
        
                                Eugenie Marlitt
                        Das Geheimnis der alten Mamsell
                                        1
Na, jetzt sag mir nur um Gotteswillen, wo willst du eigentlich hin, Hellwig?«
    »Direkt nach X., wenn du erlaubst!« klang es halb trotzig, halb spöttisch
zurück.
    »Aber dahin geht es doch in seinem ganzen Leben nicht über eine Anhöhe! ...
Du bist nicht gescheit, Hellwig ... Heda, ich will aussteigen! Ich habe durchaus
keine Lust, mich umwerfen zu lassen und meine heilen Knochen einzubüssen - wirst
du wohl halten?«
    »Umwerfen? Ich? ... I, das wäre doch das erste Mal in meinem Leben« - wollte
er vermutlich sagen, aber ein entsetzlicher Krach erfolgte, und mit demselben
verstummten die Lippen des Sprechenden wie die eines Toten. Das Schnauben und
Stampfen eines Pferdes wurde für einen Augenblick hörbar; dann stand das Tier
auf seinen vier Hufen und jagte wie rasend querfeldein.
    »Na, da haben wir die Bescherung!« brummte endlich der erste Sprecher, indem
er sich auf dem nassen, frisch gepflügten Ackerfelde aufsetzte. »He, Hellwig,
Böhm, seid ihr noch am Leben?«
    »Ja,« rief Hellwig nicht weit von ihm und tastete suchend auf den triefenden
Erdschollen nach seiner Perücke. Alles Selbstvertrauen, aller Spott waren wie
weggeblasen von dieser schwachen Stimme. Auch das dritte Opfer versuchte es
zunächst mit einer Bewegung auf allen vieren, wobei es entsetzlich fluchte und
stöhnte; denn seine gewaltige Korpulenz fühlte sich unwiderstehlich zur Mutter
Erde hingezogen. Endlich war die edle Stellung, die den Menschen als die
bevorzugteste Kreatur in Gottes weiter Schöpfung kennzeichnet, wiedergewonnen;
die drei Gefallenen standen auf ihren Füssen und besannen sich, was eigentlich
geschehen sei, und was nun geschehen müsse.
    Fürs erste lag die kleine Chaise, in welcher die drei Herren heute morgen
ihr Vaterstädtchen X. verlassen hatten, um zu jagen, umgestürzt neben der
unglückseligen Anhöhe und zeigte dem Himmel ihre vier Räder, wie die drei
tastend bemerkten; der Hufschlag des entfliehenden Rappen war längst verhallt,
und eine stockfinstere Nacht bedeckte die traurigen Folgen des Hellwigschen
Selbstvertrauens.
    »Na, hier übernachten können wir nicht - das steht fest. Machen wir, dass wir
fortkommen!« mahnte endlich Hellwig mit ermutigter Stimme.
    »Ja, nun kommandiere auch noch!« grollte der Dicke, indem er sich heimlich
überzeugte, dass nicht eine seiner Rippen, sondern die Scherben seines schönen
Pfeifenkopfes das beängstigende, knirschende Geräusch an seiner Herzwand
verursachten. »Kommandiere auch noch, das steht dir gut an, nachdem du um ein
Haar in deinem schandbaren Leichtsinn zwei Familienväter gemordet hättest ...
Uebernachten will ich freilich nicht in dieser Löwengrube; aber nun siehe du
auch, wie du Rat schaffst ... Nicht zehn Pferde bringen mich ohne Licht von
dieser Stelle! Ich versinke zwar im Ackerschlamme, und von da drüben her kommt
eine Luft, die mir für ein halbes Jahr meinen Rheumatismus in die Knochen jagt -
da drein ergebe ich mich, du magst es verantworten, Hellwig! Aber ich werde
nicht so verrückt sein, mir mutwillig in den tausend Löchern und Gräben, die
diese gesegnete Gegend aufzuweisen hat, Arme und Beine zu brechen oder die Augen
einzuschlagen.«
    »Sei kein Narr, Doktor,« sagte der dritte. »Du kannst nicht wie ein
Meilenzeiger abwechselnd auf einem Beine hier stehen und abwarten, bis Hellwig
und ich in die Stadt tappen und Hilfe holen. Ich hatte längst gemerkt, dass
dieser ausgezeichnete Rosselenker zu viel nach links fuhr. Wir gehen jetzt
schnurstracks über den Acker nach rechts und kommen an den Fahrweg, dafür stehe
ich ein. Und nun komm und mache keine Flausen; denk an Weib und Kind, die
vielleicht jetzt schon jammern und schreien, weil du bei der Abendsuppe fehlst.«
    Der Dicke brummte etwas von »heilloser Wirtschaft« in den Bart; aber er
verliess seinen Posten und tappte mit den anderen vorwärts. Das war ein
schreckliches Stück Arbeit! Faustdick hingen sich Erdsohlen an die Jagdstiefeln,
und hier und da sank ein unsicher tappender Fuss mit aller Vehemenz in eine
Pfütze, deren alterierter Wasserspiegel sich sofort in Fontänenform über die
Köpfe und Flausröcke der drei Unglücklichen ergoss. Sie erreichten aber doch ohne
ernstlichen Unfall den Fahrweg, und nun wurde tapfer und wohlgemut drauf
losgeschritten. Selbst der Doktor gewann allmählich seine gute Laune wieder; er
brummte mit einem fürchterlichen Basse: »Zu Fuss sind wir gar wohl bestellt,
juchhe!« etc.
    In der Nähe der Stadt tauchte ein Licht aus der Finsternis auf; es kam in
stürmischer Eile auf die Wandernden zu, und Hellwig erkannte alsbald in dem
breiten, fröhlich lachenden Gesicht, das sich in greller Beleuchtung über die
Laterne erhob, seinen Hausknecht Heinrich.
    »Ja, herrje, Herr Hellwig, sind Sie's denn wirklich?« schrie der Bursche.
»Die Madame denkt, Sie liegen mausetot da draussen!«
    »Woher weiss denn meine Frau schon, dass wir Unglück gehabt haben?«
    »Ja, sehen Sie, Herr Hellwig, da ist heute abend eine Kutsche mit Spielern
angekommen« - der ehrliche Bursche hatte für Schauspieler, Taschenspieler,
Seiltänzer und dergleichen nur diese eine Rubrik - »und wie die Kutsche in den
Löwen eingefahren ist, da war das Beest, unser Rappe, hintendran, als ob er dazu
gehörte. Der Löwenwirt kennt ihn ja, unseren Alten, und hat ihn gleich selbst
gebracht ... Na, aber der Schreck von der Madame! Sie hat mich gleich
fortgeschickt mit der Laterne, und Friederike muss einen Kamillentee kochen.«
    »Kamillentee? ... Hm, ich meine, ein Glas Glühwein oder wenigstens ein
Warmbier wäre vielleicht zweckmässiger gewesen.«
    »Ja, das meinte ich auch, Herr Hellwig; aber Sie wissen ja, wie die Madame
-«
    »Schon gut, Heinrich, schon gut. Jetzt gehe du voran mit der Laterne. Wir
wollen machen, dass wir heimkommen.«
    Auf dem Marktplatze trennten sich die drei Leidensgefährten mit stummem
Händedrucke; der eine, um pflichtschuldigst seinen Kamillentee zu trinken, und
die anderen in dem niederschlagenden Bewusstsein, dass ihrer eine Gardinenpredigt
daheim warte. Denn die Frauen waren der »noblen Passion« ihrer Eheherren ohnehin
nicht hold, und nun lag die Jagdbeute, das einzige Beschwichtigungsmittel,
zerquetscht draussen unter der umgestürzten Chaise, und das mit zähem Schlamme
bedeckte Jagdkostüm verwandelte sicherlich schon die erste Umarmung in einen
jähen Zornausbruch.
    Am anderen Morgen klebten an allen Strassenecken rote Zettel, welche die
Ankunft des berühmten Eskamoteurs Orlowsky und seine ausgezeichneten
Kunstleistungen ankündigten, und eine junge Frau ging von Haus zu Haus, um
Billets zu den Vorstellungen anzubieten ... Sie war sehr schön, diese Frau, mit
ihrem prächtigen, blonden Haare und der imposanten Gestalt voll Adel und Anmut;
aber das liebliche Gesicht war blass, »blass wie der Tod«, sagten die Leute, und
wenn sie die goldig bewimperten Lider hob, was nicht häufig geschah, da brach
ein rührend sanfter, aber tränenvoller Blick aus den dunkelgrauen Augensternen.
    Sie kam auch in Hellwigs Haus, das stattlichste am Marktplatz.
    »Madame,« rief Heinrich in das Zimmer im Erdgeschosse, während er den
hellpolierten Messingknopf an der glänzend weissen Tür in der Hand behielt, »die
Spielersfrau ist draussen!«
    »Was will sie?« rief eine weibliche Stimme streng zurück.
    »Ihr Mann spielt morgen, und da möchte sie gern eine Karte an die Madame
verkaufen.«
    »Wir sind anständige Christen und haben kein Geld für solche Faxereien -
schick sie fort, Heinrich!«
    Der Bursche schloss die Tür wieder. Er kratzte sich hinter den Ohren und
machte ein sehr verlegenes Gesicht; denn die »Spielersfrau« musste ja jedes Wort
gehört haben. Sie stand auch einen Augenblick wie zusammengebrochen vor ihm:
eine fliegende Röte war in ihr bleiches Gesicht getreten, und ein schwerer
Seufzer hob ihre Brust ... Da wurde leise ein kleines Fenster geöffnet, das in
die Hausflur mündete; eine unterdrückte Männerstimme verlangte ein Billet - es
wurde in Empfang genommen, und ein harter Taler glitt dafür in die Hand der
jungen Frau. Ehe sie nur aufblicken konnte, war der Fensterflügel wieder
geschlossen, und ein grüner Vorhang hing in dichten, undurchdringlichen Falten
hinter den Scheiben. Heinrich öffnete mit einem linkischen Kratzfusse und
gutmütig lächelnd die Haustür, und die Frau schwankte hinaus, schwankte weiter
auf dem Wege voller Dornen und Stacheln.
    Der Hausknecht nahm ein Paar blankgewichster Stiefel, die er vorhin bei dem
Erscheinen der Frau niedergesetzt hatte, wieder auf und trat in das Zimmer
seines Herrn, der sich uns jetzt im vollen Tageslichte als einen kleinen,
älteren Mann mit einem mageren, blassen, aber unendlich gutmütigen Gesicht
zeigt.
    »Ach, Herr Hellwig,« meinte Heinrich, nachdem er die Stiefel an den
gehörigen Platz gestellt hatte, »das war wirklich recht schön, dass Sie eine
Karte gekauft haben! Die arme Frau sieht ja aus wie 's Leiden Christi; sie
dauert mich, und wenn zehnmal ihr Mann sein Brot nicht ehrlich verdient ... Er
hat hier so kein Glück - denken Sie einmal an mich, Herr Hellwig!«
    »Warum denn nicht, Heinrich?«
    »Ja, weil der Racker, unser Rappe, sich wie eine Klette an den Wagen gehängt
hat, wie er zum Tore hereingefahren ist - das bedeutet nicht Gutes - das
Unglücksvieh kam ja justament von einem Unglücksplatze ... Passen Sie mal auf,
Herr Hellwig, was ich gesagt habe, die Leute haben kein Glück!«
    Er schüttelte seinen dicken Kopf und ging, da sein Herr auf die Prophezeiung
hin weder ein Für noch Wider verlauten liess, wieder in die Hausflur, um die
Strohmatte vor der Tür der strengen Madame regelrecht zu placieren; die fremde
Frau hatte unbewusst mit dem Fusse daran gestossen.
 
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Der Rataussaal war gedrängt voll Zuschauer, und immer noch strömten die
Menschen die Treppe herauf. Heinrich stand im dichtesten Gedränge und suchte
sich schimpfend Luft zu machen mittels derber Püffe und heimlicher Attacken auf
die Hühneraugen seiner Nächsten. »Herr Jesus, wenn das die Madame wüsste, das
gäb' ein Donnerwetter! - Der Herr müsste gleich morgen in aller Frühe zur
Beichte,« flüsterte er vergnüglich schmunzelnd einem Nachbar zu, indem er seinen
schwieligen Zeigefinger nach einem der erhöhten Sitze an der Seitenwand des
Saales ausstreckte. Dort sass Herr Hellwig in Gesellschaft seines
Leidensgefährten, des Doktor Böhm. Es hatte dem ehrlichen Burschen Mühe genug
gekostet, seinen schmächtigen Herrn herauszufinden: denn die Honoratioren waren
stark vertreten. Das Programm versprach aber auch lauter neue Wunderdinge, und
der Schluss desselben lautete folgendermassen:
    Madame d'Orlowska erscheint als Schildjungfrau. Sechs Mann Militär werden
mit scharfgeladenem Gewehre auf sie schiessen, und sie wird mit einem Hiebe ihres
Schwertes die sechs Kugeln in der Luft zerhauen.«
    Die Bewohner von X. waren hauptsächlich gekommen, um sich von der Wahrheit
dieses Wunders überzeugen zu lassen. Die schöne, junge Frau hatte das allgemeine
Interesse geweckt, und jeder mochte gern wissen, wie sie wohl aussehe, wenn sie
die Feuerrohre auf sich gerichtet wüsste ... Es gelang übrigens auch dem
Taschenspieler, die Aufmerksamkeit des Publikums für seine Kunstleistungen zu
gewinnen. Er war, was die Frauen einen interessanten Mann zu nennen pflegen.
Mittelgross, von schlanker, biegsamer Gestalt, mit regelmässigen, aber bleichen
Zügen, braunen Locken und ausdrucksvollen Augen, zeigte er sehr elegante
Manieren, und sein eigentümlich klingendes Deutsch, das ihn als den Sohn jenes
unglücklichen, auseinander gerissenen Volkes kennzeichnete, machte ihn noch
anziehender ... Das alles war aber sofort vergessen, als die annoncierten sechs
Soldaten unter Kommando eines Unteroffiziers aufmarschierten. Ein Geräusch
entstand im Publikum, wie das Tosen einer Brandung - dann folgte plötzlich
bängliche Stille.
    Der Pole trat an einen Tisch und machte die Patronen angesichts des
Publikums. Mit einem Hammer klopfte er auf jede einzelne Kugel, um die atemlosen
Zuschauer durch den Klang zu überzeugen, dass es wirkliche, zweilötige
Gewehrkugeln seien. Dann gab er jedem der Soldaten eine Patrone und liess vor den
Augen des Publikums laden ... Der Taschenspieler klingelte.
    Gleich darauf trat die Frau hinter einem breiten Schirme hervor. Sie schritt
langsam seitwärts und stellte sich den Soldaten gegenüber. Es war eine
wundervolle Erscheinung, den linken Arm deckte der Schild und in der Rechten
hielt sie das Schwert. Ein weisses Gewand floss in reichen Falten auf die Füsse
nieder; um die Hüften legten sich silberglänzende Schuppen, und ein strahlender
Harnisch deckte die herrliche Büste ... Was war aber all dieser Glanz gegen den
matten Goldschimmer der Haarwellen, die unter dem Helme hervorquollen und fast
bis auf den Saum des Gewandes herabfielen!
    Das bleiche, schwermütige Gesicht richtete den traurigen Blick auf die
Mündungen der todbringenden Waffen, die hinüber starrten. Keine Wimper zuckte.
Nicht die leiseste Bewegung war an dem leicht wallenden Gewande zu bemerken -
sie stand dort wie ein Steinbild ... Das letzte Kommando schallte durch den
totenstillen Saal; die sechs Schüsse krachten wie aus einem Rohre - sausend
durchschnitt das Schwert die Luft, und zwölf halbe Kugeln rasselten auf den
Boden.
    Einen Augenblick noch sah man die hohe Gestalt der Schildjungfrau
unbeweglich stehen - der Pulverdampf verwischte ihre Züge, und nur matt
schimmerte die Rüstung durch die Wolke ... dann schwankte sie plötzlich, Schild
und Schwert sanken klirrend zu Boden, mit der Rechten griff sie, wie nach einem
Halt suchend, krampfhaft zuckend in die Luft und taumelte mit dem
herzzerreissenden Schrei: »O Gott, ich bin getroffen!« in die Arme ihres
herbeieilenden Mannes ... Er trug sie hinter den Schirm und stürzte gleich
darauf wie ein Rasender auf die Soldaten zu.
    Sie hatten sämtlich die Weisung erhalten, beim Laden der Gewehre die Kugeln
abzubeissen und im Munde zu behalten, das war das ganze Wunder. Einer derselben
jedoch, ein ungelenkes Bauernkind, hatte, völlig verwirrt durch den Anblick der
versammelten Menschenmenge, in jenem verhängnisvollen Momente den Kopf verloren
- als die fünf anderen auf den leidenschaftlich herausgestossenen Befehl des
Taschenspielers die Kugeln sofort aus dem Munde holten, da brachte er zu seinem
eigenen Entsetzen ein wenig Pulver zum Vorschein - seine Kugel hatte die
unglückliche Frau durchbohrt.
    Die Züge des Polen verzerrten sich bei diesem Ergebnis in Schmerz und
Verzweiflung, und er schlug, ganz ausser sich, den unfreiwilligen Verbrecher ins
Gesicht.
    Augenblicklich entstand eine unglaubliche Verwirrung im Saale. Mehrere Damen
wurden ohnmächtig, und zahllose Stimmen schrieen nach einem Arzte. Doktor Böhm
aber, der den Vorfall schneller begriffen hatte, als alle anderen, war schon
längst hinter dem Schirme bei der Verwundeten. Als er endlich mit erblasstem
Gesichte wieder hervortrat, sagte er leise zu Hellwig: »Muss ohne Gnade sterben,
das arme, prächtige Weib!«
    Eine Stunde später lag die Frau des Taschenspielers auf einem Bette im
Gastofe »zum Löwen«. Man hatte sie auf einem Sofa aus dem Saale getragen;
Heinrich war einer der Träger gewesen. »Na, Herr Hellwig, habe ich recht oder
unrecht mit dem Unglücksvieh, dem Rappen?« hatte er seinen Herrn im Vorübergehen
gefragt, und dabei waren ihm dicke Tränen über die Backen gelaufen.
    Die Frau lag still, mit geschlossenen Augen da. Ihre entfesselten Haare
fielen in einzelnen Strähnen über die weissen Kissen und den Bettrand hinab, und
die goldigen Spitzen ringelten sich auf dem dunklen Fussteppich ... Vor dem Bette
kniete der Taschenspieler; die Hand der Verwundeten ruhte auf seinem Kopfe, den
er tief eingewühlt hatte in die Bettdecke.
    »Schläft Fee?« flüsterte die Frau fast unhörbar, während sie mühsam die
Lider öffnete.
    Der Taschenspieler hob den Kopf und nahm die bleiche Hand zwischen die
seinigen.
    »Ja,« murmelte er mit schmerzverzogenen Lippen. »Die Tochter des Hauses hat
sie mitgenommen in ihr Schlafzimmer; sie liegt dort in einem weissen Bettchen -
unser Kind ist gut aufgehoben, Meta, mein süsses Leben!«
    Die Frau blickte mit einem unaussprechlichen Ausdrucke innerer Leiden auf
ihren Mann, dem die Verzweiflung aus den Augen glühte.
    »Jasko - ich sterbe!« seufzte sie.
    Der Taschenspieler sank auf den Teppich zurück und wand sich wie in den
heftigsten körperlichen Schmerzen.
    »Meta, Meta, gehe nicht von mir!« rief er ausser sich. »Du bist das Licht auf
meinem dunklen Wege! Du bist der Engel, der die Dornen meines verfemten Berufes
sich ins Herz gestossen hat, damit sie mich nicht berühren sollten! ... Meta, wie
soll ich leben, wenn du nicht mehr neben mir stehst mit dem behütenden Auge und
dem Herzen voll unsäglicher Liebe? Wie soll ich leben, wenn ich deine
berauschende Stimme nicht mehr höre, dein himmlisches Lächeln nicht mehr sehe?
Wie soll ich leben mit dem marternden Bewusstsein, dass ich dich an mich gerissen
habe, um dich namenlos elend zu machen? ... Gott, Gott, da droben, du kannst
mich nicht in diese Hölle stossen! ...« Er weinte leise. »Ich will erst sühnen,
was ich an dir gefrevelt habe, Meta. Ich will für dich arbeiten, ehrlich
arbeiten, bis mir das Blut unter den Nägeln hervorspringt - ich will arbeiten
mit Hacke und Spaten. Wir wollen uns still und zufrieden in einen Winkel der
Erde zurückziehen« - er riss das schwarze, mit Goldflitter besäte Samtwamms von
den Schultern - »fort mit dem Plunder! Er soll mich nie mehr berühren ... Meta,
bleibe bei mir, wir wollen ein neues Leben anfangen!«
    Ein schmerzliches Lächeln flog um die Lippen der Sterbenden. Mühsam erhob
sie den Kopf; er schob seinen Arm unter und presste mit der linken Hand ihr
Gesicht wie wahnsinnig an seine Brust.
    »Jasko, fasse dich - sei ein Mann!« stöhnte sie; ihr Haupt sank wie leblos
zurück, aber sie öffnete die halb gebrochenen Augen wieder, und es schien, als
klammere sich die scheidende Seele noch einmal verzweiflungsvoll an die
zusammenbrechende Hülle - diese Lippen, die in Staub zerfallen sollten, mussten
noch einmal sprechen; das Herz durfte nicht stillstehen und die Qualen
unausgesprochener Mutterangst mit unter die Erde nehmen.
    »Du bist ungerecht gegen dich selbst, Jasko,« sagte sie nach einer Pause,
während welcher sie noch einmal den Rest ihrer Kräfte zusammengerafft hatte;
»ich bin nicht elend geworden durch dich ... ich bin geliebt worden, wie selten
ein Weib, und diese Jahre des Liebesglückes wiegen wohl ein ganzes, langes
Menschenleben auf ... Ich habe gewusst, dass ich dem Taschenspieler meine Hand
reiche - ich bin aus dem Vaterhause, das mich um meiner Liebe willen verstiess,
hellen Blickes gegangen, um an deiner Seite zu leben ... Wenn Schatten mein
Glück getrübt haben, so trifft mich, mich allein die Schuld, die ich meine Kraft
überschätzt hatte, und die kleinmütig zusammenbrach unter der Misere deiner
Stellung ... Jasko,« fuhr sie leiser fort, »den Mann erhebt der Gedanke, dass
seine Kunst, gleichviel welche, ihn adle, über die engherzigen Ansichten der
Menschen - das Weib aber zuckt unter den Nadelstichen einer geringschätzenden
Behandlung ... O Jasko, die Sorge um Fee macht meine Sterbestunde zu einer
qualvollen, schrecklichen! Ich beschwöre dich, halte das Kind fern von deinem
Berufe!«
    Sie fasste nach seiner Hand und zog sie an sich. Ihre ganze Seele drängte
sich noch einmal in diese schönen Augen, die sich binnen kurzem verdunkeln
sollten im Todeskampfe.
    »Ich fordre unsäglich Schweres von dir, Jasko!« fuhr sie flehentlich fort.
»Trenne dich von Fee - gib sie unter die Obhut einfacher, braver Menschen, lasse
sie inmitten eines ruhigen, stillen Familienlebens aufwachsen - versprich mir
das, mein einzig geliebter Mann.«
    Mit von Tränen erstickter Stimme gelobte es ihr der Mann. Es folgte eine
schreckliche Nacht, der Todeskampf wollte nicht enden. Als aber das Frührot
durch die Fenster brach, da warf es seine Rosen auf eine schöne Frauenleiche,
deren verklärte Züge die Kämpfe der letzten Stunden nicht mehr ahnen liessen.
Orlowsky hatte sich über die erkaltende Hülle geworfen, und nur der Anstrengung
mehrerer Männer gelang es, ihn hinwegzureissen und in ein anderes Zimmer zu
bringen.
    Am dritten Tage gegen Abend wurde die »Spielersfrau« unter grossem Zudrange
zur Erde bestattet. Mitleidige Herzen hatten den Totenschrein mit Blumen
bedeckt, und unter den angesehenen Männern der Stadt, die im Leichenzuge
schritten, war auch Hellwig ... Der Taschenspieler brach zusammen, als die
ersten Schollen auf den Sarg fielen; aber Hellwig, der neben ihm stand, stützte
ihn und führte ihn in die Stadt zurück. Er blieb mehrere Stunden allein bei dem
Tiefgebeugten, der bis dahin jeden Zuspruch zurückgewiesen und sogar versucht
hatte, Hand an sich zu legen ... Die an der Tür des Sterbezimmers
vorübergingen, hörten bisweilen ein heftiges Aufschluchzen des unglücklichen
Mannes oder Ausbrüche leidenschaftlicher Zärtlichkeit, auf die süsses
Kindergeschwätz antwortete - sie klangen herzzerreissend zusammen, jene
tränenerstickte Stimme und die lachenden Silbertöne des Kindes.
 
                                       3
Der Abend war weit vorgerückt. Ein scharfer Novemberwind fegte durch die
Strassen, und die ersten Schneeflocken taumelten auf Dächer und Strassenpflaster
und auf die dunkle, frisch aufgeworfene Erde des Grabhügels, der sich über der
jungen Frau des Polen wölbte.
    Inmitten des Hellwigschen Wohnzimmers stand ein gedeckter Tisch. Es waren
massive silberne Bestecke, die neben den Tellern lagen, und das weisse
Damasttischtuch hatte Atlasglanz und zeigte ein prachtvolles Muster. Die Lampe
stand auf dem kleinen, runden Sofatische, hinter welchem die Frau Hellwig sass
und an einem langen, wollenen Strumpfe strickte. Sie war eine grosse,
breitschultrige Frau, im Anfange der vierziger Jahre. Vielleicht war dies
Gesicht im Schimmer der Jugend schön gewesen, wenigstens hatte das Profil jene
klassische Linie, welche die Gesetze der regelmässigen Schönheit verlangen; aber
hinreissenden Zauber hatte die Frau wohl nie besessen. Und mochte ihr grosses Auge
auch noch so schön geschnitten und glänzend, ihr Teint noch so strahlend gewesen
sein, sie hatten sicher nicht jenen Schmelz zu ersetzen vermocht, den ein
reiches Seelenleben über die Züge haucht - wie hätte sich dies Gesicht so
versteinern können bei innerer Wärme? Wie wäre es möglich gewesen, nach einer
Jugend voll seligen Gebens und Nehmens, nach den zahllosen Anregungen und
Empfindungen, die das Leben in der empfänglichen Seele weckt, noch so eisig zu
blicken, wie diese starren, grauen Augen blickten? ... Ein dunkler Scheitel
legte sich in einer strengen, festen Linie um die noch immer weisse Stirn. Das
übrige Haar dagegen verschwand unter einem Mullhäubchen von tadelloser Frische.
Diese Kopfbedeckung und ein schwarzes Kleid von gesucht einfachem Schnitt mit
eng anliegenden Aermeln und schmalen, weissen Manschettenstreifen am Handgelenke
gaben der gesamten Erscheinung etwas Puritanerhaftes.
    Dann und wann wurde eine Seitentür geöffnet, und das runzelvolle Gesicht
einer alten Köchin erschien forschend in der Spalte.
    »Noch nicht, Friederike!« sagte Frau Hellwig jedesmal mit eintöniger Stimme,
ohne aufzublicken; aber die Nadeln flogen immer rascher durch die Finger, und
ein eigentümlicher Zug von Verbissenheit lagerte um die schmalen Lippen. Die
alte Köchin wusste genau, dass »die Madame« ungeduldig sei; sie liebte es, zu
schüren, und rief endlich in weinerlichem Tone in das Zimmer:
    »Du lieber Gott, wo aber auch nur der Herr bleibt! Der Braten wird schlecht,
und wann soll ich denn heute fertig werden?«
    Diese Bemerkung trug ihr zwar eine Rüge ein, denn Frau Hellwig litt es
nicht, dass ihre Leute unaufgefordert ihre Meinung äusserten; aber sie zog sich
vergnüglich samt ihrem Verweise in die Küche zurück, hatte sie doch gesehen, dass
die Madame nun auch eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen hatte.
    Endlich wurde die Haustür aufgemacht. Der volle, tiefe Klang der Türglocke
scholl durch die Hausflur.
    »Ach, das hübsche Klingkling da oben!« rief draussen eine klare Kinderstimme.
    Frau Hellwig legte den Strickstrumpf in ein vor ihr stehendes Körbchen und
erhob sich. Befremden und Erstaunen hatten den Ausdruck der Ungeduld verdrängt -
sie sah gespannt über die Lampe hinweg nach der Tür. Draussen kratzte jemand
unzählige Male mit den Füssen über die Strohmatte, das war ihr Mann. Gleich
darauf trat er in das Zimmer und ging mit etwas unsicheren Schritten auf seine
Frau zu. Er trug ein kleines Mädchen, das ungefähr vier Jahre alt sein mochte,
auf dem Arme.
    »Ich bringe dir hier etwas mit nach Hause, Brigittchen,« sagte er bittend,
aber er verstummte sogleich wieder, als sein Auge das seiner Frau traf.
    »Nun?« fragte sie, ohne sich zu bewegen.
    »Ich bringe dir ein armes Kind -«
    »Wem gehört es?« unterbrach sie ihn kalt.
    »Dem unglücklichen Polen, der seine junge Frau auf eine so schreckliche
Weise verloren hat ... Liebes Brigittchen, nimm die Kleine gütig auf!«
    »Doch wohl nur für diese Nacht?«
    »Nein - ich habe dem Manne heilig versprochen, dass das Kind in meinem Hause
aufwachsen soll.«
    Er sprach diese Worte rasch und fest; denn es musste ja doch einmal gesagt
werden.
    Das weisse Gesicht der Frau war plötzlich mit einer hellen Röte übergossen,
und ein schneidender Zug flog um ihre Lippen. Sie verliess ihren bisherigen Platz
um einen Schritt und tippte mit einer unbeschreiblich maliziösen Bewegung den
Zeigefinger gegen die Stirn.
    »Ich fürchte, es ist nicht richtig bei dir, Hellwig,« sagte sie. Ihre Stimme
hatte noch immer die kalte Ruhe, was in diesem Augenblicke um so verletzender
klang. »Mir, mir eine solche Zumutung? ... Mir, die ich mein Haus zu einem
Tempel des Herrn zu machen suche, Komödiantenbrut unter das Dach zu bringen,
dazu gehört mehr noch, als - Einfalt.«
    Hellwig fuhr zurück, und ein Blitz zuckte aus seinen sonst so gutmütigen
Augen.
    »Du hast dich gewaltig geirrt, Hellwig!« fuhr sie fort. »Ich nehme dies Kind
der Sünde nicht in mein Haus - das Kind eines verlorenen Weibes, das so sichtbar
vom Strafgerichte des Herrn ereilt worden ist.«
    »So - ist das deine Meinung, Brigitte? Nun, so frage ich dich, welcher
Sünden hat sich dein Bruder schuldig gemacht, als er auf der Jagd von einem
unvorsichtigen Schützen erschossen wurde? Er war seinem Vergnügen nachgegangen -
das arme Weib aber starb in Erfüllung einer schweren Pflicht.«
    Das Blut wich der Frau aus dem Gesicht, sie wurde plötzlich kreideweiss.
Einen Moment schwieg sie und richtete das Auge erstaunt und lauernd zugleich auf
ihren Mann, der plötzlich eine solche Energie ihr gegenüber entwickelte.
    Währenddem zog das kleine Mädchen, das Hellwig auf den Boden gestellt hatte,
die rosenfarbene Kapuze herunter, und ein reizendes Köpfchen voll
kastanienbrauner Locken kam zum Vorschein; auch das Mäntelchen flog zur Erde ...
Wie verhärtet musste das Herz der Frau sein, dass sie nicht sofort beide Arme
ausbreitete und das Kind kosend an die Brust drückte! War sie völlig blind gegen
den unsäglichen Liebreiz der kleinen Gestalt, die auf den zierlichsten Füsschen,
die je in einem Kinderschuhe gesteckt, durch das Zimmer trippelte und mit grossen
Augen die neue Umgebung betrachtete? ... Das rosige Fleisch der runden Schultern
quoll aus einem hellblauen Wollkleidchen, dessen Bändchen und Säume zierliche
Stickerei zeigten - vielleicht war dieser Schmuck des Lieblings die letzte
Arbeit der Hände gewesen, die nun im Tode erstarrt waren.
    Aber gerade der elegante Anzug, der ungezwungene, geniale Fall der Locken
auf Stirn und Hals, die graziösen Bewegungen des Kindes empörten die Frau.
    »Nicht zwei Stunden möchte ich diesen Irrwisch um mich leiden,« sagte sie
plötzlich, ohne auf die eklatante Zurechtweisung ihres Mannes auch nur eine
Silbe zu erwidern. »Das zudringliche kleine Ding mit den wilden Haaren und der
entblössten Brust passt nicht in unseren ernstaften, strengen Haushalt - das
hiesse geradezu der Leichtfertigkeit und Liederlichkeit Tür und Tor öffnen.
Hellwig, du wirst diesen Zankapfel nicht zwischen uns werfen, sondern dafür
sorgen, dass die Kleine wieder dahin zurückgebracht wird, wohin sie gehört.«
    Sie öffnete die Tür, die nach der Küche führte, und rief die Köchin herein.
    »Friederike, ziehe dem Kinde die Sachen wieder an,« befahl sie, auf Kapuze
und Mantel der Kleinen deutend, die noch am Boden lagen.
    »Du gehst augenblicklich in die Küche zurück!« gebot Hellwig mit lauter,
zorniger Stimme und zeigte nach der Tür.
    Die verblüffte Magd verschwand.
    »Du treibst mich zum Äussersten durch deine Härte und Grausamkeit,
Brigitte!« rief der erbitterte Mann. »Schreibe es daher dir und deinen
Vorurteilen zu, wenn ich dir jetzt Dinge sage, die sonst nie über meine Lippen
gekommen wären ... Wem gehört das Haus, das du, wie du sehr irrigerweise
behauptest, zu einem Tempel des Herrn gemacht haben willst? - Mir ... Brigitte,
du bist auch als arme Waise in dies Haus gekommen - im Laufe der Jahre hast du
das vergessen, und, Gott sei es geklagt, je eifriger du an diesem sogenannten
Tempel gebaut, je mehr du dich befleissigt hast, den Herrn und die christliche
Liebe und Demut auf den Lippen zu führen, um so hochmütiger und harterziger
bist du geworden ... Dies Haus ist mein Haus, und das Brot, welches wir essen,
bezahle ich, und so erkläre ich dir entschieden, dass das Kind bleibt, wo es ist
... Und ist dein Herz zu eng und liebeleer, um mütterlich für die arme Waise zu
fühlen, so verlange ich wenigstens von meiner Frau, dass sie in Rücksicht auf
meinen Willen dem Kinde den nötigen weiblichen Schutz zu teil werden lässt ...
Wenn du nicht dein Ansehen bei unseren Leuten verlieren willst, so triff jetzt
die nötigen Anordnungen zur Aufnahme des Kindes - ausserdem werde ich die Befehle
geben.«
    Nicht ein Wort mehr kam über die weissgewordenen Lippen der Frau. Jede andere
würde wohl in einem solchen Augenblicke der völligen Ohnmacht zu der letzten
Waffe, den Tränen, gegriffen haben; aber diese kalten Augen schienen den süssen,
erleichternden Quell nicht zu kennen. Dieses völlige Verstummen, diese eisige
Kälte, mit der sich die ganze Frauengestalt förmlich panzerte, hatte etwas
Beängstigendes und musste jedem anderen die Brust zuschnüren ... Sie griff
schweigend nach einem Schlüsselbunde und ging hinaus.
    Mit einem tiefen Seufzer nahm Hellwig die Kleine bei der Hand und ging mit
ihr im Zimmer auf und ab. Er hatte einen furchtbaren Kampf gekämpft, um diesem
verlassenen Wesen eine Heimat in seinem Hause zu sichern, er hatte seine Frau
tödlich beleidigt; nie, nie - das wusste er - vergab sie ihm die bitteren
Wahrheiten, die er ihr eben gesagt hatte, denn sie war unversöhnlich.
 
                                       4
Unterdes stellte Friederike einen kleinen Zinnteller mit einem Kinder-Essbesteck
und einer frischen Serviette auf den Tisch. Zugleich klingelte es draussen, und
gleich darauf öffnete Heinrich die Zimmertür und liess einen kleinen, ungefähr
siebenjährigen Knaben eintreten.
    »Guten Abend, Papa!« rief der Kleine und schleuderte die Schneeflocken von
seiner Pelzmütze.
    Hellwig nahm den blonden Kopf seines Kindes zärtlich zwischen seine Hände
und küsste es auf die Stirn.
    »Guten Abend, mein Junge,« sagte er; »nun, war es hübsch bei deinem kleinen
Freunde?«
    »Ja; aber der dumme Heinrich hat mich viel zu früh geholt.«
    »Das hat die Mama so gewünscht, mein Kind ... Komm her, Natanael, sieh dir
einmal dies kleine Mädchen an - es heisst Fee -«
    »Dummheit! ... wie kann sie denn Fee heissen - das ist ja gar kein Name!«
    Hellwigs Auge streifte gerührt über das kleine Geschöpfchen, das
Elternzärtlichkeit selbst mittels des Rufnamens poetisch zu verklären gesucht
hatte.
    »Ihr Mütterchen hat sie so genannt, Natanael,« sagte er weich; »sie heisst
eigentlich Felicitas ... Ist sie nicht ein armes, armes Ding? Ihre Mama ist
heute begraben worden; sie wird nun bei uns wohnen, und du wirst sie lieb haben,
wie ein Schwesterchen, gelt?«
    »Nein, Papa, ich will kein Schwesterchen haben.«
    Der Knabe war das treue Abbild seiner Mutter. Er hatte schöne Züge und einen
merkwürdig klaren rosigen Teint; aber er hatte auch die hässliche Gewohnheit, das
Kinn auf die Brust zu drücken und mit seinen grossen Augen unter der gewölbten
Stirn hervor nach oben zu schielen, was ihm einen Ausdruck von Heimtücke und
Verschlagenheit gab. In diesem Augenblicke bog er den Kopf noch tiefer als sonst
gegen die Brust, hob den rechten Ellbogen wie zu trotziger Abwehr in die Höhe
und sah unter demselben mit einem bösartigen Ausdrucke nach dem Kinde hinüber.
    Die Kleine stand dort und zog und zerrte verlegen an ihrem Röckchen; der
bedeutend grössere Junge imponierte ihr offenbar, aber allmählich kam sie näher,
und ohne sich durch seine gehässige Stellung abschrecken zu lassen, griff sie
mit leuchtenden Augen nach dem Kindersäbel, der an seinem Gürtel hing. Er stiess
sie zornig zurück und lief seiner Mutter entgegen, die eben wieder eintrat.
    »Ich will aber kein Schwesterchen haben!« wiederholte er weinerlich. »Mama,
schicke das ungezogene Mädchen fort; ich will allein sein bei dir und dem Papa!«
    Frau Hellwig zuckte schweigend die Achseln und trat hinter ihren Stuhl am
Esstische.
    »Bete, Natanael!« gebot sie eintönig und faltete die Hände. Sofort fuhren
die zehn Finger des Knaben ineinander; er senkte demütig den Kopf und sprach ein
langes Tischgebet ... Unter den obwaltenden Umständen war dies Gebet die
abscheulichste Profanation einer schönen christlichen Sitte.
    Der Hausherr rührte das Essen nicht an. Auf seiner sonst so blassen Stirn
lag die Röte innerer Aufregung, und während er mechanisch mit der Gabel spielte,
flog sein getrübter Blick unruhig über die mürrischen Gesichter der Seinen. Das
kleine Mädchen liess es sich dagegen vortrefflich schmecken. Sie steckte einige
Bonbons, die er neben ihren Teller gelegt hatte, gewissenhaft in ihr Täschchen.
    »Das ist für Mama,« sagte sie zutraulich; »die isst Bonbons zu gern; Papa
bringt ihr immer ganze grosse Düten voll mit.«
    »Du hast gar keine Mama!« rief Natanael feindselig herüber.
    »O, das weisst du ja gar nicht!« entgegnete die Kleine sehr aufgeregt. »Ich
habe eine viel schönere Mama, als du!«
    Hellwig sah tieferschrocken und scheu nach seiner Frau, und seine Hand hob
sich unwillkürlich, als wollte sie sich auf den kleinen rosigen Mund legen, der
das eigene Interesse so schlecht zu wahren verstand.
    »Hast du für ein Bettchen gesorgt, Brigittchen?« fragte er hastig, aber mit
sanfter, bittender Stimme.
    »Ja.«
    »Und wo wird sie schlafen?«
    »Bei Friederike.«
    »Wäre nicht so viel Platz - wenigstens für die erste Zeit - in unserem
Schlafzimmer?«
    »Wenn du Natanaels Bett hinausschaffen willst, ja.«
    Er wandte sich empört ab und rief das Dienstmädchen herein.
    »Friederike,« sagte er, »du wirst des Nachts dies Kind unter deiner Obhut
haben - sei gut und freundlich mit ihm; es ist eine arme Waise und an die
Zärtlichkeit einer guten, sanften Mutter gewöhnt.«
    »Ich werde dem Mädchen nichts in den Weg legen, Herr Hellwig,« entgegnete
die Alte, die offenbar gehorcht hatte; »aber ich bin ehrlicher Leute Kind und
hab' in meinem ganzen Leben nichts mit Spielersleuten zu schaffen gehabt - wenn
man nur wenigstens wüsste, ob die Menschen getraut gewesen sind.«
    Sie schielte hinüber nach Frau Hellwig und erwartete ohne Zweifel einen
belobenden Blick für ihre »herzhafte« Antwort, allein die Madame band eben
Natanael die Serviette ab und sah überhaupt drein, als sehe und höre sie von
dem ganzen Handel nichts.
    »Das ist stark!« rief Hellwig entrüstet. »Muss ich denn erst heute erfahren,
dass in meinem ganzen Hause weder Mitleiden noch Erbarmen zu finden ist? Und Du
meinst, du dürftest unbarmherzig sein, weil du ehrlicher Leute Kind bist,
Friederike? ... Nun, zu deiner Beruhigung sollst du wissen, dass die Leute in
rechtlicher Ehe gelebt haben; aber ich sage dir auch hiermit, dass ich von nun an
sehr streng mit dir verfahren werde, sobald ich merke, dass du dem Kinde
irgendwie zu nahe trittst.«
    Es schien, als sei er des Kampfes müde. Er stand auf und trug die Kleine in
die Kammer der Köchin. Sie liess sich gutwillig zu Bett bringen und schlief bald
ein, nachdem sie mit süsser Stimme für Papa und Mama, für den guten Onkel, der
sie morgen wieder zu Mama tragen werde, und - für »die grosse Frau mit dem bösen
Gesichte« gebetet hatte.
    Spät in der Nacht ging Friederike zu Bett. Sie war zornig, dass sie so lange
hatte aufbleiben müssen, und rumorte rücksichtslos in der Kammer. Die kleine
Felicitas fuhr jäh aus dem Schlafe empor; sie setzte sich im Bette auf, strich
die wirren Locken aus der Stirn, und ihre Augen glitten angstvoll suchend über
die räucherigen Wände und dürftigen Möbel der engen, schwach beleuchteten
Kammer.
    »Mama, Mama!« rief sie mit lauter Stimme.
    »Sei still, Kind, deine Mutter ist nicht da; schlafe wieder ein,« sagte die
Köchin mürrisch, während sie sich entkleidete.
    Die Kleine sah erschreckt zu ihr hinüber; dann fing sie an, leise zu weinen
- sie fürchtete sich offenbar in der fremden Umgebung.
    »Na, jetzt heult die Range auch noch, das könnte mir fehlen - gleich bist du
still, du Komödiantenbalg!« Sie hob drohend die Hand. Die Kleine steckte
erschrocken das Köpfchen unter die Decke.
    »Ach, Mama, liebe Mama,« flüsterte sie, »wo bist du nur? Nimm mich doch in
dein Bett - ich fürchte mich so ... ich will auch ganz artig sein und gleich
einschlafen ... Ich habe dir auch etwas aufgehoben, ich habe nicht alles
gegessen - Fee bringt dir etwas mit, liebe Mama ... Oder gib mir nur deine Hand,
dann will ich in meinem Bettchen bleiben und -«
    »Bist du wohl still!« rief Friederike und rannte wie wütend nach dem Bette
des Kindes ... Es rührte sich nicht mehr - nur dann und wann drang ein
unterdrücktes Schluchzen unter der Decke hervor.
    Die alte Köchin schlief längst den Schlaf des Gerechten, als das arme Kind,
die aufgeschreckte Sehnsucht im kleinen Herzen, noch leise nach der toten Mutter
jammerte.
 
                                       5
Hellwig war Kaufmann. Erbe eines bedeutenden Vermögens, hatte er dasselbe durch
verschiedene industrielle Unternehmungen noch vermehrt. Er zog sich jedoch, weil
er kränkelte, ziemlich früh aus der Geschäftswelt zurück und privatisierte in
seiner kleinen Vaterstadt. Der Name Hellwig hatte da einen gewichtigen Klang.
Die Familie war seit undenklichen Zeiten eine der angesehensten, und durch viele
Generationen hindurch hatte immer einer der Träger des geachteten Namens irgend
ein Ehrenamt der Stadt bekleidet. Der schönste Garten vor den Toren des
Städtchens und das Haus am Markte waren seit Menschengedenken im Besitze der
Familie. Das Haus bildete die Ecke des Marktplatzes und einer steil
bergaufsteigenden Strasse, und an dieser Ecke lief die stattliche Fronte des
Gebäudes in einen weit hervorspringenden Erker aus. In den zwei oberen
Stockwerken hingen jahraus, jahrein schneeweisse Rouleaus hinter den Scheiben;
nur dreimal im Jahre und dann stets einige Tage vor den hohen Festen
verschwanden die Hüllen - es wurde gelüftet und gescheuert. Die mächtigen,
erzenen Drachenköpfe hoch oben am Dache, die das Regenwasser aus der Dachrinne
hinunter auf das Pflaster spieen, die Vögel, welche vorüberflatterten, sahen
dann die aufgespeicherten Schätze des alten Kaufmannshauses, sahen die
altmodische Pracht der Zimmer - jene hohen Schränke von kostbarer eingelegter
Arbeit mit den blitzenden Schlössern und Handhaben, die reichen seidendamastenen
Ueberzüge auf den strotzenden Daunenkissen der Kanapees und den hochgepolsterten
Stühlen, die deckenhohen, in die Wand eingefügten, venezianischen Spiegel und in
den Kammern die hochaufgestapelten Gastbetten, deren Leinenüberzügen ein starker
Lavendelduft entquoll.
    Diese Räume wurden nicht bewohnt. Es war niemals Sitte in der Familie
Hellwig gewesen, einen Teil des geräumigen Hauses zu vermieten. Durch alle
Zeiten hatte da droben vornehmes, feierliches Schweigen geherrscht, das nur
unterbrochen wurde durch eine glänzende Hochzeit oder Kindtaufe und im Laufe des
Jahres dann und wann durch den hallenden Schritt der Hausfrau, die dort ihre
Leinenschätze, ihr Silber- und Porzellangeschirr verwahrt hielt.
    Frau Hellwig war als zwölfjähriges Kind in dies Haus gekommen. Die Hellwigs
waren ihr verwandt und nahmen sie auf, als ihre Eltern rasch hintereinander
starben und sie und ihre Geschwister mittellos hinterliessen. Das junge Mädchen
hatte einen schweren Stand der alten Tante gegenüber, die eine strenge und
stolze Frau war. Hellwig, der einzige Sohn des Hauses, empfand anfänglich
Mitleiden für sie, später aber verwandelte sich die Teilnahme in Liebe. Seine
Mutter war entschieden gegen seine Wahl, und es kam deshalb zu schlimmen
Auftritten, allein der Liebende setzte schliesslich seinen Willen durch und
führte das Mädchen heim. Er hatte die mürrische Schweigsamkeit der Geliebten für
mädchenhafte Schüchternheit, ihre Herzenskälte für sittliche Strenge, ihren
starren Sinn für Charakter gehalten und stürzte mit dem Eintritt in die Ehe aus
all seinen Himmeln. Binnen kurzem fühlte der gutmütige Mann die eiserne Faust
einer despotischen Seele im Genicke, und da, wo er dankbare Hingebung gehofft
hatte, trat ihm plötzlich der krasseste Egoismus entgegen.
    Seine Frau schenkte ihm zwei Kinder, den kleinen Natanael und seinen um
acht Jahre älteren Bruder Johannes. Den letzteren hatte Hellwig schon als
elfjähriges Kind zu einem Verwandten, einem Gelehrten, gebracht, der am Rhein
lebte und Vorstand eines grossen Knabeninstituts war.
    Das waren Hellwigs Familienverhältnisse zu der Zeit, wo er das Kind des
Taschenspielers in sein Haus nahm. Das schreckliche Ereignis, dessen Zeuge er
gewesen war, hatte ihn tief erschüttert. Er konnte den flehenden, unsäglich
schmerzlichen Blick der Unglücklichen nicht vergessen, als sie gedemütigt in
seiner Hausflur gestanden und seinen Taler in Empfang genommen hatte. Sein
weiches Herz litt unter dem Gedanken, dass es vielleicht sein Haus gewesen war,
wo das arme Weib den letzten verwundenden Stachel ihrer unglückseligen
Lebensstellung hatte empfinden müssen. Als daher der Pole ihm die letzte Bitte
der Verstorbenen mitteilte, da erbot er sich rasch, das Kind erziehen zu wollen.
Erst als er auf die dunkle Strasse hinaustrat, wohin ihm der letzte,
herzzerreissende Abschiedsruf des unglücklichen Mannes nachscholl, und wo die
Kleine, ihre Aermchen fester um seinen Hals schlingend, nach der Mama frug, erst
da dachte er an den Widerspruch, der ihn voraussichtlich daheim erwartete;
allein er rechnete auf den Liebreiz des Kindes und auf den Umstand, dass seiner
eigenen Ehe ja ein Töchterchen versagt sei - er hatte trotz aller schlimmen
Erfahrungen noch immer keinen vollkommenen Begriff von dem Charakter seines
Weibes, sonst hätte er sofort umkehren und das Kind in die Arme des Vaters
zurückbringen müssen.
    War bis dahin das Verhältnis zwischen Hellwig und seiner Frau ein frostiges
gewesen, so hatte es jetzt nach der Aufnahme der kleinen Waise den Anschein, als
seien granitene Mauern zwischen dem Ehepaar aufgestiegen. Im Hause ging zwar
alles seinen Gang unbeirrt fort. Frau Hellwig wanderte täglich mehrere Male
durch die Haus- und Wirtschaftsräume - sie hatte durchaus keinen schwebenden
Gang, und für ein feines oder gar ein ängstliches Ohr hatten diese harten,
festen Schritte etwas Nervenaufregendes. Fortwährend glitt dabei ihre rechte
Hand über Möbel, Fenstersimse und Treppengeländer - es war ein unbezwinglicher
Hang, eine Manie dieser Frau, die grosse, weisse Hand mit den kolbigen
Fingerspitzen und den breiten Nägeln über alles hinstreifen zu lassen und dann
die innere Fläche sorgsam zu prüfen, ob nicht Staubatome oder das verpönte
Fädchen eines Spinnewebenversuchs daran hänge ... Es wurde gebetet nach wie vor,
und die Stimmen, die Gottes ewige Liebe und Barmherzigkeit priesen, die sein
Gebot wiederholten, nach welchem wir selbst unsere Feinde lieben sollen, sie
klangen genau so eintönig und unbewegt, wie vorher auch. Man nahm die Mahlzeiten
gemeinschaftlich ein, und Sonntags schritt das Ehepaar einträchtig nebeneinander
zur Kirche. Aber Frau Hellwig vermied es mit eiserner Konsequenz, ihren Mann
anzureden. Sie fertigte seine Annäherungsversuche mit der knappesten Kürze ab
und machte es möglich, stets neben oder über der kleinen Gestalt des Hausherrn
hinwegzusehen. Ebensowenig existierte der kleine Eindringling für sie. Sie hatte
an jenem stürmischen Abende der Köchin ein für allemal befohlen, täglich eine
Portion Essen mehr anzurichten, und in die Kammer derselben einige Bettstücke
nebst Leinzeug geworfen. Den kleinen Koffer mit Felicitas' Habseligkeiten, den
unterdes der Hausknecht aus dem »Löwen« gebracht, musste Friederike vor den Augen
der Hausfrau öffnen, und die äusserst sauber gehaltene, kleine Garderobe, welcher
der Hauch eines sehr feinen Odeurs entquoll, sofort auf einen offenen Gang zum
Auslüften hängen ... Hiermit begann und beschloss sie die ihr aufgedrungene
Fürsorge für das »Spielerskind«, und als sie danach wieder in das Zimmer trat,
war sie mit diesem Kapitel innerlich fertig für alle Zeiten. Nur ein einziges
Mal schien es, als ob ein Funke Teilnahme in ihr aufglimme. Eines Tages nämlich
sass eine Nähterin im Wohnzimmer und fertigte aus einem dunklen Stoffe zwei
Kleider für Felicitas, genau nach dem strengen Schnitte, wie die Frau des Hauses
sich trug. Zu gleicher Zeit presste Frau Hellwig die widerstrebende Kleine
zwischen ihre Kniee und bearbeitete deren Kopf so lange mit Bürste, Kamm und
Pomade, bis das wundervolle Lockengeringel die erwünschte Glätte und
Nachgiebigkeit erhielt und sich in zwei hässliche, steife Zöpfe am Hinterkopfe
zwängen liess ... Die Abneigung dieses Weibes gegen Grazie und Anmut, gegen
alles, was wider die Gebote ihrer verknöcherten Ansichten stritt, und was seine
Linien und Formen aus dem Gebiete des Idealen entnahm - jener Widerwille war
stärker noch als ihr Starrsinn, als der Vorsatz, die Anwesenheit des Kindes im
Hause völlig zu ignorieren ... Hellwig hätte weinen mögen, als ihm sein kleiner
Liebling so entstellt entgegentrat, während seine Frau nach der Sühne, die ihr
schönheitsfeindlicher Sinn gebieterisch verlangt hatte, womöglich noch
zurückweisender gegen das Kind war als vorher.
    Noch war indes die Kleine nicht zu beklagen; noch konnte sie aus dem
Bereiche jener Medusenaugen an ein warmes Herz flüchten - Hellwig liebte sie wie
seine eigenen Kinder. Freilich fand er nicht den Mut, dies offen auszusprechen,
- seinen Fonds von Energie hatte er an jenem ereignisvollen Abende seiner Frau
gegenüber völlig erschöpft - aber sein Auge wachte unablässig über Felicitas.
Gleich Natanael hatte sie ihr Spielwinkelchen in ihres Pflegevaters Zimmer;
dort durfte sie ungestört ihre Puppen herzen und sie einwiegen mit den Melodien,
die sie noch gelernt hatte auf den Knieen der Mutter. Natanael ging nicht in
die öffentliche Schule; er erhielt seinen Unterricht von Privatlehrern unter den
Augen des Vaters, und als Felicitas ihr sechstes Jahr erreicht hatte, begann
dieser Unterricht auch für sie. Sobald aber der Schnee schmolz und Krokus und
Schneeglöckchen die noch leeren, schwarzen Rabatten besäumten, wanderte Hellwig
täglich mit den Kindern hinaus in seinen grossen Garten; da draussen wurde gelernt
und gespielt, während man nur zur Essenszeit das Haus am Marktplatze aufsuchte.
Frau Hellwig betrat sehr selten den Garten; sie zog es vor, mit dem
Strickstrumpfe in ihrer grossen, stillen Stube, hinter dem makellos weissen, in
regelrechte Fältchen gebrochenen Fenstervorhange zu sitzen, und zu diesem
Vorzuge hatte sie einen ganz besonderen Grund. Ein Vorfahr Hellwigs hatte den
Garten in altfranzösischem Stile angelegt. Es war sicher eine Meisterhand
gewesen, von welcher die rings verteilten, lebensgrossen mytologischen Figuren
und Gruppen aus Sandstein herrührten. Freilich hoben sich die hellen Gestalten
scharf ab von den düsteren, steifen Taxuswänden. Die reizenden, aber ziemlich
unverhüllten Formen einer Flora, die entblössten zarten Schultern und Arme der
sich sträubenden Proserpina und die muskulöse Nackteit ihres gewaltigen
Entführers mussten den Blick des Eintretenden sogleich auf sich ziehen - und das
waren in der Tat Steine des Anstosses für Frau Hellwig. Sie hatte anfänglich die
Hinwegschaffung dieser »sündhaften Darstellung des menschlichen Leibes«
gebieterisch verlangt, allein Hellwig rettete seine Lieblinge durch Vorzeigung
des väterlichen Testaments, in welchem ausdrücklich die Entfernung der Statuen
untersagt wurde. Hierauf hatte Frau Hellwig nichts Eiligeres zu tun, als zu
Füssen der mytologischen Zankäpfel eine Wildnis von Schlingpflanzen anlegen zu
lassen, und nicht lange dauerte es, so erschien Herrn Plutos grimmiges Gesicht
unter einer ehrwürdigen, grünen Allongeperücke. Eines schönen Morgens aber riss
Heinrich auf Befehl seines Herrn mit einem wahren Wonnegefühl die grünen
Schmarotzer bis auf das kleinste Wurzelfäserchen aus der Erde, und seit der Zeit
vermied es Frau Hellwig im Interesse ihres Seelenheils, noch mehr aber darum,
weil die Statuen hohnlächelnde Zeugen ihrer Niederlage waren, den Garten zu
betreten. Gerade deshalb wurde er aber auch die eigentliche Heimat der kleinen
Felicitas.
    Hinter den grossen Taxuswänden dehnte sich ein grosser, prächtiger Rasenfleck.
Riesige Nussbäume senkten die Stämme tief ein in das blumengesprenkelte Gras, und
ein rauschender Mühlbach durchschnitt zum Teil die grüne Fläche; seine Borde
umsäumte dichtes Haselgesträuch, und der kleine beraste Damm, den man zum
Schutze gegen das im Frühling reissende Gewässer aufgeworfen hatte, schimmerte im
Mai gelb von Schlüsselblumen, und später lugten die rosenroten Aeuglein der
Feldnelken zwischen den wehenden Halmen.
    Felicitas lernte unermüdlich und sass mit merkwürdig beherrschter Haltung in
den Lehrstunden. Wenn aber Hellwig am späten Nachmittage den Unterricht für
beendet erklärte, dann erschien sie plötzlich völlig umgewandelt. Noch hochrot
vom Lerneifer, war sie doch wie toll, wie berauscht von der Freiheit: sie konnte
immer und immer wieder mit hochgehobenen Armen, wie ohne Zweck und Ziel, über
den Rasenplatz jagen, ungebändigt, in wilder Grazie, wie das junge Ross der
Steppe. Dann glitt sie blitzschnell am Stamme eines Nussbaumes empor, tauchte den
Kopf, umwogt von aufgelösten Haarmassen, jauchzend aus der höchsten Spitze des
Wipfels und lag dann plötzlich wieder drunten am Mühlbache; die gefalteten Hände
unter den Kopf gelegt und in das grüne Düster der droben leise auf und ab
wehenden gefiederten Nussblätter schauend, träumte sie, träumte jene hellen,
trügerischen Gebilde von Welt und Zukunft, die sich wohl hinter jeder lebhaft
denkenden Kinderstirne aus gehörten goldenen Märchen und der eigenen
Einbildungskraft zusammenweben ... Drunten rauschte das Wasser eintönig vorüber;
die Sonnenstrahlen taumelten auf den Wellen und drangen gedämpft durch die
dunklen Haselbüsche wie halbverschleierte, geheimnisvolle Glutaugen; Bienen und
Hummeln summten vorüber, und die Schmetterlinge, die, im Vordergarten
gelangweilt, die sorgfältig gepflegten exotischen Gewächse umflattert hatten,
fanden hier das gelobte Land und hingen sich furchtlos an die Blumenkelche dicht
neben der Wange des kleinen Mädchens ...
    Es zogen wohl auch phantastisch geformte, weisse leuchtende Wölkchen droben
über den Baumwipfel - dann stand plötzlich eine rätselhafte Vergangenheit vor
den Augen des tief sinnenden Kindes. Weiss und leuchtend war ja auch das Gewand
der Mutter gewesen; das Kerzenlicht hatte sich förmlich in dem milchweissen
Glanze des Stoffes gespiegelt, der lang und mit Blumen bestreut über das
vermeintliche schmale Bett herabgeflossen war. Felicitas wunderte sich noch
immer, dass die Mutter Blumen in den Händen gehabt und ihr keine einzige
geschenkt hatte; sie grübelte und sann, weshalb man ihr damals nicht erlauben
wollte, die Mama wach zu küssen, was doch sonst jeden Morgen unter gegenseitiger
Schelmerei, zum grossen Jubel des Kindes, hatte geschehen dürfen - sie wusste
nicht, dass das bezaubernde Mutterantlitz, welches sich stets in
leidenschaftlicher Zärtlichkeit über sie herabgeneigt, längst unter der Erde
moderte. Hellwig hatte nie gewagt, ihr die Wahrheit zu sagen; denn wenn sie auch
nach einem Zeitraume von fünf Jahren nicht mehr so bitterlich weinend und mit
stürmischer Heftigkeit nach den Eltern verlangte, so sprach sie doch stets mit
rührender Zärtlichkeit von ihnen und hielt ihres Pflegevaters doppelsinniges
Versprechen, dass sie die Ihrigen dereinst wiedersehen werde, mit unzerstörbarer
Ueberzeugung fest. Ebensowenig kannte sie den Beruf ihres Vaters; er selbst
hatte es so gewünscht, und deshalb sah Hellwig streng darauf, dass niemand im
Hause mit der Kleinen von der Vergangenheit spreche. Es fiel ihm nicht ein, dass
der wohltätige Schleier, den er vor ihren Augen festielt, vor der Zeit seiner
Hand entfallen könne - er dachte nicht an seinen eigenen Tod; und doch schritt
dies furchtbare Gespenst längst unhörbar, aber sicher neben ihm. Er war
unheilbar brustleidend, allein, wie alle derartigen Kranken, hatte er die
unerschütterlichsten Lebenshoffnungen. Er musste bereits auf dem Rollstuhle in
seinen geliebten Garten gefahren werden - das nannte er vorübergehende Schwäche,
die ihn durchaus nicht hinderte, grossartige Bau- und Reisepläne zu entwerfen.
    Eines Nachmittags trat Doktor Böhm in Hellwigs Zimmer. Der Kranke sass an
seinem Schreibtische und schrieb emsig; verschiedene Kissen, die man hinter
seinem Rücken und zu beiden Seiten in den Lehnstuhl gesteckt hatte, hielten die
abgezehrte gebrochene Gestalt aufrecht.
    »Heda!« rief der Doktor, indem er mit dem Stocke drohte. »Was sind denn das
für Extravaganzen? .. Wer, ins Henkers Namen, hat dir denn das Schreiben
erlaubt? Willst du wohl gleich die Feder hinlegen!«
    Hellwig drehte sich um - ein heiteres Lächeln spielte um seine Lippen. »Da
hast du wieder einmal das Exempel!« erwiderte er sarkastisch. »Doktor und Tod
gehören zusammen ... Ich schreibe da an den Jungen, den Johannes, über die
kleine Fee, und da fällt mir, der ich in meinem ganzen Leben nie weniger ans
Sterben gedacht hatte, als gerade jetzt, in dem Augenblicke, wo du ins Haus
trittst, der Satz da aus der Feder.«
    Der Doktor bog sich nieder und las laut: »Ich halte viel von Deinem
Charakter, Johannes, und würde deshalb auch unbedingt die Sorge um das mir
anvertraute Kind in Deine Hände legen, falls ich früher aus der Welt gehen
sollte, als -«
    »Basta, und nun für heute kein Wort weiter!« sagte der Lesende, während er
einen Kasten aufzog und den halbvollendeten Brief hineinlegte. Dann griff er
rasch nach dem Pulse des Kranken, und sein Blick glitt verstohlen über die zwei
zirkelrunden roten Flecken, die auf den scharf hervortretenden Backenknochen
glühten.
    »Du bist wie ein Kind, Hellwig!« schalt er. »Ich darf nur den Rücken wenden,
so machst du sicher dumme Streiche.«
    »Und du tyrannisierst mich himmelschreiend. Aber warte nur, mit nächstem Mai
brenne ich dir durch, und dann magst du mir meinetwegen bis in die Schweiz
nachlaufen.«
    Tags darauf standen die Fenster des Krankenzimmers im Hellwig'schen Hause
weit offen. Ein durchdringender Moschusduft quoll hinaus in die Strasse, und ein
Mann in Trauerkleidung schritt durch die Stadt, um den Honoratioren im Auftrage
der trauernden Witwe anzuzeigen, dass Herr Hellwig vor einer Stunde das Zeitliche
gesegnet habe.
                                       6
Unter dem grünverhangenen, nach der Hausflur mündenden Fenster, da, wo vor fünf
Jahren die schöne unglückliche Frau des Taschenspielers die Pein tiefer
Demütigung erlitten hatte, stand der Sarg mit Hellwigs sterblichen Ueberresten.
Man hatte die Hülle des ehemaligen Kauf- und Handelsherrn noch einmal mit allem
Glanze des Reichtums umgeben. Massiv silberne Handhaben schimmerten am
Totenschreine, und das Haupt des Heimgegangenen ruhte auf einem weissen
Atlaskissen. - Schrecklicher Kontrast! Neben dem eingefallenen Totengesichte
dufteten frisch abgeschnittene Blumen, junges, unschuldiges Leben, bestimmt, vor
der Zeit zu sterben, zur Ehre des Toten!
    Viele Leute kamen und gingen, flüsternd und geräuschlos. Der da lag, war ein
reicher, angesehener und sehr freigebiger Mann gewesen, aber nun war er ja tot.
Fast aller Augen huschten scheu und rasch über die bleichen, zerstörten Züge und
konnten sich nicht satt sehen an dem Prunke, dem letzten Aufflackern irdischer
Herrlichkeit.
    Felicitas kauerte in einer dunklen Ecke, hinter den Kübeln mehrerer Oleander
und Orangenbäume. Zwei Tage hatte sie den Onkel nicht sehen dürfen, das
Sterbezimmer war fest verschlossen gewesen, und nun kniete sie da auf den kalten
Steinfliesen und starrte hinüber auf dies völlig fremde Haupt, dem der Tod
selbst
    das Gepräge unbegrenzter Gutmütigkeit weggewischt hatte ... Was hatte das
Kind vom Sterben gewusst! Sie war in seinen letzten Augenblicken bei ihm gewesen
und hatte doch nicht verstanden, dass mit dem Blutstrome, der über seine Lippen
geflossen, plötzlich alles enden müsse. Er hatte die Augen mit einem
unbeschreiblichen Ausdrucke auf sie geheftet, als sie aus dem Zimmer geschickt
worden. Draussen in der Strasse war sie tief besorgt und zornig vor den weit
offenen Fenstern des Krankenzimmers auf und ab gelaufen - sie wusste ja, er
hütete sich ängstlich vor jedem Zuglüftchen, und nun waren sie so rücksichtslos
da drinnen. Sie hatte sich gewundert, dass abends kein Feuer im Kamin gemacht
werde, und auf ihre endliche Bitte, dem Onkel die Lampe und den Tee
hineintragen zu dürfen, hatte Friederike ärgerlich gerufen: »Ja, Kind, ist's
denn nicht richtig bei dir, oder verstehst du kein Deutsch? Er ist ja tot, tot!«
Nun sah sie ihn wieder, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und jetzt fing das
Kind an, zu begreifen, was Tod sei.
    Sobald ein frischer Strom Neugieriger die Hausflur füllte, kam Friederike
aus der Küche, hielt den Schürzenzipfel vor die Augen und pries die Tugenden des
Mannes, den sie zu ärgern gesucht hatte, wo sie konnte.
    
    »Da seh' einer das Mädchen an!« unterbrach sie sich zornig, als sie
Felicitas' blasses Gesichtchen mit den heissen, trockenen Augen zwischen den
Orangenbäumen entdeckte. »Ob sie auch nur eine einzige Träne vergisst! ...
Undankbares Ding! Sie muss doch auch keinen Funken von Liebe in sich haben!«
    »Du hast ihn nie lieb gehabt und weinst, Friederike!« entgegnete die Kleine
schlagend, aber mit völlig tonloser Stimme, und zog sich tiefer in ihre Ecke
zurück.
    Die Hausflur leerte sich allmählich. Statt der Schaulustigen aus den
niederen Ständen, die sich jetzt draussen auf dem Markte postierten, um den
Leichenzug mit anzusehen, erschienen vornehme, schwarzbefrackte Herren; sie
gingen, nach kurzem Aufentalte am Sarge, in das Wohnzimmer, um der Witwe ihr
Beileid auszusprechen. In der grossen, hochgewölbten Flur herrschte
augenblickliche Stille, sie hätte eine feierliche genannt werden können, wäre
sie nicht hier und da durch das Stimmengesurr drin im Zimmer unterbrochen
worden.
    Da fuhr die kleine Felicitas jäh aus ihrem tiefen Sinnen auf und starrte
erschrocken nach der Glastür, die in den Hofraum führte. Dort hinter den
Scheiben erschien ein merkwürdiges Gesicht - er lag doch hier mit den tief
eingesunkenen Augen und den unbekannten Zügen um den festgeschlossenen Mund, und
dort blickte er forschend in die menschenleere Flur, wiedererstanden mit dem
gütevollen Ausdruck des Gesichts, wenn auch der Kopf in fremdartiger Weise
umhüllt erschien ... War es doch fast gespenstig, als das Türschloss sich leise
bewegte, und gleich darauf die Tür geräuschlos aufging ... Die seltsame
Erscheinung trat auf die Schwelle. Ja, es waren Hellwigs Züge in frappanter
Aehnlichkeit, aber sie gehörten einem weiblichen Wesen, einer kleinen alten
Dame, die in wunderlicher, dem Reiche der Mode längst entrückter Tracht langsam
auf den Sarg zuschritt. Ein sogenanntes Zwickelkleid von schwerem schwarzen
Seidenstoffe, vollkommen faltenlos, spannte sich förmlich über sehr eckige,
magere Formen; es war kurz und liess ein Paar wunderkleiner Füsschen sehen, die
jedoch ziemlich unsicher auftraten. Ueber der Stirn kräuselte sich eine Fülle
schöngeordneter, schneeweisser Locken, und darüber lag ein klar durchsichtiges,
schwarzes Spitzentuch, das unter dem Kinne gebunden war.
    Die alte Dame bemerkte das Kind nicht, das unbeweglich und atemlos zu ihre
aufsah, und trat an den Sarg heran. Sie fuhr bei Erblicken des Totenantlitzes
sichtlich entsetzt zurück, und ihre linke Hand liess wie unbewusst ein Bouquet
köstlicher Blumen auf die Brust der Leiche fallen. Einen Augenblick verbarg sie
ihre Augen im Taschentuche, dann aber legte sie die Rechte, tief erschüttert, in
feierlich beschwörender Weise auf die kalte Stirn des Toten.
    »Weisst du nun, wie alles zusammenhing, Fritz?« flüsterte sie. »Ja, du weisst
es - du weisst es, wie ja auch längst dein Vater und deine Mutter es wissen! ...
Ich habe dir verziehen, Fritz - du wusstest ja nicht, dass du unrecht tatest! ...
Schlaf wohl - schlaf wohl!«
    Sie nahm die wachsbleiche Hand des Verstorbenen noch einmal zärtlich
zwischen ihre beiden Hände; dann trat sie vom Sarge zurück und wollte sich
ebenso geräuschlos entfernen, wie sie gekommen war. In diesem Augenblicke
öffnete sich die Tür des Wohnzimmers, und Frau Hellwig trat heraus. Ihr Gesicht
erschien unter der schwarzen Krepphaube weisser als Marmor, aber die
Unbeweglichkeit ihrer Züge trat auch schärfer hervor denn je - man suchte
vergebens nach der leisesten Spur vergossener Tränen an diesen Augen. Sie hielt
einen plumpen Kranz von Dahlien in den Händen, offenbar, um ihn als letzte
»Liebesgabe« auf den Sarg zu legen.
    Ihr überraschter Blick begegnete dem der alten Dame. Beide blieben einen
Moment wie angewurzelt stehen, aber in den Augen der Witwe begann es unheimlich
zu glühen, ihre Oberlippe hob sich ein wenig und liess einen der weissen
Vorderzähne sehen - es lag etwas wie von unauslöschlicher Rachsucht in diesem
Ausdrucke ... Auch die Züge der alten Dame verrieten eine tiefe Erregung, sie
schien mit einem unsäglichen Widerwillen zu kämpfen, aber sie überwand ihn, und
mit einem sanften, feuchten Blicke auf den Verstorbenen hielt sie Frau Hellwig
die Rechte hin.
    »Was wollen Sie hier, Tante?« fragte die Witwe kurz, indem sie die Bewegung
der kleinen Dame völlig ignorierte.
    »Ihn segnen!« lautete die milde Antwort.
    »Der Segen einer Ungläubigen hat keine Macht.«
    »Gott hört ihn - Seine ewige Weisheit und Liebe wägt nicht zwischen der
armseligen Form - wenn er aus treuem Herzen kommt -«
    »Und aus schuldbeladener Seele!« ergänzte Frau Hellwig in beissendem Hohne.
    Die alte Dame richtete sich hoch auf.
    »Richtet nicht,« begann sie und hob feierlich drohend den Zeigefinger -
»doch nein,« unterbrach sie sich mit unbeschreiblicher Milde und blickte auf den
Toten, »auch nicht ein Wort mehr soll deinen heiligen Frieden stören ... Leb
wohl, Fritz!«
    Sie ging langsamen Schrittes zurück in den Hofraum und verschwand hinter
einer Tür, die Felicitas bis dahin stets verschlossen gefunden hatte.
    »Nun, das war doch stark von der alten Mamsell!« zischelte Friederike, die
von der Küchentür aus den Vorgang beobachtet hatte.
    Frau Hellwig zuckte schweigend die Achseln und legte den Kranz zu Füssen der
Leiche. Noch war sie nicht Herr ihrer inneren Erregung. So ungeübt die Züge
dieser Frau im Ausdrucke weiblicher Milde und Sanftmut waren, so unbeweglich und
wandellos sie auch in ihrer eisernen Strenge erschienen, in Hass und Verachtung
wurden sie unheimlich lebendig - wer einmal das schlimme Lächeln gesehen hatte,
das in solchen Momenten ihre Mundwinkel tief herabzog, der traute der Ruhe
dieses Gesichts nicht mehr. Sie bog sich über den Verstorbenen, anscheinend, um
etwas an dem Arrangement zu ändern; ihre Hand stiess dabei an das Bouquet der
alten Dame - es rollte über den Rand des Sarges und fiel zu Felicitas' Füssen
nieder.
    Draussen schlug es drei. Mehrere Geistliche im Ornate traten in die Hausflur;
auch die Herren kamen aus dem Wohnzimmer, und ihnen folgte Natanael neben einer
hochaufgeschossenen, schmächtigen Jünglingsgestalt. Die Witwe hatte ihrem Sohne
Johannes die Todesnachricht telegraphisch mitgeteilt, und heute morgen war er
gekommen, um der Begräbnisfeierlichkeit beizuwohnen. Die kleine Felicitas vergass
für einen Augenblick ihre Leid und sah mit der ganzen Neugier des neunjährigen
Kindes zu ihm empor, welcher der Liebling des Vaters gewesen war ... Weinte er
wohl hinter der schmalen, mageren aber wohlgepflegten Hand, die er beim Anblicke
des Dahingeschiedenen über seine Augen gelegt hatte? ... Nein, es rollte keine
Träne herab, und ein ungeübtes Auge, wie das des Kindes, konnte ausser einer
ungewöhnlichen Blässe auch sonst kein Merkmal der Erschütterung an dem ernsten
Gesichte bemerken.
    Natanael stand neben ihm. Er vergoss viele Tränen, aber sein Kummer
hinderte ihn nicht, den Bruder leise flüsternd anzustossen, als er Felicitas in
ihrem Schlupfwinkel entdeckte. Johannes' Blick folgte der Richtung des
brüderlichen Zeigefingers. Zum ersten Male hefteten sich diese Augen auf das
Gesicht des Kindes - es waren schreckliche Augen, ernst, finster, ohne das Licht
des Wohlwollens und der inneren Wärme. In der Bibel war ein Bild des
Evangelisten, des Lieblingsschülers Jesu, ein sanftes, schönes Gesicht mit fast
weiblich weichen Linien - »das ist der Johannes am Rhein«, hatte sie stets
behauptet, und der Onkel hatte lächelnd dazu genickt ... Sie hatten nichts
miteinander gemein, jene lieblichen, von hellem Gelock umrahmten Züge und dieser
Kopf mit den schlichten, kurzgeschnittenen Haaren und dem tiefernsten, blassen,
unregelmässigen Profil.
    »Geh fort, Kind, du bist hier im Wege!« gebot er streng, als er sah, dass man
Anstalten machte, den Sarg zu schliessen. Felicitas verliess beschämt und
erschrocken, als habe sie Strafe verdient, den Winkel und schlich, ungesehen von
den anderen, in ihres Pflegevaters ehemaliges Zimmer.
    Jetzt weinte sie bitterlich ... Ihm war sie nicht im Wege gewesen! Sie
fühlte seine fieberhafte Hand wieder auf ihrem Scheitel und hörte seine gute,
schwache Stimme, wie in den letzten Tagen, heiser flüstern: »Komm, Fee, mein
Kind, ich hab' es so gern, wenn du bei mir bist ...!«
    Horch, was war das für ein Hämmern draussen? Es scholl misstönig durch den
hochgewölbten Raum, wo doch die vielen Menschen kaum zu flüstern wagten.
Felicitas hob verstohlen den grünen Vorhang und sah hinaus in die Flur ...
Schrecklich! die Gestalt des Onkels war verschwunden; dort der schwarze Deckel
lag auf seinem lieben Gesichte und hielt ihn für immer unerbittlich fest in der
ausgestreckten Stellung. Wenn er nur ein wenig die Hand hob, stiess sie überall
an harte, fest zusammengefügte Bretter ... und dort klopfte der Mann abermals
und rüttelte an dem Deckel, ob er auch fest sässe, ob ihn nicht die Hand da drin
zurückstossen könne, - da drin in der tiefen Dunkelheit des engen Kastens, da
drin, wo man nicht atmen konnte, wo man so furchtbar allein war ... Die Kleine
schrie laut auf vor Entsetzen.
    Aller Augen richteten sich verwundert auf das Fenster, aber Felicitas sah
nur die grossen, grauen, deren Blick sie vorhin so tief erschreckt hatte. Er
blickte strafend herüber; sie verliess das Fenster und flüchtete sich hinter den
grossen, dunklen Vorhang, der das Zimmer in zwei Hälften teilte. Dort kauerte sie
sich nieder und blickte furchtsam nach der Tür, wo er gewiss eintreten und sie
scheltend hinausführen würde.
    In ihrem Verstecke sah sie nicht, wie draussen die Träger den Sarg auf die
Schultern nahmen, wie der Onkel sein Haus verliess für immer. Sie sah nicht den
langen, schwarzen, unheimlichen Zug, der dem Verstorbenen folgte, wie der letzte
Schatten auf dem nun vollendeten Lebenswege ... Dort an der Ecke hob ein Luftzug
alle die prächtigen weissen Atlasbänder, die am Sarge niederhingen - sie
flatterten hoch auf; war es der letzte Gruss des Geschiedenen für das verlassene
Kind, das eine zärtlich besorgte Mutter dem trüben Sumpfe der väterlichen
Laufbahn entrissen hatte, um es unwissentlich an einen öden, unwirtbaren Strand
zu werfen?
 
                                       7
Das Stimmengemurmel in der Flur war plötzlich verstummt - und es folgte tiefe
Stille. Felicitas hörte, wie die Haustür geschlossen wurde; aber sie wusste
nicht, dass damit das Drama in der Hausflur zu Ende sei. Noch wagte sie sich
nicht aus ihrem Winkel hervor. Sie sass auf dem kleinen, gepolsterten Lehnstuhle,
den der Onkel ihr am letzten Weihnachtsabend geschenkt, und das Köpfchen ruhte
auf ihren beiden Händen, die sich auf dem Tische kreuzten. Ihr Herz klopfte
nicht mehr so ängstlich, aber hinter der kleinen, gesenkten Stirn hämmerte es,
und die Gedanken reihten sich in fieberhafter Schnelligkeit aneinander. Sie
dachte auch an die kleine, alte Dame, deren Bouquet draussen auf den Steinfliesen
lag und wahrscheinlich von den unachtsamen Leuten zertreten wurde ... Das war
also die »alte Mamsell« gewesen, jene Einsame hoch droben unter dem Dache des
Hinterhauses, der stete Zankapfel zwischen der Köchin und Heinrich! Nach
Friederikes Aussage hatte die alte Mamsell Furchtbares auf dem Gewissen - sie
sollte schuld sein an ihres Vaters Tode. Die haarsträubende Geschichte hatte der
kleinen Felicitas stets Furcht und Entsetzen eingeflösst; aber jetzt war das
vorbei ... Die kleine Dame mit dem guten Gesichte und den Augen voll sanfter
Tränen eine Vatermörderin! Da hatte Heinrich sicher recht, wenn er beharrlich
den dicken Kopf schüttelte und ebenso konsequent den geistreichen Satz
aufstellte, das müsse anders zusammenhängen!
    Vor Jahren hatte die alte Mamsell auch hier unten im Vorderhause gewohnt,
aber, wie sich die alte Köchin mit immer neu aufloderndem Zorne ausdrückte - sie
war nicht davon abzubringen gewesen, Sonntagnachmittags unheilige Lieder und
lustige Weisen zu spielen. Die »Madame« hatte ihr Himmel und Hölle vorgestellt,
aber das war alles umsonst gewesen, bis kein Mensch im Hause den Greuel mehr mit
anhören konnte - da hatte Herr Hellwig seiner Frau den Willen getan, und die
alte Mamsell hatte hinauf gemusst unters Dach ... Dort wäre sie unschädlich,
meinte Friederike stets, und man musste ihr recht geben, denn man hörte nie auch
nur einen Laut des verpönten Klavierspiels im Hause ... Der Onkel musste
jedenfalls sehr böse auf die alte Mamsell gewesen sein, denn er hatte nie von
ihr gesprochen; und doch war sie seines Vaters Schwester und sah ihm so ähnlich
... Eine heisse Sehnsucht erfasste die kleine Felicitas bei dem Gedanken an diese
Aehnlichkeit - sie wollte hinauf in die Dachwohnung, aber da stand ja der
finstere Johannes - das Kind schüttelte sich vor Angst - und die alte Mamsell
steckte jahraus, jahrein hinter Riegeln und Schlössern.
    Am Ende eines langen abgelegenen Korridors, dicht an der Treppe, die aus den
unteren Stockwerken herauf führte, war eine Tür. Natanael hatte einmal, als
sie da droben spielten, leise zu ihr gesagt: »Du, da droben wohnt sie!« dann
hatte er, mit beiden Fäusten auf die Tür schlagend, laut geschrieen: »Alte
Dachhexe, komm herunter!« und war in schleuniger Flucht die Treppe
hinabgelaufen. Wie hatte da das Herz der kleinen Felicitas vor Angst und
Schrecken geklopft! denn sie war keinen Augenblick im Zweifel gewesen, es müsse
ein schreckliches Weib mit einem grossen Messer in der Hand hervorstürzen und sie
bei den Haaren fassen ...
    Es fing an, leise zu dämmern. Drüben am Ratause huschte der letzte goldene
Schein der Herbstsonne um das Giebelkreuz, und auf der grossen Wanduhr drin im
Zimmer schlug es langsam und rasselnd fünf - sie hatte genau so eintönig und
langsam jene drei Schläge herabgerasselt, nach welchen ihr ehemaliger Besitzer,
der sie lange Jahre hindurch pünktlich und mit liebevoller Vorsicht bedient,
hinausgetragen worden war.
    Bis dahin war es ziemlich still im ganzen Hause geblieben; aber jetzt wurde
die Tür des Wohnzimmers plötzlich geöffnet, und harte, feste Schritte schollen
durch die Flur. Felicitas zog ängstlich den Vorhang an sich heran, denn Frau
Hellwig näherte sich dem Zimmer des Onkels. Das erschien dem Kinde wunderbar
neu; es war nie vorgekommen, dass die grosse Frau bei Lebzeiten ihres Mannes je
diese Schwelle betreten hatte ... Sie kam ungewöhnlich rasch herein, schob leise
den Nachtriegel vor und blieb dann einen Augenblick mitten im Zimmer stehen. Es
war ein Ausdruck unsäglichen Triumphes, mit welchem diese Frau ihre Blicke
langsam durch den so lange streng gemiedenen Raum gleiten liess.
    Ueber Hellwigs Schreibtisch hingen zwei schöngemalte Oelbilder, ein Herr und
eine Dame. Die letztere, ein stolzes Gesicht, aus dessen Augen aber Geist und
Lebenslust sprühte, war in jener Tracht, welche so unschön die altgriechische
nachzuahmen sucht. Die kurze Taille, die ein weisser leuchtender Seidenstoff
umschloss, wurde noch verkürzt durch einen roten, golddurchwirkten Gürtel; Brust
und Oberarme, fast zu üppig geformt und nur sehr wenig bedeckt, harmonierten in
ihrer herausfordernden Schönheit durchaus nicht mit dem anspruchslosen,
züchtigen Veilchenstrausse, der im Gürtel steckte ... Es war Hellwigs Mutter.
    Vor dieses Bild trat die Witwe jetzt; sie schien sich einen Moment daran zu
weiden. Dann stieg sie auf einen Stuhl, hob es von seiner gewohnten,
langjährigen Stell und schlug vorsichtig, ohne grosses Geräusch einen neuen Nagel
inmitten der zwei alten, an welchen sie das männliche Brustbild, Hellwigs Vater,
hing. Es blickte jetzt einsam hernieder, während die Witwe den Stuhl verliess
und, das weibliche Porträt in der Hand, aus dem Zimmer ging ... Felicitas'
gespanntes Ohr folgte ihren Schritten durch die Hausflur, über die erste Treppe
- sie stieg immer höher in dem widerhallenden Treppenhause - wahrscheinlich bis
in den Bodenraum.
    Sie hatte die Tür nicht völlig hinter sich geschlossen, und als ihr letzter
Schritt droben verhallt war, da erschien Heinrichs scheues Gesicht in der
Spalte.
    »Na, da haben wir's, Friederike!« rief er mit gedämpfter Stimme, der man
aber den Schrecken anhörte, in die Flur zurück. »Es war richtig der sel'gen Frau
Kommerzienrätin ihr Bild!«
    Die alte Köchin riss die Tür weit auf und sah herein.
    »Ach, du meine Güte, wirklich!« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Herr
Je, wenn das die stolze Frau wüsste, die drehte sich in der Erde um - und der
sel'ge Herr erst! ... Na, sie war aber auch zu schrecklich angezogen - so bloss
auf der Brust - ein Christenmensch musste sich schämen!«
    »Meinst du?« entgegnete Heinrich, schlau mit den Augen blinzelnd. »Ich will
dir was sagen, Friederike,« fuhr er fort und legte abzählend den Zeigefinger der
Rechten gegen den linken Daumen. »Die alte Frau Kommerzienrätin hat's durchaus
nicht leiden wollen, dass unser Herr die Madame genommen hat - das kann ihr die
Madame zum ersten nicht vergessen. Zum zweiten war sie eine fidele Frau, die
gern was mitmachte und am liebsten da war, wo lustig aufgespielt wurde, und zum
dritten - hat sie unsere Madame einmal eine herzlose Betschwester geschimpft ...
Merkst du was?«
    Während Heinrichs Beweisführung war Felicitas aus ihrem Verstecke
hervorgekommen. Das Kind fühlte instinktmässig, dass es an dem rauhen, aber
grundgutmütigen alten Burschen von nun an die einzige Stütze im Hause haben
werde. Er hatte sie sehr lieb, und seinen stets wachsamen Augen dankte es die
Kleine hauptsächlich, dass sie bis dahin in glücklicher Unwissenheit über ihre
Vergangenheit geblieben war.
    »Na, Feechen, da bist du ja!« sagte er freundlich und nahm ihre kleine Hand
fest in seine schwielige Rechte. »Ich hab' dich schon in allen Ecken gesucht ...
Komm mit 'nüber in die Gesindestube; denn hier wirst du ja doch nicht mehr
gelitten, armes Ding! ... wenn gar die alten Bilder fort müssen, nachher -«
    Er seufzte und drückte die Tür zu; Friederike war bereits eilig in die
Küche zurückgekehrt, denn man hörte die Schritte der herabsteigenden Frau
Hellwig.
    Felicitas sah sich scheu um in der Hausflur - sie war leer; da, wo der Sarg
gestanden hatte, lagen zertretene Blumen und Blätter am Boden.
    »Wo ist der Onkel?« fragte sie flüsternd, indem sie sich widerstandslos von
Heinrich nach der Gesindestube führen liess.
    »Nu, sie haben ihn fortgetragen; aber du weisst ja doch, Kindchen, er ist nun
im Himmel - da hat er's gut, besser als auf der Erde,« antwortete Heinrich
wehmütig.
    Er nahm seine Mütze vom Nagel und ging fort, um einen Auftrag in der Stadt
zu besorgen.
    In der Gesindestube herrschte bereits starke Dämmerung. Seit Heinrichs
Weggange kniete Felicitas auf der Holzbank, die unter den eng vergitterten
Fenstern weglief, und blickte unablässig in das Stückchen dunkelnden Himmels
droben über den Giebelhäusern der schmalen, steilen Gasse, wo ja der Onkel nun
sein sollte ... Sie fuhr erschrocken zusammen, als Friederike mit der
Küchenlampe eintrat. Die alte Köchin stellte einen Teller mit Butterbrot auf den
Tisch.
    »Komm her, Kind, und iss - da ist dein Abendbrot!« sagte sie.
    Die Kleine kam näher, aber sie rührte das Essen nicht an; sie griff nach
ihrer Schiefertafel, die Heinrich aus des Onkels Zimmer herübergebracht, und
fing an zu schreiben. Da kamen hastige Schritte durch die anstossende Küche, und
gleich darauf steckte Natanael seinen blonden Kopf durch die offenen Tür.
Felicitas zitterte, denn er war stets sehr ungezogen, wenn er sich mit ihr
allein sah.
    »Ah, da sitzt ja Jungfer Fee!« rief er in einem Tone, den Felicitas so sehr
an ihm fürchtete. »Hör mal, du ungezogenes Ding, wo hast du denn die ganze Zeit
über gesteckt?«
    »In der grünen Stube,« antwortete sie, ohne aufzublicken.
    »Du, das probiere nicht noch einmal!« sagte er drohend. »Da hinein gehörst
du jetzt nicht mehr, hat die Mama gesagt ... Was schreibst du denn da?«
    »Meine Arbeit für Herrn Richter.«
    »So - für Herrn Richter,« wiederholte er und wischte dabei mit einer raschen
Bewegung das Geschriebene von der Tafel. »Also du bildest dir ein, Mama wäre so
dumm, die teuren Privatstunden noch für dich zu bezahlen? ... Sie wird sich
hüten. Das ist alles vorbei, hat sie gesagt ... Du kannst nun wieder dahin
gehen, wo du hergekommen bist - nachher wirst du das, was deine Mutter war, und
dann machen sie es mit dir auch so« - er legte die Hände gegen die Wange, machte
die Pantomime des Schiessens und schrie: »Puff!«
    Die Kleine sah ihn mit weitgeöffneten Augen an. Er sprach von ihrem
Mütterchen - das war ja noch nicht geschehen, aber was er sagte, klang so
unverständlich.
    »Du kennst doch meine Mama gar nicht!« sagte sie halb fragend und ungewiss;
es schien, als ob sie den Atem anhielt.
    »O, ich weiss viel mehr von ihr, als du!« erwiderte er und setzte nach einer
Pause hinzu, während sein Blick heimtückisch unter der gesenkten Stirn
hervorschielte: »Gelt, du weisst noch nicht einmal, was deine Eltern waren?«
    Die Kleine schüttelte das Köpfchen mit einer lieblich unschuldigen Bewegung,
aber zugleich hefteten sich ihre Augen wie ängstlich flehend an seine Lippen -
sie kannte die Art und Weise des Knaben viel zu gut, um nicht zu wissen, dass
jetzt etwas kommen müsse, was ihr wehe tun sollte.
    »Spielersleute waren sie!« schrie er mit hämischer Betonung. »Weisst du,
solche Leute, wie wir sie auf dem Vogelschiessen gesehen haben - sie machen
Kunststücke, Purzelbäume und solches Zeug und gehen nachher mit dem Teller herum
und betteln.«
    Die Schiefertafel fiel auf den Boden und zerbrach in kleine Stücke.
Felicitas war aufgesprungen und stürzte wie toll an dem verblüfften Knaben
vorüber hinaus in die Küche.
    »Er lügt, gelt, er lügt, Friederike?« rief sie in schneidenden Tönen und
fasste den Arm der Köchin.
    »Das kann ich gerade nicht sagen, aber übertrieben hat er,« entgegnete
Friederike, deren hartes Herz beim Anblick des furchtbar aufgeregten Kindes ein
menschliches Rühren empfand. »Gebettelt haben sie nicht; freilich - das ist wahr
- Spielersleute sind sie gewesen -«
    »Und sehr schlechte Kunststücke haben sie gemacht!« ergänzte Natanael,
indem er an den Herd trat und forschend in Felicitas' Gesicht sah - sie weinte
ja noch nicht; ja, sie sah ihn so »unverschämt wild« an mit ihren heissen,
funkelnden Augen, dass er in eine förmliche Wut geriet.
    »Greuliche Kunststücke haben sie gemacht!« wiederholte er. »Deine Mutter hat
Gott, den Herrn, versucht, und deshalb kommt sie auch nie in den Himmel, sagte
die Mama.«
    »Sie ist ja gar nicht gestorben!« stiess Felicitas hervor. Ihr kleiner,
blasser Mund zuckte fieberisch, und ihre Hand umschloss krampfhaft die Rockfalten
der Köchin.
    »O, freilich, du dummes Ding, längst, längst - der sel'ge Papa hat dir's nur
nicht gesagt ... Drüben im Rataussaale ist sie bei einem Kunststücke von den
Soldaten erschossen worden.«
    Das gequälte Kind stiess ein herzzerreissendes Jammergeschrei aus; Friederike
hatte bei Natanaels letzten Worten bestätigend mit dem Kopfe genickt - er hatte
also nicht gelogen.
    In diesem Augenblicke kehrte Heinrich von seinem Ausgange zurück. Natanael
machte sich aus dem Staube, als die breitschultrige Gestalt des Hausknechts auf
der Schwelle erschien ... Heimtückische Naturen haben stets eine unüberwindliche
Scheu vor einem geraden, ehrlichen Gesichte. Auch der Köchin schlug das Gewissen
- sie hantierte emsig bei ihrem Herde.
    Felicitas schrie nicht mehr. Sie hatte die hochgehobenen, verschränkten Arme
gegen die Wand geworfen und ihre Stirn darauf gepresst, aber man hörte, wie sie
gegen ein heftiges Schluchzen ankämpfte.
    Der durchdringende Schrei des Kindes war bis in die Hausflur gedrungen,
Heinrich hatte ihn gehört; er sah noch, wie Natanael hinter der Zimmertür
verschwand, und wusste sogleich, dass hier irgend eine Bosheit verübt worden war.
Ohne ein Wort zu sagen, drehte er die Kleine von der Wand weg und hob das
Gesichtchen empor - es war furchtbar entstellt. Bei seinem Anblicke brach das
Kind abermals in ein lautes Weinen aus und stiess schluchzend die Worte hervor:
»Sie haben mein armes Mütterchen totgeschossen - meine liebe, gute Mama!«
    Heinrichs breites, gutmütiges Gesicht wurde ganz blass vor innerem Grimme -
er schien einen Fluch zu unterdrücken.
    »Wer hat dir denn das gesagt?« fragte er und sah drohend nach Friederike
hinüber.
    Das Kind schwieg; aber die Köchin begann den Hergang zu erzählen, wobei sie
das Feuer schürte den eben begossenen Braten noch einmal begoss und allerlei
unnötige Dinge verrichtete, um nicht in Heinrichs Gesicht blicken zu müssen.
    »Na, ich meine auch, Natanael hätte es ihr just heute noch nicht zu sagen
gebraucht,« schloss sie endlich, »aber morgen oder übermorgen nimmt sie die
Madame doch ins Gebet, und da wird sie ganz gewiss nicht mit Handschuhen angefasst
- darauf kannst du dich verlassen!«
    Heinrich führte Felicitas in die Gesindestube, setzte sich neben sie auf die
Holzbank und suchte sie zu beruhigen soweit er es in seiner ungelenken Redeweise
vermochte. Er erzählte ihr schonend den schrecklichen Vorfall im Rataussaale
und sagte schliesslich, dass ja die Mama, von der die Leute schon damals gesagt
hätten, sie sähe aus wie ein Engel, nun auch droben im Himmel sei und jeden
Augenblick ihre kleine Fee sehen könne. Dann streichelte er zärtlich das
Köpfchen des Kindes, das aufs neue in krampfhaftes Weinen ausbrach.
 
                                       8
Am anderen Morgen hallte das Ausläuten der Glocken feierlich über die Stadt. Die
schmale, steile Gasse hinauf strömten die Andächtigen nach der hochgelegenen
Barfüsserkirche. Samt und Seide und auch minder kostbare, aber doch sonntägige
Stoffe wurden in die Kirche getragen, nicht allein zur Ehre Gottes, sondern auch
um der Augen des lieben Nächsten willen.
    Aus dem stattlichen Eckhause am Marktplatze schlüpfte eine kleine, schwarz
umhüllte Gestalt. Niemand hätte unter dem grossen, plumpen Umhängetuche, das eine
Nadel unter dem Kinne zusammenhielt, die feinen, graziösen Formen der kleinen
Felicitas zu entdecken vermocht. Friederike hatte der Kleinen das hässliche,
grobe Gewebe mit den wichtig betonten Worten umgelegt, dass die Madame ihr das
schöne Tuch zur Trauer schenke; dann hatte sie die Haustür geöffnet und dem
hinauseilenden Kinde streng anbefohlen, ja nicht etwa, wie sonst, in den
Familienkirchenstuhl zu gehen - es sei Platz für sie auf den Bänkchen der
Schulkinder.
    Felicitas drückte das Gesangbuch unter den Arm und schritt hastig um die
Ecke. Es war unverkennbar, sie strebte ungeduldig vorwärts zu kommen; aber da
drüben schritten feierlich gemessenen Ganges drei schwarzgekleidete Gestalten,
deren Anblick sofort ihre Schritte verlangsamte ... Ja, dort ging sie, die grosse
Frau inmitten ihrer zwei Söhne, und alle Menschen, die vorüberkamen, neigten
sich tief und respektvoll. Sie hatte zwar das ganze Jahr über fast für niemand
einen guten Blick, und der Mund sprach oft unbarmherzig zu denen, die Hilfe
suchten; und dort der kleinere Knabe an ihrer Linken schlug die Bettelkinder,
die sich ins Haus wagten, und trat mit Füssen nach ihnen. Er log auch abscheulich
und schwur dann heilig und teuer, dass er nicht gelogen habe - aber das schadete
alles nicht. Sie gingen jetzt in die Kirche, setzten sich in den streng
abgeschlossenen Kirchenstuhl, hinter vornehme Glasscheiben, und beteten zum
lieben Gott, und er hatte sie lieb, und sie kamen in seinen Himmel: denn - sie
waren ja keine Spielersleute.
    Die drei Gestalten verschwanden in der Kirchentür. Das Kind folgte ihnen
mit den ängstlichen Augen, dann huschte es vorüber, vorüber an all den offenen
Türen, aus denen bereits der Orgelklang scholl, und die einen Blick gewährten
in das magische Düster der Kirchenhalle, über die dichtgedrängten Reihen der
Andächtigen. An das trotzig empörte, heftig pochende Kinderherz aber, das da
draussen vorübereilte, schlug der Orgelton vergeblich. Es konnte heute nicht zum
lieben Gott beten; er wollte ja nichts wissen von dem armen, erschossenen
Mütterchen, er litt es nicht in seinem grossen, blauen Himmel - es lag einsam
draussen auf dem Gottesacker, und da musste das Kind hin und musste es besuchen.
    Felicitas bog ein in eine zweite Gasse, die noch steiler den Berg
hinauflief, als die drunten neben dem Hause. Dann kam das hässliche Stadttor mit
dem noch viel hässlicheren Turme, der auf seinem Rücken dräute, aber durch die
Torwölbung leuchtete es grün. Da schlangen sich die prächtigen, wohlgepflegten
Lindenalleen in wunderlichem Kontraste um alte, geschwärzte Stadtmauern, wie ein
frischer Myrtenkranz um einen ergrauten Scheitel ... Wie war es so feierlich
still hier oben! Das Kind erschrak vor seinen eigenen Schritten, unter denen der
Kies knirschte - es ging ja auf verbotenem Wege. Aber es lief immer rascher und
stand endlich, tief Atem schöpfend, vor dem Eingangstore des Gottesackers.
    Noch nie hatte Felicitas diesen stillen Ort betreten - sie kannte jene
kleinen, gleichförmig nebeneinander liegenden Felder noch nicht, jene
Schlusssteine, unter denen das vielgestaltige Leben urplötzlich verbraust und
verklingt. Neben dem schwarzen Eisengitter der Tür streckten zwei grosse
Holunderbüsche die Zweige hervor, gebeugt von der Last ihrer schwarzen,
glänzenden Beerendolden, und da seitwärts erhob sich das graue Gemäuer einer
alten Kirche - das sah düster aus: aber dort hinüber dehnte sich ein weiter
Plan, bunt besät mit Blumen und Büschen, auf denen das Gold der milden
Herbstsonne lag.
    »Wenn willst du denn besuchen, Kleine?« fragte ein Mann, der in Hemdärmeln
an der Tür des Leichenhauses lehnte und blaue Wolken aus seiner Tabakspfeife in
die klare Luft blies.
    »Meine Mama,« entgegnete Felicitas hastig und liess ihre Augen suchend über
das grosse Blumenfeld gleiten.
    »So - ist die schon hier? - Wer war sie denn?«
    »Sie war eine Spielersfrau.«
    »Ah, die vor fünf Jahren auf dem Ratause umgekommen ist? ... Die liegt da
drüben, gleich neben der Kirchenecke.«
    Da stand nun das kleine, verlassene Wesen vor dem Fleckchen Erde, das den
Gegenstand all seiner süssen, sehnsüchtigen Kindesträume deckte! ... Ringsum
lagen geschmückte Gräber; die meisten waren mit buntfarbigen Astern so völlig
bedeckt, als habe der liebe Gott alle seine Sterne vom Himmel schneien lassen.
Nur der schmale Streifen zu des Kindes Füssen zeigte dürres, verbranntes Gras,
gemischt mit üppig wuchernden Queckenranken. Unachtsame Füsse hatten bereits
einen Weg darüber gebahnt; die anfangs lockere, von Regengüssen durchwühlte Erde
war tief eingesunken, und mit ihr der weisse, schmucklose Stein zu Füssen des
vernachlässigten Grabes - »Meta d'Orlowska« stand in grossen, schwarzen Lettern
dicht am Erdrande ... An diesem Steine kauerte sich Felicitas nieder, und ihre
kleinen Hände wühlten in eienr von Gras entblössten Stelle ... Erde, nichts als
Erde! Diese schwere, fühllose Masse lag auf dem zärtlichen Gesichte, auf der
lieben Gestalt im lichtglänzenden Atlasgewande, auf den Blumen in den
lilienweissen, erstarrten Händen. Jetzt wusste das Kind, dass die Mutter damals
nicht bloss geschlafen habe.
    »Liebe Mama,« flüsterte sie, »du kannst mich nicht sehen, aber ich bin da,
bei dir! Und wenn auch der liebe Gott nichts von dir wissen will - er hat dir ja
nicht ein einziges Blümchen geschenkt - und kein Mensch kümmert sich um dich,
ich hab' dich lieb und will immer zu dir kommen! ... Ich will auch nur dich
allein lieb haben, nicht einmal den lieben Gott, denn er ist so streng und
schlimm gegen dich!«
    Das war das erste Gebet des Kindes am Grabe der verfemten Mutter ... Ein
leichtes Lüftchen strich vorüber, weich und kühlend, wie sich die
beschwichtigende Mutterhand um die klopfenden Schläfe des fieberkranken
Lieblings legt. Die Astern nickten herüber zu dem tieftraurigen Kinde, und auch
durch die dürren Blütenrispen der Gräser zog es leise flüsternd; und droben
dehnte sich der Himmel in durchsichtiger Klarheit - der ewige, wandellose
Himmel, den Menschenbegriffe zu einem Tummelplatze irdischer Leidenschaften
machen.
    Als Felicitas später in das düstere Haus am Marktplatze zurückkehrte - das
Kind wusste nicht, wie lange es träumend da draussen auf dem weiten, stillen
Totenfelde gesessen hatte - fand sie die Haustür nur angelehnt. Sie schlüpfte
hinein, blieb aber sofort erschrocken in der nächsten Ecke stehen, denn die Tür
zu des Onkels Zimmer stand ziemlich weit offen, Johannes' Stimme klang heraus,
und Felicitas hörte, wie er mit festen, langsamen Schritten auf und ab ging.
    Ein so eigentümlich wilder Trotz auch seit gestern über die Kleine gekommen
war, die Furcht vor jener unbewegten, grausam kalten Stimme und den
unerbittlichen, grauen Augen war doch noch grösser. Sie konnte unmöglich in das
Bereich der halboffenen Tür treten - ihre kleinen Füsse standen wie eingewurzelt
auf den Steinplatten.
    »Ich gebe dir vollkommen recht, Mama,« sagte Johannes drinnen, indem er
stehen blieb; »das kleine, lästige Geschöpf wäre am besten in irgend einer
braven Handwerkerfamilie aufgehoben. Aber dieser unvollendete Brief hier ist für
mich so massgebend, wie ein rechtskräftiges Testament ... Einmal sagt der Papa,
dass er das Kind um keinen Preis aus dem Schutze seines Hauses entlassen werden -
es sei denn, dass es der Vater selbst zurückfordere - und hier mit den Worten: -
ich würde deshalb auch unbedingt die Sorge um das mir anvertraute Kind in deine
Hände legen - macht er mich unwiderleglich zum Vollstrecker seines Willens ...
Es kommt mir durchaus nicht zu, an der Handlungsweise meines Vaters irgendwie zu
mäkeln, aber wenn er gewusst hätte, wie unsagbar zuwider mir die Menschenklasse
ist, aus der das Kind stammt - er würde mich mit dieser Vormundschaft verschont
haben.«
    »Du weisst nicht, was du von mir verlangst, Johannes!« entgegnete die Witwe
im Tone tiefsten Verdrusses. »Fünf lange Jahre habe ich diesen Auswürfling, dies
gottverlassene Wesen stillschweigend neben mir dulden müssen - ich kann es nicht
länger!«
    »Nun, dann bleibt uns kein anderer Ausweg, als ein Aufruf an den Vater des
Kindes.«
    »Ja, da kannst du rufen!« erwiderte Frau Hellwig mit einem kurzen,
höhnischen Auflachen. »Der dankt Gott, dass er den Brotesser los ist! Doktor Böhm
sagt mir, soviel er wisse, habe der Mann zu Anfang ein einziges Mal von Hamburg
aus geschrieben - seit der Zeit nicht wieder.«
    »Als gute Christin wirst du übrigens auch nicht zugeben, liebe Mama, dass das
Kind dahin zurückkehrt, wo seine Seele verloren geht -«
    »Sie ist so wie so verloren!«
    »Nein, Mama! Wenn ich auch nicht leugnen will, dass der Leichtsinn in diesem
Blute stecken muss, so glaube ich doch auch fest an den Segen einer guten
Erziehung.«
    »Du meinst also, wir bezahlen das schwere Geld noch so und so viel Jahre
länger für ein Geschöpf, das uns auf der Gotteswelt nichts angeht? - Sie hat
Unterricht im Französischen, im Zeichnen -«
    »Ei behüte, das fällt mir nicht ein!« unterbrach Johannes die Aufzählung -
zum erstenmal erhielt diese monotone Stimme eine etwas lebhaftere Klangfarbe.
»Das fällt mir nicht ein,« wiederholte er. »Mir ist diese moderne weibliche
Erziehung ohnehin ein Greuel ... Solche Frauen wie dich, die, echt christlichen
Sinnes und in wahrhafter Weiblichkeit, nie die ihnen gesteckten Grenzen
überschreiten, die wird man in kurzem suchen müssen ... Nein, das alles hat von
jetzt ab ein Ende! Erziehe das Mädchen häuslich, zu dem, was einst seine
Bestimmung sein wird - zur Dienstbarkeit ... Ich lege die Angelegenheit völlig
und unbesorgt in deine Hände. Mit deinem starken Willen, deinem Christentum -«
    Hier wurde die Tür plötzlich weiter aufgerissen, und Natanael, der sich
bei dem Zwiegespräche langweilen mochte, sprang heraus. Felicitas drückte sich
gegen die Wand; aber er sah sie doch und stürzte wie ein Stossvogel auf die
Zitternde zu.
    »Ja, verstecke dich nur, das hilft dir nichts!« rief er und presste ihr
zartes Handgelenk beim Weiterzerren so heftig, dass sie aufschrie. »Jetzt kommst
du mit und sagst der Mama gleich den Text der Predigt! Gelt, das kannst du
nicht? Du warst nicht auf den Schulbänkchen, ich hab' genau aufgepasst ... Und
wie siehst du denn aus? ... Nein, Mama, sieh dir nur einmal dies Kleid an!«
    Mit diesen Worten zog er die widerstrebende Kleine an die Tür.
    »Komm herein, Kind!« gebot Johannes, der mitten im Zimmer stand und den
Brief seines Vaters noch in der Hand hielt.
    Felicitas trat zögernd über die Schwelle. Sie sah einen Moment an der hohen,
schmalen Gestalt empor, die vor ihr stand. Da lag kein Stäubchen auf dem
ausgesucht feinen, schwarzen Anzuge; das Weisszeug leuchtete in blendender
Frische; nicht ein Härchen auf der Stirn krümmte sich gegen die Hand, die
unablässig, fast ängstlich darüber hinstrich - da war alles peinlich geordnet
und sauber. Er blickte mit einer Art von Abscheu auf den Kleidersaum des Kindes.
    »Wo hast du dir das geholt?« fragte er und zeigte nach der Stelle, die
seinen Blick auf sich zog.
    Die Kleine sah scheu hinab - das sah freilich schlimm aus. Gras und Wege
draussen waren noch taunass gewesen; sie hatte beim Niederwerfen am Grabe nicht
daran gedacht, dass solche auffallende Spuren an dem schwarzen Kleide
zurückbleiben könnten ... Sie stand schweigend mit gesenkten Augen da.
    »Nun, keine Antwort? ... Du siehst aus wie das böse Gewissen selbst - du
warst nicht in der Kirche, wie?«
    »Nein,« sagte die Kleine aufrichtig.
    »Und wo warst du?«
    Sie schwieg. Sie hätte sich lieber totschlagen lassen, ehe der Muttername
vor diesen Ohren über ihre Lippen gekommen wäre.
    »Ich will dir's sagen, Johannes,« entgegnete Natanael an ihrer Stelle; »sie
war draussen in unserem Garten und hat Obst genascht - so macht sie's immer.«
    Felicitas warf ihm einen funkelnden Blick zu, aber sie öffnete die Lippen
nicht.
    »Antworte,« gebot Johannes, »hat Natanael recht?«
    »Nein; er hat gelogen, wie er immer lügt!« entgegnete das Kind fest.
    Johannes streckte in diesem Augenblicke ruhig den Arm aus, um Natanael
zurückzuhalten, der wütend auf seine Anklägerin losstürzen wollte.
    »Rühr sie nicht an, Natanael!« gebot auch Frau Hellwig dem Knaben. Sie
hatte bis dahin schweigend im Lehnstuhle des Onkels am Fenster gesessen. Jetzt
erhob sie sich - hu, was warf die grosse Frau für einen düstern Schatten in das
Zimmer!
    »Du wirst mir glauben, Johannes,« wendete sie sich an ihren Sohn, »wenn ich
dir versichere, dass Natanael niemals die Unwahrheit sagt. Er ist fromm und lebt
in der Furcht des Herrn, wie selten ein Kind - ich habe ihn behütet und
geleitet, das wird dir genügen ... Es hat noch gefehlt, dass sich dies
erbärmliche Geschöpf zwischen die Geschwister stellt, wie es bereits zwischen
den Eltern der Fall gewesen ist ... Ist es nicht an sich unverzeihlich, dass sie,
statt in die Kirche zu gehen, sich an anderen Orten herumtreibt? - mag sie nun
gewesen sein, wo sie will!«
    Ihre Augen glitten mit tödlicher Kälte über die kleine Gestalt.
    »Wo ist das neue Tuch, dass du heute Morgen bekommen hast?« fragte sie
plötzlich.
    Felicitas fuhr erschreckt mit den Händen nach den Schultern - o Himmel, es
war verschwunden, es lag sicher draussen auf dem Gottesacker! Sie fühlte recht
gut, dass sie sich einer grossen Unachtsamkeit schuldig gemacht habe - sie war
tief beschämt; ihre gesenkten Augen füllten sich mit Tränen, und die Bitte um
Verzeihung drängte sich auf ihre Lippen.
    »Nun, was sagst du dazu, Johannes?« fragte Frau Hellwig mit schneidender
Stimme. »Ich schenke ihr das Tuch vor wenig Stunden, und an ihrem Gesicht wirst
du sehen, dass es bereits verloren ist ... Ich möchte wissen, wieviel diese
Garderobe deinem seligen Vater das Jahr über gekostet hat ... Gib sie auf, sag
ich dir! Da ist Hopfen und Malz verloren - du wirst nie ausrotten können, was
von einer leichtfertigen, liederlichen Mutter aufgeerbt ist!«
    In diesem Augenblicke ging eine schreckliche Veränderung in Felicitas'
Aeusserem vor. Eine tiefe Scharlachröte ergoss sich über das ganze Gesicht und den
lilienweissen Hals bis unter den Ausschnitt des groben schwarzen Wollkleides.
Ihre dunklen Augen, in denen noch die Tränen der Reue funkelten, blickten
sprühend empor zu dem Gesichte der Frau Hellwig. Jene ängstliche Scheu vor der
Frau, die fünf Jahre lang auf dem kleinen Herzen gelastet und ihr stets die
Lippen verschlossen hatte, war verschwunden. Alles, was seit gestern ihre
kindlichen Nerven in die furchtbarste Spannung versetzt hatte, es trat plötzlich
überwältigend in den Vordergrund und nahm ihr den letzten Rest von
Selbstbeherrschung - sie war ausser sich.
    »Sagen Sie nichts über mein armes Mütterchen, ich leide es nicht!« rief sie;
ihre sonst so weiche Stimme klang fast gellend. »Es hat Ihnen nichts zuleide
getan! ... Wir sollen nie Böses von den Toten sprechen - hat der Onkel immer
gesagt, denn sie können sich nicht verteidigen - Sie tun es aber doch, und das
ist schlecht, ganz schlecht!«
    »Siehst du die kleine Furie, Johannes?« rief Frau Hellwig höhnisch. »Das ist
das Resultat der freisinnigen Erziehung deines Vaters! Das ist das feenhafte
Geschöpfchen, wie er das Mädchen in dem Briefe da nennt!«
    »Sie hat recht, wenn sie ihre Mutter verteidigt,« sagte Johannes halblaut
mit ernstem Blicke; »aber die Art und Weise, wie sie es tut, ist eine
ungebärdige, abscheuliche ... Wie kannst du dich unterstehen, in so
ungebührlicher Weise zu dieser Dame zu reden?« wandte er sich zu Felicitas, und
ein schwacher Schimmer von Rot flog über sein bleiches Gesicht. »Weisst du nicht,
dass du verhungern musst, wenn sie dir kein Brot gibt, und dass draussen das
Strassenpflaster dein Kopfkissen sein wird, wenn sie dich aus dem Hause stösst?«
    »Ich will ihr Brot nicht!« presste das Kind hervor. »Sie ist eine böse, böse
Frau - sie hat so schreckliche Augen ... Ich will nicht hier bleiben in euerem
Hause, wo gelogen wird, und wo man sich den ganzen Tag fürchten muss vor der
schlechten Behandlung - lieber will ich gleich unter die dunkle Erde zu meiner
Mutter, lieber will ich verhungern -«
    Sie konnte nicht weiter sprechen; Johannes hatte ihren Arm gefasst, seine
mageren Finger drückten sich wie eiserne Klammern in das Fleisch - er schüttelte
sie einige Male heftig.
    »Komm zu dir, komm zur Besinnung, abscheuliches Kind!« rief er. »Pfui, ein
Mädchen und so zügellos! Bei dem unverzeihlichen Hange zu Leichtsinn und
Liederlichkeit auch noch diese masslose Heftigkeit! ... Ich sehe ein, hier ist
viel versehen worden,« wandte er sich an seine Mutter, »aber unter deiner Zucht,
Mama, wird das anders werden.«
    Er liess den Arm der Kleinen nicht los und führte sie unsanft aus dem Zimmer
hinüber in die Gesindestube.
    »Von heute an habe ich über dich zu gebieten - merke dir das!« sagte er
rauh; »und wenn ich auch fern bin, ich werde dich doch exemplarisch zu strafen
wissen, sobald ich erfahre, dass du meiner Mutter nicht in allen Stücken ohne
Widerrede gehorchst ... Für dein heutiges Benehmen hast du auf längere Zeit
Hausarrest, um so mehr, als du von der Freiheit einen so schlechten Gebrauch
machst. Du betrittst den Garten ohne ganz spezielle Erlaubnis meiner Mutter
nicht wieder; ebensowenig gehst du auf die Strasse, die Wege nach der
Bürgerschule ausgenommen, die du von nun an besuchen wirst; und hier in der
Gesindestube magst du essen und dich tagüber aufhalten, bis du bessere Sitten
zeigst ... Hast du mich verstanden?«
    Die Kleine wandte schweigend das Gesicht ab, und er verliess die Stube.
 
                                       9
Nachmittags trank die Familie Hellwig den Kaffee draussen im Garten. Friederike
hatte ihren kattunenen, flanellgefütterten Sonntagsmantel über die Schultern
geworfen, die schwarzseidene, wattierte Staatsmütze aufgesetzt und war zuerst in
die Kirche und dann zu einer »Frau Muhme« auf Besuch gegangen. Heinrich und
Felicitas waren allein in dem grossen, kirchenstillen Hause. Ersterer war längst
heimlicherweise draussen auf dem Gottesacker gewesen und hatte das
verhängnisvolle Tuch heimgeholt - es lag nun gesäubert und regelrecht
zusammengelegt im Kasten.
    Der ehrliche Bursche hatte die vormittägige Szene von der Küche aus mit
angehört und zum Teil auch gesehen; er war sehr in Versuchung gewesen,
hervorzuspringen und mit seinen derben Fäusten den Sohn des Hauses ebenso zu
schütteln, wie die zarte Gestalt des aufrührerischen Kindes hin und her
geschüttelt wurde. Jetzt sass er da in der Gesindestube und schnitzelte an seinem
defekten Ausgehstock herum, wobei er leise und zwar sehr ungeschickt und
unmelodisch pfiff. Er war ja aber auch gar nicht bei der Sache; seine Blicke
huschten rastlos und verstohlen hinüber nach dem schweigenden Kinde ... Das war
gar nicht mehr das Gesicht der kleinen Felicitas! Sie sass dort wie ein
gefangener Vogel, aber wie ein Vogel, dem die Wildheit in der Brust brennt und
der voll unversöhnlichen Grolles der Hände denkt, die ihn gefesselt haben ...
Auf ihren Knieen lag der Robinson, den Heinrich auf eigene Gefahr hin von
Natanaels Bücherbrett geholt hatte, aber sie warf keinen Blick hinein. Der
Einsame hatte es gut auf seiner Insel, da gab es doch keine bösen Menschen, die
seine Mutter leichtsinnig und liederlich schalten; da lag der funkelnde
Sonnenschein auf den Palmenkronen, auf den grünen Wogen des fetten Wiesengrases
- und hier brach das Gotteslicht gedämpft, als trübe Dämmerung durch die
engvergitterten Fenster, und nirgends, weder draussen in der schmalen Gasse noch
hier im ganzen Hause, erquickte ein grünes Blatt das Auge ... Ja, drin im
Wohnzimmer, da stand freilich ein Asklepiasstock im Fenster - die einzige Blume,
die Frau Hellwig pflegte, aber Felicitas konnte diese regelmässigen, wie aus
kaltem Porzellan geformten Blütenbüschel, die starren, harten Blätter nicht
leiden, die stocksteif und ungerührt dahingen, mochte auch der Luftzug
durchstreichen, soviel er wollte - was gab es denn Schöneres, als draussen die
leichtbeweglichen, grünen Zungen an Büschen und Bäumen mit ihrem unaufhörlichen
Rauschen und Flüstern?
    Die Kleine sprang plötzlich auf. Droben auf dem Dachboden, da konnte man
weit hinaus in die Gegend sehen, da war sonnige Luft - wie ein Schatten glitt
sie die gewundene steinerne Haupttreppe hinauf.
    Das alte Kaufmannshaus war eigentlich nach gewissen Begriffen degradiert
worden. Vor langen Zeiten war es ein Edelsitz gewesen. Es hatte auch noch etwas
Ehrgeiziges in seiner Physiognomie - wenn auch nicht in dem Masse, wie die Türme,
die alles unter sich lassen und, wenn es ginge, am liebsten auch den Himmel als
alleiniges Eigentum auf ihre Spitze spiessen möchten - aber es zeigte doch hier
und da dies Emporstreben in dem Turmansatze des Erkers und vor allem in den
mächtigen Schornsteinen, die sich in jenen Zeiten so nötig machten, wo noch die
Wildbraten in ihrer natürlichen Grösse und Urwüchsigkeit auf den Bratspiessen
adeliger Küchen steckten ... Das blaue Blut, das die Herzen der ehemaligen
ritterlichen Bewohner klopfen gemacht, war längst versiegt, ja, in den letzten
Stadien war es ihm ergangen, wie dem alten Hause auch - es war degradiert
worden.
    Die vordere, nach dem Marktplatz gewendete Front des Hauses hatte sich
allmählich in etwas modernisiert, die Hintergebäude dagegen, drei gewaltige
Flügel, standen noch in keuscher Unberührteit, wie sie aus der Hand ihres
Schöpfers hervorgegangen waren. Da gab es noch jene langen, hallenden Gänge mit
schiefen Wänden und tief ausgetretenem Estrich, in denen selbst bei strahlendem
Mittagssonnenscheine eine traumähnliche Dämmerung webt, und die es einer
sagenhaften Ahnfrau so leicht machen, in grauer Schleppe, mit verblichenem
Antlitz und schattenhaft gekreuzten Händen umherzuspuken. Da waren noch jene
unvorhergesehenen, unter dem leisesten Tritte kreischenden Hintertreppchen, die
plötzlich am Ende eines Korridors auftauchen, um drunten vor irgend einer
unheimlichen, siebenfach verriegelten Tür zu münden - jene abgelegenen,
scheinbar zwecklosen Ecken mit einem einsamen Fenster, durch dessen runde,
bleigefasste Scheiben fahle Lichtsäulen auf den zerbröckelnden Backsteinfussboden
fallen. Der Staub, der hier auf die Köpfe der Vorüberwandelnden herabrieselte,
war historisch; er hatte als jugendliche Holzfaser irgend eines Balkens oder als
neuer Mörtel die hochgehenden Wogen des blauen Blutes mit angesehen.
    Wo es irgend möglich gewesen, hatte der Steinmetz das Wappen des Erbauers
des Hauses, eines Ritters von Hirschsprung, angebracht. Die steinernen Tür-und
Fenstereinfassungen, ja selbst einzelne Quadern des Fussbodens zeigten den
majestätischen Hirsch, wie er, die Vorderläufe hochhebend, zum grausigen Sprunge
über einen Abgrund ansetzte. Auf den Türpfosten einer der grossen Staatsstuben
im Vorderhause befanden sich auch die Bildnisse des Erbauers und seiner
Ehegesponsin, langgestreckte Gestalten in Barett und Schneppenhaube. Der
ehrenfeste Ritter blickte mit unvergänglich herausforderndem Stolze in die Welt,
aus der längst sein Staub und seine »für ewig« besiegelten und verbrieften
Ansprüche hinweggeweht waren.
    Felicitas stand droben an der Mündung der Treppe und sah mit grossen,
verwunderten Augen in eine halboffene Tür, die sie nicht anders als
verschlossen kannte ... Wie sehr musste die Ausführung ihres Racheaktes alles
Denken der sonst so peinlich pünktlichen Hausfrau in Anspruch genommen haben,
dass sie darüber Schloss und Riegel vergessen konnte! ... Hinter der Tür lag ein
scheinbar endloser Korridor, der über eines der Hintergebäude hinlief, und in
welchen verschiedene Türen mündeten. Eine derselben stand offen und liess in
eine Rumpelkammer mit einem sehr hochliegenden Mansardenfenster sehen. Sie war
vollgepfropft mit altem Gerümpel, und da seitwärts an einem Rokokoarmsessel
lehnte auch das Bild der Frau Kommerzienrätin. Es war nicht einmal gegen eine
schützende Wand gekehrt; Staub und Spinnen durften sich nun ungestört des
Gesichts bemächtigen, das dem Maler in der stolzen Ueberzeugung gesessen hatte,
es werde für Kind und Kindeskinder bis in die fernste Zeit ein Gegenstand hoher
Verehrung sein.
    Die grossen, hervortretenden, etwas lüsternen Augen hatten, so nahe gesehen,
etwas Furchterregendes für das Kind - es wandte sich ängstlich ab, aber in dem
Momente fuhr es wie ein Stich durch das kleine Herz und das Blut brauste nach
dem Kopfe - den mit Seehundsfell überzogenen Koffer dort am Boden kannte ja die
kleine Felicitas ganz genau! ... Scheu, mit angehaltenem Atem - schlug sie den
Deckel zurück - da lag obenauf ein hellblaues Wollkleidchen, dessen Säume und
Bündchen zierliche Stickerei zeigten. Ach ja, das hatte ihr Friederike eines
Abends ausgezogen, und dann war es verschwunden, und die kleine Felicitas musste
dafür ein abscheuliches, dunkles Kleid anlegen.
    Immer tiefer und heftiger wühlten die kleinen Hände, - was kam da alles zum
Vorschein, und wie stürmte es in der Kinderseele bei diesem Wiedersehen! ... All
diese Gegenstände, so elegant, als sollten sie den vornehmen Körper einer
kleinen Prinzessin umhüllen, hatte die tote Mutter in den Händen gehabt.
Felicitas erinnerte sich mit peinlicher Schärfe des süssen Gefühls, wenn die Mama
sie angekleidet und mit ihren samtweichen, zarten Fingern berührt hatte ... Ach,
hier tauchte auch das buntscheckige Kätzchen auf, das einst der ganze Stolz des
Kindes gewesen! Es war auf eine kleine Tasche gestickt. - Halt, da steckte auch
etwas drin, aber es war kein Spielzeug, wie das Kind anfänglich meinte, es war
ein hübsches Petschaft von Achat, auf dessen silberner Platte derselbe
majestätische Hirsch sich bäumte, den das Mauerwerk des Hellwigschen Hauses bis
zum Überdruss zeigte. Unter dem Wappen stand in feinen, flüchtigen Zügen M. v.
H.... Das hatte gewiss der Mama gehört, und das Kind hatte einst die räuberische
kleine Hand danach ausgestreckt. -
    Höher und höher wuchs die Flut der Erinnerungen und auf manche fiel ein
Strahl des gereiften Verständnisses. Jetzt begriff sie jene Momente, wo sie, aus
dem ersten Schlafe aufschreckend, den Vater im goldblitzenden Wams und die
Mutter mit den aufgelösten blonden Locken an ihrem Bettchen stehen sah - sie
waren aus der Vorstellung heimgekommen ... und da war auch jedesmal auf die arme
Mama geschossen worden, und das Kind hatte so ahnungslos in das totenbleiche
Gesicht gesehen; es wusste aber noch, dass es an solchen Abenden stets stürmisch,
wie in atemloser Hast, an das Mutterherz emporgerissen worden war ...
    Stück um Stück der neuentdeckten Schätze wurde gestreichelt und geliebkost
und dann sorgsam in den Koffer zurückgelegt, und als der Deckel alles wieder
verschloss, da schlang das Kind seine Arme um den kleinen, vielgereisten Kasten
und legte das Köpfchen darauf - sie waren ja alte Kameraden, zwei, die
zusammengehörten in der weiten Welt, welche nicht so viel Heimatboden für das
Spielerskind hatte, als auch nur sein kleiner Fuss bedeckte .. Jetzt sah das erst
so wildtrotzige Gesichtchen mild und versöhnt aus, als es, die zarte Wange auf
die von den Motten halbzerfressene Decke des Koffers gepresst, mit geschlossenen
Augen regungslos dalag.
    Durch das Fenster zog die laue Luft aus und ein und hauchte einen Strom
balsamischer Düfte in den abgelegenen, stillen Bodenwinkel ... wie konnte sich
dies berauschende Aroma, das ganzen Resedabeeten entquellen musste, so hoch in
die Lüfte versteigen? Und was waren das für Töne, die jetzt von fern herüber mit
ihm herein strömten? ... Felicitas öffnete die Augen und setzte sich horchend
auf. Das konnte nicht die Orgel der nahen Barfüsserkirche sein - der Gottesdienst
war ja längst aus. Ein gebildeteres Ohr als das des harmlosen, unwissenden
Kindes würde auch eher alles andere, als diese Harmonien mit der Orgel in
Verbindung gebracht haben - die Ouvertüre zum Don Juan wurde meisterhaft auf dem
Klavier gespielt.
    Felicitas schob einen wackeligen Tisch unter das Fenster und stieg hinauf.
Ah, was war das! ... Freilich, mit der geträumten Ausschau in die weite
Gotteswelt war es hier nichts; vier Dächer bildeten ein festgeschlossenes
Quadrat, von denen das gegenüberliegende die anderen überragte und dem Blicke
jede Fernsicht verwehrte; aber gerade dies Dach-Vis-a-vis war für die zwei
erstaunten, weitgeöffneten Kinderaugen ein Wunder, wie es die schönsten
Märchenbücher nicht wunderbarer erzählen konnten. Dort auf der hohen, doch sanft
geneigten Schrägseite gab es nicht etwa Ziegel, wie sie die anderen Dächer
schwarzbraun, schmutzig und bemoost zeigten - nein, es war förmlich überschüttet
mit Blumen, mit Astern und Dahlien, welche ihre bunten Häupter hoch droben in
den Lüften mit derselben Sicherheit wiegten, wie drunten, dicht an der starken
Muttererde. Soweit ein pflegender menschlicher Arm von der am unteren Rande des
Daches hängenden Galerie aus reichen konnte, stiegen Blumenreihen empor, dann
aber schloss sich ihnen ein in allen Nüancen des Rot spielendes Blättergewirr an,
fast wie ein Mantel, der sich um die Schultern einer glänzenden Schönheit legt -
die wilde Weinrebe reckte und streckte sich bis hinauf zum First; selbst auf die
Nachbardächer krochen die Ranken noch mit ihren leuchtenden, gefingerten
Blättern und den schwarzblauen Trauben. Die Galerie hatte die ganze Länge des
Daches und hing so luftig und leicht da, als sei sie hingeweht, und doch trug
die Brüstung ihres Geländers schwere Kasten voll Erde, aus denen dicke
Resedabüsche quollen und Hunderte von Monatsrosen ihre lachenden Köpfchen
steckten.
    Ein weisser, ziemlich plumper Gartenstuhl neben einem runden Tischchen, auf
welchem ein Porzellankaffeegeschirr stand, bewies unwiderleglich, dass Geschöpfe
von Fleisch und Blut hier oben hausten; gleichwohl behielt die ursprüngliche
Vermutung des Kindes etwas für sich, nach welcher dort der kleine Vorbau, den
eine Glastür von der Galerie abschloss, das Hüttchen der Blumenfee sein musste.
Man sah weder Dach noch Mauern; es war alles überwuchert von grossblätterigem,
schottischem Epheu; die Kapuzinerkresse rankte sich hinauf, verstreute droben
über die grüne Kuppel ihre gespornten Blütenkelche mit den feurig orangegelben
Samtblättern und hing sie mutwillig schaukelnd über die Glastür. Diese Tür
klaffte ein wenig, und aus ihr quollen die Töne, die das Kind ans Fenster
gelockt hatten.
    Ein Blick hinunter in den Raum, den die vier Hintergebäude umschlossen, liess
plötzlich eine Ahnung in der kleinen Felicitas aufdämmern. Da drunten krakeelte
und krähte es um die Wette - es war der Geflügelhof. Felicitas hatte ihn noch
nie gesehen; denn aus Furcht, dass eines der schnarrenden Geschöpfe in den
Vorderhof oder wohl gar in die Hausflur dringen könne, trug Friederike den
Türschlüssel stets in der Tasche. Wie oft aber war sie mit zornigem Gesichte in
die Küche gekommen und hatte zu Heinrich hinübergescholten: »Die Alte da oben
giesst wieder einmal ihr nichtsnutziges Gras, dass die Rinnen überlaufen ...!«
Ach, das nichtsnutzige Gras waren die Tausende süsser Blumengesichtchen da
drüben, und das Wesen, das sie pflegte und behütete, war - die alte Mamsell, die
ja auch in diesem Augenblicke wieder den Sonntagnachmittag »enteiligte durch
unheilige und lustige Weisen«.
    Diese Gedanken waren kaum in dem Köpfchen aufgetaucht, als auch schon die
kleinen Füsse auf der Fensterbrüstung standen. Die ganze Elastizität der
Kinderseele, die Leid und Kummer über etwas Neuem für einen Moment völlig
vergessen kann, machte sich auch hier geltend ... Das Kind konnte ja klettern
wie ein Eichhörnchen, und über die Dächer hinzulaufen, war eine Kleinigkeit. Da
unten auf den zwei an den Dächern hängenden Rinnen liess es sich jedenfalls
prächtig marschieren; sie sahen zwar etwas bemoost und wackelig aus, und dort in
der Ecke, wo sie zusammenstiessen, hingen beide schief, allein sie zerbrachen
jedenfalls noch lange, lange nicht und liessen sich ja gar nicht vergleichen mit
dem dünnen Seile, auf welchem Felicitas noch viel kleinere Mädchen, als sie
selbst war, hatte tanzen sehen. Sie schlüpfte zum Fenster hinaus, und nach zwei
Schritten über das abschüssige Dach stand sie in der Rinne. Es ächzte und
knackte widerwillig unter den Füsschen, die tapfer vorwärts trippelten - rechts
nicht der mindeste Halt, und links eine gähnende Tiefe von vier Stockwerken -
wenn das die Mutteraugen gesehen hätten! - aber es ging vortrefflich. Noch ein
Hinaufklettern auf das bedeutend höhere Dach, dann ein Sprung über das Geländer
und das Kind stand mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen mitten unter den
Blumen und sah über die anderen Gebäude hinaus in die weite, weite Welt, auf die
ein purpurglühender Abendhimmel niederstrahlte.
    Auf dem runden Tischchen lagen auch verschiedene Zeitungen, und auf einer
derselben las das Kind im Vorüberschreiten lächelnd den Titel: »Die
Gartenlaube«. Eine Gartenlaube, ja, die passte freilich prächtig hierher, wo es
hell und sonnig war, und wo eine so reine, frische Luft wehte!
    Und nun stand das kleine Mädchen da und blickte schüchtern durch die
Glasscheiben, die vielleicht noch nie ein Kindergesicht widergespiegelt hatten
... Wuchsen denn die Epheuzweige durch das Dach und rankten sich da drinnen in
dem grossen Zimmer weiter? Von der Wandbekleidung konnte man nichts sehen, sie
war völlig überstrickt von Gezweig, aber in kleinen Zwischenräumen traten
Postamente aus der Wand hervor, auf denen grosse Gipsbüsten standen - eine
merkwürdige Versammlung ernster, bewegungsloser Köpfe, die sich leuchtend und
geisterhaft abhoben von dem kräftigen Grün der Blätterwand. Sie liessen es sich
schweigend gefallen, dass die Epheuranken Allotria trieben und sich hier quer um
die Brust des einen und dort als Kranz um eines anderen ernste Stirn schlangen.
Die Mutwilligen machten es ja mit den Fenstern nicht besser; sie hingen wie eine
grüne Wolke verdunkelnd über den Vorhängen, und doch waren diese zwei Fenster
zwei prächtige Landschaftsbilder, sie liessen draussen die Strassendächer weit
unter sich und fassten da drüben den herbstlichen bunten Wald auf dem Bergrücken
und die fahlen Streifen der Stoppelfelder in ihren Rahmen.
    Unter den Fenstern stand ein Flügel. Die alte Mamsell, genau so gekleidet
wie gestern, sass davor, und ihre zarten Hände griffen mit gewaltiger Kraft in
die Tasten. Das Gesicht sah etwas verändert aus; sie trug eine Brille, und ihre
gestern so schneebleichen Wangen waren gerötet.
    Die kleine Felicitas war leise eingetreten und stand in dem Bogen, welchen
der Vorbau bildete ... Fühlte die alte Dame die Nähe eines menschlichen Wesens,
oder hatte sie ein Geräusch gehört - sie brach plötzlich mitten in einem
rauschenden Akkorde ab, und ihre grossen Augen richteten sich sofort über die
Brille hinweg auf das Kind. Wie ein elektrischer Schlag fuhr es durch die
schwächliche Gestalt der Einsamen, ein leiser Schrei entfloh ihren Lippen; sie
nahm mit der zitternden Rechten die Brille ab und erhob sich, während sie sich
auf das Instrument stützte.
    »Wie kommst du hierher, mein Kind?« fragte sie endlich mit unsicherer
Stimme, die jedoch trotz des Schreckens sanft und mild blieb.
    »Ueber die Dächer,« versetzte das ängstlich gewordene kleine Mädchen
beklommen und zeigte mit der Hand zurück nach dem Hofe.
    »Ueber die Dächer? - Das ist unmöglich! Komm her, zeige mir, wie du gegangen
bist.« Sie fasste die Hand des Kindes und trat mit ihm auf die Galerie. Felicitas
deutete auf das Mansardenfenster und nach den Rinnen. Die alte Dame schlug
entsetzt die Hände vor das Gesicht.
    »Ach, erschrecken Sie ja nicht!« sagte Felicitas mit ihrer lieblich
unschuldigen Stimme. »Es ging wirklich ganz gut. Ich kann klettern wie ein
Junge, und Doktor Böhm sagt immer, ich sei ein Flederwisch und hätte keine
Knochen.«
    Die alte Mamsell liess die Hände vom Gesicht fallen und lächelte - es lag
noch so viel Anmut in diesem Lächeln, das zwei Reihen sehr schöner, weisser Zähne
sehen liess. Sie führte die Kleine in das Zimmer zurück und setzte sich in einen
Lehnstuhl.
    »Du bist die kleine Fee, gelt?« sagte sie, indem sie Felicitas an ihre Kniee
heranzog. »Ich weiss es, wenn du auch nicht auf rosa Gazewolken zu mir
hereingeflogen bist ... Dein alter Freund Heinrich hat mir heute mittag von dir
erzählt.«
    Bei Heinrichs Namen kam die ganze Wucht des Leides wieder über das Kind. Wie
heute morgen stieg eine glühende Röte in die Wangen, und Groll und Weh zogen
jene herben Linien um den kleinen Mund, die über Nacht den Ausdruck des
Kindergesichts zu einem völlig anderen gemacht hatten ... Den Augen der alten
Mamsell entging diese plötzliche Veränderung nicht. Sie nahm schmeichelnd das
Gesicht des kleinen Mädchens zwischen ihre Hände und bog es zu sich herab.
    »Siehst du, mein Töchterchen,« fuhr sie fort, »seit vielen Jahren kommt der
Heinrich allsonntäglich herauf zu mir, um Verschiedenes für mich zu besorgen ...
Er weiss, dass er nie gegen mich erwähnen darf, was sich drunten im Vorderhause
ereignet, und bisher hat er auch nie das Gebot überschritten ... Wie lieb muss er
die kleine Fee haben, dass er plötzlich gegen meinen so streng ausgesprochenen
Wunsch handeln konnte!«
    Die trotzigen Augen des Kindes schmolzen.
    »Ja, er hat mich lieb - sonst niemand,« sagte sie, und ihre Stimme brach.
    »Sonst niemand?« wiederholte die alte Dame, während ihr unaussprechlich
sanfter Blick ernst liebevoll auf dem Gesichte der Kleinen ruhte. »Weisst du denn
nicht, dass einer da ist, der dich immer lieb haben wird, auch wenn sich alle
Menschen von dir abwenden sollten? ... Der liebe Gott -«
    »O, der will mich ja gar nicht, weil ich ein Spielerskind bin!« unterbrach
Felicitas die Sprecherin mit ausbrechender Heftigkeit. »Frau Hellwig hat heute
morgen gesagt, meine Seele sei so wie so verloren, und alle drunten im
Vorderhause sagen, er habe meine arme Mama verstossen, sie sei nicht bei ihm ...
Ich habe ihn aber auch nicht mehr lieb - ganz und gar nicht, und ich will auch
nicht zu ihm, wenn ich gestorben bin - was soll ich denn dort, wo meine Mama
nicht ist?«
    »Gerechter Gott, was haben diese Grausamen mit ihrem sogenannten
christlichen Glauben aus dir gemacht, armes Kind!«
    Die alte Dame erhob sich hastig und öffnete eine Seitentür. Es war dem
Kinde, als umflatterten hier weisse Wölkchen des Himmels sein Haupt. Ueber das in
einer Ecke stehende Bett, über Türen und Fenster flossen weisse Mullvorhänge
herab. Die blassgrüne Wand des kleinen Gemachs tauchte nur in einzelnen schmalen
Streifen zwischen dem wolkigen Gewebe auf ... Welch ein Kontrast zwischen diesem
kleinen Raume, so frisch und makellos rein, wie der Gedanke, der aus einer
gesunden, unbefleckten Seele kommt, und jenem düsteren Boudoir drunten im
Vorderhause, in welchem Frau Hellwig während der frühen Morgenstunden auf dem
Betstuhle kniete, auf jenem Betstuhle, dessen gestickte Polster wohl für die
grausigen Marterwerkzeuge, nirgends aber für ein Symbol des Friedens und der
Versöhnung Raum hatten.
    Auf dem Nachttische, neben dem Bette, lag eine grosse, vielgebrauchte Bibel.
Die alte Dame schlug sie mit sicherer, kundiger Hand auf und las laut und
tiefbewegt: »Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte der Liebe
nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.« Und sie las
weiter und weiter und schloss mit dem Verse: »Die Liebe hört nimmer auf, so doch
die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und das
Erkenntnis aufhören wird.«
    »Und diese Liebe kommt von ihm, ja, Gott ist diese Liebe selbst,« sagte sie
und legte ihren Arm um die Schultern des Kindes. »Deine Mama ist sein Kind, wie
wir alle, und sie ist eingegangen zu ihm, denn die Liebe hört nimmer auf ...
Suche sie getrost da droben, und wenn du nachts aufblickst zum Himmel mit seinen
Millionen wundervoller Sterne, so denke du fest und sicher: Neben einem solchen
Himmel gibt es keine Hölle! ... Und nun hast du ihn auch wieder lieb, gelt,
recht von Herzen lieb, meine kleine Fee?«
    Das Kind antwortete nicht, aber es schlug leidenschaftlich beide Arme um die
milde Trösterin, und ein heisser Tränenstrom stürzte aus seinen Augen. -
    Zwei Tage darauf hielt ein Wagen vor dem Hellwigschen Hause. Die Witwe stieg
ein mit ihren zwei Söhnen, um ihnen das Geleit bis zur nächsten Stadt zu geben.
Johannes ging nach Bonn, um Medizin zu studieren, zuvor aber sollte er Natanael
demselben Institut übergeben, in welchem er erzogen worden war.
    Heinrich stand breitspurig und behaglich in der offenen Haustür neben
Friederike und sah dem Wagen nach, der langsam und schwerfällig über das
holprige Pflaster des Marktplatzes hinschwankte. Es zog etwas wie ein leiser
Pfiff über seine gespitzten Lippen - bei ihm stets das Anzeichen einer wohligen
Stimmung - und beide Daumen steckten fest eingeklemmt in den gewaltigen Fäusten,
was der Volksmund ungefähr in die Worte übersetzt: »Herr, behüte uns, dass das
Unheil nicht wiederkehre!«
    »Da können nun so ein halb Mandel Jährchen vergehen, bis wir den einen oder
den anderen wieder ins Haus kriegen,« sagte er seelenvergnügt zu Friederike, die
sich pflichtschuldigst mit dem Schürzenzipfel über die Augen fuhr.
    »Und das ist dir wohl ganz recht, du Dickkopf?« fuhr sie ihn an. »Ein
schöner Dank für das Trinkgeld, das du vom jungen Herrn gekriegt hast!«
    »Geh in deine Küche - auf dem Herde liegt das Zeug noch; ich rühr's mit
keinem Finger an! Kannst dir meinetwegen einen roten Rock und gelbe Schuhe zum
Vogelschiessen dafür kaufen.«
    »Ach, du gotteilloser Mensch! ... Einen roten Rock und gelbe Schuhe, wie
eine, die auf dem Seile tanzt!« rief die alte Köchin erbittert. »Na, es ist nur
gut, dass man weiss, warum du so wütend bist - der junge Herr hat dir's heute
morgen gut gegeigt!«
    »I, was du nicht alles weisst!« warf der Hausknecht gleichmütig ein. Er
steckte die Hände in die Seitentaschen seines Rockes, zog die Schultern in die
Höhe und pflanzte sich noch breiter auf die Schwelle als bisher. Diese Haltung
empörte Friederikes Gemüt stets bis zur Leidenschaft, denn es lag die äusserste
Verachtung dessen drin, was sie sagte.
    »Hat der Mensch da zwanzig Taler Lohn und höchstens fünfzig Taler in der
Sparkasse,« fuhr sie giftig fort, »und stellt sich vor seine reiche Herrschaft
hin wie der Grossmogul und spricht: Geben Sie mir das fremde Kind, ich bringe es
bei meiner Schwester unter, es soll Ihnen keinen Heller kosten, und -«
    »Und da hat der junge Herr geantwortet,« ergänzte Heinrich, indem er das
Gesicht langsam der Erzürnten zuwendete: »Das Kind ist in den besten Händen,
Heinrich; es bleibt bis zu seinem achtzehnten Lebensjahre unter allen Umständen
hier im Hause, und du wirst dich nicht unterstehen, es je zu bestärken, wenn es
widerspenstig gegen meine Mutter ist, und - solltest du einmal wieder die alte
Küchenhexe draussen beim Horchen ertappen, so nagle sie ohne Gnade am Ohrläppchen
auf der Tür fest. Was meinst du denn, Friederike, wenn ich jetzt -« er hob den
Arm, und die alte Köchin floh schimpfend in die Küche.
 
                                       10
Neun Jahre waren an dem stattlichen Hause auf dem Marktplatze vorübergestrichen;
aber weder auf die eisenfesten Mauern, noch in das Frauenprofil am wohlbekannten
Fenster des Erdgeschosses hatten sie einen Zug des Verfalles zu zeichnen
vermocht ... Vielleicht sahen die Drachenköpfe hoch oben am Dache für den
aufmerksamen Beschauer etwas mitgenommen aus - kein Wunder, wenn auch
Drachenköpfe, weinten sie doch jahraus jahrein mit dem Himmel und gossen seine
Tränenströme auf das Pflaster; nachher kam wieder die Sonne und durchglühte
sie, solcher Wechsel verändert die Physiognomie. Die Frau da drunten aber stand
auf dem Boden der starren Ueberzeugung, auf dem hohen Piedestal der eigenen
Unfehlbarkeit - in dieser wandellosen, eisigkalten Region gibt es keinen
Zweifel, keine Kämpfe, kein inneres Ringen, daher die äussere Versteinerung, die
man eine gute Konservation zu nennen pflegt.
    Eine auffallende Veränderung zeigte das alte Haus aber doch: die Rouleaux in
der grossen Erkerstube des ersten Stockes waren seit einigen Wochen stets
aufgerollt und Blumentöpfe standen auf den Fenstersimsen. Der Blick der
Vorübergehenden suchte pflichtschuldigst nach wie vor zuerst das Fenster mit dem
Asklepiasstocke, und Frau Hellwig konnte der ehrerbietigen Grüsse stets sicher
sein, aber dann huschten die Augen verstohlen hinauf nach dem Erker. Dort,
inmitten der steinernen Fenstereinfassung, erschien häufig ein reizendes
Frauengesicht von förmlich blendender Frische, ein Kopf voll aschblonder Locken,
mit blauen Taubenaugen, die fast kinderhaft gross und rund in die Welt schauten,
und dieser Kopf sass auf einem blühenden Leibe vom schönsten Ebenmasse, den meist
ein weisses Mullkleid umhüllte. Manchmal, freilich nicht oft, erhielt das
liebliche Bild im Fensterrahmen aber auch eine entstellende Zugabe - eine
Kindergestalt war dann auf einen Stuhl geklettert und sah neugierig über die
Schultern der Dame hinunter auf den Marktplatz; es war ein armes, durch die
Skrofelkrankheit furchtbar entstelltes Köpfchen; die Hand, welche das spärliche,
weissblonde Haar so sorgfältig in zierliche Ringel kräuselte, machte sich
vergebliche Mühe - unter dem künstlichen Lockenbau trat die Hässlichkeit des
fahlen, aufgedunsenen Gesichtchens nur um so grotesker hervor, und der stets
höchst elegante Anzug war auch selten geeignet, die unförmliche Taille und die
aufgetriebenen Gelenke des Kindes zu verbergen. Allein bei allem Kontraste in
der äusseren Erscheinung waren beide doch Mutter und Kind, und um des letzteren
willen waren sie nach Türingen gekommen.
    Innerhalb der letztverflossenen neun Jahre nämlich hatte ein Ingenieur seine
Wünschelrute ziemlich nahe dem Weichbilde der Stadt X. spielen lassen; der
moderne Mosesstab hatte dem Boden einen bitteren Quell entlockt, der an der
Luft, wenn auch nicht zu Gold und Silber, so doch zu sehr schätzenswerten
Salzkrystallen erhärtete. Das war ein Fingerzeig für die Bewohner von X. Sie
etablierten ein Soolbad, das im Vereine mit dem ausgezeichneten Renommee der
Türinger Luft sehr bald Hilfesuchende aus aller Herren Länder herbeizog.
    Die junge Dame war auch in die Stadt gekommen, um ihr Kind in der Salzflut
zu baden, und zwar auf Anraten des Professors Johannes Hellwig in Bonn ... Ja,
die Frau da drunten hinter dem Asklepiasstocke hatte viel für ihren Sohn getan!
Sie hatte es durchgesetzt, dass er frühzeitig unter das Regiment des
strenggläubigen Verwandten am Rhein gekommen war; sie hatte es nie geduldet, dass
er während seines siebenjährigen Fernseins auch nur ein einziges Mal auf Ferien
nach Hause kommen durfte; sie hatte jeden Morgen pünktlich und regelrecht seinen
Namen auf dem Betstuhle genannt und war nie müde geworden, die Zahl und
Beschaffenheit seiner Hemden von der Ferne aus streng zu kontrollieren - und da
war er nun auch ein berühmter Mann geworden.
    Es würde übrigens dem jungen Professor bei all seiner Berühmteit und
Wohlerzogenheit schwerlich gelungen sein, einen seiner Patienten in der
geschonten Erkerstube seiner Mutter unterzubringen, wären nicht seine beiden
Schützlinge Tochter und Enkelin jenes strenggläubigen Verwandten am Rhein
gewesen, auf welchen Frau Hellwig grosse Stücke hielt. Nebenbei hatte auch die
schöne junge Frau den Vorzug eines hübschen Titels - sie war die Witwe eines
Regierungsrates in Bonn. Es konnte der Welt gegenüber ganz und gar nichts
schaden, wenigstens eine kleine Regierungsrätin in der Familie zu haben, da Herr
Hellwig sich stets starrköpfig geweigert hatte, seine Gattin zu einer Frau
Kommissionsrätin oder dergleichen zu machen.
    Frau Hellwig sass am Fenster auf der Estrade. Man hätte meinen können, die
Zeit sei auch spurlos an dem feinen, schwarzen Wollkleide, an Kragen und
Manschetten vorübergegangen; bis auf die kleine Nadel, die den Kragen unter dem
Kinne zusammenhielt, war der Anzug genau derselbe, wie wir ihn am ersten Abend
an der grossen Frau kennen gelernt haben. Nur erschien die Büste voller; die
engen Aermel umschlossen drall die starken Oberarme, und der Schneider hatte,
vielleicht heimlicherweise, den Rock faltenreicher um die plumpe, sehr
ungraziöse Taille gereiht ... Ihre grossen weissen Hände lagen mit dem Strickzeuge
feiernd im Schosse - sie hatte in diesem Augenblicke Wichtigeres zu tun.
    An der Tür, in sehr ehrerbietiger Entfernung stand ein Mann; seine schmale
Gestalt steckte in einem abgeschabten Rocke, und die Hand, die er öfter beim
Sprechen hob, war voller Schwielen. Er sprach leise und stockend - war es doch
so unheimlich still im Zimmer; nur das Ticken der Wanduhr begleitete seinen
Vortrag. Aus dem Munde der gestrengen Frau kam kein ermutigendes Wort, ja, es
schien, als fehle dieser regungslosen Gestalt sogar der Atemzug, als könne der
starre, unbewegliche Blick stets und immer nur das eine Ziel haben - das
ängstliche, blasse Gesicht des Mannes, der endlich erschöpft schwieg und sich
mit seinem kattunenen Taschentuche den Schweiss von der Stirn wischte.
    »Sie sind an die Unrechte gekommen, Meister Tienemann,« sagte Frau Hellwig
nach einer abermaligen Pause kalt. »Ich zersplittere mein Geld nicht in so
kleine Kapitalien.«
    »Ach, Madame Hellwig, so ist's ja auch gar nicht gemeint; ich werde doch
nicht so unbescheiden sein!« entgegnete der Mann lebhaft und trat einen Schritt
näher. »Aber Sie sind bekannt als eine wohltätige Dame, denn Sie sammeln
jahraus jahrein für die Armen und stehen so oft im Wochenblatte mit Lotterien
und dergleichen, und da wollte ich nur bitten, mir für ein halbes Jahr gegen
Zinsen das Kapitälchen von fünfundzwanzig Talern aus dem Gesammelten
vorzustrecken.«
    
    Frau Hellwig lächelte - der Mann wusste nicht, dass dies ein Todesurteil für
seine Hoffnung war.
    »Ich könnte beinahe denken, es sei nicht ganz richtig bei Ihnen, Meister
Tienemann - diese Zumutung ist wirklich neu!« sagte sie beissend. »Allein ich
weiss ja, dass Sie sich um die Bestrebungen der Gläubigen für die heilige Kirche
nicht kümmern, und deshalb will ich Ihnen sagen, dass von den dreihundert
Talern, die gegenwärtig disponibel in meinen Händen sind, nicht ein Heller hier
in der Stadt bleibt. Ich habe es für die Mission gesammelt - es ist heiliges
Geld, - bestimmt zu einem Gott wohlgefälligen Werke, nicht aber, um Leute zu
unterstützen, die arbeiten können.«
    »Madame Hellwig, an Fleiss lass' ich's nicht fehlen!« rief der Mann mit
halberstickter Stimme. »Aber die Krankheit hat mich ins Elend gebracht ... Du
lieber Gott, wie noch bessere Zeiten für mich waren, da hab' ich über Feierabend
Kleinigkeiten gearbeitet und hab' sie in Ihre Lotterien gegeben, weil ich
dachte, sie kämen unseren Armen zu gute, und nun geht das Geld hinaus in die
weite Welt, und bei uns gibt's doch auch viele, die keinen Schuh an den Füssen
und im Winter kein Scheit Holz auf dem Boden haben.«
    »Ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten! ... Wir tun übrigens hier auch
Gutes, aber mit Auswahl, Meister Tienemann ... Solche Männer, die im
Handwerkervereine Vorträge voller Irrlehren mit anhören, bekommen natürlich
nichts. Sie täten auch besser, bei Ihrer Hobelbank zu stehen, als dass Sie in
die Sterne und in die Steine gucken und behaupten, es sei da auch vieles anders,
als die heilige Schrift aussage ... Ja, ja, dergleichen gotteslästerliche Reden
kommen uns schon zu Ohren, und wir merken sie uns fleissig für vorkommende Fälle
... Sie kennen nun meine Ansicht und haben bei mir gar nichts zu hoffen.«
    Frau Hellwig wandte sich ab und sah zum Fenster hinaus.
    »Lieber Gott, was muss man sich doch alles sagen lassen, wenn man in Not
ist!« seufzte der Mann. »Das verdanke ich meiner Frau; sie hat nicht geruht, bis
ich in dies Haus gegangen bin.«
    Er sah noch einmal nach dem zweiten Fenster des Zimmers, und als ihm auch
von dort her weder Hilfe noch ein tröstendes Wort kam, ging er zur Tür hinaus.
Der letzte Blick des armen Handwerkers hatte der Regierungsrätin gegolten, die
Frau Hellwig gegenüber sass. War je eine weibliche Erscheinung geeignet, eine
frohe Hoffnung in dem Herzen Hilfsbedürftiger zu erwecken, so war es jene rosige
Gestalt im duftigen, fleckenlos weissen Kleide. Die weichen Linien des Profils,
der Glorienschein der hellen Locken über der Stirne, die blauen Augen, - das
alles machte den Gesamteindruck eines Engelkopfes - für den aufmerksamen
Beobachter jedoch den eines gemeisselten; denn während mehr als einmal das Rot
der Entrüstung über Frau Hellwigs Stirne geflogen war, und der Bittende so
beweglich in Stimme und Gebärden seine sorgenvolle Angst an den Tag gelegt
hatte, war von jenem lieblichen Oval auch nicht einen Augenblick der Ausdruck
lächelnder Ruhe gewichen. Der schöne Busen hob und senkte sich in gleichmässigen
Atemzügen; die halbgestickte Rose unter ihren Fingern hatte sich während der
kleinen Szene um ein Blatt vermehrt, und das strengste Auge würde an den
sorgfältig abgezählten Kreuzstichen auch nicht den geringsten Makel entdeckt
haben.
    »Du hast dich doch nicht geärgert, Tantchen?« fragte sie aufblickend mit
lieblich schmeichelnder Stimme, als der Meister das Zimmer verlassen hatte.
»Mein seliger Mann stand auch mit diesen Fortschrittlern stets auf sehr
gespanntem Fusse, und das Vereinswesen war ihm ein Greuel ... Ah, sieh da,
Karoline!«
    Bei diesem Ausrufe winkte sie nach der Küchentür. Dort war schon längst,
noch während der Anwesenheit des Tischlermeisters, ein junges Mädchen leise und
geräuschlos eingetreten ... Wer vor vierzehn Jahren die schöne junge Frau des
Taschenspielers vor den Gewehrläufen der Soldaten hatte stehen sehen, der musste
unwillkürlich erschrecken bei dieser wiedererstandenen Erscheinung. Es waren
dieselben Körperformen, wenn auch zarter und mädchenhafter und hier in einen
groben, dunklen Stoff gehüllt, während jenes unglückliche Weib der gleissende
Schimmer teatralischen Pompes umgeben hatte. Es waren dieselben tadellosen
Linien des Kopfes mit der perlmutterweissen, schmalen Stirne und den unmerklich
herabgesenkten Mundwinkeln, die dem Gesicht einen hinreissenden Ausdruck leiser
Schwermut verliehen. Bei jener Unglücklichen hatte der tränenvolle Blick aus
dunkelgrauen Augensternen diesen Ausdruck vollendet; das junge Mädchen dagegen
hob in diesem Momente die schwarzbewimperten Lider, und ein Paar brauner
leuchtender Augen wurden sichtbar. Sie zeugten von einer Seele, die sich nicht
überwunden gab, die sich nicht hatte beugen lassen zu widerstandsloser Duldung;
es lag Kraft und Opposition in diesem Blicke - rollte doch auch polnisches Blut
in den Adern dieses jungen Geschöpfes, ein versprengter Tropfen jenes edlen,
heissen Stromes, der sich immer wieder erhebt zu erfolglosem Kampfe gegen die
Uebermacht.
    Wir wissen jetzt, dass das an der Tür stehende junge Mädchen Felicitas ist,
wenn sie auch notgedrungen auf den simplen Namen Karoline hört - den
»Komödiantennamen« hatte Frau Hellwig sofort bei Beginn ihrer Selbsterrschaft
zu dem »Teaterplunder« in die Dachkammer geworfen.
    Felicitas näherte sich der Herrin des Hauses und legte ein
bewunderungswürdig gesticktes Batisttaschentuch auf den Nähtisch derselben. Die
Regierungsrätin griff hastig danach.
    »Soll das auch verkauft werden zum Besten der Missionskasse, Tante?« fragte
sie, während sie das Tuch entfaltete und die Stickerei prüfte.
    »Je nun, freilich,« versetzte Frau Hellwig; »Karoline hat es ja zu diesem
Zwecke arbeiten müssen - sie hat lange genug damit getrödelt. Ich denke, drei
Taler wird es doch wohl wert sein.«
    »Vielleicht,« meinte die Regierungsrätin achselzuckend. »Woher haben Sie
denn die Zeichnung zu den Ecken, liebes Kind?«
    Ein leises Rot stieg in Felicitas' Gesicht. »Ich habe sie selbst entworfen,«
antwortete sie mit leiser Stimme.
    Die junge Witwe sah rasch auf. Ihr blaues Auge veränderte sich für einen
Moment - es schillerte fast ins Grünliche.
    »So, selbst entworfen?« wiederholte sie langsam. »Nehmen Sie mir's nicht
übel, Kindchen, aber das ist eine Kühnheit, die ich mit dem besten Willen nicht
fasse. Wie kann man nur so etwas wagen ohne die erforderlichen Kenntnisse! ...
Das ist echter Batist, der Tante kostet dies Stück mindestens einen Taler - es
ist verdorben durch die stümperhafte Zeichnung.«
    Frau Hellwig fuhr heftig empor.
    »Ach, sei nicht böse auf Karoline, liebe Tante, sie hat es gewiss nur gut
gemeint,« bat begütigend mit sanfter Stimme die junge Dame. »Vielleicht lässt es
sich doch noch verwerten ... Sehen Sie, liebes Kind, ich habe mich grundsätzlich
nie mit Zeichnen abgegeben, der Stift in der weiblichen Hand gefällt mir nicht,
aber nichtsdestoweniger habe ich ein sehr, sehr scharfes Auge für eine
fehlerhafte Zeichnung ... Gott im Himmel, was ist das für ein monströses Blatt
hier!«
    Sie zeigte auf ein längliches Blatt, dessen Spitze umgebogen war, und das
sich in täuschenden Umrissen abhob von dem durchsichtigen Gewebe. Felicitas
erwiderte kein Wort, doch sie presste die zarten Lippen aufeinander und sah fest
in das Gesicht der Tadlerin ... Die Regierungsrätin wandte sich hastig ab und
legte die rechte Hand über die Augen.
    »Ach, liebes Kind, jetzt hatten Sie wieder einmal Ihren stechenden Blick!«
klagte sie. »Es schickt sich wirklich nicht für ein junges Mädchen in Ihren
Verhältnissen, andere so herausfordernd anzusehen. Denken Sie nur an das, was
Ihnen Ihr wahrer Freund, unser guter Sekretär Wellner, immer sagt: Hübsch
demütig, liebe Karoline! ... Sehen Sie, da haben Sie nun gleich wieder einen
verächtlichen Zug um den Mund - das könnte einen beinahe ärgern! ... Wollen Sie
sich denn wirklich auf das Romantische spielen und das Anerbieten dieses
Ehrenmannes hartnäckig zurückweisen, weil - Sie ihn nicht lieben? ...
Lächerlich! Da wird schliesslich mein Vetter Johannes doch einen Machtspruch tun
müssen!«
    Wie musste sich das junge Mädchen in der Selbstbeherrschung geübt haben! Bei
den letzten Worten der Regierungsrätin fuhr sie empor; man sah, wie ihr das
rebellische Blut nach dem Kopfe stürmte; das plötzlich hoch empor gerichtete
Haupt erhielt einen Augenblick etwas Dämonisches durch den Ausdruck des Hasses
und der Verachtung. Dennoch sagte sie gleich darauf ruhig und kalt: »Ich werde
es darauf ankommen lassen.«
    »Wie oft soll ich denn noch bitten, Adele, diesen widerwärtigen Handel nicht
mehr zu berühren!« sagte Frau Hellwig erbittert. »Bildest du dir denn ein, in
wenig Wochen diesen Starrkopf, dieses Stück Holz zu brechen, nachdem ich's neun
Jahre umsonst versucht habe? Sobald Johannes kommt, wird die Sache ein Ende
nehmen, und ich mache meine drei Kreuze ... Jetzt geh und hole mir Hut und
Mantille,« herrschte sie Felicitas zu. »Ich hoffe zu Gott, dass diese Stümperei,«
sie warf das Taschentuch verächtlich beiseite, »die letzte ist, die du dir in
meinem Dienste hast zu schulden kommen lassen!«
    Felicitas ging schweigend hinaus. Bald darauf schritten Frau Hellwig und ihr
Gast über den Marktplatz. Die schöne Frau führte ihr krankes Kind mütterlich
zärtlich an der Hand. Verschiedene Köpfe fuhren aus den Fenstern und sahen der
reizenden Erscheinung nach, die für alle ein sanftes, kinderfrohes Lächeln
hatte. Rosa, ihr Dienstmädchen, und Friederike folgten mit Körben am Arme; das
Abendbrot sollte draussen im Garten gegessen werden, zugleich wollte man Kränze
und Guirlanden binden. Morgen wurde der junge Professor nach neunjähriger
Abwesenheit im Elternhause erwartet, und obgleich Frau Hellwig über die
»Alfanzereien« brummte, liess es sich die Regierungsrätin doch nicht nehmen, das
Zimmer des Ankömmlings zum Willkommen zu schmücken.
 
                                       11
Heinrich schloss die Haustür, und Felicitas stieg die Treppe hinauf. Der schmale
Gang mit seiner dumpfen, eingeschlossenen Luft, der sich da oben seitwärts
abzweigte, wie lieb und traut umfing er das junge Mädchen, das eilig hindurch
schlüpfte! Dann kam ein stiller, abgelegener Vorplatz; auf schiefe Wände, ein
plumpes, wurmzerfressenes Treppengeländer, das unten aus unheimlicher Dämmerung
emporstieg, und auf eine uralte, mit steifgemalten Tulpen und ziegelroten Rosen
bedeckte Tür fiel hier ein falber Lichtschein, den bouteillengrüne Gläser
hineinwarfen. Felicitas zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete
geräuschlos die Tür, hinter welcher eine schmale, dunkle Treppe nach der
Mansarde führte.
    Das junge Mädchen hatte den halsbrechenden Weg über die Dächer nur ein
einziges Mal machen müssen, von jenem Momente an war ihr der Eintritt in die
abgeschiedene Klause der alten Mamsell unverwehrt. Während der ersten Jahre
hatten sich ihre Besuche auf den Sonntag beschränkt, sie war dann in Heinrichs
Begleitung hinaufgegangen. Nach ihrer Konfirmation jedoch hatte ihr die alte
Mamsell den Schlüssel zu der gemalten Tür übergeben, und seitdem benutzte sie
jeden freien Augenblick, um hinaufzuschlüpfen ... sie führte sonach ein
Doppelleben. Es war nicht nur äusserlich, dass sie dabei Höhe und Tiefe berührte,
zwischen trüber Dämmerung und klarem Sonnenlichte wechselte - ihre Seele machte
dieselbe Wandelung durch, und allmählich war sie so erstarkt, dass zuletzt alle
Schatten, alles Trübe der unteren Region hinter ihr blieben, sobald sie die
schmale, dunkle Treppe hinaufstieg ... Unten handhabte sie Bügeleisen und
Kochlöffel; ihre sogenannte Erholungszeit musste sie ausfüllen mit Stickereien,
deren Ertrag zu wohltätigen Zwecken bestimmt war, wie wir bereits gesehen
haben, und ausser der Bibel und einem Gebetbuche wurde ihr jede Lektüre streng
verweigert. In der Mansarde dagegen erschlossen sich ihr die Wunder des
menschlichen Geistes. Sie lernte mit wahrer Begierde, und das Wissen der
rätselhaften Einsamen da droben war wie ein unerschöpflicher Quell, wie ein
geschliffener Diamant, dem nach jeder Richtung hin Funken entsprühen ... Ausser
Heinrich wusste niemand im Hause um diesen Verkehr, die leiseste Ahnung seitens
der Frau Hellwig würde ihm natürlicherweise sofort den Todesstoss versetzt haben.
Trotzdem hatte die alte Mamsell dem Kinde stets eingeschärft, streng die
Wahrheit zu sagen, wenn es jemals darum befragt werden sollte. Dazu kam es indes
niemals; Heinrich wachte treulich, er stand auf der Lauer und hatte Augen und
Ohren offen.
    Die dunkle Treppe war erklommen. Felicitas blieb horchend vor einer Tür
stehen, schob einen kleinen Schieber an derselben seitwärts und blickte lächelnd
hinein. Da drin ging es toll zu - es war ein seltsames Gemengsel von Singen,
Piepen und Schreien. Inmitten des Raumes erhoben sich zwei Tannen; die Wände
entlang liefen Boskette, wie sie ein Garten nicht frischer aufweisen konnte, und
auf dem Gezweige hauste ein lustiges Vogelgesindel. Das war das Lebendige, das
sich die alte Mamsell in ihre stille Einsiedelei heraufgeholt hatte. Die kleinen
melodischen Kehlen sangen zwar immer die nämlichen Weisen, aber dafür hatten sie
auch nicht jene unselige Wandelung der Menschenzunge, die heute »hosianna« und
morgen »kreuzige« ruft.
    Felicitas schloss den Schieber und öffnete eine zweite Tür. Der Leser hat
bereits vor Jahren einen Blick in diesen epheuumsponnenen Raum geworfen, er
kennt die Versammlung ernster Köpfe, die sich an den Wänden hinreiht, aber er
weiss nicht, dass sie in innigem Zusammenhange stehen mit jenen grossen, in roten
Maroquin gebundenen Büchern, welche dort in einem altväterischen Glasschranke
aufgeschichtet liegen ... Es ist eine gewaltige Flut, die von jenen Stirnen
ausgegangen - wer sie zu entfesseln versteht, der kennt keine Einsamkeit, kein
Verlassensein ... Die grossen Tonmeister verschiedener Zeiten waren es, welche in
Bild und Werken das Asyl der alten Mamsell teilten, und wie sich die Epheuranken
vermittelnd und unparteiisch um alle Büsten schlangen, ebenso vorurteilslos
begeisterte sich die einsame Klavierspielerin an der altitalienischen, wie an
der deutschen Musik. Der Glasschrank barg aber auch noch Schätze, die einen
Autographensammler in Ekstase hätten versetzen können. Manuskripte und
Handschriften jener gewaltigen Männer, die meisten von seltenem Werte, lagen in
Mappen hinter den Scheiben. Diese Sammlung war in früheren Jahren
zusammengetragen worden, wo, wie die alte Mamsell lächelnd meinte, ihr Blut noch
feurig durch die Adern gerollt sei und hinter den Wünschen noch die Energie
gestanden habe - manches vergilbte Blatt war mit bedeutenden Opfern und seltener
Ausdauer errungen worden.
    Felicitas fand die alte Mamsell in einem Zimmer hinter der Schlafstube. Sie
kauerte auf einem Fussbänkchen vor einem geöffneten Schranke, und um sie her auf
Stühlen und Fussboden lagen Rollen weisser Leinwand, Flanell und eine Menge jener
kleinen Gegenstände, die das Menschenkind sofort nach seinem ersten Schrei
beansprucht. Die alte Dame wandte den Kopf nach der Eintretenden. Ihre feinen
Züge hatten sich merkwürdig verändert, und wenn sie auch jetzt eben lebhafte
Freude ausdrückten, so konnten doch damit die Spuren des Verfalles nicht
verwischt werden.
    
    »Gut, dass du kommst, meine liebe Fee!« rief sie dem jungen Mädchen entgegen.
»Bei Tischler Tienemann kann alle Augenblicke der Storch ins Haus fliegen, wie
mir eben die Aufwartefrau sagte, und die Leute haben auch nicht das kleinste
Stückchen Wäsche für das arme Kindchen ... Unser Vorrat ist noch recht
anständig, wir werden ein ganz hübsches Bündel zusammenbringen, nur daran fehlt
es« - sie setzte ein Mützchen von rosa Kattun auf ihre kleine Faust und hielt
eine schmale weisse Spitze daran. »Das könntest du gleich fertig machen, Fee,«
fuhr sie fort; »die Sachen müssen auf jeden Fall heute abend noch hingeschaft
werden.«
    »Ach, Tante Cordula,« sagte Felicitas, indem sie Nadeln und Faden zur Hand
nahm, »damit ist den Leuten nicht allein geholfen - ich weiss ganz genau, Meister
Tienemann braucht auch Geld, und zwar fünfundzwanzig blanke Taler.«
    Die alte Mamsell überlegte.
    »Hm, es ist ein wenig viel für meine gegenwärtigen Finanzen,« meinte sie,
»aber es wird doch gehen.«
    Sie erhob sich mühsam. Felicitas reichte ihr den Arm und führte sie nach dem
Musikzimmer.
    »Tante,« sagte sie plötzlich stehen bleibend, »die Frau Tienemann hat sich
vor kurzem geweigert, deine Wäsche zu besorgen, um es nicht mit Frau Hellwig zu
verderben - hast du nicht daran gedacht?«
    »Ich glaube gar, du willst deine alte Tante aufs Eis führen!« rief die alte
Mamsell bitterböse, aber der Schalk leuchtete aus ihren Augen. Sie fuhr leicht
mit den Fingern über die Wange des jungen Mädchens. Beide lachten und schritten
nach dem Glasschranke.
    Dies schwerfällige, altväterische Möbel hatte auch seine Geheimnisse. Tante
Cordula drückte auf eine harmlos scheinende Verzierung, und an der äusseren
Seitenwand sprang eine schmale Tür auf. Der sichtbar werdende Raum war die Bank
der alten Mamsell, und in früheren Zeiten hatte er für Felicitas' Kinderaugen
den Nimbus einer Christbescherung gehabt; denn nur selten durfte sie einen
scheuen, halbbefriedigten Blick auf all die hier aufgespeicherten Kostbarkeiten
und Raritäten werfen. Auf den schmalen Regalen lagen einige Geldrollen,
Silberzeug und Schmucksachen.
    Während die Tante eine Rolle anbrach und die Taler bedächtig zählte,
ergriff Felicitas eine in der dunkelsten Ecke stehende Schachtel und öffnete sie
neugierig. Es lag ein goldener Armring, weich auf Watte gebettet, darin; kein
edler Stein blitzte an dem Reifen, allein er wog schwer in der Hand und musste
wohl massiv von Gold sein. Was aber ganz besonders an ihm auffiel, das war sein
Umfang - einer Dame wäre er sicher über die Hand geglitten, er schien somit weit
eher für das derbe Handgelenk eines kräftigen Mannes bestimmt zu sein. Nach der
Mitte zu wurde er bedeutend breiter, und hier hatte der Grabstichel in
wundervoller Weise Rosen und feines Gezweig zu einem Medaillon ineinander
geschlungen. Der Kranz umfasste folgende Verse:
»Swa zwei liep ein ander meinent
herzelichen âne wanc
Und sich beidiu sô vereinent,«
Das junge Mädchen drehte den Ring nach allen Seiten und suchte eine Fortsetzung;
denn wenn auch des Altdeutschen nicht mächtig, übersetzte sie doch mit
Leichtigkeit den letzten Vers in die Worte: »Und sich beide so vereinen,« - das
war aber kein Schluss.
    »Tante, kennst du das weitere nicht?« fragte sie, immer noch eifrig suchend.
    Die alte Mamsell hielt den Finger auf einen eben hingelegten Taler und sah
mitten im Zählen auf.
    »O Kind, über was bist du da geraten!« rief sie heftig - es lagen Unmut,
Schrecken und Trauer zugleich in ihrer Stimme. Sie griff rasch nach dem
Armbande, legte es mit bebender Hand in die Schachtel und drückte den Deckel
darauf. Ein feiner, roter Fleck brannte plötzlich auf der einen Wange, und die
gerunzelten Augenbrauen gaben ihrem Blick etwas düster Brütendes - ein nie
gesehener Anblick für das junge Mädchen. Ja, es schien fast, als versänke die
Gegenwart völlig vor einer gewaltsamen Flut plötzlich heraufbeschworener
Erinnerungen, als wisse die alte Dame gar nicht mehr, dass Felicitas neben ihr
stehe, denn nachdem sie mit fieberhafter Hast die Schachtel in die Ecke gestossen
hatte, ergriff sie einen danebenstehenden, mit grauem Papier beklebten Kasten
und fuhr streichelnd und liebkosend mit der Rechten über die abgestossenen Ecken
desselben; ihre Züge wurden milder, sie seufzte und murmelte vor sich hin,
während sie ihn gegen ihre eingesunkene Brust drückte: »Es muss vor mir sterben
... und ich kann es doch nicht sterben sehen!«
    Felicitas schlang ängstlich die Arme um die kleine schwächliche Gestalt, die
in diesem Augenblick wie hilf- und haltlos vor ihr stand. Es war zum erstenmal
seit ihrem neunjährigen Verkehr, dass die Tante die Herrschaft über sich selbst
verlor. So zart und hinfällig in der äusseren Erscheinung, hatte sie doch unter
allen Umständen einen merkwürdig starken Geist, eine unerschütterliche
Seelenruhe gezeigt, die kein äusserer Anlass aus dem Gleichgewichte zu bringen
vermochte. Sie hatte sich mit jeder Faser ihres Herzens liebend an Felicitas
angeschlossen und alle ihre Kenntnisse, ihren ganzen Schatz kerngesunder
Lebensansichten in die junge Seele niedergelegt, aber vor ihrer Vergangenheit
lagen heute noch wie vor neun Jahren Siegel und Riegel. Und nun hatte Felicitas
in unvorsichtiger Hast an dies scheu verschlossene Stück Leben gerührt - sie
machte sich die bittersten Vorwürfe.
    »Ach, Tante, verzeihe mir!« bat sie flehentlich - wie kindlich rührend
konnte dies junge Mädchen bitten, das Frau Hellwig einen Starrkopf, ein Stück
Holz genannt hatte!
    Die alte Mamsell fuhr sich mit der Hand über die Augen.
    »Sei still, Kind, du hast nichts verbrochen, aber ich, ich schwatzte
kindisch wie das Alter!« sagte sie mit erloschener Stimme. »Ja, ich bin alt, alt
und gebrechlich geworden! Früher, da biss ich die Zähne zusammen, die Zunge lag
still dahinter, und ich stand stramm nach aussen - das will nicht mehr gehen - es
ist Zeit, dass ich mich hinlege.«
    Sie hielt den kleinen schmalen Kasten noch immer zögernd in den Händen, als
ringe sie nach Mut, das ausgesprochene Todesurteil jetzt gleich zu vollziehen.
Allein nach einigen Augenblicken legte sie ihn rasch an seine frühere Stelle und
schloss den Schrank. Und damit schien auch die äussere Ruhe zurückzukehren. Sie
trat an den runden Tisch, der neben dem Schranke stand, und auf welchem sie das
Geld hingezählt hatte. Als sei nicht das mindeste Störende vorgefallen, nahm sie
die Rolle wieder auf und legte noch zwei Taler zu den blanken Reihen.
    »Das Geld wollen wir in ein sauberes Papier wickeln,« sagte sie zu Felicitas
- an ihrer Stimme hörte man freilich noch den schwer bekämpften inneren Aufruhr
- »und das Päckchen in die kleine rote Mütze stecken, da ist doch schon etwas
Segen darin gewesen, ehe das junge Köpfchen hineinkommt ... Und Heinrich soll
heute abend punkt neun Uhr auf seinem Posten sein - vergiss das ja nicht!«
    Die alte Mamsell hatte nämlich auch ihre grossen Eigenheiten - sie war
lichtscheu, und zwar in ihren Taten. Sie wurden, wie die Fledermäuse, erst mit
der Nacht lebendig und klopften an die Höhlen der Armut, wenn die Strassen leer
und die Menschenaugen müde waren ... Heinrich war seit langen Jahren die rechte
Hand, von der die linke nicht wissen sollte, was sie tue; er trug die
Unterstützungen der alten Mamsell mit einer Schlauheit und Unsichtbarkeit in die
armen Wohnungen, als könne er für dergleichen Wege seine schwerfällige
Hausknechtshülle völlig abstreifen - so kam es, dass viele in der Stadt
unwissentlich das Brot der alten Mamsell assen, von der sie die ungeheuerlichsten
Dinge glaubten und nötigenfalls beschworen ... Das war gewiss eine schwer
verständliche Eigenheit für jene frommen Seelen, die mit Inbrunst das Bibelwort
festalten, das da heisst: »Lasset euer Licht leuchten!«
    Während Tante Cordula das Geld mit peinlicher Genauigkeit einpackte, öffnete
Felicitas die Glastür, die nach der Galerie führte. Es war Ende Mai .. O du
vielbesungener Frühling, wie wenige wissen um dein Walten im Türinger Lande! Du
bist nicht jener blondlockige, ausgelassene Knabe des Südens, dem es wie
Champagner durch die Adern braust und dessen Fussstapfen mühelos Orangeblüten und
Myrten entspriessen. Hoheit liegt auf deiner Stirn und um deine Lippen blüht das
ruhige Lächeln tiefsinnigen Schaffens. Du mischest die Farben bedächtig und
untermalst deine Bilder in langsamer Behaglichkeit; wir folgen deinen
Pinselzügen mit stiller Freude - sie sind nicht kühn und gewaltig, aber lieblich
und voll sinniger Grazie. Den bräunlich grünen Flaum, der sich um die Brust der
waldigen Berge legt, während droben noch unangetastet das Schneekrönchen auf
ihrem Scheitel sitzt, das feine, grüne Spitzengewebe junger Halme und Gräser
über braunen Erdschollen und auf dem verdorrten vorjährigen Graswuchse der
Wiesen und Abhänge - das wandelst du allmählich und leise zu jungen
Maienzweigen, zu Schneeglöckchen und Veilchensträussen, und nach ruhigem
Ueberlegen und Behüten holst du, wie der sorgsame Gärtner, endlich die
tausendfältige Farbenpracht aus den geschützten Gärten und legst sie auf Hecken,
Wiesen und Raine ... Und der Hauch deines Mundes ist jene herbkräftige Luft, die
Nerven und Sehnen des Türinger Menschenkindes stählt, die sein Herz empfänglich
macht für das Lied und es zähe ausdauern lässt im Festalten poetischen
Aberglaubens, die ihm erhält seinen Sinn für das Recht, seine Neigung zur
Opposition, sein naiv treues Gemüt und - seine himmlische Grobheit!
    Weit da drüben lösten sich die grünen Streifen der Saatfelder wie breite
Bänder vom Waldessaume ab und liefen taleinwärts. Das jüngste Kirschbäumchen,
wie der wilde, knorrige Birnbaum standen weissflockig und leuchtend an ihren
Grenzen, auf verschiedenem Piedestal ein gleich jugendliches Haupt - eine
Unparteilichkeit der Natur, die der Mensch vergeblich ersehnt .. Auf der
Brüstung der Galerie blüten Hyacinten, Maiblumen und Tulpen, und zu beiden
Seiten der Glastür standen mächtige Syringen- und Schneeballenbüsche in Kübeln.
    Felicitas rückte den kleinen runden Tisch in den Vorbau und daneben den
bequemen Lehnsessel der alten Mamsell. Sie legte eine frische Serviette auf und
machte die kleine Kaffeemaschine zurecht; das noch zu vollendende Kinderzeug
wurde daneben gelegt, und als es in der kleinen Messingkanne sang und zischte
und ein köstlicher Mokkaduft auf die Galerie hinausströmte, da sass die alte
Mamsell behaglich in ihrem Lehnstuhle und blickte träumerisch hinaus in die
sonnenbeschienene Frühlingswelt.
    Felicitas hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen.
    »Tante,« sagte sie nach einer kleinen Pause, jedes ihrer Worte betonend, »er
kommt morgen.«
    »Ja, mein Kind, ich weiss es aus der Zeitung; da steht die Notiz aus Bonn:
Professor Hellwig geht zu seiner Erholung auf zwei Monate nach Türingen. ... Er
ist ein berühmter Mann geworden, Fee!«
    »Ihm mag sein Ruhm leicht werden. Er kennt nicht die Qual, die das Mitleiden
der Pflicht gegenüber verursacht ... Er schneidet in das Fleisch und in die
Seelen seiner Mitmenschen mit gleichem Behagen.«
    Die alte Mamsell heftete erstaunt ihren Blick auf Felicitas' Gesicht; dieser
Ton voll unsäglicher Bitterkeit war ihr neu.
    »Hüte dich, ungerecht zu werden, mein Kind!« sagte sie nach einem momentanen
Schweigen langsam und mit unbeschreiblicher Milde.
    Felicitas sah rasch auf - ihre braunen Augen erschienen in diesem
Augenblicke fast schwarz.
    »Ich wüsste nicht, wie ich es anfangen sollte, nachsichtiger über ihn zu
denken,« entgegnete sie; »er hat sich schwer an mir versündigt, und ich weiss -
ich würde es nie beklagen, wenn ihm ein Leid widerführe, und wenn ich ihm zu
einem Glücke verhelfen könnte, ich würde keinen Finger bewegen -«
    »Fee -«
    »Ja, Tante, das ist die Wahrheit! ... Ich habe stets ein ruhiges Gesicht zu
dir heraufgebracht, weil ich dir und mir die kargen Stunden unseres
Beisammenseins nicht vergällen wollte; du hast oft an den Frieden meiner Seele
geglaubt, während es in ihr stürmte ... Lasse dich in den Staub treten, täglich,
stündlich - höre, wie deine Eltern geschmäht werden, wie man sie Gottverfluchte
nennt, denen du alle dir angedichteten Fehler verdanken sollst - fühle das
Streben nach Höherem in dir und lasse dich unter Hohnlachen hinabstossen in die
ungebildete Sphäre, weil du arm bist und kein Recht hast an höherer Bildung -
siehe, wie diese deine Peiniger den Nimbus der Frömmigkeit tragen und dich
ungestraft im Namen des Herrn geistig vernichten dürfen und trägst du das alles
ruhig, empört sich nicht jeder Blutstropfen in dir, kannst du verzeihen, so ist
das nicht die Duldsamkeit eines Engels, sondern die feige, sklavische
Unterwerfung einer schwachen Seele, die es verdient, dass man ihr den Fuss auf den
Nacken setzt!«
    Felicitas sprach fest, mit tiefer klangvoller Stimme. Welche Gewalt hatte
dieses merkwürdige, junge Geschöpf über sein Äußeres! - kaum, dass es die Hand
hob bei den leidenschaftlichen Worten, die über seine Lippen strömten.
    »Der Gedanke, dass ich jenem Steingesichte wieder gegenüber stehen soll, regt
mich mehr auf, als ich dir sagen kann, Tante!« fuhr sie nach einem tiefen
Atemholen fort. »Er wird mit der Stimme ohne Herz und Seele alles wiederholen,
was er seit neun Jahren schriftlich an mir verbrochen hat ... Wie der grausame
Knabe, der ein armes, geflügeltes Geschöpf am Faden flattern lässt, so hat er
mich an dies schreckliche Haus gebunden und dadurch den letzten Willen des
Onkels in einen Fluch für mich verkehrt ... Kann es etwas Grausameres geben, als
seine Handlungsweise mir gegenüber? Ich durfte keine geistigen Fähigkeiten, kein
weiches Herz, kein empfindliches Ehrgefühl haben - das alles war unstattaft bei
einem Spielerskinde; seine schmachvolle Abkunft konnte nur gesühnt werden
dadurch, dass es eine sogenannte Magd des Herrn werde, eines jener armen
Geschöpfe mit möglichst engbegrenztem Gesichtskreise.«
    »Nun, darüber sind wir hinausgekommen, mein Kind!« sagte Tante Cordula mit
einem feinen Lächeln. »Uebrigens wird jedenfalls mit seiner Ankunft ein
Wendepunkt für dich eintreten,« fügte sie ernst hinzu.
    »Nach verschiedenen Kämpfen sicher - Frau Hellwig gab mir heute den Trost,
es werde dann alles ein Ende haben.«
    »Nun, und dann werde ich dir nicht mehr zu wiederholen brauchen, dass du
drunten ausharren müsstest, um den letzten Willen dessen zu ehren, der dich in
sein Haus genommen und wie ein eigenes Kind geliebt hat ... Dann bist du völlig
frei und wirst die Pflegerin deiner alten Tante vor aller Welt, und wir dürfen
nicht mehr fürchten, auseinander gerissen zu werden, denn die drunten haben sich
ihres Rechtes begeben.«
    Felicitas sah mit leuchtenden Augen auf, sie ergriff rasch die kleine, welke
Hand der alten Mamsell und zog sie an ihre Lippen.
    »Und denke nicht schlimmer von mir, Tante, seit du tiefer als bisher in mein
Inneres gesehen hast,« bat sie mit weicher Stimme. »Ich liebe die Menschen und
habe eine sehr hohe Meinung von ihnen, und wenn ich mich so energisch gegen
geistigen Tod gewehrt habe, so hat mich zum Teil auch der Gedanke angetrieben,
in ihrem Kreise mehr zu sein, als ein gewöhnliches Lasttier ... Werde ich auch
durch einzelne misshandelt, so bin ich doch weit entfernt, meine Anklage über die
gesamte Menschheit auszudehnen - ich habe nicht einmal Misstrauen gegen sie ...
Dagegen bin ich nicht im stande, meine Feinde zu lieben und die zu segnen, die
mir fluchen. Ist das ein dunkler Punkt in meinem Charakter, so kann ich's nicht
ändern, und, Tante - ich will auch nicht, denn hier ist die haarscharfe Grenze
zwischen Milde und Charakterlosigkeit!«
    Tante Cordula schwieg und heftete den trüben Blick auf den Boden ... Hatte
sie auch einen Moment in ihrem Leben, wo sie nicht oder nur mit unsäglicher
Ueberwindung verzeihen konnte? ... Sie liess das Gespräch absichtlich fallen,
nahm selbst Nadel und Faden zur Hand, und nun wurde ununterbrochen gearbeitet,
und als der Abend hereindämmerte, war ein stattliches Bündel fertig. Tief in
seinem Innern steckte der silberne Kern, jenes kleine Kapital, das der arme
Tischlermeister von den »Gottbegnadeten« vergebens erfleht hatte und welches er
nun unbewusst empfing aus den Händen der sogenannten Ungläubigen.
    Als Felicitas die Wohnung der alten Mamsell verliess, war es schon lebendig
im Vorderhause. Sie hörte das Kind der Regierungsrätin, die kleine Anna, lachen
und plaudern, und der Vorsaal im zweiten Stockwerke hallte wider von kräftigen
Hammerschlägen. Das junge Mädchen flog durch den Korridor, der in den Vorplatz
mündete. Dort stand Heinrich auf einer Leiter und befestigte Guirlanden über
einer Tür. Bei Felicitas' Erblicken schnitt er eine urkomische Grimasse, in
welcher Grimm, Spott und Laune um die Oberhand stritten, und schlug noch
einigemal heftig auf die unglücklichen Nägelköpfe, als sollten sie zu Brei
zermalmt werden, dann stieg er herunter.
    Die kleine Anna hatte mit feierlichem Ernste die Leiter gehalten, damit sie
nicht umfallen sollte, als sie aber Felicitas erblickte, da vergass sie ihres
wichtigen Amtes, wackelte schwerfällig auf sie zu und schlang zärtlich die
Aermchen um deren Knie. Das junge Mädchen hob sie vom Boden auf und nahm sie auf
den Arm.
    »Tun die Leute nicht, als ob morgen eine Kopulation im Hause wäre,« sagte
Heinrich halblaut und geärgert, »und derweil kommt einer, der nicht rechts, noch
links sieht und den ganzen Tag ein Gesicht macht, als ob er Essig verschluckt
hätte« ... Er hob das eine Ende der Guirlande auf. »Gucke da, Blümelein
Vergissmeinnicht ist auch d'rin ... na, die das Dings da gebunden hat, die wird
schon wissen warum ... Aber Feechen,« unterbrach er sich ärgerlich, als er sah,
dass das Kind seine Wange an Felicitas' Gesicht legte, »tue mir doch den
einzigen Gefallen und nimm das kleine Scheusälchen nicht immer auf den Arm - es
hat ja keinen gesunden Tropfen Blut im Leibe, und vielleicht steckt's doch an.«
    Felicitas legte rasch die Linke um die kleine Gestalt und drückte sie voll
tiefen Erbarmens an ihre Brust. Das Kind fürchtete sich vor Heinrichs
feindseligem Blicke und versteckte sein hässliches Gesichtchen, man sah nur den
kleinen Lockenkopf, und so war das junge Mädchen mitdem Kinde auf dem Arme in
diesem Augenblicke das schönste Madonnenbild.
    Sie war eben im Begriff, unwillig zu antworten, als die bekränzte Tür
aufging; sie mochte nur angelehnt gewesen sein, denn langsam und allmählich fiel
sie zurück und liess die Draussenstehenden ins Zimmer sehen. Es war in der Tat,
als solle eine junge Braut ihren Einzug halten; auf dem Sims des einzigen
Fensters da drin standen Vasen voll Blumen, und die Regierungsrätin hatte eben
eine lange Guirlande in zierlichen Festons über den Schreibtisch gehangen. Sie
trat zurück, um das Werk ihrer Hände von fern zu betrachten, dabei wandte sie
den Kopf und erblickte die draussen stehende Gruppe. Vielleicht missfiel ihr die
Madonnenähnlichkeit, sie runzelte missmutig die feinen Brauen, rief ihr
Dienstmädchen herbei, das mit dem Staubtuche über die Möbel fuhr, und zeigte
nach der Tür.
    »Wirst du denn gleich 'runtergehen, Aennchen,« schalt Rosa herauseilend, »du
sollst dich ja von niemand auf den Arm nehmen lassen, hat die Mama gesagt ...
Die gnädige Frau sieht es gar nicht gern,« sagte sie schnippisch zu Felicitas,
während sie die Kleine nahm und auf den Boden stellte, »wenn Aennchen zu allen
Leuten geht und sich küssen und hätscheln lässt - es sei nicht gesund, meint
sie.«
    Sie führte das bitterlich weinende Kind ins Zimmer und schloss die Tür.
    »Ei, du heiliges Kreuz, ist das ein Volk!« knirschte Heinrich, indem er die
Treppe hinabstieg. »Siehst du, das hast du nun von deinem guten Willen, Feechen!
- Solche Leute denken, ihre Krankheiten seien ebenso vornehm, wie sie selber,
und man müsse Gott danken, wenn man mit seinen gesunden Händen ihre elenden
Leiber anrühren darf.«
    Felicitas schritt schweigend neben ihm. Als sie die Hausflur betraten,
rollte draussen ein Wagen über den Marktplatz und hielt vor dem Hause. Ehe
Heinrich die Tür erreichen konnte, wurde sie mit einem kräftigen Rucke
geöffnet. Es dämmerte bereits stark in der Flur; man konnte nur an den Umrissen
erkennen, dass es eine gedrungene Männergestalt war, welche auf die Schwelle
trat. Mit wenigen raschen Schritten stand der Herr vor der Tür des Wohnzimmers,
die von innen aufgemacht wurde. Den Ausruf der Ueberraschung von Frau Hellwigs
Lippen und die trockenen Worte: »Ei, du bist unpünktlich geworden, Johannes, wir
erwarteten dich erst morgen!« schollen heraus, dann wurde die Tür geschlossen,
und nur der draussen harrende Wagen und das zurückgebliebene Aroma einer feinen
Zigarre bewiesen, dass die Erscheinung wirklich gewesen war.
    »Das war er!« flüsterte Felicitas und legte die Hand auf ihr erschrockenes
Herz.
    »Nun kann's losgehn!« brummte Heinrich zu gleicher Zeit, aber er schwieg
alsbald wieder und horchte lächelnd nach dem Treppenhause.
    Da droben kam es herabgebraust wie die wilde Jagd. Die Regierungsrätin flog
förmlich über die Stufen, die blonden Locken flatterten, und das weisse Kleid
umwogte die schwebende Gestalt wie eine Wolke. Sie liess Rosa und das langsam
herabpolternde Kind weit hinter sich und stand nach wenigen Augenblicken im
Wohnzimmer.
    »Gelt, Feechen, nun wissen wir doch auch, warum Blümelein Vergissmeinnicht in
der Guirlande steckt?« lachte Heinrich und ging hinaus, um die Effekten des
Ankömmlings in Empfang zu nehmen.
 
                                       12
Um anderen Morgen - es war noch ziemlich früh - benutzte Felicitas einen freien
Augenblick und schlüpfte hinauf zur Tante Cordula, um ihr mitzuteilen, dass
Heinrichs Expedition bei der armen Tischlerfamilie geglückt sei. Auf dem
Vorplatze des zweiten Stockes kam ihr Heinrich entgegen, er schmunzelte
seelenvergnügt und deutete mit dem Daumen über die Schulter zurück nach der
Tür, die er gestern bekränzt hatte. Der Blumenschmuck war verschwunden; ein
förmlicher Knäuel von Guirlanden lag am Boden, und an der Wand hin reihten sich
verschiedene Blumenvasen.
    »Hui, das flog 'runter!« flüsterte Heinrich. »Eins, zwei, drei, da lag das
Blümelein Vergissmeinnicht auf der Erde - ich kam gerade dazu, wie er auf der
Leiter stand.«
    »Wer?«
    »Nun, der Professor ... Er machte ein schreckliches Gesicht, ich hatte aber
auch das Dings für alle Ewigkeit festgenagelt - er hat fürchterlich reissen und
zerren müssen ... Aber denke dir nur, Feechen, er gab mir die Hand, wie ich ihm
guten Morgen wünschte - das hat mich doch gewundert.«
    Felicita's Lippen kräuselten sich - sie war im Begriffe, etwas Herbes zu
sagen, aber plötzlich huschte sie um die Ecke in den dunklen Korridor; drin im
Zimmer hatten sich rasche Schritte der Tür genähert.
    Als sie später aus der Mansarde zurückkehrte und die Treppe hinabgehen
wollte, da klang die Stimme der Regierungsrätin aus dem ersten Stock herauf; sie
sprach in sanft klagenden Tönen - es gab wohl nicht leicht etwas Melodischeres,
als das Organ dieser Frau.
    »Die armen Blumen!« klagte sie.
    »Wie hast du mir aber auch das antun können, Adele!« antwortete eine
männliche Stimme. »Du weisst doch, dass mir dergleichen Verherrlichungen ein
Greuel sind.«
    Es war dieselbe kalte Stimme, die einst auf die kleine Fee einen so
unauslöschlich schlimmen Eindruck gemacht; nur klang sie tiefer und hatte in
diesem Augenblicke eine Beimischung tadelnden Verdrusses. Felicitas bog sich
über das Geländer und sah scheu, mit angehaltenem Atem hinab. Da schritt er,
vorsichtig die kleine Anna an der Hand führend, langsam Stufe um Stufe hinunter!
Es lag nichts, auch gar nichts in dieser Erscheinung, was sich hätte in Einklang
bringen lassen mit dem Professortitel. Diese Vertreter des Gesamtwissens hatten
für das junge Mädchen den Nimbus des Vornehmen und der Erhabenheit; hier aber
suchte sie vergebens nach diesen Eigenschaften. Eine kernige, wie es schien,
eisenfest zusammengefügte Gestalt mit eckigen Bewegungen und von, wenn auch
sicherer, doch nichts weniger als eleganter Haltung; gerade in ihr lag etwas
Hartnäckiges, Unverbindliches; man hätte meinen können, dieser Nacken habe sich
noch nie, nicht einmal im Grusse gebeugt. Und wie wenig war der Kopf geeignet,
diese Meinung zu widerlegen! Er bog einen Moment das Gesicht aufwärts, dies
unschöne Gesicht, das einst der Vorstellung des Kindes vom fernen Johanneskopfe
so wenig entsprochen; es war nicht wohlwollender geworden in seinem Ausdrucke.
Ein rötlich blonder, sehr starker, krauser Bart bedeckte das Kinn und den
unteren Teil der Wangen und fiel fast bis auf die Brust herab, und zwischen den
buschigen Augenbrauen, die in diesem Momente wohl auch noch finsterer
zusammengezogen wurden im Verdruss über die übel angebrachte Verherrlichung,
lagerte eine tiefe Falte. Allein diese nichts weniger als aristokratisch und
einnehmend gebildete Aussenseite hatte trotzdem etwas Bedeutendes, und zwar durch
den unwiderleglichen Ausdruck männlicher Kraft und eines starken Willens.
    Und jetzt bog er sich nieder zu der mühsam hinabkletternden Kleinen und nahm
sie auf den Arm.
    »Komm her, mein Kind, es will doch nicht so recht gehen mit den armen
Beinchen,« sagte er. Das klang überraschend mild und mitleidsvoll.
    »Es ist aber auch kein Spielerskind, zu dem er spricht,« dachte Felicitas,
und ihr Herz schwoll voll Bitterkeit.
    Die Morgenstunden wurden sehr geräuschvoll für das stille Haus; die Glocke
an der Haustür hörte fast nicht auf, zu klingeln. Es gab auch in dieser kleinen
Stadt, so gut wie in jeder anderen, Leute genug, die ihre Alltagsgesichter gar
zu gern von der Glorie eines berühmten Mannes mit beglänzen lassen, ohne zu
bedenken, dass gerade dieser Strahl ihr armes Ich unerbittlich beleuchtet. Diese
Besuche kamen übrigens für Felicitas sehr erwünscht, denn obgleich sie nichts
sehnlicher erhoffte, als eine rasche Entscheidung, so bebte sie doch vor dem
ersten Zusammenstosse, und plötzlich fühlte sie, dass sie noch nicht gesammelt und
ruhig genug sei - jede Stunde Zeit schien ihr deshalb ein Gewinn. Allein die
Machtaber in der Wohnstube hatten jedenfalls den Wunsch, die Katastrophe
möglichst rasch in Szene zu setzen, denn kaum nachdem das Mittagessen abgetragen
war, kam Heinrich in die Küche; er betrachtete Felicitas' Anzug aufmerksam,
klopfte ein wenig Mehlstaub von ihrem dunklen Aermel und sagte mit einem etwas
unsicheren Blicke: »Da am Ohre ist der Zopf ein wenig aufgegangen, Feechen - das
steck erst fest, der da drin darf so etwas nicht sehen, das weisst du ... Du
sollst nämlich gleich 'nüber in dem sel'gen Herrn sein Zimmer kommen - dort sind
sie ... na, na, wer wird denn gleich so erschrecken! - bist ja kreideweiss
geworden. Tapfer, Feechen - den Kopf kann er dir nicht abreissen!«
    Felicitas öffnete die Tür und trat leise in das ehemalige Zimmer des
Onkels. Noch lag es schneebleich auf ihren Lippen und Wangen, dadurch erschien
aber auch ihr Gesicht für den Augenblick fast geisterhaft still und unbeweglich.
    Genau wie vor neun Jahren, an jenem stürmischen Morgen, sass Frau Hellwig im
Lehnstuhle, nahe dem Fenster. Neben ihr, den Rücken nach der Tür gewendet und
die gefalteten Hände rückwärts gekreuzt, stand er, der dies Geschöpf dort
eigenmächtig auf den Weg der Dienstbarkeit gedrängt und nie und nimmer geduldet
hatte, dass diese dunkle Linie sich auch nur die kleinste Ausbiegung erlaube, der
es stets von weiter Ferne unerbittlich gestraft hatte, ohne je zu fragen: »Bist
du auch schuldig?«
    Felicitas hatte mit Recht vor dieser ersten Begegnung gezittert, denn jetzt,
bei seinem Anblicke, fühlte sie, wie Groll und Erbitterung übermächtig in ihr
wurden, und doch war ihr Selbstbeherrschung nie nötiger gewesen, als in diesem
entscheidenden Augenblicke.
    »Da ist Karoline,« sagte Frau Hellwig.
    Der Professor drehte sich um und zeigte ein sehr erstauntes Gesicht.
Wahrscheinlich hatte er nie daran gedacht, dass das Spielerskind, welches einst
auf derselben Stelle mit dem kleinen Fusse gestampft und sich wie unsinnig
gebärdet hatte, auch wachsen und ruhig aussehen könne. Jetzt stand die
Erwachsene da, hoch und stolz aufgerichtet, wenn auch ihr Blick am Boden hing.
    Er schritt auf sie zu und machte eine Bewegung mit dem rechten Arme - wollte
er ihr auch etwa die Hand reichen, wie er bei Heinrich getan? Ihr Herz drehte
sich fast um bei dem Gedanken, die feinen Finger bogen sich krampfhaft nach der
innern Handfläche und unbeweglich lagen die Arme am Körper, aber die Wimpern
hoben sich, und ein Blick voll tödlicher Kälte traf den ihr gegenüberstehenden
Mann - so misst ein erbitterter Gegner den anderen. Das mochte dem Professor auch
sofort klar werden; er wich unwillkürlich zurück und mass scharf die ganze
Gestalt vom Kopfe bis zu den Füssen.
    In diesem Moment wurde an die Tür geklopft, und gleich darauf steckte die
Regierungsrätin ihr blondes, lachendes Köpfchen herein.
    »Ist's erlaubt?« bat sie mit schmeichelnder Stimme, und ehe geantwortet
werden konnte, stand sie mitten im Zimmer.
    »Ah, ich komme wohl gerade recht zum peinlichen Verhör?« fragte sie. »Meine
liebe Karoline, jetzt werden Sie wohl einsehen lernen, dass es auch noch einen
andern Willen gibt, als den Ihrigen, und für den armen Wellner kommt endlich die
Entscheidung.«
    »Ich bitte dich, Adele, lasse jetzt Johannes reden!« rief Frau Hellwig
ziemlich kurz und ungnädig.
    »Nun, bleiben wir vorläufig bei diesem einen Punkte stehen,« sagte der
Professor. Er kreuzte die Arme über der Brust und lehnte sich an einen Tisch.
»Wollen Sie mir sagen, weshalb Sie den ehrenvollen Antrag des Mannes
zurückweisen?«
    Sein ruhiges, leidenschaftsloses Auge ruhte prüfend auf dem jungen Mädchen.
    »Weil ich ihn verachte. Er ist ein elender Heuchler, der die Frömmigkeit als
Deckmantel für seine Habgier und seinen Geiz benutzt,« entgegnete sie fest und
sicher; es galt jetzt durch ruhige, rücksichtslose Offenheit die Schläge zu
parieren.
    »Gott, welche Verleumdung!« rief die Regierungsrätin. Sie schlug in
schmerzlichem Unwillen die weissen Hände zusammen, und ihre grossen, blauen Augen
suchten anklagend den Himmel. Frau Hellwig aber stiess ein kurzes, rauhes Lachen
aus.
    »Da hast du ja gleich ein Pröbchen von der Art und Weise deiner sogenannten
Mündel, Johannes!« rief sie. »Dies Mundwerk ist stets fertig mit Verachtung und
dergleichen - ich kenne das! ... Mach's kurz! Du kommst nicht um ein Haar breit
weiter mit ihr, und ich habe keine Lust, ehrbare Leute, die in meinem Hause aus
und ein gehen, lästern zu hören!«
    Der Professor antwortete nicht. Während er mit der Hand langsam über den
Bart strich - es war eine merkwürdig schöne schmale Hand - hing sein Blick an
der Regierungsrätin, die noch wie ein betender Seraph dastand. Es schien fast,
als habe er nur ihren Ausruf gehört, seine Lippen verzogen sich ein wenig - wer
vermochte in dieser eigenartigen Physiognomie zu lesen?
    »Du hast ja gewaltige Charakterstudien in den wenigen Wochen deines
Hierseins gemacht, Adele!« sagte er. »Wenn man in der Weise als Anwalt auftreten
kann -«
    »Um Gott, Johannes,« unterbrach ihn die junge Witwe lebhaft, »du wirst doch
nicht denken, dass ein besonderes Interesse -« sie schwieg plötzlich, und ein
tiefes Rot schoss in ihre Wangen.
    Jetzt blitzte es entschieden wie Spott aus dem Auge des Professors.
    »Sämtliche Damen, die bei der Tante aus und ein gehen, stimmen darin
überein, dass Wellner ein Ehrenmann ist,« setzte sie nach einer Pause der
Sammlung entschuldigend hinzu. »Die Missionsgelder gehen durch seine Hände und
die Gläubigen finden keinen Tadel an ihm -«
    »Und darauf schwörst du nun natürlicherweise,« ergänzte der Professor kurz
abbrechend. »Ich kenne den Mann nicht,« wandte er sich zu Felicitas, »und kann
deshalb nicht wissen, inwieweit Ihre Anklage gerechtfertigt ist.«
    »Johannes!« unterbrach ihn Frau Hellwig gereizt.
    »Bitte, Mutter, wir wollen das später allein erörtern,« sagte er ruhig und
beschwichtigend. »Zwingen wird Sie natürlich niemand,« fuhr er zu dem jungen
Mädchen gewendet, fort. »Ich habe Ihnen allerdings bis hierher nie das Recht
eingeräumt, in irgend einer Angelegenheit selbst zu entscheiden, einmal, weil
ich Sie unter einer Führung wusste, der ich mein unbedingtes Vertrauen schenke,
und dann, weil Sie ein Charakter sind, der sich gern gefährlicher Uebergriffe
schuldig macht und sich stets gegen das auflehnt, was zu seinem wahren Wohl
geschieht ... In dieser Frage jedoch hört meine Macht auf. Ich kann Ihnen sogar
in mancher Beziehung nicht unrecht geben, denn Sie sind jung, und er steht, wie
ich höre, in vorgerücktem Alter - das taugt nicht. Ein zweiter Stein des
Anstosses ist die Standesverschiedenheit; für den Augenblick wird er wohl über
Ihre Herkunft hinwegsehen - später tritt in solchen Dingen gewöhnlich ein
Rückschlag ein, Störung des Gleichgewichts rächt sich stets.«
    Wie klang das vernünftig und - herzlos! Er war in diesem Momente genau der
Verfasser aller jener schriftlichen Massregeln, die nie den verfemten Boden aus
dem Auge verloren, dem das Spielerskind entsprossen. Er verliess seinen
bisherigen Platz und trat vor das junge Mädchen, dessen Lippen in einem bitteren
Lächeln zuckten.
    »Sie haben uns schwer zu schaffen gemacht,« sagte er und hob den
Zeigefinger. »Sie haben es durchaus nicht verstanden und, wie ich annehmen muss,
auch nicht gewollt, die Zuneigung meiner Mutter zu gewinnen ... So wie die
Sachen liegen, werden Sie selbst nicht wünschen, länger hier im Hause zu
bleiben.«
    »Ich ginge am liebsten in dieser Stunde noch.«
    »Das glaube ich Ihnen gern, Sie haben ja stets deutlich genug gezeigt, dass
Ihnen unsere strenge und gewissenhafte Fürsorge unerträglich ist.« Sein Ton
hatte jetzt doch eine Beimischung von Aerger und Gereizteit. »Es ist eben eine
völlig verlorene Mühe unsererseits gewesen, die Zugvogelnatur in Ihnen
unterdrücken zu wollen ... Nun, Sie sollen haben, was Sie wünschen, aber ich
halte meine Aufgabe noch nicht für beendet - ich will erst noch den Versuch
machen, Ihre Angehörigen aufzufinden.«
    »Du warst früher anderer Ansicht über diesen Punkt,« warf Frau Hellwig
spöttisch ein.
    »Die hat sich im Laufe der Dinge geändert, wie du siehst, Mutter,« erwiderte
er ruhig.
    Felicitas schwieg und sah vor sich nieder. Sie wusste, dass dieser Schritt
ohne Erfolg bleiben würde - Tante Cordula hatte ihn längst getan. Vor vier
Jahren war durch die Redaktion einer der ersten Zeitungen ein Aufruf an den
Taschenspieler d'Orlowsky und die Verwandten von dessen Ehefrau ergangen, er
hatte alle namhaften Blätter durchlaufen, aber bis zur Stunde war niemand
erschienen. Das konnte das junge Mädchen freilich nicht sagen.
    »Ich werde heute noch die nötigen Schritte tun,« fuhr der Professor fort,
»und glaube, dass ein Zeitraum von zwei Monaten völlig genügt, um Aufschluss zu
gewinnen ... Bis dahin stehen Sie noch unter meiner Vormundschaft und im
dienstlichen Verhältnisse zu meiner Mutter. Sollte sich jedoch, wie ich fürchte,
keines Ihrer Anverwandten auffinden lassen, dann -«
    »Dann bitte ich um meine sofortige Freiheit nach Ablauf der gestellten
Frist!« unterbrach ihn Felicitas rasch.
    »Nein, das klingt denn doch zu abscheulich!« rief die Regierungsrätin
entrüstet. »Sie tun ja wirklich, als hätte man Sie in diesem Hause des Friedens
und der christlichen Barmherzigkeit gemartert und gekreuzigt! ... Undank!«
    »Sie meinen also, umseren ferneren Beistand entbehren zu können?« fragte der
Professor, ohne den Zorneserguss der jungen Witwe zu beachten.
    »Ich muss dafür danken.«
    »Nun gut,« sagte er nach einem Moment des Schweigens kurz, »nach Verlauf von
zwei Monaten soll Ihnen freistehen, zu tun und zu lassen, was Sie wollen!« Er
wandte sich ab und schritt nach dem Fenster.
    »Du kannst gehen!« gebot Frau Hellwig rauh.
    Felicitas verliess das Zimmer.
    »Also noch ein achtwöchentlicher Kampf!« flüsterte sie, während sie durch
die Hausflur schritt. »Es wird ein Kampf auf Leben und Tod werden.«
 
                                       13
Drei Tage waren seit des Professors Ankunft vergangen; sie hatten das einförmige
Leben in dem alten Kaufmannshause völlig verwandelt, aber für Felicitas waren
sie wider alles Erwarten ruhig verflossen. Der Professor hatte sich nicht wieder
um sie bekümmert; er schien den Verkehr mit ihr auf die erste und einzige
Unterredung beschränken zu wollen. Sie atmete auf, und doch - seltsamerweise -
hatte sie sich nie mehr gedemütigt und verletzt gefühlt, als jetzt ... Er war
einigemal in der Hausflur an ihr vorübergegangen, ohne sie zu sehen - freilich
war er da ärgerlich gewesen und hatte ein grimmiges Gesicht gemacht, was ihn
durchaus nicht verschönte. Frau Hellwig liess es sich nämlich trotz aller seiner
Bitten und Vorstellungen nicht nehmen, ihn hinunter in das Wohnzimmer zu
bescheiden, wenn Besuchende aus ihrem Bekanntenkreise kamen, die ihn zu sehen
wünschten. Er erschien notgedrungen, aber dann stets als sehr unliebenswürdiger,
schroffer Gesellschafter ... Es kamen aber auch viele andere täglich, die von
Heinrich hinaufgewiesen wurden in das zweite Stockwerk - Hilfesuchende, oft sehr
dürftige, armselige Gestalten, die Friederike zu jeder anderen Zeit ohne
weiteres an der Schwelle zurückgewiesen haben würde; sie schritten jetzt zum
Aerger der alten Köchin und eigentlich auch gegen den Wunsch und Willen der Frau
Hellwig über die schneeweiss gehaltene, förmlich gefeite Treppe des vornehmen
Hauses und fanden droben ohne Unterschied Einlass und Gehör. Der Professor hatte
hauptsächlich Ruf als Augenarzt; es waren ihm Kuren gelungen, die andere
anerkannt tüchtige Fachmänner in das Bereich der Unmöglichkeiten verwiesen
hatten - der Name des noch sehr jungen Mannes war dadurch plötzlich ein
glänzender und gepriesener geworden.
    Frau Hellwig hatte Felicitas das Abstäuben und Aufräumen im Zimmer ihres
Sohnes übertragen. Der kleine Raum erschien völlig verwandelt, seit er bewohnt
wurde; vorher mit ziemlichem Komfort ausgestattet, glich er jetzt weit eher
einer Kartäuserzelle. Ein gleiches Schicksal wie den Guirlandenschmuck hatte
die bunten Kattunvorhänge ereilt - sie waren sofort unter den Händen des
Professors als lichtraubend gefallen; ebenso hatten einige unkünstlerische, mit
grosser Farbenverschwendung illuminierte Schlachtenbilder an den Wänden weichen
müssen; dagegen hing plötzlich ein sehr alter, in eine dunkle Ecke des Vorsaales
verbannter Kupferstich, trotz seines zerbröckelnden, schwarzen Holzrahmens, über
dem Schreibtische des Bewohners. Es war ein wahres Meisterstück der
Kupferstecherkunst, eine junge schöne Mutter vorstellend, die ihr Kind zärtlich
in ihren pelzverbrämten Seidenmantel hüllt. Die wollene Decke auf dem Sofatische
und mehrere gestickte Polster waren als »Staubhalter« entfernt worden, und auf
einer Kommode standen statt der Meissner Porzellanfiguren die Bücher des
Professors, dicht aneinander gedrängt und symmetrisch geordnet. Da sah man kein
umgeknicktes Blatt, keine abgestossene Ecke, und doch wurden sie ohne Zweifel
viel gebraucht; sie steckten in sehr unscheinbarem Gewande und waren je nach der
Sprache, in der sie geschrieben, uniformiert - das Latein grau, Deutsch braun
etc. ... »Genau so versucht er die Menschenseelen zu ordnen,« dachte Felicitas
bitter, als sie zum erstenmal die Bücherreihen sah, »und wehe, wenn eine über
die ihr angewiesene Farbe hinaus will!«
    Den Morgenkaffee trank der Professor in Gesellschaft seiner Mutter und der
Regierungsrätin; dann aber ging er auf sein Zimmer und arbeitete bis zum
Mittage. Er hatte gleich am ersten Morgen den Wein zurückgewiesen, den Frau
Hellwig zu seiner Erquickung hinaufgeschickt; dagegen musste stets neben ihm eine
Karaffe voll Wasser stehen. Es schien, als vermeide er geflissentlich, sich
bedienen zu lassen - nie benutzte er die Klingel; war ihm das Trinkwasser nicht
mehr frisch genug, so stieg er selbst hinunter in den Hof und füllte die Karaffe
aufs neue.
    Am Morgen des vierten Tages waren Briefe an den Professor eingelaufen.
Heinrich war ausgegangen, und so wurde Felicitas in das zweite Stockwerk
geschickt. Sie blieb zögernd vor der Tür stehen, drin wurde gesprochen; es war
eine Frauenstimme, die, wie es schien, eben eine längere Ansprache beendete.
    »Doktor Böhm hat mit mir über das Augenleiden Ihres Sohnes gesprochen,«
antwortete der Professor in gütigem Tone; »ich will sehen, was sich tun lässt.«
    »Ach, gnäd'ger Herr Professor, ein so berühmter Mann, wie Sie -«
    »Lassen Sie das, Frau!« unterbrach er die Sprechende so rauh, dass sie
erschrocken schwieg. »Ich will morgen kommen und die Augen untersuchen,« setzte
er milder hinzu.
    »Aber wir sind arme Leute; der Verdienst ist gering -«
    »Das haben Sie mir bereits zweimal gesagt, liebe Frau!« unterbrach sie der
Professor abermals ungeduldig. »Gehen Sie jetzt; ich brauche meine Zeit nötiger
... Wenn ich Ihrem Sohne helfen kann, so geschieht es - adieu!«
    Die Frau kam heraus, und Felicitas schritt über die Schwelle. Der Professor
sass am Schreibtische; seine Feder flog bereits wieder über das Papier. Er hatte
aber doch das junge Mädchen eintreten sehen, und ohne das Auge von seiner Arbeit
wegzuwenden, streckte er die Linke nach den Briefen aus. Er erbrach einen
derselben, während Felicitas wieder nach der Tür zu schritt.
    »Apropos,« rief er, schon halb und halb in den Brief vertieft, »wer stäubt
denn hier im Zimmer ab?«
    »Ich,« antwortete das junge Mädchen stehen bleibend.
    »Nun, dann muss ich Sie ersuchen, künftig meinen Schreibtisch mehr zu
respektieren. Es ist mir sehr unangenehm, wenn ein Buch auch nur von seiner
Stelle gerückt wird, und hier fehlt mir sogar eines.«
    Felicitas schritt gelassen nach dem Tische, auf welchem mehrere Bücherstösse
lagen.
    »Was hat das Buch für einen Titel?« fragte sie ruhig.
    Es zuckte etwas wie ein Lächeln durch das ernste Gesicht des Professors.
Diese Frage aus einem Mädchenmunde klang aber auch eigentümlich naiv und
bedenklich im Studierzimmer des Arztes.
    »Sie werden es schwerlich finden - es ist ein französisches Buch,« erwiderte
er. »Cruveilhier. Anatomie du système nerveux steht auf der Rückseite,« setzte
er hinzu - wieder zuckte es über sein Gesicht.
    Felicitas zog sofort eines der Bücher hervor; es lag zwischen mehreren
anderen französischen Werken.
    »Hier ist es,« sagte sie. »Es lag jedenfalls noch auf der Stelle, wo Sie es
selbst hingelegt hatten - ich nehme keines der Bücher in die Hand.«
    Der Professor stützte seine Linke auf den Tisch, drehte sich mit einem Rucke
nach dem jungen Mädchen um und sah ihm voll ins Gesicht.
    »Sie verstehen Französisch?« fragte er rasch und scharf.
    Felicitas erschrak; sie hatte sich verraten. Freilich verstand sie nicht
allein Französisch, sie sprach es auch leicht und fliessend - die alte Mamsell
hatte sie vortrefflich unterrichtet. Jetzt sollte sie antworten, und zwar
entschieden antworten. Die stahlgrauen Augen mit dem unabweisbaren Blicke wichen
nicht von ihrem Gesichte, sie hätten die Lüge jedenfalls sofort abgelesen - sie
musste die Wahrheit sagen.
    »Ich habe Unterricht gehabt,« entgegnete sie.
    »Ach ja, ich entsinne mich, bis zu Ihrem neunten Lebensjahre - und da ist
etwas hängen geblieben,« sagte er, indem er sich mit der Hand die Stirne rieb.
    Felicitas schwieg.
    »Das ist ja auch der unglückliche Kasus, an welchem wir mit unserem
Erziehungsplane gescheitert sind, meine Mutter und ich,« fuhr er fort. »Es ist
Ihnen zu viel weisgemacht worden, und weil wir darüber unsere eigene Ansicht
hatten, so verabscheuen Sie uns als Ihre Peiniger und Gott weiss was alles, nicht
wahr?«
    Felicitas rang einen Augenblick mit sich, aber die Erbitterung siegte. Sie
öffnete die blassgewordenen Lippen und sagte kalt: »Ich habe alle Ursache dazu.«
    Einen Moment runzelten sich seine Augenbrauen wie in heftigem Unwillen;
allein vielleicht erinnerte er sich so mancher trotzigen und unfreundlichen
Antwort, die er oft als Arzt von ungeduldigen Patienten ruhig hinnehmen musste
... Das junge Mädchen da vor ihm krankte ja auch seiner Meinung nach an einem
Irrtume; daraus entsprang jedenfalls die Gelassenheit, mit der er sagte: »Nun,
von dem Ihnen gemachten Vorwurfe der Verstockteit spreche ich Sie hiermit frei
- Sie sind mehr als aufrichtig ... Uebrigens werden wir uns über Ihre schlechte
Meinung zu trösten wissen.«
    Er nahm den Brief wieder auf, und Felicitas entfernte sich. Als sie auf die
Schwelle der offenen Tür trat, da flog ein Blick des Lesenden ihr nach. Der
Vorsaal war erfüllt von warmem Sonnenglanze; die Mädchengestalt stand plastisch
da in dem dunkleren Zimmer wie ein Gemälde auf Goldgrund. Noch fehlte den Formen
jene Rundung und Fülle, die bei der vollkommen entwickelten Frauenschönheit
unerlässlich ist; trotzdem erschienen die Linien weich und zeigten in der
Bewegung eine unbeschreibliche Grazie, man möchte sagen, jene Schmiegsamkeit,
wie sie die Märchenpoesie ihren schwebenden und huschenden Gestalten andichtet
... Und was war das für ein merkwürdiges Haar! Gewöhnlich erschien es
kastanienbraun; wenn aber, wie in diesem Augenblicke, ein Sonnenstrahl darauf
fiel, dann blinkte es rötlich golden. Es erinnerte durchaus nicht an jenes
geschmeidige, lang herabfliessende Frauenhaar, wie es einst unter dem Helme der
schönen Spielersfrau hervorgequollen. Ziemlich kurz, aber von mächtiger Fülle,
Welle an Welle bildend, sträubte es sich noch sichtbar widerwillig in dem
dicken, einfach geschlungenen Knoten am Hinterkopfe. Einzelne starke Ringel
befreiten sich stets eigenmächtig und lagen, wie eben jetzt, auf dem weissen
Halse.
    Der Professor bog sich wieder über seine Arbeit; aber der Gedankenfluss, den
vorhin die Bürgersfrau unterbrochen, liess sich nicht sofort wieder in die rechte
Bahn lenken. Er rieb sich verdriesslich die Stirne und trank ein Glas Wasser -
vergebens. Endlich warf er, ärgerlich über die Störungen, die Feder auf den
Tisch, nahm den Hut vom Nagel und ging die Treppe hinab. ... Hätte der
Mohrenkopf, der als Tintenwischer seinem gelehrten Herrn seit Jahren
gegenüberstand, den grossen grinsenden Mund noch weiter aufzureissen vermocht, er
hätte es sicher getan, und zwar vor Erstaunen - da lag die Feder, dick
angefüllt mit frischer Tinte, und der unglückliche Mohr lechzte vergeblich nach
dem Nass und dem gewohnten Vergnügen, mit seinem Kleide ihre vielvermögende
Spitze blank zu putzen - unerhört! Der peinlich pünktliche Mann war zerstreut.
    »Mutter,« sagte der Professor, im Vorübergehen das Wohnzimmer betretend,
»ich wünsche ferner nicht, dass du mir das junge Mädchen mit Aufträgen
hinaufschickst - überlasse das Heinrich, und ist er einmal nicht da, so kann ich
schon warten.«
    »Siehst du,« entgegnete Frau Hellwig triumphierend, »dir ist schon nach drei
Tagen diese Physiognomie unerträglich; mich aber hast du verurteilt, sie neun
Jahre lang um mich zu dulden!«
    Ihr Sohn zuckte schweigend die Achseln und wollte sich entfernen.
    »Der frühere Unterricht, den sie bis zu des Vaters Tode erhalten, hat völlig
aufgehört mit ihrem Eintritte in die Bürgerschule?« fragte er, sich nochmals
umwendend.
    »Was das für närrische Fragen sind, Johannes!« rief Frau Hellwig ärgerlich.
»Habe ich dir nicht ausführlich genug über diesen Punkt geschrieben, und ich
dächte auch gesprochen bei meinem Besuche in Bonn? ... Die Schulbücher sind
verkauft worden, und die Schreibehefte habe ich in derselben Stunde verbrannt.«
    »Und was hat sie für Umgang gehabt?«
    »Was für Umgang? ... Na, eigentlich nur den mit Friederike und Heinrich; sie
hat es ja selbst nicht anders gewollt.« Jener grausam boshafte Zug erschien in
dem Gesicht der Frau, infolgedessen sich die Oberlippe leicht hob und einen
ihrer Vorderzähne sehen liess. »Ich habe es natürlich nicht über mich gewinnen
können, sie an meinem Tische essen zu lassen und in meiner Stube zu dulden,«
fuhr sie fort; »einmal war und blieb sie das Wesen, das sich zwischen deinen
Vater und mich gedrängt hat, und dann wurde sie ja immer unausstehlicher und
hoffärtiger. Ich hatte ihr übrigens ein paar Töchter aus christlichen
Handwerkerfamilien ausgemacht, mit denen sie umgehen sollte; aber du weisst ja,
dass sie mir erklärt hat, sie wolle nichts mit den Leuten zu schaffen haben, das
seien Wölfe in Schafskleidern und dergl.... Na, du wirst in den acht Wochen, die
du dir selbst aufgebürdet hast, schon noch dein blaues Wunder sehen!«
    Der Professor verliess das Haus, um einen weiten Spaziergang zu machen.
    Am Nachmittage desselben Tages erwartete Frau Hellwig mehrere Damen, meist
fremde Badegäste, zum Kaffee. Er sollte im Garten getrunken werden; und weil
Friederike plötzlich unwohl geworden war, so wurde Felicitas allein
hinausgeschickt, um alles vorzurichten. Sie war bald fertig mit ihrem
Arrangement. Auf dem grossen Kiesplatze, im Schutze einer hohen Taxuswand stand
der schön geordnete Kaffeetisch, und in der Küche des Gartenhauses zischte und
brodelte das Wasser im Erwarten seiner Umwandlung zu dem allgeliebten
Mokkatranke. Das junge Mädchen lehnte an einem offenen Fenster des Gartenhauses
und sah wehmütig sinnend hinaus ... Da draussen duftete, grünte und blühte es so
lustig und harmlos in die blaue, stille Luft hinein, als habe nie ein
verheerender Herbststurm an den Zweigen gerüttelt, nie der Winterfrost seinen
tötenden Krystall um vergehende Blumenhäupter gesponnen. Vor Jahren hatte es
ebenso farbig geleuchtet auf Büschen und Beeten für ihn, dessen warmes, weiches
Herz nun in Staub zerfiel, für ihn, der seine helfende, stützende Hand überall
anlegte, wo es galt - bei seinen emporsprossenden Blumen, wie bei
Menschenhilflosigkeit und Elend ... Die jungen Blumenaugen da allerorten
lächelten jetzt ebenso fröhlich in andere, kalte Gesichter, und die Menschen
sprachen nicht mehr von ihm ...
    Hierher hatte er sich und die kleine Waise gerettet vor den vernichtenden
Blicken und der schneidenden Zunge da drin in der Stadt - nicht allein zur
lustigen Sommerzeit; wenn draussen der Frühling noch mit dem Winter rang, da
prasselte hier im weissen Porzellanofen ein tüchtiges Feuer; ein dicker Teppich
auf dem Boden wärmte die Füsse, die Büsche drückten ihre Knospenansätze gegen die
erwärmten Scheiben, auf denen einzelne verwegene Schneeflocken rettungslos
zerschmolzen, und über den weiten, noch wüsten Gartenplan guckte der
halbbeschneite Berg herein mit dem wohlbekannten Pappelkreise auf der Stirn ...
traute, liebe Erinnerungen! Und da drüben standen die Nussbäume; die kaum
entwickelten Blätterzungen hingen in diesem Augenblicke müssig und unbewegt, wie
trunken vom goldenen Sonnenlichte, überander ... Was hatten sie einst dem Kinde
alles zugeflüstert! Süsse, selige Verheissungen von Welt und Zukunft, Träume, so
klar und schattenlos, wie der unbewölkte Himmel droben - und dann war es
plötzlich dunkel und dräuend über dem schuldlosen Haupte des Spielerskindes
geworden, ein greller Blitz der Erkenntnis hatte die Blätterzungen zu Lügnern
gemacht.
    Näher kommende Männerstimmen und das Knarren der Gartentür schreckte
Felicitas aus ihrem trüben Grübeln auf. Durch das nördliche Eckfenster konnte
sie sehen, wie der Professor in Begleitung eines anderen Herrn den Garten
betrat. Sie schritten langsam dem Hause zu. Jener Herr kam seit einiger Zeit
öfter zu Frau Hellwig; er war der Sohn eines sehr angesehenen, der Familie
Hellwig befreundeten Hauses. Im Alter mit dem Professor gleichstehend, hatte
auch er seine Erziehung in dem Institute des strenggläubigen Hellwigschen
Verwandten am Rhein erhalten. Beide waren dann, freilich nur für kurze Zeit,
Studiengenossen auf der Universität gewesen, und wenn auch völlig verschieden in
Charakter und Anschauungsweise, hatten sie doch stets freundschaftlich zu
einander gestanden. Während Johannes Hellwig fast sofort nach Beendigung seiner
Studienzeit den Lehrstuhl bestiegen, war der junge Frank auf Reisen gegangen.
Erst vor kurzem hatte er sich auf Wunsch seiner Eltern herbeigelassen, sein
juristisches Examen zu machen; er war nun Rechtsanwalt in seiner Vaterstadt und
harrte der Dinge und Klienten, die da kommen sollten.
    Wie er so näher schritt, war er eine fast vollkommen schöngebildete
Männererscheinung - ein geistreiches Gesicht über schlank und edel geformten
Gliedern. Vielleicht hätte dieser sehr zierliche Kopf mit der feinen, etwas
weich verlaufenden Profillinie einen weiblichen Eindruck gemacht; aber so, wie
er getragen wurde, fest und sicher auf den Schultern und unterstützt von
entschiedenen, wenn auch sehr eleganten Bewegungen der gesamten Gestalt, liess er
diesen leisen Tadel nicht aufkommen.
    Er nahm eben die Zigarre aus dem Munde, betrachtete sie aufmerksam und
schleuderte sie dann verächtlich von sich. Der Professor holte sein Etui hervor
und bot es ihm.
    »Ei, Gott bewahre!« rief der Rechtsanwalt, indem er mit komischer Gebärde
beide Hände abwehrend ausstreckte. »Es könnte mir doch nicht einfallen, die
armen Heidenkinder in China und Gott weiss wo noch zu bestehlen!«
    Der Professor lächelte.
    »Denn so wie ich dich kenne,« fuhr der andere fort, »hältst du jedenfalls
mit unbestreitbarem Heroismus dein Kasteiungswerk aus der Jugendzeit fest, das
heisst du bestimmst dir täglich drei Zigarren, rauchst aber konsequent nur eine,
während das Geld für die beiden anderen in deine Missionssparbüchse fliesst!«
    »Ja, die Gewohnheit habe ich noch,« bestätigte mit ruhigem Lächeln der
Professor; »aber das Geld hat eine andere Bestimmung - es gehört meinen armen
Patienten ohne Unterschied.«
    »Nicht möglich! ... Du, der starre Vorkämpfer pietistischen Strebens, der
getreueste unter den Jüngern unseres rheinischen Institutsdespoten! Befolgst du
so seine Lehren, Abtrünniger?«
    Der Professor zuckte die Achseln. Er blieb stehen und streifte nachdenklich
die Asche von seiner Zigarre.
    »Als Arzt lernt man anders denken über die Menschheit und die Pflichten des
einzelnen ihr gegenüber,« sagte er. »Ich habe stets das eine grosse Ziel im Auge
gehabt, mich wahrhaft nützlich zu machen; um das zu erreichen, habe ich vieles
vergessen und verwerfen müssen.«
    Sie schritten weiter, und ihre Stimmen verhallten. Allein auf dem Kieswege,
den sie wandelten, lag die Sonne träge und brütend, sie kehrten, in ihr Gespräch
vertieft, fast instinktmässig zurück unter die Akaziengruppe, die ihre Zweige
über den am Hause hinlaufenden, mit breiten Steinplatten belegten Weg hing und
ihn kühl und schattig machte.
    »Streite nicht!« hörte Felicitas den Professor ein wenig lebhafter als
gewöhnlich sagen. »Daran änderst du nichts ... Genau, wie vor so und so viel
Jahren, langweile ich mich entweder entsetzlich, oder ich ärgere mich in
weiblicher Gesellschaft; und - das kann ich dir sagen - mein Verkehr als Arzt
mit dem sogenannten schönen Geschlechte ist auch durchaus nicht geeignet, meine
Meinung zu erhöhen ... Welch ein Gemisch von Gedankenlosigkeit und
Charakterschwäche!«
    »Du langweilst dich in weiblicher Gesellschaft, sehr begreiflich!« eiferte
der junge Frank, unter dem Eckfenster stehen bleibend. »Suchst du doch
geflissentlich die geistig einfache, um nicht zu sagen, einfältige ... Du
verabscheust die moderne weibliche Erziehung - in mancher Hinsicht freilich
nicht ohne Grund - ich bin auch kein Freund von geistlosem Klaviergeklimper und
gedankenloser, französischer Plapperei, aber man muss das Kind nicht mit dem Bade
verschütten ... In unserer Zeit, wo der menschliche Geist fast täglich neue,
ungeahnte Bahnen betritt, wo er mitwirkt, schafft und geniesst bei dem mächtigen
Aufschwunge, den das Menschengeschlecht nimmt, da wollt ihr das Weib womöglich
hinter die mittelalterliche Kunkel, in den Kreis und zugleich in den engen
Ideengang ihrer Mägde zwingen - das ist nicht allein ungerecht, es ist auch
töricht. Das Weib hat die Seele eurer Söhne in den Händen, in einem Stadium, wo
sie am empfänglichsten ist, wo sie die Eindrücke wie Wachs aufnimmt und gerade
so unverwischbar durchs ganze Leben trägt, als wären sie in Eisen gegraben! ...
Regt die Frauen an zu ernstem Denken, erweitert den Kreis, den ihr Egoisten eng
genug um ihre Seelen zieht und welchen ihr weibliche Bestimmung nennt, und ihr
werdet sehen, dass Eitelkeit und Charakterschwäche verschwinden!«
    »Lieber Freund, den Weg betrete ich ganz sicher nicht!« sagte der Professor
sarkastisch, indem er langsam einige Schritte weiter ging.
    »Ich weiss wohl, dass du eine andere Ueberzeugung hast - du meinst, das alles
erreiche man müheloser durch eine fromme Frau ... Mein sehr verehrter Professor,
auch ich möchte keine unfromme Lebensgefährtin - ein weibliches Gemüt ohne
Frömmigkeit ist eine Blume ohne Duft. Aber seht euch wohl vor! Ihr denkt, sie
ist fromm, mitin besorgt und wohl aufgehoben, und während ihr sie vollkommen
und sorglos gewähren lasset, erwächst euch eine Tyrannei in eurem Hause, wie ihr
sie von einer weniger frommen Frau nun und nimmer ertragen würdet. Unter dem
Deckmantel der Frömmigkeit schiessen leicht alle im weiblichen Charakter
schlummernden schlimmen Neigungen auf. Man darf grausam, rachsüchtig und auch
ganz gehörig hochmütig sein und im blinden Zelotismus Schönes und Herrliches
verdammen und zerstören - alles im Namen des Herrn und im sogenannten Interesse
des Reiches Gottes.«
    »Du gehst sehr weit.«
    »Gar nicht ... Du wirst schon noch einsehen lernen, dass auch der erwägende
Verstand gehörig geklärt und ausgebildet und das Gemüt der Humanität zugänglich
gemacht sein muss, wenn die Frömmigkeit der Frau wahrhaft beglückend für uns sein
soll.«
    »Das sind Ziele, auf die ich gar nicht Lust habe, loszusteuern,« erwiderte
der Professor kalt. »Meine Wissenschaft beansprucht mich und mein Leben so
völlig -«
    »Ei - und die dort?« unterbrach ihn der Rechtsanwalt leiser, während er nach
dem Eingange des Gartens zeigte. Dort hinter der Gittertür erschien die
Regierungsrätin in Begleitung ihres Kindes und der Frau Hellwig. »Ist sie nicht
vollkommen die Verwirklichung deines Ideals?« fuhr er mit nicht zu verkennender
Ironie fort. »Einfach - sie erscheint stets in weissem Mull, der ihr, nebenbei
gesagt, vortrefflich steht - fromm, wer wollte das bezweifeln, der sie in der
Kirche mit den schwärmerisch emporgerichteten schönen Augen sieht? Sie
verabscheut alles Wissen, Denken und Grübeln, weil es dem Wachstum ihres
Strickstrumpfes oder ihrer Stickerei hinderlich sein könnte - ist eine
standesgemässe Partie, denn diese Gleichheit gilt dir ja auch als unerlässlich zu
einer guten Ehe - enfin, man bezeichnet sie allgemein als diejenige, welche dich
-«
    »Du bist boshaft und hast Adele nie leiden mögen,« unterbrach ihn der
Professor gereizt, »ich fürchte, lediglich aus dem Grunde, weil sie die Tochter
des Mannes ist, der dich sehr streng gehalten hat ... Sie ist gutmütig, harmlos
und eine vortreffliche Mutter.«
    Er schritt auf die langsam näherkommenden Damen zu und begrüsste sie
freundlich.
 
                                       14
Es dauerte nicht lange, so war der Kiesplatz belebt von anmutigen
Frauengestalten, die, meist in hellen Musselin oder Gaze gehüllt, wie weisse
Sommerwolken auf und ab schwebten. Die dunklen, steifen Taxuswände gaben einen
vortrefflichen Hintergrund für diese graziösen, leichtbeschwingten Wesen;
silberhelles Lachen und lebhaftes Geplauder schollen durch die weiche Luft, dann
und wann unterbrochen durch eine der sonoren Männerstimmen. Der geladene Kreis
war bald vollzählig, man gruppierte sich um den Kaffeetisch, und die
Arbeitskörbchen wurden hervorgeholt.
    Auf einen Wink der Frau Hellwig schritt Felicitas mit dem Kaffeebrett über
den Kiesplatz.
    »Mein Wahlspruch ist: Einfach und billig!« hörte sie die Regierungsrätin in
munterem Tone sagen, als sie näher kam. »Ich trage grundsätzlich im Sommer
keinen Stoff, der mich über drei Taler kostet.«
    »Sie vergessen aber, meine liebe Regierungsrätin,« widersprach eine andere
junge, sehr geschmückte Dame, während ihr boshafter Blick über die gerühmte
einfache Toilette glitt, »dass Sie auf diesem billigen Stoffe eine Menge
gestickter, mit Spitzen garnierter Einsätze tragen, die den Wert der Robe selbst
mindestens um das Dreifache übersteigen.«
    »Bah, wer wird diesen Duft nach prosaischen Talern berechnen!« rief der
junge Frank, belustigt den feindlichen Blick auffangend, den beide Damen
austauschten. »Man sollte meinen, er trüge die Damen himmelwärts, wären nicht -
ja wären nicht zum Beispiel solche dicke, goldene Armbänder, die unzweifelhaft
wieder zur Erde niederziehen müssen!«
    Sein Auge haftete mit sichtbarem Interesse auf dem Handgelenke der nicht
weit von ihm sitzenden Regierungsrätin; es zuckte wie unwillkürlich zurück, und
eine hohe Röte bedeckte für einen Moment Stirne und Wangen der jungen Witwe.
    »Wissen Sie, meine Gnädige,« sagte er, »dass mich dieses Armband seit einer
halben Stunde lebhaft beschäftigt? ... Es ist von prächtiger, uralter Arbeit.
Was aber meine Wissbegierde ganz besonders reizt, das ist die mutmassliche
Inschrift, dort inmitten des Kranzes.«
    Das Gesicht der Regierungsrätin hatte bereits wieder seine zartrosige Farbe;
ihre sanften Augen blickten ruhig auf, während sie unbefangen die Armspange
löste und ihm hinreichte.
    Felicitas stand in diesem Augenblicke hinter dem Rechtsanwalt. Sie konnte
bequem den Schmuck in seinen Händen sehen ... Seltsam, es war bis in die
kleinsten Einzelheiten derselbe Armring, der im Geheimfache der alten Mamsell
lag und ohne Zweifel eine geheimnisvolle Rolle im Leben der Einsamen spielte;
nur war er hier von weit geringerem Umfang, er umschloss ziemlich eng das feine
Handgelenk der jungen Frau.
»daz ir liebe ist âne krane,
Die hât got zesamme geben
ûf ein wünneclichez leben!«
las der Rechtsanwalt geläufig. »Merkwürdig,« rief er, »die Strophe hat keinen
Anfang ... Ah, es ist ja ein Bruchstück aus den Minnesängern, und zwar aus dem
Gedicht, Stete Liebe von Ulrich von Lichtenstein; die ganze Strophe lautet in
der Uebersetzung ungefähr:
Wo zwei Lieb' einander meinen
Herziglich in rechter Treu'
Und sich beide so vereinen,
Dass die Lieb' ist immer neu,
Die hat Gott zusammengeben,
Auf ein wonnigliches Leben.
Dieses Armband hat unzweifelhaft einen treuen Kameraden, der ihm eng angefügt
ist durch den Anfang der Strophe,« bemerkte er lebhaft angeregt. »Ist das
Seitenstück nicht in Ihrem Besitze?«
    »Nein,« entgegnete die Regierungsrätin und bückte sich auf ihre Arbeit,
während der Schmuck von Hand zu Hand ging.
    »Und wie kommst du zu dem sehr merkwürdigen Stück, Adele?« fragte der
Professor herüber.
    Wieder stieg eine leise Röte in das Gesicht der jungen Dame.
    »Papa hat es mir vor kurzem geschenkt,« antwortete sie, »Gott weiss, von
welchem Altertümler es stammt!«
    Sie nahm den Schmuck wieder in Empfang, legte ihn um den Arm und richtete
dabei eine Frage an eine der Damen, wodurch das Gespräch sogleich eine andere
Wendung erhielt.
    Während die Aufmerksamkeit aller auf das interessante Armband gerichtet
gewesen war, hatte Felicitas die Runde um den Tisch gemacht; man hatte sich
rasch bedient, ohne die Trägerin des Kaffeebrettes weiter zu beachten. Sie ging
ebenso unbemerkt, wie sie gekommen, nach der Küche zurück. Auf Bitten der
kleinen Anna, die sich auf dem schattigen Wege neben dem Hause tummelte, blieb
sie einen Moment stehen, griff, Haupt und Oberkörper elastisch zurückbeugend,
mit hochgehobenen Armen in die niederhängenden Aeste der zunächststehenden
Akazie und versuchte, einen Zweig für das Kind zu brechen ... Für eine tadellos
gebaute weibliche Gestalt kann es nicht leicht eine vorteilhaftere Stellung
geben, als die, in welcher das junge Mädchen für einige Augenblicke verharrte -
der Rechtsanwalt nahm plötzlich seine Lorgnette, er war ziemlich kurzsichtig;
diese zwei dunklen Männeraugen, die mit sichtlichem Erstaunen auf der
jugendlichen Gestalt unter der Akazie hafteten, wurden scharf beobachtet und
zwar von der scheinbar sehr eifrig stickenden Regierungsrätin. Nachdem Felicitas
ins Haus gegangen war, liess der junge Mann das Glas fallen - er hatte offenbar
eine hastige Frage auf den Lippen, mit welcher er sich an Frau Hellwig wenden
wollte, aber die junge Witwe schnitt ihm sofort das Wort ab; sie verlangte
Aufklärung über einen Unfall, der ihm auf einer seiner Reisen zugestossen war,
und brachte ihn somit geschickt auf ein Tema, das er selbst sehr gern berührte.
    Später erhob sie sich geräuschlos und schritt hinüber nach dem Gartenhause.
    »Liebe Karoline,« sagte sie, in die Küche tretend, »es ist nicht nötig, dass
Sie drüben bedienen ... Ah, ich sehe, da ist ja ein Kaffeewärmer, das macht sich
vortrefflich ... Füllen Sie die Kanne mit heissem Kaffee; ich werde sie mitnehmen
und das Einschenken selbst besorgen - es ist so gemütlicher für die Gäste und -
aufrichtig gesagt - Sie sehen zu erbärmlich aus in dem verwaschenen
Kattunkleidchen. Wie mögen Sie sich nur in diesem kurzen, abscheulichen Rocke
vor Männeraugen sehen lassen! Es ist geradezu unanständig - fühlen Sie das nicht
selbst, Kind?«
    Der geschmähte Rock war der beste des jungen Mädchens, ihr sogenannter
Sonntagsrock. Freilich war er verwachsen und bereits ziemlich missfarben; aber er
war tadellos sauber gewaschen und gebügelt ... Dass ihr nun auch das noch zum
Vorwurf gemacht wurde, worein sie sich stets stillschweigend und klaglos gefügt
hatte, machte sie bitter lächeln; aber sie schwieg - war doch jedes
verteidigende Wort überflüssig und hier geradezu lächerrlich.
    Als die Regierungsrätin an den Kaffeetisch zurückkehrte, war ein Gespräch,
das sie vorhin zu vereiteln gesucht hatte, bereits im vollen Gange.
    »Auffallend schön?« wiederholte Frau Hellwig rauh auflachend. »Pfui, mein
lieber Frank, was soll ich von Ihnen denken! ... Auffallend, ja, das gebe ich
Ihnen eher zu; aber auffallend, wie ein Mädchen nicht sein soll ... Sehen Sie
sich doch dies blasse Gesicht mit den liederlichen Haaren genauer an! Diese
herausfordernden Mienen und leichtfertigen Bewegungen, diese Augen, die
respektablen Leuten unverschämt und dreist ins Gesicht starren, - das sind
Erbstücke einer elenden, zuchtlosen Mutter. Art lässt nicht von Art, und was
hinterm Zaune geboren ist, das wird sein Lebtag nicht ehrbar ... Ich hab's
erfahren; neun Jahre lang hab' ich mir keine Mühe verdriessen lassen, dem Herrn
eine Seele zuzuführen - dies verstockte Geschöpf hat alle meine Sorgfalt zu
schanden gemacht.«
    »Ach, Tantchen, das ist ja nun bald überstanden!« begütigte die
Regierungsrätin, während sie Kaffee einschenkte und herumreichte. »Noch einige
Wochen, und der böse Störenfried verlässt dein Haus für immer ... Ich fürchte
leider auch, dass der gute Same auf steinigen Boden gefallen ist - ein edler Zug
steckt ganz gewiss nicht in einer Seele, die, undankbar genug, bisher nur danach
gestrebt hat, die Fesseln der Moral und guten Sitten abzuwerfen ... Uebrigens
wollen wir, die wir das Glück haben, von gesitteten Eltern abzustammen, nicht zu
streng mit ihr ins Gericht gehen - der Leichtsinn steckt ihr im Blut ... Wenn
Sie in Jahr und Tag wieder auf Reisen gehen, Herr Frank,« wandte sie sich
scherzend an den Rechtsanwalt, »so kann es sich schon ereignen, dass Sie unter
einem fremden Himmelsstriche Tantchens ehemalige Hausgenossin als Grazie auf dem
Seile oder im Zirkus bewundern dürfen.«
    »So sieht sie nicht aus!« sagte plötzlich der Professor in seinem ruhig
entschiedenen Tone. Er hatte bis dahin konsequent geschwiegen; sein Widerspruch,
der sehr missbilligend klang, musste daher doppelt auffallen. Frau Hellwig wandte
sich jäh und zornig nach ihrem Sohne, und die Augen der jungen Witwe verloren
für einen Moment die stereotype Sanftmut; gleich darauf schüttelte sie jedoch
gutmütig lächelnd den Lockenkopf und öffnete die Lippen, ohne Zweifel, um Liebes
und Freundliches zu sagen; aber sie wurde verhindert - ein lautes Weinen
Aennchens scholl über den Kiesplatz, und infolgedessen, was die Regierungsrätin
im Umdrehen erblickte, stiess sie selbst einen Schrei des Entsetzens aus. Das
Kind lief, so schnell es sein schwerfälliger Körper gestattete, auf seine Mutter
zu; in der angstvoll emporgestreckten Rechten hielt es krampfhaft ein Päckchen
Schwefelhölzer fest, das Röckchen aber stand in hellen Flammen. Wir sagten, die
Mutter stiess einen Schrei des Entsetzens aus, zugleich irrte ihr verstörter
Blick über die eigene, leicht feuerfangende Toilette - wie geistesabwesend, mit
tödlich erblasstem Gesichte streckte sie abwehrend ihre Hände dem Kinde entgegen
und war mit einem Sprunge hinter der schützenden Taxuswand verschwunden.
    Die in »Duft« gekleidete Damengesellschaft zerstob wie eine aufgescheuchte
Taubenschar unter lauten Angstrufen nach allen Richtungen hin; nur Frau Hellwig
erhob sich tapfer zur Rettung des Kindes, und die beiden Herren sprangen sofort
hinüber; allein sie kamen zu spät. Felicitas stand bereits da, sie breitete ihre
Kleider aus, schlug sie eng um das brennende Kind und suchte die Flammen zu
ersticken - sie waren zu mächtig; der dünne Kattunrock des jungen Mädchens fing
selbst Feuer, es züngelte gierig an ihr empor. Rasch entschlossen presste sie das
Kind in ihre Arme, flog durch den Grasgarten den Damm hinauf und warf sich in
den vorüberrauschenden Mühlbach.
    Todesgefahr und Rettung hatten sich in wenige Augenblicke zusammengedrängt;
ehe die beiden Herren nur die Absicht des fortstürzenden Mädchens begriffen, war
das Feuer bereits gelöscht. Sie betraten den Damm in dem Augenblicke, als
Felicitas, wieder aufrechtstehend und das triefende Kind auf dem rechten Arme
haltend, mit der Linken in die Zweige eines Haselstrauches griff, um sich gegen
das hier mit grosser Gewalt vorüberschiessende Wasser zu halten. Mit den Herren
zugleich erschien die Regierungsrätin auf dem Damme.
    »Mein Kind, rettet mein Aennchen!« rief sie in verzweiflungsvollen Tönen, es
sah aus, als wolle sie schnurstracks in das Wasser laufen.
    »Mache dir die Schuhe nicht nass, Adele, du könntest leicht den Schnupfen
bekommen,« sagte der Professor mit beissender Ironie, während er rasch hinabstieg
und Felicitas beide Hände bot, um sie zu stützen; aber er liess sie langsam
wieder sinken - das erst völlig ruhige Gesicht des jungen Mädchens hatte sich
plötzlich verwandelt, eine tiefe Falte grub sich zwischen ihren Brauen, und
jener tödlich kalte, feindselige Blick, den er bereits kannte, traf sein Auge.
Sie reichte ihm, das Gesicht abwendend, die kleine Anna hin und schwang sich
dann, die Hand des Rechtsanwalts mit einem schwachen Lächeln der Dankbarkeit
ergreifend, auf den Damm.
    Der Professor trug das Kind in das Gartenhaus, entkleidete es mit Hilfe der
jammernden Mutter und forschte nach den mutmasslichen Brandwunden, aber es war,
wunderbar genug, fast unverletzt; nur die linke Hand, von welcher, wie es selbst
weinend erzählte, das Feuer ausgegangen war, zeigte Brandspuren. Die Kleine
hatte, während die Regierungsrätin in der Küche gewesen, unbemerkt die
Schwefelhölzchen vom Herde genommen; beim Anzünden draussen im Garten war ein
Zeugstreifen, den man infolge einer kleinen Schnittwunde um ihren Daumen
gewickelt, in Brand geraten; sie hatte die Flamme am Kleide abzustreifen gesucht
und dadurch das Unglück herbeigeführt.
    Die geflüchteten Damen kehrten nun auch sämtlich zurück. Ein Gemisch von
Wehklagen und Glückwünschen für die Mutter des geretteten Kindes strömte von all
den zarten Lippen, und der »arme Engel« wurde mit Liebkosungen überschüttet.
    »Aber, beste Karoline,« sagte die Regierungsrätin mit sanftem Vorwurfe zu
dem jungen Mädchen, das, bang auf das Ergebnis der Untersuchung harrend, in
ihrer Nähe stand, »konnten Sie denn Aennchen nicht ein wenig draussen im Garten
überwachen?«
    Der Vorwurf war zu ungerecht.
    »Sie hatten mir wenige Augenblicke zuvor verboten, das Haus zu verlassen,«
entgegnete Felicitas finster, mit einem ihrer durchdringenden Blicke auf die
Frau, während das Rot der Entrüstung in ihre Wangen stieg.
    »So, ei warum denn das, Adele?« fragte Frau Hellwig verwundert.
    »Mein Gott, Tantchen,« antwortete die junge Witwe, ohne jedwedes Zeichen der
Verlegenheit, »das wirst du leicht begreifen, wenn du dir dies Haar ansiehst ...
Ich wollte ihr und uns den üblen Eindruck ersparen, den Nachlässigkeit stets
hervorrufen muss.«
    Felicitas griff bestürzt nach ihrem Kopfe; sie war sich bewusst, ihr Haar mit
ängstlicher Sorgfalt geordnet zu haben; aber der Kamm, der nie recht fest sitzen
wollte in den dicken, widerspenstigen Wellen, war entschlüpft - er lag
höchstwahrscheinlich im Mühlbache. Das aufgelöste, wundervolle Gelock wogte wie
ein Glorienschein um Wangen und Schultern, noch bestreut mit einzelnen Perlen
des aufgepeitschten Wassers.
    »Ist das alles der Gesamtausdruck Ihrer Dankgefühle für die rettende Hand,
die Ihr Kind unversehrt durch Feuer und Wasser getragen hat, meine Gnädige?«
fragte der Rechtsanwalt scharf - sein Auge hatte bis dahin fast unverwandt auf
Felicitas geruht.
    »Wie mögen Sie nur so ungerecht von mir denken, Herr Frank!« verteidigte
sich die junge Witwe tief gekränkt. »Ein Mann wird freilich nie recht das
Mutterherz begreifen lernen; es zürnt im ersten Augenblicke wider Willen denen,
die ein Leiden des geliebten Kindes hätten verhüten können, wenn es auch dankbar
anerkennt, dass sie ihr Versehen durch die schliessliche Rettung gesühnt haben ...
Meine teure Karoline,« wandte sie sich an das junge Mädchen, »ich werde Ihnen
den heutigen Tag nie vergessen ... Könnte ich doch in diesem Augenblicke schon
beweisen, wie dankbar ich Ihnen bin!« Rasch, als ob sie einer plötzlichen
Eingebung folgte, löste sie das Armband und reichte es Felicitas hin. »Da nehmen
Sie vorläufig - es ist mir sehr wert; aber für die Rettung meines Aennchens
könnte ich das Liebste freudig opfern!«
    Felicitas schob tief verletzt die Hände zurück, die ihr den Schmuck um den
Arm legen wollten.
    »Ich danke,« sagte sie mit jenem stolzen Zurückwerfen des Kopfes, welches
die demutsvollen Gläubigen an dem Spielerskinde stets so entsetzlich fanden;
»ich werde mich nie für das Genügen der Nächstenliebe bezahlen lassen; noch
weniger aber bin ich gesonnen, irgend welches Opfer anzunehmen ... Sie sagen
selbst, dass ich einfach ein Versehen gesühnt habe, und sind mir mitin nicht im
mindesten verpflichtet, gnädige Frau.«
    Frau Hellwig hatte der Regierungsrätin das Armband bereits weggenommen.
    »Du bist nicht bei Trost, Adele!« schalt sie ärgerlich, ohne Felicitas'
stolze Antwort weiter zu beachten. »Was soll denn das Mädchen mit dem Dings da
anfangen? ... Schenk ihr ein Kleid von derbem, haltbarem Gingham, das kann sie
besser brauchen - und damit ist die Sache abgemacht, basta!«
    Nach den letzten Worten ging der Rechtsanwalt hinaus. Er holte seinen Hut
und trat unter das offene Fenster, an welchem Felicitas stand.
    »Ich finde, dass wir samt und sonders sehr grausam gegen Sie sind!« rief er
ihr zu. »Zuerst werden Sie mit schnödem Golde verwundet, und dann sehen wir Sie
ungerührt in durchnässten Kleidern dastehen ... Ich werde in die Stadt laufen und
das Nötige für Sie und die kleine Brandstifterin herausschicken.«
    Er grüsste und entfernte sich.
    »Er ist ein Narr,« sagte Frau Hellwig zornig zu den Damen, die ihm
verdriesslich und mit schlecht verhehltem Bedauern über sein Gehen nachblickten.
    Der Professor hatte, mit dem Kinde beschäftigt, kein Wort in die
Belohnungsdebatte fallen lassen; wer ihm aber nahe gestanden, der musste wissen,
dass seit dem Moment, wo die Regierungsrätin dem jungen Mädchen das Armband
angeboten hatte, sein Gesicht stark gerötet war ... Zum Frauenarzte, oder wohl
gar zu einem jener feinen, geheimen Medizinalräte, die hohe und höchste
Krankheiten und Launen zu ihrem besonderen Studium machen, war er sicher nicht
geschaffen. Er hatte etwas entsetzlich Rücksichtsloses dem zarten Geschlechte
gegenüber. Es war doch so natürlich, dass man sich über den Unfall des Kindes zu
Tode erschreckt hatte und gar zu gern über die etwaigen Folgen beruhigt sein
mochte; aber auf alle die teilnahmvollen Fragen der Damen hatte der Mann der
Wissenschaft nur kurze, trockene Antworten, ja, einige etwas schuldlos klingende
Bemerkungen wurden sogar mit beissendem Sarkasmus gegeisselt.
    Er überliess die in einen dicken, wollenen Shawl gewickelte Kleine endlich
den zarten Händen und schritt auf die Tür zu. Felicitas hatte sich in die
fernste Ecke des Salons zurückgezogen - dort glaubte sie sich völlig
unbeobachtet. Mit schmerzhaft emporgezogenen Schultern lehnte sie an der Wand;
ihr Gesicht hatte eine fahle Blässe angenommen, das vor sich hinstarrende Auge
unter den gerunzelten Brauen und die fest aufeinander gepressten Lippen zeigten
unverkennbar, dass sie physisch litt - sie hatte eine bedeutende Brandwunde am
Arme, die ihr unsägliche Schmerzen verursachte.
    Im Begriff, die Tür zu schliessen, sah der Professor noch einmal forschend
in das Zimmer zurück; sein Blick fiel auf das junge Mädchen, er fixierte es
einen Moment scharf und stand plötzlich mit wenig Schritten vor ihr.
    »Sie haben Schmerz?« fragte er rasch.
    »Er lässt sich ertragen,« antwortete sie mit zitternden Lippen, die sich
sofort krampfhaft wieder schlossen.
    »Die Flamme hat Sie verletzt?«
    »Ja - am Arm.« Trotz ihrer Leiden nahm sie eine zurückweisende Haltung an
und wandte das Gesicht nach dem Fenster - sie konnte um alles nicht in diese
Augen sehen, die sie seit ihrer Kindheit verabscheute. Er zögerte einen
Augenblick; aber die Pflicht des Arztes siegte.
    »Wollen Sie nicht meine Hilfe annehmen?« fragte er geflissentlich langsam
und in gütigem Tone.
    »Ich will Sie nicht bemühen,« entgegnete sie mit finsterem Blick; »ich kann
mir selbst helfen, sobald ich in der Stadt sein werde.«
    »Nun, wie Sie wollen!« sagte er kalt. »Uebrigens gebe ich Ihnen doch zu
bedenken, dass meine Mutter vorläufig noch Anspruch auf Ihre Zeit und Kraft hat.
Sie dürfen sich schon aus dem Grunde nicht mutwillig krank machen.« Bei den
letzten Worten vermied er, Felicitas anzusehen.
    »Ich vergesse das nicht,« versetzte sie minder gereizt; sie fühlte recht
gut, dass dies Zurückführen auf ihre Pflicht nicht geschah, um sie zu demütigen;
er wollte sie offenbar bestimmen, seine ärztliche Hilfe anzunehmen. »Ich kenne
unser Uebereinkommen genau,« fügte sie hinzu, »und Sie werden mich bis zu der
letzten Stunde auf dem mir angewiesenen Platze finden.«
    »Nun, ist auch hier deine ärztliche Hilfe nötig, Johannes?« fragte die
Regierungsrätin hinzutretend.
    »Nein,« sagte er kurz. »Aber was tust du noch hier, Adele?« fuhr er
verweisend fort. »Ich habe dir vorhin gesagt, dass Anna sofort in die frische
Luft muss, und begreife nicht, weshalb du den Aufentalt hier in dem schwülen
Zimmer für nötiger hältst.«
    Er ging zur Tür hinaus, und die Regierungsrätin beeilte sich, ihr Kind auf
den Arm zu nehmen; sämtliche Damen folgten ihr. Drüben am Kaffeetische sass Frau
Hellwig längst in unerschütterter Gemütsruhe. Zwischen der vorletzten
Maschentour und dem jetzt unter ihren Fingern wachsenden neuen Streifen des
Strickstrumpfes lag die Todesgefahr zweier Menschen; aber das hatte jenes
Gleichgewicht, welches auf stählernen Nerven und einer noch härteren Seele
beruhte, nicht zu stören vermocht.
    Endlich kam Heinrich mit den ersehnten Kleidern. Er war so gelaufen, dass ihm
der Schweiss von der Stirne rann.
    Mit Heinrich zugleich war Rosa eingetroffen. Felicitas erhielt deshalb von
Frau Hellwig die Erlaubnis, in die Stadt zurückzukehren. Sie wusste, dass Tante
Cordula eine ausgezeichnete Brandsalbe in ihrem reichhaltigen Medizinkasten
hatte, und eilte sofort, indes Heinrich das Haus bewachte, hinauf in die
Mansarde.
    Während die alte Mamsell bestürzt die kühlende Salbe hervorholte und mit
sanfter Hand den verletzten Arm verband, erzählte Felicitas den Vorfall. Sie
sprach hastig, in fliegenden Worten. Physischer Schmerz und Gemütsbewegung
hatten sie in eine fieberhafte Aufregung versetzt. Noch siegte indes der starke
Wille des Mädchens über die Leidenschaftlichkeit; als aber Tante Cordula ruhig
einwarf, sie hätte die ärztliche Hilfe nicht zurückweisen sollen, da brach die
letzte mühsam behauptete Schranke.
    »Nein, Tante!« rief sie hastig, »die Hand soll mich nicht berühren, und wenn
sie mich aus Todesnot erretten könnte! ... Die Menschenklasse, aus der ich
stamme, ist ihm unsäglich zuwider. Dieser Ausspruch aus seinem Munde hat einst
mein Kinderherz bis in den Tod betrübt - ich werde ihn nie vergessen! ... Seine
Pflicht als Arzt liess ihn heute für einen Moment den Abscheu überwinden, den er
gegen die Paria fühlt, ich will sein Opfer nicht!«
    Sie schwieg erschöpft, und ihr Gesicht verzog sich im Schmerze, den die
Wunde verursachte.
    »Er ist nicht mitleidlos,« fuhr sie nach einer Pause fort, »ich weiss es, er
versagt sich Genüsse um seiner armen Patienten willen. An jedem anderen würden
mich solche fortgesetzte Opfer, solch stille Tugend zu Tränen rühren, hier aber
empören sie mich wie an einer anderen Menschenseele das Laster ... Ich bin
unedel, Tante, niedrig denkend - ich fühle es wohl, aber ich kann mir nicht
helfen, es verursacht mir heftige Pein, Zorn und Groll, an ihm etwas bewundern
zu sollen, den ich bis in alle Ewigkeit verabscheue!«
    Einmal vom Boden strenger Zurückhaltung und Verschlossenheit gewichen,
beklagte sie sich auch heute zum erstenmal bitter über das herzlose Benehmen der
jungen Witwe. Jener eigentümliche rote Fleck erschien, wenn auch flüchtig, unter
dem linken Auge der alten Mamsell.
    »Kein Wunder - sie ist ja Paul Hellwigs Tochter!« warf sie hin. In diesen
wenigen, mit schwacher, aber schneidender Stimme gesprochenen Worten lag eine
strenge Verurteilung. Felicitas horchte überrascht auf. Nie hatte Tante Cordula
eine Beziehung zu irgend einem Hellwigschen Familiengliede berührt - die
Nachricht von der Ankunft der Regierungsrätin hatte sie damals schweigend und
scheinbar völlig teilnahmslos angehört, so dass Felicitas annehmen musste, die
Verwandten am Rhein haben ihr zeitlebens fern gestanden.
    »Frau Hellwig nennt ihn den Auserwählten des Herrn, den unermüdlichen
Streiter für den heiligen Glauben,« sagte das junge Mädchen nach einer kurzen
Pause zögernd. »Er muss ein glaubensstrenger Mann sein, einer jener finsteren
Eiferer, die zwar mit eiserner Konsequenz nach Gottes Geboten leben, aber auch
eben deshalb unerbittlich und unnachsichtlich die Fehler und Schwächen anderer
richten.«
    Ein leises, heiseres Gelächter schlug an Felicitas' Ohr. Die alte Mamsell
hatte eine eigentümliche Art von Gesichtszügen, bei welchen man nie fragt: »sind
sie schön oder hässlich?« Die herzerquickende Sprache weiblicher Sanftmut und
Güte, eines tiefsinnigen Geistes vermittelt hier zwischen den strengen
Anforderungen der Schönheitsgesetze und der eigenwillig formenden Natur - wo die
Linie abweicht, da ergänzt der Ausdruck, aber eben deshalb kann uns auch diese
Gattung Gesichter plötzlich vollkommen fremd werden, sobald ihre gewohnte
Harmonie gestört wird. Tante Cordula erschien in diesem Augenblicke förmlich
unheimlich; es war ein Hohngelächter, wenn auch ein leises, gedämpftes, welches
sie ausstiess; ihr sonst so stilles, liebes Gesicht hatte etwas Medusenhaftes
durch den plötzlichen Ausdruck unsäglicher Bitterkeit und einer namenlosen
Verachtung. Jene Äusserung im Verein mit dem seltsamen Gebaren der alten Mamsell
warfen abermals einen schwachen Lichtreflex auf ihre geheimnisvolle
Vergangenheit, aber nicht ein leitender Faden wurde sichtbar in dem dunklen
Gewebe, und auch jetzt tat sie alles, um den Eindruck ihres momentanen
Sichgehenlassens bei dem jungen Mädchen zu verwischen.
    Auf dem grossen, runden Tische mitten im Zimmer lagen verschiedene Mappen,
sie waren geöffnet. Felicitas kannte die zerstreut umherliegenden Blätter und
Hefte sehr gut. Da, auf grobem, vergilbtem Papiere, mit verblichener Tinte und
oft in sehr verzwickten Hieroglyphen hingeworfen, leuchteten Namen wie Händel,
Gluck, Haydn, Mozart - es war Tante Cordulas Handschriftensammlung berühmter
Komponisten. Bei Felicitas' Eintritt in das Zimmer hatte die alte Dame in den
Papieren gekramt, die, jahrelang unausgelüftet hinter den Glasscheiben liegend,
jetzt einen durchdringenden Modergeruch ausströmten. Sie nahm schweigend die
Arbeit wieder auf, indem sie die Papiere mit grosser Vorsicht und Behutsamkeit in
die Mappe schob. Der Tisch leerte sich allmählich, und dadurch wurde auch ein
tiefer unten liegendes, dickes, geschriebenes Notenheft sichtbar. »Musik zu der
Operette: Die Klugheit der Obrigkeit in Anordnung des Bierbrauens, von Johann
Sebastian Bach,« stand auf dem Titelblatte.
    Die alte Mamsell legte bedeutungsvoll den Finger auf den Namen des
Komponisten. »Gelt, das kennst du noch nicht?« fragte sie mit einem wehmütigen
Lächeln. »Das hat viele Jahre zusammengerollt im obersten Fache meines
Geheimschrankes gelegen ... Heute morgen gingen allerlei Gedanken durch meinen
alten Kopf - sie meinten alle miteinander, es sei Zeit, Ordnung für die
Heimreise zu machen, und nach dieser Ordnung gehört das Heft in die rote Mappe
... Es mag wohl das einzige Exemplar sein, das existiert - es wird dereinst mit
Gold aufgewogen werden, meine liebe Fee. Das Textbuch, ganz speziell für unsere
kleine Stadt X. und meist im hiesigen Dialekt geschrieben, ist vor beinahe zwei
Jahrzehnten hier aufgefunden worden und hat um seiner mutmasslichen Bachschen
Komposition willen in der musikalischen Welt Aufsehen erregt; diese Komposition,
die man noch sucht - hier ist sie. Die Melodien, die für die Welt weit über ein
Jahrhundert hier auf dem Papiere geschlafen haben, sind für die Musiker eine Art
Nibelungenhort, umsomehr, als sie die einzigen eigentlichen Opernmelodien sind,
die Bach je komponiert hat ... Anno 1705 haben die Schüler der hiesigen
Landesschule und verschiedene Bürger drüben im alten Rataussaale, damals der
Tuchboden genannt, die Operette aufgeführt.«
    Sie schlug das Titelblatt um; da stand auf der Rückseite in zierlicher
Schrift: »Johann Sebastian Bachs eigenhändig geschriebene Partitur, von ihm
erhalten zum Andenken im Jahre 1707. Gottelf v. Hirschsprung.« - »Der da soll
mitgesungen haben,« fuhr sie mit etwas vibrierender Stimme fort, indem sie auf
den letzten Namen zeigte.
    »Und wie kam das Heft in deine Hände, Tante?«
    »Durch Erbschaft,« klang es kurz abweisend, fast rauh von Tante Cordulas
Lippen, während sie die Partitur in die rote Mappe legte.
    In solchen Momenten war es geradezu unmöglich, ein Gespräch verlängern zu
wollen, welches die alte Mamsell abzubrechen wünschte. In Haltung und Gebärden
der kleinen, hinfälligen Gestalt lag dann eine so entschiedene Zurückweisung,
dass nur Taktlosigkeit und unverschämte Neugierde vorzugehen vermochten.
Felicitas warf einen sehnsüchtigen Blick auf das verschwindende Manuskript; die
Melodien, die kein Lebender, ausser Tante Cordula, kannte, erregten ihr höchstes
Interesse, aber sie wagte nicht, um einen Einblick zu bitten, wie sie ja auch
vorhin bei ihrer Mitteilung die Armbandgeschichte völlig unerwähnt gelassen
hatte - nie hätte sie eine schmerzlich klingende Saite im Innern ihrer
Beschützerin zum zweitenmal berühren mögen.
    Die alte Mamsell schlug den Flügel auf, und Felicitas zog sich in den Vorbau
zurück ... Die Sonne war im Untergehen. Dort drüben lag es noch wie ein
aufgewirbelter, funkelnder Goldstaub, der das Auge blendete und Himmel und Erde
formlos ineinander schwimmen liess. Wie aus der Hand des Sämanns die weitin
geschleuderten Körner, so fielen von dort her Streiflichter purpurn und goldig
färbend auf die Wipfel des Bergwaldes und auf das blütenbeschneite Talgelände.
Einzelne Partien der Gegend traten dadurch überraschend und fremdartig hervor,
gleich einem neuen Gedanken in der sinnenden Menschenstirne ... Das kleine Dorf
dort, das seine letzten Hütten keck den Fuss des Berges ersteigen liess, erreichte
der Sonnenstrahl nicht mehr, aber vom Kopfe des spitzen Kirchturms zuckten noch
Blitze, und die weit offenen Türen der Häuser zeigten das rotglühende
Herdfeuer, auf welchem die Abendkartoffeln kochten ... Süsser Abendfrieden lag da
draussen, und hier oben quoll der Blumenduft betäubend empor, kein Lüftchen trug
ihn weiter, noch rührte es an die sonnenmüden Blätter und Zweige. Manchmal fiel
ein schwerfälliger Maikäfer klatschend auf die Galerie, oder ein Schwalbenpaar
schwirrte, von Elternsorgen getrieben, vorüber - sonst war es still, feierlich
still. Um so ergreifender schwebten die Klänge des Beetovenschen Trauermarsches
heraus in den Vorbau, aber schon nach wenigen Akkorden hob Felicitas erschreckt
den tiefgesenkten Kopf und blickte angstvoll in das Zimmer zurück - das war kein
Klavierspiel mehr; ein Tongeflüster, hinsterbend und geisterhaft, schlug es doch
mit der ganzen Kraft einer unabweisbaren, urplötzlich begriffenen Mahnung an das
Herz des jungen Mädchens: die Hände, die über die Tasten hinglitten, waren müde,
sterbensmüde, und das, was unter ihnen hervorklang, waren die Flügelschläge
einer Seele, die sich losreissen wollte für immer.
 
                                       15
Die Feuer- und Wassertaufe hatte für die zwei Beteiligten doch ihre Folgen. Ein
starkes Schnupfenfieber brach während der Nacht bei dem Kinde aus, und Felicitas
erwachte am anderen Morgen mit heftigem Kopfweh. Sie besorgte trotzdem die ihr
übertragenen Geschäfte mit gewohnter Pünktlichkeit, der verletzte Arm hinderte
sie wenig, denn die vortreffliche Salbe hatte über Nacht bereits ihre
Schuldigkeit getan.
    Nachmittags kehrte der Professor nach Hause zurück. Er hatte eben eine
Augenoperation, an die sich bis dahin kein Arzt gewagt, glücklich ausgeführt. In
Gang und Haltung offenbarte sich wie immer jenes ruhige, rücksichtslose
Sichgehenlassen, das scheinbar durch nichts aus dem Gleichgewicht gebracht
werden konnte, auch die kräftige Hautfarbe seines Gesichts war nicht um eine
Nüance erhöhter - wer aber sein Auge kannte, dem musste der ungewohnte Glanz
auffallen, der unter den starken Brauen hervorleuchtete; diese kalten,
stahlgrauen Augen, die nur gemacht schienen, prüfend und kühl sondierend in das
Seelenleben anderer zu dringen, hatten also doch auch Momente, wo sie eigene
innere Befriedigung und Wärme ausstrahlten.
    Er blieb an der Hoftür stehen und frug Friederike, die mit einem Eimer voll
Wasser in die Hausflur trat, nach ihrem Befinden.
    »Mir geht es wieder gut, Herr Professor,« antwortete sie, ihren Eimer
hinstellend, »aber die da drüben,« sie zeigte über den Hof hinweg nach einem
Fenster im Erdgeschoss, »die Karoline hat gestern bei der Feuergeschichte eins
weggekriegt. Ich hab' fast kein Auge zutun können, so hat sie die ganze Nacht
im Schlafe vor sich hingeschwatzt, und heute geht sie mit einem Kopfe 'rum, der
wie Scharlach, und -«
    »Das hätten Sie früher sagen sollen, Friederike,« unterbrach sie der
Professor streng.
    »Ich hab's auch der Madame gesagt, aber sie meinte, es würde sich schon
wieder geben. Für die ist sein Lebtag kein Doktor geholt worden, und sie ist
auch durchgekommen - Unkraut verdirbt nicht, Herr Professor! ... Es hilft ja
auch gar nichts, wenn man gut mit ihr sein will,« setzte sie entschuldigend
hinzu, als sie sah, dass sich sein Gesicht auffallend verfinsterte; »sie war von
klein auf ein verstocktes Ding und hat immer so apart getan, wie ein Königskind
- dass Gott erbarm', so ein Spielersmädchen! ... Manchmal, wenn ich für die
Madame was Gutes gebacken oder gebraten hatte, da hab' ich ihr auch ein paar
Bissen hingestellt - lieber Gott, man hat ja doch auch ein Herz! Aber glauben
Sie denn, sie hätte es angerührt? Ja, Gott bewahre - ich hab's allemal wieder
forttragen müssen. Sehen Sie, Herr Professor, so machte sie's schon als Kind!
Sie hat sich überhaupt immer nur halb sattgegessen von der Zeit an, wo der
sel'ge Herr gestorben ist ... Das ist aber alles die pure Verstockteit und der
sündhafte Hochmut, sie will nichts geschenkt haben, partout nicht! Ich hab's mit
meinen eigenen Ohren gehört, wie sie dem Heinrich gesagt hat, wenn sie erst
einmal das schreckliche Haus im Rücken hätte, da wollte sie arbeiten, dass ihr
das Blut unter den Nägeln hervorkäme, und jeden verdienten Groschen an die
Madame schicken, bis jeder Bissen Brot, den sie hier im Hause gegessen hätte,
bezahlt wäre.«
    Die alte Köchin bemerkte nicht, dass ihrem Zuhörer während ihres
Herzensergusses das Blut immer mehr in das Gesicht stieg. Sie hatte kaum den
letzten Satz beendet, als er, ohne ein Wort zu entgegnen, sofort über den Hof
nach dem ihm bezeichneten Fenster schritt. Es war ein grosses Bogenfenster mit
steinerner Einfassung, das sehr tief auf den Boden herabging und zu der Kammer
gehörte, in welcher Friederike und Felicitas schliefen. Die offenen Flügel
liessen nackte, getünchte Wände und elende Gerätschaften sehen, es war jener
enge, abscheuliche Raum, in welchem einst die kleine vierjährige Felicitas die
ersten Sehnsuchtsschmerzen hatte durchleiden müssen ... Jetzt sass sie da am
Fenster, die Ausgestossene, die Verstockte, die sich nicht satt ass in fremdem
Brote, die arbeiten wollte, bis ihr das Blut unter den Nägeln hervorkam, um jede
Verpflichtung trotzig abschütteln zu können - ein Stolz, der sich mit wahrhaft
männlicher Unbeugsamkeit inmitten der tiefsten Demütigungen aufrecht erhalten
hatte, eine energische Seele voll unerschöpflicher Kraft, und das alles in
diesem jungen Geschöpfe, das sich da so kindlich lieblich, scheinbar im Schlafe,
zusammenschmiegte. Ihr Kopf ruhte, vom untergelegten Arme gestützt, auf dem
Fenstersims, die atlasweisse Haut des Gesichts und die schimmernde Pracht der
Haare hoben sich scharf ab von dem verwitterten, grauen Gestein. Unschuldig
still und leidvoll erschien das reine Profil mit den sanftgeschlossenen Lippen
und den schwermütig herabgeneigten Mundwinkeln - lagen doch die dunklen Wimpern
tief auf der bleichen Wange und bedeckten die Augen, die so oft in Groll und
Erbitterung aufbljetzten.
    Der Professor war geräuschlos herangetreten, er betrachtete sie einen Moment
unbeweglich, dann bog er sich zu ihr nieder.
    »Felicitas!« klang es weich und mitleidsvoll von seinen Lippen.
    Sie fuhr empor und starrte wie ungläubig in die Augen, die auf sie
niedersahn - ihr Name, von ihm ausgesprochen, hatte sie wie ein elektrischer
Schlag berührt. Aber ihre Gestalt, die eben noch wie ein harmloses Kind sich
elastisch zusammengeschmiegt hatte, sie stand urplötzlich da, in jedem Muskel
gespannt, gleichsam aufhorchend, als gelte es, einen feindlichen Angriff
abzuwehren.
    Der Professor ignorierte diese Umwandlung völlig.
    »Ich höre von Friederike, dass Sie leidend sind,« sagte er in dem gewohnten,
ruhig freundlichen Ton des Arztes.
    »Ich fühle mich wieder wohl,« antwortete sie gepresst. »Ungestörte Ruhe
stellt mich stets rasch wieder her.«
    »Hm - Ihr Aussehen jedoch,« er vollendete den Satz nicht, streckte aber ohne
weiteres den Arm herein und wollte ihr Handgelenk ergreifen. Sie wich einige
Schritte tiefer ins Zimmer zurück.
    »Seien Sie vernünftig, Felicitas!« ermahnte er, immer noch freundlich ernst,
aber seine Brauen runzelten sich finster, als das Madchen bewegungslos stehen
blieb, während sie die Arme beinahe krampfhaft fest um ihre Taille legte. Trotz
des dichten Bartes konnte man sehen, wie er zornig die Lippen zusammenkniff.
    »Nun, so werde ich nicht mehr als Arzt, sondern als Vormund zu Ihnen
sprechen,« sagte er in hartem Tone, »und als solcher befehle ich Ihnen, sofort
hierher zu kommen!«
    Sie sah nicht auf, ihre Wimpern legten sich vielmehr noch tiefer auf die
Wangen, die eine glühende Röte bedeckte, und ihre Brust hob und senkte sich im
schweren inneren Kampfe, aber sie kam langsam heran und reichte ihm schweigend,
mit weggewandtem Gesichte, die Hand hin, die er sanft in die seine nahm ...
Diese ausserordentlich schmale, kleine, aber hartgearbeitete Hand zitterte so
heftig, dass es wie ein tiefes Erbarmen durch die ernsten Züge des Professors
ging.
    »Törichtes, eigensinniges Kind, da haben Sie mich nun wieder einmal
gezwungen, mit aller Strenge gegen Sie aufzutreten!« sagte er mit mildem Ernste.
»Und ich hätte gewünscht, dass wir ohne weitere Feindseligkeiten auseinandergehen
sollten ... Haben Sie denn gar keinen anderen Blick für mich und meine Mutter,
als den eines unauslöschlichen Hasses?«
    »Man kann nicht anders ernten wollen, als man gesäet hat!« entgegnete sie
mit halberstickter Stimme. Sie strebte fortwährend sich loszuwinden, und ihre
Augen hafteten mit einem so still entsetzten Ausdruck auf den Fingern, die ihr
Handgelenk weich, aber kräftig umschlossen, als seien sie glühendes Eisen.
    Jetzt liess er ihre Hand rasch fallen. Milde und Mitleid verschwanden aus
seinen Zügen, er stiess mit der Spitze seines Stockes ärgerlich nach einigen
schuldlosen Grashalmen, die zwischen dem Gefüge des Pflasters sprossten -
Felicitas atmete auf, so sollte er sein, rauh, hart; sein mitleidsvoller Ton war
ihr entsetzlich.
    »Immer derselbe Vorwurf,« sagte er endlich kalt. »Ihr übermässiger Stolz mag
freilich oft genug verwundet worden sein; war es doch gerade unsere Aufgabe, Sie
auf möglichst gemässigte Ansprüche zurückzuführen ... Ich kann getrost Ihren Hass
auf mich nehmen, denn ich habe nur Ihr Bestes gewollt; und meine Mutter? ...
nun, ihre Liebe mag schwer zu gewinnen sein, das will ich nicht bestreiten, aber
sie ist unbestechlich gerecht, und schon ihre Gottesfurcht wird nicht zugelassen
haben, dass Ihnen wirkliches Leid und Unrecht geschehe ... Sie sind im Begriff,
hinauszutreten in die Welt und sich auf eigene Füsse zu stellen, dazu bedarf es
in Ihrer Lage vor allem der Fügsamkeit ... Wie soll Ihnen der Verkehr mit den
Menschen überhaupt möglich werden bei Ihren falschen Ansichten, die Sie so
eigensinnig festalten? Wie wollen Sie je auch nur ein Herz gewinnen mit diesen
trotzigen Augen?«
    Sie hob die Wimpern und sah ihn ruhig und fest an.
    »Wenn man mir beweist, dass meine Ansichten der Moral und der reinen Vernunft
gegenüber nicht Stich halten, dann will ich sie gern fallen lassen,« entgegnete
sie mit ihrer tiefen, ausdrucksvollen Stimme. »Aber ich weiss, ich stehe nicht
allein mit der Ueberzeugung, dass keinem Menschen, und sei er, wer er wolle, das
Recht zukommt, andere zu geistigem Tode zu verurteilen; ich weiss, dass tausend
andere mit mir fühlen, wie ungerecht und strafbar es ist, einer Menschenseele
die Berechtigung des Aufwärtsstrebens abzusprechen, weil sie in einem niedrig
geborenen Leibe wohnt ... Ich gehe getrost hinaus unter die Menschen, denn ich
habe Vertrauen zu ihnen und hoffe zuversichtlich, diejenigen zu finden, denen
ich ganz gewiss nicht trotzig gegenüberstehen will ... Ein unglückliches
Menschenkind wie ich, das unter gemütlosen Seelen leben muss, hat keine andere
Waffe, als seinen Stolz, keine andere Stütze, als das Bewusstsein, dass es auch
Gottes Kind, Geist von seinem Geiste ist. Ich weiss, dass für ihn alle die Stufen
und Schranken in der menschlichen Gesellschaft nicht bestehen - sie sind
Menschenerfindung, und je kleiner und erbärmlicher die Seele, um so fester hält
sie an ihnen.«
    Sie wandte sich langsam um und verschwand hinter der Tür, die nach der
Gesindestube führte, und er stand draussen und starrte ihr nach, dann drückte er
den Hut tief in die Stirne und schritt dem Hause zu. Was in diesem gesenkten
Kopfe vorging, vermochte wohl niemand zu ergründen; so viel aber war gewiss,
jener Glanz seiner Augen, den er vorhin mit heimgebracht, war verflogen - es lag
wie ein finster brütender Geist auf den stark gefurchten Brauen.
    In der Hausflur standen der Rechtsanwalt Frank und Heinrich beisammen. Der
Professor sah rasch, wie erwachend, auf, als ihre Stimmen sein Ohr berührten.
    »Nun, du hast Patienten im Hause, Professor?« fragte der Rechtsanwalt, indem
er ihm die Hand reichte. »Die Feuergeschichte hat fatale Folgen, wie ich höre -
das Kind -«
    »Hat ein tüchtiges Schnupfenfieber,« ergänzte der Professor trocken. Er
schien offenbar nicht in der Laune, sich auf weitere Eröterungen einzulassen.
    »Ach, Herr Professor, das hat ja wohl nicht viel zu bedeuten!« meinte
Heinrich. »Das Kind ist einmal eine arme kranke Kreatur und pimpelt den ganzen
Tag - wenn aber so ein Mädchen, wie die Fee, der das ganze Jahr keine Ader weh
tut, den Kopf hängt, da kommt einem die Angst.«
    »Nun, von der Kopfhängerei habe ich nicht viel bemerken können,« sagte der
Professor mit auffallend scharfer Stimme, - man sah, wie unter dem Barte die
Mundwinkel ironisch zuckten. »Der Kopf sitzt fest wie irgend einer, darauf
kannst du dich verlassen, Heinrich!«
    Er schritt mit dem Rechtsanwalt die Treppe hinauf. Auf den obersten Stufen
kam ihnen Aennchen entgegen; sie war barfuss und im Nachtkleidchen, auf dem
gedunsenen Gesichtchen glühten Fieberflecken und die Augen waren geschwollen vom
Weinen.
    »Mama fort, Rosa fort, Aennchen will Wasser trinken!« rief sie dem Professor
entgegen. Er nahm sie erschrocken auf den Arm und trug sie in das Schlafzimmer
zurück - niemand war zu sehen. Erzürnt rief er nach dem Mädchen. Eine ferne Tür
ging auf, und mit erhitztem Gesicht, das Bügeleisen in der Hand, kam Rosa
herbeigelaufen; dort in dem Zimmer blähte sich eine ungeheure, blütenweisse
Mullwolke auf dem Bügelbrette.
    »Wo stecken Sie denn? Wie können Sie das Kind allein lassen?« fuhr er sie
an.
    »Ach, Herr Professor, ich kann mich doch nicht in Stücke teilen,«
verteidigte sich das junge Mädchen, fast weinend vor Aerger. »Die gnädige Frau
muss durchaus ein frischgewaschenes Kleid morgen früh haben - das Waschen und
Bügeln nimmt ja gar kein Ende mehr - wenn Sie nur wüssten, solch ein Kleid ist
eine Heidenarbeit -«
    Sie hielt inne, der Rechtsanwalt brach in ein lautes Gelächter aus.
    »O, über die Frau im einfachen weissen Mullkleide!« rief er und hielt sich
die Seiten, denn das finster verlegene Gesicht des Professors erschien ihm
urkomisch.
    »Die gnädige Frau meinten,« nahm Rosa ihre Verteidigungsrede wieder auf, »es
sei ja doch nur ein leichtes Schnupfenfieber bei Aennchen, sie könnte ganz gut
einmal auf ein halbes Stündchen allein bleiben; sie hat ihr allerhand Spielzeug
aufs Bettchen gegeben -«
    »Und wo ist meine Kousine?« unterbrach der Professor sie rauh.
    »Die gnädige Frau sind mit Madame Hellwig in den Missionsverein gegangen.«
    »So,« schnitt er ihren Bericht kurz ab - er sah grimmig aus. »Jetzt gehen
Sie und machen Sie den Plunder fertig!« befahl er, nach der Tür zeigend, aus
der sie gekommen war, dann rief er nach Friederike, aber die alte Köchin steckte
mit beiden Händen in einem eben angerührten Teige und schickte Felicitas.
    Das junge Mädchen kam die Treppe herauf. Noch lag die feine Röte innerer
Bewegung auf ihren Wangen, doch ihr Auge streifte kühl und ernst das aufgeregte
Gesicht des Professors. Sie blieb in ruhig fester Haltung stehen und erwartete
schweigend seine Befehle. Es kostete ihm augenscheinlich grosse Ueberwindung sie
anzureden.
    »Die kleine Anna ist ohne Aufsicht - wollen Sie bei ihr bleiben, bis ihre
Mutter zurückkommt?« fragte er endlich; einem aufmerksamen Ohre konnte es nicht
entgehen, dass er seine Stimme zu einem freundlichen Tone zwang.
    »Sehr gern,« antwortete sie unbefangen, »aber ich habe ein Bedenken - die
Frau Regierungsrätin liebt es nicht, das Kind mit mir zusammen zu sehen. Wollen
Sie die Verantwortlichkeit übernehmen, so bin ich bereit.«
    »Ja wohl, das will ich.«
    Sie schritt ohne weiteres in das Schlafzimmer und schloss die Tür. Der
Rechtsanwalt sah ihr mit aufleuchtenden Augen nach.
    »Fee nennt sie Heinrich seltsamerweise,« sagte er zu dem Professor, während
er neben ihm die Treppe nach dem zweiten Stocke hinaufstieg, »und so sonderbar
auch der Name auf seiner derben Zunge klingt, auf die Erscheinung passt er
prächtig ... Ich muss aufrichtig gestehen, ich begreife nicht, wo ihr, du sowohl
wie deine Mutter, den Mut hernehmt, dies merkwürdige Mädchen eurer alten Köchin
und dem naseweisen Kammerkätzchen da unten gleichzustellen.«
    »Ah - wir hätten sie in Samt und Seide wickeln sollen, meinst du?« rief der
Professor so heftig gereizt, wie ihn sein Freund noch nie gesehen. »Und weil dem
Hause Hellwig eine Tochter versagt ist, so hätte, deiner Ansicht nach, der leere
Platz nicht vortrefflicher ausgefüllt werden können, als mit dieser Fee, oder
besser Sphinx, wie ich sie nenne ... du bist von jeher ein Schwärmer gewesen!
... Uebrigens steht es dir frei« - sein Ton vibrierte vor innerer Aufregung -
»die Tochter des Taschenspielers zur Frau Frank zu machen - meinen Segen als
Vormund hast du!«
    Das feine Gesicht des Rechtsanwaltes errötete bis unter den lockigen
Haarstreifen über der Stirne. Er sah einen Moment angelegentlich durch das
Fenster hinunter auf den Marktplatz - sie hatten im Gespräch das Zimmer des
Professors betreten - dann wandte er sich lächelnd um.
    »So, wie ich das innerste Wesen des Mädchens auffasse, wird sie sich
schwerlich um deinen vormundlichen Segen kümmern; ich würde mitin lediglich auf
ihre Entscheidung angewiesen sein,« entgegnete er nicht ohne leisen Spott, »und
wenn du meinst, mein Ohr mit der Bezeichnung Taschenspielerstochter zu
erschrecken, so irrst du dich gewaltig, mein sehr verehrter Professor ... Du
freilich, bei deinen Grundsätzen, würdest einen solchen Gedanken nicht ohne
gewaltige Nervenerschütterung ausdenken - ein Spielerskind mit warmem, raschem
Herzschlag und das kühle Blut ehrenfester Kauf- und Handelsherren, das fein
gemessen durch deine Adern fliesst - das ginge freilich nun und nimmer - die dort
müssten sich ja samt und sonders im Grabe umdrehen!«
    Er zeigte durch die offene Tür in die anstossende grosse Erkerstube. Dort an
der langen Wandseite hing eine Reihe vortrefflich gemalter männlicher Oelbilder,
stattliche, behäbige Gestalten mit funkelnden Diamanten an den Fingern und auf
dem zierlich gefältelten Busenstreifen. Das waren verschiedene Bürgermeister und
Kommerzienräte, die einst den Namen Hellwig getragen hatten.
    Der Professor ging hinüber in das Zimmer - die Nadelstiche des Spottes
schienen an ihm abzugleiten. Er kreuzte die Arme über der Brust und schritt
einigemal unter den Bildern auf und ab.
    »Sie haben tadellos dagestanden im Leben,« sagte er plötzlich stehen
bleibend. »Ob jeder ohne innere Anfechtung und Kämpfe diese makellose äussere
Würde und Haltung behauptet hat - ich glaube es nicht. Die menschliche Natur hat
viel Sprödes, sie widerstrebt da meist am hartnäckigsten, wo sie gehorchen muss
... Alle diese Opfer sind Steine zu einem soliden Bau gewesen, und dieser Bau
heisst das Haus Hellwig. Sollen sie gefordert und gebracht worden sein, damit ein
Enkel kommt und sie mit einem Fusstritte wie ein Kartenhaus umstösst? ... Gott
soll mich bewahren!«
    Es sah fast aus, als habe er mit diesen Worten einen inneren Konflikt
gelöst, denn die seltene Gereizteit, die Frank mit Verwunderung an ihm
beobachtet hatte, war verschwunden, als er in sein Zimmer zurückkehrte. -
    Felicitas mochte vielleicht eine halbe Stunde am Bette des Kindes gesessen
haben, als die Regierungsrätin nach Hause kam. Ihr Gesicht verfinsterte sich
sofort beim Erblicken des jungen Mädchens.
    »Wie kommen Sie hierher, Karoline?« fragte sie scharf, indem sie ihren
Sonnenschirm auf das Sofa warf und hastig ihre feinen dänischen Handschuhe
abstreifte. »Ich habe Sie doch sicher nicht um diese Dienstleistung ersucht!«
    »Aber ich!« sagte der Professor mit harter Stimme, der plötzlich hinter ihr
auf der Schwelle der offenen Tür erschien. »Dein Kind brauchte Aufsicht, es kam
mir barfuss auf der Treppe entgegen.«
    »Nicht möglich! ... Ja, Aennchen, wie konntest du denn so unfolgsam sein?«
    »Bist du wirklich im Zweifel, Adele, wer hier den Vorwurf verdient,« fragte
der Professor noch immer sich beherrschend, aber es grollte bereits in seiner
Stimme.
    »Mein Gott, ich bin ja trostlos über dies pflichtvergessene Geschöpf, die
Rosa! ... Sie hat auf der Gotteswelt nichts zu tun, als das Kind zu
beaufsichtigen, aber ich weiss schon, man darf nur den Rücken wenden, da gafft
sie zum Fenster hinaus, steht vorm Spiegel -«
    »Zufällig steht sie in diesem Augenblicke am Bügelbrette und richtet im
Schweisse ihres Angesichtes ein Kleid her, das du à tout prix morgen anziehen
musst,« unterbrach sie der Professor, in schneidendem Hohne jedes Wort
markierend.
    Sie erschrak heftig. Die tödlichste Verlegenheit spiegelte sich momentan auf
ihrem Gesichte, allein sie fasste sich rasch.
    »Gott, wie albern!« rief sie unmutig die weisse Stirne runzelnd, »da hat sie
mich wieder einmal völlig missverstanden - ich habe häufig das Unglück!«
    »Gut,« unterbrach er sie beharrlich, »wir wollen dies Missverständnis gelten
lassen, aber wie mochtest du ihr, deren Unzuverlässigkeit du eben hervorhobst,
dein krankes Kind allein anvertrauen?«
    »Johannes, mich rief eine heilige Pflicht!« antwortete die junge Witwe
nachdrücklich mit einem schwärmerischen Aufschlag ihrer schönen Augen.
    »Deine heiligste ist die Mutterpflicht!« rief er - in diesem Augenblicke war
er sehr zornig. »Ich habe dich nicht hierhergeschickt, um in
Missionsangelegenheiten tätig zu sein, sondern einzig und allein des Kindes
wegen!«
    »Um Gottes willen, Johannes, wenn die Tante und mein Papa dich hörten! ...
Früher dachtest du anders!«
    »Das gebe ich dir vollkommen zu. Eigenes Denken aber wird uns stets auf den
unerschütterlich festen Satz der Moral zurückführen, dass wir zunächst unsere
ganzen Kräfte dem Boden zuwenden sollen, auf den uns die Vorsehung gestellt hat
- und wenn du dereinst hundert aus dem Heidentume gerettete Kinderseelen dem
Ewigen aufzählen kannst, sie werden nicht um ein Jota den Vorwurf rechtfertigen,
dass du dein eigenes darüber hast zu Grunde gehen lassen!«
    Das Gesicht der Regierungsrätin glühte wie eine Päonie. Sie rang nach
Fassung und der gewohnten Sanftmut, und es gelang ihr.
    »Sei nicht so streng gegen mich, Johannes!« bat sie. »Bedenke, dass ich ein
schwaches Weib bin, aber gewiss immer nur das Beste will ... Habe ich gefehlt, so
ist es wohl auch hauptsächlich aus Liebe zu deiner guten Mutter geschehen, die
meine Begleitung wünschte - es soll aber gewiss nicht wieder vorkommen.«
    Die Regierungsrätin hatte mit dem weichsten Tone ihrer flötenartigen Stimme
gesprochen und bot dem Professor lieblich lächelnd die Hand. Sonderbar, der
ernste Mann errötete wie ein junges Mädchen - es war ihm wohl selbst unbewusst,
dass ein scheuer Seitenblick rasch nach der hinüberstreifte, die mit gesenkten
Lidern am Bette des Kindes sass - er erfasste zögernd die Hand mit zwei Fingern
und liess sie sofort wieder fallen ... Die zwei Taubenaugen, welche bittend und
unverwandt auf seinem Gesichte geruht hatten, funkelten auf, und das Gesicht
erblasste, aber die Sanftmut wurde tapfer behauptet. Die junge Frau nahm den Kopf
ihres Kindes zwischen ihre Hände und hauchte einen Kuss auf die kleine,
fieberglühende Stirne.
    »Ich kann nun Aennchens Pflege wieder übernehmen und danke Ihnen herzlich,
liebe Karoline, dass Sie mich einstweilen vertreten haben,« sagte sie freundlich
zu Felicitas.
    Das junge Mädchen erhob sich rasch, aber die Kleine brach in ein
bitterliches Weinen aus und umklammerte mit beiden Händchen fest ihren Arm.
    Der Professor prüfte den Puls des Kindes.
    »Sie hat starkes Fieber; ich darf durchaus nicht zulassen, dass sie sich noch
mehr aufregt,« sagte er mit kalter Freundlichkeit zu Felicitas. »Sie bringen
wohl das Opfer, dazubleiben, bis sie eingeschlafen sein wird?«
    Sie nahm schweigend ihren Platz wieder ein, und er ging hinaus. Zu gleicher
Zeit eilte die Regierungsrätin in ihr Wohnzimmer und liess die Tür hinter sich
ziemlich unsanft ins Schloss fallen. Felicitas hörte, wie sie drin mit raschen
Schritten auf und nieder lief. Plötzlich klang ein scharfes Geräusch, wie das
Zerreissen irgend eines Gewebes, durch die Tür. Aennchen richtete sich horchend
auf und fing an zu zittern; das Geräusch wiederholte sich und folgte immer
rascher aufeinander.
    »Mama, Aennchen will artig sein, will's nicht wieder tun! Ach, Mama,
Aennchen nicht patschen!« rief das Kind plötzlich wie ausser sich.
    In dem Augenblicke trat Rosa in das Zimmer. Das frische Gesicht des Mädchens
sah blass und erschreckt aus.
    »Sie zerreisst wieder einmal - ich hörte es auf dem Vorplatze,« murmelte sie
mit einem unsäglich verächtlichen Ausdruck zu Felicitas hinüber. »Still,
Herzchen,« flüsterte sie dem Kinde beschwichtigend zu, »Mama tut dir nichts;
sie kommt nicht heraus und wird bald wieder gut!«
    Drüben wurde eine Tür zugeschlagen, die Regierungsrätin hatte sich
entfernt. Rosa ging in das Wohnzimmer und kam gleich darauf mit einem Bündel
weisser Fetzen in der Hand zurück - es waren die Ueberreste eines ehemaligen
Batisttaschentuches.
    »Wenn sie in Wut kommt, so kennt sie sich selbst nicht mehr!« grollte das
Mädchen flüsternd. »Da zerreisst sie, was sie gerade unter den Händen hat, und
schlägt auch ohne Gnade und Barmherzigkeit zu - das weiss der arme, kleine Tropf
da recht gut.«
    Felicitas drückte das Kind an ihre Brust, als müsse sie es vor den
Zornausbrüchen der leidenschaftlichen Mutter schützen; ihre Besorgnis war jedoch
ohne Grund. Die Stimme der Regierungsrätin klang plötzlich in ihrer
Glockenreinheit vom Vorsaale her; sie plauderte heiter mit dem die Treppe
herabkommenden Rechtsanwalt, und als sie bald darauf das Schlafzimmer wieder
betrat, war ihr Aussehen schöner und anmutiger denn je. Die Zornröte lag noch
als zart hingehauchter Karmin auf den sanft gerundeten Wangen, und wer hätte bei
dem ganzen lieblichen Gesichtsausdruck den auffallenden Glanz der Augen für
etwas anderes, als die erhöhten Regungen einer schönen weiblichen Seele halten
mögen?
 
                                       16
Als Felicitas auf das Ersuchen des Professors hin den Platz an Annas Bett wieder
einnahm, hätte sie nicht gedacht, dass sie ein vieltägiges Wärteramt antrete -
die Kleine wurde gefährlich krank und litt weder ihre Mutter noch Rosa in ihrer
Nähe; nur der Professor und Felicitas durften sie berühren und ihr die Medizin
reichen. In ihren Fieberphantasien spielte das zerrissene Batisttuch eine grosse
Rolle. Der Professor hörte mit Verwunderung die Angst- und Furchtäusserungen des
Kindes und jagte mehr als einmal durch seine eindringlichen, forschenden Fragen
die Röte des Schreckens und der Verlegenheit in das Gesicht der Regierungsrätin.
Sie blieb aber, von Rosa unterstützt, stets bei dem Ausspruche, dass Aennchen
einen schlimmen Traum gehabt haben müsse.
    Felicitas fand sich rasch in ihre Aufgabe als Pflegerin, obgleich ihr
dieselbe anfänglich durch den stündlichen Verkehr mit dem Professor sehr
erschwert wurde, aber die Sorge um das Leben des Kindes, die sie mit ihm teilte,
half ihr schneller über das Peinliche ihrer Situation, als sie meinte. Es kam
ihr selbst höchst wunderbar vor, wie gut sie ihn in seinem Wesen als Arzt
verstand. Während er den anderen, selbst der Mutter des Kindes, undurchdringlich
erschien, wusste sie stets sofort, ob er die Gefahr gesteigert fand oder Hoffnung
schöpfte. Deshalb bedurfte es aber auch fast nie eines erklärenden Wortes
seinerseits, um sie auf das eingehen zu machen, was der Augenblick erheischte.
Er wechselte mit ihr im Nachtwachen ab, allein auch tagsüber war er sehr viel im
Krankenzimmer. Stundenlang sass er geduldig neben dem Bettchen und legte seine
Hände abwechselnd auf die Stirne des Kindes - dann ruhte es still und
unbeweglich, es musste eine eigentümlich beschwichtigende Kraft in diesen Händen
liegen.
    Unwillig und tief erregt suchte das junge Mädchen die vergleichenden
Gedanken abzuschütteln, die sie beschlichen, wenn sie, unfern von ihm sitzend,
ihn schweigend beobachtete. Das waren noch dieselben unregelmässigen, harten
Linien des Gesichts, dieselbe wuchtig hervortretende Stirne, über welche das
dicke Haar peinlich sorgfältig zurückgeschlagen lag - es waren dieselben Augen,
dieselbe Stimme, alles in allem der Schrecken ihrer Kindheit, aber den finster
asketischen Zug, der einst den Jünglingskopf so unjugendlich und abstossend hatte
erscheinen lassen, suchte sie vergebens ... Von jener nicht schön geformten,
jedoch bedeutenden Stirne ging es aus wie ein mildes Licht, und wenn sie hörte,
wie er dem aufgeregten Kinde mit unaussprechlich sanfter Stimme beschwichtigend
zuredete, so konnte sie sich nicht verhehlen, dass er seinen Beruf in seiner
ganzen Heiligkeit erfasse. Er stand nicht mit kalt-grausamem Achselzucken den
unvermeidlichen Schmerzen anderer gegenüber, suchte nicht allein den Körper vor
der Vernichtung zu retten - die bangende Seele fand an ihm eine Stütze; sie las
das Mitgefühl in seinen Augen und schöpfte Mut und Trost aus seiner Stimme. Er
hatte die Sprache in seiner Gewalt, wie selten ein Mensch. Es standen ihm Klänge
und Worte zu Gebote, die das Herz des jungen Mädchens wie elektrische Schläge
berührten ... Wer dachte in solchen Augenblicken an seine unschönen, eckigen
Bewegungen, an sein abstossendes Wesen im geselligen Verkehr? Da war er eine
sittlich schöne Erscheinung, ein Mann im Bewusstsein grosser moralischer Kraft,
der rastlos denkende und kämpfende Vermittler zwischen den zwei erbitterten
Gegnern »Leben und Tod« ... Aber mochten auch alle diese Gedanken versöhnend an
ihr vorüberziehen, die Schlussbetrachtung war dieselbe: »Er fühlt und denkt
menschlich, er hat Erbarmen mit dem hilflosen Zustande des geringsten Nächsten -
das verfemte Spielerskind hat mitin doppelten Grund, ihn zu verabscheuen, denn
ihm war er ein mitleidsloser Unterdrücker, ein vorurteilsvoller, ungerechter
Richter«.
    Er hatte bei dem jetzigen täglichen Verkehr nicht ein einziges Mal jenen
weichen Ton wieder angeschlagen, der ihr schrecklich war, und gegen welchen sie
stets mit den Waffen des Trotzes und der Zurückweisung kämpfte. Er hielt die
kalt höfliche Freundschaft fest, die er seit dem letzten Gespräch mit ihr
angenommen, und auch diese lag mehr in seinem Gesichtsausdruck als in seinen
Worten, denn die unerlässlichen Fragen ausgenommen, sprach er fast nie mit ihr.
Einen schweren Stand hatte er der Regierungsrätin gegenüber. Sie gebärdete sich
anfänglich wie unsinnig und wollte es durchaus nicht zulassen, dass Felicitas
ihre und Rosas Stelle am Krankenbett einnehme; es bedurfte seiner ganzen
Entschiedenheit, um sie zur Ruhe zu bringen. Dagegen liess sie es sich durchaus
nicht nehmen, alle Augenblicke den von dem Kinde so sehr gefürchteten Lockenkopf
lauschend zur Tür hereinzustecken, sonderbarerweise traf es sich dann stets,
dass ihr Kousin und Felicitas zusammen im Krankenzimmer waren ... Sie weinte und
rang die weissen Hände - es gibt kein menschlisches Gesicht, das in wahrhaft
schmerzlicher und angstvoller Aufregung schön unter einem Tränenerguss bliebe,
mögen die Dichter auch ihre Heldinnen hinreissend in ihren Tränen sein lassen -
hier aber auf diesem rosigen Ovale vertiefte sich kein Zug, nicht ein krampfhaft
verzogenes Fältchen erschien, die zarte Haut zeigte keinen einzigen
entstellenden roten Flecken, leise rieselten die hellen Tränenperlen über die
Wangen - es war ein so vollendet künstlerisches Weinen, wie es sich der Maler zu
einer Mater dolorosa nicht schöner denken kann ... Welch ein Unterschied
zwischen ihr und jenem bleichen, überwachten und angstvollen Mädchengesicht am
Bett des Kindes! ... Jeden Abend erschien sie pünktlich in elegantem Schlafrock;
ein wunderfeines Spitzenhäubchen umschloss das bezaubernde Gesicht, und die
feinen Hände hielten ein Andachtsbuch - sie wollte wachen. Ein und dasselbe
Wortgefecht erhob sich jedesmal zwischen ihr und dem Professor, sie wiederholte
stets ein und dieselbe Phrase der Verwahrung gegen Eingriffe in ihre
mütterlichen Rechte und ging dann sanft weinend und klagend, um am anderen
Morgen frisch wie eine Mairose aufzustehen.
    Es war der neunte Abend seit Aennchens Erkrankung. Das Kind lag in dumpfer
Betäubung; nur dann und wann rang sich ein unartikuliertes Lallen von seinen
Lippen. Der Professor hatte lange, die Stirne sorgenvoll in die verschlungenen
Hände gedrückt, am Bettchen gesessen; da stand er plötzlich auf und winkte
Felicitas in das Nebenzimmer.
    »Sie haben die vergangene Nacht gewacht und sich auch gestern und heute
nicht einen Moment der Ruhe gönnen dürfen, und doch verlange ich noch weitere
Opfer von Ihnen,« sagte er. »Diese Nacht wird entscheidend sein. Ich könnte nun
zwar meine Kousine oder Rosa in die Nähe des Kindes lassen, denn es ist
bewusstlos; aber ich brauche wahrgemeinte Hingebung und Besonnenheit neben mir -
wollen Sie heute noch einmal wachen?«
    »Ja!«
    »Doch es werden voraussichtlich Stunden der Angst und Aufregung, die Sie
durchmachen müssen - fühlen Sie sich noch stark genug?«
    »O ja - ich habe das Kind lieb und schliesslich - will ich.«
    »Haben Sie ein so festes Vertrauen auf die Kraft Ihres Willens?« Seine
Stimme nahm bereits wieder jene milde Färbung an.
    »Er ist mir bis jetzt noch nicht treulos geworden,« entgegnete sie; ihr bis
dahin völlig ruhiger Blick wurde sofort eisig und abweisend.
    Die Nacht brach herein - eine süsse, lautlos schweigende Frühlingsnacht! Das
volle, funkelnde Mondlicht schwebte über der schlafenden Stadt; im Erkerzimmer
des alten Kaufmannshauses streifte es gleichsam mit silbernem Flügel die stillen
Bilder an den Wänden und hauchte ein fremdartiges Leben über die festgezauberten
Gestalten; die Blumen im Fussteppich leuchteten auf unter dem bleichen Licht und
aus dem Krystallkronleuchter an der Decke sprühten Millionen Silberfunken ...
Drin aber, im dunklen Krankenzimmer, kreiste eine furchtbare Gewalt über dem
schmalen Bett - die Kreise wurden enger und senkten sich tiefer und tiefer auf
den qualvoll ringenden kleinen Körper, das Kind lag in den heftigsten Krämpfen
... Der Professor sass neben dem Bett; sein Blick ruhte unverwandt auf den
zuckenden Gliedern und dem unkenntlich gewordenen, verzerrten Gesichtchen. Er
hatte alles getan, was im Bereich ärztlicher Kunst und menschlichen Wissens
lag, und nun musste er macht- und tatlos verharren und die Naturkräfte ihren
erbitterten Streit allein auskämpfen lassen.
    Draussen schlug es zwölf mit lang aushebenden Schlägen. Felicitas, die still
am Fussende des Bettes sass, schauerte in sich hinein; es war ihr, als müsse eine
dieser mächtigen Schwingungen die Kinderseele mit hinwegnehmen ... und wirklich
wurde der heftig arbeitende Körper plötzlich schlaffer, die kleinen,
festgeballten Hände lösten sich und fielen matt auf die Decke, und nach wenig
Augenblicken lag auch das Köpfchen bewegungslos in den Kissen ... Der Professor
hatte sich über das Bett geneigt - bange zehn Minuten verstrichen, dann hob er
den Kopf und flüsterte bewegt: »Ich halte sie für gerettet!«
    Das junge Mädchen bog sich forschend über die Kranke; sie hörte tiefe,
ruhige Atemzüge und sah, wie sich die kleinen, todmüden Glieder behaglich in den
Kissen streckten. Lautlos erhob sie sich und ging hinaus in das Nebenzimmer. Sie
trat in eines der weit offenen Fenster. Die würzige Nachtluft, in die sich
bereits ein Hauch von herber Morgenröte mischte, strich erquickend an ihr
vorüber; sie lehnte das müde Haupt an die steinerne Fenstereinfassung, während
ihre gefalteten Hände schlaff niedersanken. Auf dem Simse stand ein
Teerosenstrauch; er hatte eine einzige prachtvolle Blüte - doppelt bleich im
weissen Mondenglanz, hing sie schaukelnd über der blassen Stirn, dem flimmernden
Haar des Mädchens ... Felicitas' Pulse klopften fieberhaft - kein Wunder; da
drin in dem dumpfen, schwülen Raum war ja der Tod hart an einem Menschen
vorübergeschritten; die Spannung ihrer Nerven während der letzten Stunden war
eine furchtbare gewesen - kein anderer Laut, als das vereinzelte schrille
Aufkreischen des Kindes hatte ihr Ohr getroffen; sie hatte nichts gesehen, als
den zuckenden Körper der Kranken und das stumme bleiche Gesicht des Arztes, der
nur durch Winke und Blicke ihre Hilfeleistungen forderte - vier enge Wände
umschlossen ihn und sie allein; sie wirkten zusammen in Ausübung der
Nächstenpflicht und Barmherzigkeit, während die tiefe Kluft des Hasses und des
Vorurteils zwischen ihnen lag.
    Die heissen, trockenen Augen des jungen Mädchens starrten durch das
gegenüberliegende Eckfenster nach der mondbeleuchteten Front des Ratauses. Die
Statuen zu beiden Seiten der Uhr, eine Muttergottes und der heilige Bonifacius,
traten geisterhaft lebendig aus ihren Nischen hervor - was half es, dass sie
schützend und segnend da droben standen? Dicht unter ihnen war doch das Unglück
geschehen. Die drei hohen Fenster dort, die jetzt silbern glitzerten, hatten an
jenem unglückseligen Abend die rote Glut einer feenhaften Beleuchtung
ausgestrahlt, und da, wo jetzt der Mondschein einsam und harmlos auf dem Boden
spielte, war die wundervolle Frauengestalt unerschrocken vor die versammelte
Menschenmenge und die dräuenden Feuerwaffen hingetreten; aber unter dem Panzer
hatte ein warmes, banges Mutterherz geklopft - einsam, im fremden Hause
schlummerte derweil ihr Kind, für das sie erwerben musste, für das sie immer
wieder hinaustrat, bis die letzten sechs Schüsse krachten, unter denen sie
sterbend zusammenbrach.
    Der Professor trat aus dem Krankenzimmer und schloss die Tür geräuschlos
hinter sich. Er ging auf Felicitas zu, die unbeweglich im Fenster stehen blieb.
    »Aennchen schläft sanft,« sagte er. »Ich werde den Rest der Nacht bei ihr
bleiben; ruhen Sie nun auch.«
    Felicitas verliess sofort, ohne das Ende seiner Worte abzuwarten, die
Fensternische und ging schweigend an ihm vorüber, um das Zimmer zu verlassen.
    »Ich meine, heute sollten wir doch nicht so fremd auseinandergehen!« rief er
ihr mit gedämpfter Stimme nach - fast klang es, als streife er wider Willen den
Bann des ernsten Schweigens ab. »Wir haben in den letzten Tagen treulich, wie
zwei gute Kameraden, zusammengehalten und gemeinschaftlich ein Menschenleben dem
Tode abzuringen gesucht - bedenken Sie das!« fügte er warm hinzu. »In wenigen
Wochen gehen wir ja ohnehin auseinander und jedenfalls auf Nimmerwiedersehen ...
Ich will Ihnen die Genugtuung nicht versagen, einzugestehen, dass Sie durch
eigene Kraft vieles widerlegt haben, was ich an Vorurteil und übler Meinung
Ihnen gegenüber neun Jahre hindurch festgehalten; nur in einem dunklen Punkt, in
Ihrem unseligen Hass und Starrsinn, sind Sie das ungebärdige Kind geblieben, das
einst meine ganze Härte und Strenge herausgefordert hat!«
    Felicitas war ihm wieder einige Schritte näher getreten. Der Mondschein
überstrahlte voll ihre Gestalt. So wie sie dastand, den Kopf stolz über die
Schulter nach ihm zurückbiegend, während das Gesicht mit den strenggeschlossenen
Lippen noch tiefer erblasste, lag etwas unerbittlich Feindseliges in der ganzen
Erscheinung.
    »Bei den Krankheiten des menschlichen Körpers forschen Sie zuerst nach der
Ursache, ehe Sie sich ein Urteil bilden -« entgegnete sie. »Aus was aber die
sogenannte Ungebärdigkeit der Menschenseele hervorging, die Sie bessern wollten,
das hielten Sie nicht der Mühe wert, zu untersuchen ... Sie urteilten blindlings
auf Einflüsterungen hin und haben sich damit einer ebenso grossen Sünde schuldig
gemacht, als wenn Sie durch ärztliche Nachlässigkeit einen Leidenden zu Grunde
gehen lassen ... Entreissen Sie einem Menschen sein Ideal, eine ganze erträumte,
goldene Zukunft, er wird, und sei er der frömmste und tugendhafteste, im ersten
Augenblick sicher nicht die Hände falten und ergeben in den Schoss legen; wie
viel weniger aber ein neunjähriges Kind, das sein Auge unablässig auf den Tag
gerichtet hielt, an welchem es einst seine vergötterte Mutter wiedersehen
sollte, durch dessen Seele kein Traum, keine Hoffnung ging, die nicht mit diesem
Wiedersehen verknüpft gewesen wäre!«
    Sie hielt inne, aber über die Lippen des Professors kam kein Wort; nicht
einmal sein Auge war ihr zugewendet. Er hatte anfänglich bei ihrer Beschuldigung
einmal rasch und heftig den Arm ausgestreckt, als wolle er sie unterbrechen;
allein je weiter sie sprach, desto unbeweglicher und aufhorchender wurde seine
Haltung; er hob nicht einmal die Hand, um sie über den Bart gleiten zu lassen,
eine Bewegung, die er beim Zuhören unablässig zu wiederholen pflegte.
    »Der Onkel hat mich in jener glückseligen Unwissenheit gelassen,« fuhr sie
nach einer Pause fort, »aber er starb und mit ihm das Erbarmen in diesem Hause
... An jenem Morgen war ich zum erstenmal am Grabe meiner Mutter gewesen; ich
hatte abends zuvor ihr schreckliches Ende erfahren - man hatte mir zugleich
gesagt, die Spielersfrau sei ein verlorenes Geschöpf, das selbst der
allbarmherzige Gott nicht in seinem Himmel dulde -«
    »Warum sagten Sie mir das alles damals nicht?« unterbrach sie der Professor
dumpf.
    Felicitas hatte in Rücksicht auf die nebenan schlummernde Kranke mit
unterdrückter Stimme gesprochen, dadurch wurde der Ausdruck düsteren Grolles
noch verschärft. Sie sprach auch jetzt in dem angenommenen Ton weiter, während
sie ihrem Widersacher das schöne, bitterlächelnde Gesicht zuwandte.
    »Warum ich das damals nicht sagte?« wiederholte sie. »Weil Sie von
vornherein erklärt hatten, die Menschenklasse, aus der ich stamme, sei Ihnen
unsäglich zuwider, und der Leichtsinn müsse in meinem Blute stecken.« - Der
Professor legte einen Moment die Hand über die Augen. - »So jung ich war und
obwohl erst eine einzige grosse, bittere Erfahrung hinter mir lag, wusste ich doch
in jenem Augenblick genau, dass ich kein Erbarmen, kein Mitgefühl finden würde -
und haben Sie je Erbarmen, Mitgefühl für das Spielerskind gehabt?« fragte sie,
rasch einen Schritt näher tretend und mit unsäglicher Bitterkeit jedes Wort
betonend. »Ist Ihnen je eingefallen, dass das Geschöpf, welches Sie lediglich in
das Arbeitsjoch einspannen wollten, doch vielleicht auch Gedanken haben könne?
Haben Sie seine Seele nicht tausendfach gemartert, indem Sie jede nach aussen
dringende höhere Regung, jeden Ausdruck einer sittlichen Selbständigkeit, jeden
Trieb zu eigener Veredelung wie wilde Schösslinge erstickten? ... Glauben Sie ja
nicht, dass ich mit Ihnen rechte, weil Sie mich zur Arbeit erzogen haben -
Arbeit, und sei es die strengste und härteste, schändet nie - ich arbeite gern
und freudig; aber dass Sie mich zur willenlosen, dienenden Maschine machen und
das geistige Element in mir völlig vernichten wollten, welches doch einzig und
allein ein arbeitsvolles Leben zu veredeln vermag - das ist's, was ich Ihnen nie
vergessen werde!«
    »Nie, Felicitas?«
    Das junge Mädchen schüttelte energisch, mit einer fast wilden Gebärde den
Kopf.
    »Also darein muss ich mich unwiderruflich ergeben,« sagte er mit einem
schwachen Lächeln, das sich jedoch, wahrscheinlicherweise sehr gegen seinen
Willen, merkwürdig melancholisch gestaltete. »Ich habe Sie tödlich beleidigt,
und doch - ich wiederhole es - konnte und durfte ich nicht anders handeln ...«
Er ging einigemal im Zimmer auf und ab. »Ich muss noch einmal eine schmerzende
Stelle in Ihrer Seele berühren, indem ich meine Motive verteidige,« fuhr er
rasch fort; »Sie sind völlig mittellos und von - verfemter Herkunft. Sie sind
darauf angewiesen, Ihr Brot selbst zu verdienen. Wenn ich Ihrer Erziehung eine
höhere Richtung gab, dann erst wäre es grausam gewesen, Sie in die niedere
Dienstbarkeit zurückzustossen, und doch hätte ich nicht anders gekonnt; oder
glauben Sie, dass eine Familie sich dazu verstehen wird, ihren Kindern die
Tochter eines Taschenspielers als Erzieherin zu geben? ... Wissen Sie nicht, dass
ein Mann« - er hielt einen Augenblick inne, tief Atem schöpfend, während eine
fahle Blässe sein Gesicht bedeckte - »ja, dass ein Mann aus den höheren Kreisen,
der sein Leben vielleicht mit dem Ihrigen verknüpfen würde, grosse innere und
äussere Opfer bringen müsste? - Welch unausgesetzte Demütigung für Ihr stolzes
Herz! ... Das sind die sozialen Gesetze, die Sie missachten, welche aber die
Mehrzahl der Menschen oft mit unsäglich innerer Anstrengung und Aufopferung
aufrecht erhält, aus Pietät vor dem Vergangenen, und weil sie politisch
unbedingt notwendig sind ... Auch ich muss mich ihnen unterwerfen - es steht ja
nicht jedem auf der Stirne geschrieben, was er innerlich durchmacht - auch von
mir verlangen jene Gesetze Entsagung und - einen einsamen Lebensweg.«
    Er schwieg. Es durchschauerte Felicitas seltsam, hier in stiller
Mitternachtsstunde in das Geheimnis eines streng verschlossenen Männerherzens
blicken zu können, das in scheuer Hast, fast widerwillig und mit bebenden Lippen
ausgesprochen wurde ... Er liebte, und ohne Zweifel ein weibliches Wesen, das
nach sozialen Begriffen hoch über ihm stand. Eben noch in Hass und Entrüstung ihm
gegenüberstehend, beschlich sie jetzt ein ihr bis dahin völlig unbekanntes Weh
... War es möglich, dass sie Mitleid fühlen konnte für ihn? Hatte sie in der Tat
einen so unverzeihlich schwachen Charakter, sie, die neulich so entschieden
ausgesprochen: »Wenn ihm ein Leid widerführe, ich würde es nie beklagen!« Und
schliesslich war er ja gar nicht einmal zu bedauern - warum legte er die Hände
entsagend in den Schoss, statt mit männlicher Tatkraft um den hohen Preis zu
ringen?
    »Nun, Felicitas, haben Sie keine Entgegnung?« fragte er, »oder fühlen Sie
sich abermals gekränkt durch meine Erklärung, die ich nicht umgehen konnte?«
    »Nein,« entgegnete sie kalt. »Das ist Ihre spezielle Ansicht - es liegt mir
nichts ferner, als der Wunsch, sie geändert zu sehen ... Sie werden hingegen
auch mir den Glauben nicht nehmen können, dass es brave, vorurteilslose Menschen
gibt, die das ehrliche Herz und treue Wollen auch in einer
Taschenspielerstochter anerkennen ... Was soll ich Ihnen noch antworten? Wir
würden doch nie zu einem Ende kommen ... Sie stehen auf dem Standpunkte der
sogenannten Vornehmen, die sich selbst mit Ketten anbinden, damit sie um Gottes
willen nicht herunterfallen, und ich gehöre in die von Ihrer Kaste missachtete
Klasse der Freidenkenden ... Sie selber sagen, unsere Lebenswege gehen binnen
kurzem auseinander auf Nimmerwiedersehen - noch strenger geschieden aber sind
wir innen ... Haben Sie noch einen Befehl in Bezug auf die Kranke für mich?«
    Er schüttelte den Kopf, und ehe er noch ein Wort zu sagen vermochte, hatte
sie das Zimmer verlassen.
 
                                       17
Aennchens Genesung schritt rasch vorwärts; gleichwohl wurde Felicitas ihres
Wärteramtes noch nicht entoben. Die Kleine, sonst ein stilles, geduldiges Kind,
wurde heftig und aufgeregt, sobald das junge Mädchen das Zimmer verliess; es
blieb mitin der Regierungsrätin nichts übrig, als Felicitas zu bitten, so lange
bei dem Kinde zu bleiben, bis es vollkommen hergestellt sei. Die junge Witwe
tat dies ohne Zweifel mit um so leichterem Herzen, als der Professor sich im
Krankenzimmer fast gar nicht mehr aufhielt. Er kam jeden Morgen, um nach der
Kleinen zu sehen, aber diese Besuche währten kaum drei Minuten. Manchmal nahm er
das Kind auf den Arm und trug es einigemal drunten im sonnigen, geschützten
Vorderhof auf und ab - sonst wurde er wenig im Hause gesehen. Es war, als habe
ihn plötzlich eine wahre Leidenschaft für den Garten erfasst; seine
Tageseinteilung war eine ganz andere geworden; er arbeitete früh nicht mehr in
seinem Zimmer - wer ihn sprechen wollte, wurde hinaus in den Garten geschickt.
Frau Hellwig fügte sich seltsamerweise der Marotte, wie sie diesen Umschlag
nannte, und richtete es zur grossen Genugtuung der Regierungsrätin so ein, dass
nun auch die Hauptmahlzeiten meist im Gartenhause gehalten wurden. Das alte
Kaufmannshaus war dadurch zu Zeiten wieder stiller als je; man kam oft vor zehn
Uhr abends nicht nach Hause. Es geschah aber auch manchmal, dass der Professor
allein und früher zurückkehrte. Dann hörte ihn Felicitas langsam die Treppe
heraufkommen; sonderbarerweise wiederholte sich dabei stets etwas Eigentümliches
- er ging nämlich konsequent einige Schritte wie mechanisch nach dem
Krankenzimmer hin, dann blieb er plötzlich mitten im Vorsaale stehen, als
besinne er sich, und rascher als vorher stieg er schliesslich in den zweiten
Stock hinauf. Sein Zimmer lag über der Krankenstube - an solchen Abenden sass er
nicht über seinen Büchern - stundenlang ging er ruhelos droben auf und ab; diese
einsame Wanderung hatte stets etwas Aufregendes für Felicitas - sie brachte
dieselbe in Einklang mit jenem nächtlichen Geständnis.
    Um acht Uhr abends war Aennchen gewöhnlich eingeschlafen; dann nahm Rosa
Felicitas' Platz am Bette des Kindes ein, und nun kamen auch Erholungsstunden
für das junge Mädchen - sie ging hinauf in die Mansarde. Tante Kordulas neuliche
Körperschwäche und Todesahnung schien glücklich überwunden; sie war heiterer als
je und konnte froh wie ein Kind von der nahen Zeit plaudern, wo sie Felicitas
ganz bei sich haben würde. Sie wartete gewöhnlich mit dem Abendbrote auf das
junge Mädchen. Dann stand der sorgfältig arrangierte Teetisch im Vorbau; für
irgend ein Lieblingsgebäck Felicitas' war stets gesorgt, und ein ganzes Paket
neu eingelaufener Zeitungen wartete auf die jugendliche Vorleserin. In diesen
knapp zugemessenen gemütlichen Stunden versank alles, was in jüngster Zeit
Felicitas' Herz - oft zu ihrer eigenen Verwunderung - bedrückte und quälte. Sie
sprach nie über ihre Begegnisse im Vorderhause; die alte Mamsell, ihrer
Gewohnheit treu, regte sie auch durchaus nicht zu irgend einer Mitteilung an,
und so traten leicht Felicitas' augenblickliche, ihr selbst rätselhafte innere
Zerwürfnisse in den Hintergrund.
    An einem schönen, sonnigen Nachmittage sass Felicitas allein bei Aennchen; im
ganzen Hause herrschte förmliche Kirchenstille - Frau Hellwig und die
Regierungsrätin waren ausgegangen, um Besuche zu machen, und der Professor hielt
sich ohne Zweifel im Garten auf, denn im zweiten Stock wurde nicht ein
Lebenszeichen laut ... Die Kleine hatte lange gespielt, nun legte sie sich müde
zurück und sagte bittend: »Liedchen singen, Karoline!«
    Das Kind hörte Felicitas leidenschaftlich gern singen. Das junge Mädchen
hatte eine Altstimme. Ihre Stimme hatte jenen Klang, der wie ein tiefer, voller
Glockenschlag ohne hörbare Vorbereitung sich gleichsam aus der Brust löst - jene
Färbung, wie sie auch dem Cello eigen; der Ton, der ohne irgendwelche fassbare,
scharfe Kante in der Luft verschwimmt, trägt einen Hauch leiser Schwermut, den
Ausdruck unergründlicher Gedankentiefe. Die alte Mamsell mit ihrem seltenen
musikalischen Verständnis und der grossartigen Ausbildung, die ihr eigenes Talent
einst durch tüchtige Meister erhalten, hatte dieses köstliche Material
vortrefflich geschult - Felicitas sang namentlich deutsche Lieder in wahrhaft
klassischer Weise ... Sie hatte gefunden, dass sie die Aufregung des Kindes stets
beschwichtigte, wenn sie in leisen Tönen irgend eine getragene Melodie anhob;
später liess sie ihre Stimme auch gewaltiger ausströmen - begreiflicherweise
jedoch nie, wenn sie feindliche Ohren in der Nähe wusste.
    »Du junges Grün, du frisches Gras,« dieses tiefsinnige Schumannsche Lied
klang jetzt durch das stille Krankenzimmer mit so keusch beherrschtem Ausdruck,
wie er nur aus einer reinen Mädchenseele kommen kann. Felicitas sang die erste
Strophe weich, in ergreifender Einfachheit und mit zurückgehaltener Kraft, aber
mit Beginn der Worte: »Was treibt mich von den Menschen fort, mein Leid, das
hebt kein Menschenwort,« da brauste die mächtige Stimme auf, wie Orgelklang - in
diesem Augenblicke wurde droben im Zimmer des Professors ein Stuhl nicht
gerückt, sondern fortgeschleudert - rasche Schritte eilten nach der Tür, und
schrill und heftig wie Sturmläuten scholl plötzlich eine Klingel durch das
menschenleere Haus. Es war das erste Mal, dass im Studierzimmer des zweiten
Stockes der Glockenzug in Bewegung gesetzt wurde. Friederike eilte atemlos die
zwei Treppen hinauf und Felicitas schwieg tödlich erschrocken. Nach wenig
Augenblicken polterte die alte Köchin wieder herab und trat in das
Krankenzimmer.
    »Der Herr Professor lässt dir sagen, du solltest nicht mehr singen - er
könnte nicht arbeiten,« rapportierte sie in ihrer rauhen, rücksichtslosen Weise.
»Er war kreideweiss und konnte kaum sprechen vor Aerger ... Was machst du denn
aber auch für dumme Sachen? Hab ich doch mein Lebtage so 'was nicht gehört - du
singst ja akkurat wie ein Mannsbild, und - dass Gott erbarm' - das Lied! - ein
reines Nachtwächterlied! ... Ich weiss nicht, was du für ein Mädchen bist! Ich
hab' auch singen können, wie ich noch jung war! Und was gab's damals für Lieder
- schöne Lieder: Freut Euch des Lebens und Guter Mond, du gehst so stille ...
Lass das ein andermal gut sein, Karoline - das kannst du nicht! ... Ja, und du
sollst das Kind ein bisschen in den Hof tragen und herumfahren, hat der Herr
Professor gesagt.«
    Felicitas verbarg ihr glühendes Gesicht in den Händen - es war ihr, als habe
sie einen vernichtenden moralischen Schlag erhalten - wie tief beschämt und
gedemütigt fühlte sie sich in diesem Augenblicke! So mutig sie sein konnte, wenn
es galt, ihre Ueberzeugung zu verteidigen und ihren Gegnern die Wahrheit
ungeschminkt ins Gesicht zu sagen, so scheu und ängstlich war sie in Bezug auf
ihre Talente und Kenntnisse. Schon der Gedanke, dass ihre Stimme bis zu fremden
Ohren dringen könne, schnürte ihr den Hals zu und machte sie sofort verstummen,
irgend jemand aber gar lästig damit zu werden, das hätte sie nicht einmal
auszudenken vermocht. Und nun war es wirklich geschehen; man hielt sie für
aufdringlich, der Verdacht lastete auf ihr, als habe sie sich bemerkbar machen
wollen, und dafür war sie auf die schonungsloseste Weise gestraft und beschämt
worden - das war nicht zu ertragen! Die gröbsten Ungerechtigkeiten und
Misshandlungen seitens der Frau Hellwig hatten ihr nie eine Träne zu entlocken
vermocht - jetzt aber weinte sie bitterlich.
    Eine Viertelstunde später rollte Felicitas den Kinderwagen inmitten des
Hofes langsam und vorsichtig auf und ab. Die fieberroten Flecken auf den Wangen
des jungen Mädchens erblichen allmählich unter dem erfrischenden Hauche der
Luft, aber den Ausdruck finsteren Brütens auf der blassen Stirn vermochte er
nicht wegzuwischen ... Es währte nicht lange, so kam Frau Hellwig in Begleitung
der Regierungsrätin zurück; zu gleicher Zeit stieg der Professor die Treppe
herab, er war im Begriff, auszugehen, denn er hielt Hut und Stock in der Hand.
Alle drei traten in den Hof. Die Regierungsrätin trug ein grosses Paket, und
nachdem sie ihr Kind begrüsst und geliebkost hatte, schob sie die Papierumhüllung
des Pakets ein wenig zurück und lächelte in reizend schalkhafter Weise nach
ihrem Kousin hinüber.
    »Sieh mal her, Johannes, bin ich nicht eine recht leichtsinnige Frau?«
scherzte sie. »So sehr mein Herz gegen weiblichen Putz gestählt ist, so wenig
widersteht es den Verlockungen einer Leinenhandlung. Da sah ich in einer Auslage
dies wundervolle Tischzeug - glaubst du, ich hätte vorübergehen können? Nicht
möglich! Ehe ich mich dessen versah, hatte ich das Tischzeug im Arme und dies
Schock superfeine Leinwand dazu ... Nun adieu, Winterstaat! Wenn ich
gewissenhaft sein will, so muss ich diese Lücke in meinem Etat durch Weglassung
verschiedener Wintertoiletten wieder ausfüllen - sei's drum - eine echte
deutsche Hausfrau kann nun einmal ihren Leinenschrank nicht voll genug haben!«
    Der Professor antwortete nicht. Er sah über die Sprechende hinweg nach der
Hoftür. Dort trat eben die Bürgersfrau herein, die Felicitas neulich im
Studierzimmer des zweiten Stockes gesehen hatte. Sie schien unter ihrem grossen,
verhüllenden Mantel sehr bepackt zu sein und schritt in fast ehrfurchtsvoller
Haltung auf den Professor zu.
    »Herr Professor, mein Wilhelm sieht wieder - er sieht so gut, wie ich und
alle gesunden Menschen,« sagte sie; ihre Stimme bebte und ein Tränenstrom
stürzte aus ihren Augen. »Wer hätte das gedacht! Ach, was war das für ein
unglücklicher Mensch und wir alle mit! ... Nun kann er wieder sein Brot
verdienen, und ich darf mich einmal ruhig hinlegen, denn ich hinterlasse kein
blindes, hilfloses Kind ... Ach, Herr Professor, alle Schätze der Welt wären mir
nicht zu viel für Sie! Aber wir sind ja so grundarme Leute - es ist ja gar nicht
daran zu denken, dass wir Ihnen das je vergelten können, was Sie an uns getan
haben ... Seien Sie nicht böse, Herr Professor, ich meinte, wenigstens eine
geringe Kleinigkeit -«
    »Nun, was soll's werden?« unterbrach sie der Professor barsch und trat einen
Schritt zurück.
    Die Frau hatte während ihrer letzten Worte den Mantel zurückgeschlagen; ein
grosser Vogelbauer und eine Rolle Leinwand kamen zum Vorschein.
    »Sie haben die Nachtigall da so gern gehört, wenn Sie bei uns waren,« hob
sie wieder an; »wenn Sie das Tierchen in einen kleinen Bauer tun, da können
Sie's getrost mit nach Bonn nehmen ... Und das Stück Leinwand - es ist nicht
fein, aber fest, ich habs selbst gesponnen - wenn es Madame Hellwig zu
Leintüchern gebrauchen wollte -«
    »Sind Sie denn nicht recht gescheit, Frau, dass Sie Ihrem Mann den Vogel da
wegnehmen?« fuhr sie der Professor grimmig an - man sah seine Augen fast nicht,
so finster runzelten sich die überhängenden Brauen. - »Ich kann Vögel gar nicht
leiden - absolut nicht leiden - und meinen Sie denn, Sie seien berufen, für
unsere Leibwäsche zu sorgen? ... Packen Sie auf der Stelle Ihre Sachen zusammen
und gehen Sie nach Hause!«
    Die Frau stand bestürzt und wortlos vor ihm.
    »Das hätten Sie sich und mir ersparen können, Frau Walter!« sagte er
milder. »Ich haben Ihnen wiederholt erklärt, dass Sie mir damit nicht kommen
sollen ... Nun, da gehen Sie jetzt und grüssen Sie mir Ihren Wilhelm, morgen
werde ich noch einmal nach ihm sehen.«
    Er reichte ihr die Hand und schlug den Mantel über die Gegenstände der
verunglückten Expedition. Die Abgewiesene knixte mit niedergeschlagenen Augen
und entfernte sich ... Frau Hellwig und die Regierungsrätin waren stumme Zeugen
gewesen; das Gesicht der ersteren drückte jedoch entschiedene Missbilligung aus,
und einmal hatte es sogar geschienen, als wolle sie sich selbst in den Handel
mischen.
    »Nun, das verstehe ich aber nicht recht, Johannes,« sagte sie in
zurechtweisendem Ton, nachdem die Frau das Haus verlassen. »Wenn ich bedenke,
was dein Studium gekostet hat, so sollte ich meinen, hättest du gar keine
Ursache, irgend eine Entschädigung zurückzuweisen ... Die Idee mit dem Vogel war
freilich dumm - das Gezwitscher könnte mir fehlen in meinem stillen Hause - aber
die Leinwand hätte die Frau hier lassen müssen, wenn es auf mich angekommen wäre
- Leinen wirft man nicht so mir nichts, dir nichts zum Fenster hinaus!«
    »Ach Tantchen, da wäre ich wohl sehr schlecht bei dir angekommen mit meinen
barmherzigen Gedanken, die vorhin in mir aufstiegen?« sprach die Regierungsrätin
leicht scherzend. »Denke dir nur, Johannes,« fuhr sie ernster werdend, mit einem
sanften Aufschlag ihrer Augen fort, »da haben wir heute morgen von einer
unglücklichen, aber braven Familie gehört - die armen Kinder haben nicht einmal
Wäsche unter ihren elenden Kleidern - das dauert mich unsäglich - Tantchen und
ich haben auch schon an eine Kollekte gedacht ... Hättest du die Leinwand
angenommen, da wäre ich als Bettlerin zu dir gekommen - du hättest sie mir wohl
oder übel schenken müssen; sie hätte prächtige Hemden für die Kinder gegeben -
ich würde sie selbst genäht haben -«
    »O, über diesen Tiefsinn christlicher Barmherzigkeit!« unterbrach sie der
Professor mit einem ingrimmigen Auflachen. »Das letzte Scherflein einer armen
Familie muss her, damit die Not anderer Bedürftiger gestillt werde - und über
diesem Liebeswerk steht die grossmütige Vermittlerin und zeigt der zerknirschten
Welt den Glorienschein weiblicher Mildtätigkeit um ihre blonden Locken!«
    »Du bist boshaft, Johannes!« rief gekränkt die junge Witwe. »Ich gebe sehr
gern -«
    »Aber es darf mich ums Himmelswillen nichts kosten, nicht wahr, Adele?«
ergänzte er in bitterer Ironie. »Warum greift denn die echte, deutsche, fromme
Hausfrau nicht in ihren vollen Leinenschrank? ... Hier dies völlig überflüssige
Stück zum Beispiel« - er griff nach der Leinwandrolle auf ihrem Arme. Beide
Damen wehrten entsetzt seine Hand ab, als beabsichtige sie ein Attentat auf das
Leben der jungen Witwe selbst.
    »Nein, das geht denn doch über den Spass, Johannes!« klagte sie, »dies
wunderfeine Linnen!«
    »Ich habe vorhin den Vorwurf von dir hören müssen,« wandte sich der
Professor an seine Mutter, ohne den Kummer seiner tiefbeleidigten Kousine weiter
zu beachten, »dass ich die Früchte meines sehr teuren Studiums nicht so verwerte,
wie es nötig sei ... Ich kann dir versichern, dass ich auch praktisch bin und es
für eine Aufgabe des Mannes halte, zu erwerben - aber nebenbei habe ich doch
auch noch eine etwas höhere Meinung von meinem Berufe; er führt weit mehr als
jeder andere Wirkungskreis - der des Geistlichen nicht ausgenommen - auf das
weite Gebiet menschlicher Barmherzigkeit. Ich werde nie zu den Aerzten gehören,
die mit der einen Hand einem unbemittelten Kranken von seinem Schmerzenslager
aufhelfen, um ihn auf der anderen Seite in die Sorge, wie er wohl diese Hilfe
bezahle, zu stürzen.«
    Er hatte bis dahin Felicitas' Anwesenheit völlig unbeachtet gelassen. Auch
jetzt streifte sein Blick nur wie unbewusst nach ihr hinüber; aber er blieb an
diesem in innerer Befriedigung förmlich leuchtenden Gesicht hangen - zum
erstenmal begegneten sich diese vier Augen mit dem Ausdruck innigen
Verständnisses - freilich nur mit der Schnelligkeit des Blitzes; das junge
Mädchen senkte tödlich erschrocken die Lider, und der Professor zog plötzlich
seinen Hut mit einer fast zornigen Bewegung so tief in die Stirn, dass das stark
gerötete Gesicht unter der breiten Krempe beinahe verschwand.
    »Nun meinetwegen, das ist deine Sache, Johannes, das magst du halten, wie du
willst,« sagte Frau Hellwig eiskalt. »Deinem Grossvater hättest du übrigens mit
der Ansicht nicht kommen dürfen. Die ärztliche Praxis ist dein Geschäft, und im
Geschäft, pflegte er zu sagen, darf man keine sentimentalen Anwandlungen
dulden.«
    Sie schob missgelaunt ihre schwerfällige Gestalt nach der Hoftür. Die
Regierungsrätin drückte mit einer lieblich schmollenden Gebärde das Paket an ihr
Herz und folgte ihr, neben dem Professor fortschreitend. In der Hausflur wandte
der Letztere den Kopf noch einmal nach dem Hofe zurück. Felicitas hob eben
Aennchen aus dem Wagen, um sie auf ihre Bitten noch einigemal auf und ab zu
tragen. Man hätte meinen mögen, die zarte, leichte Gestalt müsse zerbrechen in
dem Augenblick, wo das Kind, die Arme um den feinen Hals des Mädchens
schlingend, in seiner ganzen Schwere emporgehoben wurde. Der Professor kehrte
sofort in den Hof zurück.
    »Ich habe Ihnen schon einigemal das Tragen des Kindes verboten - es ist zu
schwer für Sie!« rief er ihr verweisend und ärgerlich zu. »Hat Ihnen Friederike
nicht gesagt, dass Sie Heinrich zu Hilfe nehmen sollen?«
    »Das hat sie vergessen; - Heinrich ist auch nicht zu Hause.«
    Der Professor nahm ihr das Kind vom Arme und setzte es in den Wagen, wobei
er ihm ernst zuredete. Der Ausdruck seines Gesichts war strenger und finsterer
als je - zu jeder anderen Zeit würde ihm Felicitas trotzig den Rücken gekehrt
haben, aber heute war sie schuld an dieser üblen Laune; sie hatte das ernste,
tiefe Studium des Arztes durch ihren Gesang unterbrochen und ihm möglicherweise
eine sich eben gestaltende neue Idee verscheucht. Es half nichts, und wenn er
auch noch so zornig und gereizt war, sie musste um jeden Preis die Last
loswerden, die ihre Seele bedrückte, er musste erfahren, dass sie unwissentlich
gefehlt hatte. Der Moment war ihr insofern günstig, als sie ihren Gegner nicht
anzusehen brauchte; er neigte sich über den Wagen und sprach noch mit Aennchen.
    »Ich habe Sie sehr um Verzeihung zu bitten, dass Sie durch mein Lied
belästigt worden sind,« sagte sie schüchtern. Dieser ihm völlig neue, lieblich
bittende Ton ihrer Stimme übte eine merkwürdige Wirkung auf ihn aus; er fuhr
empor und warf einen durchdringenden Blick auf das Gesicht des Mädchens. »Wenn
Sie mir doch glauben wollten,« fuhr sie eindringlicher fort, »dass ich nicht die
entfernteste Ahnung von Ihrer Anwesenheit im Hause gehabt habe!«
    Das Wort »Lied« mochte die Erinnerung an Felicitas' Tränen in Aennchen
wecken. »Böser Onkel! Arme Karoline hat geweint!« schalt sie und hielt ihm
drohend die kleine geballte Faust entgegen.
    »Hat das Kind recht, Felicitas?« fragte er rasch.
    Sie vermied es, diese Frage direkt zu beantworten.
    »Ich war sehr unglücklich in dem Gedanken -«
    »Dass man glauben könne, Sie wollten sich hören lassen?« unterbrach er sie,
während ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht hinhuschte. »Darüber mögen Sie
sich beruhigen ... Für wie rachsüchtig und bösartig unversöhnlich ich Sie auch
halte - an Gefallsucht Ihrerseits denkt meine Seele nicht - das brächte ich mit
dem besten Willen nicht fertig ... Ich habe Sie bitten lassen, zu schweigen -
nicht eigentlich, dass Sie mich gestört hätten - sondern, weil ich - unfähig bin,
Ihre Stimme zu hören ... Das kränkt Sie wohl nun über die Massen?«
    Felicitas schüttelte lächelnd den Kopf.
    »Nun, das ist vernünftig ... Uebrigens will ich Ihnen etwas sagen.« - Er bog
den Kopf tief herab und sah ihr fest und aufmerksam forschend in die Augen. »Ihr
heutiger Gesang hat mir ein strengverschlossenes Geheimnis verraten!«
    Felicitas erschrak tödlich. Er war ihrem Verkehr mit Tante Kordula auf die
Spur gekommen. Sie fühlte, wie sie flammendrot wurde, und sah ihn ängstlich
verwirrt an.
    »Ich weiss nun, weshalb Sie sich jedweden ferneren Beistand unsererseits für
die Zukunft verbeten haben. In die Sphäre, in der Sie später leben und wirken
wollen, reicht freilich unser Arm nicht - Sie werden auf die Bühne gehen!«
    »Da irren Sie sich!« antwortete sie entschieden und sichtlich erleichtert.
»Wenn ich es auch für eine der herrlichsten Aufgaben halte, seinen Mitmenschen
die Schöpfungen grosser Geister vorführen zu dürfen, so fehlt mir doch dazu
gänzlich der Mut. Ich bin unsäglich feig der Oeffentlichkeit gegenüber und würde
es jedenfalls schon aus Mangel an Selbstvertrauen in meinen Leistungen nicht
über die Mittelmässigkeit hinausbringen ... Weiter gehören zu diesem Berufe
gründliche musikalische Kenntnisse, und die werde ich nie besitzen.«
    »Das läge doch ganz und gar in Ihrer Macht.«
    »Eben deshalb. Ich habe mir als Kind eingebildet, die Musik sei ein Ding,
das man durchaus nicht wie Lesen und Schreiben lernen könne - ein Etwas, das, so
ungefähr wie die Lehre Jesu, direkt vom Himmel gekommen sein müsse - und diese
kindische Vorstellung will ich behalten ... Dass das, was mich zu Tränen rühren
und mehr begeistern kann, als viele andere Herrlichkeiten der Welt, auf steifen,
pedantischen Gesetzen beruhen und auf dem Papiere in einer Anzahl dicker,
hässlicher Notenköpfe stehen soll, die ängstlich nachgezählt werden müssen - der
Gedanke schon raubt mir allen Genuss; er berührt mich so abstossend wie die
Tatsache, dass das Knochengerüst eines schöngebildeten Menschengesichts ein
Totenkopf ist - ich tue deshalb grundsätzlich keinen Blick in die leidige
Maschinerie.«
    »Da haben wir ja gleich wieder den Grundton in Ihrer Natur, der sich gegen
alles auflehnt, was Gesetz und Regel heisst,« sagte er sarkastisch, obwohl er mit
sichtbarem Interesse ihrer eigentümlichen Definition der Musik gefolgt war.
»Also mein Schluss war falsch und Ihre sehr auffallende Beklommenheit vorhin
überflüssig,« fügte er nach einer Pause scharf hinzu. »Es muss das ein
merkwürdiges Geheimnis sein! ... Ich hätte fast Lust, schliesslich doch noch
kraft meines Amtes als Vormund auf eine Darlegung Ihres Lebensplanes zu
dringen.«
    »Das würde umsonst sein,« erwiderte sie ruhig und entschieden. »Ich werde
nicht sprechen ... Sie haben es mir selbst freigestellt, nach Verlauf von zwei
Monaten zu handeln, wie ich wolle.«
    »Ja, ja, der Fehler ist leider gemacht,« versetzte er gereizt. »Aber ich
finde es denn doch - gelinde gesagt - verwegen, in Ihrem noch sehr jugendlichen
Alter Lebensfragen ganz nach eigenem Belieben, ohne jedweden Rat und Beistand
eines Verständigen, entscheiden zu wollen ... Ich setze den Fall, es handle sich
um den wichtigsten Schritt im Leben des Weibes - um ein Gebundensein für immer
-«
    »In einem solchen Falle wäre mein Vormund der letzte, den ich um Rat bitten
würde!« unterbrach ihn Felicitas flammendrot im Gesicht. »Ich wäre bereits
gebunden, und zwar an einen verhassten, charakterlosen Menschen, besässe ich nicht
eben die Verwegenheit, in meinen Lebensfragen selbst entscheiden zu wollen ...
Sie hätten getrost Ja und Amen zu jenem sogenannten ehrenvollen Antrage Wellners
gesagt, wenn ich schwach genug gewesen wäre, mich durch vorhergehende schlechte
Behandlung und Drohungen einschüchtern zu lassen!«
    Dieser Vorwurf traf wie ein zweischneidiges Schwert, denn er war gerecht.
Der Professor biss sich auf die Lippen - sein Blick irrte einen Moment unsicher
über die Steinplatten zu seinen Füssen.
    »Ich habe freilich gemeint, die mir von meinem Vater gewordene Aufgabe so am
besten zum Abschlusse zu bringen,« sagte er nach einer peinlichen Pause - seine
Stimme hatte bei weitem nicht die gewohnte Festigkeit. »Es war ein Irrtum, aber
durchaus kein hartnäckig behaupteter, wie Sie wissen. Wenn ich auch auf den Rat
und das Zeugnis meiner Mutter hin ohne nähere Prüfung meine Einwilligung gegeben
habe, so bin ich doch weit entfernt gewesen, Ihren Entschluss durch Zureden oder
wohl gar Strenge beeinflussen zu wollen ... Uebrigens sollen meine Worte von
vorhin der letzte Versuch gewesen sein, mein Vormundsrecht zu gebrauchen,« fuhr
er nicht ohne Bitterkeit fort. »Ich muss Sie Ihrem Schicksale überlassen ... Sie
gehen ihm froh und hoffnungsvoll entgegen?«
    »Ja!« antwortete das junge Mädchen mit leuchtenden Augen.
    »Und glauben, in dem neuen Verhältnis glücklich zu werden?«
    »So gewiss, als ich an ein schöneres Jenseits glaube!«
    
    Er hatte bei seiner letzten Frage einen jener durchdringenden, prüfenden
Blicke auf ihr ruhen lassen, wie er sie wohl bei seinen verstocktesten Patienten
anzuwenden pflegte; als aber ihr Gesichtsausdruck immer strahlender wurde,
wandte er wie verletzt oder geärgert den Kopf weg. Er sagte kein Wort mehr.
Zerstreut reichte er Aennchen die Hand, griff leicht grüssend an seinen Hut und
ging langsam nach dem Hause zurück. -
    An demselben Abende sass Rosa in der Gesindestube. Ein zartblauer, duftiger
Stoff bauschte sich auf ihrem Schosse und ihre Finger handhabten die Nähnadel mit
beinahe fieberhafter Geschwindigkeit. Friederike leistete ihr Gesellschaft. Das
Kammermädchen sah sich genötigt, bis nach Mitternacht zu arbeiten, und da hatte
die alte Köchin den vortrefflichen Einfall gehabt, einen »steifen« Kaffee zu
kochen, »nur von wegen des Munterbleibens«.
    Es hatte längst zehn geschlagen. Felicitas war in die Schlafkammer gegangen,
um sich zur Ruhe zu begeben, aber das unaufhörliche Geplauder der
nebenansitzenden Kaffeetrinkerinnen machte ihr den Aufentalt in dem dumpfen,
schwülen Raume unerträglich. Sie öffnete das Fenster weit, setzte sich auf den
Sims, die gefalteten Hände um die Kniee legend und sah hinaus in den Hof. Er war
nicht ganz dunkel. Auf den Vorsälen des ersten und zweiten Stockes brannten noch
die Astrallampen. Durch die hohen Fenster fielen lange Lichtsäulen auf das
Steinpflaster; sie streiften den silbern aufblitzenden Wasserstrahl des
rauschenden Röhrenbrunnens, liessen in unheimlichen Ecken trübe Glasscheiben
aufglühen und warfen schliesslich noch einen falben Schein auf die ziemlich weit
entfernte Fassade des Hinterhauses. Ueber das grosse Viereck der Gebäude aber
spannte sich der flimmernde Nachtimmel. Unverändert, wie vor längst
verrauschten Zeiten, sahen seine Sternbilder herein in den Hofraum, den die Sage
mit haarsträubenden Gespenstergeschichten bevölkerte - sie hatten diejenigen,
die jetzt als wehklagende Schemen hier angstvoll umherschweben sollten, in
blühender Leibesgestalt gesehen, edle Ritter und stattliche Handelsherren,
vornehme Damen in seidener Schleppe und die ehrbar im Leinenkleide
einherschreitende bürgerliche Hausfrau; zu ihnen hatten Augen aufgeblickt, aus
denen Weltlust glühend begehrlich sprühte, auch solche, die im aufgeblasenen
Eigendünkel kalt und teilnahmlos an Gottes wundervollster Schöpfung
vorüberstreiften, scheue Augen, hinter denen das Verbrechen lauerte, und in
Tränen schwimmende, bang blickende Kinderaugen - der Glanz war verlöscht, sie
alle moderten; aber die grosse Lehre der Natur, dass alles vergehen müsse, bleibt
unbegriffen. Geschlecht nach Geschlecht tat die Augen auf und schloss sie
wieder, und was zwischen diesen zwei Momenten lag, das war Kampf und Ringen um
ein Stück Erde, Titel und Würden, volle Kästen und Kleiderpracht gewesen. Und
ein die Welt bewegender Zug im Menschencharakter, er trat auch hier hervor: die
Herrschsucht, der unheimliche Trieb, andere Menschenkinder hinabzudrängen und
ihnen den Fuss auf den Nacken zu stellen; und wo äusseres Ansehen und eigenes
Geistesvermögen nicht ausreichte, da hüllte man sich in die Weihrauchswolke des
Glaubens. - Nichts ist mehr verdreht und ausgebeutet worden im Interesse
weltlicher Zwecke, als Gottes Wort, nie ist mehr gesündigt worden, als in Gottes
Namen!
    Während diese Gedanken hinter der Stirn des jungen Mädchens kreisten,
wechselten drüben in der Gesindestube Friederikens blecherne Stimme und der
schneidend hohe Sopran der Zofe unaufhörlich im Zwiegespräche.
    »Ja,« sagte Rosa, plötzlich auflachend, »meine Gnädige fiel aus den Wolken,
als der Professor heute gegen Abend zurückkam und erzählte, dass er mit
verschiedenen Herren und Damen übermorgen eine Partie auf den Türinger Wald
machen wolle - der und eine Partie! Gott im Himmel! In Bonn hockt er jahraus,
jahrein hinter den Büchern, geht zu seinen Patienten und auf die Universität -
das ist alles! Kein Ball, keine Soiree ... Greulich! An den Männern kann ich nun
einmal das Frommtun nicht ausstehen!«
    »Pfui, schämen Sie sich, Rosa!« schalt Friederike entrüstet. »Wenn das Ihre
gnädige Frau hörte!«
    »Na ja, alles hat seine Grenzen ... Im Institut ist er so gewesen, dass er am
liebsten nicht mehr gegessen und getrunken hätte, um heilig und selig zu werden
- damals hat ihn kein Mitschüler ausstehen können!«
    »Die Menschen sind zu schlecht! - Da können sie ihn wohl jetzt auch noch
nicht leiden?«
    »Ach nein - jetzt wird er vergöttert ... Wie er's angefangen hat, weiss ich
nicht, aber seine Studenten hätscheln ihn wie ein Wickelkind, und die Damen -
na, das ist geradezu schauderhaft - die küssen ihm womöglich die Hände, wenn er
ihnen ein Rezept verschreibt. Meine Gnädige macht's ja nicht besser - ich möchte
mich manchmal grün ärgern! Ja, wenn er noch hübsch wäre! Aber so ein hässlicher
Mann mit dem roten Bart und den ungeleckten Manieren! Mir sollte er kommen, der
ungeschliffene Bär! ... Der kuriert alles mit Grobheit. Meine Gnädige liegt zum
Beispiel in Krämpfen; da tritt er an das Bett, sieht sie an, als ob er sie mit
den Augen spiessen wollte, und spricht: Nimm dich zusammen, Adele! Auf der Stelle
stehst du auf! Ich werde einen Augenblick hinausgehen, und wenn ich zurückkomme,
wirst du angekleidet dort auf dem Stuhle sitzen - hast du mich verstanden? Und
er kam wieder herein, und sie sass richtig da - die Krämpfe sind auch
weggeblieben; aber sagen Sie selbst, ob das nicht scheusslich ist, eine Dame von
Stande so zu behandeln?«
    »Er hätte es höflicher machen können, freilich!« meinte die alte Köchin.
    »Er tyrannisiert sie überhaupt fürchterlich ... Ihre ganze Freude ist, sich
gut anzuziehen. Ich sage Ihnen, Friederike, wir haben in Bonn Schränke voll
Kleider, dass man sich nicht satt sehen kann, und was die Mode bringt, das wird
mitgemacht. Weil aber der Herr Brummbär immer salbungsvoll von der Einfachheit
predigt, da lässt sich meine Gnädige nie in einem eleganten Anzug vor ihm sehen -
Mull, nichts als Mull! ... Wenn er nur wüsste, wie teuer die weissen Fähnchen
kommen! ... Er wollte ja auch durchaus, die arme Frau sollte übermorgen zu Hause
bleiben, Aennchens wegen; aber da kam die andere Reisegesellschaft und hat
vorgebeten - was konnte er da machen? ... Dies blaue Kleid wird ihr hübsch
anstehen zur Reise, meinen Sie nicht, Friederike?«
    Die Entüllungen der leichtsinnigen Kammerjungfer machten auf Felicitas
einen peinlichen Eindruck. Sie glitt vom Simse herab, um noch einmal in die
Gesindestube zurückzukehren; vielleicht verhinderte ihre Anwesenheit weitere
Mitteilungen über Verhältnisse, die doch sicher nicht zu fremden Ohren dringen
sollten. Ohne eigentliches Ziel streifte ihr Auge noch einmal das ihr
gegenüberliegende Seitengebäude - sie stutzte. Die Astrallampe im Vorsaal des
zweiten Stockes warf ihren Schein auch in den langen Korridor, der nach Tante
Cordulas Wohnung führte. Die ersten zwei Fenster waren ziemlich hell erleuchtet,
man konnte die schlechtgetünchte Hinterwand sehen, aus welcher die alten Balken
braun heraustraten. An dieser Wand hin glitt eine Gestalt, aber nicht als
durchsichtiger, spukhafter Schatten - Er war's, den die Kammerjungfer so hässlich
nannte. Felicitas sah deutlich die kräftigen Linien seines Kopfes, die starken
Wellen des mächtigen Bartes, den hünenhaften Oberkörper, der in seinen Formen,
seinen Bewegungen freilich jeden Begriff von Eleganz ausschloss. Er durchschritt,
mechanisch und unablässig mit der Hand über den Bart gleitend, die ganze Länge
des Korridors bis an das letzte Fenster, das an den Vorplatz mit der gemalten
Tür stiess, und hinter welchem der sehr entfernte Lampenschein nur noch matt und
unheimlich aufdämmerte; dann kehrte er zurück. Er machte ohne Zweifel seine
nächtliche Promenade, und weil unter seinem Zimmer die Regierungsrätin und das
Kind schliefen, so durchwandelte er ungehört den einsamen, abgelegenen Gang ...
Was trieb ihn wohl so rastlos auf und ab? Grübelte er über einem medizinischen
Problem, oder umflatterte ihn das Bild der Entfernten, um deren willen er einen
»einsamen Lebensweg« gehen musste?
    Sinnend schloss Felicitas das Fenster und zog die alten, verblichenen,
grünwollenen Vorhänge dicht zusammen, welche seit Menschengedenken die Träume
der Köchinnen im alten Kaufmannshause behüteten.
 
                                       18
Draussen im Garten, auf dem grossen Wiesenflecke, den die Nussbäume beschatteten,
war vor wenigen Tagen das Gras gemäht worden. Ein herzerquickender, kräftiger
Duft entstieg dem Heuhaufen, auf deren einem Aennchen behaglich die armen
kleinen Glieder ausstreckte. Felicitas lehnte am Stamme des grössten der
Nussbäume; er war immer ihr Liebling gewesen. Da droben hatten einst ihre
leichten Kinderfüsse gestanden, und nicht allein das Rasenstück unten, sondern
die ganze weite, himmlische Welt war ihr blumenbestreut erschienen. Ihr Auge
glitt an dem Riesenstamm empor bis in das dunkle Herz, von wo aus das gewaltige
Geäst sich weit und verwegen in die Lüfte hinausreckte. Da drin, hinter der
rauhen Rinde, pulsierte auch Leben; es stieg hinauf und flutete bis in das zarte
Geäder der Blätter, die wie Fühlfäden hinaustrieben in die Welt und dem alten
Stamm wohl schwer zu schaffen machten - sie zitterten in jedem Luftauch,
brausten jäh auf, wenn der rauhe Wind über sie hinstrich, und sanken schlaff
nieder unter dem sengenden Strahl der Sonne; aber mochte es droben auch zittern,
seufzen und rauschen, der Stamm stand unbewegt - und das Menschenkind? Wie
leicht brach es zusammen, wenn der Sturm des Schicksals über sein Empfinden
hinbrauste!
    Dieser ernste Gedanke - so oft er sich auch bewahrheitet - hinter der weissen
Mädchenstirn, die sich leuchtend abhob von der dunklen Baumrinde, war er wohl
nicht ganz gerechtfertigt. Gerade dies junge Geschöpf, so eigenartig, so zart
und tief in seinen Empfindungen angelegt, hatte Stürmen getrotzt, die tausend
andere seines Geschlechts in den Staub niedergeworfen haben würden. Vielleicht
entsprang jene trübe Reflexion der unbewussten Furcht, der plötzlichen Ahnung
einer unbekannten Gefahr, unter welcher der gestählte Wille des jungen Mädchens
doch dereinst zusammenbrechen konnte. Wie wenig vermögen wir selbst, die
Vorgänge in unserem Seelenleben zu begreifen - wir fassen sie so verkehrt und
ungeschickt auf, wie es einem fremden, unparteiischen Blick gar nicht einmal
möglich sein würde, und erst wenn hereinbrechende Katastrophen vorüber sind,
erkennen wir, dass wir ihr Eintreten vorher gefühlt und gewusst haben.
    Seit der Abreise des Professors und der Regierungsrätin waren bereits zwei
Tage verstrichen. Der erstere war mit einem Gesichtsausdruck und einer Bewegung
in den Reisewagen gestiegen, als schüttle er eine schwere Last ab, die er gern
und freudig der guten kleinen Stadt X. hinterlasse. In der Hausflur hatte er
Rosa, Heinrich und der alten Köchin abschiednehmend die Hand gereicht, an
Felicitas aber war er, die Hutkrempe leicht berührend, vorübergeschritten, fremd
und so ruhig, als habe dieser Mädchenmund nie ein herbes Wort zu ihm gesprochen,
als kenne er die Augen nicht, die ihn so oft durch ihren trotzigen Ausdruck
geärgert hatten. Nun, das war ja recht und vernünftig, meinte Felicitas mit
zusammengepressten Lippen, nun war er doch, wie er sein sollte ... Ihm gegenüber
hatte die junge Witwe Platz genommen. Sie war wie eine Fee inmitten bläulicher
Wolken an den Abschiednehmenden vorübergeschwebt, und unter dem italienischen
Strohhütchen hatte das Gesicht so hoffnungsvoll gestrahlt, als sei sie gewillt,
von dieser Reise ein langersehntes Glück mit heimzubringen.
    Es war der zweite Nachmittag, den Felicitas mit Aennchen allein im Garten
verbringen durfte - das waren nicht bloss friedliche Stunden, sie hatten ihr auch
Angenehmes - Wunderbares, wie sie es nannte - von aussen her gebracht. Der
Nachbargarten, den nur ein lebendiger Zaun von dem Hellwigschen Grundstück
trennte, war vor einigen Tagen in den Besitz der Frankschen Familie gekommen.
Gestern hatte der Rechtsanwalt über den Zaun hinweg in seiner liebenswürdigen,
vertrauenerweckenden Weise freundliche Worte mit ihr gewechselt, und heute hatte
plötzlich eine alte Dame in schwarzem Seidenkleide, das liebe, gütevolle Gesicht
von einem weissen Häubchen umrahmt, dort gestanden und sie angeredet. Es war die
Mutter des jungen Frank gewesen. Sie lebte äusserst zurückgezogen nur für ihren
Mann und den einzigen Sohn und war eine in der Stadt hochgeachtete
Persönlichkeit. Sie hatte im Hinblick auf Felicitas' baldiges Scheiden aus dem
Hellwigschen Hause dem jungen Mädchen Rat und Beistand angeboten - ein
ungeahnter Sonnenstrahl im Leben des missachteten Spielerskindes! ... Und dennoch
lehnte Felicitas, jetzt in ernstes Sinnen verloren, da am alten Nussbaume. Ueber
ihr zog es leise durch den dunklen Wipfel - sie lächelte trübe - in dem
Geflüster hörte sie Nachklänge eines versunkenen Paradieses. - Ihre
halbzertretene erste Jugend zog an ihr vorüber, und jetzt klang ihr das leise
Rauschen anders in der finsteren Prophezeiung: sie sei berufen zu kämpfen, zu
leiden bis zum letzten Atemzug ... Dass aber das Verhängnis in diesem Augenblick
bereits über ihre schwachen Lebenshoffnungen zermalmend hinschreite - das hörte
sie doch nicht.
    Heinrich war vor wenigen Augenblicken zur Gartentür hereingekommen; es
hatte ausgesehen, als wolle er auf Felicitas in stürmischer Eile zulaufen, dann
aber war er hinter einer Taxuswand verschwunden. Jetzt kam er langsam hervor.
Mit dem ersten Blick auf dies breite, ehrliche, aber furchtbar verstörte Gesicht
wusste das junge Mädchen, dass er Unheil bringe - von welcher Seite kam es? Sie
sprang ihm entgegen und fasste angstvoll seine Hand.
    »Ja, Feechen, ich kann dir nicht helfen - erfahren musst du's doch einmal,«
sagte er tonlos, während er sich mit der verkehrten schwieligen Hand über die
erhitzte Stirn strich und die Augen wegwandte. »Siehst du, armes Ding, das ist
ja nun einmal so der Welt Lauf -«
    »Weiter!« unterbrach sie ihn rauh, fast aufschreiend; dann biss sie
krampfhaft die Zähne zusammen.
    »Ja doch - dass Gott erbarm, wenn du so bist, wie soll ich dir's denn da
beibringen? ... Die alte Mamsell -«
    »Ist tot!« vollendete sie in gellenden Tönen.
    »Noch nicht, Feechen, noch nicht; aber freilich - so gut, als wär's schon
vorbei, sie kennt schon niemand mehr - der Schlag hat sie gerührt ... Ach du
lieber Gott, und so mutterseelenallein ist sie gewesen! Die Aufwartefrau hat sie
gefunden, in der Vogelstube, auf dem Boden hat sie gelegen - hat erst noch für
die armen Kreaturen gesorgt -« Die Stimme versagte ihm, er weinte wie ein Kind.
    Felicitas stand im ersten Augenblick erstarrt, der letzte Blutstropfen war
aus ihrem weissen Gesichte entwichen; mechanisch presste sie die schmalen Hände
gegen die klopfenden Schläfen, aber keine Träne kam aus ihrem Auge. Nur einen
Moment irrte ein unsäglich bitteres Lächeln um ihre Lippen, dann griff sie mit
unheimlicher Ruhe nach ihrem Hute, der auf einem Heuhaufen lag, rief Rosa
herbei, die arbeitend unter den Akazien sass, und übergab ihr das Kind.
    »Sind Sie unwohl?« fragte das Kammermädchen. Das bildsäulenartige Aussehen,
die unheimliche Starrheit in dem aschbleichen Gesichte des jungen Mädchens
erschreckte sie.
    »Ja, sie ist krank,« antwortete Heinrich an Felicitas' Stelle, die rasch
nach der Gartentür zuschritt.
    »Feechen, nimm dich zusammen,« mahnte er, ein Stück Weges neben ihr
herschreitend, »die Madame ist bei ihr - gut, dass das die arme Mamsell nicht
weiss! ... Doktor Böhm ist schon wieder fort - er kann nichts mehr tun ... Ach,
und gerade heute, gerade heute! Du bist nun einmal ein Unglückskind!«
    Felicitas hörte nicht, was er sagte; die Worte schwirrten unverstanden an
ihren Ohren vorüber, wie sie auch die Menschen auf den Strassen nicht sah, die
ihr begegneten. Von Friederike ungesehen, betrat sie das Haus und stieg die
Treppe hinauf. Auf dem Vorplatze der Mansarde warf sie ihren Hut in eine Ecke.
Die Tür der Vogelstube klaffte, ein wildes Geschrei scholl heraus. Wie war
diese Tür sonst gehütet worden, damit kein Flüchtling entschlüpfe! Jetzt ging
das junge Mädchen vorüber, ohne die Hand zu bewegen - mochten diese verlassenen
Geschöpfe ihre Nahrung unter Gottes freiem Himmel suchen, sie hatten ja keine
Pflegerin mehr.
    Sie trat in die grosse Wohnstube; aus dem anstossenden Schlafkabinett scholl
das unbiegsame, eintönige Organ der Frau Hellwig herein in den Raum, der seit
vielen Jahren nur die Sprache der Musik oder den seltenen Wohllaut einer
unsäglich milden, seelenvollen Frauenstimme gehört hatte. Die grosse Frau las
eines jener sogenannten alten Kernlieder, welche, für die Anschauungen eines
noch auf niederer Bildungsstufe verharrenden Volksgeistes gedichtet, in ihrem
leitenden Gedanken, ihrer Ausdrucksweise den Zweck als Vermittler zwischen dem
Himmel und der Menschenseele für unsere Zeit völlig verloren haben. Diese grob
zugehauenen, von gemein sinnlichen Ausdrücken strotzenden Verse vor den Ohren
einer Sterbenden, die ihr ganzes Leben lang dem wahrhaft Schönen gehuldigt, die
ihrer Gottverehrung nur Ausdruck gegeben hatte in dem, was von seinem Geiste
ausgegangen: in der Poesie, in den himmlischen Melodien gottbegnadeter Meister!
    Geräuschlos wie ein Schatten glitt Felicitas in das Sterbezimmer. Frau
Hellwig las weiter, ohne sie zu bemerken ... Dort, unter den weissen Gardinen des
Bettes, die sich leise wie Flügel in dem Luftzuge des geöffneten Fensters hoben
und senkten, als seien sie bereit, die scheidende Seele zu empfangen und
hinaufzutragen, lag ein aschgraues Gesicht ... O, wie grausam ist der Tod, dass
er das, was wir auf Erden nicht wiedersehen sollen, vor unseren Augen erst noch
so furchtbar entstellt, dass wir mit unwillkürlichem Grauen und Entsetzen in Züge
blicken müssen, in denen wir gewohnt waren, die traute Sprache der Liebe, eines
uns innig verwandten Geistes zu lesen!
    Festgeschlossen waren die tief herabgesunkenen Lider dort noch nicht. Die
Augäpfel irrten rastlos hin und her, ein leises Röcheln begleitete die schweren
Atemzüge; in kurzen Unterbrechungen hob sich wie zum Schlage ausholend der
rechte Arm und liess dann die wachsbleichen gekrümmten Finger kraftlos auf die
Decke niedersinken ... Welch ein furchtbarer Anblick für das junge Mädchen, dem
dort der letzte Liebesstrahl in seinem armen Leben erlosch! - Felicitas trat an
das Bett. Mit masslosem Erstaunen hob Frau Hellwig die Augen von ihrem
Gesangbuche und starrte in das totenbleiche, tränenlose Gesicht, das sich über
das Bett neigte.
    »Was willst denn du hier, unverschämtes Geschöpf?« fragte sie laut und
rücksichtslos; ihre grosse Hand hob sich und deutete gebieterisch nach der Tür.
    Felicitas antwortete nicht, aber die Unterbrechung der eintönigen Vorlesung
schien Eindruck auf die Sterbende zu machen. Sie suchte ihren Blick zu fixieren
- er fiel auf Felicitas. In diesem Strahle lag ein freudiges Erkennen; ihre
Lippen bewegten sich, anfänglich freilich ohne Erfolg - es lag eine namenlose
Angst in diesem Streben, sich verständlich zu machen; und siehe, die
willenskräftige Seele siegte in der Tat und zwang den halbverstorbenen
Mechanismus des Körpers noch einmal zum Dienste. »Gericht holen!« klang es
eigentümlich gurgelnd, aber deutlich von ihren Lippen.
    
    Das junge Mädchen verliess sofort das Zimmer - hier war keine Minute zu
verlieren. Sie flog durch den Vorsaal, allein in diesem Augenblick, als sie an
der Vogelstube vorüberkam, wurde die Tür derselben weiter aufgerissen -
Felicitas fühlte sich rückwärts von gewaltigen Fäusten gepackt, ein furchtbarer
Stoss schleuderte sie mitten in die Stube, während hinter ihr die Tür
zugeschlagen und von aussen verschlossen wurde. Ein wahrhaft höllischer Lärm
umtobte sie drinnen; die Vögel flatterten erschreckt mit sinnverwirrendem
Gekreische durcheinander. Felicitas war zu Boden gestürzt; im Vorwärtstaumeln
hatte sie eine der inmitten des Raumes stehenden Tannen ergriffen und mit
niedergerissen ... Was war geschehen? ... Sie richtete sich empor und warf das
in vollen Strähnen über ihr Gesicht fallende Haar zurück. Sie hatte niemand
gesehen, keinen Schritt gehört, und doch hatte ein Mensch hinter ihr gestanden
und sich mit dämonischer Gewalt ihrer bemächtigt in einem Moment, wo es galt,
den letzten Willen einer Sterbenden auszuführen, wo sie mit jeder Minute Verzug
die schrecklichste Verantwortung auf ihre Seele nahm.
    Sie stürzte nach der Tür, aber die war fest verschlossen; ihr Pochen und
Rütteln ging unter in dem entsetzlichen Geschrei, das sich abermals erhob. Die
aufgeregten Tiere kreisten über ihrem Haupte, fuhren wie sinnlos gegen die Wände
und beruhigten sich auch dann noch nicht, als das Mädchen in stiller
Verzweiflung die Arme sinken liess ... Wer sollte ihr denn auch öffnen? Die
Hände, die sie hier hineingestossen hatten, sicher nicht! - Sie kannte diesen
eisernen Griff nur zu gut - es waren dieselben Hände, die eben noch das
Gesangbuch gehalten; sie hatten es fortgeworfen, um einen Gewaltstreich
auszuführen, und nun sass das schreckliche Weib wieder am Sterbebett und las mit
eintöniger, unbewegter Stimme weiter; sie liess es erbarmungslos geschehen, dass
die Sterbende mit übermenschlicher Willenskraft den Todeskampf verlängerte, in
dem Wahne, noch einmal, und sei es auch nur für Sekunden, hienieden nötig zu
sein ... Arme Tante Cordula! Sie schied aus der Welt, die sie einsam
durchwandelt hatte, mit einer bitteren Täuschung - die letzten Eindrücke, die
ihre Seele mit hinwegnahm, waren der religiöse Fanatismus in Gestalt jener
verabscheuten Frau und die sprichwörtlich gewordene menschliche Undankbarkeit,
deren sich Felicitas scheinbar schuldig machte. Dieser Gedanke trieb dem jungen
Mädchen das Blut siedend nach dem Kopfe. Sie lief ausser sich auf und ab und
pochte mit erneuerter Kraft abermals an die Tür - vergebens ... Warum war sie
eingesperrt? Sie sollte das Gericht holen, hatte Tante Cordula geboten - galt es
ein letztes Bekenntnis? Nein, nein, die alte Mamsell hatte nichts zu bekennen!
Wenn sie die Last einer Schuld durchs Leben hatte tragen müssen, so war es eine
fremde gewesen, die sie erst da droben abwerfen durfte; denn das war Felicitas
allmählich klar geworden: sie war unschuldige Mitwisserin, niemals aber
Mitschuldige irgend eines verbrecherischen Geheimnisses gewesen ... Sie hatte
vielleicht über ihr Eigentum verfügen wollen, und das war nun durch die
Gewalttätigkeit der grossen Frau vereitelt. Wenn Tante Cordula ohne Testament
starb, so fiel ihr ganzes Vermögen an das Haus Hellwig ... wer weiss, wie viele
Arme und Unglückliche in diesem Augenblick einer Unterstützung beraubt wurden,
die sie vielleicht glücklich gemacht hätte für ihr ganzes Leben, während die
Kaufmannsfamilie, deren Reichtum für sehr gross galt, durch die List einer Frau
aufs neue ihre Kisten und Kästen füllte.
    Felicitas trat an das Fenster und sah hinab auf die Nachbarhäuser. Sie
spähte angstvoll nach einem Menschengesicht, das sie um Hilfe anrufen konnte,
aber die Wohnungen lagen so tief drunten, sie wurde weder gehört, noch gesehen
... Wie klopften ihre Pulse in Seelenqual und fieberischer Aufregung! Sie warf
sich auf den einzigen Stuhl, der im Zimmer stand und brach in Tränen der
Verzweiflung aus ... Jetzt war es auf alle Fälle zu spät, auch wenn sie in
diesem Augenblick noch frei wurde. Vielleicht waren die lieben Augen da drüben
bereits gebrochen und das Herz stand still, das in seinen letzten Augenblicken
mit gesteigerter Angst vergebens auf Felicitas' Wiedererscheinen gehofft hatte
... Den allgemeinen Trost, dass die verklärte Seele nun wisse, woran ihr letzter
Wunsch gescheitert sei, hatte dies junge, sehr scharf und logisch erwägende
Mädchen nicht - es ist schwer zu denken, dass der menschliche Geist, der, wie
alles Geschaffene, dem grossen Gottesgedanken gemäss, zahllose Phasen bis zu
seiner höchsten Vollkommenheit allmählich durchlaufen muss, nach der beschränkten
irdischen Kurzsichtigkeit sofort die göttliche Eigenschaft der Allwissenheit
annehmen und aus dem Jenseits herüber in das Handeln und Treiben der
Erdbewohner, in die geheimsten Motive der Menschenbrust wie in ein
aufgeschlagenes Buch blicken könne.
    Sie mochte weit über zwei Stunden abwechselnd in dumpfem Hinbrüten und
verzweiflungsvollen Anstrengungen, sich zu befreien, in ihrer Haft zugebracht
haben. Ihre Umgebung war ihr geradezu entsetzlich geworden. Diese unvernünftigen
Geschöpfe, einst ihre Lieblinge, die bei jeder rascheren Armbewegung ihr
furienhaftes Gekreisch erhoben und umhertobten, wurden für ihre überreizte
Phantasie zu wahren Spukgestalten - sie zitterte vor ihren eigenen Bewegungen.
Dazu brach der Abend herein; es wurde dämmrig in dem unheimlichen Raum, der
erste, wilde Schmerz um die Verlorene brannte in ihrer Brust - es war eine
Situation zum Wahnsinnigwerden! Noch einmal lief sie nach der Tür - wie betäubt
vor Ueberraschung blieb sie stehen, das Schloss wich ohne den geringsten
Widerstand unter ihren Händen ... Draussen auf dem Vorsaal war es totenstill;
Felicitas hätte meinen können, ein schrecklicher Traum habe sie gequält, wäre
nicht das Wohnzimmer fest verschlossen gewesen. Sie sah durch das Schlüsselloch;
ein heftiger Zugwind brauste ihr entgegen, die losen Epheuranken drin an den
Wänden bewegten sich schaukelnd hin und her; man hatte die Fenster geöffnet - -
ja, es war alles vorüber, vorüber! ...
    Drunten im Vorderhause sass die Köchin strickend an der offenen Haustür, wie
sie an schönen Sommerabenden zu tun pflegte. Aus der Küche quoll der Duft
frischen Gebäckes, sie hatte kaum erst ein Kuchenblech voll kleiner Brezeln, wie
sie Frau Hellwig stets zum Kaffee genoss, aus der Röhre gezogen - es war also
hier unten alles in seinem Geleise fortgegangen, während droben ein Glied der
Familie aus der Welt geschieden war.
    Felicitas ging in die Gesindestube. Gleich darauf trat auch Heinrich herein.
Er hing still seine Mütze an den Nagel, dann schritt er auf Felilitas zu und
reichte ihr wortlos die Hand. Der wehmütige Blick der rotgeweinten Augen in
diesem alten, wetterharten Gesicht drang wie erlösend in das schmerzerstarrte
Innere des jungen Mädchens - sie sprang auf, schlang ihren Arm um seinen Hals
und brach in ein leidenschaftliches Weinen aus.
    »Du hast sie nicht noch einmal gesehen, Feechen?« fragte er nach einer Pause
leise. »Friederike sagt, die Madame habe ihr die Augen zugedrückt - ach, gerade
die Hände! ... Von dir ist nicht die Rede gewesen, und das kann man sich doch an
allen zehn Fingern abzählen, die Madame wäre wütend geworden, wenn sie dich da
oben gesehen hätte ... Wo hast du denn gesteckt?«
    Felicitas' Tränen hörten sofort auf zu fliessen. Mit sprühenden Augen
erzählte sie ihm, was geschehen war. Er rannte wie besessen in der Stube auf und
ab.
    »Ist denn das menschenmöglich!« rief er einmal um das andere und fuhr sich
mit beiden Händen in seinen dichten grauen Haarwust. »Und das hat der liebe Gott
so mit ansehen können? ... Ei, du heiliges Kreuz! ... Ei, du heiliges Kreuz! ...
Und nun gehe du hin und klage und erzähl's! Bei Gericht schicken sie dich heim,
weil du keine Zeugen hast, und in der ganzen Stadt glaubt dir's kein Mensch,
denn das ist die gerechte, fromme Frau Hellwig, und du ... Und wie hinterrücks
sie's gemacht hat!« unterbrach er sich grimmig auflachend. »Just in einem
Moment, wo die Vögel recht geschrieen haben, hat sie die Tür sachte wieder
aufgeschlossen ... Ja, ja, ich sag's ja immer - 's ist eine von den Schlimmsten!
... Feechen, du armes Unglückskind, dich hat sie bestohlen! Ich hab' heute
morgen die Herren vom Gericht zur alten Mamsell bestellen müssen - morgen
nachmittag um zwei Uhr wollte sie ihr Testament machen - deinetwegen ... Ja, ja,
wer weiss, wie nahe mir mein Ende! Sie war so erstaunlich weltpolitisch,
unsereiner hat sich ordentlich gegraut vor so viel Gescheiteit in einem
Weiberkopfe, aber den schönen Vers hat sie doch nicht ordentlich gekonnt, sonst
hätte sie nicht so lange gewartet!«
 
                                       19
Es war noch sehr früh am Morgen, als Frau Hellwig im Vorderhof erschien. Statt
der wohlbekannten, in ihrer Form seit vielen Jahren fast unverändert gebliebenen
weissen Haube legten sich schwarze Spitzen um die blassen, fleischigen Wangen.
Das unselige Geschöpf, das so oft den Sabbat des Herrn enteiligt hatte durch
unheilige »Lieder und lustige Weisen«, war ja nun tot; auch die letzte Spur
seines geächteten Daseins war aus dem alten Kaufmannshause bereits verwischt -
man hatte den Leichnam gestern abend noch in das Leichenhaus geschafft ... Trotz
alledem hatte die Verstorbene den Namen Hellwig getragen - ihm galten die
schwarzen Spitzen und der Kreppstreifen, der heute den wohlgestärkten
Leinwandkragen am Halse der grossen Frau verdrängt hatte.
    Sie schloss die Tür auf, in welcher einst Felicitas die alte Mamsell hatte
verschwinden sehen. Ausser der bekannten Treppe, welche hinter der gemalten Tür
lag, führte noch ein zweiter Aufgang, eine enge, gewundene Stiege, in die
Mansarde, und zwar direkt von der schmalen, steilen Strasse aus; das war der Weg,
den Heinrich und die Aufwartefrau benutzt hatten, und zu welchem auch die
Hoftür führte.
    Wohl sahen die Gipsbüsten noch unangetastet von ihren hohen Postamenten
herab, allein der Genius war entflohen aus dem Raume, den die grosse Frau jetzt
mit der sichern, unanfechtbaren Haltung der Besitzergreifenden betrat ... Ein
kaltes, verächtliches Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie die Reihe der
Zimmer durchschritt, deren jedes einzelne in seiner Einrichtung das poesievolle
Gemüt, den feinempfindenden Geist seiner ehemaligen Herrin bezeichnete, aber sie
runzelte auch mit einem hasserfüllten Ausdruck die Brauen, als ihr Auge über die
Bücherreihen hinter den Scheiben eines Glasschrankes streifte, die auf ihren
zierlich gepressten Saffianeinbänden gefeierte Dichter- und Schriftstellernamen
trugen.
    Sie ergriff einen starken Schlüsselbund, der auf dem Nachttisch lag und
öffnete einen Sekretär - das offenbar interessanteste Möbel für sie. Eine
musterhafte Ordnung herrschte in all den Kästen; einer nach dem andern wurde
aufgezogen - vergilbte, mit verblassten Bändern zusammengebundene Briefpakete,
Schreibehefte kamen zum Vorschein. Die plumpen weissen Hände stopften sie
ungeduldig wieder hinein - was interessierte sie das Geschreibsel, die grosse
Frau war nicht neugierig! ... Desto wohlwollender wurde ein Kästchen behandelt,
das sich bis an den Rand mit Dokumenten gefüllt erwies. Mit grosser
Aufmerksamkeit und dem Ausdruck innerer Befriedigung entfaltete Frau Hellwig
Blatt um Blatt; sie verstand ausgezeichnet zu rechnen, im Nu hatte sie die sehr
bedeutende Totalsumme dieser einzelnen, sicher und vorteilhaft angelegten
Kapitalien überschlagen - sie übertraf ihre Erwartung.
    Damit hatte jedoch die Forschung keineswegs ein Ende; es kamen die
verschiedenen Kommoden und Schränke an die Reihe, und je länger Frau Hellwig
suchte, desto ungeduldiger und hastiger wurde sie. Allmählich rötete sich ihr
Gesicht, mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit schritt ihre schwerfällige Gestalt von
Zimmer zu Zimmer, rücksichtslos durchwühlten ihre Hände die Wäschekästen, warfen
die zierlich gefältelten Krausen und Hauben der Verstorbenen durcheinander,
stiessen Glas und Porzellan in den Schränken zusammen, dass es klang und klirrte -
das, was sie suchte, war nicht zu finden. Sie trat endlich aufgeregt hinaus auf
die Galerie. Dass sie verschiedene Blumentöpfe umstiess und mittelst ihrer
schwerfälligen Bewegungen nach allen Seiten hin Blüten und Zweige abknickte, war
ihr sehr gleichgültig - sie hatte in diesem Augenblicke nicht einmal ihr
stereotypes verächtliches Lächeln für diesen »Quark«, diese »Alfanzereien«.
    Friederike fütterte gerade das Geflügel drunten im Hofe; Frau Hellwig befahl
ihr, sofort den Hausknecht heraufzuschicken und trat wieder zurück, um ihr
Suchen von neuem zu beginnen.
    »Weisst du nicht, wo die verstorbene Tante ihr Silberzeug aufbewahrt hat?«
rief sie dem bald darauf eintretenden Heinrich entgegen. »Es muss viel da sein,
ich weiss es von meiner Schwiegermutter. Sie hat mindestens zwei Dutzend schwere
silberne Esslöffel, eine gleiche Anzahl schöner vergoldeter Kaffeelöffel,
desgleichen silberne Leuchter, Kaffee- und Milchkanne gehabt,« - dieses mit
verwunderungswürdiger Gedächtnistreue festgehaltene Verzeichnis rollte von den
Lippen, als werde es abgelesen - »ich kann nichts von alledem finden - wo steckt
es?«
    »Das weiss ich nicht, Madame,« versetzte Heinrich ruhig. Er schritt auf einen
Tisch zu, zog dessen Kasten auf und nahm zwei silberne Essbestecke heraus. »Das
ist alles, was ich je von Silber bei der seligen Mamsell gesehen habe,« sagte
er, »ich musste es öfters putzen, weil es die Aufwartefrau nicht recht machte.«
    Frau Hellwig schritt hin und her und biss sich zornig auf die Lippen. Die
strenge Zurückhaltung, die sie dem Gesinde gegenüber stets beobachtete, verliess
sie für einen Augenblick.
    »Es wäre eine schöne Geschichte, ein wahrer Skandal, wenn die Alte diese
wertvollen alten Familienstücke verkauft oder wohl gar - verschenkt hätte;
ähnlich sähe es ihr schon!« sagte sie, freilich mehr wie für sich. »Es muss
wieder her, ich ruhe nicht eher! ... Sie hat auch Brillanten gehabt, sehr
schönen Schmuck; es ist alles, was von solchen Sachen der Familie Hellwig je
gehört hat, zwischen ihr und meiner Schwiegermutter geteilt worden,« sie
unterbrach sich, ihr Blick fiel in dem Momente auf den Glasschrank, der die
Noten entielt. Ihn hatte sie noch nicht untersucht.
    Der Schrank selbst stand auf einem schwerfälligen Kasten, den sehr schön
geschnitzte Holztüren umschlossen; sie riss dieselben auf - hohe Stösse
sorgfältig geordneter Zeitschriften füllten die zwei Regale aus. Jener grausam
boshafte Zug erschien verstärkt in dem ungewöhnlich aufgeregten Gesichte, die
Oberlippe krümmte sich nach innen und liess fast die ganze obere Reihe ihrer
schöngepflegten festen Zähne sehen ... Sie zog ein Paket um das andere hervor
und schleuderte es auf die Erde, dass die einzelnen Hefte weit umherflogen.
    In dem alten Manne kochte der Ingrimm. Er ballte die Fäuste und sah mit
einem fast wilden Blick auf die Vandalin. Diese Blätter, er hatte sie alle
selbst von der Post geholt, sie waren eine wahre Erquickung und Freude für die
Einsame gewesen; noch sah er ihre freundlichen Augen aufstrahlen, wenn er ein
neuangekommenes Heft auf ihren Tisch legte.
    »Da haben wir ja gleich die Erbfeinde der heiligen Kirche beisammen!«
murmelte sie. »Diese Schandblätter, diese höllischen Sudeleien! Ja, ja, sie
hat's arg getrieben, die gottvergessene alte Jungfer, und ich bin gezwungen
gewesen, so viele Jahre lang den unsauberen Geist unter meinem Dache zu dulden.«
    Sie richtete sich empor und sah hinter die Glasscheiben. Bei dem Anblick der
Noten klang eine Art kurzen, rauhen Gelächters von ihren Lippen. Sie schloss den
Schrank auf und befahl Heinrich, einen Waschkorb zu holen. Was von Büchern und
Notenheften auf den Regalen lag, musste er in den Korb räumen. Er zerbrach sich
den Kopf, was wohl das Schicksal dieser schönen Bücher sein würde, die so oft
dort auf dem Flügel gelegen und von denen die alte Mamsell so köstliche Musik
abgelesen hatte. Die grosse Frau stand neben ihm und sah streng darauf, dass kein
Blättchen zurückblieb; sie selbst rührte nichts an, es sah fast aus, als fürchte
sie, ihre Finger daran zu verbrennen.
    Schliesslich befahl sie dem Hausknecht, den Korb in das Vorderhaus zu tragen.
Sie verschloss alle Türen der Mansardenwohnung sorgfältig und folgte ihm. Zu
Friederikens Aerger, der solche Besuche ein Greuel waren, trat sie in die Küche;
Heinrich musste seine Last niedersetzen und eine Papierschere aus dem Wohnzimmer
bringen. Die alte Köchin hatte gerade starkes Bratfeuer.
    »Heute kannst du das Holz sparen, Friederike!« sagte Frau Hellwig, ergriff
ein loses Heft und warf es in die Flammen. Die zierlichen Mappen mit der
kostbaren Handschriftensammlung der alten Mamsell lagen obenauf in dem Korbe.
Die seidenen Bandschleifen, mit denen sie zusammengebunden waren, lösten sich,
eine nach der andern, unter den ruhig und beharrlich manipulierenden Fingern der
grossen Frau ... Hei, wie das loderte und frass! Hier strahlte noch einmal der
Name »Gluck« im roten Glanze, dort glühten die Notenköpfe einer brillanten
Schlusskadenz Cimarosas wie feurige Perlen, um dann in ein und demselben
Flammenmantel unterzugehen, der Italiener, Deutsche und Franzosen parteilos
umfasste.
    Heinrich hatte im ersten Augenblick fassungslos dabeigestanden - der Grimm
schnürte ihm die Kehle zu. Noch lag die Leiche der armen Einsamen über der Erde,
und dieses gefühllose Weib da hauste bereits in der Hinterlassenschaft und
plünderte und zerstörte, wie kaum der roheste Kriegsknecht in Feindesland.
    »Aber, Madame,« sagte er endlich, »es könnte doch ein Testament da sein!«
    Frau Hellwig erhob ihr von dem Feuer rot angestrahltes Gesicht, es zeigte
ein Gemisch von Hohn und Unwillen.
    »Seit wann habe ich dir denn erlaubt, mir gegenüber deine weisen Bemerkungen
zu machen?« fragte sie beissend. Sie hatte eben das Bachsche Opernmanuskript in
den Händen, von welchem die alte Mamsell neulich gesagt, dass es, als nur in
diesem einzigen Exemplare vorhanden, dereinst mit Gold aufgewogen werden würde.
Energischer als vorher und mit einem ganz besonderen Nachdrucke zerriss und
zerschnitt sie die Blätter in Atome und stopfte sie unter die Bratröhre.
    In diesem Augenblick wurde draussen die Hausglocke stark angezogen. Heinrich
ging, zu öffnen. Ein Justizbeamter in Begleitung eines Gerichtsdieners trat ein.
Er verbeugte sich vor der verwundert aus der Küche kommenden Frau des Hauses und
stellte sich in seiner Eigenschaft als Amtskommissär vor, der beauftragt sei,
den Nachlass der verstorbenen Fräulein Cordula Hellwig zu versiegeln.
    Vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben verlor Frau Hellwig ihre eiserne
Ruhe und Kaltblütigkeit.
    »Versiegeln?« stotterte sie.
    »Es liegt ein Testament bei der Justizbehörde.«
    »Das ist ein Irrtum,« fuhr sie heraus. »Ich weiss ganz genau, dass sie nach
dem Willen ihres Vaters kein Testament machen durfte - es fällt alles an das
Haus Hellwig zurück.«
    »Tut mir leid,« sagte der Beamte achselzuckend. »Das Testament existiert,
und so sehr ich auch bedaure, inkommodieren zu müssen, meine Pflicht zwingt
mich, die Versiegelung sofort vorzunehmen.«
    Frau Hellwig bis sich auf die Lippen, ergriff den Schlüssel zur
Mansardenwohnung und schritt dem Herrn voran. Heinrich aber lief triumphierend
hinauf zu Felicitas, die bereits ihr Amt als Kinderwärterin wieder verwaltete,
heute jedoch zu Aennchens Verwunderung starr und stumm wie eine Statue neben der
plaudernden Kleinen sass. Heinrich teilte ihr das Vorgefallene mit. Bei der
Beschreibung des Autodafé fuhr sie empor.
    »Einzelne Blätter waren es, die sie verbrannte?« fragte sie mit erstickter
Stimme.
    »Ja, einzelne Blätter. Sie lagen in roten Mappen, schöne Bänder hingen dran
-«
    Sie hörte nicht mehr auf ihn und eilte hinab in die Küche. Da stand der
Korb, er entielt noch verschiedene Klavierauszüge und Notenhefte, aber die
Mappen lagen geöffnet und zerstreut auf dem Ziegelfussboden, auch nicht ein
einziges Blättchen lag mehr darin. Der Zugwind hatte einen kleinen zerrissenen
Papierfetzen in die Herdecke geweht. Felicitas hob ihn auf. »Johann Sebastian
Bachs eigenhändig geschriebene Partitur, von ihm erhalten zum Andenken im Jahre
1707. Gottelf von Hirschsprung« las sie mit überströmenden Augen ... Das war
das letzte Ueberbleibsel des geheimnisvollen Manuskriptes - die Melodien waren
verstummt für ewig.
    Allem Anscheine nach hatte Frau Hellwig anfänglich nicht die Absicht gehabt,
um des Todesfalles willen die Vergnügungsreise ihres Sohnes zu unterbrechen,
aber nach der Versiegelung, von der sie sehr echauffiert, mit einem unglaublich
grimmigen Gesichte zurückgekehrt war, warf sie hastig einige zurückrufende
Zeilen auf das Papier. Bereits am Tage nach der Beerdigung sollte, dem letzten
Willen der Verstorbenen gemäss, das Testament eröffnet werden. Zu diesem Akte
brauchte Frau Hellwig eine Stütze, sie war überhaupt fassungslos, wie noch nie
in ihrem Leben. Der mögliche Verlust eines bedeutenden Vermögens, das sie stets
für unverlierbar gehalten, wirkte in seiner Schreckgestalt selbst deprimierend
auf ihre eisernen Nerven.
    Ein eigentliches Ziel hatte sich die Reisegesellschaft nicht gesteckt. »Eine
Reise ins Blaue hinein, und wo es uns gefällt, wollen wir Hütten bauen,« hatte
das Programm gelautet; Frau Hellwig musste demnach ihren Brief auch ziemlich ins
Blaue hineinschicken ... Das Suchen, mit welchem sie in der Mansardenwohnung den
Tag begonnen hatte, wurde nun im Zimmer ihres verstorbenen Mannes fortgesetzt.
Unter den Familienpapieren mussten sich Beweise finden, dass der alten Mamsell
nicht das Recht zugestanden habe, eigenmächtig über ihren Nachlass zu verfügen.
Sie hatte möglicherweise Ersparnisse von ihren Zinsen gemacht, das war bereits
gestern abend Frau Hellwigs Vermutung gewesen - das Türschloss der Vogelstube
hatte wacker seine Schuldigkeit getan und auch dieses Kapital der Familie
erhalten ... Wie die grosse Frau auch sann und grübelte, sie wusste sich selbst
nicht mehr zu sagen, woher ihr jene Ueberzeugung, die sie viele Jahre hindurch
unumstösslich festgehalten, gekommen war. Hatte sie die Verfügung von Cordula
Hellwigs Vater einst selbst gelesen, oder war es die mündliche Ueberlieferung
irgend einer glaubwürdigen Person - genug, überzeugt war sie noch, und die
Papiere mussten sich finden ... Sie suchte und las, bis ihr leichte Schweissperlen
auf die blasse Stirn traten - es war heute ein wahrer Unglückstag - ihre
Forschungen waren ebenso erfolglos wie die von heute morgen ... Das Glück
schüttet am liebsten kalterzigen, berechnenden, phantasielosen Menschen seine
Rosen vor die Füsse - scheint es doch, als wähne es bei reich angelegten Naturen
seine Schätze minder sicher als bei solchen, die nicht allein am Geldkasten,
sondern auch vor der Seele eiserne Riegel haben ... Die grosse Frau war eines
jener verwöhnten Glückskinder - sie war daher sehr verwundert über den heutigen
Unglückstag.
    Zwei Tage waren vergangen, der abgesandte Brief irrte wahrscheinlicherweise
noch wohlverpackt in der Postkutsche durch die grünen Täler des Türinger
Waldes, und die alte Mamsell wurde zur Erde bestattet, ohne dass ein Träger des
Hellwigschen Namens hinter ihrem Sarge geschritten wäre.
    Felicitas trug ihren tiefen Schmerz schweigend, mit jener
Selbstbeherrschung, die gross angelegten Charakteren eigen. Die Schwäche, welche
Trost im Zureden anderer sucht, kannte sie nicht - seit ihrer Kindheit war sie
gewöhnt, alles Schwere mit sich allein auszukämpfen und ihre Seelenwunden
ausbluten zu lassen, ohne dass ihre nächste Umgebung das Vorhandensein derselben
ahnte. Sie hatte es grundsätzlich vermieden, die Tote noch einmal zu sehen. Der
letzte bewusste Blick der Sterbenden, der noch einmal auf ihr geruht, war für sie
der Abschied gewesen - sie wollte das liebe Gesicht unbeseelt nicht in ihre
Erinnerung aufnehmen ... Aber am Nachmittag des Begräbnistages, als Frau Hellwig
ausgegangen war, nahm sie einen der Schlüssel, die in der Gesindestube hingen;
er schloss den Korridor, in welchen die dem Leser bekannte Rumpelkammer mündete.
Die mit den Jahren so bedeutend zunehmende Korpulenz der Hausfrau liess sie alles
Treppensteigen möglichst vermeiden, aus dem Grunde hatte die alte Köchin schon
seit länger ungehindert Zutritt in die am höchsten gelegenen Räume.
    Tante Cordula sollte und musste heute noch frische Blumen auf ihrem Grabhügel
haben, aber nur solche, die sie selbst gepflanzt hatte. Die Mansardenwohnung
war, mit Ausnahme der Vogelstube, versiegelt - auf diesem Wege konnte man mitin
nicht zu dem hängenden Garten gelangen, den die Nachlässigkeit des Justizbeamten
von aller menschlichen Pflege abgeschnitten hatte ... Nach neun Jahren zum
erstenmale wieder stand Felicitas am Fenster der Dachkammer und sah hinüber nach
dem blumenbedeckten Dach ... Was alles lag zwischen jenem unglückseligen Tage,
wo ihre gemisshandelte Kinderseele sich gegen Gott und die Menschen empörte, und
heute! Dort drüben war ihr Heim - dort hatte die Einsame das geächtete
Spielerskind beruhigend an ihr grosses, edles Frauenherz genommen und mit allen
Waffen ihres Geistes den Mordversuch auf seine Seele abgewehrt. Dort hatte das
Kind unermüdlich gelernt und infolge dieses Lernens erst wahrhaft gelebt ... Er,
der in diesem Augenblick in schöner Damengesellschaft geniessend die prächtigen
Türinger Wälder durchstreifte - er ahnte nicht, dass sein einstiger, auf
Vorurteil und finster zelotischer Anschauungsweise basierter Erziehungsplan
einzig an einigen wagehalsigen Schritten über die zwei schlanken Rinnen da unten
gescheitert war.
    Und jetzt sollte dieser Weg noch einmal zurückgelegt werden. Felicitas stieg
aus dem Fenster und schritt über die Dächer; sie kam rasch und leicht hinüber
und hatte bald den ebenen Boden der Galerie unter ihren Füssen ... Die armen
Dinger da, die so harmlos mit den Köpfchen im leisen Zugwind nickten, waren weit
schlimmer dran, als die Lilie auf dem Felde. Wie durch ein Zauberwort hoch in
den Lüften festgehalten, wussten sie nichts von der süssen warmen Muttererde,
nichts von dem starken Heimatboden, der die Grundfesten mächtiger Bäume wie das
zarte Wurzelgefaser der kleinsten Blume sich fest in das Herz drückt - ihr Wohl
und Wehe hatte in den zwei kleinen weissen, welken Händen gelegen, die jetzt
selbst still in dem Heimatboden ruhten und zu Erde wurden. Noch fühlten indes
die Herausgesperrten ihre Verwaisung nicht, es hatte mehreremal zur Nachtzeit
stark geregnet - in diesem Augenblick blühten und dufteten sie um die Wette.
    Felicitas drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben der Glastür und sah hinein
in den Vorbau. Da stand der kleine runde Tisch; das Strickzeug mit einer halb
abgestrickten Nadel lag neben dem Knäuelbecher, als sei es eben nur aus der Hand
gelegt worden, um im nächsten Augenblick wieder aufgenommen zu werden. Quer über
einem aufgeschlagenen Buche lag die Brille; das junge Mädchen las tiefbewegt
einige Zeilen - der letzte geistige Genuss, den die alte Mamsell auf Erden gehabt
hatte, war die Rede des Antonius in Shakespeares Julius Cäsar gewesen ... Da
drüben im Wohnzimmer stand der geliebte Flügel, und seitwärts blinkten die
Scheiben des grossen Glasschrankes - sie zeigten die leere Fläche der Regale, das
alte Möbel hatte sich treuloserweise seine musikalischen Kostbarkeiten entreissen
lassen, sie waren zu Asche zerstiebt, andere dagegen hielt es um so fester -
Frau Hellwig hatte vergebens nach den Silberschätzen der alten Mamsell gesucht
... in diesem Augenblick erschrak Felicitas heftig. Das Geheimfach des Schrankes
entielt nicht allein Schmuck und Silber, in einer Ecke stand auch ein kleiner
grauer Pappkasten. »Er muss vor mir sterben!« hatte Tante Cordula gesagt ... war
er vernichtet? ... Um keinen Preis sollte er in die Hände der Erben fallen, und
doch war die alte Mamsell stets zu feig gewesen, Hand an ihn zu legen. Es war
mehr als warscheinlich, dass er noch existierte. Wenn das Testament den Ort
bezeichnete, wo das Silber lag, dann wurde möglicherweise auch ein Geheimnis
offenbar, das die Einsame mit allen Kräften der Welt zu entziehen gesucht hatte
- das durfte nun und nimmer geschehen.
    Die Glastür des Vorbaues war von innen verriegelt. Rasch entschlossen
drückte Felicitas eine Scheibe ein und griff nach dem Riegel - er lag nicht vor,
wohl aber hatte man zugeschlossen und den Schlüssel abgenommen - eine trostlose
Entdeckung! ... Ein leidenschaftlicher Grimm bemächtigte sich des jungen
Mädchens gegen das Verhängnis, das ihr konsequent in den Weg trat, wenn sie
hoffte, für Tante Cordula wirken zu können. In den Schmerz um die Verstorbene
mischte sich nun auch die schwere Frage um das, was wohl nun kommen werde. War
der Inhalt des kleinen grauen Kastens geeignet, das Gerücht bezüglich einer
Schuld der alten Mamsell zu widerlegen? Oder warf er, vielleicht mystisch und
unlösbar, einen noch tieferen Schatten auf die Heimgegangene?
    Sie schnitt rasch ein schönes Bouquet ab, steckte zwei Töpfe mit Aurikeln -
Tante Cordulas Lieblinge - in ihren Korb und legte den Weg über die Dächer mit
weit schwererem Herzen zurück, als sie gekommen war.
    Nun hatte dies junge Mädchen bereits drei Gräber da draussen auf dem weiten,
stillen Totenfelde! Die liebsten Menschen, die ihr warmes Herz mit Inbrunst
umfasste, deckte die Erde. Sie warf einen unsäglich bitteren Blick gen Himmel,
als sie die Blumen auf Tante Cordulas frisches Grab streute - er konnte ihr nun
nichts mehr nehmen! Ihr Vater war seit vielen Jahren verschollen - er moderte
wohl längst in fremder Erde; dort drüben auf einem kostbaren Marmorblock
leuchtete in Goldschrift der Name Friedrich Hellwig, und hier - sie schritt auf
das Grab ihrer Mutter zu, es war, dank der Fürsorge der alten Mamsell, seit neun
Jahren zur schönen Jahreszeit stets mit köstlichen Blumen bedeckt. Aber heute
lag der Grabstein herausgerissen neben dem Hügel; Heinrich hatte erst vor
einigen Tagen erklärt, die Inschrift müsse endlich einmal erneuert werden, sie
sei am Erlöschen - wahrscheinlicherweise war auf seinen Betrieb der Stein
herausgenommen worden. Er war bis dicht an den Namen der Verstorbenen
eingesunken gewesen; heute nun zeigte er sich in seiner ganzen Länge. »Meta
d'Orlowska« las Felicitas mit verdunkeltem Blick; aber da stand ja weiter
drunten noch ein Name, den die Erde bis jetzt vollkommen verdeckt hatte. Von der
schwarzen Farbe zeigte sich freilich nur noch hier und da ein schwacher Rest an
den Schriftzügen; allein sie waren in den Sandstein vertieft - »Geborne von
Hirschsprung aus Kiel« liess sich ohne Mühe entziffern.
    Felicitas versank in tiefes Sinnen ... Dieser Name hatte auf dem Bachschen
Opernmanuskript gestanden! er hatte ferner dem uralten türingischen
Rittergeschlecht gehört, dessen Wappen noch auf allen Wänden des alten
Kaufmannshauses prunkte - das kleine silberne Petschaft in Felicitas'
Kindertäschchen zeigte aber auch denselben springenden Hirsch ... wunderbares
Rätsel! Das stolze Geschlecht, das in seinen letzten Generationen zu Hobel und
Pfrieme hatte greifen müssen, war ja längst erloschen. Heinrich hatte als Kind
den letzten Träger des alten Namens noch gekannt - er war jung und unverheiratet
als Student in Leipzig verstorben ... und doch war vor vierzehn Jahren aus dem
fernen Norden eine junge Frau gekommen, die im Elternhause den Namen getragen
und das Wappen geführt hatte ... War einst ein Zweig vom alten Türinger Stamme
losgerissen und in die Ferne geschleudert worden? ... Du stolzer Ritter, der du
deine Gestalt auf der Steinplatte im alten Kaufmannshause verewigen liessest,
tritt heraus aus deinem Zinnsarge und wandle über dies Gräberfeld! Verschiedene
Steine tragen deinen Namen und unter ihnen ruhen Männer mit schwieligen
Arbeiterhänden, Männer, die im Schweisse ihres Angesichts ihr Brot essen mussten,
während du die Ansprüche und Vorrechte deines Geschlechts bis in alle Ewigkeit
verbrieft und besiegelt hinterliessest, während du in dem unzerstörbaren Wahne
die Augen schlossest, dein bevorzugtes Blut, die aristokratischen Hände deiner
Nachkommen seien gefeit gegen die Befleckung der Arbeit! Tritt her an dies Grab,
das den Staub einer weiter gewanderten Tochter deines Hauses deckt! Das Brot,
das sie ass, war ein ungleich härteres, ein verachtetes - sie musste im
Gaukelspiel vor die Menschen treten, und dies Gaukelspiel zerstörte ihren
blühenden Leib ... Du hast nicht an den Wechsel gedacht, der in der Welt- und
Menschengeschichte dort eine Woge gen Himmel trägt und hier einen Abgrund
öffnet, um beide dann für einen Augenblick trügerisch wieder zu ebnen und
auszugleichen.
    Ob noch Verwandte von Felicitas' Mutter existierten? Das junge Mädchen
beantwortete sich diese Frage selbst mit einem bitteren Lächeln; auf alle Fälle
existierten sie nicht für die Tochter der Meta von Hirschsprung. Sie waren
zweimal öffentlich aufgerufen worden und hatten konsequent geschwiegen.
Vielleicht hatte diese Linie des alten Geschlechts seine ursprüngliche Reinheit
behalten bis zu dem Augenblick, wo eine Tochter derselben dem Taschenspieler
Herz und Hand schenkte - sie wurde verstossen aus dem Paradiese adeligen Glanzes,
aus dem Kreise der Ihrigen auf Nimmerwiederkehr ... So viel war gewiss, ihr Kind
beschritt die Schwelle derer niemals, die ihre Familienbeziehung zu der Ehefrau
des Taschenspielers öffentlich verleugneten.
 
                                       20
Felicitas kehrte, nachdem sie den Gottesacker verlassen, nicht in das Haus am
Markte zurück. Rosa und Aennchen erwarteten sie im Garten, gegen Abend wollte
auch Frau Hellwig kommen, um mit dem Kinde unter den Akazien zu essen ... Die
grosse Frau hatte ihre äussere Ruhe scheinbar wiedergewonnen, nur war es
auffallend, dass sie viel mehr, als sonst, ausging; es hatte fast den Anschein,
als sei es ihr Bedürfnis, sich bis zur Ankunft ihres Sohnes zu zerstreuen und
vielleicht auch ein wenig auszusprechen.
    Die Begegnung mit Felicitas in der Mansarde schien sie völlig ignorieren zu
wollen. Auf die Vermutung, dass das Mädchen Verkehr mit der alten Mamsell gehabt
habe, war sie augenscheinlich nicht gekommen; sie hatte Felicitas' Eindringen
einfach für Neugierde gehalten, die sie unter anderen Umständen freilich nicht
straflos hätte hingehen lassen; aber im Hinblick auf die weiteren Vorgänge jenes
Abends war es ihr ohne Zweifel wünschenswert, dass das Vorgefallene möglichst
rasch vergessen werde.
    Felicitas hatte eilig beinahe die ganze kleine Stadt umschritten und blieb
nun vor einer Gartentür stehen. Sie schöpfte tief Atem, dann legte sie rasch
entschlossen die Hand auf den Drücker und öffnete die Tür; sie führte in den
Nachbargarten, in das Besitztum der Frankschen Familie ... Das junge Mädchen war
jetzt einzig und allein auf sich und seine eigenen Entschlüsse angewiesen. So
schmerzzerrissen auch ihre Seele war, auf die Energie ihres im Kampfe
hartgewordenen Charakters hatten diese inneren Leiden keinen Einfluss; ihr
ausserordentlich klarer Kopf stand auch nach dem härtesten Schlage sehr bald dem
Unvermeidlichen gegenüber, und nie hatten die Nebel der Gefühlsseligkeit oder
Schwärmerei diesen scharfen logischen Gedankengang zu beeinflussen vermocht.
    Die zarte, sehr distinguiert aussehende Dame im weissen Häubchen, die
Felicitas vor wenigen Tagen angeredet hatte, sass zeichnend in einem schattigen
Laubengange. Sie erkannte die Eintretende sofort und winkte ihr eifrig, näher zu
kommen.
    »Ah, da kommt meine kleine, junge Nachbarin und will einen guten Rat, nicht
wahr?« fragte sie mit herzgewinnender Freundlichkeit und liess das junge Mädchen
neben sich niedersetzen. Felicitas sagte ihr, dass sie nach Verlauf von drei
Wochen das Hellwigsche Haus verlassen müsse und eine Stelle suche.
    »Wollen Sie mir nicht ungefähr sagen, was Sie leisten können, mein Kind?«
fragte die Frau und liess ihre grossen, klugen Augen, welche lebhaft an die ihres
Sohnes erinnerten, auf Felicitas' Gesicht ruhen; es wurde flammend rot ... Sie
sollte von ihren scheu verschwiegenen Kenntnissen sprechen und sie plötzlich
auskramen, wie der Kaufmann seine Waren - es war ihr ein unsäglich peinliches
Gefühl, und doch musste es sein.
    »Ich glaube, ganz leidlich im Französischen und Deutschen, in Geographie und
Weltgeschichte unterrichten zu können,« antwortete sie zögernd, »auch im
Zeichnen habe ich mich geübt; musikalisch ausgebildet bin ich nicht, allein ich
weiss, was zu einem tüchtigen, schulgerechten Gesangsvortrage gehört;« - die
Augen der Frau Hofrätin vergrösserten sich merklich im Erstaunen - »dann kann ich
auch kochen, waschen, bügeln und auf Verlangen auch scheuern.« Die letzten
Artikel des Berichtes kamen ungleich rascher von den Lippen des jungen Mädchens,
als die anfänglichen.
    »Hier, in unserem guten, kleinen X. möchten Sie wohl nicht bleiben?« fragte
die Dame lebhaft.
    »Wünschenswert wäre mir allerdings ein längerer Aufentalt nicht, aber ich
habe liebe Gräber hier, allzu rasch möchte ich mich auch nicht von ihnen trennen
-«
    »Nun, dann will ich Ihnen etwas sagen. Die Gesellschafterin meiner Schwester
in Dresden verheiratet sich; diese Stelle wird in sechs Monaten frei, ich werde
Sie dort empfehlen, und bis dahin bleiben Sie bei mir. Sind Sie damit
einverstanden?«
    Felicitas küsste ihr überrascht und dankbar die Hand, aber dann richtete sie
sich empor und sah die alte Dame mit einem beweglichen Blick an, es war nicht zu
verkennen, dass ihr noch ein Wunsch auf den Lippen schwebte. Die Hofrätin
bemerkte es sofort.
    »Sie haben noch etwas auf dem Herzen, nicht wahr? ... Wenn wir eine Zeitlang
miteinander leben wollen, dann müssen wir vor allem offen sein, also heraus mit
der Sprache!« sagte sie munter.
    »Ich möchte Sie bitten, meiner Stellung in Ihrem Hause, sei sie auch die
untergeordnetste und von der kürzesten Dauer, eine bestimmte Gestalt zu geben,«
antwortete Felicitas rasch und fest.
    »Ah, ich verstehe! Sie sind es müde, ein Brot zu essen, das Sie sauer genug
verdienen mussten und welches - sprechen wir es aus - trotzdem ein Gnadenbrot
genannt worden ist!«
    Felicitas bejahte eifrig.
    »Nun, in diese drückende Lage sollen Sie bei mir nicht kommen, mein liebes,
stolzes Kind. Ich engagiere Sie hiermit als meine Gesellschafterin. Waschen,
scheuern, bügeln sollen Sie natürlich nicht, wohl aber manchmal in der Küche
nachsehen, denn ich und meine alte Dora werden nachgerade morsch und müde -
wollen Sie?«
    »Ach, und wie gern!« Zum erstenmal nach Tante Cordulas Tode glitt es wieder
wie ein schwaches Lächeln über das ernste Gesicht des jungen Mädchens.
    Ein feiner Sonnenstrahl, der durch das wilde Weinlaub des schattigen Ganges
spielend auf und ab geglitten war, erlosch plötzlich - es wurde Abend. Felicitas
erinnerte sich, dass sie auf ihrem Posten sein müsse, bevor Frau Hellwig in den
Garten käme, und bat deshalb um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Die
Hofrätin entliess sie mit einem warmen Händedruck, und nach wenigen Augenblicken
stand sie drüben im Garten und hatte die kleine Anna auf dem Arme. Bald darauf
kam auch Friederike; sie trug einen schweren Korb voll Geschirr und sah sehr
erhitzt aus.
    »Vor einer Stunde sind sie angekommen!« rief sie beinahe atemlos und
sichtbar ärgerlich, indem sie ihre Last niedersetzte. »'s ist wahr, so
kunterbunt wie jetzt ist's noch nie bei uns zugegangen! ... Die Madame sagt mir,
wie noch der Wagen über den Markt 'rüber kommt, es solle nun in der Stadt
gegessen werden; ich richte auch im guten Glauben alles vor - da heisst's auf
einmal wieder, der Professor wolle partout in den Garten, und da bin ich nun so
gut, packe die ganze Wirtschaft zusammen und schleppe sie da heraus.«
    Damit rannte sie nach einem Beet und schnitt einige Salatköpfe ab.
    »Es hat Spektakel drin gegeben, einen gotteillosen Spektakel!« sagte sie
leise, während Felicitas in der Küche neben ihr stand und den Salat putzte. »Die
Madame hatte noch nicht einmal recht Guten Tag gesagt, da war auch ihr erstes
Wort die Testamentsgeschichte ... Höre, Karoline, so fuchswild wie heute hab'
ich unsre Madame in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen! Der junge Herr
brachte aber auch närrisches Zeug aufs Tapet; meinte er doch, die alte Tante sei
eine Ausgestossene gewesen, niemand in der Familie hätte sich um ihr Leben und
Sterben gekümmert, und da sähe er gar nicht ein, warum sie den Leuten, die sie
verachtet hätten, ihr Geld in die Tasche stecken solle - er hätte in seinem
ganzen Leben nicht an die Erbschaft gedacht ... Und mitten hinein, wenn die
Madame einen Augenblick verschnaufte, da fragte er allemal, ob auch alles im
Hause wohl gewesen sei ... Er kam mir gar kurios vor, und die arme gnädige Frau,
die sah aus, als wenn ihr die Hühner das Brot genommen hätten!«
    Felicitas erwiderte, wie sie es gewohnt war, kein Wort auf die
Ausplaudereien der alten Köchin. Sie zog sich später mit einer Handarbeit unter
den Nussbaum zurück, während Aennchen auf der Wiese neben ihr spielte. Von ihrem
Platze aus konnte sie durch eine schmale Spalte der kulissenartig sich
vorschiebenden Taxuswände gerade auf die Gartentür sehen. Dieses feine
gusseiserne Gitter, das auf beiden Seiten wildblühende Rosensträucher einfassten,
während es hinter ihm in der vorüberlaufenden prächtigen Lindenallee dunkelgrün
dämmerte, hatte stets für das junge Mädchen einen geheimnisvollen Reiz gehabt
... Sie hatte viele Menschen durch diese Tür kommen und gehen sehen;
freundliche, traute Gesichter, denen sie einst jubelnd entgegengelaufen war;
aber auch Gestalten, die ihr das Herz beklemmt, und hinter denen sie gern und
aufatmend das eigentümlich schnurrende Geräusch der zufallenden Tür gehört
hatte ... Noch nie aber war ihr ein so jäher Schreck, fast ein stechender
Schmerz, durch die Glieder gefahren, als in diesem Augenblick, wo sich das
Gitter knarrend vorwärtsschob, während Frau Hellwig, am Arme ihres Sohnes und
gefolgt von der Regierungsrätin, in den Garten trat ... Was hatte sie von jenen
Menschen zu fürchten? Frau Hellwig ignorierte möglichst ihre Existenz, und jener
Mann dort hatte es ja auch aufgegeben, die Taschenspielerstochter zu seinen
Ansichten zu bekehren, nach welchen sie eine Ausgestossene, Geächtete des
Menschengeschlechts war und blieb.
    Friederike hatte gesagt, er sei ihr »gar kurios« vorgekommen, und Felicitas
musste ihr zum mindesten zugeben, dass etwas Auffallendes in seinem Wesen liege.
Der Begriff »Hast« liess sich mit seinen nachlässigen Bewegungen und der
ausserordentlich indifferenten Haltung im gewöhnlichen Leben eigentlich gar nicht
in Verbindung bringen, und doch hätte das junge Mädchen in diesem Moment sein
Gebaren mit dem besten Willen nicht anders zu bezeichnen gewusst ... Er strebte
sichtbar ungeduldig vorwärts zu kommen - bei Frau Hellwigs schwerfällig
gemessenem Gange ein Ding der Unmöglichkeit - und liess mit hochgehobenem Kopfe
seine Augen suchend über den Garten gleiten - das galt jedenfalls seiner kleinen
Patientin.
    Rosa kam über den Kiesplatz gesprungen, um Aennchen zu holen, und Felicitas
folgte den beiden bis hinter die erste Taxuswand, um das Wiedersehen zwischen
Mutter und Kind zu beobachten. Die Regierungsrätin schlang freilich ihre Arme um
das kleine Mädchen und tätschelte seine Wangen, aber währenddem schalt sie Rosa
heftig aus, dass sie die Schlüssel zur Wohnung mitgenommen und sie gezwungen
habe, in dem »entsetzlichen Kleid« durch die Stadt zu gehen. Die duftige
Reisetoilette hatte in der Tat zum Teil ihre zarte Bläue eingebüsst und hing
schlaff, welk und mit einem sehr missfarbenen Saume über der Krinoline.
    »Nun, ich werde mir diese ganze Partie bis zum Schlussmoment zu den
unerquicklichsten Ereignissen meines Lebens notieren!« sagte die junge Dame
verdriesslich und schmollend, während sie sich einen Riss in dem verdorbenen
Kleide mit einer Nadel zusammensteckte. »Wäre ich bei dir geblieben, Tantchen,
in deinem stillen Zimmer! Tausend Unbequemlichkeiten, sag' ich dir - wohin wir
uns auch wenden mochten, stets einen Gewitterregen auf den Fersen, und dazu die
unglaublich schlechte Laune meines Herrn Kousin Isegrim! ... Du machst dir
keinen Begriff, Tantchen, wie rücksichtslos und - liebenswürdig er gewesen ist!
Er hätte am liebsten gesehen, wir wären schon am ersten Tage wieder umgekehrt.
Und was für Mühe haben wir uns gegeben, sein bösartig finsteres Gesicht
freundlicher zu machen! Fräulein von Sterntal hatte sich mit solchem Eifer in
ihre Aufgabe versenkt, dass ich jeden Augenblick erwartete, sie werde eine
Liebeserklärung in Szene setzen. - Nun, sag selber, Johannes, war sie nicht die
Bereitwilligkeit und Zuvorkommenheit selbst?«
    Was der Professor antwortete, konnte Felicitas nicht verstehen. Sie war
bereits unter den Nussbaum zurückgekehrt und arbeitete weiter, in der Hoffnung,
dass man sich nicht um sie kümmern werde ... Das sah bös und drohend aus da
drüben! Noch lag die grelle Röte einer heftigen Aufregung auf den Wangen der
Frau Hellwig, und die schlechte Reiselaune ihrer Sohnes war keinesfalls
verbessert worden durch die Empfangsszene.
    Eine Zeitlang schien es, als sollte die einsame Näherin unter dem Nussbaume
in ihrer Zurückgezogenheit unangefochten bleiben; aber einmal schlüpfte ihr
Blick durch die Lücke der Taxushecke und fiel zugleich auf die Gestalt des
Professors. Er kam ruhig schlendernd, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt,
über den Kiesplatz; seine Züge hatten jedoch, ganz im Gegensatze zu seiner
nachlässigen Haltung, etwas Erregtes, Gespanntes, und sein Blick drang unruhig
in die verschiedenen Gänge zwischen den verschnittenen, grünen Wänden.
    Felicitas sass bewegunslos und beobachtete ihn; unwillkürlich hatte sie die
Rechte auf ihr klopfendes Herz gelegt - ihr war fast unheimlich zu Mute - sie
fürchtete sich vor dem Moment, wo sein Blick auf sie fallen musste ... Noch
langsamer als zuvor schritt er auf dem schmalen Kieswege weiter, der den grossen
Wiesenfleck umfasste. Sein Haupt war unbedeckt - war es der eigentümliche, völlig
ungewohnte Ausdruck, oder hatte seine Gesichtsfarbe den kräftigen Ton verloren -
der Kopf erschien dem jungen Mädchen verändert.
    Er griff in die Zweige eines Apfelbaumes, zog sie zu sich nieder und
betrachtete die sich ansetzenden Früchte scheinbar mit ungeteiltem Interesse -
er sah jedenfalls das Mädchen unter dem Nussbaume nicht. Die Zweige schnellten
wieder empor, und er setzte seinen Weg fort. Jetzt stand er in gleicher Richtung
mit Felicitas; er bückte sich rasch und pflückte irgend ein am Wiesenrande
befindliches Etwas.
    »Ach, sehen Sie doch, Felicitas, ein vierblätteriges Kleeblatt!« rief er
hinüber, ohne aufzublicken. Das klang so ruhig und zuversichtlich, als sei sein
Verkehr mit ihr noch nie unterbrochen oder getrübt gewesen, als sei es
selbstverständlich, dass sie da drüben unter dem Nussbaume sitze; aber es lag auch
zugleich eine gebieterische Notwendigkeit in dieser Anrede, er fesselte das
Mädchen gewissermassen an die Stelle, wo es sich jetzt erhob.
    »Die Leute sagen, diese vier Blättchen bringen dem Finder Glück,« fuhr er
fort, indem er rasch über die Wiese herkam. »Nun, ich werde ja gleich sehen,
inwieweit es leidiger Aberglaube ist!«
    Er stand vor ihr. Jetzt lag auch etwas Straffes, die ganze Energie des
willensstarken Mannes in seiner Haltung. Das Kleeblatt entfiel seinen Händen, er
streckte sie beide Felicitas entgegen.
    »Guten Abend!« sagte er - es waren bebende Laute, in denen diese zwei
einfachen Worte gesprochen wurden. Hätte er einst vor Jahren diesen Ton
angeschlagen, dann wäre er dem neunjährigen Kinde gegenüber, das mit aller
Heftigkeit eines leidenschaftlichen Herzens Liebe und Teilnahme verlangte,
gerechtfertigt gewesen - für diese verfinsterte, von ihm so lange gemisshandelte
Mädchenseele jedoch blieb der süssvertrauliche Gruss, in welchem sich unverkennbar
die Wonne des Wiedersehens abspiegelte, geradezu unverständlich. Gleichwohl hob
sie die Hand - sie, die Paria, die seine Hand in der höchsten Todesnot
zurückstossen wollte, sie legte, von einer unerklärlichen Macht getrieben, für
einen Moment leise ihre Rechte in die seine. Es war das eine Art von Wunder, und
er fasste es wohl selbst so auf - eine einzige unachtsame Bewegung konnte es
verscheuchen auf Nimmerwiederkehr ... Mit der ganzen Selbstbeherrschung, die der
Arzt sich errungen, ging er sofort in einen anderen Ton über.
    »Hat Ihnen Aennchen viel Last gemacht?« fragte er freundlich und
teilnehmend.
    »Im Gegenteil - die Anhänglichkeit des Kindes rührt mich - ich pflege es
gern.«
    »Aber Sie sind bleicher als sonst - und da der bitter schwermütige Zug um
Ihren Mund ist schärfer ausgeprägt als je ... Sie sagten vorhin, die
Anhänglichkeit des Kindes rühre Sie - andere Leute sind auch anhänglich,
Felicitas! Ich werde Ihnen das sogleich beweisen. Sie haben gewiss nicht ein
einziges Mal an die Menschen gedacht, die der kleinen Stadt X. entflohen waren,
um sich Seele und Willen in der kräftigen Waldluft zu stählen?«
    »Ich hatte weder Zeit noch Anknüpfungspunkte dazu,« entgegnete sie stark
errötend, aber mit finsterem Ausdruck.
    »Das setzte ich voraus. Ich aber bin menschenfreundlicher gewesen, ich habe
an Sie gedacht - Sie sollen auch erfahren, wann und wo ... Ich sah eine
Edeltanne ganz allein auf einer Felsenzacke stehen - es sah aus, als sei sie in
dem Nadelwalde zu ihren Füssen verwundet und gekränkt worden, und sie habe sich
auf die einsame Höhe geflüchtet. Dort stand sie fest und finster, und meine
Phantasie lieh ihr ein Menschengesicht mit wohlbekanntem, stolzverächtlichem
Ausdrucke. Da kam ein Gewitter, der Regen peitschte ihre Zweige und der Sturm
schüttelte sie unbarmherzig, aber nach jedem Stosse richtete sie sich auf und
stand fester als zuvor.«
    Felicitas hatte die Augen halb scheu, halb trotzig zu ihm aufgeschlagen ...
Wie seltsam verändert war er zurückgekehrt! Der Mann mit den kalten, stahlgrauen
Augen, der ehemalige Pietist und Mystiker, der eingefleischte Konservative, dem
Gesetz und Regel jeden Funken poetischer Freiheit erstickt haben mussten, er, der
Pedant, den der Gesang der menschlichen Stimme belästigte, er erzählte ihr mit
seiner tiefen Stimme, die der ernsten Wissenschaft mit so mächtigem Erfolge
diente, eine Art Märchen, ein selbsterfundenes, dessen Sinn sie nicht
missverstehen konnte.
    »Und denken Sie,« fuhr er fort, »da stand ich nun drunten im Tale, und
meine Begleiter schalten den unpraktischen Professor, weil er sich vollregnen
lasse, während er doch unter Dach und Fach flüchten konnte. Sie wussten ja nicht,
dass ihn, den trockenen, nüchternen Doktor, plötzlich eine Vision gepackt hatte,
die sich weder durch kalte Regenschauer noch durch den Sturm verscheuchen liess
... Er sah nämlich, wie ein Mutiger den Wald verliess, den Felsen
hinaufkletterte, droben die Arme um die Tanne legte und sagte: Du bist mein! ...
Und was geschah weiter?« -
    »Ich weiss es,« unterbrach ihn das Mädchen in tiefen, grollenden Tönen; »die
Einsame blieb sich selbst getreu und brauchte ihre Waffen.«
    »Auch als sie einsah, dass er sie fest und sicher an sein Herz nehmen werde,
Felicitas? Als sie erkannte, dass sie an diesem Herzen getrost ausruhen könne von
allen Stürmen, dass er sie zärtlich behüten werde, wie seinen Augapfel, sein
ganzes Leben lang?«
    Der Erzähler hatte sich offenbar mit einer Art von Leidenschaft in das
Geschick seiner zwei Visionsgestalten versenkt, denn er sprach mit zuckenden
Lippen, und in seiner Stimme wurden alle jene Klänge wach, die Felicitas' Herz
am Krankenbett des Kindes erschüttert hatten - jetzt verhallten sie machtlos.
    »Die Einsame wird erfahrungsreich genug gewesen sein, zu wissen, dass er ihr
ein Märchen erzählte,« versetzte sie hart. »Sie sagen selbst, sie habe den
Sturmstössen getrotzt - nun wohl, sie hatte sich selbst gestählt und brauchte
keine andere Stütze!«
    Es war ihr nicht entgangen, wie ihm allmählich die Farbe aus dem Gesicht
wich - er sah für wenige Sekunden erdfahl aus. Es schien fast, als wolle er sich
abwenden und gehen, aber näherkommende Schritte wurden laut. Er blieb dicht
neben Felicitas stehen und erwartete ruhig seine Mutter, die am Arme der
Regierungsrätin zwischen den Taxuswänden hervortrat.
    »Nun, das nimm mir aber nicht übel, Johannes,« schalt sie, »da stehst du,
hältst die Karoline von der Arbeit ab und lässest uns unverantwortlich mit dem
Abendbrot warten! Glaubst du denn, ich liebe es, wenn die Eierkuchen zu Leder
werden?«
    Die Regierungsrätin liess den Arm der Tante los und schritt über die Wiese.
Sie sah bei weitem nicht so hübsch aus wie gewöhnlich; die blonden Locken hingen
wild und aufgelöst an den Wangen herab, welche in einem unschönen Rot glühten,
aus den Taubenaugen aber sprühte es unheimlich.
    »Ich habe Ihnen noch nicht einmal danken können, Karoline, dass Sie Aennchen
während meiner Abwesenheit beaufsichtigt haben,« sagte sie. Das sollte
freundlich klingen, aber die sanfte Stimme verschärfte sich, sie klang höher als
gewöhnlich und war dadurch schneidend. »Sie stehen ja aber auch hier wie eine
Einsiedlerin unter dem abgelegenen Nussbaume - wie soll man Sie da finden?« fuhr
sie fort. »Haben Sie diese interessante, zurückgezogene Rolle öfter gespielt?
... ... Ich würde es dann freilich um so leichter begreifen, dass ich Aennchen so
unverantwortlich vernachlässigt wiederfinden muss. Ich habe Rosa bereits sehr
gescholten; das Haar hat nicht die mindeste Pflege gehabt, ihre Haut ist so
sonnenverbrannt, dass man sie für ein Kaffernkind halten möchte, und ich fürchte,
sie ist überfüttert worden.«
    »Hast du nicht noch einen Vorwurf für die Pflegerin, Adele? Besinne dich!«
mahnte der Professor in vernichtendem Hohne. »Vielleicht ist sie auch schuld,
dass dein Kind an den Skropheln leidet, möglicherweise hat sie die vielen
Gewitterregen über den Türinger Wald geschickt, die dir die Laune verdorben
haben, wer weiss« - er hielt inne und wandte sich mit einer fast verächtlichen
Gebärde ab.
    »Ja, es ist besser, du redest nicht aus, Johannes,« klagte die junge Witwe,
mit einem krampfhaften Weinen kämpfend. »Ich muss fast annehmen, du weisst nicht
mehr, was du mir gegenüber sprichst. Ich habe Sie nicht beleidigen wollen,
Karoline,« wandte sie sich an das Mädchen, »und damit Sie sehen, dass ich nicht
den mindesten Groll gegen Sie hege oder Ihnen gar mein Vertrauen entzogen habe,
will ich Sie bitten, heute abend Aennchen noch einmal zu überwachen - ich fühle
mich sehr angegriffen und reisemüde.«
    »Daraus wird nichts!« entschied der Professor hart. »Die Zeit der
grenzenlosen Aufopferung ist vorüber. Du verstehst es vortrefflich, Adele, die
Kräfte anderer auszunützen; von nun an wirst du dein Kind selbst wieder unter
deine Obhut nehmen.«
    »Gut - ist mir auch recht!« rief Frau Hellwig herüber. »Dann mag das Mädchen
heute abend tüchtig jäten; von Heinrich und Friederike kann ich's ohnehin
billigerweise nicht mehr verlangen - sie werden zu alt.«
    Ein tiefes Rot lief wie eine Flamme über das Gesicht des Professors. So
schwer auch seine eigenartigen Züge sich entziffern liessen, in diesem Moment
zeigten sich unverkennbar Scham und Verlegenheit. Vielleicht noch nie war in ihm
das Empörende der Stellung, in die er selbst dies junge, reichbegabte Wesen
gedrängt hatte, so zum Bewusstsein gekommen, wie jetzt. Felicitas verliess sofort
ihren Platz unter dem Nussbaume; sie wusste, die wenigen Worte der Frau Hellwig
waren ein Befehl für sie, dem sie ohne weiteres Folge leisten musste, wenn sie
nicht eine Flut spitziger Bemerkungen hören wollte. Aber der Professor trat ihr
in den Weg.
    »Ich glaube, ich habe hier auch noch ein Wort als Vormund mitzusprechen,«
sagte er scheinbar sehr ruhig, »und als solcher wünsche ich nicht, dass Sie
dergleichen Arbeiten verrichten.«
    »So - willst du sie etwa in den Glasschrank setzen?« fragte Frau Hellwig,
indem sie nun auch ihren grossen Fuss auf die Wiese setzte und rascher als
gewöhnlich sich vorwärts bewegte. »Sie ist genau nach deiner Vorschrift erzogen,
ganz genau! ... Soll ich dir vielleicht deine Briefe vorzeigen, in denen du
immer und immer wieder, ja wirklich bis zum Überdruss, wiederholst, dass sie
dienen solle und müsse, dass sie nicht streng und scharf genug in der Zucht
gehalten werden könne?«
    »Es fällt mir nicht ein, auch nur ein Jota von dem verleugnen zu wollen, was
auf mein ausdrückliches Verlangen geschehen ist,« entgegnete der Professor mit
dumpfer, aber fester Stimme, »ebensowenig kann ich mein Verfahren bereuen - es
ist damals aus reiner, voller Ueberzeugung, aus dem aufrichtigen Wunsch, das
allein Zweckmässige und Vernünftige zu tun, hervorgegangen, aber ich werde mich
auch nie der Schwäche schuldig machen, einen erkannten Irrtum eigensinnig
festzuhalten, lediglich der Konsequenz halber, und deshalb erkläre ich hiermit,
dass ich jetzt anders denke und folglich auch anders handeln werde.«
    Die Regierungsrätin bückte sich bei den letzten Worten. Sie pflückte eine
einsame Kleeblume, welche die Sichel verschont hatte, und zerzupfte sie in
Atome. Frau Hellwig aber lachte spöttisch auf.
    »Mache dich nicht lächerrlich, Johannes!« sagte sie in eisigem Hohne. »In
deinen Jahren fängt man nicht noch einmal von vorn an mit seinen Grundsätzen, da
müssen sie fest und hart sein, sonst wird's eine Stümperei fürs ganze Leben ...
Du hast übrigens nicht allein in der Sache gehandelt - ich war auch dabei, und
ich sollte meinen, mein ganzes Leben beweise es, dass ich mit Gottes Gnade stets
das Richtige getan habe ... Es sollte mir leid tun, wenn jetzt noch die
Hellwigsche Schwäche auch in deinem Charakter zum Durchbruch käme, dann - das
sage ich dir rundheraus - wären wir geschiedene Leute ... Solange das Mädchen
noch in meinem Hause ist, bleibt sie mein Dienstbote, der nicht einen Augenblick
auf der faulen Bärenhaut liegen darf, und damit basta! .. Nachher mag sie
meinetwegen nichtsnutzig werden, die grosse Dame spielen und ihre Hände in den
Schoss legen!«
    »Das wird sie nie, Madame Hellwig!« sagte Felicitas, indem sie mit einem
flüchtigen Lächeln ihre schöngeformten, aber braunen und hartgearbeiteten Hände
betrachtete; »Arbeit gehört mit zu ihren Lebensbedingungen ... Wollen Sie die
Güte haben, mir die Beete zu bezeichnen, damit ich anfangen kann?«
    Der Professor, welcher der herben Standrede seiner Mutter gegenüber seine
gelassene Haltung angenommen hatte, wandte sich jäh um nach Felicitas, und ein
tief erbitterter Blick traf ihr Auge.
    »Ich verbiete es Ihnen hiermit nochmals!« befahl er mit finster gerunzelten
Brauen rauh und entschieden. »Und wenn meine Einsprache als Vormund Ihren
unbezähmbaren Trotz nicht zu beugen vermag, so appelliere ich jetzt als Arzt an
Ihre Vernunft ... Sie haben sich bei Aennchens Pflege überangestrengt, Ihr
ganzes Aussehen beweist es. Binnen kurzem wollen Sie das Haus meiner Mutter
verlassen - es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass Sie wenigstens einen
gesunden Körper in Ihren künftigen Wirkungskreis mitbringen.«
    »Nun, das ist doch noch ein Grund, der sich hören lässt,« meinte Frau
Hellwig. Für ihr Ohr, das bisher vergebens auf einen Tadel ihres Sohnes gewartet
hatte, klangen die Worte »unbezähmbarer Trotz« offenbar wie Musik. »Sie mag
meinetwegen für heute nach Hause gehen,« setzte sie hinzu, »obgleich ich
eigentlich nicht recht begreife, wie das bisschen Pflege sie elend gemacht haben
soll. Sie ist jung und hat ihr gutes Essen dabei gehabt ... Da sieh dir andere
Mädchen in ihren Verhältnissen an, Johannes, die müssen Tag und Nacht arbeiten
und haben doch rote Backen!«
    Sie nahm den Arm der jungen Witwe und ging über die Wiese zurück, in der
Meinung, dass ihr Sohn folge; auch die Regierungsrätin vermied es, offenbar aus
Trotz und Groll, sich nach ihm umzusehen. Anfänglich hatte es auch den Anschein,
als wolle er mitgehen, allein schon nach wenigen Schritten wandte er sich um,
und während der letzte Schimmer des verunglückten blassblauen Reisekleides hinter
der nächsten Taxushecke verschwand, schritt er langsam wieder auf den Nussbaum
zu. Er blieb einige Sekunden lang schweigend neben Felicitas stehen, die eben
die Bänder ihres runden Strohhutes unter dem Kinn zusammenband ... Plötzlich bog
er sich nieder und sah unter die breite Hutkrempe, welche Stirn und Augen des
Mädchens vollkommen bedeckte. Noch war die Erbitterung in seinen Zügen
vorherrschend; als jedoch ihr Auge dem seinen begegnete, da schmolz sein Blick.
    »Sie fühlen wohl gar nicht, dass Sie mir heute sehr weh getan haben?« fragte
er kopfschüttelnd und so weich, als ob er zu einem Kinde spräche.
    Sie schwieg.
    »Felicitas, es ist mir nicht möglich, zu denken, dass Sie zu jenen Frauen
gehören sollten, denen die Bitte um Verzeihung aus einem Männermunde ein
ersehnter Genuss ist,« sagte er jetzt sehr ernst und nicht ohne eine Beimischung
von Schärfe.
    Sie fuhr empor. Ihr weisses Gesicht mit dem wahrhaft keuschen, mädchenhaft
reinen Ausdruck errötete bis über die Stirn.
    »Eine solche Bitte hat in meinen Augen stets etwas Peinliches für den
Gekränkten,« antwortete sie nach einer Pause in sanfterem Tone, als sie gewohnt
war, ihm gegenüber zu sprechen; »von solchen aber, denen in der Welteinrichtung
eine besondere Würde zugestanden ist, möchte ich sie um keinen Preis hören ...
Kinder sollen die Eltern um Verzeihung bitten, aber ich kann mir den Fall nicht
umgekehrt denken. Ebensowenig -« sie schwieg, während abermals die zarte Röte
über ihr Gesicht flog.
    »Ebensowenig wollen Sie den Mann gedemütigt vor sich sehen, nicht wahr,
Felicitas?« ergänzte er rasch den unterbrochenen Satz, in seiner Stimme klang es
wie Frohlocken. »Aber eine so hochherzige Anschauungsweise hat auch ihre
Konsequenzen,« fuhr er nach einem momentanen Schweigen fort. »Und nun seien Sie
einmal recht gut und ruhig und überlegen Sie, ob es nicht die Pflicht des Weibes
ist, dem Manne hilfreich die Hand zu bieten, wenn er einen Irrtum ausgleichen
möchte! ... Halt, jetzt will ich keine Antwort hören! Ich sehe schon an Ihrem
Auge, dass sie ganz anders ausfallen würde, als ich wünsche ... Ich will geduldig
warten - einmal kommt doch vielleicht eine Zeit, wo die böse Tanne auf dem
Felsen ihre Waffen nicht braucht!«
    Er ging. Ihr Auge haftete auf dem Boden, an dem Kleeblatte, das seinen
Händen entglitten war, und das er als Symbol des Glückes gepflückt hatte. Es
lag, die vier Blättchen sauber ausbreitend, wie hingemalt auf den Stoppeln des
Wiesengrases - aufnehmen durfte sie es nicht - sie hatte ja nichts mit seinem
Glücke zu schaffen - aber - sie umschritt in einem weiten Bogen den kleinen
grünen Propheten - zertreten wollte sie es auch nicht!
 
                                       21
Nach einer Reihe blauer Tage voll Sonnenglanz und Frühlingslust hing heute ein
bleifarbener Regenhimmel über der kleinen Stadt X.; er lag fest auf dem hohen
Turme, der, eine Art Wahrzeichen des kleinen Städtchens, weiss, rund und mit
einer leuchtend grünen Kuppel wie ein Spargelstengel in die Lüfte stieg. Das
alte Kaufmannshaus am Markt nahm in solch trüber Beleuchtung stets den vornehm
düsteren, verschlossenen Charakter jener Zeiten wieder an, wo noch die Bilder
raubritterlicher Ahnen in seinen Sälen hingen, und der vor einer neuen Zeit
geflüchtete Geist des Mittelalters finster und grollend in ihm hauste.
    Heute hingen sämtliche Rouleaus herabgelassen hinter den Fenstern der grossen
Vorderfront. Die Regierungsrätin litt an einer heftigen Migräne und war
überhaupt in einer unbeschreiblichen Aufregung; man hatte ihr Zimmer verdunkelt
und vermied jedes laute Geräusch. Auch das Frauengesicht, das jahraus, jahrein
jeden Morgen pünktlich neben dem Asklepiasstocke am Fenster des Erdgeschosses
erschien, liess sich heute nicht sehen. Der graue Himmel droben war eine schlimme
Vorbedeutung für den Tag, der in der Tat einer der grauesten, missfarbigsten im
Leben der grossen Frau werden sollte - es war der Tag der Testamentseröffnung.
Mit völliger Uebergehung ihrer Person waren nur ihre beiden Söhne und der
Hausknecht Heinrich auf das Justizamt beschieden worden, aber sie vertrat ihren
abwesenden Sohn Natanael und musste deshalb der Eröffnung beiwohnen.
    Gegen Mittag kehrte sie in Begleitung des Professors über den Markt zurück,
Heinrich folgte in bescheidener Entfernung ... Sterbefälle und gefährliche
Krankheiten im Kreis ihrer Angehörigen waren einflusslos auf die marmorharten
Züge der grossen Frau geblieben; ihr starker Geist, der sich nicht beugen liess,
ihre tiefe Frömmigkeit, die sich stets tränenlos dergleichen Heimsuchungen
gefügt hatte, waren gar oft mancher schwachen, verzagenden Frauen- und
Mutterseele als erhebendes Vorbild hingestellt worden ... Heute nun hatte die
kleine Stadt das ungewohnte Schauspiel, dies Muster unerschütterlicher
Charakterstärke aus dem Geleise weichen zu sehen. Auf den Wangen der stattlichen
Frau lag eine verräterische Glut innerer Aufregung, ihr feierlich gemessener,
stets im Kirchenstil gehaltener Gang zeigte Hast und Eile, und wenn sie auch nur
leise in ihren schweigend neben ihr herschreitenden Sohn hineinsprach, so liess
sich doch nicht verkennen, dass es heftige Worte waren, die sie flüsterte.
    Die Regierungsrätin hatte trotz ihrer Kopfschmerzen jedenfalls hinter einem
der Rouleaus auf der Lauer gestanden und die Zurückkehrenden erwartet, denn als
sie die Hausflur betraten, kam die junge Witwe zwar mit erdfahlen Wangen und
eingesunkenen Augen, aber trotzdem in äusserst geschmackvoller Morgentoilette die
Treppe herab, um nach dem Ergebnis zu fragen. Sie traten zusammen in das
Wohnzimmer.
    »Nun, gratuliere uns doch, Adele!« rief die grosse Frau tief erbittert und
maliziös auflachend. »Zweiundvierzigtausend Taler Barvermögen ist da, und die
Familie Hellwig, der das Geld von Gott und Rechts wegen gehört, kriegt keinen
Groschen! ... Dies Testament ist das hirnverrückteste Machwerk, das sich denken
lässt, aber man darf um Gottes willen mit keinem Finger daran rühren und muss sich
dies himmelschreiende Unrecht ruhig gefallen lassen! ... Da sieht man, wohin es
führt, wenn die Männer Schlafmützen sind; wäre ich Chef des Hauses gewesen, mir
hätte das nun und nimmer passieren dürfen! ... Ich begreife nicht, wie mein
seliger Mann, ohne die mindeste Sicherheit in der Tasche, die alte Person unter
dem Dache so ohne alle Aufsicht hat schalten und walten lassen!«
    Der Professor war, die Hände auf den Rücken gelegt, schweigend hin und
wieder gegangen. Auf seiner Stirne lag eine düstere Wolke, und unter den
gefurchten Brauen hervor zuckten Blitze der Entrüstung nach seiner Mutter
hinüber. Jetzt blieb er vor ihr stehen.
    »Wer hat es denn durchgesetzt, dass die alte Tante hinauf unter das Dach
verwiesen worden ist?« fragte er ernst und nachdrücklich. »Wer hat den damaligen
Chef des Hauses, meinen Vater, in seiner Abneigung gegen sie bestärkt, und wer
ist unerbittlich streng gegen eine Annäherung der alten Verwandten an uns Kinder
gewesen? ... Das warst du, Mutter! ... Wenn du erben wolltest, dann musstest du
ganz anders handeln!«
    »Nun, du meinst doch nicht etwa, ich hätte mich zu ihr auf einen guten Fuss
stellen sollen? Ich, die ich im Herrn gewandelt bin mein lebenlang, und diese
schuldbeladene Person, die den Sonntag enteiligte, die nie im wahren Glauben
gelebt hat! - sie wird jetzt wissen, dass sie vor dem Angesicht des Herrn auf
ewig verstossen ist ... Nein, dazu hätte mich keine Macht der Erde gebracht! ...
Aber sie musste für unzurechnungsfähig erklärt und unter Kuratel gestellt werden,
und dazu hätten deinem Vater tausend Mittel und Wege zu Gebote gestanden.«
    Das Gesicht des Professors wurde ganz blass; er warf einen tief erschrockenen
Blick auf seine Mutter, dann nahm er stillschweigend seinen Hut und ging hinaus
... Er hatte eben in einen Abgrund geblickt ... Und dieser starre
Buchstabenglaube, dieser entsetzliche christliche Hochmut, unter welchem ein
bodenloser Egoismus mit dem Anschein vollster Berechtigung wuchern durfte, sie
waren ihm viele Jahre lang ein Glorienschein gewesen, der das Haupt seiner
Mutter umstrahlt hatte! ... Das war der Frauencharakter, den er so lange als das
Urbild der Weiblichkeit festgehalten! Er musste sich eingestehen, dass er einst
auf demselben Boden gestanden, wie seine Mutter und der Führer seiner Jugend,
ja, sie hatten ihm kaum genug getan in Unduldsamkeit und Glaubensstrenge; auch
er war damals ein rastloser Kämpfer gewesen, um diese Partei zu einer mächtigen
zu machen, er hatte um Seelen geworben und sie in sein Bereich zu ziehen
gesucht, in der starren Ueberzeugung, dass er sie dem ewigen Heil zuführe ... Und
jene arme, schuldlose Waise mit dem Köpfchen voll klarer, idealer Gedanken, mit
dem stolzen, rechtschaffenen, tiefsinnigen Gemüt - er hatte sie mit harter Hand
gepackt und in jene lichtlose, tödlich kalte Region gestossen ... Wie musste sie
gelitten haben, die süsse Nachtigall unter - den Raben! ... Er legte die Hand
über die Augen, als ob ihm schwindle, stieg langsam die Treppe hinauf und
verschloss sich in sein einsames Studierzimmer.
    Während dieser Verhandlungen im Wohnzimmer spielte in der Gesindestube des
Hellwigschen Hauses eine ähnliche Szene der Aufregung und Entrüstung. Die alte
Köchin lief mit fliegenden Haubenbändern auf und ab, als werde sie gejagt;
Heinrich aber stand vor dieser weiblichen Gemütsbewegung unerschütterlich wie
der Fels am Meere. Er war im Sonntagsstaat, und sein Gesicht zeigte ein
seltsames Gemisch von Freude, Wehmut und Laune.
    »Du musst nicht etwa denken, dass ich neidisch bin, Heinrich, das wär' ja
unchristlich!« rief Friederike. »Ich gönn' dir's wirklich! ... Zweitausend
Taler!« Sie schlug die Hände zusammen, rang sie und liess sie zusammengefaltet
wieder sinken. »Du hast mehr Glück als Verstand, Heinrich! ... Du lieber Gott,
was hab' ich mich geplagt mein lebenlang, wie bin ich fleissig in die Kirche
gegangen, im Winter, in der strengsten Kälte, wie hab' ich zum lieben Gott
gebetet, er solle mich doch auch einmal so glücklich machen - nichts, gar nichts
hat mir's geholfen, und dem Menschen da fällt so ein unmenschliches Glück zu!
... Zweitausend Taler, das ist ja ein Heidengeld, Heinrich! ... Aber eines will
mir dabei noch nicht recht in den Kopf - kannst du denn das Geld auch mit gutem
Gewissen-annehmen? Eigentlich durfte dir die alte Mamsell keinen Pfennig
vermachen, denn was da ist, gehört von Gott und Rechts wegen unserer Herrschaft
... Wenn man's recht bei Licht besieht, stiehlst du ja förmlich das Geld,
Heinrich; ich weiss doch nicht, was ich an deiner Stelle täte -«
    »Ich nehm's, ich nehm's, Friederike,« sagte Heinrich in völliger Gemütsruhe.
    Die alte Köchin lief in die Küche und schlug krachend die Tür hinter sich
zu.
    Das Testament der alten Mamsell, das so heftige Stürme im alten
Kaufmannshause hervorrief, war bereits vor zehn Jahren auf dem Justizamte
niedergelegt worden. Es lautete, von der Testatorin selbst aufgesetzt, nach dem
üblichen Eingange, im wesentlichen folgendermassen:
    »1. Im Jahre 1633 hat Lutz von Hirschsprung, ein Sohn des von schwedischen
Soldaten ermordeten Adrian von Hirschsprung, die Stadt X. verlassen, um sich
anderweitig anzusiedeln. Dieser Seitenlinie des hier erloschenen alten
türingischen Rittergeschlechts vermache ich:
    a) dreissigtausend Taler aus meinem Barvermögen,
    b) das goldene Armband, in dessen Mitte einige altdeutsche Verse, umgeben
von einem Blumenkranze, eingraviert sind,
    c) das Bachsche Opernmanuskript; es ist meiner Handschriftensammlung
berühmter Komponisten einverleibt, liegt in der Mappe Nr. 1 und trägt den Namen:
Gottelf von Hirschsprung.
    Ich ersuche hiermit die wohllöbliche Justizbehörde, sofort einen
nötigenfalls wiederholten öffentlichen Aufruf an etwaig existierende Abkömmlinge
besagter Seitenlinie ergehen zu lassen. Sollte sich jedoch binnen Jahresfrist
kein Ansprucherhebender melden, so ist es mein Wunsch und Wille, dass das Kapital
von dreissigtausend Talern, nebst Erlös von dem zu verkaufenden Armbande und dem
ebenfalls zu veräussernden Opernmanuskripte, dem wohllöblichen Magistrate der
Stadt X. übergeben werde, und stifte ich hiermit genanntes Kapital als Fonds zu
folgendem Zwecke:
    2. Die Zinsen des sicher anzulegenden Kapitals sollen für alle Zeiten
alljährlich zu gleichen Teilen an acht Lehrer der gesamten öffentlichen
Unterrichtsanstalten in X. verabfolgt werden, und zwar in der Weise, dass in
regelmässiger Abwechselung keiner der Herren bevorzugt oder übergangen werde.
Direktoren und Professoren haben keinen Anspruch.
    Ich gründe diese Stiftung in dem festen Glauben, dass ich ebenso gemeinnützig
testiere, als wenn ich eine öffentliche wohltätige Anstalt ins Leben rufe. Noch
ist der Lehrerstand das Stiefkind des Staates, noch sind die Männer, deren
Wirken einen gewaltigen Stein in der Basis der Volkswohlfahrt bildet, quälenden
pekuniären Sorgen ausgesetzt, während an ihren geistigen Anstrengungen Millionen
sich bereichern. Möchten auch andere ihre Augen auf diesen Schatten in unserer
hellen, fortschreitenden Zeit richten und einen Beruf heben und stützen, dessen
hohe Bedeutung noch von so vielen unterschätzt wird!
    3. Mein sämtliches Silberzeug und alles, was ich an Schmuck besitze, mit
Ausnahme obigen Armbandes, fällt an den derzeitigen Chef des Hauses Hellwig
zurück, als alter Familienbesitz, der nicht in fremde Hände kommen soll,
desgleichen alles, was ich an Betten, Wäsche und Möbeln hinterlasse.
    4. Meine Handschriftensammlung berühmter Komponisten, mit Ausnahme des
berühmten Bachschen Opernmanuskriptes, soll von Gerichts wegen verkauft werden.
Den Betrag der Verkaufssumme bestimme ich meinen beiden Grossneffen, Johannes und
Natanael Hellwig, in Anbetracht, dass ich stets beklagt habe, ihnen nie zu
Weihnachten etwas bescheren zu dürfen.«
    Es folgten noch Legate an viele arme Handwerker und dergleichen mehr im
Betrage von zwölftausend Talern, worunter Heinrich mit zweitausend und die
Aufwartefrau mit eintausend Talern bedacht waren.
    Heinrich hatte Felicitas den Inhalt des Testamentes mitgeteilt, so gut er es
eben vermochte. Der Ort, wo die alte Mamsell das Silber aufbewahrt hatte, war
also nicht näher bezeichnet, das ging aus seiner Mitteilung hervor. Das junge
Mädchen frohlockte. Wenn das Geheimfach nicht durch irgend einen Zufall entdeckt
wurde, dann war es in ihre Hände gegeben, den grauen Kasten zu vernichten, ohne
dass ihn das Auge irgend eines anderen Sterblichen erblickte.
    »Siehst du, Feechen, das verwinde ich in meinem ganzen Leben nicht!« sagte
Heinrich traurig - sie sassen allein zusammen in der Gesindestube - »du sollst
nun einmal zu nichts kommen in der Welt! Hätte die alte Mamsell nur noch
vierundzwanzig Stunden gelebt, da war das alte Testament jetzt umgestossen, und
du hättest das unmenschlich viele Geld gekriegt - sie hatte dich gar lieb.«
    Felicitas lächelte. Der ganze Jugendmut, der sich seiner Kraft bewusst ist,
dem nichts ferner liegt, als das Ringen um schnöden Gelderwerb, die Sorge um
hilflose, alte Tage - lag in diesem Lächeln.
    »Es ist ganz gut so, Heinrich,« entgegnete sie. »Alle die Armen, die bedacht
worden sind, brauchen das Geld viel nötiger als ich, und bei der Verfügung über
das Hauptkapital hat die Tante jedenfalls ihre sehr gewichtigen Gründe gehabt,
die sie ohne Zweifel auch bei Abfassung eines späteren Testaments festgehalten
haben würde.«
    »Ja, ja, mit den Hirschsprungs muss es doch sein eigenes Bewenden gehabt
haben!« meinte Heinrich nachdenklich. »Der alte Hirschsprung, auf den kann ich
mich noch ganz gut besinnen; er war ein Schuhmacher und hat mir meine
allerersten Stiefel gemacht - so was vergisst sich nicht. Er wohnte oben in der
Gasse, gleich neben unserem Hause, und da hat's denn die Nachbarschaft gemacht,
dass sein Junge und die alte Mamsell als Kinder miteinander gespielt haben. Der
Junge ist später ein Student geworden und soll der alten Mamsell ihr Liebster
gewesen sein - so sagen die Leute. Sie erzählen auch noch immer - und das wurmt
mich am allermeisten - die Liebschaft eben wär' dem alten Herrn Hellwig, ihrem
Vater, sein Grab gewesen. Er hätte sie nicht leiden wollen, und einmal wär' er
mit der alten Mamsell so hart zusammengekommen, und sie hätte ihn dermassen
geärgert, dass er auf der Stelle tot umgefallen sei - wenn's wahr ist, ich
glaub's nicht! ... Gleich nachher soll die alte Mamsell nach Leipzig gereist
sein; der Student hat das Nervenfieber gehabt, und sie ist bei ihm geblieben und
hat ihn gepflegt bis zum letzten Augenblick. Darüber sind die Verwandten
vollends wütend geworden; sie haben sie ein liederliches Weibsbild geschimpft,
sie ist verstossen worden, und das haben die Leute in X. gleich nachgemacht, und
kein Mensch hat sie auch nur angesehen, wie sie endlich wiedergekommen ist. -
Mag das nun alles sein, wie's will - es kommt mir doch kurios vor, dass da Leute
erben sollen, die vor vielen, vielen Jahren ausgewandert sind - die waren ja mit
dem Studenten schon längst gar nicht mehr verwandt - das mache mir einer klar!«
    Am darauffolgenden Tage wurden in der Mansardenwohnung die Gerichtssiegel
abgenommen.
    Es waren unheimliche Tage, die auf den Akt der Entsiegelung folgten. Die
einförmig graue, unbewegliche Wolkenschicht am Himmel schien unerschöpflich. Tag
und Nacht plätscherte es auf Dächer und Strassenpflaster, und aus den
Drachenköpfen am alten Kaufmannshause schossen die Wasserstrahlen in mächtigen
Bogen hinunter auf den Marktplatz. Sie sahen grimmiger aus als je, diese
metallenen, weit aufgerissenen Rachen am Dache; der missfarbene Gischt, der
drunten zwischen den Pflastersteinen zerschellend aufsprjetzte, schien eitel Gift
und Galle; sie hatten aber auch viele Jahre hindurch gesehen, wie die Schätze im
alten Hause sich mehrten und aufspeicherten, wie stets ein Geldstrom
hineingeflossen war, von dem die Welt nur ein schwaches, streng überwachtes
Bächlein zurückempfing, und nun geschah das Unerhörte - ein bedeutendes Vermögen
ging aus diesem Hause hinaus ins Weite, und weder die eisenfesten Mauern, noch
die Frau mit den eisenharten Zügen neben dem Asklepiasstock vermochten es
zurückzuhalten.
    Felicitas hatte sich während der Regentage in die Kammer neben der
Gesindestube zurückgezogen. Sie war, ohne Zweifel auf den ausdrücklichen Befehl
des Professors, noch immer von den schweren Hausarbeiten dispensiert. Dagegen
sass sie in hohe Stösse alten Leinenzeugs förmlich vergraben; sie musste
ausbessern, denn ganz umsonst sollte sie ihr Brot doch nicht essen.
    Draussen im Hofe rauschte eintönig der ferne Brunnen, der Regen fiel
unermüdlich in regelmässigen Taktschlägen klatschend auf die breiten Blätter des
Huflattichs, der in einer feuchten Ecke wucherte; bisweilen scholl das Krähen
der Hähne aus dem Geflügelhof herüber, oder der graue Ton, den das farblose,
matte Tageslicht über alle Gegenstände hauchte, wurde unterbrochen durch
einzelne hereinfliegende Tauben, die auf den triefenden Simsen ihr
hellleuchtendes Gefieder vollregnen liessen. Licht, Geräusch und Bewegung, alles
erschien gedämpft und gedrückt, und diese Apatie erstreckte sich scheinbar auch
über das bleiche Mädchen im Bogenfenster. Zwar hob und senkte sich die Hand mit
dem Fingerhut unablässig und taktmässig, aber das herrliche Profil neigte sich in
fast eherner Unbeweglichkeit über die Arbeit. Das Leben mit seinen furchtbaren
Erschütterungen hatte bis jetzt vergebens versucht, den Stempel des Leidens und
der Ergebung in diese Züge zu graben - sie waren nur immer bleicher geworden, es
hatte den Anschein, als wollten sie in dem Ausdruck eines ungebrochenen Geistes,
einer zähen Widerstandsfähigkeit allmählich erstarren.
    Allein unter dem groben, dunklen Stoffe, der die zarte Büste umschloss,
klopfte ein tief beunruhigtes Herz, und während die Hand mechanisch allerlei
Schäden zudeckte und ausglich, zermarterte sich der Geist über die mögliche
Lösung schwerer Aufgaben und der damit verbundenen Konflikte ... Auch die
Behörde hatte vergebens nach dem Silberzeug und dem Schmuck der alten Mamsell
gesucht. Anfänglich war dies Ergebnis von beschwichtigender Wirkung auf das
angstvoll erregte Gemüt des jungen Mädchens gewesen; seit jenem Augenblick
jedoch ging Heinrich verstört und in unbeschreiblicher Aufregung umher; Frau
Hellwig hatte der Kommission gegenüber mit sehr zweideutigen Blicken nach dem
Hausknecht betont, dass er und die Aufwartefrau seit vielen Jahren allein bei der
alten Mamsell aus und ein gegangen, und auf diese einer Anklage sehr ähnliche
Aussage der gestrengen Frau hatte man den ehrlichen Burschen ohne weiteres und
in durchaus nicht schonungsvoller Weise ins Verhör genommen. Er war ausser sich
... Welche Qual für Felicitas, den bitteren Jammer dieses alten, treuen Freundes
mit ansehen zu müssen, ohne dass auch nur eine Andeutung des Geheimnisses über
ihre Lippen schlüpfen durfte! So ruhig und besonnen er sich sonst auch in allen
Lebenslagen erwiesen, dieser Verdächtigung stand er geradezu fassungslos
gegenüber, das junge Mädchen fürchtete mit Recht, er werde in dem
unwiderstehlichen Drange, die abscheuliche Beschuldigung abzuschütteln, hastig
und unvorsichtig sein, und hier war gerade die äusserste Vorsicht und
Beharrlichkeit nötig, um das Geheimnis der alten Mamsell zu retten.
    Es war jetzt doppelt schwierig, in die Mansardenwohnung zu gelangen. Der
Professor hatte am Tage der Entsiegelung aufs höchste überrascht die Zimmer der
geheimnisvollen alten Tante durchschritten und dieselben sofort als Chef des
Hauses förmlich mit Beschlag belegt. Möglich, dass ihm angesichts der originellen
und sinnigen Ausstattung der Räume plötzlich ein Licht aufgegangen war über den
Geist und das Wesen der einsamen Verbannten. Nicht ein Möbel durfte von seiner
Stelle gerückt werden, und er war zornig geworden, als die Regierungsrätin vor
seinen Augen eine Nadel aus einem Stecknadelkissen gezogen hatte.
    Es schien, als wolle er den Rest seines Aufentaltes im mütterlichen Hause
da oben unter dem Dache zubringen. Er kam nur zur Essenszeit in das Wohnzimmer
des Erdgeschosses und dann stets mit einem »brummigen Gesicht«, wie Friederike
sagte. Aber auch die Regierungsrätin hatte eine Art Leidenschaft für das
»reizend stille Asyl« erfasst; sie erbat es sich als eine besondere Gunst von
ihrem Vetter, sich öfter in der Mansardenwohnung aufhalten zu dürfen. Rosa musste
die Fussböden reinigen, und die junge Witwe wischte mit höchsteigenen zarten
Händen den Staub von den Möbeln. Tante Cordulas Zimmer standen somit nicht einen
Augenblick unbewacht; zudem hatte der Professor das altväterische, unbequeme
Schloss an der gemalten Tür entfernen und durch ein neues ersetzen lassen -
Felicitas' Schlüssel war völlig unbrauchbar geworden - sie war jetzt lediglich
auf den Weg über die Dächer angewiesen.
    Bei dem Gedanken, dass sie gezwungen sei, wie ein lichtscheuer Verbrecher in
festverschlossene Räume zu dringen, schüttelte sie sich stets vor Abscheu und
Aufregung; dies Lauern auf den ersten unbewachten Moment, wo der ahnungslose
Bewohner sich entfernt haben würde, war ihr entsetzlich. Nichtsdestoweniger
behielt sie ihr Ziel fest im Auge, und es konnte sie plötzlich ein heisser
Angstschauer überlaufen, wenn ihr einfiel, dass die Zeit, welche ihr noch zur
Erfüllung ihrer Aufgabe verblieb, bereits auf zwei Wochen zusammengeschmolzen
war.
    Endlich waren die Regentage vorüber. Ein Stück klaren, blauen Himmels hing
über dem Viereck des Hofes, der Lattich trocknete seine gründlich gewaschenen
Blätter in einem herbkräftigen, frischen Luftauche, emsig flogen die Schwalben,
deren zahllose Nester an den Dächern und Fenstersimsen der Gebäude hingen, aus
und ein, und ihr kleiner blauer Rücken funkelte förmlich in dem neuen warmen
Sonnenlichte. Das war ein Tag, der ins Freie lockte. Vielleicht wurde heute
draussen im Garten gegessen, und dann - war der Weg über die Dächer frei. Diese
Hoffnung Felicitas' erfüllte sich jedoch nicht. Gleich nach Tische kam Rosa an
das Bogenfenster und brachte ihr die Weisung, mit Aennchen in den Garten zu
gehen, der Herr Professor habe es dem Kinde versprochen. Später werde die
Herrschaft nachfolgen und das Abendbrot draussen einnehmen.
    Da schritt nun Felicitas, die kleine Anna an der Hand, »auf Befehl« durch
den einsamen Garten. Statt der Dachziegel oder des Bretterfussbodens der luftigen
Galerie hatte sie den Kies der sonnenbeschienenen Gartenwege unter den Füssen ...
Während der Regenzeit hatten Tausende von Rosen ihre Kelche geöffnet. Auf dem
eleganten Rasenrunde des Vordergartens standen hohe Stockrosen, der dunkle Samt
ihrer Blüten schwebte hoch und unnahbar über den demütigen Gräsern, wie ein
Königspurpur über dem Volke, aber im Gras- und Gemüsegarten, da war das niedrige
Zentifoliengesträuch minder vornehm, die prachtvollen, strotzenden Kelche mit
dem glühroten süssen Munde wiegten sich zutraulich neben dem dickköpfigen
Kohlrabi, und ihr berauschender Duft floss mit dem kräftigen, aber gemeinen
Geruch der Dill- und Schnittlauchbeete ineinander.
    Felicitas strich mit gesenktem Haupte an der Blütenpracht vorüber, und das
gutmütige Kind schwankte schwerfällig nebenher; der kleine Mund schwieg, kein
Geplauder störte das Nachsinnen des jungen Mädchens. Sie dachte mit einer Art
von wildem, brennendem Schmerz an die Rosenzeit vergangener Jahre - da hatten
die Rosen doch anders geleuchtet und geduftet, als Tante Cordulas klare,
liebestrahlende Augen noch nicht erloschen waren, als sie noch in stillen
Sonntagnachmittagsstunden, neben der bebewegungslos aufhorchenden Schülerin im
Vorbau sitzend, mit ihrer ausdrucksvollen Stimme begeistert aus den Klassikern
vorlas, während von der Galerie die betäubenden Duftwogen hereinquollen und weit
draussen das grüne Türinger Land sich hinstreckte ... Da war auch allmählich das
süsse Heimatgefühl in der Seele des jungen Mädchens gewachsen, sie hatte sich zu
Hause gewusst in den friedlichen, trauten Räumen, beschützt und geleitet von
einer treumütterlichen Liebe; sie war, wenn auch nur auf einige Stunden, frei
gewesen, ungefesselt in ihren Bewegungen, in den Anschauungen und Betrachtungen,
die sich auf ihre Lippen drängten - darum wohl auch hatten die Rosen anders
geleuchtet und geduftet, und die Welt war sonniger gewesen ...
    Sie hob den Kopf und sah über den Zaun in den Nachbargarten. Dort schimmerte
das weisse Häubchen der Hofrätin Frank. Die alte Dame sass mit ihrem Sohne am
Kaffeetische, er las ihr vor, während sie, behaglich in einen Fauteuil
zurückgelehnt, die blitzenden Stricknadeln durch ihre Finger gleiten liess. Das
sah auch heimisch und friedlich aus. Felicitas sagte sich selbst, dass sie auch
unter jenen Menschen in einem gewissen Grade frei sein werde, dass sie im Verkehr
mit ihnen, die so human und hochgebildet, geistig fortschreiten müsse, auf
keinen Fall war sie in den neuen Verhältnissen der Automat, der »auf Befehl«
gehen und die Hände rühren musste, während Augen und Lippen nie das Vorhandensein
eines lebhaften, selbständigen Geistes verraten durften.
    Trotz dieser Gedanken wurde es nicht heller in ihr. Es hatte schon vor Tante
Cordulas Tode ein Etwas in ihrer Seele gelegen, über das sie selbst nicht klar
werden konnte - eine dunkle Qual, die bei näherer Besichtigung zurückwich wie
ein Phantom - nur eines stand fest: diese Stimmung hing mit der Anwesenheit
ihres einstigen Peinigers zusammen. Wohl war sie vor seiner Ankunft der
Ueberzeugung gewesen, seine persönliche Erscheinung werde ihren Groll, ihre
Erbitterung noch verschärfen, aber dass diese Empfindungen so mächtig und in fast
rätselhafter Weise verdunkelnd auf ihr ganzes übriges Seelenleben zurückwirken
würden, das hatte sie nicht geahnt.
    Dann und wann drang die erhobene Stimme des Vorlesers über den Zaun herüber
- es lag viel Wohllaut in den Klängen, aber sie besassen doch nicht das Markige,
die Modulation, welche das einst so eintönige Organ des Professors mit den
Jahren in so auffallender Weise angenommen hatte ... Felicitas schüttelte
unwillig den Kopf und warf ihn zurück - woher kam ihr nur der Vergleich? ... Sie
zwang ihre Gedanken sofort in eine andere Bahn, auf ein Tema, das allerdings
nahe lag, und welches seit der Testamentseröffnung sehr oft Gegenstand ihres
Nachdenkens war. Das Gericht hatte den Rechtsanwalt Frank zum Kurator für die
mutmasslich existierenden Hirschsprungschen Erben ernannt. Seit zwei Tagen
bereits durchlief ein Aufruf die Zeitungen; Felicitas harrte mit einer fast
leidenschaftlichen Spannung auf den Erfolg - ihr brachte er möglicherweise
bittere Schmerzen. Meldete sich die Familie Hirschsprung in Kiel auf diesen
Aufruf, der eine reiche Erbschaft verhiess, so bestätigte sich die Vermutung, dass
die Spielersfrau eine Ausgestossene gewesen war ... Was aber mussten das für
Menschen sein, in deren Augen ein Familienglied selbst durch ein so tragisches,
erschütterndes Ende nicht hatte entsühnt werden können! Felicitas knüpfte
deshalb nicht einen einzigen hoffenden Gedanken an das mögliche Auftreten naher
Anverwandten; sie wollte ihnen gegenüber auch nie das Dunkel der Verborgenheit
verlassen, dennoch schlug ihr Herz heftig bei der Vorstellung, dass ein Tag
kommen könne, wo die grausamen Grosseltern ahnungslos dem schweigenden Enkelkinde
begegnen würden.
    Die Hofrätin Frank hatte Felicitas am Zaune bemerkt. Sie stand auf und kam
in Begleitung ihres Sohnes herüber. Beide begrüssten das junge Mädchen sehr
herzlich, und der Rechtsanwalt sprach seine Freude darüber aus, demnächst als
Hausgenosse mit ihr verkehren zu dürfen. Damit leitete er leicht und ungezwungen
ein längeres Gespräch ein. Den formgewandten Weltmann überkam es fast wie eine
ungewohnte Verlegenheit dem tiefernsten Mädchen gegenüber, das so ruhig und
unbefangen in sein Auge sah und in merkwürdig klarer und bestimmter Weise
ungewöhnliche Gedanken zum Ausdruck brachte. Sie unterhielten sich lange und
eingehend, und das Gespräch berührte die verschiedenartigsten Temen.
Schliesslich erkundigte sich die Hofrätin nach Aennchen. Felicitas nahm das Kind
auf den Arm und deutete mit frohem Lächeln auf den Anhauch einer frischen,
gesunden Röte, welche die früher so fahlen Wangen der Kleinen bedeckte.
    Beim Auseinandergehen reichte die alte Dame Felicitas die Hand; auch ihr
Sohn streckte die Rechte über den Zaun herüber, und das junge Mädchen legte
unbedenklich und freundlich die ihre hinein ... In dem Augenblick knarrte die
Gartentür und der Professor trat auf die Schwelle. Er blieb einige Sekunden wie
angewurzelt stehen, dann griff er langsam nach dem Hute und grüsste herüber -
Felicitas sah, wie ihm eine jähe, tiefe Röte über das Gesicht flog ... Der
Rechtsanwalt öffnete die Lippen, um ihn anzurufen, aber er wandte rasch den Kopf
nach der entgegengesetzten Seite und ging in das Gartenhaus.
    »Nun, das war wieder einmal ein echter, zerstreuter Professorengruss!« sagte
der junge Frank lachend zu seiner Mutter. »Der gute Johannes hat offenbar irgend
einen unglücklichen Patienten in effigie unter dem Messer, und in solchen
Augenblicken kennt er seine besten Freunde nicht.«
    Mutter und Sohn kehrten an den Kaffeetisch zurück, und Felicitas suchte
Schutz und Schatten im Grasgarten.
 
                                       22
Die riesigen grünen Schirme des Taxus waren eine vortreffliche Schutzmauer gegen
die Sonne, den Wind, welcher seit kurzem ziemlich heftig über den weiten
Kiesplatz fegte - und gegen strafende Blicke, die möglicherweise aus dem
Gartenhause herüberfliegen konnten ... Felicitas kannte das Gesicht des
Professors viel zu gut, um nicht zu wissen, dass er vorhin ärgerlich und gereizt,
nicht aber zerstreut gewesen war; sie meinte sogar auch den Grund seines Unmuts
zu kennen. Er verlangte bezüglich seiner ärztlichen Massregeln stets einen
unbedingten Gehorsam, und nach allem, was Rosa über seine Bonner Praxis erzählt
hatte, war er gewohnt, seinen Wunsch und Willen stets streng respektiert zu
sehen - er hatte Felicitas mehrmals, zuletzt sogar mit grosser Ungeduld das
Tragen Aennchens untersagt, und heute musste er abermals sehen, dass sie sein
Verbot missachte ... So nur konnte sie sich seinen Blick voll ärgerlicher
Ueberraschung erklären, den er ihr beim Eintreten in den Garten zugeworfen
hatte.
    Felicitas setzte sich auf eine Bank des weit abgelegenen Dammes. Eine
einsame Hängebirke erhob hier ihren feinen weissen Stamm und liess die elastischen
Zweige zum Teil laubenartig über die Bank fallen. An dieser geschützten Stelle
strich der Wind fast unmerklich hin; manchmal zitterten die Gräser auf wie im
tieferen Atemholen, und die Birkenzweige schüttelten sich leise. Der Mühlbach
aber, durch die Regenfluten stark angeschwollen, schoss brausend vorüber - ein
gurgelndes, missfarbenes Gewässer, das heimtückisch an den Haselbüschen des Ufers
riss und wühlte.
    Das Kind pflückte mit unbeholfenen Fingerchen Wiesenblumen, und Felicitas
musste die armen, meist nahe am Kelch abgerissenen Dinger zu einem kurzstieligen
Sträusschen für »den Onkel Professor« zusammenbinden. Dies mühsame Geschäft
erforderte Ausdauer und Aufmerksamkeit; Felicitas heftete ihre Augen unablässig
auf das werdende Bouquet in ihren Händen - sie sah nicht, wie der Professor
zwischen den Taxuswänden hervortrat und über den grossen Rasenplatz rasch auf sie
zuschritt. Ein Ausruf Aennchens schreckte sie endlich auf; allein da stand er
auch schon neben ihr. Sie wollte sich erheben, er fasste jedoch sanft ihren Arm
und drückte sie auf die Bank nieder - dann setzte er sich ohne weiteres neben
sie.
    Es geschah zum erstenmal, dass sie ihm gegenüber einen Moment völlig
fassungslos war. Noch vor vier Wochen würde sie entschieden, voll Abscheu seine
Hand zurückgestossen und sich sofort entfernt haben ... jetzt sass sie wie gelähmt
da, willenlos, als stehe sie unter dem Banne eines Zaubers. Es verdross sie, dass
er seit kurzem einen so vertraulich unbefangenen Ton gegen sie annahm - sie
wünschte nichts sehnlicher, als ihn zu überzeugen, dass sie, genau wie ehedem,
ihn hasse, verabscheue bis zum Sterben; allein plötzlich fand sie weder Mut noch
Worte, ihm dies auszusprechen. Ihr scheuer Blick streifte seine Züge - sie sahen
nichts weniger als zornig oder verdriesslich aus, die auffallende Röte war
verflogen - Felicitas grollte mit sich selbst, weil sie sich eingestehen musste,
dass ihr dies unschöne Gesicht in seiner Kraft und Entschlossenheit wider Willen
imponiere.
    Er sass einige Sekunden, ohne zu sprechen, neben ihr; sie fühlte mehr, als
sie sehen konnte, dass sein Blick unverwandt auf ihr ruhe.
    »Tun Sie mir den Gefallen, Felicitas, und nehmen Sie das abscheuliche Ding
da vom Kopfe,« unterbrach er endlich das Schweigen; auch seine Stimme klang
ruhig, fast heiter, und ohne die Zustimmung des jungen Mädchens abzuwarten,
fasste er leicht die Krempe ihres Hutes und schleuderte dies allerdings sehr
hässliche, abgetragene Exemplar verächtlich auf den Rasen. Ein Sonnenstrahl, der,
durch das leichtbewegliche Birkenlaub schlüpfend, bisher über das schwarze
Strohgeflecht gegaukelt war, lag jetzt auf dem kastanienfarbenen Haar des
Mädchens - ein Streifen flimmerte auf wie gesponnenes Gold.
    »So - nun kann ich doch sehen, wie Ihnen die bösen Gedanken hinter der
Stirne arbeiten!« sagte er mit dem schwachen Anfluge eines Lächelns. »Ein Kampf
im Dunkel hat für mich Unheimliches - ich muss meinen Gegner sehen können, und
dass ich's hier« - er deutete auf ihre Stirne - »mit einem sehr schlimmen zu tun
haben werde, weiss ich.«
    Wo wollte er hinaus mit dieser seltsamen Einleitung? Vielleicht erwartete er
irgend eine Antwort von ihr, allein sie schwieg beharrlich. Ihre Finger packten
ohne jedwede Symmetrie alle die Butterblumen, Massliebchen und Grashalme
nebeneinander, die das Kind unverdrossen immer wieder herbeitrug ... Diese
kleinen Hände da, die sich nicht stören liessen in der einmal begonnenen Aufgabe,
hatten während der mehrtägigen Zurückgezogenheit im Zimmer viel von ihrer
braunen Farbe verloren, sie sahen fast rosig aus. Der Professor griff plötzlich
nach der Rechten des jungen Mädchens, wandte sie um und betrachtete die innere
Fläche - da waren freilich Spuren, die sich nicht so rasch verwischen liessen,
harte Schwielen bedeckten die Haut. Das Mädchen, das auf den ausdrücklichen
Befehl seines unerbittlichen Vormunds zur Dienstbarkeit erzogen worden war,
hatte sich wacker auf diese Lebensstellung vorbereitet, das liess sich nicht
ableugnen.
    Obgleich bei dieser Prüfung eine tiefe Röte über Felicitas' Gesicht flog -
auf sehr fein empfindende Naturen macht das aufmerksame Betrachten der inneren
Handfläche fast denselben Eindruck, als wenn die Gesichtszüge stark fixiert
werden - fand sie doch gerade in diesem Augenblick ihre ganze frühere
geschlossene Haltung wieder. Sie sah mit einer ruhigen Wendung des Kopfes empor,
und er liess langsam ihre Hand sinken - dann rieb er sich mehrmals die Stirne,
als gälte es für einen schwierigen Gedanken den Ausdruck zu finden.
    »Sie sind gern in die Schule gegangen, nicht wahr?« fragte er plötzlich.
»Geistige Beschäftigung macht Ihnen Vergnügen?«
    »Ja,« entgegnete sie überrascht. Die Frage klang eigentümlich - sie war
förmlich vom Zaune gebrochen. Eigentlich diplomatische Wendungen lagen aber auch
durchaus nicht in der Natur dieses Mannes, so sehr er auch sonst die Sprache in
seiner Gewalt hatte.
    »Nun gut,« fuhr er fort, »Sie werden ohne Zweifel noch wissen, was ich Ihnen
neulich zu bedenken gegeben habe?«
    »Ich weiss es noch.«
    »Und sind natürlich zu der Ansicht gekommen, dass es die Pflicht des Weibes
ist, den Mann treulich zu unterstützen, wenn er einen Irrtum gut machen möchte?«
Er stützte die Hand auf das Knie, bog sich vor und sah gespannt in ihr Gesicht.
    »So unbedingt nicht,« versetzte sie fest, während sie die Hände mit dem
Bouquet in den Schoss sinken liess und den Fragenden voll ansah. »Ich muss erst
wissen, worin die Sühne besteht.«
    »Ausflüchte,« murmelte er, und sein Gesicht verfinsterte sich auffallend. Er
schien zu vergessen, dass er bisher im allgemeinen gesprochen hatte, und fügte
ziemlich gereizt hinzu: »Sie brauchen sich nicht so entsetzlich zu verwahren -
ich kann Ihnen versichern, dass schon Ihrem Gesichtsausdruck gegenüber es niemand
einfallen wird, irgend etwas Uebermenschliches von Ihnen zu verlangen ... Es
handelt sich einfach darum, dass Sie - mag nun Ihr geheimnisvoller Lebensplan
beschaffen sein, wie er will - noch ein Jahr unter meiner Vormundschaft bleiben
und diese Zeit lediglich auf Ihre geistige Ausbildung verwenden ... Lassen Sie
mich ausreden!« fuhr er mit erhobener Stimme und gerunzelten Brauen fort, als
sie versuchte, ihn zu unterbrechen. »Sehen Sie einmal ganz davon ab, dass ich es
bin, der Ihnen diesen Vorschlag macht, und denken Sie, dass ich einzig im Sinne
und nach den ausdrücklichen Worten meines Vaters handle, indem ich für Ihre
höhere Ausbildung sorge!«
    »Dazu ist es viel zu spät.«
    »Zu spät? Bei Ihrer Jugend?«
    »Sie missverstehen mich. Ich will damit sagen, dass ich einst, als
unzurechnungsfähiges, hilfloses Kind, gezwungen war, Almosen anzunehmen - ich
musste das, wohl oder übel, über mich ergehen lassen. Jetzt stehe ich auf eigenen
Füssen, ich kann arbeiten und werde nie auch nur einen Groschen annehmen, den ich
nicht verdient habe.«
    Der Professor biss sich auf die Lippen, und seine Brauen senkten sich so
tief, dass die Augen fast verschwanden.
    »Ich habe diesen Einwurf vorausgesetzt,« entgegnete er kalt, »denn ich kenne
ja Ihren unbezähmbaren Stolz bis auf den Grund ... Mein Plan ist der: Sie
besuchen ein Institut - ich leihe Ihnen die nötigen Mittel, und Sie zahlen mir
später, wenn Sie selbständig sind, das Geld bei Heller und Pfennig zurück ...
Ich kenne in Bonn eine ausgezeichnete Erziehungsanstalt und bin Hausarzt bei der
sehr würdigen Vorsteherin derselben. Sie würden dort gut aufgehoben sein und -«
fügte er mit leicht vibrierender Stimme hinzu - »das Scheiden auf
Nimmerwiedersehen wäre dann auch noch ein wenig hinausgeschoben ... In vierzehn
Tagen gehen meine Ferien zu Ende; ich reise in Begleitung meiner Kousine nach
Bonn zurück, und Sie würden dann natürlicherweise gleich mit uns gehen ...
Felicitas, ich habe Sie neulich ersucht, recht gut und ruhig zu sein - ich
wiederhole jetzt diese Bitte. Folgen Sie einmal nicht den Einflüsterungen Ihres
verletzten Gefühls; vergessen Sie - wenn auch nur für Augenblicke - die
Vergangenheit und lassen Sie mich gut machen, was versäumt worden ist.«
    Sie hatte beklommen zugehört. Wie neulich bei Erzählung seiner sogenannten
Vision hatte seine Stimme etwas Bestrickendes. Er war nicht so unerklärlich
erregt wie damals, aber die wahr und aufrichtig gemeinte Reue, die er, ohne
seiner männlichen Würde irgend etwas zu vergeben, mit einem so milden Ernst an
den Tag legte, ergriff sie wider Willen.
    »Dürfte ich noch über meine nächste Zukunft verfügen, so würde ich unbedingt
und getrost Ihr Anerbieten annehmen,« sagte sie weicher, als sie je zu ihm
gesprochen; »aber ich bin gebunden - an dem Tage, wo ich Frau Hellwigs Haus
verlasse, trete ich in einen neuen Wirkungskreis.«
    »Unabänderlich?«
    »Ja - mein einmal gegebenes Wort ist mir heilig, ich ändere oder deutele
niemals daran, sollte es mir in seiner Konsequenz auch die grössten
Unannehmlichkeiten bringen.«
    Er stand rasch auf und trat aus dem Bereiche der Birke.
    »Und darf man auch jetzt noch nicht erfahren, was Sie vorhaben?« fragte er,
ohne das Gesicht nach ihr zurückzuwenden.
    »O ja,« entgegnete sie gelassen; »Frau Hellwig würde bereits darum wissen,
wenn ich Gelegenheit hätte, in ihre Nähe zu kommen - die Frau Hofrätin Frank hat
mich als Gesellschafterin engagiert.«
    Diese wenigen letzten Worte hatten die Wirkung eines plötzlichen
Donnerschlags. Der Professor wandte sich jäh um, und über sein Gesicht schoss
eine dunkle Flamme.
    »Die Frau da drüben?« fragte er, als traue er seinen Ohren nicht, und
deutete mit der Hand nach dem Frankschen Garten. Er kehrte rasch unter den Baum
zurück. »Das schlagen Sie sich nur gleich aus dem Sinn,« sagte er entschieden
und gebieterisch; »dazu werde ich nie meine Einwilligung geben.«
    Jetzt erhob sich das junge Mädchen mit einer unwilligen Bewegung - die
mühsam gepflückten Blumen fielen auf den Rasen. »Ihre Einwilligung?« fragte sie
stolz. »Die brauche ich nicht! In vierzehn Tagen bin ich völlig frei und kann
gehen, wohin es mir beliebt.«
    »Die Sache liegt jetzt anders, Felicitas,« entgegnete er sehr beherrscht.
»Ich habe mehr Rechte über Sie, als Sie denken. Es können Jahre vergehen, ehe
diese Rechte erlöschen, und auch dann - ja, auch dann fragt es sich noch, ob ich
Sie freigebe.«
    »Das werden wir sehen!« sagte sie kalt, mit entschlossener Haltung.
    »Ja, das sollen Sie sehen! ... Ich habe gestern mit Doktor Böhm, dem
vertrautesten Freunde meines verstorbenen Vaters, ausführlich und eingehend über
Ihre damalige Aufnahme in meinem elterlichen Hause gesprochen, und es stellt
sich folgendes heraus: Sie sind meinem Vater mit der ausdrücklichen Bedingung
übergeben worden, dass er Sie unter seinem Schutz behalten müsse, bis Ihr eigener
Vater Sie zurückfordere, oder ein anderer braver Beschützer sich finde, der -
Ihnen seinen Namen gebe. Mein Vater hat mich für den Fall seines Todes
schriftlich als Stellvertreter in dieser Angelegenheit ernannt, und ich bin fest
entschlossen, die Bedingung aufrecht zu erhalten.«
    Jetzt war es um die Fassung des jungen Mädchens geschehen.
    »Gott im Himmel!« rief sie ausser sich und schlug die Hände zusammen. »Soll
denn dies Elend nie aufhören? ... Ich soll gezwungen werden, in dieser
entsetzlichen Abhängigkeit weiter zu leben? Jahrelang hat mich der Gedanke
aufrecht erhalten, dass ich mit meinem achtzehnten Lebensjahre erlöst sein würde!
Nur in diesem Gedanken habe ich vermocht, äusserlich ruhig und unverwundbar zu
scheinen, während ich innerlich namenlos litt! ... Nein, nein, ich bin nicht
mehr das geduldige Geschöpf, das sich aus Achtung vor dem Willen der Toten
knechten und treten lässt! ... Ich will nicht! ... Ich will nichts mehr mit den
Hellwigs zu schaffen haben - ich werde diese verhassten Fesseln abschütteln um
jeden Preis!«
    Der Professor ergriff ihre beiden Hände, seine Züge waren bei den letzten
Worten totenbleich geworden.
    »Besinnen Sie sich, Felicitas!« sagte der Professor mit beschwichtigender,
aber völlig erloschener Stimme. »Wüten Sie nicht gegen sich selbst, wie ein
kleiner ohnmächtiger Vogel, der sich lieber den Kopf einstösst, ehe er sich in
das Unabänderliche fügt ... Verhasste Fesseln! ... Kommt es Ihnen denn gar nie
zum Bewusstsein, dass Sie mir unsäglich weh tun mit Ihren harten, rücksichtslosen
Worten? ... Sie sollen frei sein, völlig frei in Ihrem Denken und Handeln, nur
beschützt und behütet, wie - ein zärtlich geliebtes Kind ... Felicitas, Sie
sollen jetzt erkennen lernen, wie es ist, wenn die Liebe für uns denkt und sorgt
... Nur noch dies eine Mal werde ich als gebietender Vormund auftreten,
erschweren Sie mir die nötigen Schritte nicht durch Ihren Widerstand, der Ihnen
ganz und gar nichts helfen wird - das erkläre ich Ihnen entschieden. Ich werde
die Angelegenheit in meine Hände nehmen und Ihr Uebereinkommen mit der Hofrätin
Frank rückgängig machen.«
    »Tun Sie das!« stiess Felicitas mit bebenden Lippen fast heiser hervor - aus
ihrem Gesicht schien der letzte Blutstropfen entwichen. - »Aber auch ich werde
handeln, und Sie können sicher sein, dass ich mich bis zum letzten Atemzug wehren
werde!«
    Nie in ihrem jungen, schwergeprüften Leben hatte ein solcher Sturm ihr
Inneres durchtobt, wie in diesem Augenblick. Es tauchten plötzlich neue,
unbekannte Stimmen in ihr auf, die mächtig mitsprachen in diesem Aufruhr - es
war, als seien sie nur der Widerhall seiner innigen, beschwörenden Worte. Wie
eine dunkle Gewitterwolke hing eine furchtbare Gefahr über ihrem Haupte, und -
das fühlte sie instinktmässig - sie musste sich um jeden Preis von ihm losreissen,
wenn sie nicht dieser Gefahr rettungslos verfallen wollte ... War es doch jetzt
schon, als habe er eine unbegreifliche Gewalt über ihr ganzes Wesen, als schlüge
jedes harte Wort, das sie ihm sagte, schmerzend auf ihr eigenes Herz zurück.
    Er hatte bis dahin ihre Hände festgehalten, und während sie sprach, ruhte
sein Blick durchdringend auf ihren Zügen, die für einen Augenblick rückhaltslos
das leidenschaftlich erregte Innere des Mädchens widerspiegelten - den Augen
dieses Arztes und Menschenkenners hatten sich wohl schon ganz andere Geheimnisse
und Vorgänge der Menschenbrust offenbaren müssen, als die einer, wenn auch noch
so stolzen, doch gerade vermöge ihrer Reinheit und Schuldlosigkeit unbewachten
Mädchenseele ... »Sie werden nichts ausrichten!« sagte er plötzlich gelassen,
mit einer fast heiteren Ruhe. »Ich habe die Augen offen, und mein Arm reicht
ziemlich weit ... Sie entgehen mir nicht, Felicitas! ... Hier in X. lasse ich
Sie auf keinen Fall, und - ebensowenig werde ich ohne Sie nach Bonn
zurückreisen.«
    Die Gartentür hatte längst geknarrt, aber das Geräusch war den Sprechenden
entgangen. Jetzt kam Rosa und meldete dem Professor, dass Frau Hellwig im Salon
warte, auch die Frau Regierungsrätin lasse ihn recht sehr bitten, zu kommen.
    »Ist sie unwohl?« fragte der Professor rauh, ohne sich nach der
Kammerjungfer umzuwenden.
    »Nein,« entgegnete sie verwundert, »aber die gnädige Frau wird bald fertig
sein mit dem Kaffee, den sie selbst kocht - sie wünscht, der Herr Professor
möchte ihn recht frisch trinken ... der Herr Rechtsanwalt Frank ist auch im
Salon.«
    »Nun gut, ich werde kommen,« sagte der Professor, aber er machte keine
Anstalt zu gehen. Vielleicht hoffte er, Rosa solle sich wieder entfernen, darin
irrte er sich jedoch. Das Mädchen machte sich mit Aennchen zu schaffen, die
jammernd und wehklagend die Händchen zusammenschlug über alle die »totgetretenen
Blümchen« auf dem Rasen. Endlich schritt er missmutig den Damm hinab.
    »Halten Sie sich nicht so lange hier auf,« rief er nach Felicitas zurück.
»Der Wind wird stärker, er bringt uns möglicherweise ein Gewitter. Kommen Sie
mit Aennchen in das Gartenhaus.«
    Er verschwand hinter den Taxuswänden. Felicitas aber durchschritt hastig die
ganze Länge des Dammes. In ihrem sonst so klaren Kopf wirbelte es chaotisch
durcheinander. Sie rang vergebens nach der nötigen Fassung und Ruhe, um ihre
augenblickliche Lage übersehen und Herr derselben werden zu können ... Also sie
sollte ihr Joch weiterschleppen, und nicht genug, dass man ihr jedwede
Selbständigkeit auf lange Zeit hinaus verweigerte, sie sollte sogar in seiner
unmittelbaren Nähe leben, jahrelang täglich mit ihm verkehren - als ob dies
nicht die furchtbarste Aufgabe wäre, die ihr je gestellt werden konnte! ...
Hatte sie nicht alles getan, ihm zu beweisen, dass er ihr in tiefster Seele
verhasst sei, dass sie unversöhnlich bleiben werde ihr lebenlang? War es nicht
gerade deshalb die raffinierteste Grausamkeit, sie in der Weise fesseln zu
wollen? ... Nein, tausendmal lieber wollte sie sich noch auf Jahre hinaus von
Frau Hellwig misshandeln lassen, als auch nur einen einzigen Monat länger mit ihm
zusammen sein, der eine wahrhaft dämonische Macht ihr gegenüber entfaltete.
Schon allein seine Stimme vermochte ihren sonst so geordneten Gedankengang zu
verwirren - der unbeschreiblich milde und warme Ton, den er jetzt immer annahm,
berührte jede Fiber ihres Herzens und machte es heftiger klopfen - das war
natürlicherweise der alte Hass, der sich aufbäumte, aber musste sie nicht
schliesslich an diesem einen so furchtbar erregten und fortwährend genährten
Gefühle physisch und moralisch zu Grunde gehen? ... Die neulich erzählte Vision
hatte ihr viel zu denken gegeben, jetzt wurde ihr die einzige mögliche Lösung
durch die Worte bestätigt: »Felicitas, Sie sollen jetzt erkennen lernen, wie es
ist, wenn die Liebe für uns denkt und sorgt!«
    Er beabsichtigte jedenfalls, trotz ihrer entschiedenen Erklärung in ihren
Lebensfragen selbst entscheiden zu wollen, später eigenmächtig über ihre Hand zu
verfügen, sie sollte an irgend einen Mann, den er wählte, gebunden werden -
damit war sie versorgt und das ihr widerfahrene Unrecht, welches er allerdings
eingesehen hatte, gut gemacht - das Herz drehte sich ihr um bei dieser
Vorstellung ... Wie vermessen und unmoralisch war eine solche Absicht! Konnte er
irgend einen Menschen zwingen, sie zu lieben? Er selbst hatte eine unglückliche
Neigung und ging deshalb einsam durch das Leben; mit diesem Enschluss gestand er
seinem Herzen grosse Rechte zu - es durfte entscheiden über seine ganze Zukunft
... Er sollte sehen, dass auch sie für sich selbst genau dasselbe Vorrecht
beanspruche, dass sie sich nicht verhandeln liesse wie eine Ware ... Was hielt sie
ab, sofort zu der Hofrätin Frank zu gehen und sich unter deren Schutz zu
flüchten? ... Ach, da war ja der kleine graue Kasten, der kettete sie fester an
das unselige Haus, als es irgend ein menschlicher Wille vermocht hätte - um
seinetwillen musste sie ausharren bis zum letzten Augenblick.
    
 
                                       23
Aennchen unterbrach das qualvolle Sinnen und Grübeln des jungen Mädchens. Sie
nahm schmeichelnd Felicitas' Hand und zog sie den Damm hinab. Der Wind sauste
bereits mit grosser Gewalt durch die Baumwipfel, er fuhr auch stossweise und
bissig in die geschützteren Regionen - erschrocken beugten sich die kleinen,
schüchternen Grasblumen vor dem Störenfried. Ueber die Sonne hin jagten einzelne
Wolkengebilde, deren Schatten sich für Momente wie dunkle Riesenflügel über die
Kies- und Rasenplätze hinstreckten, Rosenblätter wirbelten hoch in den Lüften,
und selbst die starren Taxuspyramiden neigten sich steif und gravitätisch wie
alte Hofdamen.
    Da war es gemütlich im schützenden Hause. Felicitas setzte sich auf einen
Gartenstuhl in der Hausflur und zog eine Handarbeit hervor. Die Tür der kleinen
Küche und auch die des Salons standen weit offen. Es liess sich wohl nicht leicht
etwas Anmutigeres denken, als die Regierungsrätin, indem sie »das wirtliche
Hausmütterchen« repräsentierte. Sie hatte eine reichgarnierte, schwarzseidene
Latzschürze vorgebunden, in dem blonden Lockengeringel, nahe am Ohre, wiegte
sich eine Rose mit dunkelpurpurnem Kelch - sie war offenbar im Vorübergehen vom
Strauche genommen und wie in absichtsloser Selbstvergessenheit placiert worden,
das war von allerliebster Wirkung. Unter dem festonartig aufgenommenen Kleide
bewegten sich die kleinen, in zimtfarbenen Stiefelchen steckenden Füsse mit
kinderhafter Leichtigkeit und Grazie, auch der augenblickliche Ausdruck des
rosigen Gesichts war der eines glückseligen, harmlosen Kindes, das mit wichtigem
Eifer ein ihm anvertrautes Amt versieht - wer hätte bei diesem vollendeten
Gepräge unschuldvoller Naivetät an die Bezeichnung »Witwe und Mutter« denken
mögen?
    Während sie am Küchenherd wirtschaftete, war im Salon zwischen Frau Hellwig
und dem Rechtsanwalt ein lebhaftes Gespräch im Gange - es drehte sich um das
Testament der alten Mamsell. Heinrich und Friederike hatten dem jungen Mädchen
bereits versichert, dass die »Madame« nichts mehr spreche und denke, was nicht
mit der unglücklichen Testamentsgeschichte zusammenhinge. Felicitas sah für
einen Augenblick das Gesicht der grossen Frau, es erschien ihr merkwürdig grau
und gealtert, auch in ihrer Art und Weise, zu sprechen, lag eine ungewohnte Hast
- Grimm und Groll hatten offenbar noch die Oberhand in dieser tief alterierten
Frauenseele.
    Der Professor beteiligte sich nicht an der Unterhaltung, ja, es schien, als
gleite sie völlig unverstanden an ihm ab. Er durchschritt, die Hände auf den
Rücken gelegt und wie in tiefen Gedanken verloren, unausgesetzt die ganze Länge
des Salons, nur wenn er an der offenen Tür vorüberkam, hob er den Kopf, und ein
prüfender Blick fiel auf das arbeitende Mädchen in der Hausflur.
    »Ich beruhige mich mein lebenlang nicht, mein lieber Frank!« wiederholte
Frau Hellwig. »Ja, wenn nicht jeder Groschen von den Hellwigs sauer erworben
gewesen wäre! Aber nun kommt da vielleicht irgend ein verkommenes Subjekt und
verjubelt in kurzem die Ersparnisse eines ehrbaren Hauses - zu welcher
Segensquelle hätte dies Geld in unseren Händen werden müssen!«
    »Aber, Tantchen,« begütigte die junge Witwe, die eben mit der dampfenden
Kaffeekanne eintrat und die Tassen füllte, »da vertiefst du dich nun wieder in
die leidige Geschichte, die dich so sichtbar angreift - du wirst dich noch krank
machen ... Denke an deine Kinder und auch an mich, Tantchen, um unsertwillen
suche zu vergessen!«
    »Vergessen?« fuhr Frau Hellwig auf. »Niemals! Dafür hat man Charakter,
welcher leider der jüngeren Welt immer mehr abhanden kommt!« - ein vernichtender
Blick streifte ihren auf und ab wandelnden Sohn. - »Die Schmach eines erlittenen
Unrechts geht mir in Blut und Nerven über - ich kann's nicht verwinden ... Wie
magst du mir nur mit solchen abgedroschenen Phrasen kommen! Du bist doch
manchmal entsetzlich oberflächlich, Adele!«
    Das Gesicht der Regierungsrätin verfärbte sich, ein trotzig herber Zug
erschien um ihren Mund, und die Tasse, die sie Frau Hellwig hinreichte, klirrte
in ihrer Hand, aber sie besass doch Selbstbeherrschung genug, um die maliziöse
Antwort, die sich unverkennbar auf ihre Lippen drängte, zu unterdrücken.
    »Den Vorwurf verdiene ich ganz gewiss nicht,« sagte sie nach einem
augenblicklichen Schweigen sehr sanft. »Niemand kann sich die Abscheulichkeit
mehr zu Herzen nehmen, als ich. Nicht allein, dass ich für dich, liebe Tante, und
die beiden Vettern den pekuniären Verlust beklage - es ist für das weibliche
Gemüt auch stets ein bitterer Schmerz, wenn es der moralischen Versunkenheit
begegnen muss ... Da hat diese alte, tückische Person unter dem Dache ihr halbes
Leben lang darüber nachgedacht, wie sie wohl ihre nächsten Verwandten am
empfindlichsten kränkt. Sie ist aus der Welt gegangen, unversöhnt mit Gott und
den Menschen, und ein Sündenregister auf der Seele, das ihr den Himmel
verschliessen muss auf ewig - schrecklich! ... Lieber Johannes, darf ich dir eine
Tasse Kaffee einschenken?«
    »Ich danke,« antwortete der Professor kurz und setzte seinen Weg fort.
    Felicitas' Händen war die Arbeit entfallen. Sie lauschte atemlos den Worten
des verleumderischen Mundes da drinnen. Wohl wusste sie durch Heinrich, dass die
Welt hart und verdammend über die alte Mamsell urteilte; aber es geschah zum
erstenmal, dass sie selbst Zeugin eines solchen Ausspruchs war ... Wie schoss ihr
das Blut siedend nach den Schläfen! Jedes Wort traf ihr Herz wie ein Messerstich
- das waren Schmerzen, die sie um die Tote litt, schneidender noch, als das
Trennungsweh selbst!
    »Inwiefern die alte Dame gesündigt hat, weiss ich nicht,« meinte der
Rechtsanwalt. »Uebrigens, nach allem, was ich höre, kann ihr niemand etwas
Positives nachweisen - die Klatschchronik unserer guten Stadt begnügt sich mit
dunklen Ueberlieferungen ... Ihr Nachlass dagegen beweist unzweifelhaft, dass sie
eine originelle Frau von ungewöhnlichem Geist gewesen sein muss.«
    Frau Hellwig lachte höhnisch auf und wandte dem kühnen Verteidiger
verachtungsvoll den Rücken.
    »Mein bester Herr Rechtsanwalt, es ist die Aufgabe Ihres Berufs, die
schwärzesten Vergehen weiss zu waschen, und da, wo bereits die gesamte Welt mit
Recht verdammt hat, noch Engelsunschuld zu finden - von dem Standpunkt aus lässt
sich Ihr Urteil begreifen,« sagte die Regierungsrätin unbeschreiblich maliziös.
»Ich kenne dagegen ein anderes, das mir - verzeihen Sie - ungleich massgebender
ist - Papa hat sie gekannt. Ein Starrkopf ohnegleichen, hat sie ihren Vater
buchstäblich zu Tode geärgert. Wie gleichgültig sie ferner gegen ihren guten Ruf
gewesen ist, beweist ihr skandalöser Aufentalt in Leipzig, und mit dem
ungewöhnlichen Geist, wie Sie ihn nennen, ist sie auf die entsetzlichsten Abwege
geraten - sie war ein Freigeist, eine Gottesleugnerin.«
    In diesem Augenblick sprang Felicitas empor und trat auf die Schwelle der
Salontür. Die Rechte gebieterisch ausgestreckt, das sonst so bleiche Gesicht
mit einer glühenden Röte übergossen, stand sie dort, schön und zürnend wie ein
Racheengel. Die rosigen Lippen, die unbedenklich, mit unglaublicher Sicherheit
so furchtbare Anklagen aussprachen, verstummten unwillkürlich vor dieser
Erscheinung.
    »Eine Gottesleugnerin ist sie nie gewesen!« sagte das junge Mädchen
entschieden, und ihre Augen hafteten flammend auf dem Gesichte der Verleumderin.
»Ja, sie war ein freier Geist! Sie forschte ohne Angst um ihr Seelenheil oder
einen zerbrechlichen Glauben in Gottes Werken; denn sie wusste, dass da jeder Weg
auf ihn zurückführe. Der Konflikt zwischen der Bibel und den Naturwissenschaften
beirrte sie niemals. Ihre Ueberzeugung wurzelte nicht im Buchstaben, sondern in
Gottes Schöpfung selbst, in ihrem eigenen Dasein und der himmlischen Gabe zu
denken, in dem selbständigen Wirken und Schaffen des unsterblichen
Menschengeistes ... Sie ging nicht wie tausend andere in die Kirche, um Gott im
eleganten Hut und Seidenkleid anzubeten; aber wenn die Glocken läuteten, da
stand auch sie in der Stille demütig vor dem Höchsten, und ich zweifle, dass ihm
das Gebet derer lieber ist, die stündlich seinen Namen anrufen und mit denselben
Lippen den Namen des Nächsten ans Kreuz schlagen!«
    Der junge Frank hatte sich unwillkürlich erhoben; er stützte seine Hand auf
die Stuhllehne und blickte mit einem fast ungläubigen Ausdruck nach dem mutigen
Mädchen hinüber.
    »Sie haben die rätselhafte Frau gekannt?« fragte er wie mit zurückgehaltenem
Atem, als Felicitas schwieg.
    »Ich habe täglich mit ihr verkehrt.«
    »Das sind ja allerliebste Neuigkeiten!« sagte die Regierungsrätin. Diese
Bemerkung sollte ironisch klingen; aber die Stimme der jungen Frau hatte
bedeutend an Sicherheit verloren, und eine auffallende Blässe bedeckte für einen
Augenblick das schöne Gesicht. »Dann wissen Sie ohne Zweifel auch manches
pikante Geschichtchen aus der Vergangenheit Ihrer verehrungswürdigen
Bekanntschaft zu erzählen?« fragte sie in studiert nachlässigem Tone, während
ihre Hand mit dem Kaffeelöffel spielte.
    »Die Dame hat nie über ihr vergangenes Leben mit mir gesprochen,« entgegnete
Felicitas ruhig. Sie wusste, dass sie einen furchtbaren Sturm heraufbeschworen
hatte - es galt jetzt, ihn besonnen, mit kühlem Blute zu erwarten.
    »Wie schade!« bedauerte die junge Witwe, ironisch den Lockenkopf hin und her
wiegend - die blühende Farbe war bereits in ihre Wangen zurückgekehrt. »Ich
bewundere übrigens Ihr vortreffliches Schauspielertalent, Karoline! Sie haben ja
diese geheimen Zusammenkünfte reizend zu maskieren gewusst ... Lieber Johannes,
bereust du auch jetzt noch deine vermeintlich falsche Beurteilung dieses
Charakters?«
    Der Professor war überrascht stehen geblieben, als das junge Mädchen auf der
Schwelle erschien. Ihre verteidigenden Worte, herb, geisselnd und doch
schwungvoll, sprangen ihr förmlich von den Lippen - diesem scharf logischen
Geiste, der sich offenbar unausgesetzt übte, fehlte es doch nie am sofortigen,
schlagenden Ausdruck. Die letzte beissende Frage der Regierungsrätin blieb
unbeantwortet. Der Blick des Professors hing unverwandt an Felicitas - er
lächelte, als er sie, bei aller Selbstbeherrschung, doch unter jenen
Nadelstichen aufzucken sah.
    »War das Ihr eigentliches Geheimnis?« fragte er hinüber.
    »Ja,« antwortete das junge Mädchen, und ihr ernstes Auge leuchtete auf - kam
ihr doch, wunderbar genug, bei dem Klange dieser Stimme urplötzlich die
Ueberzeugung, dass sie nicht allein stehen werde in dem unausbleiblichen Kampfe.
    »Sie wollten später mit der alten Tante zusammenleben, und das war das
Glück, das Sie erhofften?« fragte er weiter.
    »Ja.«
    Wäre die Regierungsrätin nicht zu lebhaft mit der »entlarvten Heuchlerin«
auf der Türschwelle beschäftigt gewesen, sie hätte erschrecken müssen über den
vollen Glücksstrahl, der aus den Augen des Professors brach und sein tiefernstes
Gesicht in nie gesehener Weise verklärte.
    Fragen und Antworten waren bisher mit Blitzesschnelle erfolgt und hatten
Frau Hellwig keine Zeit gelassen, sich von ihrer Ueberraschung zu erholen. Starr
wie ein Steinbild lehnte sie in ihrem Stuhle; der Strickstrumpf war ihren Händen
entglitten und das schneeweisse Knäuel rollte unbeachtet bis in die Mitte des
Salons.
    »Das ist eine höchst interessante Entdeckung für mich!« rief der
Rechtsanwalt, indem er sich Felicitas rasch näherte. »Fürchten Sie ja nicht, dass
auch ich in die mutmasslichen Geheimnisse der Verstorbenen dringen will, das sei
fern von mir! Aber vielleicht sind Sie imstande, mir Anhaltspunkte zu geben
bezüglich der unbegreiflichen Lücken im Nachlasse -«
    Gott im Himmel, sie sollte über das fehlende Silber verhört werden! Sie
fühlte, wie ein Beben ihren ganzen Körper durchlief, ihr Gesicht wurde weisser
als Schnee - bestürzt schlug sie die Augen nieder; in diesem Moment war sie
allerdings das vollendete Bild einer Schuldbewussten.
    »Als leidenschaftlicher Musikfreund und Autographensammler bin ich
eigentlich seit der Testamentseröffnung in einer gelinden Aufregung,« fuhr der
Rechtsanwalt fort, nachdem er, betroffen durch die auffallende Veränderung im
Äusseren des Mädchens, momentan gezögert hatte. »Das Testament erwähnt
ausdrücklich eine Handschriftensammlung berühmter Komponisten - wir suchen sie
jedoch vergebens. Es wird von vielen Seiten behauptet, die Verstorbene habe an
Geistesstörung gelitten, dieser Teil der Hinterlassenschaft sei ein
Hirngespinst, eine Chimäre. Haben Sie je eine solche Sammlung im Besitz der
alten Dame gesehen?«
    »Ja,« sagte Felicitas aufatmend, aber auch zugleich tief erbittert über
diese Behauptung. »Ich habe jedes Blatt gekannt.«
    »War sie reichhaltig?«
    »Sie umfasste hauptsächlich alle Namen des vorigen Jahrhunderts.«
    »Eine Bachsche Oper - ich halte diese Bezeichnung für einen Irrtum - wird
mehrfach in dem Testamente erwähnt; können Sie sich nicht ungefähr auf den Titel
dieses Werkes besinnen?« examinierte der Rechtsanwalt in höchster Spannung
weiter.
    »O ja,« versetzte das junge Mädchen rasch. »Auch darin hat sich die
Verstorbene nicht geirrt. Es war eine Operette. Johann Sebastian Bach hat sie
für die Stadt X. komponiert, und sie ist im alten Rataussaale aufgeführt
worden. Der Titel lautet: Die Klugheit der Obrigkeit in Anordnung des
Bierbrauens.«
    »Nicht möglich!« rief der junge Mann, er prallte förmlich zurück im Übermass
des Erstaunens. »Diese Komposition, die für die musikalische Welt eine Art Myte
ist, sollte in der Tat existieren?«
    »Es war sogar die von Bach eigenhändig geschriebene Partitur,« fuhr
Felicitas fort. »Er hatte sie einem gewissen Gottelf von Hirschsprung
geschenkt, und durch Erbschaft war sie später in die Hände der Verstorbenen
gekommen.«
    »Das sind ja unschätzbare Entüllungen! - Und nun beschwöre ich Sie auch,
mir zu sagen, wo diese Sammlung sich befindet.«
    Da stand sie plötzlich vor einer Klippe. Empört darüber, dass nun auch noch
Tante Cordulas klarer Geist angezweifelt wurde, hatte sie alles aufgeboten, die
abscheuliche Verleumdung zu widerlegen. Im Verteidigungseifer war ihr nicht
eingefallen, zu welchem Ausgangspunkte ihre Beweisführungen notwendig kommen
mussten ... Jetzt musste sie auf diese peinliche Frage direkt antworten ... sollte
sie geradezu lügen? Das war unmöglich!
    »Soviel ich weiss, existiert sie nicht mehr,« sagte sie leiser, als sie
bisher gesprochen.
    »Sie existiert nicht mehr? Damit wollen Sie doch wohl nur sagen, dass sie
nicht mehr im Zusammenhang vorhanden ist?«
    Felicitas schwieg. Sie wünschte sich meilenweit fort aus dem Bereiche dieses
leidenschaftlichen Drängers.
    »Oder wie!« fuhr er bestürzt fort, »wäre sie in Wirklichkeit vernichtet?
Dann müssen Sie mir auch erklären, wie das geschehen konnte.«
    Das war eine qualvolle Lage. Dort sass die Frau, die durch ihre Aussage
kompromittiert wurde ... Wie oft war in Augenblicken leidenschaftlicher
Aufregung ein hässliches Rachegefühl gegen ihre herzlose Peinigerin in ihr
aufgeflammt! Sie hatte dann gemeint, es müsse süss sein, dies abscheuliche Weib
auch einmal leiden zu sehen ... Jetzt stand sie vor einem solchen Moment - sie
konnte die grosse Frau beschämen, sie einer ungesetzlichen Tat überführen ...
Wie wenig hatte sie sich selbst, den Adel ihrer Natur gekannt - sie war
vollständig unfähig, sich zu rächen! ... Verstohlen sah sie hinüber nach ihrer
Feindin, ein wahrhaft tigerartiger Blick begegnete dem ihren - das beirrte sie
nicht.
    »Ich war nicht zugegen, als die Sammlung vernichtet worden ist, und kann
deshalb auch nicht das Geringste aussagen,« erklärte sie so fest und
entschieden, dass man sofort erkennen musste, sie werde sich nie zu irgend einer
Mitteilung herbeilassen ... Diese Handlungsweise sollte ihr teuer zu stehen
kommen, denn jetzt brach das Gewitter los, das bis dahin dumpf grollend über
ihrem Haupte geschwebt hatte. Frau Hellwig war aufgestanden, sie stützte beide
Hände auf den Tisch, und ihre Augen funkelten wahrhaft dämonisch aus dem
farblosen Gesichte.
    »Elendes Geschöpf, glaubst du, mich schonen zu müssen?« rief sie mit
zornbebender Stimme. »Du unterstehst dich zu denken, ich hätte Ursache, irgend
eine meiner Handlungen vor der Welt zu verbergen, und du müsstest die Hehlerin
machen, du?« - Sie wandte verachtungsvoll den Kopf weg und richtete ihre grauen
Augen mit der wiedergewonnenen Kälte und stolzen Ueberlegenheit auf den
Rechtsanwalt. »Eigentlich bin ich gewohnt, nur Gott, meinem Herrn, Rechenschaft
abzulegen von meinen Taten,« sagte sie. »Was ich tue, geschieht in seinem
Namen, zu seiner Ehre und zur Aufrechterhaltung seiner heiligen Kirche. Aber Sie
sollen trotzdem erfahren, mein lieber Frank, was aus jenen unschätzbaren
Papieren geworden ist, lediglich aus dem Grunde, damit die Person dort nicht
einen Augenblick in dem Wahne bleibt, ich hätte irgendwie Gemeinschaft mit ihr
... Die verstorbene Cordula Hellwig war eine Gottesleugnerin, eine verlorene
Seele - wer sie verteidigt, der beweist nur, dass er denselben Weg wandelt. Statt
zu beten um den verlorenen Frieden, betäubte sie die Stimme ihres Gewissens mit
dem Gifte weltlicher Musik voll sträflicher Sinnenlust. Selbst am Sonntag
entweihte sie mein stilles Haus mit ihrem sündhaften Treiben; tagelang sass sie
vor den unseligen Büchern, und je mehr sie sich hinein vertiefte, desto
halsstarriger und unzugänglicher wurde sie für mein Bestreben, sie zu retten ..
Seit jener Zeit kenne ich keinen sehnlicheren Wunsch, als diese nichtswürdige
Menschenerfindung, an der Gott keinen Teil hat, und welche die Seelen vom Wege
des wahren Heils verlockt, von der Erde vertilgen zu können - ich habe die
Papiere verbrannt, mein lieber Frank!«
    Diese letzten Worte sprach sie mit erhobener Stimme und dem Ausdruck eines
unsäglichen Triumphes.
    »Mutter!« rief der Professor entsetzt und eilte auf sie zu.
    »Nun, mein Sohn?« fragte sie zurück mit einer Gebärde der Unnahbarkeit. Ihre
ganze Gestalt streckte sich - sie stand dort wie in Erz gepanzert. »Du willst
mir offenbar den Vorwurf machen, dass ich dich und Natanael um dies kostbare
Erbteil gebracht habe,« fuhr sie mit unbeschreiblichem Hohne fort. »Beruhige
dich, ich habe längst beschlossen, die paar Taler aus meiner eigenen Kasse zu
ersetzen - ihr seid da jedenfalls im Vorteil.«
    »Die paar Taler?« wiederholte der Rechtsanwalt; er bebte vor Zorn und
Entrüstung. »Madame Hellwig, Sie werden das Vergnügen haben, Ihren Herren Söhnen
bare fünftausend Taler hinausbezahlen zu müssen!«
    »Fünftausend Taler?« lachte Frau Hellwig auf. »Das ist lustig! Diese
elenden, beschmutzten Papiere! ... Machen Sie sich nicht lächerrlich, lieber
Frank!«
    »Diese elenden, beschmutzten Papiere werden Ihnen teuer zu stehen kommen,
wiederhole ich!« versetzte der junge Mann, indem er sich zu beherrschen suchte.
»Ich werde Ihnen morgen eine eigenhändige Notiz der Verstorbenen vorlegen, die
den Wert der Handschriftensammlung auf volle fünftausend Taler angibt - das
Bachsche Manuskript nicht mitgerechnet; verstehen Sie mich recht, Madame Hellwig
- in welch bösen Handel Sie sich durch die Vernichtung dieses in der Tat
unschätzbaren Werkes, den Hirschsprungschen Erben gegenüber, verwickelt haben,
das lässt sich noch gar nicht absehen!« Er schlug sich im Übermass der Empörung
mit der Hand gegen die Stirn. »Unglaublich!« rief er. »Johannes, in diesem
Augenblick erinnere ich dich an meine Behauptung, die ich vor wenig Wochen
aufgestellt habe - schlagender konntest du nicht überführt werden!«
    Der Professor antwortete nicht. Er war an ein Fenster getreten und wandte
das Gesicht nach dem Garten. Inwieweit ihn die Beweisführung seines tieferregten
Freundes traf, das liess sich nicht ermitteln.
    Einen Moment schien es, als ob Frau Hellwig begriffe, dass sie mutwillig ein
unabsehbares Gefolge von Unannehmlichkeiten sich selbst heraufbeschworen habe;
ihre Haltung verlor plötzlich das starre Gepräge der Unfehlbarkeit und
unerschütterlichen Zuversicht, und das spöttische Lächeln, das sie zu behaupten
suchte, war nur noch eine Verzerrung der Lippen. Aber wie hätte je der unerhörte
Fall eintreten können, dass die grosse Frau in die Lage gekommen wäre, irgend
einen Schritt zu bereuen? Sie handelte ja stets im Namen des Herrn, da war kein
Irrtum, kein Fehlgehen möglich. Sie fasste sich rasch.
    »Ich erinnere Sie an Ihren eigenen Ausspruch von vorhin, Herr Rechtsanwalt,«
sagte sie kalt und förmlich; »man bezichtigt die Verstorbene mit vollem Recht
der Geistesstörung - es dürfte mir nicht schwer werden, genügende Beweise dafür
zu bringen ... Wer will mich denn überführen, dass jene geradezu lächerliche
Wertangabe nicht im Wahnsinn niedergeschrieben worden ist?«
    »Ich!« rief Felicitas rasch und entschieden, wenn auch ihre Stimme im
Widerstreite der Empfindungen bebte. »Diese Angriffe werde ich von der Toten
abzuwehren suchen, solange ich kann, Madame Hellwig! Nie mag es wohl ein
gesünderes, lichtvolleres Denkvermögen gegeben haben, als sie besessen hat -
meine Aussage wird freilich nicht in Betracht kommen; aber wenn es Ihnen auch
gelingt, jeden Beweis für die ungetrübte Geistesklarheit der Verstorbenen
umzustossen, so sind doch noch die Mappen da, in denen die Sammlung gewesen ist -
ich habe sie gerettet! Jede derselben entält auf der inneren Seite das
vollständige Inhaltsverzeichnis; bei jedem einzelnen Autographen ist mit
strenger Genauigkeit angegeben, wann, von wem und zu welchem Preise derselbe
angekauft worden ist.«
    »Ei, da habe ich mir ja einen vortrefflichen Gegenzeugen grossgefüttert!«
stiess Frau Hellwig hervor. »Aber jetzt werde ich mit dir ins Gericht gehen! ...
Also du hast es gewagt, mich jahrelang mit beispielloser Frechheit zu
hintergehen? Du hast mein Brot gegessen, während du mich hinter meinem Rücken
verhöhntest? Von Tür zu Tür hättest du betteln gehen müssen, wenn ich nicht
war! Fort aus meinen Augen, du ehrlose Betrügerin!«
    Felicitas wich nicht von der Schwelle. Es sah aus, als wachse die zarte
Gestalt unter den Vorwürfen, die zu ihr hinübergeschleudert wurden; ihr Gesicht
war totenbleich; nie aber hatte es so entschieden den unbeugsamen, furchtlosen
Geist des Mädchens ausgedrückt, als in diesem Augenblick.
    »Den Vorwurf, dass ich Sie hintergangen habe, verdiene ich!« sagte sie mit
bewunderungswürdiger Fassung. »Ich habe vorsätzlich geschwiegen und hätte mich
lieber zu Tode misshandeln lassen, ehe auch nur eine Andeutung über meine Lippen
gekommen wäre - das ist wahr! Trotzdem stand dieser Vorsatz auf sehr schwachen
Füssen - ein gutes, herzliches Wort aus Ihrem Munde, ein wohlwollender Blick
allein hätten ihn umzustossen vermocht, denn nichts widerstrebt mir mehr, als ein
scheues Verbergen meiner Handlungen ... Ein sündhafter Betrug aber war es nicht!
Wer würde wohl die ersten Christengemeinden Betrüger nennen, weil sie in Zeiten
der Verfolgung heimlich und gegen das Verbot zusammenkamen? - Auch ich musste
meine Seele retten!« Sie schöpfte tief Atem und ihre braunen Augen richteten
sich mit einem energischen Ausdruck auf das Gesicht der grossen Frau. »Ich wäre
in bodenlose Nacht versunken ohne das Asyl und den Schutz, den ich in der
Dachstube gefunden habe ... An den ewig zürnenden und strafenden Gott, zu
welchem Sie beten, Madame Hellwig, der eine Hölle neben sich duldet, und welcher
seine Kinder zum Bösen verführt, um sie zu prüfen und dann strafen zu können, an
dieses unversöhnliche höchste Wesen konnte ich nicht glauben ... Die Verstorbene
hat mich zu dem Einzigen hingeleitet, der ganz Liebe und Erbarmen, Weisheit und
Allmacht ist, und der allein herrscht im Himmel und auf der Erde ... Der Trieb
zum Lernen, die Wissbegierde lag unbesiegbar in meiner Kinderseele - hätten Sie
mich verhungern lassen, Madame Hellwig, es wäre nicht so grausam gewesen, als
Ihr unermüdliches Bestreben, meinen Geist zu knebeln, ja, ihn systematisch zu
töten ... Verhöhnt habe ich Sie nicht hinter Ihrem Rücken, aber Ihre Absichten
habe ich vereitelt - ich bin die Schülerin der alten Mamsell gewesen!«
    »Hinaus!« rief Frau Hellwig, ihrer nicht mehr mächtig, und zeigte nach der
Tür.
    »Noch nicht, Tantchen!« bat die Regierungsrätin dringend und erfasste den
ausgestreckten Arm der grossen Frau. »Du wirst doch einen so kostbaren Augenblick
nicht unbenutzt vorübergehen lassen! ... Herr Rechtsanwalt, Sie haben vorhin
Ihrer Pflicht als leidenschaftlicher Musikfreund vortrefflich genügt; hiermit
ersuche ich Sie, mit demselben Eifer zu inquirieren, wo die fehlenden Schmuck-
und Silbergegenstände stecken - hat Eine die Hand dabei im Spiele gehabt, so ist
es Jene dort!«
    Der Rechtsanwalt näherte sich dem jungen Mädchen, das sich krampfhaft mit
der Linken an die Türbekleidung festielt, er bot ihr mit einer Verbeugung den
Arm und sagte freundlich ernst: »Wollen Sie mir erlauben, Sie in das Haus meiner
Mutter zu führen?«
    »Hier ist Ihr Platz!« klang es plötzlich laut und entschieden von den Lippen
des bis dahin lautlos schweigenden Professors. Er stand hochaufgerichtet neben
Felicitas und hielt ihre Rechte fest in seiner Hand.
    Der junge Frank wich unwillkürlich zurück - beide Männer massen sich einen
Augenblick schweigend; in dem seltsamen Blick, den sie austauschten, lag
durchaus nichts mehr von dem Gefühl ruhiger Freundschaft.
    »Ah, bravo, zwei Ritter auf einmal, das ist ja ein reizendes Bild!« rief die
Regierungsrätin auflachend - eine Tasse flog zerschmetternd auf den Boden; in
jedem anderen Augenblicke würde Frau Hellwig diese »Unachtsamkeit« der jungen
Witwe bitter gerügt haben, aber jetzt stand sie bewegungslos vor Grimm und
Ueberraschung.
    »Es scheint, ich komme heute oft in den Fall, an die Vergangenheit
appellieren zu müssen,« unterbrach der Rechtsanwalt, bitter gereizt, die
momentane Stille. »Du wirst dich erinnern, Johannes, dass du dich deiner
Autorität mir gegenüber vollständig entäussert und mich zu dem jetzigen Schritte
ermächtigt hast?«
    »Ich leugne nicht ein Jota davon,« antwortete der Professor kalt. »Wünschest
du eine bündige Erklärung für diese meine Inkonsequenz, so stehe ich dir
jederzeit zu Diensten - nur hier nicht.«
    Er zog Felicitas von der Schwelle fort und trat mit ihr in den Garten.
    »Gehen Sie jetzt in die Stadt zurück, Felicitas,« sagte er, und seine einst
so eisig kalten, stahlgrauen Augen ruhten mit unbeschreiblicher Innigkeit auf
dem Gesicht des jungen Mädchens. »Das soll Ihr letzter Kampf gewesen sein, arme
kleine Fee! ... Nur noch eine einzige Nacht sollen Sie unter dem Dache meiner
Mutter zubringen - von morgen ab beginnt ein neues Leben für Sie!«
    Er zog ihre Hand, die er noch festielt, wie unbewusst näher an sich heran,
dann liess er sie fallen und trat in das Haus zurück.
 
                                       24
Felicitas verliess mit geflügelten Schritten den Garten - der Professor irrte
sich, nicht einmal der Abend, geschweige denn die Nacht sollte sie noch im alten
Kaufmannshause finden ... Jetzt war der Moment gekommen, wo sie in Tante
Cordulas Zimmer dringen konnte. In der Allee begegnete ihr die alte Köchin, die
das Abendbrot in den Garten trug - es war mitin niemand zu Hause als Heinrich
... Wie das sauste und brauste durch die alten, knorrigen Linden! Der Wind trieb
das junge Mädchen unwiderstehlich vorwärts - das war auf dem ebenen, festen
Boden unter dem Schutz dichter Baumkronen; was aber stand ihr für ein Gang bevor
hoch droben in den brausenden Lüften, über abschüssige Dächer hinweg!
    Heinrich öffnete ihr die Haustür. Felicitas glitt atemlos an ihm vorüber,
trat in die Gesindestube und nahm den Dachkammerschlüssel von der Wand.
    »Nun, was soll's denn werden, Feechen?« fragte der Alte verwundert.
    »Ich will dir deine Ehre und mir die Freiheit wieder holen! Sei hübsch
wachsam unterdes, Heinrich!« rief sie zurück und sprang die Treppe hinauf.
    »Du wirst doch keinen dummen Streich machen? Heda, Feechen, 's ist doch
nichts Gefährliches?« rief er ihr nach; aber sie hörte nicht. Er musste unten auf
seinem Posten bleiben und schritt aufgeregt in der Hausflur auf und ab.
    Ueber Felicitas' Haupt zog es bald seufzend, bald in lang gezogenen, leise
pfeifenden Tönen hin, als sie den Korridor unter dem Dache betrat. Das Sparrwerk
knarrte, und durch die Oeffnungen der sonnenerhjetzten Hohlziegel fuhr stossweise
der schwüle, heisse Atem des Gewitterwindes. In diesem Augenblick hing eine grau
und weiss gemischte Hagelwolke über dem Dächerquadrat, ein fahlgelbes Licht
zuckte schräg auf den blumenbedeckten First, es glitzerte wie ein falscher Blick
in den Glasscheiben der Vorbautür, über welche sich losgerissene Ranken des
Epheu und der Kapuzinerkresse haltlos bäumten, und beleuchtete grell das
aufgepeitschte Blättergewirr des wilden Weines.
    Als das junge Mädchen den Kopf aus dem Dachfenster steckte, fuhr ihr ein
heftiger Windstoss über das Gesicht; er raubte ihr den Atem und zwang sie,
augenblicklich zurückzuweichen - sie liess den Unhold vorüberbrausen, dann aber
schwang sie sich hinaus ... Wem es vergönnt gewesen wäre, dies schöne, bleiche
Gesicht mit den fest aufeinandergepressten Lippen und dem düster entschlossenen
Ausdruck aus dem dunklen Dachfenster auftauchen zu sehen, der hätte erkennen
müssen, dass das Mädchen einer entsetzlichen Gefahr sich vollkommen bewusst und
dass es bereit sei, selbst den Tod zu erleiden um seiner Mission willen! ...
Welch ein wunderbares Gemisch war doch diese junge Seele! Ueber einem heissen
Herzen, das so glühend hassen konnte, ein so kühler, besonnener Kopf!
    Sie lief leichten Fusses über die knirschenden Ziegel, und nicht einen Moment
dunkelte es vor diesen klaren Augen; ihr brausender Feind aber gönnte sich nicht
viel Zeit zum Ausschnaufen - ein greller Pfiff, und er kam wieder daher mit
niederstürzender Wucht. Die Vorbautür flog klirrend auf, Blumentöpfe stürzten
zerschmetternd auf den Fussboden der Galerie, und die uralten Sparren ächzten und
zitterten unter Felicitas' Füssen. Sie stand noch auf dem Nachbardache, aber ihre
Hände umklammerten das Galeriegeländer, das sie in demselben Augenblicke
erreicht hatte.
    Wohl riss ihr der Sturm das Haar auseinander und peitschte die gewaltigen
Strähne, als sollten sie in alle Lüfte zerstreut werden, allein sie selbst stand
fest. Nach einem Moment geduldigen Ausharrens konnte sie sich über das Geländer
schwingen, und gleich darauf trat sie in den Vorbau ... Hinter ihr brauste und
tobte es weiter - sie hörte es nicht mehr, sie dachte auch nicht an den
todbringenden Rückweg - die gefalteten Hände schlaff niederhängend, stand sie in
dem kühlen, epheuumsponnenen Raume - sie sah ihn zum letztenmale ... Die
stillen, schneeweissen Gesichter an den Wänden schauten wohlbekannt und doch auch
wieder so verwundert fremdartig hernieder - einst hatten sie diesen Raum
beseelt, denn ihre lebendigen Gedanken wurden heraufbeschworen und umflatterten
die kalten Stirnen, jetzt waren sie nur noch ein Schmuck, eine Dekoration der
Wände, sie starrten ebenso gleichgültig auf die jugendstrahlende Gestalt der
koketten Regierungsrätin, wie auf das blasse Mädchengesicht, das sich
tränenüberströmt zu ihnen emporhob.
    Im übrigen erschien das Zimmer so traut wohnlich, wie zu Tante Cordulas
Lebzeiten. Kein Stäubchen lag auf dem spiegelglatten Mahagonideckel des Flügels,
der Epheu streckte, als Zeichen, dass es ihm wohlgehe, zahllose junge hellgrüne
Triebe aus der dunkeln Blätterwand, und in der einen Fensternische standen
sorgsam gepflegt der prachtvolle Gummibaum und die Palme, zwei Lieblinge der
alten Mamsell. Aber die andere Fensterecke war verändert, das zierliche
Nähtischchen stand nicht mehr dort - der Professor hatte sich die Nische als
Studierwinkel eingerichtet.
    Ueber Felicitas' Gesicht ergoss sich eine brennende Schamröte ... Also sie
stand doch wie ein Dieb in seinem Zimmer! Wer weiss, was dort auf dem
Schreibtisch für Briefe und Papiere lagen, auf die kein fremder Blick fallen
durfte! Er hatte sie sorglos, ohne Arg offen liegen lassen, denn er trug ja den
Zimmerschlüssel in der Tasche - das junge Mädchen flog wie gejagt nach dem
Glasschranke.
    Auf der Seitenwand des alten Möbels, inmitten einer geschnitzten, seltsam
verschnörkelten Arabeske befand sich ein feiner, für ein uneingeweihtes Auge
kaum erkennbarer Metallstift. Felicitas berührte ihn mit festem Druck, und die
Tür des Geheimfaches sprang auf. Da standen und lagen die vermissten
Kostbarkeiten in wohlbekannter Ordnung! Die weitgebauchten silbernen Kaffee- und
Milchkannen, die mit seidenen Bändern zusammengebundenen schweren Löffelpakete,
die altmodischen Etuis mit dem Brillantschmuck, alle diese Dinge befanden sich
genau auf demselben Platze, den sie seit vielen Jahren im tiefen Dunkel der
Verborgenheit eingenommen hatten ... und dort in der Ecke stand die Schachtel
mit dem Armring, daneben aber - der kleine, graue Kasten in schräger Stellung,
wie ihn die alte Mamsell vor wenigen Wochen hastig hingeschoben - sie hatte ihn
offenbar nicht wieder berührt.
    Felicitas nahm ihn mit bebenden Händen heraus - er war nicht leicht -
sterben sollte sein Inhalt, aber auf welche Weise? Wie war er beschaffen?
    Sie hob vorsichtig den Deckel - ein plump gearbeitetes, in Leder gebundenes
Buch lag darin - die starren Blätter klafften auseinander, und der Einbanddeckel
hatte sich im Lauf der Zeit aufwärts gekrümmt. Ein scheuer Blick belehrte das
junge Mädchen, dass dies grobe Papier da drinnen nicht bedruckt, sondern
vollgeschrieben sei.
    Tante Cordula, da ruhen zwei Augen auf deinem Geheimnisse - zwei Augen, in
denen du unzähligemal treue, kindliche Liebe und Hingebung gelesen hast, und ein
junges Herz, das nie an dir gezweifelt, steht heftig klopfend vor dem Rätsel
deines Lebens! Es ist von deiner Schuldlosigkeit so unerschütterlich fest
überzeugt wie von dem Dasein der leuchtenden Sonne, aber es will wissen, wofür
du littest; es will die Grösse deines lebenslänglichen Opfers in seinem ganzen
Umfange ermessen können ... Dein Geheimnis soll sterben; diese Blätter werden zu
Asche zerstieben, und der Mund, der schon in zarter Kindheit unverbrüchlich zu
schweigen verstand, wird es so fest verschliessen, wie der deine!
    Die zitternden Finger des jungen Mädchens schlugen den Deckel zurück.
»Joseph von Hirschsprung, Studiosus philosophiae« stand in kräftigen Zügen auf
dem ersten Blatte ... Es war das Tagebuch des Studenten, des adligen
Schustersohnes, um dessenwillen Tante Cordula ihren Vater buchstäblich zu Tode
geärgert haben sollte. Der Schreiber hatte stets nur die erste Seite eines jeden
Blattes beschrieben und die Rückseite desselben, ohne Zweifel zu Anmerkungen,
freigelassen. Diese Blattseiten aber zeigten in dichtgedrängten Reihen die
feinen, zierlichen Schriftzüge der alten Mamsell.
    Felicitas las den Anfang. Tiefe, originelle Gedanken, mit einer seltenen
Kraft und Knappheit zum Ausdruck gebracht, fesselten sofort das flüchtige Auge
und zwangen zum Nachdenken. Es musste ein wunderbarer Mensch gewesen sein, dieser
junge Schustersohn, mit der Phantasie voll grandioser Bilder, mit dem
tiefeinschneidenden Urteil und dem feurigen Herzen voll leidenschaftlicher
Liebe! ... Und darum hatte ihn auch Cordula, die Tochter des gestrengen Kauf-und
Handelsherrn, geliebt bis in den Tod. Sie schrieb:
    »Du schlossest die Augen für ewig, Joseph, und hast nicht gesehen, wie ich
vor Deinem Lager kniete und mir die Hände wund rang im Gebet zu Gott, dass er
Dich mir erhalten solle. Du riefst meinen Namen in der Wut des Fiebers
unaufhörlich mit dem süssen Schmeichellaute der Liebe, aber auch in zürnenden
Tönen eines tiefverwundeten Herzens, mit dem Aufschrei einer wilden Rache, und
wenn ich zu Dir sprach, da starrtest Du mich fremd an und stiessest meine Hand
zurück.
    »Du bist von hinnen gegangen in dem Wahn, dass ich meinen Schwur gebrochen
habe - und als alles vorüber war und sie Dich hinweggenommen hatten von Deinem
Schmerzenslager, da fand ich dies Buch unter Deinem Kopfkissen. Es sagt mir, wie
ich geliebt worden bin; aber Du hast auch an mir gezweifelt, Joseph! ... Nur
noch auf einen einzigen bewussten Blick wartete ich in Todesangst - er hätte Dich
überzeugen müssen, dass ich schuldlos war, und mein trostloses Geschick hätte
seinen schärfsten Stachel verloren - vergebens! ... Ein Auseinandergehen für
immer, ohne Versöhnung zwischen den scheidenden Seelen - es gibt keine grössere
Seelenmarter! Und wenn ich die schwersten Verbrechen begangen hätte, ich könnte
nicht grausamer gestraft werden, als mit diesem Herzen, das Tag und Nacht
aufschreit und mich ruhelos umherjagt, wie den flüchtigen Kain!
    »Dein grosser Geist stürmt jetzt weiter auf ungemessenen Bahnen, ich aber
wandere noch über die arme, kleine Erde und weiss nicht, ob Dir ein Zurückblicken
möglich ... Ich darf mit niemand über meine inneren Stürme sprechen, und ich
will auch nicht; denn wo wäre ein Mensch, der meinen Verlust begriffe? Es hat
Dich keiner gekannt, als ich! ... Aber einmal muss es noch ausgesprochen werden,
wie alles kam. In diesem Buche hast Du Deine Gedanken niedergelegt; allein so
kühn und gewaltig sie sind, nebenher geht ein süss erquickender Hauch tiefer,
unsterblicher Liebe zu mir, Joseph. Das alles spricht zu mir, wie mit lebendigem
Atem und Deiner sympatischen Stimme ... ich will Dir antworten, hier auf
denselben Blättern, wo Deine Hand geruht hat, und will denken, Du stehest neben
mir und Deine tiefen Augen verfolgen die Feder, wie sie Zug um Zug hinzeichnet,
bis das Rätsel gelöst vor Dir liegt!
    »Weisst Du noch, wie die kleine Cordula Hellwig ihr weisses Lieblingshuhn, das
der Jagdhund verscheucht hatte, auf dem Hausboden suchte? Es war dunkel da
droben, aber durch eine Bretterritze floss es golden, und die Sonnenstäubchen
spielten zu Milliarden in der Lichtsäule. Das kleine Mädchen lugte durch die
Ritze. Da drüben hatte Nachbar Hirschsprung eben die Frucht seines einzigen
Ackers eingeheimst, und hoch auf den gelben Garben sass der wilde, schwarze
Joseph und schaute durch die Dachluke.
    »Such mich doch! rief das Kind durch die Spalte. Der Knabe sprang herab und
sah sich trotzig um. Such mich doch! klang es wieder. Da geschah ein Krach, und
eines der Bretter, hinter welchen die kleine Cordula steckte, fiel polternd
herein auf den Dachboden des vornehmen Nachbarhauses ... Ja, so warst Du,
Joseph! und ich weiss, Du würdest späterhin genug der unwürdigen Schranken in der
Menschenwelt und manches mühsam erbaute falsche System genau so zertreten haben,
wie das Brett, hinter welchem Du geneckt wurdest.
    »Ich weinte bitterlich vor Schreck, und da warst Du plötzlich ganz sanft und
unsäglich gut und führtest mich hinunter in das enge, räucherige
Schusterstübchen ... Die Bretterwand wurde wieder hergestellt; seit der Zeit
aber wanderte ich täglich über die Strasse und besuchte Dich ... Ach, was waren
das für Winternachmittage! Draussen stöberte und stürmte es um die Wette; der
Rosmarinstock auf dem Fenstersims zitterte bei jedem Windstoss, der an den
runden, bleigefassten Scheiben vorüberbrauste, und der sonst so beherzte
Stieglitz klammerte sich an die innere Wand seines Bauers. Auf dem riesigen
Kachelofen brodelte der Kaffeetopf; Deine ehrbare Mutter sass am schnurrenden
Spinnrade und spann Hanf, und der Vater hämmerte tapfer auf seinem Schemel und
verdiente das tägliche Brot.
    »Ich sehe noch sein edles, melancholisches Gesicht vor mir, wenn er erzählte
von vergangenen Zeiten. Da waren die Hirschsprungs ein gewaltiges, berühmtes
Geschlecht gewesen, ein tapferes Hünengeschlecht von riesiger Körperkraft! Welch
eine unabsehbare Reihe von Heldentaten hatte ihr starker Arm ausgeführt! Aber
mir graute vor den Strömen edlen Menschenblutes, das sie vergossen - ich hörte
viel lieber die Geschichte von dem Ritter, der sein junges Weib so herzlich und
treu geliebt hatte. Er liess zwei Armringe machen und auf jedem stand die Hälfte
eines Liebesverses eingegraben; den einen Ring trug er, den anderen sein trautes
Gemahl ... Und als er in der Schlacht todeswund zu Boden stürzte, da kam ein
räuberischer Kriegsknecht und wollte ihm das kostbare Liebeszeichen entreissen;
aber der Sterbende presste krampfhaft seine Linke auf das Kleinod - er liess sich
die Hand verstümmeln und zerhauen, bis sein Knappe zu Hilfe eilte und den Räuber
niederschlug ... Die Armringe wurden in der Familie als Reliquien aufbewahrt,
bis - ja bis die Schweden kamen ... Wie hasstest Du damals diese Schweden,
Joseph! Sie sollten ja schuld sein an dem Untergange derer von Hirschsprung ...
Das war eine tieftraurige Geschichte, und ich mochte sie schon um deshalb nicht
hören, als Dein Vater jedesmal sagte: Siehst Du, Joseph, wenn das Unglück nicht
geschehen wäre, da könntest Du studieren und ein grosser Mann werden, - so aber
bleibt Dir nichts als der Schusterschemel. Ach, diese Geschichte hat noch eine
ganz andere Kehrseite, als der ehrliche Schuster meinte! ...
    »Die Hirschsprungs waren gut papistisch geblieben, als auch das ganze Land
ringsum abfiel und sich zu der neuen luterischen Lehre bekehrte. Sie lebten von
da an streng zurückgezogen um ihres Glaubens willen, aber dem alten Adrian von
Hirschsprung genügte das nicht, denn er war ein wilder Fanatiker, der lieber
Haus und Hof und die alte Türinger Heimat verlassen, als unter Ketzern leben
wollte. Er hatte sein Besitztum, bis auf das Haus am Markt, um bare
sechzigtausend Taler in Gold verkauft, und seine zwei Söhne ritten eines Tages
davon, um in gut katolischen Landen eine neue Heimat zu suchen ... Da geschah
es, dass der Schwedenkönig, Gustav Adolph, mit einundzwanzigtausend Mann
Kriegsvolk durch das Türinger Land zog. Er rastete auch einen Tag in dem
kleinen Städchen X. - das war am 22. Oktober 1632 - und seine Leute besetzten
die Häuser. Auch das Ritterhaus am Marktplatz steckte voll schwedischer Reiter,
und das musste den alten Adrian mit Wut und Ingrimm erfüllt haben. Es kam zu
einem heftigen Wortwechsel zwischen ihm und den Soldaten, die halbtrunken im
Hofe Wein zechten, und da geschah das Schreckliche - ein Kriegsknecht stiess dem
alten, finsteren Eiferer das Schwert mitten durch die Brust; er stürzte mit
ausgebreiteten Armen rücklings auf das Steinpflaster und verschied, ohne einen
Laut, auf der Stelle. Die wütenden Schweden aber zerschlugen und zertrümmerten
alles im Hause, was nicht niet- und nagelfest war, und als die Söhne
zurückkamen, da lag der alte Adrian längst unter den Steinfliesen der
Liebfrauenkirche, und sie suchten vergebens nach ihrem Erbe. Die sechzigtausend
baren Taler hatten die Schweden fortgeschleppt, Kisten und Kästen standen leer,
ihr Inhalt lag zerfetzt und zerstampft am Boden, und die Familienpapiere waren
in alle Winde zerstreut, nicht ein Blättchen liess sich mehr auffinden ... So
erzählte Dein Vater, Joseph! Darauf kam das Haus um einen armseligen Preis in
die Hände des Bürgers Hellwig. Die zwei Söhne des Adrian teilten den Erlös;
Lutz, der Aeltere, zog von dannen, und es hat nie wieder etwas von ihm
verlautet, die andere Linie aber hing das Ritterschwert an den Nagel, und die
Nachkommen derer, die gegen die Saracenen gekämpft, die einst wohlgelitten waren
an Kaiserhöfen um ihrer Tapferkeit und adligen Sitten willen, sie griffen zu
Hobel und Pfrieme.
    »Du aber nicht, Joseph! Wie die prächtigen Locken über Deiner Stirn sich
eigenwillig ringelten und aufbäumten, so schweifte Dein Geist weit ab von der
engen Lebensbahn Deiner letzten Vorfahren; Du gingst Deinen eigenen Weg, ob Du
auch wusstest, dass er dornenvoll und steinig war, dass Mangel und Entbehrung an
Deiner Seite schreiten mussten; Du sahest nur das Ziel, das hohe, leuchtende Ziel,
und so viel Heldenmut endete schmählich in einer Dachkammer! Der Geist entfloh,
weil der Körper hungerte! ... Allmächtiger, eine Deiner herrlichsten Schöpfungen
ging unter aus Mangel an Brot!
    »Wer hätte an dies spurlose Verlöschen Deines Daseins gedacht, wenn Du mit
überzeugender Gewalt Deine neuen, kühnen, ursprünglichen Ideen entwickeltest?
Oder wenn Du am Klavier sassest und die wundervollen Harmonien unter Deinen
Fingern emporquollen? ... Es war ein armes, kleines Spinett, das in einer
dunklen Ecke Deiner elterlichen Stube stand; seine Töne klangen stumpf und rauh,
aber Dein Genius beseelte sie, sie erbrausten in Sturm und Gewitter und malten
den lachenden Himmel über einer strahlenden Welt ... Weisst Du noch, wie Dein
guter Vater Dich belohnte, wenn er zufrieden mit Dir war? Da schloss er mit
feierlicher Gebärde eine kleine, uralte Spinde auf und legte Dir ein Notenheft
auf das Pult - es war die Operette von Johann Sebastian Bach; sein Grossvater
hatte sie von dem Komponisten selbst erhalten und sie wurde wie ein Heiligtum in
der Familie aufbewahrt ... Sie fanden nicht einen Pfennig Geldes, nicht einen
Bissen Brot bei Dir, als Du heimgegangen warest, aber das Bachsche
Opernmanuskript, dessen materiellen Wert Du wohl kanntest, lag unangerührt,
unter meiner Adresse, auf dem Tisch.
    »Da drüben auf der Seite, genau auf der Stelle, wo ich jetzt schreibe, da
steht: Meine süsse, goldlockige Cordula kam herüber im weissen Kleide, das war an
meinem Konfirmationstag, Joseph! Meine strenge Mutter hatte mir gesagt, es
geschehe zum letztenmal, von nun an sei ich die erwachsene Tochter des Kauf-und
Handelsherrn und mein Verkehr mit der Schusterfamilie schicke sich nicht mehr
... Deine Eltern waren nicht in der Stube und ich teilte Dir das Verbot mit ...
Wie wurde Dein Gesicht bleich unter den kohlschwarzen Locken! Nun, so gehe doch!
sagtest Du trotzig und stampftest mit dem Fusse auf, aber Deine Stimme brach und
in den zornigen Augen funkelten Tränen. Ich ging nicht; unsere zitternden Hände
schlangen sich plötzlich wie unbewusst und unauflöslich ineinander, das war der
Uranfang unserer seligen Liebe!
    »Ich sollte das je vergessen haben und, nachdem ich jahrelang meinen
zürnenden und bittenden Eltern widerstanden, plötzlich aus eigenem Antriebe
meineidig geworden sein? Sie schalten Dich einen Hungerleider, einen missachteten
Schustersohn, der brotlose Künste treibe; sie drohten mit Fluch und Enterbung -
ich blieb standhaft, wie leicht war das damals, Du standest ja neben mir! Aber
als Deine Eltern starben und Du fortgingst nach Leipzig, da kam eine furchtbare
Zeit! ... Da erschien eines Tages eine hohe, schlanke Männergestalt im Hause
meines Vaters, und auf dieser Gestalt sass ein Kopf mit fahlen Wangen, an denen
dürftiges dunkles Haar lang und glatt niederhing, und den Mund umzogen
unheimliche, schlaffe Linien ... Es gibt einen Seherblick, Joseph, und das ist
der Instinkt in einer reinen Menschenbrust ... ich wusste sofort, dass mit jenem
Menschen das Unheil über unsere Schwelle geschritten war. Mein Vater dachte
anders über diesen Paul Hellwig. Er war ja ein naher Anverwandter, der Sohn
eines Mannes, der sein Glück draussen in der Welt gemacht hatte und einen
ansehnlichen Posten bekleidete. Da war der Besuch des jungen Vetters eine Ehre
für das Haus. Und wie diese hohe Gestalt sich demutsvoll bücken konnte, wie das
süss und salbungsvoll von den Lippen floss!
    »Du weisst, dass der Elende es wagte, mir von Liebe zu sprechen, Du weisst
auch, dass ich ihn heftig und empört zurückwies; er war erbärmlich und ehrlos
genug, die Hilfe meines Vaters anzurufen; der wünschte lebhaft diese Verbindung,
und nun begannen entsetzliche Tage für mich! ... Deine Briefe blieben aus, mein
Vater hatte sie unterschlagen, ich fand sie nebst den meinigen in seinem
Nachlasse. Ich wurde wie eine Gefangene behandelt, aber es konnte mich doch
niemand zwingen, im Zimmer zu bleiben, sobald der Verhasste eintrat ... Dann floh
ich wie gehetzt durch das Haus, und die Geister Deiner Ahnen beschützten mich,
Joseph. Ich fand Schlupfwinkel genug, wo ich vor meinem Verfolger sicher war.
    »Ob es wohl auch der geheimnisvolle Finger einer unsichtbaren Ahnfrau
gewesen ist, der eines Tages meinen Blick auf das Goldstück zu meinen Füssen
lenkte? ...
    »Eine Mauer im Geflügelhofe hatte sich gesenkt, und nachmittags waren
Arbeiter dagewesen und hatten den schadhaften Teil niedergerissen. Ich sass still
auf dem Trümmerwerke und dachte an die Zeit, wo man diese Steine aufeinander
getürmt hatte - und da lag plötzlich das Goldstück vor mir im Grase; es war
nicht das einzige, auch zwischen den Mörtelbrocken schimmerte es golden. Ohne
Zweifel war ein beträchtliches Mauerstück nachgestürzt, als die Arbeiter den Hof
bereits verlassen hatten, denn es lag alles wild und zerklüftet durcheinander,
und zwischen den Bruchstücken hervor guckte die scharfe Ecke einer hölzernen
Truhe - sie war zum Teil geborsten, dieser Spalt erschien förmlich gespickt mit
dem geränderten Gold.
    »Joseph, ich hatte den Fingerzeig Deiner Ahnmutter nicht begriffen - ich
holte meinen Vater, und der Verhasste kam auch mit. Sie hoben mühelos den Kasten
aus den Trümmern und schlossen ihn auf mit dem gewaltigen Schlüssel, der noch im
Schloss steckte ...
    »Die Schweden waren es nicht gewesen, Joseph! ... Da lagen wohlbehalten die
zwei Armringe, da lagen die sechzigtausend Taler in Gold und die vergilbten
Pergamente und Papiere Derer von Hirschsprung! Der alte Adrian hatte alles
hierher gerettet vor den heranziehenden Schweden! ... Ich war wie trunken vor
Glück. Vater, jubelte ich auf, nun ist der Joseph kein Hungerleider mehr!
    »Ich sehe ihn noch, wie er dastand! Du weisst, er hatte ein ernstes, strenges
Gesicht, das heitere Wort erstarb einem auf den Lippen, wenn man in diese
wandellosen Züge sah, aber seine ganze Erscheinung trug das Gepräge einer
unerschütterlichen Rechtschaffenheit - er war der geachtetste Mann in der Stadt.
Jetzt stand er vorwärts gebeugt da, und seine Hände wühlten in dem Golde. Was
war das für ein eigentümlicher Blick, der aus dem kalten Auge auf mich fiel! Der
Schusterjunge? wiederholte er, was hat der damit zu schaffen?
    »Nun, das ist sein Erbe, Vater! Ich hatte das Testament des alten Adrian in
der Hand und deutete auf den Namen Hirschsprung.
    »O, wie entsetzlich veränderte sich plötzlich dies sonst so unbewegliche
Gesicht!
    »Bist du wahnsinnig? schrie er auf und schüttelte mich heftig am Arme. Dies
Haus gehört mir mit allem, was es entält, und ich will den sehen, der mir auch
nur einen Pfennig Wert von meinem Grund und Boden wegholt!
    »Sie sind vollkommen in Ihrem Recht, lieber Vetter, bestätigte Paul Hellwig
mit seiner sanftesten Stimme. Aber vordem hat das Haus mit allem, was es
entalten, meinem Grossvater gehört.
    »Schon gut, Paul, ich leugne deinen Anspruch nicht! sagte mein Vater ... Sie
trugen den Kasten vor in das Haus. Niemand wusste um den Raub, als ich und der
letzte Abendsonnenstrahl, der neugierig über das funkelnde Gold hingeglitten
war. Er erlosch, um drüben neu aufzugehen und vielleicht auf ein glückseliges
Menschenangesicht zu fallen; ich aber irrte umher und sah Nacht und Fluch und
Verbrechen, wohin ich blickte!
    »Noch an demselben Tage hörte ich, wie Paul Hellwig zwanzigtausend Taler
und einen der Armringe beanspruchte und erhielt ...
    »Weisst Du nun, was ich litt, während Du mich für treulos, falsch und
leichtsinnig hieltest? Ich stand allein meinen zwei Peinigern gegenüber - meine
strenge, aber rechtschaffene Mutter war tot und mein einziger Bruder in fernen
Landen ... Es handelte sich nicht allein mehr um meine Liebe zu Dir - ich sollte
auch schweigen, unverbrüchlich schweigen vor Dir und der Welt, und dazu verstand
ich mich nun und nimmer! ... Hat nie Dein Herz bang und ahnungsvoll geklopft in
jenen unseligen Momenten, wo ich meinem zürnenden Vater unerschütterlich fest
gegenüberstand, wo er die Hand hob, um die starrsinnige, entartete Tochter zu
Boden zu schleudern? ...
    »Ich hatte das Testament des alten Adrian zurückbehalten - das wussten sie
nicht, und als eines Abends Paul Hellwig höhnisch fragte, womit ich denn
eigentlich den Fund beweisen wolle, da wies ich auf dies Papier hin - und da kam
das furchtbare Ende! Mein Vater hatte nachmittags einer grossen Gasterei
beigewohnt, sein Gesicht war stark gerötet, er hatte offenbar viel Wein
getrunken. Bei meiner Erklärung stürzte er auf mich zu, schüttelte mich mit
seinen gewaltigen Händen, dass ich aufschrie vor Schmerz, und fragte knirschend,
ob mir denn seine Ehre und sein Ansehen nicht einen Pfifferling wert seien. Noch
hatte er das letzte Wort nicht ausgesprochen, als er mich zurückstiess - sein
Gesicht wurde dunkelbraun, er fuhr mit beiden Händen nach dem Halse und brach
plötzlich wie niedergeschmettert vor mir zusammen - der grosse, stattliche Mann!
... Er atmete noch, als wir ihn aufhoben, ja er hatte sogar Bewusstsein, denn
sein Blick ruhte unverwandt mit einem furchtbaren Ausdruck auf meinem Gesicht,
und - da brach mein Widerstand, Joseph! Als der Arzt für einen Augenblick das
Zimmer verlassen hatte, da zog ich das Papier hervor und hielt es an die Flamme
des Lichtes. Ich konnte meinen Vater nicht ansehen, aber ich gelobte ihm mit
weggewandtem Gesicht, dass ich schweigen wolle für immer, dass mit meinem Willen
kein Flecken auf seine Ehre fallen solle ... Wie lächelte Paul Hellwig teuflisch
bei diesem Schwur! ... O Joseph, das tat ich! Ich sicherte meiner Familie das
Dir gestohlene Erbe, in dem Augenblick, wo Dich der Mangel auf das Sterbebett
warf!«
 
                                       25
Felicitas schlug erschöpft das Buch zu - sie konnte nicht weiter lesen. Draussen
pfiff und tobte es an den Fenstern vorüber, dass sie klangen und klirrten - was
war dies Brauen gegen die Stürme in der Menschenbrust, von denen das Buch
erzählte!
    Tante Cordula, du bist gemartert und gekreuzigt worden! Die in dem
gestohlenen Gut schwelgten, sie stellten sich auf den hohen Standpunkt
angestammter Familientugend und Rechtschaffenheit; sie verstiessen dich als eine
Entartete, und die blinde Welt bestätigte diesen Urteilsspruch. Hoch droben in
den Lüften standest du, verfemt und verlästert, und hinter den festgeschlossenen
Lippen ruhte dein Geheimnis! Du riefst nicht Wehe über die Blinden da drunten -
sie assen gar oft dein Brot und erfassten unbewusst deine rettende Hand in Not und
Elend. Dein starker Geist erbaute sich seine eigene Welt, und das stille,
versöhnliche Lächeln, das im Alter deine Züge verschönte, war der Sieg einer
erhabenen Seele!
    Welch ein Unding ist die öffentliche Meinung! Die Welt hat nichts
Haltloseres, und doch darf sie tief und bestimmt eingreifen in das Schicksal der
einzelnen! Leiden nicht Familien noch nach Jahren für ein einziges Glied, das
die öffentliche Stimme gerichtet und verfemt hat, und gibt es nicht
Geschlechter, die den Nimbus angestammter Tugend und Ehrbarkeit mühelos tragen,
bloss weil ihr Name dem Volksmunde als »gut« geläufig ist? Wie viel unbestrafte
Schurkerei hat die öffentliche Meinung auf dem Gewissen, und wie oft weint das
stille Verdienst unter ihren blinden Fussstössen!
    Die Familie Hellwig gehörte auch zu jenen Unantastbaren. Wenn einer gewagt
hätte, den Finger aufzuheben gegen die stattlichste und stolzeste Erscheinung
unter den Oelbildern der Erkerstube und zu sagen: »Das ist ein Dieb!« - er wäre
gesteinigt worden vom grossen Haufen. Und doch hatte er den armen Schustersohn um
sein Erbe betrogen; er war gestorben, der Ehrenmann, mit dem Diebstahl auf dem
Gewissen, und seine Nachkommen waren stolz auf den »sauer und redlich
erworbenen« Reichtum des alten Handlungshauses ... Wenn er das wüsste, wenn er
einen Blick in dies Buch werfen könnte, er, der sein eigenes Wünschen derartigen
»geheiligten« Traditionen unterwarf, der so lange den Satz festgehalten hatte,
nach welchem Tugend und Laster, hoher Sinn und Gemeinheit sich an die Familie
und deren Stellung, nicht aber an das einzelne Individuum knüpfen sollten! ...
    Felicitas streckte unwillkürlich die Rechte mit dem Buche wie triumphierend
in die Höhe und ihre Augen funkelten ... Was hinderte sie, diesen kleinen,
grauen Kasten mit seinem furchtbaren Inhalt dort auf dem Schreibtisch liegen zu
lassen? ... Dann kommt er herein und setzt sich arglos in die traute,
epheuumhangene Nische. Die wuchtige Stirne voll tiefer Gedanken, nimmt er die
Feder auf, um an dem dort liegenden Manuskript weiterzuarbeiten ... Da steht das
kleine, unbekannte Etwas vor ihm - er hebt den Deckel auf, nimmt das Buch heraus
und liest - und liest, bis er totenbleich zurücksinkt, bis die stahlgrauen Augen
erlöschen unter der Wucht einer schreckensvollen Entdeckung ... Dann ist sein
stolzes Bewusstsein lebenslänglich geknickt. Er trägt im Verborgenen die Last der
Schande ... Will er die Annehmlichkeiten seines reichen Erbes geniessen - es sind
gestohlene Freuden; liest er seinen so gepriesenen Namen - es ruht ein hässlicher
Flecken darauf ... er ist innerlich gebrochen, gemordet für alle Zeiten, der
stolze Mann! ...
    Buch und Kasten fielen schallend zur Erde, und ein heisser Tränenstrom
stürzte aus Felicitas' Augen ... »Nein, tausendmal lieber sterben, als ihm dies
Leid antun!« ... War der Mund, der diese Worte bebend herausstiess, derselbe,
welcher einst hier, zwischen diesen vier Wänden gesagt hatte: »Ich würde es
nicht beklagen, wenn ihm ein Leid widerführe, und wenn ich ihm zu einem Glücke
verhelfen könnte, ich würde keinen Finger bewegen!« War das wirklich noch der
alte, wilde Hass, der sie weinen machte, der ihr Herz mit unsäglichem Weh
erfüllte bei dem Gedanken, er könne leiden? War es Abscheu, das süsse Gefühl, mit
welchem sie plötzlich seine kraftvolle, männliche Gestalt vor sich
heraufbeschwor, und hatte die glückselige Genugtuung, dass sie berufen sei, die
Hände schützend über seinem Haupte zu halten, ihn vor einer niederschmetternden
Erfahrung zu bewahren, noch etwas gemein mit dem hässlichen Gefühl der Rache? ...
Hass, Abscheu und Rachedurst - sie waren spurlos verlöscht in ihrer Seele! ...
Wehe, sie hatte ihr Steuer verloren! ... Sie taumelte zurück und schlug die
Hände vor das Gesicht - der geheimnisvolle Zwiespalt ihres Herzens lag gelöst
vor ihr, aber nicht unter jenem Lichte einer himmlischen Erkenntnis, das
plötzlich ungeahnte, lachende Gefilde bestrahlt - es war ein grelles
Wetterleuchten, in welchem ein Abgrund zu ihren Füssen sichtbar wurde ...
    Fort, fort - es hielt sie nichts mehr! Noch einmal den Weg über die Dächer
zurück, dann den letzten eilenden Schritt über die Schwelle des Hellwigschen
Hauses, und sie war frei, sie war entflohen auf Nimmerwiedersehen!
    Sie raffte das Buch auf und schob es in ihre Tasche - aber da stand sie mit
zur Flucht gehobenem Fusse und zurückgehaltenem Atem einen Moment wie versteinert
- draussen im Vorsaal war eine Tür zugeschlagen worden, und jetzt schritt es
rasch auf das Wohnzimmer zu. Sie floh in den Vorbau und riss die Glastür auf -
der Sturm fuhr herein und schleuderte ihr einzelne grosse Regentropfen in das
Gesicht ... Ihre Augen irrten über das Dächerquadrat, da hinüber kam sie nicht
mehr, dort musste sie gesehen werden - ihre einzige Rettung war ein
augenblickliches Versteck.
    Zwischen der Vorbauwand und den Blumentöpfen lief ein schmaler, unbesetzter
Raum empor. Felicitas flüchtete hinauf und erfasste droben taumelnd und mit
versagenden Blicken die Eisenstange des Blitzableiters, der sich über den First
hinzog. Sie stand hoch über dem Vorbau ... Hei, wie der Sturm die zarte Gestalt
packte und schüttelte, wie er in erneutem Ingrimm versuchte, sie hinabzustossen
in die Strasse, die wie ein dunkler Spalt jenseits herauf klaffte ... Ueber den
Himmel hin brausten die schwarzen Gewitterwolken - war kein Engel droben über
der kochenden, gärenden Wetterwand, der seine Hände schirmend herniederstreckte
auf die mit der furchtbarsten Gefahr Ringende?
    Wer es auch sein mochte, der in diesem Augenblick heraustrat auf die
Galerie, das Mädchen da droben stand als Diebin gebrandmarkt vor ihm ... Sie war
in verschlossene Räume eingedrungen - die ganze Welt nannte das Einbruch; schon
hatte man die Anklage, dass sie um den Silberdiebstahl wisse, auf ihr Haupt
geschleudert - jetzt lag ihre Schuld sonnenklar am Tage! Sie wanderte nicht mehr
freiwillig über die Schwelle des alten Kaufmannshauses, sie wurde hinausgestossen
als Entehrte, und wie Tante Cordula musste sie fortan mit festgeschlossenen
Lippen Schimpf und Schmach unverschuldet durchs Leben tragen ... War es da so
schrecklich, wenn sie sich dem Arme des Sturmes willig überliess und nach wenigen
qualvollen Augenblicken ihr junges Leben drunten auf dem Strassenpflaster
aushauchte? ...
    Mit wirren Blicken starrte sie hinab auf das vorspringende Dach des Vorbaues
- die Person unter blieb nicht vor der Glastür stehen - Felicitas' letzte
verzweifelte Hoffnung - sie schritt, trotz Sturm und Wetter, weiter und weiter
auf der Galerie, und jetzt wurde die Gestalt sichtbar - es war der Professor ...
Hatte er die fliehenden Schritte des Mädchens gehört? - Noch kehrte er ihr den
Rücken, noch war es möglich, dass er zurückging, ohne sie gesehen zu haben - aber
da kam der Sturm, der Verräter; er zwang den Professor, sich umzudrehen, und
liess in dem Augenblick Haar und Gewand der Flüchtigen wild aufflattern - und er
erblickte die Gestalt mit den krampfhaft um das Eisen geschlungenen Armen und
dem geisterhaften Gesicht, das aus den wogenden Haarmassen verzweiflungsvoll auf
ihn niedersah.
    Einen Augenblick war es, als gerinne ihr unter dem entsetzten Blick, der sie
traf, das Blut in den Adern; dann aber schoss es siedend nach dem Kopfe und
raubte ihr den letzten Rest von Besonnenheit.
    »Ja, da steht die Diebin! Holen Sie das Gericht, holen Sie Frau Hellwig! Ich
bin überführt!« rief sie unter bitterem Auflachen hinab. Sie liess mit der Linken
die Eisenstange los und warf das Haar zurück, das ihr der Sturm über das Gesicht
peitschte.
    »Um Gottes willen,« schrie der Professor auf, »fassen Sie die Stange - Sie
sind verloren!«
    »Wohl mir, wenn's vorüber wäre!« klang es schneidend durch das Brausen und
Pfeifen.
    Er sah den schmalen Raum nicht, auf welchem Felicitas emporgeklimmt war. In
wenig Augenblicken hatte er die Blumentöpfe herabgeschleudert und sich einen Weg
gebahnt, und da stand er plötzlich neben ihr. Er umschlang mit unwiderstehlicher
Kraft die widerstrebende Gestalt und zog sie herab in den Vorbau - krachend fiel
die Tür hinter ihnen in das Schloss.
    Der starke, mutige Geist des Mädchens war gebrochen - völlig betäubt, wusste
sie nicht, dass ihr vermeintlicher Widersacher sie noch stützte; sie hatte die
Augen geschlossen und sah nicht, wie sein Blick tiefsinnig auf ihrem bleichen
Gesicht ruhte. »Felicitas,« flüsterte er mit tiefer, bittender Stimme.
    Sie fuhr empor und begriff sofort ihre Lage. Aller Groll, alle Bitterkeit,
an denen sich ihre Seele jahrelang genährt, kamen nochmals über sie - sie riss
sich heftig los, und da war er wieder, der dämonische Ausdruck, der eine tiefe
Falte zwischen ihre Augenbrauen grub und die Mundwinkel in herben Linien umzog!
    »Wie mögen Sie die Paria anrühren?« rief sie schneidend. Aber ihre
hochaufgerichtete Gestalt sank sofort wieder in sich zusammen; sie vergrub ihr
Gesicht in den Händen und murmelte grollend: »Nun, so verhören Sie mich doch -
Sie werden zufrieden sein mit meinen Aussagen!«
    Er nahm ihre Hände sanft zwischen die seinen.
    »Vor allem werden Sie ruhiger, Felicitas!« sagte er in jenen weichen,
beschwichtigenden Tönen, die sie schon am Bette des kranken Kindes wider Willen
bewegt hatten. »Nicht den wilden Trotz, mit dem Sie mich geflissentlich zu
verletzen suchen! ... Sehen Sie sich um, wo wir sind! Hier haben Sie als Kind
gespielt, nicht wahr? ... Hier hat Ihnen die Einsiedlerin, für die Sie heute so
heiss gekämpft haben, Schutz, Belehrung und Liebe gewährt? ... Was Sie auch hier
getan oder gesucht haben mögen - es ist kein Unrecht gewesen, ich weiss es,
Felicitas! Sie sind trotzig, verbittert und über die Massen stolz, und diese
Eigenschaften verleiten Sie oft zur Ungerechtigkeit und Härte - aber einer
gemeinen Handlung sind Sie nicht fähig ... Ich weiss nicht, wie es kam, aber es
war mir, als müsse ich Sie hier oben finden - Heinrichs scheues, verlegenes
Gesicht, sein unwillkürlicher Blick nach der Treppe, als ich nach Ihnen fragte,
bestärkten mich in meiner Annahme ... Sagen Sie kein Wort!« fuhr er mit
erhobener Stimme fort, als sie ihre heissen Augen rasch zu ihm aufschlug und die
Lippen öffnete. »Verhören will ich Sie freilich, aber in einem ganz anderen
Sinne, als Sie denken - und ich glaube, ich habe ein Recht dazu, nachdem ich
durch Sturm und Wetter geschritten bin, um mir meine Tanne herabzuholen.«
    Er zog sie tiefer in das Zimmer hinein - schien es doch, als sei es ihm zu
hell im Vorbau, als bedürfe er der halben Dämmerung des Wohnzimmers, um weiter
sprechen zu können. Felicitas fühlte, wie ein leises Beben durch seine Hände
ging. Sie standen genau auf der Stelle, wo sie vorhin einen furchtbaren Kampf
mit sich selbst gekämpft hatte, wo sie versucht gewesen war, ihm einen Dolch in
das Herz zu stossen, ihn moralisch zu lähmen für seine ganze Lebenszeit ... Sie
senkte den Kopf tief auf die Brust, als eine Schuldbewusste, unter den Augen,
die, sonst so tiefernst, jetzt eine wunderbare Glut ausstrahlten.
    »Felicitas, wenn Sie hinabgestürzt wären!« hob er wieder an, und es war, als
liefe noch bei dieser Vorstellung ein Schauder durch seine kräftige Gestalt.
»Soll ich Ihnen sagen, was Sie mir angetan haben durch diesen verzweifelten
Trotz, der lieber zu Grunde geht, als dass er an das vernünftige Urteil anderer
appelliert? Und meinen Sie nicht, dass ein Augenblick voll Todesangst und
namenloser Leiden ein jahrelanges Unrecht zu sühnen vermag?«
    Er hielt erwartungsvoll inne, aber die erblassten Lippen des jungen Mädchens
blieben geschlossen, und ihre dunklen Wimpern lagen tief auf den Wangen.
    »Sie haben sich in Ihre bittere Anschauungsweise förmlich verrannt,« sagte
er nach vergeblichem Warten herb und mit sinkender Stimme, der man die
Entmutigung anhörte; »es ist Ihnen geradezu unmöglich, eine Wandlung der Dinge
zu begreifen.« Er hatte ihre Hände sinken lassen, aber jetzt nahm er nochmals
ihre Rechte und zog sie heftig gegen seine Brust. »Felicitas, Sie sagten
neulich, dass Sie Ihre Mutter vergöttert haben - diese Mutter hat Sie Fee
genannt; ich weiss, alle, die Sie lieben, geben Ihnen diesen Namen, und so will
auch ich sagen: Fee, ich suche Versöhnung!«
    »Ich habe keinen Groll mehr!« stiess sie mit erstickter Stimme hervor.
    »Das ist eine vielsagende Versicherung aus Ihrem Munde, sie übertrifft meine
Erwartungen, allein - sie genügt mir noch lange nicht ... Was hilft es, wenn
zwei sich versöhnen und dann auf Nimmerwiedersehen scheiden? Was hilft es mir,
dass ich weiss, Sie grollen mir nicht mehr, und ich kann mich nicht stündlich
davon überzeugen? ... Wenn zwei sich versöhnt haben, die so getrennt gewesen
sind wie wir, dann gehören sie zusammen - auch nicht eine Meile Raum dulde ich
ferner zwischen uns - gehen Sie mit mir, Fee!«
    »Ich habe Abscheu vor dem Aufentalte in einem Institut - ich könnte mich
nie in die schablonenmässige Behandlung fügen,« antwortete sie hastig und
gepresst.
    Der Anflug eines Lächelns glitt über sein Gesicht.
    »Ach, das möchte ich Ihnen auch nicht antun! ... Die Idee mit dem Institut
war nur ein Notbehelf, Fee. Ich selbst wäre dann ziemlich ebenso übel daran ...
Es könnte sich ereignen, dass ich Sie einen, auch zwei Tage nicht sehen dürfte,
und dann stände ein Dutzend naseweiser Mitschülerinnen um uns her und finge
jedes Wort auf, das zwischen uns fiel; oder Frau von Berg, die strenge
Vorsteherin, sässe daneben und duldete nicht, dass ich auch nur einmal diese
kleine Hand in der meinigen behielt ... Nein, ich muss zu jeder Stunde in dies
liebe, trotzige Gesicht da sehen dürfen - ich muss wissen, dass da, wohin ich nach
den Anstrengungen meines Berufes zurückkehre, meine Fee auf mich wartet und an
mich denkt - ich muss am stillen, trauten Abend inmitten meiner vier Wände bitten
dürfen: Fee, ein Lied! Das alles aber kann nur geschehen, wenn - Sie mein Weib
sind!«
    Felicitas stiess einen Schrei aus und versuchte sich loszureissen; aber er
hielt sie fest und zog sie näher an sich heran.
    »Der Gedanke erschreckt Sie, Felicitas!« sagte er tief erregt. »Ich will
hoffen, dass es nur der Schreck des Unerwarteten ist und nichts Schlimmeres ...
Ich sage ja mir selbst, dass es vielleicht langer Zeit bedürfen wird, ehe Sie mir
das sein können, was ich ersehne - gerade bei Ihrem Charakter lässt sich eine so
rasche Wandlung schwer annehmen, nach welcher der verabscheute Todfeind ein
Gegenstand inniger Neigung werden soll. Aber ich will um Sie werben mit aller
Ausdauer einer unvergänglichen Liebe; ich will warten - so schwer dies auch sein
mag - bis Sie mir einst aus eigenem Antriebe sagen: Ich will, Johannes! ... Ich
weiss ja, welche Wunder im Menschenherzen vorgehen können. Ich floh aus der
kleinen Stadt, um mir selbst und meinen furchtbaren inneren Kämpfen zu
entrinnen, und da vollzog sich das Wunder erst recht! Der qualvollsten Sehnsucht
gegenüber zerfielen diese Kämpfe in nichts; ich wusste nun, dass das, was ich
vermessen und trotzig abschütteln wollte, meines Lebens Seligkeit werden würde
... Fee, inmitten nichtssagenden Geschwätzes und koketter Gesichter schritt das
einsame Mädchen mit der energischen Haltung und der weissen Stirne voll
kraftvoller Gedanken unablässig neben mir her, über Berg und Tal - sie gehörte
zu mir, sie war die andere Hälfte meines Lebens, ich sah ein, dass ich mich nicht
von ihr losreissen könne, ohne mich innerlich zu verbluten! ... Und nun ein
einziges Wort der Beruhigung, Felicitas!«
    Das junge Mädchen hatte allmählich ihre Hand aus der seinigen gezogen. Wie
war es möglich, dass ihm, während er sprach, die Veränderung in ihrem Äusseren
entgehen konnte! Die Brauen wie in heftigem, physischem Schmerz zusammengezogen,
haftete ihr erloschener Blick längst am Boden, und die eiskalten Finger
verschlangen sich krampfhaft ineinander.
    »Beruhigung wollen Sie von mir?« versetzte sie mit schwacher Stimme. »Vor
einer Stunde haben Sie mir gesagt: Das soll Ihr letzter Kampf gewesen sein, und
jetzt schleudern Sie mich mit eigener Hand in den entsetzlichsten, den die
Menschenseele durchzumachen hat! ... Was ist ein Kampf wider äussere Feinde gegen
das Ringen mit sich selbst und den eigenen Wünschen?« Sie hob die
festverschlungenen Hände empor und warf wie in Verzweiflung den Kopf zurück.
»Ich weiss nicht, was ich verbrochen habe, dass Gott mir diese unselige Liebe ins
Herz gelegt hat!«
    »Fee!«
    Der Professor breitete seine Arme aus, um sie an seine Brust zu ziehen, aber
sie streckte ihm abwehrend die Hände entgegen, wenngleich ein Schimmer der
Verklärung über ihr Gesicht flog. »Ja, ich liebe Sie - das sollen Sie wissen!«
wiederholte sie in Tönen, die zwischen Jauchzen und Tränen schwankten. »Ich
würde schon in diesem Augenblick sagen können: Ich will, Johannes! aber diese
Worte werden nie ausgesprochen werden!«
    Er wich zurück und Leichenblässe bedeckte sein Gesicht; er kannte »das
Mädchen mit der energischen Haltung und der weissen Stirne voll kraftvoller
Gedanken« viel zu gut, um nicht zu wissen, dass sie mit diesem Ausspruch für ihn
verloren sei.
    »Sie sind geflohen aus X., und warum?« hob sie fester an; sie richtete sich
empor, und einer ihrer durchdringendsten Blicke traf die Augen, aus denen
plötzlich alles Leben entwichen schien. »Ich will es Ihnen sagen. Ihre Liebe zu
mir war ein Verbrechen gegen Ihre Familie, sie stiess alle Ihre wohlgepflegten
Grundsätze um und musste deshalb wie ein Unkraut aus Ihrem Herzen gerissen
werden. Dass Sie von Ihrer Flucht nicht geheilt zurückgekehrt sind, ist nicht
Ihre Schuld - Sie unterlagen derselben Macht, die auch mich zwingt, Sie gegen
meine Grundsätze zu lieben ... Wohl mag es ein erbitterter Kampf gewesen sein,
bis alle die stolzen Kauf- und Handelsherren dem verachteten Spielerskinde Platz
gemacht haben - nichts in der Welt wird mich glauben machen, dass ich diesen
Platz für meine ganze Lebenszeit behaupten werde! ... Sie haben mir vor wenigen
Wochen die unerschütterliche Ueberzeugung ausgesprochen, dass die
Standesverschiedenheit in der Ehe sich unausbleiblich räche - dieses Prinzip
haben Sie Gott weiss wie viele Jahre hindurch festgehalten, es kann unmöglich in
den sechs Wochen sich spurlos verflüchtigt haben, es ist nur übertüncht, es wird
nur verleugnet - und selbst wenn es einer anderen Ueberzeugung gewichen wäre,
was müsste alles geschehen, um die Erinnerung an diesen Ausspruch in meiner Seele
zu verlöschen!«
    Sie schwieg einen Augenblick erschöpft. Der Professor hatte die Rechte auf
die Augen gepresst, und um seine Lippen zuckte es wie ein leichter Krampf. Jetzt
liess er die Hand sinken und sagte tonlos: »Ich habe die Vergangenheit gegen mich
- aber Sie sind doch im Irrtum, Felicitas ... O Gott, wie soll ich Ihnen das
beweisen!«
    »In den äusseren Verhältnissen hat sich nicht das mindeste geändert,« fuhr
sie unerbittlich fort. »Es ist weder ein Flecken auf Ihre Familie gefallen, noch
bin ich irgendwie meinem verachteten Standpunkte entrückt - meine Persönlichkeit
ist es mitin allein, welche diese Umkehr bewirkt hat - es wäre vermessen und
gewissenlos von mir, wollte ich den Moment benutzen, wo Sie die mit Ihnen
festverwachsenen Prinzipien mühsam niederhalten und nur Ihrer Liebe Gehör geben
... Ich frage Sie aufs Gewissen: Nicht wahr, Sie haben eine sehr hohe Meinung
von der Vergangenheit Ihrer Familie? ... Und haben Sie sich auch nur einen
Augenblick einzureden vermocht, dass diese Vorfahren, die sämtlich standesgemäss
gewählt hatten, eine solche Missheirat ihres Enkels billigen würden?«
    »Felicitas, Sie sagen, Sie lieben mich, und sind fähig, mich so systematisch
zu martern?« rief er heftig.
    Ihr Blick, der unverwandt auf seinem Gesicht geruht hatte, schmolz - wer
hätte in diesen stolzen, zurückweisenden Augen den Ausdruck unbeschreiblicher
Zärtlichkeit gesucht, der sie jetzt beseelte! Sie nahm die Rechte des Professors
in ihre beiden Hände.
    »Als Sie mir vorhin das Leben an Ihrer Seite schilderten, da habe ich mehr
gelitten, als sich aussprechen lässt,« sagte sie in tiefster Bewegung; »es würden
vielleicht hundert andere an meiner Stelle die Augen vor der Zukunft
verschliessen und nach diesem augenblicklichen Glück greifen, aber so wie ich
einmal bin, kann ich das nicht ... Das, was lebenslänglich zwischen uns stehen
wird, ist meine Furcht vor Ihrer Reue. Bei jedem finsteren Blick, bei jeder
Falte auf Ihrer Stirne würde ich denken: Jetzt ist der Augenblick da, wo er
bedauert, wo er umkehrt zu seinen ursprünglichen Ansichten, wo er dich innerlich
verstösst als die Ursache seines Abfalles! Ich würde Sie unglücklich machen mit
diesem Misstrauen, das ich nicht besiegen könnte.«
    »Das ist eine furchtbare Wiedervergeltung!« sagte er dumpf und schmerzlich.
»Uebrigens will ich dies Unglück getrost auf mich nehmen ... Ich will Ihr
Misstrauen ohne Murren ertragen, so tief verwundend es auch ist - es muss ja doch
einmal eine Zeit kommen, wo es hell zwischen uns wird ... Felicitas, ich werde
Ihnen eine Häuslichkeit schaffen, in der Ihnen so böse Gedanken gar nicht kommen
können. Freilich wird es sich ereignen, dass ich manche Falte auf der Stirne,
manch' finsteren Blick mit nach Hause bringe - die sind unausbleiblich in meinem
Wirkungskreise - aber dann ist ja eben meine Fee da, die sofort die Falten
verwischt und den Blick aufhellt ... Könnten Sie es wirklich über das Herz
bringen, Ihre eigene Liebe zu zertreten und einen Mann, dem Sie das höchste
Erdenglück zu geben vermögen, elend zu machen?«
    Felicitas war allmählich nach der Tür zugeschritten, sie fühlte ihre
moralische Kraft treulos werden dieser angstvollen Beredsamkeit gegenüber, und
doch musste sie fest bleiben gerade um seinetwillen.
    »Wenn Sie mit mir in Abgeschiedenheit und Einsamkeit leben könnten, dann
würde ich Ihnen willig folgen,« entgegnete sie, während sie hastig das
Türschloss ergriff, als sei es ihr letzter Halt. »Glauben Sie nicht, dass ich die
Welt selbst und ihr Urteil scheue - sie urteilt meist blind und einsichtslos -
aber im Verkehr mit ihr fürchte ich eben den Feind in Ihnen selbst. Dort gilt
eine respektable Herkunft sehr viel, und ich weiss, dass Sie darin mit der Welt
harmonieren ... Sie haben einen bedeutenden Familienstolz - wenn Sie ihm auch in
diesem Augenblick kein Recht einräumen - im Umgange mit solchen Bevorzugten wird
und muss Ihnen früher oder später der bedauernde Gedanke kommen, dass Sie viel,
sehr viel für mich aufgegeben haben.«
    »Das heisst also mit anderen Worten, wenn ich Sie besitzen will, dann muss ich
entweder meinen Wirkungskreis aufgeben und in einer Einöde leben, oder irgend
einen Flecken, einen unwürdigen Moment aus der Vergangenheit meiner Familie
aufzufinden suchen!« rief er gereizt und bitter.
    Eine jähe Röte stieg bei seinen letzten Worten in das Gesicht des jungen
Mädchens. Unwillkürlich glitt ihre Hand über die Falten ihres Kleides und
befühlte die scharfen Ecken des grauen Kastens, ob er auch sicher sei in seinem
Versteck.
    Der Professor durchmass in unbeschreiblicher Aufregung das Zimmer.
    »Das trotzige, unbeugsame Element in Ihrem Charakter hat mir bereits viel zu
schaffen gemacht,« fuhr er in demselben Tone fort, indem er vor Felicitas stehen
blieb, »es zieht mich an und erbittert mich zugleich; in diesem Augenblick
jedoch, wo Sie mit rauher Konsequenz mir meine Liebe vor die Füsse werfen und
sich selbst zu einem so unnützen Opfer verurteilen, fühle ich geradezu eine Art
Hass, einen wilden Ingrimm - ich könnte es zertreten! ... Ich sehe ein, dass ich
für jetzt nicht um einen Schritt weiter mit Ihnen komme - aber Sie aufgeben,
daran denkt meine Seele nicht! ... Ihre Versicherung, dass Sie mich lieben, ist
für mich ein unverbrüchlicher Schwur - Sie werden mir niemals treulos werden,
Felicitas?«
    »Nein,« versetzte sie rasch, und wohl gegen ihren Willen brach abermals ein
voller Strahl der Liebe aus ihren Augen.
    Der Professor legte seine Hand auf den Scheitel des jungen Mädchens, bog
ihren Kopf leicht zurück und sah ihr mit einem Gemisch von Schmerz, Groll und
Leidenschaft in das Gesicht ... Er schüttelte leise den Kopf, als unter diesem
beschwärenden Blicke ihre Wimpern sich tief auf die Wangen legten und die Lippen
festgeschlossen blieben - ein tiefer Seufzer hob seine Brust.
    »Nun, da gehen Sie!« sagte er gepresst und tonlos. »Ich willige in eine
vorläufige Trennung, aber nur unter der Bedingung, dass ich Sie öfter sehen darf,
wo Sie auch sein mögen, und dass ein schriftlicher Verkehr zwischen uns bleibt.«
    Sie schalt sich innerlich unsäglich schwach, dass sie ihm zusagend die Hand
hinreichte, doch ihm diesen Trost zu nehmen, vermochte sie nicht ... Er wandte
sich rasch ab, und sie trat hinaus in den Vorsaal.
 
                                       26
Draussen streckte sie in namenloser Qual unwillkürlich die Arme gen Himmel. Wie
hatte sie gelitten in den letzten Augenblicken, die an Bitterkeit und Schmerzen
alles hinter sich liessen, was dies junge, schwergeprüfte Herz bereits hatte
durchkämpfen müssen.
    Sie zog wie unbewusst den kleinen Kasten hervor - das Geheimnis da drinnen
zertrümmerte sofort die Schranke, die sich zwischen ihr und dem geliebten Manne
auftürmte, es fiel schwer in die Wagschale ihrer verachteten Herkunft gegenüber
- kam der Versucher nochmals über sie? Nein, Tante Cordula, dein Wille soll
geschehen, so glänzend auch dies Buch dich rechtfertigt! Und er? ... Ihn wird
die Zeit heilen; der Schmerz der Entsagung heiligt die Seele - die
Mitwissenschaft eines Verbrechens aber erniedrigt und lähmt sie für immer ...
Noch in dieser Stunde sollte dies kleine, unheilvolle Buch zu Asche werden!
Felicitas sah noch einmal nach der Tür zurück, hinter welcher sie den Professor
rastlos auf und ab gehen hörte, dann glitt sie die Mansardentreppe hinab und
öffnete geräuschlos die gemalte Tür.
    Den Wanderer, der ahnungslos auf den grauenvollen Leib einer Schlange tritt
und plötzlich das furchtbare Haupt der Gereizten vor sich aufbäumen sieht, ihn
kann kein grösseres Entsetzen packen, als Felicitas in dem Augenblick empfand, wo
sie in den Korridor heraustrat. Fünf Finger legten sich mit raschem Griff wie
Eisen um ihre Linke, die noch den Kasten hielt, und dicht neben ihrem Gesicht
funkelten zwei Augen in einem grünlichen Lichte - es waren die süssen, sanften
Madonnenaugen der Regierungsrätin.
    Das schöne Weib hatte in diesem Moment den bestrickenden Zauber weiblicher
Anmut und Zarteit völlig abgestreift - wie konnten diese rosigen, im Gebet so
weich und graziös sich verschlingenden Hände derb und energisch zugreifen und
festalten! Welcher Ausdruck satanischer Bosheit lag in diesem Engelsangesicht
und verzerrte die kindlich weichen Linien bis zur Unkenntlichkeit!
    »Das trifft sich ja scharmant, schöne, stolze Karoline, dass ich Ihnen gerade
begegnen muss in dem Augenblick, wo Sie dies allerliebste Schmuckkästchen in
Sicherheit bringen wollen!« rief sie hohnlachend und legte rasch auch noch ihre
Linke wie einen Schraubstock auf die Hand des Mädchens, das sich loszureissen
suchte. »Haben Sie die Freundlichkeit, diesen unglücklichen, kleinen Verräter da
noch ein wenig in der Hand zu behalten - es liegt mir durchaus nichts daran, dass
Sie ihn fallen lassen ... Nur noch einen Moment Geduld; ich brauche einen
Zeugen, um vor Gericht beweisen zu können, dass ich die Diebin auf frischer Tat
ertappt habe - Johannes, Johannes!«
    Wie klang es schrill und kreischend durch den Korridor, das sonst so
silberreine, in Erbarmen und christlicher Milde hinschmelzende Organ der jungen
Witwe!
    »Ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie mich los, gnädige Frau!« bat
Felicitas in Todesangst, während sie mit ihr rang.
    »Nicht um die Welt! Er soll sehen, wen er heute an seine Seite gestellt hat
... Es war wohl recht süss, zu hören: Hier ist Ihr Platz? Sie glaubten sich am
Ziele, Sie ehrlose Kokette, aber ich bin auch noch da!«
    Sie wiederholte ihren Hilferuf - es war unnötig; der Professor kam bereits
die Treppe herab und trat in die Tür; zu gleicher Zeit erschien Heinrich am
anderen Ende des Korridors.
    »Ach, da oben warst du, Johannes?« rief die Regierungsrätin. »Ich glaubte
dich hier unten im zweiten Stock. In dem Falle ist ja die Kunst dieser jungen
Taschenspielerstochter um so mehr zu bewundern, als sie dir das Erbteil der
seligen Tante sozusagen unter der Hand wegeskamotiert hat!«
    »Bist du von Sinnen, Adele?« rief er rasch, die letzte Stufe verlassend, von
wo aus er erstaunt die unbegreifliche Szene überblickt hatte.
    »Ganz und gar nicht!« klang es ironisch zurück. »Halte mich nicht für
gewalttätig, lieber Vetter, weil ich notgedrungen das Amt eines Häschers
übernehmen musste. Aber der Herr Rechtsanwalt Frank verweigerte mir indigniert
seine Hilfe bei Entdeckung des Silberdiebes, du selber nahmst diese Unschuld
hier unter deine Flügel - was blieb mir da anders übrig, als eigenmächtig zu
handeln? Du siehst diese fünf Finger hier, sie umklammern den Kasten, den sie
von da oben herabgetragen haben - diese Tatsache wäre konstatiert, und nun
wollen wir sehen, was die Elster in ihr Nest tragen wollte!«
    Sie riss mit Blitzesschnelle den Kasten aus Felicitas' Hand. Das junge
Mädchen stiess einen Schrei aus und haschte angstvoll nach dem entrissenen
Geheimnis, allein die Regierungsrätin flog auflachend mit dem Raube einige
Schritte tiefer in den Korridor und hob in fieberhafter Hast den Deckel ab.
    »Ein Buch!« murmelte sie bestürzt - Kasten und Deckel fielen zur Erde. Sie
nahm den Einband mit beiden Händen, schüttelte das Buch heftig hin und her und
liess die Blätter voneinander klaffen - es sollten und mussten doch wenigstens
Banknoten oder Dokumente oder irgend etwas Wertvolles herausfallen - nichts von
allem dem!
    Unterdes hatte sich Felicitas von ihrem tödlichen Schrecken erholt. Sie ging
der Dame nach und verlangte mit ernsten Worten das Buch zurück; aber bei aller
scheinbaren Ruhe hörte man doch die innere Angst deutlich an ihrer Stimme.
    »Ha - meinen Sie wirklich?« rief die junge Witwe hämisch und drehte ihr, das
Buch fest an ihre Brust drückend, gewandt den Rücken zu. »Sie sehen mir viel zu
ängstlich aus, als dass ich meinen Verdacht sofort aufgeben sollte,« fuhr sie
fort, indem sie den Kopf verächtlich über die Schulter nach dem jungen Mädchen
zurückbog. »Irgend eine Bewandtnis muss es mit dieser Geheimtuerei haben -
lassen Sie uns einmal sehen, meine Kleine!«
    Sie schlug das Buch auf - es waren keine Banknoten, keine Kostbarkeiten, die
auf dem gelb gewordenen Blatte dalagen - nur Worte, zart und anmutig
geschriebene Worte; aber wenn plötzlich aus diesem hässlichen Büchlein ein Dolch
nach der Brust der jungen Witwe gezückt worden wäre, sie hätte nicht entsetzter
und fassungsloser zurückschrecken können, als bei dem augenblicklichen
Ueberfliegen dieser so harmlos aussehenden, über die aufgeschlagene Seite
hingestreuten kleinen Worte! Das rosige Gesicht wurde weiss bis in die Lippen,
sie legte instinktmässig die Hand bedeckend über die stieren Augen, und die
üppige Gestalt sah für einen Moment aus, als bedürfe sie einer Stütze, um nicht
zusammenzubrechen.
    Aber diese junge Frau hatte sich ja zeitlebens in der Selbstbeherrschung vor
Zeugen geübt, um des Nimbus der Gottseligkeit willen. Sie hatte gelernt, die
Augen fromm und madonnenhaft zum Himmel aufzuschlagen, ob auch ihr Herz in Groll
und Rache schwoll; sie konnte mit tiefer Inbrunst einer Predigt zuhören, während
ihre Seele bei einer neuen Toilette verweilte; sie sprach, wo sie konnte, empört
und mit dem Rot der Entrüstung auf den Wangen über das sündhafte Treiben der
Welt, über den nicht zu verzeihenden Mangel an Bibellesen und las heimlich die
schlüpfrigsten französischen Romane.
    Diese unglaubliche Biegsamkeit und Elastizität ihres äusseren Menschen hatte
sich in entscheidenden Momenten stets bewährt, und auch jetzt bedurfte es kaum
einiger Sekunden, um ihr die vollständigste Fassung zurückzugeben. Sie schlug
das Buch zu, und ein vortrefflich gelungener Zug der Enttäuschung spielte um
ihre blassen Lippen.
    »Es ist wirklich eine elende, alte Scharteke!« rief sie nach dem Professor
hinüber, während sie wie in halber Zerstreuteit das Buch in ihre Tasche schob.
»Ich finde es sehr albern von Ihnen, Karoline, dass Sie um dieser Lappalie willen
einen solchen Lärm veranlassen!«
    »Sie hat diesen Lärm veranlasst?« fragte der Professor rasch hinzutretend -
er bebte vor innerer Aufregung. »Ich glaubte, du habest mich zu Hilfe gerufen,
um dieses junge Mädchen vor Zeugen des Silberdiebstahls zu überführen! ...
Willst du wohl die Gewogenheit haben, deine nichtswürdige Anschuldigung hier auf
dieser Stelle zu motivieren?«
    »Du siehst, dass ich augenblicklich ausser stande bin -«
    »Augenblicklich?« unterbrach er sie heftig. »Du wirst dies kränkende Wort
zurücknehmen und der Beleidigten in meiner und Heinrichs Gegenwart sofort volle
Satisfaktion geben!«
    »Mit tausend Freuden, lieber Johannes! Es ist ja Christenpflicht, einen
Irrtum zu bekennen und gut zu machen ... Meine beste Karoline, verzeihen Sie
mir, ich habe Ihnen unrecht getan!«
    »Und nun gib das Buch zurück!« befahl der Professor kurz und unerbittlich
weiter.
    »Das Buch?« fragte sie mit ihrer völlig wiedergewonnenen, kindlich
unschuldigen Miene. »Aber, liebster Johannes, es gehört ja gar nicht der
Karoline.«
    »Wer sagt dir denn das?«
    »Nun, ich habe flüchtig den Namen der alten Tante Cordula darin gelesen! ...
Wenn jemand darüber zu verfügen hat, so bist du es, als Erbe ihrer Mobilien und
Bücher ... Es hat an sich nicht den geringsten materiellen Wert - wie es
scheint, ist es eine Abschrift alter Dichtungen ... Was wolltest du mit dem
sentimentalen Zeuge da anfangen? Aber ich bin eine Freundin solcher alten,
vergilbten Bücher - für mich ist es trotz seiner Unsauberkeit und Plumpheit eine
Art Kabinettstück ... Bitte, schenke es mir!«
    »Vielleicht, nachdem ich's gesehen haben werde,« versetzte er kalt und
achselzuckend und streckte die Hand aus, um das Buch in Empfang zu nehmen.
    »Aber es würde ja dadurch gerade einen erhöhten Wert für mich erhalten, wenn
du es mir unbesehen überlassen wolltest,« bat sie mit lieblich schmeichelnder
Stimme weiter. »Müsste ich nicht denken, du hättest materielle Rücksichten bei
diesem ersten und einzigen Geschenk, um das ich dich bitte?«
    Eine dicke Zornader schwoll auf der Stirn des Professors. »Ich erkläre dir
hiermit, dass es mir sehr gleichgültig ist, wie du über dieses mein Verhalten
denkst,« sagte er schneidend ... »Ich verlange unter allen Umständen das buch
zurück ... Du bist mir sehr verdächtig! Die Abschrift irgend einer alten,
sentimentalen Dichtung kann unmöglich die vollendete Weltdame plötzlich so
schreckensbleich gemacht haben.«
    Mit diesen Worten vertrat er der Regierungsrätin den Weg; ihr ungewisser
Blick, der mit Blitzesschnelle die Länge des Korridors durchmass, und eine rasche
Bewegung verrieten unwiderleglich, dass sie das Weite suchen wolle. Der Professor
ergriff ihre Hand und hielt sie fest.
    Felicitas geriet ausser sich bei dem Gedanken, dass er seine Absicht erreichen
werde. Es war ihr schrecklich, das Buch im Besitz der abscheulichen Heuchlerin
zu wissen, aber sie musste sich selbst sagen, dass es dort so sicher sei, wie in
ihren Händen, und jedenfalls heute noch für immer spurlos verschwinden werde.
Sie stellte sich deshalb an die Seite der Regierungsrätin, um ihr die Flucht zu
erleichtern.
    »Ich bitte, Herr Professor, lassen Sie der gnädigen Frau das Buch!« bat sie
so ernst und ruhig, als es ihr in diesem kritischen Moment möglich war. »Sie
wird sich beim Lesen desselben völlig überzeugen, dass es voreilig war, irgend
eine Kostbarkeit in dem kleinen Kasten zu vermuten.«
    Der erste misstrauische Blick fiel aus den stahlgrauen Augen auf ihr Gesicht
- es war, als träfe sie ein Messerstich; sie wurde flammendrot und schlug die
Augen nieder.
    »Also auch Sie lassen sich zu einer Bitte herbei?« fragte er scharf und
sarkastisch. »Da handelt es sich ganz gewiss um mehr, als um sentimentales Zeug!
... Zudem erinnere ich mich, dass meine Kousine vorhin behauptete, Sie sähen sehr
ängstlich aus, und ich gestehe, dass ich dieselbe Bemerkung gemacht habe ... Ich
frage Sie jetzt auch aufs Gewissen: Was entält das Buch?«
    Das war ein entsetzlicher Moment. Felicitas rang mit sich selbst; sie
öffnete die Lippen, aber kein Laut wurde hörbar.
    »Bemühen Sie sich nicht!« sagte er ironisch lächelnd zu dem jungen Mädchen,
während er die Hand der Regierungsrätin fester zusammenpresste, da sie
verschiedene Manipulationen machte, um sich allmählich loszuwinden. »Sie können
mitleidslos, rauh und entsetzlich aufrichtig sein, aber lügen können Sie nicht
... Das Buch entält also keine Dichtungen, sondern irgend eine Wahrheit, eine
Tatsache, die ich um keinen Preis wissen soll ... Wirst du endlich die
Freundlichkeit haben, Adele, mir mein Eigentum, wie du es selbst genannt hast,
herauszugeben?«
    »Mache mit mir, was du willst, aber bekommen wirst du es nie!« rief mit
verzweiflungsvoller Entschiedenheit die Regierungsrätin, die in ihrer Angst
gänzlich aus der Rolle des harmlos bittenden Kindes fiel. Sie machte abermals
verzweifelte Anstrengungen, sich loszureissen, und es gelang - sie floh wie
gejagt; aber da stand Heinrich mit ausgespreizten Armen und Beinen wie eine
Mauer und füllte den schmalen Korridor völlig aus. Sie prallte zurück.
»Unverschämter Mensch, gehen Sie mir aus dem Wege!« schrie sie auf und stampfte
ausser sich mit dem Fusse.
    »Ja wohl, gleich, gnädige Frau Regierungsrätin,« entgegnete er ruhig und
höflich, ohne jedoch im geringsten seine Stellung zu verändern; »geben Sie nur
erst das Büchelchen her, nachher will ich schon gern auf die Seite treten.«
    »Heinrich!« rief Felicitas herbeispringend; sie rüttelte verzweiflungsvoll
an seinem Arme. »Ach, das hift dir nichts, Feechen!« schmunzelte er, als seine
alten Knochen unter den ohnmächtigen Anstrengungen des jungen Mädchens eisenfest
verharrten. »Ich bin nicht so auf den Kopf gefallen, wie du denkst - du möchtest
aus purer Gutmütigkeit gern einen dummen Streich machen, und das leide ich
nicht!«
    »Lass die Dame vorüber, Heinrich!« gebot der Professor ernst. »Aber hiermit
sollst du wissen, Adele, dass ich ohne weiteres den einzigen Weg einschlagen
werde, der mir zu meinem Eigentum verhilft! Es kann mir niemand verwehren,
anzunehmen, dass dies Buch wichtige Entüllungen über den Nachlass der Tante
entält - möglicherweise gibt es Aufschluss über verborgene Gelder -«
    »Nein, nein!« beteuerte Felicitas, ihn unterbrechend.
    »Es ist meine Sache, zu denken, was ich will!« versetzte er streng und
unerbittlich, »und Sie sowohl wie Heinrich werden mir vor Gericht bezeugen, dass
diese Dame hier ein vielleicht sehr bedeutendes Erbteil meiner Familie
unterschlagen hat.«
    Die Regierungsrätin fuhr empor, als habe sie eine Natter gebissen. Sie warf
einen wilden Blick auf ihren unbeugsamen Peiniger, und jetzt kam die rasende
Leidenschaftlichkeit über sie, mit der sie Taschentücher zerriss und Tassen
zerschmetterte. Sie riss das Buch aus der Tasche und warf es ihm unter gellendem
Hohngelächter vor die Füsse.
    »Da nimm es, du eigensinniger Tor!« rief sie, und ihr ganzer Körper bebte,
als schüttele sie ein Krampf. »Ich gratuliere dir zu dem interessanten
Schriftstück! ... Trage die Schande, von der es dir erzählen wird, mit Würde!«
    Sie flog durch den Korridor die Treppe hinab und warf unten die Zimmertür
schmetternd in das Schloss.
    Der Professor sah der Regierungsrätin mit einem entschiedenen Ausdruck von
lächelndem Hohn und tiefer Verachtung nach; dann betrachtete er einen Moment das
plumpe Äussere des Buches, während Felicitas' Blick in namenloser Angst an den
Fingern hing, die sich zwischen die Blätter legten und sie jeden Augenblick
aufschlagen konnten. Ein Gemisch von sorgenvollem Sinnen und peinlicher Spannung
lag in seinen Zügen - die letzten verhängnisvollen Worte der Regierungsrätin
hatten ihn nicht eigentlich frappiert, er hatte offenbar diese Entwickelung des
widerwärtigen Vorganges vermutet; es handelte sich für ihn jedenfalls nur noch
darum, welcher Art die geweissagte Schande sei ... Plötzlich sah er auf und in
die flehenden braunen Augen des jungen Mädchens - welche Gewalt hatten doch
diese Augen über den strengen Mann! Es war, als streiche sofort eine sanfte Hand
glättend über die finster gerunzelte Stirne, und um die Lippen zuckte es wie ein
halbes Lächeln.
    »Und nun werde ich über Sie Gericht halten!« hob er an. »Sie haben mich
schmählich hintergangen. Während Sie mir da droben mit einer Aufrichtigkeit
gegenüberstehen, auf die ich hätte schwören wollen, tragen Sie ein Hellwigsches
Familiengeheimnis in der Tasche! ... Was soll ich von Ihnen denken, Fee? ... Sie
können diese abscheuliche Falschheit nur wieder gut machen, wenn Sie ohne
Rückhalt meine Fragen beanworten.«
    »Ich will alles sagen, was ich darf, aber dann bitte ich Sie, ach, ich bitte
Sie inständigst, geben Sie mir das Buch zurück!«
    »Ist das wirklich meine stolze, trotzige, unbeugsame Fee, die so süss bitten
kann?«
    Bei diesen Worten des Professors entfernte sich Heinrich unbemerkt und
wohlweislich, aber er setzte sich wie zum Tod erschrocken auf die erste
Treppenstufe nieder und griff an seinen grauen Kopf, ob er nach dem Gehörten
wirklich noch an der alten Stelle sitze.
    »Sie sind also heute lediglich in die Mansardenwohnung eingedrungen, um dies
Buch zu holen?« inquirierte der Professor.
    »Ja.«
    »Auf welchem Wege? - Ich fand alle Türen fest verschlossen.«
    »Ich bin über die Dächer gegangen,« versetzte sie zögernd.
    »Das heisst, durch die Bodenräume?«
    Sie wurde dunkelrot. War sie auch befreit von dem Verdachte einer gemeinen
Handlung, so trug dieselbe immerhin das tadelnswerte Gepräge des Einbruchs.
    »Nein,« sagte sie gedrückt, »durch die Bodenräume führt kein Weg, ich bin
aus einem der gegenüberliegenden Mansardenfenster gestiegen und über die Dächer
gegangen.«
    »Bei diesem furchtbaren Sturm?« fuhr er erbleichend auf. »Felicitas, Sie
sind entsetzlich in Ihren Konsequenzen!«
    »Es blieb mir keine Wahl!« erwiderte sie bitter lächelnd.
    »Und warum suchten Sie um jeden Preis in den Besitz des Buches zu gelangen?«
    »Ich betrachtete es als ein heiliges Vermächtnis meiner Tante Cordula. Sie
hatte mir gesagt, der kleine graue Kasten - seinen Inhalt kannte ich nicht -
müsse vor ihr sterben. Der Tod überraschte sie, und ich hatte die feste
Ueberzeugung, dass der Kasten nicht vernichtet sei; zudem stand er in dem
Geheimfach, welches das sämtliche Silberzeug entält, ich konnte dieses Versteck
nicht angeben, ohne das Buch unbefugten Händen mit zu überliefern.«
    »Armes, armes Kind, wie mögen Sie sich geängstigt haben! ... Und nun ist all
diese heroische Selbstverleugnung umsonst gewesen, das Buch ist doch in
unbefugten Händen!«
    »O nein, Sie werden es mir zurückgeben!« bat sie in Todesangst.
    »Felicitas,« sagte er ernst und gebieterisch, »Sie werden mir jetzt streng
der Wahrheit gemäss zwei Fragen beantworten: Kennen Sie den Inhalt genau?«
    »Zum Teil, seit heute.«
    »Und kompromittiert er Ihre alte Freundin?«
    Sie schwieg unschlüssig. Vielleicht gab er ihr bei Bejahung dieser Frage das
Buch behufs der Vernichtung zurück, aber dann beschimpfte sie Tante Cordulas
Andenken und bestätigte die abscheulichen Gerüchte von ihrer vermeintlichen
Schuld.
    »Es ist Ihrer unwürdig, auf Ausflüchte zu sinnen, mag Ihre Absicht auch noch
so gut und rein sein!« unterbrach er das momentane Schweigen streng. »Sagen Sie
einfach ja oder nein!«
    »Nein!«
    »Ich wusste es,« murmelte er. »Und nun seien Sie verständig,« mahnte er, »und
fügen Sie sich in das Unabänderliche, ich werde das Buch lesen!«
    »Sie wurde blass wie der Tod, aber aufs Bitten verlegte sie sich nicht mehr.
»Tun Sie das, wenn es sich mit Ihrer Ehre verträgt!« stiess sie hervor. »Sie
legen Hand an ein Geheimnis, das Sie nicht wissen sollen ... In dem Augenblick,
wo Sie das Buch aufschlagen, nehmen Sie den furchtbarsten, fortgesetzten Opfern
eines ganzen Frauenlebens allen Wert!«
    »Sie kämpfen tapfer, Felicitas,« entgegnete er ruhig, »und wären die letzten
Worte nicht, die jene Frau« - er deutete nach der Richtung, wo die
Regierungsrätin verschwunden war - »in ihrer Raserei mir hingeworfen hat, so
gäbe ich Ihnen das schlimme Geheimnis unbesehen zurück. So aber will und muss ich
die Schande kennen, die auf meinem Namen liegt, und ist die arme Einsame in der
Mansarde stark genug gewesen, sie vor fremden Augen zu hüten, so werde ich auch
wohl die Kraft finden, sie zu ertragen ... Ich bin doppelt gezwungen, der Sache
auf den Grund zu gehen. Die Linie Hellwig am Rhein ist offenbar im Mitbesitz des
Geheimnisses und möglicherweise an irgend einer Büberei beteiligt - wenn Sie
auch schweigen und die Augen niederschlagen, ich sehe doch deutlich an Ihrem
Gesicht, dass ich richtig vermute - meine Kousine wusste ohne Zweifel um die
Familienschande und war nur entsetzt, sie plötzlich niedergeschrieben zu finden
... ich werde mit diesen Hehlern abrechnen! ... Trösten Sie sich, Fee!« fuhr er
weich und zärtlich fort und strich sanft mit der Hand über den Scheitel des
jungen Mädchens, das in stummer Verzweiflung vor ihm stand. »Ich kann nicht
anders handeln, und wenn mir als Preis die Versicherung geboten würde, dass Sie
sofort die Meine werden wollten - ich müsste Nein sagen!«
    »Ich kann mich nie wieder beruhigen,« rief sie in ausbrechender Klage, »denn
ich habe Sie unglücklich gemacht durch meine Unvorsichtigkeit!«
    »Sie werden ruhig werden,« sagte er ernst und nachdrücklich, »wenn Sie
einsehen lernen, dass Ihre Liebe mir alles überwinden hilft, was das Leben
Schweres auf meinen Weg wirft!«
    Er drückte ihre kleine, eiskalte Hand und ging in sein Zimmer. Felicitas
aber presste die heisse Stirne an das Fensterkreuz und starrte hinab in den
Vorderhof, wo ein furchtbarer Gewitterregen mit solchem Ungestüm
niederprasselte, als gelte es, das Blut des gemordeten Adrian Hirschsprung von
den Steinplatten wegzuwaschen, und mit ihm den Schandflecken, der auf dem Namen
Hellwig lastete.
 
                                       27
Eine Stunde später trat der Professor in das Wohnzimmer seiner Mutter. Seine
Hautfarbe war um einen Hauch bleicher als gewöhnlich; aber Gesichtsausdruck und
Haltung liessen mehr als je die männliche Entschiedenheit und moralische Kraft
hervortreten, die seine äussere Erscheinung zu einer bedeutenden machten.
    Frau Hellwig sass hinter ihrem Asklepiasstock und strickte. Masche um Masche
wurden unter diesen fleischigen weissen Händen zu Sprossen einer Leiter, die
schnurstracks zum Himmel emporstieg - denn es war ein Missionsstrumpf, an
welchem die grosse Frau strickte.
    Der Professor legte ein aufgeschlagenes kleines Buch auf das Tischchen,
hinter welchem sie sass.
    »Ich habe in einer sehr ernsten Angelegenheit mit dir zu reden, Mutter,«
sagte er, »zuvor aber muss ich dich bitten, einen Blick in diese Blätter zu
werfen.«
    Sie legte erstaunt den Strickstrumpf hin, setzte die Brille auf und nahm das
Buch. »Ei, das sind ja der alten Cordula ihre Kritzeleien!« meinte sie unwirsch,
aber sie fing an zu lesen.
    Der Professor legte die linke Hand auf den Rücken, liess die rechte
unablässig über den Bart gleiten und ging schweigend im Zimmer auf und ab.
    »Ich sehe nicht ein, inwiefern mich die kindische Liebesgeschichte mit dem
Schusterjungen interessieren soll!« rief die grosse Frau unwillig, nachdem sie
zwei Seiten überlesen hatte »Wie kommst du denn auf die Idee, mir die alte
Scharteke zu bringen, die mir die ganze Stube verpestet mit ihrem Modergeruch?«
    »Ich bitte dich, lies weiter, Mutter!« rief der Professor ungeduldig. »Du
wirst sehr bald den Modergeruch vergessen über anderen schlimmen Seiten, die das
Buch hat.«
    Sie nahm es mit sichtbarem Widerwillen auf und überschlug einige Blätter.
Aber allmählich kam Spannung in dies Steingesicht; die knisternden Blätter
flogen immer rascher durch ihre Finger. Ein feines Rot trat in die weissen
Wangen, es lief über die Stirne und wurde plötzlich zu Purpur ...
Merkwürdigerweise jedoch war es weder ein eigentlicher Schrecken, noch gar
Entsetzen, was die Frau erfasste - mit einem masslosen Erstaunen, in das sich sehr
bald ein unsäglicher Hohn mischte, liess sie das Buch in den Schoss sinken.
    »Das sind ja merkwürdige Dinge! Ei sieh da, wer hätte das gedacht! Die
ehrenhafte, hochangesehene Familie Hellwig!« rief sie, die Hände
zusammenschlagend - in ihrer Stimme stritten Hass, Triumph und gesättigte
Bosheit. - »Also die Geldsäcke, auf denen die stolze Frau Kommerzienrätin, meine
Frau Schwiegermutter, stand, waren zum Teil gestohlen! ... Ei, ei, da rauschte
man in Samt und Seide daher - da gab man Feste, wo der Champagner in Strömen
floss, und wo man sich von den Schmarotzern eine schöne und geistreiche Frau
nennen liess! ... Und ich, ich musste diese jubilierenden Gäste bedienen - niemand
beachtete neben der leichtfertigen, üppigen Frau die arme, junge Verwandte, die
in ihrer Tugend und Gottesfurcht hoch stand über den sündhaften, elenden
Schwelgern ... Da hab' ich oft die Zähne zusammengebissen und im Herzen zu
meinem Gott gebetet, er möge dieses verruchte Treiben strafen nach seiner
Gerechtigkeit! ... Er hatte bereits gerichtet ... O, wie wunderbar sind seine
Wege! - Es war gestohlenes Geld, das sie verprassten - ihre Seelen sind zwiefach
verloren!«
    Der Professor war regungslos mitten im Zimmer stehen geblieben. Er hatte
diese Art Auffassung so wenig vorausgesehen, dass er einen Augenblick fassungslos
schwieg.
    »Wie du die Grossmutter dafür verantwortlich machen kannst, dass sie unbewusst
diese veruntreuten Gelder benutzt hat, begreife ich nicht, Mutter,« sagte er
nach einer kurzen Pause entrüstet. »Dann sind auch unsere Seelen verloren, denn
wir sind bis auf den heutigen Tag im Genuss der Zinsen verblieben ... Uebrigens
wirst du bei dieser Ansicht um so mehr mit mir einverstanden sein, dass wir uns
das sündhafte, unehrliche Geld so bald wie möglich vom Halse schaffen und es bei
Heller und Pfennig zurück geben.«
    Vorhin, bei ihrem grenzenlosen Erstaunen, war Frau Hellwig sitzen geblieben
und hatte einfach ihre Hände zusammengeschlagen; jetzt stützte sie dieselben auf
die Armlehnen des Stuhles und fuhr mittels eines Ruckes empor.
    »Zurückgeben?« wiederholte sie, als zweifle sie, recht gehört zu haben. »Wem
denn?«
    »Nun, selbstverständlich den möglicherweise existierenden Hirschsprungschen
Erben.«
    »Wie, an die ersten besten Strolche und Tagediebe, die vielleicht daher
kommen und sich melden, sollten wir eine so enorme Summe hinauszahlen? ...
Vierzigtausend Taler blieben ja wohl der Familie Hellwig, nachdem -«
    »Ja, nachdem Paul Hellwig, der Ehrenmann, der echte und gerechte Streiter
Gottes, der unleugbare Erbe des Himmelreiches, zwanzigtausend Taler an sich
gerissen hatte!« unterbrach sie der Professor, bebend vor Entrüstung. »Mutter,
du lässest die Seele meiner Grossmutter zur Hölle fahren, weil sie unwissentlich
geraubtes Geld verwendet hat - was verdient der, welcher mit teuflischer
Ueberlegung und Berechnung ein Vermögen stiehlt?«
    »Ja, er ist einen Moment der Versuchung erlegen,« versetzte sie, ohne auch
nur im mindesten ihre Fassung zu verlieren. »Er war damals ein unbesonnener,
junger Mensch, der den rechten Weg noch nicht gefunden hatte - der Teufel wählt
ja gerade die besten und edelsten Seelen, um sie dem Reiche Gottes abwendig zu
machen - aber er hat sich emporgerafft aus dem Pfuhle der Sünde, und es steht
geschrieben: Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der
Busse tut. Er kämpft unermüdlich für den heiligen Glauben - das Geld ist
entsühnt, geheiligt in seinen Händen; denn er benutzt es zu Gott wohlgefälligen
Zwecken!«
    »Wir Protestanten haben auch unseren Jesuitenorden, wie ich sehe!« lachte
der Professor in unsäglicher Bitterkeit auf.
    »Genau so verhält es sich mit dem, was an unser Haus gekommen ist,« fuhr die
grosse Frau unerschütterlich fort. »Sieh dich um, ob nicht auf allem, was wir
tun und wirken, Gottes Hand sichtbar ruht! ... Klebte die Sünde noch an dem
Gelde, es könnte nicht so herrliche Früchte bringen ... Wir, du, mein Sohn, und
ich, haben in Segen verwandelt, was einst Verbrechen gewesen ist, durch unseren
Eifer im Dienste des Herrn, durch unseren gottseligen Wandel.«
    »Ich bitte dich, Mutter, mich lasse unerwähnt!« unterbrach er aufs tiefste
empört diese haarsträubende Beweisführung. Er griff mit der Hand nach der Stirne
und presste sie, als ob sie unsäglich schmerze.
    Ein giftiger Blick flog hinüber nach dem protestierenden Sohne, aber
nichtsdestoweniger fuhr die grosse Frau mit erhöhter Stimme fort: »Wir sind nicht
ermächtigt, Mittel, mit denen wir einer heiligen Sache dienen, mir nichts, dir
nichts fortzuwerfen, damit sie vielleicht in weltlichen Genüssen vergeudet
werden ... Das ist der Hauptgrund, aus welchem ich mich mit allen Kräften gegen
ein Aufrühren dieser verschollenen Geschichte sträuben werde - der zweite ist,
dass du einen deiner Vorfahren beschimpfst.«
    »Beschimpft hat er sich selber und uns alle mit!« sagte der Professor rauh
und finster. »Aber wir können wenigstens unsere Ehre retten, indem wir es
verschmähen, die Hehler zu machen.«
    Frau Hellwig verliess die Estrade und trat in ihrer ganzen Ueberlegenheit und
stattlichen Würde vor ihren Sohn.
    »Gut - setzen wir den Fall, ich gäbe dir nach in dem widerwärtigen Handel,«
sagte sie kalt. »Wir nähmen also diese vierzigtausend Taler - deren Verlust
uns, nebenbei gesagt, zu einer nur mässig bemittelten Familie machen müsste, aber
sehen wir einmal auch davon gänzlich ab - also wir nähmen dies Geld und gäben es
bei Heller und Pfennig zurück - wie nun, wenn die lachenden Erben auch noch die
aufgelaufenen Zinsen und Zinseszinsen forderten - was dann?«
    »Ich glaube nicht, dass sie dazu berechtigt sind - wenn es aber der Fall
wäre, dann müsstest du dich eben an das Wort halten: Ich will die Sünden der
Väter heimsuchen an den Kindern.«
    »Ich bin keine geborene Hellwig - vergiss das nicht, mein Sohn!« unterbrach
sie ihn schneidend. »Einen völlig unbefleckten, hochangesehenen Namen habe ich
mit in dies Haus gebracht - mein Vater war ein fürstlicher Rat - auf mich fällt
die Schande mitin nicht; ebensowenig bin ich gesonnen, irgend ein pekuniäres
Opfer zu bringen, um den Flecken abzuwaschen - meinst du, ich sollte in meinen
alten Tagen darben um dieser fremden Sünde willen?«
    »Darben, wo du einen Sohn hast, der imstande ist, für dich zu sorgen? ...
Mutter, glaubst du nicht, dass ich dir mit dem, was ich gelernt habe, ein
schönes, völlig sorgenfreies Alter verschaffen kann?«
    »Ich danke dir, mein Sohn!« sagte sie eisig. »Aber ich ziehe es doch vor,
von meinen Renten zu leben und mein eigener Herr zu bleiben. Ich hasse die
Abhängigkeit - seit dem Tode deines Vaters habe ich keinen Willen gekannt als
den des Herrn, meines Gottes, und meinen eigenen - und so soll es bleiben ...
Uebrigens streiten wir nicht um des Kaisers Bart! Ich erkläre dir hiermit, dass
ich diese ganze Geschichte für eine Erdichtung der hirnverbrannten Person unter
dem Dache halte. - Nichts in der Welt wird mich zwingen, sie als wahr, als
wirklich geschehen anzuerkennen!«
    In diesem Augenblick wurde die Tür geräuschlos geöffnet, und die
Regierungsrätin trat herein. Die schöne Frau hatte geweint, aber diesmal nicht
als Mater dolorosa - man sah die Spuren deutlich an den geröteten Augenlidern,
und auf dem zarten Samt der Wangen glühten dunkle Flecken. Es war unverkennbar,
die Leidenschaft hatte eben noch diese Seele derb geschüttelt, wenn auch von
seiten der Dame alles geschah, die unwiderleglichen Zeugen zu einem Gesamtbilde
unverschuldeten Leidens umzustempeln. - Sie hatte, um ihr sehr derangiertes Haar
zu verstecken, eine weisse, duftige Tüllecharpe um den Kopf geschlungen; das
ideale Haupt mit den einzelnen, dicken, blonden Locken, die sich regellos unter
dem Tüllduft hervorstahlen, erhielt dadurch etwas Verklärtes. Jedenfalls hatte
man versucht, den so lange festgehaltenen Nimbus des zart Mädchenhaften und der
naiven Kindlichkeit einstweilen durch die unschuldig weissen Tüllwogen zu
ersetzen.
    Sie sah das verhängnisvolle Buch auf dem Tische liegen und zuckte zusammen.
Langsam, wie eine Büssende, schritt sie auf den Professor zu und bot ihm mit
schamvoll abgewandtem Gesicht die Hand - er verweigerte ihr die seinige.
    »Verzeihe mir, Johannes,« bat sie. »Ach, ich bin so ungestüm gewesen, dass
ich's vor mir selbst nicht verantworten kann! ... Ich, die ich sonst so still
und ruhig in meinem Gemüt bin, wie konnte ich nur so heftig werden! Aber die
unselige Geschichte, sie trägt ganz allein die Schuld! ... Bedenke, Johannes,
mein lieber Papa ist durch dies abscheuliche Buch dort kompromittiert, und dir
wollte ich doch auch um jeden Preis eine niederschlagende Entdeckung ersparen
... Ich kann mir nicht helfen, aber ich muss immer denken, Karoline habe diesen
entsetzlichen Zeugen aufgestöbert, nur um uns vor ihrem Weggang noch einen recht
schlimmen Streich zu spielen ...«
    »Hüte deine verleumderische Zunge!« rief er drohend und so heftig
auffahrend, dass sie erschrocken schwieg. »Uebrigens will ich dir verzeihen,«
setzte er nach einer Pause, sich mühsam beherrschend, hinzu, »aber nur unter
einer Bedingung.«
    Sie sah ihn fragend an.
    »Dass du mir ohne jedweden Rückhalt mitteilst, auf welche Weise du in den
Besitz des Geheimnisses gekommen bist.«
    Einen Augenblick schwieg sie, dann hob sie niedergeschlagen an: »In Papas
letzter Krankheit, die, wie du weisst, einen tödlichen Verlauf zu nehmen schien,
forderte er mich auf, ihm verschiedene Papiere aus seinem Sekretär zu bringen -
ich musste sie vor seinen Augen vernichten; es waren Hirschsprungsche Dokumente,
wahrscheinlich hatte er sie als Kuriositäten aufbewahrt ... Machte ihn nun die
scheinbare Nähe des Todes mitteilsamer, oder hatte er überhaupt das Bedürfnis,
einmal über diesen Vorgang zu sprechen - genug - er weihte mich ein -«
    »Und schenkte dir ein gewisses Armband, nicht wahr?« warf der Professor
ingrimmig ein.
    Sie nickte schweigend und sah flehend und hilfsbedürftig zu ihm auf.
    »Hältst du den Vorfall nach dieser Erklärung noch für die Erdichtung einer
Wahnsinnigen?« wandte sich der Professor kalt lächelnd nach seiner Mutter um.
    »Ich weiss nur, dass diese Person,« sie deutete zornbebend auf die junge Frau,
»an Faselei und Unverstand alles übertrifft, was mir bis jetzt vorgekommen ist!
... Da ist aber der Eitelkeitsteufel, der lässt einem keine Ruhe, da muss man
solch ein seltenes Armband umlegen, das bewundern die Leute und sehen auch so
nebenbei den schönen, weissen Arm!«
    Die Regierungsrätin fiel aus ihrer Rolle als schmerzlich Büssende und
schleuderte einen wilden Blick auf die Tante, die plötzlich eine ihrer
schwächsten Seiten schonungslos an das Licht zog.
    »Ich will nicht weitern erörtern, Adele, wie es dir bei deinem Gemüt, dessen
Reinheit und Schuldlosigkeit du bei jeder Gelegenheit betonst, möglich gewesen
ist, gestohlenen Schmuck zu tragen,« sagte der Professor scheinbar ruhig, aber
in seiner Stimme grollte es dumpf, wie vor dem Ausbruch eines heranziehenden
Gewitters. »Es bleibt dir selbst überlassen, zu entscheiden, wer strafbarer ist,
ob die arme Mutter, die Brot für ihre hungernden Kindern stiehlt, oder die
reiche, elegante Frau, die im Wohlleben schwimmt und den Diebstahl liebevoll
protegiert ... Dass du aber die Stirne haben konntest, diesen veruntreuten
Schmuck mit grosser Ostentation um die reine Hand des Mädchens zu legen, welches
dir dein Kind gerettet hatte - du sagtest dabei ausdrücklich, das Armband sei
dir sehr wert, aber für Aennchen könntest du das Liebste freudig opfern; - dass
du es ferner gewagt hast, im Hinblick auf die Abkunft jenes Mädchens dich auf
den hohen Standpunkt einer makellosen Abstammung zu stellen, alle Tugenden des
reinen Blutes für dich beanspruchend und sie in die Sphäre der Verdorbenheit
hinabstossend, während du um die Tat deines Vaters wusstest: das ist eine
empörende Infamie, die nicht streng genug gerichtet werden kann!«
    Die Regierungsrätin wankte, schloss die Augen und griff mit unsicher
tappender Hand nach der Tischecke, um sich festzuhalten.
    »Nun, ganz unrecht hast du nicht, Johannes,« sagte die grosse Frau, indem sie
die Wankende behufs der Erweckung derb am Arme schüttelte, ohnmächtige Frauen
waren ihr ein Greuel, »ganz unrecht hast du nicht, aber dein letzter Ausspruch
klingt denn doch zu stark! Eine grenzenlose Dummheit war's freilich, allein
deshalb darfst du doch nicht vergessen, was du Adelens Stellung schuldig bist
... Der Vergleich mit der armen Frau war - nimm mir's nicht übel - ein wenig
albern ... Es ist ein bedeutender Unterschied, ob man herrenloses Gut findet,
oder mit allem Vorsatz anderen Brot stiehlt ... Aber das ist auch wieder so eine
von den abscheulichen neumodischen Ideen, dass man Vergleiche macht zwischen dem
gemeinen Volke und den Höhergestellten; es befremdet mich höchlich, solche Dinge
aus deinem Munde zu hören. Ebenso ist es geradezu unverantwortlich, ein Mädchen,
wie die Karoline, einer Frau vom Stande in der Weise gegenüber zu stellen, solch
eine Dirne -«
    »Mutter, ich habe dir bereits heute nachmittag im Garten erklärt, dass ich
die unverzeihlichen Angriffe auf die Ehre dieses Mädchens nicht mehr dulden
werde!« rief der Professor, und die gewaltige Zornader erschien auf seiner
Stirne.
    »Oho, mehr Beherrschung und Achtung, mein Herr Sohn, wenn ich bitten darf!
Du stehst vor deiner Mutter!« gebot sie, während sie abwehrend die Hand gegen
ihn ausstreckte, ein vernichtender Blick zuckte aus ihren kalten, grauen Augen.
»Du spielst dich ja vortrefflich auf als Ritter dieser hergelaufenen Prinzessin;
da wird mir freilich nichts anderes übrig bleiben, als ihr auch meinen Respekt
zu Füssen zu legen!«
    »In den Fall wirst du allerdings kommen, Mutter,« antwortete er mit grosser
Ruhe auf den beissenden Hohn, und seine Augen hefteten sich fest und
durchdringend auf ihr Gesicht. »Du wirst ihr die Achtung und den Respekt nicht
versagen dürfen, denn - sie wird mein Weib werden!«
    Und es geschah wirklich, das Unerhörte - das alte Kaufmannshaus blieb stehen
nach dieser Erklärung; die Erde öffnete sich nicht, um die kleine Stadt samt dem
missratensten aller Hellwige zu verschlingen, wie die grosse Frau in der ersten
entsetzensvollen Bestürzung vermutete ... Er selbst stand dort, kaltblütig und
unerschütterlich, das Bild eines Mannes, der mit sich abgeschlossen hat, und an
dem Weibertränen, Krämpfe und Zorneswüten machtlos abprallen, wie die Wellen am
felsenharten Ufer.
    Frau Hellwig war förmlich sprachlos zurückgetaumelt - die Regierungsrätin
aber erwachte aus ihrer halben Ohnmacht und stiess ein hysterisches Gelächter
aus. Der verklärende Schleier fiel vom Haupte herab auf den Nacken, und die
zerstörten Locken, in welchen noch die halbverwelkte Purpurrose von heute
nachmittag hing, ringelten sich wie Nattern um die gerötete Stirne.
    »Da hast du deine vielgepriesene Weisheit, Tante!« rief sie gellend. »Jetzt
triumphiere ich! ... Wer hat dich himmelhoch gebeten, dies Mädchen um jeden
Preis zu verheiraten, ehe Johannes käme? ... Mir sagte es eine untrügliche
Ahnung beim ersten Anblick dieser Person, dass sie unser aller Unglück werden
würde ... Nimm du nun auch die Schande auf dich, gegen welche du dich
geflissentlich verblendet hast! - Ich aber werde sofort nach Bonn abreisen, um
den Professorenfrauen zu verkünden, welcher Art die neue, kleine Kollega ist,
die nächstens in ihren exklusiven Kreis eintreten wird.«
    Sie stürzte zur Tür hinaus.
    Währenddem war die Erstarrung der grossen Frau gewichen. Sie umgürtete sich
mit ihrer ganzen eingebildeten Hoheit und äusseren Würde.
    »Ich habe dich vorhin offenbar falsch verstanden, Johannes,« sagte sie
scheinbar sehr gelassen.
    »Wenn du das glaubst, so werde ich meine Erklärung wiederholen,« versetzte
er kalt und unbeugsam. »Ich werde mich mit Felicitas d'Orlowska verheiraten.«
    »Du wagst es, mir gegenüber diese wahnsinnige Idee festzuhalten?«
    »Statt aller Antwort frage ich dich: Würdest du mir auch jetzt noch deinen
Segen zu einer Verheiratung mit Adele geben?«
    »Ohne weiteres. Sie ist eine standesgemässe Partie - ich kenne keinen
grösseren Wunsch.«
    Der Professor wurde dunkelrot im Gesicht; man sah, wie er die Zähne
zusammenbiss, um eine Flut heftiger Worte zurückzuhalten.
    »Mit dieser Erklärung hast du den letzten Rest von Berechtigung verloren, in
einer meiner wichtigsten Lebensfragen mitzusprechen,« presste er, sich mühsam
bezwingend, hervor. »Dass dies moralisch durch und durch verdorbene Geschöpf,
diese erbärmliche Heuchlerin, mein ganzes Leben vergiften müsse, kommt also
nicht in Betracht ... Du sitzest ruhig hier in deinem stattlichen Hause, und es
genügt dir vollkommen, von deinem fernen Sohne sagen zu können: Er hat sich
standesgemäss verheiratet! ... Diesem unbegrenzten Egoismus gegenüber erkläre ich
dir, dass ich um jeden Preis glücklich werden will, und das kann ich nur mit
jenem armen verachteten Waisenkinde, das wir einst so grausam gemisshandelt
haben!«
    Frau Hellwig stiess ein rauhes Hohngelächter aus.
    »Noch halte ich an mich, nicht das Schlimmste auszusprechen!« rief sie mit
zuckenden Lippen. »Vergiss nicht: Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser, aber
der Mutter Fluch reisst sie nieder!«
    »Willst du behaupten, dein Segen vermöge Adeles moralische Gebrechen
wegzuwaschen? ... Ebenso wenig kann dein Fluch wirken, wenn er auf ein
schuldloses Haupt fällt ... Du wirst ihn nicht aussprechen, Mutter! Gott nimmt
ihn nicht an - er fällt auf dich zurück und macht dein Alter einsam und
liebeleer!«
    
    »Was frage ich danach? ... Ich kenne nur zwei Dinge, an die ich mich halte,
die meine Richtschnur sind: Ehre und Schande! ... Du hast meinen Willen zu
ehren, und kraft dieser Pflicht wirst du deinen unsinnigen Ausspruch
widerrufen!«
    »Nie! darein ergib dich, Mutter!« rief der Professor zurück und verliess das
Zimmer, während sie mit ausgestreckten Armen wie eine Bildsäule stehen blieb. Ob
diese verzerrten, blutlosen Lippen den Fluch gesprochen? Kein Laut drang heraus
in die Hausflur, und wenn es geschehen, er wäre spurlos verhallt - der Gott der
Liebe gibt nicht ein so furchtbares Werkzeug in die Hände der Bösen und
Rachsüchtigen!
    Durch das grosse Viereck des Vorderhauses huschten bereits die Schatten der
hereindämmernden Nacht. Sturm und Gewitter hatten ausgetobt, aber noch
flatterten dunkle, zerrissene Wolkengebilde über den Himmel, wie zürnende
Verlassene, die sich gegenseitig mit Riesenarmen zu erreichen suchten, um als
vereinte Macht herabzustürzen ...
    Droben im ersten Stock wurden Türen geschlagen, Kasten geschoben, und
schwerfällige und behende Füsse liefen auf und nieder - es wurde eingepackt auf
Nimmerwiederkehr. »Da hätten wir also das Ende vom Blümelein Vergissmeinnicht!«
brummte Heinrich seelenvergnügt vor sich hin, indem er einen grossen Koffer über
den Vorsaal trug.
    Wie ruhig und gelassen gegen das Hasten und Poltern im Vorderhause erschien
das blasse Mädchengesicht im grossen Bogenfenster des Hofes! Eine Küchenlampe
brannte auf dem Tische, und daneben stand das Köfferchen mit Felicitas'
Kindergarderobe. Frau Hellwig hatte, den Missionsstrumpf in der Hand, von ihrer
Estrade aus vor einer Stunde den Befehl gegeben, dem Mädchen ihren »Plunder«
auszuliefern, »damit es keine Ursache habe, die Nacht noch im Hause zu bleiben
... Felicitas hielt eben noch das kleine Petschaft mit dem Hirschsprungschen
Wappen gegen das Licht, als das bleiche Gesicht des Professors im Bogenfenster
erschien.
    »Kommen Sie, Felicitas! Nicht eine Sekunde länger sollen Sie in diesem Hause
des Verbrechens und der bodenlosen Selbstsucht bleiben,« sagte er tief erregt.
»Lassen Sie einstweilen diese Sachen hier, Heinrich wird Ihnen morgen alles
bringen.«
    Sie warf ihren Shawl über und traf gleich darauf mit dem Professor in der
Hausflur zusammen. Er nahm ihre Hand fest in seine Rechte und führte sie durch
die Strassen. Am Hause der Hofrätin Frank läutete er.
    »Ich bringe Ihnen einen Schützling,« sagte er zu der alten Dame, die das
Paar im erleuchteten, trauten Wohnzimmer freundlich, aber erstaunt empfing. Er
ergriff ihre Hand und legte die des jungen Mädchens hinein. »Ich vertraute Ihnen
viel an, Mama,« fuhr er bedeutsam fort, »hüten und beschützen Sie mir Felicitas
wie eine Tochter - bis ich sie von Ihnen zurückfordern werde.«
 
                                       28
Das junge Mädchen war nur durch einige Strassen und über zwei Schwellen gegangen;
aber welch äusseren und inneren Umschwung hatten diese wenigen Schritte bewirkt!
... Die gewaltigen Steinmassen des alten Kaufmannshauses lagen hinter ihr und
mit ihnen der Druck einer unwürdigen Behandlung ... Hell und sonnig war es,
wohin sie blickte - nicht der leiseste Zug jenes finsteren Zelotentums trat ihr
entgegen, das wie ein unheimlicher Nachtvogel über dem Hellwigschen Hause
kreiste und mit seinen Fängen jede arglos nahende Menschenseele zu packen suchte
... Eine freie, gesunde Weltanschauung, lebhaftes Interesse für alles, was die
Welt Schönes und Herrliches hat, und ein fröhliches, inniges Familienleben, das
waren die Eigenschaften, die im Frankschen Hause vorwalteten. Felicitas befand
sich somit in ihrem eigentlichen Lebenselemente. Es war ihr ein süss wehmütiges
Gefühl, sich plötzlich wieder mit all den Schmeichelnamen nennen zu hören, die
Tante Cordula ihr gegeben hatte - sie war sofort das Schosskind des Frankschen
Ehepaares geworden.
    So sah die äussere Wandlung aus, die mit ihr vorgegangen - vor der inneren,
tiefgehenden stand sie selbst in süsser Befangenheit ... Sie hatte an jenem Abend
auf die Aufforderung des Professors hin ohne weiteres ihre wenigen
Habseligkeiten liegen lassen; in der Hausflur hatte sie stumm ihre kleine Hand
in seine Rechte geschmiegt und war mit ihm gegangen, ohne wissen zu wollen,
wohin ... Und wenn er sie weiter geführt hätte durch die dunklen Strassen, zum
Tore hinaus - sie wäre mit ihm gepilgert über die ganze Erde, ohne ein Wort des
Widerspruchs oder des Zweifels. Sie war ein seltsames Geschöpf, das bei aller
feurigen Phantasie, bei einem entusiastischen, hochauffliegenden Geiste doch
unerbittlich eine feste Basis für alles Tun und Lassen forderte. Die innigen
Liebesbeteuerungen des Professors, sein angstvolles Flehen hatten ihr das Herz
zerrissen, aber sie waren weit davon entfernt gewesen, ihren Entschluss zu
erschüttern, eine innere Umkehr zu bewirken - es musste etwas ganz anderes
gesprochen werden, um dies Mädchen zu gewinnen, und er hatte es getan,
jedenfalls ohne es zu wissen. Er hatte ihr bei Verweigerung des Buches gesagt:
»Ich kann nicht anders handeln, und wenn mir als Preis die Versicherung geboten
würde, dass Sie sofort die Meine werden wollten, ich müsste nein sagen.« Trotz der
angstvollen Situation, in welcher sie sich damals befand, hatte ihr Herz doch
aufgejubelt - die Kraft des männlichen Entschlusses, der Nachdruck, mit welchem
er zur Geltung gebracht wurde, selbst um den höchsten Preis - sie waren die
einzige Lösung der Frage gewesen, und da war es nun, das Vertrauen, ohne welches
sie sich ein Zusammenleben mit ihm nicht hatte möglich denken können!
    Der Professor kam jeden Tag in das Franksche Haus. Er war ernster und
verschlossener als je - es lastete viel auf ihm. Der Aufentalt in seinem
mütterlichen Hause war unerträglich. Wahrscheinlicherweise hatte die
fortgesetzte, ungewöhnliche innere Aufregung endlich doch die stählernen Nerven
der grossen Frau erschüttert - sie wurde krank und musste das Bett hüten. Sie
weigerte sich zwar konsequent, ihren Sohn zu sehen - Doktor Böhm musste sie
ärztlich behandeln - aber der Professor war dadurch gezwungen, in X. zu bleiben.
    Mittlerweile hatte er den Rechtsanwalt Frank, als Kurator der
Hirschsprungschen Erben, in das Familiengeheimnis eingeweiht und ihm den festen
Entschluss ausgesprochen, das Unrecht sühnen zu wollen. Alle Einwürfe, die der
Freund vom juristischen Standpunkte aus versuchte, diese Sühne wenigstens zu
beschränken, entkräftete der Professor stets durch die entschiedene Frage, ob er
das Geld für ein ehrlich erworbenes halte, und das konnte selbst der Advokat
nicht mit »ja« beantworten. Uebrigens meinte der Rechtsanwalt genau wie Frau
Hellwig, wenn auch von einem anderen Gesichtspunkte aus, es sei dies ein
Streiten um des Kaisers Bart, denn er glaube nicht an die Existenz der
Hirschsprungschen Familie. Aber seiner Ansicht nach durfte dem strenggläubigen
Verwandten am Rhein, dem hochangesehenen Herrn Paul Hellwig, eine tüchtige
Nervenerschütterung nicht erspart werden, und deshalb wurde der wehrhafte
Streiter Gottes zur Herausgabe der veruntreuten zwanzigtausend Taler
aufgefordert. Der fromme Mann antwortete ruhig, mit dem gewohnten salbungsvollen
Schwunge, er habe allerdings diese Summe von seinem Onkel erhalten, als Tilgung
einer alten Familienschuld, denn sein Vater sei von der Hellwigschen Hauptlinie
übervorteilt worden. Woher der Onkel das Geld genommen, sei ihm völlig
gleichgültig gewesen und mache ihm auch jetzt nicht die mindesten Skrupel - das
sei nicht seine Sache. Das Geld befände sich in den besten Händen; er betrachte
sich überhaupt nicht als Besitzer seines Vermögens, sondern als Verwalter und
zwar im Dienste des »Herrn«. Er werde den Besitz der Summe aus diesem Grunde mit
allen Kräften zu verteidigen wissen und es getrost auf einen Prozess ankommen
lassen ...
    Ziemlich ebenso antwortete Natanael, der Student. Ihm war es »sehr egal«,
was ein längst vermoderter Vorfahr vor so und so viel Jahren verschuldet hatte -
er hielt sich durchaus nicht für verpflichtet, anderer Sünden weiss zu waschen,
und wollte sein Erbteil auch nicht um einen Pfennig verkürzt sehen; auch er
erwartete einen Prozess in aller Gemütsruhe, wie er schrieb, und freute sich
bereits auf den Moment, wo die mutmasslichen Erben die Kosten und sein
»überspannter« Herr Bruder seinen hochangesehenen Namen hinterdrein werfen
würden.
    »Da bleibt mir also nichts übrig,« sagte bitter lächelnd der Professor,
indem er diese schriftlichen Zeugen Hellwigscher Ehrenhaftigkeit auf den Tisch
warf, »als alles zu opfern, was ich an Erbteil und Ersparnissen besitze, wenn
ich nicht auch Hehler und Mitwisser einer schlechten Sache sein will!«
    So war allmählich das Ende der Ferien herangekommen. Frau Hellwig war wieder
ausser Bett, hatte aber entschieden erklärt, ihren Sohn vor seiner Abreise nur
unter der Bedingung noch einmal wiederzusehen, dass er den ganzen »verrückten«
Hirschsprungschen Handel als niedergeschlagen betrachte und seinen Entschluss,
Felicitas zu heiraten, widerrufe - das genügte, um Mutter und Sohn für immer zu
trennen.
    Felicitas befand sich in einer schwer zu beschreibenden Stimmung. Solange
sie im Frankschen Hause war, sass sie jeden Nachmittag zur bestimmten Stunde mit
klopfendem Herzen am Fenster und sah verstohlen die Strasse hinab - dann kam sie
endlich um die Ecke, die kräftige, männliche Gestalt mit dem mächtigen Vollbart
und der ruhigen Haltung. Es bedurfte jedesmal der ungeheuersten
Selbstüberwindung, dass das junge Mädchen nicht aufsprang und ihm bis auf die
Strasse entgegenging ... Dann kam er näher und näher, er sah nicht rechts, noch
links, er grüsste die Vorübergehenden nicht - sein Blick haftete unverwandt auf
dem Fenster, hinter welchem der Mädchenkopf sich scheinbar über die Arbeit
neigte; endlich war der Moment gekommen, wo man aufsehen durfte - die vier Augen
begegneten sich, ach, das Leben schloss doch ein Übermass der Glückseligkeit in
sich, von der das junge Herz bis dahin nicht einmal geträumt hatte! - Der
Professor sprach zwar nie mit einer Silbe über seine Liebe, Felicitas hätte
denken können, dies Gefühl sei durch die letzten Ereignisse bei ihm völlig in
den Hintergrund gedrängt worden, wären nicht eben seine Augen gewesen; aber
diese stahlfarbenen Augen folgten ihr unablässig, sobald sie durch das Zimmer
ging oder eine häusliche Verrichtung besorgte; sie leuchteten auf, wenn sie
eintrat, wenn sie den Kopf von der Arbeit hob und ihm das Gesicht voll zuwandte.
Sie wusste, dass sie noch »seine Fee« war, »die daheim auf ihn warten und an ihn
denken sollte«, und in dem Sinne empfing sie ihn auch bei seinen nachmittägigen
Besuchen. Das Mädchen mit dem einst so eisenharten Sinn, mit dem hasserfüllten
Blick und der kalt zurückweisenden Haltung ahnte nicht, welch ein Zauber und
Liebreiz ihrem ganzen Wesen jetzt entströmte; alles Schroffe, alle Härten dieses
vielgeprüften Charakters waren untergegangen in der süssinnigen, demütigen Liebe
des Weibes.
    Und da sollte nun morgen ein Tag werden, wo sie vergebens da am Fenster
sitzen und ihn erwarten würde. In der stets ersehnten Nachmittagsstunde war er
bereits weit, weit von ihr entfernt, zahllose fremde Gesichter hatten sich
zwischen ihn und seine Fee gedrängt - es verging vielleicht ein ganzes,
unermesslich langes Jahr, ehe sie ihn wiedersehen durfte; was sollte das für eine
Zeit werden, die nun kam? ... Felicitas blickte in einen öden, leeren Raum, in
welchem sie sich nicht mehr zurechtfinden konnte - sie hatte ja ihr Steuer
verloren.
    Am Tage vor der Abreise des Professors sassen die Familie Frank und Felicitas
beim Mittagsessen, als das Dienstmädchen eintrat und dem Rechtsanwalt eine Karte
übergab. Ein jähes Rot der Ueberraschung schoss in sein Gesicht, er warf die
Karte auf den Tisch und ging hinaus; auf dem kleinen, weissglänzenden Blättchen
stand: »Lutz von Hirschsprung, Rittergutsbesitzer aus Kiel.« ... Man hörte
draussen in der Hausflur eine männliche Stimme mit vornehmer Ruhe in elegantem
Deutsch sprechen, dann gingen die zwei Herren hinauf in das Zimmer des
Rechtsanwaltes.
    Während das Franksche Ehepaar sich über das Auftauchen dieses doch
gewissermassen in das Reich der Fabel versetzten Erben in einen lebhaften
Gedankenaustausch vertiefte, sass Felicitas in grosser Gemütsbewegung schweigend
da ... Das arme Spielerskind, das, losgelöst aus jeglicher Familienverbindung,
bisher einsam inmitten Fremder gestanden hatte, befand sich plötzlich unter
einem Dache mit einem unbekannten Blutsverwandten ... War es ihr Grossvater, oder
ein Bruder ihrer Mutter? Hatte diese ernst ruhige Stimme da draussen, deren Klang
dem jungen Mädchen durch Mark und Bein gegangen, einst den Fluch gesprochen über
die abtrünnige Tochter derer von Hirschsprung?
    Der Ankömmling nannte sich genau wie sein ausgewanderter Vorfahr. Dieser
fast antediluvianisch klingende Name lag sehr aristokratisch mit viel
Ostentationen auf der kleinen Karte. Man liebt es, die alten Kraftnamen aus dem
Schutte und Staube vergangener Jahrhunderte hervorzusuchen - sie lassen
unwillkürlich eine eisenklirrende Rittergestalt vor uns aufsteigen und
kennzeichnen doch das aristokratische Blut, wenn sie auch unserem heutigen
Pygmäengeschlechte im schwarzen Fracke wunderlich genug anstehen ... Diese Linie
der Hirschsprungs legte ersichtlich viel Gewicht auf ihre Ahnen; es liess sich
fast mit Gewissheit voraussehen, dass die Taschenspielerstochter ihre
Verwandtschaft mit dem Herrn Rittergutsbesitzer nicht ungestraft würde geltend
machen können. Bei dem Gedanken an eine Zurückweisung empörte sich jeder
Blutstropfen in Felicitas; sie schloss die Lippen fester aufeinander, als wolle
sie damit jedes rasche Wort zurückdrängen, das ihr möglicherweise in der
Aufregung entschlüpfen konnte. Dagegen liess sich ihr lebhaftes Verlangen, den
Mann zu sehen, nicht unterdrücken, und die Gelegenheit sollte ihr werden.
    Bald nach der Ankunft des Fremden hatte der Rechtsanwalt den Professor zu
sich beschieden. Die Konferenz der drei Herren dauerte weit über zwei Stunden.
Während dieser Zeit der höchsten Spannung hörte Felicitas den Professor oft,
aber mit ruhigem, gemässigtem Schritte oben auf und ab gehen. Sie sah im Geist,
wie der Mann der Wissenschaft gelassen seine schöne, schlanke Hand über den Bart
gleiten liess und dem Aristokraten ruhig Geld und Gut bot, um den Schandflecken
von der Ehre seines Namens zu vertilgen ...
    Später liess der junge Frank seine Mutter bitten, Kaffee bereit zu halten, er
werde mit seinem Besuche nach dem Schluss der Geschäfte in das Wohnzimmer kommen.
Felicitas besorgte das Nötige, und während sie noch in der Küche mit dem Ordnen
des Kaffeegeschirres beschäftigt war, hörte sie die Herren bereits die Treppe
herabsteigen. Fast wollte ihr der Mut sinken, als sie den Fremden langsam und in
ein Gespräch mit dem Professor verwickelt durch die Hausflur schreiten sah. Es
war eine fast übergrosse, schmale Gestalt, die in Haltung und Gebärden den
feinen, formgewandten Weltmann, aber auch den gebietenden Herrn, den seiner
bevorzugten Stellung sich bewussten Aristokraten unleugbar verriet ... Ihr
Grossvater war der Fremde keinenfalls, dazu sah der feingemeisselte, sehr kleine
Kopf mit dem kurzgeschorenen braunen Haar zu jung aus. In diesem Augenblick
spielte freilich um die schmalen, dünnen Lippen ein verbindliches Lächeln, mit
welchem er sich zu dem Professor hinüberneigte, aber das schöne,
scharfgeschnittene Gesicht mit dem gelblich bleichen Teint war offenbar mehr
geübt im Ausdruck herrischer Strenge, als in dem der Güte und des Wohlwollens.
    Felicitas strich mit bebenden Händen glättend über ihr Haar und trat in das
Zimmer, nachdem die Köchin den Kaffee hereingetragen hatte. Die Anwesenden
standen sämtlich in der einen grossen Fensternische und wandten der leise
Eintretenden den Rücken. Sie füllte geräuschlos die Tassen, nahm das Kaffeebrett
und bot es mit einigen Worten dem Fremden - er drehte sich jäh um bei dem Klange
ihrer Stimme, taumelte aber sofort zurück, als habe ein heftiger Schlag sein
erbleichendes Gesicht getroffen, während das entsetzte Auge über die
Mädchengestalt irrte.
    »Meta!« stiess er hervor.
    »Meta von Hirschsprung war meine Mutter,« sagte das junge Mädchen mit ihrer
tiefen, melodischen Stimme, scheinbar sehr ruhig, setzte aber das Brett auf
einen Tisch, weil die Tassen bedenklich zu klirren begannen.
    »Ihre Mutter? - Ich wusste nicht, dass sie ein Kind hinter- lassen hat,«
murmelte Herr von Hirschsprung, indem er Herr seines Schreckens zu werden
suchte.
    Felicitas lächelte bitter und verächtlich - teilweise wohl über die eigene
Schwäche, mit der sie sich, trotz aller guten Vorsätze, hatte hinreissen lassen,
diesem Mann gegenüber ihre Abkunft einzugestehen. In seine schreckensvolle
Ueberraschung mischte sich auch nicht ein Laut der Liebe oder des schmerzlichen
Mitleids - sie fühlte sofort, dass sie eine Reihe von Demütigungen für sich
heraufbeschworen hatte, sie musste sie nun erleiden und hinnehmen in Gegenwart
der Umstehenden, die, lautlos vor Erstaunen und Verwunderung, der weiteren
Entwickelung des merkwürdigen Vorgangs harrten.
    Mittlerweile wich die Bestürzung des Herrn von Hirschsprung, aber nur um
einer peinlichen Verlegenheit Platz zu machen. Er strich sich mit der Hand über
die Augen und sagte leise und stockend: »Ja, ja, ganz recht, diese kleine Stadt
X. war es ja, wo die Nemesis die Unglückliche ereilt hat - eine furchtbare, aber
leider gerechte Nemesis!«
    Es hatte den Anschein, als kehre ihm mit diesem Ausruf die volle Gewalt über
sich selbst zurück. Er richtete sich in seiner ganzen Länge auf und sagte mit
der vornehmen Leichtigkeit des vollendeten Kavaliers zu den Umstehenden: »Ah,
Pardon, wenn ich mich durch einen augenblicklichen Eindruck hinreissen liess, zu
vergessen, dass ich mich in Gesellschaft befinde! ... Aber ich glaubte ein
Familiendrama für alle Zeiten abgeschlossen und begraben, und nun tritt mir hier
ein ungeahntes Nachspiel entgegen! ... Sie sind also eine Tochter des
Taschenspielers d'Orlowska?« wandte er sich an Felicitas, sichtbar bemüht,
seiner Stimme einen Anflug von Wohlwollen zu geben.
    »Ja,« versetzte sie kurz und stand ebenso hoch aufgerichtet ihm gegenüber.
In diesem Moment trat die Familienähnlichkeit zwischen den beiden Gestalten
scharf und schlagend hervor. Stolz war der vorherrschende Ausdruck in diesen
edelschönen Linien, wenn er auch auf einer vielleicht grundverschiedenen
Anschauungsweise beruhte.
    »Ihr Vater hat Sie nach dem Tode seiner Frau in X. zurückgelassen? Sie sind
hier aufgewachsen?« frug er weiter, unverkennbar betroffen durch die imposante
Haltung des Mädchens.
    »Ja!«
    »Dem Mann ist freilich nicht viel Zeit verblieben, für Sie zu sorgen -
soviel ich mich erinnere, ist er ja wohl vor acht oder neun Jahren in Hamburg am
Nervenfieber verstorben.«
    »Ich erfahre erst in diesem Moment, dass er nicht mehr lebt,« entgegnete
Felicitas bebend, während ihre Mundwinkel krampfhaft zuckten und eine Träne in
ihr heisses Auge trat. Aber trotz der Gemütserschütterung, die ihr die Nachricht
brachte, fühlte sie doch eine Art von schmerzlicher Genugtuung; Frau Hellwig
hatte ja oft genug gesagt, ihr Vater ziehe als liederlicher Strolch in der Welt
umher und frage viel danach, was es anderen Leuten koste, sein Kind
aufzufüttern.
    »Ah, es tut mir leid, dass ich dazu berufen war, Ihnen diese
niederschlagende Mitteilung zu machen!« rief Herr von Hirschsprung, bedauernd
den Kopf hin und her wiegend. »Mit ihm haben Sie freilich den einzigen
Verwandten verloren, der Ihnen nach dem Tode Ihrer Mutter geblieben ist ... Es
gab eine Zeit, wo ich der Vergangenheit dieses Mannes nachforschte - er hat von
zarter Jugend an allein gestanden in der Welt - es ist beklagenswert, aber Sie
haben niemand mehr von Ihrer Familie.«
    »Und darf man fragen, Herr von Hirschsprung, in welcher Beziehung die Mutter
dieses jungen Mädchens zu Ihrer Familie gestanden hat?« rief die Hofrätin,
empört über die erbarmungslose Art und Weise, wie er Felicitas aus dem Bereiche
seiner adeligen Sippe hinauswies.
    Ein fahles Rot flackerte über sein Gesicht ... So hinreissend das Erröten auf
den Wangen der Unschuld ist, so widerwärtig berührt es uns in dem Gesicht eines
hochmütigen Mannes, den wir im offenbaren Kampfe sehen, ob er etwas ihn
Demütigendes vor uns verbergen soll oder nicht.
    »Sie war einst meine Schwester,« antwortete er mit klangloser Stimme, aber
das Wort »einst« scharf markierend; »ich habe es geflissentlich vermieden, diese
Beziehung zu betonen,« fuhr er nach einer ziemlichen Pause fest fort; »so wie
die Sachen liegen, bin ich zu Erörterungen gezwungen, die mich möglicherweise
rücksichtslos erscheinen lassen ... Ich muss dieser jungen Dame Mitteilungen über
ihre Mutter machen, die ihr besser erspart geblieben wären ... Frau d'Orlowska
hat in dem Augenblick, wo sie dem Polen die Hand reichte, für alle Zeiten
aufgehört, ein Glied der Familie von Hirschsprung zu sein ... In unserem
Familienbuche steht nicht, wie gebräuchlich, hinter ihrem Namen, mit wem diese
Tochter des Hauses vermählt war - in dem Moment, wo sie zum letztenmal über
unsere Schwelle geschritten ist, hat mein Vater mit eigener Hand ihren Namen
durchstrichen - das war tausendmal härter für ihn, als wenn er das Totenkreuz
hätte hinzeichnen müssen ... Seitdem ist der Name Meta von Hirschsprung spurlos
verschollen für uns - kein Freund des Hauses, kein Diener hat je gewagt, ihn
wieder laut werden zu lassen; meine Kinder wissen nicht, dass sie je eine Tante
gehabt haben - sie ist enterbt, verstossen, und war längst für uns gestorben, ehe
sie auf eine so schreckliche Weise endete.«
    Er schwieg einen Augenblick. Die Hofrätin hatte während dieser in wahrhaft
vernichtender Weise gegebenen Entüllungen ihren Arm um Felicitas gelegt und sie
mütterlich liebevoll an sich herangezogen ... Und dort stand der Professor - er
sprach nicht, aber sein Auge ruhte unverwandt und innig auf dem blassen Gesicht
des Mädchens, das abermals für seine tote, »vergötterte« Mutter so schwer leiden
musste ... Es entstand eine momentane, peinvolle Stille. In diesem Schweigen lag
unverkennbar eine strenge Verurteilung; auch der Sprechende vermochte nicht,
sich diesem Eindrucke zu entziehen - stockend, mit unsicherer Stimme fuhr er
fort: »Seien Sie versichert, dass es für mich eine sehr schwere Aufgabe ist,
Ihnen in der Weise weh tun zu müssen - ich erscheine mir selbst in einem so -
so unritterlichen Lichte, aber, mein Gott, wie soll ich denn die Dinge anders
beim Namen nennen? ... Ich möchte gern etwas für Sie tun ... In welcher
Eigenschaft sind Sie denn hier in diesem sehr ehrenwerten Hause?«
    »Als mein liebes Töchterchen,« antwortete die Hofrätin an Felicitas' Stelle
und sah ihn fest und durchdringend an.
    »Nun sehen Sie, da haben Sie ja doch ein sehr glückliches Los gezogen!«
sagte er zu dem jungen Mädchen, während er sich vor der Hofrätin verbindlich
neigte. »Leider ist es nicht in meine Hand gegeben, mit Ihrer edlen Beschützerin
zu wetteifern - die Rechte einer Tochter des Hauses dürfte ich Ihnen schon um
deswillen nicht zugestehen, als meine Eltern noch leben; in ihren Augen würde
leider der Umstand, dass Sie den Namen d'Orlowska tragen, vollkommen genügen, um
Sie nie vor sich zu lassen.«
    »Wie, die leiblichen Grosseltern?« rief die alte Dame entrüstet. »Sie könnten
um das Dasein einer Enkelin wissen und sterben, ohne sie gesehen zu haben? - Das
machen Sie mir nicht weis!«
    »Meine liebe Frau Hofrätin,« entgegnete Herr von Hirschsprung kalt lächelnd,
»das stark ausgeprägte aristokratische Gefühl, ein hoher Sinn für die
unbefleckte Ehre des Hauses sind Familieneigentümlichkeiten der Hirschsprungs,
denen auch ich mich nicht entziehen kann - die Liebe kommt bei uns erst in
zweiter Linie. Ich begreife die Anschauungsweise meiner Eltern vollkommen und
würde genau so handeln, wenn sich eine meiner Töchter je vergessen sollte.«
    »Nun, mögen die Männer Ihrer Familie über diesen Punkt denken, wie sie
wollen,« sagte die Hofrätin beharrlich, »aber die Grossmutter - sie müsste ja ein
Stein sein, wenn sie von diesem Kinde hörte und -«
    »Gerade sie verzeiht am wenigsten,« unterbrach er die alte Dame in sicherer
Ueberlegenheit. »Meine Mutter hat verschiedene Glieder alter Grafengeschlechter
auf ihrem Stammbaum und hütet den Glanz des Hauses, wie selten eine Frau ...
Uebrigens steht es Ihnen frei, meine sehr geehrte Frau Hofrätin,« setzte er,
nicht ohne einen leisen Anflug von Spott, hinzu, »einen Versuch für Ihren
Schützling zu wagen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, dass ich Ihnen nicht nur
nicht entgegen sein, sondern Ihr Vorhaben sogar möglichst unterstützen werde.«
    »O bitte, nicht ein Wort mehr!« rief Felicitas in namenloser Qual, während
sie sich aus den Armen der alten Dame loswand und die Hände derselben
beschwörend erfasste. »Seien Sie überzeugt, mein Herr,« wendete sie sich nach
einer momentanen Pause ruhig und kühl, wenn auch mit zuckenden Lippen, an den
Herrn von Hirschsprung, »dass es mir nie einfallen wird, mich auf ehemalige
Rechte meiner Mutter zu stützen - sie hat sie hingeworfen um ihrer Liebe willen,
und nach allem, was Sie soeben ausgesprochen, hat sie dabei nur gewonnen ... Ich
bin in dem Glauben aufgewachsen, dass ich allein stehe in der Welt, und so sage
ich mir auch jetzt: Ich habe keine Grosseltern.«
    »Das klingt scharf und bitter!« sagte er leicht verlegen. »Aber,« fügte er
mit einem Achselzucken hinzu, »so wie die Verhältnisse nun einmal sind, bin ich
genötigt, Sie in dieser Art der Auffassung verharren zu lassen ... Im übrigen
will ich für Sie tun, was in meinen Kräften steht. Ich zweifle keinen
Augenblick, dass es mir gelingen wird, von meinem Vater eine anständige
lebenslängliche Rente für Sie zu erwirken.«
    »Ich danke!« unterbrach sie ihn heftig. »Ich habe Ihnen eben erklärt, dass
ich keine Grosseltern habe; wie können Sie denken, dass ich von Fremden Almosen
annehmen werde?«
    Er errötete abermals, allein jetzt war es das dunkle Rot der Beschämung,
welche vielleicht zum erstenmal im Leben diese hocharistokratische Seele
beschlich. In offenbarer Verlegenheit griff er nach seinem Hute - niemand
hinderte ihn daran. Er berührte, sich gegen den Rechtsanwalt wendend, mit
einigen fast geflüsterten Worten noch einmal das Geschäftliche; dann bot er, wie
von einem plötzlichen Impuls bewegt, Felicitas die Hand, allein das junge
Mädchen verneigte sich tief und zeremoniell vor ihm und liess ihre beiden Hände
langsam an den Seiten niedersinken ... Das war eine herbe Sühne, die das
Spielerskind dem stolzen Herrn von Hirschsprung gegenüber für sich verlangte! Er
wich bestürzt zurück, neigte sich mit einem Achselzucken und, für diesen
Augenblick aller aristokratischen Hoheit bar, vor den übrigen und verliess, vom
Rechtsanwalt begleitet, das Zimmer.
    Als die Tür hinter ihm in das Schloss fiel, schlug Felicitas mit einer
heftigen Gebärde die Hände vor das Gesicht.
    »Fee!« rief der Professor und breitete seine Arme weit aus. Sie sah empor
und - flüchtete hinein. Die Arme um seinen Hals schlingend, drückte sie ihren
Kopf fest an seine Brust ... Der junge, wilde Vogel ergab sich für alle Zeiten,
er machte auch nicht den leisesten Versuch mehr, aufzufliegen; es war süss, in
starken Armen geborgen zu rasten, nachdem er im einsamen Fluge durch Sturm und
Wetter sich fast zu Tode gekämpft und geflattert hatte.
    Bei diesem Anblick gab die Hofrätin ihrem vergnügt lächelnden Gemahl einen
Wink, und beide gingen geräuschlos aus dem Zimmer.
    »Ich will, Johannes!« rief das junge Mädchen und schlug die Wimpern auf, an
denen noch die Tränen des kindlichen Schmerzes hingen.
    »Endlich!« sagte er und legte seine Arme fester um die zarte Gestalt, sie
war ja mit diesem Ausspruche sein eigen. Welch ein Gemisch von Glut und
Zärtlichkeit brach aus den strengen, stahlgrauen Augen, die auf das glückselig
lächelnde Mädchenantlitz niedersahn!
    »Ich habe von Stunde zu Stunde auf dies erlösende Wort gewartet,« fuhr er
fort; »Gott sei Dank, es ist aus eigenem Antriebe gesprochen worden! Ich wäre
sonst heute abend noch gezwungen gewesen, es zu veranlassen; ob es mir dann so
süss geklungen hätte, wie eben jetzt, ich bezweifle es! ... Böse Fee, mussten erst
so bittere Erfahrungen über mich kommen, ehe du dich entschliessen konntest, mich
glücklich zu machen?«
    »Nein!« rief sie entschieden aus und wand sich los. »Nicht der Gedanke, dass
Ihre äussere Lage sich geändert habe, hat mich besiegt; in dem Augenblick, wo Sie
mir konsequent und entschieden die Zurückgabe des Buches verweigerten, kam
urplötzlich das Vertrauen -«
    »Und wenige Augenblicke darauf, als das Geheimnis mir offenbar wurde,«
unterbrach er sie und zog sie abermals an sich, »da erkannte ich, dass du bei
aller Schroffheit, bei allem Trotz und Stolz, doch die echte, beseligende Liebe
des Weibes im Herzen trägst. Du wolltest lieber entsagen, ehe du das Leiden
einer schmerzlichen Erfahrung über mich kommen liessest ... Wir haben beide eine
harte Schule durchgemacht, und - täusche dich nicht, Fee, über die Aufgabe, die
dir wird! Ich habe meine Mutter verloren, mein Vertrauen auf die Menschheit hat
einen starken Stoss erlitten und - auch das muss gesagt sein - ich besitze in
diesem Augenblick fast nichts, als meine Wissenschaft!«
    »O, ich Glückselige, dass ich neben Ihnen stehen darf!« unterbrach sie ihn
und legte die Hand leicht auf seinen Mund. »Ich darf freilich nicht hoffen,
Ihnen das alles ersetzen zu können, aber was ein demütiges Weib irgend tun und
ersinnen kann, um das Leben eines edlen Mannes zu erhellen, das soll gewiss
geschehen!«
    »Und wann wird dieser stolze Mund sich herablassen, mich du zu nennen?«
fragte er, auf sie herablächelnd.
    Ihr lilienweisses Gesicht errötete bis an die Haarwurzeln.
    »Johannes, bleibe nicht allzulange fern von mir!« flüsterte sie bittend.
    »Ach, hast du im Ernst geglaubt, dass ich ohne dich gehen würde?« rief er
leise lachend. »Wenn es sich in diesem Augenblick nicht so schön fügte, so
würdest du heute abend erfahren haben, dass du morgen früh um acht Uhr, in
Begleitung unserer lieben Hofrätin, mit mir nach Bonn abreisest. Die liebe, alte
Mama hat dir ein wenig Komödie vorgespielt, mein Kind; droben im Staatszimmer
stehen seit gestern die gepackten Koffer, und ich habe, unterstützt von ihrem
Rat, selbst das Reisehütchen ausgesucht, das ich auf der trotzigen Stirne da
sehen will ... Du bleibst vier Wochen als meine erklärte Braut im Hause der Frau
von Berg, und dann - zieht eine kleine Frau neben das Studierzimmer des
grimmigen Professors, der Falten auf der Stirne und bitterböse Blicke mit nach
Hause bringt.«
Herr von Hirschsprung legitimierte sich, respektive seinen noch lebenden Vater,
als einzigen Erben, und das Vermächtnis der alten Mamsell wurde ihm
ausgehändigt. Er erklärte die Ansprüche der Hirschsprungs an die Familie Hellwig
bezüglich der unterschlagenen sechzigtausend Taler für vollkommen getilgt,
nachdem der Professor die dreissigtausend Taler der Tante Cordula aus seinem
eigenen Vermögen verdoppelt und somit das Kapital bis zu seiner vollen Höhe
ergänzt hatte.
    Für das verbrannte Bachsche Opernmanuskript musste Frau Hellwig bare tausend
Taler erlegen; sie fügte sich knirschend, weil sie von allen Seiten die
Versicherung erhielt, dass ein Prozess noch ganz andere Opfer von ihr fordern
dürfte.
    »Warum soll ich's leugnen?« sagte am Reisemorgen der Rechtsanwalt errötend
und lebhaft erregt zu dem Professor, der reisefertig in der Fensternische neben
ihm stand und auf seine Begleiterinnen wartete. »Ich gönne dir Felicitas nicht!
... Ich habe im ersten Augenblick dies seltene Geschöpf erkannt und werde lange
Zeit brauchen, um - zu vergessen ... Aber einen Trost habe ich dabei: sie hat
dich zu einem anderen Menschen gemacht und den sittlichen Rechten der
Menschheit, ihrer unanfechtbaren guten Sache einen neuen Bekenner zugeführt ...
Schlagender konnte meine freie und gewiss gesunde Ansicht über unsere sozialen
Missverhältnisse nicht motiviert werden, als durch den Umstand, dass - verzeihe
mir die bittere Wahrheit - die stolzen Hellwigs den Angehörigen des verachteten
Spielerskindes gegenüber Schwerschuldige waren ... Da stehen die einen und sehen
hochmütig auf die anderen herab, und die blinde Welt ahnt nicht, dass es faul ist
unter ihren gerühmten Institutionen, und dass der frische Luftzug der Freiheit
nötig ist, um sie wegzufegen, die den Hochmut, die Herzlosigkeit und mit ihnen
eine ganze Reihe der schlimmsten Verbrechen begünstigen.«
    »Du hast recht, und ich nehme diese bittere Schlussfolgerung ruhig hin,«
sagte der Professor ernst, »denn ich habe in der Tat schwer geirrt. Aber der
Weg, den ich zurückzulegen hatte, war steinig, und deshalb gönne mir den Preis,
den ich schwer erringen musste.«
Der Professor hat seine junge Frau in den »exklusiven« Kreis der
Professorenfrauen eingeführt, und das ideal schöne Wesen an seiner Hand ist,
trotz der boshaften Einflüsterungen der Regierungsrätin, mit Liebe und
Bewunderung aufgenommen worden ... Es ist Wahrheit, was er sich einst so
hinreissend gedacht hatte: Felicitas schmeichelt ihm die medizinischen
Sorgenfalten von der Stirne, und wenn er abends inmitten seiner gemütlichen vier
Wände bittet: »Fee, ein Lied!« da braust sofort die prachtvolle Altstimme auf,
die ihn einst hinausgetrieben hat aus dem mütterlichen Hause in die Türinger
Wälder, der er entflohen, weil sie ihn unwiderstehlich hinüberriss nach dem
wunderbaren Spielerskinde.
    Er hat sämtliche Möbel aus der Mansardenwohnung nach Bonn schaffen lassen.
Der Flügel und die Büsten samt der üppigen Epheudraperie schmücken jetzt
Felicitas' Zimmer. Im Geheimfache des Glasschrankes bewahrt die junge Hausfrau
auch jetzt noch das kostbare altväterische Silberzeug auf; den kleinen grauen
Kasten samt Inhalt aber hat der Professor an demselben Tage verbrannt, wo die
Hirschsprungs das ausgleichende Kapital in Empfang genommen haben. Das
Schuldbuch ist vernichtet, das Unrecht gesühnt, soweit menschliche Kräfte es
vermochten, und Tante Cordulas Geist kann unbeirrt seinen hohen Flug weiter
verfolgen, den er schon auf Erden angenommen.
    Heinrich lebt in Bonn bei dem jungen Paare. Er wird hoch in Ehren gehalten
und fühlt sich über die Massen wohl; wenn er aber auf der Strasse der in Samt und
Seide gehüllten, jetzt ungeniert nach der neuesten Mode gekleideten
Regierungsrätin begegnet, die stets den Kopf wegwendet, als habe sie das
ehrliche Gesicht des alten Mannes nie gesehen, da schmunzelt er vergnüglich in
sich hinein: »Das Blümelein Vergissmeinnicht hat doch nichts geholfen, gnädige
Frau Regierungsrätin!«
    Die schöne Frau kann übrigens ihren tadellos geformten weissen Arm nicht mehr
mit dem Armringe schmücken; ihr Vater hat ihn »gewissenhaft« mit dem Bemerken,
dass er durch »Zufall und Irrtum« in seinen Besitz gekommen, an die
Hirschsprungschen Erben ausgeliefert. Er lebt auf sehr gespanntem Fuss mit seiner
Tochter, weil sie die »grenzenlose Dummheit« begangen hat, seinen Anteil an dem
Raube zu bestätigen ... Sie hat längst den Nimbus der Frömmigkeit und sanften
Milde eingebüsst, beteiligt sich aber noch immer mit grosser Ostentation an
frommen Bestrebungen, während ihr Aennchen unter fremder Pflege einem sicheren
Tode entgegenwelkt ... Und er, der strenggläubige Verwandte am Rhein? ... Es ist
nicht zu denken, dass ihn die Nemesis auf Erden ereilt, er wird mit frommer
Ergebenheit alles, was über ihn kommen mag, Prüfung nennen. Wir übergeben ihn
deshalb dem öffentlichen Gerichte; die empfindlichste Strafe für den Heuchler
ist, dass ihm vor aller Augen die Maske vom Gesicht genommen wird! ...
    Frau Hellwig sitzt nach wie vor hinter ihrem Asklepiasstocke. Das Unglück
ist endlich auch über ihre gefeite Schwelle geschritten; sie hat zwei Kinder
verloren: ihren Sohn Johannes hat sie verstossen, und eines Tages lief die
Nachricht ein, dass Natanael im Duell geblieben sei. Er hat viele Schulden und
einen sehr befleckten Ruf hinterlassen ... Die eisernen Züge der grossen Frau
sind schlaffer geworden, und manchem will es scheinen, als neige sich der Kopf
mit dem einst so starren Gepräge des Hochmutes und der Unfehlbarkeit oft recht
müde auf die Brust ... Der Professor hat ihr vor kurzem die Geburt seines
erstgeborenen Kindes angezeigt. Seit der Zeit liegt in dem Strickkörbchen, das
bis dahin nur derbe blaue und weisse Knäuel mit grobem Faden beherbergt hat, ein
zartrosiges Strickzeug, Frau Hellwig arbeitet nur verstohlen und ruckweise
daran. Friederike schwört, es sei kein Missionsstrumpf, sondern ein
allerliebstes Kinderstrümpfchen. Ob und wann diese zierlichen, rosenroten Dinger
die strampelnden Beinchen des jüngsten Hellwigschen Familiengliedes umschliessen
werden, wir wissen es nicht, aber zur Ehre des Menschengeschlechts soll es
gesagt sein: Es ist keine Seele so verhärtet, dass nicht ein weicher Punkt, eine
edle Regung, eine süssklingende Saite in ihr schliefen; sie wird sich freilich
oft dieses inneren Schatzes nicht bewusst, wenn die Erweckung von aussen fehlt.
Aber vielleicht ist die grossmütterliche Liebe solch ein ungeahnt warmer Punkt im
Herzen der grossen Frau, der, plötzlich angefacht, ein mildes Licht ausströmt und
das übrige Eis des Innern schmilzt.
    Hoffen wir, lieber Leser!
 
    