
        
                                Adalbert Stifter
                                     Witiko
                                SEINEN LANDSLEUTEN
                             INSBESONDERS DER ALTEN
                             EHRWÜRDIGEN STADT PRAG
                                 WIDMET DIESEN
                                DICHTUNGSVERSUCH
                               AUS DER GESCHICHTE
                              SEINES HEIMATLANDES
                                MIT TREUER LIEBE
                                 DER VERFASSER
                             Linz, im Christmonate
                                      1864
 
                                    Vorwort
In meiner Kindheit traten mir schon öfter Spuren eines Geschlechtes entgegen,
das im mittäglichen Böhmen gehaust hat und in der Erinnerung und in den
Erzählungen des Volkes fortlebte. Als Jüngling ging ich diesen Spuren nach, und
habe manchen Tag in den Trümmern der Stammburg dieses Geschlechtes zugebracht.
Hierauf strebte das Ding sich in verschiedenen kindischen Versuchen dichterisch
zu gestalten. Später fand sich, begleitet von mancher Unterbrechung und
Wiederaufnahme, etwas Ernsteres zusammen, und ging in jüngster Zeit der
Vollendung entgegen, welche Vollendung wieder durch ein langes Unwohlsein
aufgeschoben wurde. Da gaben mir Freunde den Rat, vorerst den Beginn des Werkes
vorzulegen, was hiemit geschieht. Wie weit dieses erspriesslich ist, sei einem
glimpflichen Urteile anheim gestellt. Mögen die Männer der Geschichte, wenn
einige aus ihnen die folgenden Blätter einer Durchsicht würdigen, nicht zu viel
Unrichtiges in ihnen finden, und die Männer der Dichtung nicht zu viel
Unkünstlerisches, und mögen, wenn mir Gott die Beendigung meines Unwohlseins und
eine neue erhöhtere Kraft schenkt, die folgenden Bände besser gelingen als
dieser erste.
Linz, im Christmonate 1864.
                                                                Adalbert Stifter
 
                                  Erster Band
                                       1
 Es klang fast wie Gesang von Lerchen.
Am oberen Laufe der Donau liegt die Stadt Passau. Der Strom war eben nur aus
Schwaben und Baiern gekommen, und netzt an dieser Stadt einen der mittäglichen
Ausgänge des bayerischen und böhmischen Waldes. Dieser Ausgang ist ein starkes
und steiles Geklippe. Die Bischöfe von Passau haben auf ihm eine feste Burg
gebaut, das Oberhaus, um gelegentlich ihren Untertanen Trotz bieten zu können.
Gegen Morgen von dem Oberhause liegt ein anderer Steinbühel, auf dem ein kleines
Häuslein steht, welches einst den Nonnen gehörte, und daher das Nonngütlein
heisst. Zwischen beiden Bergen ist eine Schlucht, durch welche ein Wasser
hervorkömmt, das von oben gesehen so schwarz wie Tinte ist. Es ist die Ilz, es
kömmt von dem böhmisch-bayerischen Walde, der überall die braunen und schwarzen
Wässer gegen die Donau sendet, und vereinigt sich hier mit der Donau, deren
mitternächtliches Ufer es weitin mit einem dunkeln Bande säumt. Das Oberhaus
und das Nonngütlein sehen gegen Mittag auf die Stadt Passau hinab, die jenseits
der Donau auf einem breiten Erdrücken liegt. Weiter hinter der Stadt ist wieder
ein Wasser, das aus den fernen mittäglichen Hochgebirgen kömmt. Es ist der Inn,
der hier ebenfalls in die Donau geht, und sie auch an ihrer Mittagsseite mit
einem Bande einfasst, das aber eine sanftgrüne Farbe hat. Die verstärkte Donau
geht nun in der Richtung zwischen Morgen und Mittag fort, und hat an ihren
Gestaden, vorzüglich an ihrem mitternächtigen, starke waldige Berge, welche bis
an das Wasser reichende Ausgänge des böhmischen Waldes sind. Mitternachtwärts
von der Gegend, die hier angeführt worden ist, steigt das Land staffelartig
gegen jenen Wald empor, der der böhmisch-bayerische genannt wird. Es besteht aus
vielen Berghalden, langgestreckten Rücken, manchen tiefen Rinnen und Kesseln,
und obwohl es jetzt zum grössten Teile mit Wiesen, Feldern und Wohnungen bedeckt
ist, so gehört es doch dem Hauptwalde an, mit dem es vielleicht vor Jahren
ununterbrochen überkleidet gewesen war. Es ist, je höher hinauf, immer mehr mit
den Bäumen des Waldes geziert, es ist immer mehr von dem reinen Granitwasser
durchrauscht, und von klareren und kühleren Lüften durchweht, bis es im Arber,
im Lusen, im Hohensteine, im Berge der drei Sessel und im Blöckensteine die
höchste Stelle und den dichtesten und an mehreren Orten undurchdringlichen
Waldstand erreicht. Dieser auch jetzt noch grosse Wald hat in seinen Niederungen
vornehmlich die Buche, höher hinauf das Reich der Tanne und des ganzen
Geschlechtes der Nadelhölzer, und endlich auf dem Grate der Berge auch oft holz,
nicht der Berghöhe, sondern der kalten Winde wegen, die gerne und frei hier
herrschen. Von der Schneide des Waldes sieht man in das Tal der Moldau hinab,
welche in vielen Windungen und im moorigen Boden, der sich aus dem Walde
herausgelöst hat, in die ferneren Gelände hinaus geht. Gegen sie steigt der Wald
in breiten dichten Wogen ab, nimmt sie nicht selten in seine Schatten, und lässt
sie wieder in Wiesen und Hutweiden hinaus. Und so geht er von ihr in vielen
Wellen in mitternächtlicher gegen Morgen geneigter Richtung in das Land Böhmen
hinein, bis er nach vielen Stunden, die ein Mann zu wandern hätte, mit der
letzten der Wellen, die den Namen Blansko führt, an der Ebene steht, in welcher
die Stadt Budweis liegt. Und wenn er in den Talrinnen und tellerartigen
Ausbuchtungen auch viele Wiesen Felder und Ortschaften hat, so geht in der Mitte
doch der ungeschwächte Waldwuchs von dem Blöckensteine in gerader morgenlicher
Richtung über das Hochficht die Schönebene und den Schlosswald hinaus, und in ihm
ist keine Lichtung und keine Wohnung. Die Richtung der Moldau ist auch gegen
Morgen. Sie ist ganz in dem böhmischen Lande. Ihr Fliessen ist in dem Tale des
grossen Waldes sehr langsam. Unterhalb des Jesuitenwaldes kömmt sie in die
Kienberge, die an ihrer linken Seite stehen. Hinter ihnen begegnet sie dem Fels
der Teufelsmauer, und ihr Lauf wird an ihm ein rauschender und tosender. Hierauf
geht sie noch um schöne Waldhöhen, und noch ein Weilchen gegen Morgen. Dann
ändert sie ihre Richtung, wendet sich gegen Mitternacht, und beginnt das
Waldland zu verlassen. Ihr Fall bleibt da fortan ein lebendigerer und
schnellerer, als er in der moorigen Talsohle des oberen Waldes gewesen war. Sie
begegnet noch manchem dichten Fels, dann manchem Waldhaupte, das sie in
Schlangen zu umgehen gezwungen ist, und manchem langgedehnten Hange, an dem sie
in gerader Richtung hinstreichen muss, bis die Berge immer kleiner werden, die
sie leichter umspringt, bis sie nach mehreren Meilen gleich dem Blansko in die
Ebene kömmt, in der Budweis liegt. Die bedeutendsten Orte, denen sie in dem
Laufe, der genannt worden ist, in den heutigen Tagen begegnet, sind die Flecken
Oberplan und Friedberg, die Abtei Hohenfurt und die Städte Rosenberg und Krumau.
    Zur Zeit, da in Deutschland der dritte Konrad, der erste aus dem Geschlechte
der Hohenstaufen, herrschte, da Baiern der stolze Heinrich inne hatte, da
Leopold der Freigebige Markgraf in Österreich war, da Sobeslaw der Erste auf dem
Herzogstuhle der Böhmen sass, und da man das Jahr des Heiles 1138 schrieb: ritt
in der Schlucht zwischen dem Berge des Oberhauses und dem des Nonngütleins -
welche Berge aber damals wild verwachsen waren - auf einem grauen Pferde, dessen
Farbe fast wie der frische Bruch eines Eisenstückes anzuschauen war, ein Mann
von der Donau gegen das mitternächtige Hügelland hinaus. Der Mann war noch in
jugendlichem Alter. Ein leichter Bart, welcher eher gelb als braun war, zierte
die Oberlippe, und umzog das Kinn. Die Wangen waren fast rosenrot, die Augen
blau. Das Hauptaar konnte nicht angegeben werden; denn es war ganz und gar von
einer ledernen Kappe bedeckt, welche wie ein Becken von sehr festem und dickem
Stoffe gebildet, so dass ein ziemlich starker Schwertieb kaum durchzudringen
vermochte, dergestalt auf dem Kopfe sass, dass sie alles Haar in ihrem Innern
fasste, und an beiden Ohren so gegen den Rücken mit einer Verlängerung hinabging,
dass sie auch einen Hieb auf den Nacken unwirksam zu machen geeignet schien.
Diese Verlängerung der Hauptbedeckung aber hing nicht lose auf den Nacken herab,
sondern lag ihm vielmehr dicht an, und wurde unter dem Wamse geborgen, welches
von gleichem Leder den ganzen Oberkörper knapp umhüllte. In den Achselhöhlen war
ein Schnitt, dass der Mann den Arm hoch heben konnte, und dass man dann das Linnen
seiner innern Kleidung zu sehen vermochte. Von dem nämlichen Leder schien auch
die Beinbekleidung des Reiters. All dieses Leder war ursprünglich mattgelb
gewesen, und wiewohl man nicht verkennen konnte, dass grosse Sorgfalt auf seine
Erhaltung und Reinigung angewendet worden sei, so musste man doch zugeben, dass es
nicht mehr neu sei, und Spuren von Wetterschäden und ausgetilgten Flecken
zeigte. An der Hüfte hing ein Schwert. Eine Art Mantel oder Oberkleid von Tuch
oder überhaupt einem Wollstoffe war zusammengeschnürt an den Sattel geschnallt,
weshalb man die Gestalt und das Wesen dieses Dinges nicht zu ergründen
vermochte. Nur die Farbe schien grau zu sein. Der Reiter hatte keine Feder auf
dem Haupte und nirgends ein Abzeichen an sich. Die Hände waren bloss, die rechte
war frei, die linke führte die Zügel. Das Pferd hatte grössere Hufe und stärkere
Lenden, als Kriegs- oder Reitpferde gewöhnlich zu haben pflegen. Da der Reiter
die Schlucht hinaus ritt, sah er weder rechts noch links, noch nach der Stadt
zurück. Es war eine frühe Stunde eines Tages des Spätsommers, der schon gegen
den Herbst neigte. Der Tag war heiter, und die Sonne schien warm hernieder. Das
Pferd ging durch die Schlucht in langsamem Schritte. Als es über sie
hinausgekommen war, ging es wohl schneller, aber immer nur im Tritte. Es ging
einen langen Berg hinan, dann eben, dann einen Berg hinab, eine Lehne empor,
eine Lehne hinunter, ein Wäldchen hinein, ein Wäldchen hinaus, bis es beinahe
Mittag geworden war. In dieser Zeit langte der Reiter unter einigen hölzernen
Häusern an, die den Namen des Hauzenberges führten. Die Häuser lagen in
Unordnung zerstreut, und der Grund, auf dem sie standen, war ungleich. Es war
hier schon kühler als an der Donau; denn da in Passau viele Obstbäume standen,
ragte hier nur der Waldkirschbaum empor, er stand vereinzelt, und stand in einer
Gestalt, die in manchen Teilen zerstückt war, und bewies, dass viele harte Stürme
in den Wintern an ihm vorübergegangen waren. In sehr schöner Bildung dagegen
stand die Eberesche umher, sie stand bei vielen Häusern, und mischte das Grün
ihres Laubes und das beginnende Rot ihrer Trauben zu dem Grau der Dächer. Die
Herberge war ein Steinhaus, stand auch neben Ebereschen, und hatte ein flaches,
weit vorspringendes Dach, auf dem grosse Granitstücke lagen. Die Tragebalken
gingen weit hervor, und waren zierlich geschnitzt und rot bemalt. In der
Gassenmauer war eine Tür, deren Pfosten rot angestrichen waren. Sie führte in
die Schenkstube. Nicht weit von ihr war ein Tor, das in den Hof ging. Auf der
Gasse standen mehrere steinerne Tische. Weiter zurück waren Pflöcke, die in die
Erde eingerammt waren, und dazu dienten, dass man Pferde an sie anhängen konnte.
Wieder weiter von diesen Pflöcken entfernt waren auch noch ein paar offene
Schoppen, um Pferde unter ihr Dach führen zu können. Hinter den Schoppen stand
Waldwuchs.
    Der Reiter ritt, da er bei diesen Häusern angekommen war, auf dem schmalen
Weglein gegen das Wirtshaus, dort hielt er an, und stieg ab. Er führte sein
Pferd zu einem der Pflöcke, nahm ihm die Gebissstangen aus dem Munde, zog eine
Halfter aus der Satteltasche, und band es mit derselben an den Pflock. Da dies
geschehen war, nahm er Wollappen von der Grösse starker Männerhände aus dem
Sattel, und strich mit den Lappen wechselnd die Seiten und andere Teile des
Tieres. Als er damit fertig war, und die Lappen ausgeschüttelt hatte, leitete er
noch seine blosse flache Hand an den Weichen und dem Rücken des Tieres hin,
welches ihn dabei anblickte. Dann breitete er den Mantel über dasselbe. Als er
diesen auseinander gefaltet hatte, sah man, dass er ein sehr einfaches kunstloses
Stück Stoff von grober Wolle und grauer Farbe sei. Dem Pferde gab er weder
Nahrung noch Getränke, sondern liess es stehen, und ging zu einem der steinernen
Tische, an dem niemand war, und setzte sich vor demselben nieder.
    Auf der Bank, die vor dem Hause hinlief, sass ein Mann, von dem Halse bis zur
Sohle in das gleiche Stück groben braunen Tuches gekleidet. Das Tuch lag fest an
seiner schlanken Gestalt. Um die Schultern hatte er ein sehr kurzes Mäntelchen
mit Ärmeln, das von grauer Farbe war, und noch gröberes Tuch zeigte als die
andere Bekleidung. Schwere Schuhe hüllten die Füsse ein. Sonst hatte er nichts
auf seinem Körper. Der Kopf war ohne Bedeckung, und wucherte mit dem dichtesten
kurzen und so krausem schwarzen Haare, als wäre jedes einzelne Fädchen desselben
zu einem Ringe gebogen worden. Um das Kinn, auf der Oberlippe und an den Seiten
des Angesichtes war dasselbe kurze Haar, aber wo möglich noch krauser. Aus
diesem Schwarz sah ein rotes junges Angesicht mit sehr grossen schwarzen Augen
heraus. Der Mann band mit seinen Händen einen festen Eisendraht gitterartig um
einen geklüfteten irdenen Topf. Der Reiter sass mit seinem Angesichte dem Manne
gegenüber.
    Seitwärts des Reiters, etwa zehn Schritte von ihm entfernt, sassen an einem
Brettertische zwei andere Männer. Sie hatten sehr beschmutzte Lederkoller an.
Die untere Bekleidung konnte man der sehr breiten Tischplatte willen nicht
sehen. Ihre Lederhauben lagen auf dem Tische. Der eine hatte rotbraune Haare und
einen roten Bart, der andere war schwarzhaarig; aber in das Schwarz war schon
sehr viel Weiss gemischt. Der Rotbart schien um die dreissig Jahre zu sein, der
Graubart um die fünfzig. Beider Angesichter waren stark gebräunt. Vor ihnen
stand ein grosser grauer Steinkrug mit blauen Blumen. An der Bank neben dem
Tische lehnte eine Armbrust, auf der Bank aber lag ein eisenspitziger Stock, den
man auch einen Speer nennen konnte.
    Sonst war kein Gast auf der Gasse, als an dem entferntesten kleinsten Tische
ein Kärrner, der seinen Karren mit Ware, die vielleicht Töpfergeschirr sein
konnte, neben sich hatte.
    Ob in der Schenkstube jemand war, konnte man nicht sehen.
    Nur das Federvieh des Wirtes ging in der Sonne herum, und pickte zu Zeiten
ein Körnchen vom verstreuten Pferdefutter.
    Da sich der Reiter an dem Tische niedergesetzt hatte, kam auch der Wirt im
Bocklederwamse dunkeln Unterbeinkleidern und platter Haube aus der Tür mit den
roten Pfosten. Er näherte sich dem Tische, an welchem der junge Reiter sass, und
sagte: »Werdet Ihr etwas bedürfen, was unser Haus geben kann?«
    »Wohl, wenn Ihr mir zu Diensten seid«, entgegnete der Reiter, »es ist nur
wenig. Sendet mir ein Stückchen Fleisch, ein Brod und einen Trunk Bier. Und wenn
ich gegessen habe, dann schickt mir einen Knecht heraus, dass ich ihm sage, was
ich für mein Pferd brauche.«
    »Ich werde nur selber Euer Pferd betreuen«, antwortete der Wirt.
    »Es wäre mir lieber, wenn Ihr gerade so tätet, wie ich Euch gebeten habe«,
entgegnete der Reiter.
    »Es ist auch gut«, sagte der Wirt, und entfernte sich.
    Sogleich kam ein Mädchen aus dem Hause, das rote Wangen hatte, und dem zwei
lichtgelbe Zöpfe von dem Nacken über den roten Latz und das wollene schwarze
Untergewand herab hingen. Das Mädchen deckte frisches Linnen auf den rauhen
Stein des Tisches, und stellte Schüsselchen, und legte Messer und Gabel auf das
Linnen. Dann brachte es dem Reiter in einem grauen Kruge, der auch blaue Blumen
hatte, Bier und endlich ein Stück gebratener Rindschnitte und ein Laiblein Brod.
Der Reitersmann zerschnitt das Fleisch und das Brod, verzehrte beides, und trank
das Bier. Als er fertig war, kam der Wirt, und wollte den Krug wieder füllen;
der Reiter aber legte die Hand auf den Rand des Gefässes, und sagte: »Es ist
genug, ich habe meinen Durst gestillt. Sendet mir jetzt den Knecht, dass mein
Pferd sein Obsorge erhalte.«
    Von dem Nebentische streckte der Rotbart dem Wirte den blaugeblümten Krug
hin, dass er ihn wieder fülle. Der Wirt ging mit dem Kruge in das Haus.
    Als der Knecht zu dem Tische des Reiters gekommen war, und nach seinem
Begehr gefragt hatte, sagte dieser: »Mache, dass eine Magd mit Wasser, Stroh und
Sand ein wenig eine Pferdekufe reinige.«
    Da der Knecht den Reitersmann ansah, als habe er ihn nicht recht verstanden,
sprach dieser neuerdings: »Ich muss meinem Pferde Reinlichkeit geben, darum lasse
mir eine Kufe auswaschen.«
    Der Knecht holte nun eine Magd, welche in einem Kübel Wasser, dann Stroh und
Sand brachte, um damit eine der hölzernen Kufen zu scheuern, die als
Pferdefuttertrog vor dem Hause standen. Der Reiter war von seinem Tische
aufgestanden, sah der Arbeit zu, und leitete sie. Als sie fertig war, wurde die
Kufe vor sein Pferd gestellt. Der Reiter nahm nun selber den flachen länglich
runden Korb, in dem der Knecht Haber gebracht hatte, in seine Hände, schüttelte
den Haber, und gab dann einen Teil davon, mit seinen Händen abgemessen, dem
Pferde in die Kufe. Als dieses davon frass, und in seinem Fressen fortfuhr, ging
der Reiter wieder zu seinem Tische, setzte sich dort nieder, und sah vor sich
hin.
    Nachdem eine gehörige Zeit vergangen war, stand der Reiter wieder auf, und
ging zu seinem Pferde. Er ordnete ihm neuerdings sein Futter, und gab ihm jetzt
auch Heu, welches der Knecht gebracht hatte. Er blieb nun bei dem Pferde stehen.
    Da näherte sich einer der zwei Männer, welche nicht weit von dem Reiter
gesessen waren. Es war der ältere, der mit den grauen Haaren. Als er nahe genug
war, sagte er zu dem jungen Manne: »Das ist ein schönes Tier, ein starkes Tier,
es wird auch gewiss sehr schnell sein.«
    »Ja es ist ein gutes Tier, und für mich reicht seine Schnelligkeit hin«,
sagte der junge Reiter.
    Der andere fuhr nach einer Weile fort: »Ihr müsst es den Leuten hier nicht
übel nehmen, wenn sie den Umgang mit Euch nicht verstehen, sie haben keinen
Unterricht. Es kommen selten hier angesehene Reiter herauf; denn da ist kein
ordnungsmässiger Heerweg, es sind keine Orte hier, die einen vielfältigen Wandel
mit einander hätten, und die Hügel und die Schluchten des Bodens sind auch nicht
geeignet, dass hier Fehden ausgetragen würden. Der Gasterr ist schier nur ein
Bauer, und weiter hinauf sind gar lauter Wälder, in denen kein Mensch ist. Aber
dahin seid Ihr gewiss nicht gekommen, und werdet nicht kommen.«
    »Ich bin mit der Nahrung, die ich in diesem Hause erhalten habe, zufrieden«,
antwortete der Reiter, »der Haber ist für mein Pferd gut, und das Heu auch.«
    »Ja, ja«, antwortete der andere, »aber wie man mit vornehmen Leuten auf eine
höfliche Art umgehen soll, das wissen sie hier nicht.«
    »Ich bin nicht vornehm«, sagte der Reiter.
    »Es kann sich jetzt in diesen Kriegen viel begeben«, fing der andere wieder
an, »es können Boten und Reisige unterwegs sein und Wege und Pfade einschlagen,
auf die man gar nicht dächte.«
    »Mir sind nur Landbewohner begegnet«, antwortete der junge Reiter.
    »Dann müsst Ihr von Passau herauf gekommen sein«, sagte der andere.
    »Es vereinigen sich mehrere Wege unterhalb dieser Häuser«, erwiderte der
Reiter.
    »Das ist wahr«, entgegnete der andere. »Es gibt schlechte Menschen, die
einem Boten auflauern könnten, um Lohn zu erhalten. Da ist der Herzog Heinrich,
ein edler Mann, ein reicher Mann, ein mächtiger Mann, der Schwiegersohn unsers
seligen Kaisers - Gott segne den Kaiser in der Ewigkeit - der Herzog hat die
Kleinode, und wird sie nicht herausgeben. Dann ist der König Konrad, der
erlauchte Herr aus dem Hause der Staufen. Dann ist der heilige Herr, der
Erzbischof von Trier, dann der Markgraf Leopold von Österreich, ein junger Herr.
Er ist der Stiefbruder des neuen Königs, und wird zu ihm stehen. Der Herzog
Sobeslaw in Böhmen ist schon älter, und hat Erfahrung.«
    »Ich habe noch keinen dieser Herren gesehen«, antwortete der Reiter.
    »Ja, Ihr seid noch jung«, sagte der andere, »und könnt Euer Glück in der
Welt schon finden. Es wird Gnaden und Ehren geben. Ich bin schon alt, und kann
nichts tun, als für die hohen Häupter beten. Ich wünsche Euch, dass Ihr recht
viel Glück habt, junger Herr, und bringt es vorwärts.«
    »Nun, da Ihr mir Gutes wollt, so werde ich Euch schon auch einmal einen
Dienst erweisen, so Ihr einen von mir braucht«, erwiderte der Reiter.
    »Gutes, nur lauter Gutes«, sagte der andere, und begab sich wieder zu seinem
Gefährten an den Tisch.
    Da nun dieser Mann von dem Reiter fortgegangen war, so war noch ein anderer
da. Der Krauskopf stand in einiger Entfernung, und betrachtete das Pferd mit
seinen schwarzen Augen. Er musste mit seinem Geschäfte fertig geworden sein.
    Da der Reiter seinem Pferde die Nahrung zusammengestrichen hatte, sah er auf
den Krauskopf, und sagte: »Bewunderst du auch mein Pferd?«
    Dieser ging nun näher, und antwortete: »Ich bewundere es schon lange, schon
so lange Ihr da seid. Hat der andere es auch bewundert? Nun, ich kann es mir
denken.«
    »Kannst du reiten?« fragte ihn der junge Mann.
    »Ja, ich kann reiten«, antwortete der andere, »und brauche keine Bügel und
keine Sporen und keinen Sattel. Ich reite barfuss, mit den Knieen, mit den Fersen
und mit den Fäusten.«
    »Das muss ein schönes Reiten sein«, sagte der junge Mann.
    »Ja«, erwiderte der Krauskopf, »ein gutes ist es, sie bringen mich nicht
herab, wenn sie schlagen, beissen, steigen und springen.«
    »Hast du ein Pferd?« fragte der Reiter.
    »Ich habe selber kein Pferd, ich habe gar nie einmal eines gehabt; aber ich
reite mit den Pferden der andern.«
    »Und lassen die andern dich auf ihren Pferden reiten?« fragte der junge
Mann.
    »Ja, von der Weide und in die Schwemme«, entgegnete der Krauskopf. »Es gehen
Pferde auf dem Anger herum, und wälzen sich, oder fressen.«
    »Sind es gute Pferde?« fragte der Reiter.
    »Ja, gute Pferde«, antwortete der andere, »es ist ein Unterschied, einige
sind stärker, andere schwächer, aber so zierlich schön und glatt wie das Eurige
ist keines. Ich möchte einmal auf einem solchen Pferde sitzen, auf einem Sattel,
und die Füsse in diese eisernen Schlingen da stecken.«
    »Dazu muss man Geschick haben«, sagte der Reiter.
    »Wer schwimmt, und Rabennester abnimmt, auf Stangen über einen Bach geht,
und einen Stier fängt, wird doch auch auf einem solchen Sattel sitzen können.«
    »Ja, das Sitzen ist leicht«, sagte der Reiter, »aber das Pferd zu leiten,
dass es vernünftig ist, und den Willen des Reiters weiss.«
    »Das würde ich schon machen«, antwortete der Krauskopf. »Ich würde mein
Pferd zuerst pflegen, wie Ihr tut.«
    »Das ist gut«, sagte der Reiter.
    »Ihr habt den eigenen Mantel darauf gelegt,« erwiderte der andere, »dass es
sich nach dem scharfen Ritte nicht verkühle.«
    »Siehst du, dass du die Behandlung der Pferde nicht kennst«, sagte der
Reiter; »nach einem scharfen Ritte darf man die Pferde, auch wenn sie mit einem
Mantel bedeckt werden, nicht stehen lassen, sondern man muss sie herum führen,
erst schneller, dann langsamer, dass sie die Wärme gemach verlieren, und für
Futter und Trank tauglicher werden.«
    »Warum habt Ihr denn Euer Pferd dann sogleich stehen gelassen?« fragte der
andere.
    »Weil ich gar nicht scharf geritten bin«, antwortete der Reiter.
    »Ihr seid nicht scharf geritten?« fragte der Krauskopf, und sah den Reiter
starrer an.
    »Wenn nicht Schnelligkeit nötig ist«, entgegnete der junge Mann, »so lasse
ich das Pferd seinen langsamen Schritt gehen. Es dankt mir dann ein ander Mal,
wenn ich Kraft und Schnelligkeit brauche.«
    »Das ist sehr gut«, sagte der Krauskopf. »Ich würde meinem Pferde Treue
erweisen, dass es mir wieder treu würde, und mir folgte.«
    »Daran würdest du sehr wohl tun«, sprach der Reiter.
    
    »Weil ich die Wege in dem Walde kenne und weiss, wie alle Menschen im Walde
und ihre Hunde heissen, so würde ich auch den Willen eines Pferdes kennen«, sagte
der andere.
    »Kann sein«, entgegnete der Reiter.
    »Ich werde aber nie ein Pferd haben«, sagte der Krauskopf.
    »Warum denn nicht?« fragte der Reiter.
    »Weil ich nie so viele Pfennige haben werde, mir eins zu kaufen«, entgegnete
der andere.
    »Ja so«, sagte der Reiter.
    »Und wenn ich der erste Knecht des Waldes wäre, so könnte ich mir nie ein so
ritterliches Pferd kaufen, wie das Eurige ist. Mit einem ritterlichen Pferde
würde ich Erkleckliches bewirken«, sagte der Krauskopf.
    »Ja, da wirst du nie eines bekommen«, entgegnete der junge Mann.
    »Wenn ich im Kriege bei den Unsrigen eine Lanze ergriffe, zu den Feinden
ginge, ihnen ein Pferd nähme, und darauf zu uns zurück ritte: gehörte das Pferd
mir?«
    »Es wäre Beute«, sagte der Reiter.
    »Gehörte es mir?« fragte der andere wieder.
    »Wenn du kein Wege- und Gelegenheitslagerer bist, sondern ein zugeteilter
Kriegsknecht, und wenn du das Pferd nicht in der allgemeinen Schlacht oder sonst
in einem Angriffe erwirbst, sondern wenn du allein hinüber gehst und es allein
herüber bringst, so wird man es dir wohl lassen«, antwortete ihm der Reiter.
    »So werde ich also tun«, entgegnete der Mann.
    »Tu es, mein Freund«, sagte der Reiter.
    Das Pferd war indessen mit seiner Nahrung lässiger geworden, und hatte öfter
umgeblickt. Der Reiter liess ihm Wasser bringen, und tränkte es, dann mischte er
ihm wieder etwas Haber in seine Kufe. Während es denselben verzehrte, blieb er
dabei stehen. Der Krauskopf blieb auch stehen, und sah zu. Als das Pferd fertig
war, wurde es noch einmal getränkt, und der Reiter wischte ihm dann die Lippen
ab, und die Kufe wurde seitwärts gestellt. Hierauf ging der junge Mann zu seinem
Tische, und verlangte nach dem Wirte. Als dieser erschienen war, fragte er ihn:
»Was bin ich Euch schuldig?«
    »Die Zehrung macht siebenzehn Pfennige, und das Waschen des Troges macht
drei Pfennige«, sagte der Wirt.
    Der Reiter nestelte auf der Brust ein wenig sein Wams auf, und zog ein
Beutelchen heraus. Er las aus demselben den Betrag, reichte ihn hin, zog das
Beutelchen zu, und barg es wieder in seinem Wamse. Dann begab er sich zu seinem
Pferde, zäumte es, schnallte den Mantel, führte es ein wenig gegen die Gasse
vorwärts, und bestieg es. Der Krauskopf war mit ihm gegangen, und sah überall
zu. Da der Reiter auf dem Pferde sass, richtete er sich auf demselben zurecht,
ritt gegen den Wirt, und sagte: »Ich danke Euch, lieber Herr, für die Bewirtung,
und wünsche, dass Euch Gott behüte, und alle, die bei Euch sind.«
    »Ich danke Euch«, antwortete der Wirt, »und wünsche Euch desgleichen, und
reitet glücklich.«
    Der Reiter ritt nun langsam von der Gasse weg, den Krauskopf, und die ihm
nachsahen, hinter sich lassend. Er ritt in der Richtung zwischen Morgen und
Mitternacht fort. Er ritt wieder eine Lehne hinan, eine Lehne hinab, ein
Wäldchen aus, ein Wäldchen ein, der Boden wurde immer unwirtlicher und war
endlich mit Wald bedeckt. Der Weg hatte Wurzelgeflechte und Granitsteine, und
das Pferd setzte behutsam seine Hufe.
    Da es Abend geworden war, kam der Reiter auf der Schneide eines langen von
Abend gegen Morgen gestreckten Berges an. Derselbe ging mit lauter Wald in ein
enges Tal hinab, und unten blitzte ein Wässerlein. Jenseits ging wieder ein noch
höherer und mächtigerer Wald empor, und auf seinem Rande ragte ein Steinblock in
die Höhe. - Der Reiter hielt ein Weilchen an, und sah auf den Steinblock hin.
    Dann ritt er in dem Walde, der vor ihm lag, hinunter. Er ritt unter den
Ästen der Bäume, die um ihn waren, dahin, und musste sich vor manchem bücken,
welcher zu niedrig war. Nach einer Zeit kam er bei einem roten Kreuze an. Er
hielt an dem Kreuze stille, und tat ein kurzes Gebetlein. Dann ritt er wieder
weiter. Als es ganz finster geworden war, stieg er vom Pferde, nahm ihm die
Zügel über den Hals nach vorwärts, ging vor ihm, und führte es hinter sich her.
Von dem Kreuze hatte er noch eine kurze, aber sehr steile Stelle zu dem Wasser
hinunter. An dem Wasser verbreitete sich ein Feuergeruch, der Reiter ging auf
eine offene Stelle hinaus, auf welcher aus mehreren dunkeln Erhöhungen
Feuerzünglein empor gingen, die die nächtlichen Tannen beleuchteten, und aus
denen sich ein lichter Rauch über den Wald erhob. Seitwärts dieser Erhöhungen
waren mehrere Hütten, aus denen manches Lichtlein glänzte. Der Reiter führte
sein Pferd zu einer der Hütten. Als er dort angekommen war, öffnete sich die Tür
der Hütte, und ein Mann und ein Weib und zwei Kinder traten heraus.
    »Seid Ihr da«, sagte der Mann, »wir haben Euch schier nicht mehr erwartet.«
    »Sei gegrüsst, Matias«, entgegnete der Reiter, »von Passau kann ich wohl
nicht in kürzerer Zeit da sein.«
    »So bringt nur Euer Pferd herein«, sagte der Mann, und öffnete nicht weit
von der Tür ein Tor.
    »Margareta, leuchte mit einem Span«, sagte er.
    Das Weib lief in die Hütte, und kam bald mit einem brennenden Buchenspan
zurück. Sie ging mit dem Span durch das Tor ein, der Reiter mit dem Pferde
folgte ihr, und hinter ihm gingen der Mann und die Kinder. Sie kamen in einen
Stall. Zwei Kühe hingen in einer Ecke dicht bei einander, und für das Pferd
hatte man einen freien Platz gemacht. Es wurde dort angebunden, und der Reiter
und der Mann befreiten es von Zaum und Sattel. Der Reiter deckte seinen Mantel
über dessen Rücken. Die Kinder schauten zu. Dann ging man von dem Stalle durch
eine kleine Tür in die Stube. In der Stube stand ein hoher Pflock, der mehrere
eiserne Schleifen hatte. In zweien dieser Schleifen staken brennende
Buchenspäne. Die Frau steckte ihren Span in eine dritte Schleife. Der Reiter
setzte sich auf einen hölzernen Stuhl. Die Frau deckte ein Linnen auf einen
Tisch von weichem Holze und stellte dann eine Schüssel mit Suppe auf den Tisch.
Der Reiter, der Mann, die Frau und die Kinder assen von der Suppe. Dann sagte der
Mann: »Ich werde Euch Euer Pferd besorgen, da Ihr müde sein mögt.«
    »Wir werden es beide besorgen«, antwortete der Reiter.
    Der Mann nahm einen Span, ging dem Reiter voran in den Stall, und dieser
folgte ihm. In dem Stalle gab der Reiter dem Pferde von dem Futter, das schon
vorgerichtet war. Dann ging man wieder in die Stube. Als dieses so oft geschehen
war, als sich nötig zeigte, bis das Pferd seine völlige Pflege erhalten hatte,
sagte der Mann: »Jetzt begeben wir uns zur Ruhe, und ruhet Euch recht gut.«
    »Ihr auch«, sagte der Reiter.
    Die Frau brachte die Kinder in ein Seitenkämmerlein der Stube, und der Mann
folgte der Frau und den Kindern.
    Der Reiter schnallte sein Schwert ab, nahm seine Haube von dem Kopfe,
löschte die Späne aus, legte sich angekleidet auf ein Bett, das in einer Ecke
der Stube stand, legte sein Schwert neben sich, und bereitete sich zum
Schlummer.
    Als des andern Tages die Sonne über den Wald empor ging, stand der Reiter
wieder mit seiner Haube auf dem Kopfe und mit dem Schwerte an der Lende vor der
Hütte. Es war ein Stückchen Feld und Wiese um diese wie um die anderen Hütten.
Die schwarzen Erhöhungen, welche Kohlenmeiler waren, brannten und rauchten wie
gestern.
    Aus der Hütte kam die Frau mit den Kindern, die heute morgens schöner
angekleidet waren, und sagte: »Kommt zur Suppe, lieber Herr.«
    Der Reiter ging in die Stube, und alle zusammen verzehrten eine Schüssel
voll warmer Milch mit Roggenbrot.
    Der Reiter ging dann in den Stall, und vollendete die Morgenpflege seines
Pferdes.
    Als dieses vorüber war, sagte er: »Weil heute Sonntag ist, soll das Pferd
ruhen. Ich werde in den Wald hinauf und zu dem Fels der drei Sessel gehen. Ich
habe ihn gestern von dem Rande des breiten Berges aus betrachtet. Am Nachmittage
werde ich wieder zurückkehren. Du, Matias, besorge die Mittagpflege des
Pferdes, wie du schon weisst.«
    »Ich werde es betreuen, wie das schöne milchweisse Pferd in Plan, welches Ihr
gehabt habt«, sagte der Mann.
    »Das weisse Pferd wäre mir zu dem, was ich jetzt vorhabe, doch zu schwach«,
entgegnete der Reiter.
    »So steckt doch wenigstens ein Stück Brod zu Euch«, sagte die Frau.
    Der Reiter nahm das dargereichte Stück Brod, und barg es in seinem Wamse.
    Dann ging er gegen das Wasser, welches in der Nähe der Hütte vorüber floss.
Die Bewohner der Hütte begleiteten ihn bis an das Wasser.
    »Euer Mihelbach fliesst recht schön an deiner Hütte vorüber«, sagte der
Reiter.
    »Ja«, erwiderte der Mann, »zuweilen aber nicht oft auch in dieselbe hinein.«
    »Nun gehabe dich wohl, Matias, und Ihr auch, Frau, mit Euern Kindlein«,
sagte der Reiter.
    »Gehabt Euch wohl, junger Herr«, antwortete der Mann.
    »Erhjetzt Euch nicht zu sehr, und kommt gesund wieder zurück«, sagte die
Frau.
    »Es wird schon so geschehen«, erwiderte der Reiter.
    Dann ging er auf dem flachen Holzstege über das Wasser, die andern gingen
gegen die Hütte zurück.
    Jenseits des Wassers ging er in dem Walde empor. Der Himmel war ganz blau,
und man konnte die Waldglocken von Rindern und manchen Schrei eines Vogels
hören. Der Reiter wich zuweilen von dem Pfade ab und ging auf eine Waldblösse
hinaus.
    Auf einer solchen Waldblösse, auf welcher kurzes Gras und kleine weisse
Blümchen waren, und an deren Rande grosse Ahorne standen, lag, als die Ahorne
endeten, ein sehr grosser Stein, fast so gross als ein Haus, als wäre er von
Menschenhänden hingelegt worden, und an dem Steine stand eine ungemein hohe
Tanne. Der Reiter kniete an der Tanne nieder, und verrichtete ein Gebet. Als er
gebetet hatte, stand er wieder auf, und ging am Rande der Blösse weiter. Er kam
wieder zu Ahornen, unter denen abermals Steine lagen, aber kleine, als wären sie
zum Sitzen hergelegt worden. Der Reiter versuchte die Steine als Sitze, und sie
taugten. Da er wieder aufgestanden war, und weiter gehen wollte, hörte er
plötzlich Stimmen. Es war ein Gesang so klar und schmetternd wie von Lerchen. Es
waren aber nicht Lerchenstimmen, sondern Menschenstimmen, Mädchenstimmen. Sie
sangen jenes Lied ohne Worte, in welchem im Walde und in Bergen das Herz sich in
allerlei Schwingungen der Stimme, im Stürzen und Heben derselben, im Wandeln und
Bleiben ausspricht. Es waren zwei Stimmen, die im Vereine und in Verschlingungen
klangen. Sie erklangen, hoben sich, senkten sich, trugen sich, trennten sich,
neckten sich, schmollten und jubelten. Es war die Lust und Freude, die sie
tönten. Der Gesang schien näher zu kommen. Mit einem Male traten zwei Gestalten
aus den Tannen hervor, und standen am Rande derselben Blösse wie der Reiter und
in nicht grosser Entfernung von ihm. Sie hielten sich mit zwei Armen die Nacken
umschlungen, die anderen zwei Arme hatten sie frei. Es waren junge Mädchen mit
blossen Köpfen, von deren jedem zwei Zöpfe niedergingen. An den Armen war weisses
Linnen, von den Brustlatzen, die rot waren, fiel der starkfaltige schwarze Rock
hinab. Eines der Mädchen trug wilde rote Rosen, neben einander stehend, um das
Haupt. Das andere hatte keine Zierde. Da sie auf die Wiese getreten waren, und
den Mann sahen, hörte ihr Gesang auf. Sie blieben stehen, sahen auf ihn hin, und
er stand gleichfalls, und sah auf sie. Dann begann er langsam gegen sie hin zu
gehen. Sogleich trat das Mädchen, welches keine Rosen hatte, in den Wald zurück,
das andere blieb stehen. Der Reiter ging zu demselben hin. Da er bei ihm
angekommen war, sagte er: »Was stehst du mit deinen Rosen hier da?«
    »Ich stehe hier in meiner Heimat da«, antwortete das Mädchen; »stehst du
auch in derselben, dass du frägst, oder kamst du wo anders her?«
    »Ich komme anders wo her«, sagte der Reiter.
    »Wie kannst du dann fragen?« entgegnete das Mädchen.
    »Weil ich es wissen möchte«, antwortete der Reiter.
    »Und wenn ich wissen möchte, was du willst«, sagte das Mädchen.
    »So würde ich es dir vielleicht sagen«, antwortete der Reiter.
    »Und ich würde dir vielleicht sagen, warum ich mit den Rosen hier stehe«,
entgegnete das Mädchen.
    »Nun, warum stehst du da?« fragte der Reiter.
    »Sage zuerst, was du willst«, erwiderte das Mädchen.
    »Ich weiss nicht, warum ich es nicht sagen sollte«, erwiderte der Reiter,
»ich suche mein Glück.«
    »Dein Glück? hast du das verloren?« sagte das Mädchen, »oder suchst du ein
anderes Glück, als man zu Hause hat?«
    »Ja«, antwortete der Reiter, »ich gehe nach einem grossen Schicksale, das dem
rechten Manne ziemt.«
    »Kennst du dieses Schicksal schon, und weisst du, wo es liegt?« fragte das
Mädchen.
    »Nein«, sagte der Reiter, »das wäre ja nichts Rechtes, wenn man schon wüsste,
wo das Glück liegt, und nur hingehen dürfte, es aufzuheben. Ich werde mir mein
Geschick erst machen.«
    »Und bis du der rechte Mann, wie du sagst?« fragte das Mädchen.
    »Ob ich der rechte Mann bin«, antwortete der Reiter, »siehe, das weiss ich
noch nicht; aber ich will in der Welt das Ganze tun, was ich nur immer tun
kann.«
    »Dann bist du vielleicht der Rechte«, erwiderte das Mädchen, »bei uns, sagt
der Vater, tun sie immer weniger, als sie können. Du musst aber ausführen, was du
sagst, nicht bloss es sagen. Dann weiss ich aber doch noch nicht, ob du ein
Schicksal machen kannst. Ich weiss auch nicht, ob du ein Schicksal machst, wenn
du in unserem Walde auf der Wiese stehst.«
    »Ich darf da stehen«, sagte der Reiter, »denn heute ist Sonntag, der Ruhetag
für Menschen und Tiere, wenn es nicht eine Not und Notwendigkeit anders heischt.
Mein Pferd habe ich eingestellt. Ich bin in den Wald herauf gegangen, zu beten.
Und für den übrigen Tag will ich versuchen, ob ich nicht zu dem Steine der drei
Sessel hinauf gelangen kann.«
    »Das kannst du«, sagte das Mädchen, »es geht ein Pfad hinauf, den du immer
wieder leicht findest, wenn du ihn einmal verlierst. Weil aber der Stein von dem
Grunde, der um ihn herum ist, wie eine gerade Mauer aufsteigt, so haben sie
Stämme zusammen gezimmert, haben dieselben an ihn gelehnt, und durch Hölzer eine
Treppe gemacht, dass man auf seine Höhe gelangen kann. Du musst aber oben sorgsam
sein, dass dein Haupt nicht irre wird; denn du stehst in der Luft allein über
allen Wipfeln.«
    »Bist du schon oben gestanden?« fragte der Reiter.
    »Ich werde doch, da ich so nahe bin«, antwortete das Mädchen.
    »Nun«, sagte der Reiter, »wenn du schon oben gestanden bist, so werde auch
ich oben stehen.«
    »Und wenn du heute von den drei Sesseln herunter kommst«, sagte das Mädchen,
»dann reitest du morgen nach deinem Geschicke weiter?«
    »Ich werde weiter reiten«, sagte er; »warum hast du die Rosen?«
    »Muss ich antworten, wenn ich gefragt werde?« sagte das Mädchen.
    »Wenn die Eltern fragen, musst du antworten«, entgegnete der Reiter, »wenn
jemand anderer artig fragt, sollst du, und wenn du es versprochen hast, musst du
antworten.«
    »So will ich dir so viel sagen, als du gesagt hast«, antwortete das Mädchen,
»ich trage die Rosen, weil ich will.«
    »Und warum willst du denn?« fragte der Reiter.
    »Für den Willen gibt es keine Ursache«, sagte das Mädchen.
    »Wenn man vernünftig ist, gibt es für den Willen immer eine Ursache«,
erwiderte der Reiter.
    »Das ist nicht wahr«, sagte das Mädchen, »denn es gibt auch Eingebungen.«
    »Trägst du die Rosen aus Eingebung?« fragte der Reiter.
    »Das weiss ich nicht«, entgegnete das Mädchen, »aber wenn du mir mehr von dir
sagst, so sage ich dir auch mehr.«
    »Ich kann dir nicht viel sagen«, antwortete der Reiter, »ich habe eine
Mutter, die in Baiern wohnt, mein Vater ist gestorben, und ich reite jetzt in
die Welt, um meine Lebenslaufbahn zu beginnen.«
    »So will ich dir auch etwas sagen«, erwiderte das Mädchen. »Meine Eltern
haben von hier weiter oben ein Haus. Wir würden es erreichen, wenn wir hier in
den Wald gingen, wo ich mit meiner Gespanin herausgetreten bin, wenn wir in dem
Walde nach aufwärts gingen, bis wir ein Wasser rauschen hörten, und wenn wir
dann zu dem Wasser gingen, und demselben immer entgegen, dann würden endlich
Wiesen und Felder kommen, und in ihnen das Haus. An dem Hause ist ein Garten, wo
die Sonnenseite ist, und in dem Garten stehen viele Blumen. Und an der
Hinterseite des Hauses geht ein Riegel gegen die Tannen, auf welchem viele
Waldrosen stehen, und diese nehme ich oft.«
    »Hast du die Rosen heute aus Eingebung genommen? Sie sind mir ein Zeichen,
dass meine Fahrt gelingen wird«, sagte der Reiter.
    »Ich habe einen Metallring, in welchen die Rosenstiele passen«, sagte das
Mädchen, »habe heute Rosen genommen, habe sie in den Ring gesteckt, und den Ring
auf das Haupt getan.«
    »Weil wir noch mehr sprechen werden«, sagte der Reiter, »so gehen wir ein
wenig an dem Waldsaume hin, woher du mich kommen gesehen hast. Da werden wir
Steine finden, welche zu Sitzen taugen. Auf dieselben können wir uns setzen, und
dort sprechen.«
    »Ich weiss es nicht, ob ich noch mehreres mit dir sprechen werde«, antwortete
das Mädchen, »aber ich gehe mit dir zu den Steinen, und setze mich ein wenig zu
dir. Ich kenne die Steine, ich selber habe die Sitze machen lassen. Im Sommer
ist es am Vormittage dort sehr heiss, am Nachmittage aber schattig. Im Herbste
ist es vormittags lieblich und mild.«
    Sie wandelten nun in der Richtung an dem Saume des Waldes hin, in welcher
der Reiter zu den Mädchen hergekommen war. Sie hatten bald jene Steine erreicht,
an denen der Reiter versucht hatte, ob sie zu Sitzen tauglich wären. Er blieb
stehen, und harrte, bis das Mädchen sich gesetzt hatte. Es setzte sich auf einen
glatten Stein. Der Reiter setzte sich zu ihrer Linken auf einen, der etwas
niederer war, so dass nun sein Angesicht mit dem ihrigen fast in gleicher Höhe
war. Das Schwert ragte zu seiner Linken in die niederen Steine hinab. Sie
sprachen nun nichts.
    Nach einer Weile sagte der Reiter: »So rede etwas.«
    »So rede du etwas«, antwortete sie, »du hast gesagt, dass du mit mir noch
sprechen willst.«
    »Ich weiss jetzt nicht mehr, was ich sagen wollte«, entgegnete er.
    »Nun, ich auch nicht«, sagte sie.
    Nach einer Zeit sagte der Reiter: »Es ist wahr, was du gesprochen hast, dass
an Vormittagen die Sonne sehr mild auf diese Steine scheint.«
    Sie antwortete nicht. Nach einer Weile sagte sie: »Trägst du immer diese
hässliche Haube auf deinem Haupte?«
    »Nein, nur wenn ich sie brauche«, sagte er, »sie ist sehr leicht herab zu
nehmen.«
    Bei diesen Worten nahm er die Lederhaube samt ihrem Anhange von seinem
Haupte, und eine Fülle schöner blonder Haare rollte auf seinen Nacken herab. Die
Haube legte er in das Gras.
    »Ach, was Ihr für schöne Haare habt!« sagte das Mädchen.
    »Und was du für rote Wangen hast«, erwiderte er.
    »Und wie blau Eure Augen sind«, sagte sie.
    »Und wie braun und gross die deinen«, antwortete er.
    »Und wie Ihr freundlich sprecht«, sagte sie.
    »Und wie du lieblich bist«, antwortete er.
    »Sagt, wie könnt Ihr nur die Fülle dieser Haare in der ledernen Haube
unterbringen?« fragte das Mädchen.
    »Das mache ich so«, antwortete der Reiter, »ich fasse die Haare, halte sie
mit einer Hand, und setze den Helm mit der andern darauf.«
    Bei diesen Worten griff er nach dem Lederhelme, fasste mit seiner Linken die
Haare, hielt sie auf dem Haupte, und setzte mit der Rechten den Helm darauf.
    »Ach, das ist schön«, sagte sie.
    »Nun sind sie bedeckt«, antwortete er.
    »Ja, legt nur die Haube wieder weg«, sagte sie.
    Er nahm den Helm von dem Haupte, und legte ihn wieder an seine vorige
Stelle, und die Haare flossen wieder herab.
    »Wenn Ihr wollt in den Kampf gehen«, fuhr das Mädchen fort, »wie werdet Ihr
dann die Feinde schrecken können, wenn Ihr so freundlich blickt?«
    »Wer sagte dir denn, dass ich in den Kampf gehen werde?« fragte der Reiter.
    »Ich weiss es«, antwortete das Mädchen.
    »Nun, in meinem Geschicke werden wohl Kämpfe sein«, sagte der Reiter.
    »Der Kampf ist eine Ehre«, antwortete das Mädchen.
    »Wenn er nicht Raub und Gewalt ist, ehret der Kampf«, sagte der Reiter,
»wenn man gegen feindselige Menschen den Vater, die Mutter, den Bruder, die
Schwester, den Nachbar und das Volk verteidigt, ehret er noch mehr, und muss mit
dem ganzen Leben geführt werden. Dazu muss man sich vorbereiten.«
    »Ihr habt eines vergessen, das man noch verteidigen muss«, sagte sie.
    »Was?« fragte er.
    »Sein Weib«, antwortete sie.
    »Ich habe kein Weib, und habe darauf nicht gedacht«, erwiderte er; »aber
wenn man schon das ganze Volk verteidigt, so verteidigt man sein Weib mit.«
    »Nein, dasselbe muss man am meisten verteidigen«, sagte das Mädchen.
    »Nun, so verteidigt man es am meisten«, entgegnete der Reiter.
    »Und wie werdet Ihr dann blicken, dass der Feind weniger Herz hat?« fragte
sie wieder.
    »Das weiss ich nicht«, antwortete er; »aber ich werde blicken, wie mir's ist,
und das wird der Feind verstehen. Dich blicke ich freundlich an, weil ich
freundlich gegen dich bin.«
    »Und da Ihr sagt, dass man sich zur Verteidigung vorbereiten muss, so habt Ihr
Euch vorbereitet?« fragte das Mädchen.
    »Weil ich will ein Reiter sein«, antwortete er, »so habe ich gelernt, ein
Pferd zu pflegen, und darauf zu reiten; ich habe mich im Angriff und im Schutz
geübt, werde im Kriege lernen, und werde einsehen, wie man eine Schar von andern
anzuführen hat.«
    »Wollt Ihr ein Anführer werden?« fragte sie.
    »Wenn es sein kann, ja«, antwortete er.
    »Habt Ihr ein schönes Pferd?« fragte das Mädchen.
    »Es ist nicht ein schönes, es ist nicht ein hässliches«, erwiderte der
Reiter, »aber unter den guten ist es eines der besten. Es ist gesund und stark,
witzig und treu. Ich liebe es, und es liebt mich wieder, und folgt mir.«
    »Was hat es denn für eine Farbe?« fragte das Mädchen.
    »Es ist ein eisengraues Pferd«, entgegnete der Reiter.
    »Und warum tragt Ihr denn nicht eine Kopfzier, wie die andern hohen Männer?«
fragte das Mädchen.
    »Ich bin kein hoher Mann«, antwortete der Reiter, »und die Haube ist mir
sehr wert. Sieh her, sie ist von der Haut des Elentieres, das weit von hier
lebt. Ein Schwertieb geht nicht durch.«
    Bei diesen Worten hatte er den Helm aufgehoben, und ihn dem Mädchen gezeigt.
Das Mädchen sah ihn an, und befühlte sein weiches Leder mit den Fingern.
    »Und ist es denn nicht sehr heiss, wenn Ihr die langen Haare in der Haube
tragt?« fragte sie.
    »Es ist heisser, als wenn die Haare kurz sind«, antwortete er, »aber Hitze
und Kälte muss dem Manne gleich sein. Bei allen alten Völkern hat man lange Haare
geliebt, und sie schützen auch gegen Hiebe.«
    »Sind Eure andern Kleider ebenfalls von der Haut dieses Tieres?« fragte das
Mädchen.
    »Der Panzer; das übrige ist geringer«, antwortete der Reiter. »Sie haben
sonst auch Schienen, ich habe das Leder.«
    »Ihr habt Euer Schwert in den Wald mitgenommen«, sagte das Mädchen.
    »Ich habe es immer bei mir«, entgegnete der Reiter, »ausser wenn ich zu Hause
in sicherer Kammer schlafe. Schwert ist zugleich Schwert und Schild.«
    »Ist es schön?« fragte das Mädchen.
    »Siehe«, sagte der Reiter.
    Er wendete die Scheide gegen sich, zog das Schwert daraus hervor, und
reichte es ihr dar. Sie nahm es so, dass einen Teil der blossen Klinge sie hielt,
den andern er.
    »Ach, welche Zeichen!« rief sie aus.
    »Das ist Sankt Peter mit der Kette«, sagte er, »wir haben ihn zu unserm
Schutzheiligen, weil wir aus Rom stammen. Was du um ihn herum siehst, das ist
Zierat.«
    »Und was ist denn das andere?« fragte das Mädchen.
    »Das ist auch Zierat«, entgegnete der Reiter.
    »Das Bild ist ein schönes Bild«, sagte sie.
    »Es muss schön gemacht sein«, antwortete er, »und das Schwert muss gegen Hiebe
und Gewalt gut gestärkt sein. Das wirst du nicht erkennen.«
    »Nein«, sagte sie.
    Er nahm die Scheide, hielt sie, und steckte das Schwert wieder in dieselbe.
    »Und nun, Mädchen, wie heissest du denn?« fragte er.
    »Berta«, antwortete sie, »und wie heisst denn Ihr?«
    »Witiko«, entgegnete er, »und wie alt bist du denn?«
    »Sechzehn Jahre«, sagte sie, »und wie alt seid denn Ihr?«
    »Zwanzig«, erwiderte er, »ich bin neun Jahre nach der Zeit geboren worden,
da der Herzog Swatopluk von Böhmen erschlagen worden ist.«
    »Ich habe mir gedacht, dass Ihr sehr jung seid«, entgegnete sie.
    »Und lebst du im Walde, Berta?« fragte er.
    »Im Walde und auch anderswo«, antwortete sie; »ich habe Euch ja schon
gesagt, dass wir weiter aufwärts von hier ein Haus haben. Dann ist noch das
Häuschen des Vaters meiner Singgespanin, sonst ist nichts.«
    »Habt Ihr eine Kirche?« fragte er.
    »Sie steht fünf Stunden von hier in der Freiung«, antwortete sie, »wenn man
dann hundert Schritte von unserm Hause abwärts geht, und noch eine halbe Stunde
zur Mihel zu gehen hätte, wo die Köhler sind, steht ein dunkelrotes hohes
Hüttlein aus Holz, und in dem Hüttlein ist die heilige Mutter mit dem Jesuskinde
aus Holz. Der Bischof hat sie geweiht. Vor dem Hüttlein stehen kleine Bänklein,
daran man knieen und beten kann. Wir beten da. Hinter dem Hüttlein stehen
Ebereschenbäume, und Ebereschenbäume gehen bis zu unserem Hause. Jetzt sagt mir
aber auch etwas von Euch.«
    »Mein Geschlecht ist dunkel«, antwortete er, »es ist aber nicht immer so
gewesen.«
    »Und wo werdet Ihr dann hingehen, wenn Ihr morgen von hier fortreitet?«
fragte sie.
    »In das Land Böhmen«, antwortete er.
    »In das Land Böhmen?« fragte sie, »warum geht Ihr denn nicht zu dem neuen
Könige Konrad oder zu unserem Herzoge Heinrich?«
    »Das ist so«, entgegnete er: »im Mittage des Landes Böhmen haben meine
Vorfahren im Walde gelebt. In alten Zeiten vor vielen hundert Jahren, da es noch
gar kein deutsches Reich gegeben hat, da in dem Lande der Franken, das sehr gross
war, die tapfern Hausmeier der alten Könige geherrscht haben, ist ein Mann aus
dem Stamme der Fürsten Ursini in Rom, der auch Witiko wie ich geheissen hat,
wegen Verfolgung eingedrungener Feinde mit seinem Weibe, mit seinen Kindern, mit
seinen Anverwandten und mit einem kriegerischen Gefolge in das Land gegen
Mitternacht gegangen, und bis an die Donau gekommen. Von dort wollte er in das
Land Böhmen einbrechen. Aber Woyen, der Herzog Böhmens, der erstgeborne Sohn des
Herzogs Mnata, der noch heidnisch war, und die Christen hasste, zog ihm mit einem
Heere entgegen, und tötete in einer Niederlage, die Witiko erlitt, fast alle
seine Leute. Da trug Witiko dem Herzoge Woyen ein Bündnis an, er wollte sich ihm
unterwerfen, und die Marken Böhmens gegen die Fremden verteidigen, wenn ihm der
Herzog in den waldigen Bergen, in welche er eingedrungen war, eine Wohnung geben
wolle. Der Herzog gab sie ihm, und nun wohnte er an einem Berge in dem Walde.
Sie breiteten sich aus, wurden mächtig, und gründeten das Christentum, dass sich
vierzehn Lechen vom Mittage Böhmens lange vor der Zeit, da Boriwoy der erste
christliche Herzog Böhmens war, in Regensburg taufen liessen. Dann nahm das
Geschlecht wieder ab, wurde unbekannt, und ich bin der letzte davon. Witiko
hatte auf dem Berge an seiner Wohnung Waldrosen gepflanzt, wie auf einem Berge
neben seiner Wohnung in Rom Waldrosen gestanden sind. Alle Vorgänger des alten
Witiko, welche in die Zeiten hinauf reichten, da noch gar kein Christ auf der
ganzen Welt war, hatten Waldrosen gepflanzt, weil noch keine anderen waren, und
alle Nachfolger haben Waldrosen gepflanzt.«
    »Es wird doch eine Eingebung gewesen sein, dass ich die Rosen genommen habe«,
sagte Berta.
    »Nimmst du oft Rosen?« fragte Witiko.
    »Ich nehme sie zuweilen«, sagte Berta.
    »Und dass es in dieser Jahreszeit noch Rosen gibt, ist schon ein Wunder«,
sagte Witiko.
    »Ich habe diese auch nur heute im Waldschatten gefunden, und in meinen Ring
gesteckt«, entgegnete Berta.
    »Siehst du«, sagte Witiko.
    »So mögen sie Euch ein Zeichen sein«, erwiderte Berta, »und möget Ihr recht
viel Glück haben. Ich werde Euch zu meinem Vater führen, dass er Euch einen Mann
zu den drei Sesseln mitgibt, der Euch den kürzesten Pfad weist.«
    »So führe mich zu deinem Vater, Berta«, sagte Witiko.
    »Wollt Ihr?« fragte sie.
    »Ich will«, antwortete er.
    »So kommt«, sagte sie.
    Bei diesen Worten erhob sie sich, der Reiter setzte seine Lederhaube auf den
Kopf, und stand gleichfalls auf.
    Sie gingen nun an dem Waldsaume bis zu der Stelle, an welcher die Mädchen
herausgekommen waren. Dort traten sie unter die Stämme, und in kleiner Tiefe des
Waldes stand das andere Mädchen, das mit Berta gesungen hatte. Als Berta und
Witiko sich ihr näherten, nahm sie die Flucht, und lief vor ihnen her. Witiko
sah nun, dass ihre Zöpfe, die auf das dunkle Kleid hinab gingen, eine lichte fast
weissgelbe Farbe hatten, während die Bertas braun wären. Sie lief aber so, dass
sie bald nicht mehr gesehen werden konnte. Witiko und Berta gingen unter den
hohen Tannen des Waldes und zwischen bemoosten Steinen dahin. Sie gingen
aufwärts.
    Nach einer Weile hörten sie ein Wasser rauschen, welches in der Gegend zu
ihrer linken Hand fliessen musste. Berta wendete sich nun links, und ging zu dem
Wasser, das man fast durch die Stämme aber tief unten in einer Schlucht sehen
konnte. Berta ging an dem Wasser in der früheren Richtung wieder fort, aber
immer oben am Rande der Senkung. Sie gingen immer aufwärts. Nach einer Zeit
wurde der Wald dünner, und sie traten endlich in das Freie. Da lag eine Wiese
vor ihnen, hinter der Wiese waren Felder, und dann stand ein grosses weisses Haus.
Hinter dem Hause stieg der Wald empor, und war ein breites mächtiges Band.
Seinen Sesselfels konnte man wegen der Nähe nicht sehen, gegen Morgen aber waren
andere starke Steinrippen im Bande. Die Wiese war von Gestrippe und Steinen
gereinigt. Berta lenkte nun auf einen Pfad ein, der in der Wiese auf das Haus
zuging. Der Pfad war geordnet und so breit, dass selbst ein Wagen auf ihm hätte
fahren können. Als sie auf dem Pfade so weit fortgegangen waren, dass sie noch
einige hundert Schritte zu dem Hause gehabt hätten, kamen sie zu der Betstelle
des roten Hüttchens. Es stand an dem Wege, mit seiner Öffnung gegen Morgen dem
Pfade zugekehrt. Unten war es geschlossen, oben hatte es eine Öffnung, in
welcher das Bild der heiligen Mutter stand, es war in Gold in roten blauen und
anderen Farben. Vier Ebereschenbäume hinter dem Hüttchen waren hoch empor
gewachsen. Berta kniete an einem Bänklein nieder, und tat ein Gebet. Witiko
kniete neben sie, und betete auch. Dann standen sie auf, und gingen weiter. Das
Rauschen des Wassers tönte aus der Schlucht herauf, und auch nicht weit vor dem
Hüttchen kam ein Wasser aus dem Grase der Wiese, und schoss flüchtig nach
abwärts.
    »Ihr habt hier klare fröhliche Quellen«, sagte Witiko.
    »Es sind noch mehrere, rechts und links«, antwortete Berta, »sie kommen von
den drei Sesseln und von dem Blöckensteine.«
    »Und das ist euer Bild, von dem Ihr mir gesagt habt?« fragte er.
    »Das ist das Bild«, antwortete sie.
    »Und dort ist euer Haus?« sagte er.
    »Dort ist das Haus«, erwiderte sie.
    Nach kurzem Wandeln an den Reihen der Ebereschen kamen sie an das Haus.
    An demselben war gegen Morgen ein Sandplatz, gegen Mittag ein Garten. Das
Haus war sehr lang. Es war aus Stein gebaut, und weiss übertüncht. Die Fenster,
welche in einer geordneten Reihe hingingen, waren mit eisernen Stäben verwahrt.
Es hatte nur ein Erdgeschoss, welches aber hoch war, und auf welchem sich ein
flaches Dach befand, das viele und grosse Steine deckten. Die schmale Seite des
Hauses, welche dem Sandplatze zugekehrt war, hatte eine eisenbeschlagene Tür.
Durch die Tür, welche nicht geschlossen war, sondern einem leichten Drucke wich,
führte Berta Witiko in das Haus. Sie kamen hinter der Tür in einen geräumigen
Vorsaal, von dem ein Gang durch die Länge des Hauses fort lief, und von dem
Vorsaale traten sie links wieder in einen Saal. Derselbe war gross, und hatte
gegen die Schmalseite des Hauses vier, gegen dessen Langseite sechs Fenster. Der
Fussboden war von Tannenbrettern, die Wände waren weiss getüncht, und die Decke
war eine starkbalkige Diele von braungebeiztem Tannenholze, an den Wänden hingen
Waffen, und in den Ecken lehnten auch einige. In der Mitte des Saales stand ein
sehr langer Buchentisch.
    An dem oberen Ende des Buchentisches sass ein Mann von etwa vierzig bis
fünfzig Jahren. Er hatte ein weitfaltiges schwarzes Oberkleid an, von dem die
lichtbraune Unterbekleidung hinab ging. Auf das Oberkleid fielen lange braune
Locken hinab. Vor ihm standen zwei andere Männer, mit denen er sprach.
    »In die Glurwiese geht ihr um fünf Uhr«, sagte er, »dann könnt ihr mit der
Hälfte fertig werden.«
    »Ja«, sagte einer der Männer.
    »Ihr müsst im Scherholze an der Sonnenseite schlichten, und die Eckstösse fest
machen«, sprach er weiter.
    »Ja«, sagte der andere der Männer.
    »So, jetzt geht, und berichtet mir, wenn es geschehen ist«, sagte er.
    Die Männer entfernten sich, und gingen zur Tür hinaus.
    Der Mann an dem Buchentische sah nun mit zwei grossen blauen Augen auf Berta
und Witiko.
    Berta ging einige Schritte gegen den Mann und sagte: »Vater, da ist einer
in den Wald gekommen, der nach seinem Glücke geht, und sich ein Schicksal machen
will. Weil heute Sonntag ist, so ruhet er, und hat in dem Walde gebetet. Ich
habe auf der Sperwiese mit ihm gesprochen, und bringe ihn dir.«
    Der Mann mit den braunen Locken stand auf, ging gegen Witiko, und sagte:
»Seid mir willkommen.«
    »Ich nehme das Willkommen an«, sagte Witiko, »und wollet mein Eindringen
entschuldigen.«
    »Meine Tochter hat Euch gebracht, und Ihr seid willkommen«, sagte der Mann,
»und Ihr wäret auch willkommen, wenn Ihr allein gekommen wäret; denn mein Haus
ist gastlich.«
    »Ich heisse Witiko von Pric«, sagte Witiko.
    »Ich Heinrich«, antwortete der Mann.
    »Der Reiter will heute auf die drei Sessel steigen«, sagte Berta.
    »Weil Ihr auf dem Wege nach gutem Dienste in mein Haus gekommen seid,
Witiko«, sagte Heinrich, »so nehmet ein Mittagessen bei mir, ich werde Euch dann
einen Mann geben, der Euch zu den Sesseln geleiten soll. Jetzt biete ich Euch
einen Stuhl, und wenn es nicht gegen Eure Sitte ist, so schnallt Euer Schwert
ab, dass Ihr ungehinderter seid.«
    »Ich nehme die Einladung zum Mittagessen und zu einem Stuhle dankbar an, das
Schwert kann ich aber nicht abschnallen, weil ich mir den Brauch auferlegt habe,
es immer, wo es tunlich ist, zu tragen, dass es mir nicht einmal fehlt, wenn ich
es brauche«, sagte Witiko.
    »Daran tut Ihr nicht unrecht«, sage Heinrich, »und wenn Ihr von den drei
Sesseln zurückkommt, werdet Ihr die Nachterberge bei uns nehmen?«
    »Ich reite morgen wieder weiter«, entgegnete Witiko, »habe mein Pferd bei
den Köhlern an der Mihel, und muss heute wieder dahin zurück kommen.«
    »So werden wir die Zeit so einrichten, dass Ihr es könnt«, sagte Heinrich.
    Nach diesen Worten wendete er sich gegen den Tisch, rückte zwei Stühle
zurecht, wies auf einen, und er und Witiko setzten sich nieder.
    Dann sagte er zu Berta: »Gehe zur Mutter, und verkündige ihr, dass wir einen
Gast haben.«
    Berta ging gegen einen Fensterpfeiler, und hing ihren Kranz mit Rosen an
einen Nagel.
    »Warum hängst du denn dein Goldreiflein zu den Waffen?« fragte der Vater.
    »Lasse die Rosen heute bei den Waffen hängen«, antwortete Berta.
    Dann ging sie durch eine Tür in das weitere Innere des Hauses.
    Nach einigen Augenblicken kam sie mit der Mutter bei dieser Tür wieder
heraus. Die Mutter hatte wie Berta braune Haare und Augen. Sie hatte feine
Hände und Glieder. An ihrem Körper war ein enges blaues Wams mit Silberrändern,
die Vorderärmel und das weite Unterkleid waren aus blassgelber Wolle. Die Haare
deckte ein weites Netz mit Goldfädlein.
    »Wiulfhilt«, sagte Heinrich, »der junge Reiter Witiko von Pric, der Sohn
Woks und Wentilas, ist unser Gast.«
    »So habt Ihr meinen Vater gekannt?« fragte Witiko.
    »Ich habe Euern Vater gekannt, mein junger Reitersmann, und kenne Eure
Mutter«, sagte Heinrich.
    »Wir kennen die feine gute Wentila«, sagte die Frau, welche eingetreten war,
»und wenn Ihr der Sohn derselben seid, so heisse ich Euch in unserem Hause
willkommen.«
    »Ich bin der Sohn derselben«, sagte Witiko, welcher aufgestanden war, »und
so bin ich in einem Hause, in welchem meine Eltern gewesen sind.«
    »In diesem Hause sind sie nie gewesen«, sagte Heinrich, »wohl aber in einem
andern.«
    »So seid Ihr uns in diesem Hause gegrüsst«, sagte Wiulfhilt.
    »Ich freue mich des Grusses, edle Frau«, entgegnete Witiko, »und verzeiht,
wenn ich Eure Sorge mehre.«
    »Meine Sorgen für das Haus sind meine Freude«, sagte die Frau, »und für
einen Gast doppelte Freude.«
    »Wenn ich es nur verdiene«, entgegnete Witiko.
    »Ihr verdient es, weil Ihr der Sohn Eurer Eltern seid«, antwortete
Wiulfhilt, »und werdet es auch ausserdem verdienen. Und wenn es auch nicht wäre,
so wäret Ihr der Gast.«
    »Wiulfhilt«, sagte Heinrich, »der Reiter will heute noch auf den Sesselfels
gehen, und abends zu den Köhlern im Klaffergrunde zurückkehren. Sorge für ein
zeitiges Mahl.«
    »So erlaubt, dass ich mich bis zum Mittagessen beurlaube«, sagte die Frau.
    »Tut nach Eurem Rechte«, entgegnete Witiko.
    »Und ich werde der Mutter folgen«, sagte Berta.
    »Dann tust du recht«, erwiderte der Vater.
    Und die Mutter und die Tochter verliessen den Saal.
    »Wenn es Euch genehm ist, so suchen wir bis zum Mittage die freie Luft auf«,
sagte Heinrich zu Witiko.
    »Es ist mir sehr genehm«, entgegnete Witiko.
    Der Herr des Hauses führte seinen Gast nun durch eine andere Tür in den
Garten. Er schürzte sein faltiges Gewand durch einen Gürtel, den er anzog,
höher, und schritt in die Beete voran. Witiko folgte. Im Garten waren
Küchengewächse, duftende Kräutlein und an Mauerlatten die Birnstaude. Am Ende
des Gartens erhob sich ein Hügel, von dem sie den Garten das Haus und den Wald
übersehen konnten.
    Witiko sagte: »Ich habe nie gewusst, dass hier ein solches Haus steht,
obgleich ich schon in dem Walde gewesen bin.«
    »Es ist sehr abgelegen«, antwortete Heinrich, »die Pfade gehen unten an der
Mihel vorüber, und keiner geht herauf, der weiter in die Länder liefe, weil
hinter dem Hause gleich der hohe Wald beginnt, über den kein Fussweg steigt. So
ist es rückwärts umfangen von der Wand der Sessel und des Blöckensteins, und vor
ihm geht der Forst bis zu der Mihel hinunter. Wenn einmal die Wälder gereutet
werden, dann können es die Menschen von weitem her erblicken, da es hoch gelegen
ist. Die Sesselwand und der Blöckenstein werden wohl nie gereutet werden, weil
sie steil sind und nur Waldgrund haben, und dann wird es licht gegen die hintere
dunkle Waldhöhe abstehen.«
    »Ist das Haus schon lange da?« fragte Witiko.
    »Ich habe es erbaut«, entgegnete Heinrich.
    »Und warum habt Ihr es denn in den abgelegenen Wald gebaut?« fragte Witiko.
    »Weil ich es so gewollt habe«, antwortete Heinrich, »einige bauen auf
Weiden, andere auf Felsen, andere in Wälder, und wenn man einmal des Schutzes
bedürfte, so ist dieses Haus sehr verborgen, und unbekannt. Ich bin öfter mit
den Meinigen hier, wenn wir nicht anderswo zu sehr fest gehalten werden.«
    »Es muss auch sehr anmutig hier wohnen sein«, sagte Witiko.
    »Ja jetzt, und vielleicht auch in künftiger Zeit«, erwiderte Heinrich, »der
breite Berg, der jenseits der Mihel liegt, wird einmal eine Ortschaft werden,
weil er die Ursachen dazu hat, nämlich guten Boden und Verbindungen, es werden
vielleicht dann auch an manchen Stellen rings herum Wohnungen ja sogar Kirchen
entstehen, und dann, wenn Zeiten sind, die es weniger benötigen, dass der
einzelne Mann sich um Schutz umschaue, mögen die weissen Mauern dieses Hauses
weitin leuchten, und manchen einladen, zu kommen, und sich in ihnen zu
vergnügen.«
    »Möge das Haus viele hundert Jahre dauern«, sagte Witiko.
    »Wenn die, welche nach mir kommen, so denken, wie ich«, antwortete Heinrich,
»so wird es dauern. Es können Tage erscheinen, da die Macht und das Ansehen
eines Stammes schwinden; aber sie können wieder auferstehen, wenn nur der Stamm
selber nicht ausgelöscht ist. Eines Tages kann dieses Haus zerstört und dem
Erdboden gleichgemacht werden; aber ein anderes kann an der Stelle sich erheben,
und wenn einer meiner Nachkommen hier lebt, und wenn er Freude am Walten in
Mitte seines Besjetztumes hat, so wird hier eine Wohnung sein, die den Besitzern
behaglich, und den Fremden, die mit offenen Herzen kommen, freundlich ist.«
    »Ich denke wie Ihr«, sagte Witiko, »kein Stamm kann untergehen, wenn seine
Glieder recht sind, er sinkt und steigt, ausser wenn Gott im Tode seines letzten
Gliedes ihm ein Ende macht.«
    »So ist es, wie es ist«, sagte Heinrich, »lasset uns weiter gehen.«
    Sie gingen von dem Hügel durch ein Pförtlein des Gartens weiter dahin, und
zwar ungefähr in einer Richtung, in der Witiko mit Berta gekommen war.
    »Da ist meine Wiese, die die Rinder nährt«, sagte Heinrich, indem er die
Hand erhob, und herum wies. »Sie geht bis zu dem Walde, durch den Ihr gekommen
seid.«
    Sie schritten auf einem Wege der Wiese gegen Morgen zu.
    »Und dort sind meine Felder«, sagte Heinrich, indem er auf den Strich wies,
der hinter dem Hause dem Walde zu ging. »sie bringen, was das Haus bedarf und
erheischt. Und die Quellen geben uns freigebig ihr Wasser und der Wald seinen
Reichtum.«
    Sie gingen in einem Bogen wieder gegen das Haus, und kamen an dessen
Morgenseite, an die auch Witiko mit Berta gekommen war. Er sah jetzt, dass neben
der Tür, durch die er mit Berta hineingegangen war, auch ein eisernes Tor in
einer Mauer war, die von dem Hause hinweg ging. Heinrich führte ihn durch das
Tor hinein. Sie gelangten in einen Hof.
    »Hier sind Pferde«, sagte Heinrich, indem er Witiko gegen einen Stall
führte, der rechts von dem Eingange war. Witiko trat in den Stall, und
betrachtete die sechs Pferde, welche da standen, sehr genau.
    »Hier sind Rinder«, sagte Heinrich, indem er Witiko zum Stalle daneben
führte. Witiko sah hier zehn Kühe stehen, die gut und schön gebaut waren.
    »Hier sind Zugtiere«, sagte Heinrich, da er Witiko zu einem weitern Stalle
geleitet hatte. Drei Paare schwerer Ochsen standen in dem Stalle.
    »Und dort sind Kälber und kleine Tiere und Geflügel«, sagte Heinrich, indem
er auf weitere Gelasse nur so oberflächlich hinwies, ohne Miene zu machen,
hinzugeben. Er führte Witiko quer über den Hof in das Haus, und im Hause durch
den Gang in den Saal, in welchem er ihn empfangen hatte.
    In dem Saale waren indessen Veränderungen vor sich gegangen. Der Tisch war
mit Linnen bedeckt, es standen Gefässe auf ihm, und Teller und Essgeräte waren auf
ihn gelegt.
    Nachdem die Männer eine Weile in dem Saale gewesen waren, ertönte eine
Schelle.
    Sehr bald öffnete sich die Tür von dem Gange herein, und mehrere Leute
traten in den Saal. Es waren Knechte und Mägde. Sie stellten sich an den Tisch.
Darauf kamen die Mutter und Berta aus der Tür, die in das innere Haus führte.
Sie hatten dieselben Gewänder an wie früher. Jetzt tat Heinrich ein kurzes
lautes Gebet, in das Antworten der Leute einfielen. Dann setzten sich alle an
den Tisch. Heinrich sass obenan, Witiko wurde zu seiner Linken gewiesen, rechts
sass die Mutter und dann Berta. Weiter unten waren die Leute. Hierauf trugen
zwei Mägde Speisen auf den Tisch. Auf das obere Ende wurden ein Rindsbraten
Geflügel Fische und Kuchen gestellt, auf das untere der Lendenbraten eines
jungen Schweines Sauerkohl und Brod. Am oberen Ende wurde in kleine feine
Silberbecher Wein eingeschenkt, am unteren aus einem grossen Eimer Bier in graue
blaublumige Steinkrüge.
    Am untersten Ende des Tisches erblickte Witiko den Krauskopf, der ihm mit
lachenden Augen zuwinkte.
    Heinrich munterte die, welche bei ihm sassen, zum Essen auf, und am untern
Ende zerlegte einer den Lendbraten.
    »Unser Gast hat gesagt, dass er nach Böhmen reiten werde«, sprach Berta.
    »Hast du ihn darum gefragt?« sagte Heinrich.
    »Wir haben allerlei gesprochen, und gefragt, und da werde ich ihn auch wohl
um dieses gefragt haben«, entgegnete Berta.
    »Einen Gast forscht man nicht aus, meine Berta«, sagte Heinrich.
    »Damals war er noch nicht unser Gast«, antwortete Berta, »und er hat es mir
gerne gesagt.«
    »Ich habe es sehr gerne gesagt«, sprach Witiko.
    »Wenn ich von dem Steine der drei Sesseln oder von dem Blöckensteine gegen
das Land von Böhmen blickte«, sagte Berta, »so war es immer, als sei es in
jenen Gegenden nicht so licht als auf unserer Seite der Berge.«
    »Von dort blickt man in unser Land nach Mittag«, antwortete Heinrich, »und
nach Mittag ist der Ausblick in allen Ländern freundlicher.«
    »Ich weiss nicht, ob ich in Böhmen wohnen möchte«, sagte Berta.
    »Am freiesten und hellsten wohnte es sich wohl auf der Höhe des Waldes«,
sagte Witiko.
    »Die alten Böhmen haben ihre Burgen oder die Verbalkungen ihrer Zupen, in
welche sie sich bargen, wenn ein übermächtiger Feind das offene Land
durchstreifte, stets in der Ebene angelegt«, entgegnete Heinrich, »sie bauten
diese Vesten an Orten, wo Sümpfe waren, oder zwei Wässer zusammengingen, so dass
nur auf einer Seite ein Eingang war, den sie durch starke Gräben wahrten. Gegen
unsere Tage her wird sich wohl auch bei ihnen einiges geändert haben, wie ja die
neuen Zeiten neue Sitten bringen.«
    »Ich habe immer geglaubt, wo ein steiler Fels gegen Wasser vorgeht, das um
ihn herum fliesst, oder sich um ihn ausbreitet, dass er rückwärts nur mit einer
schmalen Zunge an dem Lande hängt«, sagte Witiko, »das wird eine gute Wohnung
sein, die leicht zu verteidigen ist. Ein grosser Wald, der einem zahlreichen
Feindeshaufen den Zugang wehrt, und ihm Nahrung versagt, könnte auch als Schutz
dienen.«
    »So ist ja dieses Haus gebaut«, entgegnete Heinrich.
    »Mein Kind«, sagte Wiulfhilt, »wir Frauen, die wir abhängig sind, wissen
nie, wo wir wohnen werden, und wo wir dann mit den Unsrigen wohnen, wird es uns
doch gefallen.«
    Das Mahl dauerte nicht lange, und als es aus war, und man sich erhoben
hatte, tat Heinrich wieder ein Gebet, wie bei dem Beginne desselben, dann sagte
er: »Wolfram, der junge Reitersmann, unser Gast, will die drei Sessel sehen, du
wirst ihn zu denselben führen, und ihn, wenn er es wünscht, zu dem
Blöckensteine, zum See, und wieder zu uns zurück bringen.«
    Auf diese Worte antwortete der Krauskopf: »Ich werde es tun, Herr!«
    Als das Geräusch, welches das Fortgehen der Knechte und Mägde verursacht
hatte, geendet war, und der Hauswirt sein Gast und seine Angehörigen noch eine
Weile bei einander gestanden waren, kam der Krauskopf, der sich entfernt hatte,
wieder herzu, und sagte, dass er gerüstet sei. Er hatte jetzt das graue
Mäntelchen um das braune Gewand, das er beim Essen angehabt hatte, trug eine
Armbrust nebst Bolzenbeutel, und reichte Witiko einen Lanzenstock dar. Dieser
empfing ihn, und sagte: »Ich danke für das Mahl, ich danke für die Sorge um
meine Wanderung, und nehme den Antrag an.«
    »Geht mit Gott, und kommt bald in meine Wohnung zurück«, sagte Heinrich.
    »Benimm dich gut, Wolf«, sagte die Frau.
    »Ihr dürft ihm schon trauen«, sagte Berta zu Witiko, »er kennt den Wald und
die Wege.«
    »Es wird schon recht werden«, sagte Wolf.
    Und so gingen alle bei der Tür des Vorsaales und bei der Eisentür auf den
Sandplatz hinaus. Dort verabschiedete man sich, und die zwei Männer betraten
ihren Weg. Sie gingen vom Hause gegen Mitternacht.
    Hinter dem Hause war der Raum der Felder. Auf diesem Raume gingen die Männer
fort. Der Krauskopf ging gegen Witiko herzu, und sagte: »Ich gehe recht gerne
mit Euch.«
    »Du gehst gerne mit mir?« fragte Witiko.
    »Ja«, antwortete Wolf, »weil Ihr ein so schönes Pferd habt, und gut seid.«
    »Du hast ja gesagt, wie du dir auch einmal eins erwerben wirst«, antwortete
Witiko.
    »Ja, wenn nur Krieg wäre«, antwortete Wolf.
    »Krieg ist ja schier immer«, entgegnete Witiko.
    »Und da ich gestern dem Wirte im Hauzenberg eine Wohltat erwiesen hatte,
wenn ich nur hätte ahnen können, dass Ihr zu unserem Herrn reitet, ich wäre mit
Euch gegangen, und hätte Euch den Weg gezeigt. Aber Euer Pferd ist ja gar nicht
in unserm Stalle«, sagte Wolf.
    »Ich bin nicht zu deinem Herrn geritten«, entgegnete Witiko, »und mein Pferd
steht an der Mihel bei den Köhlern.«
    »Bei den Köhlern ist ein schlechter Platz für Euer Pferd«, antwortete Wolf.
»Weil ich alle Botschaften meines Herrn verrichte, so kenne ich viele Männer und
ihre Pferde, aber keines der Pferde hat einen so schlechten Platz.«
    »Ich bin für mein Pferd zufrieden, und habe selber Herberge bei den Köhlern
genommen«, sagte Witiko.
    »Weil Ihr so gut seid«, entgegnete Wolf.
    Sie waren am Saume der Tannen angekommen, und gingen nun gegen
Sonnenuntergang. Sie gingen hier wieder an mehreren solchen grossen Steinen
vorüber, die so ohne Zusammenhang auf dem Grunde lagen, als wären sie von
Menschenhänden hergelegt worden. An einem dieser ungeheuren Steine lag ein
Häuschen, das winzig gegen den Stein war.
    »Hier wohnt Trude, die Singgespanin unsers Fräuleins«, sagte Wolf, »ihr
Vater ist ein sehr armer Mann.«
    Sie gingen an dem Häuschen vorüber, traten dann in den Wald, und gingen im
Walde weiter.
    Es tosete wieder ein Wasser zwischen Steinen und Felsen hernieder. Ein
mässiger Baumstamm war über dasselbe gelegt. Wolf lief hinüber, und sah auf
Witiko zurück. Dieser ging über den Stamm.
    »Ach, Ihr könnt das schon!« rief Wolf, »da wird alles gut werden. Seht,
dieser Bach hadert in die Tiefe. Aber unten fast an der Mihel legt sich ihm eine
Querwulst entgegen, und er muss halten, und macht einen mächtigen Teich, ehe er
hinüber klettern, und jenseits in die Wiese hinab springen kann. Ich bin in ihm
geschwommen. Einmal bin ich auch in der Donau hinüber und herüber geschwommen.
Der Teich wird einmal entwischen. Er wird in der Lehmwand ein Loch bohren, und
über die Wiese in die Mihel rinnen. Einstmals wird kein Mensch etwas von ihm
wissen.«
    Sie gingen nun in der Richtung zwischen Mitternacht und Abend unter grossen
Buchen und dann unter hohen Tannen in dem Walde fort. Nach einer Wanderung von
einer und einer halben Stunde gelangten sie auf die Schneide des Waldes hinan zu
dem Fels der drei Sessel, der aus dem Grase des Waldes über die Gipfel der Bäume
empor ragte. Witiko kletterte über die Treppe empor, Wolf folgte ihm. Oben war
ebener Stand und drei hohe Lehnen, über die man hinausblicken konnte. Witiko sah
in das Land Baiern. Zu seinen Füssen sah er die grossen Wälder, er sah dann den
Inn die Isar und die Donau, und an dem Rande sah er die Berge der Alpen. Er
wendete sich dann um, und sah gegen Mitternacht und Morgen auf die dunkeln
Häupter der nahen Wälder, welche sich da erhoben.
    Nach einer Weile sagte Wolf: »Wenn Ihr immer nach dem Lande Böhmen schaut,
so wäre es besser, wenn wir auf den Hohenstein oder gar auf den Blöckenstein
gingen, wo wir viel grössere Stücke dieses Landes sehen können. Der Blöckenstein
ist höher als die Felsen hier, und das meiste, was man vom Böhmenlande erblicken
kann, erblickt man von ihm.«
    Witiko schaute noch eine Zeit nach seiner Richtung, und sagte dann: »Gehen
wir auf den Hohenstein.«
    Sie stiegen von dem Fels hinab, und gingen eine kleine Strecke nach
Mitternacht. Dort stand ein ähnlicher Fels. Es war der Hohenstein. Sie
kletterten über eine gleiche Holztreppe hinauf. Von ihm sah Witiko die Berge des
böhmischen Landes höher und breiter als von den Sesseln, auch sah er neue
Waldlehnen emporstehen, aber weiter nichts von dem inneren Lande.
    »Gehen wir auf den Blöckenstein«, sagte er.
    Sie kletterten herab, und gingen nun in der Richtung gegen Morgen. Es war
Tannengebüsch, es waren Wurzeln Moore Steine und Knieholz, durch das sie gingen.
Nach zwei Stunden Wanderung war eine Höhe vor ihnen, die sie erklommen. Als sie
auf der Schneide standen, sagte Wolf: »Wir stehen auf dem Blöckensteine.«
    Hier sahen sie weite und breite Gelände gegen Morgen und Mitternacht; aber
es war lauter Wald. Die Moldau war an manchen Stellen zu sehen, und glänzte matt
in dem Lichte des Himmels. Witiko blieb stehen, und sah auf die Moldau hinab.
    Wolf wies mit der Hand gegen links, und sagte: »Dort oben, wo der krumm
gewölbte Wald steht, würden wir den Berg des reichen Gesteines sehen, wenn der
Wald nicht wäre. Es sind Steine, in denen man Gold findet. Es wird das Gold auch
in die Moldau abgeschwemmt, dass es unter dem Sande ist, und aus ihm heraus
gewaschen werden kann. Sie haben an dem Berge jetzt Hütten gemacht, und wollen
die reichen Steine heraus graben. Weiter unten wäre der Winterberg, wenn der
gezackte Waldkamm nicht vorstände. Gerade hier hinab ist das Tal der
Hirschberge, in welches der See seinen Bach ablässt. Und dann geht es gegen das
Land hinaus, wir können es aber vor lauter Wald gar nicht sehen. Dortin, gerade
aus, ist der obere Plan. Dann würden wir, wenn der Wald nicht vorstände, den
Wald des heiligen Tomas sehen, und dann ist nichts mehr als der Himmel.«
    Während der Rede des Führers war Witiko gestanden, und hatte auf das Land
vor ihm hinunter geschaut. Jetzt aber wendete er sich zum Gehen.
    »Hier ist gleich noch der schwarze See«, sagte Wolf.
    Die Männer gingen nun von der Stelle, auf der sie gestanden waren, noch ein
wenig gegen Morgen und zugleich abwärts. Nach einer Weile standen sie an dem
oberen Rande einer Felswand, welche in fallrechter Richtung nieder ging, und zu
ihren Füssen einen finstern See hatte, der zwischen Felsen und Wäldern wie in
einer Höhle unten lag. Der Wald fasste ihn ein, und seine Oberfläche zeigte
nichts Lebendiges. Die Ufer an der Wand waren von herabgestürzten Bäumen
gesäumt. Der junge Reiter trat auf eine Steinplatte, welche von der Wand weg
gleichsam über den See vorragte, und schaute eine geraume Zeit hinunter. Nachdem
er seinem Schauen ein Ende gemacht hatte, kehrte er wieder um, und schickte sich
zum Gehen an.
    Die Männer gingen nun gegen Mittag von der Seewand gerade in der Richtung
hinunter, in der das Haus sein musste, in welches sie wollten. Nach einer Stunde
kamen sie auf einen breiteren Pfad, und in kurzem an den Rand der Felder, auf
dem Heinrichs Haus stand.
    Da sie über diese Felder dem Hause zugingen, wollte Witiko seinem Führer
eine Belohnung geben. Dieser schlug sie aus, und sagte: »Von Euch nehme ich
nichts.«
    »Wenn du alles Geld ausschlägst, dann bekommst du nie ein Pferd«, sagte
Witiko.
    »Denkt nur einmal daran, dass wir heute mit einander gegangen sind«,
entgegnete Wolf, »dann ist es schon recht.«
    »Ich werde daran denken«, sagte Witiko, »und auch daran, dass du ein sehr
guter Führer bist.«
    »Und ich, dass Ihr so gut im Walde geht, wie sehr wenige«, antwortete Wolf.
    »Ich habe es wohl gelernt«, sagte Witiko.
    Indessen waren sie bei dem Hause angekommen, Witiko reichte dem Führer
seinen Stock, und sagte: »So danke ich dir recht schön, Wolf, und ich werde
nicht vergessen, wie getreulich du heute gegen mich gewesen bist.«
    »Das wird das Schönste sein«, sagte Wolf.
    Mit diesen Worten nahm er den Stock, und ging um die Ecke des Hauses. Witiko
trat bei der Eisentür ein, und ging in den Saal. Dort war Heinrich mit seiner
Gattin und Berta, und es war jetzt auch das Mädchen mit den lichtgelben Zöpfen
da, welche die Singgespanin Bertas war. Man bot Witiko einen Stuhl. Er setzte
sich. Eine Magd brachte Wein und Brod.
    »Ich hoffe, dass Ihr einen guten Weg gemacht habt, und dass sich mein Führer
bewährt hat«, sagte Heinrich.
    »Ich habe einen guten Weg gemacht, und Euer Führer ist sehr trefflich«,
antwortete Witiko.
    »Jetzt nehmt etwas zu Eurer Erholung, und ruht ein wenig aus«, sagte
Wiulfhilt.
    »Ich will etwas nehmen, geehrte Frau«, entgegnete Witiko, »aber mit dem
Ausruhen kann ich nicht einstimmen. Der zurückgelegte Weg ist nicht so arg, dass
er eine Ruhe nötig machte, und die Zeit drängt mich, dass ich zur Pflege meines
Pferdes in meine Herberge gehe.«
    Er brach hierauf ein weniges von dem Brote und ass es, dann tat er einen
Trunk des Weines. Da dieses geschehen war, erhob er sich, und sagte zu Heinrich:
»Ich danke Euch nun für die gute Aufnahme, und ich werde an Euch ein Gleiches
tun, wenn es einmal geschehen kann.«
    »Ich werde Euch noch ein Stück geleiten«, sagte Heinrich.
    »Und Euch, vielwerte Frau«, sprach Witiko zu Wiulfhilt, »sage ich Dank für
jede Sorge und Mühe.«
    »Gesegn' Euch Gott den Aufentalt bei uns, Witiko, und möge er Euch Glück
und Ehre verleihen«, sagte die Frau.
    Dann wendete sich Witiko zu Berta, und sagte: »Lebet wohl, Berta, und
bleibet heiter und fröhlich.«
    »Ihr auch, Witiko«, sagte das Mädchen, »und reitet mit Glück.«
    »Vielleicht höre ich Euch doch wieder einmal singen, wenn ich wieder einmal
komme«, sagte Witiko.
    »Kann sein, wenn Ihr denkt, und singt wie der Wald«, entgegnete sie.
    »Ich habe gejauchzt«, sagte er, »singen kann ich nicht aber denken wie der
Wald.«
    Dann neigte er sich gegen Trude, und sagte: »Lebet wohl, und habt Dank für
den Gesang, den ich auch gegen Euren Willen gehört habe.«
    »Lebet wohl«, sagte das Mädchen, und errötete.
    Nach diesen Worten schickte sich Witiko an, den Saal zu verlassen. Er sah
noch auf Bertas Kranz.
    Heinrich ging mit ihm auf die Gasse, und von da weiter bis zur roten
Kapelle. Dort sagte er: »Jetzt trennen wir uns. Wandert wohl, und wenn Ihr
wieder einmal in diese Gründe kommt und das weisse Haus sehet, so besuchet es.«
    »Wenn es der Himmel fügt, so werde ich nicht vorüber gehen«, antwortete
Witiko.
    »Und wir werden Euch freundlich aufnehmen, wenn wir hier sind«, sagte
Heinrich.
    »Noch einmal Dank«, entgegnete Witiko.
    »Mit Gott«, antwortete Heinrich.
    Sie trennten sich, Heinrich ging mitternachtwärts, Witiko mittagwärts. Der
breite Weg hörte mit der Wiese auf, und Witiko ging auf dem schmalen Pfade, der
folgte, zur Mihel hinab. Da er in dem Köhlerhause ankam, sah er sogleich nach
seinem Pferde. Dann war ein Abendessen wie am Tage zuvor, und dann ruhte Witiko
in demselben Bette.
    Am andern Morgen, ehe die Sonne aufging, sass er in seinen Unterkleidern am
Tische im Zimmer der Köhlerhütte. Der Köhler reinigte seine Kleider. Er aber
ging zuweilen mit den hölzernen Schuhen des Köhlers in den Stall, um an der
Pflege seines Pferdes zu sein, dann kleidete er sich an, und hierauf assen alle
eine aus Milch und Mehl bereitete Suppe.
    »Und nun habet Dank, ihr lieben Leute, für eure freundliche Aufnahme«, sagte
Witiko.
    »Wenn Eure Mutter meinen Vater wieder einmal an Euch sendet«, sagte der
Köhler, »so eröffnet ihm, dass wir Euch hier aufgenommen haben.«
    »Ich werde es tun«, sagte Witiko.
    »An der Mihel geht der Saumpfad fort«, sprach der Köhler. »In vier Stunden
langsamen Reitens seid Ihr im Aigen. Am ersten Hause mit den roten Balken wird
Euch der Ohm Florian erwarten. Er wird für Euch und Euer Pferd sorgen, und Euch
nach dem Friedberge führen.«
    »Es ist gut«, sagte Witiko.
    Dann streichelte er den Kindern die Wangen, und gab jedem einen glänzenden
Pfennig.
    Dann verlangte er sein Pferd.
    Der Köhler führte es vor die Tür.
    »Erlebet recht grosse Dinge«, sagte die Frau.
    »Wie Gott will«, entgegnete Witiko, und gab ihr die Hand.
    Er reichte auch dem Manne die Hand.
    Dann prüfte er die Rüstung des Pferdes, sagte: »Ich danke euch noch einmal«,
und schwang sich hinauf.
    »Reitet mit Gott«, riefen die Leute.
    Witiko ritt an die Mihel, durchritt die Furt, und ritt auf dem Saumpfade
gegen Morgen weiter.
    Wenn er rechts blickte, sah er das lange waldige Dach des breiten Berges,
links den Wald der drei Sessel, des Blöckensteines und die ferneren gegen
Morgen. Die Mihel rauschte neben ihm, bald war er an ihrer Seite, bald war er
weiter von ihr entfernt. Es kamen auch Anhöhen, über welche er sein Pferd
hinüber schreiten lassen musste.
    Er ritt an einem spitzigen bewachsenen Berge vorbei, welcher den Namen des
schwarzen Berges führte, über einen Hügel, welchen man den Berg des heiligen
Huldrik nannte, und er hatte dann links den grossen Wald neben sich, welchen sie
Hochficht hiessen.
    Ehe noch der Mittag gekommen war, ging das Tal am Walde auseinander, es
wurden Wiesen und Felder, und er kam zu einem Hause, das an dem Pfade stand. Das
Haus war aus Holz, und hatte stark hervorragende Dachbalken, welche rot bemalt
waren. Er hielt ein wenig an. Da kam ein Mann mit grauem Gewande und weissem
Barte aus dem Hause.
    »Heisst es hier in dem Aigen?« fragte Witiko.
    »Ja, und ich bin Florian, der Ohm Margaretens, des Weibes des Köhlers
Matias«, antwortete der andere.
    »Und ich bin der, den du erwartest«, sagte Witiko, stieg von dem Pferde, und
brachte es auf die Weisung des alten Mannes in einen Schoppen. Dort erhielt es
sein Mittagfutter, so wie Witiko auf einem Brettertische vor dem Hause von dem
Besitzer sein Mittagmahl erhielt.
    Er blieb zwei Stunden hier, dann zäumte er sein Pferd, zahlte seine
Bewirtung, und ritt in Begleitung des alten Mannes weiter, der in einer
Lederhaube, groben Beinkleidern und grossen Waldschuhen mit einem langen Stabe
vor ihm herging.
    Sie trafen von dem Hause ihrer Herberger weg noch einige andere kleine
Häuser mit Wiesen und Feld, sämtlich von Holz. Dann führte ihr Weg sie wieder in
den Wald.
    Ihre Wanderung ging zwei Stunden noch an der Mihel fort. Da war zuweilen
eine Hütte mit gereutetem Lande, oder eine Köhlerstätte, oder ein Holzschlag mit
den Holzschlägerhütten, oder gar ein Haus mit einer Säge zu Brettern. Als sie
aber zu einem Berge gekommen waren, welcher der Berg des heiligen Oswald
geheissen wurde, und als dort der Begleiter Witikos gegen den grossen Wald,
welcher immer zur Linken war, einbog, traten sie in dichten Wald, der nicht
durch ein einziges kleines freies Plätzchen unterbrochen war. Ihre Wanderung
dauerte in diesem Walde über zwei Stunden, und ihr Weg führte sie in der
Richtung zwischen Mitternacht und Morgen immer sachte aufwärts. Es standen sehr
dicke Stämme von Tannen in dem Boden, welcher feucht war, wenig Licht erhielt,
und teils Steine teils Untergestrüppe teils grüne Schattenpflanzen trug. Von
diesen Stämmen war noch nie einer durch Menschenhände geschlagen worden, weil
noch nicht die Not um Holz dazu getrieben hatte, mancher war aus Alter gefallen,
oder vom Blitze zerstört worden, eine andere Beschädigung war nicht sichtbar,
weil auch Winde in die Tiefe dieses Waldes nicht eindringen konnten.
    Als die Sonne gegen Abend neigte, kamen sie auf der Schneide des Waldes an,
und hier war eine freie Stelle. Auf derselben war kein Stäudlein, sondern nur
kurzes Gras und grosse Ganitsteine. Witiko ritt das Pfadlein zwischen den Steinen
hinan, bis er auf die Höhe und auf einen Bühel gelangte, der über die Wipfel
aller tiefer stehenden Bäume empor ragte. Hier hielt er plötzlich an, und seine
Augen konnten weit und breit herum schauen. Er sah mittagwärts auf das
Bayerland, das blau mit Wäldern Fluren und offenen Stellen dahin lag bis zu den
noch blaueren Alpenbergen, in denen manche Matte mit Schnee glänzte. Gegen
Morgen davon sah er auf die Ostmark mit den blauen Fluren und Wäldern und
Feldern, in der der junge Leopold herrschte. Es war ein weites Gebiet, das er
betrachtete, und zu seinen Füssen lag der Wald, durch den sie herauf gekommen
waren, und andere Wälder. Und als Witiko sich gegen Mitternacht wendete, ging
der Wald, auf dessen Schneide er stand, so dicht und breit hinab, wie der
gewesen war, durch den er herauf geritten war. Und unten floss die Moldau, nicht
wie gestern in kurzen Stücken sichtbar, sondern in langen Schlangen von dem
oberen Waldlande niederwärts wandelnd. Und jenseits des Wassers lag das Land
Böhmen in schönen Wäldern und dann wieder in Wäldern und dann in Gefilden, die
mit Gehölz, wechselnd mit nahrungtragenden Fluren, bedeckt waren. Den Wald sah
er, auf dem er gestern gestanden war, den Wald, in welchem sich der schwarze See
befand, und dann noch weiterhin stark dämmerige Wälder. Auch gegen Morgen war
Forst an Forst dahin.
    »Da sollte eine Königsburg stehen«, sagte Witiko.
    »Ja, da könnte ein hoher Herr hausen«, sagte Florian.
    »Der Wald ist weit grösser, weit dichter und weit undurchdringlicher«, sagte
Witiko, »als der um Heinrichs Wohnung unter den drei Sesseln, und es ist hier
weit und frei und herrlich.«
    »Es ist schon einmal etwas da gewesen«, sagte Florian, »nicht eine Wohnung,
sondern ein heiliges Ding, eine Betstelle. Es stand da auf dem höchsten Platze
das Bild des heiligen Apostels Tomas in einem Häuschen von Tannenholz zur
Verehrung aufgerichtet. Es war dies in alten Zeiten, da noch mehr christliche
Herren in dem Walde herrschten. Es ist ein grosses Geschlecht da gewesen. Dann
sind sie aber zu den Tryznen gegangen, die in Böhmen noch abgehalten wurden, das
heilige Haus ist weggetragen worden, oder hat es das Feuer verzehrt, oder ist es
sonst zu nichte geworden, und der Ort heisst nur mehr der Tomasgipfel.«
    »Wessen ist der Grund, auf dem wir hier stehen?« fragte Witiko.
    »Des Herzogs Sobeslaw von Böhmen«, antwortete Florian, »er kann ihn
gebrauchen, oder verschenken, wie er will.«
    »Und in wessen Land wohnest du?« fragte Witiko.
    »Ich bin ein Mann des Herzogs Sobeslaw«, antwortete Florian, »in der reichen
Aue da unten gegen den Oswaldberg steht meine Waldhütte mit Wiese und Vieh. Wir
haben weitin keine Nachbarn, und müssen lange gehen, um zur Mihel zu kommen.
Wir sind aber keines Herrn Gefolge als des Herzogs, und wir gehören zur Zupe
Daudleb, die wohl sieben Stunden von hier an der Malsch in der Richtung ist, in
welcher Ihr immer hinschaut.«
    »Ja, ich schaue in dieser Richtung«, sagte Witiko, »aber lass uns weiter
gehen.«
    Er lenkte sein Pferd auf das Pfadlein jenseits des Bühels abwärts.
    Sie kamen wieder in einen Wald, der so schön und dicht war, wie der, durch
den sie herauf gekommen waren.
    Als eine Stunde vergangen war, und die Dämmerung schon anfing, gelangten sie
an das Wasser der Moldau hinab.
    »Das ist die Moldau«, sagte Florian.
    »Sei mir gegrüsst, du dunkles Wasser, das ich so lange nicht gesehen habe«,
sagte Witiko.
    Sie überschritten die Moldau auf einer schmalen Brücke, und stiessen jenseits
auf einen niederen langen Hügel.
    »Das ist der Friedberg«, sagte Florian, »und hier werden wir die Nachtruhe
halten.«
    Sie stiegen den Hügel, welcher Wiesen und kleine Feldei trug, hinan, und
trafen oben mehrere Häuser. Sie waren alle von Holz mit breiten Dächern. Eines
aber war von Stein, und hatte einen sehr starken runden steinernen Torbogen. Zu
diesem Hause leitete Florian den Reiter, der Herr des Hauses kam heraus, und
geleitete sie in das Innere.
    In dem Hause mit dem runden Steintorbogen hielten Witiko, der Alte und das
Pferd die Nachtruhe.
    Als die Sonne aufgegangen war, rüsteten sie sich zur Weiterreise. Witiko
hatte Florian gebeten, ihn bis an das Ende des Waldes zu führen, und dieser
hatte eingewilligt. Da Witiko sagte, dass er an der Moldau reiten wolle, gingen
sie wieder über die Brücke, und schlugen einen Saumweg an dem Wasser gegen
Morgen ein. Sie zogen zwei Stunden lang durch dichten nassen niederen Wald. Dann
kamen sie zu einer Stelle, an welcher steile Felsen neben dem Wasser
emporragten. Die Moldau floss rauschend und tosend durch das Gestein. Florian und
der Reiter kletterten durch die Blöcke, dann kamen sie wieder in ebneren Wald.
Nach einer Stunde gelangten sie an den Platz, an welchem die Moldau ihren Lauf
nach Morgen abbricht, und ihn nach Mitternacht wendet. Und wieder nach einer
Stunde trafen sie an dem Orte ihrer Mittagsruhe ein. Es standen mehrere Häuser
an der Moldau. Eines nahm sie auf. Witiko sah, dass hier die Moldau einen Kreis
mache, und gleich hinter ihm eine lange Schleife zog. An dem Kreise standen
gegen Mitternacht Steinhöhen, und zogen sich in die Schleife. Witiko sagte, dass
man auf den Steinen eine Burg bauen könnte, welche durch das Wasser wohl
gesichert wäre. Er betrachtete den Platz mit Aufmerksamkeit.
    Als sie zwei Stunden geruht hatten, zogen sie mitternachtwärts an der Moldau
weiter. Die Waldberge wurden kleiner und geteilter, und mancher Rücken ging
mitternachtwärts hinaus. Nach vier Stunden erreichten sie die Stelle ihrer
Nachterberge.
    »Das ist die krumme Au«, sagte Florian, »und da wäre eine Burg noch schöner
als auf dem Berge der Rosen, den Ihr so lange angeschaut habt. Die Moldau macht
einen Ring, dann macht sie ausserhalb desselben einen zweiten verkehrten, und
dann noch einen grösseren, der wieder verkehrt ist, und an ihm stehen gerade
Felsen empor.«
    Er leitete den Reiter in eines der Häuser, die in der krummen Au standen.
    Ehe am andern Morgen die Sonne aufging, stieg Witiko auf den Felsen, und sah
alles an. Dann stieg er wieder nieder, rüstete sein Pferd, und sie zogen weiter.
    Die Waldberge wurden wieder niederer, die Moldau machte noch manche
Schleife, und da sie drei Stunden an ihr gewandert waren, ging sie in die
waldlose Ebene hinaus.
    Witiko wendete sein Pferd, und blickte auf den Wald zurück. Dann dankte er
dem Führer und lohnte ihn. Der Führer ging mittagwärts in den Wald zurück, und
Witiko ritt mitternachtwärts weiter.
 
                                       2
 Sie waren sorglos und fröhlich.
Nach drei Tagen ritt Witiko von dem alten Zupenorte Chynow mitternachtwärts. Da
hörte er hinter sich Lachen und Pferdetraben. Er blickte um, und sah eine Anzahl
schöner Reiter hinter sich herkommen. Er lenkte sein Pferd an den Rand des
Weges, und ritt in seiner Art langsam weiter, um sie vorüber zu lassen. Da war
der erste, der heran kam, ein Jüngling in scharlachrotem Gewande auf einem
weissen Zelter. Statt an Witiko vorüber zu reiten, hielt er sein Pferd an, und
sagte: »Du einzelner Mann, du reitest aus, das Herzogtum Böhmen zu erobern.«
    Witiko brachte sein Pferd nun vollends zum Stehen, stellte es quer an den
Weg, und sah den Mann an. Dieser blieb auch stehen, und hielt die Betrachtung
aus. Er war ein junger schöner Mann mit blonden Haaren und blauen Augen. Auf
seinem Haupte hatte er eine schwarze Haube, von der eine Adlerfeder gerade empor
stand. In den Bügeln hielt er starke lederne Stiefel, und um die Schultern hatte
er an einer roten Schnur ein Hüftorn. Seine Kleider waren in Unordnung. Sie
waren bestaubt und von einem nassen Boden, auf dem er geritten sein mochte,
bespritzt. Da Witiko schaute, kamen die andern heran. Sie waren alle jung und in
schöne Farben gekleidet. Die meisten waren rötlich oder rotbraun, die andern
grün. Sie hatten gleichfalls Federn auf den Hauben; Reigerfedern, Hahnenfedern
und dergleichen. Manche hatten ein Hüftorn, alle hatten ein Schwert, und einige
trugen ein oder gar mehrere Jagdlanzen. Ihre Kleider waren auch in Unordnung wie
die des scharlachroten Mannes. Sie mochten zehn oder zwölf Männer sein.
    »Was die Eroberung Böhmens angeht«, sagte Witiko, »so wird sie dir weit eher
gelingen als mir, da du ein solches Geleite hast, und ich allein bin.«
    »Unsere Rosse sind gebrechliche leichte Dinge, die dahin rennen«, sagte der
Mann, »und unsere Gewänder sind Flitter, die ein Stab zerreisst, während dein
grauer Zelter, auf dem du im Schritte reitest, breit und fest ist, und deine
Gewänder undurchdringlich sind, dass man meinen sollte, du könntest Hostas Burg,
die der Herzog jetzt so eilig neu baut, gemach niederreiten.«
    »Und wenn ich die Burg des Hosta und den reichen Wysehrad und das ganze
Böhmen niederreiten könnte«, entgegnete Witiko, »so würde ich es nicht tun, so
lange Sobeslaw besteht, um dessen langes Leben ihr Gott bitten solltet; aber
deines Herzens Gelüsten wäre es, hier zu schalten, weil du die Worte zu mir
gesagt hast, die der Schalk dir eingab.«
    »Höre, Sohn des weisen Nacerat«, erwiderte der Scharlachreiter, indem er
sich zu einem der Angekommenen wendete, »dieser da meint, dass wir alle, die hier
sind, ihn ausgenommen, den Wunsch haben, die Plage der Regierung in Bürglitz zu
sitzen, oder Reichsversammlungen in Sadska zu diesen Ländern zu übernehmen, auf
dem Wysehrad oder auf halten, und die Meinungen der erfahrnen Jahrträger und
Räte zu hören, und ihnen untertänig zu sein, statt in freier Luft zu leben, die
nachdenkenden Köpfe herrschen zu lassen, und uns um die Freuden zu bekümmern,
die uns Gott in der Welt gegeben hat: um das fröhliche Reiten, um die Jagd, um
den Becher, um die Mädchen, und wäre es selber die schöne österreichische
Gertrude, die Schwester des ehrbegierigen jungen Markgrafen Leopold, dem jetzt
unser ruhmreicher Herzog, welchem wir ein ewiges Leben hienieden wünschen, die
böhmische Maria, seine Tochter, zur Gemahlin geben will. Und du, Odolen, Sohn
des Striz, und Welislaw, sind wir nicht besser und jünger, uns die schönsten
Mädchen zu wählen, als jener Balg, der Wratislaw von Brünn, der sich vor fünf
oder sechs Jahren eine Prinzessin aus Russland geholt hat, die alle sterblichen
Leute an Schönheit übertrifft?«
    »Und wie du auch scherzest«, sagte Witiko, »so möchtest du doch da der Erste
sein, nur dass du es nicht kannst.«
    »Und du wirst den Herzog Sobeslaw strenge gegen mich verteidigen?« sagte der
Scharlachreiter.
    »Es ist ganz umsonst, über nichtige Dinge zu streiten«, entgegnete Witiko,
»aber ich würde ihn mit dem letzten Blutstropfen verteidigen, weil er zu Recht
eingesetzt ist, ein guter Mann ist, und recht regiert.«
    »Also einen schlechten Herzog würdest du absetzen?« sagte der
Scharlachreiter.
    »Wenn ich einen schlimmen Herzog absetzen könnte, und nur ich allein«,
antwortete Witiko, »so würde ich es nicht tun, wenn er mit Recht besteht, weil
ein schlimmerer unrechter kommen könnte; aber dienen würde ich ihm nicht.«
    »Wenn du ein Steinschleifer oder ein gelehrter Mann bist, der langsam nach
Prag reitet«, sagte der Scharlachreiter, »so könnte der Herzog deine guten
Dienste wohl brauchen; denn er ist daran, das hölzerne Prag in ein steinernes zu
verwandeln, die Gassen nach der Schnur zu richten, die Menge von Steinen, daraus
er einen Fussboden im Wysehrad machen will, wie Täfelchen eines Kirchenfensters
zu schleifen, und Bücher anzusammeln.«
    Nach diesen Worten schob Witiko sein Pferd schnell zurück, bis er ausser der
Versammlung war. Dann hielt er, und rief: »Wenn ihr gekommen seid, einen Mann
und sein Pferd zu höhnen, die euch nie beleidigten, so ist das eine schmachvolle
Tat von euch, da ihr zwölf oder dreizehn gegen einen seid; wenn ihr aber die
Ehre zu achten wisst, dass ein einzelner von euch eure Worte gegen einen einzelnen
vertritt, so bin ich da, sendet einen, dass ich ihm stehe. Wollt ihr mich aber
beschimpfen oder verwunden oder töten, so tut es; ich will lieber als ein
Unbekannter mein Blut hier vergossen sehen, als Schmach annehmen, und erfahren,
dass slawische Gastfreundschaft einen Fremden, der im Lande reitet, nicht ehrt.«
    Hierauf zog er sein Schwert, senkte es, und blieb mit seinem Pferde stehen.
    »Wie hat er denn das Tier so schnell zurückgebracht?« sagte der
Scharlachreiter.
    »Ich bin Odolen, der Sohn des Striz«, rief einer in grüner Kleidung aus dem
Haufen, und wendete den Kopf seines Pferdes gegen Witiko, »und leide von keinem
Menschen in dieser Welt eine Auflehnung.«
    »Ich bin Welislaw«, rief ein brauner Mann, indem er sich gleichfalls gegen
Witiko wendete, »und nehme keine Drohung an.«
    »Und ich bin Casta, ich bin Ben, ich bin der Sohn des Nacerat«, riefen drei
Stimmen.
    »Hui«, sagte der Scharlachreiter, »wenn es einen Kampf geben sollte, so wäre
wohl ich der Mann, den er träfe, da ich die Worte gegen jenen Trotzigen
gerichtet habe. Seht, wie das Vögelein die Federn sträubt, und hat noch keinen
Flaum ums Kinn, und gleicht einer Jungfrau. Stellt euch zurück, und du,
Ledermann, komme her, wir tun dir nichts zu Leide. Ich bitte dir die Reden, die
ich dir gegeben habe, ab. Du sollst keine mehr hören. Wir sind lustige
Geschöpfe, und sagen einander harte Worte, die nichts bedeuten. Wenn du länger
in dem Lande des alten Cech reitest, so wirst du viele finden, die uns
gleichen.«
    »Sie sollten derlei nicht sagen«, entgegnete Witiko.
    »Sagen oder Nichtsagen«, rief der Reiter, »so komme einmal, und traue mir.«
    »Da du sagst, dass du nichts Schlimmes gegen mich im Sinne hast«, antwortete
Witiko, »und da du auch versprichst, keine üblen Reden mehr gegen mich zu
führen, so will ich dir trauen, wenn deine Gefährten auch die gleichen Gedanken
haben.«
    »Sie haben die gleichen Gedanken«, erwiderte der Scharlachreiter, »komme nur
her, und reite eine Strecke mit uns, so weit es dir gefällt.«
    »Ich reite nur im Schritte«, sagte Witiko.
    »Er gibt schon Gesetze«, sagte der Scharlachreiter, »wir wollen sie
befolgen, und reiten eine Strecke im Schritte mit dir.«
    »So komme einmal zu uns«, rief eine Stimme aus dem Haufen.
    »So komme«, rief eine andere.
    Zugleich wendeten die, welche sich drohend gegen Witiko gestellt hatten,
ihre Pferde um, und alle machten eine Bewegung, gleichsam, um ihm Platz zu
machen, und ihn gesellig aufzunehmen.
    Witiko steckte sein Schwert in die Scheide, und ritt langsam mitten unter
sie.
    Es entstand eine Gasse bis zu dem Scharlachreiter. Dieser winkte Witiko, und
Witiko ritt zu ihm hinzu.
    »So«, sagte der Scharlachreiter, »wenn du an meiner rechten Seite reiten
willst, so tue es. Odolen mag dann wieder an deiner Rechten reiten, wo der Weg
es zulässt, damit du mitten bist. Und du Welislaw und Casta und Mikul und Radmil
und andere, ihr müsst folgen. Und ihr, Söhne Smils, die ihr so gerne stürmt, ihr
werdet nicht zu Schaden kommen, wenn eure Pferde mässiger schnaufen.«
    »Es wird schon eine Weile gehen«, rief einer aus den hinteren Leuten.
    Und so stellte sich nun Witiko an die rechte Seite des Scharlachreiters und
der, den dieser Odolen geheissen hatte, wieder an die rechte Witikos, und der Zug
fing, wie der Scharlachreiter gesagt hatte, sich zu bewegen an. Da sie ritten,
sagte der Scharlachreiter: »Nun, Ledermann, sage, wer du bist, und woher du
kommst, und wohin du in diesem deinem Gewande reitest.«
    »Das werde ich euch nicht offenbaren«, entgegnete Witiko, »weil ich auch
nicht weiss, wer ihr seid, und welche Absichten ihr habt.«
    »So ist denn gar kein Ende mit dir«, rief der Scharlachreiter, »nun so
müssen wir Busse tun, und dir sagen, wer wir sind. Du magst dann dein Wesen
entüllen, oder magst es auch nicht tun. Der an deiner rechten Seite reitet, ist
Odolen, der Sohn des Striz. Er will die ganze Welt umwerfen, darum wäre es
schade gewesen, wenn du ihm ein Loch in sein grünes Wams oder in sein Herz
gestossen hättest, er hat dich umbringen wollen, weil du uns herausgefordert
hast. Es wäre auch schade um dich gewesen, da du ein junges Blut bist.«
    Witiko sah auf den Mann zu seiner Rechten. Er ritt auf einem schwarzen
Pferde. Er war schönen braunen Angesichtes und schwarz von Haar und Augen. Er
hatte ein grünes Gewand, auf der schwarzen Haube eine Reigerfeder, und trug
Schwert und Hüftorn.
    »Nun, du Lederjunge«, sagte er, »sehe ich wohl aus, wie ein Wegelaurer, der
die Leute töten will, die da so allein reiten?«
    »Nein«, sagte Witiko; »aber du könntest voreilig sein.«
    »Er ist gar nie anders«, sagte der Scharlachreiter.
    »Jetzt sieh aber auf den, der hinter mir ist«, fuhr der Scharlachreiter
fort, »der ist Welislaw, er sagt immer, dass er treu sei; er weiss nicht, wem, und
er ist so jung, dass er noch gar nicht angefangen hat, treu zu sein. So schau
doch um auf ihn.«
    Witiko blickte gegen ihn zurück. Er ritt auf einem Goldfuchs, war braun von
Haar und Augen, hatte ein braunes Gewand, auf der schwarzen Haube eine
Geierfeder, und trug Schwert und Hüftorn.
    »Nun ich bin doch unverdächtig«, sagte er zu Witiko.
    »Ja«, antwortete Witiko.
    »Jetzt blicke gerade hinter dich, Lederreiter«, rief der Scharlachmann, »da
ist der Sohn des Nacerat, er ist immer der Sohn des Nacerat, und wird immer der
Sohn des Nacerat sein.«
    »So sieh doch um«, rief der Mann hinter Witiko.
    Witiko wendete sich ein wenig auf seinem Pferde, und sah nach dem Manne, der
gerufen hatte. Er ritt auf einem braunen Pferde, und war ein sehr schöner
Jüngling mit blonden Haaren und blauen Augen und rosenrotem Angesichte. Er trug
ein scharlachbraunes Gewand und auf der schwarzen Haube eine weisse Feder. Er
hatte Schwert und Hüftorn.
    »Ich bin niemanden gefährlich«, sagte er zu Witiko.
    »Ausser allen schönen Dirnen«, rief der Scharlachreiter.
    »Ich könnte auch mit einem Ritter edle Freundschaft halten, wie zum Beispiel
mit dem Lederreiter«, sagte der Mann.
    »Es mag sein, oder auch nicht sein, ich kann es jetzt noch nicht erraten«,
sagte Witiko.
    »Nun kömmt die zweite Reihe hinter uns«, sagte der Scharlachreiter, »da ist
Ben, es heisst auch ein Feldherr so, aber der ist nicht der Feldherr.«
    »Nicht wahr, Ben, du bist nicht der Feldherr Böhmens«, rief er auf den Mann
zurück.
    »Ich werde es bald sein«, rief der andere hervor.
    Witiko blickte um. Der Mann ritt auf einem Rappen, hatte lichte Haare, grüne
Kleider, eine schwarze Feder auf der schwarzen Haube, und trug Hüftorn und
Schwert.
    »Der rechts von Ben heisst Casta«, sagte der Scharlachreiter. »Sieh ihn nur
an, er will immer für seine Freunde in den Tod gehen.«
    »Casta, du stirbst für uns alle«, rief der Scharlachreiter.
    »Und ihr alle für mich«, rief Casta.
    Der Mann ritt auf einem Rappen, hatte lichte Haare, braune Kleider, eine
graue Feder auf der schwarzen Haube und Hüftorn und Schwert.
    »Die hinter den beiden sind die Söhne Smils, des grossen Feldherrn des
Herzogs Sobeslaw«, fuhr der Scharlachreiter fort, »sie wollen immer das nämliche
tun, haben gleiche Pferde und Kleider, und müssen uns offenbaren, ob ihre
Liebchen auch die gleichen Augen haben. Sieh sie nur an, mein Ledermann.«
    Witiko blickte um, und konnte nur erkennen, dass die beiden grün gekleidet
waren, rote Federn auf den schwarzen Hauben hatten, und jeder auf einem Falben
ritten.
    »Die weiter zurück sind Mikul und Radmil, und die andern«, sagte der
Scharlachreiter, »es ist nichts mehr Rechtes an ihnen zu sehen, wenn wir uns aus
diesem Zuge wieder in einen Haufen versammeln, kannst du sie vielleicht näher
betrachten, und sehen, ob sie dir gefallen.«
    Witiko konnte erkennen, dass die Männer alle in gleicher Art gekleidet waren:
nicht gar weites Oberkleid mit einem Gürtel gehalten, dann das straffere
Beinkleid und Lederstiefel mit einem kurzen rückwärts dicken Stachel. Alle
hatten sehr enge Hauben, hinter denen die Haare auf den Nacken gingen, und dann
quer abgeschnitten waren.
    »Nun habe ich dir eine Menge erzählt, du lederner Mann«, sagte der
Scharlachreiter, »wir sind gar nicht zurückhaltend; du aber kömmst aus Ophir
oder dem Lande der Königin von Saba, und reitest mit deinem Gewande so dahin.«
    »Ich wähle mir meine Rüstung, wie ich sie für gut halte«, sagte Witiko.
    »Und du wirst Grosses vollbringen«, antwortete der Scharlachreiter.
    »Du vielleicht auch«, sagte Witiko.
    »Das siehst du gewiss«, sagte der Scharlachreiter, »dass wir dich nicht
beschimpfen, oder mit dir kämpfen oder dich töten wollen, wenn wir auch Spott
und Scherz sagen. Wir sind auf viel grössere Dinge aus, nicht nur auf die
Eroberung Böhmens sondern auch des kleinen Ländleins Österreich und Baierns und
Sachsens und Deutschlands und der ganzen Welt - nämlich der Welt des Vergnügens.
Wir sind die Könige und Vögte dieses Herrn, der alle Länder beherrscht. Und der
Erdkreis ist ihm zu klein, und bis in die Sterne und in den Himmel wird er seine
Macht tragen. Da sitzt einer in dem Riesengebirge, und hat das Seinige dort,
einer in den Bergen bei Sachsen, und hat das Seinige dort, einer am Walde von
Baiern, und hat das Seinige dort, einer in der gesegneten Flur an der Elbe, und
hat das Seinige dort: und alle sind sie wie wir.«
    »Die Kleider, wie ihr sie tragt, habe ich auch in andern Ländern gesehen«,
sagte Witiko.
    »Nicht bloss die Kleider: die Sitten die Bräuche und alles andere geht durch
die ganze Welt, und wir leben mit der ganzen Welt, wir können nicht hinter
unserem Eichenklotze sitzen bleiben, und uns von ihm beschatten lassen. Ja, da
erzählen die Alten, unser Volk sei einmal abgeschieden, es sei für sich allein
gewesen, und habe nicht nach auswärts gestrebt, da hat es Gesang und Tanz
geliebt, die Gastfreundschaft geehrt, und den Boden betreut. Die Einsicht hat
als das Grösste gegolten, und der Rechtspruch, den einer geben konnte, war die
höchste Zier. Und die oberste Macht unsers Landes ist nicht aus der
Kriegsanführung hervorgegangen, sondern aus der Richterübung. Krok erlangte die
Macht im Volke, weil sein Verstand den der andern übertraf, und weil er allen
raten und helfen konnte. Die Angriffe von aussen wurden einfältig abgewehrt. Samo
hat in längstvergangenen Zeiten die Heere des Frankenkönigs Dagobert in der
dreitägigen Schlacht bei Togastburg vernichtet, das Heer Ludwigs des Deutschen,
welcher Böhmen bezwingen wollte, ist in einer unerhörten Niederlage geschlagen
worden. Und man kennt nicht den Ort der Schlacht und nicht den Namen des Mannes,
der unser Volk geführt hat. Da, sagen sie, seien gute Zeiten gewesen; aber wer
weiss, wie damals alles geschehen ist. Alte Menschen loben das Vergangene und
frühere Zeiten. Die Jahre, die näher an uns liegen, sind auch hier zu Lande wild
genug gewesen. Und warum hat der Mann seines Namens nicht besser gewahrt, und
warum soll ich nicht einen bösen Nachbar, der quält und droht, in seinem Lande
suchen und niederwerfen dürfen, warum nicht den Namen der Meinigen in die Herzen
der fremden Völker tragen, dass er geehrter und gefürchteter ist?«
    »Wir werden den Namen unseres Volkes ruhmreich in die fernsten Länder
tragen«, sagte Witiko.
    »Nun, bei allen Heerscharen des Herrn, wenn du das Banner dahin trägst, dann
reiten wir alle, die hier sind, mit dir«, rief der Scharlachreiter.
    »Ich werde nicht das Banner tragen«, sagte Witiko, »aber ein ruhmreicher
Herzog von Böhmen wird es tragen lassen.«
    »Vielleicht dein Sobeslaw?« sagte der Scharlachreiter.
    »Vielleicht Sobeslaw, vielleicht der, der nach ihm kommt«, entgegnete
Witiko.
    »Warum hat er dann den König Lotar, als er ihn bei Chlumec geschlagen und
eingeschlossen hatte, entkommen lassen, und sich begnügt, Herzog von Böhmen zu
sein?« sprach der Scharlachreiter.
    »Das wird er wissen«, entgegnete Witiko, »und er wird wissen, warum er zu
den Deutschen steht, das hindert nicht, dass er unser Volk einmal ruhmvoll nach
aussen führt.«
    »Also reitest du nicht aus dem Lande der Königin von Saba oder aus Ophir
daher, sondern gehörst zu unserm Volke, wie du sprichst«, sagte der
Scharlachreiter.
    »Du siehst, dass ich nach Mitternacht reite, also komme ich vom Mittage her«,
entgegnete Witiko.
    »Wir reiten ja alle mit dir nach Mitternacht, also kommen wir vom Mittage
her«, erwiderte der Scharlachreiter.
    »So ist es auch«, sagte Witiko, »und es ist nur, wer weiter her kömmt.«
    »So pilgerst du vielleicht von dem Walde heraus, in welchem Tannen und
Moosbeeren wachsen«, sagte der Scharlachreiter.
    »Tannen und Moosbeeren und anderes«, sagte Witiko, »und wo manche Stelle zu
einer edlen Waldburg für einen genügsamen Mann ist.«
    »Dort begnügen sie sich mit Fröschen«, sagte der Scharlachreiter.
    »Sie begnügen sich mit Fröschen«, antwortete Witiko, »und das ist ein
Vorzug.«
    Der Scharlachreiter wendete sich bei diesen Worten halb auf seinem Pferde
um, und rief auf seine Begleiter zurück: »Wie wäre es, Freunde, wenn wir einmal
in den Mittagwald unseres Landes jagen gingen, aus dem die schöne Moldau kömmt,
der Ledermann hier meint, es wäre nicht so schlecht dort.«
    »Wenn die Wölfe und Bären und Hirsche im Winter dort nicht erfrieren, so
müssen ihrer genug sein«, rief der schöne Jüngling, welchen der Scharlachreiter
den Sohn des Nacerat geheissen hatte.
    »Und wir dringen mit der Lanze in der Hand und mit festen Stiefeln an den
Füssen durch Gestein und Moor und Wurzelgeflecht«, rief der, welchen der
Scharlachreiter Welislaw genannt hatte.
    »Wer weiss, ob dort schon einmal eine Jagd, wie sie die Vorschrift fordert,
abgehalten worden ist«, rief Odolen an der Seite Witikos, »und wenn wir die
ersten sind, die eine Kunstjagd dort einführen, so haben wir Ruhm, und mehr
Ruhm, je mehr wir überwinden müssen. Der Sieg gilt erst recht, wenn man Berge
umwirft, um zu dem Feinde zu gelangen.«
    »Du tränkest einen Fluss aus, um zu ihm zu kommen«, sagte der
Scharlachreiter.
    »Das wäre viel zu langsam«, rief Odolen entgegen, »ich werfe mich mit unsern
Leuten hinein, und schwimme hinüber.«
    »Wir gehen hin«, rief der, welcher von dem Scharlachreiter Ben geheissen
worden war, »weil wir noch nicht dort gewesen sind.«
    »Und Wurzeln, Kräuter werden wir wohl finden, dass wir eine Würze haben, wenn
wir uns einen Dachs zum Essen braten müssen«, rief der, welcher Casta genannt
worden ist.
    »Und die Bärenfelle bringen wir den Frauen und Jungfrauen zu weicher Hülle«,
rief einer der Söhne Smils.
    »Ja, deiner Mutter zum Füssewärmen«, sagte Welislaw.
    »Wir gehen einmal hin«, rief der Scharlachreiter, »den Tag können wir noch
verabreden, wer weiss, was wir da finden und erfahren, und der alte Cosmas lebt
ja auch nicht mehr, unsere Sitten lateinisch zu tadeln, da er die der alten
Zeiten preist.«
    »Wir gehen hin«, rief eine Stimme.
    »Wir gehen dahin«, rief eine andere.
    »Ja, ja«, rief wieder eine.
    »Und unsere Sitten sind wahre reine weisse Lämmlein gegen die Wölfe, die
gewesen sind«, sagte der Scharlachreiter, indem er sich auf seinem Pferde wieder
nach vorwärts wendete, »wenn Cosmas nicht schon achtzig Jahre alt gewesen wäre,
als er auf dem vielen Pergamente die Taten unseres Volkes aufgeschrieben hatte,
so hätte er gesehen, was die Alten an sich gehabt haben: sie sind arg gewesen,
und wir sind die Guten. Hast du von den zwei grossen Geschlechtern unsers Landes
gehört, du lederner Reiter, die so gross gewesen sind, dass keines grösser war, und
kaum ein grösseres kommen wird?«
    »Ich habe von manchem Geschlechte dieses Landes gehört«, antwortete Witiko,
»ich weiss nicht, welches du meinst.«
    »So horche«, sagte der Scharlachreiter, »es war ein Mann im Lande, der auf
der Burg Libic hauste, und Söhne und Töchter hatte, und Länder besass, die quer
durch das Herzogtum gingen. Er hiess Slawnik. Vor ihm waren schon viele Slawnik.
Als seit dem Heile der Welt noch nicht das tausendste Jahr angebrochen war,
wurde ein Sohn von ihm, der Woytech hiess, Bischof von Prag. Er war in der Reihe
der Bischöfe der zweite, und nannte sich Adalbert. Cosmas lobt ihn, und hat von
ihm auf das Pergament geschrieben, dass er reich an Geburt war, schön an Gestalt,
leutselig an Benehmen, geistlich im Wandel, und dass er von allen geliebt wurde.
Und da lebte auch vor alten Zeiten ein Mann namens Wrs, von dem die Wrse
stammten. Da geschah es einmal, dass das Weib eines Wrsen im Ehebruche gefunden
wurde. Es war eine Sitte, dass das Weib, das sich dessen schuldig gemacht, von
der Hand des Gatten sterben sollte. Sie floh aber zu Adalbert, und gelobte Busse,
und dass sie Busse tun könnte, sandte sie Adalbert zu den Frauen des heiligen
Georg. Die Wrse rannten zu Adalbert, und suchten das Weib. Da sie es nicht
fanden, schmähten sie Adalbert als Verbrecher und Beschützer des Ehebruches. Er
aber sagte: Nicht den Ehebruch schütze ich, sondern einen schrecklichen Brauch
hindere ich, der gegen das Christentum ist, das nicht den Tod des Sünders will,
sondern, dass er sich bessere, da sprang das Haupt der Wrse zu Adalbert, und
rief: Dich will ich nicht töten, dass du nicht ein Märtyrer wirst, aber deinen
Brüdern und deinem Hause will ich es gedenken bis in das letzte Glied. Dann
liefen sie fort, und als man ihnen den Aufentalt der Schuldigen verraten hatte,
drängten sie das Kloster, bis ihnen die Frau herausgegeben wurde. Und als ihr
Ehegatte sich entsetzte, sie zu töten, liessen ihr die Wrse durch einen gemeinen
Diener den Kopf abschlagen. Adalbert zürnte, weinte, verfluchte die Wrse,
verliess sogleich Prag, und eilte nach Rom. Die Wrse begannen die Fehde gegen die
Brüder Adalberts, deren noch fünf im Lande waren, das ungeteilte Erbe Slawniks
besassen, und in der Burg Libic hausten. Der Kampf dauerte lange, er ruhte, er
fing wieder an, ruhte wieder, und begann wieder, und da die Slawnike alles bis
auf Libic verloren hatten, wurde auch Libic belagert. Anastasius der Abt von
Brewnow, der ein Freund des Geschlechtes der Slawnike war, befand sich in der
Burg, und riet, als die tapfere Gegenwehr vergeblich war, sie sollen sich in die
Kirche flüchten. Alle Nachkommen Slawniks gingen in die Kirche und zu dem
Altare, und da die Wrse in die Burg kamen, und die Flüchtigen aus der Kirche
durch Versprechungen gelockt hatten, ermordeten sie alle ohne Unterschied,
Männer, Weiber, Kinder und Jungfrauen. Was sie von Dienern und Mannen der
Ermordeten in der Burg fanden, führten sie in die Leibeigenschaft ab. Der Abt
Anastasius floh nach Ungarn, und ist nie wieder zurückgekehrt. Die Wrse nahmen
die Güter der Slawnike, und das Haupt derselben wohnte nun öfter in Libic. Drei
der Slawnike waren dem Untergange ihres Geschlechtes entronnen: Adalbert,
welcher in Rom war, Radim, sein jüngster Bruder, welcher ihn begleitet hatte,
und Sobebor, der älteste, welcher, da einmal die Fehde ruhte, in einem
böhmischen Heere mit dem Kaiser Otto gegen die mitternächtlichen Slawen gezogen
war, den polnischen König Boleslaw kennen gelernt, in Polen geblieben war, und
dort Besitz und Ansehen erworben hatte. Aber das Geschlecht erhob sich nie
wieder, und blieb erloschen.«
    »Und warum haben denn die Herzoge solches nicht gewehrt?« fragte Witiko.
    »Ja, da war ein Prinz«, antwortete der Scharlachreiter, »der Boleslaw
Rotaar hiess, und der mit seinem ganzen Anhange die Wrse begünstigte, und sogar
mit ihnen gegen die Slawnike kämpfte. Und als er den Herzogstuhl bestiegen
hatte, gab er einem Wrsen seine Tochter zum Weibe, und die Wrse waren die
Nächsten an ihm. Aber Boleslaw verlor alle Nebenländer des Reiches, und war
wütig gegen Hohe und Niedere. Da brach die Empörung aus, und die Wrse waren die
ersten gegen ihn. Er musste entfliehen. Dann kam er wieder zur Macht, und lud in
der Fastnacht, in der alle sich erlustigten, die vornehmsten Männer des Landes
und auch Wrse zu sich, und da er sie durch Freundlichkeit getäuscht hatte,
überfiel er sie mit seinen Häschern, stiess seinem Schwiegersohne zuerst selber
den Dolch in den Leib, und tötete alle, die er fürchtete. Er wurde aber noch in
dem nämlichen Monate von dem polnischen Herzoge Boleslaw geblendet, und starb
nach Jahren unbeklagt in einer entfernten polnischen Burg. Als der Herzog
Wratislaw als König in diesem Lande herrschte, etwa siebenzig Jahre später,
waren die Wrse wieder in Ansehen: Buc, Cac, Dobromil, Tista und andere. Da
jedoch der Herzog Wratislaw gestorben war, und sein Sohn Bretislaw auf dem
Herzogstuhle sass, wurden die zwei mächtigsten Wrse aus dem Lande verbannt:
Mutina, der bisher der Freund des Herzogs und Zupan von Leitmeritz gewesen war,
und Bozei, das Haupt der Wrse, Herr auf Libic und Zupan von Saaz. Der Herzog
hatte nämlich erfahren, dass sie bei der Belagerung der polnischen Veste Brdo im
Einverständnisse mit dem Feinde gewesen waren. Als vier Jahre seit dieser
Verbannung verflossen waren, da man das Jahr 1100 schrieb, und der Herzog
Bretislaw in der Abenddämmerung des heiligen Tomastages von der Jagd in den
Wäldern von Bürglitz gegen seinen Hof Zbecna zurückkehrte, und man ihm in dem
Dunkel der Wälder mit Fackeln entgegen ging, sprang ein Mann namens Lorek aus
dem Dickichte hervor, und stiess ihm mit Gewalt einen Jagdspiess in den Leib. Der
Leche Cosmas hat aufgeschrieben: Wie ein Stern vom Himmel fiel der hohe Fürst in
dem Walde zu Boden. Seine Mannen kamen zu spät, und hoben den Sterbenden empor.
Man rannte dahin, den Mörder zu suchen, und fand ihn mit seinem Pferde in einen
Graben gestürzt von dem eignen Schwerte durchbohrt. Ob mit Absicht, weil er der
Verfolgung nicht entrinnen konnte, oder aus Unglück, konnte man nicht mehr
erkennen. Es war der Glaube verbreitet, dass der Mörder von den verbannten Wrsen
Bozei und Mutina angestiftet gewesen sei. Und als nach Bretislaw sein Bruder
Boriwoy den Fürstenstuhl inne hatte, wurden die Wrse zurückgerufen, und sie
dienten treu. Da aber der Vetter Boriwoys, Swatopluk von Olmütz, nach dem
Herzogstuhle strebte, da er einen falschen Boten an Boriwoy abgeschickt hatte,
der ihm seine Feinde nennen musste, und ihm die Wrse nannte, und da Boriwoy
misstrauisch wurde, und den Wrsen Bozei zweimal zu fangen strebte, fielen die
Wrse von ihm ab, gingen zu Swatopluk, halfen ihm siegen, und den Fürstenstuhl
besteigen. Boriwoy musste nach Polen fliehen. Ein Jahr darauf ging Swatopluk mit
einem Heere zu seinem Gevatter Heinrich dem Fünften dem Könige von Deutschland
gegen Koloman den König von Ungarn. Er liess als Schutz des böhmischen Landes den
Herren Wacek und den Wrsen Mutina mit Heeresmacht zurück. Vor Pressburg kamen
Swatopluk und Heinrich zusammen. Swatopluk hatte alles niedergeworfen und
zerstört, was ihn an der Annäherung an Pressburg hindern konnte, und er strebte
nun mit Heinrich die Stadt und die Veste zu gewinnen. Da kam ein Bote, welcher
meldete, dass der polnische König Boleslaw, der ein Freund der Ungarn war, mit
Boriwoy in Böhmen eingefallen sei, dass er Wacek und Mutina besiegt habe, und die
Zupen verwüste, und ein geheimer Bote von Wacek kam, der sagte, dass Mutina mit
dem Feinde verstanden sei, dass er sich Boriwoy günstig erweise, dass er nur zum
Scheine gekämpft habe, und dass er heimlich zu seinem Vetter Nemoy gegangen sei,
der ein Anhänger Boriwoys ist. Swatopluk musste von Pressburg zurück, und der
König Heinrich musste auch fort. Swatopluk ging mit den Seinigen gegen Böhmen,
und der polnische König ging nach Polen zurück. Wacek und Mutina kamen dem
Herzoge entgegen. Er empfing sie freundlich, und war freundlich gegen die Wrse,
welche mit ihm in Ungarn gewesen waren. Er zog gegen die Burg Mutinas, die
Wratislaw hiess. Er übernachtete in der Burg. Als der Tag angebrochen war,
versammelte er alle Männer, die bei ihm waren, in dem grossen Saale der Burg,
Herren Ritter und andere. Es war Mutina zugegen mit seinen zwei jungen Söhnen,
es waren die Wrse Domaslaw und Unislaw da. Der Herzog trat schnell in den Saal,
sprang auf die Ofenbank, und rief von dort herab, was die Wrse von jeher an
Tücke Verrat und Bösem gestiftet haben, und schrie gegen die Männer: So gebe ich
sie der Vernichtung preis, und wer sie vertilgt, der nehme ihr Hab und Gut, was
er zu erraffen und zu ergreifen vermag. Die im Saale seien die ersten. Darauf
sprang er von der Bank, und verliess das Gemach. Mutina sass auf seinem Stuhle,
und redete nicht. Sogleich erhielt er zwei Hiebe, und regte sich nicht. Auf den
dritten wollte er empor, und da fiel sein Haupt von dem Rumpfe. Unislaw und
Domaslaw wurden erschlagen. Die Knaben Mutinas wurden fort geführt. Ein Freund
der Wrse, Neusa, sprang aus dem Fenster in den Wald, sein helles Gewand verriet
ihn, er ward ergriffen, und geblendet. Die Männer Krasa und Wakula sprangen auf
ihre Pferde, und jagten gegen die Burg Libic, auf der Bozei sass. Er liess sie als
Reiter aus dem ungarischen Kriege zu sich, da er mit seinem Weibe und seinem
jungen Sohne Borita beim Mittagsmahle sass. Krasa rannte herbei, und lästerte,
und als es ihm Borita verwies, tötete er ihn, und stiess das blutige Schwert dem
Vater in das Herz. Die Wrse der Burg wurden ermordet, die Toten der Kleider
beraubt, und verscharrt, und alles geplündert. Und es begann nun ein Krieg der
Wrse, die noch lebten, gegen ihre Angreifer, und der Krieg wurde immer grösser,
da ihnen ihre Anhänger halfen, und ihre Feinde sich mehrten. Aber sie
unterlagen, und kamen um. Die einen führte man auf die Märkte der Städte, und
richtete sie dort hin, die andern tötete man auf dem Berge Petrin, oder brachte
sie auf den Gassen oder in den Häusern um. Der alte Leche Cosmas hat
aufgeschrieben, dass die Söhne Mutinas gute Knaben waren, und so schön, als wären
sie auf Elfenbein gemalt worden; aber sie wurden umgebracht. Die Leute schlugen
ein Kreuz, und entflohen. Alle Wrse waren ausgerottet bis auf einen, der
entflohen war, Johann, der Sohn Tistas. Von der Burg Mutinas ging Swatopluk
wieder gegen Koloman, der ihm gefolgt war, und da er heftig in einem Walde ritt,
stiess er sich einen Ast in das Auge, dass es ausgestochen war. Man trug ihn nach
Prag, dass er dort geheilt werde. Koloman ging nach Ungarn zurück. Da Swatopluk
genesen war, ritt er im Winter mit seinen Scharen drei Täge und drei Nächte, bis
er vor Neitra kam, in das er einreiten wollte; aber die Wächter hatten ihn
gesehen, und verschlossen die Tore. So verwüstete er alles ringsum, und zog nach
Mähren zurück. Als der Sommer gekommen war, wollte er Rache an den Polen nehmen,
und lag mit dem Könige Heinrich gegen sie im Felde. Aber der Streit dehnte sich
bis zu dem Herbste ohne Gewinn, und man musste auf den Rückzug denken. Am
einundzwanzigsten Tage des Herbstmonates, als Swatopluk den ganzen Tag bei dem
Könige gewesen war, um den Rückzug zu beraten, und als er in der Abenddämmerung
gegen seine Gezelte zurück ritt, kam aus dem Walde ein fremder Ritter zu seinem
Gefolge, man sagte damals, dass es der Wrse Johann, der Sohn Tistas, gewesen sei,
und warf seinen Speer mit Gewalt zwischen die Schultern des Herzogs, dass er tot
von dem Rosse fiel. Der Mörder entfloh durch die Schnelligkeit seines Pferdes.
Im nächsten Jahre nach dieser Tat wurde Johann, der Sohn Tistas, als er im
Aufruhr gegen den Herzog Wladislaw ergriffen worden war, von Wacek geblendet.
Drei Jahre darauf wurde Wacek auf Geheiss des jetzigen Herzogs Sobeslaw, der
damals noch ein junger Prinz war, auf dem Felde vor dem Wysehrad erschlagen,
weil dem Prinzen seine Freunde berichtet hatten, dass ihn Wacek bei seinem
Bruder, dem Herzoge Wladislaw, angeklagt habe, und ihn auf den Wysehrad zur
Gefangennehmung und Blendung locken wolle.«
    »Das sind furchtbare Gerichte«, sagte Witiko, »und ich habe auch von ihnen
gewusst.«
    »Ich sage das nur«, rief der Scharlachreiter, »um zu zeigen, was gewesen
ist.«
    »Und die Herzoge sassen indessen auf ihrem herrschenden Stuhle«, sagte
Witiko.
    »Ja, die Herzoge, die Herzoge«, entgegnete der Scharlachreiter.
    Er wendete sich um, und rief: »Der Mann da, der neben mir reitet, frägt um
die Herzoge des Landes, meine Freunde.«
    »Ich meine nur die Herzoge, die zu jener Zeit gewesen sind«, sagte Witiko.
    »Ja, die Herzoge, die Herzoge, nicht wahr, meine Freunde, das ist so ein
Ding, die Herzoge«, rief der Scharlachreiter.
    Einige von den Reitern lachten bei diesen Worten.
    Der Scharlachmann wendete sich wieder nach vorn, und sagte: »Es waren einmal
gar keine Herzoge in diesem Lande, das so gesegnet vor uns liegt, mein Sohn. Wer
weiss, was da gewesen ist, als dein Wald noch da herab reichte, wo wir reiten.«
    »Bären genug, und wenig Jäger«, sagte Odolen.
    »Marbod wird doch die Bären und die Urstiere mit seinen Leuten erlegt
haben«, sagte der Scharlachreiter.
    »Das waren erst Zeiten«, rief der, den sie den Sohn des Nacerat hiessen.
    »Nun, das wissen unsere Alten kaum, die von den vergangenen Zeiten
erzählen«, sagte der Scharlachreiter, »sie loben nur immer, wie es war, da der
Vater Cech über sieben Ströme gegangen ist, und unsere Ahnherrn in dem Lande
gesessen sind. Da schaltete dieser in dem einen Teile des Landes, und in dem
anderen jener, und wieder in einem anderen gar keiner, und alle waren sehr
glücklich, wie es immer glücklich ist, wenn man von den Anfängen eines Volkes zu
erzählen anhebt.«
    »Das wäre jetzt kein Glück«, sagte Welislaw, »aber kann eines gewesen sein,
da die Menschen noch bei sich zu Hause sehr häuslich waren.«
    »Und die Häuslichkeit ging zu Ende«, sagte der Scharlachreiter. »Als der
alte Krok die Augen zutat, und sein Ansehen auf seine Tochter Libusa überging,
da wollte jeder ihr Gatte sein, und sie drängten sie, und sie nahm den edlen
Mann des Landes Premysl, und sie lebte mit Premysl, und sie hielten sich das
Land unterworfen, da sie lebten, und es kamen zahlreiche Nachkommen von ihnen,
welche sich immer das Land unterworfen hielten, und Herzoge waren: Nezamisl,
Mnata, Woyen, Unislaw, Kresomysl, Neklan, und andere, wer weiss sie noch, und
Hostiwit, und Boriwoy sein Sohn, der erste christliche Herzog, und sein Enkel,
der heilige Wenzel, und dessen Bruder der grausame Boleslaw, und andere. Sie
teilten immer das Land bei ihrem Tode unter ihre Söhne, dass Streit und greuliche
Dinge wurden; aber kein anderer kam in den Ländern Böhmen und Mähren gegen die
Nachkommen Premysls auf. Da erschien vor hundert Jahren ein vorzüglicher Mann
unter den Nachkommen Premysls, mit Namen Bretislaw, der Sohn des Herzogs Ulrich,
der Enkel des Herzogs Boleslaw des Frommen, und der Urenkel des ersten Boleslaw
des Bruders des heiligen Wenzel. Dieser Mann vereinbarte mit allen seinen
Vornehmen den Lechen und Zupanen, dass Böhmen fortan ungeteilt bleiben soll, dass
der älteste des Stammes Premysl Herzog von Böhmen und Mähren sein soll, und dass
alle anderen dieses Stammes Länder in Mähren erhalten sollen, davon sie leben,
dass sie Herzoge heissen und dem ältesten Herzoge untertan seien. So sollte der
Streit enden, der Herzog sollte immer ein älterer und erfahrener Mann sein, und
jeder Zweig Premysls sollte für die Länder sorgen, weil er einmal Herzog sein
kann. Aber schon die Enkel Bretislaws zerbrachen das Gesetz. Er hatte zahlreiche
Enkel. Durch seinen älteren Sohn Wratislaw hatte er vier Enkel: Bretislaw,
Boriwoy, Wladislaw und Sobeslaw, der jetzt Herzog ist. Durch seinen jüngeren
Sohn Konrad, der Fürst von Brünn war, und Otto, der Fürst von Olmütz war, hatte
er die Enkel Ulrich, Liutold, Swatopluk, Otto, und Bretislaw. Da er gestorben
war, folgte ihm auf dem Herzogstuhle sein Sohn Wratislaw, der der älteste Zweig
des Stammes Premysls war, und der der erste unter den böhmischen Fürsten den
höchsten Glanz erreichte, dessen sie teilhaftig werden können, nämlich die
Königskrone. Als er gestorben war, folgte ihm sein Bruder Konrad auf dem
Herzogstuhle, der jetzt der älteste unter den Zweigen des Stammes Premysls war.
Als auch dieser bald gestorben war, folgte des Königs Wratislaw ältester Sohn
Bretislaw, der jetzt der älteste Zweig des Stammes Premysls war. Dieser
Bretislaw ist derselbe Mann gewesen, der in dem Walde bei Bürglitz ermordet
worden ist. Da er bestattet war, folgte ihm sein Bruder Boriwoy auf dem
Herzogstuhle, der nicht mehr der älteste Zweig des Stammes Premysls gewesen ist;
denn Bretislaw hatte mit den Mächtigen der Länder festgesetzt, dass ihm sein
Bruder folgen solle. Der älteste Zweig war Ulrich, der sein Recht auch
durchsetzen wollte, aber bald abstand. Nicht so tat Swatopluk, welcher Herzog
sein wollte. Er brauchte vergeblich Gewalt. Da sendete er dann, wie ich dir
schon sagte, einen falschen Mann zu Boriwoy, der berichten musste, er sei von
Swatopluk misshandelt worden, und gehe zu Boriwoy. Der Mann erzählte Boriwoy
Wahres und Falsches, und nannte ihm als Feinde, die seine Freunde. waren.
Boriwoy wurde misstrauisch, und glich einem Manne, der auf eine Leiter steigt,
und die Sprossen hinter sich abhaut. Und als selbst sein edler Bruder Wladislaw
vor ihm fliehen musste, ward er leicht gestürzt, und Swatopluk wurde Herzog. Wie
ein Feuer, das auf dem Herzogstuhle brennt, war er zwei Jahre auf demselben.
Durch Mord, den er gegen sich erregt, musste er von hinnen.«
    »Ich weiss von diesen traurigen Begebenheiten«, sagte Witiko, »die Macht der
Herzoge war durch sie bedrängt, dass die Übel immer wuchsen.«
    »Siehst du also, mein Freund, die Herzoge, die Herzoge«, sagte der
Scharlachreiter. »Aber es ist ein Mann gekommen, der eine Grenze gesteckt hat,
und das Unheil gedämmt hat. Einen edleren herrlicheren grossmütigeren höheren
Mann hat es nie gegeben. Während seiner ganzen Herrscherzeit hat er keinen
Tropfen Blut vergossen, seine Feinde hat er abgewehrt, hat sie bestraft, aber
ihnen wieder verziehen, und das Volk hat er fröhlich und wohlgemut gemacht. Es
ist Wladislaw gewesen, der Bruder Bretislaws, der im Bürglitzerwalde ermordet
worden ist, und der Bruder Boriwoys, der von Swatopluk vertrieben worden war.
Weil durch den Bruch der Alterserblichkeit Unsicherheit in die Nachfolge
gekommen war, hatten die Mächtigen der Länder Böhmen und Mähren sogleich nach
der Ermordung Swatopluks selber einen Herzog gewählt, und Wladislaw erkoren, und
am eilften Tage nach dem Tode Swatopluks wurde er schon auf den Fürstenstuhl in
Prag gesetzt. Da er zwei Monde herrschte, wollte er die Weihnacht in Gradec
feiern, und lud hiezu seinen Vetter den schwarzen Otto den Bruder Swatopluks
ein. Es kam aber auch eine Ladung von dem deutschen Könige Heinrich dem Fünften
an den Herzog, mit ihm das Neujahrfest in Regensburg zu feiern. Der Herzog
sendete also den böhmischen Herrn Wacek an Otto, ihn in Gradec zu begrüssen, und
zu bewirten, und er selber begab sich auf den Zug nach Regensburg. Da er in
Pilsen war, kam ein Bote, der sagte, dass sein Bruder Boriwoy am Tage vor der
Heiligen Nacht mit einem Heere Prag und den Wysehrad eingenommen, und sich zum
Herzoge ausgerufen habe. Wladislaw sandte zu Wacek und Otto, und hiess sie nach
Prag aufbrechen, zugleich tat er Botschaft an König Heinrich um Dazwischenkunft,
und er selber ging mit seinem Geleite gegen Prag zurück. Er schloss mit Wacek und
Otto den Wysehrad ein, in welchem Boriwoy war, und es entstand ein Kampf der
Väter gegen die Söhne, der Söhne gegen die Väter, der Brüder gegen die Brüder,
der Vetter gegen die Vettern, der Landeskinder gegen die Landeskinder, und acht
Tage dauerte das Unglück, bis der König Heinrich in Böhmen eingebrochen war,
durch Abgeordnete einen Waffenstillstand zu Stande gebracht, und beide Brüder
nach Rokycan, wo er stand, geladen hatte. Sie kamen beide, und wurden auf dem
Felde von Rokycan empfangen, Wladislaw freundlich, Boriwoy feindlich. Er wurde
in Ketten geschlagen, und auf die Veste Hammerstein am Rheine geführt. Wladislaw
kehrte nach Prag zurück, und hielt über die Abtrünnigen Gericht. Die schwersten
Verräter wurden nur geblendet, andere verloren die Güter, und der Kmete der
Altstadt Prag Priwitan musste dreimal öffentlich auf dem Markte einen Hund
tragen, dann wurde ihm von dem Schergen der Bart abgehauen, und dann musste er in
die Verbannung gehen. Nach einer Zeit suchte auch der schwarze Otto seine Rechte
über die des Herzogs auszudehnen. Der Herzog setzte ihn gefangen, und die
Freunde des Herzogs rieten, dass er ihn blende. Der Herzog aber sagte: Das sei
ferne von mir, dass ich den Hass unauslöschlich mache. Und er liess ihn zuerst auf
dem Wysehrad und dann in Bürglitz drei Jahre in Haft. Otto trug die Busse, und
wurde dann von dem Herzoge wieder in seine Güter eingesetzt. Dann war noch
Sobeslaw, der jüngste Bruder des Herzoges Wladislaw, der ihn am tiefsten
kränkte, und am längsten kränkte. Zerwürfnisse waren, Versöhnungen, und wieder
Zerwürfnisse, und wieder Versöhnungen. Da Sobeslaw ein Knabe war, hatte ihn sein
Bruder Boriwoy, als er vor Swatopluk floh, mit auf die Flucht genommen. Als der
polnische König Boleslaw in Böhmen einfiel, um Boriwoy aus der Haft in
Hammerstein zu ledigen, und wieder auf den Herzogstuhl zu setzen, war Sobeslaw
in dem polnischen Heere. In fürchterlichem Streiten im Riesengebirge floss die
Menge des böhmischen Blutes, und Sobeslaw ging mit dem polnischen Heere wieder
nach Polen zurück. Als nach der Zeit der König von Polen sich wieder vermählte,
und zu seiner Gattin die Schwester der Gattin des böhmischen Herzoges erkor, und
da die Schwestern zwischen ihren Gatten Frieden zu stiften strebten, und da auch
die Mutter der streitenden Söhne Wladislaw, Boriwoy und Sobeslaw, die polnische
Swatawa, die Witwe des Böhmenkönigs Wratislaw, herbei kam, um die Kämpfenden zu
versöhnen; so schlossen die Fürsten von Böhmen und Polen Frieden, Wladislaw
verzieh seinem jungen Bruder Sobeslaw, und gab ihm die Lande von Saaz zum
Unterhalte. Aber hier suchte er wie Otto seine Macht über die des Herzogs zu
setzen, und der Herzog verwarnte ihn. Als aber die Freunde Sobeslaws gesagt
hatten, der Herzog wolle ihn nach dem Wysehrad locken, und ihn dort fangen und
blenden, und als ihn Wacek nach dem Wysehrad geleitete, liess er ihn auf dem
Felde vor dem Wysehrad erschlagen, und entfloh. Wladislaw zürnte sehr, verzieh
aber dem Bruder dennoch wieder, rief ihn, ehe zwanzig Monde vergangen waren,
zurück, und gab ihm die Lande von Gradec und darauf Brünn und Znaim zum Genusse.
Jetzt hielt Sobeslaw Treue wie Otto. Da auf dem Lukerfelde gegen den ungarischen
König Stephan die Schlacht war, ging er mit Otto in den Rücken des Feindes, und
bewirkte einen grossen Sieg, aus dem die böhmischen Heere mit Ruhm und grosser
Beute nach Prag zurückkehrten. Nach dieser Zeit ward Boriwoy seiner Haft auf dem
Hammersteine ledig, Wladislaw stieg freiwillig von dem Fürstenstuhle, und
übergab ihm die Herrschaft der böhmischen und mährischen Länder. Aber Boriwoy
konnte die Herrschaft nicht führen, und Wladislaw musste sie wieder übernehmen.
Als Sobeslaw acht Jahre treu gewesen war, geriet er wieder gegen seinen Bruder
in Aufstand. Wladislaw zog zürnend mit Waffenmacht nach Mähren, vertrieb ihn mit
seiner Gattin, der ungarischen Adelheid, und liess ihn nie mehr zurück. Sobeslaw
war ein ansehnlicher Ritter und schön von Gestalt, und das böhmische Volk
trauerte, dass er fern sein musste. So war das unglückliche Jahr gekommen, da man
nach dem Heile schrieb 1125. In dem Beginne desselben erkrankte Wladislaw. Er
hatte das Fest der Heiligen Drei Könige in seinem Hofe in Zbecna zugebracht, es
erschien das Siechtum, und er liess sich in den Wysehrad tragen. Seine Kräfte
nahmen immer mehr ab. Da traten verschiedene Menschen zu ihm, und baten um
Aussöhnung mit Sobeslaw. Sobeslaw war selber im strengen Winter nach Böhmen
gekommen, und ging in dem Walde auf dem weissen Berge herum. Dies war im Anfange
des Hornung. Die Mutter der zwei Söhne, Swatawa, setzte sich an das Bett des
Kranken, und bat mit ihrem ehrwürdigen Munde und mit ihrer alten ehrwürdigen
Gestalt um Versöhnung. Der edle Bischof Otto von Bamberg kam von einer
Bekehrungsreise nach Prag. Ihm beichtete der Herzog, und empfing von ihm die
Segnungen der Kirche. Der Bischof verlangte auch die Versöhnung. Da erging am
fünfundzwanzigsten Tage des Monates März die Weisung, dass Sobeslaw komme. Er
kam. Weinend schlangen die Brüder die Arme in einander, und Sobeslaw kniete an
dem Bette des Kranken nieder. Alle in dem Lande Böhmen kamen über diese
Nachricht in Jubel, und beteten in den Kirchen, dass der Fürst genese. Aber er
starb an dem zwölften Tage des Monates April, sein Leichnam wurde in die Abtei
zu Kladrau, die er mit Reichtümern begabt hatte, geführt, und sein Bruder
Sobeslaw bestieg den Stuhl von Böhmen, den er jetzt im dreizehnten Jahre inne
hat.«
    »Und er ist jetzt anders, als er früher gewesen war«, sagte Witiko.
    »Du weisst ja viel von unsern Dingen, du Ledermann«, sagte der
Scharlachreiter.
    »Das wissen sie auch in andern Ländern«, entgegnete Witiko.
    »Er hat die Herrschaft nicht in Ruhe angetreten«, sagte der Scharlachreiter.
»Der schwarze Otto ging zu dem deutschen Könige Lotar, und sagte er sei
verkürzt worden, ihm gebühre der böhmische Herzogstuhl, und er bitte den König
um Hilfe. Der König sandte an den Herzog die Botschaft: wenn er auch von dem
ganzen böhmischen und mährischen Volke gewünscht und gewählt worden wäre, so sei
die Wahl nichtig; denn dieselbe könne nur von dem deutschen Könige angeordnet,
und ausgeführt werden. Er gebe Sobeslaw Frist, vor seinem Richterstuhle zu
erscheinen, und des Spruches zu harren. Tue er es nicht, so habe er den Krieg zu
erfahren. Sobeslaw sagte: Ich hoffe zu Gottes Barmherzigkeit und zum Beistande
unserer Heiligen Wenzel und Adalbert, dass wir nicht in die Hand der Fremden
werden gegeben werden. Dann ging er nach Mähren, und nahm Ottos Gebiete in
Besitz. Hierauf durchzog er das Land Böhmen, ermahnte das Volk, und liess in den
Kirchen Gebete halten. Er nahm die Fahne des heiligen Adalbert aus der Kirche
der Burg der Slawnike Wrbcan, befestigte sie an dem Speere des heiligen Wenzel,
und hiess sie im Kriege voran tragen. Der König Lotar fing im nächsten Jahre, da
der Herzog Sobeslaw den Fürstenstuhl bestiegen hatte, mitten im Winter den Krieg
an. Es waren fast alle Herren von Sachsen, daher er stammte, mit ihm, auch
Albrecht der Bär war mit ihm und Heinrich von Groitsch. Sobeslaw erwartete ihn
mit den Seinigen in dem Tale von Chlumec. Als der König an den Marken Böhmens
angekommen war, sandte ihm Sobeslaw noch einmal Botschaft durch Nacerat Smil
Diwis und Miroslaw, die ein Gefolge mit sich hatten, und liess ihm sagen: Die
Böhmen haben bisher ihre Herzoge auf ihre eigene Weise bestellt, und der
römische Kaiser hat sie als Vogt der Christenheit bestätigt, so wollen wir es
halten, und ehe wir ein neues Joch auf uns nehmen, wollen wir lieber untergehen.
Richte Gott zwischen uns. Der König achtete nicht darauf, und stieg in der
Schlucht von Chlumec nieder. Otto kam mit den Seinigen zuerst. Er wurde mit
allen erschlagen. Dann kam eine zweite Schar. Sie wurde auch geschlagen. Dann
kamen weitere Scharen, sie wurden angegriffen, zerstreut, erschlagen, gefangen.
Der König floh auf einen Berg, die Böhmen umringten den Berg, dass nicht er und
nicht einer von denen, die um ihn waren, entrinnen konnte. Da sandte er nach
Sobeslaw. Sobeslaw stieg auf den Berg, und sagte zu dem Könige: Wir haben diesen
Krieg nicht aus Mutwillen begonnen, um das Blut der Deinen zu vergiessen, oder
dir eine Schmach anzutun, sondern um die Gewalt, die man uns zufügen wollte,
abzuwehren. Gott hat gerichtet. Wir nehmen von dir die Bestätigung der
Herzogswahl an, nicht weil du deutscher König bist, sondern weil du römischer
Kaiser sein wirst, und treten in die alten Rechte zurück. Der König küsste den
Herzog, und bestätigte mit der Fahne seine Wahl. Darauf liess der Herzog den
König und die Seinen ungehindert von dannen ziehen. Die Gefangenen gab er ohne
Lösegeld frei. Darunter war der Bischof von Merseburg, der Bischof von
Halberstadt, Albrecht der Bär, und es waren drei Äbte. Die fünfhundert edlen
deutschen Ritter, die tot waren, und das Volk, das mit ihnen gefallen war, und
die von den Leuten aus unseren Ländern, die auch mit ihnen gefallen waren, liess
Sobeslaw begraben.«
    »Das war recht gut gehandelt«, sagte Witiko, »meine Mutter und ein edler
Priester haben mir von diesen Dingen erzählt, da ich ein Knabe war, und sie
haben mir öfter wieder davon erzählt, da ich ein heranwachsender Jüngling war.«
    »Als Sobeslaw einmal im fünften Jahre seiner Herrschaft mit einem grossen
Geleite nach Mähren zog«, fuhr der Scharlachreiter fort, »nannte ihm ein
Kämmerling zwei Männer aus seinem Gefolge, die vorhatten, ihn zu ermorden, und
einer Gelegenheit dazu erharrten. Der Herzog sagte dieses den Zupanen Zdeslaw
und Diwis, die seine treuen Räte waren, und hiess sie, die zwei Männer insgeheim
in Haft nehmen. Da dieses geschehen war, erkannte man in ihnen Dienstleute der
Brüder Miroslaw und Strezimir. Ihre Waffen waren vergiftet. Sie gestanden, dass
ihre Herren sie zum Morde gedungen haben. Miroslaw, welcher bei dem Herzoge war,
wurde gefangen, Strezimir suchte zu fliehen, wurde aber ereilt, und beide wurden
gebunden auf den Wysehrad geführt. Der Herzog kehrte auf seinem Zuge um, und
ging nach Prag. Dort zog er barhäuptig barfüssig und in Busskleidern ein, und ging
sogleich gegen die Kirche des heiligen Veit. Die Glocken läuteten, Kinder mit
Zweigen standen in den Strassen, die Priester sangen den Lobgesang des heiligen
Ambrosius, und das Volk drängte sich. In der Kirche tat er ein Gebet für seine
Rettung. Sieben Tage darnach wurde ein öffentlicher Gerichtstag und ein Landtag
abgehalten. Zweitausend Menschen kamen zu dem Tage. Der Herzog hielt eine
Anrede, und sagte, dass er es mit den Ländern Böhmen und Mähren immer wohl
gemeint habe, dass er ein sündiger Mensch sei, dass aber seine Sünden anders
gestraft werden müssten als mit Mord, wie bei seinem Bruder Bretislaw, und von
einem andern als einem sündigen Menschen. Das Gericht soll nach genauer
Gerechtigkeit seines Amtes walten. Das Gericht ward gehalten, und des folgenden
Tages wurden Miroslaw, Strezimir, die zwei Dienstleute, und der Arzt, der das
Gift gegeben hatte, hingerichtet. Miroslaw hatte den Bischof Meinhard als
obersten Anstifter angeklagt, welcher auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem war.
Da der Bischof zurückgekommen war, wurde er nach des Herzogs und der Lechen
Willen dem Erzbischofe von Mainz Adalbert und dem Bischofe von Bamberg Otto zum
Gerichte übergeben. Am Tage des heiligen Wenzel wurde das Urteil verkündet. Der
Bischof von Bamberg war selber nach Prag gekommen. Meinhard wurde vor allem
Volke als unschuldig erklärt. Der Bischof Otto, der Bischof von Olmütz Zdik und
sieben böhmische Abte legten ihre Stolen nieder, und bezeugten die Unschuld
Meinhards. So ward dessen Ehre gerettet. Seit dem Tage stand niemand mehr gegen
Sobeslaw auf. Mit dem Könige Lotar lebte er in Freundschaft, und gab ihm zwei
Mal böhmische Männer zu seiner Romfahrt. Mit dem polnischen Könige Boleslaw
hatte er wegen des ungarischen Bela Krieg. Er siegte, versöhnte sich mit dem
Könige, und sie wurden Freunde. Seitdem ist Frieden.«
    Der Scharlachreiter schwieg nun ein Weilchen, Witiko auch.
    »Nun du Ledermann«, sagte der Scharlachreiter hierauf, »du hast von den
Herzogen gesagt, du hast um die Herzoge gefragt, jetzt habe ich dir Herzoge
genug genannt, und habe dir von Herzogen viel erzählt. Und weil ich dir von
Herzogen viel erzählt habe, und weil ich dir von Geschlechtern viel erzählt
habe, und von ihren wilden Sitten, und von uns und unsern guten Sitten, so
könntest du jetzt auch von dir und deinem Wesen etwas offenbaren, das uns
freut.«
    »Ich habe dir ja schon gesagt, dass ich vom Mittage komme, und nach
Mitternacht reite«, entgegnete Witiko.
    »Das hast du gesagt, weiser Mann«, antwortete der Scharlachreiter, »und das
ist sehr merkwürdig; aber da du nicht immer das Ledergewand anhaben wirst, und
es vielleicht einmal mit einem andern vertauschen wirst, so kann ich dich ja
nicht beschreiben, wenn ich zu jemanden von dir spreche, und ich kann nicht
wissen, dass du gemeint bist, wenn jemand von dir zu mir redet. Du wirst doch ein
Ding haben, das ein Name ist, und das Ding wird unschuldig sein, dass man es
nennen kann.«
    »Ich heisse Witiko«, antwortete Witiko, »stamme aus dem Mittage des Landes,
und habe keine Angehörigen mehr als eine Mutter, die edlen Blutes ist.«
    »Nun, Witiko«, sagte der Scharlachreiter, »wenn du aus dem Mittage unseres
Landes stammst, so bist du vielleicht auch schon in Baiern gewesen, und hast den
stolzen Heinrich gesehen, der jetzt das Gerede aller ist.«
    »Ich habe ihn nicht gesehen«, sagte Witiko. »Im Randshofe, der nahe an dem
Flusse Inn steht, und wo schon vor dem grossen Kaiser Karl und seinen Söhnen die
Herrscher des Frankenlandes öfter gewohnt haben, war einmal in den Klöstern, die
an dem Hofe sind, eine grosse Kirchenfeierlichkeit. Da hiess es, dass der Herzog
Heinrich mit seiner Gattin Gertrud und seinem kleinen Söhnlein, das auch
Heinrich heisst, kommen werde. Ich ging hin. Der Herzog kam nicht. Otto der
Pfalzgraf war da, Konrad der Erzbischof von Salzburg, Regimbert, der Bischof von
Passau, die Herren von Rote, von Mosebach, von Poren, Meisaha, Hagenau, und
viele andere.«
    »Nun der gute Herzog mag jetzt auch viele Bitterkeit haben, wie mancher
hochfahrende Herr«, rief der Scharlachreiter, »er hat ja nicht anders gemeint,
als er wolle dem deutschen Reiche die Gnade tun, wenn es ihn zum Könige gewählt
haben wird, die Wahl anzunehmen. Und da sitzt nun das Schwäblein Konrad auf dem
deutschen Stuhle, und sagt, der grosse Herzog möge sich beugen. Und der grosse
Herzog will sich nicht beugen, und da werden sie sich bei den Bärten nehmen.
Sachsen ist ihm schon abgesprochen, und Baiern wird das Schwäblein seinem
Halbbruder dem jungen Markgrafen Leopold von Österreich geben, der nun ein guter
Bundesgenosse würde, wenn jemand um ihn wirbt.«
    »In Baiern sagen sie, dass der Herzog sich nicht fügen wird, und noch weniger
Welf«, entgegnete Witiko.
    »So wird es Funken geben«, sagte der Scharlachreiter, »und Feuer werden
aufsprühen. Unser Herzog baut indessen Burgen an den Marken seiner Länder, und
sorgt, dass alle Ämter die Leute zu ihrer Arbeit haben, und harret seiner Zeit.«
    »Er wird vielleicht das Rechte tun«, sagte Witiko.
    »Ja, vielleicht errätst du es, du Ledermann«, sagte der Scharlachreiter.
»Vor drei Monaten ist er zu dem neuen Könige Konrad nach Bamberg geritten, und
hat seinen jungen Sohn Wladislaw, den er im vorigen Jahre zum Herzoge von Olmütz
gemacht hatte, mit der böhmischen Fahne belehnen lassen, und vor zwei Monaten
hat er die Herren von Böhmen auf einen Landtag nach Sadska berufen, und dort
haben alle die hohen und die niederen den jungen Wladislaw anerkannt, und ihm
Folge gelobt. Du siehst also, du weissagender Mann, dass bei uns alle Sachen
geordnet und befestigt sind, und dass es uns, die wir da reiten, nichts hälfe,
wenn wir auch, wie du sagtest, das Gelüste hätten, in diesen Ländern zu
schalten. Wir können nur Hirsche erlegen, und können nur die schönen Augen der
Jungfrauen loben, wenn wirklich schöne Augen irgend wo vorhanden sind,
höchstens, dass man uns verwendet, das ausführen zu helfen, was die hohen und
niederen Herren ersonnen haben.«
    »Und wenn auch alles fest geordnet ist, und wenn auch ein Herzog auf dem
Stuhle sitzt, und recht und rechtlich waltet«, sagte Witiko, »so hindert das gar
nicht, dass ein anderer sich denke, er möchte Herzog sein, und was er täte, wenn
der Stuhl in seiner Macht wäre.«
    »Dann haben wir eine Million Herzoge«, rief der Scharlachreiter, »die sich
alle denken, wie sie es zur Lust und Freude machen würden, wenn sie den
Fürstenstuhl inne hätten. Ich habe dir aber gesagt, dass wir alle und jeder, die
da reiten, etwas Höheres vor uns haben, das uns beschäftigt, das Reich der
Freude, welches die ganze Welt umspannt, und gegen welches so ein Herzogstuhl
nur ein kleines Gesiedel ist, auf welches niemand denkt. Oder möchtest du ein
anderer Krok werden, wenn nämlich die, welche von ihm durch seine Tochter Libusa
und ihren Mann Premysl abstammen, es gelten liessen, und möchtest du in Weisheit
herrschen, und ein unabsehliches Geschlecht hinter dir bis zum Ende der Welt
gründen?«
    »Ich habe daran nie gedacht«, entgegnete Witiko, »wenn aber im Kriege oder
durch Verhängnis alle, die von Premysl stammen, zu Ende wären, und die Länder
Böhmen und Mähren mich zu Rechte zu ihrem Herzoge machen wollten, würde ich,
wenn ich dächte, dass ich es könnte, Herzog sein, und recht und gerecht herrschen
wollen.«
    »Nun, die Nachkommen des alten Premysl könnten in Gefahr kommen«, sagte der
Scharlachreiter, »unser Herzog Sobeslaw ist mit dem verblichenen Kaiser Lotar
immer in Freundschaft gewesen, hat ihm Leute zu seinen Kaiserfahrten gegeben,
hat ihn besucht, und ist einmal mit fünftausend Männern in grossem Putze und mit
vielen Geschenken zu dem Tage des Kaisers nach Merseburg geritten. Er wird auch
mit dem Könige Konrad in Freundschaft sein, der sein Söhnlein belehnt hat, und
wenn zwischen dem Könige Konrad und dem stolzen Herzoge Heinrich in Sachsen oder
irgendwo ein Krieg zu Stande kömmt, so wird der Herzog Sobeslaw mit den Seinigen
zu dem Könige als Hilfebringer reiten, und so ein Krieg kann sehr lange dauern.«
    »Bist du auch in Sadska gewesen?« fragte Witiko.
    »Ich bin nicht dort gewesen, und alle, die da reiten, sind nicht dort
gewesen«, sagte der Scharlachreiter, »dahin sind nur die Erfahrenen gegangen,
und die es sonst gewollt haben.«
    »Ich will dir nun auch etwas von unsern Absichten offenbaren«, fuhr der
Scharlachreiter nach einem Weilchen fort, »ich und alle, welche mit mir sind,
reiten nach Morgen zu, siehst du, auf dem Blachfelde gerade vor uns, wo der
kleine Baum ist, dort geht der Weg seitwärts nach dem Lande zu, das Mähren
heisst, und weil du uns auch so freimütig geoffenbaret hast, dass du gegen
Mitternacht reitest, so werden wir dort wahrscheinlich Abschied nehmen.«
    »So wird es auch sein«, sagte Witiko.
    »Und wenn du uns wieder triffst«, sagte der Scharlachreiter, »so reite uns
zu, und halte Geselligkeit mit uns.«
    »Eines muss er sich aber abgewöhnen«, rief Welislaw nach vorwärts, »dass er im
Schritte reitet.«
    »Ich reite nur im Schritte, wenn ich reise«, sprach Witiko zurück, »ich kann
es zu andern Zeiten auch anders tun.«
    »Wir tun es nicht einmal auf Reisen«, antwortete Welislaw.
    »Dann habt ihr Pferde zum Wechseln«, sagte Witiko.
    »Der Ledermann hat Recht«, sagte der Scharlachreiter, »er schont seine
Pferde, wir verderben sie, er ist klug, und wir sind leichtfertig.«
    Indessen waren die Reiter bei dem kleinen Baume angekommen, an dem der Weg
sich teilte.
    »Siehst du, wir reiten auf diesem Wege rechts«, sagte der Scharlachreiter.
    »Und ich reite auf dem andern gerade fort«, entgegnete Witiko.
    »So lebe wohl, du lederner Mann«, sagte der Scharlachreiter.
    »Lebe wohl«, sagte Witiko.
    »Reite glücklich deiner Wege, und suche nicht gleich Kampf mit Männern, die
du auf der Strasse findest«, rief Odolen.
    »Wenn sie ihn nicht hervorrufen, suche ich ihn nicht«, sagte Witiko.
    »Reite fröhlich«, rief Welislaw.
    »Du auch«, sagte Witiko.
    »Lebe wohl«, rief Ben.
    »Komme bald zu uns zurück«, rief der Sohn des Nacerat.
    »Lebet wohl«, sagte Witiko.
    Die von hinten kamen nun auch hervor, und riefen: »Lebe wohl.« »Reite
glücklich.«
    »Lebet wohl«, antwortete Witiko.
    Dann hielt er ein Weilchen stille, und sagte zu dem Scharlachreiter: »Ich
habe dir gesagt, wie ich heisse, und woher ich komme, du hast mir manches
erzählt, und hast mir die genannt, welche dich begleiten, sage mir, wer bist
denn du, dass du dich um dieses Land so kümmerst, und was darin geschieht.«
    »So höre, du Ledermann«, sagte der Scharlachreiter, »ich bin der Sohn des
edlen grossmütigen hohen Herzoges Wladislaw, der in seiner Herrschaft keinen
Tropfen Blut vergossen hat, ich bin der Enkel des ruhmreichen Königs Wratislaw,
ich bin der Neffe jenes Herzogs Bretislaw, der im Walde von Bürglitz wie ein
Stern zur Erde gesunken ist, ich bin der Neffe des unglücklichen Boriwoy, der
vor Swatopluk weichen musste, und bin der Neffe des jetzigen Herzoges Sobeslaw.
Mein Name ist Wladislaw.«
    »Wenn du das alles bist«, sagte Witiko.
    »Nun, Witiko?« antwortete der Scharlachreiter.
    »So solltest du ernster sein«, sagte Witiko.
    »Mein Sohn«, sagte der Scharlachreiter, »hier führt mein Weg nach Morgen,
dem Lande Mähren zu, der deine führt nach Mitternacht. Lebe wohl, und finde dein
Glück.«
    Nach diesen Worten setzte er und setzten die Seinen ihre Pferde in Bewegung,
und ritten im schnellen Trabe auf dem Wege gegen Morgen hin, dass der Staub über
sie aufwirbelte.
    Witiko ritt langsamen Schrittes gegen Mitternacht fort.
 
                                       3
 Es war ein grosser Saal.
Als man das Jahr des Heiles 1140 zählte, lag der böhmische Herzog Sobeslaw
krank. Er war im Herbste des vorhergegangenen Jahres an die Morgengrenze seines
Reiches gegangen. Um ein Jahr früher war in derselben Jahreszeit sein Freund der
polnische König Boleslaw Schiefmund gestorben. Er befestigte nun das Reich gegen
Polen, baute noch an Hostas Burg, und wohnte nahe dabei in seinem Hofe zu
Chwoyno. Da erkrankte er gegen das Fest der Weihnacht, und liess sich auf Hostas
Burg tragen. Es war die Weihnacht gekommen, es war das Fest des Neuen Jahres und
der Heiligen Drei Könige vorüber gegangen, und man näherte sich dem Monate
Hornung. Der Herzog lag in einem Gemache, dessen Wände weiss getüncht waren, und
das drei Fenster entielt. Zwei davon waren mit Linnen verhangen, durch das
dritte sah der Herzog in der Richtung hin, in welcher die Länder seines
verstorbenen Freundes Boleslaw lagen. Man hatte ihm des Frostes wegen eine
Bärendecke über den Leib gedeckt, und gegen sie reichte der ergrauende Bart, und
die Hände lagen auf ihr. Eine Frau in dunkelm Gewande sass von dem Kranken
abseits auf einem hölzernen Gesiedel. Da sprach der Herzog: »Adelheid, sorge zu
erfahren, ob der Jüngling, welcher am Sonntage im Vorgemache war, noch irgendwo
in der Burg oder in ihrer Nähe zu finden ist, und lasse ihn zu mir bescheiden.«
    Die Frau erhob sich von ihrem Sitze, und ging hinaus.
    Nach einer Weile kam sie wieder herein, und sagte: »Er ist noch hier, man
wird ihn suchen, und dir senden.«
    Nach diesen Worten liess sie sich wieder auf ihren Sitz nieder.
    Als eine kurze Zeit vergangen war, öffnete ein Kämmerling die Tür, und
führte Witiko herein. Derselbe war in seinem Lederkleide.
    Der Herzog winkte dem Kämmerlinge, sich zu entfernen, und sagte dann:
»Adelheid, du hast den erkannt, den ich meinte. Tritt näher, Witiko.«
    Witiko trat einige Schritte von der Tür gegen den Herzog.
    »Du musst bis zu dem Bette herzu kommen«, sagte Sobeslaw.
    Witiko ging hinzu, blieb stehen, und schaute auf den Herzog. Von seinem
entblössten Haupte gingen die blonden Locken auf die Schultern herab. Seine
Lederhaube hielt er in der Hand.
    »Witiko«, sagte der Herzog, »du bist in dem Zuge, den wir mit dem Könige
Konrad nach Sachsen taten, klug gewesen, du gehörst keinem Vornehmen meines
Reiches an, du blickest ehrlich, und wirst mich nicht verraten. Nimm das beste
Pferd, welches in der Burg ist, und verwahre dich wohl gegen die Kälte, und
reite nach Prag. Dort halten sie auf dem Wysehrad Versammlungen, und beraten,
was nach meinem Tode sein wird. Ergründe, was sie sagen, und vorhaben, und
bringe mir die genaue Nachricht zurück. Ich werde dir ein goldenes Kreuzlein
mitgeben, das zeige dem Bischofe Silvester, der wird dir in deinem Werke an die
Hand gehen. Du hast dich zu denen gesellt, die hier um mich sind, du wirst
meinen Auftrag vollführen.«
    »Hoher Herr«, entgegnete Witiko, »wenn ich dir die wahre Nachricht
zurückbringe, wirst du dann gegen die deines Landes, die dir zuwider handeln,
feindlich verfahren?«
    »Nein, mein junger Reitersmann«, erwiderte der Herzog, »ich werde nur
wissen, was es ist, und werde dann sterben.«
    »So werde ich gehen, und werde dir die rechte Botschaft bringen«, antwortete
Witiko.
    »Gott geleite dich«, sagte der Herzog.
    Nach diesen Worten langte er in den hölzernen Schrein, der hinter dem Bette
stand, und zog ein Beutelchen von rotem Sammet hervor. Dann öffnete er das
Beutelchen, und tat ein sehr kleines goldenes Kreuzlein heraus.
    »Hier ist das Kreuzlein«, sagte er.
    Dann steckte er es wieder in das Beutelchen, und reichte dasselbe an Witiko.
Witiko nahm es, und barg es in seinem Wamse. Dann neigte er sich gegen den
Herzog und die Frau, und schritt gegen die Tür. Die Frau erhob sich, trat zu
ihm, und sagte: »Geht mit Gottes Segen, junger Reiter, und übet Treue, so lange
Ihr lebt.«
    Witiko antwortete nichts.
    Die Frau ging vor ihm zur Tür, und vor ihm durch dieselbe hinaus. In dem
Gemache, in welches sie kamen, spielten drei Knaben auf mehreren Hirschfellen,
die man auf den Fussboden gebreitet hatte. Auf einer Bank sass ein Priester.
    »Sobeslaw«, sagte die Frau zu einem der Knaben, »sieh in der Stube, ob Bores
dort ist, und rufe ihn her. Dein Vater will diesen Mann da versenden.«
    »Ja, Mutter«, rief der Knabe, sprang empor, und lief zur Tür hinaus.
    Ein anderer Knabe fragte: »Mutter, schläft der Vater?«
    »Nein, Wenzel«, antwortete die Frau, »aber er muss Ruhe haben.«
    »Wir sind immer stille«, sagte der Knabe.
    »Ihr müsst noch eine Zeit stille sein«, entgegnete die Frau.
    Der fortgesendete Knabe kam zurück, und brachte einen bewaffneten Mann.
    »Bores«, sagte die Frau, »der Herzog sendet diesen Reiter fort. Er soll sich
ein Pferd wählen, und das Notwendige erhalten.«
    »Es wird in kurzer Zeit bereitet sein«, sagte Bores.
    »Wo ist Wladislaw?« fragte die Frau.
    »Er ist in das Holz geritten, und wird sogleich wieder kommen«, antwortete
Wenzel.
    »Meldet es mir, wenn er kommt«, entgegnete die Frau, »seid gegrüsst,
ehrwürdiger Vater, und Ihr, Witiko, reitet wohl.«
    Dann ging sie wieder in das Krankengemach. Der Priester, der aufgestanden
war, setzte sich wieder auf seinen Platz, und Witiko und Bores gingen in die
äussere Stube. Dort waren mehrere Menschen: Mannen, Priester und andere. Die zwei
Männer schritten durch sie hindurch in den Vorsaal und die Treppe hinab in die
unteren Räume und in den Stall.
    Nachdem eine Stunde vergangen war, wurde für Witiko das Tor geöffnet, und er
ritt auf einem schwarzen Pferde des Herzogs in die Schneepfade der Gegend, die
gegen Sonnenuntergang liefen, hinaus. Er hatte seine Füsse für die Bügel mit
starken Tüchern umwunden, über seiner Lederkleidung hatte er Pelzwerk, seine
Haube war mit einem Stücke Bärenfell bedeckt, und seine Hände waren in Pelz
gekleidet. In der Rechten trug er einen kurzen Wurfspiess, und an seiner Seite
hing das Schwert. So ritt er fort, und am Morgen des vierten Tages kam er in
Prag an.
    Er suchte eine Herberge, brachte das Pferd unter, besorgte die Reinigung
seiner Kleider, und ass etwas zum Frühmahle. Dann ging er zum Hause des Bischofs.
Er pochte mit dem Klöppel an dem Tore. Der Torwart öffnete ihm, führte ihn zur
Treppe, und über diese hinauf in einen Vorsaal, wo er ihn einem geistlich
gekleideten Manne übergab. Dieser fragte nach seinem Begehren. Witiko sagte ihm,
dass ihn der Herzog sende, und wie er heisse. Darauf wurde er von ihm in ein
erwärmtes Gemach geführt, in welchem unter einer Himmeldecke ein grosses Kreuz
des Heilandes stand. Die Tür neben dem Kreuze, sagte der Mann, führe zu dem
Bischofe; allein Witiko müsse warten, weil ein hoher Herr bei dem Bischofe sei,
und mit ihm spreche.
    Witiko stellte sich an ein Fenster, und wartete. Der Mann liess sich auf eine
Bank nieder.
    Nach einer Zeit öffnete sich die Tür neben dem Kreuze, und zwei Männer
traten heraus. Beide hatten ein veilchenblaues Überkleid. Der eine hatte eine
hohe Stirne, dunkle Augen, und ein brauner Bart ging auf das Überkleid nieder.
Der andere hatte blaue Augen und einen weissen Bart. Jeder trug ein goldenes
Kreuz.
    Im Herausgehen sagte der mit dem braunen Barte zu dem andern: »Lernet ihn
nur kennen.«
    »Ich kenne ihn, ich kenne ihn«, antwortete der mit dem weissen Barte.
    Dann gingen sie schweigend über den Fussboden des Gemaches bis zur
Ausgangstür. Dort verabschiedeten sie sich, der mit dem braunen Barte ging
heraus, der mit dem weissen wieder in das Gemach zurück, aus dem sie gekommen
waren. Jetzt ging auch Witikos Begleiter in das Gemach. Nach einer Weile kam er
wieder heraus, und führte Witiko hinein.
    Der Mann mit dem weissen Barte und den blauen Augen stand in dem Gemache, da
Witiko eintrat. Der Begleiter entfernte sich.
    »Ich bin der Bischof Silvester«, sagte der Mann.
    »Mich sendet der Herzog Sobeslaw«, entgegnete Witiko.
    »So sei gesegnet, und setze dich auf jenen Stuhl«, sagte der Mann.
    Witiko setzte sich, der Mann setzte sich auf einen andern Stuhl, und sagte:
»Nun sprich, wie erkenne ich deine Sendung?«
    »Weil ich es sage«, entgegnete Witiko, »und weil Ihr mir durch dieses
Zeichen helfen werdet.«
    Er zog das rote Beutelchen aus seinem Wamse, tat das Kreuzlein heraus, und
reichte es dem Bischofe. Der Bischof nahm es, küsste es, und gab es Witiko wieder
zurück.
    »Wann hat er dir das Kreuzlein gegeben?« fragte er.
    »Vor vier Tagen am Morgen«, antwortete Witiko.
    »Hat er es dir aus dem Bette gereicht?« fragte der Bischof.
    »Er hat seine Hand von der Bärendecke des Bettes gehoben, hat in den Schrein
hinter dem Bette gelangt, hat das Beutelchen mit dem Kreuze hervorgezogen, und
es in meine Hand gelegt«, sagte Witiko.
    »Es ist gut«, erwiderte der Bischof, »was ist dein Begehren?«
    »Sie beraten auf dem Wysehrad«, entgegnete Witiko, »ich soll ergründen, was
sie sagen, und vorhaben, und soll dem Herzoge die rechte Botschaft bringen.«
    »So will ich dir sagen, mein Kind, was ich weiss, und was ich offenbaren
kann, reite dann zu dem Herzoge, und verkündige es ihm«, sprach der Bischof.
    »Das hiesse ja nicht ergründen, was sie vorhaben, und dem Herzoge die rechte
Botschaft bringen«, antwortete Witiko, »da Ihr selber sagt, hochehrwürdiger
Bischof, dass Ihr nicht alles wisst, und nicht alles offenbaren könnt.«
    »Nun, und wie willst denn du es ergründen?« fragte der Bischof.
    »Ich werde in die Versammlung gehen, und werde hören, was sie sagen, und
beschliessen«, entgegnete Witiko.
    »Das willst du tun!« rief der Bischof, »armes Kind, sie werden einen Spruch
über dich fällen, und nach dem Spruche verfahren.«
    »Das weiss ich nicht«, sagte Witiko, »aber ich muss auszuführen streben, was
ich dem Herzoge versprochen habe.«
    »Und wie kann denn ich dabei dir helfen?« fragte der Bischof.
    »Dass sie mich vor sich lassen, und anhören«, entgegnete Witiko.
    »Das könnte ich dir vielleicht verschaffen«, sagte der Bischof, »und das
werden sie um so eher zugestehen, als du dich auf diese Art ihnen selber
stellst. Aber es kömmt auf dein Haupt, was dann folgen wird.«
    »Es kömmt«, sagte Witiko.
    »Es ist auch unnütz, dass du dein junges Blut hieher trägst«, sprach der
Bischof, »hast du den Mann gekannt, der von mir gegangen ist?«
    »Nein«; antwortete Witiko.
    »Es ist Zdik gewesen, der Bischof von Olmütz, der Sohn des Mannes Cosmas,
der die Geschicke dieser Länder aufgeschrieben hat. Er gilt viel in dem Rate
unserer Völker, und meint den schon zu kennen, der Herzog sein wird. Hast du den
Arzt bei dem Herzoge gesehen?«
    »Nein«, sagte Witiko, »nur seine Gehilfen.«
    »Er ist in Prag und bei mir gewesen«, sagte der Bischof, »und hat mir
eröffnet, dass der Herzog, ehe der halbe Mond vergeht, sterben wird.«
    »Das kann der Arzt vielleicht wissen«, antwortete Witiko, »meine Sache aber
ist eine andere.«
    »Es wird eine grosse Versammlung sein, zu der viele Menschen herein kommen
werden«, sagte der Bischof, »und wenn in derselben Gott unser Herr nicht dem
Rechte seine Geltung verschafft, sondern es noch weiter prüft, so kann der
Herzog nichts ändern. Hast du noch Eltern?«
    »Nur mehr eine Mutter«, sagte Witiko.
    »Dir wäre besser, mein Sohn«, sprach der Bischof, »wenn du bei deiner Mutter
wärest, bis alles vorüber ist.«
    »Das kann nun nicht mehr sein«, sagte Witiko.
    »Und für den Herzog ist es einerlei, ob er jetzt weiss, was geschieht, oder
ob er es später erfährt«, sprach der Bischof.
    »Ich habe ihm jetzt mein Versprechen gegeben«, antwortete Witiko.
    »Und wenn ich dir gar nicht an die Hand gehe?« fragte der Bischof.
    »So werde ich meine Sache allein vollführen«, entgegnete Witiko.
    »Du hast ein vorschnelles Versprechen gegeben«, sagte der Bischof.
    »Ich habe es überlegt«, antwortete Witiko.
    »Wie die Jugend überlegt«, sagte der Bischof, »wie ist denn dein Name?«
    »Witiko«, sagte Witiko.
    »Ich forsche nicht weiter«, sagte der Bischof, »Witiko, gehe in deine
Herberge, mische dich nicht unter die Leute und in die Gespräche, sage einem der
Meinen, wo sie dich finden, ich werde dir zur rechten Zeit eine Botschaft
senden.«
    »Tut das«, sagte Witiko, »ich werde Euch folgen.«
    »So gehabe dich wohl, mein Sohn«, sagte der Bischof.
    Er legte leicht die Hand auf den Scheitel des Jünglings, und zog sie wieder
zurück. Dieser verneigte sich tief, und ging.
    In dem Vorgemache waren jetzt mehrere Männer. Einer geleitete Witiko die
Treppe hinab. Diesem sagte Witiko seine Herberge. Dann liess ihn der Torwart auf
die Gasse hinaus, und Witiko ging den nämlichen Weg, den er gekommen war, nach
Hause zurück.
    Es kamen nun mehrere Tage, in denen Witiko wartete. Er ging in die Stadt,
und sah die steinernen Häuser an, die unter den hölzernen standen, und er ging
auf die lange hölzerne Brücke, die über die Moldau war, und ging wieder in seine
Kammer zurück. Er sah manche Menschen, denen er anmerkte, dass sie von weit herzu
gekommen waren, und in der Herberge wurde gesagt, dass, weil des Herzogs Ende
nahe sei, eine Wahl sein werde, wer ihm folge.
    Da der dritte Tag des Monates Hornung gekommen war, erschien ein Mann des
Bischofes Silvester in der Herberge Witikos, und sagte ihm, der Bischof lasse
ihm melden, dass er des andern Morgens wohlgekleidet und geordnet sein möge, es
werde ein Priester kommen, und ihn in die Versammlung der Lechen führen. Witiko
versprach es.
    Als der folgende Tag, der vierte des Monates Hornung, angebrochen war, hatte
Witiko sein wohlgereinigtes Lederkleid an, die Lederhaube auf dem Kopfe, und das
Schwert an der Seite. Als der Priester gekommen war, ging er mit ihm durch die
Strassen Prags. In denselben waren Menschen, welche ihre sonntäglichen Gewänder
an hatten, in verschiedenen Richtungen gingen, und von den Dingen sprachen, die
heute geschehen sollten. Der Priester und Witiko schlugen den Weg nach dem
Wysehrad ein. Menschen gingen desselben Weges. Mancher Reiter zog mit grossem
Gefolge dahin. Mancher verfolgte einzeln den Weg. So gelangten sie an den
Wysehrad, und gingen durch das Tor ein.
    In dem Hofe waren viele Menschen. Der Priester führte Witiko zu einer
Treppe, und dann über diese in einen langen Gang. Wenn irgendwo Reisige standen,
sagte der Priester ein Wort, und auf das Wort wurden sie vorüber gelassen. Von
dem Gange traten sie in ein Gemach. Das Gemach war gross, und in demselben
befanden sich sehr viele Menschen. Es waren Diener da, es waren Herren da,
selbst Frauen und Mädchen. Von dem Gemache führte eine Tür in ein weiteres
Gemach, in das sie gingen, und in dem wieder Menschen waren.
    »Hier müssen wir warten«, sagte der Priester zu Witiko.
    In dem Gemache war noch weiterhin eine sehr grosse Tür, an der Bewaffnete
standen.
    Als sie eine Stunde gewartet hatten, trat ein Mann aus der hohen Tür, und
rief: »Witiko.«
    »Du musst allein hinein gehen«, sagte der Priester.
    Witiko ging an den Bewaffneten vorüber durch die hohe Tür, der Mann mit ihm,
die Tür wurde hinter ihnen geschlossen, und Witiko stand vor der Versammlung.
    Es war ein sehr grosser Saal. Der Saal war rückwärts und seitwärts ganz mit
Menschen gefüllt. Nur wo Witiko stand, war ein grösserer freier Raum. Er konnte
auf alle sehen, und alle konnten auf ihn sehen. Vorne in der Versammlung, wo ein
langer Tisch mit Schreibgeräten stand, sass der Bischof von Prag Silvester. An
seiner Linken sass der Bischof mit den dunkeln Augen und dem braunen Barte,
welchen Silvester Zdik den Bischof von Olmütz geheissen hatte. Dann sassen mehrere
Äbte und geistliche Herren. Seitwärts sassen Priester, die zu den Untergebenen
der Bischöfe und Äbte gehörten. Vorne in der Versammlung sass auch ein Mann in
einem sammetnen dunkelpurpurnen weiten Gewande, das ein Gürtel zusammen hielt,
in welchem aber kein Schwert hing. Auf dem Haupte hatte er eine dunkelpurpurne
Haube mit einer weissen Feder. Ein weisser Bart floss auf das Gewand nieder. Neben
ihm sass einer in grauem Gewande mit grüner Haube weisser Feder und weissen Haaren.
Es war Smil ein Kriegsanführer, den Witiko im Zuge nach Sachsen gesehen hatte.
Neben Smil sass einer in schwarzem Gewande mit schwarzer Haube grauer Feder
weissem Barte, dann noch mehrere in kostbaren Gewändern. In den Reihen hinter
diesen sassen vornehme Herren Böhmens schön geziert. Alle hatten ein Schwert.
Witiko kannte keinen, oder er konnte ihn in der Menge nicht erkennen. Unter
denen, die ganz rückwärts waren, glaubte er das Angesicht des Reiters zu
erblicken, der sich bei Chynow den Sohn des Nacerat geheissen hatte. Auch sah er
einen Mann, von dem er meinte, dass er damals Welislaw genannt worden war. Noch
einen sah er, der in jenem Gefolge gewesen war, er kannte aber seinen Namen
nicht.
    Als er in den Saal getreten war, nahm er seine Lederhaube mit der linken
Hand ab, neigte sich, strich mit der rechten seine Locken zurück, und stand dann
da, seine Augen auf die Versammlung richtend.
    Es war ein grosses Gemurmel gewesen, als er in den Saal trat, wie es ist,
wenn viele Menschen in einem Raume sind, und es ist grösser geworden, da er
eintrat. Manche erhoben sich, um ihn zu sehen, und rückwärts standen mehrere
aufrecht, um besser nach vorwärts schauen zu können.
    Als das Geräusch sich minderte, erhob sich ein Priester, der neben dem
Bischofe gesessen war, trat in den freien Raum vor dem Tische, und rief: »Ich
bin der Abt von Kladrau!«
    Hierauf schwieg er, und da sich nirgends ein Widerspruch erhob, und da fast
eine gänzliche Stille eingetreten war, hob er an: »Liebe Mächtige und
Wohlgesinnte! Wir haben heute in diesem Hause eine Versammlung, die so gross und
ehrfurchterweckend ist, wie selten eine in diesem Lande stattgefunden hat. Viele
treue Männer haben, als das Unglück zu drohen schien, welches nun nahe ist, ihre
Worte ausgetauscht, was vorzubereiten ist, dass der Jammer nicht erscheine, der
schon öfter bei einem Wechsel auf dem Herzogstuhle in diese Länder gekommen ist:
als aber die Nachricht unter die Menschen ging, dass es nicht mehr anders sein
werde, als dass unser erlauchter Herzog Sobeslaw zum ewigen Leben in der
Gesellschaft seiner Brüder, seiner Eltern und Vorfahren werde einberufen werden,
so kam eine grosse Zahl edler Herren dieser Reiche herein, sie offenbarten ihren
Stand und ihren Besitz, und verlangten zu den Versammlungen gelassen zu werden.
Der Rat zu ernster Erwägung der Dinge und zur Findung des letzten Ausganges ist
nun heute in diesem Saale versammelt. Aber ehe er seinen Gegenstand pflegen
konnte, ist ein Fall gekommen, dessen Schlichtung vorher not tut. Ein junger
Reiter ist erschienen, den unser mächtiger Herzog Sobeslaw gesendet hat, dass er
ergründe, was die edlen Herren des Reiches beschliessen, und es melde. Er will
daher an die Versammlung die Bitte tun, dass sie ihn ihre Beratungen und
Beschlüsse anhören lasse, damit er die Wahrheit berichten könne. Sein erstes
Anliegen aber ist, dass ihm der Rat gestatte, seine Bitte vor ihm selber
darzulegen. Weil durch Umfrage bei einsichtsvollen Männern, und dann in diesem
Rate beschlossen worden ist, dass man ihn höre, und weil ich die Umfrage
verursacht, und die Frage vor dieses Haus der Versammlung gebracht habe, so
melde ich jetzt, dass der junge Bote vor euch steht, damit das geschehe, was
bestimmt ist, und damit die, welche vor seiner Anhörung noch zu reden gemeldet
sind, reden.«
    Als der Abt von Kladrau diese Worte gesprochen hatte, ging er wieder zu
seinem Sitze, und liess sich darauf nieder.
    Da dieses vorüber war, stand der Mann mit dem schwarzen Kleide und dem
weissen Barte, welcher neben Smil sass, auf, trat in den freien Raum, und rief:
»Ich bin Ben der Kriegsanführer und der zweite Führer dieses Hauses.«
    Als man zum Anhören bereit war, sagte er: »Wer zum Sprechen nach der
Einführung des Abgesendeten berufen ist, der spreche. Der erste weiss seinen
Platz, und jeder folgende kennt seinen Vormann.«
    Hierauf nahm er seinen Sitz wieder ein.
    Da erhob sich in der Mitte der Versammlung ein Mann, der schwarz gekleidet
war, auf seiner schwarzen Bärenhaube eine gerade Rabenfeder trug, und schwarze
Haare und einen schwarzen Bart hatte. Er rief auf seinem Platze stehend: »Ich
bin Bogdan!«
    Nach einer Weile Wartens fuhr er fort: »Der ehrwürdige Abt von Kladrau hat
uns gesagt, dass der Bote, welcher vor uns steht, gekommen ist, die Beschlüsse
der Versammlung des Reiches zu ergründen, und sie dem Herzoge Sobeslaw zu
melden. Der Kundschafter im Kriege sucht die Stellungen und Absichten des Heeres
zu erforschen, um sie dem Feinde zu hinterbringen. Der Kundschafter im Frieden
sucht Meinungen und Beschlüsse zu erfahren, um sie irgend wohin zu melden,
daraus Krieg und grösseres Unheil als im Kriege entstehen kann. Darum sage ich:
Werft den jungen Mann in den Turm, setzt ein Gericht über ihn zusammen, dass es
einen Spruch fälle, und verfahrt nach dem Spruche.«
    Als er diese Worte gesagt hatte, setzte er sich wieder nieder.
    Nach ihm erhob sich einer in einem roten Gewande, welcher in den hinteren
Bänken sass, auf der schwarzen Haube eine rote Feder trug, und an dem Kinne einen
starken grauen Bart hatte. Er rief: »Ich bin Domaslaw!«
    Dann sagte er: »Der Bote vor uns will unsere Beschlüsse, wie wir vernommen
haben, an den Herzog Sobeslaw melden. Wir sind in der lautern Absicht hier, zu
beraten, was nach dem Tode unseres erhabenen Herzogs, welcher nahe bevorzustehen
scheint, geschehen soll, damit unser Vaterland von den Übeln verschont bleiben
möge, welche nach einem solchen Falle eintreten können. Unsere Beschlüsse mögen
wie gut immer sein, so kann es geschehen, dass sie dem Herzog Sobeslaw missfallen,
und dass sein Geist, der von der Krankheit getrübt ist, Anordnungen trifft, die
Verwirrung und Unglück im Lande erregen. Was der junge Bote offen anstrebt, ist
daher Verrat an unserem Vaterlande. Wir können die Ausführung dieses Verrates
verhindern, wenn wir den Abgesendeten von unserer Versammlung entfernen; dann
bleibt aber noch der Versuch des Verrates übrig, in welchem er in diesem
Augenblicke vor uns begriffen ist. Darum sage ich, dass man den Jüngling in
Gewahrsam nehmen, und dem künftigen Herzoge zum Gerichte übergeben soll.«
    Hierauf setzte er sich wieder nieder.
    Nun stand auf der linken Seite des Saales ein Mann auf, der ein dunkelblaues
Gewand einen roten Bart und rote Haare und eine weisse Feder auf der dunkelblauen
Haube hatte. Der Mann rief: »Ich bin Benes!«
    Dann sprach er: »Wenn auch das alles zur Wahrheit besteht, was die Männer
vor mir gesagt haben, so ist es gleichfalls wahr, dass die höchsten Männer des
Reiches in diesem Gemache versammelt sind, deren Name, wenn er gerufen wird,
allen bekannt ist, und die das Geschick der Völker, welche in diesen Landen
wohnen, in ihre Hand nehmen dürfen. Den Boten, der vor dem Tische steht, kennt
niemand, und seine Jahre geben ihm auch kein Recht an dieses Gemach. Es gesellt
sich daher zu dem Verbrechen die Vermessenheit, und beides muss gestraft werden.
Ich sage also: Wartet nicht auf den künftigen Herzog, sondern setzet ein Gericht
zusammen, das über ihn urteilt.«
    Er liess sich wieder auf seinen Sitz nieder.
    Sogleich stand in der Mitte der rechten Seite des Saales ein junger Mann
auf. Er hatte blonde Locken und blaue Augen. Die schwarze Haube mit den weissen
Reigerfedern hielt er im linken Arme, der ein braunes golddurchwirktes Kleid
zeigte. Er rief: »Ich bin Milhost!«
    Dann rief er mit lauter Stimme: »Weil diese Versammlung das höchste Heil des
Landes zu bewahren hat, so besitzt sie die grösste Würde, die es in diesem Lande
gibt. Soll sie aber ihren Zweck zu Ende führen, so muss sie die höchste Gewalt
sein, der niemand widerstreben kann, die niemand zerwerfen kann, ohne sich
selber zu zerwerfen. Darum sage ich: Lasset einen hohen Pfahl vor dem Wysehrad
errichten, und hänget diesen jungen Mann auf den Pfahl, und lasset ihn zum
Schreck und Beispiele hängen bis eine Stunde vorher, da der neue Herzog in Prag
auf den Fürstenstuhl gesetzt wird.«
    Der, welcher so gerufen hatte, setzte sich wieder auf seinen Platz nieder.
    Nach ihm erhob sich ein alter Mann, der in einer der vorderen Bänke sass. Er
hatte ein dunkelbraunes Kleid eine schwarze Haube ohne Feder und einen langen
weissen Bart. Er rief: »Ich bin Bolemil!«
    Ein sehr tiefes Schweigen entstand nach seinem Rufe, und er sagte dann: »Ich
hätte jetzt noch nicht geredet, weil ich glaubte, dass unsere Redenszeit noch
nicht gekommen sei, weil aber meine Vormänner gesprochen haben, und die Reihe
mich trifft, so sage ich folgendes: Ich habe eine grosse Zahl von Jahren gelebt,
und habe vieles gesehen. Ich habe noch den alten römischen Kaiser Heinrich den
Vierten gekannt, der den Streit mit dem Heiligen Vater Gregor hatte, und der zu
gleicher Zeit mit unserem Herzoge Wratislaw lebte, welcher Herzog ein König
gewesen ist. Ich habe vor mehr als fünfzig Jahren Dienste getan, als dieser
Herzog zum Könige gekrönt worden ist. Ein solches Fest ist in Böhmen nicht
gewesen, und wird nicht wieder sein: der Herzog und seine Ehegemahlin Swatawa,
die vor vierzehn Jahren gestorben ist, in königlichen Gewändern am heiligen
Veitstage im Dome des heiligen Veit von dem Erzbischofe von Trier Egilbert
gekrönt und gesalbt, Fürsten Bischöfe alle Lechen Böhmens und alles Volk
zugegen, und der Ruf: Dem von Gott gesalbten Könige Wratislaw dem grossen und
guten Heil und Segen. Es waren damals Gesänge, die man schier vergessen hat. Ich
habe es erfahren, wie dieser König von dem Pferde stürzte, und tot war. Ich habe
seinen Sohn Bretislaw gekannt, welcher acht Jahre geherrscht hat, und dann im
Walde bei Bürglitz ermordet worden ist. Ich habe die blutigen Kämpfe erlebt,
welche um den Fürstenstuhl erfolgt sind, weil unter der Herrschaft Bretislaws
die Alterserblichkeit aufgehoben worden ist. Ich habe Bretislaws Bruder und
Nachfolger Boriwoy gekannt, der zuerst mit Ulrich von Brünn um die Herrschaft
kämpfen musste, und dann mit Swatopluk von Olmütz, dem er unterlag. Ich habe
erfahren, wie Swatopluk in zweijähriger Herrschaft wieder mit Boriwoy um den
Stuhl ringen musste, wie er aus Wut in diesem Kampfe das ganze Geschlecht der
Wrse getilgt hat, und dann selber jenseits des Riesengebirges ermordet worden
ist. Ich habe den zweiten Bruder Bretislaws den guten Wladislaw gekannt, der den
blutigen Streit in Prag und in diesem Schloss mit Boriwoy und dem Könige von
Polen dem Genossen Boriwoys um seinen Fürstenstuhl führen musste. Ich lernte dann
den dritten Bruder Bretislaws kennen unsern jetzigen guten Herzog Sobeslaw, und
bin mit ihm in der grossen Schlacht bei Chlumec gewesen, die auch er schlagen
musste, damit er gegen die Ansprüche des schwarzen Otto Herzog in Böhmen bleiben
konnte. So sind diese Dinge gewesen. Wir haben uns in der schweren Krankheit,
die unsern Herzog getroffen hat, hier versammelt, damit wir, wenn ihn Gott ruft,
eines Sinnes werden, nicht nur, dass jetzt die tiefen Wunden nicht kommen, welche
in das unglückliche Land und in seine Völker geschlagen wurden, wenn
Nachfolgestreite ausbrachen, sondern auch, dass solche Dinge in der Zukunft nicht
mehr möglich sind. Viele mögen mit diesem Gedanken hieher gekommen sein, manche,
denen mehrere Erfahrung mangelt, mögen ihn nicht deutlich in sich gefasst haben,
und einige mögen auch nur ihre eigenen Wünsche im Sinne tragen. Der Knabe,
welcher vor uns steht, kennt nicht, um was es sich handelt, der Herzog hat ihn
nicht zu uns gesendet, er ist selber zu uns gegangen, und weiss nicht, dass er
nicht hieher gehört. Weil wir aber wissen, was er will, so sollen wir ihn
entfernen, ihm sagen, dass seine Anwesenheit sich nicht gezieme, und ihm den Rat
geben, zu seinen Angehörigen zu gehen, und dort für die Zukunft zu reifen.
Vielleicht mag er noch Gutes wirken. So spricht Bolemil ein alter Mann, der die
Güter der Erde nicht mehr liebt, keinen Menschen mehr hasst, und sich nur zur
Vereinigung mit Gott und seinen Heiligen vorbereitet.«
    Nach diesen Worten setzte sich Bolemil langsam, wie er aufgestanden war,
wieder auf seinen Sitz nieder.
    Es war nun eine Weile eine völlige Stille.
    Dann stand ein Mann in den hintern Reihen der Versammlung auf, der mittleren
Alters war, und braunes Hauptaar und braunen Bart trug. Er hatte ein schwarzes
Kleid. Er rief: »Ich heisse Nemoy, und bin der gleichen Meinung mit Bolemil.«
    Nach ihm sprach in der Mitte ein Greis in dunkelblauem Gewande: »Ich bin
Slawibor, und glaube, dass der erfahrene Bolemil recht geredet hat.«
    Hierauf erhob sich auf der rechten Seite ein Mann, der an Grösse alle
übertraf, die bisher aufgestanden waren. Er hatte ein dunkelrotes Kleid an, und
trug eine Fülle schwarzen Haares und schwarzen Bartes. Er rief: »Ich bin
Predbor!«
    Dann sprach er: »Ich erkenne, was Bolemil gesagt hat; aber ich glaube, dass
über die Vermessenheit und Zudringung des Boten ein gerechtes Gericht gehalten
werden soll.«
    Nach diesem Sprecher erhob sich mühesam ganz vorne ein alter Mann mit weissen
Haaren und weissem Barte und in einem dunkelgrünen Gewande. Er sagte: »Ich heisse
Preda, und glaube auch, dass doch ein Gericht wenn gleich ein mildes über den
jungen Mann, der vor uns steht, von uns abgehalten werden soll; denn wenn wir
uns von seiner Jugend lenken lassen, so werden die im Lande, die auf uns sehen,
ihre Ehrfurcht vor uns mindern, und wenn wir uns seinem Willen beugen, so werden
wir unsere eigenen Beschlüsse nicht achten, und sie vielleicht selber in kurzem
zerstören.«
    Dann setzte er sich wieder mühevoll auf seinen Sitz nieder.
    Jetzt stand hinten ein jüngerer Mann mit blonden Locken und in hellgrünen
Kleidern auf, der an seiner Haube eine lange weisse Feder trug, und rief: »Ich
bin Kochan!«
    Dann sagte er: »Ich glaube, dass ein strenges Gericht von uns über den Boten
notwendig ist.«
    Nach ihm rief ein Mann in den vorderen Reihen, der gleichfalls blond aber in
feines Braun gekleidet war, und auf der schwarzen Haube eine gefleckte Feder
trug: »Mein Name ist Drslaw, und ich sage auch, dass ein strenges Gericht
gehalten werden soll.«
    Nach diesen zwei jungen Männern sprach ein alter Mann in einem dunkelgrauen
Pelze und mit weissen Haaren in der Mitte des Saales: »Ich heisse Chotimir, und
meine, dass der Rat Bolemils hinreichend sei.«
    Nachdem diese Männer gesprochen hatten, war eine kleine Zeit Schweigen. Es
erhob sich niemand mehr zum Sprechen.
    Da stand der Bischof mit den dunkeln Augen und dem braunen Barte von seinem
Sitze auf, ging zu dem Tische, und schlug mit einem metallenen Stabe dreimal an
eine Glocke, dass es einen hellen Klang durch den ganzen Saal gab.
    Als alle auf dieses Zeichen nach vorwärts blickten, sagte er: »Ich bin Zdik
der Bischof von Olmütz und der erste Führer dieser Versammlung.«
    Da sich auf diese Worte ein Beifallsgemurmel erhob, wartete der Bischof, bis
Ruhe eintrat. Dann blieb er an dem Tische stehen, wendete sich gegen die
Versammlung und sprach: »Nach Chotimir ist die Reihe der Rede an mich gekommen.
Ich rede aber jetzt über die gegenwärtige Sache nicht mehr, sondern ich habe mit
der Glocke das Zeichen gegeben, dass ich als Führer der Versammlung nicht als ihr
Mitglied sprechen will. Als Führer aber sage ich: Die bisher gesprochen haben,
sind nicht bei dem rechten Gegenstande gewesen. Der ehrwürdige Leche Bolemil hat
gesagt, dass es ihm scheine, als sei noch nicht unsere Redenszeit gekommen,
dadurch er dargelegt hat, dass die Sprechsache eine andere sei. Weil der
ehrwürdige Abt von Kladrau heute die Versammlung gefragt hat, ob sie den
Jüngling, der in Sachen des Herzogs Sobeslaw gekommen ist, hören wolle, und weil
die mehreren von denen, die hier sind, die Frage bejaht haben, so ist die
Ordnung die, dass der, welcher ausser der Frage der Anhörung des Boten noch zu
reden für erspriesslich hält, rede, dass dann der Bote gehört werde, und dass man
dann rede, was mit ihm geschehen soll. Ich verzichte, wie ich sagte, auf meine
Worte vor der Anhörung des Jünglings.«
    Als der Bischof dieses gesagt hatte, ging er wieder zu seinem Sitze, und
liess sich auf demselben nieder.
    Nach ihm erhob sich Ben der zweite Führer der Versammlung, ging zur Glocke,
und tat einen Schlag auf dieselbe.
    Dann rief er bei dem Tische stehend: »Ich Ben der zweite Führer des Hauses
der Versammlung rufe diejenigen auf, welche nach dem hochehrwürdigen Bischofe
Zdik zur Rede vor der Anhörung des Boten aufgezeichnet sind, dass sie reden.«
    Es meldete sich kein Redner mehr, und die Versammlung blieb stille.
    Nach kurzer Zeit rief Ben: »Wenn die übrigen Redner auf ihre Worte
verzichten, so frage ich die Versammlung, ob sie es an der Zeit halte, dass der
Bote gehört werde.«
    Fast alle erhoben sich zum Zeichen der Zustimmung.
    Nun wendete sich Ben an Witiko, und sagte: »Junger Reiter, die edlen Herren
des Reiches in dieser Versammlung wollen dich hören, rede.«
    Witiko blieb auf seinem Platze stehen, verneigte sich, richtete sich wieder
auf, und sprach: »Hohe mächtige Herren! Ich bin ein Kind dieses Landes. Wir
haben im Mittage ein kleines Eigen in Pric, noch ein kleines im Walde in Plan,
und ein noch kleineres im Wangetschlage. Mein Geschlecht soll in uralten Tagen
im grossen Walde sehr mächtig gewesen sein. Aber wie es auch ist, jetzt sind wir
nichts. Ich bin vor zweiundzwanzig Jahren im Lande geboren worden. Mein Vater
starb bald. Meine Mutter war mit mir öfter in Baiern, öfter in unserm Eigen. Als
ich reiten gelernt hatte, und die Waffen führen konnte, ritt ich von Baiern
durch meine Heimat nach Prag, um Sobeslaw dem Herzoge unseres Landes zu dienen.
Es sind seiter achtzehn Monde verflossen. Ich kam unter Männer, die als Reiter
dienten. Als im vergangenen Jahre der Zug unseres Volkes in Verbindung mit dem
deutschen Könige Konrad gegen die Sachsen war, und als ich einen Weg
ausforschte, durch welchen unsere Schar eine bessere Aufstellung machen konnte,
sah ich den Herzog, welcher mich belobte. Als der Herzog krank war, ritt ich auf
Hostas Burg, um zu erfahren, wie schwer er leide. In dem vorigen Monate liess er
mich in sein Krankengemach rufen, und sagte, ich solle nach Prag reiten, es
seien auf dem Wysehrad Versammlungen, welche beraten, was nach seinem Tode sein
wird. Ich solle ergründen, was sie sagen und vorhaben, und soll ihm die genaue
Nachricht bringen. Zum Zeichen, dass ich nicht aus mir selber rede, hat er mir
ein Kreuzlein gegeben, an welches geglaubt werden wird.«
    Witiko brach hier ab, zog das Beutelchen hervor, nahm das Kreuzlein heraus,
trat einige Schritte vor, und reichte es dem Bischofe Zdik.
    Dieser betrachtete das Kreuz, und gab es dann an der Bischof Silvester. Der
Bischof Silvester gab es in die Hände der Äbte und Priester, welche an seiner
Seite sassen. Von diesen kam es an die übrigen Priester, und von den Priestern an
die weltlichen Herren. Der Mann mit dem purpurnen weiten Gewande betrachtete es
genau, und gab es dann weiter. Die es besehen hatten, gaben es wieder weiter,
und es kam immer mehr zurück. Dann kam es wieder vorwärts bis in die Hände des
Bischofes Zdik. Zdik gab es Witiko. Dieser trat an seinen Platz zurück, und barg
es in seinem Fache und mit ihm in seinem Gewande.
    Als dieses geschehen war, trat ein Priester von denen, die abseits der
Bischöfe und Äbte sassen, auf den freien Raum hervor, und rief: »Ich bin Daniel
der Sohn des Magnus, ein Untergebener des ehrwürdigen Propstes von Prag Otto und
mit ihm des hochehrwürdigen Bischofes Silvester. Ich bitte mit der Genehmigung
meiner Obern die mächtigen Herren um Gestattung einer Zwischenrede wegen des
Kreuzes.«
    Da nach diesen Worten alle still waren, sagte er: »Das Zeichen, welches der
Bote vorgewiesen hat, gehört unserm erlauchten Herzoge Sobeslaw. Es ist ein
Kreuzlein, welches er trägt, seit er sich mit seinem sterbenden Bruder Wladislaw
versöhnt hat. Es ist von dem Bischofe Meinhard geweiht worden. Ich bin dabei im
Kirchendienste neben meinem Vater gestanden, und habe es auf einem Kissen
gehalten. Es hat den Namen Jesus in feinem Golde, und die Anfangszeichen der
Namen Wladislaw und Sobeslaw an seinem Fusse. Die Weihe des Kreuzes ist in den
Schriften der Bischofkirche aufgezeichnet worden, und meine hochehrwürdigen
geistlichen Obern haben mich, da das Kreuzlein in der Versammlung beschaut
wurde, ermächtigt, das Zeugnis abzulegen.«
    Nun schwieg er.
    Der Bischof Zdik aber sagte hierauf: »Ich erkenne auch das Kreuz, und weiss,
dass es der Herzog getragen hat.«
    Nach ihm erhob sich ein alter Mann mit glänzend weissen Haaren und in
dunkelveilchenblauem Übergewande aus der ersten Reihe, und sprach: »Ich bin
Diwis ein alter Diener und Zupan des Herzogs, und weiss, dass er das Kreuz bis
jetzt bei sich getragen hat.«
    Nun stand der Bischof Silvester auf, und rief: »Ich bin Silvester, der
erwählte Bischof von Prag.« Dann sagte er: »Ich habe mit dem Jünglinge, der vor
uns steht, geredet, und er hat mir Zeichen angegeben, aus denen ich sah, dass ihm
der Herzog das Kreuz in die Hände gelegt hat.«
    Nach diesen Männern sprach niemand mehr in der Zwischensache.
    Da fragte Ben die Versammlung, ob der Bote weiter sprechen solle.
    Sie bejahten es durch Zeichen der Zustimmung.
    Daher fuhr Witiko fort: »Als mir der Herzog den Auftrag gegeben hatte,
fragte ich ihn, ob er, wenn er alles wisse, gegen die, welche ihm zuwider
handeln, etwas Feindseliges ausführen werde. Er antwortete, dass er nur wissen
wolle, was geschehe, und dass er dann sterben werde. So sagte ich, dass ich gehen
werde, und so bin ich hier. Ich bin kein Kundschafter, weil ich nicht heimlich
zu erfahren strebte, ich habe den hochehrwürdigen Bischof Silvester gebeten, mir
zu erwirken, dass mich die hohe Versammlung höre. Ich habe mit keinem Menschen
über die Sache gesprochen, und wenn sie mich fragten, habe ich keine Antwort
gegeben. Ich bin kein Bote; denn der Herzog hat mich nicht an die Versammlung
gesendet, ich bin für mich selber da, und stelle die ehrfurchtbezeigende Bitte,
dass mich die Versammlung die Beschlüsse anhören lasse, damit ich dem Herzoge
nichts Unreines und Geschändetes bringe. Ich selber komme nicht in Betracht, so
wenig, wie ein Stücklein Papier, darauf eine hohe Hand eine Zeile geschrieben
hat, die man findet, und achtet. Wenn mich die Versammlung hier duldet, werde
ich bleiben, wenn sie mich entfernt, werde ich gehen, werde wieder mit keinem
Menschen sprechen, und werde dem Herzoge den Vorgang melden, ausser ich werde
hier zurückgehalten, und es wird strenger gegen mich verfahren.«
    Nach diesen Worten neigte sich Witiko wieder, und blieb schweigend stehen.
    »Das ist ein treuer Knabe«, rief eine Stimme in den hinteren Reihen.
    »Das ist ein mutiger Mann«, rief eine andere Stimme in der Mitte.
    Der Bischof Zdik ging zur Glocke, und tat drei Schläge auf dieselbe.
    Man hörte keinen Ruf mehr; aber es wurde an die Schwerter geschlagen.
    Der Bischof sagte, da es ruhig geworden war: »Die Ordnung der Versammlung
muss die bleiben, dass die Reden und Ansprachen in der Reihe erfolgen, wie sie
verzeichnet sind. Es geht an den zweiten Führer der Versammlung der Ruf, ob er
den Jüngling etwas fragen will.«
    Er setzte sich nach diesen Worten wieder auf seinen Sitz.
    Ben stand auf, wendete sich gegen Witiko, und sprach: »Dein Name ist
Witiko.«
    »Witiko«, antwortete der Gefragte.
    »Und welcher war der Name deines Vaters?« fragte Ben weiter.
    »Mein Vater hiess Wok«, entgegnete Witiko.
    »Nun also, Witiko Sohn des Wok«, sprach Ben, »ich der Kriegsanführer Ben der
zweite Führer dieses Hauses frage dich: Bist du von dem Herzoge Sobeslaw an
diese Versammlung gesendet worden?«
    »Ich bin nicht an sie gesendet worden«, entgegnete Witiko.
    »Und weshalb stehst du vor ihr?« fragte Ben.
    »Ich stehe in meinem Namen mit einer Bitte, die ich gesagt habe«, antwortete
Witiko.
    »Und hat der Herzog dir selber das goldene Kreuzlein gegeben, welches du
gezeigt hast?« fragte Ben.
    »Seine Hand hat es in meine Hand gelegt«, entgegnete Witiko, »es soll nur
ein Zeichen sein, dass ich von ihm einen Auftrag habe.«
    »Warum hat der Herzog nicht einen Lechen des Reiches an die Versammlung
gesendet?« fragte Ben weiter, »warum hat er nicht geharrt, bis ihm einer aus
dieser Versammlung die Nachricht bringt, sondern hat dich fast einen Knaben
geschickt?«
    »Ich weiss es nicht«, antwortete Witiko, »er hat gesagt: Du blickest ehrlich,
du wirst meinen Auftrag vollführen.«
    Ben schwieg, und zauderte nach dieser Antwort einen Augenblick. Die
Versammlung schwieg auch.
    Da sagte Bolemil: »Fragt weiter!«
    Ben fragte: »Und wenn du hier verweilen darfst, Witiko, wirst du auch reden
wollen?«
    »Das hätte ich nicht getan, wenn die Frage auch nicht an mich gerichtet
worden wäre«, entgegnete Witiko, »ich bin nicht einer der Versammlung, und meine
Bitte ging um das Hören, nicht um das Sprechen.«
    »Ich frage nicht weiter«, entgegnete Ben.
    Er ging wieder zu seinem Sitze.
    Da er sich niedergelassen hatte, entstand wieder wie bei dem Eintritte
Witikos das Brausen der Gespräche, da die Nachbarn oder solche, die sich sonst
nahe waren, miteinander über die Sache redeten.
    Da dieses einige Zeit gedauert hatte, wurde mit der Glocke das Zeichen
gegeben, und da es ruhiger geworden war, stand der Bischof Zdik auf, und rief:
»Es ist nun an der Reihe, dass die Beratschlagungen folgen, was mit dem Boten
geschehen soll.«
    Ben erhob sich, und rief: »Der erste von denen, die zur Rede vorgemerkt
sind, ist Zdik der hochehrwürdige Bischof von Olmütz.«
    Da er sich gesetzt hatte, trat der Bischof Zdik ein wenig gegen den freien
Raum vor, wendete sich gegen die Versammlung, und sprach: »Liebe Getreue
Einsichtige! In der heutigen sehr bedeutungsvollen Versammlung ist ein
Zwischenfall gekommen, von dem es besser gewesen wäre, wenn er nicht gekommen
wäre. Weil er aber da ist, will ich nach meiner geringen Einsicht und meinem
guten Willen eine Entscheidung vorschlagen, die ihr annehmen oder verwerfen
mögt. Lasset mich zuerst von dem reden, was uns erfreut. Unser Herzog Sobeslaw
wurde von dem böhmischen Volke bedauert, da er als ein lieblicher Knabe mit
seinem ältern Bruder Boriwoy entfliehen musste, er wurde von dem böhmischen Volke
geliebt, da er in seiner Jugend als ein schöner Ritter kämpfte, fehlte, und
seine Fehler wieder verbesserte, das böhmische Volk war hoch erfreut, als er
sich mit seinem Bruder dem edelherzigen Wladislaw auf dessen Sterbebette
versöhnte, er wurde anerkannt, da er nach dessen Tode den Fürstenstuhl bestieg,
und ihr alle habt mit ihm gekämpft, und ihm bei Chlumec siegen geholfen, als ihm
der schwarze Otto mit Hilfe des deutschen Königs Lotar den Herzogstuhl streitig
machen wollte. Als die Verschwörung des Miroslaw und Strezimir gegen das Leben
Sobeslaws entdeckt wurde, und er nach Prag zurückkehrte, ist er mit
Glockengeläute grünen Zweigen und Jubel empfangen worden, und da die Gefahr
vorüber war, sind in dem Volke Gesänge und Tänze gewesen. Der Herzog Sobeslaw
hat mit allen mächtigen Fürsten Frieden gemacht, und Freundschaft geschlossen,
er hat die Lasten des Volkes erleichtert, er hat die Ämter gut eingerichtet, er
hat Vesten gebaut, er hat steinerne Häuser in Prag errichtet, er hat dieses
Haus, in dessen Mauern wir jetzt beraten, so schön hergestellt, wie es nie
gewesen ist, er hat mässig gelebt, in seinen Becher ist kein berauschendes
Getränke mehr gekommen, er hat einen Schatz für den Nachfolger gesammelt, und
war jetzt begriffen, die Grenze gegen Polen, woher Gefahr kommen kann, zu
schützen. Wir sind ihm Dank und Ehrerbietung schuldig, lasst uns dies erweisen,
dass wir den Zwischenfall mit Dank und Gerechtigkeit lösen, wie er nur zu lösen
ist. Ich muss nun auch von Traurigem reden. Der erlauchte Herzog Sobeslaw ist
krank geworden, der Arzt sagt, er werde in kurzer Frist scheiden, er hat nicht
mehr seinen Sohn, den bestimmten Nachfolger, zur Reife erziehen können, dass
derselbe die Länder sicher in die Hand nehmen, und führen könne. Wir sind ihm
Mitleid schuldig, lasset uns den Zwischenfall mit Mitleid lösen, wie er nur zu
lösen ist. Wegen des Herzogs Sobeslaw ist ein junger Mann gekommen. Der Herzog
kann einen Lechen oder einen andern gehörigen Boten nicht an diese Versammlung
schicken, weil er sie nicht zusammenberufen hat, er kann nicht warten, bis ihm
einer der Herren des Reiches die Nachricht bringt, weil ihn die Zeit drängt, und
weil er auch die Sache erst erfahren würde, wenn sie längst vorüber ist. Der
junge Reiter sollte ergründen, was geschehe, und es dem Herzog melden. Der
Herzog hat grossmütig gesagt, er wolle bloss wissen, was geschehe, und werde dann
sterben, der junge Reiter hat grossmütig, ohne hinterlistig zu forschen, sich vor
uns gestellt, dass wir ihn unsere Beschlüsse anhören lassen. Lasst uns also auch
den Zwischenfall mit Grossmut lösen, wie er nur immer zu lösen ist. Der Herzog
hat einen Jüngling gesendet, welcher beinahe noch ein Knabe ist, weil er an
seine Ehrlichkeit glaubt, er misstraut allen Nachrichten, die ihm auf anderen
Wegen über uns zukommen, und er misstraut unsern Versammlungen. Es ist an uns,
dem Herzoge zu zeigen, dass wir gegen ihn nichts Böses im Sinne haben, sondern,
dass wir in dieser drangsalsvollen Zeit, in welcher er uns entrissen werden soll,
zusammen gekommen sind, um zu helfen, dass das Heil des Landes nicht erschüttert
werde oder verloren gehe. Der Herzog selber, wenn er gegenwärtig sein könnte,
müsste denken wie wir, da er seinen Sohn und Nachfolger nicht mehr heranbilden
konnte, und selber der künftige Herzog, wenn einer aus dieser Versammlung
hervorgeht, könnte nicht wollen, dass er aus Nacht und Geheimnis sondern
offenkundig und gerecht zu seiner Würde empor steigt. Eine Botschaft aber können
wir an den Herzog nicht senden, weil er ihr nicht trauen würde, oder sie könnte
erst abgehen, wenn alles vollendet ist. So lasset uns den Mann, den er gesendet
hat, als Boten erkennen, und lasset ihn uns in die Versammlung als Zeugen der
Verhandlungen aufnehmen, dass er sie dem Herzoge überbringt, und uns vor ihm
erhöht. Er ist zwar nicht von dem Herzoge an uns gesendet worden; aber er ist
des Herzogs willen da, und ihn zurückstossen, hiesse den Herzog selber
zurückstossen. Er ist nicht einer der Vornehmen des Reiches; aber der Herzog hat
ihn geehrt, da er ihm einen so grossen Auftrag gegeben hat, er ist gut erzogen,
wie seine Rede und seine Handlung beweist, welche wie die eines Edlen dieses
Landes ist. Auch vor denen, die von fernen Gegenden her ihre Augen auf uns
richten, verlieren wir durch Aufnahme dieses Jünglings nichts an Achtung,
sondern wir gewinnen an Stärke, weil unser Tun nicht das Licht der
Mitwissenschaft scheut. Ja ich würde Gott bitten, dass wir unter freiem Himmel
tagen könnten, und dass alle, die in diesen Ländern wohnen, herzu zu treten, und
zu hören vermöchten, was wir sagen, und zu sehen, was wir tun. So spreche ich,
der ich für alle mitsorgen möchte, die in diesen Ländern Böhmen und Mähren
wohnen, und der ich in meinem Gebete stündlich zu dem Herrn rufe, dass er all das
Wehe und Blutvergiessen von dem jetzigen Wechsel fern halte, das bei den früheren
so schrecklich und schmerzlich eingetreten ist.«
    Als er schwieg, rief eine Stimme: »Der Bischof ist ein gerechter Mann wie
der heilige Adalbert.«
    Der Bischof aber entgegnete noch auf seinem Platze stehend: »Als Führer
dieses Hauses sage ich, dass die Ordnung desselben nicht gestört werden soll, und
als Bischof sage ich, dass der heilige Adalbert ein Mann gewesen ist, zu dem man
in Nachahmung aufschauen, den man aber nicht erreichen kann.«
    Nach diesen Worten entfernte er sich von dem freien Raume, und begab sich
wieder zu seinem Platze zurück.
    »Lasset die nächsten Redner sprechen«, rief jetzt eine Stimme.
    »Der hochehrwürdige Bischof hat gut gesprochen«, antwortete eine andere
Stimme.
    »Er hat vortrefflich gesprochen«, fiel eine dritte Stimme ein, und es
erhoben sich verworrene Rufe des Beifalls.
    Der Bischof Zdik stand auf, ging zur Glocke, und tat auf sie die drei
Schläge, ohne etwas zu sprechen. Er blieb bei der Glocke stehen, bis es ruhig
geworden war. Dann ging er wieder zu seinem Sitze.
    Hierauf erhob sich Ben, und rief: »Der zweite Redner ist der Priester
Daniel.«
    Da er sich niedergesetzt hatte, ging der Priester Daniel hervor, und sprach
gegen die Versammlung: »Mächtige Anwesende! Wenn ich gewusst hätte, was der
hochehrwürdige Bischof Zdik vor mir reden würde, so hätte ich mich gar nicht zum
Sprechen gemeldet, und auch jetzt würde ich auf meine Worte verzichten, wenn ich
doch nicht eines anführen müsste, das tief unter seinem hohen Sinne steht, und
dessen er darum auch keine Erwähnung getan hat. Wenn es angenommen werden müsste,
dass unser hoher und erlauchter Herzog Sobeslaw trotz seines Wortes doch geneigt
ist, gegen diese Versammlung etwas Feindseliges zu unternehmen, und wenn dieses
Feindselige durch Nachrichten, die der Herzog über uns erhält, vermehrt würde,
wie einige glauben, so müsste es gewiss um ein Grosses wachsen, wenn er erführe,
dass der junge Mann, den er mit einem Auftrage betraut hat, von uns
zurückgestossen, oder gefangen gehalten, oder misshandelt würde. Und wenn jemand
hier die Meinung hegt, dass der Herzog unsere besten Beschlüsse, weil sein Geist
durch die Krankheit getrübt ist, missbilligen könnte, so wäre es möglich, dass er
nach solchen Vorfällen durch sein krankes Gemüt auf übereilte Ratschlüsse käme,
und das Unheil gerade einträte, das wir zu vermeiden streben. Wenn wir aber
seinen Boten zu uns lassen, so wird er auf dessen Antwort harren, und wir
gewinnen Zeit, und er verliert Zeit. Ja, es mag auch geschehen, dass er nicht
bloss, wenn er gegenwärtig sein könnte, wie der hochehrwürdige Bischof Zdik
gesagt hat, das Gute, das hier geschaffen wird, sähe, sondern, dass er es auch,
wenn es ihm hinterbracht wird, trotz des Schleiers der Krankheit erkennt, und
dann alles ausgeglichen ist und gut vorüber geführt wird. Ich meine daher, so
weit meine Einsicht alles zu fassen vermag, dass nicht bloss die Hochherzigkeit
dieser Versammlung, wie der hochehrwürdige Bischof vor mir dargelegt hat,
sondern auch die Klugheit verlangt, dass wir den Jüngling, der vor uns steht, zum
Zuhörer unserer Versammlung aufnehmen.«
    Nach diesen Worten ging der Priester Daniel wieder zu seinem Sitze.
    Da rief der junge Mann Milhost: »Die Erhabenheit dieser Versammlung soll
nicht durch die Klugheit geschändet werden, sich vor Feindseligkeiten zu
fürchten. Ob Feindschaft ist oder nicht, gilt gleich; nur die Macht und Gewalt
dieser Versammlung soll über allem bestehen, was ist.«
    Der Bischof Zdik tat einen starken Schlag auf die Glocke, und rief: »Du hast
dein Urteil in dieser Sache schon abgegeben, es ist die Reihe der Rede nicht an
dir, ich verwarne dich, Milhost, dass du die Ordnung der Versammlung nicht
störst.«
    »Die Ordnung, die Ordnung«, riefen mehrere Stimmen.
    Der junge Mann setzte sich nieder, und Zdik ging wieder zu seinem Sitze.
    Hierauf erhob sich ein dunkelgekleideter sehr alter Mann in der zweiten
Reihe der Sitze, und sagte: »Ich bin Lubomir, und bin nach dem ehrwürdigen
Priester Daniel an der Reihe der Rede. Ich hätte nach dem, was gesprochen worden
ist, auf meine Worte Verzicht geleistet; jetzt aber sage ich, dass die
Menschlichkeit, weil wir doch hier versammelt sind, um unser armes Land vor
Unglück zu bewahren, verlangt, dass wir in diesen ungewissen Zeiten Zank und
Zwietracht vermeiden. Es bedeutet nichts, wer zuhört; die Ehre der Versammlung
hängt von ihren Taten ab, nicht von dem Dasein oder Absein eines Kindes. Lasst
den Knaben niedersitzen und zuhören.«
    Nach diesen Worten setzte sich Lubomir wieder nieder.
    Nun stand ein Mann in mittleren Jahren auf, grün gekleidet, mit einer
schwarzen Feder auf der Haube. Er sprach: »Ich heisse Jurik, und sage, dass die
Versammlung so hoch ist, dass sie im Angesichte der ganzen Welt beschliessen
kann.«
    Nach ihm erhob sich ein alter Mann in weissen Haaren dunkelbraunem Gewande
und mit einer grünen Feder auf der schwarzen Haube. Er sprach: »Ich bin Wsebor,
und sage: Es ist vor allem unsere Pflicht, dass wir das schwere Leiden unseres
Herzoges, dessen Untertanen wir ja noch sind, ehren.«
    Es erhob sich ein Ruf des Beifalls nach diesen Worten.
    Hierauf stand in der ersten Reihe der Kriegsanführer Smil auf, und sagte:
»Ich bin Smil, und führe nur die Worte an: Die Kraft einer jeden Versammlung ist
ihre Mässigung, die Gefahr aber ihre Anmassung; und diese entsteht, wenn einzelne,
welche Macht und Ansehen nicht haben, solche mit Hilfe ihrer Versammlung
erringen wollen.«
    Nach ihm erhob sich in der Mitte des Saales ein alter Mann in
dunkelrotsammetnem Gewande, und sagte: »Ich bin Bozebor, und verzichte auf meine
Worte.«
    Nun stand rechts ein Mann auf, welcher schwarze Haare einen schwarzen Bart
und schwarze Augen hatte. Er war in ein rotbraunes Gewand gekleidet, und hatte
eine fahle Feder auf der schwarzen Haube. Er sprach: »Ich heisse Bartolomäus,
und verzichte auch auf meine Worte, weil sie der hochehrwürdige Bischof Zdik
gesagt hat.«
    Nach diesen zwei Männern rief eine Stimme: »Vergesst nicht, was über eine
Strafe und ein Gericht über den Boten gesagt worden ist.«
    »Vergesst nicht des Gerichtes«, rief eine andere Stimme.
    »Und der Strafe«, rief wieder eine.
    »Der Strafe, der Strafe«, riefen mehrere.
    Da tat Zdik den Schlag auf die Glocke, und sagte: »Haltet die Ordnung. Die
gegen Witiko sind, haben gesprochen, die für Witiko sind, haben gesprochen. Wer
noch gemeldet ist, möge reden. Ben rufe ihn auf.«
    Da erhob sich Ben, und rief: »Ich fordere diejenigen, welche noch bestimmt
sind, auf, zu sprechen.«
    Es sprach niemand.
    Ben rief wieder: »Sind noch Männer aufgezeichnet, ihre Worte vorzubringen?«
    Es erfolgte keine Antwort.
    Da rief Ben zum dritten Male: »So ist die Sprache über den Boten des Herzogs
geschlossen.«
    Nach diesen Worten setzte er sich wieder nieder.
    Jetzt ging Zdik zu der Glocke, gab das dreimalige Zeichen, und da alle auf
ihn sahen, rief er: »Weil die Sprache über den Zwischenfall, der sich in unserer
Versammlung ereignet hat, geendet ist, so rufe ich die Versammlung auf, ihren
Beschluss zu fassen. Ich sage, dass ein jeder, welcher meiner Meinung ist, dass zum
Frieden und Heile des Landes dieser Bote dagelassen werden möge, dieses durch
das Zeichen der Erhebung von seinem Platze aussprechen wolle.«
    Zdik blieb bei der Glocke stehen, und blickte auf die Versammlung.
    Der Bischof Silvester erhob sich, und blieb aufrecht stehen Der Abt von
Kladrau erhob sich, der Abt von Brewnow,. der Abt von Wilimow, der Abt von
Sazawa, Otto der Propst von Prag, Hugo der Propst von Wysehrad, der Priester
Daniel und die andern Priester, der alte Lubomir, der alte Wsebor, Smil der
Kriegsanführer, Diwis der alte Zupan mit den schneeweissen Haaren, Ben der
Kriegsanführer, und nach ihm mehrere, Jurik, Bartolomäus, Bozebor, und wieder
mehrere, darunter manche junge Männer in den letzten Reihen: Welislaw und der
Sohn des Nacerat, so wie auch Casta, der bei Chynow die gestreifte Falkenfeder
getragen hatte. Es stand endlich der grössere Teil der Versammlung aufrecht neben
den Sitzen.
    Zdik der Bischof von Olmütz rief: »Ich rufe die Versammlung auf, dass sie auf
sich blicke, und sehe, dass ihr grösserer Teil sich für meinen Antrag entschlossen
hat. Die Schreiber werden es auf dem Pergamente verzeichnen.«
    Nach diesem Rufe liessen sich die, welche aufgestanden waren, wieder auf ihre
Sitze nieder.
    Der Bischof Zdik aber wendete sich gegen Witiko, und sagte: »Abgesendeter
des erlauchten Herzogs Sobeslaw! Du bist als Hörer in dieser Versammlung
aufgenommen.«
    Als er diese Worte gesprochen hatte, wurde für den Jüngling Witiko ein Sitz
in die Versammlung gebracht.
    Zdik ging wieder zu seinem Platze.
    Witiko verneigte sich ehrerbietig, ging zu dem Sitze, welcher für ihn herein
gebracht worden war, und liess sich auf denselben nieder.
    Nachdem diese Handlungen vorüber waren, entstand eine lange Unterbrechung in
der Versammlung. Man trennte sich von seinen Sitzen, Gespräche wurden
angefangen, man gesellte sich zusammen, durch die Türen wurde aus- und
eingegangen, ja sogar ein Trunk wurde hie und da gereicht. Zu Witiko kam aus den
hinteren Reihen Welislaw hervor, reichte ihm die Hand, und sagte: »Erinnerst du
dich meiner noch?«
    »Du bist Welislaw«, antwortete Witiko.
    »Ja«, erwiderte Welislaw, »wir werden wohl in unseren Meinungen Gegner sein;
aber du bist heute wieder wie bei Chynow, und das freut mich.«
    »Ich weiss nicht, ob wir in unsern Meinungen Gegner sein werden«, antwortete
Witiko, »ich habe gar keine Meinung, ich erwarte nur die Dinge.«
    Auch der Sohn des Nacerat kam zu Witiko hervor. Er war in himmelblauen
Sammet gekleidet, und hatte auf der schwarzen Haube wieder eine weisse Feder wie
bei Chynow. Er sprach zu Witiko: »Ich habe dir ja gesagt, dass wir wieder
zusammen kommen werden. Du bist hartnäckig, Witiko, und gibst nicht nach.«
    »Gibst du nach?« fragte Witiko.
    »Wenn es sein muss, tut es jeder Mensch«, entgegnete der andere.
    »Nur ist für den einen leichter ein Muss da als für den andern«, sprach
Witiko.
    Auch Casta kam herzu, und sagte: »Sei mir gegrüsst, Witiko!«
    »Ich entsinne mich deiner nicht mehr«, antwortete Witiko.
    »Ich bin Casta«, sagte der andere, »und bin bei Chynow im Zuge zu weit
zurück gewesen, als dass du meiner noch gedenken könntest. Du bist heute hier
glücklich gewesen.«
    »Nur die Sache ist es«, sagte Witiko.
    Als die Erholung der Versammlung eine Weile gedauert hatte, geschah wieder
das dreifache Zeichen mit der Glocke, und als die Türen geschlossen waren, die
Reihen sich geordnet hatten, und Stille eingetreten war, trat Zdik langsam vor,
richtete sein Angesicht gegen die Versammlung, sah sie eine kurze Zeit an und
sprach dann: »Liebe Ehrwürdige Treue! Es ist der Augenblick gekommen, in dem wir
die grosse Frage über die Ruhe und das Heil des Landes entscheiden sollen. Möge
der Segen des allerhöchsten Herrn der Heerscharen über diesen Häuptern sein, dass
beschlossen wird, was gerecht und heilsam ist. Unser erlauchter edler und
umsichtiger Herzog Sobeslaw, welcher fünfzehn Jahre in diesen Ländern geherrscht
hat, ist so schwer erkrankt, dass das Ende seines irdischen Lebens nahe bevor zu
stehen scheint. Die Heilkundigen sagen, dass er in kurzer Zeit die Erde verlassen
wird. Nun ist, wie uns der ehrwürdige Leche Bolemil deutlich zu Gemüte geführt
hat, in den eben vergangenen Zeiten, wenn ein Wechsel in den Herrschern
stattgefunden hat, so Schweres eingetreten, dass wir sehnlich wünschen müssen,
solches jetzt zu vermeiden. Aber die Herrschertage der letzten zwei Herzoge des
gütigen Wladislaw und des klugen und gerechten Sobeslaw haben auch gezeigt, dass
nicht bloss bei einem Wechsel der Herrschaft die Übel ferne bleiben sollen,
sondern dass auch bei ihrer Dauer der Samen des Glückes unter dem Schirme des
Herrschers aufgehen, wachsen, und gegen die Zerstörungslüste der einzelnen
erstarken müsse. Für diejenigen, welche aus verschiedenen Teilen des Landes
herein gekommen sind, und in grosser Zahl nur der heutigen letzten Versammlung
beiwohnen, sage ich: Es sind während der gefährlichen Krankheit des Herzogs von
einigen und mehreren Männern Zusammenkünfte über diesen Gegenstand gehalten
worden. Es ist erkannt worden, dass Zwiste bei dem Übergange und Bestehen der
Herrschaft nur dann ausbrechen, wenn jeder der Gegner einen grossen Anhang hat,
der ihm beisteht. Es ist daher beschlossen worden, zu ergründen, welchem Manne
aus dem geliebten Geschlechte des geheiligten Premysl die meisten der Herren
dieser Länder zugetan sind, und ob ihre Zahl so gross ist, dass ihre Widersacher
nichts gegen sie zu unternehmen vermögen, damit dann der erwählte Mann von
dieser Zahl auf den Fürstenstuhl gehoben werde, den Widerspruch durch die Zahl
zurückschrecke, und in den Jahren seiner Herrschaft durch sie das Gute in den
Ländern heranziehe, das zum Frommen aller dient. Es sind noch zahlreiche Zweige
aus dem Stamme Premysls übrig. Da ist Konrad von Znaim der Sohn Liutolds des
Sohnes Konrads, da ist Wratislaw von Brünn der Sohn Ulrichs des Sohnes Konrads,
welcher Konrad ein Bruder des Königs Wratislaw gewesen ist, da ist Otto, der
nach Russland geflohen ist, ein Sohn des schwarzen Otto des Sohnes des schönen
Otto, der ein Bruder des Königs Wratislaw gewesen ist. Dann sind die Enkel des
grossen Königs Wratislaw, zuerst durch seinen Sohn Boriwoy die Enkel Spitihnew
Leopold Boleslaw Albrecht, dann durch seinen Sohn Wladislaw den Milden, welcher
vor dem jetzigen Herzoge geherrscht hat, die Enkel Wladislaw Diepold und
Heinrich, dann durch seinen Sohn Sobeslaw unsern jetzigen erlauchten Herzog die
Knaben Wladislaw Sobeslaw Ulrich und Wenzel. Ich nenne nicht alle Zweiglein, da
ihr sie kennt. Vor zwei Jahren war auf den neunundzwanzigsten Tag des
Brachmonates von unserem erhabenen Herzoge Sobeslaw ein Landtag nach Sadska
einberufen worden, auf welchem die hohen und niederen Herren Böhmens und Mährens
auf das Verlangen des Herzoges seinen ältesten Sohn Wladislaw als seinen
Nachfolger auf dem Fürstenstuhle erkannt haben. Es muss entschieden werden, ob
alle oder viele an dem jungen Sohne Sobeslaws, welcher einundzwanzig Jahre
zählt, ferner halten, oder ob sie meinen, dass das vorzeitige Hinscheiden des
Herzogs die Sache so verändert hat, dass ein anderes Übereinkommen getroffen
werden müsse. Es sind so viele Männer aus den Ländern Böhmen und Mähren in
diesem Saale versammelt, ja fast alle, deren Wort in den Völkern, die diese
Länder bewohnen, Bedeutung hat, dass in Wahrheit ein gültiger Endbeschluss zur
Macht und Herrlichkeit des Herrschers zu Stande kommen kann. Möge zur Festigkeit
des Herzogstuhles eine grosse Einigkeit erzielt werden. Als Führer dieser
Versammlung rufe ich diejenigen, die ihre Stimme in der Sache zu erheben
verzeichnet sind, auf, zu sprechen, wie sie meinen, dass es der Augenblick
erfordert. Es ist gross wichtig und entscheidend, was hier geschieht, und von der
heutigen Stunde hängt es ab, ob das Glück des Landes auf viele Zeit aus dem
Gemache dieses Hauses hervorgeht, oder ob sogleich der Anfang unabsehlichen,
unentwirrbaren Elendes gemacht wird. Ich habe die Einleitung zu dem Gegenstande
gesprochen.«
    Nach dieser Rede erhoben sich in der Versammlung die Rufe: »Sehr gut
gesprochen«, »sehr richtig«, »wahr gesprochen«, und andere unverständliche Laute
des Beifalls.
    Zdik ging wieder zu seinem Stuhle zurück, und setzte sich auf denselben
nieder.
    Als die Ruhe eingetreten war, erhob sich Ben, und rief: »Es ist an der Zeit,
dass die, welche angemeldet sind, über die vorgelegte Sache in ihrer Ordnung
reden.«
    Er setzte sich wieder nieder.
    Es war eine kleine Zeit still, und es erhob sich niemand. Dann stand in der
Mitte des Saales ein Mann auf, der zum Oberkleide ein schwarzes Bärenfell und
auf der schwarzen Haube eine blaue Feder hatte. Er rief: »Ich bin Rowno aus dem
Mittage Böhmens, und bin auf dem Reichstage in Sadska gewesen. Dort war der
Wille nicht frei. Die gross sind, erhielten Versprechungen, und wir die Kleinen
fürchteten die Macht. Ich kann nicht für Wladislaw den Sohn des erlauchten
Herzogs Sobeslaw streiten.«
    Nach ihm stand ein Mann auf, der ein grobes schwarzes Oberkleid und eine
Hahnenfeder auf der Bärenhaube hatte. Er rief: »Ich bin Diet von Wettern aus dem
Mittage Böhmens, und stimme mit meinem Landsmanne Rowno.«
    Nach diesen beiden Männern erhob sich Milhost, und rief: »Jetzt ist wohl die
Reihe der Rede an mir, und ich sage: Es ist eine Schmach, dass Männer, welche
Weiber und Kinder, Schwestern und Bräute haben, und welche die Waffen in der
Hand tragen, und auf ihren Höfen stehen haben, einem Herrn dienen, ihm ihr Gut
geben, wenn er es verlangt, ihr Blut lassen, damit er ihnen wieder befehlen, und
ihren Sinn beugen kann. Die hohen und niederen Herren des Landes Böhmen und
Mähren sollten herrschen; denn sie sind das Land. Ich trage an, dass die
Versammlung, die in diesem Saale ist, Satzungen entwerfe, die der künftige
Herzog beschwöre, und die ihn durch unsere Macht binden, dass er, wenn er auf dem
Stuhle sitzt, nur unsern Willen zum Heile der Länder ausführen, unsere Kraft
nicht brechen, und uns nicht zerstören kann, wie Swatopluk mit den Wrsen tat. So
sage ich, und weiche nicht davon.«
    Nach diesen Worten erhob sich in dem Saale ein tönender vielstimmiger
Beifallsruf.
    Als er geendet hatte, stand Bogdan auf, und sagte: »Ich bin in Sadska
gewesen. Dort haben alle das nämliche gesagt, und ein einzelner konnte nicht
anders sagen. Der Herzog hat unser Wort gebunden; aber wir sollten die
voreiligen Bande zersprangen, und frei wählen, wie unser Inneres gebietet.«
    »Es ist so, wir sollten frei wählen«, riefen mehrere Stimmen.
    Nun stand der rotaarige Benes auf, und rief: »Ich spreche nur, dass der
junge Wladislaw nie unser Herzog werden kann; denn Sobeslaw hat uns immer
unterdrückt, und endlich hat er uns nach Sadska gelockt, um uns dort unsern
Willen zu rauben.«
    »Sobeslaw hat uns unterdrückt, ja, er hat uns unterdrückt«, rief eifrig und
drohend eine Anzahl von Stimmen.
    Hierauf erhob sich Domaslaw, und sagte: »Ich füge nur bei, dass Sobeslaw sehr
oft wider uns war. Ist nicht Konrad von Znaim, weil er sein Gegner war, sechs
Jahre verhaftet gewesen? Musste nicht auch Wratislaw von Brünn ein Jahr in
Gefangenschaft zubringen? Ich rede nicht von dem unglücklichen Bretislaw, dem
Sohne jenes Herzogs Bretislaw, der so traurig im Walde bei Bürglitz endete, und
der ein Bruder Sobeslaws war. Und hat er nicht Herren, die diesem freundlich
zuhielten, in feste Burgen geführt? Und sind sie nicht auch sonst in Haft
gehalten worden, wenn sie gegen ihn waren? Hat er nicht gewollt, dass Bauern
Kaufherren Münzer Juden Fiedelspieler schwelgen? Darum ist dieses Volk gegen uns
so übermütig geworden. Der Sprössling eines solchen Mannes kann nicht der Herzog
der Herren von Böhmen und Mähren werden.«
    Es folgte wieder ein langer Beifallsruf auf diese Rede.
    Da es ruhiger geworden war, stand Kochan auf, und sprach: »Nicht bloss der
Herzog Sobeslaw hat den Herren des Landes entgegen gehandelt, sondern alle
Herzoge, darum stimme ich Milhost bei; aber nicht, dass Satzungen entworfen
werden, die der Herzog beschwören muss, sondern dass gar kein Herzog sei, und
wieder die Herren der Länder herrschen wie einstens.«
    Auch nach diesen Worten entstand Zuruf.
    Jetzt erhob sich auf der linken Seite des Saales ein Mann in mittleren
Jahren und in einem dunkelblauen Sammetgewande mit braunem Barte und Haare und
mit einer weissen Feder auf der schwarzen Haube. Er sprach: »Ich bin Bohus, und
sage auch, dass alle Herzoge gegen uns gewesen sind. Das war schon in der
ältesten Zeit so. Ist nicht Premysl der erste Herr gewesen, dem die andern
schweigen mussten? Hat nicht schon einer seiner Nachkommen Neklan den Lukerherren
Wlastislaw in einer grossen Schlacht töten lassen? Sind nicht Spitihnew und
Wratislaw des ersten christlichen Herzogs Boriwoy Söhne nach Regensburg zum
Reichstage gegangen, und haben uns in die Abhängigkeit von den Deutschen
gebracht? Hat nicht dieses ersten Wratislaw Gattin Drahomira ihre
Schwiegermutter die heilige Ludmila erschlagen, und ihr Sohn Boleslaw seinen
eigenen Bruder den heiligen Wenzel? Hat nicht Boleslaws Enkel der rotaarige
Boleslaw, den Wrsen geholfen die Söhne Slawniks, die Brüder des heiligen
Adalbert auszurotten, und hat er nicht gegen die Wrsen selber gewütet? Hat nicht
des Rotaars Bruder der heftige Ulrich des Wladyken Kresina schöne Tochter
Bozena geraubt, und zu seiner Gattin gemacht, und hat er nicht seinen und ihren
Sohn den ersten Bretislaw, der kühn und tapfer war wie der griechische
Achilleus, und der die schöne Judit von Schweinfurt geraubt hat, zur Flucht
genötigt? Hat nicht dieses Bretislaws Sohn Spitihnew dreihundert Mährer zu einem
Reichstage geladen, und sie dann als Geiseln zurück behalten? Ich rede nicht von
der neueren Zeit, der Leche Bolemil hat sie uns schon geschildert. Ich erwähne
nur eines Dinges, der Vertilgung der Wrse durch den unbändigen Swatopluk. Wäre
solches möglich, wenn unsre Macht statt der Macht der Herzoge wäre?«
    Ein grosser Beifall brach bei diesen Worten aus, und viele Stimmen riefen:
»Ja, so haben sie getan«, »so ist es geschehen«, »sie waren immer gegen uns.«
    Nach Bohus stand Drslaw auf, und sagte: »Wenn wir Wladislaw nicht nehmen, so
nehmen wir Sobeslaws andere Kinder noch weniger, da sie kaum noch Knaben sind.«
    »Wir nehmen sie nicht«, »wir nehmen sie nicht«, riefen vielfältige Stimmen.
    Nach Drslaw erhob sich in der zweiten Reihe ein alter Mann mit weissen
Haaren, die einmal blond gewesen sein mochten, und mit dunkelblauen Augen. Er
trug ein schwarzes Gewand ohne Feder. Er rief: »Ich bin Mireta aus dem Mittage
Mährens.«
    Dann sprach er: »Wenn wir nur Klagen anführen, erreichen wir unser Ziel
nicht. Einmal ist es anders gewesen. Da alle Völker zu Hause in kleinen Stämmen
ihres Lebens pflegten, konnten auch wir ohne Haupt in der Heimat unsere Dinge
tun, und nur gelegentliche Angriffe abwehren; als aber die Stämme um uns sich
geeinigt haben, brauchen wir einen Herzog, der uns gegen sie einigt, und der
unser Land darstellt. Ich schlage vor, dass wir den Fürsten von Znaim Konrad den
Sohn Liutolds des Brudersohnes des Königs Wratislaw wählen. Wir, die wir in dem
Mittage des Landes Mähren wohnen, kennen den Fürsten. Seine Mannesjahre sind
klug und gemässigt. Er ist im Unglücke in sich gekehrt worden. Der erlauchte
Herzog Sobeslaw hat ihn, da er zu weit über seine Rechte strebte, sechs Jahre,
und zwar zuerst hier auf dem Wysehrad und dann bei Heinrich von Groitsch in Haft
gehalten. Er hat Strafe kennen gelernt, und ist in den weitern sechs Jahren, die
er wieder bei uns wohnte, mild gegen uns und achtungsvoll gegen unsere Rechte
geworden. Viele Lechen aus dem Lande Mähren wie Drslaw Zibota Soben Treba Stibor
werden mir beistimmen.«
    »Ich stimme bei«, rief einer im Saale.
    »Ich auch, ich auch«, riefen mehrere.
    Nach dem alten Mireta stand ein Mann in den mittleren Jahren auf. Er trug
ein sehr grobes gelbgraues Wollkleid und eine Wolfsmütze. Er rief: »Ich bin Osel
aus dem Mittage Böhmens ein kleiner Besitzmann, und sage, dass wir lieber einem
Herzoge mit Gut und Waffen steuern, als uns von einem oder mehreren Lechen
quälen lassen.«
    »Das ist wahr«, »ja, ja«, riefen mehrere Stimmen, und langer Beifall tönte.
    Nun erhob sich ein alter Mann in der ersten Reihe, welcher weissgraue Haare
blaue Augen und ein rötliches Angesicht hatte, und dunkelbraune Sammetkleider
trug. Er rief: »Ich bin Znata der Sohn des Tas.«
    Ein Ruf des Beifalls entstand bei diesen Worten.
    Dann sagte Znata: »Wenn wir Wladislaw den Sohn unsers erlauchten Herzogs
Sobeslaw nicht als Nachfolger seines Vaters wählen, so schlage ich einen andern
Wladislaw vor, nämlich Wladislaw den Sohn des weisen und milden Herzogs
Wladislaw, den Enkel des Königs Wratislaw, den Bruderssohn des jetzigen Herzogs
Sobeslaw. Er ist der Sohn des Mannes, welcher in sechzehn Jahren seiner
Herrschaft nur immer gut gewesen ist, welcher freiwillig seinem Bruder Boriwoy
den Fürstenstuhl abtrat, und welcher uns auf seinem Sterbebette den guten Herzog
Sobeslaw gab, der nun selber im Sterben liegt. Der Jüngling ist heiter und
freundlich wie sein Vater, er geht mit unsern Angehörigen um, und er wird unsere
gerechten Ansprüche erfüllen.«
    »Ja, ja«, riefen Stimmen. »Ja, ja, ja«, riefen noch mehrere Stimmen, und
Beifallsruf erhob sich.
    Als er verhallt war, stand Slawibor auf, und sagte: »Ich denke, dass wir doch
auch nicht auf Wratislaw von Brünn vergessen sollen, damit wir seine Ansprüche
und Eigenschaften gerecht und genau prüfen.«
    »Ja, wir sollen sie prüfen«, rief eine Stimme.
    »Ja, ja«, riefen mehrere Stimmen.
    »Wratislaw«, riefen andere, und es ertönte wieder Beifall.
    Nun erhob sich Silvester der Bischof von Prag. Er trat in den freien Raum,
richtete seine Augen gegen die Versammlung, blieb stehen, und sprach: »Liebe
Gute Ansehnliche! Nach Slawibor bin ich an der Reihe zu reden. Ihr seht, dass
meine Haare weiss sind, und mein Nacken gebeugt ist. Ich rede nicht aus Lust oder
Unlust oder für eine Person, sondern als der, der zum obersten Seelenhirten
dieses Landes erwählt ist, wenn auch nicht würdig und noch nicht von seinem
erzbischöflichen Oberherrn von Mainz geweiht. Ich habe nicht für den Jüngling,
welchen der Herzog gesendet hat, gesprochen, dass es nicht scheine, dass ich nur
durch Gunst für den Herzog Sobeslaw bewegt sei. Ich rede zu euch, weil ihr
Christen seid. Es sind in Prag und in dieser Burg Wysehrad Versammlungen
gehalten worden, und es ist heute hier eine grosse Versammlung, zu welcher fast
alle Herren der Länder Böhmen und Mähren gekommen sind. Diese Versammlungen
haben in der bangen Lage um Rettung und um einen Herzog gesucht. Aber die
Versammlungen bestehen vor dem Auge Gottes nicht. Unser Herzog lebt, und ist in
Hostas Burg schwer erkrankt. Die Arzneiverständigen sagen, dass er an dieser
Krankheit sterben werde; aber der den Lazarus erweckt hat, der zu dem Krüppel
gesagt hat: Geh, und wandle, der kann ihn zu uns führen, und ihn für den
Fürstenstuhl noch eine Reihe von Zeiten erhalten. Wenn aber auch in seinem Rate
bestimmt ist, dass der Herzog in das selige Leben gerufen werden soll, so ist
auch darnach der Herzog vorhanden; fast alle in diesem Saale, so weit meine
Augen reichen, haben Wladislaw den Sohn unsers erlauchten Herzogs Sobeslaw,
welchen der deutsche König Konrad vor zwei Jahren am zweiundzwanzigsten Tage des
Monates Mai auf dem Fürstentage zu Bamberg mit der Herzogsfahne Böhmens belehnt
hatte, auf dem Tage unserer Länder in Sadska am neunundzwanzigsten des
Brachmonates desselben Jahres in diese Belehnung eingeführt. Es besteht demnach
Wladislaw der Sohn unsers guten Herzogs Sobeslaw als künftiger Herzog. Schon die
Priester der falschen Götter, welche in Griechenland und Rom und vor kurzer Zeit
auch noch in diesem Lande nur in einer andern Weise verehrt worden sind, haben
harte Strafen für den Frevel des Meineides verkündet: um wie viel mehr straft
ihn der gerechte und der einzig wahre Gott der Christen. Aber nicht der Strafe
sondern des Glaubens willen halten die Christen ihr Gelöbnis. Und wenn die Hand
des Meineidigen verdorrt ist, oder aus dem Grabe heraus gewachsen ist, oder wenn
Gott durch Wunder und Zeichen Entsetzen in die Seele des Meineidigen geworfen
hat, so hat er dadurch nur den Abscheu vor diesem unmenschlichsten aller Frevel
kund getan. Und auch der irdische Vorteil, den ihr durch Meineid erstrebt, wird
nicht erreicht. Die Vereinigung im Unrechte ist schwach, wie stark auch die
Verbindungsstelle zu sein scheint; denn der Fürst der Zwietracht, der den Faden
geschlungen hat, zerreisst ihn wieder, weil er leicht zu zerreissen ist, und stösst
die Glieder gegen einander, weil man von Unrecht leicht wieder zu Unrecht geht:
die Vereinigung im Rechte aber ist stark, wie schwach auch die Verbindungsstelle
zu sein scheint, weil Gott den Faden geknüpft hat, und weil man erschrickt, vom
Rechte zu weichen. Wer durch den Knaben David den Riesen Goliat erschlagen hat,
wer durch den Richter Gideon tausend Feinde in das Gras strecken liess, der kann
durch den Knaben Wladislaw, dem ihr voreilig geschworen zu haben glaubt, dieses
Land retten. Und es war sein Finger, der euch so zahlreich nach Sadska geführt,
und dort hat schwören lassen. Drum sage ich, und bitte euch in christlicher
Demut: Sendet zu dem Herzoge Sobeslaw, und sagt: Wir sind in deiner schweren
Krankheit zusammengekommen, um zu beraten, und haben als das Rechte erkannt, dass
wir Gott bitten sollen, er möge dir die Genesung wieder schenken, und dass wir,
wenn er dich einmal in sein Reich aufnimmt, deinem Sohne Wladislaw als unserm
Herzoge dienen. So sage ich, und so halte ich es für Recht.«
    Als der Bischof diese Worte geredet hatte, stand ein Priester nach dem
andern und standen die Äbte auf, und verneigten sich tief vor ihm, und in Teilen
des Saales brach ein freudiger Zuruf aus.
    Der Bischof ging wieder zu seinem Sitze, und liess sich auf demselben nieder.
    Als einige Zeit vergangen war, und die Versammlung wieder nach einem Redner
schaute, stand der alte Bolemil auf, und sprach: »Nach dem hochehrwürdigen
Bischofe Silvester kömmt die Rede an mich. Meine Worte werden gewiss vergeblich
sein, weil die Jugend und viele Männer nach ihren Gelüsten vorwärts gehen; aber
ich rede sie, weil ich sie schuldig bin. Ich muss wieder von den alten Zeiten
anfangen. Als der König Wratislaw herrschte, waren auch Streite, er hatte, als
er Herzog war, viel Hader mit seinem Bruder Jaromir dem Bischofe von Prag, und
da er König war, mit seinem Bruder Konrad von Brünn, und er hatte einen
schmerzlichen Zerstoss mit seinem eigenen Sohne Bretislaw, welchen Kämpfen ich
selber schon als junger Dienstmann beiwohnte; aber diese Streite wurden immer
nur durch eine starke Aufreizung, wie sie bei Menschen vorkommen, angezündet,
und sie wurden mit Reueschmerz und mit Bruder- und Freundestränen gestillt, wie
der milde König vor Brünn mit der österreichischen Hilburg der Gemahlin seines
Bruders Konrad getan hat. Man wusste damals stets, wer Herzog sei, sein Recht war
nie in Zweifel gestellt, man tat seine Pflicht, und alle hervorragenden Männer
verehrten den König und Herzog, und das Volk insgesamt, wie sogar die Feinde des
Königs sagen, liebte ihn, von dem grössten Landmanne Böhmens bis zu dem armen
Sackpfeifer herab. Da war ein Mann, ihr müsst seinen Ruf kennen, sein Name war
Bozetech, er war Abt, und stand dem Kloster an der Sazawa vor: dieser malte
liebliche Bilder, und gestaltete aus Holz und Stein und Bein Heilige und
himmlische Erscheinungen, dass die Menschen herzu kamen, und sie mit Bewunderung
und Tränen ansahen. Er war ein hochgesinnter fröhlicher Mann, und bei dem Könige
Wratislaw sehr wohlbeliebt. Einmal griff er bei einer hohen Messe dem Bischofe
Cosmas vor, und setzte dem Könige die Krone auf. Darüber erzürnte der Bischof so
sehr, dass er ihm befahl, ein Heilandkreuz von seiner eigenen Lebensgrösse zu
schnitzen, es auf seinen Schultern nach Rom zu tragen, und es daselbst in der
Kirche des heiligen Petrus niederzulegen. Und der Mann Bozetech tat, was ihm
befohlen worden war. Wo ist jetzt einer, der, wenn er auch wüsste, was Gehorsam
ist, ein solches Zeichen gäbe, die Heiligkeit der Ordnung anzuerkennen? Das ist
zu Grunde gegangen. Damals folgten die Herzoge auf einander ohne Widerrede. Auf
den heftigen Ulrich folgte der erste Bretislaw, der das Alterserblichkeitsgesetz
errichtete, auf Bretislaw folgte der schöne Spitihnew, und auf ihn sein Bruder
unser König Wratislaw, auf diesen sein Bruder Konrad, und auf Konrad der Sohn
Wratislaws der zweite Bretislaw, der die Alterserblichkeit zerstörte. Daraus
folgten die bösen Kämpfe, von denen ich heute schon gesprochen habe. Vor der
Alterserblichkeit, da die Söhne der Herzoge nach der Väter Tode immer das Land
teilten, waren auch blutige wilde Streite. Diese Streite aber heilte das
Alterserblichkeitsgesetz; es brachte aber andere. Der Herzog, welcher seinen
Kindern und Brüdern wohl will, wird sie eifriger als Nachfolger wünschen als den
ältesten des Geschlechtes, der seiner Liebe sehr entfernt sein kann, und weil er
die Macht hat, wird er versucht sein, sie zu gebrauchen. Der heftige zweite
Bretislaw, der schon in seiner Jugend auf einem Kriegszuge durch ein
unvorsichtiges Bad in einem Flusse, durch welches er die Feinde auf sich lockte,
vielen Grossen des Reiches, die ihn bewachten, den Tod bereitete, der den Freund
seines Vaters Wratislaw Zderad, welcher ihm dies einmal vorwarf, tötete, und
dadurch Misstrauen zwischen sich und seinem Vater und sogar einen sündhaften
Sohneskrieg entzündete, hat es getan. Er hat mit seinen Lechen und Zupanen
seinem Bruder Boriwoy gegen das Alterserblichkeitsgesetz die Nachfolge
gesichert, weil er dem gesetzlichen Nachfolger seinem Vetter Ulrich zürnte. Ihr
wisset, wie er geendet hat. In dem Walde von Bürglitz ist er von einem Manne
ermordet worden, wie man sagt, aus Rache der Wrse Bozei und Mutina, die er
verbannt hatte. Wer durch Totschlag zeigt, dass er das Leben eines Menschen nicht
achtet, gibt andern die Lehre, das seine auch nicht zu achten. Und doch war er
sonst ein guter Mann, er herrschte zur Wohlfahrt des Landes, und da er auf so
traurige Weise gestorben war, weinte Jung und Alt um ihn. Nach seiner Herrschaft
kam, wie sie kommen musste, eine völlige Unsicherheit in die Nachfolge. Dem von
ihm eingesetzten Boriwoy entriss Swatopluk die Herrschaft, nach der Ermordung
Swatopluks im Kriegslager wählte das Heer auf fremdem Boden für sich einen
Herzog und zwar Otto den Bruder Swatopluks, ein Wahllandtag zu Hause wieder für
sich Wladislaw den Bruder Boriwoys und Halbbruder Bretislaws, und es kam zu
einem Vergleiche, in welchem Otto seinem Anspruche entsagte. Wladislaw aber gab
aus eigenem Willen auf seinem Sterbebette die Nachfolge Sobeslaw unserm jetzigen
Herzoge, der unter der Freude des Volkes den Fürstenstuhl bestieg, und nun, da
der Herzog noch lebt, da der nächste Herzog schon belohnt und anerkannt ist,
sind wir wieder versammelt, einen Herzog zu wählen. Was kann aus diesen Dingen
werden? Durch die Ungewissheit der Nachfolge sind von jenem Bretislaw an mehrere
Hunderte der hervorragenden Männer der Länder um das Leben gekommen, und viele
Tausende des Volkes in das Grab gesunken, es sind Städte in Asche gelegt, Dörfer
dem Erdboden gleich gemacht, und saatreiche Fluren in Einöden verwandelt worden,
und das Land ist immer mehr in die Abhängigkeit von Fremden gekommen, weil
jeder, der den Herzogstuhl verlangte, gerne auswärtige Hilfe suchte, wie Boriwoy
Swatopluk und wie Otto und wie selbst der edle Wladislaw. Diese Übel, die jetzt
in unserer Zeit sind, gehen tiefer, und fassen mehr alle Bestandteile der Länder
an als die, welche früher gewesen sind. Und wenn sie fortdauern, so wird der
Herzogstuhl zittern, wird ein Schatten werden, und in die Macht eines fremden
Mannes fallen. Nicht die Frage ist jetzt die grösste, wer soll Herzog sein,
sondern die, wie soll die Nachfolge bestellt werden? Und wenn ihr heute in
unserer Versammlung den Besten wählt, welcher auf dem Erdboden ist, und wenn er
ein langes Leben führt, und während dieses langen Lebens die Länder wohl
beherrscht, so ist das Unglück nur aufgeschoben, und es bricht nach seinem Tode
aus, es wäre denn, dass dort wieder der Beste gewählt werden könnte, und so immer
fort, und dass jeder Gewählte die Macht habe, die, welche die Wahl als kein
Gesetz erkennen wollen, nieder zu halten. Wie ich zu erkennen meine, neigen sich
die Herren der Länder Böhmen und Mähren dahin, die Herzoge nach dem Tode der
Vorgänger von nun an durch die Wahl zu bestellen; aber dann wäre es besser, zu
dem verlassenen schlechten Alterserblichkeitsgesetze zurückzukehren, als alles
auf diese Spitze zu setzen. Es scheint glaublich, dass man durch die Wahl immer
sollte den Besten erkiesen können; aber ich habe lange gelebt, und viele
Menschen gesehen: wie wenige gibt es, die zu wählen verstehen, und wie wenige,
die wählen dürfen. Wenn auch die Herren der Länder Böhmen und Mähren das Land
sind, so sind doch auch die Bauern da und die anderen, derer sie gedenken
müssen; aber auch wenn sie ihrer gedenken, so ist die grosse Zahl der Menschen
so, dass sie zuerst ihrer selbst gedenkt, und auch nicht recht ihrer selbst
sondern ihrer Lust. Die, welche nach dem Fürstenstuhle trachten, werden
Versprechungen machen, und wenn der gewählte Herzog einigen zuwider handelt, so
werden sie sich verbinden, einen neuen zu wählen, der gefügiger ist, und wieder
einen andern, und dieses werden sie gerade desto mehr tun, je mehr sie durch
Kriege, die diese Dinge begleiten, wild und begehrlich geworden sind. Sie werden
sich teilen, bis ein Fremder den geschändeten Stuhl nimmt, wie in den traurigen
Zeiten des rotaarigen Boleslaw schon der polnische Boleslaw getan hat. Möge
dann der Fremde eine milde weise und mächtige Hand über die Länder strecken.
Diese meine Augen, so alt sie sind, können es noch sehen, dass viele von denen,
die heute für Wladislaw den Sohn des vorigen Herzoges Wladislaw stimmen, wenn er
erwählt ist, wieder von ihm abfallen, und gegen ihn in den Waffen stehen. Ich
muss daher mit christlichem Glauben sagen: Haltet euer Versprechen, welches ihr
Wladislaw dem Sohne unseres Herzoges Sobeslaw gegeben habt, und huldiget ihm
nach dem Tode seines Vaters als Herzog. Vereinigt euch um ihn, und ihr werdet
mit ihm, wenn er auch jung ist, im Rechte stark sein, wie der hochehrwürdige
Bischof Silvester gesagt hat, sonst aber schwach. Das Versprechen in Sadska war
nicht erzwungen; denn es musste keiner hingehen, oder er konnte es wieder ohne
Zusage verlassen. Wenn aber die Herrschaft dieses Wladislaw mit euch fest
gegründet ist, dann verbindet euch mit ihm, und errichtet in langem und reifem
Rate eine Herrscherfolge, dass das jetzige Unheil und alles künftige vermieden
werde. So spreche ich, und kann in meinem Alter die Gedanken nicht mehr ändern.«
    Nach diesen Worten setzte sich Bolemil wieder nieder.
    Als er geendigt hatte, brachen Rufe aus: »Ja, unsere Lage ist sehr übel«,
»er hat recht, wir sind in Wut und Kämpfe geraten«, »das Land geht dem Unheile
entgegen«, »das muss geändert werden«, »wir wollen nicht wieder Gut und Blut
verlieren«, »wir sollen nicht von hier fortgehen, bis alles geordnet ist«, »wir
müssen einmal Ruhe haben.«
    Hierauf waren die Laute nicht mehr verständlich, und es war ein blosses
Getümmel.
    Als durch eindringliche Zeichen des Bischofes Zdik das Tosen sich gelegt
hatte, und eine solche Stille eingetreten war, dass man Worte vernehmen konnte,
rief er: »Die Reihe der Rede ist nun an mir.«
    Da es ganz stille geworden war, sprach er: »Ich habe nur weniges zu sagen;
aber bedenket es. Als wir vor zwei Jahren in Sadska waren, haben wir ein gutes
Werk vollbracht. Wir haben den künftigen Herzog vorbestimmt, dass bei dem
Übergange der Herrschaft die Ordnung des Reiches gewahrt werde. Unser edler
Herzog Sobeslaw war noch nicht so alt, dass wir an seinen baldigen Hintritt
hätten denken sollen, und wir erwarteten, dass er seinen Sohn Wladislaw, den wir
anerkannt hatten, unter seinen Augen zum festen Herrscher bilden werde, wie er
selbst ist. Das ist aber anders geworden, unser Herzog ist dem Tode nahe, und
sein Sohn Wladislaw ist erst einundzwanzig Jahre alt. Die Zeiten aber sind
verwirrt, und die Meinungen wenden sich nach so verschiedenen Richtungen, dass
ein junger Herzog sie nicht vereinigen wird können, dass er nach dem weichen
Jugendherzen ihnen abwechselnd folgen wird, und dass wir dadurch Kriegen und
Zerrüttungen entgegengehen. Wenn wir das Versprechen, welches wir in Sadska
gegeben haben, nicht halten, so begehen wir keine Sünde; weil die Vorbedingung,
welche wir uns alle bei dem Versprechen gedacht haben, nicht erfüllt worden ist.
Durch die Haltung des Versprechens würden wir die Übel herbeiführen, welche wir
durch das Versprechen beseitigen wollten. Daher ist mein Glaube, dass wir einen
andern Herzog wählen sollen, der jetzt schon auszuführen im Stande ist, was wir
erst in künftigen Zeiten von Sobeslaws Sohne erwarten könnten. Ich weiss einen
Mann, der es kann. Wenn mein armes Leben für ihn zur Bürgschaft angenommen
würde, und wenn dieses Leben verlangt würde, dass man ihn wähle, so lege ich es
hin. Es ist Wladislaw der Sohn unseres vorigen Herzoges Wladislaw, der gütig und
weise geherrscht, und der uns auf seinem Sterbebette unsern jetzigen Herzog
gegeben hat. Der Sohn Wladislaw ist so jung, dass er zu edler Tat kräftig ist,
und so alt, dass er Einsicht und Erfahrung hat, sein Körper ist schön und stark,
dass er zu hohen Jahren gelangen kann, sein Geist ist hell und klug, sein Gemüt
wohlwollend und leutselig, er liebt uns, er wird die Rechte des Landes achten,
sein Wohl befestigen, und es ist etwas in ihm, dass er es vielleicht auch noch zu
hohem Glanze heben kann. Ich rede aus sorgfältiger Beobachtung, und rede nicht
für mich. Ich sage: Wählen wir Wladislaw den Sohn unsers vorigen Herzogs
Wladislaw zu unserem nächsten Herzoge, und setzen wir ihn, wenn in Kürze der Tod
Sobeslaws erfolgt, auf den Fürstenstuhl. Wenn es aber Gott dem Allmächtigen
gefällt, unsern vortrefflichen erlauchten Herzog Sobeslaw aus seiner jetzigen
schweren Krankheit wieder zur Gesundheit zu führen, so soll der heutige Beschluss
nichtig sein, und wieder das Versprechen in Sadska gelten. So rede ich, und ich
bitte euch, beherziget es.«
    Nach diesen Worten ging Zdik zu seinem Sitze.
    Es entstand nun wieder ein starkes Rufen und eine Bewegung der Körper,
daraus nichts zu entnehmen war, bis einzelne Stimmen durchdrangen, die riefen:
»Lasst weiter sprechen, lasst weiter sprechen.«
    Als es ruhiger geworden war, stand Diwis von seinem Platze auf, und da sich
alle gegen ihn wandten, um ihn zu hören, sprach er: »Ich bin ein alter
schlichter Mann, und sage: Bleibt bei eurem Worte.«
    Auch jetzt folgten verworrene Rufe.
    Da hierauf eine kleine Weile niemand geredet hatte, stand in der ersten
Reihe der Mann mit dem weissen Barte und dem weiten dunkelpurpurnen Sammetgewande
auf, trat einige Schritte gegen den freien Raum, kehrte sich gegen die
Versammlung, und sagte: »Ich bin Nacerat der Sohn des Tas.«
    Ein allgemeiner Jubelruf folgte diesen Worten.
    Als er verhallt, und tiefe Stille eingetreten war, sprach der Mann: »Liebe
gewogene ansehnliche Herren! Ich bin ein unbedeutender Mann in diesen grossen und
mächtigen Ländern.«
    »Der bedeutendste«, rief eine Stimme.
    »Ein unbedeutender Mann«, fuhr Nacerat fort.
    »Nein, nein, nein«, rief eine Menge von Stimmen.
    »Meine Worte sind nicht wichtig«, sagte Nacerat.
    »Ja, ja, ja, ja«, rief es durcheinander.
    »Liebe Ansehnliche«, sagte Nacerat, »wenn ihr mir wohlwollet, so höret
mich.«
    »Hört ihn«, riefen Stimmen.
    Als es stille geworden war, sprach Nacerat: »Ich bin unbedeutend in dieser
hohen Versammlung. Meine Worte werden keine Triftigkeit haben, und werden in den
Waagschalen, die ihr in euren weisen Händen haltet, und die ihr schon gerichtet
haben werdet, nichts ändern; aber ich glaube, dass in diesen schweren Zeiten der
Grosse und Kleine reden muss, damit er seinen Anteil zeige. Diese erhabene
Versammlung ist eine wichtige aber friedfertige, ich bin ohne Waffen gekommen,
weil sie ihr Werk in Frieden und Eintracht schlichten wird, wie einmal in
vergangenen Zeiten unser Land in Glück und Frieden verwaltet worden ist. Ihr
werdet wissen, und es ist in schönen lateinischen Worten aufgeschrieben, dass
unser Volk ein stilles gewesen ist; es hat nur fremde Angriffe abgewehrt, und
hat dazu einen Kriegsführer gewählt, der danach wieder keine Macht hatte. So war
der Vater Cech, der vor siebenhundert Jahren unsere Leute in dieses Land geführt
hat. Nach ihm erscheint kein Gewaltaber. So war Samo vor fünfhundert Jahren,
dem wieder keiner folgte. Für das Wohl und das Recht der Gemeinden sorgten die
Ältesten dieser Gemeinden, denen daher der Name Starosten blieb. Und die
Versammlung der Starosten aller Gemeinden ordnete und verwaltete auf Landtagen
das Land. Wer durch Besitz und Erfahrung hervorragend war, der konnte auch in
jüngeren Jahren ein Starost werden. So entstanden die Namen Lechen Kmeten
Wladyken. Wenn einer durch Weisheit bekannt war, gehorchten ihm die andern
freiwillig wie einem Fürsten, und er hatte die väterliche Macht. So war Krok.
Aber wie damals die Kinder nach dem Tode ihres Vaters ihr Erbe ungeteilt liessen,
und sich zur Verwaltung desselben aus ihrer Mitte einen Wladyken wählten, so
geschah es auch zuweilen, dass die Landeskinder zur Verwaltung des Landes
gleichsam einen Wladyken des Landes wählten, der dann ihr Fürst war. Das ist in
späteren Zeiten stets öfter geworden. Die Landeskinder aber sind immer die
Lechen Kmeten und Wladyken gewesen. Sie sind in diesem Saale versammelt. Der
Herzog herrscht nur durch sie und mit ihnen. Eure Rechte müssen vor denen des
Herzogs gewahrt werden, weil er aus euch hervorgeht. Nur so wird eine glückliche
friedfertige Zeit, in der ein einzelner nicht die Kraft und das Gut aller für
sich gebrauchen und verwenden kann. Es sind aber unter den Herzogen solche
gewesen, welche die Rechte der Landeskinder nicht gewürdiget, und nur ihr
eigenes Wohl bedacht haben. Selbst unser edler erlauchter und ruhmreicher Herzog
Sobeslaw, dem Gott die Wiedergenesung schenken möge, hat nicht immer den Rat der
Grossen verlangt, und sie öfter abseits stehen lassen. Darum bin ich auch für
seinen Boten in dieser Versammlung nicht aufgestanden, wenn es mir gleich nicht
unlieb ist, dass derselbe vor uns auf einem Stuhle sitzt. Weil nun euch als
Landeskindern die Wahl des Herzogs zusteht, so habt ihr gewiss schon bis zur
Schlussfassung erwogen, wer der künftige Herzog sein wird, und dass er eure Rechte
achtet. Wir können euch nur für diese Tat den tiefsten Dank bringen, da durch
sie wieder das Glück und die Ruhe und der Reichtum in unsere Fluren einkehrt,
wie es einstens gewesen ist. Wir die wenigeren haben in der Zeit vor eurem
Erscheinen in dieser Stadt und in diesem Saale mehrere Zusammenkünfte gehabt,
und haben auch auf diese Dinge unsere Gedanken gerichtet. Es ist uns der Mann zu
Sinne gekommen, den früher mein Bruder Znata genannt, und den der hochehrwürdige
Bischof von Olmütz empfohlen hat, Wladislaw der Sohn unsers vorigen edlen
Herzogs Wladislaw. Er ist gut und freundlich, er liebt unsere Kinder, teilt ihre
Freuden und Leiden, hört ihre Meinungen, spielt ihre Spiele, und scheut ihre
Rechte, er hat Ehrfurcht vor ihren Vätern und dem Rate derselben. Wenn ihr aber
den andern Wladislaw den Sohn Sobeslaws wählen werdet, so ist es gewiss, dass ihr
überzeugt seid, dass derselbe noch mehr eure Rechte schützen, noch mehr euren Rat
hören, noch mehr die Landeskinder beglücken wird. Ich ende meine Worte, die
schon zulange gedauert haben.«
    Nacerat ging wieder zu seinem Sitze.
    Es entstand nun ein so starkes Rufen, dass es betäubend war: »Nicht der Sohn
Sobeslaws«, »dein Wladislaw«, »Wladislaw«, »Wladislaw«, »Wladislaw.«
    Der Sohn des Nacerat hatte sein Schwert samt der Scheide aus dem Gürtel
gelöst, und schwang es vor Freude jauchzend um sein Haupt. Die meisten der
Anwesenden begannen mit ihren Händen an die Scheiden der Schwerter zu schlagen,
dass es rasselte und klirrte. Die meisten standen auf, viele traten auf ihre
Sitze.
    Als wieder Stimmen vernehmbar wurden, hörte man neuerdings nur die Worte:
»Wladislaw«, »Wladislaw«, »Wladislaw.«
    Da das Rufen sich abschwächte, drangen Stimmen mit den Worten vor: »Nicht
mehr sprechen«, »nicht mehr sprechen.«
    Der grossgewachsene schwarzhaarige Predbor rief mit einer furchtbaren Stimme:
»Wladislaw ist gewählt.«
    Es erscholl nun wie aus einem Munde: »Wladislaw ist gewählt«, »Wladislaw ist
gewählt.«
    Endlich nach geraumer Zeit ging Zdik zu der Glocke, und schlug mit Gewalt
auf dieselbe.
    Als die Unruhe sich gemindert hatte, rief er: »Und wenn ihr auch auf diese
Weise gewählt habt, so müssen doch noch, die zu reden befugt sind, gerufen
werden, und es muss die Abstimmung folgen.«
    Ben trat vor, und rief: »Ich fordere als zweiter Führer der Versammlung
diejenigen auf, zu reden, welche noch angemeldet sind.«
    »Wir sprechen nicht mehr«, riefen mehrere Stimmen.
    Ben rief wieder: »Wenn niemand mehr sprechen will, muss die Antwort durch
Schweigen geschehen. Ich rufe daher noch einmal die nächsten Redner auf, zu
sprechen.«
    Es erfolgte keine Antwort.
    »So ist die Sprache über die Herzogswahl geschlossen«, rief Ben.
    »Geschlossen«, ertönte eine Menge von Stimmen.
    Zdik gab jetzt mit drei langsamen Schlägen das Zeichen, dass man sich zur
Abstimmung richte. Dann rief er: »Dass man stimmen könne, müssen die Männer
dieser Versammlung sitzen.«
    Als sich alle niedergesetzt hatten, rief er: »Ich Zdik der Bischof von
Olmütz der erste Führer dieser hohen Versammlung fordere alle diejenigen auf,
sich von ihren Plätzen zu erheben, welche des Sinnes sind, dass Wladislaw der
Sohn des erlauchten verstorbenen Herzogs Wladislaw nach dem Tode unseres
ruhmreichen Herzogs Sobeslaw Herzog der Länder Böhmen und Mähren werde.«
    Nacerat erhob sich von seinem Sitze, Znata, der alte Milota, Ctibor, alle
jungen Männer standen auf, immer mehrere erhoben sich, auch Priester, bis
endlich fast die ganze Versammlung neben ihren Sitzen stand.
    Zdik rief mit lauter Stimme: »Wladislaw der Sohn des letzten gestorbenen
Herzoges Wladislaw ist von den Herren der Länder Böhmen und Mähren für den Tod
des Herzoges Sobeslaw zum Herzoge dieser Länder gewählt worden. Die Wahl wird in
die Pergamente eingetragen werden.«
    Ein Jubel entstand nun, der den Saal erzittern und die Luft beben machte.
    Nach langer Zeit konnte man erst die Rufe vernehmen: »Nun ist alles
glücklich geendet«, »nun ist wieder das Glück im Lande«, »nun sind wir endlich
einmal erlöst«, »nun ist alles gut.«
    Zdik gab ein Zeichen, dass er reden wolle.
    Als man ihm durch vieles Bemühen Frist zum Sprechen gemacht hatte, sagte er:
»Nun beantrage ich, dass eine Botschaft an den Gewählten, der sich in Wien
befindet, abgeordet werde, und auch eine Botschaft, welche dem Herzoge Sobeslaw
Nachricht von dem Geschehen gebe.«
    Nacerat stand auf, und sprach: »Ich meine, dass der Antrag gut ist, senden
wir die Botschaft an Wladislaw, und ich schlage vor, dass wir uns in drei Tagen
zur Beratung der Botschaft an Sobeslaw versammeln.«
    »In drei Tagen an Sobeslaw, in drei Tagen an Sobeslaw«, riefen fast alle.
    Und es ward wieder ein Rufen und Jubeln.
    Der Bischof Silvester trat in den freien Raum, hob seine Arme empor, und
bewegte sie zum Zeichen, dass er reden wolle. Aus seinen blauen Augen flossen
Tränen über seinen weissen Bart auf sein Kleid hinunter.
    »Der Bischof will reden, der Bischof will reden«, riefen mehrere Stimmen.
    Als es stille geworden war, rief der Bischof Silvester mit lauter Stimme:
»Ich Silvester der erwählte Bischof von Prag als oberster Seelenhirt des Landes
Böhmen widerspreche der Wahl. Sie ist vor dem dreieinigen Gotte ungültig und
sündhaft. Und wenn der heilige Adalbert, der unser Vorbild ist, sein Amt
niedergelegt hat, weil er nicht verantworten konnte, dass seine Untertanen
heidnische Gebräuche nicht ablegten, so kann ich nicht verantworten, dass die mir
Anvertrauten freiwillig und feierlich das Gebot des Herrn verletzen, und lege
mein Amt nieder. Mein Gebet wird fortan sein, dass Gott dem Lande nicht entgelten
lasse, was seine besten Söhne gesündigt haben.«
    Ein wildes Geschrei entstand auf diese Worte. Der Bischof ging gebeugten
Hauptes zu seinem Sitze, und setzte sich auf denselben nieder.
    Die meisten schickten sich an, den Saal zu verlassen.
    Zdik trat zu dem Bischofe Silvester, legte ihm beide Hände auf die
Schultern, schaute ihm in das Angesicht, und sprach: »Mein Vater und Freund, mit
dem ich zu Jerusalem an dem Grabe des Herrn gebetet habe, es ist keine Sünde.
Eher hat Sobeslaw gefehlt, dass er nur an die Seinigen gedacht hat. Unser
Erwählter wird das Land von dem Untergange retten, und die werden arg getäuscht
sein, welche auf ihn leichtfertige und eigennützige Hoffnungen gebaut haben.«
    Silvester wischte sich mit seinem Kleide die Tränen ab, und sagte: »Mein
Sohn, es ist doch eine Sünde. Und wenn Gottes Barmherzigkeit durch euren
Erwählten das Land auf den Gipfel des Heiles führt, so wird doch die Strafe auf
die Häupter des Meineides fallen.«
    »Es geschehe, was muss«, sagte Zdik, »ein jeder kann nur nach dem gestraft
werden, was er gesündiget hat.«
    »So ist es«, sagte Silvester, und stand auf, um den Saal zu verlassen. Viele
Priester schlossen sich um ihn, und begleiteten ihn zur Tür hinaus.
    Witiko erhob sich von seinem Sitze, und schritt bei der Tür, durch welche er
hereingekommen war, in das Vorgemach hinaus. Dort fand er noch den Priester, der
ihn hergeleitet, und hier auf ihn gewartet hatte. Sie gingen mit einander fort.
    Da sie in dem Gange gingen, trat aus einem Seitengange der Bischof Silvester
mit seinen Priestern hervor. Witiko stellte sich zurück, und wollte den Greis
vorüber lassen. Dieser aber blieb vor dem Jünglinge stehen, und sagte: »Mein
gutes liebes Kind, reite zu dem Herzoge, melde ihm, was hier geschehen ist, und
sage ihm, dass ich aller Würden ledig bin, und bald kommen werde.«
    Nach diesen Worten machte er mit den Fingern ein Zeichen wie das des Segens,
und ging mit seinen Priestern weiter. Witiko folgte ihm mit seinem Begleiter in
einiger Entfernung.
    Als sie in den Hof gekommen waren, fanden sie dort eine Menge von Menschen.
Sie standen fast Körper an Körper gedrängt. Teils waren sie von aussen
hereingekommen, teils waren sie von den Räumen des Gebäudes herabgegangen.
Mitten im Hofe hielt Nacerat in seinen weiten Gewändern hoch zu Pferde, von
Freunden und andern umgeben, die Glück wünschten. Der Sohn des Nacerat in seiner
prachtvollen Kleidung zu Pferde sitzend war neben ihm. Welislaw war da, Casta,
Smil mit seinen beiden Söhnen, Ben der Kriegsanführer war da, und mehrere Diener
hielten Pferde für ihre Herren bereit, und manche stiegen auf. In der Richtung
von dem Tore her drängte sich der junge schöne schwarze Odolen der Sohn des
Striz auf einem weissen Pferde sitzend und mit dunkelbraunen Gewändern angetan
durch die Menge gegen Nacerat. Der blonde Drslaw war da, der schwarzhaarige
Bogdan, der emporragende Predbor, Milota, Nemoy, Jurik, Bartolomäus, und die
rote Feder Domaslaws ragte neben den Häuptern anderer Reiter empor. Der
blondhaarige grüngekleidete Kochan suchte sich auf einem schwarzen Pferde seinen
Weg durch das Gedränge nach auswärts, ihm folgte Milhost. An einem Fenster in
der Burg oben stand der Bischof Zdik, neben ihm der Priester Daniel der Abt von
Brewnow und andere. Alle Fenster waren mit Menschen erfüllt. Zahlreiche sehr
schöne Frauen konnte man darunter erblicken. Mädchen und Frauen aus dem Volke
standen unten im Hofe. Jubelgeschrei ertönte, und von Zeit zu Zeit rief man den
Namen des neuen Herzogs, und rief Glück und Segen. Der alte Bolemil trat aus
einer Tür in den Hof. Er wurde von mehreren jungen Männern, die wie Söhne und
Enkel aussahen, umringt, und in ihrer Mitte gegen das Tor geführt.
    Auf Witiko achtete niemand. Er ging mit seinem Priester längs der Mauer nach
dem Ausgange. Von dort eilte er gegen die Stadt. Menschen begegneten ihm, die
nach dem Wysehrad eilten. Andere gingen oder ritten von der Versammlung in die
Stadt. Auch den Bischof Silvester sah er noch einmal, wie er mit seinen
Priestern langsam der Stadt Prag zuwandelte. Witiko ging unter den Menschen, die
da waren, an ihm vorüber.
    Als er an seiner Herberge angekommen war, verabschiedete er sich von dem
Priester, der ihn begleitet hatte, dankte ihm, und bat ihn, dass er dem
hochehrwürdigen Bischofe Silvester sagen möge, dass er nicht mehr zu ihm kommen
könne, weil er unverzüglich zu dem kranken Herzoge reiten müsse. Der Priester
entfernte sich, und Witiko ging in das Haus. Dort sah er nach seinem Pferde,
verlangte ein weniges zu essen, und da beide er und das Tier gestärkt waren, tat
er wieder die Pelzdinge über seine Lederkleidung, verwahrte seine Füsse, nahm
seinen Wurfspiess, bestieg das Pferd, und ritt aus der Stadt hinaus.
    Er schlug den Weg nach Mitternacht ein, und ritt in einem grossen Bogen gegen
Hostas Burg. Er gestattete sich nur den Aufentalt, der zur Stärkung und zum
Ausruhen des Pferdes notwendig war. Die Nachterbergen machte er so kurz, als
seine Wegkenntnis und die Jahreszeit zuliess.
    Am neunten Tage des Monates Hornung traf er in Hostas Burg ein.
    Er ging sogleich zu dem Herzoge.
    »Bringst du mir die Nachricht?« fragte der Herzog.
    »Ja«, sagte Witiko, »am vierten Tage des Monates Hornung ist in einer grossen
Versammlung auf dem Wysehrad von vielen hohen und niederen Herren beider Länder
Wladislaw der Sohn deines verstorbenen Bruders des Herzogs Wladislaw für den
Fall deines Todes zum Herzoge von Böhmen und Mähren erwählt worden.«
    »Von wem hast du die Nachricht?« fragte der Herzog.
    »Von mir selber«, entgegnete Witiko, »ich bin in der Versammlung gewesen.«
    »Du bist in der Versammlung gewesen?« fragte der Herzog, »wie ist das
möglich geworden?«
    »Ich habe den hochehrwürdigen Bischof Silvester gebeten, dass er bewirke, dass
sie mich hören«, entgegnete Witiko, »sie haben mich gehört, und haben mich in
der Versammlung gelassen.«
    »Es ist mir leid um dich, mein Sohn, dass ich nicht länger lebe«, sagte der
Herzog.
    »Wer hat gesprochen?« fragte er nach einem Weilchen.
    »Znata der Sohn des Tas hat den Antrag gestellt«, antwortete Witiko, »dann
hat Zdik der Bischof von Olmütz deinen Neffen gepriesen, und dann hat Nacerat,
der andere Sohn des Tas, ihn durch eine lange Rede empfohlen, und dann haben sie
ihn ausgerufen, und es hat niemand mehr gesprochen und gehört.«
    »Was hat der Bischof Silvester gesagt?« fragte der Herzog.
    »Er hat die Wahl verdammt«, entgegnete Witiko, »und da sie nicht abgingen,
hat er sein Amt niedergelegt. Er wird bald hier sein, lässt er dir melden.«
    »Und die andern?« fragte der Herzog.
    »Der alte Leche Bolemil hat lange für dich gesprochen, und der Zupan Diwis«,
sagte Witiko.
    »Wo hast du das Kreuzlein?« fragte der Herzog.
    Witiko griff in sein Lederwams, zog das rotsammetne Beutelchen hervor, und
reichte es dem Herzoge. Der Herzog nahm es, zog das Kreuzchen heraus, küsste es,
steckte es dann wieder in das Beutelchen, und legte es mit demselben in den
Holzschrein hinter dem Bette.
    »Es ist gut«, sagte er, winkte Witiko mit der Hand zu gehen, wendete sich im
Bette seitwärts gegen die Wand, und sprach nicht mehr.
    Witiko verliess das Gemach.
    Am nächsten Tage liess er Witiko zu sich rufen. In dem Gemache war noch
Adelheid seine Gattin, die Tochter des ungarischen Herzoges Almus, dann war noch
da Maria seine Tochter, die Gattin des österreichischen Markgrafen Leopold, dann
sein ältester Sohn Wladislaw, dann Bores der Kastellan von Hostas Burg, dann
zwei Priester, zwei böhmische Herren und der Arzt.
    »Ich habe euch rufen lassen, tretet näher«, sagte der Herzog.
    Als es geschehen war, fuhr er fort: »Dir, Witiko, bin ich grossen Dank
schuldig, meine Herzogin wird ihn abstatten. Ihr andern höret: Mein Vater der
König Wratislaw hat die Kirche auf dem Wysehrad neu erbaut. Er liegt in ihr
begraben. Meine Mutter Swatawa liegt neben ihm. Legt mich neben beide, wenn ich
werde gestorben sein. Jetzt geht.«
    Sie entfernten sich.
    An demselben Tage liess die Herzogin Adelheid Witiko durch Bores zu sich
führen. Bores führte ihn in eine grosse Kammer, in der verschiedene Dinge waren.
Adelheid stand neben zwei Frauen. Als er eingetreten war, ging sie ihm entgegen,
reichte ihm ihre weisse Hand, und sagte: »Schöner Jüngling, du hast eine gute
Handlung vollbracht. Der Herzog hält sie für sehr hoch. Wir sind dir vielen Dank
schuldig. Ich sage ihn dir in guten und in herzlichen Worten. Nimm diese
Gewänder, nimm diese Waffen, nimm dieses Waffenhemd, und nimm dieses Kästchen
mit Gold, du bist noch jung, du kannst es brauchen. Du darfst diese Dinge
nehmen, die Gaben des Herzogs ehren ja sonst Hoch und Gering. Ich aber sage dir,
bleibe so, wie du jetzt bist.«
    Witiko antwortete: »Hohe Frau! ich bin wohl unerfahren; aber ich werde mich
bestreben zu lernen, was ein Mann bedarf. Diese Geschenke habe ich nicht
verdient; ich nehme sie als eine Gnade von dem guten und armen Herzoge und von
Euch, erlauchte Herzogin, und werde sie stets mit treuem Danke bewahren.«
    Die Herzogin berührte mit den Fingerspitzen ihrer rechten Hand seine Locken,
machte ein Kreuz auf seine Stirne, und winkte ihm, sich zu entfernen.
    Er neigte sich, und tat es. Ein Mann, der mit Bores gekommen war, trug ihm
die Geschenke in eine Kammer.
    Am andern Morgen reiste Maria die Markgräfin nach Österreich zurück. Sie
musste dahin, weil ihr Gatte die Burg auf dem Kahlenberge verlassen hatte, um
wieder zu dem Kriege gegen Baiern zu rüsten, das ihm von seinem Halbbruder dem
deutschen Könige Konrad an der Stelle des stolzen Heinrich zugewiesen worden
war, und das er zu gewinnen suchte. Männer, welche schöne Eisenplatten unter
ihren Pelzgewändern hatten, und Frauen in Winterkleidern begleiteten sie. Es
waren österreichische Herren und Ritter, und Frauen Marias. Der junge Wladislaw
und mehrere böhmische Herren schlossen sich dem Geleite an. Witiko sah aus dem
Fenster seiner Kammer den Zug.
    Gegen den Mittag desselben Tages kam der Abt von Ostrow, und etwas später
kamen mehrere böhmische Herren: der alte Diwis, Bozebor, der alte Lubomir,
Wsebor, und Chotimir.
    Am Nachmittage kam der Bischof Silvester. Es war Otto der Propst von Prag
bei ihm, Hugo der Propst von Wysehrad, der Abt von Kladrau, Daniel und einige
Priester.
    Der Bischof ging in das Krankengemach.
    Als ihn der Herzog erblickte, sprach er: »Silvester, du Freund meiner jungen
Tage, entbinde mich von meinen Sünden, wenn sie mir Gott verzeihen kann.«
    Der Bischof kniete vor dem Bette auf einen Schemel, und tat ein kurzes
Gebet. Dann wurden die Vorbereitungen gemacht, und am Abende empfing der Herzog
von dem Bischofe die letzten Tröstungen des Glaubens.
    Am andern Tage dem zwölften des Monates Hornung verlangte der Herzog, dass
seine Angehörigen, dann die Herren und Priester, die in der Burg waren, und
Witiko, zu ihm kommen. Als es geschehen war, winkte er seinen Sohn Wladislaw
näher, und sprach: »Mein erstgeborner Sohn Wladislaw! du bist von dem deutschen
Könige Konrad mit den Ländern Böhmen und Mähren belehnt, und von den Herren
beider Länder auf dem Tage in Sadska anerkannt worden. Jetzt aber haben sie auf
dem Wysehrad deinen Vetter Wladislaw den Sohn meines verstorbenen Bruders des
Herzogs Wladislaw für meinen Tod zum Herzoge gewählt. Unterwirf dich ihm, und
gehorche ihm, dass die Sünden nicht werden, welche in meiner Jugend gewesen sind.
Nacerat wird gegen Wladislaw nicht siegen. Ihr habt meine Worte gehört, du
Witiko bist noch jung, und wirst sie auf viele Jahre hin bewahren, und Adelheid
wird sie meinen andern Kindern, wenn sie herangewachsen sind, verkündigen. Jetzt
könnt ihr euch entfernen.«
    Die Männer gingen aus einander.
    Am dreizehnten Tage des Monates Hornung kamen noch mehrere Herren der Länder
Böhmen und Mähren.
    Am vierzehnten Tage des Monates Hornung sprach der Herzog nicht mehr, er
schaute durch das Fenster, welches nicht verhangen war, gegen Morgen, wohin noch
viele Zweige seines Stammvolkes wohnten, und als die Nachmittagschatten in
derselben Richtung zeigten, suchten seine Hände in der Wolle der Bärendecke, und
strebten sich zu falten. Der Bischof gab ihnen ein silbernes Kreuz, das sie
festielten. Das Zimmer füllte sich immer mehr mit Menschen. Der Arzt wachte
über den Herzog, die Priester sagten leise Gebete, und ehe das Licht des Tages
schied, tat er mehrere tiefe Atemzüge, dann sanken die Lider, und die Züge
wurden starr.
    Der Arzt gab mit der Hand ein Zeichen, dass alles vorüber sei.
    Der Bischof sagte: »Es ist vollbracht. Ihm wird das viele belohnt werden,
was er Gutes tat, und das wenige verziehen, was er gesündigt hat. An ihm ist
viel gesündigt worden.«
    Adelheid ging gegen ein grosses Kreuz des Heilandes, das in dem Zimmer stand,
kniete nieder, und umschlang es mit ihren Armen. Ihr Angesicht war so bleich wie
das des Toten, und ihre Augen lagen noch tiefer als die seinigen. Wladislaw
stand mit Zügen da, die weisser als die getünchte Wand waren. Die andern Kinder
hatte man in eine abgelegene Kammer gebracht.
    Witiko entfernte sich, ging in sein Gemach, und liess den Strom der Tränen
aus seinen blauen Augen rinnen.
    Ein Eilbote jagte sogleich, nachdem der Herzog die Augen geschlossen hatte,
aus dem Tore. Nacerat hatte Leute in der Burg, und an allen Orten zwischen
Hostas Burg und Prag hatte er Pferde in Bereitschaft.
    So geschah es, dass Wladislaw der Sohn des Herzogs Wladislaw am siebenzehnten
Tage des Monates Hornung auf den Stuhl der Fürsten von Böhmen gesetzt wurde.
    Wladislaw der Sohn des Herzoges Sobeslaw floh nach Mähren.
    Jetzt kamen die vorzüglichsten Männer der beiden Länder nach Hostas Burg:
Nacerat, Zdik, Smil mit seinen beiden Söhnen, Ben der Kriegsanführer, Domaslaw,
Slawibor, Nemoy, Znata, Milota, Soben, Beneda und andere. Von den umliegenden
Zupen kamen die Zupane, und von Prag viele hohe und niedere Leute.
    Die Botschaft, welche der Bischof Zdik an den Herzog beantragt hatte, war
vor dessen Tode nicht mehr zu Stande gekommen.
    Da die Vorbereitungen vorüber waren, wurde der Leib des verstorbenen Herzogs
mit Gepränge von Gold schwarzem Sammet und edlen Gesteinen, und mit geschmückten
Pferden unter dem Geleite derer, die in der Burg waren, und die sich auf dem
Wege anschlossen, nach Prag geführt. Der neue Herzog ging ihm, als er dort
angekommen war, entgegen, und geleitete ihn mit seinen Räten seinen Kriegern den
Priestern den Herren der Stadt, mit denen, die von ferne herzu gekommen waren,
und dem Volke zu der Kirche des heiligen Veit, und dann zu der auf dem Wysehrad,
und endlich zu der letzten Ruhestätte, in der er an der Seite seines Vaters
Wratislaw und seiner Mutter Swatawa niedergelegt wurde.
    Witiko wohnte der Bestattung bei. Sein Fuss trat noch auf Reste von
Tannenzweigen, die bei der Feier der Besteigung des Herzogstuhles verwendet
worden waren, und sein Auge sah noch die Spuren im Schnee, wo sich das Volk
getummelt hatte, da Münzen ausgeworfen worden waren.
    Als die Feierlichkeiten der Erhebung Wladislaws und der Bestattung Sobeslaws
vorüber waren, gingen drei Botschaften von Prag ab.
    Die erste ging an die verwitwete Herzogin Adelheid, um ihr einen Trostgruss
und eine Beileidsbezeugung des Herzogs zu überbringen.
    Die zweite ging zu Sobeslaws ältestem Sohne Wladislaw nach Mähren, dass er
nach Böhmen kommen möge, er werde freundlich und in Liebe empfangen werden, und
eine reichliche Ausstattung erhalten.
    Die dritte ging mit hohen Männern in ihren schönsten Gewändern und mit einem
Zuge von Pferden, der Gewänder Gold und Kleinodien trug, in die Burg auf dem
Kahlenberge bei Wien, um für den böhmischen Herzog bei Leopold dem Markgrafen
von Österreich um dessen Schwester Gertrud zu werben.
    Witiko wurde zu dem Herzoge beschieden. Er musste zu ihm auf den Wysehrad
gehen. Wladislaw sass, da er zu ihm in das Gemach geführt wurde, in einem
dunkelbraunen Gewande auf einem hölzernen Stuhle an einem hölzernen Tische.
Mehrere seiner Freunde sassen in prächtigen Gewändern um ihn. Er war sehr ernst
und blass.
    »Witiko«, sagte er, »setze dich auf einen jener Stühle.«
    Witiko tat es.
    »Siehst du«, fuhr er fort, indem er lächelte, »es ist doch wahr geworden,
was mir der Schalk eingegeben hat.«
    »Du wirst das Wort nicht im bösen Sinne aufbewahren«, sagte Witiko.
    »Ich bewahre es in gutem auf«, sagte der Herzog, »unsere Freundschaft soll
sich von Chynow her fortsetzen. Witiko, mein Oheim hat ein Auge auf dich
gerichtet, ich will desgleichen tun.«
    »Hoher Herr«, entgegnete Witiko, »ich bitte dich, dass du mich jetzt noch
meiner Wege gehen lässest.«
    »So hältst du mich für einen schlimmen Fürsten, dem du nicht dienen magst,
wie du damals sagtest«, entgegnete der Herzog.
    »Nein«, antwortete Witiko, »aber ich möchte nur meine Gedanken sammeln.«
    »So sei es, wie es ist«, entgegnete der Herzog.
    »Wenn ich reden darf, hoher Herr«, sagte jetzt der Sohn des Nacerat, »so
würde ich sagen, dass es jetzt ganz anders geworden ist, als wie ich von diesem
Manne damals bei Chynow gedacht habe. Er steht gegen dich auf, und sollte
vielleicht festgehalten, und wenn er stärker schuldig ist, gestraft werden. Die
Sobeslawer sind hartnäckig, und pochen auf Macht. Da ist Bolemil mit seinen
mannigfaltigen Söhnen und Enkeln, dann Diwis und sein Anhang, dann ist der böse
Lubomir, der in Daudleb mächtig ist, dann Wsebor, Bozebor, und andere. Diese
werden dich verderben, wenn du unserm Rat, die wir dir treu sind, nicht hörest.«
    In diesem Augenblicke ging Nacerat in einem sehr schönen weiten Gewande bei
der Tür herein. Er sprach einige Worte leise mit dem Herzoge, und entfernte sich
wieder.
    Dann sagte der Herzog: »Witiko, gehe deiner Wege. Ich befehle, dass ihn
niemand beschimpft oder verletzt.«
    Witiko erhob sich von seinem Stuhle, verneigte sich, und ging.
    Er ritt auf seinem grauen Pferde zu Silvester, der nach der Niederlegung
seines Amtes wieder in dem Kloster Sazawa, dessen Abt er früher gewesen war,
wohnte, und dankte ihm. Dann ritt er wieder gegen den Mittag des Landes.
 
                                       4
 Es weheten die Banner.
Am sechsten Tage nach der Erhebung Wladislaws war die Bischofswahl in Prag, weil
Silvester bei der Niederlegung seines Amtes beharrte. Es wurde Otto der Propst
von Prag zum Bischofe über Böhmen gewählt, und es ging eine Botschaft an den
Heiligen Vater nach Rom, und eine an den Oberhirten, unter dessen Stabe auch das
Land Böhmen stand, an den Erzbischof von Mainz.
    Die Leute zerstreuten sich nun von Prag.
    Der Leche Bolemil war schon früher mit seinen Söhnen und Enkeln und mit
Geleite nach dem Abende des Landes Böhmen gegangen, Diwis in seine Zupe nach
Saaz, Nemoy nach Netolic, Chotimir nach Decin in Mitternacht, Ctibor nach Austi,
und Lubomir mit den Seinigen in die Zupe Daudleb, und Zdik begab sich in seinen
Bischofsitz Olmütz zurück.
    Andere Leute gingen wieder nach Prag. Darunter waren junge Söhne von Herren,
Kriegsknechte, dann auch Gewerbmänner, Bildner in allerlei Dingen, Männer des
Wissens, Gaukler, Sänger, Sackpfeifer, Juden, Dirnen, Geldwechsler, und
ähnliche.
    Wladislaw vervollständigte noch die Ämter. Er liess die Männer, die unter
Sobeslaw Dienste geleistet hatten, in ihren Würden. Die nächsten an ihm waren
seine Brüder Diepold und Heinrich, und der alte Leche Nacerat.
    In kurzer Zeit nach der Bichofswahl ritt Wladislaw mit einem Gefolge junger
Männer nach Hostas Burg. In derselben hatte Adelheid die Witwe Sobeslaws das
Gemach, in welchem der Herzog Sobeslaw gestorben war, mit dunkeln Tüchern
behängen lassen, das Bett mit der Bärendecke und der Schrein, aus welchem er das
goldene Kreuzlein für den Bischof Silvester genommen hatte, und das hölzerne
Gesiedel, auf welchem sie gesessen war, da sie ihn pflegte, waren stehen
geblieben. Das Kreuz, das sie nach dem Tode Sobeslaws umschlungen hatte, war an
einen Fensterpfeiler gebracht worden, und davor ein Schemel gestellt. An die
Rückwand des Gemaches hatte man ihr ein Bettlein stellen müssen, in welchem sie
in den Nächten schlief. Als Wladislaw vor die Mauern der Burg gekommen war,
sandte er einen Mann zu Adelheid, um zu fragen, ob er zu ihr kommen dürfe. Sie
liess ihm durch diesen Mann sagen, dass sie ihn erwarte. Der Herzog ging also mit
den zwei Männern Welislaw und Odolen in die Burg, und wurde in das dunkle Gemach
geführt. Adelheid stand auf, da er eintrat, sie verneigten sich gegen einander,
und als ihm eine Frau einen hölzernen Stuhl gereicht, und als sich beide gesetzt
hatten, sagte sie: »Was begehrest du, mein erlauchter Vetter?«
    »Ich bin gekommen, meine erhabene Muhme«, antwortete Wladislaw, »um dir mit
meinem eigenen Munde mein Beileid über deinen grossen Verlust zu sagen, den du
durch den Tod deines Gatten des ruhmvollen Herzoges Sobeslaw erlitten hast, um
dir mit meiner eigenen Person den Schutz meiner Macht anzubieten, und um dir zu
sagen, dass ich für deine und der Deinigen Bedürfnisse sorgen werde, du magst in
welchem Orte des Landes immer wohnen, wozu dir die Wahl frei ist.«
    »Mein lieber gütiger Neffe«, erwiderte Adelheid, »du hast mir in den ersten
Tagen deiner Herrschaft einen Trostesgruss gesendet, und ich habe dir meinen Dank
dafür zurückgeschickt; nun kommst du selber, um mir dein Mitleid darzubringen,
und ich sage dir auch selber meinen Dank. Du hast meinen Gemahl geliebt, er
wusste es, und hat dich auch geliebt. Er hat anders von dir gedacht als deine
Nächsten, und seine Gedanken sind auch die meinigen. Es ist gut, dass es so ist.
Und wenn der Mensch auch auf das Irdische denken darf, nicht für sich, sondern
für seine Kinder, so habe Dank für dein Anerbieten der Versorgung, und lasse es
uns ablehnen; unsere Habe reicht für mich und meine kleineren Kinder hin,
brauche deine Macht, dass kein Vornehmer deines Reiches sie schädige. Die Wahl
meiner Wohnung lasse auf diese Burg fallen, ich begehre keine andere.«
    »Habe deinen Willen«, sagte Wladislaw, »so lange mir Gott die Macht lässt,
werde ich dich schützen. Deine kleinen Kinder werde ich zur Erhöhung unseres
Geschlechtes erziehen helfen, von den grösseren ist Maria in den guten Händen
Leopolds des Markgrafen von Österreich, und wird durch seine Schwester Gertrud
mit mir und dem Lande noch mehr verbunden werden, und deinen Sohn Wladislaw
werde ich aus Mähren nach Böhmen zu einer Ausstattung ziehen, wie sie einem
aufgesprossten Reise des heiligen Stammes Premysls ziemt. Bleibe mit deinen
Kindern in dieser Burg, so lange Frieden in dem Lande ist, und so lange du es
wünschest, da du das Gedächtnis Sobeslaws hegst.«
    »Es wird immer das nämliche bleiben«, sagte Adelheid.
    »In diesem Hause kann dein Herz nicht genesen«, erwiderte Wladislaw.
    »Es ist mir hier am wohlesten«, sagte Adelheid.
    »So sei es«, entgegnete Wladislaw.
    »Lasse es sein«, sagte Adelheid, »und lasse mir das Vertrauen auf deine
Worte.«
    »Ich nehme dieses Vertrauen als eine Freude auf meinen Weg«, antwortete
Wladislaw.
    »Befiehl nun deinen Männern«, sagte Adelheid, »dass sie in die Burg kommen,
damit man sie bewirte. Es werden noch Vorräte aus den Tagen Sobeslaws da sein.
Bores wird sorgen.«
    »Ich werde meine Männer nicht in die Burg führen«, antwortete Wladislaw,
»dass sie dich nicht stören. Wir haben unsere Erquickung auf Säumern mit, und
können sie überall einnehmen. Bores bleibt dein Kastellan, nur in Dingen des
Baues dieser Burg und ihrer Sicherheit muss er mir gehorchen.«
    »So bringt drei Becher Wein für die drei Männer, meine liebe Agnes«, sagte
Adelheid.
    Eine der Frauen, die um Adelheid waren, entfernte sich, und brachte auf
einem Tragbrette drei silberne Becher mit Wein. Adelheid nahm den schönsten der
Becher, nippte von ihm, und reichte ihn Wladislaw. Dieser setzte ihn an die
Lippen, und trank den Wein aus. Die zwei andern Becher wurden den Männern
Welislaw und Odolen gereicht, und sie leerten dieselben ebenfalls.
    »Und nun hast du die Bewirtung in deinem Hause an uns vollbracht«, sagte
Wladislaw, »und wir verabschieden uns. Erlaube daher, hohe Muhme.«
    Er näherte sich ihr, und küsste sie auf ihre Stirne.
    Dann stand er vor ihr, sie aber hob ihre Hände empor, legte sie auf sein
Haupt, und gab ihm den Kuss auf die Stirne zurück.
    »Gott lasse alle deine Unternehmungen gedeihen«, sagte sie.
    »Möge dein Gebet nur bewirken, dass die besten an ihr Ziel kommen«,
antwortete er.
    Dann nahm er sie noch einmal bei der Hand, und wendete sich zum Gehen. Sie
ging an seiner Hand und seiner Seite bis zur Tür. Dann neigten sie sich, lösten
die Hände, er ging zur Tür hinaus, sie in das Gemach zurück.
    Draussen schlug er mit den Seinigen wieder den Weg nach Prag ein.
    Als er nach Prag zurück gekommen war, sandte er Boten nach den Herren Jurik
Bohuslaw und Zdeslaw.
    Als diese zu ihm gekommen waren, sagte er: »Bereitet euch, ihr drei Herren,
und reitet in die Stadt Kiew, dort werdet ihr einen Mann aus dem Stamme unseres
geheiligten Premysl finden. Es ist Otto der Sohn des schwarzen Otto des Sohnes
des schönen Otto, der ein Bruder des Königs Wratislaw gewesen ist. Er ist nach
der Schlacht bei Chlumec, in der sein Vater durch die Scharen Sobeslaws gefallen
ist, entflohen und nicht mehr zurück gekommen. Sagt ihm: Wladislaw der Herzog
der Länder Böhmen und Mähren lässt dir seinen Gruss entbieten, und lässt dir sagen:
Das Herzogtum von Olmütz ist bei deinem Grossvater Otto gewesen, es ist bei
deinem Vater Otto gewesen, und wird bei dir dem dritten Otto sein. Folge uns,
und gehe zu dem Herzoge Wladislaw, dass er dir das Land übergebe. Die Briefe,
welche ihr dem Manne reichen sollet, werden verfertiget werden. Indessen wählt
eure Begleiter, und richtet eure Dinge in Ordnung.«
    Die drei Männer versprachen es, und verliessen das Gemach.
    Darauf sandte der Herzog Boten an die Herren Bogdan, Sezima und Zwest.
    Als sie gekommen waren, sprach er: »Seid gebeten, ihr Männer, nach Mähren in
die Stadt Znaim zu reiten. Dort ist bei dem Herzoge Konrad der erstgeborne Sohn
des verstorbenen Herzoges Sobeslaw namens Wladislaw. Sprecht zu ihm: Wladislaw
der Herzog von Böhmen und Mähren lässt dir in Liebe und Freundschaft sagen, da du
auf seine erste Botschaft, die dich nach Böhmen eingeladen hat, geantwortet
hast, dass du sehr gerne kommen werdest, so bittet er dich, du mögest das Geleite
dieser Männer nach Prag nicht verschmähen, dass er dir wie ein Bruder sei, dass er
dir gebe, was dein Rang und dein Herkommen heischt, und dass du nach Gefallen
seine Umgebung verherrlichest. Wenn du mit seinen Männern nicht zu ihm kömmst,
so wird er mit Leid sehen, dass du gegen ihn feindlich gesinnt bist. Macht eure
Vorbereitung, und empfangt dann, was an ihn wird geschrieben werden.«
    Er entliess sie, und sie entfernten sich.
    Da diese Herren ihr Gefolge ausgelesen, sich gerüstet, und die Schriften
empfangen hatten, ritten sie ihrer Bestimmung zu.
    Als sich der Monat März zu Ende neigte, kam die Braut Wladislaws, Gertrud,
die Schwester Leopolds des Markgrafen von Österreich nach Böhmen. Ein grosses
Geleite von Frauen und Herren war bei ihr. Es waren Chunrad von Asparn, Bruno
von Pusinberg, Wernhard von Brun, Hadmar und Albero von Chunring, Heinrich von
Gundramsdorf, Marchard von Hintberg, Heinrich von Mistelbach, Hartung von
Ruhenegk und Wolftrigil von Stein. Der Herzog sendete ihr eine gleiche Zahl von
Männern entgegen: Nacerat, Smil, Ben, Znata, Milota, Bartolomäus, Wecel,
Drslaw, Domaslaw, und Stibor. Sie legten alle Pracht an, welche ihr Reichtum
erlaubte, erwarteten den Zug an der Grenze, und geleiteten ihn nach Prag. Dort
wurde die Vermählung vollzogen, und der Herzog Wladislaw und die Herzogin
Gertrud gingen sogleich gegen Würzburg, um am siebenten Tage des Monates April
mit dem deutschen Könige Konrad, dem Halbbruder Gertruds, in dieser Stadt
zusammen zu treffen.
    Als Wladislaw wieder zurück gekommen war, ritt er mit einem Geleite in seine
Burgen. Er ritt in die erste, untersuchte sie, und ordnete an. Dann ritt er in
die zweite, und tat desgleichen, und so fuhr er fort.
    Witiko aber, da er Silvester verlassen hatte, ritt gegen Mittag durch die
Orte Dobris Pisek und Netolic, bis er zu dem grossen Walde gekommen war, der im
Mittag und Abende das Land Böhmen von dem Lande Baiern schied. Es war jetzt
Schnee auf seinen Zweigen und zwischen seinen Stämmen, und oft längere Zeit die
Stille des Winters. Witiko ritt in die Gehölze hinein, und in ihnen fort. An
manchen Strecken hatte er einen Führer. Am Mittage des dritten Tages, da er im
Walde ritt, kam er über einen sanften Waldhang zu einem flachen spitzigen aber
baumlosen Berg, auf dessen Gipfel ein rotes Kreuz stand. Witiko ritt an dem
Berge vorüber, und kam an dessen Mittagseite zu einer hochfenstrigen Kirche,
deren Turm ein braunrotes Keildach hatte, darauf kein Schnee war. Die Kirche war
in geringer Entfernung mit einer Mauer umgeben. Von ihr ging das Land sanft
gegen Mittag nieder, und es standen auf ihm zwei Zeilen von Häusern und Hütten
hinab. Hinter und zwischen den Häusern und Hütten standen noch Bäume des Waldes.
Weiter unten war ein kahles Tal, und jenseits des Tales stand eine Waldwand,
welche höher und mächtiger war als alle, die Witiko bisher überritten hatte. Im
Mittage dieser Wand mussten die Fluren sein, durch die Witiko vor zwei Jahren
gekommen war, als er von Heinrich und den Angehörigen desselben Abschied
genommen hatte.
    Er ritt an der Ringmauer der Kirche vorüber, und ritt dann zwischen den
Häusern hinunter. Gegen das Ende derselben lag ein wenig gegen Morgen von den
andern entfernt ganz allein ein steinernes Haus. Witiko lenkte von seiner
Richtung ab, und ritt auf einem schmalen Schneepfade, der sich ihm bot, dem
Hause zu. Als er dort angekommen war, ritt er durch das Tor, das sich in einer
Mauer, die vom Hause weg ging, befand, und offen stand, in den Hof. Der Hof war
gebildet durch das Haus, den Torbogen, einen steinernen Schoppen, eine steinerne
Scheuer und einen steinernen Stall. Witiko stieg im Hofe von seinem Pferde. Da
kam ein alter Mann aus dem Hause. Da ihn Witiko erblickte, rief er: »Sei
gegrüsst, Martin.«
    Der alte Mann rief: »Witiko, Ihr seid es, um Gott, welch eine Freude. Da
müssen wir ja gleich das Pferd versorgen.«
    Sie führten das Pferd in den Stall, befreiten es von Sattel und Zaum, hingen
es mit einer Halfter an, und deckten, dass es sich langsam abkühle, eine grosse
Wolldecke, die da war, über den Leib. Dann schlossen sie die Stalltür gut zu,
und gingen in die Stube.
    »Da seid Ihr wieder nach so langer Zeit, Witiko«, rief der alte Mann.
    Witiko legte seinen groben Wollmantel ab, nahm seine Lederhaube von dem
Haupte, legte sie auf den Tisch, und setzte sich selber auf einen Stuhl.
    »Ja, da bin ich«, sagte er, »und werde wohl eine gute Weile bei euch
bleiben.«
    »Das ist sehr erfreulich«, antwortete der alte Mann, »aber wie werdet Ihr im
Winter in dem Walde bleiben können?«
    »Im Winter, und vielleicht noch länger«, sagte Witiko.
    »Da muss ja das Haus zubereitet werden«, erwiderte der Mann.
    Er ging nach diesen Worten zu der Tür der Stube und rief hinaus: »Lucia!
Lucia!«
    Eine Magd kam herein, welche in einen kurzen dunkeln und faltigen Rock
gekleidet war, eine weisse Schürze und ein weisses Tuch um das Haupt hatte. Sie
fragte nach dem Begehren des alten Mannes.
    »Der Sohn der Herrin dieses Hauses wird im Winter und im Sommer und
vielleicht noch länger hier bleiben«, sagte er, »du musst ihm ein Essen bereiten,
musst in den Ofen neues Holz legen, und musst das Haus in den gehörigen Stand
setzen.«
    »Ich werde sogleich heizen«, sagte das Mädchen, »werde Speisen auf den Herd
setzen, und wenn die Dinge ins Sieden kommen, werde ich zu Doroteens Agate
gehen, dass sie mir mit ihrer Schwester bei dem Ordnen des Hauses hilft.«
    »Tue so«, sagte der alte Mann, und die Magd verliess das Zimmer.
    Dann sagte der alte Mann zu Witiko: »Wir haben schon gegessen, und Ihr müsst
nun ein wenig warten, bis für Euch aufs neue etwas bereitet wird.«
    »Ich kann leicht warten«, entgegnete Witiko.
    »Ihr seid sehr lange nicht in diesem Eurem Hause gewesen«, sagte der Mann.
    »Nun bin ich hier«, entgegnete Witiko.
    »Möge es Euch eine gute Herberge werden«, sagte der andere.
    »Wie es ist, wird es mir recht sein«, antwortete Witiko.
    Er stand nach diesen Worten auf, schnallte sein Schwert von seiner Hüfte,
legte es auf den Tisch, und sagte: »Hier werde ich es wohl nicht brauchen.« Eben
so zog er seine Pelzhandschuhe von den Händen, und legte sie zu dem Schwerte.
Dann setzte er sich wieder auf den Stuhl, und sagte: »Hier bin ich also.«
    Der alte Mann setzte sich in einiger Entfernung von Witiko auch auf einen
Stuhl, und fragte nicht, woher der junge Reiter gekommen sei.
    Witiko sprach auch nicht, und so sassen sie eine Weile schweigend da.
    Dann sagte Witiko: »Wir müssen nun weiter zu dem Pferde sehen.«
    Sie standen auf und gingen in den Stall. Witiko befühlte mit der Hand das
Tier, ob es gut ausgekühlt sei. Dann gab er ihm reinen Haber in den Born. Der
alte Mann streute frisches Stroh, wenn es sich später zur Ruhe legen wollte.
Auch brachte er ihm nach einer Zeit Wasser zum Trinken. So gingen sie öfter zu
dem Tiere, bis es versorgt war.
    Nachdem eine Stunde seit der Ankunft Witikos vergangen war, kam die Magd mit
weissem Linnenzeuge in die Stube, legte die Lederhaube und das Schwert und die
Handschuhe von dem Tische auf eine Bank, und deckte das Linnenzeug über den
Tisch. Dann legte sie einen hölzernen Teller und Essgeräte vor Witiko. Hierauf
brachte sie Brod gesottenes geräuchertes Schweinfleisch geschnittenen gesäuerten
Kohl, Klösse, die aus Roggenmehl bereitet waren, und Bier.
    Witiko ass von den Speisen nach seinem Hunger, und trank von dem Biere nach
seinem Durste.
    Sodann wurde der Tisch abgeräumt.
    Hierauf öffnete Lucia eine Tür, welche in eine Kammer führte, die sich neben
der Stube befand. Zwei andere Mädchen kamen mit Wasser in Zubern, mit
Strohknäueln und Sand, und begannen, den Fussboden der Kammer zu scheuern. Da sie
mit dieser Arbeit fertig waren, wurden die Fenster der Kammer geöffnet, dass die
kalte Winterluft den Boden trockne. Hierauf wurde auf ein Gestelle, das aus
Tannenbalken und Tannenbrettern gemacht war, frisches reines Stroh gebunden, auf
das Stroh wurde weisse Leinwand gedeckt, und auf die Leinwand wurde ein
Strohpolster und wurden wollene Decken und Felle zu Witikos Nachtlager gelegt.
Dann wurden die Fenster geschlossen, der trockene Boden wurde mit weissem Sande
bestreut, und in dem Ofen wurde ein Feuer aus Tannenscheiten angezündet. Als die
Kammer durchwärmt war, wurde Witikos Mantel sein Schwert seine Lederhaube und
seine Handschuhe in dieselbe getragen, und ein Teil dieser Dinge auf eine Bank
ein Teil auf eine Truhe, die da stand, gelegt. Darauf wurde er gebeten, auch in
die Kammer zu treten.
    Da er es getan hatte, wurde mit der Scheurung und Reinigung der Stube der
Bank um den Ofen der andern Bänke der Stühle und des Tisches begonnen.
    Als dies Werk vollendet, die Stube mit Sand bestreut, ausgewärmt, und in
ihren Geräten in Ordnung gebracht war, öffnete der alte Mann die Tür der Kammer,
führte Witiko heraus, und sagte ihm, diese zwei Gemächer seien seine Wohnung, so
lange es ihm gefallen wolle, in dem Hause zu bleiben.
    Als er noch redete, trat ein Mann in einem kurzen Lammspelze und einer
Lammspelzhaube und mit einer Axt auf der Schulter in die Stube.
    Der alte Mann sagte zu ihm: »Der junge Reiter ist der Sohn unserer Herrin,
er wird in dem Hause hier bleiben, so lange er es für gut hält.«
    Dann sagte er zu Witiko: »Das ist Raimund der Knecht. Er ist in dem Walde
gewesen, um Holz zu spalten, und kommt jetzt, da die Dämmerung eintritt, zurück.
Wir besorgen so das Haus, ich, der Knecht Raimund und Lucia die Magd. Die
Taglöhner, die wir dingen, helfen nur bei grösseren Arbeiten.«
    »Und wo wohnet denn ihr, wenn du mir die grosse Stube dieses Hauses und die
Kammer zur Wohnung einräumst?« fragte Witiko.
    »Das Haus hat ja noch Raum genug«, sagte der Mann, »wisst Ihr es denn nicht,
wir wohnen ja nie in der Stube und Kammer, ich bin in dem Stüblein, welches der
Stube gegenüber liegt, und dessen Fenster auf den Hof hinaus sehen, Lucia
schläft in der Kammer neben der Küche, und der Knecht schläft in dem
Bretterverschlage in dem Stalle. Dann ist ja noch allerlei Raum.«
    »Nun es wird sich schon fügen«, sagte Witiko.
    »Wir werden Euch alle Dienste leisten, die Ihr braucht«, sagte der alte
Mann.
    »Ich werde nicht viel verlangen, Martin«, entgegnete Witiko, »und ich werde
euch, wo ich es kann, in euren Geschäften helfen.«
    »Das wäre nicht recht und nicht billig«, versetzte Martin.
    »Nein, das wäre nicht recht«, sagte der Knecht.
    »Wir wollen nicht hadern«, entgegnete Witiko, »es wird sich alles finden.«
    »Ja, ja«, sagten die andern.
    Hierauf reichte der Knecht Witiko die Hand, und ging aus der Stube.
    Es war indessen Abend geworden. Witiko besorgte sein Pferd mit der Hilfe
Martins, ass noch etwas von der Suppe, die ihm Lucia gebracht hatte, sperrte, als
sich Martin entfernt hatte, die Stubentür, und legte sich in der Kammer auf
seinem Tannengestelle zur Ruhe.
    Im Morgengrauen des anderen Tages fragte er Martin, ob er ihm
Fussbekleidungen verschaffen könne, mit denen er durch jede Tiefe des Schnees zu
gehen vermöchte. Martin bejahte es, und brachte ihm einen Mann, der solche Dinge
verfertigte. Witiko las sich aus dem mitgebrachten Vorrate zwei Paare
langröhriger aus starkem Leder verfertigter Stiefel aus, bezahlte sie, und zog
sogleich ein Paar an. Als er sein Morgenmahl, das Lucia aus Milch und Mehl
bereitet hatte, verzehrt, als er die Besorgung seines Pferdes beendet hatte, und
als eben die Sonne über den Föhrenwald, welcher im Morgen des Ortes stand,
herauf ging, trat er aus der Tür des Hauses in das Freie. Er ging auf dem
schmalen Pfade zu den Häusern, ging zwischen ihnen empor, ging an der Kirche
vorüber, und begann, den Berg, auf welchem das rote Kreuz stand, zu besteigen.
Er fand keinen Weg, sondern musste sich einen durch den Schnee brechen. Er ging
zwischen blaulichem Wacholdergestrippe, das hie und da durch den Schnee hervor
ragte, bis zu dem roten Kreuze empor. Dort tat er ein kurzes Gebetlein, und sah
dann herum. Zu seinen Füssen unter dem Berge lag der Ort mit den Schneedächern
seiner Hütten und Häuser. Hie und da stieg ein Rauch empor. Weiter unten war die
längliche weisse Tafel des Tales. Witiko wusste, dass dort die Moldau sei; aber sie
war nicht zu sehen, alles war durch die gleiche weisse Hülle des Schnees gedeckt.
Um das Tal war lauter Wald. Im Morgen ging nicht fern von den Häusern sanft ein
Föhrenwald empor. Von ihm weiter gegen Mittag war ein breiter mächtiger
Waldrücken, dessen Rand, wohl vier Wegestunden entfernt, schon bläulich
dämmerte. Witiko kannte ihn sehr wohl. Es war der Wald des heiligen Tomas, auf
dessen Rande er dort, wo das Bild des heiligen Apostels Tomas gewesen war, vor
zwei Jahren mit dem Führer Florian gestanden war, und von dem er dann zu der
Moldau und den Häusern von Friedberg hinab gestiegen war. Witiko sah lange auf
den Wald. Dann blickte er gegen Mittag auf die Waldwand, jenseits welcher das
Aigen sein musste, von wo aus der Führer Florian mit ihm gegangen war. Hierauf
lenkte er seine Augen gegen Abend auf eine noch grössere Waldwand, die von
Steinrippen durchzogen war, welche im Morgenlichte sichtbar wurden, und in
welchen der schwarze See war, auf den er mit Wolf hinab geschaut hatte, und
dessen Dasein von dieser Ferne kaum zu ahnen war. Gegen Mitternacht sah er ganz
nahe an seinem Berge den Waldhang, über den er gestern herein geritten war, und
über welchen hin in grosser Ferne Prag liegen musste, das er vor zwei Jahren des
Herzogs Sobeslaws willen gesucht, und das er nun wieder verlassen hatte.
    Als er seinen Augen Genüge getan hatte, sprach er vor dem Kreuze die Worte
des Kreuzzeichens, und stieg über den Berg durch den glänzenden Schnee
hernieder.
    Da er zu den Häusern gekommen war, ging er auf ein kleines Steinhäuschen,
das neben der Kirche stand, zu, ging in dasselbe hinein, und trat in die Stube.
In derselben sass ein Greis mit weissem Barte vor einem grossen Buche. Am Ofen sass
ein Mütterlein, und spann.
    »Seid mir willkommen, ehrwürdiger Herr«, sagte Witiko, »ich bin in Eure
Stube getreten, Euch zu grüssen, und Euch zu besuchen.«
    »Ei, Witiko«, sagte der alte Mann, indem er aufstand, »seid Ihr auch wieder
einmal nach Plan gekommen? Und wie schön und frisch Ihr ausseht. Seid recht
herzlich gegrüsst.«
    Das Mütterlein war von dem Spinnrade aufgestanden, wischte mit ihrer blauen
Schürze einen Stuhl ab, und reichte ihn Witiko zum Sitzen.
    Dieser liess sich auf den Stuhl nieder.
    »So seid Ihr noch immer auf der Pfarre in Plan?« sagte Witiko zu dem alten
Manne.
    »Ich bin noch da«, entgegnete der Mann, »werde wohl auch da bleiben, und in
nicht entfernter Zeit als Pfarrer von Plan sterben. Ihr kennt ja meine Schwester
Anna auch noch?«
    »Freilich«, antwortete Witiko, und sah gegen die Spinnerin hin.
    Diese blickte ihn mit freundlichen blauen Augen an.
    »Plan ist ein sehr schöner Ort«, sagte der Pfarrer, »er liegt lieblich in
dem Walde, und er ist auch wichtig. Als das Christentum noch wenig verbreitet
war, als das ganze Land Böhmen noch am Heidentume hielt, waren hier zwei
christliche Einsiedler, die den Fleck reuteten, darum er der obere Plan heisst,
und die die christliche Lehre ausbreiteten. Darum ist dann auch eine Kirche
geworden, die sehr alt ist. Die vielen Einsiedler in dem grossen langen Walde
hinauf sind die ersten Prediger der christlichen Lehre in diesem Lande geworden.
Werdet Ihr lange hier bleiben?«
    »Vielleicht länger als sonst«, sagte Witiko, »es ist noch ungewiss.«
    »Dann werdet Ihr doch auch zuweilen zu mir kommen, und gestatten, dass ich
Euch auch in Euerem Hause begrüsse«, sagte der Pfarrer.
    »Ich werde kommen, und es wird mir eine Freude sein, Euch bei mir zu sehen«,
entgegnete Witiko.
    Die alte Anna, welche aus der Stube gegangen war, kam jetzt wieder herein,
und brachte auf einem Teller Brod und Salz und in einem Kelchglase Met.
    Sie stellte die Dinge vor Witiko auf den Tisch, und sagte: »Wohl bekomme es
zum Grusse.«
    Witiko nahm ein Schnittchen Brod, salzte es, und ass es. Dann tat er einen
Schluck aus dem Glase.
    Hierauf erhob er sich, um sich wieder zu entfernen.
    Der alte Pfarrer nahm einen Lammspelz von einem Nagel an der Wand, zog ihn
an, und begleitete Witiko aus dem Hause.
    Eine kurze Strecke unterhalb des Pfarrhäuschens kam Witiko an der Schmiede
vorüber. In derselben wurde ein Pferd beschlagen. Witiko ging näher, schaute zu,
besah das Pferd, und redete dann mit dem Schmiede und dem Eigentümer des Pferdes
über das Pferd und über einige andere Dinge.
    So sprach er auch mit mehreren Männern und Frauen, welche, da er an ihren
Wohnungen vorüber ging, heraus kamen, und ihn grüssten.
    Des Mittags mussten Martin Lucia und Raimund mit ihm an dem grossen Tische in
der Stube essen.
    Am Nachmittage ritt er auf seinem Pferde in der Richtung gegen Morgen in den
Wald, und kam nach zwei Stunden wieder zurück.
    Am Abende, da das Pferd besorgt war, da Raimund und Lucia mit der Pflege der
Rinder fertig waren, und Lucia ihre Milch aus dem Stalle in die Vorratskammer
gebracht hatte, wurde das Licht auf der Leuchte der Stube, die wie ein Herd in
der Wand angebracht war, durch aufgelegte fette Kieferhölzer so verstärkt, dass
die ganze Stube schimmerte. Martin Raimund und Lucia mussten zu ihrem
Abendaufentalte, wie sie auch sonst taten, in die Stube kommen. Selbst Martins
grosser graugetigerter Hund musste herein gelassen werden. Lucia spann an der
Leuchte, Raimund flickte weiter entfernt an einem Dreschflegel, und Martin sass
müssig auf der Ofenbank. Witiko sass auf einem Stuhle. Der Hund hatte sich unter
den Tisch gelegt.
    Nach der siebenten Stunde trat ein Mann in einem Lammspelze einer
Lammspelzhaube und in groben weisswollenen Beinbekleidungen mit schweren Stiefeln
in die Stube.
    »Gottes Gruss«, sagte der Mann.
    »Gottes Dank«, sagten die Anwesenden.
    »So lebst du auch noch, Tom Johannes, der Fiedler«, sagte Witiko, »es freut
mich, dass du uns besuchst. Wie geht deine Kunst?«
    »Ei, Witiko«, entgegnete der Mann, »so kennt Ihr mich noch. Und die Kunst,
wie sie geht? Die Hochzeiten kommen fast ab, und bei den Tänzen werden die
Spielleute immer mehr. Ich kann von den Rüben meines Feldes besser leben als von
der Kunst.«
    »Nun von beiden«, sagte Witiko.
    »Und was hat denn Euch im Winter zu uns geführt?« fragte der Mann.
    »Es hat sich so gefügt«, sagte Witiko.
    »Und werdet Ihr jetzt länger bei uns bleiben als früher?« fragte der Mann.
    »Wie es eben geschieht«, antwortete Witiko, »ich weiss es selber noch nicht.«
    Während dieser Worte hatte Martin einen Laib schwarzen Roggenbrotes und ein
Messer auf den Tisch gelegt, und Salz dazu gestellt. Der Mann setzte sich zu dem
Tische, schnitt sich mit dem Messer ein Schnittchen Brod ab, bestreute es mit
Salz, und ass es.
    Dann sprachen sie von mancherlei: von Leuten, die gestorben sind, von
andern, die geheiratet haben, wieder von andern, die in die weite Welt gegangen
sind, und von solchen, die in den innern Ländern Krieg wünschen, um dahin zu
gehen, und Beute zu machen. Sie sprachen von dem Landbaue von der Viehzucht, und
was sich in dem Walde begibt, und was sonst Neues in der Welt ist, und von
ähnlichen Dingen.
    Um die neunte Stunde erhob sich der Mann, sagte eine ruhige Nacht, und
entfernte sich. Lucia trug ihr Spinnrad aus der Stube, Martin mit dem Hunde und
Raimund suchten ihre Schlafstellen, und Witiko legte sich auf sein
Tannengestelle, indem er die Tür von der Kammer in die Stube offen, und die
Föhrenklötze auf der Leuchte verglimmen liess.
    Am nächsten Morgen besah Witiko, so wie er am Tage vorher Berg und Tal und
Wald überschaut hatte, das Haus, in dem er war, und seine Wirtschaft. Er besah
die zwei Gespanne Ochsen, die Kühe, die einigen Schafe, die Schweine und das
Federvieh, er besah die Scheuer die Holzlaube die Wagenlaube die Vorratskammer
und den Keller. Dann ging er in drei der nächsten Nachbarhäuser, und besuchte
deren Bewohner. Nach dem Essen ritt er auf seinem Pferde wieder in den Wald. Am
Nachmittage liess er einen Mann kommen, welcher Kleider verfertigte, und
bestellte sich ein Gewand aus dem groben weissgrauen Wollstoffe, welcher in dem
Walde gemacht und getragen wurde. Durch Martin liess er sich eine graue Filzhaube
kaufen.
    Am Abende dieses Tages kamen vier Männer in Lammspelzen zu Witiko in die
erleuchtete Stube. Es war Tom Johannes der Fiedler, es war Stephan der
Wagenbauer, es war Christ Severin der Wollweber, und es war David der Zimmerer.
Martin setzte ihnen wieder Brod und Salz vor, und sie taten, wie gestern Tom
Johannes. Lucia sass an der Leuchte, und spann, Raimund schnitt aus Buchenklötzen
lange Späne, Martin flocht an einem breiten Tragbande, und Witiko auch an einem.
Man sprach wie gestern von verschiedenen Dingen, und um die neunte Stunde
entfernten sich die Männer, und gingen nach Hause.
    Am dritten Tage war es ungefähr wie an den vorhergegangenen zwei Tagen.
    Am vierten Tage kam gegen den Mittag ein Mann auf einem Saumtiere gegen das
steinerne Haus. Er war in ein sehr weites dunkelbraunes Wollgewand gekleidet,
das ein Ledergürtel zusammenhielt. Auf dem Haupte hatte er eine Haube von
schwarzen Lammfellen, die über die Ohren und den Nacken ging. Er sass zwischen
zwei Päcken von rauher Dachshaut auf seinem Saumpferde. Als er in den Hof des
Hauses gekommen war, gingen Witiko und Martin hinaus. Der Mann stieg von seinem
Tiere, und sagte: »Bores lässt Euch sehr schön grüssen, Witiko, es wird nichts
fehlen.«
    »Das ist gut«, sagte Witiko, »wann bist du in Hostas Burg weggeritten?«
    »Vor neun Tagen«, antwortete der Mann, »der Schnee hindert das Weiterkommen
sehr.«
    »Du bist gut genug weiter gekommen«, sagte Witiko, »Raimund wird die Päcke
abschnallen helfen, du bringe dann dein Pferd in den Stall, und gehe darauf in
die Stube, dass man dir eine Erquickung gebe.«
    Martin rief nach Raimund, und da er gekommen war, lösten sie die Päcke von
dem Saumtiere, und Raimund trug sie in Witikos Kammer. Witiko folgte ihm. Der
Mann brachte das Pferd in den Stall, und ging dann in die Stube. Dort legte er
sein baumwollenes Oberkleid und seine Lammshaube ab, und setzte sich an den
Tisch. Man gab ihm Bier und Brod.
    Witiko ging in die Kammer, kam bald darauf wieder heraus, und trug ein
Päckchen in der Hand, das in Fuchsfell genäht war.
    »Da ist etwas an einem meiner zwei Päcke angebunden gewesen, das ich nicht
kenne«, sagte er.
    »Es wird schon recht sein«, entgegnete der Mann, »Bores hat es mir gegeben,
und hat gesagt, ich soll sehr acht darauf haben, deshalb habe ich es an einen
Pack gebunden.«
    Witiko trennte die Naht, und es kam ein sehr schlechter Gürtel aus dem
Fuchsfelle. Der Gürtel hatte eiserne Buckeln, und war mit Leder gefüttert. Als
Witiko noch einmal in dem Fuchsfelle nachsah, fand er ein Papier, auf dem von
Bores' Hand geschrieben stand: Die hocherlauchte Herzogin Adelheid hat manchem
Manne des verblichenen Herzoges ein Ding des Herzoges gegeben, und dir Witiko
gibt sie den Gürtel, den der Herzog auf dem Sachsenzuge getragen hat, sie gibt
ihn dir, weil der Herzog gesagt hat, du seist auf jenem Zuge klug gewesen, und
sie gibt ihn dir, weil der Herzog ebenfalls gesagt hat, dass du in eine grosse
Gefahr für ihn nach Prag gegangen bist.
    Witiko hielt den Gürtel eine Zeit in der Hand, und betrachtete ihn. Dann
ging er in seine Kammer, und legte ihn in das Fuchsfell gewickelt in die Truhe.
    Hierauf öffnete er die rauhen Päcke, und nahm die Dinge, die in ihnen waren,
heraus. Es war die Kleidung und Ausrüstung eines Reitersmannes. Er legte alles
in die Truhe zu dem Gürtel. Darauf ging er in die Stube hinaus, und sagte: »Es
ist alles richtig. Verweile, so lange du willst, bei uns. Ich werde dir dann
deinen Lohn geben, und du kannst wieder deiner Wege ziehen.«
    »Mit Eurem Wohlnehmen werde ich einen Tag rasten, und dann auf den Rückweg
gehen«, sagte der Mann.
    »Tue nach deinem Gefallen«, entgegnete Witiko, »wo ist denn die erlauchte
Herzogin?«
    »Ei in Hostas Burg«, antwortete der Mann.
    »Ist sie noch in der Burg, in welcher ihr erlauchter Herzog gestorben ist«,
sagte Witiko.
    »Sie schläft in dem Gemache, in welchem der Herzog gestorben ist«, sagte der
Mann.
    »Und wer ist bei ihr?« fragte Witiko.
    »Ihre kleinen Kinder«, sagte der Bote.
    »Und wo ist Wladislaw?« fragte Witiko.
    »Er ist nach Mähren entflohen, weil er den neuen Herzog fürchtet«,
antwortete der Bote.
    »Hat sie ihren Schmerz gemildert?« fragte Witiko.
    »Ja«, erwiderte der Bote, »sie sagt gar kein Wort.«
    »Wird sie lange in Hostas Burg bleiben?« fragte Witiko.
    »Ich weiss es nicht«, antwortete der Mann.
    »Es ist gut«, sagte Witiko, und schwieg.
    »Ich habe auch einen Brief von Bores«, sagte der Mann.
    »Nun, so gib ihn«, sagte Witiko.
    Der Mann nestelte sein Wams auf, zog ein graues Papier daraus hervor,
wickelte es auf, und tat ein Päckchen Papier heraus, das mit rotseidenen Bändern
umwickelt, und mit Wachs versiegelt war. Witiko öffnete das Papier, las die
Zeilen, die es entielt, und sagte: »Ich werde dir eine Antwort mitgeben.«
    Dann ging er in seine Kammer.
    Der Bote blieb an diesem Tage und an dem folgenden in dem steinernen Hause.
Er legte sich in die Heustelle in dem Stalle, wo sein Pferd stand, schlafen. Am
dritten Tage morgens richtete er sich zur Rückkehr. Er erhielt von Witiko seinen
Lohn und den Brief an Bores. Dann ritt er in seinem braunen Oberkleide und in
seiner schwarzen Lammshaube auf dem schmalen Schneepfade zu den Häusern hinein,
zwischen den Häusern empor, am Kreuzberge vorüber, und den Waldhang hinan, über
den Witiko vor sechs Tagen herab gekommen war.
    Da der Bote das steinerne Haus verlassen hatte, war es wieder wie vorher.
Witiko legte das weissgraue Wollstoffgewand, welches fertig geworden war, an, und
setzte die graue Filzhaube auf sein Haupt. Das Gewand bestand in einem Rocke,
der mit Haften zusammen gehalten wurde, und in Beinbekleidungen, über welche die
Stiefel empor gingen. So blieb er nun immer. Er teilte sich mit Martin in die
Leitung des Hauswesens, beriet sich mit Martin, ordnete manches an, und tat
manche Arbeit. Täglich ritt er auf seinem Pferde in der Zeit von fast zwei
Stunden in den Wald. Ausserdem ging er auch auf Bergen und in Tälern herum, und
durchforschte sie. Er ging öfter auf den Kreuzberg, und blickte herum. Die
Pflege seines Pferdes besorgte er mit der Hilfe Martins selbst.
    Am Abende, wenn das Licht auf der Leuchte brannte, kamen immer wieder
Männer. Es kam jetzt auch zuweilen Peter Laurenz der Schmied, es kam Paul
Joachim der Maurer, Adam der Linnenweber, dann Zacharias der Schenke, Matias,
Norbert, Jakob und andere. Wenn Rockenfahrt in Witikos Stube war, und zu
derselben Mädchen und auch Frauen mit ihren Spinnrädern kamen, um in der Stube
zu spinnen, fanden sich auch junge Männer und Jünglinge ein, wie Philipp der
Steiger, Maz Albrecht, der rosenwangige Urban, der der Vetter des Schmiedes
Laurenz war, Veit Gregor, Lambert der Zimbelschläger, Wolfgang, Andreas,
Augustin der Pfeifer, und mehrere. Dann sangen zuweilen die Mädchen, zuweilen
sangen die jungen Männer, oder beide zugleich, oder beide in Wechselliedern. Um
die neunte Stunde gingen sie nach Hause.
    Witiko war manches Mal abends auch in einem anderen Hause, so wie Martin,
oder der Knecht Raimund, oder Lucia, wenn sie auf einer Rockenfahrt war. Dann ass
er von dem Brote und Salze, das ihm gereicht wurde, sass im Lichte der Leuchte,
und sprach mit den Männern oder den Frauen, die gegenwärtig waren. Er besuchte
zuweilen auch eine Rockenfahrt, sass unter den Sängern und Sängerinnen, die
spannen, und lobte oder tadelte einen Gesang, wie es fiel. Bei einem Vergnügen,
wenn etwa ein Tanz war, wo der Fiedler die Geige klingen liess, der Pfeifer
pfiff, der Zimbelschläger die Schlägel rührte, oder wenn man sich auf dem Eise
versammelte, sah er zu, und hielt zuweilen mit. Er besuchte nach und nach alle
Bewohner des Ortes, und wenn er auf der Gasse ging, und ihm einer begegnete,
oder wenn er im Freien wandelte oder ritt, und einer etwa auf einem Schlitten
aus groben Bohlen Dünger auf ein Feld führte, oder Holz nach Hause brachte, oder
zu einer Arbeit oder in den Wald ging, so blieb er bei ihm stehen, und redete
mit ihm. Er war öfter bei dem greisen Pfarrer, und der Pfarrer war öfter bei
ihm. An Festtagen war er in der Kirche, in welcher sich die Bewohner des Ortes
versammelten, und in welche auch Menschen aus manchem Häuschen herbei kamen, das
im Walde versteckt war.
    Er betrachtete die Arbeiten der Bewohner, und suchte sie kennen zu lernen,
wie sie ihre Vorräte aufbewahrten, und zur Verzehrung einteilten, wie sie ihre
Tiere erzogen, wie sie die Feldgeräte herrichteten, Pflüge Eggen Wägen Rechen
Schaufeln Zuber Körbe und dergleichen, wie sie mit Axt Säge und Hammer
Ausbesserungen an ihren Häusern machten, oder Holz, das sie im Winter gefällt
hatten, auf dem leichteren Mittel des Schlittens in die Nähe ihrer Wohnungen
führten, oder wie sie in wenigen Gewerben die anderen Bedürfnisse ihres Lebens
aufbrachten.
    Bei gemeinschaftlichen Arbeiten half er mit, wenn etwa ein Weg durch den
Schnee zu brechen war, oder wenn ein Pfad zu finden, und mit Reisern zu
bezeichnen war, da der alte samt seinen Reisern unkenntlich geworden war, oder
wenn man gegen einen Wolf oder ein anderes Waldtier ging, oder Anstalten traf,
ein solches ferne zu halten.
    Er beteiligte sich auch bei allgemeinen Angelegenheiten in Beratungen, oder
wie es sonst begehrt wurde.
    So ging die Zeit hin, es mochte eine heitere trockne Wintersonne sein, oder
Schneegestöber sein, oder Sturm sein, oder der Winternebel in die Zweige der
Tannen herab reichen.
    Die Tage wurden länger. Die Sonne war morgens schon sehr zeitlich über den
Föhren heroben, und am Abende stand noch spät die blaue Seewand im Golde des
Himmels. Das Heulen des Wolfes war nicht mehr zu vernehmen, dafür tönte der
Schrei des Hirsches, oder der Ruf des Auerhahnes, oder ein schneller Klang der
Frühlerche.
    Der Reif ging von den Wäldern, dass sie dunkel da standen, der Schnee rann
als Wasser von den Bergen und durch die Senkung der Täler, bis kein kleines
Teilchen der Hülle mehr sichtbar war. Die längliche Tafel des Tales zeigte nun
in ihrem unteren Teile Wiesen, und in dem fahlen Wintergrase war die blaue
Schlange der Moldau. Weiter oben waren die braunen Streifen der geackerten
Felder, oder die grünen derer, die Wintersaaten trugen, dann war der Wald.
    Es begannen nun die Frühlingsarbeiten, und Martin und Raimund rückten mit
ihren Gespannen in ihr Feld, und gedungene Lohnarbeiter halfen ihnen, und Witiko
war auch dabei, und legte, wo es nötig war, Hand an, bis die Wiesen und Felder
bestellt waren, und ihrer Ruhe und Entwicklung entgegen harren konnten.
    Die Wintersaaten wurden höher und grüner, die Sommersaaten keimten, die
Wiesen färbten sich dunkel, der Waldkirschenbaum, welcher im Sommer die kleinen
schwarzen Kirschen bringen sollte, war mit weissen Blüten überdeckt, die Schlehe
und der Kreuzdorn blühten, der Holzbirnbaum auch, darnach begann der
Waldapfelbaum, die Tannen setzten die neuen lichtgrünen Sprossen an, und endlich
öffnete sich auch die Blume der lichteren und dunkleren Waldrose mit den fünf
Blättern, die am Hage oder am Saume des Waldes dahin stand.
    Die Herden des Ortes gingen mit ihren Hirten in die Wälder empor, wo Rasen
zwischen den Föhren und andern Bäumen war, die Kinder spielten in der Sonne, und
die Mädchen sangen, wenn sie das junge Gras aus dem Walde trugen, jetzt in die
blaue Luft empor. Sie hatten nicht, wie tiefer im Lande, die weiten Gewänder,
sondern kurze faltige Röckchen und eine Schürze, und sie hatten weisse oder rote
Tücher um das Haupt und die Schultern, und öfter gingen zwei Zöpfe über den
Rücken des Mieders bis zu dem Röcklein hinunter.
    Als die Lenzarbeiten vorüber waren, als die fünfblättrige Waldrose am Hage
oder zwischen dem Gesteine blühte, nahm Witiko eines Tages nach dem Essen sein
Ledergewand, kleidete sich damit, sattelte sein Pferd, schickte nach Benedikt,
dem Sohne Zacharias' des Schenken, dass er ihm als Führer diene, und ritt von
diesem begleitet in der Richtung gegen Morgen in den Wald. Benedikt ging mit
einem langen Stabe voran, Witiko folgte ihm. Sie gelangten unter den Föhren bis
an den Kamm der Höhe empor. Dann kamen sie durch Buchenwald und Tannen wieder in
ein Tal hinab, in welchem ein Bach floss. Witiko sah Rehe daraus trinken, und
einen Hirsch darin stehen. Sie durchschritten den Bach. Dann ging ein Wald
sachte aufwärts, und da sie ihn zurückgelegt hatten, kam eine Ebene. Auf ihr
stand nicht mehr hoher Wald, sondern kurze, dünne, kranke Föhren, und viele
Stellen hatten gar keinen Baum. Das Gras war grau und trocken, und wo Erde zu
sehen war, erschien sie in dunkler aschgrauer Farbe.
    »Da ist ein seltsamer Boden«, sagte Benedikt, »wenn man ihn auf die Achsen
der Wagenräder streicht, so gehen sie so lind wie mit fetten Dingen geölt.«
    »Da sollte man den Boden untersuchen«, sprach Witiko.
    »Ja das sollte man«, sagte Benedikt.
    Sie zogen auf der Ebene hin, die Sonne schien schon tief aus
Wolkenschleiern. Und da sie an das Ende der Ebene gekommen waren, ging sie
unter. Nun fing wieder hoher Wald an, der sachte abwärts ging. Weil es in ihm
dunkelte, stieg Witiko ab, und führte sein Pferd hinter sich her. Nach einer
Stunde kamen sie auf eine freie Stelle. Sie hörten im Walde einen Ruf. Sie
blieben stehen. Es war stille. Dann tönte wieder der Ruf. Sie blieben noch
stehen. Die Stelle war sehr sonderbar. Es glänzte Wasser im Monde, es glänzte
das Gras um das Wasser, und die Büsche daran glänzten auch, aus ihnen ragten
dunkle Giebel wie Dächer von Hütten empor, und oben war der Mond in gelblichen
Wolken. Am Saume des Waldes standen drei Gestalten, welche in weite Gewänder
gehüllt waren, und die Gewänder auch über die Häupter gezogen hatten. Sie
schienen Weiber zu sein. Es tönte wieder im Walde der Ruf, dann war es wieder
stille. Dann tönte der Ruf noch einmal aber schwach, dann begann ein Gesang wie
von vielen Stimmen. Der Gesang war ruhig und langsam. Er dauerte eine Weile,
dann war es stille. Dann begann der Gesang wieder.
    »Das ist ein heidnisches Ding«, sagte Benedikt leise zu Witiko, »es muss
einer gestorben sein. Weil sie es nicht auf seinem Grabe tun können, da es die
Priester verboten haben, so gehen sie in den Wald, und tun es dort. Ich kenne
den Gesang, meine Grossmutter hat ihn oft ertönen lassen, und einmal habe ich ihn
auch im Walde oberhalb Horec gehört.«
    »Aber werden denn die Leute nicht belehrt?« fragte Witiko.
    »Sie tun es im geheimen«, antwortete der Führer, »und sagen nichts davon,
dass sie von ihren Göttern nicht gestraft werden.«
    »Dann müssen wohl neue Geschlechter kommen, die die Sünden der alten
vergessen«, sagte Witiko.
    »So wird es schon sein«, entgegnete der Führer.
    Der Gesang hatte wieder aufgehört, begann wieder, und schwieg endlich ganz.
Witiko und sein Führer blieben noch immer stehen. Nach einer Zeit kamen
Gestalten bei den drei Weibern aus dem Walde. Sie waren in weite Gewänder
gehüllt, die durch Gürtel zusammen gefasst wurden. Es waren Männer und Frauen.
Sie blieben bei den Weibern stehen, und wurden immer mehr. Dann zerstreuten sie
sich. Einige gingen auf dem Pfade am Waldsaume abwärts, auf dem Witiko seinen
Weg fortsetzen sollte, andere kamen gegen Witiko herauf, und gingen an ihm
vorüber in den Wald. Manche gingen schweigend vorbei, andere sagten: »Gelobt sei
der Heiland.«
    »Gelobt sei der Heiland«, antworteten Witiko und sein Führer.
    Endlich war keine der Gestalten mehr zu sehen, die drei Weiber standen auch
nicht mehr auf ihrem Platze, und es regte sich nichts als der sanfte Wolkenzug,
den der Mond durchschien.
    Jetzt nahmen Witiko und sein Führer auch den Weg wieder auf. Sie gingen auf
dem Pfade am Waldsaume hinunter. Als sie den Grasplatz verlassen hatten, kamen
sie wieder in dichten Wald. Aber der Weg war da breiter und ausgetretener. Sie
gingen langsam auf demselben fort, und hatten manches Mal unter den Blättern
eine durchbrechende Helle des Mondes.
    Da sie eine Stunde auf diesem Wege zugebracht hatten, gelangten sie wieder
in das Freie. Es war ein breites Tal, von Wald umgeben. In dem Tale konnte man
Gebüsche Felder und Wiesen unterscheiden, und hie und da glänzte es wie Wasser.
Aus dem Wasserglanze stand ein grosser viereckiger schwarzer Turm empor.
    »Wir haben länger gebraucht, als ich gedacht habe«, sagte Witiko.
    »Die Verschlingungen des Pfades und die Wurzeln hindern das Fortkommen«,
sagte der Führer, »und die Irrgräser machen den Weg länger.«
    »Es ist schon gut«, entgegnete Witiko.
    Bei diesen Worten bestieg er wieder sein Pferd, und ritt auf dem Wege gegen
den Turm zu. Sie konnten nur auf einem schmalen Erdstriche zwischen Schilf und
Wasser zu demselben gelangen. Er war durch ein Tor geschlossen. An dem Tore hing
ein Ochsenhorn. Der Führer nahm es, und blies in dasselbe. Eine Zeit darnach
öffnete sich eine Luke im Tore, und ein Mann sah heraus. Er sprach: »Sei
gegrüsst, Benedikt.«
    Dann öffnete er das Tor.
    Witiko ritt durch den Bogen hinein, und kam in einen Hof. Das Tor wurde
hinter ihm wieder geschlossen. Im Hofe stieg er von dem Pferde. Der Führer und
der Mann, der das Tor geöffnet und wieder geschlossen hatte, halfen ihm das
Pferd in den Stall bringen. Da es dort angebunden und bedeckt war, führte der
Mann Witiko und den Führer in eine Stube. Dieselbe war sehr gross, und hatte an
ihrem oberen Ende die Leuchte. Von derselben ging ein sehr langer Tisch aus
Tannenbrettern bis gegen die Tür. An der Leuchte sass ein barhäuptiger Mann in
einem weiten schwarzen Gewande, dessen Gürtel gelöst war. Neben ihm sass ein
anderer in grauem Gewande, das aber gegürtet war. Er hatte gleichfalls auf dem
Kopfe keine Bedeckung. An dem langen Tannentische sassen mehrere Männer und
Jünglinge vor Krügen. Sie waren auch in weite gegürtete Gewänder gekleidet, und
trugen keine Bedeckungen auf den Häuptern.
    Als Witiko und der Führer eingetreten waren, erhob sich der Mann im
schwarzen Gewande an der Leuchte, und rief. »Ich bin Rowno der Wladyk, was
begehret ihr?«
    »Ich heisse Witiko«, antwortete Witiko, »stamme aus dem Mittage Böhmens, und
bitte dich um Gastfreundschaft. Dieser da ist mein Bote.«
    »Komme an das obere Ende des Tisches, Witiko«, entgegnete Rowno, »und
Benedikt soll sich an das untere Ende setzen.«
    Witiko ging an das obere Ende des Tisches, und als er bei Rowno angekommen
war, reichte ihm dieser die Hand, und sagte: »Du bist willkommen, nimm dir einen
Stuhl, und setze dich neben uns an den Tisch. Es wird dir sogleich eine
Erquickung gereicht werden, und dein Führer wird auch Speise und Trank
erhalten.«
    Witiko setzte sich nieder, wie es Rowno gesagt hatte, und dieser nahm auch
seinen Platz wieder ein. Die Männer und Jünglinge an dem Tische waren vor Witiko
aufgestanden, und setzten sich wieder nieder.
    Nun kam ein Mann, der auf einem grossen Brette das Lendenstück von gebratenem
Schweinfleisch trug. Er setzte es vor Witiko hin. Ein anderer brachte einen Krug
mit Bier und einen Laib Brod.
    Witiko schnitt sich von dem Fleische ab, schnitt sich von dem Brote ein
Stück herab, und begann, seinen Hunger und Durst zu stillen.
    Dem Führer hatte man auch am untern Ende des Tisches zu essen und zu trinken
vorgesetzt.
    Da Witiko fertig war, hob Rowno sein Horn, und sagte: »Ich bringe dir den
Willkommtrunk, Witiko.«
    Witiko hob den Krug, und erwiderte: »Ich bringe Bescheid.«
    Dann tranken beide.
    Dann sagte Rowno: »Du bist Witiko der Knabe, der auf dem Wahltage auf dem
Wysehrad gesprochen hat, dass man ihn zu einer Botschaft an den Herzog Sobeslaw
in der Versammlung belasse.«
    »Ich bin es«, antwortete Witiko, »ich weiss, dass du auf dem Wysehrad warst.
Ich wohne jetzt als dein Nachbar in dem Hause meiner Mutter auf dem oberen
Plane, und biete dir Gastfreundschaft an.«
    »Ich empfange sie, wenn ich zu dir komme«, erwiderte Rowno.
    Jetzt erhob sich auch der andere Mann, der an der Leuchte sass, und mit einem
grauen Gewande angetan war. Er trat zu Witiko, und sprach: »Ich bin Osel, und
habe dich auch auf dem Wysehrad gesehen, wo du gesprochen hast. Ich bin bei
Rowno auf Gastfreundschaft, und reite morgen beim Tagesgrauen fort. Wenn du nach
Dub kommst, wo wir in unsern Häusern sitzen, hast du Gastlichkeit bei uns.«
    »Ich nehme sie an«, sagte Witiko, »und du hast sie auch bei mir.«
    »Ich empfange sie«, sagte Osel, »du bist ja aber auch Witiko von Pric, das
weiter im Lande ist, und dahin wir von Dub keinen grossen Weg haben.«
    »Wir haben ein Eigen in Pric«, antwortete Witiko, »ich bin aber tiefer in
den Wald gegangen.«
    »Du bist tiefer in den Wald gegangen«, erwiderte Osel, »weil du zu denen
gehörst, die sich dem Herzoge Wladislaw widersetzt haben.«
    »Ich gehörte nur zu Sobeslaw«, entgegnete Witiko, »und habe einen Auftrag
von ihm vollführt. Alles andere lag nicht in meinen Dingen.«
    »Bist du nach der Wahl gleich zu Sobeslaw gegangen, und hast du ihn sterben
gesehen?« fragte Rowno.
    »Ich bin nach der Wahl gleich auf Hostas Burg geritten«, sagte Witiko, »bin
in dem Gemache gewesen, als der Herzog die Augen schloss, und war unter denen,
die ihm das Geleite in die Gruft gegeben haben.«
    »Wir haben es ihm auch gegeben«, sagte Rowno, »und der Herzog selbst hat ihn
auch geleitet. Sobeslaw war für das Land ein guter Mann bis auf den Tag von
Sadska. Wie hast du nach seiner Bestattung von Prag fortkommen können?«
    »Der Herzog hat befohlen, dass man mich ungekränkt von dannen lasse«,
entgegnete Witiko.
    »Das ist gerecht«, sagte Rowno. »Da er auf den Fürstenstuhl gesetzt wurde,
und da die Menschen jubelten, war er sehr in sich gekehrt. Hast du die
Feierlichkeiten gesehen?«
    »Ich bin bei dem toten Herzoge Sobeslaw in Hostas Burg gewesen«, antwortete
Witiko.
    »Sie haben indessen den lebendigen gegrüsst«, entgegnete Rowno, »alle, die da
waren, haben ihm vor Freude zugerufen, da er zu dem Stuhle Premysls geführt
wurde, weil nun das Kämpfen Morden und Zerstören vorüber ist, das eintrat, wenn
ein schwacher Mann auf dem Fürstenstuhle sass, und andere darnach strebten. Und
wenn auch das Unheil nicht leicht in unsern Wald kömmt, weil er unwegsam ist, so
könnte es doch jetzt eher geschehen, weil der Krieg ist, den der Markgraf
Leopold von Österreich um Baiern führt, und es ist gut, dass es unterbleibt.«
    »Ich bin noch zu unerfahren in diesen Dingen«, sagte Witiko. »Erlaube,
Rowno, dass ich mich auf ein kurzes entferne, um nach meinem Pferde zu sehen.«
    »Es sei, wenn du es selber tun willst«, sagte Rowno.
    Witiko ging aus der Stube, und kam nach einer Weile wieder.
    »Andere Männer«, sagte er, »fürchten doch etwas.«
    »Das ist der alte Bolemil und der alte Diwis«, sagte Osel, »und Lubomir,
welche die früheren Kriege gesehen haben. Sie sind aus Alter furchtsam geworden,
und glauben stets, das Entsetzen wird gleich wieder kommen. Die Lechen Kmeten
und Vornehmen möchten wohl immer herrschen, das ist wahr, und sie möchten
deshalb Unfrieden anzetteln; aber wir und Tausende stehen lieber zu einem
einzigen mächtigen Manne, der uns schützt, als dass wir uns von mehreren plagen
lassen, damit sie prassen, und in schimmernden Kleidern einher gehen.«
    »Und das, meinen sie, könnte zum Streite führen«, antwortete Witiko.
    »Gegen den Mutigen fehlt der Mut«, sagte Rowno. »Unsere alten Priester haben
erzählt, dass gegen Premysl den Mann Libusas kein wilder Herr des Landes den Arm
aufzuheben versucht hat.«
    »Und möchte nur unser Wladislaw immer ein solcher Premysl sein«, entgegnete
Osel, indem er wieder zu seinem Sitze ging.
    »Der hochehrwürdige Bischof Zdik hat sich mit seinem Leben für ihn
verbürgt«, antwortete Rowno.
    »Als der erlauchte Herzog Sobeslaw im Sterben lag«, fügte Witiko hinzu,
»habe ich ihn zu seinem Sohne Wladislaw sagen gehört: Unterwirf dich Wladislaw.
Nacerat wird gegen ihn nicht siegen.«
    »Es haben die Männer in Prag erzählt, dass er so gesagt hat«, entgegnete
Rowno.
    »Das hat er im Sterben gesagt, da sein Sinn irrte«, rief Osel, »Nacerat hat
ja den Herzog Wladislaw auf den Fürstenstuhl geführt, er ist der mächtigste Mann
in dem Lande Böhmen, und wenn auch die Angehörigen Bolemils und wenn Diwis und
Bozebor und Wsebor und Lubomir versucht sein möchten, den jungen Wladislaw den
Sohn Sobeslaws auf den Herzogstuhl zu führen, so werden sie es gegen Nacerat
nicht zu unternehmen wagen.«
    »Der Herzog hat auch gleich im Beginne seiner Herrschaft auf seine
Kriegsmacht gesehen«, sagte Rowno, »er vermehrt sie, und ist im Lande gewesen,
die Burgen zu stärken. Er hat Otto den Sohn des schwarzen Otto zurückbringen
lassen, und ihm das Herzogtum Olmütz gegeben, und der junge Wladislaw der Sohn
des verstorbenen Herzogs Sobeslaw ist bei ihm in Prag voll Ehren und Reichtümer.
So hat er sich zwei Freunde gewonnen. Er hat die einundzwanzigjährige Gertrud
die Schwester des Markgrafen Leopold von Österreich geheiratet, und ist dadurch
der Stiefschwager des deutschen Königs Konrad geworden und der Schwager des
Markgrafen von Österreich, der, wenn er das Herzogtum Baiern, mit dem ihn der
König Konrad belehnt hat, dem Anhange des stolzen Heinrich zu entreissen vermag,
der mächtigste Herr in den deutschen Ländern wird.«
    »Er wird es ihm entreissen, weil der stolze Heinrich gestorben und sein Sohn
der andere Heinrich nur ein Büblein ist«, sagte Osel.
    »Nun so ist es ja recht, und alles ist gut«, entgegnete Rowno, »und wir
haben zu Hause Raum, uns zu bewegen. Im Walde geht es auch vorwärts, Witiko. Die
Hlenici bauen eine Kirche, und es werden noch mehrere entstehen, weil in dem
Walde hie und da eine Hütte gebaut wird, und die Menschen mehr werden. In
Friedberg wird gereutet, in Horec sind wieder neue Häuser entstanden, und an der
Stelle, wo die Moldau gegen den Tomaswald fliesst, und wo es an der unteren
Moldau heisst, haben sie ein stattliches Herberghaus gezimmert, damit die, welche
dort über die tiefere Sattlung nach Baiern hinaus gehen, ins Aigen oder weiter
ins Gericht Velden, Einkehr und Erquickung finden. Die Wladyken müssen grösser
werden. Wir dehnen unsere Besitzungen gegen den Wald aus, du musst auch streben,
Witiko, gleiches zu tun, und mit der Hilfe Gottes und der heiligen Jungfrau
Maria und unserer Heiligen Wenzel und Adalbert und der heiligen Diasen und Wilen
im Himmel werden wir unsere Ziele erreichen, die Grossen und Herrschsüchtigen zu
drücken.«
    »Ich habe vor zwei Monaten meinen drei Knaben die Haare festlich beschneiden
lassen«, sagte Osel, »dass sie in das Jünglingsalter eintreten, dass sie tüchtig
werden, und an unserem Werke mitarbeiten.«
    »Ich bin nur ein einzelner, und meine Kraft ist gering«, sagte Witiko.
    »Es ist immer nur einer gewesen, der der Stifter eines grossen Geschlechtes
geworden ist«, antwortete Rowno.
    Die Männer und Jünglinge an dem Tische hatten diesen Gesprächen bloss
zugehört, und wenn sie untereinander sprachen, so war es leise, dass sie keine
Störung verursachten.
    Witiko ging noch einmal zu seinem Pferde. Da er zurück kam, redete man von
den Dingen in dem Walde, von den Beschäftigungen seiner Bewohner, und wie man
vieles einrichten sollte.
    Da die Nacht vorgeschritten war, stand Rowno auf, um zur Ruhe einzuladen.
Mit ihm erhoben sich alle, und verabschiedeten sich.
    Zu Witiko trat ein Mann mit einem brennenden Buchenspane, um ihn in seine
Schlafkammer zu geleiten. Er führte ihn über eine Treppe empor in eine Kammer,
in welcher auf einem hölzernen Gestelle sein Lager bereitet war. Der Mann
steckte den brennenden Span in eine eiserne Schere, die in der Mauer befestigst
war, und unter welcher sich auf dem Fussboden eine grosse eiserne Schüssel befand,
dass in sie die glühenden Kohlen des Spanes hinabfallen konnten. Er legte noch
mehrere Späne, die er unter dem Arme getragen hatte, an die Mauer, und entfernte
sich. Witiko schob den grossen Eichenriegel, der an der Tür befindlich war, vor,
entkleidete sich, hing sein Gewand an den Kleiderschragen, und legte sich zur
Ruhe, indem er den einen Span in seiner eisernen Schere verglimmen liess.
    Mit dem ersten Grauen des Morgens stand er auf, und ging zu seinem Pferde in
den Stall. Da sah er noch einmal Osel, der sein Pferd zäumte und sattelte, um
den Turm zu verlassen. Witiko sprach mit ihm, und sagte: »Komme bald zu mir,
Osel.«
    »Ja bald«, sagte der Mann, »und du zu mir.«
    »Ja«, sagte Witiko, »und lebe wohl.«
    »Lebe wohl«, entgegnete Osel, bestieg sein Tier, und ritt unter dem Torbogen
hinaus.
    Als Witiko die Pflege seines Pferdes beendigt hatte, ging er in die Stube.
In derselben hatten sich schon viele Menschen versammelt. Es waren jetzt auch
ältere Männer da, die Witiko gestern nicht gesehen hatte. Auch Frauen und
Mädchen waren da. Die meisten von ihnen standen. In der Nähe eines Fensters
stand Rowno. Er hatte das schwarze Kleid an wie gestern; aber heute war es
gegürtet. Auf dem Haupte trug er eine graue Filzhaube. Neben ihm stand eine Frau
mit sanften Wangen. Sie war in ein fliessendes lichtgraues Gewand gekleidet, das
ein blauer Gürtel hielt. An ihrer Seite stand ein Knabe und ein Mädchen. Dann
stand eine schöngewachsene Jungfrau in einem dunkelblauen Kleide mit einem
veilchenblauen Gürtel. Ihre Haare waren schwarz, ihre Augen waren schwarz, ihre
Wangen tief gerötet und ihre Lippen rot wie die Kirschen in dem Felde. Dann
standen die Männer und Jünglinge. Sie waren meist alle in weite dunkle Gewänder
gegürtet. Sämtliche Männer trugen keine Waffen. Dann waren die Frauen und
Mädchen, die entweder dunkelgraue oder braune weite Gewänder hatten. Ihre Gürtel
waren schön gearbeitet.
    Auf dem Tische stand ein sehr grosses Gefäss mit warmer Milch, aus dem in
Becher geschöpft wurde, die man herumreichte. Ein Mann reichte Witiko einen
solchen Becher. Witiko trank ihn aus, und setzte ihn auf den Tisch. Dann näherte
er sich Rowno. Dieser grüsste ihn, führte ihn zu der Frau mit den sanften Wangen,
und sprach: »Das ist Ludmila, mein Eheweib.«
    Dann wies er auf die Kinder, und sagte: »Das ist Mis mein Söhnlein und
Durantia mein Töchterlein.«
    Dann führte er ihn zu der Jungfrau mit dem dunkelblauen Kleide, und sprach:
»Das ist Dimut meine Schwester.«
    Dann wies er auf die Männer, die weiter hinab standen, und sagte: »Das ist
Jaros mein Oheim mit seinem Erstgebornen Luta und seinen andern, das ist mein
Oheim Stan mit seinem Erstgebornen Branis und seinen andern, das ist mein Oheim
Detleb mit seinem Sohne Porei, das ist mein Vetter Wenzel, das ist mein Vetter
Misek, das ist mein Bruder Duda, und das ist mein Bruder Welis.«
    Dann wies er auf die Frauen, und sprach: »Diese ist Swatislawa das Eheweib
Stans, diese ist Mlada das Eheweib Detlebs, diese ist Richsa das Eheweib
Brunis', und diese Jutta das Eheweib Poreis. Die jüngeren Männer und Mädchen
nenne ich dir nicht, du wirst sie kennen lernen. Sie sind alle gekommen, dich zu
begrüssen, und werden dann an ihre Geschäfte gehen.«
    Hierauf rief er gegen die Versammelten gewendet: »Das ist Witiko von Plana
unser Nachbar und unser Gast.«
    Nach diesen Worten kamen viele herbei, und reichten Witiko die Hand. Andere
neigten sich bloss, und man fing an, sich aus der Stube zu entfernen.
    Witiko schritt gegen Ludmila Rownos Gattin, und sagte: »Ich bin zu Rowno,
den ich auf dem Wahltage auf dem Wysehrad gesehen habe, und der mein Nachbar
ist, gekommen, um ihn zu besuchen, und mit ihm zu sprechen.«
    »Ihr seid in unserem Hause und bei unseren Sippen willkommen«, antwortete
Ludmila.
    Dann wendete er sich an die Jungfrau, und sprach: »Ihr werdet wohl auch den
Fremdling in der Gastlichkeit dieses Hauses nicht unhold ansehen.«
    »Die Freunde meines Bruders sind auch die meinigen«, sagte das Mädchen.
    Nach diesen Worten war der Morgengruss geendigt, und man zerstreute sich.
    Rowno führte Witiko in das Freie. Sie gingen durch das Tor auf die Erdzunge,
die von ihm wegführte. Da sah Witiko, dass der grosse viereckige dunkle Turm von
Moorgrunde umgeben war. Dann kamen sie über den Damm auf nasse Wiesen, in
welchen hie und da kleine Teiche und andere Wässer waren. Endlich, wo der Boden
sich hob, fingen die Felder an, auf denen die Getreide schon die Farbe der
beginnenden Reife bekamen. Hinter ihnen war der Wald.
    Als sie auf den breiteren festen Boden kamen, standen mehrere Hütten und
Häuser. Von einigen ging Rauch auf, vor einigen spielten Kinder, und hie und da
trat eine Frau aus der Tür, und sah ihnen nach.
    Ausserhalb der Häuser gingen sie durch die Felder, auf denen Menschen an
verschiedenen Stellen arbeiteten. Wo die Felder zu Ende waren, ging noch
Weidegrund empor, auf welchem zerstreut verschiedene Bäume standen, und auf
welchen sich Herden von Rindern Schafen Schweinen und Ziegen befanden, die ihre
Hirten leiteten. Dann erst begann der undurchdringliche Wald.
    »Wir pflegen die Güter, welche wir von unseren Vorvätern ererbt haben,
ungeteilt und gemeinschaftlich«, sagte Rowno, »ich bin zum Haupte erwählt
worden, nach meinem Tode wird ein anderer erwählt. Sie liegen vor dir
ausgebreitet: der Turm die Wiesen die Felder die Weiden und der Wald. Der grösste
Teil des Bodens, der uns gehört, ist mit Wald bedeckt. Wir streben ihn aber zu
reuten, und unser urbares Besitztum zu vergrössern. Wenn die Zahl unserer
Stammesglieder wächst, bauen wir stets ein neues Haus oder eine neue Hütte. In
dem Turme haben alle Menschen mit ihrer Nahrung und alle Tiere mit ihrem Futter
Platz. Wenn uns ein Feind bedrohte, so könnten wir in den Turm gehen, und uns
verteidigen, bis er abzöge; denn lange könnte er nicht bleiben, weil er in dem
Walde erhungerte. Brennt er die Häuser und Hütten vor dem Turme nieder, so bauen
wir sie nachher wieder auf. Seit den Zeiten unsers Urgrossvaters ist aber ein
solcher Angriff nicht gemacht worden. Damals war ein Streit. Ob vorher einer
stattgefunden hat, wissen wir nicht, da niemand lebt, der von jenen Zeiten etwas
erzählen könnte.«
    Von dem Weidegrunde aus gingen Witiko und Rowno in einem Umkreise wieder
durch die Felder auf einem anderen Wege zu der Erdzunge zurück, die sie in den
Turm leitete. Im Turme zeigte Rowno Witiko die Räume und Gelasse, in denen Tiere
und Vorräte untergebracht werden könnten, und er zeigte ihm auch die Ställe, die
sonst da waren. Dann führte er ihn über Treppen in die öffentlichen Gemächer
empor, die nicht zu seiner und der Seinigen Wohnung dienten. Sie waren sämtlich
mit Kalk getüncht, und hatten einfache Geräte aus Tannenholz. In den grösseren
waren Waffen Knüttel Keulen Morgensterne Wurfbeile Streitäxte Speere Schwerter
Armbruste und Schleudergeräte. Einige der Gemächer waren zur Verteidigung
eingerichtet. Von den obersten derselben gingen sie auf das Dach hinaus. Dieses
war aus starken Bohlen wenig schief gegen innen gezimmert, und hatte ausserdem
die Einrichtung, dass man auf ihm aus Balken schnell einen waagrechten Boden
legen konnte, um darauf grosse Wurfdinge stellen zu können. Das Dach hatte rings
herum starke Brustwehren aus Mauerwerk, und weil das Regenwasser nach innen
glitt, so hatte es zu seiner Ableitung eine hölzerne Rinne, die durch die Mauer
hindurch weit oberhalb des Sumpfes hinaus ragte.
    Man konnte von dem Turme nur das Tal sehen, und vermochte über den
umgebenden Wald nicht hinaus zu blicken.
    Als der Mittag gekommen war, wurde das Mahl in der Stube eingenommen. Bei
demselben war auch Ludmila war Dimut und waren andere Frauen. Sonst aber waren
weniger Menschen anwesend, als sich am Morgen zur Begrüssung Witikos eingefunden
hatten, weil die, welche Angehörige besassen, mit ihnen in ihren Hütten und
Häusern assen. Es wurden Rinderbraten Fische Geflügel Bier und Roggenbrot auf den
Tisch gesetzt.
    Witiko blieb drei Tage bei Rowno.
    Am vierten ritt er beim Aufgange der Sonne in der Richtung nach Morgen
weiter. Er ritt durch die Wiesen Felder und Weiden, die um den Turm waren, und
kam wieder in den Wald. Da floss ein Bach in der Richtung gegen Morgen, und an
dem Bache ging der Pfad hin. Witiko ritt auf demselben weiter. Er ritt eine
Stunde lang an den Krümmungen des Wassers über Wurzeln Moorgrund und Gestein.
Dann änderte der Bach seinen Lauf, und ging an einem grossen waldigen Abhange
gegen Mitternacht. Witiko ritt auf dem Pfade an ihm eine halbe Stunde fort. Dann
nahm der Bach einen zweiten auf, und sie gingen vereinigt wieder gegen Morgen.
Witiko ritt zwei Stunden durch dichten Wald, bis er zwischen zwei Felsrücken
samt dem sprudelnden Wasser zur Moldau hinaus kam. Da war der Platz, auf dem die
krumme Au lag.
    Witiko suchte für sich und sein Pferd eine Herberge zur Erquickung. Er blieb
zwei Stunden da. Was er das erste Mal getan hatte, tat er wieder. Er ging auf
den Fels der krummen Au, und betrachtete ihn. Im Mittage hatte derselbe an
seinem steilen Absturze die dreifache Krümmung der Moldau, innerhalb welcher die
Häuser der krummen Au lagen, in Mitternacht war die Schlucht, durch welche
Witiko herein geritten war, im Abende ging er in sanftes sich ausbreitendes Land
über, das zur Anlage von Feldern und Gärten geeignet gewesen wäre, und im Morgen
senkte er sich gleichfalls sachte nieder.
    Als Witiko und sein Pferd gestärkt waren, ritt er wieder weiter. Er schlug
neuerdings die Richtung nach Morgen ein. Er ritt zwischen hohen Felsen und der
Moldau fort, so lange diese nach Morgen floss. Da sie sich nach Mitternacht
wendete, verliess er sie, ritt über Anhöhen hinaus, und verfolgte seine Richtung.
Der Wald erlangte jetzt sein Ende, und Witiko ritt zwischen Feldern Wiesen
Weiden Gebüschen einzelnen Wäldchen und zerstreuten Häusern hindurch. Als die
Sonne sich schon beinahe zu ihrem Untergange neigte, war er vor dem Zupenorte
Daudleb angekommen. Er ritt auf dem Fahrstege über den Fluss Malsch, zwischen den
Häusern fort, und gegen den Zupenhof zu. Derselbe lag abgesondert, hatte graue
Mauern und steile Schindeldächer. Er war durch starke Zinnen beschützt. Witiko
ritt gegen das Tor, welches niedrig war und einen grossen Rundbogen aus alter
Zeit hatte. Es stand offen, und er ritt durch dasselbe hinein. Er kam in einen
Hof, welcher von Ställen Scheunen und ähnlichen Gebäuden gebildet wurde. Hier
fragte ihn ein Mann um sein Begehren. Witiko sagte, dass er zum Zupane wolle. Der
Mann hielt ihm den Bügel, da er abstieg, und half ihm, sein Pferd unterbringen.
Darauf führte er ihn in einen zweiten Hof, und von diesem in einen grossen Saal,
in welchem mehrere steinerne Tische waren. Vor einem derselben sass auf einem
steinernen unbeweglichen Stuhle, über welchen ein Teppich gebreitet war, der
Zupan Lubomir. Er hatte ein weites dunkles Gewand an, auf welches seine
unbedecktem weissen Haare nieder fielen. Vor ihm stand ein Mann in einem grauen
Gürtelkleide, mit welchem Manne er redete. Einige Schritte hinter dem Manne
stand ein Weib in einem halbweiten blauen Kleide, um welches sie einen Gürtel
aus einem Baststricke hatte. Der Mann, welcher Witiko herein geführt hatte,
bedeutete ihn, wieder einige Schritte hinter dem Weibe stehen zu bleiben, und zu
warten, und entfernte sich dann aus dem Saale. Lubomir setzte sein Gespräch mit
dem Manne in dem grauen Gürtelgewande fort. Endlich machte der Mann eine
Bewegung wie die des Dankes, und verliess den Saal. Jetzt trat das Weib zu
Lubomir, und begann zu sprechen, er antwortete ihr, sie sprach wieder, und er
antwortete ihr wieder. Dieses dauerte eine geraume Zeit. Dann wollte sie den
Zipfel seines Kleides küssen, er liess es aber nicht zu, und sie ging aus dem
Saale. Nun näherte sich Witiko. Als er vor Lubomir stand, sagte dieser: »Was
begehrest du, mein Sohn?«
    »Mein Begehren ist nur«, antwortete Witiko, »dass Ihr erlaubt, dass ich Euch
sehe, und dass ich Euch danke, weil Ihr einmal für mich gesprochen habt.«
    »So komme in mein Empfangsgemach«, entgegnete Lubomir.
    Er stand auf, und ging gegen eine Tür. Witiko folgte ihm. Lubomir öffnete
die Tür, und führte Witiko über eine steinerne Treppe empor. Sie kamen in einen
grossen Vorsaal mit dunkelgrauen Wänden, in welchem mehrere Bewaffnete waren.
Lubomir sagte: »Gehe hinunter, Slawa, und halte im Steinsaale Wache, wenn etwa
noch jemand vor Sonnenuntergange mit mir sprechen will.«
    Einer der Bewaffneten entfernte sich über die Treppe hinab.
    Lubomir führte Witiko nun in ein zweites Vorgemach, welches aber viel
kleiner war als der Saal. In demselben befanden sich drei unbewaffnete Männer.
Lubomir sagte zu einem: »Radim, bringe Empfangswein und Kuchen.«
    Der Mann entfernte sich, und Lubomir und Witiko traten aus dem Vorgemache in
eine grosse Stube. Dieselbe war eine Eckstube, und hatte an jeder der Aussenseiten
vier Fenster. Sie war ganz mit Ulmenholz getäfelt, und hatte eine Decke, die aus
Ulmenholz geschnitzt war. Der Fussboden war mit einer Hülle von Rehfellen
überzogen. In der Stube standen drei grosse Tische aus Ulmenholz und viele Stühle
aus demselben Holze. Über der Tür und über jedem Fenster war ein erlesenes
Hirschgeweih. An den Wänden hin und in die Vertiefungen der Fenster hinein lief
eine Bank ebenfalls aus Ulmenholz. Nur an vier Stellen war die Bank
unterbrochen, und an diesen Stellen standen auf hohen Unterständern vier grosse
menschliche Gestalten, die aus Eichenholz geschnitzt waren.
    Als die Männer die Mitte der Stube erreicht hatten, blieb Lubomir stehen,
und sagte: »Sei mir willkommen, Witiko, wofür willst du mir danken?«
    »Ihr kennt mich?« fragte Witiko.
    »Du bist mit mir an dem Sterbebette des gütigen Herzoges Sobeslaw gewesen«,
erwiderte Lubomir, »und bist für ihn in eine Sendung gegangen, welche dir übel
hätte werden können.«
    »Es rührt mich im Herzen, dass Ihr an dem Sterbebette Sobeslaws gestanden
seid«, sagte Witiko, »und zu danken bin ich hier, dass Ihr in dem grossen Saale
des Wysehrad für mich gesprochen habt.«
    »Ich habe nicht für dich gesprochen«, antwortete Lubomir, »sondern für die
Sache. Aber es hat mir sehr wohlgefallen, was du getan hast, und es freut mich,
dass du zu danken gekommen bist. Du siehst, wir sind hier von dem umgeben, was
ein Land bieten kann, das an den grossen Wald grenzt: Holz von seinen Bäumen und
Felle und Geweihe von seinen Tieren. Die Gestalten, die hier stehen, sind aus
der alten Geschichte des Reiches: Samo, Krok, Libusa und Premysl. Der Abt
Bozetech, der ein Freund meines Vaters war, hat sie geschnitzt, und hat sie ihm
gegeben. Von meinem Vater sind sie in meine Hände gekommen.«
    Als Lubomir dieses gesprochen hatte, kam der Mann Radim, den er um Wein
gesendet hatte, in die Stube, und brachte auf einem Tragbrette zwei silberne
Becher mit Wein und einen kleinen runden Kuchen. Er stellte das Brett auf den
mittleren Tisch, und entfernte sich wieder.
    »Nun, Witiko, nimm den Wein des Willkommens, und brich das Stückchen Kuchen
der Einkehr dazu«, sagte Lubomir.
    Witiko nahm einen der silbernen Becher, und trank etwas Wein daraus. Als er
den Becher wieder hingestellt hatte, brach er ein Stückchen Kuchen ab, und ass
es. Lubomir trank aus dem anderen Becher, und brach auch ein Stückchen Kuchen.
Dann sagte er: »Du bist sehr gerne in meinem Hause aufgenommen, Witiko, und
wirst in demselben als Gast geehrt werden, so lange du in ihm verweilen willst.
Setze dich jetzt zu mir auf einen dieser Stühle.«
    Er wies auf einen Stuhl neben dem Tische, auf dem der Wein stand, Witiko
setzte sich auf denselben, und er auf den nächsten.
    Dann sagte Witiko: »Ich danke Euch für die gute Aufnahme, ich werde in Eurem
gastlichen Hause, wenn Ihr es erlaubt, nur einige Tage verweilen.«
    »Tue nach deinem Willen, wir werden diesen Willen immer achten«, erwiderte
Lubomir.
    »Und ich werde streben die Gastfreundschaft nicht zu verunehren, die Ihr mir
gewähret«, antwortete Witiko.
    »Du bist nach der Erhöhung Wladislaws von Prag fortgegangen, Witiko, wir
haben es in unserer Gegend wohl gehört«, sagte Lubomir.
    »Es liegt ein kleines Haus, das uns eigen ist, in dem Walde, der an Baiern
reicht«, entgegnete Witiko, »in dem Hause ist ein alter Schaffner, und ich bin
dahin gegangen, weil ich es lange nicht gesehen habe.«
    »Es liegt im Walde an der Moldau«, sagte Lubomir.
    »Mehr als eine Tagreise von hier im Walde gegen Abend«, antwortete Witiko,
»nicht ganz an der Moldau sondern bei dem Kirchenorte Plana.«
    »Ich weiss«, erwiderte Lubomir, »das Tal ist ganz von dem grossen Walde
umgeben.«
    »Ganz von dem grossen Walde«, sagte Witiko.
    »Es sind dort noch Luchse Bären Wölfe«, sagte Lubomir, »und wären noch mehr,
wenn nicht die strengen Winter herrschten.«
    »Sie geben den Leuten Pelze, die sich nicht sonderlich vor den Tieren
fürchten«, sagte Witiko.
    »Die Waldkirche des oberen Planes ist sehr alt«, entgegnete Lubomir, »es war
schon lange vor der Bekehrung des Herzogs Boriwoy, da sich die Lechen aus dem
Mittage des Landes taufen liessen, die Betstelle des Siedlers Ciprinus dort.«
    »So sagte mir ungefähr auch der Pfarrer von Plan«, entgegnete Witiko.
    »So besorge in der Zeit dein Haus, wie es deine jungen Kräfte vermögen«,
sagte Lubomir.
    »Ich helfe und sorge wie ich kann«, antwortete Witiko, »der Boden ist dort
für Getreide karg, und für Obst noch karger.«
    »Wo der Boden karg ist, sind die Leute hart«, entgegnete Lubomir, »und sie
wissen beides nicht.«
    »Sie leben bei uns von dem, was der Boden bringt«, sagte Witiko, »und was
sie aus dem Walde ziehen. Einige suchen sich auch von auswärts her Erwerb zu
schaffen.«
    »Wenn sie es nur nicht durch den Krieg tun, an dessen Ertrag sie sich
gewöhnen«, sprach Lubomir.
    »Es ist in früheren Zeiten wohl geschehen«, sagte Witiko, »sie erzählen noch
davon, und es sind Dinge vorhanden, die vom Kriege stammen.«
    »Wie es überall ist«, sagte Lubomir.
    »Jetzt wissen sie wenig von der Zeit und ihrer Bedeutung«, sagte Witiko.
    »Wie alle wenig wissen«, entgegnete Lubomir. »Die Zeit ist noch nicht reif,
mein Sohn Witiko. Die zwei Willen, welche den Bau des neuen Herzoges
aufgerichtet haben, müssen erst zerfallen, und dann wird das Unheil und
Blutvergiessen in das Land kommen, was die einen zu verhüten geglaubt haben.
Unter allen war vielleicht nur ein Mann, der die Zukunft genau wusste, nämlich
der Herzog Sobeslaw; doch der ist jetzt ein toter Mann. Er wollte die Übel
verhindern, da er zu seinem Sohne Wladislaw sagte: Unterwirf dich deinem Vetter,
und da er Zeugen zu den Worten rief, darunter auch junge, wie dich, dass sie die
Worte auf spätere Zeiten brächten; aber es wird nichts helfen, Sobeslaw handelte
unter Zwang als ein sterbender Mann mit den sterbenden Kräften. Hätte er gelebt,
so würde er vielleicht alles gehemmt haben.«
    »Ich kann viele Menschen in ihrem Tun nicht begreifen und erkennen«, sagte
Witiko.
    »Sie sich selber nicht«, antwortete Lubomir, »sie werden von der Wut ihrer
Triebe gejagt, und können nicht ermessen, was sie zu einer Zeit zu tun im Stande
sein werden. Wenn der alte Bolemil das neunzigste Jahr erreicht, wie es seinem
Vater gegönnt war, dann können seine Augen noch sehen, was er ihnen geweissagt
hat. Dich wollte ja der neue Herzog bei sich behalten?«
    »Ja«, entgegnete Witiko, »ich muss mich aber erst zurecht finden.«
    »Du wirst vielleicht das Rechte finden, mein Kind Witiko«, sagte Lubomir,
»die Bestrebungen müssen erst offener werden, dann werden viele Sinne klarer
sehen, was sie tun sollen. Der Herzog sucht sich überall zu stärken. Er vermehrt
seine Leute um sich, sucht Landesteile zu befestigen, und Freunde zu gewinnen.
Er hat den Sohn des schwarzen Otto wieder in das Herzogtum Olmütz eingesetzt,
und hat Wladislaw den Sohn des Herzogs Sobeslaw, der früher dort war, zu sich
nach Prag gezogen, um seine Augen auf ihm zu behalten. Er hat ihn sehr reichlich
ausgestattet, und zieht ihn überall hervor. Er ist auch mit seiner jungen
Gemahlin im Frühling zu dem deutschen Könige Konrad nach Würzburg gegangen.«
    »Der deutsche König Konrad ist ja der Halbbruder Gertruds der Gemahlin
Wladislaws«, sagte Witiko.
    »Es kann dies der Grund sein, weshalb sie zu ihm gegangen sind, es können
auch Bündnisse geschlossen worden sein«, entgegnete Lubomir. »Die dem Wahltage
auf dem Wysehrad beigewohnt haben, sind zum Teile um Wladislaw, zum Teile sind
sie zerstreut, können aber immer wieder gesammelt werden. Sei es nun, wie es
ist, wir müssen harren, was kommen wird.«
    »Wisset Ihr etwas von der erlauchten Herzogin Adelheid?« fragte Witiko.
    »Ich weiss etwas von ihr«, sagte Lubomir, »sie ist noch immer mit ihren
Kindern Sobeslaw Ulrich und Wenzel in Hostas Burg.«
    »Im Winter hat mir ein Bote gesagt, dass sie damals dort war«, entgegnete
Witiko.
    »Sie ist noch dort«, sagte Lubomir, »und will dort bleiben, und trauern. Sie
hat die unbeschränkte Herrschaft über die Burg, und der Herzog hat Bores zu
ihrem Kastellan eingesetzt.«
    »Das ist gut für sie«, sagte Witiko.
    »Es ist gut«, antwortete Lubomir.
    »In dem Lande ist aber überall Ruhe«, sagte Witiko.
    »Jetzt ist Ruhe«, antwortete Lubomir, »insonderheit bei uns, die wir
abgelegen sind. Hier lebt das Volk in der Unwissenheit der Dinge, die da kommen
werden, es bebaut die Felder, und liebt die Sackpfeife und den Tanz. Wir, die
wir in dem Lande zu Wächtern der Pflege des Volkes gesetzt sind, können nichts
tun, als ihre Anliegen schlichten, ihnen Rat und Hilfe geben, und den Glauben
fördern, durch den sie gesitteter und beglückter werden.«
    »Ich habe vor vier Tagen gehört, wie sie im Mondscheine im Walde einen
heidnischen Gesang gesungen haben«, sagte Witiko.
    »Sie haben eine Tryzne gefeiert«, entgegnete Lubomir, »das geschieht noch
immer, und wird vielleicht noch lange dauern. Das Volk liebt die alten Bräuche,
und das ist gut; es würde Land und Leute umkehren, wenn es sich in jedem
Augenblicke änderte. Wenn auch der Glaube hier im Mittage viel älter ist als
gegen Mitternacht, wo sie näher an den heidnischen Gebieten liegen, so sind doch
auch hier viele Sitten geblieben, die an die alte Zeit erinnern, und werden
viele Jahre bleiben. Wenn die Bräuche nicht Glaubenslehren sind, so schaden sie
nicht viel. Und einmal wird eine Zeit kommen, wo sich alles vermischt, und die
Leute nicht mehr wissen, ob ein Brauch ein heidnischer oder christlicher ist.
Wenn du zur Zeit der Sonnenwende einmal hier wärest, so würdest du auf allen
Hügeln die alten Feuer erblicken, die sie einst der Wende der Sonne angezündet
haben. Wenn sie die heilige Jungfrau Maria anrufen, so gehen noch manche zu
heiligen Bäumen, oder zu heiligen Felsen, und singen zu ihr, da sie sich die
Stirne berühren. Sie üben auch Zeichendeuterei, feien das Vieh, wenn es zum
ersten Male auf die Weide geht, und halten den Sperber für einen heiligen
Vogel.«
    »Ich habe überall die Sonnenwendfeuer anzünden gesehen, wo ich bisher
gewesen bin«, sagte Witiko, »die Baiern an der Donau an dem Inn an der Traun und
an der Enns tun es auch.«
    »So ist der Brauch ein weit verbreiteter«, entgegnete Lubomir, »und wird um
so weniger schnell verschwinden. Sonst ist unser Volk hier gut und sanft, und
verdient wohl, dass man es schützt, und wahrt, und nicht in Leiden stürzt, die es
nicht verschuldet hat. Ich werde dir jetzt das Gemach zeigen lassen, das wir dir
in diesem Hause zur Wohnung geben, damit du ausruhen, oder sonst die Zeit nach
deinem Willen verwenden kannst, bis ich dich zu meiner Gemahlin führe, und du
das Abendessen mit uns teilest. Dein Pferd wird gut versorgt werden.«
    »Wenn Ihr erlaubt, so besorge ich es selber«, antwortete Witiko.
    »Das ist gut von dir, dass du es tust«, sagte Lubomir, »die Pferde lohnen oft
die Pflege dem Pfleger besser als jedem anderen Reiter. Tue es auf deine Art,
ich werde dir jemand geben, der dir dienen muss. Jetzt trinke aber noch aus
deinem Becher, ehe wir die Stube verlassen.«
    Er griff bei diesen Worten nach seinem Becher und trank daraus. Witiko tat
das gleiche aus dem seinen.
    Dann standen sie auf, und gingen zur Tür hinaus.
    Im Vorgemache sagte Lubomir: »Radim, gehe mit diesem jungen Reitersmanne,
und tue, was er heischt. Ich nehme jetzt Abschied von dir, Witiko, und werde
dich später selber zu dem Abendtische geleiten.«
    Nach diesen Worten verliess er durch eine Tür das Gemach.
    Witiko verlangte von seinem Begleiter in den Stall zu seinem Pferde geführt
zu werden. Da es geschehen war, gab er dem Pferde die erste Pflege, dann gebot
er seinem Manne, ihm das Gemach zu zeigen, welches für ihn bestimmt sei. Der
Mann führte ihn über zwei Treppen empor, und durch ein Vorgemach in eine
geräumige Stube, welche drei Fenster hatte. Witiko sagte hier: »Du kannst dich
nun entfernen, ich bedarf deiner Dienste nicht mehr.«
    Der Mann ging durch die Tür. Witiko schritt in seiner Stube vorwärts, und
sah sie an. Sie war ganz mit geflammtem Tannenholze getäfelt, und hatte eine
Diele von rotem Eibenholze. Der Fussboden war mit einem Binsengeflechte
überspannt. Das Bettgestelle, auf dem ein Lager aus weichen Tüchern und Fellen
bereitet war, dann der Tisch und mehrere Stühle, ein Kleiderschragen, ein
Waschgestelle und zwei Bänke, die an den Wänden hinliefen, waren von gebohntem
Eichenholze.
    Witiko ging einige Male in dem Gemache hin und wider. Dann setzte er sich
auf einen Stuhl. Dann trat er an das Fenster, und sah auf den Ort Daudleb hinab.
Giebel Dächer Schornsteine und das Dach der grossen Kirche und ihr Turm ragten in
den gelben Abendhimmel empor. Er sah, dass der Ort auf einer Zunge Landes liege,
welche durch eine lange Schleife der Malsch gebildet wurde. Im Morgen hing die
Zunge mit dem andern Lande zusammen. Über die Häuser sah er auf schwach hügliges
Land, auf dem Felder Wiesen Weiden Wäldchen und erkennbare menschliche Wohnungen
waren. Dann kam ein dunkler Streifen, der den Wald anzeigte, aus dem er gekommen
war. Der Streifen ging bis tief in den Abendhimmel zurück. Von dem Orte schollen
Töne menschlichen Lebens herauf.
    Nach einer Weile ging Witiko wieder in den Stall, um die Wartung seines
Pferdes zu vollenden.
    Als dieses geschehen war, ging er wieder in sein Gemach.
    Da die Dämmerung beinahe in Finsternis überzugehen begann, kam Lubomir, um
Witiko in das Speisezimmer zu führen. Sie gingen durch die Tür, hinter welcher
zwei Männer warteten, die dann hinter ihnen hergingen. Sie gingen über die
Treppe hinab, durch einen langen Gang, und traten dann in die Speisestube.
Dieselbe war eine lange Halle, die an ihren beiden Enden grosse Bogenfenster
hatte. Die Wände waren von Granitwürfeln, die bis über Manneshöhe von
geglättetem Wacholderholze überzogen waren. An den beiden Wänden liefen
Eichenbänke hin. Durch die Länge der Halle stand ein Tisch mit weissen Linnen
bedeckt und mit Speisegeräten versehen. Drei grosse Lampen hingen von der Wölbung
gegen den Tisch herab, und in jeder derselben brannten mehrere Lichter.
    Innerhalb der Tür des Saales standen mehrere Männer. Lubomir führte seinen
Gast an den Männern vorüber gegen das obere Ende des Tisches. Dort stand eine
Frau in einem weiten dunkelbraunen Gewande, das durch einen goldgewirkten Gürtel
zusammen gehalten wurde. Die vielen schneeweissen Haare trug sie in einem
Goldnetze. Hinter der Frau standen zwei jüngere Frauen und hinter denen drei
Mädchen. Lubomir führte Witiko zu der Frau, und sagte: »Boleslawa, ich bringe
dir hier den Jüngling Witiko, welcher für den Herzog Sobeslaw zu dem Landtage
auf den Wysehrad gegangen ist, welchen der Herzog Sobeslaw unter die Zeugen
seines letzten Willens über die Nachfolge gerufen hat, und welcher jetzt in
einem Waldhause in unserer Nähe lebt.«
    Die Frau wendete ihr Angesicht mit freundlichen Mienen gegen Witiko, und
sagte: »Unser Herr und Zupan Lubomir mein Ehegatte hat mir angezeigt, dass Ihr
unser Gast seid, ich heisse Euch in Freuden willkommen, und bitte, seid mit dem
zufrieden, was unser armes Haus gewähren kann, und was zwei alte Leute, die
einsam sind, zu Euerm Vergnügen tun können.«
    »Ihr erweist mir eine hohe Gunst, erhabne Frau«, entgegnete Witiko, »dass Ihr
mich gastlich in Euerem Hause aufnehmet, ich werde es dankbar erkennen.«
    Hierauf wendete sich Lubomir gegen die Männer, die an der Tür standen, und
indem er auf den ersten wies, sagte er: »Das ist Rastislaw mein Sippe, der mir
in meinen Obliegenheiten hilft.«
    Dann wies er auf den zweiten, und sagte: »Das ist Widimir, mein Sippe, der
mir auch in meinen Obliegenheiten hilft.«
    Dann wies er auf den dritten und sagte: »Das ist Wentislaw mein Sippe, der
mir gleichfalls in meinen Obliegenheiten hilft.«
    Dann wies er nach der Reihe auf die folgenden, und sagte: »Das ist Kodim,
das ist Momir, das ist Dis, das ist Derad, das ist Wazlaw, und das ist
Hostiwil.«
    Und bei jedem fügte er bei: »Es ist mein Sippe, der mir in meinen
Obliegenheiten hilft.«
    Dann fügte er noch hinzu: »Sie sind alle meines Dankes, und wir sind uns
alle des gegenseitigem Schutzes versichert.«
    Hierauf wendete er sich halb gegen Witiko und rief zu den Männern: »Dieser
Jüngling ist Witiko unser Nachbar im Walde, und, so lange es ihm genehm ist,
unser Gast.«
    »Er ist willkommen«, rief einer der Männer.
    »Er ist willkommen«, rief ein anderer.
    Und: »Er ist willkommen«, riefen alle.
    Da dieses vorüber war, öffnete sich die Tür, und man brachte Speisen und
Getränke in verschiedenen Gefässen und stellte sie auf den Tisch.
    »So betet nun zu Gott«, sagte Lubomir.
    Ein Mann in dunklem weitem Gewande, der ganz rückwärts gestanden war, trat
an den Tisch, und sprach laut ein Gebet, dem die andern antworteten.
    »Sim, weise die Plätze«, sagte Lubomir.
    Ein Mann in weissem Wollgewande, der die Türen geöffnet hatte, als die Diener
die Speisen brachten, wies Witiko einen Stuhl, und mit Zeichen der Hand, die
schon verstanden wurden, den Männern ihre Stühle. Lubomir und Boleslawa setzten
sich selber.
    Lubomir sass oben an. Zu seiner Rechten war Boleslawa zu seiner Linken
Witiko. Neben Boleslawa sassen ihre Frauen. Die drei Mädchen standen hinter ihr.
Die Männer sassen an beiden Seiten hinab. Dann waren noch einige Jünglinge. Ganz
unten sass der Mann, welcher das Gebet gesprochen hatte.
    Die Speisen bestanden in Rindbraten Geflügel Fischen und Wild nebst Brod und
verschiedenen Kuchen. Das Getränke war Wein, der aus grossen Eimern in silberne
Becher geschenkt wurde. Es standen auch Krüge mit Bier in Bereitschaft.
    »Vor Jahren sind auch meine Söhne und Töchter bei mir an dem Tische
gesessen«, sagte Lubomir, »jetzt aber sind alle fort, ich danke Gott, er hat mir
kein einziges genommen; aber alle haben sich ihr Haus gegründet, und leben bei
den Ihrigen.«
    »Das ist nun so«, sagte Boleslawa, »in der Jugend ist man bei seinen Eltern,
in späteren Jahren bei seinen Kindern, und im Alter allein.«
    »Und doch nicht allein«, entgegnete Lubomir, »wir sind hier in der Burg
inmitten aller, und wenn wir auf ihre Zinnen gehen, oder wenn wir auf einem
Hügel ausserhalb ihr sind, so sehen wir die Büsche oder die Wäldchen oder die
Bühel, hinter denen unsere Kinder sind, die wieder ihre Kinder um sich haben,
die auch zu uns gehören. Wir denken hin, sie denken her, und wir kommen hin, und
sie kommen her.«
    »Meine Mutter ist in Pric oft lange allein gewesen«, sagte Witiko, »dann ist
sie zu einer Base nach Landshut gegangen. Ich bin jetzt immer allein.«
    »Nicht so, mein Sohn«, sagte Lubomir, »der Segen deiner Mutter und ihr
Wunsch ist dir gefolgt, und kehrt allemal wieder zu ihr zurück.«
    »Ja meine Gedanken kehren zu ihr zurück«, sagte Witiko, »und die ihrigen
werden wohl auch zu mir gehen.«
    »Siehst du«, sagte Lubomir.
    »Alle Menschen suchen ihre Zukunft«, sagte Boleslawa, »und glauben, dass sie
noch etwas recht Gutes erreichen werden.«
    »Wenn sie es nicht täten«, entgegnete Lubomir, »so käme das Leben zum
Stehen. Es ist noch glücklich, wenn nicht von fremder Seite her Dinge kommen,
die den Menschen verwirren, und aus seinem Wesen schlagen.«
    »Und dann kann er noch suchen, Gutes für die zu erwirken, die um ihn leben«,
sagte Boleslawa.
    »Wenn ich, der ich keine neue Zukunft mehr erstrebe, bei den Leuten draussen
bin, die um uns wohnen«, sagte Lubomir, »und sie mich fragen, oder etwas
begehren, oder ich mit ihnen rede, so ist das um mich, was ich ihnen wohl will.«
    »Des Menschen Tun und Lassen ist auch seine Gesellschaft«, sprach Boleslawa,
»ist es nicht so, ehrwürdiger Vater?«
    »Was ein Mensch in Demut verrichtet«, sagte der Mann am untersten Ende des
Tisches, »ist seine Nachkommenschaft, die ihm bleibt, wie sehr sie auch
Stückwerk sei.«
    »Wenn nur das Glück dieses Landes nicht gestört wird«, sagte Lubomir, »und
nicht Unheil in die schuldlosen Hütten, Häuser und Felder kömmt.«
    Als das Essen vorüber war, trat eines der Mädchen zu Boleslawa, und hielt
ihr ein silbernes Becken unter die Hände, das zweite goss aus einer silbernen
Kanne Wasser auf die Hände, Boleslawa wusch die Finger, und trocknete sie an dem
weissen Tuche, welches das dritte Mädchen hielt. Und so wurde jedem durch Diener
ein Becken zum Händewaschen und ein Tuch zum Trocknen gereicht. Dann standen
alle auf. Der Mann am untern Ende des Tisches sprach wieder ein Gebet, dem die
andern antworteten, wie vor dem Mahle.
    Hierauf sagte Lubomir zu Witiko: »Man wird dich in dein Gemach führen,
schlafe wohl unter diesem Dache.«
    »Nehmt eine erste gute Nachtruhe in unserem Hause«, sagte Boleslawa, »und
erwacht fröhlich, wie es Euern Jahren eigen ist.«
    »Es wird wohl so sein«, antwortete Witiko, »und ich gebe den Wunsch guter
Ruhe zurück.«
    »Amen«, sagte Lubomir, »gehabt euch wohl, meine Sippen.«
    »Mit Gott«, riefen die Männer.
    Nun öffnete der Mann mit dem weissen Gewande wieder die Türflügel, eine der
Frauen ging mit einem Wachslichte hinaus, Boleslawa folgte ihr, und ihr folgten
die zweite Frau und die drei Mädchen. Dann ging Lubomir hinaus, dem Slawa
leuchtete.
    Hierauf sagte Witiko zu den Männern, die da standen: »Gehabt euch wohl, und
seid mir gut gesinnt.«
    Auf diese Worte traten sie gegen ihn heran, und reichten ihm die Hände.
    »Ruhe unter der Gastlichkeit und unter unserm Schutze in diesem Hause«,
sagte der, welchen Lubomir Rastislaw geheissen hatte.
    »Ruhe wohl«, »Lebe wohl«, »Gehab dich gut«, riefen andere.
    »Ruhet wohl«, sagte Witiko.
    Und wie sich die Männer wieder von Witiko teilten, kam der zum Vorscheine,
der am untern Ende des Tisches gesessen war. Er sagte: »Ruht in Gott, und du,
junger Gast, ruhe in Gott.«
    »Ruht in Gott, ehrwürdiger Vater«, sagte Witiko.
    Die Männer machten Platz, und wollten ihn zur Tür hinaus lassen. Er aber
sagte: »Ihr zuerst.«
    »Zuerst Witiko«, riefen einige.
    Witiko ging zur Tür hinaus, Radim leuchtete ihm vor. Dann folgten die andern
mit Lichtern. Der letzte war der Mann im dunkeln Gewande.
    Radim führte Witiko in sein Gemach, zündete dort den Docht einer silbernen
Lampe an, und verliess ihn darauf.
    Witiko ging noch eine Zeit in dem Gemache herum, sass auch ein wenig auf
einem Stuhle, tat sein Abendgebet, entkleidete sich, löschte die Lampe, und
legte sich auf sein Lager.
    Sein Schlaf war, wie er ihm gewünscht worden war, und sein Erwachen, wie
Boleslawa gesagt hatte.
    Er ging in den Stall zur Wartung seines Pferdes.
    Als sich die Sonne erhob, wurde er von Radim zu Lubomir gerufen. Radim
führte ihn über eine Treppe in eine grosse Stube, die mit Eichenholz getäfelt
war. In ihr stand ein hohes Kreuz aus Eichenholz mit dem Heilande. Viele Stühle
waren da, ein langer Tisch und mehrere Betschemel. Die Fenster waren farbig mit
dem Heilande mit Engeln und Heiligen. Alle, die sich gestern beim Abendessen
befunden hatten, waren in dem Saale versammelt.
    »Ich lade dich ein, Witiko«, sagte Lubomir, »mit uns dem Gottesdienste
beizuwohnen.«
    »Ich werde es tun«, entgegnete Witiko.
    Hierauf gingen alle, welche in dem Saale waren, die Treppe hinunter, aus dem
Zupenhofe hinaus, und zwischen den Häusern in die grosse hohe Dechantkirche. In
der Kirche war nahe am Altare ein Platz für sie bereitet, auf dem sie sich
niederliessen. Es war viel Volk in der Kirche, das der Andachtsübung harrte.
Einige hatten das weite faltige Gürtelgewand an, welches im böhmischen Lande
gebräuchlich war, andere trugen engere Röcke mit Haften und Beinbekleidungen,
wie man in Baiern pflegte, Mädchen und Weiber, die zu ihnen gehörten, hatten
faltige Röcke und Brustlatze so wie Schürzen und weisse Kopftücher. Einige waren
sehr bunt, andere mehr einfarbig. An dem Hochaltare wurde das Messopfer von
mehreren Priestern gefeiert, unter welchen der war, der im Zupenhofe das
Tischgebet gesprochen hatte. Nach dem Gottesdienste ging der Zug Lubomirs wieder
in die Zupanei. Der Mann, welcher das Tischgebet gesprochen hatte, war der
letzte im Zuge.
    Man ging in den Speisesaal. Dort war Milch Honig Butter und manches andere
auf dem Tische, wovon jeder sein Morgenmahl nahm.
    »Willst du ein wenig zusehen, Witiko«, sagte Lubomir, »wie die Leute zu uns
kommen, so gehe nach dem Frühmahle in den Steinsaal. Dann sollen dir meine
Vettern Kodim und Dis die Burg zeigen, bis ich wieder Frist gewinne, selber bei
dir zu sein.«
    Witiko ging nach dem Frühmahle in den Steinsaal. Dort breiteten sie Tücher
um einen steinernen Tisch, Tücher auf den Tisch und auf den Steinstuhl, und
taten ein zusammengelegtes Tuch zu den Füssen des Stuhles. Nun kam Lubomir, und
setzte sich auf den Stuhl vor dem Tische. Mehrere seiner Sippen setzten sich
ebenfalls auf Stühle. Hierauf kamen Leute in den Saal, bunt und einfarbig, wie
sie in der Kirche waren, weit und eng gekleidet, alt und jung, Männer und
Frauen, Jünglinge und Mädchen, ja selbst fast Kinder. Sie wurden in der Reihe
vor Lubomir geführt, und er redete mit ihnen, und schlichtete ihre Sachen. Ein
Schreiber schrieb, was nötig war, in eine Mappe.
    Als Witiko dieses eine geraume Weile betrachtet hatte, ging er mit Kodim und
Dis, die Burg zu besehen. Sie gingen zuerst in die kleine Burgkirche, dann in
den Betsaal, in den Speisesaal, in den grossen Empfangsaal, in den kleinen
Empfangsaal, in welchem Witiko gestern mit Lubomir gesessen war, in die drei
Gemächer Lubomirs selber, in die Gemächer der Beherbergungen, dann in die Räume
der Bemannung der Burg, dann in die des Gesindes. Sie gingen in die Rüstkammern,
in denen Waffen der Verteidigung und des Angriffes waren, Panzerhemden, Schilde,
Helme, Lederrüstungen, Schwerter, Lanzen, Bogen, Pfeile, Köcher, Armbruste, und
ähnliche Dinge. Sie gingen in den Raum der Wurfgeräte, Schutzkörbe, Flechtwerke
und anderer Mittel. Dann besahen sie die Pferde und die anderen Tiere in den
Ställen, und die Räume der Vorräte.
    In der Zeit war es Mittag geworden, und das Mahl wurde in dem Speisesaale
gehalten.
    Nach dem Mahle ritten Lubomir und seine Sippen mit Witiko in die Felder. Es
waren da die Äcker, auf denen der Weizen Lubomirs stand, die Felder mit dem
Roggen der Gerste und anderen Früchten. Es waren die Wiesen die Weiden und das
Waldland. Sie kamen auf eine Höhe, von der man weit herum sehen konnte. Lubomir
hielt an, und sagte zu Witiko: »Siehst du, dortin, wo die Eichen stehen, ist
der Hof Chlum, auf welchem mein Sohn Moyslaw mit den Seinigen ist, und weiter
hin rechts in grösserer Entfernung würden wir den Hof Dauby erreichen, in dem
mein Sohn Pustimir mit seinen Angehörigen ist, dort hinter dem Waldberge ist
Trebin, wo mein dritter Sohn Radosta mit seinem Weibe und seinen Kindern lebt.
Weiter in dem Lande sind meine Töchter Maria und Euphemia bei ihren Gatten und
Kindern, und gegen Mähren hin ist die jüngste, die wie ihre Mutter Boleslawa
heisst, bei den Ihrigen.«
    Sie ritten gegen den Abend in einem grossen Umkreise in die Zupanei zurück.
    Am nächsten Tage sah Witiko den Markt von Daudleb, wo die Dinge waren,
welche die Leute von dem umliegenden Lande zum Verkaufe herein brachten, und
hinwieder die Dinge, die sie kauften, um sie nach Hause mitzunehmen. Am
Nachmittage tummelten die Sippen Lubomirs ihre Pferde auf dem Weidegrunde, und
zeigten ihr Geschick in Bewegungen und im Gebrauche der Waffen.
    Witiko blieb fünf Tage bei Lubomir. Am sechsten des Morgens nahm er
Abschied. Lubomir gab ihm zum Geschenke eine schöne Armbrust: Er hing sie an
seinen Sattel. Mehrere der Sippen Lubomirs gaben ihm eine Stunde das Geleite
gegen den Wald hin, woher Witiko gekommen war. Dann verabschiedeten sie sich,
und ritten zurück.
    Witiko kam gegen den Mittag in die krumme Au. Dort blieb er zwei Stunden.
Dann ritt er eine Stunde an der Moldau dem Wasser entgegen mittagwärts. Hierauf
bog sein Weg gegen Abend, und er ritt eine lange Anhöhe empor. Als er oben war,
sah er auf der Fläche einen grossen Hof vor sich, der von einer starken Mauer im
Gevierte umgeben war. Um den Hof standen noch Hütten und Häuser. In der Mauer
des Hofes war ein Tor, das offen stand. Witiko ritt durch das Tor ein. Da trat
ihm ein Mann entgegen, der in hohen faltigen Lederstiefeln ging,
Beinbekleidungen von grobem grauen Wollstoffe und von demselben Stoffe einen
Rock mit Haften hatte. Auf dem Kopfe trug er eine schwarze Filzhaube mit einer
roten geraden Hahnenfeder. Er sagte zu dem Reiter: »Du bist Witiko, der auf dem
Wysehrad gesprochen hat, was begehrst du?«
    »Wenn du Diet von Wettern bist, der im Hornung auf dem Wysehrad gestimmt
hat«, entgegnete Witiko, »und wenn dieses Haus dein Hof Wettern ist, so begehre
ich, der ich Witiko bin, eine Nacht Beherbergung und einen Tag
Gastfreundschaft.«
    »Ich bin Diet von Wettern, der gestimmt hat«, sagte der Mann, »dies ist mein
Hof Wettern, und ich gewähre dir, was du begehrest.«
    Dann trat er hinzu, und hielt Witikos Pferd beim Zügel, zum Zeichen, dass er
absteigen möge.
    Witiko stieg ab, und der Mann führte das Pferd, neben dem Witiko einher
ging, am Zügel in den Stall, und versorgte es dort mit Witikos Beihilfe. Dann
geleitete er Witiko in eine grosse Stube, deren Wände mit weissem Kalke getüncht
waren, und in der ein grosser Tisch und Bänke und Stühle von Buchenholz standen.
In der Stube tat er einen Zug an einer grossen Glocke, die da hing, dass sie ein
Mal schellte. Als ein Knecht eintrat, sagte er zu ihm. »Es ist ein Gast da.«
    Der Knecht entfernte sich, und kam bald wieder, und stellte Roggenbrot Salz
und Bier auf den Tisch.
    »Du bist willkommen bei mir, Witiko«, sagte Diet.
    Witiko schnitt auf diese Worte ein Stückchen Brod ab, salzte es, und ass es.
Darauf nahm er einen Trunk Bier.
    Diet tat nun zwei Züge an der Glocke, dass sie zwei Mal schellte.
    Eine kurze Zeit darauf trat eine junge Frau herein. Sie hatte die schwarzen
Haare in ein Band geschlungen, um die Brust trug sie ein blaues Mieder, davon
ging ein faltenreicher schwarzer Rock und eine weisse Schürze nieder. Die Füsse
waren mit rotgegerbten Stiefeln bekleidet.
    »Elisabet«, sagte Diet zu der Frau, »dieser Mann ist Witiko, der um des
Herzogs Sobeslaw willen auf den Reichstag in den Wysehrad gekommen ist, er wird
unser Gast sein, so lange er will, begrüsse ihn, und rüste die Eichenstube und
die Bewirtung. Diese Frau ist mein Eheweib, Witiko.«
    »Sei mir gegrüsst«, sagte Elisabet zu Witiko, »mein Ehemann hat mir erzählt,
dass du aus dem Teile des Landes stammst, den wir bewohnen. Nimm das mit
Freundlichkeit auf, was wir dir in unserm Hause bieten können.«
    »Ich nehme es mit grossem Danke an«, sagte Witiko, »und biete euch
Gastfreundschaft in meinem Hause in Plan oder in Pric an.«
    »Es kann sein, dass ich sie annehme, wenn ich einmal zu dir komme«, sagte
Diet, »wenn du auch dem verstorbenen Herzoge Sobeslaw anhängst, und gerne dessen
Sohn Wladislaw zum Herzoge gehabt hättest.«
    Die Frau verliess nach diesen Worten die Stube.
    Witiko aber sagte zu Diet: »Ich bin zu Sobeslaw gegangen, und habe ihm
gedient, weil er der rechtmässige und der rechte Herzog gewesen ist, und ich
hätte ihm weiter gedient, wenn er mit Gottes Gnade am Leben geblieben wäre. Über
die Nachfolge bin ich nicht Wähler und nicht Richter; aber meine Gedanken sagen
mir, dass es wohl wahr sein wird, was der alte Leche Bolemil gesprochen hat. Weil
der Herzog Sobeslaw und die Männer des Landes zugleich mit einander in Sadska
den Sohn des Herzoges Sobeslaw Wladislaw zum Nachfolger bestimmt hatten, so war
er der rechtmässige Nachfolger. Der andere Wladislaw ist nur durch eure Wahl
allein ohne Mitwirkung des Herzogs nicht der rechtmässige geworden. Weil aber
später der Herzog Sobeslaw vor den herzugerufenen Zeugen zu seinem Sohne gesagt
hat: Unterwirf dich ihm, wie ich es selber an seinem Bette von seinen Lippen
gehört habe, so ist der andere Wladislaw der rechtmässige Herzog geworden. Ob er
der rechte ist, wird sich erst zeigen.«
    »Es hat sich gezeigt«, rief Diet, »es hat ihm keiner zu widersprechen
gewagt. Die an Sobeslaw und seinem Sohne hingen, sind still auseinander
gegangen. Die grossen Lechen stehen bei dem Herzoge, viele kleine sind in seinem
Gefolge, er hat die Macht, und wird unsere Rechte schützen.«
    »Ich kenne diese Dinge nicht genau«, sagte Witiko.
    »Es ist alles gut«, sagte Diet, »es darf sich keiner rühren, damit wir zu
schalten vermögen, und uns in dem Besitze befestigen können, der von unsern
Vätern auf uns gekommen ist. Doch wozu reden wir von diesen Dingen, an denen
sich nichts mehr ändert. Da du mein Gast bist, so komme, und sieh den Hof an, in
dem du dich befindest, und alle seine Dinge.«
    Die zwei Männer verliessen die Stube, und Diet führte Witiko zur Beschauung
seines Besitzes. Sie gingen zuerst in die Ställe. Da standen Pferde, wie man sie
zu Reisen zur Jagd und selbst zum Kriege gebrauchen konnte. Es waren schöne da,
minder schöne, und solche, deren Vorzüglichkeit nur in ihrer Ausdauer bestehen
mochte. Pferde zum Landbaue schienen nicht vorhanden. Dann kam eine Reihe von
Ochsen für die Arbeiten des Hofes, mittelgrosse Tiere zu Bergfeldern brauchbar.
In engeren Ständen waren die Kühe der Stier und die Kälber. Dann waren unter
flachen Gewölben die Ställe für die Schweine. Die Schafe standen in grossen
luftigen Räumen mit lichten Fenstern, und in einem eigenen Gehege dieser Räume
waren die Ziegen. Die Hühner und Tauben hatten einen Hof mit einem Auffluge. Für
die Gänse und Enten war ein Anger mit einem Teiche. Diet führte Witiko in die
Scheuern, in welchen das Heu und das Getreide im Stroh aufbewahrt wurde, dann in
den Speicher, in welchem die Ackerfrucht in Haufen aufgeschüttet war. Dann
gingen sie durch die Lauben, in welchen sich die Wägen die Pflüge die Eggen und
die Ackergeräte befanden, durch die Werkzeugkammer, durch die Arbeitsruhe und
durch die Kammern der Knechte und Mägde.
    »Einen grossen Teil dieses Wesens hat erst mein Urahn gereutet«, sagte Diet,
»wir besitzen es durch die Erstgeburt der Söhne, und erben es nach der
Erstgeburt der Söhne weiter. Die jüngeren Söhne und die Töchter erhalten zu
ihrem Wirken eine Ausstattung, und so hoffen wir es in ferne Zeiten zu bringen.
Wir müssen es zu vergrössern suchen, darin an Besitz und Kraft wachsen. Habt Ihr
Euer Angehöriges weit von hier?«
    »Wir besitzen im oberen Plane ein Haus mit Gründen«, sagte Witiko, »in Pric
haben wir mehr, und dort sind jetzt unsere Vorfahren gewesen, von dem im
Wangetschlage bei Friedberg kann wohl nicht geredet werden.«
    »Ist das das Haus, in welchem Huldrik ist?« fragte Diet.
    »Ja«, sagte Witiko, »kennst du es?«
    »Ich kenne es«, antwortete Diet, »und wusste bisher, dass es in die Fremde
gehöre. Du musst dich an einem Platze festsetzen, Witiko, und vergrössern, und vor
deinen Nachbarn Ansehen gewinnen, und den Lechen entgegen streben.«
    Witiko antwortete nichts auf diesen Rat, und da sie über den Hofraum gingen,
kam Elisabet zu ihnen, und sagte, dass alles geordnet sei, dass man für Witiko
die Kammer hergerichtet habe, und dass in der Stube das Abendessen harre. Sie
gingen also, obgleich die Sonne noch am Himmel stand, dahin, während im Hofe
eine helle Glocke geläutet wurde. Als sie in die Stube traten, waren darin schon
einige Menschen versammelt, andere gingen nach ihnen hinein. Es waren fünf
Kinder da, drei Knaben und zwei Mädchen, Diet rief die Knaben herbei, stellte
sie vor Witiko, und sagte: »Das sind meine Söhne nach ihrem Alter: Diet Wolf und
Eberhard.«
    Die Knaben hatten Kleider von gelblichem grobem Wollstoffe an.
    Dann rief er die Mädchen, stellte sie ebenfalls vor Witiko, und sagte: »Das
sind meine Töchter Sophia und Helicha.«
    Die Mädchen hatten ihre Haare aufgebunden, hatten rote Mieder, schwarze
Faltenröckchen und weisse Schürzen.
    Dann setzte man sich an den grossen Buchentisch. Obenan sassen Diet und
Elisabet, und zwischen ihnen Witiko. Dann sassen die Kinder. Weiter unten waren
die anderen Leute, lauter Knechte und Mägde. Auf dem Tische waren Roggenbrote,
Gerstenbrote und Bier. Auf den oberen Teil setzte man einen geräucherten
gebratenen Schinken und Sauerkohl, auf den untern eine Suppe mit Stücken
geräucherten Schweinfleisches Klössen und Sauerkohl.
    Als das Abendmahl geendet war, wurde Witiko von Diet ohne Leuchte, weil noch
der Tag an dem Himmel schien, in seine Kammer geführt. Sie war eine Eckstube des
Gebäudes gegen den Wald. Sie hatte wie die grosse Stube weisse Wände, ein starkes
Bettgestelle aus Eichenholz, darauf Witikos Lager bereitet war, und andere
Geräte aus festem Eichenholze. Als Diet Abschied genommen hatte, schloss Witiko
die Tür mit dem Eichenriegel, und bereitete sich für die Nacht vor. Und als die
tiefe Dämmerung eingetreten war, legte er sich auf sein Bett zum Schlafe.
    Des andern Morgen besorgte er bei dem frühesten Tagscheine sein Pferd. Dann
wurde eine Suppe aus Milch und Mehl mit weissem Brote als Frühmahl in der grossen
Stube verzehrt. Herauf führte ihn Diet in die Gemächer des Hauses. Sie waren
fast alle wie die grosse Stube, und dienten zur Wohnung Diets und der Seinigen
und für Gäste. In den meisten waren Geräte aus Buchenholz, in einigen bessere
Geräte aus Eichenholz. In einem Gewölbe weiten Raumes waren Waffen und
Wurfgeräte zur Verteidigung des Hofes. Auf diesem Gewölbe war ein höherer
Aufbau, in den man vom Gewölbe aus gelangen konnte. Sie stiegen empor. Dort
konnte man wie von einer Warte herum sehen.
    »Siehst du«, sagte Diet, »auf jenem Wege bist du gestern gegen die Moldau zu
meinem Hofe her geritten, ich habe dich gesehen, und bin dir unter das Tor
entgegen gegangen.«
    »Und jener Fels ist der der krummen Au«, sagte Witiko.
    »Ja«, entgegnete Diet.
    »Dort sollte eine Burg stehen«, sagte Witiko.
    »Wenn ich dessen mächtig wäre, ich hätte sie schon gebaut«, antwortete Diet.
    »Etwa baut sie einmal einer deines Geschlechtes«, entgegnete Witiko.
    »Oder ein anderer, wer kann das wissen«, sagte Diet.
    Nachdem sie noch ein Weilchen durch die Waldschlucht gegen den Fels der
krummen Au hingeschaut hatten, wendete sich Diet gegen Abend, und sagte: »Da
sind nun unsere Felder Wiesen und Weiden. Du siehst, wie noch hie und da Felsen
oder Bäume in den Wiesen und selbst in dem Getreide sind. Es konnte noch nicht
alles weggeschafft werden, das muss die Zeit reinigen. Den tiefsten nassesten
Boden haben wir zu Wiesen gelassen, dann kömmt das Feld, und höher oben gegen
den Wald ist die Weide. Wir können uns noch weiter gegen Mittag ausbreiten, und
werden es tun.«
    Dann wies er gegen Morgen, und sagte: »Da ist wenig zu gewinnen, als bessere
Sicherheit.«
    Witiko sah, dass hier das Haus an den Wald stiess, der von da mit mächtigen
Tannen steil zur Moldau hinab stieg.
    Hierauf führte Diet Witiko an die Zinnen der Mauer, welche den Hof umgab,
und zeigte ihm, wie man das Haus verteidigen könnte.
    Dann gingen sie durch das grosse Tor in das Freie, und beschauten die Felder.
Sie gingen an mehreren Häuschen vorüber, in denen Leute Diets wohnten, und an
andern, in welchen solche waren, die sich in der Nähe des Hofes Eigentum
erworben hatten. Am Mittage kehrten sie in den Hof zurück. Des Nachmittags waren
sie bei manchen Arbeitern.
    Witiko bat Diet, dass er ihm für den nächsten Tag einen Führer gebe, der ihn
bis in den Wangetschlag zu Huldriks Häuschen geleite. Diet versprach es.
    Am andern Morgen verabschiedete sich Witiko von Diet und Elisabet, und
stieg im Hofe auf sein Pferd. Dort wartete schon der Führer, welcher auf einem
kleinen Pferde sass, wie sie Witiko im Stalle gesehen hatte.
    Die zwei Männer ritten durch die Gründe Diets mittagwärts, bis sie wieder
der Wald aufnahm. Sie ritten in ihm mittagwärts weiter.
    Nach zwei Stunden kamen sie in eine Lichtung, in welcher Stämme geschlagener
Bäume lagen, in welcher an verschiedenen Stellen Feuer brannten, um das
überflüssige Reisig zu verzehren, in welcher mehrere Ochsen Kühe und Ziegen
weideten, in welcher einige Hütten aus Balken und Baumrinden erbaut waren, und
in welcher Männer Weiber und Kinder mit Säge Axt Karst und Haue zur Reinigung
arbeiteten. Die Männer hatten alle die groben grauwollenen engeren Kleider an,
die in den mittäglichen Teilen des Waldes gebräuchlich waren, und die Frauen
trugen die kurzen Faltenröcke, und hatten ein Tuch um das Haupt gebunden.
    »Das ist der Kirchenschlag«, sagte der Führer, »wohin sie die neue hölzerne
Kirche bauen wollen, weil sie da mitten in den zerstreuten Waldhäusern stünde.«
    Die zwei Männer stiegen ab, und gaben den Pferden etwas Nahrung, die der
Führer von Wettern mitgenommen hatte, und tränkten sie dann aus einer Quelle.
Witiko ging auf der Lichtung herum, betrachtete die Arbeiten, und redete mit den
Leuten. Nach einer Stunde ritten sie wieder mittagwärts in dem Walde weiter.
    Da sie abermals zwei Stunden geritten waren, kamen sie wieder auf eine
Lichtung hinaus. Diese musste aber schon vor vielen Jahren gemacht worden sein.
Es standen zerstreute Häuser auf ihr, und sie entielt Felder Wiesen und
Hutweiden.
    »Das ist der Wangetschlag«, sagte der Führer, »und jenes weisse Häuschen, das
aus Steinen erbaut ist, und auf dessen breitem Dache Ihr auch Steine seht, ist
Huldriks Haus. Ihr könnt nun nicht mehr fehlen.«
    »Reitest du nicht mit mir hin?« fragte Witiko den Führer.
    »Nein«, antwortet dieser, »ich muss heute wieder nach Hause kommen, und daher
umkehren. Ich werde erst im Kirchenschlage mein Pferd füttern, und selber etwas
aus meinem Vorrate verzehren.«
    »So habe Dank«, sagte Witiko, »und handle nach deinem Auftrage.«
    Er reichte ihm eine Gabe. Der Führer nahm sie, wendete sein Pferd, und ritt
gegen den Wald zurück.
    Witiko aber ritt auf einem kleinen Pfade, der von dem Wege dem weissen
Häuschen zuging, an dasselbe hinan.
    Da er dort abstieg, kam ein alter Mann mit einer Fülle weisser Haare aus dem
Häuschen. Er ging auf Witiko zu, schaute ihn eine Weile an, und rief dann
plötzlich: »So ist meine Bitte im Himmel erhört worden, und meine Augen sehen
auf dieser Stelle Witiko, von dem Heil ausgehen wird.«
    »Was redest du für Dinge, Huldrik«, entgegnete Witiko, »ich verlange nur
eine kleine Nachterberge.«
    »Nun ist Jakob im Holze und Regina im Kohlfelde«, sagte der alte Mann, »aber
ich werde Euch helfen.«
    Sie brachten das Pferd in den Stall, wo sie eine Kuh auf einen andern Platz
hängen mussten, um dem Pferde einen eigenen Stand auszuwirken. Und als Witiko das
Pferd wie gewöhnlich bedeckt hatte, sagte er: »Nun führe mich in die Stube.«
    »In die Stube, in die Stube«, sagte der alte Mann, »so folgt mir.«
    Er führte nun Witiko in die Stube, welche eine Eckstube mit vier Fenstern
geweissten Wänden und alten Buchengeräten war. Daneben befand sich eine Kammer
mit einem Fenster.
    »Da muss ich Euch ja gleich etwas zum Essen bringen«. sagte der alte Mann.
    »Tu das, Huldrik«, sagte Witiko.
    Der alte Mann ging fort, und brachte dann in einem grünen Schüsselchen
Milch, ein Laibchen weisses Brod, ein Messer und einen Hornlöffel. Er stellte die
Milch auf den Tisch, und legte Brod Messer und Löffel daneben. Witiko setzte
sich auf einen Stuhl an den Tisch, schnitt sich Stückchen Brotes in die Milch,
und ass mit dem Hornlöffel. Huldrik stand vor ihm. Er hatte ein sehr grobes
lichtgraues Wollgewand. Sein Rock war viel kürzer und weiter als gewöhnlich,
kaum über den Oberkörper hinab reichend. Er war mit Haften geknüpft. Dann war
die Beinbekleidung, schlottrig, als sei sie ihm wegen seines Alters zu gross
geworden, und dann die Stiefel auch kürzer als gewöhnlich, von dickem Leder, und
an den Sohlen mit dicken Eisennägeln beschlagen. Auf dem Kopfe hatte er, selbst
da er zu Witiko hinaus gekommen war, keine Bedeckung gehabt.
    »Das ist eine Freude«, sagte er, indem er Witiko in das Angesicht sah, »nun
nahet die Erfüllung. Seit Euren Kinderjahren seid Ihr nicht hier gewesen.«
    »Es hat sich nicht gefügt«, sagte Witiko.
    »Ihr seid einmal in Friedberg gewesen«, sagte Huldrik.
    »Damals musste ich nach Prag reiten«, entgegnete Witiko.
    »Ich habe es von Florian erfahren«, sagte Huldrik, »und wie gross und schön
Ihr seit den fünf Jahren geworden seid, da ich Euch nicht gesehen habe.«
    »Ich erkannte dich gleich wieder, Huldrik«, sagte Witiko, »aber des
Häuschens hätte ich mich aus meiner Kinderzeit nicht mehr erinnern können.«
    »Nun seid Ihr hier, und nun wird alles anders werden«, entgegnete Huldrik,
»Eure Mutter hätte Euch vor fünf Jahren schon, da ich bei Euch war, mit mir
gehen lassen sollen, damit damals schon der Anfang gemacht worden wäre.«
    »Ich bleibe aber nicht lange bei dir«, sagte Witiko.
    »Das ist nun einerlei, weil Ihr nur einmal da seid, und der Beginn
eingetreten ist«, antwortete Huldrik, »Ihr mögt nun in Plan sein, wie bisher,
oder sonst irgend wohin gehen, das ändert jetzt nichts mehr, und die Geschicke
gehen schon fort.«
    »Jetzt müssen wir zu dem Pferde sehen«, sagte Witiko, indem er den
Hornlöffel hinlegte.
    »Ja«, sagte Huldrik.
    Sie gingen nun von der Stube wieder in den Stall, und Witiko fuhr in der
weitern Besorgung des Pferdes fort.
    »Zeige mir jetzt doch auch die Dinge bei euch«, sagte er dann.
    »Nun, hier sind vier Kühe«, sagte Huldrik, »dort zwei Kälber, und in den
leeren Stand gehören die zwei Ochsen, mit denen Jakob in das Holz gefahren ist.
Folgt mir nun zu den Schafen.«
    Sie gingen nun in einen Stall, in welchem in einer Abteilung zwölf Schafe,
in einer andern vier Ziegen und ein Ziegenbock waren. Dann zeigte Huldrik Witiko
die vier Schweine in ihrem Stalle. Dann führte er ihn in die Scheuer, wo nur ein
Rest Heu vom vorigen Jahre übrig war.
    »Die Hühner und andern Federtiere sind im Hofe und sonst überall«, sagte
Huldrik, »das Gewölbe mit der Milch den Eiern und andern Dingen werde ich Euch
zeigen, wenn Regina nach Hause kömmt. Sie bewahrt den Schlüssel. In der
kleineren Milchkammer ist auch immer nur der kleinere Vorrat. Durch das
Scheuertor seht Ihr hier die Hauswiese mit den zwei Rotkirschbäumen, die sehr
gute Kirschen geben, und dort über Adams Haus hin, das Stück Feld gehört zu uns,
dann ist der Kohlacker, wo die Steine liegen, und dort rechts an den Büschen, wo
die Ebereschen stehen, ist ein Streifen Wiese, und wo der Weg von dem Walde
herab geht, und die dunkeln Flecke sind, haben wir heuer den Haber, und unter
dem Hügel ist auch noch etwas. Ich werde Euch morgen zu allem führen, oder heute
noch, es ist nur jetzt niemand bei dem Pferde.«
    »Lassen wir es auf morgen«, sagte Witiko.
    »Morgen ist auch mehr Zeit«, antwortete Huldrik.
    Sie gingen nun wieder in die Wohnteile des Hauses, und dort zeigte Huldrik
Witiko die Gelasse, in denen er und der Knecht und die Magd hausten. Dann zeigte
er ihm noch die Kammern der Vorräte.
    »Wir senden doch alle Jahre einen Betrag des Anwesens ein«, sagte er, »wenn
es auch das jetzt nicht ist, was es war. Siebenzig schöne Ziegenkäse einen Laib
Rinderkäse und schönes Mehl haben wir Eurer Mutter nach Landshut geschickt.«
    »Sie hat grosse Freude daran gehabt«, sagte Witiko.
    »Das andere liefern wir nach Pric«, sagte Huldrik.
    »Es ist sehr gut«, antwortete Witiko.
    »Es ist, wie es sein kann«, sagte Huldrik, »jetzt beginnt das Weitere.«
    Sie vollendeten nach einer Weile die Wartung des Pferdes.
    Nun kam auch der Knecht mit dem Holze nach Hause, und lud es an einer
Stelle, die etwas von dem Häuschen entfernt war, ab. Dann kam die alte Magd
Regina, und brachte in ein grobes Tuch gebunden Kohlblätter, die man den Kühen
unter das Futter mischte. Sie wurden Witiko vorgestellt, und begrüssten ihn, und
er begrüsste sie. Dann gingen sie noch an ihre heutigen Tagesgeschäfte.
    Witiko wandelte nun allein noch eine Zeit gegen die zerstreuten Wohnungen
des Schlages herum. Abends bereitete ihm Regina ein Mahl aus geräuchertem
Schweinfleisch und Kohl, und er begab sich, als jede Tagesarbeit vollendet war,
auf sein Lager in der Kammer zur Ruhe.
    Als am andern Tage die Morgenaufgabe getan, und das Morgenmahl eingenommen
war, führten sie Witiko hinaus, und Huldrik zeigte ihm die Stückchen Wiesen und
Felder, die zu dem Häuschen gehörten. Jakob und Regina gingen hintendrein, sie
hatten sich wegen der Ankunft Witikos einen Feiertag gemacht. Witiko besah alles
sehr genau, und sprach darüber.
    Da sie wieder in der Stube waren, sagte Huldrik, indem er auf einem Stuhle
in der Nähe Witikos sass, und indem etwas ferner auch Regina sass, und die Hände
in dem Schosse hielt, der Knecht aber stehend zuhörte: »Das ist nun das Wesen,
welches Ihr und Eure Mutter in dem Walde hier besitzet, es trägt nicht viel, es
trägt aber doch etwas, wie ich Euch gesagt habe. Euer Vater ist öfter hier
gewesen, Eure Mutter auch, und einmal sind zwei Jungfrauen mit ihnen gewesen,
die auf Zeltern ritten. Wir haben ihnen ein feines Lager in der Kammer bereitet.
Euer Vater ist zuweilen unversehens von Pric gekommen, und hat sich in Stroh
gebettet, oder in Heu, oder was es war. Das letzte Mal hat er in der Kammer
geschlafen, da wir den Bären in dem Nahleswalde erlegt hatten. Und nun seid Ihr
hier, wie es geweissagt worden ist.«
    »Dazu braucht es keiner Weissagung«, antwortete Witiko, »es ist ja zu
denken, dass ich einmal kommen werde, und ich will das Haus manches Mal besuchen,
wenn es sein kann.«
    »Ja, ja, so ist es«, sagte Huldrik, »da haben sie den Wald ausgereutet, und
haben hie und da ein schlechtes Haus gebaut, und haben alles den Wangetschlag
geheissen, und haben Felderteile gemacht, auf denen nicht viel wächst, und Wiesen
und Hutweiden und Waldschläge, die andern gehören, und von denen auch ein Teil
uns gehört, und im Winter liegt sehr lange der tiefe Schnee hier, und die Frucht
ist mager, welche dann gedeiht.«
    »Wie es eben das Land bringt«, sagte Witiko, »eines hat dieses, ein anders
hat jenes.«
    »Ja so ist es, so ist es«, sagte Huldrik.
    Als sie eine Weile geruht hatten, zeigte die alte Regina Witiko die Butter-
und Milchkammer, wo sie im kalten rinnenden Quellwasser, das durch eine
steinerne Kufe ging, ihre Butterlaibe schwimmen, und ihre Milchtöpfe stehen
hatte, und wo der Vorrat der Eier lag, und zeigte ihm die Kammer, in der die
Käse waren. Dann nannte sie ihm die Namen der Kühe und Kälber, und zeigte ihm
Geflügel im Hofe und nannte die Namen der Tiere. Am Reste des Tages gingen
Witiko Huldrik und Jakob in den Wald, der zu dem Hause gehörte, und die zwei
Männer zeigten ihrem Herrn den schönen Bestand der Tannen Fichten Buchen und
anderen Holzes, das da war, und den Forellenbach, der zu dem Walde gehörte.
Diese Dinge waren nun sehr vollkommen.
    So verging der Tag.
    Am Abende sassen sie nicht an der Leuchte, weil die Sommerdämmerung sehr
lange dauerte, sondern sie sassen in der Dämmerung, und sprachen. Als es dunkel
wurde, ging man zur Ruhe.
    Am folgenden Tage besah Witiko alle Arbeiten des Hauses, und nahm Anteil an
allem. Abends sassen sie wieder, da es dämmerte, in der Stube.
    Da sie am dritten Tage, nachdem die Forellen, welche Jakob gebracht hatte,
verzehrt waren, wieder in der Abenddämmerung sassen, da Regina an einem alten
Rocke flickte, Jakob eine Schnur flocht, und Witiko von der Milch dem Butter und
dem Honig, das man ihm noch aufgenötigt hatte, etwas gekostet, und dann die
Dinge auf dem Tische weiter geschoben hatte, sprach Huldrik: »Es gehen alle
Zeichen in Erfüllung, und es wird wahr, was die alten Leute gesagt haben, dass es
wahr werden soll, und es ist wahr, wie sie gesagt haben, dass es gewesen ist.«
    »Nun, was haben sie denn gesagt?« fragte Witiko.
    »Ihr wisst es ja ohnehin«, sagte Huldrik.
    »Ich weiss es nicht«, entgegnete Witiko.
    »So hätten sie es Euch sagen sollen, da es Euch angeht«, erwiderte Huldrik.
    »Mich geht es an?« fragte Witiko.
    »Freilich«, sagte Huldrik. »In alten Zeiten, als noch Tor und Freia
herrschten und Perun und Lada, und als die Diasen waren, ist hier gar kein Wald
gewesen, weit herum gar keiner, sondern schöne Felder und Gärten und Fluren und
Haine, und da sind friedsame Völker gewesen, von hier bis an das Meer. Die
Wälder waren dort, wo jetzt die Sonne steht, und hier haben milde Lüfte geweht.«
    »Das habe ich nie gehört«, sagte Witiko.
    »Das hat mir mein Urgrossvater erzählt, und ihm hat es wieder sein
Urgrossvater erzählt, und so immer die Urgrossväter; denn bei uns sind die Männer
sehr alt geworden«, entgegnete Huldrik, »bis auf jenen Urgrossvater hinauf, der
gelebt hat, da es hier so war. Und das Land hat Eurem Stamme gehört, Witiko, sie
haben verschiedene Schlösser gehabt, und haben bald in dem einen bald in dem
andern gewohnt. Und wo dieses Häuschen steht, ist auch ein Schloss gestanden voll
Pracht. Und das ist tausend Jahre gewesen. Dann kamen kriegerische Männer aus
Welschland, und haben ein grosses Reich gemacht, und haben die Völker vor sich
hergetrieben, dass Land und Leute zerstört worden sind. Da ist auch hier alles zu
Grunde gegangen, es ist der Wald gewachsen, als wäre nie etwas anderes da
gewesen, und die winterliche Luft ist gekommen und die dürftigen Gewächse. Dann
ist einmal nach langer Zeit von Euren Voreltern, die damals fortgeführt worden
waren, ein Sprössling namens Witiko mit Leuten von Rom hieher gegangen, hat den
neuen Glauben gebracht, und hat von dem Volke, das das Land an sich gerissen
hatte, den Wald erobert, und hat wieder Schlösser gebaut, und hat weit
geherrscht, und seine Nachkommen haben geherrscht; denn es ist geweissagt
worden, dass immer ein Witiko den Stamm erretten werde. Sie haben Jagdhäuser
erbaut, und wo dieses Häuschen steht, ist zwar nicht mehr das alte Schloss voll
Pracht, aber ein Jagdhaus erbaut worden. Da haben sie Feste gegeben, und haben
des Vergnügens genossen, bis wieder das Unheil gekommen ist, bis wieder alles
zerstört worden ist, und bis wieder der Wald gewachsen ist, den man hat reuten
müssen, um dieses Häuschen zu erbauen. Nun seid Ihr gekommen, Witiko, wie es in
der Weissagung heisst: der reichste Herr des Stammes wird kommen, und Milch und
Honig auf dem Buchentische essen, wo dann die silbernen und goldenen Tische
stehen werden.«
    »Das sind wunderliche Dinge«, sagte Witiko.
    »Ihr seid wieder Witiko«, sprach der Alte, »der Stamm wird auferstehen, weil
es gesagt worden ist, und meine Augen werden es noch sehen.«
    »Möge dir Gott ein langes Leben schenken«, sagte Witiko.
    »Das geht sehr schnell«, antwortete Huldrik, »und ich werde Euch den Bügel
halten, wenn Ihr hier in Euer Schloss einzieht.«
    »Wenn ich einziehe, so halte den Bügel«, sagte Witiko.
    »Und zahlreiche Nachkommenschaft werde ich von Euch noch sehen«, sagte
Huldrik.
    »Jetzt bin ich aber allein«, entgegnete Witiko.
    »Die Jungfrau blüht schon, die Euer Weib sein wird«, sagte Huldrik.
    »Versuchen wir nicht Gott, Huldrik«, sagte Witiko, »und erwarten wir, was
sein wird.«
    »Es wird sein, es wird sein«, sagte Huldrik.
    Er stand auf, und sah dem Jünglinge freundlich in das Angesicht. Dieser sass
in seinem Ledergewande auf dem Buchenlehnstuhle. Der alten Magd Regina waren die
Hände in den Schoss gesunken, Jakob hatte von seiner Arbeit aufgehört, und beide
sahen den Greis an.
    Witiko stand auch auf.
    »Erlaubt, dass ich Euch in Eure Kammer geleite, hoher Herr«, sagte Huldrik.
    »Lebe wohl und schlafe ruhig, Huldrik«, sagte Witiko.
    »Wie es Gott fügt«, antwortete Huldrik.
    Und sie verliessen alle die Stube, und gingen in ihre Schlafkammern.
    Witiko blieb noch einen Tag in dem Hause.
    Am nächsten Tage verabschiedete er sich, und verlangte, dass der Knecht mit
ihm nach dem Orte Friedberg gehe, und dass er von da sein Pferd an der Moldau
aufwärts bis zu der Herberge an der untern Moldau führe, und dort auf ihn warte;
denn er selber werde auf den Kamm des Tomaswaldes gehen, und dann in der
Herberge eintreffen. Der Greis Huldrik liess es nicht zu, und sagte, er selbst
müsse das Pferd führen, der Knecht könne neben ihm hergehen.
    Witiko fügte sich, und so ritt er von dem Wangetschlage weg. Der Greis ging
in seinem Anzuge, zu dem er noch eine graue Filzhaube mit einer kleinen blauen
Taubenfeder aufgesetzt hatte, einige Schritte hinter dem Pferde, und wieder
einige Schritte hinter dem Greise ging der Knecht Jakob. In Friedberg zogen sie
auf dem Fahrstege über die Moldau. Am jenseitigen Ufer stieg Witiko ab, und
legte die Zügel des Pferdes in die Hände Huldriks. Dieser schlug von dem Knechte
gefolgt das Pferd führend in dem Walde den schmalen Saumweg ein, der dem Wasser
entgegen fortlief, und Witiko schritt links, und begann, die breite Höhe des
Tomaswaldes hinan zu steigen.
    Auf dem Wege, den er einmal mit dem Führer Florian herab gekommen war,
gelangte er nach etwas mehr als einer Stunde auf den Waldkamm, und fand sehr
bald die Lichtung, auf welcher die Säule des heiligen Apostels Tomas gestanden
war. Hier blieb er stehen, und sah auf das Land Baiern hinab, um welches jetzt
Leopold und die Angehörigen des stolzen Heinrich stritten, und von welchem der
Teil gegen Morgen, durch den die Donau, die Traun und die Enns flossen, vor ihm
ausgebreitet lag, bis wo die Alpenberge zogen, und die steirische Mark begann.
Dann sah er gegen das Land Böhmen, in welchem jetzt ein so wichtiger Wechsel des
Herrschers vollzogen worden war. Er sah unter sich den blaulichen Wald
durchstreift von der lichten Schlange der Moldau, dann sah er in der Richtung
zwischen Morgen und Mitternacht den Blansko als letzte Waldhöhe an dem Himmel,
in der Richtung zwischen Mitternacht und Abend konnte er in den dunkeln Wäldern
den fahlen Wacholderberg erkennen, der bei Plan stand, und von diesem Berge
gegen Abend die blaue Wand, die den dunkeln See und die drei Sessel hegte. Der
Ort, wo er stand, war die höchste Waldesstelle. Dann ging er auf einem schmalen
Pfade schief in der Richtung gegen Mitternacht und Abend durch den Tomaswald
wieder zu dem Wasser der Moldau nieder, und kam an der Stelle an, welche die
untere Moldau hiess, und an welcher die gezimmerte Herberge stand, von der Rowno
gesagt hatte.
    In der Herberge fand er Huldrik und den Knecht Jakob und sein Pferd. Nachdem
die Pflege des Pferdes besorgt worden war, und nachdem er mit seinen Begleitern
ein Mittagmahl eingenommen hatte, verabschiedeten sie sich, Huldrik ging mit dem
Knechte auf dem Saumwege an der Moldau nach Friedberg und von da in den
Wangetschlag zurück. Witiko ritt von der Herberge auf dem Stege über das Wasser
der Moldau, dann mitternachtwärts an dem neuen Eckschlage vorbei, dann gegen
Abend über ein schwarzes Moor, dann durch dichte Wälder, und kam am Nachmittage
in dem oberen Plane an.
    Er wurde von den Seinigen sehr freundlich begrüsst, und Raimund trug die
schöne Armbrust in die Kammer.
    Witiko legte nun seine Lederbekleidung wieder ab, tat sein Waldgewand an,
und lebte wie früher. Er machte nun häufig Übungen mit seinem Pferde im
Schnellaufen auf einem Boden mit Unebenheiten Gestrippe und andern Hindernissen.
    Am Ende des Herbstmonates kam ein Mann mit einem Wanderstabe zu ihm, und
sagte, dass er von Hostas Burg komme. Er habe zu den Leuten der Burg gehört, weil
er aber schon alt werde, verlangte es ihn in seine Heimat, Bores erwirkte ihm
seine Verabschiedung, und er verliess die Burg. Weil seine Heimat aber auch im
Walde sei, so habe ihm Bores eine Nachricht an Witiko mitgegeben.
    »Welche Nachricht?« fragte Witiko.
    »Dass die Herzogin Adelheid gestorben ist«, sagte der Mann.
    »Die Herzogin Adelheid ist gestorben«, rief Witiko, indem er von seinem
Stuhle aufsprang, »die Herzogin Adelheid ist gestorben.«
    »Ja«, sagte der Mann.
    »Wie hat denn das sein können?« fragte Witiko.
    »Wir wissen es nicht«, sagte der Mann, »die erlauchte Herzogin ist in dem
Gemache gewesen, in welchem der Herzog gestorben war, hat dort ihre Kinder
gepflegt, hat dort geschlafen, ist immer dort gewesen, hat keine Krankheit
gehabt, ist stets weisser geworden, und ist am fünfzehnten Tage des Herbstmonates
gestorben.«
    »Und was ist mit den Kindern geschehen?« fragte Witiko.
    »Sie sind nach Prag gebracht worden«, antwortete der Mann.
    »Und hast du die Herzogin in ihrer letzten Zeit gesehen?« fragte Witiko.
    »Ich habe die Herzogin noch gesehen, da sie tot war«, erwiderte der Mann,
»sie hat tot so ausgesehen wie lebendig.«
    »Und hat man ihr in Hostas Burg, da sie lebte, Ehren erwiesen?« fragte
Witiko.
    »Der Herzog hat ihr alle Macht übergeben«, entgegnete der Mann, »und wir
sind ihr alle untertan gewesen.«
    »Und wo ist sie bestattet worden?« fragte Witiko.
    »Sie ist mit Würden in den Wysehrad zu ihrem Gemahle geführt worden«,
antwortete der Mann.
    Witiko ging einige Male in der Stube auf und nieder. Dann setzte er sich
wieder an den Tisch, und sagte: »So ist sie ihm also gefolgt, so ist sie ihm
also gefolgt.«
    Und er stützte sein Haupt in seine Hände.
    Nach einer Weile sah er wieder zu dem Manne empor, und sagte: »Du hast mir
eine wichtige wenn auch traurige Nachricht gebracht, ich danke dir inständig,
und bitte dich, bleibe bei uns, und geniesse mit uns, was wir haben, so lange du
willst.«
    »Ich habe Euch in Hostas Burg gesehen«, erwiderte der Mann, »wo Ihr dem
Herzoge einen Dienst erwiesen habt, und bin recht gerne zu Euch gekommen, um
Euch die Nachricht zu bringen.«
    »Du bist auch im Walde zu Hause?« fragte Witiko.
    »Ja, in den Häusern des Winterberges«, sagte der Mann.
    »Du wirst jetzt bei den Deinigen bleiben«, sagte Witiko.
    »Bei zwei Brüdern ist mir das Verbleiben ausbedungen«, antwortete der Mann.
    »So geniesse deiner Ruhe, wenn es die Zeiten erlauben«, sagte Witiko.
    »Bei uns ist es immer stille und gleich«, antwortete der Mann.
    »Möge es bleiben«, entgegnete Witiko.
    Dann ging er in das Freie, und wandelte zwischen den Feldern dahin.
    Der Mann blieb zwei Tage in dem steinernen Hause. Dann empfing er Geschenke
von Witiko, nahm seinen Stab, und trat die Wanderung wieder an. Er ging mit dem
ersten Lichte des Tages an der linken Seite des Wacholderberges gegen Abend hin,
und strebte seinem Ziele zu, das er beim Untergange der Sonne erreichen konnte.
    Es kam allgemach der zweite Winter, den Witiko in Plan zubrachte.
    Als noch der Schnee auf den Feldern lag, erschien in dem oberen Plane ein
wirrer Mann, und sagte, dass er von seinem Hause vertrieben worden sei, und dass
er habe entfliehen müssen. Der Herzog wüte gegen seine Untertanen, verjage sie
von Haus und Hof, oder töte sie. Es seien auch zwei Männer in dem Walde von
Horec angekommen, und haben dort eine Siedelei gründen wollen, sie seien aber
wieder weiter gezogen.
    Da man ihn mit Speise und Trank erquickt hatte, ging der Mann in dem tiefen
Schnee durch den Wald nach Baiern hinüber.
    Witiko aber gürtete sein Schwert, nahm seinen Wollmantel, hiess den Knecht
Raimund ihm folgen, bestieg sein Pferd, und schlug den Weg mitternachtwärts in
das Land ein.
    Als sie in die freien Gegenden gekommen waren, erfuhren sie, dass der Herzog
die Räuber in dem Lande plötzlich habe verfolgen, und die, welche nicht zu
entfliehen vermochten, ergreifen und auf Bäumen oder Pfählen aufhängen lassen.
Die Kriegsknechte hätten sich versammelt, seien in die Häuser und Vesten
gedrungen, in denen die Schuldigen sich verteidigten, und haben sie ihrem
Urteile zugeführt. Dann seien sie wieder in ihre Burgen, in denen sie sonst
zerstreut waren, zurück gegangen.
    In dem Lande war eine grosse Unruhe.
    Witiko kehrte mit dem Knechte wieder in das steinerne Haus zurück.
    Als der Lenz gekommen war, ritt eines Tages ein Mann in einem schönen
braunen Gewande mit einer schwarzen Haube auf dem Kopfe, in der eine gerade
weisse Feder stak, von einem Gefährten begleitet, gegen das Haus. Als er vor
demselben angekommen war, stieg er von dem Pferde, liess es von seinem Gefährten
halten, trat in die Stube, und setzte sich dort von Witiko dazu eingeladen zu
ihm an den Tisch. Er war jung, und hatte blonde Haare und blaue Augen.
    »Ich bin Mikul«, sagte er zu Witiko, »und bin in der Versammlung auf dem
Wysehrad gewesen, in welcher du als Hörer zugelassen worden bist.«
    »Ich kann dich nicht erkennen«, antwortete Witiko, »weil ich mir die Männer,
die in jenem Saale gewesen sind, nicht habe in das Gedächtnis sammeln können.
Was ist dein Begehren?«
    »Weil du so treu an deiner Meinung gehalten hast, und weil du so standhaft
dem Tode entgegen gesehen hast, den dir der wilde Milhost gedroht hat«,
entgegnete Mikul, »so haben mich einige Männer an dich gesendet. Sie werden am
vierten Tage des Heumondes in dem Plakahofe eine Versammlung abhalten, in
welcher sie über die Dinge des Landes sprechen werden, und in welcher manche
sich näher werden kennen lernen. Sie laden dich zu der Versammlung ein.«
    »Ich weiss es nicht, ob ich zur Versammlung kommen werde«, sagte Witiko,
»aber ich danke dir für die Reise zu mir. Lasse deinen Gefährten die Pferde
herein bringen, und geniesst in dem Hause, was es hat.«
    »Ich muss dir den Dank für dein Erbieten aussprechen«, antwortete Mikul;
»aber unsere Zeit ist sehr kurz, und wir müssen ohne Aufentalt weiter reiten.«
    »So tut nach eurem Ermessen«, sagte Witiko.
    Bei diesen Worten stand Mikul auf, und verabschiedete sich. Witiko geleitete
ihn vor das Haus zu den Pferden. Mikul schwang sich auf das ledige, das sein
Gefährte hielt, beide Männer grüssten noch einmal gegen Witiko, und ritten dann
einer hinter dem andern auf dem schmalen Wege gegen die Häuser des oberen
Planes.
    Am dritten Tage des Heumondes rüstete sich Witiko, und ritt auf dem Wege,
auf welchem er von Prag in den oberen Plan herein geritten war, mitternachtwärts
in den Wald. Er ritt durch manche Baumbestände, über manche Waldblösse, und
übernachtete in einer Hütte. Am nächsten Tage, welcher der vierte des Heumondes
war, langte er nach Sonnenaufgang in dem Plakahofe an. Derselbe lag am Saume des
Waldes auf einer sumpfigen Wiese, und war ein sehr langes Gebäude. Witiko ritt
auf dasselbe zu. Als er zu dem Tore gekommen war, fand er es offen. Vor
demselben und innerhalb desselben im Hofraume waren hölzerne Stände für die
Pferde. Manche hatten ihre Tiere auch an Bäume des Waldes vor dem Gebäude
angebunden. Im Innern desselben gingen Männer hin und her, und sprachen mit
einander. Witiko kannte manche. Es war Bogdan gekommen, der an dem Tage auf dem
Wysehrad der erste nach Witikos Eintritt in den Saal über ihn gesprochen, und
angetragen hatte, dass er zu einem Gerichte in den Turm geworfen werde, es war
Benes da, der ihn sogleich gerichtet haben wollte, es war Domaslaw gekommen, der
ihn zu einem Gerichte für den künftigen Herzog aufbewahren wollte, es war
Milhost zugegen, welcher ihn sogleich auf einen Pfahl hatte aufhängen lassen
wollen, es war Kochan da, der ein strenges Gericht gegen ihn empfohlen hatte, es
war Bohus da, der die Übel angeführt hatte, welche dem Lande von allen Herzogen
widerfahren waren, es war der Mährer Drslaw gekommen, der auch über Witiko ein
strenges Gericht ausgesprochen hatte, es war Jurata da, der alte Mikul, der alte
Rodmil, und noch mehrere, welche Witiko nicht kannte. Mit jedem schienen noch
Leute und Anhänger zu sein. Witiko führte sein Pferd, nachdem er abgestiegen
war, in einen leeren Stand, band es an, und sorgte für dasselbe. Dann wandte er
sich einem grossen Raume zu, der in der Länge des Gebäudes zu einer Empfangshalle
hergerichtet worden war. Er mochte sonst zur Aufbewahrung von Geräten des Hofes
so wie anderer Dinge dienen; jetzt war er geräumt, und hatte einen sehr langen
Brettertisch, an dem Bretterbänke hinliefen, und auf dem Bier Wein und Speisen
standen. Auf den Bänken sassen Männer, und assen von den Speisen und tranken von
den Getränken, andere gingen hinzu, erquickten sich, und verliessen die Stelle
wieder. Witiko ass ein Stückchen Brod, und trank einen Trunk Bier.
    »So lässt dein Herr auch im Sommer in seinem Walde jagen, wo die Jagd nichts
nützig ist?« fragte ein Mann in einem groben rotbraunen Kleide, das er mit
Lederriemen gebunden hatte, indem er eine Hand auf seinen Bierkrug legte.
    »Ja, du Gauch«, sagte ein anderer, der auf einem grossen Holzblocke sass,
neben dem ein Krug mit Wein stand, »der Herr des Plakahofes braucht seine Tiere
nicht zu zählen, und wie du Bier trinkst, so trinken wir Wein, und wie dein Herr
Hasen hat, so haben wir Luchse und Wölfe und Füchse und Bären, und die darf man
auch im Sommer und zu Ostern und zu aller Zeit jagen. Und darum hat unser Herr
die reichen Freunde und die mächtigen Männer zu diesem Jagen geladen, das du
nicht begreifst.«
    »Bei uns sind noch ganz andere Jagen«, sagte der erste.
    »Ja, auf Fliegen und Hummeln«, antwortete der zweite.
    Witiko achtete nicht weiter auf ihr Reden. Bisher hatte niemand zu ihm
gesprochen. Jetzt näherte sich ihm aber der junge Mikul in demselben braunen
Kleide und mit derselben weissen Feder, die er gehabt hatte, als er bei ihm in
dem steinernen Hause in Plan gewesen war. Er grüsste ihn, und sagte: »Es ist gut
und recht von dir, Witiko, dass du gekommen bist, es haben mehrere Männer dich
sicher hier erwartet. Strich, der alle zu sich geladen hat, ist draussen in dem
Walde, um mit ihnen zu jagen; aber sie müssen bald zurückkehren. Du siehst, wie
geehrte Gäste er beherbergt, dass er in dieser Zeit jagt.«
    Es traten nun mehrere Männer zu Witiko: der rotaarige Benes der blonde
Drslaw der schwarze Bogdan Domaslaw und Jurata, und grüssten ihn. Er dankte. Sie
nahmen Speisen und Wein. Es kamen andere herzu, sprachen etwas, und gingen
wieder weg.
    Als die Hälfte des Vormittages vergangen war, näherte sich eine Schar Reiter
dem Hofe. An der Spitze war ein Mann auf einem braunen Pferde, er hatte ein
weites dunkelblaues Gewand mit einem stählernen Gürtel und einem Jagdspiesse. Auf
dem Haupte hatte er eine schwarze Haube mit einer grauen Feder. Er hatte braune
Haare und um das Kinn einen braunen Bart.
    »Das ist Strich, der Herr des Plakahofes«, sagte Mikul zu Witiko.
    Hinter dem Manne kamen die andern. Sie hatten auch weite Gewänder mit
Gürteln, und trugen Jagdspiesse. Diener und Hunde waren nicht bei ihnen. Sie
ritten bei dem Tore herein, ihre Pferde wurden in die Stände verteilt, und sie
gingen in die Halle.
    Als sie sich dort verteilt und Speise und Trank genommen hatten, stieg ein
Mann in einem schneeweissen wollenen Gewande und einen langen blauen Stab in der
Hand haltend auf eine Bank, und rief: »Die Diener hinaus!«
    Männer von verschiedenen Gestalten und in verschiedenen Bekleidungen
verliessen auf diesen Ruf die Halle durch die zwei Tore an den zwei Enden
derselben, und an jedem Tore stellten sich drei Männer mit Speeren auf.
    Da dieses geschehen, und einige Zeit darauf vergangen war, stieg ein Mann in
einem dunkeln weiten sammetnen Gewande, das ein aus Silber gearbeiteter Gürtel
zusammen hielt, auf die Bank. Er hatte weisse Haare und einen weissen Bart. An
seiner Seite hing ein Schwert, und auf seinem Kopfe war keine Haube. Witiko
erkannte in ihm Nacerat, der in der Versammlung auf dem Wysehrad das
dunkelpurpurne Gewand getragen hatte. Als es in der Halle stille geworden war,
sprach der Mann: »Liebe Getreue, Ansehnliche! Es sind mehrere darin überein
gekommen, dass ich, weil ich vielleicht der älteste an Jahren bin, unserem Wirte
den Dank abstatte, dass er uns ein so freundliches Fest und ein so schönes Jagen
auf seinem Hofe Plaka gegeben hat. Ich bin von Prag, wo ich viele Arbeit
verlassen habe, dazu her gekommen. Und wenn auch andere besser geeignet wären,
auf dem Platze zu stehen, auf dem ich jetzt stehe, so will ich doch reden, weil
mich einige Freunde hieher gedrängt haben, und weil ich aus Alter ein wenig
geschwätzig geworden bin. Ihr werdet mir es schon nachsehen. Strich der mächtige
ansehnliche und gute hat uns hieher auf einen seiner Höfe, der den Namen Plaka
führt, geladen, dass wir erfahren, wie sein Wild sein zahmes Getier seine Kuchen
sein Bier und sein Wein schmecken, dass wir die Wälder sehen, die er da besitzt,
und dass wir in diesen Wäldern jagen. Wir haben seit dem grauen Morgen gejagt,
und sind jetzt hieher zurückgekehrt, damit wir die Hitze des Tages nicht zu sehr
empfinden, die sich nun erheben wird. Ich sage ihm mit meinen Freunden den
besten Dank dafür, und alle werden ihm gewiss so danken wie wir. Die Geladenen
können sich nun in ihre Heimat begeben, und nehmen eine Freude und ein Vergnügen
mit sich auf den Weg. Sie haben sich hier gesehen, und haben freundschaftliche
Bande geknüpft, und werden nun gewiss einander, wie es die Lage ihrer Wohnungen
gibt, besuchen, bald hier, bald dort, bald anders wo, um ihre Freundschaft
fortzuführen, ihre Bündnisse fester zu machen, und von dem zu reden, was ihnen
im Herzen ist. Wenn unser guter erlauchter Herzog Wladislaw, den wir erwählt und
eingesetzt haben, sich nicht so sehr von uns zurückzöge, so könnte er in unserer
Mitte sein, könnte unser Vergnügen teilen, und würde unsere Freude erhöhen.
Haben nicht die Herzoge früherer Zeiten mit den Lechen gejagt und getafelt? War
es anders? Sind nicht die Lechen ihre Gefährten und ihre gesetzlichen
Gesellschafter? Sind sie nicht durch die Lechen eingesetzt und erhalten, und
sind nicht die Lechen für die Handlungen derselben verantwortlich, und lastet
nicht ihre Wahl, wenn sie verfehlt war, verderblich auf dem Lande? Aber hat
unser guter Herzog Wladislaw das Vergnügen eines Lechen oder Wladyken geteilt,
und ist er auf seinem Hofe gewesen, oder an seinem Tische gesessen? Ihr
schweigt, er hat es also nicht getan. Er würde das Vergnügen vermehrt haben, er
würde selber Vergnügen genossen haben, wenn er es getan hätte, und wir würden
heute noch freudiger sein, als wir sind, wenn er da wäre. Wir bedauern ihn, dass
er sich diese Lust versagt, und kehren ohne ihn in unsere Wohnungen zurück. Ich
kümmere mich um diese Dinge wenig, ich bin alt, und trage die Sorge für das
Land; aber die Jugend will Freude. Unser erlauchter Herzog, ehe wir ihn auf dem
ehrwürdigen Schloss Wysehrad zum Ersten unter uns gewählt haben, ist immer mit
unseren Kindern und mit der Jugend des Landes gewesen, und hat ihre Fröhlichkeit
mitgenossen. Er tut es jetzt nicht mehr, und darbt an Vergnügen, obwohl er jung
ist. Er liest einige Leute aus, die ihm folgen müssen, wenn er in das Land
reitet, wie wir den Unsrigen sagen, dass sie mit uns sein sollen, wenn wir jagen.
Er ritt mit mehreren nach Hostas Burg, und redete mit der erlauchten Adelheid
der Witwe unseres ruhmreichen verstorbenen Herzoges Sobeslaw. Da ich ihm
wohlwollend sagte, dass er sich die Mühe auflade, die sonst der Rat übernähme,
spottete er meiner. Er ritt mit mehreren jungen Männern in die Burgen des
Landes, und machte Anordnungen, die die Räte und Herren des Reiches nicht
kannten. Als er zurückkehrte, schlossen wir, nämlich mein Bruder Znata, Milota,
dann der ältere Mikul und Domaslaw, die bei diesem Feste, das uns unser lieber
Wirt gibt, anwesend sind, und ich mit manchen unserer Leute, die wir
zusammenbringen konnten, uns ihm an, damit wir seinem Zuge den Glanz gäben, der
ihm gebührte, und den er sonst nicht gehabt hätte, weil keiner der alten Lechen
dabei gewesen wäre. Oder lebt unser erlauchter Herzog, wenn er schon die
Fröhlichkeit unserer Jugend nicht teilt, sonst mit ihr zusammen? Ich glaube es
nicht. Hat nicht Wladislaw der älteste Sohn unseres höchst ruhmreichen
verstorbenen Herzoges Sobeslaw, der, wie er auch die Herren unterdrückte, doch
der gute und der weise war, in diesem Winter von Prag nach Ungarn fliehen
müssen? Ich bedaure unsern guten erlauchten Herzog Wladislaw, dass er sich die
Vergnügungen entzieht. Er nimmt die Arbeiten und die Beschlüsse an sich, welche
sonst dem obersten Kämmerer und dem Hofrichter und dem Kanzler und dem obersten
Truchsesse und den Herren und Räten des Reiches gebührten, und hat der Sorgen
und Plagen genug, dass keine Freude Raum findet. Es sind nicht zwölf Wochen
vergangen, dass er Kriegsknechte versammelt, und alle, die Räuber genannt wurden,
verjagt oder vertilgt hat. Und weil er dazu Macht braucht, so sitzt er, statt
unseren Festen beizuwohnen, und brütet in seinen Gedanken, wie er seine Macht
vermehre. Ich bedaure unsern guten Herzog, dass er nicht bei uns ist, und unsere
fröhliche Lust teilt. Boleslaw der Grausame, welcher seinen Bruder den heiligen
Wenzel erschlagen hat, ist genötigt worden, dass er seine geraubte Macht erhalte,
die Lechen und die Herren des Landes zu unterdrücken. Bis zu ihm waren sie
Führer des Volkes wie die Herzoge, und der Herzog war unter ihnen nur der Erste
unter seinesgleichen. Es war ein Glanz durch das ganze Land, und keiner war in
Knechtschaft. Dann wurde es so, dass er sie durch seinen Anhang zwang, ihm zu
dienen, dass sie seine Krieger waren, und seine Geleiter. Selbst ihr Name Führer
verschwand, und wird nicht mehr gehört. Und alle späteren Enkel Premysls sahen
es so, und mussten bedacht sein, ihre Macht, durch die sie herrschten, zu
erhöhen. Ich bedaure unsern guten Herzog, dass er nicht unter uns ist. Auch den
Umgang und den Beistand seiner Angehörigen entbehrt er. Die erhabene Witwe des
preiswürdigen Sobeslaw Adelheid von Ungarn musste nach dem Tode ihres hohen
Gemahles in der einsamen Burg Hostas bleiben, und starb aus Gram und Kummer in
dem vergangenen Herbste. Ihre kleineren Kinder, die er in seine Hut nahm, können
ihm nichts gewähren, und so ist er allein, und beschliesst allein über das Land,
und wir werden später sehen, ob es demselben fruchtet. Ihr erfahrt nun, dass es
wahr ist, was ich gesagt habe, dass ich geschwätzig bin. Ich rede immer von
allerlei anderen Dingen, und sage immer nicht unserem sehr guten Wirte unseren
Dank für sein heutiges Fest, das er uns so gasterrlich gibt, und kann immer
nicht davon wegkommen, zu bedauern, dass unser erlauchter Herzog nicht
gegenwärtig ist. Lasset uns also nur das Fest geniessen, und wenn die Jugend
daran Gefallen hat, so lade ich sie auf den Laurentiustag in meine Burg Ruden,
dass dort ein gleiches gefeiert werde. Ich weiss nicht, ob ich werde anwesend sein
können; aber ich werde mich bestreben, und gewiss wird alles zum besten Empfange
in Bereitschaft sein. Ich steige von der Bank herunter, damit ich nicht von ihr
herab gefordert werde, weil ich sie schon zu lange inne habe, und weil ich den
Fortgang des Festes störe. Ich fordere nur die Anwesenden, die es vermögen, zu
Gleichem mit unserem freigebigen Wirte auf, und sage ihm noch einmal unsern
Dank, unsern grossen Dank, unsern aufrichtigen Dank, dessentwillen ich auf diesen
Brettern stehe.«
    »Unsern Dank«, »unsern grossen Dank«, »unsern ehrlichsten Dank«, riefen die
meisten Stimmen in der Halle.
    Nacerat stieg von zwei Männern unterstützt, von der Bank herab, ordnete sein
dunkles durch das Herabsteigen verschobenes Sammetgewand, und ging zu seinem
Sitze neben Strich dem Herren des Hofes.
    Nun stieg Znata der Bruder Nacerats in hellblauem Sammet auf seinen Sitz,
und rief: »Von heute ab in drei Wochen lade ich alle, die hier sind, und die
sonst kommen wollen, in meine Burg Sturma zu einem Feste.«
    »Wir kommen, wir kommen«, riefen viele Stimmen.
    Darauf stieg er herunter.
    Nach ihm stieg der graubartige Domaslaw im roten Gewande, wie er es auf dem
Wysehrad getragen hatte, auf seinen Sitz, und rief: »Und von heute ab in fünf
Wochen lade ich alle, die da sind, und die sonst kommen wollen, auf meine Burg
Krut nach Mähren zu einem Feste.«
    »Nach Mähren, nach Mähren«, erscholl ein dröhnender Ruf.
    »Nach Mähren, nach Mähren, in Mähren ist das Heil«, rief ein Mann mit
mächtiger Stimme.
    Und ein Jubelgeschrei folgte diesen Worten.
    Domaslaw stieg von der Bank herunter.
    Nun wichen von dem unteren Tore der Halle die drei Bewaffneten zurück, und
Männer in schneeweissen Wollgewändern, wie der hatte, der den blauen Stab trug,
kamen herein, und stellten sich in eine Reihe, und begannen ein Sackpfeifen und
Flötenspielen, dass der ganze Raum tönte. Und Rufe und Jauchzen der Anwesenden
mischten sich hinein.
    Jetzt kamen viele Diener, und nahmen die Dinge, die auf dem Tische standen,
weg, und brachten ein kostbares Mahl auf denselben. Das Mahl wurde sodann
verzehrt, viel Wein wurde getrunken, viele Worte wurden geredet, und es brausten
die Stimmen und das Klingen der Pfeifer in der Halle.
    Als das Mahl vorüber war, standen viele auf, gesellten sich zu Gruppen und
Häuflein, andere suchten ihre Pferde, bestiegen sie, und ritten längs des
Sumpfes oder des Waldsaumes ihre Wege nach der Heimat, und andere blieben
sitzen, und sprachen oder assen noch und tranken.
    Witiko erhob sich von seinem Platze, und ging durch das Gedränge der Männer
gegen das Tor der Halle. Da traten der jüngere Mikul und Drslaw und der junge
Milhost zu ihm, und Milhost sagte: »Witiko, du weisst es, wie ich mit
Schnelligkeit in meinen Sachen vorschreite, du wirst uns gegen diesen Herzog,
den du hassest, beistehen.«
    Witiko antwortete: »Ich bin nur ein einzelner Mann.«
    Da sagte Drslaw: »Viele einzelne Männer sind ein Heer.«
    »Du wirst zu den Festen kommen, die angekündigt sind«, sprach Milhost.
    »Ich weiss es nicht«, antwortete Witiko.
    »Er hat auch gesagt, er wisse es nicht, da ich ihn zu dem Feste Strichs
geladen habe, und ist doch gekommen«, sagte Mikul.
    »Er wird kommen, er ist ein wackerer Mann und ein herrlicher Junge«, sagte
Drslaw.
    »Er wird kommen«, riefen die andern zwei.
    »Jetzt muss ich mich verabschieden, da mich die Zeit drängt«, sagte Witiko.
    »Lebe wohl, wir sehen uns bald wieder«, rief Milhost.
    »Lebe wohl«, rief Mikul.
    »Lebet wohl«, sagte Witiko.
    Er schritt weiter. Er ging durch das Tor hinaus, er suchte den Stand, in
welchem er sein Pferd angebunden hatte, band es los, untersuchte die Rüstung
desselben, bestieg es, und ritt über die sumpfige Wiese in den Wald. Er ritt im
Walde fort bis zu der Hütte, in welcher er beim Herreiten übernachtet hatte. Er
blieb wieder in der Nacht in der Hütte, und ritt am Morgen fort. Er ritt durch
dieselben Waldbestände und über dieselben Waldblössen, durch die er gekommen war,
und gelangte am Abende den fahlen Wacholderberg vorüber nach Plan.
    Von diesem Tage an wohnte er wieder in dem steinernen Hause. Er ging nicht
zu Znatas Feste nach Sturma, noch zu Domaslaws Feste nach Krut, noch am
Laurentiustage zu Nacerats Feste nach Ruden, noch zu einem anderen Feste, das
gefeiert wurde. Er sandte zuweilen Boten aus, und zuweilen kamen Boten zu ihm.
Einige Male ritt er selber fort, und blieb mehrere Tage abwesend.
    Als der Lenzmonat nach dem Winter kam, und wieder mehrere Männer bei ihm an
der Leuchte sassen, sagte er: »Liebe Männer, es kömmt eine ernstafte Zeit. Ich
habe genaue Kundschaft. So wie ich zu einem Feste nach Plaka geladen worden bin,
so sind fortwährend Festlichkeiten der Herren gewesen, bald hier, bald dort, sie
haben fröhlich gezecht und gejagt, haben einander Besuche abgestattet,
Zusammenkünfte gehalten, sind öfter nach Mähren geritten, und nun sind alle
Herren, welche in Böhmen grosse Landstriche besitzen, nach Mähren gegangen, haben
dort ein zahlreiches Kriegsvolk aufgestellt, und werden gegen unser Land
vordringen. Ich halte es für meine Pflicht, dass ich fortreite, um zu sehen, was
es ist, und dass ich dort helfe, wo ich es für recht erkenne. Ich habe euch
dieses gesagt, wenn etwa einer für das Rechte und Gute mitelfen will.«
    Es war im Jahre des Heiles 1142 gewesen, da Witiko so zu den Waldmännern an
seiner Leuchte Besprochen hatte.
    Es antwortete Peter Laurenz der Schmied: »Das ist so, wie es bei unsern
Voreltern gewesen ist, sie haben bei den Streiten mitgewirkt, dass das Land
beschützt werde, und dem Herzoge kein Schaden geschieht, und haben sich und den
Ihrigen durch die Kriegserwerbnisse aufgeholten. Ich meine, wir sollten schauen,
was es gibt.«
    »Es kann nun nicht andere sein, wir müssen mitgehen«, sagte Tom Johannes der
Fiedler.
    »Ja, wir müssen nach der Sache schauen«, sagte David der Zimmerer.
    »Die Feldarbeiten sind noch nicht vor der Tür, und wir können den Weibern
auftragen, die Anordnungen zu machen«, sprach Stephan der Wagenbauer.
    »Wir sollten genauere Nachrichten einholen«, sagte Christ Severin der
Wollweber.
    »Die werden wir auf dem Wege schon erfahren«, sagte Tom Johannes der
Fiedler, »sonst versäumen wir die beste Zeit.«
    »Die Sache ist sehr gut«, sagte Maz Albrecht, »und so tun wir es.«
    »Ich glaube, dass wir in wenigen Tagen gerichtet sein können«, sagte Witiko,
»und so sollten wir nichts aufschieben.«
    »Ja, ja, wer gehen will, ist bald fertig«, sagte Tom Johannes.
    »Ja, ja«, sagten mehrere.
    Und so verliessen sie an diesem Abende Witikos Leuchte.
    Am fünften Tage darnach war Witiko gerüstet. Er und sein Pferd waren in den
nötigen Stand gesetzt, die Reise zu erneuern, und er hatte Vorsorge getroffen,
dass ihm von seiner Habe, was er brauchte, gefördert werde. An diesem Tage waren
auch die Männer, die ziehen wollten, bereitet. Da war Christ Severin der
Wollweber mit einem Ahornschafte dem Packe der Nahrungsmittel und einem Sacke
für die Beute, Stephan der Wagenbauer mit Schwert und Spiess dem Packe der
Nahrungsmittel und dem Sacke für die Beute, David der Zimmerer mit Schwert und
Streitaxt dem Packe der Nahrungsmittel und dem Sacke für die Beute, eben so Paul
Joachim mit einem Spiesse, Jakob mit Spiess und Schwert, Tom Johannes der Fiedler
mit einem Spiesse und einem grossen Sacke für die Beute, angleichen Maz Albrecht
mit einem Ahornschafte, dann Peter Laurenz der Schmied, mit einer Eisenstange
und einer eisernen Wurfkeule, dann Urban, Zacharias, Lambert, und Wolfgang mit
Ahornschäften, Gregor Veit mit Schwert und Spiess, dann viele von den jungen
Leuten, und Knechte, die entbehrt werden konnten. Sie hatten die groben grauen
Wollkleider an, Stiefel mit den grossen eisenbeschlagenen Sohlen an den Füssen,
und dicke Filzhauben auf den Häuptern. Der Knecht Raimund hatte begehrt, mit
Witiko zu gehen, und Witiko hatte eingewilligt. Weil Witiko erklärt hatte, dass
er im Schritte reiten werde, sagten die Männer, man solle bei einander bleiben,
und neben ihm gehen. Witiko hielt es für gut.
    Als sie versammelt waren, segnete sie der Priester mit den weissen Haaren,
sprach zu ihnen, und machte das Zeichen des Kreuzes über sie. Die Weiber standen
da, und weinten, und hielten noch Kinder zum Abschiede hin. Die Mädchen schauten
verzagt und freudig auf die jungen Männer. Die Knaben hatten Stäbe und Stänglein
als Lanzen in Nachahmung der Männer, und standen ganz vorne. Martin stand neben
dem Pfarrer, und tröstete die weinende Lucia.
    Endlich zogen sie fort. Viele Weiber manche Mädchen und alle Knaben gingen
hinter ihnen her, bis sie die strenge Weisung erhielten, zurückzukehren, und
dann blieben sie erst noch stehen, bis die Männer im Walde waren.
    Da der Abend dieses Tages heran nahte, war der Zug durch den feuchten Schnee
bis zu Rownos Turm gelangt. Dort sahen sie, dass Rowno sich und die Seinigen
rüste. Es war eine grosse Bewegung in dem Turme und zwischen den Hütten. Als
Rowno die Ankömmlinge erblickte, rief er: »Da ist Witiko von Plana, das ist
recht, dass du dich rüstest. Witiko, wer hätte das gedacht? Wir wissen nicht
einmal genau, wer gegen den Herzog ist, und wer mit ihm. Wenn alle die Anhänger
des verstorbenen Sobeslaw zu den Mährern gehen, der wilde Wsebor, und der alte
Diwis, und der uralte Bolemil mit seiner grossen Sippschaft und Untergebenheit,
und der alte Lubomir, und der starke Bozebor, so kann ein schwerer Krieg werden,
und der junge Wladislaw der Sohn Sobeslaws kann gegen den älteren Wladislaw, den
wir erwählt haben, siegen. Wir wollen die Rechte der Wladyken schützen, dass sie
nicht von den grossen Lechen verletzt werden können, wir wollen für ihre
Unabhängigkeit und Wohlfahrt streiten. Komme herein, und übernachte in meinem
Hause.«
    Witiko ritt in den Turm, und die andern wurden in den Hütten aufgenommen,
erwärmten sich, und erhielten Speise und Trank.
    Da der Morgen des nächsten Tages angebrochen, und Witiko in die grosse Stube
gekommen war, standen viele Männer in derselben. Sie hatten das weite Kleid kurz
geschürzt und gegürtet, hatten rauwollige Beinbekleidungen und grobe Stiefel,
und auf den Häuptern dicke Filzhauben. Jeder hatte ein Schwert und eine Lanze,
und viele trugen, wie es gelegentlich hervor schimmerte, Panzerhemden unter dem
Überkleide. Rowno trug ein Panzerhemd und ein Schwert; aber er war noch nicht
völlig bekleidet, namentlich war sein Haupt unbedeckt. Es wurde Bier zum
Frühtrunke gereicht, und an einige Männer, die noch in die Stube kamen, wurden
Waffen verteilt. Ludmila die Gattin Rownos war mit ihrem Knäblein Mis und mit
ihrem Töchterlein Durantia in die Stube getreten, um die Männer und Witiko zu
begrüssen. Sie war blass und stille.
    Rowno sagte zu Witiko: »Trink einen Frühtrunk, ehe du aufbrichst, und sage
Ludmila einen Morgengruss.«
    Witiko tat einen Trunk aus einem Krüglein, in welchem Bier war, und schritt
dann zu Ludmila, und sagte: »Seid gegrüsst, edle Frau, und es seien auch Eure
Kindlein gegrüsset, wir werden einen Zug in das Feld bekommen.«
    »Der Beschluss der Männer wird geschehen«, sagte Ludmila, »und sie werden
wahren, was ihnen gebührt.«
    »Ich werde im Felde sein«, sagte Rowno, »Bustin wird den Turm besetzt
halten, der Turm wird gut versehen sein, es werden sich in ihm die nötigen
Männer befinden, und die Knaben, die da sind, mögen in dem Walde Kundschaft
treiben, und wenn etwas geschieht, das euch Gefahr droht, sendet schnell, und
ich werde zurückkehren.«
    »Tue nach deinem Herzen, Rowno«, sagte Ludmila, »und Ihr Witiko seid
gegrüsset, und habet Dank für den Gruss an die Kinder.«
    Da ging bei diesen Worten die Tür der Stube auf, und die Jungfrau mit den
schwarzen Haaren den schwarzen Augen den roten Wangen und den kirschroten
Lippen, die das dunkelblaue Kleid mit dem veilchenblauen Gürtel angehabt hatte,
da Witiko einmal als Gast in dem Turme war, Dimut die Schwester Rownos trat
herein. Sie trug aber kein dunkelblaues Kleid mit irgend einem Gürtel, sondern
an ihrer Brust glänzte ein helles Waffenhemd, das wohlgereinigt schimmerte, und
mit kurzen weiten Ärmeln über das Kleid ihrer Arme ging. Das andere Kleid ausser
dem Panzerhemde war schwarz und weitfaltig. An den Füssen hatte sie schwarze
Stiefel. Ihr Haupt war mit einer schwarzen dicken Filzhaube bedeckt. Sonst trug
sie eine Waffe nicht. Sie ging an den Männern vorüber zu Ludmila, und sagte:
»Sei gegrüsst, Schwester.«
    Dann ging sie zu Rowno, und sagte: »Ich bringe dir den Morgengruss.«
    Und dann sagte sie zu Witiko gewendet: »Ich grüsse Euch auch, Witiko, Ihr
geht gegen Mähren.«
    »Ich gehe in den Krieg«, antwortete Witiko.
    »Du hast dich auch gerüstet«, sprach Rowno zu ihr.
    Dimut antwortete: »Ihr werdet alle, die ihr es könnt, in das Feld gehen, ihr
werdet dort genau ergründen, wo das Recht ist, und werdet für das Recht mit
eurem Leben streiten, und wenn es sein muss, euer Leben dafür lassen. Ich will
tun, was ein Weib vermag, zu meinem Schutze soll wenigstens niemand benötigt
sein. Das Rechte muss geschehen, wie es auf Erden und im Himmel gilt.«
    »Du wirst immer klug handeln, meine Dimut«, sagte Rowno.
    »So klug, wie es der Teil Klugheit verlangt«, entgegnete Dimut, »der mir
geschenkt worden ist.«
    Dann ging sie zu den bewaffneten Männern, und reichte ihnen die Hände.
    »Ich muss jetzt fortgehen«, sagte Witiko.
    »So gehe, und wir werden dich vielleicht noch erreichen«, entgegnete Rowno.
    Witiko verabschiedete sich, verliess die Stube, suchte sein Pferd, und ritt
über den Damm hinaus. Die Männer von Plan schlossen sich an, und gingen mit ihm.
Als weit hinter Rownos Turm der Wald aus war, hörte der Schnee auf, und sie
kamen am Abende in den Zupenort Daudleb. Dort kaufte Witiko für Raimund ein
Pferd, besorgte noch manches für seinen Zug, und die Männer beschlossen, eine
Zeit auf Kundschaft hier zu bleiben.
    Als Witiko in den Zupenhof ging, war er verschlossen, es wurde ihm das Tor
geöffnet, und er wurde, weil ihm der Torwart gesagt hatte, dass Lubomir fort sei,
zu Boleslawa geführt, die mit Männern in dem Hause war. Witiko begrüsste sie, und
sagte: »So ist Lubomir in seinem Alter fortgegangen?«
    »Ja, er ist fortgegangen«, sagte Boleslawa. »Da es an der Zeit war, kam, wie
es sich gebührt, unser Erstgeborner Moyslaw mit seinen Männern von seinem Hofe
Chlum zu uns, dann kam unser Zweitgeborner Pustimir von seinem Felde und Walde
in Dauby mit seinen Männern, dann kam auch der Drittgeborne Radosta mit seinen
Männern von Trebin, es kamen die Gatten Marias Euphemias und Boleslawas mit
ihren Männern, Lubomir hatte seine eigenen Leute versammelt, der demütige
Priester dieses Hauses hat sich auch zu trösten und zu helfen beigesellt, und
sie gingen alle zu Wladislaw dem Herzoge.«
    »Zu Wladislaw dem Herzoge?« fragte Witiko.
    »Zu Wladislaw dem Herzoge«, entgegnete sie. »Du bist auch auf dem Zuge,
Witiko, sei eingedenk, das Rechte zu tun.«
    »Gehabt Euch wohl, erhabne Frau«, antwortete Witiko, »ich will das Rechte
tun, das ich erkenne.«
    »So tue es«, sagte sie, »und sei in andern Zeiten wieder einmal hier unser
Gast.«
    »Ich werde um Einlass bitten, wenn alles vorüber ist, und sich das Tor mir
nicht verschliesst«, sagte er.
    Er verabschiedete sich, und wurde wieder ins Freie geführt.
    Die Männer des Waldes blieben zwei Tage in Daudleb. Am dritten zogen sie
fort, und hielten ihre Nachtruhe in Podhrad, wo Sümpfe und Einöden waren.
    Am folgenden Tage gingen sie nach Austi in wohlbebautes Land. Da blieben sie
wieder zu kundschaften fünf Tage. In den Häusern waren wenige Männer, und die
Leute, welche da waren, blieben in den Stuben. Auf den Wegen waren Bewaffnete
und allerlei Volk, das gegen Mitternacht zog. Ctibor, der sonst bei Austi auf
einem Hofe wohnte, war mit seinen Männern zu dem Herzoge Wladislaw gegangen.
    Als sie erfahren hatten, dass nach Mitternacht hin die Kriegsheere stehen
müssen, zogen sie in dieser Richtung weiter. Es begegneten ihnen Leute, die ihr
Vieh nach dem Mittage und gegen die Wälder trieben. Sie hielten die
Nachterberge an dem Hofe Nacehrad.
    Am nächsten Tage begegnete ihnen sehr viel Volk. Es säumte meistens seine
Güter auf Pferden oder Ochsen in fernere Gegenden, oder es trug, was ihm
gehörte, auf dem eigenen Rücken. Da es Nachmittag geworden war, sahen sie in der
Richtung von Abend her viele Menschen auf einem Wege kommen, der in den ihrigen
ging, und sahen, dass sie ihnen den Weg verstellten. Es waren Männer, welche in
hochgeschürzten Faltengewändern gingen, sie hatten schwere Stiefel an den Füssen,
und auf den Häuptern hatten sie dicke Filzhauben, welche kaum die Augen sehen
liessen, und dann mit einem Lappen über die Wangen und den Bart hinab gingen. Sie
trugen Schwerter und Spiesse. Wo die Wege sich vereinten, hielten sie an,
sammelten sich auf dem Wege und dem Felde, und blickten auf Witiko und seine
Schar. Sie wurden immer mehr. Dann kamen auch Reiter hinter ihnen, die
Beinbekleidungen kürzere gegürtete Röcke und Filzhauben mit einer geraden Feder
trugen, wie die Männer gekleidet waren, die den scharlachroten Prinzen begleitet
hatten, ehe er Herzog geworden war. Einige hatten feine Gewänder andere gröbere
und unscheinbarer an Farben. Sie trugen keine Lanzen aber alle hatten Schwerter,
und viele trugen Schilde. Es waren mehrere sehr grosse und starke Männer unter
ihnen. Sie sammelten sich ebenfalls neben den Fussgängern auf dem Felde. Endlich
sprengte einer an den Reitern vorwärts, der eine graue Falkenfeder auf der
schwarzen Haube und grüne Kleider hatte. Er ritt gegen Witiko und rief: »Was
versperrst du hier den Weg, dass unsere Leute im Weiterziehen gehindert sind?«
    »Ich versperre nicht deinen Weg«, rief Witiko entgegen, »siehst du nicht,
dass unsere Richtung von Mittag nach Mitternacht geht, und dass ihr von Abend
herein gekommen, und dass ihr es seid, die uns den Weg versperren?«
    »Du hast deine Leute aufgestellt, dass sie uns betrachten«, rief der andere,
»wir müssen uns also auch ordnen, dass wir gerüstet sind, wenn ihr uns etwas
anhaben wollt, und das ist es, wodurch du uns hinderst.«
    »Du erkennst wohl, dass wir die wenigen euch die so vielen nicht angreifen
werden«, entgegnete Witiko, »wenn du uns aber anfällst, so werden wir unsern
Körper verteidigen, so gut wir es können. Diese aber sind nicht meine Leute, ich
weiss nicht, was sie in der Zukunft tun werden, jetzt sind sie nur neben mir
gegangen, weil wir aus der nämlichen Heimat sind.«
    Während dieses Rufens waren immer mehr Reiter gekommen, und hatten sich
neben den grünen Mann gestellt. Jetzt kamen zwei Saumpferde, eines vorn und
eines hinten, sie trugen eine offene Sänfte, und in derselben sass ein Mann in
ein sehr weites braunes mit Pelzwerk verbrämtes Kleid gehüllt, und unter der
schwarzen Haube drangen weisse Haare herab, und auf das braune Kleid floss ein
sehr langer weisser Bart. Der Mann war sehr alt, und sein Haupt war nach vorwärts
geneigt. Da er zu dem grünen Reiter gekommen war, hielt die Sänfte an, der grüne
Reiter stellte sich neben sie, und sagte: »Hochehrwürdiger Grossvater, dort steht
der Bote, welchen der kranke Herzog Sobeslaw einmal in die Versammlung auf den
Wysehrad gesendet hat, er richtet seine Leute gegen uns, dass er uns etwa
schädige.«
    Der alte Mann hob sein Haupt empor, wendete sein Angesicht und seinen Körper
gegen die Stelle, auf welcher Witiko stand, und sagte: »Sohn des Wok, ziehe
deiner Wege, gehe zu Wladislaw dem Sohne Sobeslaws oder zu andern Feinden des
Herzoges, wir werden dich dort bekämpfen, hier ist nicht Zeit, dass wir dich
vertilgen. Rühre keinen der Männer an, die um mich sind.«
    Dann wendete er sich an den grünen Reiter, und sprach »Dalimil, sage den
Leuten, dass sie weiter ziehen, und eine Säumnis nicht mehr eintreten lassen.«
    Der grüne Reiter ritt gegen die Fussgänger vorwärts, der alte Mann in der
Sänfte aber nahm sein braunes Kleid fester an sich, und neigte sein Haupt wieder
nach vorne, wie er es früher gehabt hatte.
    Die Fussgänger und Reiter fingen an, sich wieder zu bewegen. Witiko aber
rief: »Hochehrwürdiger Leche Bolemil, ich rühre keinen deiner Männer an, und wer
weiss, ob unsere Wege nicht die gleichen sind.«
    Bolemil antwortete nicht, sondern nickte nur mit dem Haupte.
    Der Zug bewegte sich schneller, und die Pferde mit der Sänfte fingen zu
gehen an. Hinter ihr kamen wieder Reiter. Witiko aber blieb stehen, bis alle
vorüber waren, und man endlich auf dem fernen Wege kaum mehr einen der Männer
erblicken konnte. Dann setzte er sich in Bewegung, und zog ihnen nach.
    Er kam mit den Männern, die bei ihm waren, an dem Abende dieses Tages zu
einem Hofe, der nicht weit von den Häusern stand, die den Namen Suchdol hatten.
Sie beschlossen, da zu ruhen. In dem Hofe war kein Mensch, es waren die Türen
und Tore eingeschlagen, es waren keine Vorräte da, kaum Futter für Witikos und
Raimunds Pferd. Und als die Nacht gekommen war, erblickte man gegen Morgen die
roten Scheine von entfernten Feuersbrünsten. Die Männer lagerten in dem Hofe,
und assen von den Nahrungsmitteln, welche sie in den Päcken mit sich geführt
hatten. Als der Tag angebrochen war, sahen sie die Häuser von Suchdol deutlich;
aber einige waren verbrannt, und andere zerstört. Von Suchdol gegen den Hof war
ein Berg, beinahe gegen die Mittagseite gelegen, weit gedehnt und gestreckt, hie
und da mit einigem Gebüsche und dann mit Wiesen und Feldern bedeckt. Er hiess
Wysoka. Von ihm konnte man in entfernten Morgengegenden Rauchsäulen aufsteigen
sehen, und in der Richtung zwischen Mitternacht und Abend sah man auch Rauch zu
dem Himmel ziehen. Die Männer versammelten den Hof, stellten in ihm Wachen auf,
und sandten mehrere fort, um Kundschaft einzuziehen. Die Kundschafter kamen
zurück, und sagten, dass vier oder sechs Wegestunden weit zwischen Mitternacht
und Abend der Herzog mit seinem Heere sei, dass er es sammle und ordne, und dass
gegen Morgen hin eine Tagereise oder mehr entfernt die Lechen, welche sich
zusammen getan hatten, lagern, und dass sie Zuzüge und Verstärkungen rufen. Der
Leche Nacerat, der ein hoher Herr bei dem Herzoge Wladislaw gewesen sei, stehe
an ihrer Spitze. Alle Häuser rings herum sind leer, viele sind verbrannt oder
zerstört, die Menschen sind mit ihrem Vieh und ihrem Gute fortgezogen. Hie und
da zeigen sich Bewaffnete, und manches Mal ein Mensch, der etwa ein Dieb oder
ein anderer dieser Art sein kann.
    Die Männer von Plan beschlossen, in dem Hofe zu bleiben, bis sie genauer
erkundet hätten, was sich begebe. Sie gingen daran, das Gebäude besser zu
befestigen.
    Es waren indessen die milderen Tage des Lenzes gekommen, die Gesträuche,
welche auf dem Berge Wysoka standen, bekamen grüne Blättchen, die Wiesen
erhielten Gras, und die Wintersaaten sprossten. Die Felder, auf welchen die
Sommersaaten stehen sollten, waren nicht bestellt worden.
    Es war nun auch Rowno mit seiner Schar in die Gegend gekommen, und da die
Männer von Plan streiften, trafen sie ihn, er ging mit ihnen samt den Seinen in
den Hof, und vereinigte sich mit ihnen. Auf diese Art kam auch Osel mit seinen
drei Knaben, Diet von Wettern, dann ein Mann, der an der Moldau in dem Hofe
Attes wohnte, dann der von Hora, dann Wolf von Tusch und Wernhard von Ottau.
Jeder hatte eine Schar mit sich. Es kamen dann auch die von Friedberg, von
Horec, die Hlenici, und da sie Diet von Wettern und die aus dem Turme Rownos
erfragten, gingen sie in den Hof, es kamen von denen, die im neuen
Kirchenschlage reuteten, die vom schwarzen Bache, vom Wangetschlage, vom
Eckschlage, vom Ratschlage, dann kamen, die an der Moldau hinab sassen, wo bei
Friedberg gereutet wurde, dann die von den Häusern an dem Moldaufelsen, welcher
der Rosenberg geheissen wurde, wo Witiko einmal mit Florian ein Mittagsmahl
gehalten hatte, dann einige von den Hütten, die mittagwärts von der Waldblösse
des heiligen Tomas lagen. Von dem Häuschen im Wangetschlage, das Witikos Stamme
gehörte, kam der Knecht Jakob mit einem lahmen Pferde.
    Sie versammelten sich alle bei dem Hofe, und versprachen, zusammen zu
halten. Sie lebten von den Nahrungsmitteln, die sie mitgebracht hatten, und
richteten zu ihrem Getränke wieder den Brunnen des Hofes zurecht. Zugleich
begannen sie, um den Raum Gräben zu machen, und sich durch Pfahlwerke zu
schützen.
    Eines Tages kam eine Schar schöner Reiter gegen den Hof. An ihrer Spitze war
ein Jüngling in himmelblauem Gewande mit einer weissen Feder auf dem Haupte. Er
ritt näher, und betrachtete den Hof und die Befestigungen um ihn. Witiko bestieg
sein Pferd, ein Tor der Pfähle wurde geöffnet, und er ritt von einer grossen
Schar Fussgänger begleitet hinaus. Da er zu dem Jünglinge gekommen war, rief er
aus: »Wladislaw, der Sohn des Herzogs Sobeslaw!«
    »Ja, ich bin es, den du genannt hast«, rief der Jüngling im blauen Kleide
entgegen, »Witiko, der treue Freund meines Vaters, Witiko, den meine Mutter
geehrt und beschenkt hat, wie freut sich mein Herz, dass ich dich sehe!«
    Es kamen noch mehr Fussgänger aus dem Hause heraus, und alle stellten sich
halbkreisartig hinter Witiko auf. Das gleiche taten die Reiter hinter Wladislaw.
    »Nun ist die Zeit gekommen, Witiko«, sprach der Prinz, »dass wir die Schmach
auslöschen, die uns geschehen ist, dass wir den Hohn tilgen, der meinem Vater
angetan worden ist, dass wir den Schmerz vergelten, den meine Mutter leiden
musste, und dass wir alles, was recht ist, wieder herstellen. Du und die Männer,
die dir gehorchen, sind mit dazu erlesen.«
    »Und wie wird das geschehen?« fragte Witiko.
    »Es ist alles wohl geordnet und zum Gelingen bereit«, antwortete Wladislaw,
»höre mich. Der uns den Herzogstuhl geraubt, und mich in die Untertänigkeit
gestürzt hat, der nämliche hat mir auch meine Habe entrissen. Er hat mir das
Herzogtum Olmütz, das ich besass, genommen, und hat es Otto dem Sohne des
schwarzen Otto gegeben, den er aus Russland gerufen hatte. Mich zwang er nach
Prag zu sich. Aber ich bin in dem vorvorigen Winter entflohen, und bin bei
meinen königlichen Sippen in Ungarn gewesen. Indessen hat der, welchen sie noch
bei dem Leben meines Vaters des ruhmreichen Herzoges Sobeslaw gegen ihren Eid
auf dem Wysehrad zum Herzoge gewählt haben, die Rechte aller grossen Lechen
gekränkt, er hat sie bei Seite gesetzt, und hat ohne ihren Rat und Beistand
gehandelt. Sie sind von ihm abgefallen, und die ihn eifrig gewählt haben, stehen
jetzt gegen ihn. Nacerat der grosse und mächtige ist jetzt in Mähren, eben so
sein Sohn Dus und sein Bruder Znata. Dann ist der alte reiche Mikul, dann ist
Jurata, dann ist der alte Rodmil, dann Groznata, Slawibor, Domaslaw, Kochan,
Bohus, dann der junge tapfere Milhost, Strich von Plaka, der junge Mikul,
Bogdan, Benes und die Mährer Drslaw, Mireta, Zibota, Soben, Treba, Stibor, und
sehr viele andere. Ich bin zu ihnen gegangen, um Vergeltung zu üben. Sie haben
einen Bund gestiftet, um eine andere Herrschaft einzuführen. Die Fürsten aus dem
Stamme Premysls sind dem Bunde beigetreten: Wratislaw der Herzog von Brünn,
Konrad der Herzog von Znaim, Otto der Herzog von Olmütz, welchen Wladislaw aus
Russland zurückgerufen hatte, dann die Söhne Boriwoys des Oheims Wladislaws
Leopold und Spitihnew. Sie haben alle Konrad von Znaim zum Herzoge von Böhmen
und Mähren gewählt. Sein Heer steht nicht zwölf Wegestunden von hier gegen
Morgen. Immer kommen noch Züge zu demselben, und wenn es gerüstet ist, werden
alle Häupter zu ihm kommen, und werden gegen Wladislaw vorrücken, und ihn, der
die Herren schwächen, und sich mit den kleinen Leuten und mit dem Volke stärken
wollte, vertilgen.«
    »Weisst du das ganz genau, und bist du nicht getäuscht worden, Wladislaw?«
fragte Witiko.
    »Die hier mit mir sind«, antwortete Wladislaw, »stammen aus den besten
Geschlechtern, sie streifen, um die Lage und Begebnisse der Gegend zu
erforschen, und sie können dir sagen, dass ich die Wahrheit rede.«
    »Der hohe Prinz spricht wahr«, rief ein Mann in dunkelroten Kleidern, der in
der vorderen Reihe des Zuges stand.
    »Er spricht wahr«, riefen mehrere Stimmen.
    »Du wirst auch, wenn du bei uns bist, Witiko«, sagte Wladislaw, »die Schrift
sehen, in welcher alles verzeichnet ist. Sie entält die Namen, die ich dir
nannte, und in ihr sind die Rechte aufgeschrieben, welche der künftige Herzog
denen gegeben hat, die ihn wählten, und die für ihn streiten wollen. Wir werden
nur noch über die Felder von Suchdol reiten, wo wir in der Richtung gegen Abend
sehen können. Du kannst indessen deine Leute ordnen, und dann mit uns
ungefährdet zum Heere ziehen.«
    »Du sagst, dass alle grossen Männer der Länder mit euch sind?« fragte Witiko.
    »So ist es«, entgegnete Wladislaw.
    »Du hast Zdik den Bischof von Olmütz nicht genannt, welcher der eifrigste in
jener Versammlung auf dem Wysehrad war, um die Wahl Wladislaws zum Herzoge von
Böhmen und Mähren zu bewirken.«
    »Zdik ist ein Verräter«, antwortete Wladislaw, »er hat schon wohl den Sinn
und die Absichten meines Vetters Wladislaw gekannt, dass er die Herren
unterdrücken, und die Kleinen und die Bischöfe empor bringen wird, darum hat er
dessen Wahl so emsig befördert, und jetzt hat er seinen Bischofsitz und das Land
Mähren verlassen, und ist in das Lager Wladislaws gegangen.«
    »Du hast den alten Lechen Bolemil nicht genannt«, sagte Witiko.
    »Der ist uralt, und führt keine Kriege mehr«, entgegnete Wladislaw.
    »Er ist mit einer grossen Schar von Fussgängern und Reitern zu dem Herzoge
gezogen, ich habe ihn selber gesehen, und habe mit ihm gesprochen«, antwortete
Witiko, »der Zupan von Daudleb Lubomir ist mit seinen Scharen und mit denen
seiner Söhne Moyslaw Pustimir und Radosta und mit denen seiner drei
Töchtermänner zu dem Herzoge gegangen. Ctibor, welcher mit vielen Männern in den
Gefilden von Austi wohnte, ist mit ihnen zu dem Herzoge gegangen. Weisst du etwas
von Diwis, dem Zupane in Saaz?«
    »Man erzählt, dass er bei dem Herzoge sei«, sagte Wladislaw, »allein das
ändert nichts, wir werden sie alle niederwerfen.«
    »Und Bozebor und Wsebor und Nemoy und Chotimir und der alte Preda und Jurik
und der alte Milota?« fragte Witiko.
    »Es können nicht alle bei uns sein«, sagte Wladislaw, »die mehreren und die
besten haben wir.«
    »So wird der ehemalige Bischof Silvester, der deinetwegen Tränen in der
Versammlung vergossen, und deinetwegen sein Amt niedergelegt hat, bei dir sein?«
fragte Witiko.
    »Silvester ist ein gebrechlicher Mann«, entgegnete Wladislaw, »und hat sein
Kloster nicht verlassen.«
    »Wladislaw«, sagte Witiko, »von den Männern, die ihren Eid von Sadska
gebrochen haben, sind nur diejenigen in Mähren, welche es nicht ihres Landes
sondern ihres Nutzens willen getan haben, und sind nun ihrem neuen Eide wieder
untreu. Ich habe es geahnt, da Nacerat in der Versammlung auf dem Wysehrad
gesprochen hat, und ich habe es erkannt, als ich ihn bei einem Feste im
Plakahofe sprechen gehört habe. Die Fürsten, die Söhne des Stammes Premysl, sind
ihrem eigenen Stamme untreu, da sie gegen den obersten Sohn des Stammes, dem sie
unterworfen sind, dem sie gehorchen sollen, aufgestanden sind, um für sich
Vorteile zu gewinnen, Otto der Sohn des schwarzen Otto, den der Herzog aus der
Verbannung zurückgerufen hat, dem er das Herzogtum Olmütz gegeben hat, ist zur
Untreue auch noch undankbar, Konrad, welcher gar keine Rechte auf den
Fürstenstuhl besitzt, hat ihn zu kaufen versucht, weil er seinen Helfern, wie du
sagst, in einer Schrift Zugeständnisse versprochen hat, die sie für ihren
Beistand erlangen sollen, und du aber, Wladislaw, hast dich selber
preisgegeben.«
    »Witiko, du treuester Diener Sobeslaws, du willst doch nicht von ihm
abfallen?« rief der Prinz.
    »Nicht von Sobeslaw falle ich ab, ich bleibe ihm treu«, sagte Witiko, »dein
Vater hat mich rufen lassen, als er auf dem Totenbette gesagt hat: Mein
erstgeborner Sohn Wladislaw, du bist von dem deutschen Könige Konrad mit den
Ländern Böhmen und Mähren belehnt, und von den Herren beider Länder auf dem Tage
in Sadska anerkannt worden. Jetzt aber haben sie auf dem Wysehrad deinen Vetter
Wladislaw den Sohn meines verstorbenen Bruders des Herzoges Wladislaw für meinen
Tod zum Herzoge gewählt. Unterwirf dich ihm, und gehorche ihm, dass die Sünden
nicht werden, welche in meiner Jugend gewesen sind. Nacerat wird gegen Wladislaw
nicht siegen. Ich habe mir die Worte tief in mein Gedächtnis geprägt, weil sie
mir sehr merkwürdig erschienen waren. Dein Vater hat die Wahl seines Neffen
anerkannt, und hat dir den Rat gegeben, dein Recht auf die Nachfolge in der
Herrschaft der Länder hinzugeben, dass das Heil des Reiches nicht zerstörst
werde. Du konntest den Willen deines Vaters nicht erfüllen, du hast ihm damals
nichts zugesagt, du konntest mit den Waffen gegen deinen Vetter aufstehen, dein
Recht aufrecht halten, das Heil des Landes in die Schanze schlagen: viele wären
an deiner Seite gestanden, wahrscheinlich die besten, die jetzt gegen dich sind,
und ich wäre gewiss unter deine Fahnen gegangen; du aber hast dein Recht selber
hingeworfen, weil du in die Dienstbarkeit eines andern gegangen bist, der Herzog
sein will. Jetzt lebt die Anerkennung deines Vaters für Wladislaw als Recht auf,
das haben sie alle, welche für dich und das Recht auf dem Wysehrad gesinnt
gewesen waren, erkannt, der edle Diwis, der treue Freund deines Vaters, der ihm
vor den Verschwörern das Leben gerettet hat, Bolemil der weise alte Mann, der
vor den Greueln der Nachfolgekriege so ängstlich gewarnt hatte, der gute
Lubomir, der mir dem Boten deines Vaters Gehör von der Versammlung erbeten
hatte, dann Wsebor, der die Leiden deines Vaters zu ehren gefleht hatte, Jurik,
Chotimir, der Feldherr Smil, und vor allen der untadelige Bischof Silvester, dem
für dich sein lauteres Leben zerstört ist, sie haben es erkannt, und stehen
jetzt zu dem Rechte, das neu geworden ist, und das du selber durch dein Tun
hervorgerufen hast. Du sagst, dass ich nicht treu bin. Bist du der treue Sohn
deines Vaters, der sich in seiner Herrschaft gemässigt hat, dass nicht das Volk
durch die Grossen gedrückt wurde, und dass er es nicht selber drücke, und der sich
im Tode noch mehr zu mässigen gewusst hat, indem er das Land über seine Kinder
stellte? Er hat dir den Rat und, ich kann sagen, den Befehl gegeben, dich zu
fügen, er hat ihn dir nicht umsonst vor so vielen Zeugen gegeben, weil er
gewollt hat, dass dir keiner beistehe, wenn du dich erhebest. Bist du der treue
Sohn deiner Mutter, die ihrem toten Gatten angehangen hat, bis ihr das Herz
gebrochen ist, und bist du der treue Prinz deiner selbst, da du der Aftermann
eines Aftermannes geworden bist? Ich bin dem treu geblieben, was ich für meine
Pflicht hielt. Ich sehe jetzt sehr klar, wo das Rechte und das Gute liegt, wie
Boleslawa die edle Gattin Lubomirs gesprochen hat, ich sage mich auf immer los
von dir, und bin von dieser Stunde an der Helfer und der Mann des Herzogs
Wladislaw. Die hier um mich sind, haben mir nicht zu gehorchen, ich bin nur als
ihr Heimatgenosse bei ihnen, ich bin nur ein einzelner für meine Beschlüsse, ich
weiss nicht, was sie tun werden; aber wenn sie meinem Worte folgen, so werden sie
zu dem Herzoge gehen; eines weiss ich aber ganz gewiss, dass, wenn du mir mit
deinen Reitern nur ein Haar krümmen wolltest, sie mich als den treuen
Heimatsmann nicht im Stiche lassen würden.«
    Es waren, als Witiko redete immer mehr Männer aus dem Hofe und seiner Nähe
herzu gekommen, sie standen dicht hinter ihm, hielten ihre Spiesse in den Armen,
und hefteten ihre Blicke auf den Prinzen.
    Dieser aber rief: »So gehe zu Wladislaw, du treubrüchiger Hund, der du das
Brod meines Vaters in Hostas Burg gegessen, und die Güte meiner Mutter erfahren
hast; aber wisse, wenn ich dich im Kampfe treffe, so soll nicht ein Tropfen Blut
in deinen Adern bleiben, den nicht die Erde trinkt, und wenn du jetzt mit deiner
Rotte die Reiter, welche um mich sind, beschädigen wolltest, so werden wir mit
unsern kriegsgeübten Schwertern eher eine unermessliche Schmach unter euch
anrichten, ehe ihr uns nur ein kleines Unheil zufügen könnt.«
    »Sei ruhig, Wladislaw«, sagte Witiko, »wenn du mich in dem Kampfe triffst,
so tue mit mir, wie du Macht hast; wenn ich in den Kampf gehe, so ist es ja eben
nicht, dass ich mir dadurch mein Leben sichern will; hier aber will ich dich
nicht ergreifen. Wenn diese da um mich zu dem Herzoge gehen, werden wir dich in
der Schlacht finden, und weil du Blut und Flammen über das unschuldige Land
hervorrufen geholfen hast, da du der Dienstmann eines Aufrührers geworden bist,
so werden wir dieses Land im Kampfe verteidigen, so gut oder so schlecht wir es
verstehen, die wir vom Walde gekommen sind.«
    »Das ist recht«, rief eine Stimme hinter Witiko.
    »Das ist recht«, riefen sogleich viele Stimmen.
    Wladislaw sagte nach diesen Rufen etwas auf seine Reiter zurück, sie machten
eine halbe Wendung zur Seite, und ritten die Blicke auf Witikos Umgebung heftend
fort. Als sie eine Strecke zurückgelegt hatten, wendeten sie ganz, und eilten
davon. Sie ritten aber nicht gegen Abend, um, wie Wladislaw gesagt hatte, zu
kundschaften, sondern gegen Morgen, von woher sie gekommen waren.
    Witiko aber war ruhig stehengeblieben, die Männer hinter ihm auch.
    Als die Reiter schon weit entfernt waren, und man nur mehr einen schwachen
Staub erblicken konnte, wo sie ritten, wendete sich Witiko zu den Männern, und
sagte: »Ihr habt es nun gehört, was sie wollen. Die Geschwätzigkeit dieses
Mannes hat uns mehr geoffenbaret, als wir je auszukundschaften im Stande gewesen
wären. Sie haben sogar ein Papier aufgesetzt, auf welchem geschrieben steht, was
der neue Herzog den Fürsten und hohen Herren zahlen wird, wenn sie ihn auf den
Herzogstuhl setzen, und den Preis wird nicht er entrichten, sondern das Volk und
die kleinen Leute werden ihn zu tragen haben, deren Beschützung die hohen Herren
dem Herzoge Wladislaw so übel nehmen, wie dieser Mann da so eben gesagt hat.
Darum sind die Söhne Premysls dem Gesetze des Blutes zuwider aufgestanden, weil
sie Raub wollen, darum ist der mächtige Herr und Leche Nacerat nach Mähren
gegangen, weil er den Vorteil, den er durch die Erhebung Wladislaws, der früher
mit seinem Sohne und dessen Freunden umgegangen ist, nicht gefunden hat, und ihn
nun bei Konrad sucht. Der weise Bolemil hat alles vorausgesehen, da er auf dem
Wysehrad gesagt hat, sie werden alle Mal wieder einen Herzog wählen, wenn ihnen
der gewählte nicht recht tut. Ich weiss nun, was mir obliegt, ich brauche nicht
länger hier auf Kundschaft zu verweilen, ich reite zu dem Herzoge. Was ihr auch
tun wollt, so glaube ich, dass ihr nicht länger mehr bei diesem Hofe verweilen
sollet, damit nicht die Mährer kommen, und euch belagern, und damit nicht eure
Macht gelähmt oder vertilgt werde, die, wenn sie auch nicht gross ist, doch dort,
wo sie einwirkt, zur Entscheidung beitragen kann.«
    Nach diesen Worten sprang Rowno hervor, und rief: »Witiko von Plana, du Sohn
deines Vaters Wok, du hast recht gesprochen; wenn du auch jung bist, so
verstehst du doch schon, was ich gesagt habe. Sie wollen uns unterdrücken, sie
wollen uns berauben, dass sie noch mehr prassen können, als bisher. Du meinst es
gut mit denen, die nicht grosse Macht und grossen Glanz haben, andere auszubeuten,
und du meinst es gut mit dem Volke, das im Schweisse seines Angesichtes sein Brod
erwirbt. Ich werde mein Pferd satteln lassen, und meine Reiter werden ihre
Pferde satteln, und wir werden mit dir zu dem Herzoge reiten. Meine Fussgänger
werden sich rüsten, und uns folgen.«
    Dann trat Diet von Wettern hervor, und sagte: »Sie sollen uns nicht in
unserem Besitze stören, den wir von unseren Vätern ererbt haben, und den wir
erweitern wollen, und den sie verschlingen wollen, wenn ihnen der neue Herzog
mehr Macht gibt. Du siehst jetzt, Witiko, dass es wahr ist, was ich gesagt habe,
dass Wladislaw der rechte Herzog ist, der uns schützt. Ich gehe mit meinen
Reitern, die die Waldpferde haben, und mit meinen Fussgängern, die sich aus dem
Walde Spiesse geholt haben, mit dir zu dem Herzoge.«
    Dann sagte Wernhard von Ottau: »Ich gehe mit meinen Leuten auch mit dir,
Witiko, zu dem Herzoge.«
    Hierauf trat Osel von Dub vor, und sprach: »Ich habe meinen drei Knaben die
Haare festlich beschneiden lassen, dass sie in das Jünglingsalter eintreten, und
tüchtig werden, ich habe sie mit mir in das Feld genommen; aber ich wollte eher,
dass sie tot und blutig auf dem Felde liegen bleiben, als dass der Übermut
geduldet würde, den jener blau gekleidete Knabe, der in der Sonne schimmerte wie
ein Falter, vor uns dargelegt hat. Es ist nicht so geworden, wie wir in Rownos
Turme gesprochen haben, Witiko, Diwis, Bolemil, Lubomir sind nicht Verräter
geworden, sondern Nacerat, und die andern, die ich für Stützen gehalten habe.
Möge dieser schurkische Nacerat in den tiefsten Grund der Hölle fahren. Ich
führe meine drei Knaben und meine Männer mit dir zu dem Herzoge, Witiko.«
    »Ich gehe auch mit dir, Witiko«, sagte Wolf von Tusch.
    Hierauf rief eine gewaltige Stimme in dem Haufen: »Lasset mich reden.«
    »So rede, du Mann unter den Leuten«, rief Rowno, »und komme hervor.«
    Da drängte sich unter den Männern, welche hinter Witiko standen, einer nach
vorwärts, der gross gewachsen war, und breite Schultern hatte, die mit grobem
grauen Wollzeuge bedeckt waren. Er hatte statt des Spiesses nur eine eiserne
Stange, und an seinem linken Arme hing mit einem Riemen eine eiserne Keule. Es
war Peter Laurenz, der Schmied von Plan. Da er heraus gekommen war, und im
Freien stand, sprach er nicht.
    »So rede nun«, sagte Rowno.
    Der Mann suchte seine Stimme zu sammeln, wendete sich gegen die Leute, und
sprach: »Männer von uns! ihr habt es gesehen, wie der junge Reiter gekommen ist,
und was er da für Dinge gesagt hat, wie die grossen Herren wachsen sollen. Das
müssen wir nicht dulden. Witiko hat es recht gesagt und Rowno und Osel und die
andern. Ihr wisset, wie der junge Witiko im Winter in seinem Hause in Plan die
Einkehr genommen hat, und er ist da geblieben, und ist zwei Jahre da geblieben,
und er wäre nicht fortgegangen, wenn er nicht in den Krieg gegangen wäre, und
wir sind auch in den Krieg gegangen. Er hat das Gewand getragen wie wir, wir
sind an seiner Leuchte gesessen, da es Winter war, er ist auch an unserer
Leuchte gesessen, und hat uns nicht verachtet, und ich habe sein Pferd
beschlagen, und er hat mit mir geredet, sein Haus steht bei uns, wir sollen ihn
auch nicht verachten, und ihn zu unserm Führer wählen die von Plan, dass wir
zusammenhalten und uns nicht zerstreuen.«
    »Das ist recht«, rief Tom Johannes der Fiedler, »das hätte ich längst
gesagt, und hätte es besser gesagt.«
    »Wie hättest du es denn gesagt, du Fiedelbogentropf«, rief der Schmied, »und
warum hast du es denn nicht gesagt, wenn du so vernünftig bist?«
    »Streitet nicht«, rief David der Zimmerer, »Witiko soll uns führen, weil er
es besser versteht als wir.«
    »Er soll uns führen«, rief eine Stimme.
    »Er soll uns führen, weil er mehr Verstand hat als ihr alle«, rief Tom
Johannes der Fiedler, »ich hätte einen zierlichen Antrag gestellt.«
    »So schweige du Geiger«, rief Christ Severin der Wollweber, »wir sollen
zusammenhalten im Leben und Tode, dass wir etwas vorwärts bringen, und da soll
uns Witiko führen.«
    »Er soll uns führen«, riefen viele Stimmen.
    »Er soll uns führen«, wiederholten noch mehrere.
    Dann war es still.
    Dann sagte Witiko: »Liebe Freunde und Heimatgenossen, wir wollen von der
Sache noch später reden, ich will euch, dass wir beisammen bleiben, zu dem
Herzoge führen, und wir wollen hören, was er sagt. Und wenn es ihm genehm ist,
und ihr es noch wollt, so will ich gerne getreu zu euch halten, und mich
bestreben, dass ihr wirken könnt, wie es sich ziemt, und dass ihr nicht
leichtfertiger Weise Schaden leidet.«
    »Ja, so ist es«, rief Tom Johannes, »und das ist gut gesprochen.«
    »So ist es«, rief eine Stimme.
    »Er ist ein guter Mann«, rief ein anderer.
    »Er soll uns führen«, riefen viele.
    Dann, als es stille war, rief der von Hora: »Witiko, ich gehe mit dir zu dem
Herzoge.«
    Und dann sagte der von Attes: »Witiko, ich gehe auch mit dir zu dem
Herzoge.«
    Nun trat ein Mann hervor, der einen zähen schafft von Ebereschen hatte, und
ein weites geschürztes dunkles Gewand trug, und sagte: »Ich gehöre zu den
Hlenici, und ich meine, wir sollen uns unter die Führerschaft Rownos stellen,
der unser Nachbar ist.«
    »Unter die Führerschaft Rownos«, riefen viele Stimmen.
    Dann trat ein anderer Mann gleichfalls im weiten Gewande und mit einem
Ebereschenschafte hervor, und sagte: »Ich gehöre nach Horec, und wir mit den
Ebereschenschäften sollen alle zu Rowno stehen.«
    »Zu Rowno«, riefen viele Stimmen.
    Dann trat einer mit faltigen Lederstiefeln groben grauwollenen
Beinbekleidungen einem Rocke desselben Stoffes mit Haften und einer schwarzen
Filzhaube auf dem Haupte vor, und sagte: »Ich gehöre zu denen, die im
Kirchenschlage reuten, und meine, wir sollten zu Diet von Wettern stehen, bei
dem wir nahe sind.«
    »Zu Diet von Wettern«, riefen mehrere Stimmen.
    Jetzt trat einer hervor, der feste Lederstiefel hatte, deren Sohlen mit
Eisen beschlagen waren, der aber sonst gekleidet war wie der frühere. Er sagte:
»Ich bin von dem schwarzen Bache, und wir, die wir an der Moldau sind, und die
Ahornschafte tragen, die an der untern Moldau und die vom Eckschlage und vom
Ratschlage, wir sollten zu denen von Plan und Witiko halten.«
    »Zu Witiko«, riefen viele Stimmen.
    »Und wir vom Wangetschlage«, sagte einer, ohne vorzutreten, »gehören zu
Witiko, weil er ein Haus bei uns besitzt.«
    »Zu Witiko«, riefen einige.
    »Wir in Friedberg gehen auch zu Witiko, dessen Haus im Wangetschlage unser
Nachbar ist«, rief einer.
    »Wir gehen zu Witiko«, riefen ihm mehrere nach.
    »Und wir, die wir von Friedberg an der Moldau hinab sind, gehören zu
Friedberg«, rief eine Stimme aus dem Haufen.
    »Zu Friedberg«, antworteten andere.
    Jetzt rief niemand mehr.
    Die Knechte Witikos Raimund und Jakob hatten indessen ihre Pferde gezäumt
und gesattelt, sie ritten heraus, und stellten sich zu Witiko.
    Witiko aber sagte: »Rowno, Diet von Wettern, Osel, und ihr andern, liebe
Freunde, die Reiter, welche bei uns gewesen sind, kommen heute noch in das Lager
ihrer Freunde. In der Nacht kann von dorter aus Zorn und Rache eine grosse
Abteilung aufbrechen, und in den Frühstunden des Tages belagern sie diesen Hof.
Ich meine, wir sollen in der Nacht beraten, uns ordnen, etwas Speise geniessen,
und ehe der Tag zu grauen beginnt, unsern Zug zu dem Herzoge antreten.«
    
    »So ist es gut, und so tun wir«, sagte Rowno.
    »Wir tun so«, sagte Diet.
    »So tun wir«, riefen alle.
    »Die Männer müssen sich nun einteilen, wie sie gesagt haben«, sprach Witiko.
    Der Haufen löste sich, und ordnete sich anders, viele gingen in den Hof,
andere blieben heraussen. Witiko ritt in das Gebäude, und die Seinen begleiteten
ihn.
    Als der Abend gekommen war, hielten sie insgesamt Beratschlagung, dann assen
sie, dann ordneten sich die Männer, wie sie im Zuge zu gehen hatten, und ehe
noch irgend ein Schein des Tages auf den Berg Wysoka fiel, begann der Zug.
    Es waren drei Abteilungen, die Witikos, Rownos und Diets von Wettern. Osel
führte ein Teilchen, das er zu Rowno stellte, darunter die drei Knaben, jeder
mit einem Schwerte und jeder auf einem falben Pferdchen. Wernhard von Ottau,
Wolf von Tusch und die von Hora und Attes und die vom Rosenberge waren noch
besondere Häuflein; aber sie schlossen sich zu Abteilungen.
    In der Mitte des Zuges waren die Karren mit der Habe, die teils von Pferden
teils von Menschen gezogen wurden.
    Sie gingen auf den Anhöhen zwischen Gesträuchen und auf Feldwegen, welche
ihre Späher in den Tagen vorher erkundet hatten, dahin, damit, wenn Reiter auf
sie eindringen wollten, dieselben schwer oder nur einzeln auf sie heran kommen
könnten. Es kam aber keiner. Als die Morgenröte von Mähren her aufging, waren
sie schon weit von ihrem Platze, und ehe die Sonne zum Abende neigte, stiegen
sie zu der Ebene hinab, in welcher sich Wladislaws Lager befand, das weit
verteilt war, und in dessen Mitte ein grosses rosenfarbenes Banner wehte. Sie
wurden, als man sie erkannt hatte, und als sie ihre Absicht angegeben hatten, zu
denen gestellt, die von dem Walde gekommen waren; denn der ganze Wald in seiner
Länge hielt zu Wladislaw. Sie kamen zu denen, die weiter von Plan hinauf waren.
Da standen die von Prachatic, die in den Schneehäusern wohnten, die in
Wallernreut waren, die bis zu den Wildnissen des Ursprunges der kalten und
warmen Moldau hinauf streiften, die vom Winterberge, die von dem Berge des
reichen Gesteines, und andere.
    Die Männer schritten daran, sich sesshaft einzurichten. Besonders suchten sie
Stellen, auf welchen sie Feuer anzünden konnten, um an denselben kochen, und
neben denselben ruhen zu können.
    Witiko besorgte sein Pferd an einer guten Stelle, empfahl es dann der Obhut
Jakobs und Raimunds, und verlangte zu dem Herzoge. Ein Mann von denen aus dem
Walde, die schon länger da waren, erbot sich, ihn zu führen. Er ging voran,
Witiko folgte. Sie kamen an allerlei Menschen vorüber. Zunächst waren noch die
aus dem Walde. Sie hatten fast keine Zelte. Sie hatten sich trockene Stellen
ausgesucht, hatten dort Feuer angezündet, welche mit Klötzen grosser Bäume oder
mit Zaunpfählen oder Dachbalken genährt wurden, und hatten sich auf grobe Hüllen
zu den Feuern nieder gelegt. Einige kochten Speisen. Die Ahornschäfte oder die
Schäfte aus Ebereschen oder die Spiesse aus der Steinbuche staken in Spitzhaufen
neben einander in der Erde. Die wenigen Pferde waren in Stände verteilt, und mit
Decken verhüllt. Dann kamen die von den fruchtbaren Feldern in dem Abende des
Landes. Sie hatten grobe Linnen über Stangen gebreitet, darunter zu ruhen.
Witiko sah die Leute Bolemils. Sie waren alle bei einander. Die grossen starken
Männer, die er gesehen hatte, standen in einem Haufen, und blickten auf ihn. Den
grünen Reiter sah er auch, der mit ihm gesprochen hatte, und mehrere, die an ihm
vorüber gezogen waren. Es redete keiner von ihnen mit ihm. Es war ein grosses
schönes Gezelt aus wachsgetränkter Leinwand da, welches aber leer und offen war,
dass die Luft durchziehen konnte.
    »Da drinnen wohnt ihr Führer Bolemil«, sagte der Mann, der bei Witiko war,
»aber er ist jetzt bei dem Herzoge.«
    Die Pferde der Männer standen in langen Reihen von Ständen dahin. Dann kamen
die aus der Mitte des Landes. Sie hatten viele Zelte. Sie trugen die weiten
Gewänder mit metallenen Gürteln hoch hinauf geschürzt, und hatten Hauben tief in
Stirn und Nacken geschnitten. An den Zeltstangen hingen zahlreiche Bogen und
Köcher so wie Schilde und andere Geräte. Tische und Bänke standen da, und Weiber
verrichteten Hausgeschäfte. Dann kamen die Krieger von Prag. Sie hatten bunte
Gezelte schöne Waffenkleider Schwerter Lanzen Schilde glänzende Kissen und
Decken und mutige Pferde in langen Reihen. Die Pfeifer und Flötenspieler liessen
fröhliche Weisen hören.
    »Da gehest du nun über den breiten Raum, der hier leer ist, und von den
Kriegsleuten, die auf ihm verteilt sind, wird dich einer fragen, und dich zu dem
Herzoge führen«, sagte der Mann, der Witiko geleitet hatte, »das graue grosse und
lange Gezelt, vor dem die Stange mit dem roten Banner ist, gehört dem Herzoge.
Weiter hin, wo die Federn auf den Gezelten sind, lagern die von Decin, welche
Chotimir anführt, und dann sind die, welche von dem Riesengebirge gekommen sind.
Den Rückweg zu unserem Lager wirst du schon allein finden.«
    »Ich werde ihn finden«, sagte Witiko, »und ich danke dir für dein Geleite.«
    »Nichts zu danken«, sagte der andere, und trat seinen Rückweg an.
    Witiko ging auf dem Platze vor dem langen grauen Gezelte, davor das
rosenfarbene Banner wehte, vorwärts, Hier war es weniger prunkend als in dem
Lager der Prager Krieger. Einige Abteilungen von Kriegern standen wohlgerüstet
und geordnet da, manche Männer sassen auf den Pferden, Diener hielten ledige
Pferde, und Geleite schienen auf Herren zu warten. Als Witiko in gerader
Richtung gegen das graue Gezelt ging, trat ihm ein Mann aus einer Rotte, die mit
ihren Speeren da stand, entgegen, und sagte: »Wer bist du, und wohin gehst du?«
    »Ich bin Witiko von Pric, und gehe zu dem Herzoge«, antwortete Witiko.
    »Du musst hier warten«, sagte der Mann.
    Witiko blieb stehen, und wartete.
    Der Mann ging zur Rotte, und sagte einem etwas. Dieser trat vor, ging gegen
das Gezelt, kam wieder zurück, und machte die Meldung. Der Mann, welcher Witiko
aufgehalten hatte, trat nun wieder zu ihm, und sagte: »Du bist der rechte Witiko
in dem ledernen Gewande, und darfst zu dem Herzoge gehen.«
    Witiko schritt nun ungehindert bis zu dem grauen Gezelte. Vor demselben
standen Krieger, und ein Mann in einem glänzenden Waffenkleide sagte zu Witiko:
»Witiko, du musst hier warten, bei dem Herzoge ist Rat.«
    Witiko sah den Mann an, der seinen Namen genannt hatte, er kannte ihn aber
nicht.
    Er blieb bei den Kriegern stehen.
    Nach einer Stunde kam ein junger schlanker Mann aus dem Gezelte. Er hatte
schwarze Haare, auf denselben eine schwarze Haube mit einer kurzen grauen
Reigerfeder, um die Brust hatte er ein schimmerndes Waffenhemd, und von dem
stählernen Gürtel hing in rotsammetner steinbesetzter Scheide das Schwert.
Witiko blickte gegen ihn, und rief: »Odolen!«
    »Ja, du lederner Reiter, bist du endlich gekommen, du toller Kopf, gehe
hinein, dass dich der Herzog strafe«, sagte der andere, nahm ihn bei der Hand,
schüttelte sie ihm, und sah ihm mit den schwarzen Augen freundlich in das
Angesicht. Dann schob er mit dem andern Arme die Falte des Gezeltes bei Seite,
und führte Witiko in das Innere.
    Dasselbe war ein grosser langer Raum, in welchem ein langer Tisch aus
Tannenholz stand von vielen Feldstühlen umgeben. Witiko sah hier viele Leute,
die er kannte. An dem oberen Ende des Tisches sass Wladislaw der Herzog. Sein
Haupt war entblösst, und hatte die blonden Haare nieder gestrichen. Die schwarze
Haube mit der kurzen geraden weissen Feder lag neben ihm auf dem Tische. Er hatte
ein Panzerhemd an, und dunkelbraune Kleider. Der Gürtel war aus Metallfäden
gewirkt, und das Schwert hatte eine braunsammetne Scheide ohne Steine. Neben ihm
sass auf einem Stuhle der greise Bolemil in schwarzem Sammetgewande. Links von
ihm und ein wenig weiter zurück stand Zdik der Bischof von Olmütz mit seinem
braunen Barte und in Waffenrüstung. Dann sass Diwis der Kastellan von Saaz in
dunklem Gewande, und dann Lubomir in schwarzem Kleide mit dem weissen Barte und
den weissen Haaren. Neben Bolemil standen zwei Äbte mit Kreuzen und in der
Rüstung. Den einen erkannte Witiko als den von Kladrau, der ihn vor zwei Jahren
in der Versammlung auf dem Wysehrad vorgestellt hatte, den andern hielt er für
den Abt von Brewnow. Hinter ihnen stand jener Priester Daniel in Rüstung, der
das Kreuzlein beglaubigt hatte, welches Witiko nach Prag mitgegeben worden war.
Dann sah er Ben, welcher in der Versammlung auf dem Wysehrad der zweite Führer
des Hauses gewesen war, und neben ihm Smil, den er auch in der Versammlung
gesehen, und den er schon auf dem sächsischen Zuge als Kriegsanführer kennen
gelernt hatte. Dann erblickte er noch Nemoy von Netolic und Ctibor von Austi,
und an der Stelle, wo er herein gekommen war, standen junge Männer, die er in
jenem fröhlichen Ritte hinter der Zupenstadt Chynow bei dem scharlachroten
Reiter gesehen hatte, der jetzt Herzog war, Odolen, Welislaw, die zwei Söhne
Smils, Ben der jüngere, Casta der jüngere. Sonst waren noch Männer und Herren
da, welche Witiko nicht kannte. Vor dem Bischofe Zdik sass neben dem Herzoge ein
Mann in schöner kirchlicher Kriegertracht, es war Otto der neuerwählte Bischof
von Prag. Er schien den Ehrenplatz an der andern Seite des Herzogs dem greisen
Bolemil überlassen zu haben. Neben dem Bischofe standen zwei junge Männer. Sie
waren veilchenfarb gekleidet, hatten ein schimmerndes Waffenhemd, einen
silbernen Gürtel, und auf dem Haupte eine veilchenfarbene Haube mit einer
geraden grauen Feder. Sie waren die Brüder des Herzogs Diepold und Heinrich, die
sich gleich gekleidet hatten. Dann waren noch Bozebor und Wsebor da in
Waffenhemden, die alten Männer Preda und Milota in weiten gegürteten Gewändern,
dann Bartolomäus und Gervasius in kriegerischem Priesterschmuck, Chotimir und
Predbor in Rüstungen, und mehrere andere.
    Als Witiko eintrat, waren die meisten der Herren von ihren Sitzen schon
aufgestanden, und sprachen mit einander.
    Auf dem Tische neben dem Herzoge lagen mehrere Schriften.
    Da Witiko durch die Zahl der jungen Männer, die am Eingange standen,
vorwärts in den freien Raum getreten war, wurde es stiller, und manche Blicke
wendeten sich auf ihn.
    »Tritt näher, Witiko«, rief der Herzog.
    Witiko ging bis zu dem Herzoge vorwärts, und verneigte sich. Dieser stand
auf, reichte ihm die Hand, und sagte: »Sei willkommen. So bist du doch gekommen,
dem schlimmen Herzoge zu dienen? Oder bringst du ihm die Absage in eigener
Person, wie du es getan hast, nachdem ihm andere in Prag gehuldigt hatten?«
    »Nein, hoher Herr«, entgegnete Witiko, »ich bin gekommen, dir zu dienen, und
bringe einige arme Waldleute mit.«
    »Ich weiss es«, antwortete der Herzog, »es ist mir schon gesagt worden. Du
bist in den Wald trotzen gegangen, Witiko, bist du nicht ein unvernünftiger
Mann?«
    »Ich habe die Vernunft in einer andern Gestalt als in der ihrigen nicht
erkannt«, sagte Witiko.
    »Da war gar keine Vernunft in gar keiner Gestalt, als du mich kennen
lerntest«, entgegnete der Herzog, »aber du hättest die Zeit abwarten sollen.«
    »Ich bin von dir fortgegangen, hoher Herr«, sagte Witiko, »weil ich dem
Herzoge Sobeslaw, wenn er auch tot war, dienen wollte, und weil, wenn auch
Sobeslaw seinem Sohne Wladislaw geraten und ihm geboten hatte, sein in Sadska
erworbenes Nachfolgerecht auf dich zu übertragen, er es nicht getan hat, und mir
sein Recht zu bestehen schien. Jetzt aber hat er es weggeworfen, und auf einen
unbefugten Mann kommen lassen, und es fällt auf dich, weil du gewählt bist, und
dich Sobeslaw anerkannt hat, du bist der Herzog, und ich bin gekommen, meine
Pflicht zu erfüllen.«
    »Seht ihr, die ihr dort unten steht, ich habe es gesagt, dass er kommen
wird«, entgegnete der Herzog, »und es freut mich, dass du es wahr gemacht hast,
Witiko, du gutes junges Blut. Das Land bedarf der Ehre, und hier ist sie um mich
versammelt. Du darfst nun so wie diese Männer, die du hier siehst, ohne dass dich
meine Wachen aufhalten können, zu mir in mein Zelt kommen, wenn du willst. Du
und dein Anhang werdet auf dem äussersten rechten Ende des Heeres sein, und Smil
wird die Oberleitung bei euch übernehmen. Ihr könnet dann meinem treuen Diener
Nacerat begegnen, der von Mähren gegen uns herüber kommen wird. Eure
Untereinteilungen und Führerschaften möget ihr behalten, wie ihr sie
eingerichtet habt, dass die beisammen sind, welche sich lieben, und sich
wechelweise zu verteidigen geneigt sind. Jetzt gehabe dich wohl, Witiko, und
komme bald wieder zu mir.«
    Witiko verneigte sich, und trat zurück. Als er vor dem alten Bolemil vorüber
ging, neigte er sich auch vor diesem.
    Bolemil sagte zu ihm: »Du hast den rechten Weg gefunden, mein junger Knabe.
Es freut mich deinetwillen.«
    »Ich habe es ihm gesagt, dass er ihn finden wird«, sprach über den Tisch
herüber Lubomir.
    »Du hast gut getan wie auf dem Wysehrad, mein Sohn«, sagte Diwis.
    Witiko ging bis zu den jungen Männern, die an der Tür standen. Sie umgaben
ihn, begrüssten ihn, reichten ihm ihre Hände, und drückten die seinigen.
    Der Herzog aber rief: »Ihr Herren, Bischöfe Prinzen Lechen Führer und
andere! Wir haben beraten, und was beschlossen worden ist, wird in Vollzug
gesetzt werden. Ich verabschiede euch für heute, dass ihr die Zeit dieses Tages
noch für euch verwendet. Ich danke euch, und bitte euch, dass ihr dem Lande
wieder zur Seite steht, wenn es eurer bedarf.«
    Nach diesen Worten neigte er sich vor der Versammlung, nahm seine Haube von
dem Tische, und setzte sie auf das Haupt.
    Die Männer, die noch gesessen waren, erhoben sich, alle in der Versammlung
grüssten gegen den Herzog, und begannen, sich aus dem Gezelte zu entfernen.
    Die jungen Männer, welche an der Tür standen, wichen zu beiden Seiten
zurück, und es gingen an ihnen die Bischöfe die Prinzen die Lechen die Führer
und die älteren Männer hinaus. Da dieses geschehen war, nahmen die jüngeren
Witiko in die Mitte, und führten ihn auch in das Freie. Dort warteten sie
wieder. Den Prinzen Diepold und Heinrich wurden von Dienern ihre Pferde
zugeführt, sie bestiegen dieselben, und ritten mit einem Gefolge nach ihrem
Lager. Die Bischöfe gingen zu ihren Pferden, und ritten in einem Geleite von
Priestern und Dienstmännern gegen ihre Gezelte. Bolemil wurde in die Sänfte
gehoben, von vielen, die mit ihm in das Lager gekommen waren, umringt, von den
Sänftenmännern gehoben, und fortgetragen. Lubomir ging zu Witiko, blickte ihn
freundlich an, und sagte: »Wenn alles vorüber ist, und uns Gott erhalten hat,
dann komme wieder nach Daudleb, Witiko, und nimm eine gern gegebene
Gastfreundschaft an.«
    »Ich werde kommen, wenn es Gott gefällt«, antwortete Witiko, »und werde
wieder wie früher Eure gütigen Worte hören.«
    Dann trat Lubomir zu den Seinigen zurück, und seine Söhne und seine
Töchtermänner umringten ihn. Sie stiegen alle zu Pferde, und schlugen den Weg in
ihr Lager ein.
    Smil sagte zu Witiko: »Wir werden unser Werk mit einander schon in Eintracht
vollführen, junger Kriegsmann.«
    Dann ging er zu seinem Gefolge.
    Die andern zerstreuten sich alle nach ihren Richtungen.
    Jetzt fingen auch die jungen Männer an, den Platz zu verlassen.
    Odolen Welislaw, die Söhne Smils, Casta und Ben die jüngeren, denen sich
noch einige junge Krieger anschlossen, erboten sich, Witiko zu den Seinigen zu
begleiten. Er sagte, dass er kein Pferd mit sich genommen habe. Sie liessen also
ihre Pferde auch bei ihren Dienern zurück, und gingen mit ihm auf dem Wege, auf
dem er hergekommen war, zu den Waldleuten.
    Die Männer von Plan hatten indessen für Witiko ein Zelt errichtet. Sie
hatten grobe Wolltücher, wie sie an Säcken oder Bündeln auf den Gepäckkarren
hatten, über schiefe Stangen gedeckt, und im Innern aus Pfählen und Brettern ein
Bänklein ein Tischlein und ein Lager gemacht, auch stand die kleine Truhe
darinnen, in welcher Witiko seine Feldhabe hatte. Vor dem Gezelte brannte ein
Feuer, und an demselben kochte der rotwangige Neffe des Schmiedes von Plan Urban
eine Speise. Die Knechte Witikos Jakob und Raimund halfen ihm. Weiterhin
brannten noch mehrere Feuer, an denen Leute lagerten. Als die Männer von Plan
Witiko in dem Geleite der jungen Krieger mit den schönen Gewändern kommen sahen,
standen viele auf, und blickten erstaunt auf sie. Die Begleiter Witikos aber
schüttelten ihm die Hand, verabschiedeten sich, er dankte ihnen, und sie gingen
wieder zu dem Zelte des Herzoges und zu ihren Pferden zurück.
    Witiko ging in das Zelt, besah es, und dankte denen, die es errichtet
hatten. Dann ruhte er ein Weilchen. Hierauf ass er mit mehreren von der Speise,
die bereitet worden war, und sah nach seinem Pferde.
    Dann ging er an der Zeile dahin, und betrachtete auch noch die anderen
Dinge, welche errichtet worden waren. Da hatten sich einige Männer zusammen ein
Obdach gemacht, oder einer allein hatte sich eine Haut oder dergleichen
gespannt, oder sie hatten für ihren Obmann gesorgt. Rowno hatte ein geräumiges
Zelt, so auch Diet von Wettern, Osel war mit seinen drei Söhnen in einem, dann
der von Ottau von Tusch und andere.
    Es war indessen Abend geworden, und es begann zu dunkeln. Zu dem grossen
Feuer, welches vor Witikos Zelte brannte, kamen nun Männer, wie sie in
Winterabenden zu seiner Leuchte in dem steinernen Hause gekommen waren. Er
reichte ihnen Brod und Salz, und sie nahmen es. Sie setzten sich an das Feuer,
und es wurde von verschiedenen Dingen gesprochen. Als die neunte Stunde sein
mochte, entfernten sie sich, und suchten, so weit es anging, die Ruhe. Witiko
legte sich im Zelte auf sein Lager. Daneben hatten Raimund und Jakob auf der
Erde Schlafstellen.
    Am frühesten Morgen sprach Witiko mit Rowno und Diet, was zu tun sei, und
riet, dass man die Anordnung und Aufstellung der Männer bewirken, und sehr gut
einüben möge. Die beiden andern waren einverstanden. Witiko stellte die, welche
sich zu ihm gesellt hatten, auf. Rechts an diese schlossen sich die Leute
Rownos, und von diesen wieder rechts waren die, welche zu Diet gehörten. Die
Reiter wurden zwischen den Fussgängern in kleinen Häuflein aufgestellt, wie es
erspriesslich schien. Unter den Reitern war Osel mit seinen drei Söhnen. Als die
Aufstellung vollendet war, löste man sie auf, bildete sie wieder, löste sie
wieder auf, bildete sie wieder, und tat dieses mehrere Male, und sagte den
Männern, dass man diese Übung alle Tage so lange machen werde, bis jeder genau
seinen Platz kenne, und sich alles schnell ohne Wirrnis fügen könne. Die Männer
begriffen dieses, und willigten ein. Von Witiko weiter gegen den Herzog zu waren
Leute aus dem Waldsaume hauptsächlich aus der Gegend des Plakahofes. Dann kamen
die Leute Bolemils. Von Diet gegen rechts waren noch die ferneren Waldleute aus
Prachatic Winterberg und weiterhin. Alle diese nahmen an den Übungen nicht Teil,
weil sie andern Unterführern gehorchten.
    Gegen den Mittag kam Smil mit seinen beiden Söhnen und einer Schar von
Reitern zu den Leuten des Waldes, und kündigte sich ihnen als ihr Oberführer an,
der nun hier bei ihnen bleiben, und unter ihnen lagern wolle. Er sammelte
sogleich einen Rat von mehreren Männern. Da waren Witiko, Rowno, Diet von
Wettern, Osel, Wolf von Tusch, Wernhard von Ottau, Witislaw von Hora, Hermann
von Attes, Wyhon von Prachatic, Wenzel von Winterberg und noch andere. Sie
berieten die Aufstellung und Einteilung der Männer. Es wurde die beibehalten,
welche schon gemacht worden war. Nur die Reiter stellte Smil anders.
    Am Nachmittage wurden ihm und seinen Söhnen und seinem Geleite Zelte
gemacht.
    An jedem Tage wurden die Übungen fortgesetzt. Zu der andern Zeit durften die
Männer auch herum gehen, und sehen, was ausserhalb ihres Platzes geschehe, wie
sie sich dort übten, oder erlustigten, oder wie neue Zuzüge kamen, oder
Lebensmittel eingebracht wurden.
    Witiko ging öfter zu dem Herzoge. Auch die andern Unterführer wurden zu ihm
beschieden.
    Der Herzog kam auch mehrere Male mit seinem Geleite zu den Waldleuten, besah
ihre Aufstellung und Einteilung, prüfte sie, belobte sie, munterte sie zu
Übungen auf, und sprach mit mehreren.
    Die jungen Männer besuchten zuweilen Witiko, und er besuchte sie wieder.
    So war der zwanzigste Tag des Monates April gekommen.
    An diesem Tage wurde die Weisung gegeben, sich für den zweiten Tag zum
Abzuge gegen den Feind zu rüsten. Im ganzen Lager wurde die Weisung vollführt.
Die Zelte wurden abgebrochen, die Wagen geladen, und die Leute geordnet.
    Mit dem Morgengrauen des zweiundzwanzigsten Tages des Monates April begann
die Bewegung. Sie war so geordnet, wie das Lager geordnet gewesen war. Die
Waldleute gingen voran. Sie hatten Pfeifer mit langen geraden Pfeifen, die helle
Töne gaben. Zunächst hinter ihnen gingen und ritten die aus dem Waldsaume, und
hatten Sackpfeifer und Flötenspieler. Weiter von denen kamen Bolemils Leute mit
Trompeten und Hörnern, und weiter die andern.
    Als der Mittag dieses Tages schien, kamen Witiko und Rowno und Diet, und die
zu ihnen gehörten, auf dem Berge Wysoka an. Der Hof, den sie früher besetzt
gehabt hatten, war nun verbrannt und zerstört. Sie gingen an ihm vorüber, weiter
mittagwärts, um auf dem Grün des Berges zu lagern.
    Gegen Ende des Tages war das ganze Heer auf dem Berge angekommen.
    Der nächste Tag wurde dazu verwendet, sie so aufzustellen, wie die
Kampfbereitschaft es forderte. Sie lagerten nun in dieser Ordnung.
    Da der Morgen des vierundzwanzigsten Tages des Monates April angebrochen
war, konnte man die Scharen der Verbündeten sehen, und die weissen Banner
derselben in dem Grün des Landes erblicken.
    Es trafen hierauf Boten von den Feinden ein, welche Friedensfähnlein trugen,
und berichteten, dass mehrere der grossen Herren und Lechen, die bei Konrad wären,
zu Wladislaw kommen wollten, um mit ihm den Streit friedlich beizulegen.
    Bolemil, der herbeigetragen wurde, sagte: »Höre sie, Herr, vielleicht ist
doch noch der morgige Tag zu wenden.«
    Der Herzog sagte: »Ich werde sie hören.«
    Er liess Friedensfahnen aufstellen, und melden, dass die Lechen kommen sollen.
    Er berief die Seinen zusammen. Es war auf dem Platze vor dem verbrannten
Hofe. Er und die Herren sassen auf Stühlen, die jüngeren Männer standen, und
hinter ihnen im grossen Kreise waren Reiter und erlesene Fussgänger aufgestellt.
    Gegen den Mittag erschienen die Lechen. Sie kamen mit einem grossen Gefolge
von Reitern heran. Als sie gegen den Herzog ritten, wurde ihnen das Zeichen zum
Halten gegeben. Sie hielten. Die Herren stiegen von den Pferden, die Reiter
stellten sich hinter ihnen dicht geschart auf. Die Herren näherten sich dem
Herzoge. An ihrer Spitze ging in ein weites geschürztes rotsammetnes Gewand
gekleidet entblössten Hauptes Nacerat, neben ihm war der alte Mikul und der alte
Rodmil, dann war Znata der Bruder Nacerats, sie waren auch in weite geschürzte
Gewänder gekleidet. Dann waren noch Domaslaw, Slawibor, Drslaw und Jurata in
Rüstung. Alle hatten die Häupter entblösst.
    
    »Setzt euch, und bedeckt euch«, sagte der Herzog.
    Sie setzten sich auf die Stühle, die dem Herzoge und den Seinigen gegenüber
aufgestellt waren, und bedeckten ihre Häupter.
    »Es rede, wer von Euch zum Reden erlesen ist«, sagte der Herzog.
    Da erhob sich Nacerat, entblösste neuerdings sein Haupt, und wollte sich dem
Herzoge nähern.
    »Nacerat«, rief dieser, »im Feldrate raten wir immer sitzend und bedeckt,
und wir wollen es heute auch so halten.«
    Nacerat befolgte die Weisung, und sprach dann von seinem Sitze: »Erlauchter
Sprössling des geheiligten Stammes Premysl, hochgeehrter Sohn des ruhmreichen und
milden und gütigen Herzoges Wladislaw! mich sendet Konrad der Herzog der Länder
Böhmen und Mähren an dich, und bietet dir seinen liebreichen Gruss als Vetter und
Herr, es bieten dir die liebreichen Grüsse Wratislaw von Brünn, Otto von Olmütz,
Spitihnew und Leopold, dann Wladislaw der Sohn des letzten ehrwürdigen Herzoges
Sobeslaw lauter Vettern von dir und Sprossen des heiligen Stammes Premysl. Sie
wollen dir nur Liebes und Gutes, sie wollen, dass kein Blut vergossen werde, und
dass keine weitere Habe mehr von den armen Leuten dieser Länder zu Grunde gehe,
als zu ihrem grossen Schmerze und zu unser aller Schmerze schon zu Grunde
gegangen ist. Sie lassen dich durch mich fragen, was du begehrest, damit diese
Heere, welche sich jetzt gegenüber stehen, sich friedlich als Kinder der
nämlichen Länder vereinigen, und dann auseinander gehen. Sie werden mit Freude
erfüllen, was dein Herz wünschet.«
    »Nacerat«, antwortete der Herzog, »Diener der Länder Böhmen und Mähren, der
du oft im Rate dieser Länder geredet hast! dass du auch hier wie im Rate reden
darfst, danke dem alten Manne mit den weissen Haaren neben mir, den ich verehre
wie einen Vater, und den du in der Versammlung auf dem Wysehrad sprechen gehört
hast. Meinen lieben Vettern sage meine Wünsche. Sie sollen das Heer entlassen,
und von mir dem Herzoge von Böhmen und Mähren für sich und ihre Verbündeten um
Gnade flehen.«
    »Hoher erlaubter Herr«, entgegnete Nacerat, »du sagst Unmögliches. Konrad
von Znaim ist der Herzog der Länder Böhmen und Mähren, er steht mit einem sehr
grossen Heere vor dir, wie kann es einen andern Herzog geben? Er wird dir mit
vieler Liebe Znaim und weitere Ländereien erteilen.«
    »Und wie ist Konrad von Znaim der Herzog der Länder Böhmen und Mähren
geworden?« fragte der Herzog.
    »Er ist von den erhabenen Söhnen des Stammes Premysl und von den grossen und
mächtigen Lechen und Herren dieser Länder dazu gewählt worden«, antwortete
Nacerat.
    »Hier sitzt mein Bruder Diepold, ein Sohn des Stammes Premysl«, entgegnete
der Herzog, »neben ihm sitzt Heinrich mein Bruder, ein Sohn des Stammes Premysl,
dann bin ich selber auch ein Sohn des Stammes Premysl, dort sitzt Otto der
Bischof von Prag, neben ihm sitzt Zdik der Bischof von Olmütz, dann sitzen die
Äbte von Kladrau Wilimow und Brewnow, dann sitzt Daniel der Propst von Prag, und
es sitzen andere Priester und Diener Gottes hier. Da sitzt der ehrwürdigste
Leche der Länder, Bolemil, dessen Redlichkeit, wie sie sagen, nicht gebeugt
werden kann, dann sitzt Lubomir, dann Diwis, Wsebor, Chotimir, Preda, Milota,
und wie du sie weiterhin alle kennest, haben die auch zu Konrads Erhöhung
mitgewählt?«
    »Sie sind gegen den Herzog in den Waffen«, sagte Nacerat, »und ich bin von
ihm als Bote zu ihnen gesendet, um ihnen Liebes zu bieten.«
    »Am vierten Tage des Monates Hornung des Jahres 1140«, entgegnete der
Herzog, »ist von allen Lechen Herren und Wladyken der Länder Böhmen und Mähren
nicht bloss von einem Teile auf dem Wysehrad ein Herzog gewählt worden, am
siebenzehnten Tage des nämlichen Monates ist er auf den Fürstenstuhl gesetzt
worden. Wohin ist jener Herzog gekommen, und wann ist Konrad auf den
Fürstenstuhl gesetzt worden?«
    »Es erfüllet mich mit grossem Schmerze, was ich jetzt sagen muss, hoher und
erlauchter Herr«, antwortete Nacerat, »jener Herzog hat geschworen, dass er die
Rechte der Länder schützen und achten werde, und es ist, da er den Fürstenstuhl
inne hatte, anders geworden. Die Lechen waren gekränkt, und haben, weil durch
den Wegfall des Beschworenen die Wahl nichtig geworden war, den erhabenen
Fürsten des Stammes Premysl Konrad zum Herzoge gewählt. Auf den Fürstenstuhl ist
er noch nicht gesetzt, aber er ist jetzt auf dem Wege nach Prag, um dort auf
denselben gesetzt zu werden.«
    »Hast du die völlige Macht, mit mir vollständig und bis in das Reine
abzuhandeln und abzuschliessen, Nacerat?« fragte der Herzog.
    »Ich habe diese Macht«, antwortete Nacerat.
    »Nun so höre, und handle, und schliesse auf folgende Dinge mit mir ab«,
entgegnete der Herzog, »oder wenn du nicht abschliessen kannst oder willst, so
verkündige die Dinge denen, die dich gesandt haben. Ich verzeihe den Fürsten des
Stammes Premysl, dass sie sich gegen mich erhoben haben, und belasse sie in ihren
Besitzungen und Rechten, ich verzeihe den Priestern Lechen und Herren ihre
Empörung gegen mich, und belasse sie in ihren Besitzungen Rechten Ämtern und
Würden, ich verzeihe jedem, der gegen mich aufgestanden ist, und werde ihn nicht
verfolgen und schädigen, wenn sie sich unterwerfen, die Waffen niederlegen, und
die Verzeihung verlangen.«
    »Auf diese Dinge kann ich nicht abhandeln und abschliessen«, erwiderte
Nacerat; »denn Konrad ist der Herzog der Länder Böhmen und Mähren, und muss es
bleiben.«
    »Hochehrwürdige Bischöfe Äbte Priester und Diener des Herrn, Söhne Premysls
Diepold und Heinrich, ehrwürdige Lechen Wladyken und Männer, die ihr um mich
versammelt seid«, sagte der Herzog, »habe ich genug getan?«
    Otto der Bischof von Prag stand auf, und sagte: »Bolemil möge reden.«
    Der Bischof Zdik sagte: »Es rede Bolemil.«
    »Bolemil rede«, riefen mehrere Stimmen.
    Es wurde stille, Bolemil neigte das Haupt mit den weissen Haaren, und sagte
nichts. Nach einer Weile erhob er es, sah den Herzog an, und sprach: »Es ist
genug.«
    »Es ist genug«, riefen die Stimmen um den Herzog.
    »Hebe dich hinweg, Nacerat«, sagte der Herzog, »doch halt. Wenn du nicht auf
dem höchsten Baume hängst, so dankst du es meinem Wunsche, Blutvergiessen zu
vermeiden, weshalb ich die Unterhandlung zuliess. Dein Geschick wird dich
ereilen. Meinst du, durch die Wahl allein wird der Herzog? Mich hat auch
Sobeslaw anerkannt. Du bist nie an der Spitze eines Volkes gestanden, das dir
traut, das sein Wohl in deine Hände legt, und dem dein Gewissen entgegen
schlägt, du weisst daher nicht, was in das Herz kömmt, wenn man diese Pflicht
übernimmt. Du kennst nur dein Gelüste und die Macht, die du gegen das Volk
ausüben möchtest. Du bist nicht das Land, Nacerat, und wenn ich jetzt, um das
Blut zu schonen, das fliessen wird, nachgäbe, so hättet ihr, die ihr Herzoge
macht, den Erfolg für euch, der Fürstenstuhl würde in eurer Hand ein Spielzeug,
mit dem ihr handeltet, und das Land würde in unabsehliche Verwirrung und
Blutvergiessung gestürzt werden. Ja, ich will das Land schützen und schirmen, wie
ich es geschworen habe, aber gegen euch und euren Übermut. Und wenn mein
Vorgänger der ehrwürdige Sobeslaw euren Willen nicht tat, und wenn dessen
Vorgänger mein gütiger und milder Vater euren Willen nicht tat, und wenn ich
bisher deinen Willen nicht tat, Nacerat, so werde ich diesen Willen und den
Willen derer, die gegen mich in den Waffen stehen, jetzt noch weniger tun. Ihr
habt die Zeit gewählt, in welcher der Markgraf Leopold von Österreich tot und
sein Bruder Heinrich in die neuen Wirrsale mit Baiern verwickelt ist; aber wenn
mir der allmächtige Gott das Leben schenkt, so werde ich die Mittel gegen euch
erstreben, bis ich den letzten Zug meines Atems getan habe, und auf euren Seelen
liegt das Elend, das entstehen wird. Jetzt gehe.«
    »Möge immer Segen und Heil auf deinem Haupte ruhen, erlauchter Herr«,
entgegnete Nacerat, »ich verabschiede mich, und gehe zu dem Herzoge.«
    Nacerat erhob sich bei diesen Worten von seinem Sitze, neigte sich in seinem
rotsammetnen Kleide vor dem Herzoge, und wendete sich zum Gehen. Die um ihn
waren, wendeten sich gleichfalls, setzten wie er ihre Hauben, die sie zum
Abschiedsgrusse gelüftet hatten, wieder auf das Haupt, gingen zu ihren Pferden,
bestiegen sie, vereinigten sich mit ihrer Begleiterschar, und ritten mit dieser
davon.
    »Jetzt rüstet die Schlacht«, riefen zahlreiche Stimmen um den Herzog.
    »Es ist noch nicht genug«, sagte der Herzog, »Otto, Bischof von Prag, tritt
her zu mir, Daniel, du Priester des Herrn, und tretet hervor Chotimir, Jurik,
Nemoy und Ctibor, besteigt schnelle Rosse, nehmt die hundert Reiter meiner
Gezelte zur Begleitung, und reitet in Hast mit dem Friedensfähnlein zu Konrad
von Znaim und den andern Fürsten des Stammes Premysl. Wir wissen nicht, ob
Nacerat ihnen das Rechte von uns sagen wird, und ob er uns das Rechte von ihnen
gesagt hat, ihr aber sprecht: Wladislaw der Herzog von Böhmen und Mähren
verzeiht jedem Menschen, der an diesem Tage gegen ihn in den Waffen steht, er
lässt einem jeden Ämter Würden Besitzungen Rechte, die er hat, und es soll alles
sein, wie es zuvor gewesen ist, wenn die Waffen niedergelegt werden, und man zu
seiner Pflicht zurückkehrt. Der Herzog tut dieses darum, dass nicht Menschen,
welche dieselbe Sprache reden, dieselben Kleider haben, dieselben Fluren
bewohnen, dieselben Voreltern zählen, dieselben Gesichtszüge tragen, sich
zerfleischen. Ist aber einmal das Blut unseres Landes geflossen, dann muss es
gesühnt werden, und die Strafe muss folgen, so hart sie verdient wird. Zu Otto
von Olmütz aber sagt: Der Herzog Wladislaw hat dir, den er aus der Verbannung
durch eigene Boten zurück geholt hat, das Herzogtum Olmütz gegeben: was kann dir
zu Teil werden, Otto, wenn du betest, dass dir gemessen werde, wie du andern
gemessen hast? Wenn ihr gesprochen habt, erwartet die Antwort. Unterwerfen sie
sich, so reitet mit gehobenen Friedensfähnlein in dieses Lager; verweigern sie
es, so senket die Fähnlein, dass wir es von weitem sehen, und uns richten
können.«
    »Wir werden deine Sendung vollbringen, hoher Herr«, sagte der Bischof von
Prag.
    Dann entfernten sich die Männer, um ihren Weg anzutreten.
    Im späten Nachmittage kamen sie mit gesenkten Fähnlein.
    Als sie vor dem Herzoge standen, sagte Otto der Bischof von Prag: »Hoher
Herr, sie haben deinen Antrag verworfen, und verlangen, dass du kommest, und
Konrad huldigest.«
    Chotimir warf sein Friedensfähnlein von dem Pferde in das Gras, und sagte:
»Daniel hat zu ihnen Worte gesprochen, wie die Priester aus den heiligen
Büchern; aber es war vergebens, und sie mögen in die Hölle fahren, die Hunde.«
    »Es ist genug«, sagte der Herzog, »kommt zum Rate über die Schlacht.«
    Sie setzten sich nun vor dem verbrannten Hofe zum Rate.
    Als er geendet war, sagte der Herzog: »So sei also die Ordnung, wie wir
beschlossen haben. Nun esse jeder, und bete, und ruhe unter dem Zelte, wenn er
ein Zelt hat, auf der Decke, wenn er eine Decke hat, und auf dem Grase, wenn ihm
Gras hinreicht. Und ehe der Morgenhimmel sich grau färbt, werden die Zelte und
die Wagen und die Geräte hinter uns gebracht, und wir stehen da. Und sobald
unsere Späher sich auf uns zurückziehen, und wir die Banner der Gegner vor uns
sehen, dann beginnen wir mit der Hilfe Gottes des Allmächtigen, was not tut. Der
Ruf des Tages sei: Heiliger Markus!«
    Die Männer entfernten sich hierauf von dem Rate, und sie und das Heer
genossen ihre Abendspeise, und ruhten dann einige Stunden in der
Schlachtordnung.
    Ehe der Tage graute, wurden die Hindernisse zurück gebracht, und die Männer
stellten sich auf. Witiko nahm seine Waffen, er hatte über seinem Lederkleide
das Panzerhemd Adelheids, und sein Schwert hing an dem Gürtel, den sie ihm
gesendet hatte. Auf dem Haupte trug er seine Lederhaube, und von dem Sattel
seines Pferdes hing heute ein kleiner Schild, den er vorgerichtet hatte. Er
bestieg sein Pferd, und ordnete auf seinem Platze seine Leute. Er sagte nur die
Worte: »Männer, wir gehören zusammen, und wollen beisammen ausharren.«
    »Beisammen ausharren«, riefen alle.
    Dann stieg er von dem Pferde, und blieb neben ihm unter seinen Leuten
stehen. Rechts von ihm stand Rowno mit den Seinigen, und mit Osel und den drei
Knaben, dann weiter Diet von Wettern und die andern. Die Waldleute hatten ein
rosenrotes Banner von Wladislaw erhalten, und es wehte über ihnen. Links von
Witiko befanden sich die aus der Gegend des Plakahofes und des Waldsaumes mit
einem rosenroten Banner. Dann waren die Bolemils mit einem rosenroten Banner.
Dann stand der Bischof Zdik und Ben mit den Männern der Mitte, dann Lubomir,
dann war Diepold mit denen von Prag, und weiterhin, jeder mit einem rosenroten
Banner. Dann war der Herzog mit auserlesenen Kriegern. Er hatte das grosse
Banner, das vor seinem Zelte gewesen war. Dann war Chotimir von Decin, dann
Diwis von Saaz, dann Bozebor und Jurik, jeder mit dem roten Banner. Sie standen
alle auf dem Berge Wysoka, und man konnte an den roten Seidenbannern die
Seinigen absehen.
    Als der Morgen helle geworden war, sah man die Feinde gegen den Rand des
Berges. Sie hatten weisse Banner, und ihre Reihe war lange hin gedehnt und sehr
gross.
    Jetzt ging die Sonne auf, und da fielen die Männer von Plan, die um Witiko
waren, auf die Kniee, und beteten. Witiko kniete auch nieder, und betete. Und
die von Rowno fielen auf die Kniee, und beteten, und die von Diet, und alle
weiterhin. Die aber links von Witiko aus der Gegend des Plakahofes und des
Waldsaumes knieten nicht. Die Männer des Waldes murrten darüber.
    Die Völker unten am Rande des Berges, welche dieselben Kleider hatten,
dieselben Vorfahren zählten, dieselben Gesichtszüge trugen, wie die auf dem
Berge, rückten nun langsam vor.
    Witiko trat zu dem Haupte seines Pferdes, liebkoste es, wie man ein
vertrautes, vernünftiges Geschöpf liebkoset, und sagte: »Nur heute bleibe treu.«
    Das Pferd gab Zeichen auf die Liebkosung zurück.
    Dann nahm er den Schild von dem Sattel, und fügte ihn an den linken Arm. Er
war weiss, und hatte in der Mitte eine dunkle fünfblättrige Waldrose. Witiko
sagte laut, dass es seine Nachbarn hörten: »Wenn es wahr ist, Rose, dass du schon
einmal geblüht hast, so blühe wieder.«
    Dann bestieg er sein Pferd, stellte sich unter die Seinen, zog sein Schwert,
und blieb unter ihnen stehen.
    Jetzt kam Smil mit seinen zwei Söhnen und einem Geleite von Reitern nach
vorwärts. Er war in sehr schönen grünen Sammet gekleidet, hatte ein schimmerndes
Waffenhemd, Steine auf der Schwertscheide und einen Stein an der weissen Feder
seiner Haube. Sein Pferd war schwarz mit einer scharlachroten Decke. Seine Söhne
trugen auch grüne Gewänder aber lichtere, sie hatten glänzende Waffenhemden und
rötlichfalbe Pferde wie einstens bei Chynow.
    Smil ritt eine Strecke an den Waldleuten hin, dann hob er sein Schwert, und
rief: »Gelobt sei Gott der Herr, ich grüsse euch Männer und Brüder, wir wollen
einander treulich helfen, und allen hilft Gott.«
    Dann stellte er sich zum Befehle unter sie.
    Die Reihe der Feinde kam nun so nahe, dass man die Kleider sehen konnte, und
dass man zwischen den Kleidern das Schimmern von Panzern zu erblicken vermochte.
Sie trugen weisse Abzeichen an sich. Sie erhoben jetzt ein grosses Geschrei. Die
Männer des Waldes waren ganz still, sie schlossen sich dicht aneinander, senkten
die Schäfte waagrecht, hielten ihre Köpfe tief, dass sich die Pfeile an den
dicken hereingezogenen Filzhauben fingen, und gingen wie überhaupt das Heer
Wladislaws vorwärts, indem sie mit ihren schweren Stiefeln in die Erde drückten.
Und wie der Zusammenstoss folgte, war das Herangehen der Feinde geendet, die
Feinde waren nun selber ein Schild gegen die fliegenden Speere und Pfeile, und
die Waldmänner drückten vorwärts.
    Smil ragte in seinem Schmucke unter ihnen hervor, und lenkte die Ordnung.
    Gegen die Männer aus der Gegend des Plakahofes und des Waldsaumes links von
Witiko, die nicht zu dem Gebete niedergekniet waren, wurden von den Feinden
keine Pfeile gesendet. Aber gegen Smil mehrte sich der Andrang, und es kamen
Männer in Panzern zu Pferde, darunter der rotaarige Benes, der junge Bohus, der
blonde Soben, der hochgewachsene Treba und der junge Stibor. Und sie wurden
immer mehr. Aber Smil hielt sie mit seinen Reitern auf, und die zu Fusse neben
ihm standen fest, und liessen den Drang nicht vorwärts. Da flog hinter den
Panzerreitern ein Pfeil hervor Smil in das Angesicht, dass er tot von dem Pferde
fiel. Er wurde von zwei Reitern aufgefangen, und hinter die Reihe getragen.
Seine zwei Söhne ritten nun stürmend zur Rache vor; aber sie sanken schnell
hinter einander zu Boden, dass die ledigen falben Pferde in die Reihen liefen.
Jetzt kam Diet mit den Reitern der Waldpferde zu Hilfe. Die Pferde waren kleiner
und schmächtiger als die der Panzerreiter, es kam Rowno mit seinen Männern, Osel
mit den drei Knaben, Wernhard von Ottau und Witiko mit mehreren Reitern. Die
kleinen Waldpferde flogen sofort unter die Panzerreiter, und Stan der Oheim
Rownos stach den blonden Soben vom Pferde, ein Reiter Diets durchbohrte den
jungen Bohus, Treba fiel von der Lanze eines niederen Mannes, und Rowno schlug
Stibor zurück. Benes wich, und es wurde der Platz frei, auf dem die jungen Söhne
Smils lagen. Ihre Körper wurden aufgehoben und hinter die Reihe getragen.
    Witiko ritt nun schnell zu Rowno rechts, und dann zu Diet und zu Wernhard
und weiter bis zu Wyhon von Prachatic, und ermahnte zum Vorwärtsgehen, und gab
Zeichen zu denen von Winterberg und Bergreichenstein, dass sie vorwärts gehen.
    Die Männer des Waldes, auf deren Angesichtern der Zorn zu erblicken war,
gingen vorwärts, sie zerstiessen nun noch mehr mit ihren schwerbeschlagenen
Stiefeln den Boden, und rannten nieder, was sich ihnen entgegen stellte, dass das
Grün des Wysokaberges, auf dem sie oft, da sie sich in dem Hofe aufhielten,
gegangen waren, sich mit Blut tränkte, und die zarten Gesträuche, die sie damals
gesehen hatten, vom Blute rieselten.
    Die rosenfarbene seidene Fahne, welche ihnen Wladislaw gegeben hatte, und
welche ein starker Mann von Prachatic trug, war schon tief unten gegen den Rand
des Berges, und wie Witiko links schaute, sah er das rosenfarbene Banner bei
Bolemil auch schon gegen den Rand des Berges, und dann das von Lubomir auch
schon, und das von Zdik und von Diepold, und das grosse seidene rosige Banner des
Herzogs ragte fast im Herzen des Feindes, und dann das von Chotimir und Diwis,
und so fort.
    »Wir siegen, wir siegen«, tönten mehrere Stimmen.
    Da rief links von Witiko, wo die von der Gegend des Plakahofes und des
Waldsaumes standen, welche nicht zu dem Gebete niedergekniet waren, eine laute
Stimme, dass sie weitin vernehmlich war: »Rette sich, wer kann.«
    Und die Reiter, welche an jener Stelle standen, flohen auf den Ruf der
Stimme zurück oder zu den Feinden, die Fussgänger warfen die rote Fahne auf den
Boden, und rannten zu den Feinden.
    Witiko rief: »Lasst sie fliehen, jetzt ist die Ehre erst rein, und die
Waldleute werden sie wahren. Schmied von Plan, drücke unsere Leute links, Osel,
rücket links, Rowno, Diet, schreit es weiter nach rechts zu denen von Ottau und
von Attes und von Prachatic und von Winterberg, dass sie links rücken, zieht euch
auch ein wenig zurück, dass der Kreis kleiner wird, lasst die Reiter zuerst auf
den Platz jagen, dass das Offene weniger sichtlich ist, alle Heiligen im Himmel
hassen den Verrat, ich eile an den Rand der Lücke, um Hilfe zu holen.«
    Und als er diese Worte gerufen hatte, flog er mit seinem grauen Pferde über
das Grün des Berges durch Gesträuche und Unebenheiten, wie er das Pferd im Walde
gelehrt hatte, dass die Zweige fast den Bauch des Tieres streiften, bis er zu
Scharen Bolemils kam, von deren Seite sich die Verräter losgelöst hatten. Die
hohen Männer Bolemils sassen auf den Pferden, hatten ihr Banner tief in den Feind
getragen, und kämpften mit ihm. Bolemil sass hoch in der offenen Sänfte, welche
Pferde trugen, auf denen Reiter sassen. Er hatte den schönsten Schlachtschmuck
an, trug ein Panzerhemd und schimmernde Steine auf der Haube. Die weissen Haare
des Hauptes und des Bartes flossen auf das Waffenkleid. Er führte aus der Sänfte
den Befehl. Die Reiter hatten den Verrat ihrer Nachbarn gemerkt, sie zogen sich
kämpfend langsam zurück, und drückten gegen rechts.
    »Bolemil«, rief Witiko, »lasse deine Leute gegen rechts gehen, Verräter
haben einen Platz geräumt, der gefüllt werden muss, sende zuerst die Reiter, und
lasse die Fussgänger folgen.«
    »Mein Sohn«, entgegnete Bolemil, »ich weiss alles, und habe an Dalimil die
Befehle schon gegeben. Reite links zu Lubomir.«
    Und Witiko ritt zu Lubomir, und sagte ihm die Sache, und er ritt dann zu dem
Bischofe Zdik, der sein Banner hart an den Feinden hatte, und berichtete ihm,
und er ritt zu Ben; aber er fand Ben nicht mehr, derselbe war gefallen, und lag
weit hinter den Reihen, wo man die Zelte gelassen hatte. Witiko ritt nun zu
Diepold und von da zu dem Herzoge. Der Herzog hatte sein grosses Banner an der
Stelle, welche die Mitte der feindlichen Reihe bezeichnete. Um ihn waren seine
Reiter und erlesenen Männer. Odolen ganz in schwarze Kleider getan mit einer
schwarzen Feder auf der Haube und in ein schwarzes glanzloses Waffenhemd
gehüllt, war auf seinem schwarzen Pferde mitten in den Feinden, er warf nieder,
was sich ihm nahte, und die Männer um ihn lüfteten den Raum. Neben ihm war
Welislaw in blauem Gewande und mit guten Reitern, und weitete die Strasse in die
Feinde. Dann war Casta, der mit Reitern die Wucht der feindlichen Reiter
drängte. Dann war Ctibor mit seinen Männern zu Pferde und neben ihm Beneda und
der junge Zwest. Sie durchbrachen die Mauer der feindlichen Reiter. Dann war
Bohuslaw, der junge Jurik, Sezima und Wecel. Um den Herzog, welcher in einem
dunkelbraunen Gewande und in einem matten Waffenhemde und einer Spangenhaube
ohne Feder auf einem schwarzen Rosse sass, waren Heinrich sein Bruder, Otto der
Bischof von Prag, die drei Äbte und der Probst Daniel, Nemoy von Netolic, der
alte Milota, Bartolomäus, der alte Preda, Gervasius und Wsebor. Dem Herzoge
gegenüber in den Reihen der Feinde war Konrad von Znaim, den die Mährer zum
Herzoge von Böhmen und Mähren gewählt hatten, Wratislaw von Brünn, Otto von
Olmütz, Spitihnew der Sohn Boriwoys des Oheims des Herzoges, der alte Mikul, der
alte Rodmil, Domaslaw mit roten Federn auf dem Haupte, Slawibor, Bogdan, Mireta,
Strich und Jurata. Sie hatten das grosse weisse Banner ihres gewählten Herzoges
bei sich.
    Witiko kam auf seinem Pferde zu dem Herzoge geflogen, und rief: »Herzog
Wladislaw, die von der Gegend des Plakahofes und des Waldsaumes unter Sohen, die
zwischen Smil und Bolemil standen, haben dein Banner weggeworfen, und sind zu
dem Feinde gegangen. Es ist ein Raum geworden, der erfüllt sein muss. Smil ist
tot, und seine zwei Söhne sind tot; aber Rowno und Diet und Osel und ich und die
andern halten die Waldleute zusammen, sie folgen uns, und werden stehen; aber
lasse rechts rücken, dass sie nicht von dir getrennt werden.«
    »Witiko«, sagte der Herzog, »wir haben schon die Kunde des Verrates, und
Befehle sind erteilt worden; du hast ihn genauer genannt, und der Raum zwischen
dir und Bolemil ist zu ordnen. Nemoy, lasse Botenreiter zu Odolen und zu
Welislaw und zu Ctibor und den andern gehen, dass sie sich zurückziehen und
fester schliessen, die Reihe muss kürzer werden, wir selbst müssen zurückgehen.
Heinrich, schicke Boten nach links zu Chotimir und zu Diwis mit seinem Sohne
Zdeslaw und zu Bozebor und Jurik, und lasse sagen, dass sie langsam zurück gehen
und rechts drücken, und den Schluss mit der rechten Seite halten. Gott wird das
Recht segnen. Witiko, nimm die zweihundert Reiter der blauen Fähnlein von mir,
Wecel, überbringt ihnen den Befehl, reite mit ihnen zu dem öden Platze, und
bedecke ihn mit rennenden Reitern, dass ihn die Feinde nicht fest mit Männern
bestellen können, bis wir uns wieder geschlossen haben. Eile von dannen. Und
ihr, Männer und Herren um mich, geht zurück, und haltet den Schluss, dass die
Feinde nicht eindringen können, wir werden uns ohne die zweihundert behelfen,
wenn wir fest in dem engeren Raume sind. Mit Gott und dem heiligen Markus.«
    Witiko ritt zu den Reitern mit den blauen Fähnlein, und dann an ihrer
Spitze, was ihre Pferde zu laufen vermochten, dahin, und wies ihnen mit seinem
grauen Pferde den Weg. Er kam an Diepold vorbei, an denen, wo Ben, der jetzt tot
war, befehligt hatte, an denen von Zdik, an Lubomir mit seinen Söhnen
Schwiegersöhnen und ihren Scharen, und an der Sänfte des alten Bolemil. Dann
traf er an den Platz der Plakaverräter. Da lagen die hohen Reiter Bolemils tot
und zerstreut auf dem Felde, und ihre Rosse und ihre Feinde lagen umher. Sie
hatten die Aufgabe, den Platz rein zu erhalten, mit dem Verluste ihres Lebens
erfüllt. Bolemil ordnete eben Fussgänger auf den Platz ab. Witiko ritt vorwärts
gegen rechts. Da kam ihm eine Rotte Fussgänger entgegen, er konnte die Abzeichen
nicht erkennen, und rief: »Heiliger Markus!« sie antworteten: »Swatopluk«, er
stiess gegen sie, und warf sie. Dann ritt er weiter, und kam wieder auf
Fussgänger, die Swatopluk riefen, und er warf sie wieder. Und dann kam er auf
einen grossen Haufen von Fussgängern, die das Wort Swatopluk hatten, er griff sie
an, und hieb sie zum Teile nieder, und zerstreute sie zum Teile. Dann kamen
Männer mit langen Schäften gegangen. Er schrie gegen sie: »Heiliger Markus!« und
sie schrien entgegen: »Heiliger Markus!«
    »Peter Laurenz, Schmied von Plan«, rief Witiko.
    »Ja, Witiko, mein junger Kriegsmann, wir sind es«, rief der Schmied, »deine
Nachbarn alle, die an der Leuchte gesessen waren, und fest hinter uns kommen die
des Rowno und von Wettern und von Friedberg und die Waldleute alle. Wir haben
uns verabredet, dass wir uns nicht auseinander lassen wollen, wir hatten viel zu
tun, uns so fest zu stellen, wie wir jetzt sind, wir gehen zu den Leuten des
Herzogs, von denen sie uns haben reissen wollen.«
    »So folget mir«, sagte Witiko.
    Er schwenkte mit den Reitern herum, ritt wieder links, und die Männer gingen
hinter ihm her, und wenn sich feindliche Haufen eindrängen wollten, so warfen
sie dieselben auseinander, und gingen weiter, bis sie zu Scharen kamen, die
riefen: »Heiliger Markus!« Es waren die Bolemils, sie fügten sich an, und die
Reihe war wieder geschlossen. An die Stelle der Reiter, die gefallen waren,
stellte Witiko die zweihundert mit den blauen Fähnlein.
    Und wie sie geordnet waren, und wie die Glieder sich festigten, kam eine
grosse Schar von Reitern aus den Feinden gegen sie, und drängte nach vorwärts.
Sie waren sehr schön gekleidet, hatten feurige Rosse, und es schimmerten viele
Panzer.
    »Ha, da kommen sie nun in grösster Zahl und Pracht, dass sie den Platz mit
Gewalt haben, den ihnen der Verrat zugedacht hat«, rief Predbor, der in den
blauen Fähnlein war, »haltet Stand.«
    »Haltet Stand«, rief Witiko.
    Und als die Feinde näher kamen, und die Reihe des Herzogs geordnet sahen,
hielten sie plötzlich an, und warteten ein Weilchen. Es war ein Mann unter
ihnen, der den grössten Schlachtenschmuck hatte. Er war in ein gegürtetes Gewand
von grauem Sammet mit silbernen Verzierungen gekleidet. Darüber trug er ein
schimmerndes Panzerhemd und einen Gürtel mit Steinen, und von einem funkelnden
Steine an der schwarzen Haube stieg eine weisse Feder empor. Zu Seiten seiner
Wangen sah man graue Haare. Es war Nacerat. Er sass auf einem goldlichten Pferde.
An seiner Rechten war Znata sein Bruder in scharlachrotem Gewande mit
Silberverzierungen einem Waffenhemde und steinbesetztem Geschmeide. Er sass auf
einem schwarzen Pferde. Zur Linken Nacerats war sein Sohn Dus. Er war in blasses
Blau von Sammet gekleidet, das mit Silber geziert war, er hatte ein glänzendes
Waffenhemd, der Gürtel und die Schwertscheide waren mit spiegelnden Steinen
besetzt, auf der blauen Haube waren funkelnde Steine und eine weisse Feder. Unter
der Haube quollen die blonden Haare hervor. Sein Pferd war milchweiss. Dann war
der junge Milhost da in grünem Waffenschmucke, dann der junge Mikul, auch grün,
dann der junge Rodmil in braunem Gewande, dann Drslaw in Dunkelblau, dann Zibota
in Scharlachrot, und dann Männer und Knechte Nacerats und Znatas in
kriegerischem Schmucke.
    Nacerat rief herüber: »Bolemil, du tust nicht gut, du hast den Mann, der
jetzt von euch Herzog genannt wird, in der Versammlung auf dem Wysehrad
verworfen, und jetzt verwirfst du den, welchen du damals gewählt hast: Wladislaw
den Sohn Sobeslaws.«
    »Nacerat«, antwortete Bolemil, »rufe nicht dein Geschick. Der Herzog hat
gesagt, es wird dich ereilen, und wenn mein Enkel Dalimil nicht tot auf dem
Felde läge, so hätte es dich schon ereilt.«
    »Es wird ihn auch so ereilen, den verdammten Satansvater der Heuchelei und
der Lügen, der ganz Böhmen haben möchte und Mähren«, rief eine dröhnende Stimme
aus den blauen Fähnlein.
    Es war der grossgewachsene schwarzhaarige Predbor, der gerufen hatte. Er
richtete sich im Sattel empor, und legte zum Fluge ein.
    »Mit mir, ihr guten Reiter«, rief er.
    »Vorwärts mit dem heiligen Markus«, rief Witiko, und in der nächsten Frist
waren die Reiter an den Feinden, und die Schwerter waren handgemein.
    Mit zornesrotem Angesichte und glühenden Augen stürmte Predbor vorwärts, er
stürzte alles auf seinem Wege nieder, und war in wenigen Augenblicken bei
Nacerat.
    Kaum zwei Hiebe wurden gewechselt, da sank der Arm Nacerats, er wankte auf
dem Pferde, und sein graues Gewand färbte sich von innen heraus rot.
    »Gebt Raum«, schrie Znata, und eilte hinzu.
    »Gebt Raum«, schrie der Sohn Nacerats, und war auch da, und mit ihm waren
Milhost und der junge Mikul.
    Wie aus Entsetzen wich man zurück, und der Kampf ruhte einen Augenblick.
    Die Männer nahmen Nacerat von dem Pferde, senkten ihn gegen die Erde, und
beugten sich über ihn.
    Er aber sagte nur die Worte: »Silvester, Silvester.«
    Dann trat Schaum und Blut vor seinen Mund, und er starb.
    Männer aus seinem Gefolge trugen ihn zurück, und wie der Raum von der Leiche
frei war, begann wieder der Kampf. Znata sprang zu Pferde, und stürmte wütend
vorwärts. An seiner Seite war Drslaw. Dus der Sohn Nacerats war auch schon auf
dem Pferde, und drang vor. Predbor verwundete Znata, dass er zurückgetragen
werden musste, und stürzte Drslaw in sein Blut. Die übrig gebliebenen Reiter
Bolemils hatten sich gesammelt, und mordeten jetzt mit Wut und Rachgier in den
Feinden.
    Dus der Sohn Nacerats hatte sich gegen links gewendet, wo neben Witikos
Reitern die Waldmänner standen, und die Schäfte nach vorwärts hielten. Er suchte
durch die Fussgänger eine Lücke in die Reihe zu gewinnen. Hinter ihm waren die
Jünglinge Milhost und Mikul und die Anhänger Nacerats. Er schlug eine Lanze
seitwärts. Der erste Mann, der vor ihm stand, war Norbert von Plan. Hinter
Norbert stand Zacharias, und hinter Zacharias der Jüngling Urban. Norbert sank
in sein Blut. In diesem Augenblicke hörte man von hinten eine furchtbare Stimme
rufen: »Rühre den Knaben nicht an.«
    Es war Peter Laurenz der Schmied von Plan, welcher gerufen hatte.
    Der Sohn Nacerats aber drang gegen Zacharias den Vordermann des Jünglings
Urban. Da sah man eine eiserne Keule gegen seine Stirne fliegen. Dus der Sohn
Nacerats sank auf seinem Pferde gegen rückwärts, sein rosiges Antlitz ward
aschfarb, und in diesem Augenblicke strömte das Blut auf seine schönen Kleider
und auf die milchweisse Farbe seines Pferdes. Milhost und Mikul suchten ihn
aufzufangen, er entglitt ihnen aber, und stürzte auf die Erde. Da jetzt wieder
an dieser Stelle der Kampf auf die Zeit eines Augenblicks ruhte, konnten die
Seinen die besudelte und entstellte Leiche des Jünglings nach rückwärts bringen.
Der Schmied holte sich seine Keule.
    Die Waldmänner schlossen die Lücke ihrer Reihe, welche Dus, der Sohn
Nacerats, gemacht hatte, wieder, und suchten sie jetzt fester zu erhalten. Der
Kampf ging fort. Witiko leitete die Reiter mit den blauen Fähnlein, und rief
seine Befehle auf die Fussgänger rechts. Milhost, da er sich von der durch Dus
gemachten Lücke ausgeschlossen sah, schrie: »Witiko, du meineidiger Schurke,
hätten sie dich doch auf den höchsten Baum gehängt.«
    Als er diese Worte kaum vollendet hatte, stach ihn ein Waldschaft durch die
Brust, Blut stürzte auf sein grünes goldgewirktes Kleid, und er fiel über das
Haupt seines Pferdes in das Gras. Der Jüngling Mikul wurde gleich nach ihm
gestürzt. Jetzt kamen auch die kleinen Waldpferde Diets und Rownos. Zibota wurde
noch gestürzt, mehrere Männer Nacerats wurden noch gestürzt, und die glänzenden
Reiter, jetzt auch ohne Führer, wendeten sich, und flohen zurück.
    Die Männer unter Bolemil Witiko und weiter rechts hatten nun Ruhe. Der Platz
vor ihnen war leer. Sie suchten jetzt durch Fühlung gegen links zu erfahren, ob
die Reihe des Herzogs zusammenhänge. Da kam eine Botschaft von ihm, dass die
Reihe wieder fest gefügt sei, und dass sie sie halten sollten. Die Botschaft ging
gegen rechts weiter. Wirklich konnte man die rosenfarbenen Seidenbanner fort und
fort an der Reihe sehen, wie sie in Abständen standen, und wie die hohe Fahne
des Herzoges ragte; aber sie waren näher bei einander, die Reihe war sehr kurz
geworden, und sie standen nicht mehr unten an dem Rande des Berges sondern
wieder oben, wo am Morgen begonnen worden war. Die weissen Banner des Feindes
rückten auch wieder geordnet vor, und der Kampf begann an den ganzen Reihen der
Heere. Stunde an Stunde verfloss, Männer von grossem Ansehen, Reichtum, Würden und
Ämtern fielen auf die Erde, Männer von geringerer Bedeutung sanken auf das
zertretene Gras, und niedere unbekannte Leute gingen zu Grunde: aber der Raum
des Kampfes wurde nicht verändert. Die Feinde des Herzoges hatten die grössere
Zahl, ihre Zahl war durch die Verräter noch vermehrt worden, und sie hatten die
Begierde, ihre Sache zur Entscheidung zu bringen: die Männer des Herzoges hatten
den besseren Stand des Ortes, und hatten das Recht. Die letzte Kraft wurde
verwendet, die Sonne neigte bereits zum Untergange, man hatte nicht geruht und
nichts genossen, Leib und Seele war ermattet, und der Kampf erlosch. Die Reihen
von beiden Seiten schwankten zurück, dass ein Raum wurde. Man stand, und es war,
als könnte man sich nicht regen.
    Die Heere standen nicht wie solche, welche ruhen, und wieder zum Kampfe
vorwärts gehen wollen, sondern wie solche, die ausgerungen haben.
    Einzelne Rotten und Abteilungen wichen zurück, und der Raum vergrösserte
sich.
    Kundschafter schlichen hinvor, um zu erspähen, was die Gegner etwa beginnen
wollten.
    Und als der Raum immer grösser wurde, und als man erfahren hatte, dass die aus
Mähren gegen ihr Lager zurück drängten, liess Wladislaw seine Männer auch zurück
gehen. Sie waren jetzt wieder wie am Morgen vor dem verbrannten Hofe in der Nähe
der Häuser, welche Suchdol hiessen.
    Ganze Scharen sanken in das Gras, und ehe sie nach Speise und Trank fragten,
suchten sie das Nächste zu erlangen, was not tat, Ruhe.
    Witiko war unter den Männern des Waldes, die zu ihm gehörten. Sie lagen,
oder sassen auf der Erde. Einige hatten ihren Sack geöffnet, und langten Brod,
oder was sie hatten, hervor, um zu essen, andere ruhten bloss. Man hatte in einem
grossen Kruge Wasser aus dem Bache herzu gebracht, weil der Brunnen unbrauchbar
war, und die Männer tranken aus dem Kruge.
    »Es wird doch nötig sein, liebe gute und getreue Heimatgenossen«, sagte
Witiko, »so ermüdet wir auch sind, dass einige von uns zu der Stelle gehen, wo
wir mit den Feinden gekämpft haben, sobald man nämlich dahin gelangen kann, um
zu sehen, wer aus den Unsrigen dort etwa verwundet oder gar tot liege, dass wir
ihm beistehen, oder, wenn er ausgelebt hat, ihn, so es sich tun lässt, begraben.
Indessen können wir unter uns hier sehen, wer etwa fehle.«
    Auf diese Worte erhoben sich Maz Albrecht und Lambert und Urban und andere
junge Männer, und Lambert sagte: »Wir sind nicht so ermüdet, es ist nicht der
Rede wert, wir können schon gehen.«
    »Es haben sich schon etliche fortgeschlichen«, sagte Christ Severin, »ihr
könnt ihnen nachgehen. Wir müssen uns einander beistehen, und dass wir zu Hause
keinen Vorwurf haben.«
    Die jungen Männer hielten ihr Stück Brod, das sie assen, in der Hand, und
gingen fort.
    Witiko sandte nun auch eine Botschaft zu Rowno und Diet und den andern, und
erfuhr, dass sie dicht an ihm zur Rechten gelagert seien, sich erquicken, und
auch schon nach ihren Verwundeten und Toten gesendet haben.
    Nach einer Weile kam von dem Herzoge Wladislaw die Nachricht, dass die Männer
sich lagern dürften, dass sie aber in der Ordnung bleiben sollten, welche sie in
der Schlacht gehabt haben, dass sie Speise und Trank geniessen möchten, dass sie,
wenn die Nacht komme, schlafen dürften, und dann des weitern, was geschehen
würde, gewärtig sein sollten. Die Führer seien nach kurzer Frist zu dem Herzoge
zu einer Beratung geladen.
    Die Männer richteten sich nun bequemer zur Ruhe, suchten Lagerstellen zu
bereiten, zündeten hie und da Feuer an, und Witiko brachte sein Pferd an eine
gute Stelle, und versorgte es reichlich mit Hüllen.
    Dann ging er zu dem Herzoge.
    Er ging an den Leuten vorbei, wie sie sich in der Schlachtordnung befunden
hatten, da er zu dem Herzoge um Hilfe geritten war; aber die Reihe war jetzt
wieder um viel viel kürzer als damals, teils, weil der Männer weniger geworden
waren, teils, weil sie sich tiefer zurück gelagert hatten, teils weil manche in
die Zelte, die noch hinter den Reihen in dem Lager standen, rückwärts gegangen
waren.
    Der Herzog befand sich vor dem abgebrannten Hofe. Viele Stühle waren auf den
Platz gebracht worden. Eine grosse Anzahl von Männern war um ihn. Einige sassen,
mehrere aber standen. Gleich nach Witiko waren auch Rowno und Diet angelangt.
Als alle versammelt waren, stand der Herzog in seinem braunen Gewande und in
seinem matten Waffenhemde von seinem Stuhle auf, und sprach: »Da sind wir wieder
auf dem Platze, auf welchem wir gestern mit den Verrätern verhandelt haben. Es
liegt ein schwerer Tag dazwischen. Gott hat das Recht nicht sinken lassen, wenn
er es auch noch weiter prüft. Der Verrat hat unser Werk vereitelt, doch das
seine nicht vollbracht. Wir sind in der festgefügten Ordnung, in welcher wir in
der Schlacht gewesen waren, zurück gegangen, und stehen nun am Beginne fernerer
Mühen. Ich habe die Wachen ausgestellt, die den Raum um uns durchblicken, ich
habe die Kundschafter ausgesendet, die alles durchforschen sollen, ich habe
Männer abgeordnete die nach den Toten und Verwundeten suchen sollen. Die edlen
Toten, die eine ferne Grabstätte haben, werden wir fortsenden, eben so die
Verwundeten, welche eine Reise vertragen. Für die Beerdigung und Pflege der
andern ist die Einleitung getroffen worden, und es wird noch weiter geschehen,
was die Umstände zulassen. Die Kundschafter haben gemeldet, dass die Feinde
wieder ihr Lager bezogen haben, aus dem sie am Morgen gegen uns ausgerückt sind.
Ich habe gesagt, dass doch einige von uns, wenn sie nicht gar zu ermüdet sind, zu
beiden Seiten des Heeres ausgesendet würden, um zu erforschen, ob die Feinde
nicht in der Nacht an uns vorübergehen, und uns die Wege verlegen könnten.«
    »Es ist geschehen, hoher Herr«, sagte Chotimir, »junge Reiter und Fussgänger
haben sich zu diesem Geschäfte erboten, sie werden sich zu Zeiten ablösen, und
berichten.«
    »Es ist gut«, sagte der Herzog. »Ehe wir zu dem schreiten, was ferner zu tun
ist, lasset uns den Dank abstatten. Männer, Herren, teure Freunde! habet den
Dank des Landes, habet meinen Dank. Lasset uns zuerst von denen sprechen, die
selber nicht mehr sprechen können. Smil und Ben liegen tot auf der Erde, zwei
edle tapfere Männer und Führer unserer Heere. Ihr Werk ist vollbracht, und die
Geschichten werden von ihnen reden. Smils Söhne sind hingestreckt. Die guten
Jünglinge haben ausgeführt, was sie oft gesagt haben, dass sie sich gegenseitig
ihr Leben schützen wollen. Sie haben es sich gegenseitig bis zum Tode geschützt.
Dalimil, der Enkel des alten hochehrwürdigen Lechen Bolemil hat sein Leben zum
Opfer gebracht, dass auf dem Platze neben ihm der Verrat nicht siegreich wurde.
Andere Enkel werden die Tat den Urenkeln, und diese sie andern Urenkeln
erzählen. Pustimir, der Sohn unsers teuren väterlichen Mannes Lubomir, hat für
die Sache, die er sich erwählt, seinen Geist zum Himmel gesendet. Und mehrere
werden sein, die wir noch nicht kennen, und deren Namen uns heute noch werden
genannt werden. Den Toten gibt Gott im Himmel die Ruhe und auf Erden den Ruhm.
Jedem Freunde, er sei hoch oder gering, der heute auf diesem Berge verstummen
musste, folgt unser Gebet, und bleibt ihm sein Lohn in der Ewigkeit.«
    »In der Ewigkeit«, sagten die Anwesenden mit leiser Stimme nach.
    »Und nun zu den Lebenden«, fuhr der Herzog fort. »Otto Bischof von Prag, ich
danke dir für deine Taten und deine Worte.«
    »Ich glaube, ich bin auf der Seite des Rechtes gestanden«, sagte der
Bischof.
    »Ich glaube es, so mir der Allmächtige helfe«, sagte der Herzog.
    Dann fuhr er fort: »Zdik Bischof von Olmütz, ich sage dir meinen Dank, du
hast, als Ben an deiner Seite gefallen war, den Streit geleitet.«
    »Ich habe den Mann beweint, hoher Herr«, antwortete Zdik, »die Schlacht hast
du geführt, wie ich wusste, dass du sie führen wirst.«
    »Ich danke dir Daniel, Propst von Prag, für deine Taten und Worte«, sagte
der Herzog.
    »Die Taten sind gering, die Worte halfen nicht«, entgegnete Daniel, »möge
mein Gebet kräftiger sein, dass dieser Streit ohne zu grosses Unheil für die
Länder beendigt werde.«
    »Ich danke euch, Äbte von Brewnow, Kladrau und Wilimow, und allen
Priestern«, fuhr der Herzog fort, »und ich sage euch meinen Dank, Brüder Diepold
und Heinrich, Söhne Premysls, ihr seid die einzigen aus dem Stamme, die treu
geblieben sind.«
    »Wir werden es auch immer bleiben«, sagte Diepold.
    »Ich weiss es«, entgegnete der Herzog.
    Dann fuhr er fort: »Bolemil, du vielerfahrener Mann, der immer seiner Treue
folgt, und sie auch übt, wo sie ihn schmerzt, du Mann, der so viele Dienste
verrichtete, von der Zeit meines Grossvaters, des Königs Wratislaw, an bis auf
heute, wo du weit über deine Zeit hinaus geholfen hast, habe meinen Dank. Mein
Dank ist viel zu klein für deine Tat und deinen Verlust.«
    »Hoher Herr«, antwortete Bolemil, »ich habe gewusst, was geschehen wird, es
konnte uns nicht erspart werden. Als ich von dem Sterbebette Sobeslaws gehört
hatte, wusste ich auch, was ich tun werde, und habe mich darauf vorbereitet.
Meine Sippen und Männer liegen auf dem Felde erschlagen. Die leben, mögen um sie
trauern. Ich werde bald mit ihnen vereint sein. Sorge nur, Herr, dass dieser
Streit kurz daure.«
    »Wir werden sorgen, dass es so sei«, sagte der Herzog.
    Nach diesen Worten war eine kleine Stille.
    Dann sprach der Herzog: »Lubomir, du hast tiefes Herzeleid erfahren. Ich
danke dir, und traure mit dir.«
    »Wenn ich wieder in Daudleb bin, mein erhabener Herr«, antwortete Lubomir,
»und wenn ich dort allein an meinem Tische sitze, und meine Kinder, die in
andern Fluren sind, zähle, so zähle ich auch Pustimir mit, obwohl er jetzt weit
von mir ist, und dann zähle ich die Enkel, und auch die von ihm, und tröste
Boleslawa, weil er heldenmütig gestorben ist. Er ruhe friedlich, Herr, und möge
der Streit mit den geringsten Opfern des unschuldigen Landes enden.«
    »Euch, Chotimir, Diwis, Bozebor, Jurik, euch Führern danke ich«, fuhr der
Herzog fort, »ihr habt festgehalten, wo der Verlust einer Handbreit Erde ein
grosses Unglück gewesen wäre, und ihr habt eure Männer stark geschart wie die
Glieder einer Eisenkette zurück geführt. Diwis, du bist immer treu, und dein
Sohn Zdeslaw folgt dir. Euch Männer Milota Preda Wsebor hat das Alter nicht
abgehalten, auf dem Felde der Ehre zu sein. Predbor, ich danke dir. Denken wir
nicht mehr im Zorne dessen, mit dem du gestritten, und der gestern noch in der
Fülle des reichsten Mannes dieser Länder und in der Fülle des Lebens hier vor
uns gesprochen hat, und jetzt sich mit einem Häufchen Erde begnügt. Nemoy, du
bist ein Nachbar Bolemils, und strebst seinen Tugenden nach, und du Ctibor
hältst es wie Lubomir, an den du grenzest, du hast deine Leute genommen, und sie
zum Schutze des Fürstenstuhles geführt. Casta, du hast immer gesagt, dass du für
deine Freunde in den Tod gehen könntest, rufe dein Schicksal nicht, es hätte dir
heute bald für mich willfahrt. Pflege deine Wunde, dass ich dir bald einen
Gegendienst tun kann. Welislaw, wie kannst du wagen, hieher zu kommen? Dich
haben sie halb tot vom Felde getragen, und nun sitzest du hier, und trotzest
deiner Wunde? Du bist der Genosse meiner Jugend gewesen, willst du mich in
meinen Mannesjahren verlassen?«
    »Solche Dinge heilen in der Tätigkeit am ehesten«, versetzte Welislaw.
    »Ich werde dir den Arzt zugeben, der dir nicht mehr von der Seite darf«,
sagte der Herzog, »und denke, dass ich nicht Männer brauche, die sich so sinnlos
dem Feinde entgegen werfen.«
    »Dich muss ich auch schmähen, Odolen«, fuhr der Herzog fort, »ich sehe, dass
es wahr ist, was deine Feinde sagen, dass du Berge umwerfen möchtest, um zu
stürmen. Hast du keine Wunde empfangen?«
    »Welislaw, der mir in allem zuwider handelt, hat sie mir weggenommen«, sagte
Odolen.
    »Sezima Wecel Zwest«, sagte der Herzog, »habt meinen Dank, ich weiss, was ihr
getan habt. Jurik, du bist immer in der Nähe deines Vaters, du bist in einer
guten Schule, aber sie ist nicht ohne Gefahr. Beneda, du hast dir dein Lob
verdient.«
    »Witiko, Rowno, Diet, und ihr andern Männer des Waldes«, fuhr er dann fort,
»wie danke ich euch. Ihr habt einen harten Teil bestanden. Bei euch hat man den
Versuch gemacht, alles zu gewinnen. Man hat euch abtrennen wollen, wie man einen
Tropfen Wasser von der Hand schüttelt; ihr aber seid gewesen wie das Pech eures
Waldes, und seid kleben geblieben. Ich werde doch noch diesen Wald einmal sehen,
und euch in ihm wieder danken können. Wer sind die Knaben?«
    Osel trat vor, und sprach: »Wenn du die Männer des Waldes Pech heissest,
hoher Herr, so sind diese junges Pech. Ich heisse Osel, wohne in Dub im Walde,
und bin ihr Vater. Sie haben sich von einer falben Stute drei falbe Pferdlein
auferzogen, und in der Sonnenwende habe ich ihnen die Haare beschnitten, dass sie
Jünglinge werden, und habe sie jetzt in den Krieg mitgenommen, dass sie gegen den
Übermut der Lechen streiten, und lieber einem einzigen dienen lernen, der uns
wohl will. Ich habe sie auf diesen Platz geführt, dass sie dich sehen, und es zu
Hause erzählen.«
    »Nenne mir die Namen der Knaben«, sagte der Herzog.
    Osel antwortete: »Dieser ist Olen der älteste, dann kömmt Dis, der um ein
Jahr jünger ist, und dann Os, der wieder um ein Jahr später kam.«
    »Die zwei jüngsten bluten ja«, sagte der Herzog.
    »Ein wenig«, entgegnete Osel, »ich habe es schon angesehen, es ist nichts.
Sie sind nicht träge gewesen, aber kindisch. Der älteste tut auch das Seine,
wenn gleich das Zeichen ausblieb.«
    »Sorge, dass du auf deine schönen Knaben siehest, Osel«, sagte der Herzog,
»damit sie Männer werden.«
    »Im Walde lernt man früh ein hartes Leben«, antwortete Osel.
    »Meine Kinder«, entgegnete der Herzog, »ich werde euch schon wieder sehen,
und dann müsst ihr mir eure falben Pferdlein zeigen, und in eurem Walde müsst ihr
mir eure schönen Bäume zeigen.«
    »Ja«, antwortete Olen.
    »Männer, Priester, Prinzen, Lechen, Wladyken, Freunde«, fuhr der Herzog
fort, »ermüdet noch nicht. Wir haben der ersten Pflicht genügt, der des Dankes,
lasst uns nun auch zu der zweiten gehen, der des Rates, was nun ferner zu tun
sei. Die Feinde sind in das Lager gegangen, wir auch, die Feinde sind erschöpft,
wir auch, die Feinde haben schwere Verluste gehabt, wir auch, und die unsrigen
sind durch den schimpflichen Verrat, der auf lange Zeit dieses Land verdüstern
wird, noch grösser geworden, als sie sonst gewesen wären, die Zahl der Feinde ist
die grössere, die der Unsern die kleinere, und sie ist durch den Verrat noch
kleiner, die der Feinde grösser geworden, die Feinde haben ein böses Gewissen,
weil sie zum Verrate gegriffen haben, unser Bewusstsein ist gut, sie kämpfen für
Raub und Vorteil, und wählen jedes Mittel des Blutvergiessens und der Zerstörung,
wir streiten zum Schutze des Landes, und müssen alles sparen, was dem Lande
kostbar ist, sie haben die ungünstigere Stellung im Tale, wir die günstigere auf
der Höhe: wir können heldenmütig den Kampf wieder aufnehmen, und mit Gott den
Sieg erringen, oder ruhmreich erliegen: oder wir können in eine sichrere
Stellung gehen, uns verstärken, und dann mit genügender Macht die Entscheidung
suchen. Wie weit wir heute geschmolzen sind, lässt sich noch nicht genau sagen,
nur im allgemeinen überschauen. So wird es im Vergleiche auch bei den Feinden
sein. Und nun Otto Bischof von Prag rede.«
    »Zur Schonung des Blutes und Lebens des Landes soll grössere Sicherheit
gesucht werden«, sagte der Bischof.
    »Und du Zdik?« fragte der Herzog.
    »Ich meine das gleiche«, antwortete Zdik der Bischof von Olmütz.
    »Und Daniel?« sagte der Herzog.
    »Das gleiche«, antwortete der Propst Daniel.
    »Und du, ehrwürdiger Bolemil?« fragte der Herzog.
    »Ich habe schon gesagt«, antwortete Bolemil, »sorge, dass dieser Streit kurz
daure, hoher Herr. In dem, was auf dem Wysehrad geschah, lag das Übel, nämlich,
dass man zu dem Wählen griff, wie man bei deinem Vater zu dem Wählen gegriffen
hatte. Was damals gekommen ist, musste wieder kommen, und ist gekommen. Der
sterbende Sobeslaw hat alles gewusst, da er gesagt hat: Nacerat wird gegen
Wladislaw nicht siegen. Ergreife jedes Mittel, das die grösste Sicherheit des
Sieges über den Feind gibt.«
    »Und Lubomir?« fragte der Herzog.
    »Suche die grösste Sicherheit für das Land«, sagte Lubomir.
    »Und Diwis?« fragte der Herzog.
    »Ich spreche wie Bolemil«, sagte Diwis.
    »Und was sagt Chotimir?« fragte der Herzog.
    »Chotimir sagt das gleiche«, antwortete der Gefragte.
    »Und Wsebor?« fragte Wladislaw.
    »Ich rede wie meine Freunde. Suche mit Macht, den Streit eines Schlages zu
enden«, antwortete Wsebor.
    »Und Jurik?« fragte der Herzog.
    »Die Männer, welche gegen uns in den Waffen sind, suchen den Raub«, sagte
Jurik, »darum haben sie schon die Schrift aufgesetzt, in der entalten ist, was
ihnen ihr Herzog für ihre Beihilfe zusagen musste. Sie ergriffen deshalb jedes
Mittel, zu ihrem Ziele zu gelangen, wie schon heute ihr Verrat gezeigt hat.
Wider solche Männer ist schwerer streiten als wider ehrliche Gegner, weil man
nicht die gleichen Mittel will. Darum sage ich wie Bolemil: wähle die Wege
grösster Sicherheit.«
    »Und was sprechen meine andern alten Räte?« fragte der Herzog.
    Und Milota und Bozebor und die Äbte und Bartolomäus sprachen für die grösste
Sicherheit.
    Preda sprach gleichfalls dafür.
    »Und euch Prinzen frage ich erst jetzt, weil ihr jünger seid«, sagte der
Herzog.
    »Ich rede für grössere Sicherheit«, antwortete Diepold.
    »Ich für morgige Entscheidung«, sagte Heinrich.
    »Und ihr dort weiterhin?« fragte der Herzog.
    »Für morgige Entscheidung«, rief Zwest.
    »Für morgige Entscheidung«, rief Jurik der Sohn Juriks.
    »Für morgige Entscheidung«, rief Beneda.
    »Morgen Schlacht, und ganz gewisser Sieg«, schrie Odolen.
    »Morgen Schlacht, morgen Schlacht«, riefen nun mehrere Stimmen der jungen
Männer.
    »Es ist gut«, sagte der Herzog, »ihr wollt die Schlacht und ruhmreichen Sieg
oder ruhmreichen Untergang. Ich rede als Ritter wie ihr. Ihr dürft euer Leben
hinwerfen; ich der Herzog aber darf euer Leben nicht hinwerfen, und das Heil des
Landes nicht auf die Spitze stellen. Wir gehen in unsere feste Stadt Prag, in
welcher der Fürstenstuhl steht, festigen die Mauern um ihn und um uns noch mehr,
und suchen Verstärkungen zu gewinnen, wie wir sie nur immer zu gewinnen
vermögen. Haben wir dann die Macht, die letzte und gewisse Entscheidung
herbeizuführen, so treten wir an den Feind, und suchen diese letzte
Entscheidung, aber Entscheidung für uns. Ihr, meine jungen Männer, zeigt hier
die grössere Tapferkeit, nämlich die, euern Mut zu zügeln, und folgt dem Rate der
Alten, die auch tapfer aber auch weise sind.«
    »Es wird so gut sein«, sagte Bolemil.
    »Es ist gut«, sagte Otto der Bischof von Prag.
    »So tun wir«, sagte Zdik der Bischof von Olmütz.
    »So tun wir«, sagte Lubomir.
    »Pflegt einige Stunden in der Nacht der Ruhe«, sprach der Herzog, »dann, ehe
der Tag scheint, brechen wir auf, es wird die Weisung erfolgen. Und nun noch
eines. Es wird ein bisschen Abendkost bei mir bereitet, und wohl auch noch ein
Wein wird vorhanden sein. Wer es mit mir teilen will, ist abends willkommen.
Jetzt, Herren, seid für euern Rat bedankt.«
    Die Männer begannen sich zu zerstreuen.
    »Führt mich hinweg«, sagte Welislaw, »ich bin weder zum Rate noch zur
Schlacht tauglich.«
    Zwei Männer führten ihn von dannen.
    Witiko ging zu den Seinigen. Rowno, Diet, Osel, und die andern gingen auch
zu ihren Waldleuten.
    Nun, da der Herzog mit den Führern beraten hatte, ging er auch noch zu den
Kriegern. Er ging längs der ganzen Reihen, besah die Männer, sprach mit ihnen,
tröstete die Verwundeten, und ermunterte die andern.
    Als er zu Witiko kam, stellte dieser seine Leute auf.
    »Witiko«, sagte der Herzog, »wir rechnen noch einmal eigens für den heutigen
Tag ab.«
    Dann sprach er zu den Leuten: »Männer des Waldes, ihr habt eigentlich den
Tag gerettet. Ich sage euch den grössten Dank. Ich will mir eure Angesichter
einprägen, dass ich sie wieder kenne, wenn ich sie sehe. Haben wir diese Sache
geendet, will ich eurer gedenk sein, und ihr sollt keinen undankbaren Herzog an
mir finden.«
    »Der junge Witiko hat die Sache geführt, als Smil gestorben war«, sagte
Stephan der Wagenbauer.
    »Ich weiss es«, antwortete der Herzog, »und gedenke es ihm.«
    »Wir gehen nach Prag, um die Stadt zu verteidigen«, fuhr er fort, »bis wir
wieder angreifen. Ihr werdet wollen in euern Wald gehen?«
    »Mit Gewährung, Herr Herzog«, sagte der Schmied von Plan, »wir konnten auf
diesem Berge nicht von dir abgetrennt werden, weil wir wieder zu dir gingen, als
die Lügner vom Plakahofe davon gelaufen waren, sonst hätten wir unser Vorhaben
nicht ausgeführt. Wir werden schier alle mit dir nach Prag gehen, wenn du uns zu
essen geben kannst; denn das Brod und das Rauchfleisch in unseren Säcken ist zur
Neige. Und sie werden uns die Stadt so wenig nehmen können, wie diesen Berg, und
etwa reissen wir ihnen dann den Flimmer und die schönen Steine vom Leibe, die sie
prahlerisch angelegt haben.«
    »Wer mit mir nach Prag geht, wird die Lebensmittel erhalten, die wir haben«,
sagte der Herzog.
    »Dann ist es schon recht«, entgegnete der Schmied.
    In diesem Augenblicke kamen einige Männer herbei, und trugen den Fiedler Tom
Johannes.
    »Wer ist der Mann?« fragte der Herzog.
    »Das ist der Fiedler von Plan«, sagte Paul Joachim, »und die ihn tragen,
haben wir um unsere Leute auf die Kampfstelle geschickt.«
    »Ist er tot?« fragte der Herzog.
    »Nein, mein guter Mann«, antwortete der Fiedler, »aber der Fiedelbogen wird
wohl krumm bleiben.«
    »Ich werde sogleich jemanden senden, der für dich sorgen soll«, sprach der
Herzog.
    Dann sagte er etwas zu einem Manne seines Geleites, der sich darauf
entfernte.
    »Dieser wird einen Arzt bringen«, sagte der Herzog.
    »Habt ihr noch mehr Verwundete?« fragte er dann.
    »Der ist der letzte, welchen wir herauf getragen haben« sagte Maz Albrecht,
»den armen Norbert haben sie zu einem Strauche hingelegt, den Zimmerer David und
Veit Gregor haben wir zur Pflege hergetragen, Christ Severin der Wollweber und
Matias und Urban sind selber gegangen. Sie haben schon Tücher mit Wasser um,
und Philipp ist um Kräuter gegangen.«
    »Der Arzt wird alle in Pflege nehmen«, sagte der Herzog, »und nun ruhet ein
Weile, und wer nach Prag gehen will, wird in der Nacht das Zeichen erfahren.«
    Nach diesen Worten entfernte er sich, und ging zu Rowno und Diet und zu den
andern, um ihnen zu danken.
    Als es Abend war, gingen viele zu dem Herzoge, das kleine Mahl zu teilen.
Mehrere sassen in dem Gezelte, andere standen. Die Kundschafter meldeten, dass die
Feinde Späher ausgesandt haben, die erfahren sollen, ob sie nicht in der
Finsternis der Nacht von dem Heere des Herzogs Wladislaw würden umgangen werden
können.
    »Desto sicherer ist unser Zug«, sagte Wladislaw.
    Als das Mahl aus war, verabschiedeten sich die Männer, und gingen, die Ruhe
zu suchen.
    Witiko begab sich zu seinem Pferde, und wusch ihm mit Wein, den er sich
verschafft hatte, die Gelenke.
    Dann legte er sich auf seine Schlafstelle.
    Und nun war Ruhe und Stille in dem Lager des Herzogs, nur dass die Wachen
sich regten, Kundschafter streiften, und die Feuer gemach verbrannten.
    Dieser Tag war der fünfundzwanzigste des Monates April des Jahres 1142
gewesen.
    Ehe der Morgen graute, wurde ein Zeichen, welches kein Laut war, durch das
Lager gesendet, zum Aufbruche bereit zu sein.
    Und noch in der Dunkelheit setzte sich der Zug nach Prag in Bewegung.
 
                                  Zweiter Band
                                       1
 Der Schein ging über Feld und Wald.
Als der Herzog Wladislaw auf seinen Zug nach Prag ging, war derselbe in der
folgenden Weise eingerichtet. Zuerst waren Reiter, welche den Weg erforschen,
berichten, und Hindernisse, wenn es geschehen konnte, zerstreuen sollten. Dann
kamen Fussgänger mit jenen Reitern und Wägen, die zu ihnen gehörten. Diese Vorhut
führte Diepold der Bruder des Herzogs. Dann kamen die Verwundeten Welislaw,
Casta, Hermann von Attes, Beneda, und andere. Sie waren in Tragbahren, deren
Bänder über die Buge von je zwei Pferden gingen. Sie wurden von Reitern behütet,
die Milota führte. Dann kamen wieder Reiter und Fussgänger. Diese führte Heinrich
der zweite Bruder des Herzogs. Nach ihnen waren Wägen, welche Kriegsdinge und
Kranke und Verwundete trugen. Die Männer der Wägen befehligte Jurik der Sohn
Juriks. Hierauf kamen die entseelten Körper derjenigen, die auf dem Berge Wysoka
ihr Leben ausgehaucht hatten, und denen man die Sorge weihen wollte, dass sie
nach Prag gebracht würden. Darunter waren die Körper Smils und seiner beiden
Söhne, Bens, Dalimils, Pustimirs und anderer hervorragender Männer. Die Ärzte
hatten sie in der Nacht, soweit es erreicht werden konnte, mit Spezereien gegen
das Verderben eingerieben. Diese Körper waren in Tücher gehüllt, und wurden
entweder von Säumern getragen, oder auf Wägen geführt. Das Geleite dieser
Mitfolge befehligte Zwest. Nun erschien zum Schlusse die grösste Schar der
Krieger Wladislaws, Reiter und Fussgänger. An diese Stelle waren die erfahrensten
Kriegsherren und jene Abteilungen der Männer gewiesen worden, die den
geschlossensten Stand zu halten vermochten, damit sie, wenn die Feinde nacheilen
und angreifen sollten, schnell in Schlachtordnung wären, und so lange ausdauern
könnten, bis auch die andern in Kampfesbereitschaft wären. Diese Nachhut führte
der Herzog Wladislaw selbst. Um ihn waren die vorzüglichsten Männer, die
Bischöfe und die Führer. Der alte Bolemil war in seiner Tragbahre mit seinen
noch übrigen Reitern da. Der alte Lubomir ritt mit seinen Söhnen, die ihm
geblieben waren, neben dem Herzoge. Diwis und sein Sohn Zdeslaw waren da. Odolen
folgte mit seinen Freunden. Preda und Gervasius ritten mit. Die Waldleute hatten
den Vorzug erhalten, der Abteilung des Herzogs einverleibt zu werden, und zogen
nun in ihr dahin. Unter ihnen war Witiko, Rowno, Diet von Wettern, Osel und die
anderen, die von dem Mittage des Landes stammten. Zwei der Männer trugen in
Tüchern, die man an zwei Stangen gebunden hatte, den verwundeten Tom Johannes
den Fiedler. Sie hatten ihn sorgsam zugedeckt, und hatten ihm einen Pack
Frühlingskräuter auf die Wunde gebunden. Zwei andere Männer trugen David den
Zimmerer, und wieder zwei Veit Gregor. Christ Severin der Wollenweber und
Matias und Urban, der Neffe des Schmiedes, gingen in dem Zuge, weil sie
geringere Wunden hatten. Die Waldleute hielten sich geschlossen, und suchten das
Benehmen der andern Krieger nachzuahmen. Am Ende des Zuges waren wieder Reiter,
wie sie am Anfange waren. Zu beiden Seiten des Weges waren Reiterfähnlein
ausgesendet worden, das Land zu durchsuchen, und zu melden, was sie gesehen
hätten.
    Die Häuser von Suchdol waren nach und nach rückwärts des Zuges gekommen, die
Mauern von Radbar, die zuerst gegen Mitternacht gestanden waren, konnten nun
gegen Mittag erblickt werden, und man näherte sich den Wiesen von Wolesec.
    Von den streifenden Reitern kamen Abgesendete herzu, die sagten, dass kein
Mensch in der Gegend sei, dass sich die Felder in Unordnung befinden, und kein
Vieh zu sehen ist, und dass sich keiner der Feinde zeige.
    Die Sonne ging nun über die Länder Mähren und Böhmen herauf, und beleuchtete
den Zug. Man konnte an dem Rauche, der gegen Morgen war, sehen, dass die Feinde
etwa an der Stelle seien, von der aus sie die Schlacht begonnen hatten, ja aus
entfernterem Rauche, dass einige vielleicht schon gegen Mähren zurück gehen.
    Die Scharen kamen in den Ort Wolesec, und gingen durch ihn, der leer war,
hindurch. Als die letzten die Häuser hinter sich hatten, wurden die Zeichen zur
ersten Rast gegeben. Die Zeichen wiederholten sich in den Abteilungen, und man
richtete sich zur Ruhe. Einige Zelte wurden aufgeschlagen, zumeist aber liessen
sich die Männer nur in die Breite auseinander, um sich nieder zu setzen. Die
Waldleute kamen an eine Mauer aus losen Steinen, die neben dem Felde lief.
Einige setzten sich auf die Steine der Mauer, andere an die Mauer in das kurze
Frühlingsgras der Wiese, die neben dem Felde war. Wie ihnen der Herzog
Lebensmittel versprochen hatte, ging es jetzt in Erfüllung. Es kamen Träger und
Karren zu ihnen, und brachten Säcke mit geräuchertem Schweinefleisch, mit Brod
aus Gerste und Roggen, mit Käseziegeln und Klössen. Auch Fässer mit Getränken
wurden herbei geführt, von denen die meisten mit klarem Wasser gefüllt waren,
das man aus kühlen Quellen geschöpft hatte. Andere entielten Bier und Met. Die
Waldmänner erquickten sich zuerst an den Getränken, am Wasser, am Biere, am
Mete. Dann nahmen sie von den Speisevorräten in ihre Säcke, was sie zum Zuge
nach Prag als nötig gedachten. Dann assen sie, tranken wieder, und machten sich
zurecht, die kurze Rast zu geniessen. Was von den Lebensmitteln übrig geblieben
war, wurde wieder fort geschafft. In dieser Zeit kam Jakob, der Knecht aus dem
Wangetschlage, mit seinem lahmen braunen Pferde zu den Waldleuten. Man hatte
nichts von ihm gewusst, und in dem Kampfe seiner nicht gedacht. Er erzählte, dass
er in der Schlacht gewesen sei, und dass sie ihn mit einer Lanze in die Wange
gestochen haben. Er habe sich aber sehr gewehrt, und sei jetzt dem Zuge nach
geeilt, um ihn einzuholen. Witiko untersuchte seine Wunde, und fand sie geringe.
Dann gab er ihm von seinen Vorräten zu essen, und liess das gehetzte Pferd
erquicken.
    Als die Ruhezeit aus war, tönten die Hörner zum Aufbruche. Die Eckmänner der
Waldleute gaben ihre Zeichen mit Hörnern von Ziegenböcken.
    Der Zug richtete sich wieder ein, und ging weiter.
    Man rastete noch zwei Male, und am Abende lagerte man sich auf weiten
baumlosen Feldern, an denen keine Häuser waren, und die in dieser Kriegszeit
keine Saaten trugen. Es wurden Gezelte geschlagen, die Grenzen des Lagers
gesteckt, Wachen gestellt, und Kundschafter ausgesendet. Dann zündete man Feuer
an, pflegte sich, und bereitete Schlafstellen. Und die Körper der Krieger
genossen eine festere Ruhe, als sie in der vorigen Nacht gehabt hatten. Bis zum
Morgen war es stille in dem Lager und um das Lager.
    Wie an diesem Tage, so war es ähnlich an dem zweiten und an dem dritten und
an dem vierten.
    Und am fünften Tage kam Wladislaw mit seinen Kriegern vor der Stadt Prag an.
    Die Augen aller Krieger sahen auf diese Stadt. Da war der hohe Wald des
Berges Petrin, und von diesem Walde gingen die lichten Mauern dahin, die
Sobeslaw hatte umbauen und mit Türmen versehen lassen, und hinter den Mauern
ragten die Gebäude empor: die Kirche des heiligen Veit, die Kirche der heiligen
Jungfrau Maria, die Kirche des heiligen Georg, die Hofburg des Herzoges, der
Bischofsturm, die Priesterhäuser, die Häuser der Ämter, und noch viele andere,
die sie nicht kannten. Aber zwischen dieser Stadt, die sie aufnehmen sollte, und
den Kriegern war der weit gedehnte rechtsufrige Burgflecken Prag. Und vor dem
Burgflecken standen unzählige Menschen gedrängt, um den Herzog und sein Heer zu
sehen. Einige waren auf Dächer und Bäume geklettert. Vor allen Menschen aber
stand die Herzogin. Neben ihr stand der Hofrichter und der Kämmerer und der
Maier des Herzogs, welche nicht in den Streit hatten mitziehen dürfen, es
standen die Kmeten neben ihr, die der Herzog über seinen rechten und linken
Burgflecken gesetzt hatte, und es standen der Unterkämmerer, der Truchsess und
der Schenk des Bischofes und der Dechant und der Hüter und Priester neben ihr,
es stand Hugo, der Propst vom Wysehrad mit Priestern neben ihr, und der Kmete
vom Wysehrad, und jeder hervorragende Mann, der zur Hut von Prag hatte
zurückbleiben müssen. Die Herzogin und alle, die sie umstanden, begrüssten den
Herzog und die Seinigen.
    Der Herzog dankte des Grusses, die Herzogin und die um sie bestiegen ihre
Pferde, und der Herzog führte von allen begleitet seine Krieger durch die langen
Gassen des Burgfleckens und die vielen Menschen in ihnen auf das grosse Feld, das
zwischen dem Burgflecken und dem Wysehrad war, und als Verkaufsplatz diente.
    Dort liess er sie ein Lager schlagen, und in dem Lager sich niederlassen. Er
aber ritt mit der Herzogin und mit den Bischöfen Priestern Lechen Kriegsherren
und einem Geleite von Kriegern in die Burg. Diwis ging in sein eigenes Haus,
dort zu übernachten, eben so Bolemil. Lubomir ging in das Haus seines Stammes,
so tat auch Ctibor, so Chotimir und Nemoy und Preda und andere. Der Bischof Zdik
ging mit seinen Priestern und Leuten in das Haus des Bischofes von Prag, und
auch Bozebor ging mit einem Geleite dahin. Witiko wurde in dem Hause der
Priester des heiligen Veit aufgenommen. In zwei kleinen Gemächern neben dem
Torwege fand er Raum für sich und die Knechte Raimund und Jakob, und für die
Pferde erhielt er einen kleinen Stall.
    Im Morgengrauen des nächsten Tages machte Wladislaw mehrere Anordnungen. Die
erste war, dass die Körper der Toten zu ihrer Bestattung möchten hergerichtet
werden; die zweite war, dass man die Einteilung treffe, dass die Krieger von dem
Verkaufsfelde in die Stadt hinauf zögen, und ihre Abteilungen die Plätze
einnähmen, die für sie bestimmt wären. Hierauf sendete er Kundschafter aus, dann
ordnete er Werbungen von Arbeitern an, die Mauern, wo es notwendig wäre, noch
mehr zu befestigen, und auszubessern. Dann befahl er Sendungen in das Land, um
Krieger zum Zuzug aufzufordern, und Lebensmittel einzubringen, und endlich
schickte er seinen Bruder Heinrich in das Land Budissin, um dort Männer zur
Beihilfe zu werben.
    Da der Abend heran nahte, wurde gemeldet, dass man zur Bestattung der Toten
in Bereitschaft sei. Der Herzog begab sich auf das Verkaufsfeld, wo sie
aufgestellt waren. Eine grosse Menschenmenge und die Schar der Priester war um
sie. Pustimir in schwarzen Sammet gekleidet lag auf einem mit schwarzem Sammet
überzogenen Wagen, um nach Daudleb geführt zu werden. Der demütige Priester von
Daudleb kniete an dem Wagen, und betete. Smil und seine zwei Söhne lagen auf
drei Wägen von grünem Sammet und Silber in dunkelgrüne Sammetgewänder gekleidet
mit Silber verziert, die weissen Federn auf den Hauben, und das helle Schwert an
der Seite, um gegen Decin gebracht zu werden. Dalimil, in Braun und Gold
gekleidet sollte von seiner Sippschaft nach Taus geleitet werden. Swen, ein
hochbeherzter Mann, dessen Begräbnisstelle in Mähren lag, sollte, da er mit
Spezereien eingesalbt war, in eine Gruft der Marienkirche getragen werden, dass
er nach Beendigung des Streites endlich in seine Heimat gebracht werden könnte.
Die andern sollten in Prag begraben werden. Der Bischof Otto von Prag, der
Bischof Zdik von Olmütz, Peter der Abt von Brewnow, Gezo der Abt von Strahow,
die Äbte von Kladrau und Wilimow, der Priester Daniel und viele Priester
feierten die heilige Handlung. Der Bischof Otto hielt nach der Segnung eine
Predigt, und als sie geendigt war, und als alle auseinander gehen wollten, viele
darunter mit Tränen in den Augen, sagte der Herzog: »Die Waffenbrüder der
Verstorbenen, dann Männer und Frauen und Jünglinge und Jungfrauen, welche das
Land lieben, mögen die, welche für das Land gestorben sind, nicht vergessen.«
    »Sie werden nicht vergessen«, riefen sehr viele.
    »Nein, wir vergessen sie nicht«, riefen andere.
    Mehrere Menschen gingen noch besonders zu der Stätte Bens des
Kriegsanführers, um von ihm Abschied zu nehmen, der so bald nach dem Tage auf
dem Wysehrad sein Leben hatte verlieren müssen.
    Dann zerstreuten sich alle, und die Toten wurden ihren Bestimmungen entgegen
geleitet.
    Am Morgen des nächsten Tages begann der Zug der Krieger von dem
Verkaufsfelde und derer, die bisher in dem Burgflecken gewesen waren, in die
Burg, welche besonders und mit Vorzug die Stadt Prag geheissen wurde. In langer
Reihe gingen sie über die hölzerne Brücke, sie gingen zu dem Brückentore der
Stadt, und dann in der Stadt empor, an allen den hohen und erhabenen Gebäuden,
die da waren, und an dem Herzogstuhle vorüber.
    Sie wurden in der Stadt eingeteilt, und jeder Abteilung der Platz
zugewiesen, der ihr zur Wirksamkeit dienen sollte.
    Witiko erhielt von dem Herzoge den Oberbefehl über die Waldleute, die sich
auf dem Wysoka freiwillig unter ihn gestellt hatten.
    Da die Krieger in die Stadt gezogen waren, rüsteten sich nun die Bewohner
der beiden Burgflecken auf die Dinge, die da kommen sollten. Die fremden
Kaufleute in dem Tein verpackten ihre Waren, und sendeten sie auf dem Wege über
Pilsen gegen Taus in die deutschen Länder hinaus, oder sendeten sie sonst irgend
wohin, und richteten sich, ihnen zu folgen. Die Juden bargen, was sie Wertvolles
hatten, und schickten, was in kleinem Raume grossen Wert hatte, in entfernte
Gegenden. Manche Menschen verliessen die Stadt, und die da blieben, vergruben
Habseligkeiten, und behielten so viel, den Feinden, die da kommen würden,
Verpflegungen zum Schutze vor Misshandlung reichen zu können.
    Als die Krieger auf der Burg ihre Plätze eingenommen, und sich dort
eingerichtet hatten, ordnete Wladislaw eine Versammlung auf dem freien Platze
vor dem Herzogstuhle an, zu welcher die Kriegsherren und Unterführer geladen
waren, und zu welcher Preda mit den Gefangenen kommen musste. Als sich alle
versammelt hatten, und rings um sie viele andere Krieger und Leute aus dem Volke
standen, erschien der Herzog auf seinem Pferde, und neben ihm ritt die Herzogin
in einem schönen Gewande. Sie stiegen von den Pferden, und der Herzog begab sich
auf eine Erhöhung, die hergerichtet war, und sprach zu der Versammlung:
»Waffenbrüder, Freunde, Kriegsherren, Männer des Landes, Krieger und Volk, das
gekommen ist! Ich spreche zu euch allen, ich spreche, was ich für unser Land als
nötig erachte. Mein Grossvater Wratislaw ist ein grosser und weiser König gewesen,
den Ländern zum Wohle, sein Sohn, der Herzog Wladislaw, mein Vater, war
grossmütig und gütig, sein anderer Sohn, der letzte Herzog Sobeslaw, lebt in
euerm Angedenken, und wird in dem Angedenken derer nach Euch leben. Ich bin auf
sie gefolgt. Ich bin nicht wie mein Grossvater, mein Vater und mein Oheim. Ich
weiss nicht, ob ich ihnen an Gaben gleich oder untergeordnet bin; aber im Guten
will ich ihnen gleich sein. Vor diesem ehrwürdigen Stuhle, der schon so viele
grosse und gute Fürsten getragen, und auch manche Verirrungen gesehen hat, kann
ich es aussprechen, dass ich die Pflichten treu in mein Herz geschrieben habe,
die mir durch diesen Stuhl entstanden sind. In dem Kampfe, der naht, werde ich
entweder siegen, und dieses wird nach dem Ratschlusse Gottes dem Lande zum Heile
sein, wir werden Gott preisen: oder ich werde unterliegen, und dieses wird nach
dem unerforschlichen Ratschlusse Gottes dem Lande zum Heile sein, wir werden
auch Gott preisen. Wir kleinen Menschen können das Höchste nicht sehen; aber
wir, die wir hier versammelt sind, glauben, dass wir auf dem Rechte stehen, und
wir müssen das Recht mit der Herzhaftigkeit und der Einsicht, die wir haben, zu
Ende bringen. Ich werde alle Mittel, die zu erringen sind, gebrauchen. Über die
Mittel werden wir beraten, wenn wir wissen, was not tut. Jetzt aber sage ich
nur, wer im geringsten an der Gerechtigkeit unseres Vorhabens zweifelt, oder wer
nicht mit seiner ganzen Seele bei dem Vorhaben ist, der verlasse dasselbe mit
getrostem Mute, er mag gehen, wohin er will. Der grösste Teil der reichen und
vornehmen Herren der Länder ist bei den Feinden, der ehrenreichste kleinste Teil
der Priesterschaft und der Lechen ist bei mir, und jener kleinerer Männer, die
von mir Schutz erwarten, den ich gewähren will. Selbst von meinen Burgflecken
kann gehen, wer es verlangt. So sage ich, wie jener kühne Führer aus der alten
heiligen Zeit, der zu mehreren Malen die fortgehen liess, die dem Kampfe
abträglich sein könnten. Beherziget es.«
    Wladislaw schwieg. Da trat Otto der Bischof von Prag hervor, und sprach:
»Die Lechen und Herren, die um dich versammelt sind, haben gedacht, wie du
sprechen willst, erlauchter Herzog, und haben mich zur Antwort erwählt, nicht um
meiner Gaben willen, sondern, weil ich die kirchliche Herrschaft in dem Lande
führe, und so sage ich: Keiner aus denen, die schon auf dem Wysoka für das Recht
gekämpft haben, und keiner aus denen, die zu dem jetzigen Kampfe gekommen sind,
zweifelt an dem Rechte, und keiner wird sich dem, was kommt, entziehen. Wer von
den untergeordneten Kriegern gehen will, die werden sie verzeichnen, und die
mögest du ziehen lassen.«
    »Sie werden in dem Amte meiner Kammer das Reisegeld zum Wege in ihre Heimat
finden«, sagte der Herzog.
    »Heil Wladislaw«, rief eine Stimme.
    »Heil dem grossmütigen Herzoge«, rief eine andere.
    »Heil«, »Segen«, »Glück« und andere Rufe tönten nun vielstimmig
durcheinander.
    Da es wieder ruhig geworden war, rief Wladislaw: »Ihr, die ihr dort unter
der Hut meines alten Zupanes Preda steht, und die der Tag auf dem Berge Wysoka
als Gefangene in meine Hände gegeben hat, ihr seid frei. Ich fordere nicht, dass
ihr versprechet, in diesem Kriege nicht mehr gegen mich zu kämpfen, wer Ehre
hat, wird es nicht tun, der andere wird es nicht lassen, und wenn er in meine
Hände fällt, wird er auf einem Baume aufgehängt, wie vor zwei Jahren die Diebe
des Landes. Wer geht, erhält morgen das Reisegeld in meiner Kammer, wer aber
seine Handlungen gegen mich bereut, und mir dienen will, der melde sich, er wird
mit Liebe angenommen werden. Jetzt aber entfernet euch.«
    Unter den Gefangenen entstand ein Jubelruf; sie wendeten sich gegen den
Herzog; aber auf den Befehl Predas stellten sie sich, und zogen unter
Freudenrufen ab.
    Unter dem Volke ertönten wie aus allen Kehlen Rufe der Freude und des
Vergnügens.
    In diesem Augenblick aber ritt ein Mann auf den Platz, und meldete, dass die
Späher eine Jungfrau mit mehreren Begleitern gefangen hätten, und dass die
Jungfrau vor den Herzog wolle.
    »So lasst sie kommen«, antwortete Wladislaw.
    Der Mann ritt fort, und kam in kurzer Frist wieder zurück. Es waren nun vier
Männer auf kleinen Pferden bei ihm und ein Mädchen auch auf einem Pferde. Die
Männer waren in sehr grobe dunkelwollene weite gegürtete Gewänder gekleidet,
trugen Schwerter, und auf den Häuptern rauhe Wolfshauben. Das Mädchen sass auf
einem schönen braunen Pferde, es hatte ein schwarzes Gürtelgewand an, darüber
ein Waffenkleid, das wie Silber glänzte, und an dem Gürtel ein Schwert. Auf dem
Haupte trug es eine Spangenhaube, darunter schwarze Haare hervor sahen. Das
Angesicht war jung.
    Der Mann führte seine Begleiter vor den Herzog, wies mit der Hand auf ihn,
und sagte: »Das ist der erlauchte Herzog, edle Jungfrau, welcher dir die Huld
erweist, mit dir zu reden.«
    Das Mädchen stellte sich mit seinem Pferde vor die vier Männer, sah den
Herzog an, und sprach: »Bist du der Herzog Wladislaw, welcher im Kriege mit den
hohen Fürsten ist, die im Lande Mähren einen Bund wider Böhmen geschlossen
haben?«
    Kaum hatte das Mädchen diese Worte gesprochen, so ertönte aus dem hinteren
Geleite des Herzoges ein Laut, der das Wort Dimut ausrief. Es war Rowno gewesen,
der den Ruf ausgestossen hatte, und der nun sein Pferd gegen den Herzog vorwärts
drängte.
    »Rowno«, sagte das Mädchen gegen ihn hin, »ich rede jetzt nicht mit dir,
jetzt rede ich mit dem Herzoge, und wenn das Gespräch geendet ist, so komme ich
zu dir, und werde mit dir reden.«
    »Wenn du Rechte gegen die Jungfrau hast, Rowno«, sagte der Herzog, »so übe
sie ungeschmälert aus; jetzt aber erwarte das Ende des Gespräches, um das sie
gebeten hat, und das ich ihr gewährt habe.«
    Rowno zog die Zügel des Pferdes zurück, und blieb stehen.
    Der Herzog wendete sich wieder zu dem Mädchen, und sagte: »Dimut heissest du,
schöne Jungfrau?«
    »Ob ich schön bin, reden wir nicht«, antwortete das Mädchen; »aber Dimut
heisse ich.«
    »Schön bist du, und als dich meine Krieger gefangen nahmen, hast du zu mir
verlangt?« fragte der Herzog.
    »Nein«, antwortete das Mädchen, »ich bin von meiner Heimat aus zu dir
geritten.«
    »Zu mir?« fragte der Herzog.
    »Ja«, sagte Dimut, »in dem Walde im Mittage des Landes steht in einem
gereuteten Tale ein Turm, in welchem mein Bruder Rowno herrscht. Er ist der
Wladyk seines Stammes, und sein Stamm wohnt um ihn. Ich bin in dem Turme. Als
noch der Schnee lag, kam die Kunde, dass reiche und mächtige Herren und Fürsten
wider dich in Waffen wären, und das Land Böhmen nehmen wollen. Da beschloss
Rowno, und es beschlossen Leute aus unserer Zupe, auszuziehen, um zu sehen, was
sich ergäbe. Ich sagte damals: ihr werdet alle ins Feld gehen, die ihr könnt,
ihr werdet ergründen, wo das Recht ist, und dafür mit euerm Leben streiten, und,
wenn es sein muss, sterben. Ich will tun, was ein Weib vermag. Das Rechte muss
geschehen, wie es auf Erden und im Himmel gilt. So sagte ich, und Rowno und Osel
und Diet von Wettern und Witiko zogen fort. Und darauf meldete Rowno, dass das
Recht bei dir sei, dass die reichen Herren noch reicher werden und noch mehr
Zupaneien haben wollen, und dass du die kleineren Männer gegen sie schützest. Und
weil die Knaben des Waldes auf Kundschaft liefen, brachten sie die Nachricht,
dass eine grosse Schlacht gewesen sei, in der Herren und Fürsten und niedere
Männer und Knechte erschlagen worden sind, und weil ich solche Dinge, so lange
ich lebe, nicht gehört habe, so konnte ich nicht mehr bleiben, ich nahm die vier
Männer, und ritt fort, und da erfuhren wir, dass die Schlacht erst jetzt gewesen
ist, dass du nach Prag gezogen bist, und da ritt ich nach Prag zu dir.«
    »Wenn alles so ist, schöne Jungfrau, ich muss dich wieder schön nennen«,
antwortete der Herzog, »was ist in Prag bei mir dein Begehren?«
    »Zu sehen, wie die Sache ist«, antwortete Dimut.
    »Nun, so siehe, wie die Sache ist«, erwiderte der Herzog; »aber beeile dich,
es könnte bald alles anders werden, und wenn draussen Gefahr ist, könnten wir dir
kein grosses Rückgeleite geben, weil wir die Männer brauchen.«
    »Dann würde ich ja nur wissen, wie die Sache jetzt ist, nicht wie sie immer
wieder ist«, entgegnete Dimut.
    »Und das willst du wissen, Dimut?« fragte der Herzog.
    »Ja, hoher Herr«, antwortete Dimut.
    »Was sagt meine erlauchte Herzogin dazu?« fragte der Herzog.
    »Lasse das Mädchen heute abends zu mir in meinen Hof kommen, damit ich mit
ihm spreche«, antwortete die Herzogin.
    »So machet die Sache nach Euerm Sinne in das Reine«, sagte der Herzog, »die
Jungfrau wird uns von unsern Vorräten hier wenig wegzehren. Aber Rownos Wille
muss gehört werden, und seinen Rechten muss Genüge geschehen.«
    »Wenn das Gespräch zu Ende ist«, sagte Dimut, »so werde ich jetzt mit meinem
Bruder reden.«
    »Es ist zu Ende«, sprach der Herzog, »rede mit ihm.«
    »Ich aber rede nicht mit ihr«, rief Rowno von seinem Platze, »ich bitte den
erlauchten Herzog um ein Wort meiner Stimme zu ihm.«
    »Du hast jederzeit die Erlaubnis, mit mir zu reden«, sagte der Herzog.
    »Hoher Herr«, rief Rowno, »ich bin kein Krieger deiner Zupe Daudleb, was wir
gegen die Zupanei schuldig sind, haben wir erfüllt, und Lubomir ist mit allen
Zupenkriegern zu dir gegangen, ich bin ein freier Mann in Rowna, dem Eigen
unserer Sippen, ich bin freiwillig mit den Rownakriegern in die Schlacht auf dem
Berge Wysoka gegangen, bin dir freiwillig nach Prag gefolgt, und bleibe
freiwillig bei dir. Ich bitte dich, erlauchter Herzog, um die Vergunst, dass ich
vor der ganzen Versammlung reden darf.«
    »Wenn es notwendig ist, so rede«, sagte der Herzog.
    »Du wirst selber sehen, dass es notwendig war, wenn ich gesprochen habe«,
entgegnete Rowno.
    »So komme hervor, und sprich«, sagte der Herzog.
    Rowno liess seinem Pferde den Stachel spüren, es setzte sich in Bewegung, die
Männer machten eine Gasse, und er ritt durch dieselbe vorwärts bis zu dem
Herzoge. Dort stellte er sich den vier Männern gegenüber, die mit Dimut gekommen
waren. Er war wie einer von ihnen. Er hatte wie sie ein dunkelwollenes weites
gegürtetes Gewand an, trug ein Schwert, und hatte auf dem Haupte eine rauhe
Wolfshaube. Er richtete sich aber hoch empor, sah die Männer an, und rief mit
lauter Stimme: »Du, Wentimir, und du, Dis, und du, Menes, und du, Walchun,
reitet ungesäumt über diesen Berg hinab, und reitet ohne einen andern Aufentalt
fort, als zu eurer und eurer Pferde Erquickung notwendig ist, reitet immer fort,
bis ihr in Rowna angekommen seid. Dort stellt euch unter die Herrschaft Bustins,
den ich zur Verteidigung des Turmes zurückgelassen habe, und sagt, euer Urteil,
dass ihr Rowna verlassen habt, werde ich sprechen, wenn ich aus diesem Streite
werde nach Hause zurückgekehrt sein, und sagt, Bustins Urteil, dass er euch
fortgelassen hat, werde ich zu derselben Zeit sprechen.«
    Er schwieg, und die versammelt waren, schwiegen, und warteten.
    Die vier Männer wendeten ihre Pferde um, und suchten einen Weg nach abwärts.
Keiner sprach ein einziges Wort. Man machte ihnen Platz, und man sah sie nach
dem Tore gegen den Burgflecken hinab reiten. Sie waren bald nicht mehr zu sehen.
Jetzt war nur mehr Rowno allein mit einer Wolfshaube auf dem Platze.
    Er sprach nun zu Dimut: »Wenn ich von dieser Stelle fort reite, wirst du mir
folgen.«
    »Ich werde dir folgen«, antwortete Dimut.
    Nach diesen Worten wendete er sich zu dem Herzoge, und sagte: »Erhabener
Fürst und Herzog! Du siehest, dass ich vor allen, die hier sind, sprechen musste,
weil die Sünde des Ungehorsams vor allen begangen worden ist. Das Land und die
Leute müssen wissen, dass die Wladyken Gerechtigkeit üben, weil sonst das Land
und die Leute zu Grunde gingen. Wer gegen seinen Obern seinen eigenen Willen
verlangt, ist ein Unterdrücker.«
    »Du hast recht getan, so zu sprechen«, sagte der Herzog, »ich bin ja auch
ein Wladyk, gegen den seine Sippen jetzt ihren eigenen Willen verlangen, und
diese Sippen fügen sich nicht so wie die deinigen, darum dieser Kampf entstanden
ist. Ich denke nun, du wirst, wenn hier in Prag oder bei Prag alles ausgeordnet
ist, und du wieder in deine Heimat zurück gekehrt bist, Bustin, den du zum
Führer deiner Burg zurück gelassen hast, bestrafen, dass er Männer leichtfertig
aus derselben gelassen, und du wirst ihn belohnen, dass er die Torheit deiner
Schwester unschädlich gemacht hat, und du wirst die vier Männer strafen, dass sie
ihren Platz verlassen haben, und du wirst sie belohnen, dass sie deiner Schwester
in Gefahren beigestanden sind.«
    »Hoher Herzog, höre mich an«, sagte Rowno, »da lebt in der Burg Daudleb der
edle Zupan Lubomir. Er hat seine Sippen in den Ämtern. Da ist sein Sippe
Wentislaw der Zupenrichter, sein Sippe Rastislaw der Meyer, sein Sippe Widimir
der Schreiber, sein Sippe Kodim der Kämmerer, sein Sippe Momir der Zöllner, und
da ist seine Base die Kleideralte. Mit diesen richtet und rüstet er alles, die
Pflege der Zupanei, die Gerechtigkeit, die Zier und Ordnung des Krieges, und sie
sind ihm untertan, und er hält sie in der Zucht. Ich bin kein Zupan, ich bin ein
Wladyk des Waldes; aber ich will in meinen Sippen das Recht erhalten, wie ein
Zupan, und werde nach der Gerechtigkeit sprechen, wie Lubomir.«
    »Wenn dieser Mann seinen Wert so genau betrachtet, und auch so eifrig ist in
den Taten des Krieges, so können wir auf ihn bauen«, sagte die Herzogin.
    »Das können wir«, entgegnete Wladislaw, »er hat es auf dem Berge Wysoka
erwiesen. Rowno, du hast dir an Lubomir ein gutes Vorbild des Rechten gewählt,
und denke, dass jeder, der ein Zupan ist, einmal keiner gewesen ist.«
    »Ich bin in den Krieg gegangen«, sagte Rowno, »dass das Recht werde, dass der
Unterdrücker gestraft werde, und dass ein kleiner Mann sich etwa dehnen könne.«
    »So strebe darnach«, sagte der Herzog, »und mit deiner Schwester rede nach
deinem Rechte und deinem Ansehen, damit das, was wir mit ihr vorhaben, deine
Billigung erhält.«
    »Sie wird meinen Befehlen folgen«, antwortete Rowno.
    »So sprecht mit einander, zeige uns vor Abend deinen Beschluss an, und jetzt
entferne dich«, erwiderte der Herzog.
    Rowno verneigte sich, bedeutete Dimut, ihm zu folgen, wendete sein Pferd,
und ritt wieder unter die versammelten Menschen hinein. Dimut grüsste, wie Frauen
von Pferden zu grüssen pflegen, gegen den Herzog und die Herzogin, und folgte
ihrem Bruder.
    Wladislaw sagte nun. »Die Versammlung ist schon zu lange aufgehalten worden,
es ist billig, dass wir sie schliessen, seid nicht ungünstig des Verzuges, hohe
Herren, und seid für das Erscheinen bedankt.«
    Er und die Herzogin bestiegen ihre Pferde, und entfernten sich.
    Die Versammlung ging auseinander, und die Leute sahen teils dem Herzoge und
der Herzogin, teils Dimut und ihrem Bruder nach, und zerstreuten sich dann.
    Als der nächste Tag gegen das Ende ging, kamen mehrere Männer von dem Berge
Wysoka an. Es waren die Männer, die Wladislaw zur Besorgung der Verwundeten und
Begrabung der Toten zurückgelassen hatte. Die Begraber sagten, es seien in der
Nacht, die auf die Schlacht gefolgt ist, ruchlose Menschen gekommen; denn am
Morgen haben sie sehr viele nackte Tote gefunden, und nur einen Teil mit
Gewändern. Sie haben alle zur Ruhe bestattet, und auch manchen Feind, weil sie
ihn nicht kannten, geborgen. Die Feinde haben desgleichen getan, und fromme
Priester sind herbei gekommen, und haben geholfen. Die für die Verwundeten
sorgten, sagten, es seien mildtätige Frauen und Brüder mit Labung und Tragen
gekommen, und denen haben sie einige gegeben, andere haben sie mitgenommen, und
haben sie in abgelegene Häuser, wenn ein Mensch in ihnen zu finden war, oder in
die Stadt Prag gebracht. Die Feinde sind noch immer weit entfernt, und die
Gegend zwischen Suchdol und Prag ist leer.
    Von den Leuten des Waldes kamen auch einige Männer. Sie sagten, dass sie
Norbert unter den Büschen begraben haben. Dann haben sie Tesin von Prachatic und
Arnold vom schwarzen Bache und auch einige Leute von den untern Friedberghäusern
und den Steingewänden begraben, weil sie gelobt haben, im Kriege einander
beizustehen. Und weil sie Verantwortung geben müssen, so haben sie an den
Gräbern aller gebetet, und ein Pfarrer hat mitgebetet. Wenhart vom Dürrwalde hat
einen Haufen Männer um sich versammelt, und sie haben gesagt: arme Leute können
hier nichts mehr erwerben, sie gehen in die Heimat, weiter von diesem Berge
werde ihnen schon jemand Nahrung geben, und immer wieder so, bis sie zu ihren
Sippen kommen.
    »Das sind verzagte Rehe«, sagte der Schmied von Plan, »die Herren, welche
bei dem anderen Herzoge Konrad sind, haben grosse Zupaneien, es hat einer gar
drei Zupaneien, und sie haben Gründe und Felder und Sippen und Gesinde, und sie
haben Steine, deren einer leicht ein Pfund Pfennige wert ist, und Gold und
Silber. Das alles gehört dem Herzoge, wenn wir sie besiegt haben, und er
verteilt davon an die, welche ihm geholfen haben. Die einen werden Zupane, die
andern kommen in Ämter, und die andern erhalten Wälder und Länder, und die
andern Geld und Gut. Und die fort gegangen sind, haben sich alles vereitelt. Ihr
habt ja gehört, wie manche Männer gross geworden sind. Und dem armen Witiko
werden auch ein paar Hände voll Goldstücke wohlbekommen.«
    Die Leute, die von dem Wysoka gekommen waren, sagten, darum seien sie nach
Prag gegangen, und werden in Prag bleiben.
    An diesem Tage machten die Kriegsherren auch die Namen derer kund, die sich
zum Wegziehen aus Prag gemeldet haben. Sie sagten, es seien Strolchenmänner, die
dem Lotterleben nachliefen, und keiner Sache gehörten. Die Leute erhielten ihr
Weggeld, und wurden entlassen. Von den Gefangenen gingen viele fort, andere
gesellten sich zu den Kriegern Wladislaws.
    Am Morgen des Tages, der folgte, ritt der Herzog herum, und sah, wie weit
alles in der Stadt gediehen sei. Mit ihm ritten Diepold und die Herzogin,
gefolgt von Frauen ihres Hofes, darunter Dimut in ihrem Waffengewande. Der
Herzog ritt zu allen Plätzen, und sah, wie die Männer von ihren Führern geübt
und belehrt wurden, und wie die Krieger und die Hilfsarbeiter die Geräte und die
Wehren richteten. Er belobte sie, ordnete noch manches an, und beriet sich mit
den Kriegsherren. Die Männer auf den Zinnen hatten zuversichtliche Angesichter,
und taten willig die Arbeit. Als die Schau beendigt war, ritten der Herzog und
die Herzogin wieder in ihren Hof.
    In dieser Zeit kamen fortan auch Wägen mit Lebensbedürfnissen in die Stadt,
es kamen Boten und Kundschafter, und wurden wieder fort gesendet. Es kamen noch
manche Krieger, welche sich von dem Berge Wysoka aus zerstreut hatten, und nun
wieder die Ihrigen suchten. Es kamen auch neue Krieger, welche bei der
Verteidigung der Stadt helfen wollten. Noch immer verliessen Menschen die
Burgflecken, und zogen in weite Entfernungen, andere aber kamen von den Feldern
herein, und suchten Schutz in den Häusern.
    Witiko brachte seine meiste Zeit bei den Waldleuten zu. Er unterrichtete und
übte die, welche ihm untergeben waren, in allem Notwendigen, und sie suchten es
zu erlernen. Eine andere Zeit wendete er dazu an, dass er die genaue Einsicht
gewinne, was seine Führerschaft verlange, und wie die Verteidigung werde geführt
werden. Er ging zu den älteren Führern um Rat, und sie erteilten ihn gerne,
besonders Lubomir, der es öfter so einrichtete, dass Witiko zusehen konnte, wenn
die Daudlebkrieger ihre Übungen machten. Der alte Bolemil gab manche gute
Weisung. Auch zu den jüngeren Rittern ging Witiko öfter, und sie gingen zu ihm.
Mehrere Male war er in dem Geleite des Herzoges, wenn dieser seine Umritte
machte. Er besuchte die Kranken und Verwundeten, und war gerne bei Welislaw, der
in einem Gemache der Hofburg war, und dort auf einem weichen Gesiedel sass oder
lag, oder auch an ein Fenster ging, um, so weit er konnte, zu sehen, welche
Einrichtungen man treffe, von denen er auch stets Erzählungen verlangte. Seine
Verwundung ging schneller Genesung entgegen. In seiner Wohnung hatte es Witiko
so, dass Raimund die Pflege derselben und die Wartung der Pferde besorgte, Jakob
aber alles Auswärtige tat, weil er dazu geschickter war.
    Wenn seine Leute ihre Arbeiten verrichtet hatten, waren sie müssig, und so
standen nun die Männer des Waldes oft in ihren groben Röcken und schweren
Stiefeln auf den Mauern der Stadt, und blickten auf das, was sie sehen konnten,
besonders der Schmied in seiner grauen Filzhaube, dem grauen Rocke und den
grauen Beinbekleidungen und den nägelbeschlagenen Stiefeln. Um seine Schulter
hing die Keule, mit welcher er den Sohn Nacerats erworfen hatte. Seinem Neffen
Urban war ein grobleinenes Tuch über die Wunde gebunden, und so auch Christ
Severin dem Wollenweber. Tom Johannes den Fiedler, David den Zimmerer und Veit
Gregor hatten sie bei den guten Frauen des heiligen Georg zur Pflege
untergebracht.
    Die Männer sahen nun da auf die lange Brücke der Moldau hinunter, auf die
vielen Häuser der beiden Burgflecken, auf die Berge an dem Wasser, oder auf die
Felder ausser den Häusern. Dann blickten sie ganz nahe hinab auf die Kleider,
welche die Leute hier trugen, auf die Pferde, wenn Reiter vorüber zogen, oder
gar ein Wagen ging, und zeigten sich die Fügungen der Steine oder des Holzes,
woraus die Häuser gebaut waren. Sie sassen auch sehr gerne auf vielerlei
Gegenständen in dem Kreise herum, und erzählten sich von den Dingen, die sie
durch zahlreiche Leute auf vieles Fragen hier erfahren hatten. Da stand auf
einem Felsen an der Moldau, ehe ihre Wasser nach Prag kommen, die Burg Wysehrad.
Als noch der anfängliche Wald alle diese Berge an der Moldau bedeckte, ist sie
gebaut worden, lange, bevor der Held Zaboy lebte und der Sänger Lumir. Und dann
ist Krok gekommen, und hat auf der heiligen Burg seinen goldenen Sitz gehabt.
Dann ist Libusa gewesen, die unter allen Schwestern sein liebstes Kind gewesen
ist, und sie hat den Ackersmann Premysl geheiratet, und sie hat den ersten
Holzblock zu der Burg Prag aushauen lassen. Und von ihr ist ein zahlreiches
Geschlecht gekommen, und sie haben über die Völker gewaltet. Einer hat sich
taufen lassen, da Christus geboren worden ist, und den heiligen Glauben in die
Welt gebracht hat. Er hat der Herzog Boriwoy geheissen. Sein Enkel ist der
heilige Wenzel gewesen, und seine Hausfrau die heilige Ludmila. Er hat die erste
Kirche in Böhmen gebaut, in seiner Burg Hradec. Dann hat er sogleich die Kirche
der heiligen Jungfrau Maria in der Burg Prag gebaut. In dieser Kirche hat der
Herzog Wratislaw das Abschneiden der Haare seines Sohnes, des heiligen Wenzel,
gefeiert, und sie bringt bis heute Heil allen Gläubigen. Dann steht die hohe
Kirche des heiligen Veit da. Sie ist mit Mühseligkeiten gebaut worden. Der
heilige Wenzel hat sie gebaut, und der Bischof von Regensburg, Tuto, hat es ihm
erlaubt. Und dann ist der Bischof Tuto gestorben, und, der nach ihm gekommen
ist, der Bischof Michael, hat sie geweiht. Sie hat von Gold und Silber
gestrahlt, und war voll von Pracht. Und da sie zu klein war, hat sie der Herzog
Spitihnew wieder niedergerissen, und weit grösser gebaut, und dann ist sie
verbrannt, und ist abermals wieder aufgebaut worden, und dann hat ein
Blitzschlag den Turm zerstört, und der Turm ist wieder errichtet worden. Die
grössten Heiligtümer sind in ihr. Der deutsche König hat dem heiligen Wenzel
einen Arm des heiligen Veit in sie geschenkt. Dann ist der Leib des heiligen
Wenzel selber in ihr begraben worden, und es sind dann seit der Zeit viele
Wunder geschehen. Und der Leib des heiligen Märtyrers Adalbert ruht in ihr, und
seine Messgewänder sind in ihrer Schatzkammer aufbewahrt, und der Leib des
Märtyrers Podiwen, des treuen Dieners des heiligen Wenzel, ist in ihr begraben,
und der Leib Radims, des Bruders des heiligen Adalbert. Sie kann die Menge der
Menschen gar nicht fassen, wenn das Fest des heiligen Wenzel ist, und auch
Kranke um Genesung aus fremden Ländern herbei kommen, und wenn das Fest des
heiligen Adalbert gefeiert wird. Diese Kirche ist die heiligste Kirche in dem
ganzen Lande Böhmen. Dann ist auch die Kirche des heiligen Georg. Sie ist noch
früher gebaut worden als die Kirche des heiligen Veit. Es hat sie schon der Sohn
des getauften Herzogs Boriwoy, der Vater des heiligen Wenzel, der Herzog
Wratislaw gebaut. Er ist sodann in ihr begraben worden, und der Leib seiner
Mutter, der heiligen Märtyrerin Ludmila, ruht auch in ihr. Neben ihr steht das
Kloster der frommen Frauen des heiligen Georg, wo jetzt die Verwundeten gepflegt
werden. Dann ist der grosse Begräbnisplatz allhier, wo Priester und Herzoge und
Herren liegen, und wohin der Herzog Bretislaw begraben zu werden verlangte, da
er in dem Walde von Bürglitz zu Tode gestochen worden ist. Vor der Kirche des
heiligen Veit steht unter freiem Himmel der steinerne Stuhl des Herzogs. Er ist
tausend Jahre in der Burg Wysehrad gestanden, und ist dann mit sechzehn Pferden
und acht Ochsen in die Burg Prag geführt worden. Der Herzog von Böhmen und
Mähren legt schlechte Gewänder und die Bastschuhe des Ackermannes Premysl, die
in der Kammer der Burg Wysehrad aufbewahrt werden, an, damit er sich seines
Ursprungs erinnere, und dann wird er mit schönen Gewändern bekleidet, und auf
den steinernen Fürstenstuhl gesetzt, und dadurch wird er erst der Herzog. Darum
wollen die von Mähren den Fürstenstuhl gewinnen. Und neben dem Fürstenstuhle
steht die Hofburg des Herzoges, darin er in Pracht und Herrlichkeit lebt, und
von dem Söller derselben werden Münzen unter das Volk geworfen, wenn der Herzog
den Fürstenstuhl besteigt. Und dann ist das Haus des Bischofes, welches der
Bischofsturm heisst, und die Häuser des Propstes, der Kirchenherren, der
Kirchendechante, und der Priester und der Diener, dass sie den Gottesdienst in
Prag, das über alle Länder herrscht, feiern. Dann sind die Häuser des
HofZupanes, des Hofrichters, des Hofkämmerers, des Hofkanzlers, des Hofjägers,
des Truchsessen, des Marschalles, des Schenken, und mehrerer Herren und Männer,
und dann noch viele, in denen die Herren wohnen, und ihre Hausfrauen und die
schönen Jungfrauen, die sich zeigen.
    So erzählten sich die Männer unter einander von den Dingen, die um sie
waren.
    Oft gingen einzelne oder mehrere zu ihren Genossen, die bei den milden
Frauen gepflegt wurden, sie zu trösten.
    Eines Tages verlangte Sebastian, der Schuster von Plan, dass ihm Witiko
gestatte, nach Plan zu gehen, um sich notwendige Dinge zu holen, er werde schon
zurückkehren, wenn man ihn brauche.
    Witiko sagte: »Du weisst, dass der Herzog gesagt hat, jeder dürfe gehen, also
gehe.«
    Sebastian ging nun über den Berg hinunter, über die Brücke, durch den
Burgflecken, und gegen den Wysehrad hinaus.
    Nach mehrerer Zeit kam der Späher Wladiwoy, der mit Reitern weit in das Land
geritten war, zurück.
    Der Herzog versammelte die Kriegsherren. Wladiwoy musste herbei kommen, und
seine Nachrichten verkündigen.
    Er sprach vor der Versammlung.
    »Hohe Herren! Wir sind in einem grossen Umkreise durch das Land bis gegen
Mähren geritten, und auf einem andern Wege wieder zurück. Die Feinde sind von
dem Berge Wysoka zurückgegangen, haben aber dann ein Lager befestigt, und haben
ihre Männer geordnet und eingeteilt. Sie haben angefangen, Belagerungswerkzeuge
aller Art und von allen Orten zusammen zu bringen, und neue zu bauen,
dergleichen bisher noch gar nicht zu sehen gewesen sind, deren Zahl noch nie
angewendet worden ist, und die schwerere Lasten weiter schleudern, als es bis
jetzt im Kriege geschehen ist. Sie senden Abteilungen von Reitern und einzelne
Männer durch das ganze Land, um zu werben, und Vorteile zu versprechen, die der
neue Herzog gewähren werde; sie sagen, die reichsten und grössten Herren sind bei
Konrad, und das Ende kann gar nicht ungewiss sein. Ganze Haufen strömen ihnen
täglich zu, und sie vermehren sich beständig. Es sind aber auch Leute in dem
Lande für uns, sie sagen, wenn die Fürsten und Herren den Herzog Wladislaw zu
Grunde gerichtet hätten, dann würden sie die Macht und Gewalt gegen das Land
richten, und alles an sich reissen, und nach ihrem Willen leben. Mancher Zupan,
der nicht in Prag ist, hat die reitenden Scharen der Feinde angegriffen,
geschlagen und zerstreut, zwischen manchem kleinen Manne und den Fähnlein der
Mährer kömmt es zu Kämpfen, und die Streifer, die von Prag ausgesendet wurden,
befehden den Feind, wo sie ihn finden. So ist ein zerstückter Krieg schon in
grossen Strichen des Landes. Und Tagediebe, die zu keinem Herzoge gehören, und
nur Beute suchen, ziehen herum, und greifen jede Schar an, der sie überlegen
sind, und erklären sich als Freunde jeder, der sie nicht gewachsen sind. Die
Felder zwischen den Feinden und Prag sind verödet und die Ortschaften meistens
verlassen.«
    Ipoch, ein anderer Mann, wurde vorgerufen, und er sagte das nämliche.
    Und ein dritter sprach auch so.
    Darauf sagte der Herzog: »Es gefalle euch, Herren, morgen, da der
siebenzehnte Tag des Monates Mai gekommen ist, mit dem frühesten Tage in dem
grossen Saale euch zur Beratung zu versammeln. Alle, die da eine Führerschaft
haben, sind geladen.«
    Da der Morgen des nächsten Tages anbrach, kamen alle, die geladen worden
waren. Sie reihten sich um den langen Tisch. Da sie geordnet waren, kam der
Herzog in einem braunen Gewande und einer dunkelbraunen Haube herein. Seinen
Oberkörper zierte ein Waffenhemd, und an seiner Seite hing ein Schwert. Neben
ihm ging sein Bruder Diepold. Hinter ihm war das Hofgeleite seiner Krieger. Als
die Männer eingetreten waren, schloss sich hinter ihnen die Tür, und das Geleite
blieb an derselben stehen. Der Herzog aber ging mit seinem Bruder an das obere
Ende des Tisches, und sie setzten sich. Nach einem Augenblicke stand Wladislaw
auf, und alle Versammelten erhoben sich. Wladislaw entblösste sein Haupt, grüsste
und sprach: »Seid willkommen, Herren des Landes, du, Diepold, der einzige von
den Sprossen des Stammes Premysl, welcher hier ist, ihr, Bischöfe, Äbte, Pröpste
und Priester, ihr, Lechen, Zupane, Führer, und ihr, meine Kmeten meiner
Burgflecken! Ich bitte, setzet euch nieder!«
    Die Männer setzten sich.
    Der Herzog legte seine Haube auf den Tisch, blieb stehen, und sprach: »Es
ist endlich dahin gediehen, dass wir über den Entscheid der Sache, die sich in
diesen Reichen erhoben hat, beraten, und zu einem Schlusse kommen, der allen
lieb ist, und den alle gerne ausführen werden. Ihr habet die Nachrichten
vernommen, die über das Land und über die Feinde eingegangen sind, und werdet
über dieselben nachgedacht haben. Ich habe den allmächtigen Gott angefleht, dass
er mich erleuchte, das vorschlagen zu können, was am sichersten fromme. Ich habe
auch mit vielen der weisen einsichtsvollen und guten Männer, die hier versammelt
sind, gesprochen. Ihr werdet ebenfalls euer Gemüt zu Gott erhoben, und mit
einander geredet haben. Wir wollen nun zum Ende gelangen. Im Hornung des Jahres
1140 bin ich von einer Versammlung der Herren der Länder Böhmen und Mähren auf
dem Wysehrad zum Herzoge dieser Länder erwählt worden. Einige der anwesenden
Männer haben mich gewählt, andere nicht, weil sie ihres Versprechens an Sobeslaw
gedachten. Sie haben mich aber später anerkannt, und mir gedient. Auch Sobeslaw
hat auf seinem Sterbebette seinem Sohne Wladislaw geraten, sich mir zu
unterwerfen. So ist das Recht geworden, und so habe ich zwei Jahre ohne
Widerrede als Herzog gehandelt. Da hat ein Teil jener Männer, die mich gewählt
haben, wieder einen neuen Herzog gewählt. Sie haben eine Kriegsmacht zusammen
gebracht, und sind heran gezogen. Wir sind ihnen entgegen gegangen. Auf dem
Berge Wysoka konnte es nicht zur Entscheidung kommen, weil sie der Verrat in
unseren eigenen Gliedern gehindert hat. Wir sind nach Prag gegangen, und haben
uns vor den heiligen Stuhl Premysls gestellt. Sie bauen Geräte aller Art, den
Stuhl zu gewinnen. Ich habe gesagt, dass wir mit allen Mitteln, und mit unserer
Einsicht und Herzhaftigkeit kämpfen werden, und ihr habt auf dem Berge Wysoka
gesagt, dass für das Land der Weg der grössten Sicherheit und schnellsten
Entscheidung gewählt werden müsse. Ich habe in dieser Stadt gesprochen, dass wir
die Mittel beraten werden, wenn wir alles genau wissen. Heute ist nun der Tag,
die Mittel zu beraten, und den Weg der grössten Sicherheit und schnellsten
Entscheidung zu suchen. Schon auf dem Berge Wysoka ist vieles Blut unglücklicher
und unschuldiger Leute vergossen worden, jetzt wird vieles Blut in
leichtfertigen, freventlichen, unnützen und heftigen Kämpfen vergossen, bis zur
Schlacht ist vieles Eigentum vernichtet worden, und wird noch vernichtet. Und es
ist gar nicht zu ergründen, was für Elend Wildheit und Zuchtlosigkeit noch
kommen kann. Die tapferen und starken Herzen in diesen Mauern werden auf lange
Zeit widerstehen, ehe die Feinde in die Stadt kommen. Ja vielleicht müssen die
Feinde durch Zeit und Leiden aufgerieben von der Belagerung abstehen, und die
Stadt verlassen. Aber der Krieg ist dann nicht beendet, und der Weg der
schnellsten Entscheidung ist nicht betreten. Die Zahl der Feinde ist weit grösser
als die unsrige. Und wie streitbar unsere Schar auch ist, und wenn sie im
offenen Felde auch immer siegte, so kann sie schnelle Entscheidung nicht
bringen. Mit meinem Bruder Heinrich werden Männer aus dem Lande Budissin kommen;
aber ihre Zahl wird nicht hinreichend sein. Wir können in dem Lande werben; aber
die Feinde werben auch, und die Zeit des Unheils geht indessen immer fort, weil
die Werbezeit lange sein muss. Da ist nun mein Gedanke, dass jetzt Hilfe von aussen
notwendig ist. Mein Schwager Leopold, der Sohn Leopolds, des Markgrafen von
Österreich, würde sie bringen, aber ihr wisst, dass er zu Altaich in Baiern nach
dem Kriege, den er gegen den Wittelsbacher so herrlich geführt hat, gestorben
ist. Sein Bruder Heinrich, mein anderer Schwager, ist wieder im Kriege um das
Herzogtum Baiern. Aber da ist mein Nebenschwager, Konrad, der König der
Deutschen, der Stiefbruder meiner Gemahlin Gertrud, die mit ihm von Agnes der
Tochter des unglücklichen Kaisers Heinrich abstammt. Diesem Kaiser Heinrich ist
auch mein Oheim Boriwoy gegen seinen aufrührerischen Sohn Heinrich zu Hilfe
gezogen. Ich habe an den König Konrad gesendet. Er will aus Liebe zu seiner
Mutter Agnes, aus Liebe zu seiner Schwester Gertrud, aus Liebe zu seinem
Grossvater, dem gestorbenen Kaiser Heinrich, und aus Dankbarkeit gegen Böhmen
Scharen gewähren, die ergiebig sein sollen. Ihr, geliebten Freunde und
Kampfgenossen, bleibt in der Stadt, und haltet den Feind von ihren Mauern
zurück; ich gehe mit wenigem Geleite, dass ihr nicht geschwächt werdet, zu
Konrad, werbe auf dem Zuge, kehre mit seinen Kriegern und mit denen, die ich aus
unserem Lande gezogen habe, zurück, und schlage vor den Mauern hier die
Schlacht. Die Feinde können in einigen Tagen vor diesem Berge sein, und unsere
Handlungen dürfen nicht zögern. Ich habe gesprochen, und fordere die Herren aus
den Ländern auf, ihre Meinung zu sagen.«
    Nach diesen Worten blieb der Herzog noch einige Augenblicke stehen, dann
setzte er seine Haube auf, und liess sich auf seinen Stuhl nieder.
    Es war eine kleine Zeit stille.
    Da erhob sich der Bischof von Prag von seinem Stuhle, und sprach: »Hoher
Herr, treuer Sohn der Kirche! Ich glaube, du hast den kürzesten Weg zum Heile
und zur Sicherheit angedeutet, wie wir auf dem Berge nach der Schlacht gesagt
haben, dass es der kürzeste sein müsse; ich glaube, du sollst diesen Weg wandeln,
und Gott segne dich, und seine Himmelsscharen geleiten dich.«
    Und der Bischof setzte sich wieder auf seinen Stuhl nieder.
    Dann erhob sich Zdik der Bischof von Olmütz, und sprach: »Ich glaube, damit
das Unheil vermieden werde, das die früheren Nachfolgekämpfe gebracht haben, sei
kein anderes Mittel möglich, als welches der erlauchte Herzog ausgesprochen
hat.«
    Dann setzte er sich wieder nieder.
    Der Abt von Kladrau sprach: »Möge deine gute Absicht, hoher Herr, eine
gedeihliche Vollendung finden.«
    Der Abt Gezo von Strahow sagte: »Wir hoffen, dass der Freund im hinreichenden
Masse eintreten wird.«
    Der Abt von Brewnow sagte: »Er wird es tun, wie wir ihm ja auch vor drei
Jahren gegen die Sachsen Zuzug geleistet haben.«
    Hierauf sprach kein Priester mehr.
    »Und was sagt mein Bruder Diepold?« fragte der Herzog.
    Diepold erhob sich, und sprach: »Du bist das Haupt unseres Geschlechtes, der
Wladyk unseres Stammes, ich unterwerfe mich deinem Willen.«
    Dann setzte er sich wieder nieder.
    Der alte Wsebor mit den weissen Haaren hob beide Arme empor, zum Zeichen, dass
er reden wolle. Der Herzog wies mit der Hand gegen ihn hin, die Männer sahen auf
ihn, man half ihm, sich empor zu richten, und da er stand, sprach er: »Ich tue
Einrede. Das Ansinnen ist ein Fehler, das Vorhaben ist nicht gut. Da wir vor
zwei Jahren in dem Saale der Burg Wysehrad sassen, und ich noch nicht so alt war
wie jetzt, und da wir dich, erlauchter Herr, auf den Fürstenstuhl der Länder
Böhmen und Mähren wählten, da sprach ein Mann, der älter war als ich, und dem
die Gnade des Himmels erlaubt hat, noch heute unter uns zu sein, ein Mann, der
viele Dinge gesehen und erlebt hat, ein Mann, dem weise Gesinnungen in dem
Haupte sind, und der das Land und die Leute liebt, dieser Mann sprach, dass wir
stets in der Gewohnheit haben, in unsern Streitigkeiten die Fremden zu rufen,
dass der Fremde kommt, dass er immer mehr Macht bei uns gewinnt, und dass er eines
Tages unsern Fürstenstuhl nehmen wird. Ich habe schon viele Fremde hier gesehen,
und habe gesehen, wie sie gewaltet haben. Unser verstorbener ruhmreicher Herzog
Sobeslaw hat selbst seinen Knaben Wladislaw von dem deutschen Könige Konrad in
Bamberg mit der Fahne von Böhmen und Mähren belehnen lassen, von einem Fremden;
denn Konrad war noch nicht der Kaiser und noch nicht der Schirmvogt der
Christenheit. Wir verlieren die Gewalt über uns, und werden bald nichts mehr
haben, worüber wir streiten könnten. Deine Weisheit, Herr, und die Weisheit der
Räte, die um dich sitzen, wird ein anderes Mittel ersinnen, das uns hilft, und
das uns nicht unser eigenes Eigen raubt.«
    Nach diesen Worten fasste er mit beiden Händen den Rand des Tisches, und liess
sich wieder auf seinen Sitz nieder.
    Nach ihm erhob sich Bozebor, und sagte: »Ich rede mit Wsebor. Hoher Herr!
ich bin noch dabei gewesen, als vor sechzehn Jahren Veit, der Hofkaplan des
Herzogs Sobeslaw, mit Panzer und Helm bei Chlumec die Fahne des heiligen
Adalbert auf dem Speere des heiligen Wenzel in die Schlacht trug, und wir haben
den ruhmreichsten Sieg gegen Lotar erfochten. Tu desgleichen. Ziehe mit der
Fahne von Berg zu Berg, von Tal zu Tal, und sammle die Deinigen. Es ist besser,
wenn wir unser eigenes Blut hingeben, wenn wir unsere Habe aufopfern, wenn wir
bis zu dem Rande des Unterganges kämpfen, ja wenn wir sogar unsere Rechte lassen
müssen, als wenn von aussen ein Herr kömmt, der das Land und die Sitten nicht
kennt, der schaltet, wie er will, und wie es uns schmerzt, und der vielleicht
statt des vielen alles nimmt.«
    Wecel sprang schnell auf, und rief: »Ich spreche mit Bozebor.«
    »Ich auch«, rief eine Stimme.
    »Ich auch«, eine andere, und eine dritte.
    Und es entstand nun ein Rufen der Männer durcheinander und eine Unruhe.
    Da streckte Bolemil die Hand über den Tisch, und gab ein Zeichen.
    Als sich nach und nach die Ruhe herstellte, und er sich erheben wollte,
sagte der Herzog: »Bolemil, rede auf deinem Stuhle sitzend.«
    Bolemil aber antwortete: »Ich bin noch nicht so hinfällig, hoher Herr, dass
ich die Gebühr vergesse.«
    Darauf erhob er sich langsam, und da er mit den weissen Haaren und dem langen
weissen Barte vor dem Tische stand, sprach er: »Wenn Wsebor von einem Manne
geredet hat, der älter ist als er, und der sich in diesem Saale befindet, so bin
ich es; denn sonst ist niemand hier älter als er. Wenn er aber von weisen Gaben
gesagt hat, die in dem Haupte dieses Mannes sind, so bin ich es nicht; denn in
meinem Haupte sind viele Torheiten gewesen, und ich bin nur bestrebt, sie
abzulegen. Aber das ist wahr, was er gesagt hat, dass ich viele Dinge erlebt
habe. Ich habe viele Dinge erlebt, und habe mir manches gemerkt. Ich habe es
erfahren: wenn üble Körner in die Erde gelegt worden sind, so ist eine üble Saat
aufgegangen, sie ist uns in unsere Häuser hinein gewachsen, sie ist uns in
unsere Kirchen hinein gewachsen, sie ist uns in unsere Kammer und in unsere
Schlafstätte hinein gewachsen, und wir haben die bittere Frucht davon weg zehren
müssen. Ich habe auch erkennen gelernt, wann es eine böse Saat war, die gelegt
worden ist. Und auf dem Herzogschlosse des Wysehrad ist eine solche Saat gesäet
worden. Ich habe damals unsern Herzog Wladislaw nicht wählen geholfen, weil es
gegen das Recht war, und weil jedes Wählen der Herzoge übel ist; aber da er dann
der Herzog war, und da Wladislaw, der Sohn Sobeslaws, sein Recht weg gegeben
hat, so bin ich ihm nach meiner Pflicht gefolgt. Ich habe in der Versammlung
gesagt, dass aus dem Wählen die Kämpfe folgen werden, wie sie in den früheren
Jahren gefolgt sind. Die Kämpfe sind da, und ich bin wieder in ihnen, wie ich
früher in ihnen gewesen bin. Ich habe auch gesagt, dass in Nachfolgekämpfen der
Fremde gerufen wird, es ist so gewesen, und muss so sein, entweder ruft ihn der
eine Teil oder es ruft ihn der andere, oder er kömmt, wenn die Teile sich bis
zum Niedersinken zerfleischt haben, selber. Die Fahne des heiligen Wenzel hilft
euch in solchen Streiten nichts, weil er der Heilige beider Teile ist, und jeder
auf ihn hofft, und ihn ruft. Aber er hört ihn nicht, und Gott und alle Heiligen
wenden sich von solchen Streiten mit Verdammnis ab, weil sie Bruderstreite sind,
und wenn Gott in solchen Streiten dem Rechte hilft, so geschieht es durch
Bitterkeit und Not, dass wir das Recht in Zukunft vor Leichtfertigkeit sichern.
Weil es nun nicht zu vermeiden ist, dass der Fremde komme, so komme er zu uns,
nicht zu den Feinden; damit aber unser Übel kurz daure, komme er bald, und damit
er sich nicht an das Land gewöhne, ende er schnell. Dann, hoher Herzog, sage ich
in meinem Alter, herrsche fort, und herrsche, wie du begonnen hast. Aber
versammle deine Räte, und errichtet mit Langsamkeit und Weisheit ein Gesetz der
Fürstenfolge, das mit grosser Macht wirkt, die keiner anzutasten wagt, und das
die Leiden endet, die ich sonst für alle Zeiten sehe, und denen ich nicht mit
diesen weissen Haaren, und nicht mit diesen Worten meines Mundes wehren kann.«
    Als er dieses geredet hatte, liess er sich wieder so langsam, wie er
aufgestanden war, auf seinen Sitz nieder.
    Nach ihm meldete sich niemand sogleich, zu sprechen, sondern die Männer
redeten wieder mit einander.
    Da gab Diwis das Zeichen, dass er sprechen wolle, und da es stille geworden
war, sprach er: »Ich habe in der Versammlung auf dem Wysehrad für Wladislaw, den
Sohn Sobeslaws, gesprochen. Aber Wladislaw hat sein Recht aufgegeben, und Konrad
hat gar kein Recht. Wladislaw, der Sohn unsers vorletzten milden Herzoges, ist
jetzt der Fürst und im Rechte, und wir kämpfen für das Recht. Und wenn wir auch
unser und unserer Angehörigen Blut, und unsere Habe, wie Bozebor gesagt hat,
dafür hingeben, so dürfen wir doch nicht das Blut von tausend andern hingeben,
die nicht wissen, weshalb gekämpft wird, und es fliesset dieses Blut der tausend
andern wie von Unschuldigen, ihre Habe wird vertilgt, wie die von Verfolgten,
dass sie dem Jammer verfallen, davon sie zeitlebens nicht genesen. Damit das Übel
nicht grösser werde, und länger daure, gehe der erhabene Herzog zu Konrad, und
dieser helfe. Dann aber sage ich wie Bolemil, es werde Vorsicht getroffen, dass
die Streite der Söhne Premysls nicht mehr entstehen.«
    Als er gesprochen hatte, setzte er sich wieder nieder.
    Nach ihm redete Lubomir, und sprach: »Weil der hohe Herzog durch zwei
Meinungen gewählt worden ist, durch die eine Meinung, die das Wohl des Landes
zum Ziele hatte, und durch die andere Meinung, deren Ziel war, statt des jungen
Herzoges, den sie fröhlich und eitel meinten, schalten und herrschen zu können,
so war es unvermeidlich, dass komme, was gekommen ist. Die zwei Meinungen mussten
zerfallen. Wir sind bei der besseren Meinung des Wohles des Landes und bei dem
Rechte des Herzogs. Wenn die andere Meinung siegte, hätten wir gar keinen
Herzog, sondern nur die Macht vieler einzelner, und der Streit wäre
unauslöschlich. Darum muss der jetzige ausgestritten werden. Solche Streite
kommen wie Gewitter, die Wehe und Unheil bringen, das getragen werden muss. Väter
verlieren ihre Söhne, die Kinder verlieren ihren Vater, ein edles Weib wird eine
Witwe, eine alte Mutter überlebt den jungen Sohn, und das Geschenk Gottes, die
Liebe in den Banden des Blutes wird zerrissen. Ich rede nicht von dem Verluste
der Habe; denn Habe kann wieder zu dem Menschen kommen; aber das Blut, das
verloren ist, bleibt verloren. Damit das Unglück nicht noch unglücklicher werde,
und durch den Sieg der Feinde erst recht unglücklich, ergreift zum schnellen
Ende jedes christliche Mittel, das geboten wird, dann, sage ich auch, macht ein
Nachfolgegesetz. Zu seiner Hilfe aber streuet den heiligen Glauben aus, dass sich
die Menschen zähmen, und nicht nach Unrecht trachten. So rede ich wie viele, die
gewusst haben, was kommen wird, und sich ihm, da es gekommen ist, gestellt
haben.«
    Er nahm nach diesen Worten seinen Platz wieder ein.
    Ctibor stand auf, und sprach: »Und wenn sie sollten doch herein kommen, die
sich jetzt den Mauern nähern, so werden sie uns erst recht alles nehmen, Weib
und Kind und Hab und Gut, und wir sind verloren. Das bedenkt.«
    Nach ihm erhob sich der Kmete des rechten Burgfleckens, und sagte: »Hoher
Herr, ich bin noch dabei gewesen, als der Herzog Boriwoy Prag gegen deinen guten
Vater überfiel, da sind viele Menschen desselben Blutes gegen einander
gestanden, Dinge unerhörter Art geschehen, so entsetzlich, dass sich die Greise
die Haare ausrauften, und die Frauen ihren Leib verfluchten, dass er geboren hat.
Gehe zu dem erlauchten Könige Konrad, hoher Herr, wir werden in der Zeit die
Stadt mit unserm Leben verteidigen, dass kein Stein in die Hände der Feinde
geraten soll. Dann aber erscheine, und rette alles, dass nicht das grösste Unglück
geschieht.«
    »Ja, es ist wahr, die grossen Unheile dürfen nicht kommen«, »sie dürfen nicht
kommen«, riefen mehrere Stimmen.
    Der Kmete setzte sich wieder auf seinen Platz.
    Nun erhob sich noch einmal mühsam von seinem Stuhle der alte Wsebor, und
sprach: »Ich bin ein alter Mann, und kann nicht mehr viel vollbringen, ich kann
auch nicht ansagen, welche Mittel ausser den Fremden helfen würden, und weil sie
unvermeidlich sind, wie Bolemil gesagt hat, so füge ich mich; aber ich beklage
es.«
    Er suchte wieder seinen Platz einzunehmen.
    Da stand auch Bozebor noch einmal auf, und sprach: »Ich beklage es auch;
aber ich füge mich nicht. Wenn das, wovon ihr redet, unvermeidlich ist, so ist
es doch schlimm, und ich will nicht helfen, dass das Schlimme geschehe.«
    »Rufe nicht den Zwiespalt hervor«, schrie Zwest.
    »Du stiftest Hader«, rief Odolen.
    »Keine Uneinigkeit«, »nicht Uneinigkeit«, riefen mehrere Stimmen, und ein
Teil der Männer sprang von den Sitzen empor.
    Der Herzog winkte mit seiner Hand. Und als sich die Ruhe wieder nach und
nach eingefunden hatte, fragte er, wer weiter sprechen wolle.
    Es sprach niemand.
    Nach einer Weile stand er auf, und sagte: »Es hat hier ein jeder die
Freiheit, zu reden, wie sein Herz denkt. Es soll nicht gesagt werden, ich höre
meine Räte nicht; aber es soll gesagt werden, dass ich nicht in der Gewalt meiner
Räte bin. Wer in unserem jetzigen Streite gerufen wird, ist nicht ein Fremder.
Es ist der Bruder, welcher zu der geliebten Schwester, es ist der Schwager und
Freund, welcher zu dem Schwager und Freunde kömmt. Es ist bei der Menschheit so,
dass der Mensch dem Menschen, der Nachbar dem Nachbar, der Freund dem Freunde
hilft. Wessen Haus brennt, dem stehen die bei, die um ihn sind. Und es werden
die Zeiten kommen, dass die Völker nicht mehr allein sind, dass sie sind, wie
Mensch und Mensch, wie Nachbar und Nachbar, wie Freund und Freund. Und dessen
Hilfe ich heute brauche, der braucht die meinige morgen. Es wäre uns besser,
wenn wir unser brennendes Haus selber löschen könnten, aber ehe wir mit dem
Löschen fertig sind, verbrennt es. Es ist mir in das Herz gegangen, als Bolemil
gesagt hatte, dass er in den früheren Kämpfen gewesen ist, und dass er in dem
jetzigen wieder ist, als Lubomir gesagt hatte, was getragen werden muss, und als
mein Kmete gesagt hatte, was geschehen ist, da mein Vater um den Fürstenstuhl
ringen musste. Ich rufe: es sei Gott vor, dass sich solche Dinge bei mir erneuern.
Konrad wird in das Land kommen. Ich werde meine Männer mit den seinigen
vereinen, und ich, der Herzog, werde es sein, der die Schlacht schlägt. Er wird
sich wieder entfernen, und wir werden daran gehen, eine Schranke zu gewinnen,
dass solche Zwiste nicht mehr möglich sind. Du aber, Bozebor, handle nach deinem
Sinne, und so jeder, der da will. Bleibe in deinem Hofe, oder wo du willst, bis
diese Sache aus ist, und dann komme zu mir, so es dir gefällt, und ich werde dir
die Hand reichen. Die unseres Sinnes sind, lade ich für die dritte Stunde des
Nachmittages wieder in diesen Saal, dass wir das weitere in das Werk setzen.
Jetzt aber rede noch jeder, der zu reden gesonnen ist.«
    Der Herzog schwieg.
    Es redete niemand mehr.
    Dann sagte er: »So bringe ich euch meinen Dank dar, dass ihr euch hier
eingefunden habt, und wir zerstreuen uns.«
    Die Versammlung ging auseinander. Dann verliess er seinen Sitz, sprach noch
mit mehreren, und ging dann aus dem Saale. Die Krieger seines Hofes folgten ihm.
    Als die dritte Stunde des Nachmittages gekommen war, versammelten sich die
Männer wieder in dem Saale des Herzoghofes. Es waren alle gekommen, die am
Morgen in dem Saale gewesen waren, nur Bozebor nicht.
    Der Herzog ging zu seinem Stuhle, und setzte sich auf denselben.
    Als eine aufmerksame Stille eingetreten war, erhob er sich, und sprach:
»Liebe und Getreue! ich danke euch, dass ihr, wie ich sehe, alle bis auf einen
gekommen seid. Ich habe euch heute gesagt, dass die Feinde in einigen Tagen vor
diesem Berge sein werden, und dass unsere Handlungen nicht zögern dürfen. Lasset
uns dieselben in Schnelligkeit vollführen. Ehe das Licht des morgigen Tages
scheint, verlasse ich die Stadt. Für die Zeit, in der ich fort sein werde, ordne
ich an, wie folgt: Dir, Otto, Bischof von Prag, vertraue ich die Stadt zu dem
überirdischen Schutze. Bitte Gott, dass er dem Rechte hilft, wenn es auch durch
Bitterkeit und Not geschieht, wie Bolemil sagt. Dir, Bruder Diepold, vertraue
ich die Stadt zum irdischen Schutze. Du wirst eher das Leben lassen, als deine
Ehre und deinen Ruhm auf dieser Erde und deine Seligkeit im Himmel verlieren.
Dir, Zdik, Bischof von Olmütz, vertraue ich unsern Zug zum überirdischen
Schutze, begleite uns, und bitte um sein Gedeihen. Für den irdischen Schutz
unseres Zuges werde ich selber sorgen, so gut ich kann. Ich nehme einen kleinen
Teil des blauen Fähnleins mit. Du, Welislaw, gehst mit mir nach Deutschland, und
dann in die Schlacht; du, Odolen, desgleichen. Witiko, du gehst mit mir, sei in
der neuen Schlacht umsichtig, wie in der letzten. Und dass es uns nicht an
Schreibern fehlt, gehen aus meinen Hofkaplänen Wiliko und Bertold mit.
Versammelt euch, ehe morgen die Frühdämmerung kömmt, vor dem Herzogstuhle der
Stadt. Ihr andern aber, höret mich: Otto, du Mann der Kirche, Bolemil, du
Schwerbetroffener, Lubomir, dessen Schmerz ich gedenken werde, Diwis, du treuer
Zupan, Chotimir, Preda, Wsebor, ihr Äbte, Daniel, Gervasius, Nemoy, und du,
Ctibor, Bartolomäus, Predbor, und du, Casta, der du kaum von deiner Wunde
genesen bist, und du, Wecel, der du, wenn gleich ein Widersacher meines
Vorhabens, doch hieher gekommen bist, und Diet, und Osel, und Rowno, und die
Kmeten meiner Burgflecken, und alle! Mein Befehl an euch hört in diesem
Augenblicke auf, und es beginnt der meines Bruders. Wenn ich auf den Zinnen der
Stadt das grosse rosenfarbene Banner wieder berühre, ist der Befehl wieder bei
mir. Verteidiget die Stadt, und wenn ihr mich kommen seht, so zieht das
rosenfarbene Banner höher hinauf, und wenn die Schlacht vor der Stadt ist, so
kommt hinaus, wenn die Zeit es gebietet.«
    Da er diese Worte redete, kam die Herzogin mit ihren Frauen in den Saal. Sie
ging an das obere Ende des Tisches, und stellte sich neben den Herzog an die
Stelle, von der Diepold zurückgetreten war. Ihre Frauen standen hinter ihr.
    Der Herzog sagte: »Ich vertraue euch Gertrud, die Herzogin der Länder Böhmen
und Mähren, die Tochter des frommen Markgrafen Leopold von Österreich, meine
erlauchte und vielgeliebte Gemahlin. Ihr seht, wie gewiss ich es weiss, dass die
Stadt in eurer Gewalt bleiben wird.«
    Otto, der Bischof von Prag, antwortete hierauf: »Erlauchter Herzog, wir
werden deine Anordnungen befolgen. Gott geleite dich, und kehre siegreich, wie
Josua in das Gelobte Land, und die Herzogin werden wir hüten, wie seine Krieger
den Bundesschrein gehütet haben.«
    Lubomir sagte: »Gehe mit Gott, hoher Herr, lasse uns bald dein Banner vor
diesen Zinnen sehen, dass unsere Augen und die Augen der Herzogin dieses Zeichen
schauen können.«
    Bolemil sprach: »Auf diesem Berge, wie in einem Herzen des Landes steht der
Fürstenstuhl. Auf diesem Berge steht die Kirche des heiligen Veit, die
Herrscherin der Kirchen des Landes, auf diesem Berge und in dieser Kirche sind
unsere Heiligtümer, die Leiber unserer Heiligen, Wenzel und Adalbert, auf diesem
Berge ruhen manche hohe Fürsten, auf diesem Berge steht der Herzogshof und der
erste Zupenhof, auf diesem Berge, in der Kirche des heiligen Veit, sind
Schriften und Zeichen aufbewahrt, die die Handfesten und Geschicke des Landes
entalten, und auf diesem Berge ist jetzt das lebende Kleinod, die Herzogin,
weil sie die Herzogin ist. Wir werden die Heiligtümer und das Kleinod bewahren.
Du, Herr, siege, wie du gesagt hast, in deinem Namen, und ende bald.«
    Diwis sagte: »Wir werden treu sein wie immer, gehe mit Zuversicht deine
Wege, hoher Herr!«
    »Wir werden treu sein dem Lande, dem Herzoge und der Herzogin«, rief Jurik.
    »Treu und streitbar«, rief Predbor mit seiner gewaltigen Stimme, wie er
einst auf dem Wysehrad gerufen hatte: Wladislaw ist gewählt.
    »Treu und streitbar«, riefen fast alle Anwesenden nach.
    Der Kmete des rechten Burgfleckens sagte: »Hoher Herr! lasse die Herzogin
durch die Leiber deiner Krieger des Burgfleckens wahren, sie werden alle eher an
diesen Mauern nieder sinken, als gestatten, dass eine Schleife ihres Gewandes
gebogen werde.«
    »Ich danke euch«, sagte der Herzog, »alle werden mannhaft sein wie immer,
und meine Krieger der Burgflecken werden mit allen andern die Herzogin
schützen.«
    Die Herzogin sagte darauf: »Ziehe in Frieden, mein Gemahl, wir alle werden
die Stadt schützen.«
    »Und so sei es geschlossen, was hier noch zu reden gewesen ist«, sagte der
Herzog.
    »Erlaube noch ein Wort, hoher Herr«, sagte Otto, der Bischof von Prag,
»nicht ein Wort dieser Erde, sondern kraft meines Kirchenamtes ein Wort des
Segens, das der Herr im Himmel neu erfüllen möge, wenn es so in seiner heiligen
Vorsicht ist.«
    Der Herzog neigte sich.
    Der Bischof machte das Zeichen des Segens, und sprach die Worte des Segens.
    Alle beugten ihre Leiber vor der heiligen Handlung.
    Dann verliess der Herzog mit der Herzogin den Tisch, sprach noch manches
kurze Abschiedswort gegen die Nächsten, machte mit der Hand ein Abschiedszeichen
gegen alle, und dann gingen der Herzog und die Herzogin mit ihren Gefolgen aus
dem Saale.
    Nun ertönten auch Hörner zum Zeichen, dass die Versammlung geendet ist.
    Die Männer verliessen den Saal.
    Witiko begab sich zu den Waldleuten, und rief diejenigen, die ihm untergeben
waren, zusammen.
    Als sie in einer Ordnung standen, trat er vor sie, und sprach: »Liebe
Heimatgenossen! Der erlauchte Herzog Wladislaw wird fortgehen, und mit einer
Macht kommen, um die Feinde, welche diese Stadt umringen und erobern wollen,
anzugreifen und zu zerstreuen. Er hat mir befohlen, ihn zu begleiten. Ich muss
euch daher auf eine Zeit verlassen. Traget in dieser die Willigkeit, die ihr mir
bisher erwiesen habt, auf Rowno über, er ist in der Heimat euer Nachbar, ist in
dem Streite auf dem Berge Wysoka euer Nachbar gewesen, und ist in der hiesigen
Anordnung wieder euer Nachbar. Ich sage es euch zuerst, um zu hören, ob es euch
so genehm ist. Einige von uns mögen mit mir gehen, wenn sie wollen, Lambert,
Urban, Augustin und noch andere, die zu reiten verstehen. Der Herzog wird uns
Pferde geben.«
    »Du musst den Knaben Urban sehr gut bewahren«, rief Peter Laurenz, der
Schmied von Plan, »er ist meiner Schwester Kind, ich bürge für ihn, und belehre
ihn. Wenn er besser reiten lernt, ist es gut, und es ist gut, wenn er vor den
Herzog kömmt. Wir sind ohnehin die Kriegsgenossen des Herzogs, und der Herzog
hat den Knaben schon gesehen. Werft die Feinde nieder, und wehret euer Leben.
Der erlauchte Herzog wird zu dem Könige Konrad nach Deutschland reiten. Wir
wissen es schon, heute vormittag ist es sicher gemacht worden. Urban kann zu dem
deutschen Könige mitgehen, und der König kann ihn sehen. Und mit Rowno werden
wir uns schon vertragen. Und wenn die kommen, die auf dem Berge Wysoka so gegen
uns waren, so werden wir ihnen die Stadt nicht lassen, wie wir ihnen den Berg
nicht gelassen haben, damit das Recht besteht, und wir werden ihnen das Gold und
die Steine nehmen, die sie hieher gebracht haben, Redet, Männer, wie es mit
Rowno ist.«
    »Rowno soll nur bei uns bleiben, wenn Witiko fortgeht«, sagte Stephan, der
Wagenbauer.
    »Rowno soll bei uns bleiben, bis Witiko kömmt«, rief Adam.
    »Wir halten mit Rowno«, rief Paul Joachim.
    »Rowno, Rowno«, schrien mehrere Stimmen.
    »Ich gehe mit dir zu den deutschen Rittern«, rief Lambert.
    »Ich gehe auch mit«, rief Augustin.
    »Ich gehe auch mit zu dem Könige Konrad«, rief Urban.
    »Ich auch«, rief Zacharias.
    »Ich auch«, rief Maz Albrecht.
    »Das werden wir schon ordnen«, antwortete Witiko, »jetzt müssen wir Rowno
fragen, ob er die Führerschaft übernehmen will, wenn nicht zu viele dagegen
sind.«
    »Niemand ist dagegen«, rief Tobias.
    »So geht zu ihm, Maz Albrecht, und Zacharias, und sagt, dass wir ihn bitten,
er möchte auf ein kurzes zu uns kommen«, sagte Witiko.
    Die zwei Männer gingen, und als sie mit Rowno zurückkamen, sagte Witiko zu
ihm: »Rowno, du hast in dem Saale gehört, dass ich mit dem Herzoge gehen muss. Ich
möchte nun, so lange ich fort bin, dir, hochehrbarer Wladyk, den Schutz und die
Führung derer anvertrauen, die mich auf dem Berge Wysoka zu ihrem Vormanne
gewählt haben, und ich möchte dich bitten, diesen Schutz und die Führerschaft zu
übernehmen. Meine Männer sind einverstanden.«
    »Ja, wir sind einverstanden«, riefen mehrere Stimmen.
    Rowno antwortete: »Meine lieben Heimatleute! wir sind benachbart, ihr kennt
mich und meine Angehörigen, und ich und meine Angehörigen kennen euch. Wir haben
uns immer Gutes gewünscht. Ich tue gerne, was Witiko verlangt. Wenn ihr Euch,
bis er wieder da ist, unter meine Leute einordnen wollt, so werden wir zusammen
halten, und uns gegenseitig helfen, wenn die Feinde vor die Stadt kommen.«
    »Ja, bis er da ist«, rief der Schmied.
    »Bis er da ist«, rief Philipp.
    »Bis er da ist«, riefen mehrere Stimmen.
    »Es ist schon recht«, sagte Zacharias, »wir und Osel und die andern werden
zusammen stehen.«
    Witiko sprach: »Das ist nun geordnet. Lambert, Augustin und Urban reiten mit
mir, sie mögen sich rüsten, und eine Stunde nach Mitternacht zu mir kommen. Und
ihr, Männer, werdet fest und stark sein, wenn die Feinde erscheinen, und haltet,
wenn ihr an einer Stelle angehen müsst, die Reihe geschlossen.«
    »Wie geschweisstes Eisen«, antwortete der Schmied, »dass sie uns eben so wenig
wie damals von dem alten Manne, der in einer Tragtruhe sass, trennen können.«
    »Ja, tut nur so«, rief eine Stimme wie von der Erde auf. Witiko blickte um,
und sah Tom Johannes den Fiedler, der auf einem gehauenen Steine sass.
    »So bist du wieder in fröhlicher Gesundheit da?« sagte er zu ihm.
    »Ja«, entgegnete der Fiedler, »gesund bin ich fast, aber mit der
Fröhlichkeit ist es aus. Sieh nur, wie ich verändert bin, wie wenn der Wind
einen Dornstrauch verdreht hat.«
    »Der verdrehte Dornstrauch bringt wieder Rosen«, sagte Witiko.
    »Weil er ein Narr ist, der in jeder Gestalt blühen kann«, antwortete der
Fiedler. »Meine Hand ist wie das Winkelmass Davids des Zimmerers, ich kann nicht
mehr geigen, und wenn ich zur Vergeltung einen Spiess nähme, so müsste ich mich
seitlings stellen, um werfen zu können.«
    »Sie werden es ohne deinen Spiess auch machen«, sagte Witiko, »du wirst für
dich etwas ersinnen, und wenn die lustigen Tage kommen, wird deine Fiedel wieder
im grünen Walde singen, wie immer.«
    »Dass die Dohlen und Häher davon fliegen«, entgegnete Tom Johannes.
    »Habt acht auf ihn, dass ihm nichts geschieht«, sagte Witiko.
    »Wir werden schon sorgen«, antwortete der Schmied, »und von unserer Beute,
die die Feinde bringen werden, ihm etwas geben. Er ist nicht zu bewegen gewesen,
nach Hause zu gehen.«
    »Weil ich erwarten will, was hier noch geschieht, und weil ich nicht fort
sein will, wenn der Herzog seine Männer belohnt«, antwortete Tom Johannes.
    »Du wirst belohnt werden, Tom«, sagte Witiko, »und den Verwundeten wird man
es wohl insonderheit gedenken.«
    »Ich meine, wenn sie sich nichts erwerben können«, sagte der Fiedler.
    Da Witiko noch mit Tom Johannes sprach, kam Sebastian, der Schuster von
Plan.
    Die Männer lachten, riefen und begrüssten ihn. Er hatte einen geflochtenen
Korb auf seinem Rücken, wie Frauen, wenn sie Dinge zum Markte tragen.
    »Bist du da«, sagte Witiko, »und was bringst du uns?«
    »Sie sind alle gesund«, antwortete Sebastian, »Martin und Lucia grüssen euch,
es sind nur zwei Weiber gestorben, davon eine nicht aus der Pfarre war, ich habe
den Weg in zehn Tagen hin und zurück gemacht, und der Brettermelchior hat einen
wunden Fuss. Ich habe Stiefel und Fusstücher und andere notwendige Dinge geholt,
und mir Marderbälge und Iltisbälge mitgebracht.«
    »Wozu brauchst du denn die Bälge?« fragte Witiko.
    »Die Schuster nähen hier Bälge zu so wunderbar feinen Sachen zusammen«,
antwortete Sebastian, »zu zierlichen Fussschuhen, zu Hauben, zu Umwürfen, zu
Gürtelsäumen, und da will ich das lernen, und in Plan solche kostbare Dinge
verfertigen.«
    »Du hast eine ungefüge Lernezeit gewählt«, entgegnete Witiko, »bringe nur
deine Bälge in Sicherheit, und stelle dich wieder zu deinen Männern.«
    »Ich werde alles verrichten, was not tut«, erwiderte Sebastian.
    Dann setzte er sich mit seinem Korbe neben Tom Johannes, den Fiedler, auf
einen andern behauenen Stein.
    Hierauf sagte Witiko: »Ich muss mich von euch verabschieden, ihr Männer, Gott
behüte euch, wir werden nicht lange getrennt sein.«
    »Gott behüte dich«, riefen mehrere Stimmen.
    »Sieh nur, dass sie dich nicht verunstalten wie mich«, sagte Tom Johannes der
Fiedler.
    »Ich werde mich schon wehren«, antwortete Witiko.
    »Ich habe mich auch gewehrt«, sagte der Fiedler.
    »Und sieh nur auf den Urban«, rief der Schmied.
    Witiko reichte Rowno die Hand, dann auch mehreren Männern, grüsste alle, und
entfernte sich.
    Er ging in seine Wohnung, und richtete zurecht, was er mitnehmen wollte.
    Eine Stunde nach Mitternacht kamen Lambert und Augustin und Urban zu ihm. Er
sendete seinen Knecht Jakob um vier Pferde aus den Pferden des Herzoges, Jakob
brachte die Tiere, die Männer rüsteten sich, und bestiegen sie, Witiko sein
eigenes, und Jakob und die drei andern die Pferde des Herzogs. Raimund musste in
Prag zurückbleiben. Da sie von dem Priesterhause weg ritten, sahen sie, dass vor
dem Hofe des Bischofes Pferde standen, und dass die Leute Bozebors daran waren,
sie zu besteigen.
    Witiko ritt mit seinen Männern gegen den Herzogstuhl, und als alle dort
versammelt waren, und der Herzog mit seinem Geleite erschienen war, nahm der
Bischof, es nahmen die Priester und die hohen Kriegsherren, die herzu gekommen
waren, Abschied, und der Zug begann. An der Spitze ritt eine Abteilung des
blauen Fähnleins, dann kam der Herzog, an dessen linker Seite der Bischof Zdik
ritt, dann kam das Gefolge des Herzogs und des Bischofs, dann kamen Welislaw,
Odolen und Witiko und die Kapläne. Welislaw hatte dreissig Männer, Odolen sieben,
Witiko vier. Den Schluss machte die andere Abteilung des blauen Fähnleins.
    Sie ritten zu dem Tore nieder.
    Da sie dort anlangten, stand Bozebor mit den Seinigen da.
    Der Herzog sagte zu ihm: »Du wirst mir gönnen, Bozebor, dass ich mit meinen
Männern zuerst durch das Tor reite.«
    Bozebor stellte sich mit seinen Leuten seitwärts, das Tor wurde geöffnet,
und der Zug des Herzoges ritt hinaus.
    Der Zug ging in den Büschen dahin gegen die Waldhöhe, welche neben dem Dorfe
Brewnow war. Sie konnten, wenn sie umsahn, Bozebor mit seinen Männern eine
Strecke hinter sich sehen. Als sie auf der Waldhöhe zu dem Scheidewege
Zernownice gekommen waren, und auf dem einen der Wege fortritten, sahen sie dann
Bozebor nicht mehr hinter sich.
    Der Zug ging nun unablässig in der Richtung gegen den Abend des Landes fort.
    Diepold, der neue Befehler der Stadt, machte sofort an diesem Tage mehrere
Anordnungen. Für den folgenden Tag hiess er alle, wenn die Sonne aufginge, an
ihren Stellen sein.
    Als sich die Sonne an diesem Tage erhob, ritt Diepold mit den Männern seines
Geleites gegen die Zinnen der Stadt. Er hatte den Waffenschmuck an sich, den er
auf dem Berge Wysoka getragen hatte. Ein schwarzes Kleid bedeckte seinen Körper,
eine schwarze Haube sein Haupt. Ein roter Edelstein hielt eine weisse kurze Feder
an der Haube. Auf dem Oberkörper trug er ein dunkles mattes Waffenhemd. Der
Gürtel hatte rote Edelsteine, und so auch die schwarzsammetne Schwertscheide. An
der rechten Seite Diepolds ritt die Herzogin Gertrud. Sie war in ein
dunkelbraunes Gewand gekleidet, wie es ihr Gemahl gerne trug. Hinter ihr ritten
einige Frauen in weiten Gürtelkleidern. Unter den Frauen war auch Dimut auf
ihrem braunen Pferde. Sie hatte ihr schwarzes Gewand an, darüber das
Waffenkleid, das wie Silber glänzte, und auf dem Haupte die schwarze
Spangenhaube, daran eine Rabenfeder empor ging. Am Gürtel trug sie ihr Schwert.
Sie wäre wie Diepold gewesen, wenn sie nicht das lichte Waffenkleid und die
schwarze Rabenfeder gehabt hätte. Da sie an die Zinne kamen, trafen sie vor der
Brustwehre den Zupan Jurik mit seinen Männern und den Schleudergeräten und
Wurfdingen, dann war Chotimir mit denen aus Decin und den Gerätschaften, dann
war Diwis, der Zupan von Saaz, mit grossen Geschossen für Pfeile, Balken, Steine
und Brandwerke, dann weiterhin der alte Lubomir mit vielen Gerüsten für dicke
Bolzen und andere schwere Dinge, und dann war der Leche Bolemil mit dem Reste
der Seinigen. Er sass unter ihnen auf einem Stuhle, und die grösste Schleuder,
welche die Männer hatten, war bei ihnen. Dann kamen Wecel und der alte Wsebor,
und Preda, und Ctibor, und die Äbte, und der Bischof, und Gervasius, und Milota,
und andere. Dann war Nemoy von Netolic mit seinen Männern vom Rande des
mittäglichen Waldes und seinen Schleudergeräten, dann kamen die von Taus, und
die weiter hinauf vom Walde herstammten: Wenzel von Winterberg, und Wyhon von
Prachatic, dann war Rowno von Rowna mit den Seinigen und mit denen, die ihm von
Witiko übergeben worden waren. Sie hatten eine Schleuder bei sich, die grosse
Steine bewältigen konnte, dann kam Diet von Wettern, und Hermann von Attes, der
kaum von seiner Wunde genesen war, und Wernhard von Ottau, und andere. Dann war
Ben, der Sohn Bens, des Führers, der auf dem Berge Wysoka sein Leben gelassen
hatte, dann Bartolomäus, Zdeslaw, Casta und andere Männer. Als Diepold und die
Herzogin bei allen gewesen waren, und alles besehen hatten, und mit vielen
Männern gesprochen hatten, ritten sie wieder in die Hofburg zurück.
    Auf den zweiten Tag nach diesem Tage war in der Morgenstunde ein grosser
Gottesdienst in der Kirche des heiligen Veit angesagt. Als diese Morgenstunde
kam, feierte Otto, der Bischof von Prag, mit den Äbten und Priestern in
kirchlichem Schmucke den Gottesdienst wie an einem erhabenen Feste des Herrn.
Die Herzogin, Diepold, die Führer, viele Krieger und andere Menschen waren
zugegen. Am Ende des heiligen Opfers war das Kriegsgebet und die Segnung.
    Am Nachmittage des nämlichen Tages kamen die Feinde gegen die Stadt. Man sah
den lichten Schein der Lanzen und die Bewegung der Scharen. Unzählige Menschen
blickten hinaus. Sie breiteten sich vor dem rechten Burgflecken aus, wie um ein
Lager zu errichten. Alle Krieger waren auf den Mauern. Die Herzogin war bei
ihnen.
    Als der Abend dieses Tages gekommen war, sah man eine Schar von Reitern von
dem rechten Burgflecken über die Brücke eilen. Sie hatten Friedensfähnlein auf
den Lanzen. Als sie in dem linken Burgflecken angekommen waren, hielten sie
stille.
    Diepold sagte zu Sezima: »Nimm zwanzig Reiter, reitet mit Friedensfähnlein
hinaus, und frage um ihr Begehren.«
    Sezima ritt mit zwanzig Reitern gegen das Brückentor, man liess ihn hinaus,
er näherte sich den Feinden, und von den Zinnen aus konnten sie ihn eine Zeit
bei ihnen verweilen sehen.
    Dann kehrte er wieder zurück.
    Als er vor Diepold gekommen war, berichtete er: »Sie sagen, dass ein Mann
unter ihnen sei, der die Macht habe, im Namen Konrads, den sie ihren Herzog
nennen, mit dir, wenn du der Befehler der Stadt bist, weil du Boten sendest, zu
sprechen. Konrad will Blutvergiessen meiden. Wratislaw von Brünn, Otto von
Olmütz, Spitihnew, Leopold und Wladislaw lassen dir Gutes sagen.«
    Diepold antwortete: »Reite wieder hinaus, und sprich: Diepold redet nur mit
denen, die sich unterwerfen, und er wird es daran erkennen, dass sie mit zwei
Friedensfähnlein auf einer Lanze kommen. Ein anderes Fähnlein wird er nicht mehr
anerkennen, und die jetzt da sind, sollen sich entfernen, so sie Schaden meiden
wollen. Mit den Nachkommen Premysls, Wratislaw von Brünn, Konrad von Znaim, Otto
von Olmütz, Spitihnew, Leopold und Wladislaw wird er sprechen, wenn sie mit
Säcken auf dem Haupte und Stricken und Steinen um den Hals vor ihm knien.«
    Sezima ritt wieder hinaus, und da er zurückgekommen war, sagte er: »Sie
verlangen mit Wladislaw zu sprechen, und wenn dieser, wie es heisst, entflohen
sei, mit Gertrud.«
    Gertrud sprach: »Diepold, lasse Kugeln in sie werfen.«
    Diepold sagte: »Sezima, du gehst jetzt nicht mehr hinaus.«
    Dann schwieg er.
    Die feindlichen Reiter blieben auf ihrem Platze stehen.
    Nach einer Weile sagte er: »Legt auf.«
    Die Männer legten einen Stein auf die Schaufel einer Schleuder.
    Wieder nach einer Weile sagte Diepold: »Richtet, und dreht ab.«
    Die Männer gaben der Schleuder eine Richtung, dann drehten sie an kurzen
Speichen, die Schaufel fuhr in die Höhe, und in dem Augenblicke fiel eine grosse
Steinkugel im Bogen gegen die Reiter nieder.
    Diese wendeten sich um, und ritten über die Brücke davon.
    Ein Geschrei des Jubels folgte ihnen von den Mauern der Stadt.
    Es kam der Abend, und als es finster geworden war, konnte man den Schein der
Feuer der Feinde von den Burgflecken und von den Feldern her sehen.
    Nach dem Frühgottesdienste des nächsten Morgens sahen die Männer, dass Feinde
am unteren Ende des rechten Burgfleckens mit Schiffen, Flössen und
Brettergerüsten über die Moldau und auf das hohe Feld Letne gingen, in welchem
die Dörfer Owenec, Holisowic und Buben waren. Der andere Teil stand in Ordnung
am Wasser.
    Es wurde an diesem Tage keine Botschaft an Diepold gerichtet.
    An dem folgenden Tage und an dem nächsten waren alle Feinde herüber
gegangen, und errichteten ein Lager. Diepold störte sie nicht, und wenn es in
der Stadt stille war, und die Luft von dem Felde daher ging, konnte man die
Hammerschläge und den Schall der Arbeiten vernehmen.
    Endlich erhob sich eine grosses weisses Banner bei den Feinden, und mehrere
kleine weisse Banner wurden sichtbar. Sofort entfaltete sich auch auf der Kirche
des heiligen Veit das grosse rosenrote seidene Banner Wladislaws, und es wehten
auf dem Herzogshofe und auf anderen Bauwerken und an Stellen der Zinnen kleinere
rosenrote Banner.
    Das grosse weisse Banner auf dem Felde war das Konrads von Znaim, den sie zum
Herzoge erwählt hatten, weiterhin war das weisse grüngeränderte Banner Wratislaws
von Brünn, dann war das Banner Ottos von Olmütz, dann Spitihnews und Leopolds,
dann waren die Zeichen der andern Männer, Bogdans, Domaslaws, des alten Mikul,
und mehrerer. Weit hinter den Feinden war Kochan, und man sagte, dass er gekommen
sei, zu sehen, wie sich beide Herzoge vernichten, worauf dann die übrigen Lechen
herrschen würden.
    Da der sechste Tag gekommen war, seit sich die Feinde vor der Stadt gelagert
hatten, näherten sich am Morgen dieses Tages verschiedene Geräte der leichten
Art den Mauern. Auf Wägen wurden allerlei Dinge geführt. Die Männer der Feinde
rückten auch heran. Da sie nahe waren, hielten sie an, und von den Geräten
flogen nun Pfeile, Pflockbolzen, Steine, Wurflanzen und Eisenstücke auf die
Zinnen. Die Männer Diepolds rührten sich nicht. Auf seinen Befehl hatten sie
sich hinter die Bergen begeben müssen. Da endete das Werfen der Dinge, und von
den Feinden sonderte sich ein Haufen Krieger ab, und ging gegen die Mauern
vorwärts, dies tat auch ein zweiter, ein dritter und mehrere. Da sie nahe an der
Mauer waren, begannen sie zu rennen, indem sie Leitern, Stangen, Haken, Schilde,
Stricke und Kletterdinge trugen. Sie befestigten Werkzeuge an den Mauern, und
suchten, empor zu klimmen. Hinter ihnen standen viele Bogenschützen, welche
unaufhörlich Pfeile gegen den oberen Rand der Zinnen sendeten. Jetzt gab Diepold
ein Zeichen in die Luft, und auf dieses Zeichen ertönte die grösste Glocke des
Turmes des heiligen Veit, und da der erste Klang erscholl, stürzten die Männer
Diepolds heran, und warfen Ziegel, Steine, Blöcke, Bäume, eisengezackte Balken,
siedendes Wasser und brennendes Pech auf die Emporklimmenden nieder. Ein Teil
der Krieger war in Bereitschaft, dort, wo sich zwischen den Schirmen, die die
Feinde über sich emporschoben, menschliche Glieder zeigten, Pfeile und Lanzen
hinein zu schicken. Ein anderer Teil suchte insbesondere diese Bergeschirme der
Feinde durch schwere Wurfdinge oder Feuer zu zerstören, oder auf die Feinde
selber zu schleudern. Viele Krieger sendeten beständig aus Geräten Steine und
Wurflanzen und von Bögen Pfeile gegen die Schützen der Feinde.
    Die Glocke des heiligen Veit tönte fort.
    Zuweilen erscholl ein geller Ruf zum Zeichen einer schweren Verwundung, oft
rann an einem Manne Blut hinunter, ohne dass er es wusste, man sah manchen Krieger
taumeln, ohne dass man erkennen konnte, ob die Schauer des Todes ihn stürzen
wollten, oder eine Verwundung. Er wurde zurückgetragen, wo die Pfleger
versammelt waren. Auch Feinde sah man fallen, oft wurden mehrere zugleich samt
ihren Geräten von den Leitern gestürzt, und man sah, wie Männer von den Mauern
weg getragen wurden. Aber neue drangen nach, und die Leitern füllten sich immer
wieder. Der Bogenschützen, welche die Verteidiger zu schädigen suchten, wurden
immer mehr. Diepold vermehrte auch die seinigen. Er sah, dass die Bergen, die von
jenen Männern hinaus geschoben wurden, welche die Dinge auf die Felder hinunter
zu werfen hatten, zu schwach seien, und suchte sie durch stärkere zu ersetzen.
Auf der ganzen Strecke, an der die Feinde empor drangen, waren die Verteidiger
versammelt, und die ermüdet wurden, liess Diepold mit frischeren wechseln. Die
Waldleute fanden sich in die Sache, und arbeiteten stetig, wie sie mit den
Baumstämmen ihrer Felsen oder gegen die Tiere ihres Waldes arbeiteten. Tom
Johannes sass hinter einer Berge, und schrie Worte, die niemand vernahm, und
machte mit den Händen Zeichen, auf die niemand achtete.
    Da dieses geschah, ritt die Herzogin an die Zinnen. Sie war von mehreren
Hofherren begleitet, aber von keiner ihrer Frauen. Nur Dimut ritt in ihrem
Waffenkleide neben ihr. Die Herzogin ermunterte die Männer, und belobte sie. Als
sie zu den Waldleuten kam, erhoben diese einen so wilden Ruf, dass die Glocke des
heiligen Veit dagegen nicht zu vernehmen war.
    Von den Feinden lösete sich jetzt eine Schar ab, welche grösser war als alle,
die bis zu der Zeit an die Mauern gekommen waren. Sie eilte gegen eine Stelle,
welche weniger Krieger entielt, und strebte in Schnelligkeit empor zu klimmen,
indes andere unter ihnen durch Sandsäcke Rasen Reisig und dergleichen schleunig
den Boden an den Mauern zu erhöhen versuchten; aber die Männer Diepolds kamen
wie eine Wolke, welche den Hagel birgt, herbei, und sie erhoben ein
Freudengeschrei, weil sie die Absicht der Feinde erkannten, und die Mittel
hatten, sie zu vereiteln. Das Hinabwerfen der Verteidigungsdinge wurde dichter,
als es bisher gewesen war, es wurde ein Schütten, und wenn man meinte, das
Schütten sei am heftigsten, wurde es noch heftiger. Das Hinaussenden der Lanzen,
Pfeile, Steine, und anderer Wurfsachen auf die Bogenschützen wurde ein stetiger
Strom. Der Kampf war sehr kurz. Die Feinde glitten zurück, verliessen ihre
Geräte, und wichen gegen die Ihrigen. So taten sie an allen Stellen. Da sie in
Unordnung zurückgingen, öffnete Diepold das Tor, und drang mit einer Schar
Männer, die er bereit gehalten hatte, hinaus, indem er auf seinem schwarzen
Pferde unter ihnen ritt. Er eilte den Feinden nach, und was durch Lanze und
Schwert zu erreichen war, wurde durch Lanze und Schwert geschlagen. Als sie
gegen das ganze Heer der Feinde kamen, wendeten sie um, ritten in Schnelligkeit
zurück, und wurden durch das Tor aufgenommen.
    Jetzt war Ruhe auf den Mauern, und die Glocke des heiligen Veit tönte nicht
mehr.
    Diepold, die Herzogin, der Bischof, Äbte, Priester und Führer gingen jetzt
auf den Kampfplatz. Da waren die Rüstzeuge des Krieges, die man gebraucht hatte,
da waren die ermatteten Krieger, es waren Verwundete und Tote. Die Ärzte und die
Pflegediener waren da, Leute aus der Stadt, Frauen, Jungfrauen, Priester und
andere waren gekommen, und spendeten Labung. Manche Männer gingen herum, und
bluteten an diesem oder jenem Teile ihres Körpers. Andere sassen oder lagen. Der
Priester von Daudleb wusch Moyslaw die Wunde eines Lanzenstiches, die er an der
Achsel erhalten hatte, und verband sie ihm. Dann schnitt er Zwest die Spitze
eines Pfeiles aus dem Arme, und verband ihn, Jurik, der Sohn Juriks, dem ein
Stein das Knie gestreift hatte, und Zdeslaw, der Sohn Diwis', der einen
Lanzenstich hatte, wurden verbunden. Andere wurden von den Ärzten in Sorge
genommen, und jeden, wenn es sein konnte, trug man in die Verpflegungsorte.
Diepold und seine Begleiter gaben überall Trost. Diepold verlangte, die Toten zu
kennen. Man wusste sie noch nicht alle. Budilow, ein reicher Wladyk aus den
Fluren von Gradec, hatte sein Leben verloren, so auch Wat, ein Leche aus den
Gebirgen an Polen, der mit seinen Leuten unter Jurik gestanden war, so der
Wladyk Kunes aus dem Abende des Landes, so Izzo von Tynec, Welich von Suchomast,
Radoslaw von Bezno, Welkaun von Jesenic, und andere Männer, die auf ihrem Eigen
mit Sippen gesessen waren. Diepold verordnete, dass von allen ein genaues
Verzeichnis gemacht werde, wenn etwa Verhandlungen mit ihren Angehörigen würden.
    Dann ging er mit allen, die um ihn waren, zu den Verwundeten und Kranken in
die Verpflegungshäuser. Dann ordnete er an, dass Erquickung an Speise und Trank,
reichlicher und besser als zu anderen Zeiten, an die Krieger komme.
    Nach einer Zeit ritt eine Schar von Feinden gegen die Mauern, mit schwarzen
Fahnen, welche die Bitte anzeigten, dass ihnen gestattet werde, ihre Toten und
Verwundeten weg zu bringen. Diepold liess eine schwarze Fahne der Gewährung
errichten. Sogleich gingen die Feinde daran, die Ihrigen zu bergen. Die Männer
auf den Mauern sahen auf sie, und konnten die Gewänder erkennen, wie sie in dem
einen oder in dem andern Striche des Landes getragen wurden, und wenn einer
Verwandte unter ihnen gehabt, und auf sie hinab gesehen hätte, so hätte er ihre
Angesichter zu erkennen vermocht.
    Am Abende des Tages wurde ein ernster Lobgesang in der Kirche des heiligen
Veit gehalten. Diepold, die Herzogin, und alle Führer wohnten bei, und so viele
Krieger, als die Kirche zu fassen vermochte. Die Waldleute knieten in ihren
rauhen Gewändern auf dem Boden der Kirche.
    Als die Nacht anbrach, ging man, die Wurfdinge zu ergänzen, dass sie zum
Gebrauche wieder hergerichtet wären.
    An dem nächsten Tage begannen die Feinde nichts gegen die Stadt.
    Da der Abend gekommen war, liess Diepold die Führer rufen, und eröffnete
ihnen, wie er wisse, dass an dem Felde, auf welchem die Feinde gelagert seien,
sich eine Wiese befinde, die Sumpf und Moor habe, dass das Lager gegen die Wiese
weniger befestigt und bewacht sei. Er aber wisse einen festen Weg durch den
Sumpf und das Moor, und ein vertrauter Mann habe noch in diesen Tagen Rütchen
auf den Weg gesteckt. Er wolle in der Nacht mit einer Schar durch den Sumpf
gehen, und das Lager überfallen, und so viel Schaden tun, als er könne. Und wenn
er zurück ginge, wolle er die Verfolger in den Sumpf locken. Die Führer möchten
die Männer wählen, die sich zu dem Unternehmen melden. Um Mitternacht ist die
Versammlung bei dem Herzogstuhle.
    Die Führer entfernten sich.
    Als die Mitternacht gekommen war, standen die Männer an dem Herzogstuhle. Es
waren mehr als not tat. Diepold las sie aus, erklärte ihnen die Sache, und
sagte: »Unser Wort heisst: Wladislaw, und das Wort zur Umkehr heisst: Gertrud.«
    Hierauf gingen sie gegen das Tor, gefolgt von einem Häuflein Reiter, das
Jurik führte. Das Tor öffnete sich. Ausserhalb desselben stellte Diepold das
Häuflein Reiter auf. Dann ging er mit den Männern gegen die Wiese. Auf derselben
gingen sie gegen den Sumpf, und dann auf dem festen Wege in den Sumpf hinein.
Der Mann, welcher die Ruten gesteckt hatte, ging als Führer zwischen zwei
Kriegern mit. Sie kamen auf dem Wege bis an das Lager. Dort war eine Umzäunung
von Pflöcken, die in die Erde getrieben waren. Diepold hiess mit Brechstangen
Pflöcke ausheben. Die Werkleute schritten daran. Da lehnte der Schmied von Plan
seine Keule seitwärts, fasste einen Pflock mit seinen Händen, und zog ihn heraus,
dann einen zweiten, dann einen dritten, und so fort. Als er zwanzig ausgezogen
hatte, sagte Diepold, es sei genug, liess einen Pflock über der Umzäunung als
Zeichen erhöhen, und führte seine Männer durch die Lücke ein. Nach einer Weile
fanden sie drei Männer, die im Grase standen, und von denen sie nicht erkannt
wurden, sie nahmen dieselben mit. Bald gelangten sie zu Lichtern. Da scholl
ihnen entgegen: »Konrad.«
    Sie riefen: »Wladislaw«, und rannten gegen die Feinde.
    Da standen Wachen, sie wurden niedergeworfen. Dann standen wieder solche,
sie wurden wieder niedergeworfen. Dann kamen sie zu Gezelten, und wenn Männer
aus denselben eilten, oder von der Erde empor sprangen, wurden sie gestürzt,
oder weiter getrieben. Ein Schreien erhob sich, und pflanzte sich in das Lager
hinein fort. Diepold verbot, etwas anzuzünden, dass seine Schar von dem Scheine
nicht erhellt werde. Der Fliehenden wurden immer mehr, und wenn einige Haufen
sich widersetzten, wurden manche aus ihnen niedergestreckt, und die andern
zurückgedrängt. Diepold war stets hinter ihnen, und schlug sie, und es durfte
zwischen den Fliehenden und den Verfolgern kein Raum entstehen. So drang er in
das Wirrsal der Feinde, wie eine Meereswoge gegen den kiesreichen Strand dringt,
und alles mitnimmt.
    Da wurde in dem Lager ein Lichtschein in gerader Richtung. An dem Scheine
bewegten sich Lichter hin und wider, und glänzten Waffen. Die Feinde hatten eine
Reihe gebildet.
    »Gertrud«, rief nun Diepold.
    »Gertrud«, riefen die Männer sich zu.
    Und sie wendeten sich, und rannten gegen die Umzäunung zurück.
    Sie hörten hinter sich Kriegsruf und das Dröhnen von Schritten.
    Da kamen sie an ihre Öffnung, warfen den erhöhten Pflock herab, und drangen
hinaus. Sie gingen auf ihrem festen Wege in langer Zeile dahin. Bald hörten sie
hinter sich ein Geschrei, wie wenn jemand von Entsetzen ergriffen wird, dann
hörten sie Rufe der Weisungen und Mahnungen, und dann, wie sie immer weiter
vorschritten, hörten sie nichts mehr. Da sie an dem Rande der Wiese ankamen,
schollen zu ihrer Rechten Hufschläge, und an dem Tore fanden sie feindliche
Reiter mit den Reitern Juriks im Kampfe. Sie griffen von hinten an, die Feinde,
an den zwei Enden gedrängt, verwirrten sich, suchten seitwärts zu entkommen, und
litten Schaden, da die einen den Hang empor ritten und überschlugen, die andern
den Hang hinunter ritten, und stürzten. Diepold und Jurik verfolgten sie, wie es
möglich war, dann kehrten sie um, und gönnten ihren Kriegern die Ruhe des Teiles
der Nacht.
    Als der Morgen des nächsten Tages angebrochen war, sahen sie die Feinde in
ihrem Lager an der Wiese eifrig arbeiten. Bald sonderte sich ein Haufen Krieger
ab, und ging in Schiffen über die Moldau in den rechten Burgflecken. Ihm folgten
noch andere. Dann erhob sich Rauch an verschiedenen Stellen des Burgfleckens,
und Häuser brannten, und das Feuer wurde immer grösser, und die Einwohner
bestrebten sich, zu löschen.
    Die Männer auf den Mauern schrien: »Die Tiere, die Scheusale, die Wölfe,
wenn wir einen fangen, sollen wir ihn töten, und keiner, wenn Tausende in unsere
Hände kommen, soll das Leben behalten.«
    Leute aus der Stadt rannten herzu, und riefen: »Diepold, lasse uns hinaus
gehen, und sie morden, vernichten, vertilgen, und wenn es auch unser und aller
deiner Krieger Tod wäre.«
    »Wir werden hinaus gehen, wie wir in der heutigen Nacht hinaus gegangen
sind«, sagte Diepold.
    Die Herzogin ritt herzu. Sie war im Waffenkleide, ihr goldenes Haar deckte
ein glänzender Helm, und in der Hand hatte sie ein gezogenes Schwert. Hinter ihr
ritten mehrere Herren des Hofes und andere Männer. Alle waren bewaffnet. Neben
ihr ritt Dimut in ihrem gewöhnlichen Waffenkleide.
    »Diepold«, rief die Herzogin, »ich bringe Krieger, und werde noch mehrere
bringen, ich will eingereiht sein unter die Verteidiger der Stadt.«
    »Hohe Herzogin«, sagte Diepold, »es geschehe nach deinem Sinne.«
    Nun kamen auch Männer und Jünglinge der Stadt, und verlangten unter die
Verteidiger aufgenommen zu werden.
    Diepold sagte es zu, und wies sie an Plätze zur Einteilung.
    Erst gegen den Abend sänftigte sich das Feuer, und in der Nacht wurde ihm
Einhalt getan.
    Am vierten Tage darnach kamen die Feinde wieder gegen die Mauern. Sie waren
um viele mehr als das erste Mal, und führten eine grosse Zahl von Wagen mit sich,
auf denen Erkletterungsgeräte, Leitern, Schilde, Bergen, Dinge, um den Boden zu
erhöhen, und anderes waren. Eine grössere Menge von Bogenschützen war
aufgestellt, eine grössere Menge von Männern rannte gegen die Mauern, und sie
suchten mit grösserer Heftigkeit und grösserer Eifrigkeit empor zu dringen. Aber
die Verteidiger waren auch schneller und unermüdlicher, in dichter Menge
stürzten die Abwehren hinunter, in ununterbrochener Reihe flogen die Geschosse
hinaus, und wenn man die Krieger wechseln wollte, liessen sie es nicht zu. Aus
der Stadt rannten Menschen herbei, und trugen in ihren Händen oder in ihren
Kleidern Steine, Ziegel, Eisen, Blei, dass es auf die Feinde geworfen würde, wenn
etwa der Vorrat der Krieger nicht ausreichen sollte. Die Herzogin war mit ihrer
Schar auf den Zinnen, und eines Augenblickes ritt sie auch zu allen Kriegern.
Ihre Augen waren glänzender und ihre Wangen röter als sonst. Dimut folgte ihr,
und auch ihre Augen waren glänzender und ihre Wangen röter. Sie kam zu Jurik,
der die Seinigen befehligte, sie kam zu Chotimir, der unter seinen Männern war.
Sie grüsste und wurde gegrüsst. Sie kam zu Diwis, der seine Balkengerüste ordnete.
Er grüsste sie ernst. Sie kam zu Lubomir, der unter seinen Zupenleuten stand, und
dicke Bolzen versendete. Er neigte sich ehrerbietig. Sie kam zu Bolemil. Er sass
neben der grossen Schleuder, und befehligte. Seine Haube war ihm entfallen, und
seine weissen Haare glänzten in der Luft. Er neigte sein Haupt vor der Herzogin,
und fuhr fort zu befehlen. Sie kam zu dem Bischofe, der seine Männer leitete.
Sie kam zu Milota. Sie kam zu den Waldleuten. Rowno trat einen Augenblick vor,
zu grüssen. Die Männer des Waldes warfen Dinge gegen die Feinde, von denen man
glaubt, dass sie von Menschenhänden nicht zu bewältigen sein könnten. Sie kam zu
dem jungen Ben, zu Zdeslaw, Casta, und den weitern. Die Feinde mussten von ihrem
Beginnen ablassen, Diepold verfolgte sie mit grossen Scharen, und tötete viele,
und ein Wehegeschrei und ein Geschrei des Zornes war unter den Verfolgten und
Verfolgern.
    Nun begannen die Feinde andere Arbeiten in ihrem Lager. Sie machten Wälle,
Bollwerke und Gräben gegen die Stadt, als wollten sie gegen die Veste eine
zweite Veste errichten. Sie bauten Bergen aus Balken und Bäumen, und arbeiteten
hinter den Bergen. Und wenn ein Werk aus Erde fertig war, so schoben sie die
Bergen näher gegen die Stadt, und vergrösserten das Werk. Sie gruben auch Gräben
mit Wällen, um sich in den Gräben der Stadt zu nähern.
    Diepold liess seine Mauern verbessern. Die Männer mauerten an schwachen
Stellen eine zweite Mauer hinter der ersten, Verbalkungen, Bergen, Schutzwerke
und neue Schleuderwerke wurden erbaut, und die Zimmerer, Schmiede, Pechgiesser,
Waffenmeister, Flechter, Pfeil- und Lanzendreher und alle, die in Pflicht
genommen waren, arbeiteten rastlos.
    Mit Greifzangen liess Diepold Geräte und Dinge, welche die Feinde an den
Mauern gelassen hatten, herauf nehmen, und was man nicht herauf nehmen konnte,
wurde durch Feuer zerstört.
    Alle Wurfdinge, welche tauglich erachtet wurden, sandte man gegen die
Feinde, und sie sandten ihre Wurfdinge gegen die Stadt. Und oft ging Diepold mit
Kriegern aus den Seinigen aus der Stadt, und kämpfte in dem Felde. Wenn er eine
Stelle erkundigt hatte, die ihm eines Angriffes wert erschien, machte er mit
Kohle eine Angriffszeichnung auf dem Tische, erklärte den Seinigen die
Zeichnung, und brach dann mit einer Schar aus dem Tore, überfiel die Stelle auf
Wegen, die ihm bekannt waren, und schlug mit Lanzen, Spiessen, Keulen,
Schwertern, Messern, was diese Waffen erzwingen konnten, und drängte mit Kraft
gegen den Feind, so stark sie die Seinigen zu erregen vermochten. Die Männer
fassten sich so nahe, als sie sich fassen konnten, an Riemen der Rüstungen, an
Säumen der Gewänder, mit den Armen an den Armen, Brust gegen Brust, Körper an
Körper, wie wütende kämpfende Brüder, wie Söhne der nämlichen Fluren, die mit
Söhnen der nämlichen Fluren kämpfen. Und nach dem Kampfe eilte er wieder mit den
Seinen in die Stadt.
    So dauerte es eine Zeit.
    Endlich stellten die Feinde ihre grossen Geräte, die sie zusammen gebracht
oder neu gebaut hatten, und die Diepold nicht hatte hindern können, in die
Erdwerke gegen die Mauern, die gegen sie befestigst worden waren. Und nun
begannen sie die grössten Wurfdinge gegen die Mauern zu schleudern, um sie zu
zertrümmern. Von kleineren Geräten sandten sie Geschosse gegen die Verteidiger
der Zinnen. Diepold sandte seine grossen Geschosse gegen die Werke der Feinde,
und die kleinen gegen die Angreifer. Wenn sich an einem Platze die Mauer zu
lockern begann, liess er Rahmen mit Geflechten über die Stelle hängen, und wenn
die Geflechte sich zerfaserten, erneuerte er sie, und wenn die Feinde gerade
dahin ihre Würfe richteten, liess er dicke Stierhäute hinab, und brachte immer
neue solche Häute.
    Und die Nacht unterbrach nicht die Bemühungen, sie dauerten fort, und
dauerten Tage und Nächte, und wenn kurze Fristen eintraten, so endeten sie bald
wieder, und der Drang, zu gewinnen und zu verteidigen, kam mit erneuerter Kraft
an ihre Stelle.
    Die Führer, der alte Lubomir, der alte Diwis, Wsebor, Preda gaben sich der
Sache hin, der alte Bolemil gab das Teilchen seiner Tage, die ihm noch gegeben
waren, preis, die Äbte waren da, der Bischof Otto, und Jurik und Gervasius und
Nemoy und alle andern. Die Krieger wurden in ihren Anstrengungen abgelöst, die
Führer nicht.
    Die Herzogin befehligte ihre Schar Kriegsleute wie ein Mann, sie leitete mit
Diepold die ganze Verteidigung. Dann ging sie zu den Kriegern, und sprach mit
ihnen. Dimut war bei ihr. Sie liess oft, wenn die Mauer Schaden litt, durch hinab
gelassene Pechpfannen und andere Dinge Rauch erregen, und die Männer arbeiten.
Fast alle Menschen der Stadt halfen bei der Verteidigung. Die Pflege der
Verwundeten ging ununterbrochen fort.
    Der Priester aus dem Zupenhause von Daudleb war stets bei Lubomir. Er suchte
keine Bergen auf, sondern er führte hier einen Verwundeten abseits, um ihn zu
verbinden, er trachtete dort etwas herbei zu schaffen, das man bedurfte, er
sprach einem, der gestürzt war, Trost in das Angesicht, oder in die Ohren, wenn
seine Augen aus Schwäche schon geschlossen waren, oder er suchte sonst Beistand
zu leisten, wie er konnte.
    Endlich griff man zu dem Feuer. Die Feinde sendeten brennende Pfeile,
glühendes Eisen, lodernde Pechkugeln und andere Zündstoffe gegen die Zinnen, um
Brand zu erregen, oder die Männer zu schädigen. Diepold liess brennendes Harz,
ölgetränkte brennende Ballen, glühende Metalle, flammende Balken und ähnliches
in die Werke der Feinde werfen. Und wenn auf den Zinnen Feuer aufloderte, liess
man es durch nasse Zottentücher, Sandsäcke, Wassergüsse oder, wie man konnte,
löschen. So taten auch die Feinde.
    Es war eine Schleuder in den Belagerungswerken, welche ungemein grosse Steine
warf, und die Mauer so beschädigte, dass man dieses kaum auszugleichen vermochte.
Da las Diepold eine Schar der Seinigen aus, und da einmal in der Nacht das
Stürmen sehr gross war, ging er mit ihnen, die Leitern Äxte und Hauen trugen, aus
der Stadt, führte sie in dem Getobe gegen die Schleuder, und begann, ehe die,
welche bei dem Werke waren, es ahnten, die Verwallung zu stürmen, erkletterte
sie, drang vor, kam zu der Schleuder, und der Schmied von Plan, David der
Zimmerer, dann Stephan der Wagenbauer, dann Kaspar von dem schwarzen Bache, dann
Witek von Decin und Wok von Gradec hieben mit Äxten gegen die Planken, Balken
und Stangen der Schleuder, dass die Späne flogen, und alles gelockert und
gefasert wurde. Da tat der Wollweber Christ Severin Feuer hinzu, dass bald das
Holz in Flammen empor brannte. Die Feinde mischten sich in die Schar Diepolds,
wehrten sich des Angriffes, Mann kämpfte gegen Mann, und mit der Spitze des
Schwertes, mit der Handhabe desselben, mit Äxten, Keulen, Spiessen und Stangen
hieb, stach, stiess und schlug man in die Glieder der Männer. Über manche Augen
sanken die Schatten des Todes, und über manche kam seine Finsternis, dass sie
Vater und Mutter und Geschwister und Heimatgenossen nie mehr sehen werden, und
andere sanken mit zerschmetterten Gliedern oder schweren Wunden in das Wirrsal
der Menschen nieder. Osel blutete an zwei Stellen, Grup von Wettern an drei, es
bluteten Wolf von Winterberg, Branis von Rowna und Luta und Radim von Daudleb.
Simon, ein gewaltig gross gewachsener Mann vorn Reutschlage, lag mit entzwei
gehauener Hirnschale da, und Pet von Saaz, ein Mann Diwis', lag mit einer
breiten Spalte in der Brust. Da die Schleuder überall lohete, rief Diepold die
Seinigen zur Sammlung zu sich, und da sie ihn erreicht hatten, gingen sie fast
rücklings stets kämpfend gegen den Rand des Werkes zurück, und als sie zu
demselben gekommen waren, glitten sie schnell hinab, und suchten auf einem Wege,
der ihnen mehr als den Feinden bekannt war, die Stadt zu gewinnen. David der
Zimmerer und Kaspar vom schwarzen Bache trugen den toten Simon, Pet von Saaz ist
bei den Feinden liegen geblieben.
    Am nächsten Tage flogen die grossen Steine der grossen Schleuder nicht mehr
gegen die Stadt, auch die andern waren sparsamer. Und nach einiger Zeit kam Ruhe
von den Angreifern und den Verteidigern. Aber in der Ruhe rüsteten sich beide
Teile wieder mit Eifer zu ihrem Werke, und es war nicht zu erkennen, wie alles
endigen würde.
    Da diese Dinge in Prag geschahen, ritt der Herzog Wladislaw mit seiner Schar
auf dem Wege gegen den Abend des Landes weiter.
    Es kamen von beiden Seiten Männer herzu und vermehrten die Schar. Es kamen
von Zupenhöfen Leute, die dort noch entbehrt werden konnten, und es kamen
Abgeordnete von den Zupanen, welche um die Dinge fragten, und Zuzug anboten. Und
auch mancher kleine Wladyk und andere Mann kam herzu. Der Herzog ordnete an, dass
sich Krieger sammelten, wie sie könnten, dass sie dann harrten, bis er wieder
nach Prag zöge, und dass sie sich anschlössen.
    Es wurde die Verheissung gemacht.
    Als der Zug des Herzoges am dritten Tage des Abends auf dem ebenen Wege
durch den Föhrenwald gegen den Ort Mies ritt, sahen die Krieger einen andern
Zug, der auf einem Waldwege daher kam, und ihren Weg in einem geraden Kreuze
schnitt. Dieser Zug ging sehr langsam, und die Männer, welche ihn bildeten,
waren in dunkle weite Gewänder gekleidet. Die Reiter des Herzoges Wladislaw
ritten näher hinzu. Die Männer in den dunkeln Gewändern ritten auf ihrem Wege
immer zu dreien. Endlich kamen starke Saumpferde in dunkelgrauem Sammet. Die
Saumpferde trugen auf einer Bahre eine lange Truhe, über welche ebenfalls
dunkler grauer Sammet mit Silberzierden gebreitet war. Den Saumpferden folgten
wieder Saumpferde, die eine andere ganz gleiche Truhe trugen.
    Da sagte Stran, ein Mann des blauen Fähnleins: »Ich kenne die Lilienblumen,
die auf dem Sammet sind. Der Leche Nacerat hat sie auf manchen Dingen gehabt,
wie die Sitte jetzt wird.«
    »Dort reitet hinter den Säumern Znata, der Bruder Nacerats«, sagte Dihus,
ein anderer Mann.
    »Sie führen die Leichname Nacerats und seines Sohnes in die Länder, die sie
besessen haben, dass sie dort begraben werden«, sagte Mil, ein dritter Mann.
    Der Herzog Wladislaw und Zdik und Welislaw waren ganz nach vorne gekommen,
und sahen den Zug an.
    Da rief Times, ein Begleiter Welislaws: »Reisset das Aas aus seiner schönen
Truhe, und werfet es den Vögeln des Waldes hin. Da es noch in den prächtigen
Kleidern ging, hat es Unheil gestiftet, und ist schuld, dass tausend Menschen ihr
Leben verloren, dass Städte und Dörfer rauchen, dass Felder dorren, dass Prag
zerstört wird, dass Menschen nach Menschen umkommen, und der Herzog Wladislaw als
Bitter in die Fremde reiten muss.«
    Der Herzog aber antwortete auf diese Rede: »Nacerat hat viel gewirkt, und
hat Böses getan; jetzt ist er ein Mann der Ruhe, und die Wandelbarkeit der
menschlichen Dinge hat ihn getroffen. Einige verwünschen ihn nur noch; die hier
um ihn sind, lieben ihn, wir haben nichts zu tun, stört sie nicht in ihrem
Werke.«
    Die Reiter Wladislaws blieben ruhig stehen. Die Männer in den dunkeln
Gewändern zogen an ihnen vorüber, sahen sie an, und ritten ihres Weges weiter.
Da die letzten drei hinter den Föhren waren, und nicht mehr gesehen werden
konnten, setzte Wladislaw die Seinigen wieder in Bewegung, und sie ritten in
ihrer Richtung gegen Sonnenuntergang fort.
    Da sie Mies erreichten, und den Berg gegen den Ring des Ortes hinan
strebten, brannten schon die Lichter, und sie wurden von vielen Menschen
empfangen.
    Wladislaw zog von Mies auf schmalen Wegen durch Felder und Heiden und Wälder
weiter, bis er bei der deutschen Stadt Amberg wieder zu dem grossen Heerwege
gelangte.
    Am fünfundzwanzigsten Tage des Monates Mai kam er vor Nürnberg an.
    Die grüne Ebene im Mittage der Stadt war weitin mit Gezelten bedeckt, und
Banner und Fähnlein und Wimpel weheten über denselben: Banner von Kurherren, von
Erzbischöfen und Bischöfen, von Herzogen, Fürsten, Herren, Rittern und Städten.
Eine Menge von Menschen war da in Rüstungen, in schönen Gewändern und in
veralteten Wämsern und in Lumpen.
    Da die Schar der böhmischen Männer herzu geritten war, kamen Lagermeister,
und zeigten ihnen einen Platz, auf dem sie sich einrichten könnten. Es kam auch
ein Geschwader von Herren und Rittern, namens des Königs den Herzog Wladislaw zu
begrüssen. Der Herzog dankte ihnen, und sie ritten wieder fort.
    Nun wurden die Saumtiere entladen, man sendete zu den Männern, die auf den
Feldern ihre Verkaufsgerüste aufgeschlagen hatten, um Dinge, die man brauchte,
zu erhandeln, und es wurde zur Errichtung des Lagers geschritten.
    Der König sendete einige Männer zu dem Herzoge, um ihr Geleite und ihre
Dienste anzubieten. Zu Witiko kam Wolfgang von Ortau, ein junger Ritter, der
Sohn Anselms von Ortau, eines Herren aus der Wetterau, der bei allen Zügen
Konrads gewesen war. Er bot Witiko Genossenschaft und Dienste an. Witiko empfing
sie, und sagte, er werde sie erwidern, wenn Wolfgang zu ihm käme.
    Da die Gezelte des Herzoges Wladislaw, des Bischofes Zdik und andere
aufgerichtet standen, und da der Herzog mit den Seinigen festlichere Gewänder
angezogen hatte, ritt er mit dem Bischofe Zdik und mit Welislaw, Odolen, Witiko,
und den Kaplänen, mit einem Geleite der Seinigen, und mit dem Geleite, das der
König Konrad gesendet hatte, in die Stadt Nürnberg und durch die Stadt in die
Burg zu dem Könige Konrad empor.
    Zdik, Welislaw, Odolen, Witiko und die andern Männer der beiden Geleite
blieben in Gemächern der Burg; Wladislaw aber ging in die Stube des Königs, und
blieb eine Stunde bei ihm. Dann kam er wieder zu den Seinigen, sie begaben sich
in den Burghof, bestiegen die Pferde, und ritten in das Lager zurück.
    Des andern Tages tönten die Zeichen zu einer Versammlung in der Kaiserburg.
Die Herren zogen von dem Lager in die Stadt. Der Herzog Wladislaw ritt mit einem
festlichen Gefolge, und mit Zdik und Welislaw und Odolen und Witiko und den
Kaplänen in schönen Gewändern dahin. Neben Witiko ritt Wolfgang von Ortau. Sie
sahen unzählige Menschen an ihrem Wege. Sie ritten in die Burg hinauf, und
ritten durch das Tor neben dem alten Heidenturme in den Hof. Da sahen sie eine
Linde inmitten des Hofes, welche schon hundert Jahre stand, und welche von der
Kaiserin Kunigunde gepflanzt worden war. Bei der Linde stiegen sie von den
Pferden, und die Pferde wurden auf einen Platz vor der Burg geführt, um dort zu
harren. Die Männer aber stiegen die Treppe zu den Gemächern an dem Kaisersaale
empor. Da man sich sammelte, und da die Geleite harreten, stand Witiko mit
Wolfgang an einem Fenster gegen den Hof, und Wolfgang zeigte ihm die
Ankommenden, und sprach: »Siehst du, der Mann in den veilchenfarbnen Gewändern
mit den grauen Haaren, dem man jetzt an der Linde von dem milchweissen Zelter
hilft, ist Albero, der Erzbischof von Trier, der dem Könige Konrad in dem ersten
Sachsenkriege mit Wein einen grossen Dienst geleistet hat. Der andere in dem
vergoldeten Harnische mit dem Kreuze ist Markolf, der Erzbischof von Mainz. Er
ist immer schnell, und wird Albero auf der Treppe einholen. Die zwei, die jetzt
in schimmernder Rüstung beim Tore herein reiten, sind der Markgraf Hermann von
Baden und der Pfalzgraf Hermann am Rheine. Der auf dem schwarzen Pferde ist der
Pfalzgraf. Der Mann auf dem Maultiere, der ihnen ausweicht, und der den breiten
Hut trägt, und um den Priester sind, ist der Schwabe Dietwin, der Kardinal, den
der Papst Innozenz nach Deutschland gesendet hat. Er hat unsern König Konrad am
dreizehnten Tage des Monates März im Jahre des Heiles 1138 gekrönt. Der ist der
nämliche Kardinal, der vor Jahren den Bann über Konrad ausgesprochen hat. Nun
kömmt mit seinen bunten Leuten Ludwig, der Landgraf von Türingen, den sie den
Eisenmann heissen. Er sitzt sehr aufrecht auf seinem Pferde. Wenn wir von seinen
Leuten die andern, die kommen, wieder sehen, werde ich sie dir nennen. Der nun
durch Reisige und Priester von seinem Pferde gehoben wird, ist Egibert, der
Bischof von Bamberg, und der noch auf dem braunen Zelter sitzt, mit den weissen
Haaren unter dem Helme und dem Harnische über dem Priestergewande, ist Embriko,
der Bischof von Würzburg. Die alle werden in dem Zuge gegen Böhmen mitgehen. Sie
sind nicht immer so zahlreich gekommen. Vor vier Jahren ist es noch anders
gewesen. Da der König Konrad im Beginne seiner Herrschaft auf dem Hoflager in
Augsburg war, kam der stolze Herzog Heinrich von Baiern mit so grossen
bewaffneten Scharen, dass der König in der Nacht vor ihm entfliehen musste. Auch
auf den Hoftagen zu Würzburg und zu Goslar zauderten sie noch; aber der König
Konrad, von dem neuen Geschlechte der Hohenstaufen, konnte sich eine solche
Würde geben, und gewann solche Macht, dass sie endlich fast alle zu ihm gingen.
Euer gestorbener Herzog Sobeslaw ist frühe an seiner Seite gewesen. Mein Vater
hat ihm vom Beginne treu gedient. Der auf dem goldlichten Pferde dort ist der
reiche Graf von Namur, und der im blauen Gewande der Graf von Kleve. Da kommen
die von Zütphen und Rineck, und der dort auf dem schwarzen Zelter mit Männern
herein reitet, ist der Bischof von Utrecht. Er ist zumeist der letzte. Und wenn
auch noch Leute herein dringen, so ist es Zeit, dass wir in den Kaisersaal gehen,
weil dort jetzt die Sammlung sein wird.«
    Und Witiko und Wolfgang traten in den Kaisersaal.
    Der Saal war mit Männern gefüllt. Die Geleite, welche sich sehr drängten,
wurden nun verabschiedet, und entfernten sich. Die Herren suchten sich an einem
Tische zu ordnen.
    Wolfgang sagte zu Witiko: »Siehe den Mann dort an dem ersten Fenster, der
nicht zu gross ist, und die lichten Haare um die Stirne hat: der ist jetzt ein
sehr gewaltiger Mann, wenn auch sein Vater Büren, obgleich von edlem Stamme,
doch im Beginne selber nur ein edler Mann war. Er ist der Herzog Friedrich von
Schwaben, der Sohn der Agnes, die noch auf dem Kahlenberge bei Wien lebt, der
Tochter des Kaisers Heinrich des Vierten, er ist der Bruder unsers Königes
Konrad, und der Stiefbruder der Kinder des gestorbenen frommen Markgrafen
Leopold von Österreich, also auch eurer Herzogin Gertrud, und also der Schwager
deines Herzoges Wladislaw. Der mit dem schwarzen Ritter spricht, und die blauen
Augen und die blonden Haare und den jungen blonden Bart hat, den einige einen
Helden nennen, weil er schon Männer siegreich geführt hat, ist Friedrich, der
Sohn des Herzogs von Schwaben, den sie den Rotbart nennen. Der dort am Ende der
Bank, mit dem Rücken an der Vertäflung, ist Arnold, der Erzbischof von Köln, und
der Blonde, der mit ihm spricht, ist Otto, der Bischof von Freisingen. Er ist
ein Sohn der Agnes und des frommen Markgrafen Leopold, und also ein Halbbruder
unseres Königs. Man sagt, dass er auf alle Begebenheiten der Welt achtet, und sie
aufschreiben will. Sein Bruder Heinrich, der Markgraf von Österreich, setzt sich
eben schräghin von uns an den Tisch.«
    Die Herren setzten sich nun alle an den Tisch. Ordner wiesen Witiko und
Odolen und Welislaw und Ortau und andern Männern einen Platz auf der Bank des
Wandgetäfels.
    Nun trat der König Konrad mit Geleite des Hoflagers in den Saal, und begab
sich auf die kleine Erhöhung, die an dem Tische für ihn errichtet war. Er hatte
den Kaiserrock an seinem Leibe, und seine Gestalt, die nicht zu gross und nicht
zu klein war, konnte von allen gesehen werden. Um seine Stirne waren blonde
Haare, und seine blauen Augen blickten auf die Versammlung.
    Da es stille geworden war, sprach er: »Hochehrwürdige und hocherhabene
Herren der Erzbistümer, Bistümer, Stifte und Kirchen, dann der Herzogtümer, der
Markgrafschaften, Grafschaften, Gaue, Burgen und Städte, seid in Gott gegrüsst.
Es sei sein Segen über euern Häuptern, und Gedeihen in unserer Zukunft. Das
Reich schuldet euch Dank, dass ihr zu dessen Macht und Stärke in so grosser Zahl
auf den Reichstag in diese alte und ehrwürdige Stadt, und heute zu seinem
Schlusse gekommen seid. Das auf diesem Reichstage geschlichtet werden musste,
habt ihr zu Nutz und Frommen geschlichtet. Die grosse Sache, die nach dem Tode
des im Himmel seligen Kaisers Lotar in das Reich gekommen ist, der Streit wegen
der Herzogtümer Baiern und Sachsen, ist beendet. Der junge Heinrich, der Sohn
des Herzoges Heinrich von Sachsen und Baiern, ist mit Sachsen begabt worden,
Baiern wird vergeben werden, wie es Nutz und Recht einmal verlangt. Die
Geschlechter, die sich bekämpft, sind vereinbart: zwischen Gertrud, der Witwe
Heinrichs des Herzoges von Sachsen und Baiern, und zwischen Heinrich, dem
Markrafen von Österreich, ist ein heilig Band vorbereitet, und wird bald
geschlossen werden. Ihr habt alle mitgewirkt, und Markolf, der hochehrwürdige
Erzbischof von Mainz, hat seines Friedensamtes gewartet. Aus dem Streite sind
die Kaiserin Richenza und Heinrich, der mächtige Herzog von Sachsen und Baiern,
und Leopold, der junge Markgraf von Österreich, zu Gott gerufen worden, und
werden dort von unserem Tun billigen, was zu billigen ist. Zu der Herrlichkeit
des Reiches ist nun noch eines nötig, dazu ihr nach euerm Wunsche und meiner
Meinung die Vorbereitungen gemacht habt, und das jetzt in Erfüllung gehen kann.
Wladislaw, der Sohn Wladislaws des vorvorigen Herzoges von Böhmen und Mähren,
ist als Herzog der Länder Böhmen und Mähren anerkannt worden. Nun aber nennen
die Fürsten in Mähren und viele reiche und grosse Herren der Länder Böhmen und
Mähren Konrad von Znaim ihren Herzog, sie stehen mit Kriegsmacht vor der Stadt
Prag, und höhnen das Reich. Es ist also an dem, dass sie vertrieben, und die
Anerkennung aufrecht erhalten werde. Wladislaw, der Herzog von Böhmen und
Mähren, und der hochehrwürdige Bischof von Olmütz, Zdik, sind gekommen, und
sagen, dass es an der Zeit ist.«
    Der König schwieg.
    Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, aber sprach: »Hochehrwürdige
Männer der Kirche, erhabene Fürsten des Reiches. Am vierten Tage des Monates
Hornung des Jahres 1140 bin ich auf dem Schloss Wysehrad von einer Versammlung
der hohen und niederen Herren der Länder Böhmen und Mähren auf den Fall des
Todes des Herzoges Sobeslaw, der in Hostas Burg krank lag, zum Herzoge von
Böhmen und Mähren gewählt worden. Am zwölften Tage des Monates Hornung hat der
kranke Herzog Sobeslaw zu seinem Sohne Wladislaw, der vor mir auf einem Tage zu
Sadska als künftiger Herzog von Böhmen und Mähren bestimmt worden war, gesagt,
dass er sich mir unterwerfen solle. Am vierzehnten Tage des Monates Hornung ist
der Herzog Sobeslaw gestorben. Am siebenzehnten Tage des Monates Hornung des
Jahres 1140 bin ich in Prag auf den heiligen Fürstenstuhl gesetzt worden. Meine
Herrschaft hat begonnen und gedauert. Da der Frühling des Jahres 1142, dieses
jetzigen Jahres, herannahte, haben viele der Herren der Länder Böhmen und
Mähren, welche mich auf dem Wysehrad gewählt hatten, und viele andere reiche und
mächtige Herren wieder einen Herzog gewählt, den Nachkommen Premysls, Konrad,
den Fürsten von Znaim. Sie haben auf ein Pergament geschrieben, was er ihnen
zugestehen muss, wenn sie ihm helfen. Im Monate April kamen ihre Krieger nach
Böhmen. Ich habe in der Schlacht auf dem Wysoka die Entscheidung nicht erreichen
können, weil Verräter in meinem Heere waren. Meine treuen Männer stehen nun um
den Fürstenstuhl in Prag gegen die Belagerer. Was ein grosses Heer, das schnell
das Ende bringt, an Geld und Gut auch erheischt, das können die Länder Böhmen
und Mähren leichter tragen als einen langen Krieg, der Menschen hinrafft und die
Ordnung umstürzt. Und so rufe ich um Beistand, wie ich wieder einmal Beistand
gebe, wenn man ruft.«
    Als der Herzog seine Worte geendet hatte, sprach Markolf, der Erzbischof von
Mainz: »Weil der Stab des heiligen Erzstiftes Mainz in den christlichen Dingen
über die Länder Böhmen und Mähren waltet, so achte ich es erlaubt, dass ich der
erste nach dem erlauchten Herzoge in der Sache dieser Länder die Rede ergreife,
und sage: Damit in dem Lande Böhmen im Gebüsche des Heidentumes der göttliche
Glaube empor wachse, und damit es aufhöre, dass sie mehrere Weiber nehmen, und
Sippen heiraten, das Eheband auflösen, heilige Haine, Bäume und Vögel haben, zu
den Diasen und Wilen beten und Götzenopfer bringen, heidnische Dinge auf
abgelegenen Gräbern üben, und Wahrsager, Zeichendeuter und Zauberer in dem Lande
haben, damit gefestigte Pfarrstellen, wie oft geboten, errichtet werden, dass sie
die Sonntage und Feiertage feiern, und die Fasttage halten, und dass nur der
Heiland in dem Lande herrsche, dazu muss der Frieden und die Ordnung aufgebaut
werden, und müssen die, welche gegen die gottgefällige Macht die Waffen führen,
niedergeworfen werden, dass sie gleiches für jede künftige Zeit nicht mehr
versuchen, und fortin die gerechte Herrschaft das Frommen und das Gedeihen
erstreben kann. Darum habe ich meine Ritter und meine Männer zu dieser Stadt
geführt, und gehe mit ihnen zum Kampfe.«
    Als der Erzbischof Markolf geredet hatte, sprach Arnold, der Erzbischof von
Köln: »Es ist in den heiligen Pergamenten verzeichnet, wie die frommen
griechischen Brüder Cyrillus und Metodius in alter Zeit in das Land Mähren zu
dem Fürsten Rastislaw gekommen sind, und wie Cyrillus wunderbare Buchstaben
erfunden hat, welche die Laute der slawischen Sprache ausdrückten, und wie er in
dieser Sprache die heiligen Bücher aufschrieb, und wie er die Slawen bekehrte,
und wie der gottselige Papst Hadrianus die Lehre des Cyrillus und Metodius als
die rechtgläubige erklärt hat. Darum sind die Mährer schon länger Christen
gewesen als die Böhmen, und sie übten Gottesdienst und Frömmigkeit. Dass es nun
in Böhmen auch so werde, und dass die beiden Länder in die gleiche heilige Zucht
gelangen, und dass das glänzende Licht, welches von dem Erzstifte Mainz über
diese beiden Länder gehalten wird, immer gleich leuchte, muss, wie der fromme
Erzbischof von Mainz gesagt hat, die Ordnung und der Frieden aufgerichtet
werden, ich habe meine Herren und Männer hieher geführt, und ziehe mit ihnen in
den Streit.«
    Dann sagte Albero, der Erzbischof von Trier: »Und wenn mein Bruder in Gott,
der hochehrwürdige Erzbischof von Mainz, in dem Streite wegen der Herzogtümer
Sachsen und Baiern seines Friedensamtes gewaltet hat, so habe ich auch in
Sachsen einen kleinen Dienst getan, und der heilige Glaube soll in allen Ländern
stets sieghafter sein, und ich bringe meine Streiter, und was sonst not tun
sollte, in den Krieg.«
    Nun erhob Ludwig der Eiserne, der Landgraf von Türingen, seine Rede, und
sprach: »Vor dreizehn Jahren sind die Deutschen von böhmischen Kriegern bei
Chlumec geschlagen worden, und mehrere hundert edle Männer, darunter der Vetter
des Kaisers, Gebhard von Querfurt, und der Graf Milo von Ammensleben, und der
Graf Bertold von Achem, und Tausende der tapferen Krieger haben das Leben
verloren, und viele sind in Gefangenschaft geraten: der Markgraf Albrecht der
Bär und der Bischof von Merseburg und der Bischof von Halberstadt, und Äbte und
Grafen und Herren. Es ist seitdem kein Heer der Deutschen in das Land Böhmen
gekommen, und es ist an den Männern, die bei Chlumec gewesen, und an denen, die
nachher gekommen sind, dass sie den Böhmen zeigen, wie der Deutsche kriegt, und
sein Schild über ihrem Lande hält. Ich habe meine Pflichtigen anher geführt.«
    Darauf sagte Heinrich, der Markgraf von Österreich: »Der Herzog Sobeslaw,
gegen den damals der Kaiser Lotar von dem schwarzen Otto trügerisch aufgehetzt
worden ist, ist im Siege mässig gewesen, er ist im Jahre darauf mit mehreren
tausend Reitern zu dem Fürstentage Lotars nach Merseburg gekommen, und hat
Gaben gebracht, und wieder um ein Jahr hat der Kaiser Lotar das Söhnlein
Sobeslaws aus der Taufe gehoben, und Sobeslaw hat zu den zwei Romfahrten des
Kaisers Reiterscharen gestellt, und die Fürstentage des Kaisers besucht, und er
hat dem erlauchten Könige Konrad Zuzug nach Sachsen geleistet. Der jetzige
Herzog Wladislaw ist mit seiner Gemahlin zu dem Könige Konrad nach Würzburg
gegangen, ist bei Reichstagen gewesen, und ist jetzt um einen Bund hier, für den
er Dank verspricht. Ich meine, das Reich soll wie aus anderer Rücksicht so auch
aus Rücksicht der Freundlichkeit mit Böhmen umgehen, und dadurch die eigne
Stärke mehren. Ich habe, was ich an Leuten und Kriegsbedarf vermochte, nach
Nürnberg gebracht.«
    Nach dem Markgrafen von Österreich sprach Friedrich, der Herzog von
Schwaben: »Das Reich soll zu andern Rücksichten auch die Rücksicht als Schirm
der Christenheit tragen, dass es nicht die böse Lehre des Aufruhrs duldet. Mein
Stamm steht zu dem Rechte, wie mein Vater zu dem Kaiser Heinrich gestanden ist,
und ich stelle, was Schwaben vermag, zum Streite.«
    »Und ich meine«, rief jetzt der Pfalzgraf am Rheine, »die Rücksicht ist die
Macht und die Herrlichkeit und das Ansehn des Reiches.«
    »Das Reich, das Reich, das Reich«, riefen mehrere Stimmen.
    »Es soll das Reich nicht geschädiget, es soll als das Höchste geachtet
werden, was da besteht«, rief der Graf von Kleve.
    »Es ist das Höchste, und muss so angesehen werden«, rief der Graf von Rineck.
    »Keine Schmälerung ist zu dulden«, rief Rudolph, der Graf von Stade.
    »Keine Schmälerung, keine Schmälerung«, riefen mehrere Stimmen.
    »Und die Ordnung muss in jeder Mark hergestellt werden, und sohin auch in der
gegen Polen«, rief Konrad von Meissen.
    »Die Ordnung soll sein, und die Kurherren, und die Kirche, und die Fürsten,
und die Stifte und die Städte sollen die Wächter sein«, rief der von Zütphen.
    »So ist es«, »so soll es immer sein«, »gedenkt es«, »so ist es«, »so ist
es«, »so tut es«, riefen mehrere Stimmen durcheinander.
    Da es stille geworden war, sprach Embriko, der Bischof von Würzburg: »Es
sind alle die angeführten Ursachen giltig und aufrecht, wir bedenken sie, und
ziehen in die gerechte Entscheidung.«
    »Und der Herr wird sie segnen, wie er die Kämpfe für den heiligen Glauben
und für die Schirmmacht des Reiches gesegnet hat«, sagte der Abt von Hirschfeld.
    Dann erhob Wallram, der Herzog von Niederlotringen, seine Rede, und sprach:
»Weil wir nach den Übereinstimmungen zu dieser Stadt Nürnberg mit unsern Männern
gekommen sind, und die Rüstungen schon vollbracht haben, so sollen die Punkte
festgestellt, und es soll sogleich der Zug begonnen werden.«
    Nun stand ein geharnischter Mann auf, es war der Graf von Quenstide, und
legte die Hand auf den Tisch, und sprach: »Ich sage, es ist in der vergangenen
Zeit schon genug geredet worden, und wir sollten endlich zur Tat gehen.«
    »Zur Tat«, »zur Tat«, »wir sollen zur Tat kommen«, »die Tat sollen wir tun«,
»die Tat«, »die Tat«, riefen verschiedene Stimmen.
    Da streckte der König Konrad die Hand aus, und als es stille geworden war,
sprach er: »So ist ja daher der Beistand beschlossen, die Männer sind geeinigt.
Es ist mancher gekommen, der ein Gegner der neuen Zeit gewesen ist, und so wird
unsere Macht sich erhöhen. Wir werden die Einteilung, die schon gemacht ist, in
das Heer stellen, und den Zug beginnen. Seid bedankt, ihr Herren, für die
heutige Zusammenkunft, sie ist die letzte, und der Reichstag geschlossen. Und so
sage ich: mit Gott der Dreieinigkeit.«
    »Mit Gott der Dreieinigkeit für das Reich und den König«, rief der
Erzbischof von Mainz.
    »Gott und das Reich und der König«, riefen die Männer. Konrad ging von
seinem Platze, und redete mit mehreren Männern.
    Die Herren standen auf, und traten zu verschiedenen Haufen zusammen. Viele
kamen zu dem Herzoge Wladislaw, und umringten ihn.
    »Wir werden dir, der du ein treuer Sohn der Kirche bist, Raum verschaffen,
dass du ihr Gedeihen wie seit deinem Beginne fördern magst«, sagte Markolf, der
Erzbischof von Mainz.
    »Ich trachte, dass die Heiligkeit unseres Glaubens ihre Wurzeln immer mehr
ausbreite«, antwortete Wladislaw.
    Albero, der Erzbischof von Trier, sagte zu dem Herzoge: »Ich bringe den
Mährern keinen Wein, wie den Sachsen; aber es ist manches Fuder in meinem
Geleite, dessen Lieblichkeit ihr alle erfahren sollt.«
    »Der hohe Kirchenherr führt manche Waffen«, sagte Hermann, der Markgraf von
Baden.
    »So müssen wir ja in unserem Amte mit Liebe und Strenge walten«, entgegnete
Albero.
    Der Markgraf von Österreich nahm den Herzog Wladislaw bei der Hand, und
sagte: »Ja, du lieber Schwager, so mir Gott helfe, werde ich mit den Männern,
die mir nach meinen Händen frei sind, nicht der Schwächste sein, die Strolche
von Prag zu verjagen. Die Angst meiner Schwester Gertrud wird bald dahin sein,
wir werden in Prag ein Fest feiern, und dann ein anderes, zu dem die Ladung
kommen wird.«
    »Habe Dank, mein Schwager«, entgegnete Wladislaw, »der Krieg wird kurz sein,
du wirst zu deiner Gertrud zurückkehren, und ich werde dir mit meiner Gertrud
folgen. Diese wird aber jetzt in Prag nicht Angst, sondern etwas Höheres
empfinden.«
    »Die Angst um ihr Volk«, erwiderte der Markgraf; »denn die aus dem Stamme
Babenberg wissen nichts von Angst um sich.«
    »So ist es«, antwortete der Herzog, »und möge Gertrud neues Glück zu deinem
Stamme bringen.«
    »Ich werde sie in die heitere Stadt Wien führen, in der ich eine Wohnung
errichte«, sagte der Markgraf, »die heiteren Sangeszeiten meines Geschlechtes
werden wieder sein, und mögen ihnen noch heitrere folgen.«
    »Und wenn ich dir heitrere und schönere erringen helfen kann, Schwager,
werde ich auch nicht der Schwächste sein, wie du eben gesagt hast«, sprach
Wladislaw.
    Jetzt trat Friedrich, der Herzog von Schwaben, herzu, und sagte: »Nun, mein
hoher Schwager Wladislaw, jetzt werden die, welche um den hohen Staufen wohnen,
auch die Gefilde von Böhmen sehen, und ich hoffe, der Raum, den sie bedecken
werden, wird nicht der kleinste sein.«
    »Und er wird durch solche Krieger, die ihn betreten, geehrt sein, mein
erlauchter Schwager«, antwortete Wladislaw.
    »Wir bringen dir auch die vom Rheine«, sagte Wallram, der Herzog von
Niederlotringen.
    »Sie werden willkommen sein«, entgegnete Wladislaw.
    »Wir führen selber unsere Ritter und Männer«, sprach Arnold, der Erzbischof
von Köln.
    »Ich werde des in aller Zeit gedenk sein«, sagte Wladislaw.
    »Und mich wirst du doch auch begrüssen, lieber Schwager, wenn ich nach Prag
komme«, sprach Otto, der Bischof von Freisingen.
    »Ich werde dich grüssen, Otto, und deine Schwester Gertrud wird dich grüssen«,
antwortete Wladislaw.
    »Wir kommen mit reichen Scharen«, sagte der Pfalzgraf.
    »Und es sind noch immer Zuzüge da«, sagte der Graf von Kleve.
    »Habet Dank, ihr Herren«, entgegnete Wladislaw, »ich hoffe euch zu
vergelten.«
    »Das wissen wir, und es wird die Zeit kommen«, riefen mehrere.
    Und da alles ausgesprochen war, und da der König den Saal verlassen hatte,
schickten sich die Männer an, auseinander zu gehen.
    Die Geleite kamen heran, die Pferde wurden in den Hof gebracht, und die
Herren ritten in ihren Gewändern aller Art durch das Tor, durch die Stadt und
durch die Zuschauer in das Lager.
    Der Herzog Wladislaw ritt desselben Tages noch zu dem Könige Konrad, und war
mit dem Bischofe Zdik und den Kaplänen zwei Stunden bei dem Könige und dem
Kanzler.
    Dann ritt er zu dem Kardinale Dietwin dem Schwaben, um zu erwirken, dass der
Heilige Vater einen Beauftragten von Rom nach Böhmen und Mähren sende.
    Am Nachmittage war ein Mahl. Der König und die Männer des Saales und die
erhabenen Frauen und Jungfrauen, welche in dem Lager waren, sassen unter einem
Gezelte, und genossen bei dem Klingen der Flöten und Geigen die Speisen und
Weine des deutschen Landes.
    Nach dem Mahle waren Kampfspiele, und die Frauen verteilten die Preise.
    Am nächsten Tage kamen Herren und Fürsten zu Wladislaw, um ihn zu begrüssen,
und er ritt wieder zu ihnen, um den Gruss zurück zu geben.
    Zdik führte die Bischöfe und ihre Priester zu Wladislaw, und Wladislaw ging
mit Zdik wieder zu ihnen.
    Er führte an dem Tage auch Welislaw, Odolen, Witiko und andere Männer zu dem
Könige Konrad.
    Der König sprach mit jedem, und sagte: »Witiko hat uns bei Fulda die Furt
gewiesen, durch die wir die gute Stellung erlangten.«
    »Ich bin noch ein Knabe gewesen, hoher Herr«, antwortete Witiko, »und ein
Bauer hat mir die Furt gezeigt.«
    »Und hast Gutes gestiftet, mein Kind«, sagte der König.
    Am Nachmittage ging Witiko mit Wolfgang von Ortau zu mehreren deutschen
Rittern, und es wurde Genossenschaft gestiftet.
    Seinen Begleitern Lambert, Augustin, Urban und dem Knechte Jakob gab er
Freiheit, sich am Lager, an der Stadt, an Liedern und Gauklern zu erlustigen.
    Da es Abend wurde, ging eine grosse Zeile von Wagen und Saumtieren in der
Richtung gegen Morgen, und es ritten auch Männer dahin, um den Zug des Heeres
vorzubereiten. Durch die grünen Felder kamen von Erlangen her noch Reisige, und
es kamen Reisige von Würzburg.
    Am dreissigsten Tage des Monates Mai nahmen die hohen und niederen Herren von
ihren Ehefrauen und Müttern oder Schwestern oder Kindern, die in dem Lager
waren, Abschied, und der Zug begann. An der Spitze war der Herzog Wladislaw mit
seiner Schar. Dann kamen die Männer von der Mosel und dem Rheine, von der Donau
und der Weser, von dem Neckar und dem Maine, vom Spessart, vom Taunus, vom
Schwarzwalde und den Alpen. Der König der Deutschen, Konrad, aus dem Geschlechte
der Hohenstaufen führte sie. Volk und Tross war am Ende der Reihe.
    Bei dem Orte Taus gelangten sie in den Wald, der Böhmen von Deutschland
scheidet.
    Auf dem böhmischen Boden kamen die Männer herbei, die sich für Wladislaw
gesammelt hatten. Es waren so viel, dass seine Schar selber eine Macht wurde. Er
teilte sie ein, und gab den Zupenmännern die Zupenkrieger, den Wladyken die
Wladyksippen, und Welislaw, Odolen und Witiko eigene Leute.
    Diese streiften oft vor oder neben dem Heere.
    Bei Pilsen sammelten sich alle, und lagerten.
    Eines Tages ritt Witiko mit seiner Schar auf dem Wege, der von Pilsen gegen
Prag führt, vorwärts. Nach einer Zeit folgte ihm Odolen auch mit seiner Schar.
Sie kamen am Mittage zusammen, und vereinigten ihre Leute. Es war an der Stelle
ein kleiner Föhrenwald neben einer Seite des Weges, und hinter ihm waren
trockene Wiesen. Odolen und Witiko führten ihre Reiter auf die Wiese hinter dem
Walde, dass sie geborgen wären, und liessen sie ruhen, und sie und die Pferde die
Mittagsnahrung einnehmen. An die Spitzen des Waldes und an den Saum gegen den
Weg hin wurden Späher gestellt.
    Da die Erquickung für Menschen und Tiere schon fast vollendet war, kam einer
der Späher von der unteren Spitze des Waldes, und meldete, dass sich Reiter auf
dem Wege von Prag her näherten. Witiko und Odolen hiessen ihre Leute sich rüsten,
die Pferde besteigen, und ruhig stehen bleiben. Sie aber fassten den Entschluss,
dass sie die Reiter, wenn sie Feinde, und in nicht zu grosser Zahl wären, an dem
Walde vorüber lassen, und ihnen dann nachreiten wollten.
    An den Waldrand wurden noch mehr Späher gestellt.
    Da kam einer von ihnen, und sagte, die Reiterschar sei um vieles kleiner als
die ihrige, es müssen Feinde sein, weil man kein Abzeichen des Herzogs an ihnen
sehe. Sie reiten sehr langsam, und haben keine Vorreiter.
    Nun stiegen Witiko und Odolen von ihren Pferden, liessen dieselben unter die
Bäume führen, und dort von Knechten bewachen. Sie aber gingen gegen den Weg an
den Saum des Waldes, um die Reiter kommen zu sehen.
    Diese kamen, und ritten in ruhigem Gange ihrer Pferde an dem Rande des
Waldes dahin. An ihrer Spitze war Wratislaw, der Herzog von Brünn, Otto, der
Herzog von Olmütz, und Wladislaw, der Sohn des verstorbenen Herzoges Sobeslaw.
Sie hatten keine Zierden an sich. Dann war Bogdan mit der Rabenfeder, dann der
rotaarige Benes mit weissen Federn, dann Domaslaw mit seinem roten Gefieder,
dann der ältere Bohus mit der Feder aus einem Schwanenfittiche. Sonst waren
Männer, die als Mährer erkannt wurden, und einige, die von Böhmen stammten. Die
Reiter gingen bis gegen die Mitte des Gehölzrandes. Dort blieben sie stehen, als
hielten sie Beratung. Witiko und Odolen gingen gegen die Stelle so weit
vorwärts, dass sie die Worte der Reiter vernehmen konnten. Es sprach nur zuweilen
einer von ihnen. Sie sandten dann einen Mann vorwärts an die Spitze des Waldes,
der dort stehen blieb. Es war an dem Orte eine Krümmung des Weges gegen Pilsen,
und der Mann stand vielleicht als Späher.
    Nach einer langen Zeit sah man ein Häuflein Reiter auf einem Wege zwischen
den Feldern gegen den Wald heran reiten. Sie kamen näher, und man sah, dass sie
in Gewänder der Landleute gekleidet seien. Sie ritten zu den Mährern, und einer
grüsste gegen Wratislaw.
    »Swak, du hast Jarohnew verlassen«, sagte Wratislaw zu ihm.
    Der Mann antwortete: »Er wird mit den Seinigen sogleich kommen, wir haben
verschiedene Wege eingeschlagen.«
    »Und wann seid ihr umgekehrt?« fragte Wratislaw.
    »Heute nach Mitternacht, der Weg von Milin her ist weit und beschwerlich«,
antwortete der Gefragte.
    »Und warum bist du abseits nach Milin gegangen?« fragte Wratislaw.
    »Damit Zeugen sind, welche uns in Milin gesehen haben«, antwortete der Mann.
    »So fürchtest du Gefahr?« fragte Wratislaw.
    »Ja«, entgegnete der Mann, »und Jarohnew ist gegen Manetin geritten, davon
er noch weiter hieher hat.«
    »Und wo seid ihr gestern gewesen?« fragte Wratislaw.
    »In Pilsen, und auf dem Felde vor Pilsen sind wir auseinander gegangen«,
antwortete der Mann.
    »Und seid umgekehrt?« sagte Wratislaw.
    »Der König Konrad ist nach Pilsen gekommen«, entgegnete der Gefragte, »wir
sind in seinen Scharen gewesen, dann haben wir das weite Feld gesucht, und haben
uns getrennt.«
    »Nun?« fragte Wratislaw.
    »Hoher Herr!« antwortete der Mann, »der Kriegsbann der Deutschen ist dreimal
und viermal grösser als das Heer vor der Stadt Prag, sie tragen blanke Harnische
von Stahl oder von Gold, und da sie auf dem ebenen Boden vor Pilsen standen,
erglänzte das Feld und der Wald von ihrem Scheine. Dann hat Wladislaw noch eine
grosse Schar.«
    »Du bist ein kluger Mann, Swak«, sagte Otto, der Herzog von Olmütz, »und es
ist gut, Wratislaw, dass wir selber gekommen sind.«
    »Es ist gut«, sagte Wladislaw, der Sohn Sobeslaws, »es müssen unsere Augen
schauen, und unsere Herzen dabei sein.«
    Da sie noch sprachen, gab der Mann an der Spitze des Waldes ein Zeichen, und
bald darauf kam ein Häuflein anderer Reiter auf dem Pilsener Wege zu den
Fürsten.
    Wratislaw sagte: »So bist du auf dem Rückwege, Jarohnew?«
    »Wir haben in Manetin nur eine Stunde gerastet«, antwortete der Mann, »wir
sind in der finsteren Nacht und auf den ungefügen Wegen geritten, und die Tiere
haben kaum eine Handvoll Futter verzehrt.«
    »Und warum bist du so geritten?« fragte Wratislaw.
    »Weil mein Weg weiter ist als der von Swak«, antwortete der Mann, »und weil
ich nicht wissen konnte, ob er nicht gefangen worden ist; denn darum haben wir
uns getrennt, und weil ich die Botschaft zu dem Herzoge bringen wollte.«
    »Ist deine Botschaft so nötig?« fragte Wratislaw.
    »Sie ist nötig«, antwortete der Mann, »der König Konrad ist bei Pilsen,
seine Macht ist sechsmal grösser als die eurige, alles glänzt von Helmen,
Harnischen, Schilden, Schwertern.«
    »Hast du sie gezählt?« schrie Otto, der Herzog von Olmütz.
    »Die deutsche Macht ist zehnmal grösser als die mährische«, rief ein Mann aus
den Reitern Jarohnews.
    »Zehnmal, zwölfmal grösser, und sie wird noch grösser«, rief einer von dem
Geleite Swaks.
    »Ja, immer grösser«, rief ein anderer.
    »Ihr seid Tröpfe, und also, lieben Brüder, vorwärts«, rief Wratislaw.
    »Vorwärts«, rief Wladislaw, der Sohn Sobeslaws.
    »Wir müssen nach vorwärts«, rief Bogdan.
    »Vorwärts, vorwärts«, riefen mehrere.
    »Nehmt die Männer Swaks und Jarohnews in die Mitte«, sagte Wratislaw, »sie
müssen mit uns gegen Pilsen.«
    »Wir können nicht gegen Pilsen«, sagte Jarohnew, »wir sind im Dienste des
Herzogs Konrad, und müssen ihm die Botschaft bringen.«
    »Ihr bringt sie nicht«, sagte Wratislaw, »ich werde den Herzog Konrad
bedeuten.«
    »Ach, hoher Herr«, sagte Jarohnew, »reitet nicht gegen Pilsen, der König
Konrad zieht heran, Wladislaw wird wie ein Sturmwind daher reiten, ihr könnt ihm
nicht entrinnen, und er wird euch die Häupter von den Leibern hauen. Nehmt in
der Gegend jemanden gute Pferde, gebt sie uns, dass wir eilig mit der Meldung an
die Stadt Prag kommen, damit der Herzog Konrad die Stadt erobere, und sich auf
den Herzogstuhle setze, und dass der König Konrad dann Prag belagern muss. Der
Hunger wird die Deutschen töten, oder ihr wollt euch dem Herzoge Wladislaw
ergeben.«
    »Du Hund«, schrie Wratislaw, »ich lasse dich mit deinen Genossen an diesen
Föhren aufhängen.«
    »Habt Barmherzigkeit«, rief Swak, »ich habe Weib und Kinder.«
    »Nehmt sie unter euch«, rief Wratislaw, »und vorwärts.«
    »Vorwärts«, riefen mehrere.
    Die Männer der Reiterschar umringten die von Swak und Jarohnew, die Pferde
derselben wurden gewendet, und der Zug ging auf dem Heerwege gegen Pilsen
weiter.
    Odolen und Witiko verliessen jetzt ihre Stelle an dem Waldsaume, gingen zu
ihren Pferden, und ritten zu den Ihrigen, um sie zu ordnen, und den Feinden
nachzueilen.
    Witiko hatte eine grössere Zahl, und brauchte eine längere Zeit.
    Als er nun seine Männer von der Wiese auf den Heerweg hinaus geführt, und
Odolen eingeholt hatte, standen die Scharen schon zum Streite. Die Männer
drohten und die Pferde drängten zum Kampfe, und das Schwert Odolens war gegen
Wladislaw gerichtet.
    Da sprengte Witiko mit einem Satze seines Pferdes zwischen die Reihen, und
rief: »Odolen, töte ihn nicht.«
    »Gib Raum«, schrie Odolen.
    »Ich gebe nicht Raum«, rief Witiko, »töte ihn nicht, ich habe das Brod
seines Vaters gegessen, und die Hand seiner Mutter hat auf meinem Haupte geruht.
Sobeslaw hat das Land beglückt, und Adelheid hat darauf geschienen wie eine
Sonne. Du darfst das Kind dieser beiden nicht töten.«
    »Der Krieg hat seine Art«, schrie Odolen, »man frägt nach nichts, man kann
siegen oder unterliegen, es ist alles gleich. Gib Raum, dass dich die Schärfe des
Schwertes nicht trifft.«
    »Ich weiche nicht, Odolen«, rief Witiko, »Odolen, du hast gesagt, du liebest
mich wie einen Bruder, und wollest mir einen Bruderdienst tun, wenn ich ihn
nenne: ich habe ihn nicht genannt, jetzt nenne ich ihn. Gib Frist, dass mit
diesen Männern gesprochen werden kann.«
    »Sie stehn nicht Rede«, sagte Odolen, »aber weil ich dir den Dienst tun
will, so rede, wenn du Worte weisst, die diese Menschen rühren können.«
    »Sie werden wohl einen Führer haben«, sagte Witiko.
    »Der dort ist Wratislaw von Brünn«, sagte Odolen, »ein abtrünniger Sprosse
Premysls; der da ist Otto, der Fürst von Olmütz, der mit Verrat dankt; und
dieser ist Wladislaw, der Knecht des Knechtes der Lechen.«
    »Das sind nicht die Worte, Odolen«, sagte Witiko, »höret mich, erlauchte
Herren. Ich sage: Erhabene Söhne Premysls, ich kann nicht denken, dass ihr
leichtin von der Belagerung Prags in das Land hinaus reitet, ich muss erkennen,
dass ihr einen grossen Vorsatz habt. Wenn die Reue in euer Herz gekommen ist, und
ihr zu Wladislaw zieht, um euch zu unterwerfen, so werden wir euch mit
Ehrerbietung geleiten, und das Herz des Herzogs wird voll Freude sein.«
    »Wer bist du denn, der du zu reden wagst wie ein Gebieter«, schrie Bogdan,
»du Landstreifer!«
    »Ich rede nicht zu euch, und doch will ich dir antworten, Bogdan, ihr habt
mich einst zu eurer Versammlung geladen«, sagte Witiko.
    »Damit du uns verraten konntest«, schrie Bogdan.
    »Ich habe nichts versprochen«, entgegnete Witiko.
    »Er will Worte machen, wie auf dem Wysehrad«, schrie Bohus.
    »Nicht um Worte ist es zu tun«, sagte Witiko, »und um den, der sie redet,
sondern dass sie Gutes wirken, und dass ihnen dazu die Kraft gegeben sein möchte.
Aber ich rede nicht mit euch, und eure Antwort gilt mir nichts.«
    »Du Gauch!« schrie jetzt der rotaarige Benes, »den wir selber auf dem
Wysehrad übermütig gemacht haben, statt ihn auf den Pfahl zu hängen, wie der
arme Milhost geraten hat. Wähnst du denn, dass die Fürsten dir antworten werden,
der du hier weniger bist als die Lehmscholle, die ihr Hufschlag schleudert, wenn
sie über ihre Länder reiten?«
    »Es ist niemand unter euch, mit dem die Herzoge sprechen wollen«, sagte
Domaslaw.
    »Hohe, erlauchte Herren«, sprach jetzt Witiko wieder, »möge es euch
gefallen, mir ein Zeichen zu geben, ob ihr mir antworten wollet oder nicht.«
    Die Fürsten schwiegen.
    »Hast du nun Zeichen genug?« schrie Odolen mit tönender Stimme, »bei allen
Heiligen im Himmel, bei Gott dem Vater, und bei allen Götzen, die unsere
Vorfahren angebetet haben, und die ihr etwa noch anbetet, hier ist einer, der
wirklich ein Gebieter ist, und dieser bin ich. Seht her, unsere Macht ist
zehnmal, zwölfmal, fünfzehnmal grösser als die eurige, in fünf Augenblicken kann
ich euch vertilgen. Wratislaw, der du Herzog von Brünn gewesen bist, Otto, der
du durch Wladislaws Gnade Herzog von Olmütz gewesen bist, und du, Wladislaw, der
du des besten Vaters Sohn bist, und die ihr alle nur bettelhafte Sünder seid:
ich befehle euch, legt eure Schwerter nieder, und folgt mir als Gefangene zu dem
erlauchten Herzoge Wladislaw, der euer Richter ist, und der nur immer zu gelinde
richtet, was bei euch Gott verhüten möge. Mit euch andern, die ihr hier wie
allwärts unnütz seid, rede ich nicht. Ihr folgt als Tross in das Lager.«
    »So haut ihn doch in tausend Stücke«, schrie Bogdan.
    »Haue«, rief Odolen, indem er sein Schwert schildgemäss über dem Haupte
hielt, und an der Spitze seiner Männer stand.
    »Du Hund, du Katze, du Scheusal«, rief Benes.
    Bohus und Domaslaw aber drangen in diesem Augenblicke durch ihre Leute gegen
Odolen vor.
    Doch Witiko stellte sein Pferd in ihren Weg, hielt sein Schwert zur Abwehr,
und rief: »Um die Barmherzigkeit Gottes und die Fürbitte des heiligen Adalbert!
haltet inne, es darf kein Kampf hier sein. Männer, ihr seid in unserer Gewalt.
Fünfzehnfach stehen wir gegen euch, ihr könnt nicht entrinnen, ein Kampf ist
hier nur ein Mord, und wir morden nicht. Er ist auch ganz unnütz. Wir machen
euch eine Gasse, geht zu Konrad, und sagt ihm, dass sein Kampf vergeblich ist,
und zerstreut das Herr.«
    »Bist du sinnlos?« schrie Odolen, »ich gebe keine Gasse. Und ehe man ein
Auge hebt und senkt, erfüllet meinen Befehl.«
    »Odolen, der Herzog selber verabscheut unnützes Blutvergiessen«, rief Witiko,
»und diese, wenn sie zurückkehren, und berichten, wie die Sache ist, werden den
Streit enden, wie kein Mensch denken kann.«
    »Das ist Sache des Herzogs«, rief Odolen, »der Herzog kann sie entlassen.«
    »Was kann indessen in Prag geschehen, augenblicklich müssen sie fort«, rief
Witiko.
    »Du feiges Tier«, schrie Benes herüber, »wir werden den Mut zu den Unsrigen
tragen, und wir werden wie Samo heran ziehen und euch vertilgen.«
    »Benes«, rief Witiko, »ihr werdet den Mut nicht zu den Eurigen tragen, ihr
und eure Boten werdet die Sache erzählen, und wenn ihr auch lügen wollt, so wird
die Wahrheit durchscheinen. Und von Samo reden wir nicht.«
    In diesem Augenblick erhielt Witiko von einem Manne der Mährer unversehens
einen Schlag, dass Blut aus seiner Schulter floss. Sogleich wendete er sich gegen
den Mann, und stürzte ihn von dem Pferde. Er drang nun gegen die andern vor,
seine Männer scharten sich um ihn, und es wurde der heisseste Kampf.
    »Jetzt haltet fest, ihr Brüder«, schrie Wratislaw, »macht die Spitze, wir
werden die Übermacht besiegen wie oft, ihr seid Helden, sie Gesindel.«
    »Jetzt haben die Hundeherzoge die Sprache«, schrie Odolen. »Auf, und in
sie.«
    Sofort war er an den Feinden, und seine Männer mit ihm.
    Die Mährer liessen ihre Boten zurück, machten einen Schlachtkeil, und
drängten vor.
    Sie hatten die Kriegserfahrung und die Kunst, die andern den Mut, und Odolen
und Witiko beteuerten ihn noch mehr. Die Schwerter mischten sich in dichter
Nähe, Blut floss durch die Gewänder, Blut floss auf die Pferde, Männer sanken, und
in die grosse Tapferkeit der Mährer kam die Müdigkeit schneller; immer neue
Streiter drangen gegen sie, sie wankten. Da gab Witiko seinen Reitern den Befehl
zu einer Wendung der Umgehung der Feinde, es entstand eine Lücke, und die Feinde
flohen durch dieselbe auf dem Wege gegen Prag davon.
    »Verrat, Verrat, Verrat!« schrien die Männer Odolens, und drangen gegen
Witiko vor.
    Auch die Leute Witikos riefen: »Verrat, Verrat«, und wendeten sich gegen
ihn.
    Augustin, Lambert, Urban und der Knecht Jakob suchten ihn zu schützen.
    Da sprengte Odolen durch die Scharen, deckte Witiko mit seinem Leibe, und
rief: »Haltet! Er ist nur ein Tor, ich werde ihn zum Gerichte führen.«
    Witiko rief: »Männer, hört mich nur einen Augenblick.«
    Und da es stiller geworden war, rief er: »Alles wird zur Klarheit kommen.
Odolen, ich gebe mich dir gefangen, und übergebe dir den Befehl über meine
Leute. Ich werde mit dir gehen, und wenn du kämpfst, werde ich mitkämpfen, und
Gott mag verfügen, was ihm gefällt.«
    »So ist es gut, Witiko, wie du tust«, rief Odolen, »und ihr, verworrene
Männer, ihr habt in euerm Durcheinanderstürmen dem Feinde einen Vorsprung
gegeben, wir müssen ihn erreichen, stellt euch in Ordnung. Die Pfleger bleiben
bei den Verwundeten und Toten.«
    Die Männer machten schnell ihre Reihen, und in dem nächsten Augenblicke
ritten sie, was die Pferde zu rennen vermochten, auf dem Wege gegen Prag den
Mährern nach, die vor ihnen waren.
    Sie sahen den Staub, den sie erregten, und sie erregten selber Staub, und
beständig sahen sie auf den Abstand dieser zwei Staubsäulen. Nach einer Stunde
erkannten sie, dass der Abstand sich mindere.
    Da kamen sie in den Wald von Holaubkau. Sie sahen in dem Walde die Feinde
nicht; erkannten aber an dem Staube, dass sie durchgeritten seien. Sie
durchritten den Wald. Da sie sein Ende erreichten, brannte vor ihnen das Dorf
Holaubkau, und Menschen und Geräte und Wägen und Haustiere waren vor ihnen auf
dem Wege, und die Flammen von den hölzernen Häusern wehten über denselben.
    Odolen ritt gegen die Menschen, und rief: »Zeigt einen Weg um das Dorf.«
    Eine Menge Stimmen antworteten, dass man die Antwort nicht verstehen konnte.
    »Der mit den weissen Haaren und dem blauen Gewande antworte allein«, schrie
Odolen.
    »ES geht kein Weg um das Dorf«, sagte der alte Mann, »die Wege gehen alle
von den Wiesen und Feldern in die Häuser.«
    »Nur einen festen Grund, einen festen Grund, auch ohne Weg«, rief Odolen.
    »Ich zeige einen«, »ich zeige einen«, riefen mehrere Stimmen.
    »Fünf Reiter folgen einem jeden, der sich gemeldet hat«, rief Odolen, »und
wo sie Boden für die ganze Schar finden, kommen sie zurück, und zeigen es an.«
    Die Reiter sonderten sich ab, und folgten den Boten.
    Odolen ritt selber mit dem Greise und mit vier Männern rechts an dem Dorfe
hin, und forschte. Es waren meist weiche Wiesen, und wo er Boden für die Schar
fand, war er wieder unterbrochen, und an dem Greise sah er, dass derselbe nicht
wisse, welchen Grund eine Reiterschar brauche. Eine Richtung, die er endlich
erkannte, war ein langer Bogen. Er ritt wieder zurück, die Reiter kamen auch,
und jeder sagte, wie man es versuchen könne, und jeder sagte, dass man vorüber
könne.
    »Man kann vorüber«, rief Odolen, »ich habe es selber gesehen, und ich kann
euch auch führen; aber Brüder, Freunde, Kampfgenossen, das andere ist auch
vorüber. Mehr als eine Stunde ist vergangen, seit wir hier angekommen sind, ihr
seht es an dem Niederbrennen des Feuers. Und wenn wir den Abstand von den
Feinden in jeder Viertelstunde um tausend Ellen kürzen könnten, erreichen wir
sie in fünf Stunden, und sind in der Steinschlucht am Wasser, oder in der Nähe
ihres Lagers. Pflegt die Pferde, nehmt Nahrung, ruhet, und wir kehren um.«
    Die Männer führten ihre Pferde in die Waldschatten, und bereiteten sich zu
dem, was Odolen gesagt hatte.
    Witiko blickte in das Feuer, und sprach kein Wort.
    Dann liess er seine Wunde, die gering war, von Jakob verbinden.
    Als Menschen und Tiere erquickt waren, liess Odolen den Vorstand des Dorfes
kommen, und sagte, dass er die armen Leute der Gnade des Herzogs empfehlen werde,
und dann begann die Schar den Rückweg.
    Auf dem Platze des Kampfes fanden sie nichts mehr.
    In der Nacht kamen sie in das Lager des Herzogs.
    Odolen ging zu ihm, und berichtete ihm den Hergang. Dann besuchte er die
Verwundeten, und fragte nach den Toten.
    Nach Odolen ging Witiko zu dem Herzoge in das Gezelt, und sagte: »Hoher
Herr! du weisst, was geschehen ist. Ich übergebe dir mein Schwert mit dem Bilde
des heiligen Petrus, dem ich vertraut habe. Ich bitte dich, lasse mich erst
richten, wenn deine Sache entschieden ist. Wenn eine Schlacht sein sollte, so
gib mir in deiner Gnade mein Schwert, dass ich in ihr kämpfe, wie ich sonst
gekämpft habe. Dann reiche ich es dir wieder.«
    »Witiko«, antwortete der Herzog, »behalte dein Schwert, und gebrauche es.
Dem Gerichte aber stelle dich.«
    »Ich werde es tun, hoher Herr«, sagte Witiko.
    Darauf verliess er das Gezelt, und ging auch zu den Verwundeten.
    Indes diese Dinge geschahen, war es in Prag, wie es schon viele Tage vorher
gewesen war. Das Schleudern gegen die Mauern dauerte, und die Verteidigung
dauerte. Die Männer in der Stadt waren weniger, und die Männer vor der Stadt
waren auch weniger. Die Mauern zeigten grössere Beschädigungen, die Geräte der
Feinde waren in geringerer Wirkungskraft, und die auf den Mauern auch.
    Am fünften Tage des Brachmonates drängten sich so viele Feinde gegen die
Stadt, dass die auf den Mauern meinten, kein einziger Mensch sei in dem Lager
zurückgeblieben. Das Werfen aus den Schleuderstücken der Feinde wurde stärker,
als es früher gewesen war. Sie schoben Gerüste und Geräte noch näher an die
Stadt, obgleich sie da ohne Bergen waren, und harreten bei ihnen während des
Werfens gegen sie aus. Diepold sandte an Geschossen in die Feinde, was er zu
senden vermochte. Die Mährer änderten ihre Feuerwürfe. Da sie früher nur
Branddinge gegen die Krieger auf den Zinnen geschleudert hatten, so ging nun ein
brennender Pfeil in hohem Bogen gegen die Gebäude der Stadt. Dem Pfeile folgten
bald mehrere, und Feuerballen gingen in die Luft. Die Feinde suchten auch an der
schwächsten Stelle der Mauer empor zu klimmen. Diepolds Scharen drängten sich
zur Verteidigung heran. Da, als es schon gegen den Abend ging, begann die Kirche
des heiligen Veit zu brennen. Der Türmer liess das grosse Banner des Herzogs
Wladislaw nieder, und rettete es zu Diepold. Darauf fasste das Feuer das ganze
Dach, und es ging eine breite Lohe gegen den Himmel empor. Und fast zur
nämlichen Zeit begannen das Kloster und die Kirche des heiligen Georg zu
brennen, und die Flammen gingen in die Lüfte.
    Die Männer auf den Mauern wendeten ihre Angesichter dahin, und es war, als
erstarrten sie.
    Da sprang Dimut unter den Pfeilen auf eine hohe Stelle der Zinnen, streckte
ihren blutenden Arm mit dem Schwerte empor, und rief: »Jetzt kommt der Retter,
jetzt kommt der Retter, der Feind weiss es, und sendet uns das Zeichen. Er übt im
Aberwitze der Verzweiflung Rache an den Heiligtümern. Unsere Heiligtümer sind
nicht verloren, wir werden sie wieder aufbauen, sie werden schöner sein als
früher, und mit der Weihe des Erzbischofes wieder hilfreich und gnadenreich; die
aber an ihnen gefrevelt haben, werden mit zerrauften Haaren und mit entblösstem
Armen auf der Erde liegen, und den Himmel um Barmherzigkeit anflehen, und den
irdischen Richter um Gnade, dass er nicht zu hart strafe. Der Retter kommt, der
Retter kommt.«
    Sie schwang ihr Schwert freudenvoll um das Haupt, und hundert Männer riefen:
»Der Retter kommt, der Retter kommt.«
    Sie stieg von der Zinne nieder, und zwei Pfeile hingen an ihrem Panzer, und
einen trug sie in der linken Hand.
    Der Ruf verbreitete sich längs der Mauern.
    Die Herzogin sendete Trompeter, die verkündeten: »Der Herzog Wladislaw
kommt.«
    Jetzt sah man den Bischof Otto mit seinen Priestern in kirchlichem Zuge
heilige Kleinodien aus der Kirche des heiligen Veit gegen die Kirche der
heiligen Jungfrau Maria tragen.
    Da riefen sie: »Lasst uns hinaus gegen sie, lasst uns hinaus.«
    Diepold antwortete: »Mit dem Herzoge gehen wir hinaus, jetzt wahrt die
Mauern.«
    Und die Männer stürzten noch eifriger zur Verteidigung vor.
    Er aber liess das grosse rosenrote Banner des Herzoges an einem hohen glatten
Baume empor ziehen.
    Nun regte alles, was in der Stadt Hände hatte, dieselben. Man warf nicht nur
die Dinge des Krieges gegen die stürmenden Feinde: Pfeile, Bolzen, Pflöcke,
Steine, Fässchen mit siedendem Öle und ätzenden Flüssigkeiten, Brandpech,
glühende Metalle und brennende Pfeile und Brandwerke, es wurde nicht nur, was
von den Feinden herein kam, und tauglich war, wieder gegen sie gesendet, sondern
man nahm jedes, was zu bewegen und zu zerreissen war, Mauertrümmer, Bausteine,
Treppenstufen, Stücke, die man von Werken oder Gittern riss, Dachrinnen,
Brunnenröhren, und was Hände fassen konnten, und warf es auf die Feinde.
    Diese liessen nicht ab.
    Endlich kam die späte Abenddämmerung dieser Jahreszeit, und die Feinde
wichen von den Mauern, und gingen zurück, und gingen immer weiter zurück, und
endeten ihr Werfen. Die Verteidigung hörte auch auf, und es war nach einer
Stunde so stille, als ob nichts gewesen wäre, nur dass der Schein der Feuer, die
sanfter brannten, gegen die Luft empor leuchtete.
    Der Bischof Otto hielt nun mit seinen Priestern unter dem freien Himmel ein
Dankgebet. Dann ging er in die Kirche der heiligen Jungfrau Maria, und betete
mit ihnen dort wieder, und es beteten die Krieger mit.
    Man konnte nun die Sorge für die Verwundeten und die Toten anwenden. Es
hatten viele Menschen das Leben verloren, auch solche, die aus der Stadt und
nicht von den Kriegern waren. Dobromil, ein edler Mann aus dem Morgen des Landes
und Ded, aus dem Mittage, hatten ihren Tod gefunden.
    Die Herzogin ging zu der Brandstelle der Kirche des heiligen Veit, und
fragte, was man denn von den Heiligtümern und wichtigen Dingen zu bergen im
Stande gewesen sei. Die, welche die Rettung der Kirche und die Löschung des
Brandes versucht hatten, sagten, dass manches schnell fortgeschaft worden sei,
dass man es in verschiedene Plätze gebracht habe, dass man aber nicht erkennen
könne, was gerettet worden sei, und was das Feuer verzehrt habe.
    Hierauf konnte man die Ruhe, die mit der Sicherheit möglich war, suchen.
    Die kurze Nacht ging bald vorüber.
    Als sich der erste Schein des Morgens lichtete, spähten Menschen nach jeder
Richtung. Und da es endlich hell geworden war, sah man, dass das Lager der Feinde
leer sei, und dass die Nähe und die Ferne um die Stadt und die Burgflecken leer
sei. Kein Feind war zu erblicken, und kein Retter war zu erblicken. Im Lager der
Feinde standen die Geräte da, es standen Reihen von Gezelten, und es lagen Dinge
des Krieges und andern Gebrauches umher.
    Die Männer auf den Zinnen erhoben einen Siegesruf, und die Menschen in der
Stadt riefen ihn nach, und die in den Burgflecken auch, dass man die Stimmen von
oben herab und von unten hinauf zu hören vermochte.
    Kundschafter kamen und sagten, dass die Feinde abgezogen seien.
    Da ertönten, als die Sonne sich erhob, die Glocken der Kirche der heiligen
Jungfrau Maria, die Glocken der Kirche am Tein, und es ertönten die Glocken in
den Burgflecken, die Glocken der Kirchen im Wysehrad, und in allen Kirchen
wurden Gottesdienste gefeiert.
    Fabian, der Zupan vom Wysehrad, sandte Boten an Diepold, die sagten, dass die
Burg dem Herzoge unverletzt sei.
    Nun wurde gerufen, dass man hinaus gehen, und das Lager der Feinde plündern
solle. Diepold aber verweigerte es; er liess die Tore und die Mauern besetzt, und
sandte wieder Kundschafter aus.
    Die Männer zeigten sich nun von den Mauern die Stellen, wo gekämpft worden
war, wo arge Geschosse gestanden waren, und was sonst die Feinde getan hatten.
    Gegen Menschen, die sich in dem Lager blicken liessen, befahl Diepold einige
Steine zu werfen. Darauf gingen sie fort.
    Die Kundschafter kamen wieder, und sagten, das Heer der Feinde sei im
Eilwege in der Richtung nach Mähren.
    Diepold liess nun das Brückentor öffnen.
    Da es zwei Stunden nach dem Mittage war, sprengten Reiter vom Abende her
gegen die Stadt, welche rosenfarbene Fähnlein auf den Lanzen trugen. Sie ritten
ein, und meldeten, dass der Herzog Wladislaw am Abende dieses Tages mit seinen
Scharen in Prag eintreffen werde, dass der König Konrad ihm mit einem grossen
Heere folge, und morgen kommen werde. Die Feinde seien schon eine Tagereise weit
von Prag entfernt, und würden sich auflösen.
    Diepold liess die Kunde allen seinen Kriegern mitteilen, und die Herzogin
liess sie in der Stadt und in den Burgflecken ausrufen.
    Diepold sendete Leute zur Hut in das verlassene Lager der Feinde.
    Am Nachmittage war der Weg nach dem Petrin hin mit Menschen gefüllt.
    Gegen die Abendzeit, ehe die Sonne den Berg Petrin rot färbte, sah man in
ihrem Scheine vom Abende her unzählige Lanzen funkeln. Sie wogten auf und nieder
wie von Reitern getragen, und näherten sich, und man erkannte dann das blaue
Banner und die rosenfarbenen Fähnlein, und in der Mitte die grosse rote Fahne. Es
war die Schar Wladislaws, des Herzogs von Böhmen und Mähren.
    Ein luftbewegender Ruf erhob sich weit draussen jenseits des Berges Petrin,
und ging an allen Menschen bis in die Stadt hinein. Das grosse rosenrote Banner
auf den Zinnen der Stadt rückte nun bis an die Spitze seines Tragbaumes empor.
    Der Herzog Wladislaw ritt mit den Seinigen sehr langsam auf dem Wege an der
Moldau zwischen der Menschenmenge gegen die Stadt Prag dahin. Sein Schwert war
in der Scheide und sein Haupt entblösst. Nur der Schmuck der blonden Haare war
auf demselben und um die Stirne. Alle Glocken der Stadt und der Burgflecken
begannen zu läuten. Neben dem Herzoge ritt in schöner Rüstung der Bischof Zdik,
dann ritt Welislaw in schönem Gewande, Odolen in schimmerndem Ringleinpanzer,
Witiko mit besonders schönem Kleide geziert, die zwei Hofkapläne in Rüstungen,
und Zupane und Wladyken und andere Führer. Viele deutsche Jünglinge hatten sich
dem Zuge beigesellt, Wolfgang von Ortau mit dreien seiner Freunde zu Witiko,
Rudolph von Bergheim mit drei Freunden zu Welislaw, Hanns vom Wörte mit fünf
Freunden zu Odolen, und Adalbert von der Au, und Werinhart von Hochheim, und der
junge Graf Heinrich von Rineck. Da der Herzog gegen die Stadt kam, warfen Knaben
in schönen Kleidern und schöngekleidete Mädchen Blumen und Zweige auf den Weg,
und das Volk warf grüne Reiser und Kränze, und sang Lieder.
    An dem Brückentore harrete Otto, der Bischof von Prag, mit seinen Priestern,
mit den Priestern der Burgflecken und den Jungfrauen des heiligen Georg, dann
der Propst vom Wysehrad mit seinen Priestern, dann die Äbte mit ihren Priestern,
und dann die Herren des Hofes.
    Da Wladislaw vor dem Bischofe angekommen war, stieg er von seinem Pferde.
Der Bischof begrüsste ihn mit dem Zeichen des Segens, und er und die Priester und
die Jungfrauen sprachen die Begrüssungsworte. Wladislaw antwortete dem Gebete mit
der Kirchensprache, dann grüsste er den Bischof, und küsste seine Stirne. Dann
bestieg er wieder sein Pferd, und zog im Geleite aller, die da waren, und in dem
Geleite seines Heeres in die Stadt empor.
    Da er zu den Trümmern der Kirche des heiligen Veit gekommen war, stieg er
wieder von dem Pferde, kniete vor der Kirche nieder, und tat ein Gebet. Dann
ritt er zu der Kirche der heiligen Jungfrau Maria, ging in dieselbe, und betete.
    Hierauf ritt er gegen die Zinnen der Stadt. Dort standen alle Krieger,
welche die Stadt verteidigt hatten. Als er zu ihnen gekommen war, stieg er von
dem Pferde, schritt zu dem Baume, auf welchem das grosse Banner war, berührte den
glatten schafft, und rief: »So beginnt mein Befehl und meine Macht wieder über
alle, die in Prag sind.«
    Dann wendete er sich gegen die, welche neben dem Banner standen.
    Da war Diepold, der Befehler der Verteidigung, und es waren alle Führer, und
hinter ihnen alle Unterführer, und hinter diesen die Krieger. Die Herzogin stand
unter den Führern.
    Wladislaw verlangte sein Pferd.
    Man führte es herzu, er bestieg es, und stellte sich mit ihm gegen die
Männer. Dann zog er sein Schwert aus der Scheide, und begann mit demselben das
Grüssen.
    Er grüsste zuerst Diepold, indem er das Schwert tief senkte, dann grüsste er
den alten Bolemil, der aufrecht da stand, er grüsste den alten Wsebor und den
alten Preda, dann Lubomir und Diwis, dann die Führer, dann die Herzogin Gertrud
und Dimut, die neben der Herzogin stand, und dann weiter alle die Unterführer.
    Die gegrüsst worden waren, dankten mit dem Schwerte.
    Dann grüsste der Herzog mit seinem Schwerte weitin ausholend das ganze Heer
der Verteidiger. Dann das Schwert in seiner Rechten haltend sprach er: »Männer,
Freunde, Brüder, Kampfgenossen! Seid gegrüsset in dem Herrn. Wir sind wieder
vereinigt. Gott hat alles gewendet. Kein Feind ist mehr vor der Stadt und in dem
Lande, und es ruht der Kampf. Lob, Preis und Ehre allen, die dazu gewirkt haben.
Ihr habt im Mute der Helden diese Stadt geschirmt, und mit Herzen der Männer
ausgedauert. Lob und Dank euch allen. Lob und Dank denen, die Lob und Dank nicht
mehr hören können, weil sie den Tod herrlicher Krieger gefunden haben; Lob und
Dank denen, welche Wunden an ihrem Körper tragen, denen sie für das Recht
entgegen gegangen sind; Lob und Dank auch dem edlen Herzoge Sobeslav, der diese
Mauern so gefestigt hat, dass sie euch die Stadt verteidigen halfen; Lob und Dank
allen Vorgängern, die den Schutz des Herzogstuhles gepflegt haben; Lob und Dank
denen, welche aus dem ganzen Lande sich zu mir gesellt und die Macht so erhöht
haben, dass die Feinde vor ihr flohen, und Lob und Dank denen, die dem Feinde den
Mut genommen haben: das grösste Lob und den grössten Dank aber dem, ohne den alles
vergeblich gewesen wäre, dem grossen dem gerechten dem allmächtigen Gott. Ihr
habt ihm schon gedankt, ich tat es auch schon, vereinigt werden wir ihm morgen
danken, wenn das erste Licht scheint. Morgen kömmt der König Konrad, empfanget
ihn als Gast, nicht als Hilfsgenossen; denn es ist keine Schlacht mehr. Er wird
den Kirchenfesten beiwohnen, und dann in sein Land zurückkehren. Und nun noch
einmal: Gruss und Dank. Für heute abend lade ich alle Führer und Unterführer zum
Mahle in die Hofburg. Albero, der Erzbischof von Trier, hat Wein und der König
Konrad allen Bedarf in die Stadt geschickt. Teilt den Männern auf den Wällen aus
und den Leuten in der Stadt, die Mangel haben. Nach der Kirchenfeier kommet
morgen in den Saal der Hofburg, dass wir kurz einen kleinen Entgelt für alle die
Mühe beraten. Ich gehe jetzt in mein Haus, geleitet mich, wenn es euch gefällt,
und zum dritten Male: Gruss und Dank.«
    »Gruss und Dank«, riefen alle Männer einstimmig, und schlugen an ihre
Schwerter.
    Der Herzog steckte sein Schwert in die Scheide, wendete sein Pferd, und
begann mit seinem Geleite den Zug in die Hofburg. Die beiden Heere begleiteten
ihn, wie der Raum es zuliess.
    Da sie an dem Hofe angekommen waren, hingen an dem Tore Blumengewinde, und
es standen schöngekleidete Jungfrauen mit Blumenkränzen und Blumensträussen vor
dem Volke da, und Gras und Laub und Blumen bedeckten den Boden. Eine aus den
Jungfrauen sprach zu dem Herzoge Wladislaw Begrüssungsworte, und reichte ihm
einen Strauss.
    Der Herzog nahm den Strauss, und dankte ihr.
    Dann sangen alle Jungfrauen einen Begrüssungsgesang.
    Der Herzog dankte gegen alle hin.
    Da es stille geworden war, stieg er von seinem Pferde, ging zu der Herzogin,
fasste sie an ihrer Hand, küsste sie auf die Stirn, und sprach: »Hocherlauchte und
vielliebe Frau! Ich habe Euch auf den Mauern als Führer begrüsst, und begrüsse
Euch jetzt als Herzogin. Ich führe Euch von dem Kriegsplatze in Euer Haus, und
seid bedankt für das, was ihr über Euer Geschlecht getan habt.«
    Hierauf wendete er sich zu Diepold, schloss ihn in die Arme, und sprach: »Sei
gegrüsst, mein lieber Bruder, gehe unter mein Dach ein.«
    »Sei gegrüsst«, sagte er dann zu Bolemil, und nahm seine rechte Hand.
    Dann reichte er die Hand an den Bischof und die Äbte, an Diwis, Lubomir und
an mehrere.
    »Sei gegrüsst, Jungfrau«, sprach er zu Dimut, »du bist so tapfer als schön,
wir sind in deiner Schuld, und Rowno wird dich nicht zu hart strafen.«
    Die Führer des Heeres des Herzogs näherten sich denen der
Verteidigungsscharen, reichten die Hände, und gaben Grüsse.
    »Du schöner Krieger«, sagte Welislaw zu Dimut, »du fängst ja die Pfeile der
Feinde mit den Händen?«
    »Durch das Wunder eines Heiligen, den ich nicht kenne«, sagte Dimut, »ist
ein Pfeil ohne Schaden zwischen mein Panzerhemd und den Kleiderärmel gedrungen,
und ich habe mir den Pfeil aufbewahrt.«
    »Wenn ich ein hoher Mann dieses Reiches wäre«, antwortete Welislaw, »würde
ich dich um den Pfeil bitten.«
    »Und wenn du ein hoher Mann des Reiches wärest«, entgegnete Dimut, »würde
ich dir den Pfeil nicht geben.«
    Der Herzog aber führte nun die Herzogin im Geleite seines Bruders Diepold,
der Führer, der Hofherren und der Frauen in den Herzogshof.
    Die Jungfrauen erhoben wieder einen Gesang, welchen sie lieblich
fortführten, da auch der Herzog nicht mehr unter ihnen war. Dann mischte sich
eine Stimme von dem Volke bei, und wieder eine, und wieder eine, und endlich
sangen die Krieger und das Volk jenen Gesang, welcher in dem ganzen Lande Böhmen
bekannt und geliebt war.
    Als der Gesang geendet war, harreten sie eine Weile, und sangen ihn dann
noch einmal. Dann aber zerstreueten sich die Menschen nach allen Richtungen. Die
Scharen des Herzoges Wladislaw wurden über die Brücke in den rechten Burgflecken
geführt, um auf dem grossen Marktplatze zwischen dem Burgflecken und dem Wysehrad
zu lagern. Von den Männern Diepolds wurden die ausgelesen, welche auf den
Wacheplätzen und Spähetürmen sein mussten, die andern durften in ihre
Lagerstellen und in ihre Ruhestellen gehen.
    Als die Krieger Wladislaws auf dem grossen Marktplatze angekommen waren, und
sich einzurichten begannen, ritt Witiko mit Lambert Augustin und Urban und mit
seinem Knechte Jakob im Geleite Wolfgangs von Ortau und seiner drei Freunde von
ihnen weg zu den Waldleuten. Diese hatten ihre Lagerstelle noch auf dem Walle,
wo sie die Mauern verteidigt hatten. Da sie die heran reitenden Männer sahen,
stellten sie sich zusammen, und die auf dem Boden lagen, erhoben sich, und die,
welche Witiko auf dem Berge Wysoka zu ihrem Führer erwählt hatten, und alle
andern auch, die von dem Walde stammten, riefen ihm einen Gruss zu.
    Witiko rief ihnen auf seinem Pferde sitzend entgegen: »Seid mir von Herzen
gegrüsst, alle ihr Männer, deren Heimat von Fichtenzweigen umweht ist oder von
den Zweigen der Tannen und Föhren, oder umrauscht von denen der Buchen und
Ahornen, welche zu den Millionen der Bäume gehören, die da wachsen, wo die junge
Moldau von Abend gegen Morgen geht. Ich erkenne es, dass wir ein anderes
Geschlecht sind, als das auf den offenen Feldern. Wir sind hart und arm aber
guten Herzens und guter Treue. Ich glaube, dass die Waldmänner fest zusammen
gehalten haben. Und ihr seid im besondern gegrüsst, die ihr mich jungen Krieger
zu euerm Vormanne gewählt habt. Ich bin wieder bei euch.«
    Nach diesen Worten stieg er von seinem Pferde, seine Begleiter stiegen auch
von den ihrigen, und sie traten näher zu den Männern.
    Es kam auch Rowno herzu, und Diet und Osel und Hermann und mehrere andere.
    »So seid ihr also noch immer zwischen den gemauerten Steinen«, sagte er,
»wir sind indessen durch ein weites grünes Land geritten, und wieder durch ein
weites grünes Land zurück. Ihr habt bittere Arbeit getan, wenn ihr nur nicht zu
Grosses erduldet habt.«
    »Es ist zum Ertragen«, sagte Stephan der Wagenbauer, »sei gegrüsst, Witiko.«
    »Sei gegrüsst«, rief Adam.
    »Sei gegrüsst«, rief Paul Joachim.
    »Ich grüsse dich auch, Witiko«, sagte Christ Severin der Wollweber, »dem
Wolfgang haben sie mit einem Steine den Kopf eingeschlagen. Er hat kein Weib und
keine Kinder, und seine Mutter wird um ihn weinen. Dem starken Simon vom
Reutschlage hat einer, da wir das grosse Schleuderholz anzündeten, die
Gehirnschale entzwei gehauen. Osel hat eine doppelte Wunde erhalten.«
    »Es ist mehr Blut als Verletzung gewesen«, sagte Osel, »und die Sache
bessert sich schon.«
    »Und Grup von Wettern hat drei Wunden erhalten«, sagte Christ Severin, »und
Wolf von Winterberg eine, und Branis aus Rowna eine. Dem Schmied haben sie den
linken Arm mit einem Stricke an den Leib gebunden, weil er sich ihn verrenkt
hat; dem Matias haben sie, als wir in der Nacht auf der sumpfigen Wiese draussen
waren, mit einem Pfeile den Ohrflügel durchschossen, Zacharias hat ein Pfeilloch
im rechten Arme, es heilt aber schon, und dem Maz Albrecht hat ein Balken das
ganze Fleisch auf der Brust zerrissen, hat aber die Rippen nicht brechen können,
und er wird heil. Wir andern sind gut, und haben Schrammen und blaue Flecke.«
    Jetzt nahm Peter Laurenz, der Schmied, das Wort, und rief: »Du hast den
Urban gesund zurückgebracht, das ist gut, Witiko, und er sitzt recht schön auf
dem Pferde, wie ihr herzu geritten seid. Er wird noch viel lernen. Und sieh nur,
Witiko, was wir für einen schönen grossen Schleuderschragen haben. Steine, die
wir unser fünf Männer kaum heben konnten, haben wir mit dem Haspel auf die
Dächer ihrer Holzhäuser geworfen, die sie herzu geschoben haben, als ob ich nach
einem Uhu würfe. Wir hätten ihnen die Stadt schon noch eine Weile nicht
gelassen, bis alles zerbröckelt und angezündet gewesen wäre wie die Kirche des
heiligen Veit und des heiligen Georg.«
    »Ihr habt gekämpft, und wir haben zu keinem Kampfe gelangen können«, sagte
Witiko.
    »Weil sie vor dem neuen Heere davon gerannt sind«, antwortete der Schmied,
»der Herzog wird uns doch von den kostbaren Dingen im Lager etwas geben, die sie
jetzt so bewachen lassen, und morgen kömmt der König Konrad, hat er gesagt, und
wir werden ihn und die Ritter sehen.«
    »Und ich habe gar nichts tun können«, sagte Tom Johannes.
    »Du hast die Leute angeeifert«, antwortete Witiko.
    »Und sie haben nicht gefolgt«, entgegnete der Fiedler.
    Urban drängte sich jetzt auch vor, sprach mit den Männern von der
Kuckuckspfeife und dem Messer und dem Buffenrocke, den er sich gebracht habe,
und der noch bei dem Packzeuge sei.
    Und auch Lambert und Augustin begannen zu erzählen.
    Witiko aber wendete sich zu Rowno, und sprach: »Verzeihe, ehrenvoller
Wladyk, dass ich zuerst die Männer begrüsste, welche zu mir gehören. Ich bringe
dir jetzt den Freundschaftsgruss, und den Dank, dass du sie geführt hast. Gewähre
mir die Bitte, ein Schwert aus guter Waffenarbeit Nürnbergs, welches ich dir
gebracht habe, anzunehmen. Ich denke, dass alle willig gewesen sind.«
    »Willig und treu wie die Waldleute«, antwortete Rowno. »Ich grüsse dich,
Witiko, ich nehme dein Geschenk gerne an, und gebe dir die Leute mit einigen
Beschädigungen wieder. Den Wolfgang von Plan und den starken Simon vom
Reutschlage kann ich dir nicht mehr geben. Sie liegen schon in der Erde der
Stadt Prag. Sie haben ihrem Platze genug getan, und Simon hat den Feinden im
vorhinein vergolten, ehe sie ihn weggerafft haben.«
    »Wir werden die Mutter Wolfgangs in Plan trösten und stützen«, sagte Witiko,
»und um Simon tut es mir leid, er ist ein starker treuherziger Mann gewesen. Hat
er Angehörige?«
    »Die vom schwarzen Bache sagen«, antwortete Rowno, »dass er Vater und Mutter
hat und einen Bruder, der an der Stelle des Alten die Felder besorgt.«
    »Gott lohne ihm, er hat ihn gerufen«, sagte Witiko, »und den Seinigen werden
wir helfen, wie wir können.«
    »Man kann in einer Stadt nicht viel tun, wenn man bloss abwehren muss«, sagte
Rowno, »aber zur Erhaltung haben wir doch beigetragen.«
    »Beigetragen und es wird anerkannt«, sagte Witiko.
    
    »Wir gehören nun wieder zu dir, Witiko«, rief David der Zimmerer mit heller
Stimme.
    »Zu dir«, rief Philipp.
    »Zu dir«, riefen mehrere Stimmen.
    »Zu dir«, riefen dann alle.
    »Wir gehören zu ihm«, sprach der Schmied, »weil er zurückgekehrt ist, wie
wir gesagt haben, wir gehören zu ihm, so lange diese Sache dauert.«
    »Freunde und Waffengenossen«, sprach Witiko, »die Sache ist aus. Es ist kein
Feind mehr da, der Herzog hat die Länder und den Fürstenstuhl, und wir können
nach Hause gehen. Er hat aber befohlen, dass er noch mit uns sprechen will.«
    »Wenn der Herzog mit uns sprechen will, warten wir schon«, sagte der
Schmied.
    »Jetzt aber gehabt euch wohl«, sagte Witiko, »ich und Urban und Augustin und
Lambert und Jakob gehören noch zu des Herzogs Leuten, und müssen zu ihnen.
Morgen und zunächst wird sich schon das andere fügen. Heute werden noch Speisen
und Getränke zu euch geschafft werden, geniesst sie fröhlich und gedenket
unser.«
    »Wir gedenken eurer«, riefen die Männer.
    »Wie du schön angezogen bist, Witiko«, sagte Tom Johannes der Fiedler.
    »Ich habe dir auch ein Wams aus Nürnberg gebracht, du armer Mann«,
antwortete Witiko, »es wird, wenn du im Sommer keinen Rock an hast, weitin im
Walde leuchten.«
    »Das ist schön«, sagte Tom Johannes, »wenn nur auch die Fiedel wieder wäre.«
    »Sie wird sein und klingen, und gewiss wird sie klingen, du zaghafter Mann«,
sagte Witiko.
    »Und nun erquickt euch«, fuhr er dann fort, »ruhet gut in der Nacht, und
morgen komme ich wieder zu euch. Lebe wohl, Rowno, du auch, Osel, und ihr
andern. Jetzt, Reisegenossen, besteigt die Pferde, und wir gehen zu unserer
Schar.«
    »Nehmt auch einen deutschen Gruss und ein deutsches Lob für eure Taten, ihr
Männer der Wälder«, rief Wolfgang von Ortau.
    »Wir danken euch«, sprach Rowno, »gewähret uns einmal einen Besuch in dem
Walde, und geniesst unser Haus.«
    »Ja, ja, ja«, riefen mehrere Männer des Waldes, »kommt und wir danken für
das Lob.«
    »Wer weiss, was geschieht«, sagte Wolfgang von Ortau, »und ob wir nicht
einmal in die Heimat Witikos kommen.«
    Witiko antwortete: »Dann seid ihr dort wie die Unsrigen.«
    »Wir denken es, Witiko«, sprach Wolfgang von Ortau.
    »Ihr müsst dann von einem zu dem anderen gehen«, sagte Rowno.
    »Nach Dub auch zu mir«, rief Osel.
    »Und zu mir nach Wettern«, rief Diet.
    »Und nach Hora«, rief Witislaw.
    »Und nach Attes«, rief Hermann.
    »Und nach Tusch«, rief Wolf.
    »Es ist gut, ihr Männer«, sagte Wolfgang von Ortau, »wir kommen. Ruhet in
der Nacht, morgen reiten wir wieder zu euch.«
    Witiko und die Seinigen bestiegen die Pferde, und sie und die deutschen
Begleiter ritten in das Lager auf dem grossen Marktplatze.
    Dort war neben dem Gezelte Witikos ein schöneres und geräumigeres für
Wolfgang und seine Freunde hergerichtet worden. Witiko führte sie in dasselbe
ein.
    Jetzt kam auch der Knecht Raimund, den Witiko in Prag zurückgelassen hatte,
um in der Nacht bei Witiko zu bleiben.
    In dem Lager wurden des Abends Speisen bereitet, zu den Verteidigern der
Stadt und zu andern Leuten derselben wurden Speisen und Getränke gesendet, und
in dem Hofhause des Herzogs wurde das angekündigte Mahl abgehalten.
    Am andern Morgen war bei dem Aufgange der Sonne unter dem freien Himmel auf
dem grossen Platze vor dem Herzogstuhle ein heiliger Dankgottesdienst. Der
Herzog, die Herzogin, die Führer, die Hofherren, die Geleite und alle Krieger
ausser den Wachen und sehr viele Menschen waren bei dem Gottesdienste zugegen.
Nach dem Danke wurden die Gebete für die Toten gesprochen.
    Dann gingen der Herzog, die Herzogin, die Bischöfe, Äbte und viele Priester
und die Führer zu den Verwundeten und Kranken.
    Wladislaw verlangte, dass man ihm ein Verzeichnis von allen verfertige,
welche Wunden erhalten, und welche den Tod erlitten haben.
    Darauf versammelte man sich zu dem Rate in dem Saale der Hofburg.
    Nach dem Rate wurden die Männer, welche den Herzog Wladislaw auf seinem Wege
nach Nürnberg begleitet hatten, und welche zu dem Heere, das auf dem Wysoka
gekämpft hatte, gehörten, wieder zu den Ihrigen eingeteilt.
    Witiko ging zu den Waldleuten, und liess für seine deutschen Freunde und für
sich und seine Knechte Zelte errichten. Lambert, Augustin und Urban gingen auf
ihre Plätze, und die Pferde des Herzogs wurden in ihren Stall zurück geschickt.
    Jetzt kam auch Heinrich, der Bruder des Herzoges Wladislaw, mit den
Hilfsmännern aus dem Lande Budissin an. Es wurde ihnen ein Platz gegen das Dorf
Buben hin neben dem verlassenen Lager der Feinde angewiesen.
    Als die Sonne an dem Mittage des Himmels stand, meldeten die Späher, dass das
Heer des Königs Konrad komme.
    Eine grosse Zahl Menschen versammelte sich an dem Wege, auf der Brücke und an
anderen Stellen, um es kommen zu sehen.
    Bald zog es auf dem Wege neben der Moldau herein. Und alle Menschen und alle
Dinge, welche sich neben dem Wege befanden, und auch alle, die weiter waren, die
Büsche des Berges Petrin und die Felsen gegen die Burg hin leuchteten von dem
Scheine der Waffen und Rüstungen. An der Spitze des Zuges ritt der König Konrad.
Er hatte einen goldenen Harnisch und einen goldenen Helm. Unter dem Helme waren
an der Stirne blonde Haare und seine blauen Augen blickten freundlich umher.
Weil man sagte, dass er so männlich sei, wie der erste Ritter in seinem Heere, so
sahen alle Augen auf ihn. Dann waren die Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte, Kurherren,
Herzoge, Grafen, Ritter, Herren und Führer der Klöster und Städte. Oft waren auf
ihren Rüstungen und Schilden Verschlingungen von Laub und Zweigen, von Gestalten
und Zeichen aus Gold, Silber oder edlen Steinen. Hermelin oder anderes Rauhwerk
war an Säumen und Rändern. Dann kamen die Krieger meist in heller Beschienung,
und alles, was zu dem Zuge gehörte. Die Menschen riefen dem Könige zu, und
warfen ihm Blumen oder Reiser.
    Als der König zu der Brücke gekommen war, harrten an derselben auf ihren
Rossen sitzend der Herzog Wladislaw, die Herzogin Gertrud, Diepold und Heinrich,
die Brüder des Herzoges, dann die Bischöfe Otto und Zdik, die Äbte und Priester,
dann die Herren der Ämter des Hofes und die Führer der Krieger. Sie begrüssten
den König und die Seinigen, und geleiteten sie über die Brücke. An das Heer des
Königs schloss sich das Heer der Stadtverteidiger an, und das, welches Heinrich
aus dem Lande Budissin gebracht hatte. In langen Zügen bewegten sich die Männer
über die Brücke der Moldau dahin. Sie durchzogen den rechten Burgflecken bis zu
dem Marktplatze, der zwischen dem Burgflecken und dem Wysehrad war. Dort
schlossen sich auch die Krieger an, die seit gestern auf dem Marktplatze
lagerten. Vor dem Burgflecken des Wysehrad blieben die Heere stehen, und der
Herzog und die Seinigen geleiteten den König mit seinen Vornehmen durch den
Burgflecken gegen das Pankratiustor der Burg empor. Vor dem Tore stand der
Propst Hugo und der Diakon und der Subdiakon in dem Schmucke der kirchlichen
Haube und der Fusssohlen, die sie aus Vergunst des Heiligen Vaters tragen
durften, und es stand der Dechant, der Meister, der Hüter, und es standen die
übrigen Priester des Hauses da, und neben ihnen stand der greise Zupan Fabian
mit dem Gaurichter, dem Kämmerer, dem Maier, dem Jägermeister und den anderen
Zupenherren, und hinter ihnen standen die Diener der Kirche und die Diener der
Zupanei.
    Der Propst machte das Zeichen des Segens gegen den König und die Seinigen,
und sprach die Worte des Segens.
    Der König bezeichnete sich, antwortete mit den Segensantworten, und sprach
dann: »Wir werden eure Heiligtümer, hochehrwürdiger Herr, mit unsern Bitten und
Gebeten belästigen.«
    »Gott wird das Gebet erhören, das du, hoher Herr, in unserer Kirche tust«,
antwortete der Propst, »und unser Haus ist dein Haus.«
    »Ich bin der Gast meines Schwagers, und besuche auch euer Haus«, sagte der
König.
    »Unser Haus ist das der Herzoge, wie alles hier der Herzoge ist«, sagte der
Propst. »Der erste Boriwoy hat diese Kirche gegründet, der König Wratislaw hat
sie grösser gebaut, und zwölf Körbe Steine dazu getragen, und der Herzog Sobeslaw
hat sie erst glänzen gemacht. Und was wir an Friedenssteuer, Überfuhren,
Ansässigkeiten, Pflugmassen und andern Dingen haben, stammt von den Herzogen. Und
mögen auch deine Herren Gelegenheit zu unserer Gastlichkeit nehmen.«
    Darauf sprach Fabian, der Zupan von Wysehrad: »Durch die Gnade des Herzogs
bin ich dein Wirt, hoher Herr, und die Zupanei ist von dem Saale bis zur
Kleiderstube hinab dein Eigentum.«
    »Ich werde wie meine Vorgänger«, sagte der Herzog, »die Pfründe dieser
Kirche mehren, weil sie auch so guten Absichten dienet. Jetzt aber, Herr, gehe
in das Haus.«
    »So gehen wir denn in diese Hochburg«, sagte der König, »welche in uralter
Zeit so heilig gegolten hat.«
    »Sie ist heilig gewesen, da sie noch in dem Walde gestanden ist, und die
heidnischen Fürsten in ihr geherrscht haben, und sie ist noch heiliger geworden,
da christliche Kirchen in sie gekommen sind. Der König Wratislaw und der Herzog
Sobeslaw haben hier gewohnt, und die künftigen Herzoge werden desgleichen tun«,
sagte Hugo.
    Der König und alle, die um ihn waren, ritten in die Burg.
    Dort stiegen sie von den Pferden, und der König ging gegen die Kirche der
Heiligen Petrus, Paulus und Clemens.
    Er betrachtete ihren Bau.
    »Siehe, Herr, die Krone an der Mauer wiegt zwölf Mark Gold und achtzig Mark
Silber«, sagte Hugo, »sie hat der Herzog Sobeslaw machen lassen. In der Kirche
wirst du den Fussboden mit glänzenden Steinen belegt sehen, goldene und silberne
Kreuze und kostbare Tücher an den Altären, und schöne Wandelgänge an den Mauern.
Das alles hat Sobeslaw errichtet.«
    »Ich habe von diesem Baue gehört«, sagte der König, »und bin erfreut, ihn
nun mit meinen eigenen Augen zu sehen, und, wenn auch das uralte Kirchlein
Boriwoys nicht mehr steht, hier meine Andacht zu verrichten.«
    »Das Kirchlein Boriwoys«, entgegnete Hugo, »an dessen Stelle dieses
schimmernde Haus steht, ist ein heiliges Kirchlein gewesen; in ihm hat Cyrillus
drei Jahre den Leib des heiligen Clemens aufbewahrt, ehe er ihn nach Rom
brachte.«
    »So erzählen die heiligen Geschichten«, sagte der König.
    Dann gingen alle in die Kirche. Sie gingen an den goldenen und silbernen
Kreuzen und schönen Tüchern der Altäre und an den Wandelgängen vorüber zum
grossen Altare.
    Dort kniete der König, und es knieten alle andern nieder, und taten ein
kurzes Gebet.
    Dann betrachteten sie die Kirche.
    Dann gingen sie noch in die Kirche der heiligen Maria Magdalena und in die
des heiligen Martin, und beteten dort, und betrachteten die Kirchen.
    Dann besuchte der König die Gräber der Herzoge Wratislaw und Sobeslaw und
der Herzoginnen Swatawa und Adelheid.
    Dann besah er in der Kammer des Fürstenhofes die Bastschuhe des Herzoges
Premysl.
    Dann ging er in den grossen Saal.
    »In diesem Saale«, sagte Hugo, »werden die Landtage und die Feste des
Reiches abgehalten, und hier ist unser hoher Herzog Wladislaw gewählt worden.
Vor zwölf Jahren sind mit dem Herzoge Sobeslaw einmal dreitausend Menschen in
diesem Saale gewesen.«
    »Hier«, sagte der König, »nehme ich Abschied von dir, erlauchter Herzog, und
gehe in meine Stube. Das andere dieser Herrscherburg, in welche du mich geladen
hast, werde ich mit den Meinigen allein einmal besehen.«
    Hierauf ging er in sein Gemach, und dort verabschiedete sich der Herzog, und
ritt mit den Seinigen in die Burg Prag zurück.
    Die geistlichen und weltlichen Fürsten ritten zu den Ihrigen.
    Das Heer des Königs Konrad zog auf das Feld vor dem Wysehrad, um dort ein
Lager zu errichten. Alle andern Krieger gingen auf ihre Plätze.
    Gegen den Abend ritten der König Konrad, dann Heinrich, der Markgraf von
Österreich, und Otto, der Bischof von Freising, mit Geleiten in die Burg Prag.
    Dort sprach der König zur Herzogin Gertrud die Worte: »Sei mir in deinem
Hause gegrüsst, du liebe Schwester. Ich sollte dir Bolzen und Lanzen und
Schwerter und Harnische bringen statt der Perlen, die ich für dich in der Hand
halte. Wenn man dich im Flitter unter deinen Frauen sieht, sollte man es nicht
glauben, was die Leute von dir erzählen. Ich werde meine Versäumnis durch ein
schönes Waffenkleid zur Erinnerung an die vergangenen Tage gut machen. Meine
Hausfrau Gertrud sendet dir auch einen Gruss, und die andere Gertrud, die bald
deine Schwägerin sein wird, hat einen andern Boten für ihre Grüsse gewählt.«
    »Ich bringe sie«, sagte Heinrich, der Markgraf von Österreich, »und bringe
die Ladung zur Vereinigung mit ihr. Bei diesem Feste werden die drei verwandten
Gertruden in einem Saale sein.«
    »Ich nehme alle Grüsse und Ladungen mit Freuden auf«, antwortete Gertrud.
    »Ich bin mit den zwei andern Brüdern auch hier«, sagte Otto, der Bischof von
Freising, »um meine liebe Gertrud zu begrüssen. Wir haben kämpfen wollen, und
finden nur Feste. Gott hat uns geführt, und das Gebet unserer frommen Mutter auf
dem Kahlenberge hat uns begleitet.«
    »Sie hat gewiss gebetet, und ihr Gebet ist erhörenswert«, sagte Gertrud, »und
du, den sie so liebt, wirst es gedenken.«
    »Wenn ich es kann, ist es durch meinen Wandel«, sagte Otto, »und den will
ich unserer Mutter genehm zu machen suchen.«
    Als es Nacht wurde, ritten alle in den Wysehrad zurück.
    Witiko übergab an diesem Tage Rowno das Schwert, welches er für ihn aus
Nürnberg gebracht hatte, und teilte an die Waldleute die Geschenke aus, die er
für sie dort erworben hatte.
    Der König blieb drei Tage in der Stadt Prag.
    Es waren an diesen Tagen Feste der Kirche und andere Feste, und die Herren
gaben sich Gastlichkeiten. Kostbare Fische und Speisen aller Art wurden herbei
gebracht, und der Herzog Wladislaw vergalt an Wein, der an der Elbe gewachsen
war, den, welchen die Herren vom Rheine und vom Neckar gebracht hatten. Es
wurden Spiele gehalten, und die deutschen Ritter zeigten, was sie mit Waffen und
Pferden konnten, und die böhmischen Herren zeigten, was in ihrem Lande
gebräuchlich war. Unzählige Menschen waren gekommen, und die böhmischen Mädchen
wiesen den fremden Reitern die Schönheit ihrer Landeskleider und ihrer
Angesichter. Auch die Männer des Waldes kamen herzu, und liessen sehen, was sie
an Laufen und Ringen und Springen vermochten, und der Schmied von Plan vermass
sich, zu sagen, kein Mann könne einen so schweren Stein heben wie er. Geschenke
wurden gegeben und empfangen.
    Die Kundschafter meldeten, dass die Feinde wirklich auseinander gegangen
seien.
    Am vierten Tage zog das deutsche Heer auf dem Wege zwischen dem Petrin und
der Moldau hinaus, auf dem es herein gekommen war.
    Der Herzog Wladislaw nahm nun das verlassene Lager der Feinde in Empfang.
Was an Wert dort war, wurde verteilt. Die Schleudergeräte, welche brauchbar
waren, wurden zu dem Kriegszeuge des Landes gestellt. Das Holz der Verbalkungen
und anderer Werke wurde den Armen gegeben. Die Verwundeten, welche man fand,
wurden zu einer besseren Besorgung in die Burgflecken von Prag getragen, und die
schlecht begrabenen Toten wurden besser mit Erde bedeckt. Die Priester sprachen
den christlichen Segen über sie. Aus Dingen, die man in dem Lager oder auf dem
Kampfplatze fand, konnte man erkennen, dass alle an den letzten Kämpfen Teil
genommen haben mussten, die es vermocht hatten, Arbeiter, Schenken, Händler,
Trödler, Trossbuben, selbst Frauen.
    Wladislaw liess nun die Ebnung des Bodens beginnen, und verkündigen, dass
alle, welche ein Eigentum dort haben, sich ausweisen sollen, um eine
Entschädigung zu erhalten.
    Als diese Dinge geschehen waren, hielt der Herzog einen Rat, wie die Kirche
des heiligen Veit und des heiligen Georg wieder aufzubauen sei, und wie man die
Mauern der Stadt wieder herrichten und mehr festigen könne, damit sie künftigen
Bestürmungen noch wirksamer zu widerstehen vermögen.
    Der Herzog, die Priester und die Herren des Rates beschaueten den Schutt der
Kirche, und beschlossen, dass sie stärker und schöner aufgerichtet werde, und dass
man ein steinernes Dach setze.
    Es wurden nun die Weisungen an die Werkmeister und Bauherren des Landes um
Rat und Beihilfe gesendet.
    Darauf versammelte Wladislaw alle Führer der Krieger, und verteilte an sie
Ländereien, Gold, Silber, Geschmeide, Waffen, Pferde, Gewänder, Gezelte,
Kriegszeuge, und was sonst zum Lohn und zur Erinnerung dieser Tage zu dienen
vermochte. Er bestimmte auch, was an alle übrigen Krieger zu verteilen sei, und
gab die Art an, wie es sogleich getan werden müsse.
    Dann sprach er: »Wir haben nun einen kleinen Entgelt für eure Taten
abgefertigt, wie wir ihn am Morgen nach meiner Ankunft in diesem Saale beraten
haben. Er soll kein Lohn sein, sondern nur der Beginn des Lohnes, und was ein
treuer Mann von mir wünscht, dafür werde ich zu aller Zeit ein offenes Ohr
haben. Die Gabe stammt aus dem fürstlichen Gute, und das Gut hat nach den
Kräften getan, die ihm jetzt eigen sind. Wir werden fürder ohne Hilfe fremder
Männer die Mittel des Landes rüsten, um den Feind vollständig zu besiegen, und
dann ist es nach dem Kriegsgebrauche Recht, dass das Gut des Fürsten durch das
Gut des Feindes wieder erstarken und die Getreuen ihre Beteiligung erhalten. Wer
in diesem Streite zu mir gezogen ist, und seine Männer gebracht hat, möge in
seine Heimat ziehen, und dem Lande wieder helfen, wenn das Land seiner bedarf.
Meine Krieger verteile ich an ihre bestimmten Plätze. Und so möge jeder das
Denkmal der Waffenbruderschaft dieser Zeit dahin nehmen, und keiner in üblem
Mute von hier scheiden.« Darauf sprach Otto, der Bischof von Prag. »Sie haben
mich zur Antwort an dich gewählt, hoher Herr! Wir sind in diesen Streit gezogen
aus Liebe zu Gott und den Himmlischen, dass durch Blut und Wirrsal nicht der
heilige Glaube, die heilige Religion und die christliche Sitte leide; ferner aus
Liebe zu dem Lande, dass es vor grossem Schaden bewahrt werde, und dann aus Liebe
zu dir, hoher Herr, dass dir dein Recht erhalten werde. Gott und die Heiligen
haben geholfen, wir haben ihnen gedankt, und sind zu Ende. Wenn du grossmütig wie
deine Vorgänger Gaben verteilt hast, so ehren die Gaben uns, wie die Gaben
deiner Vorgänger unsere Voreltern geehrt haben, und wir ehren die Gaben wieder
und geniessen sie in Ansicht ihres Ursprungs. Zur weiteren Schlichtung der Dinge
wird dir die Treue der Deinen nicht fehlen.«
    »Es soll immer das Rechte und Gute geschehen«, rief Bolemil.
    »Das Rechte und Gute«, riefen nun alle Männer.
    Dann sprach wieder der Herzog. »Ehe wir scheiden, geliebte Herren, haben wir
noch ein Urteil über einen Schuldigen zu sprechen. Er harret draussen, und hat
sich in der Freude, die jetzt in dem Lande ist, zu dem Empfange seines Spruches
gestellt. Der Spruch wird gerecht sein, und die Gerechtigkeit wird vollzogen
werden. Rufet den Mann.«
    Einer der Krieger an der Tür des Saales ging hinaus, und kam mit Witiko
zurück.
    »Witiko, tritt vor«, sagte der Herzog.
    Witiko ging von der Tür des Saales auf den Platz vor der Versammlung.
    Er hatte das Ledergewand an, welches er auf dem Ritte bei Chynow getragen
hatte, und in welchem er vor der Wahlversammlung in dem grossen Saale des
Wysehrad gestanden war.
    Der Herzog sprach: »Ihr kennet diesen Mann, und habt ihn schon einmal vor
euch gesehen.«
    »Wir kennen ihn«, sprach Bolemil.
    »Wir kennen ihn«, sprach Lubomir.
    »Wir kennen ihn«, sprach Otto.
    »Wir kennen ihn«, sprach Zdik.
    »Wir kennen ihn«, sprachen viele.
    »Odolen, der du die Tat des Mannes gesehen hast, derentwillen er hier steht,
erzähle in Getreuem, was sich alles zugetragen hat«, sagte der Herzog.
    Odolen erhob sich von seinem Sitze, der in einer hinteren Reihe stand, und
sprach: »Hoher Herr! Wir ritten zwischen Pilsen und dem Dorfe Holaubkau. Da kam
eine Schar von Reitern der Feinde. Es waren die Fürsten Wratislaw von Brünn,
Otto von Olmütz, und Wladislaw, der Sohn des Herzogs Sobeslaw, unter ihnen. Es
wurde ein Kampf. Wir waren ihnen an Zahl um vieles überlegen. Wir standen so,
dass sie mit dem Rücken gegen das Lager der Unsrigen gekehrt waren, wir gegen das
Lager der Ihrigen. Der Sieg zeigte sich für uns. Witiko befehligte eine grössere
Zahl Reiter als ich. Da die Feinde zur Flucht drängten, hiess Witiko seine Reiter
nach der Seite wenden, dass ich glaubte, er wolle die Feinde umgehen, und in
ihrem Rücken ihre Flucht hemmen. Es wurde aber eine Lücke gegen Prag, sie
wendeten ihre Pferde, und flohen durch die Lücke in der Richtung gegen Prag hin.
Meine und Witikos Reiter riefen Verrat, kamen in Unordnung, und als die Ordnung
wieder hergestellt war, hatten die Feinde eine grosse Strecke vor uns. Witiko
übergab seinen Befehl an mich, ich ordnete die Verfolgung an. Witiko ritt als
Streiter mit uns. Auf dem Wege fanden wir die hölzernen Häuser des Dorfes
Holaubkau brennen. Wir konnten durch den Brand nicht hindurch, und ehe wir einen
Umweg entdeckten, war so viele Zeit vergangen, dass die Erreichung der Feinde
vereitelt war. Wir kehrten um, Witiko mit uns, und in dem Lager ging er zu dem
erlauchten Herzoge Wladislaw. So ist die Sache.«
    Nach diesen Worten setzte sich Odolen wieder nieder.
    »Witiko, sprich«, sagte der Herzog.
    Witiko neigte sich vor dem Herzoge, und sprach: »Ich habe den Kriegsfehler
nicht gemacht, dass ich die Flucht der Feinde gegen das Lager der Unsrigen zu
hemmen gesucht hätte. Ich wollte sie zu den Ihrigen entfliehen lassen, und es
ist gelungen. Weil drei Fürsten selber so weit gegen unser Lager vorgeritten
waren, habe ich gedacht, sie müssen etwas Bedeutungsvolles im Sinne haben. Weil
sie aber zeigten, dass es nicht auf die Unterwerfung an den erlauchten Herzog
Wladislaw abgesehen sei, so konnte es nur sein, dass sie nicht durch Späher und
Gerüchte Entmutigung in das Heer Konrads von Znaim kommen lassen wollten,
sondern selber vorritten, um nach der Rückkehr Mut und Anspornung zu den Ihrigen
zu bringen. Aber unsere Sache war so, dass sie selber gegen ihren Willen die
Fruchtlosigkeit weitern Kampfes zu Konrad zurückbringen mussten, und so habe ich
sie, dass keine Verzögerung würde, entkommen lassen. Verrat beging ich nicht;
denn sonst wäre ich bei den Feinden, ich habe gegen das Kriegsgesetz gefehlt und
gegen den hohen Herzog gefehlt, und erwarte die Strafe.«
    »Wir kennen, was sich begeben hat«, sagte der Herzog. »Nun sprecht, Männer,
ist Witiko strafbar?«
    »Witiko ist strafbar, und hat für seine Jugend weise gehandelt«, sagte Zdik,
der Bischof von Olmütz.
    »Und was spricht mein Bruder Diepold?« fragte der Herzog.
    »Ich spreche nicht«, sagte Diepold, »Fürsten aus Premysls Stamme stehen
gegen uns, man soll nicht sagen, dass mich irgend eine Scheelsucht leite.«
    »Und Heinrich?« sprach der Herzog.
    »Ich rede wie Diepold«, sagte Heinrich.
    »Und Bolemil?« fragte der Herzog.
    Bolemil sprach: »Wir haben gesagt, dass die Hilfe des Fremden in unserem
Streite ein Unglück ist, und dass die Sache sehr schnell entschieden werden
sollte. Sie ist entschieden, der Fremde ist fort, und es hat keines Schwertes
bedurft. Wie es Gott so gefügt, wer kann entscheiden? Witiko aber hat in dieser
Art gehandelt, strafe ihn so hart du darfst, weil er deine Rechte geübt hat.«
    »Und was sagt Lubomir?« fragte der Herzog.
    Lubomir sprach: »Witiko ist gut wie ein Kind, ich habe ihn wie mein Kind
angesehen, da er bei mir gewesen ist, und werde ihn so ansehen, weil er keinen
Vater hat.«
    »Und Wsebor?« sagte der Herzog.
    »Strafe ihn nach Ermessen«, sagte Wsebor.
    »Und du, Diwis?« sagte der Herzog.
    »Strafe ihn, wie du es verstehst«, sagte Diwis.
    »Nach deiner Weisheit«, sagte Chotimir.
    »Und Daniel?« fragte der Herzog.
    »Weil du mich rufst, hoher Herr«, antwortete der Priester Daniel, »so sage
ich: ich kenne nicht genau das Streiten; aber der Frieden des Heilandes und
seine Liebe zu dem menschlichen Geschlechte soll über allen Ländern schweben.«
    »Und was spricht Welislaw?« fragte der Herzog.
    Welislaw sagte: »Witiko hat bei Chynow für sein Pferd entschieden gehandelt,
dass wir ihm folgen mussten, und hat jetzt für das Land entschieden gehandelt.«
    »Und ist einer hier, der Witiko für einen Verräter hält?« fragte der Herzog.
    Es antwortete keine Stimme.
    »Nun, da ihr schweigt«, sagte der Herzog, so spreche ich, wie folgt:
»Witiko, du hast in der Schlacht auf dem Wysoka einen grossen Dienst getan, und
nach der Schlacht wieder gedient. Als vor einigen Tagen die Führer in diesen
Saal kamen, um die Entgeltung der Verdienste zu beraten, und als sie heute
kamen, um die Entgeltung zu empfangen, warest du nicht unter ihnen. Du hattest
die Führerschaft eines meiner Reiterfähnlein an Odolen gegeben, und die
Führerschaft der Waldleute noch nicht übernommen. Dein Entgelt an Gold,
Gewändern und Waffen ist in meiner Kammer, und zwei Pferde sind für dich in
meinem Stalle. Empfange alles. Bei Pilsen bist du nicht ein Verräter gewesen,
und hast nicht Abfall gesonnen; denn das hättest du gesagt, wie du es mir vor
zwei Jahren gesagt hast; aber du hast das Kriegsgesetz und mein Recht verletzt,
und ich strafe dich; du bleibst so lange von meinem Hofe verbannt, bis ich dich
rufe, und zahlst sechshundert Denare in den Schatz des Landes, und weil du deine
Pfennige jetzt selber brauchen wirst, so leiht dir meine Kammer die Denare.
Jetzt entferne dich.«
    Witiko verneigte sich, und verliess den Saal.
    »Ich glaube, es war nicht zu hart«, sagte der Herzog.
    »Nein, nein«, riefen mehrere Stimmen.
    »Nun haben wir noch mit einem Krieger zu sprechen«, sagte der Herzog, »führt
Dimut, die streitende Schwester des Wladyken Rowno, herein.«
    Zwei junge Ritter des Herzoges gingen durch die Tür hinaus, und geleiteten
nach einer kurzen Weile Dimut herein, welcher mehrere Mädchen folgten.
    Dimut war in ein weites fliessendes Gewand von veilchenblauer Farbe
gekleidet, das von einem silbernen Gürtel zusammen gehalten wurde. Die schwarzen
Haare waren in einem Silbernetze.
    Als sie vor den Herzog gekommen war, sagte er: »Dimut, wir können dir keinen
Sitz anbieten. Ein Krieger, der kein Führer ist, muss vor den Führern stehen, und
ein Krieger bist du, wenn du auch keine Kriegsgewänder an hast.«
    »Ich stehe, Herr«, sagte Dimut.
    »Dimut«, sprach der Herzog, »die Bischöfe, Priester, Fürsten, Herren und
Lechen dieses Saales erkennen, dass du heldenmütig gewesen bist, wie dein
Geschlecht es nicht ist, und dass du Dank und Gaben verdienst. Den Dank sagen wir
hier, und in Prag und in dem Lande werden sie es sagen, was du getan hast. An
Gaben sind wir arm. Ich gebe dir ein Kriegerkleid, Goldschmuck, ein Schwert, das
so klein ist wie das deinige, und ein weisses Pferd, das meine Herzogin mit
Silber geschmückt hat. Deinem Bruder habe ich Land an seinem Lande gegeben, und
du wirst es mit geniessen. Und ich warte, dass dich einer als Hausfrau heim führt,
und werde dann sinnen, was euch erfreuen kann. Du musst jetzt mit deinem Bruder
nach Hause gehen, dass du wegen des Verrates, den du an der Veste Rowna geübt
hast, gestraft werdest. Wenn du die Strafe abgebüsst hast, komme nach Prag, du
gehörst zu der Herzogin, bleibe bei ihr, oder gehe wieder nach Hause, oder
komme, so oft du willst.«
    »Hoher Herr«, antwortete Dimut, »ich verdiene keinen Dank und keine Gaben,
weil ich getan habe, was ich nicht lassen konnte. Was mir deine Huld beschert,
dafür gebührt dir der Dank, ich sage ihn, und werde alles mit Freude gebrauchen.
Man sagt, du werdest die zerstörten Heiligtümer wieder schöner aufbauen, als sie
gewesen sind. Ich werde dann kommen, in ihnen zu beten, und dann werde ich in
Ehrfurcht zu der hohen Herzogin gehen.«
    »Nun so nimm als Krieger Abschied von den Kriegern, die mit dir gekämpft
haben, Dimut«, sagte der Herzog, »und auch von denen, die mit dir gekämpft
hätten, wenn sie nicht mit mir nach Deutschland hätten ziehen müssen.«
    Die Männer erhoben sich von ihren Sitzen, und näherten sich Dimut.
    Diepold reichte ihr die Hand, Heinrich reichte ihr die Hand, das taten auch
die Bischöfe und die Äbte, der greise Bolemil, Lubomir, Diwis, Chotimir, Wsebor,
und alle älteren Führer. Die jüngeren Krieger drängten sich herzu, fassten nach
ihrer Hand, und sprachen zu ihr. Welislaw sagte: »Du gibst mir noch den Pfeil
nicht.«
    »In meinem Leben nicht«, sagte Dimut.
    Als alle Männer zurück getreten waren, sagte der Herzog: »Nun verschmähe
auch meine Hand nicht.«
    Er reichte sie ihr.
    Dimut fasste sie, und neigte sich mit der Stirne auf sie.
    Da sie zurück getreten war, sagte sie: »Herrsche glücklich und gerecht,
hoher Herr.«
    »Gehe mit Gott, Dimut«, sagte der Herzog, »gebe der Himmel das eine, und
vermöge ich das andere.«
    Dimut wendete sich, ihre Mädchen umringten sie, und sie gingen aus dem
Saale.
    »Und nun, hohe Herren«, sagte der Herzog, »gehabt euch wohl als Krieger und
nach dem Kriege. Als Freunde kommen wir heute am Abende noch in der Hofburg
zusammen, vielleicht führt bald den einen oder den andern sein Wille auf den
Heimweg. Möget ihr dort alles gut finden, und bringt meinen Gruss euern
Angehörigen und denen, die im Lande um euch wohnen.«
    Nach diesen Worten riefen die Männer dem Herzoge ein Lebewohl zu, er dankte
entblössten Hauptes, und sie verliessen den Saal.
    In dem Lager auf dem grossen Verkaufsplatze zwischen dem rechten Burgflecken
und dem Wysehrad wurde an dem Tage auch eine grosse Bewegung. Männer aus den
Hofherren des Herzoges waren bei den verschiedenen Abteilungen, die Führer kamen
aus der Hofburg zu ihren Kriegern, und man verteilte die Gaben und Geschenke des
Herzoges an jeden Mann, der in dem Lager war.
    So geschah es auch bei den Männern aus Budissin, welche in der Nähe des
Dorfes Buben ihren Platz hatten. Sie empfingen Lohn, dass sie gekommen, und zu
dem Streite bereitwillig gewesen waren.
    Und so geschah es auch bei den Verteidigern der Stadt Prag. Diepold war bei
ihnen, und alle Führer waren bei ihnen, welche den Kampf mit ihnen geteilt
hatten. Sie erhielten reiche Geschenke, und die, welche verwundet worden waren,
empfingen noch besondere Gaben.
    Vor dieser Frist wurde Witiko zu dem Herzoge gerufen. Der Herzog gab ihm die
Führerschaft über die Waldleute zurück, und sagte, er möge zu den Seinigen
eilen, um bei der Verteilung der Gaben zu sein, welche sie für ihre Taten
erhalten sollen.
    Witiko dankte, und ritt zu den Männern des Waldes. Da waren schon Hofherren,
da war Rowno, Hermann, Wyhon, Diet, Wolf, Wernhard, und alle, die zu führen
gehabt hatten. Und die Gaben wurden verteilt. Als Witiko erschien, begann auch
die Verteilung bei den Seinigen. Sie war reichlich, und der Kammerschreiber gab
ihm auch Geld für diejenigen, die vom Wysoka heim gegangen waren, und für die
Angehörigen der Toten. Es war viel Freude und Frohlocken, und sie zeigten sich
wechselweise, was sie bekommen hatten.
    Der Herzog und die Herzogin ritten in schönen Gewändern mit einem Gefolge,
das in prunkenden Kleidern war, zu allen Abteilungen, an welche die Gaben
gereicht wurden.
    Am Abende dieses Tages waren Festmahle in allen Lagern, es waren Feste in
den beiden Burgflecken von Prag, und in dem Burgflecken des Wysehrad, und es war
ein Festmahl in der Hofburg des Herzogs.
    Witiko ritt zu dem Festmahle des Herzogs, und wurde von vielen seiner Leute
bis zu dem Tore begleitet.
    Nach dem Mahle wurde er in das Priesterhaus geführt, in welchem ihm wieder
seine Wohnung bereitet worden war, weil man die Lager zu verlassen begann.
    Am Morgen des folgenden Tages ging er zu den Seinigen, um sie zu begrüssen,
und Anordnungen zu treffen.
    Sie standen oder sassen im Sonnenglanze an den Hütten oder Schirmen, die sie
auf ihrem Platze errichtet hatten, herum, und sprachen von verschiedenen Dingen.
Sie sprachen von dem, was geschehen war, von ihren Geschenken, und zeigten sich
dieselben neuerdings wieder, und mancher zählte sein Geld aus einer Hand in die
andere. Der Schmied von Plan hatte ein sehr grosses und starkes und altes
Waffenhemd erhalten, und hatte es über seinen groben Rock angetan. David der
Zimmerer, welcher auf dem Berge Wysoka verwundet worden war, trug alle Geräte
des Zimmerwerkes herbei, welche klarer und spiegelnder waren, als er je gesehen
hatte. Veit Gregor zeigte ein Becken aus Silber, in welches er das heilige
Wasser, wenn es im nächsten Frühlinge geweiht sein würde, zu giessen gesonnen
sei. Tom Johannes, der Fiedler, sass auf Holzblöcken, welche zum Verbrennen
hergerichtet waren. Er hatte eine Geige in der Hand, und betrachtete sie.
    »Da hast du ja wieder eine Fiedel«, sagte Witiko.
    »Ich habe niemals etwas so Schönes gesehen«, antwortete Tom Johannes, »und
wenn ich daran kneipe, so klingt sie, wie gar keine geklungen hat. Ich werde
jemanden in Plan unterrichten, dass er sie streichen lerne, damit wir auch hören,
wie sie singt.«
    »Du wirst sie schon selber streichen, dass sie singt«, sagte Witiko.
    »Ach, Witiko«, sprach der Fiedler, »du bist doch ein Tor.«
    »Wir werden sehen, ob ich ein Tor bin«, sagte Witiko.
    Er zeigte nun auch manches von dem, was er von dem Herzoge erhalten hatte,
und es wurden die Pferde herbei geführt, dass die Waldleute sie sähen. Sie waren
ganz gleich lichtbraun, und mit Silber gezäumt. Raimund führte sie hierauf
wieder in das Priesterhaus.
    Jeder der Knaben Osels ritt auf einem weissen Pferdchen herum, das er von dem
Herzoge erhalten hatte.
    Witiko hiess nun die Seinen sich zum Abzuge in die Heimat rüsten, und sagte,
dass er sie bis zu ihren Häusern führen werde.
    In dem Lager auf dem grossen Marktplatze wurden die Gezelte abgebrochen, und
die Krieger bereiteten sich zum Fortziehen. Die Männer von Budissin gingen in
der Richtung nach ihrer Heimat davon, und die Lechen ordneten die Ihrigen zum
Heimwege, nur diejenigen, welche mit dem Herzoge zu der Hochzeit Heinrichs, des
Markrafen von Österreich, nach Frankfurt zu gehen gesonnen waren, richteten ihre
Kostbarkeiten zu dem Zuge.
    Die Führer gingen gegenseitig zu einander, um Abschied zu nehmen. Sie
reichten sich mannigfaltige Geschenke. Witiko ging zu den älteren, und dann zu
seinen jungen Freunden. Er brachte manchem etwas mit, und empfing von manchem
etwas. Bolemil gab ihm den wohlgegliederten Waffenrock, den Dalimil auf dem
Wysoka getragen hatte, dass er ihn als Erinnerung an jenen Tage bewahre, an
welchem er die Lücke des Verrates ausgefüllt hat, und dadurch sein Kampfnachbar
geworden ist. Lubomir gab ihm ein Schwert mit einem Silbergürtel.
    An alle Stellen, auf denen Männer waren, die fortziehen wollten, wurden
Nahrungsmittel gebracht, dass sie sich für ihren Weg versehen konnten.
    Der Herzog ordnete noch manches, setzte Diepold zu seinem Stellvertreter
ein, und ging mit der Herzogin und mit einem grossen Geleite auf seinen Zug zur
Hochzeit seines Schwagers Heinrich.
    Witiko verkaufte noch das lahme Pferd, welches Raimund während der
Belagerung Prags gepflegt hatte, und kaufte für den Knecht Jakob ein anderes.
    Dann begannen die Männer des Waldes gegen den Mittag des Landes zu ziehen.
    Rowno zog mit den Seinen zuerst davon. Dimut ritt auf ihrem Pferde neben
ihm. Das weisse Pferd wurde von einem Manne Rownos geführt. Dann ging Hermann von
Attes, dann Wyhon von Prachatic.
    Die Leute Witikos richteten auch ihr Letztes zu ihrem Heimzuge. Sie bargen
oder nähten gar ihr Hauptgeld in ihre Gewänder, sie füllten ihre Säcke mit
Nahrung und anderen Dingen, und hängten daran noch allerlei seltsame Sachen aus
der Lagerbeute oder Werkzeuge. Sie kauften Honigbrote und Brote aus Weizenmehl,
geflochtene und gebackene Kränzlein für die Kinder, dann Hausgeschirre,
besonders gar schöne runde gedrechselte Holzkrüge und anderes Geräte, wohl auch
Stoffe zu Schleifen und Latzen. Und dann gingen sie an der Burg Wysehrad vorüber
in der Richtung gegen ihren Wald dahin.
    Witiko führte sie auf dem Wege, den er eingeschlagen hatte, da er von
Wladislaw fort gegangen war, als derselbe den Herzogstuhl bestiegen hatte. Er
ritt in seinem Ledergewande auf seinem grauen Pferde, und jedes der braunen
Pferde wurde von einem Knechte geführt. Saumpferde trugen alles grössere Gepäcke.
    Gegen den Abend des sechsten Tages kamen sie an der Rückseite des
Kreuzberges von Plan an. Die Leute hatten auf ihre Zurückkunft gewartet, und von
dem Berge gegen den Wald ausgeschaut. Jetzt liefen sie ihnen entgegen. Die
Männer aber, die von dem Kriege kamen, hielten vor dem Berge an, setzten sich in
das Gras, zogen ihre Stiefel aus, hingen dieselben auf ihre Schäfte oder Stäbe
oder Schwerter, und zogen barfüssig in die Kirche. Witiko ritt aber als Führer in
seiner Bekleidung vor ihnen, und gab das Pferd vor der Kirche zum Halten. In der
Kirche harrte der Pfarrer auf die Männer, segnete sie beim Eingange, sprach dann
vor dem Altare ein Dankgebet. Dann wendete er sich um, und hielt eine Festrede.
Er ermahnte die Männer, sie sollen Gott preisen, der sie erhalten hat, sollen
der Toten gedenken, und sollen durch den erlangten Reichtum nicht übermütig und
leichtfertig werden. Beim Ausgange segnete er sie wieder.
    Ausserhalb der Kirche begannen nun die Männer erst über alles zu sprechen.
Die Ihrigen und andere umringten sie, und Freuden und Reden wurden getauscht.
Die Männer drängten sich dann zu Witiko, verabschiedeten sich, und zerstreuten
sich in ihre Wohnungen.
    Witiko ritt in das steinerne Haus.
    Er verteilte an diesem Tage noch das Geld, welches ihm der Kammerschreiber
für die Streiter auf dem Wysoka und die Angehörigen der Toten mitgegeben hatte,
er tröstete die Mutter Norberts und Wolfgangs, und besuchte den Pfarrer.
    Am nächsten Morgen ging er auf den Kreuzberg, und sah auf den Wald des
schwarzen Sees und auf den Wald des heiligen Tomas.
 
                                       2
 In einfachen Gewändern.
Witiko blieb eine Woche in dem steinernen Hause und bei den Männern von Plan.
    Dann ritt er in das Kloster an der Sazawa zu Silvester.
    Er fand ihn in dem Garten mit Gemüsepflege beschäftigt.
    Als der Greis den Jüngling erblickte, sagte er: »Kömmst du zu mir, Witiko?«
    »Ich bin zu Euch gekommen«, antwortete Witiko.
    »So sei gegrüsst, und folge mir in meine Stube«, sagte Silvester.
    »Ich folge Euch«, sagte Witiko.
    Silvester streifte noch einige Erde, die an seinem Gewande klebte, ab, und
schlug den Weg gegen die Mauern des Gebäudes ein. Witiko ging hinter ihm her.
    Das Gemach Silvesters erreichte man durch einen Gang, welcher von den Beeten
des Gartens gerade in das Gebäude führte. Die zwei Männer kamen zuerst in eine
kleine Vorhalle mit steinernem Fussboden, in welcher sich nichts befand als ein
Wasserbecken von dunkelrotem Marmor, in das ein feiner Strahl aus einer Röhre in
der Mauer nieder floss. Aus der Vorhalle traten sie in die Zelle. Sie war nicht
gross. In ihr stand das hohe Kreuzbild des Heilandes, welches Witiko, da er in
der Sendung Sobeslaws in Prag war, in dem Bischofhause neben der Tür gesehen
hatte, durch welche die Bischöfe Silvester und Zdik heraus getreten waren. Sonst
standen einfache Geräte da, und die zwei Fenster sahen auf die Bäume und
Gesträuche des Gartens hinaus.
    »Setze dich auf eines dieser Gesiedel«, sagte Silvester.
    Witiko tat es.
    Dann setzte sich Silvester auf ein anderes, und sprach: »Ich sage dir noch
einmal einen Gruss in dem Herrn, dass du zu mir gekommen bist. Kann ich dir einen
Dienst erweisen?«
    »Ich bin zu Euch gekommen«, entgegnete Witiko, »weil mich der Dank an Euch
bindet, welchen ich damals nur kurz erweisen konnte, als ich von Wladislaw ging,
da er den Herzogstuhl bestiegen hatte, und ich bin zu Euch gekommen, weil mich
die Liebe an Euch bindet; denn Ihr habt in jener Versammlung auf dem Wysehrad,
heiliger Vater, die besten Worte geredet.«
    »Nenne mich nicht einen heiligen Vater«, antwortete Silvester, »es wäre wie
Hohn und Spott; ich bin in meinen Werken ein gebrechlicher Mensch, ich konnte
die Worte nicht finden, jene Versammlung zu bewegen, und kann meine
Klosterbrüder nicht leiten, sie lieben mich, und folgen mir nicht. Die Gemüse
gedeihen leidlich, wenn ich sie begiesse, und ihnen die gehörige Erde gebe. Ich
bin nicht einmal ein rechter Gärtner für den folgsamen Kohl und die gelben
Blumen.«
    »Ihr habt aber doch alle Vorkommnisse erkannt«, sagte Witiko.
    »Ich habe nur erkannt, was gut ist«, antwortete Silvester, »und das hat mir
mein Heiland gesagt, und mit dem Guten ist alles andere verbunden, wenn es auch
die Augen nicht sehen.«
    »Wenn mir undeutlich ist, was ich tun soll«, sagte Witiko, »so erlaubet, dass
ich in Euern Garten komme, und Euch um das Gute frage, an welchem das andere
dann hängt, ich werde Euch kurz fragen, dass ich Euch die Zeit nicht entziehe,
und ich werde doch einer sein, der Euch folgt.«
    »Komme, so oft du willst«, antwortete Silvester, »und so oft dein Herz dich
mahnt; jeder Mensch muss dem andern helfen, wenn Hilfe not tut, und er muss auch
helfen, wenn Hilfe nicht not tut, wenn er aber doch darum gebeten wird, und der
Priester muss noch mehr helfen, weil er der Priester ist, und der oberste
priesterliche Vater des Landes muss am meisten helfen, weil er der oberste
priesterliche Vater des Landes ist, und ich wäre es gewesen, wenn mir Gott nicht
durch ein Geschehnis gezeigt hätte, dass ich dieses Land nicht zu dem heiligen
Geiste versammeln kann. Ich habe es einem andern überlassen. Zu dem Guten aber,
Witiko, tut Hilfe nicht not; denn das weiss ein jeder Mensch.«
    »Und warum tut er es denn nicht?« fragte Witiko.
    »Weil er gegen das Wissen handelt, wenn ihn die Lust oder die Schlauheit
treibt«, sagte Silvester. »Im Nützlichen kann man dem Menschen raten, wenn man
es kennt.«
    »Und dann befolgt er den Rat nicht«, sagte Witiko.
    »Weil er es selber besser zu wissen meint«, entgegnete Silvester, »und so
kommen die Erfahrungen. Es sind sehr viele Dinge, mit denen die Menschen sich
beschäftigen. Wir haben in unserem Klosterbesitze Wälder, die uns vor dem Froste
des Winters schützen, von denen wir bauen, die uns die Speisen bereiten helfen,
und die uns noch Tiere und Gewächse liefern. Wir pflegen sie. Wir haben Felder
und Wiesen, auf denen Dienliches sprosset. Wir warten ihrer sorgsam. Wir haben
Untertanen, Grundhörige, Gewerkleute und Volk, die Brüder suchen sie zu lenken.
In diesem Garten ist Obst, Gemüse, Blumenwerk, wir hegen es, und teilen den
Menschen gerne mit, die um uns sind, und unterrichten sie.«
    »Ich bin mit Leuten aus dem Walde, welche in den Krieg gingen«, sagte
Witiko, »und welche sich dann meiner Führung anvertrauten, zu dem jetzigen
Herzoge Wladislaw gezogen.«
    »Wladislaw, der Sohn unseres verstorbenen Herzoges Sobeslaw«, sagte
Silvester, »hat nicht geantwortet, als sein Vater auf dem Sterbebette zu ihm
gesagt hatte, er solle sich Wladislaw, der jetzt Herzog ist, unterwerfen. Dann
hat er sich dem Herzoge von Znaim, Konrad, gegen Versprechungen hingegeben. Den
jetzigen Herzog Wladislaw haben viele Herren der Länder Böhmen und Mähren
gewählt, und sie haben sich die Macht zur Wahl selber gegeben. Und so ist jetzt
überall kein Recht. Seit dem Aufhören der Alterserblichkeit sind die Herzoge
durch die Gewalt Herzoge gewesen, und wir haben ihnen gehorcht. Der Herzog
Wladislaw ist auch durch die Gewalt Herzog, und die Guten sind zu ihm gegangen.
Was Bolemil getan hat, was Lubomir getan hat, und was der rechtschaffene Diwis
getan hat, das hast du auch getan, mein Sohn.«
    »Ich meine, Wladislaw handelt wie ein guter Herzog«, sagte Witiko.
    »Er hat bisher so gehandelt«, antwortete Silvester, »und ich glaube, dass er
auch im Künftigen so handeln wird. Er ist grossmütig, wie sein Vater grossmütig
gewesen ist. Er ist ein besserer Mann als Wladislaw, der Sohn Sobeslaws. In
diesem Gedanken hat der ehrwürdige Bischof Zdik gehandelt. Das Gute, das
geworden wäre, wenn die Männer auf dem Wysehrad an dem Rechte gehalten hätten,
und das Gott auch mit dem minderen Manne Wladislaw eingeleitet hätte, kann nun
nicht mehr werden. Der Herzog Wladislaw wird ein anderes Gute bringen, und er
wird das Schlechte, das aus dem Unrechte auf dem Wysehrad folgen muss, zu
vermindern streben, wie er es jetzt schon getan hat. Aber er wird nicht alles
vermeiden können, wie er es jetzt nicht vermocht hat. Heiligtümer sind dahin,
Menschenleben sind verloren, und Gut ist zerstört. Das Gericht ist viel früher
gekommen, als ich gedacht habe, und mancher steht vor Gottes Tron, und muss
sagen, was er getan hat. Nacerat, der Höchste, ist erschlagen worden, und sein
Sohn, der blühte, ist von einem Manne gefallen, dessen Namen vorher nur die
nannten, denen er die Hufe der Rosse beschlagen hatte. Ich bedaure den
wohlmeinenden Zdik. Mein Gebet um Schonung ist nicht erhört worden, weil ich
sündig bin, und Gott weiser ist. Das Gericht dauert noch fort, viele Lippen
werden klagen oder beten oder fluchen. Ich ziehe nicht in den Krieg; aber ich
bitte Gott, dass Wladislaw siege.«
    »Und wie wird er dann gegen die Herzoge verfahren?« fragte Witiko.
    »Wenn sie sich reuig unterwerfen, wird er ihnen verzeihen, und sie noch mit
Gnaden begaben. Er wird selbst dem undankbaren Otto nicht nach dem Leben
streben.«
    »Wenn er doch dem verblendeten Wladislaw verziehe, und den andern Kindern
Sobeslaws stets liebevoll wäre«, sagte Witiko.
    »Er wird es sein«, sagte Silvester, »wie er es bis jetzt gewesen ist, und
wie er ehrerbietig gegen die sanfte Adelheid gewesen ist. Den Knaben Wladislaw,
der sich sein eigenes Recht nicht zu erhalten wusste, achtet er nicht hoch, und
fürchtet ihn nicht.«
    »Ich möchte recht gerne Wladislaw einen grossen Dienst tun können«, sagte
Witiko, »dass ich das Recht gewänne, für die Kinder Sobeslaws zu bitten.«
    »Das Recht hast du auch jetzt schon«, antwortete Silvester, »wie ein jeder.
Wladislaw ist für dich gut gesinnt. Er erkennt die Treue, die du Sobeslaw
erwiesen hast, und mit der du an ihm halten wirst.«
    »Ich werde ihm die Treue bewahren«, sagte Witiko, »wem ich den ersten Dienst
tue, dem tue ich auch den zweiten und den dritten, und alle, wenn auch er die
Treue gegen die Seinigen bewahrt.«
    »Er wird sie bewahren«, sagte Silvester, »die Reichen und Mächtigen der zwei
Länder sind gegen ihn, die Geringeren sind mit ihm, er wird sie belohnen, dass
sie ihm in der Beherrschung der Länder beistehen, und wird an ihnen halten, wie
er an dir gehalten hat, da du noch gar nicht bei ihm warst. Er hat in Nürnberg
mit dem hochehrwürdigen Kardinale Dietwin geredet, dass der Heilige Vater in Rom
einen Boten in das Land Böhmen schicke. Mögen ihn die Engel begleiten, dass der
Glaube, den der gottselige Herzog Boriwoy gegründet hat, und den die Heiligen
Wenzel und Adalbert zu befestigen gestrebt haben, die Gewalttätigkeit hindert,
die noch in den Geschlechtern lebt, und dass der Glaube über allem sei, wie
dieses geschnitzte Bild des Heilandes, das einmal ein guter Abt dieses Klosters,
Bozetech, mit seinen eigenen Händen verfertigt hat, vor den Geräten des Gemaches
hervorragt, die zu täglichem Dienste sind. Du hast öfter mit Besonnenheit
gehandelt, Witiko, wandle in Demut vor Gott, und trachte nicht nach Macht, dann
werden die Deinigen Grosses wirken, wenn sie nicht auch Bedrückung und Gewalt
üben, und sich dadurch zerstören. Der Herzog Wladislaw kann Ruhm und Ansehen
über dieses Land bringen, mir deucht, er hat etwas, das dieses vermag; aber ich
meine, dass es besser wäre, wenn er in dem Lande mit Segen, als draussen mit Ruhm
genannt würde. Doch, wie es Gott fügt, ist es gut.«
    »Ich werde tun, wie Ihr gesagt habt, hochehrwürdiger Vater«, antwortete
Witiko, »und will Euch als ein Vorbild meiner Handlungen nehmen.«
    »Dann tust du nicht gut, Witiko«, sagte Silvester, »wähle dir dein Vorbild
aus den christlichen Helden, die gelebt haben, oder aus den Männern in unsern
Ländern, die Krieger und doch weise und mässig sind.«
    »Ich trage noch eine Bitte in mir, ehrwürdiger Vater, derentwillen ich eines
Teiles zu Euch gekommen bin«, sagte Witiko.
    »So sprich«, entgegnete Silvester.
    »Ich habe auf einem Zuge, den ich mit meiner Schar und mit Odolens Schar
machte, die Herzoge Wratislaw, Otto und Wladislaw im Kampfe absichtlich
entrinnen lassen«, sagte Witiko, »damit sie zu Konrad von Znaim kämen, und ihm
berichteten, wie seine Sache ohne Hoffnung sei, dass er abziehe, und der weitere
Krieg vermieden würde. Sagt mir, hochehrwürdiger Vater, ob das, was ich getan
habe, gut ist, wie Ihr gut nennt.«
    »Ich weiss es, was du getan hast«, sagte Silvester, »und ich meine, dass es
nicht gut ist. Du hast dich dem Herzoge als Krieger verpflichtet, und hattest
nur zu tun, was die Sache des Krieges ist.«
    »Ich danke Euch, hochehrwürdiger Vater, für alle Worte, die Ihr zu mir
gesprochen habt«, sagte Witiko, »es ist gut, dass ich Euer Urteil weiss.«
    »Und was wirst du denn jetzt, da noch Ruhe ist, beginnen?« fragte Silvester.
    »Ich werde nach Pric gehen«, antwortete Witiko, »dann werde ich zu meiner
Mutter gehen, die ich schon lange nicht gesehen habe, und wenn die Zeit ist, in
der ich wieder einen kleinen Dienst tun kann, werde ich kommen.«
    »Handle so, mein Sohn«, sagte Silvester. »Enden wir die Rede, es naht die
Stunde des Mittagmahles, folge mir in das Speisegemach, und teile unser Brod und
unsern Trunk mit mir und meinen Brüdern. Lasse dein Pferd pflegen, oder pflege
es selber, wie du gewohnt bist, und bleibe so lange in dem Kloster, als es dir
gefällt.«
    Mit diesen Worten erhob er sich von seinem Sitze, Witiko erhob sich auch,
und in kurzem gingen die zwei Männer aus dem Gemache, und wandelten durch den
Gang in die Speisestube.
    Witiko blieb vier Tage in dem Kloster an der Sazawa, und betrachtete die
Gegenstände, welche in dem Kloster waren, und die Wälder und die Gärten und die
Felder.
    Am fünften Tage nahm er Abschied. Silvester sprach:
    »Komme wieder, du wirst mit Freundlichkeit empfangen werden.«
    »Ich werde kommen«, sagte Witiko, »weil Ihr so gut seid.«
    Dann bestieg er sein Pferd, und ritt in der Richtung gegen Pric davon.
    In dem Hofe von Pric, der dem Geschlechte Witikos gehörte, blieb er eine
lange Zeit, und tat, wie er dem Hofe für erspriesslich hielt.
    Eines Tages kam gegen den Untergang der Sonne ein Mann geritten, welcher ein
braunes weites Gewand an hatte, das mit einem schwarzen Lederriemen gegürtet
war. Auf dem Haupte hatte er eine braune Filzhaube ohne Feder oder sonstiges
Zeichen. Aus dem Angesichte floss ein langer brauner Bart auf das Gewand. Von
Waffen konnte man nichts an ihm bemerken. Der Mann begehrte eine Nachterberge
in dem Hofe. Sie wurde ihm gewährt. Witiko sagte zu dem Knechte »Kuto, führe das
Pferd in den Stall.«
    Er selber führte den Mann in die grosse Stube. In derselben setzte sich der
Mann auf die Bank neben dem grossen Buchentische. Eine Magd stellte Brod und Salz
und einen Krug mit Bier auf den Tisch. Der Mann nahm von dem Brote und Salze,
und trank von dem Biere. Dann, da es zu dem Abendessen kam, erhielt er ein
Stücklein geräucherten Schweinfleisches. Witiko wies ihm hierauf eine
Schlafkammer an. Als der nächste Morgen erschienen war, sagte Witiko zu dem
Knechte: »Kuto, ich werde mit dem fremden Manne fort reiten, und du musst mich
geleiten. Richte dich zurecht.«
    Dann sagte er: »Mira, Glota, Wacemil, ihr hütet mit den andern das Haus, bis
ich wieder komme.«
    Dann legte er sein Ledergewand an, und in kurzer Frist ritten die drei
Männer von dem Hofe weg.
    Sie ritten mittagwärts dem Walde zu. Im Walde ritten sie auf einem schmalen
Pfade zwischen die Bäume hinein. Sie ritten auf dem Pfade unablässig fort.
Zuweilen trank einer aus einer Quelle, die an allen Orten im Walde rieselten. Da
es wärmer wurde, hielten sie auf einem Rasenplatze an, neben dem ein Bach floss,
und gaben den Pferden etwas Nahrung und Trank. Dann ritten sie wieder weiter.
    Am Mittage kamen sie zu Waldhütten, die den Namen Elhenic hatten. Dort gaben
sie den Pferden ihre Mittagpflege, und sie selber assen Gerstenbrote, Milch und
Eier, und tranken von dem Waldwasser. Nach zwei Stunden ritten sie wieder ihres
Weges. Sie ritten nur einmal noch am Nachmittage an Hütten vorüber, die den
Namen Tis führten. In der Zeit nach der Hälfte des Nachmittages nährten sie ihre
Pferde wieder ein wenig, und setzten dann ihren Weg fort. Sie kamen in den
dichten Wald des Andreasberges und von ihm hinunter auf Ogfolds Heide, auf
welcher schon die Büsche und Gräser von der untergehenden Sonne rot waren. Von
Ogfolds Heide ritten sie den hohen Tannenwald hinan, und dann seinen
langgestreckten Abhang hinunter, und dann wieder hinan, und wieder hinunter. Am
Ende des letzten Abhanges gelangten sie in freies Land. Sie sahen an dem
Abendhimmel einen flachen kegelartigen Berg. Sie ritten an seiner linken Seite
dahin, und erblickten dann den keildachigen Turm und die Kirche und dann die
mittagwärts hinabgehenden Häuser des oberen Planes. Sie ritten in den Ort, und
von ihm wieder hinaus in das steinerne Haus Witikos.
    Die Bewohner des Hauses schliefen schon. Witiko stieg von dem Pferde, und
klopfte mit dem Klöppel an die Tür. Ein Fenster wurde geöffnet, Martin sah
heraus, und tat einen Ruf der Freude, da er Witiko erblickte. Er öffnete hierauf
das Hoftor, und Witiko ging mit seinem Pferde hinein, und der Fremde und Kuto
ritten in den Hof. In demselben stiegen sie ab. Es kam nun auch Raimund, der
Knecht, und Lucia, die Magd. Martin klagte, dass man drei Pferde nicht werde in
den Stall bringen können, wenn man nicht die Kühe in den Schoppen stelle. Witiko
liess die Pferde in den Schoppen führen, und dort anhalftern. Die Magd Lucia
sendete er in die Stube um ein Licht in einer Laterne. Als sie damit
zurückgekommen war, wurden die Pferde weiter versorgt, und es wurde längs der
offenen Seite des Schoppens eine Mauer aus Strohbünden gemacht. Dann gingen die
Männer in die Stube. Lucia brachte Brod und Salz und Butter und Käse. Sie wollte
um Bier zum Schenken gehen; Witiko liess aber nicht zu, dass sie jemanden wecke.
Die Männer assen von dem Brote, vom Käse und Butter, und tranken Wasser, welches
ein Strahl lieferte, der hinter dem Hause in eine Steinkufe rann. Dann suchten
sie die Nachtruhe.
    Am nächsten Morgen sendete Witiko Kuto zurück, und sagte dem Knechte
Raimund, dass er sich rüste, ihm und dem Manne in dem braunen Gewande zu folgen.
Da alles in Bereitschaft war, und da die Männer die warme Milch, welche Witiko
hatte bereiten lassen, getrunken hatten, bestiegen sie ihre Pferde. Raimund war
in das grobe graue Gewand gekleidet, das man in der Gegend hatte, trug eine
kurze Wurflanze in der Hand, und hatte ein kleines Beil in die Schleife seines
Sattels gesteckt. Sie ritten nun auf dem Wege gegen den Wald des heiligen
Tomas, und nach kurzer Frist lenkte Witiko von dem Wege gegen mittagwärts. Sie
kamen bald an das Ufer der Moldau, und durchritten das Wasser, das an dieser
Stelle seicht war, und ritten jenseits im Sumpfgrunde auf einem festen Riegel
einem rauschenden Bache entgegen. Sie kamen in den dichten Wald der
Glöckelberge, ritten in ihm drei Stunden lang fort, und gelangten dann zu dem
Berge des heiligen Ulrich hinunter. Dort hielten sie Mittagruhe und Mittagpflege
in den Gefilden des bayrischen Herzoglandes. Nach zwei Stunden Rast ritten sie
in der Richtung zwischen Abend und Mitternacht an dem Wasser der entgegen
kommenden Mihel weiter, und da noch die Sonne hoch am Himmel stand, bogen sie
wieder von der Mihel gegen Mitternacht, und ritten dem Hause zu, in dessen Nähe
Witiko an einem Sonntage das Mädchen Berta mit Waldrosen bekränzt gefunden
hatte, und wo er als Gast aufgenommen worden war.
    Die Männer ritten an das Tor des Hauses. In dem Tore öffnete sich ein
Schubfach, und das Haupt eines Knechtes sah heraus. Dann schloss der Knecht das
Fach, und öffnete das Tor. Unter dem Bogen des Tores stand Heinrich, und sagte
zu Witiko: »Seid gegrüsst. Es ist gut von Euch, dass Ihr auf meine Einladung nicht
vergessen habt, und wieder einmal in mein Haus gekommen seid. Ihr werdet mit den
Eurigen freundlich in demselben aufgenommen.«
    »Ich danke Euch«, entgegnete Witiko, »wir bitten nur um Raum zu einer kurzen
Rast für heute, um etwas Nahrung für uns und unsere Pferde und um eine Herberge
für die Nacht. Mit dem frühen Morgen werden wir unsern Weg wieder betreten.«
    »Wie es Euch gefällt, und wie Ihr in Absicht habt«, entgegnete Heinrich, »es
wäre ein Unrecht, den Gast zu zwingen, länger zu bleiben, als er will, er wisse
nur, dass er gerne begrüsst wird.«
    »Ich danke Euch für Eure Gesinnungen«, sagte Witiko.
    »So reitet ein«, antwortete Heinrich.
    Nach diesen Worten trat er seitwärts, und Witiko ritt mit seinen Gefährten
in den Hof. Dort stiegen sie von den Pferden. Der Knecht, welcher das Tor
geöffnet hatte, und ein anderer, welcher herbei gekommen war, nahmen die Pferde,
und führten sie in den Stall. Heinrich geleitete Witiko gegen eine Tür, die von
dem Hofe in das Gebäude ging, die zwei andern folgten. Als sie an der Tür
angelangt waren, sah Witiko, dass von ihr mehrere Stufen empor führten. Er stieg
mit seinem Gasterrn die Stufen hinan. Dann gelangten sie in einen Gang, in
dessen Mitte ein Fallgitter war, unter welchem sie hindurch gingen. Dann kamen
sie an eine Tür. Heinrich öffnete sie, und liess die Männer in ein Gelass, welches
aus zwei Gemächern bestand, und Geräte und Betten hatte.
    »Hier haltet Rast und Herberge, Witiko«, sagte Heinrich, »Ihr seid von allem
Geräusche entfernt. Und wenn es Euch dann genehm sein wird, so kommt zu meiner
Haufrau, sie zu begrüssen.«
    »Ich werde bald kommen«, entgegnete Witiko, »sagt der hohen Frau indes meine
Ehrerbietung.«
    »Ich werde es tun«, antwortete Heinrich, »und gehabt euch wohl.«
    »Gehabt Euch wohl«, sagte Witiko.
    Heinrich verliess die Gemächer.
    Die drei Männer standen nun in dem Raume, der ihnen angewiesen worden war.
    »Ich werde nach den Pferden sehen«, sagte Raimund.
    »Tue das«, entgegnete Witiko, »ich werde dir sogleich folgen.«
    Raimund ging fort, der Mann in dem braunen Gewande setzte sich auf ein
Gesiedel, das in einer Ecke stand, und Witiko verliess nun auch das Gemach.
    Als er in den Hof kam, sah er dort den Knecht, welcher das Tor geöffnet
hatte.
    Der Knecht näherte sich ihm, und sagte: »Das ist sehr gut, dass Ihr gekommen
seid, das ist sehr gut.«
    »Es kann gut sein«, sagte Witiko, »und es freut mich, dass du das sagst.«
    »Und das schöne Pferd habt Ihr auch noch, das bei den Köhlern gestanden
ist«, sagte der Knecht, »und Ihr werdet wieder zu ihm gehen, wie damals.«
    »Das werde ich tun«, antwortete Witiko, »wie heissest du denn?«
    »Hando«, erwiderte der Mann.
    »Nun, Hando«, entgegnete Witiko, »du wirst mir wohl behilflich sein, wenn
ich etwas brauche.«
    »Es ist der Befehl des Herrn, dass ich bei den Pferden bleibe«, sagte Hando,
»ich glaube, dass Euer Pferd sehr rechtschaffen sein wird.«
    »Es ist schon rechtschaffen gewesen, und wird wieder rechtschaffen sein«,
sagte Witiko.
    Nach diesen Worten ging Witiko von dem Knechte in den Stall. Er sah, dass die
Pferde gut eingestellt und mit Decken versorgt worden waren. Er sagte Raimund
noch genauer, was er tun solle, streichelte sein graues Pferd, und ging dann
fort. Er ging über den Hof, und suchte den Saal, in welchem er einst von
Heinrich empfangen worden war, und in welchem man das Mittagmahl eingenommen
hatte. Er kam in den Saal. Der Saal war gerade so wie damals, er hatte die
Tische, die Waffen, und an einem Fensterpfeiler hing auf einem Nagel ein
Kopfgoldreifchen mit kleinen Öffnungen. Es war aber niemand in dem Saale. Witiko
ging durch eine Tür in ein weiteres Gemach. Auch dieses war leer. Als er in
demselben stand, hörte er Tritte kommen, und Heinrich ging herein. Er führte
Witiko durch ein zweites Gemach, das gleichfalls leer war, in ein drittes, in
welchem Wiulfhilt sass. Sie stand von dem Stickrahmen auf, und ging Witiko
entgegen.
    »Seid willkommen, Witiko«, sagte sie.
    »Ich bringe meinen ehrerbietigen Gruss«, sagte Witiko, »ich bin in Euer
gastliches Haus gekommen, hohe Frau, um darin um eine Nachterberge zu bitten.«
    »Und mein Gemahl und ich gewähren sie«, entgegnete die Frau, »und würden
viele Nachterbergen gewähren.«
    »Mein Weg ruft mich morgen wieder weiter«, entgegnete Witiko.
    »So geniesst heute, was unser Haus vermag«, sagte Wiulfhilt.
    Nach diesen Worten ging sie zu ihrem Sitze, und lud Witiko ein, sich auch
nieder zu setzen.
    Er tat es. Heinrich setzte sich auch.
    Wiulfhilt richtete ihre blauen Augen auf Witiko, und sagte: »Ihr seid vier
Jahre nicht in unserem Hause gewesen.«
    »Ich habe oft an dasselbe gedacht«, entgegnete er.
    »Dann gebt Ihr jenen Stunden, die Ihr da waret, ein gutes Gedächtnis«, sagte
Wiulfhilt.
    »Oft denkt man weniger Stunden, und vergisst vieler«, antwortete Witiko.
    »Ja, so ist es«, entgegnete Wiulfhilt, »und wie Ihr in jener Zeit nicht
einmal eine Nacht unter unserem Dache geblieben seid, so wollt Ihr heute auch
wieder nur nach einer Nacht weiter.«
    »Es hat sich alles gefügt«, sagte Witiko, »und fügt sich jetzt auch wieder.«
    »Nun, so gehorcht Eurer Fügung, und möge sie immer eine günstige sein«,
erwiderte die Frau.
    »Es wechselt das Gute mit dem Übeln«, sagte Witiko.
    »Und mit dem Ehrenvollen«, entgegnete Wiulfhilt, »Ihr seid lange bei dem
böhmischen Herzoge Sobeslaw gewesen, und seid von ihm zu dem Landtage geschickt
worden.«
    »Ich bin ein Jahr in Böhmen gewesen, da Sobeslaw herrschte, und nur wenige
Tage bei ihm, da er sich zum Sterben rüstete«, sagte Witiko, »und es ist kein
Landtag gewesen, zu dem ich gegangen bin, erhabene Frau, sondern eine
freiwillige Versammlung der Herren der Länder Böhmen und Mähren, um für das
Sterben Sobeslaws einen Nachfolger zu wählen, obgleich sie schon dem Sohne
Sobeslaws den Eid geleistet hatten. Ich bin auch nicht zu der Versammlung
geschickt worden, sondern Sobeslaw, der mir traute, wollte nur wissen, was in
seiner Krankheit geschehe. Ich bin selber in die Versammlung gegangen.«
    »Und Ihr habt dort geredet«, sagte Wiulfhilt.
    »Und sie haben mich ihren Beratungen und Beschlüssen zuhören lassen«,
antwortete Witiko.
    »Seid Ihr bei dem Tode Sobeslaws gewesen?« fragte Heinrich.
    »Ich habe ihn sterben gesehen«, antwortete Witiko.
    »Er hat sich dem Hohenstaufen Konrad verbündet, und ist ein Feind unseres
verstorbenen Herzoges Heinrich gewesen«, sagte Heinrich, »aber ich habe ihn doch
geehrt, und habe es ihm gezeigt, wenn ich ihn gesehen habe.«
    »Habt Ihr seine Adelheid gesehen, Witiko?« fragte Wiulfhilt.
    »Ich habe mit ihr gesprochen, und sie hat mir die Geschenke des Herzogs für
meinen Dienst gegeben«, antwortete Witiko.
    »Wie hat sie den Tod ihres Gemahles ertragen?« fragte Wiulfhilt.
    »Sie hat für ihn gebetet, und ist in Trauer gestorben«, sagte Witiko.
    »Wir haben davon gehört«, entgegnete Wiulfhilt; »ist für ihre Kinder gesorgt
worden?«
    »Der Herzog Wladislaw ist ehrfurchtvoll gegen Adelheid gewesen«, sagte
Witiko, »er ist grossmütig gegen ihre Kinder, und er wird selbst gegen den
aufständigen Wladislaw nicht hart sein.«
    »Ihr seid, da auf dem Herzogstuhle gewechselt worden, lange in dem oberen
Plane gewesen, Witiko«, sagte Wiulfhilt.
    »Da ist eine traurige Zeit verflossen«, entgegnete Witiko, »ich wollte dem
neuen Herzoge nicht dienen, und bin in dem kleinen Hause geblieben, das wir in
Plan besitzen. Ich habe nur mit den Waldleuten geredet und einmal mit einem
alten Zupane und zwei kleinen Herren des Landes, ich habe meine Mutter nicht
gesucht, und konnte nichts tun, als was ein Knecht bei einem kleinen
Hausverwalter tut.«
    »Ihr habt Euch aber dann dem Herzoge Wladislaw zugewendet«, sagte Heinrich.
    »Da der andere Wladislaw, der Sohn Sobeslaws, sein Recht aufgegeben hatte,
bin ich im Gedächtnisse der Sterbeworte Sobeslaws, die seinem Sohne die
Unterwerfung an Wladislaw angeraten hatten, zu dem Herzoge gegangen.«
    »Und Ihr seid in der Schlacht gegen die Mährer und bei den anderen Kämpfen
gewesen«, sagte Heinrich.
    »Nicht bei allen, da ich anderwärts hin befohlen wurde«, antwortete Witiko.
    »Wladislaw ist der Sohn des Herzoges Wladislaw, der ein starkmütiger Mann
gewesen ist, und er ist der Neffe des Herzoges Sobeslaw, der auch ein
starkmütiger Mann gewesen ist, und er wird selber starkmütig sein«, sagte
Heinrich.
    »Gegen mich ist er gut und freundlich gewesen«, sagte Witiko.
    »Es wäre erspriesslich, wenn auch in unserem Herzogtume Baiern alles geordnet
würde«, sprach Heinrich, »es haben in den Kämpfen viele Männer, denen noch eine
lange Zeit auf der Erde bevor stand, das Leben verloren, andere haben auch sonst
ihr Ende gefunden. Unser hochsinniger Herzog Heinrich, der zwischen den Meeren
gebot, und dem der Kaisermantel gebührte, ist aus der Welt gegangen, Richenza,
die Witwe des Kaisers Lotar, die als Heldin bei den Sachsen stand, ist in das
Grab gestiegen, und Leopold, der Markgraf von Österreich, den der König Konrad
mit dem Herzogtume Baiern belehnt hatte, und der sich dieses Herzogtum mit allen
Kräften erstreiten wollte, liegt in der Erde. Und Adalbert, der Erzbischof von
Mainz, der dem Könige Konrad so feindlich gewesen ist, musste von hinnen. Jetzt
vermählen sie die Witwe unseres hohen verstorbenen Herzoges dem feindlichen
Geschlechte, Heinrich, dem Bruder Leopolds, dem Markgrafen von Österreich. Das
Söhnlein unsers mutvollen Herzoges belohnten sie mit Sachsen, und Baiern behält
der König Konrad noch für einen Ergebenen in der Hand. So meinen sie es
geendiget zu haben. Aber es wird wieder auferstehen, und mancher Mann, nachdem
er in vielen Ländern und Kämpfen gewesen ist, kann sich den Sitz der Ruhe nicht
gründen, indes die besten Jahre dahin gehen.«
    »Tragen wir es«, sagte Wiulfhilt, »Gott kann alles fügen, und kann uns
Freuden bereiten, die wir gar nicht vermutet haben.«
    »So füge er es«, antwortete Heinrich, »und füge es bald. Ihr habt Euch bei
den Leuten Vertrauen erworben, die in dem Walde wohnen, Witiko.«
    »Ich liebe das lange und breite Waldesband und seine Leute«, sagte Witiko.
    »Im Walde stehen noch viele Dinge bevor«, sagte Heinrich, »beachtet sie,
Witiko.«
    »Ich suche nach dem Rechten zu streben, so wie ich es verstehe«, sagte
Witiko.
    »Tut immer so, dann könnt Ihr manches erreichen«, entgegnete Heinrich.
    »Ihr seid in den Jahren, die wir Euch nicht gesehen haben, viel stattlicher
geworden, Witiko«, sprach Wiulfhilt.
    »Die Jugend ändert sich schnell«, sagte Heinrich, »in späteren Zeiten ist
man oft Jahre lang gleich.«
    »Ihr scheint mir auch wirklich wie damals, hochedle Frau«, sagte Witiko,
»selbst die Haare tragt Ihr wieder im Goldnetze.«
    »Das ist so die Gewohnheit«, sagte Wiulfhilt, »habt Ihr Euch das gemerkt?«
    »Es ist so, als wäre seit jenen Tagen keine Zeit vergangen«, sagte Witiko.
    »Nun, wenn Ihr wieder nach mehreren Jahren erst abermals hieher kommt«,
sprach Heinrich, »möget Ihr uns dann auch als die gleichen und nicht älter sehen
als heute.«
    »Oder mögen alle Verwirrungen enden, und möget Ihr bald wieder zu uns
kommen, und länger bleiben«, sagte Wiulfhilt.
    »Wenn ich den freundlichen Empfang wie die zwei Male erwarten darf, werde
ich wiederkommen«, antwortete Witiko.
    »Der Empfang wird immer gut sein«, erwiderte Heinrich.
    »Ich habe Euch, erhabene Frau, den Ankunftsgruss gebracht«, sagte Witiko,
»und Eure Zeit genommen. Erlaubet, dass ich Euch nun verlasse.«
    Mit diesen Worten stand er von seinem Sitze auf.
    Wiulfhilt sagte: »Nehmt noch einmal das Willkommen, und handelt bei uns nach
Euerm Gefallen.«
    »Gebraucht Eure Zeit nun für Euch, Witiko«, sagte Heinrich, »und seid
gedenk, dass Ihr, wenn die Glocke schallt, mit den Eurigen zum Abendessen kommt.«
    »Ich werde folgen«, antwortete Witiko.
    Er verliess hierauf das Gemach.
    Er ging jetzt wieder in die Kammern, die ihm zur Herberge angewiesen worden
waren. Dort standen auf einem Tische Speisen und Wein; aber es sass niemand vor
ihnen. Raimund war nicht da. Der Mann in dem braunen Gewande lag angekleidet auf
einem Bette, und schlief.
    Witiko verliess nun auch die Gemächer wieder.
    Er ging durch den Hof in das Freie. Dort lenkte er seine Schritte dem
rauschenden Wasser entgegen, das von dem Walde der drei Sessel herab floss. Er
ging auf dem weichen Rasen dem Wasser entgegen und dem grossen breit
aufsteigenden Walde zu. Als er an den Rand desselben gekommen war, teilte sich
der Weg. Der eine Zweig ging gerade zwischen den Stämmen empor in der Richtung
gegen die drei Sessel, der andere ging links an dem Saume des Waldes fort.
Witiko wendete sich gegen diesen Pfad. Da sah er in der Tiefe unten, in welche
ein Arm des Wassers hinab floss, auf einem Steinblocke zwischen Gebüschen den
Mann mit den schwarzen krausen Hauptaaren sitzen, der einmal im Hauzenberge den
Topf mit Draht umwunden, und den Heinrich im Waldhause Wolf geheissen hatte. Der
Mann blöckte seine weissen Zähne gegen Witiko, lächelte, und wies öfter mit
seinem Finger in der Richtung des Waldsaumweges hin.
    Witiko ging auf diesem Wege fort.
    Er ging zuerst an dem Waldrande, dann zwischen Stämmen, dann wieder frei an
dem Waldrande, immer aufwärts. Dann gelangte er zu einem sehr grossen
Granitsteine, der aus dem weichen Grase emporstand, und höher als eine Waldhütte
war, und nach unten auf Ahorne und das Waldhaus und weiter hin auf Berge blicken
liess. Vor dem Steine war eine Bank aus Holz, und neben der Bank stand Berta,
die Tochter Heinrichs. Zu ihren Füssen war grüner Rasen, unter ihr graues
Gestein, ober ihr graues Gestein, und hinter ihr der dunkle Wald.
    Sie hatte nicht wie damals, da Witiko sie zuerst gesehen hatte, die weissen
Ärmel des Hemdes und die Zöpfe, sondern ein reiches veilchenfarbenes Kleid und
die Haare in einem silbernen Netze.
    Sie stand, und sah auf Witiko, Witiko sah auf sie.
    Dann sagte sie: »Bist du gekommen, Witiko?«
    »Ich bin gekommen«, sagte er, »und du stehst wieder wie meine Weissagung am
Rande des Waldes, aber ohne Rosen.«
    »Man könnte allerlei Kränze tragen«, sagte Berta, »von dem Heidekraute, von
dem wohlriechenden Kunigundenkraute, von den grünen Blättern der Preusselbeeren.«
    »Die dunkelrote Waldrose ist dein schönster Schmuck«, entgegnete Witiko,
»und mein Glück. O Berta, du bist sehr schön geworden.«
    »Du bist auch schön geworden, Witiko«, sagte Berta, »und du bist zwei Jahre
in dem oberen Plane jenseits des Waldes gewesen.«
    »Meine Mutter hat dort ein kleines Haus«, antwortete Witiko.
    »Und in dem Hause bist du gewesen«, sagte Berta, »du hast geholfen, kleine
Arbeit zu tun, du bist zu Leuten in die Stuben gegangen, du hast Leute in deine
Stube geladen, du bist auf deinem grauen Pferde die Wege um Plan geritten, du
hast Nachbarn in dem Walde und fern des Waldes besucht, und bist auf den Berg
gegangen, auf welchem das rote Kreuz steht.«
    »Ich habe von dem Berge auf die Wälder geschaut, die rings um ihn zu sehen
sind«, antwortete Witiko.
    »Die Mädchen von Plan nennen den Berg Witikos Berg«, sagte Berta.
    »Das habe ich nie gehört«, entgegnete Witiko.
    »Sie haben ihn so genannt, als du dort warest«, erwiderte Berta, »und
nennen ihn so, da du fort warest. Du bist mit den Leuten des Waldes auf den Berg
Wysoka und in die Stadt Prag gegangen, und hast sie wieder in ihre Heimat
zurückgeführt.«
    »Woher weisst du denn diese Dinge, Berta?« fragte Witiko.
    »Von der Moldau sind viele Wege herüber, mancher heilige Mann geht sammeln,
und unser Knecht Wolfram kennt alle Fluren.«
    »Der Berg heisst der Kreuzberg«, sagte Witiko.
    »Du bist zu dem Herzoge Sobeslaw gegangen, und hast ihm treu gedient«,
sprach Berta.
    »Er ist unserm Lande ein gerechter und wohltätiger Herrscher gewesen«, sagte
Witiko.
    »Du bist zu ihm auf die Burg gegangen, da er sich zum Sterben rüstete«,
sagte Berta, »und bist bei ihm geblieben, da sich die Herren zur Wahl eines
Nachfolgers versammelten.«
    »Manche sind treu geblieben, manche sind abgefallen« sagte Witiko.
    »Und du bist für den Herzog nach Prag gegangen«, sprach Berta, »bist in die
Versammlung der Herren gegangen, hast sie bewogen, hast sie gehört, und dem
Herzoge die Botschaft gebracht.«
    »So ist es gewesen, Berta«, sagte Witiko.
    »Und du bist bei des Herzoges Sterben und seiner Bestattung gewesen«, sagte
Berta, »und bist von dem neuen Herzoge auf zwei Jahre Groll in den Wald
gegangen.«
    »Nicht auf Groll«, antwortete Witiko, »sondern ich habe dem Herzoge nicht
gedient, weil noch das Recht bei Wladislaw, dem Sohne Sobeslaws, war.«
    »Und nach dem Ende dieses Rechtes«, sagte Berta, »bist du mit den Guten zu
dem andern Wladislaw gegangen, du bist in der Schlacht auf dem Berge Wysoka
gewesen, du hast den Schaden der Verräter gut gemacht, du hast nach dem Tode
Smils den Befehl über die Waldleute geführt, und hast in dem Kampfe ein weisses
Schild mit der dunkelroten fünfblättrigen Waldrose getragen.«
    »Was ich getan habe, weiss ich nicht mehr genau«, antwortete Witiko, »aber
den weissen Schild mit der dunkelroten fünfblättrigen Waldrose habe ich
getragen.«
    »Ihr seid, du und die Waldleute, mit dem Herzoge nach Prag gezogen«, sagte
Berta, »du bist ihr Führer geworden, du bist mit dem Herzoge zu dem Könige
Konrad nach Nürnberg geritten, du hast mit Odolen die Feinde geschlagen, und
hast die mährischen Fürsten entrinnen lassen. Der Herzog hat in dem Gerichte
darüber dich geehrt, und du bist mit den Waldleuten wieder nach Plan gegangen.«
    »So ist alles, Berta«, sagte Witiko.
    »Ich weiss es«, antwortete Berta; »aber weisst du, was ich gesagt habe?«
    »Nein, ich weiss es nicht«, antwortete Witiko.
    »Ich habe gesagt«, entgegnete Berta, »keiner soll mein Gatte werden, der
nicht ist wie Witiko, oder er selber soll mein Gatte werden. So habe ich gesagt.
Ihr aber, edler Witiko, seid nicht zu uns gekommen, und wisset nur, als ich Euch
heute in unsern Hof reiten sah, bin ich von Euch fort zu dem Walde gegangen.«
    »Und ich habe dich in dem Walde gesucht«, antwortete Witiko, »und mein
Himmelgeschick hat mich dich finden lassen wie an jenem Sonntage. Du Bild des
heitern Sonntages, Berta, ich habe deinen roten Mund nicht vergessen, der auf
den sonnigen Steinen gesprochen, und dein Auge nicht, das in dem Walde geglänzt
hat. Da ist die schöne Dimut in dem Turme von Rowna, da ist die schöne Herzogin
Gertrud in der Hofburg in Prag, da wandeln die schönen Frauen und Jungfrauen in
den Strassen und Gärten von Prag, und wohnen in den hohen Häusern und Schlössern,
da sind in dem Hoflager des Königs Konrad und in Nürnberg Frauen und Jungfrauen
voll der Schönheit, in Plan, in Daudleb, in Wettern, in Friedberg, im Walde sind
die Mädchen wie die Rosen; ich aber habe nicht vergessen, dass ich mit dir auf
den Steinen des Waldes gesessen bin, und dass du höher bist als die Rosen.«
    »Und doch hast du den Weg über den Wald herüber zu mir nicht gesucht«, sagte
Berta.
    »Ich habe zu dir in jenem Walde unten einmal gesagt«, antwortete Witiko,
»dass ich ein rechter Mann werden wolle. Und weil ich noch kein rechter Mann
geworden war, bin ich aus Scham nicht gekommen, Berta. Aber auf dem Kreuzberge
bin ich gestanden, und habe auf den Wald geschaut, hinter dem ich dich zum
ersten Male gesehen habe, und habe wieder auf den Wald geschaut. Ich wäre auch
heute nicht gekommen, nur ein kleiner Umstand hat mich hergeführt. Aber ich wäre
einmal gekommen, wenn ich ein rechter Mann geworden wäre, und hätte dann
gesehen, ob du denkest wie ich.«
    »Ja, Witiko, so ist auch alles recht, wie du getan hast«, sagte Berta.
    »Und ich werde kommen«, sagte Witiko.
    »Und du weisst schon, wie ich denken werde«, sagte Berta.
    »So ist alles gut und klar«, sagte Witiko.
    »Baue dir ein Haus, Witiko«, sagte Berta, »und wenn dann noch keine Makel
an dir ist, so folge ich dir, und harre bei dir bis zum Tode. Dann rede zu den
Männern deines Landes, bringe sie zu dem Grossen, und tue selber das Grosse.«
    »Ich habe dir gesagt, dass ich das Ganze tun will, was ich kann«, antwortete
Witiko.
    »Ich will, dass dir keiner gleich ist«, sagte Berta, »so weit die Augen
blicken, es mögen unten die Bäume des Waldes emporstehen, oder die goldenen
Felder der Ähren oder der grüne Sammet der Wiesen weit und weit dahin gehen.«
    »Ich will zu dem Höchsten streben«, sagte Witiko.
    »Und wenn du ein niederer Mann würdest«, sagte Berta, »so würde ich als
dein Weib von dir gehen, dahin du mir nicht folgen könntest.«
    »Du gehst nicht, und alles wird sich erfüllen«, sagte Witiko.
    »Alles wird sich erfüllen«, sagte Berta.
    »Und nun bitte ich dich um etwas, Berta«, sagte Witiko.
    »Sprich«, entgegnete Berta.
    »Lasse mich deine Lippen küssen, über welche einmal der Quell des Gesanges
geklungen hat«, sagte Witiko.
    »So küsse sie, Witiko«, sagte Berta.
    Und er nahete sich, und küsste ihren Mund.
    Dann sagte er: »Wie schön ist die Stelle, darauf wir stehen, es hat jemand
die Bank gebaut.«
    »Ich habe sie errichten lassen«, entgegnete Berta, »so wie ich die Steine
habe legen lassen, auf denen wir vor vier Jahren gesessen sind.«
    »Bist du oft hier?« fragte Witiko.
    »Da wir in dem Walde waren, bin ich oft da gewesen, und habe an dich
gedacht«, antwortete Berta.
    »Und wenn ich auf die Waldhöhen geschaut habe, auf denen eine Burg schön
ragen würde«, sagte Witiko, »so schaute ich am längsten auf die Höhe der
Sessel.«
    
    »Und mein Herz jauchzte, als du sie auf dem Wysehrad gezwungen hast, dir
einen Sitz zu geben«, sagte Berta.
    »Und ich habe in meinem Sinne die Worte gesagt, die du im Walde gesprochen
hast«, antwortete Witiko.
    »Und ich habe auf Wolf gelauscht, wenn er von dir erzählte«, sagte Berta.
    »Ich habe dieser Tage das Gewand angelegt, das ich hatte, als ich dich zum
ersten Male sah«, sprach Witiko.
    »Ich dachte es«, antwortete Berta.
    »Ich habe die rote Rose auf dem weissen Schilde deinetwegen in dem Kampfe
getragen«, sagte Witiko.
    »Ich wusste es«, entgegnete Berta.
    »Und ich kann hier nur weilen, bis die Sonne des Morgens scheint, dann muss
ich wieder fort«, sagte Witiko.
    »Ich weiss es«, antwortete Berta.
    »Du weisst es?« fragte Witiko.
    »Ja, ich weiss es«, sagte sie, »und lasse uns schnell zu den Eltern gehen.«
    Sie wendeten sich. Witiko reichte ihr den Arm. Sie legte ihren Arm in den
seinigen, und so gingen die zwei Gestalten auf den Pfad an dem Waldsaume dahin,
und gingen auf dem Pfade gegen das Haus Heinrichs. Als sie gegen die Tiefe
kamen, wo die zwei Wege sich vereinigen, sah Witiko den Mann Wolf noch immer auf
dem Steine in der Schlucht neben dem Gebüsche sitzen. Da Wolf die Wandler
erblickte, sprang er von dem Steine, und eilte in grossen Sprüngen durch die
Schlucht gegen das Haus. Witiko und Berta aber gingen an dem Bache dem Hause
zu, von dem Witiko vor kurzem allein herauf gegangen war.
    Als sie das Haus erreicht hatten, gingen sie durch die nämliche Tür in
dasselbe, durch welche Berta Witiko herein geführt hatte, da er das erste Mal
hieher gekommen war. Sie traten in den Vorsaal, und von demselben in den Saal.
Er war leer. Hier löste Berta ihren Arm von dem Witikos, und eilte in die
ferneren Gemächer.
    Witiko aber ging zu den Seinigen.
    Der Mann in dem braunen Gewande schlief noch immer auf dem Bette, und
Raimund war wieder nicht in der Herbergwohnung.
    Witiko ging auch wieder von den Stuben fort, und ging gegen die Ställe.
    An der Tür zu den fremden Pferden standen die Knechte Hando und Raimund, und
sprachen.
    »Hando«, sagte Witiko, »gehe zu deinem Herrn, und frage ihn von mir, ob ich
zu dieser Frist zu ihm kommen, und mit ihm reden dürfe.«
    »Ich werde es tun«, sagte Hando.
    Er ging in das Haus.
    Witiko sprach zu Raimund: »In unsern Kammern stehen Speisen und Getränke.
Wenn du essen und trinken willst, so gehe hin, und nimm, was du bedarfst. Ich
esse jetzt nicht. Der andere schläft, und lasse ihn schlafen.«
    »Ich werde etwas von den Speisen nehmen«, sagte Raimund.
    Der Knecht Hando kam zurück, und sagte: »Ich soll Euch zu dem Herrn führen.«
    »So führe mich«, antwortete Witiko.
    Der Knecht ging voran, Witiko folgte ihm. Aus dem Gange des Vorsaales hinter
der eisenbeschlagenen Eingangstür führte der Knecht Witiko in ein Gemach, in
welchem Heinrich an einem Tische sass. Er stand auf, da Witiko eingetreten war.
    Da der Knecht sich entfernt hatte, sagte Witiko: »Wenn es Euch genehm ist,
mich zu hören, so hätte ich Euch etwas mitzuteilen, das Euch und mich betrifft.«
    »Sprecht, Witiko«, sagte Heinrich, »das Gemach ist zu meinem Gebrauche.«
    Er wies auf einen Stuhl, und als sich Witiko darauf niedergelassen hatte,
setzte er sich auf einen andern.
    Witiko sprach: »Ich bin vor vier Jahren auf einem Ritte von Passau nach
Böhmen in Euern Wald gekommen. Weil des andern Tages ein Sonntag war, liess ich
mein Pferd bei den Köhlern an der Mihel stehen, und ging in den Wald, um zu
beten. Ich sah nach dem Gebete an dem Waldrande ein Mädchen stehen, das noch
sehr jung war. Das Mädchen trug rote Waldrosen in einem Kranze um das Haupt. Ich
sprach mit dem Mädchen, wir setzten uns auf Steine, und redeten Dinge, wie sie
Kinder zu reden pflegen. Das Mädchen war Eure Tochter Berta, und führte mich in
Euer Haus. Ich habe das Kind nicht vergessen, und trug es in dem Sinne. Dann
dachte ich, wenn ich etwas getan habe, dass ich zu den guten Männern unseres
Landes gezählt werde, wolle ich kommen, und fragen, ob Berta mein Weib werden
könne. Die Zeit zu dieser Frage war noch nicht gekommen, weil ich noch nichts zu
tun vermocht habe. Ich bin heute zu Euch geritten, Eure Gastfreundschaft für
eine Nacht zu erbitten. Ihr gewährtet sie. Dann ging ich zu Eurer Gemahlin, um
ihr den Ankunftsgruss zu bringen. Sie sprach mit Güte zu mir. Hierauf ging ich in
den Wald. Es war mein Wille, Berta zu suchen. Ich fand sie, und da kam
vorzeitig aus dem Munde, was später hätte gesprochen werden sollen. Ich sagte,
dass ich nie ein anderes Weib zu meiner Gattin nehmen werde als Berta, und
Berta sagte, dass sie nie einen andern Mann zum Gatten nehmen werde als mich,
und ich küsste Eure Tochter auf den Mund. Wenn Ihr ein Mann seid, der meint, dass
durch diese Handlung die Gastlichkeit verletzt worden ist, so werde ich Euch die
Genugtuung leisten, die Ihr gerecht fordern könnet. Morgen muss ich fortreisen.
Bestimmt nach vier Tagen einen Tag, ich werde kommen. Was ich zu Berta
gesprochen habe, ist wie eine Handfeste, die gilt. Berta tue, wie sie muss.«
    Witiko schwieg.
    Heinrich aber sprach nach einer Weile: »Witiko, jetzt höret mich an. Von dem
alten Randshofe, dem Eigen der Pipine und der Söhne Karls, sieht man über die
Brunnenau und den Innstrom wasserabwärts einen Fels, darauf die Burg Jugelbach
steht. Die Burg ist das Haus unseres Geschlechtes. Ich bin Heinrich von
Jugelbach. Man nennt mich Fahrirre, weil ich die Eigen vieler Herren gesehen
habe, und über Land und Meer gefahren bin. Ihr seht aber an meinem Waldhause,
dass ich auch stille lebe. Mein Vater ist Werinhart von Jugelbach, meine Mutter
ist Benedicta von Aschach. Mein Bruder ist Gebhart von Jugelbach, der älteste
Bruder Werinhart ist gestorben. Meine Gattin ist Wiulfhilt von Dornberg. Berta
ist unser einziges Kind. Der edle Mann, Adelram von Aschach, unser Grossvater und
der Vater unserer Mutter Benedicta, ist gestorben, und das Erbe von Aschach mit
Mauten und Gebühren diesseits und jenseits der Donau ist an unsere Mutter
gekommen, weil Adelram keine anderen Kinder hatte. Da ist in dem Aschachwinkel
der Ort Hilkering, der gehört den zwei edlen Brüdern von Schillingsfirst, und
der ist der einzige, welcher nicht ein Teil der Erbschaft ist. Ich und mein
Bruder Gebhart sind von dem Inn an die Donau nach Aschach herab gestiegen, und
werden zwei Burgen bauen. Die eine werden wir auf dem Berge hinter dem Orte
Hilkering bauen, und sie wird Stauf heissen, und die andere werden wir auf der
Waldhöhe, die von Aschach gegen die alte Stadt Eferdingen geht, bauen, und sie
wird Schauenberg heissen, weil sie in das Land über die Donau schaut, darin die
Mihel fliesst, und in das Land, dahin die Donau geht, und auf die Berge, die
gegen die Steiermark sind. Die von Jugelbach sollen in Stauf und Schauenberg
gross werden, und in die Geschicke ihrer Länder hinein wachsen. Jetzt, Witiko,
kennt Ihr unser Geschlecht. Nun will ich von der Genugtuung sprechen. Ihr habt
in der Schlacht die rote Waldrose auf dem weissen Schilde getragen, sehet, dass
die Rose in die Geschicke Eurer Länder hinein blühet, und dann kommt. Bis dahin
ist Berta von Euch getrennt, und seid Ihr von Berta getrennt. Ist Euch diese
Genugtuung gerecht?«
    »Sie ist mir gerecht«, sagte Witiko, »ich danke Euch für Eure Worte. Ich
habe nie gedacht, Berta anders zu gewinnen als so, und ich habe nie gedacht,
anders zu handeln, wenn auch Berta nicht wäre.«
    »Tut so«, sagte Heinrich, »und wenn eine Burg wird, in der die Rose ist, so
denke ich, dass die Burg der Rose und dass Stauf und Schauenberg in gleicher Grösse
und in Wohlvernehmen fortbestehen mögen. Ihr seid als Gast in meinem Hause immer
willkommen. Jetzt muss ich den Frauen verkünden, was wir gesprochen haben.
Beurlaubet mich.«
    Er stand auf, Witiko stand auch auf, die Männer reichten sich die Hände, und
Witiko verliess das Gemach.
    Da er in den Hof gekommen war, sah er Wolf.
    Wolf ging eilig zu ihm, und sagte: »Ihr seid sehr lange nicht mehr in unser
Haus gekommen.«
    »Ist es dir lange geworden?« fragte Witiko.
    »Ja«, entgegnete Wolf, »es ist mir lange geworden.«
    »Ich habe nicht anders gekonnt«, entgegnete Witiko.
    »Zählt nur auf mich, ich will Euch in allen Dingen beistehen«, sagte Wolf.
    »Nun, ich werde es dir sagen, wenn ich deines Beistandes bedarf«, antwortete
Witiko, »und werde dir dafür danken.«
    »Es ist nicht Dankes halber«, sagte Wolf, »ich tue es gerne. Unser Herr ist
strenge, er hat die ganze Welt gesehen, die Leute nennen ihn Fahrirre, ich habe
es ihm aber nie gesagt. Sonst ist er auch gut.«
    »Ich habe es erfahren«, sagte Witiko, »er ist immer gastlich gegen mich
gewesen.«
    »Ja, gastlich ist er«, sagte Wolf.
    Witiko verabschiedete sich von Wolf, und ging in seine Wohnung.
    In derselben sass der Mann, der die braunen Kleider hatte, auf einem Stuhle,
und der Knecht Raimund sass auf einem andern Stuhle. Witiko sah, dass von den
Speisen und den Getränken etwas verzehrt worden war. Raimund berichtete, dass die
Pflege der Pferde vorüber sei, und dass sie jetzt ruhen könnten. Witiko nahm von
den Speisen und Getränken nichts, und setzte sich auf einen Stuhl.
    Es dauerte noch eine Zeit, bis die Sonne unterging. Da ertönte eine Glocke
in dem Hause.
    Witiko erhob sich, und ging mit Raimund und dem fremden Manne in den grossen
Saal.
    In demselben war alles so zum Speisen angeordnet, wie es Witiko gesehen
hatte, da er zum ersten Male in dem Hause gewesen war. Er wurde an das obere
Ende des Tisches zu Heinrich und Wiulfhilt geführt. Heinrich stand obenan,
Witiko wurde zu seiner Linken gewiesen, rechts war die Mutter und dann Berta.
Es waren auch noch zwei Männer am oberen Ende des Tisches, die Heinrich
Dienstmannen, Hartnit und Liutolt, nannte. Die Leute des Hauses harrten weiter
unten, bei ihnen waren auch der Knecht Raimund und der Mann in dem braunen
Gewande. Heinrich sprach ein lautes Gebet, in das die Leute antworteten. Nach
dem Gebete setzten sich alle nieder, und die Speisen wurden von zwei Mägden
gebracht. Sie wurden alle zugleich auf den Tisch gestellt. Auf dem oberen Ende
waren Fische, es war gebratenes Geflügel, es war Hirschfleisch, es waren Kuchen,
es war Brod und Wein. Auf dem unteren Ende des Tisches war gebratenes
Hammelfleisch, Bier und Brod.
    Als das Mahl geendet war, sprach Heinrich wie vorher ein Gebet. Nach
demselben gingen die Leute, welche an dem unteren Ende des Tisches gesessen
waren, fort.
    Heinrich sagte zu Witiko: »Möge Euch als Gast mein Abendessen wohl bekommen,
und weil ihr morgen mit dem Anbruche des Tages fortreiten wollt, so nehmen wir
heute Abschied.«
    Wiulfhilt sagte: »Lasset Euch genügen, was wir Euch in Eurer kurzen Zeit
hier bieten konnten, und kommet als Gast bald wieder in unser Haus. Mein Gemahl
und ich werden Euch gerne aufnehmen. Sein Wille ist der meinige.«
    »Ich danke Euch, edle Frau«, sagte Witiko.
    Darauf wendete er sich zu Berta, und sprach: »Möge Berta das Glück
erfahren, das ihr die wünschen, die sie lieben.«
    »Möge Witiko erreichen, was er hofft«, entgegnete Berta.
    »Er will darnach streben«, sagte Witiko, »Gott fügt das weitere.«
    Er reichte Berta die Hand, und Berta reichte ihm die Hand.
    »Ich werde Euch in Eure Stube geleiten«, sagte Heinrich.
    Witiko und Berta lösten ihre Hände auseinander. Witiko neigte sich vor
Wiulfhilt, vor Berta, und auch vor den Dienstmannen.
    Diese alle gaben den Gruss zurück, und Witiko ging mit Heinrich gegen die
Tür. Heinrich führte ihn in die Wohnung, die ihm zur Herberge bestimmt war.
    Dort verabschiedeten sie sich.
    Raimund und der Mann in dem braunen Gewande waren schon in den Stuben, und
die drei Männer suchten nun die Ruhe der Nacht.
    Als der Morgen noch wenig dämmerte, verliess Witiko die Gemächer. Da war in
dem Gange vor denselben Heinrich, und öffnete mit einem Schlüssel das
Fallgitter, und zog es empor. Dann ging er fort. Witiko ging unter dem
geöffneten Fallgitter hinaus. Er ging in den Stall. Raimund kam auch sogleich
herunter, und die Pferde wurden mit der Beihilfe des Knechtes Hando besorgt.
    Da dieses geschehen war, assen die drei Männer etwas von den Morgenspeisen,
die in ihre Wohnung gebracht worden waren. Dann wurden die Pferde in den Hof
geführt, und die Männer gingen zu ihnen.
    Da kam Wolf herzu, und brachte mehrere Stricke, welche Raimund an seinem
Sattel befestigte.
    Darauf bestiegen die Männer ihre Pferde.
    Nun kam Heinrich zu ihnen, und geleitete sie bis zu dem Tore.
    Wolf öffnete die beiden Flügel des Tores, und nickte im Grusse gegen Witiko.
    Heinrich geleitete die Männer durch das Tor hinaus.
    Da sie ausserhalb seines Hauses waren, reichte er Witiko die Hand auf das
Pferd, und sagte: »Ich danke Euch für das Vertrauen, welches Ihr mir heute in
der Nacht erwiesen habt.«
    »Lebt wohl«, sagte Witiko.
    »Lebt wohl«, sagte Heinrich.
    Die Männer setzten sich in Bewegung, und Heinrich ging durch das Tor in den
Hof zurück.
    Witiko und seine Begleiter ritten an dem rauschenden Bache nieder zu dem
tieferen Walde, und in dem Walde fort bis an die Mihel. Sie durchritten die
Wasser der Mihel, und Witiko ritt mit ihnen an die Hütte des Köhlers Matias.
    Der Köhler Matias kam von dem rauchenden Meiler herzu, und sein Weib
Margareta kam mit den Kindern aus der Hütte.
    »Gib uns einen Trunk frischen Wassers, Matias«, sagte Witiko.
    »Wollet Ihr denn nicht in das Haus gehen?« fragte der Köhler.
    »Wir reiten sogleich wieder fort«, antwortete Witiko.
    »Ihr haltet Euch gar nicht auf?« sagte Margareta.
    »Ich komme schon wieder einmal«, entgegnete Witiko.
    »Ach, nach vielen Jahren«, sagte das Weib.
    Dann ging sie, und brachte in einem grünen Kruge frisches Waldwasser. Witiko
trank aus dem Kruge, und auch seine Begleiter tranken.
    Dann reichte er von dem Pferde dem Köhler die Hand, und reichte sie auch
seinem Weibe Margareta.
    Hierauf ritten die Männer an dem Rauche der Meiler vorüber in der Richtung
gegen Mittag weiter.
    Sie ritten unter den hohen und alten Tannen des breiten Berges empor. Sie
ritten auf dem schmalen Pfade unter den tiefen Ästen einer hinter dem andern.
Als sie zu dem roten Kreuze gekommen waren, taten sie ein Gebet, und ritten
wieder weiter im Walde aufwärts. Nachdem noch eine halbe Stunde vergangen war,
kamen sie auf der Höhe in die Waldlichtung hinaus, vor der Witiko zum ersten
Male den Dreisesselwald gesehen hatte. Sie wendeten sich jetzt auch um, und
sahen die Forste und die Höhen, und sahen den Rauch, der von Heinrichs Hause
empor stieg.
    Darnach ritten sie wieder in einen neuen Wald auf einer Fläche sanft
abwärts.
    Nach einer Stunde erquickten sie, wie sie es gewöhnlich taten, an einer
Waldstelle die Pferde.
    Dann ritten sie wieder weiter.
    Gegen den Mittag kamen sie auf einen Platz, auf dem niedriges Buschwerk auf
Rasen weit dahin ging. An der Grenze waren Bäume, davon viele durch Winde
gestürzt waren. Da sie auf dem Platze ritten, kam ein Bolzen gegen Witikos Seite
geflogen, und prallte von dem Leder ab. Witiko blicke auf den Mann im braunen
Gewande. An dem braunen Gewande desselben hing auch ein Bolzen. Sofort auch
schaute Witiko in der Richtung hin, woher die Bolzen gekommen sein mochten. Da
waren zwei Männer in den Gebüschen, und ragten mit dem Oberkörper über sie
empor. Der eine hatte einen roten Bart, der andere einen grauen. Sie hatten
beschmutzte Ledergewänder. Witiko nahm die Lanze Raimunds, und ritt in die
Büsche, und in ihnen, so schnell es sein Pferd vermochte, gegen die Männer. Da
die Männer dieses sahen, ergriff der graubärtige die Flucht.
    Witiko rief gegen den andern: »Wenn du dich regst, und von dem Platze
weichen willst, so werfe ich dir diese Lanze in den Leib, wenn du ruhig stehen
bleibst, so schone ich deines Lebens.«
    Der Mann blieb stehen.
    Raimund kam nun auch auf dem Pfade, den Witiko in den Büschen gemacht hatte,
herzu, und hinter ihm der Mann in dem braunen Gewande.
    Raimund rief: »Und ich schleudere dieses Beil in deinen Körper, wenn du dich
rührst.«
    »Nimm ihn gefangen, Raimund«, sagte Witiko.
    Raimund nestelte die Stricke, welche ihm Wolf gegeben hatte, von dem Sattel,
und stieg von seinem Pferde. Dann reichte er dem Manne in dem braunen Gewande
die Zügel desselben, und sagte: »Halte mir das Ross, bis ich fertig bin.«
    Der Mann in dem braunen Gewande nahm die Zügel, und hielt an denselben das
Pferd Raimunds.
    Raimund aber näherte sich dem rotbärtigen Manne, indem er das Beil hoch in
der Hand trug.
    Der Mann stand ruhig.
    Da Raimund zu ihm gekommen war, liess er das Beil in das Gras fallen, nahm
die beiden Hände des Mannes, legte seine Unterarme vor der Brust übereinander,
umwickelte sie mit einem Stricke, und knüpfte die Enden des Strickes zusammen.
    Der Mann liess es geschehen.
    Dann nahm er wieder sein Beil, nahm die Armbrust, die auf der Erde lag, und
führte den Mann zu Witiko.
    Dort hieb er mit dem Beile einen Ast aus dem Gesträuche, hieb aus dem Aste
einen Knebel zurecht, befestigte den Knoten mit dem Knebel noch besser, und band
an den Fesselstrick noch einen andern Strick als Leitseil.
    Dann sagte er: »So, mein Gaurabe, jetzt bist du versorgt.«
    »Führe ihn mit uns«, sagte Witiko.
    Raimund gab dem Manne in dem braunen Gewande das Ende des Leitseiles in die
Hand, und sagte: »Jetzt musst du mir diesen da ein wenig halten.«
    Der Mann in dem braunen Gewande tat es.
    Raimund hing die Armbrust an seinen Sattel, stieg auf sein Pferd, richtete
sich zurecht, nahm dem Manne in dem braunen Gewande das Ende des Leitseiles
wieder ab, und sagte: »Jetzt bin ich fertig.«
    »So reiten wir«, sagte Witiko.
    Der Zug setzte sich wieder in Bewegung.
    Witiko ritt von dieser Stelle fortan schneller, als er bisher geritten war.
Die andern folgten. Der Mann an dem Leitstricke musste mit beschleunigten
Schritten hinter dem Pferde Raimunds gehen.
    So gelangte man endlich zu den Häusern Hauzenberg.
    Die Männer stiegen von den Pferden.
    Das Leitseil des Gefangenen wurde an einen der Pflöcke gebunden, die auf der
Gasse zum Anhängen der Pferde in die Erde getrieben waren.
    Dann wurden die Pferde mit Halftern an Pflöcken befestigt, mit Decken gut
behüllt, und man begann ihre Verpflegung.
    Als dieses geschehen war, setzte sich Witiko an einen der Gassentische, und
der Mann in dem braunen Gewande setzte sich in kleiner Entfernung von Witiko auf
eine Bank an demselben Tische.
    Der Krämer, welchen Witiko vor vier Jahren auf dieser Gasse gesehen hatte,
sass wieder auf der Gasse der Herberge.
    Sonst war kein Gast zugegen.
    »Raimund«, sagte Witiko, »führe nun den Mann an seinem Stricke zu mir.«
    Raimund löste das Leitseil von dem Pflocke, und führte den Gefangenen an den
Tisch Witikos.
    Dort blieb er mit ihm stehen.
    Aus der Tür und dem Tore des Wirtshauses kamen mehrere Menschen, und
blickten von ferne auf Witiko und auf die, welche bei ihm waren.
    Witiko sagte zu dem Gefangenen: »Es werden bald vier Jahre werden, da bist
du an einem Tische auf der Gasse vor dieser Herberge mit deinem graubärtigen
Genossen, der heute durch die Büsche entronnen ist, gesessen, eben da ich mit
diesem meinem Pferde und in diesem meinem Gewande hier Mittagruhe hielt. Ist es
nicht so?«
    »Ich weiss es nicht, wo ich vor vier Jahren oder vor drei Jahren gewesen
bin«, sagte der Mann. »Wenn Ihr mich den Schergen übergeben wollt, oder wenn Ihr
mich von hier wieder fortführen, und in einem Graben erschlagen wollt, könnt Ihr
es tun.«
    »Ich habe dir das Leben zugesichert«, sagte Witiko.
    »Ihr könnt mich martern lassen«, antwortete der Mann.
    »Ich lasse dich nicht martern«, sagte Witiko.
    »Ich habe dem Herzoge Heinrich immer treu gedient; aber die Bischöflichen
sind arge Genossen«, erwiderte der Mann.
    »Ich werde dich den Bischöflichen nicht ausliefern, sondern werde dich
selber richten«, sagte Witiko.
    »Da ist wenig zu richten, weil ich unschuldig bin«, sagte der Mann.
    »Das ist gut«, antwortete Witiko, »und ich werde die unschuldigen Leute
schützen. Jetzt sprich.«
    »Ich werde wohl vor vier Jahren auf dieser Gasse gesessen sein«, sagte der
Mann.
    »Und weshalb hast du heute mit dem andern Bolzen auf uns geschossen?« fragte
Witiko.
    »Hat der andere Bolzen geschossen? Ich habe es nicht gesehen, da ich zu ihm
kam«, sagte der Mann.
    »Bist du aus Zufall zu ihm gekommen?« fragte Witiko.
    »Ich bin aus Zufall zu ihm gekommen«, antwortete der Mann, »da ich meines
Weges zu dem Kirchlein des heiligen Ulrich beten ging.«
    »Bist du auch vor vier Jahren aus Zufall mit ihm auf dieser Gasse gesessen?«
fragte Witiko.
    »Aus Zufall«, antwortete der Mann.
    »Gehst du, wenn du auf dem Wege zu dem heiligen Ulrich bist, in den dichten
Gebüschen statt auf dem Pfade?« fragte Witiko.
    »Ich habe den Mann stehen gesehen, und bin von dem Wege zu ihm in die Büsche
gegangen, weil er es wollte«, antwortete der Gefragte.
    »Und als mich der Bolzen traf, und als ich in der gleichen Zeit einen Bolzen
an dem Gewande meines Begleiters sah«, entgegnete Witiko, »standest du mit
deinem Gefährten in den Gebüschen, und ihr blicktet auf uns, und als mein Knecht
zu dir kam, lag eine Armbrust neben dir in dem Grase. Wenn ich dir auch das
Leben verbürgte, und dich nicht martern lasse, so denke, dass die Strafe durch
die Lüge härter wird.«
    »Es ist alles ein bekläglicher Irrtum«, sagte der Mann, »ich habe immer dem
hohen Herzoge Heinrich treulich gedient, und bin belobt worden. Und der hohe
Herzog hat verkündet, dass man die Kundschafter fangen, und einbringen soll. Mein
Nachbar hat damals vor vier Jahren an dem Tische gesagt, Ihr seid ein
Kundschafter; aber Ihr seid gar nicht zu dem Feinde Leopold nach Österreich
geritten.«
    »Also habt ihr auf dem Wege nach Österreich gelauert?« sagte Witiko.
    »Nein«, entgegnete der Mann, »es ist nur erzählt worden.«
    »Das ist gut«, antwortete Witiko, »und wie war es heute?«
    »Als mein Nachbar die Bolzen geschossen hat«, erwiderte der Mann, »hat er
gesagt, Ihr seid ein Kundschafter, und kommet von Leopold. Er wollte euch ein
wenig ritzen, weil ihr drei waret; allein seine Pfriemen sind nicht durch Euer
Leder und durch das Tuch Euers Knappen gegangen.«
    »Ihr habt damals im Hauzenberge die Elenhaut meines Panzers zu wenig
angeschaut«, sprach Witiko.
    »Ich habe meinem Nachbar gesagt«, entgegnete der Mann, »dass Ihr ein sehr
edler Herr seid, und kein Kundschafter.«
    »Hat dir dein Nachbar anvertraut, weshalb er auf meinen Knappen geschossen
hat?« fragte Witiko.
    »Er hat ihn mehr gefürchtet als den andern«, sagte der Mann, »und auf den
andern hätte er dann auch noch geschossen.«
    »Und wenn er uns bloss geritzt hätte, hat er dann gemeint, dass wir uns nicht
wehren würden?« fragte Witiko.
    »Ihr hättet Euch gewehrt«, erwiderte der Gefangene, »und mein Nachbar wäre
davon gerannt, weil ich Euch nicht hätte fangen lassen, da Ihr ein sehr edler
Herr und kein Kundschafter seid.«
    »Von welchem Orte bist du denn auf den Weg zu dem heiligen Ulrich gegangen?«
fragte Witiko.
    »Von dem Hauzenberge«, antwortete der Mann.
    »Und hat dir dein Nachbar gesagt, von welchem Orte er in die Büsche gegangen
ist?« fragte Witiko.
    »Nein, er hat es mir nicht gesagt«, antwortete der Mann, »aber er wird auch
von dem Hauzenberge hin gegangen sein.«
    »Welcher Ort ist deine Heimat?« fragte Witiko.
    »Passau, edler Herr«, antwortete der Mann.
    »Und weisst du die Heimat deines Nachbars?« fragte Witiko.
    »Es werden etwa die Innhäuser bei Passau sein«, sagte der Mann.
    »Und wo bist du denn die letzten drei oder vier Tage oder die letzten Wochen
gewesen?« fragte Witiko.
    »Ich bin zu Hause gewesen, oder im Hauzenberge, oder in Vilshofen, oder
wohin ich eine Botschaft zu tragen gehabt habe, oder wo es eine Arbeit für mich
gegeben hat«, sagte der Mann.
    »Ist dein Nachbar auch in der Gegend gewesen?« fragte Witiko.
    »Ich habe ihn hin und wieder gesehen«, antwortete der Gefangene.
    Witiko rief nun gegen die Leute, die an dem Hause standen: »Ist der Wirt der
Herberge bei euch?«
    »Ja freilich«, antwortete eine Stimme.
    »So bitte ich Euch, kommet zu uns an den Tisch«, sagte Witiko.
    Der Wirt ging zu dem Tische.
    »Beantwortet mir einige Fragen in Angelegenheiten dieses Mannes, der da
gebunden vor uns steht«, sagte Witiko.
    »Wenn ich sie beantworten kann«, entgegnete der Wirt.
    »Ist dieser Mann heute schon einmal hier gewesen?« fragte Witiko.
    »Er hat am Vormittage hier Käse gegessen«, antwortete der Wirt.
    »Ist er allein gewesen?« fragte Witiko.
    »Nein, es ist noch einer bei ihm gewesen«, sagte der Wirt.
    »Hat der andere einen grauen Bart gehabt?« fragte Witiko.
    »Er hat einen grauen Bart gehabt«, sagte der Wirt.
    »Sind diese zwei Männer oft bei einander?« fragte Witiko.
    »Wie es sich fügt«, antwortete der Wirt, »ich habe sie schon öfter gesehen.«
    »Sind sie zu vieler Zeit in dieser Gegend hier?« fragte Witiko.
    »Sie sind einmal Kriegsknechte des seligen Herzoges Heinrich gewesen«, sagte
der Wirt, »sie müssen in der Nähe von Passau zu Hause sein, und werden manches
Mal bei uns und da herum gesehen.«
    »Gehen sie auch über den Wald hinein?« fragte Witiko.
    »Das wird sich schwerlich zutragen, weil es dort nichts zu verdienen gibt«,
entgegnete der Wirt.
    »Sind sie in diesem Sommer nicht einmal in einer längeren Zeit abwesend
gewesen?« fragte Witiko.
    »Ich glaube es nicht«, sagte der Wirt, »sie haben sich in der letzten Zeit
sehr oft auf unserer Gasse erblicken lassen.«
    »Also auch in den letzten zwei Wochen?« fragte Witiko.
    »Da gewiss«, antwortete der Wirt.
    »Ist der Mann an jenem Tische ein Krämer?« fragte Witiko.
    »Ja«, sagte der Wirt.
    »So erweiset mir den Dienst, ihn zu unserem Tische her zu bitten«, sagte
Witiko.
    Der Wirt ging zu dem Krämer, und kam mit ihm zu Witiko zurück.
    »Ihr seid ein Krämer«, sagte Witiko.
    »Ja«, entgegnete der Mann.
    »Ihr reiset wohl in mehreren Gegenden herum?« fragte Witiko.
    »Nun, wie es der Brauch ist«, sagte der Krämer.
    »Beantwortet mir eine Frage wegen dieses Mannes da«, sagte Witiko.
    »Wenn ich das weiss, um was Ihr fragt«, sagte der Krämer.
    »Habt Ihr ihn etwa mit einem andern, der einen grauen Bart hat, öfter
gesehen?« fragte Witiko.
    »Ja, sehr oft«, antwortete der Krämer.
    »Habt Ihr diese Männer auch in der Weite gesehen, wenn Ihr so herum kommt,
auch jenseits des Waldes, in diesem Sommer?« fragte Witiko.
    »Sie sind im Frühlinge bis auf diese Zeit herzu von dem Grafen von Formbach
eingesperrt gehalten worden«, sagte der Krämer.
    »Wisst Ihr das gewiss?« fragte Witiko.
    »So gewiss, weil ich diesem Manne da Linnen von seiner Mutter bringen musste«,
antwortete der Krämer, »ich habe sie ihm in sein Verlies getragen, wo auch der
andere war.«
    »Kennt Ihr sie genauer?« fragte Witiko.
    »Sie kommen zuweilen an meinen Karren, und haben mir nie ein Leides getan«,
antwortete der Krämer.
    »Welche sind ihre Namen?« fragte Witiko.
    »Sie heissen beide Heinrich, wie der junge Herzog«, antwortete der Krämer.
    »Ich danke Euch und dem Wirte für die Antworten«, sagte Witiko.
    Dann wendete er sein Angesicht gegen den Gefangenen, und sprach: »Ich habe
dir vor vier Jahren hier gesagt, dass ich dir einmal einen Dienst erweisen werde.
Jetzt ist die Zeit dazu gekommen. Ich lasse dich frei; aber merke dir: ich bin
oft in diesen Wäldern, oft in dem der drei Sessel, und weiter gegen Morgen. Ich
werde mir in dem Walde ein Haus bauen, und wenn ich dich einmal mit Waffen in
dem Walde treffe, so lasse ich dich auf dem Baume, unter dem du stehst,
aufhängen. Sage das auch deinem Genossen. Ich erfülle meine Worte, wie ich sie
jetzt erfüllt habe. Raimund, löse ihm die Bande.«
    Raimund band zuerst seinen langen Strick los, dann entfernte er den Knebel,
und löste die Schleife um die Hände.
    »So, jetzt laufe, so weit dich deine Füsse tragen«, sagte er.
    Der Mann rieb sich mit den Händen die Knöchel, und strich mehrere Male über
sein Koller herab. Dann sagte er: »Schönen Dank, schönen Dank.«
    »Geh«, sagte Witiko.
    »Ich würde um die Armbrust bitten«, sagte der Mann.
    »Die Armbrust wird zerbrochen werden«, sprach Witiko, »du, gehe.«
    »So geh um deines Heiles willen«, rief ihm Raimund zu.
    Der Mann ging nun von dem Hause weg gegen die Bäume, und wurde dann hinter
denselben nicht mehr gesehen.
    »Zerschlage mit deinem Beile die Armbrust«, sagte Witiko zu Raimund.
    Dieser zerhieb das Holzwerk der Armbrust und den Strang mit dem Beile. Den
eisernen Bogen zerbrach er dadurch, dass er ihn mit der Wölbung nach oben legte,
und auf ihn sprang.
    Da dieses geschehen war, bestellte Witiko Speise und Trank für sich und
seine Begleiter.
    Als sie die Speisen verzehrt hatten, und als die Pflege der Pferde vollendet
war, ritten sie wieder weiter.
    Sie ritten in einer Richtung zwischen Mittag und Abend an Gehölzen,
Waldhütten, kleinen Wiesen und Feldern vorüber, und kamen, da die Sonne sich zu
ihrem Untergange neigte, gegen die Stadt Passau.
    Sie ritten über den Hals an die Ilz hinab, neben der Ilz an die Donau
hinaus, dann zwischen der Donau und den Felsgesteinen eine Strecke dem Wasser
entgegen, bis sie zu einer Brücke kamen. Dann ritten sie über die Brücke in die
Stadt.
    Witiko ritt durch eine lange Gasse, die zwei andern folgten ihm.
    Er gelangte aus der Gasse auf einen freien Platz, der über die andere Stadt
erhöht war. An einer Seite dieses Platzes stand die grosse Kirche des Hochstiftes
Passau. Witiko ritt an der Kirche vorüber in der Richtung gegen Morgen von dem
Hügel abwärts. Da kamen sie an ein sehr grosses Haus, das eine dunkle Farbe
hatte, und in breiten Gliedern gebaut war. Witiko hielt an einer Pforte dieses
Hauses an, neigte sich von dem Pferde, und schlug mit dem eisernen Klöppel, der
sich an dem Tore befand, drei Mal auf die Eisenschiene, auf welche der Klöppel
passte. Es öffnete sich hierauf ein kleines Türchen in dem Tore, und unter dem
Türchen stand ein Mann, der eine veilchenfarbene Haube und ein veilchenfarbenes
Mäntelchen hatte, sonst aber in ein gelbes Wams und in gelbe Beingewandung
gekleidet war. Er hatte weisse Haare und einen weissen Bart. Dieser Mann sagte:
»Was begehret ihr?«
    »Wir begehren zu dem hochehrwürdigen Bischofe von Passau«, sagte Witiko, »da
wir ihm Nachrichten bringen.«
    »Ich hätte es nicht geglaubt«, antwortete der Mann, »dass Ihr so bald wieder
kommen werdet, Witiko, weil Ihr einen so grossen Schmerz um den Tod des Bischofes
Regimar empfunden habt, und weil Ihr fort geritten seid. Wie ist es Euch denn
ergangen?«
    »Ich werde dir schon meine Schicksale erzählen, Odilo«, sagte Witiko, »aber
jetzt ist mir daran gelegen, zu dem Bischofe zu gelangen.«
    »Wenn ich sagte, dass ich nicht eine grosse Freude habe, Euch wieder zu
sehen«, antwortete der Mann, »so wäre es eine Lüge. Und zu dem hochehrwürdigen
Bischofe werde ich Euch weisen; denn er schenkt mir das Vertrauen, das mir der
selige Herr Regimar geschenkt hat. Und ist denn der Krieg aus, in welchem Ihr
gewesen seid?«
    »Jetzt ist er aus«, sagte Witiko, »und ich weiss, dass du in dem Hause als der
Torwart viel giltst, und du wirst uns das Tor öffnen, dass wir einreiten, die
Pferde unterbringen, und zu dem hochehrwürdigen Bischofe gehen können.«
    »Ja«, sagte der Mann, »und ich habe mit dem hocherhabenen Bischofe von Euch
gesprochen, wie Ihr klug gewesen seid, und tapfer sein werdet. Und wenn Ihr
meint, dass ich einem Freunde, der an mein Tor klopft, die Gastlichkeit
verweigere, so irret Ihr Euch.«
    Er wendete sich in dem Türchen um, und rief nach innen: »Hans!«
    »Ja«, ertönte im Innern eine sehr starke Stimme.
    »Schliesse auf«, sagte der Torwart.
    Hierauf rasselten hinter dem Tore Eisenstangen, der andere Flügel, in
welchem sich kein Türlein befand, wurde geöffnet, und ein sehr grosser junger
Mann stand an dem Flügel. Er hatte wie der Torwart ein veilchenfarbenes
Mäntelchen, aber auf seinem Haupte war eine Eisenhaube, um seine Brust ein
Harnisch, und an seinen Beinen Schienen.
    Witiko und seine Begleiter ritten an dem Manne vorüber in einen grossen Hof.
Dort hielten sie an, und stiegen von den Pferden. Der Torwart und der junge Mann
gingen ihnen nach.
    »Hans«, sagte der Torwart, »rufe die Stallbuben, und gehe zu Rudolph, dem
Steiner.«
    Der junge Mann rief gegen die Vertiefung des Hofes, und ging dann in das
Gebäude.
    Es kamen drei Stallbuben, und wollten die Pferde hinwegführen.
    »Wartet noch«, sagte Witiko.
    Die Stallbuben und alle andern blieben bei den Pferden stehen.
    Hans kam wieder aus dem Gebäude, und ein ritterlich gekleideter junger Mann
ging neben ihm.
    Da sie herzu gekommen waren, sagte der Torwart: »Dieser ist der Schüler
Witiko, und sie haben für den hochehrwürdigsten Bischof Nachrichten. Ich
empfehle Witiko.«
    »Sei mir gegrüsst, du treues Blut«, sagte der ritterlich gekleidete Mann.
    »Sei gegrüsst, Rudolph«, sagte Witiko, »wir sollten zu dem hochehrwürdigen
Bischofe.«
    »Wir sind nicht mehr in der Schule des Bischofes, Witiko«, antwortete
Rudolph, »aber einer sollte den andern so lieben wie damals, und ich liebe dich,
Witiko. Gehe nur mit deinen Knappen über die Treppe zu der Ratalle, und von ihr
in den roten Saal, und dort harre. Morgen werden wir mit einem Feste den Gruss
erst recht begehen, weil du wieder da bist.«
    »Das werden wir tun«, sagte Witiko.
    Nachdem dieses gesprochen war, ging Rudolph wieder durch eine Tür in das
Gebäude zurück.
    Witiko sagte zu den Stallbuben: »Jetzt zeigt uns den Weg zur Unterbringung
der Pferde.«
    Die Buben zeigten den Weg, und halfen die Pferde in den Stall führen.
    Als die ersten Notwendigkeiten geschehen waren, sagte Witiko zu seinen
Begleitern, sie mögen ihm folgen.
    Er ging mit ihnen wieder in den Hof hinaus. Dort stand noch der Torwart und
Hans.
    »Ich danke dir, Odilo«, sagte Witiko, »was nun ferner sein muss, weiss ich
schon.«
    »Ich habe eingerichtet, dass alles für dich gut wird«, sagte der Torwart.
    »Das ist gut«, antwortete Witiko.
    Nach diesen Worten ging der Torwart in ein Gemach, das neben dem Torbogen
war. Hans schloss den Flügel des Tores, und stieg über eine Treppe neben dem Tore
in ein Gemach empor.
    Witiko aber führte seine Begleiter durch die Tür, durch welche Rudolph in
das Gebäude gegangen war, in eine grosse Halle. Von der Halle führte Witiko seine
Begleiter über eine breite Stiege in einen Gang empor. In dem Gange wandelten
sie eine Strecke weiter. Dann öffnete Witiko eine hohe Tür, und sie kamen durch
dieselbe in ein Gemach, in welchem viele Stühle und Tische waren. Von dem
Gemache gingen sie in einen grossen Saal. Der Saal war mit rotem Marmor
gepflastert. An seinen Wänden waren Bänke von gelben Pölstern. Sonst entielt er
nichts. Er hatte drei Türen. Durch eine war Witiko gekommen, die andere war
geschlossen, und durch die dritte, welche offen war, sahen sie in eine grosse
Stube mit vier Fenstern, deren Wände mit roter abgeblasster Seide beschlagen
waren, und die viele Bänke und Gesiedel von gleicher Seide entielt. Die Fenster
des Saales und der Stube sahen auf die Berge, die an dem jenseitigen Ufer des
Flusses Inn standen.
    In dem Saale wartete Witiko.
    Nach einer Weile kam aus der Seidenstube ein Mann heraus, der eine hohe
Gestalt, braune Haare, einen braunen Bart und ein längliches Angesicht hatte. Er
war in ein weites veilchenblaues Gewand gekleidet, und trug über demselben eine
goldene Kette und ein goldenes Kreuz. Hinter ihm gingen zwei Männer in
priesterlichen Kleidern. Der Mann sah Witiko und seine Begleiter an. Dann gab er
den zwei Männern, die hinter ihm waren, ein Zeichen zur Entfernung. Die zwei
Männer öffneten die geschlossene Tür, und gingen durch dieselbe in ein weiteres
Gemach.
    Da dieses geschehen war, trat der Mann in dem braunen Gewande, der mit
Witiko gekommen war, gegen den mit der goldenen Kette vor, und stand ein
Weilchen vor ihm.
    Dann nahm er die Haube von seinem Haupte, und sprach mit laut tönender
Stimme: »Hochehrwürdiger Bischof von Passau, hochedler Graf von Peilstein und
Hagenau, ehrwürdiger geweihter Priester Regimbert! ich komme zu dir in dem
Gewande Jakobs, da er in der Wüste auf der Flucht war.«
    »Hochehrwürdiger Bischof und teurer Bruder Zdik«, antwortete der Bischof von
Passau, »und wenn du in dem Gewande des Lazarus kämest, so wärest du der Herr
dieses Hauses. Sei gegrüsst.«
    Er legte die Hände auf die Schultern des Mannes in dem braunen Gewande, und
küsste ihn auf die Stirne. Der Mann in dem braunen Gewande legte dann auch die
Hände auf die Schultern des Bischofes, und küsste ihn auch auf die Stirne.
    Dann sagte er: »Ich will nicht der Herr des Hauses sein, sondern ich bitte
nur, dass ich den Panzer und das Schwert, welche ich durch Tage und Nächte unter
diesem Kleide trage, ablegen darf, dass ich in einfältigen Kleidern gehe, dass
dein Dach über meinem Haupte sei, dass ich die geringe Speise geniesse, die mein
Körper bedarf, und dass ich in deiner Kirche zu Gott bete.«
    »Lebe, wie du es wünschest, und wie ich dich ehre«, sagte der Bischof von
Passau. »Und du, Witiko, hast dich der Mühe unterzogen, den hochehrwürdigen
Bischof zu mir zu geleiten. Sei gegrüsst.«
    Witiko antwortete: »Der hochehrwürdige Bischof und Abt Silvester hat zu mir
gesagt, ich solle in Demut vor Gott dem Herrn handeln, und ich hätte jeden
Verfolgten des Weges geführt, und hätte ihn geschützt, um wieviel mehr den hohen
Bischof Zdik, den ich verehre. Ich bin nebst meinem Knechte, der da steht, mit
ihm geritten.«
    »So gehe mit mir in meine Stube, hochehrwürdiger Bruder Zdik, und du auch,
Witiko, bis eure Wohnung bereitet ist«, sagte der Bischof von Passau.
    Witiko sprach zu Raimund: »Du hast gesehen, was geschehen ist, gehe nun zu
unsern Tieren, sie zu pflegen, und sei dessen gewärtig, was ich dich weiter
heissen werde.«
    Raimund ging durch die Tür hinaus.
    Der Bischof von Passau berührte den Ärmel an dem braunen Gewande Zdiks, und
führte ihn an diesem Ärmel in die Stube von Seide. Witiko folgte. In der Stube
führte der Bischof seinen Gast zu einem rotseidenen Stuhle, über dem ein
Seidendach war, und nötigte ihn, dort nieder zu sitzen. Witiko wies er ein
anderes seidenes Gesiedel an. Witiko setzte sich auch. Der Bischof aber ging zu
einer silbernen Glocke, die an einem silbernen Wandarme befestiget war, und tat
mit einem silbernen Hammer einen Schlag auf die Glocke. Da dieses Zeichen
erscholl, öffnete sich eine Tür, und ein Kämmerling, der ein Gewand von
veilchenblauer und gelber Farbe hatte, trat herein.
    »Rufe mir den Vater Konstantin«, sagte der Bischof.
    Der Kämmerling ging wieder durch die Tür hinaus. Der Bischof setzte sich auf
einen Stuhl neben Zdik. Nach einer Weile kam ein Priester in die Stube, welcher
ein schwarzes Gewand an hatte, und eine silberne Kette auf der Brust trug.
    Zu diesem Priester sagte der Bischof von Passau: »Ehrwürdiger Bruder
Konstantin, und Meister im Hochstifte, der hochehrwürdige Oberpriester des
Landes Mähren wird dieses Haus als Gast ehren, ich bitte dich, lasse ordnen, was
zu dieser Absicht notwendig ist.«
    »Ich werde meines Amtes walten«, sagte der Priester.
    Er verneigte sich vor den zwei Bischöfen, und ging wieder durch die Tür
hinaus.
    »Und nun sei noch einmal in meinem Hause willkommen, Bruder Zdik«, sagte der
Bischof von Passau.
    
    »Ich habe es gewusst, dass du dem flüchtigen Haupte ein Kissen geben wirst«,
antwortete Zdik, der Bischof von Olmütz.
    »Was ihr dem geringsten eurer Brüder getan habt, das habt ihr mir getan«,
sagte der Bischof Regimbert.
    »So ist es«, entgegnete Zdik.
    »Und weil die Geringen dem Heilande gleich sind, so müssen wir sie ehren,
und müssen sie ehren, wenn sie Gott heimgesucht hat. In deinem Sprengel sind die
Sachen hoch gediehen, Zdik«, sagte Regimbert.
    »Ich habe meine Hand erhoben, und den Bann über das Land Mähren
ausgesprochen, und irre nun flüchtig auf der Erde, und muss die Menschen eines
guten Herzens bitten, dass sie mich geleiten und schützen«, antwortete Zdik.
    »Und so segnet dich der Herr, begnadeter Bruder Zdik«, sagte der Bischof
Regimbert.
    »Ich kann einen Segen nicht erkennen, weil ich eines Segens nicht wert bin«,
erwiderte Zdik.
    »Du bist des Segens wert«, sprach Regimbert, »weil du dem frommen Bischofe
Adalbert nachstrebest, Zdik, der einmal aus einem hohen Geschlechte den
Hirtenstab über eure Länder ergriffen hat. Dann aber hat dir der allmächtige
Gott die Huld gewährt, dass du schon zwei Male in Jerusalem gewesen bist, und an
dem Grabe seines Sohnes gebetet hast. Und dann hat er das Zeichen des Unglückes
auf dein Haupt gesetzt, dass er dich erhöhen wolle. Siehe, wie Hiob mehr bekam,
als er je hatte, wie Jakobs Trauer um Joseph in Jakobs Freude über Joseph
verwandelt wurde, wie David aus den Höhlen der Erde in die Gemächer des
Königshauses ging, wie der Tempel nach der Gefangenschaft herrlicher wurde als
vorher, wie die Schmach des Todes Petrus' Rom zum Haupte der Christenheit erhob,
wie die Verbannung und der Tod Gregors die Kirche mächtiger machte, als die
Siege Heinrichs die Welt machen konnten: so verkläret der Herr das Haus des
Glaubens durch Kümmernis, und die Säulen, die dieses Haus tragen, werden
glänzender sein, als sie vordem gewesen sind.«
    »Mir geziemt es nicht, so zu sprechen«, sagte Zdik. »Ich bin ein Sünder, und
habe Strafe verdient, und was gekommen ist, das ist die Strafe. Höre mich an,
ehrwürdiger Bruder Regimbert. Seit langen Zeiten ist wegen der Sünden vieler die
Hand des Herrn schwer auf unsern Ländern gelegen, und sie ist wegen der Sünden
der einzelnen auch auf die einzelnen gekommen. Da unsere Völker noch Heiden
waren, hat ihnen Gott, soweit er Heiden, die nicht an ihn glauben, beglücken
kann, zuweilen Männer gesandt, die ihnen in ihrer Finsternis beistanden. So war
Zaboy, so war Lumir, so war Samo, so war Krok, so war die Frau Libusa, und so
war Premysl, der Ackerer und der Gatte Libusas. Von ihm ist ein Geschlecht
gekommen, aus dem die Häupter des Landes wurden, die Wladyken, wie wir das Haupt
eines Hauses den Wladyk nennen. Es sind Nezamysl, Mnata, Woyen, Unislaw,
Kresomysl, Neklan und Hostiwit gekommen. Sie sind lauter Heiden gewesen, da bei
euch schon lange das Christentum entstanden war. Dann ist Boriwoy gewesen, der
ein Christ geworden ist, und dann sind sie lauter Christen gewesen. Sie haben
sich Herzoge genannt, und sind geworden, wie bei euch Pipin von Heristal und
Karl Martell und die andern, die sich zu Herrschern gemacht haben. Die
Nachkommen Premysls sind immer zahlreicher geworden. Sie betrachteten das Land
als ihr Eigentum, teilten es, haderten darum, und führten Kriege, in welchen
ihre Anhänger das Blut verloren. Da machten sie ein Gesetz, es sind jetzt
neunzig oder hundert Jahre, dass in jeder Zeit der Älteste des Stammes der Herzog
sein solle, dass die andern zu ihrem Nutzen Gebietsteile in Mähren bekommen, und
dass sie dem Herzoge gehorchen müssen. Aber bald wurde das Gesetz nicht mehr
befolgt; denn wer die Macht hatte, suchte die Nachfolge dem zu gewinnen, den er
liebte, oder den er sonst wollte. Da entstanden Kämpfe von entsetzlicher Art,
und es kam noch grösseres Unheil in die Länder, als früher gewesen war. Den
Beginn machte Swatopluk, der ein wilder Mann gewesen ist, und er dauerte
siebenunddreissig Jahre, bis auf unsere Tage, und wir wissen noch das Ende nicht.
Swatopluk ist ermordet worden, weil er gemordet hat, und sein Nachfolger,
Wladislaw, der Vater des jetzigen Herzoges, ein gerechter und guter Mann, musste
sich den Fürstenstuhl gegen seinen Bruder Boriwoy erkämpfen, und Sobeslaw, der
dann folgte, musste mit dem deutschen Könige Lotar wegen des schwarzen Otto von
Olmütz, der das Herzogtum anstrebte, Krieg führen. Als der starke und
rechtgesinnte Sobeslaw herrschte, und als das Volk die Süssigkeit der Ordnung
kennen lernte, wollten viele Männer der Länder, deren ich auch einer war, die
Vorsorge treffen, dass bei seinem Ende nicht wieder das Unglück herein komme.
Sobeslaw hatte einen Sohn, namens Wladislaw, den er sehr liebte. Wir, die Männer
und ich, sagten, er solle ihn von Konrad, dem Könige der Deutschen aus dem
Geschlechte der Hohenstaufen, mit den Ländern Böhmen und Mähren belehnen lassen,
und Konrad belehnte den Knaben Wladislaw auf dem Tage in Bamberg, da derselbe
achtzehn Jahre alt war. Und in einem Monate darnach schwuren auf unserem Tage in
Sadska so die hohen wie die niederen Herren der Länder dem jungen Wladislaw. Als
ein halbes Jahr vergangen war, erkrankte der Herzog Sobeslaw, und die Ärzte
sagten, er werde sterben. Da riefen die Männer: Jetzt haben wir einen
Knabenherzog, den sein Vater nicht mehr zu einem rechten Herzoge hat erziehen
können, ein jeder wird ihn anfallen, und sie sagten: Nun müssen wir selber einen
Herzog wählen. Der erwählte Bischof Silvester, der die weissen Haare des Alters
auf dem Haupte hat, sagte aber: Tut das Gute, und bleibt bei eurem Schwure,
alles andere wird kommen. Allein wir vermeinten klüger zu sein, und versammelten
uns auf dem Wysehrad zur Wahl. Da war Wladislaw, der Sohn des guten vorigen
Herzoges Wladislaw, von dem einige Macht und Ansehen, andere eine gute Regierung
erhofften, und wir wählten ihn zum Herzoge. Im Frühlinge dieses Jahres aber
wählten viele wieder einen andern Herzog, Konrad von Znaim, und zogen in Waffen
gegen Böhmen. Auf dem Berge Wysoka ist eine Schlacht gewesen, und viele hundert
Menschen, ja tausend, sind erschlagen worden. Und dann waren Kämpfe und die
Belagerung von Prag. Die Saaten sind zerstört, die Häuser öde, weil die Menschen
fliehen, die heiligen Bauwerke und kostbare Handschriften und Kirchenschätze
sind verbrannt worden, und in die Geschlechter ist die Wildheit gekommen. Der
Herzog Wladislaw ist zu dem deutschen Könige Konrad um Hilfe gegangen, und als
die Hilfsheere heran zogen, haben sich die Feinde zerstreut. In Mähren sind die
Fürsten gegen mich aufgestanden, sie haben die Kirchengüter genommen, und
Zuchtlosigkeit gestiftet. Ich sprach die Worte des Bannes. Und als der Bann in
dem Lande war, als das heilige Opfer bei verschlossenen Kirchentüren gehalten
wurde, als man die Toten nicht kirchlich beerdigen konnte, als die
Gnadenspendungen nur den Sterbenden gereicht wurden, und als sich alle nach
einem Zeichen auf die Erde werfen mussten, um Gott zu bitten, dass er das Unglück
wende: da drangen sie gegen mich, sie suchten mich an dem Halse zu drosseln, dass
ich das Übel wegnehme, und da ich darauf meine Männer zur Hilfe aufbot, boten
sie noch mehr auf, und ich floh aus dem Lande durch ödes Gefild nach Böhmen, und
ich wurde dann flüchtig in fremde Länder, wo die Zahl ihrer Anhänger nicht ist.
Das ist Strafe, hochehrwürdiger Bischof, und Silvester hat gesagt, dass sie
kommen wird.«
    »Und wenn es Strafe ist, hochehrwürdiger Bruder«, antwortete der Bischof von
Passau, »so bist du durch Gott beglückt, dass du hienieden noch büssen kannst,
wenn du gefehlt hast. Die er züchtiget, die liebt er, und wenn deine Gedanken,
die Gutes wollten, nicht zum Guten taugten, so wird er dich zu dem Guten führen.
Ich würde mich an deiner Stelle preisen, und ich bete, dass ich meine Sünden auf
dieser Welt abbüssen könne. Wie oft habe ich gebetet, dass ich auf jener Stätte
Busse zu tun vermochte, auf welcher mein Erlöser gelitten hat.«
    »Gott wird dir diese Gnade gewähren«, sagte der Bischof Zdik.
    »Wenn die Spanne meines Lebens nicht schon zu kurz ist, so werde ich die
Pilgerschaft in die heiligen Länder beginnen«, antwortete der Bischof von
Passau; »dir aber, Zdik, wird er den Kranz reichen, der nach der Strafe bestimmt
ist, die Wilden werden Lämmer werden, und dein Volk wird zurückkehren, und vor
den Altären auf die Kniee fallen.«
    »Ich erwarte, was in der Hand des Herrn ist«, sagte Zdik.
    »Er hat deinen Gegner gerührt, dass er dich beschützt hat«, sagte der Bischof
Regimbert, »ist nicht dieser Jüngling auf dem Wysehrad dir entgegen gestanden?«
    »Ich bin bei der Wahl nicht ein Gegner des hochehrwürdigen Bischofes Zdik
gewesen«, sagte Witiko, »ich bin ein Diener des Herzoges Sobeslaw gewesen, und
habe der Wahl nur zugeschaut. Aber wenn ich auch ein Gegner des hochehrwürdigen
Bischofes gewesen wäre, so hätte ich ihn doch geleitet und beschützt, wenn ich
es gekonnt hätte. In meiner Sache hat mich der hochehrwürdige Bischof damals
sehr unterstützt. Jedoch beschützen habe ich ihn jetzt nicht können, weil auf
den Wegen, die wir geritten sind, nirgends eine Gefahr gewesen ist.«
    »Ihr habt mich doch beschützt, Witiko«, sagte Zdik, »denn wer solche Wege
wählt, dass es wie ein Tuch vor den Augen meiner Feinde ist, und wer solche
Nachtlager findet, auf denen ich ruhig sein kann, der ist mein Beschützer wie
der, der gerade die Waffe des Feindes zurück schlägt.«
    »Welche Wege seid Ihr denn geritten, Witiko?« fragte der Bischof von Passau.
    »Von Pric gleich in den Mittagwald«, sagte Witiko, »und in ihm auf Pfaden,
die die Säumer nicht besuchen, über Elhenic, Tis und über die Heide Ogfolds nach
Plan in mein Häuschen zur Nachtruhe. Von Plan durch die Moldau, durch den ebenen
Wald, an dem Berge des heiligen Ulrich vorüber zu dem Mittagsfusse der drei
Sessel, wo wir in dem Waldhause Heinrichs von Jugelbach übernachteten. Von dem
Waldhause über den breiten Berg und den Hauzenberg nach Passau.«
    »Du hast gute Wege gewählt«, sagte der Bischof von Passau, »obgleich noch
wildere und abgelegenere sind, darauf ein Fuss kaum gehen oder klettern kann.«
    »Ja«, sagte Witiko, »von dem schwarzen See über den Blöckenstein oder über
die drei Sessel zu der kalten Moldau, die durch lange und breite Wälder fliesst.«
    »Oder von dem Hohensteine auf der Waldschneide zum Arber, wo Luchse und
Bären und Hirsche und Rehe sind«, sagte der Bischof Regimbert. »Hat euch
Heinrich von Jugelbach erkannt?«
    »Mich hat er von früherer Zeit gekannt«, sagte Witiko, »er hat meinen Vater
gekannt, und kennt meine Mutter. Er hat uns eine feste Wohnung in seinem Hause
gegeben, hat den hochehrwürdigen Bischof beim Mahle unter den Knechten sitzen
lassen, hat das eiserne Zugangsgitter zu unserer Wohnung mit seinen eigenen
Händen gesperrt und geöffnet, und hat bei dem Abschiede zu mir gesagt: Ich danke
Euch für das Vertrauen, welches Ihr mir heute in der Nacht erwiesen habt.«
    »Er ist ein gewalttätiger ehrenhafter Mann«, sprach der Bischof von Passau,
»und beschützt, wen er beschützen will. Hast du schon Botschaft an den Heiligen
Vater getan, hochehrwürdiger Bruder?«
    »Ich habe sie getan«, entgegnete Zdik, »und es kann in jeder Frist die
Antwort nach Mähren gelangen.«
    »Sie wird dahin gelangen, und eine Leuchte ihrer Taten sein«, sagte der
Bischof von Passau.
    »Möge es so werden«, antwortete Zdik.
    »Heinrich von Jugelbach ist schon in sehr vielen Ländern gewesen«, sagte
Regimbert, »und hat dich gewiss gesehen und kennt dich, ehrwürdiger Bischof von
Olmütz. Er hat schon zum öftern die Gnade genossen, zu der Stätte dies Leidens
und des Sterbens des Heilandes gelangen zu können, und er will wieder dahin
gehen. Ich habe ihn vor sieben Jahren in grossem Schmucke mit seinem Vater
Werinhart gesehen, da die Klöster an dem Randshofe eingeweiht worden sind. Er
wollte verhindern, dass, wie der Pfarrer Erimbert von Pfaffing das Ordenskleid
nahm, desgleichen auch die Herren Ebo von Aua, Richer von Rohr und Stilicho von
Engersheim täten, weil er nicht gemeint war, dass das weltliche Gut in die
heiligen Hände gelange. Sie haben es aber doch getan, und er und sein Vater sind
im Unmute von den Klöstern fort geritten. Sie sind immer der Habe und des
Wachsens begierig gewesen. Werinhart, der Vater Heinrichs, hat wegen einiger
Rechte und einigen Besitzes mit dem Kloster Berchtesgaden Streit begonnen.
Konrad, der Erzbischof von Salzburg, und Roman, der Bischof von Gurk, haben
vermittelt, ja es ist sogar die Hilfe des Heiligen Vaters angegangen worden, und
der Streit hat sein Ende bis in unsere Tage nicht erlangen können. Da der letzte
Herr von Aschach gestorben ist, so hat die Tochter desselben, welche die Mutter
Heinrichs von Jugelbach ist, das ganze Habe von Aschach geerbt. Und die zwei
Brüder Heinrich von Jugelbach und Gebhart von Jugelbach wollen gegen Aschach
gehen, und zwei Burgen bauen, indes der alte Werinhart in Jugelbach sitzt. Wenn
die Abtei Wilhering, die man stiften will, entstehen kann, dann wollen sie ihr
Totenlager von der Abtei Formbach nach Wilhering verlegen. Von Benedicta erbt
Heinrich einmal die Wassermaut von Aschach, und da kann ich durch meine Schiffer
mit ihm in Streit geraten, wie das Kloster Berchtesgaden mit seinem Vater in
Streit geraten ist. Die zwei Brüder werden die Fittiche schon regen.«
    »Das Totenlager verlegen sie«, sagte Zdik, »es ist allwärts wie bei uns,
erst üben sie Gewalt, dann haben sie Reue, und begaben die Orte ihrer letzten
Ruhe. In deinem Lande, ehrwürdiger Bruder, ist uns Gewalt begegnet. Man hat
Bolzen auf uns gesendet, die abgeprallt sind.«
    »Wer hat solches gewagt?« fragte der Bischof von Passau.
    »Ich habe einen der zwei Männer fangen lassen«, entgegnete Witiko.
    »Und habet Ihr ihn in unser Gericht gebracht?« fragte der Bischof.
    »Nein«, antwortete Witiko, »ich habe ihn selber abgeurteilt. Weil ich durch
Fragen im Hauzenberge erkannt hatte, dass er nur einen Gauneranfall hatte verüben
wollen, so liess ich ihn mit einer Drohung aus der Haft. Wir hatten nicht Frist
zu Gerichtsdingen, und ich wollte nicht, wenn ich den Mann bei unserem
Weiterreiten mitziehen liesse, die Aufmerksamkeit der Leute auf uns richten.«
    »Das ist gut, Witiko«, sagte der Bischof.
    »Du darfst die Sache nicht beachten, hochehrwürdiger Bruder«, sagte Zdik,
»die Bolzen stammen nicht aus dem Lande Mähren, und der Mann, der aus eigenem
Rate auf uns geschossen hat, wird der Strafe nicht entrinnen.«
    »Es ist arg, dass sich die Ordnung in diesen Tagen immer mehr verwirrt«,
sagte Regimbert, »und am ärgsten, dass in unserm Lande Baiern kein Herr und
Herzog ist. Der König hält das Land in seiner Macht, und es müsste vieles
geschehen, wenn nicht der Markgraf Heinrich in Wien einen Teil davon erhielte.«
    »Der König ist der Stiefbruder des Markgrafen Heinrich«, antwortete Zdik,
»und weil er mit euerm stolzen Herzoge Heinrich und seinem Bruder Welf den
schweren Krieg gehabt hat, so fürchtet er, wenn er dem Knäblein Heinrich zu
Sachsen auch noch Baiern gäbe, dass es einst zu mächtig werden könnte. Und so
kann es schon geschehen, wie du gesagt hast.«
    »Dann ist der Sprengel des Bischoftumes Passau noch weiter in die Ostmark
hinein gelegt, als jetzt«, sagte Regimbert.
    »In unsern Zeiten werden die Dinge vielfältig von ihrer Stelle gerückt«,
antwortete Zdik, »und die Kirche erleidet auch Änderungen.«
    »Ja, es geschehen Zeichen und Wunder, und Mächte wachsen und vergehen, wie
wir nicht geahnt haben«, sagte Regimbert, »wir sollten sorgsam auf diese Zeichen
achten. Denke an Friedrich von Büren, und was er geworden ist. Er ist ein edler
Mann gewesen, wie auch sein Vater ein edler Mann gewesen ist, und wie sein
Grossvater gewesen sein mag. Aber er ist nur ein edler Mann gewesen, und um sein
Vorgeschlecht war Dunkelheit gehüllt. Er stieg von seinem Dorfe Büren auf den
Gipfel des hohen Staufen, und baute dort eine Burg. Und dann hat er mit seiner
Hand und seinem Rate dem vierten Heinriche stets gedient, dass dieser endlich
gesagt hat: Ich gebe dir meine Tochter Agnes zum Weibe, und verleihe dir das
Herzogtum Schwaben. Und sitzt nicht der Sohn dieses Mannes Büren, Konrad, jetzt
auf dem Königsstuhle der Deutschen, dem ersten weltlichen Stuhle auf dieser
Erde, welcher gleich nach dem Stuhle des Heiligen Vaters kommt? Und wird dieses
Geschlecht nicht wachsen? Hat er nicht die alten Welfe, die in Baiern und
Sachsen mächtig waren, nieder geworfen? Und wird er nicht gegen Heinrich, den
Sohn unsers verstorbenen stolzen Herzoges Heinrich, dem sie Sachsen gegeben
haben, und in dem ein rächender Löwe heran wächst, einst streiten? Und wenn die
Mächtigen streiten, kannst du sagen, Bruder Zdik, in welche Zeiten und in welche
Länder sich der Streit fortpflanzen wird? Und wie der Mann Büren auf den hohen
Staufen gestiegen ist, und seinem Geschlechte den deutschen Königstuhl errungen
hat, so hat ein anderer Mann in der Zeit vor unsern Tagen seine Söhne
ausgesendet, dass sie sich ihren Lebensunterhalt suchen, und sie haben
Königskronen gefunden, die furchtbar sind, und die noch furchtbarer werden
können. Es ist der Mann Tankred gewesen, der in dem Lande Normandie gehauset
hat. Er ist auch nur ein edler Mann gewesen, und sein Geschlecht hat einiges
Ansehen gehabt. Er hat die edle Jungfrau Moriella geheiratet, und sie hat ihm
Töchter und fünf Söhne geboren. Und da sie gestorben war, hat er die edle
Jungfrau Fresenda geheiratet, und sie hat ihm Töchter und sieben Söhne geboren.
Und sie hat die Töchter und die Söhne erzogen. Und die Jünglinge waren in allen
Tugenden der Männer und Ritter geübt. Da sagte der Vater: Wenn meine Habe unter
euch geteilt wird, so hat jeder wenig, wenn sie aber einer bekömmt, so kann er
sein Geschlecht in Ansehen fortführen, und wenn die übrigen sich Ruhm und Habe
erwerben, so könnt ihr alle bedeutsam sein. Da gingen drei Söhne, Wilhelm, Drogo
und Humfried, nach Italien, und verdingten sich dem Fürsten von Capua. Als der
Fürst kargte, gingen sie in den Dienst des Fürsten von Salerno. Derselbe übergab
sie dem griechischen Kaiser Michael, und sie schlugen mit den Männern der
Normandie, die nach gekommen waren, für ihn ein sicilisches und saracenisches
Heer auf der Insel Sicilien. Die Griechen aber betrogen sie um die Beute, und
waren arglistig, und die Männer mussten nach Italien fliehen. Dort errannten sie
im Sturme die Stadt Malfi, machten aus ihr eine Veste, und sie sollte
gemeinschaftliches Eigentum sein, und was man erobern würde, sollte geteilt
werden. Wilhelm wurde als Haupt erkannt. Er führte sie gegen die Griechen,
welche bestrebt waren, die Eindringlinge aus dem Lande zu werfen, und besiegte
die Griechen. Aber er starb. Da wurde Drogo das Haupt, und es kamen wieder
sieben Söhne Tankreds zu ihm. Weil die Griechen nicht zu siegen vermochten, und
auch durch Geschenke die Fremden nicht aus dem Lande bringen konnten, dachten
sie auf Hinterlist. Drogo wurde, als er in die Kirche von Montello ging,
ermordet, viele seiner Leute wurden getötet, und es sollten an diesem Tage alle
Normannen ermordet werden. Aber an Drogos Stelle trat Humfried, er rief die
Seinigen zusammen, sie erstürmten Montello, töteten die Verräter, und
befestigten ihre Macht. Nun wies sie der Heilige Vater Leo aus dem Lande, und
befahl, dass sie aus Italien weichen sollten. Sie gehorchten nicht. Und so zog er
mit den Leuten des Fürsten von Benevent, mit Griechen, und selbst mit Deutschen
gegen sie. Allein sie siegten, und nahmen den Heiligen Vater gefangen. Sie
bezeugten ihm grosse Ehrerbietung, und er belehnte sie mit dem, was sie hatten,
und was sie in dem untern Italien erwerben würden. Als Humfried starb, kam der
nächste der Söhne Tankreds, Robert Guiskard, an seine Stelle. Sie sagen, dass
Robert sehr schöne rote Wangen und blaue Augen und blonde Haare gehabt hatte.
Aber die Männer gehorchten dem Haupte nicht mehr. Sie zerstreuten sich in
Fehdefahrten, und wohnten auf Burgen. Robert baute sich ein Schloss, und musste
sich dahin Lebensmittel stehlen, er musste einen falschen Leichenzug in ein
Kloster führen, um von den Mönchen durch Schreck Geld und Nahrung zu erpressen,
und er trug einen reichen Mann gegen sein Schloss, um Lösegeld zu erzwingen. Da
kam nun auch der jüngste der Söhne Tankreds, Roger, nach Apulien. Er war schön
und blond wie sein Bruder, aber grösser. Zuerst war er mit seinem Bruder Robert
vereinigt. Aber sie zerfielen dann, und bekriegten sich. Roger erhielt von einem
Bruder eine Burg zum Geschenke, und er musste Wegelagerung treiben, und stahl in
der Nacht mit seinem Knechte Pferde. Die Brüder versöhnten sich wieder, und da
sie versöhnt waren, bezwang Robert Länder in Apulien, und Roger machte Raubzüge
nach Sicilien, und behielt die Stadt Messina in seiner Gewalt. Sie entzweiten
sich dann wieder, und kämpften gegen einander. Da rettete Roger einmal seinen
Bruder aus der Gefangenschaft und von dem Tode, und nun blieben sie vereint
durch die Zeit ihres Lebens, und halfen einer dem andern. Roger besiegte die
Saracenen in Sicilien, dann kam Robert zu ihm, und sie durchzogen die Insel.
Dann gingen beide nach Apulien, bezwangen Städte durch Hunger, durch Sturm oder
durch Schreck, und dann eroberten sie wieder Palermo, und dann die letzten Teile
von Apulien. Roger wurde als Fürst von Sicilien und Robert als Fürst von Apulien
anerkannt. Robert rüstete darauf ein Heer gegen den griechischen Kaiser Alexius,
schiffte nach Griechenland, besiegte den Kaiser in mehreren Schlachten, und war
daran, das ganze Reich zu bezwingen. Da ward ihm zu Hause Empörung erregt, und
der Heilige Vater Gregor der Siebente rief ihn zu Hilfe, weil er in der
Engelsburg von dem Kaiser Heinrich belagert wurde. Robert liess seinen Sohn
Boemund in Griechenland, ging heim, schlug die Empörer, zog mit seinem Bruder
nach Rom, und befreite den Heiligen Vater. Boemund besiegte in der Zeit die
Griechen in drei Schlachten. Robert machte nun den zweiten Zug gegen sie; allein
da starb er. Seine Söhne haderten, und endlich erlosch seine Nachkommenschaft
gänzlich. Und da auch Roger gestorben, und da ihm sein Sohn desselben Namens
Roger gefolgt war, kam alle Herrschaft in Sicilien und Apulien an diesen zweiten
Roger. Er wurde dann König und vor zwölf Jahren in der heiligen Weihnachtzeit
von dem Gegenpapste Anaklet durch einen Kardinal in der erzbischöflichen Kirche
in Palermo gesalbt. Der im Himmel selige Kaiser Lotar hat wohl nach seinem
Krönungszuge nach Rom das ganze Land Italien erobert, und Roger auf Sicilien
zurück gedrängt, und den Heiligen Vater Innozenz auf seinen Stuhl nach Rom
geführt; aber da Lotar nach Deutschland zurück gezogen, und auf dem Wege
gestorben war, eroberte Roger wieder alle Länder des untern Italien, und wurde
von dem Heiligen Vater Innozenz als König von Apulien, Calabrien, Capua und
Sicilien erkannt. Und da steht er nun, der Enkel des Mannes Tankred, als ein
gewaltiger Herrscher da, bereit, alles zu nehmen, und sei es so viel, als eines
Menschen Haupt zu denken vermag. Und wie sind die Sachen indessen in dem oberen
Italien gediehen? Wenn man mit Worten den Kaiser nennt, so achtet in Taten
niemand sein, die Begierden herrschen, und Venedig kämpft mit Ravenna, Florenz
und Pisa mit Lucca und Siena, Verona und Vicenza mit Padua und Treviso, Bologna
mit Modena, und die Herren in dem Lande sind dabei, der Markgraf von Tuscien
steht zu den Florentinern, der Graf Guido zu den Feinden derselben, und es
erheben sich Räuberhorden, die den Freund und den Feind plündern, und Bischöfe
und Äbte anfallen. Und hat nicht der Abt von Clugny, der auch von Räubern
ergriffen worden war, an den König Roger geschrieben: Oh, wenn nur das arme Land
deinen Befehlen unterworfen würde? Und sind nicht diese Worte bekannt gemacht
worden? Wenn nicht ein deutscher König zu retten kommt, so wird Roger das Land
ergreifen, es mit einem Arme halten, und mit dem andern über die Alpen langen,
und alles zu verschlingen streben, oder alles wird zerfallen.«
    »So ist es, hochehrwürdiger Bruder Regimbert«, sagte Zdik, »das Erhobene
wird gedemütigt, das Kleine wird erhoben. So stark wie dieser Roger, Robert,
Boemund, Wilhelm und Drogo, so sind noch andere auf dieser Welt, und wer weiss,
ob nicht der deutsche König und römische Kaiser schon unter uns wandelt, der die
Rettung bringt.«
    »Konrad wird jetzt auf seinen Römerzug gehen«, sagte Regimbert, »auch
preisen viele den Knaben Friedrich.«
    »Was ist alles vor den Augen Gottes«, antwortete Zdik, »Geschlechter steigen
in die Grube, andere breiten sich aus, Reiche vergehen, und werden. Bei uns sind
Männer von dem Herzogstuhle in das Elend gegangen, andere von dem Pfluge zur
Herrschaft, Städte und Stämme haben geboten, und sind dahin. Aber Gott wirkt
durch die Menschen Wunder, welche leuchten von dem Aufgange bis zu dem
Untergange, und welche nicht vergessen werden, wenn wir sie auch durch
Unreinheit des Herzens verlieren.«
    »Du sagst es, Bruder Zdik«, antwortete Regimbert, »das ist die Befreiung des
Heiligen Landes von der Schmach der Entweihung durch den Eifer gebrechlicher
Menschen. Das ist das Wunder, das vor unserer Zeit geschehen ist, und das nicht
vergessen werden kann. Es ist mein Gebet beim Tage, meine Betrachtung in der
Nacht, und mein Traum in dem Schlafe, dass ich einmal in das Land gelange. Ich
erzähle mir, und wiederhole mir, wie es sich wundervoll zugetragen hat. Da ist
ein Mann mit einem kleinen Körper, mit schwachen Gliedern, mit geschwärzten
Wangen, und mit nackten Füssen, der Einsiedler Peter, zu dem Heiligen Vater Urban
gekommen. Er hat erzählt, wie er nach Jerusalem gegangen ist, und wie ihn die
Leute gepflegt haben, und wie ihm vornehme Frauen die Füsse gewaschen haben; denn
es hat sich ausgebreitet, dass die Pilgerungen zum Seelenheile dienen, damit man
sich von Schuld löse, oder frömmer werde, oder Überbleibsel hole, die ewigen
Segen bringen, und viele Menschen sind nach Jerusalem gewandelt, und immer
mehrere, um des Heiles teilhaftig zu werden. Und je mehr Menschen nach Jerusalem
gezogen sind, desto mehr Ungläubige sind aus dem Lande Asien heraus gezogen, und
haben alles erobert bis an das Meer, und sind den Pilgern zum Schrecken und zur
Gefahr geworden, und haben Zins begehrt, wenn man die heiligen Stätten betreten
wollte. Aber die Pilger duldeten den Schrecken und die Gefahr, und leisteten den
Zins. Siegfried, der Erzbischof von Mainz, Otto, der Bischof von Regensburg,
Günter, der Bischof von Bamberg, Wilhelm, der Bischof von Utrecht, die grosse
Geleite hatten, wurden angefallen, und verloren Habe und Männer. Von
siebentausend Christen, die eine Wallfahrt unternommen haben, sind fünftausend
getötet worden. Dietrich, der Graf von Trier, welcher Kuno, den Erzbischof von
Köln, erschlagen hatte, ging, um die schwere Schuld zu sühnen, nach Jerusalem,
und ist nicht wieder zurückgekehrt. Die pilgernden Herren von Wulfenberg, vom
Tal, von Bingen sind verschollen, und ist nie mehr etwas von ihnen gehört
worden. Eine schöne Äbtissin hat man bis zum Tode entwürdigt. Die Türken
schändeten die heiligen Orte, die Kirchengeräte wurden zerstört, die Priester
geschlagen und misshandelt, der Patriarch wurde bei den Haaren und dem Barte zu
Boden geworfen, und es wurde ihm in das Angesicht gespien, und wenn die armen
Pilger den Zins nicht zahlen konnten, so wurden sie zurück gejagt, und die
Christen konnten ihnen nicht helfen, weil sie selber beraubt und geplündert
worden waren, und da man die Pilger nicht pflegen konnte, mussten sie oft auf der
Heimkehr verschmachten. Der Einsiedler zog Briefe heraus, die ihm Simeon, der
Patriarch, gegeben hatte, die ihm andere Leute gegeben hatten, und die ihm
unzählige Leute gegeben hatten. Der Heilige Vater antwortete, dass er auf Abhilfe
denken werde. Peter ging darauf über die Alpen, und erzählte dort, und teilte
Briefe aus. Auf den November des Jahres 1095 berief der Heilige Vater eine
Versammlung nach Clermont. Es kamen über dreihundert Bischöfe und Äbte, und dann
Fürsten, Edle, Ritter und Volk. Der Heilige Vater hielt die Versammlung unter
dem freien Himmel, und sprach: Die Lehre des Heilandes ist durch viele hundert
Jahre in dem Lande Asien geübt worden, sie ist von da in die ganze Welt
ausgegangen; jetzt aber sind Ungläubige dort, und walten. Welch ein Jammer ist
dieses! Und doch ist der Jammer noch grösser. Die heilige Stadt Jerusalem und das
Heilige Land ist in ihrer Gewalt. Der Erlöser, welcher die menschliche Gestalt
angenommen hat, ist dort gewandelt, hat dort seine Worte gesprochen, seine
Wunder gewirkt, hat dort gelebt, und ist dort gestorben. Jetzt ist dort keine
Erlösung mehr. In der Kirche der Auferstehung, durch die er dem Tode die Macht
genommen hat, werden Teufelsworte verkündiget, in dem heiligen Raume stehen
Lasttiere, die Christen werden verfolgt, die Priester misshandelt und erschlagen,
und um das nur anblicken zu können, müssen die Pilger einen schweren Zins
zahlen. Uns allen wäre besser, dass wir stürben, als dass wir leben, und dieses
Unheil dulden. Ich sage: Jeder verleugne sich selbst, jeder nehme das Kreuz des
Heilandes, kein Christ streite mehr wider den andern, keiner rufe den andern vor
Gericht, keiner sei tapfer gegen den Nachbar, sondern gegen die Heiden zur
Vergebung der Sünden, keiner fürchte Gefahr; denn wer reinen Herzens für den
Herrn streitet, dem sind die Feinde dahin gegeben, keiner fürchte Mangel; denn
wer Gott gewinnt, ist reich, keiner lasse sich durch Klagen der Seinigen
hindern; denn die Gnade schützet das Haus. Und der Heilige Vater konnte seine
Worte nicht endigen; denn es entstand ein Donnerschrei in dem Volke, und es rief
gesamt wie ein einziger Mensch: Gott will es! Und da es wieder stille geworden
war, sagte der Heilige Vater: Wahrhaftig sind die Worte der Schrift: Wo zwei
oder drei in meinem Namen versammelt sind, werde ich bei ihnen sein. Er ist bei
euch gewesen, und hat durch euch wie mit einem Munde das Wort gerufen: Gott will
es. Das Wort ist nun fortan euer Feldwort, und das Kreuz sei euer Zeichen, es
ist das Zeichen der Macht und der Demut. Wer das heilige Unternehmen zu stören
wagt, den trifft der Fluch des päpstlichen Stuhles, wer es fördert, dem wird
sein Beistand im Namen des Herrn von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Heilige Vater
geendet hatte, kniete Ademar von Monteil, der Bischof von Puy, vor ihm nieder,
und bat, dass er bei dem heiligen Zuge sein dürfe, dann kniete Wilhelm, der
Bischof von Orange, nieder, und bat auch so, und dann knieten viele, und baten,
und die meisten der Versammelten riefen auf, und gelobten den Zug. Man riss
plötzlich, wo irgend ein rotes Tuch oder rote Seide oder rotes Linnen auf einem
Kleide war, dasselbe herab, und schnitt Kreuze daraus, und heftete sich die
Kreuze auf die Schultern. Alte Männer, welche zu jener Zeit gelebt haben,
erzählen, dass sich die Kunde von dem, was zu Clermont geschehen ist, in allen
Ländern der Christenheit zu der gleichen Zeit verbreitet hat. Die Bischöfe und
die Priester predigten nun das Kreuz, und die Pilger riefen zum Zuge. Der Mann
trennte sich von dem Weibe, das Weib von dem Manne, die Eltern von den Kindern,
die Kinder von den Eltern, der Bruder von der Schwester, die Schwester von dem
Bruder, der Landmann vergass den Acker, der Hirt die Herde, Mönche und Nonnen
verliessen ihre Zellen, und alle, Männer und Weiber, Hohe und Niedere wollten
nicht ausgeschlossen sein von der Wanderung der Völker nach dem Heiligen Lande.
Es war nicht mehr Frist, das auszuschliessen, was nicht tauglich war, und wie ein
brausendes Gewässer lief alles vorwärts. Unzählbare Menschen zogen sogleich mit
dem Ritter Walter und mit dem Einsiedler Peter dahin; aber sie gingen zu Grunde.
Dann zogen andere mit dem Grafen Emiko; aber sie gingen auch zu Grunde. Da zog
der edle Herzog von Lotringen, Gottfried von Bouillon mit Ratschluss und
Besinnung aus. Es zogen mit ihm seine Brüder Balduin und Eustatius. Es zogen
mit ihm Robert, der Graf von der Normandie, der Bruder des Königs von England,
dann Robert, der Graf von Flandern, es zogen mit ihm Hugo, der Graf von
Vermandois, der Bruder des Königs von Frankreich, dann der Graf Stephan von
Blois, der Burgen hatte, wie Tage im Jahre sind, dann Raimund, der Graf von
Toulouse, welcher der reichste unter den Rittern war, dann Boemund, der Sohn des
Normannen Robert Guiskard, der Enkel des Mannes Tankred, und mit ihm war sein
Neffe Tankred, der in jungen Jahren schon hohes Lob gewonnen hatte, es zog mit
ihm noch eine grosse Zahl von Herren, Rittern und Edlen. Sie gingen durch das
Land Ungarn und durch das Reich der Griechen, und waren, als sie auf den Boden
des Erdteiles Asien stiegen, eine halbe Million und hunderttausend Menschen.
Darunter waren dreihunderttausend gewappnete Fussgänger und hunderttausend
Reiter. Sie gingen in dem Erdteile Asien vorwärts, und waren Leute aller Zungen
und Völker. Sie litten durch Hunger und Durst, durch Feinde und Zank, durch
Krankheit und Erschöpfung, durch Kämpfe und Aufentalt, weil sie nicht ganz
reinen Herzens waren. Und als sie sich gereiniget hatten, eroberten sie Nicäa,
Edessa, und Antiochia, und am sechsten Tage des Brachmonates des Jahres 1099
hatten sie die Gnade, Jerusalem zu sehen. Sie fielen auf die Knie, sangen
Loblieder, und weinten vor Freude. Dann näherten sie sich der Stadt, und
rüsteten sich zur Belagerung, und am neununddreissigsten Tage nach ihrer Ankunft,
am fünfzehnten des Heumonates erstiegen sie im Sturme die Stadt Jerusalem. Alle
hatten die grösste Anstrengung erwiesen, und man hatte diejenigen, welche auf dem
Zuge gestorben waren, wieder unter den Kämpfern erblickt. Sie küssten den
Erdboden, berührten alles mit ihren Händen, feierten in der heiligen Kirche den
Gottesdienst, taten Busse, und gelobten mit lauter Stimme Besserung. Dann
errichteten sie, da sie riefen: Gott will es, ein christliches Reich, und
erwählten Gottfried zum ersten Könige von Jerusalem. Dieses ist im dritten
Jahre, nachdem sie die Heimat verlassen hatten, geschehen. Siehe, mein Bruder
Zdik, das ist das Wunder, das von Gott durch gebrechliche Menschen gewirkt
worden ist, wie du gesagt hast. Es ist nichts Grösseres seit dem Leben und
Sterben des Heilandes auf der Welt gewesen. Eine Freude war in der ganzen
Christenheit.«
    »Es ist nichts Grösseres gewesen«, sagte Zdik, »und ich halte es mir immer
vor die Seele.«
    »Aber die Menschen in Jerusalem sind nicht fortan reinen Herzens geblieben«,
erwiderte der Bischof Regimbert.
    »Nein, sie sind nicht reinen Herzens geblieben«, sagte Zdik, »und ich habe
es selber in Jerusalem gesehen, dass sie nicht solchen Herzens geblieben sind.«
    »Darum musste auch wieder die Heimsuchung kommen«, antwortete Regimbert. »Der
fromme König Gottfried hat nur kurz geherrscht. Dann führte unter Mühen und
Erwerbungen sein Bruder Balduin siebenzehn Jahre das Königtum. Dann kam der
andere Balduin, sein Vetter, der Graf von Edessa, und stiftete ein Reich von
Tarsus bis nach Ägypten. Er vermählte in unseren Tagen seine älteste Tochter
Melisenda mit Fulko, dem Grafen von Anjou, und als er gestorben war, wurde Fulko
König. Der König Fulko ist jetzt schon alt, er ist irdisch und unsicher, und
auch die andern sind irdisch und habgierig. Da hat Gott zwei Feinde des Reiches
erweckt. Der eine ist der griechische Kaiser Johannes, der Sohn des Kaisers
Alexius, der in Griechenland geherrscht hatte, als Gottfried in die heiligen
Länder gezogen war. Er ist ein tapferer Mann, und besiegte gleich nach dem
Beginne seiner Herrschaft die Türken und Petschenegen. Darauf fingen die Ungarn
gegen ihn Krieg an, weil er Almus, den flüchtigen Bruder ihres Königs, gütig
aufgenommen hatte. Er war auch gegen die Ungarn siegreich. Da er diese Dinge
beendiget hatte, zog er mit seinem Heere nach Asien, und drängte die Ungläubigen
zurück. Es mögen jetzt fünf Jahre sein, dass er Tarsus und das ganze Cilicien
eroberte, und vor die christliche Stadt Antiochia kam. Weil einmal diese Länder
zu Griechenland gehört hatten, und weil die ersten Pilger dem Kaiser Alexius die
Lehensherrlichkeit darüber versprochen hatten, so begehrte sie nun Johannes.
Aber die jetzigen Pilger verweigerten sie, und so sind nun Christen wider
Christen. Der zweite Feind ist Emadeddin Zenki, der Ungläubige. Er ist Herr von
Aleppo, Syrien und des Landes zwischen den Flüssen. Er hat seine Waffen gegen
die Christen gekehrt, und Raimund, den Grafen von Tripolis, gefangen, zugleich
auch den König Fulko in einer Burg bei Akkon eingeschlossen. Den Grafen Raimund
gab er gegen ein Lösegeld und den König gegen die Burg frei. Jetzt rüstet er
gegen Edessa. Wenn nicht mit neuem Glauben und neuem Eifer Pilger von uns in das
Morgenland ziehen, kann alles verloren werden. Boemund hat ein irdisches Mittel
angesagt. Man soll das griechische Reich erobern, dort eine starke
abendländische Herrschaft stiften, und von ihr aus die weiteren Länder erwerben
und anfügen. Gott wird aber die Seinigen ohne dieses Mittel retten und
befreien.«
    »Und wenn alles durch die Sünden der Menschen verloren wird, so wird alles
einmal wieder gewonnen werden, und es wird ein Hirt und eine Herde sein«, sagte
Zdik.
    »Und glücklich sind, die zu diesem Gewinne werden auserkoren sein«, sprach
Regimbert. »Sage, Zdik, wird der Herzog Wladislaw zu dem heiligen Kampfe seine
Mitwirkung bringen?«
    »Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, wird zuerst in seinen Ländern
seine Macht in Sicherheit stellen«, antwortete Zdik, »und dann wird er tun, was
der Kirche und den Menschen frommt.«
    »Und Könige und Fürsten und alle, die die Macht haben, sollen dem Werke
nicht fehlen«, sagte der Bischof von Passau, »und du, mein Sohn Witiko, wirst du
auch deine Jugend in die heiligen Länder tragen?«
    »Wenn mein geringer Dienst etwas wirken kann, werde ich ihn nicht versagen«,
antwortete Witiko.
    »Ich glaube es«, sagte der Bischof.
    »Ihr habt in Eurer Rede einen Namen genannt, welchen ich kenne,
hochehrwürdiger Bischof«, sagte Witiko, »Almus, der flüchtige Bruder des
ungarischen Königs, den der griechische Kaiser Johannes gütig aufgenommen hatte,
ist der Vater Adelheids, der Gemahlin des böhmischen Herzoges Sobeslaw, gewesen,
welche die Länder Böhmen und Mähren geliebt hat, welche in diesem Leben wie eine
Heilige gewandelt ist, und mir Wohlwollen erwiesen hat. Und erlaubet mir auch,
hochehrwürdiger Herr, dass ich von Wladislaw, dem Herzoge von Böhmen und Mähren,
rede. Wenn es die Ehre und der Ruhm seiner Länder erheischt, wird er seine
Banner über die Grenze zu entfernten Völkern tragen, und wir werden ihm folgen.«
    »Ich habe Adelheid gekannt, mein Sohn«, sagte Regimbert, »sie geniesst im
Himmel den seligen Lohn. Wladislaw möge nicht nur die Ehre und den Ruhm seiner
Länder wahren, sondern vielmehr tun, was die Ehre und der Ruhm Gottes
erheischt.«
    »Wie Gott durch alle Zeit hindurch die Zeiten lenkte«, sagte Zdik, »und die
erweckte, welche er für die Zeiten brauchte, so wird er auch die erwecken, die
in den weltlichen Dingen und auch in den himmlischen seine Ehre und seinen Ruhm
erfüllen, und wenn es auch in so entfernten Jahren ist, dahin wir nicht zu sehen
und nicht zu denken vermögen.«
    »Amen«, sagte der Bischof von Passau, »so ist es gewesen, und so wird es
sein. Und was für die jetzige Zeit not tut, wie du sagst, dass der Herzog
Wladislaw seine Macht festigen muss, so wird der Heilige Vater einen Gesandten
nach Böhmen schicken, der die geheiligten Dinge ordnet, und der Herzog kann dann
weiter walten, und in Deutschland würde ein König taugen, der das Blut der
Hohenstaufen und der Welfen zugleich in sich trägt, wie der junge Friedrich,
damit der Streit zwischen ihnen ruhte, Italien muss gehorchen, der Heilige Vater
Innozenz und der Kaiser, wenn er einmal gekrönt sein wird, sollten in
Freundschaft sein, und dann würden die Zelte die nicht fassen, die zu dem Zuge
in die heiligen Länder kommen, und den Herrn dort verherrlichen wurden.«
    Als der Bischof noch diese Worte sprach, trat der Priester Konstantin in das
Gemach. Er blieb in der Entfernung stehen, bis der Bischof ausgesprochen hatte.
    »Nun, was hast du zu berichten, lieber ehrwürdiger Bruder Konstantin?«
fragte ihn der Bischof.
    Der Priester trat näher, neigte sich, und sprach: »Es ist alles vollendet,
was zur Aufnahme des hochehrwürdigen Bischofes von Olmütz notwendig gewesen ist,
und der hochehrwürdige Herr kann in seine Wohnung kommen.«
    »Wenn du in dein Gemach begehrest, hochehrwürdiger Bruder Zdik«, sprach
Regimbert, »so wirst du es sagen.«
    »Die Sonne ist untergegangen, wie ich an jenen Bergen sehe«, antwortete
Zdik, »es wird an der Zeit sein, seine Wohnung zu suchen, um dort ein Abendgebet
zu sprechen.«
    »So gehe ein in dein Haus unter meinem Dache«, sagte der Bischof von Passau,
»und die von Hagenau und von Peilstein und die von dem Bischoftume werden dich
schützen.«
    Er erhob sich nach diesen Worten von seinem Sitze.
    Der Bischof Zdik in seinem braunen Gewande stieg auch von dem seidenen
Stuhle herab, Regimbert nahm ihn bei der Hand, und sagte: »Lasse dich geleiten.
Und du, edler Witiko, folge uns, dass dir auch deine Herbergstube gezeigt werde.«
    Er führte den Bischof an der Hand gegen eine andere Tür, als durch welche
die Wanderer herein gekommen waren. Witiko folgte den zwei Kirchenherren. Hinter
Witiko ging der Priester Konstantin. Als sie in das Vorgemach gekommen waren,
standen noch Priester, Kämmerlinge und Diener da. Sie reihten sich nach ihrer
Würde dem Zuge an. Der Bischof Regimbert führte seinen Gast durch Gemächer mit
Holzgetäfel und geschnitzten Gestalten von Aposteln und Heiligen, und dann über
Tücher eines kurzen Ganges in einen andern Teil der kirchlichen Burg, und hielt
vor einer Eichentür an, indem er sagte: »Gott segne den Eingang.«
    Ein Diener öffnete die Flügel der Tür, und der Zug trat in ein grosses
Vorgemach, in welchem brennende Lichter waren. Von dem Vorgemache konnte man in
andere beleuchtete Gemächer sehen.
    Der Bischof von Passau führte Zdik an der Hand in diese Gemächer.
    Sie kamen zuerst in eines, welches mit roter Seide überzogen war. In
demselben stand unter einem roten Seidendache ein Kreuz mit dem Heilande, davor
ein Betschemel war, den rote Seide bedeckte. Dann kamen sie in ein Gemach von
dunkelblauer Seide mit vielen dunkelblauseidenen Stühlen und mit Tischen. Dann
gelangten sie in das Speisegemach. Es war mit dunkelm Birnholze getäfelt. In
demselben standen die Speisegeräte. Sie waren schon zum Abendmahle bereitet.
Dann war ein Wohnzimmer, das gleich dem Speisezimmer Birnholzgetäfel hatte. Dann
ging der Zug in ein Zimmer, dessen Getäfel braunes Nussholz war. In dem Zimmer
standen Schreine aus Eichenholz, deren Türen offen waren. In einigen Schreinen
hingen Gewänder, welche ein hoher Kirchenherr in der Kirche, dann, welche er
ausserhalb derselben im Hause, im Felde und im Walde tragen konnte, und in andern
Schreinen waren Trutz- und Schutzwaffen. Nach dem Gewandgemache war ein
Ankleidegemach mit braunem Nussholze, und nach diesem Gemache war hinter einem
gelbseidenen Vorhange die Schlafstelle.
    Als der Bischof von Passau den Gast durch alle Gemächer geführt hatte, blieb
er an dem seidenen Vorhange stehen, und sagte: »Ich habe dir deine Wohnung
gezeigt, ehrwürdiger Bruder Zdik, benütze sie wie dein Haus, und offenbare jeden
Wunsch zur Erfüllung eines Bedarfes. Erlaube, dass ich mich entferne. Gelobt sei
Gott der Herr!«
    Er liess bei diesen Worten die Hand des Bischofes Zdik los.
    Zdik sagte: »Gelobt sei Gott der Herr. Ich bringe dir den Dank, und werde
dich geleiten.«
    Der Bischof von Passau trat den Rückweg an, und Zdik geleitete ihn bis in
das Vorgemach. Regimbert ging aus dem Vorgemache, und es folgten ihm einige
Priester, Kämmerlinge und Diener. Konstantin, zwei Priester, zwei Kämmerer und
vier Diener blieben bei Zdik zurück.
    Zdik wendete sich zu den Priestern, und sprach: »Ehrwürdige Herren, ich
danke euch für euer Geleite, ich glaube, es ist nicht geziemend, dass ich euch
noch ferner von euerem Gebete und eueren Obliegenheiten abhalte.«
    »Wir sind zu dir gehörig, hochehrwürdiger Herr«, sagte Konstantin, »rufe
uns, so du willst.«
    »Ich werde es tun«, sagte Zdik.
    Darauf entfernte sich Konstantin mit den Priestern aus dem Vorgemache.
    »Harre ein Weilchen, Witiko«, sagte Zdik.
    Nach diesen Worten ging er in das rote Zimmer, kniete dort auf den
Betschemel vor dem Kreuze nieder, und betete.
    Dann stand er auf, ging wieder hinaus, und sprach: »Zuerst der Dank an Gott,
dann der Dank an dich, Witiko, du hast treue Christenpflicht an mir geübt; möge
sie dir im Walde gelohnt werden, von dem Hause Heinrichs von Jugelbach bis an
die Waldstelle, in der du wohnen wirst. Möge Wladislaw die Stelle zieren, und
möge ich etwas hinzu tun können. Die Reisetage werde ich nicht vergessen, und
die Vergeltung wird im Jenseits nicht vergessen werden.«
    Nach diesen Worten legte er die Hände wie zum Segen auf den Scheitel
Witikos.
    »Hoher Herr«, sagte Witiko, »ich danke Euern Worten. Was ich getan habe, das
habe ich nicht des Lohnes wegen getan, sondern weil ich meinte, dass es gut sei.
Und darum habe ich es mit Liebe getan, die sich zur Liebe gegen Euch gesellte.
Jedes Glück, das mich findet, ist eine Gnade des Herrn, und das Glück im Walde
ist meinem Herzen lieber als das Glück anderswo.«
    »Lasse die Liebe zu mir dauern, Witiko, wie die meinige zu dir dauert«,
sagte Zdik, »geniesse die Ruhe nach dem Ritte, und zeige mir morgen wieder dein
Angesicht.«
    Dann wendete er sich zu den Dienern, und sagte: »Weise einer dem Ritter
seine Schlafstelle.«
    Ein Diener schickte sich zum Gehorchen an.
    »Habt gute Ruhe, hochehrwürdiger Herr«, sagte Witiko.
    »Du auch, mein Sohn«, sagte Zdik.
    Darauf ging Witiko mit dem Diener aus dem Gemache.
    Der Diener führte ihn über den erleuchteten Gang, dann über eine Treppe
hinauf zu einer grossen Eichentür.
    Sie gingen durch die Tür in ein Vorgemach. In dem Vorgemache sassen zwei
Diener und Raimund.
    »Diese Männer sind zu Euern Diensten, hoher Herr«, sagte der, welcher Witiko
geleitet hatte, und entfernte sich.
    Die Diener in dem Vorgemache erhoben sich.
    Witiko sagte zu Raimund: »Folge mir.«
    Raimund erhob sich auch von seinem Sitze.
    Witiko ging mit ihm von dem Vorgemache in ein zweites kleineres Vorgemach,
in welchem ein Lager bereitet war, das er als das Nachtlager Raimunds erkannte.
Dann gelangte er in ein Speisezimmer, in welchem der Tisch zum Abendessen
gerüstet war. Aus dem Speisezimmer kamen sie in ein Gemach, in welchem Waffen
und schöne Kleider waren. Und neben diesem Gemache befand sich das Schlafzimmer
für Witiko. In allen Gemächern brannten Lichter.
    »Nun hast du unsere Wohnung gesehen, Raimund«, sagte Witiko, »jetzt folge
mir in den Stall.«
    Er lehnte das Geleite eines Dieners ab, und führte Raimund in den Stall.
    Dort sahen sie nach den Pferden, und gingen dann wieder in ihre Gemächer.
    Witiko ging mit Raimund in das Kleiderzimmer, dort setzte er sich nieder,
nahm die Lederhaube von seinem Haupte, und strich sich die blonden Haare zurück.
    »Siehe, Raimund«, sagte er, »nun ist die Mühsal überstanden. Sie haben uns
in dieser kirchlichen Burg schöne Zimmer gegeben, und werden auf den Tisch bald
Speisen stellen, die uns wohltun werden, und auf den guten Lagern wird die Ruhe
gut sein.«
    »Über mich aber wird harte Strafe kommen«, sagte Raimund.
    »Warum wird Strafe kommen?« fragte Witiko.
    »Ich habe dem hochwürdigsten Bischofe mein Pferd zu halten gegeben, und habe
ihm gar den Strick des Diebes in die Hand gegeben«, antwortete Raimund. »Ihr
habt mich nicht belehrt, und ich habe ihn nicht gekannt; denn das braune Gewand
ist schlechter gewesen, als die weiten Gewänder, die sie im innern Lande tragen,
es ist auch schlechter gewesen als das andere braune Gewand, das der Mann
angehabt hatte, der Euch den Schwertgürtel des Herzogs und Eure andern Dinge in
den obern Plan gebracht hat. In der grossen Stadt Nürnberg hat der
hochehrwürdigste Bischof ein veilchenblaues Kleid gehabt und eine goldene Kette
und ein goldenes Kreuz und eine schöne Haube und einen gekräuselten Bart. So
hätte ich ihn gekannt. Und in dem Hause, wo wir zur Nachterberge waren, habe
ich ihm die besten Speisen weggegessen.«
    »Und was hättest du denn getan, wenn du ihn gekannt hättest?« fragte Witiko.
    »Ich wäre auf die Knie gefallen, und hätte zu Martin und Lucia gesagt, dass
sie auch auf die Knie fallen«, antwortete Raimund.
    »Und hättest ihn verraten«, sagte Witiko, »du hast ihm gedienet, weil du ihn
nicht gekannt hast. Der Herr des Waldhauses, in welchem wir eine Nacht gewesen
sind, hat ihn gekannt, hat ihn unter die Knechte gesetzt, und hat ihm so
geholfen; denn der hochehrwürdige Bischof musste auf der Flucht aus unsern
Ländern sein, weil ihm dort Menschen nach Leib und Leben trachten.«
    »Und trifft diese nicht ein fallender Baum oder die Strafe Gottes?« fragte
Raimund.
    »Es kann sein«, antwortete Witiko, »es kann aber auch sein, dass ihnen noch
Frist gegeben werde.«
    »Mir wird der hochwürdige Bischof alles nachtragen, was ich gegen ihn getan
habe«, sagte Raimund.
    »Er wird dir es nachtragen, dass er dir einen Lohn gibt«, antwortete Witiko,
»du aber gedenke, wenn du wieder mit deinesgleichen bist, dass du ihnen nicht die
besten Speisen wegissest.«
    »Ich bin so hungrig gewesen«, sagte Raimund, »er wird immer daran denken.«
    »Er denkt an vieles, aber an dieses nicht«, antwortete Witiko.
    »Sagt es ihm«, sprach Raimund.
    »Ich werde es tun«, antwortete Witiko.
    Nun schwieg Witiko, und Raimund blieb vor ihm stehen.
    Nach einer Zeit kamen Speiseknechte, brachten Speisen und Wein, und stellten
alles auf den Tisch in dem Speisegemache.
    Witiko erhob sich, befahl Raimund, ihm zu folgen, und ging in das
Speisegemach hinaus. In demselben setzte er sich an den Tisch, und hiess Raimund
sich zu ihm setzen, und mit ihm essen, und der Herr und der Knecht assen an dem
Tische der Bischofsburg, und die Diener walteten an ihnen ihres Amtes. Als sie
gegessen und getrunken hatten, stand Witiko auf, liess die Speiseknechte die
Reste des Mahles fort tragen, und sagte zu Raimund, dass er in seine Kammer
schlafen gehe, zu den Dienern, dass sie in allen Gemächern ausser in seinem
Schlafgemache die Lichter auslöschten. Dann ging er in das Schlafgemach, schloss
es zu, zündete die Nachtlampe an, löschte die andern Lichter aus, entkleidete
sich, und legte sich auf sein Lager.
    Da es Morgen geworden war, sorgte Witiko mit Raimund für die Pferde, dann
gingen sie wieder in ihre Wohnung, und verzehrten ein Frühmahl, das ihnen die
Speiseknechte gebracht hatten.
    Als die Sonne an dem Himmel leuchtete, erschollen die Glocken in dem Münster
der Bischofstadt. Witiko und Raimund gingen in den Hof der Burg, und von dort
durch das offene Pförtchen in das Freie. Da waren viele Menschen, die harrten,
den Bischof in die Kirche reiten zu sehen. Witiko und Raimund blieben unter den
Menschen stehen.
    Da eine Zeit vergangen war, hörte man Stangen und Riegel an dem Tore der
Bischofburg rasseln, und Hans, der schön gewappnet war, und andere schön
gewappnete Männer öffneten die beiden Flügel des Tores, und blieben an ihnen
stehen.
    Die Menschen drängten sich gegen die offene Wölbung. Odilo erschien mit
seinen Untergebenen. Er war in schönen Gewändern, und trug einen schweren Stab
in der Hand, mit dem er die Menschen zurück wies.
    Sie erzählten sich wechselweise, dass ein Kardinal aus Rom gekommen sei, dass
in der Nacht der Schenke und der Marschalk gekommen seien, und dass ein sehr
schöner Kirchengang sein werde.
    Da sie sprachen, kam der Zug vom Hofe durch das Tor heraus.
    Zuerst ritten bischöfliche Männer, dann ritten Männer, die nach Peilstein
und Hagenau dienstbar waren. Dann ritten in hellen Platten und schönen
Pelzverbrämungen die Herren Marquard von Wesen, der Schenk des Hochstiftes
Passau, und Chunrat von Heichenbach, der Marschalk des Hochstiftes Passau. Ihnen
folgten einige ihrer Dienstmannen. Dann ritten Dienstmannen anderer Herren. Dann
kamen die zwei Bischöfe auf weissen Zeltern. Sie waren in veilchenblauen
Gewändern, und die Kreuze waren aus Gold und Edelsteinen. Zdik ritt an der
rechten Seite des Bischofes Regimbert. Das Volk warf sich auf die Knie, und die
Bischöfe gaben den Segen. Hinter den Bischöfen kamen Priester und Herren, die in
den bischöflichen Ämtern waren, dann priesterliche Schüler und Diener der
Kirche. Dann wurde in einer Sänfte die Schwester des Bischofes von Passau
getragen, die edle Frau Anna von Peilstein und Hagenau. Sie war in roten Sammet
gekleidet, und neben ihr gingen Frauen und Jungfrauen. Dann kamen Männer von
Peilstein und Hagenau und dann Männer des Bischofsitzes.
    Als der Zug vorüber war, eilten die Menschen in die Kirche, um der heiligen
Handlung beizuwohnen.
    Raimund erhob sich auch von der Erde, und Witiko ging mit ihm in die Kirche.
    Es sammelten sich in diesen Stunden noch mehrere Ritter und Männer des
Bischofes in der bischöflichen Burg.
    Am Mittage war in dem grossen Saale ein Mahl, und Herren und Ritter und
Frauen und Jungfrauen und Priester und Dienstmannen waren an dem Tische. Witiko
war auch dazu gerufen worden, und sass neben Rudolph dem Steiner.
    Nach dem Mittagmahle waren an dem Innflusse einige Waffenspiele.
    Am Nachmittage, da Witiko mit dem Knechte Raimund in seine Wohnung gegangen
war, kam ein Diener des Bischofes zu ihnen, und sagte, er bringe von dem
hochehrwürdigen Bischofe von Olmütz ein Geschenk an den Knecht des jungen
Ritters. Er nahm bei diesen Worten ein Beutelchen von rotem Leder aus seinem
Wamse, und reichte es an Raimund. Dann entfernte er sich wieder. Raimund öffnete
das Beutelchen, und fand zehn Goldstücke darinnen. Witiko deutete ihm den Wert
der Goldstücke, und sagte, er möge diese Menge des Geldes gut bewahren. Raimund
versteckte das Beutelchen an der innern Seite seines Wamses, und band es dort
an.
    Am Abende kam Rudolph der Steiner zu Witiko, führte ihn in eine Stube der
Burg, und sie erfreuten sich dort mit andern jungen Rittern an Wein und an
mancherlei Scherzen.
    Und alle Tage ritten nun die Bischöfe in die Kirche, um dort das Messopfer zu
feiern. Wenn Zdik zurück gekommen war, legte er in seiner Wohnung ein härenes
Gewand an. Nach einiger Zeit kamen Dienstmannen des Bischofes Zdik nach Passau,
und brachten auf Saumtieren Dinge, die zu dem Eigentume des Bischofes gehörten.
    An einem Tage wurde eine Jagd abgehalten. Dazu kamen Marquard von Wesen, der
Schenk des Hochstiftes Passau, Otto von Aheim, der Kämmerer des Hochstiftes von
Passau, Chunrat von Heichenbach, der Marschalk des Hochstiftes Passau, Heinrich
von Tannenbach, der Truchsess des Hochstiftes Passau, dann Cholo von Wilheringen,
Werinhart von Martspach, Calhochus von Valchenstein, und andere Ritter und
Kriegsherren. Die Bischöfe ritten mit Hüftorn und Speer auf dem linken Ufer der
Donau hinunter. Witiko war im Geleite des Bischofes Zdik. Dienstmannen,
Edelknechte, Knechte, Jagdmeister und Hundemeister waren am Ende des Zuges. Sie
ritten an hohem Waldlande, das mit dichten Bäumen jäh von dem Wasser empor
stieg, dahin.
    Der Bischof Zdik sagte zu Regimbert: »Das ist ein sehr schönes Gehege.«
    »Es geht viele Wegestunden an dem Strome bis Aschach dahin, wo die Brüder
von Jugelbach die zwei Burgen bauen wollen«, antwortete der Bischof von Passau.
»Der Wald da neben uns steigt hoch hinan, und geht dann in Absätzen immer höher
bis zu dem Lande Böhmen fort, wie es an dem Wege ist, auf dem du zu mir gekommen
bist. Oben ist es vielfach gereutet, und es stehen Ortschaften und Burgen da.
Von den Burgen sind manche dem Hochstifte noch nicht unterworfen. Wir suchen
aber zu erwerben, und die Kirche zu verstärken. Unser Gericht Velden ist vor
kurzer Zeit wieder ausgedehnt worden. Dort sitzt der Gaurichter, und hält die
Dinge zum Urteile. Wir geben den Insassen mehr Rechte als die weltlichen Herren.
Füchse und Hasen darf sich jeder nehmen, für einen Marder und Iltis bekommen sie
Geschenke, wer einen Wolf bringt, darf sich einen Hirsch erlegen, und die Bauern
haben drei Haghackenwürfe weit von ihrem Felde in den Wald hinein das
Holzrecht.«
    »Und wenn ihr noch manches zuwendet, so werden die Fluren ein höheres
Gedeihen und einen grösseren Reichtum gewinnen«, sagte Zdik.
    »Der Krummstab soll segenreicher sein als das Schwert«, entgegnete der
Bischof von Passau.
    »Und möge sich im Glauben noch alles mehr mildern und sänftigen«, antwortete
Zdik.
    Und als sie so gesprochen hatten, erscholl das Hüftorn zur Versammlung, und
sie ritten in den Wald empor zu der Jagd.
    Ein anderes Mal war ein Jagen auf dem Gebiete der Grafen von Formbach und
von Neuenburg.
    Es war auch ein Kirchenfest bei Konrad, dem Erzbischofe von Salzburg.
    Als vierzehn Tage vergangen waren, seit Witiko sich in der bischöflichen
Burg befand, meldete er sich zur Abreise. Er verabschiedete sich bei den
Bischöfen und bei den älteren und jüngeren Herren der Burg. Die Bischöfe gaben
ihm schöne Gewänder und Gold zum Geschenke. Er gab den jüngeren Rittern
Geschenke, und sie gaben auch ihm Geschenke.
    Am anderen Tage, ehe noch die Menschen in der Stadt ihren Geschäften
nachgingen, und die Tore und die Fensterläden geöffnet waren, ritt er mit
Raimund über die schwache Anhöhe zu der Donau hinab. Saumpferde mit seiner Habe
folgten. Auf dem Wasser stand an dem Ufer ein schöngebordetes Schiff. Es hatte
eine grüne Farbe und einen roten Schnabel. Auf dem Schiffe stand ein Haus von
einer andern grünen Farbe und mit roten Zieraten. Es wurden Güter auf das Schiff
geladen, und Menschen gingen auf dasselbe. Witiko und Raimund ritten zu dem
Schiffe, stiegen von den Pferden, führten die Pferde über eine Brücke in das
Schiff, brachten sie dort in ein Gelass, in dem Borne und Heuleitern waren, und
halfterten sie an. Dann wurde Witikos Habe in das Schiff geladen. Hierauf
setzten sich Witiko und Raimund auf eine Bank, die auf dem Dache des
Schiffhauses nach der Länge dahin ging. Als die Güterladung vollendet war, und
alle Menschen sich auf dem Schiffe befanden, wurde die Brücke abgetragen, die
Taue gelöset, und die Schiffer drückten mit Stangen den Schnabel vom Ufer. Als
der Schnabel von dem Fahrwasser gefasst worden war, wendete sich das Schiff, und
glitt auf dem Wasser hinunter. Die Steuermänner walteten auf ihrem Gerüste mit
dem langen Baume des Steuers, und die andern Ruder wurden in das Wasser gesenkt,
und trieben das Schiff vorwärts. Es fuhr an den Häusern der Stadt vorüber, an
der Mündung der schwarzen Ilz vorüber, und in das breite Wasser hinunter, wo
sich die Flüsse Inn und Donau berührten. Die Stadt Passau rückte zurück, der
klippige Ilzberg rückte zurück, und das Schiff ging in die Waldschlucht nieder,
in welche Witiko mit den Bischöfen zur Jagd geritten war. Es war lauter Wald
ohne eine lichte Stelle. An den Ufern waren Streifen Wiesen und Felder, und es
stand hie und da ein Haus. Auf den Waldhöhen war manche Burg. Die Augen aller
Menschen sahen auf die Burg Martspach, in welcher der Ritter Werinhart wohnte.
An dem andern Ufer stand in der Niederung auf einer grünen Wiese das Haus
Marquards von Wesen, des Schenken des Hochstiftes Passau. Wo die obere und die
untere Mihel in die Donau mündeten, waren feste Gebäude. Das rotschnablige
Schiff fuhr beinahe den ganzen Tag in der Schlucht fort. Als die Sonne schon
gegen den Abend neigte, kam es mittagwärts in ebnes Land hinaus. Man sah hier in
der Ferne die Alpenberge, wie sie Witiko von dem Walde des heiligen Tomas
erblickt hatte. Wo die Waldschlucht endigte, war der Ort Aschach. Es wurde hier
das Schiff an das Ufer gelegt. Es wurde die Wassermaut gezahlt, es wurden Waren
ausgeladen und eingeladen, und Menschen gingen aus dem Schiffe, und andere kamen
wieder auf dasselbe. Dann fuhr man weiter gegen breite Auen hinab. Man fuhr zwei
Stunden zwischen den Auen fort. Dann kamen wieder Berge an den Fluss. Auf dem
linken Ufer waren waldige Höhen. Auf dem rechten stand ein finsteres Waldhaupt
empor, und die Leute sagten, dort sei die Burg der Herren vom Kürenberge, die
man aber nicht sehen könne. Witiko zeigte Raimund das Waldhaupt, und sagte, von
da stamme der junge Ritter vom Kürenberge, der mit ihm ein Knabe des alten
Bischofes Regimar gewesen sei, und damals schön gesungen und die Fiedel gespielt
habe. Das Schiff fuhr eine halbe Stunde zwischen den Bergen, dann kam es wieder
in freies Land, und auf dem rechten Ufer lag die Stadt Linz. Das Schiff wurde in
dunkelm Abende an das obere Gelände der Stadt gelegt. Witiko und Raimund führten
ihre Pferde über die errichtete Brücke auf das Land, und dort durch den
Wasserturm in die Stadt. In der Wasserherberge fanden sie Unterkunft. Ehe sie
aber die Ruhe suchten, rüsteten sie die Pferde, und ritten, damit die Glieder
derselben bewegt würden, eine Strecke an der Donau abwärts, und dann in die
Stadt. Sie ritten in der Stadt herum, und betrachteten, wo ein Schein aus den
Häusern kam, die Gebäude und die wandelnden Menschen. Dann ritten sie in ihre
Herberge, pflegten sich und die Pferde, und begaben sich zur Ruhe.
    Als am andern Tage das erste Morgenlicht an dem Himmel war, fuhr das Schiff
wieder weiter abwärts. Witiko und Raimund sassen wieder auf der Bank des Daches.
Das Schiff fuhr gegen Auen hinab, und zwischen Auen fort. Nach zwei Stunden sah
man auf dem rechten Ufer die Zinnen und Mauern der Stadt Enns, an welcher Stelle
die alte Stadt Lorch gestanden war. Die Donau wurde nun ein grosser Strom, weil
die Flüsse Traun und Enns hinzu gekommen waren. Und wieder nach zwei Stunden sah
man auf dem nämlichen Ufer die grosse Burg der Herren von Walse. Darauf fuhr das
Schiff in eine finstere Schlucht ein, wie die gewesen war, welche man unterhalb
Passau durchfahren hatte. Das Wasser wurde in der Schlucht eingeengt, und floss
mit grösserer Schnelligkeit dahin. Als das Schiff eine Zeit in der Schlucht
gefahren war, kamen von einem hölzernen Hause, das auf dem Ufer stand, drei
Männer in einem Kahne an das Schiff, hefteten den Kahn an dasselbe, bestiegen
es, und die Schiffer übergaben ihnen die Leitung des Fahrzeuges. Sie lenkten es
an dem Orte Grein vorüber. Unterhalb des Ortes wurde die Schlucht noch wilder.
Es standen auf grossen Felssteinen Türme, und auf einem Inselfelsen stand auch
ein Turm. Über den Schiffschnabel hin sah man auf dem Strome eine Fläche, die so
weiss wie Schnee war. Die Leute sagten, man komme zu den Stellen Strom und
Wirbel, die den Schiffen sehr gefährlich seien. Alle sammelten sich nach und
nach auf dem Dache des Schiffes. Als man zu der weissen Fläche gekommen war,
stimmten die Menschen ein lautes Gebet an. Die Männer, denen die Leitung des
Schiffes anvertraut worden war, späheten sorgsam, arbeiteten emsig, und lenkten
das Schiff in ein schnelles tiefes Wasser zwischen dem Inselturme und der weissen
Fläche, welche schäumendes tosendes Wasser über Geklippe war. Das Schiff ging
geschwinde in dem tiefen Wasser hinunter, wurde um einen Fels gelenkt, und
hinter dem Felsen sah man den Wirbel, der sich in grossen Ringen drehte. Die
Männer lenkten das Schiff an dem Rande der Ringe vorüber. Dann ruheten sie,
blickten nach vorwärts, und liessen das Schiff in das breitere stillere Wasser
hinaus gehen. Das Hilfegebet der Menschen verwandelte sich in ein Dankgebet. Als
es geendiget war, erhielten die Männer, welche das Schiff gelenkt hatten, ihren
Lohn, bestiegen den Kahn, und fuhren wieder an das Ufer. Dann kam ein anderes
Schifflein herzu, aus welchem Menschen an einer langen Stange einen hölzernen
Kübel empor hielten, und eine Gabe für die Armen und für eine Kirche zur
Behütung der Schiffe verlangten. Alle legten eine Gabe in den Kübel. Hierauf kam
noch ein grösseres Schiff, und heischte Wassermaut und Wasserzins. Die Wassermaut
und der Wasserzins wurden bezahlt. Dann ging das rotschnablige Schiff zwischen
kleineren Waldhöhen in freies Land mit Wiesen und Feldern und Wäldern und
Kirchen und Burgen hinaus. Das Land war zu beiden Seiten des Stromes das des
Markgrafen von Österreich. Auf dem rechten Ufer lag die Stadt Ybbs, und auf dem
linken eine alte dunkelbraune Kirche. Dann kam an gerade emporstehenden Felsen
der Ort Marbach. Dort legten sie das Schiff an, und hielten Nachtruhe.
    In der Morgendämmerung fuhren sie wieder weiter, und Witiko und Raimund
sassen wieder auf dem Dache. Sie fuhren an der alten Stadt Bechelaren vorüber, an
der Veste und dem Münster Melk, und kamen dann wieder in eine Schlucht hinunter,
die grösser und tiefer war als diejenigen, durch welche sie bisher gefahren
waren. Auf den dichten Waldhöhen standen Burgen, die dem Geschlechte Chunring
oder andern angehörten, an dem Saume des Wassers waren Kirchen und Ortschaften,
Wiesen und Felder, und es grünete der Weinstock. Bei dem Orte Stein endigte die
Schlucht, und die Schiffer fuhren in ein sehr weites ebenes Land hinaus. Sie
fuhren an den Städten Stein und Krems vorüber, und an der alten Stadt Tuln. Als
die Sonne schon dem Untergange nahe war, kamen sie wieder zu einem Berge. Es war
der Kahlenberg, auf dem die Burg der Markgrafen von Österreich stand. Sie fuhren
an dem Berge vorüber. Sie fuhren noch an Gärten und Wäldchen und Häusern
vorüber, und als die Nacht schon dunkelte, landeten sie an dem Gestade der Stadt
Wien. Die Menschen gingen nun aus dem Schiffe. Witiko und Raimund führten ihre
Pferde auf das Ufer. Dann liess Witiko seine Habe aus dem Schiffe tragen und auf
Saumtiere laden, und ritt neben den Säumern mit Raimund in die Herberge des
Salzgriesses. Dort verbrachten sie die Nacht.
    Am nächsten Morgen pflegten sie die Pferde, dann ging Witiko durch das Tor
der Stadt in das Kirchlein des heiligen Rupert, welches auf der Höhe des
Gestades stand, und betete. Als er zurück gekommen war, rüsteten sie die Pferde,
bestiegen sie, und ritten fort. Sie ritten an dem Rande des Stadtgrabens bis zu
einer Stelle, welche die Freiung hiess, weil sie fliehenden Missetätern einen
Schutzraum bot. Sie ritten an der Freiung vorüber, dann von der Stadt hinweg in
ein grünes Gefilde, auf dem manches Häuslein stand, mancher Garten eingezäunt
war, hie und da Bäume empor ragten, und an manchem Pflocke und an manchem Gitter
Weinreben angebunden waren. Sie ritten an Häusern, Gärten, Bäumen und Weinreben
vorüber, bis sie in den Wald gelangten, der zu der Höhe des Kahlenberges empor
ging. Sie ritten auf dem Pfade des Waldes zu der Burg der Markgrafen von
Österreich hinauf.
    Als sie vor dem Tore der Burg angekommen waren, liess Witiko den Klöppel des
Tores erschallen. Da öffnete sich das kleine Pförtchen neben dem Tore, und der
Torwart trat heraus. Er fragte um den Namen des Reiters. Witiko nannte ihn.
Darauf ging der Torwart wieder hinein, und es wurde ein Flügel des Tores
geöffnet. Die Reiter ritten in den Hof. Dort stiegen sie von den Pferden, und es
kam ein Mann herzu, welcher sagte, er diene dem Marschalke des durchlauchtigsten
Markgrafen, und werde die Pferde besorgen. Witiko und Raimund brachten mit
diesem Manne die Pferde in einen Stall, und gaben ihnen die erste Pflege. Dann
führte sie der Mann in ein Wartegemach, und ging fort. Nach einer Zeit kam ein
anderer Mann, der sagte, dass ihm der von den Reitern, welcher Witiko heisse,
folgen solle. Witiko befahl dem Knechte, der Pferde zu achten, und auf ihn dann
in dem Stalle oder in dem Gemache, in dem sie jetzt wären, zu harren. Dann ging
er mit dem Manne fort. Dieser führte ihn über eine Treppe empor, dann über einen
Gang, und dann in ein Gemach, in welchem junge Mädchen sassen, die spannen. Hier
liess er Witiko stehen, und ging wieder durch die Tür hinaus. Eines der Mädchen
stand von seiner Spindel auf, öffnete die Tür in ein weiteres Gemach, und ging
hinein. Nach einer Weile kam es wieder heraus, und sagte, Witiko möge hinein
gehen.
    Witiko ging in das Gemach. Es war eine geräumige Stube in einer Ecke der
Burg mit vier Fenstern in zwei Seiten. An einer Rückwand stand ein hölzernes
Kreuz mit dem Heilande. Vor dem Kreuze stand ein Betschemel mit braunem Tuche,
und über dem Kreuze war ein Dach von dem nämlichen Tuche. Die ganze Stube war
mit Eichenholz getäfelt. An einem Tische waren vier Frauen, die dunkelgraue
Gewänder hatten. Die Gewänder wurden durch einen Gürtel zusammen gehalten. Auf
dem Haupte trugen sie weisse Hauben. Die Frauen waren an einem grossen Tuche mit
der Nadel beschäftigt, eine Stickerei darauf zu verfertigen. Zwei von ihnen
waren jung, eine war in mittlerem, die andere in höherem Alter. Die Frau
mittleren Alters sass etwas tiefer als die ältere, die jungen noch tiefer. Die
Frau hatte ein sanftes Angesicht von feiner weisser, ein wenig rot schimmernder
Farbe. Ihre Augen waren blau, und die Haare, die unter der Haube hervor sahen,
waren blond, und schienen blasser zu werden. Die älteste der Frauen hatte
ebenfalls ein sehr feines Angesicht voll Freundlichkeit; aber das Rot darauf war
schwächer als bei der andern. Die Augen waren dunkelblau, und die Haare waren
weiss wie die Haube.
    Als Witiko in dieses Gemach gekommen war, nahm er seine Haube ab, dass die
blonden Haare sein Angesicht umwallten, neigte sich und sprach nicht.
    Die ältere der Frauen erhob sich von ihrem Sitze, legte die Nadel auf den
Tisch, und sagte: »Du bist verwundert, Witiko, dass du in diese Stube der Frauen
gekommen bist. Verharre ein Weilchen hier, und nimm zum Zeichen, dass du uns
nicht verschmähest, einen Sitz.«
    Eine der jungen Frauen stand auf, und wollte einen Stuhl gegen Witiko
rücken. Er kam ihr aber zuvor, nahm den Stuhl, und da sie wieder zu ihrem Platze
gegangen war, setzte er sich auf denselben nieder.
    Die ältere Frau hatte auch ihre Stelle wieder eingenommen.
    Dann sprach sie: »Witiko, da du jetzt unter uns bist, grüsse ich dich. Ich
bin Agnes, die Witwe Leopolds, des vorvorigen Markgrafen von Österreich, die
Tochter des Kaisers Heinrich des Vierten.«
    Witiko stand schnell von seinem Sitze auf.
    Sie aber sagte: »Bleibe auf deinem Stuhle, und wenn du reden willst, so rede
von ihm aus.«
    Witiko setzte sich nieder, und sprach: »Hocherlauchte Frau, da es sich so
gefügt hat, so erlaubt, dass ich Euch meinen Dank für die Aufnahme in diesem
Gemache sage, und für die Huld, die Ihr mir erweiset.«
    Agnes aber sprach: »Witiko, als mein Vogt in dieses Zimmer kam, uns deinen
Namen zu sagen, so befahl ich, weil deine Mutter hier war, dich zu uns zu
führen. Verzeihe mir; meine Augen wollten sehen, wie ein guter Sohn zu der guten
Mutter komme. Unterlasse den Empfangsdank, und grüsse deine Mutter; denn das ist
dein erstes.«
    Witiko stand nach diesen Worten auf, näherte sich der Frau des mittleren
Alters, liess sich vor ihr auf ein Knie nieder, und sagte: »Ich grüsse dich, meine
gute vielgeliebte Mutter!«
    »Ich grüsse dich, mein treuer Sohn«, antwortete die Frau.
    Sie zog ihn an seiner Hand empor, und legte ihre Hände auf sein Haupt.
    Da sie dieselben herab genommen hatte, beugte er sich auf ihre rechte Hand
nieder, und küsste sie.
    Als er sich wieder erhoben hatte, und in ihr Angesicht schaute, waren in
ihren Augen Tränen, und es waren in seinen Augen Tränen.
    Die zwei jungen Frauen hörten zu sticken auf, und sahen auf die Mutter und
den Sohn.
    »Gehe wieder auf deinen Platz, Witiko«, sagte die Mutter, »und erweise der
hohen Frau, die dich vor ihr Angesicht gerufen hat, deine Verehrung.«
    Witiko aber blieb auf seiner Stelle stehen, und sprach: »Ja, die Verehrung,
welche der erhabenen Frau gebührt, die Verehrung, welche sich gegen die Tochter
des denkwürdigen Kaisers Heinrich geziemt, die Verehrung, welche der Mutter des
deutschen Königs Konrad zukömmt, die Verehrung, welche ich der Mutter Gertruds,
der Gattin Wladislaws, des Herzogs von Böhmen und Mähren, zolle, die bei der
Belagerung von Prag eine Heldin geworden ist, die Verehrung, welche ich gegen
die Frau hege, die in ihren Söhnen und Töchtern auf geistlichen und weltlichen
Stühlen und auf den Kriegsfeldern und im Fürstenrate waltet, und die Verehrung,
die der Jüngling der Frau bringt.«
    »Witiko«, antwortete Agnes, »meine Schwiegertochter Maria hat mir erzählt,
dass ihr Vater Sobeslaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, gesagt hat, du
könnest, wenn du auch noch jung bist, deine Worte gut stellen, und du hast uns
ein Zeichen davon gegeben. Ich glaube, dass du mich verehrest, aber es ist für
meine weissen Haare und für meinen gebeugten Körper, wie stets ein Alter wirkt,
über welches Gott viel verhängt hat.«
    »Hocherhabne Frau«, sagte Witiko, »der Herzog Sobeslaw ist immer mild gegen
mich gewesen, und meine Worte rede ich nach meinen Gedanken, und kann oft die
Gedanken nicht in Worte bringen. In dir aber verehre ich, was du bist, und
verehre auch dein Alter.«
    »Gehe zu deinem Sitze, Witiko«, sagte Agnes, »und harre noch eine Frist, ich
werde dich deiner Mutter nicht lange entziehen.«
    Witiko ging zu seinem Stuhle, und setzte sich auf denselben nieder.
    »Bist du von Pric gekommen?« fragte Agnes.
    »Ich bin von Pric gekommen«, antwortete Witiko; »aber ich habe von Pric den
hochehrwürdigen Bischof von Olmütz, Zdik, der auf der Flucht ist, nach Passau
geleitet, und bin dann von Passau donauabwärts nach Wien gefahren.«
    »So ist der Bischof Zdik auf der Flucht?« fragte Agnes.
    »Wegen der Mächtigen in seinem Lande, die einen schweren Groll gegen ihn
tragen«, sagte Witiko.
    »Es ist immer so, und immer so«, entgegnete Agnes.
    »Wie lange hast du deine Mutter nicht gesehen, Witiko?«
    »Vier Jahre«, antwortete Witiko.
    »Er ist in dem nämlichen Gewande gekommen, in welchem er Abschied genommen
hat«, sagte die Mutter.
    »So hast du dein Jugendgewand angelegt?« sprach Agnes.
    »Ich habe das Gewand angelegt«, antwortete Witiko, »weil ich dachte, dass
auch die Mutter daran Freude habe, und dann ziemt mir ein schönes Ritterkleid
noch wenig, weil ich noch keine Rittertaten habe vollbringen können, die von dem
Herrn des Landes, dem man dient, und von fürstlichen Gebietern mit Verleihungen
ausgezeichnet werden, und die den Ruhm und den Glanz vor den Menschen erringen.«
    »Dieser junge Ritter spricht auch wieder von Taten«, sagte Agnes, »und weiss
man denn, was Taten sind? Siehe, Witiko, heute ist hier ein Gedenktag, und ich
habe, als du kamest, eben den Frauen von der Vergangenheit erzählt. Ich will
weiter erzählen, dir kann es auch fruchten, Witiko, wenn du es hörst, und in
deinen Gedanken überlegst.«
    Sie schwieg eine Weile, dann sprach sie: »Mein Vater hat seinen Sohn Konrad
zum erwählten römischen König gemacht, und er sollte nach ihm römischer Kaiser
werden. Aber Konrad stand gegen den Vater auf, und wollte ihm die Herrschaft
entreissen. Die Fürsten entsetzten ihn auf dem Reichstage in Mainz seines
Königtumes und seines Anrechtes auf das Kaisertum, weil keine Gewalt auf Frevel
gegründet werden sollte. Der Vater zog jetzt seinen geliebten jungen Sohn
Heinrich hervor, und derselbe wurde zum römischen Könige und Nachfolger des
Vaters erwählt. Er wurde in Aachen gekrönt, und schwur, dass er dem Vater in
allem gehorchen, und sich nie gegen seine Pflicht erheben werde. Mich vermählte
der Vater, da ich noch sehr jung war, dem herrlichen Manne, Friedrich von Büren,
der immer treu gewesen war, der sich die Burg auf dem hohen Staufen erbaut
hatte, und den der Vater zum Herzoge von Schwaben gemacht hatte. Ich gebar ihm
die Söhne Friedrich und Konrad. Als fünf Jahre nach der Krönung meines Bruders
verflossen waren, ging dieser zu den Empörern nach Baiern. Der Vater sandte
meinen Gatten, dann die Erzbischöfe von Trier und Köln zu ihm, dass sie ihm
seinen Schwur und das vierte Gebot vorhielten. Aber er blieb unbeweglich. Er
gewann die Sachsen und manche andere, und zog gegen den Vater. Da starb mein
Gatte. Der Bruder sagte, er wolle nicht gegen den Vater kämpfen, er wolle nur,
dass sich derselbe von dem Banne löse, und mit seinen Kindern, die ihm dann
gehorchen werden, christlich lebe. Im Erntemonate kam die Heeresmacht meines
Vaters bei Regensburg gegen die Heeresmacht meines Bruders. Die Heeresmacht des
Vaters war grösser als die Heeresmacht des Bruders. Es waren viele getreue Herren
bei dem Vater, es war Leopold, der Markgraf von Österreich, bei ihm, es war
Boriwoy, der Herzog von Böhmen und Mähren, bei ihm, und es waren noch andere bei
ihm. Es war vorauszusehen, dass, wenn eine Schlacht würde, dem Vater der Sieg
bliebe. Da ging der Bruder in der Nacht vorher zu dem Markgrafen Leopold, und
sagte, er wolle mich ihm zur Gemahlin geben, wenn er dem Vater in der Schlacht
nicht beistünde. Leopold versprach es, ging zu dem Vater, und sagte ihm, dass er
für ihn nicht kämpfen werde. Darauf sagte Boriwoy, der Herzog von Böhmen und
Mähren, man könne dann überhaupt nicht kämpfen, weil die Macht zu geringe sei.
Als dieses geschehen war, sandte mein Bruder einen Boten an den Vater, der
melden sollte, es sei eine Verbindung in dem Heere des Vaters geschlossen
worden, ihn zu verlassen, und ihm nach dem Leben zu streben. Weil der Markgraf
Leopold den Kampf verweigert hatte, weil der Herzog Boriwoy gesagt hatte, dass
man nicht kämpfen könne, glaubte der Vater die Botschaft, er verzweifelte, und
floh in der Nacht aus dem Lager. Mein Bruder liess mich am andern Tage in seine
Zelte bringen, und sagte mir, ich sei die Braut Leopolds, des Markgrafen von
Österreich. Ich weiss, dass ich einen Schrei tat, und dass mir dann die Sinne
vergingen. Als ich erwachte, lag ich auf dem Boden. Mein Bruder stand vor mir,
und sah mich an. Die Frauen halfen mir nicht, weil sie den Bruder fürchteten. Da
sass ein böhmisches Mädchen bei meinem Haupte auf der Erde, das Mädchen träufelte
Wasser auf meine Stirne, und befeuchtete meine Lippen damit. Und als ich wieder
in dem Leben war, drückte es seinen Mund auf den meinen, und streichelte meine
Wangen, und liebkoste mich. Ich fasste mit meiner Hand den Arm des Mädchens, und
das Mädchen half mir auf einen Stuhl. Und es ist den ganzen Tag und dann mehrere
Tage bei mir geblieben. Dann zog es wieder mit den Ihrigen in das Land Böhmen.
Ich sagte, dass ich Leopold, den Markgrafen von Österreich, ehelichen werde. Es
ist das Sterbejahr meines Gatten gewesen, und es sind seitdem siebenunddreissig
Jahre verflossen. Das böhmische Mädchen aber habe ich erforscht, es ist meine
Freundin geworden, ich bin seine Freundin geworden, und wir haben uns Liebe
durch das ganze Leben gewährt. Das Mädchen hat den böhmischen Herrn Zaton
geheiratet, und das erstgeborne Kind dieser Ehe ist deine Mutter geworden,
Witiko, und diese hat mir auch ihre Liebe während des Lebens und nach dem Tode
ihrer Eltern gegeben.«
    »Meine Mutter hat nur eine Christenpflicht geübt«, sagte die Mutter Witikos.
    »Und mein Dank ist auch nur eine Christenpflicht gewesen«, antwortete Agnes.
    Dann sprach sie: »Mein Eheleben mit Leopold ist sehr glücklich geworden. Er
ist fromm und gut gegen seine Untertanen gewesen, er hat Münster und Klöster
gestiftet, durch diese Fenster kann man auf das Kloster der neuen Burg hinab
schauen, das er gegründet hat. Unsere Kinder sind in der Liebe zu uns und in der
Liebe zu einander aufgewachsen. Dann ist er gestorben, und ich trauere hier um
ihn.«
    Sie schwieg eine kleine Zeit, und die andern schwiegen auch.
    Dann sprach sie wieder: »Der Vater ist nach Böhmen geflohen. Der Herzog
Boriwoy ist ihm nachgezogen, und hat ihn dann ehrerbietig behandelt. Er
geleitete ihn zu seinem Schwager Wipprecht von Groitsch. Wipprecht von Groitsch
geleitete ihn weiter, bis er an den Rhein kam. Bei Koblenz sammelte er ein neues
Heer. Mein Bruder zog auch an den Rhein, und es standen wieder die Männer des
Sohnes gegen die Männer des Vaters. Da schickte mein Bruder Boten an den Vater,
welche die Worte melden mussten: Auf die heilige Weihnachtzeit ist ein Reichstag
nach Mainz angeordnet worden, ich bitte meinen Vater demütig, dass wir vorher
zusammen kommen, und bereden, was unserer beiden Sache ist, und dass wir uns
versöhnen. Der Vater kam zu der Unterredung, und als er den Sohn erblickte,
flossen Tränen aus seinen Augen, und er sagte: Heinrich, um Gott des
Allmächtigen willen bitte ich dich, lade nicht die Tat auf dich, die weder in
diesem Leben noch in jenem Leben verziehen wird. Wir müssten beide verzweifeln.
Mein Bruder fiel auf die Erde, und fasste die Knie des Vaters, und sagte, er
bereue alles, was er gegen ihn getan habe, er bitte um Verzeihung, er werde
gehorsamen, der Vater möge sich mit der Kirche versöhnen, und beide wollen sie
auf den Reichstag nach Mainz gehen, und dort die Versöhnung besiegeln. Der Vater
verzieh. Dann sagte mein Bruder, er wolle nach Mainz gehen, und dort alles
vorbereiten, der Vater möge indessen warten. Er ging fort, der Vater wartete. Er
kam wieder zurück, und schwor, er sei bereit, für den Vater Leib und Leben zu
opfern, und er wolle ihn weiter geleiten. Sie zogen fort, und kamen bis gegen
Bingen. Ein jeder hatte dreihundert Begleiter. Auf dem Wege wurden die Begleiter
meines Bruders immer mehr. Vor Bingen sagte er: Vater, meine Besorgnis wächst,
dass Euch der Erzbischof von Mainz wegen des Bannes nicht in seine Stadt
einlassen werde. Bleibet in Bingen, und feiert dort das Weihnachtfest, ich werde
nach Mainz gehen, und für Euch wirken. Der Vater antwortete: Heinrich, Gott
richtet zwischen mir und dir, ich vertraue auf dich. Mein Bruder schwor zum
dritten Male, dass er das Leben für den Vater lassen wolle. Er zog nach Mainz,
der Vater nach Bingen. Aber in Bingen wurde er von Männern meines Bruders
Heinrich, welche dort waren, und von Männern Gebharts, des Bischofes von Speier,
welche sich zu ihnen gesellt hatten, umringt, die Männer des Vaters wurden
besiegt, und er wurde gefangen genommen. Und in der Haft wurde ihm des Leibes
Bedürfnis und Bequemlichkeit versagt. Und es kamen dann von Mainz die
Erzbischöfe von Mainz und Köln, der Bischof von Worms, und der Markgraf von
Meissen. Sie sagten zu dem Vater: Gib die Kleinode heraus, die Krone und den
Purpur und den Ring, dass wir sie deinem Sohne Heinrich bringen. Mein Vater
fragte: Wo ist das Recht zu dem Begehren? Sie sagten: Weil du priesterliche
Stellen für Geld verkauft hast, weil du in dem Banne bist, und weil alle im
Reiche an Leib und Seele Schaden leiden, so wollen der Heilige Vater und die
Fürsten dich deiner Würde entsetzen. Der Vater rief: Du, Rotart, Erzbischof von
Mainz, du, Friedrich, Erzbischof von Köln, und du, Adalbert, Bischof von Worms,
was habt ihr mir für eure Stellen gegeben? Sie antworteten: Nichts. Der Vater
sagte: Nun also bin ich hierin gerechtfertigt; denn ihr hättet mir viel für eure
Stellen zahlen müssen. Euch aber sage ich, beflecket diese Stellen und die
kaiserliche Würde nicht. Wollen die Fürsten über die andern Dinge einen
Entschluss fassen, so werde eine Frist zur Untersuchung gesetzt, und werde ich
schuldig befunden, so werde ich selber die Krone von meinem Haupte nehmen. Die
Abgesandten sagten, eine Frist werde nicht gewährt, der Kaiser müsse sogleich
willfahren. Darauf entfernte sich der Vater aus dem Gemache, und kam dann wieder
in dasselbe zurück, angetan mit dem Purpur, die Krone auf dem Haupte, und den
Ring an dem Finger. Er sprach: Der Kaiser hat sonst dem Verbrecher Frist und
Gehör bewilligt, dem Kaiser werden sie nicht bewilligt. Wohlan, so nehmet,
wornach euch gelüstet. Als er dieses gesagt hatte, standen die Boten, und regten
sich nicht. Da sprach der Markgraf von Meissen: Unser König Heinrich hat gesagt,
wenn der Kaiser schnell einwilligt, so kann sein Leben gerettet werden. Der
Erzbischof von Mainz sagte: Wenn wir den Würdigsten auf den Kaiserstuhl setzen
dürfen, warum sollen wir den Unwürdigsten nicht absetzen dürfen? Und da dieses
gesprochen war, nahmen sie dem Vater die Krone von dem Haupte, zogen ihm den
Ring von dem Finger, und entkleideten ihn des Purpurs. Er aber rief: Herr, ich
leide für die Sünden meiner Jugend. Ihr aber habt das Amt des Rächers nicht, und
die Strafe wird euch ereilen wie den Verräter des Herrn. Und die Boten brachten
dann die Kleinode nach Mainz, und die Fürsten und die Priester und die
Abgesandten des Heiligen Vaters verlangten, der Kaiser solle nun kommen, soll
Busse tun, und freiwillig dem Reiche entsagen. Der Bruder liess den Vater nach
Ingelheim bringen, die Fürsten und die Versammelten gingen auch dahin. Sie
droheten dem Vater, und sagten, er solle die Herrschaft freiwillig niederlegen.
Der Vater fragte: Wenn ich das tue, werde ich dann Ruhe und Sicherheit haben?
Darauf antwortete Gebhart, der Bischof von Konstanz, welcher der Gesandte des
Heiligen Vaters war: Nein, du wirst so lange nicht Ruhe und Sicherheit haben,
bis du eingestehst, dass du an der Kirche und an ihrem Haupte gefrevelt hast. Der
Vater sagte: So setzet ein Gericht aus Fürsten und Priestern zusammen, dass es
untersuche und entscheide. Gebhart sprach wieder: Du bleibest lebenslang
gefangen, wenn du dich nicht sogleich entschliessest. Der Vater sagte: Und wenn
ich bekenne, und wenn ich die Herrschaft niederlege, wirst du dann den Bann von
mir nehmen? Gebhart antwortete: Das ist nicht in meiner Macht. Der Vater sagte:
Wer die Beichte hört, muss auch lossprechen können. Gebhart antwortete: Das wird
vielleicht der Heilige Vater tun, wenn du nach Rom pilgerst, und Genugtuung
leistest. Nach diesen Worten fiel mein Vater auf die Knie, und rief: Um der
Gnade und Barmherzigkeit des Himmels willen bitte ich euch alle um Milde und
Gerechtigkeit, und an dich, Heinrich, mein Sohn, richte ich die Beschwörung,
vollbringe nicht an mir das Unwürdigste und Entsetzlichste. Vielen Fürsten
rannen nun die Tränen von den Wangen, Gebhart blieb bei seinen Worten, Heinrich,
mein Bruder, sagte nichts, und blickte nicht auf den Vater. Da sprach der
Kaiser: So entsage ich also dem Reiche, und werde der Kirche genügen, und nach
dem Gebote der Verzeihung empfehle ich euch meinen Sohn. Sie wählten und
weiheten dann darauf noch einmal meinen Bruder Heinrich zum Könige. Den Vater
aber liessen sie nicht fort. Da eine Zeit vergangen war, bat er Gebhart, den
Bischof von Speier: Gib mir eine Pfründe in deinem Stifte, dass ich zum Chore
gehen kann. Der Bischof verweigerte es. Und da der Vater dachte, dass sein Leben
nicht sicher sei, so versuchte er die Flucht, und sie gelang ihm. Er floh nach
Köln, und zog dann mit einem kleinen Geleite gegen Lüttich. Als sie auf dem Wege
waren, hörten sie Jagdhörner, und der Herzog von Lotringen, den der Vater
einmal abgesetzt hatte, trat ihm mit seinen Männern entgegen, und sagte: Du hast
sehr unrecht an mir gehandelt. Der Vater antwortete: Ich leide jetzt dafür und
für das andere. Der Herzog aber sagte: Ich will zu dir stehen, der du verfolgt
bist. Und er ging darnach mit allen seinen Kriegsmännern zu dem Vater nach
Lüttich. Und Köln und Jülich und andere Städte erklärten sich nun für den Vater,
und es kam ein Kriegsheer zusammen. Da sandte nun mein Bruder Heinrich Boten zu
dem Vater, ihn demütig zu grüssen, und zu sagen, dass er sich mit ihm aussöhnen,
und dass er bei ihm in Lüttich das Osterfest feiern wolle. Der Vater antwortete:
Ich vertraue dir nicht, ich bin an das Ende des Reiches gegangen, um Ruhe zu
finden, und du bleibe fern, das Volk hier ist dir feindlich. Mein Bruder aber
ging mit einem Heere gegen Lüttich, er wurde geschlagen, und rettete kaum sein
Leben. Der Vater liess einen Brief ergehen, darin stand: Ich klage Gott und den
Heiligen mein Leid von der Kirche; aber ich will mich ihr unterwerfen, und ihr
Genugtuung leisten, und so ist die Ursache gehoben, um die mein Sohn gegen mich
ist, es müsste nur sein, dass er einzig nach der Gewalt strebt. Mein Bruder
sammelte wieder ein Heer, und belagerte Köln durch lange Zeit, bis Hunger und
Krankheit seine Leute dahin nahmen. Dann verliess er Köln, sammelte neuerdings
Männer, und zog gegen Lotringen. Da kam eines Tages Burkhard, der Bischof von
Münster, zu ihm, und sagte: Dein Vater, der Kaiser, sendet dir das
Reichsschwert, welches damals nicht in Bingen gewesen ist, du sollst es hinfort
führen; denn er ist am siebenten Tage des Erntemonates in Lüttich gestorben. Er
lässt dich bitten, dass du ihn begrabest, und den Seinigen verzeihest. Aber
Heinrich begrub den Vater nicht. Der Bischof von Lüttich begrub ihn christlich;
aber er musste ihn wieder ausgraben, weil er im Banne gestorben war. Die Leiche
stand nun auf ungeweihetem Grunde auf einer Insel der Maas, und nur ein einziger
Pilger aus Jerusalem betete und sang bei ihr. Dann wurde sie mit dem Willen
meines Bruders in einem steinernen Sarge nach Speier gebracht. Der Diener des
Vaters, Erkenbald, wollte sie mit Priestern und Volk in der Kirche der heiligen
Jungfrau Maria, welche der Vater gebaut hatte, begraben; aber der Bischof von
Speier gestattete es nicht. Von da stand sie fünf Jahre in einer ungeweiheten
Kapelle. Nach dieser Zeit wurde sie begraben, und der Bruder feierte das
Begräbnis. Er waltete nun fortan als das weltliche Haupt der Christenheit. Heute
ist der Tag des Gedächtnisses an jenen Tag, an welchem mir endlich nach vielem
Beten von Gott die Gnade verliehen worden ist, meinem Bruder gänzlich verzeihen
zu können, was er an dem Vater gesündigt hat. Darum war feierlicher
Gottesdienst, und darum erzähle ich davon. Es ist meinem Bruder auch die Gnade
zu Teil geworden, seine Schuld noch hier ein wenig büssen zu können. Der Schoss
seines Weibes blieb unfruchtbar, er wurde in den Bann der Kirche getan, und er
starb in den Mannesjahren an einem kleinen Geschwüre, das sich vergrösserte, und
ihn dahin raffte. Die deutsche Krone ist auf den Sachsen Lotar übergegangen.
Rotart, der Erzbischof von Mainz, der den Namen von Hartesberg trug, starb drei
Jahre nach dem Vorgange in Bingen, Adalbert, der Bischof von Worms, zwei Jahre
darauf, Friedrich, der Erzbischof von Köln, der den Namen Ortenberg hatte, lebte
noch über zwanzig Jahre, ist aber jetzt auch tot. Eben so ist jener Markgraf von
Meissen dahin gegangen, der so schnell gestiegen ist, und dessen Geschlecht dann
so Unglückliches erlebte.«
    Agnes schwieg nun. Die Mutter Witikos nahm das Wort, und sagte: »Hohe Frau,
lasse diese traurigen Dinge nicht in deinem Gemüte empor leben, sie sind
vergangen, Gott hat sie geschehen lassen, und richtet über sie. Denke an die
Gegenwart. Du bist verehrt wie eine der Frauen, die im Leben heilig gewandelt
sind, das Volk in diesen Ländern heiligt das Andenken deines Gemahles, und du
hast wohlgeratene Kinder. Der Kaiser Lotar, der Sachse, ist tot, und die
Herrlichkeit der deutschen Königskrone ist auf das Haupt deines Sohnes Konrad
gekommen, und auf die Königskrone wird die Kaiserkrone folgen. Das neue starke
Geschlecht der Hohenstaufen wird von der Krone geziert, und ziert die Krone bis
in Zeiten, die in der entfernten Zukunft sind. Dein Sohn anderer Ehe, Heinrich,
herrscht als Markgraf in diesem schönen Lande, er hat sich die Witwe seines
Feindes in Liebe verbunden, er wird den Herzoghut tragen, und die Österreicher
werden mit den Hohenstaufen in Freundschaft des gleichen Weges gehen bis in die
Zeiten, von denen ich gesagt habe.«
    »O Wentila«, entgegnete Agnes, »die traurigen Dinge leben nicht in meinem
Gemüte empor, sie leben in demselben immer fort, und wenn sie auch vergangen
sind, und Gott über sie richtet, so ist die Vergangenheit doch in mir, und ich
bin in ihr. Und heilig kann ich nicht wandeln, ich kann nur für meine Sünden
büssen, und für die Lebenden und Toten beten. Die Macht und die Kronen aber sind
Dinge, welche tauglich sind, mit ihnen Gutes zu tun, sonst sind sie nichtig.«
    »Und die Deinigen haben mit diesen Dingen schon Gutes getan«, sagte Wentila,
»Konrad hat den wilden Krieg des trotzigen Mannes aus Baiern beendigt, er hat
die Kraft des deutschen Landes viel befestigt, und wird sie noch mehr
befestigen, und dann seine Augen auf Jerusalem und Betlehem richten. Heinrich
waltet in seiner Mark. Er wird der erste Herzog derselben sein, und die Dinge in
den heiligen Ländern können durch ihn auch an Gedeihen gewinnen.«
    »Mögen die Hohenstaufen die Macht immer zum Guten wenden«, sagte Agnes, »und
durch sie nicht in Verwirrung geraten, wie die, welche die Macht vor ihnen
gehabt haben. Ich habe Taten genug gesehen, die gepriesen worden sind, und Übles
gestiftet haben. Wer seine Ehefrau liebt, seine Kinder in Gott erzieht, seine
Habe ehrbar mehrt, und seine Untertanen schützt und fördert, hat rechte Taten
getan. Und wer weiss es, ob es nicht eine bessere Tat ist, wenn wir hier dieses
Tuch zum Dienste der Kirche sticken, oder auch nur zum weichen Fusstritte eines
Greises, als wenn wir Herzogtümer eroberten oder zertrümmerten.«
    »Hohe Frau«, sagte Wentila, »es sind der menschlichen Dinge unzählbare, wie
es unzählbare Bäume und Kräuter gibt.«
    »Sie sind«, sagte Agnes, »und Gott leitet sie. Witiko, meine
Schwiegertochter hat von dir geredet, mein Sohn hat von dir geredet, und deine
Mutter hat mir erzählt, wie gut du bist. Ich habe dich gesehen. Gehe jetzt mit
deiner Mutter in ihre Kammer, und redet, wie ihr redet, wenn ihr allein seid.
Bleibe bei uns und deiner Mutter auf dem Kahlenberge, so lange du willst. Gehe
zu meinem Sohne Heinrich, und gehe zu den alten und zu den jungen Rittern, und
sage dann in der Heimat deinen Freunden, wie es bei uns ist. Hecila, melde
Kunigunden, dass sie den Vogt anweise, Witiko seine Wohnung zu zeigen.«
    Eine von den zwei jungen Frauen erhob sich von ihrem Sitze, und ging aus dem
Gemache.
    »Du beurlaubest uns, erlauchte Frau«, sagte Wentila, »und wir entfernen
uns.«
    Sie stand von ihrem Sitze auf, und Witiko stand auch auf.
    Er sprach, da er stand: »Nehmet noch einmal den Dank für die gute Aufnahme,
hocherlauchte Frau, und den für die Gewährung der Beherbergung, ich werde ihrer
in Gemeinschaft mit meiner Mutter pflegen, und mich bestreben, sie zu
verdienen.«
    »Geniesse mit deiner Mutter«, sagte Agnes, »wie es ist, wenn Eltern und
Kinder einig sind.«
    Die junge Frau, welche aus dem Gemache gegangen war, kam wieder zurück.
    »Du hast deinen Auftrag vollbracht, Hecila«, sagte Agnes.
    »Es ist geschehen«, antwortete die Frau.
    »Nun, so wollen wir, die wir zurück bleiben, wieder an die Arbeit gehen, und
sie zu fördern suchen«, sagte Agnes.
    »Gehabe dich wohl, hohe Frau«, sagte Wentila.
    »Du auch«, entgegnete Agnes.
    Wentila und Witiko neigten sich vor Agnes, und verliessen das Gemach.
    Sie gingen durch die Stube, in welcher die jungen Mädchen spannen, und als
sie draussen waren, setzte Witiko die Lederhaube wieder auf sein Haupt.
    Wentila geleitete Witiko durch einen Teil des Ganges, und führte ihn zu
einer Tür. Sie öffnete dieselbe, und sie traten in ein Gemach, in welchem ein
Mädchen sass, und nähte.
    Das Mädchen stand auf, da die Mutter und der Sohn herein kamen.
    »Sei gegrüsst, Lutgart«, sagte Witiko.
    »Seid gegrüsst, hoher Herr«, antwortete das Mädchen.
    Es ging zu einer Tür, und öffnete sie in eine zweite Stube.
    »Sorge, dass wir nicht gestört werden«, sagte Wentila.
    »Ich werde es tun, hochverehrte Frau«, antwortete das Mädchen.
    Wentila führte Witiko in die zweite Stube, und das Mädchen schloss hinter
ihnen die Tür.
    »Lege deine Haube auf diesen Tisch, Witiko, und lege dein Schwert dazu«,
sagte Wentila.
    Witiko nahm seine Haube von dem Haupte, und legte sie auf den Tisch. Dann
lösete er sein Schwert ab, und legte es zu der Haube.
    Hierauf sagte er: »Sei mir nun erst recht gegrüsst, meine liebe, ehrwürdige
Mutter.«
    »Sei mir gegrüsst, mein guter Sohn des guten Wok«, antwortete Wentila.
    Sie nahm ihn mit beiden Händen an dem Haupte, und küsste ihn auf die Stirne.
    Dann streichelte sie mit den Händen seine Wangen.
    »Setze dich zu mir auf eine dieser Bänke«, sagte sie darauf, »und geniessen
wir die Einigkeit, wie die Frau Markgräfin gesprochen hat.«
    Sie setzte sich auf eine gepolsterte Bank, und Witiko setzte sich zur ihr.
    Er nahm ihre Hand, und drückte seine Lippen ehrerbietig darauf.
    Sie sah ihn freundlich an, und sprach: »Wo hat dich denn mein Bote
getroffen?«
    »Er ist nach Pric zu mir gekommen«, antwortete Witiko.
    »Als ich dir durch Smitan auf deine Botschaft zurück hatte sagen lassen, dass
ich dir eine Kammer in Landshut richten werde«, sagte Wentila, »ritt Gerhard,
der Marschalk Ottos, des Bischofes von Freising, nach Landshut, und meldete mir,
dass mich Agnes, die verwitwete Markgräfin von Österreich, zu sich auf den
Kahlenberg entbietet, weil ein Geschwader des Bischofes nach Wien geht, das mich
geleiten würde. Ich willigte ein, und schickte dir gleich den alten Michael mit
der Nachricht zu.«
    »Er ist über Plan nach Pric geritten«, sagte Witiko, »ich musste nur vorher
den Bischof Zdik nach Passau geleiten.«
    »Und auf einem Schiffe bist du von Passau nach Wien gefahren?« fragte
Wentila.
    »Auf einem Schiffe«, antwortete Witiko.
    »Ich habe dich lange nicht gesehen«, sagte Wentila.
    
    »Es werden jetzt bald vier Jahre, seit ich von Passau über den Wald geritten
bin«, entgegnete Witiko.
    »Vier Jahre sind eine lange Zeit«, sagte Wentila.
    »Mutter«, antwortete Witiko, »ich musste manche Tage harren, ob sich etwas
ereigne, daran ich mitwirken könnte, und ob ich auch etwas zu vollbringen
vermöchte, zu dir kommen zu können; aber endlich wollte ich dich wieder sehen,
und mit dir über verschiedene Dinge sprechen. Ich habe dir in manchen Zeiten
Nachrichten geschickt.«
    »Ich habe sie empfangen, und habe dir Nachrichten zurück geschickt«, sagte
Wentila. »Und in dem Kleide bist du zu mir gekommen, in dem du von mir weg
geritten bist.«
    »Ich habe das Kleid deinetwillen angelegt«, entgegnete Witiko, »und auch
eines andern Menschen willen, von dem ich dir später sagen werde.«
    »Du bist viel stärker geworden, Witiko«, sagte Wentila.
    »Ich habe es nicht beachtet«, antwortete Witiko.
    »Auch deine Wangen sind röter geworden«, sagte Wentila.
    »Das kann von den freien Lüften herrühren«, entgegnete Witiko.
    »Gott im Himmel wird dir ferner noch Gedeihen geben«, sprach Wentila.
»Witiko, sage, befolgst du die Lehren der heiligen Kirche?«
    »Ich suche nach dem zu leben, wie mich der ehrwürdige Vater Benno angeleitet
hat«, entgegnete Witiko.
    »Dann wirst du gottgefällig leben wie er«, sagte Wentila. »Bist du gütig und
freundlich gegen alle Menschen, auch gegen die Geringen?«
    »Ich liebe die Menschen, und strebe, gegen sie gut zu sein«, antwortete
Witiko.
    »So ist dein Vater Wok gewesen und dein Grossvater Witek«, sprach Wentila.
»Der ehrwürdige Vater Benno sagt, dass das recht gewesen ist, was du getan hast,
Witiko.«
    »Sagst du das auch, Mutter?« fragte Witiko.
    »Benno weiss es besser«, antwortete Wentila, »und ich sage, es wird schon
recht sein.«
    »Da ist auch der hochehrwürdige Silvester«, sagte Witiko, »welcher Abt in
dem Kloster an der Sazawa gewesen ist, dann erwählter Bischof von Prag wurde,
wegen Ungerechtigkeit zurückgetreten ist, und jetzt wieder in dem Kloster an der
Sazawa wohnt. Er sagt, dass man nur das Gute tun soll, und alles andere ist damit
verbunden. Er lobt nicht alles, was ich getan habe. Ich möchte unter allen, die
ich kenne, zuerst dir, Mutter, Genüge tun, und dann Benno und Silvester, und
dann noch einem Menschen.«
    »Witiko, öffne mir dein ganzes Gemüt«, sagte Wentila.
    »Ich bin lange in Plan gewesen«, antwortete Witiko.
    »Ich weiss es«, entgegnete Wentila.
    »Dort sind die Gründe Waldland«, sagte Witiko. »Von dem Walde sind Gerölle,
Grobsand und Steinmehl in unsern Äckern. Aber Martin und Raimund und Lucia
bewirtschaften mit Taglöhnern das kleine Anwesen gut. Das Haus ist nicht
schadhaft, und liegt handsam in dem Walde.«
    »Du hast dort Arbeiten wie ein Knecht verrichtet«, sagte Wentila. »Florian,
den mir Matias geschickt hat, ist ein guter Bote gewesen.«
    »Ich habe geholfen, und es ist mir dabei gut geworden«, sagte Witiko.
    »Und in Pric hast du auch geholfen«, sagte Wentila.
    »Pric hat einen besseren Boden, und es wird noch immer besser werden«,
antwortete Witiko. »Kuto ist ein treuer Diener, er versteht die Pflege, und ist
gelassen und sparsam. Kan und Peko und Mira und Glota dienen ihm gerne. Die
Brücke ist fertig geworden, das Dach ist verbessert, und die zwei Kühe sind von
dem Fichtelberge gekommen.«
    »Es ist gut, Witiko«, sagte Wentila, »deine Vorfahrer haben kleine
Besitzungen gehabt, sind für sie sorgsam gewesen, und haben auch gerne selber
die Hände angelegt.«
    »Im Wangetschlage ist der harte Boden doch gedeihlich, und wird gut
gehalten«, sagte Witiko. »Das Häuschen bedarf noch lange keiner Ausbesserung,
und die Wiesenmauer hat Jakob aus Steinen gelegt. Huldrik wacht auch über die
Tiere, und sucht überall nachzuhelfen.«
    »Er ist in seinen Sendungen richtig, und die Knoten seiner Merkschnüre sind
genau«, sagte Wentila.
    »Und er nimmt für sich das Armseligste«, antwortete Witiko.
    »Ich weiss es«, sprach Wentila.
    »Er hat mich nach Friedberg geleitet«, sagte Witiko, »und hat mir das Pferd
wie ein Knecht geführt.«
    »Weil er uns für ein vornehmes Geschlecht hält«, antwortete Wentila.
    »Das Pferd hat er ledig von Friedberg durch den Wald in die untere Moldau
hinauf geführt«, sagte Witiko; »denn ich bin von dem Ufer, das bei Friedberg
ist, durch die Waldlehne bis auf den Kamm hinauf gestiegen, wo ein Platz ist,
auf dem einmal eine Denksäule des heiligen Apostels Tomas gestanden ist.«
    »Ich kenne den Platz«, sagte Wentila, »man sieht von ihm auf Baiern, Böhmen
und Österreich, und der Wald ist um ihn.«
    »Ja, so ist es«, sagte Witiko.
    »Und dann bist du auf dem langen Wege durch den Tomaswald in die untere
Moldau hinab gegangen, wo die Herberge steht«, sagte Wentila.
    »Ja«, entgegnete Witiko, »und in der Herberge haben Huldrik und Jakob mit
dem Pferde auf mich gewartet.«
    »Ich habe jetzt lange diese Dinge nicht gesehen«, sagte Wentila, »der Wald
ist dort sehr gross und sehr schön.«
    »Er ist dort am schönsten«, antwortete Witiko.
    »In dem schönen Walde ist Huldrik«, sagte Wentila, »und möchte in einem
Schloss Marschalk sein.«
    »Er soll zu mir kommen, wenn ich mir einmal einen festen Ort erwähle, und er
dann noch lebt«, sagte Witiko.
    »Nun, er sagt ja«, sprach Wentila, »dass die Angehörigen seines Stammes sehr
alt werden, und dass er dieses auch hofft.«
    »Gott gewähre es ihm«, sagte Witiko.
    »Er gewähre es ihm nach meinem Wunsche«, antwortete Wentila.
    »Mutter«, sprach Witiko, »ich habe dir in meinen Botschaften etwas nicht
erzählt, ich will es dir jetzt sagen. An jenem Sonntage, an welchem ich in dem
Walde der drei Sessel betete, habe ich ein Mädchen des Namens Berta kennen
gelernt, das damals dunkelrote Waldrosen, die du liebst, als gutes Zeichen auf
dem Haupte trug. Ich bin, da ich den hochehrwürdigen Bischof Zdik nach Passau
geleitete, wieder in dem Hause der Eltern Bertas gewesen, und habe mich mit
Berta in Zuneigung und Liebe geeinigt, dass wir Ehegatten werden wollen. Sie ist
die Tochter Heinrichs von Jugelbach.«
    »Er wird sie dir nicht geben«, sagte Wentila.
    »Es ist noch ungewiss«, sprach Witiko.
    »Du hast die Sache den Eltern Bertas geoffenbart«, sagte Wentila.
    »Ich habe sie dem Vater geoffenbart«, entgegnete Witiko, »und er hat zurück
geredet: wenn die Rose, welche ich auf dem Berge Wysoka in dem weissen Schilde
getragen habe, in einer Burg ist, und wenn sie in die Geschicke unserer Länder
hinein blüht, solle ich wieder kommen, und fragen.«
    »Ich weiss nicht, ob es so gewesen ist, wie der Vater Benno sagt«, antwortete
Wentila, »dass unsere Vorfahren einst reiche Güter gehabt haben, und die Herren
in dem Walde gewesen sind; aber die Geschlechter werden reich, und wieder arm,
und können wieder reich werden, und es wechseln die Geschicke. Wenn du Berta zu
deinem Eheweibe gewinnen kannst, so erfreue dich darüber; wenn es aber nicht
möglich ist, so trage es gelassen.«
    »Ich werde es tragen«, sagte Witiko.
    »Wiulfhilt, die Mutter Bertas, ist sehr gut«, sprach Wentila, »und Berta
wird auch gut sein.«
    »Sie ist gut und starkherzig«, sagte Witiko, »und hasst die schlechten Taten
wie die Frau Markgräfin, aber anders, und liebt die grossen und herrlichen. Sie
hat gesagt, ich solle tun, dass mir keiner gleich sei in dem Felde der goldenen
Ähren und in dem Walde der Wipfel der Bäume.«
    »Strebe nicht mit Hoffart nach deinem Ziele, Witiko«, entgegnete Wentila.
»Und wenn du auch nicht tust, dass dir keiner gleich ist in dem Felde der
goldenen Ähren oder in den Wäldern der Wipfel der Bäume, und wenn dir nur die
Gnade verliehen ist, Geringeres zu tun, was recht ist, wie du mir die Meinung
Silvesters gemeldet hast, so wird es am besten sein.«
    »Ich werde suchen, das Gute zu tun, wie es dein und Silvesters Gedanke ist«,
antwortete Witiko.
    »Tue es, mein Sohn«, sagte Wentila. »Ich habe Berta gesehen, da sie ein
kleines Kind war. Vielleicht sehe ich sie wieder, wenn ihre Eltern nach
Jugelbach heimkehren, und ich auf der Rückreise bin.«
    »Wenn du zu ihr kommst, so wirst du wissen, dass meine Neigung gut ist«,
sagte Witiko.
    »Ich weiss es schon«, antwortete Wentila, »weil ich dir vertraue.«
    »Und wann meinst du wieder nach Landshut zurückzukehren?« fragte Witiko.
    »Wenn es die hohe Frau, die mich auf diesen Berg geladen hat, anordnet«,
entgegnete Wentila. »Es wird ihr Sohn Otto, der Bischof von Freising, kommen,
und ich glaube, dass ich mit seinem Geleite nach Baiern zurückreisen werde.«
    »Ich habe auch Bertas willen das Lederkleid angelegt, weil sie mich zuerst
darin gesehen hat«, sprach Witiko.
    »Ich denke es mir«, sagte die Mutter.
    »Und nun, Mutter«, sprach Witiko, »wie lebt denn der hochehrwürdige Vater
Benno?«
    »Er lebt in Gesundheit«, antwortete Wentila, »er hält seinen Gottesdienst in
der Kirche des heiligen Martin, er stellt Betrachtungen an, und schreibt in ein
grosses Buch die Dinge der Kaiser ein; denn er sucht alles zu ergründen, was
einmal geschehen ist. Er hat mir aufgetragen, dir einen feierlichen Gruss von ihm
zu sagen.«
    »Bringe ihm den Dank, wenn du heimkehrst«, sagte Witiko, »und bringe ihm
meine Ehrerbietung.«
    »Ich werde es tun«, antwortete Wentila, »und es wird ihn freuen, weil er
dich liebt, wie, da du noch ein Kind warest. Er sagt, dass die Baiern mit Sorge
auf Österreich schauen, seit Konrad, der Halbbruder des Markgrafen Heinrich, in
Deutschland herrscht, und seit der Markgraf die Witwe ihres verstorbenen Herzogs
geheiratet hat.«
    »Wird er denn auch wieder einmal nach Pric kommen?« fragte Witiko.
    »Pric erweckt ihm seit dem Tode deines Vaters Traurigkeit«, antwortete
Wentila, »aber er wird schon kommen.«
    »Die Leute dort lieben ihn«, sagte Witiko.
    »Die Leute aller Orten lieben ihn«, entgegnete Wentila.
    »Und wie lebt denn die Base Hiltrut?« fragte Witiko.
    »Sie ist fromm«, antwortete Wentila, »geniesst der Gesundheit des Leibes,
sorgt in dem Hause, und denkt deiner, wie sie dachte, da sie dich noch in den
Windeln pflegte.«
    »Ich möchte ihr recht viel Gutes tun«, sagte Witiko.
    »Das tust du«, entgegnete Wentila, »da du ihr beständig die guten Grüsse
schickest, die ihr angenehm sind.«
    »Mir ist es auch angenehm, Grüsse zu schicken«, antwortete Witiko; »bringe
ihr wieder einige, wenn du hier fort gehst.«
    »Sie bedarf ja nichts als Zuneigung«, sagte Wentila.
    »Und diese empfängt sie von uns reichlich«, antwortete Witiko.
    »Du bist in Plan zu den Leuten in ihre Stuben gegangen«, sagte Wentila.
    »Ja, Mutter«, entgegnete Witiko.
    »Wir haben es auch immer so gepflegt, wenn wir dort lebten«, sagte Wentila,
»sie sind gut, ernstaft und treu.«
    »Sie sind dieses alles in ihrer Armut und in der Härte und Stärke ihres
Körpers«, sagte Witiko. »Sie haben in dem vergangenen Kriege der Gerechtigkeit
zur Entscheidung geholfen, sind meine Gefährten geworden, und ich bin ihr
Gefährte geworden.«
    »Du hast sie auch in deiner Stube versammelt«, sagte Wentila.
    »Ja, sie haben dort Brod und Salz gegessen«, antwortete Witiko.
    »Es ist gut so«, sagte Wentila, »das Land des Waldes ist vielen Menschen
noch unbekannt; aber es ist sehr bedeutsam. Was wirst du denn nach der jetzigen
Zeit tun, Witiko?«
    »Ich werde wieder nach Plan und Pric gehen«, antwortete Witiko, »dann werde
ich nach Prag zu dem Herzoge reiten. Im Frühlinge wird der Krieg gegen die
mährischen Fürsten beginnen, und ich werde in ihm sein.«
    »Du wirst tun, was dir obliegt, mein Sohn Witiko«, sagte Wentila, »und du
wirst klug und vorsichtig sein.«
    »Ich werde tun, wie ich es nur immer als gut und recht einsehe«, entgegnete
Witiko.
    »Und Gott wird das Gute und Rechte schützen«, antwortete Wentila, »und nach
dem Kriege werde ich mit der Base Hiltrut nach Pric kommen.«
    »Ich werde euch von Landshut holen und nach Pric geleiten«, sagte Witiko.
    »Bleibe jetzt eine Weile auf diesem Berge, mein Sohn«, sagte Wentila,
»Agnes, die hohe Frau, ist gegen mich und dich gut gesinnt. Siehe nur, welch ein
schönes Gemach mit den gepolsterten Gesiedeln und der Aussicht in das ganze Land
sie mir gegeben hat. Ihr Sohn Heinrich hält seinen Hof in Wien, und um ihn sind
die Herren der Kirche und die Männer des Rittertumes und der Künste, und
befleissigen sich zierlicher Sitten. Du wirst zu ihm gehen, und wirst manches
sehen, was dir gut ist.«
    »Ich bleibe bei dir, und werde öfter nach Wien gehen«, antwortete Witiko,
»es müsste nur sein, dass ich in unserem Lande nötig werde, dann reite ich schnell
in dasselbe.«
    »Es wird sich alles erweisen«, sagte Wentila. »Jetzt, Witiko, ruhe. Lasse
dir deine Kammer zeigen, und wenn es dich gemahnt, dann komme wieder zu mir.
Richte dich hier ein, und möge es dir gefallen.«
    Sie stand bei diesen Worten auf, Witiko auch.
    Er setzte seine Haube auf das Haupt, und befestigte sein Schwert an seiner
Seite.
    Dann machte sie ein Kreuz auf seine Stirne, und er küsste ihre beiden Hände.
    Hierauf verabschiedeten sie sich. Witiko verliess die Stube, sie blieb in
derselben zurück.
    Als Witiko in das Vorgemach gekommen war, in welchem das Mädchen Lutgart
sass, sah er auch einen Mann auf einem Stuhle sitzen. Es war der nämliche Mann,
welcher ihn in das Gemach der spinnenden Mädchen geführt hatte.
    Der Mann stand auf, und sagte: »Ich bin der Hausvogt der hocherhabenen Frau
Markgräfin, Ezelin, und bin von der hohen Frau Markgräfin befohlen, Euch, edler
Witiko, in Eure Herberge in dieser Burg zu geleiten.«
    »So geleitet mich, edler Vogt Ezelin«, sagte Witiko.
    Die zwei Männer verliessen nun die Vorstube.
    Der Vogt führte Witiko über eine Treppe empor in ein Gemach, an welchem noch
eine zweite Stube war.
    »Hier sollet Ihr mit Euerm Diener wohnen«, sagte er, »und der Speisemeister
und der Gewandmeister und der Meyer und der Marschalk sind angewiesen, Euch zu
gehorchen, wie Ihr wünschet.«
    »Ich danke Euch für Euer Geleite, edler Vogt«, sagte Witiko, »ich bedarf zu
dieser Zeit keines andern Dinges als der Stube.«
    »So verabschiede ich mich«, sagte der Mann.
    »Gehabt Euch wohl«, entgegnete Witiko.
    Der Mann entfernte sich, und Witiko stand allein in dem Gemache.
    Dasselbe war nicht gross, hatte weisse getünchte Wände, und es standen starke
Geräte aus Eichenholz darinnen. Durch die zwei schmalen Fenster, welche spitzige
Bögen hatten, sah Witiko auf einen Wald und dann auf ebenes Land, das gegen
Morgen hin ging, und in welchem die Donau floss. Die zweite Stube war kleiner,
war auch weiss, und hatte auch Eichengeräte.
    Witiko verliess diese Herberge wieder, und ging in das Wartezimmer um
Raimund. Raimund war nicht in dem Zimmer. Darauf ging Witiko in den Stall. In
dem Stalle stand Raimund bei den Pferden. Witiko führte ihn in die
Herberggemächer, und zeigte sie ihm. Dann sagte er: »Rüste dein Pferd, reite in
die Stadt Wien hinab, und lasse unsere Habe in die Burg herauf bringen.«
    Raimund schickte sich an, den Befehl Witikos zu vollführen. Er verliess das
Zimmer, und nach einer halben Stunde ritt er in dem Walde des Berges hinunter.
    Witiko aber blieb in seinem Gemache, ging an ein Fenster, und sah auf das
Land Österreich hinab. Der Wald des Berges trug nicht wie die Wälder, die an den
Ufern der jungen Moldau stehen, die dunkle Tanne, die grüne Buche, die
leuchtende Birke, den langarmigen Ahorn, die Eibe, die Ulme, die Esche, die Erle
und den zackigen Wacholder, sondern gleichartiges Laubwerk der Buche, Esche,
Eibe, des Haselstrauches und das Dämmer der Föhre und andern Nadelgehölzes. In
der Donau waren breite und gestreckte Inseln, welche Auwald trugen, und auf dem
ebenen Lande war Auwald. Dem Kahlenberge gegenüber sah Witiko wieder einen Berg.
Und von diesen zwei Bergen floss die Donau in der Ebene gegen das Land Ungarn
hinaus.
    Als es Mittag war, kam ein Mann, und führte Witiko in das Speisegemach.
Dasselbe war ein Saal mit langen Tischen, Stühlen und Speisegeräten. In dem
Saale waren Männer in schönen Gewändern. Sie waren die Mannen der Markgräfin.
Sie gingen Witiko entgegen, und grüssten ihn, und er grüsste sie. Dann setzten
sich alle an den Tisch, ein Priester sprach das Gebet, und es wurden ihnen gute
Speisen und guter Wein aufgetragen.
    Nach dem Essen ging Witiko wieder zu seiner Mutter, sie wandelten auf
verschiedenen Wegen des Waldes, und sassen dann in Wentilas Stube.
    Des Nachmittages kam Raimund aus Wien zurück, und ein Säumer brachte auf
einem Saumtiere das Reiseeigentum Witikos. Dasselbe wurde in die
Beherberggemächer gebracht, und dort geordnet.
    Am andern Tage des frühen Morgens rüstete sich Witiko zum Ritte an den Hof
des Markgrafen Heinrich. Er hatte sein Ledergewand an, und trug sein
Petrusschwert an Sobeslaws Gürtel. Er ritt auf seinem eisengrauen Pferde den Weg
zwischen dem Laubwerke des Berges hinunter. Raimund ritt in seinem Waldgewande
hinter ihm. Sie kamen in das grüne Gefilde, und durch dasselbe bis zu der
Freiung, und von da über die Brücke des Grabens in die Stadt.
    Sie ritten an vielen Menschen und Dingen vorüber an das Haus, das der
Markgraf baute, um mit Gertrud darin zu wohnen. Es war gross und gewaltig, und an
manchen Teilen waren noch Gerüste. Man wies die Reiter in einen Hof. Dort
standen Pferde und Knappen, Reiter stiegen auf oder stiegen ab, und Männer in
Kriegesgewändern waren da. Witiko stieg von seinem eisengrauen Pferde, und gab
die Zügel desselben in die Hände Raimunds. Er ging gegen eine Treppe, an welcher
Männer in schönen Kleidern standen. Einer, der sehr langschnäblige purpurrote
Schuhe, einen grauen Bart und graue Haare hatte, rief ihn an, und sprach: »Nun,
du Ledermann, wohin gehst du?«
    »Was frägst du?« entgegnete Witiko.
    »Ich frage, weil ich frage«, sagte der Mann.
    »Und ich gehe, weil ich gehe«, sagte Witiko.
    »Und hast du ein Recht?« fragte der Mann.
    »Und hast du ein Recht?« fragte Witiko.
    »Wenn Tiemo von der Aue kein Recht hat, wer soll es denn haben?« fragte der
Mann.
    Die umher standen, lachten nach diesen Worten.
    »Wenn du ein Recht hast«, sagte Witiko, »so wisse, dass ich zu Heinrich, dem
erlauchten Markgrafen von Österreich, will.«
    »Und will Heinrich, der erlauchte Markgraf von Österreich, auch, dass du zu
ihm willst?« fragte der Mann.
    »Das weiss ich nicht«, sagte Witiko, »und das werde ich erfahren, wenn er
gefragt wird.«
    »Und wer wird ihn fragen?« sagte der Mann.
    »Wer Geleite zu ihm geben kann«, antwortete Witiko.
    »Tiemo von der Aue kann Geleite geben«, sagte ein Mann, der ein
dunkelgrünes Gewand und einen braunen Mantel hatte, »ich bin Marchard von
Hintberg, und wenn du ein Anliegen hast, mein Kind, lasse deinen Namen sagen,
der Markgraf wird dir behilflich sein, er ist gut.«
    »Ich habe kein Anliegen«, antwortete Witiko, »ich will nur den erlauchten
Markgrafen sehen, und ihm meine Ehrerbietung bezeigen. Ich bin in dem Zuge
gewesen, als der erhabene König Konrad mit Wladislaw, dem Herzoge von Böhmen und
Mähren, gegen Prag ging, um die Empörer zu besiegen, und der erlauchte Markgraf
ist auch in dem Zuge gewesen.«
    »Ihr seid also Kriegsgenossen«, entgegnete der Mann. »Nun ich bin auch ein
solcher Kriegsgenosse, ich bin auch in dem Zuge gewesen, und Tiemo von der Aue
ist in dem Zuge gewesen, und Gebhard von Abbadesdorf, und Ebergus von Aland, und
Werinhard von Brun, und Jubort von Tribanswinchel, und Viricus von Gaden, die
alle hier stehen. Du bist aus einem fremden Lande, wie wir sehen, und kennest
die österreichischen Degen noch nicht.«
    »Ich kenne sie nicht«, sprach Witiko, »aber ich will dir meinen Namen sagen,
ich heisse Witiko, stamme vom Lande Böhmen, und diene dem Herzoge Wladislaw.«
    »Du bist Witiko«, sagte Marchard von Hintberg, »der die Herzoge aus Mähren
gefangen, und dann hat weiter reiten lassen.«
    »Ich habe den Herzogen die Flucht gestattet«, antwortete Witiko.
    »Du bist Witiko«, rief Gebhard von Abbadesdorf.
    »Witiko«, sagte Viricus von Gaden.
    »Du bist Witiko, und bist noch so jung«, sprach Ebergus von Aland.
    »Er hat sie geschlagen, und hat sie dann wacker davon gejagt«, sagte Tiemo
von der Aue.
    »Du hast sie nicht einen Deut geachtet, Witiko«, sagte Jubort von
Tribanswinchel, »sei uns gegrüsst.«
    »Seid gegrüsst«, sagte Witiko.
    »Du hast närrisch gehandelt«, sprach Werinhard von Brun, »aber sei gegrüsst,
hat dich dein Herzog getadelt?«
    
    »Er hat mich geehrt«, antwortete Witiko.
    Und die Männer traten herzu, und reichten Witiko die Hand.
    »Du hast heute den guten Tag gewählt«, sagte Tiemo von der Aue, »der
Markgraf wird dich anhören, morgen würde es nicht sein können, weil
Kahlenbergritt ist.«
    »Wir werden dich geleiten«, sagte Marchard von Hintberg.
    Die Männer gingen nun mit Witiko über die Treppe in das Innere des Hauses
hinan.
    Sie kamen in einen Gang und dann durch eine Tür in einen Vorsaal.
    In dem Vorsaale waren wieder Männer in verschiedenen schönen Kleidern, es
waren Jünglinge da und auch Knaben in feinen Gewändern.
    Tiemo von der Aue schritt gegen einen Mann, der ein dunkles weites Gewand
und ein silbernes Kreuz hatte.
    »Rudpert«, sagte er zu dem Manne, »da bringe ich einen, der drei goldene
Fische gefangen, und sie in das Wasser geworfen hat. Er ist Witiko, von einem
böhmischen Schloss, wie heisst es?«
    »Kein Schloss, nur der Hof Pric«, sagte Witiko.
    »Ich weiss alles«, entgegnete der Mann, »ich bin als Kapellan mit dem
Markgrafen auf die Vogelweide gegangen, und Witiko hat die Vögel verjagt. Was
willst du denn hier, mein Sohn?«
    »Er will mit dem erlauchten Markgrafen sprechen, weil derselbe sein
Kriegsgenosse gewesen ist«, sagte Tiemo.
    »Es ist gebührlich, Freundschaft mit Kriegsgenossen zu halten«, sagte der
Kapellan. »Dort steht Tibert, der Kämmerer. Komme nur, Witiko.«
    Nach diesen Worten fasste er Witiko an dem Arme, und führte ihn im Geleite
der andern Männer gegen einen Ritter, der in einem dunkelrotbraunen Kleide
dastand.
    Er sprach zu dem Ritter: »Tapferer Tibert, da ist ein Mann aus Böhmen, der
mit seinem Herzoge Wladislaw in unserem Kriegszuge von Nürnberg nach Pilsen und
Prag gewesen ist. Er hat unser Land besucht, den hocherlauchten Markgrafen zu
sehen. Man nennt ihn Witiko von Pric.«
    »Du bist Witiko, du junges Blut?« sagte der Kämmerer. »Sie haben von dir
übel geredet wegen der mährischen Herzoge, und gut wegen deiner Tapferkeit im
Frühlingskriege und bei Pilsen. Bist du dieser Mann?«
    »Ich war in dem Kriege wie ein anderer«, sagte Witiko, »und habe bei Pilsen
nach meiner Einsicht getan.«
    »Nun der hohe Markgraf wird schon mit dir sprechen«, sagte der Kämmerer.
    Dann rief er gegen die Knaben: »Komm her, du kleiner Chunring.«
    Ein Knabe in einem Gewande, das rot und weiss war, ging herzu.
    »Lauf zu dem Herrn Otto von Lengenbach hinein, und sage ihm, dass ein Ritter
aus Böhmen da ist, der Witiko heisst, und der zu dem Herrn Markgrafen will«,
sprach der Kämmerer zu dem Knaben.
    »Ja«, sagte der Knabe, und ging von dem Saale in ein Gemach.
    Nach einer Weile kam er wieder heraus, und sagte zu dem Kämmerer: »Der Herr
Ritter soll hinein kommen.«
    Tibert, der Kämmerer, und Tiemo von der Aue führten Witiko in das Gemach,
aus welchem der Knabe die Botschaft gebracht hatte.
    In dem Gemache waren wieder Herren und Ritter, und auch Frauen, welche
warteten.
    Ein alter Ritter in einem grünen Kleide sagte zu Witiko: »Du musst ein wenig
harren, junger Kriegsmann, der erlauchte Markgraf ist beschäftigt.«
    Witiko blieb stehen, und wartete.
    Die Männer sprachen mit einander.
    Nach einer Zeit kam ein alter Mann aus der Tür eines weiteren Gemaches,
grüsste die, welche da waren, und ging dann in den Vorsaal hinaus.
    »Nun ist es an dir, Witiko«, sagte der Ritter in dem grünen Gewande.
    Er wies mit der Hand gegen die Tür, aus welcher der alte Mann gekommen war.
Witiko ging gegen die Tür, ein Greis in einem Gewande, das rot und weiss war,
stand vor derselben, öffnete sie, und Witiko ging hinein.
    Er kam in ein Gemach, das mit Birnholz getäfelt war. An verschiedenen
Stellen hingen rote Stoffe in langen Falten herab. An einem Tische sass in
ritterlichen Kleidern Heinrich, der Markgraf von Österreich, aus dem Geschlechte
der Herren von Babenberg. Eine schöne Haube aus rotem Sammet lag vor ihm auf dem
Tische. Er hatte blonde Locken und blaue Augen.
    Witiko nahm seine Haube ab, und stand vor ihm.
    »Sei gegrüsset, du junger Degen«, sagte der Markgraf, »bist du in unser
Ländlein Österreich gekommen?«
    »Ich bin in das Land gekommen«, sprach Witiko, »und die erhabene Frau
Markgräfin, deine erlauchte Mutter, hoher Herr, hat gesagt, dass ich mich
unterfangen dürfe, dir den Ehrfurchtsgruss zu bringen.«
    »Ich danke dir für den Gruss, mein Sohn«, sagte der Markgraf, »unsere
erlauchte Mutter hat dir gut geraten, ich nehme dich so lieb auf wie andere
fremde Männer, die mich mit einem Heimsuche bedenken und achte dich, weil mein
Schwager Wladislaw und meine Schwester dich genannt haben, dass du in ihrer Sache
mit Entscheid gehandelt hast.«
    »Ich habe gemeint, das Geziemende zu tun«, antwortete Witiko.
    »Der Herzog sagt, dass du nach Gerechtigkeit strebest«, entgegnete der
Markgraf.
    »Ich möchte sie nur so einsehen können, wie die weisen Männer, welche um den
Herzog sind«, antwortete Witiko.
    »Das wird in den Jahren kommen, welche noch vor dir sind, Witiko«, sagte der
Markgraf. »Du bist mit deiner Mutter auf dem Kahlenberge bei unserer
vielgeliebten Mutter als Gast.«
    »Meine Mutter ist früher da gewesen, ich bin dann gekommen, und es hat mir
die erlauchte Frau Markgräfin Herberge gewährt«, sagte Witiko.
    »Unsere Mutter liebt deine Mutter als die Tochter ihrer Mutter ungemein«,
antwortete der Markgraf, »geniesst die Herberge, und komme oft zu mir und meinen
Männern herunter. Ich werde meinen Herren und Kriegsleuten befehlen, dass sie
gütlich mit dir umgehen. Erheitere dich in unserer Weise, da noch die Waffenruhe
vor dem Kriege gegen die Mährer, die du entlassen hast, dauert.«
    »Ich dachte, dass der Krieg leichter gegen jeden Fürsten allein sein wird,
als gegen ihre Vereinigung«, antwortete Witiko, »und dann werden wir den Streit
auch ohne fremde Hilfe vollführen können.«
    »Das liegt bei Gott, Witiko, und das werden die Kriegsherren ermessen und
die weisen Männer, von denen du sagst, dass sie bei dem Herzoge sind«, entgegnete
der Markgraf. »Fahre im Guten fort, Witiko, du bist noch jung, und kannst vieles
erstreben, ich bin auch nicht alt, und so mir Gott hilft, werde ich das
Ehrengrüssen, das du bringst, und das mir andere bringen, erst recht verdienen.
Bleibe lange bei uns, und wenn du scheidest, lasse dir nicht leid sein, dass du
gekommen bist, und wenn du eine österreichische Sitte gelernt hast, lasse dich's
nicht kränken, und komme wieder.«
    »Es wird mir nicht leid sein«, sagte Witiko, »und ich werde suchen, von dir
und den Deinigen zu lernen.«
    »So etwas zu lernen ist«, erwiderte der Markgraf. »Bringe unserer geliebten
Mutter einen Gruss, grüsse deine Mutter, und gehabe dich wohl.«
    Er stand nach diesen Worten auf, und reichte Witiko die Hand. Witiko sah,
dass die Hand weiss und schön gebildet sei.
    Er fasste sie, und sagte. »Lebe glücklich, hoher Herr!«
    »Das wäre ein guter Wunsch, wenn Gott ihn erfüllen will«, antwortete der
Markgraf.
    Darauf verneigte sich Witiko, und verliess das Gemach.
    
    In dem Vorgemache grüsste er den Ritter in dem grünen Gewande, und setzte
dann seine Lederhaube wieder auf das Haupt.
    Der Ritter aber sagte. »Ich bin Otto von Lengenbach, und so du einmal in
meine Veste kommen willst, Witiko, so wirst du freundlich aufgenommen werden.«
    »Ich danke Euch, Herr«, sagte Witiko, »es könnte sich fügen, und dann nehme
ich die Einladung an.«
    Hierauf wurde er von Tibert, dem Kämmerer, und Tiemo von der Aue in den
Vorsaal geführt.
    Von dem Vorsaale ging er im Geleite derer, die mit ihm gekommen waren, über
die Treppe hinab.
    In dem Hofe waren nun Pferde von den Knechten der Ritter, die bei ihm waren,
herbei geführt worden.
    Witiko bestieg sein Pferd, die Ritter bestiegen auch die ihrigen, und
Marchard von Hintberg sagte: »Wir werden dich eine Strecke geleiten, Witiko.«
    »Ich freue mich eurer freundlichen Art«, entgegnete Witiko.
    Alle die Männer und hinter ihnen ihre Knechte ritten nun aus dem Hause auf
den grossen Platz hinaus.
    Dort rief Tiemo von der Aue: »Wo hast du denn deine Herberge, du junger
fahrender Ritter, der du da fremde Länder besuchst?«
    »Ich bin nicht genau ein fahrender Ritter«, sagte Witiko, »meine Mutter ist
in euerm Lande, und ich bin zu ihr gekommen und so auch gerne in euer Land.«
    »Und wo herbergt denn deine Mutter, so du jetzt etwa zu ihr reitest?« fragte
Tiemo von der Aue.
    »Ich reite zu ihr«, antwortete Witiko, »und sie herbergt auf dem Kahlenberge
bei der hocherlauchten Frau Markgräfin Agnes, zu der sie beschieden worden ist.«
    »Das ist die böhmische Wentila«, rief Tiemo von der Aue, »und herbergest du
auch bei ihr auf dem Kahlenberge?«
    »Ich herberge auch dort«, entgegnete Witiko.
    »Dann werden wir dich morgen sehen, weil Kahlenbergritt ist«, sagte Marchard
von Hintberg, »du musst dich anschliessen, und mit uns reiten.«
    »Wenn es sich ziemt«, sagte Witiko.
    »Es ziemt sich«, rief Ebergus von Aland, »und es ist deine Ritterpflicht und
Kriegerpflicht, weil du dem Markgrafen einen Heimsuch gemacht hast.«
    »Dann werde ich mitreiten«, entgegnete Witiko.
    »Und ich werde dich schützen«, rief Tiemo von der Aue.
    »Ich hege grossen Dank für deinen Schutz«, sagte Witiko, »aber ich denke, ich
werde mich selber schützen, oder eines Schutzes nicht bedürfen.«
    »Gegen den Witz schütze ich dich«, rief Tiemo, »und gegen den Witz kann
dich kein anderer so schützen.«
    »So schütze mich, Vater«, antwortete Witiko.
    »So bist du ein folgsamer Knabe«, rief Tiemo.
    »Ich werde dir immer gehorsamen«, sagte Witiko.
    »Das wird zu deinem Heile sein«, antwortete Tiemo.
    Die Männer ritten durch das Tor der Stadtmauer gegen den tiefen Graben
hinaus. Sie ritten über die Brücke des Grabens, und an der Freiung vorüber.
    Dann nahmen sie Abschied.
    »Reite wohl, Witiko«, rief Marchard von Hintberg.
    »Gehabe dich gut«, sagte Viricus von Gaden.
    »Gedenke des Gehorsams«, rief Tiemo von der Aue.
    »Freue dich in unserem Lande«, sagte Werinhard von Brun.
    »Bleibe recht lange da«, rief Gebhard von Abbadesdorf.
    »Habet Dank, ihr Herren«, rief Witiko entgegen, »und gehabet euch wohl.«
    »Gehabe dich wohl«, riefen mehrere, und sie riefen ihm noch zu, dass er sie
in ihren Vesten besuchen solle.
    Dann wendeten sie ihre Pferde, und ritten der Freiung entlang wieder gegen
die Stadt.
    Witiko aber ritt mit Raimund auf den Kahlenberg.
    Nach dem Mittagessen zeigte Ezelin, der Vogt, Witiko die ganze Burg, er
zeigte ihm ihre Vorräte und ihre Waffen, und zeigte ihm, wie sie den Ungarn
Widerstand geleistet habe, und wie sie in Zukunft zu verteidigen wäre.
    Ehe an dem folgenden Tage die Sonne aufgegangen war, begannen sich die
Männer auf dem Kahlenberge zum Empfange derer, die da kommen sollten, zu rüsten.
Sie schmückten sich und ihre Pferde, und luden Witiko ein, das gleiche zu tun.
Er aber rüstete nur sein Pferd, legte sein Hausgewand ab, tat das Ledergewand
an, und gürtete an dasselbe sein Schwert mit dem Sobeslawgürtel. Dann bestiegen
alle die Pferde, ritten vor die Burg, und stellten sich in eine Reihe.
    Als sie eine Zeit gewartet hatten, kam ein Zug von Reitern und Reiterinnen
auf dem Pfade des Laubwaldes herauf. Der erste in dem Zuge war Heinrich, der
Markgraf von Österreich. Er hatte ein blassrotes Kleid, und auf der dunkelroten
Sammetaube eine weisse Reigerfeder. Sein Pferd war schwarz. Neben ihm ritt die
Markgräfin in einem weissen Kleide und einem grünen Schleier. Sie hatte blonde
Haare, blaue Augen und ein helles Angesicht. Die Farbe ihres Pferdes war
goldbraun. Hinter dem Markgrafen und der Markgräfin ritten Herren und Frauen in
schönen Gewändern. Die Herren hatten Obsorge, dass die Frauen gut ritten.
    Als der Zug zu dem Tore der Burg gelangte, ritt Agnes, die verwitwete
Markgräfin von Österreich, durch das Tor heraus. Sie hatte ein graues Gewand und
einen weissen Schleier. Ihr Zelter war weiss. Hinter ihr ritten Herren und Frauen.
Die Herren hatten schöne Kleider, die Frauen aber nur graue. Unter den Frauen
war Wentila, Witikos Mutter.
    Als Agnes zu dem Markgrafen und der Markgräfin gekommen war, wurde sie von
ihnen ehrerbietig gegrüsst. Sie dankte des Grusses. Dann sprachen sie noch ein
wenig mit einander. Dann stellten sie ihre Pferde neben einander, und ritten von
der Burg weg auf einem Pfade, der gegen Abend führte. Die Männer und Frauen, die
zu Heinrich und Gertrud und die zu Agnes gehörten, folgten ihnen. Vorn ritten
solche, welche Hofämter hatten. Dann kamen die andern. Die Männer der beiden
Geleite vermischten sich, wie es sich ergab, oder ihr Wunsch es fügte. Am Ende
des Zuges ritten die jüngeren Leute, und waren auseinander gestreuter. An den
Seiten des Zuges standen die grünen Bäume, und streckten ihre Zweige gegen die
bunten und schimmernden Gewänder, gegen die Panzergeflechte und gegen die
Waffen.
    Witiko ritt zwischen Weringand von Plaien und Poto von Potenbrun. Sie
zeigten ihm Männer und Frauen, die vor ihnen ritten, und nannten ihre Namen.
    Gebhard von Abbadesdorf lenkte sein Pferd herzu, und sagte: »Sei gegrüsst,
Witiko, tummle dein Ross unter österreichischen Reitern.«
    »Sei gegrüsst«, antwortete Witiko, »auf diesem Pfade ist wenig zu tummeln.«
    »So komme zu uns hinab, wo der Raum grösser ist«, sagte der andere.
    »Ich werde kommen«, entgegnete Witiko.
    Dann ritten Ebergus von Aland und Viricus von Gaden herbei, und Ebergus
sagte: »Bist du da, junger Reiter?«
    »Ich bin da«, entgegnete Witiko, »du hast ja gesagt, dass es meine Pflicht
ist.«
    »Und du erfüllest sie«, sagte der andere.
    »Ich werde sie immer zu erfüllen streben«, sagte Witiko.
    »Dann erfülle sie auch gegen die Frauen, und huldige ihnen, sie sind schön,
und verdienen es«, sprach Viricus von Gaden.
    »Ich bin in Huldigungen nicht geübt«, antwortete Witiko.
    »So übe dich, und nimm von Tiemo deinen Unterricht, der sich schon lange
übt.«
    Marchard von Hintberg kam herzu, und sagte: »Sei gegrüsst, du Freund von
gestern, es ist gute Art, dass du bei uns bist, nun lebe recht wacker mit uns.«
    »Sei gegrüsst«, antwortete Witiko, »wie es sich fügt und schickt.«
    »Es fügt sich und schickt sich«, entgegnete Marchard.
    
    Dann kam Werinhard von Brun, und sagte: »Böhmischer Rittersmann, du bist in
dem Zuge, nun lasse es dir gefallen, wie es auch andern gefallen hat, die
gekommen sind.«
    Hierauf ritt Tiemo von der Aue von hinten nach vorne gegen Witiko, und
sagte: »Sei gegrüsst, Witiko, ich habe jetzt nicht Zeit, ich werde später wieder
zu dir kommen.«
    Dann ritt er vorwärts, und schloss sich an die älteren Männer an.
    Und so kamen noch andere Männer herzu, und ritten wieder weg, und sprachen
mit einander.
    Nach einer Zeit hörte Witiko hinter sich schnellere Pferdetritte, wie wenn
einer näher reitet, und dann hörte er die Worte: »Es hat mir an dem Herzen viel
dicke weh getan, dass mich es des gelüste, das ich nicht mochte han.«
    Er blickte um, und es war ein sehr junger Mann in blauen Kleidern auf einem
weissen Pferde hinter ihm.
    Witiko rief: »Der Fiedler vom Kürenberge.«
    »Ja, du Lederhaube, so bist du in Österreich«, antwortete der Mann.
    »Ich bin bei meiner Mutter und der Frau Markgräfin auf dem Kahlenberge«,
entgegnete Witiko.
    »Ich weiss es«, sagte der Mann, »und musste dich im Zuge mit den Augen
herausstechen, wie man eine Lerche an den Pfeil heftet.«
    Nach diesen Worten trieb er sein Pferd vorwärts, bis er neben Witiko war.
    »Und wie bist du denn nach Österreich gekommen?« fragte Witiko.
    »So wie du in die Welt gegangen bist«, antwortete der Ritter vom Kürenberge.
»Als der alte Regimar tot war, und als du fort warest, ritt ich von Passau
hinweg. Ich bin in vielen Gebieten und Burgen gewesen, und dann bin ich an den
Hof der Markgrafen von Österreich gezogen. Als der Krieg kam, der zwischen dem
Markgrafen von Österreich und dem Herzoge von Baiern war, zogen wir nicht in den
Krieg, es zog mein Vater nicht, die Ritter von Rohre zogen nicht, der alte
Heinrich von Oftering zog nicht, der unser Nachbar ist, die Herren von
Wilheringen zogen nicht, der Ritter von Traun zog nicht, und viele nicht, die um
uns waren. Wir halfen aber auch dem Markgrafen von Österreich nicht. Ich ritt zu
meinem Vater auf den Kürenberg, und blieb auf dem Kürenberge. Als der Krieg
geendiget war, und als der Ruf ging, dass wir nach Böhmen ziehen werden, um die
mährischen Fürsten zu züchtigen, so kamen wir aus den Gauen der Traun und der
Enns und der Donau zusammen, und zogen mit unseren Fähnlein den bayrischen Wald
hinan, und vereinigten uns bei dem Orte Furt mit dem Könige Konrad. Und als die
Sache aus war, und als ich von Prag wieder auf den Kürenberg gekommen war, ritt
ich eine Weile zu Erlustigungen nach Linz und nach Wels und nach Eferdingen und
nach Enns und nach Kremsmünster und nach Rohre, und dann ritt ich nach Wien an
den Hof Heinrichs, des Markgrafen von Österreich; denn die Babenberge sind doch
anders als die Welfe, und das Herzogtum Baiern ist jetzt ledig, und weil der
Markgraf Heinrich der Stiefbruder des Königs Konrad ist, so wird er von dem
Könige Konrad mit Baiern belehnt werden, und wenn er auch damit nicht belehnt
wird, so kann das bayrische Land zwischen der Enns und dem Inn losgetrennt und
zu Österreich gefügt werden, und der Markgraf Heinrich wird dann der erste
Herzog von Österreich sein, und wir werden Mannen des Herzoges von Österreich
sein.«
    »Ich habe Zdik, den Bischof von Olmütz, der auf der Flucht ist, von Böhmen
nach Passau geleitet«, sagte Witiko, »und bin dann auf einem Schiffe die Donau
herab nach Wien gefahren, und da ich gegen Linz kam, habe ich auf den Wald des
Kürenberges geschaut, und habe deiner gedacht.«
    »Hast du meiner gedacht?« rief der Ritter vom Kürenberge, »nun so habe
meinen Dank dafür. Auf der Burg des Kürenberges sitzt nun mein Vater allein. Er
reitet nicht mehr an den Hof. Es ist kein Hof in Baiern, und zu dem Hoflager des
Königs reitet er nicht, und an den Hof des Markgrafen auch nicht. Er waltet mit
den Knechten, streicht die Fiedel, lässt noch seine Stimme erschallen, gibt Rat,
tröstet meine Mutter, wenn sie ein Leid hat, und sendet mir Botschaften. Unten
an dem Kürenberge, wo die kleinen Föhren gegen die Stadt Wels hingehen, sitzt
auf dem ebenen Boden der alte Heinrich von Oftering, der noch manchen Streitsang
hegt. Er ist der Vater des jungen Heinrich von Oftering, der mit uns ein Knabe
bei dem alten Regimar gewesen ist, du weisst noch die roten Wänglein und die
blonden Haare.«
    »Ich weiss es«, sagte Witiko.
    »Und wie ist es denn bei euch in Prag?« fragte der vom Kürenberge.
    »Der Hof des Herzogs Wladislaw ist bisher mit Sorgen und mit Krieg erfüllt
gewesen«, sagte Witiko.
    »Der Krieg ist auch herrlich«, sprach der Ritter vom Kürenberge, »er ist
nach dem Sange das Herrlichste, und gibt den Ruhm.«
    »Uns hat er Zerstörung und Jammer gegeben«, sagte Witiko.
    »Und der Ritter Gertrud und ihr Knappe Dimut sind jetzt in dem Munde aller
Sänger an dem Hofe ihres Bruders Heinrich«, entgegnete der Ritter vom
Kürenberge.
    »Das geschieht mit Recht«, antwortete Witiko, »wer ein Grosses tut, dessen
Name soll in Ewigkeit genannt werden.«
    »In Ewigkeit«, rief der Ritter, »und sein Sänger dazu.«
    »Es sind auch alte Helden in dem Kampfe gewesen«, sagte Witiko.
    »Wir wissen es, und ehren sie«, antwortete der Ritter. »Bist du nach dem
Kriege in die Heimat gegangen?«
    »Ich bin in die Heimat gegangen«, antwortete Witiko.
    »Ich habe erst von dir reden gehört, als wir auf dem Rückwege nach
Deutschland waren«, sagte der Ritter.
    »Da ist nicht viel zu reden«, antwortete Witiko.
    »Sie haben hingeredet und haben widergeredet«, sagte der Ritter, »du
solltest jetzt bei uns bleiben.«
    »Ich diene meiner Heimat«, entgegnete Witiko.
    »So diene ihr, wie wir im Deutschen dienen«, antwortete der Ritter, »aber du
sollst recht lange in Wien bleiben.«
    »So lange es sich fügen mag«, entgegnete Witiko.
    »Wenn der Hof des alten Regimar fröhlich gewesen ist«, sagte der Ritter,
»wenn der Hof Regimberts noch fröhlicher ist, so ist der Hof zu Wien nur
wonniglich. Der Hof der Markgrafen von Österreich ist der Erste in der
Christenheit, zu dem die Jugend wandert. Die alten lobebaren Recken sind da, die
sich im Ernste und im Schimpfe umtun, und Ruhm gewinnen, und es sind die jungen
zierlichen Degen da, die alle kommen. Heute sind manche versammelt. Der hinter
dem Markgrafen reitet, und den braunen Mantel trägt, ist der von Chunring. Er
ist in dem Geleite gewesen, das der Schwester des Markgrafen, Gertrud,
mitgegeben worden ist, da sie die Brautfahrt nach Böhmen gemacht hat. Sein Gemüt
ist tapfer; er achtet aber des Klanges nicht. Der in dem dunkeln Gewande ist der
Kapellan Rudpert. Der in dem schwarzen Gewande reitet, und die weisse Feder hat,
ist Rudeger, welcher bei dem Markgrafen fünf Männer gilt. Er ist ein Degen der
Ehren, stark und viel kunstreich, und hat die schönste Hausfrau in den Landen.
Neben ihm reitet Tibert, der Kämmerer, in dem grünen Kleide, ein guter Mann und
vieledler Degen. Dann kömmt Chunrad von Aspan, der auch im Brautgeleite gewesen
ist, und an seiner rechten Seite reitet Gotescalc, der Abt von Heiligenkreuz.
Dann kommen Bruno von Pusinberg, Albero von Chunring, ein starker Degen,
Heinrich von Mistelbach, Hartung von Ruhenegk, Udalrich von Marbach und Heinrich
von Gundramsdorf. Siehst du dann den Mann, der ein gelbes Gewand hat und ein
grünes Wams und eine rote Feder?«
    »Ich sehe ihn«, sagte Witiko.
    »Der ist Tiemo von der Aue«, sagte der Reiter von dem Kürenberge, »er hat
Kleider wie ein Zeisig und Füsse wie Krebsscheren. Seine roten Schuhschnäbel
werden immer länger, dass er sie an den Gürtel wird binden können, und seine
Ärmel werden weiter, dass sie auf die Schuhschnäbel reichen mögen. Er trägt die
Farbe des Fräuleins Kunigunde von Harteim, das er in Regensburg gesehen hat,
als er mit dem vorvorigen Markgrafen dort gewesen ist, und das er heiraten
gewollt hat. Neben ihm reitet ein junger Mann im blauen Kleide auf einem weissen
Pferde.«
    »Ich sehe ihn«, sagte Witiko.
    »Der ist der junge Heinrich von Oftering«, sprach der Ritter, »wir tragen
immer gleiche Kleider. Und auf der andern Seite reitet einer mit einem grünen
Mantel.«
    »Ich kann ihn sehen«, sagte Witiko.
    »Der ist der junge Ruhenegk aus der Waldschlucht«, entgegnete der Ritter.
»Oftering und Ruhenegk zwingen den alten Knaben immer, dass er Reimzeilen sagt,
die so ungefüg sind wie die Wollkittel der böhmischen Männer Boriwoys, die er in
Regensburg gesehen hat. Er hält die Reime aber immer für höfisch. Sie lassen ihn
nicht zu dir zurück, wie er sonst täte, weil er alle Fremden beschützt. Du
solltest schöne Kleider anziehen, so lange du bei uns bist, Witiko.«
    »Ich habe das Leder in Freud und Leid getragen, und werde es fortan tragen«,
erwiderte Witiko.
    »Du bist noch so töricht wie du in Passau gewesen bist«, sagte der Ritter
vom Kürenberge; »aber ich will dir weiter von unserem Hofe erzählen. Da ist das
Werfen der Speere, das Schiessen der Pfeile und das Brechen der Lanzen, wenn man
in vollen Platten in den Bügeln steht, und gegen einander reitet, dass die
Splitter fliegen, und der Palast und der Saal ertost, und wenn man dann doch
mauerrecht in dem Sattel sitzt, dass die Frauen und Jungfrauen auf dem Söller
jubeln, und mit dem Scheine ihrer Augen herab sehen.«
    »Ich würde es vorziehen«, antwortete Witiko, »durch das, was ich vollbringe,
nicht den Schein der Augen einer Jungfrau zu gewinnen, sondern ihr Herz zu
treffen, dass es nichts anderes kennt als die Liebe zu mir, und dass ich ihr die
grösste Lust auf der Erde bin, wenn ich es nämlich vermag.«
    »So triff das Herz, du waghalsiger Mann«, sagte der Ritter vom Kürenberge,
»hier und allerwärts sind die schönsten Jungfrauen. Oder hast du es schon
getroffen?«
    »Ich habe noch nichts Grosses zu vollbringen vermocht«, sagte Witiko.
    »Und wer dann im Stechen die Ehren gewann«, sprach der Ritter vom
Kürenberge, »der erhält im Angesichte aller den Preis, und sein Name wird
genannt in den Ländern und Burgen. Und wie die liebe Sonne auf das Land
Österreich scheint, so ist ein Klingen und Singen in dem Lande, und wird viel
geehrt, und es wird noch immer höher und höher gehen. Wer da Geltung hat in Sang
und Klang, der geht nach Österreich, und der Preis, den er gewinnt, ist dem der
Waffen gleich. Die von Babenberg sollten Kaiser sein. Da würde das Hoflager bald
in Würzburg, bald in Nürnberg, bald in Speier, bald in Frankfurt, bald in
Regensburg schimmern, und es würde das schimmerndste auf der Erde sein. Die
neuen Herzoge in Schwaben, die sich erst ihre Burg auf dem hohen Staufen erbaut
haben, und schon die Königskrone tragen, mögen herrlich sein, wie der starke
Büren gewesen ist, und wie der junge Friedrich werden wird, dem der goldene Bart
wächst, der Neffe der verwitweten Markgräfin Agnes: aber Österreich ist alt und
aller Ehren und aller Freuden voll. Seine Männer ziehen in den Krieg in Schmuck
und Zier, und reiten klar und sonder Umschweif in den Feind, dass er weicht, und
die Rückkehr scheut, und sie ziehen auf die Jagd, und wieder an den Hof zu
Sitten und Spielen.«
    »In unseren Landen ist auch ein altes Volk, das seine Sitten und seine
Tapferkeit wahrt«, sagte Witiko.
    »Ja, ja«, entgegnete der Ritter vom Kürenberg. »Sage, Witiko, tragt ihr auch
schon die glänzenden Harnische?«
    »Einige tragen sie«, antwortete Witiko, »andere haben die biegsamen
Waffenhemden, und viele haben Leder. Das Leder schützt besser, und ist leichter.
Und der Schild ist das Schwert, welches ein Rad vor dem Leibe macht, und dem
Zudringen der Waffen wehrt.«
    »Das wäre ein Zeug gegen die Ungarn«, sagte der Ritter. »Diese kämpfen nicht
nach der Sitte. Und wenn wir noch so zierlich gegen sie reiten, so achten sie
die Zier für nichts, sie fliehen, und fliehen um unseren Waffenbann herum, und
senden Pfeile herzu, dass mancher Mann und manches Pferd verwundet oder getötet
wird, indes wir sie nicht erreichen, und in unsern Helmfässern hungern können.
Du würdest an sie kommen, wenn du ein Pferd dazu hast, würdest sie treffen, und
ihre Pfriemen würden an deinem Elen oder Schelch, oder was es für ein Getier
ist, hängen bleiben.«
    »Sie blieben hängen«, sagte Witiko.
    »Und wenn ihr nicht in dem Kriegsgewande geht«, sprach der Ritter, »so habt
ihr weite Kittel, dass es eine Schande ist, und bindet sie mit einem Riemen oder
Stricke zusammen, und die Männerzier, die Locken, schneidet ihr zu einem
Strohdächlein herab, und auf der Haube habt ihr die gerade Feder wie einen
Pfahl.«
    »Die gerade Feder ist der Trotz«, sagte Witiko, »und wenn ich meine Haube
abtäte, so würdest du meine Locken sehen.«
    »Trägst du die Locken nach deutscher Art?« fragte der Ritter.
    »Wie sie die jungen Männer in Böhmen und Mähren tragen, habe ich sie nicht«,
antwortete Witiko, »weil ich aus andern Ländern kam; aber unsere Ritter nähern
sich schon eurer Kleidersitte; obgleich ich sagen muss, dass, wenn der alte
Bolemil oder Lubomir in das dunkle fliessende Gewand gekleidet sind, und die
reichen Gürtel tragen, es erhabener aussieht, als eure schimmernden Fähnlein. In
dem Mittage des Landes haben sie enge Gewänder aus grober Wolle. Ich trage sie
auch, wenn ich dort bin.«
    »Die werden wohl in diesen Gewändern nicht turnieren«, sagte der Ritter vom
Kürenberge.
    »Diese turnieren gar nicht«, entgegnete Witiko, »wo sie mit ihren Keulen
oder Hämmern oder Eisenstangen hinschlagen, gilt es gleich auf das Leben.«
    »Ich bin von den Bäumen, die in unserem Lande mit der unendlichen Obstblüte
und der unendlichen Obstfrucht stehen, nicht zu euern Buchen und Tannen hinein
gekommen«, sagte der Ritter, »und habe keinen Bären gesehen, der seinem Feinde
die Haut abziehen, oder ihn erdrücken will.«
    »Wir werden in dem nächsten Kriege sehen, was der Bär vermag«, sagte Witiko,
»wenn dann auch kein zierlicher Sänger von ihm singt.«
    »So muss ein unzierlicher singen, wenn sie unzierlich kämpfen«, sprach der
Ritter.
    »Er singe, wie sie kämpfen«, sagte Witiko.
    »Lasse uns vorwärts zu Heinrich von Oftering reiten«, sagte der Ritter vom
Kürenberge, »er wird sich freuen, dass du da bist. Heinrich und ich werden einmal
einen Sang anheben von dem hörnernen Sifrid und von den Burgonden und von Island
und von dem Könige Etzel und von Dietrich von Bern. Es möge nur nicht so werden,
wie mit der schönen Frau in Passau, von der ich als Büblein die Farbe trug, und
die ich nicht mochte han, was mir an meinem Herzen viel dicke weh getan.«
    »So hast du das Lied von Passau nicht vergessen?« fragte Witiko.
    »Ich habe es von Passau nach Wien getragen«, antwortete der Ritter; »aber
ich achte jetzt mehr auf das Lied als auf die Frau. Witiko, reite recht oft zu
mir in die Stadt Wien hinab, ich werde dir zeigen, was man tut und baut und
singt, und werde dich zu Männern und Leuten führen.«
    »Ich werde kommen«, sagte Witiko.
    »Nun aber trachten wir zu dem hochgemuten Degen Heinrich von Oftering«,
sprach der Ritter.
    »So tun wir es«, sagte Witiko.
    »Mit Vergunst, ihr Herren«, sprach der Ritter vom Kürenberge zu den Männern,
die um Witiko waren, »gebt euerm Gaste Urlaub, wir reiten zu Heinrich von
Oftering, der ihm ein Freund ist.«
    »Reitet zu ihm, und gehabt euch in der Frist wohl«, sagte Poto von
Potenbrun.
    »Gehabt euch wohl«, sagte Witiko.
    Und sie setzten ihre Pferde in schnellere Bewegung, und waren bald bei
Heinrich von Oftering. Witiko grüsste ihn, er grüsste Witiko, und Witiko ritt nun
auf seinem grauen Pferde zwischen den zwei Männern mit den blauen Gewändern und
den weissen Pferden, und sie begannen zu sprechen.
    Der Zug des Markgrafen ging nach mehrerer Zeit auf einem Wege in dem Walde
nach abwärts. Er kam in ein enges Tal, in welchem ein Bach floss. Die Männer und
Frauen ritten an dem Bache dahin. Dann kamen sie in ein weiteres Tal, ritten in
demselben fort, bis die Bäume des Waldes zu Ende waren, und das Münster der
neuen Burg vor ihnen stand. Sie ritten in das Münster, in dem Vorhofe stiegen
sie von den Pferden, die Pferde wurden den Knechten zur Wahrung übergeben,
Hartmann, der Abt, kam herzu, begrüsste die Mutter des Markgrafen, den Markgrafen
und seine Gemahlin, und geleitete sie in die Kirche. Die Ritter, die Frauen und
Jungfrauen folgten. Der Markgraf und die Markgräfinnen wurden zu einem
geschmückten Platze geführt, die andern nahmen ihre Plätze ein, das Volk
sammelte sich in dem hinteren Teile der Kirche, und es wurde ein feierlicher
Gottesdienst gehalten. Nach dem Gottesdienste gingen die Gäste in den grossen
Saal, es wurde Wein und es wurden Speisen gereicht, und verschiedene Gespräche
wurden geführt. Dann bestiegen die, welche von dem Kahlenberge gekommen waren,
ihre Pferde, und ritten wieder auf den Berg zurück.
    Dort wurden die Pferde in die Ställe gebracht, und die Reiter und
Reiterinnen gingen in die Gemächer der Burg.
    Am Mittage wurde in dem Saale ein Mahl abgehalten.
    Nach dem Mahle waren Gespräche, und es war Lustwandeln in dem Walde.
    Gegen den Abend ritten die, welche aus der Stadt gekommen waren, wieder in
die Stadt zurück, und Männer der Burg, unter denen auch Witiko war, geleiteten
sie über die Höhe des Waldes hinab.
    Dann ritten sie wieder in die Burg zurück.
    In den Tagen, die nun kamen, schloss Witiko Genossenschaft mit den Männern
der Burg, und lernte die Frauen und Jungfrauen kennen, und diente ihnen nach der
Sitte, wie er hier sah.
    Eines Tages ritt er mit Raimund in die Stadt Wien hinunter. Er ging zu dem
Fiedler vom Kürenberge und mit ihm dann zu Heinrich von Oftering. Sie grüssten
ihn, und wandelten dann mit ihm in der Stadt herum. Sie zeigten ihm den Bau des
Markgrafen, an dem geschaffen wurde. Sie zeigten ihm die Kirchen, und dann
Häuser, die schon von alten Zeiten her da standen, und solche, welche neu
emporgerichtet wurden. In den Gassen und auf den grösseren Plätzen sah Witiko
Männer und Frauen, Herren und Knechte, Ritter und Reisige, Feiernde und
Arbeitende, Jünglinge und Kinder teils herumstehen, teils wandeln, teils reiten,
teils sogar fahren. Er sah Werkstätten der Waffen, der Stoffe, der Gewänder, und
Stätten, wo Gold und Silber verwendet wurde, und kostbare Edelsteine in Fassung
kamen. Er betrachtete die Hütten, in denen Dinge zum Verkaufe lagen, und
betrachtete freie Gassenschenken, wo die Leute Wein, Bier, Met und Zugehöriges
genossen, und ein Harfner zu Zeiten Weisen ertönen liess. An einem Hause sang ein
Mann Lieder von einem Gerüste herunter, und viele hörten ihm zu, und an einer
andern Stelle tanzten auf Brettern zu der Fiedel bunte Männer und Frauen. Die
wandernden Krämer schrieen ihre Waren aus, die sie trugen. Auch manchen fremden
Mann und manche fremde Frau sah Witiko in der Tracht des Landes Ungarn oder der
Länder Böhmen und Mähren oder des weiteren deutschen Reiches. An dem Saume der
Stadt waren Gärten mit grünen Bäumen, mit Blumen, Gemüsen und Früchten, und mit
Wegen zum Wandeln. Die jungen Ritter führten Witiko an diesem Tage auch zu
Chunrad von Asparn, zu Werinhard von Brun, zu Udalrich von Marbach, zu
Wolftrigil von Stein und zu Tiemo von der Aue. Dann ass und trank Witiko mit
mehreren Rittern, und kehrte am Abende wieder auf den Kahlenberg zurück.
    Und so kam er nun öfter in die Stadt, und trachtete, sie immer mehr zu
ergründen. Er ging auch zu älteren Herren und Rittern, und hielt mit den
jüngeren Genossenschaft. Er lernte auch Frauen und Jungfrauen kennen, und wurde
in manche Wohnungen geladen. Zu Zeiten ritten einige seiner neuen Freunde auf
den Kahlenberg, und pflegten mit ihm ihrer Übungen.
    Einmal wurde ein Fest des Hofes angesagt, und Witiko dazu entboten. Man
errichtete auf einem Anger ausserhalb der Stadt vor den Häusern der Wollzeile
viele Schranken. An den Schranken wurde ein Gerüste mit Sitzen und Söllern
gezimmert, und noch andere Gerüste wurden herum errichtet. Über die Gerüste
wurden kostbare Tücher gebreitet, und über die Söller seidene Dächer gespannt.
An dem Tage des Festes sassen der Markgraf und die Markgräfin auf dem höchsten
Söller unter dem seidenen Dache, und auf den andern Söllern und Sitzen sassen die
Herren und Frauen des Hofes und die hohen Männer und Frauen des Landes, und
Ritter und Ritterfrauen und Jungfrauen. Ausserhalb der Schranken war viel Volk.
Auf einem sehr schön gezierten Gerüste erhoben Ritter in prächtigen Gewändern
ihre Stimme zum Gesange, und übten die Fiedel. Der Ritter vom Kürenberge und
Heinrich von Oftering waren unter den Männern. Hierauf wurden die Preise in Gold
und in Seide und in Kleinodien ausgeteilt. Dann ritten die Männer zum Turniere.
Witiko ritt auf seinem grauen Pferde und einem schönen Sattel, dessen Schemel
Goldränder hatten, in die Schranken. Er trug einen Ringpanzer, einen Helm mit
goldenen Zierden und an dem Arme einen weissen Schild, darauf eine Waldrose war,
die fünf Blätter und die dunkelrote Farbe hatte. Er erstritt sich den Preis
einer Binde aus Goldstoff mit edlen Steinen. Die Markgräfin reichte ihm die
Binde. Der Ritter vom Kürenberge, Heinrich von Oftering, Wolftrigil von Stein,
Udalrich von Marbach, Werinhard von Brun, Chunrad von Asparn und Erchambert von
Mosebach erhielten Preise. Tiemo von der Aue ritt auf einem weissen Pferde in
die Schranken. Er hatte eine weisse und eine grüne und eine rote Feder auf dem
Helme. Sein Harnisch glänzte silbern, die Beinschienen waren blau und der Schild
gelb. Über den Harnisch trug er eine veilchenblaue Schärpe, welches die Farbe
des Fräuleins von Harteim war. Er legte drei Ritter in den Sand, erhielt einen
kostbaren Preis, und ritt zu den jungen Männern zurück, bei denen er seinen
Stand hatte. Das Volk erhob grossen Jubel über die Spiele, Zinken und Pfeifen
ertönten zu Zeiten, und helle Rufe stiegen empor, da der Markgraf, die
Markgräfin und die Herren und Ritter und die Frauen und Jungfrauen in die Stadt
zurückkehrten.
    Als dreiunddreissig Tage vergangen waren, als Witiko und seine Mutter über
alles geredet hatten, was sie im Sinne und Gedanken trugen, und als sie sich
geeint hatten, was in ihrem Eigentume noch geschehen solle, rüstete sich Witiko
zur Fortreise. Er ging zur Markgräfin Agnes, den Abschiedsdank zu sagen. Sie
sprach zu ihm: »Witiko, ziehe mit Gottes Gnade, und bleibe gut. Denke an uns,
und denke auch an meinen Vater, und bete einmal für ihn. Er ist schön an Gestalt
gewesen, sein Geist hat viele Gaben gehabt, von seinen Lippen sind demütige
Worte gegangen, und er hat so Herbes erdulden müssen.«
    »Ich werde an Euch und an Euern Vater und an alle hier gedenken, und mein
Gebet für sie zu Gott richten«, antwortete Witiko.
    Sie gab ihm ein leuchtendes Gewand und eine schöne Helmzier zum Geschenke.
    Dann verabschiedete er sich von seiner Mutter. Sie gab ihm ein
Sammetbeutelchen mit so viel Gold, als sie vermochte. Er nahm es im Danke an.
    Dann verabschiedete er sich von den Herren und Frauen der Burg.
    Dann sagte er Lutgart, dem Mädchen seiner Mutter, einen Scheidegruss.
    Dann ordnete er seine Habe, übergab sie Säumern, und ritt mit Raimund in die
Stadt Wien.
    Dort verabschiedete er sich von allen seinen neuen Genossen, und noch
besonders von dem Ritter vom Kürenberge, von Heinrich von Oftering und von
Werinhard von Brun.
    Dann ritt er mit Raimund aus der Stadt Wien über die lange Donaubrücke
hinaus, und schlug den Weg nach dem oberen Plane ein.
 
                                       3
 Mit Waldschäften.
Witiko ritt mit Raimund über die grosse Ebene, welche in Mitternacht der Stadt
Wien an dem linken Ufer der Donau liegt. Er ritt einen Tag lang dem Wasser der
Donau entgegen. Am Morgen des zweiten Tages ritt er über eine Anhöhe hinan, auf
welcher dann das Waldland begann. Er ritt durch Gebiete der Herren von Chunring,
durch die Stadt Horn, und übernachtete in einer Herberge des Waldes. Am dritten
Tage ritt er über Hügel, durch Täler, an Büschen, Hütten und Gehöften vorüber,
und kam darauf in den dichteren Wald, in dem grössere und mächtigere Bäume
standen. Am vierten Tage gelangte er in die krumme Au. Am fünften Tage ritt er
an dem Turme Rownos vorüber, dann zwischen den Häusern von Horec hindurch, und
kam am Mittage in dem oberen Plane an.
    Er ritt in den Hof des steinernen Hauses, und brachte dann mit der Hilfe
Martins und Raimunds die Pferde in eine Ruhestelle, und begann die Pflege
derselben. Hierauf ging er in die Stube, legte seine Lederhaube von sich, und
setzte sich mit Martin an den grossen Tisch.
    Lucia bereitete Speisen, und als sie fertig waren, verzehrten Witiko und
Raimund dieselben.
    Nach dem Essen ging Witiko zu dem alten Pfarrer. Die Leute, welche ihm auf
dem Wege begegneten, grüssten ihn, und auch aus Häusern kamen manche zum Grusse.
Witiko sprach mit einem jeden.
    Bei dem alten Pfarrer blieb er eine Stunde.
    Dann ging er zu David, dem Zimmerer, und sagte zu ihm: »David, hast du
trockenes Baumholz?«
    »Sie sind in der Laube geschichtet, die wir vor drei Jahren nach dem Tage
des heiligen Andreas geschlagen, und im Sommer behauen haben«, antwortete David,
der Zimmerer.
    »Hast du Gehilfen, schnell einen Holzbau aufzurichten?« frage Witiko wieder.
    »Ich habe Gehilfen, und kann überall Gehilfen bekommen«, antwortete David.
    »Bei uns liegen auch behauene und trockene Kernstämme«, sagte Witiko. »Ich
werde die Laube in einen warmen Holzstall umwandeln lassen, und an einer andern
Stelle eine neue Laube bauen. Ehe die Fröste des späten Herbstes kommen, muss die
Sache fertig sein.«
    »Sie wird fertig sein«, sagte David, der Zimmerer.
    »So nimm Männer zu deiner Arbeit«, sprach Witiko, »und komme morgen in der
ersten Frühe zu mir, dass wir die Masse des Platzes nehmen, und dass wir über das
Werk sprechen.«
    »Ich werde vor dem Aufgange der Sonne bei dir sein«, sagte David.
    »Dann zimmere mir aber auch zugleich vier Truhen, welche geeignet sind, dass
man Habschaften in ihnen aufbewahren kann«, sagte Witiko.
    »Ich werde in der Frist das Zimmern der Truhen beginnen, in der du mein Haus
verlassen hast«, antwortete David.
    »So tue es«, sagte Witiko. »Ich werde in diesem Winter bei euch bleiben.«
    »Das wird schön sein«, antwortete David.
    Nach diesen Worten verliess Witiko das Haus Davids, und ging noch zu Peter
Laurenz, dem Schmied, und zu Christ Severin und zu Veit Gregor und zu Tom
Johannes, dem Fiedler, und zu Stephan und zu der Mutter Norberts.
    Dann ging er wieder in sein Haus.
    Dort sprach er mit Martin über die Dinge, welche in der Zeit seiner
Abwesenheit in dem Hause geschehen waren, und liess sich manches zeigen.
    Am Abende sass er mit mehreren Männern, die gekommen waren, auf der Gasse des
Hauses, und als es Nacht geworden war, legte er sich in der Kammer auf sein
Lager.
    Nach dem Anbruche des nächsten Tages zog er sein graues grobes Wollgewand
und seine langen Stiefel an, und setzte seine dunkle Filzhaube auf das Haupt.
Dann kam David, der Zimmerer. Er zeigte ihm die behauenen Stämme, die im Hause
waren, sie massen die Länge und Breite der Laube, und bestimmten, was geschehen
müsse, dass daraus ein Stall werde.
    Dann ging David, der Zimmerer, wieder fort.
    Witiko bestellte nun drei Männer mit Saumrossen, und trug ihnen auf, dass sie
am Mittage in Bereitschaft wären, in die krumme Au zu ziehen, dort seine Habe,
welche Säumer aus Wien bringen würden, auf die Rosse zu laden, und sie nach Plan
zu fördern. Raimund wurde beauftragt, mit den Männern zu reiten, und die Habe
von den Säumern aus Wien zu übernehmen.
    Als dies geschehen war, ging Witiko auf den Kreuzberg, tat vor dem Kreuze
ein kurzes Gebet, und blickte dann auf den Wald, in welchem der dunkle See lag,
und hinter welchem das Haus Heinrichs von Jugelbach stand. Dann blickte er auf
den Wald des heiligen Tomas.
    Nach dem Mittagessen kamen vier Männer mit einem Gehilfen Davids, des
Zimmerers, und begannen die Arbeit an der Laube.
    Am Nachmittage ritt Witiko auf seinem grauen Pferde eine Wegstunde in der
Richtung gegen den Tomaswald und wieder zurück.
    Am Abende kamen Stephan, der Wagenbauer, Peter Laurenz, der Schmied, Tom
Johannes, der Fiedler, Christ Severin, der Wollweber, Zacharias, der Schenke,
Roman, den sie den grünen Weber hiessen, Tobias, Maz Albrecht, Urban und Matias
zu Witiko. David, der Zimmerer, sandte sein Weib, und liess sagen, dass er Witiko
nicht besuchen könne, weil er an den Truhen mit seinen Knechten arbeite, so
lange ein Tagesschein ist. Witiko liess durch Martin und Lucia Holzschragen aus
dem Hause auf die Gasse tragen, die Männer legten lange Bretter darüber, so dass
Bänke wurden, und sie setzten sich im Vierecke auf die Bänke. Sie sagten, weil
Witiko einen Stall baue, und weil der Stall vor dem Herbste fertig sein müsse,
und weil es der Brauch sei, dass die Einwohner von Plan einer dem andern helfen,
wenn er etwas baut, oder unternimmt, so wollen sie ihm auch beistehen und mit
Werkzeugen kommen. Witiko nahm mit Dankbezeugung das Anerbieten an.
    »Ich werde morgen in der Frühe heraus gehen«, sagte Tobias.
    »Ich auch«, sagte Matias.
    »Ich werde auch kommen«, sagte Maz Albrecht.
    »Ich kann nicht selber kommen«, sagte Zacharias, der Schenke; »aber mein
Altknecht ist in Bereitschaft, und wird an manchem Tage da sein.«
    »Ich komme selber«, sagte Roman, »und wir werden abwechseln.«
    Jetzt nahm Peter Laurenz, der Schmied, das Wort, und sprach: »Witiko, wir
haben alles ausgewirkt, was dem Herzoge von Nutzen war, und das Eisenwerk zu dem
Stalle wird keinen Tadel leiden, und ich werde nichts verzögern, und eher das
andere liegen lassen, und Urban ist kein Kind, das um Taglohn arbeitet, er hat
dessen nicht Not, er hat seine Geschäfte, und wird etwas Erkleckliches in der
Welt werden, ich erziehe ihn dazu; aber er wird kommen, und wird bei dir
arbeiten, weil er mit dir in Nürnberg gewesen ist, ich habe ihn unterrichtet,
dass er es besser machen kann als die andern. So sage ich.«
    »Und ich werde erfreut sein, wenn Urban an meinem Holzbaue mitwirkt, und
werde ihm auch wieder helfen, wenn er einmal einer Hilfe bedarf«, sagte Witiko.
    »Du kannst ihm raten, wenn er nach grossen Dingen geht, weil du doch älter
bist als er«, antwortete der Schmied.
    »Ich werde morgen kommen«, sagte Urban, »und man wird mir schon zeigen, wie
ich die Sache angreifen muss, dass ich nicht ungeschickt verfahre.«
    »Mache alles so, wie ich dir gesagt habe«, sagte der Schmied.
    »Nun, wir wollen den Bau einrichten, wie wir ja schon andere Baue in die
Höhe gebracht haben«, sagte Roman.
    »Ja, das haben wir«, antwortete der Schmied, »und ich habe sie geleitet.«
    »Männer«, sprach Witiko, »helft, wie ihr euch erbietet. Und wenn ich einmal
ein grösseres Ding unternehme, so helft mir wieder. Und wenn dann einer von euch
etwas zu erbauen gesonnen ist, werde ich mich ebenfalls erbieten, werde die
Leute, die ich habe, senden, oder werde, wie es sich fügt, wohl auch selber die
Hände an das Werk legen.«
    »So lege sie an, und es wird dich zieren, wie es eine Zier ist, wenn du mit
dem Herzoge reitest«, sagte der Schmied. »Aber das Haus da ist ja nur ein
kleines Kämmerlein, du brauchst ein grosses mit Klammern und Sparren. Baue es um,
wir werden es schon recht machen.«
    »Was in einer Zeit sein muss, wird sein«, sagte Witiko, »dieses Haus von
Stein hat einmal einer meiner Vorfahrer, den niemand mehr kennt, erbaut, und so
mag es noch eine Weile stehen.«
    »Es kennt niemand die, welche Plan gebaut haben«, sagte der Schmied, »aber
der Pfarrer weiss alles, und er kann die Namen aus der alten Zeit sagen.«
    »Das ist ja nicht auf einmal gebaut worden«, sagte Zacharias, der Schenke,
»sondern es hat sich einer nach dem andern angesiedelt.«
    »Das kann man nicht wissen, wie es nach der Erschaffung der Welt geworden
ist, dass Dörfer und Kirchen entstanden sind«, sagte Christ Severin, der
Wollweber.
    »Die heiligen Väter haben Kirchen und Dörfer gebaut,« sagte Tom Johannes,
der Fiedler, »Lot und Abraham, und die andern, und als sie den babylonischen
Turm bauen wollten, haben sie auch an Städte gedacht. Ich kann mit Hauen und
Äxten nicht mehr umgehen, Witiko; aber ich werde dir meinen Buben senden, dass er
hilft, und ich werde den Leuten Anweisungen geben.«
    »Die Anweisungen geben wir selber«, sagte der Schmied.
    »Diese gibt Witiko und der Zimmerer«, sagte Roman.
    »Aber es muss einer sein, der sorgt, dass sie erfüllt werden«, sagte Tom
Johannes, der Fiedler.
    »Lernt Urban bei dir schon geigen?« fragte Zacharias, der Schenke.
    »Er lernt es, dass du es nicht begreifst«, antwortete Tom Johannes.
    »Wer handhabt denn die Geige des Herzogs« fragte Witiko.
    »Die handhabt niemand«, entgegnete Tom Johannes, »sie hängt in meiner
schönen Stube, und ich hülle ein Tuch darüber, und ich streiche zu mancher Zeit
mit der linken Hand sachte auf die Saiten, dass sie singen, und ich kneipe sie
schwach, und den Urban und meinen Buben unterrichte ich, dass die guten Geiger in
Plan nicht aufhören.«
    »So bemühe dich nur,« sagte Witiko.
    »Ich bemühe mich, und ich kann es auch«, antwortete Tom Johannes, der
Fiedler.
    Und so sprachen die Männer fort, sie sprachen vorzüglich von dem Kriege, in
dem sie gewesen waren, und was jeder darin erfahren hatte, und sie gingen erst
in ihre Wohnungen, als die Sterne schon an dem Himmel standen.
    Am andern Morgen kamen die, welche bei dem Baue des Stalles zu arbeiten
versprochen hatten, und es kamen auch noch andere mit ihren Werkzeugen.
    David, der Zimmerer, ordnete sie, dass sie sich nicht hinderten, und es
begann die emsige Arbeit.
    Gegen den Abend traf Raimund mit den Säumern von der krummen Au ein, und sie
brachten die Habschaften Witikos. Dieselben wurden abgeladen, und in dem Hause
aufbewahrt, wie man es konnte.
    Vor dem Anbruche der Nacht sassen wieder Männer mit Witiko vor seinem Hause.
Es waren an diesem Tage mehr gekommen als an dem vorigen.
    Und in der Zeit, die folgte, wurde fleissig gearbeitet, und an den Abenden
sassen Männer vor dem Hause Witikos.
    Von denen, welche arbeiten halfen, blieben an manchen Tagen einige weg, weil
sie in ihrem Hause Verrichtungen hatten, dafür kamen andere. Und so wechselten
sie nun fort und fort.
    Die Abendversammlungen aber wurden stets zahlreicher.
    Am sechzehnten Tage nach der Ankunft Witikos waren die vier Truhen fertig
geworden. Er liess sie neben einander in die grosse Stube stellen, und legte von
seiner Habe dasjenige, was die Säumer gebracht hatten, und was sonst noch in dem
Hause war, hinein.
    So lange die Arbeit an dem Holzstalle dauerte, war er dabei beschäftigt, und
leitete sie. Zu einem jeden der Männer, die an den Abenden zu ihm kamen, konnte
er nicht sogleich wieder gehen, um die Ehre des Heimsuches zurückzugeben, weil
ihrer zu viele waren; aber er ging nach und nach zu allen, sprach mit ihnen, und
ass an ihrem Tische Brod und Salz. An jedem Tage tat er auf seinem grauen Pferde
einen Ritt, und oft ging er auf den Kreuzberg, und sah auf die dunkeln Bänder
der Wälder. Wenn die Mädchen auf einer Gasse oder auf dem Anger einen Gesang
hielten, oder wenn zwischen ihnen und den jungen Männern ein Wechselgesang
stattfand, war er unter den alten Männern und Frauen, welche zuhörten. Er war
auch dabei, wenn ein Tanz oder eine Belustigung angestellt wurde. An Sonntagen
und Festtagen sass er in der Kirche auf der Stelle, welche zu dem steinernen
Hause gestiftet worden war. Auf dem grossen Anger ausserhalb der Häuser, auf
welchem Gänse, Schafe, Hunde und andere Tiere herum gingen, Linnen zur Bleiche
lag, und Kinder spielten, stieg er zuweilen von seinem Pferde, zeigte den Knaben
die Ausrüstung des Pferdes, und erzählte ihnen Märchen. Oder er gesellte sich zu
manchem alten Manne, der nicht mehr arbeiten konnte, und die Spiele der Knaben
leitete, und die Streite ausglich. Er sah, ob die Spiele noch so seien wie in
seiner Knabenzeit. Sonst war er auch bei den Beschäftigungen seines Hauses
tätig.
    Im Herbste wurde der hölzerne Stall fertig. Die Männer pflanzten ein
Tannenbäumlein mit Zierden auf den Giebel, und erhoben ein Jauchzen. Witiko
hielt auf der Gasse ein Mahl, zu dem die Mitelfer und alle kommen durften, die
da wollten. Der alte Pfarrer tat einen frommen Spruch, und die andern wünschten
dem Hause Gedeihen.
    Am nächsten Morgen wurden Raimund und Benedikt, der Sohn des Schenken
Zacharias, der Witiko einmal zu Rowno geleitet hatte, nach Pric geschickt, dass
sie die zwei braunen Pferde, welche Witiko von dem Herzoge Wladislaw zum
Geschenke bekommen hatte, an Zäumen mit ihrer Ausrüstung nach Plan führten.
    Sie kamen nach vier Tagen mit den Pferden zurück.
    Witiko entkleidete mit Raimund die Tiere ihres Schmuckes, und liess sie mit
weichen Hüllen versorgt in den neuen Stall führen. Den Schmuck aber verwahrte er
sorgsam in dem Hause. Dann wurden auch das graue Pferd Witikos und das Pferd
Raimunds in die Stände des neuen Stalles, die für sie bestimmt waren, gestellt.
    Nun ging Witiko zu Peter Laurenz, dem Schmiede, und sagte: »Ich will deinem
Neffen Urban Unterricht in der Kunst des Reitens geben, wenn du einwilligest,
und wenn es seinen Eltern genehm ist.«
    »Es muss so sein und ist notwendig«, antwortete der Schmied, »seinen Eltern
ist es recht; denn ich muss auf den Knaben schauen, dass er lerne sich selber zu
verteidigen, wenn ich einmal nicht mehr auf der Welt bin, und ihm einer das
Leben nehmen will. Er soll mit meinem Danke besser bei dir reiten lernen. Und
ich werde nach Netolic gehen, und werde ihm ein Pferd kaufen, wie es die Ritter
brauchen.«
    »So tue es«, sagte Witiko.
    »Ja, ich werde es tun«, antwortete der Schmied.
    Hierauf ging Witiko zu Elias, dem Steinhauer, und zu Anna, seinem Eheweibe,
welche die Eltern Urbans waren, und sagte ihnen und dem Jünglinge Urban, was er
mit dem Schmiede gesprochen habe.
    Elias und Anna willigten ein, und Urban war sehr erfreut.
    Da dieses geschehen war, ging Witiko zu Paul Joachim, dem Maurer, und sagte,
er wolle seinen Sohn Augustin, den Pfeifer, welchen er im Frühlinge von der
Stadt Prag mit sich in die Stadt Nürnberg genommen habe, im Reiten unterrichten.
Er brauche kein Pferd, er könne das Pferd Raimunds nehmen.
    Paul Joachim sagte Dank, und rief seinen Sohn Augustin herbei.
    Augustin war wie Urban erfreut.
    Und an dem folgenden Tage begann der erste Unterricht in dem Hofe des
steinernen Hauses. An dem Pferde Raimunds wurden die ersten Stellungen und
Handgriffe gezeigt. An jedem Tage war nach der Morgenpflege der Pferde der
Unterricht durch zwei Stunden. Der Schmied war schon an dem ersten Tage zugegen,
und schaute zu. Dann kamen auch andere Leute, besonders junge Männer, um zu
sehen, was da geschehe. Witiko liess sie gewähren. Der Steinhauer Elias und sein
Weib Anna kamen, und es kam Joachim, der Maurer, mit seinem Weibe. Tom Johannes,
der Fiedler, stand jedes Mal an der Mauer des Stalles. Selbst Mädchen liefen
zuweilen gegen das Tor, und sahen von ferne hinzu. Jeder, in dessen Hause ein
Pferd und ein junger Mann war, gestattete, dass der junge Mann sich auf das Pferd
setzte, und darauf nachahmte, was er in dem Hofe des steinernen Hauses gesehen
hatte, oder was ihm Augustin und Urban zeigten. Selbst mancher ältere Mann stieg
auf ein Ross, und Witiko zeigte ihnen, wie sie die Zurüstungen zu machen hätten.
    Der Schmied ging nun nach Netolic, und kam nach fünf Tagen mit zwei Pferden
zurück, einem für Urban, dem andern für sich. Wenn die Pferde auch nicht waren,
wie sie Ritter brauchen, so war das Pferd für Urban hinlänglich, und das Pferd
des Schmiedes war ein sehr starker Rappe mit grossen Hufen und einer struppigen
Mähne. Nun musste Raimund auch an dem Unterrichte Anteil nehmen.
    Als eine kurze Zeit vergangen war, ritt Witiko mit seinen drei Schülern auf
den Bachanger hinaus, und liess sie dort ihre Bewegungen machen. Da kamen nun
noch mehr Menschen herzu. Oft verliessen sie die Arbeit, und standen an dem
Reitplatze.
    Der Schmied ging hierauf mit Joachim, dem Maurer, noch einmal nach Netolic,
und sie brachten zwei Pferde. Eines hatte Joachim für Augustin gekauft, und das
andere hatte der Schmied zu dem Ende gebracht, dass er es ausleihe, oder wieder
verkaufe.
    Es ritten täglich die vier Reiter auf den Anger, Witiko, Augustin, Urban und
Raimund.
    Der Schmied liess aber auch auf der Gasse vor seiner Werkstätte Sand streuen,
und es versammelten sich ältere und jüngere Männer, welche Pferde zu besteigen
hatten, und machten dort ihre Reitübungen. Der Schmied sass auf seinem starken
Rappen. Die Lehrmeister waren Urban und Augustin. Die Reiter liehen aber ihre
Pferde auch wieder an andere, und wurden ihre Lehrer. Witiko kam oft herzu, und
unterwies die Männer. Zwei von ihnen durften täglich, abwechslungsweise in den
Hof des steinernen Hauses zum Unterrichte kommen, weil der Raum nicht mehrere
fasste, und auf den Anger durften vier mit hinaus reiten, die er dann wie seine
Schüler unterrichtete.
    Nach einigen Wochen ritt Witiko schon mit den jungen Männern auf allerlei
Wege, besonders auf den gegen den Tomaswald, und zeigte ihnen wie man auf einer
Flur schnell Hindernisse des Reitens besiegen könne.
    Peter Laurenz, der Schmied, David, der Zimmerer, und Sebastian, der
Schuster, verfertigten im Vereine Sättel und Zaumzeug, und lernten diese Dinge
immer besser machen.
    Witiko zeigte den Leuten auch die Pflege und den Unterricht der Pferde, und
den Gebrauch der Waffen auf ihnen.
    Wenn am Abende die Männer bei dem Scheine der Leuchte in Witikos Stube
sassen, so wurde jetzt häufig vom Reiten gesprochen, und man sagte Urteile und
brachte Neckereien vor.
    Witiko übte seine eigenen Pferde an jedem Tage auch noch besonders,
namentlich die, welche er von dem Herzoge erhalten hatte.
    Als Urban und Augustin schon so reiten konnten, dass sie einem guten Pferde
nicht mehr schädlich wurden, liess er sie zuweilen auch auf seine Pferde steigen,
dass sie gemach mit edlen Pferden umgehen lernten.
    Es zeigte sich nun der Schnee, er hinderte aber die Reitübungen nicht; ja es
kamen Nachrichten, dass auch auf anderen Stellen des Waldes sich die Männer im
Reiten übten.
    Als der völlige Winter gekommen war, und die Arbeiten ausserhalb der Häuser
bis auf das Fällen der Bäume im Walde aufgehört hatten, ging Witiko zu David,
dem Zimmerer, und fragte ihn, welches Holz er im Vorrate habe, das zu rechter
Zeit geschlagen worden sei.
    »Es ist Buchenholz da«, entgegnete David, der Zimmerer, »es ist Holz von dem
Ahorn, der Esche, der Birke, der Eibe, der Tanne und der Fichte vorhanden. Wir
haben es im Winter vor zwei und drei Jahren geschlagen, es ist trocken und
fest.«
    »So richte die Stücke zurecht, aus denen Schäfte für Lanzen gemacht werden
können«, sagte Witiko.
    »Ich werde es tun«, antwortete David, der Zimmerer.
    Und als das Holz geordnet war, und als es Witiko besehen hatte, schlug er
vor, dass aus Balken der Buche, Esche und des Ahorns Lanzenschäfte gemacht
werden. Männer, die sich selber Schäfte verfertigen wollen, mögen es tun,
anderen, die entweder nicht Zeit oder Geschick oder Geld haben, werde er sie
verfertigen lassen, und sie ihnen, wenn sie dieselben begehren, schenken.
    David, der Zimmerer, nahm nun Leute, und es wurden Lanzenschäfte geschnitten
und geglättet. In verschiedenen Häusern ging man daran, sich selber solche
Schäfte zu machen.
    Als der tiefe Schnee in dem Walde und auf dem ganzen Lande lag, rüstete sich
Witiko, fort zu reiten. Er sagte, die Männer und Jünglinge möchten in seiner
Abwesenheit ihre Pferde fleissig üben, und wenn er zurückkomme, werde er mit
ihnen fortfahren, wie er begonnen habe. Dann ritt er mit Raimund nach Prag.
    Als drei Wochen vergangen waren, kam er wieder zurück. Er untersuchte die
Schäfte, die fertig geworden waren, und gab Anleitungen, wie einiges besser
werden könne.
    Alle Tage ritt er nun aufs neue mit den Männern und Jünglingen in das Freie,
wo ein Pfad oder eine Bahn oder eine taugliche Fläche war. Und als Matias die
Jungfrau Barbara, die Tochter des Schenken Zacharias, heiratete, und Urban und
der Sohn des Fiedlers Tom Johannes mit ihren Geigen den Zug geleiteten, war
Witiko unter den Gästen.
    Da später die Tage länger wurden, ritt er an einem Morgen mit Raimund zum
zweiten Male fort. Er ritt in die Herberge an der unteren Moldau. Dort stellte
er die Pferde ein, und mietete sich eine Stube und für Raimund eine
Schlafstelle.
    Wenn Männer in der Herberge einsprachen, redete er mit ihnen von dem Kriege,
der gewesen ist, und der im Frühlinge wieder gegen die Feinde in Mähren beginnen
werde.
    Und so redete er noch öfter bei Gelagen.
    Die Leute breiteten seine Worte aus.
    Und als an dem zweiten Tage des Monates Hornung eine grosse Zahl von Gästen,
Männern, Frauen, Jünglingen, Jungfrauen teils, um sich an dem Festtage zu
vergnügen, teils aus Neugierde, was Witiko sprechen werde, in die Herberge
gekommen waren, mischte er sich unter sie, er sass mit mehreren an einem Tische,
brachte und empfing den Grusstrunk, und redete mit den Leuten.
    Als sie sehr fröhlich waren, sagte er: »Leute, ich möchte gerne von einem
Dinge mit euch reden, das uns alle angeht, wollet ihr mir zum Gehöre sein, so
würde es mich freuen.«
    »So rede«, rief ein Mann in einem groben grauen Rocke und mit einem langen
weissen Barte.
    »Rede, Witiko«, rief ein anderer, »wir hören dich gerne.«
    »Rede, rede«, riefen mehrere.
    »Witiko«, sagte einer, »du meinst es gut mit uns, das haben wir in dem
Kriege erfahren, und du hast das Geld den Leuten gebracht, die ihre Kinder
verloren haben, und den Geschädigten sind Geschenke gegeben worden.«
    »So schweigt«, rief jetzt ein Mann mit groben Fäusten und grossen Schultern,
»wenn ihr redet, kann kein anderer reden.«
    Als es nun stille geworden war, und die Angesichter gegen Witiko blickten,
stand er auf, nahm seine Lederhaube von dem Haupte, legte sie auf den Tisch, und
sah auf die, welche um ihn waren, und auf die, welche sich entfernter gesammelt
hatten. Dann sprach er: »Männer und Jünglinge, höret mich an, und auch ihr,
Frauen und Jungfrauen, möget es hören, was ich sage, ihr werdet mich nicht
strenge tadeln; denn ich rede von einer Sache, die Vorsicht verlangt, dass nicht
ein Schaden und ein Unheil zu uns kommt. Der allmächtige Gott in dem Himmel möge
uns vor Schaden bewahren.«
    »Der allmächtige Gott in dem Himmel und seine Heiligen bewahren uns vor
Schaden«, sagte eine Frau.
    »So lasst ihn zu Ende sprechen«, rief der Mann mit dem weissen Barte.
    »Rede, Witiko«, sagte ein anderer, »und entülle uns, was du weisst.«
    »Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen! sehet um euch, wir haben ein
schönes Wohnland. Die Bäche rinnen von den Bergen, die Moldau wandelt in den
Tälern, und die grossen Bäume stehen daran. Wir haben Felder und Wiesen und
Weiden, und gewinnen uns unsere Nahrung. Wenn man von uns gegen Mitternacht
geht, sind Gründe, in denen der Weizen steht, und wo das Obst in Fülle gedeiht;
aber in den reichen Gründen des Weizens und des Obstes ist ein Herr und Leche,
dem die Bewohner eine Burg bauen mussten, dem sie die Burg erhalten und
ausbessern müssen, dem sie Wege und Stege und Brücken bauen müssen, dem sie
Getreide und Obst und Vieh und Wild und Fische liefern müssen, dem sie Gräben
und Schanzen und Verhaue errichten müssen, dem sie in der Burg Wachedienst tun
müssen, dem sie streiten helfen müssen, und wenn er Feste feiert, müssen sie das
bringen, was die Gäste verzehren, und wenn er reiset, müssen sie ihn und die
Seinigen beherbergen und verpflegen, und wenn er jagt, müssen sie ihn und die
Jäger erhalten, und seine Hunde ernähren, und wenn ein Verbrechen begangen wird,
muss die Flur Gerichtskosten zahlen, und für den Schaden haften. Bei uns ist nur
der hocherlauchte Herzog der Herr, dem wir kleine Gaben senden, und der uns
beschützt. In dem Frühlinge des vorigen Jahres sind viele reiche Herren, wie der
ist, von dem ich sagte, nach Mähren gegangen, weil sie noch reicher werden
wollten, und weil der, welcher eine oder zwei Zupaneien hatte, noch mehr
Zupaneien haben wollte; denn der Herzog Wladislaw beschützte die kleinen Männer,
und litt nicht, dass die grossen alles an sich reissen. Sie sind zu Konrad, dem
Herzoge von Znaim gegangen, der ihnen viele Versprechungen gemacht hat, dass er
ihnen reichlich geben wolle, wenn sie ihm den Herzog Wladislaw von dem
Fürstenstuhle vertreiben helfen. Sie haben ein Kriegsheer gesammelt, und sind in
dem Monate April nach Böhmen gedrungen. Zu dem Herzoge Wladislaw haben sich die
kleinen Männer gesellt, und auch viele von den grossen, denen noch Gerechtigkeit
in dem Sinne war. Auf dem Berge Wysoka ist der Streit gewesen. Nun, ihr wisset,
was dort geschehen ist, ihr seid dabei gewesen, und habet zum grossen Teile das
Gute bewirket. Die Feinde haben dann die alte Stadt Prag belagert, und haben
Unheil und Verwüstung gestiftet; aber der Herzog ist mit seinem Schwager Konrad,
dem Könige der Deutschen, gekommen, und sie mussten nach Mähren zurück fliehen.
Der deutsche König ging wieder heim, und Wladislaw belohnte seine Krieger, und
entliess sie, und zeichnete sich auf, wer ihm gute Dienste getan hatte. Die
Feinde sind von der Zeit in ihren Ländern und Burgen; aber wenn der Schnee von
den Gefilden schmilzt, können sie wieder hervor kommen, und aufs neue beginnen.
Der Herzog Wladislaw ruft die Seinigen auf, um die Entscheidung zu gewinnen.
Wenn Konrad, der Herzog von Znaim, den Sieg erhält, wird er seine Helfer
belohnen, und ein reicher Leche wird zu euch als Herr in den Wald kommen. Ich
meine also, Männer unserer Fluren, wir sollten, so viele wir es vermögen,
aufstehen, und zu dem gütigen Herzoge Wladislaw gehen, damit ein Kriegsheer
werde, das nach Mähren eile, ehe es sich die Feinde versehen, und sie
niederwerfe, und ihnen die Macht und alles nehme, was zur Vergeltung notwendig
ist, und dass sie nicht mehr schaden können. Der Herzog wird dann immer ein
Freund der Geringen sein, er wird mit uns leben, und wir werden mit ihm leben.
Und wenn er uns einen Herrn sendet, so wird er von einem kleinen Geschlechte
sein, das uns liebreich ist, das Kirchen stiftet, ein wohltätiges Kloster baut,
und das Leben in dem Walde versteht. An vielen Stellen rüsten sie schon, weil
sie so denken wie ich, und meine Meinung ist, wir sollten die Sache in unserem
Haupte überlegen, und nach dem Sinne verfahren, der uns eingegeben werden wird.
So rede ich, der ich mit Sorgfalt auf das sehe, was geschieht, und auf das, was
geschehen wird.«
    Als er diese Worte gesprochen hatte, setzte er seine Lederhaube wieder auf
das Haupt, und nahm seinen Platz auf der Bank wieder ein.
    Es war eine kurze Zeit eine Stille. Dann sagte ein alter Mann: »Ich habe mir
das auch schon so ein wenig gedacht, was du gesagt hast, Witiko.«
    »Mir sind die Gedanken auch schon in dem Kopfe gewesen«, sagte ein anderer.
    »Ich habe auch darauf gedacht, und das ist so eine Sache«, sagte wieder
einer.
    »Das ist so eine Sache«, sagte ein sehr alter Mann.
    »Die Dinge müssen wir sehr überlegen«, sagte ein Mann, der ebenfalls hoch in
den Jahren war.
    »Wir begreifen sie nicht recht, und uns achten die Herren nicht«, sagte ein
anderer.
    »Es ist nur, dass man davon redet«, sprach wieder ein anderer.
    »Dass man redet, und wir dürfen reden, und wir reden auch«, sagte wieder
einer.
    »Wir reden davon, und wir denken daran«, sagte einer, der neben Witiko sass.
    »Und wir sollen es recht überlegen, das ist eine Sache, das ist so eine
Sache«, sagte ein anderer.
    »Das ist leicht überlegt«, sprach ein junger Mann, »wer mitziehen will, der
zieht mit.«
    »Die Herren haben einen Streit, und der Streit geht uns an«, sagte ein
älterer Mann.
    »Wir müssen in dem Streite mit tun, und müssen in dem Streite entscheiden,
und müssen etwas lenken, dass sie mit uns nicht tun dürfen, wie sie wollen«,
sagte ein Mann in den mittleren Jahren.
    »Die Felder und die Wiesen und die Hausarbeiten sind auch zu betrachten«,
sagte ein älterer Mann.
    »Und wer weiss denn genau, was der Streit einträgt«, sagte ein anderer.
    »Wir müssen mitreden dürfen, wenn alles aus ist, wir müssen den Herren sagen
dürfen, was wir wollen, wir müssen unsere Sache verteidigen dürfen«, rief ein
junger Mann, »und es braucht nicht ein jeder mitzugehen; wer nicht den Mut hat,
bleibt daheim.«
    Nach diesen Worten sprangen mehrere junge Männer von den Bänken auf.
    »Wir müssen unsere Sache verteidigen«, rief einer.
    »Wir müssen uns verteidigen«, rief ein anderer.
    »Wir müssen erlangen, was wir wollen«, rief wieder einer.
    »Wer Mut hat, steht ein, und gewinnt sich, was er begehrt«, rief einer.
    »Wer Mut hat, steht ein, und gewinnt«, rief ein anderer.
    »Er gewinnt, und wir haben Mut«, rief wieder einer.
    »Wir gehen zu Wladislaw«, »wir streiten«, »wir rüsten«, »Witiko hat recht«,
riefen mehrere durcheinander.
    Dann folgten Rufe mit unverständlichen Worten.
    Als es stiller geworden war, sprach der Greis mit den weissen Haaren: »Höret
mich an.«
    Nach diesen Worten wurde es ganz stille, und der Greis sagte: »Witiko, du
kennest mich, ich bin der Wenhart von der Friedau, ich bin in dem Kriege
gewesen, der mit dem Herzoge Swatopluk und der mit dem Herzoge Boriwoy und der
mit dem Herzoge Wladislaw gewesen ist, mit dem früheren Herzoge Wladislaw. Die
Wohnungen haben gebrannt, die Tiere sind auf den Höfen geschlachtet, und ihr
Fleisch ist vergeudet worden, die Saatfelder waren zerrüttet, was fleissige Hände
zur Bedeckung des Leibes gewebt haben, ist geraubt und verschleppt worden, die
Weiden, die Anger, die Kräuter waren niedergetreten und erstorben. In den Wald
ist kein Unglück herein gekommen; aber es könnte herein kommen, und wir könnten
es dann in vielen Jahren nicht gut machen, weil wir das Geld nicht verwenden
könnten. Wir müssen daher wehrhaft sein.«
    »Es ist Weib und Kind, Haus und Hof, Feld und Wald, was zu verteidigen ist«,
sagte Witiko.
    »Wir müssen vorbereitet sein«, sprach Wenhart, »wir müssen rüsten, und
müssen gegen die Feinde sein wie gegen die Wölfe. Weil es aber nicht genug ist,
dass wir vor dem Walde stehen, und warten, bis die Feinde kommen; denn dann
würden sie uns besiegen, weil unsere Zahl zu geringe ist, so müssen wir zu dem
guterzigen Wladislaw gehen, und ihn verstärken, wie ihn viele verstärken, dass
der Feind von vielen abgewendet sei. Und du, Witiko, bist gegen den armen Simon
vom Reutschlage, den sie getötet haben, mild gewesen, und hast seinen Leuten das
Geschenk des Herzoges gebracht, und du hast die Männer aus dem Walde auf dem
Berge Wysoka angeführt, und sie haben dir gehorcht, und du wirst sie wieder
anführen, wenn sie es wollen, und sie werden dir wieder gehorchen. Und wenn für
uns ein Herr in den Wald kommen sollte, so komme du, Witiko; du hast in Plan
gearbeitet, und wirst bei uns wieder arbeiten. Und die Weissagungen sind, von
denen Huldrik, der dein Vogt in dem Hause des Wangetschlages ist, erzählt hat,
dass von Witiko das Glück in den Wald kommen wird. So meine ich, und so glaube
ich, dass viele meinen sollten.«
    »Ich meine so«, rief der Mann mit dem starken Körper und den starken Händen.
    »Ich meine auch so«, rief ein anderer.
    »Sie sollen nicht unser Korn und unser Heu und unsere Lämmer und unsere
Rinder nehmen«, sagte ein alter Mann.
    »Wir dürfen nur einen Herrn unter uns haben, der so ist wie wir«, rief der
grosse junge Mann.
    »Ja, der so ist wie wir«, rief ein anderer.
    »Wir sind keine Hundewärter, wir sind keine Gebietseigenen, wir sind keine
Schlosswächter, sondern betreuen unsere Felder«, rief ein Mann, der einen sehr
groben Rock auf dem Leibe und eine sehr alte Filzhaube auf dem Kopfe hatte.
    »Eher zünden wir die Wälder an«, rief ein goldblonder Jüngling.
    »So wehrt euch«, schrie eine alte Frau, die an dem untern Ende des Tisches
sass.
    »Sagt dir denn jemand, dass wir uns nicht wehren werden, Susanna?« rief ein
anderer Jüngling, »wir werden uns wehren, als seien wir ein einziger Mann, und
werden unsere Kraft anwenden, und der alte Wenhart sagt recht, Witiko soll uns
wieder anführen.«
    »Wir werden zusammen halten«, rief ein Mann mit grauen Haaren, »wie wir
zusammen gehalten haben, und es ist wahr, Witiko soll uns wieder anführen. Oder
sagt jemand anders?«
    »Nein, niemand sagt anders, Witiko soll unser Führer sein«, rief der Mann
mit den starken Händen.
    »Ich sage auch so«, rief der mit dem groben Rocke.
    »Witiko soll der Führer sein«, rief der goldblonde Jüngling.
    »Ich sage, Witiko soll uns führen«, rief ein alter Mann, »er hat uns besser
geführt, da auf dem Berge der grüne Mann getötet worden war, als uns vor ihm der
grüne Mann geführt hat.«
    »Witiko, der Führer«, riefen mehrere.
    »Witiko, der Führer«, riefen fast alle.
    »Und Witiko soll als der Herr in den Wald kommen, und soll der Leche sein,
der guttätig ist«, rief der Mann mit dem groben Rocke.
    »Witiko soll der Leche sein«, rief der mit den starken Händen.
    »Er soll es sein«, rief ein alter Mann, »und soll nicht leiden, dass ein
anderer komme.«
    »Witiko soll der Leche sein«, rief der grosse junge Mann.
    »Witiko, der Leche«, riefen mehrere.
    »So tut alles behutsam, und führet doch alles in der Ordnung, dass es zu
einem gedeihlichen Ende komme«, sagte der Mann, welcher gemahnt hatte, dass man
auch die Felder und Wiesen und die häuslichen Arbeiten betrachte.
    »So lasset doch Witiko sprechen«, rief jetzt der alte Wenhart von der
Friedau.
    »So sprich, Witiko«, rief der starke Mann.
    »Sprich«, rief der blonde Jüngling.
    »So sprich, Witiko«, rief ein anderer Jüngling.
    »Sprich«, riefen mehrere.
    Witiko gab mit der Hand ein Zeichen, und da es stiller geworden war, sagte
er: »Männer, Leute, höret mich. Höre mich, Wenhart. Ich habe dich früher nicht
gekannt; jetzt aber kenne ich dich. Es ist wahr, was du gesagt hast. Weil die
Feinde von Mähren gegen Böhmen heran ziehen können, und wenn sie immer weiter
zögen, und wenn sie in den Wald herein kämen, so würde das alles werden, was du
in dem Kriege gesehen, und was du erzählt hast. Das müssen wir abwenden. Es ist
aber nicht nötig, dass ihr die Wälder anzündet. Macht aus starkem Holze
Lanzenschäfte, und befestiget die Eisenspitzen daran, richtet Keulen und Hämmer,
schmiedet Schwerter, und nähet aus dickem Tuche die Streitgewänder. Zugleich
aber übet euch, in festem Zusammenschlusse zu stehen, zu gehen, und vorwärts zu
dringen. Dass ihr nicht zurückweichet, weiss ich ohnehin.«
    »Nein, wir weichen nicht«, rief der goldblonde Jüngling.
    »So lasse Witiko sprechen«, schrie Wenhart.
    »Und die Pferde haben«, sagte Witiko, »die sollen fleissig reiten, dass sie
und die Pferde es gewöhnen. Und wenn dann der Herzog Wladislaw ruft, und wenn er
gegen die Feinde nach Mähren zieht, so gesellet euch zu dem Heere, und macht
Gebrauch von den Dingen, die ihr vorbereitet habt. Und wenn ihr es wollet, dass
ich euch geleite, und dass ich euch einige Ratschläge gebe, so werde ich es gerne
tun, und werde bei euch sein wie im vorigen Frühlinge, wenn es der Herzog nicht
anders gebietet. Und Gott und die Heiligen im Himmel werden das Rechte
beschützen, ihr werdet mit Wladislaw siegen, und der Wald wird unser bleiben,
und er wird Vergeltung erhalten.«
    »Gott und die Heiligen werden uns schützen«, riefen mehrere Frauen.
    »Unterbrecht Witiko nicht«, rief Wenhart.
    »Und der Herzog, der Herr des Waldes«, sprach Witiko, »wird euch nicht
bedrücken, die ihr ihm geholfen habt, und wird euch keinen Bedrücker senden. Ich
strebe nicht darnach, dass ich Untertanen in dem Walde habe. Wenn es mein Glück
fügt, werde ich in dem Walde wohnen, werde dort arbeiten, und mich meiner Arbeit
freuen.«
    »Witiko ist ein Mann«, schrie die alte Susanna.
    »Witiko ist ein Mann«, riefen mehrere Mädchen.
    »Ja, er ist es«, rief ein alter Bauer, »aber mischt euch nicht ein.«
    »Witiko, ich bringe dir den Bundestrunk«, sagte ein Mann, der eine
Lammshaube und einen Lammspelz hatte.
    Er reichte Witiko seinen Krug hin.
    »Ich nehme den Trunk an«, sagte Witiko.
    Er fasste den Krug, und trank ein wenig daraus.
    »Witiko, ich bringe dir den Trunk«, sagte ein anderer.
    Witiko tat wieder Bescheid.
    »Ich bringe dir den Trunk, Witiko«, riefen mehrere.
    Und so riefen endlich alle.
    Witiko fasste den Krug eines jeden, und nippte daraus.
    Jetzt trat Raimund in die Stube, und mit ihm war Jakob, der Knecht Huldriks,
der von dem Wangetschlage in die untere Moldau herauf gekommen war.
    Mehrere von den Gästen boten den zwei Männern den Grusstrunk an, und er ward
von ihnen angenommen.
    »Setzet euch zu uns an den Tisch, es ist noch Platz«, sagte der Mann mit den
starken Händen.
    Und die Männer rückten etwas näher an einander, und Jakob und Raimund
setzten sich an den Tisch.
    Und die Tochter des Schenken brachte ihnen einen Krug mit Bier.
    Jetzt erhob sich ein Mann von seinem Sitze, der in Lämmerfelle gekleidet
war, reichte Witiko die Hand, und sprach: »Ich bin der Richter von dem schwarzen
Bache, und wir werden schon so tun, wie du gesagt hast.«
    »Und wir werden zu der Heiligen Jungfrau an dem braunen Steine und an dem
kalten Wasser der Alsch beten«, sagte eine alte Frau.
    Der Richter von dem schwarzen Bache setzte sich wieder nieder.
    Ein anderer Mann aber sagte: »Ich bin der Richter von der Mugrauer Heide,
und ich gedenke, dass wir uns vorbereiten werden.«
    »Die in Stuben werden nicht fehlen, wie die Weissagungen sind«, sagte wieder
ein anderer Mann.
    »Und wir haben auch Bäume und Lammswolle und Schmieden«, sagte einer.
    »Der Rat ist überall ein gutes Ding, wenn man ihn vernünftig befolget«,
sprach ein anderer.
    »Rat befolgen oder nicht, jeder rät sich selber. Die in der Steinleite und
in den Waldhäusern des Heurafels sind auch immer Männer gewesen«, sagte einer
mit rötlichen Haaren.
    »Und die vom Ratschlage haben ihren Nachbarn stets geholfen«, sagte ein
sehr alter Mann, der ganz weisse Haare hatte.
    »Ja, da wir in den Stubnerhäusern das grosse Feuer hatten, sind alle
gekommen«, sagte ein anderer.
    »Und die alten Leute, die vor Zeiten gelebt haben, sind auch nicht Toren
gewesen«, rief jetzt eine sehr alte Frau, welche neben Susanna am unteren Ende
des Tisches sass, »wenn die Fässer um Mitternacht in dem Mönchgraben daher
rollten, und sehr schwarz waren, und immer grösser wurden, wenn der Kiebitz in
den Mooswiesen schrie, wenn in dem Scheine des Vollmondes nach dem Tage des
heiligen Bartolomäus der Wassermann auf dem Rande des Moldauufers sass, und sich
seine grünen Haare kämmte, wenn der Tule von Plan den schwarzen Mann von dem
Hammer bis zu den Badehäusern tragen musste, wenn man immer ein Weinen hörte, und
die Hunde sich nicht aus den Häusern getrauten, so waren das Zeichen, und auf
die Zeichen muss man achten, und die Zeichen werden wieder kommen, und es sind
seltsame Dinge geschehen, der alte Wossic in Wodnian, der auf der Zupanei sitzt,
und alles hat, was sich ein Mensch wünschen kann, hat einen Vorfahrer gehabt,
der Holzschuhe gemacht hat, und der alte Lubomir, der in Daudleb ist, stammt
auch von einem Manne, der Pech gesammelt hat, und mit dem Herzoge Samo in den
Krieg gezogen ist, und dann eine weisse Reigerfeder und einen goldenen Gürtel
getragen hat. In dem Hause des gelben Melchior an dem hinteren Glöckelberge ist
schon ein hölzerner Löffel von dem Ofensimse, auf dem er trocknen sollte,
freiwillig in die Stube gesprungen, und in dem Bufferwalde hat sich eine Buche
in der Richtung, wohin Mähren liegt, weggebogen, und hat sich gegen uns herein
geneigt.«
    »Die Jünglinge und die Männer und die alten Männer sollen nur tun, was in
der Möglichkeit ist«, schrie die alte Susanna, »und dann wird jedes Ding recht
werden. In unsern Zeiten haben sie sich vor nichts gefürchtet, und werden sich
auch jetzt vor nichts fürchten. Wir werden für sie die Raben zählen, und in die
Abendröte schauen, und die Mädchen sollen für sie beten, und ihnen rote Bänder
ziehen, wenn sie heimkehren, und sie sollen fremde Sachen bringen, und wir haben
niemanden nötig, der so ist wie der alte Wossic in Wodnian und der alte Lubomir
in Daudleb.«
    »Wohin liegt denn Mähren?« fragte eine Frau in dem mittleren Alter, welche
neben dem Manne mit dem groben Rocke sass.
    »Da musst du gegen den neuen Kirchenschlag gehen, Azela«, sagte der Richter
von der Mugrauer Heide, »und dann durch den Wald immer fort, bis du in den
Wetternhof kömmst, wo Diet ist, und dann gegen die krumme Au, und dann gegen
Daudleb, wo kein Wald mehr ist, und dann ist eine Zupe, die Chynow heisst, wohl
einen Tag hättest du zu gehen, da die Morgensonne an deiner rechten Hand ist,
und dann hättest du gegen die Morgensonne zu gehen, wohl einen Tag oder zwei,
und dann kämest du an das Land Mähren.«
    »Ist es fruchtbar?« fragte der Mann mit dem groben Rocke.
    »Wohl fruchtbarer als du denkst«, sagte der alte Wenhart von der Friedau.
»Jetzt sind die Fürsten dort, die von unserem Herzogsgeschlechte abstammen, und
es muss uns dienen. Aber einmal ist es ein starkes Reich gewesen, es ist
Swatopluk dort gewesen, aber nicht der Swatopluk, mit dem ich in den Krieg
gezogen bin.«
    Als er diese Worte gesprochen hatte, stand ein Mann auf, welcher eine weisse
Lammshaube und einen weissen Lammspelz trug, und lederne Beinbekleidungen und
starke Stiefel hatte. Der Mann sprach: »Leute, ich muss euch etwas sagen. Mein
Weg ist der weiteste. Ich muss noch bis gegen den Kienberg in mein Steinhauerhaus
hinab, und muss jetzt fortgehen, und mein Bruder auch. Wir sind in Baiern im
Aigen wegen der grossen Wasserkufe gewesen. Der Krämer, der mit dem zweirädrigen
Wagen fährt, vom Hauzenberge, vom Breitenberge, vom Berge des heiligen Ulrich,
und da herum, hat uns erzählt, ehe wir durch den Wald der Schönebene heraus
gingen, wie es in Mähren ist. Der Herzog Wratislaw von Brünn ist ein
entsetzlicher Mensch. Er wirft alle nieder, die sich ihm widersetzen. Den
hochehrwürdigen Bischof Zdik von Olmütz haben sie erschlagen wollen, und ein
Zuber voll von Edelsteinen hätte ihn nicht erretten können, wenn er nicht zu dem
hochehrwürdigen Bischofe von Passau geflohen wäre. Gehabet euch wohl, ich muss
mich sehr sputen. Was ist meine Schuldigkeit, Lukas?«
    »Dreizehn Pfennige«, sagte der Schenke.
    »Hier sind dreizehn Pfennige«, sagte der Mann, »lebet wohl.«
    »Lebe wohl, Andreas«, sagte der Richter von dem schwarzen Bache, »bringe den
Leuten an der weiteren Moldau unten im Walde unsern Gruss.«
    »Ich werde ihn bringen«, antwortete der Mann.
    »Lebe wohl«, riefen mehrere.
    »Lebt wohl«, sagte der Mann.
    Und er ging mit dem, der neben ihm gesessen war, von der Bank zwischen den
Männern und dem Tische heraus, näherte sich der Tür, und entfernte sich mit
seinem Genossen durch dieselbe.
    Als dieses geschehen war, sagte der Richter von der Mugrauer Heide: »Es wird
Zeit sein, dass wir auch unsern Weg antreten, wir haben zwei Stunden zu gehen,
und auf dem Schneepfade wohl noch mehr. Es ist wahr von dem hochehrwürdigen
Bischofe, das sind schwere Zeiten, er tut in einem groben Gewande Busse in
Passau.«
    »In der Kirche ist er in grossem Schmucke«, sagte ein Mann.
    »Das muss sein, des Gottesdienstes willen«, antwortete ein anderer.
    »Und dann gehen wir auch gleich mit«, sagte der Richter von dem schwarzen
Bache, »weil ihr ohnehin über den schwarzen Bach geht, und durch Reden die Zeit
kürzer wird.«
    »Wir gehen über den schwarzen Bach, und geht mit«, sagte der Richter von der
Mugrauer Heide.
    »Dann gehen auch die vom Eckschlage mit, weil sie in euerem Wege sind«,
sagte ein Mann.
    »Sie können mitgehen«, sagte der Richter vom schwarzen Bache.
    Und mehrere Männer zahlten dem Schenken, was sie für ihre und der Ihrigen
Zehrung schuldig geworden waren, und dann verabschiedeten sich Männer und
Frauen, die von der Mugrauer Heide waren, und die vom schwarzen Bache waren, und
die vom Eckschlage waren, und verliessen die Stube.
    »Wir von der Steinleite haben einen noch weiteren Weg, und gehen doch noch
nicht fort«, sagte der mit den rötlichen Haaren.
    »Aber wir gehen«, sagte Wenhart von der Friedau, »Witiko, gehabe dich wohl,
und denke unserer Sache.«
    »Ich werde denken«, antwortete Witiko, »und gedenke du auch.«
    »Ich vergesse nicht«, sagte Wenhart.
    Darauf bezahlte er seine Schuld, und ging mit einigen Männern und einer Frau
und einem Mädchen fort.
    Es gingen dann noch mehrere fort, und die alte Susanna und die alte Frau,
welche von den Zeichen gesprochen hatte, gingen fort.
    Andere Menschen kamen wieder, und setzten sich an einen Tisch.
    Endlich gingen auch die von der Steinleite ihres Weges, und es waren nur
noch wenige Männer da, und darunter waren solche, deren Heimat in der unteren
Moldau selber war.
    Witiko erhob sich von seinem Sitze, und ging zu einem Fenster.
    Der Knecht Jakob folgte ihm.
    »Du bist also doch heute wieder herauf gekommen«, sagte Witiko.
    »Euer Verweser Huldrik sagt, dass es sich ziemt, dass er mich alle Tage, die
Ihr in der Herberge seid, zu Euch schickt, ob Ihr nichts befehlet«, antwortete
Jakob.
    »Ja, ich befehle etwas«, sagte Witiko, »melde Huldrik, dass er niemanden mehr
herauf schickt, ich werde selber bald in den Wangetschlag kommen.«
    »Ich werde es vermelden«, sagte Jakob.
    »Und nun gehe«, sprach Witiko.
    »Ich gehe, und gehabt Euch wohl«, antwortete Jakob.
    »Gehabe dich wohl, und grüsse Huldrik«, sagte Witiko.
    »Ich werde es tun«, entgegnete Jakob.
    Darauf reichte er an Raimund seine Hand, verliess die Stube, und begab sich
auf seinen Weg nach dem Wangetschlage.
    Witiko aber ging von der Herbergstube in seine Kammer.
    Als der Morgen des anderen Tages gekommen war, untersuchte er den Weg, der
von der unteren Moldau durch den Wald zu der Stelle des heiligen Tomas empor
führte. Der Pfad war nirgends zu erkennen. Der Schnee war hoch über ihn
gebreitet, wie er über alle andern Gründe gebreitet war.
    Dann untersuchte er die anderen Wege, welche in verschiedenen Richtungen von
der unteren Moldau durch den Wald nach abwärts führten.
    Nun begannen die Männer in der unteren Moldau und im Ratschlage und im
Reutschlage und an dem schwarzen Bache und auf der Mugrauer Heide und in
Friedberg und in der Friedau und in der Steinleite und gegen die Waldhäuser des
Heurafels und weiter hinab aus Eschen oder Ahornen oder anderem zähen Holze
Lanzenschäfte und Keulen zu machen, Lanzenspitzen und Schwerter zu schmieden,
Riemzeug zu schneiden, Bogen und Armbruste, Pfeile und Bolzen zurecht zu
richten, Stiefel zu machen, aus Filz und aus Wolltuche Hauben und Gewänder zu
nähen, und auf Pferden, wo sie vorhanden waren, zu reiten.
    Als diese Dinge geschahen, bestieg Witiko in der Herberge der unteren Moldau
sein Pferd, und ritt mit Raimund in den Wangetschlag.
    Dort ritt er gegen sein Häuschen. Auf dem flachen Dache lag der Schnee, und
man konnte es von dem Schnee in den Gefilden kaum unterscheiden. Ein dünner
blauer Rauch ging von dem Schornsteine empor.
    Als die zwei Männer an dem Häuschen angekommen waren, standen Huldrik und
Jakob und Regina vor dem Tore, sie zu empfangen.
    »Wir haben nach Euch ausgeschaut«, sagte Huldrik, »und haben Euch kommen
gesehen. Weil Ihr die Gebühr, dass ich nach Euern Befehlen fragen lasse, verboten
habt, konnten wir den Tag Eurer Ankunft nicht wissen. Seid gegrüsset, Witiko. Ihr
seid in dem Kriege gewesen, Ihr seid in mehreren Ländern gewesen, und müsst
wieder zu Euerem Hause in den Wangetschlag kommen.«
    »Ich bin gekommen, dich wieder zu sehen, und die Unsrigen hier zu sehen, und
unser Haus zu sehen«, sagte Witiko.
    »Ihr seid gekommen, weil es so ist«, entgegnete Huldrik, »und ich habe schon
Sorge getragen, dass Eure Pferde in einen guten Stand gelangen, so wie das Pferd
Jakobs, das er im Kriege erhalten hat, auf einem guten Stande ist. Wir haben
dieses Jahr an dem Gelasse gemauert. Stützet Euch nur auf mich, Witiko, dass Ihr
bei dem Absteigen nicht auf dem Eise gleitet, wohin Regina immer das Spülwasser
giesst.«
    »Ich werde mich nicht auf dich stützen«, sagte Witiko, »sondern es trete
Jakob herzu.«
    »Jakob, diene dem Herrn«, rief Huldrik, »ich aber werde den Zügel halten.«
    Jakob ging an die Seite Witikos, um ihm zu helfen; Huldrik aber fasste den
Zügel des Pferdes.
    Witiko stieg mit einem leichten Tritte von dem Pferde, und stand auf dem
glatten Boden des Eises.
    Raimund stieg auch von seinem Pferde.
    »Nun führet die Pferde durch das Tor hinein«, sagte Huldrik, »aber haltet
euch rechts, dass die Eiszapfen des Daches die Sättel nicht streifen.«
    Raimund und Jakob führten die Pferde durch das Tor in den Hof. Witiko ging
nicht durch die Tür in das Haus, sondern folgte den Pferden. In dem Hofe wurden
die Pferde gegen einen Zubau geführt, der an den Stall angefügt worden war.
    Witiko sah, dass vier Pferde in diesem Raume stehen konnten.
    »Es ist gut, Huldrik«, sagte er, »dass du diese Sorgfalt getroffen hast.«
    »Es musste für diese Zeit Sorge getragen werden, bis alles fertig ist, und
sich alles vollendet«, erwiderte Huldrik.
    Sie brachten die Pferde in den Stall, und begannen, sie zu versorgen.
    Dann ging Witiko in die Stube.
    Die Wände der Stube waren frisch getüncht worden, dass sie ganz weiss
glänzten, die Fensterscheiben waren gereinigt, dass das Licht, so hell es der
Winter geben konnte, herein schien, der Fussboden war gewaschen, und der
Buchentisch war so gescheuert, dass keine Makel an ihm war.
    »Die Stube ist ja wie an einem hohen Festtage«, sagte Witiko.
    »An der unteren Moldau ist nur eine Herberge«, antwortete Huldrik; »das aber
hier ist Euer Eigen, in dem Ihr seid, und das dauert, und immer anders wird, bis
sich die Zeiten erfüllen.«
    »Mögen die Zeiten immer Gutes bringen«, sagte Witiko.
    »Sie werden Gutes bringen«, antwortete Huldrik, »lasset es Euch hier
gefallen, wie es sich wandelt, bis alles geschehen ist.«
    Witiko nahm seine Haube von dem Haupte, und setzte sich an den Buchentisch.
    »Regina wird Euch ein Mittagessen bereiten«, sagte Huldrik; »es wird aber
heute eine längere Zeit vergehen, bis es fertig wird, als sonst.«
    »Ich dränge Regina nicht«, antwortete Witiko.
    »Wir suchen die Dinge wahrzunehmen, wie es sein kann«, sagte Huldrik.
    Witiko ging indessen noch einmal zu den Pferden.
    Als die Speisen bereitet waren, brachte sie Regina auf den Tisch. Sie waren
gebratenes Wild und Fische. Dazu wurde Wein gestellt.
    Witiko verlangte, dass auch die Speisen der andern auf den Tisch gestellt
würden, und dass dann alle mit einander das Mittagmahl verzehrten.
    »Weil Ihr es befehlt, so muss es sein«, sagte Huldrik.
    Die Speisen wurden auf den Tisch gebracht, und Witiko und Huldrik und
Raimund und Jakob und Regina setzten sich zu denselben.
    »Du musst das Gebet sprechen, Huldrik«, sagte Witiko.
    Huldrik tat es.
    Dann wurde das Mahl eingenommen, und Witiko teilte jedem von seinen Speisen
und seinem Weine mit. Nach dem Mahle sprach Huldrik wieder das Gebet.
    Da sie noch an dem Tische blieben, sagte er: »Eure Vorfahrer haben die
Ihrigen geliebt, und sind von ihnen wieder geliebt worden. Und so geschieht
alles. Da der erste Witiko in den Wald geritten ist, sind Gold und Edelsteine an
den Zügeln seines Pferdes gewesen, und Ihr seid auch zu diesem Hause geritten.«
    »Die Zeiten sind ungewiss«, sagte Witiko, »wer weiss es, wann ich wieder
kommen kann.«
    »Ihr werdet kommen«, sagte Huldrik; »denn Ihr habt Milch und Honig an dem
Buchentische gegessen. Und es werden viele da sein, Euch zu sehen.«
    »Deine Gedanken bringen Menschen in die Einsamkeit des Waldes, Huldrik«,
sagte Witiko.
    »Die Rosen haben in Rom herrlich geblüht«, erwiderte Huldrik, »die Rosen
sind hieher gebracht worden, und haben hier auch zur Lust geblüht, und die Rose
wird Dinge und Kleinodien aus Welschland bringen.«
    »Die Rose möchte erst ihre Blätter öffnen«, sagte Witiko.
    »Ihr werdet noch oft in Euerm Schlösslein da sein, wie es sich verwandelt«,
antwortete Huldrik, »wo das Schloss voll Pracht gestanden ist, wo das Jagdschloss
gewesen ist, wo die goldne Burg sein wird, und wo die fünf roten Blätter allen
Raum bedecken werden.«
    »Du siehest in seltsame Zeiten, Huldrik«, sagte Witiko.
    »Ihr habt Männer gesammelt, und seid in den Krieg gegangen«, entgegnete
Huldrik, »sie sehen auf Euch, und die Jungfrau aus dem starken und grossen
Geschlechte wandelt schon für Euch an dem Rande des hohen Waldes, und Raimund
freut sich des Bildes, das Euch in der Wildnis ist, und ich freue mich, und
Jakob freut sich, und Regina freut sich.«
    »Huldrik«, sagte Witiko, »zeige mir die Dinge in dem Hause, wie sie seit der
Zeit, in der ich hier gewesen bin, geworden sind.«
    »Ihr befehlet es, und ich gehorche«, antwortete Huldrik.
    »Dann setze deine Haube auf, damit dein Haupt nicht von der Kälte Schaden
leidet«, sagte Witiko.
    »Ich werde es tun«, entgegnete Huldrik.
    Witiko stand auf, und die andern erhoben sich auch von dem Tische.
    Witiko bedeckte sich mit seiner Haube, Huldrik setzte auch seine graue
Filzhaube auf, und beide Männer verliessen die Stube.
    Huldrik führte Witiko in alle Räume des Hauses. Witiko besah alles, und
belobte ihn und die Seinigen.
    »Die Felder und die Wiesen und den Wald werde ich besehen«, sagte er, »wenn
ich einmal des Sommers hier bin, und die Gewächse auf ihnen grünen.«
    »Tut es so«, antwortete Huldrik, »und Ihr werdet dann in den Umliegenheiten
sehen, dass ein guter Grund zum Bauen ist, und wie jetzt die Wälder in die
Fenster des Hauses schauen, so wird der Nahleswald, der Bühelwald, der
Tomaswald und das fernere Hochficht von einer Seite, der Blöckenstein und der
Seewald und der Hausberg von der andern Seite, und der obere Wald und der
Blansko von der dritten Seite in zahlreiche grosse und breite Fenster schauen,
die hoch oben in glatten Mauern sind, und die Bäume und die Gesträuche
überragen.«
    »Weil schon die Dämmerung beginnt«, sagte Witiko, »so lasse ein Licht auf
der Leuchte der Stube anzünden.«
    »Ich werde ein Licht anzünden lassen«, entgegnete Huldrik.
    Die zwei Männer gingen in die Stube.
    Huldrik befahl, dass Regina mit Splittern des fetten Kienholzes der
Föhrenstöcke ein Feuer auf der Leuchte errichte.
    Regina tat es.
    Und als das Feuer brannte, setzten sich Witiko und Huldrik und Raimund und
Jakob und Regina an die Leuchte.
    Nach einer Zeit kam ein Mann herein, um Witiko zu sehen und zu besuchen.
Später kam wieder einer, und dann kamen mehrere, und endlich so viele, dass die
Stube kaum hinlänglich Raum gab. Jakob und Regina trugen die Gesiedel aus dem
ganzen Hause zusammen, und die Männer sassen umher, assen Brod und Salz des
Hauses, und Witiko redete mit ihnen von verschiedenen Dingen, und von dem
Kriege, der im Frühlinge gewesen ist, und der im nächsten Frühlinge sein wird.
    Die den weitesten Weg hatten, zündeten zuerst eine Leuchte an, und
verfolgten ihre schneeigen Pfade nach heimwärts.
    Dann gingen andere, und zuletzt alle.
    Witiko dankte ihnen für den Besuch, und bat sie, wieder zu kommen.
    Da die Männer fort waren, ging er in seine Kammer, entkleidete sich, und
legte sich auf dem Gestelle zur Ruhe, auf welchem ihm Regina aus Stroh und
Fellen und weissen groben Linnen ein Lager bereitet hatte. Die andern Bewohner
des Hauses suchten auch ihre Schlafstellen.
    Als am Abende des zweiten Tages Milch und Brod gegessen worden war, als im
Ofen ein Feuer brannte, und als man die Kienstücke auf der Leuchte angezündet
hatte, kamen wieder Männer, und es kamen an diesem Abende noch mehr, als an dem
vorhergegangenen Abende gekommen waren.
    Und so geschah es an dem Abende des dritten Tages und des vierten Tages und
des fünften Tages.
    An dem fünften Tage verabschiedete sich Witiko von den Männern, und sagte:
»Ich reite morgen von diesem Hause fort. Ich werde stets der Worte gedenken,
welche ihr hier gesprochen habt, und bitte euch, dass ihr auch dessen möget
eingedenk sein, was ich geredet habe.«
    Darauf sagte ein alter Mann mit roten Wangen und weissen Haaren: »Du bist
gut, junger Witiko, und hast einen treulichen Sinn für uns. Wir werden aller
Dinge gedenk sein, und was getan werden muss, das wird getan werden, es wird
nichts fehlen, und wir werden schon bestrebt sein. Und so gehabe dich wohl.«
    »Gehabe dich wohl, Johannes«, sagte Witiko, »und erhalte dir deine
Gesundheit.«
    »Wie es Gott will«, antwortete der alte Mann.
    »Reite mit Gott, Witiko«, sagte ein anderer alter Mann, »wir werden nicht
vergessen, und komme bald wieder.«
    »Ich komme, wenn es in der Möglichkeit ist«, sagte Witiko.
    »Du bist ein gerechter Mann, Witiko«, sprach ein Jüngling, »und wir werden
auch tun, was man nicht schmähen kann.«
    »Du hast auf dem Berge Wysoka gut gewaltet, und wirst wieder gut walten«,
sprach ein anderer.
    »Reite wohl, und wenn du wieder kommst, so bleibe lange bei uns«, sagte ein
Mann, der ein kleines Häuschen im Wangetschlage hatte.
    »Ja, bleibe recht lange bei uns«, sagte ein Greis.
    »Bleibe bei uns, und siehe, wie es bei uns ist. In dem Walde ist es nicht
schlecht«, sprach ein Mann, der grosse starke Holzschuhe an den Füssen hatte.
    »In dem Walde ist ein annehmbares Wohnen«, sagte Witiko.
    »Wir halten zusammen«, sprach ein alter Mann.
    »Tut immer so«, sprach Witiko, »und es wird recht sein, und jeder rechte
Mann, der sich bei euch niederlässt, wird auch zu euch halten.«
    »Das wird er tun«, sprach der Mann.
    »Gott beschütze dich in der schweren Zeit, die kommt«, sagte ein Greis.
    »Gott beschütze dich«, riefen mehrere.
    »Gott beschütze euch, und mögen wir uns fröhlich wieder sehen«, rief Witiko.
    Und als alle ihren Abschiedsgruss gesagt hatten, und als die Stube leer war,
legte sich Witiko zum letzten Male für diese Zeit in seiner Kammer zur Ruhe.
    Am nächsten Tage ritt er mit Raimund in den Ort Friedberg.
    In Friedberg war er drei Tage.
    Dann ritt er noch weiter in den Wald hinunter, wo Häuser waren, die hie und
da an Bächen lagen, die aus Tälern hervor sprudelten.
    Als er auf die Erhöhung gekommen war, auf welcher die Stiftäuser lagen, von
denen ein Bach, den sie die kleine Mihel hiessen, gegen Mittag floss, um sich in
dem Lande Baiern mit der grossen Mihel zu vereinigen, wendete er sich um, und
ritt wieder nach Friedberg zurück.
    Es war ein Saumpfad, der von Friedberg durch den hohen Wald nach Baiern
hinaus führte, und der auch im Winter betreten und gangbar war. Auf diesem Pfade
ritt Witiko durch den Wald hinan, bis er zu der Stelle gelangte, auf welcher die
Säule des heiligen Apostels Tomas gestanden war.
    Auf dieser Stelle hielt er an.
    Er blickte vor sich nach Baiern hinaus. Es waren dunkle und weisse Streifen
bis an die Alpen dahin. Die Alpen waren blauer und schärfer, als er sie im
Sommer gesehen hatte, und der Schnee war klar in ihren Spalten, in ihren Mulden,
und auf ihren sanften Hängen. Dann wendete er sich um, und sah in das Land
Böhmen. Der breite dunkle Wald ging in Schimmerreif hinunter, die Moldau war
verhüllt, und jenseits war wieder dunkler stiller und bereifter Wald. Witiko sah
den blauen Zug der Schönebene, des Hochfichtes, des Blöckensteines und der
Seewand. Er sah den blauen Blansko. Er sah auch den Kreuzberg, der in
Mitternacht von dem oberen Plane steht.
    Von der Stelle des heiligen Apostels Tomas ritt er wieder nach Friedberg
zurück, und ritt noch an dem nämlichen Tage nach Plan.
    In Plan forschte er nach dem, was in seiner Abwesenheit geschehen war, und
fragte nach verschiedenen Dingen.
    Der Schmied und Tom Johannes, der Fiedler, und David, der Zimmerer, und
Zacharias, der Schenke, sagten ihm, dass eine grosse Zahl von Lanzenschäften
fertig und mit guten Eisenspitzen versehen ist, dass junge und alte Männer
reiten, dass sich alle üben, und dass Gewand in Bereitschaft ist.
    Witiko besah, und durchforschte selber alles.
    Dann ritt er nach Ogfolds Heide und in die Gefilde von Tis und Elhenic, und
von da wieder links gegen den höheren Wald bis an jene Stellen, wo der eine der
zwei Moldaufäden, den sie die kalte Moldau hiessen, aus der dicken Wildnis hervor
rann.
    Als er zurückgekehrt war, blieb er mehrere Tage in Plan.
    Dann ritt er zu Rowno, zu Osel, zu Diet von Wettern und zu Hermann von
Attes.
    Dann kam er wieder nach Plan, und setzte fort, was er begonnen hatte.
    Es nahete endlich der Ausgang des Monates März, und der Schnee begann,
hinweg zu schmelzen. Die Moldau hatte ihr Eis von sich geschoben, und floss
wieder mit dem dunkeln Wasser dahin, und an sonnigen Lehnen schauten schon
manche befreite Stellen des Bodens hervor.
    Da erschien ein Bote in dem Walde. Der Bote sagte, man solle zum Kriege
rüsten. Der Herzog werde in dem ersten Frühlinge gegen Mähren ziehen, um die
mährischen Fürsten zur Demut zu bringen. An den Städten Beneschau, Domasin,
Pilgram, Caslau und Wilimow werden die Versammlungen sein.
    Als der Bote diese Nachricht gesagt hatte, ging er gegen den schwarzen Bach
und gegen die untere Moldau hinab.
    Witiko aber rief die Männer zusammen, und sagte ihnen: »Wer meines Glaubens
ist, dass wir über den Krieg eine Sprache halten sollen, der komme nach dem
Mittagessen zu dem grossen Kreuze auf dem Platze vor der Kirche.«
    Und es kam eine grosse Zahl von Männern zu dem Kreuze. Auch Frauen und
Jungfrauen und Kinder und Greise scharten sich hinzu.
    Witiko sagte zu ihnen: »Jetzt ist die Zeit gekommen, dass alles nützlich sein
kann, was vorbereitet worden ist. Der Herzog duldet nicht die reichen Bedrücker,
und schirmet die, welche bedrückt werden sollen. Er zieht gegen die, welche
Bedrückung beabsichtigen, und es ziehen die mit ihm, gegen welche Bedrückung
geübt werden sollte. Ich sage nicht viel. Ihr wisst, wie es in dem vergangenen
Frühlinge gewesen ist. Wer von uns in den Krieg ziehen will, ist gerüstet, und
kann ziehen. Ihr wisst auch die Orte, an welchen man sich versammelt.«
    »Ich ziehe, ich ziehe, ich ziehe«, riefen beinahe alle, welche sich
versammelt hatten.
    »Und Witiko soll uns führen«, rief eine Stimme.
    »Witiko soll uns führen«, rief die Versammlung.
    »Männer und Freunde«, sagte Witiko, »ihr denket noch, wie der vorige Krieg
gewesen ist. Alles kann jetzt anders sein, es kann auch so sein, wie es gewesen
ist, wir wissen es nicht. Wenn ihr mir vertrauet, so werde ich euch, so wie ich
euch von Prag nach Plan geführt habe, zu dem Herzoge führen, und der erlauchte
Herzog kann dann beschliessen, wie die Sache geschehen soll.«
    »Wir wollen bei einander bleiben, wir wollen alles mit einander teilen, und
wir wollen einer dem andern beistehen«, schrie Adam, der Linnenweber.
    »Ja, so wollen wir, wir wollen nicht auseinander gehen«, schrie Paul
Joachim, der Maurer.
    »Wir wollen fest bei einander sein«, rief Tobias, der Hirt.
    »Und ein Mann von uns muss uns führen«, rief der junge Matias.
    »Nur ein Mann von uns«, rief Augustin, der Pfeifer.
    
    »Witiko hat es besser gemacht als der grüne Ritter«, rief Lambert, der
Zimbelschläger.
    »Er hat es besser gemacht«, schrie Andreas.
    Jetzt rief Peter Laurenz, der Schmied: »So lärmet doch nicht, ihr versteht
nichts, wir sind zusammen gehämmert, und können gar nicht zerrissen werden, und
das bringt uns die Ehre, und das hat jeder gesehen, der von dem Kriege weiss, und
der Führer ist der eiserne Kloben, an dem das Eisen hängt.«
    »Wir sind ein Kriegsheer, und erwerben, was sich ziemt«, rief Stephan, der
Wagenbauer.
    »Wenn ihr nur alle wüsstet, was es ist, und wie es ist«, rief Tom Johannes,
der Fiedler, »und wenn ihr nur dem Rate eines Mannes folgtet, der mit dem
geschändeten Arme nicht kämpfen kann, und der die Einsicht besitzt.«
    »So gib uns deine Einsicht mit«, sagte Matias.
    »Dann wäre dir geholfen«, antwortete der Fiedler, »aber ich trage meine
Einsicht selber mit mir, und sie wird meinem linken Arme mehr helfen als die
deinige deinem rechten.«
    »Wir sind auf dem Berge eins gewesen, und die Führung ist eins gewesen, und
so muss es bleiben«, rief Philipp, der Steiger.
    »Männer und Kriegsgefährten«, sagte jetzt Witiko, »der hocherlauchte Herzog
hat euch auf jenem Schlachtberge geehrt, er hat euch auf den Zinnen von Prag
geehrt, er hat eure Namen in ein Buch gezeichnet, und er hat gesagt, dass er euch
immer besser kennen lernen will: der hocherlauchte Herzog wird nur dasjenige
tun, was ist, und wie es ist, und wie es besteht, und was euch frommt. Er wird
eure Begehren achten, und hohe Männer werden beitragen, dass er sie achtet, und
wenn ich etwas beitragen kann, so werde ich es tun, und alles wird recht sein.«
    »Es wird schon recht sein«, sagte David, der Zimmerer.
    »Und ich werde auch schon machen, dass es recht ist«, sagte der Schmied, »ich
werde mit dem Herzoge sprechen.«
    »Und ich werde es noch besser machen«, sagte Tom Johannes, der Fiedler.
    »Und so, meine ich, lassen wir alle Fragen«, sagte Witiko, »und schreiten
wir zu der Ordnung und zu der Einteilung.«
    »Zu der Ordnung und zu der Einteilung«, riefen mehrere.
    »So sollen alle diejenigen auf eine Stelle zusammen treten, welche reiten
gelernt haben«, rief Witiko.
    Die Männer sonderten sich, und die Aufgerufenen traten auf eine Stelle.
    Unter ihnen waren Veit Gregor, Maz Albrecht, Lambert, Philipp, Augustin,
Urban, Matias, Andreas, und noch mehrere jüngere und ältere Männer.
    Witiko sprach: »Wer ein Pferd hat, und reiten kann, nehme das Pferd mit auf
den Zug. Und wenn sich auch sonst noch so viele zusammen finden, dass eine
Reiterschar wird, so wollen wir auch als Reiter in dem Kriege sein. Sagt es
denen, die hier nicht anwesend sind, und doch mitziehen wollen. Ihr müsst euch
aber auch so einrichten, dass ihr auch auf euern Füssen stehen, und kämpfen
könnt.«
    »So ist es recht«, riefen mehrere.
    »Und nun ordnen wir auch die andern«, sagte Witiko.
    »Ordnen wir sie«, riefen einige Männer.
    »Die auf dem Berge Wysoka gewesen sind«, rief Witiko, »und die auf der Mauer
von Prag gegen die Belagerung gekämpft haben, sollen so stehen, wie sie auf dem
Berge gestanden sind, und wie sie in Prag gewesen sind, und die sich hier geübt
haben, sollen stehen, wie sie zusammen gewöhnt sind.«
    »Ja, ja«, riefen schier alle, »so ist es am besten.«
    »Sagt es allen andern, die nicht da sind«, sprach Witiko, »und kommet morgen
wieder, wir werden uns zusammenstellen. Und bringt eure Waffen mit. Jetzt
trennen wir uns, dass sich ein jeder vorbereiten kann.«
    Und die Männer zerstreuten sich, und sprachen noch eifrig von der Sache, und
die Zuschauer gingen auch von dem Platze, und redeten von dem, was sie gesehen
hatten.
    Am andern Tage nach dem Mittagessen versammelten sich die Krieger wieder auf
dem Platze vor der Kirche. Auch viele andere Menschen kamen herbei.
    Die Krieger hatten ihre starken Gewänder, welche hergerichtet worden waren,
und ein jeder, er mochte ein Schwert haben, oder eine Keule, oder einen Hammer,
oder eine eiserne Stange, hatte auch einen schafft von starkem Holze des Waldes
und daran eine feste Spitze von Eisen.
    Sie stellten sich in der Art zusammen, wie Witiko gesprochen hatte.
    Er sagte, sie sollen sich die Stellung sehr gut merken, und sie sehr schnell
wieder finden, wenn sie auseinander gegangen sind.
    Sie versuchten es, wie er gesagt hatte.
    Dann teilte er die Männer in kleinere Haufen, und zeigte, wie sie sich
scharen, und wieder in die Haufen trennen könnten.
    Sie versuchten auch dieses.
    »Nun übet die Dinge«, sprach er, »dass sie immer gangbarer werden.«
    Dann sammelte er die Reiter in einen Haufen, und stellte sie, wie sie
zusammen gehören sollten. Und als die Stellung gut geordnet war, begann er die
Bewegungen im Reiten.
    »So lasset uns nun eine kurze Frist ausüben, was einmal sehr notwendig sein
könnte«, sagte er, »bis der Tag kömmt, an welchem wir uns auf unsern Zug
begeben.«
    Und die Männer sammelten sich nun jedes Tages zu den Übungen.
    Da auch viele gewohnt waren, mit Bolzen oder Pfeilen auf Tiere oder um
Preise auf Ziele zu schiessen, so machte er auch eine Einteilung von denen,
welche Armbruste oder Bogen herbei gebracht hatten.
    Als diese Dinge geschahen, kam eine Schar von Männern von dem schwarzen
Bache nach dem oberen Plane. Sie hatten graue dicke Wollgewänder, starke
Filzhauben und schwere Stiefel mit hölzernen Sohlen. Jeder trug eine Lanze und
ein Schwert, oder eine Keule, oder eine andere Waffe, und einen Pack mit
Lebensmitteln. Mehrere ritten auf kleinen Pferden des Waldes, und manche hatten
Bogen oder Armbruste. Sie verlangten mit den Männern von Plan zu ziehen. Witiko
ordnete sie zu ihnen.
    Dann kamen Scharen von dem Reutschlage, von dem Eckschlage, von der unteren
Moldau, von dem Ratschlage, von Friedberg, von der Friedau, von dem
Wangetschlage, von dem Kirchenschlage, von den Häusern der tieferen Waldmoldau,
des Heurafels, und den Häusern der Stift, die an dem Lande Baiern lagen, wo die
kleine Mihel gegen den Mittag hinab fliesst. Sie hatten die groben Wollgewänder,
die dicken Filzhauben und die schweren Stiefel. Jeder trug eine Waldlanze, ein
Schwert oder einen Hammer, oder eine Keule, oder eine Stange, oder eine
Armbrust, oder einen Bogen, und einen Pack mit Lebensmitteln. Eine Zahl sass auf
Pferden. Der Greis mit den weissen Haaren, welcher auf die Anrede Witikos in der
Herberge an der unteren Moldau zuerst geantwortet hatte, ritt auf einem kleinen,
schwarzgrauen, starken Pferde. Der Richter von der Mugrauer Haide ritt auf einem
braunen Pferde, und der Richter von den Steinleitenhäusern auch auf einem
solchen. Es waren noch mehrere sehr alte Greise auf Pferden. Auch Jünglinge und
junge Männer sassen auf Pferden. Der Jüngling mit den goldblonden Locken, welcher
gesagt hatte, dass man die Wälder anzünden solle, war auf einem schönen weissen
Rosse. Er rief zu Witiko: »Wir sind nun da, ich bin nur ein geringer Mann, meine
Mutter kocht sich ihre Suppe auf der Leuchte eines Flachsbrechhäuschens; aber
ich habe die Glieder wie jeder andere Mann, und will tun, was ich kann, und die
weisse Reigerfeder und den Goldgürtel erwerben, und der alte Roder Peter, dessen
Pferde ich warte, hat mir dieses gegeben, weil er selber auf keines mehr kann,
und ich will ihm, wenn ich das Pferd verliere, die hundert besten von den
Feinden bringen.«
    »Wie nennt man dich denn?« rief Witiko.
    »Sifrid von Milnet, weil mein Vater dort geboren ward«, sagte der Jüngling.
    »Nun, Sifrid von Milnet«, sprach Witiko, »mögest du die weisse Reigerfeder
und den Goldgürtel erlangen, und wenn du auch nicht mit hundert Pferden
zurückkehrest, mögest du nicht ohne Pferd heim kommen.«
    »Dann komme ich selber auch nicht heim«, sagte der Jüngling.
    Der Greis mit den weissen Haaren ritt zu Witiko hinzu, und als er bei ihm
war, sagte er: »Wir haben in den Kriegen, die gewesen sind, das Zusammenstehen
kennen gelernt, wie es richtig ist, und wir sind auch auf dem Berge Wysoka
zusammen gestanden, und wir haben den Weg hieher gesucht, dass wir wieder
beisammen sind.«
    »Wenhart, sei mir gegrüsst«, sagte Witiko, »die Vereinigung ist gut, und
suchen wir zuerst alles so zu fügen, wie es am fördersamsten sein mag.«
    Witiko und Wenhart ordneten die Schar zu den Kriegern von Plan hinzu.
    Und wie Wenhart gesprochen hatte, so sprachen auch von jeder Schar, wie sie
ankam, Männer zu Witiko, und die Scharen wurden zu denen, die schon vorhanden
waren, hinzugefügt.
    Jetzt aber strebte man, den Zug zu beginnen, und es wurde ein Tag zu
demselben angesetzt.
    Als das Licht dieses Tages sich erhob, versammelten sich die Männer auf dem
Platze vor der Kirche.
    Die Fussgänger von Plan hatten ein Banner, welches weiss war, und in dessen
Mitte sich etwas Dunkelrotes befand. Rupprecht, der grosse Sohn Romans, des
grünen Webers, trug das Banner.
    Die Reiter von Plan hatten ein gleiches Fähnlein, welches aber kleiner war.
Dasselbe hatte man auf die Lanze Philipps des Steigers geheftet.
    Witiko fragte, wer das angeordnet habe, und was es bedeute.
    »Ich habe es angeordnet, und die Männer haben beigestimmt«, rief der
Schmied. »In der Mitte ist die rote Waldrose, und Christ Severin hat die Banner
gewebt, und die Mädchen haben sie mit Bändern und mit Säumen verziert.«
    Die kleine Schar aus dem Wangetschlage hatte auch ein weisses Banner mit der
dunkelroten Waldrose.
    »Witiko«, sagte der Mann, welcher die grossen Holzschuhe angehabt hatte, als
im Wangetschlage die Versammlungen gewesen waren, »du hast auf dem Berge Wysoka
ein weisses Schild getragen, auf welchem eine rote Waldrose gemalt gewesen war,
und Huldrik hat gesagt, dass vor Zeiten dein Geschlecht Rosen von Rom gebracht
hat, und dass die Rosen recht viel Gutes von Welschland bringen werden, darum
haben wir die Rose auf das Banner gesetzt.«
    Und die Männer von der unteren Moldau hatten ein blaues Banner und Fähnlein,
und die vom schwarzen Bache ein weisses, und die von der Mugrauer Heide ein
grünes, und die von Friedberg ein rosenrotes, die vom Eckschlage hatten
Geierfedern auf eine Stange gebunden, die vom Ratschlage trugen ein weisses
Kreuz, die von der Steinleite ein rotes, und die vom schwarzen Bache hatten
himmelblaue Bänder von einer Lanze flattern.
    Witiko sagte: »Männer, der hocherlauchte Herzog Wladislaw hat allen, die von
dem Walde stammen, in dem vergangenen Frühlinge ein grosses rosenrotes Banner
gegeben, um anzuzeigen, dass sie zusammen gehören; er wird euch auch in diesem
Frühlinge wieder eines geben, und unter diesem Zeichen mögen alle Zeichen, die
ihr gebracht habt, siegen.«
    »Sie werden siegen«, riefen viele Stimmen.
    »Was nicht ein jeder Mann in jedem Augenblicke braucht, das gebet zu den
Säumern«, sagte Witiko.
    Sebastian, der Schuster, stand mit einem grösseren Packe da, als die andern
hatten.
    »Was trägst du denn hier?« fragte Witiko.
    »Ich habe schöne Dinge aus rauhen Bälgen in dem Sacke, welche ich
verfertiget habe, um sie reichen Leuten zu verkaufen«, antwortete Sebastian.
    »Nun, mögest du einen Käufer in solcher Zeit finden«, sagte Witiko, »die
Dinge aber musst du zu den Säumern geben.«
    Dann sprach er: »Männer, jetzt werden wir Gott um seine Hilfe zu dem bitten,
was wir tun, und was wir nur darum tun, weil wir es für das Gerechte halten.«
    Als er diese Worte gesprochen hatte, stieg er von seinem Pferde, gab die
Zügel in die Hand Raimunds, und ging in die Kirche.
    Und die Männer gingen in die Kirche, und erfüllten sie, so viele nur von ihr
gefasst werden konnten. Die andern scharten sich vor der Tür, und standen vor
derselben.
    Dann wurde der Morgengottesdienst gefeiert, und die Männer in der Kirche
knieten auf den Boden nieder, und die Männer vor der Kirche knieten in dem
Schnee, und die Reiter waren von den Pferden gestiegen, und knieten neben den
Pferden.
    Als der Gottesdienst geendigt war, segnete der Pfarrer die Männer in der
Kirche, und dann ging er vor die Tür, und segnete die Männer ausserhalb der
Kirche.
    Nach der Segnung erhoben sich die Männer von dem Schnee, verabschiedeten
sich noch ein Mal von den Ihrigen, und suchten in ihre Stellungen zu gelangen.
Die in der Kirche gewesen waren, kamen heraus, nahmen auch noch von ihren
Angehörigen Abschied, und stellten sich in die Ordnung. Witiko ging, von dem
Pfarrer geleitet, zu seinem Pferde. Dort nahm er von dem Pfarrer und von Martin
und Lucia Abschied, und bestieg das Pferd. Augustin, Urban und Matias waren auf
ihren Pferden neben ihm, damit sie dasjenige, was er während des Zuges anordnen
würde, schnell an die Orte brächten, an denen es notwendig sein könnte. Die zwei
Herzogspferde Witikos wurden von Raimund und Jakob an den Zügeln neben den
Pferden, auf denen sie ritten, geführt.
    Veit Gregor hatte das grosse Horn des Bockes. Andere aus Plan und aus anderen
Orten hatten kleinere Hörner.
    Witiko, da er auf dem Pferde sass, angetan mit dem groben Wollgewande, wie es
die Bewohner des Waldes trugen, gab das Zeichen, und es ertönte das grosse Horn,
und die kleinen Hörner antworteten.
    Auf diesen Schall erhob sich ein Geschrei der Männer, die zurück blieben,
der Frauen, der Mädchen und der Kinder. Es war zum Teile ein Geschrei der
Ermutigung, zum Teile der Freude, zum Teile des Schmerzes.
    Der Zug setzte sich in Bewegung. An der Spitze waren die Reiter, welche ihre
Pferde in langsamem Schritte gehen liessen. Dann kamen die Fussgänger. Am Ende
waren die Säumer, dann die Frauen, welche mancherlei Arbeiten bei dem Kriegszuge
zu verrichten hatten, und verschiedene Knechte.
    Man zog in der Richtung gegen den Morgen. So viele Menschen, als aus dem
Orte Plan und aus den umliegenden Waldhäusern und aus grösseren Entfernungen
herbei zu kommen vermocht hatten, gingen mit dem Zuge. Man kam an dem steinernen
Hause Witikos vorüber, man gelangte unter die Föhren, welche in der Richtung
gegen Morgen von Plan weg dahin standen, man gelangte auf die Höhenscheide der
Föhren, von der man noch das Tal von Plan und die Moldau sehen konnte, und ging
jenseits der Scheide hinunter. Mehrere Haufen der Menschen, die den Zug
begleiteten, sonderten sich ab, und gingen zurück. Man zog über die Talschlucht
des Waldes, in welcher der Bach rieselte, und ging dann in dem Waldesdickichte
sachte gegen die Mugrauer Heide empor. Als man auf die Heide gekommen war,
hatten sich alle Begleiter umgewendet, und hatten den Rückweg angetreten. Andere
kamen dafür aus verschiedenen Gegenden herzu, sahen den Zug an, und mehrere
begleiteten ihn eine Weile.
    Gegen den Mittag langten die Männer bei dem Turme Rownos an. Da blieben sie
stehen. Witiko ritt mit einem Geleite in den Turm. Rowno stand in dem Hofe, ihn
zu begrüssen. Witiko und seine Begleiter stiegen von den Pferden, und gingen in
die grosse Stube. Dort waren mehrere Sippen Rownos versammelt. Es wurde der
Empfangstrunk gereicht. Dann sagte Rowno: »Es ist gut, Witiko, wie du es
versprochen hast, sei gegrüsst, und wir werden nicht säumen.«
    »Ich komme, dir nur den Gruss zu bringen«, antwortete Witiko, »es ist, wie
wir gesagt haben.«
    »Es ist so«, entgegnete Rowno, »meine Männer ziehen heran. Es können dich
nicht alle meine Sippen begrüssen, sie sind zu den Jungfrauen geritten, sich
weissagen zu lassen.«
    »Es ist gut«, sagte Witiko.
    In dieser Frist öffnete sich die Tür, und Ludmila, die Ehefrau Rownos, und
Dimut, seine Schwester, traten herein. Ludmila war in einem grauen Gewande mit
einem goldgewirkten Gürtel, Dimut trug ein dunkles Kleid, wie sie es in der
Verteidigung Prags gehabt hatte, und das Kleid war mit Silber gegürtet.
    Ludmila ging zu Witiko, reichte ihm die Hand, und sprach: »Seid gegrüsst,
edler Mann Witiko, Ihr ziehet wieder auf die Felder zum Schutze des Reiches, und
möge der höhere Schutz des Himmels Euch geleiten. Wir zu Hause wünschen es, und
bringen unseren Anteil an dem Gebetschemel des Schlafgemaches dar.«
    »Seid gegrüsst, verehrungswürdige Frau«, sagte Witiko, »es ist wahrhaftig der
Schutz des Reiches, und es wird wahrhaftig der höhere Schutz nicht fehlen, um
den gerechte Frauen bitten.«
    Nun ging Dimut zu Witiko, reichte ihm gleichfalls die Hand, und sagte: »Sei
gegrüsst, Witiko, du gehest wieder so, wie du im vorigen Jahre gegangen bist, und
wirst wieder finden, die du in dem vorigen Jahre gefunden hast. In Prag werden
die Heiligtümer aufgerichtet, und wenn sie fertig sind, werden die kommen, die
sich des Werkes freuen, und werden darin beten. Und ihr werdet das Reich
aufrichten, und wenn das Rechte geschieht, wie es auf Erden und im Himmel gilt,
werden die kommen, die sich dessen freuen.« »Sei gegrüsst, edle Jungfrau«,
entgegnete Witiko, »du hast Worte gesagt wie im vergangenen Jahre. Mögen sie
sich auch so erfüllen.«
    »Sie werden sich erfüllen«, sagte Dimut.
    Darauf sprach Witiko zu Ludmila: »Beurlaubet mich, hohe Frau, meine Männer
stehen draussen in dem Schnee. Gehabet Euch wohl.«
    »Gehabet Euch wohl, Witiko«, sagte Ludmila.
    »Lebe wohl, Dimut«, sprach Witiko.
    »Behalte die Freude, mit der du ziehst«, antwortete Dimut.
    »Ich werde sie behalten«, sagte Witiko.
    Darauf sprach er zu Rowno: »Lebe wohl.«
    Rowno antwortete: »Lebe wohl.«
    Dann rief Witiko zu den Männern, die in der Stube waren: »Seid gegrüsst, ihr
Krieger, und gehabet euch wohl. Wir werden bald wieder auf dem nämlichen Boden
stehen.«
    »Sei gegrüsst, und lebe wohl«, riefen die Männer.
    Dann ging Witiko aus der Stube. Rowno und mehrere Männer geleiteten ihn. Da
er in dem Hofe war, bestieg er sein Pferd, und seine Begleiter bestiegen ihre
Pferde. Desgleichen setzten sich Rowno und seine Männer auf ihre Pferde, und da
Witiko durch das Tor und über den Damm hinaus ritt, gaben sie ihm das Geleite,
bis er bei seinem Zuge angekommen war. Dort grüssten ihn Rowno und die Seinigen
noch mit kriegerischer Ehre, und wandten sich dann zu dem Turme zurück. Witiko
aber gab das Zeichen, die Hörner ertönten, und der Zug setzte sich wieder in
Bewegung.
    Er ging in dem Tale an dem Bache dahin, der gegen den Morgen floss.
    Hie und da begegneten ihm Männer, die zu Rowno zogen.
    Als der Mittag schon vorüber war, gelangte der Zug in die krumme Au. Von
dort ging er zwischen den Felsen und der Moldau hinaus in freieres Land. Auf
diesem Lande machte er ein Lager. Mehrere Männer sassen auf Steinen, mit denen
die Äcker eingefasst waren, andere sassen auf Stellen, welche schon der Schnee
verlassen hatte, oder auf Dingen, die aus dem Schnee hervor ragten, und viele
standen, und stützten sich auf ihre Lanzen. Sie nahmen Nahrung hervor, und
erquickten sich. Die Frauen und manche Männer, die ihnen halfen, machten aus
Holz, das sie gesammelt oder aus Dingen umher gewonnen hatten, zahlreiche Feuer,
daran man sich wärmen, und Speisen bereiten konnte. Den Pferden wurde ihre
Nahrung gereicht, und ihr Trank aus der Moldau geholt.
    Da dieses geschah, ritt eine Zahl von Männern von der krummen Au her gegen
das Lager. Als sie an demselben angekommen waren, und man sie gefragt hatte, was
sie wollten, sagten sie, Diet von Wettern sende sie, und sie müssten mit Witiko
sprechen. Sie wurden zu Witiko geführt, und er sprach eine Zeit mit ihnen. Dann
ritten sie auf dem Wege, auf dem sie gekommen waren, wieder zurück.
    Als die Menschen und Tiere gerastet hatten und gesättiget waren, ging der
Zug wieder gegen Morgen weiter. Er ging zwischen Feldern und Wiesen und kleinen
Wäldchen und zerstreuten Wohnungen hindurch, er ging an dem Orte Welesin
vorüber, und kam gegen den Abend nach Daudleb. Als er dort auf den Feldern
stehen blieb, ritt eine grosse Zahl von Männern über die Brücke zu ihm heraus. An
der Spitze dieser Männer war der alte Lubomir, dann war Rastislaw, dann war
Widimir, dann war Wentislaw, dann war Kodim, und es waren Momir und Dis. Witiko
erkannte unter den Männern auch Slawa und Radim und Hostiwil und andere. Hinter
allen ritt der Priester in dem dunkeln Gewande, der bei der Verteidigung von
Prag gewesen war. Witiko war vor seinen Männern auf seinem Pferde. Hinter ihm
waren die Reiter, und hinter den Reitern waren in einem grossen Bogen die
Fussgänger. Alle richteten ihre Angesichter gegen die, welche kamen.
    Als die Reiter zu Witiko gelangt waren, hielten sie an. Lubomir sass auf
einem schwarzen Rosse. Er hatte ein dunkles faltiges Gewand an, das von einem
silbernen Gürtel gehalten wurde, auf dem blaue Steine waren. Sein Haupt trug
eine schwarze Haube aus Sammet, von der aus einem grossen blauen Steine eine
kurze weisse Feder emporragte. Unter dem Rande der Haube waren die weissen Haare
zu erblicken. Das Pferd hatte eine dunkle Ausrüstung und Zäumung, die mit Silber
besetzt war.
    Als nach seiner Ankunft einen Augenblick Schweigen gedauert hatte, hob er
seine rechte Hand empor, fuhr mit ihr in einem Bogen gleichsam über die Männer,
hielt sie dann ruhig aus dem faltigen Ärmel gestreckt, und rief: »Lubomir, der
Zupan, begrüsst die Männer auf dem Boden seiner Zupanei, und seine Sippen
begrüssen die Männer. Die Krieger wird er morgen begrüssen, wenn seine Krieger
versammelt sind.«
    Dann liess er die Hand wieder nieder sinken.
    Dann rief er: »So viele die Zupenburg beherbergen kann, sind geladen, sich
zu erquicken. Es werden Speisen und Getränke und Decken und Lagerzeuge und
Geschirre und Pferdebedürfnisse auf das Feld hinaus geschafft werden, und so
mein Wort gilt, werden die Türen der Häuser des Burgfleckens geöffnet werden.«
    Auf diese Worte rief eine Stimme unter den Männern, die hinter Witiko waren:
»Das ist der edle Zupan, und er ist in Prag gewesen, und wir sind ihm
Dankbarkeit schuldig für das, was er bietet.«
    Es war die Stimme des Schmiedes, Peter Laurenz, gewesen, welche gerufen
hatte.
    »Dankbarkeit und Dank«, rief eine grosse Zahl von Stimmen.
    Dann wandte sich Lubomir zu Witiko, und sagte: »Du reitest so wie einer von
diesen Männern vor ihnen. Sei gegrüsst, und wenn du mein Dach nicht verschmähst,
so lasse es heute mit denen über deinem Haupte sein, die noch darunter eingehen
wollen.«
    »Ich nehme Eure Gastlichkeit mit Ehrfurcht an«, sagte Witiko, »seid
gegrüsset, hoher Zupan.«
    »Und nun waltet eurer Bequemlichkeit«, rief Lubomir.
    Nach diesen Worten wendete er sein Pferd, und seine Begleiter wendeten ihre
Pferde, und sie ritten wieder über den Fahrsteg gegen die Häuser von Daudleb
hinein.
    Aber viele Menschen waren von Daudleb heraus gekommen, sie drängten sich
über den Steg, sie drängten sich an die Männer, welche von Plan gekommen waren,
und einer, der ein dunkelblaues Wollkleid an hatte, das mit einem roten Gürtel
gebunden war, rief gegen die Männer: »Ihr seid einer wie der andere, man kann
euch nicht unterscheiden, ich weiss nicht, wer der Vorgesetzte ist, ich bin der
Kmete des Burgfleckens von Daudleb, und lade alle ein, die bei uns Platz haben,
wir werden tun, was wir vermögen.«
    »Wir sind einer wie der andere«, sagte Witiko, »und es ist einerlei, an wen
du deine Worte richtest, edler Kmete, wir sind alle dankbar.«
    »Wir sind dankbar«, riefen viele Stimmen.
    »Kommet zu uns herein«, »kommt zu uns«, »zieht in mein Haus«, »geht in
unsere Herbergen«, riefen die Stimmen der Menschen von Daudleb durcheinander.
    »Schönen Dank«, »wir kommen«, »das freut uns«, »das ist recht«, »ihr seid
freundlich«, scholl es entgegen.
    Dann rief Witiko: »Augustin und Urban, saget jedem Zeichen, dass das Lager an
dem Flusse Malsch abgesteckt werde, es soll einen Bogen haben, und vierzig
Männer der Zeichen haben in Ablösung die Wache der Nacht. Und, Matias, nimm
Männer der Zeichen, und ordnet, wer in den Burgflecken gehen will, und vier
Reiter jedes Zeichens und vier Fussgänger jedes Zeichens begleiten mich in die
Burg. Wir werden durch die Gastlichkeit des hohen Zupanes und des Burgfleckens
geehrt, und ehren die Gastlichkeit wieder.«
    »Das ist herrlich«, »das ist in Pracht«, riefen Menschen aus Daudleb.
    »Das ist wie Reiter und Krieger«, riefen Männer, die mit Witiko waren.
    »Die Ehre ist hier, und die Ehre ist dort, und die Ehre muss bewahrt werden«,
rief der Schmied von Plan, »sonst ist es einerlei, ob wir auf der Wolldecke
schlafen oder in dem Hause, und wir werden uns einteilen, wer die Ehre geben und
nehmen soll.«
    »Wir werden uns einteilen«, schrie Paul Joachim, der Maurer.
    »Wir werden uns einteilen, und in den künftigen Tagen wechseln«, rief
Stephan, der Wagenbauer.
    »Ja, ja«, riefen mehrere.
    »Nun rüstet das Lager«, rief Witiko.
    Nach diesen Worten wendete er sein Pferd, und ritt durch den Haufen der
Reiter gegen die Fussgänger zurück, und ritt an ihnen dahin, und sah, wie die
Züge der Männer sich auflösten, und daran gingen, das Lager zu errichten. Die
Menschen von Daudleb mischten sich unter die Angekommenen, und es waren
vielfache Gespräche.
    Als das Lager geordnet war, und als die Wachen um dasselbe gestellt waren,
zog Witiko mit zwanzig Reitern und vierzig Fussgängern über die Brücke gegen die
Burg. Die Männer in dem Lager wählten dann auch aus den ihrigen, und die
Gewählten zogen im Geleite von Menschen aus dem Burgflecken gegen die Häuser des
Burgfleckens.
    Witiko wurde mit seinem Geleite durch das Tor in die Burg gelassen, und die
Schar der gewählten Männer wurde in den Häusern des Burgfleckens verteilt.
    Und Witiko wurde mit den Seinigen in der Nacht in der Burg gepflegt, und
schlief innerhalb der Mauern derselben, und die gewählten Männer wurden in den
Häusern des Burgfleckens gepflegt und beherbergt, und die anderen Männer und die
Frauen, die mit dem Zuge gekommen waren, schliefen auf Decken in dem Lager, und
Feuer brannten überall, und die Wachen waren rings um das Lager, und wurden
abgelöst, wie es Witiko eingerichtet hatte.
    Als das erste Licht des Morgens schien, verabschiedete sich Witiko von dem
alten Zupane Lubomir, von seiner Gattin Boleslawa, und von seinen Sippen.
    Lubomir geleitete mit seinen Sippen Witiko bis an das Tor der Burg. Dort
sprach er: »Ziehe mit Gott. Wie ich gesagt habe, findest du das Rechte. Du
ziehest früher des Weges als wir andern. Ich werde dir mit den Meinigen, und mit
Moyslaw und Radosta, die mir geblieben sind, folgen. Die Kinder des dritten
Sohnes, Pustimir, welcher auf dem Berge Wysoka das Leben verlassen hat, sind
noch zu klein, als dass sie auf das Feld reiten können. Sammle deine Leute zu dem
Kriegsgrusse, den wir bringen. Lebe wohl.«
    »Lebet wohl, hochehrwürdiger Zupan und Leche Lubomir«, sagte Witiko.
    Dann zog er mit den Seinigen von der Burg gegen das Lager.
    Als sie in das Freie kamen, sahen sie von verschiedenen Seiten Reiter und
Fussgänger gegen Daudleb eilen.
    Die Männer, welche in dem Burgflecken übernachtet hatten, zogen wieder in
das Lager. An ihrer Spitze ging der Fiedler, Tom Johannes. Witiko rief ihm zu:
»Wie ist es denn, dass du bei den Streitern bist, Tom Johannes, da deine Hand der
Waffe nicht mächtig ist?«
    »Er ist mit Gewalt mitgegangen, da wir ihn zurückweisen wollten«, rief
David, der Zimmerer.
    »Sie verstehen die Dinge nicht«, sagte Tom Johannes, »ich halte mit der
linken Hand die Lanze, und habe es gut gelernt, und heute in der Nacht bin ich
bei dem Kmeten dieser Stadt gewesen, ihn zu ehren, wie du bei dem Zupane.«
    »So führe deinen schafft nur gut, wie du es kannst«, sagte Witiko.
    »Ich führe ihn besser als auf dem Berge«, sagte Tom Johannes.
    »Dann wird es recht sein«, antwortete Witiko.
    Und die Männer Witikos und die anderen Männer kamen in das Lager, und Witiko
wies sie an ihre Stellen. Und die Wachen wurden herein gerufen, und Witiko
ordnete an, dass das Lager aufgehoben werde, und dass die Männer zum Zuge sich
stellen.
    Als dieses geschehen war, tönten die Hörner, der Zug ging durch die Menschen
gegen die Brücke, er ging über die Brücke, er ging durch den Burgflecken, er
ging an der Zupenburg vorüber, und gelangte dann auf freies breites Feld. Auf
dem Felde stand eine Macht von Kriegern, und hinter den Kriegern standen sehr
viele Menschen. Der erste an den Kriegern war Lubomir. Er sass auf dem schwarzen
Rosse. Über dem dunkeln Gewande hatte er ein glänzendes Waffenkleid und einen
goldenen Gürtel mit grünen Steinen. Auf der schwarzen Haube hatte er einen
grünen Stein und eine weisse gerade Feder. Er hielt das entblösste Schwert in der
Hand empor. Hinter ihm war auf einem Rosse Wentislaw, der Zupenrichter, neben
diesem war Rastislaw, der Meyer, daneben Widimir, der Schreiber, daneben Kodim,
der Kämmerer, daneben Momir, der Zöllner, dann Dis, der Schenke, dann Hostiwil,
der Marschalk und die andern Männer der Ämter. Sie hatten lichte Waffenkleider,
weisse Federn auf den Hauben, und die emporragenden Schwerter in den Händen. Dann
waren die Reiter in Waffen und im Schmucke. Dann standen die Fussgänger. Sie
hatten Schwerter an den Seiten und Lanzen in den Händen. Witiko ritt mit
Augustin, Urban, Matias und noch vier Männern gegen Lubomir. Lubomir senkte vor
Witiko das Schwert, und die Männer der Ämter senkten die Schwerter. Witiko
senkte sein Schwert, und seine Männer senkten ihre Schwerter. Dann öffnete sich
die Kriegsmacht Lubomirs, und zeigte eine Gasse. Witiko ritt in die Gasse ein,
und seine Männer ritten in die Gasse, und seine Krieger zogen in dieselbe. Und
sie zogen durch die Gasse hindurch. Die Krieger Lubomirs hielten ihre Waffen
gesenkt, die Reiter Witikos trugen gesenkte Schwerter und die Fussgänger geneigte
Lanzen oder Armbruste und Bogen. Keulen oder Schwerter oder Stangen oder Hämmer
hatten sie mit Riemen an den Leibern hängen. Als die Männer Witikos und sein
Tross durch die Gasse waren, hoben sich die Waffen empor, sowohl bei Witiko als
bei Lubomir. Die Macht Lubomirs schloss sich hinter dem Zuge und geleitete ihn.
Hinter der Macht gingen viele Menschen. Dann erhoben die Männer Lubomirs einen
Ruf des Grusses, und alle Männer Witikos antworteten mit einem Rufe. Dann riefen
auch die Menschen, die von Daudleb gekommen waren. Darauf blieb die Kriegsmacht
Lubomirs stehen, der Zug Witikos ging weiter.
    Er ging in der Richtung zwischen Mitternacht und Morgen dahin.
    Die Krieger Lubomirs wendeten sich um, und zogen nach Daudleb zurück, und
die Menschen von Daudleb gingen mit ihnen.
    Die Krieger Witikos aber setzten ihren Weg fort.
    Sie kamen am Mittage nach Lisau und am Abende nach Lomnic.
    Am dritten Tage zogen sie mitternachtwärts nach Wessely, und dann in die
Felder von Austi. Sie waren an diesem Tage in ein Land gekommen, in welchem kein
Schnee mehr lag. In Austi waren die Scharen Ctibors, und es kam ein Zug Nemoys.
    Am vierten Tage gingen die Krieger Witikos morgenwärts nach Chynow und gegen
die Nacht auf die Felder vor Pilgram.
    Sie hatten auf ihrem Zuge nicht Leute gesehen, welche ihr Vieh oder ihre
Habe vor den Feinden flüchteten. Menschen kamen an den Weg, den sie gingen, und
grüssten sie, und auf ihren Haltplätzen wurden sie wie in Daudleb geehrt und
gepflegt, und wo Krieger waren, von ihnen mit Kriegsbrauch geachtet.
    Auf dem Lande vor Pilgram war ein grosses Lager. Die Männer Witikos sahen,
weil die Dämmerung schon gekommen war, viele Feuer an vielen Stellen brennen.
Auf dem Wege, den sie gekommen waren, stand mit einer kleinen Schar Reiter
Hermann von Attes.
    »Sei gegrüsst, Hermann!« rief Witiko.
    »Sei gegrüsst, Witiko«, antwortete Hermann.
    »Du hast deine Zusage erfüllt«, sprach Witiko.
    »Ich habe sie erfüllt«, entgegnete Hermann, »lasse mir deine Leute folgen.«
    Und Hermann von Attes ritt mit seinen Männern des Weges, und der Zug Witikos
folgte. Sie kamen nach einer Zeit auf einen freien Platz, und Hermann sagte:
»Diese Stelle ist dir zum Lagern zugewiesen.«
    »Habe Dank«, sagte Witiko.
    »Ruhet, und morgen werden wir ratschlagen, was weiter zu tun ist«, sprach
Hermann.
    Dann ritt er mit seinen Männern seitwärts, und verliess den Zug Witikos.
    Die Männer Witikos errichteten nun ein Lager, wie es in der Dunkelheit
möglich war.
    Am andern Tage befestigten sie das Lager, und richteten es zum Verweilen
ein.
    Es hatten sich schon mehrere Züge von Herren und Zupanen in diesen Feldern
gesammelt, und die Führer kamen zu den Waldleuten, und Witiko ging wieder zu den
Führern. Sie sagten, an vielen Stellen sammeln sich Männer, und sie erwarten
Boten von dem Herzoge, was weiter zu unternehmen sei; denn die Kundschaftet
melden, dass die Feinde stark rüsten, und hier seien ihnen die Krieger des
Herzoges näher als an den andern Sammelplätzen.
    Nach mehreren Tagen kam Rowno mit den Seinigen, und es kam Osel und Diet. Am
Tage darnach kam der von Ottau und von Hora. Und drei Tage nach diesen kam der
Zupan Lubomir mit seinen Zupenleuten, mit seinen Söhnen und mit den Leuten
seiner Söhne. Boten meldeten, dass Wyhon von Prachatic und der von Winterberg und
die anderen Waldleute, die weiter nach Mitternacht wohnten, sich in Caslau
versammelt haben.
    Witiko sendete mit Männern Lubomirs Kundschafter gegen Mähren. Sie kamen
zurück, und meldeten, dass Züge von allen Gegenden des abendlichen Landes Mähren
in der Richtung gegen Znaim gehen, um zu Konrad zu gelangen, und die Leute
erzählen, dass der Herzog Konrad mit einer Macht vorwärts gehe, um die Züge zu
sich aufzunehmen.
    Es kamen Boten von dem Herzoge Wladislaw, welche sagten, die Scharen ziehen
sich von den Sammelplätzen zusammen, und das Heer werde gegen Pilgram hervor
kommen.
    Alle, welche vor Pilgram gelagert waren, befestigten sich immer mehr, und
harrten. Witiko übte täglich seine Leute.
    Es kamen nun neue und grössere Züge auf die Lagerfelder, und am siebenzehnten
Tage, nachdem Witiko angekommen war, ritt der Herzog Wladislaw mit den Seinigen
auf diese Felder. Es waren seine Brüder bei ihm, es war der Bischof von Prag bei
ihm, es waren die Abte bei ihm, Bolemil war wieder da, der alte Wsebor und Diwis
und fast alle, welche auf dem Berge Wysoka gekämpft hatten, und dort von dem
Tode verschont worden waren. Die fehlten, standen nur noch auf andern
Sammelplätzen. Die Scharen des Herzoges lagerten, und pflanzten ihre Zeichen
auf, und vor dem Gezelte des Herzoges war das grosse seidene rosenrote Banner.
    Welislaw, Odolen, Jurik, der Sohn Juriks, Beneda, Sezima, Zwest und andere
junge Ritter kamen sogleich zu Witiko, ihn zu begrüssen.
    Witiko ging wieder zu jedem, und begrüsste ihn.
    Auf den fünften Tag nach der Ankunft des Herzogs war ein Rat in dem Gezelte
des Herzoges angeordnet, zu dem alle Führer entboten waren.
    Witiko ging in das Gezelt. Es war sehr lange, und man hatte in seiner Länge
aus Brettern einen Tisch errichtet. Am oberen Ende des Tisches sass Wladislaw,
der Herzog von Böhmen und Mähren. Er war, wie schon oft, in ein dunkelbraunes
Gewand gekleidet, hatte eine braune Haube ohne Feder, trug ein dunkles
Waffenhemd und an der Seite in einer dunkelbraunen steinlosen Scheide ein
Schwert. Zu seinen Seiten sassen die Abkömmlinge Premysls, die Fürsten der
Kirche, die Lechen und Zupane und die älteren Führer des Heeres. Die jungen
Männer standen geschart gegen das untere Ende des Tisches, und es war mancher
geringere Mann und Wladyk unter ihnen.
    Als die Zeit des Rates gekommen war, erhob sich Wladislaw, und sprach: »Seid
gegrüsst, ihr alle, die ihr die Säulen des Landes seid. Ich danke euch für das
Land, dass ihr gekommen seid. Die wir noch vermissen, sind auf dem Wege, und der
hochehrwürdige Bischof Zdik wird bei der nächsten Versammlung anwesend sein. Wir
sind in Eile, gehen wir an das Werk. Erhebe dich, Gervasius!«
    Gervasius stand von seinem Sitze auf. Der Herzog setzte sich nieder.
    Von seinem Stuhle aus sprach er: »Rede die Worte, welche ich dir an Konrad,
den Zweig Premysls, den Herzog von Znaim, mitgegeben habe.«
    Gervasius sprach: »Du hast gesagt: Konrad, lege die Waffen nieder, unterwarf
dich dem Herzoge Wladislaw, dem Sohne Wladislaws, bitte um Verzeihung deiner
Schuld, und du wirst ungeschädigt als ein rechter Sprosse des geheiligten
Premysl bestehen können.«
    »Wer hat die Worte, welche du gesprochen hast, gehört?« fragte Wladislaw.
    »Die Worte, welche ich gesprochen habe«, sagte Gervasius, »haben die Männer
gehört, die du mir mitgegeben hast: Zwest, Wecel, Zdeslaw, Bohuslaw und Casta.«
    »Die Männer mögen sprechen«, sagte Wladislaw.
    »Ich habe die Worte gehört«, sprach Zwest.
    »Ich habe die Worte gehört«, sprach Wecel.
    »Ich habe die Worte gehört«, sprach Zdeslaw.
    »Ich habe die Worte gehört«, sprach Bohuslaw.
    »Ich habe die Worte gehört«, sprach Casta.
    »Und welche Worte hat Konrad, der Herzog von Znaim, geantwortet?« fragte
Wladislaw.
    »Konrad, der Herzog von Znaim, hat geantwortet«, sagte Gervasius: »Ich bin
von den hohen Männern der Länder Böhmen und Mähren als rechter Herzog gewählt
worden, und muss meines Amtes walten, und will nicht erfahren, dass ich von
Wladislaw getötet oder geblendet oder in einer Burg gefangen gehalten werde.«
    »Und sprechen die andern Männer auch, dass Konrad, der Herzog von Znaim, die
Worte gesagt hat?« fragte der Herzog Wladislaw.
    »Er hat sie gesagt«, sprach Zwest.
    »Er hat sie gesagt«, sprach Wecel.
    »Er hat sie gesagt«, sprach Zdeslaw.
    »Er hat sie gesagt«, sprach Bohuslaw.
    »Er hat sie gesagt«, sprach Casta.
    »Kanzler Bartolomäus, schreibe die Worte in das Pergament«, sagte
Wladislaw.
    Dann war eine Zeit Stille.
    »Hast du die Worte geschrieben?« fragte Wladislaw.
    »Ich habe sie geschrieben«, antwortete Bartolomäus.
    »Erhabene Sprossen des Stammes Premysl«, sagte nun Wladislaw,
»hochehrwürdige Gebieter der Kirche, hohe Zupane und Lechen der Länder, Führer
des Heeres und Unterführer und Herren und Wladyken! Die Männer und Herren, die
in meinem Rate in Prag sind, die Männer und Herren, die zu mir nach Prag
gekommen sind, die Männer und Herren, welche die Boten gehört haben, die von mir
in das ganze Land gesendet worden sind, haben erfahren, dass ich die Worte zu dem
Herzoge Konrad gesagt habe, und dass ich die Antwort von dem Herzoge Konrad
erhalten habe, als wir von Deutschland zur Befreiung Prags gekommen waren; dass
ich die Worte zu dem Herzoge Konrad gesagt habe, und dass ich die Antwort von dem
Herzoge Konrad erhalten habe, als sich die Heere seiner Anhänger zerstreut
hatten; dass ich die Worte zu dem Herzoge Konrad gesagt habe, und dass ich die
Antwort von dem Herzoge Konrad erhalten habe, als wir im Winter unsere Männer
gerüstet und gesammelt haben; und ihr alle habet jetzt gehöret, dass ich die
Worte zu dem Herzoge Konrad gesagt habe, und dass ich die Antwort von dem Herzoge
Konrad erhalten habe, da wir gesammelt auf dem Wege nach Mähren sind. Die Sache
steht nun fest. Wir sind nicht schuldig an dem Blute, das verloren gehen wird,
und an dem Unheile, das in die Länder kommen wird. Ihr habt in den
Ratschlagungen der früheren Zeit erklärt, dass wir für das Recht die Waffen
erheben. Ist einer in der Versammlung, der einen Weg erkennt, auf dem das
Blutvergiessen und das Unheil vermieden werden kann?«
    Es war ein Schweigen, als der Herzog seine Frage ausgesprochen hatte.
    »Redet, Söhne Premysls«, sagte der Herzog endlich.
    Als sie schwiegen, sprach er: »Rede, Diepold.«
    »Es mögen die Männer und die Herren reden, welche von dem Volke kommen, weil
es an dem ist, dass die Nachkommen Premysls gegen einander im Streite sind«,
sagte Diepold.
    »Rede, Heinrich«, sprach der Herzog.
    »Ich rede, wie mein Bruder Diepold geredet hat«, entgegnete Heinrich.
    »Sprecht, ihr Herren der Kirche, und sprecht, ihr Lechen und Wladyken der
Länder, die ihr von dem Volke kommt«, sagte der Herzog.
    »Hocherlauchter Herr und erhabener Herzog der Länder Böhmen und Mähren«,
sprach Otto, der Bischof von Prag, »der allmächtige, der gütige, der barmherzige
und gerechte Gott hat den Krieg in unsere Länder gesendet, dass wir büssen, was
wir verschuldet haben, dass wir gereiniget werden, dass wir das Rechte
verteidigen, und dass wir uns zur Besserung wenden. Wir müssen ihn dulden und
führen, wie er ihn auferlegt hat, und wir dürfen uns gegen seinen Rat nicht
auflehnen.«
    »Was sprechen die Äbte?« fragte der Herzog.
    »Die Äbte sprechen durch mich, wie der hochehrwürdige Bischof gesprochen
hat«, sagte der Abt von Kladrau.
    »Und der Priester Daniel?« fragte Wladislaw.
    »Du hast die rechten Worte zu dem Herzoge gesendet, und es können keine
andern gesendet werden«, sagte Daniel.
    »Und Bolemil?« fragte der Herzog.
    »Es ist, wie es ist, und wir müssen es zu Ende führen«, sagte Bolemil.
    »Wir müssen es zu Ende führen«, sagte Diwis.
    »Zu Ende«, sagte Lubomir.
    »Zu Ende«, »zu Ende«, riefen alle in der Versammlung.
    »So sind wir geeinigt, und es geschehe, was geschehen muss«, sagte der
Herzog. »Ihr seid sehr zahlreich gesammelt gekommen, wir haben uns an einander
gefügt, ihr kennt die Ordnung, und, was später gekommen ist, wird noch gefügt
werden. Lubomir, du bist wieder zwischen dem Zupane Diwis und dem Lechen
Bolemil, wie bei der Verteidigung von Prag, und Jurik und Chotimir, ihr seid wie
in Prag, die andern Zupenkrieger und die Krieger, die noch zugeführt worden
sind, erhalten die Ordnung des Wysoka. Witiko, tritt vor.«
    Witiko ging von dem untern Ende des Tisches gegen den Herzog vorwärts, und
blieb stehen.
    »Du hast die Waldleute gebracht, Witiko«, sagte der Herzog, »sie haben dich
zum Führer gewählt, und du bleibst ihr Führer. Mein Bote wird es ihnen
verkünden. Lagere dich sogleich rechts von dem ehrwürdigen Lechen Bolemil, wie
du auf dem Berge Wysoka gewesen bist, da die Schlechten vom Plaka die Flucht
ergriffen hatten. Ich gebe dir ein rotes Banner, es soll über deinen andern
Zeichen sein. Rechts von dir sind die von Rowna, Wettern, Tusch, Ottau, Hora,
Attes, Prachatic, Winterberg und vom reichen Bergsteine. Diepold wird rechtseits
von dem Herzogsbanner befehlen. Und so, ihr Herren und Führer, ziehen wir; und
Gott, der Herr des Himmels, und die Heiligen in dem Himmelreiche schützen uns,
und wir flehen zu Gott dem Herrn des Himmels und zu den Heiligen in dem
Himmelreiche.«
    »Zu Gott, dem Herrn des Himmels, und zu den Heiligen im Himmelreiche«,
riefen die Männer der Versammlung.
    »Seid bedankt, ihr Herren«, sagte Wladislaw, »und achtet der Zeichen, wenn
sie tönen werden, dass wir vorwärts dringen.«
    Er erhob sich von seinem Sitze, und die Männer um ihn erhoben sich von ihren
Sitzen.
    Da ging ein Krieger von denen, welche an dem Eingange des Zeltes standen, zu
dem Herzoge, und sagte: »Hoher Herr! Der Leche Bozebor harret, seit die
Beratungen begonnen haben, vor dem Zelte, und bittet um Einlass. Er ist mit
vielen Männern gekommen. Sie sind ausser dem Lager gehalten worden.«
    »Er trete ein«, sagte der Herzog.
    Der Krieger entfernte sich aus dem Zelte, und gleich darauf kam Bozebor in
dasselbe.
    »Gehe zu mir, Bozebor«, sagte der Herzog.
    Bozebor ging bis zu dem Herzoge, und blieb stehen.
    »Was begehrest du?« fragte der Herzog.
    Bozebor löste sein Schwert von dem Gürtel, reichte es gegen den Herzog, und
sprach: »Ich bringe dir mein Schwert, dass du es nehmest, hoher Herr, und mich
strafest, so du mich einer Strafe würdig erachtest. Die mit mir gekommen sind,
lasse an dem Kampfe für die Länder Anteil nehmen, und gib ihnen einen Führer,
welcher ihnen gut ist.«
    »Bozebor«, sagte der Herzog, »ich habe in der Hofburg von Prag gesprochen:
Es hat ein jeder die Freiheit, zu reden, wie sein Herz denkt, ich habe zu dir
gesprochen: Handle nach deinem Sinne, bleibe, wo du willst, bis diese Sache aus
ist, und dann komme zu mir, ich werde dir die Hand reichen. Du bist da, und ich
reiche dir die Hand. Befestige dein Schwert wieder an deinem Gürtel, und führe
deine Männer; denn du bist ihnen gut.«
    Nach diesen Worten reichte er Bozebor die Hand.
    Bozebor nahm sie, und sprach nicht.
    Dann sagte der Herzog: »Führe deine Schar in das Lager, und die Ordnung
werde eingeleitet wie auf dem Wysoka.«
    Da rief Bozebor: »Ich werde sie herein führen, es wird sein wie auf dem
Wysoka, und mehr.«
    »Gepriesen sei Wladislaw«, rief Predbor mit lauter Stimme.
    »Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren«, riefen alle in der
Versammlung.
    »Wir sind alle Freunde«, sagte der Herzog, »und ich glaube, wir werden es
bleiben.«
    »Immer, immer, immer«, riefen die Männer.
    »Und so trennen wir uns, und tue jeder, was er für nötig erachtet«, sagte
der Herzog.
    Und die Versammelten schickten sich an, das Zelt zu verlassen. Die älteren
Männer gingen zuerst, und ihnen folgten die jüngeren.
    Vor dem Gezelte grüssten sich viele, und sprachen noch mit einander. Mehrere
gingen zu Bozebor, und reichten ihm die Hand. Er befestigte das Schwert erst
jetzt an seinem Gürtel, und ging auf den Weg, seine Männer zu holen. Einige
geleiteten ihn.
    Witiko gab Welislaw, Odolen, Sezima, Jurik, dem Sohne Juriks, Zwest, Ben,
dem Sohne Bens, Zdeslaw und Beneda den Gruss, den sie brachten, zurück, und ging
dann mit Rowno und Diet von Wettern und Osel und Hermann von Attes und Wyhon von
Prachatic gegen die Stelle, auf welcher die Waldleute gelagert waren.
    Als er dort angekommen war, verkündete er seinen Männern, was der Herzog
verfügt hatte.
    »Das muss sein«, rief der Schmied von Plan.
    »Das haben wir gemacht«, rief Tom Johannes, der Fiedler.
    »Das ist recht«, »das ist gut«, riefen die Männer.
    »Wir werden zeigen, wie der Wald ist«, rief Sifrid von Milnet, der
goldblonde Jüngling.
    Gleich darauf kam auch der Bote des Herzogs, welcher die Meldung machte, dass
Witiko der Führer der Krieger aus dem Walde sei, welche sich unter ihn gestellt
haben. Ein Herold des Herzogs brachte den Kriegern ein seidenes rosenrotes
Banner.
    Witiko sagte seinen Männern, sie sollen das Lager abbrechen, und nach dem
Platze ziehen, welchen ihnen der Herzog angewiesen hatte. Die Männer brachen das
Lager ab, und zogen nach dem Platze. Das rosenrote Banner wurde vor ihnen
getragen. Auf dem Platze errichteten sie ein neues Lager. Rowno und die andern
Leute aus dem grossen Walde nahmen auch ihre neuen Stellen ein.
    Witiko teilte nun seine Krieger nach den Zeichen ab, die sie hatten, und
sagte, sie sollen unter jedem Zeichen einen Mann wählen, dass er in dem Zeichen
befehle. Sie vollbrachten die Wahl. Er befestigte jetzt noch mehr die Anordnung
der Abteilungen, und bestimmte die leichtere Bewegung der Reiter und Schützen.
Vor seinem Zelte wurde die rote Fahne aufgerichtet.
    An einem Tage zog der Herzog mit Männern der Kirche und Kriegsherren durch
alle Lager. Sie kamen auch an die Stelle, an welcher hin die Krieger
ausgebreitet waren, die den Weg von dem langen Walde, welcher der jungen Moldau
entgegen ging, zu dieser Stadt der Versammlung gemacht hatten. Die Männer
standen nach ihren Ordnungen. Der Herzog sah auf alle, und er sprach mit Witiko
und mit Rowno und mit Osel, bei dem seine Knaben auf den Pferden waren, welche
ihnen der Herzog geschenkt hatte, und mit Diet von Wettern und mit Hermann von
Attes und mit Witislaw von Hora und mit Wolf von Tusch und mit Wernhard von
Ottau und mit Wyhon von Prachatic und mit Wenzel von Winterberg und mit mehreren
der untergeordneten Männer. Dann wendete er sich mit seinem Geleite, und zog
wieder durch die Lager zurück.
    Des zweiten Tages darauf wehete die Fahne der Versammlung auf dem Zelte des
Herzogs. Die Führer gingen in das Zelt. Der Herzog sprach: »Es sind alle Sachen
geordnet, welche geordnet werden mussten, und es sind die Scharen gekommen,
welche kommen sollten. Es werden heute noch die Zeichen gegeben werden, dass in
dem nächsten Frühlichte der Zug beginne. Wir müssen die Veste Znaim hinweg
nehmen. Die Feinde ziehen uns entgegen; aber wir werden doch des Weges dahin
gehen. Die Ordnungen werden wir erfüllen, wie wir sie beraten haben, und ich
wünsche einem jeden Heil und Segen auf der Stelle, auf welcher er ist.«
    »Heil und Segen«, riefen die Männer.
    »Und wir werden Ordnung und Kriegszucht erfüllen«, sagte Bolemil.
    »Wir werden sie erfüllen«, riefen die Männer.
    »Und so sagen wir uns Lebewohl, bis wir uns wieder auf einem andern Platze
versammeln«, sprach der Herzog.
    »Lebe wohl«, riefen die Männer, und zerstreuten sich, und gingen zu ihren
Leuten.
    Nach einer Stunde tönten die Zeichen, dass mit dem Anbruche des folgenden
Morgens der Zug in Bewegung kommen solle, und die Zeichen pflanzten sich durch
alle Lager fort.
    Und es begannen die Arbeiten zur Beseitigung alles dessen, was hindern
könnte.
    Und als das Licht nach der Frühlingsnacht wieder gegen die Erde dämmerte,
standen die Tausende der Männer auf ihren Füssen oder sassen auf ihren Pferden,
und die Ordnungen waren eingerichtet, dass die Züge sich entfalten konnten.
    Witiko hatte sein dichteres Lederkleid angelegt, und sass auf dem eisengrauen
Pferde. Er bildete die Stellung seiner Schar, liess zu der Meldung der Zeichen
die Hörner der Ziegenböcke bestehen, und zu dem Zuge die langen Pfeifen, wie sie
auf dem Wege zu dem Berge Wysoka gewesen waren, und die Männer des Waldes gingen
auf den Gefilden, die ihnen zugewiesen worden waren, dahin.
    Weit ausgebreitet auf den Feldern und Wiesen und Weiden und in den Wäldern
gingen auf allen Wegen und Pfaden die Züge Wladislaws dem Lande Mähren entgegen.
    Auf dem Boden des Landes Mähren standen die meisten Banner der Feinde.
    Witiko empfing die Nachrichten von Boten, die er ausgesendet hatte, und
sendete wieder neue Boten aus, und eines Morgens sahen die Männer die weissen
Zeichen in den dunkeln Gefilden des Frühlings. Und wie die Sonne höher an dem
Himmelsbogen stieg, waren die Zeichen vor den Scharen Witikos.
    Witiko liess die Männer antreten, wie er sie gelehrt hatte.
    Da kam ein Reiter von den Feinden mit einem Friedensfähnlein, und andere
Reiter waren hinter ihm. Er verlangte zu dem Führer. Da er vor Witiko stand,
sprach er: »Ich will mit dir allein sprechen.«
    »Ich nicht mit dir«, antwortete Witiko, »rede vor allen.«
    »Männer«, rief der Reiter, »der hocherlauchte Herzog Wratislaw, der uns
führt, sagt mit dem Auftrage Konrads, des Herzogs von Böhmen und Mähren, dass er
euch Ehren und Rechte und Befugnisse und Reichtümer geben wird, wenn ihr nach
eurer Pflicht zu seinen Scharen steht. Er wird die Krieger Wladislaws
zurückwerfen, dass sie des Weges gegen Znaim nicht gedenken können, und die
widerstehen, wird er vertilgen.«
    »Mann«, rief Witiko, »reite Augenblicks zurück. Wenn ein Mund bis auf die
Zahl hundert hinauf gezählt hat, und dich eine Lanze oder ein Pfeil oder ein
Bolzen noch erreicht, so wird er dich treffen.«
    Der Mann zauderte. Es erhob sich keine Stimme. Dann rief er: »Euer Blut über
euch.«
    Dann ritt er von dannen, und die Seinigen schlossen sich an.
    Witiko liess Jünglinge, welche Pferde gut zu leiten verstanden, zu Bolemil
reiten, der links von ihm in den Fluren war. Es stand ein kleiner Wald an der
linken Seite Witikos. Die Jünglinge ritten durch den Wald. Witiko schickte
Männer in den Wald, dass sie denselben inne hätten. Dann liess er die Reiter auf
einer offenen Fläche, die zwischen ihm und Rowno war, bereit sein. Die Schützen
waren auf den Seiten.
    Die Feinde gingen mit grossem Geschrei vorwärts. Die Männer Witikos gaben
keinen Laut von sich. Da tönten die Hörner der Ziegenböcke den einzelnen langen
Ton des Streits. Die Männer senkten die Waldschäfte in eine waagrechte Lage, und
gingen vor. Sie drückten wie auf dem Wysoka mit den schweren Stiefeln den Boden.
Pfeile und Bolzen flogen gegen sie. Sie gingen vor. Der Stoss an den Feind
geschah. Sie gingen langsamer vor. Schild und Schwert und Lanze und Speer und
Hammer und Keule wurden gegen sie verwendet. Sie gingen vor. Das grüne und weisse
und rote und blaue Zeichen, das Zeichen mit den Federn und Bändern, das weisse
Banner der Männer von Plan mit der dunkelroten Waldrose, alle gingen gleichmässig
vor, und das grosse rosenrote Seidenbanner war bei ihnen. Die Scharen Rownos und
der andern gingen vor. Die Reiter waren an den Feinden, und Sifrid von Milnet
war auf dem weissen Rosse des alten Roder Peter bemerkbar. Die Schützen sendeten
Pfeile und Bolzen, wie sie dieselben auf Luchse und Marder senden. Die Feinde
erhoben ein grösseres Geschrei als früher, die Männer des Waldes antworteten
nicht, der lange Ton des Streites erscholl. Da erhob, als es stiller wurde, der
Schmied von Plan die Stimme, und rief laut, dass alles übertönt war: »Wir
siegen.«
    »Wir siegen«, riefen die Männer mit lauten Stimmen.
    Dann war es wieder still. Die Feinde gingen schneller zurück, die Krieger
des Waldes gingen schneller vorwärts, und dann löseten sich die Ordnungen der
Feinde, sie zerstreuten sich in Flucht, und es wurde ein freier Raum vor den
Kriegern des Waldes. Diese fielen auf die Knie.
    Einen Augenblick knieten sie.
    Dann erhoben sie sich. Witiko ritt vor ihrer Reihe hinab, und grüsste sie
ehrerbietig mit dem Schwerte.
    Dann rief er: »Jetzt zur Verfolgung.«
    Und die zwei Töne der Verfolgung erschollen aus den Hörnern.
    Links von dem Walde konnte man Scharen Bolemils erkennen, und die Männer,
die den Wald gehütet hatten, kamen nach vorwärts.
    Die Krieger gingen zur Verfolgung, und alle die Reiter strebten den Feinden
nach.
    Als man endlich von der Verfolgung abgestanden war, als man Verwundete und
Tote besorgt hatte, als die Zeit der Ruhe und Erquickung vorüber war, und als
Witiko Boten an den Herzog abgesendet hatte, gingen die Männer in der Richtung
gegen die Veste Znaim vorwärts.
 
                                  Dritter Band
                                       1
 In Amt und Gut.
Als an dem Tage, an welchem die Scharen des Fürsten Wratislaw durch die Schäfte
des Waldes zurückgedrängt worden waren, der Abend heran kam, erreichten die
Männer des Waldes die Anhöhe, welche ihnen von dem Herzoge Wladislaw als
Nachtlagerungsplatz bestimmt worden war.
    Sie breiteten sich auf der Höhe aus, und suchten die Stellen, welche sich
zur Nachtruhe eigneten.
    Witiko liess Sifrid von Milnet zu sich rufen, und sagte zu ihm: »Sifrid, bist
du von dem Kampfe so ermattet, dass du in der heutigen Nacht nicht noch einen
Dienst tun könntest, und ist dein Pferd noch im Stande, einen mässigen Ritt von
einigen Stunden zu ertragen?«
    Sifrid antwortete: »Ich habe gesagt, dass meine Glieder sind wie die eines
andern Mannes, und dass ich tun will, was ich kann: und da nun der andere Mann
den Dienst täte, so tue ich ihn auch, und oft haben wir den ganzen Tag
gearbeitet, und in der Nacht getanzt. Und was das Pferd anlangt, so habe ich dir
ja erzählt, Witiko, dass ich die Pferde des alten Roder Peter warte, und ich
warte sie sehr gut, und weiss, was sie ertragen, und habe mir das beste
ausgesucht, da ich fort geritten bin.«
    »Also wirst du reiten?« fragte Witiko.
    »Ich werde reiten«, sagte Sifrid.
    »Also, höre. Hast du dir alles gemerkt, was heute in dem Kampfe geschehen
ist?« fragte Witiko.
    »Ich habe es mir gemerkt«, antwortete Sifrid.
    »Wie heisst der Führer der Scharen, die gegen uns gekommen sind?« fragte
Witiko.
    »Es ist Wratislaw, der Herzog von Brünn, ein nichtsnutziger Vetter unseres
erleuchten Herzoges Wladislaw«, antwortete Sifrid.
    »Gut, und wie viele Stunden sind wir seitwärts nach rechts in der Verfolgung
gegangen, und wie viele wieder links zu unserem Wege, und wohin sind die meisten
der Feinde geritten, und wie heisst der Berg, auf dem wir jetzt stehen?« sagte
Witiko.
    »Wir sind vielleicht drei Stunden gegen Sonnenuntergang hinter den Feinden
her gewesen, und sind dann vier oder fünf Stunden wieder in der Richtung gegen
Sonnenaufgang gezogen, und die Feinde sind zerstreut gegen Sonnenuntergang
geritten, und der Berg, auf dem wir stehen, heisst Branis«, antwortete Sifrid.
    »Es ist, wie du sagst«, entgegnete Witiko, »reite nun zu dem Herzoge, und
berichte ihm das alles genauer als meine ersten Boten konnten, und erzähle ihm,
was du von dem Kampfe der Wahrheit nach weisst, sage, dass ich dich sende, und dass
wir wenige Männer verloren haben. Ich werde dir noch vier Begleiter mitgeben.
Stärket euch und die Pferde durch Nahrung und etwas Ruhe. Dann reitet zu
Bolemil, Bolemil wird euch einen Boten zu dem nächsten Führer geben, dieser gibt
euch wieder einen, und so jeder, bis ihr zu dem Herzoge kommt. Zu Bolemil werde
ich auch noch einen andern Boten schicken.«
    »Es wäre mir lieb, wenn ich selber meine Begleiter auslesen dürfte«, sagte
Sifrid, »ich kenne Genossen, die den Ritt gut vollbringen werden.«
    »So wähle sie«, entgegnete Witiko, »und wenn ihr bei dem Herzoge gewesen
seid, dann reitet wieder an den Scharen rechts herüber, und sehet, dass ihr
morgen wieder bei unserem Zuge seid.«
    »Ich werde alles genau tun, wie du gesagt hast«, antwortete Sifrid, »und
meine Genossen werden in jedem folgsam sein.«
    »So gehe, und sei an der Sache«, sprach Witiko.
    Sifrid ging.
    Als dieses geschehen war, liess Witiko die Obmänner der Abteilungen zu sich
rufen. Und ehe diese dem Rufe des Hornes von ihren Stellen her folgen konnten,
wurde das grosse rosenrote Banner vor Witiko aufgerichtet, und es wurde ein
Gezelt für ihn zu Stande gebracht. Als die Obmänner vor dem Gezelte und vor dem
rosenroten Banner erschienen waren, sprach Witiko zu ihnen: »Ehrenvolle Männer!
Wir sind auf dem Boden der Feinde, und schon unter den Feinden, und es tut not,
dass wir alle Vorsicht üben, welche der Krieg gebietet. Wir werden zu allen
Zeichen gehen, um ihre Anstalten für die Nacht zu betrachten.«
    »Wir werden dir folgen«, sagte einer der Männer.
    Witiko ging nun mit den Führern rechts von seinem Gezelte zu dem weissen
Banner mit der dunkelroten Waldrose, welches die Fussgänger von Plan in den Boden
gesteckt hatten. Er sah den Lagerplatz der Männer an, und die Wachen, welche sie
ausgestellt hatten. Dann ging er wieder weiter rechts zu dem grünen Banner der
Männer von der Mugrauer Heide, und betrachtete ihr Lager und ihre Wachen. Dann
ging er zu dem weissen Banner der Männer von dem schwarzen Bache, dann zu dem
blauen Banner der Männer von der unteren Moldau, dann zu dem weissen Kreuze der
Männer vom Ratschlage, dann zu der Stange, auf welche die Männer vom Eckschlage
Geierfedern gebunden hatten, und überall betrachtete er die Lagerung und die
Wachen. Dann ging er wieder zurück bis zu seinem Gezelte, und ging von demselben
links zu dem weissen Banner mit der dunkelroten Waldrose, welches die Männer von
dem Wangetschlage hatten, und dann weiter links zu dem rosenroten Banner der
Männer von Friedberg, und dann zu dem roten Kreuze der Männer von der
Steinleite, und dann zu dem gelben Fähnlein der Männer von der Friedau, und
dann zu der Stange mit dem grünen Kranze der Männer des neuen Kirchenschlages,
und dann zu der Stange mit den himmelblauen Bändern der Männer der Waldmoldau,
des Heurafels und der Stift, welche Bänder die vom schwarzen Bache unter ihrem
weissen Banner abgelöst, und ihnen gegeben hatten. An allen diesen Stellen
betrachtete Witiko auch die Lagerungen und die Wachen, und sah, dass die Sachen
recht waren. Dann ging er zu den Reitern, und sah auf ihre und ihrer Pferde
Nachtstellen und auf die Wachen. Und auch diese Dinge waren geordnet.
    Als dieser Umgang vollendet war, entliess er die Führer.
    Dann sammelte er ein Geleite, in welchem sich auch seine Befehlsträger
Augustin, Urban und Matias befanden, und ging mit diesem Geleite zu den Männern
von Plan, und hiess die Männer sich ordnen, und blieb vor ihrem Banner stehen. Da
die Männer geordnet waren, sprach er: »Stephan, sie haben dich zu ihrem Obmanne
gewählt, du hast heute Zucht und Festigkeit gewahret, und die Männer haben
gezeigt, dass sie auf dem Wysoka gewesen sind, und auf den Zinnen von Prag, und
dass sie der Kriegsfelder immer mächtiger werden. Es gebührt ihnen Ehre und Dank.
Und wenn die rote Rose in solcher Blüte wie heute bleibt, so wird sie ein
Zeichen der hohen Achtung der Geschlechter werden. Haltet gute Nachtruhe,
Männer, und gedenkt meiner, wie ich eurer.«
    »Gute Nacht, Witiko«, rief der Schmied, »wir gedenken deiner.«
    Dann ging Witiko zu den Männern der Mugrauer Heide, und sprach: »Wolfgang,
du hast die Männer im Streite gut geführt, und sie haben die Führung gelohnt.
Das grüne Banner ist hinter keinem geblieben. Habet Dank und gute Nacht, ihr
lieben Leute.«
    »Gute Nacht, Witiko«, riefen die Männer.
    Dann ging er zu denen vom schwarzen Bache, und sagte: »Simon, dir und den
Deinigen gebühret Lob und Dank, und wenn euer Banner immer so leuchtet, so wird
es eine Sonne der Ehre. Geniesset eine gute Nachtruhe, ihr geliebten Männer.«
    »Gute Nachtruhe, Witiko«, riefen die Leute.
    Und hierauf ging Witiko zu den Männern der unteren Moldau, und sagte: »Veit,
du hast mit deinen Leuten eifrig gekämpft, und ihr verdienst Dank und Erkennung.
Ruhet in der Nacht wohl aus von den Mühen des Tages.«
    »Ruhe auch wohl, Witiko«, sagte Veit, »du bedarfst der Ruhe am meisten.«
    »Sie wird kommen, wenn die Zeit ist«, antwortete Witiko.
    Dann ging er zu den Männern vom Ratschlage, und sprach: »Gregor, sie haben
recht an dir gewählt, du bist standhaft und stark mit ihnen gewesen. Habet alle
einen grossen Dank und eine gute Nacht.«
    »Gute Nacht, Witiko«, sagte Gregor, und »gute Nacht« riefen noch mehrere
Männer.
    Darnach ging er weiter zu denen vom Eckschlage, und sagte: »Michael, du bist
mit den Deinigen streitbar gewesen wie der Vogel, von dem ihr euer Zeichen
genommen habt. Und wenn auch nur eine Feder auf eurer Stange bleibt, so wird sie
sein wie der Stab eines Herzogs, und die Fürsten und die Herren werden euch
darum beneiden. Habet eine ruhige Nacht, ihr lieben festen Leute.«
    »Habe eine gute Nacht, Witiko«, sagte Michael, »und gedenke unser.«
    »Ich gedenke eurer«, sprach Witiko.
    Nachdem er dieses gesprochen hatte, ging er wieder an allen Leuten zurück zu
seinem Gezelte, und von demselben links zu den Männern aus dem Wangetschlage. Er
sprach zu ihnen: »Johannes, wenn auch schon eine Zahl von Jahren über dein Haupt
gegangen ist, so sind doch die Wangen desselben noch rot, wie weiss die Haare
sein mögen, und die haben wohl getan, die dich zu ihrem Obmanne gewählt haben.
Liebe Heimatgenossen, da ihr die rote Waldrose in euer weisses Banner gesetzt
habt, weil ich eine rote Waldrose auf dem weissen Schilde in dem Streite des
Wysoka getragen habe, und weil Huldrik gesagt hat, dass meine Vorfahren Rosen von
Rom gebracht haben, so ist mir dieses ein liebes Zeichen, und ich habe das
Zeichen der kleinen Schar gesehen, als wir von den Feinden angegriffen worden
sind, und ich habe gesehen, wie das Zeichen ruhig gegen die Feinde ging, als
wäre eure kleine Schar eine grosse. Nehmet dafür den Dank und die Ehre, und möge
die Rose allen Gutes bringen, die in unserer Heimat wohnen.«
    »Witiko«, sagte Johannes, »du wirst die Rose zu uns bringen, und durch dich
und deine Nachkommen wird sie Gutes in dem ganzen Walde verbreiten.«
    »Wenn Nachkommen auf mich folgen«, entgegnete Witiko, »und wenn sie die
Heimatgenossen so lieben wie ich, so werden Nachkommen und Heimatgenossen in
trauter Verbindung mit einander fort und fort in die Zeiten leben.«
    »Sie werden in dieser Verbindung leben«, sagte Johannes, »sie werden.«
    »Und so pflegt heute eines zufriedenen Schlummers«, sprach Witiko.
    »Du auch«, antwortete Johannes.
    Darnach ging Witiko zu den Leuten von Friedberg, und sagte: »Oswald, euer
Banner hat die rosenrote Farbe der Herzogsbanner, und ist im Streite gewesen wie
die Banner des Herzogs. Lob und Vergeltung wird kommen. Ruhet heiter nach der
Arbeit.«
    »Ruhe heiter, Witiko«, riefen mehrere Männer.
    Dann ging er zu denen der Steinleite, und sprach: »Liebhart, ihr seid die
wenigsten gewesen; aber wie das Kreuz von den Höhen der Länder in die Ebenen
herrschet, so ist euer Kreuz in den Feinden sichtbar gewesen. Habet Preis und
Dank und eine friedliche Nacht.«
    »Gute Nacht, Witiko«, sagte Liebhart.
    Dann ging Witiko zu den Männern der Friedau, und sagte: »Peter, ihr habt
sehr wenig Hütten; aber ihr habt die Männer aus dem tiefen Walde heraus gezogen,
und seid eine grosse Zahl geworden, und seid im Kampfe verlässlich gewesen wie die
harten Stämme des Waldes. Habet eine gute erfrischende Nacht.«
    »Du auch«, riefen mehrere Männer, »gute erfrischende Nacht.«
    Dann ging er zu denen des Kirchenschlages, und sprach: »Dietrich, euer Kranz
ist aus grünen Wollbändern gewunden, ihr habt ihn hoch gehalten, und wenn er so
hoch in allen Streiten bleibt, so wird er nicht wie aus Sammet und Seide sein,
sondern wie das Grün der köstlichsten Gewächse, die nie erbleichen und welken.
Habet Dank und eine erquickende Nacht.«
    »Gute Nacht, Witiko«, sagte Dietrich.
    Dann ging Witiko zu den Männern der Waldmoldau, des Heurafels und der Stift,
und sagte: »Tomas, ihr seid die letzten an dem Saume des Landes gegen Baiern
hin; aber ihr seid nicht die Letzten im Kampfe gewesen, und werdet es nie sein.
Nehmet Lob, und stärkt eure Glieder in fröhlichem Schlummer.«
    »Du auch in fröhlichem Schlummer«, riefen mehrere Männer.
    Als Witiko bei allen diesen Scharen gewesen war, ging er zu dem Platze der
Reiter. Er blieb vor der Lanze Philipps, des Steigers, stehen, die in dem Boden
stak, und daran das weisse Fähnlein mit der dunkelroten Waldrose hing. Als sich
die Männer nach seinem Wunsche vor ihm gesammelt hatten, sprach er: »Wenhart, du
liebwerter alter Mann, der du in den Kriegen des Herzoges Swatopluk mit Boriwoy
gewesen bist, in den Kriegen Wladislaws, des Vaters unseres erlauchten Herzoges,
mit Boriwoy, der du in dem Kampfe auf dem Berge Wysoka gewesen bist, und der du
gesagt hast, dass ihr in den Kriegen das Zusammenstehen gelernt habt, wie es
richtig ist: dich haben die Reiter zu ihrem Führer gewählt, wenn du auch alt
bist, wenn du auch von den wenigen kleinen Hütten der Friedau stammst, und wenn
auch die grösste Zahl der Reitenden aus Plan und der Umgebung von Plan ist. Und
du hast es dargetan, dass die Wahl recht war. Auf dem Zuge ist die Ordnung und
Zucht der Reiter immer besser geworden, und in dem Kampfe des heutigen Tages
sind sie gewesen wie ein einzelner kriegerischer unbezwinglicher Mann. So der
Jüngling mit seinem schlanken Leibe auf dem Rosse, so der Mann in seiner Stärke,
so der Greis mit seinen weissen Haaren, wie mehrere unter euch reiten. Es ziemt
sich, Lob und Ehre über die Schar zu sprechen. Und wenn kein fernerer Kampf
schlechter wird als der heutige, so werden die Reiter des Waldes mit ihren
kleinen Pferden, wie du auf einem schwarzgrauen reitest, Wenhart, und wie der
Richter von der Mugrauer Heide auf einem braunen reitet, und wie der Richter von
den Steinleitenhäusern auch auf einem braunen reitet, unter denjenigen sein,
die in allen Teilen des Landes werden genannt werden.«
    »Es wird kein Kampf schlechter sein«, rief ein Mann, der neben der Lanze
Philipps, des Steigers, stand.
    »Ich glaube es«, sagte Witiko, »und ich habe dich im Streite schon gesehen
auf deinem struppigen ziegelfarbigen Pferde, du Rufer.«
    Darauf fuhr er fort: »Und wenn es so ist, so wirst du mitelfen, Wenhart,
dass die Drangsale des Krieges nicht über unser Waldland kommen, von denen du uns
in dem Schenkhause der unteren Moldau erzählt hast.«
    »Wenn Gott und die Heiligen nicht dagegen sind«, antwortete Wenhart, »so
werden wir alle getreulich helfen, dass sie nicht kommen.«
    »Wir werden helfen«, riefen mehrere Männer.
    »Und du hast gewiss auch geholfen, Wenhart«, sagte Witiko, »dass aus dem
grossen schönen Walde, der von den Friedauer Hütten gerade hinan steigt, bis zu
der Stelle des heiligen Apostels Tomas, und der links von den Friedauer Hütten
gegen den Heurafel und gegen die Stift geht, und der rechts von den Friedauer
Hütten sehr weit fortgeht über die untere Moldau, über die Glöckelberge, bis zu
dem Hochfichte, so viele Männer zu euch gekommen sind, dass die kleine Zahl der
Friedauer eine grosse geworden ist.«
    »Da haben viele zusammen geholfen«, sagte Wenhart, »die als Jäger, als
Holzknechte, als Köhler, als Pechsammler, als Kräutersucher, als Bienenväter in
dem Walde sind. Und nicht bloss aus denjenigen Wäldern stammen sie, die du
genannt hast, sie sind auch aus dem Schönwalde, aus dem Gesenke und aus dem
Walde, der von dem heiligen Apostel Tomas gegen Baiern hinabsteigt, und aus der
reichen Au gekommen. Florian, der alte Mann, der dich einmal von Baiern herein
geführt hat, ist unter ihnen.«
    »Das habe ich nicht gewusst«, sagte Witiko, »ich muss einmal zu ihm gehen. Und
so hält der Wald zusammen, dass durch viele der Feind von ihm abgewendet werde,
wie du gesagt hast, und dass die vielen gegen den Feind sind wie gegen die Wölfe.
Wo ist denn der andere Wenhart, der vom Dürrwalde? Ich habe ihn unter den
Fussgängern nicht gesehen.«
    »Er ist auch nicht unter den Reitern«, sagte Maz Albrecht von Plan, »wie er
nach dem Streite auf dem Berge Wysoka Männer aufgewiegelt hatte, dass sie nach
Hause gingen, weil sie nichts mehr gewinnen könnten, so ist er jetzt gar nicht
mitgegangen, weil ihm das Spiel zu teuer schien für gehofften Gewinn.«
    »Er fahre wohl«, sprach Witiko. »Und nun, ihr Männer, gönnt euch und euern
Tieren Erquickung und Ruhe. Ich sehe euch im Frühlichte wieder, und sage jetzt
gute Nacht.«
    »Gute Nacht, Witiko, gute Nacht, gute Nacht«, riefen mehrere.
    Witiko ging nun mit seinem Geleite zu seinem Gezelte.
    Als er dort angekommen war, dämmerte das Land schon im tiefen Abende, und er
sah links von sich weit zurück die Lichter an dem Platze, wo die Leute Bolemils
lagern mussten, und weiter zurück sah er noch Lichter in sehr mattem Schimmer.
    Vor seinem Gezelte harrten Boten von Rowno und von den andern Führern.
    Witiko entliess sein Geleite, liess die Boten in sein Gezelt kommen, hörte sie
an, und fertigte sie dann ab.
    Hierauf ging er wieder aus seinem Gezelte, und ging zu Rowno. Mit Rowno
sprach er durch längere Zeit.
    Dann ging er zu den andern, und sprach mit ihnen auch.
    Dann ging er wieder zu seinem Gezelte zurück, und von demselben ging er, und
sah, wie die Pferde gepflegt würden, und ordnete noch manches an.
    Als dieses alles geschehen war, ging er in das Gezelt, setzte sich zu dem
Tische, und ass von den Speisen, die ihm Jakob als heutiges Abendmahl brachte,
und trank von dem Weine, der auf dem Tische stand.
    Dann legte er sich zur Ruhe.
    Er hörte die ordnungsmässigen Rufe der Wachen in dem Lager.
    Zu einer Zeit der Nacht erhob er sich, ging vor das Gezelt, und nahm von den
Männern, welche sich an demselben befanden, drei, und ging mit ihnen durch das
ganze Lager. Er fand alles in dem Stande, wie er es angeordnet hatte.
    Dieses tat er nach Mitternacht noch einmal.
    Im schwachen Morgenlichte stand er auf, und da die Leute ihr Morgenmahl
verzehrt hatten, gab er den Befehl, dass die Zeichen zu der Aufstellung der
Männer tönten. Die Zeichen tönten, und die Männer bewirkten ihre Sammlung und
Stellung.
    Als dieses vollbracht war, bestieg Witiko sein Pferd, ritt vor sie und
sprach: »Männer und Kriegesbrüder, ich habe gestern das Recht der Ehre über den
gewesenen Kampf vor jeder Abteilung ausgesprochen. Ich spreche es heute vor euch
allen Versammelten gebührend aus. Ihr habt getan, was sich geziemt, und was in
euern Herzen war. Den Lohn des Herzens habt ihr euch gegeben, den Lohn der Ehre
und des Gutes werdet ihr erhalten. Ich habe gestern Boten an den erlauchten
Herzog Wladislaw gesendet, welche ihm alles melden sollen. Und wenn ich wieder
das Angesicht des hohen Herzoges sehe, und wenn Raum zum Sprechen ist, so werde
ich ihm erzählen, wie sich der Kampf in jedem Stücke begeben hat, und er wird
das Nötige verfügen. Nun ist es aber an uns, den Zug weiter fortzusetzen. Wir
werden an den Zeichen der Abteilungen, die uns zunächst gelagert haben,
Weisungen sehen. Der Zug muss in dem Lande der Feinde, wo überall ihre Scharen
sein können, vorsichtiger geschehen als bisher. Entaltet euch von lediglicher
Grausamkeit, die Kinder dieses Landes sind wie die Kinder des Landes Böhmen, und
der erhabene Herzog Wladislaw ist der Herzog des Landes Böhmen und des Landes
Mähren. Achtet, wenn es nicht der Krieg bedarf, der Habe der Bewohner, wie es
euch auch schmerzen würde, wenn Brüderscharen kämen, das Eurige dahin zu nehmen.
Was die Feinde im Kampfe und nach dem Siege lassen müssen, dessen wird jeder
seinen Teil erhalten. Was einer in dem Einzelkampfe dem Feinde nimmt, behalte
er, und wahre sich's zum Denkmal, oder wende es zur Not der Seinen. Ich
wiederhole nun als Bestellter des Herzoges den Dank für den gestrigen Kampf noch
einmal, und jetzt gebt das Zeichen zur Zugsbereitschaft.«
    Ein Fahnenzeichen wurde vor dem Gezelte Witikos gemacht, und sofort erscholl
der Ton der Zugsbereitschaft aus Veit Gregors grossem Horne, und die kleinen
Hörner wiederholten ihn.
    Die Männer löseten ihre Stellung auf, und suchten sich zum Zuge zu rüsten.
    Die Arbeiter brachten die Gezeltstücke und die Lagerstücke zu den Säumern,
mancher der Männer strebte noch, das eine oder das andere Beuteding, welches von
dem gewesenen Kampfe herrührte, bei dem Gepäcke sicher zu bergen, und in kurzer
Frist waren alle zu dem Zuge gerichtet.
    Witiko hielt auf seinem Pferde vor ihnen. Da kamen noch Boten von Rowno und
den andern. Witiko hörte sie und sendete sie wieder zurück. Es kamen auch Boten
von Bolemil. Als sie abgefertigt waren, blickte er zu seiner Linken in die
Gefilde, er blickte lange dortin, wo noch Scharen des Herzogs sein mussten.
    Hierauf befahl er, zu ziehen.
    Der Ton des Zuges erscholl aus dem Horne und ward weiter gegeben.
    Und unter den Klängen der langen Pfeifen schritten die Männer vorwärts, und
mit Pfeifen und Heerpauken strebten die Reiter ihres Weges dahin. Der Tross
folgte.
    Nach drei Stunden war eine kurze Vormittagsruhe, und wieder nach drei
Stunden kam die Ruhe des Mittages. Die Männer und die Frauen, welche mitgekommen
waren, machten Feuer, und bereiteten Speisen, und man richtete die Getränke
zurecht. Den Pferden wurde Nahrung und Trank gereicht.
    Da sie noch ruheten, sahen sie grossen Rauch vor sich in dem Lande
emporsteigen.
    Witiko sendete sogleich Kundschafter in der Richtung dahin.
    Dann liess er die Männer sich so lagern, dass sie schnell in Kampfbereitschaft
sein konnten.
    Ehe seine Boten aber einen grossen Weg zurückgelegt hatten, kamen Wakul, der
Sohn des Bus, und Ferin, der Sohn Ferins, die zu den Kundschaftern Witikos
gehörten, und sagten, dass der Ort Jamnic brenne, und dass Männer des Herzogs,
welche aus den Gebirgen gegen Polen stammen, als Vorhut seitwärts gestreift und
das Feuer angezündet haben, und dass sie den Einwohnern jede Habe genommen haben,
die man wegtragen konnte. Die Männer in dem Lager sahen jetzt auch noch an
anderen Stellen Rauch aufsteigen, wo vielleicht Krieger des Herzoges waren.
    Die Witiko ausgesendet hatte, kamen zurück, und sagten das nämliche, was
Ferin und Wakul gesagt hatten.
    Witiko liess, da die festgesetzte Zeit zu der Mittagsruhe aus war, die Männer
wieder zu dem Zuge sich sammeln.
    Und der Zug ging in Ordnung, wie ihn Witiko eingerichtet hatte, weiter.
    Auf den Fluren fand er jetzt keinen Menschen mehr, auch war beinahe kein
Tier zu erblicken. Raben, Dohlen, Krähen und derlei Gevögel waren in der Nähe
der Scharen, als zögen sie mit. Wo sie Häuser trafen, waren ihre Tore und Türen
offen, und ihre Gelasse erbrochen. Selbst die Kirchentore waren eingeschlagen,
und Geräte des Gottesdienstes aus den Heiligtümern entwendet. Das Gras der
Wiesen und die emporstrebenden Wintersaaten waren verwüstet, und was man hatte
erraffen können, war zu Pferdefutter und zu Futter der Ochsen verwendet, die bei
dem Heere waren.
    Am späten Nachmittage kamen die Männer Witikos nach dem Orte Jamnic. An
vielen Stellen brannte das Feuer noch. Wo keines brannte, war es erstorben, weil
alle brennbaren Stoffe verzehrt waren; denn zum Löschen waren keine Arme
vorhanden gewesen. Die Mauern standen geschwärzt aufrecht, oder waren zum Teile
gestürzt, durch die Fensterhöhlen sah man in leere Räume, und die Schornsteine
ragten hoch aus dem Getrümmer empor. Es waren keine lebenden Geschöpfe zugegen.
    Witiko liess seine Leute teils durch die Brandstätte, teils um dieselbe
gehen. Die Männer schauten mit sehr ernsten Gesichtszügen auf die Dinge, und die
Weiber klagten laut, dass man alles weggenommen habe.
    Von dieser Stelle bewegte sich der Zug Witikos weiter gegen rechts, und
gelangte in Fluren, durch welche noch keine Krieger gezogen waren. Man hatte den
ganzen Tag keinen Feind gesehen.
    Als Nachtlagerplatz war die Stelle bestimmt, wo die Häuser von Petrein
standen. Es waren auch zwei grosse Burgen in der Nähe. Die Männer Witikos
ordneten den Lagerplatz, wie es in Feindesland eingeführt worden war. Als die
Häuser und die Burgen durchsucht waren, sendete Witiko Abteilungen von Kriegern
in dieselben, dass sie, was an Nahrungsmitteln, an Futter für die Tiere und an
Zugesbedarf vorhanden wäre, nähmen, damit ein Teil heute noch gebraucht, ein
anderer Teil für den weiteren Gebrauch mit dem Zuge fortgeschaft würde. Die
Krieger brachten auf Wägen weniges Getreide, Mehl, Eier, Brod, einiges
geräuchertes Schweinfleisch, Bier, Wein, Heu und Stroh. Sie sagten, dass die
Häuser und Burgen offen stehen, und dass sie nur den Rest bringen, den die
Fliehenden nicht mehr haben bewältigen können. Es habe keiner der Männer etwas
für sich genommen, wie Witiko eingeschärft habe. Es sei auch fast nichts
gewesen, was man hätte nehmen können. In der Nacht aber gingen Leute des Trosses
doch noch in die Streife, und brachten Hühner und anderes Geflügel nebst Lappen
für ihren Leib in das Lager.
    Witiko liess die Nachtruhe halten wie in der vergangenen Nacht. Er
untersuchte wieder mehrere Male das Lager.
    Am Himmel sah man, als es finster geworden war, Röten von grossen Feuern.
    Als sich der Morgenhimmel lichtete, stand Witiko vor seinem Gezelte, und
schaute in die Gegend hinaus, so weit man schon irgend etwas erblicken konnte.
    Nach einer Zeit sagte er zu dem Knechte Jakob: »Gehe zu denen aus der
Friedau, und frage nach dem alten Florian, der im Walde an der reichen Au
hauset, die im Mittage von der Waldstelle des heiligen Apostels Tomas liegt.«
    »Ich kenne den Mann«, sagte Jakob, »Huldrik hat uns erzählt, dass er Euch
durch den Wald aus Baiern herein geführt hat, zu jener Frist, da Ihr nicht in
dem Wangetschlage gewesen seid.«
    »Es ist dieser Mann«, sprach Witiko, »führe ihn zu mir.«
    »Ich werde es tun«, sagte Jakob.
    Darauf entfernte er sich, und kam in kurzer Zeit mit Florian zurück.
    Witiko war noch vor dem Gezelte. Er sprach zu Florian: »Komme mit mir in
meine Wohnung.«
    Als sie in dem Gezelte waren, sagte Witiko: »Setze dich auf diesen Stuhl,
Florian.«
    Florian tat es. Witiko setzte sich auf einen andern Stuhl, und sprach: »Sei
mir von meinem Herzen gegrüsst, Florian. Ich habe dich selber bei deinen
Mitstreitern besuchen wollen; aber weil Boten und Nachrichten kommen können,
musste ich bei dem Gezelte bleiben.«
    »Ich bin recht gerne zu dir gegangen, Witiko«, sagte Florian.
    »Und du bist auch in deinem Alter noch in den Krieg gegangen«, sprach
Witiko.
    »Sie haben erzählt, wie du in der unteren Moldau gewesen bist«, antwortete
Florian, »und gesagt hast, was von den Feinden und von einem Herren, der in die
Wälder kommen wird, zu fürchten ist, und da habe ich gesagt: Wir im Mittage von
dem heiligen Tomas haben auch wie die andern Waldleute nur den Herzog zum
Herrn, und ich habe Witiko vor Jahren, da er schier noch ein Knabe war, durch
unsern Wald und durch die Wälder an den Moldaufällen und durch die krumme Au bis
in das ebene Land hinein geführt, und wenn manche Waldleute dem alten Wenhart
von der Friedau folgen, so sollen wir auch nicht zurückbleiben, und mit den
Friedauern sein, und manche sind gegangen, und ich bin mit gegangen.«
    »Ich gedenke es dir noch mit Dankbarkeit«, sagte Witiko, »wie du im
Einvernehmen mit deinem Sippen, dem Köhler Matias, der unter dem breiten Berge
wohnt, und in dessen Hütte ich geschlafen habe, mir gutes Geleite aus Baiern in
das Land Böhmen gegeben hast. Es ist ein schöner Wald, in dem du wohnst, und auf
dessen Schneide die Säule des heiligen Apostels Tomas gestanden ist.«
    »Er ist der schönste weit und breit«, sprach Florian.
    »Es mag wohl so sein«, antwortete Witiko, »und du hast Männer aus dem
schönen Walde gebracht, und bist selber mit ihnen gekommen, der Sache des
Herzoges zu helfen. Ich habe es gestern gehört, und habe Freude darüber gehabt,
und wollte mit dir sprechen.«
    »Und wir haben Freude darüber, dass du uns führst«, sagte Florian, »du bist
nicht herrisch, und meinst es gut.«
    »Jetzt nimm einen Morgenwein und ein Stückchen Morgenbrot mit mir«, sprach
Witiko.
    »Das werde ich gerne tun, wenn du es willst«, sagte Florian.
    Witiko liess aus seinem Vorrate etwas Wein bringen, dann Brod und zwei
Schnitten kalten Bratens.
    Er teilte das Gebrachte mit Florian.
    Als sie gegessen und getrunken hatten, sagte Witiko: »Jetzt gehe zu den
Männern von der Friedau, und bringe ihnen meinen Gruss, und sage ihnen, wir
wollen recht getreulich zu einander halten, und wenn alles aus ist, an den Ufern
der Waldmoldau von den Dingen sprechen.«
    »Ja, das werden wir tun«, sagte Florian, »und wir werden sprechen.«
    Witiko geleitete seinen Gast aus dem Gezelte, reichte ihm die Hand,
verabschiedete sich, und der alte Mann schlug seinen Weg zu denen von der
Friedau ein.
    Der Tagesschein war nun völlig klar geworden, die Morgenarbeiten des Lagers
waren im Gange, und Krieger aller Arten gingen bei Witiko in Feldtätigkeit ab
und zu.
    Als dieses geschah, kam Sifrid von Milnet mit seinen Gefährten gegen das
Gezelt Witikos. Mit ihnen ritten mehrere Reisige des Herzogs. Zwei von den
Reitern trugen jeder ein grosses rotseidenes Banner.
    »Seid ihr zurück«, rief Witiko, »und hast du mit dem Herzoge gesprochen,
Sifrid?«
    »Ja, mit dem hocherhabenen Herzoge und mit Bischöfen und mit alten Führern
und mit dem Bruder des Herzoges, der Prag verteidigt hat, und mit dem andern
Bruder, und noch mit andern, Welislaw grüsst dich, und ich bringe den Dank des
Herzogs«, sagte Sifrid.
    »Seid ihr in der Nacht geritten?« fragte Witiko.
    »Nicht in der ganzen Nacht, aber gegen den Morgen lange«, sagte Sifrid.
    »So erquicket euch, und sorget, dass die Tiere Pflege bekommen«, sprach
Witiko. »Ihr könnt von den Speisen und Getränken, die ich schaffen werde, vor
dem Zelte geniessen, und rückwärts sind Stände für Pferde, und meine Knechte
werden das Notwendige liefern. Die Botschaft von dem hohen Herzoge wirst du vor
allen Männern verkündigen, Sifrid.«
    »Soll ich sie dir nicht zuerst allein sagen?« fragte Sifrid.
    »Nein, du sollst alles, was du von dem Herzoge und von andern weisst, vor
allen sagen«, entgegnete Witiko.
    »Wenn es dir so genehm ist, werde ich es tun«, antwortete Sifrid.
    »So steigt von den Pferden, und verfahret, wie ich gesagt habe«, entgegnete
Witiko.
    Die Männer stiegen von den Pferden. Krieger, die vor dem Gezelte waren,
standen ihnen bei, die Anordnungen Witikos auszuführen.
    Witiko hiess seine Leute Speise und Trank für die Angekommenen herbei
bringen, und seine Knechte das Notwendige für die Pferde in Bereitschaft setzen.
Dann liess er die Zeichen für die Aufstellung der Männer geben.
    Als nicht nur Sifrid, und die mit ihm gekommen waren, sondern auch alle, die
sich in dem Lager befanden, ihr Morgenmahl verzehrt, und sich dann aufgestellt
hatten, führte Witiko Sifrid und die Reiter des Herzogs vor sie, und sprach
»Männer, Krieger, Freunde, höret, und was jeder hört, sage er weiter seinen
Nebenmännern, und die wieder weiter, dass alle wissen, was gesprochen worden ist.
Sifrid von Milnet, den ich mit der Botschaft des gewesenen Kampfes zu dem
erlauchten Herzoge geschickt habe, ist zurückgekehrt, und bringt die Antwort des
Herzoges. Sifrid, rede.«
    Sifrid stellte sich vor die Männer, und sprach: »Kampfesbrüder und
Feldgesellen, unser Obmann Witiko hat zu mir gesagt: reite zu dem hohen Herzoge,
und erzähle ihm alles, was du von dem Kampfe jetzt gesagt hast; denn er hat mich
vorher gefragt, und was du der Wahrheit nach noch weisst, und sage, dass ich dich
sende, und dass wir nur wenige Männer verloren haben. Ich ritt mit vier Freunden
zu dem Herzoge. Ehe die Morgenzeichen gegeben waren, standen wir bei dem grossen
roten Banner vor seinem Gezelte. Und als ich gesagt hatte, was ich wolle, und
als es ihm gemeldet worden war, liess er Männer in sein Gezelt kommen, und liess
uns dann vor sie hinstellen. Es war sein Bruder da, der erlauchte Diepold, dann
sein anderer Bruder, der erlauchte Heinrich, es war der Bischof von Prag da, es
war der Bischof von Olmütz da, welcher erst gekommen war, es war der Zupan
Lubomir da, es war Diwis da, es war der Abt von Kladrau da, und der Abt von
Wilimow, und der Kanzler Gervasius, und ein Priester, den sie Daniel hiessen, und
es war der Zupan, der Zupan, ich habe die Namen vergessen, ein guter junger
Mann, Welislaw, der ein Freund Witikos ist, hat sie mir alle gezeigt, da die
Sache aus war, und hat gesagt, er lasse Witiko aus dem Gemütsgrunde grüssen. Und
der hohe Herzog hat gesagt: Junger Bote, rede. Und ich habe dann geredet: die
Feinde sind vor uns gekommen, und einer hat gesagt, wir werden grossen Lohn
bekommen, wenn wir zu dem unrechten Herzoge Konrad halten wollen, der Herzog
Wratislaw von Brünn sende ihn, und der Herzog Wratislaw bürge für seine Worte,
und wenn wir uns nicht fügen, werden wir alle vertilgt werden. Und unser Obmann
Witiko hat den Boten fortgejagt, und hat uns zu dem Kampfe geführt, und hat
angeordnet, wie alles geschehen müsse, und hat im Kampfe gerufen, und hat seine
Rufe durch die Boten überall hin geschickt, und hat es sehr gut gemacht.«
    »Erzähle, was du von den Männern gesagt hast, nicht von mir, ich habe dir
nichts davon aufgetragen«, unterbrach ihn Witiko.
    »Du hast gesagt: Erzähle, was du von dem Kampfe der Wahrheit nach weisst«,
sprach Sifrid, »und das ist die Wahrheit.«
    »Es ist die Wahrheit«, rief ein Mann, »Witiko hat gut geordnet.«
    »Witiko hat gut geordnet«, riefen zahlreiche Stimmen.
    »Männer«, rief Witiko, »lasst den Boten reden, unsere Zeit ist kurz. Rede
weiter, Sifrid.«
    Sifrid sprach weiter: »Witiko hat es sehr gut gemacht. Wir gingen, da die
Hörner der Ziegenböcke erschallten, immer vorwärts, wie es sein muss. Der Herzog
Wratislaw hat selber die Scharen gegen uns angeführt, die Reiter drängten auch
vorwärts, und die Bogenschützen, und alle, wir hätten eher gewollt, dass der
Boden, auf dem wir standen, mit uns in den Abgrund stürze, als dass wir den
Feinden einen Grashalm gelassen hätten, und sie wankten, und sie wurden locker,
und flohen auseinander. Und da vor uns ein Raum geworden war, fielen die Männer
auf die Kniee, und dankten Gott. Und dann verfolgten wir die Feinde drei Stunden
oder dergleichen rechts ab von der Richtung unseres Zuges, und sie zerstreuten
sich immer weiter, und wir gingen dann fünf Stunden lang wieder gegen links, dass
wir unseres Weges gewännen. Und keiner hat sich mehr weiter blicken lassen, der
uns etwas angehabt hätte, und alle die Zeichen, welche die Abteilungen Witikos
haben, sind unter der roten Fahne ganz gleich in dem Kampfe vorgegangen, und
Rowno befehligte Waldleute im Kampfe an unserer rechten Seite, und sie gingen
mit ihren kleinen Zeichen vor, wie wir mit dem grossen, und Wyhon von Prachatic
befehligte die anderen Waldleute rechts von Rowno, und diese gingen auch mit
ihren kleinen Zeichen vor, wie wir und Rowno, und alle waren gleich. So ist die
Sache gewesen. Wir haben wenige Männer verloren. Die Toten sind begraben worden,
die Verwundeten haben sie in Pflege genommen, es wird schon für sie gesorgt
sein, ich weiss nicht, wer sie sind, ich musste am Abende mit meinen Freunden
gleich fort reiten, um die Botschaft zu bringen, wie ich sie weiss, und so, wie
ich sagte, weiss ich sie. Heute muss ich wieder zurück reiten, um den Zug Witikos
zu treffen, wie er in der Anordnung weiter geht, die bestimmt worden ist. So
habe ich zu dem hohen Herzoge geredet, und dann redete ich nicht mehr.
    Der Herzog aber fragte mich, ob die Schar Wratislaws gross gewesen sei.
    Ich sagte: Wir haben die Männer nicht gezählt; aber unsere Kriegsleute haben
nach dem Kampfe gesprochen, dass ihre Zahl grösser gewesen sei als die unsrige.
Wir haben sie bloss in die Flucht gejagt.
    Haben eure Männer gerufen, dass sie eher mit dem Boden in den Abgrund
stürzen, als dem Feinde einen Grashalm lassen wollen? fragte der Herzog.
    Nein, antwortete ich, ich habe mir gedacht, dass sie so denken wie ich.
    Denke nur in jedem Kampfe so, sprach der Herzog.
    Ich denke im Kampfe und auf dem Zuge immer so, antwortete ich, ich habe
einmal zu Hause gesagt, dass wir eher die Wälder anzünden als sie dem Feinde
lassen sollen; aber Witiko hat geantwortet, das wird nicht nötig sein.
    Eure Wälder werden grünen, wenn die Feinde längst zu Boden geworfen sind,
sagte der Herzog.
    Bist du unter den Reitern Witikos, und stammst du aus dem Walde? fragte er
mich dann wieder.
    Ich bin der Sohn eines armen Weibes, antwortete ich, der mein Vater vor
vielen Jahren gestorben ist, und warte die Pferde des alten Mannes Roder Peter,
und weil er nicht mehr in den Krieg ziehen kann, so hat er mir ein weisses Pferd
geliehen, und mit dem bin ich unter den Reitern Witikos, weil ich in Milnet im
Walde nicht weit von Witiko wohne.
    Und ihr Reiter habt euch gut gehalten? fragte der Herzog.
    Die Feinde haben sehr schöne Pferde gehabt, antwortete ich, aber wir haben
nicht nachgegeben, und haben ihnen vierzig oder fünfzig genommen.«
    »Es sind siebenzig«, rief Maz Albrecht.
    »Das habe ich nicht gewusst, sonst hätte ich es gesagt«, antwortete Sifrid.
    »Unterbrecht den Boten nicht, rede weiter, Sifrid«, rief Witiko.
    Und Sifrid redete weiter: »Der Herzog sprach: Sage den Männern aus dem Walde
meinen grossen Dank für ihren Kampf, sage ihnen den Dank der Lechen und Herren,
die um mich sind. Wenn wir sie sehen, werden wir ihnen alle danken, und sie
ehren, und den Lohn, der ihnen aus den Kriegseroberungen gebührt, werden sie
erhalten. Sage Witiko meinen Dank und Rowno und Wyhon, ich gedenke ihrer. Und
weil Rowno und Wyhon kleine Zeichen haben, werde ich ihnen und zwar einem jeden
ein grosses rotes Banner senden. Reiter von mir werden mit dir reiten, und die
Banner bringen. Rowno und Wyhon sollen auf die Zeichen achten, wie sie auf ihre
kleinen Zeichen geachtet haben. Für die Verwundeten und die Angehörigen der
Toten werde ich dir ein Geld mitgeben, verteilt es redlich und ohne Zank. Jetzt
erquickt euch, und zeigt es an, wenn ihr wieder weiter ziehen wollt. Merke dir
meine Worte, dass du sie überbringst, wie ich gesagt habe.
    Ich merke sie mir, hoher Herr, sagte ich.
    Dann stand der hocherlauchte Herzog auf, nahm seine Haube von dem Haupte,
und sprach: So ehre ich die Leute aus dem Walde.
    Und sein hocherlauchter Bruder Diepold stand auf, und sein Bruder Heinrich
stand auf, und die hochehrwürdigen Bischöfe standen auf, und die Herren und
Lechen standen auf, und sie nahmen die Hauben von den Häuptern, und riefen: So
ehren wir die Leute aus dem Walde.
    Mit mir drehete sich der Raum, als sie so riefen, und als ich vor ihnen
stand. Dann gingen sie zu mir, und fast ein jeder sprach mit mir, ich weiss
unsere Worte nicht mehr. Und ein junger Mann, der so lichte Haare hat wie ich,
nahm mich bei der Hand, und sagte: Es wird schon recht werden, du junges Blut,
erinnere dich meiner, ich heisse Welislaw, und bringe Witiko einen Gruss von mir
aus dem Gemütsgrunde, und er nannte mir die Männer, die da waren, und dann
gingen wir aus dem Gezelte, und wir bekamen Speise und Trank und unsere Pferde
Futter, und dann kamen die Reiter des Herzogs zu uns, welche die zwei roten
Fahnen hatten, und als wir sagten, wir wollen fortziehen, gab mir ein Mann einen
Beutel mit Geld für die Verwundeten und für die Angehörigen der Toten, und die
Schnüre des Beutels sind mit einem roten Wachspetschaft verklebt, und jeder von
uns fünf Boten erhielt drei Goldstücke, und dann ritten wir fort, und die Reiter
mit den zwei roten Bannern ritten mit uns. Die Banner sind da, und den Beutel
habe ich zu übergeben, und ich gebe ihn unserem Obmanne Witiko.«
    Sifrid zog einen rotledernen Beutel aus seinem Wamse, und reichte ihn
Witiko.
    Witiko rief: »Ich verwahre das Geschenk des hohen Herzoges, und werde das
Siegel mit Rowno und Wyhon und den Männern des Rates öffnen, und der Rat wird
die Verteilung vorschlagen.«
    »Segen und Heil dem hohen Herzoge von Böhmen und Mähren«, rief der Schmied
von Plan.
    »Segen und Heil dem hohen Herzoge«, riefen fast alle Männer mit einem
erschütternden Schalle der Stimmen.
    »Wir sind dem hohen Herzoge Dank schuldig für seine Worte und sind ihm Dank
schuldig für seine Geschenke«, rief Witiko, »wir werden den Dank auf dem
Kriegsfelde bezeigen.«
    »Auf dem Kriegsfelde«, riefen die Männer.
    »Jetzt aber, Freunde und Genossen«, sagte Witiko, »müssen wir die Banner zu
Rowno und Wyhon bringen. Tretet vor, Führer der Abteilungen. Indessen die andern
noch alles in Ordnung richten, was nach der heutigen Lagerung not tut, gehen wir
zu Rowno und Wyhon, und übergeben ihnen die Fahnen.«
    Die Führer sammelten sich, und Witiko ging mit ihnen und mit Sifrid und
seinen Begleitern und mit den Reisigen des Herzogs, davon zwei die Banner
trugen, zuerst zu Rowno.
    Als sie vor ihm angekommen waren, sprach Witiko: »Rowno, der erlauchte
Herzog erkennt, was du im gewesenen Kampfe geleistet hast, und was die Deinigen
geleistet haben. Er lässt dir durch den Boten, den ich zu ihm geschickt habe,
seinen Dank sagen, und sendet euch ein grosses rotseidenes Banner durch Männer
seiner Schar, die vor dir stehen, dass du dieses Zeichens so achtest, wie du
deiner Zeichen bisher geachtet hast. Empfange von dem Manne das Banner.«
    Der Mann senkte die Fahne grüssend vor Rowno und seinen Kriegern, und gab sie
Rowno. Dieser sagte kein Wort, und es standen Tränen in seinen Augen, dann küsste
er den Zipfel der Fahne, und reichte sie einem seiner Krieger.
    Hierauf ging er zu Witiko, und schloss ihn in die Arme.
    Die Männer aber riefen: »Glück dem Herzoge.«
    »Glück dem Herzoge«, riefen sie dreimal.
    Dann verabschiedete sich Witiko von Rowno, und ging mit seinem Geleite zu
Wyhon von Prachatic.
    Demselben sagte er die Worte, die er zu Rowno gesagt hatte, und der Mann des
Herzogs grüsste mit der Fahne, und gab sie Wyhon. Dieser schwenkte sie, und rief:
»Im ganzen Kriege und in allen Kriegen, die noch kommen werden, soll sich unser
Dank und unsere Erkennung des Herzoges erweisen.«
    Die Männer Wyhons riefen: »Heil dem Herzoge, Heil dem Herzoge.«
    Die Fahne wurde einem Manne in die Hand gegeben, und Wyhon bezeigte Witiko,
und seinem Geleite und den Reisigen des Herzogs seinen Dank. Dann
verabschiedeten sie sich, und Witiko ging mit allen wieder zu den Seinigen
zurück.
    Nach kurzer Zeit begaben sich die Reisigen des Herzoges auf den Rückweg.
Witiko aber ordnete alles zu dem Weiterzuge, und in kleiner Frist setzten sich
seine Scharen in Bewegung.
    Am Abende dieses Tages, da das Nachtlager eingerichtet war, kamen Boten von
Bolemil, welche bedeuteten, dass man an der Stelle angekommen sei, von der aus
die Entscheidung gesucht werden würde. Die Boten gaben die Bewegungen an, die
gemacht werden sollen, dass das Heer sich sammle.
    Und am nächsten Tage und an dem folgenden Tage sammelte sich das Heer.
    Als es gesammelt war, wurden die Führer zu dem Herzoge entboten, damit Rat
gehalten werde.
    Im Rate wurde beschlossen, was geschehen, und wie der Feind angegriffen
werden soll.
    Ehe die Männer des Rates auseinander gingen, wurde gemeldet, der Mährer
Drslaw sei gekommen, und verlange mit dem Herzoge zu sprechen.
    »Führt ihn herein«, sagte Wladislaw.
    Drslaw wurde herein geführt.
    »Sprich, Drslaw, was begehrest du?« fragte der Herzog.
    »Ich will dir allein eine Entüllung machen, hocherlauchter Herzog«, sagte
Drslaw.
    »Mache die Entüllung, so du willst, vor allen diesen, oder gehe ohne
Entüllung deine Wege«, sagte der Herzog.
    »Du befiehlst es so, hoher Herzog«, sagte Drslaw, »und ich gehorche. Mehrere
von uns, die ich dir nennen werde, wenn du unser Vorhaben gut heissest, haben
beschlossen, deiner Sache zu dienen, wenn du uns den Fortbesitz unserer Habe und
unseres Gutes gewährleistest, und ihre Vermehrung nach deinem Sinne versprichst.
Wir werden in der Schlacht die Reihen Konrads verlassen, und Unordnung stiften,
werden, wenn es möglich ist, sogleich für dich kämpfen, und den Sieg in deine
Hände bringen.«
    »Was soll dem Manne geantwortet werden?« fragte der Herzog.
    Alle schwiegen.
    »Sprich, Otto, Bischof von Prag.«
    »Er bringt Verrat«, sagte Otto.
    »Er verrät den in dem Augenblicke, der ihm in dem Augenblicke vertraut«,
sagte Zdik.
    »Haben die Fürsten aus dem Stamme Premysls noch viele solche Freunde?«
fragte Diepold.
    »Und was sagt Bolemil?« fragte der Herzog.
    »Dem Manne antworte ich nicht«, entgegnete Bolemil.
    
    »Hängt ihn an den nächsten Baum«, rief Welislaw.
    »Es wird wohl des Rates nicht viel nötig sein«, sagte der Herzog. »Drslaw,
wenn du aus Reue zu mir gekommen wärest im offenen Zurücktritte von Konrad,
hätte ich dich mit Freuden aufgenommen, und die Gewährleistung und Vermehrung
deiner Habe wäre dir sicher gewesen wie jedem meiner Krieger; aber du wolltest
durch dein Beginnen eine weit grössere Vermehrung erzielen, und hast dich geirrt.
Wenn ich mit einem fremden Feinde in einem ordnungsgemässen Kriege wäre, würde
ich dich binden lassen, dich gebunden dem Feinde überliefern, und dein Ansinnen
melden. Nun aber bin ich auf einem Zuge wider Räuber von Ländern und Gewalt, sie
zu strafen, nicht Sitte und Gestalt eines Krieges zu üben. Gehe daher deiner
Wege. Deine Habe ist dem Sieger verfallen, weil du bei den Empörern bist. Und
wenn allen Empörern verziehen werden würde, so würde dir nicht verziehen werden,
und deinen Helfern nicht, wenn sie mir bekannt werden. Und sie werden bekannt
werden; denn Verräter verraten einander wieder. Ist der Mann mit einem Geleite
gekommen?«
    »Wir haben niemand bei ihm gesehen«, sagte der Anmelder, »die Vorwachen
haben ihn gefangen gesendet.«
    »So gebt ihm zwölf Männer, dass sie ihn ungefährdet an die Grenze des Lagers
bringen. Welislaw, tue mir den Dienst, die zwölf Männer beizuordnen. Ich frage
nun alle Herren und Lechen, ist einer der Meinung, dass mit dem Manne anders
verfahren werde? Ist er dieser Meinung, so bitte ich ihn, dass er rede.«
    Alle schwiegen.
    »So sind wir einig«, sagte der Herzog, »Welislaw, sorge, wie ich gesagt
habe.«
    »Wenn du, hoher Herzog, auf diese Art gegen diejenigen handelst, die dir
Gutes tun wollen, so ist es übel«, sagte Drslaw.
    »Fort von hier«, sagte Wladislaw.
    Welislaw ging aus dem Gezelte, kam mit zwölf Männern und einem Führer
zurück, sie umringten Drslaw, Welislaw gab ihnen Weisung, und sie führten den
Eingeschlossenen aus dem Gezelte.
    »Hohe Herren«, sagte Wladislaw, »ich habe gedacht, dass wir mit froherem Mute
aus der Versammlung gehen werden, als uns nun dieser Mann eingeflösst hat.
Vergesst es.«
    »Man nimmt das Böse auf dem Wege, und verdammt es«, sagte der Bischof Otto,
»und sucht es aus dem Gemüte zu bringen.«
    »Wäre jedes Ärgernis so leicht zu überwinden, wie das von diesem Wichte«,
sagte Zdik.
    »Und wir werden unsere Sache rein zu Ende führen«, sagte Lubomir.
    »Und so nehmet meinen Dank, ihr Männer und Freunde«, sagte der Herzog, »dass
ihr mit Rat und Stimme bei mir gewesen seid. Ich glaube, wir haben, was not war,
heute vollendet. Lasset es euch fürder nicht verdriessen, der Sache treulich
beizustehen.«
    »Nein, nein«, riefen mehrere Stimmen, »wir stehen bei.«
    Der Herzog erhob sich, die Männer erhoben sich auch, und zerstreuten sich
nach ihren Abteilungen.
    Am Abende dieses Tages kamen noch Leute aus dem mittäglichen Walde. Sie
sagten, dass sie den Weg nach Pilgram genommen hätten, weil man ihnen denselben
gewiesen hat, im Walde seien noch Zusammenkünfte gewesen, und man habe an Witiko
und Wenhart gedacht, und sie hätten sich zurecht gerichtet, und seien
nachgegangen. Sie wollen jetzt mit Witiko reden.
    Witiko trat vor sie, und sprach: »Seid gegrüsset, ihr Männer, was ist euer
Begehren?«
    »Wir möchten mit denen aus unserer Gegend an dem Kriege teilnehmen«,
antwortete einer aus ihnen.
    »Und weil du ein Führer bist, so möchten wir von dir geführt sein«, sprach
ein anderer.
    »Wie viele seid ihr?« fragte Witiko.
    »Wir sind einhundertundfünf Männer«, antwortete der, welcher zuerst
gesprochen hatte.
    »Es kommen noch mehrere«, sagte ein alter Mann, »weil sie von der Sache
reden, und weil eine Entscheidung sein muss.«
    »Es ist gut, und es muss eine Entscheidung sein«, sagte Witiko, »und wir
müssen zusammenhalten, die zusammen gehören. Ich kenne einige von euch, und
manche werden mich kennen.«
    »Wir kennen dich«, riefen viele Stimmen.
    »Haben einige unter euch reiten gelernt?« fragte Witiko.
    »Ich habe mich geübt«, rief ein Mann.
    »Ich auch«, »ich auch«, »ich auch«, riefen andere.
    »Das ist gut«, sagte Witiko, »wir haben Pferde. Ihr alle werdet unter die
verteilt werden, welche den Krieg und seine Bewegungen schon kennen, dass ihr die
Sache in der Art verrichten lernt, wie sie die verrichten, welche schon lange
dabei sind. Aber, liebe Heimatgenossen, ich darf das nicht allein tun. Lagert
euch an dieser Stelle, erquickt euch, ich werde sogleich zu dem hohen Herzoge
reiten, werde ihm das Vorkommnis erzählen, und werde ihn bitten, dass er euch zu
meinen Männern gebe.«
    »Er wird es tun, weil wir zu dir gekommen sind«, sagte der alte Mann.
    »Er wird es tun«, sprach Witiko.
    Darauf verlangte er sein Pferd, Jakob brachte es, er bestieg es, und schlug
den Weg in der Richtung nach dem Lager des Herzogs ein.
    Als er dort angekommen, und zu Wladislaw geführt worden war, sagte dieser:
»Du kömmst noch gegen die Nacht, Witiko, was bringst du?«
    »Es sind einhundertundfünf Männer aus unserem Walde gekommen, und verlangen
als Streiter mit meinen Leuten vereinigt zu werden. Weil ich ihre Art und Weise
kenne, und weil ich die Hoffnung habe, dass ich sie wie die andern zu leiten
vermögen werde, so bitte ich dich, hoher Herr, dass du die Vereinigung genehm
halten wollest«, sagte Witiko.
    »Werden sie brauchbar sein?« fragte der Herzog.
    »Sie werden unter meine Männer verteilt werden, und dann werden sie tun wie
die übrigen, und unsere Kraft vermehren.«
    »So vereinige sie mit dir, Witiko«, sprach der Herzog. »Du weisst aus dem
Rate, dass eure Abteilung wichtig werden kann. Links von dir ist Bolemil, und
wird ausdauern. Ich habe Vertrauen auf Bolemil und dich. Wir andern werden mit
unsern Streitern auslangen, und auch das Unsere tun.«
    »Die Männer des Waldes haben den Willen wie die Besten«, sagte Witiko, »wenn
nur meine Führung ausreichend ist.«
    »Gebrauche deine Einsicht frei und unbeirrt, wie der Augenblick es fordert,
du bist nur dir und mir Rechenschaft schuldig, das andere walte Gott«, sagte der
Herzog.
    »Oft sind unvorhergesehene Geschehnisse, welche unvorhergesehene Mittel
erheischen«, sprach Witiko.
    »Gebrauche die Mittel, wie du sie erkennst«, antwortete Wladislaw, »du wirst
sie der Gelegenheit anpassen.«
    »Möge der Herr im Himmel zu der rechten Zeit das Rechte in mein Haupt
geben«, sagte Witiko.
    »Wo das Rechte in dem Sinne ist, fliesst es für den Bedarf hervor«, sprach
der Herzog.
    »Und so wie du mir vertraust, will ich der Zukunft vertrauen«, sagte Witiko.
    »Vertraue ihr«, sprach der Herzog, »ich will noch eines zu dir sagen. Du
hast den Kampf gegen Wratislaw sehr gut geführt, ich habe dir und den andern vor
meinen Führern gedankt, und danke dir allein hier wieder herzlich. Berate mit
Rowno und Wyhon genau euer Zusammenwirken in den Dingen, die uns bevorstehen,
und handelt immer in Einigung nach der beschlossenen Richtung.«
    »Rowno, Wyhon und ich haben aus unseren Waldleuten wegen ihres harten
mühseligen sorgsamen Lebens taugliche Kundschafter«, sagte Witiko, »wir
gebrauchen sie fleissig, und wie wir die Lage der Feinde wissen, darnach beraten
wir, und nach dem Rate handeln wir dann treu zusammen.«
    »So tut auch immerfort, und wenn der Erfolg nicht unmöglich ist, wird er
kommen«, antwortete der Herzog.
    
    »Ich strebe die Möglichkeiten durchzudenken«, sprach Witiko.
    »Das hast du bei Pilsen erwiesen«, sagte der Herzog. »Ich spreche jetzt
etwas zu dir, Witiko, darüber ich nie gesprochen habe. Ich rede nicht von dem,
was geworden wäre, wenn ihr damals die Fürsten gefangen hättet, ob das arme
Holaubkau verschont worden, und noch mehr, ob der jetzige Kampf unterblieben
wäre. Welcher Mensch kann das ermessen: aber in grosser Wahrscheinlichkeit kann
ich sagen, dass durch deine Handlung die Schlacht vor Prag unterblieben ist,
wenigstens war dein Wille dahin gerichtet, und dass wir dadurch der Hilfe der
Fremden nicht not hatten. Den jetzigen Kampf werden wir allein ausfechten, und
das Land wird auf sich allein stehen. Das weiss ich so hoch zu schätzen, wie
jeder der Herren, wie jedes Landeskind, und wie der zornmütige Bozebor.«
    »Darf ich noch ein Merkmal der Sache sagen, auf das ich damals gedacht
habe?« fragte Witiko.
    »Sprich«, sagte der Herzog.
    »Wenn die Fürsten gefangen vor dich gebracht worden wären, hättest du sie
strafen müssen«, antwortete Witiko, »du hättest Wratislaw, du hättest Otto, du
hättest den unwichtigen Wladislaw strafen müssen, der aber der Sohn des
wichtigen Sobeslaw ist, mit dem dein hochherziger Vater auf seinem Sterbebette
die Arme in Versöhnung verschlungen hat. Wenn du auch mild bist, so hätte vieles
kommen können, dass geschehen wäre, was dir später leid getan hätte. Sie sind
auch in ihrer Verblendung noch Zweige des heiligen Baumes Premysl. Jetzt
bekämpfen wir sie. Wir werden ihre Scharen schlagen. Wahrscheinlich werden sie
in fremde Länder fliehen. Eine Zeit wird vergehen, manches wird versöhnlicher
angesehen werden, und dein milder Sinn kann freier walten.«
    »Witiko«, sagte der Herzog, »reiche mir die Hand.«
    Witiko reichte dem Herzoge die Hand, dieser fasste sie, und sagte: »So wie
ich dir deine Hand drücke, so bin ich dein Freund, und werde es nach meiner
Hoffnung auch bleiben. Sei mir zugetan in jede Zukunft, wenn ich es verdiene.«
    »Hoher Herr«, antwortete Witiko, »ich bin zu dir gegangen, weil ich dich für
den rechtmässigen Herzog hielt, ich habe dir dann mit Freuden gedient, weil du
ein guter Herzog bist, und ich habe Liebe für dich gewonnen, weil du ein rechter
Mann bist.«
    »Du erinnerst dich der Worte, die du bei Chynow gesagt hast«, erwiderte der
Herzog, »und es freut mich. Ich habe dich damals erkannt, wie ich dich jetzt
erkenne. Mögen deine Gedanken über mich nie andere werden.«
    »Du wirst kein anderer mehr, und meine Gedanken werden keine anderen«, sagte
Witiko.
    »So dauere unser Bund, und es dauere der Bund der Guten allwärts«, sagte der
Herzog.
    »Und er werde ein immer grösserer Bund«, sprach Witiko.
    »Füge es Gott im Himmel«, antwortete der Herzog. »Wenn aber jetzt die
Fürsten in meine Hände fallen, Witiko, was wird dann geschehen?«
    »Dann wird der Bund grösser werden«, sagte Witiko, »wer nicht gut ist, kann
es werden, und ist gewonnen.«
    »Reiche mir zum zweiten Male die Hand, Witiko«, sprach der Herzog, »und lebe
wohl.«
    Die Männer fassten sich noch einmal an den Händen, Witiko verneigte sich
ehrerbietig, und verliess das Gezelt.
    Unter denen, die sich vor dem Zelte befanden, waren Welislaw und Odolen. Sie
traten zu Witiko, und Welislaw sprach: »Du hast neuerdings Zuwachs an Männern
erhalten, Witiko.«
    »Weisst du es schon?« fragte Witiko.
    »Es wurde bekannt, da sie in das Lager zogen«, sagte Welislaw.
    »Du hast jetzt schon eine grössere Schar als ich und Welislaw«, sprach
Odolen, »und wenn die Waldmänner so zu dir kommen, werden die Wölfe und Bären
und Urstiere in dem Walde zu viel werden, insonderheit, wenn wir mit dem
Scharlachreiter nicht bald dahin kommen, zu jagen, wie wir es versprochen
haben.«
    »Der Scharlachreiter muss jetzt anderes jagen als die Hirsche in jenen
Wäldern«, sagte Witiko.
    »Und kömmt er nicht dahin, so kommen wir einmal«, sagte Welislaw, »ich komme
gewiss, und Witiko muss den Wirt machen.«
    »In einem winzigen Häuschen, um das ihr Zelte bauen könnt«, antwortete
Witiko, »und aus dem euch jede Gastlichkeit fliessen wird, die das Häuschen
vermag.«
    »Das wissen wir«, sagte Welislaw, »und ich werde auch zu Rowno gehen, und zu
Diet, und zu Osel, und zu Wyhon, und zu Hermann, und wie die Namen sind.«
    »Und ich gehe auch ganz gewiss mit«, sprach Odolen, »und alle die Männer
müssen dann auch zu uns kommen, und unsere Gastlichkeit geniessen.«
    »Das müssen sie tun«, sprach Welislaw.
    »Wenn dieser Krieg zu Ende ist, und wir unter den Lebenden sind«, sagte
Witiko.
    »Ich lasse mein Leben diesen abtrünnigen Herzogen nicht«, sprach Odolen,
»wir müssen ja noch in späteren Zeiten unsere ruhmreichen Banner und den Namen
unsers Volkes in ferne Länder tragen, wie du bei Chynow gesagt hast, Witiko. Und
etwa holen wir uns noch vorher Bräute aus dem Walde.«
    »Frevle nicht, Odolen«, sagte Witiko, »wie die schönsten Blumen und süssesten
Beeren im Walde blühen und reifen, so sind dort Mädchen, wie du nicht ahnst.«
    »Und du hast dir eine solche Waldblume gewählt«, sagte Odolen, »und achtest
nun der Gärten nicht.«
    Witiko schwieg.
    »Vielleicht sehen wir diese Blume«, sprach Welislaw, »und das soll ein
weiterer Antrieb sein, in die Wildnis zu gehen.«
    »Du hast ja eine Blume der Wildnis schon gesehen, und hast wieder nach ihr
gesehen«, sagte Witiko.
    »Das ist die dunkle Dimut«, sprach Welislaw, »aber spröde.«
    »Wie das, was in dem Walde wächst«, sagte Witiko.
    »Ihr Bruder wird uns wohl Gastrecht geben«, sprach Odolen.
    »Ganz und vollkommen in seinem Turme«, antwortete Witiko.
    »So soll es bald sein, mir wird das Stilliegen in diesem Lager schon
lästig«, sagte Odolen, »ich wollte, wir gingen morgen gegen Konrad.«
    »Der Herzog und die Herren werden die Zeit ermessen« sagte Witiko.
    »Man muss auch wagen«, sprach Odolen.
    »Wir wagen im rechten Augenblicke, und reden in der Versammlung mit«, sagte
Witiko. »Jetzt aber, ihr Männer, seid gegrüsst, und verabschiedet, ich muss zu
meinen Leuten, um ihre Einteilungen zu machen.«
    »Ist dem Herzoge die Vermehrung genehm?« fragte Odolen.
    »Er hat sie gebilligt, und die Männer, weil sie aus der Heimat meiner andern
gekommen sind, unter mich gestellt«, sagte Witiko.
    »Du wirst sie brauchen«, sagte Welislaw, »und kannst sie während der
jetzigen Beratungen üben.«
    »In welchen Beratungen die Herren mit den weissen Haaren und die Priester
immer recht haben, wie jener Daniel«, sagte Odolen.
    »Der wird noch viel werden«, sprach Witiko.
    »Schlau ist er jetzt schon«, antwortete Odolen.
    »Du wirst Recht haben, wenn du handelst, Odolen«, sagte Witiko, »und grosses
Recht, wie du schon gehabt hast.«
    »Ja, wenn ich den Fluss austrinke, um zu den Feinden zu gelangen, wie der
Scharlachreiter gesagt hat«, entgegnete Odolen.
    »Oder hinüber schwimmst, wie du geantwortet hast«, sagte Witiko.
    »Hier ist aber nichts zu schwimmen, wir sehen bereits Znaim, und könnten es
schon haben«, erwiderte Odolen.
    »Wir werden es um so sicherer haben, wenn Wladislaw seine Vorbereitungen
gemacht hat«, sagte Witiko.
    »So bereitet nur vor«, entgegnete Odolen.
    »Jetzt gehabt euch wohl, ihr Männer«, sagte Witiko, »ich scheide.«
    »Lebe wohl, Witiko, und sei tapfer im Streite«, sagte Welislaw.
    »Oder im Rate, wenn wir uns nach vielen Tagen wieder dazu versammeln«, sagte
Odolen.
    Witiko bestieg sein Pferd, und ritt zu den Seinigen.
    Als er dort angekommen war, und als man nach und nach die Wachfeuer
angezündet hatte, verlangte er, dass sich diejenigen von den Angekommenen vor ihn
stellten, welche sich im Reiten geübt hatten.
    Da dieses geschehen war, sprach er zu ihnen: »Wir haben den Feinden sehr
gute Pferde genommen. Mehrere hat der Herzog in sein Lager erhalten, mehrere
sind noch da. Kommt morgen bei dem ersten Lichte vor mein Zelt, die Pferde
werden auch da sein, und wir werden die Versuche machen.«
    Die Männer versprachen es.
    Dann redete er mit den andern, und fragte, welche nach ihrem Wohnorte
zusammen gehören, oder welche am liebsten bei einander bleiben wollten.
    Die Männer erzählten ihm, wo sie herstammen, wie sie sich zusammengefunden
haben, und wie sie in das Lager gezogen seien.
    Als er ihre Worte aufmerksam angehört hatte, und als sie nichts mehr zu
sagen wussten, teilte er sie in so viele Teile, als er Führer hatte, und sagte
einem jeden Teile, zu welchem Führer er gehöre.
    Dann sprach er noch: »Ruhet heute an eurem Platze bei einander, und habt
eine fröhliche Nacht. Der Herzog hat erlaubt, dass ihr bei uns bleibt. Seid eurer
Ankunft willen gegrüsst, ich bin erfreut über euer Vertrauen zu mir, und die
Männer, zu denen ihr kommt, werden auch erfreut sein. Beredet euch noch bis
morgen unter einander, und wenn irgend einer eine Änderung in der Einteilung
wünscht, so sage er mir den Wunsch. Und nun habt eine gute Nacht.«
    »Gute Nacht, Witiko«, riefen die Männer.
    Witiko entfernte sich, und ging in sein Gezelt.
    Von den Kriegern, die nicht eben in dem Lagerdienste waren, kamen nun viele
zu den Angekommenen, sie zu begrüssen, und mit ihnen zu sprechen. Sie teilten
ihnen von den Lebensmitteln mit, die sie hatten, und empfingen von ihnen auch
hinwieder dergleichen.
    Am frühesten Morgen des nächsten Tages stellten sich die, welche sich als
Reiter gemeldet hatten, vor das Gezelt Witikos. Witiko ging zu ihnen, und die
Pferde wurden herzugeführt. Hierauf musste sich jeder im Reiten zeigen. Als diese
Darstellungen vorüber waren, wählte Witiko diejenigen aus, die ihm tauglich
erschienen, teilte ihnen Pferde zu, liess ihnen auch noch an Waffen geben, was
ihnen mangelte, und was man im Lager als Vorrat oder Beute hatte, und
beauftragte dann Wenhart, sie und die andern, die schon auf Pferden gekommen
waren, unter die Reiter einzuteilen.
    Hierauf fragte er die übrigen der angekommenen Männer, ob sie sich über ihre
Einteilung besprochen haben, und ob jemand einen Wunsch darlegen wolle.
    Die Männer waren mit der Einteilung zufrieden, und nur einige wünschten
einen Tausch oder eine Veränderung.
    Witiko willfahrte ihnen.
    Dann geschahen die Einteilungen.
    Als der Tag weiter vorrückte, wurden die Übungen gemacht, wie sie an allen
Tagen waren, seit das Lager bestand.
    Am Nachmittage sprach Witiko mit mehreren Boten, und ritt dann mit Sifrid,
Augustin, Urban und dreissig Männern aus dem Lager fort. Er blieb drei Stunden
aus, und ritt dann wieder mit seinen Begleitern in das Lager herein.
    Neun Tage blieb das Heer Wladislaws in dem errichteten Lager.
    In diesen Tagen kamen noch immer Zuzüge, indem noch Krieger geworben wurden,
und Männer, welche in entfernten Teilen des Landes gewesen waren, eintrafen.
Auch wurden Kriegsbedürfnisse aller Art noch stets herbeigeschaft, insonderheit
Wurfgeräte, welche für das Kriegsfeld tauglich waren, und solche, welche zu
Belagerungen dienten. Wladislaw empfing und sandte Boten, und suchte sich genaue
Kenntnis der Berge, Täler, Schluchten, Felder und Ebenen ringsherum zu
verschaffen. So wie es nötig war, wurde der Rat der Führer berufen, es wurde der
Stand der Dinge dargelegt, und es wurden die Mittel angezeigt, welche in
Anwendung gebracht werden sollten.
    Die Feinde suchten sich auch noch immer zu stärken, jeden Bedarf herbei zu
schaffen, Stellungen zu gewinnen, und sich in den günstigsten Stand zur
Entscheidung zu setzen. Wie es den Anschein hatte, strebten sie nicht, einen
Angriff zu machen, sondern das Heer des Herzoges heran kommen zu lassen, oder
es, wenn es nicht heran käme, durch Hinzögern in Mangel oder sonstige Übel zu
bringen, die bei einer grossen Menge von Menschen, die an eine Stelle gebannt
sind, nicht ausbleiben.
    Witiko übte indessen seine Leute, suchte alles in gutem Stande zu halten,
und wenn im Rate Massnahmen festgesetzt worden waren, beriet er sich wieder mit
Rowno und Wyhon und den andern, wie sie durch ihren Anteil ausgeführt werden
könnten. So wie er einmal mit Männern in die Gegend hinaus geritten war, so tat
er es nun öfter, und schaute alle Teile der Umgebungen an.
    So waren die Dinge dahin gediehen, dass es sich bald zeigen sollte, ob bei
Wladislaw oder bei Konrad die Herrschaft über die Länder Böhmen und Mähren sein
werde.
    Es wurde in dem Rate Wladislaws festgestellt, dass man gegen die Feinde
vorgehen solle. Und als dieses festgestellt, und die ganze Gestalt der Schlacht
ausgemittelt war, wurde der Tag derselben bestimmt.
    Am Morgen dieses Tages stand das Heer in Schlachtordnung, und zum
Vorwärtszuge eingeteilt.
    Die Feinde waren auch aufgestellt, und warteten des Angriffes.
    Das Heer Wladislaws ging vor.
    Und ehe die Sonne den vierten Teil ihres Bogens zurückgelegt hatte, war es
an den Feinden. Wie auf dem Berge Wysoka die Mährer gegen Wladislaws Krieger
eine Anhöhe empor gehen mussten, so mussten jetzt die Krieger Wladislaws gegen
sanftere oder schroffere Höhen gehen, um die Feinde zur Entscheidung zu bringen.
    Witiko war in seinem Ledergewande in der Mitte der Seinen. Ehe der Kampf
beginnen sollte, hielt er einen Augenblick, und sprach zu ihnen: »Jetzt, meine
lieben Freunde und Kampfesbrüder, ist uns eine wichtige Aufgabe gegeben worden.
Sie ist im Rate den Führern mitgeteilt worden, die Führer haben sie den
Unterführern, und diese euch gesagt. Wir werden sie vollbringen. Haltet nur
jetzt alle Bewegungen fest, wie die Wurzeln eurer Bäume den Waldboden in ihrer
Ruhe fest halten. Der kleinste Fehler könnte sehr übel sein, und wir müssten
schamrot werden vor jedem Strauche unseres Waldes. Bittet Gott, und dann zum
Kampfe für das Recht.«
    Die Männer sagten kein Wort. Er stieg von dem Pferde, und kniete auf die
Erde nieder, und alle Männer knieten nieder, und beteten einige Augenblicke.
    Die Feinde standen eine Strecke von ihnen entfernt auf dem oberen Rande
einer sacht hinauf gehenden Wiese, sahen dieses, regten sich aber nicht, und
warteten auf den Kampf. An der rechten Seite der Waldleute war eine Schlucht
neben der Wiese, und durch diese Schlucht war die Stellung der Feinde gesichert.
    Die Männer des Waldes erhoben sich von ihrem Gebete, Witiko bestieg sein
Pferd, und alle, Fussgänger und Reiter, setzten ihre Bewegung gegen die Feinde
fort.
    Die Scharen, welche gegen Witiko standen, hatten an ihrer rechten Seite eine
flache Erhöhung. Vor derselben teilten sich nun die Feinde aus einander, und
Wurfgeräte, fast wie man sie bei der Belagerung einer Stadt zu sehen gewohnt
ist, wurden erkennbar. Und Steine, Eisen, Holz, und was geworfen werden konnte,
wurde aus diesen Werken gegen die Angreifer geschleudert. Besonders wurden die
Würfe gegen die Mitte, in welcher sich Wladislaw befand, gerichtet.
    Als die Waldleute bei ihren Feinden angekommen waren, wurde ein Kampf.
Zuerst war er mit Pfeilen und Lanzen, dann mit den Schäften und Speeren. Die
Feinde standen fest. Da begannen die Waldleute rückwärts zu weichen. Wie einer
in Vorsicht sich zurückzieht, gingen sie rücklings Schritt für Schritt, immer
mit den Speeren wehrend, und so fest geschlossen, dass kein Mann und kein schafft
eindringen konnte. Auch links von den Waldleuten ging Bolemil zurück, und links
von ihm die andern, und der Herzog, und alle. Die Feinde drängten nach. Als die
Waldleute am unteren Rande der Wiese ankamen, von dem sie ausgegangen waren,
stoben sie plötzlich gegen rechts in Flucht davon, gerade von der Seite des
Schlachtfeldes hinweg. Ihre Feinde verfolgten sie nicht, weil Bolemil da war,
sondern wendeten sich gegen diesen, und unterstützten die Scharen, die schon
gegen ihn kämpften. Wladislaw ordnete Männer zu Bolemil, ihm zu helfen. Und an
dieser Stelle wurde nun der dichteste Knäuel des Kampfes.
    Die Waldleute gebrauchten die grösste Schnelligkeit ihrer Füsse, die sie in
ihrer Heimat eingeübt hatten, und als sie zu der Schlucht an der Wiese kamen,
beugten sie in dieselbe ein. Kein einziger der Fussgänger fehlte. Sie rannten in
der Schlucht fort, sie kletterten, sie sprangen, sie brachten alles in
Ausführung, was ihre Wälder oft zum Durchdringen fordern, und erschienen endlich
am oberen Rande der Wiese. Die roten Banner weheten in den Lüften, das grosse
Horn des Ziegenbockes und die kleinen Hörner, die in der Flucht geschwiegen
hatten, dröhnten nun den Schlachtruf. Witiko, Rowno, Wyhon und alle ordneten
schnell ihre Leute, schritten vor ihnen her, und führten sie hinter die grossen
Schleudergeräte. Die Männer, welche bei denselben waren, wurden angegriffen,
viele getötet, die andern in die Flucht getrieben. Die Geräte wurden angezündet.
Da sie brannten, stürmten die Männer in Schnelligkeit die Wiese hinab, denen in
den Rücken, die gegen Bolemil kämpften. Die Hörner tönten unausgesetzt den
Schlachtruf. Die Reiter des Waldes flogen nun auch von ihrem Fluchtfelde herzu,
denen in die Seite, die gegen Bolemil kämpften. Witiko, Rowno, Wyhon, Diet, Osel
und die andern bekamen ihre Pferde wieder, und die Führer leiteten den Kampf.
Und wie die Moldau in den Felsen der Kienberge durch Gestein und Trümmer dahin
tost, so tobten die Männer aus Rache, dass sie einen Augenblick geflohen waren,
in den Feind, niederwerfend, zerspaltend, vertreibend. Und wie sie gegen die
wilden Tiere ihres Waldes ausdauerten, so dauerten sie auch jetzt aus.
Verwirrung entstand in den Feinden, und mehrte sich. Es konnte eine geordnete
Schlacht nicht mehr bei ihnen statt haben, jeder wehrte sich, wo er stand,
seines Lebens, oder suchte zu entrinnen. Bolemil gab aus seiner Sänfte Befehle,
und sendete Männer nach Männern gegen den Feind. Die Unordnung verbreitete sich
auch in seine weitern Scharen, und wo Wladislaw stand, und Zdik und Welislaw und
Odolen und ferner hin, sah man die roten Banner vorrücken. Und an der äussersten
Stelle links wehten die rotseidenen Fahnen schon hinter den Feinden, die auch
dort umgangen worden waren. Und in kürzester Frist war der Streit entschieden.
Die Mährer waren in verworrener und ungebändigter Flucht. Die Männer Wladislaws
drangen nach, und bald war man vor den Zinnen Znaims. Wo ein Haus stand, wo eine
Hütte stand, wo ein Dorf stand, wo was immer für Wohnungen und Güter der
Menschen waren, gingen Feuersäulen empor, und selbst an fernen Stellen, wohin
keine Schlacht und kein Krieger gekommen zu sein schien, verdüsterte wallender
Rauch den Himmel. Verwüstung, Zerstörung, Vernichtung waltete zwischen Leuten,
die sonst friedlich unter der gleichen obersten Herrschaft leben sollten. Die
Trümmer des Heeres Konrads wurden von den Verfolgern noch mehr zertrümmert, und
wie Staub zerstreut. Nur ein Teil rettete sich nach Znaim.
    Als Schlacht und Verfolgung aus war, lagerte sich Wladislaw vor der Stadt.
Die Krieger erhielten Ruhe und Erquickung. Dann schritt man zur Ordnung des
Lagers. Und es kamen auch noch die Scharen, welche sich in der Verfolgung zu
weit hatten hinreissen lassen. Die Verwundeten wurden herbei gebracht. Bei dem
Danke des Herzoges an seine Männer, und bei dem Mahle, welches folgte, wurde
kein einziger der hohen Führer vermisst.
    Witiko liess vor der Nacht noch seine Verwundeten zu sich bringen. Und in der
Nacht ging er wie nach dem ersten Kampfe wieder zu allen seinen Abteilungen, und
dankte ihnen.
    Und eine tiefe Ruhe und eine Erholung kam in der Nacht über die Scharen des
Herzogs.
    Am frühen Morgen wurden zwei Krieger aus der Stadt zu dem Herzoge gebracht,
welche mit ihm zu sprechen wünschten.
    Wladislaw versammelte den Rat der Führer. Dann wurden die Männer vor den Rat
gestellt.
    »Was ist euer Begehren?« fragte der Herzog.
    »Ich bin Unislaw«, sagte einer, »und musste ein Fähnlein Konrads befehligen,
mein Genosse ist Mladota, und hatte auch ein Fähnlein zu führen. Die Krieger,
welche in Znaim sind, haben uns gewählt, zu dir zu gehen, hoher Herr, und dir zu
sagen, dass wir dir die Stadt übergeben wollen, so du uns schonest. Der Herzog
Konrad von Znaim ist nicht in der Stadt, und keiner der vornehmlicheren Führer
ist in ihr. Wir wollen uns unterwerfen, und werden dir in der Zukunft treulich
dienen.«
    »Leget die Waffen auf dem Marktplatze der Stadt nieder, und kommet alle vor
mein Lager«, sagte der Herzog, »es wird eures Leibes und Lebens geschont werden.
Wenn aber Konrad oder einer der grossen Führer in der Stadt gefunden würde,
gehört er vor mein Gericht. Ihr könnt mir dienen, wie ihr Konrad gedient habt,
und wie ihr, wenn ihr dem Gebiete von Znaim angehört, einem Herzoge von Znaim
wieder dienen werdet, der gesetzt werden wird. Nur gegen den Herzog von Böhmen
und Mähren dürft ihr in der Zukunft nicht mehr dienen, er könnte vielleicht
nicht verzeihen, und ich würde zum zweiten Male nicht verzeihen. Jetzt geht, und
kündet denen meine Worte, die euch gesandt haben. Ich glaube, Herren meines
Rates, es ist nicht ungerecht, wie ich gesprochen habe.«
    »Es ist nicht ungerecht«, riefen viele Stimmen.
    »So geht, ihr Männer«, sprach der Herzog.
    Die zwei Männer gingen. Nach einer Stunde kam ein langer Zug von Kriegern
ohne Waffen aus der Stadt, und stellte sich vor dem Lager des Herzogs auf. Der
Herzog trat vor sie, und Unislaw sagte: »Das sind die Krieger der Stadt Znaim.«
    »Man wird euch ein Lager anweisen, und dort harret des weitern«, sprach der
Herzog.
    Nach den unbewaffneten Kriegern kam ein Zug von Menschen in verschiedenen
Kleidern aus der Stadt, und verlangte zu Wladislaw.
    Wladislaw liess sie vor sich und die Seinen.
    Sie knieten vor ihm nieder, falteten die Hände, und baten um Schonung.
    »Stehet auf«, sagte der Herzog.
    Sie standen aber nicht auf, und blieben mit gefalteten Händen knien.
    »Stehet auf, sonst spreche ich nicht mit euch, und kehre euch den Rücken«,
sagte der Herzog.
    Die Leute erhoben sich.
    »Ich erkenne an deinem Gewande, dass du ein Vorsteher bist«, sagte der Herzog
zu einem, »rede, was ist eure Bitte?«
    »Hocherlauchter Herr«, sprach der Angeredete, »ich bin der Kmete der armen
Stadt Znaim. Die Stadt steht dir zu deinem hohen Einzuge offen. Wir sind alle
nicht schuld an dem Abfalle deines untergebenen Herzoges Konrad, und flehen
demütig und unterwürfig, du wollest uns das Unheil nicht entgelten lassen, das
geschehen ist, und unser Leben nicht nehmen, und uns nicht mit Brand und
Zerstörung heimsuchen. Unsere jungen Männer, die noch da sind, oder die kommen
werden, sollen dir als Streiter dienen, und wir alle werden dir dienstbar sein.«
    »Ich bin der Herzog der Länder Böhmen und Mähren«, antwortete Wladislaw,
»und nehme den Leuten meiner Länder nicht mutwillig das Leben, und zerstöre
nicht mutwillig die Güter der Länder. Ihr gebt eine Kriegesgabe aus der Stadt,
und Leib und Gut des einzelnen wird geachtet, der nur ein Bewohner der Stadt
ist. Wer ein hervorragendes Werkzeug des Verrates gewesen ist, wird vor ein
mildes aber gerechtes Gericht gestellt werden, und eben so der, der ihn
verbirgt. Sagt das denen, die in Znaim sind.«
    »Wir verbergen niemanden«, sprach der Kmete, »und würden dir jeden, der uns
als Hehler bekannt würde, übergeben. Die Rädelsführer sind entflohen. Gepriesen
seist du, milder, grossmütiger, hocherlauchter Herr!«
    »Gepriesen, und gesegnet, hoher Herr, wir beten für dich«, riefen die
Flehenden durcheinander.
    Und der Kmete neigte sich vor Wladislaw, und küsste den Zipfel seines
Kleides. Und die andern warfen sich wieder auf die Knie, und suchten näher zu
kommen, und griffen nach den Kleidern Wladislaws, sie zu küssen.
    Er wehrte ihnen aber, und sprach: »Ich tue nur das Rechte, erhebet euch, und
geht, und tröstet die Eurigen.«
    Da die Leute aber in ihren Gebärden flehentlich fortfuhren, liess er
geschehen, was sie verlangten, und redete ihnen freundlicher zu, sich zu
erheben.
    Da standen sie auf.
    Dann sprach er: »Du hast gesagt, Kmete, dass ihr mir dienstbar sein wollet.«
    »In allem, hocherlauchter Herr, das du befehlen wirst«, antwortete der
Kmete.
    »So rüstet in eurer Stadt sogleich Gemächer, die Verwundeten in sie
aufzunehmen, die meinigen und Konrads«, sagte der Herzog, »dann sendet Männer
mit Tragbahren, Sänften, und was ihr habt, um meine Leute bei dem Hineinbringen
der Verwundeten zu unterstützen. Sind Menschen aus dem Lande in eure Stadt
gekommen?«
    »Viele, hoher Herr, haben Zuflucht hinter unseren Zinnen gesucht«,
antwortete der Kmete.
    »So lasse verkünden, dass sie in ihre Wohnungen zurückkehren, und ihrer
Verrichtungen pflegen«, sagte Wladislaw, »meine Krieger sind um mich versammelt,
der Krieg ist in dem Herzogtume Znaim geendigt, und sie können unter meinem
Frieden ruhig leben. Ich werde dir einen Herold mitgeben, der deine Worte
bestätigt. Sie sollen das Land hegen, dass nicht Nöten und andere Übel dem Kriege
folgen, sonst würde Verantwortung geleistet werden müssen. Dann sende so viele
eigene und fremde Leute, als du nur vermagst, auf das Schlachtfeld zur Begrabung
der Toten. Sie finden dort meine Männer, die ihnen helfen und Weisung geben
werden. Hast du meine Worte verstanden?«
    »Ich habe sie verstanden, hocherhabener Herr, und werde sie vollführen«,
sagte der Kmete.
    »So eilet nun, dass nicht eine unnütze Zeit vergehe«, sprach der Herzog.
    »Wir danken dir, wir preisen dich, wir ehren dich, hoher Herzog«, rief der
Kmete.
    »Wir preisen dich, wir ehren dich«, riefen die Leute, und manche brachen in
Schluchzen aus.
    Dann winkte ihnen der Herzog, zu gehen. Sie neigten sich vielmal, wendeten
sich, und schlugen den Weg in die Stadt ein.
    Der Herzog ordnete nun alles an, das notwendig war, damit ein festes Lager
würde, in welchem seine Krieger eine Zeit wohnen könnten.
    Dann liess er die Zeichen geben, dass das Heer in Ordnung aufgestellt werde.
    Als dieses geschehen war, ritt er mit einem Geleite an allen seinen Männern
und Führern hin, und dankte, und gab Versicherungen der Belohnung. Er sprach mit
vielen der Führer und der anderen Leute. Er ritt langsam an den Kriegern des
Waldes hin, die geschlossen da standen, und auf ihn blickten. Er dankte für
ihren besonderen Dienst, und hielt sein Schwert zum Grusse gesenkt. Er sprach mit
Witiko, mit Rowno, mit Wyhon, mit Osel, auch zu den Söhnen Osels sprach er, dann
sprach er mit Diet, mit Werinhard, mit Wolf, mit Witislaw, mit Hermann, mit
Wenzel, er sprach zu dem alten Wenhart, zu dem alten Florian, zu Johannes aus
dem Wangetschlage, und noch zu mehreren Männern, meist zu solchen, welche weisse
Haare auf dem Haupte hatten.
    Als der Dank des Herzogs vorüber war, wurden die Krieger wieder in ihre
Lagerplätze entlassen.
    Der Herzog ging jetzt aber mit den Bischöfen zu den Verwundeten, und
tröstete sie. Er fand bei ihnen schon manchen Tröster und selbst Pfleger aus der
Priesterschaft und den hohen Führern.
    Als er wieder in sein Gezelt gekommen war, liess er die Zeichen zur Sammlung
der Scharen ertönen, welche mit ihm in Znaim einziehen sollten.
    Da die Sammlung vollendet war, begann der Zug. Eine Menge von Menschen war
schon an dem Wege, und sie riefen dem Herzoge zu. Aber noch dichter waren sie in
der Stadt. Vor dem Tore wurde Wladislaw von den Priestern, von den Vorstehern
und von schön gekleideten Jungfrauen begrüsst. Dann ritt er in seinem einfachen
braunen Gewande in die Stadt. Hinter ihm ritten Diepold und Heinrich, dann die
Bischöfe, Bolemil wurde in seiner Sänfte von zwei Saumpferden getragen, die
einer seiner Enkel leitete, und der alte Wsebor ritt neben Bolemil, und dann war
Diwis und Lubomir, dann waren die Äbte, und dann waren Preda und Chotimir. Die
übrigen Führer ritten bei ihren Abteilungen. Vor dem Herzoge und seinem Geleite
waren Kriegerscharen, und hinter ihm auch. Das Volk rief ihm zu, und sang
Gesänge. Wladislaw ritt zur Kirche, stieg mit seinem Geleite von dem Pferde, und
weil der Bann auf dem Lande war, taten sie vor der Kirche kniend ein Dankgebet.
Dann ritt er in die Burg, und als die Führer ihn dahin geleitet hatten, wurden
sie entlassen. Die in der Stadt blieben, erhielten ihre Wohnungen angewiesen.
Die übrigen Scharen zogen wieder in das Lager.
    Bald nach dem Einzuge Wladislaws wurden die Verwundeten in die Stadt
gebracht.
    Am Nachmittage dieses Tages ritt Witiko mit seinen Befehlsträgern, mit
Wenhart und dreissig Reitern auf das Schlachtfeld zu den Männern, die er zur
Begrabung ihrer Toten dahin geschickt hatte. Er fand sie am unteren Rande der
Wiese.
    »Seid gegrüsset, ihr Männer der Trauer«, sagte er.
    »Es ist traurig, wenn man einen Angehörigen verliert«, sprach David, der
Zimmerer, »sie werden weinen und wehklagen, wenn wir ihnen die Nachricht
bringen, und wenn wir ihnen auch die Geschenke des Herzogs bringen, und es ist
traurig für uns, dass wir einen Mann begraben müssen, den wir kennen, und den die
erschlagen haben, die uns alles nehmen wollten, und die einen Herrn bringen
wollten, der uns dann weiter nimmt, was wir wieder erworben.«
    »Wir sollten ihnen noch mehr vergolten haben, als es geschehen ist«, rief
der Schmied von Plan, »es ist schade, dass sie geschlagen sind, und dass sie davon
sind, dass wir sie nicht noch einmal schlagen können.«
    »Dann hätten wir wieder Tote, und müssten sie wieder rächen, und das ginge so
fort«, antwortete Witiko.
    »Ja, das ginge fort«, sagte der Schmied.
    »Habt ihr wohl gemerkt, wen ihr begraben habt, dass wir alle aufzeichnen, und
dass kein Irrtum entsteht, der einen vergeblichen Jammer hervorrufen würde?«
fragte Witiko.
    »Andreas hat einen Zettel«, sagte der Schmied, »und dann hat er jeden
sogleich mit einem spitzigen Blei darauf geschrieben, wenn wir auf seinem Grabe
gebetet hatten.«
    »Habt ihr viele?« fragte Witiko.
    »Nicht viele«, sagte Andreas, und zog seinen Zettel heraus.
    Er las: »Melchior von der Stift. Er ward durch und durch gestochen. Wenzel
aus den Auhäusern. Er hatte die Wunde im Halse. Kaspar von Reichenau. Ich weiss
nicht mehr, David, war es der mit dem zerbrochenen Kopfe?«
    »Es ist nicht nötig, dass du die Verwundung ansagst, lese nur die Namen«,
sprach Witiko.
    Andreas las weiter: »Michael von dem schwarzen Bache. Johannes aus den
Heurafelwaldhäusern. Arnold von der unteren Moldau. Jobst von dem Ratschlage.
Sebastian aus Friedberg. Ruprecht vom Kirchenschlage. Simon von Mugrau.«
    »Es sind zwei, die so heissen«, sagte Witiko.
    »Es ist der kleine«, antwortete Andreas. »Dann haben wir noch den alten Lenz
von dem Schwenberggute. Er hat drei Wunden, und sein weisser Bart ist ganz
blutig. Wir müssen die Grube erst zuwerfen, und beten.«
    »Gebt ihr jedem eine Grube?« fragte Witiko.
    »Wir geben jedem eine«, sagte Andreas, »wenn auch die Arbeit mehr ist, weil
wir treulich an einander halten müssen, und weil sie es uns in der andern Welt
danken werden. Es halfen uns fremde Leute, die aus der Stadt gekommen sind, und
die Pfarrer in dem Walde werden den Segen beten, wenn wir nach Hause kommen.«
    »Sie werden ihn beten«, sagte Witiko. »Habt ihr keinen mehr gefunden, der
schwer verwundet ist?«
    »Nein«, antwortete Andreas, »unsere Verwundeten haben wir sorgsam schon
früher ausgesucht, und die von andern Scharen sind auch schon fortgebracht
worden. Wir haben viele Verwundete.«
    »So forschet nur fort nach den Toten«, sagte Witiko, »und schreibe sie
sorgfältig auf. Hier hast du noch ein Stück Papier, schreibt sie zwei Male auf,
und gebt an zwei verschiedene Männer die zwei Zettel, dass der andere übrig ist,
wenn einer verloren würde.«
    Er reichte nach diesen Worten ein Papier an Andreas.
    »Wir werden tun, wie du sagst«, antwortete Andreas.
    »Es ist trübselig, die Gruben mit den Heimatleuten in der Fremde auf dem
öden Felde zu füllen.«
    »Es ist ein christliches Werk, und es ist ein Trost für die daheim«, sagte
Witiko.
    »Wir tun es auch gerne«, sagte Andreas, »wie sie es uns getan hätten, wenn
uns das Unheil widerfahren wäre.«
    »Seinen Vater verteidigen, seine Mutter, seine Schwester, sein Weib, seine
Kinder, seine Braut, die Greise und Greisinnen der Heimatgenossen, die Kranken
und alle, die nicht mitziehen können, ist ein schönes und heiliges Werk, das nur
immer ein Mann verrichten kann«, sagte Witiko, »und wenn er in dem Werke sein
Leben lassen muss, so ist es ein noch heiligeres, und alle müssen sein Andenken
ehren, für die er ausgezogen ist.«
    »Wir ehren es auch, die wir doch mit ihm gezogen sind«, sagte Andreas.
    »Wenn ihr in dem Walde gegen die Wölfe geht, da sie sich einmal zu sehr
mehren«, sagte Witiko, »und wenn ein Mann durch diese Wölfe im Streite
verunglückt, so tragt ihr es.«
    »Wir tragen es, wenn es auch ein Unglück ist, weil es sein muss«, sagte
Andreas, »und diese Menschen, die gegen uns und den Herzog sind, diese sind auch
wie Wölfe, die sich vermehrt haben.«
    »Wohl ist es so«, sprach Witiko, »nur dass den Wolf sein Hunger treibt; diese
aber ihr Gelüste.«
    »Und darum müssen wir gegen sie noch mehr gehen, als gegen die Wölfe«, sagte
David, der Zimmerer.
    »Wir gehen«, sprach Witiko, »und wir werden mit den andern Scharen und mit
Gottes Hilfe alles vollenden.«
    »Wir werden alles vollenden«, riefen mehrere Männer.
    »Ich werde euch in eurer Arbeit ablösen lassen«, sagte Witiko.
    »Wenn du Leute sendest«, sprach Andreas, »so können sie uns helfen; aber wir
bleiben auch hier.«
    »Tut, wie ihr übereinkommt«, sagte Witiko, »und gehabt euch wohl, lieben
Männer.«
    »Gehabe dich wohl«, riefen ihm die Männer zu.
    Witiko ritt mit seinen Begleitern nun noch auf andere Stellen des
Schlachtfeldes. Er sah, wie man überall beschäftiget war, die Toten, Freund und
Feind, zu bestatten, und einen oder den andern, in welchem noch Leben war, er
gehöre zu Konrad oder Wladislaw, zu laben, und zu versorgen. Er fand Rowno, der
seinen Oheim Stan verloren hatte, er fand Diet, er fand Osel, er fand Wyhon und
manche andere.
    Dann ritt er wieder in das Lager der Seinigen, und sandte sogleich Männer,
denen auf dem Schlachtfelde zu helfen.
    Er ging jetzt zu den Verwundeten. Man hatte aus Balken, Brettern, und wessen
man habhaft werden konnte, ein Notaus zu bauen begonnen, und in demselben waren
bereits die Verwundeten. Es war ein Arzt aus dem Lager des Herzogs gekommen;
aber die Männer Witikos vertrauten mehr den Mitteln, die sie sonst anwendeten,
wenn der Wald Wunden brachte.
    Witiko sprach, da er unter ihnen war: »Meine lieben Freunde und Heimatleute,
ich bin zuerst zu den Toten auf das Schlachtfeld gegangen, weil sie das höchste
irdische Gut verloren haben, das Leben. Ich habe sie besucht, und habe innerlich
ein kurzes Gebetlein gesagt. Wir werden alle, wenn es an der Zeit ist, auf ihre
Grabstätte gehen, und zu ihrer Ruhe beten. Ich bin auch darum hinaus gegangen,
ob nicht noch einer draussen ist, der an einer schweren Wunde leidet. Aber es ist
keiner mehr. Dann bin ich zu euch gekommen, denen das zweite Gut dieser Welt
unterbrochen worden ist, die Gesundheit. Gott wird sie euch allen wieder geben,
wir bitten ihn darum, und wollen alles tun, was wir mit unseren Kräften
vermögen, euch zu helfen. Man macht jetzt über euch ein Obdach; aber wenn ihr
wollt, werden wir euch in gute feste Häuser der Stadt bringen.«
    »Lasse mich bei unsern Leuten«, sagte Adam, der Linnenweber aus Plan, »ich
stürbe in der Stadt.«
    »Mich auch«, sagte Sebastian, der Schuster von Plan.
    »Mich lasse auch da, Witiko«, sagte Tobias, der Hirt von Plan, »ich weiss
schon, wie man mit Wunden tun muss, und habe meinen Sohn unterrichtet, und er
wird zu Hause bei den Tieren Rat geben, wenn einem etwas zustösst.«
    »Mich lasse auch da«, sagte Raimund von der Mugrauer Heide.
    »Mich lasse auch da«, sagte ein anderer Mann.
    »Mich auch«, sagte wieder einer.
    »Männer«, antwortete Witiko, »wer nicht in die Stadt gebracht werden will,
der kann an dieser Stelle bleiben, so lange das Lager dauert, und wir werden
sorgsam für ihn sein. Und wer in ein Gemach der Stadt begehrt, der wird auf
einer guten Tragbahre dahin gebracht werden. Saget nur denen, die euch warten,
was ihr wollt, und sie werden eure Wünsche zu mir bringen.«
    »So ist es recht«, »so ist es gut«, sagte einer und der andere der
Verwundeten.
    Und nun ging Witiko zu jedem, fragte ihn um seinen Zustand, und liess sich
erzählen wie er verwundet worden sei, und was man jetzt gegen seine Wunden an
ihm getan habe. Dann tröstete er ihn, und redete daneben von der Zeit, in der er
wieder fröhlich bei seinen Kampfesbrüdern sein, und von der Zeit, in der er
wieder die grünen Bäume seines Waldes sehen werde.
    Witiko blieb noch eine lange Zeit in dem Hause der Verwundeten.
    Es waren viele von den Waldleuten da, einige waren gekommen, ihre Freunde zu
besuchen, andere, welche Kenntnisse hatten, wie man bei Verwundungen verfahren
müsse, waren als Pfleger da. Frauen aus dem Lager halfen in allen Dingen, und
der Priester von Daudleb hatte sich als Krankenwärter eingerichtet.
    Witiko ging von den Verwundeten zu seinen andern Leuten, um zu besorgen, was
nach der Lage der Dinge zu besorgen war.
    An dem nämlichen Tage ritt auch der Herzog Wladislaw noch mit einem Geleite
auf das Schlachtfeld, und er kam dann zu den Verwundeten der Waldleute.
    Als schon die Nacht eingebrochen war, kamen die Männer Witikos, die mit dem
Begraben der Toten beschäftigst gewesen waren, in das Lager, sagten, sie seien
fertig, und Andreas gab Witiko die beiden Zettel, auf denen die Namen der
Begrabenen geschrieben waren.
    Witiko dankte ihnen, und sagte, sie sollen ruhen, und sich nach der
kläglichen Arbeit pflegen.
    In dieser Nacht sendete Witiko auch noch einen Boten an seine Mutter nach
Landshut fort.
    Am andern Morgen fragte er den Priester von Daudleb, welche der Verwundeten
sich zur Überbringung in die Stadt gemeldet hätten.
    »Sie wollen alle hier bleiben«, sagte der Priester.
    »So sollen sie hier bleiben«, antwortete Witiko, »ich werde selber zu dem
Herzoge reiten, und ihn um die Vergünstigung bitten.«
    »Die Menschen, welche in dem Walde geboren worden sind, und in dem Walde
gross gewachsen sind«, sagte der Priester, »bekommen gerne Heimweh, wenn sie
nicht mehr in dem Walde leben können, und die Kranken würden Heimweh bekommen,
wenn sie von ihren Genossen, die hier sind, entfernt würden.«
    »Ich weiss es, ich weiss es«, sagte Witiko.
    »Und von dem Gemüte aus heilt man den Körper oft leichter als mit Salben und
Mitteln«, sprach der Priester.
    »Und in den Gemütern wollen wir alle sie trösten«, sagte Witiko.
    »So wollen wir«, sprach der Priester.
    Witiko ritt sogleich zu dem Herzoge, und berichtete ihm die Sache. Wladislaw
gestattete, dass die Männer ihren Willen haben, und sandte sogleich guten Wein
und Lebensmittel und Bettstücke und anderen Bedarf in das Haus der Verwundeten.
    Witiko ritt wieder zu den Seinigen.
    Ehe die Sonne den Mittag erreichte, zogen alle Männer des Waldes ausser
denen, die bei den Verwundeten bleiben mussten, mit Witiko auf das Schlachtfeld,
knieten dort nieder, und beteten für ihre Begrabenen, und dann für die
Begrabenen der andern. Zu Hause beteten die Pfleger der Verwundeten für sie, und
es beteten die Verwundeten für sie.
    Man sendete nun auch Boten in die Heimat, zu berichten, was vorgefallen war.
    Das Lager vor der Stadt Znaim und die Hofhaltung in der Burg wurden immer
fester eingerichtet. Wladislaw bestellte eine Verwaltung des Gebietes von Znaim.
Er hielt Gericht, und hörte jeden, der von den Ländern Böhmen oder Mähren kam,
und ein Anliegen vorbrachte. Die Kriegsbeute und die Kriegsgaben wurden aus dem
Gebiete gesammelt, und die Güter der Feinde, welche bei Konrad gewesen waren,
wurden zu dem herzoglichen Gute geschrieben. Männer strömten nun von allen
Seiten herzu, und wollten Wladislaw dienen. Es wurden die Nötigen gewählt, und
in das Heer eingeteilt. Von dem mittäglichen Walde kamen noch
einhundertfünfunddreissig Männer, und wurden Witiko zugeteilt. Wladislaw hielt
öfter mit seinen Führern Rat, was weiter zu beginnen sei, und oft vereinigte er
sie bei den Übungen des Heeres oder bei einem fröhlichen Mahle.
    So waren siebenunddreissig Tage nach der Schlacht vor Znaim vergangen, und
die weiteren Zurüstungen waren vollendet; Wladislaw verlangte von den Führern,
dass sie ihre Männer in Bereitschaft setzten, den Auszug zu beginnen.
    Eines Tages wurde Witiko gemeldet, dass der Schuster von Plan, Sebastian,
sehr traurig sei, und immer sage, er werde sterben.
    Witiko ging zu dem Manne in das hölzerne Haus der Verwundeten, und sprach zu
ihm: »Sebastian, sie haben mir gesagt, dass du bekümmert bist, aber deine Wunde
heilt schon, und du wirst sehr bald wie früher unter uns sein.«
    »Sie heilt«, antwortete Sebastian, »aber innerlich ist alles anders, und mir
ist sehr wehe.«
    »Das wird sich erhellen, wenn du unter der Sonne und in der freien Luft mit
uns ziehest, und die Lieder und die Gespräche erschallen«, sagte Witiko.
    »Ich werde hier sterben«, sagte Sebastian.
    »Aber ehe du stirbst, wirst du draussen sein und gesund«, sagte Witiko.
    »Ich habe sehr schöne Dinge aus rauhen Bälgen gemacht«, sprach Sebastian,
»sie sind immer bei dem Gepäcke gewesen, und jetzt weiss ich nichts, und sie
werden zu Grunde gegangen sein.«
    »Ich will selber nach diesen Sachen sehen«, antwortete Witiko, »und werde
sie dir zu dem Bette senden, und sie sollen dir jedes Stück zeigen.«
    »Wenn sie zu finden sind«, sagte Sebastian.
    »Von dem Gepäcke ist nichts verloren worden«, sprach Witiko, »wir haben nach
der Schlacht alle Säumer hieher gebracht.«
    »Wir haben gross gesiegt«, sagte Sebastian.
    »Alles Land von Znaim ist unser«, antwortete Witiko, »und jetzt wird bald
Brünn und das ganze Land Mähren unser sein.«
    »Das ist recht gut, das ist recht gut«, sagte Sebastian, »und du bist sehr
besorgt, Witiko.«
    »Ich gehe sogleich zur Nachfrage um deine Balgdinge«, sprach Witiko, »und
werde in einer Zeit wieder zu dir kommen, und deine Wunde wird wieder besser
sein, und du wirst auch besser sein.«
    »Ich werde bis dahin noch nicht sterben«, sagte Sebastian.
    »Und später auch nicht«, sagte Witiko, »und jetzt gehabe dich wohl.«
    »Gehabe dich wohl«, sprach Sebastian.
    Witiko ging zu dem Trosslager, und fragte um die Balgwaren des Schusters
Sebastian von Plan. Man suchte einen Sack unter den andern Sachen hervor, in dem
sie waren. Witiko liess den Sack zu Sebastian tragen.
    Er erzählte nach einem Rate bei dem Herzoge das Vorkommnis, und die Lechen
und Herren kauften von Sebastian alle Dinge, dass er mehr Geld erhielt, als er je
gehofft hatte. Und er starb nicht und sass später in der Sonne vor dem hölzernen
Hause, und zählte sein Geld. Den Sack schickte er zu künftigem Gebrauche nach
Hause.
    Als fünfzig Tage vergangen waren, seit das Lager vor Znaim bestand, wurde
der Zug gegen die anderen Fürsten von Mähren angeordnet, die auch immer
geworben, und sich gerüstet hatten. Das Heer Wladislaws war aber so stark
geworden, dass trotz der Kraft der Feinde kein Krieg mehr war. Was jetzt
erfolgte, war nur ein Fortdrängen der Feinde, ein Nehmen von Beute, ein Sammeln
von Kriegsgaben, und eine Verwüstung und Zerstörung; der Herzog und die Führer
suchten der Verwüstung zu wehren, aber die Verwüstung geschah. Und so gingen die
Krieger wie eine Wolke über das ganze Land.
    Nach zwei Monden war Mähren in der Gewalt des Herzogs Wladislaw. Die Fürsten
und die vornehmlicheren Führer flohen in fremde Länder. Auf grüner Heide hielt
Wladislaw den Dankgottesdienst.
    Es wurde ein grosses Lager der Krieger Wladislaws vor Brünn errichtet, und
von diesem Lager aus wurden die Dinge des Landes geordnet.
    Eines Tages liess der Herzog einen grossen Platz zu einem Feste schmücken, und
sandte Boten aus, alle, die entfernt waren, zu laden.
    Als der Tag des Festes gekommen war, sah man einen grünen Raum mit Schranken
eingefasst, welche mit kostbaren Tüchern behängt waren. Auf dem Raume sah man
Bänke in einem halben Kreise, welche mit Sammet und Seide belegt waren. Vor den
Bänken stand ein Tisch, auf dem Sammet war, und an dem Tische stand ein
gezierter Stuhl. Weiter rückwärts waren viele Tische zu einem Mahle gerüstet.
Von den Schranken weg stand in einer langen Reihe das Heer mit seinen Führern.
Wladislaw, hinter dem ein Geleite war, kam von dem Lager, und ritt an der ganzen
Reihe dahin, grüsste jede Abteilung, dankte für die Treue, und nahm Abschied von
denen, die nach Hause gehen würden. Als er am Ende der Reihe war, ritt er wieder
gegen die Mitte, entfernte sich eine Strecke von der Reihe, und grüsste mit dem
Schwerte noch einmal gegen alle.
    Es erhob sich ein Ruf des Jubels und der Freude, der in den Lüften zitterte.
    Der Herzog ritt wieder gegen sein Lager.
    Dann löste sich die Reihe des Heeres, und die Abteilungen zogen in ihre
Plätze.
    Die Führer aber gingen auf den grünen Raum in den Schranken, und setzten
sich auf die Bänke. Unzählige Krieger und Volk umstanden die Schranken.
    Da kam auch der Herzog, und setzte sich auf den Stuhl vor dem Tische. Als
das Brausen der Stimmen sich gelegt hatte, stand er auf, lüftete seine Haube,
und sprach: »Fürsten der Kirche, Söhne des Stammes Premysl, Lechen, Herren,
Wladyken und Obmänner. Unsere Sache ist vollendet. Das Reich Premysls steht
fest. Wir haben, als der Aufruhr niedergeworfen war, auf grüner Heide in
feierlichem Gottesdienste dem Herrn im Himmelreiche für seine Hilfe gedankt, und
haben täglich bei der Opferfeier bis heute gedankt, und werden fortwährend
danken. So gebührt es gegen Gott. Dem Heere und den Führern habe ich gedankt,
und habe heute zum Abschiede den Dank wiederholt. Und auch hier wiederhole ich
euch den Dank, und sage: Kehret glücklich zu den Eurigen, und freuet euch der
Tage, die da kommen werden. Denkt in Liebe an einander, wie ich in Liebe eurer
gedenke. Suchet meinen Hof, so oft es euch gefällt, weilet dort oder in meinem
Lager, so lange ihr wollt, besuchet einer den andern, und wenn ich zu einem
komme, gebe er mir eine kleine Gastfreundschaft. Wer von heute an noch in diesem
Lager bleiben will, ist in demselben geehrt, wer es verlassen will, dem senden
wir einen freundlichen Segen auf seinen Weg. Wir haben Pergamente schreiben
lassen, jedem von euch wird ein Pergament gegeben werden, auf welchem er lesen
kann, was ihm an Ehre, Amt und Gut zugedacht ist. Er sei mit den Seinigen
darüber zu Rate, und komme dann nach Prag zu meiner Kammer, und sage, welche
Änderungen er in dem Pergamente wünsche, und wir werden seine Wünsche zu
erfüllen trachten. Herren der Kirche, der Heilige Vater Innozenz wird in diesem
Jahre noch den hochehrwürdigen Kardinal Guido mit voller Gewalt in die Länder
Böhmen und Mähren schicken, dass er alle die kirchlichen Dinge ordne und richte.
Es wird des Heiles und der Ehren eine Fülle sein, wenn er kömmt. In den
Pergamenten ist verzeichnet, was den Kirchen und Abteien und allen Heiligtümern
nach dem jetzigen Kriege zukommen soll. Diepold und Heinrich, Söhne des Stammes
Premysl, ich werde streben, euch zu lohnen. Bolemil, teurer greiser Krieger, du
wirst dich noch des Landes freuen, das dir zuwächst, und deine Söhne und Enkel
und Urenkel werden sich freuen. Lubomir, mögest du und mögen deine Söhne
zufrieden gestellt sein. Und ihr auch, Diwis, treuer Zupan, Wsebor, Preda,
Chotimir, alte Krieger, möget ihr euern Teil hinreichend finden. Und Nemoy, und
Jurik, und Bartolomäus, und Ctibor, und Predbor, und Casta, und Wecel, mögen
euch eure neuen Fluren in der Reihe von Jahren gefallen, die euch noch
bevorstehen. Welislaw, treuer Genosse, du trittst die Zupanei von Wysehrad an.
Odolen, du Stürmer, pflege der Felder, Wiesen und Wälder, die in deinem
Pergamente geschrieben sind, und jage auf ihnen. Witiko, lese mit Zufriedenheit,
was dir von dem Walde des Herzoges an der jungen Moldau, und was dir dort an
Untertanen und Abgaben zugewiesen ist, und sei ein milder Herr deiner Leute.
Rowno, du bist erweitert, Diet von Wettern, du auch, ihr grenzet jetzt an
Witiko, seid drei friedliche Nachbarn. Wyhon, du findest bei Prachatic dein
neues Gut, und das der andern Männer des Mittages des Landes ist vermehrt. Osel,
ich habe deiner aber auch deiner Söhne gedacht. Und Sezima und ihr andern jungen
Leute, mehret, was euch wird, in künftigen Kriegen noch um vieles. Und möge
keiner von allen, die hier sind, gekränkt sein, und möge er seine Wünsche
darlegen, dass sie nach Kräften erfüllt werden. Morgen beginnen wir, in
Freundschaft von der beweglichen Beute an Kleinodien, Waffen, Pferden, Kleidern,
Prunk und Gold und andern Dingen zu teilen. Und morgen werden auch meine Männer
die Gaben an alle Krieger, die bei uns sind, zu reichen anfangen. Und nun bringe
ich euch noch einmal meinen Dank, und saget euern Angehörigen, wenn ihr heim
kommt, liebe und gute Grüsse von mir, und saget den Leuten in euern Ländern, dass
ich jedem Wohltaten erweisen möchte, und ich bringe den Wunsch: es komme eine
fröhliche und glückliche Zeit.«
    »Fröhliche und glückliche Zeit«, erscholl es aus tausend Kehlen.
    Und ehe noch einer der Herren auf den Bänken etwas sprechen konnte, rief das
Volk vor den Schranken: »Heil, Heil Wladislaw, dem Herzoge von Böhmen und
Mähren.«
    »Heil Wladislaw, dem Herzoge von Böhmen und Mähren«, riefen die Männer auf
den Bänken.
    »Heil dem Kriegsherrn«, riefen die Streiter, welche sich an die Versammlung
herzu gedrängt hatten.
    Wladislaw ging nun zu denen, die sich auf dem grünen Platze befanden, und
redete mit ihnen.
    Dann war unter dem freien Himmel ein Mahl des Herzogs und der Herren, und es
war ein Mahl aller Krieger, und an das Volk wurde Wein und es wurden
Lebensmittel verteilt.
    Boten gingen noch an diesem Tage in allen Richtungen ab, zu melden, was
geschehen war. Auch in den Wald wurden Boten gesendet.
    In einer Reihe von Tagen, die da folgten, wurde nun die Beute verteilt, und
es wurden die Gaben an die Krieger gegeben.
    Und dann empfing der Herzog die Besuche der Herren, die kamen, ihm zu danken
und Abschied zu nehmen.
    Und die Männer tauschten unter sich Besuche und Geschenke und Versicherungen
der Liebe, und viele rüsteten sich zur Heimkehr. Der Herzog setzte noch ein
Gericht ein, die Verwüster auszuforschen und zu bestrafen, er sendete von seinen
Kriegern Abteilungen in Städte und Vesten, dass sie des Landes wachten, und
bereitete seinen Zug nach Prag vor. Viele der Herren beschlossen, ihn zu
geleiten. Weil das Land Mähren noch im Banne war, so rüstete sich auch der
Bischof Zdik, mit ihm zu ziehen, um dann von Prag wieder nach Passau zu gehen.
    Witiko und Rowno und Wyhon und die anderen aus dem Walde dankten dem Herzoge
in seinem Gezelte für sich und ihre Krieger, und ordneten dann ihren Zug, um
gemeinschaftlich nach dem Walde heim zu kehren.
    Als Witiko mit den Seinigen nach Plan kam, waren die Jungfrauen schön
gekleidet, fast alle andern waren auch in ihren festlichen Gewändern, viele
Menschen waren von den umliegenden Gegenden gekommen, alle drängten sich, die
Heimkehrenden zu sehen, und Witiko wurde mit Freudenrufen und mit Jubel
empfangen.
    Die Männer aber taten feierlich wie nach dem ersten Kriege, der Pfarrer
segnete sie, Witiko dankte ihnen vor der Kirche, und verabschiedete sich. Die
Männer von Plan gingen nun gleich zu den Ihrigen, die andern aber schlugen den
Weg in ihre Heimat ein.
    Witiko begab sich in das steinerne Häuschen.
 
                                       2
 Im hohen Walde.
Als Witiko von seinen Männern vor der Kirche im oberen Plane Abschied genommen
hatte, und den Weg gegen das steinerne Häuschen einschlug, ritten alle Reiter
von Plan mit ihm, viele der andern Krieger, welche die Ihrigen begrüsst hatten,
kamen auch wieder herzu, und gingen mit ihm auf seinem Wege, und es gingen auf
dem Wege Männer, Frauen, Jungfrauen und Kinder mit. Sie riefen ihm zu: »Witiko,
sei gegrüsst«, »Witiko, bleibe bei uns«, »Witiko, du gehörst jetzt zu uns.«
    Witiko ritt sehr langsam in der Mitte der Menschen, und blickte herum, und
grüsste mit seinen Mienen gegen viele. Vor seinem Häuschen hielt er an, die
Menschen füllten den Platz vor demselben, und um dasselbe, dass sie das Gras der
Wiese zertraten. Martin stand aufrecht vor dem Tore, und Lucia weinte. Da Witiko
von dem Pferde steigen wollte, ging Martin hinzu, den Steg des Sattels zu
halten. Alte Männer wollten Witiko dienstlich sein. Er aber schwang sich wie
sonst von seinem Tiere. Das Pferd wurde von seinen Knechten hinweg geführt. Dann
sprach Witiko zu den Leuten: »Liebe Heimatgenossen, ich danke euch für euer
Geleite, und für das Gute, das ihr mir wollet. Wir werden unter unsern grünen
Bäumen in Frieden und Treue leben, wir werden zusammen halten, und das Brod und
das Salz der Gastlichkeit teilen.«
    »Gott segne Witiko, unsern Herrn, der von uns ist«, rief Peter Laurenz, der
Schmied von Plan.
    »Gott segne unsern Herrn, unsern Herrn«, riefen die Menschen durcheinander.
    Frauen hoben ihre Kinder empor, dass sie Witiko sähen.
    »Gott segne euch«, sagte Witiko, »und er segne mein Tun.«
    »Er segne es«, riefen die Menschen.
    »Und empfanget noch einmal meinen Dank«, sagte Witiko, »und gehabt euch
wohl, geht zu den Eurigen, und seid mit ihnen in Freude, und seid ein Trost
derer, die Schmerzen leiden. Der hocherlauchte Herzog Wladislaw hat seine Feinde
besiegt, er wird uns Glück und Wohl in das Land bringen, und es wird nun lange
Zeit kein Krieg und kein Streit mehr sein.«
    »Heil und Glück, Witiko«, riefen die Menschen.
    Witiko dankte grüssend mit seiner Hand, und ging in das Häuschen.
    Er ging in die Stube, und legte sein Schwert und seine Haube auf den Tisch.
    Martin stand vor ihm, und sagte: »Witiko, Witiko.«
    »Sei gegrüsst, Martin«, sprach Witiko, »jetzt werden wir andere Dinge zu tun
haben, als mit dem Schwerte.«
    »Und diese Freude, die über uns gekommen ist«, sagte Martin. »Ihr müsst jetzt
Dienstmannen haben und ein Geleite.«
    »Du vielgetreuer Mann, du wirst mir beistehen«, sagte Witiko.
    »Wenn ich es nur kann, ich ungefüger Mensch«, antwortete Martin.
    »Du wirst das können, was ich dir auftrage«, sagte Witiko.
    »Und die hocherhabene Mutter«, sprach Martin.
    »Ich habe ihr von der Stadt Brünn aus Botschaft geschickt«, antwortete
Witiko.
    »Und Matias, der Köhler, und sein Vater, und der hochehrwürdige Priester
Benno und die Leute«, sagte Martin.
    »Ich werde meine Mutter und Benno, wenn er will, nach Pric geleiten«,
entgegnete Witiko, »und der anderen werde ich gedenk sein.«
    »Und du musst dir eine Burg bauen«, sagte Martin.
    »Ich werde ein Haus errichten, darin wir alle wohnen können«, sprach Witiko.
    »Wir haben Speise und Trank für dich vorbereitet«, sagte Martin.
    »Ich werde noch zu den Pferden gehen, und dann werden wir mit einander das
Mahl verzehren«, antwortete Witiko. »Bestelle mir indessen Männer, welche meinen
Knechten helfen, die Säumer, die meine Habe tragen, vor das Haus zu bringen, sie
abzuladen, und die Sachen herein zu schaffen.«
    »Ich werde es tun«, sagte Martin.
    Witiko ging zu den Pferden. Dann ging er wieder in die Stube. Martin kam mit
zwei Männern. Witiko gab ihnen den Auftrag, zu den Häusern hinein zu gehen, sich
die Saumtiere zeigen zu lassen, welche seine Sachen tragen, und bei ihnen zu
harren, bis seine Knechte kämen.
    Die Männer versprachen es.
    Darauf musste Lucia den Tisch für ihn, für Martin und sich selber und für die
Knechte rüsten. Eine gedungene Magd war ihr behilflich. Sie verzehrten das Mahl,
und tranken von dem Weine, der aufgesetzt worden war.
    Als sie sich erquickt hatten, nahm Witiko sein Schwert um, setzte seine
Haube auf, befahl den Knechten, nach den Säumern zu sehen, und seine Habe in
Sicherheit zu bringen, und ging dann zu den Häusern von Plan hinein.
    Auf dem Raume zwischen den Häusern waren viele Saumrosse, ein Teil der
Dinge, die sie getragen hatten, war schon abgeladen, und lag herum, und Männer
waren beschäftigt, das Ihrige auszulesen, und fort zu bringen. Andere Männer,
welche nicht von Plan waren, suchten ihre Saumtiere hervor, um mit ihnen den Weg
in ihre Heimat einzuschlagen. Viele Menschen und vornehmlich Weiber und Kinder
standen herum, und bewunderten die Sachen.
    Witiko ging in die Wohnungen, in denen er Gaben des Herzogs zu verteilen
hatte, und in denen Leute um die Ihrigen trauerten. Er verteilte die Gaben in
der Art, wie es in dem Rate der Führer der Waldkrieger beschlossen worden war,
und tröstete die Wehklagenden, wie er konnte.
    Dann ging er zu dem alten Pfarrer.
    Der alte Pfarrer empfing ihn mit Ehrerbietung, und geleitete ihn in die
Stube. Witiko begrüsste ihn, und der Pfarrer dankte des Grusses; dann sprachen sie
von dem, was sich zugetragen hatte, und der alte Pfarrer fragte um vieles, und
Witiko erzählte, um was er gefragt worden war.
    Von dem Pfarrer ging Witiko auf den Kreuzberg, und sah auf die Schneide des
dämmerigen Waldes hin, hinter welcher das Haus Heinrichs von Jugelbach lag. Dann
sah er auf den breiten schweren Wald des heiligen Tomas.
    Von dem Kreuzberge ging er wieder zu den Häusern hinab, sprach mit vielen
Menschen, die auf der Gasse waren, und ging dann in sein steinernes Haus.
    Am Abende dieses Tages kamen wie früher Männer zu ihm, kosteten sein Brod
und Salz, und sassen dann mit ihm und Martin auf Bänken, die man vor dem Hause
hergerichtet hatte, und redeten von dem, was geschehen war, und wie es jetzt in
Plan sei, und wie es sein werde, und noch von andern Dingen. Als die Finsternis
der Nacht kam, verabschiedeten sie sich, und gingen nach Hause.
    Witiko legte sich auf sein gewöhnliches Lager zur Nachtruhe.
    Am andern Morgen liess er seine Dinge in vollständige Ordnung bringen, setzte
sich dann an den grossen Tisch, entfaltete sein Pergament, und las in demselben.
    Ehe der Tag weit vorgerückt war, kamen mehrere Männer zu ihm. Es war der
alte Pfarrer, es war Peter Laurenz, der Schmied, es war Stephan, der Wagenbauer,
es war David, der Zimmerer, es war Paul Joachim, der Maurer, es war Elias, der
Steinhauer, es war Zacharias, der Schenke, und es war Tom Johannes, der Fiedler.
    Als die Männer zu ihm in die Stube gekommen waren, liess er Bänke und Stühle
stellen, dass sie sich niedersetzten. Als sie sassen, sprach er: »Seid gegrüsset,
Männer, ich freue mich, dass ihr kommt. Habet ihr einen Wunsch, den ich erfüllen
kann?«
    Die Männer schwiegen, und sahen einander an.
    Dann sagte der Pfarrer: »Wir hätten wohl eine Bitte.«
    »So sprecht«, sagte Witiko.
    »Wir haben davon geredet«, antwortete der Pfarrer, »und dann haben wir
gestern und heute wieder geredet, und dann haben wir uns etliche zusammen getan,
und haben gesagt: wir gehen zu ihm.«
    »Ich will gerne einem Verlangen, das ihr habt, nachkommen, wenn ich kann«,
entgegnete Witiko.
    »Es ist so«, sagte der Pfarrer, »die Wege des Herrn im Himmel sind
wunderbar. Dein Vater hatte ein Haus aus Stein in dem oberen Plane, und hatte
Gründe bei dem Hause, und ist öfter in dem Hause gewesen. Und dann hat ihn der
Herr im Himmel zu sich genommen, du bist auch in dem steinernen Hause gewesen,
Witiko, und unsere Männer sind mit dir gezogen, und andere auch, die aus den
Teilen des Waldes daher gekommen sind. Und als die Boten von dem Lande Mähren
hier eingetroffen sind und gesagt hatten: Witiko ist der Herr des ganzen Waldes
geworden, da sagte es wieder einer dem andern, es sagte es wieder einer dem
andern, und wer es schon wusste, dem sagte man es noch einmal. Und die Mädchen
haben schon früher den Kreuzberg den Berg Witikos genannt. Und die Leute sagten,
weil er der Herr des Waldes ist, so wird er sich eine Burg in dem Walde bauen.
Und wir haben davon geredet, und sind gekommen, dich zu bitten, hoher Herr, dass
du die Burg bei uns bauest. Wir werden dir in allem behilflich sein, dass sie
bald fertig und schön empor steht.«
    »Wir haben die Burgen in manchen Ländern gesehen«, sagte der Schmied, »die
Hofburg des hocherlauchten Herzoges Wladislaw auf dem Berge der Stadt Prag, die
Burg des uralten Wysehrad, die auf einem Felsen an der Moldau oberhalb des
rechten Burgfleckens von Prag liegt, die Burg des Fürsten Konrad in Znaim, die
Burg in Brünn, die Burg in Olmütz, die Burg des Zupan Lubomir und die Burgen von
allerlei Herren, und so schön wie die Hofburgen können wir deine Burg nicht
bauen; aber wir werden sie sehr schön bauen, dass sie wie aus Eisen geschmiedet
in dem Lande steht, und wie ein Amboss ist, der nicht zerschlagen werden kann.«
    »Wir werden das Dach fügen, wie keines gefügt ist«, sagte David, der
Zimmerer.
    »Und kein Stein soll zierlicher sein, als wir sie vorbereiten werden«, sagte
Elias, der Steinhauer.
    »Und wir werden sie fügen, dass sie aus der Mauer schwerer zu brechen wären
als aus dem Fels der Erde, als wären die Wände mit dem besten Weine gebaut
worden«, sagte Paul Joachim, der Maurer.
    »Und Tür und Tor und Treppe und Geländer und Fussböden wird aus dem stärksten
Holze des Waldes gemacht«, sagte Stephan, der Wagenbauer.
    »Und ein Rat muss sein, dass alles gut gemacht werde und recht und sehr schön,
und es sind schon Männer, die einen solchen Rat geben«, sagte Tom Johannes, der
Fiedler.
    Dann sagte keiner mehr etwas.
    Darauf sprach Witiko: »Lieben Männer, ich danke euch vom Herzen für eure
Wohlmeinung, und dass ihr mich wollt als einen Genossen bei euch behalten. Ich
werde immer euer Genosse bleiben, und werde immer einer der Männer von Plan
sein, wie meine steinerne Hütte bei den eurigen steht. Ich werde mir in dem
Gebiete des Waldes, das mir der gütige Herzog verliehen hat, ein Haus zur
Sicherheit und Verteidigung bauen. Das ist zuerst zum Überlegen. Dann denke ich
auch daran, was sonst den Sinn eines Menschen bei einem Hause erfreuen kann.«
    »Das muss alles so sein«, sagte der Pfarrer, »und an dem Hause müssen die
Bewohner eine Freude haben, und wenn das alles bei dem oberen Plane sein kann,
so wirst du bei uns bleiben.«
    »Ich werde erwägen, was meine Gedanken mir eingeben«, sagte Witiko.
    »Und ich werde die Gegend fleissig betrachten und durchsuchen«, sprach Tom
Johannes, der Fiedler.
    »Und dann bitten wir dich noch, hoher Herr«, sagte der Pfarrer, »wir möchten
ein Häuslein bauen, darin die Kinder Gott fürchten lernen, und Anweisung in
nützlichen Dingen erhalten.«
    »Wie ihr mir bei meinem Baue geholfen habt, werde ich euch bei diesem helfen
und helfen lassen«, antwortete Witiko.
    »Du wirst dir aber kein so grobes Haus bauen, wie Rowno den Turm hat, oder
Osel die runden Mauern, oder Diet die Scheuern und Ställe«, sagte Peter Laurenz,
der Schmied.
    »So sprich nicht so«, sagte Tom Johannes, der Fiedler, »Witiko ist ein
höherer Mann als Rowno und Osel und Diet, und das Schloss wird in dem Walde
prangen, und es werden manche Männer mit reden, ehe es fertig wird.«
    »Und wir werden bei dem Einzuge gegenwärtig sein, und Heil rufen«, sprach
David, der Zimmerer.
    »Ihr werdet bei mir sein, wie ihr in der Schlacht an meiner Seite waret«,
sagte Witiko, »und werdet die Gastlichkeit meines neuen Hauses nicht
verschmähen.«
    »Und wenn einer in die Schlacht wollte, und nicht mehr konnte, weil sie ihm
in einer andern die Glieder verdorben haben«, sagte Tom Johannes, der Fiedler.
    »So wird er mit den verdorbenen Gliedern mir willkommen sein«, antwortete
Witiko.
    »So ist es schön und recht«, sagte Tom Johannes.
    »Das ist sehr schön und recht«, sagte Stephan, der Wagenbauer.
    »Und so machen wir es, wie wir beschlossen haben«, sagte der Schmied, »und
sagen den andern, wie alles ist.«
    »Gehabe dich wohl, hoher Herr«, sagte der Pfarrer, »wir gehen jetzt, und
wissen, dass du uns zugetan bist.«
    »Ja«, sagte Witiko, »ich bin allen im Walde zugetan, und habe die Krieger
des Waldes geehrt.«
    »Ja, du hast sie geehrt«, sprach der Schmied, »und so gehabe dich wohl.«
    »Gehabt euch wohl«, entgegnete Witiko.
    Die Männer erhoben sich, und verliessen die Stube.
    Witiko ging an diesem Tage in einige Häuser von Plan, und ass dort von ihrem
Brote und Salze.
    Und am Abende kamen wieder Männer zu ihm, und sassen mit ihm auf seiner
Gasse.
    Und so geschah es alle Tage.
    In diesen Tagen bildete sich Witiko ein kleines Geleite von Männern, welche
sich ihm hiezu anboten. Es waren Augustin, Urban und Matias unter ihnen, welche
im Kriege seine Befehlsträger gewesen waren. Er machte auch Vorbereitungen zu
einem Waldesdankfeste.
    Dann ritt er mit seinem Geleite an alle Stellen des Waldes, von denen
Abteilungen während des Krieges in seinen Scharen gewesen waren, und dankte
ihnen, und lud sie zu seinem Feste in den oberen Plan ein. Von diesen Stellen
schlossen sich mehrere Männer seinem Geleite an. Darunter war Sifrid von Milnet.
In Plan wurden für das Geleite Lagergezelte errichtet.
    Auf der grossen grünen Weide an den Ufern der Moldau wurde der Platz zu dem
Feste gerüstet. Es wurden Schranken gezogen, es wurden aus Brettern und Latten
Tische und Bänke gemacht, es wurde ein Altar gebaut, es wurden Gezelte
aufgezogen, und Räume für neue Gezelte angewiesen, und es wurden Plätze zur
Bereitung von Speisen tauglich gemacht.
    An dem Tage vor dem Feste kamen sehr viele Menschen in den oberen Plan. Alle
Abteilungen von Kriegern, wie sie gekommen waren, um an dem Zuge gegen Mähren
Teil zu nehmen, zogen mit ihren Zeichen heran. Sie machten unter den Föhren,
welche im Morgen von Plan standen, ein Lager. Aus allen Waldstellen, von denen
sie gekommen waren, gingen auch andere Menschen nach Plan: Greise, Weiber,
Jungfrauen, Kinder, um zu sehen, was da werden würde. Von der oberen Moldau
kamen Leute herunter, und von Baiern kamen viele herein. Von den Männern, die in
dem tiefen Walde sind, davon einige Pech brechen, andere Fallen stellen, um
Pelztiere zu fangen, andere Teer brennen, andere Honig suchen, andere Wurzeln
und Kräuter sammeln, um sie den Säumern zu verkaufen, ging mancher hinaus, um zu
sehen, wie ein Herr des Waldes aussieht. Diese Leute lagerten auf den freien
Feldern, und zündeten Feuer an, um sich ihre Speisen zu kochen.
    Am frühen Morgen des Festtages hiess Witiko die Männer von Plan, welche mit
ihm in dem Kriege gewesen waren, und alle die andern Scharen des Waldes vor der
Kirche sich sammeln, wie damals, da sie nach Mähren gezogen waren. Als sie vor
der Kirche standen, ritt Witiko in seinem Ledergewande zu ihnen. Und als er vor
ihnen war, sprach er: »Männer, ich habe an euch die Bitte gerichtet, dass ihr
heute zu mir kommt. Es ist an dem, dass wir auch in unserer Heimat Gott für
seinen Beistand in dem Kriege danken, und dass wir, wie ich auf dem Schlachtfelde
von Znaim gesagt habe, in der Heimat für unsere Verstorbenen beten. Folget mir
auf den grünen Platz des Gottesdienstes.«
    Er stellte sich an ihre Spitze, und die Krieger von Plan und die Krieger aus
den anderen Waldstellen zogen mit ihren Zeichen und unter dem Schalle der langen
Pfeifen hinter ihm auf die grüne Weide an dem Ufer der Moldau. Und sehr viele
Menschen gingen mit ihnen. Die Krieger zogen auf den Platz, der mit Schranken
umgeben war. Dort harrete der alte Pfarrer ihrer mit den Kirchenvätern und den
Kirchenvorstehern. Als sie sich aufgestellt hatten, segnete er sie. Dann ging er
zu dem Altare, und ward dort mit dem Gottesdienstgewande bekleidet. Die Krieger
steckten die Stangen ihrer Zeichen in die Erde, und knieten alle auf den grünen
Rasen nieder. Und die vielen Menschen, die ausserhalb der Schranken waren,
knieten alle nieder. Und der alte Pfarrer hielt vor dem Altare unter dem freien
Himmel den feierlichen Gottesdienst. Als der Gottesdienst beendet war, sprach
der Pfarrer der Kriegesgemeinde die Dankesworte an Gott den Allmächtigen für
Errettung aus den Gefahren und Abwendung des Unheils vor, und die Krieger
sprachen die Worte nach. Und alle Menschen, welche vor den Schranken knieten,
sprachen die Worte nach. Dann sprach der Pfarrer die Gebetworte für die
Verstorbenen vor, und die Krieger sprachen sie nach. Und die Menschen vor den
Schranken sprachen sie nach. Dann segnete er wieder die Krieger, und segnete
alle, die auf der grünen Weide waren. Dann war die heilige Handlung aus. Hie und
da blieben noch Krieger knieen, und es knieten noch andere Menschen, um für sich
Gebete zu sprechen. Da alle aufgestanden waren, hiess Witiko die Krieger sich in
eine Reihe aufstellen. Da sie aufgestellt waren, ritt er an der ganzen Reihe
hin, und wieder an der ganzen Reihe zurück, und grüsste vor dem Angesichte aller
Menschen mit seinem Schwerte ehrerbietig die Krieger. Sie grüssten mit ihren
Zeichen und mit Schwertern, Lanzen, und Bogen zurück. Dann stellte er sich mit
seinem Pferde vor die Reihe, und rief: »Männer und Krieger, wir stehen wieder
auf der Erde der Heimat. Wir sind ausgezogen, um eine Schar in dem Heere des
hocherlauchten Herzoges Wladislaw zu sein, der die Reichen nicht durch Raub noch
reicher werden, und die Armen bedrücken lassen will, wir sind ausgezogen, dass
nicht ein Feind zu uns komme, und unsere Greise, unsere Weiber und Kinder
schädige, und unsere Habe nehme, wir sind ausgezogen, dass nicht ein Herr kommt,
der unsere Arbeit und unser Gut zu seinem Bedarfe und zu seiner Lust verwendet.
Wie wir gedacht haben, so haben viele Scharen des Landes Böhmen gedacht, und
sind zu dem Herzoge gegangen. Und es ist eine Macht geworden, durch welche die
Feinde niedergeworfen worden sind. Unsere Greise und Weiber und Kinder sind
gesichert, es ist kein fremder Herr zu euch gekommen, und der gekommen ist, der
wird mit euch leben wie ihr, er wird schonen, was ihr tut, und habt. Ihr seid zu
dem, was geschehen ist, kein kleiner Teil gewesen. Ihr habt die Schar des
Herzoges Wratislaw besiegt, ihr habt in dem Kampfe bei Znaim durch euer Geschick
und durch euern Mut den Sieg erringen geholfen. Freut euch dessen unter unsern
grünen Bäumen, redet von euern Taten, und erzählet sie denen, die heran wachsen,
dass sie einmal Gleiches tun. Verwendet das, was ihr im Kriege erworben habt, zu
euerm Nutz und Frommen und zu Nutz und Frommen der Eurigen. Es wird jetzt eine
Zeit der Ruhe kommen; denn von denen, die gegen den Herzog Wladislaw
aufgestanden sind, sind die Reichen arm, die Mächtigen schwach geworden, und
keiner kann sich mehr gegen ihn erheben. Wenn er manchem verzeiht, so wird der
in der Zukunft treu sein, oder er wird zu wenig Genossen zu einem neuen Kriege
finden. Und wenn der Herzog Wladislaw einmal in einer gerechten Sache unsere
Waffen und unseren Namen in entferntere Länder tragen will, so wird vielleicht
mancher aus euch mit mir zu ihm gehen, und sich im neuen Kampfe erinnern, wie er
in dem alten gekämpft hat. Und vielleicht ist es auch einem oder dem andern aus
dem schönen grünen Walde beschieden, wenn wieder ein Zug der Christen in das
Heilige Land geht, mit zu ziehen, und an der Stätte zu kämpfen, wo der Heiland
gelebt hat, und dort zu beten, wo er für uns gestorben ist. Und wie ich euch auf
dem Schlachtfelde und im Lager gedankt habe, so danke ich euch auch hier in der
Heimat für alles, was ihr getan habt, und dass ihr bereitwillig und folgsam gegen
mich gewesen seid. Meine Führerschaft hört heute auf, wir leben wieder jeder
einzelne als ein einzelner Mann; aber wir wollen in Liebe und Treue einander
gedenken, die gekämpft haben, und in Liebe und Treue derer gedenken, die ihr
Leben lassen mussten, und in Liebe und Treue und Unterstützung derer gedenken,
die an ihren Gliedern ein dauerndes Übel erlitten haben. Und so gehabt euch
wohl, und löset euch auf, die ihr zur Gemeinsamkeit bisher gefügt gewesen waret.
Nur ein Mal wollen wir noch in Gemeinsamkeit sein, und zwar heute bei einem
Mahle, und in Gemeinsamkeit der Lust, welche alle die geniessen, die zu diesem
Platze gekommen sind.«
    Die Worte Witikos, als er sie sprach, sind von denen, die sie gehört hatten,
teilweise an die nächsten gesagt worden, von diesen wieder an die nächsten, und
es ist auch etwas davon zu den Leuten gedrungen, die vor den Schranken standen.
    Als er geendet hatte, riefen die Männer: »Heil, Glück, Segen Witiko.«
    »Heil, Glück, Segen Witiko«, riefen dann auch die andern, die auf der Weide
versammelt waren.
    Witiko steckte sein Schwert in die Scheide, ritt dann noch einmal an der
Reihe der Krieger dahin, und reichte jedem Obmanne die Hand.
    Dann stieg er von dem Pferde, und liess es zu einem der Stände der
Pferdeumzäunung führen, die man hergerichtet hatte.
    Die Reiter stiegen auch von den Pferden, und stellten sie in die Umzäunung.
    Die Scharen pflanzten ihre Zeichen in die Erde, lösten sich auf, blieben auf
dem grünen Platze, traten hie und da zusammen, und sprachen mit einander.
    Witiko war unter ihnen.
    Nach einer Zeit wurde mit einem Horne das Zeichen gegeben, dass nun das Mahl
beginne. Die Krieger und manche andere Männer aus Plan und aus Stellen des
Waldes setzten sich an die Tische. An der rechten Seite Witikos sass der alte
Pfarrer, an der linken der Richter von Plan. Die Speisen wurden von den
Herdstellen, die errichtet waren, herbei gebracht, die Getränke wurden aus den
Fässern geholt, und auf den Tisch gestellt. Es waren Braten von zahmen und
wilden Tieren, es waren Fische und Kuchen da. In den Trinkgefässen war Bier, Met
und Wein. Für die Menschen, welche herzu gekommen waren, wurde auf dem Anger ein
Rind gebraten, und jeder konnte sich ein Teil für seinen Hunger abschneiden, und
er konnte sich ein Stück Brotes von dem Haufen der Laibe nehmen, der daneben
lag. In Fässern war Bier und Met, und wer ein Gefäss hatte, oder wem eines, wie
sie neben den Fässern waren, geliehen wurde, der konnte es sich für seinen Durst
füllen lassen. Manche Menschen hatten selber Feuer angezündet, und bereiteten
Speisen.
    Nach dem Mahle waren verschiedene Spiele im Laufen, Springen, Klettern,
Ringen und andern Dingen. Es erschollen Klänge aus Pfeifen, Zimbeln, Fiedeln und
Hörnern, und die jungen Männer und die schön gekleideten Mädchen des Waldes
begannen Tänze auf dem grünen Rasen, und mancher ältere Mann tanzte auch noch
mit seiner Ehefrau oder mit einer andern. Lambert, der Zimbelschläger, stand mit
seinem Schwerte gegürtet an der Zimbel, und sandte ihre Töne für die Tänzer über
die grüne Weide. Tom Johannes, der Fiedler, ging von einem zum andern, und
sagte, wie Töne und Klänge zu Tänzen beschaffen sein müssen. Zu den Klängen der
Tänze mischten sich dann auch Gesänge. Lieder erschallten, von einzelnen
gesungen oder im Wechselgesange, oder im Gesange von mehreren. Auch jenes Singen
ohne Worte, wie es Witiko von Berta und ihrer Singgespanin gehört hatte, erhob
sich, und zog durch die Lüfte. Und wie die Söhne des Waldes stets das Jauchzen
üben, um sich zu rufen, um sich zu necken, oder eine Lust durch die Zweige
fliegen zu lassen, erklang unter den Tönen manch ein Jauchzen, und suchte sich
besonders preiswürdig zu machen.
    Als die Krieger von den Tischen aufgestanden waren, ging Witiko mit dem
Pfarrer und mehreren Männern unter den Leuten herum, und sprach mit vielen. Er
ging auch zu denen hinaus, die ausserhalb der Schranken waren, um mit ihnen zu
sprechen, und zu sehen, ob es an nichts gebreche, oder ob keiner eine Störung
veranlasse.
    Gegen den Abend ritt Witiko mit dem grössten Teile der Krieger und Gäste nach
Plan zurück. Andere blieben noch auf der Weide an der Moldau, und erlustigten
sich bis in die Nacht hinein.
    Am nächsten Tage zogen die Abteilungen der Krieger aus den ferneren
Waldgegenden wieder in ihre Heimat, und viele Menschen, die gekommen waren,
gingen fort. Andere blieben noch da, und erst nach mehreren Tagen waren alle,
die nicht nach Plan gehörten, von dort hinweg gegangen.
    Die Männer von Plan fingen nun an, das, was sie in dem Kriege erworben
hatten, zu geniessen. Zuerst gingen solche, welche nicht in dem Kriege gewesen
waren, und dann Weiber und besonders Kinder in die Häuser, und liessen sich
zeigen, was heim gebracht worden war. Mancher Mann und manche Frau trugen aus
ihrem Hause selber das eine oder das andere Stück zu einem Nachbarn oder
Freunde, um es vorzuweisen. Dann wurde verfertigt, was verfertigt werden konnte:
Schleifen, Gewänder, Waffen, Hauszierden und anderes. Manche begannen, ihr Haus
auszubessern oder zu erweitern, manche suchten ein Flecklein Grund zu kaufen,
und manche pflegten länger in der Schenke zu sein, als sie sonst getan hatten.
    Witiko sendete einen Teil seiner Habe durch Säumer nach Pric.
    Die Zeichen, welche die Krieger im Kriege gehabt hatten, wurden nach
Beratungen in einen Schrein in der Kirche gelegt.
    Die Männer von Plan hoben nun auch an, das Haus zu bauen, in welchem die
Kinder unterrichtet werden sollten. Witiko dingte drei Werkleute, welche für ihn
in der Zeit des Baues arbeiten sollten, er liess Zugtiere zu manchen
Verrichtungen stellen, und schenkte das Holz für den Dachstuhl.
    In dieser Zeit kamen Wentislaw, der Zupenrichter, und Rastislaw, der Meyer
von Daudleb, mit mehreren Männern zu Witiko in den oberen Plan, und sagten, sie
müssten nach dem hohen Befehle des erlauchten Herzoges Wladislaw und nach dem
hohen Befehle des edlen Zupanes Lubomir Witiko im Walde die Grenzen dessen
ausweisen, was in seinem Pergamente als Gabe an Land geschrieben stünde. Witiko
möge sich Zeugen auslesen, und die Grenzen mit ihnen beschauen.
    Witiko sagte: »Weil es so ist, dass ich Zeugen wählen muss, so werde ich sie
wählen.«
    Und er wählte die jungen Männer Augustin, Urban, Matias und Maz Albrecht.
    Und er und seine Zeugen und Wentislaw und Rastislaw und die Männer aus
Daudleb gingen an der Grenze dessen hin, das Witikos Gebiet sein sollte. Sie
schrieben, was sie fanden, auf Papiere, und als sie nach drei Tagen wieder nach
Plan zurückgekommen waren, wurde noch alles auf zwei Handschriften gebracht.
Eine legte Witiko zu dem Pergamente, und die andere nahmen die Männer nach
Daudleb mit.
    Als dieses geschehen war, rüstete Witiko ein Geleite zu einer Reise, und zog
eines Morgens mit dem Geleite von dem oberen Plane fort. Sie zogen auf dem Wege,
auf dem Witiko einmal mit dem Bischofe Zdik geritten war, durch den Wald in das
Aigen. Von dort zogen sie mittagwärts durch Wälder und durch das Gericht Velden
an die Donau. Sie waren an die Stelle derselben gekommen, von welcher man
jenseits des Wassers die Häuser von Aschach liegen sah. Sie wurden auf Fähren
über den Strom gebracht. In Aschach waren Männer, welche behauene Steine und
allerlei Baudinge aus Schiffen brachten, und auf Wägen luden. Die Leute
erzählten, das gehöre zu der Burg, welche der edle Herr, Heinrich von Jugelbach,
auf der Höhe im Mittage von Aschach bauen lasse. Witiko fragte, ob Heinrich von
Jugelbach bei dem Baue sei, und erhielt die Antwort, er sei in der Burg
Jugelbach. Witiko ritt nun mit seinem Geleite gegen die Waldhöhe, welche von
Aschach mittagwärts gegen die Stadt Eferdingen geht. Er ritt die Waldhöhe
entlang. Als sie zu der Stelle kamen, oberhalb welcher der Bau errichtet wurde,
ritten sie zu dem Werke empor. Es war eine Höhenzunge, welche sich von dem Berge
hinweg streckte. Auf der Zunge wurde die Burg erbaut. Gerüste standen am Ende
der Zunge empor, und an den Gerüsten wurden die Mauern hinan gearbeitet. Ein
sehr mächtiger Turm strebte inmitten der Bauwerke schon höher in die Luft als
alles andere, und Gemächer und Gänge und Säle und eine Kirche und andere Räume,
die zu der Wirklichkeit einer Burg gehören, waren in Gliederungen schon
sichtbar. Schaffner waren tätig, Werkleute mauerten und hämmerten, Zimmerer
behauten Stämme, Zureicher trugen Kübel über Holztreppen empor, Steine wurden an
Seilen in die Höhe gezogen, und auf Balkenwägen und auf Säumern wurden Dinge den
Berg hinan geschafft.
    »Diese Burg wird Schauenberg heissen«, sagte Witiko.
    »Sie heisst schon so, seit der erste Stein gelegt worden ist«, sagte ein
Schaffner, »der Stein ist geweihet worden, und in der Weihe hat die Burg den
Namen erhalten. Steiget herauf, und sehet, wie man von dem Berge schauen kann.«
    Witiko stieg von seinem Pferde, und auf ein Gerüste, und der Schaffner
zeigte ihm, wie die Donau durch das schöne Land geht, da hinab, wo Wilheringen
liegt und der Wald und die alte Burg Kürenberg, und wie jenseits der Donau die
Berge hinan steigen, immer einer höher als der andere, bis sie das böhmische
Land erreichen, wo sie am höchsten sind.
    »Dort würde auch eine Burg schön stehen«, sagte der Schaffner, »und sie
würde so weit in das Land schauen als der Schauenberg.«
    »Sie würde sehr schön stehen«, antwortete Witiko, »und weiter schauen.«
    Dann zeigte der Schaffner Witiko die Alpengebirge, die im Mittage weit
entfernt gegen das Land Österreich und gegen das Land Ungarn dahin gehen.
    »Und von hier bis zu den blauen Bergen ist ein gesegnetes Land«, sagte der
Schaffner, »Höfe und Burgen liegen in ihm, und das Getreide und das Obst ist in
Fülle, und Ortschaften und Städte sind da, und die Mutter Heinrichs von
Jugelbach hat noch manches Eigen daselbst, und ihre Söhne Heinrich und Gebhart
werden erben, und wer Berta, das einzige Kind Heinrichs, in sein Haus führt,
hat eine reiche Braut. Die Burg auf dem böhmischen Walde hätte kein so schönes
Land um sich.«
    »Es sind dort lauter Wälder«, sagte Witiko, »und sie liegen in einer grossen
Pracht dahin, und haben einen anderen Reichtum als Getreide.«
    »Seid Ihr in jenem Lande bekannt?« fragte der Schaffner.
    »Ich kenne das Land«, antwortete Witiko.
    »Getreide ist ein schönes Ding«, sagte der Schaffner.
    »Ein schönes Ding und ein Segen Gottes«, antwortete Witiko.
    Nach diesen Worten stieg er über die Holztreppe von dem Gerüste wieder
hinab, und ging zu seinem Pferde. Der Schaffner geleitete ihn.
    »Reiset recht glücklich, und möget Ihr Eure Ziele erreichen, junger Herr«,
sagte er.
    Witiko bestieg sein Pferd, und antwortete: »Das walte Gott, und gehabt Euch
wohl.«
    »Gehabt Euch wohl«, sagte der Schaffner.
    Witiko ritt mit seinem Geleite wieder den Berg hinab, und von da in die
Stadt Eferdingen. Von der Stadt Eferdingen ritten sie in dem Lande Baiern immer
gegen Sonnenuntergang fort, bis sie eines Tages in die Stadt Landshut kamen. In
Landshut liess Witiko sein Geleite in einer Herberge unterbringen, und übergab
dem Geleite sein Pferd. Er aber ging von der Herberge wieder fort. Er ging durch
die Gassen, bis er an den Rand der Stadt kam. An dem Rande der Stadt war an der
Stelle, zu der Witiko gegangen war, nicht weit von der Mauer der Stadt ein
kleiner Garten, und an dem Garten stand ein kleines Haus. Witiko ging zur Tür
des Hauses, und pochte mit dem Klöppel auf sie. Die Tür wurde geöffnet, ein
altes Mütterlein stand in ihr, und rief. »Heiliger Gott, Witiko.«
    »Ich bin nun da«, sagte Witiko.
    »Seit so vielen Jahren wieder«, antwortete das Mütterlein.
    »Sei vielmals gegrüsst, Marhild«, sagte Witiko.
    »Sei gegrüsst, Witiko«, sprach das Mütterlein.
    »Sind alle gesund?« fragte Witiko.
    »Alle sind gesund«, antwortete das Mütterlein, »gehe nur hinein.«
    Witiko ging durch die Tür in einen Raum, der mit Steinen gepflastert war,
und von diesem Raume in ein Gemach. Dasselbe hatte weisse Wände, grün gepolsterte
Geräte, und vor den Fenstern weisse Vorhänge. In dem Gemache sassen zwei Frauen.
Da Witiko eintrat, standen sie auf, und eine rief: »Witiko.«
    »Mutter, sei zu tausendmal gegrüsst«, sagte Witiko.
    »Sei gegrüsst, mein Sohn«, antwortete Wentila, die Mutter Witikos.
    Sie reichte ihm die Hand, er küsste dieselbe, und sie küsste ihn auf die
Stirne.
    »Ich grüsse dich auch, Witiko«, sagte die andere Frau, welche älter war als
Wentila, und schneeweisse Haare hatte.
    »Ich grüsse dich, Base Hiltrut«, sagte Witiko, »jetzt bin ich bei euch.«
    »So lege dein Schwert und deine Haube ab, und setze dich zu uns«, sagte die
Base.
    Witiko tat es, und setzte sich auf eines der grünen Gesiedel. Die Frauen
setzten sich auch wieder nieder.
    »Gesegnet sei deine Rückkehr in dieses Haus«, sagte Wentila.
    »Es sind fünf Jahre vergangen, seit du von Passau hieher gekommen bist,
Abschied zu nehmen, und seit du von dieser Schwelle fort geritten bist«, sagte
die Base.
    »In dieser Zeit sind allerlei Dinge geschehen, Hiltrut«, antwortete Witiko.
    »Du hast mir wieder Botschaft gesendet, die mich freute«, sagte Wentila.
»Jetzt ist der üble Streit im Lande Böhmen aus.«
    »Die Macht Wladislaws ist gesichert«, sagte Witiko, »und der Streit ist
aus.«
    »So danken wir Gott zuerst, dass unser Vaterland wieder in Ruhe ist«, sprach
Wentila, »und dann danken wir, dass du nur einmal eine geringe Verletzung
erhalten hast, das ist eine Gnade von dem Herrn, und dann danken wir, dass er
dich hat wirken lassen, wie du immer nach deinem besten Sinne wirst gewirkt
haben, und endlich danken wir, dass du geehrt und belohnt worden bist, was eine
Sache ist, die vor den Menschen gilt, und die dir zu Gute kömmt.«
    »Wir haben Gott dem hohen Herrn für seinen Beistand in dem Unglücke unseres
Vaterlandes gedankt auf dem Schlachtfelde, wir haben ihm feierlich auf grüner
Heide gedankt, weil in Mähren noch der Bann ist, und keine Kirche offen steht,
wir haben ihm in der Kirche des oberen Planes gedankt, und haben ihm bei Plan
unter dem offenen Himmel gedankt«, sprach Witiko, »und ich habe ihm gedankt, dass
er mich erhalten hat, ich habe ihm gedankt, dass er mir in meinem guten Willen
geholfen hat, und ich habe ihm gedankt, was er dem gütigen Herzoge für mich
eingegeben hat. Und so danke ich ihm noch, und werde ihm zu jeder Zeit danken.
Und immer danke ich auch dabei, dass er mir eine so gute Mutter geschenkt hat.«
    »Wir haben ihm auch gedankt, Witiko«, sagte die Mutter, »und danken ihm
noch, und werden ihm wie du zu jeder Zeit danken. Und ich danke ihm auch, dass
ich einen guten Sohn habe.«
    »Witiko, Witiko«, sagte die Base, »du bist jetzt in deinen jungen Jahren ein
Herr in dem Lande, und bist mit den anderen Herren in dem Rate des Herzogs.«
    »Zum Rate muss ich mir erst das Wissen sammeln«, antwortete Witiko.
    »Wer hätte das gedacht«, sagte die Base, »als du hier in deinem Kämmerlein
mit dem frommen Benno die schweren Worte lerntest. Wir haben dir das Kämmerlein
recht schön hergerichtet.«
    »Unser Besitz ist immer klein gewesen«, sprach Wentila, »sie sagen, unsere
Vorfahrer haben eine grosse Macht gehabt; aber wie es ist, in dem kleinen Besitze
ist dein Vater, ist dein Grossvater und sind alle vor ihnen gegen die Ihrigen
gütig gewesen, du wirst es auch gegen deine neuen Untertanen sein.«
    »Sie haben mir für das Vaterland und für die Heimat geholfen«, sagte Witiko,
»und ich werde ihnen wieder helfen, wo ich kann.«
    »Ich weiss es, ich weiss es«, sprach Wentila, »und mag auch, was du noch
wünschest, in Erfüllung gehen.«
    »Ich bitte Gott, dass es in Erfüllung geht«, sagte Witiko.
    Als er diese Worte gesprochen hatte, wurde die Tür geöffnet, und ein
Priester trat herein. Er hatte ein freundliches Angesicht, blaue Augen und weisse
Haare.
    »Erlauben mir die Frauen, zu dieser Zeit in ihr Gemach zu kommen«, sprach
er, »Lutgart ist zu mir gegangen, und hat mir gesagt, dass Witiko gekommen ist,
und da wollten meine Augen nicht länger warten, ihn zu schauen.«
    Witiko stand auf, ging zu dem Manne, und sagte: »Sei mir in Ehrfurcht
gegrüsst, Vater Benno.«
    »Sei gegrüsst, mein Kind«, sprach der Priester, legte eine Hand auf den
Scheitel Witikos, und küsste ihn auf die Stirne.
    »Wir sind erfreut, dass Ihr zu dieser Stunde gekommen seid«, sagte Wentila,
»Ihr habt ja immer gesprochen, dass Ihr zu uns gehöret, und so gehöret ihr auch
jetzt zu uns, da er hier ist, und es ehret uns stets, wenn Ihr unser Gemach
betretet.«
    »Nehmet doch einen Sitz ein, hochehrwürdiger Vater«, sprach die Base.
    »Bleibe an deiner Stelle neben deiner Mutter sitzen, mein Kind Witiko«,
sagte der Priester, »ich werde mir einen Platz finden.«
    Nach diesen Worten setzte er sich auf einen Stuhl, und Witiko setzte sich
wieder zu seiner Mutter.
    »Er ist jetzt zurückgekehrt, der uns vor fünf Jahren verlassen hat«, sagte
Wentila.
    »Er hat wohl schon in früherer Zeit dieses Häuschen verlassen, da er ein
Dienstknabe des Bischofes von Passau geworden ist«, sagte die Base.
    »Der Bischof ist ein milder Herr gewesen«, antwortete Wentila, »und hat ihm
oft erlaubt zu uns und zu dem hochehrwürdigen Vater Benno zu gehen, der ihn zu
ihm geführt hatte, und hat ihm erlaubt, oft lange Zeit bei uns zu bleiben, und
mir ist er erst fort gewesen, da er in das Land Böhmen geritten war.«
    »Ich habe ihn, da er empor wuchs, alle Tage hier gesehen«, entgegnete die
Base, »und als er nach Passau gegangen war, ist mir das Häuschen zu gross
geworden.«
    »Es ist nun so, dass Knaben von der Mutter fort gehen, um sich ein Leben zu
gründen«, sagte Benno.
    »Ich konnte nichts mehr tun, als für ihn beten«, sprach die Base.
    »Das hast du ja auch früher getan«, sagte Wentila.
    »Wir haben für ihn gebetet«, sprach die Base, »wie wir für alle die Unsrigen
beten, und für andere Leute und für die, auf welche niemand in einem Gebete
denkt.«
    »Und du hast auch in allen anderen Dingen auf ihn gedacht«, sagte Wentila,
»schon da er geboren wurde, und du in Pric bei uns als Gast warest, und ich
seiner wegen Krankheit nicht warten konnte, und dann, als mein lieber Ehegatte
gestorben war, und wir als Gäste bei dir in Landshut lebten. Du hast in jeder
Sache für ihn geschaltet.«
    »Ich bin es schuldig gewesen, und dann, da er fort war, konnte ich es nicht
mehr tun, und es ist mir die Zeit leer geblieben«, sagte die Base. »Er ist auch
immer so gut in seinem Gemüte gewesen.«
    »Ich bin für dich noch gut in meinem Gemüte, und werde es in der Zeit meines
ganzen Lebens sein«, sprach Witiko.
    »Ich glaube, du bist auch sonst gut in deinem Gemüte«, sagte Wentila.
    »Ich meine einen guten Sinn gegen alle Menschen zu tragen«, antwortete
Witiko.
    »Und als er dann mit dem hochehrwürdigen Vater Benno lernen musste, hättest
du ihm gerne Honigscheiben gegeben, dass er sich nicht zu sehr kränke«, sagte
Wentila.
    »Hast du die lateinische Sprache nicht vergessen, Witiko?« fragte der Vater
Benno.
    »Wenn ich eine Schrift des Heiligen Vaters in der lateinischen Sprache sähe,
würde ich sie wohl verstehen«, antwortete Witiko, »und dann hat uns ja der
hochehrwürdige Bischof Regimar in Passau sehr zur lateinischen Sprache
angehalten, und ich habe manches in meinen Habschaften bei mir, das ich mit dir,
hochehrwürdiger Vater Benno, gelernt habe.«
    »Das Beste hat doch der fromme Vater Benno für Witiko getan«, sprach die
Base, »er hat ihm Gottesfurcht und schöne Sprachen und gute Sitten und
Kenntnisdinge und Lebensart und, was sich in der Welt zugetragen hat, in das
Herz gepflanzt, und er hat ihn auch dortin geführt, wo er den Waffenbrauch und
das Reiten und das Schwimmen und das Laufen und andere Geschicklichkeiten lernen
konnte. Es ist wohl recht lieblich gewesen, da der fromme Vater Benno mit euch
von Pric gekommen war, da wir alle mit einander hier lebten, da wir zu manchen
guten Leuten gingen, und am liebsten wieder bei einander zu Hause waren. Es wäre
schön gewesen, wenn es so geblieben wäre.«
    »Es wird jetzt wieder so sein«, antwortete Witiko, »ich bin gekommen, euch
alle, wie ich zu meiner Mutter auf dem Kahlenberge gesagt habe, nach Pric zu
geleiten, und wenn der hochehrwürdige Vater Benno auch mit uns geht, so werden
wir dort noch näher bei einander leben als hier, da wir alle in dem Hofe von
Pric wohnen werden.«
    »Der fromme Vater Benno ist so oft von seiner Wohnung in unser Häuschen zu
dir gekommen, dass ich meinte, er sei immer hier«, entgegnete die Base. »Und es
wird auch in Pric nicht dauern.«
    »Die Menschen trennen sich, und haben Schmerz«, sagte Benno, »und sie kommen
wieder zusammen, und haben Freude.«
    »Ich weiss, dass es so ist«, sprach die Base, »und gebe den Scheidenden
Segenswünsche auf den Weg, und freue mich, wenn sie wieder kommen.«
    »Der hochehrwürdige Vater Benno hat gesagt, Witiko«, sprach Wentila, »dass er
mit uns nach Pric gehen wird.«
    »Ich werde dahin gehen«, sagte Benno, »und werde die Menschen wieder sehen,
die ich dort kenne, und werde auf dem Grab deines Vaters beten, Witiko.«
    »Es ist mir eine grosse Freude, dass du nach Pric gehst, Vater Benno«,
antwortete Witiko, »ich werde sorgen, dass die Reise leicht ist.«
    »Witiko, mein Kind«, sagte Benno, »du hast uns Nachrichten von dir
geschickt, und das ist gut gewesen, wir lebten wie mit dir. Du hast nun in der
Zeit, in der du fort gewesen bist, Dinge der Welt gesehen, wie sie Schicksale
der Menschen gründen und stürzen.«
    »Hochehrwürdiger Vater«, antwortete Witiko, »du hast an mir so Grosses und
Gutes getan, dass du mich unterwiesest, belehrtest und anleitetest, dass ich es
erst jetzt, da ich diese Dinge der Welt gesehen habe, recht erkenne und besser
erkenne als früher, und dass ich dir es erst jetzt danke und besser danke als
früher, und dass ich es immer noch besser erkennen und danken werde. Du hast mir
von dem erzählt, was zwischen Menschen in früheren Zeiten geschehen ist, und du
hast mich die Taten, wie sie gut und böse sind, und wie sie erfolgreich sind,
schauen lassen. Ich habe daher in den Dingen, bei welchen ich jetzt war, manches
gelernt, und werde bei anderen Dingen wieder manches lernen.«
    »Dass ich dir meinen armen Unterricht zu Teil werden liess, Witiko«, sagte
Benno, »das ist so, wie der Gärtner eine Blume zieht, dass sie schön werden soll,
und wie er sich an der Pflanze freut. Und ich bin mit deinem Vater in
Freundschaft gewesen, ich liebte ihn, und er liebte mich, wie ein Bruder den
andern liebt, und da er gestorben war, dachte ich immer an dich, Witiko. Und
wenn du in menschlichen Dingen gelernt hast, und noch lernen wirst, so ist es
wie bei uns allen, die wir lernen müssen, bis wir in das andere Leben kommen.«
    »Bist du noch mit Emsigkeit daran, die Geschicke der Kaiser aufzuschreiben?«
fragte Witiko.
    »Als ich nach einer langen Krankheit die Besorgung der Kirche meiner
Gläubigen aufgeben musste«, sagte Benno, »habe ich angefangen, in meiner Stube
aufzuschreiben, was den hocherhabenen Kaisern begegnet ist, da sie noch lebten,
und ich fahre darin fort, und werde darin fortfahren, bis ich auf den Kaiser
unserer Zeit komme, wenn mir Gott das Leben so lange fristet.«
    »Da können viele lernen, denen die Worte bekannt werden«, sagte Witiko.
    »Ich habe daraus gelernt«, antwortete Benno, »die Menschen lernen aber nicht
gerne aus den Schicksalen anderer.«
    »Silvester sagte, sie handeln nach ihrer Lust«, sprach Witiko.
    »Davon ist das Unglück des Landes Böhmen ein Zeuge«, antwortete Benno, »sie
üben Rache und ergötzen sich an der Grausamkeit der Rache, sie reissen Güter mit
Gewalt an sich, und geniessen die Güter mit Übermut. Dann kömmt ein anderer, und
rächt sich an ihnen und nimmt die Güter wieder, oder ein starker Herzog wirft
die Empörer nieder, zieht ihr Gut an sich, und stürzt sie in Ohnmacht. Und die
nach ihnen kommen, üben wieder Rache, üben wieder Gewalt, und werden wieder
gestürzt. So ist es oft gewesen, und so wird es wieder sein, wenn nicht ein
fester Brauch errichtet wird, wie der Herzog nach dem Tode des frühern Herzoges
folgen soll, und wenn nicht der heilige Glaube tief gegründet, und in schönen
Ordnungen durch das ganze Land geleitet wird, dass er die Herzen erleuchtet. Möge
der Segen des Himmels auf Guido, dem Gesandten des Heiligen Vaters, ruhen, der
erwartet wird.«
    »Viele erwarten ihn mit Ungeduld«, sagte Witiko.
    »Mögen sie aber auch seinem Tun entgegen kommen«, sprach Benno. »Mein Kind,
wenn du nicht anders als in deiner frühen Jugend bist, so wirst du gewiss nicht
Hochmut, Raub und Unterdrückung üben. Und dir wird ein grosses Gut entstehen, die
Liebe der Deinen, und dazu wird der Himmel sich freuen. Aber auch deine Macht
wird sich vermehren, wenn man gleich ihre Vermehrung nicht sieht. In jedem Baume
deines Waldes wächst dir Reichtum empor, und in jedem Baume wächst deinen
Untertanen Reichtum empor, an ihrem Reichtume wirst du reicher, und in ihrer
Willigkeit wirkst du in das Schicksal unseres Landes. Du wirst auch die Gebote
unseres Glaubens hegen, und ihn in seinen Dienern weiter unter die Deinigen
verbreiten, und ein viel höherer Lohn des Herrn wird dich dereinst erwarten, als
hienieden irdische Macht ist. Und wenn nach dir wieder Männer kommen, die so
sind, so wird ein Geschlecht entstehen, schöner und herrlicher, als die Sage von
deinen Vorfahrern dichtet.«
    »Hochehrwürdiger Vater«, sagte Witiko, »da ich ein Kind war, und da ich
empor wuchs, hast du so viel zu mir gesprochen, und hast vor mir gehandelt,
meine ehrwürdige Mutter hat zu mir gesprochen, und hat vor mir gehandelt, meine
ehrwürdige Base hat zu mir gesprochen, und hat vor mir gehandelt, ich habe die
Handlungen des guten Bischofes Regimar gesehen, und ich habe jetzt viele
Handlungen gesehen, von denen einige den deinigen ähnlich, andere ihnen
entgegengesetzt waren. Ich werde immer so handeln, wie es in mir bei euch allen
und bei dem guten Bischofe Regimar geworden ist, und wie es sich durch das, was
ich jetzt gesehen habe, noch mehr gefestigt hat. Ich habe zu meiner Mutter auf
dem Kahlenberge gesagt, ich möchte ihr Genüge tun, und dann dir, Benno, und dann
Silvester, und dann noch einem Menschen, und was ich gesagt habe, werde ich
halten.«
    »Aus den Nachrichten, die Witiko gesendet hat«, sagte Wentila, »und aus den
Nachrichten, die der fromme Vater Benno von Lechen und Herren erhalten hat,
glauben wir, dass Witiko so ist, wie er gewesen ist, und er wird auch in der
Zukunft so sein. Dieses glaubt auch der hochehrwürdige Benno, und die gute
Base.«
    »Witiko kann ja nicht anders sein als er ist«, sagte die Base.
    »Ich habe dir auf dem Kahlenberge gesagt, Mutter«, antwortete Witiko, »dass
der hochehrwürdige Silvester nicht alles lobt, was ich getan habe. Ich will mich
nach seinen Worten richten, und werde klüger werden. Ich habe nach meinem guten
Sinne gehandelt, und werde in der Zukunft nach gutem Sinne und immer besserer
Einsicht handeln.«
    »Handle so, und das andere richtet Gott«, erwiderte Benno. »Und weil du noch
von einem Menschen gesprochen hast, dem du recht tun möchtest, mein Kind, so
spreche ich auch von ihm. Es wird sich jetzt erfüllen, was du in deinen Gedanken
trägst. Ehre deine Gefährtin, sie wird dich wieder ehren, und ihr werdet Freude
haben bis in das höchste Alter.«
    »Es ist der tiefste Wunsch meines Herzens, dass deine Weissagung erfüllt
wird«, sagte Witiko.
    »Sie wird es gewiss, Kind Witiko«, sagte die Base, »und meine Augen werden es
schauen.«
    »Nun, meine lieben Frauen«, sprach Benno, »ihr werdet noch manches mit
Witiko reden wollen, ich verabschiede mich. Witiko, komme, so lange du in
Landshut bist, zuweilen zu mir in meine Stube, und erlaube, dass ich auch öfter
in dein Kämmerlein komme.«
    »Ich werde kommen«, antwortete Witiko, »und werde erfreut sein, wenn du zu
mir kömmst.«
    »So gehabt euch alle wohl«, sagte Benno.
    »Gehabt Euch wohl, hochehrwürdiger Herr«, sagten die Mutter und die Base.
    »Gehabe dich wohl, Vater Benno«, sagte Witiko.
    Und der Priester Benno erhob sich von seinem Sitze, und verliess das Gemach.
    Wentila, Witiko und die Base sprachen noch lange und mancherlei mit
einander.
    Dann ging Witiko wieder in die Herberge, ordnete dort verschiedene Dinge an,
und sah nach den Leuten und den Tieren.
    Hierauf ging er in das kleine Häuschen zu der Mutter und der Base zurück.
Sie hatten ein Abendessen gerichtet, verzehrten es mit einander, und Witiko
legte sich dann in dem Kämmerlein seiner Kindheit auf ein Lager, das grösser als
damals bereitet worden war.
    Er blieb eine Woche in Landshut, indessen sich die Frauen und Benno zur
Reise rüsteten.
    Er ging jeden Tag zu Benno, und Benno zu ihm.
    Dann begaben sich alle auf den Weg nach Pric. Die Frauen und die Dienerinnen
wurden von Saumrossen in Sänften getragen. Auch das alte Mütterlein Marhild
wurde mitgenommen. Die Männer ritten. Die Habschaften trugen ebenfalls
Saumtiere.
    Als sie in Pric ankamen, waren viele Menschen versammelt, und grüssten sie
mit Zurufen der Freude. Sie riefen die Namen, und wiederholten den Ruf öfter.
Alle Leute des Hofes standen vor dem Tore, und grüssten die Herrin und den Herrn,
und den hochehrwürdigen Vater Benno und die Base, und endlich auch die Männer
des Geleites Witikos, und die Frauen des Geleites Wentilas.
    Als die Männer von den Pferden gestiegen waren, und die Frauen aus den
Sänften gehoben hatten, führte Witiko die Mutter in die Wohnung des Hofes,
welche immer die ihrige gewesen war. Dann geleitete er die Base in die zwei
Gemächer, in denen sie gehauset hatte, als sie gastlich in dem Hofe Pric
beherbergt worden war. Dann geleitete er Benno in die Stube, in welcher er das
Buch der Kaiser aufzuschreiben begonnen hatte. Hierauf ging er erst in seine
Wohnung. Die Gemächer der Mutter waren noch in dem nämlichen Stande, in dem sie
gewesen waren, als sie mit ihrem Gatten in denselben gewohnt hatte. Die zwei
Gemächer der Base waren daneben, und waren auch in der früheren Gestalt. Und so
war auch die Stube Bennos. Witiko hatte nur eine Stube und ein Kämmerlein. Für
die Unterkunft des Geleites wurde durch Gemächer und in der ersten Nacht auch
durch Gezelte gesorgt.
    An dem Morgen nach der Ankunft gingen die Mutter, die Base, Benno und Witiko
mit einem Gefolge in die Kirche, die auf einem Berge bei Pric stand. In der
Kirche wurde der Gottesdienst gefeiert, und dann beteten sie auf den Gräbern des
Vaters Witikos, seines Grossvaters und seines Urgrossvaters. Die Gräber der
anderen Vorfahrer wusste man nicht mehr.
    Und nach dieser heiligen Handlung begannen sie das Leben in Pric.
    Die Leute des Hofes, die Leute, die zu dem Gebiete des Hofes gehörten, und
die Leute, die sonst in der Umgebung wohnten, kamen, und bezeugten Witiko
Ehrerbietung und Huldigungen zu seiner Standeserhöhung.
    Er besah die Angelegenheiten des Hofes, und besprach sich mit den Seinigen
darüber.
    Als die Blätter der Bäume abgefallen waren, ritt er an den Hof des Herzogs
Wladislaw nach Prag. Er wurde von dem Herzoge mit Ehren empfangen, und wenn Rat
war, zu demselben gezogen. Er sass bei den Herren und Lechen, und sprach, wenn
von den Geschicken des Landes gesprochen, und über dieselben ein Entscheid
eingeleitet wurde. Er durfte zu der Herzogin kommen, und wurde von ihr über sein
Leben und das Leben der Seinigen befragt. Er ging zu den Herren und Lechen, die
er kannte, und die in Prag waren, er ging zu Welislaw, der nach dem Tode des
früheren Zupanes vom Wysehrad jetzt als Zupan auf dem Wysehrad wohnte. Er ging
auch zu dem hochehrwürdigen Bischofe Otto, und wurde von ihm in dem Gemache
empfangen, in welchem er einmal mit dem gewählten Bischofe Silvester geredet
hatte. Er ging zu dem Baue der Kirche des heiligen Veit, und betrachtete, wie
weit er gediehen sei. Er ging zu dem Kloster des heiligen Georg, und sah, wie
man es wieder errichtete, und er ging an manche Stellen der Stadt und der
Burgflecken, um zu sehen, was man seit der Belagerung wieder erneuere und
verschönere. Er ging auch mit seinem Pergamente in die Kammer des Herzoges, und
sagte, dass er keinen Wunsch einer Änderung habe. Es wurde in einem zweiten
Pergamente der genauere Bestand seines Gebietes aufgeschrieben, an die beiden
Pergamente hingen viele Herren und Lechen ihre Siegel, und die Pergamente wurden
ihm gegeben. Er bewahrte sie in einem festen ledernen Trühelchen bei den Sachen,
die ihm wert waren. Er ging auch zu verschiedenen Männern, und beriet sich mit
ihnen über Dinge, die er vor hatte.
    Dann verabschiedete er sich von Prag, und ritt zu Silvester.
    Von Silvester ritt er wieder nach Pric.
    In Pric lebte er im Winter mit seiner Mutter, mit Benno, und mit der Base,
und sie beratschlagten, was in dem Walde geschehen müsse, und was überhaupt in
der Zukunft weiter zu tun sei.
    Im Frühlinge ritt er mit seinem Geleite in den Wald gegen Mittag.
    Er ritt in den Wangetschlag, und hiess seine Leute Gezelte vor dem Häuschen
errichten.
    Als er von dem Pferde gestiegen war, wurde er von Huldrik, der sein Haupt
entblösst, und seinen Nacken gebeugt hatte, in die Stube geführt. Er legte seine
Haube und sein Schwert ab, setzte sich an den Tisch, und sagte: »Sei mir sehr
viele Male gegrüsst, du guter alter Huldrik.«
    Huldrik fiel auf die Knie vor Witiko nieder, und rief: »Witiko, Witiko, ein
Witiko wird kommen, und Witiko ist gekommen.«
    »Stehe auf, Huldrik«, sagte Witiko, »ich kann sonst nicht mit dir reden.«
    »Lasset mich nur Gott danken, dass meine Augen es schauen«, sagte Huldrik.
    Dann rief er: »Ich danke dir, Gott, ich danke dir, Gott.«
    Dann stand er auf, und schluchzte, dass sein ganzer Körper erzitterte.
    Regina stand neben ihm, und weinte auch, wie Lucia in dem oberen Plane
geweint hat. Der neue Knecht, der an Jakobs Stelle jetzt in dem Häuschen war,
stand auch da, und die Tränen flossen ihm herab.
    »So fasse dich, mein lieber alter Huldrik«, sagte Witiko, »ich habe es dir
ja versprochen, dass ich nach dem mährischen Kriege kommen werde, als ich mit den
Männern im vorvorigen Winter an deiner Leuchte sass.«
    »Aber wie Ihr kommen werdet, habt Ihr nicht gesagt; ich aber habe gesagt,
dass ich es erleben werde, und dass ich Euch den Bügel halten werde, wenn Ihr in
Euer neues Schloss einzieht«, rief Huldrik, »und nun ist es da, Ihr seid der Herr
im Walde, so weit meine Augen sehen und noch weiter, und Eure Macht wird noch
wachsen, bis sie unendlich ist. Der reichste Herr des Stammes wird Milch und
Honig an dem Buchentische essen, Ihr habt sie gegessen, und ich habe gesagt, dass
es sehr schnell geht, und nun geht es schnell, und Ihr werdet der reichste Herr
des Stammes.«
    »Huldrik«, entgegnete Witiko, »und ich habe dir gesagt: Versuchen wir nicht
Gott. Der gute Herzog Wladislaw hat mir Waldesland gegeben. Ich werde in
demselben schalten, wie ich es für gut und recht halte, und wenn es sein kann,
es vermehren, ich werde den Leuten Gutes tun, und dir und dem Wangetschlage
gewiss nicht das wenigste.«
    »Das ist der Anfang« sagte Huldrik, »alles muss einen Anfang haben, und der
Anfang ist gewesen, wie Ihr zu Milch und Honig habt kommen müssen. Und wie jetzt
Eure Leute Gezelte vor diesem Hause bauen, so werden Lager vor Euerem Schloss
hier sein, weit dahin, und Tausende von Zelten, und Rosse und Reiter, und Wagen
und Männer mit Edelsteinen und Waffen, die gekommen sind, Euch zu huldigen, und
es werden Hunderte und Tausende von Eiern verzehrt werden und Tausende von
Fischen und Tausende von Hühnern und Tausende von Lämmern, und das Heu für die
Pferde wird wie ein häusergrosser Schober lagern, und Ihr werdet wie ein König
sein, der noch genug hat, und der einen Hofrichter und einen Schenken und einen
Truchsess und einen Kämmerer besitzt.«
    »Indessen sollen wir doch denen, die draussen Gezelte bauen, behilflich
sein«, sagte Witiko, »und ihnen mit Rat und Weisung beistehen.«
    »Ja, das sollen wir, und so ist es der Burggebrauch«, sagte Huldrik.
    »So tun wir es«, entgegnete Witiko.
    Witiko nahm seine Haube und sein Schwert, und sagte dann zu dem Knechte und
zu der Magd: »Ich grüsse euch freundlich, lasset euch nicht leid sein, was ihr
für mich und die Meinigen Mühe habt.«
    »Wir tun alles gerne, recht gerne«, sagte der Knecht.
    Regina küsste den Ärmel von Witikos Kleide, und weinte fort.
    Dann gingen Witiko und Huldrik hinaus zu den Männern, die draussen das Lager
machten, und der Knecht folgte.
    Es waren die Säumer mit Witikos Habe angekommen, und er liess die Dinge in
das Häuschen bringen.
    Leute aus den Häusern von dem Wangetschlage gingen herzu, und betrachteten,
was da geschah. Einige riefen Witiko Heil und Segen zu, und grüssten ihn. Er
dankte, und redete mit mehreren. Viele halfen bei dem Lager.
    Am Abende kam der alte Johannes, und es kamen manche, welche mit Witiko in
dem Kriege gewesen waren, zu dem Häuschen. Sie sassen vor demselben auf Bänken,
die man aus Brettern errichtet hatte, und sprachen von den Dingen, die gewesen
sind, und die etwa sein werden.
    Am nächsten Tage kaufte Witiko eine Wiese und ein Feld, welche zu dem
Besitztum gut gelegen waren.
    »Seht Ihr, wie es sich erfüllt«, sagte Huldrik, »aber es wird noch viel um
das Schloss nötig sein.«
    »Ich sage es dir, Huldrik«, antwortete Witiko, »du wirst mir den Bügel
halten, wenn ich in mein Haus einziehe; aber wie noch alles wird, ist in Gottes
Hand.«
    »Es wird, es wird«, sagte Huldrik. »Und wenn es doch wäre, dass es nicht
würde, dann, dann.«
    »Was dann?« fragte Witiko.
    »Dann müsste noch ein Witiko kommen, der das Schloss baut, in dem die goldenen
Tische stehen werden, an denen man aus goldenen Schüsseln essen wird«,
antwortete Huldrik. »Mein Vater hat es gesprochen, mein Grossvater hat es
gesprochen, und mein Urgrossvater, und es stammet von dem Himmel.«
    »Die Dinge gehen oft auf eine andere Art in Erfüllung, als wir uns denken«,
sprach Witiko.
    »Sie erfüllen sich, wir denken oder nicht«, sagte Huldrik.
    »So werden sich auch diese erfüllen«, sprach Witiko.
    »Sie werden, sie werden, und Ihr werdet es sehen«, entgegnete Huldrik.
    Witiko blieb zwei Tage in dem Wangetschlage. Dann ritt er nach Friedberg.
    In Friedberg kaufte er das steinerne Haus mit dem starken runden steinernen
Torbogen, in welchem er einmal mit seinem Führer Florian übernachtet hatte. Er
machte die Einleitung, dass das Haus für ihn und sein Gefolge, so weit es möglich
wäre, hergerichtet würde. Dann fragte er, ob Männer wären, die bei der Grabung
eines Brunnens arbeiten und mauern könnten. Man nannte ihm die Männer. Er liess
sie rufen, und sagte ihnen, dass sie sich bereit hielten, wenn er sie brauche.
Sie versprachen es.
    Hierauf ritt er in den oberen Plan. Von dort sandte er Botschaft an den
Zupan Lubomir nach Daudleb. Lubomir sandte Botschaft zurück, dass nach fünf Tagen
Wentislaw, der Zupenrichter, zur Verkündung der Herrschaft Witikos kommen werde.
Witiko sendete Boten aus, und liess alle Richter aller Orte seiner Besitzung auf
den Tag nach Plan entbieten.
    Als der Tag gekommen war, wurde ein Tisch vor die Kirche von Plan gestellt.
Und als Wentislaw und Witiko und die Richter und viele Menschen dem
Gottesdienste beigewohnt hatten, traten Wentislaw und Witiko vor den Tisch. Der
Pfarrer stellte ein Kreuz des Heilandes auf den Tisch, und ging dann an die
Seite Witikos. Die Richter standen in einer Entfernung von dem Tische mit den
Angesichtern gegen Wentislaw und Witiko. Weiter zurück und herum standen die
andern Menschen. Wentislaw las nun den Befehl des hocherlauchten Herzoges
Wladislaw, dass Witiko von Pric mit Gebieten des Waldes und allen Gebühren begabt
worden sei. Er las aus dem Pergamente die Orte und das Gebiet und die Grenzen,
und forderte die Richter zum Gelöbnisse der Untertänigkeit unter Witiko auf das
Kreuz des Heilandes auf.
    Die Richter gelobten die Untertänigkeit unter Witiko auf das Kreuz des
Heilandes.
    Dann rief der Schmied von Plan mit lauter Stimme: »Heil dem guten Witiko,
den wir zu unserem Herrn erkoren haben.«
    »Heil Witiko«, riefen die Menschen rings herum.
    Und wieder riefen sie Heil, und wiederholten es mehrere Male.
    »Witiko, der Obmann im Kriege, und der Obmann zu Hause«, rief David, der
Zimmerer.
    »Der Obmann im Kriege und der Obmann zu Hause«, riefen die Menschen.
    »Wir haben es auf jenem Berge so gesagt, dass er uns führen müsse, ehe noch
die Schlacht gewesen ist«, rief Zacharias, der Schenke, »und er hat es gut
gemacht, und er ist wie wir, und wir sind wie er. Und es ist alles gut.«
    »Und er hat die ganzen Waldleute, die auch nicht zu uns gehörten, geführt,
als der grüne Feldherr erschlagen war«, rief Paul Joachim, der Maurer, »und es
ist gut gewesen, wir haben ihn verstanden, und alles ist gut gewesen, und ist
jetzt gut.«
    »Die zu Hause wissen nicht, wie es im Kriege ist«, rief Stephan, der
Wagenbauer, »aber wir, wir können es sagen, dass es nun gut ist.«
    Tom Johannes, der Fiedler, sprang hervor, dass er zwischen den Leuten und den
Herren stand, er streckte seine verstümmelte Hand empor und die andere auch, und
machte mit den Mienen und den Händen Zeichen, dass er reden wolle. Als alle
stille waren, rief er: »Ja, wir wissen es, die wir in dem Kriege gewesen sind,
wir wissen es, wir wissen alles; aber alle wissen nicht, wie es sich gebührt,
und wie es in der hohen Sitte bei dem Herzoge ist und bei den grossen Lechen und
bei den Herren und bei denen, die es verstehen, und wer es versteht, dem müssen
sie folgen, und ich sage euch, da redet ihr alle, bevor der Herr geredet hat,
als ob ihr vornehmer wäret, erst redet der Herr und dann der Untertan.«
    »Du redest auch vor dem Herrn, und mehr als wir alle«, rief Zacharias, der
Schenke.
    Die Menschen lachten; aber sie schwiegen.
    Da sprach Witiko: »Redet, es rede, wer da wolle.«
    Sie redeten aber jetzt nichts mehr.
    Da erhob Witiko seine Stimme, und rief: »Richter der Häuser und Orte meines
Gebietes, ihr habt mir das Gelöbnis der Untertänigkeit für alle Menschen des
Gebietes auf das Kreuz des Heilandes geleistet, ich nehme das Gelöbnis an, und
leiste auf das Kreuz des Heilandes euch und allen Menschen des Gebietes das
Gelöbnis der Treue eines Herren gegen seine Untertanen und der Erfüllung der
Pflichten der Herrschaft entgegen. Ich beginne an dem heutigen Tage die
Herrschaft, und sage: den zehnten Teil dessen, was ihr dem hocherlauchten
Herzoge Wladislaw als Gebieter des Waldlandes gegeben habt, erlasse ich euch auf
die Zeit meines Lebens. Das andere werdet ihr mir entrichten. Die Dienste für
mich allein zu meinem Bedarfe und zu meinem Vergnügen werde ich nicht von euch
erzwingen, meine Bauwerke, meine Wege, meine Stege und Brücken, meine Reisen,
meine Jagden und meine Bewachung schöpfe ich aus meinem Eigentume. In den
Diensten für das Gebiet und für den hocherlauchten Herzog werde ich euch nicht
bedrücken, und werde euch, wenn die Notwendigkeit dazu kömmt, die Notwendigkeit
darlegen. Den Guten werde ich gut sein, wie ein Genosse des Waldes dem
Mitgenossen des Waldes ist. Die da fehlen, werde ich zu bessern suchen, und wenn
Strafe sein muss, werde ich nach dem Erweise der Schuld milde aber sicher
strafen. Wer Hilfe braucht, der komme zu mir, und ich werde nach meinen Kräften
helfen. Die Tore meiner Wohnung werden offen stehen, dass keiner meiner
Untertanen ausgeschlossen ist. Ich danke euch, dass ihr gekommen seid, geht zu
den Eurigen und verkündet, was ich gesagt habe.«
    Als er diese Worte mit lauter Stimme gerufen hatte, entstand ein Schreien in
dem Volke, dass kein einziger Ruf zu verstehen war; aber es war ein Schreien der
Zustimmung und ein Schreien der Freude. Sie drängten sich herzu, dass kein Raum
mehr zwischen ihnen und Witiko war, und es stiess einer den andern. Und in dem
Schreien des Volkes hörte man das Aufweinen von Kindern und das Kreischen von
Weibern, die gedrückt wurden. Die Richter aber streckten ihre Hände gegen
Witiko, und er reichte jedem die seinige. Und als das Schreien sich gemildert,
und als man einzelne Rufe vernommen hatte: »Heil Witiko«, »Segen Witiko«, »Das
ist recht«, »Das ist gut«, und als nur mehr die Stimmen durcheinander redeten,
nannte Witiko jeden Richter mit seinem Namen, und sagte ihm, dass er seine
Insassen und seine Angehörigen grüssen möge.
    Dann wurde das Kreuz des Heilandes in die Kirche getragen, Witiko und
Wentislaw und der Pfarrer und der Richter von Plan bahnten sich einen Weg durch
die Menschen, und gingen gegen das steinerne Häuschen Witikos. Alle Menschen,
die vor der Kirche gewesen waren, gingen mit ihnen, und die zu Hause hatten
bleiben müssen, standen jetzt auf der Gasse, und sahen dem Zuge nach, und immer
dauerte das Rufen der Freude und das Jubeln. Witiko und seine Gefährten traten
in das Häuschen, und verzehrten dort ein Mahl. Als das Mahl geendiget war, kamen
junge Männer und Mädchen in ihrem Festtagputze auf die Gasse vor dem Häuschen,
und sangen Lieder. Witiko und seine Gäste gingen zu ihnen hinaus, und hörten zu.
Und als die Lieder zu Ende waren, dankte Witiko den Sängern und Sängerinnen
herzlich, und es dankten die Gäste. Dann dankte Witiko auch den Menschen, die
noch immer auf der Gasse versammelt waren, und sie zerstreuten sich nach und
nach.
    Am nächsten Tage ritt Wentislaw mit seinem Geleite wieder gegen Daudleb
zurück.
    Als die Morgenstunden dieses Tages vergangen waren, kamen der Pfarrer und
der Richter von Plan mit mehreren Männern zu Witiko, und brachten ihm die
Huldigung von Plan dar. Er reichte ihnen Brod und Salz, und dankte. Dann
sprachen sie von verschiedenen Dingen. Witiko sagte, er werde von Männern wie
Lubomir und Bolemil lernen, was in dem Walde zu tun sei, es liege ein Schatz in
dem Walde, der gehoben werden könne. Wenn er die Mittel wisse, werde er jedem,
der es wünscht, in seinem Gebaren behilflich sein. Die Männer dankten, und
sagten, sie würden sich folgsam erweisen. Witiko lud sie ein, an den Abenden, so
lange er da sei, zu ihm zu kommen. Die Männer versprachen es.
    Und am Abende des Tages sass er mit vielen Männern vor dem Häuschen, und sie
sprachen, bis die Zeit zum Nachhausegehen gekommen war.
    Witiko ging auch an Abenden in andere Häuser, und sass dort bei den Männern,
die sich versammelt hatten.
    In diesen Tagen kamen noch Richter mit Männern aus Waldstellen nach Plan, um
Witiko die Huldigungen darzubringen. Er sprach zu ihnen, wie er zu denen von
Plan gesprochen hatte.
    Hierauf ritt er nach Friedberg, und wohnte in dem steinernen Hause. Da kamen
auch noch Richter mit Männern zur Huldigung, und es wurde gesprochen, was in
Plan gesprochen worden war.
    Eines Tages sandte Witiko Botschaft an den Brunnenmeister in Daudleb. Der
Brunnenmeister kam nach einer Zeit zu ihm. Witiko liess die Brunnenarbeiter, mit
denen er bei seinem früheren Aufentalte in Friedberg gesprochen hatte, kommen,
und er ging dann mit allen durch den breiten Wald hinauf zur Stelle, auf welcher
die Säule des heiligen Apostels Tomas gestanden war. Dort, sagte er, möchte er
einen Brunnen graben lassen, wenn man gutes Trinkwasser finde. Der
Brunnenmeister meinte, es werde reines Trinkwasser im Granitsteine gefunden
werden. Und dann bestimmte er die Zeit, wann begonnen werden könnte, und machte
die Vorbereitungen. An dem bezeichneten Tage begannen die Männer zu graben. In
der Zeit, da sie gruben, ritt Witiko mit einem Geleite zu Lubomir, zu Rowno, zu
Diet von Wettern, zu Osel und den anderen Herren, die in der Nähe seines
Gebietes hausten. Diese Herren kamen dann auch mit Geleiten zu Witiko in das
steinerne Haus nach Friedberg, und wurden von ihm bewirtet.
    Es kam auch der Richter von Friedberg mit mehreren Männern zu ihm, und sie
baten ihn um Unterstützung zur Erweiterung des kleinen hölzernen Kirchleins.
Witiko sagte die Unterstützung zu, und bald wurden die Anstalten zu dem Baue
gemacht.
    An einem Tage kam auch Huldrik zu Witiko, und sagte, dass er eine Bitte habe.
    »So bitte, Huldrik«, sagte Witiko, »es wird nichts Ungebührliches sein, und
ich werde es erfüllen.«
    »Es ist etwas Notwendiges«, sagte Huldrik.
    »So sprich«, sagte Witiko.
    »Ich bitte, erlaubet mir, dass ich auf dem steinernen Torbogen dieses Hauses,
in dem Ihr wohnt, eine Rose mit fünf Blättern einmeisseln lassen darf«, sagte
Huldrik.
    »Liegt dir viel daran, dass dies geschehe?« fragte Witiko.
    »Es ist ein Zeichen der Zeiten, und die Zeichen und die Zeiten werden
wachsen«, antwortete Huldrik.
    »So lasse die Rose meisseln«, sagte Witiko.
    »Und die fünf Blätter werde ich ein wenig mit der roten Farbe bemalen
lassen«, sprach Huldrik, »denn die Rose ist die rote Rose.«
    »Mir sind die roten Waldrosen einmal ein Zeichen geworden«, sagte Witiko.
    »Seht Ihr«, sprach Huldrik.
    »So mache sie rot, aber nur ein wenig«, entgegnete Witiko.
    »Nur so viel, dass die Rose die rote Rose ist«, sagte Huldrik.
    »So tue es, und mache deine Vorbereitungen, wenn du einmal anfangen willst«,
sprach Witiko.
    »Es muss jetzt geschehen«, sagte Huldrik.
    »Wer wird die Rose machen?« fragte Witiko.
    »Elias, der Steinhauer von Plan«, antwortete Huldrik, »und er wird auch die
rote Farbe bringen.«
    »So sei es«, sagte Witiko.
    Huldrik ging nun in den oberen Plan, und kam mit dem Steinhauer Elias
zurück. Elias begann nun auf einem Gerüste an dem Torbogen zu meisseln, und
meisselte fünf Tage, und Huldrik stand fünf Tage bei ihm. Dann wurde das Gerüste
weggenommen, und man sah auf dem Scheitel des steinernen Torbogens eine
fünfblättrige Rose mit schwacher roter Farbe.
    »Erlaubet, hoher Herr«, sagte Huldrik zu Witiko, »dass ich den Werklohn für
Elias aus dem Eigen des Hauses in dem Wangetschlage zahle, weil von dem
Wangetschlage alles stammt.«
    »So tue es«, sagte Witiko.
    »Und habet Dank, dass Ihr das Werk erlaubt habt«, sprach Huldrik.
    Dann zahlte er Elias den Arbeitslohn, zeigte den Leuten von Friedberg die
rote Rose, und erklärte ihre Bedeutung, und ging wieder in den Wangetschlag
zurück.
    Und da Witiko in dem steinernen Hause in Friedberg wohnte, kamen öfter
Menschen aus verschiedenen Stellen des Waldes, und brachten Geschenke zu ihm und
zu seinem Geleite, das im Hause war, und zum Teile noch an der Moldau lagerte.
Sie brachten Feldfrüchte, Geflügel, Fische, Tierfelle, ein Lamm, ein Zicklein,
und ähnliche Dinge. Witiko nahm die Geschenke, und gab Gegengeschenke.
    Nach einer Zeit kam ein Brunnenarbeiter zu Witiko, und sagte, dass sie auf
Wasser gelangt seien.
    »So ruhet drei Tage an dem Brunnen, und vergnüget euch«, sagte Witiko, »dass
wir sehen, ob das Wasser sich kläre. Am vierten Tage werde ich mit Männern zu
euch hinauf kommen, dass wir das Wasser beschauen und begrüssen.«
    Witiko liess nun den Pfarrer, den Richter, die Ältesten und die
Kirchenvorsteher von Friedberg, dann den Richter und die Vorsteher von der
Friedau, den Richter und die Vorsteher von der Stift und den Waldhäusern des
Heurafels, vom Kirchenschlage, von der unteren Moldau, und von anderen nahen
Stellen bitten, dass sie von heute am vierten Tage zu ihm kommen, und mit ihm zum
Brunnen des heiligen Tomas gehen möchten. Wenn noch andere Menschen mitgehen
wollen, so werde es ihm eine Freude sein.
    Und die Männer, welche gerufen worden waren, kamen alle an dem vierten Tage
zu Witiko, und er ging mit ihnen und mit Leuten seines Gefolges durch den grossen
Wald zu dem Brunnen empor. Viele andere Menschen gingen aus Neugierde mit.
    Als sie zu dem Brunnen gekommen waren, und sich um ihn herum gestellt
hatten, sagte Witiko zu dem Brunnenmeister von Daudleb: »Nun zeige uns das
Wasser.«
    Der Brunnenmeister nahm einen Eimer aus Ahornholz, und stieg mit demselben
auf der Leiter in den Brunnen hinab. Er brachte den Eimer mit Wasser gefüllt
herauf, stellte ihn auf einen Bock, und sagte: »Siehe das Wasser, hoher Herr.«
    Witiko blickte in den Eimer, und sprach: »Ich sehe den Boden des Gefässes und
die Fäden des Holzes so klar wie durch die klare Luft.«
    Und auch die andern schauten in den Eimer.
    Dann sagte Witiko: »Urban, reiche den Becher.«
    Urban nahm aus einem Lederfache, das er trug, einen silbernen Becher, und
reichte denselben Witiko.
    Der Brunnenmeister schenkte aus dem Eimer Wasser in den Becher.
    Witiko sagte: »Das Silber blickt glänzend aus dem Wasser.«
    Dann setzte er den Becher an den Mund, trank, und sagte: »Das Wasser ist
lieblich wie die lieblichen Steinquellen unserer Wälder.«
    Er reichte den Becher dem Pfarrer von Friedberg, und der Pfarrer trank. Und
die anderen Männer, die Witiko geladen hatte, tranken aus dem silbernen Becher,
der immer wieder gefüllt wurde.
    Die Männer sagten: »Das Wasser ist wie das beste, das aus den Waldfelsen
quillt.«
    Der Becher wurde wieder in das Fach getan.
    Hierauf sprach Witiko: »Männer, ihr sagt, dass das Wasser gut sei für
menschliches Leben.«
    »Sehr gut«, riefen die Männer.
    »Und wird es in Fülle sein, und wird es dauern?« fragte Witiko den
Brunnenmeister.
    »Es wird in Fülle sein, und dauern«, sagte der Brunnenmeister, »es sind drei
Quellen auf dieser Höhe, und eine davon haben wir in dem Brunnen gefangen; sie
strömt unten nicht mehr hervor.«
    »Und alle, die hier vorüber kamen, haben in den dürresten Jahren aus den
Quellen getrunken«, sagte der alte Melchior von der Stift.
    »Die Feldquellen versiegen, die Waldquellen nicht«, sagte der alte Wenhart
von der Friedau.
    Nach diesen Worten nahm Witiko seine Haube von dem Haupte, und sagte: »So
danke ich Gott für die Erfüllung meines Sinnes, dass ich mir hier ein Haus bauen
kann. Um den Brunnen werde ich mir in der Mitte des Waldes ein Haus bauen, in
der Mitte derer, die jetzt zu mir gehören. Ich habe euch gebeten, mit mir zu dem
Brunnen zu gehen, dass ihr Zeugen dessen seid, was geschehen soll. Sagt es den
Eurigen. Du aber, Brunnenmeister, fertige den Brunnen aus, dass er ein
Burgbrunnen wird. Ich werde die Einleitungen zu dem Baue fortführen, und werde
euch bald bitten können, dass ihr der frommen Handlung beiwohnet, wenn zu diesem
Baue die erste Erde mit der Schaufel aus dem Grunde gehoben wird. Jetzt
erquicket euch mit einem Trunke Wein, und dann gehen wir wieder nach Friedberg.«
    Er setzte seine Haube wieder auf, und ging mit den Gästen in die
Brunnenbauhütte zu einem kleinen Mahle.
    Die anderen Leute aber, die bei dem Brunnen gestanden waren, tranken jetzt
auch von dem Wasser aus den Trinkgefässen der Arbeiter, in welche es aus dem
Eimer geschenkt wurde.
    Als die Männer in der Brunnenhütte sich mit Wein und Speisen erquickt
hatten, gingen alle wieder nach Friedberg hinunter.
    Am anderen Tage sandte Witiko eine Botschaft nach Prag fort.
    Dann liess er verkünden, dass er ein Haus bauen werde, und dass sich Leute
melden sollen, die um Lohn arbeiten wollen.
    Die Menschen aber, die bei dem Tomasbrunnen gewesen waren, breiteten aus,
was sie dort gehört hatten, und es kamen Leute herbei, welche freiwillige Arbeit
anboten. Insbesondere kamen Männer aus Plan. Witiko nahm die Anerbietungen an,
und sagte, dass die Arbeiterordnungen dann schon eingeleitet werden würden.
    Nach einiger Zeit kam ein junger Mann aus Prag, und Witiko stellte ihn den
Seinigen vor, und sagte: »Dieser Mann ist der Bauherr Eppo aus Prag, welcher mir
versprochen hat, meine Burg zu bauen. Wer von Euch dem Werke zugewiesen ist, muss
den Weisungen dieses Mannes folgen.«
    Eppo liess nun alle die Dinge richten und ordnen, die vor dem Beginne des
Baues notwendig waren.
    Als er sie beendiget hatte, sendete Witiko die Einladungen zu der Feier des
Anfanges des Werkes aus.
    Es kam nun der alte Zupan Lubomir von Daudleb, es kam der alte Pfarrer von
Plan, es kam Rowno, Diet von Wettern, Osel, Wyhon von Prachatic, Wolf von Tusch,
Wernhard von Ottau, und die anderen Herren aus der Gegend des Waldes. Es kamen
Herren aus dem Lande Baiern herauf. Es kamen die Richter aus dem Gebiete Witikos
und noch andere Menschen aus dem Walde.
    Als der Morgen des anberaumten Tages angebrochen war, ging der Zug von
Friedberg durch den hohen Wald empor. Viele Menschen folgten, und andere gingen
von allen Richtungen her zur Stelle des heiligen Apostels Tomas. Als der Zug an
dieser Stelle angekommen war, sahen die Männer den Platz weit herum gelichtet,
zwischen den grauen Gesteinen standen Bauhütten, es lagen Baudinge herum, Stäbe
waren gesteckt, wo die Mauern werden sollten, und auf dem grünen Rasen war ein
Altar errichtet. Aus Brettern war eine Reihe von Bänken und Tischen gemacht.
    Die Männer des Zuges setzten sich auf die Bänke, und der Pfarrer von Plan
feierte mit der Beihilfe des Pfarrers von Friedberg und der Kirchendiener vor
dem Altare den Gottesdienst. Als dieser beendiget war, segnete der Pfarrer von
Plan die Stelle, auf welcher die Burg stehen sollte. Dann nahm er die Schaufel,
welche ihm gereicht wurde, und hob mit ihr ein Stückchen Rasen heraus, wo der
Grund für die Mauern gegraben werden sollte. Dann nahm Lubomir die Schaufel, und
hob ein Stückchen Erde heraus. Dann nahm sie Rowno, dann Wyhon von Prachatic,
dann Diet von Wettern, und alle die Herren und Gäste, und jeder hob ein
Stückchen Erde heraus. Der letzte, der es tat, war Witiko.
    Hierauf stellte sich eine Reihe von Männern, die von Plan, von Friedberg und
von anderen Orten gekommen waren, im Festtagsgewande mit Schaufeln auf.
    Der Pfarrer von Plan aber sprach: »So wird ein neues Haus begonnen, der
Himmel ist jetzt über ihm, der Himmel sei dann in ihm, und der Himmel weiche
nicht von ihm.«
    »Und er sei über dem ganzen Walde«, sagte der Pfarrer von Friedberg.
    Darauf sprach Lubomir: »Witiko, du treuer freundlicher Sohn unseres Landes,
wie du uns hier auf dem grünen Rasen versammelt hast, so versammle uns einmal in
dem Hause. Lebe in dem Hause, und mögen noch viele in dem Hause leben, und ein
Geschlecht hervorgehen, das gross und mächtig ist, wie einmal Geschlechter in
unserem Lande gewesen sind, und wie sie noch sind. Und möge die Macht nie zur
Frevelmacht werden, und die Zerstörung auf sich selber rufen, wie in unseren
Tagen Mächte und Reichtümer hingeschwunden sind, die noch im Jahre zuvor selbst
dem Herzoge Trotz geboten haben. Das Geschlecht halte den Schild über den Wald
und über das Vaterland, dass im Walde seine Spuren dauern, wenn es längst
entschwunden ist, und dass im Vaterlande seine Taten in Worten, in Gesängen und
in Pergamenten erzählet werden.«
    »Wie ich damals gesagt habe, als du zum ersten Male bei mir in meinem Turme
gewesen bist«, rief der Wladyk Rowno: »Es ist nur immer einer gewesen, der der
Stifter eines grossen Geschlechtes geworden ist, so kann aus dem kleinen Anfange
ein grosser Fortgang werden. Und ich habe gesagt: die Wladyken müssen grösser
werden. Ich, der Wladyk, bin grösser geworden, Diet ist grösser geworden, Osel ist
grösser geworden, Hermann ist grösser geworden, und alle im Walde sind grösser
geworden, und du bist jetzt auch ein Herr in dem Walde. Und ich habe gesagt: Wir
dehnen unsere Besitzungen gegen den Wald, und wir haben sie gegen den Wald
gedehnt, und du dehnest sie gegen den Wald. Wer hätte gedacht, dass du so bald
die Burg deiner Herrschaft bauen wirst. Aus dem Walde kann Grosses ausgehen, er
hat die Kraft, und treibt sie hervor, aus jedem von uns kann das Grosse kommen.«
    »Mein Ahnherr ist ein Pechsammler in dem Walde gewesen«, sagte Lubomir.
    »Und Ihr seid ein mächtiger Zupan und Kriegsanführer«, antwortete Rowno,
»was kann aus jedem werden? Wir müssen zusammenhalten und in freundlicher
Nachbarschaft leben. Du bist jetzt einer wie wir, Witiko, und wir sind wie du.«
    »In freundlicher und guter Nachbarschaft«, rief Osel.
    »In guter treuer Nachbarschaft«, sagte Diet.
    »Wir werden zusammen stehen, wie wir zusammen gestanden sind, und werden
nicht streiten«, sagte Wernhard von Ottau.
    »Ja, in guter Nachbarschaft«, riefen mehrere.
    Dann sprach Witiko: »Hochwürdige Priester, hoher Zupan und ehrwürdige
Männer. Ich danke euch für eure Wünsche. Möge der Himmel in dem Hause sein, wie
der hochwürdige Pfarrer gesagt hat; darin liegt alles. Was sonst geschieht, füge
Gott. Ich werde bestrebt sein, das Gute zu tun, alles andere, sagt Silvester,
ist darin entalten. Ich werde ein treuer Nachbar sein, und niemand schädigen.
Und so reiche ich meine Hand darauf.«
    Er reichte die Hand hin, und einer nach dem andern fasste sie.
    Nun brachte Eppo, der junge Baumeister aus Prag, ein Pergament herbei,
faltete es aus einander, und zeigte es. Auf ihm war die Burg abgebildet, wie sie
sein würde, wenn sie fertig wäre. Die Männer gaben einer dem andern das
Pergament, und jeder betrachtete es, und jeder lobte es.
    Dann wurde es wieder in sein Fach gelegt.
    Hierauf sprach der Meister der Maurer den Maurerspruch. Dann sprach der
Meister der Zimmerer den Zimmererspruch, und dann senkten die Männer, die in
ihren Festgewändern mit den Schaufeln dagestanden waren, die Schaufeln, stiessen
sie in die Erde, und es begann das Schaufeln des Festes. Und das Festschaufeln
tiefte einen Graben aus, wie ihn das wirkliche Schaufeln getieft hätte. Dann gab
der Baumeister das Zeichen, dass die Arbeit zu Ende sei, und es wurde an den
Tischen, auf den Bänken, auf dem grünen Rasen, wie es sich fügte, ein Mahl
verzehrt. Die Menschen, welche als Zuschauer da waren, bekamen Speise und Trank,
so weit die Dinge nur reichen mochten.
    Nach dem Mahle ging der Zug wieder nach Friedberg hinunter.
    Noch an dem Tage und an dem folgenden traten die fremden Gäste den Heimweg
an.
    Es begann nun auf dem Berge des heiligen Tomas der Bau der Burg. Eppo
teilte die Werkmänner, die er gedungen hatte, und die Männer, die freiwillig
herzu gekommen waren, zur Arbeit ein. Die Gräben wurden als Grund der Mauer
getieft, und die Bäume wurden erhöht, an denen die Gerüste werden sollten. Und
wie bei dem Baue der Burg Schauenberg wurden in allen dienlichen Richtungen die
Baugegenstände herbei geschafft. Die zahlreichen Männer und Weiber, die bei dem
Werke beschäftiget waren, hielten Ordnung, und wie die Ameisen sonst bestrebt
sind, in dem Walde ihre Wohnung zu fördern, so trachteten jetzt die vielen
Menschen in dem Walde eine menschliche Wohnung zu errichten.
    Witiko wohnte indes in dem steinernen Hause in Friedberg.
    Eines Tages aber ritt er in seinem Ledergewande, nur von Raimund begleitet,
von dem Hause fort. Er ritt in die Herberge der unteren Moldau, und von dort auf
dem Saumwege des grossen Waldes zu den Häusern von Aigen hinaus. In Aigen wurde
das Mittagmahl verzehrt, die Pferde rasteten, und bekamen Nahrung. Von Aigen
ritten die zwei Männer im Walde auf dem Saumwege den Wassern der Mihel entgegen.
Und am Nachmittag kamen sie in das Waldhaus Heinrichs von Jugelbach. Das Tor
wurde ihnen geöffnet, sie ritten in den Hof, Witiko wurde von Heinrich begrüsst,
und die Pferde wurden versorgt. Witiko sprach: »Jugelbach, Erlaubt, dass ich
zuerst in Euer Gemach gehe.«
    Heinrich führte ihn dahin.
    Als sie in dem Gemache waren, sagte Heinrich Jugelbach: »Seid mir gegrüsst,
Witiko. Ich habe eine Freude darüber, dass Ihr zu dieser Frist gekommen seid.«
    »Ich habe Eurer Worte gedacht«, antwortete Witiko, »und habe meiner Worte
gedacht.«
    »Und Ihr habt nach den Worten gehandelt«, sagte Heinrich, »reicht mir die
Hand.«
    Witiko reichte ihm die Hand. Heinrich fasste sie, und sprach: »Eure Hand ist
die Hand eines Mannes, und meine Hand ist auch die eines Mannes.«
    Witiko sagte: »Ihr habt mich in Euerm Gemache begrüsst, und ich habe Euch
begrüsst, führet mich nun zu der hohen Frau Wiulfhilt.«
    »So gehen wir«, sprach Heinrich.
    Sie gingen in das Gemach Wiulfhilts.
    Da sie eingetreten waren, stand Wiulfhilt von ihrem Sitze auf, ging Witiko
entgegen, reichte ihm die Hand, und sprach: »Seid mir von Herzen gegrüsst,
Witiko, Ihr habt uns wieder in unserem Waldhause aufgesucht.«
    Witiko beugte sich auf die dargebotene Hand nieder, und küsste sie, dann
richtete er sich auf, und sprach: »Ich begrüsse Euch in Ehrerbietung, hohe Frau.
Ich habe der Reife der Zeit geharrt, in der ich wieder zu euch kommen darf. Ich
glaube, dass die Reife eingetreten ist, und da habe ich einen Mann gesendet, der
erkunden soll, ob ihr in dem Waldhause wohnet. Der Mann hat mir die Nachricht
zurück gebracht, dass ihr in dem Hause wohnet, und so bin ich zu demselben
geritten. Und weil ich nun vor Euch stehe, hoher Herr, und vor Euch, erhabne
Frau, so erlaubet, dass ich vor allen Dingen zuerst von dem rede, was zu reden
ich gekommen bin.«
    »Nehmen wir Sitze«, sagte Heinrich.
    Sie setzten sich.
    »Sprecht, Witiko«, sagte Heinrich.
    »Weil ihr gütig höret, so rede ich«, sprach Witiko. »Ihr, hoher Herr, habt
einmal zu mir gesagt: ihr seid als Gast in meinem Hause immer willkommen, und
Ihr, erhabene Frau, habt gesagt: Kommt als Gast bald wieder in unser Haus. Ich
bin aber als Gast nie mehr gekommen, weil ich in anderen Ehren kommen wollte,
oder gar nicht mehr. Ihr, Herr Heinrich von Jugelbach, habt vor zwei Jahren in
Euerem Gemache zu mir gesagt: Ihr habt in der Schlacht die rote Waldrose auf dem
weissen Schilde getragen, sorget, dass die Rose in die Geschicke Eurer Länder
hinein blühet, und dann kommt. Ihr, Herr Heinrich von Jugelbach, habt vor zwei
Jahren in dem Gemache Eurer hohen Gattin gesagt: Ihr habt Euch bei den Leuten
Vertrauen erworben, die in dem Walde wohnen. Im Walde stehen noch viele Dinge
bevor, beachtet sie, Witiko. So habt Ihr gesagt. Ihr, erhabene Frau Wiulfhilt
von Dornberg, Gattin des Herrn Heinrich von Jugelbach, habt vor zwei Jahren in
dem Speisegemache zu mir gesagt: Der Wille meines Gemahles ist der meinige. So
habt Ihr gesagt. Und so bin ich hier. Ich bin in jener Zeit, da ich von euch
fortgeritten bin, mit Zdik, dem Bischofe von Olmütz, zu Regimbert von Peilstein
und Hagenau, dem Bischofe von Passau, nach Passau geritten, wohin ich Zdik
geleitete. Ich bin bei dem hochehrwürdigen Bischofe von Passau so lange als Gast
geblieben, so lange ich nach Geziemung bleiben musste. Dann bin ich auf einem
Donauschiffe von Passau bis zur Stadt Wien gefahren, und bin auf den Kahlenberg
in die Burg des erlauchten Markgrafen von Österreich, Heinrich, geritten, in
welcher Burg meine Mutter bei Agnes, der hocherhabenen Mutter des Markgrafen,
als Gast war. Ich habe meine Mutter besucht, welche ich lange nicht gesehen
habe. Ich bin so lange bei meiner Mutter geblieben, als es die Gebühr erfordert
hat. Ich bin in jener Zeit auch bei dem erlauchten Markgrafen gewesen, und habe
mit ihm gesprochen. Von Wien bin ich nach Plan in den Wald geritten, und bin in
dem Walde geblieben. Im Frühlinge musste der Krieg des hocherlauchten Herzoges
von Böhmen und Mähren, Wladislaw, gegen die Empörer in Mähren beginnen. Die
Männer des Waldes haben in grosser Zahl beschlossen, in den Krieg zu gehen. Sie
hatten Vertrauen zu mir, und die, welche von den Häusern der oberen Moldau bis
zu den Häusern der Stift und der Kienberge wohnen, haben mich zu ihrem Führer
gewählt, dass wir einen Teil der Scharen des Herzoges Wladislaw bilden. Ich
führte sie zu dem Herzoge, und der hat mir den Befehl über sie gegeben. Die
Männer des Waldes haben allein einen Kampf gegen die Scharen Wratislaws, des
Herzoges von Brünn, bestanden, und haben die Scharen des Herzoges in die Flucht
geschlagen. Sie sind in der Schlacht bei Znaim gewesen, und sind dort wie starke
und tüchtige Leute des Waldes bestanden. Sie haben die Züge gegen Brünn und
Olmütz und durch das ganze Land mitgemacht. Als die Feinde niedergeworfen, und
das Land Mähren in der Gewalt des Herzogs war, belohnte er sie, und sie zogen in
ihre Heimat. Mir gab er ein Pergament, darauf ein Strich Waldlandes verzeichnet
ist, das er mir mit Gebühren und Untertanpflichten erteilte. Ich bin dadurch
einer der Herren geworden, wie sie in unserem Lande über Untertanen sind, und
bin als ein solcher Herr zu dem Rate des Herzoges berufen. Ich habe diesem Rate
in Prag auch schon beigewohnt. Das Pergament habe ich in seiner Tasche auf
meinem Pferde mitgebracht, und werde es euch zeigen. Nach dem Kriege in Mähren
bin ich zu meiner Mutter nach Landshut geritten, und habe sie und den
ehrwürdigen Priester Benno, der ein Freund meines Vaters war, und mein gütiger,
wohlwollender Lehrer und Erzieher ist, und unsere Base Hiltrut, in deren
Häuschen meine Mutter als Gast war, in unseren Hof nach Pric geleitet. Dann bin
ich nach Prag zu unserem Herzoge gegangen, und in die Kammer des Herzoges. Dort
haben sie mein Pergament in die vollständige Ordnung gebracht. In Prag habe ich
den jungen kundigen Baumeister Eppo erforscht, und habe mit ihm den Bau eines
Hauses verabredet. Im Winter war ich in Pric bei meiner Mutter, bei Benno,
Hiltrut und meinen Leuten. Im Frühlinge bin ich nach Friedberg geritten, dessen
Häuser auf einem Hügel an der Moldau stehen. Von Friedberg geht im Mittage ein
breiter und langgedehnter Wald empor, der eine hohe Schneide hat, und er geht
von der Schneide wieder breit und weit hinunter, bis wo die Mihel fliesst. Auf
seiner Schneide stand einmal eine Säule des heiligen Apostels Tomas, darum er
jetzt der Tomaswald heisst. Auf der Stelle der Waldschneide, wo die Säule des
heiligen Apostels gestanden war, baue ich mir jetzt eine Burg, welche das
Witikohaus heissen soll, wie ihr auf der Steinzunge der Berge zwischen Aschach
und Eferdingen eine Burg baut, die Schauenberg heissen wird. Der Baumeister Eppo
hat eine Abbildung der Burg gemacht, wie sie sein wird, wenn sie fertig geworden
ist. Ich habe die Abbildung in ihrem Fache mit mir genommen, und werde sie euch
zeigen. Als das Bauen der Burg begonnen war, und fortschritt, bin ich zu euch
geritten, und nun bin ich da, und frage euch: Darf ich den Gedanken fassen, dass
ich der sicheren Ehren teilhaftig werden kann, unter welchen ich dann öfter in
eurer Burg erscheinen werde?«
    Als Witiko seine Rede geendet hatte, sprach Heinrich von Jugelbach: »Wir
haben gewusst, dass Ihr kommen werdet, Witiko, und haben gewusst, was Ihr reden
werdet, und wir: ich, meine Gattin, Wiulfhilt von Dornberg, mein Vater,
Werinhart von Jugelbach, meine Mutter, Benedicta von Aschach, mein Bruder,
Gebhart von Jugelbach, und noch Männer, die in unserem Vertrauen sind, haben
beraten, was Euch geantwortet werden soll. Seid in meinem Hause herzlich
gegrüsst, Witiko. Ich muss aber doch den Anfang der Antwort ein wenig anders
machen, als ich und Wiulfhilt nach der Anhörung des Rates der Unsrigen
beschlossen haben. Ihr habt Eure Erlebnisse nicht genau erzählt, oder die Männer
in dem Walde haben nicht genau geredet, oder die, welche die Erzählungen der
Männer des Waldes brachten, sind in ihren Nachrichten nicht genau gewesen. Nicht
die Leute des Waldes haben für sich sofort beschlossen, zu dem Herzoge Wladislaw
in den bevorstehenden Krieg zu ziehen. Ihr habt den Zug vorbereitet, Witiko. Ihr
habt zu den Leuten gesprochen, ihr habt ihnen gesagt, wie die Dinge sind, und
habt ihren Willen den Dingen zugelenkt. Ihr habt Waffen vorbereitet und Gewänder
und Zurüstungen und Übungen, und seid selbst der Lehrer in den Übungen gewesen.
Ihr habt durch Euch die Liebe der Leute erworben, und sie sind in grosser Zahl
Eurer Einsicht zugefallen. Es sind im Winter Leute über den Wald heraus gekommen
bis zu uns an den Inn, und haben von diesen Dingen erzählt, und Leute, die von
uns im Kaufe und Tausche in dem Walde gewesen sind, haben davon erzählen gehört,
und in unserem Lande ist davon erzählt worden. Und weil das gerecht ist, wozu
Ihr die Menschen angeleitet habt, so haben wir eine Freude über die Erzählung
gehabt. Ihr seid mit den Männern zu Wladislaw gezogen, und Ihr habt durch Eure
Führung Wratislaw geschlagen, und Ihr habt im Kriegsrate des Herzoges angeboten,
durch die Schlucht vor Znaim den Feind zu umgehen, weil es die Waldleute können.
Ihr habt die Schlucht bewältiget, und ein Teil jenes Sieges ist Euer. Ihr seid
in den andern Zügen umsichtig gewesen, und habt überall für Eure Leute durch
Ordnung, Nahrung, Pflege und Erfüllung jedes Bedarfes gesorgt, und habt Mässigung
bewiesen. Nicht jedem Führer hat der Herzog Waldland gegeben. Ich habe gesagt,
in dem Walde stehen noch viele Dinge bevor, und Ihr, Witiko, habt ein Werkzeug
gefunden, die Dinge hervor zu rufen, die Zuneigung der Leute, und Ihr habt die
Art, die Dinge zu rufen, und die Klugheit, und jetzt auch die Macht. Ihr werdet
sie rufen, Ihr wisst jetzt selber noch nicht, wie weit. Das hat mir mein Freund
Lubomir gesagt, das hat mir mein Freund Ctibor gesagt, das hat mir mein Freund
Nemoy gesagt, das hat mir mein Freund Rowno gesagt, das hat mir mein Freund
Hermann gesagt, und das hat ein Mann gesagt, der nicht mein Freund ist, der aber
die Dinge kennt, Strich von Plaka, der fürchtet, dass Ihr durch Benützung des
Waldes ihm Schaden zufügt. So, Witiko, muss ich in meiner Antwort sprechen, und
Euch der Ungenauheit in Eurer Erzählung bezüchtigen, und so, Witiko, hat die
Rose in die Geschicke Eures Landes hinein geblüht, und sie wird ferner hinein
ranken und Wurzeln fassen. Ich weiss Friedberg sehr gut, und kenne die Stelle der
Säule des heiligen Apostels Tomas. Sie ist für eine Burg so gut, dass ihr wenige
gleich sind. Das Pergament dürft Ihr mir nicht zeigen; aber die Abbildung der
Burg zeigt mir. Und so sage ich Euch, Witiko, Ihr dürft, wie Ihr die Worte
gesprochen habt, den Gedanken fassen, dass Ihr der höheren Ehren teilhaftig
werdet, unter denen Ihr öfter in meiner Burg sein sollet. Meine Gattin hat mit
mir den gleichen Willen.«
    »Ich habe ihn«, sagte Wiulfhilt, »wie es beschlossen worden ist, und ich
habe ihn noch früher gehabt als die andern, weil ich Euch mit meinen inneren
Augen früher kannte, als Euch die andern mit ihren äusseren Augen kennen
lernten.«
    »Hoher Herr«, antwortete Witiko, »hocherhabene Frau, ich danke mit
Ehrerbietung der Antwort, die ihr mir gegeben habt. Euch, hocherhabne Frau,
danke ich noch, dass Ihr mit Euern inneren Augen Gutes an mir gesehen habt, und
Euch, hoher Herr, danke ich noch, dass Ihr gut von mir geredet habt. Ihr habt zu
gut geredet. Die Dauer und Kraft der Waldleute hat gewirkt und die Güte des
Herzogs.«
    »Und beide haben gerne für Euch gewirkt«, sagte Heinrich, »erhaltet Euch
beide.«
    »Ich will darnach streben«, sagte Witiko. »Und nun, hoher Herr und erhabene
Frau, erlaubet, dass ich auch das zweite rede, weshalb ich gekommen bin.«
    »Sprecht«, sagte Heinrich.
    »Eure hochedle Tochter Berta«, sprach Witiko, »hat zu mir bei dem grossen
Steine an dem Waldessaume gesagt: Baue dir ein Haus, Witiko, und wenn dann noch
keine Makel an dir ist, so folge ich dir, und harre bei dir bis zum Tode.
Gestattet, hoher Herr und hocherhabene Frau, dass ich Berta sage, ich baue mir
nun ein Haus, und dass ich sie frage, ob eine Makel an mir ist.«
    »Sagt ihr, und fragt sie«, antwortete Heinrich.
    »Und wenn sie sagt, es sei keine grosse Makel an mir, darf ich sie dann
fragen, ob sie mir folgen wolle?« sprach Witiko.
    »Ihr dürft sie fragen«, entgegnete Heinrich.
    »Und wenn sie sagt, sie folge mir, darf ich dann feierlich kommen, um sie zu
werben, dass sie mein Eheweib werde?« sprach Witiko.
    »Ihr dürft kommen, und vor allen den Unsern werben«, antwortete Heinrich,
»und so geht zu Berta.«
    »Gehet, Witiko, sie harret Eurer«, sagte Wiulfhilt.
    »Geleite Witiko zu ihr«, sagte Heinrich.
    »So folget mir, Witiko«, sprach Wiulfhilt.
    »Ich folge Euch, hocherhabene Frau«, sagte Witiko.
    Sie standen auf. Heinrich reichte Witiko die Hand, Wiulfhilt ging bei der
Tür hinaus, und Witiko folgte ihr.
    Sie führte ihn über den Gang in das Gemach Bertas.
    Berta sass in dem Gemache an einem Tische. Von ihrem Haupte hingen zwei
Zöpfe nieder, an den Armen war weisses Linnen, der Brustlatz war rot, und von ihm
fiel der stark faltige schwarze Rock hinab.
    Sie stand auf, da ihre Mutter mit Witiko in das Zimmer kam.
    »Berta«, sagte die Mutter, »Witiko hat deinen Vater und mich gefragt, ob er
mit dir sprechen dürfe, und wir haben ihm geantwortet, er darf mit dir sprechen.
Willst du ihn hören, und auch mit ihm sprechen?«
    »Ich will ihn hören, und mit ihm sprechen, Mutter«, sagte Berta.
    »So sprecht, und ich gehe zu dem Vater«, sagte Wiulfhilt.
    Sie verliess nach diesen Worten das Gemach.
    Witiko stand in seinem Ledergewande vor Berta, und sah sie an. Berta sah
ihn an.
    »Was willst du zu mir sprechen, Witiko?« fragte sie.
    »Du hast an dem schönen grossen Steine neben dem Waldsaume vor zwei Jahren zu
mir gesagt, Berta«, antwortete Witiko: »Baue dir ein Haus, Witiko, und wenn
dann noch keine Makel an dir ist, so folge ich dir, und harre bei dir bis zum
Tode. Nun baue ich mir ein Haus, und bin gekommen, dich zu fragen, ob eine Makel
an mir ist?«
    »Es ist keine Makel an dir, Witiko«, antwortete Berta.
    »So wirst du mir in das Haus folgen?« fragte Witiko.
    »Ich werde dir in das Haus folgen«, entgegnete Berta.
    »Und wirst dort harren bis zu dem Tode?« fragte Witiko.
    »Ich werde harren bis zu dem Tode«, antwortete Berta.
    »So ist gesprochen, was zuerst gesprochen werden sollte«, sagte Witiko.
»Berta, Berta, sei mir tausendmal gegrüsst.«
    »Sei tausend und tausend Mal gegrüsst, Witiko«, antwortete Berta.
    Und sie reichten sich die Hände, hielten sich an denselben, und schauten
sich in das Angesicht.
    »Berta«, sprach Witiko, »du hast gesagt: Ich will, dass dir keiner gleich
ist, so weit die Augen blicken, es mögen unten die Bäume des Waldes emporstehen,
oder die goldenen Felder der Ähren, oder der grüne Sammet der Wiesen dahin
gehen. Nun aber sind mir viele gleich, es sind sehr viele über mir, wirst du
mich in hoher Achtung halten können, Berta?«
    »Witiko«, antwortete Berta, »als ich jene Worte gesagt hatte, gabst du mir
die Erwiderung: Ich will zu dem Höchsten streben.«
    »Ich wollte es, und will es noch«, sagte Witiko, »und ich habe auch gesagt,
dass ich das Ganze tun will, was ich kann.«
    »Nun, das Streben ist der Anfang«, sagte Berta, »und den Anfang hast du
gemacht, Witiko. Ich habe an jenem Steine auch gesagt: Wenn ich dir folge und
bei dir harre, dann rede zu den Männern deines Landes, bringe sie zu dem Grossen,
und tue selber das Grosse. Ich kann also nicht wollen, dass dir jetzt schon keiner
gleich ist; aber die Jahre werden es nach den Jahren bringen, und einmal werde
ich sagen: Witiko, jetzt ist dir keiner gleich.«
    »Und die Jahre werden nach den Jahren vergehen, und du wirst es nicht sagen
können«, antwortete Witiko.
    »Dann werde ich noch weiter harren«, sprach Berta.
    
    »Und wenn du immer harrest«, sagte Witiko.
    »So weiss ich dich auf dem Wege«, antwortete Berta. »Witiko, ich habe
gesagt: Wenn du ein niederer Mann würdest, so würde ich als dein Weib von dir
gehen, dahin du mir nicht folgen könntest.«
    »Ich werde niemals ein niederer Mann«, sagte Witiko, »und so, Berta, in
diesen Gefühlen wirst du mein Weib.«
    »So werde ich dein Weib«, entgegnete Berta.
    »Und so ist nun erfüllet, was erfüllt werden sollte, gehen wir jetzt zu den
Eltern«, sprach Witiko.
    »Gehen wir«, sagte Berta.
    »Ich bitte dich noch um etwas«, sprach Witiko.
    »Sage es«, entgegnete Berta.
    »Gehe mit mir heute an diesem Tage, wenn es deinem Vater und deiner Mutter
genehm ist«, sprach Witiko, »zu der Stelle, auf welcher ich dich zum ersten Male
gesehen habe, da du mit Rosen bekränzt da standest, und gehe mit mir zu den
Steinen, auf welchen wir an jenem Tage gesessen waren.«
    »Ich werde sehr gerne mit dir gehen, Witiko«, sagte Berta, »und wir werden
den Vater und die Mutter darum bitten.«
    »So gehen wir nun«, sprach Witiko.
    Und sie gingen über den Gang zurück in das Gemach Wiulfhilts. In demselben
war noch Heinrich bei seiner Gattin. Witiko und Berta traten vor die Eltern.
Wiulfhilt stand auf, und küsste Berta auf die Stirne. Heinrich nahm Witikos Hand
in die seine, und legte sie dann in die Hand Wiulfhilts.
    »Lasse die Kinder an unserer Seite sitzen, Wiulfhilt«, sagte er.
    »Setzet euch zu uns«, sprach Wiulfhilt.
    Heinrich und Wiulfhilt setzten sich auf ihre Stühle, und Witiko und Berta
setzten sich auf Stühle daneben.
    »So sind Eure Wünsche gesichert«, sprach Heinrich, »und die Vollendung wird
folgen. Und da Ihr nun, Witiko, wie Eure Worte gelautet haben, der höheren Ehren
bei uns teilhaftig geworden seid, so werdet Ihr auch die minderen nicht
verschmähen, und eine Weile unser Gast sein.«
    »Ich werde es mit Freude sein«, antwortete Witiko, »und werde auch diese
Ehre ehren.«
    »Und uns wird es eine Freude sein, Euch länger zu sehen als sonst«, sagte
Wiulfhilt.
    »Wir können dann auch über viele Dinge sprechen, die sich ereignet haben,
und Ihr könnt mir manches erzählen, Witiko«, sprach Heinrich. »Auch könnt Ihr
Berta besser kennen lernen, und Berta Euch.«
    »Ich kenne Witiko schon, mein Vater«, sagte Berta.
    »Und ich kenne Berta«, sagte Witiko.
    »Und wenn ihr eines das andere kennet«, sprach Heinrich, »so wird die
Gegenwart euch doch erheben.«
    »Ja«, sagte Berta.
    »Ja«, sagte Witiko.
    »Und unser Haus und unser Wald und unsere andern Liegenschaften können Euch
zu mancher Betrachtung dienen«, sagte Heinrich.
    »Und ich kann für die Zeit, die mir zunächst liegt, etwas lernen«, sprach
Witiko.
    »Ihr könnt für Eure Handlungen, die Ihr jetzt tut, bald die Einsichten
gewinnen«, sagte Heinrich.
    »Und Ihr werdet mir mit Eurem Rate gewiss beistehen«, sprach Witiko.
    »Wenn Ihr ihn bedürft, und wenn er etwas nützt, werde ich ihn gerne geben«,
antwortete Heinrich.
    »Ich werde ihn bedürfen, und er wird nützen«, sagte Witiko.
    »Jetzt aber«, sprach Heinrich, »ist es die erste Pflicht des Wirtes, den
Gast zu pflegen. Ihr seid von dem Pferde gestiegen, und seid gleich in mein
Gemach geführt worden. Es ist billig, dass ich Euch in Eure Wohnung geleite, dass
Ihr Euch stärkt, vorerst einrichtet, und dann sagt, was Ihr weiter bedürfet.«
    »Es ist eine Bitte ganz anderer Art, welche ich stellen möchte«, sprach
Witiko.
    »So redet«, sagte Heinrich.
    »Gebet Eure Genehmhaltung«, sprach Witiko, »dass Berta und ich an diesem
heutigen Tage die Stelle besuchen, an welcher ich Berta zum ersten Male gesehen
habe. Berta bittet das Gleiche.«
    »Ich bitte das Gleiche, Vater«, sagte Berta.
    »So besuchet die Stelle«, antwortete Heinrich, »wenn die Mutter meiner
Meinung ist.«
    »Lasse die Kinder gehen«, sagte Wiulfhilt.
    »Ich danke«, sprach Witiko, »wir werden wieder in das Gemach zurückkommen.«
    »Ich danke, Vater und Mutter«, sagte Berta.
    Nach diesen Worten standen Witiko und Berta auf, verabschiedeten sich von
den Eltern, und verliessen das Gemach. Sie gingen durch die Tür des Hauses auf
den Sandplatz hinaus, und von dem Sandplatze auf dem Wiesenpfade gegen Mittag
dahin, wie sie vor sechs Jahren auf demselben Pfade gegen Mitternacht dem Hause
zugegangen waren. Sie sprachen beide kein Wort. Als sie zu der Betstelle des
roten Häuschens gekommen waren, knieten beide neben einander nieder, und
beteten. Dann gingen sie stumm weiter. Sie kamen an den Saum der Schlucht, in
welcher das Wasser rauschte, wie es vor sechs Jahren gerauscht hatte. Sie gingen
am Rande der Schlucht in der Richtung des rinnenden Wassers dahin. Der Wald nahm
sie auf. Sie verliessen dann das Wasser, und gingen links zwischen den Stämmen
weiter.
    Da sagte Witiko: »Berta, Berta, vor sechs Jahren sind wir auf diesem Wege
herauf zu deinem Vater und zu deiner Mutter gegangen, zu denen du mich, den
Fremdling, geführt hast. Wer von uns beiden hätte damals gedacht, dass wir einmal
diesen Weg gehen werden, wie wir ihn heute gehen?«
    »Das habe ich nicht gedacht«, sagte Berta, »aber das war mir, dass wir oft
mit einander gehen werden.«
    »Und mir war«, entgegnete Witiko, »dass ich oft mit dir gehen möchte. Hast du
mich also gerne in das Haus deiner Eltern geführt?«
    »Ich wäre sonst nicht an der Waldstelle mit den Rosen auf meinem Haupte
stehen geblieben, als du dich nähertest«, sagte Berta, »sondern wäre in den
Wald geflohen wie Trude geflohen ist.«
    »Also bist du meinetwillen an der Stelle stehen geblieben?« fragte Witiko.
    »Ich wollte dich sehen«, sagte Berta, »und als ich dich gesehen hatte,
warst du mir lieb.«
    »Und als ich dicht gesehen hatte, warst du mir auch lieb«, sprach Witiko.
»Wir waren zwei Kinder.«
    »Ja, aber ich habe schöne Ritter und Knaben vor dir gesehen, und keiner war
mir lieb«, antwortete Berta.
    »Und ich habe schöne Jungfrauen und Mädchen vor dir gesehen, und keine war
mir lieb«, sagte Witiko.
    »Siehst du?« sprach Berta.
    »Und weil ich dir lieb war, hast du mit mir geredet?« fragte Witiko.
    »Weil du mir lieb warst, habe ich mit dir geredet«, antwortete Berta.
    »Und weil ich dir lieb war, bist du mit mir zu den Sitzsteinen an den
Ahornen gegangen?« fragte Witiko.
    »Weil du mir lieb warst, bin ich mit dir zu den Sitzsteinen an den Ahornen
gegangen«, antwortete Berta.
    »Und bist neben mir auf den Steinen gesessen«, sagte Witiko.
    »Und bin neben dir auf den Steinen gesessen«, sprach Berta.
    »Und mir bist du so lieb gewesen«, sagte Witiko, »dass ich immer bei dir
hätte sitzen, und immer mit dir hätte reden mögen. Du bist heute wie damals
gekleidet, Berta.«
    »Es ist das nämliche Gewand, welches ich an jenem Sonntage an gehabt hatte«,
antwortete Berta, »nur das schwarze Röcklein ist mir ein wenig kürzer
geworden.«
    »Mir ist alles wie in jener Zeit«, sagte Witiko.
    »Ich habe jetzt das Kleid nie mehr getragen; aber ich habe mir es
aufbewahrt«, sprach Berta, »und da du heute kamest, und da ich wusste, um was du
mich fragen würdest, habe ich es angezogen. Du bist auch in einem Gewande wie
damals.«
    »Es ist das nämliche«, sagte Witiko, »ich trage es oft, aber nicht immer,
und habe es genommen, weil ich dich heute um das fragen wollte, um was ich dich
gefragt habe. Und warum bin ich dir denn damals lieb gewesen, Berta?«
    »Du bist mir lieb gewesen, weil du mir lieb gewesen bist«, antwortete
Berta.
    »Ich bin dir ja ganz fremd gewesen«, sprach Witiko.
    »Du warst mir nicht fremd; als ich dich sah, habe ich dich lange gekannt«,
antwortete Berta.
    »Und ich habe dich ja immer gekannt, da du mit den Rosen an dem Waldsaume
standest«, sagte Witiko.
    »Ich habe es gewusst«, entgegnete Berta.
    »Deine Mutter, Berta, hat gesagt«, sprach Witiko, »sie habe mich mit ihren
inneren Augen schon früher gekannt, als mich die anderen mit ihren äusseren Augen
kennen lernten. Hast du auch solche innere Augen, Berta?«
    »Ich weiss es nicht«, antwortete Berta, »aber ich habe dich nicht früher als
die andern kennen gelernt, sondern habe dich gleich gekannt.«
    »Ich habe dich auch gleich gekannt, und weiss nicht wie«, sagte Witiko. »Und
doch bin ich, da ich an dem Steine deinen Mund geküsst hatte, nicht mehr gekommen
bis heute.«
    »Du durftest nicht kommen, Witiko«, antwortete Berta, »dass du mich
erschleichest, sondern, weil du mich an dem Steine geküsst hattest, musstest du
kommen, mich zu fordern, und du bist gekommen.«
    »Und wenn ich heute nicht gekommen wäre«, sprach Witiko.
    »So wärest du später gekommen«, sagte Berta.
    »Und wenn ich gar nicht gekommen wäre«, sprach Witiko.
    »Das ist nicht möglich«, sagte Berta, »weil du gekommen bist.«
    »Ja, es ist nicht möglich«, antwortete Witiko. »Wenn aber deine Eltern stets
nein gesagt hätten.«
    »Das tun sie nicht, weil sie uns kennen«, sprach Berta, »und wenn sie es
getan hätten, so wäre ich durch mein Leben geblieben wie unsere Base, die
Nonne.«
    »Und ich hätte in meinem Gebiete, und im Lande ohne Weib geschaltet«, sagte
Witiko.
    »Hier ist die Stelle«, sprach Berta.
    »Hier bist du mit den Rosen gestanden«, sprach Witiko.
    »Und dort bist du gestanden, da die Sonne auf die Steine geschienen hat, und
bist dann gegen mich her gegangen«, sagte Berta.
    »Ich bin erschrocken, da ich die Waldrosen auf deinem Haupte gesehen hatte«,
sprach Witiko, »weil bei uns oft auf die Rosen gedacht wird.«
    »Und ich musste an diesem Tage die Rosen nehmen, und wir müssen die Rosen
ehren«, sagte Berta.
    »Wir müssen sie ehren«, antwortete Witiko, »und sie werden mir immer ein
Sinnbild bleiben.«
    »Hier ist Trude gestanden«, sagte Berta.
    »Werde ich sie sehen, wenn ich in euerem Hause bin?« fragte Witiko.
    »Du wirst sie sehen«, antwortete Berta, »sie ist sehr schön geworden.«
    »Und dieser Platz, auf dem wir stehen, soll uns sehr lieb bleiben«, sagte
Witiko.
    »Er soll uns lieb bleiben fort und fort«, entgegnete Berta.
    »Nun gehen wir zu den Steinen«, sprach Witiko.
    »So gehen wir«, sagte Berta.
    Sie wandelten an dem Saume des Waldes dahin, bis sie zu den Steinen
gelangten, von denen Witiko damals auf die singenden Mädchen geschaut hatte.
    Da sie bei den Steinen angekommen waren, sagte Witiko: »Berta, setze dich
nieder.«
    »Ich bin auf diesem gesessen«, sagte Berta.
    »So setze dich wieder auf ihn«, sprach Witiko.
    Sie tat es.
    »Und ich bin neben dir auf diesem gesessen«, sagte Witiko, »er ist niederer,
und ich setze mich wieder auf ihn.«
    Er tat es.
    »Siehst du, Berta«, sagte er, »unsere Angesichter sind nun wieder in
gleicher Höhe, wie damals, da ich dich angeblickt hatte, und da du mich
angeblickt hattest.«
    »Bist du grösser geworden, Witiko?« fragte Berta.
    »Es muss ein wenig sein«, antwortete Witiko, »da ich dir hier wieder gleich
bin, und da du gesagt hast, dass dir dein Röcklein kürzer geworden ist. Mein
Lederkleid dehnt sich.«
    »Und so wie damals ragt dein Schwert in die niedreren Steine«, sagte Berta,
»und in den nämlichen Gewändern sitzen wir hier wie vor sechs Jahren.«
    »Nur die Bäume, die jenseits der hellen Wiese stehen, an deren Rande wir
sitzen«, sprach Witiko, »glänzen nun im Sonnenscheine, da sie damals im Schatten
waren, und die Blätter der Ahorne über uns sind dunkel, die damals geschimmert
hatten.«
    »Ich habe dir gesagt«, sprach Berta, »dass es im Herbste hier am Vormittage
mild ist, im Sommer sehr heiss, dass aber am Nachmittage Schatten ist. Der
Schatten ist lieblich, lege deine Haube wieder in das Gras wie damals, Witiko.«
    Er nahm die Lederhaube von seinem Haupte, und legte sie in das Gras, und die
blonden Haare rollten auf seinen Nacken herab.
    Und seine blauen Augen schauten in ihr Angesicht, und ihre braunen in das
seine.
    »Wie wird denn die Burg heissen, die du baust?« fragte Berta.
    »Witikohaus«, antwortete Witiko. »Aber, Berta, du hast einmal gesagt: Ich
weiss nicht, ob ich in Böhmen wohnen möchte; und die Burg wird in Böhmen stehen.«
    »Und die Mutter hat gesagt«, antwortete Berta: »wir Frauen, die wir
abhängig sind, wissen nie, wo wir wohnen werden, und wo wir dann mit den
Unsrigen wohnen, wird es uns auch gefallen.«
    »Und wird es dir so gefallen?« fragte Witiko.
    »So wird es mir gefallen«, antwortete Berta.
    »Dein Vater hat gesagt, Berta«, sprach Witiko: »Die alten Böhmen haben ihre
Burgen und die Verbalkungen ihrer Zupen stets in der Ebene gebaut, wo Sümpfe
waren, oder zwei Wässer zusammen gingen, so dass nur auf einer Seite ein Eingang
war. Ich baue meine Burg nicht so.«
    »Das wäre hässlich«, sagte Berta.
    »Ich habe damals deinem Vater geantwortet«, sprach Witiko: »Wo ein steiler
Fels gegen Wasser vorgeht, dass er rückwärts nur mit einer schmalen Zunge am
Lande hängt, wird eine gute Wohnung sein. Und dein Vater baut jetzt die Burg
Schauenberg auf einer solchen Zunge, nur dass kein Wasser vor dem Felsen ist.«
    »Kennst du den Schauenberg?« fragte Berta.
    »Ich bin auf einem Gerüste der Burg gestanden, die gebaut wird, als ich nach
Landshut ritt«, antwortete Witiko. »Ich habe aber, da ich zum ersten Male bei
euch war, auch gesagt: Ein grosser Wald, der einem zahlreichen Feindeshaufen den
Zugang wehrt, und ihm Nahrung versagt, könnte auch als Schutz dienen. Und so
baue ich mir die Burg.«
    »Sieht man von ihr so herum, wie von der Burg Schauenberg?« fragte Berta.
    »Noch viel weiter«, antwortete Witiko. »Berta, du wirst auf dem Söller der
Burg stehen wie auf dem Fels der drei Sessel, und wirst das ganze Alpengebirge
sehen, so weit Augen zu reichen vermögen, da, wo das Land Baiern im Mittage an
diese Gebirge stösst, und weiter gegen Morgen hin, wo das Land gegen Mittag an
die Gebirge stösst, das der Markgraf von Österreich beherrscht, bis zu dem Lande
Ungarn, in das sich die Berge senken. Du wirst die Gaue des Landes Baiern sehen,
wo die Mihel fliesst, wo die Donau strömt, wo die Enns und die Traun ist, du
wirst Gaue des Landes Österreich sehen, und Wiesen und Felder und Wälder in
allen Gauen, und lichte Stellen, die Burgen sind oder Kirchen oder Ortschaften.
Und wenn du mitternachtwärts schauest, so siehst du die Moldau unten in den
Forsten, und du siehst die Flecke in dem grossen Walde, wo Wiesen und Felder und
Wohnungen sind, und siehest dahin bis zu den letzten Säumen der Bäume.«
    »Der Vater lobt die Stelle«, sagte Berta, »er ist oft dort gewesen, und ist
in der letzten Zeit wieder in dem Lande Böhmen gewesen.«
    »Und unterhalb deiner Augen von der Burg hinab«, sagte Witiko, »ragen, wie
du an dem grossen Steine gesagt hast, die Wipfel des Waldes empor; aber es gehen
nicht die goldenen Felder der Ähren dahin oder der grüne Sammet der Wiesen, wie
an dem Fusse des Felsens, auf welchem die Burg Schauenberg steht.«
    »Ist der Wald, in dem die Burg stehen wird, gross?« fragte Berta.
    »Er ist ein Wald in den Wäldern«, antwortete Witiko. »Wenn du von dem
Friedbergwalde, wo die Häuser von Friedberg an der Moldau liegen, durch ihn zur
Burg hinan gehst, so ist das der kürzeste Weg, und du brauchst länger als eine
Stunde zu ihm. Von der Burg gegen Mittag hinab bis zur Mihel gingest du leicht
in zwei oder drei Stunden, und gegen Abend, und wo der Wald sich biegt, gegen
Mitternacht, brauchtest du viele Tagereisen, und gegen Morgen wenigere, oder
auch viele.«
    »Und wo ist dein Gebiet?« fragte Berta.
    »Du wirst von der Burg den Kreuzberg sehen, von dem gegen Mittag der obere
Plan liegt«, antwortete Witiko. »Von Plan der Moldau entgegen kömmt man zu dem
Saume des Berges, darauf euer schwarzer See ist. Von diesem Saume über den
oberen Plan hin nach Friedberg, und weiter an der Moldau hinab, bis wo sie durch
die Schlucht der Kienberge geflossen ist, und mitternachtwärts gegen den Fels
des Rosenberges und gegen die krumme Au geht, sind die Häuser und die Menschen
zerstreut, die mir pflichtig sind. Andere sind dazwischen, die zu Rowno gehören
oder zu Diet oder zum Herzog. Die Stücke Waldlandes, die mir der Herzog gegeben
hat, sind um Plan, um die untere Moldau, und um Friedberg. Die Bäume, die du von
der Burg bis gegen die Mihel siehst, und von der andern Seite bis an die Moldau
vor Friedberg, sind unsere Bäume.«
    »Ist eine Kirche bei der Burg?« fragte Berta.
    »Es ist die kleine Burgkirche in der Burg«, entgegnete Witiko, »in Friedberg
ist eine hölzerne Kirche, die jetzt grösser gebaut wird, und wenn mich Gott
segnet, beginne ich noch den Bau einer steinernen Kirche des heiligen Apostels
Tomas in der Nähe meines Hauses.«
    »Und in diesem Hause wirst du sein, Witiko«, sagte Berta, »du wirst Männer
und Freunde haben, du wirst des Waldes pflegen, du wirst in die Geschicke des
Landes handeln, und in den Rat des Herzoges gehen.«
    »Und in diesem Hause wirst du sein, Berta«, sagte Witiko, »du wirst Frauen
haben, du wirst der Heimat pflegen, du wirst in die Geschicke des Landes blühen,
und zu Hofe nach Prag gehen.«
    »Und in diesem Hause werde ich sagen: Witiko, jetzt ist dir keiner gleich«,
antwortete Berta.
    »Und ich werde in dem Hause sagen: Berta, dir ist keine gleich, und sage es
jetzt schon«, sprach Witiko.
    »Nun aber gehen wir zu den Eltern«, antwortete Berta, »Witiko, nimm deine
Haube wieder, und komme.«
    Witiko nahm seine Haube, und setzte sie auf.
    Dann erhoben sie sich, er nahm Berta bei der Hand, und sie gingen am Saume
des Waldes hin, und gingen auf dem nämlichen Wege in das Haus, auf welchem ihn
Berta vor sechs Jahren in dasselbe geführt hatte.
    Als sie in das Gemach kamen, von welchem sie ausgegangen waren, sahen sie
den Vater und die Mutter noch bei einander sitzen.
    Sie grüssten die Eltern, die Eltern grüssten sie.
    »Nun, habt ihr die Stelle besucht?« fragte Heinrich.
    »Wir haben sie besucht«, antwortete Witiko.
    »Wir sind auch auf den Steinen an der Sperwiese gesessen«, sagte Berta.
    »Habt ihr an dem Häuschen der heiligen Mutter ein kurzes Gebet gesprochen?«
fragte Wiulfhilt.
    »Wie wir vor sechs Jahren bei dem Häuschen gebetet haben«, antwortete
Berta, »so haben wir heute auch gebetet.«
    »Vergiss den Himmel nicht, mein Kind, und der Himmel wird deiner nicht
vergessen«, sagte Wiulfhilt, »und bei Witiko wird es auch so sein.«
    »Witiko hat vor sechs Jahren am Sonntage in dem Walde gebetet«, sagte
Berta.
    »Und dann habe ich mein Glück gefunden«, sprach Witiko. »Gott hat mir stets
mehr gegeben, als ich verdient habe. Hoher Herr und hocherhabene Frau, ist es
euch genehm, die Abbildung der Burg zu sehen, die ich baue, so lasse ich sie
bringen?«
    »Zeigt sie uns«, antwortete Heinrich, »lasst aber das Begabungspergament bei
Seite.«
    »Wie es Euer Wille ist«, sagte Witiko.
    Heinrich rief durch einen Schlag auf eine Glocke einen Diener herbei. Witiko
sagte ihm, er möchte sich von seinem Knechte Raimund die braune Ledertasche
geben lassen, und sie bringen.
    Der Diener brachte die Tasche.
    Witiko öffnete ihr Schloss, und zog ein Pergament heraus, und legte es vor
Heinrich und Wiulfhilt auf den Tisch. Das Pergament war schneeweiss, und auf dem
weissen Grunde war das Bild einer Burg und eines Waldes an ihren Seiten in
Farben.
    »Wie schön«, sagte Heinrich.
    »Das ist ein Bild, der Aufbewahrung wert«, sprach Wiulfhilt.
    »Es wird auch aufbewahrt«, antwortete Witiko. »Diese Fenster sehen nach
Mittag, diese nach Morgen, die auf den Rückseiten, welche auf dem Bilde nicht
erscheinen, sehen nach Mitternacht und Abend, und innerhalb aller dieser Fenster
sind rings die Gemächer des Burgherrn und der Burgfrau. Über diesen sind andere
Gemächer, und unter ihnen ist die Burgkirche, der Saal, und andere Gelasse. Hier
sind die Vorbauten mit Wohnungen, und zwischen dem Vorbaue und dem Hauptbaue ist
der Burghof. Hier sind Ställe und Vorratsräume, und hier schliesst sich die
Verteidigungsmauer. In den andern Blättern sehet ihr die innere Ausdehnung und
Einteilung.«
    Witiko zog noch mehrere Blätter aus der Ledertasche, auf welchen Zeichnungen
mit Linien waren.
    Heinrich betrachtete die Blätter sehr genau, dann sagte er: »So wie ich
jetzt meine, ist die Burg gut erdacht und überlegt. Hat sie der Baumeister Eppo
erfunden?«
    »Ich habe ihm den Platz beschrieben, auf dem die Burg stehen soll«,
antwortete Witiko, »und habe ihm gesagt, wie ich mir die Burg denke. Dann hat er
auf Blättern zu zeichnen angefangen, wir haben daran abgeändert, bis die Sache
so wurde, wie sie ist. Dann hat er die Abbildungen verfertigt, und mir die
Nachbilder auf Pergament gemacht.«
    »Und er baut jetzt die Burg«, sagte Heinrich.
    »Er baut sie«, antwortete Witiko.
    »So sei der Segen Gottes über ihm«, sprach Heinrich.
    »Er möge es sein«, sagte Witiko.
    Dann reichte er das Pergament mit dem Farbenbilde an Berta.
    Berta betrachtete es, gab es dann wieder zurück, und sagte: »Witiko, es ist
ein schönes Bild und ein schönes Haus.«
    »Und die drinnen wohnen werden, sollen glücklich sein«, sprach Witiko.
    Dann ordnete er die Blätter wieder in die Ledertasche, schloss die Tasche,
und schickte sie in sein Gemach.
    Es waren hierauf noch verschiedene Gespräche zwischen Heinrich, Wiulfhilt,
Berta und Witiko.
    Dann verabschiedete sich Witiko, und ging in sein Gemach.
    Das Abendessen war in dem Waldhause wie in früheren Zeiten.
    Des andern Morgens ging Witiko zu dem Köhler Matias.
    Der Köhler und sein Weib erhoben einen Freudenruf, als sie Witiko
erblickten.
    »Witiko, Witiko«, rief die Frau, »jetzt ist alles gut, jetzt hat Gott mein
Gebet erhört, wir wissen es, und wissen schon alles, es ist alles gut.«
    Und sie reinigte mit einem Tuche die Bank, auf welche sich Witiko setzen
sollte.
    »Der Himmel hat Euch gesegnet, seit Ihr an jenem Sonntage von uns fort
geritten seid, und wir freuen uns des Segens«, sagte Matias.
    »Ich weiss es«, sagte Witiko, »ich habe eurer oft gedacht, und werde eurer
noch denken.«
    »Wollt Ihr eine Milch, sie ist die beste in dem Walde«, sprach die Frau.
    »Gib mir später eine Milch, Margareta«, sagte Witiko, »jetzt aber nenne und
bringe mir einen Mann, Matias, der sicher eine Botschaft zu meiner Mutter in
unsern Hof Pric trägt.«
    »Ich weiss schon«, sagte Matias, »das muss Eure Mutter schnell erfahren, und
weil meine Meiler rauchen, muss der alte Peter gehen, er geht in seinem
Ledergewande in einem und unausgesetzt fort, bis er dort ist, und dann geht er
wieder zurück.«
    »Und bürgst du für ihn?« fragte Witiko.
    »Ich bürge für ihn«, antwortete Matias.
    »So hole ihn«, sprach Witiko.
    Matias ging fort, und kam nach einer Zeit mit Peter zurück, und sagte: »Er
wird nach Pric gehen.«
    »Bist du des Weges kundig?« fragte Witiko den Mann.
    »Wie der Diele meiner Stube«, antwortete der Mann.
    »So trage den Brief, der in diesem Tuche ist, nach Pric«, sagte Witiko, »gib
ihn Wentila, meiner Mutter, und bringe mir die Antwort am achten Tage nach
Friedberg. Hier hast du Lohn für den Hinweg, in Friedberg erhältst du ihn für
den Rückweg. Rüste dich, dass du bald fort gehen kannst. Spute dich, raste, wo du
es bedarfst, und geniesse deiner Nahrung.«
    »Ich raste nicht viel«, sagte der Mann, »und habe meine Nahrung bei mir.«
    Witiko gab ihm den Brief und etwas an Gelde. Peter nahm beides, und ging
fort.
    Witiko blieb noch eine Weile bei den Köhlerleuten, und trank etwas von der
Milch, welche ihm Margareta nun reichte. Die Kinder kamen von dem Walde, und
Witiko beschenkte sie. Die Köhlerleute sprachen von den Dingen, die geschehen
waren, und Margareta sagte, sie habe Witiko geweissagt, da er einmal von ihnen
Abschied genommen habe; denn sie habe die Worte gesagt: Erlebet recht grosse
Dinge.
    »Sie sind so gross nicht geworden«, sagte Witiko.
    Nach einer Zeit verabschiedete er sich, und ging wieder in das Waldhaus
Heinrichs von Jugelbach zurück.
    Er lebte nun als Gast in dem Hause mit Heinrich, Wiulfhilt und Berta.
Heinrich zeigte ihm genau alle Zubehör des Hauses, und sie sprachen von der
Gebarung mit Feld, Wiese, Wald und Viehstand. Einmal waren alle und drei
Dienstmannen Heinrichs, die gekommen waren, auf dem Fels der drei Sessel, und
ein anderes Mal waren sie bei dem schwarzen See, und wieder andere Male an
verschiedenen Stellen des grossen Waldes. An einem Vormittage sassen Witiko und
Berta auch auf den Steinen der Sperwiese, da die Sonne auf dieselben schien.
    Am sechsten Tage, da Witiko in dem Hause Heinrichs war, ging er des
Nachmittages allein im Walde auf dem Wege, der zu den Sesseln führt. Da sprang
über grünbemooste Steine zwischen den Stämmen Wolf zu ihm, blieb stehen, sah ihn
an, und sprach: »Ihr habt mir schon im Hauzenberge Vergunst zum Reden gegeben,
gebt sie mir heute auch.«
    »Die hast du immer, Wolf«, sagte Witiko, »ich habe mit dir in dem
Speisesaale geredet, und du mit mir, und du hast alle Tage mit mir reden
können.«
    »Aber geheim und allein«, sagte Wolf.
    »So rede geheim und allein«, sprach Witiko.
    »Es muss so sein«, antwortete Wolf. »Ich bitte Euch, nehmet mich in Eure
Dienste.«
    »Willst du deinen Herrn, Heinrich von Jugelbach, verlassen?« fragte Witiko.
    »Ich will ihn nicht verlassen«, antwortete Wolf, »sondern recht bei ihm
bleiben, nämlich bei Berta, seiner Tochter. Ihr werdet sie heiraten, und da
werden Frauen mit ihr zu Euch gehen, ihr zu dienen, ich weiss nicht, ob auch
Männer mitgehen, die ihre und Eure Diener sind; aber es soll einer mitgehen, und
ich ginge mit.«
    »Bist du Berta so zugetan?« fragte Witiko.
    »Freilich, und ich muss ihr ja in vielem helfen«, sagte Wolf, »sie ist
hochgeistig wie ihr Vater, und hilft sich in manchem nicht, was sie will. Es
wäre eine wahre Schandtat gewesen, wenn Ihr sie nicht geheiratet hättet. Und
seit Ihr mit den zwei andern da gewesen seid, seid Ihr wieder gar nicht
gekommen, was nicht recht ist.«
    »Berta sagt, es ist recht gewesen«, sprach Witiko.
    »Sie sagt es; aber ich sage, es ist gar nicht recht gewesen«, antwortete
Wolf, »da seid Ihr aber doch gekommen, und alles ist gut geworden, ich weiss es
schon, alles ist mir gelungen.«
    »Dir ist es gelungen«, sagte Witiko.
    »Da Ihr einmal bei uns gewesen seid, und da ich mit Euch auf dem Sesselfels
und auf dem Hohenstein und bei dem schwarzen See gewesen bin«, sprach Wolf, »und
da Ihr fort geritten waret, und da Ihr so lange in dem oberen Plane wartet, da
bin ich manches Mal in den Wacholderbüschen gelegen, wenn Ihr von dem Kreuzberge
auf unseren Wald geschaut habt. Ich bin in dem Walde gelegen, wenn Ihr geritten
seid, ich bin in den Kornhalmen gewesen, wenn Ihr mit den Männern auf Euren
Gassenbänken gesessen seid. Ich bin in manchem Hause gewesen und in mancher
Ortschaft, und habe ihnen einen Topf gebunden oder Reifen geschnitten, und da
habe ich gehört, was sie von Euch sagen.«
    »Du bist also mein Späher gewesen«, sagte Witiko.
    »Ja«, entgegnete Wolf, »Berta hat kein Wörtlein gesagt; aber wenn ich ihr
von Euch erzählte, dass ich Euch gesehen habe, und was Ihr getan habt, blickte
sie sehr freundlich. Es sind nur jetzt keine Rosen; aber da Ihr damals fort
geritten waret, trug sie immer Rosen auf dem Haupte, seit Ihr sie mit den
schlechten roten Rosen gesehen habt. Und bei Eurem Feste auf dem Pferdeanger bei
dem oberen Plane bin ich auch gewesen.«
    »Bist du bewirtet worden?« fragte Witiko.
    »Ich habe Eures Bieres und Eures Bratens hinlänglich bekommen«, sagte Wolf,
»und ich habe auch unserem Herrn erzählt, was Ihr getan habt, wie die Leute
davon reden, und was ich selber gesehen habe, und ich bin auf den Grund
gekommen, dass Ihr treu sein werdet.«
    »Und du möchtest in meiner Burg leben?« fragte Witiko.
    »Ja«, entgegnete Wolf, »sie wird sehr schön, ich habe sie schon bauen
gesehen, und bin neulich hinein gerannt.«
    »Wenn Heinrich von Jugelbach, und wenn seine Ehegemahlin Wiulfhilt von
Dornberg nicht dagegen sind«, sprach Witiko, »und wenn Berta es will, so magst
du in meine Burg kommen.«
    »Seht, ich habe es gewusst, dass Ihr gut seid«, entgegnete Wolf, »es wird
ihnen schon genehm sein, und ich werde Euch Tag und Nacht dienen, und wir werden
oft zu Herrn Heinrich und Frau Wiulfhilt kommen. Und Berta wird mir die Befehle
erteilen. Habt Ihr das schöne Pferd noch?«
    »Ich habe es noch«, sagte Witiko, »aber es altert schon.«
    »Gute Pferde halten lange in die Zeit«, sprach Wolf. »Unser Herr nimmt die
guten von hier immer mit nach Jugelbach, und lässt die da, welche langhaarig
sind. Eure Reiter auf dem Anger haben auch kleine langhaarige Pferde gehabt.«
    »Diese Pferde waren in dem Kriege sehr brauchbar«, sagte Witiko.
    »Ich weiss es, weil sie Waldpferde sind, und genügsam und arbeitsam, und weil
sie gut klettern können«, sprach Wolf, »das Pferd, auf dem Ihr gekommen seid,
ist fein.«
    »Mir hat es der Herzog Wladislaw gegeben«, antwortete Witiko.
    »Bei uns ist kein Krieg«, sagte Wolf, »und wenn ich bei Euch bin, werde ich
mit Euch in den Krieg gehen, und mir Geschenke und Pferde erwerben.«
    »Wenn du im Kriege tüchtig bist, wird es dir nicht fehlen«, sagte Witiko.
    »Ich werde tüchtig sein«, antwortete Wolf.
    »Und nun, Wolf, hast du noch andere Dinge an mich?« fragte Witiko; »denn
sonst muss ich mich von dir verabschieden.«
    »Nein, verabschiedet Euch nur, und ich danke Euch für alles, und alles wird
recht werden, und gehabt Euch wohl, hoher Herr«, sagte Wolf.
    »Gehabe dich wohl«, sagte Witiko.
    Und Wolf sprang wieder über die Steine zwischen den Stämmen davon, wie er
gekommen war. Witiko aber ging seines Weges weiter.
    Am siebenten Tage verabschiedete er sich von dem Waldhause Heinrichs von
Jugelbach, und ritt nach Friedberg zurück.
    Zwei Tage darauf brachte ihm der alte Peter den Brief seiner Mutter.
    Witiko lohnte den alten Peter, und dieser begab sich auf den Heimweg.
    Nun liess er Zeichen in Bäume seines Waldes schlagen, dass sie gefällt würden,
wenn es an der Zeit wäre. Dann begann er an einer Stelle reuten zu lassen, und
machte den Anfang, einen hölzernen Hof für Rinder zu bauen, und dann ritt er zu
seiner Mutter nach Pric, und blieb eine Woche dort. Hierauf begab er sich wieder
nach Friedberg zu dem Baue seiner Burg.
    Der Bau ging schnell fort, weil immer viele Menschen daran arbeiteten, und
immer neue freiwillig herzu kamen.
    Und ehe die Blätter der Birken gelb wurden und die Blätter der Buchen rot,
ragte der Bau mit den Gerüsten wie ein grosser viereckiger Turm von dem Saume des
Waldes empor, dass er weiter gesehen werden konnte. Man vermochte ihn von den
Berggipfeln des Landes im Mittage bis von den Höhen an den Donauufern aus zu
erblicken, man vermochte ihn von den Gipfeln der Wälder an der Moldau, und von
dem Tale der Moldau oberhalb Plan bis Friedberg hinunter zu erblicken, und die
Mädchen von Plan stiegen auf den Kreuzberg, um den Bau Witikos recht deutlich
erschauen zu können.
 
                                       3
 Es kamen tausend Scharen.
Als sich wieder der Herbst annäherte, ritt Witiko mit einem Geleite von
Friedberg gegen Prag. Er sah auf seinem Wege manche Herren mit ihrem Gefolge des
nämlichen Weges ziehen, und er sah andere Menschen dahin wandern.
    Da er in Prag angelangt war, zog er mit seinen Männern in eine Herberge des
rechten Burgfleckens. Es waren sehr viele Menschen in Prag, insonderheit von den
hohen und niederen Herren mit ihren Mannen.
    Witiko ging an dem Tage nach seiner Ankunft zu dem Herzoge. Bei dem Herzoge
waren Herren, die zu dem Grusse des Herzoges gekommen waren. Witiko brachte auch
seinen ehrerbietigen Gruss dar, und der Gruss wurde von dem Herzoge freundlich
erwidert. Der Herzog und die Herren sprachen von den mannigfaltigen Dingen, die
sich in dem Lande vollendeten. Manche Herren gingen fort, andere kamen wieder.
Witiko verabschiedete sich auch, und ging zu der Herzogin. Bei ihr waren
hervorragende Männer, ihren ehrfurchtvollen Ankunftsgruss darzubringen. Witiko
tat es ebenfalls, und er wurde von der Herzogin liebreich empfangen. Dann
verabschiedete er sich, und ging wieder in seine Herberge.
    In der folgenden Zeit besuchte er mehrere Herren, Männer und Freunde, mit
denen er in dem ersten und in dem zweiten Kriege gewesen war.
    Auf den vierten Tag nach seiner Ankunft war eine Versammlung bei dem Herzoge
anberaumt.
    Witiko ging in dieselbe.
    In dem grossen Saale des Herzoghofes sass auf einem erhöheten Stuhle
Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren. Dann sass auf einem gleichfalls
erhöheten Stuhle Guido, der Gesandte des Heiligen Vaters Innozenz. Dann sassen
auf Stühlen Otto, der Bischof von Prag, Daniel, der Dompropst von Prag,
Silvester, der ehemalige erwählte Bischof von Prag, Gezo, der Abt von Strahow,
Peter, der Abt von Brewnow, dann die Äbte von Kladrau und Wilimow, und andere
Äbte, Pröpste und Priester. Dann sassen auf Stühlen Diepold und Heinrich, die
Brüder des Herzogs, Bolemil, der alte Leche, Wsebor, der alte Leche, Lubomir,
Diwis, Preda, Bozebor, und alle, welche in der Schlacht bei Znaim gewesen waren,
und noch viele, die Witiko nicht kannte.
    Da sich alle geordnet hatten, rief Wladislaw, der Herzog von Böhmen und
Mähren: »Saget ihnen, die in dieser Versammlung sprechen wollen, dass sie
kommen.«
    Ein Mann öffnete die Flügel einer Tür, und nach kurzer Zeit kamen in reichen
Gewändern durch die Tür Konrad, der Herzog von Znaim, Wratislaw, der Herzog von
Brünn, Otto, der Herzog von Olmütz, dann Leopold und Spitihnew, die Söhne
Boriwoys, und Wladislaw, der Sohn des verstorbenen Herzoges Sobeslaw.
    »Setzet euch auf eure Stühle«, sagte der Herzog.
    Die, welche herein gekommen waren, setzten sich auf Stühle, welche da
standen, und von der Versammlung durch einen Raum des Saales getrennt waren.
    Dann sprach Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren: »Konrad, welcher du
Herzog von Znaim gewesen bist, Wratislaw, welcher du Herzog von Brünn gewesen
bist, Otto, welcher du Herzog von Olmütz gewesen bist, Leopold und Spitihnew,
Söhne meines Oheims Boriwoy, und Wladislaw, Sohn meines Oheimes Sobeslaw, ihr
seid auf meine Kunde nach Prag gekommen, die Beschwerde zu führen, weshalb ihr
die Waffen gegen mich ergriffen habet. Weil ihr eure Beschwerden durch die
Waffen führen wolltet, musste euer Aufstand niedergeworfen werden. Führet nun
eure Beschwerden mit Worten. Sind die Beschwerden gerecht, so werde ich sie
abstellen, und euch Genugtuung geben. Sind sie ungerecht, so kann der, welcher
es will, nach Gebühr um Verzeihung bitten, der es aber nicht will, kann in das
fremde Land zurückkehren, aus dem er nach Prag gekommen ist. Es wird keiner
geschädigt werden, wie ich es versprochen habe. Konrad, wenn es dir genehm ist,
rede.«
    Konrad schwieg eine kurze Frist, dann sprach er: »Wladislaw, Sohn des
ruhmreichen Herzoges Wladislaw, Neffe des letzten verstorbenen ruhmreichen
Herzoges Sobeslaw, der du jetzt den Stuhl der Herzoge von Böhmen und Mähren in
deiner Gewalt hast, höre mich. Du bist von den hohen und niederen Herren der
Länder Böhmen und Mähren auf dem Tage in der Burg Wysehrad zum Herzoge von
Böhmen und Mähren gewählt worden, und bist nach dem Tode des ruhmreichen
Herzoges Sobeslaw auf den Fürstenstuhl gesetzt worden. Die Sprossen aus dem
Stamme Premysl sind nicht bei der Wahl gewesen. Dann aber sind auch die
reichsten und mächtigsten und vornehmsten Lechen, welche dich wählen geholfen
haben, zu mir gekommen, und haben gesagt, du erfüllest die Erwartungen nicht,
welche sie zu Recht von dir als Herzog tragen mussten. Sie machten eine neue
Wahl, und erkoren mich zum Herzoge von Böhmen und Mähren. Die Sprossen des
Stammes Premysl stimmten bei, nur deine zwei Brüder nicht. Ich meinte, dass es
meine Pflicht für die Länder fordere, und nahm die Wahl an. Du widerstrebtest,
als ich nach Prag gehen, und mich auf den Fürstenstuhl setzen wollte, und es
entstand der schwere Krieg, welcher sehr viel Unheil brachte, und du behieltest
nach dem Kriege die Macht. Das ist meine Rede.«
    Der Herzog Wladislaw antwortete: »Konrad, du bringst keine Beschwerde vor;
denn wenn ein Herzog durch die Ladung aller hohen und niederen Herren der Länder
zu einer Wahl von denen, die der Ladung gefolgt sind, als Herzog gewählt wird,
und wenn dann von einer Zahl von Herren wieder ein Herzog gewählt wird, indes
eine andere Zahl widerstrebt, und der frühere Herzog müsste dem späteren weichen,
so könnte von verschiedenen Zahlen von Herren eine Reihe von Herzogen gewählt
werden, die einander verdrängen, und das Herzogtum wäre kein Herzogtum, sondern
ein Wettspiel. Wenn du aber keine Beschwerde gebracht hast, so hast du nur
gesagt, dass du im Aufruhr gewesen bist. Wratislaw, wenn es dir genehm ist,
rede.«
    Wratislaw sprach: »Es ist mir genehm. Du bist einst nur der Neffe des
Herzoges Sobeslaw gewesen, ein Zweig des Stammes Premysl wie wir. Du warst unser
Genosse und warst der Genosse der jungen Söhne der mächtigen Lechen der Länder.
Du bist mit uns nach den Vergnügungen gezogen, nach denen wir und sie gezogen
sind. Du hast unsern Rat in allem befolgt, und hast gesagt: Wenn ich Herzog
wäre, würden wir diese Sache anders machen, jene würden wir wieder anders
machen, dieses würden wir tun, dieses würden wir lassen. Du hast uns Mitwirkung
eingeräumt. Und hast du sie uns, den Jungen, eingeräumt, so hast du sie um so
mehr den Räten des Herzogstuhles und den alten weisen Lechen eingeräumt. In
diesem Sinne bist du zum Herzoge gewählt worden. Du aber hast dann als Herzog
gehandelt, wie du allein wolltest. Du hast unsere Anliegen, die Anliegen der
Söhne Premysls, nicht gehört, du hast die Anliegen der alten Räte und Lechen und
der mächtigsten Herren nicht gehört, du hast uns unterdrückt, und du hast die
Rede und die Mitwirkung der Herren bei der Verwaltung der Länder, welche alle
Herzoge seit den ältesten Zeiten geehrt haben, in die Luft gestreut. Darum
wärest du kein Herzog mehr, sondern ein Eroberer, und wir haben uns unseren
Herzog gewählt, und haben die Waffen erhoben, um unsere Rechte zu wahren. Du
hast im Kriege deine Gewalt behalten und vermehrt. Willst du, wie du sagst, den
Beschwerden abhelfen, und Genugtuung leisten, so kannst du wieder ein Herzog
werden, und wir werden dir dienen, so sie dich wählen. Diese Worte habe ich
geredet.«
    Darauf sagte Wladislaw: »Ich werde dir später antworten, Wratislaw. Otto,
sprich.«
    Otto sagte: »Ich rede wie Wratislaw geredet hat.«
    Dann sagte Wladislaw: »Leopold, sprich.«
    Leopold antwortete: »Ich rede wie Wratislaw.«
    Dann sagte Wladislaw: »Spitihnew, sprich.«
    Spitihnew entgegnete: »Ich rede genau so wie Wratislaw.«
    Dann sagte Wladislaw: »Wladislaw, Sohn Sobeslaws, sprich.«
    Wladislaw antwortete: »Du sagst mit Recht: Sohn Sobeslaws; darin liegt meine
Klage. Ich rede zuerst, wie Wratislaw geredet hat, und dann rede ich, wie ich
rede. In der Rede Wratislaws sage ich: Du hast uns unterdrückt und
hintangesetzt. In meiner Rede sage ich: Du hast mir den Herzogstuhl geraubt. Die
hohen und niederen Herren der Länder Böhmen und Mähren haben auf dem Tage in
Sadska meinem erhabenen Vater Sobeslaw angelobt, dass ich nach seinem Tode Herzog
sein soll, und sie haben mich als den Nachfolger Sobeslaws mit ihrem Eide
anerkannt. Dann haben sie, als mein Vater erkrankt war, ihren Eid gebrochen, und
haben dich auf dem Wysehrad zum Herzoge erkoren. Die Wahl ist nichtig gewesen.
Und als mein Vater gestorben war, haben sie dich auf den Herzogstuhl gesetzt,
und die heilige Feier ist nichtig gewesen. Ich bin der Herzog gewesen, du aber
hast die Macht gehabt, und hast sie noch. Das ist meine Rede.«
    »Habt ihr gesprochen?« fragte der Herzog Wladislaw.
    Es antwortete keiner.
    »Ist einer unter euch, der zu dem, was geredet worden ist, noch etwas hinzu
fügen will?« fragte der Herzog Wladislaw wieder.
    Es antwortete keiner von den Männern.
    »So rede ich, wie folgt«, sprach der Herzog. »Es ist wahr, was du gesagt
hast, Wratislaw, dass ich in der Jugend euer Genosse gewesen bin, und ich bin der
Genosse der jungen Söhne der hohen und mächtigen Herren gewesen, und es hat sich
auch mancher zu uns gefunden, der von keinem hohen oder mächtigen Herren der
Länder stammte. Ich wollte ein guter Genosse sein, und weil ich es wollte, liess
ich euch schalten. Es ist wahr, dass ich euern Rat befolgt habe. Ihr rietet Dinge
des Vergnügens an, und weil in den Dingen ein Vergnügen lag, so gingen wir nach
ihnen. Es ist wahr, dass ich gesagt habe: Wenn ich Herzog wäre, so würden wir
dieses oder jenes tun. Aber es ist nicht wahr, dass ich euch die Mitwirkung
versagt habe, als ich Herzog geworden war, es ist nicht wahr, dass ich die
Anliegen nicht gehört habe, es ist nicht wahr, dass ich euch unterdrückt habe, es
ist nicht wahr, dass ich die Rede und die Mitwirkung der Herren bei der
Verwaltung der Länder in die Luft gestreut habe. Es sind zu allen wichtigen
Dingen der Länder die Versammlungen des Rates berufen worden, und es ist in dem
Rate beschlossen worden, und es ist nach dem Beschlusse gehandelt worden. Viele
der Männer unserer Länder, die in diesem Saale sitzen, sind in dem Rate
gesessen. Viele sind in dem Rate gesessen, die jetzt in der Verbannung irren,
mitin zu euch gestanden sind, und manche sind in dem Rate gesessen, die auf dem
blutigen Felde der Waffen den Tod gefunden haben. Und wenn ich an dem heutigen
Tage einen Rat halte, und euch zu sprechen erlaube, und euch antworte, da alle
eure Macht und die Macht eurer Anhänger meine Macht ist, um wie viel mehr werde
ich früher des Rates der Meinigen gepflogen haben. Und das habe ich in grösserem
Masse getan als ehemalige Herzoge, von denen du gesprochen hast, Wratislaw, und
unter welchen Swatopluk mit dem Hauche seines Mundes ein ganzes Geschlecht
vertilgt hat. Ihr seid aber zu dem Rate nicht gekommen. Ihr habet nicht
Vorschläge an mich geschickt, die das Wohl des Landes betrafen. Ihr habet
Forderungen gestellt, die eure Macht und euren Reichtum vermehren sollten, und
wenn die Forderungen nicht bewilliget werden konnten, so ist auch der Grund dazu
gesagt worden. Auch solche, die in dem Rate sassen, haben Forderungen ausser dem
Rate gemacht, denen keine Statt gegeben werden konnte. Sie wollten nicht
Mitwirker des Herzoges sein, sie wollten selber der Herzog sein. Der Herzog aber
ist der Vater des Landes, und darf nicht einem Manne, wie hoch er sei, Macht und
Gut zu seiner Lust verleihen, und darf nicht seine Herzogsmacht in fremde Hände
legen.«
    »Du hast mir meinen Hof zu Chynow genommen«, rief Wratislaw.
    Der Herzog antwortete: »Wratislaw, bringe nicht einzelne Dinge in deine
Worte; über die einzelnen Dinge richten die Höfe, zu denen sie gehören. Du hast
deinen Hof zu Chynow in dem Streite um ihn durch den Spruch des Gerichtshofes
verloren.«
    »Du bist der Gerichtshof gewesen«, rief Wratislaw.
    »Das beantworte ich nicht«, sagte der Herzog, »oder ich müsste über dich ein
Gericht halten lassen, was dem sicheren Geleite zuwider wäre, das ich euch
versprochen habe.«
    »Und wenn du nicht Macht und Gut in die Hände der Fürsten der Länder und in
die Hände der hohen Diener der Länder legen wolltest«, rief Wratislaw, »so hast
du sie in die Hände geringerer Leute gelegt. Den niederen Mann Odolen, dessen
Vater nichts ist, und den Knaben Witiko, dessen Herkunft man nicht kennt, welche
beide aber bei Pilsen die hohen Sprossen des Stammes Premysl gedemütigt haben,
hast du zu Macht und Gut und Ehren erhöht, dass sie den alten treuen Lechen des
Landes ein Widerstreit sind. Odolen wird übermütig werden, und den edeln Söhnen
des Landes Ärgernis geben, und Witiko wird ein Leche werden, das Waldland, das
unter der sanften Hand der Herzoge war, als seinen Hof betrachten, der ihm
Nahrung gibt, und wird es drücken und berauben.«
    »Odolen, rede«, sagte der Herzog.
    »Ich rede nicht«, antwortete Odolen.
    »Witiko, rede«, sagte der Herzog.
    Witiko sprach: »Ich rede, weil ich allein bei Pilsen eigenmächtig gehandelt
habe, und ich rede aus Achtung vor der Abstammung von dem hochehrwürdigen
Premysl. Wratislaw, ich habe euch bei Pilsen durch einen Fehler gegen die
Oberhoheit des erlauchten Herzoges die Freiheit, die ihr vor der Überzahl
unserer Männer schon verloren hattet, gegeben, um Blutvergiessen im Kriege und
anderes Unheil zu vermeiden. Der hohe Herzog hat mir den Fehler in Gnade
verziehen. Welchen Sinn die Fürsten, die ich befreit habe, fortan gegen mich
tragen werden, das habe ich damals nicht bedacht. Ob ich das Waldland bedrücken
werde oder nicht, wird in der Zeit bekannt werden. Die Männer des Waldes sind
durch keine andere Macht mit mir in den Krieg gegangen als durch mein Wort und
ihren guten Willen gegen mich. So wird es bleiben, und sie werden eine Sache
nicht verlassen, wenn ein Unglück kömmt, wie sie von dem Berge Wysoka, auf dem
wir euch nicht besiegen konnten, nach Prag zur Verteidigung des Herzogstuhles
gegangen sind. Wer durch Zwang folgt, verlässt im Unglücke den Zwinger, wie
Tausende von Männern nach der Schlacht bei Znaim von den Mährern abgefallen
sind.«
    »Wladislaw, du hast dem Manne zu reden erlaubt, nicht ich«, sagte Wratislaw,
»ich spreche daher nur weiter zu dir. Du hast den Jüngling Welislaw als Zupan
auf den heiligen Wysehrad gesetzt, wohin ein edler gereifter Sohn des Landes
gehörte.«
    »Welislaw, rede«, sagte der Herzog.
    Welislaw antwortete: »Wie Odolen nicht geredet hat, so rede ich auch nicht.«
    »Ich aber spreche zu dir, Wratislaw«, sagte der Herzog. »Wie in allen
früheren Zeiten die Herzoge die, welche im Kriege, im Rate und in anderen
Angelegenheiten und Fährlichkeiten des Landes Dienste getan haben, belohnt
haben, so habe ich die, welche in den schweren Jahren, die jetzt vergangen sind,
ihre Taten in Blut und Gut dargebracht haben, belohnt. Es sind die Hohen und die
Niederen belohnt worden. Es ist gesetzt worden, dass Beschwerden in der Sache der
Belohnungen in die Kammer des Herzoges kommen dürfen, und dass den Beschwerden
abgeholfen werden würde, so es möglich ist. Es sind nur wenige Einwendungen
gekommen, und diese sind gehoben worden, weil auch die Belohnungen früher in dem
Rate beschlossen worden sind. Du hast wieder von einzelnen Dingen gesprochen,
Wratislaw. Alle einzelnen Dinge sind den Männern, die in diesem Saale sitzen,
bekannt. Die Forderungen, welche die Fürsten gestellt haben, sind den Männern
bekannt, und es ist vor dieser Versammlung alles, was in euern Sachen
aufgeschrieben worden ist, kund gemacht worden. Du hast Beschwerden gegen den
Herzog, weil er der Herzog ist, nicht gemacht. So frage darum ich: Habe ich
unschuldiges Blut vergossen? Habe ich einen Pfennig aus dem Lande gepresst? Habe
ich meinem Gerichtshofe die Urteile befohlen? Habe ich das Landesgut
verschleudert? Habe ich der Trägheit gepflogen? Habe ich die Diener der Kirche
und des Landes geschmälert, und gekränkt?«
    Alle schwiegen auf diese Worte des Herzoges.
    Dann sprach der Herzog Wladislaw wieder: »Weil wir die Söhne des Stammes
Premysl, welche in den Waffen gegen uns gestanden sind, eingeladen haben, zu
kommen, und ihre Klage zu sprechen, und weil sie gekommen sind, und gesprochen
haben: so sagen nun die hohen und die niederen Herren der Länder Böhmen und
Mähren, welche in diesem Saale versammelt sind, ihre Meinung über das, was
gesprochen worden ist. Otto, hochehrwürdiger Bischof von Prag, rede.«
    Otto, der Bischof von Prag, erhob sich von seinem Sitze, und sprach:
»Wladislaw, erlauchter Herzog der Länder Böhmen und Mähren, du hast einen andern
Weg nach den Herzogskämpfen der Landeskinder gegen die Landeskinder zu wandeln
beschlossen, als manche Herzoge vor dir getan haben. Die Herzoge haben ihre
Sippen, welche gegen sie die Waffen erhoben hatten, um die Nachfolge zu stören,
nach der Besiegung gestraft. Sie mussten oft an der Freiheit und oft an ihrem
Leibe büssen. Du wolltest deinen Sippen, wenn sie eine hinreichende Beschwerde
haben, Recht widerfahren lassen, und hast deine Herren der Kirche und des Landes
berufen, sie zu hören. Du hast deine Sippen berufen, und hast ihnen zugesichert,
dass sie unbeschädigt kommen und wieder gehen dürfen. Sie sind gekommen, und
haben gesprochen. Und weil ihre Beschwerden nicht hinreichend sind, so erkenne
ich, dass sie gefehlt haben, und dass sie dich in der gebührenden Art um
Verzeihung bitten sollen. Du, hoher Herr, wirst ihnen gnädig sein.«
    Nach diesen Worten setzte sich der Bischof wieder nieder.
    Der Herzog Wladislaw sprach: »Diepold, rede.«
    Diepold stand auf, und sprach: »Du bist der Herzog der beiden Länder und der
Wladyk unseres Stammes. Einige deiner Sippen haben die Waffen gegen dich
gekehrt, weil sie ihren Willen gegen den deinigen setzen wollten. Und hätten sie
sonst was immer für Beschwerden, denen man gerecht werden müsste, so ist es doch
an dem, dass sie ihres Aufruhres willen dich um Verzeihung bitten müssen. Du
wirst mild sein und nicht Rache üben.«
    Er setzte sich wieder nieder.
    Der Herzog sprach: »Heinrich, rede.«
    Heinrich sprach: »Sie haben gegen dich, den Herzog und Wladyk, Krieg
geführt, und müssen dieser Tat wegen um Verzeihung bitten. Du wirst sie ihnen
aber auch gewiss gewähren.«
    Dann sprach der Herzog: »Silvester, ich habe dich bitten lassen, zu kommen,
sage uns jetzt deine Meinung.«
    Silvester stand auf. Sein weisser Bart floss auf das Kleid seines Klosters
hernieder, und seine blauen Augen blickten auf die mährischen Fürsten, die auf
ihren Stühlen sassen. Einen Augenblick sagte er nichts. Dann aber sprach er:
»Hocherlauchter Herr, als dich die Versammlung der hohen und niederen Herren der
Länder Böhmen und Mähren auf dem Wysehrad zum Herzoge gewählt hatten, bin ich
der Meinung gewesen, dass die Wahl nicht giltig ist, und dass du der Herzog nicht
bist, weil in unseren Ländern überall kein Recht vorhanden ist, den Herzog zu
wählen, und weil die hohen und niederen Herren der Länder Böhmen und Mähren für
den Tod des Herzoges Sobeslaw schon seinen Sohn Wladislaw als seinen Nachfolger
mit ihrem Eide anerkannt hatten. Als aber Wladislaw, der Sohn Sobeslaws, sein
Recht aufgegeben und sich unter Konrad von Znaim gestellt hatte, bist du in der
Art der Herzog geworden, wie es alle vor dir seit der Aufhebung des
Altererblichkeitsgesetzes geworden sind, durch die Tatsache und die Macht. Und
es musste so sein, weil sonst so lange kein Herzog möglich wäre, als bis ein
Nachfolgegesetz gemacht wird. Alle Guten sind zu dir gegangen, und mein Sinn ist
auch bei dir gewesen. Darum meine ich, dass der Krieg deiner Sippen gegen dich,
als ihren Herzog, Aufruhr gewesen ist, und dass er Auflehnung gegen dich, als
ihren Wladyk, gewesen ist. Sie müssen daher in der Demut, die in dem Lande
gebräuchlich ist, um Verzeihung bitten. Wer deine Handlungen beobachtet hat,
weiss, was du tun wirst. Ich danke dir, hocherlauchter Herr, dass du mich gerufen
hast, meine Meinung in dieser grossen Sache vor dieser hohen Versammlung zu
sagen.«
    Nach diesen Worten setzte sich Silvester wieder auf seinen Sitz nieder.
    Hierauf sagte der Herzog: »Daniel, Propst von Prag, rede.«
    Daniel sprach: »Meine Rede ist kurz. Der Aufruhr deiner Sippen gegen dich,
den Herzog und Wladyk, ist da gewesen, und die Sippen sollen in gebräuchlicher
Art die Verzeihung erflehen.«
    Dann sagte der Herzog: »Gezo, Abt von Strahow, rede.«
    Gezo, der Abt von Strahow, aber sprach: »Ich rede, wie Daniel, der Propst
von Prag, geredet hat.«
    Und wie Gezo sprachen auch die andern Äbte und Priester.
    »Und was sprichst du, Bolemil?« fragte der Herzog.
    »Ich spreche«, antwortete Bolemil, »machet ein Herzogs-Nachfolgegesetz, und
macht Einrichtungen, dass es gehalten werden muss. Jetzt aber ist es das Recht und
der Gang der Dinge wie immer, dass deine Sippen deine Verzeihung erflehen.«
    »Und was spricht Diwis?« fragte der Herzog.
    Diwis antwortete: »Ich spreche wie Bolemil.«
    »Und was spricht Lubomir?« fragte der Herzog.
    Lubomir antwortete: »Ich spreche, dass deine Sippen, welche hier vor uns
sitzen, freventlich gegen dich im Aufruhre gewesen sind, weil in den Schriften
und in ihren Worten kein Anlass entalten ist, der sie dazu gezwungen hat. Sie
müssen dich daher um Verzeihung anflehen. Du aber, hoher Herr, sei mild, und
gewähre sie ihnen.«
    Und so wie die Männer, welche von dem Herzoge gerufen worden waren,
gesprochen hatten, so sprachen alle hohen und niederen Herren der Länder Böhmen
und Mähren, welche in dem Saale versammelt waren. Sie sagten, die Fürsten müssen
um Verzeihung bitten. So sagte jeder, und kein einziger sagte das Gegenteil.
    Als alle Männer ihr Urteil deutlich ausgesprochen hatten, sagte der Herzog:
»Ihr habt gehört, Abkömmlinge des Stammes Premysl, die ihr im Kriege gegen mich
gewesen seid, was die Herren hier gesagt haben. Ich füge nichts bei. Mit dir
aber, Wladislaw, spreche ich noch. Du hast den schwersten Vorwurf gegen mich
erhoben, des Raubes des Herzogstuhles. Dein Vater hat den Vorgang, durch den ich
Herzog wurde, begonnen. Er hat auf dem Tage in Sadska die Herren der Länder
Böhmen und Mähren veranlasst, dass sie schwuren, dich als Herzog zu erkennen,
wenn er gestorben sein würde. Er hat so fast das Recht, den Herzog zu ernennen,
in die Hände der Herren gelegt. Und die Herren haben dieses Recht gebraucht, und
haben mich zum Herzoge gewählt. Sie haben vor der Wahl gesagt, sie hätten dich
mit ihrem Eide als Nachfolger anerkannt im offenbaren Sinne, dass dein Vater noch
so lange lebe, bis du gereift, und zur Herrschaft unterrichtet bist. Als aber
dein Vater todkrank wurde, ehe sich der Sinn des Eides erfüllen konnte, war der
Eid erloschen. Die Herren wählten statt eines Jünglinges, der noch nicht
herrschen konnte, einen Mann, von dem sie vermuteten, er werde es können. Ich
zauderte vor der Wahl; aber sie sagten, es sei die Pflicht meines Herzens, dass
ich die Herrschaft nehme, und ich nahm sie. Die mich wählten, um in dem Lande
schalten zu können, sind im Irrtume gewesen. Und wenn ich damals selbst
unrechtmässig Herzog gewesen wäre, so ist dein Recht erloschen, Wladislaw, als du
dich Konrad unterworfen hattest, den die, welche an meiner Stelle nicht
herrschen konnten, zum Herzoge gewählt haben. Und ist dein Recht erloschen, so
ist das meinige auferstanden. So sind die Dinge, Wladislaw, und so hat dein
Vater ahnend vor dem Sterben gesagt: Unterwirf dich Wladislaw, Nacerat wird
gegen ihn nicht siegen.«
    »Du hast die Macht, und deine Anhänger sagen, du hast das Recht«, antwortete
Wladislaw.
    »Ich habe zu dir gesprochen«, sagte der Herzog.
    Dann rief Wratislaw: »Du hast von Schriften geredet, in denen von
Beschwerden zu lesen ist, und welche du den Herren, die hier versammelt sind,
vorgelegt hast. Wer weiss es, welche Papiere du gezeigt hast.«
    Der Herzog Wladislaw antwortete: »Wenn ich hätte ungebührlich handeln
wollen, Wratislaw, hätte ich euch nicht hieher berufen, sondern euch bloss
verfolgt.«
    »Und wenn ich zu Grunde gehen und in die Erde versinken sollte«, rief jetzt
Wratislaw mit lauter Stimme, »so werde ich nicht um Verzeihung bitten.«
    »Du hast gesprochen«, sagte der Herzog, »was reden die andern?«
    »Ich werde nicht um Verzeihung bitten«, sagte Konrad.
    »Ich werde auch nie deine Verzeihung anflehen«, sagte Otto.
    »Mir kömmt eine Bitte um Verzeihung nicht zu«, sagte Leopold.
    »Mir auch nicht«, sprach Spitihnew.
    »Und da ich zu meinem Vater nicht gesagt habe: Ich unterwerfe mich
Wladislaw, so unterwerfe ich mich auch jetzt nicht«, sagte Wladislaw, der Sohn
des vorigen Herzoges Sobeslaw.
    »Ihr habt gesprochen«, sagte der Herzog Wladislaw, »und was ihr tun werdet,
ist eure Sache. Die nicht um Verzeihung bitten, haben noch einen Monat Frist,
und dann können sie ungeschädigt dortin gehen, woher sie gekommen sind.«
    Nach diesen Worten schwieg der Herzog eine kleine Zeit, dann wendete er sich
gegen Guido, den Abgesandten des Heiligen Vaters, und sprach: »Guido,
hocherhabener Kardinal, hochehrwürdiger Abgesandter des Heiligen Vaters
Innozenz, die Söhne dieses Landes haben jetzt eine Sache dieses Landes
abgehandelt. Weil Ihr in das Land gekommen seid, zu schlichten, und zu richten,
ist es Euch genehm, einige Worte zu reden?«
    Guido antwortete: »Hocherlauchter Herzog, ich werde im Berufe meiner Sendung
meine schwachen Worte verkündigen. Konrad, Wratislaw, Otto, die ihr Macht in dem
Lande Mähren gehabt habet, ihr habt diese Macht gegen die hocherhabene Kirche
und gegen den rechtmässigen Herzog gewendet. Es sind Ärgernisse in die Seelen und
Blutvergiessen in die Leiber gekommen. Zur Milderung dient es euch, dass ihr
vielleicht nicht wusstet, wie gross die Sünde ist, die ihr begangen habt; aber so
gross ist sie, dass der hochehrwürdige Bischof von Mähren, Zdik, den Bann über das
ganze Land Mähren in Kraft seiner Apostelswürde aussprechen musste. Ihr habt aber
die Grösse eurer Sünde nicht erkannt, oder seid halsstarrig geblieben. So gross
ist die Sünde, dass der Heilige Vater den Bann nicht nur bestätigte, sondern ihn
verschärfte. Und ihr seid dennoch in der Sünde geblieben. In das dritte Jahr
liegt die Traurigkeit des Bannes auf dem unglücklichen Lande. Alle Seelen, die
nach den Labnissen des Glaubens schmachteten, alle Seelen, die in Wirrsale
gestürzt wurden, alle Seelen, die irrten, und alle Seelen, die durch den Bann
verloren gingen, schreien zu Gott dem Allmächtigen um Sühnung gegen die, welche
den Bann verschuldet haben. So gross ist die Sünde, dass der Heilige Vater in
seiner Erbarmnis eine Sendung in das Land zur Ermahnung, zur Ordnung, zur
Schlichtung, zur Sühnung beschlossen, und dass er mich geringes Werkzeug dazu
auserkoren hat, der ich aus geistlichem Gehorsame gekommen bin. Ehe ich kam, hat
Gottes Langmut euch schon einen Teil eurer Schuld büssen lassen. Ihr seid in dem
Kriege gegen euern rechtmässigen Herzog besiegt worden, habt eure Macht und eure
Bezüge verloren, und seid in dem fremden Lande in der Verbannung, oder wie
Flüchtlinge auf der heimatlichen Erde. Und doch habt ihr nicht erkannt, was
durch euch geschehen ist. Viele Mühsal und viele Worte sind dann um eurer
Erbitterung willen, um eurer Rachsucht willen, um eurer Herrschgierde willen
angewendet worden, und sind vergeblich gewesen. Jahre sind darüber hingegangen.
Endlich hat sich Gottes Güte eurer erbarmt, und hat euer Herz erweicht. Ihr und
das Volk habt geschworen, dass ihr der Kirche und euerm Bischofe die völlige
Genugtuung geben wollet. Ich bin darauf mit meinem Geleite zu Regimbert, dem
hochehrwürdigen Bischofe von Passau, gegangen, bei welchem euer Bischof Zdik
gewesen ist. Euer Bischof ist mit mir und mit meinem Geleite nach Prag gezogen.
Ihr wisset, er ist hier. Er wollte nicht unter euern Richtern sein, darum ist er
nicht in diesem Saale. Aber vor dieser hohen und ehrwürdigen Versammlung der
mächtigsten und besten Söhne der Länder Böhmen und Mähren, der höchsten Priester
und der höchsten Herren müsst ihr euern Schwur verkündigen, und vor dem
Angesichte des hochehrwürdigen Bischofes Zdik müsst ihr ihn verkündigen, wenn er
der tiefe, der ernste, der heilige Schwur ist.«
    »Ich habe nie einen Schwur gebrochen«, rief Wratislaw.
    »Ich auch nicht«, rief Konrad.
    Und so riefen auch die andern.
    »Weil es so ist«, sagte der Kardinal Guido, »so werdet ihr es der
Versammlung und dem Bischofe sagen, dass ihr auf das Kreuz des Heilandes
geschworen habt, der Kirche und dem Bischofe von Mähren die völlige Genugtuung
zu leisten. Und ich bitte dich, Konrad, rede.«
    Konrad stand auf, und sprach: »Weil Ihr bittet, hocherhabener Kardinal, so
sage ich: Ich habe auf das Kreuz des Heilandes geschworen, der Kirche und dem
Bischofe von Mähren die völlige Genugtuung zu leisten.«
    Dann sprach Guido: »Ich bitte dich, Wratislaw, rede.«
    Wratislaw stand auf, und sprach: »Wenn Ihr nicht eine Bitte getan hättet,
hocherhabener Kardinal, hätte ich nicht geredet, so aber sage ich: Ich habe auf
das Kreuz des Heilandes geschworen, der Kirche und dem Bischofe von Mähren die
völlige Genugtuung zu leisten.«
    Dann sprach Guido: »Ich bitte dich, Otto, rede nun auch du.«
    Otto stand auf, und sprach: »Aus dem Grunde Eurer Bitte, hocherhabener
Kardinal, sage ich: Ich habe auf das Kreuz des Heilandes geschworen, der Kirche
und dem Bischofe von Mähren die völlige Genugtuung zu leisten.«
    »Ihr habt nun vor dieser hohen Versammlung gesprochen«, sagte der Kardinal
Guido, »es ist nun übrig, dass ihr auch in der Versammlung vor dem
hochehrwürdigen Bischofe sprecht, und ich bitte euch darum.«
    »Weil ich schon geschworen habe, so bin ich der Mann, dass ich es sage«,
sprach Wratislaw.
    »Ich rede auch so«, sprach Konrad.
    »Und meine Worte sind die nämlichen«, sprach Otto.
    Nachdem die Fürsten von Mähren diese Worte gesprochen hatten, wurden die
Flügel einer Tür geöffnet, und im Geleite mehrerer Priester ging Zdik, der
Bischof von Olmütz, in seinem bischöflichen Gewande und mit dem goldenen Kreuze
in den Saal. Er setzte sich auf einen Stuhl, der neben Otto, dem Bischofe von
Prag, für ihn in Bereitschaft stand.
    Als dieses geschehen war, sprach Guido, der Kardinal: »Zdik, hochehrwürdiger
Bischof von Olmütz, Bischof des Landes Mähren, die Sprossen des hohen Stammes
Premysl, welche gegen die Kirche in Mähren und gegen dich gefehlt haben, sind
des Fehls geständig und reuig, und haben auf das Kreuz des Heilandes geschworen,
der Kirche und dir die völlige Genugtuung zu leisten. Ist es nicht so? Ich bitte
dich, Konrad, rede.«
    »Es ist so«, sagte Konrad.
    »Ich bitte dich, Wratislaw, sprich«, sagte Guido.
    »Es ist so«, sprach Wratislaw.
    »Ich bitte dich, Otto, rede«, sagte Guido.
    »Es ist so«, sagte Otto.
    Dann sprach Guido, der Kardinal: »Leopold, Spitihnew, Wladislaw, ihr seid
nicht mit einem grossen Länderbesitze in Mähren sesshaft gewesen, und habt der
Kirche und dem hochehrwürdigen Bischofe nicht Einkünfte, Pfründen und Güter
entzogen; aber ihr habt sonst gegen die Kirche und gegen den hochehrwürdigen
Bischof gefehlt, und habt auf das Kreuz des Heilandes den Schwur abgelegt, jede
christliche Genugtuung, die nötig ist, der Kirche und dem Bischofe zu leisten.
Ich bitte euch, saget dem hochehrwürdigen Bischofe vor dieser hohen Versammlung,
dass ihr so geschworen habt.«
    »Ich habe so geschworen«, sagte Leopold.
    »Ich habe so geschworen«, sagte Spitihnew.
    »Ich habe so geschworen«, sagte Wladislaw.
    Darauf sprach Guido: »Und was ihr alle geschworen habt, wird geschehen. Der
hochehrwürdige Bischof wird in das Land Mähren zurückkehren, ich werde in seinem
Geleite sein, und die Genugtuung wird vollzogen werden.«
    Nach diesen Worten stand Zdik, der Bischof von Olmütz, auf, und sprach: »Ich
werde in Ehrerbietung, hocherhabener Kardinal, wenn Ihr wieder mein Kirchenland
besuchen wollet, ein Diener in Euerm Gefolge sein. Und wenn die Genugtuung
geschehen ist, Söhne des Stammes Premysls, so soll das Vergangene vergessen
sein, ich werde mit denen, die im Lande sind, in christlicher Demut leben, und
die nicht in dem Lande sind, werde ich segnen, und werde für sie beten.«
    Er setzte sich dann wieder auf seinen Stuhl nieder.
    Darauf sprach Guido, der Kardinal: »Und nun höret mich weiter, Sprossen des
Geschlechtes Premysl. Ich rede jetzt als Christ, ich rede als Priester, ich rede
als Abgesandter des Stuhles der Menschheit, und ich rede mit der Zunge der
Barmherzigkeit des Heiligen Vaters. Und was ich sage, gilt, welchem Lande ich
immer angehöre, und welchem Lande ihr angehöret. Wenn ihr durch Reue, Busse und
Genugtuung euch mit der Kirche und dem Bischofe von Mähren ausgesöhnt habt, so
ist eure Sünde noch nicht getilgt. Ihr habt auch gegen euren rechtmässigen Herrn,
den Herzog von Böhmen und Mähren, gefehlt, da ihr mit den Waffen gegen ihn
gestanden seid, da ihr das Blut der Seinen vergossen habt, und da ihr ihn
gezwungen habt, das Blut der Eurigen zu vergiessen. Ihr habt eine schwere Sünde
gegen den heiligen Glauben begangen, der sagt, dass ihr der Obrigkeit gehorchen
sollet, und der sagt, dass ihr nicht töten sollet. Ihr habet die Sünde der
hoffärtigen Engel begangen, ihr habet die Sünde Kains begangen. Und wie heilig
und wie gross der Glaube ist, gegen den ihr gesündiget habt, soll ich euch das
sagen? Haben es nicht die weisesten Männer aller Länder, haben es nicht die
Männer, die wie eine Sonne unter den Völkern leuchteten, haben es nicht die
Männer, welche von der ganzen Menschheit verehrt wurden, gezeigt? Haben sie
nicht mit ihrem Leben nach dem Glauben gerungen, durch den der Mensch zu Gott
gelangt, und ohne den er nichts ist? Ich rede nicht von den Apostelmännern
Cyrillus und Metodius und ihren unsäglichen und unablässigen Bemühungen, mit
denen sie bestrebt waren, dem Lande Mähren den Glauben zu geben, ich rede nicht
von den tausend Martyrern, die in allen Teilen der Welt zu allen Zeiten für den
Glauben gestorben sind, ich rede von den Heiligen des Landes Böhmen und von
Männern des Landes Böhmen. Der heilige Wenzel, Herzog von Böhmen, baute die
Kirche des heiligen Veit, und legte in sie einen Arm des heiligen Veit nieder,
er gründete andere Kirchen, er tat demütig Dienste bei den gottesdienstlichen
Handlungen, er betete in härenem Gewande, er fastete, und gab Almosen, und starb
den Tod des Martyrers für den Glauben. Der heilige Adalbert ging in geringen
Gewändern, und ass und trank nur zur Notdurft, und verwendete seinen Reichtum für
den Glauben, er lebte nach den Vorschriften des Glaubens, und gab den Armen
einen Teil seiner Einkünfte. An jedem Feiertage gab er den Bettlern grosse
Almosen, an jedem Tage hatte er zwölf Arme bei sich, denen er in Erinnerung an
die zwölf Apostel Speise und Trank reichte. Er ging in Mühsal in fremde Länder,
den Glauben zu predigen, und litt dort den Tod für den Glauben. Und wie hoch
haben die Menschen den heiligen Adalbert geehrt. Da der Fürst Bretislaw vor mehr
als hundert Jahren von dem Kriege gegen Polen mit seinem Heere zurückkehrte, und
die Nachricht sich erhob, dass er den Leichnam des heiligen Adalbert aus der
Stadt Gnesen, dem Sitze der polnischen Fürsten, bringe, zog die ganze
Priesterschaft von Prag und alles Volk dem Heere entgegen, dass das breite Feld
am Bache Rokytnice die Menge der Menschen nicht fasste. Dann trugen der Herzog
Bretislaw und der Bischof von Prag auf ihren Schultern den Schrein, in welchem
der Leichnam des heiligen Adalbert war. Nach ihnen kamen die Äbte, und trugen
die irdischen Überreste der fünf heiligen Einsiedler, die zur Zeit des
polnischen Boleslaw den Martyrertod erlitten hatten. Dann trugen Erzpriester der
Kirche von Prag den Leichnam Radims, des Bruders des heiligen Adalbert, welcher
der erste Erzbischof von Gnesen gewesen war. Dann kamen die Kleinode, die zu
Adalberts Grab gehört hatten, das hinter dem Altare der Kirche zu Gnesen gewesen
war. Zwölf Priester trugen das goldene Kreuz, das der polnische Boleslaw hatte
machen lassen, dreimal so schwer als er selber. Dann wurden drei goldene Tafeln
getragen, die den Altar in Gnesen umgeben hatten, davon die grösste dreihundert
Pfund wog, und mit edlen Steinen besetzt war. Dann kam das Heer, und es kamen
alle Menschen. Zuletzt gingen hundert Wägen, welche die Beute führten, und es
gingen die Gefangenen. Sie gingen zuletzt, weil sie nicht zu der Verherrlichung
Adalberts gehörten. Prag hat nie einen solchen Tag gesehen. Ich spreche weiter
von andern Männern. Der Bischof Izzo besuchte eifrig die Gefangenen und Kranken,
und speisete täglich vierzig Arme, denen er den Tisch segnete, und denen er die
Speisen und Getränke austeilte. Der Herzog Spitihnew wohnte in der Fastenzeit in
dem Priesterhause zu Prag, in ein Priestergewand gekleidet. Er schwieg von der
ersten Abendstunde bis zu der ersten Morgenstunde, er brachte den Vormittag in
geistlichen Dingen, beim Gottesdienste, in Almosengeben, in Wachen und Beten zu,
und erst nach dem Mittagmahle übte er die weltlichen Geschäfte. Der Bischof
Jaromir ging in der Fastenzeit in jeder Nacht in grobe Leinwand gekleidet in die
Kirche, und betete dort auf dem Pflaster. Und in jeder Nacht teilte er vor den
Psalmen und nach den Psalmen, und nach der Frühmesse, die noch in der Nacht war,
vierzig Laibe Brod und vierzig Heringe aus, und bei der Morgendämmerung wusch er
zwölf Pilgern die Füsse, und gab jedem einen Denar, und am Mittage ass er mit
vierzig Armen. Und zu jeder andern Zeit des ganzen Jahres wurden täglich vierzig
Arme in dem bischöflichen Hause gespeiset, und zweimal im Jahre gekleidet. Der
Herzog Sobeslaw und seine Gattin Adelheid stifteten und hielten noch bei der
Zeit ihres Lebens ihr Totenjahresgedächtnis. Es wurde eine Woche von
Allerheiligen an mit Gottesdienst, Beten, Fasten, Almosen von dem Herzoge und
der Herzogin und den Priestern und Nonnen Prags gefeiert, und am letzten Tage
hielt der Herzog mit den Priestern ein festliches Mahl in dem Priesterhause des
Wysehrad. Soll ich euch noch sagen, was die erlauchten Herzoge von Böhmen und
Mähren für den Glauben und die Kirche gestiftet und getan haben? Ihr wisset
dieses alles ohnehin. So hoch haben solche Männer den Glauben geachtet. Du,
Wratislaw, wirst in dieser Welt nicht zu Grunde gehen, und wirst nicht in die
Erde versinken, wenn du für die Sünde gegen den Herzog nicht Busse tust; aber du
wirst in jener Welt ewig verdammt sein. Und wie die Freude kein Auge gesehen,
und kein Ohr gehöret, und wie sie in keines Menschen Herz gekommen ist, die Gott
denen bereitet hat, die ihn lieben: so hat die Strafe kein Auge gesehen, kein
Ohr gehöret, und sie ist in keines Menschen Herz gekommen, welche die trifft,
die seine Gebote verachten. Und von allem Fehler muss man sich reinigen, zur
Zerknirschung, zur Reue, zur Busse, zur Genugtuung muss man kommen, wenn man zu
dem Vater in dem Himmel eingehen will. Der Heiland hat gesagt: Ich bin
sanftmütig und von Herzen demütig. Der Heiland hat gesagt: Wer in das
Himmelreich eingehen will, nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir nach. Der
Heiland hat gesagt: Wenn ihr nicht unschuldig werdet wie diese Kleinen, werdet
ihr nicht in das Himmelreich eingehen. Nicht nur um Verzeihung musst du wegen der
Sünde gegen den Herzog bitten, Wratislaw, du musst Reue fühlen, du musst Busse
üben, du musst Genugtuung leisten, und musst alles das Gott opfern in der Liebe zu
Gott. So habe ich zu dir gesprochen, so habe ich zu denen gesprochen, die gegen
den Herzog gesündiget haben. Bedenket es, und denkt an den Glauben.«
    Nach diesen Worten schwiegen alle in der Versammlung, und es schwiegen die
Abkömmlinge Premysls, an welche die Worte gerichtet gewesen waren.
    Nach einer Zeit sprach der Herzog: »Hocherhabener Kardinal, Ihr habt geredet
in den Sachen des heilgen Glaubens, und für den heiligen Glauben. Wir haben
gehöret. Und wie wir Euch danken für alles, was Ihr schon in unseren Ländern
geredet und getan habt, und wie wir auch danken werden für das, was Ihr noch
reden und tun werdet: so danken wir Euch für diese Worte.«
    Otto, der Bischof von Prag, stand auf, und sprach: »Wir danken demütig und
ehrerbietig dem hocherhabenen Kardinale, dem Abgesandten des Heiligen Vaters.«
    Und alle Männer in der Versammlung erhoben sich, und sagten: »Wir danken
demütig und ehrerbietig dem hocherhabenen Kardinale, dem Abgesandten des
Heiligen Vaters.«
    Der Herzog sprach hierauf: »Und nun rede ich zu euch, ihr hohen Herren der
Kirche, Priester der Kirche, Sprossen Premysls, hohe und niedere Herren der
Länder Böhmen und Mähren. Weil wir zu Ende geführt haben, weshalb wir in diesem
Saale versammelt waren, so danke ich euch, und verabschiede euch. Und wenn
kleinere Rattage sind, so werden wir in dieser Zahl, und noch um Tausende
vermehrt zusammen kommen, wenn die Kirche des heiligen Veit eingeweiht wird, die
hergestellt ist, und in der der Gottesdienst beginnt. Und so gehabt euch wohl.«
    Die Versammelten blieben noch sitzen.
    Dann stand Guido, der Kardinal, auf, und sagte zu dem Herzoge Wladislaw:
»Sei gesegnet, Sohn der Kirche.«
    Wladislaw stand auf, und entblösste sein Haupt.
    Dann sprach Guido, der Kardinal, zu den Versammelten: »Seid gesegnet, Söhne
unseres Glaubens.«
    Die Versammelten standen alle auf, und entblössten ihre Häupter.
    Dann sagten der Herzog und der Kardinal einander die Abschiedsgrüsse, und
jeder von ihnen ging mit seinem Gefolge bei einer andern Tür hinaus.
    Die Männer, welche versammelt gewesen waren, zerstreuten sich jetzt auch von
ihren Sitzen, und verliessen den Saal.
    Die mährischen Fürsten gingen auch bei einer Tür hinaus.
    Von dem Tage an waren nun viele Versammlungen der hohen Herren der Kirche,
zu denen auch Räte und Hofherren des Herzoges und Lechen und Herren des Landes
geladen wurden. Es war an dem, dass kein Priester fortan mehr in der Ehe leben
sollte, und der eine Gattin hatte, sollte sich von ihr trennen, oder seine Würde
verlassen. Dann sollten die beiden Bischoftümer Böhmen und Mähren in einzelne
ständige Pfarreien eingeteilt werden, und jeder Priester sollte die Weihe nur
für eine voraus besagte Pfarre erhalten. Die heidnischen heiligen Haine und
Bäume, Feste auf den Gräbern, Wahrsagerei und Zauberei sollten aufhören, und es
sollten die christlichen Sonntäge und Feiertäge und Festtäge gehalten werden.
Guido beriet mit den Kirchenherren die Mittel dazu. Es kamen nun aus vielen
Gegenden Pfarrer und Priester, und selbst solche, die nur unvollkommene Weihen
erhalten hatten, und der Kardinal Guido sprach mit einem jeden von ihnen. Er
liess auch manche berufen.
    Zu dem Rate über das mittägliche Waldland wurde auch Witiko, und es wurden
die anderen Herren und Männer des Waldes geladen. Als Witiko gefragt wurde, wie
es in dem Walde sei, sprach er: »Hocherhabner Herr Kardinal, erlauchter Herzog,
hohe Herren der Kirche, und Herren des Landes. Was ich sage, habe ich selber
erfahren, und es hat mir ein frommer Priester, Benno von Pric, der mein gütiger
Lehrer und Erzieher war, davon erzählt. In dem Walde an der jungen Moldau ist
das Christentum viel früher gewesen als in den andern Teilen des Landes.
Gotterfüllte Einsiedler haben hin und hin in dem Walde gelebt, und haben die
Andacht des Glaubens geübt. Ihr Glöcklein und die Sage von ihnen rief Menschen
herbei, und diese beteten mit, und wurden in dem Glauben belehrt, und breiteten
ihn aus. Und aus mancher Siedelei ist eine Kirche geworden. Bei jeder Kirche und
bei jedem Kirchlein, wenn es auch nur von Holz ist, besteht ein ständiger
Pfarrer. Und da die ersten Priester die Siedler gewesen sind, so hat nach ihrem
Brauche keiner, der auf sie gefolgt ist, ein Weib genommen. In der sehr alten
Zeit aber, da noch das Heidentum in all den Ländern um uns gewaltet hat, da ist
der Wald an der jungen Moldau so gross und so unwirtlich gewesen, dass keine
Menschen in ihm gewohnt haben. Es sind also dort wenige Heiden gewesen, und
wenige Gewohnheiten aus dem Heidentume übrig geblieben. Die Pfarrer streben, sie
auszurotten, da sie dieselben verbieten, und mit kirchlichen Strafen belegen,
und da sie die Kinder belehren, dass mit den alten Leuten die Gewohnheiten
aussterben. Und wir alle sollten, wie wir es verstehen, mit den Pfarrern dazu
wirken. Und die Herren im Walde tun es auch, und ich werde es tun. Die Kirchen
sind noch sehr weit von einander entfernt; es werden aber neue, wo Menschen an
einer Stelle sich mehren, und ich werde im Walde bei meinem Hause eine Kirche
errichten, sobald ich es tun kann.«
    Was Witiko gesagt hatte, sagten auch Rowno und Diet und Hermann und die
andern. Und der Zupan Lubomir sprach auch so, der einen Teil des Waldes
beherrschte.
    Und nach den Sachen des Glaubens sollten auch noch Dinge über die
Besitztümer der Kirche oder Streitigkeiten darüber geschlichtet werden,
insonderheit der alte Streit zwischen den Bischöfen von Prag und Olmütz über
Podiwin.
    Guido hatte manche Zusammenkünfte mit den mährischen Fürsten.
    Öfter war auch Rat bei dem Herzoge.
    Als vierzehn Tage seit der grossen Versammlung vergangen waren, geschah die
Einweihung der Kirche des heiligen Veit.
    Der Herzog Wladislaw kam an dem Festtage mit dem Gefolge aller seiner
Hofherren und der Lechen und Führer und Herren der Länder Böhmen und Mähren vor
die Kirche. Die Herzogin kam mit ihren Frauen. Guido kam mit seinem Geleite. Es
kamen Otto, der Bischof von Prag, Zdik, der Bischof von Olmütz, und Daniel, der
Propst, und die Erzpriester und Priester von Prag und die Äbte der Klöster, und
die Nonnen, und die Pröpste und Priester und Pfarrer aus vielen Teilen der
Länder, und selbst aus der Fremde. Es kam ein Teil der Krieger Wladislaws, und
es kam unzähliges Volk. Mehr als tausend Scharen von Menschen sind von allen
Seiten der Länder Böhmen und Mähren zu dem Feste der heiligen Kirche Böhmens
gekommen. Die Herbergen hatten sie nicht gefasst, und sie lagerten unter dem
freien Himmel.
    Auf einem Platze abseits der Kirche, der mit unbehauenen Schranken umgeben
war, knieeten mit entblösstem Haupte, mit blossen Armen, mit nackten Füssen und in
Gewänder von grober Leinwand gekleidet, Konrad, Wratislaw, Otto, Leopold,
Spitihnew und Wladislaw, die Sprossen aus dem Stamme Premysls.
    Die Weihe der äusseren Teile der Kirche wurde begonnen.
    Alle, die vor ihr waren, knieeten in Andacht auf die Erde nieder. Es knieete
der Herzog mit den Seinigen, die Herzogin mit den Frauen, alle Priester, die
nicht bei der heiligen Handlung mitwirkten, und alle anderen. Es war der ganze
Berg mit knienden Menschen voll.
    Unter den Frauen der Herzogin knieete Dimut, und betete. Sie war in ein
schwarzes Gewand gekleidet, und ihre Augen waren gegen die Erde gewendet.
    Da die Heiligung vor der Kirche vollendet war, wurden ihre Tore geöffnet,
und die Priester und der Herzog und die Herzogin und die Hofherren und die
Herren der Länder und Krieger und Volk gingen in dieselbe.
    Die mährischen Fürsten blieben auf ihrem Platze knien, da sie nicht in die
Kirche gehen durften, weil sie in dem Banne waren.
    In der Kirche wurde die Weihe ihrer inneren Teile begonnen, und dann war ein
feierlicher Gottesdienst. Nie waren so viele und so hohe Kirchenherren bei einem
Feste zugegen. Die Kirche war mit Menschen erfüllt. Und die Menschen vor der
Kirche knieeten dicht an einander, und weit über den Berg knieten sie, und
manche warfen sich auf die Erde, und beteten und weinten.
    Als die Feier in der Kirche vollendet war, ging der Zug des Herzogs, der
Herzogin, des Hofes, der kirchlichen Herren und der Herren der Länder wieder aus
der Kirche.
    Da der Zug an den mährischen Fürsten vorüber ging, lagen diese mit ihren
Angesichtern auf der Erde. Manche Menschen, die vorüber gingen, weinten.
    Die Herzogin Gertrud sagte zu ihren Frauen: »Das sind Sprossen des ersten
Geschlechtes des Landes.«
    Dimut antwortete darauf: »Gott ist allmächtig und herrlich. Er hat mir die
Worte eingegeben, die ich im Kampfe gesagt habe: Unsere Heiligtümer sind nicht
verloren, wir werden sie wieder aufbauen, und sie werden schöner sein als
früher, und hilfreich und gnadenreich. Und die an ihnen gefrevelt haben, werden
mit zerrauften Haaren und mit entblösstem Armen auf der Erde liegen, und den
Himmel um Barmherzigkeit anflehen. Und so ist es in Erfüllung gegangen.«
    Der Herzog, die Männer der Kirche und des Landes, die Krieger und andere
gingen an den Fürsten vorüber.
    Dann verfloss eine Stunde.
    Nach derselben sass der Herzog Wladislaw in dem Schmucke des herzoglichen
Gewandes mit Kleinodien und Gold und Edelsteinen geziert auf dem Herzogstuhle
vor der Hofburg. Der Kardinal Guido sass auf einem Trone, der für ihn errichtet
worden war. Die Bischöfe, Äbte, Erzpriester, Pröpste und Priester und die
Hofherren und die Lechen der Länder und die Führer des Heeres und Wladyken und
Herren der Zupen standen um den Herzogstuhl und um den Tron, und hinter ihnen
rings um sie war Volk, dass ein Mensch an den andern festgedrückt war. Die
Herzogin sass in ihrem Schmucke mit ihren Frauen auf dem Söller, und auf anderen
Söllern waren andere hohe Frauen mit ihren Gefolgen.
    Es wurde nun mit Mühe in der Menge der Menschen eine Gasse gemacht, und
durch diese Gasse gingen die mährischen Fürsten vor den Herzogstuhl. An den
Seiten jedes Fürsten gingen zwei Männer, und hielten zwei Schwerter über dem
blossen Haupte des Fürsten gekreuzt. Als die Fürsten auf den freien Raum vor dem
Herzogstuhle gekommen waren, knieeten sie in den Sand nieder, und hoben die
Hände der nackten Arme aus der groben Leinwand empor. Die gekreuzten Schwerter
wurden über ihren Häuptern gehalten.
    Die Menschen waren alle still.
    Da rief Konrad die Worte: »Ich, Konrad, der Sohn Liutolds, aus dem Stamme
Premysl, bereue die Sünde, welche ich durch den Kampf gegen den rechtmässigen
Herzog von Böhmen und Mähren, Wladislaw, begangen habe, ich tue Busse, will
Genugtuung leisten, und bitte den hocherlauchten Herzog und Herren des Stammes,
dass er mir verzeihe, wie mir Gott verzeihen möge.«
    Dann rief Wratislaw: »Ich, Wratislaw, der Sohn Ulrichs, aus dem Stamme
Premysl, bereue die Sünde, welche ich durch den Kampf gegen den rechtmässigen
Herzog von Böhmen und Mähren, Wladislaw, begangen habe, ich tue Busse, will
Genugtuung leisten, und bitte den hocherlauchten Herzog und Herren des Stammes,
dass er mir verzeihe, wie mir Gott verzeihen möge.«
    Und Otto, und Leopold, und Spitihnew und Wladislaw riefen nach einander die
nämlichen Worte.
    Als sie geendigt hatten, schwieg der Herzog eine kleine Zeit, und das Volk
sah auf ihn.
    Da öffnete er den Mund, und rief: »Entfernet die Schwerter.«
    Die Schwerter wurden entfernt.
    Dann rief der Herzog: »Stehet auf.«
    Die Fürsten erhoben sich, und standen aus dem Sande auf.
    Dann rief der Herzog: »Empfindet die Reue, tut Busse, und leistet Genugtuung
vor Gott dem Richter, und er wird euch durch den Mund der Kirche verzeihen. Ich
verzeihe euch, und verlange keine andere Genugtuung als künftig Treue gegen
mich. Konrad, ich setze dich in dein Besitztum Znaim mit allen Gebühren und
Bezügen wieder ein, wie es vor dem Kriege gewesen ist. Wratislaw, ich setze dich
in dein Besitztum Brünn mit allen Gebühren und Bezügen wieder ein, wie es vor
dem Kriege gewesen ist. Otto, ich setze dich in dein Besitztum Olmütz mit allen
Gebühren und Bezügen wieder ein, wie es vor dem Kriege gewesen ist. Leopold,
Spitihnew und Wladislaw, ich setze euch in alle eure Bezüge und Gebühren wieder
ein, wie sie vor dem Kriege gewesen sind, und will sie vermehren. Jetzt geht in
eure Herbergen, kommt dann wieder, und teilt heute mein Brod mit mir an meinem
Tische.«
    Und wie es stille gewesen war, dass man die Worte aus dem Munde des Herzoges
wie eine Glocke in klarer Luft vernommen hatte, so wurde jetzt ein Schrei, der
durch die Wolken des Himmels drang. Nach dem Schrei kamen die Worte: »Heil,
Segen, Glück, Freude Wladislaw, dem guten Herzoge.«
    »Wladislaw, dem guten Herzoge«, tönte es immer fort, und »Glück«, »Segen«,
»Heil« tönte es fort.
    Frauen und Mädchen aus dem Volke lösten Schleifen oder Blumen aus ihren
Gewändern, liessen sie durch Männer vorwärts geben, und vor den Herzogstuhl zu
den Füssen des Herzoges werfen. Männer nahmen nun Federn oder Bänder oder anderen
Schmuck von ihren Hauben und liessen sie auch vor die Füsse des Herzoges legen.
    Der Herzog winkte mit der Hand, und dankte mit der Hand.
    Dann erst konnten die Fürsten reden.
    Konrad sprach: »Ich hoffe, dass mir Gott verzeihen wird, ich danke dir,
hocherlauchter Herzog, für deine Verzeihung, und ich werde dir treu sein, so
lange ich lebe.«
    Wratislaw rief: »Gott wird mir vergeben, wie mir der hohe Herzog vergeben
hat, dem ich treu sein werde durch mein ganzes Leben.«
    Und solche Worte riefen die übrigen Fürsten einer nach dem andern.
    Dann tönte wieder ein Rufen des Volkes.
    Dann sagte Wladislaw: »Seid treu, und wir gedenken alle in der Zukunft des
heutigen Tages.«
    Die Fürsten wendeten sich zum Gehen. Das Volk machte ihnen eine Gasse. Sie
gingen in dieselbe, die Gasse schloss sich hinter ihnen wieder, und sie waren
nicht mehr zu sehen.
    Der Herzog stieg von dem Herzogstuhle, so stieg auch Guido von dem Trone,
und beide und alle hohen und niederen Herren der Kirche und der Länder gingen
der Hofburg zu. Da der Zug sich gegen die Burg bewegte, stimmte das Volk das
Landeslied an, und der Gesang dauerte noch fort, da der Zug schon in die Burg
eingegangen war.
    Die Menschen zerstreuten sich. Viele gingen in die Kirche des heiligen Veit,
die Kirche leerte sich nicht; wenn einige gingen, kamen wieder andere. Aus der
Hofburg kam ein Mann, die Schleifen, die Bänder, die Sträusse, die Zierden, die
man vor den Herzogstuhl geworfen hatte, zu sammeln, und in die Burg zu tragen.
    Als der Mittag gekommen war, wurde ein Mahl in dem Herzoghofe gehalten. Die
Zahl der Gäste war so gross, dass in dem Saale und in vielen Gemächern die Tische
standen. Die Herren der Kirche waren in ihrer höchsten Zierde bei dem Mahle. Der
Herzog und die hohen und niederen Herren der Länder hatten ihren grössten
Schmuck, und die Frauen und Jungfrauen prangten in den auserlesensten Gewändern
und Kleinodien. Die Fürsten von Mähren sassen in Sammet und Seide, in Gold und
Edelsteinen in der Nähe des Herzoges auf Ehrenplätzen. Posaunen und Flöten und
Pfeifen erschallten zuweilen von den inneren Söllern, und zuweilen tönten von
aussen herein Gesänge.
    Als das Mahl geendiget war, versammelten sich die Gäste in verschiedenen
Abteilungen und sprachen mit einander, oder sie wandelten redend in
verschiedenen Richtungen in den Gemächern.
    Wratislaw kam mit dem Herzoge gegen Witiko, reichte ihm die Hand, und sagte:
»Witiko, dass du uns verächtlich entrinnen liessest, hat mich mehr gekränkt als
die tollen Worte des wilden Odolen. Rede nicht, du hast klug und rechtlich
gehandelt. Wir haben Konrad geraten, die Belagerung aufzugeben. Wenn du ein
Leche wirst, wie ich sagte, so wünsche ich dir alles Glück, du wirst ein
hochgesinnter.«
    »Witiko«, sprach der Herzog, »der Bund ist grösser geworden, wie du in dem
Lager in meinem Zelte damals zu mir geredet hast. Und dir, Wratislaw, sage ich,
dass er mir an jenem Abende gestanden hat, dass er auch die Söhne Premysls vor
Rache und Unbill habe sichern wollen.«
    »Ich wusste es«, sagte Wratislaw, »und wenn uns Demütigung wurde, so haben
wir die Demütigung gesucht. Wir konnten auf Feinde treffen, die anders gewesen
wären. Wenn du nach Brünn kommst, so stehen dir die Tore der Burg offen, und es
wird sie ehren, wenn du eingehst.«
    »Und wenn wir alle, die jetzt vereint sind, in deine Nadelwälder jagen
kommen, wie wir bei Chynow versprochen haben«, sagte der Herzog, »so wirst du
uns Herberge und Bewirtung geben.«
    »Ich kann auch ein Stücklein Brod und ein Plätzchen in dem Hause geben, das
ich durch deine Gnade habe, hocherlauchter Herzog Wladislaw«, antwortete Witiko.
»Und was ich getan habe, erlauchter Herzog Wratislaw, das habe ich getan, weil
es so in meinen Sinn geflogen ist. Wenn ich nach Brünn komme, werde ich nicht
versäumen, dir meinen Ehrfurchtsgruss zu bringen.«
    »Alle Menschen handeln, wie es in ihren Sinn fliegt«, sagte der Herzog,
»aber die Sinne sind verschieden. Wir werden einmal mit Absicht nach Brünn
gehen, und dann gehst du mit, Witiko; aber nimm ein anderes Tier, als das nur im
Schritt geht.«
    »Einmal ist es schneller gewesen«, sagte Witiko.
    »Von dem reden wir jetzt nicht mehr«, sagte der Herzog.
    Da sie noch sprachen, kamen auch Otto und Wladislaw herzu, und sprachen mit.
Sie wendeten sich dann gegen Witiko, und dankten ihm, wie er bei Pilsen gegen
sie gewesen ist, und Wladislaw dankte ihm, dass er ihn gegen Odolen geschützt
habe.
    Der Herzog und die Fürsten trennten sich nach diesem Gespräche von Witiko.
    Nach einer Zeit kam Zdik, der Bischof von Olmütz, zu Witiko und sagte:
»Edler Waldherr, du suchest ja deine Freunde nicht, sie suchen dich. Erinnerst
du dich noch, wie Regimbert, der Bischof von Passau, gesagt hat: Die Wilden
werden Lämmer werden? Seine Worte sind in Erfüllung gegangen. Aber es ist ein
starker Hirte gewesen, vor dem sie Lämmer geworden sind. Guido hat mehrere Jahre
mit Mühsal gearbeitet. Die Söhne Premysls haben heute einen Sieg errungen, der
der grösste ist, den sie erringen können, und den ein Mensch erringen kann. Das
Volk und alles Land hat gesehen, dass ein Herr in dem Himmel ist, und die Erde
Staub, in den er den Sünder wirft. Und das Volk und alles Land hat gesehen, dass
ein Herr in dem Himmel ist, der den Sünder, wenn er Busse getan hat, erhebt; er
hat ihm durch die Kirche verkündigt, dass ihm verziehen ist, und er hat das Herz
des Herzogs Wladislaw erweicht, dass er das Unrecht vergessen musste.«
    »Die Fürsten werden jetzt wohl treu sein«, sagte Witiko.
    »Sie werden treu sein«, antwortete Zdik. »Sie haben bereut, und haben den
Brauch der Kirche und des Landes auf sich genommen. Und wenn sie ihre Reue
vergessen sollten, so ist die Macht des Herzoges Wladislaw jetzt schon zu gross,
und sie wird noch grösser werden, als dass sie etwas gegen sie ersinnen könnten.«
    »Der Herzog Wladislaw hat jetzt den freien Weg vor sich«, sagte Witiko.
    »Das Unglück, welches der hochehrwürdige Bischof Silvester geahnt hat«,
erwiderte Zdik, »und von welchem der edle Leche Bolemil gesprochen hat, ist
eingetroffen, und ist überwunden worden. Jetzt wird das Gute kommen, welches die
voraus gesehen haben, die deshalb die Wahl Wladislaws gefördert haben.«
    »Er übt Gerechtigkeit, und ist gut«, sagte Witiko.
    »Wir wissen alle noch nicht, was werden wird«, sagte Zdik; »aber es wird
etwas werden. Er wird den Glauben schützen, er wird die Bösen niederhalten, wird
sorgen, dass alle ihren Bedarf stillen können, und wird unser Ansehen mit dem
Ansehen anderer Länder verknüpfen.«
    »Er wird unser Ansehen in ferne Reiche tragen«, sprach Witiko.
    »Auch das kann geschehen«, antwortete Zdik, »und möge ihm dann Treue und
Freudigkeit der Seinen zur Seite stehen.«
    »Er ruft die Treue und Freudigkeit hervor«, sagte Witiko, »und sie werden
ihm in der Zeit nicht fehlen.«
    »So ist es«, entgegnete Zdik. »Witiko, der hocherhabene und milde Kardinal
Guido ist in Passau gewesen, und der hochehrwürdige Bischof Regimbert und ich
haben ihm von dir erzählt. Er hat gesagt, dass ich dich heute zu ihm führen soll.
Folge mir.«
    »Ich folge Euch«, sagte Witiko.
    Zdik führte Witiko an vielen Menschen vorüber in ein Gemach. In demselben
sass der Kardinal auf einem Stuhle, und viele Menschen waren um ihn: die Herren
der Kirche, Priester und andere. Witiko musste warten, weil mehrere da waren, mit
denen der Kardinal reden sollte. Als diese Reden geendiget waren, führte Zdik
Witiko an der Hand dem Kardinale näher. Der Kardinal sah es, und winkte sie mit
der Hand hinzu. Da sie vor ihm standen, sagte Zdik: »Hocherhabener Kardinal,
dieser Mann ist Witiko, erlaubet, dass er Euch die Ehrfurcht bezeugt.«
    Der Kardinal reichte Witiko das Kreuz.
    Witiko küsste es.
    Dann sagte der Kardinal: »Mein junger Sohn, du hast der Kirche in der
Bedrängnis gedienet, und du hast im Streite die Friedfertigkeit angestrebt.«
    »Hocherhabener kirchlicher Fürst«, sagte Witiko, »ich suchte zu tun, wie es
die Dinge fordern, und wie die Gewohnheit will, die mir in der Kindheit
eingepflanzt worden ist.«
    »Und der Glaube, mein Sohn, den der gute Priester Benno in dein Herz gesenkt
hat«, sagte der Kardinal. »Du hast an dem Sonntage im Walde, da nirgends eine
Kirche war, den Tag gefeiert, dein Tier hat geruht, und du hast in der
Einsamkeit der Bäume gebetet. Und wenn du zu tun strebst, was die Dinge fordern,
so wäre gut, wenn alle wüssten, was die Dinge fordern, und wenn alle täten, was
die Dinge fordern; denn dann täten sie den Willen Gottes.«
    »Oft weiss ich nicht, was die Dinge fordern«, sprach Witiko.
    »Dann folge dem Gewissen, und du folgst den Dingen«, sagte der Kardinal.
»Der Herzog hat dich für deine Dienste belohnt, Witiko, und ich hege den Wunsch,
dass dir der Segen immer gewärtig sei, der zu dem Guten kömmt. Ich habe zu den
Namen der jungen Leute dieser Länder, die ich mir merken will, auch deinen Namen
geschrieben. Ich werde die jungen Namen dem Heiligen Vater als das Gute bringen,
das nachwächst. Und wenn du das Heil hast, nach Rom zu kommen, so will ich dich
vor das Angesicht des Heiligen Vaters führen.«
    »Wenn mir zu Teil wird, dass ich die Stadt der ewigen Dauer sehen soll«,
sagte Witiko, »und wenn ich es erlebe, vor den Heiligen Vater gestellt zu
werden, möge ich dann dessen auch würdig sein.«
    »Du wirst es, wenn du dich nicht änderst«, sagte der Kardinal, und reichte
Witiko das Kreuz zum Kusse.
    Witiko küsste das Kreuz, und entfernte sich mit Zdik. Mehrere Menschen gingen
zu dem Kardinale.
    Zdik sagte zu Witiko: »Der hocherhabene Kardinal geht jetzt nach Mähren, den
Bann aufzuheben. Dann geht er wieder nach Böhmen, weil vieles werden muss. Er
will dann den Priester Benno zu sich rufen lassen.«
    »Das wird Benno sehr freuen«, sagte Witiko, »er ist aus Demut nicht zu dem
Kardinale gegangen.«
    »Der hocherhabene Kardinal weiss es«, sprach Zdik.
    »Benno ist jetzt in unserem Hofe Pric«, sagte Witiko.
    »Es ist uns bekannt«, antwortete Zdik. »Wenn du dein Haus gebaut hast, und
wenn eine Zeit ist, nach Mähren zu kommen, so komme nach Olmütz, dass ich dir die
Gastfreundschaft vergelte, die du an mir geübt hast, und in die du mich bei
andern eingeführt hast.«
    »Ich werde Euch meine Ehrerbietung und meinen Dank für Eure Freundlichkeit
darbringen, sobald ich es werde tun können«, sagte Witiko.
    »Und so gehabe dich wohl, mein edler Waldherr«, sprach Zdik, »und gedenke
meiner.«
    »Ich danke Euch für das Gute, das Ihr mir heute getan habt, ich denke stets
Eurer, und gehabt Euch wohl«, antwortete Witiko.
    Sie trennten sich.
    Witiko wollte nun Silvester aufsuchen.
    Er ging durch die Menschen dahin.
    Er sah Rowno in dem Festgewande eines Waldwladyken, mit dem Waldschmucke und
dem goldenen Gürtel.
    Er sah auch Wolf von Tusch und Wernhard von Ottau in sehr schönen Gewändern.
    Der alte Bolemil sass auf einem kostbaren Gesiedel. Er hatte ein wallendes
Kleid von braunem Sammet an seinem Leibe, und das Kleid wurde von einem goldenen
Gürtel mit grünen Steinen umspannt, und der weisse Bart floss auf den braunen
Sammet nieder. Um ihn sassen mehrere alte Männer, und es standen mehrere junge
neben ihm, und hörten auf seine Worte, und sprachen zu ihm.
    Witiko kam zu Welislaw und Dimut, welche mit einander aus einem Gemache
gegen andere Gemächer gingen. Welislaw hatte ein blaues Sammetgewand mit einem
silbernen Gürtel, auf dem rote Steine zu Rosen gefasst waren. Auf dem blonden
Haupte hatte er eine weisse Sammetaube mit einer kurzen geraden weissen Feder,
die auch aus einer roten Steinrose emporstand. Dimut hatte ein dunkelblaues
Sammetgewand mit einem Gürtel, gewebt aus Gold und Silber, hellblauen Steinen,
und ihr Haarnetz hatte das Gewebe und die Steine des Gürtels.
    Welislaw sagte zu Dimut: »Und wie du heute, sehr schöner Krieger, keine
Waffen an dir hast, sondern in dem prächtigen Frauenkleide mit den grossen
Edelsteinen einhergehst, die nur nicht so glänzen wie die zwei Edelsteine deiner
Augen, so bedarfst du auch jenes Pfeiles nicht mehr, den du von unsern Feinden
gefangen hast, die jetzt unsere Freunde sind.«
    »Sehr schöner Zupan vom Wysehrad«, entgegnete Dimut, »der du nur dieses
Spielzeug an deiner Seite trägst, und in dem prächtigen Männerkleide mit den
roten Rosen einhergehst, die du von unserm Freunde Witiko genommen hast, und der
du auch zwei blaue Edelsteine als Augen in deinem Angesichte trägst, du bedarfst
der Pfeile nicht.«
    »Ich bedarf ihrer, um dort zu verwunden, wodurch nichts anderes verwundet
werden kann«, sagte Welislaw.
    »Du bist der zweite Zupan des Landes, und kannst dir Pfeile genug schneiden
lassen«, antwortete Dimut.
    »Diese gehen nur in die Herzen der bärtigen Krieger«, entgegnete Welislaw,
»wenn ich deinen Pfeil hätte, wäre die Wunde schon da.«
    »Er ist in dem Turme zu Rowna bei dem roten Banner, welches der Herzog
meinem Bruder gegeben hat«, sagte Dimut.
    »Und wenn du von deinem Bruder fort ziehst, wird der Pfeil bei dem roten
Banner zu Rowna bleiben?« fragte Welislaw.
    »Und wenn ich von meinem Bruder fortziehen so weiss ich nicht, was mit dem
Pfeile geschieht«, antwortete Dimut.
    Witiko grüsste die beiden, sprach einige Worte mit ihnen, und ging dann
seines Weges weiter.
    Er sah an einem Fenster Odolen und Sezima stehen. Odolen hatte ein grünes
Sammetgewand mit einem silbernen Gürtel, und auf seinen schwarzen Haaren hatte
er eine weisse Haube mit einer schwarzen Feder. Sezima war in Blau und Gold
gekleidet. Witiko ging zu ihnen, und fragte, ob sie nicht wüssten, wo er den
Bischof Silvester finden könne.
    Odolen antwortete: »Der ist bei denen, die jetzt in unserem Lande die
römische Sprache reden.«
    Witiko verabschiedete sich, und ging gegen das Gemach, in welchem der
Kardinal Guido war. Er sah den Kardinal auf einem Stuhle sitzen, und an seiner
rechten Seite sass der ehemalige Bischof Silvester und an der linken der Propst
Daniel. Er sprach mit beiden. Weiter entfernt sassen die Bischöfe Otto und Zdik,
und dann sassen oder standen noch andere Herren der Kirche und Priester und
verschiedene Menschen.
    Witiko entfernte sich wieder von der Tür des Gemaches, und ging eines
anderen Weges zurück, als den er gekommen war. Er sah jetzt auch die Herzogin
unter Frauen und Jungfrauen sitzen, und sah manche Herren und Frauen neben
einander wandeln, und mit einander sprechen.
    Er kam auch zu Lubomir. Derselbe sass auf einem Stuhle. Er hatte ein
schwarzsammetenes Gewand, und auf dem Gürtel waren viele edle Steine in
schimmernden Farben. Die schwarze Haube mit der weissen Feder hielt er in der
Hand, und seine weissen Haare und sein weisser Bart leuchteten aus dem schwarzen
Gewande. Es sassen mehrere alte Männer bei ihm, und junge standen daneben.
    »Witiko«, sagte er, »du gehest allein in diesen Gemächern, und sinnest nach
andern Dingen.«
    »Ich habe mit einigen Herren gesprochen«, sagte Witiko, »und suchte nun den
hochehrwürdigen Bischof Silvester.«
    »Mit dem hat der hocherlauchte Kardinal zu reden«, antwortete Lubomir, »er
hat ihn und den Propst Daniel zu sich rufen lassen.«
    »Ich habe gesehen, wie er mit ihnen sprach«, sagte Witiko.
    »Meine Hauswirtin freuet sich schon«, sprach Lubomir, »wenn du einmal in
deinem festen Stande bist, und auf eine längere Zeit zu uns kommen kannst, wie
du es versprochen hast. Jetzt werden friedliche Zeiten kommen, und wir können
von dem reden, was wir in unserem Lande, in unserer Gegend und unter unseren
Leuten, und was wir in unserem Hause tun wollen. Boleslawa kann dir auch noch
manches sagen, was dir zu gute kommen könnte.«
    »Wenn der Frühling in das Land zieht, und unser Wald neu grünt«, antwortete
Witiko, »werde ich in dem festen Stande sein, wie Ihr sagt. Und dann werde ich
zu einer Zeit um freundliche Gastlichkeit in Daudleb bitten, und ich werde Euch
auch bitten, dass Ihr mit den Eurigen nicht verschmähet, eine ehrerbietig
gebotene Gastlichkeit in meinem Hause anzunehmen.«
    »Ich bin bei dem Beginne deines Hauses gewesen«, sagte Lubomir, »und es
geziemt sich, dass ich es auch betrachte, wenn es fertig ist.«
    »Ihr dürft nicht allein kommen«, sprach Witiko.
    »Wir werden in dein Haus kommen«, sagte Lubomir, »und werden öfter kommen,
und werden kommen, wenn die junge Burgfrau in demselben schaltet.«
    Witiko antwortete nicht.
    Lubomir sprach: »Wenn wir gemach in die andere Welt gehen, die wir weisse
Haare haben, so müssen die, deren Scheitel noch dunkel ist, in dem Lande sein,
und nach ihnen wieder dunkle Scheitel. Du bist ein guter Mann, Witiko, und die
nach dir kommen, werden wieder gute Männer sein.«
    »Das sind Dinge der Zukunft«, sprach Witiko.
    »Und die Zukunft wird sich erfüllen«, antwortete Lubomir. »Eines ist nicht
mehr weit zukünftig, ich wünsche dir recht viel Glück und Heil.«
    »Das liegt in Gottes Hand«, sagte Witiko, »und mögen die Friedensjahre, die
wir erwarten, voll Segen sein.«
    »Und mögen wir den Segen bringen helfen«, sprach Lubomir. »Witiko, komme
doch, so lange wir in Prag sind, noch zu mir.«
    »Ich werde Euch noch in dem Hause Eures Stammes aufsuchen, wie ich Euch
aufgesucht habe«, antwortete Witiko.
    »Tue das«, sagte Lubomir.
    Nach diesen Worten verabschiedete sich Witiko, und wandelte wieder weiter.
    Er traf noch mehrere seiner Freunde, und sprach mit ihnen.
    Endlich wurde das Zeichen gegeben, dass das Fest zu Ende sei, und Witiko ritt
mit einigen seiner Männer, die ihn draussen erwartet hatten, in seine Herberge.
    Die Feier der Kirche des heiligen Veit dauerte noch acht Tage. Der Herzog
und die Herzogin, der Kardinal Guido und alle Herren der Kirche und die Herren
des Landes waren täglich bei dem Gottesdienste. Die mährischen Fürsten beteten
vor der Kirche. Viele Menschen kamen noch von allen Gegenden, und die zuerst
keinen Platz in der Kirche gefunden hatten, suchten ihn später zu gewinnen. Nach
dem Gottesdienste segnete der Kardinal die Gläubigen, und er segnete sie auf
seinem Heimwege. Von dem mittäglichen Walde kamen auch Züge nach Prag, um des
Heiles dieser Tage teilhaftig zu werden, und jeder Zug hatte ein kirchliches
Banner. Sie lagerten sich zwischen dem Wysehrad und dem rechten Burgflecken.
Manche gingen zu Witiko, und Witiko ging zu ihnen, und er erteilte ihnen Rat
und, wo es nötig war, Gaben. Und als sie ihre Gebete verrichtet hatten, und als
sie alles, was ihnen zu sehen würdig schien, in Prag betrachtet hatten, traten
sie wieder den Heimweg an.
    Der Kardinal Guido besuchte alle Kirchen und heiligen Orte, und er hielt in
dieser Zeit auch Versammlungen, wie er sie vor ihr gehalten hatte.
    Als die Feier der Kirche des heiligen Veit zu Ende gegangen war,
verabschiedeten sich Konrad, Wratislaw und Otto in einer Versammlung von dem
Herzoge, und gingen mit ihren Geleiten in ihre Länder nach Mähren. Viele Herren
der Länder Böhmen und Mähren begleiteten sie. Leopold, Spitihnew und Wladislaw
blieben in Prag.
    Fünf Tage darnach traten Guido und Zdik ihren Zug nach Mähren an. Ein grosses
Geleite von Priestern und Herren war bei ihnen.
    Witiko blieb in Prag.
    Es waren noch Versammlungen bei dem Herzoge, und Witiko war bei den
Versammlungen. Und er besuchte Bolemil und Lubomir und Diwis und Preda und
Chotimir und Wsebor, und er besuchte seine jungen Freunde, und seine jungen
Freunde besuchten ihn.
    In dieser Zeit strebte er auch, zu Männern zu kommen, welche nach Dingen des
Waldes begehrten, damit er ein Einkommen in den Wald leite. Er nannte ihnen das
Holz zu Kunstwerken, zu Geräten, zum Bauen und zum Brennen, er nannte ihnen die
Kohlen, er nannte ihnen, was die Höfe liefern, deren Tiere die Waldkräuter
geniessen, er nannte die Felle der wilden Tiere, er nannte die Jagdtiere, die
Früchte und Pflanzen des Waldes, die in entfernte Gegenden gesendet werden
können, den Honig der Waldbienen, das Pech, den Teer, die Rinden, die Steine und
anderes, er nannte ihnen, was die Menschen aus den Dingen des Waldes
verfertigen, und machte Verabredungen.
    Er brachte auch vieles in Ordnung, was er für sein neues Haus bedurfte.
    Und als es schon gegen den Winter ging, verabschiedete er sich bei dem
Herzoge, und ritt mit den Seinigen nach Friedberg zurück.
    Nach einer Zeit sagte ihm der Bauherr Eppo, dass das Witikohaus fertig sei.
Die Gerüste waren weggenommen, und die Burg stand sichtbar gegen den grünen
Wald. Auf der Spitze des höchsten Daches war der Wipfel eines Tannenbäumchens
mit Bändern. Witiko ging in den Hof. Der Brunnen war mit schönen Steinen umfasst,
hatte ein schönes Dach, und um die zierliche Spindel war die Kette geschlungen,
an der die Eimer hingen. Witiko ging in das Innere. Alle Räume waren bereit,
ihre Ausrüstung zu empfangen.
    Nun wurden Wägen und Säumer tätig, alles, was nötig war, in die Burg zu
bringen, und Eppo arbeitete mit Männern und Werkleuten eifrig, sie wohnlich zu
machen.
    Witiko besuchte im Winter verschiedene Stellen des Waldes. Er war öfter in
dem oberen Plane, er war in dem Häuschen im Wangetschlage, er war bei den
Köhlern, in den Meierhöfen und an anderen Orten. Eines Tages ritt er nach Pric,
und von dort zu Silvester, und von Silvester wieder nach Friedberg.
    Als der Frühling in das Land zog, und der Wald grünte, wie Witiko zu Lubomir
gesagt hatte, war das Witikohaus in festem Stande.
    Witiko sammelte ein Geleite, und zog mit demselben nach Pric. Von Pric kam
er mit diesem Geleite und mit einem neuen und mit seiner Mutter und mit seiner
Base und mit Benno nach Friedberg zurück.
    In Friedberg ordnete er sich und die Seinigen, um eines Tages in die neue
Burg zu ziehen.
    Als der Tag gekommen war, legte er das Gewand an, welches er in der Schlacht
auf dem Berge Wysoka getragen hatte, und nahm den weissen Schild mit der roten
Waldrose. Dann sammelte er seine Dienstmannen aus Plan, Friedberg und Pric und
alle seine anderen Männer. Seine Mutter und seine Base und ihre Frauen sassen in
Sänften. Benno bestieg ein Pferd. Witiko setzte sich auf das alte eisengraue
Pferd, auf dem er von Passau nach Böhmen geritten war, und so begann er mit den
Seinigen den Zug. Es waren viele Menschen gekommen, dass in Friedberg ein
Gedränge war, dass der Zug nur langsam gegen den Steg der Moldau kommen konnte.
Und auch im Freien waren Menschen. Der Zug gelangte nach einer und einer halben
Stunde durch den breiten Wald hinan vor die Burg. Auf dem grünen Anger vor
derselben war ein Altar, und an dem Altare stand der greise Pfarrer von Plan und
der Pfarrer von Friedberg, und neben ihnen stand Huldrik in einem Festgewande,
wie ein Burgdiener, es standen alle Männer von Plan da, welche mit Witiko in dem
Kriege gewesen waren, und auch andere Männer von Plan standen abgesondert da, es
standen aus verschiedenen Teilen des Waldes, die im Kriege gewesen waren, und
andere da, es standen in schönen Kleidern Jungfrauen von Plan und von Friedberg
und vom Wangetschlag und von der untern Moldau und vom schwarzen Bache und von
anderen Gegenden da, und hielten Festgewinde in den Händen, und weiter zurück
standen Männer und Weiber und Kinder aus dem Walde, aus Fluren, die an den Wald
grenzten, aus dem Lande der Mihel, das schon in Baiern ist, und aus entfernteren
Strichen von Baiern.
    Die Menschen blickten auf Witiko, als er heran ritt.
    Er ritt mit den Seinigen vor den Altar. Der Pfarrer von Plan machte ihnen
das Zeichen des Segens entgegen. Darauf stiegen sie von den Pferden, und die
Frauen wurden aus den Sänften gehoben. Sie knieten nun alle vor dem Altare
nieder, und das ganze Volk kniete in das grüne Gras. Der Pfarrer von Plan hielt
nun mit Hilfe des Pfarrers von Friedberg den Gottesdienst vor dem Altare. Als
der Gottesdienst geendigt war, segnete der Pfarrer Witiko und die Seinigen
wieder, und segnete das ganze Volk. Dann stieg Witiko auf sein Pferd, die Frauen
wurden in die Sänften gehoben, und die Männer Witikos bestiegen ihre Pferde. Der
Pfarrer von Plan aber schritt von dem Altare gegen die Burg. Ihm folgte Witiko,
dann folgten die Sänften, dann folgten Witikos Männer. Die Jungfrauen säumten
jetzt mit ihren Festgewinden den Weg.
    Vor dem Tore der Burg stand der Pfarrer stille, und der Zug stand stille.
Der Pfarrer segnete nun mit dem heiligen Wasser gegen das hohe Dach empor, er
segnete gegen die Mauern, und er segnete gegen das Tor. Dann trat er seitwärts.
Das Tor wurde geöffnet. Witiko hielt noch einen Augenblick stille. Dann machte
er mit seiner rechten Hand das Zeichen des Kreuzes auf seine Stirne, auf seinen
Mund, und auf seine Brust. Dann ritt er langsam unter das Tor. In dieser Zeit
trat Huldrik zu ihm, und hielt ihm den Steg des Sattels. Als er unter dem Tore
war, tat das Volk einen Glücksruf, der wie ein Gebrause gegen den Himmel ging.
    Von dem Torbogen ritt Witiko in den Hof. Seine Mutter, die Base, und alle
Frauen folgten ihm, und Benno und die Pfarrer von Plan und Friedberg folgten
ihm, es folgten seine Männer, und es folgten die Jungfrauen und die Krieger, und
es folgten so viele Menschen, als Platz finden konnten. Im Hofe stiegen die
Frauen aus den Sänften und die Männer von den Pferden. Witiko führte seine
Mutter die Treppe hinan in die kleine Burgkirche. Die andern gingen hinter
ihnen. In der Burgkirche wurde Benno mit dem kirchlichen Gewande bekleidet, und
gab den Segen. Dann sprachen alle ein stilles Gebet. Dann ging Witiko mit seiner
Mutter und seinem Gefolge in den Saal. Dort blieb er stehen, neigte sich auf die
Hand der Mutter, und küsste dieselbe, die Mutter aber schlang beide Arme um
seinen Nacken, und küsste ihn auf die Stirne. Dann geleitete er sie zu einem
kostbaren Sitze. Sie liess sich auf denselben nieder. Er setzte sich auch auf
einen Sitz, und die Pfarrer, und Benno und andere setzten sich auf Sitze. Nun
brachte Huldrik Brod und Salz, und reichte es jedem, der in dem Saale war, und
jeder kostete davon.
    Als dieses geschehen war, stand Witiko auf, und sprach: »Männer, die ihr zu
mir gehört, und Freunde, die ihr gekommen seid, ich danke euch. Eppo und Matias
und Urban, und die ihnen dienen, werden euch weisen, wie alles eingerichtet
werden soll.«
    Dann führte er seine Mutter mit ihren Frauen in ihre Wohnung. Sie hatte
Tränen in ihren Augen.
    Hierauf führte er die Base Hiltrut in ihre Wohnung. Sie konnte vor Weinen
nicht sprechen.
    Dann geleitete er Benno in seine Wohnung.
    Dann ging er in sein Gemach. In demselben befestigte er den Schild mit der
roten Rose unter dem Bilde des Heilandes.
    Dann ging er in den Saal, und von demselben auf den Söller hinaus. Unten
waren zwanzig Männer beschäftigt, den Leuten Brod und Salz zu reichen. Sie
nahmen alle davon. Und als sie Witiko sahen, riefen sie ihm zu. Er dankte ihnen
mit Winken seiner Hand.
    Viele Werkleute waren beschäftigt, aus rohen Brettern Tische und Bänke zu
errichten. Aus den Schatten des Waldes wurden Fässer herbei gerollt, in denen
Getränke waren, und es wurden viele Feuer angezündet, und an ihnen Speisen
bereitet.
    Und als die Zeit des Mahles gekommen war, hielt Witiko mit allen, die auf
den Bänken an den Tischen sassen, die auf den Steinen oder im Grase sassen, oder
die standen, das Mahl, und was da war, wurde unter alle verteilt.
    Als das Mahl beendiget war, und die Menschen durcheinander gingen, war
Huldrik unter ihnen, und sagte: »Die Weissagungen gehen in Erfüllung. Jetzt hat
Witiko den Anfang gemacht, und dann wird er die goldene Burg bauen, die einmal
auf der Erde gestanden ist, und die jetzt nirgends auf der Erde steht, und meine
Nachkommen werden es sehen.«
    »Du hast ja kein Weib«, rief Tom Johannes, der Fiedler.
    »Wenn es die Weissagungen sprechen, so werde ich ein Weib und Nachkommen
haben«, sagte Huldrik.
    »Und wenn es die Weissagungen sprechen, so werde ich noch mit dem
Winkelhaken meiner Hand auf der Geige des Herzoges die lieblichsten Töne
spielen«, rief Tom Johannes, der Fiedler.
    »Wenn es die Weissagungen sprechen, so wirst du sie spielen«, sagte Huldrik.
    »Witiko hat es geweissagt«, entgegnete Tom Johannes.
    »Wenn Witiko weissagen kann, so wirst du spielen«, sagte Huldrik.
    »So werden wir erleben, wie das wird«, sprach Tom Johannes.
    »Wir werden es erleben«, antwortete Huldrik.
    Zu Witiko aber kamen, da er noch an dem Tische sass, mehrere Jungfrauen. Sie
gaben ihm einen Kranz aus Blumen und Blättern des Waldes, und gaben ihm einen
Strauss aus solchen Blumen. Eine reichte ihm die fünfblättrige dunkelrote
Waldrose.
    »Die Rosen blühen ja noch nicht«, sagte Witiko.
    »Sie blühen noch nicht«, antwortete die Jungfrau, »wir haben sie aus Sammet
und Seide gemacht.«
    »Sie ist sehr schön gemacht«, sagte Witiko.
    »Wenn das Einzugsfest zur Rosenzeit gewesen wäre, so hätten wir dir eine
wirkliche Rose als dein Zeichen gegeben«, sprach das Mädchen, »wir haben nun
diese gemacht, weil die Rose sehr lange blühen, und Glück bringen soll.«
    »Diese Rose wird lange dauern«, sagte Witiko, »wenn auch ihre Farben
schwinden. Ich werde mir sie aufbewahren, und werde deiner gedenk sein,
Margaret, wenn du auch einmal ein Fest feierst.«
    Das Mädchen antwortete nichts.
    Witiko betrachtete die Waldrose, und er betrachtete die Blumen der Kränze
und Sträusse. Dann gab er alles seiner Mutter zum Beschauen. Diese sah den Kranz,
die Sträusse und die Waldrose an, lobte die zierliche Arbeit, und lobte, dass die
Waldblumen gewählt und so an einander gereiht worden waren. Dann gab sie die
Geschenke wieder an Witiko zurück. Witiko dankte den Jungfrauen, und reichte die
Gaben an Jakob, dass er sie in die Burg trage. Die Jungfrauen brachten ihren
Abschiedsgruss, und entfernten sich von dem Tische Witikos.
    Der Schmied von Plan, und David, der Zimmerer, und Paul Joachim, der Maurer,
und Elias, der Steinhauer, traten nun herzu, und brachten die Sprüche aus,
welche bei dem Einzuge in ein neues Haus im Brauche waren, und Witiko und die
anderen Männer gaben die Antworten, welche auf die Sprüche gehörten.
    Dann standen alle von den Tischen auf.
    Witiko ging unter die Leute, und sprach mit vielen Männern, mit Frauen, mit
Jünglingen, mit Jungfrauen und selbst mit Kindern.
    Die Mutter Witikos ging auch unter die Menge der Menschen, und sprach mit
ihnen. Viele, besonders Frauen und Jungfrauen, drängten sich zu der Frau.
    Die Base Hiltrut sprach mit jedem, zu dem sie kam, und erzählte von Witikos
Kindheit.
    Die drei Priester, der Pfarrer von Plan, der Pfarrer von Friedberg und
Benno, wandelten auf dem grünen Anger in Gesprächen herum, und redeten mit den
Leuten, die auf sie zugingen, und gingen selber auf Leute zu.
    Als der Nachmittag vorrückte, begannen die Menschen, sich zu zerstreuen.
    Am Abende verabschiedete sich Witiko, und ging mit seiner Mutter und mit der
Base und mit Benno und mit den Frauen und mit denjenigen, die zu seinem Dienste
gehörten, in die Burg.
    Als die Sonne untergegangen war, ertönte ein schöner Gesang aus dem Walde.
Er war ein Gesang von Jungfrauen, dann kam ein Gesang von Jünglingen, dann kam
ein Wechselgesang von beiden, und dann ein Zusammengesang von ihnen. Und so
verschränkten sich und löseten sich die Gesänge immer anders. Witiko und die
Frauen und Benno gingen auf den Söller hinaus, der gegen den Wald gekehrt war.
Unten standen die Menschen dicht gedrängt gegen den Wald, um den Gesängen zu
lauschen. Die Sänger und die Sängerinnen konnte man nicht sehen.
    Als es finster geworden war, erglühete an dem fernen Gipfel des Hochfichtes
ein Feuer wie ein Waldbrand.
    Witiko wendete seine Augen dahin, und Wentila auch.
    Aber dann glühte auf dem Gipfel des Bufferberges im Morgen von Friedberg ein
gleiches Feuer empor. Es glühte eines auf dem Markwalde, eines auf dem
Kienberge, eines auf dem Schwarzwalde, drei glühten auf den Wäldern, die hinter
dem Kreuzberge bei Plan emporstanden, und man konnte eines auf dem Kreuzberge
erkennen. In den Auen und auf den Weiden und Angern und Feldern und in den
tiefen Waldstrichen, die an der Moldau dahin gingen, brannten viele kleinere
Feuer.
    Witiko ging nun mit den Seinigen von dem Söller in die Burg, und sah aus
derselben gegen die Morgenseite. Da brannten in dem Walde rechts von der Moldau
Feuer bis gegen die Wasserfälle der Kienberge hinab. Im Mittage brannten auf den
kleineren Büheln, die sich absenkten, Feuer, und im Abende waren Feuer in dem
Walde bis zum Hochfichte, und eines war weit zurück auf der Senkung des
Seewaldes zu erblicken.
    Die Feuer brannten fort, und die Gesänge dauerten fort.
    Witiko liess nun in allen Gemächern der Burg Lichter anzünden, dass sie in
diesem Scheine weitin gesehen werden konnte.
    Nach einer Zeit schwieg der Gesang, und als ein Weile Stille gewesen war,
ertönten plötzlich die Pfeifen und die Hörner, die Witiko in dem Kriege gehabt
hatte, und es erschollen die Weisen, die auf den Zügen und in der Schlacht auf
dem Wysoka und in der Schlacht vor Znaim erschollen waren.
    Witiko hiess zwei Knechte Fackeln anzünden, und ging mit ihnen auf den
Waldsöller. Dort nahm er seine Haube von dem Haupte, und schwenkte sie in dem
Fackellichte dreimal zum Grusse.
    Es ertönte von den Pfeifen und Hörnern ein freudiger Gegengruss.
    Dann rief das Volk einen lange dauernden Ruf des Grusses empor.
    Dann tönten die Pfeifen und Hörner wieder Kriegsweisen.
    Dann erschollen die Gesänge der Jungfrauen.
    Witiko ging wieder in die Burg.
    Und die Gesänge der Jungfrauen und der Jünglinge und ihr Zusammengesang und
das Tönen der Pfeifen und Hörner wechselte mit einander ab, und machte endlich
eine Verschlingung.
    Die Feuer brannten ringsumher fort.
    Und als mit Zwischenräumen der Gesang der Jungfrauen und der Jünglinge und
der Klang der Pfeifen und Hörner eine Zeit gedauert hatte, erhob plötzlich eine
Männerstimme unter den Menschen die Töne eines Waldgesanges, den alle Menschen
in dem Walde kannten, und der das Lob des Waldes entielt, und eine zweite
Stimme gesellte sich hinzu, und ein dritte, und alsbald sangen alle Menschen,
die versammelt waren, den Waldgesang. Und als er geendiget war, erhob eine
Pfeife seine Töne wieder. Und die Menschen begannen den Gesang wieder, und
stärker, als das erste Mal, und die Pfeifen und Hörner mischten sich darunter,
und gingen in der Verbindung der Töne mit. Und als der Gesang zum zweiten Male
aus war, tönte von den Pfeifen und Hörnern die Weise der Schlacht vor Znaim. Und
dann tönten jene Rufe, die getönt hatten, als man den Feinden auf dem Berge vor
Znaim in den Rücken gebrochen war. Und auf diese Rufe folgte ein grosser Ruf der
Freude von den versammelten Menschen. Dann war eine Weile eine Stille. Dann
sangen die Jungfrauen einen sehr sanften Nachtgesang.
    Hierauf war kein Gesang mehr und kein Tönen von Pfeifen und Hörnern. Von den
Feuern umher waren einige erloschen, andere brannten schwächer.
    Wentila erhob sich von ihrem Sitze in der Stube, in welcher alle versammelt
waren, reichte Witiko die Hand, und sagte: »Ich suche meine Schlummerstätte.
Ruhe in der ersten Nacht hier so sanft, mein Sohn, wie der Schlummergesang der
Jungfrauen angedeutet hat.«
    Witiko antwortete: »Geliebte Mutter, das Dach unseres Hauses sei zum ersten
Male lieb und hold über deinem Haupte.«
    Dann verabschiedeten sie sich, und Wentila liess sich von Marhild und zwei
anderen Frauen in ihr Gemach geleiten.
    Die Base sagte: »Witiko, wie musst du gut sein, weil sie dich so lieben, und
wie muss es damals in dein Herz gegangen sein, als die schrecklichen Töne der
wilden Hörner, die heute hier erschallten, dort erschollen sind, wo die Menschen
einander gemordet haben.«
    »Das ist dort anders als hier«, sagte Witiko. »Lasse es dir hier wohl sein
in der ersten Nacht, und möge es dir sehr lange, und wenn du willst, für immer
hier wohl sein.«
    »Fast so wohl wie in dem kleinen Häuschen in Landshut, weil wir alle
beisammen sind«, sagte die Base.
    Dann liess sie sich in ihr Gemach geleiten.
    »Witiko, mein Kind«, sagte Benno, »das ist ein wichtiger Tag gewesen; es
beginnt nun eine neue Wirksamkeit. Du hast den Tag ohne Prunk begehen wollen,
und die Menschen haben den Prunk ihres Herzens gebracht. Das ist gut. Es wird
noch ein zweiter schöner Tag zur Freude deines Gemütes kommen. Beschliesse den
heutigen Tag mit einem Gebete, und beginne den Schlummer mit der Hoffnung auf
jenen zweiten Tag.«
    »Gott hat mir so viel Gutes für meine Mutter und für meine Freunde gegeben«,
sagte Witiko, »dass ich es nur durch einen dankbaren Wandel gegen Gott werde
abtragen können.«
    »Du wirst es«, sagte Benno, »gehabe dich wohl.«
    »Gehabe dich wohl«, sagte Witiko.
    Die Männer reichten sich die Hände.
    Dann ging Benno mit Jakob, der ihm eine Lampe trug, in sein Gemach.
    Witiko befahl nun, dass die Knechte die Lichter in der Burg auslöschen.
    Da dieses geschehen, und ihm die Nachricht davon gebracht worden war, sagte
er: »Dienstmannen, Kuto und Beda, weil es der Gebrauch so will, so geleitet mich
in meine Stube. Es ist nur dieses Mal, ich werde es dann nie fordern.«
    »Wir tun unsers Dienstes jedes Mal«, sagte Beda.
    »Wie es die Gepflogenheit fordert«, sprach Kuto.
    Die zwei Männer geleiteten Witiko in sein Gemach. Raimund trug eine silberne
Lampe. Vier Männer des Gefolges gingen hinter ihnen.
    In dem Gemache wurden die Abschiedssprüche gesprochen. Die Männer entfernten
sich, und Witiko und Raimund blieben allein. Witiko liess sich durch die Hilfe
Raimunds zum Teile entkleiden, dann sendete er ihn in seine Kammer, die vor dem
Schlafgemache war.
    Als Witiko nun allein in dem Zimmer weilte, kniete er vor dem Bilde des
Heilandes nieder, und verrichtete ein Gebet.
    Dann entkleidete er sich vollends, und legte sich zum ersten Male auf das
Schlummerbette seiner Burg.
    Als der Morgen des anderen Tages angebrochen war, sah Witiko, dass auf dem
Anger vor der Burg Menschen über die Nacht geblieben waren. Teils hatten sie
Feuer angezündet, um sich zu erwärmen, teils hatten sie, in ihre Gewänder
gehüllt, den Frühlingsrasen als Schlummerstätte benützt. In manchen Teilen der
näheren und entfernteren Wälder sah er noch Rauch von den Feuern aufsteigen,
welche in der Nacht gebrannt hatten. Er befahl Raimund, dass er Huldrik, wenn er
noch schlafe, wecke, und ihm sage, er möge Sorge tragen, dass die Leute vor der
Burg etwas zu essen und zu trinken bekämen.
    Raimund ging fort, und kam wieder, und sagte, Huldrik sei schon unter den
Leuten, und habe für sie gesorgt.
    Als die Sonne aus dem Walde emporgestiegen war, ging Witiko in die
Burgstube, und die Seinigen und Leute des Gefolges kamen auch dahin.
    Dann wohnten alle, welche in der Nacht in der Burg gewesen waren, dem
Morgengottesdienste bei, welchen Benno zum ersten Male feierte.
    Hierauf wurde das Frühmahl gemeinschaftlich in dem Saale verzehrt.
    Witiko ordnete nun an, dass jene Dienstmannen und Leute des Gefolges, welche
nicht in die Burg gehörten, sondern irgend wo anders ihre Wohnung und ihre
Beschäftigung hatten, acht Tage als Gäste in der Burg bleiben sollten. Dann liess
er alle vor sich kommen, denen er einen zeitlichen Dienst in der Burg
aufgetragen hatte, und erklärte ihnen den Dienst, und sagte, diese Dinge werden
alle später mit Giltigkeit geordnet werden.
    Und ehe die Sonne noch hoch gestiegen war, kamen Menschen, und brachten nach
dem Brauche, wenn einer in ein neues Haus zieht, Gaben.
    Die Gaben sollten zum Bedarfe und zur Zierde des Hauses sein, oder in
Werkzeugen zu allerlei Dingen, zur Fischerei, zum Vogelfange, zur Jagd, und
selbst zum Kriege bestehen. Der alte Florian brachte ein Salzfass, welches er aus
einem Stücke weissen Ahorns geschnitten hatte, Wenhart aus der Friedau brachte
zwei zierliche Fässer für Wein, der Richter aus der Stift brachte Holzteller,
von dem kleinsten bis zu dem grössten, wie sie in dem Walde gemacht wurden, und
seine Gattin brachte eine Sammlung Holzdeckel, um sie auf Milchtöpfe oder andere
Gefässe zu legen, Johannes aus dem Wangetschlage brachte Eimer und Zuber, der
Richter von Friedberg brachte einen Betschemel, aus dicken Stämmen des
Wacholders geschnitzt, und ein himmelblaues Tuch, auf welches die Jungfrauen von
Friedberg rote Waldrosen gestickt hatten, Liebhart aus der Steinleite brachte
alle Gattungen Kien aus allen Harzhölzern des Waldes, die Männer aus dem
Kirchenschlage brachten sechs kunstreich aus Eschen geschnittene Speere, Gregor
vom Ratschlage brachte vier Fischnetze, Tomas von der Waldmoldau brachte zwölf
Besen, deren Stiele die zwölf feinsten Hölzer des Waldes waren, deren Bund er
mit schimmernden Farbreisern geflochten hatte, und deren Zweige alle Farben
zeigten, welche die Ruten im Walde haben, die alte Susanna aus der unteren
Moldau brachte zwanzig Eier, und sagte, sie habe nicht mehr.
    Die, welche weiter entfernt wohnten, kamen später.
    Gegen Abend kamen die von dem oberen Plane, und brachten ein kreisrundes
Gitter, das fein aus Eisen geschmiedet war, und einen Boden aus Buchenholz
hatte, dass man Töpfe mit Blumen hinein stellen konnte. Und dann brachten sie
noch vier junge ganz weisse Milchkühe. Tom Johannes brachte sechs Bogensehnen,
die er selber aus Darmsaiten von Geigen gedreht hatte, Stephan, der Wagenbauer,
brachte die sechs Bogen aus rotem Eibenholze dazu, und Peter Laurenz, der
Schmied, sechs Bündel Pfeile, deren Spitzen er selber geschmiedet hatte.
Sebastian brachte Marderverbrämungen und Marderfelle und anderes Pelzwerk des
Waldes. Christ Severin brachte ein Stück feinen Tuches.
    Den ganzen Tag kamen Leute, und in mehreren folgenden Tagen auch. Sie
brachten noch Linnen und Wollstoffe und Felle und Leder und Nahrungsmittel und
Tiere. Witiko sprach mit allen, und dankte ihnen. Wentila sprach auch mit den
Leuten, und besonders mit den Frauen. Die Männer Witikos waren beschäftiget, die
Gaben an ihre Orte zu bringen, besonders die lebenden Tiere.
    In der folgenden Zeit kamen die Gaben von Lubomir, von Diet, von Rowno, von
Osel und anderen Nachbarn des Waldes, sie bestanden in Schmuck, in Waffen, in
Gewändern, in Tieren.
    Darauf begann Witiko seine Gegengaben zu versenden.
    Dann ritt er zu den Nachbarn, um sie zu besuchen, und nahm sie in seiner
Burg auf, wenn sie zu dem Gegenbesuche kamen, und bewirtete sie.
    Da dieses geschehen war, ordnete er den Dienst der Burg. Huldrik wurde der
Schaffner, um für Fremde und alles, dessen sie bedurften, zu sorgen. Martin
hatte die Aufsicht über die Nutztiere. Und so wurde über die Gemächer, über die
Gewänder, über die Waffen, über die Küche, über den Keller, und über alles
andere jemand gesetzt.
    Der Bauherr Eppo blieb eine Zeit als Gast, weil man seines Rates noch
vielfach bedurfte. Dann trat er seinen Weg nach Prag an.
    Die Base blieb bei Wentila in dem Walde, weil sie Witiko bat, und Benno
blieb bei Witiko, und feierte den Gottesdienst in der Burgkirche.
    Da die Dinge in der Burg geordnet waren, ritt Witiko auf seinem alten grauen
Pferde, welches den Wald zu überwinden verstand, an alle Stellen, an denen er
Arbeiten hatte, und untersuchte den Fortgang der Dinge.
    In dem Walde an der untern Moldau legte er eine Köhlerei an, und Matias,
der Köhler vom breiten Berge, war der Schaffner derselben, und von den Meilern
gingen wie sonst an dem breiten Berge im Lichte die goldigen oder im Schatten
die blauen Säulen des Rauches in die Lüfte. Für Matias war ein hölzernes
Wohnhaus, und ein steinernes für ihn und die Arbeiter ward begonnen.
    Am Abende kamen zuweilen, wie einst in dem steinernen Häuschen in Plan oder
in dem Häuschen im Wangetschlage, Männer zu Witiko in die Burg, und er gab ihnen
Brod und Salz, und sie nahmen es, sprachen mit ihm über verschiedene Dinge, und
er reichte ihnen dann Speise und Trank, und sie gingen in der Nachtdämmerung
durch den Wald nach Friedberg., oder in die Friedau, oder in die Steinleite,
oder in die Heurafelhäuser, oder an der Mittagseite gegen die Häuser der reichen
Au. Wenn die Männer von einer grösseren Entfernung gekommen waren, so beherbergte
er sie in der Burg.
    Es kamen nun auch Leute um Rat, es kamen Leute um Hilfe, und Witiko gewährte
beides, wenn er es konnte.
    Indessen waren Wentila und die Base und die Frauen beschäftigt, Stoffe,
Gewänder, Kleinodien und dergleichen Dinge zu dem Brautwerbungszuge Witikos zu
rüsten.
    Als zwei Monden vergangen waren, seit Witiko in seine Burg eingezogen war,
sandte er Beda, seinen Dienstmann, mit einem Geleite in die Burg Schauenberg zu
Heinrich von Schauenberg, um Anfrage zu halten, ob es Heinrich von Schauenberg
und Wiulfhilt von Dornberg, seiner Gemahlin, genehm sei, Witikos Werbungszug zu
empfangen, und welchen Tag sie dafür bestimmten.
    Beda kam zurück und sagte, es sei Heinrich von Schauenberg, und Wiulfhilt
von Dornberg, seiner Gemahlin, genehm, Witikos Werbungszug zu empfangen, und sie
bestimmen den zwanzigsten Tag nach dem Tage der Anfrage dazu.
    Witiko bildete nun sein Geleite zu dem Werbungszuge, und gab ihm Gewänder,
Schmuck und Waffen.
    Am Morgen des dritten Tages vor dem Werbungstage feierte Benno in der
kleinen Burgkirche des Witikohauses einen Gottesdienst, dann sprach Wentila
einen Segen über Witiko, die Base kniete in der Kirche vor dem Heilande, und
betete für Witiko, und Witiko und Benno setzten sich auf Pferde, und dreissig
Männer setzten sich auf Pferde, und sieben andere Männer setzten sich auch auf
Pferde, die mit Saumpferden verbunden waren, welche Belastungen trugen. Und der
Zug dieser Männer ging durch das Tor des Witikohauses hinaus. Sie waren alle in
Waffenröcken.
    Der Zug ging durch den Wald in das Aigen und von dem Aigen an diesem Tage
noch in das Gericht Velden. Des andern Tages ging er über die Höhen an die Donau
hinab, wurde mit Fähren über das Wasser gebracht, und ging noch in die Stadt
Eferdingen. In Eferdingen ging er in Herbergen, und blieb über die Nacht.
    Als am nächsten Morgen das Geleite Witikos sich vor seiner Herberge
aufstellte, versammelten sich sehr viele Menschen bei demselben, standen da, und
betrachteten die fremden Männer. Die fremden Männer waren in sehr kostbaren
Gewändern, an denen Silber und Gold und edle Steine glänzten. Sie hatten runde
Hauben, an jeder Haube war ein Stein, und von dem Steine ragte eine gerade weisse
Feder empor. Die Pferde hatten rote mit Silber gezierte Zäume und rote Decken.
Zwei Edelknechte hielten zwei Pferde, die noch keine Reiter hatten. Das eine war
ein feines Pferd von goldbrauner Farbe, es hatte blassgrüne Zäume von Sammet und
Gold und roten Steinen, und eine gleiche blassgrüne Decke. Die Stege des Sattels
waren von Silber. Das andere Pferd war dunkelgrau, hatte weisse Zäume mit Gold
und eine gleiche Decke, und silberne Sattelstege. Hinter allen den Männern und
Pferden standen noch Saumpferde, die mit allerlei Gepäcke beladen waren, und
neben ihnen standen Reiter, die sie zu leiten hatten.
    Als die Menschen eine Zeit gewartet hatten, kamen die zwei Reiter, die zu
den zwei schön geschmückten Pferden gehörten. Witiko hatte ein blassgrünes
Ritterkleid von Sammet, Gold und edlen Steinen. Auf dem Haupte hatte er eine
gleiche Haube, und an ihr war aus roten Steinen eine dunkle Waldrose, und aus
der Rose ragte eine kurze weisse Feder empor. Er hatte blonde Locken, blaue
Augen, sanfte Wangen und einen goldschimmernden Bart. Benno trug ein dunkles
Priestergewand, und darauf ein kleines goldenes Kreuz. Er hatte weisse Haare,
blaue Augen und einen weissen Bart. Die zwei Reiter bestiegen ihre Pferde, die
Edelknechte auch die ihrigen, und es begann der Zug.
    Er ging durch eine Strasse der Stadt, durch das Tor der Stadtmauer und in das
freie Land hinaus in der Richtung gegen die Burg Schauenberg. Viele Leute
standen an dem Wege, und die auf den Feldern arbeiteten, kamen herzu, und
betrachteten den Zug. Die schimmernden Männer ritten durch schöne Wiesen und
Felder und unter vielen Obstbäumen dahin. Als sie an die Stelle gekommen waren,
an welcher der Seitenweg gegen die Burg Schauenberg ging, ritten sie den
Seitenweg hinan.
    Der Türmer gab ein Zeichen mit seinem Horne, und einer von Witikos Leuten
erwiderte das Zeichen. Als sie an die erste Zugbrücke gekommen waren, legte sich
die Zugbrücke nieder, und die Männer ritten über sie. Sie ritten auf einem Wege
zwischen Bäumen und Bauwerken dahin. Dann tönte das zweite Zeichen, und wurde
erwidert, und die zweite Zugbrücke legte sich nieder, und die Männer ritten über
sie. Und es tönte das dritte Zeichen, wurde erwidert, und die dritte Zugbrücke
senkte sich, und die Männer ritten in den Burghof. An der rechten Seite des
Hofes stand ein sehr hoher, starker, viereckiger Turm empor. Der Turm hatte ein
grosses Tor mit einem eisernen Fallgitter. Hinter dem Gitter ging eine Treppe
hinan. Vor dem Gitter standen drei Männer in ritterlichen Kleidern. Einer
näherte sich dem Zuge, und sprach: »Ich bin Liutolt, ein edler Dienstmann und
Truchsess des Herren von Schauenberg, der Mann neben mir ist Bertold von Stal,
ein edler Dienstmann des Herren von Schauenberg, und der Mann neben uns ist
Hartnit, ein edler Dienstmann des Herren von Schauenberg. Wir Männer fragen
euch, wer ihr seid, dass wir euch begrüssen.«
    Auf diese Worte ritt Beda vor, und rief: »Ich bin Beda, der Dienstmann des
Herren Witiko vom Witikohause, und der neben mir ist Kuto, der Dienstmann des
Herren Witiko vom Witikohause, und der neben uns ist Peter, der Dienstmann des
Herren Witiko vom Witikohause, und wir Männer sagen euch: Witiko vom Witikohause
ist gekommen, mit dem Herren Heinrich von Schauenberg in wichtigen Dingen zu
sprechen.«
    »Wir grüssen für den Herren Heinrich von Schauenberg den Herrn Witiko vom
Witikohause, und bitten euch, steiget von den Pferden«, rief Liutolt.
    Witiko und seine Männer stiegen von den Pferden, und Knechte der Burg kamen
herbei, die Pferde weg zu führen.
    »Gehet ein zu dem Herren Heinrich von Schauenberg«, sagte Liutolt.
    Das Fallgitter hinter den drei Männern Heinrichs von Schauenberg stieg
empor, die Männer wichen seitwärts, und wiesen auf die Treppe als auf den
Eingang.
    Witiko ging mit Benno die Treppe hinan, und Liutolt ging als Führer hinter
ihnen. Dann kamen die Männer des Gefolges Witikos mit den zwei Männern Heinrichs
von Schauenberg. Liutolt geleitete Witiko und die Seinen am oberen Ende der
Treppe aus dem Turme auf einen offenen Säulengang hinaus, und auf dem Gange fort
um eine Ecke des Hofes zu zwei grossen Türen mit steinernen Spitzbögen. An der
Tür rechts standen Reisige und ein Pförtner. Der Pförtner öffnete die Flügel der
Tür, und Witiko und seine Leute traten durch dieselbe in einen sehr grossen Saal.
    In dem Saale sass auf einem schönen Stuhle Heinrich von Schauenberg in
rotsammetenem Rittergewande ohne Verzierungen. Neben ihm sass Wiulfhilt von
Dornberg, seine Gemahlin, in einem dunkelbraunsammetenen Gewande ohne Schmuck.
Dann sassen noch Männer und Frauen, und zur linken Hand standen an der Wand dahin
Dienstmannen und Leute aus dem Gefolge Heinrichs von Schauenberg.
    »Wer ist gekommen?« rief ein Mann in schönen Gewändern.
    »Witiko vom Witikohause«, antwortete Beda.
    »So empfange er den Sitz«, rief der Mann.
    Witiko und Benno setzten sich auf Stühle, welche zur rechten Hand Heinrichs
von Schauenberg an der Wand standen. Die Männer Witikos stellten sich längs der
Wand auf, den Männern Heinrichs von Schauenberg gegenüber.
    »Was bringt Witiko vom Witikohause?« rief der Mann in dem schönen Gewande.
    »Er bringt eine heilige Werbung«, sagte Beda.
    Nach diesen Worten stand der Burgpfarrer Heinrichs von Schauenberg auf, und
sagte: »Welche heilige Werbung bringt Witiko vom Witikohause?«
    Benno stand auf, und sagte: »Witiko vom Witikohause bringt die heilige
Werbung der Ehe.«
    »So sage er die Werbung der Ehe«, rief der Mann.
    Hierauf stand Witiko von seinem Sitze auf, trat einen Schritt vor, wendete
sich gegen Heinrich und Wiulfhilt, und sprach: »Hoher Herr, Heinrich von
Schauenberg, erhabene Frau, Wiulfhilt von Dornberg, ich, Witiko vom Witikohause,
ein Herr im mittäglichen Böhmen unter dem erlauchten Herzoge von Böhmen und
Mähren, Wladislaw, werbe in Gutem und Treuem um eure Tochter, das tugendreiche
Fräulein Berta, dass sie mir in freiem Willen als Ehegemahlin folge, und dass ich
sie ehre und liebe und ihr treu bin, so lange ich lebe. Ich bitte euch um eine
Antwort auf meine Werbung.«
    Heinrich von Schauenberg stand auf, und sprach: »Witiko vom Witikohause,
Herr im mittäglichen Böhmen unter dem Herzoge Wladislaw, ich, Heinrich von
Schauenberg, gebe dir in Gutem und Treuem meine Tochter Berta, dass sie dir in
freiem Willen als Ehegemahlin folge, dass du sie ehrest und liebest, und ihr treu
bist, so lange du lebst, und dass sie dich ehret und liebt und dir treu ist, so
lange sie lebt. Hier ist Wiulfhilt von Dornberg, meine Gemahlin, hier ist
Werinhart von Jugelbach, mein Vater, hier ist Benedicta von Aschach, meine
Mutter, hier ist Gebhart von Stauf, mein Bruder. Sie sagen, dass die Ehre der
Werbung gepflogen ist, und dass Berta in deinem Stamme ist, wie in unserem
Stamme.«
    Wiulfhilt stand auf, und sprach: »Die Ehre ist gepflogen, und Berta ist in
Witikos Stamme wie in unserem Stamme.«
    Werinhart stand auf, und sprach: »Die Ehre ist gepflogen, und Berta ist in
Witikos Stamme wie in unserem Stamme.«
    Und Benedicta stand auf, und sprach: »Die Ehre ist gepflogen, und Berta ist
in Witikos Stamme wie in unserem Stamme.«
    Und Gebhart von Stauf stand auf, und sprach: »Die Ehre ist gepflogen, und
Berta ist in Witikos Stamme wie in unserem Stamme.«
    Nun sprach Heinrich von Schauenberg. »So sage Berta, dass sie in freiem
Willen der Werbung folge, oder dass sie in freiem Willen die Werbung nicht
annehme.«
    Drei Frauen erhoben sich von ihren Sitzen, und gingen aus dem Saale.
    Alle, die aufgestanden waren, blieben stehen.
    Die Frauen kamen wieder zurück, und mit ihnen kam Berta. Sie hatte ein
Gewand von braunem Sammet ohne Schmuck. Hinter ihr gingen vier Jungfrauen.
    Sie ging mit den Frauen und Jungfrauen bis zu ihrem Vater, und stellte sich
an seine linke Seite.
    Heinrich von Schauenberg sprach: »Berta von Schauenberg, Tochter Heinrichs
und Wiulfhilts, hier steht Witiko vom Witikohause, ein Herr im mittäglichen
Böhmen unter dem Herzoge Wladislaw, und wirbt in Gutem und Treuem, dass du ihm in
freiem Willen als Ehegemahlin folgest, und ihn ehrest und liebst und ihm treu
bist, so lange du lebst, und dass er dich ehret und liebt und dir treu ist, so
lange er lebt. Gib ihm eine Antwort.«
    Berta sprach: »Ich, Berta von Schauenberg, die Tochter Heinrichs und
Wiulfhilts, werde in freiem Willen Witiko vom Witikohause, dem Herrn im
mittäglichen Böhmen unter dem Herzoge Wladislaw als Ehegemahlin folgen, dass ich
ihn ehre und liebe und ihm treu bin, so lange ich lebe.«
    »So ist die Werbung geschlossen«, sagte Heinrich von Schauenberg. »Wir
reichen uns zur Urkunde zuerst die Hand, und werden das Pergament ausfertigen,
und unsere Siegel daran befestigen, und werden die Herren Freunde und Unsrigen
bitten, dass sie ihre Siegel zu den unsrigen hängen.«
    Nach diesen Worten gingen Heinrich und Witiko einander entgegen, und
reichten sich die Hände.
    Dann trat Witiko vor Wiulfhilt, und Wiulfhilt und Witiko reichten sich die
Hände.
    Und es reichten sich Werinhart und Witiko, und Benedicta und Witiko, und
Gebhart und Witiko die Hände.
    Und zuletzt reichten sich Witiko und Berta die Hände.
    Dann gingen alle zu ihren Sitzen, und setzten sich auf dieselben. Berta sass
mit ihren Jungfrauen an der linken Seite ihrer Mutter.
    Als dieses geschehen war, gingen alle Männer Witikos und alle Männer
Heinrichs von Schauenberg einander entgegen, sie kamen in der Mitte des Saales
zusammen, und reichten sich die Hände. Dann trennten sie sich wieder, und gingen
an die Wände zurück.
    Hierauf rief Heinrich von Schauenberg: »Und so lade ich dich, Witiko vom
Witikohause, in diese Burg zu Gaste, und so lade ich alle deine Männer in die
Gastlichkeit der Burg.«
    Witiko antwortete: »Ich nehme auf die Frist von vier Tagen die Gastlichkeit
an, und dann ziehe ich mit den Meinigen heim, zu ordnen, was sich geziemet.«
    »So folget mir, und erquicket euch«, sagte Heinrich von Schauenberg.
    Es bildete sich nun ein Zug. An der Spitze gingen Heinrich und Witiko. Dann
folgten Werinhart und Benedicta, dann Wiulfhilt und Gebhart, dann Berta und die
Frauen, dann gingen die Priester und dann die andern.
    Sie gingen in einen Saal, in welchem Speisen und Getränke waren. Die Speisen
und Getränke wurden zur Erquickung gereicht.
    Dann wurde Witiko in sein Gemach geleitet, und die Seinigen erhielten
Wohnungen.
    Und am dritten Tage nach diesem Tage kamen Herren mit Gefolge in die Burg.
Es kamen Erchambert von Marbach, Odescalch von Meisaha, die Brüder Otto und
Walchun von Machland, Eppo von Windberg, Hartwik von Hagenau, Utalrik von
Willeringe, Otto von Rote, Marquard von Wesen, Chunrat von Heichenbach, Heinrich
von Tannenbach, und Calhochus von Valchenstein. Es kamen noch die Dienstmänner
Herwig von Uberacha, Adelhart von Hutte und Dietmar vom Randshofe. Allen diesen,
und Dienstmannen von ihnen und Dienstmannen Heinrichs und Werinharts und
Gebharts wurde das Pergament vorgelegt, und sie hingen ihre Siegel zu den
Siegeln Heinrichs, Werinharts und Gebharts.
    Nun wurden an dem Tage Geschenke ausgetauscht. Witiko gab Berta einen Kranz
aus Gold und edlen Steinen mit dunkelroten Waldrosen. Berta gab Witiko fünf
dunkelrote Waldrosen aus edlen Steinen so zusammen gefügt, dass man einen Gürtel
damit schliessen konnte. Heinrich gab Witiko ein Waffengewand aus kunstvollen
Ringen und edlen Steinen, und Witiko gab ihm ein erlesenes Schwert mit kostbaren
Steinen. Von Wiulfhilt bekam Witiko einen Goldgürtel mit Kleinodien, und er gab
ihr ein Sammetgewand mit Gold. Den Angehörigen Heinrichs und seinen Männern gab
Witiko weisse Stoffe aus sehr feiner Schafwolle, wie sie in Prag gemacht wurden,
dann die schönsten Pelzwerke, die in dem Walde gefunden werden konnten, dann
Waffen, Jagdgeräte und Pferdeverzierungen. Er empfing von ihnen auch Stoffe,
Waffen, Kleinodien, Gewänder, und Geräte. Die Geleite Heinrichs und Witikos
tauschten Geschenke, und die fremden Gäste empfingen und erteilten Gaben.
    Dann war ein grosses Festmahl in dem Saale, und nach dem Festmahle waren
Spiele und ritterliche Übungen. Abends wurden bunte Zelte an dem Berghange hin
errichtet, darin Männer aus den Gefolgen übernachten konnten.
    Am nächsten Tage wurde vereinbart, dass nach dreissig Tagen die Vermählung
sein solle, und die Gäste begannen sich zu zerstreuen.
    Witiko ordnete in seinem Reisegewande seinen Zug. Heinrich und Werinhart und
Gebhart geleiteten ihn mit Gefolgen bis an die Donau, und ein erlesener Zug von
Männern Heinrichs und Werinharts und Gebharts ging mit ihm bis in das
Witikohaus.
    Von dem Tage an rüstete Witiko nun alles, was er für die Feste in dem Walde
als notwendig erachtete. Er sandte auch Boten in vielen Richtungen aus, die
Gäste zu laden.
    Vier Tage vor dem Vermählungstage wurden Witiko, seine Mutter, seine Base,
Benno, die Frauen der Mutter und der Base und die Dienstmannen und die Geleite
Witikos durch einen feierlichen Zug von Männern Heinrichs, den Liutolt führte,
in das Schloss Schauenberg abgeholt. Der Zug ging am ersten Tage nach Velden, am
zweiten in die Burg Schauenberg.
    In die Burg kamen nun auch die Männer, welche bei der Verlobung Zeugenschaft
geleistet hatten, und es kam noch eine grosse Zahl anderer Männer und Frauen und
Jungfrauen.
    Am festgesetzten Tage wurde die Vermählung in der Schlosskirche gefeiert. Es
vollzog sie der Burgpfarrer des Schlosses Schauenberg, und der Pfarrer der Stadt
Eferdingen. Der Pfarrer von Aschach und Benno waren an seiner Seite. Witiko
hatte ein weisses Sammetgewand mit Gold, und er trug den goldenen Gürtel
Wiulfhilts, und daran als Schloss die Waldrosen Bertas. Berta hatte ein weisses
Gewand aus Seide und Gold, und sie trug den Kranz der Waldrosen Witikos. Von
ihrem Haupte ging ein Schleier bis zu der Erde nieder.
    Nach der Vermählung gingen alle in den grossen Saal, und von dem Saale gingen
Heinrich, Wiulfhilt, Wentila, Witiko und Berta in ein Gemach.
    Heinrich reichte Witiko die Hand.
    Wiulfhilt sprach: »Ich habe einmal gesagt: Gott kann alles fügen, und kann
uns Freuden bereiten, die wir gar nicht vermutet haben, und mein Gatte hat
geantwortet: So füge er es. Ich glaube, dass er es gefügt hat. Witiko wird in
Festigkeit und Treuem an unserem Kinde halten.«
    »Mutter, wie Ihr saget, wird es sein mein ganzes Leben lang«, sprach Witiko.
    Berta ging zu ihrer Mutter, und schlang beide Arme um ihren Nacken. Und die
Mutter küsste ihre Tochter.
    Dann schloss Wentila die neue Tochter an ihr Herz.
    In dieser Zeit kam ein Bote, und sagte, es sei ein Ritter in einem weiten
Gewande mit goldenem Gürtel, und es seien mit ihm Männer in weiten Gewändern und
silbernen Gürteln gekommen, und verlangen sogleich Gehör.
    »Lasset sie in den Saal führen«, sprach Heinrich.
    Und da die Männer im Saale Heinrichs standen, sagte der Ritter: »Ich bin
Kriwosud, der Marschalk des hochehrwürdigen Bischofes von Olmütz, Zdik. Der
hochehrwürdige Bischof sendet mich an Euch, Herr Heinrich von Schauenberg, und
an Eure hohe Frau Gemahlin und an den Bräutigam und an die Braut mit Briefen und
mit Kästchen.«
    »Ehe Ihr Eure Botschaft vollendet«, sprach Heinrich, »sagt, ob Euch eine
Frist zur Heimkehr gesetzt ist.«
    »Uns ist eine solche Frist nicht gesetzt«, antwortete der Marschalk.
    »So bleibt mit den Eurigen bei uns als Gast des Festes, und dann, so lange
es Euch beliebt«, sagte Heinrich.
    »Ich bleibe mit den Meinigen als Gast des Festes«, sagte der Marschalk.
    »Und lasset mich nun meine Gemahlin und Witiko und Berta rufen«, sprach
Heinrich, »weil Ihr auch an sie Botschaft bringt.«
    Und Heinrich sendete um Wiulfhilt, Witiko und Berta, und diese kamen.
    Dann übergab Kriwosud die Briefe. Sie waren von dem Bischofe selber
geschrieben.
    In dem Briefe an Heinrich standen Worte des Dankes, dass er ihn einmal nicht
erkannt hatte, da er ihn doch erkannt hatte, und die Bitte, dass er eine
Erinnerungsgabe des Beschützten nicht verschmähe.
    An Wiulfhilt und Berta war die Bitte gerichtet, dass sie eine freundliche
Gabe freundlich annehmen mögen.
    In dem Briefe an Witiko waren die Worte: Ich habe zu dir in Passau gesagt,
Witiko: Du hast treue Christenpflicht an mir geübt; möge sie dir im Walde
gelohnt werden, von dem Hause Heinrichs von Jugelbach bis an die Waldstelle, in
der du wohnen wirst. Möge Wladislaw die Stelle zieren, und möge ich etwas hinzu
tun können. Gott hat dich belohnt von dem Hause Heinrichs von Jugelbach aus, wie
ich es geahnet habe, bis an die Waldstelle, in der du nun wohnest. Wladislaw hat
deine Waldstelle geziert, ich habe nichts dazu zu tun vermocht, weil Wladislaw
alles getan hat. Vielleicht kann ich einmal eine Zierde bringen, die dich freut.
Nimm von meinem Boten an, was er dir überreicht, und halte es für ein Denkmal
deiner Vermählungszeit.
    Nachdem die Briefe gelesen waren, brachten vier Männer die vier Kästchen
herbei, und die Kästchen wurden geöffnet. In dem Kästchen Heinrichs lag ein
Schwert. Die Scheide war aus weissem Sammet mit roten Steinen. Der Griff war aus
Gold, und die Klinge hatte goldne Zieraten.
    In dem Kästchen Wiulfhilts war roter Sammet und weisses Hermelin.
    In dem Kästchen Bertas war ein Halskleinod von Gold und kostbaren Steinen.
    In dem Kästchen Witikos war ein Waffenkleid mit kunstreichen Ringen, und die
Säume waren Gold und edle Steine.
    Die Gaben wurden empfangen, der Dank wurde gesprochen, und Kriwosud wurde
gebeten, die Briefe, die man fertigen würde, zurück zu bringen.
    Die Feste nach der Vermählung dauerten sieben Tage. Und wer kam, wurde
bewirtet, und wenn er es bedurfte, beschenkt.
    Dann begannen die Gäste Abschied zu nehmen, und es wurde in der Burg der Zug
in das Witikohaus gerüstet.
    Da kam einmal ein Mann zu Witiko, und sagte: »Erlaubet mir, hochedler Herr,
dass ich die Burg betrachte, die Ihr auf dem hohen Walde erbaut habt, wie Ihr die
Burg Schauenberg, da sie gebaut wurde, betrachtet habt. Ich habe Euch Euer Glück
geweissagt.«
    »Du bist der Schaffner, der mir den Bau der Burg Schauenberg gezeigt hat«,
sagte Witiko.
    »Ja«, entgegnete der Mann, »und ich habe gesagt: Reiset glücklich, und möget
Ihr Eure Ziele erreichen, junger Herr. Und Ihr habt das Ziel erreicht. Wer hätte
damals gedacht, dass Ihr der Ehegemahl unserer Berta sein werdet. Ihr werdet
jetzt oft zu uns kommen, und einige von uns werden zu Euch kommen, vielleicht
sehe ich da die Burg.«
    »So komme einmal mit der Genehmigung deines Herrn als Gast zu mir, und ich
werde dir die Umsicht aus der Burg meines Waldes zeigen, wie du mir die Umsicht
der Burg dieses Berges gezeigt hast.«
    »Ich werde kommen, hochedler Herr«, sagte der Mann, »und gehabt Euch wohl.«
    »Gehabe dich wohl«, sagte Witiko.
    Am neunten Tage nach der Vermählung wurde eine Reihe Saumtiere mit Gut und
Habe gegen das Witikohaus gesendet.
    Am eilften Tage ging der Zug von der Burg Schauenberg fort. Es waren
Heinrich, Werinhart und Gebhart mit ihren Geleiten, es waren Wiulfhilt und
Berta mit ihren Frauen und Jungfrauen, es war der Burgpfarrer von Schauenberg,
es war Witiko mit seinen Männern, es waren Wentila und Hiltrut mit ihren Frauen,
und es war Benno. Dann war Kriwosud, weil ihn Witiko geladen hatte, und es waren
Herren und Ritter mit ihren Gefolgen, die Gäste des Witikohauses waren, und sich
zu dem Zuge gesellt hatten. Unter den Jungfrauen, die bei Berta bleiben
sollten, war Trude, und unter den Dienern Wolf.
    Es kamen wieder Menschen herzu, den Zug zu betrachten.
    In Aschach waren die Schiffe Heinrichs. Sie waren bemalt, waren mit schönen
Stoffen belegt, und trugen farbige Wimpel. In den Schiffen fuhr der Zug über die
Donau.
    Dann ging er die Höhen hinan, und ging auf den Höhen und in den Wäldern dem
Witikohause zu.
    Am Nachmittage des nächsten Tages näherte er sich demselben.
    In ihm waren schon Herren und Ritter als Gäste. Diese ritten in dem
schönsten Schmucke durch den Wald herunter, um den Zug hinan zu geleiten.
    Als er gegen die Burg kam, sahen die Männer und Frauen desselben sehr viele
Gezelte unter den hohen Tannen und Buchen des Waldes und auf dem grünen Rasen
vor der Burg stehen. Die Menschen aus dem Walde und aus den Gegenden neben dem
Walde waren herzu gekommen, und brachten Jubelrufe und Glückrufe und Segenrufe
aus. Und Pfeifen und Hörner und Zimbeln und Geigen erschallten, und Gesänge
mischten sich hinein. Vor dem Tore der Burg war ein Bogen aus Blumen, und
Jungfrauen brachten der Burgherrin Blumen, und streuten Blumen auf ihren Weg.
Dann standen alle Richter Witikos, und einige sagten die Hochzeitsprüche, die in
den Wäldern galten. Dann standen Huldrik und Martin und alle Leute Witikos. Von
den Fenstern hingen schöne Tücher herab, und zwischen den Fenstern waren
Blumengewinde. Der Zug und die geschmückten Gäste, die ihm entgegen geritten
waren, gingen durch das Tor ein.
    Und bis zu dem Abende kamen noch immer Gäste. Es waren dann in der Burg der
alte Lubomir, Ctibor und Nemoy, es waren Rowno, Diet, Osel, Wyhon, Hermann,
Witislaw und alle Herren des Waldes, die mit Witiko in dem Kriege gewesen waren,
es waren Welislaw, Odolen, Wecel, Casta, Zwest, Jurik, Sezima, Zdeslaw, dann
Moyslaw und Radosta, die Söhne Lubomirs, und dann die Sippen Rownos, es waren
der alte Ritter vom Kürenberge, der alte Heinrich von Oftering, Utalrik von
Willeringe, Otto von Rore, Marquard von Wesen, es waren Tiemo von der Aue, der
junge Heinrich von Oftering, der junge Ritter vom Kürenberge, Marchard von
Hintberg, Gebhart von Abbadesdorf, Ebergus von Aland, Werinhard von Brun,
Jubort von Tribanswinchel, Viricus von Gaden, und der junge Hartung von
Ruhenegk, und es waren Wolfgang von Ortau, Rudolph von Bergheim, Hans vom
Wörte, Werinhart von Hochheim und Heinrich von Rineck bei dem Zuge. Mit den
Männern waren Frauen und Jungfrauen, und es waren Dienstmannen und Gefolge
gekommen. Aus dem Walde waren die Pfarrer von Friedberg und Plan da, es waren
die Richter da, und es waren die da, welche in dem Kriege Obmänner gewesen
waren, und wer sonst hatte kommen wollen, war als Gast aufgenommen worden. Viele
wurden in der Burg beherbergt, viele waren in den Gezelten, und von dem Volke
war ein Teil in der warmen Nacht unter den Bäumen des Waldes, ein Teil war auf
dem freien Rasen zwischen den grauen Gesteinen.
    Am Morgen des nächsten Tages wurde ein feierlicher Gottesdienst unter dem
offenen Himmel des Waldes abgehalten. Dann sassen Witiko und Berta unter Tannen
auf schönen Gesiedeln, und die Gäste, Herren und Frauen, und die Richter und die
Obmänner und andere Untertanen Witikos und noch andere Leute aus dem Walde,
Männer und Frauen, kamen hinzu, und brachten Glückwünsche dar, oder sagten
Sprüche, oder reichten Blumen und Kränze. Dann wurden die Gäste zu einander
geführt, wurden einander genannt, und sie schlossen Genossenschaft und
Bekanntschaft. Dann war ein Mahl, und nach dem Mahle war ein grosser Zug in
prunkenden Gewändern durch allerlei Richtungen des Waldes, und durch andere
Richtungen wieder zurück.
    Am folgenden Tage waren Spiele. Es war in dem Tale, in welchem die Moldau
floss, ein Anger mit Schranken eingefasst, und es war Sand auf den Anger
geschüttet, dass er ein Turnierplatz wurde. Witiko und seine Gäste, und die zu
Witiko und den Gästen gehörten, zogen von der Burg durch den Wald zu der Moldau
hinab. Und es waren die ritterlichen Festkämpfe, die in Deutschland und die in
Österreich und die in Böhmen im Gebrauche waren. Frauen verteilten von den
Söllern die Preise.
    Auf den vielen freien Plätzen, die sich in dem Walde an der Moldau befanden,
waren die Spiele und Erheiterungen der Bewohner des Waldes. Sie hatten ihre
Wettkämpfe im Bogenschiessen, im Schiessen mit der Armbrust, im Werfen von Lanzen
oder Steinen, im Laufen, im Springen, im Klettern und im Ringen. Dann waren
Spiele mit Reifen, mit Bällen, mit Stangen und mit Seilen. Dann waren Tänze und
Gesänge, es waren Neckübungen in Rede und Antwort, und mancher kam als Pilger
oder Jäger oder Kohlenbrenner oder Pechsammler, und suchte sich in seinen Reden
und Schaustellungen darzutun.
    Witiko und viele Herren und Frauen gingen auf die Plätze, und sahen, was da
geschah.
    Witiko und Berta und Wentila und Wiulfhilt und Lubomir und Boleslaw und
Welislaw und Dimut und Odolen und Rowno kamen nach und nach gegen den dichteren
Wald, und wo man von den Menschen nichts mehr vernehmen konnte. Da hörten sie
eine Geige tönen, und die Töne der Geige waren sehr lieblich. Sie gingen der
Stelle zu, und kamen auf einen lichteren Platz, auf welchem Föhren in
Zwischenräumen standen. Unter den Föhren waren Menschen, und unter einer Föhre
sass auf einem Baumstrunke Tom Johannes, und spielte auf der Geige. Die Menschen
hörten ihm zu. Sie machten Raum, da Witiko kam, und er ging mit denen, die bei
ihm waren, bis zu Tom Johannes. Der Fiedler fuhr in seinem Spiele fort, und alle
hörten zu. Als er geendet hatte, sprach Witiko: »Ich habe dir gesagt, Tom
Johannes, dass deine Geige noch in dem grünen Walde singen wird, und sie singt
schöner als sonst.«
    »Sie singt schlecht«, sagte der Fiedler, »diese Geige des hohen Herzoges
kann singen, wie keine Geige auf der Welt; aber ich kann sie nur so gut singen
machen, wie ich kann. Siehe, Witiko, ich habe mir ein Knie an den Bogen gemacht,
wie meine Hand ein Knie hat, und nun vermag ich wieder zu streichen.«
    »Und du streichst, wie es andere nicht können«, sagte Witiko.
    »Sonst habe ich es besser vermocht als andere«, sprach der Fiedler, »wie es
jetzt ist, weiss ich nicht.«
    »Und hast du schon öfter auf der Geige des Herzogs gespielt?« fragte Witiko.
    »Ich habe es auf ihr gelernt«, antwortete der Fiedler, »und spiele heute zum
ersten Male vor Menschen, weil ein Tag der Ehren für dich ist, Witiko.«
    »So muss ich dir Dank bringen«, sagte Witiko, »und ich danke dir, und wenn du
in meine Burg kommen willst, werde ich dir noch mehr danken, und wenn ich nach
Plan komme, werde ich zu dir gehen, und dir wieder danken.«
    »Ich werde einmal in deine Burg kommen«, sagte der Fiedler.
    »So tue es«, antwortete Witiko.
    Und Tom Johannes geigte noch manches auf der Geige des Herzogs, und Witiko
und seine Gefährten hörten zu.
    Dann lobten sie ihn, verabschiedeten sich, und gingen ihres Weges weiter.
    Ehe der Abend kam, ging der Zug wieder zu dem Witikohause hinauf.
    Am nächsten Tage wurde das Pergament Witikos ausgefertigt, und seine Freunde
und andere Männer hingen ihre Siegel daran.
    In den folgenden Tagen war öfters Jagen nach den wilden Tieren des Waldes,
und da lernte der Ritter vom Kürenberge, wie er einmal gesprochen hatte, die
Buchen und Tannen des Waldes und die Bären kennen, und Odolen und Welislaw und
die andern böhmischen Freunde Witikos lernten kennen, wie der Wald Witikos ist,
und Wolfgang von Ortau und seine Freunde erfuhren die Gastlichkeit der
Waldleute, wie sie von denselben in Prag angeboten worden ist.
    Es geschahen dann auch Züge zu manchen Herren in dem Walde.
    Und an einem Tage sprach Welislaw zu Dimut: »So hast du mich, schöner
Krieger, besiegt, den ich besiegen wollte, und so kann ich nicht ohne dich sein,
kein Gedanke ist in mir ohne dich, ich kann ohne dich nicht leben und nicht
sterben, und so nimm mich, dass ich dein Gatte sei in Liebe und Treue und
Sorgfalt und Unzertrennlichkeit, immer fort und fort, so wahr mir Gott in jener
Welt helfe.«
    Und Dimut antwortete: »Und weil du getreu und stark bist, Welislaw, so will
ich deine Gattin sein in Liebe und Treue und Dauer, so wahr mir Gott helfe.«
    »Dann gibst du mir doch den Pfeil«, sprach Welislaw.
    »Er wird das Eigentum von uns beiden sein«, antwortete Dimut.
    Und als die Feste zwölf Tage gedauert hatten, schieden die Freunde Witikos
mit Segenswünschen für sein Glück, und mit Lobpreisungen Bertas und mit
Lobpreisungen des Waldes. Und andere Gäste schieden auch mit dem Ruhme und
Preise der Burgherrin und dem Ruhme und Preise der Wälder.
    Und als alle fort waren, stand Witiko mit Berta auf dem Mittagsöller des
Schlosses, und zeigte ihr die Fluren und Berge, von denen er ihr auf den Steinen
der einsamen Wiese bei dem Waldhause ihres Vaters erzählt hatte.
 
                                       4
 Schwellende Fluten.
Als nach der Entfernung der Gäste von dem Witikohause eilf Tage vergangen waren,
ritten fünf Männer auf dem Wege von Friedberg durch den Wald zu dem Witikohause
empor. Da sie vor der Burg waren, tönte in derselben das Zeichen, sie erwiderten
das Zeichen, und ritten in den Hof. Sie waren in weiten gegürteten Gewändern,
und einer führte ein Saumross. In dem Hofe stiegen sie von den Pferden, die
Pferde wurden von den Knechten Witikos in den Stall gebracht, und die Männer von
Huldrik in den Saal zu Witiko geführt.
    Witiko ging ihnen entgegen, und als er zu dem gekommen war, der ihr Führer
schien, weil er einen silbernen Gürtel hatte, rief Witiko: »Bores, du getreuer
Mann, den ich seit dem vierzehnten Tage des Monates Hornung des Jahres 1140
nicht gesehen habe, an welchem Tage der gute Herzog Sobeslaw gestorben ist.«
    »Witiko, ich grüsse dich«, sagte Bores. »Und wie ich dir in jenem traurigen
Winter einen Mann in dein Haus nach Plan geschickt habe, der dir meine
Botschaften brachte, und wie ich dir mit einem Briefe, den ich geschrieben
hatte, den Gürtel des Herzoges Sobeslaw geschickt habe, den dir die Herzogin
Adelheid geschenkt hat, so bin ich heute als ein Abgesandter des Herzoges
Wladislaw in deiner Burg, um dir Dinge von dem Herzoge zu bringen.«
    »Und dich hat der Herzog zu der Sendung gewählt?« fragte Witiko.
    »Ja«, entgegnete Bores. »Der Herzog hat gesagt: Bores, der du ein treuer
Diener Sobeslaws in seinem Leben und bei seinem Tode gewesen bist, der du die
Herzogin Adelheid behütet hast, bis sie schon nach einem halben Jahre ihrem
Gatten aus Gram gefolgt ist, reite zu Witiko, der meinen Oheim Sobeslaw geliebt
und seine Gattin Adelheid geehrt hat, und bringe ihm, was ich ihm schicke.«
    »Und welche Schicksale hast du seit jenem Winter erlebt?« fragte Witiko.
    »Ich habe gar keine Schicksale erlebt«, antwortete Bores; »der Herzog
duldete nicht, dass ich etwas anderes sei als der Kastellan von Hostas Burg, und
dass ich etwas anderes tue, als die Befestigung der Burg zu leiten, und die Burg
zu behüten. Der Herzog sagte, ich dürfe nicht in den Krieg ziehen, in welchem
als Feind Wladislaw, der Sohn Sobeslaws, ist, weil Sobeslaw unter meiner Burghut
gestorben ist, und ich ihn den Männern übergeben habe, die ihn geziert und auf
den heiligen Wysehrad gebracht haben.«
    »So nehmet Sitze in meinem armen Hause«, sagte Witiko, »und verschmähet
nicht die Gastlichkeit desselben.«
    Er wies auf Stühle, die an einem schönen langen Buchentische standen, und
die Männer setzten sich auf die Stühle. Er setzte sich zu ihnen.
    Dann gab er einem der Seinen ein Zeichen.
    Derselbe entfernte sich, und kam mit Huldrik zurück, dem zwei Männer
folgten, von denen einer Brod und der andere Salz trug. Sie stellten das Brod
und das Salz auf den Tisch. Witiko bot es den Männern an. Alle nahmen etwas
davon.
    Huldrik verneigte sich nun tief vor den Männern, und verliess den Saal.
    Er kam nach kurzer Frist wieder, und drei Knechte trugen hinter ihm Wein und
Kuchen und Becher. Sie stellten die Dinge auf den Tisch.
    Witiko sprach darauf zu den Männern: »Weil ihr die Gastlichkeit meines
Hauses durch Brod und Salz angenommen habt, und mich ehret, so teilt mit mir den
Empfangswein und den Empfangskuchen.«
    Huldrik liess durch einen Mann den Kuchen zerschneiden, und durch einen
anderen Wein in sechs Becher füllen.
    Jeder der fünf Männer nahm nun einen Becher, und trank daraus. Dann nahm
jeder ein Stückchen Kuchen, und ass es.
    Hierauf trank auch Witiko aus seinem Becher, und nahm ein Stückchen Kuchen,
und ass es.
    »Und nun verweilet in dieser Burg, so lange es euch gefällt«, sagte er zu
den Männern.
    »Wir werden hier so lange verweilen, als es unsere Zeit gestattet«, sprach
Bores, »weil du uns unter dein Dach freundlich aufgenommen hast.«
    »Und bist du zu jeder Frist in Hostas Burg gewesen?« fragte Witiko.
    »Ich bin immer in Hostas Burg gewesen«, antwortete Bores. »Nur ein Mal jedes
Jahres bin ich nach Prag gekommen, wenn die Gedächtnisfeier des Herzogs Sobeslaw
und der Herzogin Adelheid gewesen ist, die sie gestiftet haben, da sie noch
lebten. Und da habe ich auf ihrem Grabe gebetet. Der Herzog Wladislaw hat mir
jedes Mal die Erlaubnis gegeben.«
    »Und haben viele Menschen der Gedächtnisfeier beigewohnt?« fragte Witiko.
    »Viele«, antwortete Bores, »alle Priester des Wysehrad, auf dem die Feier
ist, die Priester der Stadt Prag und der beiden Burgflecken, Äbte und andere
fremde Priester, alte Lechen der Länder und auch junge und viel Volk. Und wenn
der Herzog in Prag war, feierte er mit der Herzogin die Gedächtnisfeier mit,
sonst nur die Herzogin allein.«
    »Ich gedenke die nächste Sterbezeit Sobeslaws und Adelheids in Prag mit zu
begehen, und meine Ehegemahlin Berta dahin mit zu bringen«, sagte Witiko.
    »Wenn Ruhe ist, und du nicht im Felde liegen musst«, sagte Bores.
    »Es wird wohl ruhig sein«, sprach Witiko.
    »Der Herzog vermehrt seine Kriegsmänner«, antwortete Bores, »er ordnet sie,
sorgt für den Waffenvorrat, und befestiget seine Burgen.«
    »Ist Hostas Burg schon fertig geworden?« fragte Witiko.
    »Sie ist noch nicht fertig«, antwortete Bores; »die Befestigungen werden
stark gemacht, und dehnen sich aus. Der Herzog ist selber schon manches Mal in
der Burg gewesen, und hat gesagt: Bleibe in deinem Horste, Bores, und rüste ihn.
Jetzt aber hat er mich nach Prag rufen lassen, und hat gesagt, dass ich mir vier
Männer auslesen, und zu dir reiten soll. Ich habe mir vier Männer ausgelesen,
und nun bin ich bei dir.«
    »Und sind die Gemächer, in denen Sobeslaw und Adelheid gewesen sind, noch in
dem alten Stande?« sagte Witiko.
    »Wladislaw, der Sohn Sobeslaws, ist nach dem Tode seines Vaters von der Burg
fort«, antwortete Bores, »und ist nicht mehr in dieselbe gekommen. Adelheid hat
dunkle Tücher in das Sterbezimmer Sobeslaws hängen lassen, und hat in demselben
gelebt, und ist in demselben gestorben. Dann sind die andern Kinder fortgebracht
worden. Der Herzog Wladislaw hat durch Gerichtsmänner alles durchsuchen und
aufschreiben lassen, und hat alles gelassen, wie es ist. Ich und Welkaun und
Bawor, die mir beigegeben wurden, sind die Hüter. Das Bett mit der Bärendecke
steht noch in dem Gemache, und der Schrein steht an dem Bette, und in dem
Schreine ist das rote Beutelchen mit dem goldenen Kreuzlein, das er dir
mitgegeben hatte, als du von ihm nach Prag geschickt worden bist. Und dann steht
auch noch das grosse Kreuz in dem Gemache.«
    »Ich danke dir, Bores«, sagte Witiko. »Weil der hocherlauchte Herzog
Wladislaw dich als den treuen Diener Sobeslaws zu mir geschickt hat, so ehrt er
das Andenken Sobeslaws, und er wird es verzeihen, wenn ich die Ehre ehrte, und
zuerst um Dinge fragte, die Sobeslaw und Adelheid angehen. Und nun, Bores, was
begehrt der hocherlauchte Herzog von mir, und gehört die Botschaft für mich
allein?«
    »Sie gehört dir nicht allein«, antwortete Bores.
    »So lasse dich im Kreise meiner Männer empfangen«, sagte Witiko.
    Er schlug mit einem Stabe auf eine Glocke, und als ein Diener eintrat, sagte
er: »Huldrik lade Beda und meine Männer in den Saal, eine Botschaft des hohen
Herzoges Wladislaw ist angekommen.«
    Der Diener entfernte sich, und in kurzer Zeit kam Beda, und es kamen Männer
Witikos in den Saal. Sie stellten sich in einer Ordnung auf. Witiko erhob sich,
Bores und seine Männer erhoben sich auch. Bores trat vor Witiko, und sagte:
»Witiko vom Witikohause, sei gegrüsset.«
    Witiko antwortete: »Bores, sei gegrüsset, was ist dein Begehr?«
    »Ich bringe Gruss und Botschaft von Wladislaw, dem hocherlauchten Herzoge von
Böhmen und Mähren«, sagte Bores.
    »So eröffne uns den Gruss und die Botschaft und den Befehl des hocherlauchten
Herzoges«, sagte Witiko.
    Bores antwortete: »Der hocherlauchte Herzog Wladislaw sendet durch mich,
Bores, den Kastellan von Hostas Burg, an dich, Witiko vom Witikohause, und an
deine hohe Gemahlin, Berta von Schauenburg, den besten Gruss, und er sendet an
euch beide den Glückwunsch zu eurer Vermählung, und er sendet eine Hausgabe, und
bittet, sie zu nehmen, wie ihr die andern Hausgaben genommen habt. Und Gertrud,
die hocherlauchte Herzogin von Böhmen und Mähren, die Gemahlin des Herzogs
Wladislaws, sendet durch mich, Bores, den Kastellan von Hostas Burg, an dich,
Witiko vom Witikohause und an deine hohe Gemahlin, Berta von Schauenberg, den
besten Gruss, und sie sendet an euch beide den Glückwunsch zu eurer Vermählung,
und sie sendet eine Hausgabe, und bittet, dass ihr sie annehmet.«
    Witiko antwortete darauf: »Bores, Kastellan auf Hostas Burg, Abgesandter des
hocherlauchten Herzoges Wladislaw, ich habe vernommen, was du von dem
hocherlauchten Herzoge und der hocherlauchten Herzogin an mich berichtet hast.
Es geziemt sich, dass meine Gemahlin, Berta von Schauenberg, auch vernehme, was
an sie von dem hocherlauchten Herzoge und der hocherlauchten Herzogin berichtet
wird. Beda und zwei Männer, bittet sie, dass sie zu uns in den Saal komme.«
    Beda und zwei Männer entfernten sich aus dem Saale.
    Die in ihm zurückgeblieben waren, schwiegen nun.
    Nach einer kurzen Zeit öffneten sich die Flügeltüren des Saales, und Berta
ging in denselben herein, zwei Frauen und zwei Jungfrauen folgten ihr. Beda und
die zwei Männer gingen zuletzt herein. Berta hatte ein dunkelblaues Kleid aus
Sammet und einen silbernen Gürtel.
    Sie blieb mit ihren Begleiterinnen an der Seite Witikos stehen.
    Witiko sprach zu ihr: »Berta, meine Gemahlin, es ist von dem erlauchten
Herzoge Wladislaw Botschaft an mich und dich gekommen, höre sie an.«
    Berta blieb stehen. Bores trat vor sie, neigte sich, und sprach:
»Wladislaw, der hocherlauchte Herzog von Böhmen und Mähren, und Gertrud, die
hocherlauchte Herzogin, seine Gemahlin, senden durch mich, Bores, den Kastellan
von Hostas Burg, an Witiko vom Witikohause und an seine hohe Gemahlin, Berta
von Schauenberg, die besten Grüsse und die Glückwünsche zur Vermählung, und sie
senden eine Hausgabe, und bitten, dass ihr sie annehmet, wie ihr die andern
Hausgaben angenommen habt.«
    Nach diesen Worten verneigte sich Bores wieder, und trat zurück.
    Beda aber geleitete Berta und ihr Gefolge zu Sitzen.
    Witiko sprach nun: »Ich nehme in Ehrerbietung den Gruss und den Glückwunsch
und die Hausgabe des hocherlauchten Herzoges und der hocherlauchten Herzogin an,
und sage ihnen durch dich, Bores, den Kastellan von Hostas Burg, den
unterwürfigen Dank, und werde ihnen meinen ferneren Dank in Prag darbringen.«
    Berta erhob sich nun von ihrem Sitze, und sprach: »Ich nehme in
Ehrerbietung den Gruss und den Glückwunsch und die Hausgabe des hocherlauchten
Herzoges und der hocherlauchten Herzogin an, und sage ihnen durch dich, Bores,
den Kastellan von Hostas Burg, den unterwürfigsten Dank.«
    Nach diesen Worten setzte sich Berta wieder auf ihren Stuhl.
    Witiko aber sprach: »Wenn es meiner Gemahlin genehm ist, so bitte ich sie,
mit mir auch den Dank in Prag darzubringen.«
    »Ich folge meinem Gemahle mit Freuden nach Prag«, sagte Berta.
    Bores aber sprach: »Gebet mir nun die Erlaubnis, hoher Herr und hohe Frau,
dass ich die Hausgabe bringen lassen darf.«
    »So lasse sie bringen«, sagte Witiko.
    Die Männer, welche bei Bores waren, entfernten sich aus dem Saale. Sie kamen
aber bald wieder, und mit ihnen kamen Knechte, welche Kästchen trugen. Sie
stellten die Kästchen auf den Tisch, und gingen fort.
    Bores reichte Witiko einen kleinen goldenen Schlüssel, wies auf ein
Kästchen, und sagte: »Der hocherlauchte Herzog bittet dich, dass du das Kästchen
öffnest.«
    Das Kästchen war aus sehr schönem Wacholderholze und mit goldenen Zierden
belegt.
    Witiko öffnete es.
    Das Innere war mit weisser Seide überzogen, und auf einem Kissen aus weissem
Sammet lag in einer Vertiefung ein längliches Stückchen Holz wie ein schmaler
Span, der von einer Linde gelöst worden ist.
    Witiko sah auf Bores.
    Bores aber sagte: »In dem Gemache, in welchem der Herzog Sobeslaw gestorben
ist, steht das hohe Kreuz des Heilandes. Das Kreuz ist aus dem Holze der Linde
geschnitzt worden, unter der der Herzog Sobeslaw auf einem Zuge nach Mähren von
seinen treuen Räten Zdeslaw und Diwis die Botschaft empfangen hatte, dass ihm die
Herren Miroslaw und Strezimir durch zwei Dienstleute nach dem Leben streben, und
unter der er die Verhaftung der Schuldigen angeordnet hatte. Dieses Kreuz
umschlang die Herzogin Adelheid nach dem Sterben ihres Gemahles, und vor diesem
Kreuze betete sie bis zu ihrem Tode. An einem heiligen Pfingstsonntage fiel ein
Span von dem Rücken des Kreuzes herunter, und die Männer, die kunstreich in Holz
arbeiten, konnten nicht sagen, wie der Span sich von dem Kreuze gelöset habe.
Der Herzog Wladislaw liess zum Denkmale den kleinen Span aufbewahren, und liess
die Stelle an dem Kreuze, aus welcher er gekommen war, offen. Das Stückchen Holz
in dem Kästchen ist der Span, und der Herzog sendet ihn dir. Er hat alles in
eine Schrift setzen lassen, und die Schrift liegt unter dem weissen Kissen.«
    Witiko antwortete: »Ich nehme in Demut das heilige Kleinod, und werde es in
meiner Burgkirche aufbewahren, und wenn ich eine grössere Kirche gebaut habe,
werde ich es in der grösseren Kirche aufbewahren. Der Schlüssel zu dem Kästchen
wird in der Kirche sein. Rufet den frommen Vater Benno, und geleitet meine
Mutter und meine Base und ihre Frauen hieher.«
    
    Mehrere Männer gingen aus dem Saale, und einer kam mit Benno, und die andern
kamen mit den Frauen und ihren Geleiten zurück.
    Die Frauen setzten sich auf Stühle.
    Witiko sprach: »Hochehrwürdiger Vater Benno, Mutter Wentila, Base Hiltrut,
dieser Mann ist Bores, der Kastellan in Hostas Burg, in welcher der Herzog
Sobeslaw und die Herzogin Adelheid gestorben sind. Er bringt von dem
hocherlauchten Herzoge Wladislaw und der hocherlauchten Herzogin Gertrud gute
Grüsse und Glückwünsche zur Vermählung und Hausgaben.«
    Bores neigte sich gegen alle, die genannt wurden, und sie neigten sich gegen
ihn.
    Darauf sprach Witiko: »Der hocherlauchte Herzog Wladislaw sendet mir einen
kleinen Span von dem Kreuze aus dem Sterbegemache Sobeslaws, welcher Span sich
an einem heiligen Pfingstsonntage von dem Kreuze gelöst hatte, wie es die
kunstfertigen Männer, die im Holze schnitzen, nicht zu erkennen vermögen. Eine
Schrift, die der hohe Herzog hat verfertigen lassen, besaget alles.«
    Nach diesen Worten zog er an einem kleinen Bändchen ein Fach unter dem
weissen Kissen heraus, und nahm aus dem Fache ein Pergament. Er reichte dasselbe
dem Priester Benno, und sagte: »Lese es uns, frommer Vater.«
    Benno las die Schrift laut vor.
    Dann wurde sie wieder in das Fach gelegt, und das Fach unter das Kissen
geschoben.
    Hierauf nahm Benno das kleine Stücklein Holz, und reichte es Witiko zum
Kusse. Dann reichte er es Berta, dann Wentila, dann Hiltrut, dann allen Frauen
und allen Männern, und zuletzt küsste er es selber. Dann legte er es wieder auf
das Kissen.
    Witiko schloss das Kästchen, reichte den Schlüssel dem Priester Benno, und
sprach: »Hochehrwürdiger Vater Benno, der du jetzt den Gottesdienst in unserer
Burgkirche feierst, ich gebe dir den Schlüssel zu dem heiligen Kleinode in deine
Verwahrung, und gebe das Kleinod in die Verwahrung der Kirche. Es möge heute
hier bewacht und morgen feierlich in die Kirche gebracht werden.«
    »Es geschehe, wie du sagst, Herr«, antwortete Benno.
    Nach diesen Worten barg er das Schlüsselchen an seiner Brust.
    Dann sagte Bores: »Ist es dir genehm, hoher Herr, die andern Kästchen zu
öffnen?«
    »Es ist mir genehm, hoher Kastellan«, antwortete Witiko.
    Bores reichte nun einen zweiten Schlüssel an Witiko, und sagte: »Er schliesst
das dunkelbraune Kästchen auf.«
    Witiko öffnete mit dem Schlüssel ein Kästchen von dunkelbraunem Holze,
welches sehr schön gebohnt war.
    In dem Kästchen waren zwei silberne Kannen und zwölf silberne Becher. Auf
einer Kanne war das Bild des Heilandes, auf der andern das Bild Marias, und auf
den Bechern die Bilder der zwölf Apostel. Sonst waren Stäbe und Laubranken
kunstreich in die Gefässe gegraben.
    Bores reichte wieder einen Schlüssel an Witiko, und sagte: »Er schliesst das
schwarze Kästchen auf.«
    In dem schwarzen Kästchen waren zwölf silberne Teller, und sie waren
kunstvoll gearbeitet wie die Trinkgeschirre.
    Bores reichte wieder einen Schlüssel an Witiko, und sagte. »Er schliesst das
rote Kästchen auf.«
    In dem roten Kästchen war roter Sammet, kostbares Pelzwerk aus der Fremde
und Juwelen.
    Witiko schaute alle diese Dinge an, und Berta und Wentila und Hiltrut und
Benno wurden von ihm zu dem Tische gerufen, und sie betrachteten diese
Geschenke. Als sie dieselben betrachtet hatten, rief Witiko seine Männer herzu,
die Geschenke des Herzoges zu sehen.
    Die Männer gingen einer hinter dem andern an den Tisch, und sahen die
Geschenke an.
    Darauf sagte Witiko: »Gott lohne es dem hohen Herzoge, dass er an einen
seiner geringen Männer und an sein Weib denkt, und Gott lohne es der hohen
Herzogin, dass sie des Sinnes ihres Gatten ist. Ich nehme in Ehrerbietung die
Hausgaben an, trage dir, Bores, Kastellan von Hostas Burg, in Lieb und Treuen
den Dank auf, bis ich selber mit meiner Gemahlin nach Prag komme. Ich rufe: Heil
Wladislaw, dem hocherlauchten Herzoge von Böhmen und Mähren, und Heil Gertrud,
der hocherlauchten Herzogin.«
    Die Männer Witikos riefen: »Heil Wladislaw, dem hocherlauchten Herzoge von
Böhmen und Mähren, und Heil Gertrud, der hocherlauchten Herzogin.«
    Darauf erhob sich Berta von ihrem Sitze, und sprach: »Weil der hohe Herzog
und die hohe Herzogin meinen Gatten geehret und mich genannt haben, wie bei uns
in den deutschen Landen die Fürsten ihre Männer und die Frauen derselben ehren,
so bitte ich dich, Bores, Kastellan von Hostas Burg, bringe meinen Dank an den
hocherlauchten Herzog und an die hocherlauchte Herzogin, bis ich mit meinen
Gatten nach Prag komme. Und ich rufe wie mein Gatte: Heil Wladislaw, dem hohen
Herzoge von Böhmen und Mähren, und Heil Gertrud, der hohen Herzogin.«
    Und Wentila und Hiltrut und Benno und die Männer Witikos riefen: »Heil
Wladislaw, dem hohen Herzoge von Böhmen und Mähren, und Heil Gertrud, der hohen
Herzogin.«
    Dann sagte Berta: »Und weil du, Bores, mit deinen Männern unser Dach nicht
verschmäht hast, so werde ich trachten, euch eine Hauswirtin zu sein, wie sie
meine Mutter, Wiulfhilt von Dornberg, ist, und wie sie meine Grossmutter,
Benedicta von Aschach, ist.« Dann setzte sie sich wieder nieder.
    Witiko aber sprach: »Lasset nun die Kästchen schliessen, und bis auf das
heilige in die Kleinodienstube bringen. Dich, Bores, und deine Männer werde ich
in eure Stuben geleiten, dass ihr ruhet, und dass ihr dann das Brod an unserem
Tische teilt.«
    Zwei Männer gingen nach diesen Worten Witikos fort. Sie kamen mit andern
Männern wieder. Zwei bewaffnete Knechte stellten sich auf die Weisung zu dem
heiligen Kästchen. Die andern empfingen von Witiko die geschlossenen Kästchen,
und trugen dieselben fort. Dann erhoben sich die Frauen und ihre Geleite von
ihren Sitzen. Berta und Wentila grüssten mit freundlichen Worten Bores und seine
Männer, und dann gingen die Frauen und ihre Geleite aus dem Saale. Dann führte
Witiko Bores und seine Männer in ihre Gemächer, und alle ausser den zwei
bewaffneten Knechten verliessen den Saal.
    Am andern Tage wurde das Kästchen mit dem Holze des Kreuzes des Heilandes
feierlich von dem Saale in die Kirche gebracht, und alle Menschen der Burg waren
bei dem heiligen Gottesdienste, welchen der fromme Vater Benno verrichtete.
    Bores blieb acht Tage als Gast in dem Witikohause, und wurde dort geehrt. Es
kamen Nachbarn Witikos, ihm Ehre zu bringen, und die Geschenke des Herzoges zu
sehen. Auch Leute aus dem Walde kamen, um die Gaben des Herzoges und der
Herzogin zu beschauen. Witiko liess sie ihnen durch Huldrik zeigen. Huldrik sagte
den Leuten: »Die Geschirre sind jetzt von Silber; aber sie werden einmal von
Gold sein.«
    Am neunten Tage verabschiedete sich Bord, und Witiko geleitete ihn mit einem
Gefolge bis in die krumme Au.
    An dem nämlichen Tage kam auch die Botschaft an Benno, dass er zu dem
Kardinale Guido nach Prag kommen möge.
    Witiko gab ihm ein gutes Pferd, und rüstete fünf Reiter und zwei Männer mit
Saumtieren aus, und Benno zog des andern Tages mit diesem Gefolge aus dem
Witikohause gegen Prag fort.
    Es wurde von dem Tage an auch alles gerüstet, was notwendig war, dass Witiko
mit Berta nach Prag reisen konnte. Und als zehn Tage vergangen waren, ritt er
mit zwanzig Reitern aus dem Tore der Burg. In der Mitte der Reiter waren sechs
Sänften, in denen Berta und ihre Frauen sassen, und hinter den Reitern gingen
fünf Saumrosse.
    So gelangten sie endlich nach Prag.
    In Prag ging Witiko zuerst allein zu dem Herzoge. Er dankte ihm für die
Gaben, und fragte, ob er seine Gemahlin, Berta von Schauenberg, zu ihm und zu
der hohen Herzogin führen dürfe.
    Wladislaw antwortete: »Danke mir nicht, Witiko. Du bist ein treuer Mann des
Herzoges Sobeslaw gewesen, und bist ein treuer Mann von mir. Ich habe dir darum
durch Bores das Holz von dem Kreuze des Heilandes aus Hostas Burg geschickt, dass
du sähest, dass ich dir auch ein treuer Mann sein will. Das andere sind Gaben,
die ein Freund dem andern in das Haus sendet. Sei mein Freund, wie ich dein
Freund bin, seit ich dich bei Chynow gesehen habe. Was deine Gattin angeht, so
bringe die hohe Frau zu mir und zu der Herzogin, wir werden sie als Gast ehren.«
    Witiko antwortete: »Ich danke dir, hoher Herr, für deine Güte. Und weil ich
dem Herzoge Sobeslaw aus Pflicht treu gewesen bin, so bin ich auch dir aus
Pflicht treu. Und dir bin ich auch treu aus Freundschaft, wie du schon früher
einmal gesagt hast, und wie du es jetzt wieder sagtest, dass du mein Freund bist,
und wie ich aus dem ganzen Gemüte dein Freund bin. Ich werde die Treue und die
Freundschaft nie verletzen. Und haben mich deine andern Gaben geehrt, so hat
mich deine Gabe aus Hostas Burg und der Überbringer derselben erfreut.«
    An dem folgenden Tage wurde Witiko und seine Gattin Berta zu dem Herzoge
und der Herzogin gerufen.
    Sie gingen im Schmucke zu Hofe.
    Sie wurden in einen kleinen Saal der Hofburg zu dem Herzoge und der Herzogin
geführt. Wladislaw und Gertrud sassen geschmückt und allein auf Stühlen, und
wiesen Witiko und Berta Stühle an. Beide setzten sich. Gleich aber erhob sich
Witiko wieder, nahm Berta bei der Hand, führte sie vor den Herzog und die
Herzogin, und sprach: »Hocherlauchter Herzog, hocherlauchte Herzogin, die Frau,
welche vor euch steht, ist die Tochter Heinrichs von Schauenberg, der vorher
Heinrich von Jugelbach gewesen ist, und Wiulfhilts von Dornberg. Sie heisst
Berta. Heinrich ist ein Herr und edler Mann, Wiulfhilt ist eine edle Frau, und
Berta durch beide edel. Sie hat es nicht verschmäht, als meine Gattin in Lieb
und Treue mir anzugehören, wie ich ihr als Gatte in Lieb und Treue angehöre. Wir
erkennen und achten die Ehre hoch, dass wir heute vor euch haben kommen dürfen.«
    »Witiko, Berta«, sagte der Herzog, »nehmet eure Sitze wieder ein.«
    Witiko und Berta setzten sich auf ihre Stühle.
    Dann sprach der Herzog: »Witiko, wie du mir sonst als Mann und Freund
gegrüsst warest, so sei mir heute als Ehegatte gegrüsst. Berta, seid mir heute
als Ehegattin Witikos gegrüsst, und gebt mir die Hoffnung, dass ich Euch künftig
auch als Freundin werde begrüssen können.«
    Die Herzogin sprach: »Ich grüsse Witiko als Freund, ich grüsse ihn als treuen
Mann des Herzoges und der Länder, und ich grüsse ihn als Ehegatten. Ich grüsse
Berta von Schauenberg als Ehegattin Witikos, und ich grüsse sie als Freundin.
Die aus solchem Geschlechte entsprossen ist, wird jeder Freundschaft würdig
sein, und wird, wo man es nicht unwert ist, auch Freundschaft gewähren.«
    Witiko antwortete: »Hocherlauchter Herzog, hocherlauchte Herzogin, ich danke
inniglich des Grusses.«
    Berta sprach: »Hocherlauchter Herzog, ich danke des Grusses, und wer, wenn
ich ihn auch nicht kenne, der Freund meines Gatten ist, dessen Freundin bin ich.
Hocherlauchte Herzogin, ich danke des Grusses, und wer so hehr getan hat, wie
Ihr, der geniesst die Bewunderung und Verehrung, man gibt ihm Freundschaft, und
achtet es als höchste Ehre, seiner Freundschaft würdig zu werden.«
    »Du sprichst entschieden wie dein Vater, Berta«, sagte die Herzogin.
    »Mein Vater, hohe Frau, hat Euch noch an dem Hofe in Wien gesehen, und er
hat Euch in Prag gesehen«, sprach Berta.
    »Wir kennen Heinrich von Jugelbach und Schauenberg sehr gut, und ich kenne
ihn schon lange«, sagte der Herzog, »wir sind öfter bei einander gewesen, als
ich noch nicht auf diesem Fürstenstuhle war, und später auch noch. Er ist in
Prag gewesen, da du fern von mir, Witiko, in deinem Walde geweilt hattest. Ich
kenne Gebhart von Jugelbach, der jetzt Gebhart von Stauf ist, den Bruder
Heinrichs. Heinrich ist ein edler Herr und stark und verständig und vorsichtig
und unternehmend, ein Spiegel eines Ritters. Das Geschlecht Dornberg ist sehr
edel und mächtig und gut, und war vielfach mit denen von Jugelbach verbunden.
Gebhart ist ein treuer ehrenwerter Ritter, und die von Aschach sind edel und gut
gewesen, und Eure Grossmutter, Berta, Benedicta von Aschach, ist eine sehr edle
Frau, und sie ist gut und treumütig und fromm. Sie hat dem alten Kloster
Kremsmünster triftige Gaben zugewendet, und ist ihm noch wohlgesinnt.«
    »Wir bitten, dass sie Gott dafür segne«, sagte Berta.
    »Er wird es tun«, sprach der Herzog. »Wir haben beide, ich und Gertrud, die
Herzogin, grosse Freude gehabt, als uns durch den hochehrwürdigen Bischof Zdik
aus Passau die Kunde ward, Witiko denke auf Berta von Jugelbach, und wir haben
den Bestrebungen Witikos das beste Gedeihen gewünscht, und hätten diese
Bestrebungen gerne gefördert.«
    »Du hast sie gefördert, hoher Herr«, sagte Witiko. »Bertas Vater hat zu mir
gesprochen, wenn ich ein Haus habe, in dem meine Rose emporblühen kann, dürfe
ich um Berta kommen, und du hast das Haus gegründet. Aber wie konnte der
hochehrwürdige Bischof Zdik meine Gedanken wissen?«
    »Er hat wohl deine Gedanken aus deinen Mienen gesehen«, sagte der Herzog.
    »Es ist nun ein so grösseres Glück«, sagte Witiko, »dass du, hoher Herr, den
Bund billigest, den ich mit Berta geschlossen habe, und dass ihn die
hocherlauchte Herzogin billigt. Und es ist nun eine grössere Freude und eine
grössere Ehre, dass ihr, du und die hohe Herzogin, Hausgaben zu unserem Bunde
gesendet habt. Hocherlauchter Herzog, hocherlauchte Herzogin, ich bringe den
besten und treu ergebenen Dank für die Gaben dar.«
    Berta sprach: »Ich ehre meine Eltern und ihre Vorfahrer, und erkenne sie
als vortrefflich, und ich danke dir, hoher Herzog, für die Worte, die du über
meine Angehörigen gesprochen hast. Hocherlauchter Herzog, hocherlauchte
Herzogin, ich bringe auch wie mein Gemahl den besten und treu ergebenen Dank für
die Hausgaben dar.«
    Der Herzog antwortete: »Ich habe Witiko schon gesagt, dass ich ihm die Gabe
aus Hostas Burg als treuem Manne des Herzoges Sobeslaw und als treuem Manne von
mir gesendet habe. Und ich habe ihm gesagt, dass die andern Dinge so sind, wie
sie die Freunde den Freunden geben. Und das sage ich auch Euch, edle Frau.«
    »Gebrauchet die Geräte und die Stoffe«, sagte die Herzogin, »erfreut Euch
derselben ein wenig, und denkt dabei unser.«
    »Ich habe den Glauben«, sagte der Herzog, »wenn Gertrud und ich nicht schon
vermählt wären, und erst vermählt würden: du, mein Witiko, würdest uns Hausgaben
aus deinem Walde senden, was er Besonderes und Köstliches hervorbringt.«
    »Ich würde mich freuen, wenn du die Gaben nähmest, hoher Herr«, sagte
Witiko. »Möge der Bund des hohen Herzoges und der hohen Herzogin bis in das
letzte Alter dauern, und mögen ich und Berta es erleben, dass ihre Kinder
Friedrich, Swatopluk, Adalbert und Agnes sich vermählen, und unsere Hausgaben
aus dem Walde dann nicht verschmähen.«
    »Sie werden sich derselben freuen«, sagte der Herzog.
    »Und nun, Witiko, sage ich: Lebe lange und glücklich mit Berta, freut euch
eures Bundes, und er werde gesegnet, dass die Freude in die künftigen
Geschlechter fortwächst.«
    »Ich wünsche euch auch jedes Glück und jeden Segen«, sagte die Herzogin, »es
daure euer Bund so lange, wie Witiko es dem unsrigen gewünscht hat, und euer
Stamm sei ein Teil der schönen Geschlechter, die in diesen Ländern sind, und der
Stamm blühe empor, und werde immer bedeutender.«
    »Gott gebe mir das Glück, etwas Gutes und Rechtes auf der Welt wirken zu
können«, sagte Witiko, »er lasse uns das Glück, das wir in unserem Bunde finden,
dauern, und alles andere sei seiner Weisheit anheimgestellt.«
    »So sei es, und so möge es werden«, sagte der Herzog. »Und nun, Witiko,
gestatte, dass auch andere an unserer Zusammenkunft Teil nehmen.«
    Als er diese Worte gesprochen hatte, gab er mit einem Schlage auf eine
Glocke ein Zeichen, und es öffneten sich die zwei Flügel einer Tür in dem Saale.
Und durch die Tür kamen mehrere Herren und Lechen und Frauen in den Saal. Es war
Diwis, Preda, Wsebor, Chotimir, Bartolomäus, Welislaw, und mehrere andere.
    Der Herzog sprach zu ihnen: »Hier ist Witiko, den ihr kennt, und neben ihm
ist Berta von Schauenberg, seine Gemahlin. Wir freuen uns dieser Verbindung,
und wer das Geschlecht Bertas kennt, wird sich auch freuen.«
    »Ich kenne es, und erachte es als ein Glück für Witiko, dass er Berta
heimgeführt hat«, sagte Wsebor.
    »Es ist ein sehr edles Geschlecht«, sagte Diwis, »und Berta wird nicht
minder sein als die Frauen dieses Geschlechts.«
    »Ich kenne Heinrich von Jugelbach schon lange«, sagte Bartolomäus, »und
freue mich, dass Witiko seine Tochter zur Ehegemahlin erhalten hat.«
    »Möge Witiko, der gut ist, so empor blühen, wie der Stamm der Jugelbach, den
ich lange kenne, blüht«, sagte Preda, »und mögen beide Stämme in die Zeiten
hinein mächtig und stark sein.«
    Und alle sagten nun Witiko und Berta Glück, und sprachen Segen aus.
    Witiko und Berta dankten.
    Die Frauen sprachen mancherlei mit Berta, und Berta antwortete ihnen.
    »Ich komme sehr bald zu euch«, sagte Welislaw.
    »So komme«, entgegnete Witiko.
    Als die Gespräche zu Ende waren, sagte der Herzog: »Und so bitte ich alle,
die hier sind, am vierten Tage von heute mit mir mein Brod an meinem Tische zu
essen.«
    Alle verabschiedeten sich hierauf, und verliessen den Saal.
    Witiko suchte an diesem Tage noch Benno, und da er ihn gefunden hatte,
führte er ihn zu Berta. Sie sprachen von vielerlei Dingen, und beschlossen
recht oft zusammen zu kommen.
    Witiko ging mit Berta zu Herren und Freunden, welche Gattinnen hatten, und
diese kamen wieder zu Witiko und Berta. Die unvermählt waren, kamen, und
brachten Grüsse dar.
    Bei dem Mahle des Herzoges hatte Berta ein Gewand aus dem roten Sammet, der
in einem Kästchen der Hausgaben des Herzogs und der Herzogin gewesen war.
    Witiko und Berta sahen und betrachteten in der Stadt Prag alles, was würdig
war, gesehen und betrachtet zu werden.
    In der Kirche des Wysehrad beteten sie an den Gräbern Sobeslaws und
Adelheids und an den Gräbern der Eltern Sobeslaws, des Königs Wratislaw und der
Königin Swatawa. Welislaw zeigte ihnen die alte Burg, und bewirtete sie in
derselben.
    Als die Zeit heran nahete, in der sie Prag verlassen wollten, ging Witiko
noch einmal zu dem Herzoge.
    Der Herzog sprach zu ihm: »Gehabe dich wohl, Witiko. Der hocherhabene
Kardinal Guido hat sehr vieles gewirkt. Es ist nun in den kirchlichen Dingen
eine Ordnung und Festigkeit, in die Männer der Kirche kömmt eine Anständigkeit
und eine Sitte, und die Frömmigkeit und Reinigkeit wird folgen. Der Bund ist
also grösser geworden, wie du einmal gesagt hast. Aber er muss erst reifen. Was
auch geschieht, wenn der Kardinal die Länder verlassen hat, so müssen wir alle
durch Umsicht trachten, dass der Bund gedeihe. Und du, Witiko, wirst gewiss nicht
der letzte sein. Achte der Zeichen. Und wenn der Bund endlich gefestigt ist,
dann kann erst das Grössere kommen.«
    »Ich werde zu tun streben, was recht und nach deinem Sinne ist«, sagte
Witiko.
    »Ich weiss es«, antwortete der Herzog, »und ziehe mit Glück in die Burg
deines Waldes.«
    Witiko verabschiedete sich, und am anderen Tage ging sein Zug von Prag weg
dem Mittage des Landes zu.
    Fünf Tage nach ihm kam auch Benno in das Witikohaus zurück.
    Witiko versammelte nun einmal in seinem Hause alle die Gäste, welche bei dem
ersten Erdausheben zum Baue der Burg gewesen waren, wie bereits Lubomir gesagt
hatte. Die Gäste betrachteten nun das Haus, da es fertig war, sehr genau, und
wurden in alle Räume geführt. Und wie damals ein Mahl unter dem freien Himmel
gewesen ist, so war jetzt eines in dem grossen Saale, und es war so geordnet, wie
Wentila es sonst bei ihrem Gatten in Pric geordnet hatte, und wie Berta es in
den Burgen des Stammes Jugelbach geordnet gesehen hatte.
    Dann zog Witiko mit Berta an verschiedene Stellen des Waldes. Sie gingen
nach Friedberg, in den Wangetschlag, zu den Häusern der unteren Moldau, in den
oberen Plan, in die Glöckelberge und in die reiche Au. Überall wurde Berta mit
Feierlichkeiten empfangen, die Menschen riefen ihr Glück zu, und priesen ihre
Schönheit. In der reichen Au sprach der alte Florian zu ihr: »Da ich Witiko vor
langer Zeit als Wegkundiger durch den Wald hinein geführt hatte, und da wir auf
der Stelle des heiligen Apostels Tomas gestanden waren, hatte Witiko gesagt:
Hier sollte eine Königsburg stehen, und ich hatte geantwortet: Da könnte ein
hoher Herr hausen. Und nun steht seine Burg auf der Stelle. Wer hätte das
gedacht, und wer hätte gedacht, dass er die hochedle Berta aus dem Hause, das in
dem Walde steht, wo Matias und Margareta gewesen sind, als seine Ehegemahlin
in seine Burg führen würde. Viel Glück, viel Segen in alle Zeit fort und fort.«
    »Ich danke dir, Florian«, sagte Berta. »Komme zu uns in die Burg, und sieh,
ob dort eigentlich eine Königsburg stehen sollte. Und wenn auch Margareta und
Matias nicht mehr in dem Walde an der Mihel sind, so werden wir doch öfter in
dem Waldhause meines Vaters sein, und es wird mich freuen, wenn ich dich wieder
in jenem Walde sehe, wie ich dich früher gesehen habe.«
    »Weil ihr so gute Worte redet, hohe Frau«, entgegnete Florian, »so werde ich
wohl in Eure Burg kommen. Ich bin ja sehr oft auf dem Platze des heiligen Tomas
gestanden, und wenn auch Margareta und Matias nicht mehr in dem Walde an der
Mihel sind, so haben sie es jetzt viel besser, und ich gelange doch noch hie und
da in den Sesselwald hinauf, und da werde ich auch zu Eurem hohen Vater und zu
Eurer hohen Mutter und zu Euch und zu Witiko gehen, wenn er dort ist.«
    »Das wird sehr gut sein«, sagte Berta.
    Witiko und Berta besuchten auch Herren und Frauen, die im Walde oder in der
Nähe des Waldes wohnten, und die Herren und Frauen besuchten sie wieder in dem
Witikohause. Der alte Lubomir war mit seiner Gattin Boleslawa und mit einem
kleinen Gefolge drei Tage in der Burg, und Witiko suchte ihm die Aufnahme, die
er in dem Zupenhofe in Daudleb gefunden hatte, zu vergelten. Und die Männer
sprachen viel von den Dingen des Landes und der Zupanei, und die Frauen
erzählten, wie es in ihrem Hause sei, und redeten von den Angelegenheiten der
neuen Burg.
    Da dieses geschehen war, wendete sich Witiko wieder den Dingen zu, die er in
seinem Gebiete für notwendig hielt.
    Ehe der Herbst in das Land rückte, war in Rowna die Vermählung Welislaws mit
Dimut. Viele Herren und Lechen und Freunde Welislaws und ihre Frauen und Töchter
und Söhne waren in den Wald gekommen, und Herren im Walde und an dem Walde und
Freunde und Nachbarn Rownos waren mit ihren Angehörigen gekommen, und Witiko und
Berta und Wentila und Hiltrut und Benno und ein Gefolge waren nach Rowno
gezogen. Welislaw war bei der Vermählung in einem hellblauen Sammetgewande mit
Gold und edlen Steinen, Dimut hatte ein weisses Sammetgewand mit Gold und edlen
Steinen, und einen weissen Schleier. Rowno und seine Gattin und seine Sippen
waren in dem höchsten Prunke des Waldes, und die Gäste trugen ein Gepränge, wie
es in dem Landstriche eines jeden Sitte war. Daniel, der Propst von Prag,
vollzog mit Beihilfe zweier Erzpriester von Prag, dann dem Pfarrer von
Friedberg, von Horec, vom Kirchenschlage, von Plan und Bennos in der kleinen
Kirche des Rownaturmes die heilige Verbindung. Und wie es nach dem Einzuge
Witikos und Bertas in dem Tomaswalde gewesen war, so war es nun in dem
Rownawalde. Geschmückte Gezelte waren überall und Hütten und Umzäunungen und
Gerüste, und die Gäste und das Volk erlustigten sich. Die Feste dauerten sechs
Tage. Am siebenten Tage verabschiedeten sich die Gäste, und bald darauf rüstete
Welislaw seinen Zug nach Prag. Manche Herren und Frauen aus der Mitternacht des
Landes schlossen sich dem Zuge an. Rowno geleitete ihn mit seinen Sippen bis
Prag.
    Dann kam der Herbst in die grossen Wälder an der jungen Moldau, und dann kam
der Winter.
    Als die Tage des heiligen Christfestes und des neuen Jahres gefeiert worden
waren, gelangten Nachrichten in den Wald, dass in Mähren schlechte Taten
geschehen seien, und dass sich die Fürsten gegen den Herzog erhoben haben.
    Witiko rüstete sich, und zog schnell mit einem Geleite nach Prag.
    Vor dem Abschiede sagte Benno zu Witiko: »Der hocherhabene Kardinal Guido
hat einmal zu mir gesagt: Die Wälder wachsen langsam aber sicher, wenn sie Sonne
und Feuchtigkeit haben; noch langsamer aber beugt sich der Sinn eines ganzen
Volkes, er beuget sich dennoch auch sicher, wenn der rechte Sonnenschein über
ihm ist. Der hohe Kardinal ist mild und stark, und wäre wohl ein Sonnenschein,
wie er gesagt hat.«
    Witiko traf manche, die nach Prag zogen, und hörte viel über geschehene
Dinge reden.
    In Prag meldete er sich sogleich bei dem Herzoge. Es waren viele Männer
gekommen, und auf einen Tag war eine Versammlung in den Saal der Hofburg
berufen.
    Die Männer der Kirche und des Landes versammelten sich an dem Tage in dem
Saale. Der Herzog Wladislaw kam mit seinem Bruder Heinrich herein.
    Als sich alle geordnet hatten, stand der Herzog von seinem Sitze auf, und
sprach: »Liebe getreue Herren der Kirche und des Landes, und ihr, Söhne
Premysls, die ihr zugegen seid. Habet Dank, dass ihr in dem harten Winter zu mir
gekommen seid, und höret aufmerksam an, was euch berichtet werden wird. Otto,
Herzog von Olmütz, Zweig des Stammes Premysl, wenn es dir genehm ist, so rede.«
    Otto, der Herzog von Olmütz, stand auf, und sprach: »Erlauchter Herzog, es
ist meine Pflicht, dass ich rede, und ich rede, wie ich es gesehen und erfahren
habe. Von dem Heiligen Vater kam ein Sendschreiben an den hochehrwürdigen
Bischof Zdik, dass er zu ihm ziehen möge. Zdik bereitete sich sogleich, und
rüstete sein Geleite. Ich rüstete zwanzig Männer, um den hochehrwürdigen Bischof
zu begleiten, soweit es nötig wäre. An einem der Tage abends langten wir in dem
Hofe zu Moren an, um dort Nachtruhe zu halten. Da wir bei dem Mahle waren, kam
einer der Männer, welche wir herum streifen liessen, und sagte, es ziehe eine
Schar Reisige heran. Es kam ein zweiter Mann alsogleich, und sagte, es ziehen
auf mehreren Wegen Reisige herzu. Zdik und ich liessen unsere Männer in
Bereitschaft treten, und Nikolaus, der Besitzer des Hofes, sammelte die
Seinigen. Wir riefen, die draussen waren, herein, und die Türen und Tore wurden
noch mehr verrammelt. Ich stieg unter das Dach empor, um durch Lücken herum zu
schauen. Der ganze Hof war von bewaffneten Männern umringt, und sie machten
Anstalt, ihn zu erstürmen. Der Hofwart rief durch ein Fenster, was die Leute
begehren, sie sollten reden. Sie redeten aber nicht, und es wurde eine Lanze
gegen den Hofwart geschleudert. Darauf rief ich: Wenn ihr Räuber seid, so wird
euch unser Eisen treffen, seid ihr Männer der Ehre, so sagt, was ihr da
beginnet. Sie antworteten nicht, und schlossen ihren Kreis näher. Ihre Zahl war
mehr als das Zehnfache der unsern. Ich sagte: Wenn sie die Türen erbrechen, so
unterliegen wir; wenn wir aber unsere Macht plötzlich gegen eine Stelle ihres
Kreises richten, so können wir den Kreis durchbrechen, und uns in der Nacht in
dem Lande zerstreuen. So wurde es beschlossen. Wir entfernten leise die
Bollwerke des grossen Tores, öffneten es, und gingen schnell an die nächste
Stelle des Kreises. Der Kampf zeigte, dass geübte Krieger vor uns waren. Wir
konnten im ersten Angriffe nicht durchdringen. Von weiteren Stellen kam unsern
Feinden Hilfe zu. Ich erkannte die Zeichen der Herzoge Konrad und Wratislaw, und
hörte die Stimme Wratislaws, der befahl. Da richtete ich schnell den Angriff auf
die andere Seite, als von der Wratislaw kam, wir durchbrachen den Kreis, ich
wendete mich mit den Meinigen, die Verfolger abzuhalten, und rief Zdik zu, er
möge sich entfernen. Er tat es, und als ich ihn nicht mehr sah, und als die
ganze Menge von Wratislaws Männern gegen uns kam, löseten wir uns auf, und
suchten uns in der Tiefe des Schnees zu zerstreuen. Ich wusste einen schmalen
getretenen Pfad. Auf dem Pfade ging ich schnell dahin, und die Feinde, die mir
in dem unwegsamen Schnee folgten, blieben zurück. Ich ging so mit zwei Männern
eine Stunde fort. Dann wendeten wir uns seitwärts zu abgelegenen Hütten, die ich
kannte. In den Hütten übernachteten wir. Gegen den Morgen sahen wir ein Feuer
gegen Moren hin. Da es Tag geworden war, schickte ich Boten aus den Bewohnern
der Hütten auf Kundschaft. Sie kamen zurück, und sagten, der Morenhof sei ganz
abgebrannt, und von den Männern, die ihn überfallen hatten, sei keiner mehr in
der ganzen Gegend. Es kamen auch einige von meinen Leuten, welche gedacht
hatten, dass ich auf dem schmalen Pfade werde fortgegangen sein. Wir näherten uns
nun wieder dem Hofe. Da sahen wir einen Mann, welcher im unwegsamen Schnee ging.
Er trug einen Sack auf der Schulter. Da wir ihm näher kamen, suchte er sich von
uns zu entfernen. Ich gab meinen Leuten den Befehl, ihn zu fangen. Vier Männer
liefen ihm in dem Schnee nach, sie erreichten ihn, und brachten ihn gebunden zu
mir. Ich liess den Sack öffnen. In demselben waren silberne Geschirre, Gewänder
und Stoffe. Ich sagte zu dem Manne, ich werde ihn mit seinem Stricke auf einen
Baum hängen lassen, wenn er uns nicht berichte, wie die Sache mit dem Hofe zu
Moren sei, oder wenn er uns belüge. Sage er die Wahrheit, so werde ich ihm das
Leben schenken. Der Mann sagte, er sei Dobrohost, und sei bei den Leuten des
Herzoges Konrad gewesen. Da sie aber über die Beute stritten, und da er
fürchtete, dass sie ihm die silbernen Geschirre nehmen, so sei er vor dem
Anbruche des Tages heimlich fortgegangen, und habe das Land Österreich gewinnen
wollen. Als ich ihn fragte, ob Krieger in dem Hofe seien, antwortete er, dass
alle abgezogen sind, weil sie den Bischof und den Herzog Otto nicht gefunden
haben. Wir nahmen den Mann in den Hof mit. An dem Hofe war alles, was brennen
konnte, verbrannt. Was fortgebracht werden konnte, war fortgebracht. Wir fanden
unsere Pferde und unsere Habschaften nicht mehr. Von den Bewohnern waren nur
zwei Knechte da. Der Mann musste erzählen, was er gesehen habe. Er sagte, dass die
Scharen den Hof umringt haben, und dass ein kurzer Kampf gewesen ist. Dann ist
der Hof mit Fackeln umstellt worden. Dann sind sie in den Hof gegangen, und
haben den Bischof Zdik gesucht. Sie haben ihn mit Lichtern und Fackeln in allen
Gemächern und Kellern, Ställen und Winkeln die ganze Nacht gesucht. Und da sie
ihn nicht gefunden hatten, und da sie durch Martern von seinen Leuten nicht
erfahren konnten, wo er sei, zündeten sie den Hof an. Und dann sind alle mit
Beute fortgegangen. Als ich ihn fragte, wer den Überfall gemacht habe, nannte er
die Männer: Slawibor, Kuno, Rodmil, Bogdan, Domaslaw, Hinek, Frowin, Jurata, und
den alten Mikul. Ich sagte: Du hast die Führer nicht genannt. Da nannte er
Konrad, den Herzog von Znaim, Wratislaw, den Herzog von Brünn, und er nannte den
Bruder des hocherlauchten Herzoges Wladislaw, der jetzt in Jamnic hauset,
Diepold.«
    »Diepold«, riefen mehrere Stimmen.
    »Diepold ist dabei gewesen«, sagte der Herzog.
    In den Augen des Herzoges waren Tränen, da er diese Worte sprach.
    Otto redete wieder weiter: »Ich fragte den Mann, welches Vorhaben die Herren
mit dem hohen Bischofe gehabt haben. Er sagte, dass er es nicht wisse. Da wir
noch redeten, kamen Leute des Bischofes. Sie sagten, dass sie geschlagen,
gekneipt, bei den Haaren gerissen und angespien worden sind. Von ihrem Herrn
wussten sie nichts. Sie forschten nach ihm. Ich sendete Männer in der Gegend
herum, sie brachten keine Nachricht von ihm zurück. Da ging ich zu der Stelle,
wo ich den hochehrwürdigen Bischof fortgehen geheissen hatte. Wir fanden die Spur
eines einzelnen Mannes, und gingen ihr nach. Wir kamen nach einer Zeit in ein
Gebüsch. Dort verwirrte sich die Spur. Wir sahen Tritte von einer andern Seite
gegen das Gebüsch hin, sahen im Gebüsche viele Tritte, und dann von ihm weg
Tritte von zweien oder mehreren Männern. Wir gingen den Tritten nach. Sie
führten endlich auf einen Pfad, und waren nicht mehr zu erkennen. Wir suchten
nun Häuser auf, um Nahrung zu erhalten. Ich forschte dann täglich nach dem
hochehrwürdigen Bischofe. Am fünften Tage erhielt ich die Nachricht, ein hoher
Herr sei krank in Leitomysl. Der Herr habe aber die Kleider eines Bauers gehabt.
Ich ritt nach Leitomysl. Es war der hochehrwürdige Bischof Zdik, der dort krank
war. Er konnte damals noch erzählen, und sagte, dass er sich in einem Gebüsche
versteckt habe, dass er grosse Kälte gelitten habe, dass ein Bauer in das Gebüsch
gekommen sei, dass ihm der Bauer einen Teil seines Gewandes gegeben, und dass er
ihn dann auf abseitigen Pfaden nach Leitomysl geführt habe. Dort sei er krank
geworden, und könne nicht weiter reisen. Er ist aber noch schwerer krank
geworden, und hat sein Bewusstsein verloren. Ich sendete Botschaft an den hohen
Herzog Wladislaw. Der hohe Herzog schickte zwei Ärzte nach Leitomysl, dass sie
den Kranken nach Prag brächten. Er konnte aber nicht fortgebracht werden, und
die Ärzte blieben bei ihm. Ich ritt nach Prag, um dem erlauchten Herzoge die
genaue Nachricht über das, was sich ereignet hatte, zu bringen. Der
hochehrwürdige Bischof ist noch in Leitomysl in schwerer Krankheit befangen. So
habe ich die Dinge gesehen und gehört, und so habe ich sie geredet.«
    Er setzte sich nach diesen Worten wieder nieder.
    Da sprach der Herzog: »Es sind noch die Männer Hugo, Hroznata, Kunes,
Sulislaw und Wot bei dem Überfalle gewesen. Von dem hochehrwürdigen Bischofe
wissen wir noch nicht, ob er in dieser Krankheit am Leben bleiben werde oder
nicht. Wir haben über alles Kundschaft holen lassen, und es ist so, wie der
Herzog Otto gesagt hat. Nun sprich noch, was ist mit dem Manne geschehen, den du
gefangen hast?«
    »Ich habe ihn frei gelassen, weil er die Wahrheit gesagt hat«, antwortete
Otto. »Die Gefässe waren aus der Habschaft des hochehrwürdigen Bischofes, und
sind jetzt bei ihm in Leitomysl.«
    Als er diese Worte geredet hatte, rief Odolen mit lauter Stimme: »Und wenn
es zehentausendmal unziemlich ist, dass ich jetzt rede, der ich zu den jüngeren
und Geringeren gehöre, so muss ich reden, weil ich nicht anders kann, so wahr mir
Gott in meinem letzten Hauche gnädig sein wolle. Sitzen wir ungesäumt auf die
Pferde, so viel wir nur Männer aufbringen können, reiten wir nach Znaim, und
hängen wir den eidbrüchigen, ehrvergessenen, gewissenabtrünnigen Konrad auf die
Zinnen seines Schlosses, und reiten wir dann nach Brünn, und hängen Wratislaw,
der alles ist, was Konrad ist, auf den höchsten Turm der Stadt, und die Helfer
lasse erschlagen, und in eine Grube werfen. Die Räuber und Diebe, die Menschen
überfallen, und Kasten erbrechen, sind ehrlicher, als diese.«
    »Und Diepold?« fragte der Herzog.
    »Der tapfere, gute Diepold ist gar nicht dabei gewesen«, rief Odolen.
    »Er ist dabei gewesen«, sagte Wladislaw, »er hat es gestanden.«
    »Dann haben sie ihm Zauberei gegeben, dass er aberwitzig geworden ist«, rief
Odolen.
    »Gegen diese Menschen muss das Äusserste unternommen werden«, rief Welislaw.
    »Der Himmel wird eine Strafe auf sie senden, die wir gar nicht ahnen
können«, sagte Otto, der Bischof von Prag.
    »Ich habe an Diepold Botschaft geschickt, dass er komme«, sprach der Herzog,
»er ist aber nicht gekommen. Dann habe ich Konrad und Wratislaw aufgefordert,
sich zu verantworten, und sie haben es nicht getan.«
    »Mit welchem Rechte kann nun noch einer dieser Gebieter den Dieb, den
Räuber, den Mörder strafen?« sagte Gezo, der Abt von Strahow.
    »Das schreit bis zu dem Himmel«, sprach Peter, der Abt von Brewnow.
    »Sie werden es Kriegführung gegen den Bischof nennen«, sprach Daniel, der
Propst von Prag.
    »Das Mass musste voll werden, wie es allemal voll geworden ist«, sagte der
alte Bolemil.
    »Ich meine, es werden sich alle Umstände ergründen lassen, und dann muss ein
Gericht gehalten werden«, sagte Lubomir.
    »Es wird der hocherlauchte Herzog das Gericht halten«, sprach Witiko, »und
der heilige Vater wird auf die Handlung der Herzoge antworten; Konrad und
Wratislaw haben das heilige Gelöbnis der Busse und Genugtuung, das den Bann von
ihnen nahm, gebrochen.«
    Nun sprach der Herzog: »Hohe Herren und Freunde, ich habe euch die Kunde
mitteilen lassen, und ihr habt gehört, was geschehen ist. Gegen das Recht des
Herzoges hat keiner der Fürsten die Waffen erhoben. Ihre Sünde gegen den
hochehrwürdigen Bischof und gegen die Kirche aber ist gross. Es ist jetzt noch
nicht an dem, dass ein Krieg geführt werde; aber ich rüste mich, und ich bitte
euch, rüstet eure Männer, dass die grösste Bereitschaft ist, wenn sie notwendig
wird. Vielleicht vermeiden wir so den Krieg. Ein Gericht über diese Gewalttat
werde ich halten, und den Spruch den Fürsten und den Schuldigen verkündigen
lassen. Über die Sünde wird der Heilige Vater richten. Halten wir die Kraft und
die Gerechtigkeit und die Mässigkeit aufrecht, dass aus dem Bösen das Gute werde.«
    »Hoher Herr«, sagte Bolemil, »lasse einen alten Mann noch ein Wort
sprechen.«
    »Rede, Bolemil«, sagte der Herzog.
    »Wenn etwas gefunden werden kann, das der Sache zu Rechte ist«, sprach
Bolemil, »ohne dass es Rache wird, so wäre es gut. Wenn auf die Rache die Rache
geübt wird, so wird auf die zweite Rache die dritte geübt, und jede wird
bitterer, und auf die dritte die vierte, und das geht fort, bis alle, die in
diesem Saale sind, nicht mehr leben, bis ihre Enkel und die Enkel der Enkel
nicht mehr leben. So ist es die Zeiten her gewesen, und so wird es sein. Zu
allem aber, was not tut, rüsten wir uns.«
    »Wir rüsten uns«, riefen die Männer.
    »So tun wir es, und benützen wir die Zeit des Winters«, sagte der Herzog,
»und jeder der Herren und Männer, die in dieser Zeit zu unserem Rate kommen
wollen, wird uns eine Ehre erweisen, und einen Dienst tun.«
    Darauf ging die Versammlung aus einander.
    Witiko ritt wieder in seine Heimat, verkündete dort, was geschehen ist,
rüstete seine Männer, und rief die Männer des Waldes auf, bereit zu sein, wenn
sie zu der Sache des Herzoges stehen wollten.
    Indessen liess der Herzog immer genauere Kundschaft über das, was geschehen
ist, einbringen, damit alles geordnet wäre, wenn die Männer des Gerichtes
zusammen gerufen würden.
    Da die Krankheit des Bischofes Zdik milder wurde, liess ihn der Herzog nach
Prag bringen, und dort pflegen.
    Als der Frühling kam, konnte er seine Reise zu dem Heiligen Vater wieder
beginnen. Er zog mit dem Kardinal Guido und mit Daniel, dem Propste von Prag,
gegen Italien. Sie gelangten an den Hof des heiligen Vaters Eugenius nach
Viterbo. Der Heilige Vater sprach in der Kirche den Bann über Konrad, Wratislaw,
Diepold und ihre Helfer aus. Er sendete ein Schreiben an den Herzog Wladislaw
mit kirchlichem Lobe des Herzoges und der Herzogin und mit dem Auftrage, den
Bann zu verkündigen, und mit Macht zu vollführen.
    Der Bann wurde verkündiget.
    Der Herzog sendete in alle Teile der Länder Botschaft, dass die Männer bereit
seien, den Bann in Wirklichkeit zu bringen.
    Er schickte auch Boten an Diepold, und liess ihn bitten, nach Prag zu kommen.
    Diepold kam.
    Er wurde zu dem Herzoge und der Herzogin geführt.
    Er fiel vor beiden auf die Knie, fasste eine Hand des Herzogs und eine Hand
der Herzogin, und sprach nicht.
    Der Herzog sprach: »Deine Augen sehen wieder auf unsere Angesichter, und
unsere Augen sehen auf dein Angesicht, Diepold.«
    »Du hast gesagt«, sprach Diepold, »als du mir die Verteidigung von Prag
übertrugest: Du wirst eher das Leben lassen, als deine Ehre und deinen Ruhm auf
dieser Erde und deine Seligkeit im Himmel. Wie kann ich nun in dein Angesicht
schauen, und in das der Frau, die dazumal als ein Krieger an meiner Seite
gestanden ist?«
    »Diepold, erhebe dich«, sagte der Herzog.
    »Ich kann es nicht«, rief Diepold.
    Die Herzogin beugte sich zu Diepold, fasste mit ihrer andern Hand auch noch
nach ihm, und zog ihn empor.
    Er stand vor dem Herzoge und der Herzogin.
    »Diepold, du Glanz der Männer«, sagte der Herzog.
    »Wie ich es tun konnte?« antwortete Diepold. »Es war Streit mit dem Bischofe
über Höfe und Liegenschaften, mir zitterte das Herz, dass du, den ich so liebte,
ihn vorzogest. Da kamen die Zwischenträger, und die Ohrenbelagerer, und die zwei
Fürsten sagten: er hat den Bann schon einmal über uns gebracht, jetzt geht er
nach Italien, und wird den Bann wieder über uns und über dich bringen. Wir
müssen ihn fangen, dass er uns Gewähr gibt. Und ich willigte ein. Wir fingen ihn
nicht, und es geschah Übles.«
    »Weshalb wurde der Morenhof angezündet?« fragte Wladislaw.
    »Sie sagten, jetzt werde der Bischof aus dem Feuer fliehen, und wir können
ihn fangen«, antwortete Diepold.
    »Wenn er aber im Feuer umgekommen wäre?« fragte Wladislaw.
    »Ich weiss es nicht, ob einer die Absicht gehabt hat«, sagte Diepold; »aber
als ich den Brand tadelte, sprach ein jeder, er habe den Befehl nicht gegeben;
aber der Bischof werde jetzt kommen. Mich fasste Abscheu.«
    »Ich wusste es«, sagte die Herzogin.
    »Und nun ist alles so geworden«, sprach Diepold.
    »Wusstet ihr alle denn nicht, dass ein erzwungenes Versprechen nicht bindet?«
fragte der Herzog. »Ihr durftet den hochehrwürdigen Bischof nicht fangen, um von
ihm etwas zu erreichen, so wie ich keinen von euch fangen liess, um ihn nach Prag
zu bringen. Ich habe nur jeden gerufen.«
    »Ich war ohne Sinne«, sprach Diepold.
    »So hat Odolen gesagt«, antwortete der Herzog. »Diepold, ich habe dich nie
zurückgesetzt, so hoch ich auch Zdik achte. Du hast schon meine Stelle
vertreten, er nie.«
    »Ich weiss es«, sagte Diepold.
    »Du wirst wieder mit uns handeln, wie du auf den Zinnen von Prag mit mir
gehandelt hast«, sagte die Herzogin, »und wie du mit meinem Gatten in dem Kriege
gegen die Fürsten gehandelt hast.«
    »Diepold«, sprach der Herzog, »du bist in deiner Zornmütigkeit gegen einen
Mann aufgestanden, wie sie jetzt zuweilen auch in andern Ländern tun, um ihn zu
zwingen, und die andern haben gewollt, dass du mit ihnen seist, dass sie mehr
Ansehen gewinnen. Keiner ist gekommen, da ich sie rief. Du bist gekommen.
Diepold, ich bitte dich, gehe zu dem Heiligen Vater, tue Busse, leiste
Genugtuung, und löse dich von dem Banne. Du bist mein geliebter Bruder.«
    Der Herzog öffnete die Arme, Diepold auch, die Brüder umfassten sich.
    Die Herzogin ging hinzu, und küsste Diepold auf die Stirne.
    »Ja, ich gehe nach Rom und nach Viterbo, und werde Busse tun und Genugtuung
leisten«, sagte Diepold. »Es ist so der Ehre gemäss.«
    »So ist es«, antwortete Wladislaw.
    Und so ging Diepold von Prag fort, und dann zu dem Heiligen Vater nach
Viterbo, und dann nach Rom, tat Busse, leistete Genugtuung, wurde des Bannes
ledig, und kam wieder nach Prag zurück.
    Gegen die Sommerszeit ritt ein Eilbote von Mähren gegen Prag zu dem Herzoge
Wladislaw. Als er zu dem Herzoge kam, sagte er: »Ich komme von Brünn, der Herzog
Wratislaw ist schwer krank, er bittet dich, hocherlauchter Herzog, wenn du einst
vom Himmel Gnade hoffest, dass du ihm Gnade gebest, und an sein Sterbebette
kommest, damit er an dir Busse tue, und die letzte Verzeihung erlange. Er hat
auch den hochehrwürdigen Bischof Zdik um die Erbarmnis bitten lassen.«
    Der Herzog gewährte das Verlangen Wratislaws. Er zog nach Brünn, und kam mit
dem Bischof Zdik an das Krankenbette des Herzogs.
    Wratislaw streckte einen Arm empor, und rief matt und schwer verständlich:
»Nehmt Stühle.«
    Wladislaw und Zdik taten es.
    Dann sprach er mit ungelenker Zunge: »Guido hat recht gesagt. Ich wäre nicht
zu Grunde gegangen und in die Erde versunken. Aber ich habe wieder gesündigt,
und da ist der Zornesengel auf dieser Welt über mich gekommen. Mich hat der
Schlag gerührt, und eine Hand und ein Fuss sind fremd. Er ist gekommen, der
rächet. Wladislaw, du gerechter Mann, Zdik, du heiliger Mann, schützet mich.«
    »Denke an die Reue«, sagte Zdik, »und Gott schützt dich.«
    »Denke an Genugtuung, und der Bann wird von dir weichen«, sagte der Herzog.
    »Ich wollte, dass er verbrenne«, sprach Wratislaw, »ich wollte, dass er
erschlagen werde. Der andere Fuss wird auch fremd werden, und das Haupt auch, und
dann werde ich ewig verdammt sein. Guido hat es gesagt.«
    »Wratislaw«, sagte Zdik, »und wenn du mich wirklich erschlagen hättest, und
ich könnte in der andern Welt bei dem allmächtigen Gotte für dich bitten, so
würde ich es deiner Reue willen tun, und ich würde dir vergeben, so wie ich hier
an deinem Bette Gott für dich bitte, dir verzeihe, und bei dem Heiligen Vater
für dich bitten werde.«
    »Dass der Bann geht, ehe ich verdammt werde«, sagte Wratislaw.
    »Dass er sogleich geht«, antwortete Zdik.
    »So tue es, so tue es«, sagte Wratislaw, »nehmt Genugtuung, Genugtuung.«
    »Ich schreibe sogleich an dieser Stelle auf dem Pergamente und mit den
Werkzeugen eines meiner Männer«, sagte Zdik, »und sende Boten an den Heiligen
Vater.«
    »Tue es«, sprach Wratislaw.
    Und Zdik rief einen Mann herein, und liess sich aus einer ledernen Tasche ein
Pergament und Schreibgeräte reichen. Und er setzte sich an einen Tisch und
begann zu schreiben.
    »Hast du deine Hand für mich?« fragte Wratislaw den Herzog.
    Der Herzog reichte ihm die rechte Hand, und er tastete mit einer seiner
Hände darnach.
    Dann hob er den Arm dieser Hand auf, und lallte: »Ich habe dich in der
Schlacht töten wollen, ich habe dich ermorden wollen. Rette mich.«
    »Ich rette dich«, sagte Wladislaw. »Ich bitte Gott für dich, ich verzeihe
dir, gib Genugtuung.«
    »Es ist alles fremd«, sagte Wratislaw, »ich kann es nicht mehr in Gebrauch
setzen, nehmt Genugtuung, nehmt alle Genugtuung.«
    »Wir werden dir helfen«, sagte Wladislaw.
    »Wir helfen dir«, rief Zdik.
    Wratislaw sprach nicht mehr. Und nach einer Zeit verliessen die Männer das
Krankenbett.
    Zdik sendete die Botschaft an den Heiligen Vater, und Wratislaw wurde von
dem Banne erlöset. Er starb aber nicht, sondern genas, und wurde seiner Glieder
wieder mächtig.
    Jetzt forderten Wladislaw und Zdik Konrad auf, Busse zu tun, und Genugtuung
zu leisten.
    Konrad verweigerte es.
    Es waren Priester in seinem Gebiete, welche den Gottesdienst verrichteten,
und er beharrte im Widerstande gegen den Herzog und gegen den Papst.
    Da rief Wladislaw seine Männer auf, die in Bereitschaft waren. Sie kamen in
allen Richtungen herbei. Von dem Walde im Mittage kam Witiko mit mehr Leuten,
als in dem mährischen Kriege bei ihm gewesen waren. Auch der alte Bolemil kam
noch, und alle die jungen Krieger und die jungen Führer ritten in Eile heran.
Und man zog nach Mähren, und es wurde in Schnelligkeit die Burg Znaim erobert
und zerstört. Konrad musste in schlechten Gewändern und ohne Habe in die
Verbannung fliehen. Wladislaw nahm das Gebiet von Znaim in Besitz.
    Da richtete Konrad ein demütiges Flehen an Wladislaw, er tat Busse, und
gelobte Genugtuung, Konrad, der König der Deutschen, bat für ihn bei Wladislaw,
und Wladislaw gewährte ihm wieder Gnade. Er wurde durch den Heiligen Vater des
Bannes ledig, und wurde von Wladislaw in sein Gebiet Znaim eingesetzt, das aber
jetzt in Verwüstung war.
    Alle Scharen, welche zu Wladislaw in diesen Krieg gekommen waren, zogen in
ihre Heimat zurück.
    Die Männer, welche der Dinge in den Ländern Böhmen und Mähren kundig waren,
sagten, jetzt seien die Streitigkeiten Wratislaws und Konrads mit Wladislaw
geendet.
    Witiko suchte in seinem Gebiete dasjenige zu beginnen und zu vollführen und
die Leute dazu anzuleiten, was er für notwendig hielt, den Schatz zu heben, der,
wie er gesagt hatte, in dem Walde liege. Er übte auch die Männer in den
kriegerischen Dingen, und liess Waffen und alles Gehörige in Bereitschaft setzen,
wenn wieder ein Heereszug notwendig würde.
    Da erscholl die Kunde, dass im Reiche Jerusalem die Stadt Edessa von den
Ungläubigen erobert worden, dass das Heilige Land in Gefahr sei, dass der Abt von
Clairvaux, Bernhard, in Frankreich zu einem Zuge in die heiligen Länder rufe,
dass der König von Frankreich, Ludwig, das Kreuz zum Zuge in das Heilige Land auf
sein Gewand geheftet habe, dass seine Gemahlin, seine Brüder, und viele Bischöfe,
Herren und Edle mitziehen wollen, dass der König der Deutschen, Konrad, zum Zuge
rüste, und dass sein Neffe Friedrich, dann der Herzog von Baiern und der von
Lotringen, der Markgraf von Österreich, der von Steier, der von Kärnten, viele
Bischöfe, so auch Regimbert von Passau, und unzählige edle Männer und Männer aus
dem Volke mitgehen wollen. Die Worte Bernhards wurden in den Kirchen von Böhmen
und Mähren verkündiget, und der Bischof Zdik predigte in eifrigen Worten den Zug
in die heiligen Länder. Der Herzog Wladislaw, sein Bruder Heinrich, Spitihnew,
der Sohn Boriwoys, und viele Herren und viele aus dem Volke hefteten das Kreuz
auf ihr Gewand. Die Herrschaft des Landes übertrug Wladislaw seinem Bruder
Diepold.
    Aus dem Walde im Mittage des Landes zog auch eine Schar von Männern aus.
Witiko aber ging zu diesem Zuge nicht.
    Der grosse Eifer kam aber nicht zu seinem Ziele. Es waren Schlachten, Kämpfe,
Siege, Niederlagen, Nöten, Unbilden, und man erreichte nicht, was man wollte.
Wladislaw, Konrad und Friedrich und andere kehrten wieder in ihre Heimat zurück.
Manche Männer hatten ihren Untergang gefunden. Jurik wurde im Kampfe getötet,
und Bartolomäus, der Kanzler des Herzogs, gefangen, und man hat nie mehr etwas
von ihm vernommen. Regimbert, der Bischof von Passau, der gesagt hatte: »Wenn
die Spanne dieses Lebens nicht schon zu kurz ist, so werde ich die Pilgerschaft
in die heiligen Länder beginnen«, sah die Heimat nicht mehr, er starb auf dem
Rückwege in Griechenland.
    In dem Jahre, da Wladislaw zurückgekehrt war, starb Otto, der Bischof von
Prag, und es wurde Daniel, der Propst von Prag, zum Bischofe gewählt, und dann
in Mainz geweiht.
    Es starb in dem gleichen Jahre auch der alte Bolemil in der Burg bei Taus.
Der Herzog, dann sein Bruder Diepold, dann Silvester, Äbte und Erzpriester und
Priester, dann Lubomir, Diwis, Preda, Wsebor, Bozebor, Welislaw, Odolen, Witiko,
und zahlreiche Herren und Lechen und Wladyken zogen zu der Bestattung. Bolemil
lag, wie er einstens in der Sänfte gesessen war, und seine Befehle in der
Schlacht erteilt hatte, angetan mit dem braunen weiten Gewande, auf das sein
weisser Bart niederfloss, so nun auch auf der Bahre in braunem Sammetgewande mit
Gold, dessen Oberteil sein weisser Bart deckte. Eine ungemein grosse Zahl von
Menschen war gekommen, von sehr vielen flossen ihm die Tränen in das Grab nach.
    Im dritten Jahre darauf starb Gertrud, die Gemahlin Wladislaws, des Herzogs
von Böhmen und Mähren. Sie hatte nur ihr zweiunddreissigstes Lebensjahr erreicht.
Es war ein Klagen und Jammern in dem ganzen Lande. Und wie einstens die Sänger
in manchem Lande ihre Taten gesungen hatten, so sangen sie jetzt auch ihren Tod.
Wladislaw legte sie an die Seite seiner Vorfahrer.
    Ehe ein Jahr vergangen war, folgte seiner Schwester auch ihr Bruder Konrad,
der König der Deutschen, in das Grab.
    Sein Neffe, Friedrich, empfing die deutsche Königskrone.
    Und nun kam in das Reich Wladislaws, des Herzoges von Böhmen und Mähren, die
Zeit, in welcher die Streite aufgehört hatten. Er führte nun aus, und
befestigte, was der Kardinal Guido eingeleitet hatte. Er stiftete Klöster oder
vollendete sie, wie Strahow, Sedlec, Plass, Nepomuk, dann die Frauenklöster Doxau
und Lunowic. Die Klöster hegten den Glauben und die Kirchenzucht, und in ihnen
waren Gelehrte und Dichter und Baumeister, von denen Werke der Kunst ausgingen,
dann Maler, Steinbildner, Holzschnitzer, Handwerker, Pfleger des Landes und
Waldes, und Versender der Dinge in fernere Gegenden. Zu allem dem hatten sie
Schulen. Wladislaw ordnete mit seinem Rate die Ämter, dass jedes seinen Kreis
kenne, und Recht und Wohlstand gedeihen. Er errichtete in der Stadt und in
Teilen des Landes Bauwerke, oder vergrösserte oder verschönerte sie. Er ging auf
seine Burgen und in die herzoglichen Besitzungen und in die Zupaneien und in
Teile des Landes. Wohin er kam, waren Versammlungen und Beratungen, und er hielt
Gerichte.
    Als er zwei Jahre um Gertrud getrauert hatte, vermählte er sich mit Judit,
der Tochter Ludwigs, des Landgrafen von Türingen. Die Ritter in den deutschen
Ländern sagten, es sei keine so schöne Frau, in keinem Geiste seien so hohe
Gedanken und kühne Unternehmungen, keine Frau liebe so die Künste, und keine
könne so schön in der deutschen und lateinischen Sprache reden.
    Witiko und Berta brachten dem Herzoge und der Herzogin Hausgaben, und die
Gaben wurden freundlich angenommen.
    In dieser Zeit liess Witiko emsig in dem Walde Kohlen brennen, und in das
ebene Land befördern. Er schwemmte Holz auf der Moldau in die krumme Au, und
flösste es dort weiter. Er liess bessere Tiere in seine Höfe kommen, oder
vermehrte sie, er ordnete die Geschäfte der Höfe, und sah nach Stellen, wo er
einmal neue errichten könnte. Er strebte Männer zu finden, welche allerlei Dinge
aus den Hölzern des Waldes zum Versenden verfertigten, und was sonst die Höhen
und Täler der Wälder hervorbrachten, suchte er einem Gebrauche zuzuwenden. Er
liess in dem Walde Wege und Pfade machen, Brücken und Stege bauen, Einfriedungen
errichten, dürre Gründe bewässern, und aus sumpfigen das Wasser ableiten. Zwei
Male in der Woche sass er zu Beratschlagungen mit Leuten bereit, und er liess zu
jeder Zeit Menschen in seine Burg, wenn die Sache dringend war. Er bewirkte, dass
Herren und Männer des Waldes sich öfter versammelten, um über die Dinge des
Gebietes und des Landes zu reden. Die Versammlungen wuchsen, es kam endlich auch
Lubomir zu ihnen, es kamen seine Sippen, es kamen Männer, die in der Nähe des
Waldes waren, so Ctibor und Nemoy und Strich von Plaka. In der Burg führte
Berta die Herrschaft über die Wirtlichkeit. Wentila und Hiltrut standen ihr
bei. An manchen Abenden, wenn Musse war, las Benno vor Witiko, Berta, Wentila,
Hiltrut und vor manchen Männern und Frauen, die in die Burgstube geladen worden
waren, aus verschiedenen geschriebenen Blättern vor, oder er las auch etwas von
dem, was er über die Geschicke der Kaiser zusammen gesammelt hatte. Oft wurde
von Dingen der Welt und der Menschen gesprochen, wie sie gewesen waren, und wie
sie jetzt sind.
    In dieser Zeit zogen auch zuweilen die Bewohner des Witikohauses in die Burg
Schauenberg, und die von Schauenberg in das Witikohaus.
    Eines Tages begaben sich Heinrich und Wiulfhilt und Witiko und Berta mit
Geleiten auf einen Zug nach Olmütz, um dem Bischofe Zdik für seine Geschenke zu
danken. Sie blieben eine Woche bei dem Bischofe.
    Witiko und Berta gingen zu Zeiten in die Wohnsitze der Nachbarschaft sowohl
in dem böhmischen Lande als auch in dem Gebiete von Passau und an der Mihel, und
sie empfingen die Bewohner jener Wohnsitze auch wieder in ihrer Burg. Wentila
und die Base gingen oft mit, oft nicht.
    Welislaw und Dimut kamen manches Mal nach Rowna, und dann auch in das
Witikohaus. Auch andere Männer und Freunde aus Prag oder ferneren Landstrichen,
aus Baiern, aus Österreich kamen, und es waren verschiedene Festlichkeiten und
manche vergnügliche Tage.
    Witiko war öfter mit den Seinigen in Plan. Und wenn er dort verweilte, kamen
die Männer wie sonst zu ihm in das steinerne Haus, und sassen an Abenden in
Gesprächen da, und er kam an andern Abenden in andere Häuser, nahm dort Brod und
Salz, und redete mit den Männern. So tat er auch im Wangetschlage und in
Friedberg. Er verbesserte die Häuser in Plan und im Wangetschlage, und vermehrte
ihr Grundland.
    In mancher Zeit waren die Bewohner des Witikohauses auch in Pric.
    Der alte Huldrik kam einmal mit dem Anliegen, dass er ein Weib nehmen müsse,
weil er zu seinem Dienste in der Burg und zu seinem Ansehen ein Weib brauche.
Witiko sagte, wenn es sein müsse, so möge er ein Weib nehmen, und Benno verband
ihn mit einer Jungfrau aus Friedberg, die Azala hiess.
    So war das Jahr des Heiles 1154 gekommen.
    In diesem Jahre erging von dem Könige der Deutschen, Friedrich, an alle
Herren des deutschen Landes und an alle, die sonst verpflichtet waren, der Ruf,
dass sie sich und ihre Männer stellten, damit er seinen Kaiserzug nach Rom
antreten könne. In dem Rate des Herzoges Wladislaw sagten die älteren Männer,
man müsse sich dem jungen Könige, der kaum das dreissigste Jahr überschritten
habe, wichtig erhalten, man müsse sich ihm nicht geneigt zeigen, weil er die
Ansprüche Heinrichs, des Markgrafen von Österreich, des Schwagers des Herzogs
Wladislaw, auf Baiern nicht anerkenne, mit dem doch der Bruder Heinrichs, der
vorige Markgraf Leopold, von dem Könige Konrad begabt worden war, und man müsse
ihm die dreihundert Reiter, welche sonst die Herzoge von Böhmen und Mähren zu
den Romzügen gesendet hatten, verweigern. Die jüngeren Männer sagten, man müsse
mit dem Könige in Verbindung kommen, um dem Herzogtume Böhmen und Mähren Ansehen
und Ehre zu gewinnen. Mit der Meinung dieser Männer hielten es Welislaw, Witiko,
Odolen, Sezima, Zwest und Jurik, der Sohn Juriks.
    Wladislaw tat nach dem Rate der Alten.
    Das Heer des Königs Friedrich sammelte sich ohne die böhmischen Reiter im
Weinmonate des Jahres 1154 vor der Stadt Augsburg, und zog dann durch Tirol an
den Gardasee. Dann ging es gegen Verona und Piacenza. Auf den roncalischen
Feldern hing der König seinen Schild auf einen Pfahl, dass die höchsten
Lehenträger in der folgenden Nacht bei ihm Wache hielten. Dann zogen sie von
Stadt zu Stadt, und die lombardischen Städte ergaben sich, oder wurden
bezwungen. Tortona, das lange widerstand, wurde zerstört. Am siebenzehnten Tage
des Ostermonates des Jahres 1155 wurde der König in der alten Hauptstadt des
Königreiches Italien, Pavia, mit der lombardischen Krone von dem Bischofe der
Stadt in der Kirche des heiligen Michael gekrönt. Am achtzehnten Tage des
Brachmonates des Jahres 1155 wurde der König von dem Heiligen Vater Hadrianus in
Rom in der Kirche des heiligen Apostels Petrus zum Kaiser gekrönt. Dann besiegte
er die aufrührerischen Römer, züchtigte die widerspenstige Stadt Spoleto, schlug
in den Felsenengen der Etsch die verräterischen Bewohner von Verona, und kam im
Sommer wieder nach Deutschland zurück.
    In Deutschland verurteilte er den Erzbischof von Mainz Arnold, und den
Pfalzgrafen Hermann von Stahleck, welche sich gegen seine Abmahnung in einer
verwüstenden Einzelfehde bekriegten, auf dem Reichstage zu Worms im Anfange des
Jahres 1156 mit allen Grafen, die ihnen halfen, zum Hundetragen. Dem Erzbischofe
wurde wegen seines Alters und Amtes die Strafe erlassen; alle andern aber
erlitten sie. Dann zog er an dem Rheine hinab, zerbrach die Raubschlösser, und
liess die Schuldigen hinrichten. Die Zölle, welche ohne die Genehmigung des
Kaisers errichtet worden waren, erklärte er für nichtig, und sie mussten sogleich
aufhören.
    Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, schickte nun Daniel, den
Bischof von Prag, zu dem Kaiser Friedrich.
    Daniel kehrte wieder zurück, und erzählte dem Herzoge Wladislaw von dem
Kaiser Friedrich.
    Er erzählte ihm, dass Beatrix, die schöne Erbtochter von Burgund, von ihrem
Oheime Wilhelm in einen Turm gesperrt worden sei, dass sie dort umkomme. Der
Kaiser aber hat sich gerüstet, sie zu befreien. Und er hat sich entschlossen,
sie, wie einst der Kaiser Otto die schöne Adelheid von Italien, zu freien.
Wilhelm hat sie losgelassen, und an den heiligen Pfingsttagen wird auf einem
grossen Reichstage die Vermählung vollzogen werden.
    Und es ergingen sodann von dem Kaiser die Einladungen zu dem Reichstage auf
das heilige Pfingstfest nach der Stadt Würzburg.
    Und als sich die Tage des Pfingstfestes näherten, zog Wladislaw, der Herzog
von Böhmen und Mähren, mit dem Bischofe Daniel, mit Priestern, Herren und
Rittern und einem grossen geschmückten Geleite gegen die Stadt Würzburg. Witiko
und alle die jüngeren Herren und Krieger folgten dem Herzoge.
    Wladislaw und die Seinigen wurden von dem Kaiser freundlich empfangen. Und
es kamen die Fürsten und Herren des Reiches zu dem Reichstage, und Gezelte
reihten sich an Gezelte. Und alle die jungen Ritter, die unter der Führerschaft
Friedrichs gewesen waren, als er fast noch als ein Knabe, den Wolfartshauser
Grafen geschlagen hatte, kamen zu seiner Vermählung. Sie waren jetzt mit Macht
und Ehren begabt. Witiko freute sich seines Freundes Wolfgang von Ortau, der mit
Gut belehnt worden war, und er fand manche Freunde, die er in Nürnberg und in
Wien kennen gelernt hatte.
    Die erste Feier des Reichstages war die Vermählung. Das Brautpaar war vor
dem Altare. Friedrich in weissem Sammetgewande mit Gold und edlen Steinen und
feinem Hermelin, ein Mann von mittlerer Grösse, wohlgebildet, mit hellem
rosenwangigen Angesichte, mit blauen Augen und blonden Haaren, und mit einem
goldschimmernden Barte. Beatrix in weissem Sammetgewande mit Gold, edlen Steinen
und Hermelin, auch mittelgross, fein, mit rosigem Angesichte, blauen Augen und
blonden Haaren. Nach der Vermählung war ein Mahl voll Heiterkeit und Freude;
aber es war Mass in Speisen und Getränken und in Schmuck und Geschirren.
    Und in den Tagen nach der Vermählung waren andere Geschäfte.
    Es kam Wladislaw, der Herzog von Polen, der von seinem Bruder Boleslaw
vertrieben worden war. Er suchte Hilfe. In der Versammlung der Fürsten sprach
Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, für ihn. Der Kaiser und die Fürsten
entschlossen sich zur Hilfe, und es wurden Boten nach Polen gesendet.
    Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, hatte mehrere Gespräche mit dem
Kaiser über die Dinge zwischen Österreich und Baiern. Er sprach auch mit Fürsten
über diese Dinge.
    Der Reichstag in Würzburg wurde beendigt.
    Nach demselben ging der Bischof Daniel mit dem Willen des Kaisers und des
Herzoges Wladislaw zu dem Kaiser, dass die Beratungen über Österreich und Baiern
fortgesetzt würden.
    Und als die Beratungen vollendet waren, wurde auf den Herbst des Jahres ein
Reichstag nach Regensburg zur Schlichtung berufen. Die Fürsten erschienen sehr
zahlreich, und Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, zog mit dem Geleite,
welches mit ihm in Würzburg gewesen war, und noch mit andern Männern, die sich
angeschlossen hatten, nach Regensburg. Auf dem Reichstage in Regensburg gab nun
Heinrich, der Markgraf von Österreich, die Länder Österreich und Baiern in die
Hände des Kaisers zurück. Der Kaiser aber trennte von Baiern das Land zwischen
der Enns und Passau, und belehnte mit dem, was übrig war, Heinrich, den Sohn des
vorigen stolzen Herzogs Heinrich von Baiern. Das abgetrennte Stück Baierns legte
er zu Österreich, erhob Österreich zu einem Herzogtume, und belehnte damit den
Markgrafen Heinrich als Herzog von Österreich. Und grosse Vorzüge wurden dem
neuen Herzogtume gegeben. Es konnte auf Frauen vererbt werden, und der letzte
Besitzer, wenn alle Erben mangelten, konnte darüber verfügen. Alle Züge des
Herzogs zu Versammlungen und Kriegen waren freiwillig, ausser den Versammlungen,
die der Kaiser selbst berief, und ausser den Kriegen gegen die Ungarn. Die
Fürsten begrüssten den neuen Herzog, sie freuten sich der Austragung des
Streites, der schon seit dem Beginne der Herrschaft des Königs Konrad gedauert
hatte, es freuten sich alle, die auf dem Reichstage waren, es freuten sich die
Bewohner der Stadt Regensburg, und bald kamen auch die Zeichen der Freude aus
den Gauen des Reiches herein.
    Von Polen wurde die Nachricht gebracht, dass der Herzog Boleslaw dem Kaiser
trotze. Also wurde der Krieg gegen Polen auf das nächste Jahr beschlossen.
    Im Sommer dieses nächsten Jahres zog das deutsche Heer gegen Polen.
Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, kam mit seinen Brüdern Diepold und
Heinrich und mit vielen Lechen und Herren der Länder Böhmen und Mähren, und mit
erlesenen Scharen von Kriegern an der Oder zu dem Kaiser. Im Erntemonate wurde
die Oder bezwungen, und die Heere drangen bis gegen Posen vor. Da bat Boleslaw
um Frieden, und rief den Beistand des Herzoges Wladislaw an. Der Herzog brachte
mit mehreren andern Fürsten die Vereinbarung zu Stande. Es wurde festgesetzt:
Boleslaw kömmt in blossen Füssen, da ihm ein blosses Schwert von dem Halse hängt,
zu dem Kaiser, und kniet vor seinen Füssen. Er leistet den Lehenseid, und
beschwört, dass er seinem Bruder sein Gebiet zurückgebe. Dem Kaiser zahlt er
zweitausend Mark Silber, den Fürsten tausend Mark, dem Lehenhofe zweihundert,
und der Kaiserin vierzig Mark Goldes. Dem Kaiser sendet er zu seinen Zügen nach
Italien dreihundert Reiter, und er stellt sich zur Schlichtung aller noch
übrigen Dinge auf den nächsten Reichstag nach Magdeburg. Zur Sicherheit gibt er
Geiseln.
    Boleslaw leistete die Sühne und die Schwüre, und gab die Geiseln, darunter
sein Bruder Kasimir war. Die Geiseln gingen auf den Befehl des Kaisers nach
Prag.
    Dann zog der Kaiser wieder nach Deutschland zurück.
    Er berief auf den Herbstmonat einen Reichstag nach Würzburg. Noch mehr
Fürsten und Herren und Kirchenobere kamen auf diesen Reichstag, als auf frühere
gekommen waren. Es kam Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, und es kamen
Gesandte aus Frankreich, England, Spanien, Italien, Dänemark, Burgund und
Griechenland. Die Herren aus Burgund unterwarfen sich dem Kaiser, und die
Erzbischöfe und Bischöfe von Lyon, Valence, Vienne, Arles und Avignon huldigten
ihm. Waldemar, der König von Dänemark, liess ihm anzeigen, dass er als König
gewählt worden sei, und liess ihn bitten, dass er die Wahl bestätige, und ihn
belehne. Der Kaiser sagte es unter dem zu, dass Waldemar einen Eid leiste, er
werde selber zu dem Kaiser kommen. Stephan, der Bruder Geisas, des Königs von
Ungarn, bat den Kaiser um Hilfe wegen mancher Unbilden, die er von seinem Bruder
erlitten hatte. Der Kaiser bat den Bischof Daniel, dass er zu Geisa gehe, und die
Dinge erkunde, weil er dem Könige Geisa schon bekannt sei, da er mit ihm
vermittelt hatte, dass seine Tochter Elisabet die Gattin Friedrichs, des Sohnes
Wladislaws, des Herzoges von Böhmen und Mähren, geworden ist. Daniel sagte den
Zug zu Geisa zu, und ging, nachdem der Reichstag beendiget war, nach Ungarn.
    Der Kaiser aber durchzog das Reich, bestrafte alle, die Unruhe oder sonst
Übles stifteten, und ordnete die Sachen der Länder und der Kirche.
    In dieser Zeit sendete Heinrich, der König von England, Geschenke an den
Kaiser, und sendete geschriebene Worte, in denen entalten war: Wir sind bereit,
was Eure Ehre fordert, zu vollführen. Wir vertrauen England und unsere
Herrschaft Eurer Gewalt und Eurem Willen an. Es sei ein Bund zwischen unsern
Völkern, darin Ihr den Befehl habt, und darin wir den Gehorsam nicht verabsäumen
werden. An den Geschenken sehet nicht den Wert, sondern die Liebe dessen, der
sie gibt, und nehmt sie auf, wie sie gegeben sind.
    Von Ungarn kamen Gesandte, durch welche der König seine Handlungen darlegen
liess, und durch welche er versprach, dem Kaiser Krieger zu seinem Zuge nach
Italien zu senden.
    Indessen diese Dinge geschahen, kamen aus Italien Botschaften, dass sich die
Städte bekriegen, dass Mailand die Freunde des Kaisers unterdrücke und
unterwerfe, dass es die Mahnungen des Kaisers nicht achte, und dass es sich mit
seinen Feinden verbinde.
    Friedrich richtete nun ein Schreiben an alle geistlichen und weltlichen
Fürsten, und sagte: Mailand hat sich gegen das Römische Reich aufgelehnt, und
höhnet die Ehrfurcht, welche die Untertanen ihrem Beherrscher schuldig sind,
wenn auch derselbe von ihnen entfernt ist. Es strebt darnach, Italien seiner
Herrschaft zu unterwerfen, und hält uns für unfähig, es zu besiegen und zu
bestrafen. Ein solcher Frevel darf jetzt und in der Zukunft nicht gelingen. Wir
müssen die Widerspenstigen mit unserer ganzen Macht bekämpfen, und das üble
Glied von dem Körper schneiden, dass er nicht auch die Verderbnis empfange, und
zu Grunde gehe.
    Es wurde wegen Italiens auf den sechsten Tag des Monates Jänner des Jahres
1158 ein Reichstag nach Regensburg ausgeschrieben. Auf diesen Reichstag kamen
die Fürsten und Herren des deutschen Reiches, und es kam Wladislaw, der Herzog
von Böhmen und Mähren, mit dem zahlreichsten Geleite, das er bisher gehabt
hatte. Es wurde für den Sommer ein Zug nach Italien festgesetzt, und alle, die
da waren, stimmten ein, und versprachen ihre Zurüstungen.
    Am fünften Tage der Versammlung gab Friedrich, der römisch-deutsche Kaiser,
Wladislaw, dem Herzoge von Böhmen und Mähren, in Anerkennung seiner Tugenden und
seiner grossen Dienste in der Gegenwart aller Fürsten eine Königskrone, Wladislaw
wurde mit Feierlichkeit als König von Böhmen gekrönt, und von allen Fürsten als
König von Böhmen begrüsst. Und diese Königswürde sollte von nun an auf alle seine
Nachfolger übergehen.
    Es war in allen Lagern und es war unter den Begleitern Wladislaws eine grosse
Freude über dieses Ereignis.
    Und als er heimkehrte, kamen ihm in seinem Lande ganze Scharen von Menschen
entgegen, und riefen ihm Heil und Segen und Jubel zu, und streuten Tannenzweige
auf seinen Weg, und geleiteten ihn grosse Strecken. Viele junge Krieger und
Herren kamen herzu, und zogen mit ihm nach Prag. In Prag wurde er von dem Volke
mit Feierlichkeit empfangen, mit Freude begrüsst, und er und Judit wurden in
kirchlicher Festlichkeit als König und Königin anerkannt.
    Er berief darauf eine grosse Versammlung in die Königsburg.
    Und als der Tag der Versammlung gekommen war, und als sich die hohen und
niederen Herren der Länder Böhmen und Mähren und die Herren der Kirche in einer
so grossen Zahl eingefunden hatten, wie sie sonst nie herbei gezogen waren,
sprach der König zu ihnen: »Erhabene Herren der Kirche, Söhne des Stammes
Premysl, Herren, Männer und Krieger der Länder Böhmen und Mähren, höret meine
Worte. Sie zielen nun nicht mehr wie in der vergangenen Zeit auf die Not und das
Unglück unserer Länder, um Abhilfe zu verlangen; sie zielen auf das Ansehen und
die Ehre unseres Reiches, dass es mit andern Reichen wirke, ihnen gleich sei, und
geachtet und gefürchtet werde. In Italien ist die grosse und mächtige und reiche
Stadt Mailand durch Gewalt, durch Kühnheit, durch Verrat, durch Frechheit und
durch Verhöhnung aller göttlichen und menschlichen Gesetze die Beherrscherin des
oberen Teiles des Landes geworden. Die Krämer, die Händler, die Handwerker der
Stadt sind tapfer, sie spotten aber jedes Rittertumes, jedes Kriegertumes, und
möchten die Herren aller Dinge sein. Und sie werden nach und nach die Herren der
Dinge werden, wenn ihnen nicht Einhalt getan wird, und sie werden wachsen, und
nach uns allen greifen. Es ist daher ein Bund gegen sie entstanden. Friedrich,
der König der Deutschen, der auch in Rom zum römischen Kaiser gekrönt worden
ist, der in Pavia die lombardische Krone empfangen hat, und dessen Untertanin
daher die Stadt Mailand ist, dessen Ansehen und Befehlen sich aber die Stadt
widersetzt, ist der Führer des Bundes. Alle deutschen Fürsten gehen mit ihm. Das
Land Ungarn wird Reiter senden, Polen wird Kriegsvölker stellen, und andere
werden vielleicht desgleichen tun. Das grosse schöne Land Italien soll geeinigt
und geordnet werden. Ich habe dem Kaiser versprochen, dass ich zu seinem Zuge
gehen, und dass ich die Männer zu ihm führen werde, die sich mir zugesellen
wollen. So wird, wie schon andere Ehren unserem Lande zu Teil geworden sind,
auch aus dieser grossen Sache Ehre und Macht für das Land erwachsen. Ich
verkündige euch dieses, dass ihr es wisset, und dass jeder, der nach Mailand zu
ziehen gesonnen ist, sich rüsten könne. Mit dem Frühlinge beginnt der Auszug.«
    Da der König gesprochen hatte, setzte er sich wieder auf seinen Stuhl
nieder.
    Mehrere Männer erhoben den Ruf: »Wir ziehen, wir ziehen.«
    Andere riefen darunter, und man verstand ihre Worte nicht, und es wurde, ehe
einer der vorzüglicheren Männer reden konnte, ein Rufen in dem ganzen Saale, aus
dem nichts Deutliches vernommen werden konnte.
    Dann drang wieder der Ruf durch: »Wir ziehen.«
    Dann erscholl der Ruf: »Wir ziehen nicht.«
    Dann tönten Stimmen: »Es darf nicht sein«, »es ist gegen das Recht.«
    Dann riefen andere dagegen, und es entstand ein verworrenes Geschrei, das
stärker wurde, als es früher gewesen war. Dann sprangen viele von ihren Sitzen
auf, und schlugen an ihre Schwerter. Andere sprangen nun auch auf, und schlugen
auch an ihre Schwerter wie gleichsam zur Antwort.
    Der König blieb auf seinem Stuhle, und sah auf die Männer.
    Casta hob seine Haube mit dem rechten Arme empor, und schwang sie in den
Lüften.
    Es achtete aber niemand auf dieses Zeichen.
    Immer mehrere erhoben sich von ihren Sitzen, bis fast alle, die in dem Saale
waren, standen.
    Nun stieg Wecel auf seinen Stuhl, und machte mit seinen Armen Zeichen.
    Das Schreien wurde aber noch stärker, und die Nächsten zogen ihn von seinem
Stuhle wieder herunter.
    Jetzt stand Diwis auf, und ging von den Stühlen in den freien Raum, dass er
von allen gesehen werden konnte, und hob seine beiden Arme empor.
    Das Schreien minderte sich aber nicht.
    Diwis ging wieder zu seinem Sitze.
    Nun tat Lubomir das nämliche, was Diwis getan hatte.
    Aber das Schreien dauerte fort, und zu Zeiten rasselten die Waffen.
    Lubomir ging wieder zu seinem Stuhle.
    Nun stand langsam der alte Wsebor mit seinem weissen Barte auf. Er stieg auf
den Schemel, den man ihm seines Alters willen vor seinen Stuhl gestellt hatte.
Er nahm seine Haube ab, und hielt sie vor die Brust. So blieb er stehen, und
regte sich nicht.
    Und wie er immer so stand, minderte sich das Schreien allgemach. Es minderte
sich stets, und man hörte den Ruf: »Wsebor.«
    Da schrie Predbor mit gewaltiger Stimme: »Wsebor.«
    Dann riefen mehrere: »Wsebor.«
    Dann rief Predbor vernehmlich: »Wsebor liebt Land und Leute, höret ihn.«
    »Wsebor, Wsebor, Wsebor«, riefen nun viele Stimmen.
    Dann wurde es stiller, und es war endlich kein Laut mehr in dem Saale.
    Darauf sprach Wsebor, da er auf dem Schemel stand: »Liebe, gute
Landesgenossen. Ich danke euch, dass ihr mit meinem Alter Nachsicht habt, und
euern Unwillen beschwichtigt. Ich bin jetzt der Älteste in dem Saale, seit
Bolemil ist, wo die Jahre nicht mehr gezählt werden. Gönnet mir, dass ich Worte
sage, was ich in meinem Leben erfahren habe. Bolemil spricht nicht mehr, und
mein Mund ist viel schlechter.«
    »Rede, rede«, riefen viele Stimmen.
    Wsebor sprach: »Es sind viele hundert Jahre vergangen, seit der Vater Cech
mit seinen Begleitern über die Ströme in dieses Land gekommen ist. Und sie haben
ruhig gelebt, und haben die Nachbarn nicht beraubt. Und wenn Feinde gegen das
Land gekommen sind, so haben sie dieselben abgewehrt. Die Fremden, welche als
Gäste gekommen sind, haben sie beherbergt und gepflegt. Und wenn ein fremder
Mann einem Manne dieses Landes ein Geschenk gegeben hat, so hat er es dankbar
angenommen, und hat den fremden Mann wieder beschenkt. Aber niemals haben sie
von dem Fremden ein Geschenk für das Land angenommen, dass er nicht ein Recht an
das Land bekomme. Darum haben sie auch nicht in entfernten Ländern Hilfe leisten
müssen. So sind sie daheim in ihrer Sitte geblieben, und es ist das Gesetz
geworden, dass sie nicht in Kriegszüge weit über die Grenzen des Landes gehen
dürfen. Hocherlauchter König Wladislaw, wenn du die Dinge, ehe sie geschehen
sind, vor den Rat deiner Männer gebracht hättest, so wären vielleicht von der
Weisheit der Männer andere Wege zum Heile der Länder gefunden worden.«
    Als er diese Worte geredet hatte, stieg er wieder von seinem Schemel herab,
und setzte sich auf seinen Stuhl.
    Von den Männern in dem Saale aber riefen viele: »Das ist wahr«, »das ist
gut«, »so muss es sein.«
    Und es entstand wieder ein Durcheinanderrufen.
    Dann erhob sich Gezo, der Abt von Strahow, um zu sprechen.
    Als es stille geworden war, redete er: »Wir haben die Heiligtümer in unserer
uralten Stadt Prag, und haben den goldenen Sitz unserer Fürsten im Wysehrad,
welche Burg noch älter ist als Prag, und welche eine goldene Burg bei den Heiden
gewesen ist, und eine goldene Burg mit herrlichen Kirchen bei den Christen
geworden ist. Zu den Heiligtümern schaut das ganze Volk, und betet bei ihnen zu
Gott, und zu den Heiligtümern wallfahren Fremde, um ihrer Wunder teilhaftig zu
werden. In unserem Lande ist die Säule unsers Gebetes, ist die Säule unserer
Andacht, ist die Säule unserer Macht, und ist die Säule unserer Ehre. Bei den
Deutschen aber sind allerlei Pfalzen der Könige, sind allerlei Städte, und der
König hat in keiner seinen goldenen Stuhl, und zieht von der einen zu der
andern.«
    Es erhob sich nach diesen Worten ein dröhnender Lärm in dem Saale. Die
Männer schlugen an ihre Schwerter, und. manche schwangen sie mit der Scheide um
ihr Haupt.
    Gezo aber setzte sich wieder auf seinen Stuhl.
    Keine Stimme redete gegen Gezo.
    Es erhob sich Peter, der Abt von Brewnow.
    Man machte ihm endlich Raum zum Reden, und er sprach; »Wie der
hochehrwürdige Abt von Strahow, und wie der hohe Leche Wsebor geredet haben, so
rede auch ich. Wenn wir unser Land aus seinen Gesetzen und aus seinen Sitten und
Gewohnheiten in die Schicksale anderer Länder heben, so ruht es nicht mehr in
sich, und kann stürzen. Ich beklage jede Änderung, die nicht reiflich in dem
Rate seiner Söhne erwogen worden ist.«
    Nach dieser Rede entstand ein grosses Beifallrufen, und es entstand auch ein
Rufen des Missbilligens.
    Mehrere Männer sprangen zugleich empor, um zu sprechen.
    Da es stiller geworden war, erhob sich der König, und da man ihn vernehmen
konnte, sprach er: »Es soll ein jeder, der in dieser Sache reden will, reden. Er
rede, was er in seinem Sinne für recht und gut hält, und rede, so lange es ihm
genehm ist. Ich werde jeden hören, und bitte aber auch die Männer, dass ein jeder
den andern anhöre, wie er selbst angehört zu werden wünscht. Da jedoch nicht
mehrere zugleich reden können, wenn sie auch zugleich zum Reden aufgestanden
sind, so meine ich es geziemend, dass dem Ältern zuerst das Wort gegönnt werde.«
    »Ja, ja«, riefen fast alle Stimmen im Saale.
    »Lubomir«, sagte der König, »ich glaube, dass du schon vor einer Zeit von
deinem Sitze aufgestanden bist. Und wenn es auch nicht so wäre, so bist du doch
der Älteste. Sprich.«
    Lubomir sprach: »Hocherlauchter König, wenn du mich hören willst, und wenn
mich die Versammlung hören will, so werde ich reden.«
    »Rede, rede«, riefen viele Männer in dem Saale.
    Lubomir schwieg einen Augenblick. Dann redete er: »Liebe hochehrwürdige
Herren der Kirche und der Länder. Wie mir nach meinen geringen Einsichten und
nach meinen Jahren mein Sinn eingibt, ist die Veränderung, die sich in unseren
Ländern zugetragen hat, sehr wert, dass wir derselben unsere genaue
Aufmerksamkeit schenken. Wir wissen jetzt noch nicht, was aus alledem werden
wird. Wir wissen nicht, was werden wird, wenn unser Herzog ein König ist, und
wenn alle unsere künftigen Herzoge Könige sind. Werden die Könige die Art der
Herzoge fortbehalten, oder wird eine andere Art werden? Sind unsere Länder in
der alten Lage gegen ihre Nachbarn, oder wird die Lage neu sein? Werden wir in
Pflichten gegen die kommen, welche die Ehre gespendet haben? Wenn wir alles erst
wohl überdacht haben, wenn ein jeder das, was ihm zu Sinne gekommen ist, den
andern in Lieb und Treue mitgeteilt hat, dann können wir beraten, wie das Gute,
das in den Dingen liegt, von uns nach unsern Rechten und Pflichten dem Lande
zugeführt werden kann, und wie wir das Üble, das die Sache hat, von dem Lande
fern zu halten vermögen. Ich denke wohl, dass es gut gewesen wäre, wenn vorher
alle Obliegenheiten und Notwendigkeiten der Sache beraten und festgestellt
worden wären. Aber ihr wisset alle sehr gut, wie unser erlauchter Herzog
Wladislaw, seit er auf dem Fürstenstuhle ist, immer in den Dingen des Landes den
Rat zusammen berufen hat, und wie in dem Rate beschlossen worden ist. Wenn er es
jetzt nicht getan hat, so wird er Ursachen dazu gehabt haben. Er wird alles sehr
reiflich erwogen haben, und er kann uns am sichersten sagen, was in dieser
Angelegenheit liegt, und was nicht in ihr liegt.«
    »Das ist wahr, das ist gut«, riefen mehrere Männer.
    »Er hätte es aber heute sagen sollen«, rief eine Stimme.
    Und es wurde ein Rufen des Beifalls und des Tadels.
    Lubomir setzte sich wieder auf seinen Stuhl nieder.
    »Preda, sprich«, sagte der König.
    Preda, welcher stand, redete nun: »Meine Worte sind die Worte Lubomirs. Es
kann sehr Übles für die Länder in der Sache sein. Ich füge nur hinzu, dass es
jetzt fast ist, als wären die, welche viele Jahre dem Lande gedient haben, nicht
mehr die Räte und nicht mehr die Freunde des Herzogs.«
    »So ist es«, riefen viele Männer.
    Preda setzte sich auf seinen Stuhl nieder.
    »Slawibor, rede«, sagte der König.
    Slawibor sprach: »Wir haben in unserem Reiche gelebt, und die Herzoge haben
nur uns über die Angelegenheiten befragt. Wratislaw, der Grossvater unseres
erlauchten Herzoges, ist ein König gewesen; aber es war nur ein Ehrenkleid, und
er hat als Herzog fortgeschaltet. Und nach ihm sind wieder Herzoge gewesen, wie
Wladislaw, der Vater unsers jetzigen Königs, der gute und grossmütige, und wie
Sobeslaw, der Oheim und Vorgänger unsers jetzigen Königs, der feste und
ruhmreiche, und wie unser Herzog, der bis jetzt auch ein Herzog gewesen ist. Nun
ist das Land für alle Zeiten ohne Ratschluss in ein Königreich umgewandelt
worden, und Pflichten und Abhängigkeiten sind im Wege, und das Blut soll in das
Ausland gegossen werden. Vor diesen Dingen stehen wir, und ich sage: Wenn der
erlauchte Herzog nicht unsern offenen Rat gehabt hat, so hat er geheimen gehabt,
und diesen trifft Verantwortung und Strafe.«
    »Die Strafe, die Strafe, die Strafe«, riefen Männer durcheinander.
    »Nein, nein, nein«, riefen andere.
    Und es wurde wieder ein wüster Lärm.
    Als er sich gemildert hatte, rief der König: »Diwis, rede.«
    Diwis redete: »Ich sage wie Lubomir, dass es gut gewesen wäre, wenn die
Umwandlung der Länder in dem Rate genau erwogen worden wäre. Ich sage wie
Slawibor, dass es ein alter Brauch ist, dass die Söhne unserer Länder nicht in
entfernten Reichen kämpfen dürfen. Aber ich sage auch, dass wir über diese Sache
noch nicht urteilen können, weil sie uns noch nicht mit allen ihren Teilen
bekannt ist. Der hocherlauchte König Wladislaw hat nur von dem Zuge nach Mailand
gesprochen, dann ist der Zorn der Männer entstanden, und es ist weiter eine
Wesenheit der Sache nicht dargelegt worden. Ich meine wie Lubomir, ein jeder
solle gehört werden, und der soll am meisten gehört werden, der am meisten von
der Sache reden kann. Und dann sollen wir umsichtig beratschlagen, dass wir das
Gute einführen, und das Üble abhalten.«
    »Die Sache ist ja deutlich«, rief Mireta.
    »Sie ist deutlich, deutlich, deutlich«, rief eine Zahl von Männern.
    Da rief der König: »Es muss ein jeder gehört werden, wie ihr gehört werden
wollet.«
    »Höret einen jeden, das Recht hat er«, schrie Predbor.
    »Höret ihn, höret ihn«, riefen fast alle in der Versammlung.
    Dann sprach der König: »Rede, Nemoy.«
    Nemoy redete: »Da das Alterserblichkeitsgesetz gemacht wurde, sind alle
Lechen und Herren und Wladyken der Länder dazu zusammen berufen worden, und es
ist die Nachfolge auf dem Fürstenstuhl ruhig vor sich gegangen. Als das
Alterserblichkeitsgesetz aufgehoben wurde, hat es der Herzog Bretislaw mit der
Mitilfe des deutschen Kaisers Heinrich allein getan, und es sind die
Nachfolgekämpfe gekommen, die bis in unsere Zeit gedauert haben, und die nach
euch in die Zeiten hinein dauern können. Ich sage das, weil es geschehen ist,
und weil es zu beachten ist.«
    »Es ist zu beachten«, riefen mehrere Männer.
    »Es ist so«, riefen andere, »es ist jetzt wieder so.«
    »Ja, ja, ja«, riefen andere.
    »Nein, nein, nein«, riefen wieder andere.
    Als das Rufen aufgehört hatte, sagte der König: »Jetzt haben die gesprochen,
welche mit einander aufgestanden sind. Ich glaube, dass ich sie nach dem Alter
genannt habe.«
    »Du hast sie genannt, hocherlauchter König«, sagte Nemov.
    Nun stand der alte Rodmil auf, und sprach: »Es ist eine Verletzung der
Rechte und der Bräuche der Lechen gewesen. Die Lechen sind die Söhne des Landes,
sie sind das Land. Und das Land ist der Quell der Ehren und der Macht, und für
das Land ist das Blut seiner Kinder.«
    Es wurde ein Beifallsrufen nach diesen Worten, und man hörte: »Ja, eine
Verletzung, eine Verletzung, und kein Blut für andere.«
    Nach Rodmil stand Daniel, der Bischof von Prag, auf. Und wie er stand, wurde
es stiller, und wurde immer stiller, und endlich so stille, dass nicht ein
einziger Laut in dem ganzen Saale zu vernehmen war.
    Dann wartete Daniel noch eine kurze Zeit.
    Dann sprach er: »Es war einmal ein Mann, der hatte einen schönen Hof mit
schönen Gründen. Sein Vater und sein Grossvater und sein Urgrossvater und sein
Ururgrossvater haben vor ihm den Hof besessen. Aber der Hof ist nicht immer schön
geblieben. Es kamen Regengüsse, und es floss ein Wasser daher, und brachte Bäume
und Sträucher und Sand und Steine und Unrat. Und als es abgelaufen war, lagen
Steine und Sand auf den Streifen, auf dem es gewandelt. Der Mann und seine
Knechte brachten die Steine und den Sand fort, und der Streifen grünte wieder.
Aber es kamen wieder Regen, und es kam wieder Sand und kamen Steine. Und jeder
Regen brachte Sand und Steine. Da ging der Mann von dem Hofe fort, dem Wasser
nachzuspüren. Er ging durch das Gut mehrerer Männer, und kam in den entfernten
hohen Wald. Dort waren in Mulden weite Wässer. Die Wässer hatten eine Erdwulst
durchfressen, und durchfrassen sie bei jedem Regen mehr. Der Mann und die
Besitzer der Güter und der Besitzer des Waldes verbauten die Lücke der Erdwulst,
und leiteten die Wasser in Schluchten. Wäre der Mann in seinem Hofe geblieben,
so wäre sein Hof ein Haufen von Sand und Steinen geworden.«
    Bogdan sprang auf, und rief: »Ja, ihr beide, du und dein Schreiber
Vincentius, seid fleissig in die Fremde gegangen, und habt dort gespähet, du hast
dich von dem deutschen Kaiser in allerlei Orte senden lassen, und bist sein
Diener geworden, und bist ein Fremder geworden, und bringst so viel von der
Fremde, bis wir selber Fremde sein werden.«
    Ein dröhnender Lärm entstand nach diesen Worten.
    Der Bischof Daniel setzte sich wieder auf seinen Stuhl nieder.
    Nach ihm erhob sich Bozebor.
    Als der Lärm sich nach und nach gelegt hatte, sprach er: »Hohe und niedere
Herren der Kirche und der Länder, Männer und Freunde. Der alte Rodmil hat
gesagt: Das Land ist der Quell der Ehren und der Macht. Es ist der Quell der
Ehren und der Macht, und ein anderer Quell ist eine Pfütze. Hocherlauchter
Herzog Wladislaw, wer hat dich genötigt, von den Deutschen Ehre und Macht zu
gewinnen? Hätten wir dir nicht beides geben können? Wir haben den Kaiser Lotar
besiegt, und haben von ihm die Königskrone gewonnen. Konntest du sie nicht von
uns empfangen? Du wärest dann ein König der Böhmen gewesen, und wir hätten dich
auf unsern Schilden getragen. Jetzt aber bist du ein deutscher König, und musst
den Lohn bezahlen. Du bist zinspflichtig, und wir sind die Knechte eines
Knechtes. Oder sollen wir uns von dir lossagen? sollen wir die Länder in Krieg
und Jammer stürzen? Wer wird das Elend ergründen können? Die alten Herzoge von
Böhmen sind lange, ehe ein deutscher König und Kaiser war, zur Zeit, da noch ein
Wald stand, wo jetzt die Stadt Prag ist, auf der heiligen goldenen Burg im Walde
gesessen, und ihre Lechen und Wladyken waren um sie, und sie haben gerichtet und
geurteilt, und ihre Völker haben auf sie geschaut, und niemand konnte eine Nadel
von ihren Wäldern nehmen, und sie waren ehrenreich, dass die uralten Sänger und
die Völker von ihnen gesungen haben. Die Herzoge sind höher gewesen, als die
Könige und die Kaiser. Dass sie Herzoge wurden, sind sie auf den alten
geheiligten Herzogstuhl gesetzt worden. Darum hiess der Felsstuhl der
Herzogstuhl. Soll er jetzt ein Königsstuhl werden? Oder willst du dir einen
andern schnitzen lassen, und ihn mit Gold und Farben verzieren? Werden nach dir
die Könige die Bastschuhe Premysls anziehen wollen, der nur ein Herzog gewesen
ist? Werden die Könige nach dir sich, ehe sie auf den Herzogstuhl gesetzt
werden, schlechte Kleider anziehen lassen, um sich ihres Ursprunges zu erinnern?
Werden sie sich auch nur auf den Herzogstuhl setzen lassen, dadurch sie ja nur
Herzoge würden, und jetzt schon durch den Spruch des Fremden, ehe sie noch in
dem Leibe ihrer Mutter entstehen, Könige sind? Unsere geheiligten Gebräuche,
unsere heimatlichen Sitten, unsere vorväterlichen Geräte werden verschwinden,
und so gross der Fels des Herzogstuhles ist, so werden Jahre kommen, in denen man
nicht mehr weiss, wo er gestanden ist. Wenn wir die Sache eingeleitet hätten, so
hätten wir das Geheiligte sichern können. Die Könige werden wie du ohne uns
handeln, sie werden ihres Glanzes pflegen, und wir werden die Diener und die
Sklaven eines Herrn sein. Und wenn wir uns empörten, und alle aus dem Stamme
Premysl entfernten, so würde einer von uns der Herr werden, er würde sich durch
seine Macht wieder zum Könige machen, und wir stünden vor dem nämlichen Dinge,
vor dem wir jetzt stehen. Wer zu solchem den Rat gegeben hat, der verdient an
das Kreuz geschlagen zu werden. So sage ich, so rede ich, und so habe ich die
Sache bis in mein Alter erfahren, und so spreche ich von der Sache.«
    Da er diese Worte geredet hatte, setzte er sich schnell auf seinen Stuhl
nieder.
    Aber nun brachen viele in ein Schreien aus, das stärker war als jedes, das
sich bisher erhoben hatte. Es machte fast die Fenster erzittern, und machte die
Ohren unfähig, irgend etwas zu vernehmen.
    Nach langer Zeit erst hörte man die Rufe: »Ans Kreuz, ans Kreuz, ans Kreuz.«
    Und nicht lange hörte man die Rufe. Es wurde wieder ein übertäubendes
Schreien, aus dem nichts zu vernehmen war.
    Dann schlugen die Männer an die Schwerter, dass es rasselte, und manche
schwangen sie in der Scheide wieder wie früher um das Haupt.
    Bogdan zog das seinige hervor, dass es durch den Saal blitzte; aber die
zunächst um ihn waren, umschlossen ihn mit ihren Armen, zogen ihn nieder, und
nahmen ihm das Schwert.
    Das Schreien und das Rasseln mehrte sich.
    Dann hörte man wieder Stimmen: »Ans Kreuz, ans Kreuz, ans Kreuz.«
    Dann drang der ausserordentliche Ruf Predbors durch den Lärm: »Lasst die
andern reden, und höret sie; ihr habt es versprochen.«
    Der Lärm wurde auf diese Worte etwas geringer.
    Dann standen einige auf, um zu beschwichtigen. Da sie aber nicht gehört
wurden, mussten sie ihre Stimmen stärker erheben, und das Getöse wurde wieder
ärger als früher.
    Jetzt erhob sich der König Wladislaw langsam von seinem Stuhle, und stand
aufrecht da.
    Er nahm nach einiger Zeit seine Haube von dem Haupte, und legte sie auf den
Tisch.
    Seine blonden Haare waren um sein Angesicht, und seine blauen Augen blickten
auf die Versammlung.
    So stand er da.
    Und wie es bei Wsebor und bei dem Bischofe Daniel gewesen war, so wurde es
auch bei ihm. Das Getöse minderte sich, und endlich wurde es so stille, dass man
keinen Laut vernehmen konnte.
    Da sprach der König: »Höchste und hohe Herren der Kirche, Sprossen des
Stammes Premysl, hohe Herren und Herren der Länder, Herren des Hofes, Führer,
Kriegsgenossen, Räte und Freunde. Ich hätte erst geredet, wenn alle andern ihre
Rede vollendet gehabt hätten; allein es sind immer mehr Worte gegen mich
entstanden, und eure Herzen sind von den Worten ergriffen worden. Ich will also
jetzt schon meine Worte entgegen sprechen. Dann sollen alle andern reden, die
noch reden wollen, und sie sollen gehört werden. Vielleicht wird ihre Meinung
durch meine Worte ein wenig geändert. Wenn sie bei ihrer Meinung bleiben, so
sollen sie dieselbe aussprechen. Ich bitte euch, höret mich an.«
    »Höret die Worte«, riefen mehrere Stimmen.
    »Höret die Worte«, riefen dann fast alle in dem Saale.
    Als es wieder stille geworden war, sprach der König: »Ihr habt getadelt, dass
ich mit den Fremden in Verbindungen gekommen bin. Als die Reiche noch klein und
einsam waren, schalteten sie in ihrem Hause, und mochten, wenn ein Überfall
eines Nachbars kam, ihn abwehren. Aber die Reiche sind gewachsen, und einzelne
sind erstarkt. Und andere haben sich an dieses Reich angeschlossen, um seine und
ihre Macht zu mehren. Wer in seinem Hause bleibt, der ist ohne Bundesgenossen,
und wird von denen besiegt, die Bundesgenossen haben. Ihr habt gesagt: Wir haben
den Kaiser Lotar besiegt. Lotar ist mit einem Heere in die Schlucht von
Chlumec und in den Hinterhalt der Böhmen gegangen, und einzelne Teile seines
Heeres wurden vernichtet, und der Rest umringt. Und dennoch hat unser fester und
kluger Herzog Sobeslaw, mein Oheim, da Lotar fast gefangen war, von ihm die
Bestätigung der Herzogswürde von Böhmen angenommen, nicht weil er König der
Deutschen war, sondern weil er römischer Kaiser sein würde. Sobeslaw hat die
Gefahr solcher Kriege erkannt, die gekommen wäre, wenn er auch das Heer Lotars
völlig vernichtet und Lotar gefangen hätte. Friedrich, welcher jetzt in
Deutschland herrscht, ist nicht wie Lotar, er führt die Heere besser. Habt ihr
gesehen, was er getan hat? Friedrich hat zuerst das Reich beruhigt, es ist dann
die Krone der Lombarden und die römische Kaiserkrone auf sein Haupt gesetzt
worden. Er hat hierauf die Mächtigen im Reiche, die eigene Fehden führten, zu
schimpflicher Strafe verurteilt, und keiner wagte zu widersprechen, und die
Fürsten standen zu ihm. Und er hat die Raubritter ausgerottet, und seine Macht
wuchs über Dänemark und Polen und über Lyon bis Avignon, und England schickte
Geschenke, und trug ein Bündnis an, und Spanien und Frankreich und Burgund und
andere schickten Abgesandte, und Ungarn verpflichtete sich ihm mit Reitern. Wenn
Friedrich die Länder Böhmen und Mähren zu einer deutschen Mark machen wollte,
wie einmal vor ihm der Kaiser Karl mit dem Lande der Avaren bis zur Raab getan
hat, so würde der Streit ein sehr schwerer sein. Eure Tapferkeit würde öfter
siegen; aber der endliche Ausgang wäre sehr ungewiss. Denn der Kaiser hat
Bundesgenossen, und sie würden sich mehren. Ihr werdet sagen: Das wäre ein Raub.
Wenn nun Friedrich ein Räuber sein wollte, wie Attila und andere vor ihm, wer
hätte es gehindert? Wenn wir den Räuber, der in unsere Häuser oder Burgen
bricht, strafen und ihn vernichten, so werden wieder andere Räuber. Wäre es
nicht besser, wenn wir machen könnten, dass gar keine Räuber mehr entständen?
Wenn eben so nun Friedrich Räubergedanken hegen sollte, wäre es da nicht
zuträglicher, zu bewirken, dass solche Gedanken gar nicht emporkeimten? Ich bin
im Anfange wider Friedrich gewesen, weil es mir geschienen hat, dass er gegen
Österreich und meinen Schwager Heinrich nicht gerecht ist. Ich führte mit ihm
Verhandlungen, und die Verhandlungen erreichten kein Ziel. Da ging ich selber zu
Friedrich, erkannte ihn, lernte ihn lieben, und wurde sein Freund, und er wurde
mein Freund. Und die Sache mit Österreich und Baiern lösete sich glücklich für
alle, und der Zug gegen Polen brachte uns Ehre und Ruhm und Beute, und die Macht
der Länder Böhmen und Mähren wurde befestigt. Wer in Verbindung mit Fremden ist,
der ist darum nicht abhängig von den Fremden, wie einer, der von einem
Handelsmanne etwas kauft, von ihm nicht abhängig ist. Oder sind wir von dem
Fremden abhängig, so ist der Fremde ingleichen von uns abhängig, wie der Käufer
und Verkäufer von einander abhängig sind, aber beide zu ihrem Frommen. Wenn
viele in einer Verbindung sind, so sichern sie sich, wenn sie über die Dinge
gemeinsam reden, und in ihnen gemeinsam handeln. Es sollten alle Reiche unseres
Erdteiles ihre Angelegenheiten gemeinsam schlichten, so würde keines von einem
andern besiegt, und keines würde die Beute eines entfernten Feindes. Ich kann es
euch sagen: Wenn Friedrich weit über mein Leben hinaus in Deutschland herrscht,
so wird ihm nie zu Sinne kommen, die Länder Böhmen und Mähren sich zu Füssen zu
werfen, oder sie auch nur zu schmälern. Das habe ich über die Verbindung und
über den Umgang mit den Fremden gesprochen. Denket daran, und denket, was ich
einst über die gleichen Dinge gesprochen habe, und was erfolgt ist, da wir
meinen Schwager Konrad, den König der Deutschen, um Hilfe gegen die mährische
Verbindung angegangen haben. Nun rede ich von der böhmischen Königskrone. Ihr
sagt, ihr hättet sie mir gegeben. meint ihr, die Krone hätte in die weiten
Länder, oder auch nur in dem eigenen Lande geleuchtet? Wir hätten uns selber zu
einem Königreiche gemacht, und hätten dem Beherrscher dieses Reiches die
Königskrone aufgesetzt. Wer sich aber selber mit einer Ehre schmückt, der hat
keine Ehre. Die Ehre muss von der Höhe kommen, dass sie heilig ist. Und was würden
die Männer und Weiber unserer Fluren von der Krone gesagt haben? Das ist die
Krone, würden sie gesagt haben, die die hohen Herren des Landes gemacht, und dem
Herzoge geschenkt haben; sie würden die Krone wie eine Burg angeschaut haben,
die vor ihren Augen gebaut worden ist. Der uralte Wysehrad ist heilig, und der
uralte Herzogstuhl ist heilig, weil sie da sind aus der grauen Zeit, und den
Menschen scheint, dass sie von der Höhe stammen. Und wie würdet ihr selber die
Krone angeschaut haben? Sie wäre euer Werk gewesen, und ihr wäret höher gewesen
als euer Werk. Ihr habt gesagt: Unser Land ist der Quell der Ehren und der
Macht. Aus dem Lande fliesst Ehre und Macht; aber der höchste Quell aller Ehren
und aller Macht ist der allmächtige Gott. Er sendet Gaben und Geschicke, auf die
Ehre und Macht folgt, und er sendet die, welche Ehre und Macht verteilen dürfen.
Die sind aber immer über uns, nicht neben uns oder unter uns. Wenn der deutsche
König eine noch hundertmal grössere Macht hätte, so könnte er sich nicht die
römische Kaiserkrone auf das Haupt setzen, sie bliebe eine deutsche Krone, und
bliebe strahlenlos. Aber der Heilige Vater, der Herrscher aller Gläubigen auf
der Erde, setzt sie ihm auf, er wird der weltliche Herr der Christenheit, und
die Kaiserkrone glänzt über die Völker, und von ihr erglänzen die Königskronen,
und aus ihr entstehen die Königskronen. So glänzen die Kronen von Frankreich,
von Spanien, von England, und so entstand auch die Krone von Böhmen. Nicht
Friedrich, der König der Deutschen, hat mir die Königskrone gegeben, sondern
Friedrich, der römische Kaiser, der Schirm und Schimmer der Christenheit hat sie
mir freiwillig verliehen, und sie strahlet in die Welt. Er hat mich geehret, er
hat alle geehret, die nach mir herrschen, und er hat das Land und hat euch
geehret. Ihr könnt die Ehre nicht ablehnen, und wenn ihr es auch tut, so strahlt
ihr wider euern Willen in der Ehre. Unser Volk hat sie erkannt, und hat
gejauchzt, als ich in das Land gekommen bin. Jetzt rede ich davon, dass ich wegen
der Krone nicht vorher euern Rat einberufen habe. Der Kaiser hat mir freiwillig
die Krone gegeben, es konnte also nicht vorher des Rates darüber gepflogen
werden. Ich rede nun auch von den Lasten, die das Königtum bringen soll. Es wird
keine bringen: denn die Hoheit liegt in der Krone, und geht auf die Dinge. Und
unsere Sitten und unsere Gebräuche und unsere Heiligtümer werden heilig sein wie
früher, und ihre Heiligkeit wird den Wert der Krone noch heiliger machen.
Zuletzt rede ich von dem Zuge nach Italien. Es ist wahr, dass nach den Satzungen
unserer Länder keiner verpflichtet ist, in die Kriege ferner Reiche zu ziehen.
Ich habe aber auch den Heerbann unserer Länder nicht nach Italien aufgeboten,
sondern ich habe gesagt, dass ich dahin ziehe, damit jeder es wisse, der sich
freiwillig zu mir gesellen wolle. Der Kaiser Friedrich ist ein Ritter voll
Schimmer und Adel, der auszieht, die übermütige Stadt zu züchtigen, und die von
ihr unterdrückt werden, zu schirmen. Ich habe zu ihm gesagt: ich ziehe mit dir.
Und wenn das Wunderbare geschähe, dass von meinem Volke keiner mit mir ginge, so
würden die Menschen sagen, Böhmen hat noch einen Ritter, den König. Und wenn
manche mit mir ziehen, so sind sie in ihrem Rechte, wie ich in meinem Rechte
bin, und ich verleihe ihnen aus meinem Eigentume jede Zier der Ehre und Mittel.
Und die in der Heimat bleiben, tun auch nach ihrem Rechte und ihrer Pflicht. Es
werden auch solche sein, die mit Frauentändeleien und Musse zufrieden sind, diese
mögen sicher unter meinem Frieden in ihrem Hause sitzen. Endlich spreche ich
noch von einem. Bozebor hat gesagt: Wer zu solchen Dingen den Rat gegeben hat,
der verdiene an das Kreuz geschlagen zu werden. Ich sage euch: es ist niemand
da, der an das Kreuz geschlagen werden könnte. Ich habe nach keines Menschen
Rate gehandelt.«
    Nach diesen Worten setzte der König seine Haube auf das Haupt, und liess sich
auf seinen Sitz nieder.
    Im Saale aber riefen die Männer: »Wir ziehen, wir ziehen.«
    Dann wurde gerufen: »Heil, Ehre, Glück Wladislaw, dem grossen und mächtigen
Könige.«
    »Heil, Ehre, Glück Wladislaw, dem grossen Könige«, riefen sie wieder.
    Da stand Witiko von seinem Sitze auf.
    »Hört Witiko«, riefen Stimmen.
    »Hört Witiko«, rief Predbor.
    Und als es nach und nach stiller geworden war, sprach Witiko: »Ich rede noch
von einem Dinge, das bei den Menschen gross und erhaben ist, und über ihre Länder
und ihr Leben hinaus reicht, von dem Ruhme. Wenn ein Mann das Höchste tut, das
preiswürdig ist, wenn viele Männer, wenn ganze Völker das Höchste tun: so kömmt
es in den Mund der Menschen, sie erzählen es, sie preisen es, einer sagt es dem
andern, und wieder sagt es einer dem andern, und dann kömmt es in die Lieder,
und die Lieder und die Erzählungen tönen in allen Zungen der Völker, und die das
Grosse getan haben, sind in der Liebe und Bewunderung der Menschen, und ihre Ehre
und ihre Macht wächst gegen die Wolken empor. Und die Menschen haben die Kunst
erfunden, ihre Worte in Buchstaben zu legen, die dauern, und durch diese
Erfindung und durch das, was noch erfunden werden wird, lebt der Ruhm fort, wenn
die, welche Grosses verübt haben, längst schon vor dem Trone Gottes sind. So
haben schon Männer vor uns aufgeschrieben, was geschehen ist, und so schreiben
Männer jetzt auf, was geschieht. Und das wirkt in die Zeiten; denn die Worte
sind so mächtig, dass sie alles bewegen, wie das feste Recht der Taten die
Menschheit gestaltet. Das Wort ist stärker als die Wurfschleuder, und die
Mässigung besiegt den Erdkreis. Wenn wir nach Italien gehen, so sind wir in einem
Lande, auf welches die Völker schon in den ältesten Zeiten geschaut haben, als
das grösste Reich der Welt von Italien ausgegangen ist, und auf das jetzt die
Völker schauen, weil dort der Herrscher aller christlichen Seelen seinen Sitz
hat. Und wenn wir in dem schönen Lande siegreich die Ordnung und das Recht
wieder einführen geholfen haben, und der Übermut zu unsern Füssen geworfen ist,
so kömmt unser Land in die Erzählungen von weiten Völkern, weil es vor weiten
Völkern gehandelt hat, und es kömmt in die Lieder und Schriften, und durch sie
in die folgenden Zeiten, und unser Volk ist geachtet und stark unter den
Völkern. Und dass es geachtet und stark bleibe, müssen wir einig sein, dass nicht
jeder nach einem andern Sinne geht. Wären die Christen unseres Weltteiles gegen
die Ungläubigen einig, und stünde das griechische Reich aufrichtig zu uns, so
wäre das Land Jerusalem, das noch heiliger ist als Italien, gesichert bei den
Gläubigen, während nun ein starker Mann, welcher die Heiden einmal einigt, alles
an sich reisst. Ich bin nicht zu dem Zuge in das Heilige Land gegangen, weil ich
gesehen habe, dass er mit seinen Mitteln die Ziele nicht erreicht. Und er hat sie
nicht erreicht. Aber Friedrich wird mit Ruhmesschimmer seinen Zug vollenden, und
wenn wir heimkehren, wird dieser Schimmer von unsern Helmen, von unsern
Schilden, von unsern Schwertern, von unsern Panzern leuchten.«
    Er setzte sich nach diesen Worten wieder auf seinen Stuhl.
    Nun riefen viele Stimmen: »Witiko, Witiko, Witiko.«
    Dann riefen sie: »Wir ziehen mit, wir ziehen mit.«
    Andere riefen: »Verzagte bleiben.«
    Da sprang Kochan auf, und schrie, dass es alles Rufen übertönte: »Lasst mich
reden.«
    Als er aber nicht gehört wurde, schrie er noch stärker: »Lasst mich reden.«
    Und das wiederholte er mehrere Male.
    Und da man ihn vernommen hatte, und da es stiller geworden war, rief er:
»Ich habe in der Versammlung auf dem Wysehrad, da der Herzog Wladislaw gewählt
wurde, gesagt: Es sollen gar keine Herzoge mehr sein, sondern es sollen die
Herren der Länder herrschen, wie man erzählt, dass es einst das gewesen ist. Und
da sich der neugewählte Herzog Konrad und der früher gewählte Herzog Wladislaw
bekämpften, habe ich gehofft, sie werden sich beide zu Grunde richten, und dann
werden die Lechen in Frieden die Länder verwalten, und wir werden sie zu
gleichen Rechten, zu gleicher Macht und gleicher Herrschaft führen. Aber ich
habe mich in allen Dingen geirrt, und es sind mir andere Gedanken in meinem
Sinne kund geworden. Viele der mächtigen Lechen haben nur für sich Nutzen
erstrebt, und jeder suchte über den andern empor zu kommen, und wenn es ihm
gelungen wäre, so wäre er gewalttätiger geworden, als alle Herzoge je gewesen
sind. Da kehrte ich meinen Willen zu dem erlauchten Herzoge Wladislaw, und der
erlauchte Herzog gedachte nicht mehr meines früheren Tuns, und ich lernte den
erlauchten Herzog kennen, und liebte ihn. Ich bin zu dem Kaiser Friedrich
gegangen. Ich habe sein schönes Angesicht und seinen goldenen Bart gesehen und
den starken Blick seiner blauen Augen, und ich habe seine tönende Stimme gehört.
Ich habe ihn auf seinem Zuge gegen die Räuber gesehen, auf Reichstagen, und
unter den Abgesandten fremder Könige. Und mit ihm und mit unserem hocherlauchten
Könige Wladislaw zu ziehen, und in Gemeinschaft mit tapferen Rittern Siege zu
erkämpfen, ist eine Freude, welche für einen Mann keine gleiche hat. Und du,
Bogdan, und du, alter Rodmil, denen der erlauchte Herzog ihre Tat gegen Zdik
verziehen hat, der nun in dem Himmel ist, ihr solltet nicht gegen den Herzog
sein, weil er nun ein König ist, sondern ihn in Demut bitten, dass er euch mit
sich ziehen lässt. So rede ich, und habe ein Recht; denn ich bin nie ein Knecht
eines Herzogs oder Königs gewesen, und bin nun der Freund des Königs.«
    »Nein, nein, nie ein Knecht, Kochan«, riefen Stimmen.
    Und es entstand ein Rufen des Beifalles in dem Saale.
    Jetzt stand Rowno auf, und rief: »Ich ziehe mit unserem erhabenen Könige,
und meine Sippen ziehen mit, und alle die sollen nicht Ehre und Macht erringen,
die sie für sich allein wollen.«
    Diet rief von seinem Sitze: »Ich und meine Männer ziehen mit.«
    »Und ich und meine Söhne und die Meinigen ziehen mit«, rief Osel.
    Odolen schrie: »Die Sache ist so schimmerreich, dass nicht jeder zu sagen
braucht: ich ziehe mit; sonst werden wir mit dem Hören fertig, wenn der Sieg
erfochten ist. Der König rüstet, wir rüsten, und wenn gezogen wird, ziehen wir.«
    »Und wenn du es auch verbietest«, rief Predbor mit seiner starken Stimme,
»ich habe heute schon viel gerufen, und rufe jetzt: ich ziehe mit, und weiche
dort nicht von dem Platze, bis jeder niedergeschmettert ist, der Übermut gegen
uns erhebt.«
    Dann stand Bogdan auf, und schrie: »Wenn einer sagt, ich sitze zu Hause, und
tändle mit Weibern, den verfluche ich. Und ich ziehe mit, und werde mit meinem
Schwerte zeigen, dass kein Schwert dem meinen gleicht.«
    »Ich aber rufe«, sagte Welislaw, »Leib und Leben und Gut und Blut für die
Ehre und den erlauchten Ritter, den König.«
    »Leib und Leben und Gut und Blut«, riefen die Männer.
    Nun stand Lubomir auf, und sprach: »Hoher König Wladislaw, wenn auch schon
viele Jahre auf meinem Scheitel sind, so ziehe ich doch mit dir, und meine
Männer und Sippen ziehen mit, und meine Söhne werden wohl auch mitziehen.«
    Radosta, der Sohn Lubomirs, stand auf, und rief: »Ich und meine Männer
ziehen mit.«
    Moyslaw, der andere Sohn Lubomirs, stand auf, und rief: »Ich und meine
Männer ziehen mit.«
    Und ein grosser Ruf der Billigung erscholl in dem Saale.
    »Mein Alter soll mich nicht von dem Zuge abhalten«, rief Slawibor.
    »Ich ziehe mit«, rief Nemoy.
    Jetzt erhob sich wieder langsam der alte Wsebor von seinem Sitze, stieg
wieder auf seinen Schemel, und sprach: »Ich tändle zwar nicht in meinem Hause
mit Weibern; aber ich kann nicht mehr nach Italien ziehen, weil die vielen Jahre
meinen Körper dazu untauglich gemacht haben. Ich und mein Weib, das in meinem
Hause alt geworden ist, beten für dich, o König. Aber meine Männer und Sippen
ziehen mit.«
    Ein Jubelruf erhob sich nach diesen Worten.
    Wsebor setzte sich wieder langsam auf seinen Stuhl.
    Nach ihm stand Preda auf, und sagte: »Ich spreche wie Wsebor, und meine
Männer werden nicht die letzten sein, die unter den Rittern genannt sind, wenn
Ruhm erworben wird, wie der junge Mann Witiko gesagt hat. Sie werden ihn ehrlich
mit denen teilen, die noch Freude an ihm haben.«
    Und es ertönte wieder ein Ruf der Zustimmung.
    »Ich habe nie mit Weibern getändelt«, schrie Bozebor, »und mein Schwert soll
es in Italien erhärten, dass ich ein Mann bin, und die Schwerter der Meinigen
sollen erhärten, dass sie Männer sind.«
    Nach diesen Worten erhob sich der König.
    Es wurde sogleich ganz stille, und er sprach: »Ich danke dir, alter Wsebor,
ich danke dir, Preda, ich danke dir, Lubomir, ich danke dir, Diwis, und dir,
Slawibor, und dir, Nemoy, und auch dir, Bozebor, und allen. Ich frage nun die
Versammlung, ob einer in ihr ist, der noch seine Rede in einem anderen Sinne
oder über ein anderes Ding erheben will, als über den Zug nach Italien.«
    Es antwortete niemand.
    »So kann keiner sagen, dass ihm seine Rede entzogen worden ist«, sprach
Wladislaw.
    »Keiner, keiner«, riefen die Männer.
    »Es ist aber nun nicht mehr nötig, dass ein jeder, der nach Italien ziehen
will, es ausdrücklich verkündige«, sagte der König.
    »Wir ziehen, wir ziehen«, riefen fast alle Männer in dem Saale.
    »So danke ich euch von dem Grunde meines Gemütes«, sagte der König, »und wie
ich ein schlichter Herzog gewesen bin, so werde ich ein schlichter König sein,
und wenn ich es vergessen sollte, so werden mich meine alten Freunde und Räte
erinnern. Und so schliessen wir die Versammlung. Und wer bei dem Zuge nach
Italien sein will, der komme in der Mitte des Monates Mai nach Prag, dass wir uns
vereinigen. Und ehe der Sommer erscheint, sind wir in den lombardischen Ländern,
und gehen mit Gott nach Mailand.«
    »Nach Mailand, nach Mailand, nach Mailand«, riefen im Sturme die Männer.
    Und sie erhoben sich schnell, und scharten sich um den König, und riefen ihm
zu, und sprachen zu ihm.
    Und der König verliess seinen Sitz, reichte ihnen die Hände, und sprach mit
vielen. Und er ging in dem Saale von der einen Stelle zu der andern, wo Männer
waren.
    Als er so eine Zeit mit ihnen gesprochen hatte, und als sie mit ihm
gesprochen hatten, ging er wieder zu seinem Sitze, grüsste noch einmal alle,
verabschiedete sich, und verliess im Geleite von Hofherren die Versammlung.
    Aber die Männer blieben noch in dem Saale, und sprachen mit einander. Und
als sie sich zerstreuten, und im Freien waren, zogen immer mehrere mit einander,
und sprachen noch eifrig.
    Die nicht in Prag wohnten, eilten in ihre Heimat, um sich zu rüsten.
    Witiko ritt mit den Seinigen gegen den mittäglichen Wald. Und es gesellten
sich noch viele, die im Mittage wohnten, zu ihm, um mit ihm zu ziehen.
    Nun begannen die Rüstungen bei den Jungen und bei den Alten. Die Sache von
dem Zuge nach Mailand breitete sich unter den Bewohnern der Länder aus, und es
entstand eine Begierde, bei dem Zuge zu sein. Die Krieger unter den jungen
Männern sprachen von Mailand, die Leute aus dem Volke redeten von Mailand, es
wurden Lieder auf den Zug nach Mailand gemacht, und gesungen. Es wurden Waffen
herbeigeschaft und ausgebessert, und Landleute achteten nicht mehr des Pfluges,
und Arbeiter nicht mehr des Pfriemens, und wollten an dem Zuge teilnehmen.
    Als Witiko in seine Burg gekommen war, rief er seine Männer, und die, welche
in der Nähe der Burg wohnten, zusammen, und verkündigte ihnen den Zug, und
sagte, wer mitgehen wolle, müsse sich bereiten. Dann ritt er in die Herberge der
unteren Moldau, in den Kirchenschlag, und nach Plan, und an andere Stellen, und
versammelte überall die Männer, und sprach mit ihnen von dem Zuge. Sie riefen
ihm zu, dass sie mitgehen wollen. Und er sagte, in Friedberg sei im Anfange des
Monates Mai die Versammlung. Und die Männer in dem Walde rüsteten sich, und es
rüsteten sich die Männer der Burg. Wolf, der mit Berta in das Witikohaus
gekommen war, hatte reiten gelernt, wie die Reiter des Waldes, und hatte sich in
Reiterwaffen geübt. Er durfte, weil er bat, mit dem Zuge gehen. Als sich der Tag
der Versammlung näherte, übergab Witiko die Herrschaft der Burg an Berta, die
Verteidigung derselben und den Befehl über die Männer und die Geschäfte des
Gebietes an Beda. Benno wollte mit nach Mailand gehen. Witiko aber bat ihn, in
der Burg zu bleiben, und mit Rat und Zuspruch bei der Hand zu sein. Benno fügte
sich. Die Base Hiltrut bat Witiko, sie möge, bis er wieder komme, bei Berta,
Wentila und den Seinigen bleiben. Sie versprach es.
    Am Tage der Versammlung ging Witiko, da er gerüstet war, zu seiner Mutter
und Hiltrut, um den letzten Abschied zu nehmen. Die Frauen segneten ihn. Dann
ging er zu Berta. Sie kam ihm entgegen, und trug einen Kranz von roten
Waldrosen auf dem Haupte.
    »Berta, du hast jetzt Rosen?« sagte er.
    »Sie sind von dem Strauche, der an der Seite des Burghofes in dem gläsernen
Schreine steht, und haben mich heuer sehr bald begrüsst«, antwortete Berta.
    »Ich habe einmal am Waldfels zu dir gesagt: Die dunkelrote Waldrose ist dein
schönster Schmuck, und er ist dein schönster«, entgegnete Witiko, »ich habe
mehrere Tage den Strauch nicht gesehen, und habe nicht gewusst, dass seine Blumen
blühen.«
    »Sie blühen«, antwortete Berta, »und ich habe sie heute genommen. Witiko,
du bist ein Mann, sei ein Mann, und gedenke derer, die zu Hause sind.«
    Dann nahm sie ihn an der Hand, und führte ihn in eine Kammer, in welcher die
Kinder schliefen. Es waren zwei Knaben, Witiko und Heinrich. Eine Wärterin sass
auf einem Stuhle.
    Witiko ging zu jedem Bettlein, und machte in der Luft ein Kreuz über die
schlafenden Knaben.
    Dann wandte er sich um, und schloss Berta in die Arme, und sie küssten sich
auf die Lippen.
    Die Wärterin weinte.
    Dann ging Witiko zu Benno, und dann gingen alle in die Kirche, und Benno
feierte das heilige Opfer.
    Von der Kirche ging Witiko in den Burghof, und bestieg sein Pferd. Von dem
Pferde grüsste er noch die Seinigen, und alle, die da standen, und grüsste auch
Huldrik, welcher mit den Armen Zeichen machte. Dann gesellte er sich zu den
Kriegern, die sich gesammelt hatten, und ritt mit ihnen zu den andern hinaus,
die schon vor der Burg waren.
    Und von da ritten sie durch den Wald nach Friedberg hinunter.
    Als sie in Friedberg angekommen waren, fand Witiko die Krieger schon von der
Kirche aufwärts zwischen den Häusern aufgestellt. Ihre Lager waren auf den
Angern an der Moldau zerstreut. Es waren um vieles mehr Männer gekommen, als
versprochen hatten, und als in dem mährischen Kriege gewesen waren. Alle
Abteilungen trugen ihre Zeichen. Die Frauen und Mädchen von Friedberg sagten,
sie geben denen vom Eckschlage ein schöneres Zeichen, als ihre Geierfedern sind;
die Männer vom Eckschlage lehnten es aber ab. Witiko ordnete die Scharen wie in
dem mährischen Kriege, und versammelte die Obmänner. Diese waren die nämlichen,
nur statt derer, die ein zu hohes Alter hatten, waren jüngere gewählt worden.
Mit den Obmännern untersuchte er die Krieger, und vorzüglich die Reiter. Mit den
Obmännern und seinen Befehlsträgern schloss er die, welche unzulänglich gerüstet
waren, oder deren Waffengeschick man nicht kannte, oder von denen man nicht
wusste, ob man ihrer Tauglichkeit vertrauen könne, von dem Zuge aus. Die andern
wurden eingeteilt, und erhielten die Weisung, bereit zu sein, dass sie am Morgen
des nächsten Tages ihren Weg betreten können.
    Am Morgen des nächsten Tages feierte der Pfarrer von Friedberg den
Gottesdienst. Ein Teil der Krieger war in der Kirche, ein Teil vor derselben.
Nach dem Gottesdienste segnete der Pfarrer die Schar. Dann zog dieselbe von
Friedberg auf dem Wege gegen Prag dahin. Sehr viele Menschen begleiteten sie
weit, und riefen ihnen Glück zu, und sangen Lieder.
    Als sie in Prag angekommen waren, zeigte ihnen der Lagermeister den Platz zu
ihrem Lager an. Es waren noch viele Lager da, und sie sahen, dass noch immer
Menschen herzu zogen. Und an vielen Stellen übten sich Scharen in Waffen.
    Als die Zeit verflossen war, welche der König zur Sammlung der Krieger
bestimmt hatte, las er die tauglichsten aus, und bestimmte sie zum Zuge. Die
andern, deren Zahl sehr gross war, mussten, wenn sie bereits Krieger waren, zur
Hut des Landes bleiben, oder, wenn sie erst jetzt mit Waffen herbei gekommen
waren, wieder in ihre heimatlichen Wohnungen zurückkehren.
    Die Männer, welche Witiko aus dem Walde nach Prag geführt hatte, wurden alle
aufgenommen, und Witiko erhielt wieder den Befehl über sie.
    Am siebenundzwanzigsten Tage des Monates Mai im Jahre des Heiles 1158
erfolgte der Auszug aus Prag.
    Die Weiber vieler Krieger, welche früher mit ihren Männern die Lieder von
der Belagerung Mailands gesungen hatten, kamen jetzt herzu, und küssten noch
einmal mit Tränen ihre Gatten, und reichten ihnen die Kinder zum Küssen.
    Der Zug ging aus der Stadt Prag an dem Ufer der Moldau ihrem Wasser entgegen
in der Richtung gegen Sonnenuntergang dahin.
    Der König ritt an der Spitze des Zuges. Er war jetzt in einem schöneren
Waffenschmucke als in dem Kriege in Mähren, weil es nicht ein innerer Krieg war.
Neben ihm ritt Daniel, der Bischof von Prag. Er hatte die Priester und Kapellane
Deslaw, Peregrin, Detleb, Vincentius, Otto und noch andere mitgenommen. Dann
ritt auch sein Bruder Diepold neben ihm. Weiter zurück ritt Gervasius, der
Propst vom Wysehrad und Kanzler des Königs war, dann ritten noch hervorragende
Herren und Krieger. Die untergeordneten Führer waren bei ihren Abteilungen.
    Am dreissigsten Tage des Monates Mai war der Zug in Bohnik angekommen. Dort
legte der Bischof Daniel zur Ehre Gottes und zum Heile der Unternehmung in der
Kirche, welche Gervasius gebaut hatte, Überbleibsel von Heiligen nieder. Der
König und die Herren der Kirche und der Länder und die Krieger wohnten der
heiligen Handlung bei, und der König schrieb seinen Namen als Zeuge in die
Pergamente.
    Dann ging der Zug wieder weiter.
    Als er über die Grenze von Böhmen gekommen war, wurde er wie im Kriege
eingerichtet.
    Er ging gegen die Stadt Regensburg, und mitten durch sie hindurch. Der
Kaiser war vor der Stadt Augsburg, und sammelte dort sein Heer. Der König ging
aber nicht zu ihm, sondern, weil es so bestimmt war, gegen Freising, und von
Freising mittagwärts in das Land Tirol. Dort ging der Zug an Wilten vorüber, und
weiter bis an den Fluss Etsch. An den Wassern der Etsch ging er mittagwärts fort.
Oberhalb der Stadt Bern, die die Welschen Verona nannten, bauten die Männer aus
Schiffen eine Brücke über die Etsch, die auch dem Kaiser dienen sollte, und
zogen über dieselbe an das rechte Ufer. Sie zogen an Verona vorüber, und kamen
an den Gardasee. Dort machten sie ein Lager, und schlugen die Ölbäume und
Granatäpfelbäume zu Verzäunungen, zu Pferdeställen, zum Bereiten ihrer Speisen,
und zu anderen Dingen nieder. Das rosenrote Banner des Königs Wladislaw wurde in
dem Lager aufgerichtet.
    Der Kaiser Friedrich zog dann mit seinem Heere desselben Weges, auf dem
Wladislaw gezogen war. Bei ihm waren die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln,
die Bischöfe von Eichstätt, Verden, Würzburg und andere, und Fürsten und Herren
des Reiches. Indes der Kaiser durch Tirol zog, gingen der Herzog von Österreich
und der Herzog von Kärnten durch Friaul. Bei ihnen waren fünfhundert ungarische
Reiter. Friedrich, der Herzog von Schwaben, führte die Schwaben und Franken an
den See von Como. Bertold, der Herzog von Zähringen, führte die Burgunder und
Lotringer über den grossen Berg des heiligen Bernhard.
    Da Wladislaw an dem Gardasee lagerte, kamen Gesandte von der Stadt Verona zu
ihm, und baten ihn, er möchte das Gebiet verschonen, weil dasselbe samt der
Stadt Verona zu dem Kaiser stehe, und er möge lieber gegen die Stadt Brescia
ziehen, welche mit den Mailändern im Bunde sei. Zur Verpflegung des Heeres
wollen sie viel Geld zahlen. Der König Wladislaw willfahrte ihnen.
    Im Anfange des Heumonates brach er sein Lager ab, und zog gegen Brescia. Die
Männer fanden vor der Stadt ein ebenes Land voll Korn und anderer Früchte. In
diesem Felde stellte der König sein Heer in Schlachtordnung, und ging so bis vor
die Stadt. Die Krieger derselben kamen aber nicht heraus. Daher machten die
Männer des Königs ein Lager, und nahmen Getreide, Vieh, und was sie erreichen
konnten, als Beute. Vieles davon wurde durch Männer nach Böhmen gesendet. Die
Bewohner der Stadt ergriff Verzagnis, und auf die Fürsprache des Bischofes
Daniel gestattete der König, dass der Kardinal Odo und die Konsuln der Stadt zu
ihm als Abgesandte kämen. Sie kamen, und baten, der König möchte ihnen die Gnade
des Kaisers wieder verschaffen. Sie brachten dem Könige grosse Geschenke.
Wladislaw verspricht ihnen, ihre Bitten zu erfüllen. Indessen blieb er aber in
dem Lager vor der Stadt, und harrte der Ankunft des Kaisers und der andern Züge.
    Es kam nun zuerst Friedrich, der Herzog von Schwaben. Da die Männer
Wladislaws schon zwei Wochen in dem Lager vor Brescia gewesen waren, kam der
Kaiser. Der König zog ihm mit seiner Macht entgegen, der König und der Kaiser
begrüssten sich, und die Krieger des Kaisers und die Krieger Wladislaws bezeugten
einander ihre Freude.
    Dann kamen die andern Züge.
    Der König Wladislaw bat nun für die Bewohner von Brescia um Frieden. Der
Kaiser gewährte ihn. Die Bewohner von Brescia brachten Geschenke, zahlten
sechstausend Mark Silber, stellten Geiseln, und schworen, eine hinreichende Zahl
von Kriegern mit dem Heere des Kaisers gegen Mailand zu senden. Gegen diese
Dinge nahm der Kaiser die Stadt wieder in seine Gnade auf.
    Nun kamen auch von den andern treuen Städten des lombardischen Landes
Kriegesscharen herbei, und es kamen die treuen Lehensträger mit ihren Männern
von den Burgen.
    Als das ganze Heer versammelt war, gab und verkündete der Kaiser die
Kriegesgesetze. Sie waren strenge, dass das Heer in Zucht erhalten werde, und
siegesfähig sei. Er sprach zu den versammelten Fürsten und Herren von seinem
Stuhle: »Ihr sehet, dass ich nicht Beute und Gewinn suche, noch andern diese
Dinge gestatte, sondern dass ich gekommen bin, um das Recht und den Frieden
herzustellen. Ich kenne die Übel des Krieges, und habe ihn nicht aus
Herrschsucht und Grausamkeit begonnen. Wenn wir die Schmach von Mailand
ertrügen, würde man nicht unsere Güte preisen können, sondern uns der
Fahrlässigkeit zeihen. Wir tun nicht Unrecht, sondern wehren Unrecht ab, und ihr
müsst mit allen Kräften helfen. Wer den Kaiser höhnt, höhnt euch, was dem
Kaiser entrissen wird, wird euch entrissen, daher werdet ihr eher alles tun, als
dass diese aufrührerische Stadt sagen dürfe, sie habe uns ausgeartet gesehen, und
uns die Rechte und Ehren geraubt, welche unsere Vorfahrer errungen und behauptet
haben. Dass aber Gerechtigkeit sei, werde ich die Abgesandten der Stadt Mailand,
die ich vorgeladen habe, hier empfangen, und wenn die Stadt zur Erkenntnis
gekommen ist, und wenn ihre Vorschläge angenommen werden können, dann ist das
Recht und der Frieden gewahrt.«
    Die Fürsten und Herren riefen dem Kaiser freudig zu, und gelobten, seine
Weisungen genau zu befolgen, und die Rechtsgelehrten des Lagers sagten, es sei
gut, dass man eine solche Stadt nicht ungehört verdamme.
    Es kamen die Abgesandten der Stadt Mailand.
    Sie sprachen: »Die gute und getreue Stadt Mailand bringt der Hoheit des
Kaisers, welcher der König des italienischen lombardischen Bodens ist, ihre
Huldigung und ihre Unterwürfigkeit dar. Die gute und getreue Stadt Mailand hat
nie die Rechte des Königs verhöhnt oder sie verletzt. Der König hat das Recht,
die obersten Lehen zu verleihen, er hat das Recht, die Lehensträger zusammen zu
rufen, er hat das Recht, auf den Reichstagen Gesetze zu geben, er hat das Recht,
Richter und Notare zu ernennen, seine Stellvertreter abzuordnen, und zu
verlangen, dass sein Heer im Lande verpflegt werde. Die gute und getreue Stadt
Mailand hat das eifrige Verlangen, dass diese Rechte im aufrechten Bestande sind.
Der fränkische König Karl hat die römische Kaiserkrone von dem Heiligen Vater
empfangen. Er hat das longobardische Reich erobert, hat den longobardischen
König entsetzt, und ist selber der longobardische König geworden. Und dann sind
in später Zeit die Könige der Deutschen die Nachfolger Karls geworden, sie haben
von dem Heiligen Vater die römische Kaiserkrone erhalten, und haben sich zu
Königen des lombardischen Landes gemacht. Aber die Könige waren selten in dem
Lande, und die Herren in den Schlössern übten ihren Willen und ihre Gewalt. Da
halfen sich die armen Städte selber. Ihre Bürger sammelten sich Kenntnisse und
Mittel, schlossen sich an einander, führten mit Ausdauer die Waffen, dass ihnen
die Herren nicht schaden konnten. Sie gaben sich seiter Satzungen, für die sie
ihr Leben einsetzten. So ist es in vielen geworden, und so ist es in der guten
getreuen Stadt Mailand geworden. Und weil es so ist, so sollten sie von der Wahl
ihrer Könige nicht ausgeschlossen sein, sie sollten auf den Reichstagen zu den
Gesetzen mitwirken, und es sollte ihnen gegen ihren Willen kein Stellvertreter
des Königs, kein Richter, kein Notar, kein Konsul, kein Oberer gesetzt werden.
Dem Könige werden die Mailänder dann stets reiche Geschenke senden, sie werden
ihm ein hinreichendes Geld zur Bestreitung der Landeskosten geben, und sie
werden, wenn er im Lande ist, zu seiner Hofhaltung und zur Verpflegung seines
Heeres nach Kräften und nach Einsicht beitragen. Sie werden immer demütige
Untertanen sein, und die Fürsten seines Reiches mit grossen Geschenken und
Ehrenbezeugungen bedenken, dass das alles in Vollziehung kömmt.«
    »So hängt ihnen tote Hunde um den Hals, und jagt sie aus dem Lager«, rief
Friedrich, der Herzog von Schwaben.
    »Richte nicht du allein«, sagte der Kaiser.
    Dann sprach er zu den Abgesandten: »Ihr habt recht geredet, da ihr gesagt
habt, wie die Herrschaft an die deutschen Könige gekommen ist. Ihr habt schlecht
geredet, da ihr gesagt habt, wie sie geübt werden soll. Den König wollt ihr
wählen, der König soll Gesetze geben, die ihr wollt, der König soll Obere
einsetzen, die ihr wollt, und der König soll empfangen, was ihr ihm gebet. Wer
ist dann der König? Ihr redet von der Hilfe, die ihr euch selbst gewähren
musstet. Sind die Übel nicht entstanden, weil die Macht der Könige zu schwach
geübt wurde? Daher die wilden Kriege gegen die Herren im Lande, die Kriege der
Städte unter einander. Sind die Kriege durch die Könige oder durch euch
entstanden? Ihr wollt frei von Bedrückung sein, und bedrückt andere. Seid ihr
nicht grausamer gegen Lodi gewesen, als je ein fremder Kriegsmann? Meint ihr,
ich habe vergessen, dass ihr bei meinem Heimzuge aus Rom mit denen von Verona im
Einverständnisse eine Brücke bautet, die unter meinem Heere brechen sollte, und
dass ihr mich in den Engpässen überfielet, damit ich umkomme? Meint ihr, ich habe
vergessen, dass ihr Tortona, das ich zerstört habe, sogleich wieder hergestellt
und in euern Bund gezogen habt, dass ihr meine getreue Stadt Pavia bekämpft und
ihr einen Vorsteher von Mailand gegeben habt, dass ihr meinen Markgrafen von
Montferrat bekriegt und seine Schlösser erobert habt, dass ihr Brescia und
Piacenza in euern Bund wider mich genommen habt? Und soll ich es vergessen, dass
ihr vor meinen Ohren jetzt die Fürsten zu gewinnen strebt, dass sie euch zu Sinne
sind?«
    Darauf antwortete einer der Gesandten: »Wir wissen nichts von dem Verrate
bei Verona, wir haben denen von Tortona, weil sie baten, nachbarliche Hilfe
geleistet, und haben uns gegen die, welche uns unterdrücken wollten, gewehrt.
Wir sind nichts anders als treue Untertanen des Königs gewesen. Was die Kriege
der Städte gegen einander betrifft, so ist das in Freistaaten so, sie haben ihre
Liebe und ihren Hass für sich.«
    »Du hast das Wort gesagt«, sprach der Kaiser, »ihr seid Freistaaten, und ein
Freistaat ist kein Untertan. Ist die Stadt Mailand die getreue, und bedarf sie
des Schutzes, so rufe sie den des Königs, wie die andern treuen Städte getan
haben. Ihr habt hier Worte der Herrschaft gesprochen, habt ihr nicht auch die
der Unterwerfung?«
    »Wir haben nach Auftrag die demütigen Bitten der Unsern vor unsern König
gebracht«, sagte der Abgesandte.
    »So sind wir fertig«, sprach der Kaiser. »Hochwürdiger Erzbischof von Mainz,
wie nennt man das, was Mailand übt?«
    »Empörung«, sagte der Erzbischof.
    »Und du von Köln?« fragte der Kaiser.
    »Empörung«, antwortete der Erzbischof von Köln.
    »Und du von Trier?« fragte der Kaiser.
    »Empörung«, antwortete der Erzbischof von Trier.
    »Und ihr andern?« fragte der Kaiser.
    »Empörung«, riefen alle.
    »So müssen wir mit unserm Heere weiter vorgehen, ob die von Mailand andern
Sinnes werden«, sagte der Kaiser, »ihr Abgesandte aber geht von hinnen.
Hocherlauchter König von Böhmen, erlauchter Herzog von Österreich, ich bitte
euch, befehlet Männer aus euern Heeren, welche diese da ungefährdet aus dem
Lager bringen.«
    Der König von Böhmen sandte zu Witiko, der Herzog von Österreich zu
Chunring.
    Beide kamen mit Scharen, und führten die Abgesandten Mailands hinweg.
    Und von diesem Augenblicke an wurde der Zug gegen Mailand gerüstet.
    Wladislaw, der König von Böhmen, brach zuerst sein Lager ab, und war mit
seinen Männern an der Spitze des Heeres.
    Man zog im Anfange nach Blancanuga, und von dort zog man gegen Cassano, wo
die grosse Brücke über den Fluss Adda war. Da die Heere an den Fluss gekommen
waren, sahen sie, dass die Brücke zerstört worden sei, und die Kundschafter
sagten, es seien schon vor langer Zeit auch alle andern Brücken in der Gegend
hinweg genommen worden.
    Der Kaiser lagerte also an der zerstörten Brücke, und tausend Schritte von
ihm abwärts lagerte der König von Böhmen, sein Bruder Diepold und der Bischof
Daniel. Die übrigen Fürsten und Herren hatten weiter rückwärts ihre Stellen.
    Die Wasser der Adda waren von Regengüssen hoch angeschwollen, und auf dem
jenseitigen Ufer waren von dem mailändischen Heere wohl über tausend schwer
geharnischte Männer, und es war eine grosse Menge von Bogenschützen und
Schleuderern. Und wie Krieger von beiden Heeren sich an den Ufern einander
gegenüber zeigten, sendeten die Mailänder Pflöcke, Lanzen, Pfeile, Lagerbolzen
aus ihren Schleudergeräten herüber.
    Der Kaiser versammelte den Rat der Fürsten. Von der grossen Brücke war nur
der Teil zerstört, der sich an dem Ufer der Feinde befand. Es wurde beschlossen,
von den Brückengegenständen, welche bei dem Zuge waren, und von dem Holze von
Bäumen und Häusern, und wo man es bekäme, das wieder herzustellen, was zerstört
worden war. Es sollten Schleudergeräte aufgerichtet werden, aus denen Wurfdinge
auf die Feinde, die gegenüber wären, gesendet würden, dass unter diesem Schutze
leichter an der Brücke gearbeitet werden könnte. Indessen sollte an dem Ufer
eifrig gespäht werden, ob sich nicht eine Furt für die Reiter oder sonst ein
günstiger Umstand für den Übergang entdecken liesse.
    Am dreiundzwanzigsten Tage des Heumonates ritten Witiko, bei dem Urban und
Matias waren, dann Odolen, Welislaw, Bogdan, Sezima, Bohus, Beneda und Bernard,
der Sohn des Mannes Sobeslaw, zu dieser Spähe.
    Aber sie konnten nichts entdecken.
    An der Wiese bei Corneliano, die nahe an dem Lager Wladislaws war, flossen
die Wasser ruhiger.
    Da sagte Odolen: »Hier müssen unsere Reiter hinüber schwimmen, dann nehmen
sie die Feinde in dem Rücken, und der unvergleichlichste Sieg steigt von dem
Himmel nieder.«
    »Mein Pferd trägt mich über das Wasser«, sagte Witiko, »die Waldpferde
schwimmen hindurch, und wenn die andern auch die Kraft haben, so könnte das
geschehen, was du sagst, und dann entstände die Freiheit, Brücken über den Fluss
zu machen.«
    »Ich schwimme leicht hinüber«, sagte Welislaw.
    »Ich auch, ich auch«, riefen die andern.
    »Und dass alle Reiter unsers Königs sehen, dass es möglich ist«, rief Odolen,
»reite ich auf der Stelle in den Fluss und schwimme hinüber. Ihr kündet es dem
Könige, und zeigt es dem ganzen Heere.«
    Und da er diese Worte sprach, sahen sie in dem Flusse etwas schwimmen wie
ein lebendes Wesen. Es wurde bald der Kopf eines Pferdes sichtbar, und mit dem
Pferde waren nackte Arme und Glieder eines Menschen verschlungen. Beide kamen
näher, und nach kurzer Frist ritt ein nackter Mann auf einem goldhellen Pferde
das Ufer hinan mitten in die Männer hinein.
    »Wolf«, rief Witiko.
    »Ich habe mir ein Pferd geholt«, sagte Wolf, der auf dem Tiere schlotterte,
»es wird doch jetzt mir gehören. Da sind Reiter gewesen, und haben ihre Pferde
an Bäume gebunden, und sind der Kurzweil nachgegangen, und da habe ich mein
Gewand ausgezogen, bin hinüber geschwommen, und habe ein Pferd genommen.«
    »Wo sind die Reiter?« fragte Bohus.
    »Weiter oben, ich bin herab geschwommen, dass sie mich nicht mehr sehen«,
sagte Wolf.
    »So ziehe deine Kleider an«, sprach Witiko.
    »Wenn mir einer das Pferd hält, dass ich sie suche«, sagte Wolf.
    »Ich halte dir das Pferd«, sprach Matias.
    Wolf sprang jetzt herunter.
    »Du herrlicher Gauch«, sagte Odolen, »du hast getan, was wir tun sollen, und
was ich jetzt tun werde, du solltest ein Ritter sein.«
    Und nach diesen Worten ritt er schnell in den Fluss, und sein Pferd begann zu
schwimmen. Bernard und Bohus folgten ihm. Bohus kehrte wieder um.
    »Zu dem Könige«, rief Witiko.
    Und er ritt im schnellsten Rosseslaufe zu dem Zelte des Königs. Die andern
folgten ihm.
    Da er in das Gezelt getreten war, sass der König mit seinem Bruder Diepold
und dem Bischofe Daniel bei dem Mittagmahle.
    »Witiko, Welislaw, Sezima«, rief er.
    »Hoher König«, rief Witiko, »eine Furt ist nicht da; aber Odolen schwimmt
eben mit seinem Pferde durch den Fluss, um allen unsern Reitern zu zeigen, dass
sie hinüber schwimmen können.«
    »Odolen«, rief der König.
    Er sprang von seinem Sitze auf, eilte aus dem Zelte und zu dem Flusse.
Diepold, Daniel und die andern folgten ihm. Von den Begleitern Witikos war die
Sache in dem Lager ausgerufen worden, und viele Krieger und selbst die Priester
Daniels eilten herzu.
    Sie sahen noch den schwimmenden Odolen und den schwimmenden Bernard. Bald
war es ihnen, als sei in den Fluten das Pferd oben, bald der Mann. Aber die
Schwimmer erreichten das Ufer, und ritten über dasselbe hinauf.
    »Was ein Mann kann, das kann auch ein zweiter«, rief der König, »und das
können viele und Tausende. Rührt die Reiterpauken zur Sammlung.«
    Ein Jubelruf der Krieger antwortete dem Könige auf diese Worte.
    Alle eilten in das Lager, und es ertönten die Pauken.
    Witiko ritt zu den Seinigen, und liess das Reiterhorn der Sammlung ertönen.
Und als die Reiter gerüstet in Ordnung standen, sprach er: »Brüder und Freunde,
es ist keine Furt in dem Flusse, Odolen, der Sohn des Striz, und Bernard, der
Sohn des Sobeslaw, schwammen mit ihren Pferden durch das Wasser, und der König
und seine Reiter werden hinüber schwimmen. Ich tue desgleichen, und rufe zu
euch: wer es weiss, dass sein Pferd hinüber schwimmen kann, der folge mir, wenn er
will.«
    »Ich schwimme mit«, rief Matias.
    »Ich schwimme mit«, rief Urban.
    »Ich schwimme mit«, rief Maz Albrecht.
    »Ich schwimme mit«, rief Wolf, der nun im Kriegsgewande auf seinem geraubten
Pferde herzu ritt.
    »Unsere kleinen Rosse schwimmen oft zum Spiele über die hohe Moldau auf gute
Weiden hinüber«, rief Philipp, der Steiger.
    »Ich schwimme mit«, rief Augustin.
    »Ich schwimme mit, ich schwimme mit«, riefen alle Männer.
    »Also zu den Reitern des Königs, und mit ihnen und dem Könige durch das
Wasser, und dann mit Gottes Hilfe auf die Feinde«, rief Witiko, »blaset zum
Zuge.«
    Und es ertönte das Horn zum Zuge, und Witiko ritt mit seinen Reitern zu dem
Könige.
    Dort erschollen noch immer die Pauken, und es sammelten sich die Männer. Der
König ritt gerüstet zu ihnen, und rief: »Ihr wisst, was Odolen und Bernard getan
haben. Mir wäre es Schmach, wenn ich hinter ihnen zurückbliebe, und wer so ist,
wie Odolen, der folge mir zur Vernichtung der Feinde.«
    »Heil Wladislaw«, riefen die Reiter.
    Und die Pauken tönten die Zugsbereitschaft, der König stellte sich an die
Spitze, und die Reiter ritten auf die Wiese. Und von der Wiese ritt der König
zuerst in das Wasser, gleich nach ihm Diepold, dann Welislaw, dann Zwest, dann
Beneda, Predbor sprang mit seinem Pferde hinein, dass der Schaum emporschlug,
Kochan war eines Satzes drinnen, Bogdan auch, Witiko suchte eine Stelle, und
ritt an der Spitze aller seiner Waldreiter hinein, so auch Rowno mit den
Seinigen, Diet von Wettern, der von Prachatic, Osel mit seinen Söhnen, und so
alle aus dem Walde. Sogar die älteren Führer und Lechen blieben nicht zurück,
und die Reiter drängten sich nach, dass kein einziger in dem Lager war. Und bald
war die weite rinnende Fläche mit schwimmenden Pferden und Männern bedeckt, die
Tiere arbeiteten und strebten dem Ziele zu, die Männer suchten sich zu erhalten,
und sogar die Tiere zu lenken. Sie wurden auseinander getragen, und viele
trieben in den Wogen hinunter. Dann erreichten zuerst einige das Ufer, dann
mehrere, dann wieder mehrere, bis der Fluss leer war. Sie ritten auf festen
Grund, und ordneten sich nach dem Schalle der Pauken und Hörner zu ihren
Zeichen. Die nicht da waren, auf die konnte nicht gewartet werden.
    Wladislaw liess sie an dem Wasser aufwärts reiten.
    Bald waren sie bei den Feinden. Diese waren nicht in Kampfesbereitschaft.
Die Reiter stürzten gegen sie, umringten sie von allen Seiten, tobten mit ihren
Waffen gegen sie, und töteten eine grosse Zahl, und nahmen viele gefangen. Von
beiden Teilen stieg das Geschrei gegen den Himmel, von den Böhmen ein freudiges
über den Sieg, von den Mailändern ein jammerndes über das unvermutete Unheil.
    Die Krieger in dem Lager des Kaisers hörten das Getümmel und das Rufen, und
eilten an das Wasser. Sie meinten, es seien Hilfsscharen zu den Mailändern
gekommen; als sie aber den Schall der Reiterpauken der Böhmen erkannten, und
sahen, wie diese ihre Gegner niederstürzten, erhoben sie ein Jubeljauchzen über
einen solchen Sieg und über das Wunder, wie man durch das reissende Wasser habe
gelangen können. Der Kaiser kam selber an den Fluss, und sah, was auf dem Ufer
der Feinde geschah. Und die Nachricht ging in alle andern Lager, und von allen
Seiten kamen Krieger herzu.
    Als die Mailänder sich in die Flucht wendeten, befahl Wladislaw seinem
Bruder Diepold, sie mit einer grossen Zahl erlesener Reiter zu verfolgen. Er
begab sich mit den übrigen Männern zu der Brücke, und sie begannen eifrig zu
arbeiten, um die Brücke wieder herzustellen. Der Kaiser liess auf seiner Seite
auch mit allem Nötigen an das Werk gehen. Aber es kam die Finsternis der Nacht,
und die Brücke war noch nicht fertig. Diepold kehrte mit seinen Reitern zurück.
Nun arbeiteten die Männer, ein Lager mit Gräben und Wällen zu befestigen. Die
Reiter des Waldes, welche mit Witiko an dem Zuge Diepolds Teil genommen hatten,
gruben nun eifrig mit Schaufeln in den Gräben, dass das Lager bald fertig werde.
Dann stärkten sie sich durch Speise und Trank, und brachten die Nacht unter dem
freien Himmel zu.
    In der Finsternis sah man Dörfer, Häuser und Schlösser brennen.
    Bei dem ersten Lichte des Morgens begannen sie und die Männer des Kaisers
wieder an der Brücke zu arbeiten. Da kam die Nachricht, dass das Heer der
Mailänder, welches von Gorgonzola zur Verteidigung der Brücke abgeschickt worden
war, heranziehe. Der König berief einen Rat, und es wurde beschlossen, dass man
den Feinden, so weit man könnte, entgegen gehen wolle. Eine erlesene Schar von
Reitern wurde vorausgesendet, um die Lage und die Zahl der Feinde zu erkunden.
Sie stiessen auf ein grosses Heer der Mailänder, und begannen sogleich den Kampf,
die Mailänder stritten sehr tapfer. Zwest, ein sehr geehrter Mann, der Zupan von
Melnik, sank zum Tode getroffen von seinem Pferde. Gegen den edlen Lechen Diwa
sprengte ein starker Mailänder an, und schlug ihn an der Stirne zu Tode; aber
sein Schwestersohn Bernard stürmte an den Mailänder, und spaltete ihm das Haupt.
Und wie Odolen gestern durch die Fluten gedrängt hatte, so drängte er heute in
die Feinde. Welislaw ging mit seinen Männern vorwärts, Predbor mit den seinigen
auch, Bozebor kämpfte, als wollte er sich die Hoheit der Krone erkämpfen, Kochan
und Bogdan taten, was sie in der Versammlung in Prag gesagt hatten. Die Reiter
des mittäglichen Waldes waren wie in den früheren Kriegen an der rechten Seite
der Scharen, und wie die Fussgänger des Waldes auf dem Wysoka geschlossen
vorwärts gegangen waren, so gingen jetzt die Reiter auf ihren kleinen Rossen
dicht nach vorn, und wie Sifrid von Milnet gesagt hatte, dass sie den Scharen
Wratislaws keinen Grashalm gelassen hätten, so liessen sie jetzt den Mailändern
keinen. Witiko war an ihrer Spitze, und gab mit seiner hellen Stimme die
Befehle, und die Männer sahen öfter auf seine blauen Augen. Und Rowno und die
andern gingen gleichmässig mit Witiko vorwärts. An der linken Seite der
Waldreiter war nicht mehr der alte Bolemil in seiner Sänfte, zu der einst kein
Krieger einen Feind hatte nahen lassen; aber es waren seine Enkel und Urenkel
da, und sie liessen wie die auf dem Wysoka ihren Platz den Mailändern nicht.
Links von ihnen waren Moyslaw und Radosta, die Söhne Lubomirs, und es waren ihre
Söhne und Sippen und die Sippen und Männer von Daudleb. Links von diesen waren
die Sippen Wsebors, und kämpften, als ob die Augen ihres uralten Wladyken bei
ihnen wären. Und diejenigen Reiter Wladislaws, welche zurückgeblieben waren,
kamen nun herzu, und das an der Zahl der Männer so ungemein überlegene Heer der
tapferen Mailänder begann zu wanken, und geriet endlich in die Flucht. Die
Reiter Wladislaws verfolgten sie, so weit sie konnten, und die Mailänder
erlitten eine Niederlage, wie sie wenige erlitten hatten. Als die Reiter
zurückkehrten, führten sie viele Gefangene mit sich, darunter siebenzig sehr
vornehme Männer.
    Nach diesem Kampfe konnte aber noch keine Ruhe kommen; denn der König
arbeitete mit einer grossen Zahl seiner Männer an der Brücke. Andere seiner
Männer suchten durch Flösse und Bäume eine zweite Brücke für ihre Fussgänger
herzustellen.
    Die Brücke bei Cassano wurde endlich fertig. Der Kaiser war der erste,
welcher hinüber ritt. Er ritt zu dem Könige Wladislaw, welcher ihn stehend
erwartete. Als er bei dem Könige angekommen war, stieg er von dem Pferde, und
schloss den König in seine Arme. Die Krieger erhoben einen Jubelruf.
    Und hinter dem Kaiser drängte sich das Heer auf der Brücke.
    Als der Bischof Daniel diesen Sieg des Königs Wladislaw erfahren hatte,
beschloss er zu ihm zu eilen. Er ging auf die Brücke. Viele aus seinem Lande
strebten zu den Ihrigen hinüber. Ihr Ungestüm vermochte niemand zu bändigen, und
es wurden Verwirrungen, Stockungen und Verwundungen. Man sagte, die Brücke werde
brechen. Daniel verweilte aber auf derselben. Er spendete Verwundeten, die er
traf, kirchlichen Trost, und kam glücklich zu dem Könige. Sie begrüssten sich,
Daniel segnete den König des Sieges willen, der König dankte, und beide Männer
sprachen Worte der Freude. Nur eines war schmerzlich, da die Nachricht kam, dass
Mladorka, der Schildträger des Bischofs, unter den Toten sei.
    Die Brücke des Kaisers brach, und manche verloren ihr Leben. Man arbeitete
neuerdings, den Schaden wieder gut zu machen.
    Auf der Brücke der Böhmen wollten die Führer den Übergang leiten; aber auch
hier herrschte die Begierde, die Brücke brach, und viele gingen zu Grunde.
    Man schritt wieder an die Ausbesserung.
    Am fünfundzwanzigsten Tage des Heumonates gingen die letzten Teile des
Heeres über den Fluss Adda.
    Wladislaw sorgte für die Toten und Verwundeten, ordnete seine Scharen,
dankte denen, die mit ihm über den Fluss geschwommen und denen, die nachgekommen
waren. Er nahm manchen Mann bei beiden Händen, so Odolen, Bernard, Welislaw,
Witiko. Dann gönnte er dem Heere eine kurze Ruhe.
    Die kirchlichen und weltlichen Fürsten des deutschen Reiches, so wie treue
vornehme Männer des lombardischen Landes kamen zu dem Könige Wladislaw, und
brachten ihm ihre Ehrerbietung über seine Taten dar, und priesen die Taten
seiner Männer. Es kamen die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, es kam
Heinrich, der Herzog von Österreich, es kam Friedrich, der Herzog von Schwaben,
es kam Konrad, der Pfalzgraf am Rhein, es kam Heinrich, der Herzog von Kärnten,
es kam Ludwig, der Landgraf von Türingen, Bertold, der Herzog von Zähringen,
der Markgraf von Montferrat und andere.
    Witiko brachte seine Männer in die Verbindung, in der sie auf dem Zuge bis
zu der Adda gewesen waren. Dann dankte er den Reitern für das, was sie getan
hatten, wie er seinen Männern in dem mährischen Kriege nach den Schlachten
gedankt hatte. Die Verwundeten liess er in gute Obsorge bringen. Dann sammelte
man die Namen der Männer, die fehlten. Witiko leitete die Forschungen ein, um,
wie es nur immer geschehen könnte, ihr Schicksal zu ergründen, damit er es in
der Zeit den Ihrigen melden könnte. Vor seinem Gezelte war das rosenrote Banner,
welches Wladislaw den Waldleuten gegeben hatte. Als die Ordnung hergestellt war,
zündete man Feuer an, um Speisen zu bereiten.
    In dieser Zeit kam Heinrich, der Vater Bertas, zu Witiko in das Gezelt. Er
redete von dem Siege des Königs Wladislaw, und lobte, was Witiko getan hatte,
und Witiko freute sich mit seinem Schwiegervater. Es kam auch Gebhart, der
Bruder Heinrichs, und pries die zwei Tage. Es kamen noch Heinrich von Oftering,
dann die Ritter vom Kürenberge, Udalrich von Marbach, Werinhard von Brun,
Chunrad von Asparn, Hartung von Ruhenegk, Marchard von Hintberg, Wolftrigil von
Stein, Tiemo von der Aue, es kamen Wolfgang von Ortau, Rudolph von Bergheim,
Hans vom Wörte und Adalbert von der Au. Sie jubelten über den Ruhm, den Witikos
Taten verdienten, und Tiemo schloss ihn in die Arme und rief: »Du bist fast so
tapfer, wie wir in der alten Zeit gewesen sind, nur nicht so lustig. Und das ist
schade. Wenn alle, die da singen und sagen, von euerm Ritterkönige singen und
sagen werden, von Odolen, von Bernard, von dir, von Welislaw, und von andern,
deren Namen ich nicht aussprechen kann, so werden sie von dir nicht sagen
können, er war fröhlich und ausgelassen wie die Blume der Ritter, und das
herrliche Bildwerk ist dann nicht vollendet.«
    »Ich bin ein ländlicher Mann«, sagte Witiko, »und stehe weit hinter dir,
Tiemo, und von mir wird niemand singen und sagen.«
    »Wie weisst du das?« sprach Tiemo. »Von uns allen werden sie singen und
sagen: von dem zierlichen Degen, dem Kaiser Friedrich mit dem roten Barte, von
dem Könige von Böhmen, von dem erlauchten Herzoge von Österreich, und von dem
von Kärnten und Dalmatien und Zähringen und Schwaben und von den Fürsten und
Bischöfen und Erzbischöfen, und was so da ist. Und von uns und von dem berühmten
Kriege gegen die Mailänder werden die Menschen bis zu dem letzten Gerichte
Gottes reden, und wir andern, Rudeger, der Degen, und die Chunringe, und ich und
alle werden bei Mailand schon auch etwas tun, das der Rede wert ist. Und in
euerm Lager ist ja schon ein frommer friedfertiger Mann, der alles aufschreibt,
was getan wird, Vincentius, der der Schreiber eures Bischofes ist. Der fromme
Mann ist, da die Gefahr auf der Brücke war, von ihr weg bei uns vorüber zu dem
Herzoge von Kärnten gegangen, und hat die Nacht dort gewartet.«
    »Nach meiner Hoffnung, Witiko, wird unser Herzog sorgen«, sagte Marchard von
Hintberg, »dass wir Österreicher nicht zu weit zurückstehen. Wir haben noch den
Weg nach Mailand, und wir haben die Arbeit vor Mailand.«
    »Ihr werdet wohl Grösseres tun als wir«, sagte Witiko, »die wir über einen
brückenlosen Fluss schwammen, weil wir schwimmen können, die wir uns wehrten, da
Mailänder daher kamen.«
    »Und in dem Lager des Kaisers wird wohl auch vergönnt sein, zu wirken«,
sagte Wolfgang von Ortau.
    »Und des Herzogs von Schwaben«, sagte Hans vom Wörte.
    »Und des von Zähringen«, sagte Adalbert von der Au.
    »Wir werden noch alle genug erhalten, ihr aus Franken und Schwaben und
Burgund und wir aus Österreich«, rief Tiemo von der Aue, »der Kaiser scheint
nicht darnach angetan, uns ohne Arbeit zu lassen, dass wir Kurzweil treiben wie
heute.«
    »Gehabe dich wohl, Witiko«, sprach Marchard von Hintberg, »vielleicht ist
doch vor Mailand eine Stunde, in der wir uns wieder sehen.«
    »Es wird mir eine Freude sein, dich zu sehen, Marchard, und, wenn es sein
kann, komme ich in euer Lager«, sagte Witiko.
    »Du brüderlicher Mann«, sagte der Ritter vom Kürenberge, »wenn wir einmal
graue Haare haben, werden wir mit Bechern bei einander sitzen, und von der
Vergangenheit reden und singen; jetzt jagen wir fröhlich in die Gegenwart.«
    »Und sei uns allen ein Freund, wie wir deine Freunde sind«, rief Heinrich
von Oftering, »und gehabe dich wohl, und komme, wenn alles aus ist, bald wieder
in unser Oberland, das jetzt ein Stück lustigen Österreichs ist, und betrachte
sein Getreide und sein Obst, du magst nun zu den Eltern deiner Gattin auf die
Burg Schauenberg bei der Stadt Eferdingen gehen, oder ein wenig links davon nach
Oftering oder auf den Kürenberg. Und wir werden wohl wieder auch in deinen Wald
kommen, und da eure Berge und Schluchten und Wasser und Felsen betrachten.«
    »So können wir tun, wenn wieder der Frieden ist«, sagte Witiko.
    »Und so gehabe dich wohl«, sprach Heinrich von Oftering.
    »Gehabe dich wohl«, riefen die andern.
    »Gehabt euch wohl«, sagte Witiko.
    Und sie entfernten sich, und begaben sich in ihre Lager.
    Und als die Heere sich durch eine kurze Ruhe und durch Nahrungsmittel
erquickt hatten, zog der Kaiser noch an diesem Tage vor die Veste Trezzo, um sie
zu belagern.
    Am fünften Tage der Belagerung musste sich die Veste ergeben.
    Von da zog das Heer nach Lodi. Dort lagerte es. Der Kaiser lagerte in den
Trümmern der Stadt, die von den Mailändern zerstört worden war. Die rosenroten
Banner des Königs Wladislaw ragten auch von diesen Trümmern empor. Die andern
waren weitin an dem Lambro ausgebreitet.
    Hier hielt der Kaiser mit dem Könige Wladislaw und den Fürsten einen Rat, um
den Zug gegen Mailand zu ordnen.
    In diese Versammlung kamen Abgesandte derer, die Lodi bewohnt hatten, und
flehten den Kaiser um Hilfe an.
    Der Kaiser sagte, es werde ihnen geholfen werden.
    Dann kamen auch noch einmal Abgesandte von Mailand, welche unter dem Schutze
des Kaisers zugelassen wurden.
    Sie sprachen vor der Versammlung: »Die Stadt Mailand sendet dem
hocherhabenen Kaiser die untertänige Verehrung. Die Stadt Mailand möchte den
Frieden aufrecht erhalten, und dass der Frieden bleiben könne, will die treue
Stadt Mailand unterwürfig sein, sie will die Hoheit des Kaisers unverbrüchlich
ehren, und dem Kaiser die volle Genugtuung leisten.«
    Der Kaiser fragte: »Bringet ihr die unbedingte Unterwerfung, oder habet ihr
Bedingungen in Bereitschaft?«
    Die Abgeordneten antworteten: »Wir bringen zuerst die Unterwerfung, dann
werden die erscheinen, welche die Bedingungen bringen.«
    »Und was sprechen die Herren, die in dem Rate sind?« fragte der Kaiser.
    Bertold, der Herzog von Zähringen, sagte: »Wenn Mailand eine giltige
Bürgschaft gibt, dass es die volle Genugtuung leisten wolle, so könnte wohl der
Frieden wieder hergestellt werden.«
    »Es muss eine vollständige Gewähr gegeben werden«, sagte der Herzog von
Kärnten.
    Konrad, der Pfalzgraf am Rheine, sprach: »Sie sollten unverzüglich
verkündigen, welche Gewähr sie für die volle Genugtuung bieten, und dann möge
beschlossen werden, ob die Gewähr anzunehmen ist oder nicht.«
    »Wir sollten alles tun, den Frieden zu errichten, und das Blutvergiessen zu
enden«, sagte der Bischof von Eichstätt.
    »Und du sprichst nicht, erlauchter König von Böhmen?« fragte der Kaiser.
    »Ich hätte später gesprochen«, antwortete Wladislaw, »jetzt aber sage ich:
in dieser Zeit kann eine volle Gewähr nicht gegeben werden. Sie hätte sollen
früher gegeben werden, oder sie muss gegeben werden, wenn noch grössere Dinge
geschehen sind.«
    »Das ist wahr, das ist wahr«, riefen mehrere Stimmen.
    »Und es ist auch der Wille gar nicht vorhanden, eine giltige Gewähr zu
geben«, sagte der Markgraf von Montferrat.
    »Sie geben keine«, rief der Führer derer von Pavia.
    Nun stand Anselm, der Erzbischof von Ravenna, auf, und sprach: »Es erlaube
mir deine Hoheit, erhabener Kaiser, dass ich zu denen, die gesendet sind, und dass
ich zu den erlauchten Fürsten einige Worte rede.«
    »Rede«, sagte der Kaiser.
    Und Anselm wendete sich zu den Abgesandten Mailands, und sprach: »Ihr habt
süsse Worte in dem Munde, und den Fuchs in dem Herzen. In der Versammlung von
Brescia habet ihr Forderungen der Herrschaft gemacht, ihr wolltet euch den König
und die Obrigkeiten wählen, ihr wolltet euch Gesetze geben: und nun bringt ihr
Unterwerfung. Seid ihr zur Erkenntnis gekommen, dass eure Forderungen ungerecht
sind? Und wodurch seid ihr zu der Erkenntnis gekommen? Ihr seid nicht zu ihr
gekommen, oder ihr seid immer bei ihr gewesen, und habt nur nicht nach ihr
gehandelt, sondern habt Gewalt und Herrschaft gewollt, und hättet gerne die
Herrschaft des Königs und Reiches über euch ferne gehalten. Ihr redet jetzt, wie
ihr redet, um in der Gegenwart dem Übel zu entgehen, das euch droht. Warum habt
ihr keine Bedingungen des Friedens bei euch? Dass Zeit vergeht, dass dem grossen
Heere in derselben irgend wie Abbruch geschehe, dass sich etwas ereigne, das euch
günstig ist, und wie es sonst noch in der Zeit sein kann. Der erlauchte Markgraf
von Montferrat hat gesagt: sie wollen keine Gewähr geben, und die Weisheit des
hohen Königs von Böhmen hat gesagt: sie können keine geben. Und sie können auch
keine geben. Sie hätten sie früher aus Gerechtigkeit geben müssen, und sie
müssen sie später aus Ohnmacht geben. Ich rede zu euch, ihr hohen Herren der
Versammlung. Welche Bürgschaft werden sie geben, die gilt? Sie werden aus ihrem
Reichtume viel Gold darbringen, sie werden sich allem, was der hocherhabene
Kaiser verlangt, fügen, und werden versprechen, alle seine künftigen Befehle zu
befolgen, und sie werden Geiseln stellen. Und wenn der Kaiser seine
Einrichtungen in dem lombardischen Lande gemacht hat, und wenn er seine
Stellvertreter und seine Obrigkeiten eingesetzt hat, wenn er dann über die Alpen
zurückgekehrt ist, wenn der Frieden gesichert scheint, und die Geiseln entlassen
worden sind: dann wird Mailand handeln, wie es früher gehandelt hat, es wird die
Oberherrschaft führen, wo es kann, es wird die kaiserlichen Mahnungen nicht
befolgen, und, wenn es auf Sieg hofft, den Kaiser bekriegen. Wann hat Mailand
seine Versprechen gehalten? Ich rede nicht von früheren Kaisern; ihr wisst, wie
es war. Ich rede nur von dir selber, hocherhabener Herr. Hat nicht Mailand die
treue Stadt Lodi zerstört? Hat es nicht Como zerstört, und die Bewohner
gezwungen, ausserhalb der Stadt zu leben? Hat es nicht die getreue Stadt Pavia
mit schwerem Kriege überzogen? Und hat es auf deine Mahnungen Reue gezeigt?
Nein. Als du verlangtest, Lodi und Como sollten wieder hergestellt werden, boten
sie dir viertausend Mark, wenn du ihnen die Herrschaft über diese Städte
gewährest. Sie begehrten auf die Weise Herrschaft über andere sogar von dir.
Haben sie vor vier Jahren ihr Versprechen, dein Heer zu verpflegen, gehalten?
Sie haben dich in eine Gegend, die schon ausgezehret war, geführt. Am ersten
Tage fehlte es den Pferden an Futter, und in den zwei folgenden litt in Rosate
das Heer Hunger. Die Mailänder hatten dort grosse Vorräte, du botest ihnen dafür
Bezahlung, und sie verweigerten sie. Das taten sie, als du mit einem grossen
Heere in dem Lande warest, was werden sie tun, wenn du mit dem Heere ferne bist?
Hat dir nicht Tortona getrotzt, weil es mit Mailand im Bunde war, und auf dessen
Sieg hoffte? Und ist es nicht, da du es zerstört hattest, von Mailand wieder
aufgebaut worden? Die Mailänder werden deine Hoheit nur ehren, wenn sie nicht
mehr anders können. Du musst ihnen die Macht nehmen. Und selbst dann, wenn ihnen
nur ein Schein von Hoffnung zum Siege kömmt, werden sie wieder gegen dich
aufstehen, und dich zu einem neuen Zuge gegen sie zwingen. Mögest du nicht, wenn
du einmal Güte gegen sie üben solltest, in einer Zeit erfahren, wie übel sie
angewendet war, und möge nicht einst viel Blut die Sache heilen müssen, die
jetzt weniges heilet. Jetzt kann die Entscheidung gebracht werden. Jeder
Frieden, er sei, wie er wolle, schiebt sie auf, und macht sie schwer. Sie haben
Gewalt geübt, so mögen sie nun Gewalt erfahren. Mit dem Masse, mit dem sie
gemessen haben, soll ihnen wieder gemessen werden. So rede ich, der ich die
Leute der Stadt Mailand und ihre Hoffnungen und ihre Wünsche und ihre Begierden
kenne.«
    »Es ist so«, »ja so ist es«, »so ist es«, riefen viele Männer.
    »Sie haben die wilden Forderungen gestellt, da du schon die grosse
Kriegsmacht gegen sie führtest, und sie sagen die demütigen Worte, um alles zu
verwirren. Ihre letzte Waffe muss zerbrochen werden, dass sie nicht mehr schaden«,
rief Friedrich, der Herzog von Schwaben.
    »Sie haben immer Tücke geübt, und zu uns kam sehr oft die Kunde«, sagte
Heinrich, der Herzog von Kärnten.
    »Und sie haben Grausamkeiten geübt, wie sie die Heiden in den alten Zeiten
nicht geübt haben. Um uns herum, wie wir versammelt sind, stehen die Überreste
der Stadt Lodi, einer Stadt des nämlichen Landes wie Mailand, einer Schwester
von Mailand, die sie zerstört haben. Die traurigen Trümmer sehen zu dem blauen
Himmel empor, und schreien zu dem Himmel um Rache, und zerreissen uns das Herz«,
sagte der Bischof von Würzburg.
    »Und so sind auch die Trümmer von Como, und von mancher Kirche und von
manchem Schloss und von mancher Veste, die dem Kaiser treu war, und so wären
die Trümmer von Pavia, wenn sie die Stadt erobert hätten«, rief der Führer von
Pavia.
    »So ist es, so ist es«, riefen mehrere Männer.
    Heinrich, der Herzog von Österreich, sprach: »Sie bringen nur Worte, und
wollen durch Lockungen von dem Weg abführen. Ich denke, wir sollen auf ihm zur
Entscheidung gehen, wie wir sie erstreben.«
    »Ja, wie wir sie erstreben, und wie sie auch nur gerecht ist«, sagte der
Erzbischof von Mainz.
    »Wozu wir ausgezogen sind, und was wir erstreben«, sagte Otto, der Pfalzgraf
in Baiern.
    »Der hocherhabene Kaiser ist dem Reiche und wir sind den Ländern entfremdet,
wenn wir durch Verhandlungen hingeschleppt werden«, sagte Ludwig, der Landgraf
von Türingen.
    »Zur Entscheidung«, riefen mehrere der Herren.
    »Und was ist die Folge des Beschlusses?« fragte der Kaiser.
    »Der Bann«, sagte der Erzbischof von Mainz.
    »Der Bann«, sagte der Erzbischof von Trier.
    »Der Bann«, sagte der Erzbischof von Köln.
    »Der Bann«, sagten die Herzoge und Bischöfe und Fürsten.
    Dann sprach der Kaiser zu den Abgesandten von Mailand: »Ihr habt den Krieg
gegen mich dem Gehorsame für meine Worte vorgezogen, und mich zu dem Zuge nach
Italien genötigt. Ihr seid mir mit aufrührerischen Forderungen entgegen
gekommen, und habt dann die Waffen gegen mich gebraucht. Es ist sehr viel Blut
vergossen worden, und dass es nicht ungerecht vergossen worden ist, muss vollendet
werden, was begonnen worden ist. Wir führen den Krieg weiter, den ihr erhoben
habt, und wir schliessen die Empörung, in der ihr verharren wollt. Und so banne
ich mit der Zustimmung der Fürsten und der Herren des Reiches eure Stadt.«
    Und er warf nach dem Brauche sein Szepter auf die Erde.
    Dann sprach er zu den Abgesandten: »Verkündiget dieses denen, die euch
gesandt haben, und sagt ihnen, wir werden die Gesetze des Friedens bei ihnen
machen, dass er daure. Jetzt entfernt euch.«
    Die Abgesandten verliessen die Versammlung.
    An dem folgenden Tage, dem fünften des Erntemonates, ging das Heer in sieben
Zügen gegen Mailand. Den ersten Zug führte Konrad, der Bruder des Kaisers, der
Pfalzgraf am Rheine. Den zweiten Zug führte Friedrich, der Herzog von Schwaben,
den dritten Wladislaw, der König von Böhmen, den vierten Heinrich, der Herzog
von Österreich, den fünften der Kaiser, den sechsten Otto, der Pfalzgraf in
Baiern, den siebenten Friedrich, der Erzbischof von Köln.
    An diesem Tage ritt Eckbert, der Graf von Pütten, mit fünfhundert Reitern
und einem Gefolge bis nahe gegen Mailand. Aber da es Abend wurde, und da er der
Gegend unkundig war, ritten mailändische Scharen gegen ihn aus der Stadt,
erreichten ihn, und besiegten ihn, und er verlor sein Leben. Die Mönche der
Abtei Chiaravalle begruben ihn. In dem Heere entstand Trauer um den Mann, weil
sie ihn als sehr edel und tapfer geachtet hatten. Der Kaiser aber gab das
Gesetz, dass keiner Anordnungen treffe, als unter dem Befehle des Feldherrn, es
sei denn, dass er zum Kampfe gezwungen würde.
    Am sechsten Tage des Erntemonates zog das Heer vor die Stadt.
    An der Spitze des Zuges waren die Lagermeister, dann kamen die Träger der
kaiserlichen Adler und die, welche mit Zinken und Pauken, mit Pfeifen und
Hörnern, mit Posaunen und Flöten kriegerische Töne erschallen liessen. Dann kam
das Heer. Es sang Lieder zu den Tönen des Krieges. Dann waren die
Kriegswerkzeuge und die Wägen und Säumer mit den Habschaften. Dann kam der Tross.
    Die Mailänder waren auf den Mauern ihrer Stadt, und sahen das Heer kommen.
    Und als das Heer vor der Stadt angekommen war, schauten die Augen aller
Männer auf sie. Sie sahen, dass sie sehr gross und mit sehr starken Befestigungen
umgeben sei.
    Der Kaiser befahl nun, dass man sich vor der Stadt lagere, und die Lager mit
Gräben und Wällen und Verrammlungen umgebe. Die Krieger und alle die Leute, die
herbei genommen worden waren, begannen nun sofort die Arbeit. Die Feinde in der
Stadt sahen auf dieses Beginnen, störten es aber nicht.
    Mit sieben grossen Lagern war noch an dem nämlichen Tage die Stadt umgeben.
    Der Kaiser lagerte um die Allerheiligenkirche fast in der Richtung gegen den
Morgen von der Stadt. Wladislaw stellte in der Richtung zwischen Morgen und
Mitternacht seine Gezelte mit seinem Bruder Diepold und dem Bischofe Daniel in
dem Kloster des heiligen Dionysius und um dasselbe herum auf. Etwas weiter von
ihm entfernt gegen den Abend hin standen die Gezelte Konrads, des Pfalzgrafen am
Rheine, und Friedrichs, des Herzogs von Schwaben. Sie standen neben einander,
weil sie Gezelte von Verwandten waren. Im Mittage von dem Kaiser waren die
andern Fürsten. Der Erzbischof von Köln war bei der Kirche des heiligen Celsus
in der Richtung zwischen Mittag und Abend von der Stadt. Weiter gegen Abend
waren die, welche dem Befehle des Herzoges von Schwaben zugeteilt waren, der
Markgraf von Montferrat und die aus Verona, Brescia und Mantua. Dann waren die
aus Vicenza, Pavia, Cremona, Como und andern Gebieten.
    Witiko ordnete seine Leute in dem Teile des böhmischen Lagers, der ihm
zugewiesen worden war, wieder in ein eigenes Lager. Die Obmänner mussten in der
Mitte der Abteilungen und unter sich und mit Witiko in Verbindung sein. Die
Reiter waren an der rechten Seite der Fussgänger. Von ihnen rechts waren wieder
andere Reiter des Waldes. Witiko hatte sein Gezelt zwischen Fussgängern und
Reitern. Alle Männer, besonders die Reiter, mussten stets in Kampfesbereitschaft
sein. Witiko sorgte gleich nach der Errichtung des Lagers für Nahrung, und er
traf die Obsorge, dass sie in den folgenden Tagen nicht fehle.
    So waren seine Männer nun in dem Lager um ihn, und harrten der Dinge, die da
kommen sollten. Und wie sie einstens von den Zinnen der Stadt Prag, die sie
verteidigen sollten, auf die Stadt und auf die Belagerer hinabschauten, und sich
von der Stadt allerlei Dinge erzählten, so schauten sie nun von dem Lager, von
dem aus sie eine Stadt gewinnen sollten, auf die Stadt, und erzählten sich von
ihr und von dem Lande, in dem sie waren, verschiedene Dinge, die sie während
ihres Aufentaltes in dem Lande schon erfahren hatten.
    Gegen den Abend des ersten Tages kam Urban mit einem Boten in das Gezelt
Witikos, und der Bote sagte, das Lager Konrads, des Pfalzgrafen, und das
Friedrichs, des Herzogs von Schwaben, sei überfallen worden, und der Pfalzgraf
sei in argen Nöten, und bitte um schleunige Hilfe.
    »Lasst alle Reiter auf die Pferde sitzen«, rief Witiko.
    Urban eilte aus dem Gezelte, bald tönten die Zeichen des Hornes, und die
Reiter setzten sich in Bereitschaft. Witiko bestieg sein Pferd, und stellte sich
an ihre Spitze.
    Da kam auch der Befehl des Königs, mit ihm in das Lager des Pfalzgrafen zu
reiten.
    Witikos Reiter schlossen sich mit andern Waldreitern denen des Königs an.
Der König führte die böhmischen Reiter, und sie ritten in der grössten
Schnelligkeit gegen das Lager Konrads. Und wie die Waldreiter gelernt hatten,
durch Gebüsche und über Gebüsche hinweg zu reiten, so ritten sie jetzt auch über
die Verwallungen der Weingelände, über Umfriedungen der Gärten und über das
Ungleiche und Ungewohnte des Bodens dahin. Der König brach unter dem Schalle
seiner Pauken in das Lager Konrads. Die Pferde sprangen an manchen Stellen über
die Verrammlungen. Als die Männer Konrads den Schall der böhmischen Pauken
hörten, erhoben sie ein Freudengeschrei, und kämpften ermutigter und fröhlicher.
Witiko führte seine Männer geschlossen in die Feinde. Der König eilte ihm
voraus, und stürzte in sie. Er brachte denen, die im Gedränge waren, schnell
Hilfe, und kämpfte, und befahl. Er stiess mit seiner Lanze den Fahnenträger der
Mailänder, Tazo von Mandello, zu Boden, und eben so den Vizegrafen Gerhard.
Witiko drängte an die Seite des Königs, kämpfte und befahl auch, und die Reiter
des Waldes waren mit ihren Waffen behende gegen die Mailänder wie sonst gegen
die Bären ihrer Heimat. An der andern Seite des Königs waren Odolen und Welislaw
und Kochan und Predbor und Bogdan. Sie drückten die Feinde rückwärts. Die Männer
Konrads erhoben sich auch zu erneuertem Grimme, und wie die Tapferkeit der
Mailänder auch leuchtete, so mussten sie doch weichen. Sie flohen gegen die
Stadt. Der König verfolgte sie. Odolen rief, man dränge mit den Mailändern in
die Stadt. Es war im Gelingen; aber da kam die Finsternis der Nacht, die den
Mailändern zum Nutzen, den Böhmen zum Hindernis ward. Der Kampf musste enden.
    Man sorgte nun für die Verwundeten und Toten.
    Manche Männer des Pfalzgrafen Konrad und manche des Königs Wladislaw hatten
Wunden empfangen, und manche hatten ihr Leben verloren. In dem Morgengrauen
brachten Reiter des Königs die entseelten Körper der edlen Herren Mikus, Otto,
Zwestec und Herart in das Lager. Der Bischof Daniel bestattete sie mit dem
Beistande seiner Priester und in der Gegenwart des Königs und seiner Führer und
vieler Krieger in der Abtei Chiaravalle, neben der Stelle, wo der Graf Eckbert
von Pütten ruhte.
    An diesem Tage begannen die Mailänder an jenem Teile der Stadt, gegen
welchen die Böhmen lagerten, die Befestigungen zu verstärken. Sie verschütteten
dann die Tore mit Steinen, und liessen nur ein kleines Pförtchen an dem Tore
frei, welches das neue Tor hiess.
    Der Kaiser berief die Fürsten zu einem Rate. Manche waren bekümmert, wie man
eine so grosse und wohlbefestigte Stadt werde einnehmen können.
    Der Kaiser sagte: »Weil sie so gross ist, wird sie bald in unsere Hände
fallen. Sie braucht täglich so viele Dinge, dass bald Mangel in ihr sein wird.
Und weil sie so viele Landleute in sich aufgenommen hat, wird dieser Mangel eher
kommen als sonst. An uns ist es nun, dass wir alles, was in sie gebracht werden
könnte, ausschliessen, und dass wir, wenn die Mailänder hervorbrechen, sie stets
zurückschlagen. Darauf, meine ich, müssen wir unsern Ratschluss fassen.«
    Wladislaw, der König von Böhmen, wurde zuerst um seine Meinung gefragt. Er
stimmte dem Kaiser bei. Dann sprachen die Erzbischöfe, die Herzoge und Fürsten
die nämliche Meinung aus.
    Darauf wurde beraten, wie man die Lager zur Umschliessung der Stadt stellen
müsse.
    Die Lager wurden nach dem Beschlusse enger an einander gerückt, und der
Kreis um die Stadt wurde kleiner. Zwischen den Lagern und in der Umgebung
streiften Scharen, die alles wegnahmen, was für die Stadt bestimmt war. Die
böhmischen Männer zerstörten in der Umgegend Schlösser, machten Beute, und
brachten Gefangene herein. Die Krieger von lombardischen Städten, gegen welche
Mailand feindselig gewesen war, übten Rache, und zerstörten ringsum Felder und
Gärten bis auf den Grund. Die Mailänder kamen oft heraus, und es waren an
verschiedenen Stellen Kämpfe. Aber sie konnten den Kreis nicht durchbrechen oder
zerstören.
    Ausserhalb der Stadt war ein starker Turm, welcher der römische Bogen genannt
wurde, weil die Sage war, dass die Römer einmal den Turm zur Erinnerung ihrer
Eroberung Mailands gebaut haben. Auf dem Turme waren Mailänder mit
Kriegswerkzeugen und Schleudergeräten gegen die Belagerer aufgestellt. Die
Zinnen des römischen Tores und des Tonsatores schützten den Turm. Seit dem
Beginne der Belagerung suchten die Männer des Kaisers den Turm zu gewinnen; aber
sie konnten nicht zu ihrem Ziele gelangen. Da stürmte eines Tages der Kaiser das
römische Tor und das Tonsator, und andere Abteilungen kämpften gegen den Turm.
Da mussten sich die Männer des Turmes ergeben.
    Es war gleich darauf an diesem Tage ein grosser Kampf der Mailänder gegen die
Böhmen an dem neuen Tore. Die Mailänder wurden zurückgetrieben.
    Es entstand auch noch an dem Tage ein erneuerter Kampf an dem römischen
Tore.
    An dem folgenden Tage, dem zwölften Tage des Erntemonates, sendeten die
Mailänder Boten in das Lager des Kaisers, welche baten, dass man den Frieden
verhandle. Der Kaiser liess sich zur Nachsicht bewegen. Er ernannte zur
Einleitung der Verhandlungen Peregrin, den Patriarchen von Aglei, Eberhard, den
Bischof von Bamberg, und Daniel, den Bischof von Prag. Die Verhandler der
Mailänder waren der Graf Guido von Biandrate, der Erzbischof Hubert von
Pirovano, und die Konsuln.
    Als die Verhandlungen eine Zeit gedauert hatten, wandten sich die Mailänder
auch um Beratungen und um Vermittlung an Wladislaw, den König von Böhmen. Er
gewährte ihnen mit dem Willen des Kaisers ihre Bitte. Er hielt über diese
Angelegenheiten auch mit seinen Herren der Kirche und des Heeres Rat.
    Nach dieser Zeit berieten sich die Mailänder auch mit dem Herzoge von
Österreich, mit dem Erzbischofe von Köln, mit dem Bischofe von Bamberg, mit dem
Bischofe von Prag, mit Otto, dem Pfalzgrafen in Baiern, und mit dem Kanzler
Reinald.
    Die Verhandlungen dauerten viele Tage.
    An diesen Tagen war Waffenruhe zwischen den Lagern und der Stadt. Aber in
die Umgegend geschahen noch verschiedene Züge, es waren Verwüstungen und
mancherlei Kämpfe.
    In dieser Zeit kamen auch manche Männer aus den Lagern zu einander, und
schlossen Bündnisse und Freundschaften.
    Witiko ging zu seinem Schwiegervater, Heinrich von Schauenberg, und zu dem
Bruder desselben, Gebhart von Stauf. Und diese kamen auch wieder zu ihm. Er ging
zu seinen Freunden aus Österreich, und diese gingen zu ihm. Er wurde durch sie
zu Heinrich, dem Herzoge von Österreich, gebracht, und wurde von demselben mit
Achtung und Freundlichkeit aufgenommen. Er ging auch zu seinen Freunden in das
Lager des Kaisers, und diese gingen wieder zu ihm. Mit Welislaw, Odolen und den
andern im Lager des Königs wurde die Freundschaft noch fester geknüpft, als sie
früher gewesen war. Durch die Liebe des Königs von Böhmen zu ihm kam er vor das
Angesicht des Kaisers und hoher Herren und Fürsten, und erhielt Ehren.
    So ging die Zeit dahin.
    Die Lager mussten aber immer in Bereitschaft sein, einen Überfall der
Mailänder, den sie etwa machen könnten, abzuwehren.
    Als die Friedensverhandlungen beendet waren, meldeten die Fürsten dem Kaiser
die Zugeständnisse der Mailänder, und den Mailändern die Forderungen des
Kaisers.
    Wladislaw, der König der Böhmen, wurde zum Vermittler des Friedens bestellt.
    Die Bedingungen des Friedens waren in dreizehn Abteilungen entalten.
Vincentius, der Kapellan und Schreiber des Bischofes Daniel, schrieb sie auf,
und am siebenten Tage des Herbstmonates wurden sie angenommen. Die Stadt Mailand
muss die Städte Lodi und Como, welche sie zerstört hatte, wieder aufbauen. Diese
Städte sind dann von Mailand unabhängig. Jeder Mailänder von dem vierzehnten bis
zu dem siebenzigsten Jahre schwört dem Kaiser Treue. Die Stadt Mailand zahlt
neuntausend Mark Silber. Sie stellt dreihundert Geiseln aus den Vornehmen, aus
den Rittern und aus dem Volke. Von dem Erzbischofe von Mailand, von dem Grafen
von Biandrate, von dem Markgrafen von Montferrat und den Konsuln muss die Wahl
der Geiseln als treu vorgenommen beschworen werden. Die jetzigen Konsuln leisten
dem Kaiser den Amtseid. In dem nächsten Hornung aber werden neue Konsuln von dem
Volke gewählt, und von dem Kaiser bestätigt. Ist der Kaiser in dem Lande, so
schwören ihm die Konsuln selber, sonst reisen nur zwei zu ihm, den Eid für alle
abzulegen. Die übrigen schwören den kaiserlichen Bevollmächtigten. Mailand zahlt
hinfort alle Abgaben, welche den früheren Kaisern gegeben worden sind, es baut
die Pfalzen des Kaisers wieder nach der gebührenden Würde auf, es muss die Ehre
der Krone und des Reiches mit dem Schwerte schützen, und dem Kaiser Hilfsvölker
zuführen, wohin er will. Die Gefangenen werden dem Könige von Böhmen gegeben,
der Kaiser sendet die seinigen zurück, sobald die Geiseln gestellt sind. Die
Mailänder leisten die öffentliche Sühnung. Es erscheinen zwölf Konsuln der
Stadt, die der Kaiser selber bestimmt, barfuss, ein blosses Schwert auf den Nacken
gebunden, vor dem Trone des Kaisers, und flehen um Gnade. Auf diese Bedingungen
wird Mailand wieder in die Gnade aufgenommen, und der Bann hört auf. Die
Verbündeten Mailands sind in den Frieden einbegriffen.
    Der achte Tag des Herbstmonates, der Tag der Geburt Marias, wurde bestimmt,
dass die Geiseln gestellt werden, und die Sühnung erfolge.
    Die Geiseln wurden an diesem Tage in das Lager des Königs von Böhmen
geführt. Dann wurden die Gefangenen aus dieser Zeit und aus früheren Zeiten in
das nämliche Lager geführt.
    Als dieses geschehen war, wurden von dem Kaiser die Bischöfe Eberhard von
Bamberg und Daniel von Prag auserlesen, dass sie den Erzbischof von Mailand,
Hubert von Pirovano, vor den Kaiser führten.
    Die sieben Züge des Heeres wurden um den Tron des Kaisers aufgestellt. Der
König von Böhmen, die kirchlichen und weltlichen Fürsten des Reiches, die treuen
Lehensträger des lombardischen Landes, die Vornehmeren aus den treuen Städten
und die Führer fremder Krieger versammelten sich in kostbaren Gewändern neben
dem Trone des Kaisers. Hinter den Kriegern stand ein unermessliches Volk,
welches aus allen Gegenden herbei gekommen war.
    Als es die Zeit forderte, bestieg der Kaiser in kaiserlichem Schmucke den
Tron, und alsbald näherte sich der Zug aus Mailand. Die Bischöfe von Bamberg
und Prag führten den Erzbischof von Mailand. Dann kamen die Priester der
erzbischöflichen Kirche, dann die der andern Kirchen, dann die der Klöster, alle
mit Kreuzen, Rauchfässern und im kirchlichen Schmucke. Dann kamen die zwölf
Konsuln, barfuss und mit einem blossen Schwerte, das ihnen auf den Nacken gebunden
war. Und eben so kam der Rat, und es kamen die Vornehmsten der Stadt, und es kam
das Volk mit Stricken um den Hals.
    Der Erzbischof musste vor dem Kaiser versprechen, dass er seine Gewalt über
die Stadt nicht mehr hart wie bisher, sondern mild und gerecht ausüben wolle.
Und als er dieses versprochen hatte, wurde er von dem Kaiser in seine Gnade
aufgenommen.
    Dann trat der Konsul Hubert von Orto an die Stufen des Trones, und kniete
nieder, und alle andern knieten nieder, und Hubert sprach: »Mächtiger Kaiser und
Herr, weltlicher Stellvertreter Gottes und Richter der Erde, wir haben
gesündiget, wir haben Unrecht getan, und bitten um Gnade. Wir und alle Mailänder
neigen unsere Schwerter vor deiner Macht, und wir und alle Mailänder legen unser
Haupt unter dein Schwert.«
    Darauf antwortete der Kaiser: »Es ist gut, dass die Mailänder den Frieden
vorziehen, und dass ich ihnen von nun an nichts Übles mehr tun muss. Hätten sie
von jeher diesen Teil gewählt, so wäre viel Böses vermieden und viel Gutes
gestiftet worden. Ich belohne lieber als ich strafe, und merket euch, dass ich
leichter durch Gehorsam als durch Krieg besiegt werden kann. Und so übe ich nun
in dem Glauben, dass die Mailänder jetzt die rechten Wege wandeln werden, Gnade,
nehme die Acht hinweg, und sage, dass wir alle versöhnt sind. Erhebet euch von
der Erde.«
    Und die Männer standen auf.
    Der Kaiser sprach nun noch mehreres mit ihnen, und seine Worte waren gütig
und freundlich.
    Hierauf wurde diese ernste Angelegenheit des Friedensschlusses und der
Versöhnung durch einen feierlichen Gottesdienst bekräftigt, welchen der
Erzbischof von Mailand nach der ambrosianischen Weise abhielt.
    Der Kaiser sass bei diesem Gottesdienste in seinem Gezelte auf dem Trone,
und war mit der Kaiserkrone geschmückt. Um ihn war die Menge der deutschen und
italienischen Fürsten. Und während dieses Gottesdienstes beschenkte er
Wladislaw, den König von Böhmen, mit einer königlichen Krone sehr kostbarer Art,
die er von dem Könige von England erhalten hatte. Dem Könige wurde an diesem
Tage die Krone auf das Haupt gesetzt, da sonst in der Kirche die Königskronen
nur an hohen Festtagen getragen wurden; die böhmische zu Weihnachten, Ostern und
Pfingsten und an den Festen des heiligen Wenzel und des heiligen Adalbert, an
welchen Tagen sie die Bischöfe von Prag und Olmütz dem Könige aufsetzen durften.
    Als der Gottesdienst geendet war, sprach der Kaiser zu den Fürsten:
»Hocherlauchter König von Böhmen, erlauchte Kurfürsten kirchlichen und
weltlichen Standes, Herzoge und Fürsten und Herren der Städte, nach dem
allmächtigen Gotte danke ich euch für die Dienste, welche ihr dem Reiche und der
Krone geleistet habt. Weshalb wir nach Italien ziehen mussten, das haben wir
erreicht. Die Ehre und die Macht sind gewahrt. Es ist nun noch übrig, dass wir
auf einem Reichstage alle Rechte und Pflichten festsetzen, und das ergründen,
was einem jeden gebührt, und was er zu tun hat. Und ist die Ordnung
aufrechtgestellt, dann möge uns eine ruhige Heimkehr zufallen. Wir sind gütiger
gewesen, als die Worte Anselms, des hochehrwürdigen Erzbischofes von Ravenna,
geraten haben. Er ist vor dieser Stadt aus unserer Mitte zu dem gerechten Gotte
abgerufen worden, und wird nun wissen, ob seine Worte gegründet sind oder
nicht.«
    Die Fürsten antworteten durch den Erzbischof von Mainz: »Hocherhabener Herr,
deine Weisheit hat die Dinge geleitet, und wir haben uns bestrebt, zu tun, was
unsere Pflicht war. Wir danken dir für deine Guttaten gegen uns, und dass du auf
unsern Rat gehört hast. Es gibt uns Freude, dass durch den Frieden mit Mailand
und durch den Reichstag, der abgehalten werden wird, der Zug und das Wirrnis,
das er unsern Ländern zu Hause bringt, geendet ist.«
    Wladislaw, der König von Böhmen, sprach: »Hocherhabener Kaiser, du hast für
das, was meine Männer getan haben, mich, meine Männer und unsere Länder mit
unaussprechlichen Ehren geziert. Ich lege meinen Dank, den Dank meiner Männer
und den Dank unserer Länder vor deinen Tron. Er wird nicht enden, so lange
einer lebt, der geehrt worden ist, und er wird auf die Nachkommen vererben. Und
weil das erste Ziel des Ritterzuges nach Mailand erreicht ist, die Wahrung der
Würde durch die Strafe der Stadt, und weil das andere kein Ding der Waffen,
sondern des Rates ist, so erlaube mir, dass ich mit den Meinigen heimziehe. Es
sind Krankheiten unter meinen Männern, und sie würden sich schnell vermehren.
Ich empfinde auch, dass ich in Italien durch die Luft und die Sonne erkranke.«
    Der Kaiser antwortete: »Hocherlauchter König, du hast den Ritterzug erfüllt,
ziehe in Frieden, wenn wir auch deines Rates sehr schwer entbehren. Heilet die
Krankheiten, die uns von der Stadt gekommen sind, wie auch wir unverzüglich von
hier fortziehen wollen, um die unsrigen zu heilen. Wenn der Ratschluss Gottes
will, dass ich wieder deiner Hilfe bedürfte, so wirst du sie wohl nicht
versagen.«
    »Ich werde sie mit Freuden leisten«, antwortete der König.
    Als dieses geschehen war, liess sich der Kaiser die Krone und den Mantel
abnehmen. Dann setzte er einen Helm zu seinem Kriegsgewande auf das Haupt, stieg
von dem Trone, und ging vor das Gezelt. Dort bestieg er ein Pferd, ritt gegen
das Heer der sieben Züge, und dankte mit der Spitze seines Schwertes gegen alle
Krieger, die da standen. Die Krieger erhoben ein freudiges Rufen, und die Böhmen
erneuerten es dreimal.
    Dann begannen die Züge in ihre Lager zurückzukehren.
    Der Kaiser aber feierte in einem grossen offenen Gezelte mit den Fürsten ein
Mahl.
    Nach dem Mahle ritt Wladislaw zu dem Gezelte des Kaiser, um sich von ihm zu
verabschieden.
    Dann verabschiedete er sich von den Fürsten.
    Hierauf ritt er mit den Seinigen in sein Lager. Dort ritt er zu allen
Abteilungen seiner Männer, und dankte ihnen, wie er ihnen nach der Schlacht auf
dem Berge Wysoka gedankt hatte. Er verkündete ihnen die Rückkehr in die Heimat,
und hiess sie auf den folgenden Tag gerüstet sein. In jeder Abteilung sprachen
Führer und Männer freudige und hochehrende Worte zu dem Könige.
    Sie begannen sofort auch die Rüstungen zu dem Heimzuge.
    Als der König in seinem Gezelte war, ritt der Kaiser mit einem geschmückten
Gefolge zu demselben. Sie stiegen alle von den Pferden. Die Männer des Gefolges
verteilten sich in die Zelte, die um das des Königs waren; der Kaiser aber ging
allein in das Gezelt des Königs, der König entfernte diejenigen, die bei ihm
waren, und die zwei Männer befanden sich nun allein in dem Gezelte. Sie setzten
sich auf Stühle. Da sprach der Kaiser: »Was du getan hast, Wladislaw, wird
bleiben, so lange die Menschen dessen gedenken, was auf der Erde geschehen ist,
und davon erzählen. Du hast es dir getan, und dann auch andern. Ich habe dir aus
dem Reichsgrunde schon gedankt, jetzt danke ich dir aus Freundschaft, dass du
bist, der du bist.«
    »Du hast die Sache zum Grossen gelenkt«, sagte Wladislaw, »und ich habe mich
erfreut. Es ist an der Seite eines ritterlichen Mannes leichter, nach Rittertum
zu streben.«
    »Wir haben durch eine Zeit einige Taten mit einander getan«, sprach der
Kaiser, »jetzt sind wir wieder getrennt. Du bist in deinen Ländern und ich in
Italien.«
    »Wir werden Anteil an einander nehmen«, sagte der König.
    »Wir werden ihn nehmen«, antwortete der Kaiser. »Die Fürsten und Herren, die
Räte der Krone, sind oft ritterlichen Sinnes, und denken an das Gute. Sie denken
auch, was ihren Ländern not tut, und reden und handeln darnach. Ich bitte dich,
Wladislaw, lasse mir den Bischof Daniel, als einen Mann der Weisheit und des
Rates, in Italien zurück.«
    »Er wird meiner Kirche und meinen Ländern sehr mangeln«, sagte Wladislaw;
»aber er bleibe bei dir.«
    »Ich danke dir«, sagte der Kaiser, »ich werde ihn nur zu dem Nötigsten
halten, und mögen wir uns bald auf einem fröhlichen Reichstage in dem fröhlichen
Deutschland sehen.«
    »Möge es sein«, sprach Wladislaw.
    »Und erhalte mir deine Liebe«, sagte der Kaiser.
    »Und du auch«, antwortete Wladislaw.
    Dann schlossen sich die zwei Männer in die Arme.
    Hierauf verliess der Kaiser das Gezelt, und Wladislaw geleitete ihn.
    Vor dem Gezelte waren Diepold, Daniel und viele alte Lechen und Herren des
böhmischen Lagers. Sie geleiteten den Kaiser ehrerbietig zu seinem Pferde; die
Männer aber, die ferner standen, riefen ihm Glück und Segen zu, und er ritt mit
seinem Gefolge wieder in sein Lager.
    Der Kaiser sendete Geschenke an den König Wladislaw. Es wurden ihm von dem
Golde der Mailänder tausend Mark gegeben. Dann waren in Fächern schöne Gewänder,
goldene und silberne Geschirre, Schwerter, Helme, Panzer, Münzen, die des
Kaisers Bildnis trugen, edle Steine, Gürtel, Waffenzieraten und andere kostbare
Dinge. Es wurde auch eine Reihe schöner Pferde herbeigeführt.
    An mehrere alte Lechen und an die Männer Odolen, Bernard, Witiko, Welislaw,
Kochan, Bogdan und Predbor sendete der Kaiser eigene Geschenke.
    Wladislaw teilte mehreres an seine Männer aus, besonders Dinge, die zur
Erinnerung an Italien dienen konnten. Die grosse Verteilung der Dinge aus dem
Kriege, sagte er, werde in Prag geschehen.
    Es kam der Herzog von Österreich mit seinen besten Degen zu dem Könige, mit
Hadmar von Chunring, Rudeger, Rudpert, Tibert, Chunrad von Asparn, Gotescalc von
Heiligenkreuz und andern, es kam der Herzog von Kärnten, der Herzog von
Schwaben, der Pfalzgraf am Rheine, der Herzog von Zähringen, der Pfalzgraf in
Baiern, die Erzbischöfe und Bischöfe und alle andern Fürsten des Reiches und
italienische Fürsten und Herren der Städte, um Abschied zu nehmen. Wladislaw
ritt dann auch zu ihnen, und ritt noch einmal zu dem Kaiser, um ihm für den
Besuch und für die Geschenke zu danken.
    Am Abende war der Abschied des Königs und Diepolds von dem Bischofe Daniel.
    Es nahmen auch die Lechen und Herren des böhmischen Lagers von dem Bischofe
und den Seinigen Abschied.
    Es waren viele Herren und Männer aus den Lagern in das böhmische Lager
gekommen, um Abschied zu nehmen, und böhmische Herren und Männer waren in andere
Lager geritten.
    Witiko ritt an diesem Tage, da der Gottesdienst geendet worden war, und die
Seinigen sich wieder in ihrem Lager versammelt hatten, zu allen Abteilungen
derselben, und dankte ihnen, wie er ihnen nach jedem Kampfe und nach dem Ende
jedes Krieges gedankt hatte. Als später die Nachricht von der Heimkehr
verkündiget worden war, teilte er unter seine Männer Geschenke aus, die er jetzt
austeilen konnte, und sagte ihnen, dass das andere in der Heimat ausgeteilt
werden würde. Dann gab er ihnen die Weisung, dass sie sich rüsteten, um sich
morgen dem Zuge anschliessen zu können. Die Männer begannen nun alles
vorzubereiten, dass bei dem Aufbruche kein Hindernis entstände. Jeder suchte auch
das, was er an Geschenken, an Beute oder sonst wie erworben hatte, in einen Sack
oder in Leder oder in ein Fell oder, was ihm zu Handen war, zu packen, damit es
leichter fortgebracht werden könnte.
    Witiko ritt nun zu seinem Schwiegervater Heinrich und zu Gebhart, um von
ihnen Abschied zu nehmen. Er ritt dann zu allen seinen Freunden in die
verschiedenen Lager. Heinrich und Gebhart und die Freunde kamen dann auch zu
ihm. Es wurden vielerlei Erinnerungsgaben ausgetauscht.
    Dann bereiteten seine Männer das Abendmahl, und dann war die Nachtruhe des
Lagers.
    Als noch die Sterne an dem Himmel glänzten, ertönten die Hörner in dem
böhmischen Lager, es ertönten die Pauken der Reiter, und es ertönten dann die
Bockhörner in dem Lager Witikos. Und als das erste Licht des Tages den
Morgenhimmel säumte, stand das böhmische Heer in Zugsbereitschaft.
    Der Bischof Daniel war mit seinen Priestern und seinen Männern herbei
gekommen. Er segnete das Heer, man rief sich noch einmal Abschiedsgrüsse zu, und
der Zug setzte sich in Bewegung.
    Mit dem Bischofe Daniel waren einige Männer des böhmischen Heeres in Italien
zurückgeblieben. Unter ihnen war auch Sifrid von Milnet.
    Der Zug des Königs Wladislaw ging von Mailand nach Brescia, von Brescia nach
Verona, dann dem Etschflusse entgegen, dann durch Baiern, und dann durch den
böhmischen Wald in die Fluren des eigenen Landes.
    Dort lief das Volk in dichten Scharen an die Wege des Heeres, und staunte
die Männer an, die so weit gewesen waren, und so Wunderbares getan hatten, wie
durch die Boten aus Italien und durch Wanderer gemeldet worden ist. Es rief dem
Heere zu, warf ihm Zweige, Bänder, Zieraten und andere Dinge zu, und sang ihm
Lieder. Die Männer antworteten auf den Ruf, grüssten, und zogen singend weiter.
    Es kamen Zupane, Lechen und Ritter mit Männern herzu, und geleiteten den
König bis nach Prag.
    Am zweiundzwanzigsten Tage des Herbstmonates kam das Heer auf dem Pilsener
Wege nach Prag.
    Eine ungemein grosse Anzahl von Menschen ging dem Heere entgegen. Es waren
Bewohner der Stadt Prag, es waren Leute, die aus allen Teilen des Landes herein
gekommen waren. Sie warfen Zweige auf den Weg, und warfen dem Könige und den
Führern Blumen, die die Jahreszeit noch spendete, und gewundene Kränze entgegen,
und riefen ihnen und allen Kriegern Lob und Preis zu, und geleiteten das Heer in
die Stadt. Die Stadt und die beiden Burgflecken waren geschmückt. Von den Türmen
der Kirchen weheten Banner, auf Mauern und Häusern waren Banner, von den
Fenstern hingen kostbare Stoffe, Gewinde verzierten Häuser und Wege, Blumen und
Kräuter waren auf den Boden gestreut. Wsebor, Preda und alle alten Lechen hatten
sich in Prag versammelt, und standen nun mit der Königin, den Priestern, den
Nonnen, den Herren des Hofes, den Kmeten, vielen Rittern und Herren, den
Vornehmsten der Stadt und unzähligem Volke vor dem Tore. Sie empfingen den
König. Alle riefen dem Könige und dem Heere entgegen, und solche, welche heftig
gegen den italienischen Zug geredet hatten, liessen Freudenrufe über den Ruhm der
böhmischen Waffen erschallen. Als der König unter das Tor einritt, ertönten die
Glocken auf den Kirchen der Stadt, und es ertönten alle Glocken der beiden
Burgflecken. Der Propst von Prag gab den Segen, und man geleitete den König und
das Heer die Stadt empor. Wladislaw ging zuerst mit der Königin, mit Diepold,
mit den Priestern, den Lechen und Führern in die Kirche des heiligen Veit und
dann in den Königshof.
    Das Heer errichtete auf dem Marktplatze zwischen dem rechten Burgflecken und
dem Wysehrad ein Lager.
    Am andern Tage war in dem Lager ein feierlicher Gottesdienst. Dann wurde das
Heer von dem Könige und den Bewohnern von Prag und der Burgflecken bewirtet.
    Und sieben Tage wurde das Heer bewirtet, und sehr viele Menschen kamen zu
ihm, und brachten Geschenke, und redeten mit den Kriegern, und priesen sie, und
liessen sich von ihnen erzählen.
    Indessen teilte Wladislaw die Belohnungen des Zuges aus. Seine Männer waren
reichlich mit Gold und Silber, mit Waffen und Pferden, mit Gewändern und
kostbaren Dingen bedacht. Viele erhielten auch eine Begabung mit Land, darunter
Witiko war.
    Dann dankte er allen noch einmal, und entliess das Heer.
    Die Männer nahmen nun Abschied von einander, Hohe und Niedere, sie weinten
Tränen, gaben sich Erinnerungszeichen, und versprachen, wieder zusammen zu
kommen. Weiber brachten ihre Kinder herzu. Die Väter küssten die Kinder, und wer
kein Weib und kein Kind hatte, nahm doch ein Kind auf den Arm, und küsste es. Und
weil sie nun erkannten, dass die, welche die Heimat nicht wieder gesehen hatten,
nicht viele sind, so war ihnen das ein Trost, sie freuten sich darüber, und
gingen von Prag den Fluren ihrer Angehörigen zu.
    Witiko führt seine Männer gegen den mittäglichen Wald des Landes, und Rowno
und Diet und Osel und die andern folgten mit den ihrigen seinem Zuge.
    Er führte sie wieder wie in frühern Zeiten nach Plan. Eine weit grössere Zahl
von Menschen war zusammen gekommen, um die Männer zu begrüssen, als bei den
sonstigen Zügen, weil von allen Stellen des Waldes Leute herzu gekommen waren.
Sie verwunderten sich, dass die Männer gar so braune Angesichter bekommen hatten.
Sie riefen ihnen zu, und konnten mit dem Rufen kaum enden. Und die Männer waren
freudiger und fröhlicher, weil sie nicht ein blosses Übel von sich abgewendet
hatten, sondern weil sie in dem fernen Lande bei dem Kaiser gewesen waren, und
die Geschicke der ganzen Welt entscheiden geholfen hatten. Der Pfarrer von Plan
gab wieder seinen Segen, Witiko dankte den Leuten, und entliess sie. Die Männer
aber sagten, die Schar wolle Witiko in seine Burg geleiten.
    Und so ging der Zug an dem nämlichen Tage noch nach Friedberg. Eine grosse
Menschenmenge ging den ganzen Weg mit. Die alte Susanna von der untern Moldau
stimmte Waldlieder an, und die alte Willbirg rief, wenn es stille ward, Sprüche.
Sie rief: »Ich habe es gesagt, dass Zeichen gewesen sind, und es sind wieder
Zeichen gekommen, wir brauchen nicht mehr den alten Wossic von Wodnian und den
alten Lubomir von Daudleb, wir haben jetzt einen, der mehr ist als Wossic und
Lubomir.«
    Bei Friedberg zogen die Mädchen rote Bänder über den Weg, und die Krieger
mussten sich durch Geschenke aus der Fremde loskaufen.
    In Friedberg wurde die Schar von dem Pfarrer und den Vorstehern und von den
Menschen, die herbei gekommen waren, mit Freudenrufen empfangen, und der Pfarrer
segnete sie.
    Witiko dankte noch einmal allen, sie riefen ihm Dank entgegen, Wenhart
sprach dann für alle, und hierauf zerstreuten sie sich. Ein Teil machte ein
Lager, ein anderer Teil suchte noch die Heimat zu gewinnen.
    Witiko ritt mit den Seinigen gegen die Burg hinan. Viele Krieger und andere
Menschen geleiteten ihn.
    Vor der Burg waren Berta, Wentila und Hiltrut mit den Frauen, Mädchen,
Dienern und Dienerinnen, es waren Benno, und es waren die Männer der Burg.
    Sie riefen den Gruss entgegen, und Witiko grüsste mit seinem Schwerte.
    Dann stieg er von dem Pferde. Berta reichte ihm die Hand, Wentila umschlang
ihn, und die Base rief: »Witiko, Witiko, du bist mit deinem Pferde durch das
fürchterliche Wasser geschwommen.«
    »Es war leicht«, sagte Witiko, »ich wusste, dass mein Pferd hinüber schwimmen
wird.«
    Dann gingen alle in die Burg, und die Krieger zogen hinter ihnen ein.
    Berta führte Witiko an der Hand in die Kammer der Kinder. Witiko küsste sie,
dann schlossen sich Berta und Witiko in die Arme, und küssten sich auf den Mund.
    »Berta, ich bringe dir den Gruss deines Vaters, er ist gesund, und wird bald
zurückkehren«, sagte Witiko.
    »Ich danke dir für diese Nachricht, Witiko«, sagte Berta.
    Die Männer der Burg suchten indessen die Pferde und die Habe und alles, was
auf den Säumern gebracht worden war, in die Burg zu schaffen. Für manche Krieger
wurde in der Burg eine Wohnung bereitet, für die andern begann man Gezelte zu
errichten.
    Berta und Witiko gingen auf den Söller, und grüssten gegen die Menschen, die
vor der Burg waren, hinunter. Die Menschen riefen Grüsse hinauf.
    Dann liess Witiko Nahrung und Getränke hinausschaffen, die Menschen
erquickten sich, und zerstreuten sich dann.
    Dann ging Witiko mit den Seinigen und manchem seiner Männer in die
Burgstube, und sie sprachen dort mit einander.
    Dann war das Mahl, und dann die Nachtruhe.
    Am andern Tage war ein feierlicher Gottesdienst in der Burg. Nach demselben
dankte Witiko seinen Männern, gab ihnen Geschenke, die nur für sie bestimmt
waren, und es zogen hierauf die, welche nicht in die Burg gehörten, ihren
Wohnstätten zu, die in die Burg gehörten, traten wieder in ihre Dienste.
    Hierauf belohnte Witiko Beda und die Männer, die unter ihm gewesen waren,
für die treue Hut der Burg. Diejenigen von ihnen, die nicht in der Burg wohnten,
gingen in ihre Heimat.
    Nach einer Woche versammelte Witiko auf der Stelle an der Moldau, auf
welcher die Kampfspiele nach seiner Vermählung gewesen waren, alle seine Krieger
des Mailänderzuges, und es war wieder ein Fest, wie es nach dem mährischen
Kriege bei Plan gewesen war. Es war ein feierlicher Gottesdienst unter dem
offenen Himmel, es geschah dann die grosse Danksagung an die Krieger, dann war
ein Mahl, und dann waren Gespräche und Tänze und Spiele und Lieder und
Erlustigungen. Die vielen Menschen, die ausser den Kriegern zugegen waren,
erfreuten sich wie damals der Dinge. An dem nächsten Tage war die Verteilung
alles dessen, was ausser den Geschenken, die die Männer von Wladislaw erhalten
hatten, ihnen nach dem Sinne Witikos aus dem Mailänderzuge noch zukam.
    In der Zeit, die nun folgte, besorgte Witiko wieder seine Angelegenheiten,
wie er sie vor dem Kriege besorgt hatte. Insbesonders suchte er sein neues Land
nach der herkömmlichen Weise mit dem alten in Verbindung zu bringen. An Abenden,
wenn sie in der Burgstube sassen, und wenn auch der eine oder der andere Mann aus
der Umgegend zu ihnen gekommen war, erzählte er von dem Kriegszuge, und wie es
in Italien ist, und was sich sonst dort ereignet hatte.
    »Wenn mir Gott mein Leben nur so lange fristete«, sagte Benno, »dass ich auch
die Taten dieses Kaisers aufschreiben könnte. Dieser Kaiser wird noch viele
Taten tun.«
    Und die Männer der Burg, die mit Witiko gewesen waren, erzählten auch von
den Dingen in Italien, und die daheim geblieben waren, hörten ihnen zu, und
fragten, und verlangten immer wieder Erzählungen.
    Wolf erzählte unaufhörlich, und wenn man das Pferd, welches er gebracht
hatte, und welches ihm Witiko ernährte lobte, sagte er: »Mein Herr hat mich nie
auf ein schönes Pferd steigen lassen, jetzt habe ich ein so schönes Pferd, wie
die seinigen sind, und ich reite darauf mit mehr Geschick, als ihr auf euern
langhaarigen Tieren reitet, und ich reite nach der neuen Art, und ich bin auf
dem Pferde geritten, als wir die Welschen an dem Wasser, da wir noch ganz nass
waren, besiegt hatten, und als wir sie dann wieder besiegt hatten, und als wir
sie immer besiegt hatten, und als wir in dem Lande hin und her zogen, und als
wir mit den Pferden über den Zaun des Lagers jenes Herzogs sprangen, auf den die
Welschen aus der grossen Stadt Mailand heraus gekommen waren. Wenn ich nicht so
herum geritten wäre, woher hätte ich denn die schönen Sachen und das schöne
Gewand, und wenn nicht alle herum geritten wären, woher hätte denn Witiko den
Reichtum und das Land, das ihm der König gegeben hat? Das wird in der Schlacht
gewonnen. Und wenn ich euch von den Männern sage, die durch den Addastrom
geschwommen sind, so ist unter allen böhmischen Männern nur einer, der gleich
nach einander dreimal durch den Strom geschwommen ist.«
    Huldrik war bei allen Erzählungen, und er sprach: »Ich habe gesagt, Witiko
wird aus Italien die Rose bringen, und er wird sie einmal erst recht bringen.«
    Und die andern Krieger des ganzen Waldes erzählten auch von Italien und von
Mailand, und von dem Kriege, und bald war es so, dass die alten Frauen und die
Mädchen und die Kinder des Waldes von Italien und Mailand redeten.
    Als der König Wladislaw das Lager des Kaisers verlassen hatte, zog der
Kaiser auch sogleich mit seinem Hofgeleite nach dem Orte Bolzano, und ging dann
mit seinem Heere nach Monza.
    Der grosse Reichstag wurde auf den eilften Tag des Monates November auf die
roncalischen Felder ausgeschrieben. Von Monza zog der Kaiser nach Trezzo,
welches wohlbefestigt worden war, und in welches der Kaiser seine Schätze
niederlegte. Dann ging er nach Brescia, Lodi, Cremona und Ferrara, dann wieder
nach Mantua, Verona und in andere Städte, um zu ordnen, was überall zu ordnen
war.
    Indessen kam die Zeit zum Reichstage. Der Kaiser hatte alle italienischen
Kirchenherren und die Fürsten und die Herren der lombardischen Städte dazu
berufen, er hatte die vier vorzüglichsten Rechtsgelehrten Italiens aus der Stadt
Bologna berufen: Bulgarus, Jacobus Hugolinus, Martinus Josias und Hugo de Porta
Ravennate. Er zog im Geleite der deutschen Erzbischöfe, Bischöfe, Herzoge,
Fürsten und Herren nach den roncalischen Feldern. Es kamen die italienischen
Erzbischöfe und Bischöfe, viele italienische Herzoge, Markgrafen, Grafen und
Ritter und die Konsuln der lombardischen Städte, und es kamen die
Rechtsgelehrten.
    Auf der grossen Ebene wurde ein Lager errichtet. In der Mitte stand das
schöne Gezelt des Kaisers. Dann standen die Gezelte der Herzoge und Fürsten je
nach ihrer Würde entfernt. Die Deutschen lagerten auf der linken Seite des Po,
die Welschen auf der rechten. Zwischen beiden Lagern war eine Brücke. Die
Kaufherren, die Handwerker, die Künstler, die Nahrungsfrachter und ähnliche
Leute hatten ein eigenes Lager. Ausserhalb der Lager war eine grosse Menge Volkes.
    Der Reichstag wurde begonnen.
    Der Kaiser sagte zu den Rechtsgelehrten, sie möchten erklären, was in
Hinsicht der Dinge zwischen dem lombardischen Könige und seinen Untertanen
Rechtens sei.
    Die Rechtsgelehrten aber antworteten, sie könnten ihre Untersuchungen nicht
ohne die Richter der lombardischen Städte machen.
    Der Kaiser wählte aus jeder von vierzehn lombardischen Städten zwei Richter,
und befahl ihnen, zu kommen.
    Sie kamen, und fingen mit den Rechtsgelehrten die Beratungen an.
    Der Kaiser hielt sich von diesen Beratungen ferne. Er versammelte aber
Bischöfe, darunter Daniel war, und Herren, die zu seinem Rate gehörten, und
verhandelte mit ihnen über die Ruhe der Kirche und über königliche Gerechtsame,
die nach und nach vergessen worden waren.
    Als die Beratungen der Rechtsgelehrten geendiget waren, hielt der Kaiser
wieder eine allgemeine Versammlung. Er sass auf einem erhöheten Platze, und
sprach von demselben: »Durch die Gnade Gottes habe ich die Herrschaft erlangt,
und durch sie ist mir aufgetragen, die Guten zu schützen, die Bösen zu zügeln
und zu strafen. Ich habe durch den Krieg die Strafe vollzogen, jetzt muss ich im
Frieden durch die Gesetze auch den Schutz vollführen. Kein Herrscher darf tun,
was er nur immer will, er muss herrschen, dass jedem sein Recht unverkürzt
verbleibt, dem Untertane und dem Könige. Das Recht der Untertanen zu den
Untertanen ist durch die Bemühungen der Könige, der Richter, der Lehrer und
durch die Anwendung geordnet, und niemand bestreitet es; die Rechte zwischen dem
Könige und den Untertanen sind oft dunkel, und bedürfen der Erhellung und der
Bekräftigung. Nach der Erhellung haben wir durch Untersuchungen gestrebt, die
Bekräftigung werden wir durch die Verkündigung und durch die Beschwörung
erlangen. Dann wird nicht mehr über die Gesetze allerlei geredet, sondern nach
ihnen gehandelt werden.«
    Es entstand ein grosser Beifall über die Worte des Kaisers.
    Dann erhob sich von den Welschen nach ihrer Art einer nach dem andern, um
eine Rede zu halten, in der er den Kaiser ehrte, oder seine Redegabe zeigte.
Zuerst redeten die Bischöfe, dann die Herren, dann die Konsuln und Abgesandten
der Städte.
    Zuletzt sprach der Erzbischof von Mailand: »Alles Recht der Gesetzgebung ist
von dem Volke an dich, erhabener Kaiser, übertragen worden. Was immer der Kaiser
durch einen Brief festgesetzt hat, oder in seiner Kenntnis verordnet hat, oder
durch einen Erlass vorgeschrieben hat, das ist, so besteht es, ein Gesetz. Wem
die Last eines Dinges zukömmt, dem muss auch der Nutzen zukommen, und da du,
erhabener Kaiser, alle schützen musst, so darfst du auch alle beherrschen.«
    Die Reden dauerten bis in die Nacht.
    Dann wurde das, was über die Rechte und Pflichten der Könige und über die
Rechte und Pflichten der Untertanen aus den Untersuchungen nach den jetzigen
Dingen und nach den Dingen aus der Zeit des Kaisers Karl und nach den Dingen aus
der Zeit der alten römischen Kaiser hervorgegangen war, verkündiget, und zu
Recht beschworen.
    Die Abgesandten der Stadt Mailand leisteten auch den Schwur.
    An dem folgenden Tage hielt der Kaiser nach altem Brauche Gericht, und es
kamen so viele Klagen, dass noch Richter bestellt werden mussten. Und es wurden
die Sachen der Armen, der Herren und der Städte entschieden.
    Und da alles geordnet war, wurde der Reichstag geschlossen, und die
deutschen Fürsten und Herren und auch die italienischen hatten Freude über die
Dinge, die geschehen waren.
    Der Kaiser brachte auch noch die Stadt Genua, welche den roncalischen
Beschlüssen nicht beigetreten war, zum Treuschwure, und sandte dann Abgeordnete
in die lombardischen Städte, um dort die Obrigkeiten einzusetzen, wie es auf dem
Reichstage auf den roncalischen Feldern beschworen worden war. Die Abgeordneten
waren: Daniel, der Bischof von Prag, Reinald, der Kanzler, Hermann, der Bischof
von Verden, Otto, der Pfalzgraf von Regensburg, und Guido, der Graf von
Biandrate. Sie setzten in den Städten Pavia, Piacenza, Cremona, Lodi und in
anderen die Vorsteher ein.
    Am Anfange des Monates Jänner kamen sie nach Mailand; allein die Mailänder
weigerten sich, dass ihnen der Kaiser ihre Vorsteher einsetze, und wilde Haufen
des Volkes bedrohten das Leben der Abgeordneten des Kaisers. Sie waren von den
Männern Martinanus Malaopera, Azo Bultrafus, und Castellus von Ermenulfis
geführt. Die Abgeordneten wehrten durch Verrammlungen das Eindringen zu ihnen
ab; aber durch die Fenster wurden Steine geworfen. Und in der nächsten Nacht
entfloh Otto, und in der folgenden entflohen die andern. Sie berichteten alles
dem Kaiser.
    Der Kaiser hielt am zweiten Tage des Monates Hornung einen feierlichen
Hoftag, auf welchem auch Gesandte von Frankreich und von Griechenland und von
Ungarn waren, die ihm ihre Ehrfurcht bezeugten. Die ungarischen Gesandten
erklärten dem Kaiser, dass ihr König wegen des Wunsches Wladislaws, des Königs
von Böhmen, noch mehr Hilfsvölker senden wolle, als er früher gesendet habe. Der
Kaiser stellte den Fürsten das Benehmen Mailands vor, und sprach: »Wilde Völker
achten das Recht der Gesandtschaften, Mailand nicht, meine und eure Ehre ist
befleckt, viele haben das Verbrechen begangen, an vielen muss es gestraft
werden.«
    Die Fürsten stimmten den Worten des Kaisers bei.
    Der Bischof von Piacenza sagte, es gezieme sich aber doch, dass man auch die
Mailänder höre.
    »Sie sollen gehört werden«, sagte der Kaiser.
    Die Mailänder wurden vorgeladen, und sie schickten Abgesandte.
    Diese sagten, die Mailänder wollen dem Kaiser volle Genugtuung geben. Als
Tag hiezu wurde der neunzehnte Tag des Monates April bestimmt. Den kaiserlichen
Städten schwuren die Mailänder Frieden.
    Nach dieser Zeit aber schloss Mailand mit Brescia, Piacenza und Bologna einen
Bund.
    Als der Kaiser das Osterfest zu Modena feierte, und am Osterdienstage den
Waffenspielen zusah, kam die Nachricht, dass die Mailänder die Veste des Kaisers,
Trezzo, belagerten. Die Spiele hörten auf, alle rüsteten sich, und bei dem
ersten Lichte des nächsten Tages begann der Zug gegen Trezzo. Aber auf dem Wege
begegnete dem Heere ein Bote, welcher sagte, dass Trezzo von den Mailändern
erobert worden ist, und dass sie alle Schätze weggenommen haben. Der Kaiser zog
nun nach Bologna, und belegte dort die Stadt Mailand mit dem Banne. Dann ging er
nach Lodi, ein Heer zu sammeln. Er befahl allen Städten Italiens, Hilfsmänner zu
dem Kampfe gegen Mailand zu stellen. Dann ging er wieder nach Bologna, um die
Seinigen gegen Mailand zu führen.
    Am siebzehnten Tage des Monates Mai kamen sie nach Melegnano, und am
nächsten Tage vor Mailand. Hier wurden nun weitin ringsherum alle Saaten und
Weinpflanzungen zerstört, die Ölbäume und Fruchtbäume wurden umgehauen, Häuser,
Dörfer, Flecken, Burgen, Vesten wurden verbrannt.
    Eine Belagerung unternahm der Kaiser aber nicht, weil sein Heer noch zu
klein war.
    Er zog im Monate Juni gegen den Mittag Italiens, um manche widerspenstige
Städte zur Pflicht zu führen, oder zu strafen. Er belagerte Crema, und die
Belagerung dieser Stadt dauerte von dem Heumonate bis zum fünfundzwanzigsten
Tage des Monates Jänner des folgenden Jahres. An diesem Tage beschlossen die
Bewohner von Crema die Übergabe der Stadt. Die Verhandlungen führte Peregrin,
der Patriarch von Aglei, und der Vetter des Kaisers, Heinrich, der Herzog von
Sachsen und Baiern. Am siebenundzwanzigsten Tage des Monates Jänner wurde die
Stadt übergeben, und dann zerstört.
    Die Mailänder suchten denen von Crema während der Belagerung Hilfe zu
leisten, indem sie kaiserliche Städte angriffen; aber sie erlitten zwei Male
durch Scharen des Kaisers schwere Niederlagen.
    Weil die deutschen Fürsten schon lange über ihre Zeit auf dem Kriegsfelde
waren, und weil die lombardischen Länder durch die Heere schon so gelitten
hatten, dass der Bedarf nur mehr schwer geschafft werden konnte, so entliess der
Kaiser die, welche es wollten, im Frühlinge mit reichen Geschenken. Sie
versprachen in einem Jahre mit ausreichender Hilfe wieder zu kommen.
    In der Zeit waren nun verschiedene Kämpfe der kaiserlichen Scharen mit den
Mailändern an verschiedenen Stellen des Landes.
    Der Kaiser erliess hierauf die Ladungen an die deutschen Fürsten, dass sie in
dem nächsten Frühlinge zur Vollendung des Werkes kommen möchten.
    Und die Fürsten begannen im Frühlinge ihren Zug nach Italien.
    Wladislaw, der König von Böhmen, sandte seinen Bruder Diepold und seinen
Sohn Friedrich mit einer auserlesenen Hilfsschar.
    Witiko war mit jenen Waldleuten, die mit ihm in dem vorigen Kriege waren,
nun zum zweiten Male bei dem Zuge nach Italien.
    Als die geladenen Männer allgemach angekommen waren, schloss der Kaiser die
Stadt Mailand ein. Die Mailänder kamen oft aus der Stadt hervor, und begannen
tapfere Kämpfe gegen den Kaiser; aber sie konnten wie in dem ersten Kriege die
Einschliessung nicht brechen.
    Der Kaiser errichtete auch ein Winterlager in Lodi, befestigte mehrere
Schlösser, um das Einbringen von Nahrung in die Stadt Mailand zu hemmen. Er
setzte für die, welche es taten, und überwiesen wurden, das Abhauen der Hände
zur Strafe, und bestimmte ihren Angebern Belohnungen.
    So wurde in Mailand die Not sehr gross, und Angst und Hoffnungslosigkeit und
Zorn und Streit kam in die Gemüter. Der Erzbischof, welcher auf den roncalischen
Feldern so unterwürfige Worte gegen den Kaiser gesprochen hatte, jetzt aber der
eifrigste Kämpfer gegen ihn war, musste vor dem Volke entfliehen. Und sie
schickten Abgeordnete an den Kaiser, welche sagten, Mailand wolle seine
Befestigungen niederreissen, es wolle alle seine Bündnisse lösen, es wolle dem
Kaiser eine Burg bauen, es wolle ihm alle Hoheit übergeben, es wolle sich von
ihm Obrigkeiten setzen lassen, es wolle ihm eine grosse Summe zahlen und für
alles dreihundert Geiseln auf drei Jahre stellen, wenn er den Frieden gewähre.
    Der Kaiser sagte: »Es stimmt mein Rat mit mir überein, dass ihr euch
unbedingt unterwerfen müsst.«
    Und nun verging wieder eine Zeit.
    Da kamen an den ersten Tagen des Monates März des Jahres 1162 die Konsuln
und die Vornehmen der Stadt Mailand in das Lager des Kaisers, knieten vor ihm
und der Versammlung der Fürsten nieder, und schwuren, dass sie sich ohne
Bedingung und ohne Vorbehalt unterwerfen, und dass sie den nämlichen Schwur von
allen Mailändern bewirken wollen.
    Nach drei Tagen kamen dreihundert ausgewählte Männer aus der Stadt in das
Lager des Kaisers, und übergaben ihm die Schlüssel aller Tore, und übergaben ihm
die sechsunddreissig Vorbanner der Stadt, und schwuren, wie die vor drei Tagen
geschworen hatten.
    Und wieder nach drei Tagen kam das ganze Volk. Es war in hundert Scharen
abgeteilt. Sie hatten Stricke um den Hals, Asche auf dem Haupte, und Kreuze in
den Händen. Sie brachten das Carrocio, das höchste Feldzeichen der Stadt. Es war
ein Mastenbanner, das von einem eisernen Rüstwagen emporragte, und auf der
Spitze das Kreuz und das Bildnis des heiligen Ambrosius trug. Das Carrocio wurde
zertrümmert. Dann warf sich das Volk auf die Erde, und bat im Namen des
Heilandes um Erbarmen.
    Der Kanzler Reinald las ihnen die Unterwerfungsurkunde vor, und sie nahmen
dieselbe an.
    Dann sagte der Kaiser: »Ich schenke euch das Leben, das ihr verwirkt habt;
aber ich werde sorgen, dass ihr eure Verbrechen nicht wieder begehen könnt.«
    Das Volk durfte sich erheben und in die Stadt zurückkehren.
    Dann leistete es vor zwölf Männern, die der Kaiser aus Deutschen und
Italienern bestimmt hatte, den Unterwerfungseid, und musste vierhundert Geiseln
stellen.
    Hierauf hielt der Kaiser in Pavia eine grosse Versammlung ab, damit das
Schicksal der Stadt Mailand entschieden werde. Die Versammlung untersuchte die
Lage der jetzigen Dinge, und untersuchte den Gang alles dessen, was geschehen
ist, und machte die Entscheidung. Die Konsuln der Stadt Mailand wurden
vorgeladen, dass ihnen der Spruch verkündiget werde. Der Spruch lautete: »Mailand
soll wüst und leer sein, alle, die darin gewohnt haben, verlassen es in acht
Tagen, und bauen sich an vier Stätten, die eine Meile von einander entfernt
sind, neue Wohnungen.«
    Dann ging der Kaiser wieder gegen Mailand, und zog am sechsundzwanzigsten
Tage des Monates März durch eine Öffnung, welche man in die Mauern gerissen
hatte, in die Stadt ein. Darauf wurden die Befestigungen der Stadt zerstört. Der
Kirchen und der andern Gebäude schonte der Kaiser.
    Als dieses geschehen war, zog der Kaiser wieder nach Pavia, und feierte in
der Domkirche der Stadt ein grosses Dankfest.
    Nach demselben sagte er: »So ist vollbracht, was die Worte des seligen
Erzbischofes Anselm geraten hatten. Die Barmherzigkeit des Himmels wird es mir
verzeihen, dass ich in gutem Glauben früher nicht die Stadt Mailand, diesen Angel
aller Empörung und Kirchenspaltung, vertilgt habe. Die andern Städte werden
jetzt zu ihrer Pflicht kommen.«
    Es war nun ein grosses Mahl, zu welchem Herren, Gemeine und Fremde eingeladen
wurden. Der Kaiser Friedrich und die Kaiserin Beatrix trugen bei demselben ihre
Kronen auf den Häuptern.
    In der Zeit darauf unterwarfen sich die Städte Brescia, Imola, Faenza,
Bologna, Piacenza, und noch mehrere andere.
    Die Erzbischöfe, Bischöfe und Priester und die Fürsten und Herren und
Krieger brachten aus diesem Zuge Gebeine der Heiligen, geweihte Geräte, teure
Gefässe, Kleinodien und merkwürdige Gegenstände und Gold und Silber, Gewänder,
Waffen, Pferde und die verschiedensten Dinge in ihre Heimat.
    Diepold und Friedrich führten das böhmische Heer nach Prag. Der König
Wladislaw erstattete, wie er es immer nach den Kriegen tat, dem Heere seinen
Dank, er teilte die Beute aus, und belohnte sonst noch die Krieger, und sie
zogen wieder zu den Ihrigen.
    Witiko und die Waldleute wurden mit noch mehr Freude, mit noch mehr
Zusammenlauf des Volkes und mit noch mehr Zuruf empfangen als sonst, weil sie so
lange entfernt gewesen waren. Die Kriegsmänner gingen mit Freuden zu ihren
Angehörigen. Sie zeigten Dinge, die man nie gesehen hatte, deren Preiswürdigkeit
man gar nicht kannte, und deren Menge so gross war, wie man nie ein Gleiches
erfahren hatte. Und die Dankesfeier an der Moldau und die Austeilung war auch
grösser als jede frühere. Die Krieger teilten von dem, was sie hatten, an ihre
Sippen, an ihre Freunde, an ihre Bekannten und an ihre Heimatgenossen mit, und
machten Opfer in die Kirchen.
    Sie erzählten jetzt noch mehr von dem Lande Italien, als das erste Mal, weil
sie es nun viel besser kannten als früher.
    Der Schmied von Plan erzählte von der ausserordentlichen und weitgestreuten
Stadt Mailand, die sie zertrümmert haben. Sie sind jetzt in ihr gewesen, und da
sind wunderbare Kirchen und seltsame Türme und alte Bogen und unerhörte
Heiligengestalten. Er erzählte auch von anderen grossen Städten, in denen sie
gewesen sind. Da sind auch wundersame Kirchen und Steinbauwerke und Burgen der
Vornehmen, die mitten unter den Häusern stehen, und Dinge aus den Heidenzeiten.
Da sind uralte zerfallene Kirchen, so gross, wie ein ausgerundeter Berg, oben
offen, dass der Himmel hinein schaut, und viele tausend Steinbänke sind über
einander, und da haben sie vor mehreren tausend Jahren gespielt, wie sie im
Walde die Geburt Christi und die Engel und die Hirten und die heilige Jungfrau
Maria spielen. In dem Lande sind ungeheure Schätze; weil es heiss ist, wächst
dort das Gold. Und es sind Früchte da, die niemand gesehen hat, und die sich
niemand vorstellen kann.
    Und die andern Männer erzählten auch. Sie sagten, sie haben reden gehört,
dass Diepold viele Säcke auf Saumrosse geladen habe, und dass lauter Goldmünzen in
den Säcken gewesen seien. Und die Gebeine der Heiligen Drei Könige, der
makkabäischen Brüder und ihrer Mutter, des heiligen Celsus und anderer Heiligen
sind von Mailand fortgebracht worden. Und Diepold hat einen kirchlichen Leuchter
nach Prag gebracht, auf dem Wunder und Gestalten gearbeitet sind, die die
uralten Juden abgegossen haben, weil der Leuchter in der frühen Zeit in dem
Tempel des Königs Salomon gestanden ist.
    Tom Johannes redete darüber, was er getan hätte, wenn er in dem Lande
Italien gewesen wäre, und was der Kaiser und der König und die Erzbischöfe und
die andern Herren hätten tun sollen.
    Wolf sagte, sie wären alle gestorben, wenn Witiko nicht gesorgt hätte. Die
goldenen Äpfel mit dem süssen goldenen Safte und die rosenroten Feigen und die
Johannishörner und andere Dinge schaden sehr, wenn man zu viel isst. Witiko hat
sie davor bewahrt.
    Und aus diesem neuen Dinge, welches durch die Kriegsmänner in den Wald
gekommen war, entstanden bald Lieder, die gesungen und oft gesungen wurden.
    Witiko ging nun wieder an seine heimatlichen Geschäfte. Insbesonders suchte
er sein neues Waldland mit dem alten in eine immer gleichere Gebarung zu
bringen.
    Benno führte einen jungen Priester zu Witiko, welcher der Kapellan der Burg
wurde. Er selber war oft im Witikohause, oft in Pric, oft irgend wo anders, wie
er es für die Abfassung der Schicksale der deutschen Kaiser erspriesslich
erachtete.
    Die Base Hiltrut ging nach dem zweiten italienischen Zuge wieder nach
Landshut. Witiko kam mit den Seinigen zuweilen zu ihr. Als sie einmal auf dem
Wege dahin im Hauzenberge ihr Mittagmahl einnahmen, erkannte der nunmehr sehr
alte Wirt Witiko wieder, und rief seine Freude über dessen Gedeihen und Ansehen
aus.
    Huldrik war in dem Witikohause sehr rührig, und predigte seinen Jubel über
das, was geschehen war. Seine Gattin hatte ihm ein Söhnlein geboren, und
dasselbe durfte mit Witikos Söhnen reiten und Waffen führen lernen.
    Witiko wuchs in der Liebe und Neigung der Seinigen immer höher, er wurde oft
zu dem Könige gerufen, um bei seinem Rate und bei seinen Taten zu sein, er war
mit Berta und seiner Mutter dabei, als die steinerne Brücke, welche die Königin
Judit in Prag über die Moldau hatte bauen lassen, die feierliche kirchliche
Weihe erhielt, er wurde von Rowno, von Diet, von Osel, von Hermann, von Witislaw
und andern geachtet, Lubomir, der sehr alt wurde, achtete ihn sehr hoch, es
achteten ihn die Söhne Lubomirs, es achteten ihn Ctibor, Nemoy und alle, die in
der Nähe wohnten, und er war eine Ehre für den Stamm Jugelbach, für den Stamm
Aschach, für den Stamm Schauenberg, für den Stamm Dornberg und für den Stamm
Stauf.
    Er begann nicht weit von dem Witikohause eine Kirche in der deutschen Art
durch Eppo bauen zu lassen, und er gedachte der Mittel, ein Kloster in dem Walde
zu gründen.
    In den Zeiten, die nun nach und nach über die Wipfel des grünen Waldes dahin
gingen, wie Gutes und Schweres sie auch brachten, da sich manche teure Häupter
in die Grube legten, wurde er Zupan von Prachem, Heerführer, Gesandter und
oberster Truchsess des Königreiches Böhmen. Und wenn er in dem Witikohause
verweilte, kamen oft des Abends Männer in Lammspelzen zu ihm, und er sass mit
ihnen in Gesprächen in der Burgstube, wie er einst an der Leuchte des Häuschens
in Plan oder im Wangetschlage gesessen war.
    Berta sagte oft freundlich zu ihm: »Witiko, jetzt ist dir keiner gleich.«
    Er antwortete freundlich: »Es sind viele über mir; dir aber gleicht keine.«
    In dem Jahre 1184 beschloss der Kaiser Friedrich einen sehr grossen Reichstag
abzuhalten. Er wollte ein Fest feiern, weil der Streit im Reiche, der mit der
Kirche, und der in Italien geendet war. Er berief alle, die kommen wollten, auf
Pfingsten nach Mainz. Witiko fasste den Entschluss, diesen Reichstag zu besuchen.
Er lud den alten Benno ein, mit ihm zu gehen, dass er den Glanz des Kaisers
schaue.
    Er zog mit Benno, Berta, seinen Söhnen und einem schön geschmückten Geleite
von Pric gegen Mainz.
    Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte, Priester, Herzoge, Fürsten, Grafen, Ritter
waren da versammelt, es waren die fremden Gesandten da, die sich an dem
Kaiserhofe befanden, es waren Herren und Ritter aus den Ländern England,
Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn, Illyrien da. Die Zahl der Ritter, welche
in Geleiten oder für sich selber gekommen waren, war siebenzigtausend. Und
ungemein grosse Scharen des Volkes hatten sich eingefunden. Auf der Ebene an dem
Rheinstrome war eine schöne Pfalz für den Kaiser und eine Kirche erbaut worden.
Ringsherum standen die Wohnungen der Fürsten, die in Schmuck und Zierde einander
zu übertreffen suchten, und dann waren weitin die andern bunten Gezelte. Die
Nahrungsmittel wurden durch eine Menge von Schiffen auf dem Rheine gebracht, und
es waren eigene Häuser für sie errichtet. Alle, die gekommen waren, wurden von
dem Kaiser bewirtet.
    An dem ersten Pfingsttage war der Kirchenzug, es war das kirchliche Fest,
und es war ein Mahl. Man erschaute da die Erhabenheit des Kaisers, die
Holdseligkeit der Kaiserin, die Schönheit der Frauen, den Schimmer der Fürsten,
die Herrlichkeit der Ritter, den Strahlenglanz der Gewänder, der Waffen und der
Pferdeverzierungen. Bei der Kirchenfeier war die Heiligkeit und Pracht der
kirchlichen Geräte und Gewänder. Bei dem Mahle taten Herzoge und Markgrafen
Dienste bei dem Kaiser.
    Am andern Tage waren die ritterlichen Spiele. Der Kaiser nahm selber daran
Teil. Fürsten und Herren und Ritter in grosser Zahl zeigten ihre
Geschicklichkeit. Die Söhne des Kaisers, Heinrich und Friedrich, die schon an
Macht und Ehren reich waren, taten ihre ritterlichen Tugenden kund, und wurden
mit jeder gebührenden Feier zu Rittern geschlagen.
    In den folgenden Tagen waren auch noch andere Spiele und andere Ergötzungen.
    Die auf der Fiedel oder in Tönen des Erzes oder der Pfeifen erfahren waren,
liessen ihre Kunst vor dem Kaiser, vor der Kaiserin, vor den Frauen, vor den
Fürsten und Rittern erschallen, und ernteten den Dank. Die Männer aus dem
Geleite des Kaisers oder der Kirchenfürsten oder anderer Herren, welche schon
grosse heilige Bauwerke zum Dienste Gottes errichtet hatten, stellten Vorbilder
zu neuen Bauwerken auf, und wurden geehrt. Dann waren die Sänger, Ritter und
andere, die einzeln und abwechselnd ihre Worte und Weisen, oder zusammen singend
oder einzeln die Worte und Weisen früherer Dichter in die Herzen der Männer und
Frauen senkten. Sie wurden mit besonderen Ehren und Freuden geziert.
    Es sagten damals einige, es werde ein grosses Lied kommen, in welchem die
Treue der Männer gegen ihren König und die Treue des Königs gegen seine Männer
gepriesen werden wird.
    Heinrich von Oftering, der noch die blonden Haare trug, sprach: »Es kann
schon ein solches Lied kommen, das uns von alten Mären, von Helden voll der
Ehren, von Müh und Festlichkeiten, von kühner Ritter Streiten, von Weinen und
von Klagen, viel Wunders möge sagen.«
    Dann waren die, welche in Erz oder Stein oder Holz bilden konnten, oder die
Farbenwerke der Kirchen auf Glas oder auf Tafeln verstanden. Sie wiesen
Gestalten Gottes, des Heilandes, der Jungfrau, der Engel, der Heiligen oder
andere Weihedinge vor, und wurden mit hohen Ehren begabt.
    Und viele, die irgend ein Schauding hervorgebracht hatten, waren gekommen,
es vor die Augen zu stellen.
    Und was sich sonst an Tugend der Leibesübungen und der Waffen und der Tänze
und anderer Erlustigungen zeigte, wurde auch noch in Zierde und Sitte und Anmut
ausgeführt.
    Witiko kam mit manchen Fürsten und Herren zusammen, und gelangte auch vor
das Angesicht des Kaisers. Berta wurde von der Kaiserin in dem Kranze der
Frauen, die um sie waren, geehrt.
    Witiko und Berta kamen auf dem Reichstage zu ihren Sippen, und ihre Sippen
kamen zu ihnen.
    Der Ritter vom Kürenberge und Heinrich von Oftering und andere kamen zu
Witiko, und sassen in dem Gezelte bei dem Becher, und sagten und sangen von einer
noch grössern Vergangenheit, wie die Helden unverzagt in dem brennenden Saale
gekämpft hatten
    Witiko ging auch wieder zu ihnen.
    Es kamen auch seine andern Freunde aus Böhmen und Mähren, aus dem Lande
Österreich und aus andern deutschen Ländern zu ihm, und er kam zu ihnen.
    Witiko sah auf diesem Reichstage auch Sifrid von Milnet der ein Reiterführer
geworden war. Er hatte den goldenen Gürtel und die Reigerfeder.
    Als der Reichstag geschlossen worden war, zogen Hohe und Niedere erfreuten
Herzens über das, was sie erlebt hatten, von dannen. Weitin wurde von den
ausserordentlichen Festen in Mainz erzählt, und es entstanden Lieder darüber, die
in Deutschland gesungen wurden.
    Witiko zog mit den Seinigen und Benno zuerst in die Burg Schauenberg, und
dann in seine Waldburg.
    Er hatte in späteren Jahren noch eine grosse Freude, als sein Sohn Witiko auf
dem Fels der krummen Au, die nun zu Witikos Stamme gehörte, eine Burg zu bauen
begann.
 
    