pascha packte dasselbe Felleisen, das er
bereits durch die Syrische Wüste trug, und füllte eine Korbflasche, die auch
schon allerlei Fährlichkeiten durchgemacht hatte, mit einem belebenden Stoff. In
einer heiligen grauen Frühe schlichen die beiden Helden auf den Zehen aus dem
Hause, überliessen es mit sämtlichem gelehrten und ungelehrten Spuk und Unrat der
Magd, zogen sich wie zwei entwischende Verbrecher oder Schulbuben die Mauern
entlang zum nächsten Tore, traten hinaus in die Freiheit und frische Luft und
wandelten weiter - wir wissen wohin.
    Wir wissen auch, dass es eben kein weiter Weg nach Nippenburg ist, dass
überhaupt die Wege des Staates nicht lang sein können, sowohl aus geographischen
wie aus politischen Gründen; allein beide Wanderer erlebten Wunderdinge an und
auf ihnen. Eine Schnecke, welche ein Geschäft in dem obersten Wipfel einer
Pappel zu verrichten hat, trifft auf ihrem Pfade kaum auf mehr Hindernisse,
Schwierigkeiten und Gründe, um auszuruhen, als der koptische Gelehrte auf dem
seinigen. Wir können es nur bedauern, dass wir uns nicht mehr im Anfange oder in
der Mitte unseres Buches befinden, um dieser Wanderung vollkommen gerecht zu
werden. Sie übernachteten zweimal unterwegs, und am dritten Morgen fanden wir
sie in der beschriebenen Stimmung, dem Kirchturm von Nippenburg zutrabend, und
eilen ihnen jetzt voraus, um von den Fenstern des Vetters Wassertreter aus ihrem
Einzuge in das berühmte Weichbild beizuwohnen.
    Und es war noch gradeso in Nippenburg wie beim Beginn unserer
verwunderungswürdigen Historie; das Wappen der Stadt war noch immer ein
grau-weiss gesprenkelter Strickstrumpf im blauen Felde, und der Onkel und die
Tante Schnödler waren noch immer Schildhalter und machten ihre Sache gradeso gut
wie die beiden bekannten Wilden Männer oder Löwe und Einhorn oder die beiden
goldenen Greifen des Hauses Habsburg. Der Vetter Wassertreter aber war noch
immer ein Greuel und eine Unreinigkeit für die Stadt. Und der Vetter
Wassertreter lag wie gewöhnlich im Fenster, blies aus sehr langer Pfeife leichte
Wölkchen in die elfte Stunde des Morgens hinaus, teilte seine Aufmerksamkeit
zwischen dem mangelhaften Strassenpflaster, welches, beiläufig gesagt, ihn
durchaus nichts anging, und der Kusine Klementine Mauser, die gegenüber ihrem
Kanarienvogel die Cour machte, und wartete mit Sehnsucht, »um doch etwas zu
haben«, auf die aus der Schule heimkehrende löbliche Nippenburger Strassenjugend.
Nur der, welcher je einen von Würmern geplagten Lachs aus der Tiefe des Stromes
aufschnellen sah, hat ein richtiges Bild von der Bewegung, dem Auffahren des
Vetters, als fünf Minuten nach elf Uhr inmitten der dem Rektor Hauenstein
entronnenen Jugend der Professor Reihenschlager und des Professors Begleiter am
Horizont, das heisst an der nächsten Strassenecke, aufgingen.
    »O Himmel!« hauchte die Base Klementine.
    »Alle Donnerwetter!« schrie der Vetter Wassertreter, verlor im nächsten
Augenblick seinen Pantoffel auf der Treppe, verlor Wasserschlauch und
Pfeifenkopf in der Haustür, fuhr wie ein neuer Erlenkönig mit Kron und Schweif,
nämlich in der Nachtmütze und im langen zerlumpten Schlafrock hinaus in die
Gasse und dem alten Korpsbruder mit fast erwürgendem Entusiasmus an den Hals.
    »Pilz! Pilz? Ist es denn möglich, Pilz?«
    »O Schaumlöffel, ich glaube es; aber ich weiss es nicht!«
    »Was sind das nun wieder für zwei Mörder?« ächzte die Kusine Klementine;
aber der Vetter hielt sich nicht damit auf, ihr dieselben von der Strasse aus
vorzustellen, sondern zog den Professor an der rechten, den Pascha an der linken
Hand hinter sich her, fort aus dem Kreise verwunderter Nippenburger, der sich
bereits um die Ankömmlinge gesammelt hatte, in das Haus, die Treppe hinauf,
setzte den einen in den Lehnstuhl, setzte den andern auf das Kanapee, jagte das
ganze Hauswesen nach Erfrischungen auf und aus und drehte sich gleich einem
Kreisel zwischen den beiden Gästen und wiederholte fortwährend:
    »Ich glaube es auch noch nicht! Ich glaube es auch noch nicht!« Und dann
schickte er in den Goldenen Pfau und bestellte das Mittagsmahl so glorreich, als
der Vogel »es auf so kurzes Aviso zu prästieren vermöge«, und zwar bei seinem
Fluche.
    Der Professor fand Nippenburg und den Schaumlöffel ganz seinen
Voraussetzungen entsprechend. Er zeugte sich um halb zwölf Uhr einen kleinen
Rausch, und er zeugte sich um drei Uhr einen zweiten und etwas grössern. Von vier
bis sechs Uhr tat er einen seligen Schlaf auf dem Sofa des Vetters, während der
Vetter den Pascha nach tausend Einzelheiten der Reise ausfragte und sich immer
vergnügter die Hände rieb.
    »Es ist der glorioseste Bursche, der jemals seinen Kopf aufs Koptische
setzte, und wenn er aufwacht, marschieren wir nach Bumsdorf!« rief der Vetter.
»Hurra, das ist wundervoller als selbst der alte Goete von hinten. Und seinen
römischen Meilenstein soll er auch haben; ich halte ihn zwar für einen von
meinen eigenen, aber das ist mir ganz einerlei, und ich will ihm im Notfall auf
zwanzig mehr von der Sorte schwören. Hurra! Jena soll leben!
Nimm den Schläger in die Linke,
Bohr ihn durch den Hut und trinke
Auf des Vaterlandes Wohl!«
Noch halb im Schlafe antwortete der Professor vom Sofa her:
Ich durchbohr den Hut und schwöre,
Halten will ich stets auf Ehre
Und ein braver Bursche sein!
Lang fielen die Schatten der Pappeln auf den Weg nach Bumsdorf, als die beiden
greisen Kommilitonen auf ihm hintrabten zum Manne vom Mondgebirge, in ähnlicher
Stimmung und auf ähnlich schwankenden Füssen, wie sie einst zur Rasenmühle oder
Stiftsmühle gezogen sein mochten. Auch der Pascha setzte die Beine recht quer
übereinander und griff häufig nach einer imaginären Mauer, um sich im
Gleichgewicht zu halten, und alle drei trugen die Kopfbedeckungen in der Hand
und fächelten sich damit Luft zu und bliesen heftig. Sie waren imstande, das
Gras wachsen zu hören, sie ahnten mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich
die Philosophie anderer Leute träumen liess; aber das ahnten sie nicht, dass sie
durch ihre vergnügte Gegenwart der deutschen Nation eine fernere
vieltausendjährige Gemütlichkeit verbürgten, wie drei Eicheln, die man in der
hohlen Hand hält, einen ganzen Wald bedeuten mögen.
    Nun trat der niedere Kirchturm von Bumsdorf aus den Baumwipfeln hervor, grad
als die rote Sonne ihre Photographie auf den westlichen Horizont wie an den Rand
eines Spiegels steckte. Noch einige Schritte, und sie - der Professor, der
Vetter und der Pascha - guckten an derselben Stelle über die Hecke in die
Fliederlaube, an welcher einst Leonhard nach seiner Heimkehr aus dem
Tumurkielande zu so argem Schrecken des Schwesterleins, der schönen Nikola und
der beiden Mädchen vom Gutshofe hinüber- und hineingeguckt hatte. Mit einem
kleinen Schreckensschrei sprang Fräulein Lina Hagebucher auch diesmal empor und
-
    »Alle Hagel!« rief der Leutnant Herr Hugo von Bumsdorf, der in einer grauen
Joppe und hohen Wasserstiefeln dem Kinde gegenübergesessen und es auf das
fliessendste von den Fortschritten der Landwirtschaft, dem Herrn von Liebig und
seiner eigenen dränierenden, rationell ökonomischen Zukunft unterhalten hatte.
    »Bismillah! Gott ist wahrhaftig gross, und Mahomet ist in der Tat sein
Prophet!« rief Leonhard Hagebucher, der einen Augenblick später, ebenfalls mit
einer langen Pfeife im Munde, auf der Treppe der Haustür erschien und seinem
seligen Vater nach Statur, Gesichtsbildung, Haltung merkwürdig ähnlich sah. Aber
ganz im Gegensatz zu dem seligen Alten durchmass er in drei weiten Sätzen den
Raum vom Hause bis zur Gartenpforte, um die drei Freunde mit Gruss, Händedruck
und Umarmung in Empfang zu nehmen. Und die Katze im offenen Fenster der untern
Stube hörte auf, sich zu putzen, und sah mit unverkennbarem Interesse auf
Täubrich-Pascha und den roten, blaubequasteten Fes in den Händen desselben. Und
die alte Frau im schwarzen Trauerkleide legte staunend die Brille zwischen die
Blätter von Schmolkes »Morgen- und Abendandachten« und trat neugierig
gleichfalls hervor, um von all den Begrüssungen und Vorstellungen ihr Teil zu
holen. Sie bekam es auch im vollsten Masse und fand auf der Stelle ein grosses
Wohlgefallen an dem Professor, seinen altertümlichen Komplimenten, seinem
ernstaften Wesen und seinen schönen gelehrten Reden über so viele Dinge, welche
ihr zu hoch waren. Was dagegen den träumenden Schneider Felix Täubrich anbetraf,
so wurde sie während seines ganzen Aufentalts in ihrem Hause eine gewisse
Furcht vor ihm nicht los, sah ihn stets ein wenig bänglich von der Seite an und
schüttelte den Kopf und meinte verstohlen, dem Menschen traue sie nicht, der sei
entweder noch viel klüger als der Professor oder noch viel dümmer als der lahme
Hans vom Gute, des Herrn von Bumsdorf Gimpel, und wenn er beides nicht sei, so
sei er unbedingt ein ganz heimtückischer Bösewicht und verstelle sich grausam
oder er sei sehr brav und es fehle ihm nur da ein wenig zuviel, wo auch die
meisten andern Leute lange nicht genug hätten.
    Bei den letzten Worten klopfte sie sich jedesmal bedeutungsvoll vor die
Stirn. -
    Wer guckt noch über die Hecke des Hagebucherschen Gartens und ruft:
    »Na, das ist eine Bescherung, die ich mir lobe!« - ?
    Wer konnte es anders sein als der grause Dynast des Ortes, der grimme,
erbarmungslose Ausüber sämtlicher feudalen Rechte hiesiger Gelegenheit, der
blutdürstige, entsetzliche Junker und Erbherr von Bumsdorf? Und was tut er, um
den durch seine plötzliche Erscheinung hervorgerufenen Schrecken ins Grenzenlose
zu vermehren? Er fügt dem Schauder seiner Gegenwart den kalten Hohn des
gesprochenen Wortes hinzu, wendet sich an sein jüngstes, ihm dicht auf den
Fersen nachtrippelndes Ritterfräulein und ruft:
    »Flink, Minchen, jetzt gilt es, Sievers marschiert eben vom Hofe! Jetzt
zeig, dass dir die Füsse nicht zusammengewachsen sind; flink, die Forellen kommen
unter keinen Umständen in die Stadt, Sievers setzt den Korb wieder ab, und der
Goldene Pfau mag zusehen, wie er sich ohne die Fische zurechtfindet. Marsch,
lustig vorwärts und - halt, deiner Mutter sag, wenn sie etwas recht Kurioses
sehen wolle, so möge sie gleich zum Afrikaner herüberspringen, bei dem sei halb
Ägypten und die ganze Türkei soeben angelangt und liessen sich umsonst sehen!...
Guten Abend, Professorchen, guten Abend, Täubrich-Pascha! Gesprochen haben wir
längst von dieser Ehre und diesem Vergnügen, aber geglaubt hat eigentlich keiner
dran.«
    Wem der Ritter von Bumsdorf die Hand drückte, der spürte es noch eine
geraume Zeit nachher, und wem Fräulein Minchen auf der Nippenburger Chaussee
nachlief und nachrief, der musste sehr schnell auf den Füssen und sehr schwerhörig
sein, um ihr zu entgehen. Sievers der Vasall entwischte ihr nicht, die
Bumsdorfer Forellen gelangten zu grossem Verdruss der Pfauwirtin nicht in die
Küche des Goldenen Pfau, sondern blieben im Orte und nährten redlich des Ortes
Eingeborene und die beiden hoben Fremdlinge und lieben Gäste aus der Hauptstadt
des Landes. Erst am dritten Tage nach seiner Ankunft in der Provinz gedachte der
Professor Reihenschlager des römischen Steines bei Fliegenhausen und schlug sich
vor die Stirn und sprach:
    »Ja so! Ist es mir doch immer gewesen, als sei ich eines ganz bestimmten
Zweckes halber hierhergewandert! Bei den Bukoliken des Virgil, dieses ländliche
Wohlleben und diese eigentümlich frische Luft scheinen meiner Natur durchaus
nicht zuträglich zu sein. In der Zusammenstellung meiner verschiedenen
Hypotesen über die Nasallaute in den europäischen Sprachen, und welchem Urstamm
wir für dieselben dankbar sein müssen, bin ich auch nicht weiter
fortgeschritten, welches mir sehr bedenklich erscheint. Ich bitte dringend um
meinen römischen Meilenstein, Freund Leonhard; es wäre mir wirklich sehr
angenehm, hier in Bumsdorf die Anwesenheit der urbs nachweisen zu können, und
ich würde unter solchen Umständen die auf diese kleine, aber abenteuerliche
Exkursion verwendete Zeit nicht als ganz und gar verloren erachten.«
    »Bravo, Pilz!« lachte der Vetter Wassertreter. Leonhard Hagebucher lachte
gleichfalls, doch nicht ganz so laut; der Pascha liess betrübt die Unterlippe
sinken, und der Leutnant Hugo rief: »Wir haben dort eine Weizenbreite auf dem
Fuchsrücken und können eine Waldpartie und ein Picknick aus der Fahrt machen.
Wir packen die selbstverständlichen Butterbröte, die Mädchen, die Weinflaschen
und uns selber nach Tisch auf einen Leiterwagen und kochen Kaffee unter der
Galgeneiche oder beim Toten Mann oder sonst an einem romantischen Punkte. Der
Professor bekommt seinen Stein, und jedermann verpflichtet sich heute schon
feierlichst, ihm seine Ansicht und Meinung darüber aufs Wort zu glauben. Nachher
spielen wir Blindekuh, das heisst, wer will, kann teilnehmen; selbst die Mädchen
sind von dem Vergnügen nicht ausgeschlossen -«
    »Hört, hört!« rief der Vetter Wassertreter.
    »Das nenne ich einen unverschämten Gesellen!« sprach ernstaft Fräulein
Sophie von Bumsdorf.
    »Und am Abend - fahren wir wieder nach Hause«, schloss der Leutnant seinen
Vortrag, fügte jedoch, zur Seite gewendet, noch hinzu: »Bei Mondenschein
nämlich, Fräulein Lina - und mein Waldhorn nehme ich, wenn man mich recht
bittet, gleichfalls mit. Wer etwas gegen meinen Vorschlag einzuwenden hat, der
melde sich augenblicklich, damit wir ihm ebenso augenblicklich die
Lächerlichkeit seiner Gegengründe darlegen können.«
    »Accedo ad talem, ich stimme unbedingt mit dem jungen Manne!« sprach der
Professor, indem er sich mit der Würde eines Kardinals, der im Konklave einen
Papst zu wählen hat, von seinem Stuhle hinter dem Hagebucherschen Familientische
erhob und sämtliche Anwesende in voller Begeisterung mit sich emporzog. Wie es
verabredet war, geschah es, nachdem ein jeglicher seine Verbesserungsvorschläge
eifrigst vorgetragen hatte.
    Der Pascha sass mit gefalteten Händen auf einem Baumstumpf und stierte an der
nächsten Eiche empor; Hagebucher streckte neben ihm im Grase die langen Beine
weit von sich: weiter unten an der Berglehne arbeiteten der Professor, der
Vetter Wassertreter und Sievers der Vasall gewaltiglich, den römischen Stein,
welchem der Vetter weniger als je traute, von dem Schmutz der Jahrtausende zu
befreien; weiter oben aber auf der grünen Lichtung, neben dem knisternden Feuer
und den Kaffeetöpfen und Viktualienkörben lachten die Mädchen und Herr Hugo,
während gegen Fliegenhausen zu auf dem freien Felde der Dynast von Bumsdorf
vergnügt seinen Weizen besah. Erst war ein leises Rauschen durch die Wipfel der
Bäume gezogen, doch schwand das bald, und jetzt war es ganz still im Walde.
    »Nun, Täubrich, was sagt der Häher da oben im Baum?« fragte Leonhard,
richtete sich aber noch während dieser Frage schnell auf und rief: »Holla, Mann,
was haben Sie, was sehen Sie, was fällt Ihnen bei?«
    Der träumende Schneider hatte plötzlich einen langen, schweren Seufzer
ausgestossen; jetzt sperrte er den Mund, nach Luft schnappend, weit auf, und zwei
dicke Tränen rollten ihm die Backen hinunter. Der Afrikaner klopfte ihm zärtlich
auf den Rücken, wie einem Kinde, das sich verschluckte, und sagte:
    »Besinnen Sie sich, es ist heller, lichter Tag! Lustig, Alter, wie schickt
sich ein solches Gesicht zu dem Sonnenschein und dem grünen Walde?«
    »O Sidi, Sidi, es ist freilich lichter Tag«, schluchzte der Pascha, »und ich
kann ja nichts dafür. Die Sonne scheint, und hier sitze ich im grünen Walde und
hab es so gut, wie ich es mir niemals im Wachen und im Schlaf erträumte; aber es
ist doch ein rechter Jammer, dass ich nicht weiss, ob's auch wahr ist und kein
Traum wie die Palmen und Herrlichkeiten von Damaskus.«
    »Ihr Götter, wem halte ich die Predigt, deren mir jetzt das Herz voll ist?«
rief Hagebucher, welcher nunmehr weitbeinig vor dem Pascha stand, aber ihm den
Rücken zuwendete und gegen den Wald und die Berge redete. »Wer weiss von der
Welt, in der er lebt, und von sich selber mehr als dieser Kamerad hier hinter
mir? Da lachen sie im Sonnenschein und treiben ihre Spiele, solange sie jung
sind; da wühlen sie alte, versunkene Steine, einen Traum im Traum, hervor, und
alle glauben sie an ihr Spielzeug, nur dieser kluge Gesell hinter mir will nicht
an das seinige glauben und nennt sich selber einen Narren! Womit spielt er, was
sieht er? Das Meer und die Wüste, Paläste in den Wolken, Palmenwälder, schöne
Mädchen und Gärten, so herrlich, wie niemand auf Erden sie pflanzen kann, sind
ihm zu unbeschränkter Verfügung gestellt, und - er heult, o Täubrich, Täubrich!«
    »Wenn ihr wüsstet, was ich weiss, sagt Mahomet, so würdet ihr viel weinen und
wenig lachen!« schluchzte der Pascha kläglich; der Afrikaner aber drehte sich
schnell um und rief:
    »Kennen Sie das arabische Wort auch? Was geht das Sie an? Die andern alle,
die mit List oder Gewalt den ägyptischen Proteus, das Leben, zu überwältigen und
zu ihrem Willen zu zwingen suchen und mit ihm ringen müssen bis an den Tod, die
mögen das Wort sprechen, Sie aber sollen's gefälligst bleibenlassen. Täubrich,
es ist keine Kleinigkeit für einen Menschen, der aus dem Tumurkielande nach
Hause kommt, einen Gesellen Ihresgleichen Wand an Wand neben sich zu wissen, und
ich verbitte mir ernstaft jeden Versuch Ihrerseits, auch das werden zu wollen,
was jene dort über und dort unter uns einen klaren Kopf und vernünftigen
Menschen zu nennen belieben. Ich sage Ihnen, Täubrich, es ist auch unter jenen
nicht einer, der mit Sicherheit sagen kann, ob er in seinen Gedanken, Wünschen
und Handlungen wahrhaftig in der Wirklichkeit wandle; und so ist's ein Grosses zu
nennen, was einem Bevorzugten, das heisst einem närrischen Kerl, wie Sie, gegeben
wurde von den Göttern. Jetzt aber kommen Sie; lassen wir die andern Erntefelder
betrachten, freien, spielen und Steine der Vorzeit zusammentragen; wir wollen
uns hinter den Büschen wegschleichen und einen eigenen Pfad suchen. Ich habe
vieles probiert seit meiner Heimkehr nach Europa; ich habe auch tausendjähriges
Gestein zusammengeschleppt, ich habe gespielt und habe heiraten und Kinder
zeugen wollen, doch nun bin ich nur zu einem Wächter vor einem kleinen Unglück
in einer grossen See von Plagen geworden und habe für jetzt mein volles Genügen
daran. Kommen Sie, Täubrich, und treten Sie leise auf; ich will Ihnen eine
merkwürdige Ehre antun, und Sie können später auch dieses Bild in Ihre Träume
aufnehmen, wenn Sie den Winter über an meiner Stelle dem Professor die
zungenvergleichende Grammatik aufbauen helfen.«
    Er schritt schnell dem Pascha voran durch das Gebüsch und stieg schräg über
die Berglehne hinab, vorsichtig nach beiden Seiten hin ausschauend, gleich
einem, der nicht will, dass ein Unberufener ihm nachsehe oder gar sich
herausnehme, seinen Schritten zu folgen. Aber niemand blickte den beiden
seltsamen Freunden nach oder folgte ihnen; und sie erreichten bald die Sohle des
Tales, wo sie sich durch dichtes Unterholz förmlich durchzuwinden hatten, bis
sie nach Verlauf einer Viertelstunde aus dem Walde und auf die Landstrasse Von
Fliegenhausen, am Eingange des Tälchens der Katzenmühle gegenüber, hinaustraten.
Leise gingen sie weiter auf dem schmalen Pfade, den wir so oft im Laufe dieser
Erzählung beschritten haben, und dann standen sie still hinter den Nussbüschen,
und Hagebucher legte dem Pascha die linke Hand auf die Schulter und deutete mit
der rechten vor sich hin:
    »Das ist die Katzenmühle, Täubrich! Alle jene, welche wir dort an der andern
Seite der Strasse im Walde an den Bergen liessen, kennen den Ort so gut wie ich;
doch niemand von ihnen geht mehr hierher. Das ist halb eine Verabredung, doch
nicht ganz. Was zuerst Scheu und Ehrfurcht vor dem Unglück war, das ist bald zu
einer bequemen Gewohnheit geworden, und es ist das beste so. O Täubrich, es
schlägt keine Welle mehr bis zu jener Schwelle dort, seit der Major Wildberg mir
den Bericht des amerikanischen Konsuls über die Schlacht bei Richmond sendete.
Sie weinen nicht mehr dort hinter den Blumen, dort unter dem morschen Dache. Sie
sitzen still, und still ist es um sie her, sie verlangen nicht mehr.«...
    Der kleine, halbwilde Garten vor der Mühle blühte in voller Pracht des
Sommers. Die Fenster des untern Gestocks und die Tür der verfallenden Wohnung
standen geöffnet, doch kein Leben regte sich dort bei allem zierlichen Anschein
des Lebens. Nur die Bienen, Fliegen und Schmetterlinge hatten ihr Wesen über den
Blumen und in den Sonnenstrahlen; nur der Fall der Wassertropfen klang wieder -
wieder vom alten schwarzmoosigen Rad herüber. Täubrich-Pascha hielt die Hand des
Mannes vom Mondgebirge und blickte so dumm und verzückt wie nie - da trat der
weisse Spitz in die Tür der Hütte, hob den Kopf und fing an, leise zu knurren,
doch besann er sich schnell und kam eilig, doch ohne Gebell durch den Garten zu
den beiden Lauschern heran und stiess einen halb freudigen, halb winselnden Ton
hervor.
    Leonhard Hagebucher beugte sich zu ihm nieder, streichelte ihm den klugen
Kopf und flüsterte:
    »Heute nicht, mein guter alter Bursch! Gehe hin und halte gute Wacht.«
    Das Tier schüttelte sich, zog sich bis zur Pforte des Gärtchens zurück und
warf sich dort in dem Sonnenschein nieder. Hagebucher wendete sich und sagte:
    »Jetzt wollen wir wieder zu den Lebendigen gehen.«
    Kaum hörbar fügte er hinzu:
    »Wenn ihr wüsstet, was ich weiss, so würdet ihr viel weinen und wenig lachen.«
 
    