
        
                                  Fanny Lewald
                          Von Geschlecht zu Geschlecht
                                 Erste Abteilung
                                  Der Freiherr
                                   Erstes Buch
                                 Erstes Capitel
Die Herrschaft Richten war eine der reichsten Besitzungen in der Monarchie, und
die Freiherren von Arten, denen sie gehörte, eines der ältesten Geschlechter des
inländischen Adels. Sie waren am Hofe wohlgelitten, in der Provinz, in welcher
ihre Besitzungen lagen, geachtet und beliebt, und jene ruhige Vornehmheit,
welche die alten Geschlechter kennzeichnete, hatte in den Freiherren von Arten
stets ihre würdigsten Vertreter gefunden.
    Es war damals aber auch das goldene Zeitalter für den Adel. Die
Standesunterschiede wurden in der Gesellschaft noch aufrecht erhalten, und
hatten doch aufgehört, eine Schranke für den Edelmann zu sein, wenn er geneigt
war, sich gelegentlich über dieselbe fortzusetzen. Sie schützten ihn, ohne ihn
zu hindern. Die Vorrechte des Adels waren gross im Staate, seine Pflichten und
Lasten für das Allgemeine sehr gering. Der Grundbesitz war fast ausschliesslich
in seinen Händen, und man hatte trotzdem bereits angefangen, die Güter
gewerblich zu benutzen und ihren Ertrag dadurch zu erhöhen. In den
Fürstenschlössern, in den Richter-Collegien, in der Verwaltung und im Militär,
überall herrschte der Adel vor, und daneben hatte er sich vielfach eine Bildung
erworben, die zu besitzen er stolz war. Er hatte sich den Gelehrten, den
Schriftstellern, den Künstlern und Dichtern genähert und befreundet, da er
selbst bedeutende Menschen und schöne Talente in seinen Reihen zählte, und
während man sich auf diese Art völlige Freiheit für jedes Streben und Tun zu
sichern verstand, wagten die bürgerlichen Klassen es noch nicht, dem Adel die
Vorrechte streitig zu machen, welche er sich angeeignet hatte und nun seit
Jahrhunderten besass.
    Kamen diese Glücksgüter und Privilegien rohen Naturen in die Hände, so boten
die eigene Gerichtsbarkeit und die teilweise noch zu Recht bestehende
Leibeigenschaft den Gutsherren die Mittel zu einer Tyrannei, unter welcher das
Land und die Leute schwer zu leiden hatten; und Selbstsucht und Willkür auf der
einen Seite erzeugten dann auf der anderen einen Hass und eine Aufsässigkeit, die
um so erbitterter wurden und um so tiefer wurzelten, je weniger sie sich kund zu
geben vermochten. Gelangten aber wohlwollende und gebildete Edelleute zu dem
Gebrauch solcher aristokratischen Rechte und Macht, so bildete sich durch ihren
vorsorglichen und mässigen Gebrauch zwischen der Gutsherrschaft und ihren Hörigen
ein Verhältnis des Schutzes und der anhänglichen Dankbarkeit heran, welches in
den Edelleuten das Gefühl einer gewissen Souverainetät entstehen liess und ihnen
neben dem Bewusstsein ihrer grossen persönlichen Freiheit eine würdevolle
Herablassung verlieh, die sie beliebt und dadurch liebenswürdig machte.
    Der Freiherr Franz von Arten, welcher die Herrschaft Richten zu Ende der
achtziger Jahre im vorigen Jahrhundert besass, war in diesem Sinne das Musterbild
eines Edelmannes. Er hatte eine vortreffliche Erziehung genossen, hatte viele
Jahre seiner Jugend auf Reisen zugebracht, lange und mit grossem Erfolge an den
verschiedenen Höfen von Europa verweilt, und sich dadurch jene weltmännische
Gewandteit zu eigen gemacht, welche ihm den Anspruch gab, unter seinen
Standesgenossen für einen vollkommenen Cavalier zu gelten. Aber neben den
leichten, gefälligen Formen hatte er, wie die Richtung jener Zeit es eben mit
sich brachte, sich auch eine schönwissenschaftliche und künstlerische Bildung
erworben, und Schloss Richten, das von seiner mässigen Höhe weitin über das
rundum flache Land bis zu den fernen Gebirgen hinabsah, zeigte in seinem Äußern
wie in seiner inneren Einrichtung, dass es von einem eben so prachtliebenden als
gebildeten Edelmanne bewohnt werde.
    So lange sein Vater lebte, hatte der Baron sich trotz aller Vorstellungen
desselben nicht zur Ehe überreden lassen. Er fühlte sich nach den Erfahrungen,
welche er bei den Frauen gemacht hatte, nicht geneigt, seine Zufriedenheit und
seine Zukunft weiblichen Händen dauernd anzuvertrauen, und erst das Ableben
seines Vaters, das den Baron als den letzten Arten von der Linie Richten antraf,
brachte ihm mit der Pflicht, für das Fortbestehen seines Stammes zu sorgen, den
Entschluss, sich zu vermählen.
    Der Baron war damals in der Mitte seiner vierziger Jahre und ein schöner
Mann. Hätte er bis dahin weniger Erfolg bei den Frauen gehabt, so würde er
vielleicht in diesem Alter noch das Verlangen gefühlt haben, eine Heirat zu
schliessen, an welcher das Herz lebhaften Anteil genommen. Er hatte aber viel
geliebt und zweifelte gar nicht daran, Neigung zu erwecken, wo er solche
anzuregen und zu gewinnen wünschte. Er schritt daher sehr kaltblütig zu einer
Wahl und hielt sich bei derselben nicht eben lange auf.
    Nächst den Freiherren von Arten waren die Grafen Berka das angesehenste
Geschlecht der Provinz. Die Ahnenreihe der Herren von Arten reichte allerdings
weiter in die Vergangenheit zurück, dafür hatten aber die Grafen Berka dem Lande
in dem letzten Jahrhundert einen seiner bedeutendsten Feldherren und einige
einflussreiche Staatsmänner gegeben, und reich waren die Häuser, eines wie das
andere. Nur ein wesentlicher Unterschied waltete zwischen ihnen ob. Die Grafen
Berka waren, wie der ganze Adel der Provinz und wie das ganze Landvolk,
protestantisch; die Herren von Arten hingegen hatten in den Heeren des deutschen
Kaisers gefochten bis zum Ende des dreissigjährigen Krieges und waren Katoliken
geblieben für und für.
    Indes der Adel war im Allgemeinen in jenen Tagen, von denen wir erzählen,
nicht ortodox, und Baron Franz fand in sich kein Bedenken gegen eine Ehe mit
einer nichtkatolischen Frau. Die Frauen des Berka'schen Geschlechtes waren
zudem fast alle schön, es umgab sie der Ruf strengen Wandels, und die Verehrung,
welche sie genossen, hatte ihnen jene Ruhe und Sicherheit in der äusseren
Erscheinung gegeben, welche den Frauen des hohen Adels so viel anmutige
Freiheit verleiht.
    Mit einer Gräfin Berka glaubte der Baron am wenigsten zu wagen. Die einzige
Tochter des Hauses zeigte sich ihm nach kurzer Bewerbung geneigt, die Eltern
gaben mit Freuden ihre Einwilligung; noch ehe der Herbst herankam, wurde die
Zeit der Hochzeit festgesetzt, und der erste Nachtreif ruhte auf dem Lande, als
man in Berka eines Abends den Ehevertrag des Barons mit Comtesse Angelika
unterzeichnete.
    Der Baron befand sich dabei in der angenehmsten Verfassung. Die
zurückhaltende Zärtlichkeit seiner Braut hatte einen eigentümlichen Reiz für
ihn, die Aussicht, das schöne Mädchen bald sein eigen zu nennen, regte ihn
angenehm auf. Er war von den mancherlei Festen hingenommen, welche man zu Ehren
der Verlobten in den beiderseitigen Familien auf den verschiedenen Besitzungen
derselben veranstaltete, und dazwischen beschäftigten ihn die Vorkehrungen, die
er in seinem Schloss traf, um es vor der Ankunft seiner jungen Gattin in einer
Weise einrichten zu lassen, die ihrer und seiner Bequemlichkeit, ihrem und
seinem Geschmacke genügen konnte.
    Etwa vierzehn Tage vor seiner Hochzeit befand er sich eines Mittags in dem
für seine Frau bestimmten Wohnzimmer. Sein Caplan war bei ihm, und sie
überlegten gemeinschaftlich, ob man die beiden antiken Statuen des Amor und der
Venus, welchen man neue Postamente gegeben hatte, neben dem Kamine oder in den
Ecken des Zimmers aufstellen lassen solle. Als der Baron sich eben für das
Letztere entschieden hatte, weil Kunstwerke, wenn sie neben dem Kamin stehen,
die Aufmerksamkeit, welche den Lebenden, welche der Gesellschaft zukommt, auf
sich zu lenken pflegten, brachte der Diener ihm einen Brief.
    Der Freiherr blickte das Schreiben an, steckte es, ohne es zu öffnen, in die
Tasche und versetzte kurz: Sag' Er, ich sei beschäftigt!
    Dem Diener schien diese Abfertigung des Briefes nicht aufzufallen, der Baron
war offenbar in seiner heiteren Stimmung gestört worden. Er trat noch ein paar
Mal hieher und dortin, die Wirkung der Statuen zu beurteilen, dann entliess er
die Diener, welche dabei behülflich gewesen waren, und ging langsam im Zimmer
auf und nieder, als wolle er den Eindruck prüfen, welchen es auf den Beschauer
bei einem ersten Anblicke machen würde.
    Er war mit seiner Einrichtung zufrieden. Die gediegene Pracht tat der
Wohnlichkeit keinen Abbruch, es stimmte Alles zusammen, und was die Schönheit
des Raumes noch erhöhte, das war der unbegrenzte Blick in die Ferne, den das
Zimmer aus seinen hohen Bogenfenstern darbot.
    Der Tag war sonnig, die Luft so fein, dass sie dem Blicke nirgend ein
Hindernis entgegenstellte. Auf dem Rasenplatze vor dem Schloss lag stellenweise
noch der weisse Reif, unter welchem das Gras sommerlich grün und frisch
hervorsah. Die weitin sich erstreckenden gradlinigen Hecken von Buchsbaum, die
scharf zugespitzten Obelisken und Taxus-Pyramiden hatten durch die späte
Jahreszeit noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren. Sie entsprachen auch
jetzt noch der architektonischen Absicht: die herrschaftliche Wohnung über die
Grenze des Hauses hinaus in das Freie fortzusetzen, und am Ende des Gartens
hoben sich die Bäume des sogenannten Bosquets empor, majestätische Kiefern,
deren braunrote Stämme, wie die Pinien, breite, grüne Kronen trugen, und
prächtige Eichen, noch voll von ihrem üppigen und jetzt goldgelb gefärbten
Laube.
    Der Baron ging an das eine, dann an das andere Fenster. Er hatte Neigung
genug für seine Braut gewonnen, um sich von ihrer Zufriedenheit Genuss zu
versprechen, und es freute ihn, seiner edlen Gattin diese Heimat bieten zu
können. War es Zufall oder Absicht, sein Blick fiel in den Spiegel, als er sich
zurück in's Zimmer wendete, und ohne daran zu denken, richtete er sich dabei mit
Selbstgefühl empor.
    Er war ein Mann, der gefallen konnte, gefallen musste. Die grosse,
breitbrüstige Gestalt entsprach dem stolzen Kopfe vollkommen. Der prächtige
Haarbeutel fiel vornehm über den kräftigen Nacken auf den niedrigen Kragen des
gestickten, breitschössigen Tuchrockes herab; die fein gepuderten Seitenlocken
machten die Gesichtsfarbe noch brauner und frischer, die dunkeln Augen noch
lebendiger aussehen, und als der Baron sich nach dieser unwillkürlichen
Musterung der persönlichen Vorzüge, die er seiner Erwählten darzubieten hatte,
auf dem Kanapee niederliess, hätte Jeder ihn in der besten Stimmung glauben
müssen, der ihn weniger lange kannte, weniger genau zu beobachten gewohnt war,
als sein Caplan.
    Nur um einige Jahre älter als der Baron, war er einst als Erzieher desselben
in das von Arten'sche Haus gekommen und hatte später den jungen Freiherrn als
Gouverneur auf dessen erster grosser Reise begleitet. Er war es denn auch
gewesen, der den Geschmack des jungen Edelmannes für die schönen Wissenschaften
und für die Künste entwickelt und gepflegt hatte. Was aber den gebildeten und
ehrgeizigen jungen Geistlichen später bewogen, sein Leben ganz dem Dienste des
freiherrlichen Hauses zu weihen, statt an irgend einem Collegium oder in der
Kirche die Laufbahn zu verfolgen, für die er sich vorbereitet hatte und welche
seinen Fähigkeiten und Kenntnissen entsprechend gewesen wäre, das war eigentlich
selbst der freiherrlichen Familie ein Rätsel geblieben. Indes sie hatte zu
benutzen gewusst, was sich ihr dargeboten hatte. Der Freiherr besass in seinem
Caplan neben einem sehr formvollen und gelehrten Gesellschafter zugleich einen
Bibliotekar und Archivar, und die Familie von Arten hatte in ihm einen
geistigen Berater, dessen Treue, dessen umsichtige Verlässlichkeit sich bei den
verschiedensten Gelegenheiten eben so tröstend als klug vermittelnd und
versöhnend bewährt hatte.
    Gemeinsame Jugenderinnerungen und ein langes gemeinsames Leben hatten den
Baron und den Caplan zu Freunden gemacht, so weit Herr und Diener, so weit ein
auf seine Standesvorrechte stolzer Edelmann und ein auf seine Würde achtsam
haltender Geistlicher, so weit ein freier Lebemann und ein Mann von
Selbstbeherrschung und von dem strengsten Lebenswandel Freunde sein konnten.
    Der Baron war ein Freidenker in Bezug auf die Dogmen der Religion, aber er
hatte eine lebhafte Phantasie, und während er die biblischen Wunder leugnete,
war er sehr geneigt, nach der Weise seiner Zeit, an das Wunderbare zu glauben.
Der Caplan seinerseits war ebenfalls nicht streng ortodox, indes er war ein
eifriger und treuer Bekenner seiner Kirche und hielt für seine Person
unwandelbar an dem Moral- und Sittengesetze derselben fest. Er hatte Anfangs die
Verbindung des Barons mit einer Protestantin, so weit es an ihm lag, zu
verhindern gesucht. Als er dann aber gesehen, dass der Entschluss desselben einmal
gefasst sei, hatte er sich durch die vortrefflichen Eigenschaften der jungen
Gräfin mit der Absicht des Freiherrn ausgesöhnt, und zufrieden, dass derselbe
überhaupt zur Ehe schreite, das Weitere vertrauensvoll der Zukunft überlassen.
    Wenn der Baron sich dem Geistlichen überlegen fühlte, weil er sich das Recht
zuerkannte, sein Leben nach seinem Ermessen zu führen und zu geniessen, so gaben
dem Caplan seine makellosen Sitten und seine gründliche Gelehrsamkeit ein
moralisches Uebergewicht über den Baron, das um so schwerer in die Wage fiel,
als ruhige Menschenbeobachtung und Welterfahrung den Geistlichen milde und
nachsichtig für fremde Schwäche gemacht hatten. Da nun der Baron von weichem
Herzen war und das Gute liebte und tat, sofern es ihm keine grossen Opfer
kostete, und da er in seinem Leben auf äussern Anstand hielt, so hatte der Caplan
unter dem Schutze seines Herrn vielfach nützlich wirken, viel Gutes fördern,
manches Unrecht verhindern oder vergüten können, und beide waren in der Regel
mit einander auch wohl zufrieden gewesen. Der Caplan wusste viel Lobenswertes an
seinem Herrn zu würdigen; der Baron rühmte sich, einen verlässlichen Freund und
einen wahren Schatz an Jenem zu besitzen, und eben diesen Morgen hatten sie bei
Aufstellung der Statuen wieder eine recht angenehme Stunde mitsammen zugebracht.
    Auch jetzt, als der Baron dem Caplan gegenüber Platz genommen hatte, sagte
er, noch einmal nach den beiden Ecken des Gemaches hinblickend, als habe ihn bis
dahin nichts Anderes beschäftigt:
    Die beiden Figürchen behaupten sich doch überall! Sie werden, denke ich,
meiner Frau in diesem Zimmer Vergnügen machen, wenn schon ich freilich an eine
Frau nicht dachte, als ich sie damals in Neapel erstand.
    Gewiss! sie nehmen sich hier noch besser aus, als in der Bibliotek. Die
halbe Lebensgrösse schrumpfte in dem hohen Saale zu sehr zusammen, bestätigte der
Caplan, der schon früher mehrmals vorgeschlagen hatte, die Statuen aus dem
Biblioteksaale zu entfernen und hier aufzustellen.
    Eine kleine Weile sassen die beiden Männer schweigend sich gegenüber. Des
Barons Blicke glitten von einem Gegenstande auf den anderen, selbst seine
Stellung wechselte er ungewöhnlich oft. Dem Caplan entging das nicht. Er lehnte
gelassen in seinem Sessel. Den Kopf auf die Hand gestützt, sah er dem Spiele der
Flammen im Kamine zu, es ruhig erwartend, was der Baron ihm mitzuteilen haben
werde. Denn dass dieser ihm eine Eröffnung zu machen gedenke, davon hielt er sich
überzeugt.
    Wissen Sie, lieber Freund, nahm der Baron denn auch mit einem Male das Wort,
ich fange an, mit einer Art von Vergnügen an die Ehe zu denken, so schwer mir
der Entschluss dazu Anfangs auch geworden ist. Ja, ich habe Stunden, in denen ich
es bedauern könnte, mich nicht früher verheiratet zu haben.
    Dieses Bedauern ist vielversprechend für die Zufriedenheit Ihrer Zukunft,
gnädiger Herr, versetzte der Caplan verbindlich.
    Ich glaube das selbst, fuhr der Baron fort. Wäre es freilich nach meinem
verstorbenen Vater und nach Ihnen gegangen, so hätte ich mich schon vor zwanzig
Jahren verheiraten müssen, und es mag vielleicht recht gut sein, wenn man sich
in der Jugend mit aller Schwärmerei der ersten Liebe zur Ehe entschliesst. Sie
hat uns dann für das Opfer, für das nicht hoch genug anzuschlagende Opfer
unserer Freiheit, neue Genüsse und grosse Entzückungen zu bieten, die sie uns
später, wenn wir die Frauen kennen und den Wert der Ungebundenheit erst völlig
schätzen lernten, nicht mehr zu gewähren hat. Ein fertiger Mann befindet sich
einem jungen Mädchen gegenüber doch immer in der Lage, ohne alle eigenen
Illusionen grossen Illusionen entsprechen zu sollen, und Sie müssen mir zugeben,
dass dies seine bedenkliche Seite hat.
    Der Caplan blickte mit dem Ausdrucke einer gewissen Verwunderung den
Sprechenden an, dessen Worte etwas ganz Anderes aussagten, als die Einleitung
hatte vermuten lassen. Der Freiherr bemerkte dies, und schnell einlenkend,
sprach er: Trotz dieser Einsicht, die sich ein Mann wie ich nicht
fortphilosophiren kann, ist meine bevorstehende Gebundenheit mir erwünscht. Auch
die Lust an der Freiheit, an der Selbstbefriedigung erschöpft sich, und ich
stelle es mir angenehm vor, das Glück eines jungen Wesens zu machen, das mir
vertrauensvoll sein Leben in die Hand gibt. Es mag in solchem Gefühle sich das
herannahende Alter verkünden, aber in der Tat, ich empfinde so!
    Ein kaum merkliches Lächeln in seinen Mienen widersprach jedoch dieser
Behauptung über sein alter, und der Caplan wusste zudem, dass der Freiherr es
niemals ernstlich meinte, wenn er desselben erwähnte, ja, dass er in solchen
Fällen immer auf einen Widerspruch rechnete. Aber diesmal fand der Caplan es
nicht angemessen, ihm die Genugtuung eines solchen Widerspruches zu gewähren.
Er bemerkte daher nur, dass die junge Gräfin liebreich und liebebedürftig
erscheine, dass der Baron also darauf rechnen könne, für seine beabsichtigte
Hingebung durch eine schöne Zärtlichkeit belohnt zu werden, und dass überdies
seine reife Erfahrung ihm neben der jungen Frau die Möglichkeit gewähren werde,
dieselbe nach seinen Wünschen und Bedürfnissen zu erziehen.
    Gewiss! gewiss! rief der Baron mit einer Ungeduld, die bei dem ruhigen Gange
dieser Unterhaltung nicht berechtigt schien; aber grade mit dem Erziehen ist es
ein eigenes Ding!
    Er brach davon ab, und sprach dann nach einer Pause mit sichtlicher
Ueberwindung: Sie wissen, dass ich nichts halb zu tun liebe. Ich bin also
genötigt - er stand auf, rückte ein Bild an der gegenüber liegenden Wand
zurecht und sagte darauf mit einer gewissen Heftigkeit, als wollte er sich
zwingen, es auszusprechen: Ich muss den Handel in Rotenfeld zu Ende bringen!
Pauline muss fort!
    Es war ihm lieb, dies ausgesprochen zu haben; es kam ihm damit festgestellt
und also halb geschehen vor. Er nahm eine Prise aus der goldenen Dose, auf
welcher das Bild seiner Braut gemalt war, und bot sie darauf dem Caplan dar.
    Dieser griff behutsam hinein, und während er den feinen Taback mit
gespitzten Fingern langsam zur Nase führte, sagte er, den Kopf beim Schnupfen
senkend, dass er den Freiherrn nicht anzublicken brauchte: Das wird allerdings
eben so unerlässlich als zweckmässig sein! Er säuberte darauf leichtin das
schwarze eng anliegende Gewand von dem Taback, der etwa darauf verschüttet sein
konnte, knipste mit den feinen Fingern die paar Körnchen hinunter, welche auf
dem seidenen Beinkleide liegen geblieben waren, und sah mit seinem klaren,
ernsten Auge dem Freiherrn nach, der im Zimmer hin und wieder ging.
    Seit vollen sechs Jahren war der Name Pauline zum ersten Male zwischen ihnen
genannt worden, und es dünkte dem Baron, als sei er durch das blosse Aussprechen
dieses Namens dem alten Freunde näher gebracht, als seit langer Zeit; denn ein
Lebensgenosse, dem wir geflissentlich vorentalten, was uns beschäftigt, rückt
uns in demselben Grade fern und ferner, in welchem der Gegenstand unserer
verborgenen Teilnahme uns näher tritt.
    Weil der Baron aber die ihm peinliche Mitteilung baldmöglichst abgetan zu
haben wünschte, sagte er: So verschieden unsere Ansichten in Manchem, und eben
auch in diesen Dingen sind, so werden Sie mir doch zugeben müssen, mein Freund,
dass über dem Menschen eine Unfreiheit liegt, gegen die er - mögen Sie dieselbe
Geschick, Schicksal, Verhängnis, Vorsehung oder wie Sie immer wollen, nennen -
ohnmächtig ist. Das macht es mir so entmutigend, in die Vergangenheit
zurückzublicken. Unser Wollen und unser Vollbringen decken sich so selten,
unsere Absichten und unsere Taten entsprechen einander oftmals so wenig. Und
dabei bilden fremdes Empfinden und der Zufall noch so unabweisliche Faktoren in
jedem Menschenleben, dass man oft fragen möchte: Was war Tat und was Erleiden?
Was war Schicksal und was freier Wille? Wo endet das Verdienst, wo beginnt die
Schuld? Wo haben wir zu sühnen, wo uns selber zu bewahren? Denn die Moral,
welche Kirche und Staat als Canon aufstellen, kann nur äussere Entscheidungen und
Entschlüsse hervorrufen; den inneren Zwiespalt lösen ihre Gesetze nicht.
    Mich dünkt aber, hob der Caplan an, welcher dem Baron bis dahin mit
Achtsamkeit gefolgt war und der den Seelenzustand desselben deutlich übersah -
mich dünkt aber, der Fall, dessen Sie gedenken, ist nichts weniger als
verwickelt, wenn schon er ....
    Und wieder liess der Baron ihn nicht vollenden. Urteilen Sie nicht, lieber
Freund, und vor Allem verdammen Sie nicht, ehe Sie nicht die Reihe von
besonderen Tatsachen und die einander widerstrebenden Empfindungen kennen, die
hier mitwirken und mich peinigen, sprach er, jede Einwendung des Geistlichen im
Voraus abwehrend. Denn bedrängt, wie er sich fühlte, wünschte er doch Herr des
Gespräches zu bleiben und mit seinem Vertrauen vorzugehen oder einzuhalten, wie
es ihm im Augenblicke passend scheinen würde. Es war auf eine
Herzenserleichterung und allenfalls auf Beistand, nicht auf eine Selbstanklage
oder eine Ermahnung von ihm abgesehen, welche der Caplan in früheren Jahren, als
der Baron sich noch bisweilen zu den kirchlichen Ceremonien entschlossen, ihm
nicht erspart hatte.
    An und für sich, als nackte Tatsache betrachtet, fuhr der Baron mit
absichtlich zur Schau getragener Leichtigkeit fort, ist die Sache im Grunde der
einfachsten eine. Der unverheiratete Gutsherr hat die Tochter seines Jägers,
hat ein Mädchen von seinen Gütern zur Geliebten gehabt und denkt dasselbe
aufzugeben, es abzufinden, weil er sich verheiraten will, verheiraten muss. Das
kommt, wie Sie, mein Freund, es von Ihrem Standpunkte aus auch tadeln mögen,
doch alle Tage vor und ist etwas so Gewöhnliches, dass es in der Tat kaum die
Rede darüber wert wäre! Und doch - können Sie es Sich denken? habe ich mir den
Entschluss zu meiner Heirat förmlich abringen müssen! Doch habe ich es auch noch
bis heute, wo meine Hochzeit vor der Türe steht, nicht über mich gewinnen
können, dem armen Geschöpfe zu sagen: Nimm dein Kind und geh'! - Abrahams
Handlungsweise gegen Hagar ist mir stets als eine rohe Grausamkeit erschienen.
    Der Caplan liess eine kleine Weile in Schweigen verstreichen, dann versetzte
er bestimmt und gemessen wie immer: Ich kann mir wohl vorstellen, wie eben Sie
Sich schwer zu einem solchen Schritte entschliessen können. Hier aber, wo ein
beklagenswertes Ereignis unabänderlich feststeht, wo eine zwingende
Notwendigkeit zur Entscheidung drängt, gilt es allein, um jeden Preis ein neues
und grösseres Uebel zu verhüten! Mich dünkt, Herr Baron, Sie haben gar keine Wahl
in diesem Augenblicke!
    Keine Wahl? Wie meinen Sie das? fragte der Freiherr mit jener halben
Zerstreuteit der Vornehmen, die selten achtsame Zuhörer sind und mit ihren
Gedanken umherzuschweifen beginnen, sobald sie selbst nicht sprechen. Keine
Wahl? Wie meinen Sie das?
    Ich meine, dass Ihre Verheiratung für Sie eine Notwendigkeit geworden ist.
Ihre Wahl ist eine in jedem Betrachte glückliche und vortreffliche zu nennen.
Die künftige Frau Baronin hat neben ihren anderen seltenen Vorzügen ein weiches
Herz und eine schöne, reine Seele. Sie hat für diese eine eben so reine
Lebensatmosphäre zu verlangen, und Paulinen's Nähe würde diese ohne alle Frage
bald beeinträchtigen. Ganz abgesehen davon, dass für den verheirateten Mann ...
    Ich weiss das, ich weiss das! Ich habe mir das alles längst und selbst gesagt!
rief der Baron mit schnell erwachter Ungeduld lebhaft aus. Sie sehen ja auch,
mein Entschluss steht fest! Ich habe im Leben ähnliche Händel, ich habe tiefere
Herzensverbindungen sonst auch mit raschem Entschlusse, mit fester Hand
zerrissen und mich damit beruhigt, dass Selbsterhaltung eine gebietende Pflicht,
und jeder Mann in der Lage sei, für sein Wohlbefinden selbst zu sorgen! Ja, ich
bekenne Ihnen, ich finde es eigentlich eine unbegreifliche Schwäche von mir, dass
es mir so widerstrebt, das Natürliche, das Sittlichgebotene zu tun, und wenn
ich mein innerstes Herz befrage, so ist es ausser der wirklichen Zuneigung,
welche ich für das Mädchen und für den Knaben hege, eine Art von Aberglauben,
der mich an Paulinen festalten, eine unheimliche Ahnung, die mich zögern macht,
die Arme von hier fortzuschicken!
    Diesen letzten Einflüssen, Herr Baron, hätte ich Sie in der Tat nicht mehr,
und am wenigsten in diesem Falle unterworfen geglaubt, bemerkte der Caplan mit
vieldeutigem Lächeln.
    Der Baron beachtete das kaum, er hing schweigend seinen Gedanken nach. Ich
habe sie einst als ein Pfand des Glückes angesehen, habe im Geiste meinen Stern
an den ihrigen geknüpft, als sie noch ein hülflos Kind gewesen ist, sagte er
nach einer Pause, gleichsam in sich selbst hineinredend, und, fuhr er dann nach
einem neuen, kurzen Schweigen lebhafter fort, Sie können sich in der Tat nicht
denken, lieber Freund, in welcher Verfassung ich nach meinem zweiten Aufentalte
in Dresden in die Heimat zurückkehrte. Die traurige Angelegenheit mit der
Gräfin, das unglückliche Duell mit ihrem Manne lagen mir auf der Seele. Mein
Herz war verzagt, mein Sinn beschwert, mein Ehrgefühl durch den herzlosen
Leichtsinn der Gräfin, die mich über dem Sarge ihres Gatten einem jungen Laffen
aufopferte, empfindlich gekränkt. Ich glaubte, der grossen Welt, der Höfe, der
Frauen müde zu sein. Ich fühlte einen Widerwillen gegen die Unnatur aller der
Verhältnisse, die wir uns als Convenienzen auferlegen, und als ich von der Höhe
der Berge Schloss Richten erblickte, als ich so einsam dahinfuhr und die Bäche
rieseln, die Halme sich im Morgenwinde wiegen sah, als die Bäume unserer Wälder
mir ihren Schatten spendeten und ihren Willkomm zuflüsterten, da erwachte in mir
eine nie gefühlte Freude an der Natur, und ich gelobte mich in der Stille meines
Herzens ihr und ihren einfachen Freuden und Pflichten an. Es war eine Stunde,
deren ich mich lebenslang als einer schönen, feierlichen erinnern werde.
    Und doch war gerade jener Zeitpunkt einer der traurigsten für diese Gegend,
wendete der Geistliche ein. Wenigstens haben Alle, die ihn hier durchlebten, ihn
schwer genug empfunden. Die Berichte, welche man der verstorbenen Frau Baronin
nach Italien sandte, klangen, obschon man gewiss sich in denselben vorsichtig
geäussert hatte, untröstlich genug.
    Mir in meiner Stimmung, entgegnete der Baron, kam das allgemeine Unglück nur
wie ein Mahnruf für mich selber vor. Die Seuche, welche die Provinz heimsuchte,
hatte auch bei uns grosse Verheerungen angerichtet. Ganze Familien waren dem
Typhus erlegen, ganze Häuser ausgestorben und leer. Selbst in unserm Hause fand
ich fast ein neues Dienstpersonal vor, und gerade am Tage meiner Ankunft war die
Frau meines Jägers ihrem Manne in das Grab gefolgt.
    Sie war, wie man uns bei unserer Rückkehr sagte, die letzte Person, welche
im Schloss starb, bemerkte der Caplan.
    Sie war überhaupt die letzte Person, die auf unseren Gütern starb,
bestätigte der Baron, und tief aufatmend fügte er hinzu: Und eben daran knüpft
sich für mich das Verhängnissvolle. - Er blieb stehen, setzte sich dann wieder
vor dem Kamine nieder und sagte: Sie waren mit meiner Mutter und Schwester
abwesend, und mein Vater nicht geneigt, sich irgendwie auszusetzen. Die Angst
vor der Ansteckung war also masslos geworden, als ich nach Hause kam. Man hatte
in der letzten Woche Not gehabt, die Leichen unter die Erde zu bringen, oder
den Kranken auch nur die notdürftigste Pflege und Wartung zu verschaffen. Als
die Frau des Jägers nun auch gestorben war, wollte mein Vater das ebenfalls
erkrankte Kind derselben nicht mehr im Hause leiden, und überall weigerte man
sich, das kleine, kranke Geschöpf aufzunehmen. In einer Stimmung, wie die meine
damals war, und mit siebenundzwanzig Jahren schlägt man das Leben nicht eben
hoch an. Es fiel mir also nicht sonderlich schwer, ein gutes Beispiel zu geben.
Trotz aller Bitten und Warnungen meines Vaters half ich die Frau bestatten, fuhr
ich selbst das kranke Kind, dem der Arzt das Leben abgesprochen hatte, zu meiner
Amme, die damals noch eine rüstige, unverzagte Frau war, und sich mir zu Liebe,
seiner Pflege zu unterziehen versprach.
    Der Baron hielt einen Augenblick inne, dann sagte er, an seinen früheren
Ausspruch anknüpfend: Diese Tat war Freiheit; was ihr folgte, möchte ich
Verhängnis nennen. Denn als ich mit dem kranken Kinde durch den Wald fuhr und es
so elend in seinen Kissen auf dem Rücksitze des Wagens vor mir liegen sah, schoss
mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf: wenn das Kind wider alles Erwarten
genese, wenn es mir die tödtliche Krankheit nicht übertrage, so solle mir das
ein Zeichen sein, dass mir noch Freude und Wirksamkeit hienieden bestimmt sei,
und wie ein Pfand meines Glückes wolle ich dann die Kleine ansehen und in meiner
Nähe behalten.
    Der Baron hatte das alles in eigenem Rückerinnern gesprochen. Jetzt blickte
er dem Caplan fest ins Auge, als wolle er dessen innerste Meinung erforschen,
ohne dass er um dieselbe zu fragen oder sie anzuhören brauchte, und sagte: Ich
weiss, was Sie über solch ein Würfelspielen mit dem Zufalle denken. Sie nennen es
unchristlich; ich nenne es töricht, und doch übte es damals, übt es noch in
dieser Stunde seinen Einfluss auf mich aus. - Um des Beispiels willen, so sagte
ich mir damals, in der Tat jedoch mehr, um mein Schicksal zu erproben, fuhr ich
im Laufe der nächsten Woche häufiger nach Rotenfeld hinüber, um nach dem Kinde
zu sehen. Was der Mensch aber zu beobachten anfängt, darauf richtet er seine
Neigung, und hatte ich doch ohnehin meine eigene Zukunft in meiner Phantasie an
dieses Kind geknüpft! Ich sorgte mich um dasselbe, sein Ergehen beschäftigte
mich lebhafter, als ich es für möglich gehalten hätte, ja ich empfand eine grosse
Freude und Beruhigung, als die Kleine sich zu erholen begann und endlich
vollständig genas. Ich glaubte von jenem Zeitpunkte ab wieder an die Zukunft,
ich hoffte für mich wieder etwas von der Zukunft.
    Ihre Teilnahme an dem Kinde hatte, als wir von Venedig heimkehrten, für die
verstorbene Frau Baronin und auch für mich allerdings etwas Auffallendes. Wir
wussten uns Ihr Verhalten nicht zu enträtseln und fanden Sie überhaupt ganz
ungemein verändert. Indes die Mitteilungen, welche Sie mir eben zu machen
belieben, erklären mir jene Teilnahme wie jene Veränderung, bemerkte der
Caplan, der immer nur dann sich in die Rede des Freiherrn mischte, wenn er
befürchtete, dass sie ins Stocken geraten, und die Angelegenheit, um welche es
sich handelte, dadurch nicht zu ihrem Ende geführt werden möchte.
    Die Wandlung in meinem Wesen war natürlich genug, meinte der Baron. Der
Wechsel der Umgebungen und der Zustände war für mich sehr grell gewesen. In
Dresden ein Leben des Genusses, welches mir das Herz zerrissen, hier Not und
Elend, an denen ich mich aufgerichtet hatte. Nun kamen Sie mit meiner Mutter von
dem Sterbebette meiner Schwester aus Venedig heim ....
    Ja, fiel der Caplan ihm mit einer Weise in die Rede, als wünsche er bei
dieser Erinnerung nicht zu verweilen, der Verlust, welchen die Frau Baronin,
welchen das Haus erlitten hatte, machte dieselbe nur geneigter, sich der
Unglücklichen auf den Gütern anzunehmen. Das kam Ihrem Schützlinge damals sehr
zu Statten.
    Gewiss! Auch verlor ich Pauline, so lange meine Mutter lebte, mehr und mehr
aus den Augen, sprach der Baron, der sich von dem Caplan schnell wieder zu
seiner Erzählung zurückgeführt fand. Mein Sinn hatte sich allmählich erheitert,
ich überliess mich wieder den Neigungen meines damaligen Alters. Ich wechselte
öfter den Aufentalt, und wenn ich dazwischen die Kleine einmal wiedersah, so
freute ich mich ihres Gedeihens, sah mit Vergnügen, wie hübsch sie sei, und liess
mir von meiner Mutter und von der alten Margarete erzählen, dass das Kind mich
wie seinen Herrgott verehre und liebe, während ich selbst es nicht vergessen
konnte, dass ich es einst als Glückspfand betrachtet hatte. - Jahre gingen so
hin. Man schickte Pauline in die Schule, in der freilich wenig genug zu lernen
war; aber sie liess sich gut an, und als man sie dann nach dem Tode meiner Mutter
confirmirte - ich lebte eben wieder im Auslande -, fragte man mich, ob man sie
jetzt in fremde Dienste tun oder versuchen solle, sie im Schloss unter die
Dienstboten einzureihen. Um der Anfragen ledig zu werden, bestimmte ich, dass sie
bei Margarete bleiben solle; und vor der Wohnung meiner Amme, unter ihrer Türe
sitzend, sah ich Pauline eines Abends zum ersten Male wieder, als ich nach
längerer Abwesenheit von Hause einmal nach Rotenfeld hinüberritt, meine Amme zu
besuchen. Mein Vetter Waldern begleitete mich auf diesem Ritte. Mich erblicken,
auf mich zustürzen, meine Hände küssen war für Pauline, sobald ich vom Pferde
gestiegen, das Werk eines Augenblickes. Es überraschte mich, sie so erwachsen zu
sehen, wie meinen Vetter der ganze Vorgang überraschte. Um ihn aufzuklären,
sagte ich, dass ich das Mädchen hätte erziehen lassen. Für sich? fragte er
lächelnd, und ich liess die Frage unbeachtet, weil sie mir zuwider war.
Gutsherrliche Liebschaften waren niemals mein Geschmack, und meine Sinne haben
mich nie beherrscht ohne die Mitwirkung meines Herzens. Trotzdem aber wurde ich
das Bild des schönen Geschöpfes, das in seiner feurigen Dankbarkeit mir nur noch
reizender erschien, nicht wieder los, und ich musste mir bald sagen, dass es so
gar leicht für mich sei, es zu besitzen, um mich in dem Vorsatze, das Mädchen zu
meiden, aufrecht zu erhalten. Hätte Paulinen's Zuneigung sie mir nicht immer
wieder in den Weg geführt, ich würde meinem Vorsatze treu geblieben sein.
    Der Caplan wurde von dieser Äusserung betroffen. Der Baron musste sehr
erregt, sehr erschüttert sein, dass er sich vor sich selbst in solcher Weise zu
rechtfertigen suchte, dass er es nicht fühlte, wie nahe es an das Gebiet des
Komischen grenzte, wenn er, der erfahrene, herzenskundige Lebemann, es
unternahm, sich halbwegs als durch die Liebe eines Kindes verleitet,
darzustellen. Er mochte wohl auch etwas von dieser Verwunderung in den Mienen
des Caplans bemerken, denn er brach plötzlich ab und sagte dann: Was soll ich
Ihnen erzählen, wie ein unerwartetes Begegnen in einsamer Stunde einmal meine
Sinne anfachte, wie des Mädchens Hingebung es mir in die Arme warf!
    Er erhob sich nach diesen Worten und begann wieder im Zimmer umherzugehen.
Dem Genusse folgte die Reue auf dem Fusse, sagte er kurz und schnell, als wolle
er bald beenden, was ihm zu erzählen noch übrig blieb. Das Mädchen war mein
Schützling gewesen; ich konnte das nicht vergessen. Unzufrieden mit mir selbst,
dachte ich dem Handel keine weitere Folge zu geben. Ich hatte fest beschlossen,
Pauline sogleich zu entfernen, und suchte nur nach einem Orte, nach dem ich sie
schaffen, oder nach einem Manne ihres Standes, mit dem ich sie verheiraten und
von welchem ich eine gute Behandlung des armen Geschöpfes erwarten konnte, denn
ich wollte ihr in jedem Falle ein möglichst gutes Loos bereiten. Aber die
Leidenschaft des Mädchens hatte etwas Dämonisches. Sie hing sich mit einer
Gewalt der Liebe an mich, die ich in ihrem Alter und in ihrem Stande nicht für
möglich gehalten hätte. Wie an meine Schritte gebannt, folgte sie mir mit einer
Art von Instinkt. Sie schien meine Gedanken, meine Absichten im Voraus zu
erraten; wohin ich kam, fand ich sie; wo ich sie nicht vermuten konnte,
erschien sie plötzlich. Sie wurde mir eine Art von psychologischem Rätsel. Wir
wissen ja so wenig von der verborgenen Macht, welche die Wesen aneinander
kettet! Ich konnte mich der Vorstellung nicht erwehren, dass ein geheimnisvoller
Zusammenhang dieses Mädchen mir verbinde; aus Mitleid, aus einer
menschenfreundlichen Grille und, ich mag mich Ihnen nicht besser darstellen, als
ich bin, aus Genusssucht endlich behielt ich sie.
    Ich verbot ihr jedoch, mir zu folgen oder jemals nach Richten zu kommen; ich
versprach, sie aufzusuchen. Ihre Freude war gross, ihr Gehorsam unbedingt, und
bald war mir das Idyll, bald war sie selbst mir in das Herz gewachsen. Ich
unterhielt mich damit, ihren Verstand zu entwickeln; ich wollte sehen, was
Erziehung aus einem Naturkinde zu machen vermöge. Ich wollte einmal eine
ungekünstelte, ungeheuchelte Liebe geniessen, mich an der reinen, einfachen Natur
erfreuen. Ich wies den neuen und tüchtigen Schullehrer an, ihren früh
abgebrochenen Unterricht wieder aufzunehmen. Paulinen's Wissbegier, durch das
Verlangen, mir näher zu rücken, gesteigert, war so unermüdlich, als ihr Fleiss.
Ihre Fortschritte überraschten mich. Neben den geistreichsten Frauen hat mich
oftmals das Gefühl einer Ermüdung beschlichen; neben Pauline habe ich das nie
empfunden. Ihre Ursprünglichkeit machte sie mir immer reizend, sie ist durchaus
eigenartig. Ich habe viel Freude an ihr gehabt.
    Der Caplan hatte durch sein Schweigen dem Freiherrn die Genugtuung vollen
Aussprechens gewähren wollen, um danach zu berechnen, was geschehen müsse, ein
getanes Unrecht möglichst zu sühnen und neue, weiter fortgeführte Sünde zu
verhüten. Nun, da der Baron anfing, sich in die Erinnerungen zu versenken,
welche ihn an Pauline fesselten, dünkte es dem Geistlichen an der Zeit, diesen
Erinnerungen ein Ziel zu stecken, und er fragte plötzlich nach Paulinen's Alter.
    Sie war siebenzehn Jahre, als ich sie einrichtete, und neunzehn, als sie den
Knaben gebar, der nun im sechsten Jahre steht, antwortete er. Die Frage des
Caplans hatte den Baron aber unbehaglich aufgeschreckt; er setzte seinen Weg
durch das Zimmer eine Weile lautlos fort.
    Auch an dem Knaben hänge ich, sagte er dann mit einem Male. Er erschreckt
mich oft durch seine Aehnlichkeit mit meinem Vater und mit mir. Dazu ist er an
meinem Geburtstage, wie Pauline an dem Geburtstage meiner Mutter, geboren, deren
Namen sie ja auch trägt, fügte er mit unverkennbarer Zärtlichkeit hinzu.
    Und weiss sie es bereits, dass Sie sie entfernen wollen, entfernen müssen?
fragte der Caplan, um den Baron von der Betrachtung dessen abzulenken, was er
als das Dämonische anzusehen liebte.
    Ja, sie weiss es. Als sie durch mich zuerst von meiner bevorstehenden
Verheiratung erfuhr, nahm sie die Nachricht mit anscheinender Fassung auf, und
weil ich sie verständig zu finden wünschte, hoffte ich, dass sie es sei und dass
sie mir keine Schwierigkeiten bereiten würde. Ich belobte sie, ich sagte ihr,
dass sie mir eine Beruhigung gewähre, mir einen Beistand leiste, dass ihre Zukunft
mir sehr am Herzen liege, dass ich für den Knaben in jedem Betrachte sorgen
würde, und ich verliess sie, sehr zufrieden, sie so fügsam gefunden zu haben. Ja,
ich war ihr dankbar, recht eigentlich dankbar dafür, dass sie mir erleichterte,
was mir selber so schwer fiel. Ich hatte aber nicht berechnet, dass sie nicht
über den Augenblick hinaus zu denken pflegte, wenn ich bei ihr war.
    Der Baron wollte die ihn drückende Angelegenheit gern wie ein Geschäft
behandeln und zum Abschluss bringen. Aber wie sehr er sich auch dazu zwang, der
Zwiespalt zwischen seiner Vernunft und seiner Empfindung, zwischen seinen
Absichten und seinem Gewissen verriet sich immerfort, und er hatte Pauline
vielleicht nie zärtlicher im Herzen getragen, als in dieser Stunde, in der er
sich für immer von ihr loszumachen strebte.
    Paulinen's Knabe ist natürlich protestantisch, wie die Mutter, bemerkte der
Caplan, der den Baron bei den Tatsachen festzuhalten wünschte und der es damit
verriet, dass er von den Vorgängen in Rotenfeld wohl unterrichtet sei.
    Ja, sprach der Baron, aber ich bekenne Ihnen ehrlich, ich wünschte, dass es
anders wäre; denn der Katolicismus kommt mit seinen Lehren dem Bedürfnisse der
Schwachen, der Leidenden doch weit mehr, ich möchte sagen, sichtbarer, fassbarer
zu Hülfe, als der Protestantismus es tut. Und auch hier trage ich eine Schuld.
Es hätte mich nur ein Wort gekostet, den Knaben unserer Kirche zu übergeben;
aber die Mutter würde ohne Zweifel dem Kinde dann nachgefolgt sein. Ich habe
dies zu tun versäumt, und jetzt gäbe ich doch viel darum, wenn die arme Pauline
unserer Kirche angehörte.
    Ist sie denn überhaupt eine religiöse Natur? fragte der Geistliche.
    Sie war es ganz unstreitig! Indes die zelotische Strenge des Neudorfer
Pfarrers hatte sie so beängstigt, dass ich sie, um sie zu beruhigen, nur leider
von der Kirche entwöhnen musste. Das ist jetzt in der Tat ein grosses Unglück für
sie und für mich. Wenn Pauline Katolikin wäre, wenn sie einer Kirche
vertrauensvoll angehörte, wenn sie sich aussprechen, beichten, Rat und Trost
finden, ja, selbst büssen könnte, so würde das in diesem Augenblicke eine
Wohltat, es würde die grösste Hülfe, es würde eine Rettung für sie sein. - Und
ihr zu helfen, mir zu helfen, das ist es, was ich jetzt von Ihnen zu fordern
genötigt bin, mein alter Freund! schloss der Baron im Tone bittender
Herzlichkeit.
    Der Caplan zögerte zu antworten; er ging offenbar mit sich zu Rate. Und was
verlangen Sie von mir? Was wünschen Sie, dass ich für Pauline tue? fragte er
danach.
    Gehen Sie zu ihr, mein Freund! Zeigen Sie ihr, dass Sie Alles wissen, suchen
Sie ihr Vertrauen zu gewinnen. Seit die alte Margarete todt ist, hat sie
Niemand mehr gehabt, der Teil an ihr genommen hat, sagte der Freiherr. Der
Vorzug, den ich ihr einräumte - Sie kennen ja die Menschen - machte sie
unbeliebt. Man missgönnte ihr denselben von der einen Seite, und warf von der
anderen den Stein auf sie. Man misstraute ihr und beneidete sie. Sie war also,
mehr als gut ist, auf mich allein angewiesen. Stellen Sie ihr die Dinge vor, wie
sie liegen. Machen Sie ihr meine und ihre Lage klar. Was Sie ihr sagen, wird
uneigennütziger, milder scheinen, als meine Vorstellungen, und wird darum
eindringlicher wirken. Sagen Sie ihr, dass sie, schon um ihrem Knaben eine gute
Zukunft zu bereiten, sich früh mit ihm von hier entfernen müsse. Mit einem
Worte, bester Freund! er ging auf den Caplan zu, ergriff seine Hände und sagte
mit einer Bewegung, die er nicht mehr bemeistern konnte: Ich kenne Ihre
Grundsätze, aber ich kenne auch Ihre Anhänglichkeit, Ihre Freundschaft für mich.
Ich habe Ihre Gewandteit und Rechtlichkeit vielfach schätzen zu lernen Ursache
gehabt, und hier handelt es sich nicht einzig und allein um mich. Ein armes,
unglückliches Weib hat Ihren erbarmungsvollen Beistand nötig, und Pauline liegt
mir mehr am Herzen, als mir lieb ist. Beruhigen Sie sie um meiner Ruhe willen. -
Und vor allen Dingen machen Sie, dass sie sich entfernt, denn ich bin das zu tun
nicht im Stande - und fort muss sie!
    Er wandte sich danach schnell ab, verliess das Zimmer, und der Caplan blieb
allein zurück.
    Er sah dem Freiherrn gedankenvoll nach. Immer der Alte, sagte er endlich,
indem er eine Prise nahm, seinem Herzen wie seinen Sinnen und seinen Phantasmen
untertan. Eben so leicht geneigt, sich die Zügel schiessen zu lassen, als sich
dessen anzuklagen und sich davon freizusprechen. Wann wird die Stunde endlich
für ihn schlagen?
    Er blieb wie in Gedanken vor den Bildern stehen, welche die Hauptwand des
Zimmers schmückten. Sie stellten die Eltern und die verstorbene Schwester des
Freiherrn vor. Er betrachtete das Portrait der Letzteren lange und liebevoll.
    Nur Etwas von ihrem klaren, festen Sinne, und welch ein Anderer wäre auch er
geworden! rief er aus. Dann entfernte er sich ebenfalls, und nur die hellen
Sonnenstrahlen belebten das schöne, würdige Gemach.
    
 
                                Zweites Capitel
Noch an demselben Abende liess der Caplan sich den kleinen Wagen anspannen, der
ihm seit langen Jahren zu seinem Privatgebrauche überwiesen worden war, und fuhr
nach dem fast eine Stunde entlegenen Dorfe Rotenfeld hinüber, die Geliebte des
Freiherrn aufzusuchen.
    Vor dem Dorfe stieg er aus. Er wollte den Wagen nicht vor Paulinen's Tür
stehen lassen. Das kleine Haus lag am Eingange des Dorfes. Es hatte, seit
Pauline die Geliebte des Barons geworden war, einige Veränderungen erhalten, die
es, so gering dieselben auch waren, doch vorteilhaft von den andern Häusern des
Dorfes unterschieden. Es war sauber getüncht, die Fenster höher ausgebrochen,
hatte grüne Läden vor denselben, und ein Gärtchen, in welchem noch einzelne
Stockrosen farbig über ihre bereits braun gewordenen Blätter emporragten. Auch
noch jetzt im Herbste und trotz des vielen abgefallenen Laubes verriet es eine
liebevolle Pflege.
    Die Haustüre stand offen, der kleine Vorplatz war sauber mit Sand bestreut,
das Feuer auf dem Heerde brannte hell. Es beleuchtete die Reihen weiss und blauer
Fayence-Teller und blanker Zinngerätschaften auf dem Simse und in den Borden.
Eine ganz junge Magd spann bei seinem Scheine. Als der Schritt des Caplans auf
dem knisternden Sande der Schwelle hörbar wurde, öffnete sich die Stubentüre
und Pauline kam heraus. Aber kaum hatte sie den Geistlichen erkannt, so trat sie
erschreckend zurück, und mit einer Miene, in der sich ihre Enttäuschung
aussprach, sagte sie: Herr Caplan! Sie sind es, Herr Caplan? Sie hier? Sie fasste
sich jedoch schnell und nötigte ihn mit feiner Handbewegung zum Eintritt.
    Das Zimmer war bescheiden und freundlich wie das Haus. Ein Canapé mit grünem
Rasch überzogen, ein Lehnstuhl daneben, Tische, Stühle und Schränke von
Nussbaumholz mit weitgeschweiften Füssen, und ein kleiner Spiegel in zinnernem,
vielgeschnörkeltem Rahmen gaben ihm eine hübsche Behaglichkeit. Auf dem Tische
stand sauberes Kaffeegerät neben dem Nähkästchen, von welchem die Arbeit
niedergeglitten war. Trockene Eicheln und Kastanien, in Häufchen gesondert,
bedeckten den andern Teil des Tisches. Sie machten das Spielzeug des Knaben
aus, der, auf einem Stuhle knieend, den ungewohnten Gast mit neugierigen Blicken
betrachtete.
    Sie hier, Hochwürden? wiederholte Pauline. Was ist dem gnädigen Herrn
zugestossen?
    Sie erwarteten also den Herrn Baron? fragte der Geistliche und liess sich auf
den grossen Lehnstuhl nieder, den sie ihm trotz ihrer Verwirrung mit guter Manier
angeboten hatte.
    Ich dachte - ich hatte heute Morgen an den gnädigen Herrn geschrieben - und
ich hoffte also immer noch - sprach sie, unentschlossen, was sie sagen solle,
und sich deshalb selbst fortwährend unterbrechend. Dann nahm sie sich plötzlich
zusammen und sagte sehr bestimmt: Hochwürden, was ich hören soll, das sagen Sie
mir gleich und grade heraus. Sie sind zu mir nicht bloss von ungefähr gekommen!
    Sie hob dabei den Knaben vom Stuhle herunter und hiess ihn in die Küche zu
dem Mädchen gehen. Als er sich entfernt hatte, setzte sie sich vor ihre Arbeit
hin, die Hände auf den Tisch gelegt und offenbar auf eine schwere Mitteilung
gefasst.
    Der Caplan hatte sie nicht in der Nähe gesehen und nicht gesprochen, seit
sie nicht mehr nach Richten und in das Schloss gekommen war. Er fand sie daher in
jedem Betrachte verändert. Sie hatte die Kleidung der Landleute abgelegt und
trug sich wie die städtischen Frauen bürgerlichen Standes. Das enganliegende
Leibchen des grossblumigen Kattunrockes, das weisse Busentuch, das Nacken und
Kehle freiliess, die kleine Dormeusenhaube, die, ihr auf dem Hinterkopfe sitzend,
die Fülle ihres braunen Haares nicht zu fassen vermochte, kleideten sie
vortrefflich. Sie war wirklich schön zu nennen, ihre Züge waren rein und sehr
weiblich, nur die kleine Stirn mit den nahe zusammengewachsenen und
scharfgezeichneten Brauen gab dem Kopfe etwas Finsteres und Hartes, und erklärte
dem Caplan die Gewalt, welche Pauline über den Baron besass, und die
geheimnisvolle Macht, durch die er sich an das Mädchen gebunden glaubte.
    Der Caplan hatte es sich auf der Fahrt nach Rotenfeld ruhig zurecht gelegt,
was er ihr sagen und wie er sie behandeln wolle, aber wie es auch den
Gescheutesten manchmal zu begegnen pflegt, dass sie ihr einstiges Wissen und ihre
Vorstellungen von den Personen festalten, wenn diese längst nicht mehr
dieselben sind, so hatte er trotz seiner sonstigen Lebensklugheit es ausser Acht
gelassen, dass er die jetzige Pauline gar nicht kannte, dass der natürliche
Verlauf der Zeit, dass der langjährige vertraute Umgang mit dem Freiherrn sie
verändert haben mussten. Als er sie denn jetzt plötzlich vor sich sah, fand er,
dass Alles, was er ihr vorzuhalten beabsichtigt hatte, für sie und ihren
gegenwärtigen Zustand nicht mehr passte. Es war ihm daher recht erwünscht, dass
ihre lebhafte Besorgnis ihm die Mühe ersparte, sie auf seine Mitteilungen
vorzubereiten, und dass sie ihn ohne sein Zutun als den Boten übler Kunde ansah.
    Ich komme allerdings nicht zufällig hieher, sagte er, aber dem Herrn Baron
ist kein Unglück zugestossen. Er befindet sich wohl und wird morgen in aller
Frühe auf einige Tage nach der Stadt reisen, jedoch noch einmal hieher
zurückkommen.
    Das war immer sein Vornehmen, versetzte sie, und weil ich das wusste, schrieb
ich eben heute. - Beide sprachen dabei das Wort von der Vermählung des Barons
geflissentlich nicht aus.
    Was machte Sie also eine üble Nachricht vermuten, als ich kam? fragte der
Caplan.
    Sie sah ihn mit raschem Blicke forschend an, als wolle sie erspähen, was sie
etwa von ihm zu erwarten habe; dann zuckte sie leise mit den Schultern und
meinte seufzend: Sie werden das wohl wissen, Hochwürden, dass mir jetzt vom
Schloss nichts Gutes mehr kommt. Sie sind ja auch niemals hier gewesen, seit
ich hier allein im Hause wohne!
    Sie wurde rot, als sie diese Worte sprach, und der Caplan hätte die
Äusserung für seine Zwecke nicht besser wünschen können. Das ist leider wahr und
sehr erklärlich, sagte er. Als die verstorbene Frau Baronin noch am Leben war
und Sie im Schloss noch aus-und eingingen, war es freilich anders, und die
gnädige Frau hat sicherlich nicht erwartet, was hernach geschehen ist.
    Hochwürden, rief Pauline und hob die Hände unwillkürlich bittend zu ihm
empor, sprechen Sie davon nicht, jetzt nicht! Seit neun Tagen ist der Herr Baron
nicht mehr hier gewesen, obschon er auf dem Schloss war die ganze lange Zeit;
seit neun Tagen ist mein Leben ein einziges Warten gewesen Tag und Nacht! Ich
weiss vor Angst und Qual nicht mehr, wie mir zu Mute ist; ich habe genug auf dem
Herzen, auch ohne dass ich an die selige Frau Baronin denke!
    Und hoffen Sie denn, dass Sie hier in Rotenfeld, so lange Sie in der Nähe
des Schlosses leben, jemals zur Ruhe kommen werden? fragte er nachdrücklich.
    Sie war bis dahin äusserlich gefasst und ruhig gewesen, bei dieser Frage aber
fuhr sie augenblicklich leidenschaftlich empor. So lange ich in der Nähe des
Schlosses bin? Wo soll ich denn anders sein als hier, als hier, wo ich geboren
bin und hingehöre? Ich gehe auch nicht fort von hier, gewiss und bestimmt nicht!
Ich habe ihm das selbst gesagt seit all den Wochen und Wochen, und wenn Sie nur
deshalb hergekommen sind, Hochwürden, so .... Sie vermochte seinem ruhigen
Blicke gegenüber das trotzige Wort nicht zu vollenden, und plötzlich abbrechend
rief sie: Alles, alles, was er will - nur nicht fort von hier!
    Sie nannte den Namen des Barons auch jetzt wieder nicht, indes die Art, in
welcher sie ihn bezeichnete, gab deutlich das Verhältnis kund, in dem sie seit
Jahren zu ihm gestanden, und das Gefühl der Berechtigung, dass sie dadurch neben
ihm gewonnen hatte. Sie dauerte den Caplan; er sah sie an, um in ihrem
gramerfüllten und doch stolzen Antlitz die Züge des einst so freundlichen und
heiteren Kindes wiederzufinden, und unwillkürlich gab er ihr schweigend die
Hand. Das machte einen erschütternden Eindruck auf sie. Sie schlug die Augen
nieder und schien sich ihrer Heftigkeit zu schämen.
    Es tut mir leid, sagte er, dass ich Sie so wiederfinde und dass ich mit
solchem Auftrage, wie der meine, zu Ihnen kommen muss; denn allerdings ist es die
Notwendigkeit Ihrer Entfernung, die ich Ihnen begreiflich zu machen wünsche. -
Er hielt inne, sein Blick lag fortdauernd mit demselben ruhigen Ernste über ihr.
Sie waren solch ein gutes Kind, solch braves Mädchen! sagte er nach einer Weile.
    Ein Zug von Schmerz flog über ihre Mienen, sie antwortete und regte sich
nicht.
    Als ich es dem Herrn Baron verhiess, zu Ihnen zu gehen und mit Ihnen zu
sprechen, fuhr der Caplan fort, brachte ich ein Opfer damit. Jetzt freut es
mich, dass ich gekommen bin, denn ich hoffe, auch Ihnen soll es zu Gute kommen.
    Mir? Was können Sie mir helfen, wenn Sie es auch wollten? unterbrach sie
ihn. Der gnädige Herr allein ....
    Der Caplan liess sie nicht weiter sprechen. Es ist fern von mir, fuhr er
fort, Ihnen Vorstellungen, Vorwürfe zu machen, welche Ihr eigenes Gewissen Ihnen
in ruhigen Stunden sicherlich nicht erspart. Es ist eben so fern von mir, Ihnen
den Weg nennen zu wollen, auf dem Sie bisher gegangen sind. Sie haben Verstand,
Sie haben ein Herz, Sie müssen also den Unsegen Ihrer Lage selbst empfunden
haben, und Ihr Kind wird den Makel seiner Geburt durch sein ganzes Leben tragen.
Aber Sie waren jung, als Sie den ersten Schritt zur Sünde taten, und ....
    Sünde? wiederholte sie, indem sie sich aufrichtete, was habe ich denn
gesündigt?
    Pauline! rief der Geistliche mit Strenge, wen wollen Sie jetzt täuschen,
sich oder mich?
    Nicht Sie, nicht mich! entgegnete sie fest und mit einer Sicherheit, welche
ihrem Wesen einen grossen Adel verlieh. Es ist wahr, ich bin seit Jahren die
Geliebte des gnädigen Herrn! Soll das mein Verbrechen sein? - Wer sich einen
Baum gross zieht, dem gehört der Baum, der kann damit schalten und walten, wie's
ihm gutdünkt, und wenn der Baum von sich wüsste, wie ein Mensch, so müsst's ihm
recht und lieb sein, wenn sein Herr sich an ihm freut. Als ich klein war, fuhr
sie mit wachsender Lebhaftigkeit und Freiheit fort, kleiner und hülfloser als
jetzt sein Kind, da hat er sein Leben daran gesetzt, mir das meine zu erhalten.
Obdach und Nahrung, Kleidung und Wartung, Pflege und Lehre habe ich gehabt, und
Alles durch ihn, und habe keinen andern Menschen auf der Welt gehabt, als ihn.
Was er mich hat tun heissen, das habe ich getan von Kindesbeinen an. Als ich
gross geworden war, hat er mir gesagt, dass er mich liebte und dass er mich nie
verlassen würde, und ich habe ihm das geglaubt, denn ich habe an ihm gehangen,
seit ich denken kann, und was er mir versprochen hat, das hat er auch immer
gehalten. Es hat mir mein Gewissen auch nicht beschwert, als das Kind gekommen
ist und hat mich mit seines Vaters Augen angesehen. Gar nicht! - Ja, wenn ich
eine Dame gewesen wäre! - Aber mich konnte der gnädige Herr ja doch nicht
heiraten!
    Sie schwieg, als müsse dieser letzte Grund den Geistlichen selbst ohne
Weiteres überzeugen, und erstaunt über die besondere Richtung, welche diese
Natur genommen hatte, fragte dieser: So hat Ihr Gewissen Ihnen nie gesagt, dass
Sie auf falschem Wege gingen?
    Niemals! antwortete sie bestimmt. Ich habe getan, was ich nicht anders
konnte. Er hat mir immer versichert, dass er nicht heiraten würde, dass ich immer
bei ihm bleiben solle und dass er nicht von mir lassen werde. Wenn es dann
manchmal auch geheissen hat, dass er eine Frau nehmen würde, und ich mir darüber
Sorgen und Gedanken gemacht habe, so ist das immer eine unnötige Sorge gewesen.
Und ich bin ja auch immer glücklich und wie im Himmel gewesen, bis - bis nun in
diesem Sommer. Sie konnte das Wort von der Verlobung des Barons nicht über ihre
Lippen bringen.
    Und der Pfarrer, der Pfarrer von Neudorf, bei dem Sie ja eingepfarrt sind,
hat er Sie nie zur Rede gestellt, Sie nie gewarnt?
    Hochwürden, wesshalb wollen Sie das wissen? fragte sie misstrauisch.
    Weil ich finde, dass Ihnen ein ehrlicher, wahrhaftiger Freund gefehlt hat!
erwiederte er mit immer steigendem Anteile an dem jungen Weibe.
    Sie meinen also, der Herr Pastor hätte als solch ein Freund an mir handeln
sollen?
    Es würde das wenigstens seine Pflicht und eine Wohltat für Sie gewesen
sein.
    Nun, rief sie mit einem Anflug von Spott, dann hat er seine Pflicht nicht
gut verstanden! Und eine Wohltat für mich hätte es sein sollen? Das heisst doch
nicht wohltun, wenn man einem das Herz im Leibe bricht und einem sagt, dass man
diesseits und jenseits verdammt und verloren sei, weil man getan hat, was man
nicht anders konnte, was man ... Sie stockte, wollte weiter sprechen, besann
sich wieder und sagte endlich: Was hätte er denn auch mit mir machen sollen?
    Er hätte Sie wenigstens darauf aufmerksam machen sollen, dass nichts Bestand
hat, was wider Gottes Gebot und wider die Sitte der Menschen ist, antwortete der
Caplan ihr sanft und ernstaft. Sie würden es dann, dess bin ich gewiss, weit
weniger schwer gefunden haben, sich jetzt in das Notwendige zu schicken, und
würden nicht so ratlos und verzweifelt sein, als ich Sie leider finde.
    Sie blieb ruhig sitzen, seufzte leise und sah ihn nachdenklich an. Er fragte
sie, was sie beschäftige.
    Ich denke darüber nach, dass es besser wäre, Sie wären gar nicht hergekommen!
entgegnete sie ihm.
    Und doch kam ich in der besten Absicht! bedeutete er sie.
    Sie sagte, davon sei sie überzeugt, aber statt sich dadurch gekräftigt zu
fühlen, rief sie plötzlich mit der ihr eigentümlichen unterdrückten Heftigkeit:
Sehen Sie mich nicht so an, Hochwürden, ich halte das nicht aus!
    Sind Sie der menschlichen Teilnahme, der wohlgemeinten Sorge denn so sehr
entwöhnt? fragte er mit grosser Weiche des Tones und der ganzen Milde seines
Herzens.
    Ja, sehr entwöhnt! wiederholte sie klanglos; und mit hervorquellenden
Tränen rief sie: Ach, Hochwürden, machen Sie mir das Herz nicht weich, dann
kann ich mir gar nicht mehr helfen, und weiss jetzt erst recht nicht, was aus mir
werden soll!
    Sie wollte aufstehen, er nahm sie bei der Hand und nötigte sie dadurch,
sich niederzusetzen; widerstrebend gab sie nach.
    Weine nur, Pauline! sprach der Caplan, dem sie mehr und mehr beklagenswert
erschien und der sie in dem Gedanken an ihre Vereinsamung zum ersten Male wieder
wie in den Tagen ihrer Kindheit Du und mit ihrem Namen anredete. Weine Dich aus!
Es mag lange her sein, dass Du nicht von Herzen um Dich selbst geweint hast! -
Sie regte sich nicht, nur ihre Tränen brachen neu hervor. - Das Weinen wird Dir
das Herz erleichtern, und Du musst viel gelitten haben, ehe Du Dich so gegen die
Stimme Gottes, die Jeder in seinem Gewissen in sich trägt, verhärtet hast! fuhr
der Caplan fort.
    Sie weinte bitterlich. Mit Einem Male jedoch trocknete sie ihre Tränen, und
sich auflehnend gegen die Wirkung, welche sein Zuspruch auf sie übte, rief sie:
Wenn Gott es zulassen kann, dass ich so ohne Grund und ohne meine Schuld
verstossen werde, so gibt es keinen gerechten, keinen barmherzigen Gott mehr in
der Welt! - Aber kaum hatte sie diese wilden Worte ausgesprochen, so schlug sie
die Hände vor dem Gesichte zusammen und der Klageruf: Es wird mich noch von
Sinnen bringen! rang sich aus ihrem gequälten und verzweifelnden Herzen hervor.
    Armes Weib! sagte der Caplan, ergriffen von ihrem Schmerze, und sich ihm
plötzlich zu Füssen werfend, flehte sie: Helfen Sie mir! Ach, helfen Sie mir,
Hochwürden! Auf Sie hört er, zu Ihnen hat er Vertrauen; er hat das hundert und
aber hundert Mal gesagt! Sie können das Alles durchsetzen bei dem Herrn Baron!
Wenn Sie nur wollten! Sie könnten mir helfen!
    Er liess sie absichtlich auf ihren Knieen vor sich liegen, denn dem
herzbeladenen Menschen tut es wohl, sich vor demjenigen zu beugen und zu
demjenigen empor zu sehen, von dem er Beistand erwartet, und mit tiefem Erbarmen
fragte er sie, was sie wünsche und was sie denn verlange.
    Hier bleiben will ich! sagte sie mit einem Tone, der, so leise er war, doch
unheimlich wie der Wahnsinn klang, hier bleiben will ich, weiter nichts!
    Der Caplan war sehr erschüttert. Er sah mit Schrecken, wie gut der Freiherr
den Charakter und den Seelenzustand seiner Geliebten beurteilt hatte und wie
gründlich er Paulinen's religiöses Bewusstsein untergraben, als sie, durch die
Vorstellungen des Pfarrers angeregt, über ihr Verhältnis zu dem Baron unsicher
geworden war, und Reue gefühlt haben mochte. Jetzt, da derselbe sie, wenn auch
mit Bedauern, zu entfernen beabsichtigte, wünschte er allerdings, sie gläubig
und unter dem Einflusse sittlicher Begriffe zu finden, um sie auf einen höheren
Trost und eine innere Belohnung verweisen zu dürfen; aber der Geistliche kannte
das Menschenherz genugsam, um ihm irgend eine Sammlung oder Erhebung zuzumuten,
wenn es sich so bedrängt und so im Aufruhr befindet. Alles, was er daher in
diesem Augenblicke anstreben konnte, war, Pauline über denselben fortzuhelfen
und sie zu der Entfernung zu bestimmen, die ihm für alle Teile unerlässlich
schien. War das erreicht, so konnte man nachher versuchen, ein neues Leben in
der Verlassenen aufzuerbauen und sie auf den Weg zu leiten, auf welchem nach der
Ueberzeugung des Geistlichen allein Heil und Trost für sie zu finden war.
    Du willst hier bleiben, Pauline, sprach er, und ich begreife es, dass Du
dieses wünschest. Aber hast Du Dir auch bedacht, was Dir hier bevorsteht? Er
machte eine kurze Pause und sagte danach im Tone ruhiger Erzählung: Heute in
vierzehn Tagen, in drei Wochen, wird vielleicht die Frau Baronin an der Seite
des Herrn Barons durch das Dorf fahren, und er wird ihr sagen, wer in diesem und
wer in jenem Hause wohnt, und er wird sie dann bitten, seinen Untertanen eine
gütige Herrin, den Kindern des Dorfes eine Mutter zu sein, wie die selige
gnädige Frau es Dir und allen Andern auch gewesen ist. - Und wieder schwieg er
einen Moment, da er merkte, wie achtsam und gespannt sie seinen Worten folgte.
Wenn der Herr Baron dann an Dein Haus kommen wird, fuhr er fort, indem er sie
scharf dabei ansah, was soll er ihr dann sagen? Wenn sie Deinen Knaben sieht,
was wird er von seiner Frau für denselben erbitten können, mit welchem Herzen
wird er ihn in Zukunft betrachten? Und Du selbst, Pauline! Wünschest Du der Frau
Baronin zu begegnen? Oder lüstet's Dich, Dich zu verbergen, wenn sie mit ihrem
Manne hier vorüberkommen wird? - Willst Du es hinter den Vorhängen Deines
Fensters mit ansehen, wie der Baron vor Deiner Tür das Auge niederschlägt und
den Blick abwendet, wenn Dein Sohn ihm in den Weg tritt? - Willst Du den Knaben
lehren, den Herrn Baron zu meiden, dem er jetzt zutrauensvoll seine Arme
entgegenstreckt? Und was soll Dein Sohn der Frau Baronin antworten, wenn sie ihn
einmal fragen wird, wer er sei und wem er angehöre?
    Pauline war schon lange von ihren Knieen aufgestanden. Bleicher und bleicher
werdend, das Auge finster und starr auf den Fussboden gerichtet, hatte sie den
Worten des Geistlichen zugehört. Das leise Zucken ihrer Lippen, das
Zusammenziehen ihrer Augenbrauen verrieten, was in ihr vorging.
    Ueberlege es Dir wohl, Pauline, hob er noch einmal an, überlege es Dir wohl,
was Dein Verlangen, hier zu bleiben, Dir eintragen wird. Furcht, Schrecken,
Eifersucht, Verzweiflung für Dich, Heuchelei und Lüge für den Knaben, Verachtung
für Euch Beide, das ist es, was Du Dir hier bereiten willst, was Dein Teil sein
wird, bis der Kummer und die gerechte Forderung der Frau Baronin Dich früher
oder später doch von hier forttreiben werden!
    Nein, nein, das ist unmöglich! rief sie. Sie ist ja auch ein Weib! Wenn sie
ein Herz hat, wird sie, muss sie Mitleid mit mir haben! - Und es schien, als gehe
der Unglücklichen mit diesem Gedanken ein neuer Stern der Hoffnung auf.
    Der Caplan schüttelte verneinend das Haupt. Du irrst Dich, sagte er; sie
wird Deine Nähe fürchten, und was wir fürchten, das bemitleiden wir nicht, das
beklagen wir nicht, das hassen wir viel eher!
    O, ich hasse sie auch! stiess Pauline leidenschaftlich hervor, und ihre Augen
funkelten in wildem Feuer.
    Wie solltest Du nicht, da Du nur Dich im Auge hast, da Du nach Recht und
Unrecht, nach Schuld und Unschuld nicht mehr fragst! sprach der Geistliche,
einen neuen Weg zu Paulinen's Verstand und Herz versuchend.
    Hochwürden! rief Pauline flehend.
    Beharre in der Härtigkeit Deines Herzens! fuhr er fort, ohne ihren Ausruf zu
beachten; weide Dich daran, das Leben der jungen, schuldlosen Gutsherrin zu
beunruhigen; zwinge den Baron, sich immer wieder daran zu erinnern, was er gegen
Dich und mit Dir gesündigt hat, verbittere ihm den Frieden der Ehe, die er
eingehen will! Aber sage dann nicht, dass Du jemals Dankbarkeit, dass Du Liebe für
ihn empfunden hast, dass etwas Anderes, als Dein eigenes Gelüsten und Deine
Selbstsucht Dich ihm angeeignet haben! Der Zeitpunkt, verlass Dich darauf, wird
dann nicht lange auf sich warten lassen, in welchem er mit Schrecken an Dich
denken und, Selbstsucht gegen Selbstsucht setzend, sich berechtigt fühlen wird,
auch ohne Deine Zustimmung Dich von hier fortzuschicken!
    Und wenn ich gehe? fragte sie nach langem Schweigen; wenn ich gehe - und
vergessen werde? - Sie barg ihr Gesicht in ihre Hände, der Schmerz gewann wieder
eine wohltätige Herrschaft über die Erbitterung in ihr.
    Du wirst nicht vergessen werden, kannst nicht vergessen werden! tröstete der
Caplan. Reue und Bedauern werden den Baron an Dich erinnern; Dank für den
Frieden, welchen Deine Entfernung allein ihm in seiner Ehe möglich macht,
Neigung und Sorge für den Knaben werden ihn Dir dauernd verbunden halten, und Du
ganz allein sollst über Deine Zukunft zu entscheiden haben, in welcher Reue und
Busse auch Dich hoffentlich zur Einkehr in Dich selbst, zum Frieden führen
werden!
    Aber Pauline hatte in ihrer Herzenszerrissenheit seine letzten Worte wieder
nicht beachtet, und sich immer nur an das Nächste haltend, rief sie: Meine
Zukunft? Was kümmert mich die! - und abermals versank sie in ihr Brüten.
    Der Caplan sah, je länger er mit ihr sprach, es immer deutlicher ein, dass
hier mit Einem Schlage nichts auszurichten sei, und dass man ihr Zeit lassen
müsse, sich durch Aufregen und Nachdenken zu erweichen und zu ermüden; denn er
hielt sie für einen der Charaktere, welche nur dann zum Nachgeben bewogen werden
können, wenn ihre Kraft erschöpft ist. Er erhob sich also, um zu gehen.
    Ich habe Dir die beiden Wege gezeigt, zwischen denen Du zu wählen hast!
sagte er eindringlich. Deine Entfernung ist notwendig und darum unabänderlich
beschlossen! An Dir ist es, zu wählen, wozu sie sich für Dich gestalten soll: zu
einer Busse und Erhebung, oder zu einer Strafe und neuen Pein! An Dir ist es, zu
wählen; von Dir allein wird es abhangen, wie der Herr Baron in Zukunft Deiner
gedenken soll! Ueberlege Dir das wohl, ehe Du entscheidest!
    Er gab ihr die Hand und ging der Türe zu. Als er dieselbe bereits geöffnet
hatte, fragte Pauline schnell und unerwartet: Hochwürden, ist die Gräfin schön,
ist sie sehr schön?
    Hast Du nichts Anderes zu denken? versetzte er, von dieser Wendung ihres
Sinnes überrascht.
    Ist sie schön? Liebt er sie denn sehr? wiederholte sie dringend.
    Der Caplan sah, dass er ihr diese Fragen beantworten müsse. Die Comtesse ist
jung und schön und edel, sagte er; sie verdient die Neigung, welche der Herr
Baron ihr zugewendet hat, in vollem Masse.
    Pauline schwieg darauf. Der Caplan wusste nicht, was in ihr vorging, was er
von ihr denken sollte. Er stand zögernd an der Türe still; sie stützte sich mit
der Hand auf den Tisch.
    Willst Du sonst nichts weiter? fragte er nach einem längern Abwarten.
    Nein! Nichts!
    So lebe wohl!
    Leben Sie wohl, Hochwürden! erwiderte sie ihm mit anscheinender Ruhe, aber
gleich darauf wallte das Herz ihr auf, und mit einer Innigkeit des Tones, welche
sehr abstach gegen ihre letzten Worte, sagte sie: Hochwürden, kommen Sie wieder!
Mein Unglück ist so gross, so grenzenlos gross, dass ich es nicht begreifen kann!
    Sie hielt, als schwindle ihr, die Hände gegen den Kopf und setzte sich
nieder. Der Caplan versprach ihr, sie bald wiederzusehen, ermahnte sie nochmals
zum Nachdenken, und verliess sie weit besorgter, als er gekommen war.
    Nun er Pauline kannte, hielt er ihre Entfernung erst vollends für
unerlässlich. Bei der Schwäche des Barons, bei der Gewohnheit, welche ihn an sie
kettete, war Alles für das Glück seiner Ehe und für den Frieden der jungen Frau
zu fürchten, wenn Pauline blieb. Und doch sah er noch nicht ein, wie man sie auf
dem Wege der Güte in so wenig Tagen zur Abreise werde bestimmen können, während
er wusste, dass der Baron vor jeder offenen Gewalttätigkeit und Härte
zurückschrecken würde, wennschon er es sonst eben nicht scheute, Andere leiden
zu machen, sofern ihm selbst nur das persönliche Einschreiten und der Anblick
des von ihm erzeugten Leidens erspart blieben.
    Bei der Abendtafel sassen der Freiherr und der Caplan sich allein gegenüber,
denn es waren keine Gäste im Schloss, weil des Freiherrn Abreise so nahe
bevorstand. Der Freiherr sprach von lauter äusserlichen Dingen, obgleich es ihm
nicht entging, dass der Caplan sich ernster und stiller zeigte, als gewöhnlich.
Indes er war nicht eilig, die Ursache von dem Nachdenken desselben zu erfahren,
und erst als die Dienerschaft sich entfernt hatte und auch jener sich
zurückziehen wollte, fragte der Baron ganz beiläufig, ob der Caplan vielleicht
schon in Rotenfeld gewesen sei. Dieser bejahte es.
    Nun, und wie haben Sie Pauline gefunden? fuhr der Baron in der früheren
leichten Unterhaltungsweise fort. Sie war ausser sich, nicht wahr? Ich kenne das
an ihr, und eben darum wünschte ich, dass grade Sie mit ihr verhandeln sollten.
Haben Sie etwas ausgerichtet?
    Der Caplan versetzte, Pauline sei allerdings sehr aufgeregt gewesen, wie das
bei einer solchen ersten Unterredung mit einem Manne, der ihr in diesem Falle
ein Fremder sei, nicht fehlen könne. Es lasse sich aber eben darum von diesem
Zusammentreffen nichts Bestimmtes sagen, man müsse Geduld haben und weiter
zusehen. Er hoffe und wünsche, dass man zu einem verständigen Uebereinkommen
gelangen werde, weil man kein Mittel sparen dürfe, ein solches zu erreichen.
    Er sprach dabei nichts Bestimmtes aus; der Baron war auch sehr zufrieden
damit, nichts Näheres hören zu müssen. Er war stets bereit, seine Last auf die
Schultern seiner Untergebenen zu laden und ihnen ihre Mühewaltung als eine
Ehrensache anzurechnen. Er versicherte daher dem Caplan, dass er volles Zutrauen
zu seiner Einsicht und zu seiner Freundschaft hege; dass er zu jeder Forderung,
welche Pauline für ihre äusseren Umstände mache, im Voraus seine Bewilligung
erteile, und dass er also die ganze Leitung und Läuterung der peinlichen
Verhältnisse dem Freunde überlasse.
    Ich habe Ihnen heute den höchsten Beweis von Vertrauen gegeben, lieber
Freund, den ein Mann dem andern zu geben im Stande ist, sagte er. Ich habe Sie
gebeten, in einer mir äusserst wichtigen und schmerzlichen Angelegenheit statt
meiner zu handeln. Was Sie für nötig erachten, werde ich unbedenklich tun, was
geschehen wird, wird allein Ihr Werk sein! -
    Er betonte dieses Letztere, als gebe er im Voraus seinen Dank zu erkennen;
aber der Caplan wusste, dass der Baron sich dieser Wendung ohne Zweifel sehr wohl
erinnern würde, wenn es etwa darauf ankommen sollte, dem Vermittler die ganze
Verantwortlichkeit für ein Misslingen oder für irgend eine unangenehme
Verwicklung zuzuwenden, und als wolle er ihm gar nicht Zeit zu irgend einer
Entgegnung einräumen, fügte der Baron mit wiedergekehrtem Gleichmute
leichtfertig hinzu: Nur das Eine halten Sie fest, dass der Gedanke an das arme
Geschöpf mir wehe tut, weil es mich in der Tat mehr liebt, als Männer meiner
Art eigentlich in ähnlichen Verbindungen geliebt zu werden wünschen.
    Darauf gab er einige Aufträge, die er hier im Schloss während seines
Aufentaltes in der Stadt vollzogen zu sehen wünschte, und empfahl dieselben dem
Caplan eben so angelegentlich, als er ihm Pauline empfohlen hatte. Seine
Wiederkehr und die Abreise zur Hochzeit wurden auf Tag und Stunde festgesetzt,
und in aller Frühe des nächsten Morgens brach der Freiherr von seinem Schloss
auf.
    Es war noch nicht völlig hell, als er durch Rotenfeld fuhr und an
Paulinen's Haus vorüberkam. Er bog aus Gewohnheit den Kopf ein wenig hervor; die
Haustüre, die Fensterladen waren noch geschlossen. Er hatte in ihrem Schutze
manche Stunde voll Genuss durchlebt. Die Erinnerung daran bewegte ihn, aber in
einer Weise, als läge die Zeit, in der es geschehen war, ein halbes
Menschenleben hinter ihm. Er hatte jetzt nur die nächsten Tage, nur die
Verbindung mit Gräfin Angelika im Sinne. Mit der Vergangenheit hatte er sich
gestern abgefunden, als er dem Caplan davon ausführlich gesprochen hatte.
Pauline zu befriedigen und zu trösten war nun dessen Sache.
    Als der Wagen um die Ecke bog, sah der Baron das Haus noch einmal von der
andern Seite vor sich. Es fiel ihm ein, dass es, wenn Alles nach seinen Wünschen
gehe, bei seiner Heimkehr bereits verlassen sein werde, und noch einmal
überschlich ihn die Wehmut, die ihn gestern zu den Mitteilungen an den Caplan
bewogen hatte. Aber er verscheuchte sie schnell mit dem erfreulichen Gedanken,
dass er für sein Alter doch noch eine grosse Frische der Empfindung besitze. Als
feiner Egoist verstand er es vortrefflich, sich selbst seinen Schmerz in eine
gewisse Befriedigung zu verwandeln, und wie er sich am gestrigen Tage im
Hinblicke auf seine junge Verlobte, seiner Wohlgestalt gefreut hatte, so
erfreute es ihn jetzt, dass die Trennung von einer Geliebten ihn noch wirklich im
Gemüte leiden mache. Seine Braut konnte sich nach seiner Meinung des Besten zu
einem Manne versehen, der neben den Erfahrungen der reifen Jahre alle Vorzüge
der Jugend bewahrt hatte.
    Was aber Pauline anbetraf, so gestand er es sich im Vertrauen, dass sie an
Anziehungskraft für ihn verloren habe, dass sie nicht mehr dieselbe sei, als vor
fünf Jahren. Was sie an Entwicklung gewonnen, das hatte sie an Ursprünglichkeit
eingebüsst, und es war im Grunde nicht übel, dass seine Heirat ihm die Pflicht
auflegte, sich von ihr zu trennen. Dass es ewig währen könne zwischen ihr und
ihm, hatte sie ja selbst nicht glauben können. Aber er wollte in jeder Weise für
sie sorgen, für sie und für sein Kind, und wenn er das tat, so war ihr doch
immer ein ganz anderes Loos gefallen, als ihr ohne sein Dazwischentreten jemals
hätte zu Teil werden können. Er war also beruhigt und durchaus mit sich
zufrieden.
 
                                Drittes Capitel
Die Hälfte der Zeit, welche der Baron für seine Abwesenheit angesetzt hatte, war
bereits verflossen, ohne dass der Caplan zu einem befriedigenden Abschlusse mit
Pauline hätte gelangen können. Denn mit dem Eigensinn des Herzens, welchen die
Halbbildung sich als Charakterstärke auslegt, wies sie Alles von sich, was ihrem
Empfinden widersprach, hielt sie an ihren Vorstellungen fest, und alle diese
Vorstellungen kamen ihr von dem Baron; nur dass in seiner Geliebten sich zu einem
Ganzen gestaltet hatte, was in ihm unverbunden neben einander herging, und dass
in ihr zur Glaubenssache geworden, was in ihm stets mehr oder weniger ein Spiel
und die Wirkung zufälliger Stimmungen geblieben war.
    Der Baron war kein Wüstling, kein gewöhnlicher Lebemann, kein herzloser
Aristokrat, kein schwärmender Phantast. Er hatte aber von allen diesen Arten
einzelne Züge in seinem Charakter, und dabei eine Eitelkeit, welche seine
Herzensgüte, seinen Verstand beeinflusste und es ihm zu einem Bedürfnisse machte,
immerdar Etwas vorzustellen und dafür mindestens von sich selbst Bewunderung
einzuernten.
    In der grossen Welt hatte er früher durch seine Prachtliebe und durch seine
Abenteuer geglänzt, im Felde oder im Staatsdienste würde seine Eitelkeit ihn
vielleicht zu Anstrengungen getrieben haben, die ihm Ehre gebracht und Ruhm
erworben hätten. In der Stille des Landlebens konnte es ihm geschehen, dass er
sich, wenn es sich eben so fügte, aus der Erziehung eines schönen Waisenkindes
ein Bewusstsein machte, dass die Anbetung, welche dasselbe ihm zollte, ihm für
eine Zeit lang genügte, und dass er sich von einem solchen Mädchen ganz und gar
gefesselt fühlte, weil er es gänzlich als sein Geschöpf betrachten durfte. Er
hatte mit voller Wahrheit gegen den Caplan behaupten können, Pauline sei das
einzige Frauenzimmer, neben welchem er nie Langeweile gefühlt habe, denn Alles,
was sie wusste und sprach, kam ihr von ihm oder durch ihn, und war daher sicher,
ihm immer zu gefallen.
    Einige Jahre hindurch hatte er Pauline gegenüber die Wirkung seiner Grossmut
oder seines Geistes genossen, wenn sie sich verständig und immer fortschreitend
bewies, und sich daneben lächelnd ihrer Einfalt und seiner Ueberlegenheit
gefreut, so oft die Schranke ihrer Natur und ihres Wesens ihm bemerklich wurde.
Diese Zeit jedoch war jetzt vorüber. Pauline hatte sich an ihren Platz neben dem
Baron gewöhnt, sie hatte seine Schwächen kennen und, um ihn in guter Stimmung zu
erhalten, dieselben benutzen und ihn dadurch beherrschen lernen. Sie hing an ihm
noch immer mit leidenschaftlicher Liebe, sie vergass es auch niemals, was sie ihm
schuldete; aber weil sie die geistige Kluft nicht ermessen konnte, welche den
Freiherrn von ihr trennte, hatte sie sich mehr und mehr in seinem Besitze sicher
gefühlt, und die von ihm oft wiederholte Äusserung, dass ihr Leben dem seinigen
in rätselhafter Weise verbunden sei, hatte sie in dem Glauben bestärkt, dass der
Baron sie nie verlassen könne, dass sie notwendig zu seinem Leben, zu seinem
Glücke gehöre.
    Sie war daher wie vernichtet gewesen, als sie die Nachricht von seiner
bevorstehenden Verheiratung erhalten hatte. Der Baron selbst hatte sie ihr
mitgeteilt, ohne deshalb, nach den leichten Grundsätzen seiner Zeit, gleich
Anfangs an die Notwendigkeit ihrer Entfernung zu denken. Erst ihr
leidenschaftlicher Schmerz und die heftigen Ausbrüche ihres Zornes, erst ihre
Drohung, dass sie seine Heirat zu hintertreiben wissen werde, hatten ihm
gezeigt, dass er sie nicht in Rotenfeld behalten könne, und hatten ihn gegen sie
verstimmt. Indes schwach und nachgiebig gegen sie wie gegen sich selbst, hatte
er mit der Entscheidung gezögert, bis der Tag seiner Hochzeit heran nahte, bis
er sich der Aussicht auf die schöne junge Gattin zu erfreuen, und sich über den
Verlust seiner Geliebten mit dem ihm schmeichelnden Gedanken fortzuhelfen
begann, dass er seinem Gewissen und seiner Verlobten ein grosses Opfer bringe, und
dass er als Edelmann die Pflicht habe, für sein edles Geschlecht ein würdiges
Familienleben in seinem Hause aufzubauen.
    Er war mit sich auf diese Weise leicht genug fertig geworden. Der Caplan
hatte dafür mit Pauline einen um so schwereren Stand. Sie misstraute ihm als
katolischem Geistlichen, als Abgesandten des Barons, und verlangte doch nach
seiner Nähe, weil sie sich verlassen fühlte und weil sie mit ihm von demjenigen
sprechen konnte, was ihr allein am Herzen lag.
    So oft er zu ihr kam, musste er sich von ihr die einfache Geschichte ihres
Lebens erzählen lassen. Sie wiederholte ihm jene Grundsätze eines Naturrechts,
auf das der Baron sie verwiesen, als er sie durch die Ermahnungen des Pfarrers
beunruhigt gesehen hatte. Sie gab ihm ihre Eifersucht und Verzweiflung zu
erkennen, und der Gedanke an die baldige Anwesenheit der künftigen Baronin, den
der Caplan ihr so eindringlich vorgehalten hatte, wirkte nun unablässig in ihr
nach. Sie verlangte Rat von ihm und verwarf denselben; sie verlangte Trost und
Hülfe, aber sie wendete sich ab, sobald er sie auf einen Trost verweisen wollte,
den sie in ihrem eigenen Innern sich zu bereiten habe. Sie wollte weder von
kirchlichen noch von staatlichen Geboten reden hören, aus Furcht, daran erinnert
zu werden, dass sie dieselben übertreten habe, und dass sie diese Uebertretung
sühnen und büssen müsse. Mehr oder weniger gebildet und aufgeklärt, würde sie
leichter zu bestimmen gewesen sein, als jetzt; und es waren schliesslich nicht
die Vorstellungen ihres Beraters, nicht seine Moral und seine Vernunftgründe,
welche Eindruck auf Pauline machten. Es waren seine Geduld mit ihr und seine
Milde, die ihr das Gemüt bewegten und sie allmählig dahin brachten, dass ihr
Zorn und ihre Verzweiflung dem reinen Schmerze wichen, der nicht mehr sich zu
rächen, sondern nur noch sich selbst zu helfen trachtet.
    Eines Morgens, als der Caplan wieder zu ihr kam, fand er sie vor ihrer
grossen Nussbaum-Commode sitzen. Um sie her lagen verschiedene Kleidungsstücke
ausgebreitet, daneben Bänder, Zieraten, Nähbestecke und viele jener
Kleinigkeiten, mit denen man die Frauen zu beschenken pflegt, deren eigentliche
Bedürfnisse ohnehin befriedigt werden. Sie schien Musterung zu halten, und der
Caplan fragte sie, weshalb sie dieses tue.
    Weshalb ich das tue? wiederholte sie. Ja! wenn ich das wüsste, Hochwürden!
Ich kann nicht sagen, wie ich darauf verfiel, die Schubladen aufzumachen und die
Sachen zu besehen. - Die Commode ist mein Lieblingsstück! bemerkte sie nach
einer Weile, während sie die Sachen forträumte, die auf derselben gelegen
hatten. Sehen Sie einmal das Geäder in dem Nussbaume. Es sieht wie Bäume aus; und
dann der schwere Messingbeschlag und die grossen Griffe! Ich weiss den Tag, an
welchem ich die Commode bekommen habe. Die alte Margarete gönnte sie mir gar
nicht, und ich habe zuerst viel bittere Worte darüber hören müssen und manche
Träne darüber vergossen!
    Sie erzählte darauf, wie schwer die Alte ihr bisweilen das Leben gemacht
habe, und in die Art und Weise, mit welcher sie ihre Schätze wieder an Ort und
Stelle brachte, mischte sich der Stolz auf den Besitz derselben mit einer
unverkennbar wehmütigen Erinnerung. Der Caplan liess sie ruhig gewähren.
    Wenn ich das Alles so vor mir sehe, sagte sie mit einem Male, ist's mir
grade, als ob ich die ganzen vergangenen Jahre wieder vor mir hätte. Von jedem
Stücke kann ich sagen, wann er es mir geschenkt hat, wann ich es zuerst getragen
und gebraucht, und wie Alles damals gewesen ist. Manches liegt noch ganz neu da,
Manches ist nicht mehr zu gebrauchen, und ich könnte es doch nicht fortgeben.
Sie bückte sich bei den letzten Worten, nahm aus der untersten Lade eine Jacke
von Kattun hervor, hielt sie dem Caplan hin und sagte: Sehen Sie, Hochwürden,
das war der erste Anzug, den er mir nach seiner Rückkehr kaufte. Ich war damals
noch nicht ausgewachsen und so mager! Aber ich hätte es nicht mit ansehen
können, dass ein Anderer mir nachgetragen, was er mir einmal gegeben hat.
    Der Caplan warf einen Blick auf das bezeichnete Kleidungsstück und machte
die Bemerkung, dass es ihr auch künftig an Nichts fehlen und der Baron für alle
ihre Bedürfnisse auch künftig sorgen lassen werde.
    Sie hörte nicht darauf, denn sie war viel zu sehr mit sich und der
Vergangenheit beschäftigt. So oft er nach der Stadt fuhr, brachte er mir Etwas
mit, nahm sie wieder das Wort. Zuletzt dieses grosse, rote Umschlagetuch. Ich
sollte mich darüber freuen, ich sollte sehen, wie schön es sei. Schön genug war
es, aber freuen konnte ich mich nicht mehr darüber. Ich wusste ja schon, was hier
bevorstand.
    Die Freude an Deinem Hab und Gut wird wiederkommen, sagte der Caplan, wenn
Du erst wieder in Ruhe und unter Menschen sein wirst, denen Du Deine Sachen
zeigen kannst.
    Sie schüttelte verneinend das Haupt. Wer so unglücklich gemacht werden soll,
wie ich, den freut Nichts mehr, und aus dem Unglück darf man nicht zurückdenken
an die guten Tage, wenn's einem das Herz nicht brechen soll. Ich wollte, ich
hätte die Commode gar nicht aufgemacht!
    Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, schloss die sämmtlichen vier
Schubladen zu und steckte die Schlüssel in die Tasche von weissem Piqué, die sie
unter ihrem Kattunrocke trug.
    Der Caplan stand auf; das schien sie zuerst auf den Gedanken zu bringen, dass
sie mit dem Aufräumen in seiner Gegenwart etwas Ungehöriges getan hätte. Sie
bat ihn deshalb um Entschuldigung. Aber, fügte sie hinzu, wenn Sie nur ein
einziges Mal erfahren hätten, wie einem Menschen zu Mute ist, dem so wie mir
der Todesstoss gegeben wird, so würden Sie wissen, auf was man da Alles verfällt.
Elend muss man kennen, damit man's versteht!
    Die Worte kamen ihr von Herzensgrund und rührten den Caplan durch den
Ausdruck, mit welchem sie gesprochen wurden. Er seufzte unwillkürlich, sah
Pauline an, zögerte einen Augenblick und sagte dann mit ganz verändertem Tone:
Und wenn ich es nun verstände, was Elend ist, wenn ich es wüsste, wie Dir Armen
zu Mute ist?
    Sie richtete ihre dunkeln Augen forschend auf seine Miene. Hochwürden, was
soll das sagen? fragte sie danach. Sie sollten wissen, wie mir zu Mute ist? So
wie Sie, Hochwürden, sieht man nicht aus, so still und ruhig nicht, wenn man so
zerschmettert worden ist und sein Alles verloren hat, wie ich.
    So still und ruhig wird man, kann man werden, wenn man sich vorhält, dass
Alles, was wir leiden, uns von Gott kommt, und dass der Heiland selbst sein Kreuz
getragen, dass Christus selbst den Kelch des Leidens ausgekostet hat bis auf den
letzten Tropfen! entgegnete er ihr.
    Pauline schwieg, als stände sie an geweihter Stätte, als sei ein Vorhang vor
ihr aufgezogen, der ihr ein Allerheiligstes offenbarte. Sie faltete die Hände,
ihr Blick hing mit einer ganz neuen, liebevollen Empfindung an dem milden
Antlitze des geistlichen Herrn, und näher zu ihm tretend, während sich ihre
Wangen röteten von der Scheu, mit welcher sie die Frage an ihn richtete, sprach
sie leise: Hochwürden, sind Sie denn auch verlassen und verstossen worden?
    Nein! entgegnete er.
    Was ist Ihnen denn geschehen? forschte sie weiter, und ihre Stimme wurde
weicher, ihr Blick von Teilnahme gesänftigt.
    Er nahm sie bei der Hand, setzte sich und nötigte sie damit, sich ebenfalls
niederzulassen; dann sagte er ruhig: Ich habe mich überwunden!
    Freiwillig? rief sie aus.
    Freiwillig! wiederholte er, und sie schwiegen Beide. Pauline war wie
umgewandelt, sie vergass sich selbst in diesem Augenblicke. Das Vertrauen des
Caplans hatte sie erhoben. Ihn aber hatte es eine neue, grosse Ueberwindung
gekostet, vor Pauline von seinem eigenen Geschicke zu sprechen; indes er hatte
richtig erkannt, dass man auf diese Frau nur wirken könne, indem man ihre
Teilnahme auf einen Anderen richte und ihr ein Beispiel aus dem Bereiche
vorhielt, den sie kannte und übersah. Das Verlangen, mehr von dem Schicksale des
Geistlichen zu hören, liess ihr nun keine Ruhe. Sie wollte vergleichen können,
und doch band die Ehrfurcht ihr die Zunge, bis sie endlich die Frage wagte: Und
jetzt, Hochwürden, sind Sie denn jetzt nicht mehr unglücklich, haben Sie
verschmerzt, was Sie gelitten, was Sie geopfert haben?
    Ja, ich habe es verschmerzt! Ich habe wieder Freude an dem Leben, ich habe
Menschen, deren Wohl und Wehe mir sehr am Herzen liegt ....
    Und Sie können also wirklich wieder glücklich sein? fragte sie noch einmal.
    Ich bin freudig in meiner Arbeit, in der Erfüllung meiner Pflicht! Mit einem
Worte, ich lebe gern, versetzte er - und ich habe doch keinen Sohn, für den ich
leben könnte!
    Sie fasste den Gedanken offenbar bereitwillig auf. Ja, sagte sie, es ist ein
gutes Kind, und Sie glauben nicht, wie klug er ist. Weit über seine Jahre klug!
Er merkt Alles und weiss Alles, ohne dass man es ihm sagt. Wenn er mich traurig
findet, sieht er mich an, dass man denkt, es sei eine Sünde, ihn merken zu
lassen, was man aussteht. Er lässt dann keinen Blick von mir, und seine Augen
sind ganz wie die des Vaters. Sie sprach darauf von der Absicht des Barons, den
Knaben früh einer männlichen Leitung zu übergeben, und klagte sich an, dass sie
denselben bisher nicht genug geliebt habe. - Ich habe immer und immer nur an den
Vater gedacht, sagte sie; der Knabe würde mich bald vergessen, nähme man ihn
fort von mir, und der Vater wird mich noch schneller vergessen! setzte sie mit
erneuter Klage hinzu.
    Der Caplan mochte es ihr nicht bemerken, dass sie damit zum ersten Male ihre
indirecte Zustimmung zu den Absichten des Barons kundgegeben hatte, aber die
Tatsache war ihm wichtig, und obschon er bei Paulinen's schnell wechselnden
Stimmungen auf diese plötzliche Sinnesänderung nicht allzu viel vertraute, fing
er doch an, mit ihr von einem der nächstgelegenen Städtchen und von dem Leben in
demselben zu sprechen. Pauline wusste es, dass der Baron sie dortin senden
wollte. Sie fragte, wie weit der Ort von Richten entfernt sei und wie viel Zeit
man brauche, um von dort nach der Hauptstadt der Provinz zu kommen, in welcher
nach dem oftmals ausgesprochenen Plane seines Vaters der Knabe später erzogen
werden sollte. Dann erkundigte sie sich, ob ihrem Sohne seine Geburt bei der
Aufnahme in eine Erziehungsanstalt keine Hindernisse in den Weg stellen würde,
wie sie einmal gehört zu haben glaubte, und sie blieb überhaupt nur mit der
Zukunft des Knaben beschäftigt, bis der Caplan sich entfernte. Es war aber
ersichtlich dass ihr Etwas auf dem Herzen lag, für das sie den Ausdruck oder den
Moment nicht zu finden wusste, und der Geistliche hielt schon den Drücker der
Türe in der Hand, als sie sich ihm näherte und schüchterner, als es ihre Art
war, die Frage aufwarf: Sie haben sich überwunden, sich aufgeopfert, Hochwürden,
hat Ihnen das gute Frucht gebracht? Haben sie es Ihnen gedankt, diejenigen, für
welche Sie sich geopfert haben?
    Ein Opfer, für das man Lohn erwartet, ist kein Opfer mehr! entgegnete er
ihr.
    Sie verstummte darauf und liess ihn gehen. Aber er war ihr menschlich näher
getreten, seit sie wusste, dass auch er gelitten und verzichtet habe; und es
gelang ihm nach einigen Tagen endlich, ihre Einwilligung zu der Uebersiedelung
nach der Stadt zu erhalten. Sie erklärte jedoch, dass sie den Baron noch einmal
sehen wolle, ehe sie Richten verlasse. Sie müsse aus seinem eigenen Munde das
Versprechen erhalten, dass er sie besuchen werde, wenn er nach ihrem künftigen
Wohnorte komme; dass er selbst über den Lebensweg ihres Sohnes wachen wolle, und
der Caplan ging, so weit er es vermochte, auf alle ihre Wünsche ein.
    Neben diesen Stunden voll ruhiger Ueberlegung gab es aber auch viele andere,
in welchen sie sich nur mit der Hochzeit des Barons und der künftigen Baronin
beschäftigte, und in denen sie völlig wieder in ihren Schmerz versank. Sie
beteuerte dann unaufhörlich, dass sie ja verzichten möchte, dass sie es aber
nicht könne, und dass es über ihre Kräfte gehe. Es war ein Auf und Nieder in
ihren Empfindungen, dem schwer zu folgen, dessen Ursachen oft nicht zu erspähen
waren; und oftmals, wenn die Vorstellungen und Gespräche des Caplans sie so weit
gebracht hatten, dass ein Schuldbewusstsein und der Gedanke, dass man ein
Verschulden büssen müsse, in ihr rege wurden, warf sie mit der ihr
eigentümlichen Plötzlichkeit gewisse Äusserungen über die ihr einzig
angemessene Art von Busse hin, welche er aufs Neue zu bekämpfen hatte.
    Am Freitag Abend ging er nochmals zu ihr. Man erwartete in der Nacht die
Ankunft des Barons, der sich am Sonntag in aller Frühe zu seiner Braut begeben
wollte. Der Caplan wünschte ihm bei seiner Heimkehr sagen zu können, dass er
Alles geordnet habe und dass Pauline in ihr Schicksal ergeben sei. Er war daher
sehr zufrieden, als er Abends, da er zu ihr kam, sie damit beschäftigt fand, die
Kleider und das Spielzeug ihres Sohnes in einen kleinen Koffer zusammen zu
packen. Sie sprachen fortdauernd von der Reise und von der Stadt.
    Als der Caplan sie fragte, für welche Zeit er ihr die Pferde bestellen
solle, gab sie den Sonntagmorgen an, und wünschte, dass der alte Kämmerer bewogen
werden möge, sie zu begleiten. Sie habe Richten nie verlassen und es bange ihr
vor der Fremde. Der Caplan versprach ihr, dies zu vermitteln und Alles nach
ihrem Wunsche einzurichten. Nur als sie auf die begehrte Unterredung mit dem
Baron zurückkam und auf dieselbe bestand, erklärte er ihr, er zweifle, dass
derselbe geneigt sein werde, sie in diesem Augenblicke wiederzusehen. Von ihrer
Forderung zu Bitten übergehend, flehte sie zuletzt den Caplan mit Tränen, ihr
diese einzige Gunst zu erwirken, und er sagte ihr zu, dem Baron ihren Wunsch
mitzuteilen.
    Indes gleich die erste Begegnung mit demselben liess ihn erkennen, dass er
hier auf Widerstand stossen werde und dass für die Erfüllung von Paulinen's Bitte
Nichts zu hoffen sei. Der Baron war sehr aufgeräumt und in der Tat auch viel
beschäftigt. Er fragte Anfangs gar nicht nach Pauline, und da er es später tat,
geschah es in einer Weise, die kaum eine Antwort zu verlangen schien. Dennoch,
und obschon der Caplan selbst eine Unterredung oder einen Abschied zwischen dem
Baron und Pauline für zwecklos ansah, sprach er dem Ersteren davon, um seiner
Zusage nachzukommen; indes der Baron lehnte den Vorschlag entschieden ab.
    Ich kenne des guten Geschöpfes Liebe und Leidenschaft, sagte er, und ich
kenne auch meine Schwäche. Es ist nicht Fühllosigkeit oder Härte gegen das arme
Weib, das ich meinen Verhältnissen und meiner sittlichen Ueberzeugung opfern
muss, es ist die unerlässliche Notwehr gegen mich selbst, wenn ich mir in dem
Augenblicke der Abreise zu meiner Braut eine Scene erspare, die mir, sie mag
ausfallen wie sie immer wolle, das Herz zerreissen wird, ohne nach der andern
Seite hin irgend etwas zu nützen.
    Es fiel dem Caplan auf, dass der Baron auch dieses Mal Paulinen's Namen
auszusprechen vermied und sich mit anderer Bezeichnung dafür behalf. Er kannte
das an seinem Herrn und wusste, was es zu bedeuten habe. So kam er denn auch
nicht mehr auf den Wunsch Paulinen's zurück, aber der Baron erbot sich später
aus freiem Antriebe, ihr noch einmal zu schreiben, was der Caplan für zweckmässig
erachtete. Auch schrieb er ihr noch in derselben Stunde und sandte den Brief
sogleich durch einen Boten ab.
    »Ich danke Dir«, lauteten die Zeilen, »dass Du Dich entschlossen hast, in die
Stadt zu ziehen. Du kennst mich genugsam, um zu wissen, dass ich Dir dies lohnen
werde. Es soll Dir dort, darauf kannst Du Dich verlassen, ein ganz sorgenfreies
Leben bereitet werden, und Paul wird nicht aufhören, ein Gegenstand meiner
treuen Sorgfalt zu sein. Der hochwürdige Herr Caplan, der sich in diesen Tagen
Deiner so gütig und väterlich angenommen hat, wird auf meine Bitte Dir auch
ferner mit seinem Rate zur Seite stehen und dafür sorgen, dass Du Dich nach
Deinem Ermessen einrichten kannst. Dass ich nicht zu Dir komme, geschieht aus
Rücksicht für Dich sowohl als auch für mich. Wozu ein Wiedersehen, wenn man
vergessen will? Und vergessen lernen musst Du! Folge in Allem ganz dem Rate und
den Anordnungen des verehrten Herrn Caplans. Was Du in Zukunft etwa von mir
wünschest, was ich von Dir erfahren soll, teile ihm mit. An mich selbst
schreibe nicht. Meine Teilnahme und mein Schutz werden Dir und Paul nie
entgehen, und ich werde mich Dir verpflichtet fühlen, wenn Du Dich mir in diesen
Anordnungen pünktlich fügsam zeigst. Somit lebe denn wohl! Sei Gott mit Dir, und
möge er uns Allen in seiner Gnade eine ruhige Zukunft verleihen!«
    Pauline empfing den Brief gegen Mittag aus den Händen des damit beauftragten
Reitknechtes. Sie hiess ihn warten und durchflog das Schreiben. Aber es schien,
als könne sie den Inhalt nicht gleich fassen. Ihre Augen, ihr Herz suchten nach
einem freundlichen Worte, suchten endlich nur nach der Anrede mit ihrem Namen,
nach irgend einem Zeichen der Bewegung in der Seele dessen, der diesen Brief
geschrieben hatte. Es war vergebens. Als sie das Blatt zum zweiten Male beendet
hatte, liessen ihre bebenden Hände es zur Erde fallen.
    Ihr Knabe, der dabei stand, glaubte, ein Zufall habe das Papier den Händen
der Mutter entgleiten machen, und bückte sich, es ihr zu reichen. Sie hielt ihn
davon zurück. Rühre das Blatt nicht an, sagte sie mit befehlendem Tone, rühre es
nicht an!
    Der Knabe war erschrocken; er lehnte sich auf den Schoss der Mutter, die
sich niedergesetzt hatte, weil die Kniee ihr versagten. Sie küsste ihm den
lockigen Kopf, ihre Tränen flossen auf ihn nieder. Er wollte bei dem Unbehagen,
das ihn peinigte, gern Etwas tun, es los zu werden, wusste aber nicht, was, und
fragte also, ob der Ludwig, der den Brief gebracht habe, fortgehen solle. Sie
bejahte das, und der Knabe brachte dem Diener die Weisung.
    Ist nichts zu bestellen, Mamsell? fragte der Reitknecht, die Tür öffnend.
    Nichts! antwortete sie fest, und er ging davon. Der Knabe drängte sich an
sie. Du weinst immer! sagte er, und da sie ihm nicht antwortete, setzte er nach
einer Weile hinzu: Weine nicht, ich kann's nicht leiden, wenn Du weinst! - Die
Worte klangen herrisch in dem Munde eines Kindes, aber der Kleine schmiegte sich
zärtlich an ihr Knie, während er sprach.
    Dieses Mal indes machte die Liebkosung des Sohnes keinen Eindruck auf die
Mutter. Sie schob ihn leise von sich. Lehne Dich nicht immer an mich! Lerne
allein stehen, Du wirst's nötig haben! sagte sie finster und streng.
    Das verdross den Knaben. Ich bin Dir nicht gut, Mutter! schmollte er.
    Du hast auch keinen Grund dazu, entgegnete sie ihm. Ihre finstere Weise
machte Paul bange. Es wurde ihm unheimlich bei der Mutter und in der Stube, und
er lief zur Magd hinaus.
    Als Pauline allein war, fing sie laut und heftig zu weinen an. Das währte
eine geraume Zeit. Bisweilen war es, als wolle sie sich besänftigen, aber dann
nahm sie den Brief wieder vor, den sie nach der Entfernung des Kindes von dem
Boden aufgehoben hatte, und ihre Tränen flossen auf's Neue.
    Sie liess beim Mittagessen die Speisen unberührt, war aber mit dem Knaben
freundlich und legte ihm reichlich zu essen vor. Nach der Mahlzeit ging sie
wieder daran, verschiedene Sachen einzupacken, indes sie kam damit nur langsam
vorwärts, denn sie setzte sich oftmals nieder, ihre Hände gegen die Stirn
pressend, weil der Kopf sie schmerzte. Nach einer Weile stellte sie die Arbeit
gänzlich ein und blieb wohl eine Stunde hindurch ruhig aufgestützt am Fenster
sitzen. Dann stand sie auf, zog sich zum Ausgehen an, hiess den Knaben seine
Mütze nehmen und verliess mit ihm das Haus.
    Gleich am Eingange des Dorfes bog sie von der grossen Fahrstrasse ab und
schlug einen Feldweg ein. Er führte durch den Wald in den Park des Schlosses.
Durch eine Hecke trat sie in denselben ein. Es war hell unter den grossen Bäumen,
aber die Luft wehte stark und die Blätter rauschten mit leisem Klingen, sofern
sie noch an den Bäumen hielten. Der ganze Boden war mit welkem, vielfarbigem
Laube wie mit einem dichten Teppiche bedeckt, dass die Schritte bald unhörbar
darüber hinglitten, bald es raschelnd nach sich zogen, je nachdem es trocken
oder feucht war. Hier und da flog ein Vogel auf, hier und da kamen ein Hirsch
oder ein paar Rehe aus dem Unterholze hervor und streckten zutraulich die feinen
Köpfe mit den klaren, neugierigen Augen aus der leichten Umzäunung hervor. Die
Mutter hatte dem Knaben oft von den schönen, schlanken Rehen und von den
Hirschen mit ihren grossen Geweihen erzählt, aber er hatte sie niemals gesehen,
und seine Freude an den Tieren war sehr lebhaft. Er hatte den Rest seines
Vesperbrodes in der Tasche und wollte sie füttern. Die Mutter gab es nicht zu.
    Lass es gut sein, sagte sie, das ist Nichts für Dich; hier werden andere
Kinder die Rehe füttern! - Sie hielt ihn an der Hand fest, um schneller mit ihm
vorwärts zu kommen, und zeigte ihm im Vorübergehen die Statuen im Garten, welche
grosse Blumenkörbe und schwere Füllhörner in den Armen trugen. Ein Ende weiter
standen auf den Postamenten Knaben-und Mädchengestalten aus Stein gehauen,
welche die Flöte bliesen und Guitarre spielten. Es war das Alles neu für Paul
und machte ihm Freude; aber seine Freude konnte nicht aufkommen vor dem finstern
Ernst der Mutter. Er fragte mehrmals: Wem gehören die Rehe? Wem gehören die
Hirsche? Wem gehört das Alles? Sie antwortete ihm kurz: Dir nicht!
    In der Nähe des Schlosses sah sie der Gärtner, der die Orangeriehäuser zur
Nacht decken liess. Er blickte ihr verwundert nach, weil sie seit Jahren nicht im
Schlossgarten gewesen war, bot ihr den Guten Abend, sagte aber Nichts. So kam sie
bis zu der Stelle, an welcher der kleine Fluss sich durch die Ausgrabungen zu
einem grossen Teiche verbreiterte und von wo sich das Schloss auf seiner Terrasse
am stolzesten ausnahm. Die Sonne war schon zum Sinken geneigt, sie spiegelte
sich in den Fenstern, dass sie leuchteten, als wäre Feuer dahinter. Auf den
Terrassen standen, wie in Paulinen's Garten, auch noch einige Stockrosen, die
der Nachtfrost verschont hatte und die dem Knaben als etwas Bekanntes Vergnügen
gewährten. Aber obschon die Terrasse durch das Schloss vor dem Winde geschützt
war, waren auch hier die Bäume schon entlaubt. Die letzten acht Tage hatten sie
sehr mitgenommen, ihre Blätter schwammen auf dem Wasser, von dem der Nebel
aufzusteigen begann, denn die Luft war klar und kalt.
    Die vielen Schornsteine des Schlosses, die sich, drei, vier
aneinandergelehnt, emporhoben, fielen dem Knaben auf.
    Zähle die Schornsteine und merke Dir Alles, denn hier wohnt Dein Vater! Das
ist Deines Vaters Haus! sagte die Mutter mit dem kurzen, nachdrücklichen Tone,
der alle ihre Worte auf diesem Wege dem Kinde auffallend und eindringlich
machte, ohne dass es wusste, weshalb ihm Alles so besonders klang.
    Zähle die Schornsteine, wiederholte sie, und zähle, wie viel blanke Fenster
das Schloss hat, und wie viel grosse Tore und Türen. Hinter den blanken
Fenstern, in denen die Sonne sich so golden spiegelt, werden glückliche Kinder
wohnen und spielen, aber Du wirst nicht hineinkommen in das Haus. Merke es Dir
gut. Das ist Schloss Richten! Hörst Du, Paul! Das ist Schloss Richten, das gehört
dem Baron von Arten, dem Onkel Baron, und der Onkel Baron ist Dein Vater! Der
Baron von Arten ist Dein Vater, Paul!
    Sie sah den Knaben an, sein ernstes Gesicht, in dem sich ein grosser
Scharfsinn kundgab, befriedigte sie. Weisst Du's jetzt? fragte sie.
    Ja; das ist Schloss Richten, das gehört dem Onkel Baron, und der Baron von
Arten ist mein Vater! sprach der Kleine ihr halb verwundert und halb im
Schrecken nach.
    Merk' Dir's, Dein Vater heisst Herr Baron von Arten! wiederholte sie. Sage
das noch einmal nach!
    Mein Vater heisst Herr Baron von Arten! sprach das Kind; und ich komme nie
hinein! setzte er aus freiem Antriebe hinzu, denn es tat ihm leid, dass er nicht
hinein sollte in das schöne Schloss zu den glücklichen Kindern, die einst hinter
den goldenen Fenstern spielen würden.
    Mache, dass Du hineinkommst! rief die Mutter mit unterdrückter Stimme, denn
Dir kommt es zu, dort in dem Schloss zu wohnen. Dir kommt es zu! Hörst Du, Dir!
Du bist der älteste Sohn! Dir kommt es zu, dieses Schloss!
    In dem Augenblicke hörte sie Schritte. Sie fuhr zusammen, fasste ihres Sohnes
Hand, und als sie sich umwendete, stand der Caplan vor ihr. Er hatte sie aus dem
Fenster seines Zimmers auf der Terrasse gesehen und kam besorgt herab, sie zu
fragen, was sie hierher geführt habe.
    Paul soll doch wenigstens einmal sehen, wo sein Vater wohnt, antwortete sie
trocken. Da er den Park und das Schloss nie hat betreten dürfen, so lange wir
hier lebten, soll er es sich genau betrachten, ehe wir von hier scheiden.
    Der Caplan machte keine Einwendungen dagegen. Er sprach ihr und dem Kinde
freundlich zu, aber er suchte sie, indem er vorwärts ging, von der Terrasse, auf
welche auch die Fenster von dem Zimmer des Barons hinaussahn, fortzubringen,
und weil die Achtsamkeit des Knaben sich auf die Schwäne unten im Flusse
hinwendete, gelang es Jenem leicht, Mutter und Sohn dortin zu leiten. Am Flusse
blieb Pauline stehen. Die Sonne war herunter, das Wasser sah schon ganz finster
und schwarz aus, die Schwäne zogen mit ihren weissen gehobenen Flügeln langsam
darauf hin.
    Sieh', wie breit der Fluss hier ist! sagte Pauline, der geht durch das ganze
Land, und ist tief, sehr tief. Noch ein paar Wochen, dann wird er gefroren sein.
Vergiss das nicht, Paul! Oben liegt das grosse, helle Schloss und unten fliesst das
tiefe, finstere Wasser! Wirst Du das behalten?
    Ja! versicherte der Knabe.
    Nun, dann können wir gehen! rief die Mutter, blieb aber doch noch einmal
stehen, um noch einen Blick auf das Schloss zu werfen, und sagte: Da oben ist
auch Alles leer, all die Stuben von der seligen gnädigen Frau und von dem
gnädigen Fräulein! Die haben auch Platz machen müssen!
    Sie seufzte, wollte noch Etwas sagen, unterliess es jedoch und wünschte dem
Caplan eine gute Nacht, wobei sie ihm dankte, dass er so viel Geduld und
Nachsicht mit ihr gehabt habe und dass er sie und den Knaben hier nicht gestört.
Er versuchte, mit ihr von ihrer Reise, von ihrer Einrichtung in der Stadt zu
sprechen, und geleitete sie während dessen bis zum Parke hinaus. An der Pforte
desselben bat er sie, sie möge das Wort halten, das sie ihm neulich gegeben, den
Baron nicht weiter zu beunruhigen.
    Was ich versprochen habe, das habe ich versprochen und das werde ich halten!
Was der Herr Baron von mir noch hören soll, das erfährt er durch Sie,
Hochwürden! beteuerte sie.
    Der Caplan lobte das, sie boten sich nochmals gute Nacht, und Pauline
schritt mit ihrem Sohne durch die hereinbrechende Dunkelheit gen Rotenfeld nach
Hause.
 
                                Viertes Capitel
Als der Geistliche in das Schloss zurückkehrte, sagte man ihm, dass der Baron nach
ihm gefragt habe, und er verfügte sich nach dessen Zimmer.
    Ein freundliches Licht, eine behagliche Wärme strömten ihm entgegen, als er
in dasselbe eintrat. Im Kamine knisterte und flackerte das Feuer und warf seine
Streiflichter nach den Genien von Marmor empor, die von der hochgegiebelten
Spitze desselben Kränze und Palmenzweige herniederreichten. An dem grossen
Schreib-Bureau, oben, gegen das Fenster hin, sass der Baron. Bei dem klaren
Lichte der Wachskerzen, die auf den silbernen Armleuchtern brannten, ordnete er
verschiedene Briefschaften und Papiere, und die im Kamine auffliegenden leichten
Feuerflocken verrieten, dass er auch Papiere verbrannt haben musste.
    Als er den Caplan gewahrte, stand er auf und ging ihm ein paar Schritte
entgegen. Es ist gut, dass Sie da sind, Bester, sagte er dann; mir wurde
allmählig bange vor diesem Schreibtische. Alte Papiere durchzusehen, ist mir
beinahe noch quälender, als auf einem Kirchhofe umher zu wandeln. Der Kirchhof,
so traurig seine Mahnung an unsere Vergänglichkeit ist, zeigt sich uns doch
immer als die Ruhestätte für manches Leiden, und wir selber empfinden uns auf
demselben mit Behagen als die Lebenden, wir sind für den Augenblick wenigstens
noch die Bevorzugten. Aber vor solchen Papieren - er wies mit der Hand darauf
hin - fühlen wir selbst uns schon in gewissem Sinne als Vergangene. Wir kennen
uns selbst nicht in den durchlebten Zuständen wieder, wir belächeln das, was uns
einst wichtig schien, wir sehen auf uns selbst wie auf etwas Fremdes zurück, und
daneben wälzt sich uns die ganze Masse von Irrtümern und Verschuldungen auf,
die man sich nicht ableugnen kann und mit denen man sich selbst und Andere
leiden machte. Die vergangenen Freuden sind uns keine rechten Freuden mehr, die
Menschen, die vor uns auftauchen, sind teils wirklich todt, teils todt für
uns, und weil wir auf so viel Vergangenes blicken, verlieren wir das Zutrauen zu
demjenigen, was wir jetzt wünschen und erstreben. Der grüne Rasen des Kirchhofes
ist lange nicht so melancholisch, als solche Päcke vergilbter Papiere. Sie
müssten uns alle Lust am Leben nehmen, wären wir nicht wie die Kinder geneigt,
uns das Kommende, das Unbekannte, trotz aller unserer Erfahrungen, doch immer
wieder schöner und verlässiger, als das Bekannte vorzustellen. Wer seines Lebens
froh werden will, muss eigentlich gar keine Zeugnisse seiner Vergangenheit
aufbewahren, denn damit allein gewinnt man die Möglichkeit, sich nur dessen zu
erinnern, was man festzuhalten wünscht, und Alles zu vergessen, was man
vergessen möchte.
    Der Caplan widersprach dieser Ansicht. Wer das Bestreben der
Selbstvollendung hat, meinte er, muss sich vor sich selbst als Einheit
aufzurichten wünschen und hat als Grundlage für seinen eigenen Fortschritt den
genauen, klaren Ueberblick über seine ganze Vergangenheit nötig. Mich dünkt,
sagte er, ein jeder Irrtum, aus dem wir belehrt hervorgegangen sind, wird uns
zu einem Antriebe, weiter in dem Streben nach Wahrheit fortzuschreiten; jede
Versuchung, jede üble Neigung, die wir besiegten, ist eine Ermutigung für uns,
jedes Unterliegen eine Mahnung zum Misstrauen gegen uns selbst, und wenn ich auf
meine ganze Vergangenheit zurückschaue, so möchte ich nicht eine Stunde
derselben vermissen.
    Der Baron war von der Äusserung überrascht. Ich kenne Sie doch nun über ein
Vierteljahrhundert, sagte er, aber für so glücklich hätte ich Sie nicht
gehalten. Nach Ihren Äusserungen müssen Sie von dem Leben, von den Menschen
keine Enttäuschungen erlitten haben; dann freilich wären Sie zu beneiden, wären
Sie glücklicher als ich gewesen bin; aber ich habe das nicht geglaubt.
    Er brach damit plötzlich das Tema ab, als sei es völlig erschöpft, wenn er
seine Ansicht darüber ausgesprochen habe, und der Caplan hatte keine Neigung und
keinen Grund, es weiter fortzusetzen. Aber der Baron war aufgeregt und warf mit
einer gewissen Heftigkeit noch einige Päcke Papiere in das Feuer, die hell
aufflammten und bald als ein Häufchen Asche zwischen den grossen Holzbränden
versanken.
    Das wäre abgetan! sagte er, und als sei mit diesen schriftlichen Zeichen
entschwundener Jahre auch all dasjenige vernichtet, was der Baron nicht erlebt
und gelebt zu haben wünschte, so erleichtert wandte er sich von dem Feuer ab. Er
ging an sein Bureau, schloss eines der Fächer desselben auf, nahm einen
Schmuckkasten von violettem Sammet heraus, der auf seinem Deckel das Wappen der
Familie Arten trug, und zeigte, den Kasten öffnend, seinem Freunde den darin
entaltenen Schmuck.
    Sehen Sie einmal, sagte er, was Fassung tut! Sie kennen ja unsern
Familienschmuck; aber wie viel schöner sieht er in seiner jetzigen Fassung aus,
als in der früheren, in welcher meine Mutter ihn trug! Er hielt ihn dabei gegen
das Licht, dass die Flamme der Kerzen sich tausendfach in den schön facettirten
Brillanten spiegelte, und schien grosse Freude an ihrem Glanze zu haben.
    Mich dünkt, der Schmuck ist grösser und reicher, als ich ihn früher gesehen
habe, meinte der Caplan.
    Das ist er auch. Sie wissen ja, dass es ein Uebereinkommen oder vielmehr eine
Sitte unter uns ist, bei jeder neuen Uebertragung des Schmuckes auf eine neue
Frau von Arten, den Schmuck zu vergrössern. Ich habe die fünf Solitaire, welche
die Mitte des Colliers bilden, dazu gekauft, und die ganze Aigrette ist neu. Ich
denke, dass sie Gräfin Angelika vortrefflich kleiden wird. Die fünf Steine,
welche durch meinen Ankauf an der hinteren Seite des Halsbandes übrig geworden
sind, habe ich als Pendeloques für die Brust-Agraffe fassen lassen, und so schön
die Steine an und für sich sind, muss man es dem Juwelier, dem Jakob Flies, doch
lassen, dass er ihnen durch die Art der Zusammenstellung einen ganz besonderen
Glanz gegeben hat. Er ist fraglos einer der geschicktesten Juweliere und der
honneteste Jude, der mir vorgekommen ist.
    Er blieb mit der Betrachtung des Schmuckes beschäftigt, nahm die einzelnen
Teile mit einer fast weiblichen Genugtuung aus dem Etui heraus, hielt sie
gegen das Licht und rief endlich: Keine Königin dürfte sich dieses Schmuckes
schämen! Dann legte er Alles in dem Etui zurecht, deckte das wattirte weisse
Atlaskissen über die Brillanten und schloss das Kästchen mit dem goldenen
Schlüssel wieder behutsam zu. Ehe er es aber in das Bureau setzte, liess er den
Caplan noch einmal die Arbeit des Etuis betrachten, welche sehr geschickt das
alte, jetzt zu klein gewordene Schmuckkästchen nachahmte, und mit dem doppelten
Behagen des Kenners und des Besitzers holte er noch vier, fünf ältere
Schmuckkasten herbei, welche die Vorgänger des jetzigen gewesen waren.
    Man hatte durch alle Generationen die Form und Zeichnung des ersten
Schmuckkästchens festgehalten, das einst einer der Herren von Arten seiner Braut
als Hochzeitsgabe dargebracht hatte. Es machte sich also von selbst, dass der
Baron dabei seiner Mutter und Grossmutter, seiner Vorfahren überhaupt gedachte,
und er, der sich eben noch gegen alle und jede persönliche Rückerinnerungen
ausgesprochen hatte, fand sich bald in das liebevollste Gedenken an seine
Eltern, in den stolzesten Rückblick auf sein Geschlecht versenkt. Er sprach von
seiner Mutter, von seinem Vater, er verglich die Eigenschaften und den Charakter
seiner verstorbenen Schwester mit denen seiner Braut, er entwarf Lebensplane für
die Zukunft und war, wie sanguinische Menschen bei einem neuen Abschnitte in
ihrem Leben es pflegen, voll guten Glaubens und voll guter Vorsätze.
    Er kam darauf noch einmal, als er dem Caplan die Trauringe zeigte, auf den
jüdischen Juwelier zurück. Ich kenne ihn seit langen Jahren, mein Vater bediente
sich seines Vaters schon, sagte er, aber ich habe mir niemals die Mühe genommen,
mich weiter mit ihm einzulassen, als unser eigentliches Geschäft es nötig
machte. Jetzt, da ich ausführlicher mit ihm zu verhandeln hatte, habe ich ihn
näher kennen lernen, und ich finde nun vollkommen bestätigt, was man mir von ihm
gerühmt hat. Er ist ein anständiger Mann und von einer Bildung, die ich bei
Leuten seines Gleichen in der Tat nicht vorausgesetzt haben würde.
    Ich hatte Ihnen das immer gesagt, bemerkte der Caplan. Verwandte von mir,
die vor Jahren in seinem Hause wohnten, hielten einen gewissen Verkehr mit ihm,
und ich habe dadurch bei meinen früheren Besuchen in der Stadt die Gelegenheit
gehabt, ihn und seine Frau kennen zu lernen. Es sind äusserst brave und recht
gebildete Leute.
    Mich freut es, diese Bestätigung Ihrer Ansicht durch meine eigene Erfahrung
gewonnen zu haben, erklärte der Baron; denn ich hege nicht üble Lust, den Mann
als meinen Agenten in der Stadt zu benutzen. Er hat Waarenkenntniss aller Art und
viel Geschmack. Er ist daneben klug, umsichtig, ein sehr gewandter
Geschäftsmann, und die Weise, in welcher er seine Frau und seine einzige,
beiläufig sehr schöne Tochter behandelte, gefiel mir sehr. Discret scheint er
mir auch zu sein.
    Der Caplan hatte Anfangs nicht recht einsehen können, was den Baron bewogen,
grade jetzt, wo seine Zeit beschränkt war, die nähere Bekanntschaft des
Juweliers zu machen; noch weniger konnte er begreifen, wozu er eines Agenten in
der Stadt bedürfe und wesshalb er sich zu einem solchen eben einen Juden
ausersehe. Indes die letzten Worte, welche der Verschwiegenheit des Herrn Flies
gedachten, klärten für den Caplan den Vorgang alsbald auf. Die ganze Massregel
konnte sich nur auf Pauline oder auf den Knaben beziehen, den der Freiherr dem
Schutze und Rate des Juweliers anzuvertrauen beabsichtigen mochte, weil er mit
demselben auf sehr leichte und unverfängliche Weise im Zusammenhange bleiben
konnte. Da der Baron aber mit keinem Worte Paulinen's gedachte, hielt der Caplan
es für angemessen, ihrer ebenfalls nicht zu erwähnen, und der Abend ging mit
ruhigen, meist heiteren Gesprächen hin, als sässe nicht eine halbe Stunde von
ihnen ein unglückliches, verlassenes Weib in all seinem Jammer da, die langsam
dahingleitenden Minuten mit seinen Herzschlägen qualvoll durchmessend.
    Am andern Morgen kam der künftige Schwager des Barons, ein junger Militär,
nach Richten, um den Bräutigam seiner Schwester zur Hochzeit zu begleiten. Er
diente in einem Cavallerie-Regimente, dessen eine Schwadron unfern in Garnison
lag. Es war ein prächtiger Tag. Das Pferd des Cornets wieherte vor Freude, als
es, dampfend von dem scharfen Ritte durch den kalten, klaren Morgen, das Schloss
erreichte, dessen wohlversorgte Ställe ihm bekannt und lockend winkten. Die
beiden ihn begleitenden langhaarigen Windhunde sprangen in grossen Sätzen vor ihm
her, als ahnten sie in der klaren Herbstluft die nahe Jagd.
    Der Cornet war pünktlich gewesen, um keinen Aufentalt in der Abreise zu
verursachen, und kaum hatte ein Diener sein Pferd weggeführt, so trat gleich ein
zweiter heran, dem Reitknechte des jungen Grafen das Gepäck abzunehmen, welches
dieser für seinen Herrn auf dem Pferde hatte. Denn die Reisewagen waren bereits
zum Anspannen fertig und man hatte nur noch die Mantelsäcke des jungen Grafen
unterzubringen.
    Der Baron hatte, am Fenster stehend, schon eine ganze Weile nach seinem
Schwager ausgesehen. Er hatte vortrefflich geschlafen, war heiter erwacht und am
Morgen unter verschiedenen Vorwänden durch das ganze Schloss gegangen, das ihm
heute zum ersten Male so leer erschien, als habe die Gefährtin, die er zu holen
beabsichtigte, es schon lange mit ihm bewohnt und ihn eben jetzt erst verlassen.
Er sah daran, wie viel er in dieser Zeit an sie gedacht hatte, wie sehr er sich
ihres nahen Besitzes freute und wie sehr er sie bereits in sein Leben
aufgenommen habe. Er begrüsste und umarmte dann den Jüngling, der ihn mit den
schönen Augen seiner Schwester anlachte, mit der grössten Freude, aber er war so
eilig, fortzukommen, dass er trotz seiner Gastlichkeit, noch während der Cornet
beim Frühstück sass, den Befehl zum Anspannen der Wagen erteilte.
    Der Cornet wollte davon nichts hören. Er hatte sich vor Tagesanbruch auf den
Weg gemacht, nun verlangte er Zeit, sich auszuruhen, denn er wollte sein Haar,
das von dem mehrstündigen Ritte in Unordnung geraten war, frisch frisiren und
pudern lassen, um am Abende sich in seiner Familie gebührend präsentiren zu
können. Er neckte daher den Baron mit aller kecken Laune eines jungen Militärs
und mit allem Übermut eines verwöhnten Günstlings über die grosse Eile, mit
welcher derselbe zur Abreise trieb. Der Baron liess sich das von dem Bruder
seiner Braut mit Heiterkeit gefallen, ja, er willigte endlich darein, dem jungen
Grafen noch die ganze neue Einrichtung des Schlosses zu zeigen, und es vergingen
damit nahezu zwei Stunden, die man in der angenehmsten und behaglichsten Weise
verbrachte.
    Endlich fuhren die beiden Reisewagen vor das Schloss. Den einen sollten bei
der Heimkehr die Vermählten, den anderen der Cornet und der Caplan benutzen. Die
Dienerschaft stand vor der Türe, der Haushofmeister sah dienstbeflissen noch
einmal die Taschen des Wagens nach, sich zu überzeugen, dass die mitgegebenen
Vorräte wohl untergebracht wären, der Kammerdiener legte die Fusssäcke und
Pelzdecken zur Vorsicht in den Wagen, und nahm dem Gärtner die Schachtel ab, in
welcher das Bouquet von Orangenblüten, das der Baron seiner Braut als
Willkommsgabe aus seiner Orangerie mitzubringen wünschte, vorsichtig in Moos
verpackt war.
    In dem Augenblicke trat der Baron mit seinen beiden Begleitern aus dem
Portal des Schlosses heraus, und der Cornet machte unwillkürlich die Bemerkung,
wie schön sein Schwager in dem violetten, mit Goldschnüren besetzten
Sammetüberrocke aussehe. Mit klarem Auge selbstzufrieden umherschauend, drückte
der Baron den flachen, gleichfalls mit Goldschnüren verzierten dreieckigen Hut
auf das Haupt und wollte eben den Wagen besteigen, als sich unten am Flusse eine
unruhige Bewegung zeigte. Der Gärtner mit seinen Burschen und einige Arbeiter
waren am Wasser beschäftigt, man holte Stangen herbei, und der Gärtner bestieg
das Boot, mit dem man nach dem Schwanenhäuschen überzufahren pflegte.
    Was gibt's da unten? fragte der Freiherr.
    Man wusste es in seiner Umgebung nicht und schickte hinunter, es zu erkunden.
    Aber noch ehe der Bote zurückkam, brachte der Gärtnerbursche dem Caplan
einen Brief.
    Was geht da vor? wiederholte der Freiherr.
    Gnädiger Herr, sagte der Bursche, es hat sich Einer in's Wasser gestürzt!
    Wer? Wann? rief der Freiherr mit einem Schrecken, der aus irgend einer
furchtbaren Ahnung hervorgehen musste.
    Ich weiss nicht! antwortete der Gärtnerbursche auf ein Zeichen des Caplans,
von dessen Wangen alles Blut gewichen war.
    Der Freiherr wollte die Terrasse hinuntereilen, der Caplan hielt ihn zurück.
Bleiben Sie, bleiben Sie! Es ist vergebens, es ist zu spät! sagte er eilig und
selbst nach Fassung ringend.
    Den Brief, den Brief! drängte darauf der Baron und entriss dem
Widerstrebenden das Papier. Es entielt die folgenden, kurzen Zeilen:
    »Was ich von Dir erfahren soll, das teile dem Herrn Caplan mit! hat er mir
geschrieben. - Sagen Sie ihm also, Hochwürden, dass ich nicht anders konnte. Ich
habe fortgehen wollen, nun der Tag da ist, geht's über meine Kräfte. Ich will
ihn ja nicht stören in seinem Glücke, aber hier bleiben muss ich! Wenn er
heruntersieht auf das Wasser, werde ich ihm wohl einfallen, und er wird dann
auch wohl an den Paul denken, der nun keinen Menschen mehr auf der Welt hat, als
ihn! Sagen Sie ihm das, Hochwürden! - Wenn's Tag wird und Sie den Brief
bekommen, dann ist's lange mit mir vorbei!«
    Das war Alles. Der Brief war kurz und ohne alle Weichheit, wie Paulinen's
Charakter in sich abgeschlossen, und ihr Entschluss schnell gewesen war. Sie
hatte nicht einmal ihren Namen unterschrieben.
    Während der Baron las, hatte seine ganze Dienerschaft erfahren, was
geschehen war. Die Blicke seiner Leute waren auf ihn gerichtet, er beachtete es
nicht. Seine Hand zitterte, seine Kniee versagten ihm den Dienst, er musste sich
auf einer der Bänke vor dem Schloss niedersetzen, und im furchtbaren Schmerze
schloss er die Augen. Es war eine vollkommene Untätigkeit in seine Umgebung
gekommen, Niemand schien zu wissen, was er tun solle.
    Mit einem Mal richtete er sich auf. Abspannen! befahl er und wollte sich in
das Schloss begeben. In dem Augenblick kam aber der Cornet zurück, welcher mit
der Lebhaftigkeit seines Alters bei der ersten Kunde von dem Unfalle nach dem
Wasser hinuntergegangen war.
    Es hat sich ein Frauenzimmer aus dem Dorfe ertränkt! sagte er gleichgültig,
und sie meinen, es müsse schon viele Stunden her sein, denn der Mantel und die
Schuhe, die man auf dem Rasen gefunden hat, waren schon festgefroren, als Ihr
Gärtner sie bemerkte. Unter den Schuhen soll ein Brief an den Herrn Caplan
gelegen haben. - Ah, Sie haben den Brief schon! rief er, als er das Blatt in den
Händen seines Schwagers und zugleich mit dessen Verstörung es bemerkte, dass der
Kammerdiener die Pelzdecken wieder aus dem Wagen herausnahm.
    Was haben Sie, Baron? Sie lassen ausspannen? fragte er verwundert. Fahren
wir denn nicht?
    Ja, bald, gleich! erwiederte der Baron, sich gewaltsam beherrschend. Ich muss
nur erst sehen ....
    Ob Sie Todte lebendig machen können? rief der Cornet. Wenn wir darauf warten
sollen, wird Angelika heute eine schlaflose Nacht haben und sich Sorgen um uns
machen, wobei Sie natürlich für zwei zählen und ich für Nichts! Vor Abend kommen
wir jetzt ohnehin nicht mehr nach Berka, und der Caplan ist ja unten.
Ueberlassen Sie ihm doch den Rettungsversuch, das ist sein Amt, und - fügte er
übermütig hinzu - wer weiss, ob der hochwürdige Herr, an den der Brief gerichtet
war, nicht am Ende ohnehin mehr von der Sache weiss.
    Er lachte über seinen Einfall; der Baron hatte nichts von diesen frechen
Worten des jungen Mannes gehört; aber er kam allmählig aus seiner Versunkenheit
zurück, fuhr sich mit der Hand mehrmals über die Stirn, und als er sich dann
umsah, waren seine Mienen wieder ruhig geworden.
    Sie haben Recht, sprach er; ich kann hier in der Tat Nichts helfen, und
Ihre Schwester soll nicht ohne Grund beunruhigt werden. Kommen Sie, lieber
Gerhard, lassen Sie uns einsteigen! - Während der junge Graf sich dem Wagen
näherte, winkte der Baron den Haushofmeister heran und sagte: Ich lasse den
Herrn Caplan ersuchen, alles Nötige, verstehen Sie mich, alles Nötige, zu
besorgen und mir baldmöglichst nachzukommen! Und dass ich hier Alles finde, wie
ich's angeordnet habe!
    Der Haushofmeister verneigte sich, die Dienerschaft, welche eben so bestürzt
gewesen war, als ihr Gebieter, trat beflissen hinzu, und der Baron stieg ein.
Als der Cornet sich zu ihm niedersetzte und der Kammerdiener ihnen die Decken
von schwarzem Bärenpelz über die Kniee gebreitet hatte, lehnte der Baron sich in
die Ecke zurück, wie einer, der zu schlafen beabsichtigt.
    Sie werden heute keinen unterhaltenden Gesellschafter an mir haben, sprach
er zu dem jungen Manne. Freude und Erregung haben mich die Nacht nicht schlafen
lassen, und nun ist der Schrecken mir auf die Nerven gefallen, dass ich einen
Ansatz von Migraine fühle, den ich mir wegschlafen möchte, um Ihre Schwester
heiter und frei umarmen zu können.
    Kannten Sie das Frauenzimmer, das sich ertränkt hat? fragte gleichgültig der
junge Mann.
    Ja, versetzte der Baron, und es überlief ihn eiskalt, dass er
zusammenschauerte und sein Begleiter ihn, aufmerksam werdend, betrachtete. Dem
Baron entging das nicht, und die Achtsamkeit seines Schwagers von dem rechten
Pfade abzulenken, sagte er: Mit aller seiner Philosophie kann man sich des
Aberglaubens in entscheidenden Momenten doch recht schwer erwehren. Dass solch
ein Unglück vor meinen Augen geschah, grade als ich den Wagen besteigen wollte,
um an das Ziel meiner Wünsche zu gelangen, hat mir einen äusserst peinlichen
Eindruck gemacht, und ich möchte um Alles in der Welt nicht, dass Ihre Schwester
Etwas davon erführe.
    O, bewahre! Wozu auch? erwiederte der Bruder; aber dass Sie sich so Etwas
derart zu Herzen nehmen könnten, hätte ich mir nicht gedacht! Mich lässt
dergleichen völlig ruhig. Wer sich das Leben nimmt, tut es zu seinem eigenen
Schaden.
    Er machte dazu ein ganz ernstaftes Gesicht, lehnte sich ebenfalls zurück,
wickelte sich fest in seinen Reitermantel ein und war, da er mit Tagesanbruch
ausgeritten, bald eingeschlafen, während der Baron, von Schmerz und
Gewissensbissen gefoltert, von Sorgen und Unglücksahnungen gepeinigt, mit
Schrecken daran dachte, dass er am Abend seine Braut begrüssen und sie bald als
seine Gattin in sein Haus führen sollte, vor dessen Fenster das dahin fliessende
Wasser ihn ewig an den Untergang Paulinen's mahnen musste.
 
                                Fünftes Capitel
Die ganze gräfliche Familie war bereits im Schloss beisammen, als der Baron in
Berka eintraf. Der Schwiegervater, die neuen Vettern, kamen ihm bis in die Halle
entgegen. Bei dem Scheine der Windleuchter, welche die geschäftige Dienerschaft
herbeigetragen, hiess man ihn mit aller Feierlichkeit willkommen, und dem Baron
war jeder Aufentalt, war Alles erwünscht, was ihm die Veranlassung zum eignen
Handeln ersparte, was die erste Begegnung mit seiner Braut, wenn auch nur für
Minuten, hinausschob.
    Oben in seinen Zimmern, in die man ihn geführt hatte, um ihm Zeit für seine
Umkleidung zu geben, warf er sich erschöpft auf das Canapé, und die
Herzbeklemmung, die er den ganzen Tag ertragen und überwunden hatte, machte sich
in Tränen Luft.
    Gut geschult, verliess sein Kammerdiener ihn, sobald er die Gemütsbewegung
seines Herrn gewahrte, und es dauerte eine Weile, ehe der Baron demselben
schellte, um sich ankleiden zu lassen. Er war sonst äusserst sorgsam für seine
Toilette, heute blieb dieselbe gänzlich dem Kammerdiener überlassen.
    Der Baron beachtete es nicht, in welcher Weise jener ihm die vollen
Seitenlocken puderte; er sprach kein Wort, während der Diener ihm das Haar
flocht und die Schleifen des breiten Bandes an dem Haarbeutel befestigte. Er
merkte es kaum, als er ihm das kleine, goldene Messer reichte, den Puder von der
Stirne fortzubringen, und wäre der Diener nicht selbst stolz gewesen auf die
vornehme Erscheinung seines Herrn, so hätten die weissseidenen Strümpfe sich
ziehen können, wie sie mochten, und weder die kantenbesetzte weisse Halsbinde,
noch das Jabot und die Spitzenmanschetten würden die rechten vollen, vornehmen
Falten geworfen haben. Erst als der Baron das Zimmer verlassen wollte, um sich
zu seiner Braut zu verfügen, und der Diener ihm den Parfümerie-Kasten
hinreichte, damit er für sein Taschentuch den Parfüm nach Wohlgefallen wählen
könne, erlaubte sich derselbe die Anfrage, ob der gnädige Herr nicht in den
Spiegel sehen wolle, und sein zufriedenes Lächeln schien von diesem Vorschlage
Erheiterung für den Baron zu erwarten. Indes der Blick desselben wendete sich
kalt von dem Spiegel ab, nachdem er ihn flüchtig darauf gerichtet hatte, und mit
einem Seufzer, den er nicht zu unterdrücken vermochte, verliess er das Zimmer.
    Er hatte keine Sylbe gesprochen, er hatte es nicht einmal für nötig
gehalten, dem Diener Verschwiegenheit zu befehlen. Er kannte sich und seine
Leute. Er wusste, dass sie treue Diener waren, weil er sie immer empfinden liess,
dass er ihr Herr sei.
    Langsam und schwerer, als es seine Art war, schritt er die Treppe hinab,
durch die Vorzimmer, an der teils wartenden, teils beschäftigten Dienerschaft
vorbei, bis die Flügeltür des Saales vor ihm geöffnet wurde. Aber das Licht,
das helle Licht, welches ihm aus demselben entgegenstrahlte, war ihm unangenehm.
Es blendete ihn heute zum ersten Male in seinem Leben und erinnerte ihn damit,
wie heisse Tränen er geweint hatte. Indes es blieb ihm keine Zeit, an sich zu
denken. Er hatte seine Braut zu begrüssen, er musste ihr sagen, was er in diesem
Augenblicke leider ganz und gar nicht empfand, dass er glücklich sei, sie
wiederzusehen.
    Wie hold sie ist! hörte er ausrufen, als Gräfin Angelika ihm mit
unverhehlter Freude und Zärtlichkeit entgegenkam.
    Die schlanke Gestalt sah so leicht aus in dem Kleide von rosenfarbener
Seide. Das schöne Haar, nur von einem rosa Bande gehalten, puffte sich hoch über
ihrer schmalen Stirne empor und fiel hinter beiden Ohren in langen Locken weich
und schwer auf ihren Hals und ihren Busen hinab.
    In jedem anderen Momente würden ihre Jugend und ihre Schönheit dem Baron
eine Entzückung bereitet haben; heute bewegten sie ihn nicht, obschon er sie
gewahrte. Er küsste Angelika's Hand und umarmte sie, aber sie musste die Begrüssung
nicht gefunden haben, wie sie dieselbe erwartet hatte, denn es legte sich ein
Schatten über ihr Gesicht und ihr Auge blieb ängstlich auf den Baron gerichtet,
als man sich nach kurzer Zeit in den Speisesaal verfügte.
    Die Unterhaltung belebte sich an der Tafel schnell. Man befand sich noch in
den Zeiten, in welchen Männer und Frauen es kein Hehl hatten, dass sie in die
Gesellschaft gingen, um einander zu treffen und dass sie einander zu gefallen
wünschten. Die Geselligkeit, die Unterhaltung wurden noch als eine Kunst
betrachtet, in welcher geübt und geschickt zu sein für einen Gebildeten als eine
Ehrensache galt. Der Baron, als trefflicher Gesellschafter gerühmt, hatte seinen
Ruf aufrecht zu erhalten und hätte ihn selbst in seiner gegenwärtigen Stimmung,
in dem Kreise seiner neuen Familie und unter den Augen seiner Braut nicht
einbüssen mögen. Er nahm sich also zusammen, und da man für den Moment durch
Ueberreizung seiner Kräfte ihre Abspannung am leichtesten besiegt und verbirgt,
so steigerte er sich allmählich zu einer Lebhaftigkeit, welche die allgemeine
Aufmerksamkeit auf ihn richtete und ihn zum Mittelpunkte des ganzen Kreises
machte.
    Er kam aus der Stadt, war vor nicht langer Zeit in Berlin gewesen und hatte
viel Gutes von den Freunden zu erzählen, welche er an beiden Orten gesehen. Er
konnte, weil ihm die hervorragendsten Persönlichkeiten des Hofes und der
Diplomatie bekannt waren, genaue Auskunft über den Stand der Weltändel geben,
welche damals noch nicht so offen und so schnell vor aller Leute Augen gebracht
wurden, als in unsern Tagen, und was die Literatur anbelangte, an der man zu
jener Zeit in der guten Gesellschaft weit mehr Anteil nahm als heute, so führte
er als das Neueste und Bedeutendste in seinem Reisewagen ausser Goete's
Geschwistern noch die ersten veröffentlichten Bruchstücke des Don Carlos mit
sich. Er musste vom Könige erzählen, von der Gräfin Lichtenau, deren Charakter
und deren Tun und Treiben seit der neuerdings erfolgten Tronbesteigung
Friedrich Wilhelm's des Zweiten eine noch grössere Wichtigkeit bekommen hatten,
und wie sehr er die Abneigung seiner Zuhörerinnen gegen die königliche Maitresse
auch berücksichtigte und schonte, konnte er doch nicht umhin, sie als eine Frau
von Geist, von Geschmack und von Kunstsinn zu bezeichnen. Hier und da verriet
ein Blick, ein Wort es den Männern, dass er noch mancherlei Besonderes
zurückbehalte, was den Vertrautesten mitzuteilen sich wohl eine gute Stunde
finden lassen werde, und selbst die Frage der Damen nach den neuen Moden in
Kleidung und Wohnungseinrichtung freundlich zu befriedigen, liess der Baron sich
gefällig herbei, bis alle Anwesenden voll von seinem Lobe waren, bis er selbst
sich fortgehoben hatte über seinen verstörten Sinn. Er hatte die Gesellschaft
für sich eingenommen und sich durch die Betrachtung erheitert, wie viel
Herrschaft er über sich habe und über welche Mittel er gebiete, sich die Neigung
und Bewunderung der Menschen zu gewinnen; das genügte ihm für den Augenblick und
half ihm vorwärts.
    Nur Eine Person in der Gesellschaft schien die allgemeine Zufriedenheit und
den allgemeinen Frohsinn nicht zu teilen, nur Comtesse Angelika blieb ernst und
schweigsam. Das fiel dem Baron auf, und, besorgt und ein wenig empfindlich
zugleich, fragte er sie: Fehlt Ihnen etwas, meine Beste, oder was ist geschehen,
das Lächeln von Ihrem lieben Antlitze zu verscheuchen?
    Da richteten sich ihre sanften Augen ruhig forschend auf die seinen, und mit
leiser Klage sagte sie: Sie erzählen so viel Schönes, aber Sie sagen mir Nichts!
    Der Scharfblick des jungen Mädchens erschreckte, der Vorwurf traf ihn, indes
schnell gefasst neigte er sich zu ihr und sprach flüsternd: Wollen Sie, dass ich
hier inmitten der Familie und der Gäste die Selbstbeherrschung verliere, die mir
Ihnen gegenüber, Süsseste, zu behaupten so schwer wird, dass ich, um Herr über
mich zu bleiben, mich mit Plaudern beschwichtigen muss? Was soll ich Ihnen sagen,
das Sie nicht wüssten, meine holde Braut?
    Sie lächelte und errötete, ohne jedoch durch seine Schmeichelrede beruhigt
zu werden. Sagen Sie mir, dass Sie sich freuen, bei mir zu sein, dass ich Ihnen
gefalle! bat sie mit einem Tone, der scherzend sein sollte, der aber ihre
Besorgnis nicht verbergen konnte.
    Angelika, rief der Baron und sah sie mit einem Blicke an, vor dem sie
erglühend die Augen senkte, bestes, teuerstes Mädchen, was ficht Sie an, wie
kommt Ihnen dieser Zweifel? Ich begreife Sie nicht!
    Sie lächelte verwirrt, sie schalt sich selbst ein verwöhntes Kind, sie bat
ihren Verlobten, ihr zu verzeihen, und reichte ihm die Hand hin, die er zärtlich
drückte; aber er wusste jetzt, dass er sich vor Angelika zu hüten habe, und seine
Stimmung liess ihm heute nur Einen Weg, auf dem er sich behaupten konnte.
    Er hatte bis dahin seine Braut mit all der strengen Zurückhaltung behandelt,
welche Reinheit und Unschuld von dem Manne zu fordern berechtigt sind. Jetzt, da
er im Innersten erschüttert und bedrängt, keiner freien Empfindung mächtig,
seine Braut beunruhigt und zum Argwohn geneigt sah, jetzt musste der Schein der
Leidenschaft und des Verlangens ersetzen, was Angelika an ihm vermisste, und es
fiel dem erfahrenen Frauenkenner nicht schwer, das Herz des jungen Mädchens
lebhaft zu beschäftigen. In den folgenden Tagen gab es der Zerstreuungen, welche
ihm zu Hülfe kamen, auch mancherlei, denn die grosse Familie, welche jetzt im
Schloss zusammen lebte, nahm beide Verlobten sehr in Anspruch. Das neue
Eintreffen des einen oder des anderen noch fehlenden Gastes brachte immer neue
Zwischenfälle, welche dem Freiherrn seine Haltung wesentlich erleichterten, und
da Angelika, aus ihrer friedlichen Ruhe aufgeschreckt, das Alleinsein mit ihm
zwar suchte, aber es eben so schnell wieder floh, so verfloss die ganze Woche
ohne besondere Störungen. Die Männer zogen in der Frühe auf die Jagd, man
speis'the gemeinsam und am Abend vereinigten Unterhaltung und Spiel die
Gesellschaft in verschiedenen Gruppen, während die Jüngeren hier und da zum
Tanze ihre Zuflucht nahmen.
    Am Vorabende der Hochzeit hatte man länger als gewöhnlich bei der
Mittagstafel verweilt und sich dann in das Nebenzimmer begeben, um dort den
Kaffee einzunehmen. Der Baron stand, den Rücken gegen die Stubentüre gekehrt,
die kleine Tasse von meissener Porzellan in der Hand, mit einigen Herren in
lebhafter Unterhaltung an dem Kamine. Man sprach von Diesem und Jenem, man
neckte den Baron damit, dass er zerstreut sei, weil die bevorstehende Hochzeit
ihm im Sinne liege; und der Gedanke an dieselbe führte die Männer, welche zum
Teil Jugendfreunde und Lebensgenossen des Freiherrn waren, auf die Erinnerungen
an ihre eigenen Hochzeiten und auf manches gemeinsame Erlebnis zurück. Es fehlte
dabei nicht an einer Menge jener kleinen Züge, welche man einander, vorsichtig
nach den Frauen hinüber schauend, mit Lächeln und Flüstern erzählte, und wie das
zu geschehen pflegte, waren die Männer, welche am ruhigsten das friedliche Joch
ihrer Ehe ertrugen, unter denjenigen, die am eifrigsten gegen den Zwang der
Beständigkeit protestirten und sich am dreistesten des Uebermutes berühmten,
mit dem sie die Tage ihrer Freiheit und Ehelosigkeit genossen haben wollten.
    Sie waren der Klügste von uns Allen, Baron! sagte einer seiner Verwandten,
der mit ihm gleichen Alters war. Sie haben sich Ihre Freiheit nach Gebühr zu
Nutze gemacht, und nun, da ich armer Tor bereits meines Sohnes Erstgebornen aus
der Taufe gehoben habe, nun führen Sie, als ob das eben so sein müsste, das
schönste Mädchen des Landes heim, um das die ganze Schaar unserer jungen
Edelleute sich vergebens bemühte. Ihre Frau wird grosses Aufsehen machen, wenn
Sie sie am Hofe präsentiren.
    Das könnte sein, versetzte der Baron, ich habe aber nicht die Absicht, an
den Hof zu gehen, und meine Braut hat vollends keine Neigung für das Leben in
der Residenz.
    Weil sie es nicht kennt! meinte einer der jüngern Männer, denn ich halte es
für unmöglich, sich nicht von dem schwungvollen Sinne, von dem Geiste und von
der Bildung gefesselt zu fühlen, welche sich dort zur Verschönerung des Lebens
und zum Genuss desselben verbinden.
    Schon die grosse Zahl von Franzosen und Engländern, von Fremden überhaupt,
machen den Hof jetzt anziehender, als er seit lange gewesen ist, bemerkte der
Edelmann, der zuerst gesprochen hatte, und sich zu dem Freiherrn wendend, sagte
er: und nicht allein Fremde erscheinen dort, auch Geister lassen sich sehen. Was
haben Sie denn über die Sache erfahren?
    Sie meinen die Erscheinung des Grafen von der Mark, welche man dem Könige
bereitet hat? fragte der Freiherr.
    Eben diese! versetzte der Andere, und der Freiherr berichtete, was er davon
gehört und wie sehr der König sich durch den Anblick dieses von ihm geliebten
und als Kind verstorbenen Sohnes erschüttert gefühlt haben sollte.
    Einige der Männer, feste, alte Voltairianer, zuckten mitleidig und
verächtlich die Achseln, als die Unterhaltung sich nach dieser Seite wendete.
Indes die Geisterseherei war Mode geworden, Jeder hatte seine Meinung über ihre
Möglichkeit, und die Frauen, deren weichem Herzen der Tod ja fast immer als eine
Grausamkeit erscheint, sprachen sich zum Teil sehr lebhaft für eine Ansicht
aus, welche ihnen einen fortdauernden Zusammenhang mit ihren dahingegangenen
Lieben in Aussicht zu stellen versprach.
    Der Baron, dessen Meinung man zu verschiedenen Malen herausgefordert hatte,
vermied es, sie zu äussern. Er war zurückhaltender, als er es sonst über ähnliche
Materien zu sein pflegte, und weil sich Niemand in der Gesellschaft befand, der
die Unterhaltung verständig leitete und beherrschte, verlor sich dieselbe, je
mehr die Dämmerung hereinbrach, immer tiefer in das Gebiet des Geheimnisvollen
und Sentimentalen. Man erzählte die Erfahrungen, die man selbst von dem
Uebergreifen der Geisterwelt in den Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren gemacht
zu haben glaubte, man erinnerte an die damals vielbesprochene Geschichte der
jungen Schauspielerin, der ihr verratener Geliebter sich auf die wundersamste
Weise kundgegeben haben sollte.
    Das Für und Wider äusserte sich noch einmal und noch lebhafter, als zuvor,
bis einer der älteren Edelleute, welchem diese weichlich mysteriöse Unterhaltung
nicht behagen mochte, ihr mit einem Scherze ein Ende zu machen beschloss.
    Man könnte sich es schon gefallen lassen, sagte er, einer ungetreuen Schönen
zu einem allgegenwärtigen und unvermeidlichen Memento mori zu werden, wenn man
nur vor Repressalien sicher wäre! Stellen Sie sich doch aber vor, meine Herren,
was sollte aus uns Ehemännern und aus dem Frieden unseres Hauses werden, wenn
jedes hübsche Lärvchen, das uns einmal das Herz gerührt hat, so ganz ad libitum
in unserem häuslichen Kreise erscheinen und unsere eheliche Eintracht stören
könnte? Unsere Damen, die jetzt so sehr für diese neue Weltanschauung schwärmen,
würden ja die Ersten sein, um Gottes willen gegen einen solchen sichtbaren
Zusammenhang mit der Geisterwelt zu protestiren.
    Man lachte, man belobte hier und da den gesunden, heiteren Einfall des alten
Herrn, man sagte, dass der rechte Frohsinn jetzt nur noch bei den Alten zu finden
sei, und stachelte damit den Ehrgeiz des jungen Grafen Gerhard auf, den Witz und
die Heiterkeit der Jugend kund zu tun. Unglücklicher Weise waren aber Mass
halten und ruhiges Ueberlegen nicht eben seine Sache. Der reichlich genossene
Wein hatten ihn heute noch unbesonnener und kecker als gewöhnlich gemacht, und
sich an seinen Schwager wendend, dessen Ernst und dessen Schweigen ihm
aufgefallen sein mochten, rief er: Der Onkel Kammerherr hat wahrhaftig Recht!
Stellen Sie sich doch vor, Baron, was aus Ihnen werden sollte und was Angelika
sagen würde, wenn alle die Frauen, denen Sie um Angelika's willen das Herz
gebrochen, Ihnen erscheinen sollten? Stellen Sie sich vor, wenn - er wies mit
dem Kopfe nach dem Eingange des Zimmers und der Baron und die Anderen folgten
unwillkürlich seinem Winke - wenn dort sich zum Beispiel plötzlich die Tür
öffnete und ...
    Ein Schauer durchflog die Glieder des Barons, denn die Türe tat sich
wirklich wie mit Einem Schlage plötzlich auf, ein blendendes Licht strömte
herein, und mit krampfhafter Bewegung den Arm des ihm Nächststehenden
ergreifend, sank der Baron auf den Sessel am Kamine nieder.
    Aber nur wenige wurden das gewahr, denn die Diener brachten eben jetzt die
vielarmigen Leuchter in das Zimmer, deren helles Licht die Mehrzahl der
Anwesenden blendete, und der Eintritt des Caplans, dessen Ankunft man kurz
vorher gemeldet hatte, nahm die Anderen in Anspruch. Der Graf und die Damen des
Hauses bewillkommten den neuen Gast, und der Baron gewann inzwischen Zeit, sich
zu sammeln und sich zu erholen. Dennoch neckte man ihn mit seiner Ueberraschung,
mit seinem Schrecken; man wollte wissen, welche Erscheinung er gehabt habe,
indes der Baron entzog sich mit guter Art und grosser Selbstbeherrschung allen
darauf zielenden Fragen und Neckereien, und mitten in der allgemeinen
Unterhaltung, zu der er sich genötigt fand, fragte er, als der Caplan an ihn
herangetreten war, denselben leise und beklommen: Hat man sie gefunden?
    Alle Mühe war vergeblich! antwortete jener ebenso.
    Und Paul? fragte der Baron mit derselben Dringlichkeit.
    
    Ist fürs Erste wohl aufgehoben in der Stadt.
    Wer brachte ihn dortin?
    Ich selbst! versetzte der Caplan.
    Der Baron drückte ihm schweigend die Hand, andere Personen traten mit
Ansprache und Bewillkommung dazwischen, der Abend verging in bewegter
Geselligkeit und der Baron fand sich erst wieder mit seinem Hausgenossen
zusammen, als dieser ihn am späten Abende noch in seinen Gemächern besuchte. Er
traf den Baron, der sonst noch vor dem Schlafengehen lange in seinem Zimmer zu
lesen pflegte, bereits im Bette.
    Wundern Sie sich nicht, dass ich mich schon niedergelegt habe, redete der
Baron den eintretenden Caplan an, ich bin sehr müde. Der Stand eines Bräutigams
ist an und für sich eine Unnatur und legt uns eine abgeschmackte Rolle auf. Wenn
ein fertiger Mann ein Mädchen zur Frau begehrt, so sollte man es ihm geben und
ihn mit der Erwählten ziehen lassen. Was soll dieses wartende Verlangen von der
einen und von der anderen Seite? Es ist so viel Zwang und Heuchelei darin, ja,
es liegt im Brautstande, wenn man von einer Gesellschaft umgeben ist, wie die
hier im Schloss versammelte, sogar eine Art von Cynismus, der mich beleidigt.
Ich wollte, wir wären zwei Tage weiter und fort von hier. - Er machte eine
kleine Pause und warf dann die Bemerkung hin: Ich schlafe auch schlecht! Am Tage
Ermüdung, in der Nacht wenig Schlaf und während desselben quälende Träume!
Wahrhaftig, man könnte .... er vollendete den Satz nicht, fuhr mit der Hand, wie
es seine Gewohnheit war, ein paar Mal über Stirn und Gesicht und stiess dann ein
Ach! hervor, in welchem sich sein ganzer Zustand offenbarte.
    Der Caplan fand ihn übel aussehend, auch die Stimmung des Barons kam ihm
bedenklich vor. Weil es spät war und er die Weise seines Freundes kannte, sich
möglichst lange auf Umwegen von dem Gegenstande fern zu halten, den zu erörtern
er Scheu trug, kam er ihm zuvor, indem er ohne Vorbereitung davon zu sprechen
begann.
    Sie fragten mich heute, hob er an, wo Paul sich befinde, und ich sagte
Ihnen, dass ich selbst ihn nach der Stadt gebracht habe. Da es an dem Morgen
nicht gelang, die Mutter aufzufinden, so machte ich mich noch am Abende mit dem
Knaben auf den Weg, weil ich ihn nach dem Vorgegangenen nicht eine Stunde
unnötig in Rotenfeld verweilen lassen wollte. Unentschieden, wo ich ihn
unterbringen solle, da er bei seinem Alter noch für kein öffentliches Pensionat
geeignet ist, fiel es mir ein, mich, weil ich keine Zeit zu verlieren hatte, an
Herrn Flies zu wenden.
    Und Sie sagten ihm, wem der Knabe gehöre? unterbrach ihn der Baron.
    Ich hatte das nicht nötig, obschon er Anfangs mit der Zurückhaltung, welche
Sie an ihm rühmten, nicht merken liess, was der erste Anblick des Knaben ihm
verraten hatte.
    Also Sie finden auch, dass der Knabe mir so ähnlich sieht? fragte der Baron
in einer Weise, die schwer erkennen liess, welcher Empfindung sie entsprossen
war, und ohne des Caplans Antwort abzuwarten, wollte er wissen, ob sein Sohn
sich jetzt bei dem Juwelier befinde.
    Nein, entgegnete der Andere; ihn dauernd in einer jüdischen Familie zu
lassen, wäre doch nicht wohl tunlich gewesen, und ich zweifle auch, dass Herr
Flies sich dazu verstanden haben würde, ihn aufzunehmen, da ....
    Und Ihr Vetter, der früher in dem Flies'schen Hause wohnte? unterbrach ihn
der Baron; ich habe an Ihren Vetter und dessen Frau gedacht ....
    Die Leute sind kinderlos, bemerkte der Caplan.
    Eben deshalb! meinte jener lebhaft.
    Meine Verwandten sind so sehr an eine ruhige Häuslichkeit gewöhnt, dass eine
Störung derselben ihnen durch Nichts aufgewogen werden könnte, sagte der Caplan
ablehnend.
    Der Baron verstand ihn, das bewies das unwillkürliche Zusammenpressen seiner
Lippen; der Caplan liess ihm aber zu seiner Missempfindung nicht lange Zeit, denn
er berichtete, wie der Juwelier Rat geschafft und ihn an die Familie gewiesen
habe, welche jetzt den dritten Stock seines Hauses als Mieter bewohnte.
    Wer sind die Leute? fragte der Baron dazwischen, der sich im Bette
aufgerichtet und den Kopf auf die weisse, wohlgepflegte Hand gestützt hatte, die
vornehm aus den Spitzenmanschetten des weitärmeligen Nachtemdes hervorsah.
    Eine ebenfalls kinderlose Beamtenfamilie, wie meine Verwandten. Die Frau
zeigte sich ohne Weiteres bereit, auf den Vorschlag einzugehen, da das Gehalt
des Kriegsrates nur beschränkt und die Familie doch zu einem gewissen Aufwande
genötigt ist. Eine Vermehrung der Einnahmen schien ihr also sehr erwünscht. Der
Kriegsrat hatte Bedenken, sie wurden aber von der Gewandteit des Juweliers
ohne all mein Zutun besiegt.
    Bedenken? wiederholte der Baron mit einem Anfluge jenes empfindlichen
Stolzes, der sich wundert, wenn sich Jemand seinen Wünschen nicht gefügig zeigt.
    Sie galten der Herkunft des Knaben, der möglichen Ungelegenheit, welche
dieselbe verursachen könnte, und endlich auch der Sicherheit der
Pensionszahlungen, für die Herr Flies sich dann natürlich alsobald verbürgte,
während er zugleich auf die Förderung hindeutete, welche dem Kriegsrate durch
Ihre Vermittlung zu Teil werden könnte.
    Sie glauben also, dass der Knabe dort gut aufgehoben ist? fragte der Baron,
über die Antwort des Caplans leicht hinweggehend.
    Der Juwelier versicherte es mir, und eilig, wie ich war, fand ich es am
besten, ihn in dem Hause zu lassen, da Herr Flies und seine Frau ein Auge auf
ihn zu haben versprachen.
    Der Baron nickte zustimmend. Ich danke Ihnen, sagte er, Sie haben mir einen
Dienst geleistet; ich bin über den Knaben beruhigt, wenn Flies ihn in seiner
Nähe und Aufsicht behält. Wollte Gott, ich könnte mich auch sonst beruhigen! Man
hätte vielleicht der Unglücklichen Zeit lassen, Sie hätten ihr nachgeben, ihr
gestatten sollen, den Winter oder wenigstens noch einige Wochen in Rotenfeld zu
bleiben. Ich beurteilte Pauline richtiger, als Sie!
    Der Caplan war, wie er den Baron kannte, darauf vorbereitet gewesen, dass er
es zu seiner Selbstberuhigung versuchen würde, dem Freunde einen gewissen
Anteil an dem Unheile aufzubürden, welches er selber angerichtet hatte. Er liess
also diese Äusserungen absichtlich unbeachtet, und dadurch genötigt, sich
weiter kund zu geben, sagte der Baron, von dem Tatsächlichen der traurigen
Angelegenheit abbrechend:
    Gewisse Erfahrungen muss man an sich selber machen, und so teuer man sie
erkauft, bezahlt man sie doch wahrscheinlich nicht zu hoch. Sie werden sich
künftig, mein werter Freund, über mich nicht mehr zu beklagen haben!
    Der Caplan bat um eine Erklärung dieser Worte.
    O, versetzte jener, mich dünkt, darüber könnten Sie nicht in Zweifel sein!
Ich habe wohl sonst Ihre strengen Morallehren als unnatürliche Beschränkungen,
Ihre ganze Weltanschauung und Lebensführung als die Frucht eines furchtsamen
Aberglaubens angesehen, und Sie in meinem Innern beklagt, dass Sie sich in Folge
Ihrer Gelübde nicht zu geniessen erlaubten, was uns zum Genusse ladet und für
denselben geschaffen ist. In den letzten Tagen, sagte er mit einem schweren
Seufzer, habe ich mich aber oftmals des Gedankens nicht erwehren können, dass Sie
jetzt der Glücklichere von uns beiden sind. Ja, ich habe Sie recht eigentlich um
Ihre Gemütsruhe, um Ihren Seelenfrieden beneidet und oft gedacht, dass man schon
aus Selbstsucht und Berechnung ein einfaches, reines Leben führen müsste. Wenn
ich daher in meiner Ehe mit Gräfin Angelika Kinder haben sollte, so will ich sie
Ihnen und Ihrer Führung ausschliesslich anvertrauen, und Sie sollen mich an diese
Stunde erinnern, lieber Freund, wenn ich gegen dieses Versprechen handle. Es ist
sicher ein köstlich Ding um ein unbeflecktes Gewissen und um die Möglichkeit des
Glaubens und des Gebetes!
    Der Geistliche sah ihn prüfend an. Er wusste, welcher schnell wechselnden
Ansichten der Baron fähig war, und pflegte deshalb auf seine Äusserungen, sofern
sie aus einer ungewöhnlichen Stimmung hervorgingen, kein grosses Gewicht zu
legen. Es däuchte ihm aber, als sei es Pflicht des Christen und vor Allen des
Geistlichen, einem Schwerbeladenen und Niedergebeugten, und ein solcher war der
Freiherr jetzt in jedem Betrachte, in der Stunde der Not die Hand zu reichen,
und ihm den Trost zu bieten, an welchem man sich in der eigenen Ohnmacht
gehalten und an dem man sich aufgerichtet hat.
    Haben Sie es denn versucht, fragte er ihn deshalb sanft und ernst, sich
einmal innerlich Ihr ganzes bisheriges Leben darzulegen? Haben Sie es versucht,
recht in sich zu gehen und sich mit dem Gedanken an die Folgen Ihres Handelns
Rechenschaft über dasselbe zu geben, als wäre diese Rechenschaft von einer Macht
gefordert, die den Zusammenhang der Dinge besser kennt, als wir? Haben Sie sich
denn in letzter Zeit wohl jemals der Religion mit dem Bedürfnis um Erlösung
zugewendet?
    Sie wissen, bester Freund, sagte der Baron zögernd und mit Bedauern, dass
dies leider nicht geschehen ist. Bei meinem lebhaften Sinne und einem starken
Selbstgefühle ist mir die Religion seit lange nur als eine Stütze und ein
Heilmittel erschienen, deren der Gesunde und Kräftige entraten und nach denen
mich persönlich niemals verlangen könne. Indes die Erfahrungen, welche ich jetzt
an mir und in dem Leben überhaupt gemacht, und ein Eindruck, eine rätselhafte
Erscheinung, die ich gehabt, eben heute gehabt habe - Er brach ab und sagte: Ich
wiederhole Ihnen, ich wollte, ich könnte heute glauben und beten wie Sie, mein
Freund, und mir damit das Herz entlasten.
    Und was hindert Sie daran? fragte der Caplan, ihm fest ins Auge blickend.
    Mir fehlt die Zuversicht, der Glaube, dass Gebet mich trösten könne, dass für
mich auf diesem Wege die begehrte Hülfe zu finden sei, wendete der Freiherr mit
einer Weise ein, die sehr von jener Leichtigkeit abwich, mit welcher er solche
Materien sonst zu behandeln gewohnt war.
    Der Caplan schwieg eine Weile wie im Nachdenken versunken, dann sprach er
ernstaft und bewegt, wie man eine tiefe Ueberzeugung, eine an sich selbst
erprobte Erfahrung kund gibt: Mich müsste Alles trügen, oder Sie stehen auf
einem jener Wendepunkte des Lebens, Herr Baron, auf welche der Mensch, nach
meiner festen Ueberzeugung, nur dann gestellt wird, wenn das Einschlagen eines
völlig neuen Weges für ihn das einzige Rettungsmittel geworden ist. - Er machte
darnach wieder eine Pause und sagte endlich, als habe er lange nach der Form
gesucht, in welcher er seinen Glauben dem Freiherrn zugänglich machen könne: Sie
haben vor nicht langer Zeit selbst gegen mich über die mystische Grenze
gesprochen, welche in unseren Handlungen das freie Wollen von dem Müssen und
Erleiden scheidet, und ich erinnere Sie an diese Ihre eigene Ansicht, um in
derselben Ihnen ein Gleichniss und in gewissem Sinne auch die Erklärung für Ihren
jetzigen Zustand zu bieten. Ist irgendwo eine solche mystische Grenze zwischen
der Freiheit des Menschen und der Führung des Höchsten vorhanden, so offenbart
sich dieselbe, wenn wir Ihr Leben einheitlich überschauen, an Ihnen. Alles, was
Sie unternahmen, sich eine höchste Befriedigung im weltlichen Sinne zu schaffen,
erfüllte den Zweck nicht, Sie innerlich wahrhaft zufrieden zu stellen. Da fallen
Sie auf einen Gedanken der Menschenliebe, aber auch ihm liegt ein weltliches
Element zu Grunde. Sie machen ein Geschöpf Gottes, das Ihnen durch eine
Verknüpfung von Umständen zur Pflege zugeführt wird, nicht zu einem Gegenstande
Ihrer selbstlosen Sorgfalt, sondern zu einem Spiele Ihrer Phantasie, zu einem
Glückspfande, und nur zu bald wird das arme Wesen Ihr Opfer, wird durch Sie um
Unschuld, Glauben und Hoffnung gebracht. Jetzt kommt der Augenblick, in welchem
Sie selbst das Bedürfnis fühlen, sich ein neues und geläutertes Leben in Ihrem
Hause aufzuerbauen, und nun erwächst Ihnen aus Ihrer Vergangenheit, aus früherem
Verschulden ein Unheil, das Sie selbst wie einen Fluch empfinden, vor dessen
Anmahnung Sie sich nicht zu bergen, gegen dessen Last Sie sich nicht zu wehren
und vor dem Sie keine Rettung zu finden wissen, von dem Sie auch nirgends
Rettung und Erlösung finden werden, als an der Quelle, aus welcher alle Erlösung
und alle Gnade quillt. -
    Er machte eine Pause. Der Baron hatte noch immer das Haupt auf den Arm
gestützt und sah, in tiefes Sinnen versunken, vor sich nieder. Der Caplan
wartete, ob Jener zu sprechen beginnen würde, indes nur die Traurigkeit und
Weichheit seiner Mienen verriet, was in seinem Herzen vorging, und der Caplan
hielt es für seine Pflicht, dem Bereuenden weiter entgegen zu kommen.
    Sie sind in diesem Augenblicke, sagte er, wie der verlorene Sohn, wie der
Sohn, der im Übermut seiner Kraft es verlernt hat, sich als Kind in seines
Vaters Arme zurück zu flüchten. Sie wissen, Sie kennen den Weg, der Sie an das
Ziel Ihrer Sehnsucht führen kann, aber Sie scheuen sich, ihn zu betreten, weil
Sie verlernt haben, ihn zu gehen. Sie möchten beten können; heisst das nicht
beten? Sie möchten sich zu Gott, zu Ihrem Erlöser wenden; heisst das nicht zu ihm
gewendet, zurückgekehrt sein zu ihm? Sie verlangen nach Hülfe, nach Beistand,
nach Gnade - aber die göttliche Gnade ist so unerschöpflich, dass das blosse
brünstige Verlangen nach ihr, wenn es ein fortgesetzter Zustand der Seele wird,
schon die Bürgschaft für ihre Gewährung in sich trägt, denn der Allhelfer fehlt
dem Menschen niemals, wenn es von ihm ist, dass man Hülfe und Erlösung erwartet.
    Der Freiherr hatte den Kopf erhoben; er sah den Caplan forschend an, und mit
dem unverkennbaren Verlangen, eine Widerlegung seines noch nicht überwundenen
Zweifels zu erhalten, fragte er: Könnte Unglauben so rasch zum Glauben werden?
    Moses schlug voll Glaubens gegen den Fels, und aus dem harten,
verschlossenen Gestein sprang die helle Flut des Lebens hervor, sein ganzes Volk
zu erquicken. - Der Caplan rückte bei diesen Worten seinen Sessel nahe an den
Baron heran, neigte sich zu ihm und sagte, indem er mit sichtlich bewegtem
Herzen die Hand desselben ergriff: O, könnte ich Ihnen doch klar und
eindringlich machen, was als feste, erhebende Ueberzeugung in mir lebt! Der
Glaube, der Ihren Vater, Ihre Mutter durch das Leben leitete, der Ihre verklärte
Schwester in einer Weise sterben machte, welche ihrem Leben erst die volle Weihe
verlieh, dieser Glaube hatte Sie verlassen, und so nahe wir beide durch alle die
Jahre neben einander lebten, Herr Baron: wir standen einander ferner, als es
zwischen so alten Lebensgenossen hätte sein sollen! Aber glauben Sie mir, mein
Freund, wie gering der Anteil auch gewesen ist, den Sie mir bisher an Ihrem
Seelenleben gönnten, ich habe nicht aufgehört, um dasselbe zu sorgen; ich habe
nicht aufgehört, zu hoffen, dass der Erlöser Sie zu finden wissen werde! Und nun,
da das Entsetzliche hereinbrach, habe ich mit Ihnen gelitten Tag für Tag, ich
habe für Sie gedacht, für Sie in meinem Herzen gebetet und in die Zukunft zu
blicken gestrebt, nach Beruhigung für Sie! Da ist mir der Gedanke an die
wunderbaren Wege und Fügungen des Himmels tröstlich zu Hülfe gekommen! Wer von
uns will es ermessen, ob Gott nicht das junge Weib, ob er nicht Pauline, die das
Opfer Ihrer Sinnlichkeit geworden war, sich ausersehen hat als ein Werkzeug zu
Ihrer Bekehrung? Ob nicht Pauline sterben musste, das eigene Vergehen zu büssen
und Sie hinzuführen an die Gnadenquelle, aus der das Geschlecht, welches
fortzupflanzen Sie morgen Ihre Ehe schliessen, sich erquicken und erstarken soll
zu neuem Glauben, zu neuem Wandel auf dem rechten Wege?
    Der Baron hatte dem Freunde mit steigender Erschütterung zugehört.
Weichherzig wie er war, hatten schon die tiefe und ernste Bewegung, die fromme
Liebe und die feste Treue des alten Lebensgenossen ihn gerührt und aufgerichtet,
aber bei des Caplans letzten Worten erhellten die ganzen Mienen des Barons sich
wundersam. Der zuversichtliche Glaube an die rätselhaften Wege einer allweisen
Vorsehung, welcher dem Caplan den Gedanken eingegeben hatte, dass Pauline nach
Gottes Ratschluss habe sterben müssen, um den Freiherrn und sein Haus dem
Glauben wiederzugeben, trug für den Letzteren schon eine halbe Erlösung in sich
und leuchtete ihm ein, da er seiner persönlichen Eigenliebe wie dem Stolze auf
sein Geschlecht plötzlich in der erwünschtesten Weise entgegenkam. Er war, nach
solcher Annahme von den Fügungen des Himmels, nicht mehr völlig und
ausschliesslich verantwortlich für seine Tat und ihre schwere Folge. Er war
nicht mehr der allein Schuldige, der Frevler, welcher Pauline in den Tod
gestürzt. Nur ein Werkzeug war er gewesen, wie sie, in der starken Hand des
Herrn. Nicht mehr ein Sünder war er, der sich demütigen musste, um die
Verdammung von sich abzuwenden, er war ein Auserwählter, ein Begnadigter; denn
Gott hatte das Leben eines armen Weibes bestimmt und darangegeben zum Opfer für
ihn und sein Geschlecht, und erleichterten Herzens und nach Beruhigung dürstend,
fragte er: Und hegen Sie den Glauben, dass Reue ganz versöhnt?
    Ja, ich hege diese Zuversicht! rief der Caplan mit festem, innig
vertrauendem Glauben. Ja, ich hege die Zuversicht, dass Reue, dass büssende und
zugleich fruchtbar tätige Reue eine Erlösung in sich verbürgt! Wollten Sie sich
in dumpfem Schmerze der Erinnerung an das von Ihnen verschuldete Unglück
überlassen, so würde damit sicher Nichts geholfen, Nichts gebessert sein. Aber
wenn Sie die Möglichkeit der erlösenden Versöhnung nicht nur auf sich selbst
beziehen, wenn Sie dieselbe zugleich als eine Aussöhnung mit dem eigenen
Bewusstsein betrachten; wenn Sie sich sagten, ein Mädchen, das mich liebte, ist
untergegangen durch mich, dafür soll das Weib, das ich mir erwählte, um so
glücklicher werden; wenn Sie mit Selbstvergessenheit für die Frau, für die
Familie zu leben versuchten, welche sich um Sie her bilden wird, wenn Sie die
Seelen, welche die Vorsehung Ihnen anvertraut, im Glauben und in Heiligung
erziehen - mich dünkt, mein Freund, das würde so viel Licht über Ihr Dasein
ausbreiten, dass davor die Schatten, welche jetzt Ihr Leben umdüstern, allmählich
weichen können. Gebet und Reue sind erlösend, wenn sie eine Selbsterkenntnis und
ein Gelöbnis, zugleich demütig und mutig sind.
    Der Caplan hielt inne, denn der Baron hatte sonst immer eine grosse Ungeduld
bewiesen, wenn sein geistlicher Freund ähnliche Gespräche oder ähnliche
Erörterungen herbeizuführen gesucht hatte. Heute war das anders. Es tat ihm
wohl, die Stimme des Freundes und seinen ermutigenden Zuspruch zu hören, denn
sie waren milder, als sein eigenes Gewissen, und fast bittend sagte er: Sie sind
nicht zu Ende, entalten Sie mir Nichts vor, mein Freund!
    Was könnte ich noch hinzufügen, entgegnete der Caplan, das nicht in dem
Gesagten schon entalten wäre, das Ihr eigenes Herz Ihnen nicht kund gibt? Jede
Sünde ist eine Verfehlung gegen das Gute und gegen das Recht! Machen Sie sich
von diesen Verfehlungen frei, stellen Sie sich als Sünder Ihrem Schöpfer, als
tadelloses Familienoberhaupt, als tadelloser Gutsherr den Menschen gegenüber,
und ich zweifle nicht, dass sich zwischen diesen beiden Polen für Sie der Weg und
die Mittel zu einer Befreiung Ihres Herzens und Ihres Gewissens finden lassen
werden, dass Sie eines Glückes teilhaftig und einer dauernden Zufriedenheit
fähig werden können, von der Ihre Vergangenheit Ihnen noch kein Bild gegeben
hat!
    Der Freiherr atmete auf. Er richtete sich empor, er sah die Möglichkeit vor
sich, wieder erhobenen Hauptes zu leben, da er den Vorsatz hegte, sein Haus im
Geiste des Christentumes aufzubauen. Er konnte in diesem Augenblicke selbst an
Pauline wieder denken, ohne die herzzerreissenden Gewissensbisse zu empfinden,
welche ihm seit ihrem Tode keine Ruhe mehr gelassen hatten. Er versank noch
einmal in ein tiefes Sinnen. Der Caplan, dessen innere Wahrhaftigkeit in diesem
Falle die Selbsttäuschungen des Freiherrn nicht voraussah, sass ihm, seinen
eigenen ernsten Betrachtungen nachhangend, schweigsam gegenüber. Seine ganze
Seele war Gebet. Endlich reichte der Baron dem Geistlichen die Hand.
    Ich danke Ihnen, sagte er, ich danke Ihnen von Herzen, und Sie haben Recht!
Ja! Sie haben Recht! Es ist eine grosse Wohltat des Himmels, er brauchte diesen
Ausdruck mit Selbstgenuss, es ist ein Segen von Gott, einen Freund, wie Sie in
der Nähe zu haben, sich mit einem Freunde wie Sie recht von Herzen aussprechen
zu können; und wie selten habe ich mir in der Zerstreuteit der vergangenen
Jahre diese Befriedigung gewährt! - Er bog sich ein wenig nach hinten über,
dehnte Brust und Rücken, und meinte: Ich glaube in der Tat, diese Nacht werde
ich schlafen können. Ich fühle mich ruhiger, freier als in den verwichenen
Tagen. Nur der Gedanke an Richten quält mich unaufhörlich; und ich gäbe viel
darum, wenn ich es jetzt noch nicht wiederzusehen, es noch nicht mit meiner Frau
wiederzusehen brauchte.
    Und gibt es dafür keinen Ausweg? fragte der Caplan, dem die Beruhigung
seines Freundes, von welcher er sich die sittliche Erhebung desselben versprach,
lebhaft am Herzen lag. Sie haben ja das Haus, welches Fräulein Ester Ihnen
hinterlassen hat, eigentlich noch gar nicht bewohnt. Wie wäre es ....
    Wenn wir nach der Residenz gingen? fiel der Baron ihm in die Rede, daran
habe ich selber schon gedacht; nur dass Alles, wie Sie wissen, auf unsern
Aufentalt in Richten angelegt und angeordnet war und dass in der Stadt gar
Nichts für unsere Aufnahme vorbereitet ist. Ich habe das Haus meiner Tante, als
ich es bei meinem letzten Aufentalte in der Residenz übernahm, doch recht
vernachlässigt und traurig gefunden, und man würde es vollständig erneuern
müssen, um es angenehm und uns angemessen zu machen. Indes davon zu reden wird
morgen Zeit sein, mein lieber Freund! Für heute wünsche ich gesammelt zu bleiben
und noch eine Weile mit mir allein zu sein. Schlafen Sie wohl! Gewiss, ich hoffe
auch endlich wieder eine gute Nacht zu haben.
    Er gab dem Geistlichen nochmals die Hand und dieser verliess ihn mit dem
beruhigenden Bewusstsein, getan zu haben, was ihm oblag. Er hatte den
Zerknirschten nicht mit harter Verdammung niedergeschmettert, sondern ihn
aufzurichten gesucht, da er seine Erhebung anstrebte und ersehnte; und es
eröffnete sich ihm jetzt dafür die Aussicht, der Kirche ein ihr entfremdetes
Glied, das Haupt einer einflussreichen und vornehmen Familie, dem Glauben und der
Sitte einen Menschen von vielen Gaben und von einem an sich guten Herzen wieder
zuzuführen, während ihm selbst der Freund zurückgegeben zu werden schien, an dem
er immer mit warmer Neigung gehangen hatte, seit der Baron einst sein Zögling
gewesen war.
    Der Caplan betete also an dem Abende noch länger und noch inniger als sonst,
und der Freiherr schlief seit Paulinen's Tode in dieser Nacht den ersten
traumlosen und ruhigen Schlaf. Das setzte ihn wieder völlig in den Gebrauch
seiner Kräfte ein. Er fühlte sich erfrischt und befreit, er erschien sich
verjüngt, als er sich im Spiegel betrachtete, und er sah mit wachsender Spannung
und freudiger Bewegung der bevorstehenden Ceremonie entgegen.
    Am Mittage wurde die Trauung des Barons mit der Gräfin Angelika, wie es in
den Ehepacten festgesetzt worden war, nach katolischem Ritus vollzogen. Der
Baron hatte am Morgen noch eine lange Unterredung mit dem Caplan gehabt, und
beide waren bemüht gewesen, sich auf dem Wege zu erhalten, auf welchem der
Freiherr gestern die erste trostreiche Beruhigung gefunden. Er hatte dem Caplan
die feierliche Zusage gegeben, dahin zu wirken, dass auch seine Töchter, falls er
deren haben sollte, in der katolischen Kirche auferzogen würden, und er war
danach während der Trauung ernster und feierlicher gestimmt, als die
Gesellschaft, welche ihn im Schloss umgab, es von ihm erwartet hatte. Die
Eltern der Braut erfreuten sich dessen als einer Bürgschaft für das Glück der
Tochter; die junge Gräfin selber war gegenüber der Innigkeit, mit welcher ihr
Gatte sich gegen sie bezeigte, voll demutsvoller Zärtlichkeit und Liebe, und es
war sicherlich Niemand unter den anwesenden Gästen, welcher diesem von dem
Schicksal so vielfach bevorzugten schönen Paare nicht eine glückliche Zukunft
vorausgesagt hätte.
    Bei der Tafel, als eine der Tanten den Schmuck bewunderte, mit welchem der
Baron seine Braut zur Hochzeit beschenkt hatte, erklärte dieser, dass er seiner
Frau noch ein anderes Angebinde, oder vielmehr noch eine Ueberraschung
vorbereitet habe, welche ihr, wie er hoffe, willkommen sein werde. Er bat sie,
zu erraten, was er für sie im Sinne führe, aber sie traf das Rechte nicht, und
endlich fragte er: wie würde es Dir gefallen, meine Beste, wenn wir morgen,
statt unsern Weg nach Richten einzuschlagen, uns nach der entgegengesetzten
Seite wenden und nach der Residenz begeben würden, um dort den Winter
zuzubringen?
    Der Vorschlag erregte bei Allen ein grosses Erstaunen, denn seit der
Verlobung hatte man es festgesetzt gehabt, dass die Neuvermählten das erste Jahr
ihrer Ehe in Richten verleben sollten. Alle Plane des Barons waren darauf
begründet, alle seine Briefe voll gewesen von der Schilderung der
Annehmlichkeiten, welche er sich von dieser Einrichtung versprochen hatte. Nun
sollte das plötzlich Alles anders werden. Man wusste sich nicht gleich in eine so
unerwartete Veränderung hineinzudenken, wusste sich ihre Ursache nicht zu deuten,
und besonders Angelika vermochte bei diesem Vorschlage des Barons, der ihren
Neigungen und Hoffnungen gleichmässig widersprach, vollends keine Freude zu
empfinden.
    Die gräflich Berka'sche Familie gehörte zu jenen alten guten
Adelsgeschlechtern, welche das Leben im eigenen Hause und auf eigenem Grund und
Boden als die einem Edelmanne am meisten zuständige Lebensweise erachteten. Nur
einmal und nur für eine kurze Zeit hatte Angelika in der Stadt verweilt, als
eine Krankheit der Mutter die Beratung eines dortigen berühmten Arztes
notwendig gemacht hatte. In der Residenz war sie niemals gewesen, und an ein
ruhiges Dasein, an eine einförmige Folge der Tage gewöhnt, reizte das Neue sie
weniger, als das Fremde sie beunruhigte. Alle die idyllischen Hoffnungen, welche
sie für ihre nächste Zukunft gehegt, sanken vor dem neuen Plane ihres Gatten in
Nichts zusammen, und rasche Uebergänge aus einem Gedanken- und
Vorstellungskreise in den andern zu machen, war ihr nicht gegeben. Ihre Mienen
verrieten daher nichts weniger als Freude bei der Eröffnung des Barons, und als
er ihr im Besondern die Frage vorlegte, ob er ihrer Neigung mit seiner Absicht
begegnet sei, verneinte sie es mit der Bemerkung, es schmerze sie, dass ihr auf
diese Weise das erste ruhige Beisammensein mit ihm verkümmert und ihr die
Gelegenheit genommen werde, sich ihm in der neuen Heimat als Hausfrau angenehm
und lieb zu machen.
    Er suchte ihr das auszureden, er bemühte sich, ihr begreiflich zu machen,
dass sie in gewissem Betrachte in der Residenz weit mehr auf einander angewiesen
sein würden, als in Richten, wo Familienbesuche sie vielfach beansprucht und
ihnen die Zeit einsamen Verkehrs beschränkt haben würden, und sie liess das
endlich gelten. Aber der Baron hatte bei diesen Auseinandersetzungen zum ersten
Male Gelegenheit, sich zu überzeugen, dass seine Frau zwar ihre liebsten
Hoffnungen freundlich seinen Wünschen unterzuordnen wusste, dass es jedoch nicht
leicht sei, sie ihren Sinn ändern zu machen oder ihr fremde Gedanken
unterzuschieben.
    Man speiste lange, man tanzte nachher. Die Braut fand allmählig ihre
Heiterkeit wieder, sie war lieblicher und anmutiger, als je zuvor, und der
Baron sah schön aus in der freudigen Erregung, die ihn durchglühte. Die Töne der
Gavotte und der Quadrille à la Reine erklangen noch immer, nachdem er schon
lange seine junge Gattin in den stilleren Teil des Schlosses entführt hatte, in
welchem die Zimmer für die Neuvermählten eingerichtet worden waren.
    Ihre Abreise sollte am nächsten Mittage vor sich gehen. Nach der Gewohnheit
des Hauses frühstückten die Gäste auf ihren Zimmern. In dem Wohngemache der
gräflichen Hausherrin war das neue Ehepaar mit den Eltern und dem Grafen
Gerhard, dem jüngsten Bruder der Braut, beisammen; der ältere Bruder und
Majoratserbe befand sich bei einer Gesandtschaft ausser Landes. Man wünschte,
sich der scheidenden Tochter noch einmal in Ruhe zu erfreuen.
    Der Graf sah es mit Vergnügen, wie zärtlich sein Schwiegersohn der jungen
Frau begegnete, wie er vor Entzücken aufflammte, wenn sein Auge sich auf die
schöne Gattin richtete. Die eigene Erinnerung wurde ihm dabei lebendig, er war
dadurch mit der Gräfin auch liebevoll und zärtlich, und er verargte es derselben
ganz entschieden, dass ihre Blicke so ängstlich und so fragend auf die Tochter
geheftet blieben. Er verargte es der Tochter, dass sie so schweigend da sass, dass
sie die liebevolle Zuvorkommenheit ihres Mannes nicht wärmer aufnahm, sie nicht
ein einziges Mal erwiderte.
    Sie ist nicht wie ihre Mutter! dachte der Graf, und in seinem Innern sagte
er ihr jene völlige Herrschaft über den Baron voraus, welche kalte Frauen über
warmherzige Männer stets gewinnen. Aber er hatte Angelika nicht für so kalt
gehalten, er hatte erwartet, sie am ersten Tage ihrer Ehe eben so heiter und
zärtlich zu finden, als der Baron sich bezeigte.
    Je näher der Augenblick der Trennung kam, je weniger verbarg sich die
Schwermut der beiden Frauen. Keine von ihnen sprach sich über ihre Empfindungen
aus; indes die Mutter hatte von jeher so klar in dem Herzen der Tochter gelesen,
dass sie wusste, der trübe Ernst in dem Auge derselben, die festgeschlossenen
Lippen müssten noch etwas Anderes zu verbergen haben, als den Schmerz des
Scheidens von dem Vaterhause, den einzugestehen Kindespflicht und Dankbarkeit
ihr fast geboten. Angelika aber bedurfte des Wortes von dem Munde ihrer Mutter
nicht, um sich von ihr verstanden zu fühlen. Was geschehen sei, vermochte die
Gräfin nicht zu enträtseln; nur das stand für sie fest, ihre Tochter sah anders
aus, wenn Glück und Zuversicht aus ihren Mienen lächelten.
    Endlich schlug die zur Abreise angesetzte Stunde. Mitten aus dem Kreise der
nächsten Familie und der männlichen Gäste, welche der Tochter des Hauses bis
hinab auf die Rampe das Geleite gaben, hob der Baron seine Frau in den Wagen.
Noch ein letzter Blick von dem Auge der Mutter, noch ein Zuruf von Vater und
Bruder, noch Grüsse und Grüsse von der alten, treuen Dienerschaft, noch ein
Peitschenknall durch die frische Luft, ein kräftiger Ansatz der vier feurigen
Rosse, und das Vaterhaus war verlassen für immer. Die Baronin von Arten hatte
fortan auf eigenen Wegen zu gehen, Angelika hatte sich eine Heimat in dem Hause
und in dem Herzen ihres Mannes zu errichten.
    Aber still und traurig, wie sie den ganzen Morgen hindurch gewesen war, sass
sie in dem Reisewagen an der Seite ihres Gatten, und all seine Zärtlichkeit, all
seine Beteuerungen, dass er für sie leben, dass er sein Glück darin suchen wolle,
sie glücklich zu machen, waren nicht im Stande, die Schwermut von ihrer Stirne
zu bannen oder den Zug des Schmerzes von ihrem Munde zu vertilgen. Es war
umsonst, dass der Baron sich damit tröstete, die Trauer einer Tochter bei dem
Abschiede von den Eltern sei natürlich; umsonst, dass er sich sagte, diese starke
Liebe für die Eltern verspreche ihm Gutes. Es beschlich ihn eine Unruhe, es
bemeisterte sich seiner eine Ungeduld, die ihn allmählig verstimmten; und als am
Nachmittage die Sonne sank und der Abend sein bleiches Grau über die weiten,
kahlen Flächen des Landes auszubreiten begann, war das Herz ihm beklommen, und
sein niedergedrückter Geist hatte Mühe, sich von den Erinnerungen fern zu
halten, denen er seit der Unterredung mit dem Caplan entfliehen zu können
gehofft hatte.
    Eine geraume Zeit war vergangen, in welcher weder der Baron noch Angelika
ein Wort gesprochen hatten, als diese ganz plötzlich mit anscheinender Ruhe die
Frage tat: Heisst Jemand Pauline unter den Frauen, die Du kennst?
    Den Baron traf es wie ein Stich durch's Herz, das Rätsel begann sich ihm in
erschreckender Weise zu lösen. Pauline? wiederholte er, den Schauer
niederkämpfend, der ihn beim Aussprechen dieses Namens überfiel, wie kommst Du
zu der Frage, Geliebteste?
    Angelika war unsicher, ob sie antworten solle, endlich sagte sie: Weil Du
mich mehrmals so genannt hast.
    Es war ein Glück, dass die Laternen des Wagens noch nicht angezündet waren
und dass Angelika die Blässe und den Ausdruck seines Gesichtes nicht sehen
konnte, als er sich bemühte, sie an einen Irrtum, an ein Misshören von ihrer
Seite glauben zu machen. Aber obschon sie schwieg, war er gewiss, sie nicht
überzeugt zu haben, und in die Notwendigkeit versetzt, ähnlichen Möglichkeiten
vorzubeugen, sagte er: Es kann wohl sein, dass ich den Namen ausgesprochen habe,
denn eine Frau, die ihn trug, ist mir einst wert gewesen, und es ist leicht
möglich, dass in Deiner lieben Nähe die Erinnerung an sie mich unwillkürlich
überschlich. Aber Du hast von dieser Erinnerung nichts mehr zu fürchten, fügte
er mit einem schweren Seufzer hinzu, und Du, meine Angelika, bist zu vernünftig,
bist zu klug, als dass Du hättest hoffen können, die Gedächtnisstafeln eines
Mannes so rein und unbeschrieben zu finden, als die Deinen es zu meiner Freude
sind, Du süsses Weib!
    Die Baronin sah ihn an, der Schein der Laternen, die man inzwischen mit
Licht versehen hatte, zeigte ihr seine Mienen ruhig und gefasst. Und wer ist
diese Pauline? wo lebt sie? fragte sie, um Beruhigung bittend.
    Sie lebt nicht mehr! antwortete der Baron, und wieder überflog der Schauer
des Entsetzens seine Glieder. Sie lebt nicht mehr! lass Dir das genügen. Meine
Zukunft ist Dein, Dein ausschliesslich, das gelobe ich Dir! so wahr ein Gott über
uns waltet. Die Vergangenheit, die nicht Dein war, ist nicht mehr, und es ruht
allein in Deiner lieben Hand, sie mich völlig vergessen zu machen.
    Er sprach das mit grosser Aufrichtigkeit, mit fester Zuversicht; indes er
sah, dass er Angelika nicht befriedigt hatte, und es war ihm ein ungewohntes und
peinliches Gefühl, sich für alle Zeiten gebunden zu denken, sich eingestehen zu
müssen, dass in der Tat das Glück und der Friede seiner kommenden Jahre von dem
Willen und den Eigenschaften einer jungen Frau abhingen, von welcher man bis
dahin kaum die Wahl der eigenen Kleidung und sicherlich keine ihrer eigenen
Handlungen abhängig gemacht hatte. Ohne dass er es verriet, drückte ihn der
erste Ring der Fessel, mit welcher er sich gebunden hatte. Es wäre ihm sehr
erwünscht gewesen, jetzt ein freundliches Wort von der Baronin zu vernehmen, und
daneben verdross ihn die Bemerkung, dass er eben auf ein gutes Wort zu warten sich
genötigt fand. Angelika jedoch blieb in sich gekehrt in ihrer Ecke sitzen, und
weil sie dabei so gar traurig aussah, nahm er sie in seine Arme, schloss sie an
sein Herz und fragte sie, ob sie ihm denn nicht glaube, nicht vertraue?
    Ja! versetzte sie, o ja! ich glaube Dir, aber -
    Aber? wiederholte er besorgt.
    Sie wollte sprechen und fand den Ausdruck nicht, bis sie, in Tränen
ausbrechend und in Scham erglühend, mit einer ihr fremden Hast die Worte
hervorstiess: Sie stehen zwischen mir und Dir, diese unglückseligen Erinnerungen,
und ich kann und kann es nicht vergessen, wenn Du mich in Deine Arme, an Dein
Herz nimmst, dass schon Andere an Deiner Brust geruht, an welcher ich meines
Lebens heilige Zufluchtsstätte zu finden hoffte!
    Sie schien sich in diesem Augenblicke wirklich so unglücklich zu fühlen, dass
sie dem Baron Mitleid einflösste. Er bedauerte sie, er bedauerte auch sich selbst
und dachte mit aufrichtiger Reue an seine Vergangenheit zurück; aber vor Allem
machte der Vorgang ihn doch verdriesslich. Die reine Seele seiner Frau und ihre
Wahrhaftigkeit waren ihm achtungswert und erfreulich, nur mussten sie ihn nicht
belästigen; und wie er es auch vorhatte, ein gewissenhafter Ehemann zu werden,
so war ihm die Aussicht, dass Angelika zur Eifersucht geneigt sein könne,
vollends unbehaglich.
    Er hatte Ruhe, Frieden, Erheiterung, Zerstreuung nötig, hatte sie von
dieser Reise mit seiner jungen Frau erwartet, und sollte nun als Angeschuldigter
da sitzen, sollte sich rechtfertigen, Trost sprechen und Vernunft predigen! Das
dünkte ihn bald widerwärtig und bald lächerrlich. Er fühlte sich in einzelnen
Augenblicken zu dem Wunsche, den er sich selbst als einen lästerlichen
bezeichnete, veranlasst, dass er eine weniger sittenstrenge Gattin besitzen möge,
vorausgesetzt, dass sie nur leichtlebiger und fröhlicher sei; denn als der Baron
sich zu verheiraten beschloss, hoffte er, nicht nur zufrieden gestellt zu
werden, sondern auch zufrieden zu stellen; und er hatte nach seiner Meinung ein
Recht, dies als eine notwendige Ausgleichung für seine aufgegebene
Ungebundenheit und Freiheit zu begehren.
    Er schwankte, ob er sich gegen Angelika erzürnt zeigen oder ob er sie
besänftigen solle, aber die ernsten und guten Vorsätze, welche er für seine Ehe
gefasst hatte, trugen den Sieg davon. Er machte seiner Frau einige von jenen
allgemeinen unbestimmten Bekenntnissen über seine Vergangenheit, welche Nichts
verrieten und doch hinreichten, einer liebevollen und sittenreinen jungen Frau
Gelegenheit zum Beklagen des Schuldigen, zum Verzeihen gegen den Bereuenden zu
bieten; und als das unerfahrene, liebende Herz der Baronin den geliebten Mann
nur beklagen und ihm verzeihen und eine zärtliche Versöhnung mit ihm geniessen
konnte, war es für den Augenblick gar leicht beschwichtigt und über seine
Zweifel fortgetragen.
 
                                Sechstes Capitel
Die Erfahrung, welche der Baron an dem ersten Tage seiner Ehe gemacht hatte,
ward ihm eine Anmahnung zur Selbstbeherrschung, aber grade die Notwendigkeit
derselben liess ihn erkennen, wie sehr er durch Paulinen's Tod erschüttert war,
und während die anmutigste und liebenswürdigste Frau an seiner Seite sass, von
deren Tugend und Bildung er selbst sich ein reines Glück erhoffte, konnte er das
Bild des unglücklichen Geschöpfes nicht verscheuchen, das ihm in willenloser
Leidenschaft, in ausschliesslicher Liebe zu eigen gewesen war und, durch ihn
selbst von jedem andern Anhalte losgelöst, keinen Ausweg für sich gefunden
hatte, als den Tod, da er sich von ihr abgewendet.
    Der Wagen führte ihn vorwärts, aber alle seine Gedanken gingen nach Richten
und in die Vergangenheit zurück, und obschon er mit grosser Anstrengung die
Heiterkeit und Zufriedenheit zur Schau trug, welche jeder herzensfreie Mann an
der Seite Angelika's empfunden haben würde, die sich wieder zutrauensvoll und
fröhlich an ihn zu schliessen begann, hätte er bisweilen viel darum gegeben, eine
Stunde des Alleinseins, eine Stunde zwanglosen Leidens und Ausruhens geniessen zu
können. So drückend ihm der Gedanke an die Rückkehr nach Richten Anfangs auch
gewesen war, er fand, dass er nicht klug getan habe, indem er sich in seiner
gegenwärtigen Stimmung zu dem unausgesetzten Beisammensein mit seiner Frau
verdammt hatte, und er erschrak doch vor sich selber, als er sich eben dieser
Empfindung bewusst ward.
    Dazu hatte er die Fahrt nach der Residenz auf kurze Tagereisen anlegen
müssen, um dem vorausgesandten Kammerdiener Zeit zu den unerlässlichsten
Vorkehrungen in dem Hause von Fräulein Ester zu lassen, und obgleich die Tage
noch sehr hell und freundlich blieben, war die Jahreszeit doch schon weit
vorgerückt. Die Abende waren lang, die Orte, in denen man zu rasten hatte, boten
keine Zerstreuungen, die Gastöfe nicht einmal eine gewisse Behaglichkeit dar.
Ohne die Anspruchslosigkeit und den jugendlichen Sinn der Baronin, die niemals
gereist war und die daher in manchen Dingen noch einen Reiz und eine Belustigung
zu finden vermochte, welche ihrem Gatten nur als Unbequemlichkeiten erschienen,
wäre diese Fahrt nach ihrem neuen Aufentaltsorte nicht danach angetan gewesen,
der jungen Frau als eine ihr von ihrem Gatten gewährte Ueberraschung oder
Vergünstigung zu erscheinen.
    In der Regel aber steigert sich die Erwartung, mit welcher wir einem
unbekannten Zustande entgegen gehen, durch die Dauer der Zeit wie durch die
Mühe, mit welcher wir zu demselben zu gelangen haben, und besonders die Jugend,
welche noch an ein notwendiges Gleichgewicht zwischen Mühe und Erfolg glaubt,
hält sich berechtigt, ihre Hoffnungen und Ansprüche je nach der Zeit des Wartens
höher zu spannen. Die erste Ankunft in der Residenz war jedoch nicht dazu
geeignet, den Vorstellungen zu entsprechen, mit welchen die Baronin ihr in den
letzten Tagen und Stunden entgegen gesehen hatte.
    Es war ein unfreundlicher Nachmittag, an welchem der Reisewagen des Barons
durch das Frankfurter Tor in Berlin einfuhr und nach langem Wege vor dem Hause
von Fräulein Ester Halt machte. Nach mehreren Wochen des schönsten, hellsten
Wetters hatten Regen und Nebel des Herbstes sich ganz plötzlich eingestellt und
fielen deshalb um so widerwärtiger auf. Das Haus lag in einer Strasse, welche zu
den vornehmsten gezählt hatte, ehe die Erweiterung der Stadt hier wie überall
die schöne Welt nach dem Westende übersiedeln machte, und die dunkeln Mauern
sahen bei der trüben nassen Luft noch grauer als gewöhnlich aus.
    Breit für seine Höhe, auf weitem Hofe hingestreckt, mit eisernem Gitter
gegen die Strasse abgeschlossen und von den Bäumen des Gartens überragt, übte das
Haus auf die Baronin eine überraschende Wirkung aus, indes der Verfall desselben
drängte sich ihr trotz der beginnenden Dämmerung deutlich auf, und das Innere
des Gebäudes entsprach dem Äußern nur zu sehr.
    Die öde, mit schwarzen Fliesen ausgelegte Eintrittshalle, die breiten
Steintreppen mit den altersgeschwärzten Eisengallerien, die hohen, mit
stumpffarbigen Seidenstoffen und gepresstem Leder tapezierten Gemächer, der
Hausrat, dem man es ansah, dass er seit gar langen Jahren nicht erneuert worden
war, hatten etwas Trauriges. Die Brocatüberzüge der Möbel, die Gardinen und
Türvorhänge waren farblos, die reichen Vergoldungen ohne Glanz, die prächtigen
Spiegelgläser waren blind geworden. Die gestickten Tischdecken, die Teppiche und
Polster sahen fahl aus, und von den Oelgemälden und Pastellbildnissen, deren
sich eine grosse Anzahl in den Zimmern verteilt befanden, waren die Farben
ebenfalls verblichen, dass sie blass und gespenstisch auf die Eintretenden
herniederschauten.
    Zwar brannten in den herabhängenden altmodischen Messing-Laternen der Halle
die Lichter, und in den Räumen, welche man zu ebener Erde auf die ganz
unerwartete Nachricht von der bevorstehenden Ankunft des Barons geöffnet und für
ihn hergerichtet hatte, flammten die Feuer lustig in den grossen Kaminen, aber
trotz der Mühewaltung des vorausgesandten Dieners war und blieb der
melancholische Hauch, der über dem Hause lag, unzerstörbar.
    Das widerwillige Bellen der beiden alten Hunde, welche den fremden
Eindringlingen den Eingang verwehren zu wollen schienen, erschreckte die
Baronin, und die steifen Verbeugungen und Knixe der in dem Hause waltenden
Kammerfrau von Fräulein Ester, die mit kaltem Auge, ohne eine Miene zu
verziehen, ohne ein Wort des herzlichen Willkomms zu äussern, ehrerbietig und
feierlich wie der Aufseher eines Grabgewölbes Zimmertüre um Zimmertüre
öffnete, waren vollends niederschlagend.
    Dem Baron war selbst dabei nicht wohl zu Mute. Das Hôtel kam ihm fremd und
wie verwandelt vor, da er es jetzt mit dem Auge seines jungen Weibes und als
dessen nächsten Aufentalt betrachtete. Er war des Hauses und seiner ganzen
Einrichtung von seiner ersten Kindheit an gewohnt gewesen; seitdem hatte sich
nichts in demselben verändert, und er hatte daher, wenn er Tante Ester sonst
aufgewartet, kaum noch auf ihre Umgebung geachtet. Alles hatte, so wie es da
war, mit der blassen, stolzen Greisin zusammengehört, Allem hatte das alte
Fräulein seinen Charakter aufgeprägt, und so einheitlich lebte Ester's Bild mit
diesem Hause in dem Geiste ihres Neffen fort, dass er immer meinte, wenn er den
Kopf zurückwende, werde Tante Ester in dem steifen, schwarzen Kleide, mit dem
schwarzen Spitzentuche über der turmhohen Frisur wieder an dem Kamine sitzen,
unwillig darüber, dass der Baron sich unterfangen habe, die fremde, junge Frau
ohne ihre besondere Erlaubnis hierher zu führen, und dass er daran denke, in dem
Hause seiner Tante Anordnungen zu treffen, ehe er deren Meinung darüber
eingeholt. Es fehlte nicht viel, so hätte er Angelika gebeten, sich von dem
Sessel am Kamine zu erheben, weil die Tante es niemals geduldet hatte, dass
Jemand anders sich ihres Armstuhles bediente oder sich auf einem der Plätze
niederliess, auf denen sie gewöhnlich zu sitzen pflegte.
    Jetzt erst, da er in der Residenz zu leben und das Haus nach seinen
Bedürfnissen umzugestalten dachte, wurde ihm die Herrschaft der Verstorbenen,
die ihm bis dahin nur in komischem Lichte erschienen war, drückend und lästig.
Er hatte nichts dagegen, dass sie ihrem Erben die Verwertung dieses Hauses,
welches mit seinen Gärten in der aufblühenden Stadt ein bedeutendes Vermögen
darstellte, durch ihr Testament wesentlich erschwert hatte. Er war reich und
hatte den Sinn des Edelmannes, dem der liegende Besitz, das eigentliche Haben,
neben dem Geniessen die Hauptsache ist. Aber der Eigenwille der alten Dame,
welche nicht nur ihrer Kammerfrau, sondern auch ihren Hunden und Katzen ein
fortdauerndes Asyl in ihrem Hause gesichert hatte, ohne seinem jetzigen Besitzer
auch nur die Möglichkeit einer Ablösung dieser Last zu gestatten, sofern er sie
nicht nach Richten übersiedelte, empörte ihn; und die Verpflichtung, die alten
Bilder und gewisse Zimmer und Möbel für immer unverändert zu belassen, so lange
das Haus in seinem Besitze blieb, hemmte daneben den Baron bei den Planen für
die Umgestaltung desselben mehr, als er es erwartet hatte. Es war in dem Hause
Alles stets so ausschliesslich auf Fräulein Ester und auf deren Bedürfnisse und
Gewohnheiten berechnet gewesen, dass der Bann, den ihre Willkür bei ihrer Lebzeit
um sie her verbreitet hatte, auch jetzt noch auf dem Hause lastete, nachdem sie
selbst es bereits mit der stillen Ahnengruft ihrer Familie in dem Garten von
Schloss Richten hatte vertauschen müssen.
    Der Baron befand sich in einer sehr unangenehmen Lage. Seit Monaten hatte er
sich damit beschäftigt, das schöne Stammschloss seiner Familie zu würdiger
Aufnahme der jungen, schönen Herrin einzurichten. Mündlich und schriftlich war
zwischen ihm und seiner Braut vielfach darüber verhandelt worden, und obschon er
ihr die Art der Einrichtung mehrfach geschildert, hatte er doch gehofft, sie
durch den heitern Glanz der kunstgeschmückten Räume, in welchen sie künftig zu
leben hatte, angenehm zu überraschen. Statt dessen hatte er sie in die Residenz
gebracht, und er begriff es jetzt kaum, wie der vorsichtige und kluge Freund ihm
diesen Vorschlag habe machen und wie er selbst darauf habe eingehen mögen.
    Wo er Freude zu erregen beabsichtigte, rief er unabweislich eine trübe
Stimmung hervor. Statt in breitem Behagen sorgenfrei und leicht mit seiner
jungen Frau zu leben, sollte und musste sie jetzt notwendig mancherlei Mühen und
Arbeiten übernehmen, und statt des Dankes, den er von ihr zu ernten gewünscht,
hatte er wegen einer plötzlichen Abänderung des festgestellten Planes, für die
sich nicht der geringste haltbare Grund anführen liess, Entschuldigungen zu
machen und um Vergebung zu bitten.
    Er konnte nicht aufhören, sich diese Uebelstände zu wiederholen, und doch
vermochte er es nicht einmal völlig zu ermessen, wie sehr Angelika von ihrer
neuen Umgebung litt, und wie der Hauch der Vergänglichkeit, der hier Alles
umwitterte, auf die Phantasie einer jungen Frau wirken musste, die mitten in
ihren Glücksträumen ihren ersten grossen Schmerz, ihre erste bittere Erfahrung in
sich zu überwinden gehabt hatte.
    Angelika fühlte sich in dem Hause wie in der Verbannung, wie in der
Gefangenschaft. Es war das ihrige geworden, ohne dass sie sich gewöhnen konnte,
es als solches zu betrachten, denn überall, in welches Zimmer sie kam, fand sie
entweder das Bild der Tante mit dem verschleierten, weltabgeschlossenen Blicke,
oder eines jener verblichenen Portraits von Ester's Freunden, die nach der
Testaments-Vorschrift an ihren Plätzen verbleiben mussten. Verliess sie diese
Zimmer, so begegnete ihr auf der Treppe bald die schleichende Katze, bald das
altersgraue Windspiel, bald der schwerfällige Mops des verstorbenen Fräuleins,
oder es kam ihr gar Mamsell Marianne entgegen, die, in das obere Stockwerk des
Seitenflügels verwiesen, aus demselben nur herunterstieg, um hier und da mit
missvergnügten Blicken die beginnende neue Einrichtung und das erneute Leben im
Hause zu betrachten und krittelnd zu mustern.
    Angelika konnte sich eines Schreckens nicht erwehren, wenn Mamsell Marianne,
die es abgelehnt hatte, in die Dienste der neuen Haushaltung zu treten,
plötzlich wie aus der Erde gewachsen vor ihr stand. Dieses Wesen, das nicht
Herr, nicht Diener war, das kein Mitlebender sein wollte und das man doch nicht
verbannen konnte, verleidete der Baronin das Haus nur noch in höherem Grade,
während die neue Dienerschaft eine wirkliche Furcht vor Mamsell Marianne empfand
und von dem Glauben nicht abzubringen war, dass es überhaupt in dem Hause nicht
richtig sei, und dass Fräulein Ester allnächtlich, ja, selbst bis zum hellen
Tage, in demselben umgehe. Der Eine wollte es gesehen haben, wie das Fräulein
noch im Morgengrauen auf dem Lehnstuhle am Kamine gesessen und ihre Hunde und
Katzen um sich gehabt habe; ein Anderer wollte ihr begegnet sein, wie sie mühsam
atmend um Mitternacht nach der Stube von Mamsell Marianne hinaufgestiegen war,
und dass es ihre Bilder wie mit unsichtbaren Händen an den Mauern festgehalten,
als man sie habe abnehmen wollen, um sie nur zu säubern, das liessen sämmtliche
Arbeiter und Dienstboten sich nicht ausreden.
    Angelika schämte und schalt sich, wenn sie solchen Gerüchten Gehör gab. Aber
sie selbst konnte ihr Auge nicht von den verschiedenen Bildern der Tante
abwenden, und je öfter sie auf denselben verweilte, um so lebendiger erschienen
sie ihr. Es war ihr, als ob das Bild ihr mit seinen grossen, schwarzen Augen
folgte; es liess ihr selbst im Schlafe keine Ruhe. Sie konnte sich des Gedankens
nicht erwehren, dass die Tante noch in ihrem Hause weile und dass sie mehr
Herrschaft in demselben besitze, als Angelika und ihr Gemahl.
    Indes diese unheimlichen Empfindungen begannen teilweise zu weichen, je
weiter die Erneuerung der Einrichtung gedieh, und Angelika und der Baron
beeilten sich, sie zu vollenden. Diese Beschäftigung war den Eheleuten heilsam.
Die kleinen gemeinsamen Sorgen und Mühen für ihren Haushalt führten sie auf die
natürlichste Weise zusammen. Der Baron konnte dabei die angenehme Erfahrung
machen, dass es seiner Frau an Umsicht und Gewandteit nicht gebreche. Der
sichere Besitz, die berechtigte Liebe zeigten sich ihm bald als etwas sehr
Bequemes, und die Jugend und Schönheit seiner Frau erfreuten ihn doppelt, da man
sie nach ihrem Eintritte in die Gesellschaft und in die grosse Welt auch in
dieser auszeichnete und bewunderte. Sein Herz, sein Verstand, sein Ehrgeiz und
seine Eitelkeit fanden sich in gleichem Masse durch seine Frau befriedigt; er
gefiel sich darin, sich der Wahl zu rühmen, die er getroffen hatte, und sich ein
Verdienst aus den Eigenschaften seiner Erwählten zu machen.
    Dazu kam er hier in der Residenz in eine Gesellschaft, die ihm vertraut und
lieb war und in der er lange mit Erfolg gelebt hatte. Der Menschenkreis, der
sich am Hofe und um den Hof bewegte, war ihm bekannt. Wie in einer zweiten
Heimat empfingen ihn dort die Genossen seiner früheren Jahre, so männliche als
weibliche, mit Vergnügen, und dass er eben jetzt noch zu dem eigenen reichen
Besitze das ansehnliche Vermögen und Haus seiner Tante ererbt hatte, in welchem
seine junge Frau die Wirtin machen sollte, gereichte ihm bei seinen Freunden
nur zum Vorteil.
    Der Baron hatte ausgebreitete Verbindungen in allen Kreisen der
Gesellschaft, er fand in jedem derselben etwas, das einer oder der andern Seite
seines Wesens entsprechend war, und Angelika sah sich dadurch bald in eine
endlose Reihe von Zerstreuungen gezogen, die ihr jedoch, nachdem der erste
Rausch der Ueberraschung vorüber war, schon darum keinen Genuss gewährten, weil
dieselben sie von ihrem Manne fern hielten, auch wenn sie beide daran Anteil
nahmen. Sie war überhaupt in ihren Anlagen und Neigungen eigentlich der völlige
Gegensatz von dem Wesen ihres Gatten. Sie war weder eitel noch
vergnügungssüchtig, sondern eine ganz innerliche, zum Ernst und Nachdenken
geneigte Natur. Für ein abgeschlossenes Leben in der Familie erzogen und durch
geistige Bildung für die Genüsse einer beschaulichen Zurückgezogenheit
vorbereitet, war es eben die Bildung des Barons gewesen, welche das junge
Mädchen zuerst an ihm schätzen lernte, und als Angelika seine Braut geworden
war, hatte sie nach dem Ausspruche ihres Verlobten eine häusliche Ehe wie die
ihrer Eltern mit ihm zu führen gehofft. Von dem Allem wurde ihr das Gegenteil
geboten, und ihre Liebe für ihren Mann liess sie dies als einen Nachteil
betrachten.
    Die Menschen, unter denen sie zu leben hatte, waren ihr kein Ersatz für den
stillen Verkehr mit ihrem Gatten; sie waren und blieben ihr fremd, und der unter
ihnen herrschende Ton war nicht danach angetan, einem jungen, reinen Weibe
Beifall abzugewinnen. Wenn sie ihr Missfallen an den freien Sitten äusserte, von
denen sie sich umgeben sah, wenn sie es als eine Demütigung und eine
Unwürdigkeit empfand, wie man sich vor den beiden erklärten Maitressen des
Königs beugte und die Frauen, welche die gleiche Stellung ohne diesen Titel
einnahmen, mit besonderem Eifer suchte und mit besonderer Zuvorkommenheit
behandelte, so stimmte der Baron ihr darin bei; aber er gab ihr daneben zu
bedenken, dass die Welt nicht überall ihrem Vaterhause gleichen könne, dass man
nicht überall die strengen Grundsätze desselben voraussetzen und als Massstab
nehmen dürfe. Er forderte Duldsamkeit von Angelika, und er vergass, dass die
Jugend nicht duldsam sein kann, weil nur die Erfahrung jene Nachsicht mit der
Schwäche des Menschen und jene Weltklugheit erzeugt, die in den meisten Fällen
schon ein Abweichen von dem Moralgesetze in sich schliesst. Angelika hätte von
sich selbst abzufallen geglaubt, wenn sie duldsam gegen das Unrecht gewesen
wäre, und sie konnte nicht aufhören, sich die Frage vorzulegen, was ihren Gatten
bewogen haben möge, eben jetzt, da sie seine Frau geworden war, mit ihr eine
Gesellschaft aufzusuchen, deren Sittenlosigkeit so offenkundig war, und in
welcher keine ihr bekannte Ursache sein Verweilen forderte. Er büsste dadurch in
ihren Augen einen Teil der Würdigkeit ein, unter welcher er ihr bisher
erschienen war, und sie wusste es ihm keinen Dank, dass er sie ruhig der galanten
Bewerbung der Männer überliess, dass er ihr im Vertrauen auf ihre Jugend grosse
Freiheit für ihr Handeln gewährte, ja, es schien ihr dies eine Gleichgültigkeit
zu verraten, welche sie betrübte.
    Was man daneben in der zur Gewohnheit gewordenen Leichtfertigkeit jener
Tage, selbst im Beisein der jungen Frau, von dem früheren Leben und von den
Abenteuern des Barons bald erzählte, bald erraten liess, verstimmte oder
verletzte sie eben so sehr. Sie sah, dass er auch jetzt noch um die Frauen bemüht
war, dass sie seine Huldigungen mit Vergnügen aufnahmen, dass sie ihm mit
Zuvorkommenheit begegneten und dass er sich daran erfreute; und sie hatte leider
Niemanden in ihrer Nähe, der es ihr begreiflich gemacht hätte, wie viel dem
älteren Manne, ganz abgesehen von seiner angeborenen Neigung zur Galanterie,
daran gelegen sein musste, seinem jüngeren Weibe darzutun, dass er auch anderen
Frauen noch zu gefallen und überall noch Beifall zu erringen vermöge.
    Indes jedes Alter trägt seine Bedingungen in sich, und der glänzenden
Erscheinung, welche der Baron noch immer in der Gesellschaft machte, stand die
unausbleibliche Abspannung in der Ruhe des Hauses bedenklich gegenüber. In
Gegenwart von Fremden stets heiter angeregt, überfiel ihn oft plötzlich eine
tiefe Niedergeschlagenheit, wenn er sich mit Angelika allein befand, und
mehrmals, wenn er sich von ihr unbeachtet glaubte, nahm sie einen Ausdruck von
Kummer und Schmerz in seinen Mienen wahr, vor dem sie erschrak. Mit all der
Liebe, welche sie für ihn hegte, bemühte sie sich, den Grund dieses Wechsels zu
erkennen, aber dieses gutgemeinte Bestreben verbesserte den Zustand nicht,
sondern machte den Baron in der Regel nur noch trüber, ja, es beunruhigte ihn
offenbar. Er zwang sich dann zu einer Heiterkeit, welche ihn ermüdete, ohne
Angelika zu täuschen, und wie sehr sie es sich wegzuleugnen wünschte, konnte sie
es sich nicht verbergen, dass sie nicht den ihr gebührenden vollen Anteil an dem
Leben ihres Mannes besitze. Sie sah, dass er einen Kummer hatte, den er ihr
verschwieg; ihn erheiterten Vergnügungen, für welche ihr der Sinn gebrach, ihn
zogen Menschen an, von denen sie sich zurückgestossen fühlte; er suchte
Gesellschaft, sie wünschte ihn für sich allein zu haben, und der Gedanke, dass
sie ihm jetzt ferner stehe, als vor ihrer Hochzeit, drängte sich ihr oftmals
entmutigend auf.
    Sie wurde dadurch irre an sich selbst. Sie beneidete die Frauen, welche er
ihr als seine früheren Bekannten bezeichnete, welche es so trefflich verstanden,
ihn bei guter Laune zu erhalten, und doch missfielen sie ihr, doch missfiel ihr
selbst die spielende Weise, in welcher ihr Gatte mit ihnen verkehrte. Eine
Abneigung gegen den Hof, gegen die grosse Welt und gegen die Frauen in derselben
erfüllte Angelika's Herz. Sie waren es, davon hielt sie sich überzeugt, welche
zwischen ihr und ihrem Manne standen; auf sie, auf Eine von ihnen mussten sich
die Erinnerungen und das Geheimnis beziehen, die den Freiherrn bedrückten, und
die Frage, ob eine der Damen dieser Gesellschaft und welche von ihnen Pauline
heisse oder eine Verwandte dieses Namens habe, war stets die erste, die ihr bei
jeder neuen Begegnung mit fremden Frauen in den Sinn kam.
    Der Baron bemerkte die Veränderung, welche sich in Angelika's Seele
vollzogen hatte, aber er fand es nicht geraten, sich gegen sie darüber zu
äussern. An ein Uebel, dem man keine Abhülfe zu bringen im Stande ist, müsse man,
meinte er, nicht rühren, und da er sich ohnedem der Hoffnung hingeben durfte,
dass die Zeit ihm für seine Reue Linderung bringen, dass er allmählich aufhören
werde, daran zu denken, wie Pauline umgekommen sei, und dass Angelika ihn dann
gleichmässiger finden und die alte volle Hingebung sich zwischen ihnen wieder
feststellen werde, so war er nur darauf bedacht, seiner jungen Gemahlin so wenig
Zeit als möglich für ihr einsames Brüten und Grübeln frei zu lassen.
    Die Residenz war damals voll von Fremden, denn der König liebte das
Vergnügen und war nichts weniger als schwierig in der Wahl desselben. An einem
Hofe aber, an welchem die grösste Unsittlichkeit und ein phantastischer
Wunderglaube sich die Hand reichten, an dem jeder ernste Gedanke gemieden und
jedes Spiel mit dem Geheimnisvollen eifrig aufgesucht wurde, konnte es nicht
fehlen, dass ein betäubender, hastiger Lebensgenuss als die höchste Aufgabe der
Gesellschaft angesehen wurde. Feste folgten den Festen, kleine, vertraute
Zusammenkünfte füllten die Pausen aus, und innerhalb der grossen, bunt durch
einander wirbelnden Gesellschaft, die sich um den König gebildet hatte, trugen
die verschiedenen engeren Zirkel jeder ein besonderes Gepräge, je nach der
Person, die in ihnen hervorragte.
    Ein solcher kleiner Zirkel, in welchem der Baron seit langen Jahren heimisch
war, kam an jedem Dinstage bei einer seiner entfernten Verwandten, der immer
noch schönen Frau von Uttbrecht, zusammen. Sie hatte viele Reisen gemacht,
sprach fremde Sprachen mit grosser Leichtigkeit und galt bei aller Welt für eine
ausgezeichnete, geistvolle und dabei höchst liebenswürdige Frau, weil sie ganz
ohne eigene Ansichten, ganz ohne bestimmten Charakter und darum im Stande war,
sich der Meinung eines Jeden gefällig anzupassen. Freigeistig und devot,
leichtfertig und splitterrichterisch, je nach der Stimmung derer, mit welchen
sie eben verkehrte, hatte sie sich in den letzten Jahren, wie sie es nannte,
einer Beschäftigung mit ernsten Dingen hingegeben, und der grosse Gedanke von
einer notwendigen Wiedergeburt des Menschen zu seiner eigenen Erlösung und zur
Veredlung der ganzen Menschheit, welcher damals angefangen hatte, die Geister
edelgesinnter Menschen zu bewegen, war auch in den Sälen der Frau von Uttbrecht
auf das Register der beliebten Unterhaltungen gesetzt worden. Da man aber sehr
gesellig war und da Frau von Uttbrecht vollends das Alleinsein nicht ertragen
konnte, so dachte man sich auch die Selbsterlösung nicht als eine Tat, die der
Mensch an sich allein und allmählich zu vollziehen habe, sondern man verband
sich zu Gemeinschaften, man legte einander seine Schwächen und Fehler, so weit
man es für gut befand, in schriftlichen Bekenntnissen vor, man vereinte sich,
wenn sich eben ein begeistertes Gemüt in dem Kreise befand, zu Gebeten für den
Irrenden, und man umarmte sich in gerührter Erhebung, wenn man des überirdischen
Glückes gedachte, dessen die befreiten Seelen einst teilhaftig werden müssten.
Man war viel zu aufgeklärt, um nicht gegen die Rosenkreuzer und Illuminaten,
viel zu gut protestantisch, um nicht gegen die Jesuiten und, wenn keine
Katoliken in der Gesellschaft waren, auch gegen den Katolicismus zu eifern.
Man glaubte aber an den Mesmerismus, man war, wie der Baron selber, von der
geheimnisvollen Wechselwirkung der Menschen auf einander überzeugt, und fast
Jeder versicherte, mancherlei Erfahrungen in dem eigenen Leben und in dem Leben
seiner Freunde gemacht zu haben, die auf geheimnisvolle Kräfte in der
Menschenseele schliessen liessen, und vor denen man sich respectvoll einer Prüfung
entielt, da sie, wie man behauptete, keine befriedigenden Erfolge gewähren
konnte.
    Angelika liebte Frau von Uttbrecht nicht. Die Gefühlserregteit, die
unablässige Beobachtung aller seelischen Zustände, wie dieselbe sie an den Tag
legte, kamen ihr zu absichtlich und deshalb beängstigend vor. Sie war von aller
Ueberspannung, von allem Aberglauben frei, und bei dem gesunden Sinne ihres
Vaterhauses waren ihr religiöse Zweifel eben so fremd geblieben, als
überschwängliche Gefühlsseligkeit und Mysticismus. Man hatte auf Schloss Berka in
herzlicher Liebe und Eintracht ein ruhiges Leben geführt, hatte die Pflichten
gegen einander, ohne darüber viel nachzudenken, in Freundlichkeit geübt, an
jedem Tage das Notwendige vollbracht, hatte sich daneben an den Werken der
grossen Dichter, deren hell leuchtendes Doppelgestirn damals strahlend an dem
Horizonte Deutschlands aufgegangen war, mit dankbarer Erhebung erfreut, und wenn
man sich dann am Ende der Woche sagen konnte, dass man in der Familie das Seinige
geleistet habe und dass den Bewohnern der Güter, wie den Dienstleuten des Hauses,
das Zukömmliche nicht gefehlt, so war man an den Sonn-und Feiertagen heiter und
zufrieden, und mehr oder weniger gesammelt in die Kirche gegangen. Der
wöchentliche Gottesdienst hatte einen Teil des gewöhnlichen Familienlebens
ausgemacht, wie die würdige Haushaltung, wie die ausgebreitete Gastfreundschaft
und die stattliche Repräsentation, die man eben auch als etwas sich von selbst
Verstehendes zu betrachten gewohnt war.
    Angelika hörte es daher nur mit Widerstreben an, als Frau von Uttbrecht,
nachdem man eines Abends, an welchem man ebenfalls bei ihr versammelt war, eine
Weile von den gleichgültigsten Dingen gesprochen hatte, plötzlich von der
Erbauung zu reden anfing, welche sie in dem einsamen Gebete finde.
    Wenn ich dem Heilande alle Falten meines Herzens eröffne, sagte sie, damit
er klar hineinschauen kann, wenn ich mir alle meine Fehler deutlich mache und
ihn anflehe, mich von ihnen zu erlösen, so erwächst mir daraus eine wahrhaft
himmlische Ruhe. Nach solchen Momenten habe ich die beglückendsten Träume. Fast
immer sehe ich dann meine gute Mutter vor mir, aber nicht hinfällig und krank,
wie sie in den letzten Jahren unter uns geweilt hat, sondern jung und schön, und
doch ohne alle Erdenschwere, ohne die starke Farbe, welche in der Sinnenwelt den
Dingen anhaftet. Ich sehe sie auch nicht eigentlich mit dem körperlichen Auge.
Es ist eine feinere, edlere Art der Wahrnehmung. Der Geist berührt den Geist,
und wäre es nicht zu kühn, so würde ich sagen: so müssen die Jünger den Heiland
erkannt haben, als er nach seiner Auferstehung wieder unter ihnen zu wandeln
begann.
    Und spricht sie zu Ihnen? fragte einer der Anwesenden.
    Ja, Gottlob! rief Frau von Uttbrecht und hob die schönen, reich beringten
Hände andächtig gefaltet empor, während ihre seelenvollen Augen sich dankbar gen
Himmel richteten. Ja, Gottlob, sie spricht zu mir, aber ihre Rede ist mir oft im
ersten Augenblicke nicht deutlich. Später erst habe ich es bisweilen an meinen
Erlebnissen erkannt, dass es Worte der Verkündigung gewesen sind, die sie zu mir
geredet hatte. Wenn aber meine Seele sich nicht ganz frei gerungen hat, so
vermag ich die Selige nicht zu erschauen, und nur in einer Ahnung, in gewissen
unbeschreiblichen Gefühlen kann ich dann empfinden, dass sie auch ungesehen in
Liebe neben mir verweilt.
    Man pries Frau von Uttbrecht glücklich, solch feiner Empfänglichkeit fähig
zu sein. Jeder gab danach seine geheimnisvollen Beobachtungen zum Besten, nur
der Baron schwieg, bis man ihn ausdrücklich aufforderte, sich über seine Ansicht
von diesen Materien auszusprechen.
    Er wich Anfangs einer bestimmten Antwort aus. Ich finde es auffallend, sagte
er, dass Sie fast Alle diese besonderen Wahrnehmungen den allgemeinen
Wahrnehmungen als etwas davon ganz Verschiedenes oder gar als etwas
Uebernatürliches entgegensetzen.
    Und sind sie das nicht? Sind sie nicht etwas von unserem gewöhnlichen Leben
völlig Getrenntes, etwas durchaus Uebernatürliches? fragte eine der Damen.
    Gewiss nicht! erwiederte der Baron. Der Kurzsichtige könnte die Beobachtungen
des Fernsichtigen mit dem gleichen Rechte als übernatürliche Wahrnehmungen
bezeichnen. Wenn das Wort Uebernatürlich nur bekunden soll, dass ein bestimmtes
Etwas über das Mass der Fähigkeit einer bestimmten Menschennatur hinausgeht, so
gibt es unzählige übernatürliche Dinge für den Einzelnen. Wollen Sie mit jenem
Worte aber andeuten, dass es wahrnehmbare Erscheinungen gibt, welche der
Menschennatur im Allgemeinen nicht zugänglich sind, so müssen wir uns vor Allem
dahin verständigen, dass es keine allgemeine, keine abstracte Menschennatur
gibt, wohl aber Menschen von den verschiedensten Begabungen, denen also auch
ein sehr verschiedener Grad der Wahrnehmungen zuzuerkennen sein wird.
    Das Gespräch bewegte sich in dieser teoretischen Weise eine Weile fort.
Alle Anwesenden beteiligten sich daran, und da man sich zwischen lauter
Lehrsätzen und Problemen hielt, ohne einander feste Anhaltspunkte zu bieten, so
blieb es jedem überlassen, sich die Lehren auf seine Weise auszudeuten.
    Angelika allein hatte nichts zu sagen, nichts mitzuteilen. Der Baron
bemerkte das, und weil ein Schweigender in der Mitte einer Gesellschaft von
Erzählenden sich in doppeltem Sinne im Nachteile befindet, so lenkte er aus dem
Bereiche der Geisterwelt geschickt in das Alltagsleben ein und hatte bald das
Gespräch auf die völlige Umwandelung gebracht, die er genötigt gewesen sei, in
dem von seiner Tante ererbten Hause vorzunehmen. Er wollte seiner Frau damit die
Gelegenheit geben, sich geltend zu machen und aus der Vereinsamung
hervorzugehen. Weil sie sich aber in einer ihr ganz fremden Atmosphäre befand,
fühlte sie sich verwirrt und befangen, und wusste sich nicht gleich zurecht zu
setzen. Frau von Uttbrecht gewann dadurch Zeit, die Bemerkung zu machen, sie
wundere sich, dass der Baron und seine Frau, die beide doch fein organisirte
Menschen wären, es über sich gewonnen hätten, die Heimat einer Gestorbenen so
schnell und so gewaltsam zu verändern, und sie damit für die Gestorbene zur
Fremde zu machen.
    Angelika wurde stutzig. Sie wusste, wie grossen Wert ihr Gatte auf das
Urteil ihrer Wirtin legte, und wünschte also nicht, ihr offen zu
widersprechen; sie wollte dieselbe auch nicht gern an ihrer feinen Organisation
und Empfindung irre werden lassen, und bemerkte also nur freundlich, es sei doch
sehr natürlich, dass man es sich bei aller Liebe und Ehrfurcht für seine
Vorfahren in den vier Wänden behaglich zu machen suche, in denen man zu leben
habe.
    O, natürlich ist's gewiss, versetzte Frau von Uttbrecht darauf, indem sie
sich langsam fächelte und mit ihren halbgeschlossenen Augen träumerisch
umhersah, natürlich ist's gewiss, in so fern als die Natur grausam und
unbarmherzig ist. Der Mensch aber, der denkende und empfindende Mensch, der es
weiss, dass er selbst sterblich ist, sollte nicht so grausam sein wie die Natur,
sollte nicht so unbarmherzig gegen seine Todten sein wie jene. Ich könnte nicht
in diesen Räumen leben, wüsste ich, dass meine verklärte Mutter sich hier in ihrem
Hause nicht mehr heimisch fühlte.
    Der Baron nahm diese Äusserung nicht gut auf. Unbarmherzigkeit und Egoismus,
das sind zwei schlimme Fehler, sagte er, und wir, die wir uns derselben nach
Ihrer Meinung jetzt schuldig gemacht haben, müssten versuchen, uns gegen Ihre
Anschuldigung zu verteidigen, wenn ich mich nicht überzeugt hielte, Cousine,
dass es mit Ihrem Ausspruche so ernstlich nicht gemeint war.
    Sie irren sich, bester Vetter, es war mein völliger, auf innerste
Ueberzeugung gegründeter Ernst! entgegnete Frau von Uttbrecht, und ich bin
gewiss, dass einst eine Stunde kommen wird, in der Sie mir beipflichten und Ihre
Härte selbst bereuen werden.
    Aber von welcher Härte sprechen Sie, liebe Cousine? fragte Angelika, mehr
und mehr betroffen von dem Ernste, mit welchem Frau von Uttbrecht ihre
Behauptung aufrecht erhielt.
    Von der Härte, welche Sie und Ihr Herr Gemahl gegen die arme Tante Ester
begangen haben, indem Sie dieselbe so gewaltsam der irdischen Fortdauer
beraubten, die sie sich in einem richtigen Drange ihrer armen Seele, dort, wo
sie gelebt hat, zu sichern gewünscht. Jung und lebensfrisch, wie Sie es sind,
beste Angelika, hätten Sie der armen, alten Verwandten wohl die Zeit vergönnen
mögen, sich allmählich von dem Orte loszulösen, mit welchem lange Gewohnheit und
innige Vorliebe sie verbunden hatten. Wäre mir das Haus der Tante zugefallen,
nicht einen Stuhl hätte ich verrücken lassen. Ich hätte mich beschieden, ihr
Gast zu sein, bis irgend ein Zeichen es mir kund gegeben hätte, dass ihr Geist
sich von dem Hause abgewendet habe und dass mir damit ein freies Schalten in
demselben wohl verstattet sei.
    Sie sprach das völlig wie einen Vorwurf und einen Tadel aus. Angelika, viel
jünger als ihre Wirtin, wagte nicht, ihr entgegen zu treten, und wartete
darauf, ob der Baron es nicht für sie tun werde. Indes zu ihrem grössten
Erstaunen sagte er:
    Es bestimmt zu leugnen, dass die menschliche Seele sich nur allmählich von
dem Körper und von der Körperwelt loslöse, möchte unmöglich sein. Und ohne mich
zu der Zahl unserer modernen Geisterseher zu rechnen, räume ich ein, dass ein
Reich der Mitte, dass ein über den Tod fortgesetzter Zusammenhang der
Geschiedenen mit den Lebendigen denkbar ist, aber ....
    Das glaubst Du, das glaubst Du, lieber Franz? rief Angelika mit
erschreckendem Erstaunen.
    Ich habe ganz unleugbare Beweise dafür in meinem Leben gehabt! antwortete er
ihr mit grosser Sicherheit und Bestimmteit.
    Angelika verstummte, denn sie stellte ihren Mann hoch über sich und war es
nicht gewohnt, ihm entgegen zu treten, wo er so bestimmt eine Meinung geäussert
hatte. Frau von Uttbrecht aber fragte, ob der Freiherr seine Erfahrungen nicht
mitteilen könne.
    Unmöglich! versetzte er, und es kam Angelika vor, als überlaufe ihn ein
Schauer, denn er zuckte zusammen bei seinen eigenen Worten. Die Anwesenden
mussten das auch bemerkt haben; es entstand eine Pause, die Gespräche nahmen eine
andere Richtung, und man ging zeitig auseinander, ohne noch einmal auf die
vorher angeregten Gegenstände zurückgekommen zu sein.
 
                               Siebentes Capitel
Wären Äusserungen wie diejenigen, welche Angelika bei Frau von Uttbrecht
vernommen, in dem Hause ihrer Eltern, in den Tagen ihrer glücklichen
Unbefangenheit an sie herangekommen, so würde sie dieselben nicht sonderlich
beachtet oder sie als die Erzeugnisse einer törichten Phantastik von sich
abgewiesen haben. Jetzt aber, in einer auf das Romantische und Phantastische
gerichteten Umgebung, wirkten sie beängstigend auf sie ein, und als sie vollends
aus dem Munde ihres Gatten eine Annahme bestätigen hörte, die sie noch vor
Kurzem als Ausgeburt des Aberglaubens verspottet haben würde, war es ihr, als
lege sich ein unsichtbares Netz um sie. Sie hätte den Baron um Auskunft, um
Erklärung bitten mögen, und wagte nicht, es zu tun. Sie wollte nichts wissen,
was sie beirren, nichts hören, was sie an der vorurteilsfreien Einsicht ihres
Gatten zweifeln machen konnte. Sie wollte an keine Wunder glauben, weil ihr dies
als eine Folge des Katolicismus erschien, den sie zwar respectirte, da es der
Glaube ihres Mannes war, den sie aber für ihr Teil nicht zu bekennen sich
innerlich vorgenommen hatte; denn sie war fest entschlossen, ihren
protestantischen Glauben und die Aufklärung ihres Vaterhauses in sich zu
erhalten. Und doch überlief es sie eiskalt, doch blickte sie ängstlich um sich,
als sie bei der Heimkehr den Fuss in das Gemach setzte, in welchem Fräulein
Ester sich gewöhnlich aufgehalten hatte, und das jetzt Angelika's Wohnzimmer
geworden war.
    Sie war froh, dass sie an diesem Abende nicht mehr lange in demselben zu
verweilen brauchte, denn es war Zeit sich zur Ruhe zu begeben. Sie war müde und
benommen von dem Halblichte und von den starken Wohlgerüchen, welche immer in
den Zimmern der Frau von Uttbrecht herrschten, und an die Unterhaltung denkend,
die sie bei der Cousine vernommen hatte, schlief sie ein.
    Es war mitten in der Nacht, als ein herzzerreissender Schrei von den Lippen
ihres Gatten sie erweckte. Sie fuhr auf, rief ihn beim Namen, ergriff seine
Hand, aber der Traum musste ihn sehr fest umfangen, denn er stiess sie von sich
und rief mit dem Tone des äussersten Entsetzens: Fort, fort! Klammere Dich nicht
so an mich! Komm nicht herauf! - Die starren Augen! Die starren Augen!
    Angelika klopfte das Herz in furchtbarer Angst, ihre Glieder bebten. Sie
neigte sich zu ihm, sie rief ihn nochmals dringend an, da richtete er sich
empor, sah verwirrt umher, fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und sagte
endlich, als habe er Mühe, sich ihre Anwesenheit zu erklären und sich zu fassen:
Habe ich Dich erschreckt? Vergieb! Ich hatte einen bösen Traum!
    War es Tante Ester? fragte sie leise.
    Nein, entgegnete er ihr, nein! Denke nicht weiter daran, mein Kind. Es war
nichts. Die heutige Unterhaltung hat mich nur aufgeregt; man sollte in der
Gesellschaft solche Gespräche vermeiden.
    Er legte sich darauf abermals zur Ruhe nieder; aber Angelika konnte nicht
schlafen, und bei dem Scheine der Lampe sah sie, dass auch der Baron noch lange
wach blieb und dass er einmal seine Augen trocknete.
    Von ihren Gedanken gepeinigt, lag die junge Frau auf ihrem Lager. Das Haus
war todtenstill, ihr Gatte endlich wieder ruhig eingeschlafen. Sie hörte seine
leisen Atemzüge, sie konnte das Heben und Senken seiner Brust bemerken. Er sah
milder aus, als sie ihn je gesehen hatte, aber sehr traurig. Ihr Auge verweilte
mit grosser Liebe auf seinem Angesichte. Sie fasste zum ersten Male den Gedanken
an die ganze, ihr fremde Vergangenheit ihres Mannes als ein Feststehendes auf;
sie hielt sich überzeugt, dass irgend eine traurige Erinnerung aus den Tagen der
Vergangenheit ihn noch belaste, und ohne zu wissen, welch einen Schritt sie
damit auf dem Wege der Entsagung vorwärts tat, beklagte sie es, so jung und
unerfahren zu sein, dass sie ihm nicht helfen konnte. Sie sehnte sich nach
Jemand, der ihr raten, ihr sagen möchte, was sie tun müsse, ihrem Manne die
frühere Ruhe und seine alte, gleichmässige Selbstzufriedenheit wieder zu
verschaffen, die er neben ihr verloren hatte. Sie hatte schon oftmals den
Vorschlag gemacht, den Caplan in die Stadt kommen zu lassen oder auf das Land
hinaus zu gehen, damit der Baron seinen gewohnten Gesellschafter nicht länger zu
entbehren brauche; aber Beides hatte der Freiherr abgelehnt. Wie des Menschen
Ideen und Gedanken aber ihre wunderlichen Wege nehmen, wenn sie sich in das
Unbestimmte verlieren, so fiel ihr plötzlich ein, es wäre am Ende gar nicht so
schlimm gewesen, wenn Fräulein Ester noch hier im Hause gelebt hätte, wenn sie
und der Baron von Anfang an nicht so allein in dem Hause gewesen wären.
    Kaum aber hatte sie das gedacht, als sie plötzlich einen starken
Lavendelgeruch zu spüren glaubte. Sie richtete sich auf, blickte umher, die
Türen waren geschlossen, die Damastvorhänge vor denselben herabgelassen, es
regte sich kein Lüftchen im Zimmer, die Nachtlampe brannte ohne alle Bewegung.
Sie legte sich also wieder in die Kissen zurück, und abermals strömte der
Lavendelgeruch, den Fräulein Ester vorzugsweise geliebt hatte, und den man noch
vielfach in den Schränken und Schubladen bemerken konnte, über Angelika's
Antlitz hin. Sie überlegte, woher der Duft jetzt eben kommen könne, und als sie
im Zimmer umhersah, bemerkte sie, dass von der grossen Bronce-Vase, welche auf dem
Kamine stand, der Deckel verschoben war. Das fiel ihr auf, denn sie hatte nie
gesehen, dass die Vase zu öffnen sei, sondern sie für eine jener altertümlichen
Zieraten von Bronce gehalten, die eben nur als Zierat dienen. Behutsam stand
sie auf, warf ihr Morgengewand über und ging an den Kamin, um den Inhalt der
Vase kennen zu lernen. Als sie den Deckel abhob, fand sie auf einer dicken,
weich wattirten Unterlage, die mit welken Lavendelblättern überstreut war, ein
uraltes, kleines katolisches Gebetbuch, in Sammet gebunden, ein elfenbeinernes
Kruzifix und einen Rosenkranz von emaillirten Goldkugeln, der an einem kostbaren
antiken Betringe befestigt war.
    Wie man diese Gegenstände hier habe unbeachtet liegen lassen können, wenn
sie Fräulein Ester im Gebrauch gehabt hatte, konnte Angelika sich nicht
erklären. Sie trat an die Lampe heran, zu sehen, ob sich vielleicht ein Name
oder ein Wappen auf dem Ringe befinde; es war aber nichts der Art vorhanden. Nur
in dem Gebetbuche standen unter dem Bilde des Heilandes in kaum leserlicher
Schrift, als habe ein Kranker sie mit zitternder Hand geschrieben, die Worte:
»Mein Freund in der Not! Der Stab, der mich hielt, da ich schwankte, die
Stütze, an der ich mich erhob, das Licht, dessen Leuchten mir einst die lange
Nacht erhellen wird! Möge es zu rechter Stunde in die rechten Hände fallen und
Segen bringen, wie es mir Segen gebracht hat! Das ist das kostbarste
Vermächtnis, das ich zu hinterlassen habe. Mein Gebet wird bei Dir sein in der
Stunde Deiner höchsten Not, bete auch Du für meine Seele, wenn ich nicht mehr
bin.«
    Angelika las die Worte wieder und wieder; sie erschütterten sie durch ihre
einfache und innerliche Kraft. Sie hatte nie zuvor ein Kruzifix und einen
Rosenkranz in Händen gehalten. Unwillkürlich legte sie ihre Hände zum Gebet
zusammen, und es bewegte ihr das Herz, dass sie mit ihrem Glauben nicht zu ihrem
Manne gehörte.
    Sie musste immerfort an Ester denken, und das Bild der Verstorbenen, welches
ihr bisher durch seinen kalten Ausdruck so unheimlich gewesen war, übte
plötzlich eine solche Anziehungskraft auf Angelika aus, dass sie ein lebhaftes
Bedauern darüber fühlte, die Tante nicht gekannt zu haben, dass sie Verlangen
trug, von ihr zu hören und zu wissen.
    Sie konnte den Morgen kaum erwarten, um dem Baron ihre Entdeckung
mitzuteilen. Auch er war überrascht. Es war ihm auffallend, dass er diese
wertvollen Gegenstände bei Lebzeiten seiner Tante nie gesehen, dass er nie von
ihnen gehört hatte. Angelika fragte, ob es Ester's Handschrift sei; der Baron
verneinte es. Er glaubte eher die Handschrift seiner Schwester darin zu
erkennen, aber die Züge waren so weit ausgedehnt, die Buchstaben durch das
Zittern der Hand entstellt, und wie diese Sachen hierher gekommen waren, wenn
sie seiner Schwester angehört, war ihm eben so unklar, da seine Mutter Alles,
was Amanda besessen, wie Heiligtümer aufgehoben hatte.
    Man liess also Mamsell Marianne rufen; man befragte sie, und diese kannte die
Gegenstände allerdings, aber sie schien selbst überrascht, sie wieder einmal zu
sehen, und wusste auch nichts Näheres darüber anzugeben. Mein gnädiges Fräulein,
sagte sie, hat sie freilich einmal vor sich liegen gehabt, als ich in das Zimmer
getreten bin; das ist aber viele Jahre her, und ich habe die Sachen seitdem
niemals wieder zu Gesicht bekommen. Dazu werden der gnädige Herr sich auch
erinnern, dass das Fräulein Tante nicht gefragt zu werden liebten, wenn sie nicht
von selber sprachen. Benutzt hat mein Fräulein den Rosenkranz und das Kruzifix
niemals. Sie hat immer nur mit dem kleinen goldenen Kruzifix gebetet, das sie
schon auf der Brust getragen hat, als ich vor dreissig Jahren zu ihr kam, und das
hat sie auch in der Hand gehalten an dem Morgen, an welchem wir sie
eingeschlafen gefunden haben.
    Aber warum machten Sie mich nicht aufmerksam darauf, dass diese wertvollen
Andenken in der Vase lägen? fragte die Baronin.
    Mamsell Marianne entgegnete, sie habe das selbst gar nicht gewusst. Ich habe
die Vase ja alltäglich beim Abstäuben in der Hand gehabt, obschon sie schwer
genug zu rücken ist, fügte sie hinzu, aber ich habe nie gehört, dass sich irgend
etwas darin bewegte. Den Deckel aufzumachen, dessen Feder sich schwer öffnete,
hatte ich natürlich keinen Grund, eben weil ich sie für leer hielt.
    So musst Du, Liebe, gestern beim Auskleiden, als Du an dem Kamine beschäftigt
warst, zufällig die Feder des Schlosses aufgedrückt haben, sagte der Baron
gleichmütig, indem er den Rosenkranz betrachtete und die schöne Arbeit des
Betringes mit Kennerblick besah. Der Ursprung dieser Kostbarkeiten blieb trotz
alles Untersuchens auch ferner in ein Dunkel gehüllt, das Angelika's Phantasie
lebhaft beschäftigte, während der Freiherr bald den Vorgang vergessen zu haben
schien. Als Angelika später das Verlangen äusserte, den Fund zu besitzen,
bewilligte ihr Gatte ihr denselben ohne Weiteres. Sie legte den Rosenkranz und
das Kruzifix in einen besonderen Kasten und schloss diesen bei ihren
wertvollsten Angedenken ein, denn das Auffallende des Vorganges, weit entfernt,
sie zu beunruhigen, gab ihr ein tröstliches Gefühl. Sie kam sich nicht mehr so
fremd in dem Hause vor, in welchem der Zufall ihr in einer schweren Stunde so
wunderbar günstig gewesen war. Es freute sie, etwas Besonderes erlebt zu haben,
das doch wieder mit dem Hause und seiner verstorbenen Bewohnerin in einem nahen
und geheimnisvollen Zusammenhange zu stehen schien; und wenn sie bisher eine
Scheu vor der Erinnerung an Fräulein Ester getragen hatte, so dachte sie jetzt
mit immer wachsender Neigung an die Tante, bis sich die Vorstellung in ihr
festsetzte, dass die Selige ihr mit jenem Funde ein Zeichen ihrer Teilnahme,
ihrer Wünsche habe geben wollen, dass Ester ihr mit diesem Rosenkranze und
diesem Kruzifixe die Weisung erteilt habe, auf welchem Wege für Angelika die
volle Uebereinstimmung mit ihrem Gatten, nach welcher sie sich sehnte, zu finden
sei.
    Mit ihrer Scheu vor Fräulein Ester verschwand auch das geheime Abmahnen,
welches sie gegen Mamsell Marianne gehegt hatte, und diese begann, sich
allmählich der neuen Herrin des Hauses zu nähern und zu fügen, seit sie von
derselben öfter und immer anteilvoller um Auskunft über Fräulein Ester
angegangen wurde. Sie kam freilich Anfangs nur auf besonderen Befehl zu der
Baronin herab, indes sie fing doch an, dienstbarer und hülfreicher zu werden, je
länger die junge Baronin in dem Hause weilte, und da die Letztere bald nach
Neujahr unpässlich wurde und das Haus und ihr Zimmer nicht verlassen durfte,
erwies Mamsell Marianne sich plötzlich als eine so unermüdliche und erfahrene
Pflegerin, dass es sich für die Baronin erklärte, wie unschätzbar die treue
Dienerin für das oft kränkelnde Fräulein Ester gewesen sein müsse.
    Nun war Mamsell Marianne plötzlich wieder an ihrer rechten Stelle. Sie hatte
sich alt werden lassen, so lange sie einer alten Dame gedient hatte; jetzt
schien sie sich zu verjüngen, um der jungen Baronin nicht unbehülflich zu
dünken, und je mehr man ihr Herrschaft über die andere Dienerschaft einräumte
und zugestand, um so hingebender bewies sie sich gegen diejenigen, welche sie
als ihre Herren erkannte, und denen sich unterzuordnen sie als ihre wahre Ehre
ansah.
    Die Baronin gewahrte es mit Erstaunen, dass Mamsell Marianne die alten,
steifen Hauben ablegte, welche sie auf Befehl von Fräulein Ester die ganzen
dreissig Jahre lang getragen, während welcher sie in deren Dienst gestanden
hatte; sie konnte es kaum glauben, dass Marianne noch nicht fünfzig Jahre alt
sei, und es war auch in der Tat nicht leicht, in der jetzt so rührigen
Aufseherin und Pflegerin die alte, steife, wort- und blicklose Castellanin
wiederzuerkennen, als welche sich dieselbe der Baronin bei ihrer ersten Ankunft
dargestellt hatte.
    Inzwischen hatten die Festlichkeiten des Carnevals in der Residenz ihren
Anfang genommen, und da sich der Baron der ihm zusagenden zerstreuenden
Geselligkeit desselben nicht gern entziehen wollte, machte er jetzt selbst den
Vorschlag, den Caplan zu einem Besuche in der Stadt aufzufordern.
    Angelika begrüsste die Ankunft des bewährten Mannes mit Freude. Seine Ruhe
und sein Ernst, seine Milde und seine Duldsamkeit hatten ihr bei den früheren
Begegnungen Zutrauen zu ihm eingeflösst, und sie konnte nicht umhin, von seiner
Anwesenheit sich Gutes für sich und ihren Gatten zu versprechen.
    Der Caplan war denn auch noch nicht zwei Tage in der Stadt, als er es
bemerkte, wie die Stimmung des Freiherrn verändert und dass die junge Frau nicht
glücklich sei; ja, es dünkte ihn bald, der Baron bereue es, seine Gegenwart
gefordert zu haben. Er war schon wieder über die Verfassung hinweg, in welcher
er sich in den Tagen vor seiner Hochzeit, und nach dem Tode Paulinen's befunden
hatte. Er dachte nicht mehr daran, eine neue Lebensrichtung einzuschlagen. Er
fühlte kein Bedürfnis mehr, zu sühnen und zu büssen, er hatte, wenn ihn seine
bösen Träume auch noch öfter quälten, die Hoffnung gewonnen, vergessen zu
können; und wie er in den Stunden seiner Zerknirschung das Alleinsein mit dem
alten Freunde gesucht, so vermied er es jetzt geflissentlich. Er fragte auch gar
nicht nach dem Ergehen des Knaben, dessen Versorgung ihm doch vor wenig Monaten
so sehr am Herzen gelegen hatte; indes man hatte nicht nötig, den Freiherrn so
lange zu kennen, als dies bei dem Caplan der Fall war, um zu sehen, dass im
Grunde sein Inneres nicht geheilt war und dass er sich nur zu übertäuben suchte.
    Was ihn von der Baronin entfernte, was dieser den Frieden genommen hatte,
war nicht minder leicht zu ergründen. Aber schonend und vorsichtig, klug und
erfahren zugleich, hütete der Caplan sich wohl, diese Einsicht, die er gewonnen
hatte, irgend kund zu geben. Er liess den Freiherrn unbehindert seinen Weg
verfolgen; er hielt sich bei Angelika auf, so oft sie es begehrte, und war man
bei den Mahlzeiten oder in den frühen Abendstunden bei der Baronin zu Dreien
zusammen, so wusste er dem Gespräche freundlich die Wendung zu geben, welche die
Eheleute von sich selber abzog und es ihnen nicht fühlbar machte, wie weit sie
von einander entfernt worden waren.
    Eines Abends, als Sturm, Schnee und Hagel das Haus recht winterlich
umsausten, erschien der Baron, zu einem Hof-Concerte gekleidet, früher als
gewöhnlich bei seiner Gattin. Man hatte die Türe, um die Baronin gegen den
Zugwind zu schützen, mit Schirmen verstellt, auf denen, nach dem Geschmacke
jener Tage, langzöpfige Chinesen mit ihren Schönen unter Palmen und wunderlichen
Türmen einherspazierten, während Diener ihnen mit grossen Fächern Kühlung
zuwehten und buntes, reich gefiedertes Gevögel sich in goldenen Ringen unter den
Zweigen der Bäume schaukelte.
    Schnell und sich die Hände reibend trat der Baron in Angelika's Zimmer ein.
Er fragte nach ihrem Befinden, und auf die Antwort, dass es ihr nicht übel gehe,
versetzte er: Nun, wenn Du Dich sonst leidlich fühlst, so kann man Dich heute um
die Ruhe und um die freundliche Wärme Deiner Zimmer beneiden, denn es ist ein
Wetter, das mir einmal wieder recht lebhaft die nie erloschene Sehnsucht nach
dem Süden wachruft.
    Er erinnerte darauf den Caplan, wie wenig diesen zu Anfang der Charakter des
Südens angemutet habe, rühmte sich der Einsicht, mit welcher er gleich bei dem
Eintritt in Italien die richtige Schätzung des Landes und des Volkes besessen,
und kam dadurch auf das Tema von der Gewalt und der Bedeutung der ersten
Eindrücke zu sprechen, auf die er, wie seine Zuhörer es wussten, ein grosses
Gewicht legte. Er pries dabei seine Menschenkenntnis, nannte dieselbe eines der
schätzenswertesten Güter, welche das reife Alter vor der Jugend, der Mann in
der Regel vor der Frau voraus habe, und schloss diese Bemerkung mit dem
Geständnisse, dass er diese Menschenkenntnis den Besitz Angelika's verdanke; denn
Sie, lieber Caplan, fügte er hinzu, Sie können es nicht leugnen, Sie haben die
Baronin Anfangs nicht mit dem günstigen Vorurteile angesehen, wie ich.
    Der Caplan lächelte, und mit jener Würde und Sicherheit, die es weiss, dass
sie solchen Anschuldigungen die Stirne bieten kann, sagte er: Den Wert der Frau
Baronin zu unterschätzen, konnte mir wohl nicht begegnen, mein Bedenken gegen
Ihre Wahl lag auf einer anderen Seite, Herr Baron!
    Angelika wusste, was damit gemeint sei. Sie wurde verlegen, und wie man in
solchen Augenblicken leicht etwas Ungehöriges tut, um nur von sich selber
abzukommen, sprach sie lächelnd: Man darf aber doch in keinem Falle den ersten
Eindrücken zu viel Bedeutung einräumen, denn hätte ich das getan, so wäre ich
jetzt auch nicht hier.
    Nicht hier? fragte der Freiherr; was meinst Du damit, meine Liebe?
    Ich meine, dass ich dann nicht Deine Frau geworden sein würde. Denn ich
entsinne mich ganz deutlich, dass, als ich Dich, lieber Franz, zuerst gesehen
habe, mir Deine Erscheinung zwar sehr imponirte, dass ich aber doch eine Art von
Unbehagen, von Scheu, von innerem Abmahnen Dir gegenüber fühlte.
    Der Baron wurde ernstaft. Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, so würde ich
Dich gemieden haben! sagte er.
    Bester, rief die Baronin erschrocken aus, wie kannst Du das nur denken, wie
kannst Du das nur sagen!
    Warum nicht? fragte der Baron sehr ernstaft. Es handelt sich hier, ganz
abgesehen von uns, um ein Princip, um eine Erfahrungs- oder Ueberzeugungssache.
Der Mensch hat, das ist keine Frage, nichts so sehr zu beachten, auf nichts so
zuversichtlich zu bauen, als auf die Stimme seines Innern, auf diesen
geheimnisvollen, weisen, ahnungsvollen Ratgeber, der ihn, nach meinen
Erfahrungen, fast niemals trügt.
    Lieber Mann, rief die junge Frau noch einmal und erhob bittend ihre Hände zu
ihm, strafe mich nicht so hart für das törichte Aussprechen einer kindischen
Empfindung!
    Ich Dich strafen, entgegnete er, wie käme ich dazu? Wie käme ich dazu eben
jetzt, da mich die Sorge erfüllt, dass ich Dir doch noch Unheil bringen könne.
    Der Caplan machte eine abwehrende Bewegung mit dem Haupte. Wie oft, gnädiger
Herr, sagte er, haben Sie auch schon die gegenteilige Erfahrung an sich selbst
zu machen die Veranlassung gehabt, dass der geheime Zug, der Menschen auf
einander hinzuweisen oder sie von einander fern zu halten schien, Sie täuschte!
    Die habe ich niemals gemacht! versicherte der Baron, der nur auf Widerspruch
zu stossen brauchte, um sich in einer Vorstellung zu befestigen.
    Niemals? fragte der Caplan mit Bedeutung.
    Niemals! wiederholte der Freiherr sehr bestimmt.
    So waren Sie glücklicher, als ich es glaubte, bemerkte der Geistliche
gelassen.
    Vielleicht war ich nur achtsamer, meinte der Freiherr, denn man hat sich
sehr davor zu hüten, nicht irgend eine augenblickliche Aufwallung oder einen
sinnlichen Anreiz für jenen wundervollen Zug der Sympatie zu halten, den schon
die Alten kannten und verehrten.
    Er brach damit plötzlich ab, wendete sich freundlich zu der Baronin und
fragte, indem er ihre Hand ergriff: Und was hattest Du denn eigentlich gegen
mich, Du Kind?
    O, wesshalb willst Du das wissen? versetzte die Baronin. Es hiesse ja nur
einen Irrtum eingestehen, und seiner Irrtümer hat man sich zu schämen!
    Der Caplan wünschte diese Unterhaltung nicht weiter fortsetzen zu lassen,
weil er wusste, wie leicht die Eitelkeit des Freiherrn zu kränken und wie sehr er
dann geneigt war, das Unschuldigste zu missdeuten. Er nahm also die letzten Worte
Angelika's auf und sagte: In solch scherzhaften Dingen ist das Eingestehen oder
Verschweigen eines Irrtums an und für sich etwas ganz Gleichgültiges, bei
ernstaften Anlässen ist es aber ein Anderes. Einen Irrtum vor Anderen
eingestehen, heisst erst, ihn förmlich von sich abtun, ihn förmlich überwinden;
denn das gesprochene Wort hat eine loslösende und befreiende Kraft. Ein Irrtum,
den Sie schweigend und ohne Eingeständnis an einen Andern in sich bekämpfen,
bleibt immer noch mit Ihnen im ausschliesslichen Zusammenhange, bleibt immer noch
Ihr Irrtum. Sobald Sie ihn aber vor einem Andern ausgesprochen haben und dieser
Unbeteiligte Ihnen in der Erkenntnis und Beurteilung Ihres Irrtums beistimmt,
so ist eine Rückkehr in denselben Irrtum für Sie nicht mehr leicht möglich,
wenn Sie eine solche nicht absichtlich ausführen wollen, was doch zu den
Seltenheiten gehört.
    Gewiss, sagte der Baron; auf diese Wahrheit von der befreienden Kraft des
Wortes gründet sich die Taktik aller der Menschen, welche sich vor Andern ihrer
Fehler anklagen, weil sie sich dadurch auf eine bequeme Weise ihres sie
drückenden Bewusstseins zu entäussern hoffen.
    Alles Vertrauen überhaupt, bemerkte der Geistliche, lässt sich auf die jedem
Menschen bewusst oder unbewusst innewohnende Ueberzeugung von der befreienden
Kraft des gesprochenen Wortes zurückführen; und als komme ihm das zufällig in
den Sinn, fügte er noch hinzu: Darauf beruht ja auch die erlösende Kraft der
Beichte in unserer Kirche, welche der Protestantismus ohne alle Kenntnis des
menschlichen Herzens, ohne Mitleid für den Schuldbeladenen, den Bedrückten und
den Irrenden, einem abstracten Princip, dem Misstrauen gegen die Gewalt und den
Einfluss der Geistlichkeit, zum Opfer gebracht hat.
    Er ging aber auch über diese Äusserung schnell hinweg, denn er wusste, dass
ein sicher gestreutes Samenkorn, wenn es auf den rechten Boden fällt, seine
Frucht trägt; und es war ihm daher unlieb, dass der Baron sich mit diesen
Erörterungen nicht genügen liess, sondern noch einmal auf den Ausgangspunkt der
Unterhaltung zurückkam und nun bestimmt die Frage tat: was seine Frau für ein
Abmahnen gegen ihn gefühlt habe.
    Sie wehrte sich abermals, es zu bekennen, und erst als er mit Bitten und mit
scherzendem Zureden in sie drang, sagte sie: Es war, als ich Dich zum ersten
Male sah, von irgend welchen eben geschehenen Wundern die Rede, deren Wahrheit
Du aufrecht erhieltest; ich konnte mir nun gar nicht denken, dass ein Mann wie Du
an Wunder zu glauben vermöge, und ....
    Und? fragte der Freiherr.
    Und so hielt ich Dich halbwegs für einen Heuchler, ohne begreifen zu können,
wesshalb Du heucheln solltest! sagte sie schnell, als wolle sie damit fertig
sein.
    Sie hatte erwartet, einen Scherz oder einen Tadel zur Antwort zu bekommen,
aber keines von beiden traf zu. Der Baron blieb ernstaft und ruhig und fragte
nur, was sie unter dem Worte Wunder verstanden haben wolle.
    Nun, zum Beispiel jene auf der Erde wahrnehmbare Fortdauer der Verstorbenen,
sagte Angelika, von welcher man auch bei Frau von Uttbrecht als von einer
Tatsache zu reden liebt, und an die man doch nicht im Ernste glauben kann.
    Du irrst, sprach der Freiherr mit grosser Bestimmteit, und es ist also, wie
ich sehe, noch ein wesentlicher Ueberzeugungssatz zwischen uns unaufgeklärt, was
mir wirklich leid ist. Ich glaube an die wahrnehmbare Fortdauer der Geschiedenen
so gewiss, als ich an die Unsterblichkeit unserer Seele und an unsere persönliche
Fortdauer nach dem Tode glaube. Nur ein unlogischer Kopf, so dünkt mich, kann
auf den Einfall geraten, dass eine Wesenheit, die sich von ihrem ersten Keime an
in strenger Folgerichtigkeit zur Individualität entwickelt, plötzlich und mit
Einem Schlage als Individualität zu sein aufhören könne. Abgesehen aber davon,
so hat ja Christus uns die persönliche Fortdauer, ja die Auferstehung des
Fleisches verheissen, und der Caplan wird Dir nachweisen können, dass in alter und
neuer Zeit bevorzugte Menschen der unwiderleglichsten Offenbarungen, Ermahnungen
und Tröstungen durch das Erscheinen Verstorbener gewürdigt worden sind.
    An der Unsterblichkeit unserer Seele zweifle ich gewiss nicht! beteuerte
Angelika, eingeschüchtert durch den Ernst des Freiherrn. Ihr protestantisches
Bewusstsein liess sich jedoch so leicht nicht zur Ruhe bringen, und wenn auch
zaghaft, fragte sie dennoch: was haben aber die Geistererscheinungen mit unserer
Unsterblichkeit gemein?
    Der Baron blickte sie an, als komme ihm eine solche Frage sehr auffallend
vor, dann entgegnete er belehrend: Allmähliches Werden und Vergehen ist das
Gesetz aller Organismen. Es tritt nichts plötzlich in die Erscheinung, es
verschwindet nichts plötzlich aus ihr; und wie der Mensch im Schoss seiner
Mutter allmählich werdend zum sichtbaren Dasein erwächst, so verschwindet er,
das ist mir zweifellos, auch nur allmählich von der Erde, von der Stätte, die er
geliebt, und aus dem Gesichtskreise derjenigen, in deren Leben er seine
eigentliche Heimat gehabt hat. Erst wenn diese Loslösung, die sich je nach den
verschiedenen Persönlichkeiten in längerer oder kürzerer Zeit vollzieht, ganz
und gar beendet ist, kann vernunftgemäss der Läuterungsprocess der Seele beginnen,
den unsere Kirche als ein Dogma aufstellt und der die Seele endlich für die
reine Atmosphäre der ewigen Seligkeit vorbereitet.
    Er sprach das mit der Bestimmteit aus, mit welcher ein Matematiker seine
Formel hinstellt. Sicherheit aber hat, wenn wir ihr bei einem Menschen begegnen,
dem wir sonst Bedeutung zugestehen, immer etwas Bannendes und Beherrschendes. Er
erwartete auch offenbar, Glauben bei Angelika zu finden, und nur, als gebe er
noch eine ganz überflüssige Notiz, fügte er hinzu: dieser Glaube von dem
allmählichen Verschwinden des Menschen aus dem Bereiche der Sichtbarkeit liegt
ja übrigens, wie alle grossen und unumstösslichen Wahrheiten, als ein Eingeborenes
in dem menschlichen Geiste. Die Spur davon findet sich bei den rohesten wie bei
den cultivirtesten Völkern aller Weltteile und aller Zeiten. Von Zoroaster bis
zu Plato, von den ältesten jüdischen Traditionen bis zu Origines, von dem wüsten
Heidentume der Wilden bis zu den erhabensten Vorstellungen unserer Kirche geht
derselbe Zug, derselbe Glaube an ein vermittelndes Zwischenreich; und selbst
Euer Martin Luter, so sehr er aller feineren geistigen Erkenntnis durch seine
grobsinnliche Organisation verschlossen war, konnte sich jener Einsicht nicht
ganz entziehen, wenn er bei seiner bäuerisch plumpen Natur auch nichts Anderes
zu erkennen vermocht, als die Erscheinung eines ihn plagenden Teufels.
    Der Baron erhob sich bei den Worten mit der Selbstzufriedenheit eines
Professors, der sein Collegium beendet hat, und dass seine Zuhörer beide
schwiegen, steigerte seine Genugtuung. Er sah nach der Uhr, es war Zeit für
ihn, sich zu entfernen. Er schellte dem Kammerdiener, befahl den Wagen vorfahren
zu lassen, und als er dann das Zimmer seiner Frau verliess, die ganz gedankenvoll
geworden war, sagte er zu dem Geistlichen gewendet: Sie müssen die Baronin
durchaus gewöhnen, lieber Freund, recht scharf über geistige Dinge nachzudenken.
Es ist bei ihr - und das liegt in ihrer Jugend, die ein grosser Vorzug ist - noch
Alles Gefühl, noch Alles Empfindung; aber es kommt ja für sie hoffentlich bald
die Zeit, in welcher sie Andern Rechenschaft über ihr Denken geben, Andern ein
Führer werden muss, und ich möchte, dass diese Zukunft sie einig mit sich selbst
und recht im Einklange mit mir finden möge. Trachte danach, Geliebteste, diesen
Standpunkt zu erreichen.
    Er umarmte hierauf seine Frau, küsste ihr die Hand, gab auch dem Caplan die
Hand, und verfügte sich in bester Laune an den Hof, dem Concerte beizuwohnen.
 
                                 Achtes Capitel
Es war eine eigentümliche Lage, in welcher der Caplan sich jetzt gegenüber der
freiherrlichen Familie befand. Er glich dem Manne, welchen man zu einem
Gastmahle eingeladen hat, und der bei seinem Eintritte in das Zimmer an dem
Qualm und Rauch, die ihm entgegenströmen, den nahen Ausbruch eines im
Verborgenen glimmenden Brandes erkennt. Es galt hier, zu helfen, nicht zu
geniessen, und Hülfe zu leisten war ja sein Beruf.
    Er fand Angelika unzufrieden mit sich selbst, beunruhigt durch die Stimmung
ihres Gatten, durch den Einfluss, den Frau von Uttbrecht und ihr Mysticismus über
ihn gewonnen hatten, und fand sie selbst auf das lebhafteste beschäftigt durch
eine Menge von religiösen und mystischen Eindrücken, welche sie, eben um ihrer
Fremdheit willen, bald anzogen, bald abstiessen und ihr den Frieden raubten. Sie
sehnte sich nach einem Menschen, dem sie ihr Herz erschliessen, den sie zu Rate
ziehen konnte. Sich ihrer Mutter zu entdecken, hielt die Liebe für ihren Gatten
sie ab. Die Gräfin würde ihre Tochter für unglücklich, ihren Schwiegersohn für
schuldig gehalten haben, und unglücklich fühlte die Baronin sich nicht. Sie
wusste nur nicht, was sie tun solle, um wieder zu der Ruhe zu gelangen, die sie
bis zu ihrem Hochzeitstage stets beseelt, um sich wieder in dem Einklange mit
dem Freiherrn zu befinden, von dem sie beide das Heil ihrer Ehe und ihrer
Zukunft erhofft hatten. Sie konnte sich nicht recht klar machen, was eigentlich
geschehen sei, was zwischen ihr und ihrem Gatten stehe, aber es war anders
geworden, als sie es erwartet hatte; es war geworden, wie es nicht hätte sein
sollen, wie sie nicht geglaubt hatte, dass es jemals werden könne,
    Die Worte des alten, aufgefundenen Gebetbuches tönten immer in ihrem Herzen.
Ihr fehlte ein Stab, der sie stützte, ein Licht, das ihr das Dunkel erhellte.
Sie musste oftmals an dasjenige denken, was der Baron, was der Caplan ihr von der
befreienden Kraft des Wortes gesagt hatten. Es lag, so fern ihr die Vorstellung
sonst gewesen war, jetzt für sie etwas Verlockendes in dem Vertrauen, in der
Zurechtweisung und Belehrung, welche man in der Beichte gewährt und empfängt.
Sie fühlte bisweilen ein wahrhaftes Verlangen danach, dem Caplan Alles zu sagen,
was sie drückte, von ihm Rat zu begehren, und es hätte nur einer Ermutigung
von seiner Seite bedurft, ihr den Mund zu erschliessen; aber er gewährte ihr
diese nicht. Er wollte reifen lassen, was er emporkeimen sah, und die Frucht
nicht vorzeitig brechen, so sehr er sich ihrer erfreute.
    Es war nicht lange nach jenem Concert-Abende, als er in den Händen der
Baronin ein Kästchen erblickte, das sie mit einer gewissen Hast verschloss und
auf die Seite stellte, da er bei ihr erschien. Sie sah, dass er es bemerkt hatte,
dass er darüber lächelte, und plötzlich zu einem Entschlusse gelangt, fragte sie
ihn ganz unumwunden, ob er den Glauben teile, den sie im Hause der Frau von
Uttbrecht häufig aussprechen hören, den Glauben, dass die Gotteit noch in
unseren Tagen dem Menschen sichtbare Zeichen gebe, wenn er ihres Beistandes
bedürfe oder sich sonst in ungewöhnlichen Lebenslagen befinde.
    Gewiss! sagte der Caplan, davon bin ich überzeugt! Es ist kein Wandel in dem
Unwandelbaren, und was Gott einst in seinem Erbarmen für die Menschheit getan
hat, das kann und muss sich bei dem gleichen Anlasse immer wiederholen.
    Angelika sah ihn ernstaft an. Sie glauben also an wunderbare Ereignisse, an
wunderbare Zeichen? forschte sie weiter.
    Unbedenklich! versicherte er ihr. Aber was bewegt Sie zu diesen Fragen,
meine gnädige Frau?
    Sie antwortete ihm nicht darauf; sie wollte jedoch wissen, ob er je etwas
der Art erlebt, ob er irgend eine Erfahrung gemacht habe, welche seine Aussage
bestätigen oder einen Beweis für die Lehren von dem geistigen Zusammenhange der
Todten mit den Lebenden gewähren könne.
    Er zögerte eine Weile, indes er sah die Spannung, mit welcher sie an seinem
Mund hing, und mit feierlichem Ernste sagte er: Es begegnet, des bin ich sicher,
nicht eben oftmals, dass die Gotteit es für nötig findet, dem Menschen durch
ein sichtbares Zeichen ihrer Vorsehung und Allgegenwärtigkeit zu Hülfe zu
kommen; wo es aber geschieht, da hat man es als die höchste Gnade anzusehen, und
wem es begegnet, dem legt es die doppelte Pflicht der eigenen Heiligung und der
Werktätigkeit für Andere auf. Mir ist diese Gnade einst geworden, als ich auf
dem Wege war, sie weniger denn jemals zu verdienen.
    Die Gehobenheit, mit welcher er sprach, umleuchtete sein edles Antlitz und
seine ganze würdige Gestalt, dass Angelika der Raum des Zimmers durch sein blosses
Dasein wie geweiht schien. Es wurde ihr feierlich zu Mute, als befinde sie sich
in der Kirche, und es war nicht Neugierde, sondern ein heisses Verlangen nach
Wahrheit, dass sie zu der Bitte antrieb, der Caplan möge ihr, wenn er das könne,
mitteilen, was ihm einst widerfahren sei.
    Ja, versetzte er nach kurzem Schweigen, das will ich tun. Sie sollen
vernehmen, was bisher Niemand von mir gehört hat, und wovon jetzt kein Lebender
ausser mir noch Zeugnis geben kann. Ich will es tun, so schwer es mir auch
ankommt, von den Verirrungen meiner Jugend zu sprechen. Nur im büssenden Gebete
hatte ich seit langen Jahren jener Zeiten noch gedacht, und ich hatte nicht
gemeint, dass jemals wieder über meine Lippen kommen würde, was ich einst in
bitterer Reue dem verschwiegenen Ohre meines Seelsorgers und Beichtvaters
anvertraut, um durch ihn Vergebung für eine Sünde zu erlangen, welche für mich,
für den geweihten Priester unseres Gottes schwerer als für einen Andern in die
Wage des Gerichtes fiel. Aber es erscheint mir als eine Mahnung des Herrn, dass
ich veranlasst werde, noch einmal vor einem Andern mich meiner Schuld zu zeihen.
Gott will, ich soll sie nicht begraben in meines Herzens stillem Schrein, ich
soll mich zu meiner Schuld bekennen, vor denen, mit denen ich lebe, sie sollen
mich kennen in meiner ganzen menschlichen Gebrechlichkeit, damit sie es immerdar
empfinden, dass es der Herr ist und nicht ich, der in mir wirkt und schafft, wenn
ich sie zu erheben trachte. Und - die Wege des Allweisen sind so unerforschlich!
Wer will es sagen, zu welchem Zwecke er jene schmerzlichen Erinnerungen wieder
so lebhaft in den Vorgrund meiner Seele drängt? Weshalb mir der Glaube so
gebieterisch das Herz erfasst, ich müsse eben zu Ihnen und eben zu dieser Stunde
davon reden? - Er hielt inne, als bedürfe er der Sammlung, und fing dann mit
unverkennbarer Selbstüberwindung seine Erzählung also an:
    Ich hatte eben die priesterlichen Weihen erhalten, als ich in das
freiherrliche Haus, in das Vaterhaus Ihres Herrn Gemahls eintrat. Aus der
Abgeschiedenheit des Collegiums, aus der Stille und Zurückgezogenheit, an die
ich gewohnt war, sah ich mich in einen viel bewegten, glänzenden Haushalt
versetzt. Ich hatte bis dahin nur zu lernen und zu gehorchen gehabt; jetzt
sollte ich Lehrer, Führer und Leiter eines lebhaften Jünglings werden, der mir
an Jahren nur wenig untergeordnet, an Lebenserfahrungen aller Art mir weit
vorauf war. Wollte ich leisten, was man von mir erwartete, so bedurfte es des
festen Willens von meiner Seite und des festen Glaubens, dass wir von der
Vorsehung an keinen Platz gestellt werden, den auszufüllen über unsere Macht
geht. Der Wille und der Glaube fehlten mir nicht; ich arbeitete an mir selbst,
ich erzog mich, um ein Erzieher zu werden, und die Familie, der ich diente, war
mit mir zufrieden, zufrieden, wie ich selbst es mit mir war. Man bewies mir ein
ehrenvolles Vertrauen, die Eltern meines Zöglings behandelten mich wie einen
Anverwandten, seine Schwester war für mich selbst wie eine Schwester freundlich.
- Er machte eine Pause, und die Baronin glaubte zu bemerken, dass eine Röte das
Antlitz des würdigen Mannes überflog, als er seine Erzählung wieder aufnahm.
    Sie haben das Bild von Fräulein Amanda in Ihrem Zimmer, gnädige Frau. So wie
der Maler sie dort geschildert hat, so sah sie aus, als ich sie zuerst
erblickte, so edel und so ernst, so sanft und so mild. Sie war achtzehn Jahre
alt. Man hatte sie den sämmtlichen Unterricht ihres nur um ein Jahr jüngeren
Bruders teilen lassen, und man vergönnte mir, auch ihr Lehrer zu werden, aber
mehr als das, wir wurden - oder wir glaubten, Freunde zu werden. Um ihr Neues zu
bieten, um ihren Anteil zu gewinnen, wurde ich eifriger als je in meinen
Studien. Ein leidenschaftliches Verlangen und ein Durst nach Wissen und nach
Erkenntnis der Wahrheit bemächtigten sich meiner, ich wollte dem genügen, was
Fräulein Amanda von sich selber verlangte, was sie in mir voraussetzte. Es gibt
nichts Grosses, nichts Heiliges, das uns nicht bewegte, nichts Edles, nach dem
wir nicht strebten. Wir fühlten uns frei einander gegenüber, und wir trennten
uns wie Freunde und Geschwister sich trennen, als der junge Freiherr seine
Reisen antrat, auf denen ich ihn begleiten sollte.
    Es war ausgemacht worden, dass ich dem Fräulein schreiben dürfe. Niemand
hatte ein Arg daran, am wenigstens wir selber. Ich wusste, dass alle meine Briefe
von der Mutter gelesen wurden, ich vermutete, dass sie auch die Antworten ihrer
Tochter an mich las, und doch blühten auf der offenen Heerstrasse dieses
Briefwechsels die Blumen auf, deren Duft uns den Sinn verwirrte, deren Ranken
uns umstrickten.
    Der junge Baron und ich, wir blieben zwei Jahre im Auslande. Voll Freude und
Zuversicht kehrten wir in die Heimat zurück, aber es war vorüber mit dem
friedensvollen Glücke, das ich vor der Reise in dem freiherrlichen Hause
genossen. Ich hatte nicht mehr das Herz, dem Fräulein wie sonst zu begegnen, ihr
fehlte der Mut, mir zu nahen; wir vermieden einander. Ich fragte mich nicht,
was geschehen sei; jeder Atemzug sagte es mir. Die Trennung von ihr hatte eine
wilde Leidenschaft in mir angeregt, eine Leidenschaft, die in doppeltem Sinne
für mich eine Sünde in sich schloss. In heissen Kämpfen, in brünstigen Gebeten
rang ich nach Frieden. Er wollte mir nicht kommen. Ich musste die Ursache meiner
Leiden fliehen. Ich forderte meine Entlassung. Baron Franz bedurfte meiner
Begleitung auch ferner in der Tat nicht mehr.
    In den Tagen fand sich ein Bewerber um des Fräuleins Hand. Amanda bewies
sich demselben nicht geneigt. Ahnungslos, nur an das Zutrauen denkend, das die
Tochter mir gewährte, wandten die Eltern, welche diese Verbindung wünschten,
sich an mich. Ich sollte Amanda bestimmen, dem Verlangen ihrer Eltern
nachzugeben, und ich beschloss, da ich selbst den Mann hoch schätzte, der das
Fräulein zur Frau begehrte, die schwere Pflicht, die man mir auferlegte, als
erste Busse über mich zu nehmen. Ich betete auf meinen Knieen um die Kraft der
Selbstbeherrschung, und Gott schenkte sie mir. Ich bezwang mein Herz, ich konnte
Amanda sagen, was man von ihr verlangte und was zu Gunsten ihres Bewerbers
sprach. Ich riet ihr, dem Wunsche ihrer Eltern nachzukommen; ich riet ihr, den
Weg zu gehen, auf den die Vorsehung sie führen zu wollen schien.
    Sie hörte mich an, still aber entsetzt, als spräche ich eine Gotteslästerung
aus. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und die Hände vor der Brust faltend,
fragte sie mich mit strafendem Tone: Das verlangen Sie, grade Sie von mir? Das
wagen Sie mir als Tugend, als Pflichterfüllung vorzuzeichnen? Und als ich
verwirrt und sprachlos vor ihr stand, hob sie ihre gefalteten Hände gegen mich
empor und fragte schluchzend: Giebt es denn keinen Ausweg aus dem unheilvollen
Labyrinte, keinen Ausweg als den Meineid, an dem der Mensch zeitlich und ewig
zu Grunde gehen muss?
    Und wieder schwieg der Caplan. Angelika reichte ihm die Hand; er drückte sie
ihr leise und fuhr dann fort: Der Stunde folgte eine Zeit voll schwerer
Verblendung, voll grosser Not, voll tiefer Verwirrung. Als Selbstüberwinder,
wenn auch herzzerrissen, gingen wir beide daraus hervor. Ich verliess das Haus,
Amanda verlangte in ein Kloster einzutreten. Die Zärtlichkeit der Eltern, die
Vorsicht des Arztes wollten davon nicht hören, denn ihr Körper war dem
Seelenleiden nicht gewachsen; sie verzehrte sich in ihrem Schmerze. - Niemand
wusste, was ihr fehle; wir hatten einander ewige Trennung und ewiges Schweigen
gelobt. Ich hörte nichts von ihr, als in den seltenen Fällen, in denen Baron
Franz mir schrieb und ihrer Erwähnung tat. Aber er lebte damals nicht im
Vaterhause und hatte auch nur brieflich Nachricht von der Schwester.
    Drei Jahre waren so hingegangen, fuhr der Caplan fort; ich kehrte von einer
Missionsreise aus dem Innern von Südamerika zurück, als ich von Amanda's Vater
die Anfrage erhielt, ob ich mich entschliessen könne, seine Frau und Tochter auf
einer Reise zu begleiten. Ein furchtbarer Schrecken kam über mich. Ich wusste,
wie es stand, da Amanda mich zu sich rief. Ich fuhr Tag und Nacht. Es war früher
Morgen, als ich in dem Schloss eintraf. Alles schlief. Ich befand mich wieder
in ihrer Nähe; ich wagte nicht, nach ihr zu fragen. Als man sich im Hause
erhoben hatte, liess die Baronin mich rufen. Ihre ersten Worte bestätigten mir,
was ich bereits wusste. Sie werden mein armes Kind verändert finden, sehr
verändert, sagte die Baronin, indes Gott ist ja allmächtig und kann Wunder tun!
Die Aerzte vertrösten uns auf die Luft des Südens. Meine Tochter teilt unsere
Hoffnungen für ihre Genesung nicht, aber sie wünschte Ihre belehrende
Begleitung, und wir waren sicher, dass Sie uns nicht fehlen würden, da wir Ihrer
nötig hatten.
    Eine Stunde später führte man mich zu Amanda. Welch ein Wiedersehen war das!
- Die Reise wurde nach wenig Tagen angetreten. Noch vor dem Beginne des Herbstes
erreichten wir Italien, liessen wir uns in Venedig nieder. Ich war immer bei ihr.
Niemand wehrte es uns. Sie war freien Geistes, sie fing an, wieder Mut zu
fassen, und es schien eine Weile, als kehre das schwindende Leben wirklich noch
einmal in sie zurück, als könne das Leiden sich noch besiegen lassen. Aber diese
Hoffnung, schwach wie sie war, stürzte meine Seele in den alten Kampf zurück.
Die Angst, die Verzweiflung, welche mich bei dem Gedanken an ihren nahen Tod
erfüllt hatten, die auftauchende Möglichkeit, sie gerettet zu sehen, die Frage,
was dann aus uns werden solle, machten mich fast sinnlos. Meiner selbst nicht
mächtig, brach ich das Gelöbnis des Schweigens, das ich ihr einst gegeben hatte,
und bekannte ihr, dass es mir nicht möglich sei, in ihrer Nähe zu weilen, ohne
zurückzufallen in die sündhafte Verwirrung, der ich mich einst kaum zu entziehen
vermocht hatte.
    Er fuhr sich mit den Händen über die Augen. Dann seufzte er und sagte: Sie
hielt eine weisse Rose in ihrer Hand in jener Stunde. Die Rose sank entblättert
zur Erde nieder, als ich, vernichtet von Amanden's Tränen, um Vergebung
flehend, ihre Hand ergriff. Amanda sah trauernd auf mich hin und schwieg, aber
sie blieb ruhig und tränenlos. Sie hätten der Rose die paar armen Lebensstunden
nicht zerstören sollen! sagte sie dann endlich. Denken Sie an diese Rose, wenn
ich nicht mehr sein werde - und das wird nicht lange auf sich warten lassen!
    Sie hatte in den letzten Wochen nicht mehr von ihrem Tode gesprochen, ich
beschwor sie, diese düstern Vorstellungen zu verbannen; sie wollte nicht, dass
ich dieselben düster nannte.
    Der Tod ist für uns kein Leid, er ist ein Engel des Friedens für uns, der
uns Erlösung bringt! sprach sie. Sie müssen mit mir den Himmel dafür danken, dass
er mich bald abberufen wird. Wir haben schöne, schöne Tage hier miteinander
gelebt, wir werden uns einst rein und geläutert wiedersehen, um unzertrennlich
bei einander zu bleiben. Die Spanne Zeit, die noch dazwischen liegt, was ist sie
neben der Ewigkeit, die uns erwartet?
    Mein Sinn war verdüstert, meine Leidenschaft band mich an die Erde, ich
konnte mich zu ihrer Entsagung nicht erheben. Ich konnte meinem Schmerze, meinen
Tränen nicht gebieten, ich weinte bitterlich. Sie sah mich lange an. Weinen Sie
nicht, sagte sie, ich werde Sie nicht verlassen, ich werde immer bei Ihnen sein,
mein Freund!
    Was hilft mir das, wenn ich Sie nicht sehe! rief ich in der Wildheit meines
Herzens.
    Oh! versetzte sie, und ihr Ton klang mild wie keines andern Menschen Stimme,
Sie sollen mich auch sehen, wenn Gott es zulässt, dass wir den Lebenden
erscheinen. Heiligen Sie Ihr Leben! Leben Sie es im Dienste Gottes und vergessen
Sie der weissen Rose nicht! Sie soll Ihnen ewig eine Mahnung an die menschliche
Schwachheit und ein Zeichen meiner Nähe sein. Sind Sie das zufrieden?
    Ich hatte keine Antwort, als meinen stummen Schmerz. Sie liess mich
versprechen, dass ich ihr die Augen schliessen und täglich für sie beten, dass ich
ihre Mutter nicht verlassen, dass ich über ihren Bruder wachen und ihm ein Bruder
bleiben wolle. Sie trug mir auf, ihre Asche nach Richten zu schaffen und weisse
Rosen pflanzen zu lassen vor der Türe der Familien-Gruft.
    Von der Stunde ab war ich Herr geworden über mich für alle Zeit, sagte der
Erschütterte mit Ergebung.
    Im Frühjahr neigte sich ihr Leben zur Ruhe. Der Mai war zu Ende, als sie
starb. Ihr Wille geschah. Wir brachten ihr Sterbliches nach der Heimat, ich
habe die Rosenbüsche selbst gepflanzt, ich habe auch ihrer Mutter das Auge
geschlossen und bin ein Hüter des Grabes geworden, das sie deckt. All mein
Wünschen war am Ende, und der Ehrgeiz, das Verlangen nach weltlichem Ansehen und
nach weltlicher Macht, die mich sonst zuweilen beseelt, waren damit für immer in
mir erloschen. An dem Orte zu weilen, wo sie gelebt hatte, zu wirken, wo ihre
Milde gewaltet, das war Alles, was ich begehrte; und mit inbrünstigem Verlangen,
mit täglichem Gebet erwartete ich es, ob sie mir kein Zeichen geben würde. - So
kam der Jahrestag ihres Todes heran. Ich hatte an seinem Vorabende lange im
Gebet gewacht; am Morgen eingeschlummert, weckt mich ein Klopfen an der Türe.
Ich rufe herein, ein Knabe aus dem Dorfe kommt in mein Zimmer, und das Erste,
was ich erblicke, ist ein Strauss von weissen Rosen, der mir in seiner Hand
entgegenwinkt.
    Er schwieg, von seiner Empfindung überwältigt, und blieb lange in seinen
Erinnerungen versunken. Dann richtete er sich empor und sagte mit sanfter
Rührung: die weisse Rose hat mich seitdem durch mein ganzes Leben begleitet. Im
Wachen und im Traume ist sie mir plötzlich entgegengebracht worden, wenn mein
Sinn verdüstert war. Sie hat mich ermahnt und erhoben, und es wird sich ja wohl
Jemand finden, sie auch mir einst auf den Sarg zu legen und sie auch auf mein
Grab zu pflanzen.
    Er erhob sich und trat an den Kamin, die Lichter zurecht zu rücken. Mit
feuchtem Auge, unfähig, den Empfindungen, die sie bewegten, Worte zu leihen, sah
Angelika ihm nach. Sie hatte in den ernsten, stillen Zügen des Caplans diese
Vergangenheit nie gelesen; sie wusste jetzt, was ihn an der Arten'schen Familie
festgehalten, was ihn bewogen hatte, in Richten zu bleiben, ihn, dem eine
grössere Wirksamkeit nicht hätte fehlen können, wäre er gegangen, sie auf
weiterem Felde zu suchen.
    Von einer Vorstellung zu der anderen, von einem Gedanken zu dem anderen
schreitend, fragte sie nach langem Schweigen plötzlich: Und wer war der Knabe,
woher brachte er Ihnen jene ersten weissen Rosen?
    Er war der Sohn einer Witwe, den Fräulein Ester aus der Taufe gehoben hatte
und den ich auf ihren Wunsch in einer gewissen Aufsicht hielt.
    So war es Fräulein Ester, welche ihnen jene Rosen sendete?
    Durchaus nicht! Die Mutter des Knaben, die ich in einer Krankheit hier und
da besucht, schickte sie mir als Erstlinge des Jahres.
    Und wieder schwieg die Baronin eine Weile; dann sagte sie: Sie erwähnten der
Tante Ester, haben Sie dieselbe näher gekannt?
    Ja, versetzte der Caplan. Sie hatte für ihre Nichte die grösste Zärtlichkeit,
und Amanda hing an ihr mehr noch als an der eigenen Mutter. Auch war sie die
Einzige, welcher Amanda, ohne dass ich's ahnte, in früher Zeit ihr Geheimnis
anvertraut hatte, und fest und treu hat sie es ihr bewahrt.
    So wusste Tante Ester also auch von der Verheissung der weissen Rose?
    Sie hat nie davon gehört! versicherte der Caplan; ich selbst habe mich davon
überzeugt.
    Angelika war betroffen. Sie hatte noch während der Erzählung des Caplans
mehrmals nach dem Kästchen geblickt, das sie bei seinem Eintreten in der Hand
gehabt. Jetzt nahm sie es hervor, schloss es auf, und dem Caplan den Rosenkranz
hinreichend, den sie in der Vase in Ester's Zimmer gefunden hatte, fragte sie
ihn, ob er denselben vielleicht jemals bei der Tante gesehen habe.
    Gott im Himmel, und grade heute! Heute grade, da die Geschichte jener Tage
zum ersten Mal über meine Lippen kommt! Heute muss ich dieses Pfand in meinen
Händen halten! rief der Caplan und blickte mit Rührung auf die Perlen nieder.
    Die Baronin wiederholte die Frage. Sie wollte wissen, von wem die
Gegenstände stammten, sie zeigte das Kruzifix und das Gebetbuch vor; der Caplan
betrachtete beides lange und still.
    Dass die Sachen uns so überleben! sagte er nach einer Weile. Amanda hatte das
Gebetbuch mit Rosenkranz und Kruzifix von einem der armenischen Mönche auf San
Lazzaro bei Venedig zum Geschenk erhalten. Sie fand eine grosse Erhebung in dem
Gedanken, dass schon seit Hunderten von Jahren gläubige Herzen ihr Gebet daran
geknüpft, und sie starb mit diesem Rosenkranze in der Hand, mit diesem Kruzifix
auf ihrer Brust. Die Worte in dem Buche hat sie selbst geschrieben mit letzter
Kraft und bebender Hand, als sie mir auftrug, Alles dies nach ihrem Tode ihrer
Tante zu senden. Ich würde, hätte ich's nicht mit angesehen, ihre klare, feine
Schrift sonst nicht in diesen schwankenden Zügen wieder zu erkennen vermögen. -
Er hielt das Buch lange in seiner Hand. Dann legte er es nieder und sagte
gedankenvoll: Und grade Sie, Frau Baronin, mussten diese Heiligtümer finden!
Grade heute musste ich dieselben wiedersehen! - O, wie können Sie zweifeln, dass
Gott denen, die er seiner Gnade würdigt, wundervolle Zeichen schickt?
    Er sprach nicht weiter, die Baronin fragte nicht weiter. Aber sie löste den
kleinen Ring von dem Rosenkranze ab und steckte ihn an ihre Hand, die sie dem
Caplan reichte. Denken Sie, mein Freund, sagte sie, wenn Sie dieses Zeichen an
meiner Hand erblicken, dass zwei edle Herzen, dass Amanda und Ester mir es
zugewendet, dass sie mich Ihrer Gunst damit empfohlen haben, und stehen Sie mir
bei, wenn ich einmal - sie sprach die Worte mit tiefer Erschütterung -, wie jene
geprüften und bewährten Seelen, einen Stab brauche, mich darauf zu stützen, und
ein Licht, mir zu leuchten durch das Dunkel!
    Ja, das will ich, versetzte der Caplan; aber Sie bedürfen meiner nicht. Wer
ihn suchet, den Erlöser, der findet ihn; wer nach seinem Lichte ruft, dem
erhellt er den Pfad. Er hat Sie bereits zu sich gerufen; geben Sie sich ihm zu
eigen, und sein Friede wird über Sie kommen hier und dort.
    Er legte seine Hände segnend auf ihr Haupt und liess sie zurück in stillem,
eifrigem Gebet.
 
                                Neuntes Capitel
Der Winter entschwand auf diese Weise, ohne dass der Baron an die Rückkehr auf
das Land gedachte. Er fand Behagen an der Residenz, an der Folge immer neuer
Zerstreuungen, und Alles, was er sich noch vor wenig Monaten von seiner Ehe, von
seiner Häuslichkeit auf Schloss Richten versprochen hatte, ja, Schloss Richten
selbst trat davor so sehr in den Hintergrund, dass es Angelika oftmals bedünken
wollte, als mache es ihn unmutig, wenn man ihn daran erinnere. Ein Mann, der,
wie der Baron sein Leben hindurch auf äussere augenblickliche Erfolge gestellt
gewesen, findet sich auf die Länge nicht leicht durch die Ruhe in seiner Ehe und
in seinem Hause befriedigt, auch wenn er nicht Zerstreuung bedarf, um
Vergessenheit dadurch zu erlangen.
    Endlich, als die Mehrzahl der adeligen Gesellschaft in der Residenz sich
anschickte, aus ihrem städtischen Winteraufentalte wieder auf die Landsitze
zurückzukehren, wurden auch in dem freiherrlichen Hause die Anstalten zur
Abreise getroffen. Indes der Baron fand immer noch einen Grund, einen Tag und
wieder einen Tag zu zögern, und die Ungeduld seiner Gattin, die sich in die
Stille ihres Schlosses hinaussehnte, steigerte sich daran bis zu einem
krankhaften Verlangen nach der freien Natur. Als dann aber die Stunde der
Abreise herankam, bemerkte der Baron, dass seine Gattin sich mit Wehmut von dem
Hause trennte, in das sie mit Widerstreben eingetreten war. Sie fühlte nicht
mehr die Zuversicht zum Leben, sie hatte nicht mehr die volle Hoffnung auf
Glück, welche sie an ihrem Hochzeitstage beseelte; und seit sie dahin gekommen
war, an ihren Brautstand und an ihre Jugend wie an eine glücklichere
Vergangenheit zurück zu denken, flösste das ererbte Haus, in welchem Alles von
einer Vergangenheit sprach, ihr keine sie befremdende Empfindung mehr ein. Zudem
war ihr Gutes und Heilsames in dem Hause widerfahren. Sie hatte tiefer in ihr
eigenes Innere blicken und sich an einen Helfer wenden lernen, der stärker war,
als sie. Sie hatte in dem Caplan einen väterlichen Freund und Berater gefunden
und den Glauben gewonnen, dass die verstorbenen Lieben den Lebenden verbunden und
nahe bleiben. Das waren so viele Quellen neuen Hoffens, dass sie Mut für ihre
Zukunft daraus schöpfte. Und als sie dann endlich sah, mit wie ungeheuchelter
Betrübnis Mamsell Marianne von ihr Abschied nahm, als sie dieser immer noch
einmal versprechen musste, sie holen zu lassen, wenn die Baronin ihrer Pflege
bedürfe, so schied sie endlich selbst nur mit Tränen und mit dem festen
Vorsatze häufiger Wiederkehr von Tante Ester's Haus und von den Bildern
derselben, die so manchen stillen Seufzer von ihren Lippen gehört, so manche
heimlich geweinte Träne aus ihren Augen hatten fliessen lassen.
    Indes die Frühlingssonne will im Freien genossen sein, und der Baronin, die
von Kindheit an sich in Garten, Feld und Wald bewegt, ging das Herz auf, als die
Tore der Residenz endlich hinter ihr lagen und ihr Auge, nicht mehr von den
Häuserreihen beschränkt, sich in weiter Ferne ergehen konnte. Je näher sie auf
ihrer Reise der Heimat ihres Gatten kamen, um so leichter wurde ihr zu Sinn,
ja, sie empfand es in ihrer fröhlichen Erregung kaum, dass die Zufriedenheit
ihres Mannes nur eine geteilte war und dass er sich ihrer beginnenden Heiterkeit
zwar erfreute, dass die frische, offene Zärtlichkeit, welche sie ihm lange nicht
zu zeigen vermocht hatte, ihm zwar Vergnügen bereitete, aber dass er sie im
Grunde seines Herzens nicht mit ihr teilte, wie sie es erwartete. Er war nicht
mehr derselbe, der er als Bräutigam gewesen war.
    Gegen den Abend des sechsten Tages erreichten sie die Grenze der Herrschaft
Richten. Der Baron machte Angelika darauf aufmerksam, und da sie ihn liebevoll
und gerührt umarmte, bewegte es auch ihn.
    Die Schulzen der Dörfer, die Schullehrer mit der ganzen Kinderschaar hatten
sich unter einem für den Empfang der Gutsherrschaft errichteten Ehrenbogen
aufgestellt, und der greise Pfarrer selbst war herbeigekommen, der jungen
Gutsherrin mit ernster und freundlicher Ansprache an das Herz zu legen, was man
von ihr für die Güter und ihre Bewohner erwarte und hoffe. Der Baron, obschon
seinen Insassen und Untergebenen ein lässlicher Herr, hatte von jeher solche Akte
und Feierlichkeiten als herkömmliche Huldigungen mit einer eben so herkömmlichen
Herablassung hingenommen, und was sich etwa bei derlei Anlässen in seinem
Gemüte menschlich geregt, damit hatte er bisher leicht fertig zu werden gewusst.
Heute war das anders. Er bemerkte die tiefe Bewegung seiner Frau, er sah ihre
Freude darüber, dass sie in Richten war, wo sie weit sicherer heimisch zu werden
hoffte als in der Residenz; es fiel ihm ein, dass diese Kinder um ihn her, die
ihn und Angelika hier an der Grenze seiner Herrschaft willkommen hiessen, einst
den Sohn zum Herrn haben würden, den er von seiner Gemahlin erwartete, und heute
hörte er mit anderem Ohr und anderem Herzen zu als sonst. Er war selbst gerührt,
er hielt die Hand seines jungen Weibes fest und zärtlich gefasst, er dachte seit
langer Zeit zum ersten Male wieder daran, welch ein reines Herz, welch einen
Schatz von Liebe und Güte er in Angelika besitze, ja, er begriff es kaum,
wesshalb er alle diese Monate in einer Umgebung mit ihr zugebracht habe, die ihr
nicht erwünscht gewesen und durch die sie ihm selbst entzogen worden war. Er
fühlte Lust, ihr dies zu sagen, aber er stand davon ab, weil es geheissen hätte,
ihr einen Irrtum einzugestehen. Indes er versprach sich, diesen Irrtum gut zu
machen; er war glücklich, dass dies noch in seiner Macht stand, und in die
Zärtlichkeit, mit welcher er Angelika an seine Brust drückte, mischte sich ein
stolzes Gefühl, als man bald darauf, nachdem der Wagen das geschmückte Dorf
passirt hatte, Schloss Richten auf seiner Höhe vor sich liegen sah.
    Die Tage waren schon wieder lang, die Sonne noch nicht untergegangen, und
die blasse Sichel des Neumondes schimmerte, von ihr erhellt, silbern und leicht
an dem blauen Himmel. Alles war klar und eintönig in der Natur, nichts stach
besonders beleuchtet hervor. Das nackte Erdreich der Heide, die brach liegenden
Felder, die kahlen Weiden am Bache und die lange Linie des grossen, sich weitin
erstreckenden Waldes hatten alle denselben rötlich-braunen Ton, über den der
bläuliche Nebel sich zu verbreiten anfing, und doch zeichneten sich die
Gegenstände in der leichten Luft noch so bestimmt und deutlich, dass das Auge
seine Freude daran hatte, dass die sanfte Einförmigkeit der Landschaft den Sinn
beruhigte und man es sich gern vorstellen mochte, wie der vorschreitende
Frühling hier bald schalten und walten und Alles mit seiner reichen Fülle
schmücken und verschönen werde.
    Die Baronin war von dem Anblicke des Schlosses überrascht, als hätte sie es
nicht zuvor gesehen. Es übertraf an Stattlichkeit noch bei Weitem das Bild, das
sie in ihrer Vorstellung davon bewahrt hatte, und dass der Bau in seiner
Unregelmässigkeit die Spur des Bedürfnisses oder der Laune an sich trug, welche
die Herren von Arten von Geschlecht zu Geschlecht bewogen hatten, ihn zusetzend
umzugestalten, das gab ihm den Charakter des Historischen, gab ihm sein feudales
Ansehen, indem es den Glauben an die Selbsterrlichkeit seiner Besitzer
verstärkte.
    Von der uralten, auf steiler Höhe rechts über dem Schloss liegenden
Stammburg, welche einst die Ebene und den Fluss beherrscht und reichen Zoll von
der Schifffahrt auf demselben gezogen hatte, waren nur noch die Hälfte der
Aussenmauern und die beiden Türme erhalten, die sich, breit und verbunden mit
einer von vielen Fenstern durchbrochenen Zwischenmauer, unverkennbar als ein
Bauwerk aus der Zeit der deutschen Ritter darstellten. Diese Burg war aber schon
zur Zeit der Reformation verlassen worden, und man konnte es an der Architektur
des jetzigen Schlosses noch deutlich wahrnehmen, dass die Herren von Arten, als
sie aus ihrer Burg in das Tal hinabstiegen, weder die Macht jener Vorfahren
gehabt hatten, welche einst die Burg gegründet, noch den Reichtum, mit welchem
der Grossvater des jetzigen Besitzers das Schloss im Style der Renaissance
vergrössert und verschönert hatte. Die lange Hauptfronte desselben mit dem
turmartigen Aufsatze in der Mitte, den der Vater des Barons sich für seine
astronomischen Liebhabereien hatte errichten lassen, daneben die beiden
Seitenflügel, welche sich weitgreifend, wie vorgestreckte Arme, zur Rechten und
zur Linken ausbreiteten und den grossen, mit alten Bäumen umgebenen Rasenplatz
umfassten, machten einen schönen Eindruck.
    Hier werde ich glücklich sein! rief die Baronin aus; hier, wo nichts mich
von Dir trennt, wo nicht kalte gleichgültige und genusssüchtige Menschen sich
zwischen uns stellen! Hier wirst Du mich lehren, was ich tun muss, Dir zu
gefallen, Dir zu genügen und Dich zu beglücken! Hier, wo Du und Deine Vorfahren
als Kinder spielten, hier ist unsere Heimat, hier gehören wir hin, und hier -
    Sie verbarg ihr erglühendes Gesicht verschämt an ihres Gatten Brust, aber
ihre Worte ergänzend, fügte er mit gehobener Stimmung hinzu: Hier sollen Deine
Kinder, unsere Kinder und Kindeskinder ihre Heimat haben und das Geschlecht
aufrecht erhalten, das nun schon über vierhundert Jahre seinen Wohnsitz auf
diesem Grunde und Boden hat.
    Das walte Gott! sprach Angelika aus vollem, gläubigem Herzen und bog im
nächsten Augenblicke den Kopf zum Fenster hinaus, als sie in das zweite Dorf der
Herrschaft einfuhren.
    Das ist Rotenfeld, sagte der Baron, und wie ein Schleier zog es über seine
Mienen.
    Es war vorbei mit der frohen Erhebung, die ihn noch eben erfüllte. Er hätte
die Augen schliessen mögen, um nicht den Weg zu sehen, den er so oft gekommen
war; er hätte es nicht sehen mögen, das kleine Haus am Ende des Dorfes, dessen
schmuckes Ansehen der Baronin auffiel und dessen geschlossene Laden ihrem Manne
das Blut aus den Wangen weichen machten, als Angelika die Frage aufwarf, wem das
Haus gehöre und warum es nicht bewohnt sei.
    Mein Amme hat darin gelebt! antwortete der Baron, und mit plötzlichem
Entschlusse setzte er hinzu: Aber es ist baufällig; ich muss es niederreissen
lassen.
    Angelika war zu sehr beschäftigt, um dies auffallend zu finden, denn die
einzelnen Teile des Schlosses traten immer deutlicher hervor. Der Baron wies
ihr die Fenster der Zimmer, die für sie bestimmt waren; die Grenze des Parkes
wurde erreicht, und man langte noch zeitig genug im Schloss an, um die Reihe
der Gemächer bei Tageslicht zu durchwandern, um die junge Herrin die Aussicht
aus dem Wohnzimmer geniessen zu lassen, das der Baron ihr mit den antiken
Statuetten ausgeschmückt hatte, um ihr lebhafte Äusserungen der Freude über ihre
neue Heimat und über die Landschaft um sie her zu entlocken.
 
                                Zehntes Capitel
Zu einer Wirksamkeit auf ihre Umgebung gehört für eine Frau ein besonderer Sinn.
Gaben des Geistes und Güte des Herzens tun es nicht allein. Es ist dazu eine
Beobachtung nötig, welche das Bedürfen der Andern versteht und errät, und
jener selbstlose gute Wille, der das eigene Bedürfen im Verhältnisse zu dem
fremden nicht überschätzt. Angelika war von einer Mutter erzogen, welche diese
Eigenschaften in hohem Grade besass und welche es verstand, ihren Gutsinsassen
eine hülfreiche Herrin zu sein, wie sie ihren Kindern eine treffliche Mutter
war. So hatte Angelika es früh gelernt, für Andere zu sorgen, und jetzt, da sich
ihr in Richten ein eigener Wirkungskreis eröffnete, wie ihn ihre Mutter von je
gehabt hatte, fing sie erst an, sich recht als Hausfrau und als Herrin zu
empfinden.
    Die alte Dienerschaft der Familie war ihr zusagender als die Lakaien, welche
der Baron für die Dauer ihres Aufentaltes in der Hauptstadt angenommen hatte;
die grossen, hellen Säle, die man teilweise in ihrer altertümlichen Pracht
belassen, die wohlerhaltenen, schweren und geschnitzten Eichenmöbeln derselben
waren ihr noch lieber als die Zimmer, welche man modisch erneuert, und sie
sprach es bald nach ihrer Ankunft in Richten zuversichtlich aus, dass sie sich
hier nie einsam fühlen könne. Es sei ihr, als lebten alle die verehrten
Vorfahren mit ihr, die hier in ununterbrochener Reihenfolge geschafft und
gewaltet, um ihr den Wohnsitz zu bereiten, auf den sie stolz sei und den für die
Zukunft zu erhalten und zu schmücken ihr wie ein Priesterdienst erscheine. Sie
besass jenen lebendigen, historischen Sinn, der eine grosse Stütze für den
Menschen, und den ererbter Besitz in bevorzugten Naturen zu entwickeln geeignet
ist.
    Es verging daher nur kurze Zeit, bis sie die Lebensverhältnisse der Leute
kannte, welche ihr dienten, bis sie wusste, was geschehen müsse, sie zufrieden zu
stellen, und was im weiteren Kreise in der Herrschaft ihres Mannes für das Wohl
ihrer Bewohner noch zu leisten und zu schaffen sei. Es war das nicht Folge
neugieriger, gewaltsamer Fragen, nicht absichtliches Erforschen. Weil sie
teilnehmend war, kam ihr überall das Vertrauen entgegen, und der Caplan stand
ihr mit Rat und Aufschluss überall zur Seite. Die ersten Tage in Richten flogen
ihr auf solche Weise wie Stunden schnell dahin, und das schöne Frühlingswetter
erhöhte ihr Behagen.
    Der Baron, der es seit dem Tode seiner Mutter entbehrt hatte, eine Hausfrau
im Schloss walten zu sehen, hatte Freude an der stillen Tätigkeit seiner
jungen Gattin, ja, er gestand ihr, dass sie hier erst recht an ihrem Platze sei,
dass sie ihm nie zuvor besser gefallen habe, als hier in seinem Schloss. Er
verliess sie auch wenig, sein Auge folgte ihr überall, aber es kam Angelika
bisweilen vor, als ziehe oft plötzlich ein schwermütiger Ernst durch sein
Gesicht, wenn er sie betrachte, als sei es nicht nur seine Liebe für sie, welche
ihn in ihrer Nähe festalte, sondern als bewache er sie und die Personen, welche
sie bedienten, mit einer ihr unerklärlichen Achtsamkeit. Sie neckte ihn damit,
er liess es gelten; indessen von Tag zu Tag fiel es der Baronin mehr und mehr
auf, dass in dem Betragen ihres Mannes auch hier in Richten ein fortdauernder
Wechsel herrschte, dass er oft sehr reizbar, oft noch schwermütiger war, als in
der Stadt, ja, dass er recht eigentlich launenhaft geworden und eine Unruhe über
ihn gekommen sei, welche sie früher nicht an ihm wahrgenommen hatte.
    Er machte im Hause Anordnungen, für welche sich kein Grund absehen liess. Er
fand die ganze Einteilung der Zimmer, welche er vor seiner Verheiratung selbst
veranlasst hatte, unzweckmässig. Bald wurde Dieses geändert, bald Jenes, und man
war noch nicht vierzehn Tage im Schloss, als der Baron seine nach der Terrasse
und dem Flusse hinaussehenden Gemächer ein für alle Mal verliess und ein paar
andere Zimmer für sich auswählte, welche nach der entgegengesetzten Seite
gelegen waren.
    Jede Frage, welche Angelika in diesem Betrachte an ihn richtete,
verschlimmerte seine Stimmung, so dass sie sich in ihrer Sorge an den Caplan
wendete, um von seiner Erfahrung sich Rat zu erholen. Der aber schob die
Veränderung, welche mit dem Freiherrn vorgegangen sei, leichtin auf eine
Hypochondrie, mit der man Nachsicht haben müsse, und ersuchte die Baronin, es
ihren Gatten nicht merken zu lassen, dass man seine gesteigerte Reizbarkeit und
seine Unruhe bemerke und beobachte. Geduld und Zeit würden Alles wieder heilen.
    Angelika liess sich die Trostgründe des Caplans gefallen, und der treue,
herzenskundige Mann wusste sie so vielfach zu beschäftigen, so zuversichtlich auf
bessere Tage hinzuweisen, dass seine Nähe ihr mehr und mehr zum Bedürfnis wurde.
Auch der Freiherr schien die Gesellschaft seines alten Freundes jetzt in Richten
nicht entbehren zu können. War er allein in seinem Zimmer, so forderte er fast
immer die Anwesenheit des Caplans, und selbst wenn er sich bei der Baronin
befand, zog er ihn meistens als Dritten hinzu.
    Seine Lust an Geselligkeit, an Zerstreuungen schien er in der Residenz
völlig gesättigt zu haben, denn er verliess das Schloss sehr selten, und selbst
die notwendigen Besuche in der Nachbarschaft, von denen häufig die Rede war,
wurden immer noch hinausgeschoben. Der Baronin fiel es nicht auf, wie einsam und
still man in dem sonst so gastlichen Schloss lebte. Sie war hingenommen von den
neuen Verhältnissen, in denen sie sich bewegte, von der Sorge um ihren Gatten,
von der Hoffnung auf ihr Kind, und der Verkehr mit den beiden Männern gab ihrem
Herzen und ihrem Geiste reiche Nahrung aller Art.
    Es waren bald literarische, bald künstlerische Gegenstände, welche die
Unterhaltung bildeten, aber vor Allem liebte der Freiherr es jetzt, die grossen
Grundsätze der sittlichen Weltordnung in den Bereich des Gespräches zu ziehen.
Etische und dogmatische Fragen, die angeborne Sündhaftigkeit des Menschen und
die Notwendigkeit seiner sittlichen Erhebung lagen ihm offenbar sehr am Herzen,
während der Gedanke an den Tod, an die Unsterblichkeit und an die Art der
Fortdauer, welche dem Menschen gegeben sei, ihn jetzt nicht minder lebhaft als
in Berlin, wennschon in weniger phantastischer Weise beschäftigte. Aber auch das
Nächstliegende wurde erwogen. Angelika und der Caplan fanden nach solchen
Gesprächen den Gutsherrn meist geneigt, Verbesserungen in der Lage seiner Leute
zu bewilligen und manchen vorhandenen Missständen Abhülfe zu bereiten.
    Es war seit Monaten festgesetzt worden, dass die gräfliche Familie von Berka
zu dem Osterfeste, das diesmal spät im Jahre fiel, ihren ersten Besuch bei der
Tochter machen sollte, und man fing bei Zeiten an, sich darauf vorzubereiten.
Der Baron, dessen Stimmung sich nicht bessern wollte, liess seiner Gattin in
allen ihren Vorkehrungen freie Hand, ja, er willigte endlich sogar darein, die
lange verschobenen Antrittsbesuche zu machen, damit es seinen Schwiegereltern
bei ihrer Anwesenheit nicht an Gesellschaft fehlen möge. Indes er liess sich zu
allen diesen Dingen nur bestimmen, er hatte, wie es schien, für den Augenblick
alle Lust und Kraft zu irgend welchem selbstständigen Entschlusse verloren. Wo
aber der Hausherr krank, wo das Oberhaupt der Familie selbst der Schonung
bedürftig ist, muss die Hausfrau notwendig an seine Stelle treten, und Angelika
fand sich unter des Caplans Beistand schnell und leicht in diese Pflicht.
    Je näher die Ankunft der Ihrigen herankam, um so freudiger sah sie ihr
entgegen. Sie wünschte, vor ihrer Familie Ehre mit den Besitzungen ihres Mannes
einzulegen, als deren Teilnehmerin sie sich jetzt fühlte, und sie hatte eben
die lange Reihe der Zimmer mit Wohlgefallen an ihnen durchschritten, als sie
sich zu ihrem Manne begab, um ihn zu einer gleichen Besichtigung aufzufordern.
Bei dem Freiherrn eintretend, fand sie ihn aber mit dem Caplan in einem
Gespräche, das plötzlich abgebrochen wurde. Der Caplan steckte einen Brief in
seine Tasche, der Baron wendete sich flüchtig ab, Jener verliess das Zimmer, und
voll Bestürzung fragte Angelika, ob etwas Unangenehmes gemeldet, etwas Schlimmes
vorgefallen sei?
    Der Freiherr versicherte, dass dies nicht der Fall sei; sie ersuchte ihn, ihr
zu sagen, wovon er eben jetzt mit dem Caplan gesprochen habe, und dies zu tun,
schlug er ihr ab. Weil sie aber grade heiter und guten Mutes war, wollte sie
ihren Willen durchsetzen. Sie bat, sie schmeichelte, sie umarmte ihren Mann, es
half ihr nicht, und wie man denn, eben wenn man in guter Laune ist, eine
abschlägige Antwort oft um so schwerer fühlt, rief sie plötzlich betrübt und
gegen ihre Gewohnheit heftig werdend, die Worte aus: Es ist aber wirklich, als
sollte ich mich nie mehr recht von Herzen freuen!
    Ihr Ton, ihre Mienen waren noch bezeichnender für ihre Traurigkeit, als ihre
Worte. Der Freiherr wurde davon gerührt. Er ging an sie heran, nahm ihre beiden
Hände, sah ihr lange und prüfend in die Augen, und fragte dann mit einem
Ausdruck ernster Trauer: Siehst Du wohl, dass Deine Ahnung Dich nicht betrogen,
dass Dein erstes Empfinden bei dem Begegnen mit mir Dich nicht getäuscht hat?
    Sie war auf solche Frage nicht vorbereitet, und dieselbe fand sie daher
fassungslos. Was musste seiter in dem Herzen des Freiherrn vorgegangen sein, dass
er diese Frage an sie richten konnte? Sie hätte ihm mit einem Worte sagen mögen,
was sie fühlte, aber das war mit einem Worte nicht auszusprechen. Hatte er denn
nicht gesehen, wie sie ihn liebte, nicht gemerkt, wie sie sich um ihn sorgte?
Beachtete er denn nur ihr äusseres Tun? Der Gedanke, dass er vielleicht seit
langer Zeit zum ersten Male an ihr Empfinden denke, überwältigte sie, und
verstummend lehnte sie den Kopf an seine Brust.
    Er zog sie an sich und küsste ihre Stirne. Armes Weib! sagte er, ja! Du
hättest ein heiteres Loos, einen anderen Mann verdient!
    Angelika erschrak vor dieser Gedankenfolge des Barons, und beide Arme um
seinen Hals schlingend, rief sie: Franz! Um Gotteswillen, das sage, das denke
nicht! Was fehlt mir denn, als nur Dich wieder heiter zu sehen? Was peinigt mich
denn, als die Sorge, Dich von einem Kummer beherrscht zu wissen, den Du mich
nicht teilen lässt? Ich sehe, dass Dich etwas drückt, dass Du mir etwas verbirgst,
dass auf Deinem Leben etwas lastet, und ich darf Niemanden fragen, was es ist, da
Du es mir verschweigst. Oft ist es mir, als wisse es ein Jeder ausser mir, als
könne, als müsse ich es erfahren, es ablesen können von diesen Wänden, es
geschrieben finden in den Mienen derer, die mir nahen, und ich verzage dann an
mir selbst, an meinem Herzen, an meinem Verstande, an meiner Liebe zu Dir; denn
ich meine, die Liebe müsse mich seherisch machen - aber es ist Alles umsonst! Du
bist und bleibst unglücklich, seit wir hier sind, und ich ahne nicht, wodurch!
    Die Tränen traten ihr in die Augen, der Baron sah finster aus und war sehr
bleich geworden. Kaum bemerkte sie das, so fielen ihr die Ratschläge des
Caplans ein. Sie nahm sich zusammen, warf scherzend den Kopf zurück, zerdrückte
die Tränen in ihren Augen und sagte mit lächelndem Munde: Aber wie komme ich
mir denn vor? Ich wollte Dir erzählen, wie glücklich und wie stolz ich bin, die
Eltern übermorgen hier in unserem Schloss zu empfangen, und ich weine, weil Du
es mir verweigerst, mir einen Brief zu zeigen, der mich sicherlich nichts
angeht. Vergieb mir, geliebter Mann, und sei wieder gut!
    Sie reichte ihm ihren Mund zum Kusse, er drückte ihr ernst die Hand. Armes
Weib, wiederholte er, Du duldest, was Du nicht verschuldet hast, und wir
sprechen von einer himmlischen Gerechtigkeit!
    Er wendete sich von ihr und entfernte sich schnell. Ratlos blickte sie ihm
nach. Die Ahnung, dass irgend eine schwere Verschuldung das Gewissen ihres Mannes
belaste, regte sich wieder in ihr. Aber was konnte es sein? Was war geschehen?
Wann war es geschehen?
    Sie wollte ihm nacheilen, ihn auf ihren Knieen beschwören, ihr zu vertrauen.
Jung, wie sie war, fühlte sie die Kraft, Alles mit dem Manne zu tragen, den sie
liebte; indes die Gewohnheit der Achtung hielt sie ab, ihrem Gatten
auszusprechen, dass sie ihm ein Schuldbewusstsein zuerkenne, und selbst dem Caplan
wagte sie nicht zu entdecken, was sie beschäftigte und bekümmerte.
    Die Nacht verging ihr ohne Ruhe, und da die Jugend vor langen,
unausgesetzten Qualen zurückschreckt, fing sie am andern Morgen wieder an, die
Gedanken auf die Ankunft der Ihrigen hinzuwenden. Das erschloss ihr das Herz. Sie
suchte Gründe hervor, sich zu beweisen, dass sie zu schwarz gesehen habe, sie
wollte selbst ihre Sorgen verscheuchen, um den Ihrigen ein heiteres Angesicht zu
zeigen.
    Am Mittage, als es warm und schön war, trat die Baronin aus dem grossen Saale
des Erdgeschosses auf die Terrasse hinaus und blieb eine Weile unter der Türe
stehen, sich des Anblicks zu erfreuen. Leer und weit, wie die Terrasse ohne den
Schmuck der Orangenbäume sich ausnahm, hatte sie in ihrer Anlage doch etwas
Grossartiges, das auch in solchem Zustande gefallen und imponiren konnte. Die
Hermen mit den Köpfen der griechischen und römischen Dichter standen feierlich
auf der Höhe und sahen ernstaft auf den Beschauer hin, aber rund um sie her
waren die Bäume noch kahl, und der Blick schweifte, durch die Freiheit in die
Ferne gelockt, bald von den Steingebilden zu dem Lebendigen hinüber, das sich in
der Natur zu regen begann.
    Während die Baronin die Treppe hinabstieg, hielt sie sich mehrmals damit
auf, die Sträuche und Büsche zu beiden Seiten derselben zu betrachten, denn
überall färbten die Stengel sich schon rötlich oder grün, überall waren die
Knospen geschwellt, dass man meinte, gleich heute müsse der warme Sonnenstrahl
sie zum Aufbrechen bringen, gleich heute müssten die Blätter sich entfalten und
den ersten wunderbaren Duft des frischen Grüns durch die Lüfte strömen.
    Unten an der Buchsbaum-Einfassung der sternförmig sich wie ein Teppich
ausbreitenden Beete schimmerten weisse Köpfchen hervor. Die Schneeglöckchen
hatten sich in der Frühe herausgemacht, und Angelika bückte sich, die
halberblühten zu brechen, um sie zu schnellerem Erschliessen in ihre Zimmer
mitzunehmen, und sie dann ihrem Gatten zu bringen, wie sie seit ihrer ersten
Kindheit alljährlich den kleinen Strauss von Schneeglöckchen der Mutter als
Liebesgabe, als erstes Zeichen des Frühlings zu bringen gewohnt gewesen war. Das
bewegte ihr im Innersten das Herz, das ohnehin von all dem quellenden Werden um
sie her bei dem Gedanken an das junge Leben, das sie ihrem Manne nun bald selbst
als Erstlingsgabe ihrer Ehe in die Arme legen werde, in schnelleren Schlägen
pochte. Ihre ganze Seele war ein Gebet. Sie war voll Dank gegen den Schöpfer,
der ihr Lebensloos bestimmt und geleitet, voll Liebe für die Eltern, voll Sorge
und Zärtlichkeit für ihren Gatten und voll der seligsten Freude bei der Hoffnung
auf ihr Kind.
    Alles, was sie umgab, hatte jetzt dreifachen Wert für sie, Alles, was sie
liebte, ward in ihrem Geiste neben einander nur noch enger verbunden durch das
ersehnte Kind. Sie sah es schon wachsen und gedeihen und spielen auf diesen
Plätzen, unter dem Schatten der Bäume, der hier Geschlecht nach Geschlecht
beschirmt; es dünkte ihr unmöglich, dass der Sinn des Vaters sich nicht an seinem
Kinde erheitern sollte. Hoffnung und Zuversicht reichten sich in ihrem Herzen
die Hand, dass die Freude ihre Schritte beflügelte und sie weiter und weiter am
Ufer des Flusses vorwärts ging, mit sich selbst beschäftigt und doch fortgelockt
von jedem neuen Anreize, den der Frühling darbot.
    Hart am Wasser, wo das dichte Gebüsch den Sonnenstrahlen wehrte, lag am
Rande noch eine leichte Eisschicht als Zeichen, dass die Nacht noch kalt gewesen
sei. Bedächtige Dohlen hüpften prüfend darüber hin, wendeten die Köpfe mit den
klugen Augen vorsichtig nach allen Seiten, tranken kräftig schluckend ein wenig,
und schwangen sich dann in die Höhe, um bald darauf an anderer Stelle
niederzufallen und das gleiche Treiben zu wiederholen. Aber mitten in dem
befreiten Wasser, da, wo die Sonne es erwärmte und vergoldete, schossen schon
pfeilschnell die kleinen Fische aus der Tiefe herauf, sich zu sonnen und der
neuen Wärme zu geniessen, während die neuangekommenen Schwalben mit schnellem
Flügelschlage sich bis tief auf die Flut herabsinken liessen und im Streifzuge
über das Wasser wieder die erste Jagd versuchten.
    Angelika sah dem Naturleben lange sinnend zu. Mit einem Male schien es ihr,
als hinge an der Wurzel einer Weide, die sich weitin in das Wasser erstreckte,
etwas, das sich hin und her bewegte, ohne doch von der Stelle zu kommen. Sie
betrachtete es genauer, es dünkte sie ein Stück Zeug zu sein, das sich von dem
Wasser aufblähte, und bald kam es ihr vor, als sähe sie unter der Hülle und
unter dem Wasser die Formen einer menschlichen Gestalt. Sie ging erschrocken
vorwärts nach der Brücke, wo der Gärtner beschäftigt war, und machte ihn
aufmerksam. Er blickte hin, erschrak gleichfalls, und sagte, es werde wohl
irgend ein alter Lumpen sein, den man, Gott weiss wo, in das Wasser geworfen und
den der aufgehende Strom bis hierher mit sich geführt habe. dabei versuchte er
aber, indem er sich nach der anderen Seite wendete, die Baronin zum Mitgehen und
zum Verlassen des Platzes zu bewegen; indes diese liess sich so leicht nicht
bestimmen, wo sie ihrem Auge trauen zu können glaubte. Sie hiess den Gärtner, ihr
zu folgen; es waren inzwischen auch ein paar der Frauen, welche die Wege für die
erwartete Ankunft der Gäste reinigten und harkten, bis an das Ufer angelangt,
und als die Baronin mit dem Gärtner zum zweiten Male die Stelle am Flusse
erreichte, hatten schon die Frauen sich hinabgebückt, und zogen mühsam den
Leichnam eines Weibes aus dem Wasser, der kaum noch menschliche Züge verriet.
    Um Gottes willen, gnädige Frau Baronin, kommen Sie fort von hier, das ist
nichts für Sie! rief der Gärtner dringend.
    Aber Angelika, obschon sie vor Entsetzen schauderte, meinte sich überwinden
zu müssen.
    Ist hier denn Jemand ertrunken? fragte sie.
    Der Gärtner verneinte es. Wer weiss, von wo die Leiche herabgekommen ist!
sagte er, und auch die Frauen schwiegen vorsichtig. Aber ein kleines Mädchen,
die Tochter eines Gartenarbeiters, das von der anderen Seite neugierig
herbeigelaufen war, als es den ungewöhnlichen Vorgang bemerkte, sagte ganz
verwundert: Kennt Er denn die Pauline nicht mehr, Herr Weisshold? Das ist ja die
Pauline aus Rotenfeld, die sich ins Wasser gestürzt hat, den Morgen, wie der
Herr Baron zur Hochzeit gefahren ist!
    Unsinn, Unsinn! rief der Gärtner und schob das Kind mit heftigem Stosse auf
die Seite.
    Aber die Baronin, welche keine Sylbe von den Worten der Kleinen verloren
hatte, hielt sie zurück, und bleich, mit erstarrenden Zügen fragte sie: Aus
Rotenfeld ist diese Todte?
    Ja wohl, aus dem Hause, das jetzt eingerissen wird, versetzte das Kind mit
aller Bestimmteit, welche Kinder in ihre Rede zu legen wissen, wenn man
dieselbe bezweifelt. Ja wohl, es ist die Mamsell aus Rotenfeld.
    Und Pauline heisst sie? wiederholte die Baronin, aber es waren die letzten
Worte, welche sie sagen konnte. Sie griff mit der Hand nach dem Gärtner, als
suche sie eine Stütze, und sank ohne Laut besinnungslos zusammen.
    Man trug die Ohnmächtige in das Schloss; der Schrecken, die Aufregung waren
allgemein. In wenigen Minuten wusste die ganze Dienerschaft, was vorgegangen war.
Die Sorge um die junge Herrin, das Mitleid mit ihr liessen sich vernehmen, wo
zwei Menschen beisammenstanden. Ein reitender Bote ward zum Arzte in die nächste
Stadt geschickt, man spannte den Wagen an, der jenem folgen sollte. Die
Kammerfrau und der Caplan waren um die Leidende beschäftigt, der Baron stand,
ein Bild der Vernichtung, an ihrem Lager.
    Es währte lange, ehe ein leiser Seufzer den Geängstigten verriet, dass
Angelika dem Leben wiedergegeben sei. Als sie erwachte, fielen ihre ersten
Blicke auf den Baron. Er hatte sich zu ihr geneigt und küsste, niederknieend,
leise ihre Hände. Sie wehrte es ihm nicht, aber ihr Auge ruhte mit einem
Ausdruck der Trauer auf ihm, der ihm das Herz durchbohrte. Er wagte kaum zu
fragen, wie sie sich fühle, denn ihre Klage wäre eine Anklage für ihn gewesen,
und gleichsam um sie zu beruhigen, sagte er ihr, dass nach dem Arzte gesendet sei
und dass er sicher nicht auf sich warten lassen werde.
    Sie bewegte leise verneinend das Haupt: Ich bedarf des Arztes nicht,
entgegnete sie. Das ist der Arzt, den wir brauchen, und er wird uns nicht
verlassen! - Sie reichte dabei dem Caplan die Hand, er legte sie in die ihres
Gatten, so blieben sie eine Weile schweigend beisammen. Es war ein
Unabänderliches geschehen, man musste versuchen, zu sich selber zu kommen, und
die Baronin war es, welche sich zuerst ermannte. Sie hatte kein Urteil über die
Zeit, welche seit ihrer Ohnmacht verflossen war, und fragte danach. Man sagte
ihr, dass es Mittag sei.
    Morgen um diese Stunde werden sie kommen! meinte sie, ihrer Eltern
gedenkend. Dann richtete sie sich auf und verlangte, sich zu erheben. Der Baron
wünschte sie davon zurück zu halten, auch der Caplan und ihre Kammerfrau machten
Einwendungen, sie wollte nicht darauf hören.
    Ich muss wohl sein, wenn meine Eltern kommen, sagte sie, und ich habe auch
keine Schmerzen. Lasst nicht mehr davon die Rede sein; aber ich habe Ruhe nötig,
ich möchte allein bleiben für einige Stunden.
    Man fügte sich ihrem Wunsche. Als der Caplan und ihre Kammerfrau sich
entfernt hatten, trat der Baron an sie heran, um ihr die Hand zu geben und ihr
zuzusprechen, ehe er sie verliess; aber sie nahm die dargebotene Hand nicht an.
    Es hat keinen Segen gebracht, sagte sie, dass wir uns die Hände reichten, und
wenn es wieder geschieht, so muss es in einem anderen Sinne und in einem anderen
Geiste sein. Auf dem alten Wege kann ich nicht weiter gehen ....
    Höre mich, Angelika, bat der Baron.
    Nein, jetzt nicht! versetzte sie mit grosser Festigkeit. Ueberlege auch Du,
was uns beiden frommt. Ich hatte mir geschworen, mich ganz und überall Deiner
Führung zu überlassen, als ich Dir Treue gelobte. Den ersten Eid kann ich nicht
mehr halten, den zweiten werde ich halten, und Gott wird mir helfen und mir
sagen, auf welche Weise ich es tun, auf welche Weise ich Dir meine Treue
bezeugen soll. Lass mich mit mir und meinem Gott allein! -
    Der Baron blieb vor ihr stehen; es überkam ihn die Ahnung, dass in dieser
jungen Frau eine Stärke des Willens und des Charakters verborgen liege, die er
nicht in ihr vermutet hatte, und in die widersprechenden Gefühle, die ihn
erschütterten, in das Entsetzen, welches das Auftauchen der Leiche in ihm
hervorgerufen, in den Schmerz und in die Sorge, welche die Ohnmacht seiner
Gattin ihm verursacht hatte, in das Bangen vor der Zukunft seiner Ehe, in das
Widerstreben endlich, mit dem er in diesem Augenblicke an das Eintreffen der
gräflichen Familie gedachte, mischten sich eine Scheu und ein Widerwille gegen
die Herrschaft, welche Angelika über ihn erlangen zu wollen schien.
    Bedenke, was Du tust, sagte er nachdrücklich; bedenke, dass Verzeihen und
Trösten die schönsten Vorrechte des Weibes sind, und dass man Geschehenes zum
Guten wenden muss, da es unmöglich ist, es ungeschehen zu machen! Hilf mir in dem
Zwiespalt, der mich bedrängt, und es wird mich glücklich machen, es Dir zu
danken!
    Er war bewegt, als er das aussprach; in Angelika's Mienen regte sich kein
Zug. Ja, Gott gebe, dass ich uns helfen kann, so Dir wie mir, sagte sie seufzend,
ihre Augen mit dem Ausdrucke tiefer Traurigkeit auf ihn gerichtet, aber keine
Träne milderte ihren Ernst. Das peinigte den Baron. Er versuchte, sie zum
Sprechen zu bringen, ihr Erklärungen zu geben - es war umsonst, sie wollte ihn
nicht hören, ehe sie sich gesammelt hatte, und er musste endlich darein willigen,
von ihr zu gehen, so ungern er sie sich selber überliess. Er fürchtete Angelika,
das konnte er sich nicht verbergen, und eine Frau, welche er auch nur einen
Augenblick gefürchtet hat, die liebt ein Mann wie der Baron nicht mehr.
    Als Angelika sich allein in ihrem Zimmer fand, rang sich ein Aufschrei der
Verzweiflung und des Jammers aus ihrer Brust hervor. Sie hätte beten mögen, aber
sie vermochte es nicht. Das Herz in der Brust war ihr wie gelähmt. Sie hing an
dem Baron stärker, leidenschaftlicher, als es ihr gegeben war, dies äussern zu
können. Sie war sein Weib geworden in der reinsten Hingebung, mit dem Gefühle
des Glückes, und er hatte sie an sein Herz geschlossen, einer Anderen,
Paulinen's gedenkend, die eben in jenem Augenblicke, der Heirat des Barons
fluchend, sich den Tod gegeben hatte!
    Diese Vorstellung erdrückte die Baronin. Sie fühlte sich entwürdigt und
misshandelt, ihre Ehe wurde ihr dem eigenen Gatten gegenüber zu einer Schmach.
Der Baron, zu dem sie einst mit verehrendem Vertrauen emporgesehen hatte, stand
als ein Schuldbeladener vor ihr, und wie ihr Herz sie auch drängte und mahnte,
sich dem Vater ihres Kindes zuzuwenden, wie es sie auch zog, Hülfe gegen all das
Elend bei ihm selbst zu suchen, ein unüberwindliches Entsetzen hielt sie davon
zurück. Wohin sie das Auge richtete, woran sie auch dachte, Paulinen's Schatten
stieg überall vor ihr empor. Jetzt begriff sie es, warum der Baron die Zimmer
gewechselt hatte, warum er es nicht hatte ertragen können, auf den Fluss hinab zu
schauen. Bangte es doch ihr selbst am hellen Tage in ihrem eigenen Zimmer, dass
sie nicht wagte, an das Fenster zu treten, aus Furcht, zu sehen, was sie nicht
glaubte ertragen zu können. Das Alleinsein ängstigte sie, aber sie konnte sich
nicht entschliessen, ihre Bedienung zurück zu rufen. Es wusste ja ein Jeder, was
in diesem Hause vorgegangen, und auf welche Weise, über wessen Leiche sie als
Herrin in dasselbe eingezogen war.
    Beten, beten! rief sie immerfort, indes das Gebet wollte ihrem Herzen nicht
entströmen, sie vermochte ihren Geist nicht aus seiner Niedergeschlagenheit zu
erheben. Sie kam sich selbst als eine schwere Sünderin vor, und doch wollte sie
beten, nicht nur für sich, sondern auch für ihren Gatten und die Todte. Sie
fühlte, als habe sie eine ihr unerreichbare Höhe zu erklimmen, sie sehnte sich
nach einer hülfreichen Hand, sie empor zu führen, ihr das Tor des Himmels zu
öffnen, in den sie ihre Gebete zu schicken wünschte; da fiel ihr Auge auf
Amanda's Betring, den sie am Finger trug, und wie ein Labsal ertönten die Worte:
»Mein Freund in der Not, der Stab, der mich hielt, da ich schwankte, die
Stütze, an der ich mich erhob, das Licht, dessen Leuchten mir die lange Nacht
erhellen wird!« in ihrem Herzen plötzlich wieder.
    Du sollst mein Beispiel sein; Du Heilige und Reine! rief sie aus.
Selbstüberwindung und Entsagung! das ist's. - Sie sank auf ihre Kniee nieder,
und ein heisses Gebet um Hülfe und Erlösung befreite ihr das Herz.
    Sie blieb lange allein in ihrem Zimmer. Als sie dann aus demselben
hervorkam, begab sie sich graden Weges zu dem Baron. Er ging ihr schweren
Herzens entgegen, weil er nicht wusste, was er von ihr zu erwarten habe, und weil
er Mitleid mit ihr fühlte. Auf seine Frage nach ihrem Ergehen sagte sie: Trage
keine Sorge um mich, es ist mir besser, als in den Tagen angstvoller
Ungewissheit. Ich weiss jetzt, was mein Beruf ist, und so gewiss als ich Dich
liebe, ich werde trachten, ihn nach besten Kräften zu erfüllen.
    Sie reichte ihm die Hand zum Zeichen ihres Versprechens; und da sie nicht
weniger gerührt war, als er selbst, schloss er sie in seine Arme. Sie wehrte ihm
das nicht, ja, es wollte ihn bedünken, als sei ihre Hingebung weicher und freier
als seit langer Zeit. Er leitete sie zu einem Sessel und knieete an ihrer Seite
nieder, sie sanft umfassend. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern, und da
sie in sein ernstes Antlitz, in seine Augen blickte, die so fragend und
schmerzlich auf sie gerichtet waren, fing sie noch einmal zu weinen an.
    Siehst Du es wohl, dass Du ein besseres Loos, einen andern Mann verdient
hättest, als eben mich? wiederholte er in der Erinnerung an ihr gestriges
Gespräch.
    Sie schüttelte leise das Haupt. Mir fehlte nichts als Dein Vertrauen, Dein
volles, ganzes Vertrauen! beteuerte sie. O! wenn Du es gewusst hättest, wie
bitter es mir oftmals ankam, mich als eine Fremde in Deinem Leben zu fühlen,
während ich doch Dein Weib war! Wenn Du ahnen könntest - - Sie brach plötzlich
ab und fragte leise: Wer war die Todte? wer war sie? das muss ich wissen.
    Es kam dem Freiherrn hart an, das erste Wort zu sprechen, aber da er es
getan hatte, erleichterte es ihm das Herz. Er erzählte ihr Alles, Alles, was er
einst dem geistlichen Freunde gestanden hatte. Angelika hörte schweigend zu. Die
Dämmerung brach allmählig herein, des Freiherrn Mitteilungen wurden dadurch
begünstigt. Er konnte nicht sehen, welche Wirkung sie auf seine Gattin übten.
Mit lebhaften Worten schilderte er ihr den Zustand, den Zwiespalt, in welchem er
sich in den Tagen vor seiner Hochzeit befunden hatte.
    Was ich in jenen Augenblicken auch an Dir verschuldet, wie sehr meine
Verirrung Dich auch gepeinigt haben mag, sagte er, mein Leiden war noch
unerträglicher. Ich konnte meine Gedanken nicht sondern, ich war, ein
Verzweifelnder, umhergerissen zwischen den widersprechendsten Empfindungen. Wenn
ich Dich sah, in Deiner Liebe, in Deiner Unschuld und in Deinem Vertrauen, so
rief es in mir: Du bist ein Mörder und verdienst sie nicht! Wenn der Schmerz um
Pauline mir das Herz vergiftete, so lockte es mich in Deine Nähe, und ich
dachte: ihre Liebe wird dich erlösen, bei ihr wohnt Friede, bei ihr werde ich
vergessen, an ihr werde ich sühnen, was ich dort verschuldet habe. Ich war
meiner selbst nicht mächtig! Nur dass ich unglücklich war und dass ich Dich
glücklich zu machen wünschte, das stand fest in mir. - Da, an dem Abende vor
unserer Hochzeit, als man im grauen Saale den Kaffee eingenommen hatte, kam man
auf die körperliche Erscheinung der Verstorbenen zu sprechen. Man wusste nicht,
was man mir tat, als man meine Ansicht darüber zu hören verlangte. Ich
vermochte mich nicht zu überwinden, nicht auf die Scherze Deines Bruders
einzugehen, als er mich neckend anrief, aber unwillkürlich sah ich nach der
Stelle, auf die er zeigte, und als man die Türe öffnete, als das Licht in den
Saal einströmte, da sah ich unwiderleglich und völlig klar Pauline auf dem
Hintergrunde dieses Lichtes vor mir, das Auge finster und klagend auf mich
gerichtet.
    Er hielt inne, und mit leisem, melancholischem Tone fuhr er nach längerem
Schweigen fort: So habe ich sie gesehen, fast alltäglich in der Einsamkeit
meiner Zimmer, so hat sie sich oft emporgerichtet zwischen mir und Dir. Nur
unter dem Menschengewühl, nur in der völligen Zerstreuung war ich sicher vor
ihr. Keine innere Kraft schützte mich gegen sie. Das war es, was mich in der
Residenz von Dir entfernte, was mich die Gesellschaft als eine Befreiung suchen
liess; das war es, was mich hier bestimmte, die Zimmer zu verlassen, die mich mit
dem Blicke auf den Strom an ihren Untergang erinnerten; das ist es, was mich zur
Verzweiflung bringt. Ich habe sie mehr geliebt, als ich es ahnte und wusste; ich
liebe Dich, Angelika, Dich, Du reines, edles Weib! mehr, als Du es ermessen
kannst. Ich kann sie nicht vergessen, Dich nicht entbehren; sie habe ich in den
Tod getrieben, Dein Leben habe ich vergällt! - Ich hatte immer gemeint, einen
starken Geist zu haben, ich habe mich über mich selbst getäuscht. Schwach, wie
ich mich fühle, möchte ich mich im Glauben erheben und sühnen und büssen; aber
der Glaube versagt sich mir. Was bleibt mir übrig? Sage selbst - was bleibt mir
übrig?
    Angelika hörte den Ton seiner tiefen, verzweifelnden Verzagteit, sie sah in
dem letzten Scheine des Dämmerlichtes, der durch die Fenster drang, die
Versunkenheit, in der ihr Gatte das Haupt auf seine Hände fallen liess, und Alles
vergessend, ausser dem Leiden des Mannes, dem sie Treue gelobt für gute und für
böse Stunden, rief sie: Dir bleibt die Barmherzigkeit Gottes, die büssende und
sühnende Reue, und die Liebe! - Ja, die Liebe! wiederholte sie, und schloss ihn
an ihre Brust, die Liebe, die mit Dir leiden und büssen und sühnen will, was Du
verschuldet hast, um ihretwillen. Komm, richte Dich auf! Ich bin bei Dir, Franz!
ich will bei Dir sein in jedem Augenblicke, und mit Dir beten um Beruhigung und
Frieden, und Gott wird uns helfen. Er hat mir den Weg gezeigt! Nicht umsonst ist
die Mahnung Deiner Schwester an mich erklungen, nicht umsonst ist Amanda's
Angedenken in meine Hand gelegt worden. Ihr Wort hat mich heute aufgerichtet, es
soll uns überall gegenwärtig sein. Wir haben einander! wir haben in dem Caplan
einen treuen Freund und Führer, und unser Erlöser ist ja auch für uns gestorben.
In seinem Namen reiche mir aufs Neue Deine Hand, in seinem Namen lass uns
vorwärts gehen. Komm, komm, mein Freund! komm, und richte Dich auf!
    Sie schlossen einander in die Arme, der Baron sah zu ihr wie zu einer
Heiligen empor. Er knieete vor ihr nieder, er küsste ihre Hände voll inbrünstigen
Dankes, er gelobte sich ihrer Führung für alle Zukunft an. So innig verbunden
waren sie einander nie gewesen. Angelika erhob sich zuerst. Sie hing sich an
ihres Gatten Arm, und ihn mit sich fortziehend, führte sie ihn in das
erleuchtete Nebengemach, in welchem das helle Licht ihnen zu Hülfe kam, die
Aufregung ihrer Herzen allmählich zu besiegen und sich äusserlich in das Geleise
des alltäglichen Lebens zurückzufinden, während die Feier der verwichenen Stunde
noch in ihrem Herzen nachzitterte.
 
                                 Elftes Capitel
Am folgenden Morgen, ganz in der Frühe, begrub man Pauline, fern von den anderen
Todten in einer Ecke an der Mauer, auf dem Kirchhofe von Neudorf. Am Vormittage
fuhr der grosse Reisewagen der gräflich Berka'schen Familie auf den Hof des
freiherrlichen Schlosses.
    Die Baronin weinte vor Freude, als sie die Eltern wiedersah; aber man fand,
dass sie wohl aussehe, dass sie etwas über ihre Jahre Ernstes und eine gebietende
Haltung gewonnen habe. Mit grosser Genugtuung führte sie ihre Eltern in dem
Schloss, in dem Parke umher, und sie verweilte am Mittage mit ihren Gästen
lange auf der Terrasse, damit den Leuten aus dem Dorfe, wenn sie die Eltern
ihrer Herrschaft sehen wollten, die Zeit und die Gelegenheit dazu nicht fehle.
    Man hatte in dem chinesischen Häuschen am oberen Ende der Terrasse ein
Frühstück aufgetragen. Die Diener in ihrer Gala-Livrée standen bereit, es umher
zu geben, während die Herrschaften noch auf und nieder gingen. Sie waren schön
anzusehen, die vier hohen, stolzen, heiteren Gestalten. Der Graf und der Baron
in ihren Sammetröcken, die goldbesetzten dreieckigen Hüte auf den wohlfrisirten
Köpfen, die feinen, blanken Gala-Degen an der Seite; die Baronin an dem Arme der
Mutter so freundlich plaudernd, die Mutter so voll Zärtlichkeit für ihre
Tochter. Die seidenen Schleppkleider schimmerten in so hellen Farben, die
kleinen Federhüte sassen so fröhlich auf den hochgetragenen Häuptern. Sie wussten
die Fächer so schön zu handhaben, dass die Flittern in der Sonne glänzten. Es sah
an ihnen Alles anders aus, als an anderen Leuten, und selbst das kleine
Schoosshündchen der Baronin und der dicke Mops der Gräfin gingen hinter den
Frauen so bedächtig einher, als wären sie eigens dazu angelernt.
    Die Gräfin lobte ihre Tochter, dass sie die Rücksicht für die Leute nehme,
ihnen ihre Eltern gleich zu zeigen. Der Graf sagte seinem Schwiegersohne, er
müsse seinen Leuten wohl ein guter Herr sein, dass sie so begierig wären, seine
Schwiegereltern kennen zu lernen. Es kam allmählich das halbe Dorf zusammen. Die
Leute standen unten am Parke, nicht weit vom Flusse. Näher liess der Gärtner sie
nicht heran.
    Sollt's Einer denken, sagte er zum Kämmerer, wie die gnädige Frau hier
gestern erst gelegen hat, und was gestern hier passirt ist!
    Der Kämmerer zuckte die Schultern. Ihre Schuld war's nicht, meinte er; und
was soll sie machen? Es hängt Keiner gern seinen Schandfleck vor die Türe.
    Das ist schon wahr! rief die Gärtnersfrau; aber dass sie so vergnügt aussehen
allesammt, der gnädige Herr sowohl als unsere gnädige Frau, die doch sonst so
gut ist! Keine ruhige Stunde könnt' ich auf der Welt mehr haben, hätt' ich so
etwas auf dem Gewissen!
    Es ist ja kein vornehm Fräulein gewesen, sagte der Jäger und lachte
spöttisch und bitter; 's war ja nur des Jägers Kind! Was macht das solch 'nem
Herrn, und gar der gnädigen Frau! Die wird froh sein, dass sie die Pauline los
ist. Ob Unsereiner umkommt oder lebt, wen kümmert das?
    Der Gärtner hiess ihn still sein. Der Jäger ging mit einem Fluche davon. Sie
sagten, er habe selber ein Auge auf die Pauline gehabt, ehe der Baron sie
genommen.
    Es kommt Ihnen doch einmal zu Haus und Dach! wandte Einer ein, der des
Jägers Freund war.
    Verbrennt Euch den Mund nicht! warnte drohend der Gärtner. Seine Frau aber
meinte, so reich und so vornehm zu sein und Alles vollauf zu haben, ohne dass man
seine Finger rühre, das sei doch das wahre Glück.
    Und auch der Graf und seine Frau priesen in ihrem Innern das Loos ihrer
Kinder, wennschon es ihnen als ein ganz natürliches erschien. Der Graf dachte,
dass er sich nicht getäuscht habe, als er seiner Tochter die Herrschaft in der
Ehe vorausgesagt, die Gräfin gestand sich mit Genugtuung, dass die Besorgnis,
welche sie für Angelika's Zukunft bei deren Abreise aus der Heimat gehegt
hatte, eine ungegründete gewesen sei. Die Anhänglichkeit, die Zärtlichkeit der
Eheleute liess nichts zu wünschen übrig, der Baron zeigte eine wahre Anbetung für
seine Frau. Man sah es ihm allerdings noch an, dass seine Gesundheit gelitten
hatte, aber er und Angelika versicherten beide, dass er sich auf dem Wege
völliger Genesung befinde, und seine freundliche Zuvorkommenheit, seine
sichtliche Zufriedenheit bestätigten die Aussage.
    Man machte und empfing viele Besuche, das alte Leben kehrte nach Schloss
Richten wieder zurück. Dass die Baronin sich Abends bisweilen früher als die
Anderen in ihre Zimmer verfügte, dass sie am Morgen stets eine Stunde mit dem
Caplan allein blieb, war dabei nicht auffallend. Eine Herrschaft wie Richten
legt ihren Besitzern mancherlei Sorgen und Verpflichtungen auf; das wussten
Angelika's Eltern, und sie freuten sich daran, wie sehr die junge Herrin ihrem
Berufe entsprach, wie ruhig und klar sie aussah, wenn sie von der Arbeit kam,
wie achtungsvoll und väterlich zugleich der Freund des Hauses, der Caplan, der
offenbar ihr Helfer und ihr Beistand war, sich gegen sie bezeigte. Nur Eines
machte die Eltern Angelika's besorgt: es war die Hinneigung zum Katolicismus,
welche man an ihr zu bemerken glaubte. Aber man mochte dies nicht gegen sie
aussprechen, um nicht in ihr wach zu rufen und zum Bewusstsein zu bringen, was
man zu verhindern wünschte, und Graf und Gräfin Berka verliessen nach einem
vierzehntägigen Besuche ihre Tochter mit dem festen Glauben, dass das Glück
derselben ein wohlbegründetes sei und auch ein dauerndes zu bleiben verspreche.
    Der Baron begleitete seine Schwiegereltern zu Pferde bis an die Grenze
seiner Besitzungen. Es war seit langer Zeit das erste Mal, dass er ein Pferd
bestieg. Angelika stand in ihrem Zimmer am Fenster und sah ihnen nach; der
Caplan war bei ihr. Als der letzte Wagen um die Ecke gebogen war, wendete sie
sich zu dem Geistlichen in das Zimmer zurück.
    Das ist vollbracht, sagte sie, nun helfen Sie mir weiter! Sie setzte sich
dabei nieder, als wenn sie müde, sehr müde sei.
    Gott hat bis hieher geholfen, Gott wird weiter helfen! ermutigte der
Caplan.
    Ja, das hat er und das wird er! rief die Baronin. Und ernte ich nicht schon
jetzt die Früchte der Selbstüberwindung in der Ruhe, die aus meines Gatten
Mienen zu mir spricht? Fühle ich nicht schon jetzt die Befreiung, die mir
geworden ist, seit ich Ihnen mein ganzes Herz entüllte, seit Sie mir klar
gemacht haben, auf welchem Leidenspfade Gott mich suchen gekommen ist, und dass
er den züchtigt mit seiner strengen Hand, den er einst zu sich zu rufen und zu
erlösen gedenkt durch seine Gnade?
    Der Caplan hörte ihr ernst und schweigend zu. Es ist ein grosses Glück, sagte
er endlich, einen Irrenden auf den rechten Pfad zu leiten. Man nennt dies
Christenpflicht, und sollte es eine Gnade Gottes heissen, die uns zu Teil wird.
Ich danke ihm, dass er sie mir vergönnt hat. Und nun ich Sie, meine Freundin, auf
dem Wege sehe, der Sie zu Ihrem Ziele führen wird, nun lassen Sie uns darauf
sinnen, wie wir dem Freiherrn zu der völligen Beruhigung verhelfen, deren er
benötigt ist. Seine Phantasie ist immer noch erregt, er bedarf der Ableitung
von dem, was ihn gepeinigt hat, er bedarf einer neuen Idee, die ihn beschäftigt.
Die Erinnerung an die Unglückliche muss ihm von aussen her lebendig vor Augen
gehalten werden, um ihre Schrecken für seinen Geist zu verlieren. In seiner
inneren Zerrissenheit und Verzagteit hat er das kleine Haus abbrechen lassen,
welches sie einst bewohnte. Das war nicht wohlgetan. Es hätte erhalten, aber
einer anderen Bestimmung gewidmet werden müssen. Man hätte dort ....
    Eine Capelle gründen sollen, rief die Baronin, und das müsste man noch tun!
Dort eine Capelle zu erbauen, das würde dem Sinne des Barons entsprechen, würde
seine Tätigkeit in Anspruch nehmen ....
    Der Caplan unterbrach sie. Sie vergessen, gnädige Frau, dass die Provinz
nicht mehr zu den katolischen gehört, dass wir uns in einer protestantischen
Provinz, unter einem protestantischen Volke, in ecclesia pressa, befinden. Die
Freiherren von Arten haben sich deshalb, seit die Reformation die Gotteshäuser
unserer Kirche hier in der Provinz zerstörte, stets nur mit einer Capelle in
ihrem Schloss genügen lassen, um keinen Anstoss zu erregen.
    Anstoss? fragte Angelika, die jung genug war, alle Hindernisse und Bedenken
gering zu schätzen, wo es von ihr auf eine geistige Befriedigung abgesehen war.
Haben die Leute doch ihren Gottesdienst, ihre Kirchen nach ihrer Lehre und nach
ihrem Glauben. Wer kann uns hindern, Gott anzubeten nach unserer Weise und ihm
eine Capelle zu erbauen, in der wir ihm dienen können nach unserer Ueberzeugung?
    Wir? fragte der Caplan. Sie sind nicht katolisch, Frau Baronin, und mich
will bedünken, als würden ihre Eltern, als würden der Herr Graf und die Frau
Gräfin einem Wechsel Ihres Glaubensbekenntnisses nicht ruhigen Herzens zuzusehen
vermögen.
    Angelika zögerte zu antworten. Dann sagte sie: Was Sie mir einwenden, ist
richtig, mein verehrter Freund! Meine Mutter und mein Vater haben Andeutungen
gegen mich fallen lassen, die mir, wennschon sehr vorsichtig, ihre Besorgnis in
dem Punkte verrieten. Aber die Schicksale der Menschen sind verschieden. Gott
hat meiner Eltern Leben so geführt, dass sie nicht Gelegenheit hatten, ihre
Unzulänglichkeit und die Schwäche unserer Natur kennen zu lernen. Sie hatten ihm
nur zu danken für seine Huld und Gnade, und ich will hoffen, dass er es ihnen so
vergönnen werde, bis er sie einst abruft. Mir ist das nicht zu Teil geworden.
    Sie machte eine Pause, ihre Lippen zitterten leise von unterdrücktem
Schmerze; aber sie überwand sich und fuhr gefasst und ruhig also zu sprechen
fort: Gott hat mich einem von mir sehr geliebten Manne zur Gattin gegeben,
dessen Leben nicht frei von Irrtum und von Schuld geblieben, dessen Sinn vom
Glauben zum Aberglauben abgeirrt, dessen Gewissen schwer belastet ist, und der
fast die Kraft verloren hatte zu der Umkehr, die ihm Genesung seines Herzens
bringen soll. Er bedarf meiner, ich muss Eins mit ihm werden auch im Glauben,
denn Mann und Weib sollen Eins sein; und schwach und sündhaft, wie wir Irrenden
es sind, haben wir nach meiner festesten Ueberzeugung eines sichtbaren
Vermittlers, einer sichtbaren Kirche, haben wir der Zeichen und Symbole nötig,
uns täglich daran zu mahnen, was zu tun uns obliegt. Dass Sie, Hochwürden, das
tiefste Innere unserer Herzen kennen, Sie, dessen Verschwiegenheit
unverbrüchlich ist; Sie, den kein anderes Interesse an uns bindet, als die
Liebe, deren Verkünder Sie sind, dass Sie uns raten, uns zurechtweisen, das ist
ein Bedürfnis für uns. Es ist ein Bedürfnis für uns, körperlich und geistig uns
zu demütigen, uns Bussen aufzuerlegen, denn das zerknirschte Herz verlangt seine
Strafe, um sich mit dem Bewusstsein, gelitten zu haben, weil es leiden machte,
wieder erheben zu können. Und dass ich weiss, durch sichtbare Zeichen weiss und es
erfahren habe, wie die edelsten der Frauen unseres Hauses, wie meines Gatten
früh verklärte Schwester und die fromme Tante Ester mir im Geiste nahe, wie sie
meine Fürbitterinnen und Helferinnen sind bei dem Werke der Bekehrung, das mir
an mir selbst und an meinem Gatten zu vollziehen obliegt, das ist mein Trost und
meine Hoffnung. Ich ....
    In dem Augenblicke hörte man das Pferd des Freiherrn in dem Hofe. Angelika
trat an das Fenster, grüsste ihren Gatten freundlich mit der Hand, und sich dann
zu dem Geistlichen wendend, sagte sie schneller, als sie vorhin gesprochen: Ich
gehöre zu meinem Manne, ich gehöre in dieses Haus. Die Freiherren von Arten sind
katolisch und sollen es bleiben durch alle Zeit, denn der Katolicismus bietet
uns die göttliche, durch den Priester vermittelte Hülfe in unserer
Sündhaftigkeit, in unserem Streben nach Erhebung viel erfasslicher und
tröstlicher, als ich es bisher gekannt habe. Der Mensch hat des sichtbaren
Helfers nötig, um zu seinem unsichtbaren Helfer und Erlöser durchzudringen. In
wenig Tagen hoffe ich mein Glaubensbekenntnis in Ihre Hände ablegen zu können
und so Gott will, werden mein Mann und ich vereint in nicht ferner Zeit unsere
Gebete um Vergebung an derselben Stelle zum Himmel emporschicken, an welcher so
Schweres verschuldet und gelitten worden ist.
    Das walte Gott! sagte der Caplan. Angelika knieete vor ihm nieder, er
segnete sie. Die Saat, die er behutsam und liebevoll aus fester Ueberzeugung
ausgestreut, war durch die Gunst der Verhältnisse weit schneller und weit
vollständiger zur Reife gekommen, als er es hatte hoffen und erwarten können. Er
fühlte sich dadurch erhoben, stark und mächtig. Er genoss den Lohn für die
Beschränkung, in welcher er sein Leben zugebracht hatte, er empfand den Segen
der einst Geliebten, die er in seinem Herzen als Heilige und als seinen
Schutzgeist ehrte, als sein unverlierbares Glück.
    Der Baron fand Angelika noch auf ihren Knieen. Bei seinem Eintritte erhob
sie sich und warf sich an seine Brust.
    Du Teurer! rief sie, ich danke Dir, dass Du meinen Eltern so gute, schöne,
herzerquickende Stunden in unserem Hause bereitet hast. Und nun wir Eins sind,
nun wir einander ganz und ungeteilt besitzen, nun lass uns vorwärts gehen auf
dem Wege, den unser Freund, sie reichte dem Caplan ihre Hand, uns führen wird.
Er hat es ausgesprochen: Es gibt nichts, was nicht durch tätige Reue zu sühnen
wäre, nichts, wofür die Kirche aus dem reichen Schatze ihrer Gnade nicht die
Vergebung spenden könne. Wir wollen sie erringen, erringen mit einander, und
....
    Wie verdiene ich Dich? rief der Baron, und schloss sie mit Zärtlichkeit und
Freude an sein Herz. Wie verdiene ich Dich?
    Sehen Sie den Besitz dieses schönen Herzens, sagte der Caplan mit
feierlichem Ernste, als ein Geschenk des Himmels, als ein Pfand der Gnade an,
und überlassen Sie sich ihm, damit Sie und Ihr Haus sich im wahren und im neuen
Sinne auferbauen.
    Das will, das werde ich! beteuerte der Baron, und sein Auge leuchtete
heller, sein Kopf hob sich freier und leichter, als es seit langer Zeit
geschehen war.
    Und nicht nur im Innern wollen wir uns auferbauen, rief Angelika, auch ein
äusseres Zeichen unserer inneren Bekehrung, ein Zeichen der Reue, der Busse, der
Versöhnung muss errichtet und hingestellt werden für alle Zeit. Daran hängt mein
Herz, darauf richten sich meine schönsten Hoffnungen. Versprich mir, dass Du mir
gewähren willst, was ich von Dir erbitte.
    Sie strahlte in wahrer Begeisterung bei den Worten. Der Freiherr blickte sie
mit Bewunderung an. Sage, was Du begehrst, Geliebte! es soll Alles, Alles
geschehen! sprach er zärtlich und bestimmt,
    Angelika's Mienen wurden ernstaft, und ruhiger als vorher sagte sie: Du
hast das Haus in Rotenfeld zerstören und niederreissen lassen, als Du noch
glaubtest, Dir selbst entfliehen zu können. Nun Du einkehrst in Dich selber, nun
wir gemeinsam die Einkehr in das Vaterhaus im Himmel suchen, richte dort in
Rotenfeld eine Capelle auf, in der wir uns erinnern mögen, dass der Mensch ein
Sünder, und dass Gott dem Sünder gnädig ist. Dort will ich mit Dir knieen, mit
Dir beten, und dort wollen wir einst bei einander ruhen, wenn der Herr uns
abruft!
    Es lag etwas Unwiderstehliches in ihren Worten, in ihrer ganzen Erscheinung,
denn Selbstüberwindung und Liebe haben eine verklärende Gewalt. Sie umleuchten
den Menschen wie ein Heiligenschein. Der Freiherr war hingerissen von der
Seelengrösse, von der Liebe seiner Frau, der Caplan selbst war durch sie gerührt.
So verschieden die drei Menschen waren, so verschieden sie auch in diesem
Augenblicke empfanden, sie fühlten sich eng verbunden in einer gemeinsamen Idee,
und grade die Hindernisse und Schwierigkeiten, welche der Gründung einer
katolischen Capelle mitten in dem protestantischen Lande im Wege stehen
konnten, reizten den Baron zunächst. Es begann mit diesem Plane ein neues Leben
für ihn, weil sich ihm mit demselben wenigstens für einige Zeit eine lebhafte
und vielseitige Tätigkeit darbot.
    Die Bedenken der Behörden, die bittenden Einwendungen seines
protestantischen Pastors regten seine angeborne Herrschsucht auf, und es galt
endlich, vor Allem dem Zorne und der Betrübnis seiner Schwiegereltern zu
widerstehen, die von einem Religionswechsel ihrer Tochter nicht reden hören
wollten. Aber alle diese Hindernisse führten Mann und Frau nur näher zu einander
und steigerten den Eifer der Neubekehrten. Angelika war eine starke
entusiastische Natur. Sie wuchs mit jedem Tage mächtiger zur Selbstbestimmung
heran, sie stand bald neben ihrem Gatten, als wäre sie ihm gleich an Jahren und
Erfahrung, und ihr fester Sinn fing an, ihn zu beherrschen, ohne dass er es
gewahrte, ohne dass sie sich dessen klar bewusst war.
    In Tätigkeit, in Liebe, in religiösen Uebungen kam der Herbst heran, und
mit ihm der Jahrestag ihrer Hochzeit, der von dem Freiherrn und von Angelika zu
einer dreifachen Feier ausersehen war.
    Der Baron hatte die Wochen vor demselben teils in der Hauptstadt, teils in
der Kreisstadt der angrenzenden katolischen Provinz, in welcher der
Fürstbischof residirte, zugebracht. Er kehrte mit der frohen Nachricht heim, dass
der Bau der Capelle zugestanden sei und dass der Fürstbischof selbst sich habe
bereit finden lassen, der Weihung des Platzes und der Grundsteinlegung
beizuwohnen. Weil man es wusste, wie wenig die Gutsleute dem Capellenbaue geneigt
waren, hatte der Freiherr für die Einsenkung des Grundsteins einen Maurer mit
seinen Gehülfen aus der Stadt nach Richten beordert.
    Der Freiherr hatte viel zu melden von seinen Mühen und Erlebnissen, der
Caplan wies mit Freude die Documente vor, welche man in das Fundament der
Capelle zu versenken beabsichtigte. Es waren die Geschlechtstafeln der Herren
von Arten und eine Chronik über das Geschlecht, die er während des Sommers
ausgearbeitet hatte. Man beschäftigte sich lange damit, Angelika war von ganzer
Seele dabei.
    Und hast Du mir nichts Neues mitzuteilen? fragte er endlich die Baronin,
nachdem die Männer ihre Angelegenheiten durchgesprochen hatten.
    Nichts als diesen Brief und die Versicherung, dass ich ruhig bin in meinem
Gewissen wie in meinem Herzen.
    Sie reichte ihm den Brief; er war von dem Grafen, ihrem Vater, und von ihrer
Mutter geschrieben. Die Mutter beschwor die Tochter noch einmal mit den
dringendsten Bitten und Vorstellungen, nicht abzufallen von dem rechten Glauben.
Was die Mutterliebe Zärtliches, was die religiöse Ueberzeugung Eifriges und
Flehendes einem Kinde sagen konnten, war in dem Briefe entalten. Der Graf hatte
nichts als seinen Zorn. Er drohte der Tochter mit völliger Verstossung, er
erklärte, ihr soweit als möglich ihr Erbe entziehen zu wollen, wenn sie sich
beikommen lasse, sich von dem protestantischen Bekenntnisse abzuwenden. Er wolle
seine Enkel nicht als Pfaffenknechte sehen, schrieb er; er habe das Vermögen
seines Hauses davor zu wahren, dass es durch sie nicht etwa einmal ein Raub der
ultramontanen Kirche werde. Er sei ein Protestant, er könne nur eine
Protestantin seine Tochter nennen, die Katolikin sei sein Kind nicht mehr.
    Der Freiherr las das Schreiben und blickte Angelika voll Besorgnis an. Er
wusste, mit welcher Liebe sie an ihren Eltern gehangen hatte, und war also
bekümmert um den Eindruck, welchen das Schreiben auf sie gemacht haben würde.
Aber sie liess seiner Sorge keinen Raum.
    Sei ohne Furcht für mich, sagte sie. Es steht geschrieben, das Weib soll
Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen. Meine Eltern haben mich Dir
gegeben, dass ich Dir folge in Deine irdische, vergängliche Heimat, wie sollte
ich anstehen, Dir in die wahre, ewige Heimat zu folgen? Und habe ich nicht
Vater, nicht Mutter mehr auf dieser Welt - ihre Stimme zitterte, in ihren Augen
perlten Tränen -, so habe ich Dich und habe unsern Heiland, und werde, so Gott
will, auch bald das Kind haben, es zu ihm hinzuführen. Ich bin nicht allein,
nicht verzagt; ich bin glücklicher, als ich je zu werden glauben konnte.
 
                                Zwölftes Capitel
Am Morgen des Hochzeitstages schien die Herbstsonne hell über das Tal und über
Schloss Richten. Es waren viele Gäste im Hause. Der Fürstbischof war gekommen,
von seinen Vicaren begleitet, und auch die beiden Agnaten des Freiherrn waren
gekommen, der Feier beizuwohnen. Es waren zwei alte, unvermählte Herren. Das
Geschlecht stand in diesem Augenblicke nur auf sechs Augen, die Geburt eines
Erben wurde sehr ersehnt.
    Angelika war die Heldin des Festes. Liebe, Verehrung, Freundschaft und
Teilnahme umgaben sie, wohin sie blickte. Ganz früh in der Stille ihres
Gemaches hatte sie eine lange Unterredung mit dem Caplan gehabt. Er hatte ihr,
nachdem sie ihm gedankt für die Belehrung und die Stütze, die er ihr gewährt,
für die tragende Freundschaft, die er ihrem Manne bewiesen, einen peinlichen
Auftrag auszurichten. Er sollte ihr die Absichten ihres Gatten in Bezug auf
Paul, den Sohn Paulinen's, mitteilen und ihr die Erfüllung der Wünsche des
Barons an das Herz legen. Der Freiherr wünschte den Knaben unter seinen Augen im
Schloss erziehen, ihn ebenfalls zum Katolicismus übertreten zu lassen, und ihn
der Kirche zu weihen.
    Bereitwillig, wie sich Angelika seiter den Bedürfnissen und Verlangnissen
ihres Mannes gezeigt hatte, lehnte sie doch diesen Vorschlag gleich und sehr
entschieden ab. Es dürfe, sagte sie, im Hause ihres Gatten nicht ein Zeugnis
seines Fehltrittes, ein Zeugnis seiner Schuld erhalten bleiben, das in seinen
rechtmässigen Kindern die unbedingte Verehrung für den Vater beeinträchtigen
könne. Sie bat den Caplan, ihren Mann dahin zu bestimmen, dass für des Knaben
Zukunft gewissenhaft gesorgt und seine Erziehung einem bewährten Manne übergeben
werde; aber sie wies jede Gemeinschaft mit dem Kinde ein für alle Mal von sich
ab, und der Caplan, der ohnehin ihrer Ansicht gewesen war, versprach ihr, die
Zustimmung des Freiherrn für ihre Wünsche zu gewinnen, noch ehe man zu der
heiligen Handlung schreiten werde.
    Die Capelle des Schlosses war auf das reichste mit Blumen geschmückt. Die
Decken, welche die verstorbene Mutter und die Schwester des Freiherrn mit
eigener Hand gearbeitet hatten, zierten den Altar. Trotz des hellen Tages
brannten die Kerzen auf den silbernen Leuchtern, als um zehn Uhr der Bischof,
gefolgt von seinen beiden Vicaren, in die Capelle eintrat. Gleich darauf führte
der Freiherr seine Gattin herein. Sie war weiss gekleidet und trug einen Strauss
von weissen Rosen vor der Brust. Amanda's Rosenkranz und Kruzifix hingen an ihrem
Arme. Sie hatte das Gebetbuch, das ihr zu ihrer Erweckung geholfen hatte, in der
Hand.
    In tiefer Andacht verrichtete sie ihr Gebet. der Caplan, als
Hausgeistlicher, las die Messe, der Fürstbischof selbst fungirte bei den
Ceremonien in Bezug auf die Neubekehrte, welche, ernst und bleich, das schönste
Bild einer jungfräulichen Mutter, die geweihte Kerze aus der Hand des Bischofs
empfing. Sie erhielt die Firmung, das Chrisma, die weisse Stirnbinde, welche das
heilige Tauföl vor der entweihenden Berührung der Hände bewahrt, wurde ihr
umgelegt, der Caplan dankte in einer Rede, welche für den Freiherrn und seine
Frau noch eine besondere, nur ihnen verständliche Bedeutung hatte, dem Herrn des
Himmels und der Erde für die Gnade, welche dem freiherrlichen Hause durch die
Bekehrung der Freifrau widerfahren sei, und Angelika's Lippen bebten nur leise,
als sie sich mit einem Eide von ihren bisherigen Glaubensgenossen für immer
schied.
    Aufgelöst in begeisterter Erhebung, empfing sie gemeinsam mit dem Freiherrn
die Absolution und das Abendmahl, und als sie sich so weit gesammelt hatten, um
Herr über ihre Haltung zu werden, begab man sich nach Rotenfeld, um den
Grundstein zu dem Gotteshause zu legen und einzuweihen.
    Alles war schon am Tage vorher dafür vorbereitet worden. Die Maurer hatten
ihr Werk getan, der Platz war vom Schlossgärtner mit jungen Bäumen abgesteckt,
mit Blumen verziert. Aber die Gutsleute und die Bauern hielten sich fern. Sie
sahen, wie der Zug in den vier Wagen durch das Dorf fuhr. Neugierig standen
einige Frauen und die herzu gelaufenen Kinder, und starrten das bischöfliche
Kreuz und den Bischof in seinem Ornate und die Vicare und den Caplan und den
Messner und die Chorknaben an, welche hier auf offener Strasse die silbernen
Weihrauchfässer schwangen und die lateinischen Gesänge und Gebete ertönen
liessen. Es war Niemandem in den Dörfern wohl dabei zu Mute.
    Der Freiherr und seine Frau und der Caplan kamen den Leuten in der fremden
Umgebung auch wie Fremde vor, und dem Freiherrn selber gefielen an dem Tage die
Blicke nicht, mit denen man an ihm vorüberging. Aber er hatte nicht viel Zeit,
daran zu denken; die Anerkennung, welche die geistlichen Herrschaften ihm
zollten, die sichtliche religiöse Befriedigung Angelika's und die innere
Genugtuung, welche er bei diesem Acte der Selbsterrlichkeit empfand, nahmen
ihn völlig dahin.
    Man speiste nach der Grundsteinlegung in dem grossen Saale des Schlosses, der
nur bei besonderen Festen geöffnet wurde. Noch während der Tafel musste die
Baronin sich erheben. Sie befand sich übel, ihre Stunde war gekommen, ihr
höchster Wunsch erfüllte sich früher, als sie geglaubt hatte.
    An demselben Tage, an welchem sie in die Gemeinschaft der katolischen
Kirche aufgenommen ward, an dem sie sich im Glauben ihrem Manne neu verbunden
hatte und der Grundstein zu der Kirche gelegt worden war, gebar sie ihm den
Sohn, den er ersehnt hatte.
    Jetzt ist der letzte Schmerz von mir genommen! rief der Baron am Lager
seiner Gattin niederknieend; jetzt sehe ich, dass mir verziehen ist! Ich bin neu
geboren durch Dich und Deine Liebe, ich bin erlöst durch Dich! Dieses Kind ist
mir das Pfand dafür - und Renatus Salvator soll er uns heissen!
    Noch ehe der Bischof Schloss Richten verliess, ward an dem Neugebornen das
Sakrament der heiligen Taufe vollzogen, und mit stolzer Freude blickte der
Freiherr auf den Sohn, auf den Erben seiner Güter und seines Namens nieder.
    Was konnte ihm neben diesem Kinde, neben dem jungen Freiherrn von
Arten-Richten, neben dem Erstgebornen seiner Angelika jetzt noch der Knabe sein,
der fern von ihm mit fremdem Namen aufwuchs und an dessen Mutter er nicht mehr
zu denken hoffte?
    Das Kind, welches hinter den goldenen Fenstern des stolzen Schlosses
spielen, das hier seine Heimat und seine Zukunft haben sollte, schlummerte in
seiner Wiege, wohl gebettet, wohl versorgt. Der Knabe Paul hatte seinen eigenen
Weg zu suchen in der Welt, die nirgends eine Heimatstätte, nirgends ein
Vaterhaus für ihn umschloss.
    Die Bekehrung und der Uebertritt der Baronin von Arten bildeten, nachdem man
dieselben erfahren hatte, eine Weile den Gegenstand der Unterhaltung in den
Kreisen, welchen die Familien von Berka und von Arten angehörten; aber die Zeit
war zu bewegt, die Menschen waren zu mächtig von den grossen Ereignissen, welche
sich jenseit des Rheines immer deutlicher und entschiedener entwickelten,
erschüttert und hingenommen, als dass die Vorgänge in einer einzelnen Familie,
wie angesehen dieselbe auch in ihrer Heimat sein mochte, nicht darüber hätten
in den Hintergrund treten und bald vergessen werden sollen.
    Was man in der nächsten Umgebung, auf den Gütern des Freiherrn davon dachte,
wie die Gutsleute die Bekehrung der Baronin und den beabsichtigten Kapellenbau
ansahen, darüber erfuhr man im Schloss nichts Gewisses, und man kümmerte sich
auch zuerst nicht viel darum. Allerdings hiess es, dass der protestantische
Pfarrer in Neudorf, dessen Patron der Freiherr war, gegen seine vorgesetzte
Behörde des beklagenswerten Ereignisses Erwähnung getan und die Weisung
erhalten habe, nur um so eifriger für das Seelenheil der ihm anvertrauten
Gemeinde zu sorgen; aber wenn er sich dessen auch gegen seine benachbarten
Amtsbrüder und gegen den Amtmann, der seinen Wohnsitz in Rotenfeld hatte,
vielleicht auch gegen den Schulzen berühmte, so fand sich doch Niemand, der sich
berufen gehalten hätte, diese Nachricht auf das Schloss zu bringen; und von den
Tagen, in welchen Eisenbahnen und pfeilschnelle Telegraphen die Vorgänge aus den
entlegensten Gegenden in die Zeitungen und mittelst derselben durch die ganze
Welt verbreiten, war man damals noch weit entfernt. Die Zeitungen beschäftigten
sich in jenen Tagen fast ausschliesslich mit den Angelegenheiten der Potentaten,
mit den eigentlichen Staatsactionen. Sie erschienen nur ein Paar Mal in der
Woche, wurden von der Post nur ein Mal in der Woche nach der Kreisstadt
befördert, aus welcher der reitende Bote des Freiherrn sie nach Richten abholte,
und hatte man sie im Schloss gelesen, so wanderten die kleinen
Löschpapierblätter durch die Wohlgeneigteit des Gutsherrn zu dem Pfarrer und zu
dem Amtmann, kamen danach in die Hände des Schullehrers, des Schulzen und des
Krügers, um endlich in das Schloss zurückzukehren, wo sie, nach Jahrgängen wohl
geordnet, in dem Nebenzimmer des prächtigen Biblioteksaales unter andern
zurückgestellten Drucksachen ihre Ruhestätte fanden. Mochte man also auf den
Gütern denken, was man wollte: im Schloss ging Alles seinen ruhigen und
würdigen Gang, seit die Gemütsverfassung des Barons sich wieder gefestigt, und
die Baronin ihr Kindbett überstanden hatte.
    Der Winter, welcher im verwichenen Jahre die Eheleute ohne inneren Einklang
in dem Hause von Fräulein Ester gefunden hatte, sah sie diesmal in jener
Vereinigung und Lebensweise, welche der Baron für sich gehofft hatte, als er die
Zusage von Angelika's Hand erhalten; und die Besitzesfreude, welche sich in ihm
und in seiner Frau geregt, als sie in der Erwartung eines Erben von der Residenz
auf ihre Güter zurückgekehrt waren, hatte jetzt, da der Knabe trefflich gedieh,
erst ihre volle Kraft für beide Eltern gewonnen, eine Kraft, die sie zu rüstigem
Schaffen, zum Säen, Bauen und Erhalten antrieb.
    Alles, was man bisher geplant und gewünscht hatte, nahm man jetzt in Angriff
und wollte man schnell vollenden. Man bedurfte jener Entsagung nicht, mit
welcher der Besitzlose sein Tagewerk bewältigt, weil seine Vernunft ihm sagt,
dass die Leistung eine für das Allgemeine und darum auch für ihn selber
geforderte sei, wennschon er vielleicht nicht dazu berufen ist, ihre Frucht
ausgiebig zu geniessen. Man befand sich in der glücklichen Lage, mit dem Herzen
schaffen, sich und den Seinen da eine Genugtuung, einen Erfolg, eine
Glücksvermehrung sichern zu können, wo der weniger Begünstigte eine Pflicht
erfüllt; und bei Allem, was man vornahm, erhöhte der Gedanke, dass es Renatus und
seinen Kindern einst zu Gute kommen werde, den Eifer und den Aufwand, mit
welchem man zu Werke ging.
    Vor Allem war es natürlich die Gründung des Gotteshauses, welche der Baronin
am Herzen lag, und da man an der Schwelle des Winters den Bau nicht mehr hatte
in Angriff nehmen können, so beschäftigte man sich an den langen Abenden nur
noch mehr mit den Planen für denselben. Dem Freiherrn erwuchs daraus eine
vielseitige Anregung und Beschäftigung. Kunstliebend und prachtliebend wie er
war, wollte er nicht nur einen dauerhaften Bau hinstellen, sondern zugleich in
dieser Kapelle etwas Ansehnliches und Schönes schaffen, und auch die Baronin
wünschte, dass das katolische Gotteshaus, welches man auf den Gütern begründete,
schon in seiner äusseren Erscheinung jenen zugleich Ehrfurcht erweckenden und
freundlich entgegenkommenden Charakter an sich tragen sollte, welchen sie in dem
Geiste des Katolicismus für sich so beglückend kennen gelernt hatte. Man zog
Baumeister, Bildhauer und Maler zu Rate, liess Zeichnungen und Kupferstiche
kommen, änderte bald Dies, bald Jenes an dem ersten Plane, bis über dem vielen
Sehen und Vergleichen des Bedeutendsten und Schönsten der erste Entwurf, welcher
auf eine hübsche Kapelle, auf ein mässiges Gotteshaus angelegt gewesen war, mehr
und mehr zusammenzuschrumpfen und den Erbauern kleinlich zu dünken begann.
    Erst hatte man sich gesagt, dass man, weil man keinen Turm zu errichten
beabsichtigte, die Kapelle mit einer würdigen Fronte ausstatten, dass man ihr
eine angemessene Grösse geben, sie mit einigen Säulen und einer Statue von aussen
schmücken müsse, und dass man ihr innen die Zierde eines guten Bildes über dem
Altare nicht versagen dürfe. Nach einiger Zeit kam man zu der Ansicht, dass mit
diesen Ornamenten auch ein grösserer Bau ansehnlich zu verzieren sein würde, und
da die Baronin sich an dem Gedanken zu erfreuen schien, so überraschte der
Freiherr sie am Weihnachtsabende, an welchem sie die Trennung von ihren Eltern
schmerzlicher als sonst empfinden musste, mit dem Anerbieten, den ersten Bauplan
völlig aufzugeben und statt der Anfangs beabsichtigten Kapelle lieber gleich
eine Kirche zu errichten, deren Turm weitin sichtbar und durch Jahrhunderte
ein Zeuge für die Bedeutung des Geschlechtes werden sollte, das ihn aufgerichtet
hatte. Freilich musste man sich daran erinnern, dass eine Kirche eine Gemeinde
fordere und dass eine solche unter den protestantischen Landleuten nicht
vorhanden sei. Aber da man es überhaupt nicht auf ein gemeinnütziges Werk,
sondern lediglich und ausschliesslich auf eine Selbstbefriedigung abgesehen
hatte, so liess man sich durch den Gedanken an die einsame Kirche nicht
abschrecken. Die Baronin sah im Gegenteil eine Hoffnung aus dem Baue
emporkeimen, der sie sich als Neubekehrte willig überliess, und sie wurde nicht
müde, es sich vorzustellen, wie das goldene Kreuz des Turmes, einst zum Ernste
mahnend, über der Gegend leuchten und wie die zur Messe rufenden Glockenklänge
dann heimatlich und ladend durch das Land ertönen würden.
    Natürlich galt es nun, sich mit dem Architekten in ein neues Einvernehmen zu
setzen. Es mussten ein neuer Plan, neue Kostenanschläge gemacht werden, und diese
letzteren stiegen nach dem neuen Entwurfe fast um das Sechsfache; aber bei den
Mitteln, über welche der Freiherr gebot, brauchte man davor eben nicht zu
erschrecken. Wenn man die Summe auf die sechs Jahre verteilte, welche der
Architekt zur Vollendung des Baues gefordert hatte, so war es kaum nötig, sich
irgend welche wesentliche Beschränkungen aufzulegen, und der Freiherr hob dies
gegen Angelika ganz besonders hervor, weil er eben in diesem Augenblicke eine
Veranlassung zu ausgedehnter Gastfreiheit zu haben glaubte.
    Es war zu Ende des Januar, an einem scharfen, kalten Winterabende, als man
dem Baron unter den Zeitungen und Postsachen, welche der Bote aus der Stadt
abgeholt hatte, einen Brief überbrachte, dessen Handschrift und Wappen er zu
kennen schien. Auf der Adresse stand die Weisung, dass der Brief durch einen
Expressen nach Schloss Richten zu bestellen sei, und der Baron musste die
Schreiberin des Briefes - denn derselbe stammte offenbar von einer Frauenhand -
wert und in Ehren halten, weil es ihn so unmutig machte, dass man trotz der
ausdrücklichen Anweisung zu besonderer Beförderung, derselben nicht Folge
geleistet und den Brief mehr als vierundzwanzig Stunden hatte liegen lassen. Er
stampfte ärgerlich mit dem Fusse, und noch ehe er das Siegel eröffnete, schellte
er seinem Schreiber, gab ihm in kurzen Worten den Befehl, den Postmeister sofort
bei seiner Behörde zu belangen, und rief, als der Schreiber sich entfernte, ihm
noch ausdrücklich nach, es dem Postmeister anzuzeigen, dass man eine Klage gegen
ihn eingereicht habe. Er war es eben nicht gewohnt, auf Unpünktlichkeit und
Versäumnis zu stossen, wo er zu befehlen hatte.
    Dann liess er sich an dem kleinen Marmortische nieder, welcher vor dem Kamine
stand, erbrach das Schreiben, und Angelika, welche, mit einer Filetarbeit
beschäftigt, an der entgegengesetzten Seite des Tisches sass, bemerkte an den
Mienen ihres Gatten, dass der Inhalt des Briefes ihm nahe ging und offenbar seine
ganze Teilnahme in Anspruch nahm. Er schüttelte während des Lesens ein paar Mal
leise das Haupt, seufzte danach und reichte endlich, nachdem er ihn beendet
hatte, den Brief mit dem Ausrufe: Die arme Frau! der Baronin hin.
    Von wem sprichst Du? fragte Angelika.
    Von der Herzogin, entgegnete der Baron; aber lies nur selbst, denn die
ruhige, würdevolle Fassung ihres Briefes wird Dir, ich weiss es, den gleichen
Eindruck machen, wie mir.
    Der Brief war in französischer Sprache geschrieben.
    »Mein teurer Baron!« hiess es in demselben: »Trotz der langen Zeit, welche
seit unseren letzten Spaziergängen in den friedlichen Gärten meines schattigen
Vaudricour verflossen ist, haben wir sicherlich beide nicht aufgehört, mit jener
Freundschaft und jener Achtung an einander zu denken, welche zu den
unschätzbaren Gütern gehören, die kein äusseres Ereignis uns zu rauben vermag;
und Sie werden, wenn Sie sich meiner erinnerten, sicherlich nicht geglaubt
haben, dass ich in einem Lande geblieben sein könne, welches in den Grundvesten
seiner religiösen, seiner politischen und seiner moralischen Existenz so
gewaltig erschüttert, so völlig vernichtet worden ist, wie mein unglückliches
Vaterland.
    Ich habe Frankreich seit fast zwei Jahren verlassen, habe, weil ich den
Ereignissen, welche nicht ermangeln können, sich in Frankreich zu vollziehen,
nahe zu bleiben wünschte, zuerst in Coblenz, dann in Hannover und in Dresden
gelebt. Aber die Zeit des Wartens, wie kurz oder lang sie sein mag, ist immer
traurig und schwer zu tragen, und wennschon ich überzeugt bin, dass von
Deutschland her unserem unglücklichen Könige jetzt endlich Hülfe und Befreiung,
unserem Vaterlande Erlösung aus den Händen jener Rotte von gottlosen Empörern
kommen wird und muss, welche es nicht scheuen, ihre Hand zerstörend an das
Heiligste zu legen, so macht das Zögern mit dieser Hülfe mich doch sorgenvoll
und oftmals so verzagt, dass ich mich nach der Nähe eines Freundes sehne, dessen
Teilnahme mich trösten, dessen gleiche Weltanschauung mich im Hoffen und
Ausharren ermutigen kann.
    Graf Veuilletot, der das Vergnügen gehabt hat, Sie im vorigen Jahre zu
sehen, sagte mir in Dresden, dass Sie sich in Berlin niedergelassen, dass Sie sich
verheiratet und an der Seite Ihrer jungen und edeln Gattin ein seltenes Glück
gefunden hätten. Das gab mir zuerst den Gedanken, Sie und Ihre Nähe aufzusuchen
und mit Ihrem Rate nach irgend einem Asyle auszuspähen, in welchem ich mit
meinem Bruder - denn der Marquis hat mich natürlich nicht verlassen - die Zeit
bis zur Herstellung der Ordnung und Gesetzlichkeit in Frankreich, in einsamer
Zurückgezogenheit erwarten kann.
    Ich verliess also Dresden, um Sie wieder zu sehen. In Berlin erfuhr ich aber,
dass Sie, des Stadtlebens bald müde geworden, Ihren Aufentalt wieder auf Ihren
Gütern genommen hätten, und wie sehr es mich auch schmerzte, Sie nicht in der
Residenz zu finden, so freute ich mich doch an dem Gedanken, dass die Baronin
trotz ihrer Jugend zu jenen Ausnahmenaturen gehöre, welche das zurückgezogene
Leben an der Seite eines verehrten Gatten den Zerstreuungen und dem Geräusche
der grossen Welt vorzuziehen wissen.
    Eine solche Frau wird einer Verwandten, einer alten Freundin ihres Mannes
seine Freundschaft, wird einer aus ihrer Heimat Vertriebenen das Weilen in der
Stille seines Schlosses nicht missgönnen. Eine Frau wie die Baronin wird es
fühlen, wie man sich nach einem langen Wanderleben auf ein Ausruhen unter einem
friedlichen Dache sehnt, und ich frage daher ohne Weiteres bei Ihnen an, mein
teurer Freund und Vetter, ob Sie mir und dem Marquis Ihre Gastfreundschaft
gewähren wollen, bis wir in Ihrer Nähe in ländlicher Stille eine zeitweilige
Heimat für uns gefunden haben werden. - Freilich bin ich nicht mehr die
lebensfrohe Margarete, die Sie einst in Vaudricour gekannt haben! Das Unglück
hat mich schnell und früh gealtert, aber ich bringe Ihnen doch ein Herz mit, das
noch nicht verlernt hat, sich an fremdem Glücke zu erfreuen.
    Alles, wonach ich jetzt verlange, ist Ruhe! Desshalb sende ich Ihnen meinen
Brief durch einen Expressen und erwarte Ihre Antwort sobald als möglich. Haben
Sie ein Obdach für mich und meinen Bruder, und ist die Baronin nicht unwillig,
die Verwandten ihres Gatten kennen zu lernen, so folgen wir Ihrer Zusage auf dem
Fusse, und wie Sorge und Kummer und Jahre mich auch verändert haben mögen, so
werden Sie hoffentlich in mir stets wieder erkennen Ihre Freundin und Cousine
                                                 Margarete, Herzogin von Duras,
                                                           geborene von Lauzun.«
Angelika faltete den Brief, nachdem sie ihn gelesen hatte, wieder zusammen,
steckte ihn in sein Couvert und sagte, indem sie ihn dem Freiherrn hinreichte:
Welch ein Schicksal, heimatlos zu werden mit einem der schönsten Namen
Frankreichs!
    Und heimatlos zu werden, fügte der Freiherr hinzu, wenn man in dem
anmutigsten der Schlösser, unter dem sonnig milden Himmel des südlichen
Frankreichs gelebt hat! Ich vermag mir die Herzogin in ihrer jetzigen Lage kaum
vorzustellen, so sehr ist ihr Bild in meiner Erinnerung mit der ganzen edelen
und schönen Umgebung verschmolzen, in welcher ich sie sonst gesehen habe.
    Er öffnete den Brief noch einmal, sah nochmals nach dem Datum desselben und
bemerkte darauf: Wer mir es gesagt hätte, dass ich Margarete von Duras hier in
Richten als eine Flüchtige, als eine Heimatlose aufzunehmen haben würde; oder
wer es unserm Urgrossvater hätte prophezeien wollen, dass eine Enkelin seiner
Erdmut, deren Verbindung mit den Duras ihn so sehr erfreute, einst nach
Deutschland kommen würde, um Schutz zu suchen unter dem Dache ihres mütterlichen
Geschlechtes!
    Er versank in Schweigen, auch die Baronin war innerlich bewegt. Sie kannte
die Herzogin nicht, aber sie hatte von ihr bisweilen sprechen hören, wenn der
Baron sich seiner ersten Reisen erinnerte oder wenn gelegentlich von den
Familienbeziehungen des Arten'schen Geschlechtes die Rede gewesen war. Sie
wusste, dass eine Grosstante ihres Mannes einen Herzog von Duras geheiratet, der
einst in ausserordentlicher Mission an einem der deutschen Höfe gelebt und das
schöne Freifräulein in einem deutschen Badeorte kennen gelernt hatte. Ihr
Nachkomme, der Herzog Edmund, hatte ein Fräulein von Lauzun geheiratet, war
kurz nach seiner Hochzeit gestorben und hatte die Herzogin Margarete als eine
junge und kinderlose Wittwe zurückgelassen, die klug genug gewesen war, die
Vorzüge ihrer Stellung zu würdigen und sie vorsichtig zu benutzen.
    Als Baron Franz seine erste Reise gemacht hatte und auf dieser nach
Frankreich gelangt war, hatte er von seinem Vater die Weisung erhalten, sich
dort auch der verschwägerten herzoglichen Familie vorzustellen, und da man von
beiden Seiten gern bereit war, eine Verwandtschaft anzuerkennen, von der man
keinerlei unbequeme Ansprüche zu befahren hatte, während das verwandtschaftliche
Verhältnis mancherlei Erleichterungen für den Verkehr darbot, so hatte die
Herzogin sich den jungen deutschen Vetter gern gefallen lassen, ohne zu
berechnen, in wie fernem Grade er zu ihr gehörte. Der Baron aber war entzückt
gewesen, bei seiner Cousine eine so freundliche Aufnahme zu finden, ohne daran
zu denken, dass mit dem Tode des jungen kinderlosen Herzogs der Zusammenhang der
Herren von Arten mit den Herzogen von Duras eigentlich völlig erloschen war. Er
hatte danach in seiner ersten Jugend einige sehr genussreiche Wochen in dem
Schloss der Herzogin zugebracht, man hatte sich auch später, als er abermals
nach Paris gekommen war, in der Hauptstadt und am Hofe wiedergesehen und
gelegentlich einen Brief mit einander gewechselt. Aber dieser Verkehr war
allmählich seltener geworden und hatte endlich völlig aufgehört, obschon der
Freiherr sich stets mit Vergnügen und mit Anteil der Herzogin erinnerte. Er
liebte es, zu erzählen, wie sie fast immer Vaudricour bewohnt habe, wie selten
sie nach Paris gekommen sei, obschon ihr, einer Duras-Lauzun, die beste Aufnahme
und eine einflussreiche Stellung sicher gewesen wären, und wie sie es verstanden
habe, ihr Schloss zu dem Sammelplatze alles dessen zu machen, was damals in
Frankreich auf Jugend und Geist, auf Rang und Bildung Anspruch erheben dürfen.
    Auch jetzt wieder war es eine Erinnerung an die Vergangenheit, welcher der
Freiherr zuerst Worte gab. Die Herzogin war neunzehn Jahre, sagte er, als ich
sie zum ersten Male sah, und schon damals geizte man nach dem Ruhme, ein Gast
der Herrin von Vaudricour zu sein. Ich weiss ....
    War die Herzogin schön? unterbrach ihn die Baronin.
    Nein! entgegnete der Freiherr, aber sie war mehr als das, sie hatte in ihrer
ganzen Erscheinung den Adel ihrer Geburt und die sichere Anmut, welche dieser
ihr verlieh. Sie war eine Fürstin im vollsten Sinne des Wortes.
    Und Du bist Willens, sie zu uns einzuladen? fragte Angelika.
    Der Freiherr schien durch diese Frage überrascht. Es fiel ihm etwas auf im
Tone seiner Frau, aber er wollte das nicht beachten, und erwiderte nur: Hast Du
für möglich gehalten, es nicht zu tun?
    Nein! versetzte Angelika. Ihr Schicksal würde ihr einen bestimmten Anspruch
an unsere Gastlichkeit geben, auch wenn sie keine Verwandte unseres Hauses wäre;
aber die Schilderung, welche Du mir stets von ihr und ihrem Vaudricour gemacht
hast, beunruhigt mich, mein teurer Franz! Ich fürchte, Deine Verwandte wird
erwarten, was sie hier nicht finden kann, und wie warm und bereitwillig wir sie
auch willkommen heissen, wir werden ihr den leichten Frohsinn ihres Volkes und
den schönen Himmel ihrer Heimat nicht ersetzen können.
    Der Freiherr lächelte. Deine Jugend macht Dich den Verlauf der Zeit
vergessen, sagte er. Die Herzogin ist nicht mehr die junge Chatelaine von
Vaudricour, und die Zeit war ernstaft genug, auch ihre Heiterkeit in Ernst zu
verwandeln. Ich höre in jedem Worte ihres Briefes den Ton einer tiefen
Traurigkeit, und wer sollte diese in ihrer Lage nicht empfinden? Lass uns darauf
denken, Beste, wie wir ihr beweisen, dass wir sie schätzen und ihr Unglück ehren!
Ich möchte, sie würde es recht gewahr, dass sie hier in ihrer Familie von
Freunden und Gesinnungsgenossen empfangen wird, und ich werde Dir es danken,
wenn Du ihr hier bei uns vergiltst, was sie mir einst in ihrer Heimat gewährt
hat! fügte er abschliessend hinzu.
    Angelika versprach, ihr Bestes mit Freuden zu tun. Ein Aufruf an ihre
Grossmut war immer sicher, eine gute Statt bei ihr zu finden, und man kam daher
überein, dass der Freiherr, um die Versäumnis des Postalters möglichst
auszugleichen, noch an diesem Abende einen Boten mit dem Antwortschreiben nach
der Poststation senden solle, damit der Brief dann so schnell als möglich seine
Weiterbeförderung finde. Der Freiherr, welcher in allen Dingen sich grosser
Pünktlichkeit befleissigte, rechnete es genau aus, wann die Herzogin auf diese
Weise seine Antwort erhalten könne. Er gestand ihr die schickliche Zeit zum
Aufbruch zu, er gab ihr auf das Genaueste den Weg, die Stationen, die Orte an,
welche sie zu passiren hatte und an welchen sie übernachten sollte, er schrieb
an die Gastofsbesitzer, bei denen er abzusteigen gewohnt war, um für seine
Cousine, die Frau Herzogin von Duras, das Quartier im Voraus zu bestellen,
meldete ihr, dass sie für die letzte Tagereise an den geeigneten Orten
Relaispferde aus seinen Stallungen finden werde, und schliesslich bat er sie mit
einnehmender Wendung, sie möge sich von dem Augenblicke ab, in welchem sie die
Residenz verlasse, als seinen Gast und überhaupt als ein Familienmitglied
ansehen, so lange sie ihm die Ehre erzeige, unter seinem Dache zu verweilen.
    Mit einer Empfindung, die aus Rührung und Selbstzufriedenheit gemischt war,
durchflog er den Brief und las ihn dann Angelika vor, die auf seinen Wunsch noch
einige Worte herzlicher Einladung dazu schrieb und sich im Voraus der
Freundschaft ihres künftigen Gastes empfahl.
    Beide, der Freiherr sowohl als Angelika, empfanden, indem sie einer
Flüchtigen ihr Haus anboten, das Glück, welches sie in ihren wohlbegründeten und
unangetasteten Verhältnissen besassen. In das Mitleid, welches die gegenwärtige
Lage der erwarteten Gäste ihnen einflösste, mischte sich unmerklich eine gewisse
Eitelkeit, der es erwünscht war, eine Herzogin zur Verwandten zu haben und diese
Verwandte beschützen zu können, und der zornige Widerwille gegen diejenigen,
welche in Frankreich die Herrschaft des Königs gebrochen und einen Teil des
Adels dahin gebracht hatten, seinen Besitzungen und seinem Vaterlande den Rücken
zu kehren, war von dem Freiherrn und von Angelika niemals mit so viel
persönlicher Bitterkeit empfunden worden, als jetzt. Je mehr man aber mit der
Welt unzufrieden war, um so besser war man mit sich selbst zufrieden, und in
diesem Wohlgefühle war man sehr geneigt, sich von der Anwesenheit der Gäste die
mannigfachsten Genugtuungen zu versprechen.
 
                              Dreizehntes Capitel
Entschlüsse, welche man unter dem Einflusse einer augenblicklichen
Gefühlserregung fasst, sind bei den meisten Menschen wie ein Rausch, dem eine
abspannende Ernüchterung folgt, und nachdem man am andern Morgen die Zimmer
ausgewählt und eingerichtet hatte, welche die Herzogin mit ihrem Bruder bewohnen
solle, begann sich in dem Baron wie in Angelika, ohne dass sie es einander
eingestanden, eine gewisse Besorgnis in Bezug auf die am verwichenen Abende mit
so froher Zuversicht erwarteten Hausgenossen zu regen.
    Der Baron, welcher die Herzogin seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hatte,
dachte unwillkürlich an die Veränderung, die durch einen solchen Zeitraum in
ihrem wie in seinem Äußern hervorgebracht sein musste, und ihm bangte vor dem
Spiegel, welchen ihr Altwerden ihm entgegen halten konnte. Er erinnerte sich mit
Vergnügen an den heitern Ton leichter Galanterie, in welchem er mit ihr zu
verkehren pflegte, aber er musste sich sagen, dass Angelika für denselben kein
Verständnis besitze, dass ihr derselbe missfallen habe, wo immer sie ihm begegnet
war. Er hingegen dachte noch gern an jenes Federballspiel des Geistes und des
Witzes, in welchem die französische Gesellschaft Meister gewesen war; er fand
noch jetzt Vergnügen daran, und es fiel ihm plötzlich auf, dass er einen Teil
seiner Fähigkeiten zu brauchen aufgehört, dass er an jener Liebenswürdigkeit, die
man sonst an ihm bewundert, Abbruch gelitten habe, seit er sich der Führung des
Caplans und der ernsten Richtung seiner jungen Frau überlassen hatte. Er ward
dadurch verstimmt, denn er mochte sich nicht eingestehen, dass er die grosse Welt
und ihre erheiternde Gesellschaft vermisse, und während er sich selbst in seiner
jetzigen Gestalt wie ein Fremder erschien, tat es ihm weh, sich auch die
Herzogin als eine gebrochene und gewandelte Frau denken zu müssen.
    Von dem Marquis hatte er nun vollends keine Vorstellung. Er war vor fünfzehn
Jahren ein hübscher junger Mensch gewesen, mit aller Keckheit und Frühreife
eines Provençalen, ein wenig prahlerisch, ziemlich unbesonnen und sehr verliebt;
und obschon der Baron trotz seiner Hinwendung zur Kirche in seinen Urteilen
nachsichtig genug gegen diejenigen zu sein pflegte, welche auf dem von ihm
neuerdings verlassenen Wege gingen, so war ihm doch die Aussicht, einen jüngeren
Mann von leichten Sitten, dem mancherlei Vorzüge nicht fehlen konnten, zum
Hausgenossen zu bekommen, nicht eben erwünscht. Freilich zweifelte er durchaus
nicht an der Tugend seiner Gattin, aber an der weiblichen Natur und Kraft im
Allgemeinen. Weil er oft genug den Widerstand weiblicher Strenge besiegt hatte,
machten seine eigenen Erfolge ihn vor den Erfolgen Anderer bange, und er litt
jetzt unter dem Gedanken an früheres Glück, unter dem allgemeinen Missgeschick
der Lebemänner.
    Nicht minder bedenklich als ihr Gatte fühlte sich Angelika. Sie war zur
Eifersucht geneigt, war sich dessen bewusst, und der Blick, der sich ihr in die
Vergangenheit ihres Mannes eröffnet, war nicht danach angetan, ihr dieselbe
wert zu machen. Sie hatte sich in die Anschauungen eingelebt, dass Gott sie mit
ihrem Gatten zusammengeführt habe, damit er sich mit ihr vereint zu einem reinen
und heiligen Leben erhebe und in einer makellosen und würdigen Zukunft seine
Jugendsünden und die Fehltritte seines Mannesalters sühne. Sie hatte sich der
Hoffnung hingegeben, dass er selbst jetzt mit Widerstreben in seine Vergangenheit
zurückblicke, dass er abgeschlossen habe mit den Tagen, welche vor ihrer Ehe mit
ihm lagen, und sie fand nun plötzlich, dass dem nicht so sei, sondern dass er sich
ihrer und aller ihrer kleinen Einzelheiten mit einer Wärme erinnerte, welche
eine noch ungebrochene Jugendlichkeit und Schnellkraft der Empfindung
voraussetzen liessen.
    Das beunruhigte Angelika. Sie fing an, es sich zum Vorwurfe zu machen, dass
sie so schnell und so ohne weitere Ueberlegung in die Aufnahme der fremden Frau
gewilligt hatte. Es fiel ihr ein, wie natürlich es gewesen wäre, der Herzogin
das Haus in der Residenz wenigstens für die Dauer des Winters zum Aufentalte
anzubieten. Dann hätte man sie später zu einem Besuche in Richten auffordern,
hätte sich gegenseitig kennen lernen mögen; und wenn es sich auf solche Art
erwiesen, dass man zu einander passe, so wäre es ja dann noch immer an der Zeit
gewesen, sie zu einem verlängerten Aufentalte einzuladen, den man ihr jetzt in
gewissem Sinne wie eine Wohltat zugestand. Indes Angelika verschwieg dem
Freiherrn ihre Bedenken. Auch er hielt zurück, was sich Zweifelndes in ihm
regte, und nur an den Caplan wendete sich die Baronin, um von ihm zu erfahren,
was er von der Herzogin dachte und wusste.
    Alles, was er von ihr berichten konnte, stammte aber aus der Zeit, in
welcher der Caplan noch Reisebegleiter des jungen Freiherrn gewesen war. Er
rühmte an der Herzogin ihre sichere Haltung bei völliger Freiheit des Betragens,
ihre zuvorkommende Rücksichtnahme auf Andere bei einer entschiedenen Neigung zur
Selbstbestimmung und bei einer gewissen Herrschsucht, welche mit ihrer
Fröhlichkeit in Widerspruch zu stehen geschienen hätten. Er erzählte mit
Wohlgefallen, wie einnehmend sie gewesen sei und wie sehr sie es verstanden
habe, ihre Gäste an sich zu fesseln, obschon sie ihnen volle Freiheit gegönnt.
Das klang Alles äusserst bestechend, machte aber der Baronin doch kein
sonderliches Vergnügen, und auch der Caplan schien nicht grade erfreut über die
Aussicht auf den bevorstehenden Besuch.
    Er kannte noch besser als sie selbst den leicht beweglichen Sinn des
Freiherrn und die Ansprüche, welche Angelika an die Gesinnungstreue der Menschen
machte. Er dachte des schweren Zerwürfnisses, welches zwischen den Eheleuten
Statt gefunden und das kaum noch Zeit gehabt hatte, auszuheilen; und obgleich er
sich sagte, dass es sein Bedenkliches habe, wenn zwei sehr ungleiche Charaktere
lange ausschliesslich auf einander angewiesen blieben, und dass die Gegenwart
zwischen ihnen stehender Personen oftmals einen Zusammenstoss verhindere, der
sonst nicht wohl ausbleiben könne, so war es ihm, wenn er an das freiherrliche
Ehepaar gedachte, doch zweifelhaft, ob eben die Herzogin dazu geeignet und wie
weit ihr Bruder dazu gemacht sein würde, diese wohltätige Wirkung auszuüben.
    Indes auch er behielt seine Besorgnis vorsichtig für sich und da sowohl der
Freiherr als Angelika hülfreichen Herzens waren, so schämten beide sich
innerlich der halben Abgeneigteit gegen die erwarteten Gäste, Ja, sie zeigten
sich eben deshalb doppelt bemüht, es an keiner Vorsorge und Rücksicht für sie
fehlen zu lassen, und für ihren Empfang und Aufentalt Alles in einer Weise
vorzubereiten, welche den eigenen Wohlstand und Rang, den Geschmack der
Hausfrau, die dankbare Erinnerung des Barons und zugleich die Verehrung und den
Anteil ausdrücken sollte, welche man für die unglücklichen und sich selbst
getreuen Standesgenossen hegte. Man war alltäglich mit der Vorsorge für sie
beschäftigt. Der Baron und Angelika wussten immer noch irgend eine kleine
Bequemlichkeit, eine Zierat in die Gemächer zu schaffen, die man schon jetzt
als die Zimmer der Herzogin bezeichnete, bis man sich an dem Tage, an welchem
die Fremden zu erwarten standen, sagen durfte, dass man jetzt das Mögliche mit
bestem Willen für sie getan habe.
    Die ganze Woche hindurch hatte es sehr scharf gefroren, am Morgen war nach
langer Zeit wieder einmal Schnee gefallen, und gegen den Abend hatte ein
scharfer Nordwind, der eisig über die Felder und durch die Wälder hinsauste, die
Wolken verjagt, so dass die Sterne an dem Himmel flimmerten und man trotz der
Dunkelheit es aus den Fenstern sehen konnte, wie die weisse Fläche sich weitin
ausbreitete und die mächtige Linden-Allee, welche zum Schloss führte, ihre
gewaltigen beschneiten Aeste zum Himmel erhob.
    Draussen wurde der Wind immer heftiger. Bald zog er in langsamem Stöhnen über
die Gegend hin, bald rang sich aus dem Stöhnen ein plötzlicher Sturmstoss hervor,
unter dessen Wucht die Aeste der Bäume knarrten, die Wetterfahnen auf dem
Schloss sich kreischend auf ihren Stangen herumdrehten, und die Krähen, welche
sich zur Nachtruhe darauf niedergelassen hatten, erschreckt aufflogen und
krächzend eine neue Ruhestätte suchten. Einmal schlug eine Türe zu, die man in
dem Seitenflügel des Schlosses, in dem sich die Wirtschaftsräume befanden,
offen gelassen hatte; dann hörte man, wie mühsam bei dem Froste das Rad am
Ziehbrunnen sich bewegte und wie der Russ in den Kaminen und Schloten leise
klingend herniederrieselte.
    Es mochte sieben Uhr sein. Um diese Zeit konnte die Herzogin eintreffen, und
schon seit einer halben Stunde hatte man am Anfange der Allee die Pechtonnen
angezündet, deren Feuer dem Gaste ein erstes Willkommen in die Ferne zurufen und
die Nähe der befreundeten Wohnung anzeigen sollten. Unten in der Halle und auf
den Treppen und Gängen war Alles festlich erleuchtet. Die Dienerschaft hatte
ihre Galalivreen angelegt, Windlichter standen bereit, um bei dem ersten
Peitschenknalle des Kutschers der Herzogin entgegengebracht zu werden, und oben
in ihrem Wohnzimmer ging die Baronin auf und nieder, hier in müssiger Unruhe ein
Buch zurecht legend, dort ein Bild grade richtend, bis sie sich ermüdet an dem
Kamine niederliess, von dem sie sich bald wieder erhob, um an das Fenster zu
treten und in die dunkle Nacht hinauszuschauen.
    Der Baron hingegen sass ruhig lesend an dem Tische, der mitten in dem Zimmer
stand. Nur von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf Angelika, wenn sie eben an
ihm vorüberkam, und sah nach der Uhr hinüber, die in grossem, vielschnörkligem
Gehäuse auf dem Simse des Kamines stand, hell von den Kerzen der schweren
Armleuchter beschienen.
    Das verdross Angelika, denn die Aufgeregte fühlte sich durch die Ruhe ihres
Mannes getadelt, und als sie wieder eine Weile am Fenster gestanden hatte,
wendete sie sich um und sagte: Ich fürchte, wir jagen der Herzogin einen Schreck
mit unserm Freudenfeuer ein. Der Sturm erstickt es wieder und wieder, und der
Qualm allein wird ihr entgegenkommen. Ich gäbe viel darum, wenn sie einen
freundlicheren Abend für ihre Ankunft getroffen hätte.
    Ja! versetzte der Freiherr, das Wetter ist sehr rauh! und nach der
Fensterseite blickend, fügte er hinzu: Die Feuer scheinen aber doch eben jetzt
erträglich zu brennen! Dann wendete er sich gelassen zu seinem Buche.
    Indes Angelika mochte des Schweigens müde sein, denn sie bemerkte: fremd,
wie der Norden der Herzogin sei, müsse dieselbe doppelt widerwärtig von der
Kälte berührt werden. Der Freiherr entgegnete, dass auch in der Provence heftige
Winterstürme wüteten, und dass die Herzogin doch bereits zwei deutsche Winter
durchlebt habe. Und wieder herrschte eine Weile das frühere Schweigen, und
wieder ging Angelika auf und nieder, bis sie nicht ohne einen Anflug von übler
Laune die Frage aufwarf: ob der Freiherr sich etwa vorgenommen habe, das Buch,
mit welchem er sich beschäftige, noch vor der Ankunft ihres Gastes zu beenden.
    Nein, o nein! antwortete der Freiherr, indem er sich erhob und das Buch
zusammenlegte; ich liebe es nur nicht, mich unnötig in den Zustand eines
Wartenden zu versetzen.
    Als ob man das in seiner Gewalt hätte! wendete Angelika ein.
    Ich wüsste wirklich nicht, meinte der Baron, was so völlig von uns selber
abhängt, nichts, was uns so schmählich um die Zeit betrügt, als jenes Warten,
das mit seiner Ungeduld das Herankommen eines bevorstehenden Ereignisses
beschleunigen möchte. Man verwandelt auf diese Art einen Zustand, in welchem wir
uns notwendig leidend verhalten müssen, in einen gewisser Massen tätigen, und
man wird durch diese fruchtlose Anstrengung, die sich von Minute zu Minute
steigert, so gequält, dass man dem erwarteten Ereignis oder der erwarteten
Person, eben um deshalb meist überreizt oder abgespannt, also jedenfalls nicht
in wünschenswerter Verfassung entgegentritt.
    Kann es denn Jemanden verletzen, fragte Angelika, ungeduldig und lebhaft
erwartet worden zu sein?
    Gewiss, meine Beste! denn es ist nicht angenehm, zu erfahren, wie man seinen
Wirten ein Unbehagen verursacht habe, und noch weniger angenehm, es gleich zum
Willkommen beteuern zu müssen, dass man die Schuld der verzögerten Ankunft nicht
trage. In allen Lebensverhältnissen sind ein gemächliches Gehenlassen und eine
gewisse anspruchslose Gleichgültigkeit vortreffliche Unterlagen für ein
behagliches Zusammenleben.
    Soll das eine Anmahnung für mich sein? fragte die Baronin.
    Ja! entgegnete er, eine Anmahnung für Dich, an die Du mich erinnern sollst,
wenn Du sie mir nötig findest; denn in rechter Weise Gastfreundschaft zu üben,
ist eine schwere Kunst, ist eine Selbstprüfung, der nur wenige Familien
gewachsen sind. Und ich würde angestanden haben ....
    Angelika blickte betroffen zu ihm empor, aber es blieb ihnen keine weitere
Zeit für diese Erörterungen.
    Das sind sie! rief der Baron, als fern im Dorfe ein Hund anschlug.
    In demselben Augenblicke meldete ein Diener, dass die Herrschaften kämen, man
könne bereits das Licht in den Wagenlaternen blinken sehen.
    Angelika trat an das Fenster, es war im Hofe plötzlich lebendig geworden.
Das Bellen der Hunde, das Zurückschlagen der grossen eisernen Gittertüren, die
Stimme des Haushofmeisters liessen sich vernehmen. Im unteren Corridore öffnete
man hier und dort ein Zimmer; der Kammerdiener des Barons hatte ihm den Hut und
den pelzverbrämten Sammetrock herbeigeholt und stand wartend an der Türe.
    Angelika und ihr Gatte sahen zum Fenster hinaus. Er hatte den Arm um ihren
Leib geschlungen, ihre Hand ruhte auf seiner Schulter und sie sprachen beide
nicht. Endlich hörte man das Knallen der Peitschen; der Vorreiter, den man den
Gästen des Schneefalles wegen bis zur nächsten Station entgegengesandt hatte,
ritt in den Hof, und der Baron trat in das Zimmer zurück, um seinen Pelz
anzulegen und der Herzogin entgegen zu gehen.
    Da fasste Angelika schnell seine Hand. Franz, sagte sie, mich überfällt
plötzlich eine kindische Angst!
    Vor der Herzogin? fragte der Baron lächelnd und wollte dem Diener folgen,
der sich eben entfernt hatte.
    O, lache nicht! rief sie, so wie jetzt, ist mir in meinem Leben nicht
gewesen, und könnte ich mit den schwersten Opfern es verhindern, dass die Fremden
mit uns leben, ich wollte diese Opfer bringen! - Die Tränen kamen ihr dabei in
die Augen und ihre Aufregung war unverkennbar.
    Der Freiherr war erschrocken, aber es war keine Zeit zu verlieren.
    Ich beschwöre Dich, Kind, verbanne diese Gedanken! bat er dringend. Komm,
gieb mir die Hand; sind wir doch Eins, waren wir doch Eins in der Ueberzeugung,
dass wir der befreundeten fürstlichen Frau hier eine Zufluchtsstätte bereiten
müssten - woher also diese Aufregung? Woher dieses törichte, törichte Bangen,
Du liebes, zaghaftes Weib?
    Er nahm sie in seine Arme, er küsste sie, und er liebte Angelika, weil sie
ihn oft schwach gesehen hatte, stets am meisten, wenn sie sich hülfsbedürftig an
ihn lehnte. Weine nicht, sei schön und heiter, bat er, als er dann eilig von ihr
ging. Aber die Heiterkeit wollte ihr nicht kommen, und bangen Herzens schaute
sie in den Hof hinunter, in welchen eben jetzt die Kutsche einfuhr.
    Wenn jetzt ein Stern herniederschiesst, sagte sie, plötzlich in die Höhe
blickend, so soll mir das ein Zeichen sein, dass ich guten Mutes sein darf und
dass es Freunde sind, die mir nahen!
    Sie schaute empor, zur Rechten, zur Linken - es blieb Alles dunkel. Das
bedrückte ihr das Herz, und eben wollte sie sich vom Fenster entfernen, um die
Herzogin zu empfangen, da wandte sie den Kopf noch einmal zurück, und hell und
strahlend schoss ein Lichtstreifen vom Zenit quer zum Horizont hinab. Gottlob!
rief Angelika, und mit hellem Auge und freudiger Bewegung eilte sie auf die
Herzogin zu, welche eben jetzt am Arme des Barons in das Zimmer eintrat.
 
                              Vierzehntes Capitel
Mitternacht war vorüber, als Angelika selbst die Herzogin nach ihren Gemächern
geleitete und von dieser mit einer Umarmung entlassen wurde.
    Nun, Angelika, fragte der Freiherr, als seine Gattin zu ihm zurückkehrte,
wie gefällt Dir unser Gast?
    Wie kann von Gefallen die Rede sein, rief die Baronin mit einer ihr
ungewöhnlichen Lebhaftigkeit aus, wo man sich wie von einem Zauber umfangen
fühlt? Ich hatte mir die Herzogin nach Deinen und des Caplans Schilderungen
nicht schön gedacht, und schön ist sie auch nicht, wenigstens nicht in dem
Sinne, den die Menge mit dem Worte verbindet; aber ich meine, wenn man einmal in
diese sanften, blauen Augen geblickt hat, so kann man nicht mehr aufhören, sich
nach ihnen hinzuwenden; sie sind so klug und dabei so mild, dass es mir leid
tat, wenn sie die Lider senkte und der dunkle Vorhang ihrer Wimpern mir die
hellen, freundlichen Sterne entzog.
    Der Freiherr lächelte. Du wirst dichterisch begeistert, meinte er, und ich
habe Dich in der Tat noch nie für Jemanden so schnell und so entschieden
günstig eingenommen gesehen. Uebrigens hat die Herzogin sich wirklich gut
erhalten. Das ist ein Vorzug dieser feinen, kleinen Gestalten und der hellen
Blondinen. Ihr Haar ist noch schön, selbst unter dem Puder, und der Contrast
desselben mit den schwarzen Wimpern, der ihre Physiognomie reizend machte, als
sie jung war, wirkt noch anziehend.
    Und wie kleidet sie sich, wie spricht sie! rief Angelika mit der früheren
Erregung. Es ist Alles Harmonie an ihr! Das schöne, weiche Haar, welches an
ihrer Stirne herabfällt, und das weiche, graue Schleppkleid und ihr leises,
sanftes Sprechen, Alles stimmt zusammen. Dieser Frau muss sich das Herz der
Menschen öffnen, wie dem Frühlingslichte; diese Frau werde ich lieben, das fühle
ich.
    Der Freiherr hörte das mit Verwunderung. Er selbst war bewegt worden durch
das Wiedersehen Margareten's. Ihre edle Bildung, ihre einfache Würde hatten ihm
jetzt in ihrem Unglücke einen erhöhten Eindruck gemacht, aber er war
weltgewohnter, hatte in sich doch immer den Vergleich zwischen der jetzigen und
der früheren Erscheinung seiner Freundin zu machen, und da er überhaupt in
seinen Urteilen zurückhaltend war, wenn nicht eine leidenschaftliche Erregung
seinen Sinn bewegte, so machte die ausserordentliche Bewunderung, welche Angelika
für die ihr noch fremde Frau an den Tag legte, eine entgegengesetzte Wirkung auf
ihn. Er hätte nicht sagen können, wesshalb ihm die Begeisterung Angelika's
missfiel, aber er glaubte sie bekämpfen oder ihr doch wenigstens Schranken setzen
zu müssen, und während er die Baronin bisher stets für die Herzogin zu gewinnen
und einzunehmen gesucht hatte, erinnerte er sie jetzt daran, dass es nicht weise
sei, in ein neues Verhältnis mit hochgespannten Erwartungen einzutreten, weil
man damit nicht nur sich selbst Enttäuschungen vorbereite, sondern auch
demjenigen Unrecht tue, von dem man Ausserordentliches erwarte, ohne zu wissen,
in wie weit er gewillt und fähig sei, ein solches zu leisten.
    Diese Mahnung betrübte die Baronin. Du weisst, sagte sie mit einem Anfluge
von Empfindlichkeit, wie gern ich bereit bin, mich Deiner mir überlegenen
Erfahrung unterzuordnen; aber mich dünkt, bisweilen wäre es grossmütiger von
Dir, mich den Irrtümern meines Alters zu überlassen. Es ist ein solches Glück,
eine recht volle, grosse Bewunderung zu fühlen, und dass die Herzogin mir Gutes
bringt, dafür habe ich ein Zeichen.
    Der Freiherr wollte wissen, worin dieses Zeichen bestehe; Angelika
verweigerte neckend, es zu sagen, da sie bemerkt hatte, dass ihre nicht
absichtslose Erwähnung des Altersunterschiedes zwischen ihr und ihrem Manne
diesem nicht angenehm gewesen war, und als er dann, ebenfalls scherzend, mit
Bitten in sie drang, legte sie die Arme über einander, blickte ihm in die Augen
und sagte: O, frage mich nicht!
    Sie hatte dabei Bewegung und Ton der Herzogin nachgeahmt, und das stand ihr
vortrefflich, denn Frauen von ernstem Sinne, die immer nur in der Wahrheit
leben, immer nur sie selbst sind, bekommen leicht etwas Strenges in ihrer
Physiognomie und Haltung, und das war Angelika's Fall. Sie verschmähte den
Schein in jedem Betrachte, und doch ist der schöne Schein die eigentliche Form,
in welcher der Mensch sein Wesen kund zu geben hat, wenn es nachhaltig
wohltuend und in jedem Augenblicke erfreulich auf Andere wirken soll. Auch das
Höchste und Erhabenste kann der schönen, der durch Bildung und Achtsamkeit zur
Natur gewordenen Form nicht entbehren, und es entzückte den Freiherrn, als er
plötzlich gewahr wurde, dass Angelika, bestochen von der Anmut der Herzogin,
sich selber nicht mehr genügte, dass sie in neuer Weise ihm zu gefallen bemüht
war, weil sie selbst ein lebhaftes Wohlgefallen empfunden hatte.
    Er sagte ihr verbindlich, dass die kleine Coquetterie sie reizend mache, sie
versicherte, dass er das Vergnügen, sie reizend zu finden, der Herzogin verdanke,
und von Wort zu Wort, von Scherz zu Scherz fortgetragen, fanden die Eheleute
sich in eine Art der Unterhaltung und in eine geistreiche Heiterkeit versetzt,
wie sie nie zuvor zwischen ihnen Statt gefunden hatte. Als Braut war Angelika zu
schüchtern dafür gewesen, und nach ihrer Verheiratung zu kummervoll. Dann hatte
die Richtung auf das Religiöse sie gefangen genommen, und obschon der Baron sich
in diese Richtung hineinziehen lassen, ja, zu Zeiten selbst Trost und Beruhigung
aus ihr geschöpft hatte, so waren doch die alte Gewohnheit und Neigung des Welt-
und Lebemannes nicht in ihm erloschen, und der Gedanke, dass Angelika zu ernst,
zu streng, zu unjugendlich sei, war in ihm häufig aufgestiegen.
    Er kam sich selbst verjüngt vor, und er schien auch Angelika jünger und
liebenswürdiger, als sonst, da er sich in dem ihm natürlichen Tone freier
Heiterkeit bewegen durfte, so dass er ihr aussprach, wie ihr Frohsinn ihn nicht
nur um seinetwillen, sondern auch um ihres Knaben wegen freue.
    Ich habe wirklich oftmals besorgt, sagte er, Deine ausschliessliche
Hinwendung auf das Ernste und Erhabene könne unserem armen Renatus, wenn er uns
heranwächst, sein junges Leben trüben; und wenn ich mir vorstellte, dass mein
Sohn, dass ein Arten ohne Freiheit, ohne Heiterkeit, ohne ein wenig Übermut und
Tollheit, ohne die es nun einmal bei Unsereinem nichts werden kann, erzogen
werden sollte, so habe ich wohl bisweilen den sündhaften Wunsch gehegt, Du
möchtest unbedeutender und harmloser sein, und daran gedacht, den Caplan zu
entfernen, wie hart mir das auch angekommen wäre. Denn ....
    Denn Renatus geht Dir über Alles, schaltete Angelika ein, welche in der
Stimmung war, selbst solche Äusserungen ihres Mannes, da sie mit lachender Lippe
und zärtlichem Auge gesprochen wurden, unbefangen aufzunehmen.
    Ja, wiederholte der Baron, Renatus geht mir über Alles. Ist er nicht der
Träger unseres Hauses und Dein Sohn?
    Sie waren damit in das Nebengemach gegangen, in welchem das Kind in seiner
Wiege schlief, und als die Wärterin die Gardine zurückschlug, damit die Eltern,
wie sie es an jedem Abende taten, den Kleinen noch einmal betrachten konnten,
neigte sich die Mutter zu ihm hernieder, küsste sein Händchen, das auf der
seidenen Decke lag, und sagte: Also Dir und Deinem Vater, Du lieber Engel, ist
die gute Herzogin auch zu Hülfe gekommen! Nun, dafür wollen wir sie aber auch
von Herzen lieben!
    Sie hatte auch das wieder mit jenem ihr neuen Tone scherzender Coquetterie
gesprochen, und sie gefiel sich darin selber. Noch ehe sie sich in das
Schlafgemach zurückzog, gab sie ihrer Kammerfrau die Weisung, ihr für den
Morgenanzug verschiedene Zieraten und Bänder zu beliebiger Auswahl bereit zu
legen. Auch das war eine Neuerung. Die Huldigung und die Bewunderung, welche die
Männer in der Residenz und am Hofe ihr gezollt, hatten sie völlig kalt gelassen,
die blosse Erscheinung der Herzogin regte sie auf; denn sie gehörte zu jenen
Frauen, die weniger durch die Neigung für den Mann als durch die
Nebenbuhlerschaft mit ihrem eigenen Geschlechte in Bewegung gesetzt und geleitet
werden, weil sie nicht einem Andern, sondern sich selbst genügen wollen, und die
nicht lieben können ohne rückblickenden Vergleich auf sich, ja, die oft, ohne es
zu wissen, sogar auf die Bewunderung eifersüchtig sind, welche sie einer Andern
zollen.
    Ueber dem Anteile, den man an der Herzogin nahm, hatte man ihres Bruders
beinahe vergessen, obschon sich in dem Marquis das Bestreben, zu gefallen und
die Aufmerksamkeit und Teilnahme der Andern auf sich zu ziehen, unverkennbar
kund gab. Gelang ihm dies, so war er lebhaft und voll guter Laune, beschäftigte
man sich nicht mit ihm, so versank er in eine Zerstreuteit, in eine
Gleichgültigkeit, die es klar verrieten, dass er wohl die Rücksicht auf Andere,
aber nie die eigene Befriedigung aus den Augen setzen könne.
    Er war dreissig Jahre alt und sah noch jünger aus. Seine mittelgrosse Gestalt
war leicht und fein, sein Schritt vorsichtig wie der eines Hofmannes, und auf
eine Laufbahn am Hofe hatte er es ursprünglich auch wohl abgesehen. Er sah ein
wenig bleich, ein wenig ermüdet aus, aber er trug den Degen, den kleinen
Haarbeutel und den seidenen Strumpf mit so viel Zierlichkeit, er scherzte und
bewegte sich so heiter, dass man Mühe hatte, an seine Kränklichkeit zu glauben,
von welcher die Herzogin stets sprach, oder ihre Sorgfalt für ihn so notwendig
zu glauben, als sie dieselbe darzustellen liebte.
    Seine Befriedigung und sein augenblickliches Behagen waren ihm unverkennbar
das Wichtigste auf der Welt. Selbst der politische Zustand seines Vaterlandes
schien ihm bisher nicht viel Kummer gemacht zu haben. Er hatte, als der jüngste
von mehreren Brüdern, kein Vermögen; die Herzogin hatte für ihn gesorgt, und er
überliess ihr diese Sorge auch jetzt und für die Zukunft. Freilich war es eine
selbstsüchtige Liebe, welche sie für den Bruder hegte, denn sie wünschte sich in
ihm einen Gesellschafter zu erhalten, der ihr angehörte und ihr doch völlige
Freiheit liess; aber sie musste es wenigstens verstanden haben, ihm die Bande
leicht und die Abhängigkeit lieb zu machen, in denen sie ihn gefesselt hielt.
    Er war ausgewandert, weil die Herzogin es so gewollt hatte, und diese war
umsichtig genug gewesen, die Auswanderung rechtzeitig vorzubereiten. Bald nach
dem Ausbruche der Revolution hatte sie bedeutende Capitalien flüssig gemacht und
in sicheren Händen ausser Landes niedergelegt. Weil man aber nach der Flucht aus
Frankreich auf eine schnelle Rückkehr in die Heimat gerechnet, so hatte die
Herzogin Anfangs auch in Deutschland das ihr gewohnte breite und fürstliche
Leben fortgeführt, und der Augenblick war denn, da man an die Heimkehr nicht
denken konnte, schnell genug gekommen, in welchem es sich absehen liess, wann sie
mit ihrem Bruder sich mittellos, wie so viele ihrer französischen
Standesgenossen, aller Not der Verbannung und Entbehrung anheimgegeben finden
würde.
    Da hatte sie zum ersten Male eine grosse Verzagteit überfallen, und in ihren
eigenen Verhältnissen und Verbindungen umherschauend, hatten ihre Gedanken sich
auf den Freiherrn von Arten gerichtet. Dass sie bei diesem Manne sich keiner
abschlägigen Antwort versehen durfte, wenn sie im Namen ihrer
Stammesverwandtschaft seine Gastlichkeit und seinen Beistand in Anspruch nahm,
davon hielt sie sich überzeugt, und ihre Erwartung hatte sie nicht getäuscht,
ja, sie hatte dieselbe bei ihrem Empfange noch weit hinaus übertroffen gefunden.
Nur in Einem Betrachte hatte die Herzogin sich geirrt: sie hatte die Bedeutung
der Baronin unterschätzt und, nachdem sie dieselbe mit scharfem Blicke schnell
erkannt, sich nicht der Hingebung versehen, welche Angelika ihr seit der Stunde
ihrer Ankunft entgegenbrachte.
    Die Baronin hatte den guten Geschmack, ihren Gästen nicht gleich in den
ersten Tagen die Bekanntschaft der benachbarten Adelsfamilien, mit denen man,
seit der Baron verheiratet war, ohnehin nur geringen Verkehr unterhalten hatte,
anzubieten, oder besondere Zerstreuungen und Unterhaltungen für sie
vorzubereiten. Denn wem man das Gute, das man besitzt, alles auf einmal und
gleich bei seiner Ankunft darbringt, dem gibt man damit unwillkürlich zu
verstehen, dass man ein langes Verweilen nicht von ihm erwarte; wem man aber die
Zeit lässt, sich erst heimisch in dem Hause zu machen, dessen Gast er sein soll,
wen man vor allen Dingen erst sich zu einem Hausgenossen einleben lässt, dem
gewährt man die Möglichkeit, sich allmählich anzueignen, was ihm von dem
Nächstliegenden wünschenswert ist, und sich selbst nach demjenigen umzuschauen,
was ihn von fern her lockend oder angenehm bedünkt.
    Das Leben im Schloss gewann nun auf diese Weise plötzlich einen neuen
Mittelpunkt und das Alltägliche in demselben eine veränderte Bedeutung, weil man
es mit dem Hinblicke auf die Gäste ansah und bedachte, und weil durch das
Zusammensein einer grösseren Menschenzahl dem schöpferischen Walten des Zufalls
mehr Raum geboten wurde, als bisher. Der Freiherr und seine Gattin und der
Caplan kannten einander so genau, Jeder wusste mit nie irrender Zuversicht, was
er im gegebenen Falle von dem Anderen zu erwarten hatte. Was man besass, hatte
man genossen, und da man sich ausserdem in der Lage befand, der Sorgen für des
Lebens Notdurft entoben zu sein, so hatte man in der letzten Zeit im Schloss,
wenn nicht von Aussen sich Anregungen boten, in einem Zustande der Ruhe gelebt,
dessen Vorzüge man zwar zu würdigen wusste, der aber in seiner Einförmigkeit doch
auch seine Gefahren barg.
    Bei Personen von Bildung, wie die Schlossherrschaft und ihre Gäste, bei
Menschen, die sich selbst zu achten verstanden, konnte es natürlich nicht leicht
und nicht schnell zu jenen Mitteilungen über die eigenen Angelegenheiten
kommen, welche bei Leuten, denen der Sinn für das Allgemeine abgeht, den
eigentlichen Boden des gegenseitigen Anteilnehmens ausmachen. Aber da man die
gleichen Ansichten über den Kampf hatte, der in Frankreich von dem Bürgerstande
gegen den Adel und das von diesem getragene und ihn schützende Königtum
ausgefochten wurde, da von dem Siege des Letzteren die Erhaltung der eigenen
Vorrechte abhing, während durch seinen Sturz die eigene bisherige Existenz in
Frage gestellt ward, so besass man in diesen gemeinsamen Sorgen und Befürchtungen
die erste sichere Annäherung und Verständigung, wenngleich der Freiherr und
seine Gattin noch keinen Anlass gefunden hatten, an eine ihnen und ihrem
Vaterlande drohende Gefahr zu glauben.
 
                              Fünfzehntes Capitel
Neben diesen Befürchtungen und Hoffnungen für die Monarchien und den Adel im
Allgemeinen war es der Kirchenbau, welcher bald ein Gegenstand gemeinsamer
Beratungen wurde, und auch in Bezug auf diesen fehlte es an Sorgen und an
Hoffnungen nicht. Denn wie schon die erste Absicht dieses Unternehmens in der
Herrschaft nicht mit gutem Auge angesehen worden war, so war die Abneigung gegen
dasselbe nur gestiegen, seit man die Vorkehrungen dafür zu treffen angefangen
hatte.
    Seit mehr als einem Menschenalter und darüber hinaus waren in Richten keine
Bauten ausgeführt worden, zu denen man genötigt gewesen wäre, Fremde
herbeizurufen. Die protestantische Kirche in Neudorf stand fest gegründet und
wohl gefügt seit mehr als hundertundfünfzig Jahren, der Schlossbau war, so wie er
sich gegenwärtig darstellte, auch schon vor der Geburt seines jetzigen Besitzers
vollendet worden, und was man sonst an Baulichkeiten für das Beamtenpersonal, an
Wirtschaftsgebäuden und an gelegentlichen Reparaturen nötig gehabt, das hatte
der in Rotenfeld ansässige Maurer teils allein und nach eigener Einsicht mit
den Gutsleuten, teils unter Anleitung und Aufsicht des Meisters aus der
Kreisstadt mit dessen Arbeitern ausgeführt. Nun sollte endlich wieder einmal ein
bedeutendes Bauwerk in Angriff genommen werden, und die Leute hatten sich, so
wenig sie sich auch der Gründung einer katolischen Kirche erfreuten, doch der
Hoffnung hingegeben, dass dabei ein Gewinn für sie nicht fehlen könne, wenn sie
der Herrschaft auch zu bestimmten Tagesleistungen, deren Zahl nicht gering war,
verpflichtet waren.
    Aber gleich bei der Grundsteinlegung in Rotenfeld hatten sie die Erfahrung
gemacht, dass es nicht bei dem guten Alten bleiben solle. Denn es waren Briefe
nach auswärts geschrieben worden, und nach den Antworten, welche auf diese
Briefe gekommen waren, hatte nicht der Maurer aus Rotenfeld, der das doch gewiss
verstand, sondern der Meister aus der Kreisstadt die Arbeit verrichten müssen.
    Die Missstimmung war seitdem eine allgemeine gewesen. Sogar diejenigen,
welche bei dem Baue selbst nichts zu leisten hatten, fanden eine angenehme
Beschäftigung darin, die Beteiligten in dem Gedanken der Ehrenkränkung und in
der Erbitterung über dieselbe zu bestärken und zu befestigen. Sie wollten doch
wissen, wie die Betroffenen sich dabei benehmen würden, wenn ihnen so etwas
geboten werde, denn in dem Aufstacheln und Hetzen, in dem eifrigen Zusprechen
und in dem schlauen Besänftigen war eine Tätigkeit verborgen, durch die man
sich unterhielt und in welcher man für seine Freunde und für die Gutsherrschaft
zugleich, zu einer wichtigen Person wurde, ohne dass man selbst Kosten hatte oder
Gefahr dabei lief; und sich ohne alle Gefahr zu einer wichtigen Person zu
machen, ist den meisten Menschen ein Vergnügen.
    Den Winter hindurch lag das Alles, wie die Saat in der Erde, still und
verborgen. Als aber das Frühjahr heraufzog und man daran denken konnte, an den
Bau zu gehen, dessen Beginn die Baronin kaum zu erwarten vermochte, änderte sich
die Sache.
    Es war im Anfang des Maimonats, als der fremde Baumeister in Schloss Richten
erwartet wurde. Man hatte ihm einen Wagen bis in die nächste Stadt
entgegengesendet, im Schloss waren zwei Zimmer für ihn hergerichtet worden, und
obschon man wusste, dass der Baron den Bau einem jungen Manne übertragen hatte,
dessen Vater, einen tüchtigen Maler er zur Zeit seiner ersten Reisen in Italien
kennen gelernt, und der dann später auch in Richten die Eltern und die Schwester
des Barons gemalt hatte, so fand man dennoch, dass um eines blossen Baumeisters,
und noch dazu um eines so jungen Menschen willen, viel zu viel Aufhebens gemacht
werde.
    Als dann an dem festgesetzten Tage der Wagen, welcher den Architekten
brachte, durch Neudorf fuhr, bemerkte die Pfarrerin, die den ganzen Nachmittag,
als ob es Sonntag wäre, mit dem Strickzeug am Fenster gesessen hatte, dass der
junge Herr sich das Verdeck der Kalesche habe zurückschlagen lassen.
    Er macht's wie der Herr Baron, wenn er von Reisen kommt, sagte sie spöttisch
lächelnd. Er gönnt uns das Vergnügen, gleich sein Antlitz anzuschauen! Ach! und
er ist so höflich, gleich zu grüssen! bemerkte sie in demselben Tone, während sie
jedoch nicht unterliess, mit der freundlichsten Miene zu danken und dabei die
rechte Hand, wie die gute Sitte es mit sich brachte, an die unterste Krampe des
Fensters zu legen, als stehe sie auf dem Punkte, es zu öffnen und den
Vorüberfahrenden zur Einkehr aufzufordern.
    Der Pfarrer, der sich nicht leicht von seinem Stuhle vor dem Studirtische
fortlocken liess, hob sich doch von seinem Sitze empor und hatte offenbar die
Absicht, auf die Bemerkung seiner Frau an das Fenster zu treten. Aber das Gefühl
seiner Würde trug es über seine Neugier schnell davon, und ruhig sitzen bleibend
sagte er: Was lässt sich denn Anderes als Selbstverblendung erwarten von einem
jungen Manne, der durch die Gnade Gottes in einer rechtschaffenen
protestantischen Familie geboren worden ist und sich dazu hergibt, dem Ball
Tempel zu erbauen! Ich hoffe, er wird nicht die Stirne haben, sich in ein
ehrbares protestantisches Pfarrhaus einzuführen. Ich mag nichts zu schaffen
haben mit solchen Abtrünnigen.
    Man wird ihn aber doch im Schloss treffen, wenn man an den Feiertagen zur
Mittagstafel eingeladen wird! wendete die Pfarrerin ein, die stets überlegt und
vorsichtig an die Zukunft dachte und dabei nicht abgeneigt war, von dem
Architekten auch einmal etwas Neues aus der Welt zu vernehmen.
    Dann wird man ihn nach Gebühr zu behandeln wissen, erwiderte der Pfarrer,
und schlimm genug, dass er nicht der einzige Abtrünnige ist, dem man jetzt auf
dem Schloss zu begegnen hat!
    Mann! Aber um Gottes willen, lieber Mann! rief die Pfarrerin, der solche
Äusserungen ihres gestrengen Eheherrn immer die Kälte durch alle Glieder jagten,
und die sich vorsichtig umsah, ob nicht etwa die Türe nach der Küche offen sei.
Bedenke doch, dass unseres Gottold's ganze Zukunft von der Herrschaft abhängt,
und dass ....
    Mag er durch die Lande gehen, wie ich vielleicht es auch noch tun werde,
und wie mancher Bessere als ich, wie ja auch der fromme Paul Gerhard es einst
getan hat. Besser Hunger und Durst und Frost und Hitze tragen, als abfallen von
der heiligen reinen Lehre, auf die wir getauft sind und die zu verkünden wir
geschworen haben!
    Er stand bei diesen Worten endlich von seinem Platze auf, und ging in der
Stube auf und nieder, in so ernste Gedanken versenkt, dass die gutmütige und
ängstliche Frau, die zu ihrem Gatten wie zu dem Urquell aller Weisheit
emporschaute und zu ihm als zu einem Muster gewissenhafter Redlichkeit aufsehen
durfte, ihn nicht mehr unterbrach, und schweigend überlegte, wie es hier noch
werden, und was ihr und ihrem Manne und ihrem Sohne noch für Unglück beschieden
sein könne.
    Während dessen fuhr der junge Mann, welcher, ohne es zu wissen, den Anlass zu
dem Kummer der Pfarrerin gegeben hatte, in fröhlichster Stimmung durch das Dorf.
Er freute sich des Sonnenscheins und der Wärme, er sah die weissen Wölkchen an
dem hellen Himmel mit dem träumerischen Wohlgefallen eines Kindes über sich
hingleiten, er warf, als er durch Rotenfeld kam, einen freundlichen Gruss nach
dem Amtshause hinüber, aus dessen offenem Fenster die hübsche Schwester des
jungen Amtmannes neugierig nach dem Fremden hinausguckte, und er gewahrte dann
mit Behagen, wie das Schloss sich immer deutlicher vor seinen Augen entfaltete.
    Seine Gedanken gewannen dadurch eine bestimmte Richtung, das hindämmernde
Wohlgefühl machte ernsteren Ueberlegungen Platz. Er erkannte, nach den
Zeichnungen, die man an ihm übersendet hatte, die Stelle, welche für den
Kirchenbau bestimmt war, und die Ueberzeugung, die er schon brieflich mehrfach
ausgesprochen, dass der geweihte Ort nicht der rechte Platz sei, dass die Kirche
von dem Punkte aus lange nicht die Wirkung machen würde, die sie haben könnte,
wenn man sie auf der kleinen Höhe aufrichtete, welche sich am Ende des Parkes,
fast dem Schloss gegenüber, erhob, stellte sich ihm jetzt als eine Gewissheit
dar.
    Dazu sah er, dass man ihm auch über das Terrain nicht mit der nötigen
Sachkenntniss berichtet habe. Der Boden in Rotenfeld war keineswegs so trocken,
als man ihn geschildert hatte und wie er sich an der Oberfläche zeigte.
Ueberall, selbst ganz in der Nähe des Bauplatzes, kamen Quellen zum Vorschein,
und wenn man auch bei der Grundsteinlegung für die Kapelle nicht auf Wasser
gestossen war, so konnte es nicht fehlen, dass man jetzt, da man für den
Kirchenbau ein ganz anderes Fundament zu legen und deshalb viel tiefer zu graben
hatte, notwendig auf Wasser kommen musste, das zu beseitigen jedenfalls
Schwierigkeiten und unnötige und bedeutende Kosten veranlassen konnte.
    Wer es mit einer Arbeit, einem Gewerbe oder Geschäfte zu tun hat, das
seiner Natur nach die beständige Anwendung des streng urteilenden Verstandes
erfordert und in dem sich das Abweichen von dem Gesetze und der Regel stets
augenblicklich und ersichtlich rächt, der gewöhnt sich, die Unterordnung unter
das Vernünftige und Zweckmässige, deren er sich zu befleissigen hat, auch bei
anderen Menschen vorauszusetzen. Er wird, wie gross sein Gemütsleben und sein
Schönheitssinn daneben auch sein mögen, vor allen Dingen ein praktischer Mensch,
und kann es sich nicht erklären, dass Andere sich mit launenhafter persönlicher
Willkür gegen das von der Vernunft und Notwendigkeit Gebotene auflehnen mögen.
So hatte denn Herbert das Schloss noch nicht erreicht, als es bei ihm feststand,
dass man die Kirche nicht in Rotenfeld, sondern auf der Höhe in Richten erbauen
müsse. Er erwog daher im Geiste nur die Aenderungen, welche sein Entwurf durch
die ihm unerlässlich dünkende Verlegung der Kirche zu erleiden haben würde, und
fuhr mit dem heiteren Bewusstsein, dem Baron zweckmässige und darum willkommene
Vorschläge machen zu können, in den Schlosshof ein.
    Der Diener, welcher ihm sein Zimmer anwies, bemerkte ihm, dass man um ein Uhr
speise, dass die Herrschaft ihn zur Tafel erwarte, und es blieb Herbert daher nur
eben die Zeit, sich für sein erstes Erscheinen in der Familie des Freiherrn
angemessen umzukleiden. Er war achtundzwanzig Jahre alt und ein schlanker
braunäugiger Mann, voll heiterer Sicherheit im Betragen. Er war im Wohlstande
aufgewachsen, hatte zu seiner künstlerischen Ausbildung Italien, England und
Frankreich bereist und war, da er ein hübsches Vermögen durch seinen Vater für
sich erworben wusste, durchaus darauf gestellt, seinen Platz in der Welt nach
seinem Sinne auszufüllen und zu behaupten.
    Verschiedene Bauten, die er trotz seiner Jugend in seiner Vaterstadt und in
deren Umgebung bereits ausgeführt, hatten ihm einen guten Namen gemacht, so dass
sein Vater ihn mit Fug und Recht dem Freiherrn hatte empfehlen können, als
dieser bei dem alten Freunde um einen Architekten für seinen Kapellenbau
nachgefragt. Man hatte sich dann schriftlich in Verbindung gesetzt, und Bauherr
und Architekt waren mit dem gegenseitigen Verhalten so wohl zufrieden gewesen,
dass Herbert sich der bevorstehenden persönlichen Bekanntschaft mit dem
Freiherrn, von dem er, seit er denken konnte, hatte sprechen und Gutes sagen
hören, lebhaft erfreute. Er war bereits selbstständig und Weltmann genug, um
sich von der Begegnung mit vornehmen Leuten keine besondere Vorstellung zu
machen, und doch noch in dem Alter, in welchem die Aussicht, mit einem
gebildeten Edelmanne täglich zu verkehren und für eine längere Zeit der
Hausgenosse der schönen Schlossherrin zu werden, ihn reizte und beschäftigte. So
ging er denn nicht ohne Achtsamsamkeit daran, sich für die bevorstehende
Zusammenkunft zu kleiden. Sein ungepudertes Haar wallte ihm frei um den Nacken,
das erbsenfarbene Beinkleid und die niedrigen Klappstiefel zeigten, wie gut er
gewachsen sei, der braune, weit vom Halse abfallende Frack liess mit seinen
langen schmalen Schössen den ganzen Vorderkörper frei, die Weste schlug in
breiten, spitzen Rabatten auf der Brust zurück, das weisse Halstuch, das grosse
Jabot, die dunkle Camee in demselben und die Uhrkette mit den vielen Berloques
würden von jedem Incroyable in Paris als tadellos befunden worden sein. Auch
gestand Herbert es sich mit unschuldiger Selbstgefälligkeit, dass er sich wohl
sehen lassen dürfe.
    Herzlich guten Mutes folgte er dem Diener, der ihn zur Tafel rufen kam, und
es gefiel ihm, dass er auf diese Weise nicht erst jenes Examen des
gesellschaftlichen Verkehrs zu bestehen haben sollte, welches vornehme Herren
mit Jedem anzustellen sich für verpflichtet halten, dessen Kräfte sie irgendwie
in ihrem Dienste verwenden, dessen Arbeit sie bezahlen.
 
                              Sechzehntes Capitel
Die breite Stiege hinauf geleitete der voranschreitende Diener den jungen
Baumeister über den weiten Flur und durch ein Vorgemach nach dem Zimmer der
Baronin, dann öffnete er ihm die Türe desselben, um ihn eintreten zu lassen.
    Der Baron stand auf, als er Herbert erblickte, ging ihm freundlich entgegen
und sagte, indem er ihm die Hand reichte: Willkommen, lieber junger Mann, und
doppelt willkommen, denn ich begrüsse in Ihnen den Sohn eines werten
Jugendgefährten und zugleich den Mitarbeiter an einem Werke, dessen Ausführung
mir und der Baronin eine Gewissenssache ist. Je eifriger Sie sich daran halten,
es seiner Vollendung entgegen zu führen, um so mehr werden die Baronin und ich
es Ihnen danken. - Er führte ihn damit Angelika zu, die ihn ebenfalls willkommen
hiess; aber ihren Worten und ihren Mienen fehlte der Ausdruck der Freundlichkeit,
die der Baron ihm bewiesen hatte, und wie ein erkältender Hauch fuhr ihm der
Gedanke durch den Sinn: dieser Frau missfalle ich!
    Wie dies geschehen könne, da er kaum noch ein Wort gesprochen und da er
gewohnt war, durch seine Erscheinung sonst ein günstiges Vorurteil für sich zu
erwecken, das begriff er allerdings nicht; indes er war sicher, sich in seiner
Voraussetzung nicht zu irren. Der beobachtende Blick, mit welchem Angelika ihn
betrachtete, dünkte ihm mit einem spottenden Zuge um ihre Lippen in Verbindung
zu stehen, und obschon er sich es nicht leugnen konnte, dass sie schön sei,
fühlte er sich dennoch von ihr eher abgestossen, als angezogen. Die heitere
Zuversicht, mit der er ihr genaht war, ging ihm dadurch verloren; er sagte sich,
dass man mit dieser Frau auf seiner Hut sein müsse, und er nahm sich vor, ihrem
adeligen Stolze sein unabhängiges bürgerliches Wesen und sein freies
Künstlerbewusstsein mit fester Entschiedenheit entgegenzusetzen.
    Der Baron fragte ihn nach seinem Vater, erinnerte daran, wie dieser, als er
aus Italien zurückgekehrt, hier im Schloss die Eltern und die Schwester des
Freiherrn gemalt und dieselben Zimmer bewohnt habe, welche man Herbert jetzt
angewiesen hatte. Er machte ihn dabei auf die erwähnten vortrefflichen Portraits
aufmerksam, welche an den Wänden hingen; und da der Sohn Gelegenheit fand, des
Vaters Arbeit von Herzen zu bewundern, würde er bei der Zuvorkommenheit, mit
welcher der Baron ihn behandelte, sich sehr behaglich gefühlt haben, hätte nur
die Baronin aufhören wollen, ihn zu betrachten, oder sich entschliessen mögen, an
dem Gespräche irgend einen Anteil zu nehmen.
    Es war ihm daher wirklich eine Erleichterung, als endlich ein leises Lächeln
über ihre Mienen flog und sie, gegen ihren Gatten gewendet, die Frage tat, ob
Monsieur Herbert geraden Weges von Paris komme.
    Der junge Mann, den es schon verdross, dass die Baronin diese Frage, die ihm
auffallen musste, da er alle seine Briefe an den Baron aus seiner Vaterstadt
geschrieben hatte, nicht an ihn selber richtete, übernahm eben deshalb die
Antwort selbst und sagte ihr, dass er schon über Jahr und Tag wieder in der
Heimat gewesen sei.
    So kleidet man sich also auch bei uns schon nach der neuen Sitte der
revolutionären Franzosen! bemerkte sie weiter, und der Ausdruck ihres Missfallens
trat nun deutlich und bestimmt hervor.
    Herbert musste ihn beachten, aber eben, weil er das tat, entgegnete er: Die
Mode, gnädige Frau Baronin, ist bei uns von den aus Frankreich entflohenen
Edelleuten eingeführt worden, welche in dieser bürgerlichen Tracht über die
Grenze zu uns gekommen sind. Und wenn sie es dann nachher auch für gut befunden
haben, den Haarbeutel und den seidenen Strumpf wieder anzulegen, so sind für uns
geringere Leute, für uns, die wir arbeiten müssen, das unfrisirte Haar und der
Stiefel weit angemessener, als der Zopf und die Escarpins, die uns sogar zu
Sclaven des Friseurs und der Witterung machen.
    Er hatte das absichtlich mit ziemlicher Schärfe gesprochen und erwartete
daher, eine Antwort zu erhalten, welche möglicher Weise jeden Zusammenhang
zwischen ihm und den Herrschaften für immer zerstören konnte. Indes die Baronin
hatte Rücksichtnehmen von Jugend auf gelernt und war stolz genug, bei den
Personen, welche sie nicht als Ihresgleichen ansah, nur dasjenige zu hören und
zu verstehen, was ihr genehm war. Sie war als echte Aristokratin bisweilen
nachsichtig aus Hochmut und, wo es ihr passte, trotz ihrer Jugend duldsam aus
Berechnung. Da sie nun obenein bemerkte, dass ihr Gatte mit dem Empfange, welchen
sie dem Architekten bereitete, unzufrieden war, und da sie selbst es bedauern
mochte, einen jungen Mann, auf dessen gute Dienste sie sich Rechnung gemacht
hatte, gegen sich aufgebracht zu haben, so lenkte sie nun plötzlich ein und
meinte: Sie haben Recht, mein Herr, und ich habe mich geirrt. Verzeihen Sie, dass
ich Ihren besonderen Fall nicht bedacht und Ihnen meine Ueberraschung über die
neue Mode, die ich zum ersten Male in der Wirklichkeit vor Augen sehe,
ausgesprochen habe. Ich leugne es nicht, ich hege gegen diese Kleidung eine
gewisse Abneigung, seit man uns neulich aus der Hauptstadt die Bilder der Männer
zur Ansicht geschickt hat, welche sich in Paris als Vaterlandsfreuude und als
Helden geberden, während sie doch Empörer und Rebellen sind. Zudem lebt eine
verehrte Freundin, eine Verwandte von uns, die Frau Herzogin von Duras, in
unserem Hause, welche genötigt gewesen ist, aus ihrem unglücklichen Vaterlande
zu entfliehen, und ich stellte mir vor, wie unangenehm der Anblick einer
Kleidung sie berühren müsse, die in ihren und auch in meinen Augen, zu einem
Symbol der - der Zustände geworden ist, vor denen Gott uns gnädig bewahren
wolle.
    Sie hatte die letzte Wendung offenbar beschönigend gewählt, denn der Ton
ihrer Stimme verriet, dass sie einen stärkeren und härteren Ausdruck
zurückhalte, und weit davon entfernt, eine versöhnliche Wirkung auf Herbert
hervorzubringen, erhöhte die Art von herablassender Schonung, die sie ihm
angedeihen liess, nur das Missfallen, das Angelika ihm einflösste. Er war fest
entschlossen, dieser Frau nicht nachzugeben, und er schickte sich eben zu einer,
wie es ihm schien, gebührenden Antwort an, als der Freiherr den unangenehmen
kleinen Vorfall damit zu beenden versuchte, dass er ihn in das Scherzhafte zog.
    Es wird also, sagte er lächelnd, unserem jungen Baumeister, wenn er sich
anders Deiner Zustimmung und der Gnade der Frau Herzogin erfreuen will, nichts
Anderes übrig bleiben, als ein habit habillé anzulegen, wenn er ein solches mit
sich führt, und sich die Dienste meines Kammerdieners gefallen zu lassen.
    Wenn die Gunst der Frau Baronin und der Frau Herzogin einzig durch einen
solchen Kleidungswechsel zu erlangen ist, so bin ich leider in der übeln Lage,
auf diese Gnade verzichten zu müssen, entgegnete der junge Mann gleichfalls im
Tone des Scherzes, obschon er sich zu einem solchen nicht aufgelegt fühlte. Mit
dem habit habillé, mit dem Puder und dem Zopfe habe ich ein für alle Mal
gebrochen.
    Die Baronin entschloss sich, diese Erklärung mit anscheinender Heiterkeit
hinzunehmen und dem jungen Manne zu wiederholen, dass er für sich und von seinem
Standpunkte aus sicherlich das Rechte tue. Aber er missfiel ihr mehr und mehr,
ja, er missfiel ihr ganz besonders deshalb, weil sie sich's eingestehen musste,
dass er ein schöner Mann und in dem Vollbesitze derjenigen Vorzüge sei, welche
sie sich gewöhnt hatte, als ein besonderes Erbteil des Adels zu betrachten.
Seine Haltung war vornehm, seine Redeweise besser, als die der meisten ihrer
Standesgenossen, welche das Deutsche nur fehlerhaft zu sprechen wussten, und sie
hatte im Grunde an ihm nichts auszusetzen, als dass er, der gekommen war, ihrem
Hause bezahlte Dienste zu leisten, sich ihr als einen Ebenbürtigen und Freien
gegenüber stellte. Und wie Herbert Anfangs sich gesagt hatte: dieser Frau
missfalle ich! so sagte er sich jetzt, dass ihm niemals eine Frau so sehr
missfallen habe, als Angelika.
    Es war gut für alle Teile, dass die Herzogin und ihr Bruder sich zu ihnen
fanden und der Diener die Meldung machte, dass die Mahlzeit aufgetragen sei. Der
Baron stellte Herbert seinen Gästen und dem Caplan vor, der sich inzwischen auch
zu ihnen gesellt hatte, und wenn die Herzogin und der Marquis auch nicht
sonderlich auf den jungen Baumeister achteten, so lag doch wenigstens nicht die
abweisende Kälte in ihrer Begrüssung, mit der Angelika ihn aufgenommen hatte.
    Beide, die Herzogin sowohl als der Marquis, waren es durch die Erfahrungen
der letzten Jahre gewohnt worden, ihre Haltung nach den Umständen einzurichten,
sich in der Fremde, in der sie lebten, mancherlei Annährungen und Ansprüche
gefallen zu lassen, und zeitweise, wenn es sein musste, auf eine
Ausschliesslichkeit zu verzichten, die sich in ihrer jetzigen Lage nicht wohl
behaupten liess. Dadurch machte sich die Unterhaltung leichter. Der Freiherr
hatte obenein die Absicht, zu vergüten, was seine Gattin dem jungen Manne zu
Leide getan; sie selbst fand sich genötigt, ihm bei Tische die hausfrauliche
Zuvorkommenheit zu beweisen, die ihr zur Gewohnheit geworden war, bis Herbert
allmählich der Zurückhaltung zu vergessen begann, welche er zu behaupten sich
vorgenommen hatte. Der Baron kam absichtlich in Gegenwart der Herzogin noch
einmal auf den Vater des Baumeisters zurück, welchen auch der Caplan in hohen
Ehren hielt; das schloss dem jungen Manne das Herz auf, und noch während man bei
Tafel war, fing man an, von der Angelegenheit zu sprechen, für welche man
Herbert hergerufen hatte.
    Darauf hatte er aber nur gewartet, denn wo ein Sachverständiger vor Laien
von seinem Fache sprechen kann, ist er der Meister und der Herr, ist er dem
Vornehmsten ebenbürtig, wenn nicht überlegen; und so erklärte der junge Mann
denn ganz unumwunden, dass Alles, was er im Vorüberfahren gesehen, ihn in seiner
bereits früher geäusserten Ueberzeugung bestärkt hätte, und dass man einen grossen
Fehler begehen würde, wenn man die Kirche auf dem Platze erbaute, auf welchem
man den Grundstein für die ursprünglich beabsichtigte Capelle eingeweiht habe.
Er entwickelte darauf mit einer Klarheit, die jeden Vorurteilslosen für ihn
einnehmen musste, alle die Uebelstände, mit denen ein Bau in Rotenfeld zu
kämpfen haben würde, und stellte dagegen die Vorzüge auf, welche die Verlegung
der Kirche nach der Höhe darbieten konnte. Er hielt den Herrschaften die grössere
Bequemlichkeit für sie selbst, er hielt ihnen auch die harmonische Wirkung vor,
welche die Kirche machen musste, wenn man sie auf dem Hügel jenseit des Parkes
aufführte, wo sie dann von der Westseite des Schlosses einen eben so schönen
Anblick gewähren konnte, als ihn auf der Ostseite die Burgruine darbot. Er
sprach von den bedeutend grösseren Ausgaben, welche ein so ungünstiger Boden, wie
der in Rotenfeld, erheischen würde, und weil er von der Richtigkeit seiner
Angaben zweifellos überzeugt war, meinte er in dem Schweigen der Anderen ein
Zeichen dafür zu finden, dass er sie ihres Irrtums überführt und des Besseren
belehrt habe.
    Aber Herbert verstand und kannte sein Fach doch noch besser, als er die
Menschen kannte, obschon er sich vielfach und von früh auf in den
verschiedensten Lagen zu bewegen gelernt hatte. Er wusste noch nicht, dass
diejenigen, welche von Kindheit auf das Befehlen gewohnt sind, es nicht lieben,
sich eines Irrtums überführen zu lassen, und er bedachte nicht, dass es einen
Jeden schmerzlich ist, einen Plan, auf dessen Verwirklichung er seinen Sinn
lange Zeit hindurch gerichtet hat, plötzlich und für immer aufgeben zu sollen.
Er sah, dass der Freiherr ihm Gehör schenkte, er merkte an den Fragen, welche
bald dieser, bald der Caplan während seiner Auseinandersetzungen an ihn
richteten, dass seine Gründe ihnen einleuchteten und sie bedenklich machten, und
er glaubte also auf dem besten Wege zu dem von ihm ins Auge gefassten Ziele zu
sein, als der Baron ihm nachdenklich einräumte, dass die Sache allerdings noch
einmal gründlich erwogen werden müsse und dass die frühzeitige Ankunft Herbert's
ihm also doppelt erwünscht sei.
    Da nahm Angelika, die bis dahin schweigend zugehört hatte, plötzlich das
Wort. Ich weiss nicht, Bester, sagte sie zu dem Baron gewendet, wie in diesem
Falle noch von Ueberlegung und Erwägung die Rede sein kann. Mich dünkt, davon
dürfe man nur sprechen, wo man noch eine freie Wahl hat und wo es sich um die
Befriedigung eines persönlichen Bedürfnisses handelt. Wo man aber ein Gelübde zu
erfüllen hat, ist ja eine Erwägung und Abänderung, wie mir scheint unmöglich!
    Der Ton, mit welchem sie diese Behauptung aussprach, war so scharf, dass er
Herbert auffiel, und sein früheres Misstrauen gegen sie schnell wieder wach rief.
Wie kommt diese junge Frau dazu, dem älteren Gatten in solcher Weise zu
entgegnen? fragte er sich unwillkürlich, und sein Erstaunen wuchs, als nicht der
Freiherr, sondern der Caplan die Antwort übernahm.
    Sie haben sicher Recht, Frau Baronin, sagte der Geistliche mit der
vermittelnden Weise, welche aus seiner innersten Natur hervorging, Sie haben
Recht, dass allzu ängstliche Erwägung überall die Tat verhindert und dass man am
wenigsten in den Fällen zaghaft sein sollte, wo man ein Grosses und Heiliges
vollbringen will. Mut und Begeisterung helfen über manche Schwierigkeit hinweg,
aber ....
    Mut und Begeisterung, fiel der Freiherr ihm in die Rede, als finde er es
jetzt, da der Caplan vorangegangen, leichter, seine Meinung auszusprechen, Mut
und Begeisterung sind etwas sehr Erhabenes, und es ist eine schöne Eigenschaft
der Frauen, dass sie derselben in so hohem Grade fähig sind. Indes oftmals - und
dieses Mal, beste Angelika, befindest Du Dich wohl in solchem Falle - haben die
Frauen es leichter als wir, ihren Mut und ihre Begeisterung zu behaupten, weil
die Unkenntnis der technischen und materiellen Hindernisse ihnen das
Mutigbleiben sehr erleichtert.
    Das mag wohl wahr sein, versetzte die Baronin anscheinend gelassen, aber von
einem Mute und einer Begeisterung, welche den Menschen über die Schranken
verständiger Erwägung fortreissen könnten, ist ja in unserm Falle, wie mich
dünkt, nicht die Rede. Wir haben, ich muss das wiederholen, ein Gelöbnis, eine
heilige Pflicht zu erfüllen; das ist eben so unabweislich, und unabweislicher,
als sein Wort einzulösen, wenn man es in einer Ehrensache einmal verpfändet hat.
    Gewiss, rief der Freiherr, auch handelt es sich nicht um den Bau, sondern nur
um den zweckmässigsten Platz für denselben.
    Und der Caplan, welcher eben so wie der Freiherr von Anfang an aus doppelten
Gründen gegen den Kirchenbau in Rotenfeld und ganz besonders gegen den Bau auf
der Stätte von Paulinen's Hause gewesen war, ergriff diese Gelegenheit, sich
lebhaft zu Gunsten der Bauverlegung auszusprechen. Da der Baron es aber weder
jetzt noch früher bekennen mochte, dass es ihm quälend dünke, künftig zum
Gottesdienst nach Rotenfeld zu fahren, welches er jetzt geflissentlich vermied,
und da der Caplan mit seinen oft wiederholten Ermahnungen, nicht eben dort die
Stätte weihen zu lassen, bei der Baronin nie Gehör gefunden hatte, so bewegte
die ganze Beratung sich in halben Andeutungen, welche den Architekten die wahre
Lage der Sache nicht erkennen und ihn sowohl als die Herzogin und den Marquis
doch vermuten liessen, man müsse hierbei irgend etwas im Sinne haben, was man
verbergen wolle. Das machte Herbert ungeduldig, und weil er ohnehin entschlossen
war, seine Stellung zu behaupten, so sagte er plötzlich: Es gibt nur Einen
Fall, in welchem der Platz in Rotenfeld nicht aufgegeben werden müsste!
    Und welcher wäre das? fragte die Baronin.
    Wenn sich eben dort dasjenige ereignet hätte, welches die Herrschaften zu
dem Gelöbnis des Kirchenbaues bestimmt hat! antwortete er.
    Des Freiherrn ganze Züge veränderten sich plötzlich, und die Baronin, deren
Gesicht von einer flammenden Röte überzogen wurde, sagte mit unverkennbarer
Selbstüberwindung: Sie haben das Richtige getroffen, mein Herr! und Sie werden
es also begreifen, dass hier von blossen Schönheits- und
Zweckmässigkeits-Rücksichten nicht die Rede sein darf. - Sie hielt danach inne,
als müsse sie sich erholen, als habe sie Alles geleistet, was in ihren Kräften
gestanden. Die ganze Tischgesellschaft verstummte. Der Freiherr schien in
unbegreiflicher Weise verletzt, auch dem Caplan konnte man es ansehen, dass die
gewissensstrenge Äusserung der jungen Herrin ihm wenigstens in diesem
Augenblicke nicht angemessen däuchte, und trotz ihrer Weltgewandteit wagte die
Herzogin selbst es nicht, die Unterhaltung mit einem gleichgültigen Worte wieder
in Gang zu bringen, weil eben die Gemütsbewegung der Eheleute gar zu
unverkennbar war. Es hatte sie schon oft bedünken wollen, als habe die grosse
Gewalt Angelika's über den Baron noch andere Gründe, als die Macht, welche ihre
Schönheit und ihre übrigen Vorzüge ihr über ihren Gatten natürlich sichern
mussten, und klug und herzenskundig begriff die Herzogin, dass sie eben jetzt vor
dem Punkte stehe, der ihr in dem Leben ihrer Gastfreunde bisher ein Rätsel
geblieben war.
    Während sie noch mit sich zu Rate ging, ob es klüger sei, ihnen in der
augenblicklichen Verlegenheit zu Hülfe zu kommen oder nicht, hatte die Baronin
ihren Entschluss bereits gefasst, und sich gegen ihren Gatten wendend, sagte sie,
indem sie ihm die Hand reichte und in völlig verändertem Tone zu ihm sprach:
Gewiss, Bester, Du wirst mich noch böse machen und es dahin bringen, dass man mich
für eigensinnig hält. Aber Du weisst es ja, wie meine ganze Seele an der
Erfüllung unseres Gelöbnisses hängt, und wie sehnlich ich danach verlange, mich
dereinst im Gebet in unserer Kirche vor dem Allmächtigen zu demütigen, der auch
mich zu finden gewusst hat. Ich werde nicht eher ruhig sein, bis dort die ewige
Lampe über dem Altare brennt und die Messen dort gelesen werden. Wie kannst Du
Deine Stirn denn verdüstern lassen durch den Hinweis auf eine Mehrausgabe, die
nicht unerschwinglich, und auf Schwierigkeiten und Mühen, die nicht unbesiegbar
sein können? Und auch Sie, Hochwürden, fügte sie hinzu, wie können Sie mich
grade in diesem Falle im Stiche lassen?
    Sie hob mit diesen freundlich gesprochenen Worten die Tafel auf. Der Baron,
sehr zufrieden, von dem Gespräche loszukommen, begab sich mit dem Marquis in das
Billardzimmer und lud Herbert ein, ihnen dahin zu folgen. Indes diesem war die
Lust an der freiherrlichen Gesellschaft vergangen. Er sprach davon, das schöne
Wetter benutzen zu wollen, und der Baron schlug ihm darauf vor, einen Ritt durch
die Gegend zu machen, was Herbert dankbar annahm.
 
                              Siebzehntes Capitel
Mehrere Tage waren in Verhandlungen und Beratungen vergangen, ohne dass man zu
einem Abschlusse gelangt wäre. Da sassen an einem Nachmittage, als man sich eben
auch wieder von der Tafel erhoben hatte und die Herren ihr Billard spielten, die
Damen allein in dem Wohnzimmer der Gräfin. Sie hatten dem Fenster gegenüber
Platz genommen und eine Weile über das zeitige Beginnen des Frühlings
gesprochen, welches dem kleinen Renatus, den seine Wärterin unten auf der
Terrasse im warmen Sonnenscheine umhertrug, so wohl zu Statten komme. Indes die
Unterhaltung wollte nicht gedeihen. Es währte nicht lange, so sass Angelika
schweigend an dem Stickrahmen, auf welchem sie eine Altardecke für die Kirche
arbeitete. Die Herzogin parfilirte ein Stück golddurchwirkten Seidenzeuges und
legte die ausgezogenen Fäden so vorsichtig und gleichmässig neben einander, als
gälte es wirklich eine Arbeit und nicht einen müssigen Zeitvertreib. dabei sah
sie unter ihren dunklen Wimpern von Zeit zu Zeit nach Angelika hinüber, als
erwarte sie, dass diese zu sprechen beginnen werde. Endlich, da sie bemerkte, dass
die junge Frau leise seufzend den Kopf emporhob, sagte sie mit heiterem Tone:
Was haben Sie, Beste? Sie seufzen! Und unseres Volkes Sprüchwort sagt: »Ein
Herz, das seufzt, hat nicht, was es wünscht!« Mich dünkt, das Seufzen sollten
Sie uns alten Frauen überlassen!
    Es war das erste Mal, dass die Herzogin sich im Gespräche als eine alte Frau
bezeichnete, und sie hatte in der Tat nicht Grund dazu. Angelika würde ihr dies
in jedem anderen Augenblicke auch gesagt haben, sie war aber so verstimmt, dass
sie sich unfähig fühlte, auf den Ton des Scherzes einzugehen, den die Herzogin
angeschlagen hatte.
    Ach, sagte sie, ich wollte, ich wäre älter, als ich bin!
    Das ist ein Wunsch, den wenig junge Frauen mit Ihnen teilen werden, meinte
die Herzogin lächelnd, und es müssen besondere Verhältnisse obwalten, wenn ein
solcher Wunsch nicht Sünde sein soll, die - sie hielt inne und nahm ihren
Goldbrocat wieder in die Hand.
    Ihr plötzliches Abbrechen und Verstummen tat seine beabsichtigte Wirkung.
Sie hatte stets gefühlt, dass Angelika, die an den Umgang mit ihrer Mutter
gewohnt gewesen war und diesen jetzt entbehren musste, sich nicht selbst zu
genügen vermochte; indes sie wollte sich ihr nicht zur Vertrauten anbieten, denn
sie wusste, dass man nur das schätzt, was man sich selbst erworben hat, oder doch
erworben zu haben meint.
    Während die Herzogin sich also wieder an das Parfiliren machte, liess die
Baronin ihre Nadel ruhen, und mit ihren ernsten Augen die Herzogin anblickend,
fragte sie: Sie brachen so plötzlich in Ihrer Rede ab, meine teure Herzogin,
wesshalb vollendeten Sie nicht?
    Weil ich mir das Recht nicht zuerkenne, Ihnen einen Vorwurf zu machen, liebe
Angelika! - und auch Angelika hatte die Herzogin sie nie zuvor genannt.
    O, ich versichere Sie, es kann mir Niemand härtere Vorwürfe machen, als ich
selbst! Aber ich habe so wenig Menschenkenntnis!
    Worauf beziehen Sie das? fragte Jene verwundert, denn sie war auf nichts
weniger als auf diese Wendung gefasst gewesen.
    Ich hätte es mir denken können, sagte die Baronin, dass von einem Manne, der
selbst kein eigentlich religiöses Empfinden hat, der, wie dieser junge
Architekt, nicht einmal unserer Kirche angehört, für unsere Zwecke nicht das
richtige Verständnis zu erwarten sei, und ich hätte es von dem Baron verlangen
müssen, dass er einen anderen Baumeister, einen Katoliken für unsern Bau
gewählt. Ich kann nicht sagen, wie dieser junge Mann mir missfällt. Sein
selbstbestimmtes, herausforderndes Wesen, sein Beharren auf seiner Meinung, sein
ganzer Ton, ja, selbst seine Kleidung und sein Blick beleidigen mich, so dass ich
im Stande wäre, aus blossem Widerwillen gegen seine Anmassung auf meinem Vorsatze
zu beharren, selbst wenn unser Gelübde uns in dieser Beziehung nicht zur
Beharrlichkeit verpflichtete.
    Sie hatte das sehr lebhaft ausgesprochen; die Herzogin wusste nicht recht,
was sie von Angelika's Worten denken sollte, und weil sie noch nicht
entschlossen war, ob sie dies der Baronin sagen sollte oder nicht, schüttelte
sie nur leise ihr Haupt.
    Angelika fragte, was der Herzogin auffallend oder bedenklich an ihrer
Äusserung erschienen sei.
    Auffallend ist mir nichts in Ihren Worten erschienen, bedenklich Manches,
entgegnete die Herzogin mit feinem Lächeln, und ihr anmutig mit dem Finger
drohend, sagte sie scherzend: Seien Sie auf Ihrer Hut, liebe Freundin!
    Auf meiner Hut? Und wesshalb? Wogegen?
    Gegen Ihr allzu zorniges Herz! bedeutete die Französin, noch immer im Tone
des Scherzes, obschon eine plötzlich auftauchende Idee sie zu beschäftigen und
ihre Phantasie zu erregen begann.
    Gegen mein Herz? Was hat denn das Alles mit meinem Herzen zu schaffen?
fragte Angelika, die sich in ihrer Strenge durch den leichten Ton und den Blick
der Herzogin verletzt fühlte.
    Aber die Herzogin legte ihre Hand freundlich auf Angelika's Arm, und mit
plötzlichem Entschlusse zu einem gewissen Ernste übergehend, sprach sie: Ich
habe Sie heute nicht umsonst daran erinnert, dass ich im Vergleich zu Ihnen eine
alte Frau bin, meine teure Angelika, und dass ich also das traurige Vorrecht
mannigfacher Erfahrung vor Ihnen voraus besitze. Ich habe viel geirrt, viel
gefehlt, viel geliebt und viel gelitten! Ich habe viel verloren und nur Eines
gewonnen - ich habe sehen gelernt, wo ich mit dem Herzen sehe!
    Sie bog sich bei den Worten zu der Baronin hinüber, und sie zärtlich
anblickend, sagte sie: Wenn der gute Wille, zu vermitteln, auszugleichen und zu
raten, Ihnen und meinem teuren Vetter, denen ich so tausendfach verpflichtet
bin, für Dank gelten kann, so bin ich dankbar! Sie haben Recht, teure Angelika!
Sie sind sehr jung und - ich fühle das - Sie haben nie geliebt, Sie sind nicht
glücklich, armes Kind! Darum seien Sie auf Ihrer Hut! Ein so heftiger Zorn, wie
Sie ihn gegen den Architekten fühlen, ist oft die Knospe, in welcher ganz andere
Empfindungen sich verbergen. Denken Sie daran!
    Sie küsste die Baronin auf die Stirn und verliess das Zimmer.
    Angelika aber blieb zurück, ohne recht zu wissen, was ihr geschehen war.
Alle ihre Vorstellungen, alle ihre Gedanken waren unklar und drängten sich wirr
durch einander. Sie fragte sich, was sie denn gesagt habe, um die Herzogin zu
solchen Äusserungen zu ermächtigen. Sie besann sich, ob sie jemals etwas über
ihre Erlebnisse ausgesprochen oder von wem die Herzogin etwas über jene Vorgänge
erfahren haben könne, welche ihren Uebertritt zur katolischen Kirche veranlasst
hatten. Indes sie fand keinen Anhalt zu einem Vorwurfe gegen sich, keinen Anhalt
für den Rat und die Ermahnung, welche ihr geworden war. Daneben klangen ihr
immer wieder die Worte in den Ohren: »Sie sind nicht glücklich, Sie haben nie
geliebt!« und ein plötzlicher, bitterer Schmerz in ihrer Seele gab diesen Worten
Recht.
    Ja, sie hatte im Grunde nie geliebt. Das Wohlgefallen, die Bewunderung, die
dankbare Zärtlichkeit und die erwachende Sinnlichkeit, welche sie ihrem Gatten
gegenüber gefühlt und die sie in ihrer Unschuld damals für Liebe gehalten hatte,
das Alles hatte den Namen der Liebe nicht verdient. Jetzt wusste sie es lange
schon, dass sie wohl einer anderen Liebe fähig gewesen wäre. Aber der Gedanke,
dass in ihrem Herzen, in der Brust der verheirateten Frau noch einmal jene
grosse, starke Liebe, wie sie die Dichter schilderten und deren Darstellung sie
immer bis zu Tränen rührte und entzückte, erwachen, für einen Andern erwachen
könne - dieser Gedanke hatte ihr völlig fern gelegen, und sie erschrak vor der
Vorstellung, welche die Herzogin in ihr heraufbeschwor.
    Sie tröstete sich damit, dass es ein Scherz der Herzogin gewesen und dass sie
eine Törin sei, demselben irgend eine Bedeutung einzuräumen. Sie wollte darüber
lachen, sich darüber erzürnen, sie wollte sich verspotten, und musste sich doch
immer wieder fragen, wie die Herzogin denn auf den Einfall geraten sei, ihr
eben Herbert gegenüber eine solche Warnung zu erteilen. Sie fühlte sich
aufgeregt und wusste sich ihr Empfinden nicht zu deuten. Eine schmerzliche
Sehnsucht wachte in ihr auf und unwillkürlich drängten sich ihr die Worte auf
die Lippen: Wenn ich meine Jugend wieder hätte!
    Da fiel ihr Auge auf das Bild Amanda's und auf Amanden's Ring, den sie am
Finger trug, und sie richtete sich empor. War es denn nicht Gottes Fügung
gewesen, die sie zu dem Baron geführt hatte? War es nicht Gottes Fügung gewesen,
die sie und ihn der heiligen Mutter Kirche wiedergegeben? Wie durfte sie sich
unglücklich fühlen, während sie das Werkzeug einer höheren Macht gewesen war,
deren Einwirkung sie ja unablässig anerkannt und empfunden hatte! Und war es
vielleicht der Wille dieser höchsten Fügung, dass eben jetzt in jenem jungen
Manne, in Herbert eine Versuchung an sie herantrat? Wollte der Himmel sie
prüfen, sie kämpfen, sie unterliegen oder siegen lassen?
    Wie sehr sie sich dagegen sträubte, immerfort sah sie ihn vor sich, hoch
aufgerichtet, stolz und schön und trotzig. Und was hatte er denn im Grunde
genommen verbrochen? Er hatte eine Meinung geäussert, die abzugeben er als
Fachmann verpflichtet war. Man bezahlte ihm sein bestes Wissen, er musste es also
für diejenigen nutzen, denen zu dienen er sich anheischig gemacht hatte. Sie
aber hatte ihm gleich Anfangs mit Herbigkeit widersprochen, ihn beleidigend
behandelt, nur weil ihr seine Tracht unangenehme Vorstellungen erweckt, oder
weil sie gefürchtet hatte, in ihren Gästen durch dieselbe unangenehme
Erinnerungen erzeugt zu sehen. Sie fing an, sich vor sich selbst zu schämen. Sie
gestand sich's ein, dass sie dem Architekten ein Unrecht zu vergüten habe. Aber
mitten in der Ueberlegung, wie sie das anstellen solle, mitten in der Frage, was
sie tun und ihm sagen und wie er das aufnehmen und dabei aussehen würde,
erfasste sie der Gedanke: Woher kommt es, dass du dich so viel mit ihm
beschäftigst? Ist das nicht schon jenes Gefühl, das jetzt Sünde für dich ist?
Beginnt die Prüfung, welche der Himmel dir auferlegt hat, schon jetzt? - Und sie
schlug an ihre Brust und gelobte sich, fest und stark zu bleiben und es der
Herzogin nie zu vergessen, dass dieselbe sie wie eine Mutter treu gewarnt. Jetzt
wusste sie es, jetzt wusste sie es zuversichtlich, dass die Sterne ihr nicht
gelogen, als sie ihr in der Herzogin eine Freundin verheissen hatten!
                              Achtzehntes Capitel
In den Augenblicken, in welchen Angelika sich also mit ihrem Gewissen beriet
und zweifelnd und bange auf ihr ganzes Dasein blickte, fühlte sich die Frau,
welche die Baronin geneigt war als ihre mütterliche Freundin zu verehren, so
heiter, wie sie es in Richten noch nicht gewesen war. Denn ein Zufall hatte ihr
ganz plötzlich dargeboten, was sie bisher vergebens gesucht hatte: eine Handhabe
zur Herrschaft über ihre jetzige Umgebung, eine Beschäftigung für ihre leere
Zeit.
    Das kühle und doch einschmeichelnde Wesen der Herzogin war zum Herrschen
geschaffen, und sie hatte wie jeder Mensch das Bedürfnis, die Fähigkeiten zu
brauchen, welche sie besass. Während ihres Wanderlebens hatte der Wechsel ihrer
Verhältnisse sie zerstreut, die Sorge sie gelegentlich gefangen genommen. Nun
hatte das aufgehört, die Tage in dem Schloss erschienen ihr sehr lang, und sie
musste sich doch sagen, dass es für sie geraten sei, sich in demselben möglichst
festzusetzen. Indes sie hatte bisher keinen Boden für die Ausführung dieser
Absicht entdecken können, so auffallend Vieles ihr in der Ehe ihrer Gastfreunde
auch erschien. Sie sah den Freiherrn, den sie als einen Lebemann gekannt, völlig
unter der Herrschaft einer jungen Frau, die sich kaum die Mühe gab, ihm zu
gefallen oder ihre Vorzüge geltend zu machen. Sie hörte Angelika häufig von
ihrem und ihres Gatten Gelöbnisse reden, und neulich, als sich bei der Tafel das
Gespräch zufällig darauf gerichtet, hatte der Baron, der in seinem früheren
Leben sich in mancher Verlegenheit befunden und ihr ruhig Stand gehalten, seine
Fassung ganz und gar verloren. Nicht er, nein, Angelika hatte es übernommen, die
unangenehme Scene zu beenden. Die junge Baronin fühlte sich also offenbar den
Ereignissen, dem Geschehenen gegenüber freier als ihr Gatte, und unwiderleglich
hatte sich an jenem Mittag in der Herzogin die Gewissheit festgesetzt, wie irgend
ein Unrecht gegen das, was Angelika die Heiligkeit der Ehe nannte, den Anlass zu
dem Gelöbnis und der Baronin die Herrschaft über ihren Mann gegeben hatte.
    Die Herzogin hatte sich des Lachens kaum erwehren können, als dieser Gedanke
sich ihr aufgedrängt. Der Baron erschien ihr gegenüber der religiös-pedantischen
Sittenstrenge seiner jungen Gemahlin beklagenswert und komisch zugleich. Wie
viele Kirchen hätte er gründen müssen, dachte sie, wenn er jede Gunst, deren er
genossen, mit einem ähnlichen Gelöbnisse hätte bezahlen sollen. Wäre er noch der
Alte gewesen, hätte in seinem Hause der Ton geherrscht, nach welchem er und die
Herzogin in Frankreich einst mit einander verkehrt, so würde sie nicht
angestanden haben, ihm augenblicklich dieses scherzende Wort zu sagen. Aber sie
befanden sich in Deutschland, Angelika war, wie die Herzogin es nannte, eine
fromme deutsche Schwärmerin, und die Fremde hatte die Sitten und den Brauch des
Hauses schon aus Rücksichten der Klugheit so lange zu schonen - bis es ihr
gelang, sie allmählich nach ihrem Bedürfnisse und nach ihrem Geschmacke
umzuwandeln, wozu sie sehr entschlossen war. Noch ehe man sich an jenem Tage von
der Tafel erhob, hatte sie beschlossen, dem Baron zu Hülfe zu kommen und ihren
alten Freund, den liebenswürdigen frohen Genossen mancher schönen Tage und
Stunden, aus der Knechtschaft seines Ehejoches zu befreien.
    Sie war noch immer mit sich zu Rate gegangen, wie dies zu machen sei, bis
in dem stillen Beisammensein mit der Baronin die widerwilligen Äusserungen,
welche diese über den Baumeister aussprach, die Herzogin auf den Einfall
brachten, gleich jetzt einmal die junge Frau an einen Scherz zu gewöhnen; denn
nur als einen solchen hatte sie ihre Warnung vor Herbert ausgesprochen. Erst die
Bestürzung und das Erschrecken Angelika's erinnerten die achtsame Französin
daran, wie viel damit getan sei, wenn man einen Menschen in seinem Glauben an
sich selbst erschüttert, wie schnell man in der Regel an das Ziel gelangt, wenn
man die Personen, auf die man wirken will, selbst zu Werkzeugen und zu
unbewussten Gehülfen für dasjenige macht, was mit ihnen und an ihnen getan
werden soll.
    Noch während sie Angelika umarmte und küsste, hatte sie, über dieselbe in das
Freie hinausschauend, bemerkt, dass der Baron den Billardsaal bereits verlassen
und sich auf die Terrasse hinaus begeben hatte. In der Nähe der Baronin war für
den Augenblick nichts mehr zu tun. Die Herzogin drängte es also, den Freiherrn
zu sehen und zu erfahren, in wie weit bei ihm ihre Voraussetzungen berechtigt
sein möchten.
    Leichten Schrittes eilte sie durch die Gemächer, durch den langen Corridor,
stieg dann die Treppe, welche aus dem Seitenflügel auf die Terrasse führte,
hinunter, als käme sie graden Weges aus ihren Zimmern, und trat an den Baron mit
der Frage heran, wo ihr Bruder sei.
    Der Baron, welcher seinen Knaben auf dem Arme hatte, gab ihr Bescheid und
wollte das Kind der Wärterin reichen, aber die Herzogin hinderte ihn daran.
Nicht doch, nicht doch, rief sie ihm zu, Sie sehen prächtig mit dem Kinde aus,
lieber Freund! Der schöne kleine René kleidet Sie vortrefflich! - Sie kam mit
diesen Worten, leicht auf ihren kleinen Absatzschuhen einherschreitend, an den
Freiherrn heran, nahm ihm den Kleinen ab, drückte ihn an das Herz und meinte: Es
ist sonderbar, ich liebe die Kinder, ich liebe sie sehr, und doch habe ich es
nie bedauert, kinderlos zu sein!
    Ein Beispiel Ihres widerspruchsvollen Geistes! meinte der Baron.
    Durchaus nicht, mein Lieber! Es ist nur ein Beweis dafür, dass ich mich und
mein Herz wohl kannte. Ich war nicht edel, nicht tugendhaft genug, um glücklich
zu werden durch eine Selbstverleugnung ohne Ende, um mein Leben lang immer eine
gute Mutter zu sein!
    Und doch erzogen Sie nach dem frühen Tode Ihrer Mutter den Marquis! wandte
der Freiherr ein.
    O, das war etwas Anderes, das war nur ein Bruder; das verpflichtete zu
nichts, den konnte man aufgeben wie jeden Anderen, wenn man seiner überdrüssig
war! Aber ein Kind, das bleibt, das ist unser eigen, das hat unabweisliche
Forderungen an uns und ist eine bindende Fessel; gewiss eine süsse, aber auch eine
schwere Fessel - gerade wie die Ehe! rief sie und fügte lachend hinzu: Ihnen
darf man das freilich nicht mehr sagen, denn Sie sind auch tugendhaft und
ernstaft geworden, sehr tugendhaft, sehr ernstaft, und ich allein bin die Alte
geblieben, das alte Kind einer jüngeren und fröhlicheren Zeit! - Sie wiegte
dabei den Knaben tändelnd in ihren Armen und reichte ihn danach der Wärterin.
Geh', geh', du reizendes, kleines Memento mori, sagte sie, und erinnere uns
nicht mit deinen hellen Augen daran, dass du den Frühling noch schauen wirst,
wenn uns längst sein grüner Teppich deckt!
    Dann nahm sie den Arm des Barons, der sie mit Ueberraschung betrachtete, und
fing an, langsam mit ihm auf der Terrasse umher zu wandeln, während sie das
schwarze Spitzencapuchon ihres Entredeux über die Frisur zog, dass die Kanten auf
ihr leichtgepudertes Gelock herniederfielen. Sie rühmte die anmutige Lage des
Schlosses, die gute Luft dieser Gegend und pries ihr Wohlbefinden in derselben.
Sie sprach von ihrer Heimat, von ihren gemeinsamen Erinnerungen und Bekannten,
und schien es lange gar nicht zu bemerken, dass sie allein die Unterhaltung
führte. Auch der Baron beachtete es nicht; er hatte seine eigenen Gedanken.
    Wie er so neben ihr einherging in aller seiner Stattlichkeit, die kleine,
feine Gestalt am Arme führend, war es ihm, als komme mit der Berührung dieses
Armes, der sich so weich und leicht dem seinen anschmiegte, ihm eine
langvergangene Zeit zurück, eine Zeit, in der er voll Feuer, voll Hoffnung, voll
jugendlicher Wünsche und zugleich mit einer Freiheit in das Leben getreten war,
die ihm - wie er sich dagegen auch sträubte - jetzt noch reizend und
begehrenswert erschien. Er sehnte sich nach den Empfindungen der
Leichtlebigkeit, die er in der letzten Zeit in sich zu bekämpfen gestrebt, und
er konnte nicht anders, er musste in seinem Innern der Herzogin darin Recht
geben: die Ehe, wie notwendig ihre strenge Beschränkung auch sein mochte, war
eine Fessel, die wohl drücken konnte.
    Was denken Sie? fragte die Herzogin ihn endlich.
    Der Baron nahm sich zusammen. Ich freue mich daran, wie wenig Gewalt die
Zeit über Sie und Ihren Geist gehabt hat! gab er ihr zur Antwort. Sie sind noch
heute ganz dieselbe, die Sie in Vaudricour gewesen sind!
    Und Sie, Cousin?
    Können Sie mich das fragen? erwiderte er, und die Herzogin hütete sich, ihm
schnell eine Entgegnung darauf zu machen. Sie schritt jetzt nur, als sei sie des
Auf- und Niedergehens müde, die breite Treppe der Terrasse hinunter und wendete
sich dann einer der Alleen zu, welche vom Schloss aus den ganzen Park in langen
Linien durchschnitten.
    Die Bäume waren noch blätterlos, aber die Knospen hatten sich bereits stark
gefärbt und begannen zu platzen und sich zu entfalten, dass es wie ein farbiger
Duft hier bräunlich rot, dort gelblich, und daneben auf den anderen Gipfeln wie
ein leichter, grüner Schleier anzusehen war. Die Sonne schien warm, nur hie und
da wehte ein leichter, kühler Hauch durch die Luft, und wohin das Auge sich
wendete, verkündete der helle frische Rasen das neue Werden der Natur.
    Die Herzogin ging wie in stillem Geniessen versenkt langsam fort und fort.
Erst als sie sich eine Strecke vom Schloss entfernt hatten, hob sie den Kopf zu
ihrem Begleiter empor, sah ihm mit ihren sanften Augen, aus welchen der Frohsinn
ganz entschwunden schien, prüfend in das Antlitz und sagte: Sie haben Recht,
mein Freund; und einem Manne, der so viel Philosophie besitzt, wie Sie, kann man
das wohl aussprechen, ohne ihn damit zu verletzen: Sie sind allerdings älter
geworden, als Ihre Jahre, welche auch die meinen sind, es nötig machen. Ich
komme mir jünger vor, als Sie, aber mich dünkt, Sie tragen daran selbst die
Schuld!
    Von einem Anderen die Bestätigung eines Gedankens zu erhalten, der uns nicht
angenehm ist und den man sich wegleugnen möchte, ist immer eine sehr peinliche
Sache. Aber der Freiherr wollte sich nicht weniger philosophisch zeigen, als die
Herzogin ihn nannte, und er fragte sie deshalb mit anscheinendem Gleichmute, in
wie fern er nach ihrer Ansicht die Schuld an seiner Wandlung tragen könne.
    Ich weiss nicht, meinte die Herzogin, ob ich mich irre. Es ist indes mit uns
Menschen wie mit den Pflanzen. Jedwede fordert ihr eigenes Erdreich, ihre eigene
ihr angemessene Wärme und Behandlung, und auch wir sind nicht überall hin zu
versetzen, nicht für jede Umgebung gemacht. Ich meine, Sie hätten sich nicht aus
der grossen Welt zurückziehen sollen.
    Der Baron zuckte die Achseln. Ich war ihrer müde geworden, meinte er, und
die Baronin ....
    Die Baronin ist ein Engel, fiel die Herzogin ihm in die Rede, ein Engel an
Güte und an Tugend! Sie besitzt in der Tat alle die Vorzüge, welche ein Mann
wie Sie von einer Frau nur fordern kann, aber - denn eine alte Freundin darf ja
wohl aufrichtig zu Ihnen sprechen? ....
    Aber, rief der Freiherr in einem Tone, der nicht eben ermutigend klang, den
jedoch die Herzogin nicht zu beachten für gut fand.
    Aber, sagte sie, mich dünkt, für Sie, eben für Sie, Cousin, war sie
vielleicht nicht die glücklichste Wahl. Sie sind lebhaft, lebenslustig,
beweglich, ein wenig eitel und ziemlich egoistisch. Solche Männer sind in der
Regel nicht darauf gestellt, immerfort das Gleiche zu empfinden. Solche Männer
wollen auch bewundert werden, wollen etwas zu erringen haben, und an dem
Vollendeten bleibt ihm nichts zu erringen, nichts zu tun übrig, als fortdauernd
zu bewundern und zu verehren. Die Baronin ist vielleicht zu gut für Sie!
    Sie sprach das in einer Weise, die es ihm anheimstellte, ob er ihre Worte
ernstaft oder scherzhaft nehmen wollte. Auch zögerte der Baron, ihr zu
antworten, und erst nach einer kleinen Pause erwiederte er: In gewissem Sinne
könnten Sie Recht haben. Die Verehrung ist nicht immer ein Beförderer der Liebe,
und Nachsicht finden, Nachsicht gewähren, Verzeihen und Verzeihung erhalten,
kann sehr süss sein, kann die Herzen sehr nahe zusammenführen, sie sehr dauernd
verbinden!
    Er hatte das mit einer gewissen inneren Bewegung gesagt. Die Herzogin wusste
jetzt, woran sie war; aber sie wollte auch hier nicht absichtlich, nicht
zudringlich erscheinen, und sie beherzigte bei sich, dass man um zu herrschen
nicht eilig sein, dass man verstehen müsse, zu warten, um sicher vorwärts zu
kommen. Mit jenem spielenden Lächeln, das selten von ihren Lippen wich und das
ihren feinen Zügen so wohl anstand, ging sie völlig wieder zum Scherze über.
Nun, rief sie, in diesem Falle, mein Cousin, sind Sie durch reichliche Erfahrung
competent! Zum Verzeihen haben Sie uns immerdar Anlass gegeben und - ich rühme
Ihnen das nach - Sie waren liebenswürdig, wenn man Ihnen Nachsicht zeigte!
    Und bedurften Sie der Nachsicht weniger als ich, teure Herzogin? fragte der
Baron, dem mit diesem Lächeln und diesem Tone seiner Begleiterin eine
Vergangenheit wach wurde, deren zu gedenken er bisher der Herzogin gegenüber
nicht gewagt hatte. Die Treue ....
    Treue! Wer spricht davon? Ich habe das Wort nie leiden mögen.
    Weil Sie sich nie entschlossen, es zu einer Wahrheit zu machen!
    Als ob es Ihnen Vorteil gebracht hätte, wäre ich treu gewesen wie die
Heldinnen der Fabliaux! Treu sein, heisst beschränkt sein, Nichts weiter! In
Einem Menschen sein ganzes Leben lang die ganze Welt sehen, das heisst ja sich
Augen und Ohren verbinden und Herz und Geist ertödten! Treue ist ein halber
Selbstmord. Warum denn von Treue sprechen in einer Welt, in welcher Alles
wechselt ....
    Und Alles eigentlich so schön ist! unterbrach sie der Baron, der sich mehr
und mehr erheiterte. Der Frühling hat seine Blüten, der Sommer seine Blumen und
seine heisse Glut ....
    Und der Herbst? fragte sie, indem sie ihm mit einem langen Blicke, dessen
Wirkung sie früher oft genug erprobt, in die Augen schaute, und der Herbst?
    O, rief der Freiherr, der Herbst hat seine klare, heitere Wärme, der Herbst
hat oft das Licht des Frühjahres und den Duft des Sommers, und darüber hinaus
die süsse, erquickende Traube des Weines, dessen Feuer beständig ist und dessen
Wert sich steigert mit der Zeit.
    Er hatte den Arm der Herzogin fester an sich gezogen, und - war es der
magische Glanz des hellen Sonnenlichtes, das seinen glühenden Schein über das
Gesicht der Herzogin ergoss, oder war es der Reflex des dunkelroten, kleinen
Fächers, mit dem sie ihre Augen überschattete - sie kam dem Baron noch jung vor
und er fand sie noch reizend. Freilich sah er die Fältchen in ihren
Augenwinkeln, aber sie erhöhten nur die Freundlichkeit ihres Blickes. Er sah
auch die feinen Furchen auf ihrer Stirn und die tieferen Züge, welche die
Leidenschaft und die Jahre um ihren Mund gezogen hatten, aber er sah sie nur mit
dem Bedauern, dass auch diese einst so anmutvolle Bildung der Vergänglichkeit
zum Raube fallen müsse, und obschon weit davon entfernt, jetzt noch ein Gefühl
der Liebe für die Herzogin zu fühlen, wie er es einst vorübergehend auch für sie
gehegt, hatte er sie doch nie höher gehalten, als eben in dieser Stunde.
    Sie war ihm wert, unschätzbar wert! Er sprach ihr das aus. Er gestand ihr,
dass er in diesem Augenblicke, in welchem er finde, was er so lange entbehrt,
erst inne werde, wie schwer er einen Menschen, eine Freundin vermisst habe, die
seine Erinnerungen mit ihm teile, die durch Menschenkenntnis, durch
Welterfahrung ihm nahe stehe, die in sich selbst die Schwäche des Herzens und
der menschlichen Natur erfahren habe, die ihm helfen könne, den zu ernsten Sinn
Angelika's zu erheitern, ihr Lust an den Freuden ihres Alters zu geben. Und, so
schloss er, ich bin glücklich, teure Herzogin, dass ich in Ihnen, meine Freundin,
jene Jugend des Geistes und des Herzens wiedergefunden habe, die auch mir noch
nicht entschwunden ist, und die in meiner Angelika zu beleben mir sicherlich
gelingen wird, wenn Sie, teure Margarete, mir die Hand dazu bieten!
    Er hielt ihr die Hand hin, sie reichte ihm die kleine zierliche Rechte,
deren reichberingte Finger blendend aus dem schwarzen Halbhandschuh von Filet
hervorsahn, und er führte sie an seine Lippen. Sie gefielen einander gar wohl
in dieser Lage, denn sie betrachteten einander mit den Augen früherer Tage, und
in den neuen Freundschaftsbund schlossen sie stillschweigend die einstige kurze
Liebe mit ein.
    Wie segne ich die Stunde, sagte der Baron, in welcher Sie sich entschlossen,
uns hier aufzusuchen!
    Machen Sie mir den Aufentalt durch Ihre Freundschaft nicht zu wert, das
Exil wird mir zu schwer und zu hart danach erscheinen!
    O, rief der Freiherr, das muss feststehen zwischen uns, Cousine, dass Sie uns
nicht verlassen, bis wir selbst Sie nach Vaudricour zurückgeleiten können! Ihr
Wort darauf!
    Was hilft Ihnen das Versprechen einer Treulosen, die obenein wetterwendisch
ist wie alle alten Frauen? meinte sie mit guter Laune, während sie umlenkte, um
den Rückweg nach dem Schloss anzutreten.
    Nun denn, so appellire ich an die Vergangenheit, um mir die Zukunft zu
sichern, meinte der Baron. Wir haben es uns einst versprochen, Freunde zu
bleiben und einander nicht zu fehlen, wo wir einander nützen können. Denken Sie
noch daran, Margarete?
    Ich denke daran, erwiederte sie anscheinend gerührt, denn ich erinnerte mich
dieses Versprechens in der Stunde der Sorge, und ich kam zu Ihnen.
    Wohlan denn, Herzogin, an der Seite meiner jungen Frau fehlte mir immer
meine alte Freundin Margarete. Ich verlange von ihr, dass sie nicht von mir
geht, ehe ich sie entbehren kann! Wird sie mir das versagen?
    Nein, o nein, gewiss nicht, mein alter teurer Freund, mein lieber Vetter,
rief die Herzogin, als überwältigten sie das Zartgefühl und die Grossmut des
Barons, aber gewähren auch Sie mir eine Bitte!
    Befehlen Sie, teure Freundin! Ihnen einen Wunsch zu erfüllen, wird mich
glücklich machen!
    Nun denn, Baron, gönnen Sie es mir, die Vermittlerin zwischen Ihnen und den
Wünschen unserer lieben Angelika zu machen. Die fromme Seele hat ihr Herz einmal
an den Bau der Kirche in Rotenfeld gehängt, geben Sie ihr darin nach. Sie
wünschen die Gute ein wenig leichtlebiger, ein wenig fügsamer zu finden; gehen
Sie ihr mit gutem Beispiele voran und fordern Sie Nachgiebigkeit um
Nachgiebigkeit.
    Wie gern, meinte der Baron, nur dass wir eines schönen Effectes entbehren,
wenn wir den Vorteil nicht benutzen, welchen der Bau auf der Höhe uns bieten
würde.
    O, Cousin, das ist Monsieur Herbert's Sache! Sie rühmen sein Genie, seine
Erfindungsgabe; er wird einen anderen Vorschlag machen, er wird da oben eine
Capelle, ein Kreuz errichten, und wenn die gute Angelika sich in ihrem heiligen
Eifer genug getan hat, nun, so wird sie allmählich auch ihren Sinn mehr den
Freuden des Lebens und ihres Alters zuwenden und das beschämende Gefühl von
unseren Häuptern nehmen, dass wir jünger, o, weit jünger sind, als unsere liebe
junge Schwärmerin.
    Sie lachte und wandte ihr Haupt ab; ihr Nacken und ihr Ohr waren noch
zierlich und sehr hübsch. Wie haben Sie es gemacht, Cousine, so jung zu bleiben?
fragte der Baron.
    Ich habe meine Freiheit nicht darangegeben, nachdem ich sie durch den Tod
des Herzogs einmal wiedergewonnen hatte, entgegnete sie.
    Der Baron antwortete ihr nicht darauf, aber sie glaubte ihn seufzen zu
hören.
    Am Abende erklärte der Freiherr seiner jungen Gattin, dass er sich
hinsichtlich des Baues ihren Ansichten und Wünschen füge. Sie war davon gerührt
und überrascht. Aber sie ahnte nicht, dass sie die Gewährung ihres Verlangens
einer fremden Frau verdankte, die wohl wusste, was sie damit getan, als sie dem
Freiherrn seinen und seiner Gattin Lebenswege als zwei von einander abweichende
Pfade bezeichnet hatte.
 
                                  Zweites Buch
                                 Erstes Capitel
In dem grünen Parke von Schloss Richten hatten die zahmen Rehe und Hirsche sich
bereits gewöhnt, das Brod aus den Händen des kleinen Renatus zu nehmen, wenn die
Wärterin ihn an das Gitter des Geheges führte, und in Rotenfeld stieg die
Kirche schon stattlich aus der Tiefe hervor, als die Kriegstrommel durch das
Land rasselte, weil der Feldzug, mit welchem man dem bedrängten Könige von
Frankreich zu Hülfe kommen wollte, nun eine beschlossene Sache war.
    Ueberall im Lande gab es Truppenmärsche, in allen Häusern hatte man
Einquartierung; auch das grosse, schön gelegene Haus des Juweliers Flies war
natürlich nicht davon verschont. Angenehme Gäste waren diese, von Werbern aus
allen vier Weltgegenden zusammengebrachten Truppen, diese Söldlinge, welche nur
mit Gewalt bei der Fahne erhalten werden konnten, eben nicht, und der Kriegsrat
Weissenbach hatte es von dem Juwelier Flies als einen Freundschaftsdienst
gefordert, dass dieser die auf das Haus gewiesenen Gemeinen in sein Quartier nahm
und dem Kriegsrate die beiden Offiziere überliess, mit denen doch ein Verkehr
und ein anderes Auskommen möglich war.
    Der Kriegsrat, dem der Caplan vor einigen Jahren auf den Vorschlag des
Juweliers den Sohn Paulinen's übergeben hatte, stand aber auch mit seinem
Hausherrn immer auf dem besten Fusse. Herr Weissenbach war ein Mann, der seine
Ruhe liebte, der seine festen Gewohnheiten hatte und der für das Muster eines
ruhigen und fleissigen Beamten galt. An jedem Morgen ging er um die bestimmte
Stunde in sein Bureau, an jedem Mittage kehrte er um die gleiche Stunde heim,
und eben so regelmässig pflegte er dann in den Laden des Juweliers zu treten, der
schon lange neben seinem Gold- und Juwelenhandel ansehnliche Bankgeschäfte
machte und von dem Gouverneur der Provinz, wie von dem hohen Adel mit
mannigfachen Geld-Operationen beauftragt wurde. Dadurch war er meist wohl
unterrichtet über alles, was in den Familien des Adels und des Bürgerstandes
vorging. Der Kriegsrat seinerseits, obschon er sehr gewissenhaft über seinen
Amtseid dachte, wusste doch immer Dies und Jenes von den Massregeln der Regierung
zu erzählen, was er freilich nur als Mutmassungen bezeichnete, was aber dem
scharfsichtigen und gut zusammenreimenden Kaufmanne gelegentlich doch zu Nutz
und Frommen gereichte, und da man auf diese Weise für einander zugleich
unterhaltend und förderlich war, so liebten beide Männer es, alltäglich ein
Viertelstündchen zusammen zu verplaudern. Sie sprachen daneben vor Fremden auch
günstig von einander, und befestigten und steigerten auf diese Weise gegenseitig
ihren guten Ruf und ihren Credit, ohne dass sie deshalb einen eigentlichen
gesellschaftlichen Verkehr unterhalten hätten. Denn die Flies'sche Familie zu
sich einzuladen, fand die Kriegsrätin nicht passend; aber sie verschmähte es
deshalb nicht, sie hier und da einmal allein zu besuchen, von ihr jeden Dienst
zu fordern und anzunehmen, welchen dieselbe zu leisten nur irgend geneigt und im
Stande schien, und beide Teile glaubten nicht, sich damit etwas zu vergeben.
Der Kriegsrat, wie weit er auch von der höchsten Stufe der Macht entfernt war,
fühlte sich doch als einen Teil der Beamtenwelt, die in des Königs Namen das
Land regierte, und der Juwelier, welcher seinen Schwerpunkt in seinem wachsenden
Vermögen hatte, gönnte dem Kriegsrat seinen Beamtenstolz und sein gemessenes
feierliches Wesen. Konnte er doch berechnen, wie weit diese Vornehmheit ungefähr
zu gehen vermochte!
    Selbst die bewegten Zeiten änderten in diesem gegenseitigen Verhältnisse
nichts. Denn wie abweichend der Hausherr und sein Mieter auch über die Dinge
dachten, welche in Amerika geschehen waren und in Frankreich eben jetzt
geschahen, so waren beide doch vorsichtig genug, die obwaltende
Meinungsverschiedenheit nicht scharf hervorzuheben oder auch nur ernst zu
berühren. Der Kriegsrat wünschte es mit einem Manne nicht zu verderben, der
nachzusehen wusste, wenn die Quartalszahlungen einmal etwas auf sich warten
liessen. Auch um Paul's willen musste man mit Herrn Flies in gutem Vernehmen zu
bleiben suchen, und dieser Letztere hielt beharrlich an der Erfahrung fest, dass
man jeden Menschen einmal brauchen könne und also Niemanden unnötig von sich
weisen dürfe.
    Herr Flies hatte seiner Zeit mit dem Kriegsrate das Abkommen wegen des
Knaben mit jener Schnelligkeit betrieben, mit welcher er alle seine Geschäfte
abzumachen liebte, und er hatte dabei eine doppelte Absicht gehabt. Einmal hatte
er gewünscht, sich dem Freiherrn von Arten gefällig zu erzeigen, der ihm ein
guter Kunde war, und zweitens hatte er geglaubt, es könne ihm in jedem Betrachte
nur vorteilhaft sein, wenn die Einnahmen seines Mieters sich um eine Summe
steigerten, welche durch ihn ausgezahlt werden sollte und die mehr als den
Betrag des Mietzinses ausmachte. Aber erst, als sie das Kind bereits im Hause
hatte, war die Kriegsrätin auf die Frage gekommen, in welcher Weise sie
dasselbe vor den Leuten aufzuführen haben werde. Eingestehen, dass sie den
Bastard eines Edelmannes bei sich aufnehme, das mochte sie nicht gern, und ein
Kind von solcher Herkunft für den Sohn eines seiner Verwandten auszugeben,
verweigerte der Kriegsrat. Man gelangte also zu dem Auskunftsmittel, den Knaben
als eine Waise darzustellen, deren man sich angenommen habe, und damit schienen
die Schwierigkeiten nach allen Seiten auf einmal gelöst.
    Man hatte eine Form, in welcher man den kleinen Paul den zahlreichen
Bekannten und Freunden des Hauses vorstellen konnte, es war gerechtfertigt, wenn
man den Knaben in allen Dingen sparsam hielt, es gab für die Grossmut und
Herzensgüte der Pflegeeltern ein schönes Zeugnis, und es erzog, wie die
Kriegsrätin sagte, ihren Pflegling auf die einfachste Weise zu der Fügsamkeit,
die für ihn am angemessensten schien, weil seines Gleichen doch in der Regel
keinen glatten Lebensweg zu haben pflegten.
    Die Kriegsrätin war überhaupt eine gescheite und daneben eine hübsche Frau,
die freilich nicht in allen Dingen mit ihrem älteren Manne zusammenstimmte. Er
war ein wenig trocken und pedantisch; sie nannte sich gefühlvoll und poetisch.
Er liebte die Arbeit, sie die Musse; er hielt auf seine Gewohnheiten, sie sehnte
sich nach Wechsel und nach Neuem; ihm genügten sein Amt und seine Lebenslage,
sie besass den Ehrgeiz, für ihren Mann ein höheres Amt, für sich eine glänzendere
gesellschaftliche Stellung zu begehren, und sie war der Meinung, dass eine
hübsche, gescheite Frau ihrem Manne vielfach nützen könne. Es war ja nicht das
Verdienst allein, dass man im Staate belohnte, nicht allein die Kenntnisse und
die Tüchtigkeit, welche den Beamten vorwärts brachten. Vornehme Verwandtschaften
und einflussreiche Bekanntschaften fielen ganz anders in die Wagschale, und Frau
Weissenbach, welche sich eine Pflicht und eine Ehrensache daraus machte, ihrem
Manne solche Bekanntschaften zu vermitteln, hatte sich eben deshalb auch so
schnell bereit erklärt, das Kind des angesehenen Freiherrn von Arten bei sich
aufzunehmen. Denn auf die förderliche Gunst eines Mannes, dem man ein Geheimnis
bewahrte, meinte sie rechnen zu dürfen.
    Wenn man aber mit einflussreichen Leuten in Berührung zu kommen wünschte, so
musste man, wie die Kriegsrätin behauptete, einen gewissen äussern Anstand
zeigen, weil sich mit einer Familie einzulassen, von welcher man in jedem
Augenblicke irgend einer Anforderung gewärtig sein muss, der Angesehene und
Vielvermögende, der wie jeder Andere um seiner selbst willen aufgesucht sein
mag, überall Bedenken trägt; und der äussere Anstand war auch gar so schwer nicht
zu behaupten. Eine gute Einrichtung, wenn sie einmal angeschafft ist, hält lange
vor, und eine gebildete Frau weiss ihre Kleidung so zu tragen, dass alles an ihr
einen besonderen Anstrich erhält. Es war auch gar nicht nötig, dass der
Kriegsrat sich viel in der Gesellschaft zeigte und sich aus seiner Ruhe störte.
Sah man die Frau nur im Teater, wenn die Schauspielertruppe sich am Orte
aufhielt, traf man sie nur in dem Kaffeegarten, in welchem die angesehenen und
gebildeten Familien der Stadt sich zusammenfanden, so konnte der Mann in Gottes
Namen bei seiner Arbeit bleiben. Hier und da ein Abendbrod zu geben, oder einige
Personen zum Spiel bei sich zu sehen, das konnte man leicht ermöglichen. Man
schränkte sich dafür in der Familie ein wenig ein, und liessen die Ausgaben und
Einnahmen sich dennoch einmal nicht in das Gleiche setzen, so verstand Laura es
vortrefflich, den mahnenden Handwerkern mit dem Hinweise auf ihres Mannes
einflussreiche Stellung Geduld zu predigen, und sie auf die mancherlei
Lieferungen zu vertrösten, welche er zu vergeben hatte und von denen hier und da
eine oder die andere ihnen auch zu Teil ward.
    Auf solche Art geschah es, dass die Kriegsrätin ihre Handwerker und diese
die Weissenbach'sche Familie lobten, dass Herr Weissenbach mit seiner Laura sehr
zufrieden war, dass Laura mit heiterer Sicherheit ihre sämmtlichen
Angelegenheiten leitete und dass man die Familie Weissenbach durchaus als eine
sehr achtungswerte bezeichnete. Wem die Menschen aber, sei es mit Grund oder
ohne Grund, einmal wohlwollen, dem legen sie das Gute doppelt und dreifach als
ein solches aus, und Frau Weissenbach hatte selbst nicht voraussehen können,
welch ein Gewinn ihr durch die Aufnahme von Paul erwachsen sollte, da man einmal
günstig für sie gestimmt war.
    Die Leute, welche sich nur an die materiellen Verhältnisse hielten, meinten,
dass verständige Personen sich nur dann die Sorge für eine Waise aufladen, wenn
ihnen dies ein Leichtes sei. Die weichen Seelen rühmten das liebevolle Herz der
Kriegsrätin, welches sich in der Hingebung an ihren Gatten noch nicht genug zu
tun wisse, und kam dem Kriegsrat inzwischen doch einmal die Frage, wie seine
Laura es nur anfange, mit seinen Mitteln so weit auszureichen, so wusste diese,
seit Paul in ihrem Hause war, Alles auf die für ihn bezahlte Pension zu
übertragen und es deutlich zu beweisen, was sich leisten und bestreiten lasse,
wenn neben der ausreichenden Summe für das Unerlässliche noch eine sichere
Einnahme zur Beschaffung des Ueberflüssigen und Angenehmen vorhanden sei. - Es
machten sich also, wie gesagt, die Dinge alle ganz vortrefflich, und Jedermann
war recht zufrieden, bis auf den Knaben, der in dem Weissenbach'schen Hause seine
Heimat haben sollte und der es deutlich genug empfand, dass er von der
Kriegsrätin, die sich seine Mutter nannte, nur geduldet, nicht geliebt ward;
dass sie ihn entfernte, wenn sie konnte; dass sie ihn ängstlich bewachte, wenn man
mit ihm sprach, und dass sie ihn zum Schweigen verwies, sobald er von seiner
wahren Mutter und von seinen Erinnerungen zu reden begann.
    Dieses Letztere währte jedoch gar nicht lange, denn er hatte des Neuen in
der Stadt so viel zu sehen, dass es die alten Eindrücke zurückdrängte, und
nachdem der Knabe in den ersten Wochen täglich nach seiner Mutter verlangt
hatte, sprach er bald gar nicht mehr von ihr und schien es nach Jahr und Tag
völlig vergessen zu haben, dass er je eine andere Heimat gehabt hatte. Aber mit
seinen ersten Erinnerungen hatte Paul auch seine kindliche Fröhlichkeit
verloren. Er war ein ernstafter, still beobachtender Knabe geworden, der sich
in den Willen und die Weise der Personen, von denen er abhängig war, früh zu
schicken lernte.
    Morgens, wenn der Kriegsrat sich in sein Bureau verfügte, und der alte,
reiche Herr Präsident der schönen Laura seine alltägliche Morgenvisite machte,
ging Paul bald ganz von selbst hinaus. Er hatte es ja auch schon so oft gesehen,
wie der alte Herr der Pflegemutter zärtlich die vollen, weissen Hände küsste und
ihr mit zierlicher Armbewegung und gespitzten Fingern den frischen Strauss oder
die gefüllte Bonbonnière überreichte, in der neben dem Zuckerwerk wohl auch ein
zierlich gefaltetes Briefchen oder ein kleines, wertvolles Geschenk sich
verbargen. Abends hingegen, wenn die Herren Offiziere und die geputzten Damen
mit den hohen Flatteusen auf dem Kopfe zum Spiele kamen, dann sollte Paul
freilich in der Gesellschaft bleiben, aber er musste es dann stets aufs Neue
rühmen hören, wie gut, wie grossmütig seine Pflegemutter, und wie sie zu
beklagen sei, dass ihr Pflegesohn nicht freundlicher, nicht fröhlicher, dass er,
trotz seiner schönen Augen und seines lebhaften Gesichtes, ein so
verschlossener, ein so wenig liebenswürdiger Knabe sei.
    Er war herzlich froh, wenn er endlich die Weisung erhielt, das Zimmer zu
verlassen, wenn er aus den lichten Räumen sich über den Corridor in die letzte
Stube der Wohnung flüchten konnte, in welcher der Kriegsrat, zwischen
Actenstössen vergraben, bei seiner Arbeit sass, oder wenn er hinuntergehen durfte
zu dem Hauswirte in die grosse Stube, welche an den Laden anstiess.
    Unten bei Herrn Flies, da kamen Morgens keine besonderen Besuche zu der
Hausfrau und Abends war keine Gesellschaft zum Spiele dort. Da hiess man ihn
nicht reden und nicht schweigen, da liess man ihn nicht hart an, ohne dass er
wusste, was er verbrochen habe, da küsste und lobte man ihn nicht vor Fremden,
ohne dass er einsah, womit er dies verdient hätte. Herr Flies sass auch Abends
niemals so, wie der Kriegsrat, ganz allein in einer stillen, dunkeln
Arbeitsstube.
    Freilich hatte Herr Flies auch vollauf zu tun von früh bis spät, aber sein
Tun war lustiger, als das des Kriegsrates, es war nicht einsam und nicht immer
dasselbe. Denn vorn im Laden, der nach der Strasse hinaussah, da standen die
spiegelhellen Silbervasen, auf denen allerlei Figuren: Menschen, Tiere und
Pflanzen nachgebildet waren, vor dem Fenster. Da führte der silberne Mohr mit
goldenem Schurz den schneeweissen Elephanten an goldener Kette, da ringelten sich
goldene Schlangen um silberne Palmbäume, da gab es in kostbaren Geschmeiden die
roten Korallen und die schimmernden Perlen, welche man, wie ihm Herr Flies
sagte, aus der Tiefe des Meeres hervorholte, und daneben funkelte der rote
Rubin und leuchtete der blaue Saphir über dem strahlenwerfenden Diamanten und
dem glänzenden Smaragd, die man in jenen Gegenden finden konnte, in denen die
Schlange sich um den Palmbaum ringelte und der Neger und der Elephant und der
Hindu und der Löwe zu Hause waren, die Paul am Fusse eines grossen Tafelaufsatzes
zu bewundern liebte.
    Alles gefiel ihm in dem Laden. Er hatte immerfort etwas zu betrachten. Er
hörte es gern, wenn Herr Flies den Käufern die Schönheit seiner Waaren rühmte,
er sah ihm gern zu, wenn er das eingenommene Geld im Zählen so blitzschnell aus
der Rechten in die Linke gleiten liess, um es dann in gleichmässigen Haufen neben
einander aufzustapeln, oder wenn die Leute kamen, denen man Geld zu zahlen
hatte, und der Cassirer es im Comptoir mit nie fehlender Sicherheit in richtigem
Betrage auf den Zahltisch hinschiessen machte. Die Handlungsgehülfen an den
Stehpulten hinter den hölzernen Gittern, welche in den grossen, schweren Büchern
schrieben, der Hausknecht, der Päcke von Waaren nach der Post trug oder Säcke
voll harter, blanker Taler in das Haus brachte, das alles beschäftigte des
Knaben Phantasie, das alles liebte er zu sehen. Mehr aber noch als alles das
liebte er Seba, und Seba war es wert, dass man sie liebte.
    Sie war das einzige Kind des Juweliers. Seinen grössten Schatz nannte sie der
Vater, einen wahren Edelstein nannte sie die Mutter, die schöne Seba Flies, die
schöne Jüdin hiess man sie in der Stadt. Des Vaters namhaftes Vermögen war für
sie erworben; was Liebe gewähren, Geld erkaufen konnte, Pflege und Unterricht
aller Art waren ihr zu Teil geworden. In der Liebe ihrer Eltern hatte sich ihr
Herz entfaltet, durch Bildung ihr Geist sich entwickelt, sie wusste, was sie
wert war, und gerade darum lasteten die Verhältnisse, in denen sie geboren war
und lebte, so schwer auf ihr.
    Was half es ihr, dass sie weit schöner war, als die meisten der reichen
Bürger- und Kaufmannstöchter und selbst als die Edelfrauen und Fräulein, welche
in ihres Vaters Laden den Schmuck für ihre Feste und den Trauring für ihre
Hochzeit kauften? Was half es ihr, dass sie nur zu sprechen, nur zu wollen
brauchte, um die Edelsteine zu besitzen, welche ihr begehrenswert erschienen?
Keiner der Männer, für welche jene Frauen sich schmückten, war für die Jüdin
vorhanden, keines von all den Festen, auf denen Jene sich vergnügten, öffnete
seine Türen für Seba, und sich zu schmücken und zu putzen für die Gesellschaft
ihrer Stammes- und Standesgenossen machte ihr keine Freude. Die Verachtung, die
Zurücksetzung, welche auf den Juden lasteten, drückten sie. Mit unerbittlicher
Klarheit sah sie die Schwächen und Widrigkeiten, welche den von der
Allgemeinheit ausgeschlossenen Juden anhafteten, und schon oftmals war ihr der
Gedanke durch die Seele gegangen, dass Bildung und Erziehung zum Schönen und zum
Edeln für denjenigen keine Wohltat sein könnten, dem es nicht vergönnt sei,
sich frei und gleichberechtigt unter den Gebildeten zu bewegen.
    Eine heimliche Unzufriedenheit, die auszusprechen schon die Zärtlichkeit und
Liebe für ihre Eltern sie abgehalten haben würde, arbeitete, seit sie
herangewachsen war, in ihrem Innern fort, und ihre phantastische Hoffnung auf
einen Wechsel ihrer Lebensverhältnisse, auf eine Aenderung der allgemeinen
Zustände sog ihre Nahrung aus der grossen gesellschaftlichen Umgestaltung, die
sich jenseit des Rheines durch die Revolution vollzog und auf welche auch ihr
Vater sein Auge und seine Erwartungen gerichtet hielt. Denn, wie Herr Flies auch
gelegentlich zu schweigen wusste, wenn man sich mit Entrüstung über die
Revolutionäre in Frankreich äusserte, welche weder vor göttlichen noch vor
menschlichen Gesetzen Achtung hegten - in seines Herzens Innerem dachte er
anders, und er hatte dessen vor seiner Familie und vor seinen Freunden auch kein
Hehl.
 
                                Zweites Capitel
Im Flies'schen Hause erregten der bevorstehende Krieg gegen Frankreich und das
Einrücken der Truppen, welche bestimmt waren, der revolutionären Bewegung in
Frankreich wo möglich ein baldiges Ende zu machen, also keine Freude, denn man
hatte allen Grund, der Sache den Sieg zu wünschen, die zu bekämpfen das Heer
entsendet wurde, und es war dem Juwelier recht erwünscht, dass der Kriegsrat die
Offiziere bei sich ins Quartier nahm. Brauchte Herr Flies es nun doch nicht mit
anzuhören, wie verächtlich die jungen Edelleute von den Franzosen sprachen, wie
sie die in Paris verkündigte Anerkennung der Menschenrechte verspotteten und mit
welchen Schmähungen sie die Namen der grossen Männer begleiteten, welche in
Frankreich die Aufhebung aller Privilegien und Standesvorrechte ausgesprochen
hatten!
    Es waren aber schöne junge Männer, vornehme Offiziere, die oben bei der
Kriegsrätin die grossen Vorderstuben bewohnten. Sie gingen täglich vielmals
durch das Haus und grüssten dabei Seba immer sehr verbindlich. Nur auf einige
Tage hatte man die Einquartierung angemeldet, aber sie blieb und blieb, und wie
man überall auch vom Kriege und von seinen Schrecken sprach, die Offiziere
schienen ihn wie eine Vergnügung anzusehen. Das Leben, das man jetzt im Orte
führte, war auch lustig genug. Die Offiziere stolzirten prächtig durch die
Strassen, wurden gehegt und gepflegt, ritten und fuhren umher und sassen und
scherzten mit den Frauen und Mädchen, die sich gar keine besseren Gesellschafter
wünschen konnten, und sich schmückten, als wären es lauter Feiertage. Auch die
Kriegsrätin trug jetzt immer ihre guten Kleider und war von früh bis spät in
bester Laune, wenn die Offiziere, so nannte sie den Hauptmann und den Grafen,
bei ihr im Zimmer waren. Abends gab es noch häufiger Besuch als sonst, man
spielte oftmals, man tanzte auch bisweilen, und selbst der Kriegsrat schloss
sich jetzt von der Gesellschaft selten aus, denn des Grafen Onkel war der
Kriegs-Minister, von dessen Gunst und Meinung des Kriegsrates ganze Zukunft
abhing. Am Morgen fuhren die beiden jungen Edelleute die Kriegsrätin bisweilen
spazieren, und nach einer solchen Ausfahrt war es, dass die schöne Laura eines
Tages mit dem Grafen in den Laden des Juweliers hineinkam, als Seba dem Vater
eben eine Schnur wertvoller Perlen wiederbrachte, die er ihr aufzureihen
gegeben hatte.
    Herr Flies fragte, womit er dienen könne, weil er annahm, der Graf wünsche
irgend einen Kauf zu machen; aber die Kriegsrätin sagte, sie komme nur, um Paul
zu suchen, der doch gewiss hier unten bei seiner Seba sein werde. Sie lächelte
dabei sehr freundlich, und auch Seba lachte, denn der Knabe hatte wirklich
wieder bei ihr unter den Wallnussbäumen im Garten gespielt, unter deren jungem
Laube es am Mittage sehr schattig war.
    Die Kriegsrätin ging über den Hof in den Garten hinaus, den Knaben zu
holen, Seba begleitete sie und der Graf folgte ihnen nach. Madame Flies sass
draussen und pflückte Rosenblätter und Lavendelblüten zum Aufbewahren in einen
Topf. Paul half ihr dabei, und obschon die Kriegsrätin ihm sagte, dass er
hinaufkommen solle und dass sie gehen müsse, weil es bald Mittag sei, liess sie
sich doch auf der Bank unter den Bäumen nieder und schickte Paul ins Gartenhaus,
für den Herrn Grafen einen Stuhl zu holen.
    Der Graf fand den Garten äusserst angenehm. Er rühmte den Rasen und den
Schatten und die Blumen, er sagte, dass es in seines Vaters Park nicht frischer
sei, und er fragte die Kriegsrätin, wesshalb sie ihre Gäste bei diesem schönen
Wetter nicht lieber in dem Gartenhause als oben in ihren Zimmern bewirte?
    Wir haben die Benutzung des Gartens nicht, Herr Graf, bedeutete die
Kriegsrätin.
    Er steht ja immer zu Ihrer Verfügung, verehrte Frau Kriegsrätin!
versicherte dienstbeflissen und zuvorkommend die Hausfrau.
    Die Eine dankte, die Andere meinte, es bedürfe des Dankes nicht, und dabei
überhörten sie beide, was der Graf zu Seba sagte. Es musste aber etwas Angenehmes
und nichts Gewöhnliches sein, denn Seba ward rot, obschon sie lächelte, und
blickte den Grafen an, nachdem sie sich hatte abwenden wollen. Es lohnte auch
der Mühe ihn anzusehen, denn er war schön, der schlanke junge Mann mit seiner
zuversichtlichen Miene und den stolz geschwellten Lippen.
    Die Kriegsrätin und der Graf blieben nicht lange im Garten, und doch war es
Seba, da Jene sich entfernten, als hätte sie viel erlebt, als sei etwas ganz
Besonderes geschehen. Sie überlegte, was der Graf zu ihr gesprochen, was sie ihm
geantwortet habe. Sie hätte wissen mögen, wie sie ihm erschienen sei und ob ihre
Redeweise, ihr Betragen, ihre Haltung die richtigen gewesen wären. Sie war so
unsicher über sich selbst, sie genügte sich plötzlich nicht. Das war ihr sonst
niemals geschehen.
    Am Nachmittage kam Paul herunter.
    Seba, sagte er, sieh' mich doch einmal an!
    Wozu das? fragte sie.
    Ich will nur sehen, ob Du schön bist!
    Wie kommst Du darauf? entgegnete sie.
    Der Graf hat es gesagt! versetzte Paul, weit entfernt, zu ahnen, was er
seiner Freundin damit tat.
    Sie hätte sich den Anschein geben mögen, als achte sie nicht auf des Knaben
Worte, aber sie konnte das Wohlgefühl, das sie durchströmte, nicht verbergen.
Sie umfasste Paul, sie drückte ihn an ihr Herz, sie küsste ihn wieder und wieder.
So lieb wie heute hatte sie ihn nie gehabt.
    Sie sang und lachte, wo sie ging und stand. Nie zuvor war sie an einem Tage
so oftmals an den Spiegel getreten, nie zuvor hatte ihre Schönheit sie so
erfreut. Noch spät am Abend, ehe sie sich zur Ruhe legte, schlang sie bald
dieses, bald jenes Band durch ihre Locken, hing sie bald dieses, bald jenes
Geschmeide um Hals und Arme. Sie wollte erproben, was ihr am besten stände, um
es morgen anzulegen, und sie dachte mit einer Wonne an den nächsten Morgen, an
den nächsten Tag, dass sie den Schlaf darüber lange gar nicht finden konnte.
    Morgen, sagte sie sich, als die Nebelgebilde des Traumes ihren Sinn zu
umfangen begannen, morgen! Was wird morgen sein? - Und der Traum bemächtigte
sich der heimlichen Gedanken und Hoffnungen, die sich in ihr regten, und spann
sie aus und stellte sie ihr dar, und machte ihr deutlich, was sie fühlte; denn
der Traum ist der verführerische Gefährte der aufdämmernden Liebe, der schneller
und kühner als sie, ihr stets voraus ist und sie verlockt, ihm in Gebiete zu
folgen, in die ihr Ahnen und Wünschen sich noch nicht gewagt hat, und von denen
sie nicht mehr zurückkehrt, wenn sie sich erst darin verloren hat.
    Und Seba hatte sich am folgenden Tage nicht vergebens geschmückt, und die
Mutter hatte nicht vergebens der Kriegsrätin den Garten zur Verfügung gestellt,
denn sie begann ihn fleissig mit ihren Gästen zu benutzen. Morgens spazierte sie
mit dem Hauptmanne in den Alleen umher, Mittags suchte man unter seinen Bäumen
den Schatten auf, Abends kam man noch hinunter, die Kühlung zu geniessen, und der
Graf war immer dabei.
    Das ging Tag für Tag so fort. Die Kriegsrätin und Madame Flies wurden immer
bessere Freundinnen, da sie sich näher kennen lernten, und Jene beteuerte, dass
sie es sich gar nicht vergeben könne, so manche Jahre mit Madame Flies und mit
der guten Seba unter einem Dache gelebt zu haben, ohne zu begreifen, welche
Hausgenossen sie an ihnen besitze. Sie mochte sich von Seba kaum noch trennen.
Sie versicherte, dass sie dieselbe wie eine jüngere Schwester, wie eine Tochter
liebe; sie erzählte im Vertrauen, wie der Hauptmann und vor Allen der Graf die
schöne Seba bewunderten, und es war im Grunde gar nicht nötig, dass sie ihr das
sagte, denn der Graf hatte es Seba oft genug ausgesprochen und wiederholt, und
Seba dachte schon lange an nichts mehr, als an ihn.
    Dem Vater kam das Alles nicht gelegen. Er kannte die Edelleute und er kannte
auch die Kriegsrätin. Er glaubte nicht an die plötzlichen Wandlungen und war
klug genug, wo eine solche sich vor seinen Augen vollzog, nach der Ursache des
Wunders zu fragen. Hier aber reichten der Name des Grafen und die sichtliche
Bewunderung, welche derselbe für Seba an den Tag legte, vollkommen hin, dem
Juwelier die Gefälligkeit der Kriegsrätin zu erklären, und weder diese noch der
Graf wurden ihm dadurch lieber. Er hätte der ganzen Sache gern ein Ende gemacht;
indes Seba hatte solche Freude an der Geselligkeit, in welche sie durch die
Kriegsrätin gezogen ward, und sie war ja klug genug, die Kluft zu ermessen,
welche die Tochter ihres Vaters von einem Grafen Berka trennte. Mochte sie also
die kurze Freude geniessen, sich von einem Grafen bewundert zu sehen, da es ja
obenein möglich war, dass sich aus den gegenwärtigen Verhältnissen zu der
Weissenbach'schen Familie für Seba ein Umgang entwickelte, wie sie ihn sich lange
ersehnt hatte, wie sie und ihre Eltern ihn wohl auch beanspruchen durften.
    Aber nicht Seba allein war befriedigt durch die Besuche, welche sie bei der
Kriegsrätin machte, auch Paul, ihr kleiner Freund, hatte seine Lust daran, denn
sie sah gar zu schön aus, wenn sie Abends in ihren weissen Kleidern zur
Gesellschaft herauf kam.
    Einmal, am Geburtstage der Kriegsrätin, hatte man noch mehr Gäste geladen
als gewöhnlich, und zum ersten Male waren auch Herr Flies und seine Frau dabei.
Seba hatte rote Korallen durch ihr schwarzes Haar geschlungen, und man lachte
und scherzte und tanzte, und unter all den schönen Mädchen und Frauen war Seba
bei Weitem die Schönste. Das sah Paul ganz deutlich, das sagte auch Jedermann,
und das sagte ihr auch der Graf, dem die Uniform so straff sass, dem die
Lebenslust aus seinen blauen Augen lachte und der heute gar nicht von Seba's
Seite wich.
    Paul konnte das nicht leiden. Er konnte den Grafen überhaupt nicht leiden,
denn Seba beachtete den Knaben nicht, wenn Jener in ihrer Nähe war, ja, sie
schien Paul überhaupt beinahe vergessen zu haben. Nachdenklich stand der Kleine
in der Ecke und sah dem Grafen nach, wie dieser Seba in seinem Arme hielt und
wie die beiden sich leise und sanft in den weichen Schwingungen des Schleifers
durch den Saal bewegten. Niemand kümmerte sich um Paul, und Niemand wusste, wie
sonderbar fremd ihm heute der Saal erschien, den man mit Guirlanden und Kränzen
aufgeputzt hatte und der wie nie zuvor voll Menschen war. Die Hitze, der Geruch
der Blumen, das Blinken der Uniformen, das Drehen und Wenden der Tanzenden
verwirrten ihm den Blick und den Sinn, und doch musste er immerfort nach Seba und
nach dem Grafen Berka hinsehen, musste er immerfort den Namen Graf Berka, Graf
Berka in sich wiederholen. Seit Monaten hatte er diesen Namen täglich nennen
hören, und nun mit einem Male, wie er neben dem Gewühl der Tanzenden, unter dem
Klange der Musik, unter all dem Sprechen und Tönen und Duften so in seiner Ecke
stand, meinte er, den Namen Berka habe er schon lange gekannt. Indes er wusste
nicht, wo er ihn gehört hatte, und er wusste auch nicht, was ihm dabei einfiel.
Aber es tauchte etwas vor ihm auf, es kam ihm vor, als habe er einmal etwas
gewusst, als sei einmal etwas geschehen, woran er lange nicht mehr gedacht habe,
und immer wieder kam er dabei auf den Namen Berka zurück, den er doch nicht
liebte.
    Er war froh, als der Tanz zu Ende war und das Drehen um ihn her ihn nicht
mehr quälte. Er sah, wie Seba in das Cabinet ging, welches an den Saal anstiess,
und er folgte ihr nach. Sie hatte auf einem Sessel neben dem Ecktische Platz
genommen, die Kriegsrätin, die ganz entzückt von ihr zu sein schien, hielt sie
bei der Hand und der Graf sass an ihrer Seite. Das Cabinet war voll Menschen,
denn man hatte im Saale die Fenster geöffnet, weil die Nacht trotz der frühen
Jahreszeit so heiss war. Wein wurde umhergegeben und mit den Gläsern angeklungen.
Auf das Wohl der Kriegsrätin tranken sie, und auf das Wohl der schönen Frauen
und auf Sieg und baldige Heimkehr für die Truppen, vor Allem aber auf ein frohes
Wiedersehen.
    Sie sprachen oft Alle durch einander, dass Paul gar nicht recht verstehen
konnte, was sie meinten. Einer freute sich darauf, in Frankreich Ruhe zu
schaffen, ein Anderer auf das unruhige Kriegsleben, das ihnen bevorstand und in
jedem Augenblicke beginnen konnte, und Graf Berka erzählte lachend, wie man ihn
von Hause nur mit Tränen habe scheiden lassen, als gäbe es aus dem Kriege keine
Wiederkehr.
    Ja, sagte der Hauptmann, auch bei uns gab es, als wir aus der Garnison
aufbrachen, eine Rührung, die uns hätte eitel machen können!
    Und dazu, meinte Graf Berka, haben Sie sich noch das Vergnügen gegönnt,
vorher in der ganzen Provinz umher zu reisen, um die Abschiedstränen Ihrer
sämmtlichen Frau Tanten und Ihrer sämmtlichen Cousinen einzuernten, wobei Sie
gewiss nicht zu kurz gekommen sind!
    Paul wusste nicht, was das heissen sollte und wesshalb das Alle so komisch
fanden, denn ihm gefiel die Rede nicht, weil Seba darüber nicht lachte, wie die
Andern. Sie hatte ihre Augen auf den Grafen gerichtet, und ihre Augen waren so
ernst und still. Der Knabe wurde traurig und immer trauriger. Er kam sich so
vergessen, so verlassen vor, dass er's endlich nicht mehr ertragen konnte. Er
trat hervor aus seiner Ecke, ging an Seba heran und lehnte sich mit seinen Armen
auf ihren Schoss.
    Und er hörte immerfort, wie sie sprachen und lachten und lachten und
sprachen, immer schneller, immer lauter, Alle durch einander; und dabei musste er
immerfort nachsinnen und wusste noch nicht worüber, und immerfort an etwas
denken, und wusste doch nicht woran. Er ward müde und betäubt von all dem
Treiben. Nur bisweilen schlug ein einzelnes Wort, wie ein Ton aus der Ferne,
stärker, vernehmlicher an sein Ohr, und mit einem Male hörte er, dass der
Hauptmann sagte: Graf Berka, Sie sind doch gewiss auch noch bei Ihrem Schwager,
bei dem Baron von Arten in Richten gewesen?
    Da fuhr der Knabe auf, als falle ihm ein, was er bis dahin vergebens gesucht
hatte, und sich emporrichtend, rief er laut und deutlich, dass Jedermann es hören
musste: Das ist Schloss Richten, das gehört dem Baron von Arten, der Baron von
Arten ist mein Vater - und meine Mutter liegt im Teich! ....
    Alles verstummte, Alles sah nach dem Knaben hin. Sein Aufschrei, der ganze
Vorgang waren wie ein Blitzstrahl in die Gesellschaft gefahren. Paul hatte,
erschreckt von seinem eignen Tun, seine Arme um Seba's Hals geschlungen, die,
noch mehr verwirrt als die Uebrigen, ihn fortzuführen suchte. Seba's Mutter und
die Kriegsrätin und der Kriegsrat folgten ihnen nach, die Betroffenheit war
allgemein.
    Man fragte, was es mit dem Kinde auf sich habe, das man bis dahin
bereitwillig für eine Waise gehalten hatte. Man drang in den Juwelier, der
inzwischen herbeigekommen war, um eine Erklärung, man wendete sich an den
Grafen, neugierig, zu sehen, wie er den Vorfall aufgenommen habe; und obschon
Herr Flies und der Kriegsrat, der bald zurückgekehrt war, die Sache so gut es
gehen wollte in das Gleiche zu bringen suchten, war die Heiterkeit der
Gesellschaft doch ins Stocken geraten. Die Verstimmung des jungen Grafen war
gar zu unverkennbar, und wie sehr er sich auch mühte, sie zu verbergen, es
gelang ihm nicht; denn auch in ihm waren Erinnerungen aufgestiegen,
Erinnerungen, die er gern gemieden hätte.
    Er stand mit einem Male deutlich vor ihm, der klare Herbstmorgen, an welchem
er sich vor Jahren mit dem Freiherrn auf der Terrasse von Schloss Richten
befunden hatte, um zur Hochzeit nach Berka zu fahren. Er erinnerte sich ganz
genau, wie man in jener Stunde unten am Flusse nach einer Ertrunkenen gesucht
hatte. Eine Menge von kleinen Tatsachen, welche sich auf das damalige Verhalten
seines Schwagers, auf die ersten Monate von Angelika's Ehe, auf manche ihrer
brieflichen Äusserungen in jener Zeit, auf ihren Uebertritt zum Katolicismus
und auf das Zerwürfnis mit ihrer Familie bezogen und an die er bisher immer nur
wie an unzusammenhängende Ereignisse gedacht hatte, fingen an, sich in seinem
Geiste zu einem Ganzen zu gestalten, von dem er seinen Sinn nicht abwenden
konnte. Er übersah dasselbe nicht vollständig, nicht ganz klar, aber es erfüllte
ihn mit Mitleid für die Schwester, es weckte seine Sehnsucht nach ihr auf, und
er dachte mit erhöhtem Zorn an ihren Gatten.
    Jetzt wusste er es plötzlich, was ihn so bekannt und doch so befremdlich aus
Paul's Augen angesehen hatte und wesshalb der Knabe ihm so unheimlich gewesen
war. Er begriff nicht, dass ihm die Aehnlichkeit mit dem Freiherrn nicht gleich
deutlich gewesen sei. Es waren seine Augen, seine hohe, gewölbte Stirn, sein
festgeformter Mund. Selbst den Nacken und den Kopf trug der Knabe so stolz wie
der Freiherr, und weil der Graf seinen Schwager in diesem Augenblicke hasste, so
hasste er auch dessen Bastardsohn.
    Indes dem Grafen vor allen Anderen musste daran gelegen sein, über den
peinlichen Eindruck fortzukommen, die Scene vergessen zu machen, welche man eben
erlebt hatte, und seine Keckheit und sein Leichtsinn kamen ihm dabei zu Hülfe.
Er lachte über sein Erschrecken, über die Bestürzung der Gesellschaft, und wie
er die Worte des Kindes verlachte und verspottete, so lachte er mit seinen
Cameraden auch über die Familie des Kriegsrats, in welcher man den Knaben so
geheimnisvoll erzog. Was war ihm denn auch diese ganze Gesellschaft? Was focht
es ihn an, was man in derselben vermutete und meinte? Er hatte oft genug mit
seinen Cameraden Epigramme über diesen Kriegsrat gemacht, der in seiner
rechtschaffenen Beschränkteit die ganze Welt für rechtschaffen und für eben so
blind hielt, als er selber war. Es belustigte den Grafen in diesem Augenblicke,
dass die Kriegsrätin ihm den Weg zu Seba gebahnt hatte, und dass sie so zufrieden
und glücklich die Galanterien und Beteuerungen des Hauptmanns annahm, den er
ihr als Lockspeise dargeboten hatte, um sich selber von ihr frei zu machen. Sie
war ihm lächerrlich, diese Kriegsrätin, und sie war ihm komisch, diese Madame
Flies, die sich gar viel damit wusste, dass die vornehmen Cavaliere ihre Seba so
schön fanden, dass ein Graf Berka mit ihrer Tochter, an deren Erziehung man
nichts gespart hatte, die feinsten und erhabensten Unterhaltungen führte.
    Auch über den klugen Kopf, über den Vater, musste er lachen, der Allem und
Jedem vorsichtig misstraute, und dessen Vertrauen in die Tochter doch so gross
war, als habe das schöne Kind nicht ein Weiberherz mit aller seiner
mädchenhaften Sehnsucht und aller seiner törichten Schwäche in der Brust.
    Er hätte auch gern über Seba lachen mögen, die eben jetzt in das Zimmer
zurückkehrte und deren Augen ihn suchten, ihn allein; aber über sie vermochte er
niemals zu lachen - und sie war doch nichts als eine Jüdin und er war der Graf
von Berka, der schöne Gerhard von Berka - eben er!
    Er ging ihr entgegen, sie mit einem Scherze anzureden, doch konnte er das
Wort nicht dazu finden. Sie sah ihn so fragend und so ängstlich an, dass er
Mitleid mit ihr fühlte. Es war ihr gar so ernst mit ihrer Liebe, heiliger tiefer
Ernst, das wusste er.
    Süsses Herz, sagte er, von ihrem Blicke überwältigt, und nahm sie bei der
Hand. Mehr bedurfte sie nicht. Sie meinte, er müsse verstehen, was eben jetzt in
ihrer Seele vorging, und seine Zärtlichkeit wolle ihre Sorge beschwichtigen. Sie
lächelte ihm freundlich zu, und leise den Druck seiner Hand erwiedernd, sprach
sie: O, ich bin nicht traurig, sorge nicht!
    Ihr Ton drang ihm zu Herzen; es war ihm lieb, dass man aufs Neue zum Tanzen
rief, dass er sie in seine Arme schliessen, sie nahe haben konnte. Er tanzte nur
mit ihr; er hätte sie keinem Andern gegönnt.
    Es war spät in der Nacht, als man sich trennte, aber schlafen konnte Seba
nicht. Wort für Wort wiederholte sie sich die Liebesschwüre, welche der Graf ihr
seit Wochen getan und heute leidenschaftlicher als jemals wiederholt hatte.
Jede Stunde, jede Minute, die sie mit ihm durchlebt, wusste sie sich
vorzustellen. Sie erinnerte sich, dass er sich einmal im Vergleiche zu seinem
ältesten Bruder, dem Erben seines reichen Stammbesitzes, einen Mittellosen
genannt hatte, und sie freute sich ihres Reichtums um seinetwillen. Sie hielt
sich alle die Schranken und die Hindernisse vor, welche sie von dem Grafen
trennten, um sie im nächsten Augenblicke mit den Schwingen der Liebeshoffnung
spielend zu überfliegen. Vom Wahrscheinlichen zum Unwahrscheinlichsten war für
sie der Weg nicht weit, und zwischen Hoffen und Wünschen, Fürchten, Sorgen und
Verzagen blieb nur Eines in ihr fest bestehen, ihre Liebe für den Grafen, ihr
Vertrauen zu seinen Schwüren und zu seinem Versprechen, dass er um sie werben und
sie heimführen wolle, aller Welt zum Trotze.
    Mitten aus ihren wachen Träumen schreckte sie empor. Die Trommeln rasselten
durch die Gassen und auf den Plätzen, an den verschiedenen Häusern wurden die
Türglocken heftig gezogen, Alles geriet in Aufregung, der Generalmarsch
wirbelte durch die graue Morgenfrühe, die Regimenter hatten die lang erwartete
Marschordre erhalten.
    In allen Häusern war man wach. Die Türen und Portale wurden geöffnet, die
Soldaten mussten zum Appel.
    Damit hatte nun Seba freilich nichts zu tun, aber sie stand am Fenster und
sah hinab auf die Strasse, wie sie herauskamen, die Soldaten, hüben und drüben
aus den Häusern, und wie sie fortzogen, eilig, eilig, mit Sack und Pack.
    Auch in ihrem Hause rüsteten sie sich, und im Stalle sattelte man die
Pferde. Der Hauptmann, welcher im Zwischenstocke wohnte, war schon fort. Nun kam
es von oben die Treppe hinunter. Den Tritt kannte sie. Es musste an ihrer Türe
vorüber.
    Der Graf hatte nie ihr Zimmer betreten, indes er wusste, wo es lag. Sie
lauschte bange. Sie meinte, heute müsse er stehen bleiben, heute müsse er
zaudern an ihrer Türe; aber mit dem gleichmässigen Schritt der Ruhe ging er
vorüber, und sie eilte an das Fenster, um ihm nachzuschauen, um zu sehen wie er
aufstieg und ob er nicht den Kopf hinwende nach der Stätte, an der sie weilte.
Auch diese Hoffnung täuschte sie, und müde und traurig blickte sie nach dem
Himmel empor, der zwischen den Reihen der Häuser, grau und kaum noch
lichtdurchhaucht, herniedersah. Die Sterne waren untergegangen und die Sonne
wollte noch nicht kommen. Wenn Gerhard mich vergessen könnte! seufzte sie.
    Die Eltern hatten sich wieder zur Ruhe gelegt, Seba blieb am Fenster sitzen.
Schlafen hätte sie doch nicht können; sie wollte seine Rückkehr abwarten, denn
heute war er noch da, heute konnte sie ihn doch noch sehen.
    Arglos wie ein Kind hatte sie sich dem Zauber hingegeben, den der Graf auf
sie geübt. Seine Schönheit, sein fröhlich gebieterisches Wesen hatten sie
entzückt. Er war ihr nicht genaht, wie mancher ihrer Glaubensgenossen, mit
vorsichtiger Bewerbung, die ihr Zeit zum Ueberlegen liess. Wie ein Göttersohn,
wie die biblischen Könige der Magd aus ihrem Volke, so war er Seba erschienen,
gebieterisch Liebe fordernd, weil er sie begehrte, und sie hatte ihm ihr Herz zu
eigen und ihren Verstand gefangen gegeben und sich nicht gefragt: Wird er dir
halten, was er dir gelobt, und wie kann das enden zwischen dir und ihm?
    Aber jetzt, da die Trennungsstunde vor der Türe stand, jetzt drängte sich
mit dieser Frage der Zweifel an sie heran, und bange stand sie am Fenster und
sah in die dunkle Nacht hinaus, nach der Seite hin, von wo die Sonne kommen
musste. Die Dunkelheit beängstigte sie.
    Der Tag dämmerte bereits, als die Truppen vom Appel wiederkehrten. Seba zog
den Vorhang am Fenster zu; es sollte Niemand sehen, dass sie wachte, dass sie nach
ihm ausschaute. Nur verstohlen gönnte sie es sich, auf den Geliebten hinzusehen.
Sein Brauner tanzte leicht die Strasse hinab, leicht und gewandt schwang der Graf
sich aus dem Sattel. Als der Reitknecht ihm den Zügel abnahm, hob der Graf den
Kopf empor zu ihrem Fenster.
    Ob er es ahnt, dass ich hier warte und nach ihm spähe? fragte sie sich. Sie
trug das grösste Verlangen, ihm irgend ein Zeichen zu geben, dass sie wache,
seiner denke; sie hatte ihm so viel zu sagen, sie sehnte sich so sehr nach einem
letzten vertrauten Worte mit ihm, aber sie konnte sich nicht entschliessen, sie
zögerte. Da pochte es leise und vorsichtig an ihr Zimmer. Erschreckt, erfreut,
eilte sie nach der Türe und blieb doch auf halbem Wege regungslos stehen.
    Es klopfte noch einmal. Seba, öffne, ich bin's! flüsterte eine Stimme, die
ihr das Herz bewegte.
    Sie faltete die Hände über ihre Brust; sie hoffte er werde vorübergehen, und
doch lauschte sie ängstlich und sehnsüchtig auf noch einen Ton, auf noch ein
Wort von aussen, und sie liessen nicht lange auf sich warten.
    Seba, bat es noch einmal, Seba, ich bin es!
    Sie konnte dem Tone nicht widerstehen. Sie trat an die Türe, öffnete, und
mit dem Ausrufe: Wie habe ich Dich erwartet und ersehnt! reichte sie ihm ihre
Hände entgegen.
    Aber er breitete nicht wie sonst, wenn sie sich im Garten oder bei der
Kriegsrätin allein gesehen hatten, die Arme aus, sie zu umfangen, und fast
spöttisch sagte er: Erwartung und Sehnsucht haben Dich, wie es scheint, doch
ruhig schlafen lassen. Ich bin schon lange an Deiner Türe.
    Schlafen lassen? wiederholte sie schmerzlich; wie könnte ich schlafen in
dieser Nacht! Ich stand am Fenster und wartete auf Dich; ich sah Dich kommen
und, fügte sie leise hinzu, das Auge schüchtern senkend, ich hörte Dich gleich!
    Du hörtest mich, und Du öffnetest mir nicht, da Du doch wusstest, dass wir
scheiden müssen?
    Seba war ihrer selbst nicht Herr. Die Kälte des Grafen und der sonderbare
Ausdruck seiner Mienen verwirrten sie. Sie konnte es sich nicht deuten, wesshalb
er gekommen war, wenn er ihr nicht wie sonst die zärtlichen Worte seiner Liebe
aussprechen oder ihr sagen wollte, was er für sie auf dem Herzen hatte. Nur sein
Blick ruhte auf ihr unverwandt, und es dünkte sie, als freue, als weide er sich
an ihrer Verwirrung und an ihrer Pein. Es wurde ihr immer beklommener um das
Herz; endlich konnte sie die Stille nicht ertragen, es nicht ertragen, dass
Gerhard so gebieterisch ihr gegenüber stand.
    Ach, rief sie, als müsse sie wider ihren Willen ihm die Wahrheit sagen, ich
fürchtete mich, ich wagte es nicht!
    Seba! rief er vorwurfsvoll, als kränke ihn das Wort, während doch ein Strahl
unheimlicher Freude über sein Gesicht flog, dass es ihr trotz seiner Schönheit
wie verwandelt erschien. Aber er fasste sich schnell, und mit dem kühlen
spöttischen Lächeln, das ihr so quälend war, fügte er hinzu: Du bist sehr
vorsichtig und klug, liebe Seba, das rechte Kind Deines Volkes! Aber Du hast
Recht, und vielleicht habe grade ich Dir am meisten dafür zu danken, dass Du
überlegen konntest, wo mich meine Liebe und mein Verlangen unbesonnen hinrissen!
Ich will auch gehen!
    Jedes seiner Worte fiel schwer auf sie hernieder. Sie wollte sprechen, sich
verteidigen, er liess sie nicht dazu kommen. Lebe denn wohl, sagte er, die Zeit
drängt, und mögest Du bald den Mann finden, dem Du mehr vertraust als mir! Nur
von Liebe hättest Du nicht sprechen sollen, Kind, einem Manne nicht sprechen
sollen, der bereit war, Dir Alles zu opfern, und dessen letztes Wort Dein Name
sein wird! Deine Kälte, Dein ruhig überlegender Verstand bringen auch mich zum
Ueberlegen! Lebe denn wohl - und lass uns scheiden! Du hast Recht!
    Er wandte sich von ihr, sie warf sich ihm zu Füssen. Nicht über diese
Schwelle, rief sie, indem sie seine Hände erfasste, nicht über diese Schwelle,
ehe Du mich nicht gehört, mir nicht verziehen hast! - Er tat, als wolle er sich
von ihr frei machen, sie hing sich nur fester an ihn. Nicht Dir misstraute ich,
rief sie, nicht Dir!
    Sie war ausser sich, sie konnte vor Weinen und vor Erregung nichts weiter
sprechen. Reizender hatte er sie nie gesehen, solcher Leidenschaft hatte er das
schöne junge Geschöpf nicht für fähig gehalten. Dieser Flamme, dieser
hingebenden Liebe gegenüber bedurfte es seines berechneten Schürens nicht.
    Er schwor sich ihr zu mit den heiligsten Eiden, er war nahe daran zu
glauben, was er ihr sagte und gelobte und beschwor, und der Tag mit seinem Leben
war schon emporgekommen, als sie endlich schieden.
 
                                Drittes Capitel
Der Abmarsch der Truppen, die, erst zu einem Feldzuge gegen Russland
zusammengezogen und dann als Reserven für den Krieg in Frankreich bestimmt, den
ganzen Winter und das halbe Frühjahr hindurch in der Stadt gewesen waren,
verursachte an dem entscheidenden Tage viel Handel und Verkehr. Herr Flies hatte
in seinem Comptoir mit Wechselgeschäften vollauf zu tun, die Mutter, welche
sonst derlei Hülfe schon seit Jahren nicht mehr zu leisten brauchte, hatte heute
wieder einmal den Verkauf im Laden übernehmen müssen, denn manch ein Ring und
manch ein Andenken wurden noch erhandelt.
    Die Haustüre stand nicht still, die Türklingel kam nicht viel zur Ruhe.
Auch auf der Treppe war beständige Bewegung. Seba sah den Grafen mehrmals gehen
und wiederkehren. Jetzt wird er kommen, jetzt ist er da, jetzt muss es sein!
sagte sie sich, jedes Mal zusammenschreckend, wenn er sich ihrem Zimmer näherte,
aber wieder ging er vorüber, und das angstvolle Hoffen und das Horchen und das
Sinnen und das Grübeln begannen auf's Neue.
    Draussen schien die Sonne strahlend hell, aber Seba vermochte sich nicht
daran zu erfreuen. Es war ihr, als leuchte die Sonne heute so unerbittlich in
ihr Herz, dass es sich ihr in der Brust krampfhaft zusammenzog. Sie hätte die
Augen gern von sich selber abgewendet.
    Den ganzen Morgen blieb sie mit sich allein, nicht Vater, nicht Mutter
fragten heut' nach ihr. Erst um elf Uhr, als die Kinder aus der Schule
heimkehrten, kam Paul zu ihr und verlangte bei ihr zu bleiben, da die
Kriegsrätin ausgegangen sei, den Abmarsch der Soldaten anzusehen.
    Ja, entgegnete Seba, bleibe bei mir! Aber er verlor beinahe die Lust dazu,
denn ihr Gesicht war traurig, und noch ehe sie ihm ein anderes Wort gesagt
hatte, trat der Graf zu ihnen ein. Ohne des Knaben Anwesenheit zu beachten, fiel
Seba dem Grafen um den Hals, indes auch dieser sah nicht so heiter und so
selbstzufrieden aus, als sonst.
    Er umarmte Seba, er küsste sie, und küsste sie immer wieder. Er sprach leise
mit ihr, dass Paul es nicht verstand, und endlich riss er sich aus Seba's Armen
los, und Seba weinte bitterlich und laut.
    Als der Graf schon auf der Schwelle stand, schrie Seba auf. Es schnitt dem
Knaben durch das Herz. Gerhard, rief sie, Gerhard, so kannst Du von mir gehen?
    Sie eilte ihm nach, sie klammerte sich an ihn, als wollte sie ihn ewig
halten, und küsste ihn unter Tränen. Er war erschüttert, er bat sie, sich zu
beruhigen, sich zu fassen, auf ihn zu bauen. Indes sein Wort war eilig, sein Ton
war kälter als sein Wort, und zum ersten Male glaubte sie ihm nicht.
    Da, als er sich entfernen wollte, fasste sie seine Hand, und mit einer Kraft,
die aus dem Tiefsten ihres Herzens kam, sagte sie: Gerhard, Du weisst es, ich
liebe Dich sehr, sehr, und - fügte sie klanglos und bebend hinzu - es ist
furchtbar, aber mir ist heute, als fühlten wir beide jetzt nicht dasselbe! Wenn
Du mich vergessen, mich verlassen könntest! O, nur das nicht, nur das nicht!
rief sie flehend aus, indem sie ihre Hände ängstlich wie zum Gebet faltete.
    Der Graf blickte sie an, es zuckte durch sein Antlitz, er drückte sie noch
einmal an sein Herz, und ohne ein Wort zu sprechen, eilte er von dannen.
    Seba blieb mitten in dem kleinen Gemache stehen. Sie hörte, wie er fortging,
die Treppe hinunter, wie er die Haustüre öffnete, sie hörte den Vater und die
Mutter mit ihm sprechen, sie hörte den Hufschlag seines Pferdes, und hörte
denselben weiter und weiter verhallen. Horchend, als hinge ihr Leben an dem
Schalle, hatte sie die Augen geschlossen, die Arme hingen ihr schlaff herab.
    Das missfiel dem Knaben. Er ging zu ihr, ergriff und schüttelte ihren Arm und
sagte: Seba, mach' doch die Augen auf! Der Graf ist ja fort!
    Sie folgte dem Worte unwillkürlich, und wie sie um sich her blickte, wie sie
sich mit dem Knaben allein fand, dessen dunkle Augen unverwandt in ihren Mienen
zu lesen suchten, da fasste sie mit beiden Händen nach ihrem Herzen und entfloh
aus dem Gemache. Sie konnte an dieser Stätte nicht mehr bleiben, sie konnte das
Geräusch und das Pferdegetrappel und das Rollen der Wagen nicht aushalten, die
sich von der Strasse vernehmen liessen, sie konnte die Sonne und das Licht des
Tages nicht ertragen.
    Paul hingegen sah zum Fenster hinaus, und das bunte Leben und Treiben
belustigte ihn; es war kaum durchzukommen vor dem Hause. Die Packpferde, welche
die Zelte und die Betten und die sonstigen Bequemlichkeiten der jungen Officiere
trugen, die schweren Feld-Equipagen, welche den älteren Officieren nachgefahren
wurden, die Fourgons und alles, was zum Train gehörte, kam zum Vorschein und
machte sich breit, aber von den Truppen war noch nichts zu sehen.
    Seit dem frühen Morgen standen die Soldaten auf dem Paradeplatze, von
unbarmherziger Disciplin zusammengehalten, dass kein Glied sich regte, keine
Miene sich verzog, wie auch die Sonne ihnen senkrecht auf den Scheitel brannte
und die Zunge ihnen am Gaumen klebte. Aber nur die Gemeinen hatten es so übel,
die Herren Officiere waren besser daran.
    Schöne Frauen trippelten auf ihren Absatzschuhen unter den Bäumen umher,
welche den Platz umgaben, und manches zärtliche Wort ward noch gewechselt,
mancher heimlich geleistete Eidschwur heimlich wiederholt; denn sie hatten recht
fröhlich und recht vertraut mit einander verkehrt, die fremden Herren Officiere
und die Frauen und Mädchen der Stadt, und sie hatten dess kaum ein Hehl.
    Die Officiere rechneten es sich zur Ehre an, eine so schöne Begleitung zu
haben, die Frauen waren stolz auf ihre vornehmen und prächtigen Verehrer. Wie zu
einem Spiele zogen die jungen Herren aus, wie zu einer Lustreise gingen sie in
den Krieg gegen die elende Rotte von Empörern jenseits des deutschen Rheines.
Sie erbaten und erhielten Aufträge für Paris, das auch diese Herresabteilung
früher oder später zu erreichen hoffte.
    Die Kriegsrätin schärfte es ihrem Freunde, dem Hauptmanne, noch besonders
ein, den Grafen Berka an den goldenen Chignonkamm zu erinnern, den er ihr aus
Paris mitzubringen versprochen hatte, und sie tat sicherlich wohl mit dieser
Mahnung, denn der Graf, der auf der anderen Seite des Platzes eben vor seiner
Schwadron hielt, sah nicht danach aus, als ob er an solchen Auftrag in diesem
Augenblicke dächte.
    Er hatte die Kriegsrätin gar nicht bemerkt, als sie dem Vorüberreitenden
ihren Gruss zugewinkt, er bemerkte überhaupt nicht viel von dem, was um ihn
vorging. Nur zwei Augen sah er - zwei grosse, dunkle Augen schwebten ihm vor der
Seele, die sich tränenschwer zu ihm erhoben, und zwei Arme streckten sich
flehend gegen ihn aus, und er hörte den bangen Aufschrei eines verzweifelnden
Herzens.
    Er hätte sie gern vergessen mögen, diese Augen und diesen Ton! Er hätte
lachen mögen über die Scherze seiner Cameraden, die ihn fragten, warum er keine
Begleitung habe und wie es mit der Wette von neulich stehe. Aber so leicht sein
Sinn auch war, das Lachen und Scherzen gelang ihm heute nicht, und seine
Gedanken wollten ihm nicht gehorchen. Sie kehrten, wie er sich auch vorwärts
wendete, in jenes stille Gemach zurück, zurück zu eines armen Weibes Schmerz!
    Er atmete erst auf, als er die Stadt verlassen hatte, als das Tor schon
lange hinter ihm lag und die Landstrasse sich vor ihm in weiter Ferne auftat.
Seine Cameraden hatten ihn nie so finster und so still gesehen, und finster sah
heute manche Stirne aus, still war es heut' in manchem Hause.
    Die ganze Stadt kam ihren Bewohnern nach dem Abzuge der Truppen recht
verödet vor. Mit den Festtagskleidern, die man zu Ehren der kriegerischen Gäste
getragen, legte man bald auch die Leichtlebigkeit ab, in der man sich die Zeit
her bewegt hatte. Die Rührigsten schienen müde zu sein und ruhten unwillkürlich
aus, ohne Freude an der Ruhe zu haben. Die Einen hatten mehr Kräfte, die Anderen
mehr Zeit und mehr Geld aufgewendet, als sie gemerkt und gewollt, und in gar
vielen Häusern, in denen man noch vor wenigen Tagen fröhlich, als ob die
Heiterkeit gar kein Ende haben könnte, beisammen gewesen war, weilten jetzt die
Frauen einsam in ihren Stuben, ohne Lust, ihre Freundinnen aufzusuchen, und ohne
Neigung, sich es vom Gesichte ablesen zu lassen, wie ihnen eigentlich an diesem
Aschermittwoch nach dem militärischen Carneval zu Mute war.
    Die Zeit wurde den Frauen lang, nun sie nicht mehr so heiter unterhalten
wurden, aber Seba wurde die Zeit nicht lang, wenn schon die Tage und die Stunden
auf ihr lasteten, dass sie fast davon erdrückt ward. Finster und schweigend sass
sie in ihrer Stube oder auf dem gewohnten Platze der Mutter gegenüber, die
Lippen zusammengepresst, den Kopf brennend und schwer von einem Denken, das ohne
Ausweg sich mit zermalmender Schärfe immerfort im Kreise drehte, von zagender
Hoffnung, von zweifelndem Vertrauen und schwerem Bangen umhergetrieben.
    Im Hause und in des Vaters Geschäften ging Alles den gewohnten Gang. Die
Eltern sahen es wohl, dass Seba niedergeschlagen war, aber sie hofften, da nun
des Grafen Besuche und Galanterien ein Ende hatten, werde sie ihn bald vergessen
und sich mit ihrem guten Verstande den ganzen kleinen Liebeshandel aus dem Sinne
schlagen. Man dachte darauf, sie einmal durch eine schon lange geplante Reise zu
zerstreuen, und der Vater ergriff jetzt doppelt gern jede Gelegenheit, seine
Tochter mit Fremden in Berührung zu bringen, von deren Unterhaltung er sich ein
Vergnügen für sie versprechen konnte.
    Eines Morgens, es war nur wenige Wochen nach dem Abmarsch der Truppen, kam
gegen den Mittag hin der Architekt zu ihm, der nun schon seit Jahr und Tag im
Orte wohnte. Denn seit Herbert den Kirchenbau in Richten übernommen hatte, waren
ihm auch andere Bauten in der Provinz übertragen worden, und in jedem Betrachte
noch frei und ledig, hatte er sich aus seiner rheinischen Heimat in diese
entlegene Provinz übergesiedelt, um seine mannigfachen Arbeiten auf diese Weise
sicher leiten und beaufsichtigen zu können.
    Weil nun der Freiherr von Arten seine Geldgeschäfte alle dem Herrn Flies
überantwortete, war Herbert mit demselben bereits hier und da im Auftrage des
Freiherrn in Berührung gekommen, und einem Auftrage des Barons galt auch sein
heutiger Besuch.
    Es war nämlich neuerdings in Richten mehrmals von einem mittelaltrigen
Waschgeräte gesprochen worden, welches die Herzogin in Vaudricour hatte
zurücklassen müssen und dessen Verlust sie stets beklagte. Der Freiherr hatte
es, da es ein Familien-Erbstück und ein hochgehaltenes Meisterwerk aus dem
fünfzehnten Jahrhundert war, seiner Zeit in Vaudricour bewundert, und der
Marquis bei der Unterhaltung eine ungefähre Zeichnung davon entworfen, die von
dem Architekten vervollkommnet und unter dem Beirate der Herzogin so lange
umgemodelt worden war, bis sie zu ihrer Freude einen völlig richtigen Abriss des
ihr werten Gegenstandes vor sich zu haben erklärte. Aber eben das Betrachten
der Zeichnung machte an jenem Abende das Bedauern der Herzogin über den Verlust
und die wahrscheinliche Zerstörung des schönen Gerätes erst recht lebhaft. Auch
die Baronin äusserte ihr Wohlgefallen an den edeln Formen und den sinnreichen
Verzierungen, und so entstand in dem Freiherrn, der es liebte, den Personen
seiner Umgebung Freude und eine Ueberraschung zu bereiten, der Gedanke, heimlich
zwei solcher Waschgerätschaften anfertigen zu lassen: das eine für die
Herzogin, das andere, bei welchem an die Stelle des Duras'schen Wappens das
Arten'sche angebracht werden sollte, für die Baronin. Aber das Arten'sche Wappen
liess sich seiner Gestalt nach nicht so leicht als das Duras'sche in die auf
dasselbe berechneten Formen der Gerätschaften einfügen, und eben deshalb hatte
der Baron, der nicht leicht einen Einfall aufzugeben pflegte, von dem er sich
eine Genugtuung versprach, sich schriftlich an Herbert gewendet, und ihn um
eine genaue Besprechung der Arbeit mit dem Juwelier gebeten.
    Der Auftrag war in künstlerischer Hinsicht anziehend und in seinem
Geldwerte sehr bedeutend. Die beiden Sachverständigen liessen sich also Zeit bei
ihrer Unterredung und Madame Flies kam, ihren Mann an die Mittagsstunde zu
erinnern, ehe man noch zu einem völligen Abschlusse über die Arbeit gelangt war.
Abbrechen mochte man die Unterhaltung nicht, und da man sie eben so gut bei
Tische beenden konnte, taten die gastfreien Eltern, deren Haus in letzter Zeit
sich noch häufiger als früher unerwarteten Gästen aus den verschiedensten
Lebenskreisen geöffnet hatte, dem Architekten den Vorschlag, ihre Mahlzeit zu
teilen.
    Der Baumeister hatte Madame Flies und Seba noch nicht gesehen. Die Schönheit
der Tochter zog ihn an, die etwas dringliche Gastlichkeit der Mutter fiel ihm
komisch auf, ohne ihm jedoch unangenehm zu werden, und da sich ohnehin beim
Essen und bei einem guten Glase Wein manches Ungefüge schneller fügt, so war man
bald mit den Verabredungen über die Gefässe und Gerätschaften im Klaren. Herbert
versuchte es also, Seba, welche an diesem Tage sich grade wieder doppelt
unglücklich fühlte, weil die wöchentliche Post ihr noch immer keine Kunde von
dem Geliebten gebracht hatte, in eine lebhaftere Unterhaltung zu ziehen, aber
Herr Flies kam ihm mit einer Frage nach dem näheren Ergehen der freiherrlichen
Familie und nach dem Leben der Herrschaften auf Schloss Richten unwillkürlich
hindernd in den Weg.
    Herbert wusste davon gar Mancherlei zu melden. Er schilderte die glänzende
Geselligkeit, welche dort herrschte, und den heiteren Ton, der durch die
Herzogin in Richten eingeführt sei. Weil sie selbst sich in der Gegend und unter
dem dortigen Adel wohlbefand, hatten sich auf ihren Rat in den benachbarten
Städtchen verschiedene ihrer ebenfalls flüchtigen Landsleute niedergelassen, und
diese ganze ausländische Gesellschaft hatte, wie Herbert erzählte, allmählich
Richten und den Salon der Herzogin zu ihrem Mittelpunkte gemacht.
    Sie sprechen von dem Salon der Frau Herzogin, bemerkte Seba's Mutter, als ob
sie die Herrin von Schloss Richten wäre!
    Nun, meinte Herbert lächelnd, in gewissem Sinne ist sie das in der Tat. Sie
bestimmt und befiehlt dort ziemlich unumschränkt, und wenn der heimische Adel
jetzt viel mehr als vor zwei, drei Jahren nach Richten eingeladen und in Richten
gesehen wird, so geschieht dies, glaube ich, gleichfalls nur auf den Antrieb der
Frau Herzogin, damit die französische Einwanderung dort nicht gar zu auffallend
erscheine, und das Hofhalten der Herzogin ein wenig verdeckt werde.
    Herr Flies schüttelte missbilligend das Haupt. Wäre es nicht eine so gute
Sache, dass die Franzosen den verrotteten Zuständen in Frankreich zu Leibe gehen,
und solch ein Glück für die ganze Welt, wenn sie in ihrem Lande eine vernünftige
Staatsform begründeten, deren Rückwirkung auch auf uns nicht ausbleiben würde,
sagte er, so möchte man wirklich wünschen, die deutsche Coalition könnte diese
ganze Emigranten-Gesellschaft wieder über den Rhein zurückführen, nur damit wir
sie los würden, und zwar je eher, je lieber!
    Herbert bemerkte, dass die Emigranten-Gesellschaft, welche sich im Schloss
zusammenfinde, den Freiherrn gewiss grosse Summen kosten müsse, denn man führe
jetzt dort ein wahrhaft fürstliches Leben.
    Ja, versetzte der Juwelier in seiner kurzen und stets bestimmten Weise, der
Herr Baron von Arten braucht jetzt viel, sehr viel.
    Und was sagt die Frau Baronin dazu? fragte Madame Flies, die sich nach
Frauenweise augenblicklich in die Lage der Hausfrau versetzte, deren Rechte ihr
bedroht erschienen.
    Die Frau Baronin ist schwer zu beurteilen, antwortete Herbert
zurückhaltend, und sowohl der Juwelier als seine Frau bemerkten, dass er eine
nähere Erklärung vermeiden wolle. Indes Herr Flies musste Gründe haben, das
Gegenteil zu wünschen, und den Architekten bei dem Gegenstande festaltend,
rief er: Warum schwer zu beurteilen? Die Berka's sind solide Leute, Leute, die,
so viel ich von ihnen weiss, auf ihre Art still, man könnte sagen, bürgerlich in
Berka leben. Einer Frau, die so erzogen ist, kann, glaube ich, der Train nicht
recht gefallen, der jetzt in Richten geführt wird. Das französische Wesen ist
nebenher auch nicht der Berka's Sache. Wir haben das ja, bemerkte er, sich gegen
Frau und Tochter wendend, an dem jungen Grafen hier gesehen. Und für Herbert
fügte er erklärend hinzu: Wir hatten hier im Hause den zweiten Bruder der Frau
Baronin, den jüngsten Grafen Berka, im Quartier. Einen schönen Menschen! Etwas
obenaus, wie all die jungen Herren, aber sonst ein artiger junger Mann!
    Seba hätte vergehen mögen. - Ihr Vater, ihr guter vertrauensvoller Vater,
rühmte den Grafen!
    Herbert jedoch legte, wie es schien, auf dieses Lob des jungen Edelmannes
kein Gewicht. Ja, ich kenne ihn, sagte er flüchtig: er ist ein schöner Officier.
Schön, sehr schön ist seine Schwester auch, aber sie besitzen beide den
Adelstolz und Hochmut, der ja, wie ich höre, hier zu Lande von den Berka's
sprüchwörtlich sein soll.
    Nun, doch mit Ausnahme, doch sehr mit Ausnahme, wendete die Mutter wohl- und
selbstgefällig ein. Von dem Herrn Grafen Felix, dem Majoratsherrn, der manchmal
bei uns im Laden gewesen ist, und von den alten Herrschaften mag das wahr sein,
aber von dem jüngsten Herrn Grafen, der oben bei dem Kriegsrat im Quartier war,
konnte man das nicht sagen. Er ist viel bei uns aus- und eingegangen; ein
liebenswürdiger junger Mann und, wie mein Mann schon sagte, wirklich gar nicht
stolz, im Gegenteil, man hätte sagen können ....
    Lass es gut sein, fiel der Vater ihr in die Rede, und ein bitteres Lächeln
spielte um seinen fein geschnittenen Mund. Man kennt diese Herablassung der
Herren Edelleute, und vielleicht haben der Herr Architekt auch schon
gelegentlich etwas davon erfahren oder bekommen noch einmal davon zu reden. Ich
habe Dir und Seba Euer Vergnügen an der Gesellschaft des Herrn Grafen und der
anderen jungen Herren nicht stören mögen - warum sollte ich das auch? Aber es
ist gut, dass Ihr nicht nötig gehabt habt, ihn auf die Probe zu stellen und zu
sehen, ob er je vergessen hat, wer er ist und wer wir sind.
    Und dem Vater gegenüber sass seine Tochter, sass die arme Seba, die jedes
dieser Worte wie ein Dolchstoss traf.
    Sie haben Recht, Herr Flies, mein Mann ist der Graf Berka auch nicht! rief
der Architekt. Ich habe ihn vor Wochen, als ich hier in einem Speisehause
zufällig mit Bekannten in seiner Nähe sass, in einer Weise von den Frauen und von
seinen Eroberungen reden, und in der Weinlaune Wetten über den von ihm zu
erreichenden Besitz eines jungen Mädchens eingehen hören, wie nur ein ganz
frecher Wüstling sie zu machen vermag! Ob er daneben - Herbert hielt inne, eine
plötzliche Ideenverbindung machte ihn verstummen. Auch die Eltern wurden
achtsam, denn Seba wechselte die Farbe und fuhr matt mit ihren Händen nach der
Brust.
    Sie ertrug es nicht länger. Der Tag, das Licht, das Leben ängstigte sie
heute wieder so, wie an jenem Morgen. Das Dasein tat ihr wehe. Es fasste nach
ihrem Herzen, nach ihrem Hirn, von allen Seiten drang es auf sie ein - spottende
Blicke, höhnisches Lachen und die ganze eigene Unseligkeit!
    Sie wollte fliehen, das Zimmer verlassen, aber die Glieder versagten sich
dem Dienste, der Kopf schwindelte ihr. Sie stand auf, und sich mühsam aufrecht
erhaltend, eilte sie davon.
 
                                Viertes Capitel
Es waren durch alle die Jahre hindurch immer sehr gemischte Empfindungen, mit
denen Herbert nach Schloss Richten kam. Seine Bauarbeit versprach ein schönes
Gelingen, aber sie schritt nicht so schnell vorwärts, als er es wünschte, weil
die Schwierigkeiten alle zugetroffen waren, auf welche er gleich Anfangs
aufmerksam gemacht hatte, und weil man ihm von Seiten der Gutsherrschaft nicht
immer mit den zugesagten Arbeitskräften und Mitteln zur Seite stand, da sich die
Kosten des Baues, wie Herbert es gleichfalls vorausgesagt hatte, eben durch die
Ungunst des Terrains weit bedeutender gesteigert hatten, als der Freiherr es
erwartet haben mochte. Indes derselbe beschwerte sich darüber in keiner Weise;
die wachsende Geldausgabe regte in ihm vielmehr nur das Verlangen an, nun auch
etwas vollständig Gelungenes und Bedeutendes zu schaffen, und da er bei Beginn
des Unternehmens von dem Baumeister einmal auf die gute Wirkung hingewiesen
worden war, welche ein Bauwerk, vom Schloss und von der Terrasse aus gesehen,
auf der Höhe machen würde, so kam er immer wieder darauf zurück, dort oben
irgend ein Monument als Aussichtspunkt zu errichten, bis er endlich auf den
Gedanken geriet, da man nun die Kirche in Rotenfeld erbaute, die zuerst
beabsichtigte Capelle auf der Höhe im Parke aufzuführen. Es war dabei von ihm
nur auf einen kleinen, aber mit seinem Kreuze weitin sichtbaren Bau abgesehen;
dennoch stiess der Freiherr auch in diesem Falle auf ein abmahnendes Widerstreben
bei Angelika.
    Ob die Baronin nicht zu übersehen vermochte, welchen den Gesammteindruck
krönenden Abschluss man mit dem Capellenbau erzielen könnte, ob es richtige
ökonomische Bedenken waren, oder ob irgend ein anderer Grund sie bestimmte, sich
gegen den Plan auszusprechen, das konnte Herbert nicht ergründen. Er konnte
überhaupt über diese Frau und namentlich über ihr Verhalten gegen ihn selbst
durch all die Jahre nicht in das Reine kommen. Wenn er sich zu ihr hingezogen,
von ihrer Teilnahme, ihrer Güte und Schönheit gefesselt, ja beherrscht fühlte,
so stiess sie ihn im nächsten Augenblicke wieder einmal gewaltsam ab, und grade
diese Ungleichheit ihres Betragens trug dazu bei, seine Phantasie mit ihrem
Bilde zu beschäftigen. Er konnte ihr nur zürnen, wenn sie ihm gegenüberstand,
wenn ihr kaltes Wort, ihr stolzer Blick ihn einmal trafen; war er fern von ihr,
so erschien sie ihm stets in dem sanften Schimmer ihrer Schönheit, er freute
sich darauf, sie bald einmal wiederzusehen, er hatte eine Genugtuung daran,
etwas für ihren Dienst zu übernehmen, und wenn er sie auch fortdauernd im
Vollbesitze aller Glücksgüter sah, ertappte er sich oft darauf, dass er sie in
seinem Geiste immer nur die arme Baronin nannte, und dass er ihrer mit Hingebung
gedachte, weil sie ihm, er wusste selber kaum wesshalb, beklagenswert erschien.
    Anders verhielt es sich mit dem Baron. Er war völlig wieder der frühere,
selbstgewisse Herr geworden, und hatte es kein Hehl, dass er diese günstige
Stimmung der Gesellschaft seiner Freundin, der Herzogin, verdanke, deren
leichtlebiger Gleichmut ihn zur rechten Zeit daran erinnert habe, welche
Quellen der Zufriedenheit jedweder Mensch besitze, der weise genug sei, sich den
Sinn frei zu erhalten, sich nicht von Zufällen beunruhigen und sich nicht vor
der Zeit altern zu lassen. Mit den Erinnerungen und Gewissensbissen der
Vergangenheit hatte er vollkommen abgeschlossen, ja, er begriff es, Dank dem
Zuspruche der Herzogin, kaum noch, wie sie ihn jemals in so sinnverwirrender
Weise hatten peinigen können. War es denn seine Schuld, dass der gewaltsame
Starrsinn Paulinen's sie verhindert hatte, sich nach hergebrachter Weise in das
Vernünftige und Notwendige zu fügen, dass sie ihrer Leidenschaftlichkeit mehr
als der Vernunft Gehör gegeben? Oder was konnte er dafür, dass ein unglücklicher
Zufall seiner Gattin ein Geheimnis entüllt hatte, welches ihr besser verborgen
geblieben wäre?
    Er hatte Stunden, in denen er mit seiner Gattin um ihres Ernstes willen
recht unzufrieden war, und wenn er auch von dieser Unzufriedenheit, welche sich
nicht nur auf Angelika, sondern auch auf den Caplan erstreckte, der sich mehr
und mehr von der im Schloss herrschenden Geselligkeit zurückzog, nicht viel
merken liess, so kamen doch die Augenblicke immer häufiger, in denen die Herzogin
ihm das Geständnis derselben abzulocken wusste. Das gute Einvernehmen zwischen
den beiden alten Freunden knüpfte sich dadurch fest und fester, und, wie Herbert
es bezeichnet hatte, die Herzogin bestimmte und leitete das Leben im Schloss
fast ausschliesslich.
    Es war ein herrlicher Sommertag, an welchem der Baumeister nach jenem
Mittage im Flies'schen Hause wieder in Richten eintraf. Die Fenster des unteren
Geschosses, welche bis zum Boden herniedergingen, waren geöffnet, die Luft regte
sich nicht, die Wolken schwebten wie flüssiges, durchsichtiges Silber an dem
blauen Himmel. Ueberall hörte man Vogelsang, überall spielten aufsteigend und
sich in sich selber drehend zahllose Mückenschwärme im warmen Sonnenscheine.
Oben auf der First des alten Turmes sah die junge Storchfamilie nach den
heranfliegenden Alten aus, und aus dem fetten Grün des Rasens wuchsen, von der
Wärme gelockt, die Butterblumen, die Campanula, die Scabiosen und eine Fülle
farbiger Gräser hervor. Aus den Volièren auf der Terrasse tönte das Gezwitscher
und das Singen ihrer gefiederten Bewohner, und die grossen Windspiele des Barons
sprangen in langen Sätzen neben einander her, ohne auf den kleinen Mops der
Herzogin zu achten, der ruhig in der warmen Sonne da lag, leise und träge mit
den grossen, schwarzen Augen blinzelnd, wenn eines der Windspiele in raschem
Sprunge über ihn fortsetzte.
    Wie immer hatte Herbert an der herrschaftlichen Tafel gespeist und seine
kurze geschäftliche Unterhaltung mit dem Freiherrn gehabt, ehe dieser sich
zurückzog. Nun war die Zeit der Mittagsruhe vorüber, die Wärme fing an
nachzulassen, und der Kaffee sollte deshalb im Freien eingenommen werden. Eine
chinesische Strohmatte war auf dem Boden ausgebreitet, um gegen die Feuchtigkeit
zu schützen, welche von dem Gewitterregen des frühen Morgens etwa noch im
Erdreiche zurückgeblieben sein konnte.
    Die Herzogin, welche nur selten einmal geneigt war, sich Bewegung zu machen,
sass ruhig im Sessel und drehte die kleine emaillirte Tabacksdose mit dem Bilde
der Königin Marie Antoinette in der Hand, während die Diener mit den silbernen
Teebrettern herbeikamen, um den Kaffee in kleinen Tassen von Sèvres-Porzellan
herumzugeben. Sie war heller gekleidet als gewöhnlich, und als der Freiherr ihr
die Bemerkung machte, dass ihr dies vorteilhafter stehe, meinte sie, man müsse
es dem Wetter nachtun, das jetzt so freundlich sei, und es sei ihr hier ja auch
so heiter, so völlig heimisch zu Sinne, dass sie es aus Dankbarkeit darauf
angelegt habe, ihm zu gefallen.
    Der Baron machte ihr das Compliment, welches diese Äusserung verlangte, man
begann zu scherzen, und obschon Herbert dieses Mal nur wenige Wochen von Richten
entfernt gewesen war, fiel es ihm doch wieder auf, wie das Leben und das Behaben
seiner Bewohner sich immer mehr verändert hatten, seit er zum ersten Male
dortin gekommen war.
    Damals hatte der Freiherr doch mit seiner Gattin und mit dem Caplan seine
Muttersprache geredet, jetzt sprach er, wo dies irgend tunlich war, das
Deutsche nicht, während der Marquis, der sichtlich bemüht war, es zu erlernen,
Herbert's Anwesenheit, mit welchem er fast gleichen Alters war, zur Uebung in
der ihm neuen und fremden Sprache zu benutzen liebte. Sie waren auf diese Weise
in eine Art von näherer Bekanntschaft geraten und auch an dem Nachmittage auf
der Terrasse plaudernd umhergeschlendert, bis ein Zufall sie in das geöffnete
Billardzimmer führte, in welchem man die Rapiere, die Fleurets und überhaupt die
Gerätschaften bewahrte, deren man zu körperlichen Uebungen bedurfte. Der
Marquis, welcher ein Meister in denselben war, forderte den Architekten auf, ein
paar Gänge zu machen, und nachdem man sich damit genug getan hatte, nahm der
bewegliche Franzose schnell ein Racket in die Hand, Herbert zum Federballspiele
einladend.
    Jeder Müssige nimmt, ohne es zu wollen, an der Beschäftigung Teil, welche er
vor seinem Auge ausüben sieht, und bald hatte die Sicherheit der Spielenden die
Zuschauer so lebhaft gefesselt, dass deren Unterhaltung sich nur noch auf sie
bezog.
    Herbert schlägt den Ball so sicher, wie er den Zirkel und das Richtmass
führt, bemerkte der Freiherr, indem er dem Diener seine geleerte Tasse reichte.
    Ja, meinte die Herzogin, welche kurzsichtig war und das Glas vor die Augen
genommen hatte, er ist Meister in dem Spiele, er übertrifft selbst den Marquis,
den man sonst dafür bewunderte und der es, ich kenne diese kleine Eitelkeit an
ihm, auch sicher nur in Vorschlag gebracht hat, um die gewohnte Bewunderung zu
ernten.
    Kaum irgend eine andere Uebung ist so geeignet, die Schönheit und Anmut der
Gestalt zu zeigen, als eben dieses Spiel, hob der Freiherr nach einer Weile, in
welcher man ihnen schweigend zugesehen hatte, wieder an, und Herbert ist in der
Tat ein ungewöhnlich wohlgestalteter Mann. Sehen Sie, wie schlank der
Oberkörper an den Hüften einsetzt und wie frei der kräftige Nacken sich auf den
breiten Schultern bewegt. Er gleicht seinem Vater ungemein, der selbst in
Italien, in dem Lande der schönen Mannesgestalten, noch durch seine Wohlgestalt
Aufsehen erregte. Dazu hat er viel Verstand und ein schickliches Betragen.
    Gewiss, bekräftigte die Herzogin, die sich seit langer Zeit darin gefiel,
Herbert's Beschützerin zu machen und seine Vorzüge an das Licht zu bringen.
Finden Sie nicht, liebe Angelika, dass er wirklich die Tournüre eines Mannes aus
unserer Gesellschaft besitzt? Und er hat mehr Geist, mehr Herz, mehr Schwung,
als Mancher der Unserigen.
    Die Baronin hatte bis dahin schweigend da gesessen und offenbar der ganzen
Unterhaltung nicht zugehört; denn erst, als man ihr die Frage wiederholte, fuhr
sie wie aus tiefem Sinnen auf und bejahte sie flüchtig.
    Die Herzogin wollte wissen, was sie beschäftigt hätte; sie vermochte es aber
nicht zu sagen. Sie meinte, das Werden des Frühjahres und die Herrlichkeiten des
Sommers hätten sie stets gerührt, und ergriffen sie dieses Mal so gewaltig, dass
sie sich versucht fühle, eine Ahnung darin zu erkennen. Man redete ihr das aus,
der Baron pries ihr gutes Aussehen, ihre blühende Farbe, und die Herzogin rief:
Es ist zu viel Gesundheit, zu viel Lebensfülle, lieber Freund, die unsere
Angelika so schwermütig machen. Gewiss, meine Teure, Sie dürfen um meinetwillen
Ihre Jahre nicht vergessen, Sie haben starke Spaziergänge, Sie haben Bewegung
nötig.
    Ich promenire täglich! versicherte die Baronin.
    Ja, Sie promeniren, so viel als meine Bequemlichkeit es zulässt und begehrt,
meinte die Herzogin. Aber fragen Sie Ihren Mann, wie leichtfüssig ich war, wie
schnell zu Pferde, wie schnell zu jedem Spiel, als ich Ihr Alter hatte! Allons,
meine schöne Cousine, dort ist ein Mittel, Ihre Schwermut los zu werden.
Schnell ein Racket, meine Herren, die Frau Baronin wünscht von der Partie zu
sein.
    Die Spielenden wendeten sich bei dem Anrufe zu ihnen, der Marquis, welcher
sich alle die Jahre hindurch vergebens bemüht hatte, der kalten Deutschen, wie
er die Baronin nannte, eine wirkliche Teilnahme abzugewinnen, eilte in den
Saal, das Racket zu holen, und obschon widerstrebend, liess Angelika sich endlich
von den Bitten der beiden jungen Männer und von dem Zureden des Freiherrn
bestimmen, sich als Dritte zu den Spielenden zu gesellen.
    Es war lange her, dass sie sich einem solchen Vergnügen überlassen hatte. Die
lebhafte Bewegung, der fröhliche Zuruf des Marquis erheiterten sie, die grosse
Geschicklichkeit und die vollendete Anmut Herbert's reizten sie, es ihm gleich
zu tun, und der Beifall der Herzogin, das zustimmende Lachen ihres Mannes
regten ihren Ehrgeiz auf. Sie wollte der Herzogin beweisen, dass auch eine
Deutsche der Sicherheit und Grazie nicht entbehre, und wie sie sich in dem
leichten, wallenden Gewande hinbewegte, wie die blassblauen Bänder von ihrem
schlanken Leibe niederflossen und vom Luftauche bewegt in ihren blonden Locken
spielten, sah sie so schön aus, dass ihr aus dem entzückten Auge Herbert's, der
sich mit der Freude eines Künstlers und mit der heissen Seele eines jungen Mannes
an ihrer Schönheit ergötzte, ein gewisses fröhliches Siegesgefühl durch das Herz
zog.
    Sie vergass es, wie schwermütig sie sich eben erst gefühlt hatte, sie
vergass, dass es ein Sterben gäbe, so voll Leben klopfte es in ihren Adern.
    Immer rascher flogen die Bälle von Einem zum Andern, immer lebhafter wurden
die Wendungen, mit denen man ihnen begegnen musste; da, als die Lust der
Spielenden ihnen Allen Flügel geliehen zu haben schien, rief plötzlich die
Herzogin, dass nun die Reihe der Vergnügungen auch an sie käme und dass man sie
über das Ballspiel nicht vergessen möge.
    Sie war gewohnt, seit sie in Richten lebte, Nachmittags ihr Whist zu
spielen. Der Baron und der Marquis machten dann ihre Partner, und wie dieser
sich auch dagegen sträubte, wie jener auch für die Jugend sprach, da die
Fröhlichkeit seiner Gattin ihm Freude gewährte, die Herzogin bestand mit
scherzendem Eigensinne auf ihrem Willen. Der Spieltisch wurde in einem der
Zimmer aufgestellt, der Baron führte sie hinein, und als der Marquis mit
komischem Seufzer sein Racket aus der Hand legte, wollten auch die Baronin und
Herbert ihr Spiel beenden, aber die Herzogin gab das nicht zu. Sie behauptete,
auf ihre Kartenpartie verzichten zu müssen, wenn Angelika sich dadurch in ihrer
Unterhaltung und im Genusse des schönen Tages stören lasse, und da auch der
Baron seine Frau aufforderte noch im Freien zu bleiben, so gab sie nach.
    Indes sie war durch die Unterbrechung, wie sie meinte, aus dem rechten Zuge
gekommen, und das musste auch bei Herbert der Fall sein, denn nun sie ohne den
Marquis und ohne ihre Zuschauer auf einander angewiesen waren, wollte es mit dem
Spiele nicht mehr gehen. Die Baronin schlug nicht weit genug, der Ball verfehlte
sein Ziel, sie fing ihn auch nicht immer so sicher, obschon Herbert sein Bestes
tat, und nach verschiedenen Versuchen, sich wieder in den früheren Gang zu
bringen, reichte sie das Netz und ihren Ball dem Architekten hin, weil sie zu
müde sei, das Spiel noch fortzuführen.
    Sie wollte sich niedersetzen, Herbert warnte sie davor, da sie sich erhitzt
hatte, und nachdem sie eine Weile in mannigfach wechselndem Gespräche auf und
nieder gegangen waren, kam Herbert, als sie die Höhe im Lichte der sinkenden
Sonne vor sich liegen sahen, natürlich auf den Capellenbau zu sprechen. Da dem
Baumeister die Ausführung seines Planes vor allen Dingen am Herzen lag, so erbat
er sich von der Baronin die Gunst, sie durch den Park noch einmal auf die Höhe
und an den für die Capelle bestimmten Platz hinaufgeleiten zu dürfen, weil er es
seiner Beredtsamkeit zutraute, sie für das Vorhaben an Ort und Stelle gewinnen
zu können. Sie zeigte sich jedoch Anfangs nicht geneigt dazu; da er aber seine
Bitte wiederholte und der Freiherr selbst schon bei der Mahlzeit diese
Besichtigung vorgeschlagen hatte, so willigte sie ein, und sie machten sich auf
den Weg.
    Wie sie nun so durch den Garten hinschritten, ging Herbert gleich daran, der
Baronin die Sache noch einmal vorzutragen, und sein Plan war so wohl erwogen, er
setzte ihn so beredt und mit so viel Schönheitsgefühl auseinander, dass es fast
unmöglich war, sich nicht dafür einnehmen zu lassen. Auch begriff Angelika ihn
gar wohl, das verrieten die Zwischenfragen, welche sie tat. Da aber jedes
Verstehen und jedes Verstandenwerden eine Befriedigung in sich tragen, so wurde,
je weiter man kam, sein Erklären wärmer, ihr Eingehen auf dasselbe lebhafter,
und mit der geistigen Erregung der Beiden steigerte sich die Schnelligkeit ihres
Ganges, bis Angelika, als man sich etwa auf der halben Höhe des Hügels befand,
plötzlich stehen blieb und tief aufatmend eine kurze Rast verlangte.
    Sie lehnte sich an den Stamm einer jungen Birke, und wie die lang
herniederhangenden Zweige derselben, an denen die warmen, duftigen Blätter mit
ihrem hellfunkelnden Grün sich wie geflügelt an ihren Stengeln wiegten, das
rosige, vom raschen Gange leicht gefärbte Antlitz der Baronin umspielten,
gestand sich Herbert, dass er niemals eine schönere Frau gesehen habe. Er hätte
es ihr gern sagen mögen, der Ausruf der Freude drängte sich ihm auf die Lippen;
indes er hielt ihn vor der hochgebornen Frau zurück, aber er hätte in dem
Augenblicke viel darum gegeben, ihr aussprechen zu dürfen, wie ihr Anblick ihm
das Herz entzücke.
    Es musste davon etwas in seinen Mienen zu lesen sein, denn Angelika lächelte
ohne zu wissen wesshalb. Wie ihm ihre Schönheit wieder einmal so beseligend
aufgefallen war, so fiel es ihr in demselben Momente plötzlich ein, dass sie ohne
Begleitung mit ihm fortgegangen sei, und sie sagte, diesem Gedanken folgend:
Kommen Sie, wir sind weit vom Schloss und haben noch eine Strecke zu steigen.
Es könnte dunkel werden, wenn wir uns nicht beeilen!
    Er ahnte ihre Befangenheit, wie sie seine Bewunderung erraten hatte, und
das brachte sie ihm näher. Er fragte, ob sie ihm erlauben wolle, ihr seinen Arm
anzubieten? Sie wagte nicht, seinen Beistand auszuschlagen, eben weil sie
besorgte, er könne darin entweder eine Geringschätzung sehen. die sie dem
jungen, von ihrem Manne hochgeschätzten und liebenswürdigen Künstler nicht
antun mochte, oder er könne etwa gar auf den Einfall geraten, dass sie das
Alleinsein mit ihm unsicher mache, und diese Möglichkeit widerstrebte ihr noch
mehr. Sie gab ihm also den Arm, und wie er nun das schöne Weib an seiner Seite
fühlte, wie ihr Schritt mit dem seinen rhytmisch zusammenfiel, ihr flatterndes
Haar, da er sich zu ihr wendete, seine Wange, ihre Schulter die seine berührte,
da vergass er Alles, ausser dem Vollgefühle seiner Jugend und seiner Kraft. Die
Luft, das Licht, der Duft, welcher aus der frisch aufquellenden Erde und aus den
tausend Blätterknospen strömte, der Vogelsang, der von allen Enden sich hören
liess, und die eigene Lebensfülle und der Wiederschein des Himmels aus Angelika's
strahlenden Augen machten ihn von Herzen froh. Er ging schneller und schneller,
aber Angelika beschwerte sich nicht darüber, denn auch ihr war der Fuss beflügelt
und die Brust erweitert. Es schien ihr, als hebe er sie mit sich empor, es
freute sie, sich von seiner Kraft getragen zu fühlen und gleichen Schritt mit
seiner Rüstigkeit halten zu können.
    Sie hatten schon lange nicht mehr mit einander gesprochen, als sie die Höhe
erreichten, und doch war ihnen beiden ganz anders zu Mute, als da sie ihren Weg
begonnen und als in dem Augenblicke, in welchem sie gerastet hatten. Sie
befanden sich nun auf dem Punkte, auf den Herbert sie zu führen verlangt hatte.
Die Sonne war schon im Sinken, oben auf der Höhe wehte die Luft frischer. Die
Baronin blieb eine Weile in Betrachtung versunken stehen. Sie dachte nicht
daran, dass ihr Arm noch auf dem Arme des jungen Mannes ruhe, und er hütete sich,
sie daran zu erinnern. Mit dem Weben der Natur, mit dem Hinblick in die Ferne
war eine Reihe von Gedanken in ihm rege geworden, und der schwungvollen Freude
folgte ihre Schwester, die Wehmut. Es war ohnehin das erste Mal, dass er
Angelika in allen den Jahren wahrhaft heiter und jugendlich froh gesehen hatte,
und dass dieser Frohsinn so schnell entschwand, dass sich über ihr Antlitz schon
wieder der Schleier der Melancholie herniedersenkte, das vermehrte seine
elegische Bewegteit.
    Wir sind an der Stelle, hier müsste die Capelle stehen! sagte er endlich,
aber er konnte sich nicht überwinden, ihr hier die früheren Erklärungen zu
wiederholen. Es kam ihm Alles so gering vor neben dem, was er empfand, was auch
Angelika - er zweifelte nicht daran - empfinden musste, denn auch sie stand in
sich versunken da. Als sie emporblickte, schaute sie ihn an, es däuchte ihr, als
sähe er traurig aus. Sie machte sich von ihm los, aber sie wagte die Frage
nicht, wesshalb er nicht mehr heiter sei, und er liess ihr dazu auch nicht die
Zeit. Dass wir so vergänglich sind! rief er aus, wir und der Frühling und die
Jugend und die Schönheit! So vergänglich, während das Unbeseelte dauert!
    Sie mochte diesen Ausruf nicht erwartet haben, und er bewegte sie; aber sie
nahm sich zusammen und entgegnete: Und doch wollen wir hier einen Bau errichten,
der Dauer haben soll!
    Ja, rief er, indem er in die Ferne hinabwies, wo die Mauern der Kirche
mächtig emporstiegen, ja, Dauer, Dauer so lange als möglich! Seit Jahren weilt
mein Sinn an diesen Orten, noch Jahre lang wird er sich hierher wenden! All mein
Können und Wissen ist diesen Stätten geweiht! Und wenn dann der Tag kommen wird,
an welchem das goldene Kreuz drüben von dem Turme und hier von der Höhe in die
Ferne leuchtet, wenn diese Bauten vollendet sein werden, dann - werde ich gehen,
um nicht wiederzukehren, dann ist meines Weilens hier nicht mehr! -
    Es war der Gedanke an das Untergehen des Meisters in seiner Arbeit, es war
die alte Klage, dass der Mensch vergänglicher ist als das von ihm Geschaffene,
welche ihm durch den Sinn zog, und in der Jugend überrascht uns die grausame
Notwendigkeit des Untergehens, des Sterbenmüssens immer wieder auf das Neue.
    Er hielt inne, nachdem er gesprochen hatte, fasste Angelika's Hand und fuhr
fort: Aber früh und spät, Sommer und Winter wird Ihr klares Auge sich hierher
richten, wenn Sie an Ihr Fenster treten; hier werden Sie knieen im Gebet! O,
möge nie die Stunde kommen, in welcher Sie hier Trost suchen müssten in dem
Kummer Ihres Herzens - denn der Schönheit soll der Schmerz nicht nahen!
    Angelika war wie verzaubert. Das hatte sie nicht erwartet. Einen Ton des
Herzens, wie er aus den Worten dieses Mannes erklang, hatte sie nie vernommen,
und er erweckte in ihrer Seele ein Etwas, das noch nie in ihr so klar gesprochen
hatte. Glück und Erschrecken, Freude und Pein, ein stolzes Aufjauchzen, eine
herzbeklemmende Angst bestürmten sie auf einmal. Es kam ihr vor, als fühle sie
eben jetzt zum ersten Male, dass sie lebe und welcher Seligkeit sie fähig sei. Es
zog sie mit süsser, mächtiger Gewalt zu Herbert, und doch scheute sie diese
Gewalt. Sie sehnte sich, seinen Blick zu geniessen, und wendete sich von ihm ab;
und wie sie sich von ihm wendete, da sah sie hinunter in das Tal, und weitin
zogen sie sich, die langen Windungen des schnellen, tiefen Flusses, der so hell
und so heiter dahinschoss durch das Land, und sie waren eben so hingeflossen über
Paulinen's Leichnam und hatten ihn an das Ufer gespült, an das Ufer hier unten
im Park, vor ihren eigenen Augen!
    Schrecklicher, furchtbarer als jemals stand das Bild jener Stunde vor ihrem
Geiste, und heute zum ersten Male mischte sich in ihr Entsetzen und in ihre
Verzweiflung über jenes Ereignis eine zornige Empörung gegen ihren Gatten, eine
Auflehnung gegen ihr Geschick, gegen die Vorsehung.
    Warum war er in ihr Leben getreten, der ältere Mann mit der schuldbefleckten
Vergangenheit, dem die Herzogin im Grunde mehr galt und näher stand als sie?
Warum hatte der Himmel es ihr auferlegt, ein Verbrechen büssen zu helfen, das sie
nicht begangen und das denjenigen, der es verübt hatte, jetzt lange nicht mehr
so schwer bedrückte, als sie, die Schuldlose? Warum hatte Gott ihr das Glück
versagt, die reine, die erste, heisse Liebe eines edeln Jünglings zu geniessen und
freien Herzens die Empfindung zu fühlen, die jetzt plötzlich wie ein belebendes
Feuer ihr ganzes Wesen durchglühte?
    Es war das Alles kein langsames Denken, keine Folge von Ueberlegungen; es
war jenes plötzliche, allumfassende Erkennen, das in einzelnen, entscheidenden
Momenten dem Menschen gegeben ist und das ihm eine Art von Allwissenheit
verleiht. Ueber sich hinausgehoben durch die Erregung des Augenblickes,
überblickt er dann sein ganzes Dasein in dem weitesten Zusammenhange und
begreift seine Zukunft mit einer seherischen Klarheit, die ihm das Ziel und das
Ende derselben, die ihm sein künftiges Schicksal wie in einem untrüglichen
Spiegelbilde darstellt.
    Angelika schauerte schweigend zusammen vor der Flut der Gedanken und
Empfindungen, welche sie überfiel. Mit einem unterdrückten Ausrufe des Schmerzes
liess sie sich, ihr Gesicht in ihre Hände verbergend, auf die Steinbank
niedersinken, und unaufhaltsame Tränen entströmten ihren Augen.
    Wie ausser sich warf der junge Mann sich ihr zu Füssen. Um Gottes willen, rief
er, was ist geschehen? Reden Sie, reden Sie! Was habe ich getan? Was habe ich
denn gesagt?
    Er hatte ihre Hände ergriffen. Sie wollte ihn nicht sehen lassen, dass sie
weinte, und wendete das Antlitz von ihm, indem sie sich erhob. Aber der Ausdruck
des Schmerzes in ihren Zügen nahm ihm alle Herrschaft über sich. Er schlang
seine Arme um sie, und fragte, das Schicksal anklagend: Muss sie, muss dieser
Engel weinen? -
    Das war mehr, als sie ertragen konnte, denn es sprach sympatetisch ihre
eigenen Gedanken aus. Sie liess ihr Haupt auf seine Schulter niedersinken und
weinte an seinem Herzen heisser, schmerzlicher, als sie je zuvor geweint. Er
hielt sie umfangen, er wusste selber nicht, wie ihm geschah. Er fühlte sich wie
berauscht, aber er wagte es nicht, den Kuss auf ihr Haupt zu drücken, das seine
Lippen berührten, ihr Unglück machte sie ihm heilig!
    Als sie sich endlich emporrichtete, war sie erschöpft und bleich. Die Sonne
war nun völlig untergesunken, die Dämmerung spannte leise webend ihre duftigen
Schleier über die Gegend aus. Langsam begann die Mondessichel, die im Nebel des
Abends schwamm, aus ihm heraufzusteigen, sich aus dem Purpur seiner Dünste zu
erheben und zum reinen, hellen Lichte zu verklären. Kein Laut regte sich, kein
Vogel sang, selbst das leise Zittern und Flüstern des Laubes hatte aufgehört.
Die Einsamkeit, die Stille waren vollkommen, es ward dem jungen Manne
märchenhaft zu Mute.
    Unten im Schloss zündete man die Lichter in den Sälen an. Dortin gehörte
sie, dortin musste sie wiederkehren, dortin musste er sie geleiten, dortin
musste sie gehen.
    Sie hielt sich das vor, aber sie sagte sich innerlich: Hier auf dieser
Stelle lasse ich meine Seele zurück! Hier, wo sie zum ersten Male aufgelodert in
dem Feuer einer Liebe, die eine Sünde für mich ist!
    Sie hatten beide keine Worte mehr, sie standen fern von einander und hätten
doch ewig hier weilen mögen, hätten vergessen mögen, dass es noch eine Welt und
Menschen gäbe ausser dieser Stelle und ausser ihnen Beiden. Keiner fühlte den
Mut, das Wort zu sprechen, das sie von diesem Platze scheiden hiess. Endlich
machte Angelika sich auf den Weg und Herbert folgte ihr. Ihre Glieder, ihre
Bewegungen waren kraftlos; er bot ihr schweigend seinen Arm, und schweigend nahm
sie ihn wieder an. So ging sie neben ihm her in stiller,
glücklich-unglückseliger Feier, voll Schmerz und ohne Hoffnung, und doch eine
Flamme, eine Glut in ihrem Herzen, die sie erwärmte, die sie vertröstete und
sie in die Ferne, in die Zukunft hinauszuweisen schien, damit sie den Augenblick
nur überstände.
    Als sie hinunterkamen in den Park, wo das Unterholz und die Gebüsche dicht
belaubt waren, schlang Herbert seinen Arm wieder um den Leib Angelika's, und sie
wehrte es ihm nicht. Ihr Auge hing an seinen Blicken, sie sah im Mondlichte wie
verklärt aus. In den Hecken schlugen die Nachtigallen; der süsse, flötende Ton
löste ihnen die Seelen auf; er nahm ihre Hand und küsste sie wieder und wieder.
    Wie schön ist die Welt, wie schön die Nacht! sagte er endlich.
    Ja, für die Glücklichen! fügte sie seufzend hinzu - aber sie ist lang, lang
und finster, wenn man sie durchweint!
    So kamen sie vor das Schloss. Sie werden doch nicht in den Saal gehen? fragte
er, und es war ihm eine süsse Empfindung, dass er für sie sorgte und ihr riet,
dass er ein Geheimnis mit ihr hatte.
    Nein, ich kann nicht! antwortete sie; sagen Sie, die Abendkühle habe mich
unwohl gemacht!
    Die Diener hatten sie kommen sehen und öffneten die Türe. Angelika reichte
Herbert die Hand. Er küsste sie ihr, wie Abschied nehmend, und da er sich vor ihr
neigte, sprach sie, nur ihm hörbar: Da oben dürfen wir keine Capelle bauen!
 
                                Fünftes Capitel
Margarete, sagte der Marquis, als er an dem Abende, an welchem Herbert und die
Baronin auf dem Hügel jenseit des Parkes gewesen waren, sich in den Zimmern
seiner Schwester mit ihr allein zusammen fand, Margarete, was hat denn dieser
Baumeister heute gehabt, dass er so gesprächig und so witzig war?
    Die Herzogin lag schon halb entkleidet in ihren Pudermantel gehüllt auf
ihrer Bergère. Sie liess sich von Mademoiselle Lise die Puffen und das Chignon
ihres Haarbaues auflösen und für die Nachtruhe ordnen, während sie den
Orangenblüten-Tee trank, der die Nerven beruhigen und dem Teint seine Frische
erhalten sollte.
    Sie gab dem Bruder keine Antwort; er schien ihrer auch nicht zu bedürfen,
denn er lächelte, nahm das emaillirte Pudermesser, welches auf dem Tische lag,
trat damit an den Spiegel, dessen Lichter angezündet waren, und sagte, indem er
sich behutsam die Schläfen säuberte: Und Madame, die sich zurückzieht! Sie ist
sehr belustigend, diese verräterische Unschuld!
    Weil ich sie kenne, diese Deutschen, meinte die Herzogin, riet ich Dir, auf
Deiner Hut zu sein. Ihre Poeten haben sie verdorben, sie sind schwerfällig und
empfindsam, selbst in ihrer Freude, und sie verstehen das Geniessen nicht!
    Eine so schöne Schülerin verdiente aber, dass man sie des Besseren belehrte!
rief der Marquis, der sich der Schwester gegenüber in einen Sessel
niedergeworfen hatte.
    Ein flüchtiger Blick, den die Herzogin nach ihrer Dienerin richtete, legte
dem Bruder Schweigen auf, aber das Lächeln, welches um seine Lippen spielte,
konnte er nicht unterdrücken, und während er mit der feinen Hand die Nadel in
seinem Halstuche anders zu stecken versuchte, sagte er: Nur unter seines
Gleichen kann man fröhlich leben, und es war Zeit, dass diese keusche Erhabenheit
zu uns herniederstieg! Man könnte den Seladon beneiden, wenn seine strahlende
Freude nicht auf die bisherige Armut seines Lebens schliessen liesse. Man könnte
ihn beneiden, diesen armen Burschen!
    Und beneidenswert kam Herbert sich auch vor, als er in der Stille der Nacht
an seinem Fenster stand! - Er glaubte sie noch zu fühlen, die schlanke, volle
Gestalt, die er in seinen Armen, an seiner Brust gehalten hatte. Sein Herz
klopfte, sein Sinn war aufgeregt, aber hell und klar. Er erinnerte sich jeder
ihrer Mienen, jedes ihrer Worte, er fühlte sich von frischem Leben durchdrungen,
wie über sich und seine ganze Vergangenheit erhoben. Er hätte es laut ausrufen
mögen, wie voll Freude und voll Wonne er sei.
    Das grosse, hohe Zimmer war ihm zu eng, er konnte nicht auf einem Flecke,
nicht ruhig bleiben. Er musste in das Freie, auf die Terrasse hinaus. Mit
schneller Hand öffnete er die Flügeltüren, die frische Luft strömte ihm voll
entgegen, es war hell wie am Tage. Der Mond stand hoch am Himmel, Wölkchen, so
klar, dass sie kaum die funkelnden Sterne verdeckten, zogen langsam schwebend
vorüber. Der Sang der Nachtigallen lockte in weichen, herzlösenden Tönen aus den
vollbegrünten Büschen. Herbert war es, als sei das Alles nur um seinetwillen da.
    Mit dem stolzen, frohen Empfinden, das der Besitz verleiht, ging er auf der
Terrasse umher. Es schlief Alles im Schloss, Niemand teilte mit ihm die Wonne
dieser Stunde, dieser Nacht, sie war ganz sein. So allein, so einsam hatte er
vor wenig Jahren die Nächte durchlebt, wenn es ihn nicht ruhen lassen, am leise
rauschenden Meeresstrande zu Neapel und zu Bajä; so einsam war es gewesen auf
den steinernen Sitzen des Colosseums zu Rom, und doch, es war ihm jetzt noch
anders zu Sinne, als damals. Denn wie sich in der Stunde des Schmerzes alles
Leid vergangener Jahre unabweislich an uns herandrängt, so nahen sich uns in dem
Augenblicke, der uns günstig ist, wie von magnetischer Kraft herbeigelockt, die
schönsten Erinnerungen unseres Lebens, dass wir unsere Vergangenheit und unsere
Gegenwart als Eines, als ein grosses, ganzes Glück empfinden; und wer solche von
guten Geistern umschwebte Wonnestunden nie gekannt hat, der geht arm aus der
Welt und aus dem Leben!
    An seinen Vater dachte Herbert, und wie der ihn eingeführt in das erhabene
und doch so offenbare Reich der Schönheit und der Kunst; seine Mutter hatte er
neben sich und sie erzählte ihm, dem einzigen Kinde, wie da oben hinter den
weissgeflügelten Wölkchen die unsichtbaren Englein im goldenen Himmelslichte sich
wiegten und den guten Kindern rosige Träume herabträufelten mit dem Taue der
Nacht. Und die Lieder seiner Mutter hallten in seiner Seele nach und die Töne
lösten sich auf und gestalteten sich neu, bis sie in jenen wunderbaren Melodien
verklangen, in welchen die Gondoliere auf den Canälen von Venedig die Stanzen
ihres Tasso singen. Und dann wieder umstrickte ihn die Stille der Nacht so
sanft, dass kein Gedanke Form und Gestalt annehmen konnte und er nichts empfand,
als ein liebevolles Glück, als die Wonne, zu leben und zu atmen inmitten der
Natur.
    Vor einem der Gartentische blieb er stehen. Sein Auge heftete sich an das
Federball-Spiel, welches auf demselben liegen geblieben war. Er nahm das Racket
in die Hand, dessen Angelika sich bedient hatte. Der rote Sammetreif umspannte
das Netz von goldenen Schnüren, der Tau hatte es mit seinen Perlen übergossen.
Das war der Zauberstab, der ihm den heutigen Abend, der ihm diese selige Stunde
heraufbeschworen. Der gefiederte Ball lag noch darauf, er warf ihn fast
absichtslos ein wenig in die Höhe und fing ihn mühelos wieder auf. So war es ihm
heute überhaupt gegangen, so war ihm das wundervolle Abenteuer, das süsse
Erlebnis fast ohne sein Zutun von der Stunde Gunst beschieden worden, und es
dünkte ihm darum noch lieblicher und zauberischer.
    Aber sie irrten beide, der Marquis und dessen Schwester; Herbert war kein
solcher Neuling im Leben und er liebte die Baronin nicht. Es war kein
Liebesrausch, keine Verblendung durch ein eitles Hoffen gewesen, die ihn an dem
Abende so gesprächig und so witzig gemacht, wie der Marquis die Erregteit des
Baumeisters bezeichnet hatte. Es war ein zärtliches Mitleid, eine grossmütige
Sorge, die er für Angelika in seinem Herzen trug, und leise, aber doch erkennbar
genoss er die Genugtuung, den Stolz dieser vornehmen Frau, der ihn manchmal
beleidigt und verletzt hatte, so hingeschmolzen, und sie trostsuchend an seiner
Brust gesehen zu haben. Er erinnerte sich des Augenblickes, da er mit freier
Seele vor sie hingetreten war und sie ihm das Bewusstsein aufgedrängt hatte, dass
er ihr missfalle. Jetzt, dess war er sicher, dachte sie anders über ihn; aber wenn
er sich auch fragte, was Angelika bestimmen mögen, einen Mann, den sie nicht
geringschätzen konnte, alle die Jahre mit so wechselnder Launenhaftigkeit zu
behandeln, so war er sich seines Wertes doch zu sehr bewusst und zu sehr gerührt
von den Tränen der schönen Frau, als dass sich in sein befriedigtes Selbstgefühl
und in seine Teilnahme für die Baronin ein Tropfen von Bitterkeit gemischt
hätte.
    Er wollte versuchen, ihr näher zu treten, ihr Vertrauen zu gewinnen. Er
stellte sich vor, dass sie gegen ihren Willen des weit älteren Mannes Frau
geworden sei, dass man sie gezwungen habe, einer früheren Liebe zu entsagen. So
wie mit ihm, mochte sie einst mit dem Geliebten ihres Herzens durch die duftende
Dämmerung des Frühlings gewandelt sein, so mochte sie mit einem Geliebten von
milder Höhe hinabgesehen haben in ein stilles Tal, und nun hatte Herbert ihr
die Erinnerung an verlorenes Glück, an dauerndes Entbehren wach gerufen. Sie
hatte dem Entfernten, dem Vermissten nachgeweint, Tränen der Erinnerung waren es
sicherlich gewesen, welche sie an seiner Brust vergossen hatte; und wie er sich
mehr und mehr in diese Vorstellung versenkte, so standen auch jene Frauen vor
ihm, denen er in den verschiedenen Zeiten seines Lebens Neigung und Liebe und
Leidenschaft entgegengebracht hatte. Die schöne Empfindung jener wechselnden
Stunden erwärmte und durchglühte ihn, und er liebte seine Erinnerungen und die
Frauen und das Lieben, und wenn er sich seiner fröhlichen Vergangenheit und
seines Glückes freute, so dachte er dazwischen doch immer wieder der Baronin,
die solchen Glückes Fülle sicher nicht gekannt hatte, und der Vorsatz, ihr
beizustehen, ihr nahe zu bleiben, entzückte ihn, weil die Liebe ihn so
entzückte.
    Der Tag kam herauf, als er endlich in sein Zimmer zurückkehrte, um sich zur
Ruhe zu legen; aber er konnte nicht mehr schlafen, und hätte er es vermocht, es
wäre ihm nicht viel Zeit dafür vergönnt gewesen. Er musste früh hinaus, da er mit
dem Amtmanne nach einem Steinbruche reiten wollte, der noch innerhalb der
Herrschaft, aber doch mehr als zwei Meilen von Richten entfernt lag und dessen
Material man für den Bau zu verwenden gedachte.
    Durch den frischen Morgen ritt er über den weiten Hof, an den die grosse und
lange Allee von Lerchen-und Ebereschen-Bäumen sich anschloss. Die taufrischen
Blätter und Spitzen der Zweige nickten, von dem leisesten Luftauche bewegt, und
sprühten ihre Tautröpfchen auf den Reiter herab. Zu beiden Seiten wogte das
dichte, kurze Grün der lang sich hinstreckenden Hafer- und Gerstenfelder, dass es
wie ein wallendes, glänzendes Wasser anzusehen war, wenn die Sonne sich in dem
Taue bespiegelte. Aus dem Walde von Aehren schossen die Lerchen empor und
schwangen sich mit schwirrendem Flügel zum Himmel auf, die kleinen Kehlen in
schmetterndem Gesange bewegend. An dem Rande der Gräben, an den Rainen blühte
die Kornblume, nickte der rote Mohn, und über die Dornhecken und die blühende
wilde Rose schlang die Winde, sich weitin spannend, ihre Ranken. Wohin man
blickte, war Alles voll Leben, voll Bewegung, voll Klang und Sang. Die Biene,
der Käfer, der Schmetterling und der Vogel, jeder tat sich was zu Gute in dem
warmen Sonnenscheine, und selbst die Hunde vor den Häusern sprangen heraus,
kläfften und bellten, liefen dem Pferde nach, liefen ihm voraus und wendeten
wieder um, und man konnte es den klugen Tieren wohl anmerken, dass sie das Pferd
und den Reiter nicht anzuhalten dachten, sondern nur ihr Spiel haben wollten.
    Nach der sanften Feier des letzten Abends, nach der magischen Stille der
Nacht war dieser Morgen voll frischen Lebens dem jungen Manne ein doppeltes
Vergnügen, und mit seinen strahlenden Augen hinaus in die Ferne schauend, liess
er das Pferd weit ausgreifen und atmete mit tiefem Behagen den Luftstrom ein,
der ihm entgegenkam.
    Da, wo der Weg sich wendete und wo der Wegweiser stand, der nach Rotenfeld
wies, blickte Herbert nach dem Schloss zurück. Die grünen Fensterladen waren
noch überall geschlossen. Der Baron und Angelika, der Marquis und die Herzogin,
Alles lag sicher noch im tiefen Schlafe, und sammt und sonders taten sie ihm
leid. Es war ihm so wohl, er hätte überhaupt mit Niemandem tauschen mögen, und
selbst Angelika's leise Mahnung: »Da oben bauen wir keine Capelle!« machte ihm
keine Sorge. War es keine Capelle, so konnte man irgend einen Tempel, einen
Freundschafts-Tempel da oben errichten, und zu einem solchen Angelika's
Zustimmung zu gewinnen, hoffte er zuversichtlich, weil er ihre Freundschaft zu
erwerben trachtete.
    Wohlgemut ritt er durch das Tor des Amtshofes ein. Er war ein gern
gesehener Gast auf demselben und es behagte ihm dort immer, wenn er von dem
Schloss kam. Denn wie das Stattliche und Schöne ihn erfreute, das Vornehme im
Leben und in der Kunst ihm einen grossen Eindruck machten, so hatte er daneben
doch eine angeborene Freude an dem Nützlichen und Notwendigen, und nach der
breiten Terrasse des Schlosses, nach dem hohen Porticus und den Bogenfenstern
desselben, nach den Taxushecken und Springbrunnen gefielen ihm der
Wirtschaftshof mit seinem Röhrbrunnen, an welchem die grosse Heerde getränkt
ward, das schwerfällige, alte Haus mit der niedrigen Türe und der breiten
Rampe, über der sich die Aeste der Lindenbäume von beiden Seiten her dicht in
einander verschlungen hatten, immer ganz besonders wohl.
    Man sah es den dicken Mauern auch an, dass das Haus im Winter warm, im Sommer
kühl sein müsse. Gleich vor der Türe luden die breiten Bänke und der grosse
steinerne Tisch zum Sitzen und zum Verweilen ein, und die Blumenstöcke, welche
auf den Fensterbrettern die volle Morgensonne genossen, die Rabatten des kleinen
Gartens, aus deren fetter, brauner Erde sich schon die vollen Levkoien und die
glänzenden, vielblätterigen Nelken hervorhoben, waren so wohlgepflegt, der
gefleckte Jagdhund auf der Schwelle, der aufsprang, als der Reiter in den Hof
ritt, und die gelbe Katze, welche nur blinzelnd die schläfrigen Augen öffnete
und den dicken Kopf dann langsam niedersenkte, um die sonnenerwärmte Stelle
wieder einzunehmen, waren so rund und so blank, dass man es merkte, hier leide
Niemand Mangel.
    Auch dem Hausherrn, dem jungen Amtmanne, konnte man das ansehen. Er war fast
gleichen Alters mit dem Baumeister und auf dem Gute geboren und erzogen. Schon
sein Urgrossvater hatte die Arten'schen Güter bewirtschaftet und von Vater auf
Sohn hatte sich das Amt, und mit ihm die Liebe für den Grund und Boden und die
Anhänglichkeit an die Herrschaft vererbt. Die Steinert's waren hier zu Hause und
angesehen, beinahe wie die Herren von Arten selbst. In der ganzen Umgegend
hatten sie Verwandte, überallhin waren sie durch die Heiraten ihrer Töchter und
Söhne mit den Amtleuten, den Gutsbesitzern, den Pfarrern und Förstern
verschwägert, und wer im Lande Rat und Tat bedurfte, der ging zum Amtmanne
nach Rotenfeld, denn die Steinert's waren Landwirte, wie es wenige gab, und
der jetzige Amtmann hatte es wohl bisweilen ausgesprochen, dass er einmal sehen
möchte, was aus dem Herrn werden würde, wenn man im Amtshause nicht das Auge auf
Alles hätte und gelegentlich die Hand auf Manches legte, was nicht angetastet
werden dürfte, ohne dass dem ersten Capitalangriffe der zweite nachfolgen müsse.
    Ein treuer Diener muss auch widersetzlich sein, wo's Not tut! hatte der
Vater des jungen Amtmannes einmal gesagt, und sie lag so zu sagen den Steinert's
im Blute, diese treue, ehrliche Widersetzlichkeit. Man brauchte die Männer nur
anzusehen. Sie waren ein grosses, starkes, vollblütiges Geschlecht, die Männer
wie die Frauen, und der junge Amtmann und seine Schwester machten keine Ausnahme
davon, wie er denn auch Adam hiess gleich seinem Vater und Grossvater und gleich
denen, die vorhergegangen waren. Weil aber Adam der einzige Sohn gewesen und
erst neun Jahre nach ihm ein Mädchen in das Haus geboren worden war, so hatte
der Vater gemeint, wenn der Adam doch einmal keine anderen Gesellen habe, so
müsse er wenigstens in der Schwester seine Eva bekommen, und Adam und Eva waren
auch die einzigen Kinder geblieben, waren mit einander gross geworden, hatten von
Vater und Mutter den tüchtigen Sinn geerbt, die Arbeit und die Wirtschaft
erlernt und befanden sich so wohl mit einander, dass noch keiner von ihnen an das
Heiraten gedacht hatte, obschon der Amtmann dreiunddreissig Jahre alt war und
die Eva auch schon in den ersten Zwanzigen stand.
    Sie glichen einander recht wie Bruder und Schwester. Beide waren sie gross,
beide stark von Bau und von frischer Farbe mit hellen, blauen Augen. Des
Amtmanns Krauskopf war eben so blond wie das dicke, gewellte Haar, welches Eva's
Schläfen umgab, und beide sahen jung und lachend wie der Morgen aus, als sie bei
Herbert's Ankunft vor die Türe und auf die Rampe hinaustraten.
    Die grüne, breitschoossige Pekesche mit den blanken Knöpfen, die gelbe
Lederhose und die faltigen Reitstiefel sassen dem Amtmanne wie aufgegossen. Man
sah, dass er etwas auf sich hielt, dass er etwas auf sich wenden konnte, und
obschon er sein Haar nicht mehr puderte, weil es damit, wie auch Herbert der
Baronin bedeutet hatte, in Wind und Wetter nichts war, so hatte er es doch noch
mit einem schönen Bande in breitem Haarbeutel zusammengebunden, grade wie der
Herr Baron, und der kleine dreieckige Hut sass ihm keck auf dem Kopfe und warf
seinen Schatten über seine starke, feste Stirne.
    Willkommen, wertester Herr Baumeister! rief er dem Reiter entgegen, als
dieser vor der Türe hielt. Sie sind ein Mann von Wort! Er zog die Uhr mit der
schön gefleckten Schildpattkapsel hervor und hielt sie ihm hin. Halb sieben Uhr
auf den Punkt. Damit trat er an das Pferd heran, und er und Herbert schüttelten
einander die Hände.
    Man ist ja in dem Wetter froh, versetzte dieser, wenn man herauskommt, und
den Mann möchte ich sehen, den's schlafen liesse, wenn er weiss, dass Mamsell Eva
die Langschläfer nicht leiden mag! - Er nahm den Hut grüssend vom Kopfe; Eva
nickte ihm freundlich zu und meinte, sie könne gar Vieles nicht leiden, zum
Beispiel das Warten nicht.
    Haben Sie denn auf mich gewartet? fragte er.
    Gott bewahre, Mosje Herbert, dazu habe ich Morgens keine Zeit; aber ich
warte jetzt auf Sie!
    Auf mich - wie das?
    Mit dem Frühstücke! entgegnete sie.
    Herbert meinte, es solle gleich fortgehen, indes der Amtmann und Eva wollten
davon nichts hören.
    Sie werden doch nicht der Erste sein wollen, Herr Architekt, meinte der
Amtmann, der um die Frühstücksstunde hier ohne Imbiss fortgeht? Und Eva sagte:
Sie können immer einmal die gnädigen Herrschaften im Muschelsaale ihre Chocolade
allein einnehmen lassen und mit unser Einem frühstücken. Wenn man gute
Gesellschaft am Morgen hat, gibt's immer einen guten Tag; denn daran glaube ich
ganz fest, Gutes und Böses kommen nie allein!
    Schönen Dank, Mamsell, dass Sie mich für etwas Gutes halten! rief Herbert,
während er vom Pferde stieg; der Amtmann hatte einen Knecht herbeigewinkt, der
ihm das Pferd abnahm, und die beiden Männer folgten Eva in den Hausflur, in
welchem auf dem grossen Eichentische Brod und geräuchertes Fleisch aufgetragen
waren, neben denen der zinnerne Bierkrug und die feine Flasche mit
Kirschbranntwein nicht fehlten.
    Den Hausflur hatte Herbert gar so gern. Die grossen, altersgeschwärzten
Eichenschränke, welche auf ihren massiven Kugelfüssen die beiden Seitenwände des
Flures einnahmen, der schwere Tisch in der Mitte, die alte, grosse Hausuhr,
welche einen Monat ging und die seit mehr als fünfzig Jahren auf dieser Stelle
stand, ohne je einer Reparatur bedurft zu haben, die handfesten Stühle und die
dreifachen Reihen von Erntekronen und Erntekränzen, die an den Wänden hingen und
deren Bänder zum grössten Teile schon ganz verblichen waren, das Alles zeugte
von Dauerhaftigkeit; und dazu warf das Sonnenlicht, welches durch die Blätter
der Linden in den Flur hineinfiel und um die welken Aehrenkränze spielte, dass
sie ganz frisch darunter aussahen, eben seine hellsten Strahlen auf das goldene
Haar von Eva, welche, am Tische stehend, den Rücken der Haustüre zugewandt, die
beiden sitzenden Männer bediente.
    Sie haben übrigens Recht, Mamsell Eva, nahm Herbert das Wort wieder auf; ich
finde auch, dass das Glück niemals allein kommt. Denn ich habe eine köstliche
Nacht verlebt, und der Morgen beginnt mir eben so günstig und schön! - Er
verneigte sich dabei, um ihr das Compliment anzueignen. Sie beachtete es aber
nicht, sondern fragte: Was haben Sie denn die Nacht getan?
    O, ich habe sie fast ganz im Freien durchwacht, sie war so still und schön!
- Eva sah ihn an, als erwarte sie eine Fortsetzung seines Berichtes, und da er
nichts hinzufügte, fragte sie: Und das war Alles? Weiter nichts?
    Der Amtmann lachte, Herbert musste mitlachen; Eva's unbefriedigter Blick und
der Ton ihrer Stimme forderten dazu heraus, aber Herbert war dabei doch nicht
wohl zu Mute. Es verdross ihn, dass Eva komisch finden konnte, was ihn so hoch
entzückt hatte, und dabei wusste er kaum, ob er mit dem Mädchen, oder mit sich
selber nicht zufrieden wäre. Sie scheinen auch das Wachen also nicht zu lieben,
meinte er, und er sagte das mit absichtlichem Spotte.
    Sie nahm es aber nicht so auf, sondern antwortete ruhig: Nein, gar nicht,
wenn es zu nichts führt. In guter Gesellschaft und wenn's einen Tanz gibt, oder
wenn es bei einem Kranken nötig ist - ja, dann ist's etwas Anderes. Aber sonst
- sie hielt inne und sagte, als könne sie den rechten Ausdruck nicht finden und
müsse sich auf andere Weise helfen: Nachts ohne alle Ursache wachen und am Tage
schlafen, wie's im Schloss oft geschieht, das wäre mir grade, als sollte ich
den rechten Handschuh auf die linke Hand ziehen! Das geht mir wider den Strich!
    Sie wandte sich dabei von den Männern fort, um aus dem einen Schranke noch
ein Messer herbeizuholen. Als Herbert ihr nachsah, fand er ihre kräftige, grosse
Gestalt in dem aufgeschürzten blauen Zitzkleide, mit dem sauber gefalteten Tuche
um Brust und Schultern ausserordentlich schön, und die Röte des Nackens und der
Oberarme sah so gesund aus, dass er unwillkürlich den Ausruf tat: Ich glaube,
Sie könnten gar nicht anders als Eva heissen!
    Der Bruder, welcher seine Freude an dem Mädchen hatte, verstand, was Jener
meinte, und gab ihm Recht; Eva aber stützte sich mit den Händen vor ihnen auf
den Tisch und sagte: Mosje Herbert, ich glaube, für Sie ist's auch Zeit, dass der
Bau bald fertig wird und dass Sie aus dem Verkehr mit dem lächerlichen Herrn
Marquis fortkommen, der hier zuweilen wie eine Bombe einfällt! Sie lernen ihm
nur seine Redensarten ab! Das mit dem Eva heissen habe ich nun schon zweimal
hören müssen, und man möchte doch auch einmal etwas Neues haben!
    Sie nahm dabei eine schmollende Miene an, die sie vollends reizend machte,
und Herbert fühlte so grosses Vergnügen in ihrer Gesellschaft, dass der Amtmann
ihn an den Aufbruch mahnen musste. Herbert dankte also für die genossene
Gastfreundschaft, Eva entgegnete, wenn es ihm gefallen und geschmeckt habe, so
möge er bald und vor allen Dingen zum Erntefeste wiederkommen. Er reichte ihr
die Hand zum Abschiede, und als er schon im Fortgehen war, fragte sie, was denn
die gnädige Frau mache und ob sie wohl sei. Er berichtete, dass die Baronin sich
am Abende nicht gut befunden habe. Eva machte ein ernstaftes Gesicht dazu und
schüttelte bedenklich den Kopf.
    Die wird auch nie mehr ganz gesund, sie hat's nie verwunden, sagte sie
seufzend und mitleidsvoll, und ich möchte auch nicht an ihrer Stelle sein!
Herbert wollte wissen, wesshalb nicht. Sie antwortete nur, indem sie, ohne eine
Erklärung zu geben, mit einem: O nein, gewiss nicht! ihre vorige Äusserung
bekräftigte, und da inzwischen die Pferde vorgeführt worden waren, so trennte
man sich, ohne dass Herbert eine Antwort von dem Mädchen erhalten hatte.
    Während des Rittes bot sich Herbert keine rechte Gelegenheit zu weiteren
Fragen dar, obschon Eva's Äusserung ihm nicht aus dem Sinne wollte. Die Gegend,
durch welche sie kamen, war Herbert neu, und der Amtmann hatte seine Genugtuung
daran, den Fremden mit allen Vorzügen des Bodens bekannt und auf alle die
Vorteile aufmerksam zu machen, welche eine sorgfältige Cultur diesem Boden
abzugewinnen verstanden hatte. Dafür aber verlangte er dann auch von Herbert zu
hören, wie es sonst in der Provinz und in der Welt aussähe, auf deren Händel und
Entwickelungen das Auge des jungen Landwirtes wie das eines jeden Mannes in
jenen Tagen gerichtet war. Indes so lange man zu Pferde blieb, war an ein
rechtes zusammenhängendes Sprechen nicht zu denken, aber als man in der Nähe des
Steinbruches, wo der Boden aufstieg und das Tal sich verengte, absteigen musste,
um den Rest des Weges am Ufer des Flusses fortzusetzen, ward die Gelegenheit zur
Unterhaltung günstig. Man liess die Pferde an dem Hause eines der Steinbrecher
zurück, und wie man nun in dem kühlen Tale vorwärts ging, richtete der Amtmann
seine Fragen auf sein Lieblingstema, auf die Männer und die Ereignisse, von
denen die Zeitungen ihrer Zeit berichtet hatten und noch berichteten. Herbert
sollte ihm von den Helden der französischen Revolution erzählen, bei deren
Beginn der Baumeister sich noch in Paris befunden hatte und deren
wahrscheinlicher Ausgang jetzt alle Geister beschäftigte.
    Er sollte Mirabeau beschreiben, und schildern wie Camille Desmoulins
aussehe, die er gesehen, er sollte erklären, wie ein Volksaufstand sich mache,
und während der Amtmann mit leidenschaftlicher Spannung an seinen Berichten
hing, erwärmte sich Herbert mehr und mehr an seinen eigenen Worten, bis beide
junge Männer sich wieder einmal lebhaft für die Gleichheit der Stände, wider
alle Vorrechte und wider jede Art von Vorurteilen ausgesprochen hatten, die
ihnen in ihrem Leben bereits hindernd entgegengetreten waren oder von denen sie
später eine Beeinträchtigung fürchten konnten, wie verschieden ihre
Berufstätigkeiten und selbst ihr Bildungsgrad auch waren.
    Herbert, welcher in der Schlossgesellschaft beständige Rücksichten zu nehmen
hatte, fand es angenehm, sich frei gehen lassen zu können und einen so dankbaren
Zuhörer zu haben. Der Amtmann, der sich nach seinen Kenntnissen, seiner
Tüchtigkeit und auch nach seiner Wohlhabenheit manchem der Edelleute überlegen
wusste, die in der Nachbarschaft und zu Zeiten auch im Schloss die grossen Herren
spielten, und vor denen er sich, wie gering er sie auch schätzte, zu demütigen
und zu beugen genötigt war, fühlte sich stets gehoben in dem Verkehre und in
der Unterhaltung des Architekten, welchen der Freiherr als seinen Gastfreund und
Hausgenossen ehrte, während dieser sich als ein Gleicher neben den Amtmann
stellte; und da die Jugend überhaupt zu geselligem Anschliessen geneigt ist,
fanden die beiden sich bald in einem Zwiegespräch begriffen, das ihnen recht von
Herzen kam.
    Man war von den Mitteilungen über Frankreich und die Revolution auf die
Emigranten im Allgemeinen zu reden gekommen und dadurch auch auf die Gäste im
Schloss geführt, und der Amtmann meinte: Es muss solchen Herrschaften spanisch
vorkommen, wenn für sie das Befehlen und Besitzen auch einmal ein Ende hat. Wenn
man aber hört, wie sie's dort getrieben haben, und weiss, wie's auch hier herum
vieler Orten zugeht, so kann man sich denken, dass sie drüben kein gross Mitleiden
mit ihnen fühlen. Ich wollte nicht sehen, was hier passirte, wenn's auch hier
einmal zum Klappen käme!
    Glauben Sie denn, dass hier zu Lande das Material für eine Revolution
vorhanden ist? fragte der Baumeister.
    Der Amtmann besann sich, ehe er antwortete, die Vorsicht des Bauers steckte
auch ihm im Blute. Es kommt darauf an, sagte er dann nach reiflichem Ueberlegen,
was man Revolution nennt!
    Nun! versetzte Herbert, mich dünkt, das wäre klar. Ist man hier unzufrieden?
Hat man grosse Beschwerden gegen den König und sein Regiment?
    Gegen den König und sein Regiment? wiederholte der Amtmann, das könnte ich
nicht sagen. An den König denken sie hier nicht viel, d.h. sie denken an ihn
nur, wie an den lieben Herrgott, der ebenfalls weit weg ist und von dem sie auch
nicht wissen, ob er sie hört oder nicht hört. Die Leute hier sehen nicht über
die Feldmark hinaus. Jeder hat hier sein Teil Plage für sich und steht also
meist auch nur für sich. Er hat's mit mir zu tun, der ich hier befehle, und mit
der Herrschaft, für die ich befehle. Was er zu fürchten und zu hoffen hat, seine
Anhänglichkeit und seine Aufsässigkeit, das liegt Alles hier, Alles dicht neben
einander wie sein Haus und sein Grab. Darüber hinaus hat er sich sonst nicht
leicht um etwas gekümmert, und wenn's ihm nicht allzu schlecht gegangen ist, ist
er zufrieden gewesen.
    Und jetzt! ist's jetzt anders?
    Der Amtmann besann sich wieder eine Weile, dann sagte er sehr bestimmt: Ja!
anders als vor fünf und vor zehn Jahren, als zu den Zeiten, da ich von der
Schule und von der Universität kam, denn mein Vater hat mich andertalb Jahre
auf die Universität geschickt, schaltete er mit Selbstgefühl in seine Rede ein,
anders ist's jetzt hier allerdings. Es ist, als ob's in der Luft läge. Sie
pariren nicht wie sonst, sie raisonniren viel.
    Aber worüber?
    Ueber Alles!
    Also zum Beispiel? fragte Herbert.
    Ueber die Frohnen, über die Hand- und Spanndienste, über Alles! Und wie das
geht, da sie immer zusammenstecken, hetzt Einer den Andern auf, und was der Eine
nicht ausheckt, das klaubt der Andere hervor. Man wird bald Not haben, sie zur
Arbeit zu bekommen, denn um Ausreden sind sie ohnehin niemals verlegen.
    So etwas pflegte aber doch überall einen Ausgangspunkt zu haben, oder es
pflegte irgend Jemand da zu sein, der den Anführer macht. Ist vielleicht ein
bestimmter Anlass zu der Unzufriedenheit gegeben worden, ist irgend Einem ein
besonderes Unrecht zugefügt?
    Sie gingen, als Herbert diese Frage tat, über die lange und schmale, aus
Knüppeln und Rasen gemachte Brücke, welche hier den Fluss überspannend auf die
Seite desselben leitete, auf welcher der jetzt bearbeitete Steinbruch lag, und
da Herbert seiner Freude an dem Schönen und Lieblichen in der Natur, wo er
diesem begegnen mochte, nachgab, so blieb er stehen und betrachtete, wie die
weichen Binsen und das Schilf sich nickend in dem Wasser spiegelten, dass es zu
Zeiten aussah, als hingen die goldenen Sonnenreflexe wie strahlende Blumen an
den schwankenden grünen Halmen. Er pflückte eine kleine breitblättrige Farre,
die in dem Moose auf der Brücke gewachsen war, steckte sie an seinen Hut und
folgte dann dem Andern, der ihn drüben am Ufer erwartete.
    Als Herbert sich wieder an des Amtmanns Seite befand, der offenbar mit der
Frage seines Begleiters beschäftigt geblieben war, sagte Jener: Eine Ursache und
einen Anfang muss freilich Alles haben, aber die Dinge haben meist mehr als Eine
Ursache, und hier die Veränderung unter den Leuten hat deren viele. Und wieder
brach er zögernd ab, bis der Baumeister ihn mit erneuter Frage zum
Weitersprechen nötigte.
    Sehen Sie, Herr Baumeister! fing nun der Amtmann an, als sei er nun zu dem
Entschlusse gekommen, herauszusagen, was er eigentlich dachte: sehen Sie, unser
Herr Baron ist ein guter Reiter, und wer ein guter Reiter ist und es weiss, dass
kein Pferd ruhig bleibt, wenn man's heute gehen lässt, wie's eben mag, und morgen
scharf zusammennimmt, ohne dass es was verfehlt hat, wer's aus Erfahrung weiss,
dass man das beste, frommste Tier im Handumdrehen verreiten und stöckisch machen
kann, der, meine ich, sollte das auch auf den Menschen appliciren. Es ist schwer
auskommen mit dem Herrn Baron! Mein Vater hat's schon immer gesagt, es war
besser unter dem seligen Herrn!
    Herbert bemerkte, dass der Freiherr ihm weder streng noch hart erscheine, dass
er im Gegenteil nur wohlwollende und menschenfreundliche Äusserungen von ihm
vernommen habe.
    Der Amtmann machte eine zustimmende Bewegung mit dem Kopfe. Das ist's eben!
meinte er. Streng und hart ist gar nicht das Schlimmste, dabei kann Alles gehen,
denn der Mensch gewöhnt sich allmählich an das, was gleichmässig geschieht, und
besonders denkt der Bauer in solchem Falle: es könne denn eben nicht anders
sein. Wäre der Herr Baron nur immer streng, und machte er es wie sein Vater und
sein Grossvater, die sich um gar nichts kümmerten, als um's Verzehren und
Geniessen, so ständen wir Alle uns besser. Aber er ist leider Gottes
menschenfreundlich und hat ein weiches Gemüt, und dazu mag er im Grunde seines
Herzens selbst zuweilen denken, dass es wohl nicht immer so auf der Welt bleiben
werde, wie bisher. Da kommt's denn, dass er heute nachgibt, was er morgen
verweigert, dass er dem Einen erlaubt, was er dem Andern verbietet. Das macht
böses Blut. Die Einen denken, wenn er das zugesteht, kann er auch mehr
zugestehen; die Andern sind ihm aufsässig, weil sie ihre Forderung nicht
durchgesetzt haben, und zuletzt bade ich es aus, denn zuletzt muss ich vor den
Riss treten, und mit mir macht er's dann auch nicht besser. Man weiss nicht, wie
man mit ihm daran ist. Seit er geheiratet und die Pauline sich ertränkt hat,
ist das Alles schlimmer geworden, und seit wir nun gar den - verzeihen Sie, dass
ich es einmal sage - verwünschten Kirchenbau hier haben, ist vollends der Teufel
los!
    Der Amtmann sagte das offenbar mit fester Ueberzeugung. Indes obschon dies
Herbert nahe genug anging und ihn lebhaft beschäftigte, so erregte doch die
Erwähnung eines Frauenzimmers, das sich ertränkt haben sollte und das offenbar
in einem nahen Zusammenhange mit dem Freiherrn gestanden haben musste, um der
Baronin willen vor allem Andern seine Neugier. Er fragte nach den näheren
Umständen, erfuhr den ganzen Hergang der Sache und alle ihre Einzelheiten, wie
man sie eben in der Umgebung und Dienerschaft des freiherrlichen Paares kannte
und betrachtete.
    Herbert war sehr von dieser Kunde betroffen und ergriffen, denn jetzt
glaubte er plötzlich den Schlüssel für alles dasjenige zu haben, was ihm gestern
überhaupt in dem Wesen und in dem Verhalten der Baronin auffallend erschienen
war. Das arme, arme Weib! rief er unwillkürlich aus, als der Amtmann geendet
hatte.
    Der Amtmann stimmte ihm bei, denn er glaubte, Herbert spreche von Pauline,
und er rühmte deren Schönheit und gute Eigenschaften.
    Herbert aber dachte nur an die Baronin. Er bedauerte, dass er dies Alles
nicht schon gestern gewusst habe, er fürchtete, der Baronin nicht verständnissvoll
genug begegnet zu sein, und machte sich Vorwürfe darüber, dass er durch seine
Äusserung ihr wundes Herz getroffen, oder dass sie gar in derselben eine
unberechtigte Andeutung auf ihr schweres Schicksal gefunden haben könne.
    Während er mit dem Amtmann den Bruchstein besah und Farbe und Gehalt
desselben prüfte, während man mit dem Aufseher und dem Meister überlegte,
welcher Art von Bearbeitung und Polirung der Stein fähig sei und in wie viel
Zeit man die geforderten Quadern und Säulen herstellen und beschaffen könne,
blieb das Bild der Baronin ihm immer gegenwärtig, und die Vorstellung, dass er
mit seinem Baue ihrem innersten Herzensbedürfnisse genüge, dass er ihr dazu
helfe, ein Gelübde zu erfüllen, eine Busse zu üben, von der sie sich eine
Befreiung ihrer Seele versprach, wurde ihm ganz besonders wert.
    Es fiel dem Amtmann auf, dass Herbert während der Verhandlungen so dringend
wurde, dass er die Termine, welche er am Anfange der Unterredung und der
Besichtigung leichtin als die früheste Ablieferungszeit bezeichnet hatte, bald
als die letzte angesehen haben wollte, und er erinnerte ihn also daran, dass er
ja selbst sechs Jahre für den Bau beansprucht, dass man also noch eine geraume
Zeit vor sich habe. Auch der Baron habe, wie der Amtmann bestimmt wisse, bei
seinen Geldmitteln und Geldbewilligungen mindestens an eine sechsjährige Dauer
des Baues gedacht und auf die gleichmässige Verteilung der für denselben
bestimmten Summe während dieser sechs Jahre gerechnet. Endlich, meinte er,
hätten, um die Wahrheit zu sagen, diese ersten vier Jahre die ganze ursprünglich
festgesetzte Summe verschlungen, so dass ein Innehalten und Zögern sehr geboten
sei. Herbert hingegen machte geltend, dass er vor dem Baue der Kirche in
Rotenfeld, eben der Kosten wegen, gewarnt habe und dass man um der auswärtigen
Arbeiter willen nicht innehalten und nicht feiern dürfe.
    Das musste der Amtmann halbwegs zugeben, und nach mannigfachem Hin und Wider
und nachdem Herbert einige Proben des Gesteins hatte abschlagen lassen, die er
versuchsweise nach der Stadt mitnehmen wollte, um dort mit Sachkundigen über
ihre Behandlung sich noch zu besprechen, trat man den Rückweg an. Indes der
Amtmann fand Herbert nicht so gesprächig als vorher. Er schob dies auf die eben
gehabte Erörterung, auf die Wärme des Tages, und sie schlenderten dann, auch nur
hier und da ein paar Worte mit einander wechselnd, langsam durch das Tal, bis
sie zu der Stelle kamen, an welcher des Steinmetzen Bube mit den Pferden ihrer
wartete. Hier mussten sie sich trennen. Der Amtmann, welcher noch vor dem Mittage
in den Forst zu reiten dachte, lud den Baumeister ein, ihn zu begleiten, weil es
dort im Nadelholze schattig und kühl sei; Herbert meinte jedoch, dass der
Freiherr eine Auskunft von ihm erwarten könne, und wollte deshalb bei guter Zeit
wieder in Richten eintreffen.
    Er stieg also auf, der Amtmann tat desgleichen; als dieser jedoch den Fuss
in den Bügel setzte und sich aufschwingen wollte, bemerkte er, dass sein Sattel
nicht fest sass, und stieg ab, um den Sattelgurt fester zu schnallen. Und während
er sich dazu bückte, sagte er, Französisch sprechend, wie er das gelegentlich
gern tat, um seine gute Erziehung zu beweisen: Ich darf wohl darauf rechnen,
dass Alles, was wir heute durchgesprochen haben, unter uns bleibt?
    Herbert versicherte, dass sich das von selbst verstände, und Jener fügte
lächelnd hinzu: Es ist hier doch im Grunde immer noch so gut, wie rund herum,
und wer die Herrschaften kennt, hängt ihnen an. Aber, lieber Gott! sie sind
einmal, wie sie sind! Chien de chasse, chasse de race! Die Männer wollen leben,
und die Frauen wissen sich denn auch auf eine oder die andere Art zu trösten!
    Er lachte dazu, denn er kam sich offenbar bei dieser Äusserung wie ein
Weltmann vor, und mit guter Manier den kleinen dreieckigen Hut zum
Abschiedsgrusse bewegend, während er dem Architekten ein: à revoir, Monsieur
Herbert! zurief, sprengte er davon.
 
                                Sechstes Capitel
Langsam und zerstreut ritt Herbert die Strasse zurück, welche er am Morgen in so
heiterer Stimmung durchmessen hatte. Er dachte an den Bau und an gewisse
Berechnungen, welche er dem Freiherrn aufzumachen hatte, aber er rechnete
schwer, er verrechnete sich öfter; die Zahlen, die Masse wirrten sich ihm in
einander, und dann ertappte er sich bisweilen auf jener Zerstreuteit, in
welcher es uns scheint, als sei in unserem Denken ein Stillstand, eine Leere
eingetreten, und in der wir uns fragen: Was habe ich denn eigentlich gedacht? -
weil die Reihe unserer Vorstellungen so blitzschnell an uns vorüber zieht, dass
wir sie nicht festzuhalten im Stande sind und uns nur, man möchte sagen, des
unwillkürlichen Erleidens einer unwillkürlichen Tätigkeit bewusst werden. Das
ist ein quälender Zustand, und auch unsere Sinne werden in der Regel von
demselben ergriffen, denn was wir in solchen Augenblicken sehen und vernehmen,
gleitet anscheinend auch unerfasst an uns vorbei, und doch kann es geschehen, dass
man sich nach Monaten, nach Jahren irgend eines Eindruckes bewusst wird, den man
in solcher Stunde empfangen hat.
    Das Pferd, welches fühlte, dass es sich selber überlassen sei, machte sich
das zu Nutze. Der Tag war so drückend heiss, und, den Schatten der Bäume suchend,
ging das Tier in gleichmässig ruhigem Schritte der wohlbekannten Heimat zu.
Herbert hing nachlässig im Sattel. Die Sonne brannte hernieder, aber er schien
sie nicht zu fühlen. Er dachte an den linden Abend und an die frische Kühle der
letzten Nacht, oder vielmehr, er dachte nicht an sie, sondern er empfand sie
noch erquickend. Es war ihm, als träume er, aber als träume er einen schönen,
glücklichen Traum, und er wusste doch nicht, was dieser ihm bringe oder biete.
Alles war nebelhaft, Alles warm und beseligend. Er hätte nur immerfort so weiter
reiten mögen, immerfort, immerfort!
    Da mit einem Male wehte es ihn kühler und erfrischend an. Eine Wolke war
über die Sonne hingezogen, sie verhüllte ihr Licht. Der ganze Himmel hatte
angefangen sich zu bedecken, ein leiser trockener Wind erhob sich. Herbert sah
umher: er war nicht weit mehr von Richten, er konnte das Schloss deutlich in
allen seinen Einzelheiten unterscheiden. Grade so hatte er es damals erblickt,
als er vor Jahren zuerst des Weges gekommen war. Damals!
    Es dünkte ihn sehr lange her zu sein, jener Tag, denn damals war Alles
anders gewesen, als jetzt, Alles anders! Noch gestern war es anders gewesen -
noch heute früh!
    Was hatte er denn gedacht seit gestern? Weshalb hatte er denn die Nacht so
wundersam verträumt, und was hatte ihn so umgewandelt seit einer Stunde?
    Das Blut schoss ihm zu Kopfe, er fuhr auf. Das Pferd, durch einen straffen
Zügelgriff aus seiner freien Lässigkeit aufgeschreckt, sprang, sich bäumend, in
die Höhe. Der Widerstand kam Herbert eben recht, und mit scharfem Spornstoss das
Tier zusammennehmend, trieb er es vorwärts, dass es weit ausgriff und ihn
gestreckten Laufes leicht dahintrug.
    Zu ihr! das war die ganze Antwort, welche er sich zu geben wusste.
    Ein leidenschaftliches Verlangen brannte in seinem Blute, er musste lachen,
wenn er sich erinnerte, welche Rolle er gestern neben Angelika gespielt hatte.
Er war sehr entschlossen, nicht wieder als ein blöder Schäfer vor der vornehmen
Dame zu erscheinen, welche sich über das Unglück ihrer Ehe zu trösten begehrte.
Er musste darüber lachen, dass er dies nicht selbst gesehen hatte, dass ihm die
Hingebung nicht auffallend gewesen war, mit welcher Angelika sich seiner
Tröstung, sich seinem Schutze überlassen hatte; und, so wechselnd ist der Sinn
des Menschen, so leicht bestimmbar die heisse Phantasie der Jugend: er, der
gestern in reinster, verehrender Liebe sein Herz der unglücklichen Frau
zugewendet hatte, er versprach sich jetzt mit leidenschaftlichem Feuer, es der
schönen Baronin zu beweisen, dass er nicht mit sich spielen lasse und dass er der
Mann sei, zu begehren und zu gewinnen, was ihre Hingebung ihm zu verheissen
geschienen.
    Im Schloss angelangt, konnte er die Stunde nicht erwarten, da er sie
wiedersehen sollte. Der Freiherr, welcher von seiner Rückkehr unterrichtet
worden war, liess ihn rufen, um von ihm zu hören, wie er mit dem Steine und der
Bearbeitung desselben durch seine Neudorfer Leute zufrieden gewesen sei. Herbert
musste Auskunft geben, aber er hatte Mühe, dies mit der nötigen Ruhe zu tun,
denn es war öfter vorgekommen, dass Angelika sich solchen Besprechungen in dem
Zimmer ihres Gatten unerwartet zugesellt hatte, und er meinte von Minute zu
Minute den Schritt der Baronin, das Rauschen ihrer Gewänder zu vernehmen. Indes
sie kam nicht. Das verdross den jungen Mann. Er wünschte sie zu sehen, wesshalb
gewährte sie ihm die Freude nicht?
    Als er von dem Freiherrn entlassen wurde, fragte er nach dem Ergehen der
gnädigen Frau Baronin und sprach die Hoffnung aus, dass der Gang nach der Höhe
ihr nicht geschadet haben werde. Der Freiherr nahm die Sache leicht. Es ist
glücklicher Weise nur eine kleine Uebermüdung bei dem Spiel, sonst nichts, sagte
er, und ich bin sicher, dass wir die Baronin heute wieder unter uns sehen werden,
denn sie befand sich diesen Morgen wohl.
    Das hatte Herbert nur hören wollen, und er fing nun an, sich auf den Mittag
zu vertrösten. Aber der Mittag kam, die Hausgenossen fanden sich zusammen und
die Baronin fehlte. Was soll das bedeuten? fragte er sich.
    Er hatte seinen Platz, wenn sonst keine Gesellschaft vorhanden war, zwischen
dem Marquis und dem Caplan. Er erkundigte sich bei diesem Letzteren nach dem
Grunde, der die Baronin von der Tafel entfernt halte, und erhielt den Bescheid,
dass Renatus sich nicht wohl befände und Muttersorge Angelika bei dem Kinde
festalte.
    Herbert musste seine Enttäuschung nicht gut verborgen haben, denn der Marquis
sah ihn mit einem nicht misszuverstehenden Lächeln an, von welchem Jenem das Blut
in die Wangen stieg. Der Amtmann hatte sich also nicht geirrt, auch der Marquis
dachte von Angelika nicht anders, als von den anderen Frauen seines Standes.
    Um der Baronin willen, die sich von dem Kinde nicht trennen mochte, blieb
man nach dem Mittagbrode nicht beisammen; auch der Abend und der ganze folgende
Tag verstrichen, ohne dass Herbert sie sah. Er fragte im Laufe desselben den
Kammerdiener nach dem Knaben; der schien aber gar nicht daran zu denken, dass dem
Kleinen etwas fehle, denn er sagte gleichgültig, der junge Herr spiele und sei
munter.
    Herbert glaubte zu bemerken, dass der Freiherr missmutig sei, es kam ihm auch
vor, als beobachte die Herzogin ihn mehr als sonst; indes er war selbst zu
aufgeregt, sehr darauf zu achten, denn jetzt erfuhr er es ja selbst, auch
Angelika war nur eine herzlose Coquette, die, wie diese Frauen alle, ihre Freude
daran hatte, seine Sehnsucht durch ihre berechnete Entfernung anzufachen und zu
steigern.
    Der nächste Tag brachte den Sonntag, an welchem nach beendeter Roggenernte
das kirchliche Dankfest für dieselbe gefeiert werden sollte. Da man seit der
Bekehrung der Baronin auch strenger als früher auf die Kirchlichkeit der
protestantischen Dienerschaft hielt, so hatte man Morgens die Dienstleute,
welche man irgend entbehren konnte, in die Kirche nach Neudorf geschickt, und
oben in der Schlosscapelle hielt der Caplan für die Herrschaften den gewöhnlichen
Gottesdienst.
    Es war dadurch sehr still im Schloss, und Herbert fühlte sich allein und
innerlich gequält. Er sehnte sich noch immer nach einem Zusammensein mit der
Baronin und sann doch darüber nach, wie er ihr die Pein vergelten wolle, die er
eben um sie duldete. Er wusste nicht, ob er sie liebe oder hasse, und solches
inneren Zwiespaltes ungewohnt, schalt er sich unmännlich, weil er sich aus
demselben nicht sogleich befreite.
    Unzufrieden mit sich selbst, stand er am Fenster und beobachtete, wie vom
Hofe die Leute nach der Kirche gingen, wie sie sich in Paaren, in Gruppen
zusammenfanden, Jeder mit seinem Nächsten, seinem Freunde, und er war hier
allein. Sein Zimmer, die altertümlichen Möbel, die alten Oelgemälde sahen ihn
so düster an, sein Aufentalt in dem Schloss ward ihm zuwider. Er war hier
nicht heimisch, man brauchte ihn eben nur; es kam ihm eine Sehnsucht nach
Zuständen an, in die er hineingehörte, nach Menschen, mit denen er frei
verkehren konnte, und schnell, wie man sich im Missmute zu entschliessen pflegt,
setzte er sich an den Schreibtisch und bat den Freiherrn, ihn für die nächsten
Tage gnädigst zu beurlauben, da er ein wenig in der Umgegend umherzustreifen und
sie kennen zu lernen wünsche. Der Besuch der Steinbrüche habe ihn dazu verlockt,
und er werde nicht ermangeln, sich nach ein paar Tagen wieder einzustellen.
    Das Schreiben übergab er dem Kammerdiener des Barons, hing eine leichte
Tasche über die Schulter, und trat mit lachendem Selbstbewusstsein den Weg nach
dem Amtause an, entzückt über seinen schnellen Entschluss, erfreut über die
Kränkung, welche er nun seinerseits der Baronin zuzufügen hoffte, und angenehm
bewegt von der Aussicht auf den guten Empfang und die einfach frohen Stunden,
die ihm im Amtause nicht fehlen konnten. Musste er sich doch ohnehin bei den
Geschwistern, die das Haus voll Gäste hatten, entschuldigen, weil er, von seiner
Aufregung hingenommen, ihrer Einladung zum Erntefeste ganz vergessen hatte.
    Im Schloss nahm man nach dem Gottesdienste das Frühstück ein, als der
Kammerdiener dem Freiherrn das Schreiben des Architekten brachte. Er las es und
legte es bei Seite, aber da auf dem Lande ein Brief zu unerwarteter Stunde immer
ein Ereignis ist, fragte Angelika, was es gebe.
    Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, sagte der Baron scherzend. Herbert
hat neben manchen anderen guten und tüchtigen Eigenschaften von seinem Vater
offenbar auch die Anfälle von plötzlicher Wanderlust geerbt. Erinnern Sie sich,
lieber Caplan, wie sein Vater uns in Italien bisweilen plötzlich zu verschwinden
pflegte?
    Ist Monsieur Herbert abgereist? fragte der Marquis. Ich habe ihn in der
Frühe gesprochen, und er hat an Reisen, so viel ich merken konnte, nicht
gedacht.
    Er schreibt mir, dass er sich in der Umgegend umsehen wolle, und bittet mich,
ihn für ein paar Tage zu beurlauben.
    Die Baronin schien auf den ganzen Vorgang nicht zu achten, aber sie wurde
rot, als der Marquis sie ansah, und die Herzogin beobachtete, dass sie nach
einiger Zeit das Billet in die Hand nahm, es las und es dann auf die Seite
legte. Sie war sehr zerstreut, und der Marquis, dessen gute Laune sich daran
steigerte, war eifrig um sie bemüht. Seine feinsten Complimente und seine
witzigsten Einfälle vermochten sie jedoch nicht zu fesseln, und als der Baron
einen Besuch in der Nachbarschaft vorschlug, wünschte Angelika sich von
demselben auszuschliessen, obschon ihr Gatte ihre Sorge um den Knaben eine völlig
aus der Luft gegriffene und unberechtigte nannte. Wie sie aber bei ihrem
Vorsatze beharrte, liess es sich die Herzogin nicht ausreden, ihr Gesellschaft zu
leisten, und eine Meisterin in der Unterhaltung, musste sie heute die Kosten
derselben, als sie sich mit der Baronin dann allein fand, fast ausschliesslich
tragen, denn Angelika war und blieb zerstreut.
    Die Herzogin erzählte von ihrer Heimat, von ihren Freunden, von deren
Schicksalen und Herzenserfahrungen, und kam so endlich auf sich selbst und auf
ihre Jugendzeit zu sprechen. Indes auf diesen Punkt gelangt, hielt sie mit einem
Male inne, als gewahre sie erst jetzt, dass die Baronin ihr nicht folge. Es
entstand also eine Pause. Angelika, durch dieselbe auf ihre Zerstreuteit
aufmerksam gemacht, rückte, um ihre Unhöflichkeit zu verbergen, ihren Sessel an
den Lehnstuhl der Herzogin heran und fragte, wesshalb sie ihre Mitteilungen so
plötzlich unterbreche.
    Die Herzogin reichte ihr die Hand, so dass Angelika genötigt wurde, sich ihr
vollends zu nähern, schlug den Arm um den Hals der jungen Frau und sagte: Ich
dachte an Sie, meine Teure, denn meine eigenen Erinnerungen geben mir den
Massstab für das, was Sie bewegt. Armes Kind, wenn Sie Vertrauen zu mir hätten,
Sie, die ich Einsame wie eine Tochter liebe! Wenn Sie das Vertrauen teilen
könnten, welches der Baron mir treu erhalten hat und das ich zu verdienen weiss!
    Angelika war von dieser Wendung des Gespräches überrascht. Vertrauen? rief
sie; o gewiss, meine Freundin, ich vertraue Ihnen! Aber was bestimmt Sie zu der
Frage?
    Sie wollte, von innerer Unruhe getrieben, sich erheben, die Herzogin hielt
sie davon zurück. Der Zustand, in welchem ich Sie sehe, meine teure Angelika,
die Gemütsbewegung, in der Sie sich unverkennbar befinden! sagte sie und brach
abermals in ihrer Rede ab, denn sie wollte der Aufregung, in die sie Angelika
versetzt hatte, Zeit zum Wachsen lassen und abwarten, wozu diese selbst sich
entschliessen würde. Aber die Baronin war strenger gegen sich, als Jene erwartet
hatte. Sie schien sprechen zu wollen, schwieg dann wieder und sagte endlich mit
einer Fassung, die ihr offenbar schwer wurde, ihrem edeln Wesen aber sehr wohl
anstand: Ich glaube an die Freundschaft, teure Herzogin, die Sie für uns hegen;
gewiss, ich glaube fest daran! Es gibt jedoch Dinge, die man nur mit sich
selbst, mit sich selbst und mit seinem Gotte zu beraten und abzumachen hat, und
was mich bewegt, gehört eben in den Bereich solcher Dinge. Denken Sie also nicht
übel von mir und halten Sie mich nicht für undankbar, wenn ich die Hülfe, welche
Sie mir bieten, in diesem Augenblicke nicht benutze.
    Sie drückte dabei der Herzogin zum Zeichen des Dankes die Hand, aber sie
erhob sich. Die Herzogin, welche es Jemandem nicht leicht verzieh, wenn er ihren
Voraussetzungen nicht entsprach, presste unmerklich die schmalen, feinen Lippen
zusammen, und unter den halbgeschlossenen Augenlidern schoss ein Blick hervor,
der gewillt schien, nicht von dem Gegenstande abzulassen, welchen er sich zur
Beute ausersehen hatte. In ihren Sessel zurückgelehnt, den Kopf gegen seine
Kissen gestützt, so dass sie Gelegenheit hatte, den noch immer schönen Fuss weit
von sich gestreckt unter dem Falbalas ihres Kleides hervorsehen zu lassen, nahm
sie aus dem Strausse, der in der chinesischen Vase an ihrer Seite stand, eine
volle Rose hervor, die sie bald gegen ihr Gesicht drückte, als kühle sie sich
damit die Stirne und atme den Duft ein, und bald an der Spitze des Stengels
zwischen ihren Fingern auf und nieder bewegte, wie Jemand, der an sein äusseres
Tun nicht denkt.
    So verging eine geraume Zeit. Angelika, die sich nicht hatte entfernen
wollen, um nicht den Schein des Missmutes auf sich zu laden, sass wieder vor
ihrem Stickrahmen; aber ihre Gedanken arbeiteten schneller, als ihre Hand, und
sie mussten weitab von dieser Stelle gewesen sein, denn sie erschrak, als die
Herzogin sie sanft mit ihrem Namen anrief.
    Angelika, wollen Sie mir erlauben, mich zu rechtfertigen? fragte sie. Die
Baronin versicherte, dass es keiner Rechtfertigung bedürfe, aber die Herzogin
beharrte bei ihrer Absicht. Denn, sagte sie, ich bin gezwungen, aus Neigung und
Dankbarkeit gezwungen, meine teure Angelika, mich in das Vertrauen zu drängen,
das Sie mir verweigern. Ich habe, wenn auch nicht im Auftrage, so doch in Bezug
auf Ihren Gatten mit Ihnen zu sprechen. Der Baron hat mir vor längerer Zeit es
einmal mitgeteilt ....
    Die Baronin wollte sie unterbrechen, aber die Herzogin wiederholte schnell
und bestimmt: Der Baron hat mir einmal mitgeteilt, in wie grausamer Weise der
Friede und die Heiterkeit Ihrer Flitterwochen getrübt worden sind, mein liebes,
armes Kind, und ich weiss Alles, was zwischen Ihnen damals vorgegangen ist ....
    Ich bitte Sie, rief die Baronin, der das Rot des Zornes und der Scham die
Wangen färbte, ich bitte, Frau Herzogin, schonen Sie mein Empfinden! - Sie stand
abermals auf, um nun wirklich das Zimmer zu verlassen, aber auch die Herzogin
hatte sich erhoben, und die junge Frau bei der Hand nehmend, sprach sie mit
leisem ernstem Tone: Nicht um die Schonung eines augenblicklichen Empfindens, es
handelt sich um die Zufriedenheit des Mannes, dessen Namen Sie tragen, um seine
und Ihre Zukunft, wenn Sie es nicht lernen, sich zu fassen, sich zu beherrschen
und der Welt zu verbergen, was ihr verborgen bleiben muss!
    Nichts ist so leicht zu zerstören, als die Willensfreiheit eines edeln
Herzens, welches sich schuldig weiss oder schuldig glaubt. Bestürzung, Schrecken,
Zorn machten die Baronin stumm. Erst als ihre Gefährtin inne hielt, vermochte
sie die Frage vorzubringen: Und mir dies zu sagen, Frau Herzogin, hat der
Freiherr Sie ersucht?
    Aber auf solche natürliche Frage war die kluge Herzogin gefasst gewesen.
Nein, versetzte sie, nein, mein Kind! er hat mich nicht dazu beauftragt, aber
ich glaube, dass Gott uns immer dahin stellt, wo wir zu nützen berufen sind, und
ich möchte die Freundschaft verdienen, deren Segen ich hier geniesse. - Sie
schwieg eine Weile und sagte darauf: Verzeihen Sie einer alten Freundin Ihres
Mannes, einer Verwandten, den Mut ihrer Freundschaft. Sie sind jung, mein
teures Kind! Sie sind unerfahren, das macht Sie unvorsichtig. Man vergibt uns
viel, man forscht nicht nach, wenn wir unsere Geheimnisse bewahren und ehren;
man verzeiht uns nichts, man bürdet uns alles Ersinnliche auf, wenn wir sie
unvorsichtig Preis geben - und dies, meine Beste, tun Sie!
    Die Zuversicht der Herzogin trug den Sieg davon. Angelika liess sich müde auf
das Sopha sinken, die Herzogin setzte sich an ihre Seite, und als stände ihr ein
mütterliches Recht zu, sprach sie: Sie haben beim Beginne Ihrer Ehe eine jener
schmerzlichen Erfahrungen gemacht, welche das Leben uns Frauen oftmals
auferlegt; aber statt sie schweigend zu tragen, statt durch Ihre Güte und
Liebenswürdigkeit den Baron vergessen zu machen, dass er eine Vergangenheit
gehabt hat, die Ihnen nicht gehörte, hat Ihre Strenge seinen innern Kummer
gesteigert, dass er ihm fast unterlegen wäre, und Ihr Uebertritt zu unserer
Kirche und der Kirchenbau - wie sehr ich beide segne - haben die Menschen doch
tiefer in das Wesen Ihrer Ehe blicken lassen, als gut gewesen ist. Es hätte ja
das Alles ein wenig später, ein wenig gelegener geschehen können, und Sie hätten
den Baron und sich deshalb nicht für eine lange Zeit zur Einsamkeit verdammen
dürfen!
    Die Höflichkeit, die Rücksicht auf die ältere Frau, welche Angelika bewogen,
schweigend auszuharren, fingen an, ihre Frucht zu tragen. Ihr Zorn legte sich,
denn es war etwas in den Reden der Herzogin, dessen Wahrheit sie nicht leugnen
konnte. Sie stützte den Kopf in die Hand, man sah ihr an, dass ihre ehrliche
Natur mit sich zu Rate ging.
    Der Baron ist ein edler, ein grossherziger, er ist noch ein schöner, ein
liebenswerter Mann, nahm die Herzogin nach einer Weile wieder das Wort; aber
freilich, er könnte Ihr Vater sein, und wie willig Sie sich ihm verbanden, Sie
konnten ihn nicht lieben, wie die Jugend die Jugend liebt. Die Baronin fuhr
leise zusammen. Sie konnten noch weniger für ihn die Nachsicht haben, welche wir
Aelteren unsern Altersgenossen und der Jugend beweisen. Gewiss, liebe Angelika!
sagte sie mit jener weichen Stimme, deren Klang, wenn sie es wollte,
unwiderstehlich zum Herzen dringen konnte, Sie waren nicht gütig, nicht
nachsichtig genug mit dem Baron. Sie sind auch jetzt nicht genug bemüht, ihm zu
gefallen; denn wäre es möglich, dass ich die Freundschaft Ihres Gatten in solchem
Grade besässe, teure Angelika, wenn Sie sich ihm so jung und liebenswürdig
zeigten, als Sie sind? - Und die Hände der Baronin noch einmal in die ihren
nehmend und sich mit besorgter Zärtlichkeit zu ihr neigend, sprach sie: Oder
wäre es denn möglich, dass Sie Ihr Herz an einen Andern, an einen Mann ganz ohne
Rang und Namen verlieren könnten, wenn Sie ....
    Aber sie konnte den Satz nicht vollenden. Um aller Heiligen willen, woher
wissen Sie das? rief die Baronin, während sie unter hervorbrechenden Tränen ihr
Antlitz mit ihren Händen verhüllte. Die Herzogin schloss sie in ihre Arme, ohne
ihr zu antworten. Sie legte das Haupt der Weinenden an ihre Brust, und sie leise
küssend, bat sie: Mut, Mut, mein teures Kind! Nur ein wenig Vertrauen, und es
ist nichts geschehen!
    Angelika weinte still. Nach einer Weile richtete sie sich empor. Was soll
ich tun? rief sie ....
    Die Herzogin antwortete ihr nicht, denn sie wünschte ihr keinen
unwillkommenen Rat zu geben. Was wird er von mir denken? In welchem Lichte muss
ich ihm erscheinen! hub die Baronin nach kurzem Schweigen wieder an.
    Sie war aufgestanden und ging nachsinnend in dem Gemache umher. Die Herzogin
betrachtete sie mit einer Zufriedenheit, in die sich Mitleid und Erstaunen
mischten. Aufgewachsen in einer Welt, in welcher man den Ehebruch so leicht
nahm, als man sich der Gewalt der Leidenschaft überliess, glaubte sie aus dem
Schmerze der Baronin auf deren tatsächliche Untreue gegen ihren Gatten und auf
ein Verhältnis zu dem Architekten schliessen zu dürfen, das schon lange bestanden
haben musste. Aber Angelika verlor dadurch in ihren Augen nicht, sie gewann
vielmehr erst eine rechte Bedeutung für sie, denn jetzt wurde die Herzogin der
Baronin unentbehrlich, jetzt hatte die Herzogin sie auf dem Punkte, auf dem sie
sie einst anzutreffen gehofft, auf den sie selbst die Arglose hingeleitet hatte.
    Plötzlich knieete die Baronin vor der älteren Freundin nieder, umschlang sie
mit ihren Armen und bat mit gerührter Stimme: Helfen Sie mir, raten Sie mir,
Cousine! Was soll ich tun, mich aus diesem Wirrsal meines Herzens zu befreien?
    Sie sollen vertrauen, sprach die Herzogin, sie sanft an ihren Busen ziehend,
einem Mutterherzen sollen Sie vertrauen, das Sie warnte, Sie in der ersten
Stunde warnte, da die Gefahr an Sie herantrat, und das Sie verstand und Ihnen
folgte, auch ohne dass Sie sprachen, teures Kind! Oder glauben Sie, ich hätte es
nie erfahren, wie gegen unsern Willen unsere Gedanken zu dem geliebten
Gegenstande hingezogen werden, den sie meiden wollen? Glauben Sie, ich hätte sie
nie gekannt, die abmahnende Scheu, die wie ein trüber Morgennebel der hell
aufflammenden Leidenschaft vorangeht? - O, mein teures Kind, auch mir ist es
nicht erspart geblieben, das ernste Kämpfen, das lange Zagen und das Unterliegen
des armen, gequälten Herzens! Und ich sollte Sie verkennen, Sie verdammen, Sie
verlassen, teures, teures Kind?
    Sie umarmte Angelika aufs Neue. Mit feurig beredtem Worte sprach sie aus,
was Angelika sich selber keusch verschwiegen, ja, was zu denken sie sich nie
gestattet haben würde. Aber es waren selige Tränen, mit welchen sie endlich,
von der Herzogin weit und weiter fortgerissen, derselben rückhaltlos bekannte,
was sie sich in solcher Weise nie eingestanden hatte: dass sie Herbert liebe,
schon lange liebe, dass sie für ihn fühle, was sie nie für den Baron gefühlt
habe, und dass um den geliebten Mann zu leiden ihr noch eine Wonne, ein Genuss
sei.
    Die Herzogin lächelte und tröstete wie ein Engel mild. Sie warnte und sprach
ihr Mut ein, sie ermahnte zur Entsagung und gab Hoffnung auf Glück, wie
Angelika's wechselnde Bewegung es begehrte. Volle Nachsicht mit ihrer Schwäche
hätte die Gewissenhaftigkeit der Baronin misstrauisch gegen die Beraterin
gemacht, volle Strenge sie zu ernstem Kampfe gedrängt oder ihr wohl gar den Mund
verschlossen; und nicht um den Frieden, nur um das Vertrauen Angelika's und um
die Herrschaft über sie und ihre Zukunft war es der Herzogin von Anfang an zu
tun gewesen.
    Angelika fand sich von dem wechselnden Zuspruche ihrer einzigen Vertrauten
wundersam beruhigt. Sie konnte endlich selbst die Frage aufwerfen, was sie tun
solle.
    Wenden Sie sich offen an den Baron! riet ihr die Herzogin, um sich den
Schein der strengen Verlässlichkeit zu geben und um in einem Notfalle sich vor
dem Freiherrn dieses Ratschlages berühmen zu können. Wenden Sie sich an den
Baron, bekennen Sie ihm ....
    Nein, nimmermehr! rief Angelika mit lebhafter Abwehr.
    Die Herzogin schien nachzusinnen. Wie Sie auch fühlen und empfinden mögen,
teure Angelika, sprach sie dann nach längerem Schweigen, Sie werden mir
einräumen müssen, dass Ihnen nichts übrig bleibt, als von dem Freiherrn die
Entfernung Herbert's, die Entfernung des jungen Mannes zu begehren, der, von
Ihrer Nachsicht dreist gemacht, die Achtung und Verehrung, welche er Ihnen, der
Frau des Freiherrn von Arten, schuldet, so ganz und gar vergessen, der Sie
hinreissen konnte ....
    Die Baronin liess sie nicht vollenden. Sie ahnte den Kunstgriff, mit welchem
die Herzogin ihr zu Hülfe zu kommen und Herbert anzuklagen wünschte, und
wahrhaft und offen rief sie: Herbert ist nicht schuldig, nicht schuldiger, o,
lange so schuldig nicht, als ich - denn er ist frei!
    Die Herzogin schloss die Augen. Ein Mann ist immer schuldig, wenn wir ihm uns
und unsere Ueberzeugungen zum Opfer bringen! sprach sie. Aber gleichviel, der
junge Mann muss fort!
    Ja, er muss fort! wiederholte Angelika mit leiser Stimme. Denn unglücklich
über die Liebe, die mich fortriss, macht die Liebe, die ich einflösse, mich nicht
glücklich, und das Bewusstsein, von der reinen Höhe hinabgestiegen zu sein, auf
welche seine Liebe mich stellte, steigert meine Qual und meinen Schmerz. Aber
wie kann ich seine Entfernung fordern, da ihn sein Beruf bei uns festält, wie
soll ich fordern, dass er vergesse, was ich nie vergessen kann?
    Törichtes Kind, lächelte die Herzogin, wer mutet Ihnen denn ein so
Unmögliches, ein so Gewaltsames zu? Wer verlangt denn, dass Sie aus Ihrem Herzen
reissen, was Sie dort als schmerzliche oder als köstliche Erinnerung zu bergen
wünschen? Sie sollen nur zu vergessen scheinen, was Sie vergessen zu machen
wünschen!
    Angelika sah sie fragend an, sie verstand sie nicht. Die Herzogin musste sich
deutlicher erklären. Wer will Sie daran erinnern, dass Ihre Liebe, Ihre Schwäche
Sie einen kurzen Augenblick übermannten, wenn Sie sich daran nicht mehr zu
erinnern scheinen? sprach sie. Aus Ihrer Nähe, von seinem Glauben an Ihre Liebe,
nicht von seiner Arbeit muss der junge Mann entfernt werden. Ihm zu begegnen,
dürfen Sie nicht einmal vermeiden. Sie müssen ihn wiedersehen, bald wiedersehen,
aber im Beisein Ihres Gatten, mit freier Stirn, mit hellem Auge! - Und seien Sie
sicher, er wird bald glauben, geträumt zu haben, was Sie ihn ohne sein Verdienst
erleben liessen, während Ihr Schuldbewusstsein Sie hoffentlich künftig
nachsichtiger und auch ein wenig gefälliger gegen den guten Freiherrn machen
wird. Sind es zuletzt doch immer unsere Männer, denen die Schwächen und die
Irrtümer unserer armen Herzen zu Gute kommen und die in unserer Demut die
Frucht unserer Reue geniessen. Nur Mut, nur Zuversicht, mein liebes Kind!
    Aber der Zuspruch der Herzogin wirkte nur langsam auf Angelika. Sie wusste
sich nicht zu entschliessen, so viel Verwirrendes und Verführerisches auch in den
Ratschlägen der Herzogin verborgen lag. Angelika hatte weder den Mut, sich
ihrem Gatten anzuvertrauen, noch, wie sie es eine Weile vorgehabt, sich gegen
Herbert auszusprechen und von ihm selber seine Entfernung zu verlangen. Sie
kannte jetzt die Schwäche ihres Herzens, und vor dem Mittel, welches die
Herzogin ihr an die Hand gab, schreckten ihre Liebe und ihr grader Sinn
gleichmässig zurück. Aber auch hier kam die Herzogin ihr zu Hülfe, indem sie ihr
einen Ausweg zeigte, der annähernd zu dem Ziele führen konnte, das Angelika
erstrebte, und der auch den wahren Absichten der Herzogin als der gelegenste
erschien.
    Sprachen Sie nicht von einem Feste, welches Sie im Laufe der nächsten Wochen
geben wollten, fragte sie, und für das Sie auch Monsieur Herbert's Zimmer zur
Unterbringung Ihrer Gäste brauchen würden?
    Die Baronin schöpfte Atem.
    Mich dünkt, es war selbst in des jungen Mannes Beisein schon davon die Rede,
dass er für eine Weile seine Zimmer würde räumen müssen, sagte die Herzogin, und
in diesem Augenblicke fremde Menschen zu sehen, für Andere Aufmerksamkeit haben
zu müssen, würde Sie von sich selber abziehen, teure Freundin, und Ihnen eine
Zerstreuung von den Gedanken sein, mit denen Ihre schöne Gewissenhaftigkeit Sie
peinigt!
    Ja, ja, das kann geschehen! rief die Baronin und warf sich ihrer Freundin an
die Brust. O, Sie sind mein guter Engel, teure Margarete!
    So lassen Sie mich für Sie wachen, meine teure Seele, antwortete ihr die
Herzogin, und gehen Sie zur Ruh', denn es ist spät, und Ihre Wangen brennen! In
so heftiger Erregung soll der Freiherr Sie nicht sehen! Gehen Sie zur Ruhe, ich
will ihn darauf vorbereiten, dass wir diese Woche unser Fest begehen, ich werde
unseren Ungetreuen hier erwarten! Ich wache für Sie Alle, für Sie Alle!
    Spät am Abende, als der Freiherr und der Marquis nach Hause kamen, fanden
sie die Herzogin wider deren Gewohnheit noch im Gartensaale lesend. Der Marquis
berichtete von ihrem Ausfluge, der Freiherr erkundigte sich, wie die Damen ihren
Abend zugebracht hätten.
    Wie können Sie das fragen? scherzte die Herzogin. Natürlich in Unterhaltung
über die Abwesenden; denn es ist nicht wahr, dass die Abwesenden immer Unrecht
haben, da ja Abwesenheit allein die Sehnsucht erzeugt!
    Sie werden uns eitel machen, meine Freundin! entgegnete der Freiherr,
welcher für jede Schmeichelei, wenn sie sich anmutig in der Form bewies,
empfänglich war.
    Eitel, meinte die Herzogin, Sie eitel machen, Cousin? Aber Sie sind es ja
schon jetzt, Cousin! Waren Sie denn ganz allein von Hause fort? War nicht mein
Bruder, war nicht Monsieur Herbert abwesend so gut wie Sie?
    Sie vermissten also den Marquis? fragte der Freiherr.
    Als ob man einen Bruder vermissen könnte, wenn er über Land geht! bedeutete
die Herzogin.
    Also war es Monsieur Herbert, der Ihnen fehlte, dessen Abwesenheit Ihre
Sehnsucht wach rief? scherzte der Freiherr.
    Aber, mein teurer Baron, neckte die Herzogin, ich war ja nicht allein zu
Hause, oder glauben Sie, dass die Gedanken der Baronin, unwandelbar wie die
Magnetnadel, nur an Ihnen hangen? Könnte nicht unsere liebe Angelika Jemand
anders als Sie vermissen? Ist der Marquis nicht liebenswürdig? Versichern und
beweisen Sie uns nicht alltäglich, dass Ihr Architekt ein geistreicher, ein
schöner Mann sei? Wie wäre es, wenn wir Ihnen endlich Glauben schenkten, wenn
wir, nur aus Unterwürfigkeit gegen Ihre bessere Einsicht, uns endlich überzeugen
liessen?
    Der Freiherr küsste ihr die Hand. Sie sind aufgeräumt, sagte er, Sie haben
sich also wohl unterhalten, und ich muss mir daher Ihren Scherz gefallen lassen!
Doch kann ich von mir sagen, was ein junger deutscher Dichter in seinem schönen
Trauerspiele den König Philipp von Spanien sagen lässt: Wo ich zu fürchten
angefangen, hab' ich zu fürchten aufgehört! - Beruhigen Sie sich also, meine
schöne Freundin - zur Eifersucht bin ich nicht gemacht, sie ist die Leidenschaft
der niedern Stände, der Menschen ohne Selbstgefühl, sie ist unter unserer Würde!
    Und doch hatten die neckenden Äusserungen der Herzogin ihn verletzt, und
doch tadelte er sich innerlich zum ersten Male darüber, dass er den Architekten
so viel und so ungehindert mit Angelika verkehren lasse, denn Herbert war in der
Tat ein schöner Mann, und der Freiherr kannte die Beweglichkeit des
Frauenherzens!
 
                               Siebentes Capitel
Herbert hatte seinen Vorsatz, graden Weges nach dem Amtause zu gehen, nicht
ausgeführt. Er war, von dem schönen Tage verlockt, eine tüchtige Strecke in der
Gegend umhergerannt, und die Sonne stand beinahe schon im Mittag, als er nach
dem Amtofe kam.
    Dort war der Feiertag schon von Weitem zu erkennen. Die Arbeitswagen, die
Eggen und Pflüge standen wohlgeordnet vor den grossen Scheunen, ein paar
Stadtkinder kletterten auf den Deichseln herum und genossen die
Feiertagsfreiheit. Der Hof war sauber gekehrt wie eine Tenne. Langsam zogen im
Teiche die Enten umher, während am grasigen Ufer der glänzend gefiederte Hahn
unter seinen Hühnern umherstolzirte und selbst eifrig die Körner aufpickte,
welche heute die Hand der fremden Kinder und Mädchen dem Federvieh
verschwenderisch gestreut hatte.
    Unten vor der Türe sassen trotz der frühen Stunde die Männer schon beim
Tarockspiel. Es waren städtische Freunde des verstorbenen Amtmanns und daneben
der Herr Oberförster und der Herr Pfarrer von Neudorf, welcher nach der Kirche
zum Essen mit hinübergekommen war, weil am Nachmittage sein Neffe aus der Stadt
für ihn die Predigt hielt. Sie achteten auf Herbert's Ankunft nicht. War doch so
viel junges Volk über den Hof und durch das Haus gegangen, seit sie hier die
Erntefeste feiern halfen! War es doch auch allmählich älter geworden, hatte
seine Kinder hergeschickt und war zum Teil gestorben! Das kam und ging, und
ging und kam! Wer konnte die Menschen alle kennen?
    Aber die grosse zinnerne Kanne, in der das Bier frisch vom Fasse auf den
Tisch kam, und den zinnernen Leuchter und den Fidibus-Becher von Zinn, die neben
dem Tabackskasten standen, die kannten die Männer, wie sie einander kannten; die
waren mit ihnen alt geworden und hatten sich nicht verändert.
    Es ist auch immer noch das gute, alte Bier und der gute, gelbe Knaster,
bemerkte einer der Städter; der Adam hält auf seines Vaters Art!
    Ei, warum sollte er denn nicht? meinte der Förster. Er ist in der Welt
herumgewesen, weiss zu leben und ist wohl auf! Er ist der Mann für den Platz!
    Der Pfarrer, welcher immer erst bedächtig den Dampf aus der holländischen
Kalkpfeife blies, ehe er vor einer so gemischten Gesellschaft eine Meinung
abgab, nickte dem Oberförster beistimmend zu. Ja, sprach er, ja, Herr
Oberförster, sie sind gut eingeschlagen, alle beide, unseres werten seligen
Amtmanns Kinder! Selbst meine Frau, die das nicht von einer Jeden sagt, weil sie
es genau mit solchen Dingen nimmt, nennt die Eva eine Wirtin, welche es mit
mancher älteren aufnehmen könne, und was man hier davon im Hause sieht und was
gelegentlich von hier zum Pfarrhofe kommt, das lässt nichts zu wünschen, gar
nichts zu wünschen übrig! Wir halten viel auf sie, ich und meine Frau; und auch
mein Sohn hält in der Stadt, und trotz seiner Studien, die alten Spielgenossen
wert! Wollte nur unser Herrgott, es wäre auch sonst hier Alles noch so bei dem
guten Alten geblieben!
    Er seufzte, der Oberförster schien ihn zu verstehen, aber sie mochten vor
den Fremden mit der Sprache nicht weiter heraus, und hätten sie es auch gewollt,
sie hätten ihre eigenen Worte kaum noch vernehmen und verstehen können vor dem
Lärmen um sie her.
    Denn kaum war man oben in der Giebelstube, wo Eva's Gäste, die jungen
Mädchen, wohnten, des Architekten ansichtig geworden, so war auf Eva's Anschlag
auch schon ein Plan gefasst. Auf den Fussspitzen liefen sie die Treppe hinunter,
damit man das Klappen der Stelzchen nicht höre, zur Hintertüre schlichen sie
hinaus ins Freie und durch das grosse Hoftor kamen sie wieder herein, und ehe
sich Herbert dessen versah, waren sie an seiner Seite und hatten mit ihren
losgelösten bunten Bändern ihn umschlungen, und wenn er den einen Arm frei
machte, sich der Einen zu erwehren, so umwand die Andere ihm den anderen Arm,
und eine Dritte versuchte ihm das Band um die Augen zu winden, und ihn haschend
und sich befreiend, und sich wehrend und ihn verfolgend, und lachend und
schäkernd rannten sie rechts und links um den Teich und über den ganzen Hof, dass
die Enten, welche sich aus dem Teiche herausgemacht hatten, sich überstürzend in
das Wasser flüchteten, die Tauben sich mit klatschendem Fluge in die Höhe
schwangen, die Hühner mit gespreizten Flügeln das Weite suchten und die Hunde
aus allen Ecken und Enden bellend dazwischen fuhren.
    Gefangen, gebunden! rief es hier und dort, um ihn dafür zu strafen, dass er
nicht schon gestern gekommen war, als man den letzten Wagen in die Scheune
gefahren hatte. Es war ein Lärmen und ein Lachen, ein Laufen und ein Jubeln! Und
die helle Sonne funkelte auf all den blühenden Gesichtern und brannte auf die
entblössten Arme und Nacken und auf die lockigen Scheitel der fröhlichen Mädchen.
Gefangen, gebunden, bestraft! schallte es immer wieder, bis Adam mit seinen
Freunden herbeikam, die Partei für Herbert nahmen, bis die hübschen Kinder,
atemlos, sich der Verfolgung der Männer nicht mehr entziehen konnten und
Herbert, nun er es nicht mehr mit Allen auf einmal zu tun hatte, Eva's, als der
Anführerin, habhaft wurde.
    Gefangen, gebunden! rief jetzt auch er, und umschlang sie trotz ihres
Sträubens und hielt sie fest und küsste sie nach Herzenslust auf die heissen,
roten Lippen. Das wirkte ansteckend, die Andern taten es ihm bei den
eingefangenen Mädchen nach, und sich von Herbert losmachend, rief Eva: Nun haben
wir den Mosje zur Ernte doch wenigstens nachträglich gebunden, nun kommt er auch
nicht fort, so lange ihr Alle bei uns seid!
    Aber wer sagt denn, dass ich gehen will? Ich kam ja, um zu bleiben, Sie
Gewalttätige! versicherte Herbert, indem er sie auf's Neue in seine Arme zu
schliessen suchte, und es wollte ihn dünken, als widerstrebe sie ihm nicht sehr.
Herbert war recht von Herzen vergnügt. Selbst die Männer am Tarocktische, wie
sie auch schmählten, dass man sie aus ihrer Ruhe aufgeschreckt habe, sahen nicht
böse drein. Es glitt ein helles Licht durch ihre alten Augen und es zuckte ihnen
lächelnd um die Lippen. Sie hatten wohl auch an manche fröhliche Stunde zu
denken, die ihnen nicht wiederkehren konnte und die Jenen noch zu kommen hatte.
    Der Amtmann und Eva waren die Seele von Allem, genügten Allem, waren jung
mit den Jungen und alt mit den Alten. Das ging den ganzen Tag so fort.
    Wenn ich nur wüsste, meinte Herbert am Abende, warum ich nicht alle Tage
hergekommen bin?
    Das will ich Ihnen sagen, entgegnete Eva und flüsterte ihm etwas in das Ohr.
Er wollte nicht wahr haben, was sie sagte, aber die Mädchen behaupteten, er sei
rot geworden und er möge sich in Acht nehmen; sie wüssten, um was es sich
handle, es sei nicht geheuer in den Schlössern.
    Freilich, freilich, bekräftigte Eva, es steckt noch immer etwas von der
alten Burg darin!
    Die Andern fragten, was das heisse. O, rief sie, ihr wisst's ja! Da oben sind
vor jenen Jahren die Herren von Arten Raubritter gewesen, und nun ist's damit
wie in der verkehrten Welt! Sonst raubten die Ritter den andern Leuten ihre
Frauen, jetzt halten die vornehmen Damen die Männer gefangen!
    Man lachte über den Einfall; sie neckten Eva, und einer der jungen Leute
meinte: Sorgen Sie nicht, Mamsell Eva! Monsieur Herbert sieht nicht aus wie
einer, der so leicht zu fangen wäre!
    Wer denkt denn jetzt an Mosje Herbert? warf sie schnippisch und doch
verlegen hin.
    Ich bin geduldig und werde warten, sagte er, sich mit scherzender Demut vor
ihr neigend.
    Sie tat, als höre sie seine Worte gar nicht mehr, und sie hatte ja auch
alle Hände voll zu tun. Das blankste Leinen, die besten Teller, selbst das
Silberzeug musste heute und in den folgenden Tagen auf den Tisch. Alles sollte
reichlich, Alles vollauf und Jedem sollte es wohl sein in dem Hause, da man so
liebe Gäste und des Jahres Erntesegen nun auch wieder einmal in den Scheunen
hatte.
    Vom heutigen Danktage in der Kirche war freilich im Amtofe nicht viel zu
merken. Aber der Pfarrer selber drückte ein Auge zu. Er hatte seine Absichten
mit Eva, und sie gefiel ihm, wenn sie sich in Haus und Küche also regte und
bewegte. Auch Herbert fand sie immer reizender in ihrer fröhlichen
Geschäftigkeit. Er bot ihr seine Dienste an, sie wusste dieselben zu nutzen und,
des Befehlens wohl gewohnt, ihn immer neben sich fest und immer in so guter
Laune zu erhalten, dass er gar nichts sah und gar nichts denken konnte, als nur
sie den lieben, langen Tag. Ihm war das aber recht und lieb, er verlangte es gar
nicht besser.
    Nur Abends, als er allein war, in der nächtlichen Stille, da kehrte es
wieder, wundersam!
    Da sah er sie plötzlich vor sich, die schöne, hehre Gestalt, da sah er es
wieder, das sanft betränte Antlitz, und es zog ihn fort, es rief ihn von
dannen, dass er nicht wusste, wie er hier verweilen könne, wie es ihm möglich
gewesen sei, von dem Orte zu scheiden, an dem er ihr begegnen, sie sehen, ihr
nahen konnte; wie es ihm möglich gewesen sei, ungleich und gering von ihr zu
denken, von ihr!
    Die Aufregung, in welche Eva's Reize und ihre natürliche Gefallsucht ihn
versetzten, liess ihn nur mit gesteigertem Verlangen an die Baronin denken, und
die Feindin der Wahrheit, die Entfernung, verwirrte seine Phantasie, bis die
Bilder der beiden Frauenzimmer, wie unähnlich sie einander auch waren, sich zu
mischen und Einzelheiten von einander zu entlehnen begannen, dass er Mühe hatte,
es aus einander zu halten, was er mit der Einen, was er mit der Andern erlebt,
was er der Einen, was er der Andern von seinen Eindrücken und Empfindungen
verdankte und zollte. Aber alles Gute, alles Schöne wendete sich immer auf
Angelika's Seite, und wie er sie in seinem Herzen angeschuldigt hatte, so fühlte
er sich jetzt wieder schuldig gegen sie, je länger, je mehr.
    Als sich ihm der zweite Tag in Rotenfeld zu Ende neigte und das junge Volk,
welches in der nächsten Frühe das Amtaus verlassen und in die Stadt
zurückkehren sollte, in seiner Fröhlichkeit nur immer weiter ging, als müsse nun
in den letzten Stunden noch der Freude ihre Krone aufgesetzt werden, als man bei
der Abendtafel, trotz des warmen Wetters, die Punschterrine auftrug und Eva mit
lachenden Augen und mit ihren flinken Händen die Gläser immer auf's Neue füllte,
bis die Alten ihre Trinklieder anstimmten und Chorus mit den Jungen sangen, und
selbst die Pfarrerin und der Pfarrer die Polonaise, welche man in Vorschlag
brachte, mittanzten durch die Stuben und den Flur bis in den Garten hinaus, wo
der Amtmann endlich auf dem grünen Platze vor dem Hause die Cousine im Schleifer
zu drehen begann - da bemächtigte sich Herbert's eine grosse Traurigkeit. Er
konnte sich nicht helfen, er wusste sich nicht zu finden, nicht zu raten.
    Er hielt Eva im Arme und tanzte mit ihr, die ihm mit ehrlicher Zuversicht in
das Auge blickte, und er sagte sich: Wie schlecht bin ich, dieses liebe Geschöpf
nur als Zeitvertreib zu brauchen! Wie schlecht war es von mir, dass ich hieher
ging, dass ich mich von ihr, von jener schönen, edlen Frau entfernte, die nicht
so glücklich, ach, lange nicht so glücklich ist, als diese guten Menschen hier!
    Er fühlte eine wahre Sehnsucht, wieder in Richten zu sein. Was mochte die
Baronin von ihm denken, dass er sie mied, da sie sich ihm zugeneigt hatte? Was
sollte er ihr sagen, wenn sie ihn deshalb befragte? Wie es tragen, wenn sie ihm
zürnte?
    Seine Vorstellungen wechselten schnell, seine Zerstreuteit fiel zuletzt
seiner Tänzerin auf, und es ging ihr wie Jedem, der von einem Gedanken
vollständig beherrscht ist: sie setzte denselben auch bei dem Andern voraus.
    Sehen Sie doch nicht traurig aus, rief sie plötzlich und arglos, wir bleiben
ja hier beisammen, Sie reisen ja nicht wie die Andern fort!
    Er hätte sich darüber freuen mögen, aber er konnte es nicht. Er besorgte,
weiter gegangen zu sein, als er sich dessen bewusst war, Wünsche und Hoffnungen
erregt zu haben, die er in diesem Augenblicke durchaus nicht teilte. Seine
Ehrenhaftigkeit schreckte davor zurück. Er sagte, dass ja auch seines Bleibens
hier nicht sei und dass auch er nicht eben lange mehr in dieser Gegend verweilen
werde.
    Um so besser, meinte sie, so hat man sich auf das Wiedersehen zu freuen,
denn Sie kommen ja doch wieder!
    Ihre Heiterkeit hielt ihm das Spiegelbild dessen vor, was er noch vor wenig
Tagen selbst gewesen war. So gesund, so frisch, so zuversichtlich hatte er in
die Ferne geblickt; jetzt konnte er sich nicht klar machen, was er fühlte, was
er wünschte und was der nächste Tag ihm bringen würde. Er wusste kaum noch,
wesshalb er von Richten fort, wesshalb er hieher gegangen sei. Es war Alles
verwirrt in ihm.
    Er schlief schlecht in der Nacht, und als er sich mit der Sonne erhob, rief
er ein Gottlob! als stehe er am Ende einer Trübsal und vor der Türe eines
Glückes, und doch war und blieb er unruhig und gequält wie nie zuvor.
    Die andern Gäste brachen ebenfalls in der Frühe auf; sie wollten teils vor
der Mittagshitze, teils vor Abend in ihrer Heimat sein. Ihn nötigten die
beiden Geschwister noch zum Verweilen. Der Amtmann sagte, er müsse gegen zehn
Uhr nach dem Schloss und sie könnten mitsammen hinaufreiten. Es sei Zeit genug,
da der Baron nicht früh aufstehe und vor dem Frühstücke niemals ein Geschäft
abmache. Aber Herbert war nicht zu halten, und als Eva ihm dies übel nahm und
mit ihm schmollte und ihn kalt entliess, war ihm das lieber als die Zuversicht,
mit welcher sie sich gestern an ihn gewendet hatte.
 
                                 Achtes Capitel
Es war noch Alles still, da er nach Richten kam. Er ging die grosse Mittelallee
hinauf, die durch den ganzen Park führte, und bog erst in einen Seitenweg ab,
als er meinte, vom Schloss aus gesehen werden zu können. Er hätte gern
vergessen machen mögen, dass er fort gewesen sei, weil er selbst die Ursache
seines Fortgehens zu vergessen wünschte. Wie er nun durch die sauber gehaltenen
Wege wandelte, durch deren blühende Büsche die Sonnenstrahlen ihre schmalen,
goldenen Lichtstreifen warfen, kam ihm die Stille, kam ihm die Einsamkeit so
wonnig entgegen. Noch hatte er den Kopf voll von den Menuetten, den Anglaisen
und den Schleifern, welche die Mädchen gestern wohl oder übel auf dem Spinett
gespielt und nach denen er sich mit ihnen im Kreise herumgedreht hatte. Er
freute sich, dass die Baronin dies nicht gesehen hatte, und er schämte sich
dessen sogar. Es erschien ihm hier in Richten noch viel unbegreiflicher, dass er
gestern tanzen - sich mit Anderen hatte vergnügen können, während Angelika's
Bild in seinem Herzen wohnte und während sie - es konnte gar nicht anders sein -
an ihn gedachte, dem sie ihren Schmerz gezeigt, auf dessen Teilnahme sie
vielleicht ihre Hoffnung, ihren Trost gebaut, mit dem sie selbst sich durch die
Worte: Dort oben dürfen wir keine Capelle bauen! zu einem innigen Geheimnisse
verbunden hatte.
    Wie war es zugegangen, dass er dies Alles vergessen, wie hatte die natürliche
Zurückhaltung einer reinen, schönen Seele, wie hatten die dreisten Äusserungen
des Amtmannes, der in seiner Derbheit die Worte niemals ängstlich abwog, ihn
irre machen können an seinem eigenen Empfinden und irre machen können selbst an
ihr, der hehrsten Frauengestalt, die ihm noch je begegnet, der er je genaht war?
-
    So trat er in das Schloss und in sein Zimmer. Die Dienerschaft empfing ihn
wie Einen, der hier heimisch war. Herbert erkundigte sich, ob die Herrschaft
etwa nach ihm gefragt habe. Man verneinte es, und er gab die Weisung, dem Herrn
Baron zu sagen, dass er zurückgekehrt wäre und seine Befehle erwarte.
    Das Zimmer, welches die Baronin bewohnte, lag über dem seinen. Er hörte oben
die Fenster öffnen, die Sommerladen schliessen, die Tische rücken. Er dachte, ob
sie schon wach sein möge, und auf jedes leise Geräusch achtend, fühlte er sich
ihr nahe und durch diese Nähe weich gestimmt. Sich zu beruhigen, setzte er sich
vor dem Tische nieder, auf welchem seine Zeichnungen und Plane ausgebreitet
lagen, denn für Angelika und ihre Absichten arbeiten, hiess ja auch bei ihr sein;
und eben hatte er sich gelobt, dass nichts ihn so leicht wieder von ihr und ihrem
Dienste abwendig machen solle, als einer der Diener ihn ersuchen kam, sich in
das Frühstückszimmer hinauf zu bemühen, da die Herrschaft ihn zu sprechen
wünsche.
    Herbert war nicht sicher, wer ihn hatte rufen lassen, und mochte doch nicht
danach fragen. Bewegt stieg er die Treppe hinauf; er wünschte und hoffte, die
Baronin vielleicht allein zu treffen, aber nicht sie, sondern der Freiherr war
es, der ihn erwartete.
    Er hiess ihn willkommen, fragte, ob er sich gehörig in der Gegend umgesehen
habe, und liess ihm dann, obschon er ihm mit gewohnter Güte begegnete, doch nicht
zur Antwort Zeit, sondern ging gleich zu der Angelegenheit über, wegen welcher
er ihn hatte kommen lassen.
    Mit unserem Capellenbau ist es nichts, mein lieber Herbert, sagte er heiter,
als habe er gar niemals irgend einen Wert auf diesen Plan gelegt und nicht von
dem Architekten bereits die eingehendsten und ausführlichsten Arbeiten dafür
beansprucht. Die Baronin will davon nichts hören, und da guter Rat über Nacht
kommt, so habe ich den Gedanken selber aufgegeben, ohne deshalb auf eine
Verzierung der Höhe zu verzichten, die Sie mir provisorisch vielleicht noch in
diesem Herbste zu Stande bringen müssen. Ich denke da oben nämlich einen
Pavillon zu errichten.
    Einen Pavillon? fragte Herbert überrascht.
    Ja, mein Lieber, einen Pavillon, etwa in Tempelform, der eine schöne
Aussicht bietet. Man könnte ihn der Flora, der Pomona, der Freundschaft weihen -
das findet sich! Entwerfen Sie mir einmal eine Zeichnung dazu. Sie können die
Sache so viel als möglich Ihren früheren Absichten annähern, um die Harmonie mit
dem Style der Kirche aufrecht zu erhalten, die wir herzustellen wünschten; nur
muss das Ganze natürlich auf den bestmöglichen Effect berechnet werden.
    Herbert wagte es nicht, die Frage zu tun, welche ihm in diesem Augenblicke
vor allem Anderen am Herzen lag, die Frage, ob es Angelika gewesen sei, welche
den Vorschlag zu dem Pavillonbau getan hatte. Er glaubte, nur sie allein könne
seinem eigenen Gedanken in solcher Uebereinstimmung begegnet sein, und während
sie so gleich mit ihm gefühlt, während sie darauf gesonnen hatte, ihn in so
schöner und lieber Weise neben sich zu beschäftigen, hatte er sie gemieden, sie
in seinem Herzen angeklagt und verdammt!
    Beschämt und gerührt wollte Herbert fragen, ob die Frau Baronin mit der
neuen Anordnung einverstanden sei, als sie selber mit der Herzogin in das Zimmer
eintrat.
    Der Freiherr ging den Frauen ein paar Schritte entgegen, aber Angelika,
welche sonst sehr gemessen in ihrer ganzen Haltung war, eilte auf ihren Gatten
zu und umarmte und küsste ihn. Dann begrüsste sie Herbert mit dem heiteren
Vorwurf, dass er so plötzlich fortgegangen sei und sie und seine Arbeit im Stiche
gelassen habe, um im Amtause eine ihm zusagendere und angenehmere Geselligkeit
aufzusuchen. Das war Alles völlig gegen ihre sonstige Art.
    Herbert hatte das Bedürfnis gefühlt, sobald als möglich der Baronin zu
gestehen, wie tolle Ungeduld und sträflicher Zweifel an ihr ihn aus ihrer
ersehnten Nähe fortgetrieben hätten, wie er bereuend wiedergekehrt sei, und nun
sollte er sich scherzend wegen einer kleinen Formlosigkeit entschuldigen, welche
man ihm leichter verzieh, als er es wünschen konnte! Er stand vor der Baronin
wie vor einem unheimlichen Rätsel. Er kannte diese Miene, diese Stimme, und
kannte sie auch nicht. Es war Angelika und sie war es doch auch nicht. Dass sie
ihn täuschte, eine Rolle spielte, das war seine ganze Hoffnung. Aber wesshalb
tat sie das? Woher ihre Heiterkeit, woher ihre auffallende Zärtlichkeit gegen
ihren Gatten? Zürnte sie Herbert? Wollte sie ihn strafen, weil er ihr durch
seine Entfernung wehe getan, so musste er das tragen, ja, er hatte sich dessen
zu freuen! Wie jedoch vermochte sie es, seiner zu spotten in Gegenwart des
Mannes, an dessen Seite sie nicht glücklich war, wie konnte sie es vergessen,
dass sie in Herbert's Armen über diesen Mann geweint?
    Ihre Worte, ihr Ton schnitten ihm in das Herz und beleidigten ihn um so
tiefer, je weniger er sich in der Lage befand, eine Erklärung ihres veränderten
Betragens zu begehren. Ihr Scherzen zu erwidern, war gegen sein Gefühl, und sich
mit raschem Entschlusse auf den Boden zurückziehend, auf welchem er sich mit
Sicherheit behaupten konnte, sagte er, sich zur Ruhe zwingend: Ich glaubte, hier
nicht vermisst zu werden, ehe die Herrschaften sich völlig über ihre Wünsche
entschieden hatten und ....
    Angelika liess ihn aber, grade wie der Freiherr, nach Art der Vornehmen, wenn
sie ihren Willen durchsetzen wollen, seine Antwort gar nicht erst vollenden. So
haben Sie also schon gehört, dass ich unnachgiebig auf meinem Sinn beharre? fiel
sie ein.
    Herbert verneigte sich. Sie sprachen es mir ja neulich, als ich die Ehre
hatte, Sie, gnädige Frau, nach der Birkenhöhe hinauf zu führen, bereits aus, dass
da oben keine Capelle erbaut werden dürfe! antwortete er, während sein Blick auf
ihr mit so ernstem Ausdrucke ruhte, dass sie ihr Auge verwirrt zu Boden senkte
vor der Erinnerung, welche er ihr damit wachrief, und Ihre Absicht, statt der
Capelle einen ....
    Aber er konnte den Satz abermals nicht vollenden, denn der Baron gab ihm
lebhaft und heimlich ein Zeichen, zu schweigen, und er bemerkte an den Mienen
Angelika's, dass sie nicht wusste, wesshalb man ihm Schweigen auferlegte. Sie also
hatte den Vorschlag zu dem Tempelbau nicht gemacht! Seine Hoffnung hatte ihn
getäuscht! Wie aber war der Freiherr denn auf den Bau dieses
Freundschafts-Tempels gekommen?
    Es entstand eine Pause, und die Herzogin, welche bis dahin sich gar nicht in
die Unterhaltung gemischt hatte, kam Allen zu Hülfe, indem sie plötzlich von dem
Feste zu reden anhub, das zu veranstalten man in den letzten Tagen beschlossen
habe und für welches man sich vielfach auf die Hülfe des Baumeisters angewiesen
hielt.
    Herbert hatte bisher davon kein Wort vernommen, der Plan musste also
vermutlich eben so wie der neue Bauplan in den beiden letzten Tagen entstanden
sein, und die Verhältnisse wurden ihm immer unbegreiflicher. Man sprach von den
verschiedenen Vorkehrungen für das Fest; der Marquis, welcher inzwischen auch
dazu gekommen war, erkundigte sich bei Herbert um Costume und Decorationen, man
sagte zuversichtlich: Herbert werde dieses schaffen, jenes tun, ein Drittes
besorgen müssen, und Niemand fragte ihn, ob er geneigt sei, die Dienste zu
leisten, welche man von ihm begehrte. Selbst Angelika bestimmte anscheinend ohne
alles Bedenken über ihn, und wie sie bei der ganzen Begegnung auch empfinden
mochte, die Gewohnheit der Vornehmen, über jede Kraft zu verfügen, die sich
ihnen nicht gradezu entzieht, und der Glaube, dass sie eine Gunst gewähren, wenn
sie Dienste für sich fordern, lagen auch ihr im Blute.
    Aber Herbert war nicht der Mann, seine Kraft wider seinen Willen verbrauchen
zu lassen, noch eine solche Rücksichtslosigkeit geduldig hinzunehmen. Man schien
offenbar geneigt, ihm plötzlich die Stellung zu bestreiten, welche man ihm
bisher eingeräumt hatte und welche zu behaupten er eben deshalb als sein Recht
ansah. Man stellte an ihn bestimmte Forderungen für ein Unternehmen, über das
man mit sich selbst noch nicht im Klaren war. Die Baronin sprach von Gästen,
welche man laden wolle. Es war die Rede davon, dass man für den betreffenden Fall
das ganze linke Erdgeschoss zum Unterbringen der Fremden brauchen würde; aber
eben in dieser linken Seite des Erdgeschosses wohnte Herbert, und mit einem Male
tauchte der Gedanke in ihm auf, dass die Baronin es bereue, sich ihm auch nur
einen Moment mit ihrem Herzen zugeneigt zu haben, und dass sie ihn aus ihrer Nähe
zu entfernen wünsche. Das wies ihn vollends auf sich selbst zurück.
    Ich fürchte, dass ich mich nicht in der Lage befinden werde, sagte er
höflich, aber fest, den Herrschaften, wie sie es wünschen, meine Dienste widmen
zu können.
    Wie, rief die Baronin, die über ihre sonstige formelle Weise hinausgetrieben
wurde, da sie eine Freiheit und Heiterkeit zur Schau zu tragen hatte, die sie zu
fühlen weit entfernt war - wie, mein Herr, Sie wollen sich unserem Dienste
entziehen, da wir gerade jetzt uns zu einem künstlerischen Unternehmen rüsten?
    Ich habe hier immer länger verweilt, entgegnete er, von dem Tone ihrer
Stimme wie von ihrem Blicke wieder schnell beherrscht, als ich es im Grunde vor
meinen anderen Unternehmungen verantworten konnte, und ich ....
    Und Sie bedauern das, wie es scheint, und wollen sich in Zukunft davor
wahren, das ist in der Ordnung! sprach Angelika, während sie die schönen Lippen
spöttisch aufwarf.
    Dem Freiherrn, welcher seine Gattin mit Befremdung beobachtete, schien ihr
Verhalten zu missfallen, denn er sagte mit entschiedener Kälte: Du darfst nicht
vergessen, Beste, dass unser junger Freund nicht zu seiner oder unserer
Unterhaltung, sondern des Baues wegen hergekommen ist!
    Das traf Herbert wie ein Schlag, obschon es wie eine Rechtfertigung für ihn
gesprochen worden war, und sich verneigend, sagte er: Daran dachte ich eben,
Herr Baron, und ich wollte mir um deshalb die Erlaubnis erbitten, nach
Rotenfeld hinüberzuziehen, um an Ort und Stelle die Arbeit zu überwachen, so
lange ich hier verweile und so oft ich in die Gegend wiederkehre.
    Das Herz schlug ihm, als er so sprach, und wider seinen Willen hegte er doch
im Innersten die heimliche Hoffnung, dass man ihn nicht gehen lassen werde. Er
sah, dass Angelika die Farbe wechselte, aber weit entfernt, ihn für die Kränkung
zu entschädigen, welche ihre herausfordernde Weise ihm von dem Freiherrn
zugezogen hatte, sagte sie: Ja, freilich, Ihr Beruf und Ihre Arbeit gehen vor,
denn es haben ja Andere an Sie die gleichen Ansprüche wie wir! - Sie gab damit
ihre Zustimmung zu seinem Scheiden ebenfalls zu erkennen und erinnerte ihn, wie
er glaubte, ebenfalls daran, in welchem Verhältnisse er sich neben ihr befinde.
Herbert, der dies nie vergessen hatte, der sich bewusst war, eine solche
Erinnerung nicht zu verdienen, empfand sie schwer und sich zusammenfassend,
sagte er mit möglichster Ruhe: So gestatten Sie, gnädigste Frau, dass ich diese
Bemerkung als das Zeichen meiner Beurlaubung betrachte und mich jetzt gleich
nach Rotenfeld begebe!
    Sie entgegnete ihm nichts; nur der Baron sagte leichtin, aber mit gewohnter
Freundlichkeit, während er schon der Herzogin den Arm bot und der Marquis sich
der Baronin näherte, um sie zum Frühstücke zu führen: Machen Sie das, lieber
Herbert, wie Sie wollen, ganz wie Sie wollen, Lieber! - aber er forderte ihn
nicht wie sonst auf, ihnen wenigstens jetzt noch zum Frühstücke zu folgen,
sondern schritt ohne Weiteres dem kleinen Speisezimmer zu. Alles Blut strömte
Herbert nach dem Herzen zurück. Er verbeugte sich und verliess bleich vor Zorn
und unterdrückter Bewegung das Gemach.
    Gehen Sie nicht fort, ehe ich Sie nicht noch über die bewusste Angelegenheit
gesprochen habe, lieber Herbert! hörte er den Freiherrn ihm nachrufen; aber er
beachtete es nicht, obschon er die Worte vernahm.
    Draussen im Vorsaale begegnete ihm der Caplan, welcher sich zum Frühstück
begab. Was ist geschehen? fragte dieser, als er die Verstörung des jungen Mannes
sah.
    Ich habe eine Lehre erhalten, die mir nötig war! gab Herbert ihm zur
Antwort.
    Der Caplan wollte ihn so nicht gehen lassen, wollte ihn zum Sprechen
bringen: Herbert wies ihn zurück. Ein Diener kam nach dem Caplan sehen, den man
beim Frühstück vermisste.
    Gehen Sie, gehen Sie, Hochwürden, rief Herbert, Sie müssen ja gehorchen! Ich
aber bin noch frei und, bei Gott, ich denke es auch zu bleiben!
 
                                Neuntes Capitel
In einer Stunde war sein Gepäck gemacht, eine halbe Stunde später war er auf dem
Wege nach Rotenfeld. Als er dort ankam, war der Amtmann im Felde; Eva empfing
ihn mit heller Freude. Er gab die nötige Auskunft über den äusseren Anlass seiner
Wiederkehr und bat um Nachsicht, wenn er ihr freundliches Willkommen nicht, wie
er müsse, anerkenne.
    Sie blickte ihn an, wurde plötzlich ernstaft und sagte, indem sie ihm die
Hände reichte: Mosje Herbert, Ihnen ist ein Unglück geschehen. Vertrauen Sie es
mir, denn ich werde keine Ruhe haben, ehe ich es weiss!
    Er sagte, er habe nur etwas Sammlung nötig, um einen Brief zu schreiben,
und wenn er das getan, so werde er wieder munter sein.
    Sie drang darauf nicht weiter in ihn und führte ihn in das Zimmer, welches
er während der beiden letzten Tage inne gehabt hatte. Mit leiser, eilender Hand
zog sie die Vorhänge auf und rückte die Möbel zurecht, wie er es brauchte. Sie
war so natürlich in dieser Dienstbarkeit, dass er dieselbe wie ein
Selbstverständliches ohne Danken hinnahm. Sie half ihm den Mantelsack öffnen und
legte ihm die Papiere, welche er herausnahm, behutsam an Ort und Stelle. Dann
verliess sie ihn, aber man hätte in ihrer sorgenvollen Miene nicht das lachende
Mädchen wiedererkannt, das es noch am verwichenen Tage allen andern an
Munterkeit und Übermut vorausgetan hatte. Noch unter der Türe wendete sie
sich nach ihm um. Sie sah, wie er im Zimmer auf und nieder ging, und wollte zu
ihm zurückkehren; da er sie jedoch gar nicht beachtete, zog sie die Türe leise
zu und ging traurig von dannen und an ihre Arbeit.
    Herbert setzte sich an den Schreibtisch nieder, aber wie er seinen Brief
beginnen wollte, wurde er gewahr, dass er innerlich fassungslos und also nicht zu
schreiben im Stande sei. Er konnte das Erlebte nicht verstehen, obschon er sich
jedes gesprochenen Wortes, jeder Miene und Wendung der verschiedenen Personen
deutlich erinnerte. Es kam ihm Alles unglaublich vor, weil er es mit der
Vergangenheit in keinen deutlichen Zusammenhang zu bringen wusste.
    Das Eine stand fest, er hatte eine schwere Beleidigung empfangen, eine
Beleidigung, für welche er Rechenschaft zu fordern hatte; indes die Art der
Genugtuung, nach welcher er verlangte, konnte er, der bürgerliche Baumeister,
von dem Freiherrn von Arten nicht begehren, weil er wusste, dass man sie ihm mit
Lachen verweigern würde. Herbert war von seinem Vater, der eine ansehnliche
Kundschaft unter dem Adel besass und manchen Gönner unter ihm zählte, in der
Achtung vor dem Adel auferzogen worden. Aber er hatte in seiner bürgerlich
gesicherten Stellung und bei seiner freien Kunstbestrebung sich eben nicht viel
um die Vorrechte des Adels gekümmert oder, wenn dies doch geschehen war, bisher
nicht Ursache gehabt, sie ihm zu neiden. Jetzt stand er zum ersten Male vor den
Schranken, welche den Bürgerlichen in seinem öffentlichen und in seinem privaten
Leben von dem Edelmanne trennen, und er fand sie hoch genug, obschon man sie ihn
bis auf diesen Tag nicht fühlen lassen. Er erinnerte sich, mit welcher
verehrenden, von seinem Vater ererbten Voreingenommenheit für das freiherrlich
von Arten'sche Haus er nach Richten gekommen und wie gütig man ihm von Anfang
begegnet war. Man hatte ihn als einen Gast des Hauses, als den Sohn eines
Freundes behandelt, man hatte ihn zu fesseln gesucht, hatte seine Neigung
gewonnen - und was hatte er denn getan, jetzt plötzlich eine so schnöde
Behandlung zu erleiden? Wie war es möglich geworden, dass die Baronin sich
derselben nicht nur nicht widersetzt, sondern recht eigentlich die Veranlassung
dazu geboten hatte?
    Er hatte Angelika bewundert, ja, er hatte sie zu lieben geglaubt. Aber war
das ein Verbrechen, da er auf solche Neigung und Bewunderung keinen Anspruch
gründete? Nur ihr eigenes Betragen, nur ihre eigene Hingebung hatten ihn
ermutigt, ihr sein verehrendes Gefühl kund zu geben. Nur eines Wortes, nur
eines Winkes von ihr hätte es bedurft, ihn schweigen zu machen und den Ausdruck
der reinen, liebevollen Teilnahme zurückzuhalten, mit der er ihr an jenem
Abende genaht war. Wodurch also verdiente er ihren Zorn? Wodurch hatte er die
Verhöhnung verdient, die sie, sie allein ihm bereitet? Je länger er darüber
nachdachte, desto zorniger wurde er, und doch fühlte er dabei immer, wie wert
diese Menschen ihm geworden waren, die ihn so absichtlich zurückgestossen hatten,
und wie schwer es ihm fiel, Böses von ihnen zu denken, von denen er sich bisher
nur des Besten versehen.
    Er hegte ein widerwilliges Bestreben, sie zu rechtfertigen, weil es ihm zu
schmerzlich war, von ihnen beleidigt zu sein. Er stellte sich vor, dass irgend
ein Zufall, irgend ein unbemerkter Zeuge dem Freiherrn verraten habe, was
zwischen Herbert und der Baronin vorgefallen sei, und er fand eine Genugtuung
darin, sich selbst eine Schuld anzudichten, an welche er im Innern seines
Herzens doch wieder nicht glaubte, nur um das Verhalten des Freiherrn und
Angelika's weniger hart und ungerecht nennen zu dürfen. Er hielt sich vor, dass
er die Eifersucht des Freiherrn erregt, dass ein Zerwürfnis und eine Versöhnung
zwischen den Eheleuten Statt gefunden haben müsse, weil er sich daraus die
Zärtlichkeit Angelika's für ihren Gatten herzuleiten wünschte. Aber wie sollte
er diese wieder zusammenreimen mit der scherzend herausfordernden Weise, mit
welcher sie ihm entgegengetreten war? Keine seiner Voraussetzungen bot eine
völlig genügende Erklärung dar, keine seiner Empfindungen war rein, alle waren
sie gebrochen, und, empört gegen den Freiherrn, gegen Angelika und gegen sich
selber, rief er endlich aus: Sie haben mir sogar den Zorn genommen und den Hass!
    Bald wollte er der Baronin schreiben, bald dem Baron, um von ihnen eine
Aufklärung zu heischen und sich über die Herzens- und Ehrenkränkung zu
beschweren, die man ihm zugefügt hatte; aber wo man sich mit den Personen, mit
denen man zu tun hat, nicht auf gleichem gesellschaftlichem Boden befindet,
wird selbst das Zugeständnis einer begehrten Gerechtigkeit zu einer freiwilligen
Gunstbezeigung, und eine solche von dem Freiherrn anzunehmen, war ihm das
Widerstrebendste. Dazu band ihn sein Contract, den er nicht ohne Wortbruch lösen
konnte, an den zeitweiligen Dienst des Freiherrn; der Bau stieg edel und schön
empor, und Herbert war Künstler genug, ein begonnenes und so bedeutendes Werk
nur mit höchstem Widerstreben zu verlassen; indes die Aussicht, eben um dieses
Baues willen mit der freiherrlichen Familie nach den heutigen Vorgängen doch in
fortgesetzter Berührung bleiben zu sollen, war ihm so quälend, dass sich von
dieser Abhängigkeit zu befreien ihm für den Augenblick als das Notwendigste
erschien. In dieser Stimmung ergriff er die Feder auf das Neue.
    »Hochgeborener Herr Baron!« - schrieb er - »Eure Gnaden haben mich heute mit
Recht und sehr zur Zeit daran erinnert, dass ich nur um einer Arbeit willen und
als Künstler nach Richten gekommen bin. Diese Arbeit zu vollenden, mit ihr den
gerechten Ansprüchen und Erwartungen Eurer Gnaden nach besten Kräften zu
entsprechen, ist mir eine Ehren- und Gewissenssache gewesen, und die huldvolle
Güte wie die Zufriedenheit Eurer Gnaden haben mir bisher guten Mut und
Aufmunterung gegeben. Zu meinem grossen Bedauern habe ich aber die Bemerkung
machen müssen, dass Sie mir Ihre Zufriedenheit entzogen haben, und ich möchte
Ihnen weder mit meinen Diensten noch mit meiner Person beschwerlich fallen, wenn
beide aufgehört haben, Ihnen genehm zu sein. Erlauben Eure Gnaden mir also die
Versicherung, dass ich bereit bin, Ihnen alle von mir gemachten Pläne und
Detailzeichnungen zur Verfügung zu stellen, falls es Ihnen aus irgend einem
Grunde wünschenswert sein sollte, den Bau durch einen anderen Baumeister
fortführen und vollenden zu lassen. Ich wage wohl keine vergebene Bitte, wenn
ich Eure Gnaden ersuche, mich Ihre Entscheidung nicht lange erwarten zu lassen.«
    Er siegelte den Brief und bat Eva, ihm einen Boten zu schaffen, der
denselben nach dem Schloss trage. Als er das Schreiben unterwegs wusste, wurde
ihm leichter um das Herz. Weil er den ersten Schritt zu seiner Befreiung getan
hatte, glaubte er schon frei zu sein, und nun erst loderte sein Zorn gegen
Angelika und den Freiherrn rein und hell empor. Jetzt, da er sich nicht mehr um
das Wesshalb der erlittenen Beleidigung kümmerte, sondern sich nur der Tatsache
gegenüberstellte, erwachte in ihm das Selbstgefühl, welches überall verloren
geht, wo man sich mit den Andern mehr, als sie verdienen, zu schaffen macht.
    Er verliess sein Zimmer und ging, ohne bestimmte Absicht, hinunter in das
Haus. Der Amtmann war zurückgekehrt; Eva rüstete in dem kühlen Hausflur den
Mittagstisch. Sie hatte den Bruder von Herbert's Ankunft schon in Kenntnis
gesetzt, und dieser trat ihm mit der Frage entgegen, was es gegeben habe.
    Herbert fühlte keinen Beruf, ihm die ganze Wahrheit mitzuteilen. Es
widerstrebte ihm, dem Amtmann die Schwere des ihm geschehenen Unrechtes
einzugestehen, da er es ohne Vergeltung hinzunehmen hatte, und eben so wenig
konnte und durfte er seine Gastfreunde ahnen lassen, wie es um ihn und um sein
neuliches Erlebnis mit der Baronin stand. Er berichtigte also nur, dass man ihn,
gegen die frühere Weise, kalt, ja dass man ihn ungebührlich behandelt habe, und
dass und was er dem Baron geschrieben.
    Der Amtmann hörte ihm ruhig zu und sagte dann mit einem Lächeln, das seinem
gescheiten Gesichte einen noch grösseren Ausdruck von Klugheit gab: Ich hätte es
Ihnen voraussagen können, wie es mit Ihnen kommen würde, Herr Baumeister. Es ist
ein ordinäres Sprüchwort, aber wahr ist's darum nicht minder: »Es ist nicht gut
mit den grossen Herren Kirschen essen!« Und, fügte er hinzu, um wieder einmal vor
dem Studirten seine eigene Bildung leuchten zu lassen, ich hab's oft zur Eva
gesagt, es ist wie mit den Granatäpfeln in der Mytologie; man muss nichts von
den Herrschaften geschenkt nehmen, wenn man mit ihnen durchkommen und frei
bleiben will.
    Das sagen Sie, dessen Familie dem freiherrlichen Hause seit Menschenaltern
dient? wendete Herbert ein.
    Das sage ich Ihnen eben deshalb; denn wir haben unsere Manier probat
gefunden von Vater auf Sohn. Seine Schuldigkeit tun, seinen Lohn empfangen,
nichts darunter, nichts darüber, und Herr und Diener sein, rein weg!
    Herbert fragte, ob denn der Freiherr oder die Baronin dem Amtmann ebenfalls
Gelegenheit zur Unzufriedenheit gegeben hätten.
    Nicht dass ich's sagen könnte, meinte dieser. Aber das hat sich bei uns so
fortgeerbt von Einem auf den Andern, es ist unsere Bauernweisheit! Wir kennen
hierlandes den Grund und Boden und die Leute, und wir kennen auch unsere
Herrschaft und den Adel rund herum! Sie sind Einer wie der Andere!
    Eva meinte, die Herrschaften könnten aber doch sehr freundlich sein und
hätten sich ja auch gegen den Bruder und gegen sie stets so gezeigt.
    O ja, rief der Amtmann, aber es würde bald damit aus gewesen sein, hätte ich
mich darauf eingelassen, wie sie's mit Dir und mir versuchten! Heute hiess es,
weil ich denn doch dies oder jenes mehr gelernt hätte, als es sonst hier im Amte
zu geschehen pflegte, so könnte ich dem Herrn Baron wohl bei der oder jener
Arbeit helfen, nicht als Diener, Gott bewahre! nur weil er mich leiden und mich
um sich haben möchte! Und morgen meinten sie, die Eva sähe gut aus und hätte
recht anständige Manieren; sie könnte also, wenn sie wollte, bisweilen auf das
Schloss kommen und der Frau Baronin etwas vorlesen und mancherlei im Schloss
annehmen und lernen. Aber wir kennen das! Für einen Finger, den sie uns reichen,
wenn sie Lust und Langeweile haben, verlangen sie gelegentlich die ganze Hand
von uns, und will man sich dann dafür auch einmal an ihrer Hand halten, so
wird's ihnen gleich zu viel, und sie ziehen die Hand zurück und nehmen's uns
noch übel, dass wir ihnen die Mühe machen, uns abzustossen! - Er lachte dabei und
sagte zuversichtlich: Nichts da! Die vornehmen Nücken kennen wir! Sie dort und
wir hier! Guter Dienst und gutes Recht! Wir sind uns hier selber genug!
    Herbert hörte ihm mit einer heimlichen Beschämung zu. Es war, als sprächen
sein eingeschläfertes Gewissen, seine heimliche Einsicht selbst zu ihm, und zu
seiner eigenen Beruhigung sagte er: Ich sehne mich eigentlich auch danach,
dieses Contractes und des ganzen Verhältnisses, an das ich mit so gutem Glauben
gegangen bin, erst wieder ledig zu werden.
    Der Amtmann schüttelte mit verneinendem Lächeln den Kopf. Herbert fragte, ob
er an der Wahrheit dieser Worte zweifle. Nein, versetzte Jener, dass Sie es in
diesem Augenblick wünschen, daran zweifle ich nicht, aber Sie kommen nicht los.
Der Freiherr ist ein Mann von Wort, das muss man ihm lassen, und wie er selbst
sein Wort hält, so besteht er darauf, dass ihm Wort gehalten werde. Freiwillig
entlässt er Sie Ihres Contractes nicht, und contractbrüchig werden Sie doch
schliesslich auch nicht heissen und nicht werden wollen!
    Sie sprachen hin und her; der Baumeister verriet nichts von dem, was ihm
widerfahren war, aber der Amtmann, welcher gut zu fragen und zu hören wusste, kam
durch einzelne Äusserungen Herbert's ziemlich auf die rechte Spur, und was er
von dem Freiherrn auch Gutes sagen mochte, seine Worte trugen doch alle das
Gepräge der Abneigung, welche er gegen die Herrschaften hier in der Gegend, wie
er den Adel nannte, in sich hegte. Selbst in Eva sprach sich die gleiche
Gesinnung aus, und wenn der Amtmann sich mehr an das Allgemeine hielt, so wusste
Eva so viel kleine Züge von der Selbstsucht und dem Stolze, den Galanterieen und
den Liebesabenteuern der adeligen Damen zu erzählen, wie sie als Gerüchte von
einem Amtause in das andere getragen wurden, dass Herbert den letzten Rest des
sanften Zaubers schwinden fühlte, in welchem sein Verhältnis zu dem
freiherrlichen Hause und zu Angelika ihm erschienen war. Er begann sich in
seinem Innern einen eiteln Toren, einen schwachherzigen Neuling zu schelten. Er
malte es sich aus, wie man ihn im Schloss jetzt geringschätzig verlachen möge,
und während der Amtmann und seine Schwester mit Vergnügen davon sprachen, dass
sie Herbert nun bei sich behalten würden, während sie ihm vorschlugen, wie er es
sich bei ihnen bequem machen könne, dachte er nur daran, überhaupt aus der
Gegend fortzukommen. Eva's zuversichtliche Beteuerung, dass er bleiben werde,
weil ihr Bruder gesagt habe, dass er bleiben müsse, steigerte seine Sehnsucht,
sich loszureissen. Er konnte den Augenblick bis zur Rückkehr des Boten kaum
erwarten, und mitten in dem Plaudern von Eva und trotz der Unterhaltung mit dem
Amtmanne war er innerlich nur damit beschäftigt, sich die Art und Weise
vorzustellen, in welcher der Freiherr in die Aufhebung des Contractes willigen
und ihm seine Entlassung zugestehen werde.
    Es fiel ihm schwer, bei Eva vor der Türe sitzen zu bleiben, als er den
Knecht am Nachmittag über den Hof kommen sah; selbst Eva wurde unruhig über die
Langsamkeit, mit welcher derselbe die Weste aufknöpfte, unter der er das
Schreiben des Barons, welches er der Vorsicht wegen noch mit seinem Tuche
umwickelt hatte, hervorzog. Aber schon der Anblick dieses Schreibens machte
Herbert betroffen. Es war ein kleines Blättchen, leicht zusammengelegt, wie man
es einem Untergebenen als Anweis oder mit einem Befehle wohl einmal sendet; und
wie sein Äußeres war auch der Ton, in dem es gehalten.
    »Machen Sie sich keine Sorge«, schrieb der Baron. »Ich bin durchaus nicht
unzufrieden mit Ihnen und Ihren Leistungen, im Gegenteil! Ich pflege auch nicht
aufzugeben, was ich unternehme, und erwarte das Gleiche von jedem Manne, der
sich zu respectiren weiss. Bleiben Sie also ruhig in Rotenfeld, das ist Ihrem
Werke sicher förderlich, besonders da Sie Steinert zur Hand haben. Wegen meines
anderen Vorhabens sprechen wir bald das Nähere. Ich werde Sie in den nächsten
Tagen benachrichtigen und Zeit und Stunde bestimmen.«
    Das war Alles. Der Brief trug keine Anrede und keine Unterschrift, als das
mit langem Zuge versehene A., mit welchem der Freiherr wie ein König die Erlasse
an den Amtmann zu unterzeichnen pflegte. Er behandelte Herbert, als sei gar
nichts vorgegangen, als habe nie eine andere als die geschäftliche Beziehung
zwischen diesem und dem freiherrlichen Hause Statt gefunden, als könne des
jungen Mannes Wunsch, sich von der ihm aufgetragenen Arbeit zurückzuziehen, gar
keine andere Ursache haben, als seine Besorgnis, dass der Freiherr mit seinen
Leistungen nicht zufrieden sei. Eine Zurechtweisung, eine Anmahnung zur
Pflichterfüllung entielt das Schreiben, kein Wort der Begütigung, wie die
Einleitung von Herbert's Brief sie forderte, wenn man ihn festzuhalten wünschte
und ihn nicht hatte kränken wollen. Er las den Brief noch einmal und noch
einmal. Es war die schwerste Demütigung, welche er empfangen hatte! Eva, die
ihn während des Lesens genau beobachtete, hatte bemerkt, dass er blass geworden
war. Ihre grossen Augen hingen ernst an seinen Mienen.
    Nun? fragte sie, da er das Schreiben schweigend in die Tasche steckte.
    Ich bleibe hier! gab er ihr zur Antwort.
    Ihr Gesicht erhellte sich, sie hob die Hände empor, um sie vor Vergnügen
zusammen zu schlagen, liess sie aber, als sie in sein verstörtes Antlitz blickte,
eben so schnell wieder sinken und meinte kleinlaut: Das tut mir leid, wenn es
Ihnen so hart ankommt!
    Die Worte, mehr noch der Ausdruck, mit welchem sie dieselben sprach,
bewegten ihn. Er wollte sie um Vergebung bitten, ihr eine Freundlichkeit
erwidern, indes er konnte es in diesem Augenblicke nicht. Sie sind recht gut,
Eva! sagte er, indem er ihr die Hand gab.
    Was nützt das, wenn ich Ihnen nicht helfen kann? entgegnete sie, indem sie
sich von ihm losmachte und sich entfernte. Es war bei ihr immer, in Fröhlichkeit
und Betrübnis, derselbe gute und werktätige Sinn; aber es war Herbert doch
erwünscht, allein zu sein. Er konnte eben jetzt keine Hülfe und keine
Gesellschaft brauchen.
    Er ging auf sein Zimmer und an seine Arbeit, denn arbeiten, vorwärts kommen,
hiess jetzt für ihn, seiner Freiheit näher rücken. Aber wie er den Sinn auch auf
die Verknüpfung der Linien und Zahlen richtete, es brannte immer in seinem
Innern: Sie haben dich, weil sie dich nicht für ihres Gleichen halten, nicht
nach deiner Ehre, sie haben dich wie eine Sache behandelt, die man aufnimmt oder
liegen lässt, je nach Belieben! - Und je länger er das dachte, um so öfter
richtete sein Blick sich nach Frankreich hinüber, und er fragte sich: Wann wird
denn die Stunde schlagen, die auch hier den Hochmütigen den Nacken beugt? -
    Sie standen ihm dabei immer vor Augen, die kleine, vornehm lächelnde
Herzogin und der in Selbstgefälligkeit strahlende Marquis: beide flüchtig, beide
das Gnadenbrod der Fremde essend und beide so ungebeugt, so sicher in dem
Glauben an die unvergängliche Ueberlegenheit ihres Wesens und ihres Blutes, dass
der Hass gegen dieses alte Blut in Herbert entbrannte und es ihm vorkam, als
könne er dieses Blut kalten Auges vergiessen sehen, als könne er sie sterben
sehen, sie Alle mit einander: den hochgemuteten Freiherrn, die zarte Herzogin,
den fröhlichen Marquis, und auch sie, die schöne, lächelnde Baronin, wenn er
ihnen damit nur die Erinnerung zu nehmen vermochte, wie sie ihn geflissentlich
beleidigt, wie gedemütigt er von ihnen gegangen war. Er hasste sie nicht nur für
dasjenige, was sie ihm zugefügt, sondern mehr noch deshalb, weil er's ertragen
hatte und weil er in ihrem Dienste fortarbeiten musste, um seiner Pflicht
nachzukommen, welche jenen gegenüber seine einzige Ehre war. Er hasste sie!
 
                                Zehntes Capitel
Der Feldzug, zu welchem die Regimenter so fröhlich aus der Hauptstadt
ausmarschirt waren, hatte nicht lange gewährt und war ein fruchtloses, ja, ein
unheilvolles Unternehmen gewesen sowohl für diejenigen, denen er helfen und
dienen, als auch für jene Anderen, welche die Hülfe hatten bringen sollen. Die
Revolution war in Frankreich immer energischer und siegreich vorwärts
geschritten, und kleinlaut waren die Truppen der Coalition in ihre
Standquartiere und Garnisonen zurückgekehrt.
    Graf Gerhard, dem es an persönlichem Mute nicht gebrach und dem seine
kräftige Gesundheit zu Statten gekommen, wo viele seiner Cameraden Krankheit und
Tod gefunden, war als Rittmeister aus dem Feldzuge nach der Champagne
heimgekehrt. Sein Regiment hatte seiner Zeit auch wieder mehrere Tage in der
Hauptstadt der Provinz verweilt, aber der Graf hatte gleich nach dem Einrücken
Urlaub genommen und sich zu seinen Eltern nach Berka begeben. Er hatte die
Familie Flies nicht aufgesucht, auch zu der Kriegsrätin war er nicht gegangen.
Seba erfuhr das gleich, obschon sie ihren Verkehr mit derselben bedeutend
eingeschränkt hatte und obschon auch der Vater noch weniger als sonst Behagen an
der Freundschaft zu finden schien, welche die Mutter noch immer mit der Frau
seines Mieters unterhielt.
    Gott soll mich bewahren, dass ich Sie anklage, teuerste Frau Kriegsrätin,
sagte Madame Flies eines Nachmittags, als diese auf eine Tasse Kaffee zu ihrer
Wirtin gekommen war - Gott soll mich bewahren, dass ich Sie verkenne; Sie haben
es sehr gut mit uns gemeint, aber der Mensch denkt und Gott lenkt!
    Es ist mir freilich immer derselbe Kummer, meinte Laura, indem sie
wohlgefällig den silbernen Kaffeelöffel ihrer Wirtin in der Hand wog, der
doppelt so schwer war, als die ihrigen, dass ich die unschuldige Veranlassung zu
Seba's Liebe für den Grafen gewesen bin, aber es geht ja wieder besser mit ihr.
Sie ist wirklich schöner als je, und sie schlägt es sich ja endlich auch wieder
aus dem Sinne.
    Die Mutter zuckte die Schultern. Glauben Sie das nicht, liebe Frau
Kriegsrätin, Seba hat des Vaters Kopf! Die vergisst nicht, was sie einmal
gewollt hat; und wenn sie auch wieder munter ist vor den Leuten und wenn sie
auch schön ist wie sonst, - Sie sollten sie nur sehen, wenn sie sich unbeachtet
glaubt! Seba hat ihre Taubenaugen, ihre sanften Kinderaugen nicht mehr!
    Wie traurig ist das! rief die Andere mit jenem kühlen Bedauern der
Gleichgültigkeit, das der Leidende als eine schwere Beleidigung empfinden würde,
wäre er nicht in der Regel zu sehr in sich versunken, um darauf zu achten. Die
Kriegsrätin aber glaubte der Teilnahme, die man von ihr fordern konnte, mit
jenem Ausruf vollauf genügt zu haben, und da man der fremden Klage am
leichtesten ledig wird, wenn man selbst zu klagen beginnt, wiederholte sie mit
einem Seufzer ihr: Wie traurig! und fügte dann eilig und lebhaft hinzu: Aber es
trägt ja Jedermann von uns sein Teil, liebste Flies, und was Sie leiden, leiden
Sie mit Ihrem eigenen Kinde, das ja jung und schön ist, und da Sie reich sind
und ihm Alles gewähren können, auch früher oder später glücklich werden wird.
Nehmen Sie dagegen mich und unsern Paul! Was habe ich nicht Alles für den Knaben
schon getan, und Alles das umsonst! Nur an Seba hängt er und an meinem Manne,
als wäre ich gar nicht da - und im Grunde ist das noch das Wenigste!
    Sie machte eine Pause, wollte verschweigen, was sie drückte, konnte dann
aber doch nach Frauenart der Lust nicht widerstehen, einmal ihr Herz recht
gründlich auszuschütten. Es trifft Alles so schlimm zusammen, - sagte sie fast
gegen ihren Willen, - so schlimm, als sollte mir grade jetzt von allen Seiten
Verdruss und Sorge bereitet werden. Nicht genug, dass der Knabe immer
verschlossener wird, dass ich mir Seba's Kummer zu Herzen nehme, habe ich mich
eben in diesen Tagen auch mit unserem alten, guten Freunde und Gönner, dem
Präsidenten, erzürnen müssen.
    Mit dem Herrn Präsidenten? fragte näher rückend Madame Flies, die seit der
ganzen Reihe von Jahren gewohnt war, den alten Herrn täglich zu seiner Freundin
gehen zu sehen. Wie ist das denn zugegangen?
    Weiss ich's? rief die Kriegsrätin und knüpfte, weil ihr warm wurde, das Band
auf, mit welchem ihre Flatteuse unter dem Kinn zugebunden und das mit einem
Liebesknoten an dem Brustlatze befestigt war. Elf runde Jahre ist er bei uns ein
und aus gegangen; wir waren so an einander gewöhnt, er, mein Mann und ich; wir
wussten, wie wir einander zu nehmen und wie weit wir auf einander zu rechnen
hatten; da bringt ein unglücklicher Zufall dem guten Präsidenten ein Billet in
die Hände ....
    Ein Billet - ja, was denn für ein Billet? forschte die Andere, deren Augen
vor Ungeduld und Neugier zu funkeln begannen.
    Ach, ein Billet des Hauptmannes - ein Billet, das er mir am Tage nach der
Rückkehr schrieb - die Kriegsrätin lächelte und wendete den Kopf nach dem
Spiegel, der zwischen den beiden Fenstern hing - ein Billet, wie jede halbwegs
angenehme Frau deren unzählige erhält! Ein paar Verse, wie er sie mir, seit er
damals hier war, bisweilen schickte, reine Poesie. Ich hatte sie nicht beachtet,
sie vergessen, sie lagen in meinem Nähtischchen, da fand sie der Präsident ....
    Da fand sie der Herr Präsident? wiederholte Madame Flies.
    Ja, rief Laura, die in ihrem Verdrusse die verwunderte Frage der Anderen gar
nicht beachtete; und stellen Sie sich vor, aus diesem ganz gleichgültigen Briefe
macht er mir ein Verbrechen. Er erlaubte sich, mich zu beschuldigen, verlangte
Erklärungen, als wäre ich ein Kind und nicht eine Frau, die weiss, was sie zu
tun hat.
    Madame Flies wurde stutzig. In Bezug auf die eheliche Treue verstand sie
keinen Spass. Aber wie kamen denn der Herr Präsident darauf und was sagen der
Herr Kriegsrat dazu? fragte sie bedenklich.
    O, der ahnt davon noch gar nichts, der würde mir es nicht vergeben!
    Hören Sie, brach nun Madame Flies plötzlich aus, hören Sie, liebe, gute
Frau, das kann ich ihm auch nicht verdenken! Sie wissen, wie viel ich von Ihnen
halte, liebe Frau Kriegsrätin, aber Verse, heimliche, jahrelange Verse an eine
verheiratete Frau .... Sie brach ab, schüttelte das Haupt, dass die echten
Kanten von ihrem Kopfzeuge ihr tief auf die Stirn niederfielen, und reichte, als
wolle sie gut machen, was sie notgedrungen hatte sagen müssen, ihrer Freundin,
obschon dieselbe sich eben erst bedient, noch einmal die silberne Zuckerschale
mit einem freundlichen: Ist's gefällig? hin.
    Die schöne Laura lachte plötzlich ganz hell auf, und sie sah wirklich noch
sehr hübsch aus, wenn sie lachend die weissen Zähne und die tiefen Grübchen in
den vollen Wangen sichtbar werden liess. Sie meinen, um die Verse kümmere sich
mein Mann? Gott bewahre, das hat ja gar nichts auf sich! Verse an seine Frau,
die werden doch einen verständigen Mann nicht in Harnisch bringen, auf die muss
jeder Mann gefasst sein, der sich eine junge und passabel hübsche Frau genommen
hat. Aber dass ich unsern Präsidenten nicht zu menagiren, nicht nach seiner Weise
zu behandeln wusste, das wird mein Mann mir nicht vergeben - und ich vergebe mir
es selber nicht!
    Der Herr Präsident sind des Herrn Kriegsrates Chef! bemerkte Madame Flies,
um doch etwas zu sagen, da die Heiterkeit der Anderen ihr noch weniger gefiel.
    Ja, freilich, das ist's ja eben, bekräftigte Laura, sich besinnend, mit ganz
verändertem Tone, da sie die zweifelhafte Miene ihrer Hauswirtin bemerkte. Das
ist es eben, wir sind abhängig von ihm! Sie machte eine Pause, als sinne sie
über diese ihre bedenkliche Lage nach, bis sie seufzend ausrief: Und wir haben
kein Vermögen! - Sie hielt abermals inne, sah ihre Freundin prüfend an und sagte
dann ernst und niedergeschlagen: Sie, die Sie reich sind, die Sie freie Hand in
Ihres Mannes Casse haben, Sie können gar nicht wissen, wie schwer in diesen
Zeiten das Auskommen für den Beamten ist. Jedes zu Ende gehende Quartal hat
seine Notwendigkeiten, jedes beginnende macht seine Ansprüche; die Rechnungen
kommen, die täglichen Ausgaben laufen fort, man muss nach aussen anständig
auftreten, wie man sich in seinem Hause auch beschränkt, die Miete ist zu
zahlen - Sie glauben nicht, welche Verlegenheiten das bereitet!
    Madame Flies versicherte und erinnerte sie, dass es mit der letzteren nicht
eile, dass ihr Mann ja immer gern gewartet habe.
    Gewiss, gewiss, rief Laura, der Kriegsrat besitzt ja einen wahren Schatz an
Ihres Mannes Freundschaft! Aber was hilft mir das? Sie wissen gar nicht, wie
ängstlich, wie genau der Kriegsrat ist. Jede Cocarde, jede Falbala, jedes
Teaterbillet und jedes Biscuit muss verzeichnet werden und wird bekrittelt, wenn
es verzeichnet ist. Da half denn des Präsidenten Galanterie gelegentlich ein
wenig aus - versteht sich, nur leihweise - für Tage nur - nur um den lieben
Hausfrieden nicht zu stören! Und da muss mir nun nach elf Jahren der Präsident
die gute Laune ohne allen Grund verlieren. Ich habe schon gedacht, ob Sie, liebe
Madame Flies ....
    Sie brach plötzlich ab und sagte nicht, was sie gedacht hatte; denn das
Gesicht ihrer Wirtin verriet ihr, dass sie sich wahrscheinlich eine unnütze
Blösse gegeben hatte. Das Kaffeezeug war fortgeräumt, die Hausfrau erhob sich, um
den süssen Wein und das Confect zu holen, die den Imbiss vervollständigen sollten,
aber wie mild und glatt der alte Malaga die Kehle auch hinabglitt, die
Unterhaltung wollte nicht wieder in Fluss geraten.
    Die gute Meinung, welche Madame Flies von ihrer Freundin gehegt, hatte einen
schweren Stoss erlitten, und die Kriegsrätin hatte auch besser von ihrer Wirtin
gedacht. Nach der sorglosen Weise, in welcher sie Seba früher ihren Weg gehen
lassen, hatte sie die Mutter nicht für so spiessbürgerlich und namentlich nicht
für so sittlich engherzig gehalten. Sie waren beide verstimmt und beide begannen
wieder von Seba zu sprechen, über deren Seelenzustand sich freilich beide eine
falsche Vorstellung machten.
    Seba's erstes Empfinden nach jenem unheilvollen Morgen und nach den Tagen,
welche ihr die Ueberzeugung aufgedrängt, dass sie gewissenlos von einem Elenden
verraten und verlassen sei, war der Drang gewesen, sich Vater und Mutter zu
Füssen zu werfen und ihnen Alles zu gestehen. Aber es war genug, dass ihr eigenes
Herz gefoltert ward, dass sie sich selbst verloren hatte, dass sie elend geworden
war, dass sie sich verachtete und nicht mehr vorwärts, nicht mehr rückwärts zu
blicken wagte. Ihr war Alles entrissen, was bis dahin ihr Leben ausgemacht: nur
Eine Gewissheit und nur Ein Gefühl waren unverändert in ihr geblieben: sie wusste,
dass sie das Glück ihrer Eltern war, und sie liebte ihre Eltern. Daran musste sie
sich halten!
    Es wäre ihr eine Befreiung gewesen, sich anzuschuldigen, ein Trost, sich zu
demütigen; denn es ist für ein rechtschaffenes Herz leichter, verdienten Tadel,
als unverdientes Lob zu ertragen und eine Liebe über sich walten zu fühlen,
deren es sich nicht mehr würdig glaubt. Aber was sie selber auch empfand, wie
hart ihr Verstand und ihr Ehrgefühl sie verurteilten, wie tief sie sich
erniedrigt fühlte, den Eltern musste und wollte sie zu bleiben suchen, was sie
ihnen gewesen war: ihr Stolz und ihre Freude. Sie musste schweigen, sie musste die
Wiederkehr einer Ruhe heucheln, nach der sie vergebens rang, mit der sie die
Eltern doch nicht völlig täuschte, und Heucheln fiel ihr schwer. Sie sah es, dass
die feinen Furchen um ihres Vaters Mund und auf seiner Stirn tiefer geworden
waren, seit seine Tochter ihm nicht mehr fröhlich wie in vergangenen Tagen
entgegen kam. Es entging ihr nicht, wie sorglich die Blicke der Mutter auf ihr
ruhten, wie ängstlich die Eltern danach spähten, einen Strahl der alten
Lebenslust in der Seele ihres Kindes zu entdecken; sie hätte sie selber suchen,
finden mögen, neuen Mut und neues Wollen und Streben; aber woher sollten sie
ihr kommen in dem Gefühle ihrer Erniedrigung und Herzgebrochenheit?
    Traurig, den Kopf auf die schmale, weisse Hand gestützt, sass sie eines Abends
an dem Fenster ihrer Stube. Draussen war das Wetter schlecht. Es war noch früh im
Jahre, ein kalter Wind jagte den Regen schräg durch die Luft und warf ihn
klatschend zur Erde. In den grossen Lachen spiegelten sich die Lichter der
Laternen, welche die Leute, die unter ihren Schirmen in das Teater gingen, sich
vortragen liessen. Es war eine Schauspieler-Gesellschaft angekommen, welche für
einige Monate Vorstellungen geben sollte und dieselben gestern mit der
Aufführung von Schiller's »Fiesco« begonnen hatte. Kein Gebildeter hatte bei
diesem Anlass fehlen dürfen, auch Seba hatte der Darstellung beigewohnt, und
Verrina's: »Was tat jener eisgraue Römer, als man seine Tochter auch so - wie
nenn' ich's nur - auch so artig fand?« lag noch schwer auf ihrer Seele.
    Sie war von Herzen traurig, sie konnte nicht deutlich denken, nur dass sie
müde, bis zum Tode leidensmüde sei, das fühlte sie mit dumpfer Schwere. Sie
hatte keinen religiösen Glauben, an dem sie sich erheben, keine Kirche, in der
sie beten konnte, denn der Cultus, dem sie durch ihre Geburt angehörte, war ihr
fremd geblieben; sie hatte keinen verschwiegenen Beichtvater, dem sie sich
anvertrauen konnte, sie hatte keinen Erlöser, an den sie sich wenden konnte. Sie
war ganz allein, ohne eine Stütze, ohne einen anderen Halt, allein mit der
unverbrüchlichen Wahrhaftigkeit des eigenen Gewissens, die ihr sagte, dass sie
gefehlt, dass sie sich entehrt habe vor den Menschen und mehr noch vor sich
selber, und dass kein fremder Trost und keine fremde Hülfe von ihr nehmen könne,
was sie selber auf sich geladen hatte.
    Paul, der auch an diesem Abende wie gewöhnlich herunter gekommen war, um
seine Freundin zu besuchen, hatte sich allmählich daran gewöhnt, ihr schweigend
Gesellschaft zu leisten. Eine geraume Zeit sah der grosse, schlanke Knabe
geduldig zu, wie auf der Strasse die Lichter flackerten und wie die Leute mit dem
Winde kämpften. Endlich mochte er dessen überdrüssig sein, denn sich zu Seba
wendend, bat er: Sprich doch mit mir!
    Sie überhörte es. Er wartete wieder eine Weile, ob sie sich nicht mit ihm
beschäftigen würde, dann sagte er ganz plötzlich: Seba, Du wirst Dich gewiss auch
noch einmal ins Wasser stürzen!
    Sie fuhr entsetzt empor. Wer hat Dir das gesagt? rief sie, indem sie ihn bei
den Händen erfasste.
    Ihre Stimme klang ihm fremd, und so gewaltsam hatte sie ihn niemals
angefasst. Er fürchtete sich vor ihr. Lass mich los, rief er erschreckend, lass
mich los!
    Sie beachtete es nicht. Wer hat Dir das gesagt? wiederholte sie.
    Ich sehe es ja! gab er ihr zur Antwort.
    Was denn? Was siehst Du denn? drängte ihn Seba, der das Herz fast hörbar
klopfte; denn das schweigende Leiden unter lächelnder Miene hatte sie erschöpft,
und schwarze, unklare Gedanken waren in ihr aufgetaucht, als unten in der Strasse
das Wasser in den Lachen so gezittert und geglänzt. Eine schmerzliche Sehnsucht
hatte sie ergriffen und an ihrem Herzen gezogen. Sie hätte fortgehen mögen, fort
von Vater und Mutter, weit fort, um einmal in einsamer Ferne ihre bitteren
Tränen laut zu weinen und dann endlich nichts mehr fühlen zu dürfen und all des
Elendes ledig zu werden, mit Einem Male für immerdar.
    Was siehst Du? wiederholte Seba noch einmal, und ihre milder gewordene
Stimme löste des erschreckten Knaben Lippen.
    Du sitzest immer grade so still wie meine Mutter, sagte er, und weinst immer
wie sie, Du wirst Dich auch noch wie sie ins Wasser stürzen!
    Seba schlug die Hände vor dem Gesichte zusammen, sie erschrak vor sich und
ihren eigenen Gedanken; des Knaben Worte hatten sie zur Besinnung gebracht. Ein
heisses Mitleid für die Todte mischte sich in Seba's Schmerz um das eigene
Geschick, und Mitleid ist Befreiung; denn wer Teilnahme für einen Andern zu
empfinden vermag, reicht wenigstens in dem Momente über die eigene Not hinaus.
Die Tränen schossen ihr in die Augen, indes diese Tränen taten ihr nicht so
wehe, als die unzähligen andern, welche sie seit der Unglücksstunde bis auf
diesen Tag vergossen. Und mitten in ihrer Hülfslosigkeit zuckte zum ersten Male
der Gedanke in ihr auf, dass sie sich erlösen müsse, wenn sie nicht ihr Leben
enden wolle; dass sie wählen müsse zwischen Selbstvernichtung und Selbsterhaltung
durch ein klar bewusstes Tun, durch Selbsterhebung und durch Selbsterlösung.
    Sie konnte Geschehenes nicht ungeschehen machen, sie konnte ihre reine,
schuldlose Vergangenheit nicht wieder erwecken, sie konnte Paulinen nicht mehr
helfen; aber sich selber konnte sie helfen, und Paulinen's Sohn war da! Sie und
dieser Knabe, Seba und Paul, sie gehörten zu einander, das war die Vorstellung,
die ihr wie ein neues Licht entgegenstrahlte. Er war ein Verstossener, einer
Verstossenen und Verlassenen Sohn, und war sie doch auch entehrt und verraten
und wie seine Mutter verlassen worden.
    Sie hatte es bisher stets vermieden, mit ihm von seiner Mutter und von
seinen Erinnerungen zu sprechen. Heute fragte sie ihn, was er von seiner Mutter
wisse. - Er hatte ein klares Gedächtnis von dem letzten Gange mit ihr bewahrt;
er erinnerte sich ihres Hauses, seiner Heimat, des Wagens, in welchem der Baron
zu kommen gewohnt war, und er wusste, dass der Baron von Arten sein Vater sei.
Aber mit der Festigkeit, welche frühreife Kinder oftmals auszeichnet, hatte er,
nachdem der Zufall ihm einmal einen Teil seines Wissens entlockt, wieder
geschwiegen bis auf diese Stunde. Auch des Augenblickes entsann er sich, da er
die Kunde von dem Tode seiner Mutter erhalten hatte.
    Ich weiss es noch sehr gut, sagte er, wie ich aufwachte und die Stube voller
Menschen war. Sie schrieen alle, die Mutter sei ins Wasser gestürzt, und die
Magd, welche bei uns diente, hielt meiner Mutter Tuch und meiner Mutter Schuhe
in der Hand und weinte.
    Seba schauerte zusammen. Was sollte aus ihr werden, wenn sie es nicht
vermochte, mit sich selber fertig zu werden, mit ihrer Schuld, mit ihrem
Unglücke? Wenn sie sich in grübelnder Verzweiflung auf dem Wege gehen liess, auf
welchem sie sich eben angetroffen? Was sollte aus ihren Eltern werden, wenn die
Leute einmal in ihr Zimmer träten, ihnen des einzigen Kindes Tuch und Schuhe
vorzuzeigen?
    Nein, nein, niemals! rief sie voll Entsetzen aus und umschlang den Knaben,
als müsse sie sich an sein blühendes Leben halten, um sicher vor dem Tode zu
sein. Ich will nicht untergehen, ich will und werde nicht zu Grunde gehen! Ich
will leben bleiben, Paul! Ich bleibe bei Dir und bei meinen Eltern, bei meinen
guten, armen Eltern, lieber Paul!
    Sie weinte bitterlich und weinte lange. Paul, wie alle Kinder von der
Rührung eines Erwachsenen leicht überwältigt, weinte mit ihr. Er hielt sie mit
seinen Armen umfasst, und es war ihr, als löse sich das pressende Band von ihrer
Stirn, als schmelze das starre Eis in ihrem Herzen und als durchziehe eine milde
Wärme ihre Brust. Ihre Tränen hörten zu fliessen auf, auch sie umfasste den
Knaben zärtlich, und ihn an sich drückend, sagte sie: Paul, habe mich doch lieb!
    Ja, antwortete er ihr ernstaft.
    Und wir wollen recht gut sein, Paul!
    Ja, entgegnete er ihr wieder.
    Und meinen Eltern wollen wir rechte Freude machen! Hörst Du, rechte Freude,
Paul! Und hier in meiner Stube wollen wir uns immer von Deiner Mutter erzählen,
und Du musst recht brav werden, Paul! Ich will Dich auch so lieb haben, wie Deine
Mutter, ich will Deine Mutter sein, Paul! rief sie, und es kamen Kraft und
Freude in ihre Stimme bei den Worten. Ich will Deine Mutter sein, Paul, und Du
sollst mein Sohn sein, das heilige Vermächtnis Deiner armen Mutter! wiederholte
sie.
    Kommen wir dann auch in das Schloss und in den Park? fiel ihr der Knabe in
die Rede, der sich nach Kinderweise schnell erheiterte und dadurch auf die
angenehmen Vorstellungen verfiel, welche ihn im Stillen oftmals beschäftigt
haben mochten.
    Nein, entgegnete sie, indem sie traurig auf ihn niederblickte, nie! Wir
kommen beide nicht hinein, nicht Du, nicht ich! Aber leben wollen wir bleiben,
leben will ich bleiben für die Eltern und für Dich! - Leben! rief sie noch
einmal, tief Atem schöpfend, indem sie sich emporrichtete; leben und lieben,
helfen und retten, und auch mich selbst erretten will ich!
 
                                Eilftes Capitel
Das Zerwürfnis zwischen dem Präsidenten und seiner Freundin war ein unheilbares
geblieben, aber die Kriegsrätin hörte, als eine kluge Frau, bald auf, dies zu
beklagen. Sie behauptete, in ihres Mannes Freundschaft Ersatz zu finden, und die
Leute waren geneigt, ihr dies zu glauben. Sie erschien nicht mehr so oft allein
in der Gesellschaft und an öffentlichen Orten, Herr Weissenbach verlegte sein
Arbeitszimmer neben ihre Wohnstube, und wenn er sich gegen Herrn Flies auch
häufig darüber beschwerte, dass es ihm gar zu viel Zeit und Geld koste, beständig
den Begleiter seiner Frau zu machen, so musste er doch seine Gründe haben, sie
nicht mehr wie früher sich selber zu überlassen.
    Im Uebrigen änderte das Fortbleiben des Präsidenten in der Lebensweise der
Familie nichts, bis kurz vor dem Herannahen eines neuen Jahres der Kriegsrat
einmal eine lange und geheime Unterredung mit seinem Hausherrn gepflogen hatte.
Was dabei verhandelt worden war, darüber sprachen beide nicht; es fiel aber den
Freunden der Kriegsrätin auf, dass sie von Neujahr ab ein paar Zimmer ihrer
Wohnung an den Architekten überliess, den sie in der Familie ihres Wirtes kennen
gelernt hatte.
    Jeder, der es von ihr hören wollte, konnte jetzt von der Kriegsrätin
vernehmen, wie erwünscht die Gesellschaft eines Mannes von Herbert's Namen und
Bildung ihr für ihre stille Häuslichkeit dünke; aber sie war jetzt eben so wenig
als früher in der Lage, sich den Anforderungen ihrer weit verbreiteten
Geselligkeit zu entziehen, und Herbert hatte es auch nicht auf den Umgang mit
der schönen Laura abgesehen, als er sich für die Wohnung entschied, welche sie
zu vermieten wünschte.
    Seit er, bei seinem ersten Verweilen in der Familie Flies, Seba's
Zusammenbrechen bei der Erwähnung der sündhaften Wette des Grafen Berka erlebt,
hatte sich Herbert überzeugt gehalten, dass sie selbst der unglückliche
Gegenstand jener Wette gewesen sei. Er war bald wieder in das Haus gekommen,
sich, wie die Höflichkeit es forderte, nach ihrem Ergehen zu erkundigen, und ihr
tiefes, stilles Seelenleid hatte ihr sein männliches Mitleid gewonnen. Fern von
jener Neugier, die für den Leidenden so quälend ist, weil sie für ihn die
Notwendigkeit der Selbstbeherrschung steigert, behandelte er sie mit der
Voraussetzung, dass sie unglücklich sei, und die vorsichtige Weise, mit der er
ihrem trüben Sinne hier und da eine freundliche Vorstellung unterzuschieben
wusste, bot ihr durch eine lange Zeit das einzige Labsal, für das sie empfänglich
war. Er mutete ihr nicht zu, sich des eigenen Daseins zu erfreuen, er verlangte
niemals, dass sie von sich spreche; aber er erzählte ihr von seinen Reisen, von
seinen Erlebnissen, von seinem Aufentalte auf Schloss Richten und in Rotenfeld;
und, herzenskundig durch den eigenen Schmerz, erriet sie, was er ihr nur
zögernd anvertraute: den Zwiespalt, unter dem er sich zwischen der Gräfin und
Eva bewegt, die Kränkung, welche er erfahren hatte, und die Ueberwindung, die es
ihn jetzt kostete, so oft er nach Richten gehen musste. Dass er nicht völlig mit
sich einig, dass auch er noch ein in seiner Entwicklung Begriffener war, machte
ihn Seba nur noch werter. Wenn sie ihn ermutigte, sprach sie sich selber damit
Mut ein; wenn sie sich gelegentlich zu erheitern strebte, erheiterte dieses
Bestreben sie selbst, und wenn sie, erhoben von dem Gedanken, dass sie einem
Andern, einem edlen jungen Manne doch noch etwas zu leisten und zu sein vermöge,
sich einmal freier gehen liess, so ward er für seinen selbstlosen Anteil an ihr,
durch den Einblick in ein liebevolles, reiches Herz belohnt, das glücklich zu
sein verdiente und sich doch des Rechtes, es jemals zu werden, für verlustig
hielt.
    Wie man nach langer, schwerer Krankheit mit Rührung aufs Neue ins Leben
tritt und mit zagendem Erstaunen wieder die ersten Schritte wagt, so bewegt
fühlte sich Seba, nachdem sie zu dem Entschlusse gelangt war, sich aufzurichten,
um ihrer Eltern, um des fremden Knaben willen. Alles erschien ihr neu. Die
Zärtlichkeit ihrer Eltern dünkte ihr grösser, als je zuvor, denn sie nannte sie
ein unverdientes Glück, dessen sie sich würdig machen müsse. Sie erschrak vor
der langen Reihe von Tagen, die sie in ihrem dumpfen Schmerze verloren; sie
hatte sie den Eltern entzogen und musste diese dafür entschädigen. Jede Stunde
wurde ihr wert, jeder Tag kostbar, denn es galt, eine Schuld der Dankbarkeit zu
zahlen, Liebespflichten zu erfüllen und dem Lebenszwecke zu genügen, den sie
sich in der Erziehung Paul's gestellt hatte.
    Wenn die Mutter ihre Freude darüber aussprach, dass der Blick der Tochter
sich erhelle, wenn der Vater es mit Genugtuung bemerkte, dass sie sich wieder
mit erhöhtem Eifer ihren früheren Beschäftigungen und Studien überliess, und wenn
beide geneigt waren, diese glückliche Wandlung auf Herbert's Einfluss zu
schieben, so pflegte Seba Paul an sich heranzuziehen und mit ihrem
schwermütigen Lächeln freundlich zu sagen: Ich weiss wohl, wie viel Ermunterung
ich Herbert schulde, aber dass ich für dieselbe empfänglich geworden bin, das
danke ich dem Paul. Ich habe ihn an Kindesstatt angenommen und er muss doch ein
gutes Beispiel an mir haben! Man nahm das für einen Scherz, freute sich, dass
Seba wieder scherzen mochte, und hinderte sie nicht, den Knaben so viel als
möglich in ihrer Nähe zu haben, der still und ernstaft, wie er sich von Anfang
an erwiesen, zwischen seiner Beschützerin und ihrem Freunde Herbert heranwuchs.
    Er war keines der Kinder, die durch geistreiche Einfälle überraschen, durch
lebhafte Gefühlsäusserungen für sich einnehmen, aber er beobachtete scharf, und
weil er in dem Hause seiner Pflegeeltern niemals eine besondere Anregung zum
Aussprechen seiner Gedanken erhalten, hatte er schweigen, sich beherrschen und
seine Eindrücke in sich festalten gelernt. Ohne ein Wort davon kund zu geben,
ohne danach zu fragen, hatte er sich auf seine Art eine eigene Vorstellung davon
gebildet, dass eine Aehnlichkeit zwischen dem Schicksale seiner Mutter und dem
Schicksale Seba's obwalte, dass Graf Berka Seba eben so unglücklich gemacht habe,
als der Freiherr von Arten seine Mutter, und wenn er auch nicht völlig verstand,
was seine Beschützerin damit meinte, dass sie ihm ihre Wiederherstellung
verdanke, so wusste er doch, dass seine Liebe ihr wohltue, dass er die Macht habe,
ihr Freude zu bereiten, und dass er Niemanden lieber habe, als sie.
    Er war fleissig, weil Seba ihn dann belobte; er lernte die lebenden Sprachen
gern und schnell, weil sie ihn darin unterrichtete, und unmerklich, wie unser
ganzes Denken und Tun auf die Kinderseelen einwirkt, prägten sich ihm die
Vorstellungen und die Anschauungsweise der Personen ein, denen er seine Liebe
zugewendet hatte.
    Er hörte in der jüdischen Familie über die Vorurteile klagen, welche die
Menschen von einander halten, er hörte den Hochmut und die Anmassungen des
Adels, die hohlen Ansprüche der Beamtenwelt, die Unduldsamkeit der verschiedenen
Culte gegen einander bald bedauern, bald tadeln und verspotten, und seine
eigenen kleinen Erlebnisse boten ihm Beweise und Erklärungen für die Grundsätze,
welche er ohne das vielleicht nicht verstanden haben würde. Der Kriegsrat und
seine Frau, wie freundlich sie der Flies'schen Familie begegneten, sprachen doch
immer mit einer gewissen Geringschätzung von ihrem Wirte, weil er ein Jude und
nur ein Kaufmann war; aber was der Knabe sah und hörte, fiel Alles zu Gunsten
dieses Juden und seiner Familie aus. Oben bei seinen Pflegeeltern hatte Alles
ein doppeltes Gesicht, unten bei den Juden blieben die Dinge sich immer gleich.
Der Kriegsrat und Laura waren im Beisein dritter Personen lauter Güte und
Freundlichkeit mit einander; befanden sie sich allein, so sprach Herr Weissenbach
nur selten mit seiner Frau, und es gab Misshelligkeiten und Verdruss von allen
Arten. Weil man vor den Leuten den Aufwand zeigen wollte, der einer angesehenen
Beamtenfamilie zukam, sparte und geizte man, wo Andere es nicht sahen, und
während man überall von Menschenpflichten und christlicher Liebe sprach, war man
für die Aufrechtaltung des äusseren Anstandes jedes Talers und Groschens so
benötigt, dass man dem Notleidenden beizuspringen sich versagen musste.
    Der Kriegsrat litt von diesen Zuständen ganz unverkennbar. Er klagte, dass
Alles teurer werde, ohne dass die Einnahmen des Beamten sich vergrösserten; er
wollte, dass sich Laura die gewohnten Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten
versagte, und doch sah er selber es nicht gern, wenn sie weniger wohl gekleidet,
weniger heiter schien, wenn den Standesgenossen und Collegen nicht die frühere
Gastfreiheit bewiesen wurde. Was sollten sie von seiner Lage denken, wenn er bei
gleichen äusseren Umständen nicht die gleichen Lebensgewohnheiten aufrecht
erhielt? Paul hörte ihn oftmals sagen, dass derjenige glücklich sei, welcher nur
nach seinem eigenen Ermessen leben könne, der nicht zu überlegen brauche, wie
Vorgesetzte und Collegen sein Tun und Treiben ansähen, und unwillkürlich, wenn
der Kriegsrat dem Knaben Mitleid mit seinen Sorgen einflösste, dachte der Knabe,
dass er niemals ein Beamter werden wolle, um tun und lassen zu können, was er
wolle, und sich um Niemanden kehren zu dürfen, wie Herr Flies.
    Unfähig, in seinem Urteile das Besondere von dem Allgemeinen verständig zu
sondern, fasste er doch seine Meinung über die üble Lage der Beamten und über das
beneidenswerte Loos des Kaufmanns; denn in gleichem Grade, wie bei seinen
Pflegeeltern die heimlichen Verlegenheiten und Entbehrungen wuchsen, gedieh
durch die Handelsspeculationen des Vaters Alles in dem Flies'schen Hause.
    Das Notwendige war im Überfluss vorhanden, alles Erwünschte konnte man sich
bereiten und schaffen. Die liebevolle Sorgfalt, mit welcher die Eheleute
einander begegneten, wurde nur von der Hingebung der Tochter für die Eltern
übertroffen. Die alten Dienstboten, die Comptoir-Gehülfen waren wohl gehalten,
kein Armer, kein Hülfsbedürftiger ging ungetröstet von dannen, und doch waren
diese Menschen, die das Gute taten, wo sie irgend konnten, keine guten
Protestanten, keine Christen, wie seine Pflegeeltern; doch hatten sie kein Amt,
kein Ansehen vor der Welt, trotzdem die Personen, welche als Freunde ihr Haus
besuchten, sie achteten und liebten, und Viele, die er in herablassender
Vornehmheit von Herrn Flies sprechen hören, sich heimlich Rat und Hülfe suchend
an denselben wendeten.
    Bei seinen Pflegeeltern urteilte man wegwerfend über die Juden, misstrauisch
und widerwillig über die Katoliken, und bei seinen Freunden lächelte man über
die Wunder, welche der Knabe in der Schule als Glaubenssätze hinzunehmen hatte.
Niemand liess es sich besonders angelegen sein, in ihm die dem Menschengeiste
innewohnende Folgerichtigkeit des Denkens und Schliessens zu Gunsten der uralten
Myten und der phantastischen Ueberlieferungen zu beschränken oder zu verwirren,
aus denen sich das äussere Gewand aller positiven Religionen zusammensetzt. Er
hörte, dass sein Vater katolisch sei, auch der Herr Caplan, der sich im Verlaufe
der Jahre ein paar Mal nach ihm erkundigen gekommen, war ein Katolik, seine
Pflegeeltern waren Protestanten, die ihm liebsten Menschen, Seba und ihre
Eltern, waren Juden, und Einer wie der Andere sprach geringschätzend von dem
Glauben, zu dem er sich nicht selbst bekannte. Das zerstörte in dem Knaben
unmerklich aber sicher das eigentliche Glaubensvermögen, und die hingeworfene
Äusserung der Kriegsrätin, dass der Herr Caplan wohl daran denken möge, Paul
einmal katolisch zu machen, da er ja auch die Frau Baronin bekehrt habe,
brachte diesem frühzeitig den Begriff bei, dass die Religion dem Menschen nicht
angeboren, nicht unzertrennlich Eins mit ihm sei, sondern dass man sie wählen
oder wechseln könne. Sie däuchte ihm wie ein Stand, wie ein Beruf zu sein, den
man sich erwähle, und da Kinder leicht von den Zufälligkeiten des einzelnen
Falles allgemeine Folgerungen ziehen, überraschte Paul eines Tages Seba und
ihren Freund mit der plötzlich ausgesprochenen Erklärung, dass er nicht
katolisch, sondern ein Jude werden wolle.
    Man sah ihn verwundert an und lachte über ihn, wie man über Kinder zu lachen
pflegt, wenn man sich nicht die Mühe nehmen will, ihren Äusserungen
nachzudenken; aber Paul wiederholte seine Erklärung so bestimmt, dass Herbert,
der um Seba's willen sich ihm zugewendet hatte, die Frage an ihn richtete, wie
er darauf komme.
    Sie sagen ja, dass Sie wieder nach Richten fahren werden, da sollen Sie es
dem Herrn Caplan bestellen, dass ich nicht katolisch werden will! erklärte der
Knabe.
    Aber wesshalb denn nicht? fragte Herbert scherzend.
    Paul besann sich. Weil - hob er an, brach dann ab und sagte, als finde er
nicht für gut, seine Gründe anzugeben, kurz und trocken: Ich will ein Kaufmann
werden wie Dein Vater, Seba. Der ist gut zu Deiner Mutter und behält Dich bei
sich!
    Herbert und Seba verstanden beide die lange Gedankenreihe, welche sich
hinter den Worten des Knaben verbarg und in der sich Richtiges und Falsches,
scharfe Schlüsse und auffallende Begriffsverwechslungen mit einander nach
Kinderart vermischten; aber Herbert meinte, es sei nicht der übelste Gedanke,
auf welchen der Knabe verfalle, wenn er Kaufmann werden wolle. Seba wendete ein,
dass der Herr Caplan einmal geäussert, Paul solle, wenn er erwachsen sei, die
Rechte studiren, da man ihn für den Staatsdienst bestimme; Herbert jedoch legte
darauf kein Gewicht.
    Der Herr Caplan wird nicht ewig leben, sagte er; und was dann?
    Seba antwortete ihm leise; auch Herbert's Gegenrede wurde so leise gegeben,
dass der Knabe fühlte, man wolle sie ihm entziehen; indes er hatte doch einzelne
Worte vernommen, und diese reichten hin, ihn in der Voraussetzung zu bestärken,
dass sein Vater sich nicht eben um ihn sorge, da in Schloss Richten Jedermann
vollauf mit sich selbst zu tun habe.
    Am nämlichen Abende, als Seba sich mit dem Knaben allein befand, fragte er
sie, was sie wohl tun würde, wenn ihr Vater sie nicht mehr liebte.
    Ich würde mich bemühen, seine Liebe zu verdienen! gab sie ihm zur Antwort.
    Ja, wenn Du bei ihm wärest! meinte er; aber wenn man nicht bei seinem Vater
ist?
    Dann würde ich suchen, mich so tüchtig und so brav zu machen, dass er stolz
auf mich werden und mich zu sich rufen müsste!
    Der Knabe hatte jedoch offenbar einen anderen Bescheid erwartet, denn er
blickte sie unbefriedigt an, als wisse er sich nicht zu helfen, bis er nach
einer Weile, sichtlich beruhigt durch die Lösung, welche er in sich gefunden
hatte, achselzuckend sagte: Freilich, Du bist auch nur ein Mädchen, Du kannst
nicht in die weite Welt gehen!
    Sie mochte das absichtlich gar nicht weiter berühren, denn je mehr Paul
heranwuchs, um so lebhafter entwickelte sich seine Phantasie, und was diese
erschaffen hatte, dessen bemächtigte sich die schweigende Beharrlichkeit des
Knaben und spann es aus und hielt es fest, bis man bei irgend einem zufälligen
Anlasse es gewahrte, dass er wieder eine neue und feste Vorstellung gewonnen,
einen eigenen Gedanken gefasst habe. Jeder selbstgewonnene Gedanke ist aber eine
Stufe zu der Selbständigkeit, durch welche das Kind sich von seinem Ursprunge
ablöst, um sich als gesonderte Persönlichkeit in die Gesammteit einzureihen und
in derselben zu behaupten.
    Es ist schwer zu bemerken, dieses allmähliche Aufsteigen zur
Selbständigkeit, schwerer noch, anzugeben, durch welche unscheinbaren Mittel und
Anstösse es gefördert und geleitet wird. Es waltet auch hier, wie über allem
Werden ein Geheimnis, das sich in dem Einen langsam, in dem Andern plötzlich
entüllt, so dass wir bisweilen staunend da stehen und uns fragen: Ist dies
dasselbe Wesen, das wir kannten? Ist dies der Knabe, der Jüngling, der noch
gestern vor uns stand? Wir glauben ein Wunder zu sehen, weil wir nicht
beobachtet, nicht verstanden haben, was geschah; und nicht nur an Anderen, auch
an sich selber glaubt man solche Rätsel, solche Wunder zu erleben, wenn man aus
irgend einem Grunde sein Herz nicht prüfen, wenn man nicht untersuchen mag, was
man fühlt und denkt.
 
                                Zwölftes Capitel
In der Lage, eine ernste Selbstprüfung zu scheuen, befand die Baronin von Arten
sich seit langer Zeit. Sie war nicht wieder Herr über sich selbst geworden, seit
sie es sich und der Herzogin eingestanden, dass sie Herbert liebe, und seit
dieser vollends durch ihre Schuld das Schloss verlassen hatte, konnte sie nicht
mehr zur Ruhe kommen.
    Geteilt zwischen ihrem Pflichtgefühl und zwischen der Leidenschaft einer
ersten Liebe, die um so stärker in ihr brannte, als sie nicht in dem blöden
Herzen eines Mädchens, sondern in der vollbewussten Seele einer reifen Frau
entstanden war, eben so bange vor der Hoffnung, geliebt zu werden, als vor der
Besorgnis, ihre Liebe nicht erwiedert zu finden, suchte sie Anfangs Trost in dem
Rate des bewährten Freundes, des Caplans; aber ihr eigener aufgeregter Sinn und
der Einfluss der Herzogin hatten auch Angelika's Verhältnis zu ihrem Beichtiger
angetastet und getrübt.
    Wenn der Caplan ihr bewies, dass die Entfernung Herbert's notwendig gewesen
sei, sofern sie nicht habe eidbrüchig werden wollen, so konnte er bemerken, wie
sich statt der Reue über ihre Liebe eine Empörung gegen ihre Ehe in ihr erhob
und wie sie sich jetzt mit einer gewissen Befriedigung der Vergangenheit und der
Abenteuer ihres Gatten erinnerte, um in ihnen eine Beschönigung für ihr eigenes
schwankendes Herz zu finden. Alles, was der Geistliche ihr zu bedenken gab,
wurde mit der Herzogin durchgesprochen, und da die Frauen trotz der grossen
Verschwiegenheit, deren sie fähig sind, in ihrem Vertrauen keine Grenze kennen,
wenn sie den ersten Verrat an ihrem eigenen Geheimnis begangen, so erfuhr die
Herzogin nicht nur Alles, was Angelika wollte und wünschte, hoffte und
fürchtete, sondern auch Alles, was zwischen ihr und ihrem Beichtiger geschehen
war und geschah. Selbst das stille, heilige Geheimnis seines Herzens, welches er
der Baronin einst als Zeichen seines Glaubens an sie entüllt, wurde der
Herzogin Preis gegeben und von ihr gegen den Caplan benutzt.
    Sie tadelte ihn nicht, im Gegenteil, sie lobte, sie bewunderte seine
Entsagung, aber sie beklagte es, dass sein Leben nicht reicher, seine Erfahrung
nicht ausgebreiteter gewesen, dass er immer in den engen Kreis der freiherrlichen
Familie gebannt geblieben sei. Sie nannte es ein Unglück, dass er auf diese Weise
nicht habe begreifen lernen, wie es nicht Jedem gegeben sei, seinen Frieden auf
die gleiche Weise zu finden, auf die gleiche Weise zum Abschlusse zu kommen, und
sie erinnerte daran, dass es leichter sei, sich von einer sterbenden Heiligen
loszureissen, deren achtender Liebe man sich sicher fühle, als von einem Manne,
dem man in der Absicht, sich selbst zu erretten, eine Beleidigung zugefügt habe.
    Für einen irregeleiteten Sinn gibt es aber nichts Gefährlicheres, als einen
falschen Freund, der ausspricht, was man sich nicht einzugestehen wagt, der
vorschlägt, was man heimlich ersehnt, und der dadurch in demselben Grade an
Herrschaft über den verblendeten Menschen gewinnt, wie dieser sie über sich
verliert. Der Einfluss der Herzogin gründete sich auf Angelika's Liebe, an deren
Entstehung jene weit mehr Anteil hatte, als die Baronin es für möglich erachtet
haben würde. Diese Liebe und das aus ihr entspringende Schuldbewusstsein mussten
also erhalten, mussten gesteigert werden, wollte die Herzogin ihre Herrschaft
bewahren. Sie wurde überflüssig, wenn Angelika zum Frieden mit sich selbst
gelangte; ihre Macht in der freiherrlichen Familie wurde grösser, wenn es ihr
gelang, Angelika und Herbert einander näher zu bringen und dem Freiherrn auch
nur den leisesten Zweifel an der unverbrüchlichen Tugend seiner Gattin
einzuflössen.
    Die Herzogin hatte es daher seiner Zeit kaum bemerkt, dass Angelika die Härte
bedauerte, mit welcher sie Herbert von sich aus und aus ihrer Gesellschaft
entfernt, und dass sie ihn wiederzusehen, ihm die Kränkung zu vergüten wünschte,
die sie ihm zugefügt, so war sie auch schnell bereit, den Fehler ungeschehen zu
machen, den sie mit ihrem ersten Ratschlusse begangen zu haben fühlte. Sie
gestand der Baronin, dass sie sich über die Stärke ihrer Leidenschaft getäuscht,
dass sie gehofft habe, eine kurze Entfernung werde genügen, das Bild des jungen
Mannes in der Phantasie der Baronin erbleichen zu lassen, und wie sie derselben
jetzt keinen anderen Weg zu raten wisse, als sich nun durch ein völliges und
rückhaltloses Aussprechen mit Herbert, wozu ihr bei der nächsten Anwesenheit des
jungen Mannes die Gelegenheit nicht fehlen könne, die notwendige Befreiung
ihres Herzens zu bereiten.
    Diese Vorstellung schmeichelte dem verschwiegenen Wunsche der liebenden
Frau, und die Aussicht, Herbert wiederzusehen, nahm ihre ganze Seele gefangen.
Indes Angelika war es noch nicht gewohnt, sich in Zwiespalt mit sich und ihrem
Gewissen zu finden, und wenn sie es sich eben mit aller Kraft ihres Herzens
ausgemalt hatte, was sie alles Herbert sagen, was sie dabei empfinden, was er
ihr antworten werde, so warf ein Blick auf ihren Sohn sie in die lebhafteste
Reue zurück und sie fühlte sich unfähig, ihrem Gatten zu begegnen oder ihre
Stirne vor dem sanften sorgenvollen Auge ihres geistlichen Beraters zu erheben.
    Ihre Liebe steigerte sich an ihrem innern Kampfe, und Herbert zögerte, zu
kommen. In jeder Woche, an jedem Tage durfte man auf seine Ankunft rechnen, denn
die Zeit der Arbeitseinstellung nahte für dieses Jahr heran, und auch der
Amtmann hatte Gründe, dieselbe lebhaft zu ersehnen.
    Endlich, gegen das Ende des October, traf Herbert an einem Morgen im
Amtause ein, und ritt am Nachmittage, als er den Bau in allen seinen Teilen
besichtigt, nach Richten hinüber. Es war eine sehr quälende Empfindung, mit
welcher er das Schloss betrat. Man sagte ihm, dass Besuch im Hause sei; er liess
sich melden, wurde angenommen, und heiter und zutraulich wie in den besten Tagen
kam der Freiherr ihm entgegen. Er hatte ein paar Edelleute bei sich, denen er
Herbert als einen sehr verdienten jungen Künstler vorstellte, als den Sohn eines
Freundes, an dem er also doppelt Teil nehme.
    Der Freiherr legte dabei jene bequemen weltmännischen Manieren an den Tag,
die ihn so vortrefflich kleideten, aber sie machten auf Herbert nicht mehr den
wohltuenden Eindruck wie sonst, sie beleidigten ihn vielmehr. Er fühlte, dass
diese liebenswürdige Herablassung nur eine Schaustellung sei, in welcher der
Freiherr sich vor seinen Gästen gefiel, und er sagte sich, dass er ihn selbst mit
seiner Freundlichkeit beleidige, da er, indem er sich es erlaube, ihn nach
seiner jedesmaligen Neigung zu behandeln, das Rechtsverhältniss zwischen ihnen
aufhebe, nach welchem jeder rechtschaffene Mensch von den Personen, mit denen er
verkehrt, vor allen Dingen die ihm gebührende gleichmässige Behandlung zu
verlangen habe.
    Der Freiherr führte Herbert darauf in sein Arbeits-Cabinet, das
Geschäftliche wurde mit gewohnter Leichtigkeit behandelt, es war auch
gelegentlich von dem Baue des Pavillons oder Tempels wieder die Rede, und
Herbert, der jetzt eben so viel Scheu davor trug, der Baronin zu begegnen, als
er in früheren Tagen Verlangen gehegt, sie in dieses Zimmer treten zu sehen,
wusste den Gang der Verhandlungen noch zu beschleunigen. Mehrmals glaubte er
jenes Rauschen eines seidenen Kleides zu vernehmen, welches ihm sonst das Herz
bewegt hatte. Aber Niemand erschien; und als er auf des Freiherrn Worte, dass er
ihn morgen wiederzusehen hoffe, dass er ihn morgen zur Mittagstafel erwarte,
notwendige Geschäfte vorgab, die ihn in der nächsten Frühe abzureisen
nötigten, nahm Jener das an, ohne ihm für den gegenwärtigen Tag eine Einladung
zu machen, und entliess ihn freundlich, aber eilig.
    Es ward Herbert erst wieder frei ums Herz, als er das Portal des Schlosses
hinter sich hatte und als er, durch den kalten, windigen Nachmittag den
wohlbekannten Weg nach Rotenfeld zurückreitend, die Rauchsäule aus dem breiten
Schornstein des Amtauses über die dasselbe umgebenden Bäume emporwirbeln sah.
    Die Sonne war im Untergehen, als er den Hof erreichte. Einer der Knechte
nahm ihm das Pferd ab. Als er zu ebener Erde in die bereits geheizte Stube trat,
fand er sie leer. Er setzte sich an das Fenster, in welches die helle Glut des
Abendrotes hineinstrahlte. Draussen fuhr ein vierspänniger Wagen, mit einem
gewaltigen Eichenstamme beladen, langsam in den Hof, während die letzten Schläge
der Dreschenden auf der Tenne verklangen, und die Krähen in wählerisch
kreisendem Fluge ihr Nachtquartier auf den Dächern der Scheunen und Ställe
aufsuchten. Er sah, wie man die Pferde von dem Wagen abspannte, wie man sie in
die Ställe führte, wie die Türen der Scheunen geschlossen wurden, wie die
Arbeiter einer nach dem andern sich entfernten und wie die Glut und
Farbenpracht des Himmels erloschen, und in die Dämmerung versanken. Das milde
Zwielicht, die Wärme des Zimmers, das bekannte Ticken der alten Uhr, das vom
Flur hereintönte, waren ihm äusserst angenehm. Er wusste, dass seines Bleibens auch
hier nicht sei, aber er fühlte seinen aufgeregten Sinn von dieser Umgebung, in
welcher Alles von der ruhigen Dauer eingewohnter Zustände Kunde gab, angenehm
besänftigt.
    Was denken Sie? fragte ihn Eva, als sie, das grosse Schlüsselbund am Gürtel,
in das Zimmer trat und in der Nähe des Ofens die Hände gegen einander rieb, die
ihr beim Schaffen in Küche und Kammer kalt geworden waren.
    Ich denke, wie heimisch ich hier bin!
    Heimisch? wiederholte sie; und das fällt Ihnen heute ein, da Sie eben so
lange von uns fort gewesen sind?
    Ja, eben deshalb, denn es ist mir, als sei ich endlich wieder nach Hause
gekommen! Ich bin so gern hier!
    Er sagte das ohne jede Galanterie, und sie nahm es eben so einfach auf, ohne
sich in ihrer häuslichen Tätigkeit stören zu lassen. Sie langte einen
Fruchtkorb aus dem grossen Glasschranke herunter, füllte ihn mit den
frischduftenden Aepfeln und Pflaumen, welche eine Magd ihr zutrug, zündete
darauf die Lichter an und setzte sich Herbert gegenüber an das Fenster.
    Sind Sie mit meinem Bruder zufrieden? fragte sie nach einer Weile. Er hat
arbeiten lassen, so viel er irgend konnte, und mir scheint auch, als wäre man im
Innern mit dem Baue tüchtig vorwärts gekommen.
    Waren Sie dort, liebe Eva?
    Ja, alle Tage, versetzte sie, und ich habe den Bruder recht darum gequält,
dass er hübsch viel Leute anstellen sollte, fügte sie hinzu; aber Sie glauben gar
nicht, wie er von allen Ecken und Enden geplagt wird. Sie gönnen ihm jetzt keine
Stunde Ruhe, und es wäre bald nötig, dass er und ich Alles mit eigenen Händen
täten. Denn wo ein Knecht oder eine Magd nur irgend anstellig ist, da werden
sie jetzt zur Aushülfe aufs Schloss und zu den neuen Anlagen in den Treibhäusern
befohlen, und alles Andere mag sehen, wie es fertig wird. Auch nach Ihnen haben
sie in den letzten Wochen schon einige Male gefragt!
    Der Freiherr wusste ja, bedeutete der Architekt, dass ich vor Ende dieses
Monates nicht zu kommen brauchte.
    Das hatte er längst vergessen, meinte Eva, denn er hat jetzt an ganz andere
Leute und an ganz andere Dinge zu denken, als an Sie und Ihren Bau. Meine Mutter
pflegte schon immer zu sagen: Die Herrschaften haben ein gehorsames Gedächtnis!
Was sie nicht eben selbst angeht, was ihnen nicht nötig oder unterhaltend ist,
das vergessen sie.
    Eva hob dabei den Kopf mit einer kleinen wegwerfenden Miene in die Höhe, und
Herbert schwieg. Er hatte Gelegenheit gehabt, ähnliche Erfahrungen zu machen,
aber er mochte nicht davon sprechen, sondern verlangte zu hören, wie es Eva
während seiner Abwesenheit ergangen sei.
    O, meinte sie, davon ist mancherlei zu erzählen. Ich habe hier zuweilen sehr
vornehmen Besuch gehabt. Die Frau Baronin ist selbst mehrmals bei uns gewesen,
und hat bei mir nachgefragt, ob wir die Herbstlieferungen auch zur rechten Zeit
und gehörig besorgen würden.
    Sie sprach das mit unverkennbarem Spotte, und Herbert fragte, über die
Tatsache erstaunt, ob denn die Baronin eine Landwirtin sei.
    O nein, rief Eva; sie wusste auch eigentlich gar nicht, was sie sagen oder
wonach sie fragen sollte.
    War sie denn nie zuvor im Amte?
    Ja, einmal vor Jahren, als sie mit dem gnädigen Herrn in Richten
eingetroffen war, und damit half sie sich auch, als sie jetzt zum ersten Male
hieher kam. Sie sagte, sie wolle das Haus sehen, ich sollte es ihr zeigen, aber
das ganze Haus. Ich musste also auch Ihr Zimmer aufschliessen, Mosje Herbert, denn
sie verlangte ausdrücklich zu wissen, wo Sie hier untergebracht wären; und als
ich dann die Laden oben bei Ihnen aufgemacht hatte, setzte sie sich eine Weile
auf Ihren Stuhl an das alte Bureau, an dem Sie schreiben, sah da zum Fenster
hinaus und rief immer: Welch' schöne Aussicht! Welch' liebliche Aussicht! Aber
von hier sieht man ja das Schloss nicht! Hat Sie denn kein Zimmer, Mamsell Eva,
das nach dem Schloss hinaussieht? Das hätte Sie dem Herrn Architekten geben
sollen! - Ich musste ihr darauf auch die Hinterstuben öffnen, denn sie wollte
nicht glauben, dass man hier vom Amte das Schloss gar nicht sehen könne.
    War der Baron mit ihr? fragte Herbert, und es fiel ihm auf, wie gleichgültig
er sich nach der Frau erkundigen konnte, an die er einst mit so
leidenschaftlicher Verehrung und Hingebung gedacht hatte.
    Nein, sie kam ganz allein, entgegnete ihm Eva. Sonst freilich, als sie noch
öfter nach den Leuten, nach den Armen und Kranken sehen fuhr, da pflegte der
Herr Caplan sie bei ihren Ausfahrten zu begleiten. Seit aber die Frau Herzogin
immer mit ihr ist, haben die Krankenbesuche fast ganz aufgehört, und hierher -
nun, hier wollte sie wohl die Herzogin nicht bei sich haben!
    Herbert meinte, das sei also der eine Besuch gewesen, was die Baronin denn
bei den anderen Besuchen gewollt habe?
    O, gar nichts, entgegnete Eva. Die anderen Male liess sie nur hier halten und
erkundigte sich, wann Sie kämen, weil sie gern ein paar Zeichnungen für die
Betschemel in ihrer Kirche von Ihnen gemacht haben wollte. Vorgestern aber stieg
sie aus; das Wetter war sehr schön, und weil sie Durst hatte, befahl sie, dass
ich ihr ein Glas frische Milch in den Garten bringen sollte. Als ich sie dortin
geführt hatte und rasch nach dem Milchkeller laufen wollte, rief sie mich zurück
und sagte, sie hätte damals oben in Ihrer Stube ihr Notizbuch liegen lassen,
wegen dessen sei sie eigentlich gekommen, und ich sollte ihr das holen.
    Hatten Sie es denn nicht gefunden? fragte Herbert, dem die Erzählung immer
auffallender wurde.
    Gott bewahre! Ich sagte das auch gleich, aber die Frau Baronin meinte, es
müsse da sein, und als ich wiederholte, dass ich selbst eben erst das Zimmer in
Ordnung gebracht, weil wir Sie jetzt alle Tage erwarteten, bestand sie darauf,
selbst nachzusehen, weil ihr an dem Notizbuche, in das sie sich notwendige
Sachen eingeschrieben, gar zu viel gelegen sei. Es müsse auf dem Bureau liegen
geblieben sein, behauptete sie. Sie ging denn auch gleich gerades Weges an das
Bureau, schob die paar Bücher, welche Sie zurückgelassen hatten, hin und her -
als ob ich das nicht selbst beim Abstäuben getan hätte -, zog die grosse
Schieblade auf, was nun erst ganz überflüssig war, und ....
    Und? fragte Herbert lebhaft gespannt.
    Und als sie dann natürlich nichts gefunden hatte, da ging sie gerade so
fort, wie sie gekommen war, und ich musste sie noch daran erinnern, dass sie so
starken Durst gehabt und Milch befohlen hatte.
    Sie brach damit ihren Bericht in derselben spottenden Weise ab, in welcher
sie ihn begonnen hatte, Herbert liess es auch dabei bewenden. Das war Eva aber
offenbar nicht recht. Sie sah ihn an, als wolle sie in seinen Mienen lesen, ihn
zum Sprechen auffordern, und da er dies nicht zu bemerken schien, rief sie
plötzlich: Dass Ihnen all diese Besuche nicht einmal auffallen, Mosje Herbert,
und dass Sie sie ganz natürlich finden würden, das hätte ich nicht gedacht! -
Nein, das hätte ich wirklich nicht gedacht - von Ihnen nicht gedacht!
wiederholte sie mit einer Stimme, der man den unterdrückten Zorn anhörte, und
ging hastig von dannen, ohne darauf zu achten, dass Herbert ihr folgte und sie zu
bleiben bat.
    Da sie sich in die Mägdestube zu den Spinnenden begab, in deren Gegenwart er
sie doch nicht sprechen konnte, nahm er sein Licht und ging auf sein Zimmer.
Hier also war Angelika gewesen!
    Herbert blickte umher, als suche er eine Spur von Angelika's Anwesenheit,
aber er fühlte kein Vergnügen dabei. Ihn überkam ein Misstrauen und eine Unruhe,
die er nicht mehr empfunden, seit er sich von Richten entfernt hatte, und vor
Allem verdross es ihn, dass er Eva unzufrieden wusste, denn er hatte sie lieb und
war sicher, dass auch er ihr teuer sei. Es lagen so viel Unschuld und
Wahrhaftigkeit in der Weise, in welcher sie ihm ihre Neigung kund gab, und die
ganzen Verhältnisse waren auch so natürlich zwischen ihm und ihr, dass er fühlte,
wie es für ihn im Grunde nur seiner einfachen Anfrage bedürfe, damit er in Eva
eine Frau gewinne, wie sein Vater sie ihm schon lange zu geben gewünscht und wie
er sie zuweilen auch ersehnt hatte, wenn er, von seinen Geschäftsreisen
heimkehrend, sich einsam in sein einsames Zimmer begeben müssen. War es ihm doch
gerade heute bei seiner Ankunft in Rotenfeld so erquicklich gewesen, von Eva's
freundlichem Blicke, von ihrem herzlichen Willkomm empfangen zu werden, so
erquicklich, dass er sich kaum entalten können, sie in seiner Freude, als gehöre
sie schon lange zu ihm, an das Herz zu drücken.
    Er setzte sich an das Bureau nieder. Das Zimmer war auf das vorsorglichste
für ihn bereitet; trotz der späten Jahreszeit stand noch ein frischer Strauss auf
der Commode unter dem Spiegel, und ein zweiter, wie er es liebte, auf seinem
Bureau. Er wusste Eva für dieses Eingehen auf seine kleinen Neigungen von Herzen
Dank, und er hatte sie dafür noch lieber. Indem zog er die grosse Schieblade auf,
um etwas aus seinen Papieren herauszusuchen. Als er die oberen Lagen derselben
aufgehoben hatte, hielt er plötzlich betroffen inne. Zwischen den Papieren,
welche er dort aufbewahrt, weil sie sich auf den Bau bezogen, lag ein
versiegelter Brief ohne Adresse und ohne Zeichen im Petschaft: aber er zweifelte
nicht, von wem er käme, und ihn hastig eröffnend, las er die Herder'schen Worte:
Leichter ist es der Seele, die schwersten Schmerzen zu dulden,
Als dem Auge, sich selbst einem Geliebten entziehn!
Eine wunderbare Empfindung durchzuckte ihn. Er konnte seine Augen nicht von dem
Blatte und von den Worten abwenden. Wenn es wahr wäre? Wenn sie dich dennoch
liebte und hätte nur ihr eigenes Herz verkannt? Und hätte dich nur von sich
gewiesen, um den Argwohn ihres Gatten zu beschwichtigen? dachte er.
    Er fühlte sich aufgeregt, er fühlte eine freudige Genugtuung, aber das
währte nur einen kurzen Augenblick und machte bald einer entgegengesetzten
Empfindung Platz. Sein Ehrgefühl schreckte vor einem solchen Liebeshandel
zurück, und die Frau, welche daran denken konnte, ihn einzugehen, war nicht mehr
jene reine, schuldlose und unglückliche Seele, zu der er einst mit so
verehrender Liebe emporgesehen hatte. Er wollte nicht wieder der Spielball
seiner eigenen Empfindungen oder gar das Spielzeug in den Händen einer Frau
werden, die sich, gerade wie ihr Gatte, das Recht zuzuerkennen schien, ihn nach
ihrem Belieben wider seinen Willen anzuziehen und abzustossen, und der Gedanke,
was Eva empfunden haben würde, hätte ein Zufall oder ihre eigene zärtliche
Neugier ihr dieses Papier in die Hände gespielt, nahm ihn noch entschiedener
gegen die Baronin ein.
    Er dachte daran, ihr dieses Blättchen zurückzusenden, aber er war Mannes
genug, eine Frau unter keinen Verhältnissen blosszustellen, und mit raschem
Entschlusse zerriss er das Papier, um der Baronin in der Weise zu antworten, die
seiner Neigung für Eva entsprach und die ihn für immer des Schwankens enteben
musste, in welchem er sich sonst zwischen diesen beiden Frauen bewegt.
    Auf dem Punkte, sein Zimmer zu verlassen und die bindende Entscheidung zu
treffen, mit welcher er ein für alle Mal seiner Freiheit entsagte, überkam ihn
jedoch jene Unsicherheit, welche fast jeder Mann in solcher Lage fühlen muss. Er
war entschlossen, Angelika's nicht mehr zu gedenken; indes noch war er Herr, es
zu tun, und er sah sie eben jetzt so deutlich vor Augen. Sie erschien ihm nur
schöner, nur reizender, wenn er sie sich hier in diesem schlichten Raume
vorstellte, wenn er es sich ausmalte, wie eine Frau gleich ihr am Heerde eines
geliebten Mannes walten möge, und ohne dass er es beabsichtigte, versank er in
Träume eines Glückes, das ihn schwindeln machte und das weit ablag von dem
Vorsatze, den er eben noch gehegt.
    Der Hufschlag eines Pferdes riss ihn in die Wirklichkeit zurück. Der Amtmann
kehrte heim. Herbert fuhr sich mit der Hand über die Stirne; es war ihm
erwünscht, dass man ihn weckte, dass er mit seinen törichten Phantasieen nicht
länger allein blieb. Er versprach sich, dass sie ihm nicht wiederkommen sollten.
    Als er die Wohnstube betrat, sah er beim ersten Blicke, dass der Amtmann
nicht gut aufgelegt war; auch Eva zeigte sich missmutig und ging ihm aus dem
Wege. Man setzte sich zum Essen nieder, aber es wollte mit der Unterhaltung
nicht gehen. Der Amtmann tat einige kurze Fragen an seine Wirtschafter, die
mit zu Tische sassen, Eva gab die Speise umher, man sättigte sich, aber es ward
kein gemeinsames Mahl, und nach jedem Versuche, die obwaltende Verstimmung zu
verbergen oder zu besiegen, fühlte man sie nur schwerer auf sich lasten.
    Als die Wirtschafter sich erhoben, erkundigte sich der Amtmann, wie ein
Befehlender sich das angewöhnt, ob in seiner Abwesenheit etwas vorgefallen sei,
das des Berichtens bedürfe.
    Nein, versetzte der älteste der jungen Männer, nichts! Denn dass der Herr
Marquis hier war, wissen ja der Herr Amtmann wohl!
    Ja, entgegnete dieser; aber Herbert sah, dass die Stirne des Amtmanns sich
rötete, dass Eva's Wangen ebenfalls erglühten, und auch ihm stieg es heiss vom
Herzen in die Höhe. Indes keiner von ihnen sprach ein Wort. Erst als die
Wirtschafter hinaus gegangen waren, fragte der Amtmann, als könne er es nun
nicht länger zurückhalten: Warum habe ich das nicht erfahren, Eva?
    Weil ich Dir ansah, dass Du selbst Verdruss gehabt hast! gab sie ihm zur
Antwort, und auf ihren beiden Gesichtern sprach sich eine Bitterkeit aus, welche
Herbert früher nie in ihnen wahrgenommen hatte. Eva räumte, wie immer, die
Gerätschaften fort, der Amtmann ging in seine Schreibstube, die Schwester
folgte ihm bald nach. Er hörte den Amtmann mit ihr sprechen; der Ton verriet,
dass es keine ruhige Unterhaltung sei, und er setzte sich wieder an der
entgegengesetzten Seite des Zimmers in die Fensterbrüstung, um nicht zu
vernehmen, was vielleicht nicht für ihn bestimmt sein mochte. Noch vor wenig
Stunden hatte er sich hier so zufrieden, so heimisch gefühlt, jetzt empfand er
mit mannigfach erregtem Sinne, dass er doch noch als ein Fremder zwischen diesen
ihm so lieb gewordenen Menschen betrachtet werde.
    Indem kam Eva heraus und gesellte sich zu ihm. Sie sahen beide schweigend
zum Fenster hinaus. Der Mond war emporgestiegen, man konnte den Hof mit allen
seinen Einzelheiten unterscheiden, auch auf Eva's Stirne fiel ein heller Schein.
Sie pflegte sonst gern ihr Haupt auf die Hand zu stützen, wenn sie einmal müssig
war - heute hatte sie, obschon die Wärme des Zimmers es nicht nötig machte,
ihre Arme fest in ihre Schürze gewickelt und über einander geschlagen. Sie war
noch immer verstimmt, und Herbert, der sich und ihr darüber fortelfen wollte,
sagte scherzend: Wesshalb machen Sie sich so unnahbar, liebe Eva?
    Sie antwortete ihm nicht. Er kam auf die Vermutung, dass sie mit ihm um der
Baronin willen schmolle, und da er eben aus einer Stimmung in die andere
geworfen, also selbst nicht ruhig war, sagte er mit jenem gebieterischen Tone,
den fast jeder Mann sich gegen das Mädchen erlaubt, von dem er sich geliebt weiss
und das er sich zum Weibe ausersehen hat: Ich hasse das stumme Schmollen, Eva!
    Als ob ich daran dächte! und als ob ich es liebte! entgegnete sie, und er
hörte, wie das unterdrückte Weinen ihr die Stimme zusammenpresste. Indes ehe er
sie noch fragen konnte, was geschehen sei, hatte eine der Mägde sie abgerufen,
und rasch entschlossen stand er auf und begab sich nach des Amtmanns Stube. Er
musste wissen, was hier vorging.
    Adam stand am Pulte bei seinen Rechnungsbüchern, und Herbert äusserte, um die
Unterhaltung anzufangen, sein Befremden darüber, dass jener sich noch so spät an
die Arbeit gemacht habe und sich nicht Ruhe gönne; aber der Amtmann sagte
achselzuckend: Arbeit ist ein Sorgenbrecher, und billiger als Wein, den man
sonst den Sorgenbrecher nennt. Ich weiss mir nichts besseres, als Arbeit, wenn
mir der Kopf recht voll ist, und wenn ich auf die Weise an den eigentlichen
Gegenstand meiner Sorge gar nicht denke, kommt mir in der Regel der beste Rat.
    Der Amtmann hatte damit seinen Platz am Pulte verlassen und angefangen, im
Zimmer auf und nieder zu gehen. Da legte Herbert seine Hand auf Adam's Arm und
fragte: Sollte sich denn guter Rat nicht auch im Aussprechen mit einem Freunde
finden lassen? Ich sehe, dass hier nicht mehr Alles bei dem Alten steht, und ich
mochte nicht fragen, was geschehen sei, weil ich es allmählich zu erfahren
hoffte. Nun aber mag ich nicht auf meine eigene Einsicht warten, und bitte Sie,
lieber Freund, sagen Sie mir, was Sie und Ihre Schwester drückt, und ob ich es
Ihnen nicht tragen helfen, nicht erleichtern kann!
    Er hatte das mit so herzlicher Wahrhaftigkeit gesprochen, dass Adam ihm
dankbar die Hand dafür drückte. Aber, meinte er, Hülfe und Beistand kann man nur
für ein bestimmtes Vorhaben benutzen, und ich weiss noch nicht, was ich tun soll
und kann, sondern nur, was ich nicht mag und was ich möchte! - Er hielt ein
wenig inne und sagte darauf: Ich mag nicht verwirtschaften sehen, was wir hier
seit Menschenaltern schaffen halfen, ich mag nicht in Unfrieden leben, wo wir
mit Herrschaft und Insassen stets in gutem Einvernehmen gestanden haben, ich mag
auch die Eva hier nicht länger lassen, und darum möchte ich selber fort von
hier!
    Sie, Steinert? Sie möchten fort von hier?
    Der Amtmann fuhr sich mit der Hand ein paar Mal durch das krause Haar, wie
er es zu tun pflegte, wenn ihm etwas nicht nach seinem Sinne ging. Hart
ankommen würde es mir, entgegnete er, aber es wird doch das Ende vom Liede sein.
Es ist, als ob sie gar kein Einsehen mehr hätten; als ob sie es noch nie bemerkt
hätten, dass Roggen, Weizen, Kartoffeln und Rüben hierlands nicht wie im
Paradiese bloss auf Gottes Machtspruch aus der Erde wachsen, dass die Bäume sich
nicht von selber pflanzen und fällen, dass man nicht erntet, wo man nicht gesäet
hat, und dass man kein Geld schaffen kann, wenn man nicht zur rechten Zeit zu
verkaufen im Stande ist! Man hat kaum Hände genug, jetzt, wo die Kälte und das
schlechte Wetter vor der Türe stehen, an jedem Tage das Nötigste zu leisten,
und muss Menschen und Pferde nach allen Ecken und Enden herumsprengen, als ob man
die Jahreszeit aufschieben könnte wie eine zu gebende Gesellschaft!
    Was haben sie denn eben jetzt auf dem Schloss vor? fragte Herbert, dem des
Amtmanns Äusserung über Eva im Sinne lag und der ihn gern von den Beschwerden
über die allgemeinen Uebelstände zu bestimmten Mitteilungen bringen wollte.
    Weiss ich's! rief Steinert in ärgerlicher Achtlosigkeit; sie haben ja alle
Tage etwas Anderes! Bald ist's ein Maskenfest, bald ein Schäferspiel, wie sie es
in Trianon gefeiert, ehe die Hirtentänze in den Tanz übergingen, den sie ihnen
dort mit der Carmagnole aufspielten! Dann wieder sind's die Jagden, zu denen
Gesellschaft geladen wird! Sie können ja nicht ruhen! - Und sich dann besinnend,
fügte er hinzu: Jetzt nun ist's, wie alljährlich, der Hochzeitstag! Und Gott
weiss, ob ein Mensch lebt, der sich über diese Hochzeit aufrichtig zu freuen hat!
    Er ging unruhig auf und nieder. Aber was hat Eva mit dem Allem zu tun?
fragte der Architekt, weil ihm das am meisten am Herzen lag.
    Indes der Amtmann war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um
sich durch eine Zwischenfrage von ihnen abbringen zu lassen. Mir ist manchmal zu
Mute, sagte er, als stände ich vor einem Kleefelde, in das der Teufelszwirn
sich eingenistet hat. Man sieht, wie das Unwesen um sich greift, man legt auch
wohl die Hand an, es an einer Stelle zu bewältigen, aber ehe man sich's
versieht, ist's an zehn anderen Stellen da, und die ganze Aussaat und Arbeit ist
verloren. Das Geld fliegt ihnen jetzt nur so durch die Hände. Heute, wie ich
nach Hause komme, finde ich eine Anweisung des gnädigen Herrn, in der nächsten
Woche viertausend Taler auf einen Wechsel an Flies zu zahlen, als ob ich hier
die Gelder der königlichen Bank im Vorrat liegen hätte, und wer diese angenehme
Anweisung gebracht hat, ist nicht, wie sich's gebührt, der Secretair oder der
Diener einer, sondern wieder einmal der Herr Marquis, welcher immer verdammt
dienstfertig ist und immer gerade vorbeireitet, wenn es hier herum etwas zu
bestellen gibt!
    Es fuhr Herbert wie ein Schnitt durch die Brust, das Blut stieg ihm bis zum
Halse empor. So muss Eva gleich morgen mit mir gehen! rief er lebhaft aus.
    Mit Ihnen gehen? fragte der Amtmann. Was soll das heissen?
    In dem Augenblicke trat Eva ein, und ohne die Frage ihres Bruders zu
beachten, nahm der Baumeister sie bei der Hand. Sie haben vorhin mit mir
geschmollt, Eva, sprach er, und sind so rasch davongegangen, dass ich Ihnen gar
nicht sagen konnte, was mir heute, seit ich Sie wiedergesehen, immer auf dem
Herzen gelegen hat! Wissen Sie, was es ist?
    Sie lächelte und sah ihm treuherzig in das Auge, während die helle Röte
mädchenhafter Scheu sie überflog. Liebe Eva, und was antworten Sie mir? fragte
er, indem er auch ihre andere Hand ergriff.
    Das würden Sie mich nicht fragen, wenn Sie es nicht wüssten! entgegnete sie
ihm. Und noch ehe sie das freudestrahlende Auge zu ihm erhob, hatte Herbert den
bräutlichen Kuss auf ihren Mund gedrückt und ihre Arme seinen Nacken umschlungen.
So hielt er sie eine kurze Weile umfangen.
    Es war still im Zimmer, die alte Uhr, welche in diesem Hause zu so manchem
Ereignisse die Stunde geschlagen, schickte als Zeichen ihrer Gegenwart ihren
klaren Pendelschlag zu ihnen hinein, der Bruder blickte bewegt und schweigend
auf die Liebenden. Und wie lebhaft Herbert's Herz auch klopfte, fühlte er doch
eine ihm fremde, ernste Ruhe über sich gekommen, seit des lieben Mädchens Kopf
vertrauensvoll an seinem Herzen lag, denn in seiner Seele regte sich mit der
Liebe für das erwählte gute und schöne Weib auch jene vorsorgende Zärtlichkeit,
welche sich für die Zukunft der Geliebten verantwortlich fühlt und ein Vorbild
der Vaterliebe und Vatersorge in sich schliesst.
    Aber Eva hatte sich zu lange als ihres Bruders Hälfte gefühlt, um dies
schnell vergessen zu können. Sie machte sich aus des Geliebten Umarmung los,
warf sich an des Bruders Hals und rief, in Tränen ausbrechend: Adam, sei nicht
böse, ich konnte aber doch nicht anders!
    Nein, Du solltest auch nicht anders! entgegnete er heiter, indem er Herbert
die dargebotene Rechte schüttelte; aber die Augen waren ihm doch feucht
geworden, denn er wusste, dass er diese Schwester, dass er dieses selbstgewisse,
tätige und frohe Wesen schwer vermissen werde. Gleich in der Frühe reite ich
aufs Schloss!
    Herbert wollte wissen, was dieses Vorhaben, dieser Ritt nach dem Schloss
mit seiner Liebe und mit seiner Verlobung zu schaffen habe, und der Amtmann
sagte ihm, dass der Freiherr Eva's Vormund sei, und dass man also dessen
Einwilligung begehren müsse. Herbert nahm das leicht hin, aber Eva wurde
nachdenklich. Es machte sie besorgt, dass ihr Bruder heute von dem Freiherrn
nicht in gewohnter Weise entlassen worden war, dass es eben heute
Verdriesslichkeiten gegeben habe, und da sie sich immer gern an die Aussprüche
ihrer verstorbenen Mutter hielt, meinte sie, von einem Unmutigen müsse man
nichts begehren, denn der suche gern seinen Unmut auf Andere zu wälzen. Zudem
konnte von dem ersten Einfalle Herbert's, Eva gleich von Rotenfeld zu
entfernen, in keinem Falle die Rede sein, und Herbert sagte sich dies selbst,
nun die Aufwallung seines eifersüchtigen Ehrgefühls besänftigt war.
    Der Amtmann konnte bei der vielverzweigten Wirtschaft die Hausfrau nicht
entbehren; ein Ersatz für Eva war nicht leicht, nicht gleich zu finden, und wie
lästig ihr die gelegentlichen Besuche des Marquis auch sein mochten, fand Eva
selbst in ihnen jetzt, da sie verlobt war, noch weniger als früher irgend eine
Gefahr oder auch nur ein Bedenken. Aber die Anfrage bei dem Freiherrn
beunruhigte sie, ohne dass sie Gründe dafür angab, und da Herbert sie ohnehin am
nächsten Tage verlassen musste, wünschte sie, dass dieser selbst in einem Briefe
die Werbung bei ihrem Vormunde machen und seine Einwilligung zu ihrer Heirat
fordern möge.
 
                              Dreizehntes Capitel
Die Gäste des Schlosses verabschiedeten sich eben von der Baronin, als man am
nächsten Tage dem Freiherrn den Brief des Architekten überbrachte. Er kannte die
Handschrift, steckte das Schreiben in die Brusttasche und befahl, da er eine
Geschäftsanfrage vermuten mochte, den Boten anzuweisen, dass er die Antwort
erwarten solle.
    Wohl aufgelegt durch die letzte Unterhaltung mit seinen Gästen, erheitert
von dem glücklichen Witzworte, welches einer derselben gesprochen, kehrte er in
das Zimmer der Baronin zurück, in welches die Hausgenossenschaft sich nach dem
Frühstücke begeben hatte und in dem sie noch beisammen geblieben war.
    Die Herzogin und Angelika sassen am Kamine einander gegenüber, der Marquis
und Renatus liessen das Hündchen der Baronin auf den Hinterfüssen tanzen oder
warfen einen Ball durch das Zimmer, dem das kleine, schnellfüssige Tier dann mit
grossen Sätzen eifrig folgte, und der Caplan hörte, den Rücken gegen das Fenster
gelehnt, mit jenem Wohlgefallen, das gute Menschen an der Fröhlichkeit der
Kinder finden, dem hellen Lachen und dem Jubel zu, mit welchem der hübsche Knabe
jeden Scherz des Marquis und jeden Sprung des Hündchens begleitete.
    Auch der Freiherr vergnügte sich an der Lust seines Sohnes, aber er hatte
nicht mehr Jugend genug, sie durch persönliche Teilnahme an dem Spiele zu
erhöhen, und nachdem er dem Knaben den feinen Mund und das blonde Gelock geküsst,
setzte er sich nieder und nahm mit dem Bemerken, dass er Herbert's Brief beinahe
vergessen hätte, das Schreiben zur Hand, welches er mit einem Lächeln
zusammenfaltete, nachdem er es gelesen.
    Angelika's Auge hing mit Spannung an den Mienen ihres Gatten. Die Herzogin,
wie immer bereit, den Wünschen der Baronin zuvorzukommen, übernahm es, mit ihrer
gewohnten Gelassenheit die Frage zu tun, was das Lächeln des Barons bedeute.
    Wenn Sie sich herbeigelassen hätten, unsere Sprache zu lernen, liebe
Freundin, antwortete der Freiherr, so würde ich sagen: lesen und entscheiden
Sie! Denn die Sache gehört im Grunde vor Ihr Gericht, vor das Gericht der Damen!
Es sind Herzensbekenntnisse, ein kleiner Roman!
    Er reichte damit den Brief seiner Gattin hin und es fiel ihm auf, dass sie
die Farbe plötzlich wechselte. Er fragte, ob sie sich nicht wohl befände, sie
versicherte das Gegenteil; aber während er der Herzogin erzählte, dass der
Baumeister um des Amtmanns Schwester, um die hübsche Eva werbe, die sein Mündel
sei, erhob sich die Baronin von ihrem Sessel und blieb, wie von einem Schwindel
erfasst, plötzlich stehen, sich mit geschlossenen Augen an dem weit
vorspringenden Simse des Kamins haltend.
    Der Freiherr, die Herzogin, der Geistliche eilten herbei, auch der Knabe
drängte sich an das Knie der Mutter, da er die Erwachsenen um sie besorgt sah.
Die Baronin nahm sich jedoch schnell zusammen. Es ist mein altes Herzweh, weiter
nichts, sagte sie; ich bitte, achtet nicht darauf!
    Sie trat an das Fenster, welches man für sie öffnete, schöpfte mehrmals tief
Atem und kehrte dann, den Knaben an der Hand haltend, zu den Uebrigen zurück,
obschon die Blässe von ihren Wangen nicht weichen wollte und sie offenbar Mühe
hatte, ihre Fassung zu behaupten.
    Es war dadurch eine ängstliche Unterbrechung in die bis dahin so heitere
Stimmung der Anwesenden gekommen. Der Freiherr wusste, dass seine Gattin vor
Paulinens Leiche zum ersten Male von diesem Herzkrampfe befallen worden, welcher
seitdem bei heftigen Gemütsbewegungen mehrmals wiedergekehrt war, und das
machte ihm diese Zufälle doppelt peinlich. Was der Baronin in diesem Augenblicke
einen Anfall zugezogen haben konnte, war ihm unbegreiflich; indes er mochte in
Gegenwart dritter Personen nicht darum fragen, und bemüht, den Vorgang vergessen
zu machen, sagte er, auf den letzten Gegenstand der Unterhaltung eingehend:
Herbert drückt sich sehr gut aus, man sieht, dass er seine Dichter nicht umsonst
gelesen hat. Er ist für Eva eine sehr schickliche Partie. Er ist tüchtig in
seinem Fache, und da er das Mädchen, wie er sagt, seit lange im Herzen trägt und
....
    Um Gottes willen, sehen Sie die Baronin! rief der Marquis, und mit einem
leisen Aechzen, die Hände auf das Herz gepresst, sank Angelika ohnmächtig zurück.
    Man rief ihrer Kammerfrau, sie wurde aus dem Zimmer entfernt, die Herzogin
folgte ihr. Herbert's Brief blieb an der Erde liegen, Niemand dachte jetzt an
seine Angelegenheiten.
    Erst am Nachmittage, als man wegen Angelika's nicht mehr in augenblicklicher
Sorge zu schweben brauchte und der Baron seine Freundin in ihrem Zimmer
aufgesucht hatte, kam sein Kammerdiener fragen, ob der Bote aus Rotenfeld noch
länger warten solle. Berechtigt, wie sie war, verdross die Mahnung den Baron.
    Nein, schicke Er ihn fort. Ich würde die Antwort senden! sagte er. Der
Kammerdiener verliess mit dem Bescheide das Zimmer. Der Freiherr setzte seine
Unterhaltung mit der Herzogin fort, indes er war zerstreut, es lag ihm Etwas im
Sinne, dem er nicht Gehör geben wollte, aber er konnte den Blick, den
flüchtigen, lächelnden Blick nicht vergessen, den der Marquis der Herzogin
zugeworfen hatte, als Angelika zusammengebrochen war. Und was hatte es bedeutet,
dass die Herzogin mit zärtlicher Stimme der Leidenden zugeflüstert, sich zu
fassen, sich um Gottes willen zu beherrschen?
    Er wollte die Empfindung, die Aufregung, welche ihn peinigten, in sich zum
Schweigen bringen, aber sie liessen ihm keine Ruhe. Er hörte, was die Herzogin
sprach, indes er konnte dem Sinne ihrer Erzählungen nicht folgen. Ihre Worte
berührten zum ersten Male nur sein Ohr. Sie bemerkte das auch bald, denn leise
ihre Hand auf die seinige legend, sagte sie im Tone sanftester Begütigung:
    Sie sind wirklich zu ängstlich um den Anfall unserer teuren Angelika, Sie
machen sich überhaupt unnötig Sorge und begehen in der Tat ein Unrecht, mein
teurer Cousin!
    Der Baron fuhr jäh empor. Was soll das heissen? fragte er, und seine Stirne
erglühte in stolzem Zorn. Von wem sprechen Sie?
    Wesshalb zögern Sie, fuhr sie einlenkend und bittend fort, dem Architekten
die Zustimmung zu geben, der er sicherlich voll Ungeduld entgegen sieht?
    Der Freiherr atmete auf; aber damit war der Herzogin nicht gedient, darauf
hatte sie es nicht abgesehen, und ihm keine Zeit zu neuer Frage oder zu einer
Entgegnung gönnend, sprach sie:
    Was hat er denn verbrochen, dieser arme Herbert? Hat er denn nicht schnell
begriffen, was ihm ziemte? Hat er, da er das Unglück hatte, Ihnen zu missfallen,
sich nicht selber die verdiente Strafe und Busse auferlegt, indem er sich
freiwillig aus Ihrer Nähe und aus Ihrem Hause verbannte?
    Die Vorbitte der Herzogin musste dem Freiherrn auffallen. Es lag daneben in
ihrem Tone, in ihren Worten etwas, das ihn in seiner Unruhe nur noch bestärkte,
obschon er sich bemühte, es nicht zu hören. Selbst der freundliche Blick der
Herzogin peinigte ihn, und sich erhebend, um nur der Nähe dieses eindringlichen
Blickes zu entgehen, sprach er:
    Ich wusste nicht, dass Sie so viel Anteil an meinem Architekten nehmen, meine
Freundin, und Herbert selber war sich dessen sicher nicht vermutend.
    Die Herzogin lächelte. Anteil an Ihrem Architekten? wiederholte sie. Was
ist mir dieser Herbert? Was kann ein Mensch wie er uns sein? Aber ich kann es
nicht verstehen, mein Freund, wesshalb Sie, eben Sie, Baron, ihn hindern wollen,
sich seiner Freiheit ein für alle Mal zu entäussern, wesshalb Sie ihn hindern
wollen, sein zärtliches Herz für die Zukunft der Schwester Ihres Amtmannes zu
überantworten! Mich dünkt, dazu hätten Sie, mein Freund, doch wirklich keinen
Grund, und es ist ja so süss, ein paar Glückliche zu schaffen, wenn die
Gelegenheit sich wie hier dazu so günstig zeigt!
    Sie sprach dies mit der völligsten Heiterkeit und Freiheit, mit gänzlicher
Gelassenheit, aber sie folterte den Freiherrn mit ihrer Ruhe. Er hörte, er
fühlte, dass sie ihm etwas hinterhielt, dass sie ihn etwas erraten lassen, ihm
eine Mitteilung machen möchte, deren Inhalt er zu kennen glaubte und die von
irgend einem Menschen aussprechen zu hören er doch um jeden Preis vermeiden
wollte. Zwei Wege lagen vor ihm offen, seine Aufregung drängte ihn zu dem einen
hin - aber er zauderte, ihn zu betreten. Nur eines Augenblickes Ueberlegung
bedurfte er, dann war sein Entschluss gefasst. Er musste der Herr bleiben auf jedem
Wege, den er gehen sollte, und heiter und frei, wie die Herzogin selbst, reichte
er ihr die Hand.
    Ich danke Ihnen, rief er; Sie sind immer besser, immer gütiger als wir
Anderen, meine Freundin! Sie haben mich zur rechten Zeit daran erinnert, dass
meine selbstsüchtige Sorge um die Baronin mich grausam gegen ein junges Pärchen
machte, grausam gegen einen Mann, mit dem ich in jedem Betrachte wohl zufrieden
bin. Erlauben Sie, dass ich mich entferne, um mein Unrecht zu vergüten!
    Ja, gehen Sie, gehen Sie! rief die Herzogin, als freue sie sich, ihn
umgestimmt zu haben; aber sie kannte ihren Freund, sie erriet seine Absicht und
sie hatte sich auch dieses Mal nicht geirrt.
    Nicht in sein Zimmer begab sich der Baron, er wandte sich geraden Weges nach
dem Zimmer seiner Frau. Er musste wissen, ein für alle Mal wissen, woran er mit
ihr war.
    Angelika sah müde und niedergeschlagen aus, als er bei ihr eintrat. Die
Erscheinung des Freiherrn, der sie nicht lange erst verlassen hatte, kam ihr
unerwartet, seine Haltung, seine Mienen fielen ihr auf und machten sie verwirrt.
Er hatte sich ihr immer mit jener rücksichtsvollen Ergebenheit genaht, welche
die ritterliche Sitte dem vornehmen Manne selbst da als Pflicht gegen eine Frau
auferlegt, wo er zu gebieten hat. So schmerzlich manche Verhandlungen zwischen
ihm und seiner Gattin, so schwer und quälend sie namentlich in früheren Zeiten
oft gewesen waren, nie hatte er den Gebieter, nie den Herrn gegen sie
herausgekehrt, und niemals hatte sein Ton sie streng erfasst.
    Ohne ein Wort zu sprechen, sah er, ob die Türen, welche in die Nebenzimmer
gingen, geschlossen waren. Dann liess er die Portièren nieder und nahm auf einem
Sessel der Baronin gegenüber Platz. Sein Schweigen, seine Ruhe steigerten ihre
Besorgnis; es fröstelte sie, und auch der Freiherr sah bleich und kalt aus.
    Ich frage Dich nicht, wie Du Dich befindest, Angelika, und Du fragst mich
nicht, wesshalb ich wiederkomme, hob er, nachdem er tief Atem geschöpft hatte,
mit fester Stimme an, das beweist für uns beide, was uns zu wissen Not tut.
    Da er sah, dass sie ihm antworten wollte, legte er seine Hand auf ihren Arm
und hielt sie davon zurück. Nur eine kleine Geduld, bat er, was ich Dir zu sagen
habe, wird kurz sein! Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort: Ich habe
Dir keine Vorwürfe zu machen, im Gegenteil, Du wirst Dich immer in der Lage
befinden, mir sagen zu können, dass Du mit mir das Glück nicht gefunden hast,
welches Du Dir mit Recht von der Ehe erhoffen durftest.
    Höre mich! fiel die Baronin, welche den Worten ihres Mannes mit wachsender
Bewegung folgte und auf diese Art der Unterredung in keiner Weise vorbereitet
gewesen war, ihm angstvoll in die Rede.
    Nein, lass mich vollenden! entgegnete er. Erinnere Dich, wie ich Dir einmal
sagte: hätte ich die abmahnende Stimme gekannt, die Dich bei unserer ersten
Begegnung von mir zurückhielt, so würde ich nie um Dich geworben haben! Denn es
ist wahr, unsere Neigungen, unsere Ansichten gehen vielfach aus einander, Du
bist nicht glücklich mit mir geworden. Du hast mir auch viel verzeihen, viel mit
mir ertragen müssen in den ersten Jahren unserer Ehe, aber was Du mir nach
Deiner Meinung zu verzeihen hattest - dieses Eine gestehe mir wenigstens zu -,
das lag Alles hinter der Zeit, in welcher Du Dich mir verbunden. Oder welcher
Untreue könntest Du mich zeihen, seit ich Dir mein Wort verpfändet?
    Angelika war wie gelähmt vor Schrecken und vor Schmerz. Was sie innerlich
auch empfunden hatte, diesen Ton, diese Sprache verdiente sie nicht. Sie war
gewissenhaft und demütig bereit gewesen, sich eines Unrechtes anzuklagen, sich
einer Gedankensünde zu zeihen, aber gegenüber den Vorwürfen, welche ihr Gatte
ihr machen zu wollen schien, empörte sich ihr gerechtes Bewusstsein, verstockte
sich ihr Herz.
    Da Angelika auf ihres Gatten Frage nichts entgegnete, wiederholte er sie mit
dem Zusatze, dass er eine einfache Antwort erwarte. Das steigerte in ihr das
Gefühl der Kränkung, und kalt, wie der Freiherr zu ihr sprach, sagte sie: Ich
habe mich über gar nichts zu beklagen, im Gegenteil!
    Was soll das heissen? fragte der Baron.
    Da bemächtigte seiner Gattin sich eine jener wilden Anwandlungen des
Schmerzes, denen die sanfteste Natur nur schwer widersteht. War es doch genug,
was sie leiden musste, war es doch genug, was sie an innerer, selbstanklagender
Pein, an Herzenskränkung zu ertragen hatte! Sie wollte nicht allein unglücklich
sein, nicht allein die Schmerzen der verschmähten Liebe fühlen. Es sollten
Andere unglücklich sein wie sie, und vor Allem sollte der Mann sich nicht
ungestraft als ihr Richter vor sie stellen, um den sie ihre Jugend, ihren
Frieden, ihr Vaterhaus, ihre Eltern und Alles aufgegeben und verloren hatte!
    Mit jener Wollust des Rachegefühls, die dem Beleidigten ein wilder,
berauschender Genuss ist, sagte sie: Du hattest sicherlich kein Recht zu dem Tone
dieser Unterredung, wenn Du mit Deinen Voraussetzungen Unrecht hattest. Aber Du
hast Dich nicht geirrt! - Sie zögerte, es stieg noch einmal, wie in solchen
Augenblicken immer, ein Abmahnen in ihrem Herzen, ein letztes Besinnen in ihr
auf; indes ihr Zorn wollte sich genugtun, und fest und bestimmt sagte sie: Ich
liebe Herbert! Das war es, was mir heute das Herz zu brechen drohte!
    Angelika! rief der Baron und schloss die Augen, während seine Hand krampfhaft
die Lehne seines Sessels ergriff.
    Es war still im Zimmer. Beide Eheleute vermochten nicht zu fassen, nicht zu
glauben, was geschehen war. Beide litten, beide kämpften schweigend in ihren
Herzen. Jedem von ihnen mochte die Ahnung kommen, dass es jetzt vielleicht noch
Zeit sei, jedem von ihnen mochte die heisse Aufwallung durch die Seele gehen,
jetzt schnell noch die Hand zu bieten, um die Wunde zu heilen, die sie einander
geschlagen hatten und die unheilbar werden musste, wenn man sie nicht
augenblicklich schloss. Aber wie ein Dämon stand zwischen ihnen jene Selbstsucht,
die man als gerechten Stolz, als Ehrgefühl bezeichnet, und statt einander
helfend zu befreien, dachten beide nur daran, sich würdig gegen einander zu
behaupten.
    Des Freiherrn Züge waren völlig ruhig, als Angelika endlich ihren Blick zu
ihm erhob. Weiss Herbert, dass Du ihn liebst? fragte er bestimmt.
    Ja! entgegnete sie eben so, und es freute sie, zu sehen, wie schwer es ihrem
Gatten wurde, seine Ruhe aufrecht zu erhalten.
    Weiss er es durch Dich?
    Ja! wiederholte sie.
    Und die Herzogin - sie weiss es auch?
    Aber als Angelika auf diese Frage die Antwort geben sollte, kam wie mit
Einem Schlage das Bewusstsein der Herzensverblendung über sie, die sie
fortgerissen und in der die Herzogin sie gehen lassen, sie bestärkt und weiter
geführt hatte. Sie sprang auf, warf sich ihrem Gatten zu Füssen und flehte:
Franz, Franz, rette mich vor mir selber! Es war ein Wahnsinn, der mich ergriffen
hatte! Ich bin nicht schuldig, nicht so schuldig, als Du wähnst! Glaube mir
selber nicht, den Worten nicht, die ich vorhin gesprochen, die der Zorn mir
entrissen, Deine Strenge, Deine Kälte brachten mich ausser mir. Nur mein Herz war
Dir nicht treu, nur meine Phantasie konnte sich vergessen. Ich bin ja Dein, Dein
allein, wie ich es stets gewesen! Komm' mir zu Hülfe, Franz! Komm' der Mutter
Deines Sohnes zu Hülfe - dass sie sich wiederfinde in der Liebe zu Dir und ihm!
Komm' mir zu Hülfe, Franz, durch Deine Liebe, Deine Nachsicht, wie - ich Dir
einst durch meine Liebe und Geduld zu Hülfe gekommen bin!
    Der Freiherr hatte sie gleich Anfangs erhoben. Jetzt, da sie sich in seine
Arme werfen wollte, nahm er sie bei der Hand und nötigte sie, sich
niederzusetzen. Sein Herz, seine Ehre, seine Eitelkeit hatten eine Kränkung
erfahren, die er nie vergessen konnte. Er hatte Angelika niemals
leidenschaftlich geliebt, aber er hatte sie hochgehalten wie keine andere Frau.
Jetzt, da er zu erkennen glaubte, dass er sie überschätzt, jetzt, da sie sich
selber eines Treubruches anzuklagen hatte, auf dessen Möglichkeit manche
Äusserungen der Herzogin, wie er jetzt nachträglich begriff, ihn schon öfter
behutsam hingewiesen hatten, jetzt erinnerte Angelika ihn daran, wie er sich vor
ihr gedemütigt, wie sie sich in ihrem Selbstgefühle hoch über ihn erhoben, und
zu unglücklicher Stunde fiel es ihm ein, dass es einst einen Tag gegeben, an dem
er diese Frau und ihre strenge, makellose Reinheit beinahe gefürchtet hatte.
    Was er in diesem Augenblicke verlor, konnte keine Zukunft ihm wiederbringen,
aber Eines konnte er erretten - Eines konnte er gewinnen, und er war
entschlossen, diesen Vorteil nicht aufzugeben. Er konnte seine Ehre wahren und
seine Gewalt und Herrschaft über die Baronin neu und ein für alle Mal begründen.
    Fasse Dich, Angelika, sagte er mit anscheinender Ruhe, und sei unbesorgt, Du
hast es mit mir, mit einem Edelmanne - er betonte das Wort sehr scharf, und sie
verstand seine Meinung - mit einem Edelmanne zu tun, der nie vergessen kann,
was er Dir und was er sich selber schuldet. Was ich Dir zu sagen hätte, das wird
Dein eigenes Gewissen Dir nicht ersparen, denn ich wiederhole Dir: ich habe das
Wort als Mann gehalten, das ich Dir einst verpfändet. Du hingegen ....
    Franz, fiel die Baronin ihm in die Rede, indem die Tränen ihr aus den Augen
stürzten, muss ich Dir es wiederholen, muss ich es noch einmal aussprechen, das
Bekenntnis, dass nur mein Herz, nur meine Phantasie Dir untreu waren!
    Der Baron presste in heftigem Schmerze seine Lippen zusammen. Dafür habe ich
sicherlich nicht Dir allein zu danken! entgegnete er, und es tat ihm wohl, wie
seine Gattin unter diesem Worte händeringend ihr Gesicht verbarg. Bald aber
erhob sie wieder ihr Haupt: Ich verlangte mich zu rechtfertigen, ich wünschte,
ich konnte es; jetzt, nach diesem Worte, vermag ich es nicht mehr! rief sie, und
die Klage rang sich wie ein Schrei aus ihrer Brust.
    Still, Angelika, still! sprach der Freiherr, indem er ihre Hand fest
drückte. Oder willst Du uns zum Gespötte unserer Leute machen? - Er schwieg, sie
weinte mit unterdrückter Stimme.
    Bist Du gefasst genug, mich jetzt zu hören? fragte er nach einer Pause, in
welcher er langsam auf dem weichen Teppiche umhergegangen war. Sie bejahte es.
    Nun denn, ich wiederhole Dir, ich mache Dir keinen Vorwurf! Es ist schwer,
der Stimme des Herzens zu gebieten - ich habe sie auch einst gehört und bin ihr
gefolgt, wie Du! Vielleicht irrte ich, als ich Dich, die Du meine Tochter sein
konntest, zur Gattin wählte; vielleicht irrte ich, als ich Dich zu sehr Dir
selber überliess, aber für beides wirst Du mich nicht tadeln! Ich irrte im
Vertrauen, im festen, höchsten Vertrauen auf Dich und Deinen Adel! Ich verlange
kein Geständnis von Dir, ich will nicht wissen, was zwischen Dir und jenem Manne
vorgegangen ist, der sein Auge nicht zu der Gemahlin des Freiherrn von Arten
erheben konnte, wenn sie selbst ihm nicht dazu ein Recht gab -
    Er brach mitten in seiner Rede ab und sagte dann, von seiner Aufwallung
zurückkommend: Ich will auch nicht erfahren, ob und was Deine rücksichtslose
Verblendung der Herzogin etwa verraten, oder was des Architekten allerdings nur
zu berechtigte Eitelkeit dem Marquis Preis gegeben haben mag, denn man kennt die
Indiscretion der Leute seines Standes; - Alles, was ich verlange, ist, dass ein
Schleier gebreitet werde über das Geschehene, dicht genug, auch dem schärfsten
Auge zu verbergen, dass mit dem Augenblicke, in welchem ich den Glauben an mein
Weib verlor - - das Band für immerdar zerrissen ist, das mich ihm verbunden.
    Die Lippe bebte ihm, als er die Worte sprach, aber er stand hoch
aufgerichtet und gebieterisch vor ihr, und sie fühlte, dass es ihm eine grausame
Lust war, sie zu demütigen. Da begann aufs Neue in ihr jener unheilvolle Kampf
zwischen ihrem besseren Selbst und ihrem Stolze, aber der grausam triumphirende
Blick des Freiherrn fachte auch in ihrer Seele die gleiche Empfindung an, und
bleich und kalt, wie er, versetzte sie: Du hast zu befehlen, ich gehorche!
    Die Herzogin hat mir heute angedeutet, sagte er, dass ich, eben ich, keinen
Grund hätte, mich der Heirat Herbert's zu widersetzen und ihn zu hindern, seine
Freiheit aufzugeben. - Er hielt inne. Ich muss ihr zeigen, dass ich keinen Grund
habe, Herbert's Gebundenheit zu wünschen. Ich werde die Einwilligung zu Eva's
Verheiratung nicht geben, Bedenkzeit fordern, und wenn Herbert wieder hieher
zurückkehrt, wird er unser Gast im Schloss sein, und Du wirst ihn sehen und
empfangen wie zuvor!
    Unmöglich, rief Angelika, die Herzogin weiss Alles!
    Der Baron verstummte. Er schien unentschlossen, was er tun solle. Mit Einem
Male besann er sich: So soll sie die Versöhnungsrolle spielen! sagte er. Höre es
wohl, Angelika, ich sage, spielen! Denn Du und ich, wir sind für immerdar
getrennt!
    Da warf Angelika sich ihm noch einmal zu Füssen. Um Renatus willen höre mich!
Gehe nicht zur Herzogin, sprich nicht mit ihr! Sprich mit dem Caplan! Er soll
Dir Alles, Alles offenbaren, Wort für Wort, was ich ihm anvertraut im heiligen
Vertrauen. Er wird Dir sagen, dass ich Deiner nicht unwert bin, Dir sagen, dass
Du mir verzeihen kannst. Sprich mit ihm, ach, sprich mit ihm! Ihm wirst Du
glauben, wenn Du mir nicht glaubst!
    Sie konnte nicht weiter sprechen. Das ganze Gewicht des Unheils, welches sie
auf sich und ihr Haus herabgezogen, indem sie der Aufwallung ihres gekränkten
Stolzes nachgegeben, lastete auf ihr. Sie erkannte mit Schrecken, was sie
getan, aber sie hielt es für unmöglich, dass sie ihren Gatten nicht überzeugen,
mit ihren Tränen, ihrer Reue nicht überzeugen können sollte, wie sie seiner
Achtung, seiner Verzeihung, seiner Neigung nicht unwert sei.
    Indes des Freiherrn frühere Erfahrungen standen mit seinem gegenwärtigen
Schmerze und Zorne im Bunde. Weit entfernt, ihn zu besänftigen, beleidigte ihn
der Gedanke, dass auch der Geistliche um ein Geheimnis wisse, welches der
Freiherr um jeden Preis verborgen haben wollte, und mit einem Ausdrucke des
Widerwillens rief er: Es fehlte nur noch, dass Du Deine Leute zu Zeugen für Dich
aufrufst!
    Die Baronin zuckte zusammen, dann erhob sie sich. Ich wollte, Du hättest das
nicht gesagt! sprach sie mit einer Ruhe, die beängstigend gegen ihre bisherige
Aufregung abstach, und sich von ihm wendend, schritt sie der Türe des
Nebenzimmers zu. Der Freiherr stand mitten im Gemach. Als sie die Portière
aufhob, hinter der sie seinem Blicke entschwinden musste, fühlte er eine
Anwandlung von Mitleid mit seiner Frau, und fast unwillkürlich rief er:
Angelika, wir sind allein ....
    Nein, unterbrach sie ihn, nein! Was ich gefürchtet und geahnt, noch ehe sie
kam, was ich mir zu meinem und Deinem Unheile weggeleugnet habe, wie mein Herz
mich auch lange davor gewarnt, - wir sind nicht allein, - die Herzogin steht
zwischen uns!
    Der Freiherr lachte hell und höhnisch auf. Er hörte einen Vorwurf, wo er die
Hand zu grossmütiger Hülfe und Erhebung zu bieten sich nicht abgeneigt gefühlt
hatte. Das hatte er am wenigsten erwartet, und mit dem Ausrufe: Die alte Taktik!
verliess er zornig das Gemach.
                              Vierzehntes Capitel
Im Amtause unterhielt man sich mit jenen Gesprächen und Erwägungen, welche
überall dieselben bleiben, wo ein Menschenpaar daran geht, einen neuen
Hausstand, eine Familie zu begründen.
    Herbert hatte an Eva, da er sie jetzt als sein künftiges Eigentum
betrachtete, ein ganz neues und höheres Gefallen. Er fand sie klug und
verständig in allem Praktischen, warmherzig ihm gegenüber und anmutig wie ein
Kind, wenn sie sich ihrem angeborenen Frohsinne überliess. Sie schalt Herbert
einen Leichtsinnigen, einen Unbesonnenen, dass er nur daran habe denken können,
sie ihrem Bruder gleich frischweg fortzunehmen, und wenn sie ernstaft erwogen
hatte, wo Adam einen Ersatz für sie finden werde, falls er sich nicht selbst zur
Ehe entschliesse, so ging sie scherzend die ganze Reihe ihrer weiblichen
Bekannten durch, pries deren Eigenschaften, um die eigenen noch höher zu
stellen, und versicherte Herbert, dass es doch von den allen keine so gut habe
und haben werde, als sie, der Herbert gleich gefallen habe, als er ihr bei der
ersten Fahrt durch das Dorf die ganz unverantwortliche Kusshand zugeworfen.
    Indes trotz all ihrer Munterkeit konnte man ihr doch anmerken, dass sich
ihrer allmählich eine heimliche Sorge zu bemeistern begann, weil die Antwort des
Freiherrn sich so lange erwarten liess. Sie sah verstohlen immer öfter nach der
Uhr, je länger der Bote ausblieb, und als der Mittag da war, bemächtigte sich
die Ungeduld allmählich auch der Männer. Man überlegte, ob man einen zweiten
Boten nachsenden sollte, um zu hören, was aus dem ersten geworden sei. Herbert
war unruhig, weil die Stunde, in der er abreisen musste, um einer
Geschäftsbesprechung nachzukommen, längst vorüber war; Eva nannte es
unverantwortlich, dass man ihr den schönen ersten Tag ihres Brautstandes so
unnötig verbittere, und Adam, der sich am wenigsten vernehmen liess, war im
Innern der Gereizteste.
    Es war vier Uhr Nachmittags, als der Bote endlich wiederkehrte. Nun? rief
ihm Eva entgegen, welche, ihn zu empfangen, die Tür geöffnet hatte und die Hand
ausstreckte, ihm das Schreiben abzunehmen.
    Der Knecht zog den Hut vom Kopfe, drehte ihn in den beiden Händen herum und
sagte: Herr Amtmann, ich kann nichts dafür, ich habe gewartet und gewartet die
ganze, ausgeschlagene Zeit ....
    Schon gut! rief Eva, aber den Brief?
    Der Knecht sah sie an; 'nen Brief? Ich hab' keinen Brief, Mamsell! sagte er.
    Inzwischen waren auch die Männer hinzugekommen, und der Amtmann fragte, den
Knecht scharf betrachtend: Du bringst keinen Brief?
    Nein, Herr Amtmann! Der gnädige Herr wird Antwort schicken.
    Wann? herrschte der Amtmann, dem das Blut zu Kopfe stieg.
    Wann? das kann ich nicht sagen, Herr Amtmann! Das ist mir nicht bestellt,
Herr Amtmann!
    Der Amtmann sagte, er könne gehen, und rief ihn dann doch noch einmal
zurück, um sich zu erkundigen, ob der Herr Baron vielleicht ausgefahren sei. Der
Knecht verneinte das auf das bestimmteste, und sichtlich betroffen standen das
Brautpaar und Adam nach des Knechtes Entfernung einander gegenüber.
    Was bedeutet das? fragte Herbert.
    Der Amtmann lachte bitter. Was es bedeutet? Man hat Sie früher auf dem
Schloss verwöhnt, Herr Schwager, weil man es so für gut fand, und beweist Ihnen
jetzt, dass man es nicht nötig gehabt hätte, Sie also zu verwöhnen!
    Eva's Antlitz hatte sich verdüstert. Du irrst, entgegnete sie, das ist keine
blosse Laune!
    Keine Laune? wiederholte der Amtmann; nun, wenn's keine Laune ist, dann
ist's, was sie sich am wenigsten versagen und was eigentlich ihr Hauptvergnügen
ist, dann ist's reine Willkür! Seit sie das vertriebene Franzosenpack im
Schloss haben, sind sie wie darauf versessen, es in jedem Augenblicke zu
beweisen, dass sie hier noch nach Belieben schalten und walten können! Aber man
bekommt das endlich satt!
    Antwort schicken! Was das heissen soll? Antwort kann man heute schicken oder
morgen oder über's Jahr! fiel ihm Herbert verdriesslich in das Wort, - und nun
weinen Sie vollends darüber, liebe Eva!
    Der Bruder schalt sie dafür. O, rief sie, wenn es nichts als des Freiherrn
Willkür wäre, wollte ich ja nicht weinen, aber dahinter steckt die gnädige Frau!
Sie gönnt ihn mir nicht; das weiss ja Herbert auch!
    Der Amtmann traute seinen Ohren nicht. Er fragte; Eva erzählte, was sie mit
der gnädigen Frau erlebt und was sie selbst dem Bruder bis dahin mit
eifersüchtiger Verschwiegenheit vorentalten, und da dieser in Herbert drang,
gestand der letztere es endlich ein, dass er allerdings oben in seinem
Schreibtische ein paar Zeilen gefunden, die - wenn Eva sie nicht hineingelegt -
ihm wohl von der Baronin gekommen sein konnten. Er versicherte, jene Zeilen
hätten ihn auf das höchste überrascht, obschon er Angelika früher bewundert und,
weil er sie nicht für glücklich gehalten, sie auch beklagt und ihr dies einmal
ausgesprochen habe. Indes sei eben seine Werbung um die geliebte Eva die Antwort
gewesen, welche er der Baronin auf die von ihr geschriebenen Verse gegeben habe,
und ....
    Geben Sie mir Ihr Wort darauf, rief Eva, ihn unterbrechend, Ihr Ehrenwort,
dass Sie diese arglistige Frau nicht wiedersehen wollen!
    Er konnte ihr dieses Versprechen nicht leisten, denn er war nicht sicher, es
halten zu können, und da er nicht umhin gekonnt, das Geheimnis der Baronin
teilweise Preis zu geben, bemühte er sich doppelt, es den Andern darzutun, wie
nach seiner Kenntnis ihrer Natur Angelika an einer kleinlichen Rache keinen
Gefallen und in derselben keine Befriedigung finden könne.
    Der Amtmann lächelte. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, meinte er, dass Sie
die vornehmen Herrschaften nicht kennen, und wenn Sie wahrscheinlich besser von
der Baronin denken, als solche Damen es zu verdienen pflegen, so kann ich Sie
auch nicht darum schelten. Gegen den Windstoss, der Einem eine reife Frucht in
den Schoss wirft, hat im Grunde Niemand etwas einzuwenden, auch wenn er sie
nicht geniesst -
    Das Wort verriet die ganze Erbitterung des Amtmanns und verletzte Herbert,
aber er vermochte die Baronin eben so wenig zu verteidigen als zu verdammen.
Geschmeichelte Eitelkeit, getäuschte Erwartungen, unbestimmte Besorgnisse und
das unangenehme Bewusstsein, seine Braut verstimmt und in einer ihr peinlichen
Lage zurückzulassen, bedrängten ihn gleichzeitig und erschwerten ihm das
Scheiden, das doch endlich nicht weiter hinausgeschoben werden durfte.
    Herbert musste die Nacht zu Hülfe nehmen, um am nächsten Morgen rechtzeitig
an Ort und Stelle zu sein, und wie ihn die Bilder einer beglückenden Zukunft,
wie ihn die lieblichen Erinnerungen der beiden letzten Tage und unruhige
Gedanken mancher Art nicht zum Schlafe kommen liessen, so fanden auch Eva und der
Amtmann keine Rast.
    Man war übereingekommen, des Freiherrn Bestimmung bis gegen den nächsten
Mittag hin gelassen zu erwarten. Hatte man sie dann noch nicht erhalten, so
wollte Adam auf das Schloss gehen und selber darum bitten. Am Morgen machte er
sich früher noch, als er sonst pflegte, an seine Arbeit. Er verwies Eva zur
Ruhe, da ihre aufgeregte Empfindung sich in lebhaften Äusserungen erging, und
vermied es danach geflissentlich, mit ihr zusammen zu sein.
    Als er um die Frühstückszeit vom Felde nach Hause kam, fragte er: Ist etwas
vom Schloss da? - Eva, die still war, wie nur grosse Unruhe sie es werden liess,
verneinte es. So soll der Kutscher anspannen!
    Du willst fahren, lieber Bruder?
    Ja! Das Reiten macht mich warm! entgegnete er und verliess sie, ohne weiter
mit ihr zu sprechen.
    Als er wiederkehrte, hatte er sich gekleidet wie ein Mann seines Standes es
für eine feierliche Handlung zu tun pflegte; auch seine ernste, zusammengefasste
Haltung war einer solchen entsprechend. Während er den Wagen erwartete, trat Eva
an ihn heran, und ihre Hand auf seine Schulter legend, sagte sie: Es tut mir
recht leid, Bruder, dass ich Dir Ungelegenheiten veranlasse!
    Mach' Dir keine Sorgen darum; wer weiss, wozu es gut ist! versetzte er.
    Eva rückte ihm die Schleife am Halstuche zurecht, bürstete ihm den sauberen
Tuchrock noch einmal ab und machte sich immer wieder etwas mit ihm zu schaffen,
aber sie sprachen nicht mit einander.
    Der Amtmann hielt sich innerlich vor, was er dem Freiherrn vorzustellen
gedachte; Eva hätte dem Bruder gern sagen mögen, was sie vor dem Freiherrn
gesagt zu haben wünschte, aber sie traute sich nicht, dem Bruder vorzuschreiben,
und so begleitete sie ihn vor die Türe hinaus, wo der Einspänner ihn erwartete.
Du kommst doch geraden Weges nach Hause? fragte sie.
    Geraden Wegs! versetzte er und befahl dem Kutscher, zuzufahren.
    Wer den Freiherrn sprechen wollte, musste gegen zwölf Uhr kommen. Das war nun
freilich für seine Leute, besonders für diejenigen, welche nicht in Richten,
sondern in Neudorf oder, wie der Amtmann, gar in Rotenfeld wohnten, nicht die
bequemste Stunde, denn es war ihre Mittagszeit; aber gerade deshalb hatte der
Grossvater des Barons es also eingeführt, und man hatte es beibehalten von Vater
auf Sohn, damit man nicht ohne gewichtigen Grund in Anspruch genommen und nicht
unnötig von den Leuten aufgehalten werden konnte.
    Der Freiherr, welcher auf seine Wohlgestalt immer grossen Wert gelegt,
neigte seit einiger Zeit zum Fettwerden und hatte deshalb angefangen, sich viel
Bewegung zu machen. Als man ihm den Amtmann meldete, ging er eben in
Gesellschaft des Marquis in dem grossen Saale des Erdgeschosses auf und nieder,
in welchem man zur Winterzeit einen Teil der immergrünen Gewächse aufzustellen
pflegte, und da die Sonne warm und hell durch die geöffneten Türen
hineinschien, so dass es dem Freiherrn in der Luft behagte, befahl er, den
Amtmann hieher zu senden.
    Vermutlich ein Liebesbote, aber freilich ein etwas robuster, bemerkte
lächelnd der Marquis, nachdem der Kammerdiener sich entfernt hatte. Ich hoffe,
Herr Baron, die Fürbitte Ihrer Frau Gemahlin wird Sie erweicht haben. Und sich
auf ein damals übliches Madrigal beziehend, sang er mit seiner schönen Stimme:
Es ist so süss, so süss, zu beglücken!
    Der Freiherr, welcher den ganzen Morgen, obschon er sich sehr gleichmütig
zeigte, doch nicht gut aufgelegt gewesen war, lächelte flüchtig und bemerkte:
Sie werden es trotzdem bei Zeiten lernen müssen, sich den Wünschen der Damen zu
widersetzen!
    So wollen Sie wirklich die kleine Eva dem Architekten noch nicht bewilligen?
fragte der Marquis, während ein kaum merkliches Lächeln um seine feinen,
sarkastischen Lippen spielte.
    Ich pflege von meinen wohl begründeten Vorsätzen nicht zurückzukommen, mein
lieber Marquis.
    Der Marquis verneigte sich leicht. Gewiss nicht! rief er, und als komme ihm
eben erst der Gedanke, fügte er hinzu: Uebrigens haben Sie, glaube ich, durchaus
Recht, mein verehrter Freund, wenn Sie diesem Herrn Herbert in einem gewissen
Punkte, den man freilich nicht zu schwer nehmen darf, nicht so unbedingt
vertrauen, als die Frau Baronin und der würdige Caplan, denn im Uebrigen mag
sicherlich nichts gegen Ihren Architekten einzuwenden sein!
    Der Freiherr antwortete darauf nicht sogleich. Es lag im Allgemeinen nicht
in seiner Art, solche Einflüsterungen zu beachten. Indes gegen seine Gewohnheit
fragte er nach einer Weile: Marquis, was wissen Sie von dem Architekten?
    Nur Gerüchte, wenn ich's recht bedenke, versetzte dieser zurückhaltend,
nachdem die Frage an ihn getan worden.
    Und welche, wenn ich bitten darf?
    Ich hörte sie neulich, als ich in der Stadt war. Man nannte ihn den
Liebhaber von Mademoiselle Flies, von der Tochter Ihres Juweliers, die er
freilich nicht heiraten kann ....
    Und wesshalb nicht?
    Ach, eine Jüdin! meinte der Marquis.
    Mich dünkt, entgegnete der Freiherr, es haben in der Hauptstadt jetzt ganz
andere Leute als mein Architekt die Töchter reicher Juden zu Frauen genommen,
und es ist seit Jahren in der Welt mehr Auffallendes geschehen, als das. Reich
genug ist Flies, und Sie sagen ja, schön sei das Mädchen auch geworden!
    Sich verdammen zu lassen um sie! rief der Marquis und erging sich in der
Beschreibung von Seba's Reizen. Der Freiherr hörte nicht darauf. Es ist mir
lieb, dies zu wissen! war Alles, was er sagte, als eben der Diener anzeigte, dass
der Amtmann warte.
    Als Adam in die Gallerie trat, war er unangenehm durch die Gegenwart des
Marquis überrascht, obschon dieser sich zurückgezogen hatte und, anscheinend mit
einem Buche beschäftigt, an dem Postamente einer der Statuen lehnte, deren sich
mehrere zu beiden Seiten aufgestellt befanden. Der Freiherr blieb mitten im
Saale stehen, und ohne dem Amtmanne Zeit zu dem Wunsche eines guten Morgens zu
lassen, sagte er: Es ist mir lieb, Steinert, dass Er kommt, ich hätte Ihn sonst
heute oder morgen rufen lassen. Mit der Eva und dem Baumeister ist es nichts;
die Eva muss sich's aus dem Sinne schlagen!
    Die kurze, rasche Weise, in welcher der Baron von einer Angelegenheit
sprach, die für Adam's Schwester und durch diese für ihn selbst von der grössten
Wichtigkeit war, und dass er ihn in der Anwesenheit des Marquis in solcher Weise
abzufertigen meinte, verdrossen den Amtmann auf das höchste. Er war gekommen,
eine Familiensache ernstaft mit dem Vormunde seiner Schwester zu beraten, und
wurde wie ein Lakai, dem man einen Urlaub abschlägt, stehenden Fusses abgefertigt
und abgewiesen. Obschon er gewohnt war, als Untergebener vor eines Herrn Willkür
Stand zu halten, hatte er doch Mühe, ruhig zu bleiben, denn hier handelte es
sich nicht um seinen Dienst und um kein Amtsverhältniss. Er trat einen Schritt
näher an den Baron heran und sagte, die Stimme senkend: Ich würde es dem Herrn
Baron sehr danken, wenn er die Gnade haben wollte, mich in seinem Cabinette
anzuhören. Er blickte dabei nach dem Marquis hinüber; der Freiherr verstand ihn
auch.
    Der Herr Marquis versteht das Deutsche nicht! entgegnete er.
    Ich habe Beweise vom Gegenteile, gnädiger Herr! bemerkte Adam bittend.
    Die Einrede machte den Freiherrn ärgerlich, dessen seit der gestrigen
Unterredung mit der Baronin schmerzlich aufgeregter Sinn sich nur schwer
beherrschen lassen und nur auf einen Anlass gewartet hatte, um sich in einem
Ausbruche heftiger Leidenschaft genug zu tun. Gleichviel, rief der Freiherr,
die Sache ist ja kein Geheimnis: sag' Er, was Er will!
    Der Amtmann, welcher nicht ahnen konnte, was im Schloss vorgegangen, und
der, wie selbsterrisch der Baron auch immer war, doch eine so grundlos
herrische Behandlung sonst von ihm nicht erfahren hatte, wollte das Anliegen
seiner Schwester nicht unnötig einer übeln Stimmung ihres Vormundes zum Opfer
werden lassen, und mit mehr Ergebenheit, als in seinem Innern war, sagte er:
Wenn ich vielleicht jetzt ungelegen komme, Herr Baron, so will ich warten - oder
wiederkehren!
    Der Baron sah aber in dem bescheiden getanen Vorschlage nichts als eine
Widersetzlichkeit, und eine solche wollte er in Gegenwart des Marquis nicht ohne
Rüge lassen, da dieser, wie der Freiherr es wohl wusste, des Deutschen im Laufe
der Jahre allerdings mächtig genug geworden war, um vollkommen zu verstehen, was
hier vorging.
    Wiederkommen - wesshalb das? Die Sache ist ja kurz genug, und ich werde Ihm
schon sagen, wenn Er mir ungelegen kommt! rief der Baron. Der Baumeister will
die Eva heiraten, und da ist Er wie die Andern alle. Wenn's ans Heiraten gehen
soll, läuft ihnen der Verstand weg! Kennt Er den Architekten? Was weiss Er von
ihm?
    Gnädiger Herr, ich kenne Herrn Herbert nun seit fünf vollen Jahren,
versetzte der Amtmann, dem die Worte des Barons das Herz aufwallen machten. Er
ist mein Freund geworden, ich kenne ihn als einen Ehrenmann, und der gnädige
Herr und die Frau Baronin selber haben ihn ja ihrer Gesellschaft auch nicht für
unwert angesehen.
    Das war, mochte er sie absichtlich oder unabsichtlich gewählt haben,
sicherlich die unglücklichste Beweisführung, welcher sich Adam bedienen konnte,
denn gegen seine Gewohnheit heftig auffahrend, rief der Baron: Lass Er meine und
meines Hauses Handlungsweise ein für alle Mal aus dem Bereiche Seiner
Betrachtungen! Hört Er, merk' Er sich das! Damit Er aber weiss, woran Er ist, und
damit Er es der Eva sagen kann, woran sie sich zu halten hat, so melde Er ihr,
dass einer ein guter Baumeister sein und zum Ehemanne nicht taugen könne! Der
Herbert steht mir nicht an, ich traue ihm nicht, und dabei bleibt's.
    Er wendete sich ab und wollte sich entfernen. Aber auch Adam's Geduld war
jetzt am Ende. Er konnte es nicht ertragen, sich und Herbert, für den er eine
herzliche Freundschaft fühlte, im Beisein des von ihm missachteten Marquis so
unwürdig behandeln zu lassen, und sich hoch aufrichtend, sagte er: Um Vergebung,
gnädiger Herr, aber dabei kann's unmöglich sein Bewenden haben. Der Herr Baron
müssten mich selber für keinen Mann von Ehre halten, liess' ich das auf meinem
Freunde, auf dem Manne sitzen, den ich nun einmal als meiner Schwester Bräutigam
ansehe! Der gnädige Herr selber haben uns den Baumeister in das Haus geschickt
....
    Doch nicht, damit die Eva sich gleich auf gut Glück in eine Liebschaft mit
ihm einlässt!
    Gnädiger Herr, fuhr der Amtmann auf, und seine grossen Augen blitzten - meine
Schwester ....
    Sein Vater, fiel ihm der Freiherr in die Rede, da er fühlen mochte, dass er
zu weit gegangen sei, Sein Vater hat mir das Mädchen anvertraut, ich habe darauf
zu halten, dass kein leichtsinniger, kein unzuverlässiger Mann es bekommt; ich
habe des Mädchens Ruf, Glück und Zukunft zu bedenken, und das tue ich!
    So sollten doch der gnädige Herr vor Allem solchen Leuten das Handwerk
verbieten und uns solche Leute nicht ins Haus schicken, die der Eva geraden
Weges Fallstricke legen, fuhr der Amtmann, dem die Galle überlief, heraus; denn,
unumwunden, gnädiger Herr, dem Herrn Marquis weis' ich die Tür, wenn er sich
noch einmal in meinem Hause blicken lässt!
    Er und der Baron wendeten sich dabei gleichzeitig nach der Seite um, an
welcher der Marquis sich vorhin befunden, indes sie gewahrten, dass er den Saal
verlassen hatte, und leidenschaftlicher, als der Amtmann seinen Herrn jemals
gesehen, rief dieser: Stecken Ihm auch die aufsässigen Gedanken im Sinne?
Vergisst Er, dass ich Sein Herr bin? Wo ist Sein Haus, Er Unverschämter?
    Aber grade die Masslosigkeit des Barons brachte Adam zur Besinnung, und sich
gewaltsam fassend, sagte er: Ich vergesse nicht, dass ich in den Diensten des
gnädigen Herrn bin, aber ich bin nicht sein Knecht, nicht sein Höriger: Ich bin
ein freier Mann, gnädiger Herr! Wo ich und meine Väter mit Ehren seit langen
Jahren Haus gehalten haben, da ist mein Haus, und ich müsste kein Mann von Ehre
sein, wenn ich da nicht Jedermann die Türe wiese, der mit Unehren sich an meine
Schwester wagt!
    Er war blass geworden, während er so sprach; auch der Freiherr hatte die
Farbe gewechselt. Nun denn, rief er, Hausrecht wider Hausrecht! Ich will Ihm
zeigen, wer hier Herr ist, da Er's zu vergessen scheint! Er verlässt mein Haus
und meinen Dienst!
    Das traf den Amtmann, aber auch dem Freiherrn war nicht wohl zu Mute, da er
das Wort gesprochen. Einen Augenblick fühlte Adam, als sinke er in das Leere,
indes den Freiherrn wollte er das nicht merken lassen, und sich zusammennehmend,
sagte er, ohne eine Miene zu verziehen: Der Herr Baron haben zu befehlen! Aber
gleich heute oder morgen kann ich nicht von hier fort - wie viel Zeit wollen der
Herr Baron mir lassen?
    Die anscheinende Ruhe seines Untergebenen reizte den Baron, und sein Zorn
gegen die männliche Fassung Adam's, in welcher jener nur die jetzige ihm so
verhasste Auflehnung des bürgerlichen Standes gegen die über ihm stehende Classe
des Adels sah, verhärtete seinen Sinn.
    Mach' Er das mit sich selber ab! gab er dem Amtmanne kurz zur Antwort,
kehrte ihm den Rücken und entfernte sich durch die Seitentür, durch welche der
Marquis vorhin gegangen war. Der Amtmann stand eine Minute lang regungslos auf
seinem Platze, dann ging er langsam durch den Haupteingang von dannen.
 
                              Fünfzehntes Capitel
Es war ein schwerer, gewichtiger Schritt, mit dem der Amtmann durch die breiten
Gänge, durch die hohe Eintrittshalle und über die weit hingelagerte Rampe
hinabschritt, aber das Herz war ihm noch schwerer. Was er jetzt erlebt hatte,
was ihm eben jetzt widerfahren, war keine Kleinigkeit. Siebenundzwanzig Jahre
hatte sein Urgrossvater die Arten'schen Güter verwaltet, achtundvierzig Jahre
sein Grossvater. Zu seines Vaters Zeiten hatte Baron Franz die hundertjährige
Dienstzeit der Steinerts auf Schloss Richten feierlich begangen. Der
reichverzierte silberne Pokal, den der Freiherr damals seinem Amtmanne verehrt,
stand noch mit dem Eichenkranze, der freilich welk geworden war, voran im grossen
Glasschranke. Seit acht Jahren, seit seines Vaters Tode, wirtschaftete Adam nun
für den Baron, und als er die Stelle angetreten, war er mit dem guten, festen
Glauben darangegangen, hier zu leben und zu schaffen und zu sterben wie die
Amtleute vor ihm, wie sein Vater und dessen Vater auch.
    Allerdings hatten seitdem die Zeiten und die Zustände sich sehr verändert.
Er konnte nicht mehr, wie sein Vater es getan, am Neujahrstage es dem Herrn
vermelden, dass und welchen Überschuss die Güter eingetragen. Es war seit den
acht Jahren immer mehr aufgegangen, als man eingenommen hatte; der Kirchenbau,
die Unterstützung der vielen Flüchtlinge, das breite, keinen Zeitverhältnissen
sich unterordnende Gesellschaftsleben und die grosse Prachtliebe des Barons,
welche von der Herzogin genährt ward, hatten in wenig Jahren nicht nur die
angesammelten Capitalien aufgezehrt, sondern, da man in den letzten Jahren oft
schnell das Geld gebraucht, mannigfache Anleihen nötig gemacht, für die man bei
den unruhigen Zeiten ungewöhnlich hohe Zinsen zahlen müssen, die man nicht immer
gleich zu decken im Stande gewesen war und welche neue Anleihen erfordert
hatten. Freilich waren diese Verlegenheiten durch Aufnahme einer Hypotek auf
Rotenfeld, in welcher Adam, um keine fremden Hände an das Gut heranzulassen,
durch Herrn Flies sein und Eva's Vermögen angelegt, für den Augenblick beseitigt
worden und wenn Adam sich auch Sorge darüber machte, dass schon wieder neue
Wechsel für den Freiherrn zu zahlen waren, so hatte er auch wieder besser als
ein Anderer die Hülfsquellen der Arten'schen Besitzungen gekannt und sich damit
beruhigt, dass Alles noch auszugleichen und herzustellen sei, wenn man einmal mit
dem unnützen Kirchenbaue fertig und der kostspieligen Flüchtlinge ledig geworden
sein würde. Auf Jahre hinaus hatte er seine Berechnungen, seine Plane angelegt;
all sein Sinnen, all seine Kraft und Gedanken hatte er an die Verwaltung dieser
Güter geknüpft. Von früh auf, durch eine hundertjährige Vergangenheit, durch
alle seine Familien-Erinnerungen gewöhnt, das Schicksal der Steinert's mit dem
der Herren von Arten, denen sie dienten, unzertrennlich verbunden zu denken, war
ihm erst in den allerletzten Zeiten je zuweilen die Vorstellung gekommen, dass es
so nicht immer gehen, dass Verhältnisse eintreten könnten, unter denen er nicht
im Stande sein würde, die Herrschaft weiter zu bewirtschaften. Es hatten ihm
das jedoch so entfernte Möglichkeiten gedünkt, dass er sich nie lange, nie
ernstlich mit ihnen beschäftigt; und dass er, einer von den Steinerts, einer von
den Amtleuten, die wie Lehnsleute in dem Hause in Rotenfeld gesessen, von einem
der Freiherren, von seinem Freiherrn mit Schimpf und Schande von Haus und Hof
getrieben werden könne, daran hatte er in keiner Stunde seines Lebens noch
gedacht. Um so härter trat das Ereignis vor ihn hin, um so fester musste er sich
ihm gegenüberstellen, und er tat das auch. War er doch nicht der erste Mensch,
dessen Schicksal eine plötzliche Umwälzung erfuhr; war er doch nicht hülflos,
wenn er diese Güter nicht mehr bewirtschaftete! Die Steinerts hatten ein
hübsches Vermögen zusammengebracht im ehrlichen Dienste der Herren von Arten,
und es stand ja in der Bibel, dass denen, die der Herr liebt, Alles zum Guten
gereichen müsse. Wer weiss, wozu es gut war, dass es hier mit Einem Male mit ihnen
zu Ende ging! Stand es doch nicht in den Sternen geschrieben, dass die Steinerts
immer nur Amtleute der Freiherren von Arten bleiben sollten! Sie konnten
Gutsbesitzer werden, sich auf eigene Füsse stellen, besser als hundert Andere,
denn sie hatten die Kenntnisse und das Capital dazu.
    Es half aber nichts, dass Adam sich dies Alles vorhielt und dass dies Alles
seine volle Richtigkeit hatte. Der Mensch reisst sich nicht mit Einem Schlage von
seiner Vergangenheit los, und wo er's tun muss, blutet die Wunde noch lange
nach.
    Wie er so einsam in seinem Wagen dahinfuhr und mit dem vertrauten Auge über
die Gegend hinsah, fand er sich mit Allem durch seine Sorgfalt dafür verknüpft.
Er kannte jeden Baum, jeden Strauch. Für jeden Acker hatte er gesorgt, jeden Weg
bessern, jeden Zaun erhalten, die meisten Hecken in den letzten Jahren pflanzen
lassen. Die Pferde, welche der Knecht zum Eggen hinausritt, hatte Adam auf dem
letzten Markte gekauft; der Knecht war auf dem Hofe in Rotenfeld geboren und
erwachsen. Zu der Schafheerde, welche der Hirt, nun der Mittag vorüber war, noch
einmal auf die Stoppeln hinausführte, hatte Adam's Grossvater den Stamm gekauft,
und Adam selber war vor sechs Jahren in des Herrn Auftrag in Sachsen gewesen,
von dort her eine edlere Race einzuführen.
    In wessen Hände das nun kommen wird? dachte Adam. Es wird's nicht leicht
einer so gut halten, wie wir getan! Es wird Manches drunter und drüber gehen,
wenn einer darüber gerät, der's nicht zu übersehen und zusammenzuhalten weiss!
Und gar, - wenn ein Unredlicher darüber käme!
    Er schüttelte nachdenklich den Kopf. Wie war es denn gekommen, das arge
Zerwürfnis? Was war denn eigentlich geschehen? Und war es denn nicht zu
vermeiden gewesen? Er konnte es noch nicht begreifen. - Mit grossem Bedachte ging
er den ganzen Lauf der Unterredung durch. Wort für Wort wiederholte er sich
Alles. Er brachte die Anwesenheit des Marquis, die Gemütsart des Barons, sein
gebieterisches Wesen und selbst die Art von väterlicher Herrschaft in Anschlag,
die der Herr über ihn geübt, weil er ihn von Kindesbeinen aufwachsen sehen. Er
erwog Alles, bis auf den Ton, bis auf die Mienen, mit welchen er zu dem Herrn
gesprochen, aber er konnte sich keinen Vorwurf machen. Sein Mannesgefühl und
sein gutes Recht durfte er nicht antasten lassen, der blossen, launenhaften
Willkür brauchte er sich nicht zu unterwerfen. Er konnte mit seiner einzigen
Schwester Zufriedenheit und Glück nicht also spielen lassen, denn es war klar,
aus welchem Grunde immer, der Freiherr hatte ihn absichtlich demütigen und
kränken wollen, und glücklicher Weise befand er sich nicht in der Lage, dies
hinnehmen und ertragen zu müssen. Es war also gut, ganz gut so, wie es gekommen
war.
    An dieser Meinung richtete er sich fest empor, und schon glaubte er
vollständig Meister über den erlittenen Eindruck geworden zu sein, als sein
Wagen in das Tor des Amtofes einfuhr. Wie es so da lag, breit und stattlich
unter den mächtigen Bäumen, das gute, alte Haus, so hatte sein Urgrossvater es
erbaut. Die Bäume aber waren weit älter. Ueber diese Treppe war sein Vater als
Bräutigam mit seiner Mutter eingezogen, über diese Treppe hatten sie Vater und
Mutter zur letzten Rast getragen. Hier hatte er gespielt; hier an der Treppe
hatte er gewartet, als sie mit der Eva zur Taufe nach der Kirche gefahren waren.
Alle seine Erinnerungen knüpften sich an diesen Fleck Erde, an dieses alte Haus;
alle seine Hoffnungen hatte er im Geiste damit in Verbindung gesetzt, und es
tat ihm im Herzen weh, als eben, da er vor seiner Türe anlangte, der Gärtner
ein überschüssiges Gesträuch entwurzelte und über den Zaun hinauswarf.
    Entwurzelt! murmelte er unwillkürlich, und es lief ihm kalt durch die
starken Glieder. Aber der Mensch ist kein Gewächs! sagte er sich zum Troste,
denn eines Trostes fühlte er sich bedürftig.
    Nun? rief ihm Eva entgegen, sobald er den Fuss auf den Boden gesetzt.
    Geduld, versetzte er, lass mich nur erst in die Stube hinein! - Sie sah, dass
etwas ganz Unerwartetes geschehen sein musste, liess ihn vorangehen und folgte
ihm.
    Der Amtmann hing den Hut an den Nagel, legte die Handschuhe zur Seite und
wandte sich nach seiner Stube, um seine Kleider zu wechseln. Es drängte ihn
nicht, das Schwere auszusprechen, er scheute sich vielmehr davor. Aber die
Schwester ertrug es nicht länger. Sie trat behutsam an ihn heran, legte den Arm
auf seine Schulter und sagte: Du bringst nichts Gutes, Bruder! Du hast um
meinetwillen Unannehmlichkeit gehabt!
    Nicht um Deinetwillen! gab er ihr zur Antwort.
    Aber dennoch Unannehmlichkeiten? - Er bejahte es kurz. - So billigt der
Baron die Heirat nicht? fragte sie kleinlaut.
    Adam sah sie an, als komme ihm diese Angelegenheit erst jetzt wieder in den
Sinn, und in dem Augenblicke nur an sich selber denkend, sagte er: Ach, das ist
ja das Wenigste!
    Das Wenigste? Aber was ist denn sonst geschehen? rief Eva, der des Bruders
sichtliche Erschütterung allmählich immer klarer wurde, um Gottes willen, was
ist denn geschehen?
    Er setzte sich hin und zog sie neben sich. Mach' Dich bereit, Schwester,
sprach er, etwas recht Unerwartetes zu hören; es hat mich auch gefasst, als ich's
vernahm! - Er hielt inne und sagte dann: Es ist aus zwischen uns und ihnen - wir
gehen fort von hier!
    Adam, rief das Mädchen, Adam, das ist ja gar nicht möglich! Wir, wir sollen
fort von hier, von hier?
    Ihr Ton erweckte den eigenen Schmerz aufs Neue. Du wärst ja doch bald
fortgegangen! sagte er, um sie und sich zu trösten.
    Aber Du, Du? brach Eva hervor und umschlang ihn mit ihren Armen, und ihre
Tränen fielen nieder auf seine Brust, und das Herz ward ihm so weich, dass er
keines Wortes mächtig war. Draussen tickte die grosse, englische Stehuhr ihren
altgewohnten Pendelschlag, im Hofe plätscherte das Wasser des Rohrbrunnens in
das weite Becken.
    Die Uhr wird hier nicht lange mehr schlagen! Das Wasser werde ich nicht
lange mehr fallen hören! dachte er, und er hatte Not, die eigenen Tränen
zurückzuhalten, deren er sich schämte.
    Mit tiefem Atemzuge stand er auf. Jetzt, da Eva es wusste, hatte er
überwunden. Sei verständig, Mädchen, sagte er, und mach' uns beiden das Herz
nicht unnütz schwer! Richten und Rotenfeld sind nicht die Welt, und ich denke,
wir sollen fortan beide keinen Herrn mehr haben, der uns befehlen kann - und
bald Gott dafür danken, dass wir frei sind, Du und ich! Lass den Christian
satteln, er soll heute bis Feldheim reiten, so erfährt Herbert morgen Mittag in
Kerben, was geschehen ist, und Du musstest es ja auch erfahren! - Komm' zu mir,
wenn Du den Befehl gegeben hast.
 
                              Sechszehntes Capitel
Dem Freiherrn seiner Seits war es auch nicht wohl ums Herz. Er hatte zu viel
Ehrgefühl und Stolz, um es nicht schwer zu empfinden, wenn er sich sagen musste,
dass er einem seiner Untergebenen ein Unrecht getan, und in diesem Falle befand
er sich jetzt seinem Amtmanne gegenüber. Dazu hing er am Hergebrachten, am
Gewohnten mehr als er es sich selber eingestand, und die Herren von Arten hatten
sich immer etwas damit gewusst, seit mehr als hundert Jahren dasselbe Geschlecht
in ihren Diensten zu haben. Alte, treue Diener gehörten nach der richtigen
Ansicht des Freiherrn zum edelsten Familienbesitz, und noch war er niemals in
der Lage gewesen, sich eines Teils desselben zu entäussern. Es wäre ihm hart
angekommen, sich von einem der von Geschlecht zu Geschlecht vererbten Geräte zu
trennen; sich von einem Menschen loszusagen, dessen Familie so lange mit den
Erinnerungen seines Hauses verbunden gewesen war, kam ihm noch schwerer an. Und
er hatte den Adam, er hatte beide Geschwister gern. Es waren, das konnte und
mochte er sich selbst in dieser Stunde nicht verhehlen, tüchtige und brave
Menschen. Einen treueren Beamten als den Adam konnte er nicht finden.
    Er ging mit sich lange und ernstaft zu Rate. Wären die Zeiten gewesen wie
früher, so würde er vielleicht nicht angestanden haben, am nächsten Tage den
Amtmann kommen zu lassen, ihm, der im Grunde ja noch ein junger Mensch war, den
Kopf tüchtig zurecht zu setzen und ihm dann anzuzeigen, dass er ihm vergeben, ihn
in seinem Dienste behalten wolle, und Adam würde das dankbar angenommen haben.
Aber die Zeiten hatten sich gewaltig geändert, seit die Revolution in Frankreich
ausgebrochen war, seit man dort den edeln, unglücklichen König entauptet und
eine Staatsverfassung, eine Republik eingeführt hatte, in der Gewerbtreibende
und Gelehrte, Leute ohne Geburt und Rang am Ruder waren, die den Adel seines
angestammten Besitzes, seiner angeerbten Vorrechte beraubt und das Blut der
edelsten Geschlechter in Strömen vergossen hatten. In Adam's Worten: Ich bin ein
freier Mann! hatte der Freiherr vernommen, was jetzt, seit sie in Frankreich die
Menschenrechte verkündet, all diesen Leuten im Kopfe spukte, und das war es
gewesen, was ihn so erbittert hatte, was ihm auch jetzt ein verzeihendes
Einlenken als völlig untunlich erscheinen liess; denn undenkbar war es nicht,
dass der Amtmann, wie die Welt jetzt aussah, es verschmähte, die dargebotene
Begnadigung anzunehmen. Er hatte zu fest, zu strack vor ihm gestanden! Adam war
auch ganz der Mann danach, mit seinem ansehnlichen Vermögen lieber selbst den
Gutsherrn machen zu wollen - und was dann?
    Der Freiherr konnte, durfte nach seiner Ueberzeugung nicht widerrufen, was
er ausgesprochen! Allerdings hatte er damit eine Menge von Unbequemlichkeiten
und Sorgen über sich genommen, aber es blieb ihm nichts übrig, als den Sohn des
braven Steinert mit einer gerechten Beschwerde über seinen Herrn von dannen
gehen zu lassen. Denn gegen Herbert und Eva war er tatsächlich nicht gerecht
gewesen, und an Allem dem trug, wenn er's recht bedachte, auch Angelika wieder
die Schuld!
    Unwillkürlich fuhr er sich mit der Hand gegen die Brust. Da brannte er ihn
immerfort, der Schmerz: Angelika liebte Herbert, sie selbst hatte es ihm
gestanden, fast ohne sein Zutun, freiwillig gestanden! Er war sehr unglücklich!
- Der Caplan, die Herzogin wussten es, ja - und was das Schlimmste war, es wusste
es auch der Marquis!
    Er hatte diesen niemals gern gesehen. Die grosse Leichtfertigkeit desselben,
seine Lust an kleinlichen Erfolgen, selbst die Weise, in welcher er sich über
seines Königshauses, seines Vaterlandes und über sein eigenes Schicksal
fortzusetzen wusste, däuchten dem Freiherrn eines Edelmannes nicht würdig. Dass
der Marquis ihn jetzt gar in die Lage brachte, seinen Gast von dem Amtmanne, von
einem seiner Diener, anklagen zu hören, dass der Marquis ihn dazu zwang, ihm
Vorstellungen zu machen, war ihm widerwärtig - und ernstliche Vorstellungen
musste er ihm machen, denn es waren bereits mehrfach ähnlich klagende Berichte zu
des Freiherrn Ohr gedrungen.
    Den Freiherrn hatte der Schlaf die ganze Nacht geflohen. Seine Nerven waren
abgespannt, sein ganzes Wesen bedrückt, und das nasse, bleifarbige Gewölk, das
keinen Sonnenstrahl hindurchliess, die unbewegte, schwere Luft des schwülen
Herbsttages waren nicht geeignet, ihn zu befreien oder zu beleben. Die
Mahlzeiten waren unter einer erzwungenen Heiterkeit vorüber gegangen, der Baron,
äusserst mässig in Speise und Trank, hatte gegen seine Gewohnheit reichlicher Wein
getrunken, um zu vergessen, was ihn drückte, oder um sich wenigstens über die
ihm jetzt lästige Stunde des Beisammenseins mit seinen Hausgenossen hinweg zu
helfen. Während man speiste, bestellte er sein Pferd, um auszureiten, indes der
Nebel, welcher den ganzen Tag beherrscht, hatte sich endlich in einen jener
Regen verwandelt, denen man es ansieht, dass sie lange währen; und weil er Luft
und Bewegung nötig hatte, nahm er wieder zu der Gallerie - so nannte man jenen
Saal im Erdgeschosse - seine Zuflucht. Dortin folgte ihm wie gewöhnlich der
Marquis. Es war dem Freiherrn eben recht.
    Als sie sich allein mit einander befanden und mehrmals schweigend in dem
Zimmer auf und nieder gegangen waren, sagte der Freiherr: Haben Sie vielleicht
davon gehört, Marquis, dass ich meinen Amtmann entlasse?
    Nein, versetzte der Marquis, aber Sie tun sicherlich sehr wohl daran!
    Wesshalb? Was wissen Sie davon? fragte der Freiherr.
    O, der Mensch hat einen Ton, Manieren! Er spielt den bourgeois gentilhomme.
Er ist sicherlich einer von denen, die auch bei Ihnen gerades Weges auf die
sogenannte Freiheit und Gleichheit lossteuern würden, wenn man sie nicht im
Zügel hielte. Er wusste ja gar nicht mehr, was ihm geziemte und wer er war! rief
der Marquis, in dem sicheren Glauben, sich dem Freiherrn damit angenehm zu
machen.
    Aber er verfehlte seine Wirkung. Es verdross den Baron, seinen Amtmann von
dem Fremden tadeln, es sich dabei gleichsam vorwerfen zu lassen, dass er ein
Ungebührliches unter seinen Leuten geduldet habe, und mit der ihm
eigentümlichen stolzen Würde sprach er: So sollten wir in unseren Tagen um so
ernstlicher darauf denken, es nicht zu vergessen, wer wir sind und was uns
ziemt!
    Der Marquis blieb stehen. Er hatte in seiner gegenwärtigen Abhängigkeit
jenes Ehrgefühl nicht verloren, an welches der Freiherr seine Mahnung erhob, es
hatte sich im Gegenteil durch seine jetzige Lage steigern müssen, da es mit
seiner anmutigen Person das Einzige war, was ihm von den Umständen nicht
genommen werden konnte; und den feingepuderten Kopf hochfahrend zurückgeworfen,
um sich damit der hohen Stattlichkeit seines Beschützers wenigstens im Äußern
so viel als möglich gleich zu stellen, sagte er: So ziemt es mir sicher auch, zu
erfahren, Herr Baron, womit ich diese Anmahnung verschuldet!
    Es war seit gestern das zweite Mal, dass ein jüngerer von ihm abhängiger
Mann, ein Mann, dem der Baron sich in jeder Rücksicht überlegen wusste, sich ihm
herausfordernd und auf sein Recht pochend entgegenstellte, und unwillkürlich
sagte er sich, wie der Trotz des Amtmannes es gewesen sei, der den Marquis
ermutigt habe. Das brachte des Freiherrn erhitztes Blut in Wallung, und lebhaft
auffahrend, rief er: Vor allen Dingen hätte es Ihnen wohl geziemt, es mir zu
ersparen, dass meine Leute sich bei mir über den Leichtsinn und die Sitten meines
Gastes beklagen müssen. Sie haben die Tochter meines Reitknechtes verführt, mein
Unterförster hat sich über Sie zu beschweren gehabt, der Amtmann ....
    Aber der Zorn des Barons brachte auf den jungen Franzosen, entweder weil er
diese Art von Vorwürfen nicht eben erwartet haben mochte, wirklich eine komische
Wirkung hervor, oder er hoffte, sich mit einem Scherze am leichtesten der
Verlegenheit entziehen zu können, denn er rief lachend: Parbleu, mein Herr
Baron, eine Hofdame, eine Prinzessin wäre mir allerdings lieber gewesen, aber
wesshalb wollen Sie einem jungen Manne einen etwas geschmacklosen Zeitvertreib
gleich zum Verbrechen machen? Irre ich mich nicht, so haben auch Sie sich seiner
Zeit in Ermangelung eines Besseren gar wohl zu bescheiden verstanden, Herr
Baron!
    Der Freiherr ballte die Hand zusammen, die er vornehm in den Falten seines
Jabots hielt. Wir sprechen von Ihnen, nicht von mir, Marquis! sagte er mit
scharfer Betonung. Der Amtmann hat gedroht, vorkommenden Falles sein Hausrecht
wider Sie zu brauchen, und ich wüsste nicht, wie ich's ihm wehren könnte!
    Der Marquis sprang einen Schritt zurück, seine Wange erbleichte. Ich war
lange Zeit ihr Gast, Herr Baron! rief er.
    Und Sie werden mich durch Ihren Leichtsinn gelegentlich noch in die Lage
bringen, einen Edelmann als Gast an meinem Tische zu sehen, an den einer meiner
Leute seine Hand gelegt hat.
    Sicher nicht, Herr Baron, denn ich werde Sie sofort der Möglichkeit
enteben, Ihr Gastrecht und das Recht Ihrer Jahre gegen mich in solcher Weise
geltend zu machen! sagte der Marquis und verliess mit einer förmlichen und
gemessenen Verbeugung die Gallerie.
    Der Baron konnte nach seiner letzten Äusserung nichts Anderes von dem
Marquis erwartet haben, und doch stand er mit einer quälenden Empfindung still,
als er den Tritt desselben in dem Nebenzimmer verhallen hörte. Nicht dass eben
der Marquis sich entfernte, berührte den Freiherrn so unangenehm, denn dieser
war ihm grade heute wieder sehr missfällig gewesen, aber er selber fand sich wie
verwandelt, und das war's, was ihn peinigte. Er, der sein ganzes Wesen zu einem
würdevollen Gleichmasse herangebildet, der eine Aufgabe und eine Befriedigung
darin gefunden hatte, dies in allen Lebenslagen und allen Personen gegenüber zu
behaupten, er fand sich in einer Stimmung, in einer Verfassung, welche ihn
dieses Gleichgewichts beraubte, welche ihn zu Handlungen hintrieb, die er selbst
als ungehörige bezeichnen musste und die ihn zu immer neuen, widerwärtigen
Erörterungen drängten, in deren Folge ihm Alles unter seiner Hand zusammenbrach.
    Es gibt solche Augenblicke, ich habe solche Zeiten schon erlebt, sagte er,
sich zu beschwichtigen, während er mit festem, stolzem Schritte, als bedürfte er
dieses Zeichens seiner selbsterrlichen Kraft, langsam in der Gallerie
umherwanderte. Solch ein Zeitpunkt war's ja auch, in welchem ich vor Jahren mich
von Dresden hierher zurückzog und in dem ich dann Pauline, die arme Pauline, als
ein Glückspfand in mein Leben aufnahm. Er seufzte, als er sich daran erinnerte.
Er hatte lange nicht an sie gedacht, nur seit gestern war ihr Bild ihm wieder
lebendig vor die Seele getreten, und er konnte es jetzt betrachten ohne den
schmerzenden Stachel der Reue, die ihn sonst gequält hatte. Pauline hatte ihm
allein angehört mit ihrem Herzen, sie war ihm treu gewesen bis in ihren Tod, sie
hatte keinen Anderen geliebt, als ihn!
    Er presste die Lippen gewaltsam auf einander. Das war es! Das war es, was ihm
seine Ruhe, seine Fassung raubte, was ihn kein Auge hatte schliessen lassen in
der Nacht!
    Es war ein Bruch in sein Leben gekommen. Er fühlte sich in seiner Ehre
angetastet, und der Mann, der ihn die Liebe seiner Gattin gekostet hatte, stand
so tief unter ihm, dass er die erfahrene Beleidigung nicht einmal, wie es unter
Edelleuten üblich, hätte rächen können, auch wenn er dies gewollt hätte.
Angelika's Liebe hatte ihn nie ganz erfüllt, nie wahrhaft beglückt; aber das
Vertrauen auf dieselbe hatte zu den Grundbedingungen seines Daseins gehört, und
nicht mehr auf dieselbe rechnen und bauen zu können, war ein schwerer Verlust
für ihn. Er hatte sich in ihr geirrt, sich betrogen, und er konnte dies weder
sich selber noch denjenigen Personen verbergen, welche die Vertrauten des
unglücklichen Geheimnisses geworden waren. Es konnte nicht fehlen, dass er die
Frau, welche ihm diese Wunde geschlagen hatte, bald als die alleinige Ursache
aller seiner Leiden und aller seiner Widerwärtigkeiten ansah.
    Es war sein innerer Kummer, es war sein unterdrückter Schmerz und Grimm, die
ihn sich selbst entfremdeten und die ihn im Zorne weit über seine sonstige
Weise, fast bis zur Selbstvergessenheit hinausgetrieben hatten. Es war Angelika,
deren Schuld den Bruch mit Adam veranlasst; auch der verdriessliche Handel mit dem
Marquis, der ihn die Gesellschaft seiner Freundin kosten und die Herzogin der
Zufluchtsstätte berauben konnte, welche ihr zu bieten dem Freiherrn eine Freude
und eine Ehrensache gewesen war, liess sich schliesslich auf Angelika's Schuld
zurückführen, und doch musste er sie, wenn er sich nicht selber Preis geben
wollte, um seiner eigenen Ehre willen nach wie vor zu lieben scheinen, während
eine kalte Abneigung gegen sie sich seiner immer mehr bemächtigte.
    Aber um Angelika's willen sollte die Herzogin nicht scheiden. Das wenigstens
musste er zu verhindern suchen. Hatte sie doch gleich Anfangs den Eintritt der
flüchtigen Verwandten in ihr Haus mit Misstrauen begrüsst und eben in diesen Tagen
ihn vor der Herzogin gewarnt, der sie doch ihr volles Vertrauen zugewendet. Er
durchschaute das Spiel, welches Angelika, wie er meinte, zu spielen gewillt war,
aber er versprach sich, dass sie es nicht gewinnen, nicht auf seine und seiner
Freundin Kosten als Siegerin aus demselben hervorgehen sollte.
 
                              Siebzehntes Capitel
Einen Abend wie diesen hatte die Dienerschaft im Schloss nie erlebt. Die
Herzogin speiste auf ihrem Zimmer, der Marquis leistete ihr Gesellschaft. Der
Freiherr ass gar nicht zu Nacht, und im Speisesaale hatten der Caplan und die
Baronin die aufgetragenen Schüsseln kaum berührt.
    Oben im Vorzimmer der fremden Herrschaften packte der Diener die Koffer des
Marquis. Der zweite Kutscher hatte Befehl bekommen, die leichte Reisekalesche
fertig zu halten, ein Reitknecht war in Nacht und Nebel mit Relaispferden nach
der Stadt geschickt worden.
    Man fragte den Diener des Marquis, was denn geschehen sei, dass sein Herr so
plötzlich nach der Residenz aufbreche. Er konnte das nicht sagen. Man wollte
erfahren, ob denn die Frau Herzogin mit ihrem Bruder gehe. Auch das wusste er
nicht, und die Kammerfrau der Herzogin, von der man Auskunft erwarten durfte,
liess sich gar nicht sehen. Des Vermutens, des Fragens, des Meinens und des
Prophezeiens war auf den Treppen, in den Vorsälen und in den Domestikenzimmern
gar kein Ende, und doch brachte man's zu keinem festen Abschlusse. Nur das Eine
wusste man sicher, die Kammerfrau der Herzogin hatte dem Freiherrn gegen Abend
einen Auftrag, der Secretair behauptete sogar, einen Brief gebracht.
    Die Herzogin lässt auch packen, sagte der Diener, welcher nach der Mahlzeit
die Tafel in ihrem Zimmer abzuräumen gehabt hatte, und als ich eben fortging,
kam der Herr Baron den Corridor entlang und ging zu ihr.
    Es geschah sonst niemals, dass der Freiherr die Herzogin in ihrer Wohnung
aufsuchte, ohne sich bei ihr vorher förmlich anmelden zu lassen, denn er
wünschte ihr auch in seinem Schloss das Gefühl zu erhalten, dass sie Herrin bei
sich sei. Heute jedoch klopfte er selbst an ihre Türe. Die Kammerfrau öffnete
ihm und liess ihn ein, aber die Herzogin war nicht anwesend. Erst als er nach ihr
fragte, trat sie aus dem Nebenzimmer hervor.
    Ihre Haltung, ihr Blick waren noch ruhiger, noch würdevoller als gewöhnlich,
und ohne abzuwarten, was er ihr zu sagen habe, reichte sie ihm die Hand entgegen
und sprach mit sanfter Freundlichkeit: Sehen Sie, mein Cousin, da stehen wir
wieder einmal vor einem jener Ereignisse, von denen ich Ihnen oft gesprochen
habe, vor einem jener Zufälle, die uns unerwartet daran mahnen, dass nichts in
unserem Leben Dauer hat, und die uns davor warnen, uns keiner friedensvollen
Sicherheit zu überlassen!
    Sie hatte sich mit den Worten auf das Canapee gesetzt, und während der
Freiherr ihr zur Seite auf einem Sessel Platz nahm, wies sie, mit einer leichten
Bewegung ihn um Entschuldigung dafür bittend, dass sie in seinem Beisein eine
solche Anordnung treffe, ihre Kammerfrau an, die Schreibgerätschaften, welche
auf dem Tische standen, in ihre Schatulle einzupacken.
    Als die Dienerin sich entfernt hatte, sagte der Freiherr, indem er sich
bittend gegen die Herzogin neigte: Lassen Sie uns nicht dem Schicksale
aufbürden, was in unserer Hand liegt, meine Freundin! Gönnen wir einem Zufalle,
gönnen wir der Unüberlegteit und dem heissen Temperamente eines jungen Mannes
nicht die Macht, dasjenige zu zerstören, was wir durch ein Leben lang heilig
gehalten haben, unsere Freundschaft, und uns dessen zu berauben, was mir
wenigstens ein Unersetzliches ist! Gehen Sie nicht von uns, Herzogin, ich bitte
Sie darum!
    Sein Ton war weich, seine Geberde mild und traurig, denn er hatte in diesen
letzten Tagen innerlich viel durchgemacht. Er liebte es, mit grossmütigem Herzen
die Menschen, welche in seiner Nähe lebten, zu beglücken, und wohin er in diesem
Augenblicke sah, wusste er, dass man seiner mit Unzufriedenheit gedachte. Das
Schloss, das Amtaus, Alles stand in düsterm Lichte vor ihm. Alles versagte sich
ihm, Alles verliess ihn, worauf er sich gestützt hatte; und nun wollte auch sie,
die bewährte Freundin, von ihm gehen, die ihn mit seiner Jugendzeit verknüpfte,
der er gewähren konnte, was sie sonst nirgends fand: eine Heimat und eine
Sorgenfreiheit, die sie von ihm, dem Blutsverwandten, dem alten Freunde, ohne
das Gefühl erniedrigender Wohltat anzunehmen vermochte. Die Herzogin in
Unfrieden von seiner Schwelle scheiden zu lassen, wäre ihm ein Schmerz und nach
seiner Anschauungsweise eine neue und schwere Kränkung seiner Ehre, seiner
Standes- und Familienehre gewesen. Sie kannte ihn auch genugsam, um seine
Empfindungen und Anschauungen in diesem Punkte richtig zu beurteilen, und sie
hatte sich auf dieselben mit Zuversicht verlassen.
    Zum ersten Male hatte es einen Streit zwischen ihr und dem Marquis gegeben.
Sie befand sich nicht mehr in der Lage, in welcher sie dem verwöhnten Lieblinge
jede Grille durchgehen lassen und jeder seiner Torheiten mit ihrem Vermögen und
Einflusse begegnen konnte. Sie hatte es mit widerstrebendem Herzen gelernt, sich
in die Verhältnisse zu schicken, und sich beschieden, für ihre verlorene
Lebensfreiheit so weit als möglich in der Herrschaft Ersatz zu suchen, welche
sie über diejenigen ausübte, von denen sich abhängig zu wissen ihr Stolz nur
schwer ertrug; denn es ist das Glück der Herrschsüchtigen, dass sie in dem
Herrschen an und für sich einen Genuss empfinden und dass ihre Befriedigung nur
bis zu einem gewissen Grade von dem Gegenstande, über den sie herrschen,
abhängig ist. Sie konnte hier in Richten, wie die Verhältnisse jetzt lagen,
zusehen, abwarten, geschehen lassen, ohne Langeweile dabei zu empfinden; sie
brauchte nur wie ein geübter Schachspieler die Figuren, welche man von beiden
Seiten in das Spiel und in Bewegung brachte, im Auge zu behalten, um den rechten
Moment nicht zu verfehlen, in welchem ein geschickter Eingriff die ihr
erwünschte Lösung bringen musste. Sie hatte sich ihre Stellung in Schloss Richten
zu gewinnen und zu behaupten gewusst, und sie war ihr lieb und lieber geworden,
je unmöglicher die Rückkehr in ihre früheren Verhältnisse sich durch den
Fortgang der französischen Revolution gezeigt hatte.
    Wie sie einst in Vaudricour die vornehmste Frau in der Provinz gewesen war,
und Hof gehalten hatte in ihrer Weise, so hatte sie sich allmählich in diesem
entlegenen Teile Deutschlands festgesetzt, und das Zartgefühl der Baronin, die
Grossmut des Barons hatten ihr dazu den Weg geebnet. Allen ihren Bedürfnissen
ward im Voraus begegnet, ja, der Freiherr hatte es in der schonendsten und
liebenswürdigsten Art dahin gebracht, ihr allmählich in Form eines Darlehens ein
Nadelgeld auszusetzen, gross genug, auch den Marquis zu versorgen; und wenn die
Herzogin auch über die Summen, welche sie empfing, jedes Mal einen Schuldschein
zu unterzeichnen verlangte, so hatte sie es doch in Erfahrung gebracht, dass die
Summen in den Büchern nicht auf ihren, sondern auf des Freiherrn Namen
eingetragen wurden, und dass dieser die Quittungen, welche sie ausstellte, stets
selbst vernichtete, damit sie niemals, auch nicht etwa von seinen Erben, gegen
die Herzogin geltend gemacht werden konnten.
    Aus diesem Zustande, dem wünschenswertesten, welcher sich augenblicklich
für sie denken liess, hatte der Leichtsinn des Marquis sie aufgeschreckt, und
wenn dieser seinerseits in der Aufwallung seines Zornes und seines beleidigten
Ehrgefühls auch an nichts weiter denken konnte und mochte, als den Anforderungen
des letzteren genug zu tun, so sah die Herzogin mit jener schnell arbeitenden
Phantasie, welche die unentbehrliche und unzertrennliche Gefährtin eines
scharfen Verstandes ist, sofort über den Augenblick zu dessen Folgen hinüber,
und sie konnte nicht zweifelhaft sein, was hier geschehen könne, was ihr zu tun
obliege.
    Dass der Marquis nicht bleiben, wenigstens für jetzt nicht in Richten bleiben
könne, verstand sich von selbst. Aber eben weil er gehen musste, war sie zu
bleiben genötigt, denn nur auf diese Weise konnte sie ihm die Mittel zu seinem
Unterhalte schaffen; indes freiwillig zu bleiben ziemte ihr nicht, da sie ihren
Bruder als den Beleidigten darzustellen wünschte, und nach den ersten lebhaften
Erörterungen zwischen ihr und dem Marquis hatte sie dem Freiherrn geschrieben,
dass sie sich zu ihrem Schmerze und, wie sie hoffe, auch zu seinem und dem
Bedauern der Baronin in die traurige Notwendigkeit versetzt finde, auf seine
grossmütige Gastfreundschaft verzichten und in eine ihr so leere und fremde Welt
zurückkehren zu müssen, gegen deren Oede und Schrecken sie unter seinem Dache,
an seinem Heerde, unter dem Schutze ihres beiderseitigen Ahnenschlosses eine so
friedliche und beglückende Zuflucht gefunden habe. Alles, um was sie sich
erlaube, ihn noch zu bitten, sei, dass er ihr die Vierteljahrs-Zahlung noch
einmal anweisen lasse, und dass er ihr vergönnen möge, sich seines Wagens und
seiner Pferde bis zu der Stadt zu bedienen, in welcher sie zuerst zu übernachten
denke und in der sie Postpferde für ihr weiteres Fortkommen finden könne.
    Sie hatte mit Sicherheit den Eindruck berechnet, welchen solch ein Schreiben
eben in diesem Augenblicke auf den Freiherrn machen würde, und sie hatte sich
nicht darin getäuscht. Es war in der Voraussicht seines Besuches gewesen, dass
sie Befehl gegeben hatte, hier und da einen der Gegenstände und der
Gerätschaften, deren sie sich zu bedienen pflegte und welche der Freiherr an
ihrem bestimmten Platze zu sehen gewohnt war, aus dem Gemache zu entfernen, und
in der Tat bedünkte ihn diese kleine Zerstörung der ihm in einer bestimmten
Form vertraut gewordenen Umgebung unheimlich.
    Da die Herzogin auf des Freiherrn Bitte, das Schloss nicht zu verlassen, nur
mit einer schmerzlichen Bewegung ihrer Mienen antwortete, sprach er nach kurzem
Schweigen: Hören Sie, meine Freundin, wie draussen der Wind die starren Aeste der
Bäume schüttelt, das Jahr geht abwärts, das Wetter ist schlecht! Er hielt inne,
nahm dann ihre Hand und sagte: Auch unser Leben, Margarete, wie wir uns gegen
diese Erkenntnis in günstiger Stunde auch zu betäuben suchen, ist kein
aufsteigendes mehr, der Weg wird übersichtlich, welcher noch vor uns liegt, und
was wir auf demselben an Glück noch etwa finden könnten, das sollten wir
freiwillig nicht vermindern!
    Wir? nahm die Herzogin das Wort, wir? Wie dürfen Sie Ihr Schicksal dem
meinigen vergleichen, teurer Freund? Sie haben Renatus, den Sohn, der Ihnen
fröhlich und gesund heranwächst, Sie stehen inmitten Ihrer Heimat, Sie besitzen
die Liebe einer jungen, edeln Frau! - Aber was fehlt Ihnen, mein Freund? rief
sie, sich plötzlich unterbrechend. Was habe ich denn gesagt, das sie betrübt?
Oder ist es nur der flackernde Schein der Kerzen, der mir Ihr Gesicht so bleich
erscheinen macht?
    Der Freiherr zögerte, ihr zu antworten, weil er zum ersten Male die
Unwahrheit der Herzogin erkannte. Was bedeutete es, dass sie ihn auf die Liebe
seiner Gemahlin hinwies, sie, der Angelika das unglückliche Geheimnis ihrer
Liebe zu dem Architekten anvertraut hatte? Es widerstrebte ihm, sich der
Täuschung hinzugeben, die sie ihm schmeichlerisch bereiten zu wollen schien, es
widerstand ihm eben so, ihr zu bekennen, dass er ihre Absicht durchschaute; aber
sie liess ihm zum Ueberlegen keine Zeit, denn mit grösster Wärme seine Hände
ergreifend, rief sie: O, mein Freund, wäre ich so unglücklich gewesen, eine
schmerzhafte Saite in Ihrem Leben zu berühren? Wüssten Sie etwa, was ich Ihrer
Kenntnis vorentalten zu sehen hoffte, dass selbst diese schöne, edle Natur ....
    Der Freiherr machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Lassen Sie das,
lassen Sie das, meine Freundin! sagte er. Es ist nicht weise, von einem
Unwiederbringlichen zu sprechen und seine Gedanken damit zu beschäftigen,
besonders wenn man sich nicht mehr mit neuen Täuschungen über eine erlittene
Täuschung fortzuhelfen vermag; und ich darf es leider sagen: meine letzte
Täuschung liegt jetzt hinter mir! - Er seufzte, unterdrückte, was er noch sagen
zu wollen schien, und sie schwiegen beide.
    Sie könnten mich tadeln, nahm nach einer Weile die Herzogin das Wort, dass
ich Sie nicht benachrichtigt, dass ich überhaupt das Vertrauen der armen Angelika
angenommen habe. Aber das erregte Herz verlangt sich auszusprechen, und da mir
der Eindruck, welchen jener junge Mann auf die Baronin seit dem ersten Tage
seiner Ankunft gemacht hatte, nicht entgangen war, wusste ich keine besseren
Hände für die Bewahrung des traurigen Geheimnisses, als die meinigen. Ich
brachte sie dahin, sich mitzuteilen, ich selbst entüllte ihr, was in ihrer
Seele vorging, damit sie sich dem Zuge nicht blindlings und ahnungslos überliess;
ich tat, was in meinen Kräften stand, sie zu zerstreuen. O, es war nicht
meinetwegen, dass ich Sie immer wieder antrieb, neue Gäste einzuladen, auf neue
Vergnügungen zu sinnen! Und es ist wahr, die Baronin hat mit sich gekämpft, mit
sich gerungen lange Zeit; aber Sie kennen das Frauenherz und seinen zärtlichen
Eigensinn! Sie kennen die unbezwingliche Gewalt der Leidenschaft! - Sie brach
plötzlich in ihrer Rede ab.
    Ja, ich kenne sie, sprach der Freiherr dumpf, ich kenne sie! - Er erhob sich
und trat an das Fenster. Die Nacht war sehr finster. Eine Weile liess die
Herzogin ihn stehen, dann näherte sie sich ihm, legte ihren Arm leise auf den
seinigen und sagte: Es tut Ihnen nicht gut, mein Freund, so schweigend in das
Dunkel hinaus zu sehen. Richten Sie sich auf, mein Freund! Es gibt kein Uebel,
das unheilbar wäre, wenn man es ernstlich zu heilen wünscht!
    Sie irren, meine Freundin! entgegnete der Freiherr.
    O, rief sie, ich glaube an das Eisen, das die Wunde heilen kann, welche es
geschlagen!
    Eine Fabel, eine Fabel, wie so vieles Andere, an das wir auch geglaubt
haben! bedeutete er mit trübem Lächeln.
    Lassen Sie es mich wenigstens versuchen, mein Cousin! bat die Herzogin.
    Des Freiherrn Züge belebten sich. Heisst das, dass Sie nicht von uns gehen,
Margarete?
    Könnte ich Sie und unsere arme Angelika sich in solchem Zustande einander
überlassen? rief sie. Muss ich denn nicht bleiben, um von Ihnen zu erlangen, was
Sie mir gewähren, gleich jetzt gewähren müssen?
    Sprechen Sie, sprechen Sie, meine teure Margarete! sagte der Freiherr.
    Ich verlange nichts für mich, und doch ist es die höchste Beruhigung für
mein Herz, die ich begehre, sagte sie. Ich verlange, dass mein Freund, der selbst
im Leben viel geirrt und viel gefehlt hat, und mancher Vergebung benötigt
gewesen ist, seiner Gattin verzeihe, und dass ich es sei, der den Verzeihenden,
den Versöhnten noch an diesem Abende wieder zu ihr führt!
    Der Freiherr antwortete nicht. - Ich kann nicht verzeihen, was erlitten zu
haben ich nicht vergessen kann! entgegnete er endlich, und die frühere
Düsterkeit lagerte sich wieder über sein Antlitz.
    So beruhigen Sie wenigstens die Frau, welche Ihnen Ihren Sohn geboren hat,
befreien Sie ihr den Sinn, damit das Kind nicht weiter von ihrer Schwermut
leide, und lassen sie die Zeit walten und mich versuchen, was die Freundschaft
kann! bat sie aufs Neue und noch dringender, als zuvor.
    Sie sind der gute Engel unseres Hauses! rief der Freiherr.
    Nicht doch, nur eine verlässliche alte Frau, entgegnete ihm die Herzogin, nur
eine Frau, der es die höchste Befriedigung gewähren würde, Ihnen endlich einmal
zu irgend etwas nütze sein zu können.
    Sie reichte dem Baron die Hand, er küsste sie ihr, und ihren Arm in den
seinen legend, gingen sie ohne zu sprechen mehrmals in dem Gemache auf und ab,
bis der Freiherr das Wort nahm und sie bat, ihr Vermittleramt nun auch zwischen
ihm und dem Marquis zu üben, da er sie nicht der Gesellschaft ihres Bruders zu
berauben und ihr den Aufentalt in diesem Schloss dadurch für die Zukunft nicht
weniger angenehm zu machen wünsche.
    Aber davon wollte sie nicht hören. Es sei nötig, sagte sie, ihrem von ihr
verwöhnten Bruder zu beweisen, was er hier in der grossmütigen Gastfreundschaft
des Freiherrn besessen und leichtsinnig verscherzt habe, nötiger noch, dass er
strebe, sich eine ihm angemessene Tätigkeit im Heere oder sonst im Dienste des
Königs zu suchen, bei welcher sein lebhafter Sinn sich genug tue, seine Anlagen
und Kenntnisse ihre entsprechende Verwertung finden könnten. Ihr Bruder sei zu
jung, um dauernde Befriedigung in dem Stillleben zu finden, auf das zu
verzichten sie ein grosses Opfer gekostet haben würde; und da der Freiherr ihre
Meinung teilte, verstand es sich von selbst, dass er sich erbot, den Scheidenden
mit den Empfehlungen und Anweisungen auszurüsten, deren er für die Erreichung
seiner Zwecke bedürftig sein konnte. Er sagte sodann, dass er ihr sofort die
Summe senden werde, um welche sie ihn gebeten hatte, und ersuchte sie selbst,
ihm darüber den gewohnten Schuldschein auszufertigen.
    Sie schellte ihrer Kammerfrau. Packen Sie mein Schreibzeug wieder aus und
bringen Sie es her! befahl sie.
    Das Gespräch zwischen ihr und dem Freiherrn beschäftigte sich ausschliesslich
mit dem Marquis. Während sie dann den Schuldschein unterzeichnete, sagte sie mit
einem tiefen Seufzer: Das wird hinreichen, seine Bedürfnisse zu decken, bis er
eine Anstellung erhält.
    Nicht doch, nicht doch, rief der Freiherr, welcher ihr einen Beweis zu geben
wünschte, wie lieb es ihm sei, sie bei sich behalten zu können, diese Summe muss
Ihnen bleiben, Sie können sich deren nicht entäussern, Teuerste! Den Marquis zu
versorgen, bis er dies selber tun kann, dies, teure Freundin, ist meine Sache.
Die Ihrige ist's, ihn zu vermögen, dass er die Vorsorge Ihres alten Freundes
nicht von sich weist, weil dieser sich einmal in der übeln Lage befunden hat,
ihm einige kleine, nicht angenehme Vorstellungen zu machen. Ich schicke ihm
morgen eine Anweisung auf meinen Banquier. Und damit gute Nacht, teure
Herzogin; gute Nacht, meine teure, treue Freundin!
    Er wollte sich entfernen, ihr die Notwendigkeit des Dankes zu ersparen; sie
aber hielt ihn zurück. Und Angelika? fragte sie.
    Morgen, morgen! entgegnete er ihr. Lassen Sie mir Zeit, mich zu fassen, mich
zu überwinden, lassen Sie der Baronin die Zeit, zu überdenken, was sie getan
hat! Sie bleiben ja mit uns!
 
                              Achtzehntes Capitel
Herbert war kaum in die Stadt zurückgekehrt, als er zu Seba hinunterging, ihr
die Nachricht von seiner Verlobung zu bringen. Sie kannte seine Erwählte nicht,
aber sie kannte den Amtmann, und die einfache Tüchtigkeit desselben und das
Gute, welches er bei seinen verschiedenen Geschäftsbesuchen im Flies'schen Hause
von der Schwester gerühmt, hatten sie für das Mädchen eingenommen und sie
Herbert's wachsendes Wohlgefallen an Eva lange mit Freude bemerken lassen. Sie
hatte von je gehofft, dass es Eva's Gradheit gelingen werde, den beunruhigenden
Einfluss zu brechen, den die Baronin auf Herbert übte, und als er ihr jetzt mit
Lebhaftigkeit von Eva's klarem, nur auf das Nächste gestellten Sinne, von ihrer
schlichten Wahrhaftigkeit, von der unverhohlenen Wärme sprach, mit welcher sie
ihm ihre Neigung immer kund gegeben, da füllten sich Seba's Augen schnell mit
Tränen, und ihre Hände auf seine Schultern legend, sagte sie mit freudiger
Bewegung: O, Gott segne Sie! Gott segne Sie und all Ihr Glück!
    Einfach wie ihr Ausruf und ihre Bewegung waren, ergriffen sie den Freund.
Werde ich Ihnen denn einen solchen Segenswunsch nicht einst erwiedern können?
fragte er, indem er ihre Hände küsste.
    Sie schüttelte verneinend das schöne Haupt. Sie sind so gut, so edel, sagte
er, Sie müssen Liebe finden, denn Sie verdienen sie! Sie müssen lieben können,
wie wenig andere Frauen!
    Ja, versetzte sie, das habe ich Alles einstmals selbst geglaubt, aber -
    Sie wollte nicht weiter sprechen, er nötigte sie jedoch dazu. Da glitt
jenes melancholische Lächeln, das lange Zeiten hindurch nicht von ihrem Antlitze
gewichen war, wieder einmal über ihre Mienen, und mit einem Tone, der den
Schmerz ihrer Seele nicht zu verbergen wusste, obschon sie bemüht war, ihn zu
unterdrücken, sagte sie: Damals, als ich glaubte, ich müsse glücklich werden
können, weil ich es zu werden wünschte, kannte ich die Einrichtung der Welt noch
nicht. Damals wusste ich noch nicht, dass man auf seinem Posten bleiben und
geduldig und bescheiden sein muss, um nicht in wilder Hast an seinem Ziele
vorüber zu eilen. Damals sah ich es auch noch nicht ein, dass wir nicht alle die
gleiche Rolle im Leben spielen können und dass es auch Zuschauer für das Glück
der Andern geben muss. Sie und Ihre Eva, Sie sind an Ihrem rechten Platz
geblieben, Sie sind zwei Glückliche. Ich - ich verkannte meinen Platz, ich
konnte mich nicht bescheiden, ich verstand nicht, zu warten, ich stürzte mich
mit blinder Hast ins Leben - ich habe meine Rolle schlecht begriffen, schlecht
gespielt, und muss sehr froh sein, dass ich Ihnen zusehen und mich an Ihrem Glücke
erfreuen kann. Spielen Sie das Stück recht schön zu Ende, und Sie sollen es
erleben, welche Genugtuung Sie mir damit gewähren.
    Herbert wollte sich damit nicht beruhigen. Als Eva's Verlobter fühlte er
sich Seba gegenüber freier; aber sie wollte nun von sich selber nicht mehr
sprechen hören. Nur von Herbert sollte die Rede sein, und da inzwischen auch
ihre Eltern hinzugekommen waren und Herbert erzählt hatte, wie seine
Angelegenheiten ständen, sagte er, gegen Herrn Flies gewendet: Raten Sie mir,
was soll ich tun?
    Was hat Ihr Herr Vater Ihnen zu tun geraten? fragte der Juwelier.
    Ich habe ihm noch gar Nichts von meinem Verlöbnis geschrieben, um ihm nicht
von der Weigerung des Freiherrn sprechen zu müssen, den er immer für seinen
Gönner, seinen Freund gehalten hat. Und mein Vater ist in einem Alter, in
welchem man den Verlust eines Freundes nicht mehr leicht verschmerzt.
    Man muss jung und gut sein, meinte Herr Flies, um also von dem Alter zu
denken, das vielmehr den traurigen Vorzug hat, von solchen Verlusten nicht mehr
überrascht zu werden. Trotzdem haben Sie in jedem Falle Recht, wenn Sie Ihrem
Vater eine Unannehmlichkeit ersparen, da Sie ohnehin in dieser Sache gar nichts
tun können, als ....
    Nun, was denn? fragten Herbert und Seba wie aus Einem Munde.
    Nichts als abwarten! sagte der Juwelier.
    Bis der Sinn des Freiherrn sich etwa ändert? rief mit sichtlichem Verdrusse
der Architekt, welcher auf einen ganz anderen Rat gerechnet zu haben schien.
    Bis für Sie an des Freiherrn gutem Willen nichts mehr gelegen ist! bedeutete
der Andere. Wenn Herr Steinert aus seinem bisherigen Verhältnis zu dem Freiherrn
austritt ....
    Würden Sie dies billigen und wünschen, lieber Vater? fiel ihm Seba in die
Rede.
    Ja, wenn er der Mann ist, für den ich ihn halte, und wenn er so empfindet,
wie er an den Herrn Architekten schreibt! meinte Herr Flies. Denn es soll
Niemand dienen, der die Möglichkeit hat, auf eigenen Füssen zu stehen!
    Aber wie lange soll denn Herbert warten? meinte Seba, die es in der
lebhaften Teilnahme für ihren Freund schon wieder vergessen zu haben schien,
dass sie ruhiges Abwarten eben erst für eine Tugend angesehen hatte. Wie lange
sollen Eva und ihr Bräutigam denn warten? wiederholte sie.
    Bis die Umstände ihnen entgegenkommen, antwortete Herr Flies. Es gehen so
viele Wege durch das Leben; von irgend einem Wege kommt das Rechte seiner Zeit,
wenn wir ihm dann nur Tor und Türe öffnen. Warten Sie es ab, lieber junger
Freund, was sie dort in Richten tun werden und was dort geschieht; warten Sie
das ab.
    Es lag in der ruhigen und zurückhaltenden Redeweise, welche der vorsichtige
Geschäftsmann sich in seinem langen Verkehre mit Menschen der verschiedensten
Stände angeeignet hatte, etwas sehr Beruhigendes, selbst dann, wenn er, wie eben
jetzt, seine Meinung nicht ganz kund gab. Alle fühlten, dass er etwas
verschweige, was auf die getane Frage nicht ohne Einfluss sei; indes sie kannten
ihn darauf, dass man ihm nicht entlocken könne, was er nicht freiwillig gewähre,
und er selber gab dem Gespräche mit der Frage, wie viel Zeit die Vollendung des
Kirchenbaues in Rotenfeld noch fordern würde, eine andere Wendung.
    Herbert meinte, dass man im nächsten Sommer nicht fertig werden könne, wenn
man nicht die Mittel fände, den Bau mehr zu fördern, als es in den beiden
letzten Jahren, eben der nicht ausreichend bewilligten Mittel wegen, möglich
gewesen sei. Herr Flies wollte die Summe kennen, deren man noch für den Bau
bedurfte, und er fand sie gross, da Jener sie ihm nannte. Herbert begann sich zu
verteidigen, aber Herr Flies liess es dazu nicht kommen. Verstehen Sie mich
recht, sagte er, ich beurteile nicht den Bau und seine Erfordernisse, denn ich
habe davon keine genauen Kenntnisse!
    
    Und doch nannten Sie die Summe gross?
    Ich dachte dabei nur an den Herrn Baron, gab er zur Antwort. Er ist
freigebig, zu freigebig vielleicht, und freigebig gegen Personen, die nicht
bedenklich sind, von seiner Freigebigkeit den ausgedehntesten Gebrauch zu
machen. Nun jeder Stand hat seine eigene Ehre, und unsere Herren vom Adel hier
scheinen noch nicht zu merken, was um sie her geschieht, scheinen noch zu
glauben, dass hier Alles beim Alten bleiben könne und werde, wenn rund um uns her
das Bestehende längst gewandelt und in seinen Grundlagen vernichtet ist.
    Einer seiner Comptoir-Gehülfen, welcher ihm ein Packet Briefe aushändigte,
unterbrach seine Bemerkungen. Er betrachtete die Briefe der Reihe nach, bevor er
sie eröffnete, sah sie flüchtig durch und gab sie dem Gehülfen zurück; nur zwei
davon behielt er und las sie langsam und mit sichtlicher Aufmerksamkeit. Nachdem
er den einen gefaltet und in seine Brusttasche gesteckt hatte, sagte er: Es
freut mich, dass ich mich in dem Manne nicht getäuscht habe! Ihr künftiger
Schwager nimmt seine Sache, wie er muss, und was an mir ist, werde ich ihm
helfen! Es ist auch ein Brief von Mademoiselle Steinert für Sie dabei, in
welchem dann freilich von anderen Dingen als von Geschäften die Rede sein wird.
-
    Es war das erste Schreiben, das Herbert nach der Sendung durch den Boten von
seiner Braut empfing. Sie meldete ihm die Abreise des Marquis, welche sie
natürlich als ein Zugeständnis an ihres Bruders Beschwerde ansah; sie sprach von
einem Besuche, den der Caplan bei ihnen gemacht habe, und schilderte, wie er den
Bruder habe überreden wollen, sich dem Freiherrn zu nähern und Vergebung für
seine Heftigkeit von ihm zu fordern oder doch mindestens sein Bedauern über
dieselbe auszusprechen. Aber, berichtete sie, der Bruder ist wie umgewandelt
seit dem Tage, und sein ganzes Dichten und Trachten ist nur darauf gestellt, so
bald als möglich von hier fortzukommen.
    Und so war es in der Tat. Der Amtmann gehörte zu den Menschen, die mit
Geduld eine lange Zeit hindurch Unbequemlichkeiten, Störnisse und
Widerwärtigkeiten ertragen und sich damit beruhigen können, dass dies mit ihren
Verhältnissen zusammenhange. Er hatte mancher unbilligen Anforderung des
Freiherrn zu genügen gesucht und sich gesagt, die Herren wären das einmal von
Alters her gewohnt. Er hatte sich manchen Tadel gefallen lassen, weil der
Freiherr ihn von klein auf gekannt, weil, wie er wusste, den Herren von Arten das
befehlshaberische Wesen einmal im Blute lag, und weil es, als der Amtmann seinen
ererbten Posten angetreten, doch im Grunde nur Geringfügiges gewesen war, um das
es sich bei den gelegentlichen Streitigkeiten gehandelt hatte. Seit den letzten
Jahren aber war das anders geworden.
    Adam hatte sich nicht mehr wohl in seiner Wirtschaft gefühlt, aus welcher
so viel als irgend möglich für unfruchtbare Ausgaben herausgezogen wurde, ohne
dass die nötigen Mittel zur Unterhaltung und Weiterförderung der Cultur zur Hand
geblieben wären. Seine Vorstellungen hatte der Freiherr immer ruhig angehört,
ohne ihnen jedoch Folge zu geben. Von einem Jahre hatte er die wirtschaftlichen
Verlangnisse seines Amtmannes auf das andere hinausgeschoben, notwendige
Arbeiten hatten unterbleiben müssen, weil Wälder für den Verkauf gefällt werden
sollten; notwendige Bauten waren ausgesetzt worden dem Kirchenbau zu Liebe, und
wie Adam sich auch anstrengen mochte, dem Verfalle der Güter entgegen zu
arbeiten, so konnte er sich am wenigsten dagegen verblenden, dass sie in sich an
Wert verloren, wesentlich verloren hatten, und dass wenig Aussicht vorhanden
war, sie in den nächsten Jahren wieder empor zu bringen und damit ihr weiteres
Herunterkommen zu verhüten.
    Sich in solcher vergeblichen Arbeit abzumühen, war dem Amtmanne schon lange
schwer geworden, und oftmals hatte sich in ihm der Gedanke geregt, was er mit
seinem Fleisse, mit seinen Kenntnissen zu schaffen im Stande sein würde, wo er
allein zu bestimmen, wo er allein das Gleichgewicht zwischen den Ausgaben und
Einnahmen zu erhalten hätte. Aber wer mit seiner Arbeit, wie der Landmann, nicht
auf den Erwerb des Tages und auf den augenblicklichen Erfolg seines Schaffens
gestellt ist, dessen Wesen nimmt etwas von der langsam wirkenden Tätigkeit
seines Berufes an. Adam hätte sicherlich viel Zeit gebraucht, aus freiem
Antriebe zu einem selbständigen Entschlusse zu gelangen; jetzt, durch einen
äusseren Anlass zu demselben hingedrängt, ergriff er ihn mit Lebhaftigkeit und
hielt ihn kräftig aufrecht.
    Mit dem Momente, in welchem er vor dem Freiherrn zum ersten Male einer
blinden Willkür gegenüber gestanden hatte, war seine Abhängigkeit von diesem ihm
wie eine Schmach erschienen, und all das erlittene kleine Unrecht, alle die
erduldeten Widerwärtigkeiten, alle seine gehabten Sorgen und seine unfruchtbaren
Mühen hatten sich zwischen ihn und seine Vergangenheit, zwischen ihn und seinen
bisherigen Herrn gestellt und ihn von demselben abgetrennt.
    Es war eine schwere Stunde gewesen, als der Freiherr ihm den Dienst
gekündigt. Es war eine schwere Stunde gewesen, in der sich Adam im Geiste von
der Heimat seiner Väter losgesagt hatte; aber nun der Kampf gekämpft war,
fühlte er sich als einen anderen Menschen. Er war glücklich in dem Gefühle
seiner Kraft, in dem Besitze seiner Kenntnisse und seines ererbten und durch
seinen Fleiss vermehrten Capitals. Er wusste seinen Vorfahren für dasselbe Dank,
aber es genügte ihm nicht mehr, was ihn sonst befriedigt hatte, in ihre
Fussstapfen zu treten. Nicht mehr ein treuer Diener, wie sie, ein freier Herr auf
eigenem Grund und Boden wollte er werden und sein, und wie er im Geiste das Joch
der Dienstbarkeit von seinem starken Nacken warf, hob er den Kopf mit schönem,
schnell erwachtem Ehrgeize hoch empor, und sein starkes Selbstbewusstsein machte
ihn geduldig. Grade wie der Juwelier, verwies er Eva's und ihres Verlobten
Ungeduld auf die nicht allzu ferne Zeit, in welcher seine Schwester ihre
Volljährigkeit erreicht und er den Dienst des Freiherrn verlassen haben würde.
Er wollte nicht zum zweiten Male als ein vergebens Bittender vor einem Herrn
stehen, nicht Gewährung fordern, wo er bald selber zu gewähren im Stande sein
konnte, und nicht nur in dem Amtmanne, auch in seiner Schwester hatte die
erfahrene Unbill das eigene Selbstgefühl und die Abneigung gegen die fremde
Willkür gestärkt und aufgeregt.
    Darüber glitten die Tage hin. Der Winter kam voll herauf, Herbert's
praktische Arbeiten ruhten, aber er war mit neuen Entwürfen mannigfach
beschäftigt, und wie langsam auch in jenen Zeiten und in jenen Gegenden die
Postverbindungen noch waren, wurde doch zwischen dem Amtofe und dem Flies'schen
Hause ein lebhafter Briefverkehr erhalten, an dem sich bald nicht nur Seba,
sondern auch Herr Flies beteiligte.
    Im Amtofe ging Alles seinen ruhigen Gang, obschon es feststand, dass der
Amtmann den freiherrlichen Dienst verlassen würde. An jedem Tage wurde das
Notwendige mit Voraussicht auf die Zukunft getan, und wenn die Geschwister es
dabei auch fortwährend inne wurden, dass ihre Zukunft von der Zukunft des
Freiherrn und der Arten'schen Güter fortan geschieden wären, so halfen die lange
Gewohnheit dessen, was zu leisten war, und die Plane und Aussichten, mit denen
Adam sowohl als Eva für sich selbst beschäftigt waren, ihnen über den Zwiespalt
fort, welcher sich etwa in ihnen bei ihrer Arbeit hätte erzeugen können.
    Um so grösseres Aufsehen machte es in den Dörfern, dass der Amtmann, dass einer
der Steinerts den Dienst der Herren von Arten zu verlassen dachte. Die
Reiseknechte, welche in die nächsten Marktflecken geschickt wurden, die
Wirtschafter, welche mit den gedroschenen Saaten in die Kreisstadt fuhren,
wussten nichts Wichtigeres zu erzählen. Die Viehhändler, die Hausirer, die nach
den Gütern kamen, wurden mit der Nachricht empfangen, trugen sie weiter fort,
und bald wussten sie alle Landwirte und Gewerbtreibende der ganzen Provinz. Wo
immer man sie aber erfuhr, erregte sie Erstaunen. Denn dass die Steinerts
Rotenfeld nicht ohne Grund verlassen würden, davon war Jeder, der sie kannte,
überzeugt, und es währte nicht lange, so sagte man es auch schon hier und dort,
dass die Steinerts achtsame und vorsichtige Leute wären, die, gleich den klugen
Ratten, ein baufälliges Haus zur rechten Zeit verliessen.
    Wesshalb man das alte, gute Haus nicht mehr für baufest halten mochte, das
hätten diejenigen Anfangs kaum zu sagen gewusst, welche diese Meinung äusserten;
aber die plötzliche Abreise des Marquis, die gleich darauf bekannt gewordene
Nachricht, dass der Amtmann aus dem Dienste des Freiherrn scheide, waren viel zu
auffallend gewesen, als dass man nicht die Frage nach dem Grunde der Ereignisse
hätte aufwerfen sollen, und, wie das oft geschieht, fand die einfache Wahrheit
schwerer Glauben, als das phantastische Gewebe, welches halbes Wissen und
übelwollendes Vermuten zusammenspannen. Niemand glaubte es, dass der Freiherr
nicht in die Verlobung Eva's und Herbert's gewilligt habe, denn gegen diese war
ja gar nichts einzuwenden; man glaubte auch nicht, dass der Freiherr den Marquis
entfernt habe, weil der Franzose den Frauen und Mädchen zu sehr nachgestellt und
schliesslich der Amtmann sich darüber beschwert hatte. Wegen solcher Dinge
schickte, wie man meinte, hierlands kein Edelmann, und am wenigsten der Freiherr
von Arten, seinen Gastfreund fort, und deswegen ging auch kein verständiger
Mensch wie Adam Steinert aus einem Dienste, in welchem seine Familie seit
hundert Jahren gelebt hatte und reich geworden war. Die Sache verhielt sich
vielmehr, wenn man es sich recht überlegte, wahrscheinlich ganz anders. Nicht
auf Mamsell Eva musste der Marquis es mit seinen Besuchen im Amtause abgesehen
haben, sondern auf Zusammenkünfte mit der Baronin, die in der letzten Zeit erst
wieder mehrmals im Amtause gewesen war. Um der Baronin willen hatte der
Freiherr wahrscheinlich den windigen Franzosen weggeschickt; wegen der
Rendezvous im Amtofe hatte es vermutlich Streit mit dem Amtmanne gegeben,
deshalb war Adam auch entlassen worden, und dass der Freiherr dann im Aerger
seine Zustimmung zu Eva's Verheiratung versagt hatte, das konnte möglich sein,
obschon er, wie alle Welt es auf den Gütern wusste, sonst auf den Architekten
gerade viel gehalten hatte.
    Was man hier und da durch die Hülfsarbeiter und Hülfsarbeiterinnen erfuhr,
welche gelegentlich im Schloss verwendet wurden und die bisweilen einzelne
Reden und Bemerkungen der Dienerschaft vernahmen, das bestätigte Alles nur die
Vermutung, dass zwischen dem Freiherrn und seiner Frau etwas vorgefallen sei,
obschon sie es nicht merken lassen wollten, denn die Baronin hatte den Tag vor
der Abreise des Marquis einen ihrer Anfälle von Herzkrampf gehabt und kränkelte
immerfort.
    Damals, als die Baronin nach der Auffindung von Paulinens Leiche auch so
lange gekränkelt und im Schloss auch so zerstörte Verhältnisse obgewaltet
hatten, da hatte man Mitleid mit ihr gehegt; jetzt war das anders. Trug sie doch
ganz allein die Schuld des Kirchenbaues, an den vorher kein Mensch gedacht und
von dem alle Welt zu leiden hatte, und wer weiss, ob sie nicht doch noch davon
abgestanden haben würde, ohne die französische Herzogin und ohne alle die
Franzosen, welche sich im Schloss und in der Umgegend wie die Kuckucke in
fremde Nester eingenistet hatten. Man dachte nur mit Unwillen an das ganze
Schloss und an seine sämmtlichen Bewohner, und es war auch Niemandem im Schloss
wohl zu Mute, ausser der einen Frau, gegen welche die Abneigung der Leute sich
am entschiedensten aussprach, ausser der Herzogin. Aber die Plane der Herzogin
waren so vorsichtig angelegt und ihre Karten so geschickt gemischt, dass Alles,
was sich in dem Schloss ereignen mochte, sich immer zu ihrem Besten wenden
musste.
 
                              Neunzehntes Capitel
Einige Tage nach der Abreise des Marquis sass der Caplan tief in seine Gedanken
versunken, den Kopf auf die Hand gestützt, an dem Fenster seines Zimmers und sah
dem bleichen, winterlichen Sonnenuntergange zu. Es war etwas in diesem Anblicke,
das ihm das Herz bewegte.
    Wie feurig, wie strahlend stieg sie in der Frühe am Horizont empor! rief er
unwillkürlich aus, und eben so unwillkürlich glitt sein Auge hinüber nach der
Wand, an welcher, von dem letzten scheidenden Tageslichte getroffen, ein Bild
des Freiherrn hing.
    Aber der Seufzer, welcher der Brust des Sinnenden entquoll, galt nicht
allein dem Freunde, er galt dem eigenen Geschicke; denn immer häufiger drängte
sich dem Geistlichen die Frage auf, ob er nicht den rechten Weg für sich
verfehlt, ob er nicht geirrt habe, als er, der Bitte einer Sterbenden und dem
eigenen erschütterten Gemüte folgend, sein Leben einer Aufgabe gewidmet, die er
zu leisten nicht vermocht hatte. Friede und Heiligkeit hatte er diesem Hause
bringen und erhalten wollen, aber sie waren nicht für lange Zeit in demselben
heimisch gewesen. Nur draussen erhob sich ein neuer, stolzer Bau, ein Gotteshaus
von kaltem Stein; der Gott der Liebe, dem er diente, hatte den Tempel, den der
Caplan in den Herzen der Menschen aufzurichten gestrebt, nicht darin gefunden -
und doch hatten diese ihm so teuren Menschen eine Einkehr in sich selbst, eine
Versöhnung unter einander eben jetzt nötiger als jemals.
    Er war in diesen letzten Tagen, ohne dazu von dem Freiherrn ermächtigt zu
sein, im Amtofe gewesen, um Adam zu einer Annäherung an den Herrn zu vermögen.
Er hatte sich an den Pastor in Neudorf gewandt, damit dieser in gleichem Sinne
mit ihm auf die Geschwister wirke, und es in Aussicht gestellt, dass es
vielleicht nur einer Vorstellung des Amtmanns bedürfe, den Freiherrn sein Wort
zurücknehmen zu machen, der ja im Grunde gütiger Gemütsart sei, und in der
rechten Stimmung auch wohl allmählich in die Heirat Eva's willigen werde. Indes
er hatte schon lange weder im Amtause noch in der Pfarre das frühere Gehör für
sich gefunden, und erkannte die Gründe, welche die Herzen ihrer Untergebenen
allmählich von der Herrschaft und damit auch von ihm und seinem Mittleramte
abgewendet hatten. Was aber konnte geschehen, diesem Uebel zu begegnen?
    Wie würde Allwissenheit über die menschliche Kraft hinausreichen, da
dasjenige, was ich über die Verhältnisse der wenigen mir anvertrauten Menschen
weiss, mir so schwer zu tragen wird! dachte der Caplan und blieb in ernster
Selbstprüfung und Selbstbetrachtung still auf seinem Platze am Fenster sitzen,
obschon die frühe Nacht bereits die Gegend zu verhüllen begonnen hatte.
    Als der Diener die Kerzen in das Zimmer brachte, übergab er dem Geistlichen
ein Billet, und dieser erkannte auf demselben die Handschrift der Herzogin,
welche, da sie eine Meisterin des Briefstyls war, die müssige Gewohnheit hatte,
selbst ihre kleinen Bestellungen und Anfragen innerhalb des Schlosses nicht
mündlich durch die Dienerschaft, sondern schriftlich auszurichten; aber der
Caplan war bisher in all den Jahren noch keiner solchen Botschaft von ihr
gewürdigt worden.
    Was will sie mir? rief er unmutig, als er das Billet eröffnete. Es entielt
nur wenige Zeilen.
    »Legen Sie mir es nicht als Eitelkeit aus, hochwürdiger Herr,« schrieb sie,
»wenn ich mich Ihnen einmal als Mitarbeiterin bei Ihrer heiligen Mission
anbiete. Es gibt Gefahren, in welchen Jedermann die Hand zur Rettung anlegen
muss, und unsere Kirche erkennt ja in dringenden Fällen auch dem Laien eine
priesterliche Kraft zu. Lassen Sie uns gemeinsam handeln, um das Unheil zu
verhüten, das über den Häuptern von Personen schwebt, deren Schicksal und deren
Gewissensruhe Ihnen nicht teurer sein können, als mir. Was ich Ihnen zu sagen
habe, müssen Sie je eher je besser erfahren, Ihr Besuch wird mir also zu jeder
Stunde ein erwünschter sein!«
    Sie kann nicht ruhen, nicht rasten! rief er aus und warf das Blatt auf
seinen Tisch. Dann nahm er es wieder auf, las es noch einmal, verschloss es und
verliess das Zimmer.
    Aber nicht zur Herzogin begab er sich, sondern grades Weges zu dem
Freiherrn, obschon dieser darauf hielt, dass keiner seiner Hausgenossen ihn ohne
die dringendste Not aufsuchte, wenn er ihn nicht zu sich entboten hatte. Als
der Caplan nach geschehener Meldung bei dem Freiherrn eintrat, fand er diesen
lesend am Kamine sitzen, und er empfing ihn mit der Frage, was denn geschehen
sei.
    Nichts Ungewöhnliches, entgegnete der Caplan; ich wünschte nur, Sie einmal
wie in früheren Zeiten ungestört zu sprechen, Herr Baron, und dazu fehlt mir
seit lange die Gelegenheit, wenn ich sie nicht wie jetzt eben suche.
    Der Freiherr war einen Augenblick unentschlossen, wie er den unerwarteten
Besuch und diese Anrede aufnehmen solle, in deren Ton eine gewisse Feierlichkeit
nicht zu verkennen war, aber er traf schnell seine Wahl und sagte mit der
vornehmen Sorglosigkeit, die ihm immer so wohl anstand: Was wollen Sie, mein
Freund? Bin ich doch in den letzten Monaten kaum selber eine Stunde allein
gewesen, so voll von Besuchen haben wir das Haus gehabt! Ich weiss, das ist nicht
Ihr Geschmack, und Ihnen war es früher in unserem Junggesellenleben hier im
Schloss wohler. Aber warten Sie nur, ich habe meine Massregeln im Geiste bereits
getroffen, und ich denke, Sie sollen künftig mit meinen Anordnungen zufrieden
sein!
    Der Caplan hatte auf ein Zeichen des Freiherrn Platz genommen; indes er
verstand nicht gleich, worauf derselbe hinaus wollte, und sagte: Ich kam nicht
hieher, für mich selber etwas zu begehren, Herr Baron!
    Darauf kenne ich Sie, mein alter Freund, rief der Freiherr, aber um so mehr
ist es an mir, die Sorge für Ihr Wohlbefinden zu übernehmen, und verlassen Sie
sich darauf, ich werde dieses nicht aus dem Auge verlieren!
    Der Caplan sah jetzt, dass der Baron es wusste, wesshalb er gekommen sei, und
dass er es ihm unmöglich machen wolle, davon zu sprechen; er sagte also ruhig,
aber sehr bestimmt: Ich suchte Sie auf, Herr Baron, weil ich in Sorgen bin, in
Sorgen als ein alter Freund Ihres Hauses, in Sorgen als der geistliche Berater
der gnädigen Frau!
    Der Baron erhob sich, und während er noch mit sich kämpfte, ob und in
welcher Weise er seinem Missfallen an den Worten des Caplans Ausdruck geben
sollte, fuhr dieser fort: Es ist freilich eine lange Reihe von Jahren her, Herr
Baron, dass Sie mir in den schweren Stunden, welche Ihrer Hochzeit vorangingen,
das Recht zugestanden, Sie an eben diese Stunden und die unheilvollen Ereignisse
zu mahnen, deren Folge sie waren, wenn ich dies jemals nötig finden sollte!
    Und Sie glauben, der Augenblick sei jetzt gekommen, dieser Augenblick sei
der rechte, mir es in das Gedächtnis zu rufen, fiel der Baron ihm, plötzlich
seine Haltung ändernd, in die Rede, mit welchen Hoffnungen, mit welchem völligen
Vertrauen ich mein ganzes Schicksal den Händen der Baronin übergab? - Ein
leises, bitteres Lachen tönte von seinen Lippen. In der Tat, mein Freund, heute
werde ich zum ersten Male an Ihrer Menschenkenntnis, ja, selbst an Ihrem
richtigen Empfinden irre!
    Der Caplan beachtete den Vorwurf nicht. Nicht allein um glücklich zu werden,
Herr Baron, auch um zu beglücken, nahmen Sie damals die Hand der Gräfin Berka in
die Ihrige! sagte er. Dann machte er eine kleine Pause und sprach danach mit
sanfter Eindringlichkeit: Es war viel geschehen, das Gemüt eines so jungen
Wesens zu beunruhigen, die junge Frau hatte viel zu vergessen, viel zu tragen,
und sie hat das redlich getan. Sie hat sich mit Liebe und mit Hingebung an ihre
Pflicht, an ihren Gatten geklammert, sie hat ihre Familie aufgegeben, um mit ihm
in seinem Glauben Eins zu werden, aber leider blieben Sie und die Frau Baronin
nicht allein, und ....
    Der Freiherr hatte eine gewisse Rührung bei der Erinnerung an jene ersten
Zeiten seiner Ehe nicht bemeistern können; bei den letzten Worten des
Geistlichen fuhr er aber auf: Mahnen Sie mich daran nicht, ich bitte Sie darum!
Ich mag nicht daran denken!
    Der Caplan liess sich nicht beirren. Ich kenne das Herz der Frau Baronin
besser, als sie selbst es kennt; ihre Seele ist schuldlos, ihr Tun ist ohne
Makel! sagte er bestimmt; eine unbestimmte Sehnsucht ihres reinen Herzens ....
    Sie nennen ihr Herz rein? Und ich selbst, ich selbst, Caplan, unterbrach ihn
der Baron, habe von ihrem Munde, ohne all mein Zutun, ja, fast ohne meine
Frage, hören müssen - er trat an den Geistlichen heran und sagte leise, seinen
Zorn gewaltsam niederkämpfend - dass sie diesen Herbert liebe, dass sie ihn
geliebt habe, seit er in mein Haus getreten, dass Herbert und Sie und die
Herzogin und wer sonst noch diese schmähliche Verirrung kennen! - Und das nennen
Sie reines Herzens sein? Das nennen Sie schuldlos und ohne Makel sein? - Sie
sind sehr nachsichtig, mein Freund! Ihre Moral ist wenigstens nicht
unerbittlich!
    Er ging heftig im Zimmer umher. Des Caplans Miene wurde immer sanfter, sein
Ton noch milder. Es war nicht der junge Mann, auf den ich hinwies, sagte er, als
ich die Ueberzeugung aussprach, es wäre diesem Hause besser gewesen, wäre kein
Fremder zwischen Sie und Ihre Frau getreten, es war die Frau Herzogin, an die
ich dabei dachte!
    Der Baron blieb vor ihm stehen. Die Frau Herzogin? wiederholte er. Sehen
Sie, wie Ihre Voreingenommenheiten Sie bis zur Ungerechtigkeit verblenden! Die
Herzogin ist es gewesen, die mir Nachsicht mit der Baronin anempfohlen, die ....
    Die die Frau Baronin gelehrt hat, nahm der Caplan das Wort, Nachsicht mit
der flüchtigen Aufwallung ihres Herzens zu haben, als jene den ersten Kampf mit
einer augenblicklichen Verirrung ihrer Phantasie mit Strenge gegen sich selbst
zu kämpfen dachte. O, mein verehrter Freund, rief der Geistliche, indem er sich
erhob und an den Freiherrn herantrat, nur dieses Eine Mal hören Sie mich, mich
allein, und glauben Sie mir! - Ich bin ein einsamer Mann. Kein Band der
Blutsverwandtschaft, kein persönliches Verlangen, kein Ehrgeiz, kein Begehren
knüpft mich an die Welt! Mein Wünschen habe ich früh begraben. All mein Wollen
und Hoffen hatte ich an Ihr Haus geknüpft, und es gab eine Zeit, in welcher ich
mit froher Zuversicht auf dessen Gedeihen und Bestehen blicken konnte, denn
diejenigen, die es trugen und stützten, hatten sich in Liebe vereinigt und
standen fest zusammen. Jetzt, wo der Geist einer wilden, neuen Zeit überall
drohend seine Hand gegen das Bestehende erhebt, wo die alten Geschlechter durch
Würde und Selbstvollendung das andringende neue Geschlecht mit sich versöhnen,
wo ihr innerer Adel es dartun müsste, dass sie die Vorzüge verdienen, welche man
ihnen missgönnt und streitig macht, jetzt, wo das ganze Leben des deutschen Adels
darauf hin gerichtet sein müsste, es darzutun, wie er nichts gemein hat mit
jener französischen Adelskaste, deren Sittenlosigkeit und Hochmut sie ihrem
Volke mit Recht verächtlich gemacht haben, und wo das Bestreben aller
Wohlmeinenden das Band zu erhalten trachten sollte, das die alten eingeborenen
Familien mit dem Bürgerstande und den Insassen der Güter verbindet, jetzt muss
ich hier von allem dem das Gegenteil erfolgen sehen, und es ist Niemand da,
Niemand ausser mir allein, der Ihnen zuruft: halten Sie ein, versöhnen Sie,
stellen Sie her um jeden Preis - da es noch Zeit ist!
    Des Freiherrn Aufregung hatte einem tiefen Nachdenken Platz gemacht. Er ging
gesenkten Hauptes, die Hände auf den Rücken gelegt, mit langsamem Schritte in
dem grossen Zimmer auf und nieder. Dieses Nachdenken ermutigte den Geistlichen.
Denken Sie des Abends, sprach er, da Sie mir hier an derselben Stelle den
Schmuck zeigten, den Sie der Frau Baronin zur Morgengabe bestimmten. Es ist
Sitte unter uns, dass für jede neue Baronin von Arten der Schmuck vergrössert
werde! sagten Sie mir damals, und ich dachte in meinem Innern: das ist in der
Ordnung, sind doch auch das Ansehen und die Liebe, welche das Geschlecht derer
von Arten hier im Lande geniesst, von Geschlecht zu Geschlecht gewachsen! - Und
mit welchem Zutrauen, mit welcher Liebe empfing man Sie und die Frau Baronin
hier bei Ihrem ersten Kommen! Keinem Königspaare wurde mehr verehrende Neigung
entgegen gebracht - keine Frau der Welt war mehr geeignet, mehr gewillt, diese
Liebe zu verdienen - bis .... Er hielt inne und zuckte die Schultern.
    Sprechen Sie es aus, rief der Freiherr, da ich ja doch weiss, was Sie denken!
    Aber der Caplan gab dieser Aufforderung nicht Folge. Er wusste, dass nicht
immer der nächste Weg der beste ist, und sich vorläufig von dem Gegenstande, der
ihn hieher geführt, anscheinend zurückziehend, sprach er: Ich habe Sie oftmals
und mit Recht über jenes Verlangen nach Neuerungen klagen hören, das jetzt in
den Geistern rege ist. Sie aber, Herr Baron, befinden sich ja in der glücklichen
Lage, dass man von Ihnen nur die Erhaltung der früheren Zustände begehrt. Es ist
gut, dass ein mir unbekannter Anlass den Herrn Marquis entfernte, die Leute freuen
sich darüber und wären gern bereit, es als eine ihnen gewährte Gunst zu
betrachten, wenn Sie daneben nur den Amtmann in seiner Stelle lassen wollten.
Die Steinerts gehören für die Vorstellung der Leute hier zum Grund und Boden. Es
ist ihnen also, als ob der Boden unter ihnen wanke, seit es heisst, dass Steinert
fort soll, und da im Laufe der Jahre im Schloss einige der Domestiken durch
Franzosen ersetzt worden sind, so fürchten die Leute ....
    Die Leute und immer die Leute, fuhr der Freiherr auf, das ist's ja eben! Was
kümmert es die Leute, wem ich die Verwaltung meiner Güter überantworte? Was
kümmert es die Leute, wenn ich es vorziehe, mich lieber von gewandten Franzosen,
da der Zufall sie mir bietet, bedienen zu lassen, statt erst mühsam die hiesigen
tölpischen Burschen zu ungeschickten Domestiken auszubilden? Sie werden mich
ungeduldig, mich misstrauisch machen mit Ihrem beständigen Hinweis auf das Wollen
und Nichtwollen der Leute, lieber Caplan! Haben die Gedanken der Neuerer auch
Sie ergriffen? Haben die in Frankreich gemachten und zu machenden Erfahrungen
auch Sie noch nicht belehrt, dass man mit Nachgiebigkeit nur seine gefährliche
Schwäche verrät? - Hätte ich auch damals nachgeben sollen, mein lieber Caplan,
als die Leute bei der Grundsteinlegung zu unserer Kirche sich so widerwillig
zeigten?
    Er hatte diese Worte mit einer spöttischen Herausforderung gesprochen; aber
er war sichtlich überrascht, als der Caplan ohne ein Zeichen von Missmut ruhig
sagte: Vielleicht wäre es weiser gewesen, den Bau zu unterlassen; vielleicht
irrte ich, als ich damals mein augenblickliches Bedenken gegen denselben
unterdrückte, und ich hätte vielleicht mehr im Sinne und im Geiste meines Amtes
gehandelt, wenn es mir gelungen wäre, Sie und die gnädige Frau von dieser
äusserlichen Befriedigung einer religiösen Empfindung zurückzuhalten und Sie
dafür um so lebhafter auf jene innerliche Auferbauung hinzuweisen, in deren
Heiligtum kein Zweifel einzudringen vermocht haben würde. Aber das ist jetzt
nicht mehr zu ändern!
    Und wieder blieb der Freiherr vor ihm stehen. Sie würden also, das sehe ich,
sich in Frankreich auch zu den Geistlichen gehalten haben, die den Eid auf die
Verfassung leisteten! rief er vorwurfsvoll.
    Ganz gewiss! entgegnete der Caplan.
    So hatte die Herzogin doch Recht, sprach der Freiherr wie zu sich selbst;
aber die Worte entgingen dem Ohre des Geistlichen nicht und sie klärten ihn über
die Wege auf, welche die Herzogin eingeschlagen hatte, um ihm den Freiherrn
abgeneigt zu machen; auch liess dieser ihn darüber nicht im Ungewissen.
    Es bewegt mich sonderbar, nahm der Baron nach kurzem Schweigen im Tone
ruhigster Unterhaltung und Betrachtung wieder das Wort, zu sehen, wie wenige
Naturen sich dem mächtigen Strome der Zeit entgegensetzen, wie Wenige sich ihrem
umgestaltenden Einflusse entziehen. Sie nannten sich vorher einen einsamen Mann.
- Sie sind nicht einsam in der Welt, die uns umgibt, mein lieber Freund, denn
Sie haben die grosse Menge für sich, die überall zusammenhält, überall für sich
Zugeständnisse begehrt, überall zum leicht errungenen Gemeingut machen möchte,
was unser altes, wohl erworbenes Erbe ist. Ich tadle Sie nicht, hob er nach
flüchtiger Unterbrechung seiner Rede wieder an, wenn Sie in sich die Kraft nicht
fühlen, gegen einen solchen wilden Strom zu schwimmen und sich seinem
fortreissenden Zuge zu widersetzen. Aber haben Sie sich wohl jemals gefragt,
wohin dieses Nachgeben Sie führen wird, oder haben Sie geglaubt, bis hieher, bis
zu uns, könnten die Fluten des Unheils nicht dringen, welche in dem
unglücklichen Frankreich Tron und Kirche, das Leben des edelsten Königspaares
und das Leben all der Tausende von Märtyrern der guten Sache in sich begraben
haben? Es ist gar zu verlockend für die rohen Massen, zügellos zu sein und keine
Gewalt über sich anzuerkennen, als die eigene blinde Willkür. Sie haben den
König ermordet, den Adel seines Besitzes, seiner Rechte beraubt und das Blut
vergossen, dessen erhabene Herkunft sie auch damit nicht zu vernichten
vermochten; sie haben die Kirche aufgehoben und sich bis zum Wahnsinne der
Gottesleugnung erhoben ....
    Und die Kirche erhebt sich wieder unter dem Schutze Gottes, und das eigene
Bedürfnis wird die von ihrem Hochmut Verblendeten wieder, Rettung vor sich
selber suchend, zu den Füssen des Gekreuzigten führen! Es geht nichts unter, was
unsterblich ist, und wandelbar in seiner Form, erhält das Ewige sich
unwandelbar! rief der Caplan, während die Innigkeit seiner Ueberzeugung sein
würdiges Antlitz erleuchtete. Nicht uns dem Strome widersetzen können wir, denn
er ist mächtiger, als der Wille des Einzelnen, und mächtiger, als das
Zusammenhalten und Entgegenstemmen Vieler. Aber zu einander stehen sollen wir
Alle dennoch in Liebe, damit wir uns erhalten in der Zeit der Not, damit wir
eine Gemeinschaft bilden, in welcher der rechte Sinn lebendig bleibt und die
versöhnend und gewinnend und überzeugend die Kräfte wieder sammelt und zur
Einheit bindet, wenn der Kampf der blinden Selbstsucht sie bald genug vereinzelt
haben wird. Liebe und Friede in jeder Gemeinschaft, das ist es, was uns jetzt
Not tut, und um dieser Notwendigkeit, um der Selbsterhaltung willen, zur
Beruhigung derjenigen, welche seit Hunderten von Jahren zu Ihrem Hause
emporgesehen und demselben in Liebe angehangen haben, beschwöre ich Sie, Herr
Baron! machen Sie Frieden mit denen, mit allen denen, die zu Ihnen gehören und
die, ich versichere Ihnen es aus voller Ueberzeugung, Ihnen in Ergebenheit und
Liebe eigen sind, selbst wo sie ein Schwanken zu sehen, einen Zweifel erheben zu
müssen glauben! - Er war damit wieder auf den Ausgang der Unterhaltung
zurückgekehrt und hoffte jetzt besseres Gehör zu finden, da er dem Freiherrn
bereits Gelegenheit gegeben hatte, sich vielfach auszusprechen.
    Der Baron war sehr erregt. Bald ging er lebhaft, bald langsamer, in dem
Gemache umher, bald blieb er stehen; er schien nicht mit sich fertig werden, den
Kampf nicht zum Abschlusse bringen zu können, der offenbar in seiner Seele vor
sich ging, und plötzlich aus seinen Sinnen auffahrend, fragte er: Was denken Sie
sich unter diesem Friedenmachen?
    Versuchen Sie es nur einmal wieder eine kurze Zeit, eine ganz kurze Zeit,
ohne alle andere Gesellschaft an der Seite der Frau Baronin zu leben! bat der
Geistliche dringend. Hören Sie ihre Geständnisse mit dem Glauben an ihre reine
Seele an! Glauben Sie auch mir, auch mir, dem sein Beruf nicht heiliger ist, als
Ihre Ehre, Herr Baron, dass es die gewissenhafte Aengstlichkeit eines
unschuldigen, aber irregeleiteten Herzens war, die sich vor Ihnen, durch Ihren
Zorn gereizt, zu einer Untreue bekannte, welche nichts, nichts als eine
flüchtige, durch fremde Schuld erregte Gedankensünde war! Hören Sie sonst
Niemanden, fragen Sie Niemanden um Rat, als Ihre eigene Menschenkenntnis, als
Ihr eigenes Herz; und Sie werden nicht lange an der Mutter Ihres Sohnes
zweifeln, Sie werden den Stein nicht werfen können auf eine Frau, die, rein und
edel, nur Ihres Glaubens und Ihrer Liebe nötig hat, um wieder fest und
unwandelbar zu Ihnen zu stehen in guten und bösen Tagen!
    Der Freiherr hatte wieder auf dem Sessel Platz genommen, aber er erwiederte
dem Geistlichen nichts. So blieben sie lange einander gegenüber sitzen. Als die
Glocke der grossen Pendeluhr auf dem Simse des Kamins die siebente Stunde schlug,
richtete der Baron sich auf. Ich danke Ihnen, sagte er, dass Sie Ihrem Gewissen,
Ihrer Ueberzeugung folgten. Sie haben Ihre Pflicht gegen mich, Sie haben
überhaupt in edelster Weise Ihre Pflicht erfüllt. Denn wie peinvoll mir diese
Unterredung auch gewesen ist, hat sie mir doch wohlgetan und mich veranlasst,
unerbittlich gegen mich selbst, noch einmal in mein Inneres zu blicken. Ich
danke Ihnen dafür, mein teurer Caplan. - Er reichte ihm die Hand, der
Geistliche ergriff dieselbe mit Wärme; die Haltung, die Redeweise des Freiherrn
schienen ihm Gutes zu verkünden, und doch hatte er sich, so sicher er ihn zu
kennen meinte, zum ersten Male über dasjenige getäuscht, was in dem Freiherrn
vorging. Aber er sollte nicht lange im Dunkeln bleiben, denn Jener fing von
selber zu sprechen an.
    Wir beide, mein Freund, Sie und ich, sind eben verschieden geartete
Menschen, und Sie kennen meinen Glauben in diesen Dingen, wir müssen unserer
Naturbestimmung folgen. Sie hätte Ihr Charakter, in welchem Stande Sie auch
geboren worden wären, zur Kirche und innerhalb derselben zur Entsagung und zu
ausgleichender Vermittlung geführt; ich hätte unter allen Verhältnissen nicht
entsagen, mich nicht bescheiden, nicht vermitteln können. Ich verlange nach
einer Ganzheit, nach einem vollen Genügen; ich kann nicht vermitteln zwischen
Recht und Unrecht, ich bin absolut - und muss und will das bleiben nach allen
Seiten und in jeglichem Betracht!
    Er erhob sich bei den Worten und stellte sich, den Arm auf die hohe Brüstung
gelehnt, sei es zufällig oder absichtlich, in solcher Weise neben dem Kamine
hin, dass er von Zeit zu Zeit seines eigenen Antlitzes in dem hellen Spiegelglase
ansichtig werden musste. Als ich mich mit der Baronin verband, war ich kein
Jüngling und kein Schwärmer mehr, sagte er. Wäre ich meiner Neigung, meiner
innersten Ueberzeugung gefolgt, so würde ich mich niemals verheiratet haben,
denn darüber habe ich mich nie getäuscht, die arme Pauline, an die ein
dämonisches Geschick mich band - und heute noch bindet - ist, wie ich es mir
später auch wegläugnen wollte, die einzige Liebe meines Lebens und das einzige
Weib von unabänderlicher Herzenstreue gewesen, das ich je gekannt habe. Das
Geschlecht ist schwach!
    Aber, Herr Baron! wendete der Geistliche mit wachsendem Erstaunen ein. Indes
der Freiherr liess ihn nicht zu Worte kommen. Kein Aber, mein Freund! rief er;
Sie sollen mich bis zu Ende hören, damit wir über diesen Gegenstand ein Mal und
ein für alle Mal in das Klare und zu Ende kommen. - Als ich mich aus
Standesrücksichten, aus Rücksicht auf das Fortbestehen meines Hauses dann zur
Ehe entschloss, wünschte ich in der Baronin eine Mutter für meine Kinder, eine
Frau für mein Haus zu finden, und ich würde zufrieden gewesen sein, hätte sie
mir nur ein achtungsvolles Vertrauen mitgebracht. Die Baronin glaubte mich zu
lieben, obschon sie, wie sie es mir ja selbst in Ihrem Beisein einst gestanden,
Anfangs ein lebhaftes Abmahnen gegen mich gefühlt hat, und da diese anscheinende
Liebe nach dem schmerzlichen Zwiespalte, in welchen der Untergang der armen
Pauline mich geworfen, die Neigung der Baronin nicht von mir wandte, so nahm ich
die Liebe meiner Frau dankbaren und vertrauensvollen Herzens auf und schätzte
sie um so höher, als ich - bemerken Sie das wohl, mein Freund - diese Liebe
nicht erwartet, nicht gefordert hatte. Ich genoss sie als eine frei gewährte
Gunst, und ich habe auch den Uebertritt zu unserer Kirche nie von meiner Frau
begehrt; ich habe es nicht verlangt, dass sie um meinetwillen mit ihrem ganzen
Hause breche - ich bin, Sie wissen das ja selbst, nicht ortodox und eigentlich
nicht einmal kirchlich. Was ich mit mir, mit meinen Erinnerungen abzumachen
hatte, das würde ich allein oder mit Ihrem Beistande in meinem Herzen
abgeschlossen und zu versöhnen getrachtet haben. Ich bedurfte der sichtbaren
Versöhnung, der Busse, der Opfer, der Auferbauung nicht. Sie selber legen ja
auch, wie Sie mir heute bewiesen, nicht grade den höchsten Wert darauf. Der
Uebertritt der Baronin zu unserer Kirche war ihr ein Bedürfnis; der Kirchenbau
und obenein der Bau in Rotenfeld, das ich gern meide, war aber ein selbst in
materieller Hinsicht sehr schweres Zugeständnis an meine Frau!
    Er hatte das bestimmt und lebhaft gesprochen; nun hielt er plötzlich inne.
Sagen Sie selbst, rief er, habe ich mich in dieser Darstellung beschönigt?
    Nicht eigentlich, entgegnete der Caplan, nur möchte ich Sie daran erinnern
....
    Das nachher! Das nachher, mein Freund! fiel der Freiherr ein. Lassen Sie
mich vollenden. Es genügt mir, dass Sie mir gerecht sind. - Er sammelte sich
darauf abermals und fuhr fort: Wir leben allerdings in einer schweren Zeit, in
welcher, wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten, der Adel die Pflicht hat, sich
in seiner ganzen angestammten Würdigkeit zu behaupten. Dieser Pflicht zu
genügen, öffnete und bot ich einer flüchtigen und edeln Verwandten mein Haus und
meinen Beistand; aber auch bei uns ist das Unheil, ist der Übermut der unteren
Classen so weit gediehen, dass selbst meine Diener urteilen, wo sie zu gehorchen
hätten, und sich Vorstellungen erlauben, die über ihre Befugnisse hinausgehen.
Der Amtmann, welcher sich als Herrn fühlt, weil unsere Nachsicht seinen
Voreltern die Möglichkeit gegeben hat, sich in unserem Dienste zu bereichern,
unterfängt sich seit einiger Zeit, mir Vorhaltungen wegen meiner Ausgaben zu
machen - während ich seine Einnahmen nicht controlire - und fühlt sich
beleidigt, wird aufsässig, wie das ganze Volk, weil ich nicht darein willige,
seine Schwester mit einem jungen Manne zu verheiraten, der, ebenfalls in meinen
Diensten, frech genug war - er unterbrach sich und sprach dann schnell und
bitter - sein Auge und seine Wünsche bis zu der Baronin von Arten zu erheben,
und von dem die Baronin, welche mich einst, ohne dass ich es begehrte, und
vielleicht mehr als ich's verdiente, liebte, jetzt, nach achtjähriger Ehe, nach
acht Jahren eines vollen, unbedingten Zutrauens in ihre Ehre und Tugend, mir
eingesteht, dass sie ihn liebe, ihn schon lange geliebt habe, und dass ich
ziemlich der Einzige sei, der dieses noch nicht wisse!
    Er ging wieder umher; die Lust, sich im Spiegel zu betrachten, musste ihn
verlassen haben. Er schöpfte tief Atem, nahm die Dose heraus und hielt sie
mechanisch in der Hand, ohne sie zu öffnen. Als er die Dose wieder eingesteckt
hatte, sagte er: Solchen Ereignissen gegenüber gibt es für einen Mann wie ich
nur Einen Weg. - Ich habe der Baronin nichts zu verzeihen, denn ich kann sie
nicht dafür verantwortlich machen, dass sie nicht stärker ist, als ihr
Geschlecht, und dass ich töricht genug war, sie für eine Ausnahme zu halten.
Aber erinnern Sie sich, was ich Ihnen oftmals sagte: meine Sinne haben mich
niemals beherrscht, wo mein Herz mit ihnen nicht im Bunde war, und mein Herz hat
sich der Baronin abgewendet. -
    Um Gottes willen, Herr Baron, wie ist das möglich? Wie darf ein flüchtiger
Irrtum das Vertrauen, die Neigung, die Liebe langer Jahre unwiederbringlich
vernichten? Wie dürfen Sie in solcher Weise richten, Herr Baron?
    Lassen Sie das, mein Freund. Ich richte, ich verdamme nicht, aber Sie kennen
das Geheimnisvolle in der Liebe nicht, Sie haben nie ein Weib geliebt, niemals
Ihr Herz einem Weibe anvertraut! entgegnete der Baron mit dem Tone der
Empfindung, und so beschäftigt und hingenommen war er von sich selbst, dass er
das sanfte, traurige Lächeln nicht bemerkte, welches wie ein Schein des
Abendlichtes über des Caplans mildes Antlitz glitt. Es gibt keine Wiederkehr in
der Liebe, fuhr der Freiherr fort, oder glauben Sie, ich könnte es vergessen,
was die Baronin mir gestanden hat? Würde nicht, so oft sie mir von Liebe
spricht, jenes: ich liebe Herbert, ich, die verheiratete Frau, die Gattin des
Freiherrn von Arten, liebe diesen Herbert - mir in das Ohr klingen?
    Er ergriff abermals des Caplans Hand, und mit zusammengepresster Stimme
sprach er: Das ist nicht die Eitelkeit des älteren Mannes, Freund, die es nicht
ertragen kann, neben einem geliebteren Manne zurückzustehen! Es ist das nicht zu
besänftigende Ehrgefühl des Edelmannes, und die Baronin kennt meinen Entschluss!
Unsere Kirche, welche stets die Schwäche und Hülfsbedürftigkeit des Menschen im
Auge behält, hat uns auch für den Fall, in dem ich mich befinde, das Mittel an
die Hand gegeben! Erkennt sie doch in dringendem Falle auch dem Laien eine
priesterliche Machtvollkommenheit zu!
    Ach, Herr Baron, rief der Caplan erschreckt und schmerzlich, Sie haben sich
der Herzogin vertraut, Sie sprachen mit der Herzogin davon!
    Der Baron stutzte. Was soll der Ausruf?
    Sie bitten, Sie beschwören, dies nicht zu tun! Entfernen Sie die Herzogin
nur wenig Wochen, nur wenig Tage! Um alles Guten, um Ihrer und Ihres Sohnes
willen flehe ich Sie darum an!
    Nicht doch, mein Freund! Wozu sollte das führen? versetzte der Freiherr; ich
bin fest entschlossen und mir völlig klar. Ich habe mein Leben von dem der
Baronin in meinem Herzen ein für alle Mal geschieden. Sie weiss das seit diesem
Abende, und ich habe ihr gesagt, dass ich Sie, mein Freund, und die Frau
Herzogin, die das Geheimnis kennen, dess zu Zeugen nehme; im Uebrigen soll kein
Mensch davon erfahren. - Und wie ich hier getan, was dem Manne und dem
Edelmanne gebührt, so denke ich überhaupt mein Recht zu wahren. - Es bleibt
dabei, dass Adam fortgeht! Ich kann keine Beamten brauchen, welche es vergessen,
dass ich hier zu gebieten habe, dass ich der Herr bin; und es ist mir ganz recht,
dass ich dieses Exempel an dem ersten, dem obersten meiner Leute statuiren kann.
Die Anderen werden sich um so besser danach zu richten wissen. Ich dränge ihn
nicht, fortzugehen, er mag seine und meine Angelegenheiten in Ruhe abwickeln.
Ist dies getan, so soll er gehen!
    Der Caplan neigte das Haupt. Dann freilich habe ich nichts mehr zu sagen!
sprach er und stand auf, um sich zurückzuziehen. Der Freiherr hielt ihn nicht
zurück.
    Erst als jener der Türe zuschritt, sagte er: Nur Mut, mein alter Freund;
man muss den Kopf hoch tragen, wenn man ihn in diesen Tagen des Missgeschickes
überhaupt oben auf seinem Rumpf behalten will! Sie taten, was Ihres Amtes ist,
ich tue das Meinige! Geschieht das überall, weicht Niemand von seinem Platze,
vergibt man nichts von seiner Würde, von seinem Rechte, zeigt man sich
unerschütterlich, wer und was sollte uns da erschüttern? - Ich habe leider nach
einer Seite kein Glück gehabt, lassen Sie mich also an meiner alten Ueberzeugung
um so fester halten, dass ich Glück in der Freundschaft habe, dass ich mich zu den
nicht eben zahlreichen Personen rechnen darf, die es verstehen, die Freundschaft
zu ehren und zu pflegen! Und glauben Sie mir, die Frau Herzogin teilt meine
Freundschaft, ja, meine Sorge für und um Sie. Nur Geduld bis in den Sommer, bis
wir die Kirche fertig haben und die Steinerts fort sind; dann schaffe ich Ihnen
ein eigenes Haus, ein Asyl, in dem es Ihnen wohler sein soll, als hier unter
uns, die wir ja leider einmal Weltkinder sind und bleiben!
    O, ich kenne den Anteil, den die Frau Herzogin an mir nimmt! sagte der
Caplan, während ein schmerzliches Lächeln um seine Lippen spielte. Aber der
Freiherr schien dies nicht zu bemerken, und die Bedeutung nicht zu verstehen,
welche der Geistliche in seine Worte legte. Er reichte ihm mit freiem Anstande
freundlich die Hand und begleitete ihn bis gegen die Türe hin, obschon jener
die ihm zum Abschiede dargebotene Rechte zum ersten Male nicht ergriffen hatte.
 
                                  Drittes Buch
                                 Erstes Capitel
Die Tage waren mild und ohne Wind. So weit das Auge reichte, bedeckte wieder der
Schnee das Land. Auf dem Amtofe in Rotenfeld ertönte laut der Schall der
Arbeit. Der Takt der Dreschflegel, die Axt des Holzhauers, das Knarren des
Brunnenrades, das Brüllen und Blöcken der Haustiere, das aus den weiten
Stallungen herübertönte, unterbrachen die Stille, und das Tun der Menschen, ihr
Kommen und Gehen belebte mit der sich alljährlich wiederholenden notwendigen
Beschäftigung in gewohnter Weise die Einsamkeit. Es war Alles, wie es im vorigen
Winter, in allen ihm vorangegangenen gewesen war, obschon es der letzte sein
sollte, welchen die Bewohner des Amtauses in demselben zubrachten.
    Im Schloss zu Richten war es anders. Dort hörte man nichts von der
wohltätig wiederkehrenden Gleichmässigkeit der Arbeit, und der Winter ist sehr
lautlos auf dem Lande. Die grossen Portale waren geschlossen, um der Kälte den
Eingang zu wehren; auf weichen Teppichen bewegte die Dienerschaft sich
geräuschlos in den Gängen und auf den Treppen umher, und nur wenn man an die
Fenster trat, sah man in weiter Ferne gelegentlich einen Schlitten wie einen
flüchtigen Schatten halb verschleiert von dem feinen Dufte, der die ganze Luft
erfüllte, über die weite Ebene gleiten. Was unter der weissen Hülle im Schoss
der Erde arbeitete, was in den heimlichen Nestern und Schlupfwinkeln geschah, in
die das Leben der Feldtiere, der Vögel und der Insecten sich zurückgezogen
hatte, das verbarg sich dem Auge des oberflächlichen Beobachters; und wer
flüchtig an dem Schloss vorüberging, in dessen weiten Gärten und auf dessen
prächtigem Hofe die lustigen Spatzen und die immer rührigen Krähen ihr Wesen
trieben, oder wer nur als Gast in das Schloss kam und die glänzende und würdige
Gastfreiheit der Schlossherrschaft genoss, der hätte meinen müssen, es sei auch
hier im Schloss Alles noch so, wie es in dem vorigen und in den ihm zunächst
vorangegangenen Jahren gewesen war. Aber auch über das Leben der
Schlossherrschaft lag, wie draussen die kühle, weisse Decke des Schnee's, der
verhüllende Mantel der formvollen Gewohnheit und der feinen Sitte gebreitet und
entzog dem Auge, was sich unter ihm verbarg.
    Es war ein Schweigen über die Menschen gekommen. Angelika kränkelte und sah
noch übler aus, als ihre seltenen Klagen über ihr Befinden es rechtfertigten.
Der Freiherr hatte, weil er spät zu wachen liebte und weil Angelika, wie er
sagte, Ruhe haben sollte, ihre Zimmer verlassen und die Wohnung bezogen, welche
er vor seiner Verheiratung inne gehabt hatte, und alle einzelnen Personen
hielten sich mehr als je bisher in ihren besonderen Gemächern auf. Die Herzogin
erschien sehr niedergeschlagen. Man glaubte, dass sie den Marquis vermisse und
dass sie Langeweile fühle, denn sie liess den Caplan öfter zu sich bitten, hatte
lange Gespräche mit demselben, und doch sah man nicht, dass sich eine wirkliche
Annäherung zwischen den beiden Personen gebildet hätte oder auch nur allmählich
bildete. Was sich allein und immer gleich blieb, war die Freundschaft, welche
der Freiherr für die Herzogin an den Tag legte, und die rücksichtslose
Freigebigkeit und Zuvorkommenheit, mit welcher er allen ihren Neigungen
begegnete. Der Freiherr zeigte sich immer ruhig, Angelika sanft, aber
zurückhaltend, und man hätte fast meinen sollen, es läge nur an der Verstimmung
der Herzogin, dass die Anderen sich nicht in der früheren geistigen Freiheit
bewegten, es bedürfe nur ihres guten Willens, um Alles wieder in das alte
Geleise zu bringen; denn dass nicht mehr Alles in dem guten alten Geleise stehe,
dass etwas Besonderes, dass noch etwas Anderes, als der Streit mit dem Amtmanne
und dessen bevorstehende Entlassung vorgefallen sei, daran zweifelte in der
Herrschaft bald Niemand mehr. Aller der Leute, die, wie ihre Eltern auf den
Gütern geboren und erzogen, ihre Welt in diesem engen Kreise hatten, begann sich
dadurch eine Unsicherheit zu bemächtigen. Sie hatten stets den Glauben gehegt,
dass sich bei ihnen in Richten nichts ändern könne und dürfe, und dass sich etwas
geändert hatte, ohne dass sie sich zu erklären wussten, was sich geändert habe,
steigerte ihr Unbehagen.
    Aber grade die Frau, welche an den mannigfachen Wandlungen in Schloss Richten
und in dem Leben seiner Besitzer einen so grossen und unheilvollen Anteil hatte,
grade die Herzogin war am meisten betroffen über die Wendung, welche die
Gedanken und Entschlüsse des Freiherrn genommen hatten; und wenn sie davon auch
nicht im Gemüte angegriffen wurde, so nahm sie es doch mit einer Art von
Schrecken wahr, dass die von ihr so fein gesponnenen und so geschickt verknüpften
Fäden nicht das Gewebe bildeten, auf das sie es abgesehen, weil sie nicht
genugsam in Betracht gezogen hatte, dass es sich mit Menschen nicht so sicher als
mit todten Zahlen rechnen lasse und dass die Personen, welche sie als ihre
Werkzeuge zu betrachten sich gewöhnt hatte, sich plötzlich erheben und sich zu
einer Entscheidung aufraffen könnten, stark genug, alle Berechnungen und
Erwartungen der planvollsten Voraussicht mit einem Schlage zu durchkreuzen.
    Das habe ich nicht gewollt! sagte sich die Herzogin, als der Freiherr ihr
vertraut hatte, was er in sich beschlossen, und mit diesem Ausrufe wälzte sie
alle Verantwortung und Schuld von ihren Schultern auf die seinigen. Sie brauchte
nicht einzustehen für das, was sie nicht bezweckt hatte. Sie hatte sich
zerstreuen, sich unterhalten, ein wenig Einfluss auf ihre Freunde gewinnen
wollen, sagte sie sich; sie hatte die Baronin von ihrer deutschen
Schwerlebigkeit zu heilen, den Freiherrn von der Herrschaft seiner allzu
strengen Gattin zu befreien gewünscht; sich selber und seinen alten, fröhlichen
Gewohnheiten hatte sie ihn wiedergeben wollen, indem sie nebenbei sich und ihrem
Bruder das Leben in der Einsamkeit so gut es ging erheiterte, und plötzlich
hatte die stolze Ueberspannteit des Freiherrn alles Mass und Ziel so völlig
überschritten, dass die Herzogin sich mit einem Male zur Zeugin und zur
Vertrauten eines ehelichen Zwiespaltes auserkoren fand, der schwer und tief
genug war, um selbst eine Frau wie sie mit ernstem Erschrecken zu erfüllen. Sie
konnte dies dem Freiherrn nicht verzeihen, denn er ganz allein und Niemand sonst
trug nach ihrer Meinung die Schuld des Unheils. Sie nannte es unverantwortlich
von ihm, dass er der Baronin nicht die Hand bot, um über eine Schwäche, über
einen kleinen verzeihlichen Herzensirrscham fortzukommen; und wie natürlich,
wendete ihre ganze Teilnahme sich unter diesen Verhältnissen der Verkannten,
der Leidenden, der Baronin zu.
    Es blieb der Herzogin in diesem Augenblicke auch keine andere Wahl, wenn sie
sich nicht der ihr zur anderen Natur gewordenen Einmischung in fremde
Angelegenheiten für die nächste Zeit entalten wollte; und der Caplan hatte
Recht gehabt mit seinem Worte: sie kann nicht rasten und nicht ruhen! - Die
müssige Herrschsucht, das eitle Bedürfnis nach immer neuer scheinbarer
Tätigkeit, die Lust, sich an fremden Empfindungen zu ergötzen, waren
unersättlich und ohne Rast in der kalten, selbstsüchtigen, mit unruhiger
Phantasie begabten Frau, und sie wurden nur von dem dreisten Selbstbetruge
übertroffen, mit dem sie sich in eine neue Rolle zu versetzen wusste, so oft die
alte ihr beschwerlich oder unhaltbar für sie zu werden anfing.
    Seit Jahren hatte sie den Caplan gemieden, weil er der Missbilligung kein
Hehl gehabt hatte, mit der er ihr Treiben und ihren Einfluss auf den Freiherrn
und auf Angelika verfolgte, und sie war seit lange bestrebt gewesen, ihn in der
guten Meinung des freiherrlichen Paares zu entwurzeln, ja, ihn zu entfernen.
Jetzt schien sie dies völlig vergessen zu haben. Sogar der Gedanke, dass der
würdige Mann sie und ihr frevelhaftes Spiel mit der Wohlfahrt ihrer Gastfreunde
durchschaut habe und dass er es verdamme, hielt sie nicht ab, sich an ihn und
seinen Beistand zu wenden, sobald sie seiner zu bedürfen glaubte; denn wie alle
Selbstsüchtigen, besass sie das festeste Vertrauen in die Selbstlosigkeit der
Anderen und jenen Hochmut, der für alles getane Uebel schnelle Vergessenheit,
für jeden neuen Einfall Zustimmung und Beistand zu finden erwartet, wenn
demselben nur der Anschein eines edeln Zweckes anzudichten ist.
    Der Caplan erkannte und durchschaute dies Alles; aber in der Gefahr, in
welcher seine Freunde sich befanden, glaubte er sich jedes Mittels bediene, zu
müssen, das eine Hülfe zu bieten schien, obschon seine Hoffnung auf ein Gelingen
und sein Glaube an die Möglichkeit, die Ehe des Freiherrn herzustellen, nur
gering waren.
    Angelika war keine tatkräftige und war doch dabei eine stolze Natur. So
lange sie sich berechtigt geglaubt hatte, mit ihrer ungeteilten Liebe die Liebe
ihres Gatten, die er ihr zugeschworen, zu verdienen, so lange ihr reines
Gewissen seine volle Achtung fordern konnte, hatte sie den Mut gehabt, dem
Freiherrn in den Zeiten seiner geistigen Bedrängnis zu Hülfe zu kommen, und es
hatte sie über sich selbst hinausgehoben, dass sie zu trösten, zu verzeihen, dass
sie herzustellen vermochte. Seit sie sich schuldig glaubte, sich schuldiger
fühlte, als sie war, hatte eine Verzagteit sie erfasst, gegen welche der Caplan
vergebens angekämpft, da er andererseits genötigt gewesen war, Angelika mit
ernster Strenge vor der Nachgiebigkeit gegen ihre Schwäche zu warnen, welche in
den Lehren und Unterhaltungen der Herzogin immer neue Nahrung und Beschönigung
gefunden hatte. Wer aber, wie Angelika, wahrhaften Sinnes und also eigentlich
nicht geneigt ist, sich zu betrügen, wer sich selber seine Fehler zu Herzen
nimmt und sie sich schwer verzeiht, weil er den Anspruch der Würdigkeit an sich
macht, der fühlt auch die Verzeihung der Andern nicht als eine Wohltat, sondern
als eine Demütigung, unter deren Last er sich nicht leicht erhebt; und wie
furchtbar das übereilte Verdammungs-Urteil ihres Gatten Angelika auch traf, es
lag darin ein Etwas, das ihr willkommen war, das ihrem eigenen Empfinden, ihrem
in diesem Falle übertriebenen Gerechtigkeitsgefühl entsprach.
    Hätte der Freiherr sich dazu verstanden, sie über ihre Neigung für Herbert
aufzuklären, hätte er sie liebevoll zu sich gezogen, so würde sie sich bestrebt
haben, zu vergessen, und bemüht gewesen sein, die Liebe und das Wohlgefallen
ihres Gatten wieder zu erringen. Aber der Freiherr hatte die Wahrheit
gesprochen, als er gegen den Caplan behauptet, dass er eigentlich niemals eine
wirkliche Liebe für Angelika gefühlt habe, und er hatte es, für sich eingenommen
wie er war, ihr durch alle die Jahre nicht vergessen, dass sie ihn schwach
gesehen und dass sie ihm einmal in Gegenwart des Geistlichen ihr einstiges
inneres Missfallen an seiner Person erklärt hatte.
    Jetzt sich von Angelika im Angesichte der Herzogin einen jüngeren, einen
Mann geringeren Standes vorgezogen zu sehen, von seinem Weibe das Geständnis
hören zu müssen, dass sie einen Anderen liebe, das waren Kränkungen gewesen, die
er nicht verzeihen und von denen er sich nur durch eine Tat befreien konnte,
mit welcher er seine Selbsterrlichkeit vor sich selber, vor Angelika und vor
den Augen der Herzogin, ein für alle Mal feststellte.
    Er hatte dabei keinen grossen Widerstand in sich zu überwinden, denn wo der
Stolz und die Eitelkeit in einem Menschen die Oberhand behaupten, werden vor
denselben alle anderen Empfindungen und Rücksichten leicht zum Schweigen
gebracht, und der unausgesetzte Verkehr mit der älteren, ihm beständig
schmeichelnden und der Baronin geistig überlegenen Freundin hatte ihn seit lange
gleichgültiger gegen Angelika und selbst gegen ihre körperliche Schönheit
gemacht, als er es sonst wahrscheinlich geworden sein würde. Er brachte also
kein schweres Opfer, er gab keine ihm unentbehrlich gewordene Gemeinschaft auf,
als er sich von Angelika entfernte, und er fand mit dieser Entsagung dasjenige
für sich wieder, was ein Mann von seiner Art am wenigsten entbehren kann, was er
am höchsten schätzte: persönliche Befriedigung und das Wohlgefallen an sich
selbst und an seiner Machtvollkommenheit.
    
    Anders jedoch stand es um die Baronin. Der gewaltsame Entschluss ihres
Gemahls gab ihr ein Recht, sich unglücklich zu fühlen, und da sie, wie Jeder,
das Verlangen in sich trug, eine Folgerichtigkeit zwischen ihrem Erleiden und
ihrem Verschulden zu entdecken, so überliess sie sich unwillkürlich ihren
Gedanken an die entbehrte Liebe, und ihrem Schmerze um Herbert mit solcher
Heftigkeit, dass sich eben an dieser heftigen Leidenschaft ihr krankhaftes
Schuldbewusstsein bis zu jener Höhe steigerte, welche sich bereitwillig zu jeder
Busse zeigt und eine schwärmerische Wollust in dem Leiden, in dem völligen
Verzichten findet.
    An der Selbstzufriedenheit des Freiherrn, an der Wollust, mit welcher seine
Gattin sich verdammte, scheiterten die Versuche, welche der Caplan zu der
Vereinigung der Getrennten unternahm. Der Freiherr gefiel sich überaus darin,
den Geistlichen sowohl als die Herzogin von der Festigkeit seiner Entschlüsse
und seines Charakters wie von seinem strengen Ehrbegriffe zu überzeugen. Aus der
Mühe, welche sich der Eine und die Andere, jeder auf seine Weise, mit seiner
Bekehrung gaben, ersah er mit Vergnügen die Wichtigkeit, die sie ihm und seinem
Schicksale beilegten; und die Notwendigkeit, in den oft und in verschiedenster
Weise wiederkehrenden Gesprächen über diesen Gegenstand seine Gründe den Gründen
seiner Freunde entgegen zu stellen, bestärkte ihn in seinen Ueberzeugungen wie
in seinem Vorsatze. Hochgehobenen Hauptes und heiterer Stirn aufzutreten, wenn
er Alles um sich her gebeugt sah, war ihm ein durch nichts Anderes zu
ersetzender Genuss; und mit einem Lächeln der Ueberlegenheit ermahnte er die
Baronin wie seine Freunde, innere Erlebnisse nicht zur Schau zu tragen, ihre
Mienen und ihre Stimmung nicht zu Verrätern an sich werden zu lassen und den
Lauf des ruhigen täglichen Lebens nicht zu unterbrechen, weil man mit sich
selber etwas abzumachen habe.
    Ueberlassen wir es den Steinerts, sagte er gelegentlich, von sich, von ihrem
Schicksale und von Eva's Herzensgeschichte auf zehn Meilen in der Runde sprechen
und sich loben oder tadeln und beklagen zu lassen, je nach dem Belieben Anderer.
Man muss sich unnahbar machen, wenn man unangetastet bleiben will, und mich
dünkt, mit sehr geringer Selbstbeherrschung könnte die Baronin, mit etwas
Achtung vor meinem berechtigten Verlangen könnte der Caplan und könnten Sie,
meine teure Margarete, das Vergangene, wie ich, auf sich beruhen lassen und
mir die Unannehmlichkeit ersparen, mein und meines Hauses Leben von der Neugier
meiner Leute unnötig berührt zu sehen.
    Das waren Empfindungen und ein Stolz, welche die Herzogin vollkommen begriff
und würdigte. Sie stimmte mit der Ansicht des Freiherrn überein, dass es für den
Adel jetzt doppelt geboten sei, sich in ungebrochener Würdigkeit, im Vollbesitze
aller seiner Standesehren und Vorrechte vor dem niederen Volke zu behaupten, und
sie konnte bei der unverhohlenen Kälte und Entfremdung, mit welcher Angelika ihr
seit den letzten Ereignissen begegnete, überhaupt nicht lange im Zweifel darüber
bleiben, nach welcher Seite sie sich zu ihrem eigenen Besten wenden müsse.
    Lange Zeit die Rolle der Trösterin, der Versöhnerin zu spielen, während die
Baronin sich ihrem Troste unzugänglich zeigte und der Freiherr gegenüber ihren
vermittelnden Bestrebungen seine Ueberzeugung aufrecht erhielt, wäre dem auf
Erfolg gestellten Wesen der Herzogin ohnehin nicht möglich gewesen. Eine
Ausgleichung aber, ein Verständnis können sich nicht herstellen, wo
eigenwilliger Stolz in dem Menschen mächtiger als die verständnissvolle Liebe ist
und wo eine wahrhafte Annäherung schon durch das absichtliche Dazwischentreten
übelwollender Personen nicht zu Stande kommen kann. Von gleichem Stolze beseelt
und fortgerissen wie ihr Gatte, gewann es daher die Baronin auch endlich über
sich, es seinem Auge zu verbergen, wie unglücklich sie sei, wie unglücklich es
sie mache, sich von ihm verstossen zu wissen. Sie gewann es über sich, jene Ruhe
an den Tag zu legen, in welcher der Freiherr sich zeigte, in der er seine ganze
Umgebung zu sehen begehrte, eine Ruhe, die sie zu fühlen weit entfernt war und
deren Anschein, obschon er sich's nicht eingestand, den Freiherrn nur noch
fester in dem Glauben werden liess, dass er sich in Angelika getäuscht, dass sie
ihn nie geliebt und dass er in ihr nie das Herz besessen habe, welches ihn zu
beglücken, ihm zu genügen fähig gewesen wäre.
    Allen weiteren Belästigungen und Erörterungen zu entgehen, hatte der
Freiherr bald nach seiner heimlichen Trennung von Angelika eine Einladung zu den
grossen Jagden angenommen, welche einer der Prinzen auf seinen Gütern um diese
Zeit veranstaltete, und war erst kurz vor den Weihnachtstagen, und zwar in
Begleitung verschiedener Gäste, wieder in das Schloss zurückgekehrt.
    Das Weihnachtsfest wurde mit gewohnter Freigebigkeit und Gastlichkeit
begangen; die Gäste sollten bis über das Neujahr im Schloss verweilen.
    Befehlen der gnädige Herr, dass morgen der grosse Saal geöffnet und die Leute
angenommen werden sollen? erkundigte sich am Sylvestertage der Haushofmeister,
als der Freiherr ihn rufen lassen, um ihm einen Auftrag zu erteilen.
    Wie anders? antwortete dieser. Der Haushofmeister verneigte sich und ging
davon. Es war das erste Mal, dass er diese Frage für nötig erachtet hatte, das
erste Mal auch, dass der Freiherr sich den Glückwünschen seiner Leute gern
entzogen hätte. Aber es befanden sich im Schloss unter den Gästen mehrere
Personen, welche in manchem früheren Jahre Zeugen dieser herrschaftlichen
Ceremonie gewesen waren, und der Freiherr hielt es für angemessen, von einem
alten Herkommen nicht abzulassen.
    Der Ahnensaal zu ebener Erde war ein schöner Raum. In den beiden grossen
Kaminen an seinem oberen und unteren Ende brannten am Neujahrsmorgen helle
Feuer, und die Sonne, welche draussen den Schnee funkeln und die dicken Fransen
des Rauhreifs an den Aesten der Bäume glitzern machte, schien so hell in den
Saal hinein, als wolle sie die brennenden Feuer unsichtbar machen und beschämen.
    Die lange Reihe der Ahnenbilder war sorgfältig abgestäubt worden, man hatte
die Teppiche vor den gradlehnigen Canapee's über den Fussboden gebreitet, der
Haushofmeister liess auf dem schweren Marmortische die altertümlichen
Gerätschaften auftragen, deren man sich, seit die Baronin Angelika im Schloss
lebte, am Neujahrstage zu bedienen pflegte. Man nannte diesen Empfang im
Ahnensaale das Familien-Frühstück, weil man dann die Mahlzeit beim Beginne des
neuen Jahres gleichsam unter den Augen des ganzen hingegangenen Geschlechtes
einnahm und die sämmtlichen Beamten der Herrschaft mit einem Imbiss bewirtete.
Während der Haushofmeister die silbernen Kuchenschalen und die Flaschen des
süssen spanischen Weines kunstgerecht ordnete, kam des Freiherrn Secretär dazu.
    Seht nur zum Rechten, sagte er, der Herr ist heute übler Laune! - Der Andere
meinte, das sei jetzt nichts Seltenes. Doch mit Unterschied, bemerkte der
Secretär; heute ist's besonders schlimm! -
    Als der Haushofmeister zu wissen wünschte, was denn vorgefallen sei, liess
der Secretär sich erst eine Weile nötigen, dann sagte er: Es sind heute unter
den Sachen, die der Bote von der Post geholt hat, Briefe gekommen, die haben es
getan. Der Jude, welcher des Herrn Geldgeschäfte macht, kündigt ihm die
vierzigtausend Taler auf Rotenfeld, und es muss auch mit dem vertrackten
Marquis wieder etwas vorgefallen sein, was mit den Geldangelegenheiten
zusammenhängt. Ich sah grosse Zahlen und Berechnungen in dem Briefe, obschon der
Herr ihn seitwärts hielt. Als er ihn zweimal gelesen hatte, steckte er ihn ein,
aber seine üble Laune hatte er weg, denn - von Flies zu fordern haben wir schon
lange nichts mehr!
    Und dazu wieder die grossen silbernen Toiletten, welche jetzt zu Weihnachten
nach dem Muster der alten Waschgerätschaften, die vor ein paar Jahren
angeschafft wurden, für unsere gnädige Frau und für die Herzogin gemacht worden
und angekommen sind! bemerkte kopfschüttelnd der Haushofmeister. Mich soll's
wundern, wann die Herzogin einmal zu wünschen aufhören wird. Ewig kann das ja
nicht dauern!
    Freilich! Es geht Alles einmal zu Grunde in dieser wandelbaren Welt; aber
après nous le déluge! Und wenn's denn nur immer bei dem après nous bleiben
wollte, versetzte der Secretär, welcher sich die Schlagworte angeeignet hatte,
deren er die Herrschaften sich bedienen hörte. Er fuhr indes erschrocken zurück,
als in dem Augenblicke der Kammerdiener die Türvorhänge aufhob und die ganze
Gesellschaft, voran der Freiherr, die Herzogin am Arme, in den Saal eintrat. Sie
hatten beide das Wort gehört, und unwillkürlich sagte der Freiherr zu sich
selbst: Welch ein Anruf ist das! - Auch Angelika, deren übles Aussehen Allen
auffiel, sah nach dem Secretär hinüber und ihre Mienen zuckten leise zusammen.
Ihre Schwäche fing an, ihr oftmals die Herrschaft über sich zu rauben.
    Die Frauen nahmen auf dem Canapee ihre Plätze, die Männer, der Freiherr in
ihrer Mitte, standen in einer Gruppe in ihrer Nähe, als man meldete, dass der
Pfarrer mit seiner Frau, der Amtmann mit seiner Schwester angekommen wären. Der
Freiherr ging dem Geistlichen ein paar Schritte entgegen, reichte ihm und der
Pfarrerin die Hand und hiess sie willkommen, als sie ihm ihre Glückwünsche
aussprachen. Er schien Adam und seine Schwester nicht zu sehen, und doch hatten
sie ihr Bestes getan, sich heute bemerklich zu machen und es zu beweisen, dass
sie nicht in Sorgen, sondern guten Mutes in das neue Jahr hinübergingen.
    Der Amtmann hatte den Haarbeutel abgelegt und sich, wie Herbert das schon
lange getan, nach der neuen französischen Mode gekleidet. Auch Eva hatte die
ländliche Dormeuse abgenommen und trug ihr schönes, braunes Haar, wie Herbert
dieses liebte, frei um Gesicht und Rücken niederfliessend. Sie sah auffallend
hübsch aus, und die Blicke der männlichen Gäste richteten sich auf sie, als sie
sich der Baronin näherte, ihr die Hand zu küssen, während der Amtmann noch immer
da stand, erwartend, ob der Freiherr es endlich für angemessen finden werde,
seine Gegenwart zu bemerken, ob er endlich die geflissentliche und sehr gnädige
Unterhaltung mit dem Pfarrer unterbrechen werde.
    Adam fand den Freiherrn in den letzten Monaten wesentlich älter geworden,
und wie er so von ihm hinaufsah nach dem verstorbenen Herrn und dann zu Renatus
hin, der zwischen den Knieen des Caplans stand, konnte er sich eines Seufzers
nicht erwehren; aber dieser Seufzer galt nicht dem eigenen Geschicke. Wer wird
künftig für sie schaffen, wie wir's getan? dachte er, und er fühlte den Groll,
den er seit seinem Zusammenstosse mit dem Freiherrn gegen ihn gehegt, in seinem
treuen, festen Herzen schwinden, da er sich baldiger Freiheit sicher und seinen
Stern im Steigen wusste, während die Sorge seinem bisherigen Herrn immer näher
rückte, dass er sie kaum noch von sich weisen konnte.
    Plötzlich, als habe der Seufzer des Amtmanns ihn erst aufmerksam auf ihn
gemacht, wendete er sich zu ihm und sagte: Ich dachte, Er wäre auf's Güterkaufen
aus!
    Diese Anrede hatte Adam nicht erwartet, aber da er den Freiherrn kannte,
erschreckte sie ihn mehr als sie ihn kränkte. Was muss ihm geschehen sein, dass er
sich so vergessen kann? dachte er, und guterzig und nachsichtig wie ein
Glücklicher, sagte er: Da ich nach meinem Abkommen mit dem gnädigen Herrn noch
bis zum Herbste in seinem Dienste bleibe, konnte ich ja nicht ohne Urlaub fort,
und hätte mich nicht unterfangen, den Herrschaften am letzten Neujahr meinen
Glückwunsch schuldig zu bleiben. Möge es den Herrschaften so wohl gehen, als wir
es von je mit ihnen und ihrem Dienste gemeint!
    Adam war bewegt, und der Freiherr hörte das. Aber da er verstimmt und
gereizt war, klang selbst der gute Wunsch ihm wie ein Vorwurf, und fast
widerwillig sprach er sein kurzes: Ich danke, ich danke Ihm! zu seinem
Untergebenen aus, der dies nicht lange mehr bleiben sollte. Er konnte den Ton
gegen ihn nicht mehr finden, seit er Adam nicht mehr ganz zu ihm gehörend wusste,
und er zwang sich zu der Frage, was Adam denn für Plane habe, weil diese Frage
eine Verzeihung und ein Anerkenntniss in sich schloss.
    Ich habe ein Angebot auf Marienau getan. Ich kenne das Gut genau, und der
Besitzer kann es nicht mehr halten, sagte Adam.
    Ich weiss, ich weiss! rief der Freiherr und wendete sich kurz und hastig von
dem Amtmanne ab. Die Vorstellung, einen alten Lebensgenossen aus seiner Nähe
scheiden, einen alten Edelmann von dessen Hause auswandern zu sehen und dafür
einen Menschen niedern Standes, ja, seinen eigenen Amtmann zum Grenznachbar zu
bekommen, die Steinerts sich einnisten zu sehen, wo die Herren von Raven seit
langen Jahren fest und wohl gesessen hatten, war dem Freiherrn gar zu
widerwärtig. Es kamen ihm seit diesem Morgen nichts als unangenehme Neuigkeiten
zu.
    Aber noch empfindlicher, als der Freiherr durch das Zusammentreffen mit dem
Bruder, fühlte sich Angelika durch die Begegnung mit der Schwester berührt. Sie
hatte Eva nicht wiedergesehen seit dem Tage, an welchem sie die Verse in
Herbert's Pult gelegt, und die heisse Röte der Scham übergoss ihr bleiches
Antlitz, als sie Eva vor sich hintreten sah.
    Das war also das Mädchen, welches der Mann sich erwählt hatte, den sie
liebte, um dessentwillen sie mit sich selbst und mit ihren Pflichten zerfallen
war, das Mädchen, welches Herbert ihr, der Gräfin Berka, der Baronin von Arten,
der hochgebornen edlen Frau, vorgezogen hatte! Und mitten in der Pein dieser
qualvollen Empfindung erkannte die Baronin in dem grossen Medaillon, mit welchem
Eva ihr weisses Busentuch über der Brust zusammengenestelt hatte, Herbert's
sprechend ähnliches Portrait, welches eben heute anzulegen sie sich trotz der
Abmahnung des Bruders nicht hatte versagen mögen.
    Eva sah die Bewegung der Baronin, und ein Lächeln der befriedigten Eitelkeit
flog über ihre vollen Lippen, als sie sich niederbückte, um, wie sie das sonst
getan, die Hand der Gutsherrin zu küssen. Aber jenes siegreiche Lächeln war
Angelika nicht entgangen; sie zog die Hand zurück, und mit einer Härte und
Bitterkeit, die Niemand je von ihr gehört hatte, sagte sie: Lass' Sie es gut
sein, ich kann die Heuchelei nicht leiden und ich kann Ihr nicht helfen!
    Der Zorn der Baronin zeigte dem jungen Mädchen, wie mit hellem Lichte, sein
ganzes Glück in vollem Glanze, und mit dem Worte schnell wie immer bei der Hand,
während sie sich auch von Eifersucht ergriffen fühlte, entgegnete sie, der
unverdienten Abweisung mit Freuden trotzend: Ich verlangte ja nichts, ich habe
ja Alles, was ich wünsche, gnädige Frau!
    Unverschämte! stiess die Baronin hervor und wendete ihr, bebend vor Zorn, den
Rücken. Niemand hatte die Worte gehört, welche die Baronin mit der Schwester
ihres Amtmanns gewechselt, aber der Zorn der Ersteren, das Siegesgefühl in den
strahlenden Augen der Letzteren blieben nicht unbemerkt, und die Herzogin sowohl
als der Freiherr und Adam wussten sich den Vorgang zu erklären, der, wie
verschieden die Lebenslage der beiden Frauen auch war, hier das Weib dem Weibe
in seiner natürlichen Leidenschaft gegenüber gestellt hatte.
    Es war der erste Neujahrsmorgen, an dem es dem Freiherrn und seiner Gattin
nicht wohl in ihrem Hause wurde, nicht frei unter ihren Leuten zu Mute war, und
an dem sie in den Mienen ihrer Umgebung spähten, weil sie nicht mehr die alte,
unbedingte Sicherheit besassen, nur auf Liebe und auf freie, verehrende
Ergebenheit zu stossen. Dem Baron war die Nähe des Amtmanns, der sich schon als
eigner Herr fühlte, lästig, und die brieflichen Mitteilungen des Juweliers
lagen ihm schwer im Sinne; Angelika fand sich durch Eva's Anwesenheit beleidigt,
und erniedrigt durch das Bewusstsein, sich vor ihr verraten, sich ihr
gleichgestellt zu haben, während beiden Gatten die unverkennbar neugierige
Aufmerksamkeit ihrer Dienerschaft eben so wie die ängstliche Zurückhaltung des
Pfarrers und der übrigen Beamten auffiel.
    Die Leute wagten sich nicht wie sonst heran, sie sprachen ihre Wünsche nicht
so herzlich und offen wie früher aus, und der Pfarrer hatte nicht mehr seine
altgewohnte Anrede vernehmen lassen, dass Alles hier zu Lande bleiben möge, wie
es bisher gewesen, weil es so am besten sei. Er und die Pfarrerin blickten immer
nur ängstlich nach dem Amtmanne und nach dessen Schwester; auch die
Wirtschafter und der Justitiarius hielten sich zu den Steinerts, so gut sie
konnten. Die Amtskinder, wie man Adam und Eva in ihrer Jugend genannt hatte,
waren der Gegenstand der allgemeinen Teilnahme; auf die Herrschaften sah man in
der Besorgnis, was sie den Steinerts tun würden, was es mit diesen geben könne,
und selbst aus den Worten der ergebenen Gratulation glaubte der Freiherr einen
Vorwurf gegen sich und ein Misstrauen in die Zusicherung des Wohlwollens und der
Geneigteit herauszuhören, welche er, nach alter Sitte und Gewohnheit, den im
Dienste Befindlichen und Verbleibenden versprach. Was half diese Zusage des
Freiherrn ihnen auch im Grunde? Man wusste nicht, wer an Adam's Stelle kommen
würde, und das Wohlbehagen und Wohlergehen jedes Einzelnen hing vor Allem von
dem guten Willen und der Rechtschaffenheit des Amtmanns ab. Was man an den
Steinerts gehabt hatte, das war Jedermann bekannt; was kommen konnte, war nicht
zu berechnen, und das versicherten die Verwalter und Wirtschafter jetzt Jedem,
der es hören wollte, wie sie es sich unter einander längst gesagt hatten: wenn
jetzt nicht ein eben so tüchtiger und rechtschaffener Amtmann in die Herrschaft
käme, wie Adam Steinert es gewesen, so wäre kein Durchhalten möglich, und man
würde etwas erleben, auch wenn sie selber, wie bisher, gewissenhaft das Ihrige
täten.
    Das Misstrauen, die Unzufriedenheit, der Zweifel schwebten wie eine
ansteckende Krankheit in der Luft. Niemand sah sie, Jeder fühlte sich von ihrem
beängstigenden Hauche ergriffen, und wie lustig lodernd die Feuer in dem Saale
auch brannten und wie hell die Sonne auch die lange Reihe der Ahnenbilder
beleuchtete, es wurde Niemandem wohl bei diesem Neujahrs-Frühstücke; selbst
Renatus machte die Bemerkung, dass die Grosseltern und die Urgrosseltern auf den
Bildern, wenn die Sonne so darauf scheine, ganz verdriesslich auf die Menschen
niederblickten.
    Der Wein schmeckte heute den Leuten lange nicht so gut als sonst, und die
Pfarrerin fand, dass die Kuchen, welche Eva zum Feste in die Pfarre gesandt
hatte, weit besser wären, als die im Schloss aufgetragenen. Ihr Mann bemerkte,
dass der Herr Caplan gealtert, sehr gealtert habe, dass auch der Freiherr, obschon
er stärker werde, nicht mehr so gut aussehe, als noch vor wenig Monaten, und nun
gar die Frau Baronin! - Er schüttelte den Kopf und faltete die Hände. Was der am
Herzen nagte, darüber konnte man ja nicht im Zweifel sein. Wie mochte die sich
an einem solchen Feiertage manchmal nach dem reinen Worte Gottes und nach den
Eltern und Geschwistern sehnen!
    Es war Allen leichter um das Herz, nachdem dieses Neujahrs-Frühstück erst
vorüber war. Sonst hatte man sich darauf gefreut, heute hatte man es gefürchtet,
und selbst der Freiherr nannte es heute in seinem Herzen eine leere, lästige
Ceremonie, die er künftig abzustellen meinte.
    Es war die erste Gewohnheit, das erste Herkommen seines Hauses, auf das zu
verzichten er sich selbst gedrungen fühlte.
 
                                Zweites Capitel
Das Jahr, welches dem Freiherrn unter schlechten Auspicien angebrochen war,
bewies sich in seinem Fortschreiten diesen üblen Anzeichen entsprechend. Der
Winter war lang und sehr hart, das Frühjahr kalt und nass. Man konnte also die
Arbeiten erst spät beginnen, und die spärlich und ungleich aufgehenden Saaten
versprachen nicht den gewohnten und gehofften Ertrag.
    Der Freiherr, welcher sich niemals um die Bestellung des Landes gekümmert
hatte und kein Landwirt war, fing jetzt, da er bald der Zuversicht und
Sicherheit in das alte, ihm dienende Geschlecht der Steinerts entbehren sollte,
plötzlich nach dem Seinigen zu sehen an, und mit der Unkenntnis des Neulings
meinte er die übeln Ernte-Aussichten einer verminderten Sorgfalt des Amtmanns
zur Last legen zu dürfen. Der Verdacht, dass er seine Schuldigkeit nicht tue,
beleidigte Adam. Er verteidigte sich lebhaft gegen denselben, aber in dieser
gerechten Abwehr eines ungerechten Verdachtes glaubte der Freiherr nur den
Hochmut des Emporkömmlings sehen und beugen zu müssen, und er verlor überhaupt
mehr und mehr seine heitere, selbstgewisse Ruhe, weil er seine bis dahin
unumschränkte Herrschaft über seine Untergebenen und die unbedingte Geltung,
deren er vor ihnen und in seinem ganzen Lebenskreise sich stets sicher gewusst
hatte, nun, wohin er blickte, angezweifelt wähnte. Das machte die Zustände nicht
besser, wohl aber ihm und seinen Leuten das Leben bitter und schwer, und vor
allen Andern hatten die Geschwister im Amtofe zum Schlusse ihres Aufentaltes
in der alten Heimat böse Tage, denn die Geldverlegenheiten des Freiherrn hatten
sich in unerwarteter Weise gesteigert.
    Mit dem Vertrauen des Ehrenmannes und des Edelmannes in die Ehrenhaftigkeit
seines Standesgenossen und mit dem Bewusstsein, sich von dem Marquis für die ihm
erwiesenen mannigfachen Guttaten des Besten versehen zu dürfen, hatte der
Freiherr demselben, um der Herzogin seinen fortdauernden guten Willen für ihren
Bruder zu beweisen, sowohl bei Herrn Flies als bei einem Banquier in der
Residenz ausgedehnte Credite eröffnet, und die Herzogin hatte diese Briefe für
ihren Bruder mit der Versicherung angenommen, dass derselbe natürlich nur den
beschränktesten Gebrauch davon zu machen denke. Sie hatte es entweder vergessen,
wie oft und mit wie grossen Opfern sie dem Marquis zu Hülfe kommen müssen, so
lange sie selbst ihm zu helfen im Stande gewesen war, oder sie mochte erwarten,
dass die Jahre und die Erfahrung ihn gebessert und von seinen alten,
verschwenderischen Gewohnheiten zurückgebracht haben würden; indes diese
Hoffnung traf nicht zu. Denn nur wenig Tage hatte der Marquis in der Stadt
verweilt, als er sich von einem Kreise von Emigranten umringt und schnell
versucht fand, sich vor ihnen, deren üble Lage ihn dazu aufforderte, als den
Beschützer, als den Freigebigen, als den grossen Herrn von ehemals zu zeigen. Die
Anerkennung, der lebhafte Dank, die er geerntet, waren verführerisch für ihn
geworden. Seit langer Zeit hatte er sich endlich wieder einmal frei und als er
selbst, endlich sich wieder einmal in einer ihm angemessenen Lage gefühlt, und
fröhlich und leichterzig gemacht durch die sichtliche Zufriedenheit, die er um
sich her zu verbreiten im Falle war, hatte er des Geldes nicht geschont, hatte
er gegeben und geholfen und erfreut, wo sich ihm die Gelegenheit dazu geboten.
Er hatte niemals gerechnet und gezählt; die Herzogin hatte dies immer für ihn
übernommen, und sorglos die flüchtigen Tage und das flüchtige Geld hingleiten
lassend, war er plötzlich doch betroffen worden durch die Summen, die er in
liebenswürdigen Gefälligkeiten, in Hülfsleistungen aufgewendet hatte, die seinem
Herzen Ehre gemacht haben würden, hätte er sie aus eigenen Mitteln zu leisten
vermocht. Er wünschte einzuhalten, ja, mehr als das, er wünschte zu vergüten, zu
ersetzen, und an das Spiel von Jugend auf gewohnt, hatten ihm die
verführerischen Gunstbezeigungen desselben den sichersten und leichtesten Ausweg
aus seinen Verlegenheiten zu versprechen geschienen. Aber das Spiel war ihm
niemals besonders günstig gewesen und versagte sich ihm auch jetzt. Von einem
Tage zum andern hoffend, immer leidenschaftlicher wagend, je weniger diese
Wagnisse ihm einschlugen und je tiefer sie ihn in die Verlegenheit verwickelten,
der er sich zu entziehen wünschte, hatte er allmählich Summen erhoben, welche
die Auszahler stutzig werden liessen und welche endlich Herrn Flies bewogen, jene
Anfrage und jene Berichte zu machen, die der Freiherr eben am Neujahrstage
erhalten und die ihn genötigt hatten, auf eine augenblickliche Deckung dieser
bedeutenden Posten zu denken. Adam sollte Rat schaffen und Herr Flies sollte
Geld schaffen; aber guter Rat war teuer, und Geld war es noch mehr.
    Die republikanische Bewegung und der ihr folgende Krieg, die von Frankreich
aus immer weiter um sich griffen, machten alle Capitalisten in der Anlage ihres
Geldes vorsichtig und schwierig. In den Gegenden, in welchen sich revolutionäre
Gesinnungen kund gaben, suchten ängstliche Besitzer sich ihrer liegenden Gründe
zu entäussern, und wie der Wert des Grundbesitzes sank, stieg der Wert des
baaren Geldes. Dem Amtmanne kam das sehr zu Statten. Er hatte seinen Handel
wegen des schönen Gutes Marienau bereits lange abgeschlossen, ehe der Freiherr
das neue Darlehn auf Rotenfeld und die Capitalien gefunden hatte, deren er
bedurfte, um die Wechsel des Marquis zu decken und um endlich den Bau der Kirche
vollenden zu lassen, der im letzten Jahre nur wenig vorgeschritten war. Dem
Freiherrn selber war freilich dieser Kirchenbau niemals eine persönliche
Herzensangelegenheit gewesen; jetzt war er ihm aus mehr als einem Grunde lästig,
und er würde ihn in diesem Augenblicke mit Freuden unterbrochen, die Kirche
vorläufig unvollendet stehen gelassen haben, hätte er nicht fürchten müssen,
eben dadurch den nachteiligen Gerüchten Nahrung zu geben, die es ihm ohnehin so
wesentlich erschwerten, Geld zu finden, selbst wenn er es mit hohem Zins
bezahlte.
    Mit Wirtschaftsbeamten zu verhandeln, welche die Stelle des Amtmannes
ersetzen sollten, sich selbst um die Aufbringung von Geldern zu bemühen und das
Geld, welches ihm bisher nur ein Mittel zur Erreichung seiner Zwecke und zur
Befriedigung seiner Wünsche gewesen war, als Selbstzweck zu betrachten, fiel dem
Freiherrn schwer. Er dachte daran, Einschränkungen zu machen, aber er wusste
nicht, wie er das anfangen oder wem er sie auferlegen sollte, denn in der
sorglosen Freiheit des Verbrauches erwachsen, war der Überfluss ihm zur
Gewohnheit geworden, und er glaubte nur das Notwendige zu haben, wenn er alles
Dasjenige besass, was ihm irgend wünschenswert erschien. Sich etwas zu versagen,
das verstand er nicht, die Herzogin zu beschränken, hätte ihm ungastlich und
grade nach dem unangenehmen Vorfalle mit dem Marquis ungrossmütig gedünkt. Die
Bedürfnisse der Baronin waren immer mässig gewesen, und ihr auch nur ein kleines
Ersparnis vorzuschlagen, würde er in dem Verhältnisse, in welchem er jetzt zu
ihr stand, als unehrenhaft und unanständig betrachtet haben.
    Unglücklicher Weise hatte der Mann, welcher dazu ausersehen war, vom
Späterbste ab die Stelle des Amtmannes zu verwalten, den Freiherrn dadurch für
sich einzunehmen gewusst, dass er ihm bemerklich gemacht hatte, es liessen sich
grosse Summen ersparen, wenn man den Insassen der Güter nicht so viel Freiheit
liesse, wie die Steinerts es getan, und namentlich bei dem Kirchenbaue könne man
auch jetzt noch sehr beträchtliche Ausgaben vermeiden, wenn man nur die Insassen
und Kätner, wie es sich gehörte, zur Arbeit heranzöge und verwendete. Das
sollte nun Adam auf des Freiherrn Befehl noch zur Ausführung bringen.
    Vergebens bewies dieser, dass man die Leute in dem letzten Winter, wo man
einen Wald verkauft und völlig ausgeschlagen, sehr stark in Anspruch genommen
habe, dass man ihnen bei der drängenden Arbeit in dem späten Frühjahre kaum die
Zeit habe gönnen können, ihr Stück Garten und Feld zu bestellen, und dass man sie
im Winter zu ernähren haben würde, wenn man sie jetzt nicht so viel als nötig
für sich selber sorgen liesse. Der Freiherr wollte davon nichts hören. Er war in
eine Lage und in eine Stimmung versetzt, in welcher er immer nur der nächsten
Belästigung entoben sein wollte, und vor Allem schien es ihm darauf anzukommen,
Herbert's ein für alle Mal ledig zu werden, der, trotz seines Verlangens, mit
Eva zusammen zu sein, nur erst einmal wieder nach Richten gekommen war und sich
bei der Beaufsichtigung des Baues durch einen jüngeren Gehülfen vertreten liess.
    Es blieb also Adam gar nichts übrig, als sich zu fügen und unter einer
Bevölkerung, unter welcher seine Familie seit mehr als hundert Jahren in Liebe
und Frieden gelebt hatte, schliesslich wider seinen Willen den Frohnvogt zu
machen. Er musste die volle Arbeitszeit der Leute in Beschlag nehmen, sie rundweg
abweisen, wenn sie auf die Nachsicht Anspruch machten, welche man ihnen sonst
ohne grosse Opfer hatte bewilligen können. Das gab böses Blut. Wo die Leute
beisammen waren, konnte man es sagen hören, dass es eine Sünde und Schande sei,
Christenmenschen in das Joch zu spannen, um eine Kirche aufzubauen, mit der sie
nichts zu schaffen hätten, und um im Schloss fremdes Volk zu füttern. Alle
Arbeit wurde widerwillig getan, Vorwände, mit welchen die Leute sich derselben
zu entziehen suchten, gaben Anlass zu Untersuchungen und Strafen; und diese
Strafen machten das Uebel ärger. Heute hatte man Händel und Schlägereien zu
schlichten, wenn einer von den Leuten sich bei den Arbeitsforderungen zu stark
herangezogen oder einen Anderen bei den Arbeitserlassen einmal begünstigt
glaubte, und morgen gab es lose Reden und freche Ausfälle gegen die Herrschaft
vor Gericht zu ziehen. Es war, als sei der gute Geist entwichen, der hier bisher
gewaltet hatte. Des Zankens, Anschuldigens, Strafens war gar kein Ende mehr.
Hätte der Amtmann, wie der Freiherr es verlangte, alle diejenigen zur
Rechenschaft fordern wollen, die sich widerspänstig zeigten, und diejenigen
eingesperrt, welche grundlos Händel anzettelten, so hätte er noch beträchtlich
an Arbeitskräften eingebüsst. Er musste also ein Auge zudrücken, Mancherlei nicht
hören, Vielerlei stillschweigend mit ansehen, um nur durchzukommen, und noch war
der Sommer nicht da, als auf den Gütern, auf welchen bis dahin eine für jene
Zeiten musterhafte Verwaltung geherrscht hatte, jener Zustand eingetreten war,
der nirgends ausbleibt, wo die Befehlenden, weil sie Ungerechtes und
Uebermässiges heischen, Ungesetzliches und Massloses geschehen lassen müssen, um
sich von einem Tage zu dem anderen durchzuschlagen und sich damit zu vertrösten,
dass auch übermorgen und nach übermorgen gehen werde, was gestern und vorgestern
eben noch gegangen sei.
    Dem Amtmanne war dieses Treiben ein Gräuel. Wie jeder, der das Land bebaut,
hatte er frühzeitig begriffen, dass in der eigenen Lebensführung wie in der
Leitung eines Gemeinwesens, mag dies nun gross oder klein sein, Voraussicht und
mit ihr Zusammenhang im Handeln die Hauptsache sind; und wenn er selber auch die
Folgen des jetzigen Verfahrens nicht mehr zu tragen haben sollte, so peinigten
ihn doch der gegenwärtige Zustand und die Gewissheit, dass die übeln Früchte
desselben nicht ausbleiben könnten. Die Schullehrer klagten bereits, dass die
Kinder, weil sie zu Hause die Arbeit der zum Dienste befohlenen Erwachsenen
verrichten mussten, die Schule versäumten, der Pfarrer beschwerte sich, dass die
Leute, weil ihnen gar keine Zeit für ihre eigene Arbeit mehr gelassen würde,
Sonntags die Kirche nicht mehr besuchten, dass er das Wort Gottes vor leeren
Bänken predigen müsse, während die grosse katolische Kirche, in der Niemand
ausser der Herrschaft und den Fremden seine Andacht halten und seinen
Gottesdienst begehen könne, sich der Vollendung nähere.
    Früher hätte der Freiherr von allen diesen Dingen in seiner sorglosen und
heitern Unnahbarkeit nicht viel erfahren. Jetzt fragte er danach, fragte, weil
er dies nicht gewohnt war, nicht immer an der rechten Quelle, und glaubte, da er
häufig falsch berichtet ward, es mit einem Geiste des Aufruhrs zu tun zu haben,
den er unterdrücken, und zwar mit Gewalt unterdrücken müsse, während er und sein
Tun und Gebieten ganz allein die Unzufriedenheit und Aufsässigkeit erzeugten,
die er dem bösen, von Frankreich kommenden Zeitgeiste entsprungen wähnte.
    So viel stellte sich indes an Einsicht für ihn bald heraus, dass er, um dem
neuen Amtmanne gewisse Pflichten auflegen zu können, auch die drückendsten
Geldverlegenheiten beseitigt haben müsse, und da bisher die schriftlich oder
durch Dritte geführten Verhandlungen mit Herrn Flies zu keinem befriedigenden
Abschlusse gelangen wollten, beschloss der Freiherr, persönlich einen Versuch zu
einem Uebereinkommen mit ihm zu machen.
    Er war ohnehin lange nicht in der Stadt gewesen; die Herzogin, welche von
seinem Vorsatze sprechen hörte, nannte einen solchen kleinen zeitweiligen
Ortswechsel angenehm, und da Renatus ein grosses Verlangen zeigte, mitgenommen zu
werden, war der Freiherr schnell bereit, aus einer Geschäftsreise, die er
antreten wollen, um sich aus Geldverlegenheiten zu befreien, eine
Vergnügungsreise mit seiner ganzen Familie zu machen, welche bei der damaligen
Art zu reisen nicht ohne einen ansehnlichen Aufwand zu bestreiten war.
    Die Baronin, deren Gesundheit immer schwankender und deren Brustbeklemmungen
immer häufiger geworden waren, hatte Anfangs eine Scheu vor dieser Reise
getragen, da sie die zunehmende Wärme der Jahreszeit und die Unbequemlichkeit
der Nachtquartiere fürchtete; aber der Freiherr hatte auf ihr Mitgehen
gerechnet, Renatus bat ebenfalls, die Mutter möge doch nicht zu Hause bleiben,
und die Baronin gab endlich gegen ihr richtiges Gefühl dem Verlangen der Ihrigen
nach, weil sie für sich keine lebhaften Wünsche und kaum noch lebhafte Besorgnis
hegte.
    So fuhren denn an einem frühen Morgen die grossen, vierspännigen Reisewagen
vor das Portal. In dem einen wollte der Freiherr mit den beiden Frauen, in dem
anderen sollte Renatus mit seiner französischen Bonne und der Kammerjungfer
seiner Mutter fahren, die während der kurzen Reise den Dienst bei den beiden
Damen zu versehen hatte; aber schon am ersten Reisetage zeigte es sich, dass die
Baronin es nicht ertragen konnte, Tag über in der Gesellschaft der lebhaften
Herzogin zuzubringen, und man musste für den nächsten Morgen die Einrichtung
treffen, sie den einen Wagen allein mit ihrer Kammerjungfer einnehmen zu lassen,
um ihr die nötige Ruhe zu gönnen.
    Es war am Mittage des dritten Tages, nachdem man Richten verlassen hatte,
als man dem Freiherrn, der das ganze erste Stockwerk des Gastauses für sich in
Beschlag genommen hatte, die Nachricht brachte, Herr Flies, den er zu sich
bitten lassen, sei gekommen. Der Freiherr befahl, ihn herein zu führen, und
setzte sich auf das Sopha, den Besuch zu erwarten, damit er nicht nötig hatte,
ihm etwa entgegen zu gehen, denn nun er an der Schwelle der mündlichen
Verhandlung stand, dünkte ihm diese noch lästiger als die schriftliche zu sein.
    Als Herr Flies eintrat, hiess der Freiherr ihn mit den Worten: Sie sind
pünktlich, lieber Flies! willkommen.
    Ich bin ein Geschäftsmann! entgegnete dieser höflich. Aber der Freiherr
konnte sich eines gewissen Erstaunens bei dem Anblicke des Juweliers nicht
erwehren. Er kam ihm grösser, ansehnlicher vor, denn er trug sich aufgerichteter
als früher; seine Kleidung war einfach, indes nach der Mode und von den besten
Stoffen. Er hatte eine gewisse demütige Weise, gewisse tiefe Verbeugungen und
gewisse Manieren, die er sonst als Stammesgewohnheiten unwillkürlich zur Schau
getragen, völlig abgelegt und dafür eine ruhige Haltung gewonnen, welche ihn dem
Freiherrn wie einen Fremden erscheinen machte. Er hatte vorgehabt, ohne Weiteres
mit Herrn Flies die Angelegenheit zu durchsprechen, wegen derer er ihn rufen
lassen; nun er den Kaufmann vor sich hatte, dessen Augen klug und forschend auf
ihm ruhten, wusste er nicht gleich, von welchem Punkte er die Sache in Angriff
nehmen sollte, und wie alle vom Glücke Verwöhnten vor jeder Unbequemlichkeit
zaghaft und zaudernd, sagte er: Wie geht es Ihnen, lieber Flies? Ich habe Sie
lange nicht gesehen, ich war lange nicht hier; aber ich wollte meinem Sohne doch
einmal eine Stadt zeigen und muss auch einen der hiesigen Aerzte wegen der
Baronin zu Rate ziehen.
    So sind die Frau Baronin leidend? fragte Flies.
    Recht sehr, recht sehr, antwortete der Freiherr mit sichtlicher
Zerstreuteit; ich denke, der Doctor muss bald kommen!
    Er hatte noch immer nicht den Mut, dasjenige zu verlangen, was er mit
Leichtigkeit gefordert haben würde, als er sich noch im Vollbesitze seines
Vermögens und seines Ansehens gewusst hatte, und Herr Flies, welcher den Zustand
des Freiherrn wohl erkannte, fand es daher angemessen, ihm mit der Bemerkung
entgegen zu kommen, dass es ihm, da er den Arzt erwarte, wahrscheinlich erwünscht
sein werde, die Geschäfte schnell zu beenden, und dass er ihm einen, wie er
glaube, sehr annehmbaren Vorschlag für dieselben zu machen habe.
    Der Freiherr, sehr zufrieden, dass er nicht derjenige zu sein brauchte, der
die Verhandlungen in Gang brachte, und doch zugleich verdriesslich darüber, dass
Flies sich so heiter und frei zu fühlen schien, während er selbst sich von
dessen gutem Willen mehr als ihm lieb war abhängig wusste, verlangte den
Vorschlag zu hören.
    Herr Flies zog die Briefe, welche er von dem Freiherrn erhalten hatte, aus
seiner Brusttasche hervor und sagte: Verstehe ich die Meinung Ihres letzten
Briefes recht, Herr Baron, so wünschen Sie ausser der Summe, welche auf
Rotenfeld jetzt aufgenommen war, eine zweite Hypotek in gleichem Betrage auf
Rotenfeld, und eine eben so grosse auf Neudorf eintragen zu lassen.
    Der Freiherr bejahte das; Flies machte ein nachdenkliches Gesicht. Es war
dem Freiherrn, als sässe er angeklagt vor seinem Richter.
    Die Posten sind stark, hob nach kurzem Schweigen der Kaufmann an, und Geld
ist teuer! Es wird Ihnen grosse Zinsen kosten, Herr Baron, Zinsen, die kaum
aufzubringen sein werden, wenn wir einmal ein Missjahr haben, wie eben jetzt, und
vollends wenn der Krieg ....
    Der Freiherr wurde ungeduldig. Das sind Vorstellungen und keine Vorschläge,
mein lieber Flies! rief er, ihn unterbrechend. Die ersteren habe ich mir selber
längst gemacht, wollen Sie mich die anderen hören lassen?
    Ich weiss nicht, ob sie dem Herrn Baron passen werden, hob jener an. Ich
denke mein Geschäft mit Nächstem einmal aufzugeben.
    Natürlich, Sie sind ein reicher Mann! rief der Freiherr, dem die
Gemächlichkeit des Kaufmannes unerträglich dünkte.
    Nun, ich habe allenfalls zu leben, entgegnete dieser mit Gelassenheit, und
ich fühle, dass es mir nicht mehr bekommt, die ganzen Tage im Laden und im
Comptoir zu stehen. Fünfunddreissig Jahre solcher Arbeit lasten auf dem Menschen,
und meine Frau hat auch ihre Ruhe verdient. Meine Tochter ....
    Liebster Flies, unterbrach ihn der Freiherr, Sie dürfen glauben, dass Ihr
Wohlergehen mich freut, aber die Vorschläge, welche Sie mir zu machen hatten
....
    Hangen damit eben zusammen, Herr Baron! versicherte der Kaufmann. Wer sich
zur Ruhe setzen will, muss vorsichtiger werden, als der Geschäftsmann, darf nicht
Alles auf eine Karte, auf einen Wurf setzen und muss sich für den Fall, dass die
Ruhe ihm doch nicht zusagt, immer ein Capital zur Hand halten, mit dem sich
allenfalls einmal wieder etwas anfangen lässt. Ich wäre nicht abgeneigt, Geld auf
Rotenfeld herzugeben, es ist ein schönes Gut; auch Neudorf ist ein schönes Gut,
und es würde sich auch wohl auf Neudorf ein Capital beschaffen lassen; aber die
zweite Hypotek auf Rotenfeld würde mir nicht conveniren, Herr Baron, und
deshalb wollte ich Ihnen den Vorschlag machen, ob Sie nicht etwas von Ihrem
liegenden Besitze verkaufen wollten?
    Der Freiherr fuhr auf: Verkaufen? - Sie werden doch nicht glauben, dass ich
eines meiner Güter zu verkaufen denke? Sie denken doch nicht daran, dass ich
Neudorf oder gar Rotenfeld, wo ich eben jetzt die Kirche baue, verkaufen soll?
    Herr Flies lächelte kaum merkbar, und mit einem Blicke seiner klugen Augen,
den ein Achtsamer nicht missverstehen konnte, sagte er: Wie sollte ich adelige
Güter kaufen wollen, Herr Baron, und vollends die neue Kirche, was sollte mir
die? - Nein, Herr Baron, ich dachte an Ihre Güter nicht; aber wie wäre es mit
dem Hause, das der Herr Baron von der Fräulein Tante in Berlin ererbten? Es
steht leer, wie ich gesehen habe.
    Der Freiherr schwieg, denn obschon der Vorschlag, der ihm am leichtesten aus
den Verlegenheiten helfen konnte, ihm sofort einleuchtete, widerstrebte ihm doch
der Gedanke, sich irgend eines Besjetztumes zu entschlagen, auf das äusserste.
Während er sonst seines Hauses in der Residenz mit grosser Gleichgültigkeit
gedachte, stand es ihm jetzt in seiner ganzen Würdigkeit vor Augen, und er
fühlte sich mit mannigfachen Banden und Erinnerungen an dasselbe gefesselt. Was
wollen Sie denn mit einem solchen Hause tun? fragte er endlich.
    Herr Flies lächelte abermals, und so, dass der Baron es sehen musste. Was ich
damit machen will? - Ich war im vorigen Jahre mit Frau und Tochter in der
Residenz und es hat den beiden dort gefallen. Meine Tochter liebt Musik, liebt
das Teater, und ich habe nur das eine Kind. Ich denke deshalb nach der Residenz
zu ziehen, und das Haus der Fräulein Tante ist mit seinem grossen Garten recht
wie meine Tochter es sich wünscht.
    Der Freiherr biss sich unwillkürlich auf die Lippe. Er hatte den Mann zu
schonen, den er brauchte, aber es fiel ihm schwer, ihm nicht zu sagen, dass und
wie sehr dieser Vorschlag ihm ungeeignet scheine, ja wie sehr er ihn beleidige.
In seinem Hause, in dem Hause, an welchem, seit sein Grossvater es erbaut, das
stolze Arten'sche Familienwappen prangte, sollten Handel und Gewerbe künftig ihr
Wesen treiben? Wo Fräulein Ester den Besuch des grossen Friedrich empfangen,
sollten Judenfrauen ihren Kaffee trinken? Nimmermehr! Er stiess den Gedanken weit
zurück; der Kaufmann fügte sich augenblicklich, aber er wollte nun auch von dem
anderen Darlehn nichts wissen, weil er, so lange er nicht nach der Residenz
übersiedele, seine hiesigen Geschäfte, für die er seine ganzen Capitalien
brauche, fortzuführen denke; und da der Freiherr, beleidigt durch den Zwang, den
Flies ihm antun zu wollen schien, sich weder zum Nachgeben noch zu einem
eingehenden Verhandeln geneigt bewies, so empfahl sich jener, die ganze
Angelegenheit ruhig dem Ermessen des Freiherrn überlassend.
 
                                Drittes Capitel
Einige Tage waren seit diesem Gespräche vergangen, und der Freiherr hatte sie
nicht angenehm verlebt. Die Baronin fuhr zwar täglich aus, um ihrem Sohne die
Stadt und deren Merkwürdigkeiten zu zeigen und sich an der Freude des Knaben zu
ergötzen, aber die ungewohnte Lebensweise regte sie auf, die Luft in den
enggebauten Strassen schien ihr sehr drückend, und der Ausspruch des zu Rate
gezogenen Arztes hatte auch nicht tröstlich gelautet, obschon er keine bestimmte
Erklärung von sich gegeben. Es war für den Winter von einem Aufentalte in einem
milden Klima die Rede gewesen, Italien, an das man dabei dachte, konnte jedoch
unter den obwaltenden politischen Verhältnissen nicht wohl zum Aufentalte einer
Leidenden gewählt werden. Dazu erinnerte der Freiherr sich mit Unbehagen und
Bedenken des Geldaufwandes, welchen einst die italienische Reise seiner Mutter
und seiner verstorbenen Schwester erfordert hatte; und sollte er auch die
Gattin, wie die Schwester, über die Alpen gehen und nicht lebend wiederkehren
sehen?
    Er liebte Angelika nicht mehr, aber die Vorstellung, die junge, schöne Frau
vor sich sterben zu sehen, ging ihm doch nahe, und dabei wollten seine
Geldangelegenheiten sich durchaus nicht, wie er es wünschte, ordnen lassen. Die
Kaufleute, denen es bekannt war, dass die Herren von Arten bisher alle ihre
Geschäfte mit dem Hause Flies gemacht hatten, und die es wussten, wie dieses wohl
im Stande wäre, das anscheinend so sichere Darlehn zu leisten, wurden
misstrauisch, eben weil man ihnen das Geschäft anbot. Denn der bisherige Banquier
der Herren von Arten konnte es sicherlich nur aus einem wichtigen Grunde
zurückgewiesen haben. Sie zögerten, machten Schwierigkeiten, verlangten, wie
Herr Flies es dem Baron vorausgesagt hatte, Zinsen, die ihn zu neuen Anleihen
nötigen mussten, und da der Freiherr auf solche Weise nun an sich selber die
alte Erfahrung bestätigt fand, dass Geld und Credit für denjenigen, der sie
braucht, stets schwer zu haben sind, so sah er sich immer wieder auf den
Hausverkauf hingewiesen.
    Die Notwendigkeit hat eine überzeugende und verführerische Beredsamkeit. Je
länger er ihr gegenüberstand, um so mehr räumte es sich der Freiherr ein, dass er
eigentlich niemals Freude an dem Hause in der Residenz gehabt und dass Keiner der
Seinigen dort gern oder glücklich gelebt habe. Seit es erbaut worden, hatte es
mit Ausnahme kurzer Besuche, welche die Familie in der Stadt gemacht, fast immer
leer gestanden, bis Fräulein Ester es bezogen; und weder die Erinnerungen an
sie, noch jene, welche sich an die sechs Monate knüpften, die der Freiherr mit
Angelika nach seiner Verheiratung in der Residenz zugebracht hatte, waren von
der Art, ihn an das Haus zu fesseln. Auffallen konnte es Niemandem, dass er es
verkaufte, da er es nicht benutzte. Die Schwierigkeiten, mit denen die
grillenhafte Besitzerin die Abtretung des Grundstückes an einen Anderen belastet
hatte, waren nicht unüberwindlich; und dass Herr Flies, den er als einen bequemen
Geschäftsmann kannte, sich nicht kleinlich zeigen würde, wo er für sich und
seine Familie etwas Angenehmes zu erreichen wünschte, darauf meinte der Freiherr
rechnen zu dürfen.
    Die Angelegenheit liess ihm keine Ruhe, sie beschäftigte ihn am Tage, sie
quälte ihn in der Nacht. In seinen Träumen ging er mit seinem Sohne in dem alten
Hause umher, und von den Wänden stiegen die Bilder der Tante herab und
verfolgten ihn und den Knaben mit leidenschaftlicher Hast, dass er sich und das
Kind nicht vor ihnen zu retten wusste. Wenn er angstvoll die Türe und das Portal
des Hofes erreicht hatte, so stand die Tante auch da wieder vor ihm und wehrte
ihm den Ausgang; und jenseit des Gitters türmten sich dichte Wolken auf, aus
denen der Juwelier mit seinem zufriedenen Lächeln auf ihn herniedersah und ihn
fragte: Was wollen Sie mit dem alten Hause, Herr Baron? Es ist darin für Sie
nicht mehr geheuer!
    Am Morgen nach einer solchen Nacht beschloss er, ein Ende damit zu machen,
nur um der lästigen Gedanken los zu werden; aber der Mittag kam heran, ehe er
sich dazu bringen konnte, den darauf bezüglichen Brief zu schreiben.
    Herr Flies sass in behaglicher Sonntagsruhe mit Frau und Tochter in dem
Garten hinter seinem Hause, als ihm das Schreiben des Freiherrn zu Händen kam,
und da die Kriegsrätin mit ihrem Manne zu einer Picknickpartie auf das Land
gefahren war, verstand es sich von selbst, dass Paul den freien Tag bei seinen
Freunden und Beschützern zubrachte.
    Von dem Herrn Baron von Arten! sagte der Diener, als er Herrn Flies den
Brief übergab. Die Mutter warf dem Vater einen Blick des Einverständnisses zu,
den er nicht beachtete. Er las das kurze Schreiben, sagte, dass er nicht
ermangeln werde, sich morgen in der Frühe einzustellen, und entliess den Diener.
Die Mutter fragte nichts, Herr Flies sprach auch nicht von der Sache; da sie
aber Alle wussten, um was es sich handelte, konnten sie sich denken, was der
Brief bedeute, und nur Paul sah fortwährend nach Herrn Flies hinüber, als
wünsche er in den Mienen desselben die Antwort auf eine Frage zu lesen, die er
nicht zu tun wagte. Er vermochte nicht bei dem Buche zu bleiben, mit dem er
beschäftigt gewesen war; er stand auf, ging fort, kam wieder - man war nicht
gewohnt, ihn so unstät zu sehen.
    Endlich, als Seba sich erhob, um einen Auftrag für die Mutter auszurichten,
folgte er ihr nach, und seinen Arm in den ihrigen legend - denn der
vierzehnjährige Knabe war fast so gross als sie - sagte er, während eine dunkle
Röte sein schönes, kräftiges Gesicht überzog: Seba, ist denn mein Vater hier?
    Der bebende Ton seiner Stimme ging ihr zu Herzen, und sie drückte ihm
beruhigend die Hand, als sie seine Frage bejahte.
    Warum sagtest Du mir's nicht?
    Was konnte es Dir helfen? gab sie ihm zur Antwort.
    Er schwieg einen Augenblick, dann fragte er: Ob er sich wohl nach mir
erkundigt hat?
    Sie entgegnete, dass sie es nicht wisse, aber sie stellte ihn nicht damit
zufrieden.
    Du würdest es wissen, wenn es geschehen wäre, sagte er, und ich bin kein
Kind mehr, dem man mit Unwahrheiten ein Vergnügen macht. Er hat nicht nach mir
gefragt!
    Er seufzte, als er diese Worte sprach. Sie waren inzwischen zu den Anderen
zurückgekehrt und es konnte nicht weiter die Rede davon sein. Indes Seba sah,
dass in seinem Innern die Aufregung nicht vorüber war, und als er sich später
wieder eine Weile mit ihr allein befand, verlangte er zu erfahren, wo sein Vater
wohne.
    Seba erschrak. Wesshalb fragst Du mich das? sagte sie.
    Er antwortete ihr nicht gleich, wie das seine Weise war, wenn er seine
Rührung zu besiegen strebte, und sagte dann, sich gewaltsam zusammennehmend,
während seine Lippen bebten: Ich möchte ihn doch wenigstens einmal sehen, meinen
Vater! - Aber seine Bewegung war mächtiger als sein Wille, die Tränen traten
ihm in die Augen, er schüttelte zornig und unzufrieden mit sich selbst den Kopf
und eilte aus dem Garten fort in das Haus.
    Dass der Knabe nicht leicht von einer Sache abliess, die er sich in den Sinn
gesetzt hatte, war eine Eigentümlichkeit an ihm, welche Alle kannten, die mit
ihm zu tun hatten, und Seba fand es daher für nötig, als Paul's Pflegeeltern
am Abend von ihrer Ausfahrt wiederkehrten, sie von seinem Verlangen und von dem
ganzen Vorgange zu unterrichten. Dass man ihn davon zurückhalten müsse, seinen
Vater aufsuchen zu gehen, darin stimmten Alle überein. Madame Flies und der
Kriegsrat waren nur der Ansicht, dass man ihn vertrösten, ihn beschwichtigen
solle, bis der Freiherr abgereist sei, die Kriegsrätin hingegen dachte es ihm
gradezu und entschieden zu verbieten, ohne sich auf Gründe mit ihm einzulassen,
aber wie immer nahmen Herr Flies und Seba sich des Knaben an.
    Er ist reifen Verstandes und festen Sinnes, sagte der Erstere, und man soll
auch von einem Knaben seines Alters blinden Gehorsam fordern, wenn man die
Aussicht hat, ihn vernünftig von dem Rechten überzeugen zu können. Er muss völlig
aufgeklärt werden über die Lage, in welche seine Geburt ihn versetzt hat. Er
ahnt sie, ohne ihre bürgerlichen Folgen zu begreifen, und wie überall, so hat
auch hier das halbe Wissen für die Empfindung etwas Verwirrendes, für den
Verstand etwas Aufregendes. Was er aber zu hören hat, wird er am besten von Seba
erfahren, da sie die Einzige ist, mit welcher er über diese Angelegenheit
gesprochen hat, und bittere Kunde muss man wo möglich mit freundlichem Munde
versüssen.
    Er hielt es darauf der Tochter vor, was sie dem Knaben zu sagen habe, und
man verabredete, dass man ihn unter irgend einem Vorwande in der Frühe, ehe er in
die Schule gehe, zu Seba senden solle. Indes die Kriegsrätin war keine Frau,
die sich fremden Anordnungen zu fügen oder ihren Einfällen und Aufwallungen zu
gebieten vermochte, und sie misstraute der rücksichtsvollen Schonung, die man
Paul zu gewähren wünschte. Sie hatte, seit sie von der Ankunft des Freiherrn
erfahren, sich der Hoffnung hingegeben, dass er sich nach Paul erkundigen, dass er
schriftlich oder vielleicht gar persönlich nach ihm und nach seinem Ergehen und
Verhalten fragen werde, und sie hatte nach ihrer Weise mancherlei Plane auf die
Zufriedenheit des Freiherrn gebaut; denn nichts ist erfinderischer im Hoffen,
als der sinkende Wohlstand, und im Sinken waren die Lebensaussichten der
Kriegsrätin nun lange schon begriffen.
    Der Präsident, welcher sonst im täglichen Verkehre mit dem Kriegsrate es
eben nicht gewahrt hatte, dass dieser dem allgemeinen Menschenloose des Alterns
nicht entgehe, und der sonst auf das bescheidene Wesen und das sich Alles
eigenen Urteils entaltende regelmässige Arbeiten dieses Beamten einen
besonderen Wert gelegt hatte, glaubte jetzt zu erkennen, dass eine
maschinenmässige Unterwürfigkeit dem Dienste nicht förderlich sei und dass man von
einem alternden Manne keinen geistigen Fortschritt und keine Aenderung seiner
Gewohnheiten mehr zu gewärtigen habe. Von einer Beförderung des Kriegsrates,
auf welche der Präsident seiner Zeit die schöne Laura hoffen lassen, konnte also
jetzt nicht mehr die Rede sein. Es waren demselben bereits mehrfach jüngere,
selbstdenkende Collegen vorgeschoben worden, die solche Auszeichnung durch
Entüllung jedes kleinen Mangels, der sich in der Amtsführung ihres älteren
Collegen etwa nachweisen liess, rechtfertigen zu müssen glaubten; und sich aus
einem bevorzugten Mitgliede eines Collegiums plötzlich zu einem überwachten und
getadelten herabsinken zu sehen, das war eine Kränkung, welche auch einen
festeren Charakter als den des Kriegsrates überwältigen und einen Stärkeren als
ihn dahin bringen konnte, sich widerstandslos der Entmutigung zu überlassen.
    Die gesellschaftlichen Folgen dieser Wandlung blieben natürlich denn auch
nicht lange aus. Seit man nicht mehr mit Sicherheit darauf bauen konnte, den
einflussreichen Präsidenten immer in dem Freundeskreise des Kriegsrates zu
finden, legte man nicht mehr dasselbe Gewicht auf dessen Einladungen, und da man
bald bemerkte, dass der Präsident es nicht wie früher erwartete, überall, wohin
er kam, den Kriegsrat mit seiner Frau zu finden, unterliess man es öfter,
dieselben zu den Gesellschaften aufzufordern. Beide Eheleute empfanden das sehr
bitter, aber wenn Herr Weissenbach geneigt war, sein Schicksal über sich zu
nehmen, so war Laura anderer Ansicht. Was sie entbehren musste, gewann einen
doppelten Reiz für sie, und das Verlangen, wiederzugewinnen, was sie einst
besessen hatte, die galante Freundschaft ihres alten Gönners und die darauf
begründete gesellschaftliche Geltung, regte sie zu neuen Anstrengungen und
Unternehmungen auf. Sich zurückzuziehen, weil das Glück sich von ihr wendete,
war nach ihrer Meinung eine Schwäche, deren eine gescheite Frau sich nicht
schuldig machen durfte. Wenn man den Leuten nicht mehr durch die Freundschaft
des Präsidenten wichtig scheinen konnte, so musste man suchen, ihnen das Haus in
anderer Weise angenehm zu machen, und mit etwas mehr Aufwand, als man bisher
getrieben hatte, liess sich das wohl bewerkstelligen. Freilich wohnte man, seit
Herbert einen Teil der Zimmer inne hatte, nicht mehr so gut und bequem, als
früher, und auch die Handwerker liessen sich nicht mehr so leicht als sonst mit
Versprechungen vertrösten. Aber man musste nur Mut haben, nur gewisse tägliche
Gewohnheiten ablegen, auf deren Entbehrung es ja für Menschen, die einen
bestimmten Zweck im Auge hatten, nicht ankommen konnte; man musste nur zeigen,
dass man immer noch wohlauf, dass man aus eigenen Mitteln unabhängig sei, um seine
alte Stellung zu behaupten und um dem Präsidenten zu beweisen, dass es kein
Eigennutz, sondern Freundschaft, reine Freundschaft sei, wenn man nicht aufhöre,
eine Annäherung an ihn zu suchen, und sich Mühe gebe, die alten Beziehungen
wieder anzuknüpfen.
    Laura hatte übrigens mit dem Kriegsrate jetzt ein leichtes Spiel. Ein Mann,
der sein Selbstgefühl aus der Anerkennung gezogen, welche Andere ihm zollten,
wird haltlos, wenn ihm diese fehlt; und unfähig, in sich selber zu beruhen, wird
er leicht dahin gebracht, sich fremdem Willen untertan zu machen, wenn er durch
diesen hoffen kann, die ihm entschwundenen Vorteile wiederzugewinnen. Der
Kriegsrat war ein bedächtiger Mann, ein überlegender Haushalter gewesen, so
lange er sich in seinem Amte geachtet wusste und so lange er seine Einnahmen und
Ausgaben in strengem Gleichgewichte zu erhalten vermocht. Jetzt, da dies nicht
immer gelingen, da die Abschlüsse seines Buches sich nicht mehr so sicher wie
seine amtlichen Cassen-Abschlüsse gestalten wollten, konnte er den Anblick
seines Haushaltsbuches nicht mehr ertragen, und weil ihn die Gewissheit peinigte,
dass er mehr verbrauchte, als er sollte, hatte er es allmählich aufgegeben, seine
Ausgaben zu verzeichnen und seine Rechnungen zu machen. Heimliche Angst,
drückende Zweifel konnte er ertragen; aber Zahlen waren sein Leben lang ihm
Freude und Genuss gewesen; Zahlen als Ankläger vor sich zu sehen, das ging über
seine Kräfte, und sich wieder mit den Zahlen seiner Bücher auszusöhnen, war
Alles, wonach er trachtete. Er war zu jeden Entbehrungen, er war sogar bereit,
seiner Laura, wie sie es verlangte, die Verwaltung seines Einkommens zeitweilig
ganz zu überlassen, nur mit seinen Zahlen sollte sie ihn versöhnen, denn die
Zahlen standen vor ihm auf in regelrechter Reihe, und starrten ihn an und riefen
nach Ausgleichung, und er konnte ihnen und konnte sich nicht helfen, wie auch
die Angst und Scham ihm die bleich gewordenen Wangen röteten. Die Summe der
einen Seite wuchs immer weiter über die Summe der anderen Seite hinaus, und
weder Laura's Vertröstungen noch ihre kühnen und zuverlässigen Hoffnungen
vermochten das zu ändern.
    Seit Jahr und Tag hatte sie ihn darauf hingewiesen, dass ihnen einmal von dem
Freiherrn eine nachhaltige Hülfe und Befreiung kommen müsse. Allerdings war die
Teilnahme, welche derselbe für seinen Sohn bezeigte, niemals eine persönliche
und keine lebhafte gewesen. Er hatte niemals selbst nach Paul gefragt; in allen
den Verhandlungen, welche der Caplan mit der Kriegsrätin gepflogen, war des
Freiherrn Name nie erwähnt, und es war für Paul auch ausser der durch den Caplan
regelmässig besorgten Pensionszahlung weiter nichts getan worden. Sie hatten die
Schulzeugnisse des Knaben dem Caplan eingeschickt, hatten von diesem die immer
wiederholte Weisung erhalten, ihn streng und einfach zu erziehen und wohl darauf
zu achten, zu welchem Berufe Paul's Anlagen und Neigungen ihn führen könnten, da
er für sich selber einzustehen haben werde. Nichts desto weniger war, wie Laura
es ihrem Manne aus einander setzte, der Freiherr ihnen, die sie ihm sein
Geheimnis so wohl bewahrten, ganz entschieden hoch verpflichtet, und dass endlich
in dem Vater die Stimme des Blutes und des Herzens einmal für den Knaben
sprechen, dass er endlich doch einmal kommen werde, selbst nach ihm zu sehen, dass
der Anblick des ihm so gleichen Sohnes ihn bewegen, dass er ihnen danken werde,
was sie für Paul getan, das war für Laura über jeden Zweifel sicher. Man musste
nur warten, es nur mit Anstand durchhalten bis zu dem rechten Augenblicke, dann
konnten die Folgen ihres einstigen raschen Entschlusses gar nicht fehlen, dann
musste der Kriegsrat die reichen Früchte ihrer Guttat ernten und dann würde er
auch eine neue Bestätigung ihrer Behauptung erhalten, dass er sich immer am
besten stehe, wenn er dem Rate seiner klugen und voraussichtigen Laura folge.
    Die Nachricht, dass der Freiherr in der Stadt sei, hatte Laura natürlich in
eine grosse Aufregung versetzt. Alle die Plane, welche sie gehegt, standen jetzt
an der Grenze ihrer Verwirklichung.
    In jedem Augenblicke erwartete sie, eine Benachrichtigung von dem Freiherrn
zu erhalten oder ihn plötzlich bei sich eintreten zu sehen. Sie liess ihre Zimmer
in besondere Ordnung bringen, sie kleidete sich zeitiger an, als sie sonst
pflegte, um nicht bei einer etwaigen Ueberraschung in unangemessener Weise
erscheinen zu müssen, und immer wieder ging sie an den Spiegel, um zu sehen, wie
die Miene zurückhaltenden Verständnisses sie kleide, mit welcher sie dem
Freiherrn entgegen zu treten dachte.
    Sie hatte sich ein völliges System der Unterhaltung zurecht gemacht. Sie
musste als Erzieherin des Knaben der sittlichen Würde nicht ermangeln, sie durfte
aber auch nicht eine übertriebene Sittenstrenge an den Tag legen, um den Vater
nicht zu verletzen. Leichtlebig und doch ernstaft, vornehm und doch
zuvorkommend, selbstständig und fügsam musste sie sich darstellen, um die
Freundschaft des Freiherrn erwerben und ihm das Anerbieten nahe legen zu können,
welches sie ihm zu machen wünschte, das Anerbieten, seinen Sohn an Kindesstatt
zu adoptiren, um ihm mit dem Namen Weissenbach, mit dem Namen eines angesehenen
Beamten eine Stellung in der Welt und in der Gesellschaft zu eröffnen, die sich
ihm mit dem völlig unbekannten Namen Mannert nicht so leicht erschliessen dürfte.
Natürlich mussten sie und der Kriegsrat sich dann in einer Lage befinden, welche
ihnen ein solches Opfer möglich machte; aber sie in diese Lage zu versetzen,
konnte einem Manne von den Mitteln und dem Einflusse des Freiherrn gar nicht
schwer sein. Sie lächelte, wenn sie sich die Wendung im Geiste wiederholte, mit
der sie ihm den Vorschlag tun wollte, sie sah die gütige, zufriedene Miene, sie
fühlte den freundschaftlichen Händedruck, durch welchen der Freiherr ihr seinen
Dank bezeigte, und sie hatte auch Nichts dagegen, wenn er es etwa angemessener
finden sollte, ihrem Gatten einen besseren Posten in der Residenz zu schaffen.
Sie war ihrer hiesigen Verhältnisse ohnehin jetzt müde, denn eine Mittelstadt
war für eine Frau wie sie doch eigentlich niemals der rechte Wirkungskreis
gewesen.
    Es passte Alles so vortrefflich zusammen, wie sie es sich ausgedacht hatte,
es konnte nicht fehlschlagen, wenn nur der Freiherr kam, und kommen musste er,
weil sie sich sonst ja nicht zu helfen wusste. Wie sollte sich nicht fügen, was
für sie so unerlässlich schien?
    Da brachte plötzlich der Einfall des unseligen Knaben einen Stillstand in
ihre mutig vorwärts gehenden Gedanken. Wenn Paul seinen Vorsatz ausführte, wenn
er, ohne dazu ermächtigt zu sein, den Freiherrn aufsuchte, wenn dieser glauben
konnte, dass man Paul geflissentlich von der Anwesenheit seines Vaters
benachrichtigt, ihn vielleicht dazu verleitet habe, sich dem Freiherrn zu nahen,
so war Alles verloren. Und dem Zufalle, der Laune eines Kindes, dem Verstande
und der Beredsamkeit eines unerfahrenen Mädchens alle ihre Aussichten
anzuvertrauen, das wäre eine Unvorsichtigkeit gewesen, deren sich nur ihr stets
zuwartender, gelassener Mann oder Leute wie ihre Wirte schuldig machen konnten,
die es gar nicht mehr zu wissen schienen, dass man fremden Beistandes bedürfen
könne.
    Wollte sie nicht die Mühe langer Jahre vergebens getragen haben, nicht mit
all ihren Hoffnungen im Angesichte des Hafens scheitern, so musste sie ihre
Massregeln treffen, so musste sie mit dem Knaben sprechen, und das sogleich, denn
sie fühlte sich eben in der richtigen Verfassung für den Zweck. Sie wollte, wenn
etwa der Freiherr am nächsten Tage käme, Herr über alle ihre Mittel sein! Ihr
durfte die Unruhe den Schlaf dieser Nacht nicht rauben; für Paul hatte es keine
Not, denn - Kinder schlafen immer!
 
                                Viertes Capitel
Paul war noch nicht zu Bette gegangen, als seine Pflegeeltern nach Hause kamen.
Er stand am offenen Fenster und sah in die Strasse hinaus. Gegenüber in dem
Gastofe brannte das Licht in vielen Fenstern; aber es war nicht das vornehmste
Hotel, das lag mehr zur Seite, und sein Vater konnte doch nur in dem vornehmsten
Gastofe wohnen, der immer noch lange nicht so schön und prächtig war, als
Schloss Richten mitten in dem grossen Parke.
    Schloss Richten lebte in den glänzendsten Farben in dem Geiste des Knaben.
Alles, was er Grosses und Erhabenes von den Prachtbauten der verschiedensten
Zeiten gehört, Alles, was er den Schilderungen der Märchenwelt entlehnt, das
hatte seine lebhafte Phantasie allmählich auf Schloss Richten übertragen. Je
älter er geworden war, um so fester hatte sich in ihm das Verlangen ausgebildet,
dieses Ideal seiner Gedanken wiederzusehen und, wie er das in mannigfachen
Erzählungen gelesen, einst von seinem Vater in seinem Vaterhause aufgenommen zu
werden. Seine ganze Entwicklung war auf dieses eine Ziel gerichtet. Und nicht
wie der verlorene Sohn in der Bibel, nicht als ein Bettler, als ein
Hülfesuchender wollte er vor seines Vaters Türe treten. Gut und brav und geehrt
wollte er sein, so gut, so brav, so geehrt, dass seine arme Mutter noch im Grabe
stolz auf ihn sein durfte, dass er Lob und Liebe von des Vaters Munde hören
musste, wie sie Seba, der er diese ganze Sinnesrichtung dankte, stets von ihren
Eltern zu Teil ward.
    Wie kam es aber, dass sein Vater ihn nicht suchte? Er hatte ihn ja so oft auf
seinen Knieen geschaukelt, als Paul noch ein Kind gewesen war und niemals daran
gedacht hatte, dass es etwas Schönes sei, geliebt zu werden. Und damals hatte er
seine Mutter noch gehabt! Wesshalb liebte sein Vater ihn jetzt nicht mehr, da er
keine Mutter mehr hatte, die ihn an ihr Herz schloss, da er wusste, wie elend
seine Mutter umgekommen war, und da ihn ausser Seba Niemand liebte? Alle Eltern
liebten ihre Kinder; alle Väter hatten ihre Kinder bei sich; alle Väter freuten
sich an ihren Kindern! Warum freute sein Vater sich nicht an ihm? Was hatte er
verschuldet, dass sein Vater ihn nicht liebte, dass er ihn nicht sehen mochte, da
er doch in seiner Nähe weilte?
    Seit Jahren hatte er darüber nachgesonnen, ohne dass er sich die Sache zu
erklären gewusst hätte, aber sie drückte ihn nur desto schwerer. Es ängstigte
ihn, wenn seine Kameraden sich nach seiner Heimat, nach seinen Eltern, nach
seinen Aussichten erkundigten, und gerade ihn, so meinte er, gingen sie immer
mit solchen Fragen an. Er mochte nicht sagen, seine Mutter habe sich ertränkt,
er mochte es Niemanden wissen lassen, dass sein Vater sich um ihn nicht kümmere,
und Kinder verstehen es noch nicht, jene halben Antworten zu geben, mit denen
Erwachsene sich vor einer ihnen unangenehmen Zumutung zu schützen wissen. Aber
eben die Befangenheit, die Verlegenheit, welche er nicht verbergen konnte,
reizte die grausame Neugier seiner Genossen, weil sie ihnen ein ungewohntes
Schauspiel bot; und Kinder sind wie die Fliegen, die sich stets auf wunde
Stellen setzen.
    Den ganzen Abend hatte er so am Fenster gestanden und in die Strasse
geschaut. Einstmals hatte die Mutter ihm befohlen: Zähle die Fenster des
Schlosses! Heute hatte er die Fenster der beiden Gastöfe gezählt und zugesehen,
wie die Lichter hinter denselben kamen und verschwanden, und sich gefragt und
wieder gefragt: Wo mag denn meines Vaters Zimmer sein? Wo mögen denn wohl die
glücklichen Kinder schlafen, welche die Rehe hinter dem Gitter füttern und die
hinter den goldenen Scheiben des schönen Schlosses wohnen?
    Eine grosse Traurigkeit hatte ihn dabei überfallen. Er mochte nicht essen und
mochte auch kein Licht haben. Was sollte er auf der Welt, in der er nicht
Eltern, nicht Geschwister hatte, in der Niemand nach ihm fragte? Wohin er seine
Gedanken wendete, es freute, es reizte ihn nichts. Wozu sollte er lernen, wozu
sich auszeichnen? Wer kümmerte sich um ihn? Was kam darauf an, ob etwas aus ihm
wurde? - Er hätte gern weinen mögen, hätte er's nur gekonnt. Die Augen waren ihm
so müde und so schwer wie das Herz, er konnte sie kaum erheben, sie sanken ihm
immer wieder nieder, als hätte er etwas Böses getan und dürfe sie nicht
aufschlagen.
    Es tat ihm wehe, als plötzlich der helle Lichtschein ihn berührte, als die
Kriegsrätin in das Zimmer trat und ihn fragte, wesshalb er hier im Dunkeln
sitze. Aber er hatte es nicht nötig sich zu entschuldigen, denn sie nannte es
gut, dass er noch wach sei, nahm ihren Hut und Shawl ab, zog ihre langen
Handschuhe aus und setzte sich dann dem Lichte gegenüber auf das Sopha. Ihr Hals
und ihre Wangen sahen von der Erhitzung des Tages noch ganz rot aus. Sie hatte
die entblössten Arme über einander geschlagen und sich weit nach hinten gelehnt.
Das tat sie immer, wenn sie mit dem Kriegsrate oder mit Paul zu schelten
gedachte. Es liess auch nicht lange auf sich warten.
    Paul! rief sie ihn mit ihrer trockenen Stimme an, die immer hart klang, wenn
sie dieselbe nicht geflissentlich und schmeichelnd sänftigte. Komm' einmal her,
Paul, ich habe noch mit Dir zu sprechen!
    Eine unbestimmte Ahnung durchzitterte ihn, und mit einer Bangigkeit, wie er
sie nie zuvor empfunden, fragte er, ihren Mitteilungen voraneilend: Von meinem
Vater?
    Wie kommst Du darauf? rief sie vorwurfsvoll, obschon seine Lebhaftigkeit ihr
die Mühe einer Einleitung ersparte und ihr also recht erwünscht war.
    Mein Vater ist ja hier, sagte er schüchtern.
    Dein Vater, Dein Vater! wiederholte sie im Tone des Tadels; hat er Dir
gesagt, dass er danach verlangt, Dein Vater zu sein? Hat er Dir gesagt, dass Du
sein Sohn bist?
    Paul sah die Kriegsrätin erschrocken an; er verstand nicht, was sie meinte.
    Hat der Herr Baron von Arten oder haben wir es Dir jemals gesagt, dass Du
sein Sohn bist?
    Nein, versetzte er leise, denn jedes Wort, das die Kriegsrätin zu ihm
sprach, schmerzte ihn mehr als ein Schlag.
    Woher bildest Du es Dir denn ein? Woher kommst Du auf den Einfall?
    Meine Mutter hat es mir gesagt, entgegnete er gepresst.
    Ach, Deine Mutter! rief die Kriegsrätin; Deine Mutter hätte auch etwas
Klügeres und Besseres tun können, als Dir solche Dinge in den Kopf zu setzen;
sie wusste ja am besten, wie es mit Dir stand!
    Der Knabe regte sich nicht, aber seine Mienen drückten eine solche Angst
aus, dass der Kriegsrätin bange davor wurde, und mit dem Gedanken, dass sie ein
Ende machen und allen Torheiten ihres Pflegesohnes vorbeugen müsse, sagte sie
schnell und fest: Ist es Dir denn noch niemals aufgefallen, dass Deine Mutter
keine Baronin war und nicht in dem Schloss bei Deinem Vater wohnte?
    Er antwortete ihr nicht. Siehst Du also, fuhr sie fort, wie gedankenlos Du
immer bist! Wenn Du es Dir nur ein wenig hättest überlegen wollen, würdest Du
Dir Alles selber haben sagen können! Deine Mutter war ja gar nicht die Frau des
Herrn Barons, war nur von niederem Stande, ein Bauermädchen oder so etwas, und
gar nicht mit dem Herrn Baron getraut! Das ist aber eine Sünde und eine Schande,
und darum hat der Herr Baron Dich fortgegeben! Er mochte Dich nicht bei sich
haben und wollte Dich auch nicht an einem Orte lassen, an welchem alle Welt es
wusste, wo Du herstammtest, und wo Dir Deine Geburt lebenslang zur Schande
gereichen musste! Was willst Du also von dem Herrn Baron?
    Sie hätte noch lange so fortsprechen können, ohne dass der fassungslose Knabe
sie unterbrochen, sie hätte ihn noch oftmals fragen können, ohne dass er ihr
geantwortet haben würde. Er hörte Alles, als klinge es aus weiter, weiter Ferne
dumpf und unverständlich zu ihm herüber, und doch traf ihn Alles bis ins Herz.
Es war ihm, als höbe man ihn von dem Boden empor, auf dem er stehe, und drehe
ihn in der Luft umher, und in aller seiner Pein hatte er doch den Drang, sich
von den Qualen zu befreien, die man ihn erdulden liess, sich loszureissen,
fortzulaufen, die Hand zum Schlage zu erheben und dem Zorne, der beängstigenden
Scham und der Verzweiflung Luft zu machen, die ihn fast erstickten, die ihn
lähmten. Einmal in seinem Leben war ihm eben so, beinahe eben so zu Mute
gewesen: auf dem Balle, bei welchem der Graf Berka von dem Freiherrn von Arten
gesprochen hatte, und wo ihm eingefallen war, was seine Mutter ihm gesagt hatte;
aber die Pein, welche er jetzt eben litt, war weit grösser, war noch weit
schwerer! Er konnte sie nicht fassen, obschon er sie ertrug.
    Nun, Paul, sagte die Kriegsrätin endlich mit milderem Tone, da sein starres
Schweigen ihr lästig ward, nun weisst Du, woran Du bist, und Du bist alt und klug
genug, dass man es Dir sagen konnte. Du bist nur ein unehelicher Sohn des Herrn
Barons, und er braucht sich, wenn Du eingesegnet bist, gar nicht weiter um Dich
zu kümmern. Sei also ordentlich und vernünftig, und beweise ihm durch Deinen
Gehorsam, dass Du die grossen Wohltaten, die er Dir getan hat, verdienst. Er
hätte gar nicht nötig gehabt, Dich hier als unsern Sohn erziehen zu lassen;
aber wenn Du ihm gehorchst, wenn Du ihn nicht ohne seine Erlaubnis an Dich
erinnerst, wird er gewiss seine Hand nicht von Dir abwenden. Ich will sehen, was
ich für Dich bei ihm zu erwirken und ob ich es nicht vielleicht für Dich
durchzusetzen vermag, dass wir Dich an Kindesstatt annehmen, dass Du immer bei uns
bleiben und dass Du doch auf diese Weise einen Namen bekommen kannst, mit dem Du
Dich in der Welt und vor den Leuten sehen lassen darfst! Und nun geh', und
schlafe Dich aus, und sei vernünftig!
    Nein, nein! rief der Knabe so laut und plötzlich, dass die Kriegsrätin davor
zusammenschreckte.
    Du willst nicht gehen? fragte sie und nahm ihn bei der Hand.
    Er zog seine Hand aus der ihrigen. Ich will keinen anderen Namen haben, ich
will meinen Namen behalten, ich will Paul Mannert heissen und nicht anders!
    Die Kriegsrätin schüttelte ärgerlich das Haupt und schob ihn fort. Heisse,
wie Du willst, sagte sie, und geh' zu Bett! Das aber bitte ich mir aus, dass Du
keine Dummheit machst und Dir nicht etwa beikommen lässt, den Herrn Baron
belästigen zu gehen!
    Sie nahm das Licht und verliess ihn; Paul blieb allein im Dunkeln zurück,
aber das Dunkel genügte ihm nicht, es war ihm nicht undurchdringlich genug. Er
eilte fort in seine Kammer, warf sich in seinen Kleidern auf sein Lager und
hüllte das Gesicht in die Kissen. Er wollte nichts sehen, nichts hören, es
sollte ihn auch Niemand sehen, Niemand etwas von ihm hören.
    Sterben, sterben, ich will sterben! rief es immer in seinem armen, jungen
Herzen, und die bittere Scham brannte in seinem Gehirn, dass die Tränen ihm
davon versiegten.
    Sünde und Schande, hatte die Kriegsrätin gesagt. Sünde und Schande! sagte
er sich immerfort, hörte er es immerfort um sich erklingen. Sünde und Schande
waren es gewesen, die seine Mutter in den Tod getrieben hatten! Eine Sünde war
es, dass er auf der Welt war, die Schande heftete sich an ihn, und ihr konnte er
nicht entfliehen! - Nun wusste er, wesshalb seine Kameraden ihn immer um seine
Eltern fragten, warum sie immer wissen wollten, wo er zu Hause sei. Sie hatten
alle Mütter, die getraut mit ihren Männern waren, sie hatten alle Väter, die
sich ihrer nicht zu schämen brauchten, sie hatten ein Vaterhaus, in das sie
hineingehörten. Er hatte nichts, nicht Vater, nicht Mutter und nicht Heimat!
Nichts war sein eigen als die Schande, die mit ihm geboren war; und nicht einmal
seinen Namen wollte man ihm lassen, auch seinen Namen wollte die Kriegsrätin
ihm nehmen, die ihn so gemartert hatte, dass er auch in seiner Herzensangst nicht
mehr weinen konnte! Das war es gewesen, was ihn zum Aufschreien gezwungen, das
war es gewesen, wesshalb er so ängstlich sein Nein, Nein! gerufen. Sein Name war
das Einzige, das ihm gehörte. Er hatte nichts, nichts auf der Welt, als diesen
seinen Namen, den sollte man ihm nicht nehmen, nur den Namen nicht!
    Er schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und weinte endlich bitterlich.
Aber schmerzlich, wie die Tränen ihm entquollen, befreiten sie ihn dennoch von
der dumpfen, erdrückenden Angst, die auf ihm gelegen hatte, und er konnte wieder
etwas Anderes denken, als die Worte Sünde und Schande, obschon seine Gedanken
aus derselben Wurzel stammten.
    Er sagte sich, dass jetzt Alles anders sei, anders werden müsse. Es kam ihm
vor, als sei der gestrige Tag schon lange, lange vergangen, so lange vergangen,
wie die Zeit, in der er als kleines Kind mit der Mutter vor dem Schloss
gestanden hatte; denn gestern war er ja auch noch ein Kind gewesen, und jetzt
war er das nicht mehr. O, nein, nicht mehr!
    Er seufzte, als er sich dies sagte, und hätte doch nicht zu erklären
vermocht, was in ihm vorgegangen sei. Er wusste nicht, dass er kein Kind mehr sei,
weil das Leben ihn also zu seufzen gelehrt, weil der Schleier plötzlich vor ihm
zerrissen worden war, der die Kindheit von dem Leben abtrennt, und weil an
dessen Schwelle die kalte Unerbittlichkeit der Welt mit ihren Gefährten, dem
Kummer und dem Schmerze, vor ihm gestanden hatten.
    Er konnte nicht schlafen. Wirre Vorstellungen trieben sich in seinem Kopfe
umher, dass der Kopf ihn schmerzte und die Unruhe ihn nicht rasten liess. Die
Finsternis, welche er erst gesucht hatte, fing ihn zu ängstigen an, aber das
frühe Tageslicht minderte den Zustand nicht, bis er endlich, als die Sonne schon
drüben an den Dachfenstern des Nachbarhauses golden wieder zu scheinen anfing,
müde und frierend einschlief.
    Gegen die Gewohnheit musste man ihn mehrmals wecken. Die Magd, welcher dies
oblag und die ihm sein Frühstück gab, sagte ihm, er möge, ehe er zur Schule
gehe, noch bei Mamsell Seba vorsprechen. Er hörte es, aber heute mochte er nicht
zu Seba gehen. Sie wusste es ja auch!
    Auf der Strasse traf er wie immer mit einigen von seinen Kameraden zusammen;
das war ihm unlieb. Er achtete nicht auf ihre Unterhaltungen, er konnte auch in
der Schule sich nicht zwingen, dem Unterrichte zu folgen. Man kannte ihn nicht
wieder. Lehrer und Schüler fragten ihn, ob er krank und wesshalb er so traurig
sei. Er versicherte, dass ihm nichts fehle. Er wollte auch gern lachen und munter
sein wie sonst; aber es wollte ihm nicht gelingen. Es freute ihn nichts. Was
sollte er auch hören, was sollte er sehen, was kümmerte ihn denn auf der Welt,
als die eine verzweiflungsvolle Frage: wissen sie es denn, wer weiss es denn? -
Es wurde ihm ärger und ärger zu Sinne, es zerriss ihm fast das Herz, denn er
hatte es mit einem Male an sich selbst erfahren, was Unglück sei und wie es
schmerze.
    Aber während der arme Paul also die erste schwere Last des Lebens auf sich
wuchten fühlte - und jungen, ungewohnten Schultern fällt sie zehnfach schwerer,
als wir es ermessen - rühmte sich die Kriegsrätin gegen ihren Mann, dass sie es
vorgezogen habe, sicher zu gehen, weil sie es nicht liebe, sich in wichtigen
Angelegenheiten auf fremde Einsicht und Gewandteit zu verlassen. Da sie
zufällig Paul gestern noch am Fenster gefunden, habe sie ihm lieber gleich
gesagt, was er früher oder später doch erfahren müssen, und sie habe es ihm kurz
und rund heraus gesagt, denn das Vertuschen und Verweichlichen könne sie nicht
leiden; der Mensch müsse bei Zeiten daran gewöhnt werden, die nackte Wahrheit zu
ertragen.
    Und wie hat Paul die Mitteilungen aufgenommen? fragte der Kriegsrat mit
sichtlicher Besorgnis.
    Wie soll er sie aufgenommen haben, entgegnete die Frau, Du kennst ihn ja! Er
machte die grossen Augen noch weit grösser auf und starrte mich an, wie das seine
Art ist, hinter der Du und die Flies'sche Familie Gott weiss welche Eigenschaften
verborgen glaubt, und die mir von jeher einfältig und frech erschienen ist. Den
Schlaf hat es ihm nicht geraubt, denn man hat ihn kaum erwecken können.
    Der Kriegsrat gab sich damit wie jetzt überhaupt mit allem Uebrigen
zufrieden; aber er ging dennoch zu Madame Flies, ehe er sich in sein Bureau
verfügte, um sie zu benachrichtigen, dass seine Frau mit Paul gesprochen habe und
dass Seba es also nicht zu tun brauche, wenn der Knabe dies nicht selbst
veranlasse. Denn, sagte er, meine Frau glaubt das zwar nicht, aber ich weiss, der
Junge hat Ehrgefühl und Herz, es wird ihn wurmen und er wird's nicht leicht
verwinden.
 
                                Fünftes Capitel
Wie befindest Du Dich heute? fragte der Freiherr seine Gattin, als sie sich an
dem Tage von der Tafel erhoben hatten.
    Sie antwortete ihm, dass es ihr nicht übel gehe.
    Aber Mama, sagte Renatus, Du hast ja Blut gespieen!
    Der Freiherr ward achtsam, denn das war nie zuvor geschehen, und er
erkundigte sich lebhaft, ob der Arzt davon benachrichtigt worden sei.
    Angelika beruhigte ihn darüber. Sie sagte, wie der Doctor ihr versichert,
dass dies gar Nichts auf sich habe, wenn sie sich nur vor heftigen
Gemütsbewegungen und vor Erhitzung hüte. Nur so bald als möglich auf das Land
zurückzukehren, habe er ihr geraten, und sie selber trage auch danach
Verlangen, denn sie habe sich in den Städten niemals wohl befunden.
    Der Freiherr meinte, sie sähe eben jetzt erhitzt aus, indes sie wiederholte,
dass sie sich erleichtert, ja freier fühle als seit langer Zeit, und nachdem er
eine Weile etwas zu überlegen geschienen, sagte er, sich zu ihr wendend:
    Da Du Dich nach Richten sehnst, meine Liebe, ist es mir recht erwünscht, dass
ich meine Geschäfte hier beendet habe, und dass unserer Abreise von meiner Seite
jetzt nichts mehr im Wege steht. Selbst Deine Aussage, dass Du Dich in der Stadt
niemals so wohl befunden als in Richten, ist mir sehr erfreulich, - wie sich
denn mitunter Alles leicht und geschickt fügt, während manchmal Alles uns zu
widerstreben scheint!
    Angelika verstand nicht, was der Freiherr meinte oder worauf diese letzte
Äusserung sich beziehen konnte; aber seine Zutraulichkeit, sein ruhiges Eingehen
auf die Unterhaltung überraschten sie, denn sein Verkehr mit ihr war seit ihrem
Zerwürfnis so kurz und so ganz äusserlich gewesen, dass sie sich nicht erinnern
konnte, irgend eine allgemeine Bemerkung von seinen Lippen gehört zu haben, wenn
sie sich mit ihm allein befunden hatte. Sie fragte ihn, was ihn zu jener
Betrachtung veranlasst habe, und er antwortete:
    Ich meinte damit, dass uns oftmals, wenn wir mit irgend einem Entschlusse
nicht zu Stande kommen können, ein sogenannter Zufall über alle Schwierigkeiten
fortilft. Geben wir ihm verständig nach, folgen wir seiner Weisung, so werden
wir es plötzlich gewahr, dass alle unsere Bedenken auf falschem Boden erwuchsen,
und welche Vorteile es uns bringt, welche Erleichterungen sich uns bereiten,
wenn wir uns entschliessen, diesen falschen Standpunkt aufzugeben und zu
verlassen. Er hielt ein wenig inne und sprach dann, da er die Augen Angelika's
mit einer Art von Besorgnis auf sich gerichtet sah, zögernd, aber doch mit
anscheinendem Gleichmute: Ich habe mich seit Jahren mit der unnötigen Sorge um
das Haus der Tante Ester getragen. Jedes Frühjahr, jeder Herbst haben
Reparaturen darin nötig gemacht, und es ist ein Capital völlig unbenutzt und
ungenossen geblieben, nur damit ein paar alte und zum Teil mürrische
Domestiken, einige alte Bilder und ein paar alte Kläffer nicht von ihrer Stelle
gerückt zu werden brauchen. Die Sorge bin ich endlich los!
    Du bist der Sorge los, und wie das? fragte die Baronin.
    Ich habe heute das Haus verkauft! entgegnete er und erhob sich, um ein
Notizbuch von einem Seitentische zu holen. Angelika konnte sein Gesicht nicht
sehen, er mochte sie auch nicht anblicken, und es war ihm unlieb, dass sie
schwieg.
    Das gute, alte Haus! sagte sie nach einer Weile.
    Du hast es nie geliebt, entgegnete er ihr, wie kannst Du es beklagen?
    Ich dachte nur, wie Alles doch so wandelbar und so vergänglich ist! gab sie
ihm zur Antwort. - Er blätterte in dem Notizbuche; sie liess ihn gewähren, bis
sie endlich mit der Schüchternheit, welche sie dem Freiherrn gegenüber jetzt
niemals mehr verliess, leise die Frage aufwarf: Musstest Du das Haus verkaufen,
war es denn nicht zu vermeiden, Franz?
    Aber er misskannte den Ton der Betrübnis und der Sorge, der aus ihren Worten
sprach, und ihn für einen Vorwurf haltend, sagte er: Der Kirchenbau in dem
unseligen Rotenfeld hat zu viel Geld verschlungen, und die durch Herbert nötig
gewordene Entlassung Adam's macht mir grosse Schwierigkeiten. Es blieb mir keine
Wahl!
    Er wusste, was er ihr mit diesem Ausspruche tat, und er bereute ihn sofort;
denn wenn sie auch nicht mehr mit einander zu verkehren vermochten, ohne sich
gegenseitig zu verletzen oder doch verletzt zu glauben, nötigte der Zustand der
Baronin ihm dennoch Teilnahme und Rücksicht ab. Er versuchte es also, sie mit
seinen Worten und mit dem Ereignis auszusöhnen, indem er leichtin von gewissen
Einzelheiten der Gutsverwaltung und seiner Geschäftsverhältnisse zu reden anhob,
deren er sonst niemals gegen sie erwähnte. Aber weit entfernt, sie zu beruhigen,
erhöhten die Mitteilungen nur ihre Besorgnisse. Er liess sie bemerken, dass sie
in Mamsell Marianne, die er nach den Anordnungen von Fräulein Ester jetzt nach
Richten nehmen müsse, eine Pflegerin erhalten werde, wie sie dieselbe schon
lange nötig gehabt habe; mitten in diesen Auseinandersetzungen unterbrach ihn
jedoch Angelika plötzlich mit dem Ausrufe: Weiss es die Herzogin?
    Nein, entgegnete der Freiherr, von der Frage nicht angenehm berührt, und ich
wünschte auch, dass ihr die Sache wenigstens vorläufig noch verborgen bleibe!
    O gewiss, rief die Baronin, und beide, der Freiherr sowohl als Angelika,
fühlten sich, wenn auch aus verschiedenen Gründen, eben durch die Erinnerung an
die Herzogin verstimmter und gedrückter als zuvor. Die Unterhaltung geriet
völlig ins Stocken. Endlich sah der Freiherr nach der Uhr und sagte dann, auf
den früheren Gegenstand des Gespräches zurückkehrend: Wie es mir überhaupt
willkommen ist, von dem Besitze des Hauses frei zu werden, so ist mir es auch
angenehm, dass grade Flies es kaufte. Er hat sich wie immer als einen bequemen
Geschäftsmann, hinsichtlich des Kaufpreises auch nicht kleinlich bewiesen, und
da er sein hiesiges Geschäft nun aufzugeben denkt, hat er mir freiwillig das
Anerbieten getan, Dich Dein Schlüsselgeld - denn ein solches kommt Dir zu - aus
seinem Magazine wählen zu lassen, wobei er Dich sicher nicht beschränken wird.
Es sind Leuchter, silberne Schalen, Kelche dort, die trefflich für unsern Altar
passen und Dir und dem Caplan sicherlich Freude machen würden. Hat der Arzt Dir
auszufahren gestattet und fühlst Du Dich dazu geneigt, so möchten wir, da die
Herzogin auch Luft zu schöpfen wünscht, vielleicht noch heute diesen kleinen
Einkauf abtun, und wir könnten dann auf morgen Mittag unsere Rückreise
festsetzen.
    Angelika, die sich von jeher gefällig den Anordnungen ihres Gatten gefügt,
liess sich dies jetzt immer doppelt angelegen sein. Sie erklärte sich also gleich
bereit, die vorgeschlagene Fahrt zu unternehmen, aber es kostete sie eine grosse
Ueberwindung; denn im sichern Reichtum, in den geordnetsten Verhältnissen
erwachsen, und auferzogen in dem Glauben an die Unantastbarkeit des ererbten
Besitzes, war sie von der Nachricht, welche sie eben jetzt erhalten hatte, sehr
erschüttert worden. Nur die entschiedenste Notwendigkeit konnte ihren Gatten,
wie sie glaubte, bewogen haben, das Haus in fremde Hände übergehen zu lassen;
hatte er doch oftmals es ausgesprochen, wie er es für einen Mann in seiner
Stellung geboten finde, in der Residenz ansässig zu sein und dort ein festes
Domicil zu haben. Sie hätte ihn gründlich fragen mögen, was denn geschehen sei,
sie hätte völlige Auskunft fordern mögen; die Weise, mit welcher der Freiherr
die ganze Angelegenheit behandelte, zeigte ihr aber, dass er keine Erörterungen
wünsche, und sie wollte ihm nicht beschwerlich fallen, da eine innere Stimme ihr
verriet, dass es ihm nicht leicht sei, den Gleichmut zu behaupten, den er zu
zeigen für angemessen hielt.
    Schweigend Unruhe zu ertragen, muss man gesund sein, und Angelika war krank.
Ihre Kammerfrau sah sie bedenklich an, als sie ihren Hut und ihren Shawl
verlangte, um auszufahren; auch die Herzogin, welche man benachrichtigt hatte,
und die gekommen war, die Ausfahrt mitzumachen, warnte davor; indes auf den
Ausspruch des Arztes gestützt, der sie freilich in ihrer gegenwärtigen Erregung
nicht gesehen hatte, liess sich die Baronin von ihrem Vorhaben nicht abbringen,
und dem Freiherrn war daran gelegen, sie und sich selber zu zerstreuen.
    Es war um die vierte Nachmittagsstunde, als sein Wagen vor dem Flies'schen
Hause hielt, und wie immer, wenn er die Arten'sche Familie erkannte, kam der
Juwelier heraus, sie zu empfangen und sie selbst in seinen Laden einzuführen.
Angelika hatte das stets völlig in der Ordnung gedünkt, heute missfiel ihr die
Zuvorkommenheit des Mannes. Sie konnte sich überhaupt einer Abneigung gegen ihn
nicht erwehren. Seine Höflichkeit däuchte ihr unwahr, däuchte ihr spöttisch zu
sein. Was mochte er in diesem Augenblicke denken? Wie stolz mochte er sich
fühlen, und wesshalb kam die Frau herein, die künftig in dem Hause wohnen sollte,
das Angelika bisher gehört hatte, das ihrem Renatus einst gehören sollte?
    So wie jetzt in diesem Momente, war der Baronin noch nie zu Mute gewesen.
Es kränkte, es beleidigte sie Alles, selbst der freigebige Gleichmut, mit
welchem Herr Flies sie zwischen den wertvollen Gegenständen, die er vor ihr
aufstellen liess, zu wählen ersuchte. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie im
Verkehr mit den Personen, von denen sie bedient ward, daran gedacht, dass sie
vornehm sei, niemals hatte sie sich gefragt, ob man ihr die ihr gebührende
Ehrerbietung zolle, niemals hatte sie darauf geachtet, wie ihr Gatte sich
benehme. Heute dachte sie daran, heute achtete sie darauf. Denn sie meinte es
dem Juwelier dartun zu müssen, dass sie die Freifrau von Arten sei und bleibe,
auch wenn er das Haus besitze, das ihr Geschlecht erbaut hatte; sie hielt es für
nötig, ihn zu überzeugen, dass sie gleichgültig sei gegen die Wertgegenstände,
welche er ihr darbot, und als teile der Freiherr ihre Gedanken, fehlte auch ihm
heute die bequeme Leutseligkeit, die ihm sonst überall, wo er erschien, eine so
freudige Zuvorkommenheit erweckte.
    Die Herzogin, welche mit kleinen Einkäufen für sich beschäftigt war und
daneben von Angelika bei ihrer Wahl zu Rate gezogen wurde, wusste nicht, was das
veränderte Betragen der Baronin und die Art und Weise bedeuten solle, mit
welcher der Freiherr dem Juwelier begegnete, für den er sonst immer ein grosses
Wohlwollen geäussert hatte. Sie meinte es auf das Uebelbefinden, auf die
Reizbarkeit Angelika's oder auf irgend eine Misshelligkeit zwischen ihr und ihrem
Gatten schieben zu müssen, zu welcher vielleicht diese Anschaffung der
Altar-Gerätschaften den Anlass gegeben habe. Herr Flies hingegen erklärte sich
die Erscheinung leicht, wenn er auch keine Ursache hatte, sie unbeachtet
hinzunehmen. Er blieb geduldig, wie es dem Verkäufer ziemt, er zeigte sich
gefällig, obschon Angelika eine Lust daran zu haben schien, ihn und seine Leute
zu bemühen; aber sein Ton ward kälter, sein klarer Blick senkte sich forschend
und fest in die von Erregung leuchtenden Augen der Baronin, und die
Ueberzeugung, dass dieser Mann errate, was in ihr vorgehe, dass er wisse, wie es
nicht mehr so wohl stehe um das Haus des Freiherrn von Arten, und wie sie zum
ersten Male schwere Sorge trage um die Zukunft ihres Gatten, ihres Sohnes, ihres
Geschlechtes, empörten das stolze Herz der kranken Frau.
    Sie ist eine Berka und weiss, wie ihre Sachen stehen; dachte der Juwelier.
Nun, es kann ihr auch nicht schaden, wenn ihr Stolz gebeugt wird! - Und er hatte
Recht! Heute, eben jetzt, da ihr Stolz gekränkt ward, fühlte die Baronin es mit
schmerzlichem Genusse, dass sie stolz sei. Es befriedigte sie, dem reichen Juden
ihren Stolz zu zeigen, sie hätte viel darum gegeben, wenn auch der Freiherr sich
noch kälter gegen den Juwelier bewiesen, wenn Renatus nicht so freundlich mit
der Frau desselben geplaudert hätte, wenn die Herzogin nicht dabei gewesen wäre!
denn Angelika war zorniger, erbitterter, als sie sich je gekannt hatte, und doch
fand sie sich durch diesen Zorn erniedrigt und er tat ihr selber wehe,
furchtbar wehe! - Das Herz klopfte ihr beängstigend, die Stirn schmerzte sie,
die Pulse flogen ihr wie im Fieber. Sie konnte sich nicht in ihre Lage finden,
sie spielte mit Bewusstsein eine Rolle, in der sie sich missfiel. Und Alles, Alles
missfiel ihr heute, die Gerätschaften, für die sie sich endlich ausgesprochen
hatte, der Verkäufer und ihr Gatte, das Leben und die Welt!
    Komm', Renatus, rief sie endlich, als Herr Flies, sich verbeugend, die
gewählten Gegenstände in das Hotel zu schicken versprach, komm' Renatus, wir
sind fertig: lass uns gehen!
    Als sie sich aber mit diesen in unmutiger Eile ausgesprochenen Worten zu
ihrem Sohne wandte, erblickte sie plötzlich einen anderen, älteren Knaben neben
diesem stehend. Er war gross, schien breitschulterig werden zu wollen, und sein
dunkles, schönes Antlitz mit den mächtigen Augen und den hochgeschwungenen
Brauen, sein voller, stolzer Mund sahen noch kräftiger neben dem blonden und
sehr zart gebauten jungen Freiherrn aus. Das ganze Äussere des fremden Knaben,
der feste und doch angstvolle Blick, mit dem seine Augen an dem Freiherrn
hingen, fielen ihr auf. Sie hatte sein Eintreten nicht bemerkt, sie war ihn
überhaupt nicht gewahr geworden, bis eben jetzt, aber ein rätselhaftes Etwas in
des Knaben Wesen und Erscheinung erfasste sie mit plötzlicher Gewalt. Auch der
Freiherr schien seiner erst in diesem Momente ansichtig zu werden. Angelika sah
zu ihrem Gatten, sah zu dem Knaben hinüber. Da begegneten sich auch die Blicke
des Freiherrn mit dem Blicke des fremden Knaben, und Angelika täuschte sich
nicht, der Freiherr wurde bleich, während eine dunkle Röte die Wangen des
kleinen Fremden überzog.
    Sie sah es, wie der Freiherr sich finster von ihm wandte, sie sah, wie des
Knaben Brauen sich düster zusammenzogen, sie fühlte den scharfen, stechenden
Blick, den er auf den Freiherrn, auf Renatus warf. Sie wollte ihren Sohn
entfernen; aber auch dieser schien von den dunklen Augen des fremden Knaben
festgehalten zu werden, und ihm nahe tretend, rief er: Aber der Knabe da sieht
ja ganz wie Du aus, lieber Vater, leibhaftig wie Dein Bild im Ahnensaal!
    Der Ausruf von Renatus machte auch die Herzogin auf den Vorgang aufmerksam.
Sie wandte sich nach dem kleinen Fremden hin; Paul's Aehnlichkeit mit seinem
Vater musste Jeden überraschen.
    Des Freiherrn Auge war über den Sohn Paulinens schnell und flüchtig
fortgeglitten. Er hatte sich entfernt und Renatus mit hinaus geführt. Der
Juwelier gab Paul ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen; aber der Knabe blieb wie
angewurzelt auf derselben Stelle stehen, und sein Blick, sein finster glühender
Blick mit aller seiner Not und Pein traf nur noch die Baronin, traf nur noch
sie bis mitten in das Herz. Sie konnte den Blick nicht ertragen.
    Auch das noch, auch das noch heute! rief sie und brach zusammen, während ein
heisser Blutstrom ihren Lippen entquoll.
 
                                Sechstes Capitel
Es war Alles still im Hause, aber Niemand schlief. Schrecken und Sorge hielten
Jedermann wach.
    Als die Baronin von dem Blutsturze befallen und der Arzt herbeigekommen war,
hatte er es für unmöglich oder doch für höchst gefährlich erklärt, sie in diesem
Zustande nach ihrem Hotel bringen zu lassen, in welchem ohnehin kaum die für
eine solche Kranke unerlässliche Ruhe und Bequemlichkeit zu finden waren, und
Herr und Madame Flies hatten augenblicklich mit der grössten Bereitwilligkeit dem
Freiherrn ihre ganze Wohnung und ihre Dienste zur Verfügung gestellt, die man
unter diesen Verhältnissen annehmen zu müssen geglaubt hatte.
    Vorsichtig hinaufgetragen, lag Angelika in dem besten Zimmer des Hauses, das
in den Garten hinaussah, wohl gebettet, vor dem Schimmer der Nachtlampe
geschützt, und hörte schlaflos die leisen Pendelschläge der Uhr aus dem
Nebenzimmer an ihr Ohr klingen, die sich langsamer, ach, viel langsamer
bewegten, als der fiebernde Schlag ihres müden Herzens. Ihre Kammerfrau befand
sich an ihrem Lager, hinter dem Bettschirme wachte geräuschlos Madame Flies.
    Nebenan in ihrer Stube sass Seba an dem offenen Fenster. Sie hatte sich nicht
ausgekleidet. Sie musste etwas erwarten, denn sie sah in kurzen Zwischenräumen
immer wieder auf die Strasse hinaus, und es war nicht die milde Schönheit der
warmen Sommernacht, die sie dazu verlockte. Paul war verschwunden, und man
suchte ihn.
    Als er am Nachmittage aus der Schule gekommen war, hatte er einen prächtigen
Wagen, einen reich geschmückten Jäger vor der Türe des Hauses stehen sehen.
Ganz hingenommen von einem einzigen Gedanken, war er, wie er das oftmals tat,
in das Comptoir gegangen, um zu fragen, wem die schöne Equipage zugehöre.
    Dem Freiherrn von Arten, sagte ihm der Lehrling. Paul starrte ihn bei den
Worten so erschrocken an, dass der junge Mensch nicht wusste, was dem Knaben
beigekommen sei, und ihm den Namen des Freiherrn mit der Frage wiederholte, ob
Paul ihn nicht verstanden habe.
    Ja, ich habe ihn verstanden, antwortete er, und ging hinaus; indes er wusste
nicht, wohin er gehen sollte. Er lief die Treppe hinauf, sich oben zu verbergen.
Aber wovor sollte, wovor hatte er sich zu verbergen? Ich habe ja nichts
verbrochen, dachte er, und doch war ihm so bange, doch war er so verwirrt. Er
konnte es nicht mehr aushalten oben in seinem Stübchen; sein Vater war ja unten!
    Er wartete eine kleine Weile; er meinte, der Freiherr werde, da er nun im
Hause sei, zu seinen Pflegeeltern kommen und ihn rufen lassen. Er horchte, ob
die Türe nicht aufgehe, ob Niemand die Treppe emporsteige, ob der Wagen
fortfahre. Es blieb Alles still. Mit Einem Male sagte er sich: Wenn der Wagen
fortfährt, dann ist es zu spät, dann ist Er auch fort! - und wie ein Pfeil schoss
er die Treppen hinunter. Er öffnete die Stube, welche an den Laden anstiess; es
war Niemand darin. Er suchte Seba, er hätte sie etwas fragen mögen, aber er
mochte sich nicht noch einmal entfernen. Die Türe nach dem Laden war nur
angelehnt; er drückte sie behutsam weiter auf. Nun konnte er die Stimmen
unterscheiden und hören, was man sprach; aber nur Herr Flies und eine Dame
redeten. Sollte mein Vater schon fortgegangen sein? fragte er sich, und das
Verlangen, sich zu überzeugen, trieb ihn vorwärts. Wenigstens sehen wollte er
seinen Vater doch. Er trat in den Laden hinein, man bemerkte es nicht, und doch
musste er mit beiden Händen den Tisch anfassen, um nicht aufzuschreien.
    Ja, das war er! Nun kannte er ihn! Das war sein Vater, sein lieber Vater!
Nun besann er sich auf Alles! Wie oft hatte er ihn in die Höhe gehoben, wie oft
hatte er ihn geküsst, sein Vater, der Onkel Baron! Auf seinen Knieen hatte er ihn
reiten lassen; auf dem Stuhle hinter dem Onkel Baron hatte er gestanden und
seine kleinen Arme um dessen Hals geschlungen, bis der Onkel ihn zu sich gezogen
und ihm die Geschichte erzählt hatte, die Geschichte - auf die er sich nicht
mehr recht besinnen konnte und die ihm doch noch immer in den Sinn kam. - Sein
ganzes Herz flog dem Freiherrn entgegen. Onkel Baron, lieber Vater! wollte er
rufen im vollen Glücksgefühle - aber er ist ja nicht Dein Onkel, sagte er sich,
und Vater darfst Du ihn nicht rufen, denn er will nichts von Dir wissen, weil Du
in Sünde und in Schande geboren bist! - Er schauderte zusammen, er fühlte es wie
einen Fluch über sich liegen.
    Er blickte den Freiherrn an, er blickte die schöne, schlanke Dame an, er
stand dicht neben dem blonden Knaben, er kannte sie alle!
    Das war sein Vater, das war seines Vaters Frau, das war sein kleiner Bruder;
der Bruder, welcher hinter den goldenen Fenstern des schönen Schlosses wohnte
und der die Rehe und die Hirsche hinter dem Gitter füttern durfte. Er hätte ihm
die Hand geben mögen, wenigstens mit dem Bruder hätte er sprechen und wissen
mögen, wie er heisse. Er ging an ihn heran, indes in dem Augenblicke bemerkte ihn
Madame Flies, und dringend und leise befahl sie ihm: Geh', geh', lieber Paul!
Geschwind, mach', dass Du fortkommst, Kind!
    Aber diese Anweisung bewirkte gerade das Gegenteil, obwohl er ihre
Bedeutung ganz und gar verstand. Die Rührung, die Sehnsucht, welche er gefühlt,
machten einer trotzigen Empfindung Platz. Er wollte nicht gehorchen, nicht
hinausgehen; er wollte bleiben, er wollte sehen, was denn daraus werden würde.
Endlich musste der Freiherr sich doch umdrehen, endlich musste er ihn doch
erkennen, denn er war ja sein Sohn; und wenn er ihn erkannte -
    Da drehten sie sich Alle um, da schlug die Bemerkung seines Bruders, der
Aufschrei der Baronin an sein Ohr. Er sah, wie sein Vater sich kalten Auges von
ihm wendete, wie man die Baronin als eine Sterbende davontrug, er fühlte, wie
Madame Flies ihn heftig zurückstiess, und als falle es mit klingenden
Hammerschlägen auf ihn nieder, so tönte es immerfort in seinem Kopfe: Mache, dass
Du fortkommst! Sie waren Alle hinausgegangen. Er blieb ganz allein in dem Laden
zurück.
    Was gehe ich sie auch an? Was gehen sie mich an? dachte er, und doch fiel
ihm die Einsamkeit sehr schwer. Er sah sich in dem Laden um, als müsse er sich
Alles recht einprägen, damit er es nicht vergesse. Den Laden sehe ich auch nicht
wieder, sagte er sich, und dabei merkte er erst, dass er beschlossen habe,
fortzugehen. Er hatte schon die ganze Nacht daran gedacht. Er konnte es nicht
aushalten, hier zu bleiben, wo Jedermann es wusste, dass er in Sünde und in
Schande geboren sei. Er wollte seinem Vater nicht wieder vor die Augen treten,
denn er liebte den Vater nicht mehr, er wollte von ihm nichts mehr wissen,
nichts mehr hören, nichts mehr haben, gar nichts mehr haben!
    Trotz und Verzagteit, Liebe und Hass, erwachtes Ehrgefühl und erlittene
Kränkung stürmten wild durch einander auf ihn ein, und dazwischen tauchte das
Bild seiner Mutter, wie er es sich gestaltet hatte, vor seiner Seele auf, und er
erinnerte sich, wie sie geendet, wie die Verzweiflung sie aus der Welt und in
den Tod getrieben hatte. Er wusste auch nicht, was er hier sollte; er mochte
Niemanden sehen, von Niemandem gesehen werden, und am wenigsten von seinem
Vater, der sich von ihm abgewendet, und von der Kriegsrätin, die ihm gesagt
hatte, dass er in Sünde und Schande geboren sei und dass ein Schimpf auf ihm ruhen
werde all sein Leben lang. Das wollte er nie wieder von eines Menschen Munde
vernehmen; er wollte hin, wo Niemand ihm das sagen konnte, wo Niemand es wusste,
Niemand ihn kannte - fort! Er nahm seine Mütze und ging. -
    In der Unruhe und Aufregung, welche das Erkranken der Baronin veranlasst
hatte, beachtete man es nicht, dass Paul nicht um die gewohnte Stunde zum
Vesperbrode kam. Als die Kriegsrätin ihn später vermisste, meinte sie, dass
Schrecken und Furcht vor einer Strafe ihn abhalten möchten, vor ihr zu
erscheinen, da sie ihm verboten, sich seinem Vater in den Weg zu stellen, und da
er jetzt erlebt habe, welch ein Unheil er damit angerichtet. Indes es war nicht
seine Weise, ohne Erlaubnis fortzugehen oder sich feige einer Strafe zu
entziehen, und als eine Stunde um die andere verging, als der Abend hereinbrach,
als die Dämmerung der Nacht zu weichen begann, fing man unruhig zu werden an,
und vor Allen zeigte sich Seba besorgt.
    Man hatte Paul's Büchertasche unten auf dem Zahltische liegen gefunden; der
Lehrling hatte ihn eine Weile im Laden stehen und dann fortgehen sehen. Man
schickte zu den Knaben, mit denen er Verkehr hielt, er war aber bei keinem von
ihnen gewesen; man fragte in der Strasse, ob man ihn bemerkt, aber Niemand wusste
sich dessen zu erinnern, und wer achtet auch an einem schönen Sommerabende, an
dem die Leute alle draussen sind, auf das Kommen und Gehen eines Knaben?
    Um elf Uhr, als Angelika ruhiger geworden war und als der Freiherr das Haus
verlassen wollte, um sich in seinem Gastofe zur Ruhe zu begeben, trat er in die
Wohnstube der Flies'schen Familie ein. Er fand nur Seba in derselben, und
nachdem er gebeten, ihn augenblicklich zu benachrichtigen, wenn der Zustand der
Baronin seine Anwesenheit erheischen sollte, fragte er: Wer war der Knabe,
Mademoiselle, der sich in Ihrem Laden aufhielt, als die Baronin von dem üblen
Anfalle betroffen ward?
    Wie er das fragen kann? dachte Seba. Sie hätte ihm sagen mögen: Es ist Ihr
Sohn, und Sie wissen das. Indes sie überwand sich und antwortete: Es ist der
Pflegesohn des Kriegsrats Weissenbach, der hier im Hause wohnt.
    Sein Name?
    Paul Mannert, sprach sie nachdrücklich, und wie fest das Auge Seba's auch
auf den Freiherrn gerichtet war, sie konnte keine Veränderung in seinem ernsten
Gesichte lesen. Das empörte sie, und, hingerissen von der Angst um ihren
Schützling, voll Abscheu vor der Ruhe seines Vaters, die mit ihrer Sorge in so
grellem Widerspruche stand, rief sie: Er ist aber nicht mehr da, der Knabe! Er
ist fort, der Paul, und wir suchen ihn vergebens! Gott gebe, dass er in seiner
Verzweiflung nicht wie seine Mutter geendet hat!
    Wie ein Blitz zuckte es durch die Gestalt des Freiherrn, es zitterte in
seinen Mienen, und mit bebender Lippe fragte er: Was wissen Sie von ihm,
Mademoiselle?
    Er musste sich niedersetzen; Seba war über ihr eigenes Tun erschrocken, aber
der Grimm gegen diese vornehmen Männer, die Alles unter die Füsse treten zu
können glaubten, die Empörung über die Herzenskälte des Freiherrn, die
Erinnerung an die Schmach des eigenen Geschickes hoben sie über sich hinaus, und
kalt und stolz, wie der Freiherr eben erst vor ihr gestanden hatte, sagte sie:
Ich weiss wer der Knabe ist, weiss, dass seine Mutter in Verzweiflung ihren Tod im
Wasser gesucht, und Gott gebe, dass er ihr's nicht nachgetan hat, denn er fühlte
sich verstossen!
    Der Freiherr fuhr auf. Er wollte die unberechtigte Anmassung dieses
Judenmädchens zurückweisen, aber das harte Wort erstarb ihm auf der Lippe, und
wie im Schmerze schloss er die zornfunkelnden Augen. Das währte indes nicht
lange, dann hatte er seine Wahl getroffen, seine Entscheidung schnell gefasst,
und während Seba in ihrem Herzen noch darüber triumphirte, dass es ihr gelungen
war, einen dieser Edelleute, den Freiherrn von Arten, der seines Kindes
vergessen konnte, der Herbert beleidigt, der Adam gekränkt, der kein Herz hatte,
so wenig Graf Gerhard ein Herz gehabt, unter ihrem Blicke zusammenbrechen und
vor ihrem Worte zittern und leiden zu sehen, erhob der Freiherr sich und sagte
mit schonender Herablassung: Ihre Aufregung macht Ihrem guten Herzen Ehre,
Mademoiselle Flies, und der Unerfahrenheit muss man selbst den Mangel an der
nötigen Delicatesse nachsehen! Ich hoffe, dass man nichts versäumt, den Knaben
aufzufinden, an dem Sie so viel Anteil nehmen! Der Vorsicht wegen will ich
selbst dafür Schritte tun lassen! Leben Sie wohl, Mademoiselle!
    Seba stand und blickte ihm nach. Sie biss die Zähne auf einander, um die
laute Verwünschung zurückzudrängen, welche ihr aus dem Herzen auf die Lippen
stieg. Sie hörte, wie der Baron leise mit ihrem Vater sprach, dem er im Hause
begegnete, und zornig das Haupt schüttelnd, rief sie: Es gibt keine
Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden, wenn nicht einst der Tag der Vergeltung
für sie Alle kommt, wenn sie nicht ernten müssen, was sie säeten!
    Aber es blieb ihr nicht lange Zeit für ihre Gedanken. Ihr Vater, der
Kriegsrat und die Kriegsrätin kamen herbei; sie sollte noch einmal Alles
erzählen, was sie gestern von Paul gehört, was sie mit ihm gesprochen, und
während sie im Grunde nur wenig zu sagen hatte, während sie gar keine Vermutung
hegte, die auf irgend eine Spur zu leiten vermocht hätte, wurde die Kriegsrätin
nicht müde, es immer zu wiederholen, mit welcher Voraussicht und Sorgfalt sie
gehandelt, wie sie allein daran gedacht habe, dem geschehenen Unheil
vorzubeugen, und wie nur der widerspänstige Charakter des Knaben, den er von
seiner Mutter habe, sie um die Früchte jahrelanger Opfer gebracht, alle ihre
Plane zerstört, die Baronin von Arten auf das Krankenlager geworfen und dem
Freiherrn die übelsten Begriffe von der Erziehung gegeben haben müsse, welche
Paul genossen. Sie verlangte Anerkennung, Trost und Zuspruch von ihrem Manne und
von den Andern zu erhalten, und nicht ein einziges Mal fiel es ihr ein, welchen
Anteil sie an der traurigen Gemütsverfassung des armen Knaben hatte, und kein
Vorwurf in ihrem Innern sagte ihr, dass sie und ihre unheilvollen Aufklärungen
ihn aus dem Hause getrieben, in welchem sie, die Trostbegehrende, nie eine
Aufwallung der Liebe, nie ein Herz für ihn gehabt hatte.
    Während sich bei Seba und bei den Männern mit den fortschreitenden Stunden
die Hoffnung, dass Paul freiwillig wiederkehren werde, verminderte, und die
Sorge, dass er ein unglückliches Ende genommen habe, sich steigerte, gab die
Kriegsrätin, als sie sich ermüdet zu fühlen begann, immer zuversichtlicher sich
der Erwartung hin, Paul werde nach Kinder-Art von selbst nach Hause kommen, wenn
Hunger und Müdigkeit ihn dazu trieben, und wenn man nur aufhören wolle, so
ängstlich auf seine Wiederkehr zu achten. Er sei fraglos ganz in der Nähe, er
warte nur auf die Gelegenheit, sich unbemerkt in seine Schlafkammer zu
schleichen. Und stets bereit, die Umstände so anzusehen, wie es mit ihren
Wünschen am besten zusammenstimmte, nannte sie es das Geratenste, die Ruhe zu
suchen und nicht um eines Knabenstreiches willen das Haus, die Nachbarschaft
oder gar, wie es in Folge eines Schreibens, das der Freiherr dem Kriegsrate für
den Polizei-Director übergeben, geschehen war, die Stadtbehörden in Bewegung zu
setzen. Indes weder der Schlaf, dem die Einen sich überliessen, noch die
Herzensangst, mit welcher Seba in ihrem Zimmer wachte, änderten das Geschehene;
- Paul blieb aus.
    Gegen den nächsten Mittag, als die Kammerjungfer der Baronin sich entfernt
hatte, um aus dem Hotel verschiedene Gegenstände herbeizuholen, deren man für
die Kranke bedurfte, hatte Seba deren Stelle an dem Lager eingenommen.
    Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein, durch die geöffneten und leicht
verhängten Fenster stieg der Duft der Reseda aus dem Garten in das Gemach. Man
hörte das leise Säuseln der Blätter, der linde Windhauch bewegte die Vorhänge,
und hier und da schlich sich ein gedämpfter Sonnenstrahl hinein, seinen Schimmer
über Angelika's bleiche Stirn und über ihr goldblondes Haar verstreuend. Es
waren schwere Stunden gewesen, der Tag und die Nacht, die hinter ihr lagen. Sie
hatte kein Auge geschlossen.
    Als sie am verwichenen Nachmittage von ihrer Erschöpfung zu sich gekommen
war, hatten ihre ersten Worte Paul gegolten.
    Unfreiwillig habe ich seine Mutter getödtet, unfreiwillig gibt er mir den
Tod! sagte sie zum Freiherrn, der düster brütend an ihrem Lager weilte. Sie
verlangte nach Paul, sie wollte ihn sehen; man stellte ihr die Anordnung des
Arztes dagegen auf, und sie verzichtete auf die Erfüllung ihrer Forderung. Aber
ihre Gedanken blieben mit ihm beschäftigt, und selbst als die verwirrenden Nebel
des Fiebers ihren Sinn überwältigten, sah sie ihn vor Augen. Bald rief sie, dass
er sie ergreife, dass er sie morde, bald klagte sie sich an, dass sie ihm die
Mutter nicht ersetzt habe, und gelobte ihm, es künftig zu tun. Dann wieder
musste sie ihn im Kampfe mit Renatus wähnen, denn sie schrie auf und beschwor den
fremden Knaben, ihres Sohnes zu schonen, der schuldlos an all dem Unheil sei.
Noch am Mittage, als Seba an ihr Lager gekommen war, hatte sie gewacht, und erst
unter Seba's Obhut, die mit so brennenden Erinnerungen an ihrer Seite sass, hatte
sie Schlaf und Ruhe finden können.
    Seba hatte die Baronin zuerst gesehen, als man sie, eine Bewusstlose, in
dieses Zimmer brachte. Sie hatte es bis dahin geflissentlich vermieden, ihr zu
begegnen, aber sie kannte dieses Antlitz. Sie kannte diese hohe, weisse Stirn,
diese schmale, feine Nase, den kleinen Mund mit seinen weichen, vollen Lippen.
Gerade so zogen an der Schläfe sich die blauen Adern unter der durchsichtigen
Haut des Grafen hin, gerade so bogen seine leichten Brauen sich in der Mitte
ihrer Wölbung aufwärts. Jeder Zug dieses schönen Antlitzes war ihr vertraut, und
sein Anblick wendete ihr das Herz im Busen um.
    Alles, was sie seit Jahren durchlebt und durchlitten, es drängte sich in ihr
in diese Stunde zusammen! Sie musste es noch einmal erleben und erleiden, sie
konnte kaum der Hast ihrer eigenen Gedanken, der wilden wechselnden Gewalt ihrer
Empfindungen folgen. Gerhard's Schwester lag in ihrem Vaterhause, eine zum Tode
Erkrankte, vor ihren Augen da. Es war des Grafen Schwester, über der sie wachte,
von deren Schlummer sie jede Störung fern zu halten strebte, - und Jahre lang
hatte sie die Nächte im grimmen Schmerze durchwacht, in Verzweiflung durchweint,
in Scham durchseufzt - um Gerhard's willen! Mit welcher Stirn würde er da
stehen, wenn die Baronin einst Seba's Namen vor ihm nennen würde, den Namen des
vertrauensvollen Mädchens, dessen Glück und Liebe er so frevelhaft gemordet!
Wenn er, er selber es wäre, wenn er so daläge, hülflos mir hingegeben! dachte
sie.
    Tödtlicher Hass und das heisse Verlangen, sich zu rächen, schwelgende
Erinnerungen und Erbarmen mit dem eigenen Leide bedrängten sie, und es dünkte
sie ein Fluch, dass sie den Hass kennen lernen, dass die Verachtung statt der Liebe
in ihr lebendig geworden war. Dann wieder fühlte sie sich plötzlich über alle
Trübsale fortgetragen, leicht und frei. Sie konnte auf ihre Vergangenheit
zurückblicken wie auf eine abgelegte Hülle, die ihr fern lag, sie fühlte sich
durch ihr Denken und Tun weit über sie hinausgehoben, und doch blutete ihr das
Herz, doch schwammen ihre Augen in Tränen; denn wie sie auch danach rang, sich
neu aufzuerbauen, - es blieben ihr doch unwiederbringlich jene unschätzbaren
Güter verloren, ohne welche das Menschenleben trübe wird wie ein Tag, dem die
Sonne bei seinem Aufgange und Niedergange nicht leuchtet: die freudige
Erinnerung an die eigene Jugend und der Glaube an das Glück der Zukunft!
    Und wenn sie eine Weile den eigenen Erinnerungen und dem Schmerze
nachgegeben, dann fiel der arme Paul, ihr armer Paul ihr ein. Wo mochte er
weilen, wo konnte er sein? Sie hätte hinauslaufen mögen, ihn zu suchen, aber
wohin sollte sie sich wenden? Warum war er nicht zu ihr gekommen, der er doch
vertraute, die er liebte, die ihn in ihr Herz geschlossen, als dieses Herz sich
an Liebe und an Freude ganz verarmt geglaubt? Was musste ihm geschehen sein, was
musste man ihm getan haben, dass er ihrer nicht gedacht, dass er sie vergessen
hatte? Es war ihr, als müsse sie ihn rufen, als könne er gar nicht ausbleiben,
wenn sie ihn nur riefe; aber hier, an diesem Lager, durfte sie ihn nicht rufen,
nicht seinen Namen nennen, denn hier, in ihrem Schutze, sollte die Gräfin Berka,
die schöne Frau des Freiherrn von Arten, Ruhe finden, die Frau, um deretwillen
die Mutter Paul's die sonnige Erde verlassen und sich begraben hatte in des
Wassers kalte, dunkle Tiefe.
    Wie aber, wenn auch Paul wirklich nicht mehr auf der Erde weilte? dachte
sie; wenn auch seinen schönen jungen Leib die Wellen verschlungen hätten, wenn
seine Augen, in deren hoffnungsreiche Fröhlichkeit sie sich so gern versenkt,
gebrochen wären, wenn die Flut ihn jetzt schon mit sich trüge weit hinaus,
hinaus ins Meer! Ihr graute vor der Vernichtung seiner jugendlichen Schönheit -
ihr graute vor dem Tode. Und schwebte nicht vielleicht auch über dem stolzen,
blonden Haupte, das hier vor ihren Augen schlummerte, schon des Todes Sichel?
War denn jetzt Alles dem Untergange geweiht?
    Sie neigte sich leise zu der Kranken hernieder, um zu hören, ob sie atme,
da schlug Angelika matt die Augen auf und blieb mit dem träumerischen Blicke an
Seba haften. Sie konnte sich nicht besinnen, wo sie war, sie schaute Seba mit
Befremdung an, aber ihre Miene wurde dabei immer freundlicher, und beide Hände
faltend, bewegte sie leise ihre Lippen.
    Seba kniete nieder, um ihre Worte zu verstehen. Die Baronin schien das mit
Ueberraschung zu gewahren. Sie fasste nach Seba's Hand; ein leises Ach! entfloh
ihrem Munde, da sie dieselbe berührte, und mit schmerzlicher Klage sagte sie:
Ich lebe also noch?
    Ja, Gott sei Dank, Sie leben! rief Seba. Gott sei Dank, Sie leben!
wiederholte sie, von einer Rührung ergriffen, die sie nicht bemeistern konnte,
und Sie werden leben bleiben!
    Die Baronin legte ihre Hand matt und langsam auf das Haupt der Knieenden.
Ich bin sehr müde, seufzte sie, und die Augen schliessend, während sie Seba's
Hand in der ihrigen hielt, bat sie: Gehen Sie nicht von mir, es ist mir wohl in
Ihrem Schutze!
    Teure, teure Frau! rief Seba, indem sie die Hand der Kranken an ihre
Lippen presste und heisse Tränen ihre Augen füllten.
    Was haben Sie? fragte die Kranke ängstlich. Aber Seba nahm sich schnell
zusammen. Nichts, nichts, sagte sie. Ich bin so glücklich, dass Sie Ruhe finden,
dass Sie mich um sich haben mögen!
    Angelika drückte ihr die Hand, und aufs Neue nahm der Schlummer der
Ermattung sie gefangen.
    Seba aber sass still und regungslos an ihrem Lager. Sie dachte des Uebels
nicht mehr, das der Bruder dieser Frau ihr getan, weil sie jetzt der Schwester
liebend beistand; sie vergass des eigenen Unglücks über dem Leiden dieser Frau,
und wie Wolken sich bilden und vergehen, sich formen und ihre Formen wechseln,
dass man nicht weiss, wofür man sie zu halten und wie man sie zu deuten hat,
während doch das Auge und der Sinn sich nicht von ihnen abzuwenden vermögen: so
zogen an ihrem Geiste die Gestalten des Grafen und des Freiherrn, Angelika's und
Herbert's und der Geschwister aus dem Amtause vorüber, und dazwischen dachte
sie des Knaben, dem sie so viel verdankte und dem sie von ganzem Herzen zu
vergelten gewünscht.
    Wie komme ich, eben ich denn gerade in diesen Menschenkreis? Wesshalb laufen
alle diese Schicksalsfäden in dem Bereiche zusammen, den ich übersehe? Und was
kann, was soll ich tun inmitten dieser Menschen? Ich, die ich selbst
unglücklich und ohne alle Hoffnung bin? fragte sie sich immer und immer wieder.
    Da quoll es warm in ihrem Herzen empor, jenes beseligende Lieben um des
Liebens willen, das dem Menschen noch Glück bereitet, wenn er sich alles
Wünschens und Wollens für sich selbst entschlagen hat, und mit überwallender
Empfindung rief sie sich zu: Ich kann lieben, hoffen, helfen und trösten! Ich
will hoffen für den armen Paul, und vor allem Dich trösten und Dir helfen, Du
schöne, kranke Frau!
 
                               Siebentes Capitel
Alle Bemühungen bewiesen sich fruchtlos; Paul kam nicht wieder. Ein Arbeiter
hatte spät am Abende einen Knaben, auf den die Beschreibungen des Vermissten
passten, am Aussenhafen gesehen, aber wohin er gegangen oder wo er geblieben war,
das hatte er nicht bemerkt. Die Polizei, die man in Bewegung gesetzt hatte, war
ungeübt und lässig, und man kannte damals jene wundervollen Erfindungen noch
nicht, welche, Zeit und Raum überwindend, dem Menschen fast eine
Allgegenwärtigkeit verleihen und sich zu unfehlbaren Dienern und Boten unserer
Freude, unseres Schmerzes, unserer Sorge machen. Man musste abwarten und hoffen
oder sich bescheiden, das Schlimmste zu erfahren, und in diesem Falle war die
Liebe verzagter als der Eigennutz.
    Die Kriegsrätin, welche ohne das ansehnliche Kostgeld ihres Pflegesohnes
gar nicht auszukommen wusste, rechnete zuverlässig auf dessen Wiederkehr; Seba
betrauerte seinen Verlust. Sie allein hatte die leidenschaftliche Natur des
Knaben, die starken, tiefen Empfindungen gekannt, deren er fähig war, und die
ihn in einem Augenblick vernichtender Enttäuschung leicht zu einem Äussersten
getrieben haben konnten. Wohin sie sich wendete, fehlte ihr Paul, vermisste sie
ihren jungen Gefährten, dessen zuversichtliche Liebe ihr ein Bedürfnis geworden
war, und mit dessen Zukunft sie sich zu beschäftigen liebte, wenn ihr der Mut
gebrach, der eigenen Zukunft zu gedenken; und wie sie sich auch dagegen wehrte,
drängte sich ihr doch oftmals die entmutigende Vorstellung auf, dass Paul besser
daran gewesen sein würde, wenn er sich ihr nicht angeschlossen, und sich im
Verkehr mit ihr nicht über seine Jahre hinaus entwickelt hätte.
    Es war gut für Seba, dass die Familie von Arten noch immer in der Stadt war,
die Baronin noch immer in dem Flies'schen Hause verweilen musste, denn es gab
Seba eine Beschäftigung, welche sie von dem Schmerze um den Knaben abzog.
    Der Arzt hatte es, selbst als die dringendste Gefahr vorüber war,
entschieden widerraten, die Kranke in den Gastof bringen zu lassen, und Madame
Flies wollte davon auch gar nicht sprechen hören. Ihr gutes Herz und ihre
bürgerliche Eitelkeit fanden eine grosse Befriedigung darin, eine solche Dame zu
bedienen und zu pflegen, mit ihr beständig zu verkehren, ihren Umgangsgenossen
von diesem Verkehr zu erzählen, und daneben dachte sie, in dem romantischen
Glauben an die wunderbaren Wege der Vorsehung, von welchem nur wenige Frauen
frei sind, man könne doch nicht wissen, wozu es gut sei, dass die Schwester des
Grafen Gerhard eben in ihrem Hause erkranken müsse und dass sie ihre Seba und die
ganzen Verhältnisse der Familie nun so unerwartet kennen lerne. In der Residenz
hatten schon Grafen und Prinzen sich mit Jüdinnen verheiratet, und was Einer
Jüdin widerfahren war, konnte der andern auch begegnen, besonders wenn dieses
ihre Seba war.
    Weniger angenehm war es dem Freiherrn, seine Gemahlin noch immer in der
Obhut der Familie Flies zu wissen und sich von dieser eben in diesem Augenblicke
Verbindlichkeiten auferlegen zu lassen, die er nicht bezahlen, nicht gleich
vergelten konnte. Sein Geist war ohnehin verdüstert, sein Gemüt beschwert. Das
plötzliche Wiedersehen seines Sohnes, an dem er einst gehangen, das eben so
plötzliche Verschwinden desselben hatten einen furchtbaren Eindruck auf ihn
gemacht. Trotz des flüchtigen Blickes, den er auf Paul geworfen, hatten die
Schönheit des Knaben, die auffallende Aehnlichkeit mit dem von Arten'schen
Geschlechte ihn erschüttert, und es war eine wundersame Freude gewesen, mit der
er Paul's unleugbare Ueberlegenheit über Renatus anerkannt. Auch jetzt konnte er
des Zwiespaltes in seinem Innern nicht Meister werden. Er liess die eifrigsten
Nachforschungen nach Paul anstellen, so widerwärtig das dadurch gemachte
Aufsehen und die unvermeidliche Besprechung aller seiner persönlichen
Verhältnisse ihm auch waren. Er litt unter dem Gedanken an den immer
wahrscheinlicher werdenden Untergang des Knaben, und er trug doch kein Verlangen
danach, ihn wieder vor sich zu sehen; aber auch Renatus mochte er nicht um sich
haben, und vor Allem vermied er es, Seba zu begegnen, deren herbe Wahrhaftigkeit
ihn schwer beleidigt hatte.
    Selbst die Gesellschaft der Herzogin war ihm nicht willkommen. Ihre leichte
Unterhaltungsgabe vermochte nicht, ihn zu zerstreuen, ihr Bestreben, ihn von
sich abzuziehen, tat ihm jetzt nicht wohl. Er fühlte sich allein und von jedem
Anspruche an ihn belästigt. Erst nachdem er sich eines Tages eingestanden, dass
auf ihm ein schweres, ein besonderes Schicksal laste, dass eine dämonische
Gewalt, mächtiger als sein Wille, nicht aufgehört habe, ihn, seit er sich von
Pauline getrennt und mit der Baronin verbunden habe, zu verfolgen, begann er
seine Fassung wieder zu finden. Er kam sich eben durch diese Besonderheit seines
Looses ausgezeichnet und wie durch seine Geburt und die Bedeutung seiner Person
von den ihn umgebenden Menschen geschieden und über sie erhaben vor. War es doch
etwas so Gewöhnliches, glücklich zu sein! Ein Jude wie Flies konnte das Glück
für sich haben auf allen seinen Wegen, denn das Glück wohnt und waltet auf jener
breiten Heerstrasse des Lebens, auf der sich die Mittelmässigkeit und die
Niedrigkeit berechnend und schwachherzig bewegen. Ein Mann, der wie der Freiherr
seinem inneren Bedürfen, seinem Glauben an ein Ideales, der einzig den
grossmütigen Regungen seines Herzens folgte, der seinen Ehrbegriffen und den
unabweislichen Pflichten seines Standes nachzuleben hatte, der wandelte auf
einem anderen Pfade, der hatte wenig Aussicht, auf seinem einsam erhabenen Wege
dem Glücke zu begegnen. Was war es denn gewesen, als Grossmut, dass er einst sein
Leben an das Leben eines armen Kindes gesetzt? Was war es gewesen, als sein
Glaube an ein Ideales, der ihn bewogen, dieses Mädchen zu bilden? Seinen
Standespflichten zu genügen, seinem alten Stamme zur Ehre hatte er das geliebte
Geschöpf von sich entfernt und sich mit Angelika verbunden. Aus Achtung vor
seiner Ehe und um Angelika seinen guten Willen zu beweisen, hatte er darauf
verzichtet, Paulinen's Sohn unter seinen Augen aufwachsen zu lassen - und beide,
Pauline und ihren Sohn, hatte der Tod ereilt, beide hatte er Angelika geopfert,
der Frau geopfert, die ihn für einen Mann vergessen können, dem er grossmütig
und vertrauend, wie er Angelika vertraut, sein Haus geöffnet. Grossmut und das
Gefühl der Standesehre hatten ihn bewogen, die Herzogin und den Marquis gastlich
bei sich aufzunehmen. Sein eigenes Ehrgefühl hatte ihn veranlasst, sich auf das
Ehrgefühl des Marquis zu verlassen, und wie hatte dieser ihm die Rücksicht für
die Herzogin, wie hatte er ihm das Zutrauen gedankt, das er ihm bewiesen! -
Grossmut war es gewesen, die ihn zu dem Bau der Kirche getrieben, als er
Angelika nach einer äusseren Befriedigung ihres religiösen Sinnes trachten sehen,
deren er für sein Teil nicht bedurfte; und all diese hohen Empfindungen, all
sein edles Wollen hatten ihm keine beglückende Frucht getragen, hatten ihm die
Liebe der Menschen nicht zugewendet, ja, waren von ihnen kaum erkannt geschweige
denn gewürdigt worden. Sogar sein ältester Lebensgenosse, der Caplan, ward ihm
nicht mehr gerecht, hielt nicht mehr zu ihm, wie er es erwarten durfte, und auch
die Herzogin hatte es nicht ganz begriffen, dass ein Mann wie er mit seinem
Glauben, mit seinem Vertrauen und mit seiner Neigung nicht unterhandeln, dass er
keine Gemeinschaft mehr mit seiner Gattin haben könne, wenn deren Hingabe für
ihn nicht mehr eine volle und unbedingte war. Auch die Herzogin verstand ihn
nicht vollkommen, nicht wie er's bedurfte. Er stand allein, ganz allein in
seiner Umgebung, unter seinen Standesgenossen, weil ihnen allen der rechte Sinn
des Adels verloren gegangen war. Aber das Bewusstsein dieser Einsamkeit warf ihn
nicht nieder, sondern hob ihn in seinen Augen über die Andern hoch empor; denn »
fortis in adversis«, »Mut in Widerwärtigkeiten« war der Wahlspruch seines
Hauses! Mochte die Gunst des Lebens sich von ihm wenden und das Glück sich ihm
entziehen, - den stolzen Herzschlag seines edeln Blutes, den frei über die
Reihen der niedrig geborenen Menschen sich aufschwingenden Sinn seines alten
adeligen Geschlechtes, den konnte ihm nichts rauben; und diese Vorzüge immer und
gegen Jedermann mit Entschiedenheit geltend zu machen, das däuchte ihm in diesen
Zeiten und in seiner besonderen Lage seine ideale Aufgabe, die wahre Aufgabe des
Edelmannes zu sein.
    Madame Flies jedoch, die in ihrer schlichten Güte wenig Ahnung von solchen
idealen Lebensaufgaben hatte, weil sie sich immer an das Nächste und an das
Natürliche hielt, sah es mit Erstaunen, wie ruhig und sicher der Freiherr
einherschritt, wie das Verschwinden des Knaben, wie die Krankheit seiner
Gemahlin, wie selbst die Verwicklung seiner Vermögensverhältnisse und alle jene
Sorgen, von denen eine einzige zu tragen ihr schwer gefallen sein würde, ihn gar
nicht anzufechten schienen. Sie wusste nicht, sollte sie ihn bewundern und loben,
oder ihn verabscheuen und tadeln, aber sie konnte sich, wenn sie den Freiherrn
am Krankenbette der Baronin sah, es wohl erklären, warum dieselbe seufzte,
sobald er sie verliess, warum sie ihr und vor Allem ihrer Seba so freundlich die
weisse, schmale Hand entgegen reichte, so oft sie sich ihr nahten.
    Die Kranke hatte nach dem Caplan verlangt und der Freiherr sogleich eine
Staffette zu ihm gesendet; indes es mussten Tage um Tage vergehen, ehe man auf
sein Eintreffen rechnen durfte, und der Arzt sah, da er jede Aufregung für die
Baronin scheute, die notwendig verzögerte Ankunft des Geistlichen nicht ungern.
Angelika hingegen fragte an jedem Morgen, ob der Caplan noch nicht angekommen
sei, schien aber sonst kaum ein Bedürfnis nach Mitteilung zu haben. Sie lag
meist still und in sich gekehrt mit gefalteten Händen da und verlangte wenig,
wenn sie im Laufe des Tages ihren Sohn einmal gesehen hatte, dem sie mit ernster
Zärtlichkeit begegnete. Seba, die ihr unverkennbar die liebste Pflegerin war,
verliess sie selten. Einstmals, als sie wieder an ihrem Bette weilte und das
Sonnenlicht sie wieder so hell wie an dem ersten Krankheitstage Angelika's
umfloss, blieb diese lange in ihrem Anschauen versunken, dann reichte sie ihr die
Hand und sagte: So wie in diesem Augenblicke hatte ich Sie in Ihrem weissen
Kleide vor mir, als ich, aus dem ersten träumerischen Schlummer erwachend, den
ich unter Ihrer Hut genossen, Sie für meinen Schutzgeist hielt! Sie blickten so
liebevoll, so traurig auf mich nieder! Sie sind gewiss sehr gut! Und dass man
Ihnen ansieht, wie sanft, wie glücklich Ihr Lebensweg gewesen und wie Sie reinen
Herzens sind, das macht mir Ihre liebe Nähe so erquicklich!
    Es fuhr wie ein Messerschnitt durch Seba's Brust. Alles Blut entwich aus
ihren Wangen, ihre Lippen zuckten, und mit dem Ausrufe: Und das sagen Sie, eben
Sie! sank sie vor dem Lager der Baronin auf die Kniee, das Gesicht in ihren
Händen bergend. Aber in dem nämlichen Augenblicke kam ihr auch der Gedanke, dass
sie Angelika erschreckt habe, dass sie sie nicht beunruhigen dürfe, und gewaltsam
die Herrschaft über sich gewinnend, richtete sie sich empor. Ihre Wangen waren
noch bleich, indes ihr Mund konnte wieder lächeln, und Angelika's Hände sanft in
die ihren schliessend, sprach sie freundlich: Wie mich das freut, dass meine
Dienste Ihnen angenehm und meine Nähe Ihnen lieb ist! Nur danken, nur loben
müssen Sie mich nicht, ich verdiene das nicht!
    Wer eine Wunde in seinem Innern zu verbergen hat, wird feinfühlig für
fremden Schmerz. Angelika hörte, dass in Seba's Worten mehr als jene höfliche
Ablehnung eines Dankes verborgen war, mit der die gesellschaftliche Sitte sich
ihr Dankescapital auf Zinsen legen lässt; darum wagte sie keine Frage zu tun,
aber die Frage, was ihrer sanften Pflegerin begegnet sein, was sie erfahren und
erlitten haben könne, beschäftigte sie fort und fort. Sie wünschte von ihr zu
hören, sie wünschte zu wissen, ob ihre Teilnahme für Seba Wert besitzen könne,
und sie hatte, als ihre Kräfte sich wieder hoben, keine grosse Mühe, Madame Flies
von ihrem einzigen Kinde, von ihrer Seba sprechen zu machen.
    Mit grösster Genugtuung erzählte dieselbe der Baronin wie jedem Anderen von
der fröhlichen Kindheit, von der ersten, blühenden Jugend ihrer Tochter, von den
zahlreichen Bewerbern, welche sie zurückgewiesen, und wie sie jetzt mit ihren
bleicheren Wangen und ihrem ernsten, stillen Blicke, so schön sie sei, doch
lange nicht mehr so herrlich aussehe, als vordem.
    Aber was hat Ihre Tochter denn so verändert? War sie krank oder was ist ihr
geschehen? fragte die Baronin, die, abgesehen von ihrer Teilnahme für Seba,
immer mehr von der Fremdheit der Lebensverhältnisse, welche sie umgaben,
angezogen wurde.
    Madame Flies schöpfte Atem. Also endlich war er doch gekommen, der
Augenblick, auf den sie so lange gehofft, auf den sie sich vorbereitet hatte,
seit die Baronin in ihrem Hause darniederlag, endlich war er gekommen, endlich
war er da! Sie rückte näher an das Bett heran, sah vorsichtig hinter den grünen
Schirm, der das Lager der Baronin umgab, schob sich die Kantenhaube zurecht und
sagte mit klopfendem Herzen, während sie vertraulich ihre Hand auf den Arm der
Kranken legte: Aufrichtig, gnädige Frau Baronin, wissen Sie denn gar nichts von
uns? Hat er Ihnen denn gar nicht von ihr gesprochen?
    Angelika verstand sie nicht. Was soll ich denn von Ihnen wissen, meine
Beste?
    Nicht von mir, Gott bewahre, nicht von mir; denn was wir getan haben, war
unsere Schuldigkeit, und wir haben es sehr gern getan! Nur von meiner Seba
meinte ich! bedeutete die Mutter.
    Von Seba - wer sollte mir wohl von ihr gesprochen haben? fragte Angelika.
    Ich dachte der Herr Graf! - Aber freilich, der Herr Graf sind gerade ....
Sie wollte sagen: wie der Herr Baron; indes sie unterdrückte das Wort, und
Angelika fiel ihr mit der Frage: Von welchem Grafen sprechen Sie? auch lebhaft
in die Rede.
    Madame Flies schwankte einen kurzen Augenblick. Sie wusste, dass sie auf dem
Punkte stand, ein Unrecht gegen die Ruhe der ihr anvertrauten Kranken zu
begehen, und dass Seba ihr sicherlich nicht danken würde, was sie unternahm; aber
die Selbstsucht und die anmassende Gewalttätigkeit, von denen die Liebe so
vieler Mütter nicht frei ist, trugen es über jede Rücksicht davon, und auf die
wiederholte Frage Angelika's, welchen Grafen sie denn meine, antwortete sie
schnell, als wolle sie es sich unmöglich machen, sich eines Besseren zu
besinnen: Wen denn anders, als den Herrn Grafen Berka, den Grafen Gerhard, der
im Quartiere bei uns lag!
    Die Baronin schwieg. Es war lange her, dass Jemand ihr von ihrem Bruder
gesprochen hatte. In der Welt, in welcher sie lebte, wusste Jedermann, dass sie
mit ihrer Familie zerfallen war, und man hütete sich, sie daran zu erinnern;
aber sie hatte in den bangen Stunden, in welchen sie zu sterben geglaubt, sich
lebhaft nach ihrem Vater und nach ihrer Mutter gesehnt, und hier in diesem
Hause, in dem sie, fremd unter Fremden, einer Liebe teilhaftig wurde, welche
sie an ihr Vaterhaus gemahnte, hier plötzlich von ihrem Bruder reden zu hören,
kam ihr wie ein Gruss aus fernen Tagen, wie ein Gruss der Ihrigen vor.
    Sie kennen meinen Bruder? fragte sie endlich.
    Ob ich ihn kenne! rief Madame Flies, und erging sich in einer Schilderung
des Grafen, in einer weitläufigen Erzählung der kleinen Erlebnisse, die man hier
im Hause zur Zeit seines Aufentaltes mit ihm gehabt, um dabei der Bewunderung
gedenken zu können, welche er ihrer Tochter gezollt, und es mit lebhaftem
Kopfschütteln völlig unbegreiflich zu finden, dass er ihres Hauses und ihrer Seba
niemals gegen die Schwester Erwähnung getan habe.
    Angelika schwankte unentschlossen. Jene Schamhaftigkeit der Seele, welche
die zuverlässigste Bewahrerin und Schutzwehr wirklicher Würde ist, machte sie
davor zurückschrecken, einer Frau, welcher eben diese Eigenschaft fehlte, ein
Vertrauen zu beweisen, das bei ihr sicherlich nicht wohl aufgehoben war; aber
sie mochte auch den Bruder nicht gegen die Menschen undankbar erscheinen lassen,
denen sie sich selbst zu so grossem Danke verpflichtet fühlte, und die Rücksicht
auf Andere trug es bei ihr über ihr eigenes Empfinden fort. Ich habe meinen
Bruder seit Jahren nicht gesehen! sagte sie nach langem Zögern leise und
begütigend.
    Indes sie hatte selbst diese Äusserung zu bereuen; denn nun der Damm der
strengen Zurückhaltung einmal durchbrochen war, überstürzte Madame Flies die
Kranke mit den Fragen ihres beschränkten Erstaunens, ihrer scharfsichtigen
Neugier, und wie man sich von der harmlosen und doch quälenden Zudringlichkeit
eines Kindes, nur um der Beunruhigung zu entgehen, oftmals mehr entlocken lässt,
als man ihm irgend zuzugestehen dachte, so fand Angelika, als Madame Flies sich
zurückzog, dass sie, solcher anmassenden Herzlichkeit in ihrer Umgebung nicht
gewohnt, der Fragenden mehr, weit mehr anvertraut, als sie irgend beabsichtigt
hatte. Aber auch sie meinte erfahren zu haben, was ihr bisher nicht deutlich
gewesen war. Sie meinte jetzt zu wissen, wesshalb Seba sich nicht verheiratet
hatte, wesshalb ihre dunkeln Augen oft so traurig und forschend auf ihr ruhten,
ja, wesshalb ihre Zärtlichkeit sie so warm umfing; und Seba wurde ihr nur
werter, seit die Baronin sich sagen konnte: auch sie liebte hoffnungslos, auch
ihr traten die Schranken entgegen, welche die Stände von einander halten, auch
sie hat es gekannt, das hoffende Verlangen und das traurige Entsagen, und sie
ist besser als Du, denn keine Pflicht verbot ihr, frei über ihre Liebe zu
verfügen, und kein Eid stand zwischen ihr und ihres Herzens freier Wahl!
    In dem einsamen Sinnen des Tages, in dem schlaflosen Brüten der Nächte hatte
Angelika eine Einkehr in sich selbst gehalten, sich Bekenntnisse gemacht, wie
man sie nie vor einem Andern, wie man sie nur dem eigenen Gewissen abzulegen
vermag; denn es gibt ein Innerstes in dem Seelenleben fast eines jeden Menschen,
das er nicht Preis geben kann, ohne das geheime Band zu zerreissen, welches die
Elemente seines Wesens zusammenhält, ohne sich des freien Willens zu entäussern,
der ihn zu einem selbstständigen Menschen, eben zu dem Menschen macht, als
welcher er sich von der Masse seiner Mitmenschen unterscheidet. Jedes
Bekenntnis, welches der Mensch vor einem andern Menschen ablegt, ist daher immer
ein bedingtes. Die Persönlichkeit, die Meinung, der Glaube dessen, vor dem wir
sprechen, wirken auf uns zurück, und hüllenlos, schrankenlos wahr vermag der
Mensch nur gegen sich selbst zu sein, wenn Geständnis und Urteil, aus gleicher
Quelle entspringend, in Eins zusammenfallen.
    So lange sie sich in der Nähe und unter der geistigen Obhut des Caplans
befunden, hatten sein religiöser Sinn und sein fester Glaube sie vor jedem
Schwanken bewahrt. Sie hatte selbst die Sehnsucht nach dem ihr versagten Glücke
eine Sünde in ihrer Brust gescholten. Das Beispiel des Caplans hatte sie zur
Entsagung ermahnt, und wie der Freiherr es auf seine Weise tat, hatte auch sie
danach gestrebt, sich mit dem Gedanken an ihre bevorzugte Lebensstellung, mit
der Erinnerung an ihren Rang und an ihre Geburt zu trösten und von dem
Schicksale damit abgefunden zu glauben.
    Aber die Gedanken und Anschauungen des Menschen gehören ihm nur an, wie die
Frucht dem Samenkorn angehört. Sie werden in ihrer mehr oder weniger schnellen
Entwickelung, wie in der Art ihrer Entfaltung durch die äusseren Umstände
bedingt, und seit Angelika nicht mehr im Schloss weilte, seit sie nicht mehr
ausschliesslich von ihren Standesgenossen umringt, nicht mehr von der
Unterwürfigkeit ihrer Dienerschaft umgeben ward, fing die Welt an, ihr
verwandelt zu dünken, weil der Blick sich änderte, mit dem sie in ihr Inneres
und in das Leben schaute.
    Von dem Tage ab, an welchem sie des Freiherrn Gattin geworden war, hatte die
Ruhe sie geflohen. Schwere Enttäuschungen, Sorge um seinen Gemütszustand,
Gewissenszweifel, religiöse Kämpfe und Familienzerwürfnisse hatten ihre Seele
nicht zum Frieden gelangen lassen, ehe die Herzogin ein Gast des freiherrlichen
Hauses geworden war, und seit dem Erscheinen dieser Frau war Angelika nicht nur
sich selber, sondern war ihr auch der Mann verloren gegangen, dessen Namen sie
trug und dem sie sich für gute und für böse Tage unauflöslich verbunden hatte.
    Jetzt, da sie nicht mehr täglich auf die Unternehmungen und auf die
Handlungsweise der Herzogin zu achten hatte, da die Anforderungen
augenblicklicher Notwehr sie nicht mehr in Beschlag nahmen und sie mit
nachdenkender Prüfung auf die vergangenen Jahre zurückblicken konnte, wurden
ihre Erlebnisse ihr klar und rätselhaft, deutlich und fast unbegreiflich zu
gleicher Zeit. Sie konnte sich die Liebe nicht wegläugnen, welche sie für
Herbert hegte, aber sie vermochte sich es jetzt völlig darzulegen, mit welcher
berechneten Arglist die Herzogin sie dahin gebracht hatte, sich eine Neigung für
den jungen Architekten zuzutrauen, und wie schlau und geflissentlich sie
dieselbe in ihr zu nähren, ja, selbst durch ihr Abmahnen anzufeuern verstanden
habe. Sie erinnerte sich, mit welchem Erschrecken es sie erfüllt, als die
Herzogin ihr zuerst die Möglichkeit einer Liebe für Herbert vor das Auge
geführt; sie durfte sich sagen, dass sie redlich dagegen angekämpft habe, und
wenn sie daneben auf die Verwicklungen, auf das Unglück blickte, das über sie
gekommen war, das ihrem ganzen Hause drohte, so vermochte sie sich nicht, wie
der Freiherr, fest auf sich selbst zurückzuziehen, sondern sie fragte sich:
Warum ward mir dieses Schicksal? Warum legte Gott mir Prüfungen auf, die zu
bestehen er mich zu schwach gemacht hat? Grade jetzt, wo sie des festen,
gottvertrauenden Glaubens nötiger als jemals hatte, versagte er sich ihr, und
ihr Verlangen nach der beruhigenden Nähe des Caplans steigerte sich an ihrem
Trostbedürfnisse, obschon sie eben in ihrem gegenwärtigen Leiden die Führung und
Fügung einer höheren, sie erziehenden und aufklärenden Macht zu erkennen geneigt
war.
    Krank und im höchsten Grade hülfsbedürftig, hatte sie sich in einem
bürgerlichen Hause auf die Pflege einer ihr fremden Familie angewiesen gefunden.
Keine Verwandtschaft, keine gemeinsame Erinnerung, keine Gleichheit der
Gesinnungen, nicht einmal der religiöse Glaube verband sie diesen Menschen. Man
hatte die Baronin von Jugend auf gelehrt, die Bürgerlichen gering zu schätzen,
die Juden zu verachten; ihre Wirte, ihre Pflegerinnen, die das wussten, liessen
sie es nicht entgelten, sondern umgaben sie mit einer Liebe, die ihr das Herz
erwärmte und es ihr dartat, was der Mensch dem Menschen über alle
Verschiedenheit des Glaubens, der Meinung und der Bildung hinaus zu sein vermag.
Sie hörte es gar nicht mehr, was ihr Anfangs in der Sprache des jüdischen
Kaufmanns auffällig gewesen war; sie merkte die Verstösse gegen die gute Form
nicht mehr, welche Madame Flies sich in ihrem Eifer häufig zu Schulden kommen
liess. Sie sah nur das uneigennützige Wohlwollen, mit welchem man sie bediente,
nur den Eifer, mit dem man ihre Wünsche zu erraten strebte; sie fühlte nur die
Güte, von der sie in jedem Augenblicke umgeben ward, und oftmals meinte sie sich
ihrer allmählichen Genesung nur darum zu erfreuen, weil ihre Pflegerinnen sich
über dieselbe so glücklich bezeigten. Sie vergass es fast, dass sie vornehm sei,
so heimisch ward es ihr unter der Obhut ihrer Wirte. Nur der Dank der Kranken,
der jungen Frau gegen die ältere, mütterliche Pflegerin war in ihr lebendig,
wenn Madame Flies sich neben ihr bemühte, und die Baronin hatte es bald genug
erlernt, wie die Stunde der Not die Schranken niederwirft, welche die Stände
von einander halten; sie lernte es in ihrer Hinfälligkeit, wie erhebend es sei,
bei seinen Mitmenschen freiwilliger Hingebung und reiner, erbarmender
Menschenliebe zu begegnen.
    Noch an dem Tage ihres Erkrankens hatte die Aussicht, dass die Familie Flies
künftig das Haus von Fräulein Ester, das von Arten'sche Haus in der Residenz
bewohnen werde, die Baronin in allen ihren Ansichten gekränkt; jetzt konnte sie
mit völliger Ruhe daran denken. Denn obschon ihr Befinden sich besserte, sagte
ihr eine bestimmte und unabweisliche Ahnung, dass ihr Lebensziel ihr nicht allzu
fern gesteckt sei, und vor dem Glauben an die eigene Vergänglichkeit verlor die
Vorstellung von der Vergänglichkeit und Wandelbarkeit alles Bestehenden immer
mehr ihre Schrecken für sie, bis sie ihr als eine Notwendigkeit, ja, fast als
eine Wohltat zu dünken begannen. Wie den Freiherrn der Gedanke an die
Wandelbarkeit und Vergänglichkeit aller Dinge zur stolzen Aufrechterhaltung
seines Ichs und seiner persönlichen Bedeutung anreizte, so machte die gleiche
Erkenntnis seine Gattin mild und weich, denn das Gleiche wirkt verschieden, je
nach dem Boden, auf den es fällt, je nach den Elementen, mit denen es sich
vermischt.
    Muss ich doch meinen eigenen Leib, meines Geistes Haus, in Staub zerfallen
lassen, sagte sich Angelika, wie dürfte mich's betrüben, dass ein Haus von Stein
und Mörtel nicht auf ewige Zeiten hinaus denjenigen zu eigen bleibt, deren Väter
es errichteten! Renatus hat seinen eigenen Leib und seinen eigenen Geist von
Gott empfangen, mag er sich auch, gleich seinen Ahnen, sein eigenes Haus
erbauen, und wie Gerhard und ich hier in diesem fremden Hause weilten und von
seinen Bewohnern Gutes erfuhren, Liebe gewannen, so mag die schöne Seba in
Gottes Namen in dem Hause leben, das wir unser eigen nannten und das ich einst
bewohnte; nur - fügte sie seufzend hinzu - möge sie dort glücklicher werden, als
ich!
 
                                 Achtes Capitel
Sie haben sich lange erwarten lassen, sagte der Freiherr, als an einem Abende
der Caplan bei ihm eintrat, und fast wäre Ihre Gegenwart hier nicht mehr
gefordert, denn ich kann Sie mit der erfreulichen Kunde empfangen, dass die
Baronin ihrer Genesung entgegengeht. Wir sind also hoffentlich zum Längsten hier
gewesen und werden die Schwüle der Stadt bald mit unserer frischen Luft
vertauschen können, nach der auch unsere Kranke zu verlangen anfängt. Aber was
bringen Sie uns, lieber Freund, der Sie von Hause kommen?
    Zuerst meine Entschuldigung wegen meines späten Eintreffens.
    Lassen Sie das, lassen Sie das! Unser ruhiges Leben hat Ihnen die Gewohnheit
schnellen Aufbrechens genommen, ich kenne das, und im Grunde war das niemals
Ihre Sache! rief der Freiherr, anscheinend in der besten Stimmung. Ich hoffe
nur, dass nicht ein Unwohlsein Sie zurückgehalten hat!
    Nur wirkliche Krankheit hätte mich hindern können, dem Rufe der Frau Baronin
und meiner Pflicht zu folgen! sagte der Geistliche mit einer ernsten
Zurückhaltung, die den Freiherrn zu der Frage veranlasste: Sie hatten also andere
Gründe, die Sie zum Verweilen zwangen?
    Ja, Herr Baron, und sie waren nicht so erfreulich, als die angenehme Kunde,
mit der ich hier empfangen werde! Da aber in allem Unglück sich immer noch etwas
findet, was man zu segnen hat, so möchte ich's ein Glück nennen, dass die Frau
Baronin und die Frau Herzogin eben jetzt von Hause fern gewesen sind!
    Der Freiherr sah den Geistlichen fest an und sagte: Sie lassen mich sehr
langsam erfahren, was Sie mir zu sagen haben; es ist also sicher etwas recht
Verdriessliches geschehen!
    Leider mehr, als das! sprach der Caplan. Am Mittwoch vor Pfingsten langte
der Wagen in Richten an, den man zum Abholen des Standbildes nach der Stadt
gesandt hatte, und der Verabredung gemäss wurde es gleich nach Rotenfeld
gebracht, um dort vor der Kirche abgeladen und ausgepackt zu werden. Da die
Vorbereitungen für die Aufstellung im Voraus getroffen waren, gab der Bauführer
denn auch die Weisung, mit der Errichtung der Gruppe sofort zu beginnen.
    Und durch die Ungeschicklichkeit unserer Arbeiter ist sie beschädigt worden!
rief der Freiherr.
    Nein, Herr Baron! Der Bildhauer selbst hat sie, wie er übernommen,
herausgebracht und auch die Auspackung besorgt.
    Und die Arbeit, wie ist sie ausgefallen? unterbrach der Freiherr den
Geistlichen noch einmal.
    Es war eine lobenswerte Arbeit; die Gestalt des Christus recht edel, der
Kopf voll Ausdruck, und auch die Figur der büssenden Magdalena nahm sich schön
und charakteristisch aus.
    Sie sagen: es war eine schöne Arbeit, die Figur nahm sich gut aus - was soll
das heissen? fragte der Freiherr.
    Das Standbild ist zerstört! berichtete der Geistliche, und sein Ton und
seine Miene verrieten die Empfindung, welcher er das Wort nicht gab.
    Zerstört? Und wie, durch wen? rief der Freiherr lebhaft.
    Durch geflissentlich erregten Glaubenshass! antwortete der Caplan mit jener
Selbstbeherrschung, welche ihm zur Natur geworden war.
    Den Freiherrn jedoch verliess in diesem Falle seine Fassung, und mit dem Fusse
stampfend, rief er heftig: Unerhört! Das ist ganz unerhört! Sind denn jetzt alle
Teufel los? - Aber er bereute diese Aufwallung eben so schnell, und sich
niedersetzend, während er auch dem Geistlichen einen Sessel anwies, sprach er:
Man sollte sich eigentlich in diesen Zeiten über nichts mehr wundern und auf
jede Art von Ausschreitungen vorbereitet sein; dennoch überrascht uns, wenn uns
widerfährt, was wir Andere in gleicher Weise erleben sahen. Verzeihen Sie meine
Aufwallung und fahren Sie fort. Halten Sie mir nichts zurück, mein Freund, ich
bin jetzt vollkommen vorbereitet.
    Am Mittwoch, fuhr der Caplan fort, war, wie gesagt, die Gruppe angekommen,
Samstags, als die Feierstunde nahte, hatte man die Arbeit des Aufstellens
beendet; ich fuhr also nach Rotenfeld, das Geleistete zu betrachten. Die Gruppe
gereichte dem ganzen Baue zur Zierde; man konnte in jeder Weise seine Freude
daran haben. Man hatte keine Schwierigkeiten, keine Störungen irgend welcher Art
bei der Aufrichtung gehabt. Die Arbeiter, welche niemals ein Kunstwerk gesehen,
hatten es angestaunt; nun standen die Kinder draussen an dem Gitter und
betrachteten es neugierig. Des Försters Sohn, ein aufgeweckter Knabe, fragte
mich, ob das die Mutter Maria sei, die an dem Kreuze kniee. Als ich ihm Bescheid
gab, ging der Candidat vorüber. Er war, wie immer, zum Pfingstbesuch zu seinen
Eltern nach Neudorf gekommen, aber er hatte sich, was er doch sonst zu tun
pflegte, bei mir nicht sehen lassen.
    Der Bursche war mir stets zuwider, bemerkte der Freiherr, den Erzähler
unterbrechend, und er weiss es, dass seine ehrgeizige Scheinheiligkeit, wie man
diese Richtung von oben her jetzt auch beschützt, bei mir ihre Wirkung verfehlt!
    Um so grösser und unheilvoller war aber die Wirkung, welche er auf die
Gemeinde übte, berichtete der Geistliche, der sich geflissentlich jedes Urteils
entielt und sich nur auf die Mitteilung der Tatsachen beschränkte. In der
Absicht, die Leute an ihn zu gewöhnen, hatte der Pfarrer seinen Sohn, wie seit
Jahren, auch jetzt wieder am zweiten Feiertage für sich die Predigt halten
lassen, und der Candidat mochte die Abwesenheit der Herrschaften für den
geeigneten Zeitpunkt angesehen haben, in welchem er seinem Zorne gegen unsere
Kirche einmal Luft machen und bei seinen Vorgesetzten sich damit eine geneigte
Anerkennung verdienen könne. Die Aufstellung des Standbildes, meine zufällige
Unterredung mit dem Knaben, deren Zeuge der Candidat eben so zufällig geworden
war, boten ihm dazu den erwünschtesten Stoff und Anlass, und er hat sich denn in
den heftigsten Ausdrücken, in jenen landläufigen Redensarten gegen den
Baalsdienst, gegen die Götzenanbetung, gegen die heimliche Verführung zu
derselben und gegen unsere Kirche überhaupt, so lange gehen lassen, bis er es
der Gemeinde endlich förmlich an das Herz gelegt, sich über die Gewalt zu
beschweren, die man ihr mit dem Baue der Kirche angetan habe, und die
Errichtung von Götzenbildern in dem Lande der reinen Lehre nicht zu dulden.
    Die Frechheit kennt nicht Mass, nicht Ziel! rief der Freiherr, sich von
seinem Sessel erhebend. Und die Leute, wie verhielten sie sich? Was taten sie?
    Es traf sich übel, dass ihrer Aufregung eine Gelegenheit, sich zu bekunden,
dargeboten wurde. Missgestimmt waren sie seit langer Zeit, und die Menge liebt es
ja, Alles, worunter sie zu leiden hat oder wovon sie sich beeinträchtigt glaubt,
auf eine und dieselbe Ursache und Quelle zurückzuführen. Als die Leute von
Neudorf aus der Kirche nach Rotenfeld zurückkehrten, machten die Kammerjungfer
der Frau Herzogin und der Koch eben ihren Feiertags-Spaziergang. Aus ihrer
Heimat des Anblicks gewohnt, den das Standbild ihnen darbot, warfen ihr
religiöses Gefühl und ihre Rührung bei dem Gedanken an das verlassene,
unglückliche Vaterland sie betend zu den Füssen des Heilandes nieder. - Sie
knieend im Gebet erblicken, an ihrer Andacht Ärgernis nehmen und diesem Aerger
Ausdruck geben, war bei den vorübergehenden Leuten Eines. Wir wollen unseren
Sabbat nicht durch Götzendiener schänden lassen! rief eine Stimme, und als
hätte es nur dieses Anstosses bedurft, so erhob sich von allen Seiten der Ruf:
Nieder mit dem Götzenbilde! Nieder mit den Götzendienern! Jagt das fremde Pack
zum Lande hinaus!
    Weiter, weiter! drängte der Freiherr.
    Im Begriffe, mich hieher zu Ihnen zu begeben, kam ich mit meinem Wagen durch
Rotenfeld. Schon beim Einfahren in das Dorf sah ich, dass etwas Ungewöhnliches
vor sich gehen müsse, und das wüste Durcheinander lärmender Stimmen zeigte mir
den Weg. - Der Caplan hielt einen Augenblick inne, dann sagte er: Erlassen Sie
es mir, Ihnen die Scene zu schildern, die ich auf dem Kirchhofe erleben musste.
Die Leute kannten sich nicht in ihrer Aufregung. Alt und Jung, Männer und Weiber
waren über die beiden Unglücklichen hergefallen. Man machte ihnen die Flucht
unmöglich, man steinigte sie buchstäblich, während die kräftigsten unter den
Männern das Standbild zu Boden rissen und mit Aexten darauf einhieben. Das
Flehen, der Angstschrei der beiden Gemarterten übertönten das Geschrei und Toben
der Wütenden.
    Aber war denn Niemand da, der Einhalt tat? fragte der Freiherr, atemlos
vor zorniger Erregung. Wo war der Pfarrer? Wo war Steinert? Wo war der
Justitiarius? Und Sie selbst, Caplan ....
    Sie vergessen, Herr Baron, dass der unselige Vorfall sich nicht in Neudorf,
sondern in Rotenfeld ereignete, dass der Pfarrer also nichts davon erfuhr, bis
Alles vorüber war - und es wird ihm dies sicherlich das Erwünschteste gewesen
sein. Steinert war über Land gefahren, und der Justitiarius, der sich unter den
Besuchern der Kirche befunden hatte und gleich herzukam, hatte, wie ich, vollauf
zu tun, die beiden Verwundeten ....
    Verwundet - die Unglücklichen sind verwundet? Aber doch nicht ernstlich, es
hat doch mit ihnen keine Gefahr, Caplan?
    Der Caplan zuckte die Schultern. Die Verwundung des Kochs war unbedeutend,
er ist völlig davon hergestellt. Mademoiselle Lise aber, die ein Steinwurf an
die Schläfe traf - ist todt!
    Der Geistliche hielt inne; der Freiherr schloss unwillkürlich die Augen. Er
sprach kein Wort. Die Hände auf dem Rücken ging er mit schwerem Schritte im
Zimmer auf und nieder. Ein Mord, sagte er endlich tonlos, ein Mord an einem
schwachen, wehrlosen Weibe - entsetzlich! - Und die Herzogin - wie wird sie es
vernehmen? - Und wieder fing er an umherzuschreiten.
    Nach einer Weile hob der Caplan noch einmal an: Auch mich hatte ein Stein am
Hinterkopfe verletzt ....
    Sie, Sie, mein Freund? rief der Freiherr, in der Sorge um den altbewährten
Lebensgenossen alles Andere vergessend und an den Geistlichen herantretend,
dessen Hände er in lebhafter Bewegung ergriff. Darum also fiel mir Ihr übles
Aussehen auf; aber freilich solch einen Anlass, solch einen Grund war ich mir
nicht vermutend. Und jetzt, wie fühlen Sie sich jetzt?
    Denken Sie nicht an mich, sprach der Caplan, die Wunde war nicht schwer, und
- fügte er mit seiner sanften Stimme begütigend hinzu - der sie mir schlug, des
Hirten armer, schwachsinniger Bube, wusste in Wahrheit kaum, was er getan hatte.
    Der Freiherr atmete schwer auf, drückte dem Geistlichen tief ergriffen die
Hand und wandte sich ab. Es widerstand ihm, seine Erschütterung zu zeigen. Er
trat an das Fenster, das auf den Markt hinaussah, aber er gewahrte nichts von
dem, was draussen vor seinen Augen vorging. Er war einzig mit dem so eben
Gehörten beschäftigt, ganz in seine Gedanken versunken. So verging eine geraume
Zeit. Beide Männer hielten vor einander zurück, was doch ausgesprochen werden
musste, und beiden ward das Schweigen drückender, je länger es sich fortsetzte.
    Endlich raffte der Freiherr sich zusammen. Lassen Sie uns zu Ende kommen!
sagte er finster und gepresst. Wie verlief die Sache, und wie verliessen Sie die
Dinge?
    Es war, als ob der Unfall, den ich erlitten hatte, sie zur Besinnung
brächte. Ein paar Frauen in meiner Nähe riefen meinen Namen, sprangen mir bei,
versuchten mich zu schützen. Ich redete ihnen zu, verlangte ihre Hülfe für die
Unglückliche, der Anblick der Sterbenden erschreckte die Sinnlosen und brachte
einen Stillstand in ihre wilde Aufregung. Diesen benutzte der Justitiarius. Er
nannte sie Verbrecher und verlangte die Auslieferung des Mörders. Sie hatten
nicht daran gedacht, dass sie ein Verbrechen begangen, dass sie einen Mord verübt
hatten; sie schwankten, ob sie dieses Bewusstsein durch neue Untat in sich
übertäuben, ob sie sich durch neue Wildheit über ihr Erschrecken fortelfen oder
sich aus Furcht zerstreuen sollten.
    Da haben Sie das Volk, rief der Freiherr mit bitterem Hohne, da haben Sie
das Volk, dessen Menschenrechte man anerkennen, dem man Freiheit und Gleichheit
zugestehen, dem man Anteil an der Regierung des Landes zuerkennen soll! Rohe,
wilde Bestien, nur durch Zwang zu bändigen, durch Strenge und Gewalt in den
Schranken der Menschlichkeit zu erhalten! - Das sind die Freiheitshelden, die
jenseit des Rheines ihr Wesen getrieben haben - Kirchenschänder und Mörder! Aber
so wahr Gott lebt, ich denke es ihnen gründlich zu verleiden!
    Ja, sagte der Caplan, sie bedürfen der Zucht, sie können der Führung, der
Leitung nicht entbehren und werden dies jemals schwerlich können. Aber soll das
Messer für die Tat einstehen, die man mit ihm verübt? Soll die bildungslose
Masse dafür einstehen, dass man also die freie Gleichberechtigung der Culte
ausübt? Soll ein armer, irregeleiteter Bauernbursche es entgelten, wenn man von
den Kanzeln des Landes unsere heilige Kirche schmähen darf? Soll es ihm
hingehen, dem unreifen jungen Manne, dem luterischen Candidaten, dass er sich
auflehnte gegen das Gesetz seines Landes, gegen den Willen seines Königs, der
unsere Gewissensfreiheit und unsere freie Religionsübung so gut wie die der
Andersglaubenden zu schützen hat? Wollen Sie es dulden, dass dieser freche
anmassende Mensch Ihren Entschliessungen, Ihrem freien Willen auf der Kanzel Ihrer
eigenen Kirche entgegentritt? dass er Ihre Leute zur Beurteilung Ihrer
Handlungen aufreizt, dass er sie zu Ihren Richtern macht? - Ich für meinen Teil
habe gleich getan, was meines Amtes war. Ich habe noch an demselben Tage dem
Fürstbischof einen Bericht der Vorgänge eingesandt. Ich habe ihn aufgefordert,
bei der Regierung Beschwerde über den Angriff zu führen, der durch den
Candidaten gegen unsere freie Religionsübung vollführt ist, und es müsste keine
Gerechtigkeit im Lande mehr zu finden sein, wenn uns unser Recht, und dem
Gottard nicht das seinige werden sollte.
    Es war selten, dass der Caplan sich also lebhaft äusserte, und dem Freiherrn
fiel es daher auf. Er hatte in dem ruhigen Laufe der Zeiten es fast vergessen,
dass sein alter Lebensgenosse noch etwas Anderes als nur sein Hausgeistlicher,
dass er ein Mitglied jenes grossen Clerus, jenes wundervollen Organismus sei,
dessen Mitglieder, aus allen Schichten des Volkes hervorgehend, über die ganze
Welt zerstreut, in sich vereinigt, und losgelöst von allen Banden der Familie,
in Einem der Ihrigen gipfeln, der sich die höchste irdische und geistliche
Machtvollkommenheit zuerkennt, von welcher ein Teil auch dem geringsten
Angehörigen dieses Bundes übertragen wird, so dass ein jeder zur Befestigung und
Stärkung des grossen Ganzen mitwirkt, während er sich von demselben getragen,
gehoben und beschützt weiss. Aber es war dem Freiherrn nicht willkommen, dass der
Caplan ihn in diesem Augenblicke an seinen Zusammenhang mit seiner Kirche
mahnte, dass er für seinen Teil Massregeln getroffen und selbstständige Schritte
getan hatte. Er sah dies als einen Uebergriff in seine Rechte an und er war
eben jetzt noch weniger als sonst gewillt, seinen Rechten etwas zu vergeben.
    Ohne daher auf die Anmahnungen des Caplans weiter einzugehen, sprach er kalt
und ernst: Ehe wir daran denken dürfen, die Freiheit unseres Cultus zu
vertreten, scheint es mir notwendig, dass den Verbrechern ihre Strafe, dass
Justiz geübt werde, wo gegen das Gesetz gefrevelt ward. - Was hat der
Justitiarius getan?
    Der Caplan, der sich zurückgewiesen sah und dies für sich und mehr noch für
die heilige Sache, der er diente, schwer empfand, liess den Freiherrn seine
Antwort eine kleine Zeit erwarten. Dann sagte er: Bei dem wüsten Angriffe, den
man auf unsere unglücklichen Glaubensgenossen richtete, bei der Plötzlichkeit
und Wildheit, mit der Alle zugleich über die Beklagenswerten herfielen, war es
nicht zu sagen, wer die Tat verübt. Jeder konnte, Niemand wollte der Mörder
sein, und noch hatte der Justitiarius nichts entschieden, als Steinert von
seinem Ausfluge zurückkam. Mit Einem Blicke übersah er, was geschehen war, mit
Einem Satze war er vom Pferde, und rasch den Stephan aus Neudorf bei der Brust
fassend, rief er: Wer's getan hat, das weiss in diesem Augenblicke Gott allein,
aber sein Teil Schuld wird dieser hier an all dem Unheil haben, denn ich habe
sie oft genug von ihm gehört, die Redensarten gegen den Kirchenbau und gegen die
Fremden und die Franzosen. Er wird auch jetzt wieder der Anführer gewesen sein!
Führt diesen hier vor allen Dingen weg, und dann wollen wir weiter sehen; das
Uebrige wird sich finden!
    Und was dann? fragte der Freiherr, dessen Miene sich belebte, da er hörte,
dass eine entschlossene Hand über die Aufrührischen gekommen war.
    Steinert selbst übergab dann Stephan den beiden Amtsboten; in dem Bestreben,
sich zu rechtfertigen, zieh der Verhaftete Andere der Schuld, und auch diese hat
man festgenommen; es sitzen ihrer acht. Murrend und drohend gingen die Männer,
weinend und schreiend gingen die Weiber aus einander. Steinert eilte nach
Neudorf in die Pfarre. Ich war nicht im Stande, meine Reise an dem Nachmittage
fortzusetzen, und hätte ich es vermocht, so wäre es doch nicht zulässig gewesen.
Ich musste bleiben, um die Stelle zu weihen, wo die Erschlagene ruhen sollte, und
um sie zu bestatten, und in Beidem habe ich keine Störungen erlitten. Ich habe
ihr Grab in der Nähe des zertrümmerten Standbildes graben lassen, damit die
Leute es auf ihrem täglichen Wege vor den Augen haben.
    Der Caplan schwieg, der Freiherr hatte sich niedergelassen und den Kopf auf
die Hand gestützt. Er schauderte zusammen, aber er sagte nicht, was ihn bewegte,
bis er sich plötzlich mit dem Ausrufe: Gleich morgen muss ich hin, gleich morgen!
von seinem Sessel erhob.
    Um Ihre Rückkehr zu bitten, hatten sowohl Steinert als der Justitiarius mir
auch aufgetragen! meldete der Caplan, indem er gleichfalls aufstand.
    Und weshalb das? fragte der Freiherr.
    Um zu begnadigen, wo jene nur Gerechtigkeit zu üben hätten!
    Der Freiherr blieb vor ihm stehen. Und Sie würden mir raten, dem Gesetze
vorzugreifen? Sie würden der Meinung sein, dass ich durch schwache Nachgiebigkeit
ähnlichen Freveln Tür und Tor öffne?
    Ich würde die höchste Strenge für den bewussten Urheber des Frevels fordern
und Gnade üben ....
    Der Freiherr fuhr auf. Strenge fordern, wo ich nicht zu richten habe, und
freveln lassen, wo ich Herr bin? - Nein, Caplan! Ich gehe nach Hause, morgen -
aber sie sollen sich meiner Rückkehr nicht zu freuen haben, sie sollen sehen,
dass ich der Herr bin!
    Der Caplan versuchte, Einspruch zu tun, des Freiherrn Ansicht umzustimmen,
aber es gelang ihm nicht.
    Ueberzeugung gegen Ueberzeugung! sagte der Freiherr. Sie folgten Ihrem
Gewissen, als Sie sich an den Fürstbischof wandten, ich folge dem meinigen,
indem ich mich meines Rechtes bediene, mir selber Recht schaffe, und ich muss der
verruchten Rotte zeigen, was sie vor meinem Willen und Belieben gilt! Aber vor
allen Dingen muss ich die Herzogin sehen! - Und der Türe zuschreitend, sprach er
zu sich selber: Das ist ein schwerer, schwerer Gang!
 
                                Neuntes Capitel
Der Tod und das gewaltsame Ende ihrer Kammerjungfer erschütterten die Herzogin
nicht in dem Grade, in welchem der Freiherr es gefürchtet hatte. Die Revolution
mit ihrer Schreckensherrschaft hatte die Menschen ihres Landes hart gewöhnt, und
die Herzogin hatte mehr verloren, hatte unter dem Beile der Guillotine
zahlreiche Opfer fallen sehen, die einen anderen Anspruch an ihr Herz und an ihr
Mitgefühl gehabt, als ihre Dienerin, wie sehr dieselbe ihr auch ergeben und
bequem gewesen war. Hätte die Herzogin sich in Richten befunden, hätte sie heute
die Dienste von Mademoiselle Lise empfangen und sie morgen entbehren, morgen
mühsam einen Ersatz für sie suchen müssen, so würde sie ihren Verlust
schmerzlicher bedauert haben und von dem Ereignisse mehr ergriffen worden sein.
So aber übte die Entfernung ihre abschwächende Kraft. Die Herzogin hatte daneben
die Bemerkung gemacht, dass die junge Kammerjungfer der Baronin eben so brauchbar
und weniger launenhaft als die alte Mademoiselle Lise sei, und die Herzogin
machte niemals einen unnützen Gefühlsaufwand, wo sie nicht etwas Bestimmtes
damit zu erreichen dachte. Sie nannte die Todte ein Opfer ihres frommen
Glaubens, eine arme Martyrin, und kaum hatte sie diese Bezeichnung für sie
gefunden, als sie dieselbe mit so viel Leichtigkeit handhabte, als wäre es der
Eigenname der Erschlagenen gewesen. Sie war mit jedem Ereignisse fertig, sobald
sie die Form gefunden hatte, in der sie es betrachten und den Anderen darstellen
wollte, und wichtiger als alles Uebrige war ihr jetzt die Frage, ob sie den
Freiherrn nach Richten begleiten oder in der Stadt zurückbleiben solle, um erst
mit Angelika nach deren erfolgter Herstellung auf das Land zu gehen.
    Dass man der Kranken den Vorfall in Richten verbergen müsse, verstand sich
von selbst. Indes für die plötzlich beschlossene Abreise des Freiherrn musste man
ihr doch Gründe angeben, und während man überlegte, was man ihr sagen sollte,
ging die Herzogin mit sich selbst zu Rate. Angelika hatte seit ihrem Erkranken
sich weniger als sonst die Mühe genommen, den Anschein eines guten Einvernehmens
zwischen sich und ihrem Gaste aufrecht zu erhalten. Die Frauen sahen sich oft in
mehreren Tagen nicht; wenn die Herzogin sich entfernte, wurde also in ihrem
Verhältnisse zur Baronin nicht eben viel verändert. Sie hatte neben ihr nicht zu
gewinnen und nicht zu verlieren, aber dem Freiherrn konnte sie ihre Freundschaft
beweisen, wenn sie sich erbot, ihn in einem Augenblicke zu begleiten, in welchem
widerwärtige Ereignisse und unangenehme Pflichten ihn in Anspruch nahmen.
    Während er es noch mit gewohnter Rücksicht überdachte, wie er in seiner
Abwesenheit am besten für das Behagen der Herzogin sorgen könne, hatte diese
ihren Entschluss gefasst, und sanft ihre Hand auf seinen Arm legend, sagte sie:
Heute, mein Freund, behandeln Sie mich nicht nach meiner Würde, denn nicht nur
in der Ehe, auch in der Freundschaft verbindet man sich für gute und für üble
Tage. Sie können nicht glauben, dass ich hier verweilen werde, wo ich Niemandem
von Nutzen bin, und dass ich Sie allein nach Richten gehen lasse, wo es mir
vielleicht doch hier und da gelingt, Ihnen mit meinem Geplauder über eine
verdriessliche Stunde fortzuhelfen, und wo Sie an mir wenigstens eine
verständnissvolle Zuhörerin besitzen, wenn Sie sich zu irgend welchen
Mitteilungen aufgelegt fühlen. Das muss feststehen unter uns, dass ich Sie jetzt
begleite, und ich meine, auch unsere Kranke wird den Caplan ruhiger bei sich
behalten, wenn sie weiss, dass Sie, mein Freund, deshalb nicht ohne Gesellschaft
bleiben müssen.
    Der Freiherr, der wie gar viele Menschen jedes Opfer, welches ihm die
Seinigen brachten, als selbstverständlich ansah, aber die geringste
Gefälligkeit, welche ihm von Fremden bewiesen ward, hoch anzuschlagen liebte,
weil er darin eine doppelte Befriedigung seiner Eitelkeit fand, nahm das
Anerbieten der Herzogin mit warmer Erkenntlichkeit auf und an, und nachdem man
sich über diesen einen Punkt verständigt hatte, legte alles Uebrige sich leicht
zurecht. Man sagte der Baronin, dass eine schwere Krankheit von Mademoiselle Lise
den Caplan so lange in Richten zurückgehalten habe, dass die Kranke nach der
Herzogin verlange, und dass diese sich bewogen fühle, den Wunsch ihrer
vieljährigen Dienerin zu erfüllen. Allein reisen konnte man die Herzogin nicht
lassen, und da der Caplan eben erst angekommen, der Freiherr aber lange von
Richten entfernt war, so lag es nahe, dass der Letztere die Herzogin nach Hause
geleitete und dass er den Vorschlag tat, auch Renatus mit sich zu nehmen, für
welchen man den Aufentalt in der Stadt bei der heissen Jahreszeit nicht
vorteilhaft glaubte.
    Die Baronin zeigte sich mit dieser Einrichtung einverstanden, ja, sie selber
machte den Vorschlag, der Herzogin ihre Kammerjungfer ein für alle Mal
abzutreten, da sie sich künftig von Mamsell Marianne bedienen zu lassen dachte,
und Seba hatte kaum davon gehört, als sie sich erbot, die Pflege und Wartung der
Baronin ausschliesslich über sich zu nehmen, bis Marianne, die man sogleich
benachrichtigen wollte, aus der Residenz bei ihrer Herrin eintreffen würde.
Indes dem Freiherrn wollte das nicht gefallen. Er war gerecht genug, die Dienste
zu schätzen, welche Seba der Baronin bisher geleistet hatte, aber er konnte den
Zusammenstoss nicht vergessen, den er um Paul's willen mit Seba gehabt.
Allerdings hatte ihr ruhiges und gleichmässiges Betragen ihm später keinen Grund
zum Missfallen gegeben, und wenn er die Angelegenheit nur von Seiten der
Bequemlichkeit betrachtete, so konnte er es gar nicht besser wünschen. Beide
Frauen, die Herzogin und Angelika, wurden zufrieden gestellt, beide wusste er
bedient, wie sie es bedurften, die Abreise brauchte durch die Wahl einer
Kammerjungfer für die Herzogin nicht um eine Stunde verzögert zu werden, und man
hatte für die Zukunft eine angemessene Verwendung für Marianne gefunden, während
man den Aufwand für die Bedienung der Baronin sparte. Aber mit der
fortschreitenden Erholung seiner Frau regte sich in dem Freiherrn ein immer
lebhafteres Bedenken dagegen, sie überhaupt in dem Hause des Juweliers zu
lassen, weil Herbert in demselben wohnte.
    Er hatte augenblicklich daran gedacht, als die Baronin erkrankte, aber er
hatte Herbert abwesend gewusst und sich damit beruhigt, dass Angelika das Haus
verlassen haben werde, ehe jener in dasselbe wiederkehre. Nun, da er seine
Gattin allein zurücklassen sollte, musste er sich fragen, ob sie von jenem
Umstande Kenntnis habe, ob und in wie weit Seba von den obwaltenden
Verhältnissen unterrichtet sei und in wie fern er sich auf ihre Zurückhaltung
verlassen könne. Mit Angelika jetzt von Herbert zu sprechen, hielt er nicht für
ratsam, gegen die Flies'sche Familie irgend eine Abmahnung zu äussern, hätte ihm
eine Beleidigung seiner eigenen Ehre gedünkt, und nachdem er in seinem Geiste
das Für und Wider schnell erwogen, gab ein Blick auf die Gestalt Angelika's für
seine Entscheidung den Ausschlag.
    Er hatte immer nur von der baldigen und völligen Herstellung seiner Frau
gesprochen, weil es ihm töricht dünkte, sich unabweisliche Trübsal im Voraus zu
vergegenwärtigen, aber jetzt, da er seine Entschlüsse danach zu fassen hatte,
verbarg er sich es nicht, was selbst der Arzt ihm kaum verhehlen mögen: Angelika
hatte keine völlige Herstellung zu erwarten, er hatte von der Zukunft dieser
Frau nicht viel zu hoffen, nichts mehr zu befahren. Er konnte und musste ihr zu
seiner eigenen Genugtuung gewähren, was sie wünschte, was sie freute. Er gönnte
ihr also auch die Gesellschaft Seba's, er gönnte ihr den Aufentalt im
Flies'schen Hause, in dem man zu grösserer Beruhigung der Scheidenden auch dem
Caplan ein Unterkommen anbot, und zufrieden, sich allen Teilen gefällig zeigen
zu können, durfte der Freiherr sich das Zeugnis geben, dass er unter diesen
Umständen das Richtige tue, wenn er Angelika der Pflege Seba's überlasse, und
sich getrösten, dass er auch in Richten das Notwendige und Rechte zu tun nicht
versäumen werde.
    Die Zurüstungen für die bevorstehende Abreise wurden denn nun schnell
gemacht, und da die Baronin zuversichtlich hoffte, dass sie in nicht zu ferner
Zeit den Scheidenden werde folgen können, trennte sie sich von ihrem Gatten und
selbst von ihrem Sohne weniger schwer, als man es für sie gefürchtet hatte.
    Sowohl für den Freiherrn als für die Herzogin waren die Ereignisse traurig
genug, welche ihre Abreise aus der Stadt veranlassten, und doch atmeten beide
freier auf, als sie sich auf dem Wege fanden. Keiner von ihnen vermisste die arme
Kranke, jeder von ihnen fühlte sich fern von ihr erleichtert. Der Freiherr hatte
doch gar manche Stunden, in denen er es sich nicht wegleugnen konnte, dass er,
von aufgestachelter Eifersucht verblendet, eine schwere Ungerechtigkeit gegen
seine Frau begangen habe, welche sie mit einer Ergebung trug, die ihm dieses
Unrecht beständig ins Gedächtnis rief. Es kamen Augenblicke, in welchen er die
Trennung, die er freiwillig und vermessen über sich und seine Frau verhängt
hatte, als einen unheilvollen Schritt beklagte, und in denen Gewohnheit und
aufwallende Neigung ihn zu ihr ziehen wollten; aber wo in einer Ehe
selbstsüchtiger Stolz einmal die Alles umfassende und tragende Liebe
zurückgedrängt hat, wo das volle Vertrauen einmal anbrüchig geworden ist, da
flüchtet die kleinste Misshelligkeit sich in den Riss, nistet sich ein, schlägt
Wurzel und wächst mit der nächsten noch unbedeutenderen Misshelligkeit zusammen,
bis sie stark genug werden, den Riss zu erweitern, und der Bruch wird vollends
unheilbar, wenn, wie in dem freiherrlichen Hause, ein scharfes Auge und eine
geschickte Hand bereit sind, dem natürlichen Lauf der Dinge arglistig
nachzuhelfen. Der Freiherr wusste, dass seine Gattin unglücklich war, er fühlte
sich auch nicht glücklich, aber die Herzogin verstand es, jede der Baronin
günstige Stimmung in dem Freiherrn entweder zu verbittern oder zu unterdrücken,
und was im Beginne nur ein müssiges Spiel für sie gewesen, war ihr allmählich zum
Lebenszweck geworden.
    Sie hatte am Anfange weder für den Freiherrn noch für Angelika eine
besondere Vorliebe gefühlt, aber die Leichtigkeit, mit welcher dieser sich für
ihre selbstsüchtigen Zwecke benutzen und ausbeuten liess, und das heimliche
Widerstreben gegen ihren Einfluss, das zu allen Zeiten immer wieder in der
Baronin rege geworden war, bis es sich zu einem entschiedenen Misstrauen und
einer nicht mehr verhehlten Abneigung gegen die Herzogin gesteigert, hatten auch
die Empfindungen der letzteren bestimmt, und sie fand ein Wohlgefallen daran, es
sich auszusprechen, dass sie ihrem guten Vetter, dem Freiherrn, eben so ergeben
sei, als sie dessen kränkelnde, empfindsame und für ihn in keiner Weise passende
Gemahlin hasse! Ja, dieser Hass war ihr zum eigentlichen Genusse geworden, weil
er eine starke, mächtige, sie immer belebende und antreibende Empfindung war.
Sie liebte, sie pflegte diesen Hass in sich.
    Es versetzte sie in die beste Laune, nun einmal aller Rücksichtnahme für
Angelika entoben zu sein, und auch der Freiherr fand es leichter und
angenehmer, die geistreiche, witzige, mit allen Dingen leicht und schnell
fertige Herzogin zu unterhalten, als eine Kranke neben sich zu haben, deren
kummervolles Herz, deren besorgter Sinn sich nicht von den Gegenständen abziehen
liessen, mit denen sie erfüllt und beschäftigt waren.
    Das Wetter war schön, die Gegend, durch die man fuhr, zeigte sich im
günstigsten Lichte, die Unbequemlichkeiten, welche das Reisen in jenen Tagen
immer noch mit sich brachte, wurden bei der guten Jahreszeit wenig fühlbar, und
die Herzogin hatte in ihrem Wanderleben so mannigfache Beschwerden und
Entbehrungen ertragen lernen, dass diese Reise an des Freiherrn Seite ihr in der
Tat Vergnügen bereitete. Seine Zuvorkommenheit und ihre Dankbarkeit, seine
Galanterie und die heitere Gefallsucht, die geistvollen Frauen nie verloren geht
und sie selbst im späten Alter den Männern noch zu erwünschten
Gesellschafterinnen macht, steigerten sich an einander, und ihre
Gleichaltrigkeit liess sie beide immer leicht vergessen, dass die Tage der Jugend
so fern hinter ihnen lugen. Der Freiherr betraf sich mehrmals bei dem Bedauern,
dass er der Herzogin nicht vor zwanzig, vor fünfundzwanzig Jahren so nahe
gestanden habe als jetzt; auch sie selber dachte daran, dass es sich mit einem
Manne von den Eigenschaften des Freiherrn wohl hätte leben lassen, wenn er ihr,
wie ihr Gatte, einen Herzogstitel zu bieten gehabt hätte; und wie die Kindheit
es liebt, sich spielend in das Alter der Erwachsenen hinein zu denken, so
gefielen die Reisenden sich darin, von ihren Erinnerungen die hellen Farben der
Jugend zu entlehnen, um sich mit ihnen vor sich selbst zu schmücken. Sie
spielten mit einander Jugend, wie die Kinder Alter spielen, und auf das beste
unterhalten durch den Selbstbetrug, einander noch mehr angenähert als je zuvor,
schwanden die Reisetage ihnen so anmutig dahin, dass der Freiherr fast des
Anlasses vergass, der ihn in die Heimat zurückgerufen hatte.
    Indes mit der Annäherung an seine Grenzmark konnte er sich der Gedanken, die
er gern geflohen, doch nicht mehr entschlagen, und die Herzogin bemerkte, wie er
still und stiller wurde. Es war spät am Nachmittage, als sie den Wald
erreichten, der sich von der Grenze bis nach Neudorf hinzog. Die Hitze war
während der letzten Wochen sehr gross gewesen; die Sonne stand noch hoch. Wie mit
rotem Golde übergossen, glühten die braunen Stämme der Kiefern, und über ihren
breiten, grünen Dächern, auf ihren leuchtenden Wipfeln flammte das heisse Licht.
Kein Luftauch störte die Stille in dem weiten Walde, dessen mächtige, schlanke,
von ihren reichen Kronen überwölbte Stämme sich wie die Hallen eines Tempels
weitin vor den Reisenden ausdehnten. Man meinte es zu sehen, wie die brütende
Hitze den harzigen Stämmen ihren balsamischen Duft entlockte und wie aus den
einzelnen moorigen Wiesen, die sich zwischen dem Walde hinzogen, die letzte
Feuchtigkeit entwich. Lautlos flogen die Vögel von Zweig zu Zweig, nur die Käfer
summten, und langsam, wie beladen mit zu schwerer Bürde, flogen einzelne Bienen
über den Wagen hin, während hellfarbige Schmetterlinge ihm in gaukelndem Fluge
paarweise folgten.
    Auf den Befehl ihres Herrn hatten die Diener geschäftig den Wagen
zurückgeschlagen, und in dem Walde umherschauend, sagte der Freiherr, indem er
sich mit leichter Hand die Stirn trocknete: Ah, endlich auf eigenem Grund und
Boden, endlich in freier, heimischer Natur!
    Die Herzogin sah ihn an, als wolle sie sich überzeugen, ob er ernstaft
spreche, und sagte dann lächelnd: Gewisse Dinge kann ich auch meinen ältesten
und besten Freunden immer nur mit Mühe glauben, und dass Sie, mein Cousin, sich
wirklich an der rohen Natur erfreuen können, dass es Ihnen Vergnügen macht, das
Gras auf einer Wiese und das Wasser in einem Bache zu betrachten, davon werden
Sie mich nicht überreden. Ueberlassen wir das den Leuten, die, wie der Apostel
der Uncultur, wie der grillenhafte, unerzogene Rousseau, in der Gesellschaft
ihren Platz nicht zu behaupten und mit ihres Gleichen nicht zu leben verstehen.
Wir, die wir in unserer Väter Schlössern geboren wurden, dünkt mich, sind nicht
dazu gemacht, die Neigungen der gefiederten Waldbewohner und der in Hütten
Geborenen zu teilen. Die Bewunderung der Natur ist mir ein zu bürgerliches
Vergnügen, ist revolutionärer, als es scheint, und ich für meinen Teil - ich
fühle sie nicht!
    Der Freiherr, bei welchem solche Einfälle der Herzogin sonst einen schnellen
Wiederhall fanden, nahm diesen nicht mit der erwarteten Bereitwilligkeit auf.
Das verdross sie; sie lehnte sich in die Wagenecke zurück, in der Gewissheit, dass
ihr Reisegefährte seine Unachtsamkeit bald zu vergüten streben werde. Aber ihre
Voraussetzungen täuschten sie, und von der Wärme ermüdet, von der sanften
Bewegung des Wagens gewiegt, liess sie die Augenlider sinken, und bald hatte der
Schlummer sie überwältigt.
    Dem Freiherrn kam das sehr gelegen. Seine Freude an dem eigenen Grund und
Boden währte dieses Mal nicht lange. Schon als er nach der Stadt gefahren, hatte
er mit Missvergnügen gesehen, wie stark die Waldungen mitgenommen waren. Grade
die mächtigsten Stämme, die Zierden und der Stolz des Waldes, waren mit diesem
Teile der Waldungen der unbarmherzigen Axt erlegen, und jetzt, wo er, von der
andern Seite kommend, in die Ferne sah, fand er die Gegend so verändert, dass sie
ihm fast wie fremd erschien. Gleich am Eingange des Waldes konnte man die
Neudorfer Kirche, welche sonst erst am Ausgange desselben sichtbar gewesen war,
erblicken. Es nahm sich nicht übel aus; es mochte auch vorteilhaft sein, dass
man das grosse Terrain zur Seite des Weges gerodet hatte, denn es war schwerer
Boden, der nach gehöriger Behandlung guten Ertrag versprach. Aber alle diese
Aenderungen waren nicht freiwillig gemacht; sie waren von einer Notwendigkeit
geboten worden, und es war nicht mehr das heitere Auge des zufriedenen
Besitzers, mit dem der Freiherr auf den weiten, schönen Teil des Waldes
blickte, der nach den abgeschlossenen Contracten im nächsten Herbste auf Betrieb
des Käufers fallen musste. Er genoss diese Natur nicht mehr rein, er berechnete
ihren Ertrag.
    Er konnte sich nicht verbergen, dass er eine völlige Aenderung in seiner
Lebensführung eintreten lassen müsse, wenn er erhalten wollte, was noch sein
war, wenn er auf Renatus vererben wollte, was er überkommen hatte. Aber wie er
auch darüber sann, er fand nicht, dass er ein Ungehöriges getan, er hatte immer
nur das von seinen Verhältnissen Geforderte geleistet, und er war so völlig mit
seinen Gewohnheiten und Anschauungen verwachsen, dass ihm eine wirkliche
Einschränkung unmöglich dünkte. Dass ein Edelmann von Haus und Hof vertrieben,
wie seine Freundin heimatlos und flüchtig werden könne, das begriff er, und
fast däuchte ihm dieses Loos erträglicher, als inmitten seiner Standes- und
Lebensgenossen von seinen Gewohnheiten abzuweichen, oder eine Stufe von der Höhe
hinunter zu steigen, auf welcher die Herren von Arten sich hierlands seit
Generationen behauptet hatten. Er wiederholte es sich, dass er in seinem vollen
Rechte sei, er versuchte endlich, sich es klar zu machen, dass im Grunde gar
nichts geschehen sei, ihn zu beunruhigen; denn was war es denn so Wichtiges, dass
man ein altes, unbehagliches Haus verkaufte, oder dass man Wälder ausschlagen
liess, um die Mittel für einen grossartigen Bau und für neue Cultivirungen zu
schaffen? Man konnte in der Residenz, wenn man es wollte, ein schöneres,
bequemeres Haus erbauen, und die Herrschaft hatte des Waldes von allen Arten
noch genug. Indes wie oft er sich dies Alles auch wiederholte, es wollte ihm das
Wohlgefühl nicht wiedergeben, mit welchem sonst der erste Schatten seines Waldes
ihn erfüllt, und es waren lauter unerfreuliche Bilder, lauter trübe
Vorstellungen, die sich in seinem Geiste entwickelten.
    Ein scharfer Luftzug schreckte ihn aus denselben empor. Er wurde achtsam,
die Sonne schien nicht mehr durch das Laub. Er hörte den Ton des Regenpfeifers,
und nicht fern vom Wege klopfte und hämmerte der Specht. Das Wetter hatte sich
geändert, während sie durch den Wald gefahren waren. Es überlief den Freiherrn
fröstelnd. Auch in seiner Seele klopfte und mahnte es heute gar vernehmlich, und
sich in seinen leichten, weissen Reisemantel hüllend, sagte er halblaut und
seufzend zu sich selber: Es ändert sich eben Alles; es währt hienieden nichts! -
Aber er unterdrückte die Gedankenreihe, welcher der Ausruf entsprungen war, wie
jene, welche sich an ihn knüpfen wollte.
    Von dem Luftwechsel erwachte die Herzogin. Man hatte das freie Feld
erreicht; einzelne Dohlen schwangen sich mit versuchendem Flügelschlage von dem
Boden auf, hoben die Köpfe, als wollten sie sehen, woher der Wind komme, und
flogen dann dem Walde zu. Krächzend und mit schallendem Flattern folgte ihnen
die ganze Schaar. Wir bekommen ein Gewitter, sagte der Freiherr; die Krähen
suchen Schutz. Aber ich hoffe, dass wir Richten noch erreichen, bevor das Wetter
aufkommt.
    Die Kutscher trieben die Pferde an, man fuhr schnell an den Gegenständen und
an den Menschen vorüber. Auf den Wiesen war Alles in voller Tätigkeit; man war
in der Heu-Ernte und hastete sich bei dem heraufziehenden Wetter, wenigstens die
wartenden Wagen noch voll zu laden, um sie womöglich trocken unter Dach zu
bringen. Trotzdem erregte das Erscheinen der beiden Reisewagen ein grosses
Erstaunen. Niemand war von der Heimkehr des Freiherrn unterrichtet gewesen, und
man hielt erschrocken mit der drängenden Arbeit inne. Die Mützen flogen bei dem
Anblicke des Freiherrn mit gewohnter Untertänigkeit von den Köpfen, aber die
Gesichter lachten nicht so freudig wie sonst, wenn der Freiherr nach längerer
Abwesenheit heimzukehren pflegte. Man fragte einander, was diese unerwartete
Ankunft zu bedeuten habe, aber man war nicht begierig, die Antwort des Befragten
zu vernehmen; und dass die Herzogin bei dem Freiherrn sass, während die Baronin
nicht mitgekommen war, das steigerte die unheimliche Angst, von welcher die
Leute sich in der Erinnerung an ihre Missetat ergriffen fühlten.
    Jeder Einzelne wollte nicht gern besonders wahrgenommen werden, sondern trat
lieber hinter seinen Nebenmann zurück; denn sie dachten, wen der Herr ins Auge
fasse, auf den richte sich sein Verdacht so wie sein Zorn. So geschah es, dass
die Leute, Alt und Jung, zurückwichen, wo des Freiherrn Wagen vorüberfuhr, und
sein scharfes Auge bemerkte das und wusste es zu deuten. Man fürchtete in ihm den
Richter, das sollte und musste so sein. Er war nach Hause gekommen, um strenges
Gericht zu üben, aber nichts desto weniger kam es ihm bitter an, denn er fühlte
sich dadurch von den Leuten geschieden, die er bis dahin gewissermassen mit sich
Eins gewusst hatte, und ihre scheuen, misstrauischen Blicke missfielen ihm.
    Im Pfarrhause sass die Pfarrerin wie immer am Fenster in dem grossen
Lehnstuhle; sie sah hinaus, als sie die Wagen kommen hörte, aber sie fuhr
schnell mit dem Kopfe zurück, und als man an dem Hause vorüberkam, war sie
verschwunden.
    Jetzt wird der Herr Pfarrer von Ihrer Rückkehr unterrichtet, bemerkte die
Herzogin, und er wird keine Hymne singen, wenn er sie erfährt.
    Gewiss nicht, entgegnete der Freiherr, aber ich finde es unangenehm,
Schrecken zu erregen und Furcht einzuflössen.
    Trösten Sie sich mit dem Sturme, der über das Land fährt. - Er erschreckt
uns auch, aber wir beugen uns seiner Gewalt und er befreit die Luft, damit wir
ungehindert und frei in ihr atmen.
    Er antwortete ihr nicht. Man hatte den Wagen und die Fenster schliessen
müssen. Wie Binsen bogen sich die jungen Bäume zu beiden Seiten der Landstrasse
unter dem schweren Drucke des Sturmes, der Himmel verdüsterte sich mehr und
mehr, die dunklen Wolkenmassen rückten einander nach jedem Windstosse näher,
ballten sich zusammen, senkten sich tiefer hinab, und wirbelnd flogen die hohen
Staubsäulen empor, wo der Wind den ausgedörrten Boden berührte. Bisweilen hörte
man fernen Donner rollen, und dann zuckte es hell durch die dunkle Luft, dass man
nicht wusste, ob ein Sonnenstrahl noch einmal seinen Weg durch die Wolken
gefunden oder ob es der Blitz sei, der die Gegend erhelle. Das Wetter drohte
sehr schwer zu werden, und Jedermann hat es auf dem offenen Lande zu fürchten,
wenn das Gewölk sich grünlich färbt, als berge es den zerschmetternden und
vernichtenden Hagel in seinem Schoss.
    Vor der Kirche in Rotenfeld liess der Freiherr das Fenster herunter. Ein
Blick liess ihn Alles übersehen. Vorn, dicht an dem eisernen Gitter, erhob sich
der Grabhügel, welcher die Reste von Mamsell Lise umschloss. Von dem Kruzifixe
war der rechte Flügel mit dem Arme des Heilandes heruntergeschlagen; ohne Kopf,
die Hände verstümmelt, knieete die Büsserin zu seinen Füssen. Der Freiherr mochte
den Gräuel nicht sehen, die Herzogin war blass geworden und biss die Lippen
zusammen. Sie sprachen beide nicht.
    Im Amte liefen ein paar Knechte umher, die Fensterladen und Torflügel
festzuhaken, während der Hirt die eilende Schafheerde in den Hof trieb. Oben in
ihrer Stube schloss Eva das Fenster, aber sie konnte es nicht gewältigen, und es
bog sich ein Mann heraus, ihr Hülfe dabei zu leisten. Der Freiherr erkannte ihn,
es war Herbert. Der Caplan hatte ihm nichts von dessen Anwesenheit berichtet, er
mochte vielleicht auch erst nach der Abreise des Geistlichen in Rotenfeld
eingetroffen sein, und es war natürlich, ja, sogar gefordert, dass er sich hier
aufhielt, dass er im Amte wohnte. Der Freiherr würde unzufrieden gewesen sein,
hätte er den Baumeister nicht bei seinem Werke gefunden, und er war nun eben so
unzufrieden, ja, noch unwilliger darüber, als er ihn eben da erblickte, wo er
hin gehörte. Es war für den Freiherrn nicht mehr herauszukommen aus dem Missmute
und aus den Verdriesslichkeiten, und ärgerlich sagte er zu sich selber: Mag er
sein, wo er will, heiraten soll er nicht, ehe er seine Arbeit hier vollendet
hat und so lange die Steinerts in meinem Dienste stehen!
    Je mehr er an innerer Ruhe verlor, je mehr er sich aus seinem gewohnten
Gleichmasse herausgerissen fühlte, um so reizender wurden ihm die Macht und die
Gewalt, über die er zu verfügen hatte, und während ihm noch vor einer halben
Stunde die Scheu, mit welcher man ihn empfing, einen betrübenden Eindruck
erzeugt hatte, fing er jetzt mit einem ihm bis dahin völlig fremden Vergnügen zu
überlegen an, wie er die Missetäter strafen, wie er sie entgelten lassen wolle,
dass sie sich gegen seinen Willen aufgelehnt und Hand angelegt hatten an das
Heiligtum, das er errichtet.
    Der Regen strömte vom Himmel, es blitzte nicht, aber ein elektrisches Feuer
flammte zitternd durch die ganze Luft, als die beiden Reisewagen in das grosse
eiserne Gattertor einfuhren, rasch die Allee durchflogen und auf der Rampe vor
dem Portal hielten. Die Diener sprangen von ihren Sitzen, triefend und mit
nassen Händen hoben sie Renatus aus dem Wagen, die Bonne und die Kammerjungfer
folgten, und vorsichtig half der Freiherr selbst der Herzogin auszusteigen und
die Stufen zu überschreiten, welche der wolkenbruchartige Regen schnell unter
Wasser gesetzt hatte.
    Im Schloss war Alles in der grössten Bestürzung. Es war noch niemals
vorgekommen, dass der Freiherr in solcher Weise, ohne sich anzumelden, nach Hause
zurückgekehrt war. In den Zimmern hatte man, weil man Hagel besorgte, der
Vorsicht wegen die Läden geschlossen, die Möbel waren während der Abwesenheit
der Herrschaft mit Decken verhüllt, die Dienerschaft hatte es sich in ihren
Räumen bequem gemacht und musste erst zusammengeholt werden. Es waren natürlich
gar keine Vorkehrungen für die gewohnte Bequemlichkeit der Herrschaften
getroffen, und während Alles durch einander lief und Jedermann sich hastete, um
zur rechten Zeit ein Abendbrot bereit zu haben und die Zimmer wohnlich
herzustellen, hielt man doch die aus der Stadt zurückkommende Dienerschaft, wo
man ihrer habhaft werden konnte, fest, um in aller Eile zu erfahren, was es
bedeute, dass die Baronin nicht mitgekommen sei, um zu fragen, wie der Freiherr
die Nachrichten aus Rotenfeld und Neudorf aufgenommen, und um es mit
ungläubigem Erstaunen zu vernehmen, dass die kranke Baronin noch immer bei den
Juden wohne, bei denen der Unfall sie betroffen; dass die Tochter dieser Juden
ihre Pflegerin und ihre Herzensfreundin sei, dass der Freiherr sein Haus in der
Residenz verkauft habe, und dass die alte, spukhafte Mamsell Marianne zur
Bedienung der Baronin nach Richten berufen worden, weil die Kammerjungfer jetzt
die Stelle der französischen Mamsell bei der Herzogin vertreten solle, was ihr
auch nicht an der Wiege vorgesungen sei. Dazwischen liess man ahnen, dass es die
Baronin sicherlich nicht weit in Jahren bringen werde. Der Kammerdiener
vertraute dem Secretär, dass der Doctor sie eigentlich aufgegeben habe, und wenn
die Frau Baronin ihre Augen schliesse, dann wolle er nicht hinsehen.
    Der Secretär fragte, ob er es denn für möglich halte, dass der Freiherr ....
er sagte nicht zu Ende, was er dachte.
    Der Kammerdiener antwortete, man müsse sie kennen, wie er; sie sei falsch
und schlau, wie kein Mensch es sich nur denken könne. Auch er nannte keinen
Namen, und doch meinte nach einer halben Stunde Einer wie der Andere im
Schloss: nur davor sollte der liebe Herrgott sie bewahren, und das werde der
Freiherr auch nicht tun. -
    Draussen tobte das Wetter in ununterbrochener Heftigkeit, aber selbst die
alte, schreckhafte Beschliesserin, welche es sonst nicht leicht versäumte, bei
solchem sichtlichen Zorne Gottes ihr Vaterunser zu beten, merkte heute gar
nicht, was um sie her geschah. Die überraschenden Neuigkeiten, das Verwundern,
das Vermuten und Prophezeien nahmen sie wie alle ganz und gar in Beschlag; denn
wie allen Menschen von beschränktem Gesichts- und Gedankenkreise verschwand
ihnen vor dem Nächsten, das sie beschäftigte, die ganze übrige Welt, und es
hätte eines Erdbebens bedurft, um das Hauspersonal von dem Erstaunen über die
plötzliche Ankunft der Herrschaft und von der Frage, was denn nun kommen und
geschehen werde, abzuziehen.
 
                                Zehntes Capitel
Einsam und verdüstert ging der Freiherr in seinen Gemächern umher. Er hatte die
weiten Räume sonst immer gern gehabt, heute waren sie ihm zuwider. Sie kamen ihm
leer vor. Er begab sich nach dem Flügel, den seine Frau bewohnte; dort war noch
Alles zugeschlossen. Er kehrte also wieder um, er wusste auch selbst kaum, was er
dort gewollt. Im Vorübergehen trat er bei Renatus ein. Der Knabe war ganz von
dem Wiedersehen seines Hundes hingenommen, hatte seine Spielgerätschaften
ausgekramt und achtete wenig auf den Vater. Der Freiherr verweilte nur kurze
Zeit bei ihm und fand sich bald wieder in seinen Zimmern allein.
    Es überfiel ihn eine marternde Unruhe. Sein Schloss schien ihm wie
ausgestorben. Er hatte geglaubt, allen Zusammenhang mit der Baronin verloren zu
haben, jetzt fehlte ihm die unsichtbare Fürsorge, mit der sie ihn umgab, ohne
dass er ihr Eingreifen und Tun gewahrte; ihm fehlte eben so die Nähe des
Caplans, so selten er diesen in der letzten Zeit auch im Vertrauen gesehen; es
fehlte ihm eben Alles, selbst der Pendelschlag der Uhren, den er zu hören
gewohnt war. Sie waren alle abgelaufen. Er ging sie selber aufzuziehen. Es war
eine Mühe, die er sich sonst nie zuvor gegeben, aber er musste etwas tun, um das
unheimliche Gefühl der Vereinsamung zu überwinden. Er kam sich wie ein irres,
über den Ruinen seines eigenen Daseins wandelndes Gespenst vor, und plötzlich
dachte er mit Grauen der Tage, in denen einst Paulinens Gestalt ihn in diesen
Zimmern spukhaft umschwebt hatte. Dann wieder sah er die bleiche, hinsinkende
Angelika und den Knaben vor sich, der ihn mit so starrem, angstvoll flammenden
Blicke angesehen.
    Es war ihm, als presse die Luft in diesen Räumen, die ihm eben noch so leer
gedäucht, ihm Kopf und Brust zusammen, er musste die Fenster öffnen. Es regnete
noch immer, auch das Gewitter war noch nicht vorüber. Die feuchte Kühlung,
welche herein drang, erfrischte ihn, aber sie vermochte seine Ungeduld nicht zu
besänftigen. Er verlangte nach einer Ableitung für dieselbe, und rasch seine
Hand erhebend, schellte er dem Diener. Es soll sogleich ein Bote nach Neudorf
reiten, befahl er, und den Pfarrer zu mir rufen!
    Es ist sechs Uhr vorüber, gnädiger Herr! bemerkte der Diener.
    Und? fragte der Freiherr, indem er ihn gebieterisch anblickte.
    Der Diener verneigte und entfernte sich schweigend. Ehe der Reitknecht
sattelte und nach Neudorf kam, ehe der Pfarrer anspannen liess und in Richten
sein konnte, musste es halb neun Uhr werden und der Freiherr bei dem Abendbrode
sein.
    Er ist wie ausgetauscht! dachte der Diener, während er die Treppe
hinunterstieg, und es widerstrebte ihm, den Befehl zu überbringen; denn es war
sonst nie des Freiherrn Art gewesen, seine Untergebenen zur Unzeit zu bemühen
oder sie in ihren Feierstunden zu stören, und eben seine rücksichtsvolle
Menschlichkeit gegen den Geringsten seiner Leute hatte ihm deren Liebe und
Verehrung erworben.
    Er hatte den Diener auch kaum entlassen, als er sich selber die Berechnung
machte, wie er sich ein lästiges Erwarten einer lästigen Besprechung auferlegt;
indes er liebte es nicht, seine Befehle zu widerrufen, und um die langsam
schleichenden Stunden zu bewältigen, setzte er sich endlich an seinen
Schreibtisch nieder, die Postsendung zu mustern, welche für ihn nach der Abreise
des Caplans in Richten angekommen war.
    Aber er hatte die Tasche kaum geöffnet, als er die Zeitung und alles Uebrige
zur Seite legte, um ein Couvert zu betrachten, dessen Handschrift ihn in eine
lebhafte Ueberraschung versetzte. Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen und
doch war sie ihm vertraut genug. Mit einer Hast, die gegen seine sonstige
Gemessenheit sehr abstach, erbrach er das Siegel, auf dem mit festem Drucke das
gräflich Berka'sche Wappen ausgeprägt war, um den Brief zu lesen, den ersten
Brief, welchen sein Schwiegervater seit dem Familienzerwürfniss an ihn richtete.
    »Ich bin lange mit mir zu Rate gegangen,« schrieb der Graf, »ob ich Ihnen
schreiben, oder mich auf den Weg machen sollte, Sie aufzusuchen; und nun ich
mich zu dem ersteren entschlossen, da ich Sie nicht zu überraschen und durch die
Gewalt des Augenblickes zu bestimmen wünschte, weiss ich kaum noch, mit welchem
Namen ich Sie nennen soll. Wo sich nach einer langen, ungetrübten
Lebensgemeinschaft, die man von beiden Seiten als einen Vorzug zu schätzen
wusste, ein Bruch auftut, der durch viele Jahre offen bleibt, verändert die
Zeit, die uns in unserem eigensten Wesen umgestaltet, auch notwendig die
beiderseitigen Verhältnisse, und kein Erfahrener kann an die Möglichkeit
glauben, das alte Band und die früheren Zustände wieder zu finden oder wieder
herzustellen. Trotzdem mag es zwischen uns, wo die nächsten und heiligsten Bande
des Blutes ihre Ansprüche geltend machen, vielleicht gelingen, sich in neuer
Weise und auf neuem Boden zu vereinigen, und ich biete Ihnen die Hand, lieber
Arten, um diesen Versuch zu machen.
    Ich verhehle Ihnen nicht, dass ein bestimmtes Ereignis mir den nächsten Anlass
zu diesem Briefe gegeben und den Entschluss, Ihnen eine Versöhnung vorzuschlagen,
in mir zur Reife gebracht hat. Ich habe meinen sechzigsten Geburtstag begangen,
und vorwärts blickend auf die Jahre, die mir noch gegönnt sein können,
zurückschauend auf den Weg, den ich gegangen bin, wird Alles einheitlicher,
sieht Alles sich milder und weniger ungewöhnlich an.
    Was ich meiner Tochter einst nicht verzeihen zu können glaubte, den Abfall
von der Lehre, in der sie mit uns vereinigt war, und ihren Uebertritt zur
römischen Kirche, das habe ich als eine Tatsache hinnehmen lernen, wofern sie
ihr Glück und ihren Frieden in ihrem neuen Bekenntnisse findet. »In meines
Vaters Hause sind viel Kämmerlein«, - mag sie weilen, wo ihr die Sonne am
wärmsten scheint. Sie ist um ihret-, nicht um meinetwillen in der Welt; sie ist
uns eine gute Tochter gewesen, sie ist Ihnen sicherlich eine würdige Gattin
geworden. Glaubte sie dazu der kirchlichen Gemeinschaft mit Ihnen nötig zu
haben, so tat sie vielleicht wohl, dieselbe zu suchen, und Gott wird ihr mit
seinem Troste nahe geblieben sein, in welcher Form sie sich auch zu ihm gewendet
hat, sofern nur ihr Streben ein Gott wohlgefälliges gewesen ist.
    Ich habe unsere Angelika, ich habe meine Tochter schwer vermisst, als ich
gestern ein Decennium meines Lebens abschloss, und auch Angelika's Gedanken
werden bei mir gewesen sein. Ich und ihre Mutter haben die Härte bereut, mit der
wir sie von uns gewiesen, unser täglicher Segenswunsch hat das
Verdammungs-Urteil längst entkräftet, das wir einst gegen sie gefällt, und ihr
eigenes Mutterherz wird sie gelehrt haben, dass die Elternliebe zwar beleidigt,
aber nicht zerstört werden, dass sie irren, aber auch bereuen kann.
    Man sagt mir, Angelika sei krank, Sie hätten sie nach der Stadt gebracht,
einen der dortigen Aerzte zu Rate zu ziehen. Hat sie nicht verlangt, uns zu
sehen? Hat sie nicht daran gedacht, uns Kunde von sich zu geben? Und wollen Sie
uns dieselbe zukommen lassen, wenn Sie dieses Schreiben empfangen haben werden?
Ihre Mutter und ich sind in schwerer Sorge um sie.
    Unsere Glaubensstrenge hat den Bruch veranlasst, der uns, mein teurer Arten,
so lange von unserem Kinde und von Ihnen, mein alter, werter Freund, entfernt
gehalten hat. An uns, die wir die Trennung verschuldeten, ist es daher, eben so
offen und unumwunden die Versöhnung zu versuchen; und mich dünkt, diese
Erklärung kann und muss allen Ihren Anforderungen und Bedenken Genüge tun. Es
ist ein Freund, der von Ihnen die alte Freundschaft, es sind Eltern, die von
Ihnen ihre Tochter wieder zu erhalten wünschen, Grosseltern, die sich danach
sehnen, Ihrem Renatus die segnende Hand auf das Haupt zu legen. wir haben
Angelika's Sohn noch nicht gesehen.
    Meinem ältesten Sohn ist nach zwei Töchtern vor wenig Wochen der Erbe
geboren, der ihm und meinem Hause fehlte. Wir haben ihn an meinem Geburtstage
taufen lassen, die ganze Familie ist bei mir versammelt. Wollen Sie kommen, den
Kreis vollzählig zu machen, in dem wir Sie entbehren? Oder verlangen Sie es,
fordert es Ihr Gefühl, erheischt es Angelika's Befinden, dass wir Sie in Ihrer
Heimat suchen kommen? - Ich überlasse Ihnen die Entscheidung.
    Für unsere Tochter füge ich von mir und ihrer Mutter nichts hinzu. Es gibt
Dinge, die über das Wort erhaben, weil sie selbstverständlich sind. Unsere
besten Wünsche, unsere Liebe, unser Segen sind mit ihr und mit Ihnen Allen! Und
so lassen Sie uns denn in Zukunft wieder immerdar zusammenstehen, wie wir einst
zusammenstanden, als Verwandte und Freunde in Neigung und in anerkennender
Achtung.«
    Der Freiherr las den Brief noch einmal, nachdem er ihn beendet hatte, und es
wäre schwer gewesen, aus seinen Mienen die Wirkung zu erkennen, welche er auf
ihn machte, denn er konnte sich selber keine Rechenschaft darüber geben. Freude
war es nicht, was er empfand.
    Die Dinge müssen zur rechten Zeit kommen, um uns angenehm zu sein! rief er
endlich im Selbstgespräche aus, während er sich von seinem Platze am
Schreibtische erhob und den Brief aus den Händen legte.
    Wäre dem Freiherrn ein solches Schreiben, ein solches Eingeständnis und eine
solche Aufforderung zur Versöhnung bald nach dem Zerwürfnis dargeboten worden,
so würde er sie ohne alle Frage bereitwillig und mit Freuden aufgenommen haben
und damals sehr zufrieden gewesen sein, in dem alten, gewohnten Geleise mit so
viel Zugeständnissen und Nachsichten, wie jedes Familienleben sie erheischt,
weiter fortzugehen. Aber das Zusammenleben innerhalb der Familie hat, weil es
kein sittlich frei gewähltes, sondern ein zufällig bestimmtes ist, als erstes
Bedingniss die ununterbrochene Dauer, die duldsam machende und den Blick
beschränkende Gewalt der langen Gewohnheit für sich nötig. Werden diese
vermittelnden Elemente einmal zerstört, ist der Zauber gebrochen, der uns über
Charakterverschiedenheit, ungleiche Lebensansichten und Ueberzeugungen, der uns
über Alles dasjenige leicht fortsehen machte, was uns an den uns angeborenen
Menschen störte und von ihnen im Grunde trennte, so ist auch die Schranke
aufgehoben, welche alle Teile innerhalb eines gewissen Gleichmasses zusammen und
einzelne derselben eben deshalb in ihrer freien und völligen Entwicklung - im
Guten wie im Schlimmen - zurückgehalten hatte. Jeder nimmt dann frei den Weg,
den er bedarf, bildet sich persönlicher, eigenartiger aus; macht man später
einmal wieder den Versuch, das Ungleichartige in die alten Bande und
Verhältnisse zurückzuführen, so ist dies eigentlich in Wahrheit niemals möglich,
und der alte Ausspruch, dass man über seinen Zorn die Sonne nicht untergehen
lassen solle, beweist sich als eine tiefe Weisheit, wofern man überhaupt eine
Herstellung der früheren Verbindungen ersehnt.
    Alle Eingeständnisse und Zugeständnisse, welche Graf Berka seinem
Schwiegersohne und alten Freunde in diesem Versöhnungsbriefe machte, hatten für
den Freiherrn nur etwas Peinigendes. Er war der Berka'schen Familie nun einmal
entwöhnt. Es hatte in derselben bei grossen Vorzügen, die er auch jetzt noch
anerkannte, immer eine gewisse Familienbeschränkteit geherrscht; man hatte dem
Ergehen und Tun des Einzelnen eine viel zu grosse Bedeutung beigelegt und damit
geringfügige Ereignisse zum Gegenstande weitläufiger Besprechungen und
unverdienter Teilnahme gemacht. Das war ihm auffällig erschienen, so lange er
ausserhalb der Familie gestanden hatte, war ihm als Angelika's Verlobter ein
wenig lästig gewesen, und er hatte sich aus dieser übertriebenen Familienliebe
später die Züge in Angelika's Charakter erklärt, die er als Empfindsamkeit und
als zu grosse Ansprüche an die Leistungen und Empfindungen der Anderen zu
bekämpfen für nötig gehalten.
    Jetzt - er fuhr sich unmutig mit der Hand über die Stirn - jetzt kam diese
Versöhnung ihm sehr ungelegen, und zurückweisen konnte, durfte er sie nicht,
wollte er nicht gegen Angelika, die in ihres Herzens Tiefen nie aufgehört hatte,
sie zu wünschen, ein Unrecht begehen, wollte er der Kranken nicht einen ihr
erwünschten Trost entziehen. Und selbst um der Meinung seiner Umgangsgenossen
willen musste er die dargebotene Hand seines Schwiegervaters freundlich zu
ergreifen scheinen! Aber je länger er darüber nachsann, um so schwerer und
unwillkommener dünkte ihm diese erneute Annäherung.
    Er wusste, wie wenig die Geistesrichtung der Herzogin und ihre Ansprüche und
Gewohnheiten mit denen der Berka'schen Familie zusammenstimmten. Es kam ihm
daneben nicht willkommen, die Berka's so nahe in seine Verhältnisse blicken zu
lassen. Er konnte sich denken, mit welchen Augen sie den Kirchenbau
betrachteten, welche Fragen der Graf, der in der eigenen Bewirtschaftung seiner
Güter grosse Befriedigung fand und glänzende Erfolge erzielte, wegen der
Ausschlagung der Wälder und wegen der Entlassung der Steinerts an ihn richten
würde. Es beunruhigte ihn, dass seine Schwiegereltern gerüchtweise von seinen
augenblicklichen Geldverlegenheiten, von dem Verkaufe des Hauses erfahren haben
könnten, und vor Allem dachte er mit Schrecken daran, wie sie die Tochter, die
er einst so blühend und so hoffnungsreich aus ihrer Hand erhalten, jetzt
wiederfinden mussten.
    Er nahm den Brief noch einmal auf, aber er konnte sich nicht überwinden, ihn
noch einmal zu lesen, und ihn auf den Tisch schleudernd, rief er ärgerlich: Ich
wollte, sie hätten mich mit ihrer späten Versöhnlichkeit verschont!
    Trotzdem musste er zu einem Entschlusse kommen, und rasch, wie man etwas
Lästiges abzutun sucht, warf er mit fester Hand die folgenden Zeilen auf das
Papier:
    »Empfangen Sie, teurer Freund, meinen nachträglichen Glückwunsch zu Ihrem
Geburtstage, den wir doppelt zu segnen haben, da er Sie zu einer für uns so
erwünschten Einsicht und Entschliessung geführt hat. Ich nehme die Versöhnung,
welche Sie mir bieten, ohne alles weitere Erörtern an, und meine Frau wird
glücklich sein, ihren verehrten Eltern die Hand küssen und ihren Segen wieder
empfangen zu können. - Leider war ich genötigt, da Geschäfte mich hieher
riefen, sie unter der Obhut des Caplans noch in der Stadt zurückzulassen. Ein
Brustübel, dessen Symptome sich schon vor der Geburt unseres Sohnes zeigten und
in Zwischenräumen immer wieder bemerkbar machten, hat sich plötzlich entschieden
ausgebildet und sie vor wenig Wochen mir zu rauben gedroht. Auf dem Wege der
Genesung, ist sie der grössten Schonung bedürftig, und ich bin eben deshalb noch
nicht im Stande, Ihnen, teurer Graf, und der Gräfin, die ich meiner
aufrichtigen Ergebenheit zu versichern bitte, anzugeben, wie und wann ich meiner
Frau die Mitteilung Ihres Briefes werde machen können und in welcher Weise wir
unser Wiedersehen mit Ihnen einzurichten haben, damit es auf die Kranke nicht zu
erschütternd wirke. Ich hoffe, dass ich Angelika in acht Tagen ihre Reise nach
Richten antreten lassen darf, und ich will noch heute den Caplan von Ihrem
Briefe in Kenntnis setzen, oder besser ihm Ihr Schreiben übermachen, damit
dieser erfahrene und bewährte Freund, der mein und Angelika's Vertrauen ganz und
gar besitzt, vorsichtig den Augenblick wähle, in welchem wir meiner Frau die von
ihr sicherlich ersehnte, sie aber eben so gewiss sehr erschütternde Kunde
zugänglich machen dürfen.
    Meinen Sohn habe ich aus der Stadt mit mir hieher genommen. Er sieht seiner
Mutter völlig gleich und wird, wie ich hoffe, Ihre Liebe gewinnen, da er ja das
älteste Ihrer Enkelkinder ist. In der Erwartung, Sie, bester Graf, und die
Gräfin bald persönlich zu begrüssen,
                                                                    der Ihrige.«
Er las das Geschriebene zu wiederholten Malen, ohne recht damit zufrieden zu
sein. Er wollte nicht entgegenkommen, er wollte sich nicht ablehnend zeigen, und
er ersah an der Art und Weise seines Erwägens, wie fremd die Familie seiner Frau
ihm geworden war und wie fest die Abneigung gegen sie in seinem Innern gewurzelt
hatte. Jetzt, da sie ihm, wie er es nannte, grundlos eine Versöhnung
aufnötigten, nachdem sie sich einst eben so grundlos von ihm und von ihrer
Tochter losgesagt, weil diese sich freiwillig dem Bekenntnisse ihres Gatten
angeschlossen, fühlte er sich fast erbitterter gegen sie, als zuvor, und dass er
dieser Erbitterung nicht Worte geben durfte, dass er gezwungen war, sich aus
Rücksicht auf Angelika und auf die Welt einer fremden Willkür hinzugeben,
verdüsterte seine Seele nur noch mehr. Hätte er mit einem Federstriche Alles,
was ihn umgab, vernichten können, er würde ihn getan haben, auf die Gefahr,
selbst dabei zu Grunde zu gehen; und mitten in seinem zornigen Grimme dünkte ihm
eben dieser doch wieder seiner und seiner Natur so unangemessen, dass er grade
davon am allermeisten litt. Er konnte das ideale Bild, welches er von sich
selber stets vor Augen gehabt und im Herzen getragen hatte, nie mehr in seiner
Reinheit wiederfinden: das heisst, er wusste, dass er ein für alle Mal sich selbst
verloren hatte.
    Grade, als der Freiherr den Brief an den Caplan beendete, meldete man ihm
den Pfarrer.
    Er soll kommen! befahl er kurz, und übergab dem Diener die Briefe an den
Grafen und an den Caplan mit der Anweisung, sie sofort nach der Stadt zu senden,
damit die am nächsten Morgen durchpassirende Post sie noch mitnehmen könne.
    Mit raschem Schritte ging er dem eintretenden Geistlichen entgegen. Der
Pfarrer hatte sich auf eine harte Stunde vorbereitet. Er war nicht unterrichtet
gewesen von dem Vorhaben seines Sohnes; er beklagte und verdammte von Grund der
Seele die in Rotenfeld geschehenen Freveltaten und Verbrechen, denn er besass
nicht des Candidaten wilden Glaubenseifer; er war duldsam und gelassen, und er
hatte sich, als er zu so ungewohnter Stunde vor den Freiherrn beschieden worden
war, fest gelobt, dass er, seine Würde und seine Ueberzeugung wahrend, dennoch
versuchen wolle, den gerechten Zorn des Gutsherrn zu besänftigen. Aber der
Empfang, welcher ihm zu Teil ward, liess ihn das Äusserste befürchten.
    Ohne ihm, wie er es sonst stets getan, die Hand zum Grusse zu bieten, ohne
ihm einen Sessel anzuweisen, sagte der Freiherr, während er den Greis inmitten
des Zimmers stehen bleiben liess: Ich habe Sie gleich kommen lassen, weil ich
zuvor mit Ihnen im Klaren sein wollte, ehe ich weiter gehe, und weil Sie,
Pastor, Sie ganz allein, mir für all den Schaden und für all das Unheil
verantwortlich sind, die hier angerichtet worden! Wer hiess Sie, den frechen
Burschen meine Kanzel besteigen zu lassen? Wer hiess Sie ....
    Gnädiger Herr! fuhr der Pastor auf, den sein Vaterherz wie seine gekränkte
Amtsehre alle seine Vorsätze vergessen machten, - gnädiger Herr, Sie sprechen zu
einem Vater von seinem Sohne! Sie sprechen zu einem Geistlichen, zu dem
bestallten Pfarrer dieser christlichen Gemeinde, der ohne Frage die Befugnis
hat, sich von seinem Sohne, von einem unbescholtenen jungen Manne, einem
geprüften Candidatus teologiae in seinem Amte vertreten zu lassen, wenn er
dieses nötig findet!
    Ja, allerdings, das ist es grade! Ich spreche zu dem Vater! betonte der
Freiherr scharf, eben weil er mir als Vater einzustehen hat für die Frechheit
seines Sohnes! Ich spreche zu dem von mir erwählten und eingesetzten Pfarrer,
weil er sich unterfangen hat, gegen meinen Glauben, gegen die Religion, zu der
ich und mein Haus uns bekennen, in meiner Kirche und von meiner Kanzel herab
freveln zu lassen!
    Der Pfarrer machte eine abweisende Handbewegung. Die Kirche ist des Herrn,
die Kanzel ist ihm heilig und der Wahrheit, Herr Baron, auf die wir getauft
sind, auf die wir unser Bekenntnis abgelegt und die rein und lauter zu verkünden
wir mit unserem Amtseide beschworen haben! rief der Pfarrer, und seine Stimme
und seine Haltung hoben sich, je länger er vor dem Freiherrn stand. Freilich
steht es geschrieben: Es soll Friede sein auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen! Und so weit es an mir gewesen, habe ich Frieden zu halten
gestrebt, obschon es meinen Augen kein Wohlgefallen gewesen ist, hier, mitten in
unserer luterischen Gemeinde, die katolische Kirche sich erheben und ihre
Heiligenbilder aufrichten zu sehen! Aber, Herr Baron, es steht eben so
geschrieben: Ich bringe euch nicht den Frieden, sondern den Krieg! Und wie ich
für mein Teil danach getrachtet habe, den Frieden hier zu Lande nicht zu
stören, so vermag ich vor meinem Gewissen den jüngeren Streiter nicht darob zu
tadeln, dass er von heiliger Stätte die Gemeinde warnte, dass er ihr die Gefahren
zeigte, welche ihr drohen, dass er verkündet hat, was ihm sein Herz geboten! Es
kommt für Jeden einmal der Tag, an dem er mit unserem Martin Luter rufen muss:
Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    Der Pfarrer hatte die Hände gefaltet, er war sehr gerührt. Seit Jahren hatte
er sich mit dem Gedanken getragen, dass es ihm einmal beschieden sein könne, nach
dem Vorbilde des herrlichen Paul Gerhard von Heimat und Amt vertrieben zu
werden; jetzt fühlte er sich dem Augenblicke nahe, und seine Erschütterung würde
zu jeder anderen Stunde auf seinen Patron ihre Wirkung nicht verfehlt haben,
denn des Freiherrn Herz war leicht bewegt und die kirchlichen Streitigkeiten
waren ihm bei seiner religiösen Gleichgültigkeit im Grunde sehr verhasst. Aber er
sah auch in dieser ganzen Angelegenheit nur eine Auflehnung gegen seine
gutsherrliche Macht, und bitter, wie sein Ton es gegen den Pfarrer heute von
Anfang an gewesen war, sagte er: Lassen Sie die Beispiele und die Bibel-Citate!
Was ich mit Ihnen abzumachen habe, dazu finde ich den Ausdruck in mir selbst,
und wenn denn einmal durchaus die Bibel die Belege liefern soll, so mag das Wort
Ihnen und der Gemeinde zur Richtschnur dienen, dass Jedermann der Obrigkeit
untertan sein soll, die Gewalt über ihn hat! -
    Er machte eine kurze Pause und sprach danach: Ich bin Herr auf Richten, in
Rotenfeld und in Neudorf! Die Kirche in Neudorf ist mein! Sie haben Ihr Amt von
mir, Sie wohnen in meinem Hause, auf meinem Grund und Boden, unter meiner
Jurisdiction; die Leute, welche Ihre Gemeinde bilden, sind von mir abhängig, zum
grossen Teile mir hörig - bedenken Sie das wohl! - Ich hindere Sie in Ihrem
luterischen Bekenntnisse nicht; beten Sie, singen Sie, predigen Sie, wie Sie
wollen - das ist Ihnen und meinen Leuten von den Staatsgesetzen gewährleistet!
Aber merken Sie es sich: wo Sie es sich beikommen lassen, etwa auch einmal als
Glaubensstreiter, von Ihrem Gewissen getrieben, meine religiöse Freiheit auf
meinem Grund und Boden anzutasten, da hört Ihre religiöse Freiheit auf, da
beginnt meine gutsherrliche Machtvollkommenheit, und - der Freiherr wurde rot
vor Zorn - dass der Gottard sich nicht unterfängt, sich jemals wieder innerhalb
meiner Grenzen blicken zu lassen ....
    Herr Baron! fiel der Pastor ihm in die Rede, Herr Baron! - Die Stimme
versagte ihm, und wie der Zorn des Freiherrn Wange gerötet, hatte der Schrecken
das Antlitz des Greises entfärbt. Aber er nahm sich zusammen, und mit ruhiger
Würde an den Freiherrn herantretend, sagte er: Es ist ein Amt des Friedens, das
der Herr in meine Hand gelegt hat. Ich habe es bis hieher verwaltet nach bestem
Wissen und Gewissen, und ich hatte fest gehofft, in demselben fortarbeiten zu
können bis an meinen Tod. Indes Gott hat es anders beschlossen. - Er hielt aufs
Neue inne, und mit bebender Stimme, aber dem Freiherrn ruhig in das Auge sehend,
sprach er: Menschenfurcht soll die letzten Tage meines Lebens nicht entehren.
Ich werde meinen Sohn nicht abweisen von der Tür seines Vaterhauses, auch wenn
er irrte und sein heiliger Eifer ihn zu weit geführt hat; ich werde ihm und mir
nicht Schweigen auferlegen, wo der mir anvertrauten Heerde Gefahr zu drohen
scheint, und - bin ich doch der Einzige nicht, dessen Bleiben hier fürder nicht
mehr ist!
    Er verneigte sich tief und wollte sich zum Gehen wenden. Der Freiherr hielt
ihn nicht zurück.
    Tun Sie ganz nach Ihrer Ueberzeugung, sprach er, aber verlassen Sie sich
darauf, dass ich mir hier Ordnung und Gehorsam schaffen werde!
    Der Pfarrer ging still hinweg. Der Freiherr sah ihm mit kaltem Auge nach.
Meine Lässlichkeit hat es verschuldet; sie fühlen sich alle hier als Herren! Es
war Zeit, ein Ende damit zu machen und die Zügel in die eigene Hand zu nehmen,
sagte er zu sich selber, während er nach der Uhr sah. Dann klingelte er und
befahl, das Abendbrod herzurichten und die Frau Herzogin zu benachrichtigen,
wenn es geschehen sein würde.
    Der Pfarrer aber fuhr, als er vom Schloss kam, im Amtofe vor. Er wollte
Fassung gewinnen, ehe er seine greise Lebensgefährtin wiedersah; er musste auch
einen Menschen haben, zu dem er sprechen konnte, denn in sich zu verschliessen,
was ihn bestürmte und bedrängte, bis er nach Neudorf kam, das, fürchtete er,
würde über seine Kräfte gehen. Und der Adam hatte es ja auch erlebt.
    Und offene Arme, offene Herzen, und ein volles Mitgefühl empfingen den
schwer gekränkten Mann. Man hatte die Heimkehr des Freiherrn gescheut, man hatte
es mit Besorgnis angesehen, dass er so plötzlich und unangemeldet eingetroffen,
und doch kam Allen unerwartet, was geschehen war. Sie waren im Amte dem Gottard
eben nicht freund; sie gönnten es ihm, dass sein Hochmut eine gründliche Lection
erhielt; aber den Pfarrer, den Greis, den sie zu verehren gelernt von
Kindesbeinen an, so herzzerrissen zu sehen, das betraf sie selber tief. Sie
mochten ihn nicht allein in die Pfarre zurückkehren lassen, denn allerdings, der
Amtmann wusste, was es heisst, die Schwelle eines heimatlichen Hauses zu
betreten, das man bald für immer meiden soll. Man liess den Knecht, welcher den
Pastor gefahren, zu Fusse gehen, man rückte zusammen, und Alle fuhren sie, so
spät es war, mit dem Pastor: der Amtmann, die Eva und der Architekt.
    Die Pfarrerin hatte, die Minuten zählend, am Fenster gestanden, seit ihr
Mann durch die Botschaft des Freiherrn abgerufen worden war. Sie wusste nicht,
was sie denken sollte, als der Wagen voll Gäste vor ihrer Türe hielt; sie
konnte nicht fassen, was geschehen war, als man es ihr meldete. Sie weinte, sie
klagte, sie schalt den Sohn, sie tadelte ihren Gatten, dass sie sich nicht
fügsamer gezeigt, und nannte doch gleich darauf den abwesenden Sohn ihres Lebens
Stolz und Freude, und dankte Gott, dass er ihrem Manne Kraft verliehen, als sein
Streiter auszuharren bis zum Ende.
    Der Pfarrer setzte sich nieder, seine Gedanken zu sammeln. Er wollte dem
Sohne schreiben, seine Meldung an das Consistorium machen, aber ihm fehlte noch
die Ruhe für solch ein Tun, und Adam hielt ihn auch davon zurück.
    Warten Sie, Herr Pfarrer, warten Sie bis morgen, bat er. Es war ein Anderes
zwischen dem Freiherrn und zwischen mir; ich stand für mich allein, Sie stehen
für Ihr Amt; ich konnte gehen, Sie müssen zu bleiben trachten, oder wollen Sie
sich freiwillig einen Nachfolger hieher setzen lassen, der sich dem Willen der
Herrschaft besser fügt, der Herrendienst dem Gottesdienst voranstellt?
    Die Pfarrerin trat schnell auf Adam's Seite. Sie hoffte, der Freiherr werde
in sich gehen, die gütige Baronin werde wiederkehren und vermitteln; sie meinte,
Gottard könne, auch ohne seinem Gewissen etwas zu vergeben, sich einlenkend an
den Freiherrn wenden. Sie wollte von dem Amtmanne, von Herbert, von Eva und von
ihrem Manne Zuspruch haben; aber sie hatten sich alle über den Freiherrn zu
beschweren, und wie vermochte man ihm beizukommen, was hatte man noch weiter mit
ihm zu befahren?
    Man konnte zu keinem befriedigenden Abschlusse gelangen, und es war schon
spät, als man sich trennte.
    Das Gewitter war vorüber, die Wolken hatten sich zerteilt, der Mond stand
hell am Himmel und goss sein volles Licht über die blühenden und duftenden
Lindenbäume vor des Pfarrers Türe, von denen unter dem leisen Windhauche die
Regentropfen niederfielen. Die Nachtigall, welche in den Büschen rechts vom
Hause nistete, lockte und flötete in langen Tönen durch die stille Nacht, man
sah die Falter langsam schweben, die Mondesstrahlen glänzten und zitterten in
dem leicht bewegten Teiche, von dem der Nebel silbern in die Höhe stieg.
    Der Pfarrer und seine Frau begleiteten ihre Gäste vor das Haus hinaus. Nach
dem Unwetter und neben ihrer Aufregung wirkte die friedensvolle Schönheit der
Natur doppelt stark auf sie. Der Greis sah mit stillem Blicke um sich her. Dann
nahm er sein Käppchen von dem weissen Haar, und seiner Frau Hand in seine
gefalteten Hände schliessend, sprach er, an die Dichtung seines Vorbildes Paul
Gerhard denkend, fromm und gläubig, während es feucht in seinen Augen
schimmerte:
Der Sonne, Mond und Winden
Weist ihre eig'ne Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da mein Fuss wandeln kann!
 
                                Eilftes Capitel
Wie es herumgekommen, das wäre nicht leicht zu sagen gewesen, aber am folgenden
Morgen um die Frühstückszeit wussten sie es in allen drei Dörfern, was geschehen
war, und wer es etwa noch nicht erfahren hatte, der konnte doch an den finstern
und sorgenvollen Mienen der Leute sehen, dass sich etwas Schlimmes ereignet hatte
und Schlimmes zu befürchten war.
    Es hatte den Freiherrn nicht schlafen lassen in der Nacht, und wider seine
Gewohnheit war er früh am Morgen nicht zur Herzogin gegangen, sondern hatte sich
gleich an die Geschäfte gemacht. Der Justitiarius war lange bei ihm gewesen und
dann in das Amt gegangen. Er wollte dem Adam erzählen, dass der Freiherr selbst
der Gerichtsverhandlung beizuwohnen denke, was er sonst nie getan, und dass er
die Sitzung schon auf morgen anberaumt habe. Sie schüttelten beide die Köpfe
dazu, aber sie sprachen wenig; es ging ihnen zu nahe.
    Während dessen war der Freiherr nach Rotenfeld gefahren, um jetzt, bei
ruhigem Wetter, den dort angerichteten Schaden in Augenschein zu nehmen. Er
wollte die Statue hergestellt haben, ehe die Berka's kämen, und wünschte diesen
Besuch auch nicht allzu weit hinausgeschoben zu sehen, eben weil er ihm lästig
war. Es drängte sich so Vieles zusammen, was geordnet und abgetan werden musste,
und wie er sich auch vorsetzte, sich davon nicht beunruhigen zu lassen, gab es
ihm doch etwas Hastiges, das seinen Leuten auffiel und das mit seiner schönen,
würdigen Gestalt gar nicht zusammenstimmte.
    Als er in Rotenfeld vor der Kirche seinen Wagen verliess, sah er Herbert mit
dessen jungem Gehülfen aus dem Portale derselben heraustreten. Dieses zufällige
Zusammentreffen war grade, wie er es sich wünschte, und leicht den Hut lüftend,
während die beiden ihm entgegen kamen, sagte er: Sehen Sie diesen Vandalismus!
Ich erwarte in Nächstem die Baronin zurück, habe auf den Besuch ihrer Familie zu
rechnen und mag der Heimkehrenden und den Gästen den Anblick dieser wüsten
Zerstörung nicht bereiten. Wie ist da Rat zu schaffen?
    Herbert, welcher wie der Freiherr auch erst am vorigen Tage, und zwar wie
dieser kurz vor dem Ausbruche des Unwetters in Rotenfeld eingetroffen war,
hatte gleich am Morgen, noch ehe er die Arbeit in der Kirche in Augenschein
genommen, die Gruppe besichtigt und die Stücke, welche man abgeschlagen,
hereinbringen lassen, um zu untersuchen, ob man sie anzupassen und so die Gruppe
herzustellen hoffen dürfe. Glücklicher Weise hatte Adam gleich nach geschehener
Tat die abgeschlagenen Stücke bis auf die Splitter zusammensuchen lassen, und
da Herbert sich aus Neigung viel mit plastischen Entwürfen beschäftigt hatte und
obenein der Modelleur noch anwesend war, welcher die Stuckverzierungen über dem
Altare angebracht, so waren, noch ehe der Freiherr gekommen, schon die nötigen
Verabredungen getroffen worden, und dieser durfte sich also der Aussicht
hingeben, wenigstens diesen Schaden so gut als möglich ausgeglichen zu sehen.
    Das heiterte ihn auf; er nahm selbst die Fragmente zur Hand, passte sie an
einander, erteilte Ratschläge wegen der Politur der Stellen, an denen die
Restaurationen gemacht werden mussten, trat dann in die Kirche ein, und ihr
Anblick befriedigte ihn, ja er übertraf seine Erwartungen.
    Man hatte innen wie aussen die letzten Gerüste fortgenommen, der weite, hohe
Raum zeigte sich frei und schön. Die Pfeiler strebten kräftig und doch leicht in
die Höhe und trugen das Dach, dessen fein gegliederte Wölbung dem Auge, ohne es
zu drücken, eine wohltätige Schranke setzte. Ueberall waren die Verhältnisse so
richtig eingehalten, das gebotene Material so geschickt benutzt, dass des
Freiherrn Kennerblick sich mit sichtlichem Vergnügen in dem bis auf unbedeutende
Ausschmückungen nun fast vollendeten Baue erging.
    Schön, sehr schön! rief er mehrmals aus; ich muss Sie loben, Herbert! Sie
verstehen Ihr Fach; ich bin zufrieden! - Nun nur schnell die letzte Hand ans
Werk gelegt! Wann meinen Sie, dass wir die Kirche weihen können?
    Wenn der Holzschnitzer uns den Beichtstuhl liefert, wie er versprochen hat,
und die übrigen Arbeiter ihre Zeit einhalten, so denke ich Ihnen heute in drei
Wochen die Schlüssel des Baues überliefern zu können, sagte Herbert nach kurzem
Besinnen.
    Gut, gut! rief der Freiherr abermals, und plötzlich nachdenkend, fügte er
hinzu: Wir haben heute den zehnten des Monats. In drei Wochen wollen Sie fertig
sein. Lassen Sie uns, den störenden Zufälligkeiten ihren Raum gewährend, die
Uebergabe des Baues, der Sicherheit wegen, erst am Schlusse der vierten Woche
erwarten, so sind wir dem dreizehnten des Juli nicht allzu fern und mögen, die
Weihung der Kirche auf diesen Tag verlegend - welcher der Namenstag der
Herzogin, der Margareta-Tag ist -, unserem Gäste eine Ehre damit erweisen und
ihr Andenken dauernd mit unserem Baue verknüpfen.
    Er sah sich danach noch einmal in allen Teilen der Kirche um, betrachtete
den Taufstein in der Sacristei, liess sich das Gewölbe öffnen, welches man zur
Familiengruft bestimmt, stieg die Treppe zum Turme hinauf und oben um sich
schauend, sagte er, als er den auf der Birkenhöhe errichteten
Freundschaftstempel ebenfalls vollendet sah: Sehr brav! In der Tat, Herbert,
Sie haben sich wacker daran gehalten!
    Die Freude, ein grosses Unternehmen so wohlgelungen seinem Ende nahe zu
sehen, liess ihn vergessen, mit welchen Opfern dies erkauft war, und gab ihm
plötzlich seine freie, vornehme Sorglosigkeit zurück. Er hatte sonst nichts so
sehr geliebt, als heitere Gesichter um sich zu haben und Zufriedenheit um sich
her zu verbreiten. Diese alte, schöne Neigung wallte auch jetzt wieder in ihm
auf. Es fiel ihm ein, dass er ein Mittel habe, Herbert, wie er es wünschte, zu
vergelten, ja, dass er ein Unrecht, eine Uebereilung und, was ihm schlimmer als
dies Alles dünkte, einen Verstoss gegen die Klugheit ungeschehen machen könne,
wenn er sich dieses Mittels richtig zu bedienen wisse. Er ging von einer Seite
des Turmes nach der anderen, bis er abermals der Birkenhöhe gegenüber stand,
und dortin schauend, wiederholte er: Sehr gut, sehr gut! Sie haben mich in der
Tat durchaus befriedigt und, fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, es wird mir
lieb sein, Sie gleichfalls zufrieden zu stellen.
    Herbert verneigte sich und sagte ablehnend: Herr Baron, ich habe nur getan,
was meine Pflicht war, was jeder Andere an meiner Stelle auch getan hätte!
    Wie bescheiden! scherzte der Freiherr; aber wir sprechen mehr davon. Sie
können mich heute um fünf Uhr dort drüben erwarten, wo ich Sie hoffentlich wie
hier zu loben haben werde.
    Herbert, der nicht gewillt war, sich von dem Manne, welcher ihm so schwer zu
nahe getreten, als Gunst gewähren zu lassen, was Eva's freier Wille ihm in wenig
Monaten zugestehen konnte, bedauerte, dass er auf die Ehre verzichten müsse, den
Freiherrn auf die Höhe zu begleiten, und erst jetzt schien dieser es zu
bemerken, wie kühl der Baumeister seine Lobsprüche aufgenommen, wie gemessen und
wortkarg er ihm geantwortet hatte. Er sah ihn mit schnellem und prüfendem Blicke
an und fragte dann: Was hindert Sie, mich drüben im Tempel zu erwarten?
    Ich reise noch vor Mittag ab, gnädiger Herr!
    Sie gehen nach der Stadt?
    Nein, Herr Baron!
    Der Freiherr zauderte, dann sagte er mit schlecht verhehltem Argwohn: Sie
haben doch von der Krankheit der Baronin und von ihrem Aufentalte im
Flies'schen Hause Nachricht?
    Ja, Herr Baron, und eben deshalb habe ich meine Zimmer dem Herrn Caplan zur
Verfügung gestellt, da ich, so lange er dort weilt, nicht dahin zurückzukehren
gedenke!
    Der Freiherr verstand ihn. Wie ein Cavalier gehandelt! dachte er; aber es
war ihm unangenehm, Herbert dieses Zugeständnis nicht versagen zu können, und
noch widerwärtiger war ihm die Vorstellung, dass jener es für nötig erachtete,
die Baronin durch seine Zurückhaltung vor dem eifersüchtigen Verdachte ihres
Gatten zu schützen. Ueberall, wohin er blickte, gewahrte er jene Annäherung des
bürgerlichen Standes an den Adel, die sich nicht mehr zurückdrängen liess, weil
die fortgeschrittene Bildung die Kluft bereits ausgefüllt hatte, welche sonst
die Stände von einander geschieden. Nur um es nicht erraten zu lassen, dass ihm
in Herbert's Antworten etwas missfallen habe, verlangte er zu wissen, wohin er
gehe.
    Herbert versetzte, dass er bis morgen in Marienau beschäftigt sei.
    Das gefiel dem Freiherrn auch nicht. Was machen Sie dort? rief er spöttisch.
Hat Steinert in dem Schloss denn nicht Platz genug?
    Im Gegenteil, er findet es, wie die meisten Schlösser, weit grösser, als das
Gut es tragen kann! gab Herbert, der seinen Unmut und seinen beleidigten Stolz
vor dem Freiherrn immer nur mühsam in Schranken hielt, ihm in gleichem Tone zur
Antwort. Wir haben die Flügel des ruinenhaften Schlosses eingerissen, um einen
Schafstall und eine Brennerei daraus zu bauen.
    Herbert sagte das mit sichtlichem Vergnügen, weil er wusste, dass es seinem
Hörer nicht genehm war. Und schon wieder hatte dieser es vor Augen, wie der
Bürgerstand sich in den Rittergütern einnistete, wie das Gewerbe sich
ausbreitete, wo sonst ein Edelmann frei und stolz auf seinem Erbe sass, und wie
Herbert sich mit voller Sicherheit schon zu den Steinerts rechnete.
    Um des Freiherrn gute Laune war es nun getan. Er wiederholte kurz
zusammenfassend seine Anordnungen und Befehle, hiess den Gehülfen sich am
Nachmittage nach der Höhe begeben, und schied von Herbert mit der Bemerkung, dass
er ihn bei der Abnahme des Baues noch sehen werde.
    Als er in das Schloss zurückkehrte, sagte man ihm, dass der Amtmann da sei,
nach des Herrn Befehlen zu fragen. Es war das immer so gehalten worden, wenn der
Freiherr längere Zeit von Richten entfernt gewesen war, aber dieses Mal handelte
es sich um mehr als eine alte Sitte.
    Was bringt Er? rief der Freiherr dem Amtmanne entgegen, da dieser die Anrede
desselben abgewartet hatte.
    Adam trat näher an ihn heran und sagte mit einem sorgenvollen Ausdrucke: Ich
habe nichts Neues zu bringen, gnädiger Herr, denn was hier geschehen ist, haben
Sie durch den Herrn Caplan erfahren, und es ist nicht der Art, dass man es
wiederholen mag. Aber - er zögerte, schien die rechte Form nicht gleich zu
finden, und sagte dann mit Ueberwindung: Ich komme mit einer Bitte, gnädiger
Herr!
    Ah, rief der Freiherr, dem die demütige Haltung des sonst so straffen
Mannes nicht entging, sie haben Ihn abgesandt!
    Der Amtmann schüttelte das Haupt. Es hat mich Niemand abgesendet und Niemand
weiss davon. Ich komme auch nicht um meinetwillen, aber ich wollte Sie bitten,
gnädiger Herr - halten Sie morgen nicht selbst Gericht!
    Es war ihm sauer geworden, dies auszusprechen; der Freiherr hatte offenbar
auch eine ganz andere Bitte zu hören erwartet. Ratschläge, und nun gar
unerbetene Ratschläge von seinen Untergebenen anzunehmen, war niemals seine
Sache gewesen, und der Gedanke, dass Adam sich die Freiheit, ihn unaufgefordert
zu beraten, nur gestatte, weil er bald aus seinem Dienste scheide, machte ihm
die Warnung, denn auf eine solche hatte Adam es ja abgesehen, nicht willkommen.
Er war eben daran, sie hart zurückzuweisen, aber der Ausdruck von anhänglicher
Sorge, mit welchem der Amtmann auf ihn blickte, liess den Freiherrn innehalten;
und erst nach einer Weile warf er die Frage auf: Wie kommt Er auf den Einfall,
mir abzuraten?
    Die blosse Frage gab dem Amtmanne Zuversicht, und aus fester Ueberzeugung
sprechend, sagte er: Das ist kein Einfall, gnädiger Herr, denn ich würde mir
nicht erlauben, Ihnen mit meinen blossen Einfällen beschwerlich zu fallen. Aber
der gnädige Herr kommen nicht so unter die Leute, wie ich, und können nicht
wissen, wie es unter ihnen aussieht und was in ihren Köpfen spukt.
    Nun, mich dünkt, davon hätten sie mir jetzt den schlagendsten Beweis
geliefert, rief der Freiherr, und eben deshalb sollen sie dieses Mal die
verdiente Antwort von mir selber haben!
    Tun Sie das nicht, gnädiger Herr! bat Adam dringender. Sie, gnädiger Herr,
sind besser als unser Einer unterrichtet von dem, was draussen in der Welt
geschieht; aber es ist, als ob es durch die Luft verbreitet würde, denn dem
ärmsten Kätner und Einlieger geht es im Kopfe herum, dass es anders und besser
für ihn werden müsse. Er weiss, dass die Hörigkeit vieler Orten aufgehoben wird -
er hat von Ablösungen und hat auch von schlimmen Dingen gehört, die auf einigen
Gütern geschehen sind ....
    Und die Elenden würden geneigt sein, sich ein Beispiel daran zu nehmen,
meint Er? - Nun, versuch' Er's - halte Er ihnen das gute Beispiel vor!
    Dem Amtmanne stieg das Blut zu Kopfe, aber er biss die Zähne zusammen, damit
das Wort des Zornes nicht über seine Lippen ginge, und mit erzwungener
Gelassenheit sprach er: Wir Steinerts sind geringe Leute gewesen, gnädiger Herr,
als der Herr Baron Erasmus Einen von uns zu seinem Verwalter gemacht hat, und
wir sind auf dieser Herrschaft zu Etwas geworden und auf unsere Weise vorwärts
gekommen. Das dürfen und werden wir nie vergessen! Darum eben habe ich meine
Dankespflicht erfüllen und - fügte er mit einer Weichheit hinzu, die dem
kräftigen Manne sehr wohl anstand - meine Anhänglichkeit an den gnädigen Herrn,
die auch nicht gleich zu Ende ist, weil man von einander geht, beweisen wollen,
als ich heute herkam. Ich, gnädiger Herr, habe hier nichts mehr zu gewinnen oder
zu verlieren, als Ihre gute Meinung, und nichts zu tun, als dass ich mein
Gewissen wahre!
    Die Rechtschaffenheit, die Treue und Herzensgüte des Amtmanns sprachen so
unverkennbar aus jedem Worte, dass selbst die Voreingenommenheit des Freiherrn
davor nicht Stich hielt, und wider seinen Willen bewegt, sagte er: Ich will es
glauben, Er meint es gut!
    Ja, bei Gott, ich meine es gut, und wir Alle haben es immer gut gemeint!
rief Adam. Aber gerade darum, gerade darum bitte ich Sie, lassen Sie es hier
beim Alten. Es ist ein Segen, wenn der Arbeiter, auf dem die Lasten schwerer
liegen als es gut ist, sich sagen kann: Wenn der Herr es wüsste - er würde
helfen! Es ist ein anderer Segen, wenn der Missetäter, dem das Gesetz gerecht
wird, die Hoffnung hegen mag, der Herr werde Gnade walten lassen, wo der Richter
nur die Strenge des Gesetzes auszuüben hat. Der Justitiarius und ich hatten uns
schon erlaubt, dem Herrn Caplan an's Herz zu legen, dass er um Gnade für die
Leute bitten möge. Zwischen dem Herrn, der die Macht hat, und dem Arbeiter und
Hörigen, der die Lasten trägt, muss eine Schutzwehr sein für beide Teile, und
dazu sind wir da. Auf uns, auf den Justitiarius und auf den Amtmann, sind seit
allen Zeiten die Klagen und Beschwerden gefallen, und wir konnten sie tragen,
denn wir forderten, richteten und straften nicht für uns. Wir hatten an den
Herren einen Rückhalt, die Herren hatten in unserer Strenge und
Gewissenhaftigkeit eine Entschuldigung, wenn man sich beschwerte, und die Leute
hatten ihre Hoffnung auf der Herren Nachsicht und gnädiges Gewähren. So ist es
gegangen all die Jahre her, wir sind fertig geworden mit den Leuten und die
Leute haben in Liebe zu den Herrschaften hinaufgesehen, fast wie zum lieben
Herrgott, denn wie zu diesem konnten sie zu jenen persönlich nicht so leicht
heran. Lassen Sie es dabei, gnädiger Herr, stellen Sie sich nicht den Leuten
selber gegenüber, es ist nicht gut für alle Teile, und wie die Leute nun hier
einmal wider die neue Kirche und auch sonsten aufgeregt sind .... Er brach ab
und sagte kurz: Tun Sie es nicht, gnädiger Herr, es kann ein Unglück geben!
    Adam hatte nie zuvor seine Meinung in solcher Weise vor seinem Herrn
auszusprechen gewagt und dieser nie eine ähnliche Auseinandersetzung von einem
seiner Untergebenen angehört. Er liess Adam eine Weile, ohne ihm zu antworten,
stehen, sei es, dass dessen Worte doch mehr Eindruck auf ihn gemacht hatten, als
er zu zeigen für gut befand, oder dass er mit sich nur über den Bescheid zu Rate
ging, den er Adam geben wollte; dann sagte er: Er hat mir Seine Ergebenheit
beweisen wollen, und das lobe ich. Ich danke Ihm dafür, und wenn Er mich künftig
einmal brauchen sollte, werde auch ich mich daran erinnern, dass die Steinerts
lange in unseren Diensten gewesen sind. Im Uebrigen beurteilt Er die Dinge, wie
Er sie versteht, und Er hat's ja selber eingestanden, dass ich sie besser
verstehen und also anders ansehen muss, als Er. Eben dass die Leute immer von
Einem an den Anderen appellirten, hat das ganze Regiment gelockert. Es hat Jeder
drein geredet - zuletzt sogar der Gottard. Habe ich das Regiment, und ich denke
es in die Hand zu nehmen ganz und gar, da hat's mit dem Hin und Her ein Ende,
und das tut endlich Not!
    Er setzte sich nach diesen Worten an den Schreibtisch nieder, so dass er Adam
den Rücken zudrehte, wandte sich dann noch einmal zu ihm zurück, um ihm einen
Auftrag an den Gärtner zu geben, der auf dem Kirchenplatze einige Aenderungen
machen sollte, fragte nach dem Ertrage der Heuernte und ob Adam im Stande sein
würde, zu einem bestimmten Zeitpunkte gewisse Zahlungen zu leisten; dann entliess
er ihn.
    Sie wollen nicht hören, sie wollen sich nicht helfen lassen! dachte Adam,
aber es tat ihm wohl, dass er sich das Herz erleichtert und das Seinige getan
hatte. Von dem Pfarrer zu reden, für ihn eine Fürbitte um der Gemeinde willen
einzulegen, wie er es vorgehabt hatte, dazu war er gar nicht gekommen. Indes wie
Alle, die ein gutes Ziel im Auge haben, gab er seine Hoffnung nicht leicht auf,
und es war nun die Ankunft des Caplans, auf die er sich vertröstete. Konnte der
auch nichts ausrichten, liess der Freiherr sich gar nicht bedeuten, dem greisen
Pfarrer den Weg der einlenkenden Verständigung zu eröffnen, mussten die alten
Leute wirklich von Neudorf fort, nun, so hatte Eva Recht, so gab es in dem Hause
zu Marienau Raum genug, den greisen Freunden der verstorbenen Eltern ein warmes
Plätzchen zu bereiten und die alten Leute durchzuhalten, bis Gottard sie einmal
in seine Pfarre führte. Für den Adam Steinert auf Marienau war das eben keine
grosse Sache.
 
                                Zwölftes Capitel
Wie seine Dienerschaft und seine Beamten den Freiherrn verändert gefunden
hatten, so ward der Caplan, als man ihn nach seiner Ankunft zu der Baronin
führte, durch ihren Anblick in Erstaunen gesetzt, wennschon er es verstand, ihr
diesen Eindruck zu verbergen. Aber es war nicht allein ihre körperliche
Schwäche, die ihn überraschte, es war etwas Fremdes in sie gekommen, das er sich
nicht gleich zu deuten wusste. Während es ihm bedünken wollte, als habe sie jenen
ihr schon als junges Mädchen eigentümlichen Ausdruck gebietender Vornehmheit
verloren, hatte sie doch an Sicherheit und Bestimmteit in ihren Äusserungen
gewonnen, und er vermisste an ihr die freiwillige Unterordnung, mit welcher sie
ihm sonst genaht war.
    Nach dem Briefe, welchen der Caplan von dem Freiherrn erhalten, hatte er
nicht anders glauben können, als dass es der Baronin um seinen geistigen und
geistlichen Beistand zu tun sei, dass sie zu beichten und das Abendmahl aus
seiner Hand zu empfangen begehre. Indes wie erfreut sie sich über seine Ankunft
auch bezeigte, sagte sie ihm dennoch, dass sein Ausbleiben ihr wohl getan habe,
und dass sie glaube, ihr Alleinsein in diesem fremden Hause sei ihrem Seelenheile
förderlich gewesen.
    Als der Caplan zu wissen begehrte, wie sie dies meine und in welcher Weise
der Umgang mit ihren Pflegern ihren Sinn gewandelt habe, versetzte sie: Auf die
einfachste Weise von der Welt! Hätte ich Sie, mein Freund, hier gehabt, da ich
zu sterben glaubte, so hätte ich mich Ihnen, wie immer, mit allen meinen
Schmerzen und Sorgen in die Hand gegeben und nur an mein eigenes Heil, an meinen
Trost gedacht, und Sie würden vielleicht in Ihrer mitleidigen Barmherzigkeit mir
nicht gesagt haben, dass auch in dem Verlangen nach geistiger Erhebung und
Vervollkommnung sich die Selbstsucht des hochmütigen Menschenherzens verbergen
kann. Hier aber habe ich unter Menschen gelebt, von denen, wie ich glaube, sich
keiner mit der eigentlichen Sorge um sein Seelenheil beschäftigt. Herr Flies und
seine Frau haben bis in ihre jetzigen Jahre hinein so viel Notwendiges zu tun
gehabt, dass ihnen keine Zeit geblieben ist, über sich selbst nachzudenken; und
Seba lebt so ausschliesslich für die Befriedigung der Anderen, dass sie die eigene
darüber ganz vergisst, oder dass sie dahin gekommen ist, ihre Zufriedenheit in dem
Wohlbefinden Anderer zu geniessen.
    Der Caplan wandte ihr ein, dass sie in Gefahr stehe, Gleichgültigkeit gegen
das geistige Leben mit Seelenfrieden und Gewissensfreudigkeit zu verwechseln;
aber sie wollte dies nicht zugestehen.
    Ich habe Herrn Flies einmal gefragt, sagte sie, wie er es angefangen habe,
sich seine beschauliche Ruhe und Klarheit anzueignen.
    Und was hat er Ihnen geantwortet? erkundigte sich der Geistliche, dem daran
gelegen sein musste, die Leitung über das Herz der durch ihn bekehrten Frau nicht
zu verlieren.
    Ich habe an jedem Tage nach bestem Wissen meine Schuldigkeit getan, hat er
mir gesagt, und habe also immer die Zuversicht in mir getragen, auf dem
richtigen Wege zu sein.
    Der Caplan machte eine Bewegung mit dem Kopfe, die es kund gab, dass er diese
Antwort vorausgesehen hatte, und meinte danach: Darin verbirgt sich die
Selbstzufriedenheit aller derer, welche glauben, durch ihre eigene Kraft zur
Seligkeit gelangen, welche meinen, mit guten Werken, die in der Religion der
Juden eine grosse Rolle spielen, den Himmel erwerben zu können. Aber es ist nicht
nur das Tun, das selig macht, es ist ....
    Zum ersten Male liess Angelika ihren geistlichen Freund seinen Ausspruch
nicht vollenden, und lebhafter als er es von ihr gewohnt war, rief sie: Nein, es
ist gewiss und allein das Tun und nicht das Streben, das Vollbringen und nicht
das Wollen, die uns glücklich, die uns selig machen! Ich habe das hier in meiner
Einsamkeit und in meinem Leiden tief empfunden! Was habe ich nicht Alles gedacht
und wie Weniges getan! Mit den grossen Fragen und Geheimnissen habe ich mich
beschäftigt, in welche wir kurzlebigen Geschöpfe uns hineingebannt fühlen, wenn
wir über die enge Schranke unseres Daseins hinauszublicken wagen; von meinen
widerstrebenden Gefühlen hin und her getrieben, habe ich mich nur um mein
Empfinden, um mein Seelenheil gesorgt, und es darüber ganz und gar versäumt, für
das Heil derjenigen zu sorgen, die Gott in meinen Lebensweg gestellt hat, oder
etwas zu leisten, was mich hätte in der Erinnerung trösten und aufrichten
können. Und an Niemandem hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt, als an
dem Knaben, den wir jetzt vergebens suchen.
    Das Schicksal Paul's, von dessen bisherigem Leben und von dessen
Verschwinden sie sich durch Seba ausführliche Kunde verschafft hatte, das
weltliche Ergehen ihrer Familie lagen ihr vor allem Anderen am Herzen und
namentlich beschwerte die Erinnerung an Paul ihr das Gewissen.
    Sie nannte es einen schweren Fehler, dass sie immer nur dasjenige zu lieben
vermocht habe, was ihr eigen gewesen sei, was sie durch ihre Selbstsucht mit
ihrem Herzen vermitteln können, während ihr jetzt von Fremden die
uneigennützigste Menschenliebe zu Teil geworden sei - von Fremden, die sie um
ihres Stammes und um ihres Glaubens willen so tief unter sich gewähnt. Und an
Niemandem, wiederholte sie, hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt, als
an dem armen Knaben, welchen wir jetzt vergebens suchen. Ich habe es in meiner
Eifersucht und in meiner ungerechten Verachtung gegen die Mutter dieses Knaben
einst hochmütig verschmäht, ihm die Stelle in dem Hause meines Gatten
einzuräumen, die ihm gebührte, die sein Vater ihm gewähren wollte. Das hat sich
nun gestraft; sein blosser Anblick hat mich gedemütigt, wie ich's verdiente.
Damit ein Kind so vollständig die Züge seines Vaters wiedergibt, so völlig
seines Vaters Ebenbild werde wie dieser Knabe, muss viel Liebe zwischen den
Eltern desselben geherrscht haben, mehr Liebe, mehr Hingebung, als der Freiherr
und ich für einander in der Zeit empfanden, welche unserem Sohne das Leben gab.
Wenn ich unseren Renatus betrachte, der seinem Vater so wenig ähnlich sieht,
kommt er mir neben jenem Sohne meines Gatten wie ein Enterbter, komme ich selbst
mir neben der unglücklichen Mutter Paul's wie die Unglücklichere vor, denn sie
besass sicherlich die Neigung des Barons weit mehr, als ich. Paul ist im wahren
Sinne des Wortes ein Kind der Liebe, und er wird wiederkommen! Sein keckes,
stolzes Antlitz verbürgt ihm das Glück, das solchen Kindern eigen sein soll!
    Der Caplan hatte nicht im entferntesten voraussehen können, ein Urteil wie
dieses von der Baronin zu vernehmen, weniger noch, dass sie diese Verhältnisse in
Seba's Anwesenheit besprechen würde. Ausschliesslich wie die Kaste, in welcher
sie geboren war, hatte Angelika früher Alles, was ihre und der Ihrigen
Lebensverhältnisse betraf, der Kenntnis und dem Urteile dritter Personen zu
entziehen gestrebt; jetzt nannte sie diese Art der Zurückhaltung eine Maskerade
vor sich selbst. Denn, sagte sie, ich täuschte damit nur mich, und ich habe hier
erfahren, dass Fremde wussten, was ich vor mir selbst verbarg. Ich habe eine
schwere Lehrzeit durchgemacht, aber sie ist nicht an mir verloren gewesen.
Obschon ich schwach bin, gehe ich doch gekräftigt aus ihr hervor. Der Ausspruch:
Wen der Herr liebt, den züchtigt er! der mir sonst immer hart und darum der
göttlichen Liebe nicht angemessen erschienen ist, hat sich mir zu einer Wahrheit
erhoben. Dafür danke ich Gott, und ich werde auch von Ihnen, mein teurer
Freund, künftig nicht mehr fordern, was Sie mir nicht gewähren können, was man
sich selbst erringen oder entbehren muss!
    Und was hätten Sie derart gefordert? fragte der Caplan, der immer
vorsichtiger und achtsamer wurde, je weniger er im ersten Augenblicke den
Gemütszustand der Baronin zu beurteilen vermochte. Welches Verlangen hätten
Sie gestellt, das Ihnen aus der Gnadenfülle unserer trostesreichen Kirche nicht
befriedigt werden können?
    Ich verlangte .... Sie hielt inne, schien zu überlegen und sagte danach, als
wolle sie ihrem Berater keinen Zweifel über sich lassen: Ich verlangte
Vergessenheit - und ich habe sie nicht gefunden!
    Der Caplan lächelte, als sähe er ein Kind seine Händchen begehrlich nach der
Mondessichel erheben. Freilich, sagte er, der Letestrom ergiesst seine Wellen
nicht durch die christliche Welt, er ist versiegt! Aber, fügte er mit ganz
verändertem Tone und mit gehobener Haltung hinzu, aber flösse er auch reich und
voll vor unseren Lippen, wie dürften wir begehren, daraus zu trinken? Wie
dürften wir Vergessenheit verlangen für irgend etwas, das Gottes Ratschluss uns
erleben liess? Ich erkenne Sie und Ihren gottergebenen Sinn in diesem Wunsche
nicht wieder, meine teure gnädige Frau!
    Der Caplan verstand die Kunst, die Menschen sprechen und schweigen zu
machen, und die Baronin fühlte diese seine Macht. Ohne noch ermessen zu können,
ob es der Einfluss ihrer nichtchristlichen Umgebung, ob es ein Erwachen ihrer
protestantischen Erinnerungen oder eine Folge ihrer eigenen einsamen Grübelei
sei, welche die Baronin zu einem von seiner Führung unabhängigen Gedankengange
verleitet hatten, hielt er es für angemessen, sie wenigstens von dem Aussprechen
ihrer Gedanken abzuhalten, denn das Wort ist gestaltend und das Gestaltete ist
lebendig und tritt, uns selber bannend, für und wider uns auf. Und wie es wahr
ist, dass nur derjenige frei bleibt, der zu schweigen versteht, so ist es eben so
wahr, dass man den Menschen hindern muss, sich seine Gedanken festzustellen, wenn
man die Herrschaft über ihn mit Leichtigkeit behaupten will.
    Er liess eine geraume Weile im Stillschweigen vergehen; dann fragte er, als
falle es ihm unmöglich, sich in die Vorstellung der Baronin hinein zu versetzen:
Und was war es denn eigentlich, das Sie so dringend zu vergessen wünschten?
    Angelika hatte, in ihren Ruhesessel zurückgelehnt, in stiller Betrachtung
vor sich niedergesehen, aber bei der Frage des Caplans richtete sie das Haupt
empor und entgegnete: Es ist mir wunderbar, ganz wunderbar zu Mute. Ich fühle,
als wären wir lange, lange getrennt gewesen. Eine Krankheit wie die meinige, in
der man vom Leben zu scheiden glaubt, bildet einen tiefen Abschnitt in unserem
Dasein, sondert uns von unserer Vergangenheit, hebt uns über sie und über uns
selbst hinaus. - Ich weiss Ihnen das Alles kaum zu erklären, weiss es mir selber
kaum zu deuten, und stehe doch vor lauter Erfahrungen, die ich mir nicht
wegleugnen kann - auch wenn ich es wollte. Es sieht mich Alles fremd an, wenn
ich auf die letzten Jahre meines Lebens zurückblicke; es kommt mir Alles, selbst
kürzlich erst Erlebtes, unwahrscheinlich, ja unmöglich vor. Ich sehe die Dinge,
die Menschen anders als bisher, und, warum sollte ich es Ihnen verschweigen,
selbst Sie, selbst Ihre Stimme, selbst Ihre Worte klingen meinem Ohre so fremd,
dass ich Mühe habe, mich darein zu finden; auch Ihre Frage befremdet mich.
    Des Caplans Miene wurde ernster und strenger. Sein milder Sinn, sein
nachsichtiges Herz hatten es doch früh gelernt, die Herrschaft über die Geister
als eine Befriedigung zu empfinden, und er war zu sehr von der wohltätigen
Wirkung überzeugt, welche die den Geist beschränkende Zucht seiner Kirche über
die Menschen ausübt, um die Herrschaft, welche er gewonnen und besessen, wieder
aus der Hand geben zu mögen. Der Frevel gegen das Heiligenbild und der in
Richten an einer schuldlosen Bekennerin des katolischen Glaubens von den
Luteranern verübte Todtschlag, selbst die Art und Weise, mit welcher der
Freiherr das Ereignis aufgenommen, hatten des Caplans Seele doch mehr erbittert,
als er sich dessen bewusst war, und die Art von Auflehnung gegen seine Führung,
mit der die bis dahin so fügsame Baronin ihm entgegentrat, erinnerte ihn zur
rechten Zeit daran, dass Herrschaft, um wirksam zu sein, keine Unterbrechung
erleiden darf.
    Ich glaube es wohl, sagte er, dass meine Stimme Ihnen fremd geworden ist, dass
meine Frage Sie befremdet. - Denn es müssen verlockende Weisen gewesen sein, mit
denen Sie Ihrem Herzen schmeichelten, bis es zu solcher Selbstzufriedenheit
gelangen, bis Sie glauben konnten, der leitenden Hand fortan entbehren, zu
können, der Disciplin entwachsen zu sein. - Er schüttelte mitleidig das Haupt:
Sie wähnten, auf sich selbst bauen zu können, und haben es verlernt, sich selbst
zu prüfen, sich selbst die notwendigsten Fragen ehrlich vorzulegen und wahrhaft
zu beantworten. Desshalb befremdet Sie meine bestimmt gestellte Frage; deshalb
auch, gnädige Frau, klingt Ihnen meine Stimme, die Stimme der Wahrheit, jetzt
wie eine fremde; deshalb weichen Sie der Antwort aus. Aber ich bin im Stande,
mir diese Antwort selbst zu geben. Sie haben ....
    Angelika wollte ihn unterbrechen; der Caplan gab es nicht zu. Sie sind
krank, meine arme, teure Freundin, sagte er; eine lebhafte Gereizteit steigert
Ihre Ausdrücke, dass auch Sie mir wie verwandelt scheinen, und ich möchte Sie
hindern, von sich auszusagen, was Sie reuen könnte. Lassen Sie mich Ihnen ein
Bild Ihres Seelenzustandes geben, wie er mir erscheint, und es soll Ihnen nicht
benommen sein, mich des Irrtums zu überführen, wo ich ihn begehe.
    Er rückte an den Sessel der Baronin heran, legte seine Hand auf die Lehne,
auf welcher sie die ihrige ruhen liess, und sprach mit dem Tone eines ruhigen
Berichterstatters: Sie sind in diesen Tagen der Einsamkeit Ihr Leben
durchgegangen, haben sich und Andern - die Baronin schüttelte verneinend das
Haupt, und der Caplan ersah mit Befriedigung daraus, dass er es nur mit ihr zu
tun habe - haben sich Ihre Schicksale zergliedert und haben sich gesagt: ich
war nicht glücklich, wie ich es erwarten durfte, mir ward ein schweres Loos zu
Teil, ein Loos, das gross und würdig zu tragen über meine Kräfte ging. Wie
durfte die göttliche Allwissenheit mir ein solches zuerkennen, ohne dass die
göttliche Gerechtigkeit dadurch beeinträchtigt wurde? -
    Er sprach langsam und ohne sein Auge von der Baronin zu entfernen, die
lautlos vor sich niedersah, während ihre Wangen sich röteten und ihr Atem sich
schneller hob. Die Hand langsam von der Lehne des Sessels erhebend und auf ihren
Arm legend, fuhr er immer mit derselben Ruhe fort: Sie hatten hier eine
anscheinend glückliche Familie um sich, Sie erfreuten sich ihrer Hülfe -
Familienliebe dünkte Sie, in Ihrer augenblicklichen Hülfsbedürftigkeit, als das
höchste, das erstrebenswerteste Gut - und Sie sind durch Gottes Sie
erleuchtenden Ratschluss von Ihrer angeborenen Familie getrennt worden, ohne in
dem Herzen Ihres Gatten gerade jenem Sinne für Familienleben und Familienliebe
zu begegnen, nach denen es Sie verlangte. Darin erblickten Sie einen Mangel an
göttlicher Gerechtigkeit ....
    Nein, o nein! rief die Baronin, nicht darin ....
    Hören Sie mich zu Ende, begehrte der Caplan. Ich weiss es, nicht darin allein
glaubten Sie einen Mangel an göttlicher Gerechtigkeit zu erblicken. Aber dass Sie
früh dazu bestimmt waren, die Schuld und die Versündigung des Freiherrn teilend
tragen zu müssen, dass Sie, der Liebe zu einem gleichaltrigen Manne entbehrend,
die ganze Kraft Ihres Herzens erst kennen lernten, als es für Sie nicht mehr
gestattet war, über Ihr Herz zu verfügen; dass Ihre Neigung sich einem Manne
zugewendet hat, der sie nicht erwiderte, einem Manne, dem Sie nie angehören
konnten, auch wenn Sie ihm in der vollen Freiheit Ihrer Jugend begegnet wären -
dass Sie kämpften, sich besiegten, ohne die Frucht Ihres Sieges in dem Frieden
Ihrer Ehe zu geniessen; dass Sie schuldig schienen, ohne es zu sein; dass des
Freiherrn Glaube Ihnen nicht vertraute; dass sein beleidigter Stolz keine
Versöhnung zwischen Ihnen zuliess, wie Ihr Herz sich auch in Reue vor ihm
demütigte - das Alles machte Sie zweifeln an der allweisen Gerechtigkeit des
Herrn. - Und, fuhr er fort, während sein Auge zu leuchten begann, hier auf dem
einsamen Lager, verlassen von dem Beistande der religiösen Tröstung, den zu
entbehren Ihr Herz noch viel zu schwach war, hier in dem Hause, nach welchem
Ihre irrende Empfindung sich oft mit sträflicher Liebe hingesehnt, weil der Mann
hier weilte, dem Sie Ihre Liebe zugewendet hatten, hier trat die Versuchung
abermals an Sie heran, und von ihr verleitet, haben Sie sich gesagt: Ich habe
gelitten, nicht gefehlt! Ich bin unglücklich gewesen und nicht schuldig! Ich
habe vergessen wollen und es nicht vermocht! Ich bin also nicht verantwortlich
für das, was über meine Kräfte geht! All mein Streben nach Vollendung hat mich
nicht beglückt und diejenigen nicht beglückt, die zu beglücken ich gewünscht
habe! Hier sind zufriedene Menschen, die nicht über sich denken und hinleben in
gleichgültiger Gedankenlosigkeit; ich will hingehen und werden wie sie! Ich will
werktätig werden wie sie und meine geheimen Neigungen nicht prüfen, ich will
den Menschen wohltun, dem Tage leben, der Zeitlichkeit leben, wie diese Familie
hier, und wenn dann meine Stunde schlägt, so will ich hintreten vor den Tron
des Herrn und ihm sagen: Du hast mich geschaffen mit meiner Schwäche und
Sündhaftigkeit, du hast die Versuchung in meinen Weg gestellt, ohne mir die
Kraft des freudigen Siegens zu geben; dein ist meine Schuld, nicht mein - ich
wasche meine Hände in Unschuld!
    Er hätte noch lange so fortsprechen können, ohne dass die Baronin ihn
unterbrochen haben würde. Sie hatte ihre Hände auf ihren Knieen gefaltet, ihr
Haupt ruhte auf ihren Händen. Wie die Stimme des Gerichtes tönten die langsam
und gewichtig gesprochenen Worte des Geistlichen auf sie hernieder, sie glaubte
eine Offenbarung zu vernehmen, ein Wunder zu erleben; denn dies Alles, eben dies
Alles hatte sie sich gesagt, diese Zweifel hatten ihr Herz bewegt, zu diesen
Schlüssen hatte es sie gedrängt. Wie ein Erleuchteter, ein Seher erschien ihr
der Mann, der also ihre innerste Seele erkannte. Sie war wieder völlig willenlos
in seine Hand gegeben. Freilich hatte er ihr Nichts gesagt, als was sie ihm seit
Jahren immer und immer wieder in ihren Bekenntnissen anvertraut, und doch traf
es sie wie mit einem Zauber; denn der Mensch, wie oft er sich auch seine eigene
Seele zergliedert und entüllt, ist sich neu und überraschend, wenn ein Anderer
ihm das Bild entrollt, das er diesem selbst geliefert hat, und in der
Ueberraschung vergisst er, dass er dies getan.
    Der Caplan hatte seinen Sitz verlassen. Hoch und ruhig auf die Gebeugte
niederblickend, hütete er sich, sie zu erheben. Er wusste, dass er sie zu schonen
hatte, und die Baronin war ihm teuer; aber auch jetzt wieder empfand er, was er
sich als einem der Glieder jener grossen hierarchischen Verbrüderung schuldig
sei, die sich die Herrschaft über den Menschengeist als ihr angestammtes Erbe
und Recht zuerkennt.
    Es war nicht sein persönliches Belieben und Empfinden, es war nicht nur das
Wohl und Wehe, nicht nur die Unterwerfung dieser einen, am Abhange ihres Lebens
stehenden Frau, mit denen er es zu tun hatte. In dieser Frau hatte er das
Geschlecht derer von Arten an der Kirche und in der Kirche festzuhalten; aus
ihrer Hand musste und konnte er am sichersten die Machtvollkommenheit über den
Knaben gewinnen, der bestimmt war, den stolzen Namen fortzupflanzen; und wäre
das auch nicht gewesen - er schuldete es sich und seiner Kirche, eine Seele in
ihren Banden festzuhalten, die ihr einmal gewonnen worden war und deren
Bekehrung seiner Zeit viel von sich sprechen machen.
    Es war still in dem Zimmer; der Caplan stand sinnend an der Seite der
Baronin. Da er sie also in sich versunken sah, reichte er ihr die Hand. Es ist
jetzt an Ihnen, meine arme Freundin, sprach er, mich meines Irrtums, wie ich
Sie bat, zu zeihen, wenn ich mir einen solchen zu Schulden kommen liess.
    Sie hob ihr Antlitz in die Höhe, es war von Tränen überströmt. O,
Vergebung, Vergebung! war Alles, was sie sagen konnte, denn ein krampfhaftes
Weinen unterdrückte ihre Worte.
    Seba, die sich während dieser Unterredung im Nebenzimmer aufgehalten, trat,
ohne eine Aufforderung abzuwarten, in die Türe. Der Ton der Weinenden gab ihr
nach ihrer Meinung ein Anrecht dazu, denn sie hatte einzustehen für das Befinden
der ihr anvertrauten Kranken.
    Um Gottes willen, was ist geschehen? rief sie, unbeirrt durch die gebietende
Erscheinung des Caplans, indem sie auf die Baronin zueilte und an ihrem Sessel
niederknieete.
    Nichts, nichts! entgegnete Angelika mit sanfter Abwehr.
    Nichts? wiederholte Seba, während ihre klugen Augen sich von der Kranken zu
dem Geistlichen und von diesem zu der Kranken wandten. Nichts - und Sie weinen,
dass es Ihnen den Atem versetzt, und Ihre Hände sind so kalt? - Sie wollte
auffahren in ihrer zornigen Besorgnis, aber sie überwand sich, und mit schneller
Ueberlegung sich an den Geistlichen wendend, sagte sie: Herr Caplan, wir haben
die Ehre, Sie unsern Gast zu nennen, und sind sehr glücklich darüber; da man
aber mit seinen Gästen doch in Frieden und Freundschaft leben soll, lassen Sie
uns ein Abkommen mit einander treffen!
    Dem Caplan, der mit erprobtem Scharfblicke in der ganzen Haltung Seba's die
Entschlossenheit eines festen Herzens erkannte und der von der Baronin bereits
erfahren hatte, wie sehr diese für ihre Pflegerin eingenommen war, kam es darauf
an, in Angelika keine Art von Misstrauen gegen ihn aufkommen zu lassen. Er hielt
sie wieder fest in seiner Hand, und er war wie immer gern bereit, ihr so viel
Freiheit der Bewegung zu vergönnen, als er ihrem Heile angemessen glaubte. Es
war sonst nicht in seiner Art, ähnlichen Aufrufen, wie Seba an ihn richtete, mit
Leichtigkeit zu begegnen. Die Sprache der Galanterie, die er mit seiner Würde
unvereinbar fand, hatte seinem Ernste ohnehin nie zugesagt und lag ihm jetzt
noch ferner; aber er ging, von einer plötzlichen Ueberlegenheit bestimmt, auf
Seba's Forderung freundlich ein und versicherte, dass er sehr bereit sei, jeden
von ihr gemachten Vorschlag anzunehmen, wofern er ihm entsprechen könne.
    O, gewiss, rief sie, Sie können es, nur ein wenig Güte und ein wenig
Selbstverleugnung sind dazu vonnöten! - Sie kauerte neben Angelika's Sessel auf
einem Schemel nieder und sagte lächelnd: Aber ich muss weit, sehr weit ausholen
dürfen!
    Und wie weit? fragte der Caplan, dem die Achtsamkeit nicht entging, mit
welcher die scherzende Seba in den Mienen der Baronin zu lesen trachtete.
    Von der Schöpfungsgeschichte an, entgegnete sie; denn wie Juden und Christen
in ihren religiösen Meinungen und Vorstellungen auch aus einander gehen, die
Erzählung von der Reihenfolge, in welcher Gott die Welt erschaffen hat, die
haben sie gemein, und ....
    Und? wiederholte der Caplan, dem Seba's geflissentlich spielendes Plaudern
nur einen erhöhten Begriff von ihrer willensstarken Klugheit gab.
    Und, sprach sie, sichtlich zufrieden mit sich und mit dem Eindrucke, den sie
auf den Caplan machte, und es steht geschrieben: erst als Gott der Herr den
Körper Adam's in Kraft und Schönheit vor sich sah, hauchte er ihm den Odem
seines Geistes ein!
    Der Caplan konnte seine Ueberraschung über diese Wendung nicht verbergen. Er
verneigte sich vor Seba mit der Versicherung, dass er sich diese Aufklärung zu
Nutze machen werde. Sie tat, als höre sie nicht, dass er sie verspotte, und sich
von ihrem Schemel aufrichtend, rief sie mit einem Tone leichtfertiger
Zuversicht: Tun Sie das, beherzigen Sie mein Gleichniss, hochwürdiger Herr, denn
ich mache sonst von dem Rechte Gebrauch, das mir der Freiherr und der Arzt
einräumten, als sie die Frau Baronin mir und meiner Pflege übergaben: ich lasse
Niemanden zu ihr ein, der ihr irgend eine Aufregung verursacht!
    Sie haben starke Begriffe von Autorität, ich achte das, entgegnete der
Caplan, dem der Charakter dieses Mädchens immer bedeutender erschien, und Sie
sind geneigt, Ihre zufällige Herrschaft zu gebrauchen, wie mir scheint!
    Die Baronin wollte einlenken, weil sie fürchtete, Seba könne dem Caplan
missfallen; aber diese war gewohnt, sich selbst zu helfen. - Wollen Sie mich
tadeln, wenn ich zu geniessen suche, was noch mein, nur noch wenige Tage mein
ist? fragte sie. Bis Mademoiselle Marianne eintrifft, gehört die Frau Baronin
mir, und ich habe für ihr Wohlbefinden einzustehen. Es wird nicht lange dauern,
und - die Augen wurden ihr feucht, obschon sie lächelte - mein Regiment ist aus!
Dann, Herr Caplan, dann tun Sie Alles, was Ihnen geboten scheint, nur unter
meiner Obhut, nur hier, soll meine Kranke heiter sein, soll die Frau Baronin
nicht so weinen!
    Sie weinte aber selbst, während sie diese Worte sprach. Die Baronin hatte
ihr die Hand gereicht, Seba drückte sie an ihre Lippen. Der Caplan war jeder
Bewegung, jeder Miene Seba's gefolgt. Er sah die Zärtlichkeit, mit welcher die
Baronin an ihrem Munde hing, die Sorge, mit der sie auf den Eindruck achtete,
den des Mädchens dreister Freimut auf ihn machen würde, und er war zu klug, um
sich in einen Kampf einzulassen, den er vermeiden konnte, ohne dadurch zu
verlieren. Denn einen Streit mit einem nicht ebenbürtigen Gegner aufnehmen,
heisst diesen erheben, indem man sich erniedrigt, und der Caplan besass die
vorsichtige Selbstbeherrschung des Clerus, dem er angehörte. Er verstand zu
warten, aber er verstand mehr als das: er kannte die Menschen und hatte früh
gelernt, sie zu beobachten.
    Er hatte Seba gesehen, da sie eben in das jungfräuliche Alter getreten war,
und ihr sanftes, schüchternes Wesen hatte damals nicht erraten lassen, zu
welcher Kraft und Entschlossenheit sie sich entwickeln würde. Es mussten
besondere Umstände mitgewirkt haben, ihr dieses Charaktergepräge aufzudrücken
und sie in solcher Weise über ihre Jahre und ihre Lebensverhältnisse zu erheben.
Sie hatte nicht jene Weichheit, welche das Mädchen zu kennzeichnen pflegte, sie
besass die ganze Sicherheit einer vom Leben geprüften und durch dasselbe
gereiften Frau. Sich unterordnend und liebevoll dienend, war sie doch die
Herrschende in ihrem Vaterhause, und auch ihr Einfluss auf Angelika war
unverkennbar. Wie aber war sie zu der Selbstbeherrschung gelangt, welche ihr die
Macht über Andere sicherte? Denn nur derjenige, welcher seiner selbst gewiss ist,
erlangt eine Gewalt über die Anderen.
    Fast gegen seinen Vorsatz hatte er sein klares Auge scharf auf sie
gerichtet, und sie ertrug und erwiederte seinen Blick mit Festigkeit. Nur ihre
Wangen färbten sich, und der Mund, jener schwer zu beherrschende Verräter
unserer Gedanken, zuckte leise, wie in stolzem Trotze. Der Caplan glaubte genug
gesehen zu haben, und senkte mild die Lider, während er sich mit freundlichem
Worte für diesen besonderen Fall als von ihrer besseren Einsicht und grösseren
Sorgfalt überwunden nannte. Ja, er ging noch weiter; er erbot sich, um jede
angreifende Unterhaltung zu vermeiden, die Baronin, so lange sie in Seba's Obhut
sei, nur in deren Beisein zu sprechen, denn er wisse, wie hoch ein
gewissenhaftes Herz übernommene Verpflichtungen halte, und wie liebevoll man
über ein Leben wache, das man mit Mühe und Aufopferung in einem geliebten
Menschen zu erhalten gestrebt habe. Die Baronin reichte ihm dankbar die Hand;
sie hatte gefürchtet, dass der Caplan sich erzürnen, dass er sich gegen Seba
aussprechen könne, und sie liebte Seba.
    Niemals war eine Freundschaftsversicherung, niemals ein Geständnis
gegenseitiger Zuneigung zwischen den beiden Frauen ausgesprochen worden; sie
hatten einander auch nicht um ihre Schicksale befragt, sich ihre Erlebnisse
nicht besonders anvertraut, wie Frauen dies so leicht und gern tun; aber
Bedürfnis, Hülfsleistung und Dankbarkeit hatten eine Neigung und endlich eine
Liebe zwischen ihnen erzeugt, die so natürlich entstanden war, dass beide ihr
rasches Wachstum kaum gewahrten. Seba freute sich in jedem Augenblicke an der
formvollen Güte der Baronin, die Baronin genoss unablässig ihrer Pflegerin
bereitwillige Hingebung. Sie rühmte dem Geistlichen, welch glückliche Tage sie
verlebe, seit sie alle Dienste, deren sie bedürfe, von der Hand einer Freundin
empfange, und seit sie gelernt habe, wie süss es sei, zu fordern, wo man mit der
Möglichkeit des Gewährens dem Andern eine Freude zu bereiten sicher sei.
    Der Caplan widersprach ihr nicht. Im Gegenteil, er erkannte Seba's Vorzüge
unbedenklich an; nur einmal warf er die Frage auf, ob die Baronin irgend etwas
über den Weg erfahren habe, welchen die Charakterbildung ihrer Freundin
genommen, ob sie irgend welche Kenntnis von deren sittlichen und religiösen
Anschauungen habe. Sie verneinte Beides, tat danach aber doch die Äusserung,
dass sie vermute, Seba sei unvermählt geblieben, weil sie eine unglückliche
Liebe im Herzen trage. Der Caplan nannte dies unwahrscheinlich, da das Mädchen
Eigenschaften und Vorzüge besitze, welche auch einem anspruchsvollen Manne
genügen müssten. Die Baronin schwieg eine Weile, indes ein ihr in der Beichte zur
Gewohnheit gewordenes Vertrauen in den Caplan und das Verlangen, ihre Seba nicht
als eine Verschmähte erscheinen zu lassen, trugen über ihre Verschwiegenheit den
Sieg davon, und zögernd, als bekenne sie eine eigene Erfahrung, sagte sie, dass
ihrer Freundin Liebe, wie sie glaube, einem Manne gegolten, von welchem nicht
nur ihre Religion, sondern auch sein Stand sie geschieden habe.
    Sie kennen seinen Namen? fragte der Caplan; da die Baronin die Antwort nicht
augenblicklich gab, liess er jedoch selbst die Frage fallen, und erst nach einer
Weile sagte er, wie man eine flüchtige Bemerkung hinwirft: Ich würde mich
wundern, wenn Mademoiselle Flies sich hätte leicht entmutigen lassen, denn an
Willenskraft hat sie offenbar nicht Mangel, und Standesvorurteile lassen sich
gar oft besiegen, wenn nur die kirchlichen, die religiösen Hindernisse zu
besiegen sind. Wie anders aber würde dieses Mädchens Wesen sich entfaltet haben,
wenn seine übergrosse Selbstgewissheit durch die Erkenntnis jener göttlichen Liebe
gemildert worden wäre, von welcher alle irdische Liebe nur der Abglanz eines
schwachen Strahles ist!
    Er brach dann diese Unterhaltung ab, sicher, dass sie in der Baronin
nachwirken würde, und er hatte sich darin nicht getäuscht. Sie war unverkennbar
bemüht, Seba in die Nähe des Caplans und diesen zu Erörterungen über religiöse
Fragen zu bringen, wenn Seba irgend auf solche einzugehen geneigt war. Aber
nachdem die Baronin auf ihren Wunsch an einem der folgenden Tage gebeichtet und
das Abendmahl empfangen hatte, hielt grade der Caplan sich fest an sein
gegebenes Versprechen und schien, jeder angreifenden Unterhaltung geflissentlich
ausweichend, es nur auf die Pflege und Erheiterung der Kranken abgesehen zu
haben.
 
                              Dreizehntes Capitel
Der Freiherr hatte sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen, er hatte
selbst zu Gericht gesessen über die Angeklagten und Schuldigen. Aber auf den
Besitzungen des Freiherrn wie überall auf dem Lande hing und hängt der niedere
Mann an dem Hergebrachten. Aus dem Hergebrachten schöpft er seine Einsicht, nach
dem Hergebrachten richtet er seine Folgerungen, auf das Hergebrachte stellt er
sich, wenn er mit seinen Erwartungen sich an die Zukunft wendet, und was ihn von
diesem Boden entfernt, flösst ihm ohne Weiteres Misstrauen ein.
    Mancher von den Insassen der Güter war wegen kleinerer oder grösserer
Vergehen in den letzten Jahren zur Verantwortung gezogen worden; indes er hatte
es dann, wie Adam sehr richtig bemerkt, gleich seinen Vordern, auf den Amtmann
und den Justitiarius geschoben, und alle Teile hatten einander gekannt, hatten
mit einander zu verkehren gewusst und ungefähr voraussehen können, worauf sie
sich gefasst zu machen hätten. Jetzt, da der Freiherr selbst Gericht halten
wollte, war es ein Anderes.
    Es waren Frevel geschehen, wie sie bis dahin nicht vorgekommen waren, nicht
hatten vorkommen können, und da sich in den Köpfen der unaufgeklärten und
kurzsichtigen Menge die Begriffe wunderlich kaleidoskopisch zusammensetzen und
gestalten, hatte sich, weil die erschlagene Kammerjungfer und der gemisshandelte
Koch Fremde gewesen, und weil der verwundete Geistliche ein Katolik war, die
Vorstellung der Leute bemächtigt, sie sollten nicht von ihrem rechtschaffenen
protestantischen Herrn Justitiar nach ihrem alten Rechte und Herkommen gerichtet
werden, sondern nach fremden und katolischen Gesetzen, die eben deshalb der
gnädige Herr, der ja auch katolisch war, selbst handhaben wolle. Dagegen habe
der Herr Pfarrer Einspruch getan und der gnädige Herr ihm die Pfarre zur Strafe
abgenommen. Nun werde der Caplan an seine Stelle kommen und allem wahren
christlichen Wesen in der Gemeinde mit Schrecken ein Ende gemacht werden.
    Wo hier und da eine derartig verwirrte Vorstellung dem Amtmanne oder dem
Justitiarius zu Ohren gekommen war, hatten sie dieselbe zu bekämpfen versucht,
aber es ist ein Kennzeichen der Unvernunft, dass sie sich nicht überzeugen lassen
mag; und wenn es dann doch gelungen war, einen oder den andern von den Männern
zu beruhigen, so kamen die Frauen, welche sich weinend und wehklagend bei der
Pfarrerin Rats erholen gingen, mit beängstigenden Voraussichten, mit dem
Glauben an die schlimmsten Möglichkeiten in ihre Wohnungen zurück, und die
misstrauische Angst wuchs nur noch höher empor.
    Unglücklicher Weise wichen die Anordnungen des Freiherrn nun auch von dem
Hergebrachten ab. Sonst hatte man die Termine in der Gerichtsstube in Rotenfeld
abgehalten, die Angeschuldigten waren auf wohlbekanntem Wege nach der
Gerichtsstube gegangen oder gebracht worden, hatten sich an den Häusern,
zwischen den Gärten hin gedrückt und in der Gerichtsstube den Justitiarius, den
Schreiber, den Schulzen in der gewohnten, ihnen allen bekannten Alltagstracht
gefunden, und die Angelegenheit war, wie schlimm sie für den Betroffenen auch
sein mochte, doch ohne besonderen Schrecken für ihn abgegangen. Diesmal war das
anders. Diesmal hatte man die Angeklagten in das Schloss beschieden, und
Jedermann machte sich nun auf das Äusserste gefasst. Denn warum liess man's nicht
beim Alten, wenn man nicht besondere Absichten hegte? Schon der Weg über den
grossen Schlosshof, den die Angeklagten in Begleitung der beiden Büttel vor aller
Welt Augen zurücklegen müssen, war eine schwere Pein und eine Strafe für sie
gewesen. Als sich das Gitter der Mauer, die den Hof umgab, dann hinter ihnen
geschlossen hatte, als ihre Weiber und Angehörigen, die hingekommen waren, sie
zu sehen, ihnen nicht in den Schlosshof folgen dürfen, war ihnen die Angst
vollends zu Kopfe gestiegen, und nun gar da zu stehen in dem grossen hohen Zimmer
des Erdgeschosses, durch dessen Bogenfenster der Tag so hell hineinschien, da zu
stehen vor der langen, grünen Tafel, an welcher der Justitiarius und der
Schreiber, beide schwarz und feierlich gekleidet, weil sie vor dem Freiherrn zu
erscheinen hatten, dessen Eintritt erwarteten, das hatte die Leute in dem
Glauben bestärkt, dass man es auf sie abgesehen habe und dass ihnen zugefügt
werden solle, was noch Keinem von ihnen hier zugefügt worden und was überhaupt
noch nicht dagewesen sei.
    Hoch aufgerichtet und mit finsterem Blicke über die Angeklagten
hinstreifend, war der Freiherr in den Saal getreten, hatte sich an dem oberen
Ende des Tisches niedergesetzt und dem Justitiarius ein Zeichen gegeben, das
Verhör zu beginnen. Dieser, der es allerdings wusste, dass der Freiherr ein
warnendes Exempel zu statuiren und den Leuten seine Gewalt fühlbar zu machen
wünschte, kannte aus vieljähriger Erfahrung nichts desto weniger die dem
Landmanne eigentümliche, zögernde Hartnäckigkeit und das stumpfe Leugnen eines
Schuldigen genugsam, um sich von seinem ruhig fortschreitenden Verhöre nicht
abbringen zu lassen. Aber der Freiherr hatte niemals einer solchen
Gerichtssitzung beigewohnt, und die Menschen, mit denen er es hier zu tun
hatte, waren ihm in ihrem Charakter und in ihrer Art und Weise fast völlig
fremd. Wenn seine Untertanen sonst einmal vor ihm selbst erschienen waren,
hatte er sie als Bittsteller vor sich gehabt, und wer sich einer Schuld bewusst
gewesen war, hatte sich gehütet, in seinen Bereich zu kommen. Selbst die
eigentliche Angst und Not, denen man meist, so gut es gegangen, abgeholfen,
waren nicht leicht bis zu ihm gedrungen, und heute, wo er Angst und Not und
Schuld und scheues Misstrauen, Alles auf einmal vor Augen hatte, empörten sie
ihn.
    Die düstern Mienen, der stumpfe Ausdruck, das abwartende und hinhaltende
Zögern, das Schweigen auf bestimmt vorgelegte Fragen, das geflissentliche
Umgehen und Leugnen der feststehenden Tatsachen regten seine Ungeduld auf und
machten ihm die Leute vollends verächtlich. Er sah eine Auflehnung gegen sich
und sein bestimmtes Wissen von dem Vorgefallenen darin, wenn die Schuldigen sich
bestrebten, sich womöglich aus der Schlinge und Gefahr zu ziehen, und während
der Justitiarius gelassen den Leugnenden einen Fuss breit nach dem andern von dem
Boden streitig zu machen suchte, auf dem sie sich behaupten wollten, war der
Freiherr, müde des frechen Lügens und des unverschämten Trotzens, aufgefahren
und hatte befohlen, von den Leuten mit Gewalt das Eingeständnis der
feststehenden Tatsachen zu erzwingen.
    Es war ein schlimmer Augenblick, als man mit Stockschlägen gegen die
Angeklagten verfuhr, denn es war das nicht vorgekommen seit Menschengedenken.
Wohl hatte man zu allen Zeiten jugendliche Missetäter mit dem Stocke gestraft,
aber man hatte nicht Geständnisse mit dem Stocke erpresst, und es kam dem
Justitiarius hart an, als der Freiherr den Befehl erteilte. Leise bittend,
versuchte er davon abzumahnen, indes der Freiherr gab ihm kein Gehör. Er fühlte
einen Widerwillen gegen die vor ihm stehenden Uebeltäter, er kam sich wie
erniedrigt dadurch vor, dass er in ihrer Nähe sein, ihren Anblick ertragen, die
Schliche und Winkelzüge ihrer engen Köpfe verfolgen, den Ausflüchten und Listen
nachspüren sollte, mit denen sie sich zu retten strebten, und er vergass, dass
nichts als sein eigenes Gelüsten, ihnen seine Oberherrlichkeit klar zu machen,
ihn zu dem Amte gezwungen hatte, das verwalten zu müssen er wie eine Schmach
empfand.
    Ungerührt und nur angewidert von dem Anblicke der sich im Schmerze windenden
und demütigenden Schuld, liess er die erlangten Geständnisse zu Protokoll
nehmen, und stehenden Fusses sprach er seine Willensmeinung aus. Das Recht über
den des Todtschlags Eingeständigen stand nicht dem Freiherrn, sondern dem Staate
zu. Es wurde also der Befehl erteilt, ihn noch in dieser Stunde, in Ketten
geschlossen, an das Gericht der Kreisstadt abzuliefern. Auch die Strafen gegen
die übrigen Angeklagten wurden sofort verhängt und fielen härter und strenger
aus, als man es des Landes hier gewohnt war. Der Freiherr schien sich an dem
Leiden Anderer für die Pein entschädigen zu wollen, welche dieser Morgen ihm
bereitete.
    Mit eigener Hand unterschrieb er das Verhör und den Bericht, die nach der
Kreisstadt mitgegeben wurden, eigenhändig unterzeichnete er das Urteil seiner
Leute, und finsterer noch, als er gekommen war, schritt er, ohne sie und ihr
niedergeworfenes Flehen eines Blickes zu würdigen, an ihnen vorüber und zum
Saale hinaus.
    Er hatte die Angelegenheit erledigt haben wollen, ehe die Baronin
wiederkehrte, ehe die gräflich Berka'sche Familie auf das Schloss kam. Nun hatte
er sie abgetan, und doch fühlte er sich nicht leichter. Es war ein Misston in
sein Inneres gekommen, den er sich selber nicht zu deuten wusste, aber er hörte
ihn immerfort peinlich in sich erklingen, er konnte ihn nicht verstummen machen.
Das Wohlwollen, welches er gegen seine Untertanen sonst gefühlt hatte, war wie
aus seiner Brust gerissen; er sah mit verachtendem Widerwillen auf das Volk
herab, und ein bitteres Hohnlachen war die Antwort, die er sich gab, als er
seine gegenwärtigen Erfahrungen und seine jetzige Stimmung mit den
philantropischen Bestrebungen und Ansichten seiner jungen Jahre verglich.
    Er hatte früher sich oftmals darüber ausgesprochen, dass ein Edelmann seine
Würde nirgends so völlig behaupten könne, als auf seinem Grund und Boden; dass er
einen grossen und schönen Teil seiner Standesvorrechte opfere, wenn er sich
hinter die Mauern der Städte zurückziehe und in die Nähe der Höfe begebe, und
obschon er von Natur gesellig war, hatte sein Hang zu völliger, selbstbestimmter
Freiheit ihn das gesonderte Leben auf dem eigenen Hofe immer als einen Vorzug
betrachten machen. Jetzt dünkte es ihm angenehm, der Nähe und der Berührung mit
der stumpfen Masse des niederen Volkes möglichst entoben zu sein, und sein
ästetischer Widerwille gegen dessen Rohheit schlug, ohne dass er sich dessen
klar bewusst war, in jene auf das bessere Blut begründete aristokratische
Geringschätzung des Volkes um, das ihm gehörte und aus dessen Arbeitskraft er
die Möglichkeit zu seiner freien, edelmännischen Selbstbestimmteit und Willkür
schöpfte.
    Er war unzufrieden mit Allem, was ihn umgab, er meinte immer und immer aufs
Neue zu erkennen, dass er sich auf falschem Wege befunden, dass er nicht genug
Zucht gehandhabt, dass er in gütiger Lässigkeit überall zu viel freies Belieben
um sich her bestehen lassen; denn das freie Belieben des ungebildeten und
unreifen Menschen begann ihm, je schärfer er die Verhältnisse ins Auge fasste,
immer entschiedener als die Quelle alles Uebels zu dünken, und während er in
seiner warmherzigen und glückverlangenden Jugend daraus den Schluss gezogen haben
würde, dass man mit allen möglichen Mitteln danach streben müsse, der Unbildung
durch Verbreitung von Aufklärung ein Ende zu machen, meinte er jetzt
verdüsterten Sinnes aus seinen eigenen Erfahrungen zu erkennen, dass der einzelne
Mensch und vor Allem die grosse Masse durch Güte nicht zu gewinnen und der
bildenden Erziehung nicht zugänglich sei, dass man ihr also keine Freiheit
verstatten dürfe, wenn man sich und sie selber nicht der Gefahr eines
gefährlichen Missbrauchs dieser Freiheit aussetzen wolle.
    Immer geneigt, in Allem, was ihn persönlich betraf, an eine gewissermassen
sichtbare Einwirkung der Vorsehung zu glauben, schien es ihm ein Fingerzeig des
Himmels zu sein, dass diese Erkenntnis sich ihm eben durch einen gegen seinen
Kirchenbau verübten Frevel neu bestätigte. Er war gegen denselben in den letzten
Jahren gleichgültig geworden, er hatte selbst oft gewünscht, ihn nicht begonnen
zu haben; nun, da der Bau sich so stattlich erhob, dass er seine künstlerische
Lust neben der Besitzesfreude daran hatte, nun wurde er durch ein von der wüsten
Rohheit begangenes Verbrechen daran gemahnt, dass die Masse des Zügels und der
Zucht nicht entbehren könne; und dass diese ihr unerlässliche Zügelung ihr von dem
protestantischen Pfarrer nicht angelegt worden sei, dafür meinte er die Beweise
jetzt zur Genüge erhalten zu haben.
    Während er eben so erbittert als schwermütig im Laufe des Tages und noch
spät am Abende im vertrauten Gespräche mit der Herzogin seine Seele von ihrem
Kummer zu entlasten strebte, brannten und brüteten der Zorn und der Hass gegen
ihn in den Gemütern seiner Hörigen. Nicht nur die Familien der Schuldigen und
Bestraften waren in ihren Herzen gegen ihn empört, auch die völlig Schuldlosen,
auch die besten und ihm bis dahin anhänglichsten unter seinen Leuten waren ihm
aufsässig und verwünschten mit seiner Harterzigkeit auch sein Herrenrecht. Sie
hätten es nicht zu sagen gewusst, was sich in ihnen und in ihrem Verhältnis zu
ihrem Herrn geändert hatte, aber der Amtmann und der Justitiarius erkannten, was
geschehen war, und hatten in ihrer richtigen Voraussicht und in richtigem
Verständnis des Volkscharakters und des Menschenherzens den Freiherrn von
persönlichem Einschreiten in der eigenen Sache fern zu halten gewünscht.
    Es war nicht die Härte der Strafe, ja, nicht einmal die Art, in der man die
Schuldigen zum Geständnis gezwungen, gegen welche das Bewusstsein der Leute sich
auflehnte. Es hatte, seit die erste Aufregung in den Pfingsttagen vorüber
gewesen war, kaum einen Menschen auf den Gütern gegeben, der das Geschehene
nicht bedauerte und der nicht der vollen Meinung gewesen wäre, dass es bestraft
werden, schwer bestraft werden und die Strafe hingenommen werden müsse. Hätte
der Herr Justitiarius den des Todtschlags schuldigen Stephan in Ketten nach der
Stadt geschickt, hätte er den Stellmacher, der nach der Aussage des Kochs diesen
niedergeworfen und misshandelt hatte, schliessen, ihn bei Wasser und Brod, wie der
Freiherr es getan, in das seit Jahren nicht mehr benutzte sogenannte Verliess
einsperren, und den blödsinnigen Burschen, der den Herrn Caplan verwundet, von
dem Büttel peitschen lassen, sie würden es hingenommen haben, ohne mehr denn
gewöhnlich zu murren und zu klagen; denn der Justitiarius war dazu da, auf das
Recht zu sehen. Er handelte nicht für das Seinige, er war dem Herrn
verantwortlich und ward dafür bezahlt, auf des Herrn Vorteil und Zukommen zu
achten so gut wie der Amtmann. Er konnte nichts verzeihen, er konnte nichts
schenken, er konnte und durfte nicht Gnade für Recht ergehen lassen. Aber der
Herr konnte es, dem Herrn hatte Niemand zu befehlen, er war Niemandem
verantwortlich, er konnte Erbarmen haben - und er hatte kein Erbarmen gehabt.
    Ein Wunder war das, wie die Leute meinten und es zu einander sagten,
freilich nicht; denn was wissen die Reichen und Vornehmen von der Not und der
Sorge des Armen? Ob der Freiherr da war, ob er lebte oder starb, seine Frau und
sein Sohn wohnten in dem Schloss, Wald und Feld, Wiese und Höhe gehörten ihnen.
Seit Menschengedenken war es ihnen von Vater auf Sohn so zugefallen. Ohne dass
sie die Hand rührten und den Arm bewegten, war ihnen Alles in den Mund gewachsen
und sie hatten nach Keinem zu fragen gehabt, und getan und gelassen, was ihnen
wohlgefallen. Wer hatte denn den gnädigen Herrn zur Rechenschaft gezogen, als
die Pauline in das Wasser gesprungen war? Ob man einem Menschen in der Hitze des
Augenblicks das Leben nimmt, oder ob man ihn langsam dahin bringt, dass er es
sich vor Verzweiflung selber nehmen muss, das sei wohl das Nämliche, ja, das
Letztere sei im Grunde schlimmer. Denn die fremde Kammerjungfer hatte ihr
ehrliches Begräbnis gehabt, und die arme Pauline, die guter Leute Kind gewesen
war, wie nur Eine, war ohne Sang und Klang als ekler Leichnam auf einem
unbezeichneten Platze in der Ecke des Kirchhofes eingescharrt worden, hatte mit
ihrem Selbstmorde ihrer Seele Seligkeit verscherzt, und selbst das Haus hatte
man niedergerissen, worin sie einst gewohnt. Wenn das nicht eine Sünde und ein
Verbrechen gewesen war, dann war nichts Sünde; aber freilich, dem Armen sieht
man auf die Finger und dem Reichen durch die Finger, und dem armen, gedrückten
und geplagten Menschen wird das Herz zuletzt so voll gemacht, dass er sehen muss,
wie er sich's befreit, wenn für ihn nicht Erbarmen zu finden ist, wo er es zu
suchen hat.
    Den ganzen Tag hindurch standen die Türen im Amte und in der Pfarre nicht
still. Die Leute kamen, um vor Leidensgefährten sich auszusprechen. Sie wussten
gut genug, dass der Amtmann und seine Schwester sich über die Herrschaften zu
beschweren hatten, sie wussten, dass es dem Pfarrer und seiner Frau hart ankommen
würde, die Pfarre zu verlassen, sie hofften von der Unzufriedenheit der
Gekränkten Aufmunterung für ihre eigene Erbitterung und ihren Hass zu finden, und
wenn sie sich nicht nach Erwarten aufgenommen fanden, gingen sie mit erhöhtem
Widerwillen und neuem Grolle von dannen, denn sie sagten sich: Was schiert's im
Grunde den Amtmann und den Pfarrer, was aus uns wird? Der Amtmann hat sein
Schäfchen in das Trockene gebracht, und zu leben hat der Pfarrer auch. Sie sind
Einer wie der Andere, es hat keiner ein Herz im Leibe für des Armen Not. Sie
treten Alle, Alle auf den Armen. Aber auch der Wurm krümmt sich und sticht, wenn
er's vermag, er muss nur den rechten Fleck und den rechten Augenblick abzupassen
wissen.
    Es sah übel aus in der Herrschaft! Das alte patriarchalische Verhältnis, auf
welches der Freiherr so stolz gewesen, war nach allen Seiten hin bis auf den
Grund zerstört. Er fühlte sich geschieden von seinen Leuten, er hatte das
Bewusstsein, ihre Liebe und Verehrung eingebüsst, ihren Hass auf sich geladen zu
haben, und sie waren ihm verhasst geworden. Der Amtmann begann die Tage zu
zählen, die er in dem ihm jetzt so lästigen Dienste noch zu verleben hatte, Eva
konnte es kaum erwarten, sich und Herbert und den Bruder von jedem Zusammenhange
mit den Herrschaften frei zu sehen; der Justitiarius seinerseits fand sich durch
das persönliche Einschreiten des Freiherrn in seiner Amtswürde beeinträchtigt,
und in der Pfarre war man eigentlich am niedergeschlagensten, denn nicht allein
für sich, nein, für die ganze Gemeinde fürchtete man dort das Äusserste.
 
                              Vierzehntes Capitel
Während dessen lebte die Baronin stille friedliche Tage in Gesellschaft ihrer
Freundin und ihres geistlichen Beraters. Man hatte ihr im Garten unter den
grossen Bäumen ein leichtes Zeltdach aufschlagen lassen, in welchem sie vom
Morgen bis zum Abend weilte. Die Nähe der bevorstehenden Trennung machte die
Freundinnen nur des Glückes bewusster, welches sie jetzt genossen, und doch
meinte Seba zu fühlen, dass Angelika sie in einer ihr sonst nicht eigentümlichen
Weise beobachte, dass sie ihr etwas sagen wolle, etwas auf dem Herzen habe, und
es fiel ihr auf, dass sie, seit der Caplan im Hause war, das Gespräch so häufig
auf religiöse Fragen und Gegenstände richtete, die sie sonst geflissentlich
vermieden hatte. Auch von ihren Familienverhältnissen sprach sie jetzt noch
öfter und noch rückhaltloser, als sei ihr daran gelegen, der Freundin ein
Zeichen ihres Vertrauens zu geben, und es wollte Seba überhaupt bedünken, als
suche die Baronin jetzt geflissentlich ihr nahe und näher zu treten, als walte
neben dem natürlichen Zuge ihres Herzens noch eine Absicht in ihr vor. Es war,
wie gesagt, regelmässig der Caplan, welcher die Unterhaltung ablenkte, wenn die
Baronin in seinem Beisein der geistigen Wandlungen gedachte, die sie erlebt,
wenn sie des Trostes erwähnte, den sie in dem Anlehnen an einen unsichtbaren
Helfer und in dem Beistande eines treuen, welterfahrenen und verschwiegenen
Beraters gefunden habe, und Seba wusste ihm dies Dank. Auch hatte er sich trotz
seiner Zurückhaltung bald genug in das Leben der Flies'schen Familie
hineingefunden und das Zutrauen der Eltern und der Tochter eben durch seine
Zurückhaltung gewonnen.
    Er besass alte Bekannte und Freunde in der Stadt, hatte mit seinen
geistlichen Amtsgenossen, deren es mehrere an der katolischen Kirche des Ortes
gab, von Alters her Verkehr, und da er ausserdem in den Morgenstunden die
Biblioteken zu besuchen pflegte, während auch die noch immer nicht aufgegebenen
Nachforschungen nach Paul einen Teil seiner Zeit beanspruchten, waren Seba und
die Baronin nach den ersten Morgenstunden, in welchen Angelika mit dem Caplan
die gewohnten religiösen Betrachtungen wieder aufgenommen hatte, sich bis zum
Mittag selber überlassen.
    Eines Morgens hatten sie in dem hellen Sommerwetter lange und ruhig
plaudernd bei einander gesessen. Man erwartete am folgenden Tage das Eintreffen
von Mamsell Marianne, und die Heimkehr der Baronin sollte dann in kleinen
Tagereisen vor sich gehen. Die Freundinnen hatten die Möglichkeit eines
Wiedersehens besprochen, das durch den Umzug der Flies'schen Familie nach der
Residenz gar sehr erschwert ward; ein ausführlicher Briefwechsel war verabredet
worden, als die Baronin sich erhob, um, auf Seba's Arm gestützt, in den Gängen
des Gartens umher zu wandeln. Man konnte dabei einige der Nachbarhäuser sehen;
die Baronin wollte wissen, wem sie gehörten, und plötzlich den Kopf nach dem
Flies'schen Hause zurückwendend, fragte sie, ob Herbert's Zimmer nach der Seite
des Gartens gelegen wären.
    Herbert's Zimmer? Also Sie wussten es, dass er in unserem Hause wohnt? rief
Seba und wurde rot, als habe sie sich ein Unrecht vorzuwerfen und als bereue
sie den Ausruf.
    Zweifeltest Du daran? entgegnete die Baronin; sieh', da bin ich
scharfsichtiger gewesen. Ich erkannte grade an der Sorgfalt, mit welcher Ihr es
vermiedet, Herbert's vor mir zu gedenken, dass Ihr Alle wusstet, was ich für ihn
empfunden habe, und ich hatte mir vorgenommen, es Dir zu sagen - denn wesshalb
sollte ich es Dir verschweigen, da ich Dich wie eine Schwester liebe?
    Sie verlangte sich niederzusetzen, und Seba meinte sie nie schöner als in
diesem Augenblicke gesehen zu haben. Ihre Augen glänzten, obschon die Lider sie
verschämt bedeckten, ihr Mund lächelte, während der Schmerz ihn leise umspielte,
und es lagen in ihrer Stimme wie in ihrem ganzen Ausdrucke eine Unschuld und
Wahrhaftigkeit, die etwas Ueberwältigendes für Seba hatten.
    Ich habe viel gelitten, liebe Seba! nahm die Baronin das Wort: denn schön,
wie die Empfindung war, die mich zu Herbert zog, war sie mir nicht mehr erlaubt.
- Sie hielt wieder inne und sagte dann: Es war sein Mitleid mit mir, das mich
rührte; es waren seine Jugend und seine Warmherzigkeit, die mich zu ihm zogen.
Ich trug eine Sehnsucht nach Liebe in der Brust, und ich vergass, dass Gott nicht
jedem Menschen die Erfüllung seiner Wünsche für zuträglich erkennt. Ich wollte
glücklich sein nach meinem Ermessen, nicht das Glück erkennen, welches Gottes
Ratschluss mir zuerteilt hat, und ich habe noch immer Stunden, in denen ich
ohne den Beistand meines guten Beichtigers mich nicht auf mich selber verlassen
könnte, obschon der Tod ein guter Lehrmeister ist und man in seiner Nähe mit
neuen Augen sieht. Ich habe viel, recht viel gelernt, als ich mich ihm verfallen
glaubte, und ich habe mit Gottes Beistand noch Vieles zu vergüten in der Welt.
Auch Herbert habe ich Unrecht getan und will versuchen, es ihn vergessen zu
machen. Sage ihm das, Liebste, wenn Du ihn wiedersiehst, und - fügte sie mit
tiefer Traurigkeit hinzu - Du sollst es wissen, Du ganz allein: ich fürchte, ich
werde daran sterben, dass ich mein ungenügsam Herz und meine Pflicht nicht mit
einander zu vereinen, dass ich mir nicht genügen zu lassen wusste.
    Seba hätte ihr Mut einsprechen mögen, aber sie vermochte es nicht. Eine
Traurigkeit wie diese schien ihr über den Trost erhaben zu sein, und die Baronin
hatte es auf einen solchen auch nicht abgesehen, denn sie ergriff Seba's Hand,
schloss sie in die ihrige und sagte: Ich wollte Dir das gern sagen, liebe Seba,
damit Du siehst, wie sehr ich Dir vertraue, wie ich Dich liebe und kein
Geheimnis vor Dir haben will! Aber - und sie schlang ihren Arm mit mädchenhafter
Zärtlichkeit um Seba's Nacken - auch von Dir, Liebe, weiss ich mehr, als Du mir
anvertraut hast, und auch das wollte ich Dir eigentlich sagen, ehe Marianne
morgen kommt und ehe wir von einander gehen!
    Seba bog sich zurück, dass sie sich von dem Arme Angelika's freimachte, sah
sie mit starrem Auge an und sprach kalt und tonlos: Sie wissen Nichts!
    Doch, Liebe, ich weiss! sagte jene, die nicht fassen konnte, was mit Seba
vorging.
    Aber diese ergriff die Hand der erschreckten Frau, und sie eben so schnell,
als sie dieselbe erfasst hatte, wieder von sich stossend, rief sie hart und fest:
So vergessen Sie, was Sie wissen!
    Die Baronin verstummte; Seba sah finster brütend vor sich nieder. Sie hatte
es wohl vernommen, wie Angelika ihr unaufgefordert zum ersten Male das
schwesterliche Du gegönnt; sie hatte sich dessen gefreut, sie war gerührt worden
von der Hingebung, mit welcher ihr die Baronin ihr Vertrauen gewährt hatte, um
das ihrige zu erhalten. Nie hatte ihr Herz sich mehr befriedigt, nie hatte sie
sich glücklicher, als in der Liebe dieser Frau gefühlt, und eben durch das
flüchtige Glück heraufbeschworen, trat das Schrecken ihrer Vergangenheit
plötzlich wieder dämonisch vor sie hin. Sie kämpfte einen bittern, schweren
Kampf. Das menschlich berechtigte Verlangen, einmal in ihrem Leben ihr Herz zu
entlasten, die Scheu es auszusprechen, was sie erlitten und gefehlt hatten, und
vor Allem die Sorge, der kranken Angelika ein Mitwissen und einen Schmerz
aufzuladen, welche für sie, für Gerhard's Schwester, schwerer als für jeden
Andern zu tragen sein mussten, stritten in Seba's Inneren mit wechselnder Gewalt,
aber die Liebe für Angelika trug über jedes selbstsüchtige Verlangen den Sieg
davon, und matt und wie erschöpft von ihrem stillen Ringen und Selbstüberwinden,
sagte sie: Die Stunde ist nun da, vor der mir oft gebangt hat und in der ich auf
Deine Liebe verzichten oder fordern muss, was nur grosse Liebe gewähren kann!
Glaube, dass ich nicht unwert bin der Liebe und des Vertrauens, deren Du mich
würdigst; glaube, dass sie mein Glück, mein höchstes Gut sind - aber frage mich
Nichts!
    In ernstem Schweigen blieb sie an der Seite der Baronin sitzen. Angelika war
auf einen solchen Ausgang nicht gefasst gewesen. In ihr Mitleid mit der Freundin
mischte sich ein Gefühl der Kränkung. Sie war es nicht gewohnt, sich
zurückgewiesen zu sehen, und was konnte, was musste zwischen ihrem Bruder und
Seba vorgegangen sein, dass diese vor der Erinnerung mit so kranker Scheu
zurückwich? Sie mochte die Gedanken nicht verfolgen, welche sich ihr
aufdrängten, und beiden Frauen kam das Dazwischentreten des Caplans gelegen,
der, eben heimgekehrt, gleichzeitig mit den brieflichen Nachrichten des
Freiherrn auch ein Schreiben der Gräfin Berka erhalten und diese nun beide der
Baronin zugänglich zu machen hatte.
    Angelika war sehr ergriffen, als sie zum ersten Male wieder ein direktes
Lebens- und Liebeszeichen der Ihrigen erhielt. Und ich sollte meine Leiden nicht
segnen, ich sollte nicht erkennen, dass die Vorsehung ihre wundersamen Wege hat
und dass sie uns für unsere Schmerzen himmlische Belohnungen zu bereiten weiss!
rief sie, während ihre bebenden Hände die Briefe ihrer Eltern an ihre Lippen
drückten und ihre Augen in Freudentränen glänzten. Ja, gewiss, es gibt
wunderbare Ausgleichungen und Herzenstrost, wenn man desselben eben nötig hat!
-
    Sie mochte kaum bedenken, wie wehe sie Seba mit diesen Worten tat, denn die
ganze Rücksichtslosigkeit des Glückes war über sie gekommen; aber der Caplan sah
die Niedergeschlagenheit in des Mädchens Mienen, und es entging ihm eben so
wenig, dass die Baronin den Ausdruck ihrer Freude nicht so ausschliesslich wie
sonst an ihre Freundin richtete. Es musste etwas zwischen ihnen vorgefallen sein,
es musste sich ein Zwiespalt zwischen ihnen aufgetan haben, und dem Geistlichen
kam dies nicht unerwünscht; denn die Gesellschaft eines Freidenkenden, eines
Zweiflers hat, selbst wenn er seine Meinungsäusserung zurückhält, immer ihre
Gefahren für die Ruhe eines Herzens, das man in den Banden des zweifellosen
Glaubens und in den geistigen Schranken festzuhalten wünscht, in welche der
kirchliche Zwang die Seelen bannen muss, um seine Gewalt über sie nicht zu
verlieren; und ohne den Anschein der Neugier auf sich zu laden, hatte der Caplan
dennoch in den verschiedenen Unterhaltungen mit Madame Flies und mit der
Kriegsrätin den Namen des Mannes erfahren, welchen Seba geliebt hatte. Er war,
wie Seba's Wesen sich ihm kund gab, für sein Teil überzeugt, dass sie dem Grafen
näher gestanden, als ihre Eltern und ihre Freunde wussten, dass sie ihre Unschuld
an ihn verloren habe und dass eine Festigkeit und Abgeschlossenheit wie die
ihrige nicht aus einem jungfräulich unentweihten Herzen erwachsen konnten.
    Aber weit mehr als die kleine Verstimmung, welche die Freundinnen gegen
einander augenblicklich hegten, seinen Absichten entsprach, war die Versöhnung
mit ihrer Familie ihm für Angelika bedenklich, und er fragte sich, ob in diesem
Falle es nicht geboten sei, die Freundschaft und den Zusammenhang seines
Beichtkindes mit Seba zu begünstigen, um in dieser ein Gegengewicht gegen den
Einfluss zu gewinnen, den der erneute Verkehr mit ihrer Familie auf die Baronin
auszuüben nicht verfehlen konnte. Er hielt es für wahrscheinlich, dass die Gräfin
Berka die liebevolle Hingebung der Baronin an die Tochter ihres Juweliers sehr
auffallend finden und nicht billigen würde; er sah es voraus, dass bei dem Grade
von Selbstständigkeit, den die Baronin eben jetzt gewonnen hatte, ein
Widerspruch ihrer Familie sie nur fester an Seba binden müsse, und er hielt es
für gut und heilsam, wenn sich gleich Anfangs irgend ein trennendes Element
zwischen sein Beichtkind und dessen protestantische Angehörige stellte, wenn dem
Herzen der Baronin auch von dieser Seite kein volles Genügen geboten, wenn ihr
vielmehr Hindernisse und Beunruhigungen in den Weg gestellt wurden, welche zu
beseitigen, zu beschwichtigen und tragen zu helfen, sie ihres religiösen
Glaubens und seines Beistandes nötig haben musste.
    Da der Freiherr es von dem Ermessen des Caplans und von den Wünschen der
Baronin abhängig gemacht hatte, in welcher Weise das Wiedersehen mit ihren
Eltern ausgeführt werden sollte, erklärte Angelika sich sofort bereit, auf den
Vorschlag ihrer Mutter einzugehen, die sich erboten hatte, die Tochter holen zu
kommen und sie selber nach Richten zu geleiten, wo der Vater sie erwarten und
wohin die übrigen Familienmitglieder sich erst begeben sollten, wenn das
Befinden der Baronin ohne Nachteil den Verkehr mit einem grösseren
Menschenkreise zulassen würde.
    Ein reitender Bote des Grafen hatte die Anfrage und das Anerbieten der
Gräfin überbracht und sollte den Bescheid der Tochter mit zurück nach Berka
nehmen. Der Graf hatte ihm einen zweiten Boten nachgesandt, der die Wiederkehr
des ersten auf halbem Wege erwarten sollte, um dann mit dem Relaispferde den
ersehnten Brief der Tochter so schnell als möglich in die Hände der Eltern zu
bringen. Am Abende des nächsten Tages konnte er in Berka, am Morgen des fünften
Tages konnte die Gräfin in den Armen ihrer Tochter sein.
    Die erste Freude kennt nicht Raum, nicht Zeit; sie überflügelt beide, um
dann in sehnsüchtiger Ermüdung das unerbittlich gleichmässige Fortschreiten der
Secunden desto schwerer zu empfinden. Sie kennt Nichts, als ihr Ziel, und
vergisst mit erbarmungsloser Gleichgültigkeit, was hinter ihr liegt, was sie noch
von ihrem Ziele trennt und was sie opfern muss, es zu erreichen. Nur Ein Gedanke,
nur Eine Empfindung waren in der Baronin mächtig: das Glück über die ihr
bevorstehende Vereinigung mit ihren Eltern und Geschwistern.
    Dass sie sich von ihren Pflegern trennen, dass sie Seba verlassen musste,
schien ihr völlig zu entfallen; sie schien sich nicht zu erinnern, wie ihr vor
dem Abschiede gebangt, wie sie noch vor wenig Stunden alle ihre Hoffnung darauf
gerichtet hatte, sich den Zusammenhang mit der Freundin zu erhalten, vor der
kein Geheimnis zu haben ihr eine Herzensbefriedigung gewesen war. Selbst der
Zurückweisung, die sie erfahren, gedachte sie in diesem Augenblicke nicht, und
Seba liebte sie zu sehr, um sie an sich zu mahnen und die Freude der Baronin
durch ein Zeichen ihres eigenen Schmerzes beeinträchtigen zu mögen.
    Angelika hatte beabsichtigt, in ihren Zimmern Nichts rühren und Nichts
einpacken zu lassen, bis Marianne dies tun könnte; jetzt liess die Ungeduld sie
nicht rasten. Sie hatte ihren Eltern selbst geschrieben und den Caplan
beauftragt, den Freiherrn, mit genauer Angabe der getroffenen Verabredungen, von
ihrem Entschlusse in Kenntnis zu setzen. Mit dem Kalender in der Hand hatte sie
die Tage gezählt, welche bis zu ihrer Ankunft in Richten noch verfliessen mussten.
Man hatte die Nachtquartiere ausgewählt und die Massregeln so getroffen, dass mit
der Estafette, die man dem Freiherrn sandte, auch die Benachrichtigungen an die
verschiedenen Gastausbesitzer mitbefördert wurden, und kaum waren diese
Geschäfte abgetan, so verlangte die Baronin, selbst Hand an das Einpacken
wenigstens der kleinen Gerätschaften zu legen, deren sie sich zu bedienen
pflegte.
    Da sie zu schwach war, sich längere Zeit stehend zu erhalten und in den
Stuben umher zu gehen, trug Seba ihr die Schatullen und Kästchen zu, holte die
verschiedenen Gegenstände, welche Angelika nicht mehr nötig zu haben glaubte,
herbei, und die Baronin bat und forderte, bestimmte und begehrte, wickelte ein
und packte und war so von ihrer Arbeit hingenommen, dass sie es gar nicht
bemerkte, wie Seba still geworden war und welche Traurigkeit sich über sie
gelagert hatte.
    Auf den Wunsch der Baronin musste der Caplan hinuntergehen, um Herrn Flies
und seine Frau von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen. Sie kamen beide
herauf, es wurde Alles noch einmal besprochen; das sichtliche Bedauern ihrer
Wirte, sie bald scheiden zu sehen, rührte die Baronin und erweckte ihre ganze
Dankbarkeit. Sie war gut und herzlich gegen Seba's Eltern, sie sprach auch
dieser zu, aber es war etwas Rasches, Flüchtiges in ihrer Weise, es war der Ton
nicht mehr, den Seba kannte, der aus dem tiefsten Herzen kam, und mit
aufsteigendem Zweifel fragte sie sich: Hätte ich auch sie vergebens geliebt?
    Am anderen Tage kam Mamsell Marianne. Man hatte sie zu der Baronin
beschieden, ohne sie von dem geschehenen Verkaufe des Hauses, in welchem sie ihr
ganzes Leben zugebracht, in Kenntnis zu setzen, und es kostete Mühe, sie zu
beruhigen, als sie es erfuhr. Die Baronin behielt sie bei sich, nahm
augenblicklich ihre Dienste an, um ihr durch die Gewissheit, dass sie ihrer Herrin
notwendig sei, die Trennung von der alten und den Uebergang in die neue Heimat
zu ersetzen. Marianne tat ihr Bestes, aber für sie war der Abstand, welcher die
Nichte ihres Fräulein Ester, die Freifrau von Arten-Richten von den Personen
trennte, in deren Hause sie ihre Frau Baronin zufällig antraf, ein gar zu
grosser. Sie konnte sich nicht darin finden, die gnädige Frau ohne ihre
Dienerschaft zu sehen, es kränkte sie, wenn nicht ein Kammerdiener, sondern Seba
der Baronin den Tisch bereitete und die Speisen zutrug, und es beleidigte alle
ihre Vorstellungen, wenn Angelika, was sie jetzt immer tat, die Freundin Du
hiess und ihr mit Schmeichelnamen und mit den freundlichsten Worten für ihre
Dienste dankte. Unter dem Vorwande, ihr die Mühe abzunehmen, strebte Marianne
danach, Seba von diesem Tun zurückzuhalten, und die Baronin selbst ersuchte die
Freundin aus Rücksicht für Marianne, die alte Dienerin walten zu lassen. Seba
erkannte und ehrte die Beweggründe Angelika's, aber mit den feinen Sinnen eines
zärtlichen Herzens empfand sie, wie mit dem Hinzukommen von Mamsell Marianne
eine fremde Welt zwischen sie und Angelika getreten sei. Sie musste eine stumme
Zuhörerin machen, wenn Marianne von den zahlreichen Verwandten und Bekannten der
Häuser von Arten und von Berka erzählte, die in der Residenz ansässig waren,
wenn sie von der Herrschaft sprach, die zu ihres Fräuleins Zeiten in das Haus
gekommen oder die Gäste der Baronin gewesen waren, als diese die Residenz
bewohnte. Sogar die feierlich unterwürfige Art, in der sie zu der Baronin redete
und mit der sie sie bediente, fiel Seba auf, und während sie sich bis dahin des
Gedankens erfreut hatte, dass Angelika es in ihrem Hause und in ihrer Pflege so
gut als möglich gehabt habe, fing es sie zu beunruhigen an, dass sie doch
Mancherlei entbehrt haben könne, und das tat ihr wehe. Sie kam sich arm vor,
weil sie fürchtete, dass sie nicht Alles zu schaffen und zu gewähren vermocht
habe, was lange Gewohnheit ihrer Freundin zu einem, von der weniger Verwöhnten
nicht gekannten und also auch nicht vorausgesehenen Bedürfnis gemacht. Der Dank
Angelika's, den sie bis dahin mit gutem Glauben aufgenommen hatte, begann sie zu
ängstigen, aber die Baronin, die sonst mit höchstem Verständnis jeder Regung in
dem Herzen der Freundin zu folgen pflegte, hatte jetzt keinen anderen Gedanken,
als den an ihre Mutter.
    Es war schon spät am Abend, als die Gräfin Berka, an dem festgesetzten Tage,
vor dem Flies'schen Hause vorfuhr. Man hatte Angelika willfahren und ihr das
Wiedersehen der Mutter gleich nach deren Ankunft gestatten müssen, um der sie
aufregenden Spannung und Erwartung ein Ende zu machen. Seba hatte die Gräfin zu
ihrer Tochter hinaufbegleitet, sie hatte gesehen, wie sie einander in die Arme
gesunken waren; dann hatte sie sich entfernt. Mehr als eine Stunde war
vergangen, ehe die Baronin durch Mamsell Marianne den Caplan zu sich bescheiden
und dann auch Seba und ihre Eltern bitten liess, sich zu ihr zu bemühen.
    Die Gräfin kannte Herrn Flies und seine Frau. Sie hatte manche Bestellung,
manchen Einkauf bei ihnen gemacht und sie immer für rechtschaffene Leute
gehalten. Sie erinnerte sich, dass Graf Gerhard einmal in ihrem Hause gewohnt
habe, und wusste es ihnen recht sehr Dank, dass sie sich der Baronin so eifrig
angenommen. Aber es dünkte ihr so natürlich, dass eine Familie wie die Flies'sche
sich eine Pflicht und eine Ehre daraus machte, der Baronin von Arten
beizustehen, sie fand es so selbstverständlich, dass Seba sich glücklich fühlen
müssen, ihrer Tochter, ihrer Angelika, helfen und dienen zu dürfen; und es waren
nicht Seba's Hingebung und Liebe, die sie schätzte und anerkannte, sondern der
richtige Tact, mit welchem diese sich zurückzog, seit die Gräfin ihre Stelle
neben der Tochter wieder einnahm.
    Angelika war wie von einem Zauber befangen und gelähmt. Sie fühlte es, wie
die herablassende Freundlichkeit ihrer Mutter ihre Gastfreunde und vor Allen
Seba kränken musste, sie hörte so gut wie diese das Abfindende und
Verabschiedende in dem Dankesworte der Gräfin; aber sie mochte die Mutter nicht
tadeln, von der sie so lange getrennt gewesen war, sie wagte nicht, ihr in
diesen ersten Stunden des Beisammenseins es zu erklären, welch lebhafte Neigung,
welche Freundschaft sie für Seba fühlte, und Seba's Verschlossenheit hatte sie
in ihrem eigenen Empfinden irre gemacht.
 
                              Fünfzehntes Capitel
Die Nacht verging der Baronin nicht gut. Die Freude hatte sie zu sehr aufgeregt,
die Erinnerungen langer Jahre hatten sie zu mächtig bestürmt, die Nähe ihrer
Mutter hatte ihr nach dem ersten Aufwallen der Freude und der Rührung es fühlbar
gemacht, welche Wandlungen in und mit ihr vorgegangen waren, und was der
Freiherr durch rasches Nachdenken in sich zum Bewusstsein gebracht hatte, jene
Einsicht, dass lange Trennungen eine Rückkehr in die früheren Verhältnisse
unmöglich machen, das bewies sich für die Baronin durch das Zusammensein mit
ihrer Mutter.
    Der Caplan fand sie, als er am Morgen zu ihr kam, in einer
Niedergeschlagenheit, die sehr gegen die freudige Erwartung der vergangenen Tage
abstach, und ohne dass er sie darum zu befragen brauchte, schilderte sie ihm den
Kampf in ihrem Herzen. Trotz der Herrschaft, welche ihr Gatte über sie ausgeübt,
hatten die Jahre und die natürlichen Verhältnisse sie an eine Selbstbestimmung
gewöhnt, in welcher sie sich durch die Gräfin in jedem Augenblicke beschränkt
fand. Weil sie mit ihrer Mutter, seit sie ihr Vaterhaus verlassen, nur einmal
und wenige Tage beisammen gewesen war, und weil diesem flüchtigen Beisammensein
eine durch lange Jahre fortgesetzte Trennung gefolgt war, hatte sich Angelika's
Bild in dem Herzen ihrer Mutter nur in ihrer mädchenhaften Gestalt, nur in dem
töchterlichen Verhältnisse erhalten, und mit der Tochter wieder vereint, hatte
die Gräfin, da ohnehin die Krankheit Angelika's dazu verlockte, sich der
Bestimmung über sie, wie eines ihr unter allen Umständen gebührenden Rechtes
bemächtigt. Wer aber einmal der Zucht und Leitung entwachsen ist, fühlt sich von
ihr beengt, und am schwersten, wenn sie sich auf Kleinigkeiten und auf die freie
Bewegung innerhalb gleichgültiger Dinge erstreckt. Es ängstigte Angelika, wenn
die Mutter ihr Dieses riet und Jenes gebot, sie Dieses tun und Jenes lassen
hiess, während sie wahrscheinlich aus freiem Antriebe das Gleiche getan haben
würde. Sie fand sich zu einem Widerspruche geneigt, den sie sich zum Vorwurf
machte, und zwang sich zu einer Fügsamkeit, die ihr schwer fiel, weil sie sich
sagte, dass ohnehin eine Trennung zwischen ihr und ihrer Mutter obwalte, über die
kein guter Wille ihnen hinweghelfen könne und die schmerzlich anzudeuten die
Gräfin nicht unterlassen hatte.
    Angelika hatte es deutlich gesehen, dass ihre Mutter sich verletzt gefühlt,
als jene sie gebeten, erst um elf Uhr zu ihr zu kommen, da sie die Gewohnheit
und das Bedürfnis habe, die Stunde von zehn bis elf Uhr mit dem Caplan
zuzubringen, und eben so hatte die Gräfin es nicht zurückhalten können, dass ihre
Tochter in dem Ausdrucke ihrer Dankbarkeit und Freundschaft gegen die Flies'sche
Familie ihr zu weit zu gehen scheine. Das Alles hatte Angelika verstimmt, und
auch über Seba beschwerte sie sich endlich.
    Der Caplan hatte ihr ruhig zugehört. Als sie ihre Mitteilungen abbrach,
sagte er: Erkennen Sie in dieser neuen Erfahrung, meine teure gnädige Frau, wie
häufig der Mensch in seinem Wünschen irrt, wie wenig es seinen Erwartungen
entspricht und seinem Glücke dient, wenn die ersehnte Erfüllung ihm gewährt
wird. Ich fürchtete es, dass jene ausschliessliche Mutterliebe, die ihr Kind
allein besitzen, die es selbst mit seinem Gotte nicht teilen mag, Sie
beunruhigen würde, und es ist gekommen, wie ich es voraussah. Nehmen Sie diese
Erfahrung als eine Erkenntnis hin, die der Himmel Ihnen darbietet, und fügen Sie
sich der Frau Gräfin in dem Gleichgültigen, in dem Unwesentlichen, um desto
fester Ihre selbsterworbene und selbständig betätigte religiöse Ueberzeugung zu
behaupten. Verbergen Sie sich vor der Frau Gräfin weder mit Ihren abweichenden
Meinungen, noch mit jenen religiösen Uebungen, welche unsere Kirche uns
auferlegt, und auch in Bezug auf Ihre Freundin tun Sie Ihrem Empfinden keinen
Zwang an. Die Dankbarkeit ist eine heilige Pflicht, aber eine noch erhabenere
Aufgabe ist es, dem Irrenden die Hand zu reichen und dem Menschen, dessen Auge
verdunkelt ist, dass er sich selber nicht zu erkennen vermag, ein Führer und eine
Stütze zu sein. Ich billige und lobe es, dass Sie sich Seba in Ihrer Weise
näherten, dass Sie sie an sich zogen und ihr Vertrauen zeigten, um Vertrauen zu
gewinnen; nur vergessen dürfen Sie es nicht, dass dieses reichbegabte Mädchen von
Jugend auf sich selber überlassen war, dass ihr der geistige, der göttliche
Anhalt fehlte, dessen wir uns rühmen und getrösten, und dass sie also leichter
als viele Andere vom rechten Pfade sich verirren konnte.
    Eine dunkle Röte, ein Erschrecken flogen über die Baronin hin. Halten Sie
es für möglich ....! rief sie und wagte nicht, dem Gedanken Worte zu geben, den
der Geistliche in ihr erweckt.
    Er zuckte die Schultern. Wir sind Alle fehlbar! sagte er mild. Ihre Freundin
Seba ist zu grosser Liebe, zu grosser Hingebung geneigt, und unsere jungen
Edelleute - einen jungen Cavalier bezeichneten Sie mir ja aber als den
Gegenstand von Seba's Neigung - unserer jungen Edelleute Sitten sind nicht
streng. Wer kann es wissen, ob es dem armen Mädchen nicht unmöglich ist, Ihr
Vertrauen zu erwiedern, ob es sich nicht verbirgt, aus Furcht, Ihrer Liebe
verlustig zu gehen? Haben Sie Geduld mit ihr und weisen Sie sie um ihres
Schweigens willen nicht zurück.
    Die Baronin hatte die Hände unwillkürlich gefaltet. Sie konnte sich in die
Anschauung des Geistlichen nicht gleich finden, denn sie hatte Seba immer weit
über sich gestellt, hatte in ihr das Urbild weiblicher Herzensreinheit geliebt
und verehrt, und sollte sie jetzt plötzlich schuldig, sollte sie sich in einem
sträflichen Zusammenhange mit ihrem Bruder denken. Sie wollte diese Vorstellung
von sich weisen, den Caplan eines unbegründeten Verdachtes zeihen, aber es
stimmte so Vieles zusammen, es erklärten sich mit dieser Voraussetzung für die
Baronin plötzlich einzelne auffallende Erlebnisse, die sie mit Seba gehabt
hatte, sie konnte den in ihr erweckten Zweifel an der Unschuld ihrer Freundin
nicht mehr unterdrücken. Weit entfernt jedoch, sich dadurch von ihr losgetrennt
zu fühlen, stieg ein sie überwältigendes Mitleid für Seba in ihr empor und
erhöhte und erhob die Liebe, welche sie bisher für sie gehegt hatte.
    Der Caplan störte sie in diesem Empfinden nicht. Er hatte ohnehin ihre
Achtsamkeit auf andere Vorgänge zu lenken, denn man durfte der Baronin die
Nachricht von den in Richten geschehenen Ereignissen nicht länger vorentalten,
wenn man sie nicht gleich nach ihrer Ankunft einer Erschütterung durch irgend
eine zufällige Mitteilung derselben aussetzen, und wenn man, worauf es dem
Freiherrn besonders ankam, den gräflichen Eltern die Kenntnis gewisser
Verhältnisse entziehen wollte.
    Alles, was sie hören und erfahren musste, steigerte mit den Sorgen der
Baronin ihr Verlangen, bald wieder in ihrer Heimat zu sein. Sie hoffte
ausgleichen, vermitteln zu können; die Aufregung, in welcher sie sich befand,
täuschte sie über das Mass ihrer Kräfte. Sie entwarf Plane für eine völlig neue
Lebensführung, sie traute es sich zu, ihren Gatten allmählich zu einer solchen
überreden zu können, sie wünschte vor allen Dingen die Entfernung des Pfarrers
zu verhüten, und wie sie noch vor wenig Tagen die Ankunft ihrer Mutter ersehnt
hatte, so wünschte sie jetzt, grade wie bei dem ersten Besuche, welchen ihre
Eltern ihr in Richten gemacht, dass die Anwesenheit derselben erst vorüber und
sie in der Lage sein möchte, die von ihr jetzt für unerlässlich gehaltene
Einwirkung auf ihren Gatten zu versuchen.
    Die Gräfin bemerkte es, dass Angelika zerstreut war, wollte den Grund davon
entdecken und zeigte sich unzufrieden, als ihr dieses nicht gelang. Die beiden
Frauen, wie sehr sie einander auch liebten, kamen sich nicht von Herzen nahe,
sie hatten an einander vielerlei zu schonen, und Angelika sprach es gegen den
Caplan noch an demselben Abende aus, wie sie fühle, dass eine Frau, selbst wenn
ihre Ehe dem Ideale einer solchen nicht entspräche, ihre Heimat doch
ausschliesslich in dem Hause ihres Gatten, in der mit ihm begründeten Familie
habe, und dass es sicherlich nicht leicht für sie sein werde, die Ansprüche ihrer
angebornen Verwandten zu befriedigen, den alten Pflichten zu genügen, ohne die
neuen zu beeinträchtigen.
    Der Caplan gab ihr dies zu. Er sah, dass er von dem Einflusse der Berka'schen
Familie nichts mehr zu befürchten habe, und er war es also, der die Baronin
abermals ermahnte, sich ihrer Mutter so weit als möglich fügsam zu beweisen, der
die Gräfin ersuchte, sich die Freundschaft, welche die Baronin für die Tochter
ihrer Wirte hege, ohne Einspruch gefallen zu lassen. - Es handelt sich um wenig
Stunden, gnädige Gräfin, sagte er, um etwas Gefälligkeit gegen die
schwärmerische Empfindungsweise der Frau Baronin, und es ist schön, wenn die
Jugend ihre Gefühle für dauernd, für unendlich hält!
    So ging der letzte Tag vorüber, den Angelika im Flies'schen Hause zu erleben
hatte. Es gab vielerlei zu tun; die schöne Zierlichkeit, welche Seba in den von
der Baronin bewohnten Zimmern zu erhalten gewusst, selbst während die
Krankenpflege dem Hindernisse in den Weg gestellt, musste jetzt allmählich
zerstört werden. Die Gräfin war beständig an der Seite ihrer Tochter, Mamsell
Marianne und der Kammerdiener der Gräfin liessen die Koffer auf den im Hofe
stehenden Reisewagen schnallen, die Baronin hielt sich ruhig auf ihrem Sessel.
Sie schien jetzt mehr als während ihrer ganzen Krankheit darauf bedacht, sich zu
schonen und ihre Kräfte zusammen zu halten. Nur ihre Blicke wanderten umher; sie
suchten Seba und folgten ihr, und einmal, als die Baronin sich erhoben hatte und
die Freundinnen sich in dem Nebenzimmer zufällig allein befanden, schlang die
Baronin ihre beiden Arme um Seba's Hals, und sie an sich drückend, sagte sie:
Lass uns einander nicht verloren gehen, glaube an mich, wie ich an Dich, und lass
mich hoffen - lass mich hoffen, dass wir uns einst so wie in Liebe auch im Glauben
noch zusammenfinden! O, dass Du es kenntest, das selige Gefühl, sich durch die
Gnade eines Mittlers dem Trone des Höchsten zu nähern, und all seine Sünden,
all seine Leiden und Schmerzen durch das Vertrauen auf den himmlischen Erlöser
von sich genommen zu fühlen! Denke an mich, so oft Du betest, Seba, und so oft
ich mich in Demut vor dem Heilande beuge, soll Dein Name auf meinen Lippen
sein, und ich will beten, zu ihm beten, dass er Dich zu sich rufe und dass wir
einst zusammen auf unseren Knieen unsere Herzen zu ihm erheben!
    Sie sah schön und verklärt aus, als sie also sprach. Seba betrachtete sie
mit Rührung. Du bist sehr gut, meinst es sehr gut mit mir, Angelika, sagte sie,
indem sie ihre Hände gefasst hielt und ihr tief ins Auge blickte, und ich werde
Dich nie vergessen! Denn Du hast mir mehr gegeben, bist mir mehr geworden, als
Du ahnen kannst! Lass Dir das genügen; lass es Dir genügen und liebe mich immer,
immer! Was auch kommen möge, liebe mich!
    Sie ging von dannen; die Baronin schaute ihr gedankenvoll nach, dann knieete
sie nieder, nahm das Kruzifix Amanda's, welches sie immer am Halse trug, in ihre
Hände und betete lange und still. Sie nahm Abschied von diesen Räumen und flehte
Gottes Segen auf das gastliche Haus ihrer Freunde, auf das ungläubige und der
Erleuchtung und des Trostes so bedürftige Herz ihrer Freundin herab.
    Am folgenden Morgen um elf Uhr, so hatte man es verabredet, sollte die
Baronin in dem Reisewagen nach dem Gastofe fahren, in welchem die Gräfin
abgestiegen war, mit dieser noch ein Frühstück einnehmen und dann für die erste,
absichtlich sehr kurz bestimmte Tagereise aufbrechen. Von den Segenswünschen
ihrer Gastfreunde begleitet, wollte die Baronin das Haus verlassen, aber die
Trennung von Seba fiel ihr gar zu schwer, und voll Verlangen, keinen der wenigen
ihnen noch gegönnten Augenblicke zu verlieren, vermochte sie endlich Seba dahin,
sie zur Gräfin zu begleiten und bis zu ihrer Abreise noch bei ihr zu verweilen.
Als man in den Gastof kam, fand man in dem Zimmer der Gräfin den Tisch bereits
gedeckt. Der Caplan hatte noch einen Besuch bei dem Propste machen wollen, und
sein Kommen wurde erst nach dem Frühstücke erwartet.
    Die Gräfin war in ungewöhnlich guter Laune; sie rühmte das Aussehen ihrer
Tochter, zeigte sich auch gegen Seba, obschon sie dieselbe nicht erwartet hatte,
freundlicher und herzlicher, und erkundigte sich dazwischen doch wieder mit
solcher Geflissenheit nach dem Befinden der Baronin, und ob sie sich auch recht
frisch, recht kräftig fühle, so dass Angelika endlich die Frage aufwarf, ob sie
denn heute etwas Besonderes zu leisten habe, weil die Mutter sich so ängstlich
um den Zustand ihrer Kräfte sorge.
    Die Gräfin lächelte. Der Zufall hat Dir eine Ueberraschung zugedacht, sagte
sie; fühlst Du Dich im Stande, sie zu geniessen?
    Ach, mein Vater! rief Angelika, indem sie sich erhob.
    Nein, nicht der Vater, entgegnete die Gräfin, während auf ein leises, von
ihr gegebenes Zeichen die Türe des Nebenzimmers sich öffnete und in aller
seiner stolzen Schönheit Graf Gerhard in das Zimmer trat.
    Mit einem Ausrufe der Freude warf die Baronin sich ihm an die Brust; aber
fast in demselben Augenblicke wendete sie sich um, und ihrer Bewegung folgend,
sah der Graf jetzt plötzlich Seba vor sich stehen.
    Bleich wie der Tod und keines Wortes mächtig, trat er zurück. Seba hatte die
Ecke des Marmortisches erfasst, an dem sie stand; sie musste sich halten, um nicht
umzufallen. Die Baronin war auf den nächsten Stuhl gesunken, die Gräfin stand
mitten in dem Gemache und sah, ohne den Vorgang zu begreifen, mit Schrecken auf
ihre Kinder, und um sich her.
    Was ist das? Redet, redet! Was bedeutet das? rief sie, während sie sich zur
Tochter wendete.
    Frage nicht, o, frage nicht! rief diese. Indessen die Lebhaftigkeit der
Mutter überhörte es, und sich gebieterisch zu ihrem Sohne wendend, sprach sie:
Kennst Du dieses Mädchen? Rede, rede, Gerhard! Was ist Dir dieses Mädchen?
    Aber kein Ton von des Grafen Lippen gab ihr Antwort. Wie von einem Banne
befangen, hingen seine Augen an Seba's starrem, bleichem Antlitze, an ihrem
zuckenden Munde. Er hätte fliehen mögen, aber er konnte die Stelle nicht
verlassen; er hätte sprechen mögen, aber Seba's brennendes Auge schloss ihm den
Mund und noch immer wartete die Gräfin auf eine Antwort.
    Da richtete Seba sich empor wie Einer, der mit Aufbietung aller seiner Kraft
gewaltsam seine Fesseln sprengt, und schön wie eine Judit in ihrem wilden Zorn,
flammend in ihrem Rachegefühl, rief sie: Was ich ihm war? - Sie lachte, dass es
den Andern Mark und Bein durchschauerte - was ich ihm war? - Ein Zeitvertreib
für eine müssige Stunde, ein billiger Triumph noch im Moment des Scheidens,
weiter nichts, weiter nichts! - Gewettet hatte er beim Wein in seiner Cameraden
lustiger Gesellschaft, dass er mich besitzen würde, und - hier vor seiner Mutter,
hier vor seiner Schwester, vor Dir, Angelika, will ich es bekennen - meine Liebe
hat ihm das Gewinnen leicht gemacht, denn .... sie hielt inne, der Atem
versagte ihr, die verhaltenen Tränen drohten sie zu ersticken, und plötzlich in
ein Weinen ausbrechend, das aus den Tiefen ihres gequälten Herzens kam, fügte
sie hinzu - denn ich habe den Elenden geliebt mit aller Inbrunst eines reinen
Herzens, mehr als mich selbst, mehr als Vater und Mutter, mehr als Alles auf der
Welt!
    Sie hatte ihre Kraft erschöpft, sie musste sich niedersetzen, und den Kopf
auf ihre Arme legend, die sie auf dem Tische ausgebreitet, weinte sie mit
verborgenem Gesichte.
    Auch die Gräfin hatte sich setzen müssen; nur Gerhard stand wie ein
Gerichteter zwischen den drei Frauen da. Plötzlich erhob sich die Baronin, ging
mit raschem Schritte zu ihrem Bruder, und seine Hand ergreifend, während sie ihn
zu Seba hinzuziehen suchte, rief sie: O, vergüte! Vergüte, mein Bruder! Sühne,
was Du an ihrem edeln Herzen gesündigt hast! Lass sie die Deinige werden, sie,
die ich wie eine Schwester liebe!
    Aber der Graf wehrte seiner Schwester, und fast tonlos, so dass nur das
Schweigen der Frauen seine Worte hörbar machte, sprach er: Und wenn ich es
wollte - es kann nicht sein!
    Da hob Seba den Kopf in die Höhe, und ihn mit kaltem Auge messend, sagte
sie, während, den Andern zum Erstaunen, ihren Zügen und ihrer Stimme die Ruhe
wiederkehrte: Und wenn Du es wolltest und wenn Du es dürftest - Du vermöchtest
es nicht! Denn wie könntest Du mir die vertrauensvolle Liebe wiedergeben, die
ich einst für Dich gehegt habe? Wie könnten Dein Rang und Dein Name mich damit
versöhnen, Dein Weib, das Weib - eines Ehrlosen zu werden, den ich verachte, wie
ich ihn einst geliebt!
    Seba! flehte Angelika, flehte die Gräfin.
    Halte ein! rief der Graf, indem er zusammenbrechend sich zu den Füssen seiner
Mutter warf, die sich unwillkürlich von ihm wendete.
    Seba regte sich nicht. Mit eisigem Blicke sah sie auf den Grafen hin, die
Stille war entsetzlich, sie konnten einander atmen hören. Mit einem Male stand
sie auf, sah um sich her und schien etwas zu suchen.
    Die Baronin erhob sich ebenfalls; sie erriet, was jene vorhatte, und nahm
ihre Hand, um sie zurückzuhalten.
    Ich will fort, sagte Seba matt; meines Bleibens ist hier nicht. - Sie ging
nach ihrem Hut und Shawl.
    Du darfst, Du kannst nicht gehen! versicherte Angelika, die sich selber kaum
aufrecht zu erhalten wusste.
    Sorge nicht, ich habe ertragen gelernt! gab Seba ihr zur Antwort.
    Sie setzte achtlos den Hut auf, nahm den Shawl um ihre Schultern und wollte
sich entfernen. Da warf Angelika sich vor ihr nieder, und die Hände flehend zu
ihr erhoben, bat sie: Denke meiner nicht mit Hass!
    Deiner? Deiner? Wie könnte ich? versetzte Seba, indem sie Jene in ihre Arme
schloss, und noch standen sie, ihre heissen Tränen mit einander mischend, Brust
an Brust gelehnt, als die Gräfin zu ihnen herantrat.
    Seien Sie barmherzig, bat sie, vergeben Sie, und Gott wird auch Ihnen seine
Vergebung angedeihen lassen!
    Seba schüttelte schweigend das Haupt. Ich habe mich vor mir selbst
gedemütigt bis zur Zerknirschung, und mich in mir selbst erhoben, sagte sie;
ich habe durch Liebe zu sühnen gesucht, was ich aus blinder Leidenschaft
gesündigt; ich bedarf keiner anderen Vergebung! Ich habe mir selbst verziehen! -
Mag er, wenn er es kann, das Gleiche tun!
    Und ohne den Grafen weiter eines Blickes zu würdigen, verliess sie das Zimmer
und das Haus.
 
                              Sechszehntes Capitel
Es war eine traurige Reise, welche die beiden Frauen zurückzulegen hatten. Graf
Gerhard, der, von der Hochzeit eines Cameraden kommend, zufällig mit seiner
Mutter in dem Gastofe zusammengetroffen war, hatte die Stadt noch in der
nämlichen Stunde verlassen; die Abreise der Frauen hatte wegen der Erschöpfung
der Baronin bis zum Nachmittage hinausgeschoben werden müssen.
    Die Gräfin war tief erschüttert, Angelika völlig herzzerrissen und
fassungslos. Sie hatte der Mutter mit einem Eide geloben müssen, dass kein Wort
über diesen furchtbaren Vorgang jemals von ihren Lippen kommen solle, und die
Gräfin hatte, von ihrem Sohne ein gewandeltes Leben fordernd, ihm das gleiche
unverbrüchliche Schweigen zugesagt. Der Gedanke, dass ihres Sohnes Ehre der Welt
gegenüber also nicht angetastet werden würde, das war der Trost, an dem sie sich
emporrichtete, wenn das vernichtende Urteil, welches Seba über ihn gesprochen,
in seiner unerbittlichen Strenge in dem Herzen der Gräfin nachklang.
    Der Caplan, dem es nicht hatte verborgen bleiben können, dass Seba die
Baronin nach dem Gastofe begleitet und dass sie dort mit dem Grafen Gerhard
zusammengetroffen war, hatte keine Mühe, sich das Geschehene zu deuten, und die
Stimmung der beiden Frauen, deren Begleiter er war, zu erklären. Er richtete
keine Frage an Angelika, aber er verstand es, wesshalb sie mehr als je zuvor von
der Sorge um die Erziehung und Charakterbildung ihres Sohnes hingenommen schien,
und er suchte sie bei diesen Gedanken festzuhalten.
    Da man um der Baronin willen immer erst spät am Morgen aufbrechen konnte,
war es schon gegen Abend, als man auf der Herrschaft anlangte, und Angelika's
Traurigkeit ward mit der Ankunft auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht
vermindert. Der Anblick des Pfarrhauses, des Amtofes, des frischen Grabes auf
dem katolischen Kirchhofe riefen ihr keine tröstlichen Erinnerungen und
Vorstellungen in das Gedächtnis. Als sie an der schönen, neuen Kirche
vorüberfuhren, wagte sie nicht, die Mutter auf dieselbe aufmerksam zu machen,
und die Gräfin äusserte sich nicht darüber.
    Es wurde der armen Angelika immer banger um das Herz. Mit Einem Male rief
sie: Um Gottes willen, was ist das?
    Man sah zum Wagen hinaus; das ganze Gehöft, welches, zwischen Rotenfeld und
Richten gelegen, aus zwei kleinen Wohnhäusern und einer Gruppe von Ställen und
Scheunen bestanden hatte, war in einen Trümmerhaufen verwandelt. Die nackten
Schornsteine sahen gespenstisch und geschwärzt aus dem sie umgebenden
Schuttaufen hervor, die dicken, schweren Rauchsäulen qualmten mit ihrem
erstickenden Geruche zu dem blauen, leuchtenden Himmel hinauf.
    Einer der Wirtschafter, welcher bei dem Auseinanderlegen und Löschen der
noch brennenden und schwelenden Balken die Aufsicht führte, kam auf einen Anruf
an den Wagen heran. Er meldete, dass das Feuer mitten in der Nacht in beiden
Scheunen fast gleichzeitig ausgebrochen und, wie es sich herausgestellt,
wahrscheinlich von dem stumpfsinnigen Sohne des Hirten, den man gestern mit
einer Prügelstrafe zum Abschiede aus der Haft entlassen hatte, angelegt worden
sei. Die Bewohner der beiden Häuser hatten nur ihr Leben retten können; die
ganze Heuernte war verbrannt, der Verlust, selbst die Baulichkeiten abgerechnet,
sehr empfindlich. Man hatte nun abermals ein neues Verbrechen gegen das
Eigentum des Gutsherrn zu bestrafen.
    Und ich bin so schwach! seufzte Angelika. Sie fühlte, dass ihr mehr zu tragen
auferlegt war, als ihre Kräfte ihr gestatteten.
    Man mochte es machen, wie man wollte, die Gräfin erfuhr schon jetzt von den
auf den Gütern obwaltenden Verhältnissen mehr, als ihre Tochter wünschte. Sie
versuchte Angelika damit zu beruhigen, dass solche Ereignisse ja öfter vorkämen,
dass man vor dergleichen Böswilligkeiten nirgends sicher sei, und die Baronin gab
sich diesem Troste, so gut sie konnte, hin.
    Als man vor dem Schloss vorfuhr, waren seine Bewohner heruntergekommen, die
heimkehrende Herrin und deren Mutter zu begrüssen; aber man fand sich allseitig
nicht wohl aussehen. Der Freiherr und der Graf, welche die Nacht hindurch von
dem Brande wach erhalten worden waren und beide in den Jahren standen, in denen
Anstrengungen, Schrecken und Sorgen sich nicht so leicht als in der Jugend
überwinden lassen, sahen ermüdet aus. Den Grafen betrübte dazu die Hinfälligkeit
seiner Tochter; der Freiherr bemühte sich, seiner Schwiegermutter die frühere,
freie Herzlichkeit zu zeigen; indes er war verdüsterten Sinnes, er musste sich
zur heiteren Rücksichtnahme für seine Gäste zwingen, und der Gräfin Herz war,
ebenfalls beschwert, nicht dazu angetan, ihm seine Aufgabe zu erleichtern. Nur
die Herzogin besass sich ganz und gar und kam durch ihre kluge Haltung Allen
wesentlich zu Hülfe.
    Sie hatte sich völlig matronenhaft gekleidet, und Angelika konnte nicht
umhin, so genau sie die Herzogin kannte, sie doch mit Verwunderung zu beobachten
und zu betrachten. Ihre Stirn war ernst geworden, ihr Blick hatte den
schmelzenden Ausdruck verloren, ihr Mund sein anmutiges Lächeln. Jeder, der die
Herzogin jetzt zum ersten Male sah, musste sich sagen, diese Frau habe ein
schweres Schicksal mit Ergebung getragen und überwunden. Bescheiden jede
Rücksichtnahme für sich zurückweisend, wusste sie alle ihre Sorgfalt als auf die
Baronin gerichtet darzustellen, und wie bei jeder solchen Täuschung, wie bei
jeder solchen heuchlerischen Schaustellung zwang grade die Dreistigkeit
derselben diejenige zum Schweigen, welche sich von ihr beleidigt und abgestossen
fühlen musste.
    Angelika konnte ihren Eltern nicht sagen, dass die Herzogin sie unglücklich
gemacht, dass sie ihr ihres Gatten Liebe entzogen, ihre Ehe zerstört, ihren
Seelenfrieden vernichtet habe; denn wie bei dem ersten Besuche, welchen Graf
Berka und seine Frau der Tochter abgestattet, hatte diese die Ehre ihres Mannes
und ihres Hauses vor den Eltern zu vertreten, und es wollte sie bedünken, als
sähen ihre Eltern schärfer, als sie wünschte, als wären sie über gewisse Dinge
und Verhältnisse besser unterrichtet, als ihr lieb war.
    In Erinnerung an die frühere Anwesenheit des gräflichen Ehepaares, bei
welcher man das erste Frühstück auf der nach dem Parke gelegenen Terrasse
eingenommen hatte, damit die Leute aus den Dörfern die Eltern ihrer Herrschaft
sehen könnten, hatte man auch jetzt an dem Tage nach der Rückkehr der Baronin,
der ein Sonntag war, am Nachmittage den Park geöffnet und ein Vesperbrod im
Freien aufgetragen. Ganz wie damals war die Mahlzeit an dem oberen Ende der
Terrasse vor dem chinesischen Häuschen hergerichtet. Wie damals standen die
Diener in ihrer Gala-Livree bereit, es zu präsentiren; die Baronin ging nur
nicht mehr so freundlich plaudernd und so schön an dem Arme der Gräfin einher,
der Graf und der Freiherr trugen nicht mehr die stattlichen Röcke aus farbigem
Sammt, auch sie hatten allmählich die goldbesetzten dreieckigen Hüte und die
wohlfrisirten Perrücken abgelegt. Aber die runde, breitkrämpige Kopfbedeckung,
die weiten, schmucklosen Tuchröcke, die breitklappigen Westen, die dicken
Halstücher machten immer noch einen fremden Eindruck an ihnen, und sie schienen
den Degen an ihrer Seite doch immer noch zu vermissen.
    Ausgestreckt auf ihrem Ruhebette, in ihren weissen Kleidern, mit dem weissen
Schleier über dem blonden Haare, sah die Baronin einer Nonne gleich. Sie war
nicht mehr die hohe, gebietende Gestalt, deren Schleppkleid einst so prächtig
ihren gemessenen Bewegungen gefolgt war; sie und die Gräfin hatten nicht mehr
die kleinen Federhütchen auf, und es war auch Niemand aus den Dörfern gekommen,
sich an der Schönheit und Stattlichkeit der Herrschaften zu erfreuen. Die Leute
waren nicht begierig, dem Freiherrn unter die Augen zu treten, und noch weniger
begierig, ihn zu sehen. Die Gartenarbeiter, welche im Vorübergehen verstohlen
nach den Herrschaften hinaufsahn, meinten, dass die Diener sich jetzt besser als
die Herren ausnähmen. Die Zeiten hatten sich eben geändert, und die Menschen mit
ihnen.
    Die Gräfin sass mit ihrem Sonnenschirme an der Seite ihrer Tochter und hielt
ihr das zu grelle Licht ab; die Herzogin, mit einer Filetarbeit beschäftigt,
leistete ihnen Gesellschaft. Den Enkelsohn an der Hand haltend, spazierte der
Graf mit seinem Schwiegersohne umher; aber es waren nicht die sie zunächst
umgebenden Dinge, nicht die leuchtende Pracht des Abends, nicht die Schönheit
des Parkes, welche sie beschäftigten. Der Krieg hatte die Grenzen Frankreichs
lange schon überschritten, grosse Ereignisse, grosse Gefahren standen an dem
Horizonte, die Welt ging unverkennbar einer Neugestaltung mit raschem Schritte
entgegen, und es fragte sich, ob man darauf hoffen dürfe, sich in ihr zu
behaupten, wenn man ihr Schranken zu setzen versuchte, oder ob man sich ihr
fügen müsse, um nicht in ihr unterzugehen.
    Des Grafen und des Freiherrn Meinungen waren sehr verschieden; sie
verständigten sich nicht wie sonst, und weil sie entschlossen waren, das kaum
hergestellte gute Einvernehmen zwischen sich aufrecht zu erhalten, sprach keiner
von ihnen seine letzte Ueberzeugung aus. Man gab von beiden Seiten mit
vorsichtiger Zurückhaltung nach, man überwand sich, man schwieg, man beobachtete
einander, man suchte zu erraten, was der Andere meinte, sich ihm gefällig zu
zeigen, ohne der eigenen Ansicht etwas zu vergeben. Ein solcher Verkehr ist aber
eine schwere Arbeit und kein Genuss, und die Männer wendeten sich bald wieder der
Gesellschaft der Frauen zu, in welcher die Unterhaltungsgabe der Herzogin die
Fremden zu fesseln und von allem Störenden mit kluger Berechnung abzulenken
wusste.
    Inzwischen sann der Freiherr über die Weise nach, in der er der Flies'schen
Familie seine Erkenntlichkeit für die der Baronin geleisteten grossen Dienste
bezeigen möchte, und bei dem Wohlstande jenes gastlichen Hauses war das keine
leichte Sache. Man konnte nicht daran denken, Herrn Flies eine Entschädigung für
die gehabten Kosten anzubieten; eines jener Geschenke von Wertgegenständen,
denen man den Charakter eines Andenkens verleiht, war in diesem Falle auch nicht
angebracht, denn die Frau und die Tochter des Juweliers hatten unter seinen
Vorräten nur zu wählen, und weil der Freiherr glaubte, dass er sowohl den
Wünschen seiner Frau als dem Gefühle ihrer Pflegerin gleichzeitig am besten
begegnen könne, wenn er sich zu einer jener Liebesgaben erbötig zeigte, die man
sonst nur mit seines Gleichen austauscht, tat er der Baronin den Vorschlag,
Seba mit der Copie ihres bald nach ihrer Verheiratung in der Residenz gemalten
Miniatur-Bildes zu beschenken. Man hatte diese Copie damals gleich nach der
Vollendung des Originals nehmen lassen, um sie der Gräfin zum Weihnachtsfeste zu
bescheren. Das Familienzerwürfniss hatte diese Absicht vereitelt; jetzt mochte
man auf eben diese Gabe für die Gräfin aus begreiflichem Grunde nicht
zurückkommen, und einfach in einen emaillirten Goldreif als Medaillon gefasst,
schien das Portrait vor allem Andern geeignet, den Dank des Freiherrn und die
Freundschaft der Baronin am edelsten und ehrenvollsten auszusprechen.
    Indes wider sein Erwarten fand der Freiherr bei Angelika nicht gleich die
freudige Zustimmung, auf welche er gerechnet hatte. Sie war verlegen, ihre
Blicke richteten sich nach ihrer Mutter, als sei sie unsicher, ob diese eine
solche Liebesgabe billigen würde; aber grade dieses Letztere bestimmte den
Freiherrn, seinen Vorschlag geltend zu machen, und Angelika zeigte sich dann
auch schnell und völlig mit der Absicht einverstanden. Der Freiherr selber
schrieb den Brief, denn er selbst wollte der Geber des Angedenkens sein und in
einer über jedes Abwägen hinausgehenden Weise sich mit der Flies'schen Familie
abgefunden haben; aber er ermächtigte Angelika, ihren Dank hinzuzufügen.
    Das bedingte sowohl, was sie schreiben, als die Art, in welcher sie
schreiben konnte, sie musste sich an Allgemeines halten. Nur am Ende ihres
Briefes wiederholte sie den von ihrem Gatten gebrauchten Ausdruck, dass es ihr
eine grosse Freude sein würde, den ihr so teuer gewordenen Freunden jemals
dienstlich sein zu können; und sie fügte dieser Versicherung den für Seba völlig
verständlichen Nachsatz hinzu: »Glaube mir, dass der Gedanke an Dich und an unser
letztes Beisammensein mich nie verlassen, dass mein Herz für Dich beten wird wie
für mich selbst, und dass Du mir die höchste Liebe erweisen würdest, wenn Du es
mir sagen wolltest, ob ich irgend etwas für Dich, für Dein Glück und für den
Frieden Deiner Zukunft tun kann!«
    Der Freiherr sah es, wie Angelika eine Locke ihres Haares abschnitt und in
die Rückseite des Medaillons einlegte. Er las die von ihr geschriebenen Zeilen,
ohne eine Bemerkung darüber zu machen. Die Ausdrucksweise jener Zeit war eine
conventionell gesteigerte, man bediente sich grosser Worte für die lebhaften
Empfindungen, die man geflissentlich in sich nährte, und dass es an
Gefühlsergüssen zwischen der Baronin und Seba nicht gefehlt haben würde, darauf
war der Freiherr gefasst gewesen. Es gefiel ihm freilich nicht besonders, dass
seine Frau das Judenmädchen mit Du ansprach, er tadelte es auch gegen seine
sonstige Weise im Beisein der Gräfin, und diese gab ihm Recht. Sie äusserte sich
überhaupt nicht beifällig über Seba; Angelika wagte es nicht, sie zu
verteidigen, man konnte es jedoch in ihren Mienen lesen, dass diese abfälligen
Urteile sie betrübten.
    Im Uebrigen gingen die Tage im Schloss ruhig hin. Nach der Ermüdung durch
die Reise musste man der Baronin Zeit zur Erholung gönnen, durfte man nicht daran
denken, Gesellschaft zu sehen; und da der Besuch der Eltern ohnehin nicht eben
lange währen sollte, wünschten sie, sich der Tochter ohne Störung zu widmen.
Alles was man unternahm, wurde mit Rücksicht auf die Kranke getan. Man konnte
sich nicht darüber täuschen, dass für sie keine Herstellung zu hoffen sei und dass
nur Schonung und Ruhe ihr Dasein noch zu fristen vermöchten. Jedes Gespräch, das
sie erregen konnte, wurde vermieden, sie selber schien vor allen Erörterungen
über ihr Leben, über den Freiherrn, über die Herzogin, über die Plane, welche
sie für die Erziehung ihres Sohnes hegte, Scheu zu tragen. Auf die missbilligende
Bemerkung ihres Vaters, dass man im Schloss fast nur noch Franzosen im Dienste
habe, entgegnete sie, die Not dieser geflüchteten Leute und die Rücksicht auf
die Fürbitte der Herzogin hätten sie dazu gebracht, sich ihrer zu bedienen. Und,
fügte sie mit einer gewissen Ueberwindung hinzu, wenngleich ich selbst für
Renatus die alten, uns angestammten deutschen Diener lieber gehabt hätte, so ist
es doch andererseits viel wert, dass er jetzt nur Personen um sich findet, die
ihn in seinen religiösen Begriffen nicht verwirren. Kinder haben des völligen
Einklanges in ihrer Umgebung sicherlich am nötigsten.
    Die Eltern liessen diese Unterhaltung fallen; aber es gab der Gegenstände in
Schloss Richten gar zu viele, die man nicht berühren mochte. Der Graf, der schon
aus der Ferne von den schwankenden Vermögensverhältnissen seines Schwiegersohnes
Kunde gehabt hatte, überzeugte sich, dass der Schade tiefer gehe, als er
geglaubt, und versuchte, da er viel praktische Umsicht besass, dem Freiherrn
unter der Hand zu raten, wie man mit dem Verkaufe eines Teiles der Güter den
andern sichern und dauernd erhalten möge. Der Freiherr wies jedoch jede
Mitteilung und jeden Rat zurück. Man war und blieb also beisammen, ohne mit
einander zu leben. Man hätte einander lieben mögen, brachte es aber nicht
weiter, als bis zu einer gegenseitigen nachsichtigen und mitleidigen
Duldsamkeit. Wie die Eltern auch an der hinsiechenden Tochter hingen, wie schwer
die Trennung ihnen werden musste, sie sprachen nicht davon, ihren Besuch über die
festgesetzte Zeit zu verlängern, und weder der Freiherr noch Angelika vermochten
sie dazu aufzufordern, denn die Einweihung der Kirche stand nahe bevor, es gab
für diese noch mancherlei zu ordnen, und man durfte nicht wünschen, den Grafen
und seine Gattin zu Zeugen derselben zu haben.
    Der zweite Besuch, welchen ihre Eltern der Baronin in Richten machten, war
dem ersten in vieler Beziehung ähnlich, und Angelika erfuhr an sich selber, wie
wundersam oftmals in unserem Leben entfernte Zeitpunkte einander gleichen, wie
sich zu wiederholen scheint, was wir erleben, während wir selbst uns gewandelt
finden und Alles um uns her gewandelt ist.
    Weil man sich vor dem Scheiden gefürchtet hatte, fühlte man sich leichter,
als es überstanden war, und wie nach der ersten Abreise ihrer Eltern wurden auch
dieses Mal der Freiherr und Angelika durch eine äusserliche Tätigkeit in
Anspruch genommen.
 
                              Siebzehntes Capitel
Die Beschwerden, welche der Caplan bei seinem Bischofe, und die Meldung, welche
der Pastor bei der Regierung gemacht hatte, hatten ihre Früchte getragen. Mit
dem Bischof durfte man sich leicht zu verständigen hoffen, denn die Entfernung
des Pastors war bei dem Freiherrn, selbst wenn er genötigt sein sollte, ihn zu
pensioniren, eine beschlossene Sache, und die Errichtung eines Pfarramtes in
Rotenfeld, für welches natürlich der Caplan ins Auge gefasst war, stimmte den
Bischof für alle Massnahmen des Freiherrn im Voraus günstig. Einmal von seinen
drückenden Verlegenheiten befreit, bewegte dieser Letztere sich in seiner alten
Weise, und da er, was er unternahm, vollständig zu tun, was er besass,
vollkommen zu besitzen liebte, wollte er, nun der Bau beendigt war, die Kirche
auch mit einem vollständigen Personal versehen. Der ansehnliche Vorrat von
Kirchengerätschaften, den man in der alten Capelle im Schloss seit zwei
Jahrhunderten gesammelt und der mit den neuerworbenen Stücken schon einen
hübschen Kirchenschatz begründete, sollte seinen Sacristan bekommen, man musste
einen Glöckner haben, der den Kirchendiener machte, und vor Allem wünschte der
Freiherr, der ein grosser Freund des Kirchengesanges war, die Einweihung der
Kirche nicht ohne einen solchen zu vollziehen.
    Von diesem Verlangen bis zu dem Gedanken, sich dauernd ein Quartett von
Knabenstimmen für die Kirche zu sichern, war es für den Freiherrn nicht weit.
Angelika erhob ihre wirtschaftlichen Bedenken dagegen, indes der Freiherr wusste
sie über dieselben zu beruhigen und fand den Weg, sie für seine Wünsche zu
gewinnen. Er meinte, da man nur eine kleine katolische Gemeinde für die Kirche
habe, müsse man eine wohltätige Stiftung mit der Kirche in Verbindung setzen,
und dies sei ohne grosse Opfer auszuführen. Wenn man einen jungen Geistlichen zum
Sacristan ernenne, der des Orgelspieles mächtig und im Stande sei, einigen
Knaben ausser dem Unterrichte der Musik den gewöhnlichen Schulunterricht zu
erteilen, so könnte man neben der Kirche eine kleine katolische Schule
errichten und sich, wenn man die heranwachsenden Knaben immer zu den
Lebensberufen anleitete, für welche sie Anlage oder Neigung betätigen,
allmählich eine Anzahl wohlerzogener katolischer Handwerker oder Beamten
heranbilden, die zugleich den Stock für die Ausbreitung der Kirche innerhalb der
Herrschaft abgeben würden. Vier Knaben aus armen und wohlgesitteten Familien zu
erziehen, war sicherlich ein gutes Werk, und eine solche kleine Colonie auf den
Gütern zu erhalten, keine Aufgabe, welche irgendwie die Kräfte des Gutes
überschritt.
    Für ein solches wohltätiges Unternehmen durfte man natürlich sicher sein,
die Zustimmung der Baronin schnell zu erlangen, und der Bischof, dem so
unerwartet die Möglichkeit geboten wurde, einen jungen Geistlichen anzustellen,
ein paar Leute als Glöckner und Kirchendiener zu versorgen und einigen
strenggläubigen Familien durch Unterbringung ihrer Söhne seine Zufriedenheit
auszudrücken, stimmte dem ganzen Vorhaben mit grosser Anerkennung bei.
    Aber auch den Wünschen des Caplans kam die Absicht des Freiherrn entgegen.
In der entsagenden und begeisterten Liebe seiner Jugend hatte er sich von der
Welt zurückgezogen und auf eine weitgreifende Tätigkeit innerhalb der Kirche,
ja, selbst auf das Walten in einer Gemeinde verzichtet, um dem Andenken einer
Geschiedenen zu leben, um ihrem Bruder nahe zu sein und sich selber
aufzuerbauen. Indes eine Jugendliebe wirft nur bleiche Strahlen auf das spätere
Leben, und wenn der Caplan sich auch sagen durfte, dass er Angelika der Kirche
gewonnen habe, war doch grade mit den fortschreitenden Jahren oft der
schmerzliche Gedanke über ihn gekommen, dass er das reiche Mass seiner Kräfte
nicht genug gebraucht, dass er nicht genug gewirkt für die Verbreitung und den
Ruhm der Kirche, der er angehörte; und eben die letzten traurigen Ereignisse in
Rotenfeld hatten ihm wie eine Mahnung gedäucht, die ihm noch vergönnten
Lebenstage eifriger zu benutzen.
    Es schien ihm ein Wink des Himmels, ein sichtbares Eingreifen des Höchsten
zu sein, dass Gott der neugegründeten Kirche, wie in den ersten Tagen des
Christentums, gleich ihren Blutzeugen zugesellt, und die Vorstellung, dass dies
Alles habe geschehen müssen, um ihm eine Mahnung und ein Sporn zu sein, ward
immer mächtiger in ihm. Er hatte mit ruhiger Erhebung einst der Grundsteinlegung
zu der Kirche beigewohnt, ihren sehr verzögerten Bau gelassen fortschreiten
sehen; nun zählte er die Tage, welche bis zu ihrer Einweihung vergehen mussten.
    Seit seinen jungen Jahren hatte er die Kanzel nicht betreten, nicht unter
der erhabenen Wölbung eines Gotteshauses gepredigt, nicht vor dem Altare einer
Kirche die Messe celebrirt. Viele Hoffnungen waren ihm verloren gegangen, auf
Manches hatte er verzichten lernen. Er begann zu fühlen, dass er älter werde,
weil der Kreis seiner Wünsche, Plane und Erwartungen sich verengte. Neues
Streben und damit neue Hoffnung in sich aufnehmen, heisst aber, sich eine neue
Jugend schaffen, und wie sollte man diesem Reize widerstehen, auf diese
Möglichkeit verzichten, so lange man noch die Kraft dazu empfindet? Es war die
Sehnsucht nach verlängertem Leben, ohne welche der Mensch dem Tode noch früher
verfallen würde, es war das halb unbewusste Verlangen nach Lebenslust, die in dem
einst so entsagungsfähigen Manne noch im hohen Mannesalter den Ehrgeiz weckten.
    Er und der Freiherr teilten jetzt den Verdruss, den sie Seitens der
protestantischen Kirche zu tragen hatten, und fanden sich in der Tätigkeit für
die Einweihung der Kirche mit Genugtuung zusammen. Man hatte schon lange eines
der zum Amte gehörenden, aber ausserhalb des Amtofes und sehr nahe bei der
Kirche gelegenen Gebäude zur Kirchenwohnung ersehen. Bisher hatten die
Wirtschafter sie inne gehabt; nun, da man dem künftigen Amtmanne überhaupt kein
so breites Leben wie den Steinerts einzuräumen dachte, sollten die Wirtschafter
im Amtause ihr Unterkommen finden und der Sacristan mit den vier Knaben, welche
der Freiherr zu Assistenten bei dem Gottesdienste zu haben wünschte, ihre
Wohnung bei der Kirche erhalten. Es war dabei auf einen verheirateten Glöckner
abgesehen, der die Beköstigung des Sacristans und seiner Schüler übernehmen
könne.
    Eine Zeit lang hatte der Freiherr, von der Herzogin beeinflusst, wohl die
Absicht gehegt, auch den Caplan nach Rotenfeld übersiedeln zu lassen; aber er
hatte dessen Anwesenheit, während jener mit der Baronin in der Stadt gewesen
war, doch mehr vermisst, als er erwartet haben mochte, und grade der Hinblick auf
Angelika machte es ihm wünschenswert, den ihr so werten Mann in ihrer Nähe und
auch in der Nähe des Knaben zu lassen, dem die Aufsicht und der Unterricht des
Caplans mit jedem Tage nötiger werden mussten.
    Während man in nächtlicher Stille die Särge aus dem bisherigen
Erbbegräbnisse in die Marmorgruft der neuen Kirche brachte und der Caplan die
weissen Rosenbüsche an der Eingangstür derselben pflanzen liess, während die
Kanzel ihre letzten Verzierungen erhielt, der aus der Stadt angelangte
Beichtstuhl aufgestellt ward und der Freiherr sich mit dem Fürstbischof ins
Einvernehmen setzte, damit dieser, der den Grundstein eingeweiht, auch am
Margaretentage die Einsegnung des fertigen Baues übernähme, ward er es nicht
sonderlich gewahr, dass die Herzogin ungewöhnlich viel Briefe erhielt und
schrieb, dass sie öfter teilnahmslos erschien und, seit der Graf und die Gräfin
Berka das Schloss verlassen hatten, von Reiseplanen sprach, die ihr neuerdings
gekommen sein mussten, denn es war nie davon zuvor die Rede gewesen. Sie zeigte
sich jetzt weniger als sonst bemüht, den Freiherrn zu unterhalten, bewies der
Kranken wirklich jene Sorgfalt, deren Anschein sie während des Besuchs der
Berka'schen Familie angenommen hatte, und trotz ihrer Abneigung gegen die
Herzogin konnte Angelika es nicht übersehen, dass eine Veränderung mit derselben
vorgegangen war und dass sie jetzt wieder mehr als in den verwichenen Jahren dem
Bilde entsprach, welches Angelika in den ersten Tagen sich von ihr gemacht
hatte.
    Als der Postbote wieder einmal nach der Stadt geritten war, um die
Posttasche abzuholen, brachte er in dieser neben dem eigenhändigen Schreiben des
Fürstbischofs, das seine Zusage entielt, auch ein grosses, aus der Residenz
kommendes, mit mehreren Siegeln verschlossenes Paket für die Herzogin, sowie die
Antwort Seba's auf die Sendung und die Briefe des Freiherrn und Angelika's.
    Seba dankte dem Freiherrn in einem kurzen Schreiben, dessen formvolle
Haltung er rühmend anerkannte, für die Freude, die er ihr bereitet, für die
gütige Weise, in welcher er ihren geheimen Wunsch erraten und befriedigt habe.
Auch der Brief an die Baronin war nicht eben lang. Seba schickte ihr, da sie
augenblicklich über kein anderes Bild von sich verfügen konnte, ein kleines, in
Pastell gemaltes Portrait, das sie in ihrem sechszehnten Jahre darstellte. Es
war kurz vor der Zeit gemacht worden, in welcher sie den Grafen hatte kennen
lernen, und der ganze Zauber seelenvoller Kindlichkeit und Unschuld lag in dem
Bilde noch über dem edlen, holden Antlitze ausgebreitet. Die Baronin hatte
dieses sie rührende Bild, das in der Stube des Vaters hing, nie zuvor gesehen.
    »Sei um mich nicht in Sorge«, schloss Seba ihren Brief an die Baronin. »Es
ist mir wohler und freier um das Herz, als seit gar langer Zeit. Nicht alle
Naturen können die gleiche Strasse gehen und jede muss ihre Befreiung und
Befriedigung auf ihre eigene Weise suchen. Da ich Dich liebe, tut es mir wohl,
Dich in Deinem Glauben und in Deinem Anlehnen an Deine Kirche glücklich zu
denken; gönne Du mir, da Du mich liebst, die Erhebung und Auferbauung meiner
Seele und meiner Zukunft auf meine Weise. Du erwartest die Gerechtigkeit aus der
Hand des Höchsten, der mit seiner Vorsehung Dein Leben lenkte; ich entbehre
dieses Glaubens, ohne der Ueberzeugung und des Trostes zu entbehren, dass unsere
selbstbestimmten Taten in unseren Leiden und Freuden ihre Folgerichtigkeit
haben; und Deine Liebe und die letzten Augenblicke, die ich mit Dir verlebte,
haben mir dies wieder vollgültig dargetan. Die Genugtuung, deren ich bedurfte,
ist mir jetzt geworden.
    Der Herr Baron und Du, meine Angelika, legen es mir beide nahe, eine Bitte,
der Gewährung sicher, an ihn zu richten. Sie soll denn, wenn auch nicht
eigentlich für mich, gesprochen werden. Herbert, der jetzt seine Aufgabe im
Dienste des Herrn Barons vollendet hat, ist mir sehr wert und mir in manchen
schweren Stunden ein Freund gewesen. Er sehnt sich, seine Eva in das Haus zu
führen, das Du mit uns bewohnt hast und das er in diesen Tagen von meinem Vater
für sich kaufte. Lege das Glück meines Freundes dem Herrn Baron ans Herz.
Herbert und Eva sind zwei so einfache, so schuldlose Naturen, dass es, wie ich
mir denke, auch Dich erfreuen müsste, sie bald vereinigt zu sehen. Herbert hat
seine Aufgabe zu des Herrn Barons Zufriedenheit beendet, möge dieser seinen
Baumeister dafür in der Weise belohnen, die ihn am meisten beglücken wird! - Ich
spreche diese Bitte ohne Herbert's Wissen aus. Sollte es Dir, wie ich es für
möglich halte, angemessener scheinen, sie als Deinen Wunsch zu bezeichnen, so
nenne mich nicht, und lass uns, wie in Liebe, so in dem stillen, verschwiegenen
Wirken für das Glück der Anderen stets verbunden bleiben!«
 
                              Achtzehntes Capitel
In Rotenfeld und in Richten, im Amtofe wie im Schloss hatte man vollauf zu
tun. Der Glöckner mit Frau und Kindern, der Sacristan mit seinen vier Schülern
waren eingetroffen. Eva hatte auf Anweisung des Freiherrn das Haus für sie
eingerichtet, die Vorräte für den ersten Bedarf des neuen Hausstandes
herbeigeschaft, und wie leicht der Freiherr dies auch veranschlagte, fiel es
für die Verwaltung doch immer in das Gewicht, denn der Unterhalt für zehn
Personen will erworben sein.
    Im Schloss langte um die festgesetzte Stunde der Fürstbischof, wie zur
Grundsteinlegung, mit seinen Vicaren und Caplänen an, und Angelika, obschon sie
sich danach zurückzog, um ihre Kräfte für den nächsten Tag zu Rate zu halten,
liess es sich nicht nehmen, ihm bis an die Schwelle ihres Hauses entgegen zu
gehen. Sie wollte die erste sein, welche des verehrten Greises Segen für sich
und ihren Sohn erbat.
    Im Laufe des Tages hatte der Bischof verschiedene besondere Unterredungen
mit dem Freiherrn und mit dem Caplan; auch mit der Herzogin wanderte er im
letzten Sonnenscheine noch auf der Terrasse umher. Renatus, an dem sie, ohne auf
ihn zu achten, mehrmals vorübergegangen waren, hörte, dass sie von Italien
sprachen, und fragte am Abende die Mutter, wesshalb sie nicht auch einmal nach
Italien reisten, wenn es dort so schön sei.
    Herbert war schon seit zwei Tagen im Amtause. Er hatte dem Freiherrn am
bestimmten Termine den Bau übergeben, die Schlüssel ausgeliefert, und dieser
hatte es an Lob und Anerkennung für den Architekten auch jetzt nicht fehlen
lassen. Eine Einladung, in das Schloss zu kommen, war an Herbert nicht ergangen,
aber der Freiherr hatte ihn aufgefordert, am Abende des Festtages sich zu der
Mahlzeit auf der Birkenhöhe einzustellen, und er hatte dies schicklicher Weise
nicht ablehnen dürfen, obschon ihm jede Begegnung mit den Schlossbewohnern
peinlich war.
    Die ganze Nacht hindurch hatte der Gärtner mit seinen Gehülfen Kränze und
Guirlanden zu den Ehrenbogen geflochten, die den Eingang der Kirche, den Altar
wie die Kanzel zieren sollten. Als der Morgen in seiner Herrlichkeit heraufzog,
waren der Gehülfe und Herbert schon auf den Füssen, um die Ausschmückung für die
Kirchenfeier zu überwachen und zu leiten.
    Es hatte in der Nacht stark getaut, nun dehnten und wiegten sich unter dem
heissen, entfaltenden Sonnenstrahle die feuchtglänzenden Blätter und Gräser. Kein
Wölkchen stand am Himmel. Ueber die Getreidefelder wehte der Morgenwind, dass die
Halme sich neigten und hoben und die noch weiss schimmernde Aehrenfülle des
Weizens und der Gerste sich unter dem leisen Luftzuge wie die zitternden Wellen
eines glänzenden Wasserspiegels schillernd bewegten. Die Vögel stiegen überall
aus Feld und Busch empor und schwangen sich mit jubelndem Gesange hoch hinweg
über das goldene Kreuz des Kirchturmes, welches, wie Angelika es einst ersehnt
hatte, jetzt weitin leuchtend in die Ferne strahlte.
    Früh um neun Uhr ging der Glöckner zum ersten Male an sein Amt.
    Angelika stand an dem Fenster ihres Zimmers; sie sah gedankenvoll in die
Gegend hinaus. Ich habe einen sonderbaren Traum geträumt, sagte sie zu Marianne.
Ich ging allein, vor euch Allen in die Kirche; es war ein prächtiger Tag, und
ich fühlte mich so leicht, dass ich die Erde gar nicht berührte. Ich wandelte
ruhigen Schrittes durch die Luft, ohne mich darüber zu verwundern. Nur Eines
fiel mir auf: die Tannenbäume, welche vom Gitter nach der Kirche führen, standen
in voller Blüte und trugen statt der Zapfen die schönsten weissen Rosen. Ich
freute mich so darüber!
    Indem sie diese Worte sprach, ertönten die ersten Schwingungen der Glocken
durch die Weite. Angelika's Herz wallte auf, sie hielt in ihrer Erzählung inne
und knieete nieder.
    Es drängte sie, dem Herrn dafür zu danken, dass er sie die Erfüllung ihres
Gelöbnisses erreichen lassen, dass sie den Tag erlebte, an welchem die Glocken
ihrer Kirche fernhin mahnend zu ihr hinüber schallten, und sie dachte nicht
daran, dass es andere, ganz andere Gefühle waren, welche dieser fremde Klang in
den Herzen ihrer Untertanen weckte.
    Nach kurzem, inbrünstigem Gebete richtete sie sich auf. Sie musste ihren
Gatten sehen.
    Du hier? rief er, als sie bei ihm eintrat, und ihre Hand ergreifend, hiess er
sie willkommen, während er sie zu einem Sessel geleitete. Die Glocken der Kirche
tönten fort und fort. Der Freiherr und Angelika waren beide sehr bewegt. Sie
fühlten sich durch ein gemeinsam Gewolltes und Erreichtes, sie fühlten sich
durch die heiligsten Bande, durch die schmerzlichsten Erinnerungen, durch Leiden
und Freuden, durch die Hoffnungen und Sorgen für ihres Sohnes Zukunft verbunden
und zu einander gehörend. Niemals waren sie in ihrem Denken und Empfinden mehr
im Einklange gewesen, als unter dem ersten, feierlichen Läuten dieser Glocken,
und doch hatten sie es verlernt, sich einander vertrauend hinzugeben. Vereinsamt
und zagend standen sie sich gegenüber, das Herz tat beiden wehe, weil jeder von
ihnen seine Aufwallung zurückhielt.
    Endlich überwand der Freiherr sich. Wir sind am Ziele, sagte er, und wie man
auf der Höhe eines Berges der Mühen, mit denen man ihn erstieg, leicht vergisst,
um sich der herrlichen Fernsicht zu erfreuen, so dürfen auch wir, der Opfer, die
wir bringen müssen, fortan nicht mehr gedenkend, uns des Geschaffenen erfreuen,
das denen, die nach uns kommen werden, von uns Kunde geben und unsere Namen in
eine ferne Zukunft tragen wird. Lass uns einander Glück dazu wünschen!
    Er küsste sie mit Feierlichkeit auf die Stirne, und unfähig, ihre
Erschütterung zu verbergen, zu scheu, sich ihm in die Arme zu werfen, küsste sie
ihm die Hand. Das fuhr ihm wie ein Stich durchs Herz.
    Angelika, Beste, was tust Du? rief er erschrocken aus. Aber sie sah ruhig
zu ihm empor und sagte: Lass es geschehen! Es hat mir wohlgetan, lieber Franz,
Dich so mild gestimmt zu finden, und ich gewinne dadurch den Mut, eine Bitte an
Dich zu richten!
    Er setzte sich an ihre Seite; sie blieb eine Weile in schweigendem
Nachdenken versunken, dann sagte sie: Ich möchte mich dazu des Bildes bedienen,
das Du eben jetzt gebrauchtest, Lieber! Man sieht vom erreichten Ziele die Dinge
freier an, und - Du wirst Dich darüber so wenig zu täuschen vermögen, als ich -
auch mein Ziel wird bald erreicht sein! Da möchte ich den Personen, denen ich
genaht bin, so weit es möglich ist, gern freundliche Erinnerungen hinterlassen!
    Der Freiherr unterbrach sie. Sie hatte bisher niemals von der
Wahrscheinlichkeit ihres frühen Todes zu ihm gesprochen. Er versuchte ihre
Ahnung zu bekämpfen, er wollte sich selber die Wehmut verscheuchen, es gelang
ihm Beides nicht.
    Was uns auferlegt ist, werden wir erwarten und tragen müssen, sagte Angelika
ergeben, aber erfülle meinen Wunsch. Lege noch heute Eva's Hand in Herbert's
Hand. Es würde mich schmerzen, wenn er, der uns so schön gedient, und der -
jetzt wirst Du mir es glauben - rein und ehrenhaft Dir gegenüber dasteht,
unserer mit Abneigung gedenken sollte.
    Der Freiherr schloss, wie unter einer schmerzlichen Berührung, unwillkürlich
die Augen, seine Brauen, seine Lippen pressten sich zusammen: Angelika blieb
ruhig und gelassen. Das Erlebte lag weit hinter ihr.
    Der Tag ist uns, die wir den Bau begründet haben, ein hohes Fest, sprach
sie; Du wünschest ihn der Herzogin zu einem Ehrentage zu machen. Lass ihn für
Herbert, für Eva und für ihren Bruder gleichfalls zu einem Tage freudiger
Erinnerung werden, und auch mein Herz wird ihn dann als einen doppelt gesegneten
empfinden, denn ich werde Deine Verzeihung in der Gewährung meiner Bitte
empfangen zu haben glauben.
    Lass die Vergangenheit begraben sein, lass uns auf die Zukunft blicken, sagte
der Freiherr mit milder Abwehr, und sei es, wie Du's wünschest. Noch heute will
ich Eva meine Zustimmung verkünden.
    Angelika dankte ihm dafür. Sie wollte Zeit und Stunde wissen; ihr Gatte bat,
ihm dies zu überlassen; er wollte sich wie immer die Freiheit augenblicklicher
Entschliessung vorbehalten.
    Inzwischen war es Zeit geworden, sich nach der Kirche zu begeben. Wie vor
acht Jahren fuhr man in vier Wagen durch das Dorf, weniger noch als damals
liessen die Gutsinsassen sich blicken. Es war Sonntag; sie waren vollzählig zu
ihrem Pfarrer in die Kirche gegangen. Die Pfarrerin hatte diesen mit Bitten und
mit Tränen davon abzuhalten gestrebt, dass er eben an dem heutigen Tage ein
Ärgernis gäbe, aber der Pastor liess es sich nicht nehmen, grade heute mit
feurigem Worte sein Herz vor der Gemeinde auszuschütten und sie zu warnen, dass
sie sich nicht durch äusseren Glanz und äusseren Vorteil verführen lassen sollte.
    Der Amtmann und Eva fehlten in der Kirche. Wie sehr sie ihren alten Pfarrer
auch verehrten, sie hatten zu viel Freude an dem Ehrentage Herbert's; sie waren
dem Baue durch alle seine Stufen mit zu grosser Teilnahme gefolgt, als dass sie
es sich und Herbert hätten versagen mögen, das schöne Bauwerk in seinem ersten
Schmucke zu sehen, die ersten Orgeltöne in diesem Gotteshause erklingen zu
hören.
    Die Wagen machten ausserhalb des Kirchhofes Halt. Der Freiherr, seine Gattin
am Arme, seinen Sohn an der Hand, durchmass den mit Blumen bestreuten Weg. Da er
und Angelika sich in der Vorhalle mit dem geweihten Wasser netzten, war es
ihnen, als hätten sie dies nie zuvor getan, und es durchschauerte sie
feierlich.
    Von der Herzogin begleitet, begaben sie sich in die herrschaftliche, der
Kanzel gegenüber gelegene Loge. Die katolische Dienerschaft aus dem Schloss
hatte unten in den Bänken Platz genommen. Unter dem Portale empfing der Caplan,
als Pfarrer der neuen Kirche, den Fürstbischof und sein Gefolge. In vollen,
jubelnden Klängen liess die schöne Orgel ihr Halleluja ertönen, die Chorknaben
schwangen die silbernen Weihrauchgefässe, und das grosse, bischöfliche Kreuz
voraufgetragen, schritt der Bischof mit seinem Gefolge dem Altare zu, die erste
Messe in der Kirche zu lesen.
    Dann bestieg der Pfarrer seine Kanzel, und Angelika wie der Freiherr
glaubten ein Wunder vor sich zu sehen. Wie verjüngt strahlte sein Antlitz, mit
fremdem, mächtig ergreifendem Tone schallte seine Stimme von der hohen Wölbung
der Kuppel zurück. Er fühlte die Begeisterung, das Feuer und den Eifer seiner
jungen Jahre in sich wiederkehren, die rückwirkende Kraft der Gemeinde erwies
sich an ihm mächtig, und er kannte die Herzen derer, zu denen er zu sprechen
hatte, genau genug, um die Worte zu finden, mit denen er sie bewegen konnte. Er
wusste, was dem Hause derer von Arten fehlte, er war diesem Hause durch ein
langes Leben so eng verbunden gewesen, der Freiherr und Angelika waren seinem
Herzen jeder auf seine Weise so nahe verwandt, dass es keiner Kunst bedurfte, dass
er nur der eigenen Eingebung zu folgen brauchte, um sie mit sich zu erheben.
    Mit stolzem Selbstgefühle verliess der Freiherr nach beendigtem Gottesdienste
seinen Sitz. Er liess Herbert herbeirufen, um ihn dem Fürstbischof vorzustellen.
Angelika sah ihn in diesem Augenblicke zum ersten Male wieder. Als auch sie ihm
dankte und ihm ihre Hand hinreichte, wagte er es, sie an seine Lippen zu ziehen,
und sie sah Tränen in seinem Auge, die sie sich zu deuten wusste.
    Ja, sprach sie, ich bin recht krank, aber heute mag ich nicht daran denken,
heute ist es auf lauter Freude abgesehen, und ich hoffe Sie am Abende noch zu
begrüssen.
    Die Herrschaften und der Bischof nahmen die Kirche und die Kirchenwohnung in
Augenschein; sie belobten Alle den Baumeister; Herbert hatte heute ein grosses
Wohlgefallen an der Anerkennung, denn Eva und ihr Bruder hörten sein Lob und
waren stolz auf ihn; aber der Anblick der Baronin liess in ihren guten Herzen
keine wahre Freude aufgehen.
    In demselben Zuge, in welchem man sich nach der Kirche begeben hatte,
verliess man sie. Angelika schien keine Ermüdung zu empfinden. Sie machte bei dem
Mittagbrode, das man dem Bischofe zu Ehren veranstaltet hatte, mit
Freundlichkeit die Wirtin; sie empfing die zahlreichen Gäste aus der
Nachbarschaft, welche man für den Abend eingeladen hatte, das Namensfest der
Herzogin zu begehen.
    Der schöne Tag machte dem mildesten Abende Platz. Man brachte die letzten
Stunden des Nachmittags auf der Terrasse zu. Als die Sonne sank, fuhren die
Wagen vor, um diejenigen, welche, wie Angelika, die Mühen des Weges zu scheuen
hatten, nach der Birkenhöhe hinauf zu bringen. Der Justitiarius, der Amtmann und
Eva hatten Einladungen zu dem Abendbrode erhalten, das man oben einzunehmen
dachte. Herbert und der Gehülfe, wie das ganze Gefolge des Bischofs, befanden
sich selbstverständlich unter der Gesellschaft. Bei einem im Freien
veranstalteten Feste brauchte man mit den Einladungen nicht so ängstlich zu
sein.
    Der Park war belebt wie in den glänzendsten Tagen des Hauses, der Freiherr
recht eigentlich in seinem Elemente. Der Fürstbischof, die geistlichen Herren
seines Gefolges, die Herzogin, die adeligen Familien der Nachbarschaft bildeten
eine stattliche Versammlung.
    
    Als man oben auf der Höhe anlangte, fand man den neuerbauten kleinen Tempel
in allen seinen hervorragenden Linien mit Blumenguirlanden geschmückt. »Der
Freundschaft!« war mit goldenen Buchstaben über der Eingangstüre zu lesen. Man
hatte die Marmortafel, welche diese Inschrift trug, erst während des Tages
angebracht. Eine sanfte Musik ertönte aus dem Innern des Baues, die Türen
öffneten sich, das Bild der Herzogin, welches während ihres Aufentaltes in der
Stadt im Auftrage des Freiherrn von einem geschickten Maler ausgeführt worden
war, hing reich bekränzt dem Eingange gegenüber. Man hatte davor eine Art von
Altar aufgerichtet, auf welchem Blumen und Feldfrüchte, Garten- und
Feldarbeits-Gerätschaften wie in einem Tempel der Ceres und der Flora
aufgestellt waren. Von dem Sacristan wohl eingeübt, sang das Quartett der Knaben
ein Loblied auf die Herzogin, das von dem Freiherrn selber dem Schiller'schen
»Mädchen aus der Fremde« nachgedichtet worden war.
    Bei der Strophe:
Sie teilte jedem eine Gabe,
Dem Früchte, jenem Blumen aus;
Der Jüngling und der Greis am Stabe,
Ein jeder ging beschenkt nach Haus -
führte der Freiherr die Gefeierte vor den Altar. Unter den dort aufgestellten
Gerätschaften befanden sich verschiedene kleine Körbe, in denen auf und unter
blühenden Blumen, mit den Namen der anwesenden Personen bezeichnet, die
mannigfachsten Geschenke vorbereitet lagen. Er händigte ihr das erste dieser
Körbchen aus und bat sie, als Schützerin dieses Tempels, der fortan ihren Namen
tragen sollte, den versammelten Freunden ein Andenken an sich zu hinterlassen.
    Die Herzogin, solcher Darstellung im höchsten Grade mächtig, unterzog sich
mit vollendeter Anmut ihrer Aufgabe, und eine gewisse Rührung, eine ihr sonst
fremde Weichheit verliehen den Geschenken, die sie auszuteilen hatte und die
dem Range der Herzogin wie dem Ansehen der Empfänger angemessen waren, einen
erhöhten Wert.
    Schweigend und in sich selbst versunken wohnte Angelika dem Schauspiele bei.
Sie schien es kaum zu bemerken. Ihr Auge sah durch die offenen Bogenfenster in
das Tal hinaus. Auch Herbert hatte wenig Sinn für die gegenwärtige
Feierlichkeit. Er ahnte, was in dem Herzen der Baronin vorging.
    So, im sinkenden Tagesscheine, hatte er einst mit ihr auf dieser Höhe
gestanden, hier auf dieser Stätte war sie ihm als das Urbild edler Schönheit
erschienen, hier hatte ihre Trauer ihm das Unglück ihres Lebens entüllt, hier
hatte er sich ihr in selbstloser Freundschaft zu eigen geloben wollen - und
schon damals hätte ihr Ausruf: »Hier oben dürfen wir keine Kirche bauen!« ihm
verraten können, was später ihm so verwirrend und so schmerzlich klar geworden
war.
    Ihr, der Reinen, der erhabenen Seele hätte er hier einen Tempel der
Erinnerung errichten mögen, und man weihte diese Stätte dem Andenken jener
fremden Frau, deren selbstsüchtige Arglist Angelika's Glück untergraben und
zerstören geholfen. Er konnte die Augen nicht von der Baronin wenden, auch Eva
dachte nur an sie.
    Man schämt sich seines Glückes, wenn man auf sie blickt! sagte sie zu
Herbert, der sich zwanglos an ihrer Seite hielt.
    Der Freiherr wies den einzelnen Gästen mit leichter Handbewegung die
Reihenfolge an, in welcher sie sich der Herzogin zu nähern hatten. Die gute
Stimmung wuchs von Minute zu Minute. Zwischen den einzelnen Strophen des
Gedichtes waren kleinere, die Verteilung begleitende und sich in raschem
Rhytmus und in heiterer Melodie leicht bewegende Verse eingelegt. So ging es
fort, bis die geladenen Gäste alle ihre Gaben empfangen hatten und auf ein
Zeichen des Freiherrn der Architekt an den Altar beschieden wurde.
    Als er sich demselben näherte, erhob sich Angelika von ihrem Platze, winkte
Eva zu sich heran, und während sie selbst das überraschte Mädchen an Herbert's
Seite geleitete, sangen die Knaben die Schlussverse des Gedichtes:
Doch nahte sich ein liebend Paar,
Dem reichte sie der Gaben beste,
Der Blumen allerschönste dar!
und Eva's und Herbert's Hände in einander legend, sagte Angelika leise, dass nur
die beiden es vernehmen konnten: Seid glücklicher, als ich, und denket meiner,
wenn ich nicht mehr bin!
    Herbert und Eva sanken ihr zu Füssen, die Gesellschaft rief ihren Beifall und
ihre Glückwünsche aus. Man merkte es nicht, dass Angelika noch blässer geworden
war und leise ihre Tränen trocknete. Herbert und Eva waren ein so schönes Paar.
    Die ganze Erfindung und Ueberraschung war vollkommen im Sinne der
Gesellschaft, und man hatte auch mehr zu tun, denn draussen waren inzwischen die
Lampen angezündet, der Tempel, die Höhe, der Garten, die Terrasse, das Schloss
strahlten im Lichtglanze der Illumination, und während von den dem Tempel
gegenüber gelegenen Ruinen des alten Schlosses die ersten Garben des Feuerwerks
in die Höhe stiegen, brachte der Fürstbischof selber in dem schäumenden
Champagner, den die Diener zu credenzen begannen, den ersten Toast auf das
Bestehen, Wachsen und Gedeihen des von Arten'schen Geschlechtes aus.
 
                              Neunzehntes Capitel
Die Gäste hatten das Schloss verlassen, der Tag war bewölkt, die Baronin hütete
das Lager, weil sie sich mehr zugemutet, als ihre Kräfte leisten konnten; auch
der Freiherr und die Herzogin waren ermüdet und hielten sich in ihren Gemächern.
Der Herr Pfarrer, wie die Kirchenbeamten und der Sacristan den Caplan jetzt
nannten, beantwortete in des Freiherrn Namen die Vorstellungen, welche diesem
von Seiten des Superintendenten auf die Beschwerden des Pastors gemacht worden
waren. Der neue Pfarrer allein war zu einer grossen Tätigkeit aufgelegt, während
der Freiherr jene Erschlaffung und jene Leere fühlte, welche nach der Vollendung
einer grossen Arbeit, eines grossen Unternehmens sich immer einzustellen pflegen.
    Gegen den Abend machte die Herzogin ihm den Vorschlag, einen Spaziergang
nach der Margareten-Höhe, so nannte man den Hügel jetzt, zu unternehmen. In
ruhigem Gespräche durchwanderten sie den Park, stiegen sie den Hügel hinauf.
Oben angelangt, setzten sie sich auf einer der nach antikem Vorbilde
gearbeiteten Steinbänke nieder, welche man dort aufgestellt hatte. Trotz des
schönen Abends machten der Platz und der Tempel heute keinen guten Eindruck. Die
Blumenguirlanden waren welk geworden, das Gras des Rasenplatzes hier und da
zertreten. Die Lampen hingen trüb und fahl in den Drähten des Lattenwerkes, auch
das Innere des Tempels war noch nicht wieder hergestellt worden, und das Bild
der Herzogin sah in dem matten Lichte wie verschleiert aus.
    Wir hätten heute nicht hierher gehen sollen, bemerkte der Freiherr, denn
jedes Fest wirft einen Schatten auf den ihm folgenden Tag!
    Und doch wünschte ich gerade heute hierher zu kommen und mich an dem Orte,
dem Sie so liebenswürdig meinen Namen verliehen, an welchem Sie, mein teurer
Vetter, mich so hoch geehrt haben, mit Ihnen über eine Angelegenheit zu
besprechen, die ich ohne Ihren Beirat zu ordnen genötigt gewesen bin, denn
Ihre Freundschaft würde mich, ich fühle das, verhindert haben, die Entscheidung
zu treffen, zu welcher ich selbst mich schwer genug entschloss.
    Sie hielt inne; der Freiherr bat sie, sich zu erklären.
    Ich bin nicht wortbrüchig, mein Freund, sagte sie, und ich habe es nicht
vergessen, wie Ihre Grossmut mir einst das Versprechen abgenommen hat, dass ich
von Ihrer gastlichen Schwelle nicht scheiden würde, bis Sie selbst mich wieder
in die Hallen meines schönen Vaudricourt zurückgeleiten könnten.
    Und dieses Versprechen ist Ihnen leid geworden? fragte der Freiherr, von
einer unangenehmen Ahnung erfasst.
    Sie schüttelte wehmütig das Haupt. Nein, o nein, versetzte sie, und es
wird, glauben Sie es mir, teurer Vetter, zu den erhebendsten Erinnerungen
meines Lebens gehören, dass Sie es einst von mir gefordert haben, dass ich Sie
auch heute noch geneigt weiss, mir fort und fort das Gastrecht zu gewähren,
welches Sie mir mit jener Forderung verhiessen. Aber jedes Versprechen, das wir
leisten, wird in einem bestimmten Glauben, unter gewissen Voraussetzungen getan
....
    Sie wollen von uns scheiden? rief der Freiherr, tiefer getroffen, als er es
selbst in diesem Augenblicke wusste. Sie wollen jetzt, eben jetzt von uns gehen,
wo, wenn nicht ein Wunder geschieht, auf das zu hoffen der Mensch kein Anrecht
hat, meinem Hause ein schwerer Verlust und eine einsame, ernste Zeit bevorsteht?
    Die Herzogin seufzte. Ich habe mir das selbst gesagt, habe Alles schmerzlich
in mir erwogen, und doch bleibt mir keine Wahl. Jedes Versprechen, das wir
leisten, wiederholte sie absichtlich, wird in einem bestimmten Glauben, unter
gewissen Voraussetzungen getan. Als ich Ihnen einst gelobte, nicht eher von
Richten zu scheiden, bis Sie mich nach Vaudricourt geleiten könnten, glaubte ich
an eine Wandlung, an eine nicht ferne Rückkehr zu Ordnung und Gesetz in meiner
Heimat, hoffte ich den Tron seines rechtmässigen Herrschers in Frankreich bald
wieder aufgerichtet zu sehen. Diese Hoffnung habe ich für jetzt verloren!
    Und was bewegt Sie also zu dem Entschlusse, mit dem Sie uns bedrohen? wandte
der Freiherr mehr und mehr verwundert ein.
    Die Herzogin wich der Antwort aus. Sie kennen die Huld und Gnade, sagte sie,
mit welcher die Gemahlin des Grafen von Provence mich von je her beglückte.
Durch die Verhältnisse unseres Vaterlandes an den Hof ihres königlichen Vaters
zurückgeführt, wünscht sie mich in ihre Nähe zu ziehen. Die Oberhofmeisterin
Ihrer Majestät der Königin ist gestorben, man bietet mir ihre Stelle an, und
....
    Der Freiherr neigte mit vornehmer Bewegung zustimmend das Haupt: Und Sie
finden es ehrenvoller und angenehmer, die Oberhofmeisterin einer Königin zu
sein, als einem Landedelmanne in seinem Schloss fürder die Freude und die Ehre
Ihrer Gegenwart zu gönnen! Ich begreife das - und ich gebe Ihnen Recht,
vollkommen Recht, fügte er schnell gefasst hinzu.
    Es entstand eine Pause. Die Herzogin wusste vollkommen, welche Kränkung sie
dem Freiherrn bereitete. Aber einer Beobachterin wie ihr waren die sich
ändernden Glücksumstände des Freiherrn nicht verborgen geblieben, und sie hatte
seit lange daran gedacht, das Schloss und den Freiherrn zu verlassen. Es
widerstrebte ihrem Ehrgefühle, Opfer anzunehmen, sobald man anfangen konnte, sie
als solche zu empfinden, es widerstrebte noch mehr ihrer Neigung, an dem
Krankenlager einer Sterbenden langsam schleichende Tage hinzuleben und in dem
freiherrlichen Schloss die unvermeidliche Einsamkeit des Trauerjahres über sich
zu nehmen. Das glänzende Turin, das Leben an dem üppigen Hofe von Savoyen, der
Einfluss einer Stellung, wie sie ihr geboten ward, konnten sie nicht schwanken
lassen über das, was ihr zu tun oblag, und den Freiherrn mit erkünstelter
Unbefangenheit bei seinem Worte nehmend, sagte sie: Ich wusste, dass Sie mich
billigen, dass Ihre selbstlose Freundschaft mir den Schritt, der mich so viel
Ueberwindung kostet, nicht erschweren würde, und - sagte sie mit einem neuen
Seufzer - vielleicht bin ich so glücklich, Sie, mein teurer Freund, in meiner
neuen Heimat wiederzusehen, wenn der Schlag gefallen sein wird, der Sie
bedroht, wenn es Ihnen zu schwer fallen sollte, hier in dem verwaisten Hause zu
verweilen!
    Der Freiherr antwortete ihr nicht. Sie erhob sich, trat in den Tempel und
sagte, ihr Tuch an ihre Augen drückend: Wie mich es gestern erschütterte, als
Sie ahnungslos mich Angedenken an die werten Menschen verteilen liessen, die
ich Alle nun nicht wiedersehen werde, denn der Befehl der Königin bedrängt mich
und bindet mich zugleich!
    Sie haben zu befehlen, Herzogin! versicherte der Freiherr.
    Sie lächelte. Morgen gehe ich noch nicht, auch übermorgen nicht!
    Er sagte ihr, dass er jeden Tag ihrer Anwesenheit als einen Gewinn betrachten
würde, aber sein Ton war kalt, und schweigend traten sie den Heimweg an.
    Die bevorstehende Abreise der Herzogin setzte in der ganzen Herrschaft Alles
in Erstaunen. Der Freiherr versuchte nicht, sie zu halten, sie fühlte jetzt kein
Verlangen mehr, zu bleiben.
    Als Adam davon hörte, nickte er traurig mit dem Kopfe. Wenn ein Haus den
Einsturz droht, sagte er, gehen die klugen Ratten hinaus!
    Der Freiherr liess es der Herzogin an keiner Bequemlichkeit fehlen. Er war
sich das nach seinem Empfinden schuldig. Für den vierten Tag wurden die Pferde
bereit gehalten und vorausgeschickt, und ehe die letzten Kränze des
Freundschaftsfestes auf der Margareten-Höhe abgenommen waren, hatte die
Herzogin das Schloss und die Gegend verlassen.
    Es trat damit eine grosse Lücke in des Freiherrn Leben ein. Er hatte ihr
durch eine lange Reihe von Jahren seine Freundschaft, sein Vertrauen geschenkt,
sie hatte ihn beschäftigt, ihn gefesselt und bestimmt; nun war er völlig auf
sich selber angewiesen, und er hatte Niemanden, dem er bekennen durfte, was er
fühlte, was ihn kränkte. Er wusste, dass der Caplan die Entfernung der Herzogin
stets gewünscht, dass Angelika sie heiss ersehnt hatte, und Angelika konnte ihr
Lager nicht mehr verlassen. Wie hätte er auch daran denken dürfen, ihr, die er
mit so viel Härte von sich gewiesen, der die Herzogin so schweres Leid gebracht,
es einzugestehen, dass und wie sehr er diese vermisse!
    Schweigend, in sich zurückgezogen liess er die Tage an sich vorübergehen, und
sie brachten keinen erfreulichen Wechsel mit sich. Er hatte Verdriesslichkeiten
mit den Behörden, auf den Gütern wuchsen die Widersetzlichkeiten. Die Einweihung
der Kirche, ihre Dotirung, die Einführung und Einrichtung der Kirchenbeamten,
das Fest auf der Margareten-Höhe und die Abreise der Herzogin hatten viele
Ausgaben verursacht. Sie waren nach der Weise des Freiherrn alle unerlässlich
gewesen, aber sie hatten doch seinen Baarvorrat weit überstiegen und er war
aufs Neue genötigt worden, Geld gegen Wechsel aufzunehmen.
    Wie das Jahr zu sinken begann, sanken die Kräfte Angelika's mit ihm. In
guten Stunden trug man sie auf die Terrasse hinaus; der Pfarrer, die treue
Marianne, ihr Sohn durften sie wenig verlassen. Die Sorge für Renatus
beschäftigte sie ganz und gar.
    Erziehen Sie ihn zur strengen Zucht! beschwor sie den Pfarrer; machen Sie,
dass er in seinem Herzen, in seinem Geiste die Richtschnur finde, die ihn
hindert, von dem Pfade der Ehre und der Tugend abzuweichen; machen Sie, dass er
unnachsichtig gegen seine Neigungen werde, dass sein Gewissen unbestechlich von
seinen Leidenschaften sei! - Sie sprach es nicht aus, dass sie wünsche, er möge
seinem Vater und ihrem Bruder nicht ähnlich werden, aber es war unschwer zu
ersehen, wohin ihre Plane für die Erziehung ihres Sohnes gingen, und der Pfarrer
verstand sie wohl.
    Als die Ernte vollendet war, zog der Amtmann von der Herrschaft ab. Es war
grosse Betrübnis unter den Leuten, und auch dem Freiherrn ging es heimlich nahe.
Adam hingegen hatte das Scheiden mit Ungeduld erwartet. Sein Haus in Marienau
stand wohlgefügt, die Hochzeit seiner Schwester sollte es einweihen, und er
hatte jetzt bereits im Stillen sein Auge auf eines Gutsbesitzers hübsche Tochter
fallen lassen, die ihm ein Ersatz für Eva zu werden versprach.
    Im Herbste schaltete der neue Amtmann mit seiner grossen Familie in dem
Hause, das die Steinerts über ein Jahrhundert inne gehabt hatten. Da er nicht
des Landes, sondern aus einem fernen Teile Deutschlands gekommen war, hatte er
ohne Weiteres die Meinung wider sich. Er hielt es, wie der Freiherr, mit einem
strengen Regiment, und ein solches musste er auch üben, wenn er die Verheissungen
wahr zu machen dachte, mit denen er den Freiherrn für sich eingenommen.
    Der Herbst war ungewöhnlich hell und mild, das Jahr schien lächelnd
verscheiden zu wollen, und lächelnd fand man eines Morgens die Baronin auf ihrem
Lager liegend. Sanft lächelnd, Amanda's Rosenkranz, der sie nie verlassen, in
ihrer Hand, war sie wie unter dem Eindrucke eines milden Traumes eingeschlafen.
    Es war auch ein heller, klarer Herbstmorgen, an welchem man die Leiche der
Schlossherrin zu ihrer Ruhestätte in der neuen, von ihr gelobten Kirche führte.
Von nah und fern war der benachbarte Adel herbeigekommen, ihr das letzte Geleite
nach der prächtigen Familiengruft zu geben.
    Der erste Reif lag auf dem Rasenplatze vor dem Schloss und auf dem
Kirchhofe, als der von sechs Pferden gezogene Leichenwagen sie überschritt. Wie
weisse Rosen hingen die leicht geballten Flocken des Rauhreifs in den
Tannenbäumen des Kirchhofes. Die Freifrau Angelika von Arten-Richten war die
Erste des jetzt lebenden Geschlechtes, welche zu den Ahnen ihres Mannes in die
Gruft herniederstieg, die Erste, welche dieses Weges ging. Der Traum, den sie am
Morgen der Kirchweihe geträumt, fand seine Erfüllung. Sie war die Erste, über
deren Asche der Pfarrer ihrer Kirche die Seelenmesse las.
    Als die Beerdigung vorüber war und die Fremden das Haus verlassen hatten,
befanden der Freiherr und der Pfarrer sich allein in dem Wohnzimmer der
verstorbenen Baronin. Der Freiherr, in tiefer Trauerkleidung, ging langsam auf
und nieder. Er trat an das eine, er trat an das andere Fenster. Die weitin sich
erstreckenden gradlinigen Hecken von Buxbaum, die scharf zugespitzten Obelisken
und Taxus-Pyramiden hatten auch in diesem Herbste durch die späte Jahreszeit
noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren. Am Ende des Gartens hoben sich
die Bäume des sogenannten Bosquets empor, majestätische Kiefern, deren
braunrote Stämme wie die Pinien breite, grüne Kronen trugen, und prächtige
Eichen, noch voll von ihrem üppigen und jetzt goldgelb gefärbten Laube. Sie
waren immer noch gewachsen. In dem Kamine brannte ein helles Feuer. Sein Schein
streifte bald die Portraits der freiherrlichen Eltern, bald die schönen Bilder
Amanda's und Angelika's, die an den Wänden hingen. Dann wieder beleuchtete er
die antiken Statuen der Venus und des Amor, die in den Ecken des Zimmers
standen.
    Eine Erinnerung zuckte in dem Freiherrn auf. Ein schöner Herbsttag wie
dieser war es, sprach er, indem er vor dem Pfarrer stehen blieb, der traurig an
dem Kamine sass, ein Tag wie dieser war es, an dem wir einst diese beiden Statuen
hier aufgestellt haben! Und wieder, wie damals, stehen wir hier allein!
    Ich habe auch daran gedacht, entgegnete der Pfarrer, während der Freiherr
abermals umherzugehen begann, bis er wieder vor dem Pfarrer stehen blieb.
    Was ist seitdem geschehen! Welche Umwälzungen hat die Zeit gebracht, die
Welt erfahren, und ich selber, was habe ich erlitten und erlebt! -
    Er setzte sich nieder und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Aber er
schien sich dessen wie einer Schwäche zu schämen, denn er erhob sich
augenblicklich wieder, und dem Pfarrer die Hand reichend, sprach er: Und doch
muss man sich sagen, was ich damals erstrebte, ist erreicht, und mehr als das! In
Renatus wächst mir der Erbe meines Hauses, der Erhalter unseres Geschlechtes
gesund empor. Ich habe meinem Hause und unserer Kirche hier in der Gegend eine
schöne, eine erhabene Zukunft gesichert. Arbeiten Sie mit mir gemeinsam daran,
mein Freund, dass mein Geschlecht in meinem Sohne einen würdigen Vertreter und
unsere Kirche hier zu Lande die Verbreitung finde, welche sie gewinnen muss, um
dem aufrührerischen Geiste, um dem törichten Verlangen nach Freiheit zu
begegnen, die jetzt die Zeit beherrschen. Der Einzelne muss dem Leben seinen
Tribut bezahlen, das Blut und der Sinn des wahren Adels erben sich fort! Und
wenn auch ich einst die dunkle Strasse gegangen sein werde, auf der wir heute
unsere teure Todte zu geleiten hatten, wird der Name derer von Arten fortleben
von Geschlecht zu Geschlecht.
    Lassen Sie uns darauf hoffen, versetzte der Pfarrer; denn Sie haben Ihr
Andenken mit unserer Kirche, mit der Verbreitung des allein selig machenden
Glaubens in unserer Provinz verbunden, und wie die Zeit auch in ihrem Wechsel
kreist, der Geist unserer Kirche ist unwandelbar und wenigstens ihr Bestehen ist
dauernd!
    Von der Kirche herüber ertönte bei der hereinbrechenden Dämmerung der Gruss,
welcher, aus der fernen Vorzeit die Geschlechter der Menschen überlebend,
allabendlich durch die katolische Christenheit erklingt. Die Glocken läuteten
das Ave Maria.
    Der Freiherr und der Pfarrer bekreuzten sich beide. Es war still in dem
Gemache. Die Nacht sank nieder, ohne dass sie es gewahrten. Sie hofften in ihrem
Herzen auf ein ewiges Bestehen dessen, was ihnen wert und heilig war, und
vergassen, dass es nichts Dauerndes gibt, dass Alles sich wandelt und vergeht.
 
                               Zweite Abteilung
                               Der Emporkömmling
                                   Erstes Buch
                                 Erstes Capitel
Eine Reihe von Jahren war entschwunden, seit man die Leiche der Baronin von
Arten in dem Erbbegräbnisse der neuen katolischen Kirche in Rotenfeld zur Ruhe
bestattet hatte, und schwere, blutige Zeiten waren seitdem über die Erde
hingegangen. Aus dem schöpferischen Chaos der französischen Revolution hatte
sich die finstere, gewaltige Gestalt Napoleon's des Ersten emporgehoben, dessen
unersättlicher Ehrgeiz die Kriegsfackel über Europa schwang, während Zerstörung,
Blut und Tränen den Weg bezeichneten, den sein Fuss von Sieg zu Sieg, von
Eroberung zu Eroberung fortschreitend betrat.
    Vom fernsten Westen Europa's bis hin an Deutschlands und Preussens östliche
Grenzen waren die Wogen des Krieges, das Bestehende umgestaltend oder
verschlingend, über die Länder gerollt. Staaten waren untergegangen, Könige und
Fürsten enttront, neue Reiche gebildet und neue Herrscher und Könige ernannt
worden. Im Schloss wie in der Hütte hatte man die überall nachzitternde Kraft
der ungeheuren Bewegung empfunden, und wie die Verhältnisse der Länder und ihrer
Beherrscher sich geändert, so hatten sich mit diesen Wandlungen auch im
Gesammtleben der Menschen wie in den einzelnen Ständen und in ihren Beziehungen
zu einander grosse Veränderungen zugetragen.
    Von jener Freiheit, welche die Franzosen zu erringen gewünscht, als sie den
Tron der Bourbonen gestürzt, die Republik erklärt, den König und die Königin
hingerichtet und das Blut derjenigen vergossen hatten, welche sie als Feinde der
Freiheit betrachteten, war ihnen unter der tyrannischen Herrschaft ihres ersten
Kaisers nichts mehr übrig geblieben; aber die in der Revolution zur Geltung
gekommene Erkenntnis der menschlichen und bürgerlichen Gleichheit hatte in den
Geistern eine zu tiefe Wurzel geschlagen, um so schnell wie die politische
Freiheit vernichtet werden zu können. Der Zauber, welcher die alten adeligen
Geschlechter umgeben, war in jener Zeit für das scharfe Auge des Bürgerstandes
in Frankreich erloschen, und weder die von Napoleon ernannten Fürsten und
Herzoge, noch jener Teil des alten französischen Adels, der sich an den Tron
des neuen Kaisers herandrängte, weil er im Dienen, gleichviel, wem er diente,
seinen Vorteil und seine Ehre fand, waren dazu angetan, die frühere Geltung
des Adels wieder zu erzeugen. Von einer abtrennenden Gliederung der
Staatsangehörigen in drei Stände konnte ebenfalls nicht wohl die Rede sein,
nachdem der sogenannte dritte Stand das Ruder des Staates jahrelang in seinen
Händen gehabt hatte und seit der Sohn eines corsicanischen Advokaten der Welt
Gesetze vorschrieb. Die Verehrung des angestammten historischen Adels war in
eine Verehrung der Macht übergegangen, und wenn damit der sittliche Gehalt der
Menschen und der Zeit auch nicht eigentlich gehoben wurde, so waren der
Verehrung doch weitere Grenzen gesteckt, seit dem Verehrenden sich die Aussicht
eröffnete, auf den mannigfachsten Wegen sich selbst zu einem Machtaber und
damit zu einem Gegenstande der Verehrung zu erheben. Das militärische Genie, der
Gelehrte, der Künstler, der Gewerbtreibende fanden dabei gleichmässig ihre
Rechnung, und was für Napoleon in den Herzen des Volkes, das er unterjochte,
dessen Steuerkräfte er übermässig in Anspruch nahm und dessen Söhne er
unaufhörlich zur Schlachtbank führte, am allermeisten sprach, das war die
Erinnerung, wie er selber aus den Reihen des Bürgerstandes hervorgegangen,
Kinder des Volkes zu Königen und Fürsten erhoben hatte, und wie er in seiner
Person die Verkörperung dessen darstellte, was der Ehrgeiz des Genies zu
erreichen wünschen musste und jetzt zu erreichen hoffen konnte.
    Eben so gross als der Wechsel der Zustände, der sich in Frankreich innerlich
und äusserlich ereignet, war die Wandlung gewesen, welche sich in Deutschland
durch die Nachwirkung jener ungeheuren französischen Revolution im Bewusstsein
und in der Empfindungsweise der Menschen vollzogen hatte. Seit mehr als
andertalb hundert Jahren blind der Bewunderung des französischen Geistes,
knechtisch der Nachahmung französischer Sitte und Mode untertan, war schon vor
dem Beginne der französischen Revolution mit dem Auftreten Lessing's, Goete's
und Schiller's der Mahnruf an die Deutschen ergangen, sich ihrer eigenen Macht
und Bedeutung, sich ihrer eigenen Abstammung und Grösse zu erinnern; und was die
Kraft, was die befreiende Erhabenheit dieser Heroen begonnen, das vollendete die
napoleonische Tyrannei, deren eiserne Schwere sich stärker und stärker auf
Deutschland herabsenkte. In Blut und Tränen, unter dem Drucke der
Fremdherrschaft, in der willkürlich über ihm verhängten Zersplitterung, in der
Knechtschaft und in den Banden Napoleon's war Deutschland frei geworden von
jener französischen Sklaverei, zu welcher es sich so lange selbst verdammt
hatte. Französische Sprache, französische Mode und französische Sitten waren dem
vor der Revolution flüchtig gewordenen Adel entgegen gekommen, wo immer er sich
in Deutschland hingewendet. Eine Begeisterung für die in Frankreich
durchgesetzte Neugestaltung der Staatsverhältnisse hatte von vielen Seiten die
ersten republikanischen Siege der Neu- diesseit des Rheines begrüsst; aber auch
diese Zeiten waren vorübergegangen. Der deutsche Geist war zum Selbstgefühl
erwacht; an dem Hasse gegen den Übermut der fremden Vergewaltiger hatte sich
die lange niedergehaltene Liebe für die Muttersprache und für das gemeinsame
Vaterland entzündet.
    Ueberall, wo deutsche Herzen schlugen, wo deutsche Hände die Saat auf den
Feldern des Landes ausstreuten und deutscher Fleiss sich in Gewerb und Handel
bewegte, hatte man das Unheil der französischen Herrschaft zu tragen. Die
Kriegszüge, welche sich vom fernen Westen und vom Süden Europa's bis an die
östlichsten und nördlichsten Grenzen Deutschlands ausdehnten, sie hatten überall
Not und Elend im Gefolge gehabt, aber eben die gemeinsame Not hatte die
Menschen näher zusammengeführt. Die Vernichtung, die Entbehrung äusserer Güter
hatte erkennen gelehrt, was Jeder in sich selbst besitze und welche Quellen der
Erhebung und des tröstenden Genusses dem Menschen aus der Beschäftigung mit dem
Gedanken erwachsen können; und wie es bei solch völliger Umgestaltung der
Verhältnisse nicht anders zu erwarten war, hatte eine neue Verteilung des
allgemeinen Vermögens sich vorbereitet und war teilweise schon ausgeführt.
    Das Geld war selten geworden und im Werte gestiegen. Wer Geld besass, konnte
viel damit erwerben, wer Geld bedurfte, musste es unverhältnissmässig hoch
bezahlen; während also das Vermögen des Kaufmannes in den Städten mitunter in
überraschenden Verhältnissen emporstieg, ward der Wohlstand des Landmannes, des
Gutsbesitzers eben so oft verringert oder gar vernichtet, wo die grossen
Heeresmassen des Eroberers sich über die Länder wälzten.
    Preussen vor allen anderen Ländern hatte die Gewalt der Ereignisse fühlen
müssen. Erst nach mehrjährigem Aufentalte in den fernen Ostsee-Provinzen war
der flüchtig gewordene König wieder mit seiner Familie in seine Hauptstadt
zurückgekehrt; aber die ganz zerstückelte Monarchie stand nichts desto weniger
tatsächlich noch völlig in Napoleon's Gewalt. Die ungeheure Kriegsschuld, die
von Napoleon verhängte Continentalsperre, wie die durch ganz Europa, so weit es
ihm gehorchte, angeordneten grossen Rüstungen brachten Not und Drangsale aller
Art hervor, indes sie hinderten die Völker nicht, zur Selbsterkenntnis zu
erwachen. Der König wie jener bessere Teil des Adels, der das Unglück der Jahre
achtzehnhundert und sechs und achtzehnhundert und sieben nicht mit herbeigeführt
und sich fern gehalten hatte von der Erniedrigung vor dem Eroberer, vor Allen
aber der gebildete Bürgerstand hatten begreifen gelernt, was Jedem im Einzelnen
fehle, was Allen gemeinsam Not tue, und die Besten des Landes, Männer so wie
Frauen, hatten sich vereinigt, um durch Selbsterziehung und Selbsterhebung jene
allgemeine Auferbauung zu beginnen, deren Unerlässlichkeit Jedweder ahnte oder
empfand.
    Eben in jener Zeit, im Herbste des Jahres achtzehnhundert und elf, sassen in
Berlin in dem Gartensaale eines grossen Hauses zwei Frauenzimmer bei einander.
Die Türen des Gemaches standen offen, obschon ein grosses Feuer in dem Kamine
brannte, dessen Flamme mit ihrem flackernden Scheine bald die chinesischen
Malereien an den noch von der Sonne beschienenen Wänden, bald die wunderlichen,
langgeschwänzten Vogelbilder an der Decke beleuchtete, über die sich schon der
Schatten des Abends auszubreiten anfing.
    Es mussten reiche Leute sein, denen dieses Haus gehörte, denn es standen
lauter silberne Teegerätschaften auf dem Tische, und das Silber war jetzt
schwer besteuert; auch der Tee selbst war durch die Continentalsperre zu einem
sehr kostbaren Luxus-Artikel geworden. Das jüngere der beiden Frauenzimmer, ein
eben erst der Kindheit entwachsenes Mädchen, mit dem Zubereiten des Tee's
beschäftigt, setzte behutsam einen kleinen Schirm von chinesischem Lack zum
Schutze gegen den Luftzug vor die Flamme, die unter dem Teekessel brannte, als
die Aeltere einen Strauss von Herbstblumen, den sie eben gebunden, aus der Hand
legte und sich von ihrem Sitze erhob.
    Komm', mein Kind, sagte sie, wir wollen die Blumen nach dem Denkmal tragen.
    Sie schlug bei den Worten einen der unter dem Directorium in Mode gekommenen
türkischen Shawls um ihre Schultern, reichte dem jungen Mädchen eine Pelerine zu
gleichem Zwecke hin, und während dieses sich an den Arm der älteren Freundin
hing, gingen sie über den Mittelweg des grossen Gartens nach einer Gruppe von
Bäumen, aus deren Schatten, von üppigem Gebüsch umwuchert, eine mässig hohe
Sandsteinsäule hervorsah. Die Vase, welche sie trug, hatte die Inschrift: »Den
Hingegangenen,« und so lange die Jahreszeit ihrem Garten Grün und Blumen
verlieh, unterliess es die Besitzerin desselben niemals, das kleine Monument mit
frischem Strausse zu schmücken.
    Fräulein Ester von Arten, denn es war der Garten des ehemaligen von
Arten'schen Hauses in der Residenz, in welchem die Frauenzimmer sich ergingen,
Fräulein Ester hatte das Denkmal einst in dem schönen Sinne einer gefühlvollen
Zeit errichten lassen, um sich alltäglich ihrer Todten zu erinnern. Nun war sie
gleichfalls schon lange hingegangen, auch die schöne Baronin Angelika von Arten,
welche nach ihr dieses Haus besessen, deckte seit Jahren und Jahren das Grab;
aber ihr Andenken lebte in aller ihrer Anmut und Güte in dem Herzen ihrer
Freundin Seba fort, und es war dieser eine Genugtuung, die Liebespflicht zu
üben, welche Angelika einst über sich genommen, nachdem sich ihre Scheu vor dem
Andenken an Fräulein Ester in liebende Erinnerung umgewandelt. Hatten doch auch
Seba und ihr Vater den Hingang einer ihnen teuren Person zu beklagen, da durch
eine plötzliche Krankheit ihnen die Mutter bald nach der Uebersiedelung in die
Residenz und in dieses Haus entrissen worden war.
    Allabendlich, wenn die Sonne zu sinken begann, pflegte Seba den frischen
Strauss auf das Denkmal zu legen, und ihre junge Gefährtin liess es sich dann
nicht nehmen, die Blumen des vorigen Tages in den Strom zu werfen, der langsam
an dem unteren Teile des Gartens hinfloss und langsam den welken Strauss mit sich
davon trug, bis das ihm folgende Auge ihn nicht mehr ersah.
    Auch heute wendeten die Frauen sich wieder dem festen Kieswege zu, der das
Ufer bildete und von dem man über den Fluss hinweg die schönen Bäume eines auf
der anderen Seite des Wassers gelegenen Gartens vor sich hatte, die eben jetzt
im Sonnenuntergange erglühten.
    Wenn der Vater nicht bald hinauskommt, wird er es heute nicht sehen, wie die
Bäume drüben ihr flammendes Lichtbad geniessen, sagte Seba. Seit den zwölf
Jahren, die wir hier in diesem Hause leben, bin ich dieses Schauspiels noch
nicht satt geworden, und selbst auf Reisen entbehre ich den Anblick.
    Auf Reisen? wiederholte das junge Mädchen kopfschüttelnd; nein, da habe ich
niemals oder doch nur selten hierher gedacht. Da hat man ja Anderes, Neues zu
betrachten.
    Ja, wenn man jung ist, meinte die ältere Freundin, und das Neue uns noch
reizt. Indes, und es mag das vielleicht wie manches Andere in einer gewissen
Abgeschlossenheit und Beschränkung meines Wesens begründet sein, fügte sie halb
wie zu sich selber sprechend hinzu, mir offenbaren sich die Schönheiten der
Natur, der Wechsel der Tageszeiten, der Jahreszeiten, des Lichtes und der Luft
am deutlichsten und schönsten gerade an den Gegenständen, welche meine Neugier
gar nicht reizen, sondern die mir in allen Einzelheiten recht vertraut sind. Ein
Sonnenuntergang am Niagara würde mich sicherlich weniger erfreuen, als der
Anblick, den ich hier geniesse. Das Licht auf eben diesen Bäumen, denen ich die
belebende Wärme gönne und wünsche, weil ich sehe, wie sie sich mit jedem Jahre
neu belauben, wie sie wachsend immer mächtiger werden, entzückt mich wie das
freudige Lächeln auf einem bekannten und geliebten Antlitze. Was könnte mir auch
die strahlendste Freude einer fremden Schönheit gelten gegen die Zufriedenheit
in Deinen guten Augen?
    Und doch möchte ich schön sein! rief das junge Mädchen lebhaft aus.
    Seine Gefährtin blickte es freundlich an. Kennst Du nicht die Worte, Davide,
die wir neulich in dem »Landprediger von Wakefield« gemeinsam lasen: Schön ist,
wer schön handelt?
    Da musst Du also sehr schön gehandelt haben! entgegnete das junge Mädchen,
ganz vergnügt über die Logik, welche sein liebevolles Herz ihm plötzlich eingab.
    Törichtes Kind! entgegnete Seba, dem Schmeichelworte des Mädchens wehrend,
das Seba's Hand an seine Lippen drückte und von ihr mit einer Umarmung belohnt
ward, ehe sie ihm den Auftrag gab, nach dem Hause zu gehen, um nachzuhören, wo
der Vater gar so lange weile.
    Als Davide sich entfernte, blickte Seba ihr mit lächelndem Behagen nach,
denn Davide war ihre Cousine und ihr Pflegekind, und es war eine Lust, diese
junge, schlanke Gestalt zu betrachten, wie sie sich mit unbewusster Anmut so
leicht und schnell bewegte.
    Eben an jenem verhängnisvollen Tage, an welchem Seba einst im Beisein der
alten Gräfin Berka und Angelika's mit dem Grafen Eberhard zusammengetroffen und
in der furchtbarsten Aufregung in ihr Vaterhaus zurückgekehrt war, hatte ein
Brief ihren Eltern die Kunde gebracht, dass eine verwittwete Schwester ihrer
Mutter auf den Tod liege und nach derselben verlange, um dieser ihr einziges
Kind zu übergeben. Noch an demselben Abende war Madame Flies in Seba's
Begleitung aufgebrochen, und vierundzwanzig Stunden später hatten sie an dem
Bette der Sterbenden gestanden.
    Nimm mich! hatte die kleine, kaum dreijährige Davide, wie alle Kinder, von
der Schönheit angezogen, ausgerufen, als Seba an das Krankenlager herangetreten
war; und wie einst Paul sie in der Stunde schwerer Seelenpein dem Leben und der
Hoffnung durch seinen liebevoll besorgten Zuruf wiedergewonnen, so hatte das
Zutrauen eines Kindes sie zum zweiten Male aus der Dumpfheit des Schmerzes
wachgerufen, in welche die bittere Erfahrung sie versenkt hatte, dass es
Selbstbefriedigungen und Siege gibt, an denen man zu Grunde gehen kann.
    Lass mir das Kind! hatte Seba gebeten, als die Sterbende es der Schwester
übergeben wollte. Lass es mein Kind sein, Tante - es soll gut, es soll besser und
glücklicher werden, als ich! hatte sie leise hinzugefügt, und von dem Herzen der
sterbenden Mutter hatte sie Davide an ihr Herz genommen.
    Von dem Tage ab hatte Seba's Leben einen Halt gewonnen. Sie hatte sich, seit
Paul verschwunden und trotz aller Nachforschungen nicht zu finden gewesen war,
wenn ihre Tätigkeit nicht, wie in der Krankheit der Baronin, durch einen
augenblicklichen Liebesdienst in Anspruch genommen ward, sehr überflüssig in der
Welt gefühlt, und in der Entmutigung eines verletzten und hoffnungslosen
Herzens auch nicht daran gedacht, einst in ihrer eigenen Entwicklung und
Selbstvollendung Trost zu suchen; denn liebevolle Seelen leisten ihr Höchstes
nur im Hinblicke auf die Gegenstände ihrer Liebe. Nun war das plötzlich anders
geworden. Sie hatte jetzt ein festes Ziel gehabt, sie hatte sich, da der Mensch,
je hülfsbedürftiger und ratloser er sich fühlt, um so lieber an eine höhere
Hülfe oder an geheimnisvolle Zeichen glaubt, die Vorstellung gebildet, dass das
Schicksal sie ausersehen habe, die Mutter der Verwaisten zu sein, dass es ihr,
wie einst Paul, so jetzt Davide zugewiesen habe, und mit dem Augenblicke, in
welchem sie die Sorge für dieses Kind über sich genommen, war auch die Hoffnung,
dass der ihr so teure Knabe, wie Angelika es prophezeit, noch wiederkehren
könne, wiederkehren werde, obschon alle Spur von ihm verloren blieb, auf's Neue
in ihr rege geworden.
    Die Uebersiedlung in die Residenz war dem Lebensplane zu Hülfe gekommen, den
Seba sich vorgezeichnet hatte. Auf alle die Vorrechte und Ansprüche verzichtend,
welche ihre noch immer jugendliche Schönheit der Fünfundzwanzigjährigen gaben,
hatte sie angefangen, ihre Kenntnisse zu prüfen, und sie oberflächlich gefunden.
Alles, was sie gelernt, war ihr ungründlich, ihr ganzes Denken und Tun
unzusammenhängend erschienen. Sie hatte also von Grund auf neu zu lernen, sie
hatte in ernsterer Weise zu denken begonnen, weil sie in sich das geistige
Capital erwerben und ansammeln wollte, von dessen Zinsen ihr Pflegekind sein
tägliches Leben haben sollte; und da sich demjenigen, der genau weiss, was er
will, und sich dabei in seinem Wollen zu beschränken weiss, das ihm Nötige fast
wie von selber bietet, so hatte das ernste Bemühen des schönen, geistbegabten
Mädchens ihm die Teilnahme bedeutender Männer und Frauen zugewandt, und bei dem
Reichtume und der Gastfreiheit ihrer Eltern hatte Seba sich in der Lage
befunden, diesen ihr werten Bekannten an jedem Tage in ihrem Vaterhause einen
Versammlungspunkt und einen herzlichen Empfang bereiten zu können.
    Das war zu jener Zeit, in welcher der Krieg und die Fremdherrschaft die
meisten Familien zu grossen Einschränkungen und Entbehrungen nötigten, nichts
Gewöhnliches gewesen. Man hatte das sich Darbietende gern benutzt, und seit im
Beginne des Jahrhunderts Madame Flies gestorben war, hatte Seba als Hausfrau in
dem alten von Arten'schen Hause geschaltet, bis sie allmählich zu dem geistigen
Mittelpunkte eines Kreises geworden war, der, wie es zu jener Zeit, in welcher
die gemeinsame Not und gemeinsames Hoffen und Streben die Herzen und die
Geister über die trennende Kluft der Standesunterschiede forttrug, gar oft
geschah, die verschiedensten geselligen Elemente schön und förderlich in sich
vereinigte.
    Die Rückkehr Daviden's erwartend, ging Seba im Genusse des hellen Abends
langsam am Wasser auf und nieder. Bald blickte sie nach dem Parke hinüber, als
wolle sie das Abendrot nicht scheiden lassen, ehe der Vater sich nicht auch
daran gefreut, bald sah sie nach dem Hause hin, und fast gedankenlos blieb ihr
Auge an der Stelle haften, an welcher einst über der grossen Türe des
Gartensaales wie über dem Portale des Hauses das von Arten'sche Wappen geprangt
hatte. Die Steinschilde waren auf den Wunsch des Freiherrn abgenommen worden,
als er das Haus verkaufte. Sie schmückten nun die Gruft der Rotenfelder Kirche,
und nichts, als einige Stücke Möbel erinnerten jetzt in dem Flies'schen Hause an
seine früheren Eigentümer, denn der Freiherr hatte es seiner Zeit verweigert,
das ganze Mobiliar des Hauses gleichfalls in den Besitz des Käufers übergehen zu
lassen, und es vorgezogen, es in Versteigerungen weit unter seinem Werte
fortzugeben.
    Er hatte auch, obschon er in der Residenz gewesen war, das verkaufte Haus
nicht wieder betreten, aber seinen Sohn, der seit einigen Monaten von dem
Regimente, bei welchem er bis dahin in der Provinz gestanden, nach der
Hauptstadt versetzt war, hatte er an Herrn Flies gewiesen, mit dem er noch immer
in Geschäftsverbindung war, und die freundliche Erinnerung, welche Renatus aus
seiner Kindheit an das Flies'sche Haus bewahrte, wie der anteilvolle Empfang,
den Seba ihm um seiner Mutter willen bereitete, hatten den jungen Edelmann bald
zu einem der oft wiederkehrenden Gäste desselben gemacht, seit die Flies'sche
Familie von der Reise heimgekehrt war, die sie sich in keinem Jahre zu versagen
pflegte.
    Es war also kein ungewöhnliches Ereignis, als Davide in des jungen Herrn von
Arten Begleitung aus dem Hause wiederkehrte.
    Der Onkel kann nicht kommen, sagte sie; er hat Geschäfte, er muss fortgehen!
Wir sollen ihn nicht erwarten, sondern den Tee mit Herrn von Arten trinken,
aber ....
    Aber? wiederholte Seba, als Davide zögernd inne hielt.
    Ich möchte auch gern fortgehen! sagte das junge Mädchen bittend.
    Das ist nicht schmeichelhaft für mich, meinte Renatus.
    Ich dachte nicht an Sie, und Sie sind ja auch nicht mein Gast! erwiederte
sie, indem sie ihn mit ihren grossen, braunen Augen ehrlich ansah.
    Er wollte ihr offenbar eine verbindliche Entgegnung machen, aber Seba liess
es nicht dazu kommen. Sie erteilte Daviden, als sie erfahren, dass es sich um
eine eben erhaltene Aufforderung handle, die Erlaubnis, ihre Freundin zu
besuchen, und nachdem das junge Mädchen die beiden Andern verlassen hatte,
folgte Renatus seiner Wirtin in den Gartensaal, in welchem der Imbiss ihrer
wartete.
 
                                Zweites Capitel
Während Seba ihrem jungen Gaste den Tee hinreichte und sich selber bediente,
fragte sie ihn, ob er Nachrichten von Hause erhalten habe und wie es den
Seinigen ergehe.
    Ich habe mit der letzten Post einen Brief von Vittoria empfangen, entgegnete
er. Sie ist wohl, und auch meinem kleinen Bruder geht es gut; indes wenn
Vittoria so lange Briefe schreibt, ist es immer kein günstiges Zeichen. Wenn sie
recht heiter und zufrieden ist, so schreibt sie nicht.
    Da Sie gern Nachricht von Ihrer Stiefmutter erhalten, meinte Seba, müssen
Sie auf diese Weise in einen beständigen Zwiespalt geraten. Sie sehnen Sich
nach den Briefen Ihrer Stiefmutter, weil Sie sie lieben, und dürfen Sich der
Ankunft dieser Briefe, eben weil Sie sie lieben, doch nicht freuen.
    Gewiss, so ist es auch, versetzte Renatus; aber es ist das nicht der einzige
Zwiespalt, in dem ich lebe. Sie wissen es, ich hange an Vittoria sehr; nicht wie
an einer Mutter, denn dazu ist sie viel zu jung, aber auch nicht wie an einer
Schwester, oder gar wie an einem Freunde. Ich liebe sie eigentlich am meisten
von allen Menschen, die ich kenne, und ich weiss Niemanden, den ich so gern
glücklich sähe, als sie, oder in dessen Nähe ich mich so völlig zufrieden fühle,
als in der ihrigen. Alles an ihr ist Schönheit, Heiterkeit und Frohsinn, und
mein kleiner Bruder ist ganz und gar ihr Ebenbild.
    Und doch sprachen Sie eben jetzt und auch sonst schon öfter von den
wechselnden Stimmungen Ihrer Stiefmutter, nahm Seba nach einigem Bedenken das
Wort; Sie werden es also natürlich finden, wenn ich die Frage an Sie richte,
worin dieselben ihre Ursache haben.
    Renatus sah ernstaft vor sich nieder. Wenn Sie Vittoria meine Stiefmutter
oder gar die Baronin nennen, begann er nach einer kleinen Pause, so ist damit
eigentlich Alles gesagt; denn Vittoria gehörte nicht in unseren Norden. Sie
leidet von demselben, der Winter macht sie unglücklich. Sie ist so fremd bei uns
- so fremd, wiederholte er schmerzlich, wie die Granatblüten in unseren
Treibhäusern, die mich nie recht freuen, weil ich ihnen anzusehen meine, wie
viel schöner sie in ihrem Vaterlande sein müssen! Und doch klagt Vittoria
niemals, doch hat ausser mir und ihrer Dienerin wohl Niemand eine Ahnung davon,
dass sie nicht immer heiter ist, dass sie auch traurig sein kann!
    Niemand? wiederholte Seba. Sollte der Freiherr sich über die
Gemütsverfassung seiner Gattin, der er an Jahren und an Erfahrungen so
überlegen ist, wohl täuschen können?
    Es entstand eine Pause. Der junge Mann schien sich nur mit Mühe von einer
Antwort, von weiteren Mitteilungen zurückzuhalten, und Seba, die schon öfter
bemerkt hatte, wie sehr er Neigung fühlte, ihr sein Herz zu erschliessen, trug
doch Bedenken, ihn dazu zu ermuntern, weil sie es nur allzu wohl wusste, dass man
im Leben nichts häufiger bereut, als unnötig bewiesenes Vertrauen, auch wenn
man es würdigen Personen gewährt hat, bei denen es wohl aufgehoben scheinen
durfte; denn man gibt mit seinem Vertrauen immer einen Teil seiner künftigen
freien Entschliessungen hinweg. Andererseits wusste sie aber genugsam, welch ein
Genuss und welche Erleichterung es zu Zeiten für den Menschen sein kann, von sich
und von denjenigen Personen sprechen zu dürfen, mit denen er sich verbunden
fühlt, und Renatus es völlig überlassend, was er tun wolle, bemerkte sie also
nur, dass sie Vittoria nicht gesehen habe, als der Freiherr mit ihr aus Italien
heimgekehrt sei, dass Herr Flies sich damals aber sehr gewundert habe, sie so
überaus jung und der verstorbenen Baronin Angelika so völlig ungleich zu finden.
    Es ist mir gerade so gegangen, sagte Renatus, indes meine Ueberraschung war
eine sehr angenehme; denn Sie können sich gar nicht vorstellen, wie traurig
meine Kindheit und meine Jugend gewesen sind, ehe Vittoria nach Richten kam, und
wie bange man mich vor ihrer Ankunft gemacht hatte.
    Er hielt abermals inne und hob dann, als sei er mit sich zu Rate gegangen,
ob er schweigen oder reden solle, und habe sich nun zu dem Letzteren
entschlossen, in jenem ruhig ausholenden Tone zu sprechen an, mit welchem man
sich zu einer längeren Erzählung anschickt.
    Wie Sie wissen, war ich erst acht Jahre alt, als meine arme Mutter starb,
aber ich hatte doch bereits Verstand genug, die Grösse eines solchen Verlustes zu
begreifen und zu empfinden, und auch von ihrem traurigen Loose, von der
unglücklichen Ehe meiner Eltern, von dem übeln Einflusse, den die Herzogin von
Duras in unserem Hause ausgeübt, hatte ich sehr früh eine Ahnung gehabt. Meine
Mutter jemals recht heiter, meinen Vater herzlich mit ihr oder fröhlich mit mir
gesehen zu haben, kann ich mich kaum erinnern. Die Schwermut meiner Mutter warf
ihren Schatten denn auch bald auf mich; ich war nicht gern bei ihr, nicht gern
bei meinem Vater, und noch weniger mochte ich in der Nähe der Herzogin sein. Ich
fürchtete mich vor jedem von diesen Dreien auf eine besondere Weise, und als
dann meine Mutter starb, sehnte ich mich - dass ich es Ihnen ehrlich gestehe -
recht nach Ihnen.
    Nach mir? fragte Seba mit der Teilnahme, die sich in guten Herzen
augenblicklich für denjenigen erzeugt, dem sie etwas leisten zu können glauben.
    Ja, nach Ihnen! wiederholte Renatus. Sie hatten meine Mutter sehr geliebt,
waren immer freundlich mit mir, ich war in Ihrem Hause immer fröhlich gewesen,
und bei uns in Richten war es in dem Herbste äusserst traurig. Mein Vater hielt
es dort auch nicht lange aus. Er vermisste die Herzogin meine Mutter fehlte ihm
wohl auch, der kurze Beileidsbesuch, den mein Grossvater, der Graf Berka, ihm
machte, entfernte die beiden Männer nur noch weiter von einander, und die
Streitigkeiten, in die mein Vater sich durch unsern alten Neudorfer Pastor mit
dem protestantischen Consistorium und mit der Regierung verwickelt fand,
verleideten ihm das Leben auf unseren Gütern vollends. Dazu schrieb die Herzogin
beständig, wie glücklich sie sich am sardinischen Hofe fühle, und da mein Vater
der Ansicht war, dass er eine zweckmässige ökonomische Massregel treffe, wenn er,
wie er sich ausdrückte, als schlichter Privatmann, nur von seinem Kammerdiener
begleitet, für einige Zeit ins Ausland gehe, so riet der Pfarrer - Sie wissen,
ich meine damit unseren guten, trefflichen Caplan, der Pfarrer geworden war, sei
er unsere Kirche in Rotenfeld verwaltete - meinem Vater selbst dazu, seiner neu
erwachten Reiselust zu folgen. Man dachte dabei, so viel ich mich erinnere, von
beiden Seiten nur an einen Winteraufentalt im Süden, und an die Rückkunft, wein
das Frühjahr der nordischen Gegend wieder seinen Schmuck verliehen haben würde;
aber das ganze Trauerjahr und das ihm folgende gingen zu Ende, ohne dass auch nur
von der Heimkelr meines Vaters die Rede gewesen wäre.
    Und hielt Ihr Herr Vater sich während desser beständig am sardinischen Hofe
auf? fragte Seba.
    Nein, entgegnete Renatus; er blieb allerdings den ganzen ersten Winter dort,
kehrte auch immer wieder an derselben zurück, indes seine Beziehungen zu der
Herzogin waren doch nicht mehr die alten. - Der junge Mann unterbrach sich
selber, sah, wie in eigenem Rückerinnern, vor sich nieder und meinte dann: Sie
haben ja die Herzogin gekannt und seiner Zeit auch meinen Vater kennen lernen,
als wir alle eigentlich in Ihres Vaters Hause lebten. Mein Vater hatte Freude an
der Gesellschaft der Herzogin, aber ich glaube, noch mehr Freude an der
ausschliesslichen Achtsamkeit, welche die Herzogin ihm zu gewähren damals für gut
befand, denn ihr war es, wie ich mir ihr Bild aus der Erinnerung ausgestaltet
habe, nur um Herrschaft und Erreichung ihrer Absichten zu tun. In Italien hielt
ihr Hofamt sie beschäftigt; sie hatte neue Plane für sich und für ihren Bruder,
der ihr nach dem Süden gefolgt war, und wenn sie auch klug und tactvoll genug
war, meinem Vater immer die gebührende Rücksicht zu beweisen, so sah sie es
gewiss nicht ungern, als er, empfindlich darüber, nicht mehr der alleinige
Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit zu sein, gegen das erste Frühjahr hin den
sardinischen Hof verliess, um sich nach Florenz zu begeben.
    Und in Florenz also hat Ihr Vater sich so lange aufgehalten? erkundigte sich
Seba, die eben mit diesen kleinen Unterbrechungen dem jungen Manne ein Zeichen
ihrer Teilnahme und eine Ermunterung gewähren wollte, in seinen Mitteilungen
nach seines Herzens Bedürfen fortzufahren.
    Er liess sich wenigstens am toskanischen Hofe für einige Jahre nieder,
antwortete Renatus. Schon sein Aufentalt am sardinischen Hofe hatte ihn von dem
Vorhaben abgebracht, mit dem er Richten verlassen. Es war auch für einen Mann
unseres Standes und von seiner persönlichen Bedeutung nicht wohl möglich, als
Privatmann aufzutreten. Er mietete also in Florenz ein Haus, möblirte es, legte
sich Dienerschaft zu ....
    Aber welche Ausgaben musste ihm das verursachen! rief Seba - und Sie haben
mir gesagt, dass der Freiherr auf und mit dieser Reise Ersparnisse zu machen
wünschte!
    Renatus zuckte die Schultern und sagte mit einem Ernste und mit einer
Gewichtigkeit, die ihn bei seiner Jugend fast komisch erscheinen liessen:
Ersparnisse zu machen ist eben nicht in allen Lebenslagen möglich, liebste
Flies! Unser Rang legt uns Pflichten gegen uns selbst und gegen die Gesellschaft
auf, deren wir uns nicht entschlagen können! Allerdings hörte ich es meinen
Erzieher und den neuen Amtmann, welcher Adam Steinert bei uns ersetzt hatte,
beklagen, dass meines Vaters Aufentalt in der Fremde so kostbar sei, aber das
Reiseleben muss doch wohl etwas sehr Bestrickendes haben!
    Gewiss, versetzte Seba, denn es täuscht uns mit dem Wechsel unserer Umgebung
über jenen andern Wechsel, der sich an und in uns selber vollzieht. Wer immer an
demselben Orte, immer in demselben Menschenkreise lebt, wird diesem zur
Gewohnheit, und wie man diese Gewohnheit des Beisammenseins auch lieben und
hochhalten mag, entzieht sie uns doch den Reiz, den das Fremde immer für die
Menschen hat und den man als ein Fremder auf Fremde, als ein Kommender und
Gehender auf diejenigen ausübt, denen wir wert sind und denen unsere
Anwesenheit erfreulich ist. Wo wir erscheinen, werden wir als etwas Neues
begrüsst; kein Altersgenosse, kein Jugendfreund erinnert uns in der Fremde durch
sein Altern, durch seine wankenden Kräfte daran, dass auch an uns die Jahre nicht
spurlos vorübergehen, und ich glaube, dass man in solchem Wanderleben seinen
Lebensabend erreichen kann, ohne es, wenn man sonst leidlich bei Kräften ist,
gewahr zu werden, dass man sich dem Niedergange nähert.
    Ach, rief Renatus, wenn Sie meinen Vater heute sehen würden, so würden Sie
ihn doch gealtert finden! Freilich hat er noch immer seine gebietende Gestalt,
sein Auge hat auch noch immer etwas Mächtiges, seine kräftige Farbe bildet sogar
einen anziehenden Gegensatz zu seinem grauen Haare, aber als er damals aus
Italien wiederkehrte, war er doch noch ein Anderer! Er schien mir völlig wie
verjüngt. Die lästigen Geschäfte hatten ihn dort nicht gedrückt, die leichtere,
freiere Lebensweise der Südländer, die man ja von allen Seiten rühmt, hatte ihm
immer eben so sehr zugesagt, als das Licht und die Luft Italiens, und wenn mein
Vater während seiner langen Abwesenheit auch, so oft der Frühling kam oder wenn
der Herbst sich nahte, von seiner Heimkehr gesprochen hatte, so hatte die Scheu
vor unserem rauhen Klima und vor unserem einsamen Schloss ihn doch immer wieder
in Italien festgehalten.
    Aber hat er sich denn nicht nach Ihnen, nach seinem Sohne gesehnt?
erkundigte sich Seba.
    Renatus gab ihr keine Antwort. Indes sie bemerkte, dass seine Stirn sich
verdüsterte und dass sein Auge den schwermütigen Ausdruck annahm, der, so lange
sie seine Mutter gekannt, das Antlitz derselben fast niemals verlassen hatte. Er
glich überhaupt vollständig der verstorbenen Baronin, und gerade das gewann ihm
Seba's Gunst. Nichts in des jungen Mannes Gestalt und Wesen erinnerte an seinen
Vater, und es rührte Seba, als er mit seinem melancholischen Blicke die
Bemerkung hinwarf: der Freiherr sei wohl nicht im Stande, sein Herz an Kinder zu
hängen, wie manche andere Männer es bisweilen täten, und obendrein sei er
leider seinem Vater nicht nach dessen Sinne.
    Noch als meine Mutter lebte, äusserte mein Vater oftmals, ich sei nicht
fröhlich genug, ich sei zu ernstaft. Hätte mein Vater mehrere Söhne gehabt, ich
glaube, er würde mich dem Dienste der Kirche gewidmet haben, sagte der junge
Mann. Und es ist traurig, zu sagen, mein kleiner Bruder, der voller Leben und
Schalkheit ist, trägt Scheu vor unserem Vater, so dass dieser ihn deshalb nicht
gern um sich leidet und mir Valerio's Zärtlichkeit missgönnt.
    Renatus hielt abermals inne. Er kämpfte offenbar eine peinliche Empfindung
in sich nieder, und Seba bedauerte es, dass der Tod seiner Mutter ihn frühzeitig
so ernst gemacht habe.
    Daran trägt, wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte, wohl vor Allem die
Abgeschiedenheit Schuld, in der ich von meinem achten Jahre bis zur
Wiederverheiratung meines Vaters erzogen worden bin. Denken Sie nur, dass der
Caplan meine einzige Gesellschaft und - Renatus lächelte, was ihn sehr hübsch
erscheinen liess - und Mamsell Marianne mit ihren feierlichen Mienen und
altväterischen Knixen das einzige weibliche Geschöpf gewesen ist, mit dem ich
Jahr aus Jahr ein zu verkehren hatte. Weil mein Vater so lange in Italien blieb,
entliess mein Erzieher, der zugleich sein Bevollmächtigter war, die ganze
französische Dienerschaft und überhaupt alle entbehrlichen Leute, und da ich
schwächlich war und der Arzt für mich ein einfaches und regelmässiges Leben
verordnet hatte, ging es bei uns wie in einem Kloster zu. Ich hatte viel
Unterricht, war nie eine Stunde ohne Aufsicht, genoss, weil mir jede Gelegenheit,
einen Fehler zu begehen oder ein Unrecht zu tun, entzogen war, die volle
Zufriedenheit der beiden trefflichen alten Leute und kannte nur zwei Arten von
Belohnungen, die darin bestanden, dass ich mit dem Jäger reiten oder schiessen
durfte und dass Mamsell Marianne mich in unserem Ahnensaale von den Taten, den
Eigenschaften und den Familien-Verbindungen meiner Ahnherren und Ahnfrauen
unterhielt, da sie sich im Dienste meiner Grosstante Ester zu einer wahren
Familien-Chronik ausgebildet hatte.
    Besuchten Sie denn Ihre mütterlichen Grosseltern in der Abwesenheit Ihres
Vaters nicht?
    Nein, sie kamen nie nach Richten; ich wurde jedoch in jedem Jahre einmal auf
wenige Tage in ihr Haus geführt. Indes ich war so schüchtern, dass ich mich nicht
wohl in der Gesellschaft meiner jungen Vettern fühlte. Dazu scheute ich mich
auch vor all den Fragen, die man über meinen Glauben - Sie wissen, meine
Grosseltern gehören nicht zu unserer Kirche - stets an mich zu richten pflegte,
und heitere Tage habe ich in meiner Kindheit nur im Hause der guten Gräfin
Rhoden und in der Gesellschaft ihrer beiden Töchter genossen und erlebt.
 
                                Drittes Capitel
Die Dazwischenkunft eines eintretenden Besuches unterbrach den jungen Mann in
den Mitteilungen aus seiner Kindheit.
    Es war ein Maler, welcher von seiner Studienreise wiederkehrte. Er brachte
der Freundin seine Mappen mit, damit sie sich mit ihm an der reichlichen
Ausbeute seiner Arbeit erfreue, und Renatus zeigte den lebhaftesten Anteil
daran, da er selber eine recht hübsche Anlage für das Zeichnen hatte und, ohne
besonderen Unterricht erhalten zu haben, im Treffen der Aehnlichkeit wie in dem
Wiedergeben landschaftlicher Natur recht glücklich war.
    Man blieb eine geraume Zeit mit dem Betrachten der Skizzen und Studien
beschäftigt, und als der Maler sich dann entfernte, meinte Renatus, dass er sich
kaum ein schöneres Loos, als das des Künstlers, zu denken vermöge, ja, wie er,
da ihm auch für Musik die Begabung nicht versagt sei, sich oftmals auf dem
Gedanken ertappt habe, dass er als ausübender Künstler seine höchste Befriedigung
gefunden haben würde.
    So hätten Sie Künstler werden sollen! bedeutete ihn Seba.
    Ich? fragte Renatus mit einem Tone, als werde ihm etwas ganz Unmögliches
angemutet. Wie hätte ich das anfangen sollen?
    Wie jeder Andere, dem es darum Ernst ist! entgegnete ihm Seba.
    Aber der Jüngling war von dieser Antwort nicht befriedigt; sie schien ihn
sogar zu kränken, denn leicht errötend versetzte er: Sie vergessen, liebe Seba,
dass ich ein Edelmann bin!
    Seba lächelte. Soll das heissen, sagte sie mit leichtem Spotte, dass es unter
Ihrer Würde ist, Sich mit dem Schönen zu beschäftigen?
    Nein, es ist nicht unter unserer Würde, uns mit dem Schönen zu beschäftigen,
entgegnete sehr ernstaft der junge Edelmann, der sich sofort als ein Glied der
grossen Körperschaft empfand, der er angehörte; es ist nicht unter unserer Würde,
uns mit dem Schönen als Geniessende zu beschäftigen, nur Vorteil können wir aus
unserer Beschäftigung mit demselben nicht wohl ziehen. Wäre ich in bürgerlichem
Stande geboren, so wäre ich sicherlich ein Künstler geworden; jetzt würde mir
das übel anstehen. Denken Sie doch, Beste, wenn ein Freiherr von Arten Bilder
verkaufen oder für Geld Musik machen wollte! O, unmöglich, ganz unmöglich!
    Er lachte bei der blossen Vorstellung, und es half nicht, dass Seba ihn daran
erinnerte, wie viele der französischen Flüchtlinge ihr Brod durch Uebung weit
geringerer Fertigkeiten zu gewinnen genötigt worden wären. Er erblickte darin
eben nur die Bestätigung, dass allein die Not den Edelmann bewegen dürfe, sich
einem Gelderwerb durch Handel oder Industrie und Kunst zu überlassen, und seine
Wirtin fand ihn, wie schon bei früheren ähnlichen Gelegenheiten, jeder
vernünftigen Ueberzeugung unzugänglich, wo diese sich gegen eines der
Vorurteile richtete, deren er weit mehr als sein Vater, als der Freiherr hegte.
    Indes es lag darin nichts, was Seba, nach ihrer Kenntnis der Verhältnisse,
überraschen konnte, und sie war einsichtsvoll genug, es sich zu deuten, wie der
Caplan einen so verschiedenen Einfluss auf den Vater und auf den Sohn zu üben
vermocht habe.
    Als Erzieher und Reisebegleiter des Freiherrn Franz hatte der Caplan sich es
einst angelegen sein lassen, diesen für das Studium der schönen Wissenschaften
zu gewinnen und ihm jene humanistische Bildung anzueignen, welche den Freiherrn
seiner Zeit so liebenswürdig und so duldsam gemacht hatte. Aber die Folge mochte
dem Caplan nach seiner Ansicht den Beweis geliefert haben, dass die Duldsamkeit
gegen Andere auch sehr duldsam gegen die eigene Schwäche und Willkür werden
lasse, und wie die Aufklärung, welche den Menschen auf sich selbst verweise, die
Gefahr in sich schliesse, dass er sich von der Zucht der Kirche frei, weder durch
ihre Gebote noch durch ihre Strafen gebunden glaube. Mit bewusster Absicht hatte
der Caplan also bei der Erziehung von Renatus den Weg verlassen, auf welchen er
den Vater desselben einst geführt. Er hatte für ihn das unabweisliche Gesetz der
Religion an die Stelle des eigenen Erwägens aufgestellt, der Freiheit seines
grübelnden Verstandes Grenzen gezogen, seiner nach Schönheit suchenden Phantasie
nur mässig, ja, dürftig Nahrung geboten, und es war ihm auf diese Weise auch
gelungen, den von Natur fügsamen Knaben zu einem unbedingten Gehorsam gegen
seinen Erzieher und zu einem eben so unbedingten Glauben an die von ihm
aufgestellten Lehren und Grundsätze zu gewöhnen. Wer aber in geistiger
Gefangenschaft erwächst, in wem der Trieb nach freier, prüfender Forschung nicht
lebendig ist, dem werden seine Vorurteile gar bald eben so zu einer Schranke
seines Denkens, wie zu einer Stütze für seine Unselbständigkeit, und die
Zuversicht, der Eigensinn, die Heftigkeit, mit welcher der Befangene sich in der
Regel an sie klammert oder sie aufrecht erhält, sind nur ein Zeichen seiner
Haltlosigkeit und seiner inneren Schwäche.
    Es war Renatus offenbar nicht angenehm gewesen, durch den Maler in seinem
Zwiegespräche mit der Freundin seiner Mutter unterbrochen worden zu sein, und da
er, durch zu ausschliessliche Beachtung in seiner Kindheit verwöhnt, sich trotz
seiner Bescheidenheit eine grosse Bedeutung beilegte, hatte sich bei des Malers
Ankunft eine übellaunige Verstimmung seiner bemeistert, die erst in dem Verkehr
mit demselben und in der Kunstbetrachtung wieder allmählich gewichen war. Nach
Seba's spottender Bemerkung schien diese Gereizteit sich abermals kundgeben zu
wollen, und Seba fühlte Lust, ihn um dieser Unart willen zur Rede zu stellen;
aber der Jüngling stand ihr dazu noch zu fern, und halb aus Neugier, halb aus
nachgiebiger Güte gegen den Sohn ihrer Angelika fragte sie, um ihm die
Möglichkeit weiteren Vertrauens zu eröffnen, an ihre frühere Unterhaltung
anknüpfend, welchen Eindruck denn auf ihn in seiner Kindheit die Kunde von der
neuen Verheiratung seines Vaters hervorgebracht habe.
    Einen weit geringeren und sicherlich einen anderen, als Sie erwarten mögen,
entgegnete der Jüngling. Ich hatte durchaus keinen Kummer darüber und dachte
nicht im entferntesten daran, dass und in welcher Weise meine Zukunft dadurch
benachteiligt werden könne. Auch erfuhren wir die Heirat meines Vaters erst,
als sie schon vollzogen war. Und als falle ihm plötzlich etwas ein, zog Renatus
seine Brieftasche aus der Uniform hervor, öffnete sie, suchte unter den
verschiedenen Papieren, die sie entielt, und sagte dann, seiner Zuhörerin ein
zusammengefaltetes Schreiben vorhaltend: Sehen Sie, das ist der Brief, in
welchem mein Vater dem Caplan von seinem Entschlusse Kenntnis gab. Ich habe ihn,
als ich ihn vor ein paar Jahren nach vielem Bitten von dem Caplan erlangte,
immer als eine Art von Andenken und als eine Erinnerung bei mir getragen, weil
mit diesem Briefe in gar vieler Rücksicht ein neues Dasein für mich begonnen
hat. - Er reichte Seba den Brief, der aus Venedig datirt war.
    »Da Sie mich kennen, mein alter Freund,« hatte der Freiherr an den Caplan
geschrieben, »so werden Sie es natürlich finden, dass ich Sie erst, nachdem ich
mit mir selbst völlig einig bin, von einem Schritte in Kenntnis setze, den ich
bereits getan haben werde, wenn Sie diesen Brief empfangen.
    Der Himmel, der meinem Leben von Jugend auf seine besonderen Wege und seine
eigentümlichen Schicksale vorgezeichnet, hat mir ein grosses Glück, eine
wundersame Verjüngung an jener letzten Grenze des reifen Mannesalters
vorbehalten, in welchem weniger bevorzugte Naturen für die höchsten Empfindungen
und Freuden des Daseins oft nicht mehr empfänglich sind.
    Was ich in frühen Jahren besessen, die volle, ganze, rückhaltlose Liebe
eines jungen Herzens, das ist mir abermals zu Teil geworden, und wenn damals
trennende Lebensverhältnisse mich verhinderten, meines Glückes mich offen zu
erfreuen, so ist es mir jetzt eine Genugtuung und eine Ehrensache, meiner
künftigen Gattin eine ihrer Geburt und ihren Vorzügen angemessene Stellung zu
bereiten.
    In wenig Tagen wird hier in Venedig meine Trauung mit Vittoria Giustiniani
vollzogen werden, in wenig Wochen denke ich sie in ihre neue Heimat und in mein
Haus zu führen. Ich wünsche die schöne Jahreszeit zu benutzen, damit die Teure
unsere Gegend im besten Lichte und in ihrem schönsten Schmucke sehe. Ich bitte
Sie also, mein Freund, Alles für meine Wiederkehr anordnen zu lassen, und ich
rechne dabei, wie immer, auf Ihre Freundschaft für mich, die darauf bedacht sein
wird, meiner teuren Vittoria einen wohltuenden Eindruck vorzubereiten.
    Sie werden in ihr eine ganz ursprüngliche Natur und eine vollendete
Künstlerin finden, und da ich selbst mich jung fühle in der Liebe dieses
holdseligen Wesens, so freut es mich auch, dass fortan in meinem Hause eine junge
Frau walten wird, welche meinem Sohne in Jahren näher steht, als Sie und ich,
und die hoffentlich dazu beitragen wird, ihn jugendlicher und fröhlicher zu
machen, als er mir nach seinen Briefen zu sein scheint, in denen sich die
schwerlebige Berka'sche Gemütsart, von der ich so viel gelitten habe, mehr als
mir erwünscht ist, kundgibt. Teilen Sie ihm meine bevorstehende Verheiratung
mit und sorgen Sie dafür, dass er seiner Stiefmutter ein vertrauendes Herz
entgegenbringe.«
    Seba las den Brief mit grossem Anteile, aber er tat ihr für das Andenken
ihrer Angelika und für Renatus weh, denn des Freiherrn geringe Liebe für den
Sohn und seine Abneigung gegen Angelika sprachen sich unverhohlen darin aus.
    Als sie dem Jünglinge den Brief zurückgab, sagte er: Ich habe Ihnen dieses
Blatt, das kein fremdes Auge je gesehen hat, unbedenklich anvertraut, denn Ihnen
wird es keine Neuigkeiten und keine Geheimnisse verraten haben. Und doch sehen
Sie jetzt gerade so betrübt aus, als ich nach Ankunft jenes Briefes meine ganze
Umgebung erblickte. Ich kam offenbar aller Welt beklagenswert vor. Die Gräfin
Rhoden umarmte mich unter Tränen, als wir sie zum ersten Male wieder besuchten,
meine kleinen Freundinnen hofften, dass meine Stiefmutter mich nicht schlecht
behandeln werde; der Caplan, welcher im Schloss Alles erneuern liess, was etwa
der Erneuerung bedurfte, schien gleichfalls niedergeschlagen, Mamsell Marianne
aber blieb in einer beständigen, still unterdrückten Wut.
    Die Bilder meiner Mutter und meiner verstorbenen Tante Amanda wurden aus dem
Wohnzimmer in den Ahnensaal gebracht, und während die Uebrigen alle der Ankunft
meines Vaters mit sehr ungünstigen Erwartungen entgegen sahen, unterhielten mich
schon die blossen Vorkehrungen für seine Rückkehr so angenehm, dass ich mich des
Allerbesten von derselben versah. Der blosse Gedanke, dass noch andere Personen,
als der Caplan und Mamsell Marianne, dass mein Vater und eine junge Frau im
Schloss leben würden, entzückte mich.
    Wenige Wochen nach meiner Confirmation, recht mitten in der Rosenzeit, traf
dann mein Vater bei uns ein. Der Caplan hatte angeordnet, dass ich den Freiherrn
im Schloss erwarten sollte, da dieser sich den Empfang, wie er meiner Mutter an
unserer Grenze zu Teil geworden und wie er sich für die Gutsherrschaft
gebührte, verbeten hatte. Die Ungeduld litt mich aber nicht im Schloss. Ich
wusste damals noch nicht, sagte er - und wieder ging Angelika's schwermütiges
Lächeln über seine Züge -, was ich später wohl ahnte und was sich mir in diesem
Briefe meines Vaters an den Caplan leider bestätigte, dass sein Verlangen nach
mir nicht eben lebhaft war; und den ersten grossen Ungehorsam gegen den Befehl
meines Mentors begehend, liess ich mir heimlich mein Pferd satteln, um den
sehnlich Erwarteten so bald als möglich zu begrüssen.
    Mein Vater erkannte mich im ersten Augenblicke nicht, als ich in den Bereich
des Wagens kam. Er hatte mich als ein Kind verlassen, mich nur als Kind gedacht,
und Vittoria hatte nach meines Vaters Äusserungen auch nicht darauf gerechnet,
einen fast erwachsenen jungen Menschen in mir zu finden. Sie rief mir in ihrer
Muttersprache etwas zu, was ich nicht verstand; da sie dies merkte, grüsste sie
mich mit einer jener Handbewegungen, welche keine Nordländerin nachzuahmen
vermag, und ich war bei ihrem Anblicke wie geblendet von ihrer Erscheinung.
    Sie können sich kaum vorstellen, rief er, sich unterbrechend, wie schön
Vittoria damals war; aber noch auffallender, als ihre Schönheit, war auch mir
ihre grosse Jugend. Als sie vor dem Schloss ausstieg, als mein Vater mich ihr,
wie sich's gebührte, feierlich als ihren Stiefsohn vorstellte und sie mich
umarmte, war ich vollends verwundert, sie kleiner als mich, sie überhaupt so
klein zu finden, denn meine Mutter war sehr gross gewesen, und ich musste mich
schon damals bücken, meinen Mund dem Munde Vittoria's nahe zu bringen, sagte er
errötend.
    Sprach Ihre Stiefmutter nur das Italienische? fragte Seba.
    O nein, ich sagte es Ihnen ja bereits, sie war auch des Französischen
mächtig, und mit dem fremdartigen venetianischen Accente, der mir sehr lieblich
in ihrem Munde klang, französisch zu mir sprechend, sagte sie: »Da ich zu jung
bin, Deine Mutter zu sein und eine grosse Verehrung von Dir zu fordern, so
entschliesse Dich, mein Freund, mich zu lieben. Ich will das Gleiche tun, sei
dess ganz gewiss!«
    Und hat die Baronin das gehalten, lieber Arten?
    Ich habe keinen besseren Freund, als sie! beteuerte der Jüngling. Dann
hielt er inne und liess seiner Wirtin damit zu der Frage Zeit, ob Vittoria's
Eltern noch am Leben wären und wo und wie sein Vater sie kennen gelernt habe.
    Vittoria war eine Waise, berichtete Renatus. Sie selbst hat mir, als ich
erwachsen war, ihre Jugendgeschichte erzählt. Das Geschlecht der Giustiniani,
dem sie angehört, ist sehr alt und weit verzweigt; aber der Zweig, von dem sie
stammt, war mittellos, und man hatte Vittoria, da ihre Eltern früh gestorben
waren, zur Erziehung in ein Kloster getan, in welchem man sie später den
Schleier nehmen lassen wollte. Ich weiss nicht, ob ich sagen soll, zu ihrem
Glücke, brachen die Blattern in dem Kloster aus, als sie auf dem Punkte stand,
ihr Noviciat antreten zu müssen, und man sendete also zeitweilig alle Pensionäre
zu deren Familien zurück. So kam Vittoria in das Haus der Marchesa Moncenigo,
ihrer Tante, die damals, während des Sommers, eine Villa am Ufer der Brenta
bewohnte; aber man zog sie nicht in die Gesellschaft, die sich dort zur
Villeggiatur versammelt hatte und zu der auch mein Vater gehörte. Man brachte
das junge, weltfremde Mädchen mit einer Dienerin in einem verlassenen Casino im
entlegensten Teile der Besitzung unter, da man nicht geneigt war, die
mittellose Waise die Reize der Gesellschaft kosten zu lassen, in die einzutreten
sie nicht bestimmt war. Ihre Rückkehr in die Mauern des Klosters stand ihr nahe
bevor, als mein Vater bei einem einsamen Morgenspaziergange Vittoria an dem
Fenster ihres Casino sah und sie, unbemerkt von ihr, eine jener alten
Kirchen-Cantaten singen hörte, die Niemand, glaube ich, schöner als sie zu
singen versteht. Mein Vater war von ihrer Schönheit wie von ihrer Stimme
hingerissen. Er kehrte öfter wieder; die Dienerin, welche man Vittoria
zugesellt, hatte es bald herausgebracht, wer der Fremde sei und dass er ihrer
jungen Herrin eine glänzende Zukunft zu bieten habe. Vittoria war ein Kind, sie
sehnte sich, aus dem Kloster fortzukommen, wünschte in das Leben einzutreten,
und wie hätte auf sie, der noch kein Mann genaht war, eine so einnehmende
Persönlichkeit wie die meines Vaters ihren Eindruck verfehlen können? Die
Bewunderung, die sie ihm bezeigte, steigerte natürlich seine Leidenschaft für
sie; ihre Verlassenheit rührte ihn, seine Grossmut sprach für sie in seinem
Herzen, und als er dann von seinen Gastfreunden Vittoria's Hand begehrte, war
man natürlich eben so überrascht über die unerwartete Aussicht, welche sich der
armen verabsäumten Verwandten darbot, als bereit, sie eine solche Verbindung
schliessen zu lassen. Vittoria Giustiniani wurde also mit Freuden Baronin von
Arten, wurde meines Vaters Frau, und doch, fügte er seufzend hinzu, kann ich wie
der Prinz in Schiller's »Don Carlos« von mir sagen: »Ich habe kein Glück mit
meinen Müttern!«
    Er erhob sich bei den Worten, sah nach der Uhr und entschuldigte sich, dass
er Seba's Zeit so lange und so selbstsüchtig für sich in Anspruch genommen habe.
Als diese ihn aufforderte, bis zur Rückkehr ihres Vaters und ihrer Nichte bei
ihr zu bleiben, um dann mit ihnen zusammen zu Nacht zu essen, lehnte er es ab,
weil er in jeder Woche an dem gleichen Abende bei der Gräfin Rhoden sei, der er
ausserdem heute noch einen Auftrag der Signorina zu überbringen habe.
    Meinen Sie mit dieser Bezeichnung Ihre Stiefmutter? erkundigte sich Seba.
    Renatus wurde verlegen und rot. Ja, sagte er; entschuldigen Sie die üble
Angewohnheit, denn eine solche ist es in der Tat, und ich habe sie zu meiner
Schande noch obendrein von Mamsell Marianne angenommen, die sich immer nicht
entschliessen kann, die junge Frau mit dem Titel meiner verstorbenen Mutter
anzureden. Sie nannte sie deshalb, wie die mitgebrachte Dienerin es tat,
beständig die Signora. - Mir aber klang das fremde Wort so schön! Und weil
Vittoria in ihrer Weise für mich ein Unvergleichliches war, freute es mich, für
sie auch eine Bezeichnung zu haben, die keiner anderen Frau gegeben ward. Meine
Jugendgespielinnen, die Töchter der Gräfin Rhoden, die gleich mir schnell eine
grosse Neigung für Vittoria fassten, nannten sie bald auch nur die Signorina. Sie
haben das vielleicht selbst schon von ihnen gehört; und von den Bekannten
unseres Hauses heisst jetzt kaum Jemand sie anders, wenn er von Vittoria spricht.
    Der junge Offizier hatte während dieser letzten Worte seinen Säbel umgehakt
und seinen Hut genommen. Seba fragte, ob er sonst Neuigkeiten aus der Heimat
habe, ob er wisse, wie es den Marienfelder Steinert's ergehe. - Er hatte aber
nichts Näheres von ihnen gehört, da Adam Steinert in gar keinem Zusammenhange
mit seinem früheren Herrn stand, und nur gelegentlich hatte er erfahren, dass es
Steinert's unermüdlicher Ausdauer gelungen sei, sich durch die Not der
Kriegsjahre verhältnissmässig gut durchzubringen.
    Das ist einer von den Ungebeugten, meinte Seba, denen die Kraft, zu hoffen
und in dieser Hoffnung zu schaffen, in den trübsten Stunden aus dem Herzen
quillt.
    Hoffnung muss nur einen Anhalt haben, wendete Renatus ein; und woran kann sie
sich knüpfen in einer Zeit, in welcher, wie eben jetzt, nach kaum überstandenem
furchtbarem Kriege und unheilvollem Frieden, rund umher neue Rüstungen befohlen
werden, deren Zweck nicht zweifelhaft ist? Worauf soll der einzelne ohnmächtige
Mensch seine Hoffnung richten, sein Bestreben lenken, da einem gewaltigen,
dämonischen Willen nach Gottes unerforschlichem Ratschlusse wie einer Geissel
des Gerichtes über die Erde Macht gegeben ist?
    Seba hatte sich auch von ihrem Sitze erhoben und war mit ihrem jungen Gaste
bis an die Türe des Gartensaales gegangen. Als sie dieselbe öffnete, hatten sie
in aller seiner strahlenden Herrlichkeit den prächtigen Kometen vor ihren Augen,
der in diesem ganzen Sommer am Horizonte gestanden und die Herzen der ohnehin
gewaltig aufgeregten Menschen mit banger Sorge und unheimlichen Befürchtungen
erfüllt hatte.
    Wie blendend er ist, rief Renatus aus, und wie gewaltig in seiner fast den
ganzen Horizont durchmessenden Grösse!
    Da fasste Seba des Jünglings Hand und sagte leise und eindringlich: Aber auch
er wird vorübergehen, und seine Zeit ist nahe! Sehen Sie hin, sein Licht ist im
Erlöschen, er neigt sich dem Untergange zu! Noch eine kurze Frist, und an dem
befreiten Himmel werden die alten, schönen Sternbilder in aller ihrer Klarheit
leuchten, und man wird vergebens nach dem Phänomen suchen, dessen wilde Grossheit
jetzt die schwachen Seelen entmutigt und geknechtet hat! Nur eine kurze Geduld,
nur Mut und Hoffnung!
    Der junge Mann sah sie betroffen an. Ihre Augen leuchteten in schöner
Erhebung, es lag in ihren Worten etwas Geheimnisvolles, das ihn unwillkürlich
ergriff; indes er konnte sich nicht entschliessen, sie um die Deutung zu bitten,
und ohne eine weitere Erklärung liess sie ihn mit dem Auftrage, die Gräfin Rhoden
von ihr zu grüssen, von sich gehen.
    Arme Angelika, seufzte sie, als er sich entfernt hatte, arme Angelika, warum
musstest du so früh von uns scheiden! Dein Sohn würde mich verstanden haben,
hättest du ihn auferzogen!
 
                                Viertes Capitel
Als Renatus die Linden hinabging, um sich nach dem entlegenen Teile der
Wilhelmsstrasse zu begeben, in welchem die Gräfin Rhoden sich, seit sie Berlin
bewohnte, niedergelassen hatte, sah er aus dem Eckfenster eines an der
Friedrichsstrasse gelegenen Hauses ein helles Licht erglänzen, und da die Uhr an
dem Akademie-Gebäude ihn belehrt hatte, dass es noch ein wenig zu früh sei, zu
der Gräfin zu gehen, wendete er sich jenem Hause zu, stieg die Treppe bis zum
ersten Stockwerke in die Höhe und fragte, als eine den höheren Ständen
angehörige Frau ihm dort die Türe öffnete, ob sein Onkel zu Hause und zu
sprechen sei.
    Zu Hause ist der Herr Graf, entgegnete die Frau, welche ihn eingelassen
hatte, aber er hat einen Besuch, und der Kammerdiener ist fortgeschickt. Wenn
Sie es wünschen, will ich Sie melden; indes ich hörte immer schon mit den
Stühlen rücken und umhergehen - wenn Sie vielleicht verziehen wollten ....
    Er sagte, dass er nicht lange bleiben könne, dass er jedoch versuchen wolle,
ob sein Onkel bis dahin für ihn frei sein werde, und nahm den Sessel an, den die
Frau ihm an der Seite ihres Sopha's darbot. Renatus war schon oftmals durch
dieses Zimmer gegangen, aber mit der Achtlosigkeit des im Reichtume geborenen
und im eigenen Hause erwachsenen Mannes hatte er es nie eines Blickes gewürdigt,
denn die verschwenderische Ausstattung desselben hatte für ihn keinen Reiz. Eben
so wenig hatte er die Frau betrachtet, der er auch früher schon in diesem
Gemache begegnet war, oder sie gefragt, welche Stelle sie in dem Haushalte
seines Onkels ausfüllen möge.
    Heute, da er sich genötigt fand, in ihrer Nähe zu verweilen, bemerkte er,
dass sie offenbar den Fünfzigen nahe war, und sie missfiel ihm, obwohl sie einmal
eine hübsche Frau gewesen sein konnte. Sie trug jene grossen goldenen Ringe in
den Ohren, die ihrer Zeit durch die nachmalige Kaiserin Josephine in Aufnahme
gebracht und nach ihr Creolen genannt worden waren. Ihre Taille war noch kürzer
gegürtet, ihr Busen noch höher hinaufgeschnürt, als die Mode es mit sich
brachte, und aus dem mädchenhaften Fanchontuche, das sie über den à la Titus
frisirten Kopf geknüpft hatte, sahen die geschminkten Wangen und das runde
Doppelkinn voll und coquet hervor. Dazu hatte sie die Finger reichlich mit
Ringen besteckt, und sie musste entweder auf diese Ringe oder auf ihre allerdings
noch hübschen Hände grossen Wert legen, denn sie war sehr bemüht, des Jünglings
Aufmerksamkeit auf dieselben zu ziehen, indem sie die Hände leise gegen einander
rieb und sich beklagte, dass es nach dem heissen Sommer und bei den warmen Tagen
Abends doch schon so kalt sei und dass ihre Hände die rauhe Luft gar nicht
vertragen könnten.
    Renatus liess diese Bemerkung schweigend an sich vorübergehen; damit war aber
die Entschlossenheit der Redseligen, ihn in eine Unterhaltung zu verwickeln,
nicht zurückgeschlagen, und beide Arme auf den Tisch legend, während sie sich
weitin über dieselben nach vorn bog, so dass sie sich dem jungen Manne dadurch
beträchtlich näher brachte, sagte sie mit leisem Kopfschütteln: Ich sehe recht,
wie die Zeit vergeht! Sie kennen mich gar nicht mehr, Herr Baron! Sie haben ganz
vergessen, dass Sie mich früher schon gesehen haben!
    Sie wurde mit dieser Zudringlichkeit dem Jünglinge, dessen reiner Sinn vor
allem Niedrigen zurückschreckte, nur noch widerwärtiger, und kurz abweisend
sagte er, dass er sich wohl erinnere, wie sie auch sonst schon die Güte gehabt
hätte, ihn einzulassen.
    In dem Augenblicke ward die Türe des Nebenzimmers geöffnet, Graf Gerhard
Berka trat mit einem Fremden, einem Franzosen, in das Vorzimmer hinaus; sie
schüttelten einander die Hände, nahmen eine Verabredung für den nächsten Tag,
der Graf rief seinem Neffen, da er ihn gewahrte, einen freundlichen Guten Abend
zu, machte scherzend die Bemerkung, dass man vom Wolfe nur zu sprechen brauche,
damit er erscheine, was jedoch in diesem Falle ohne allen anzüglichen Vergleich
gemeint sein solle, und stellte darauf dem Fremden, den er Baron und seinen
lieben Castigni nannte, den jungen Freiherrn als den Neffen vor, dessen er so
eben gegen ihn gedacht habe.
    Nach einer sehr verbindlichen Begrüssung empfahl sich Herr von Castigni dem
Grafen wie Renatus, und mit einem Zeichen, dass sie dem Scheidenden das Geleit zu
geben habe, sagte der Graf: Leuchten Sie, liebe Kriegsrätin! Dann nahm er
seinen Neffen unter den Arm und kehrte mit ihm in sein Zimmer zurück.
    Bist Du abergläubisch oder wundergläubig, mein Freund? fragte er Renatus mit
leichtem Tone, nachdem sie sich dort niedergelassen hatten.
    Renatus entgegnete, dass es darauf ankomme, was man unter abergläubisch und
wundergläubig verstehe; aber Jener liess ihm zu keiner weiteren Erklärung Zeit,
sondern sagte: Nun, Aberglaube oder Unglaube, was tut uns das? Es ist gut, dass
Du überhaupt wieder in Berlin, und sehr gut, dass Du eben jetzt zu mir gekommen
bist! Wir wollen das als eines der guten Zeichen ansehen, an die zu glauben
immer Zuversicht und Mut gibt. Es war zwischen dem Baron und mir eben von Dir
die Rede, als Du kamst.
    Von mir? Und in wie fern, wenn ich dies fragen darf? sagte der Neffe.
    Wärst Du geneigt, den preussischen Dienst zu verlassen? erkundigte sich der
Graf.
    Der junge Offizier verneinte es einfach und bestimmt.
    Aber es war, soviel ich davon weiss, nicht eben Dein Wille, der Dich bewog,
die Uniform zu nehmen! bedeutete Jener.
    Renatus wurde rot bis unter die Wurzel seines hellen Haares, und mit einem
leichten Zusammenziehen seiner Augenbrauen, welches seine innere
Selbstüberwindung kund gab, versetzte er: Ich würde allerdings das Leben eines
unabhängigen Edelmannes, wie wir Arten's es von je geführt, überhaupt jedem
Dienste vorgezogen haben; da die Umstände mir dies nicht verstatteten, da mein
Vater mich in die Armee eintreten lassen, und der König mir das Patent gegeben
hat, scheint es mir Ehrensache, auch im Dienste zu bleiben, bis ich dieses mein
Patent mit der Tat verdient und meinen Eid im Kampfe besiegelt habe! -
    Sehr gut, sehr schön gesagt, rief der Graf mit einem leichten Anfluge von
Spott, während er sich weit in das Sopha zurücklehnte - nur nicht sehr
einsichtsvoll, mein lieber Freund! Das soll mich jedoch durchaus nicht abhalten,
es mit Dir besser zu meinen, als Du es verstehst! Lass uns in's Klare kommen! Von
welchem Kampfe sprichst Du?
    Renatus hob sein Auge zu seinem Oheim empor und wendete es eben so schnell
wieder von ihm ab. Es lag etwas Unheimliches in dem beständigen Lächeln des
Grafen und mehr noch in seinem scharfen und lauernden Blicke, der mit jenem
Lächeln in grellem Widerspruche stand. Er war noch immer ein auffallend schöner
Mann, aber der preussische Officier war in ihm nicht mehr zu erkennen. Sein
glänzendes, blondes Haar war in einer grossen Locke mitten auf der Stirn
zusammengekräuselt, sein tief in die Wangen hineingehender Bart, seine hohe,
weisse Halsbinde wie seine ganze Kleidung und Haltung waren nach französischem
Vorbilde gemodelt, und wenn er nicht geradezu, wie er dies meistens tat,
Französisch sprach, so brauchte er selbst im Deutschen so viele Fremdwörter und
schob so viele französische Sätze in das Deutsche hinein, dass man dieses
Gebahren als ein absichtliches erkennen musste.
    Er hatte, als nach dem Friedensschlusse von Tilsit sein Regiment aufgelöst
worden war, wie Hunderte von anderen Officieren sich zu seinen Eltern auf das
Land begeben, aber das Landleben war niemals nach seinem Geschmacke gewesen.
Dazu war - man wusste in der Familie nicht, wodurch - des Grafen Verhältnis zu
seiner Mutter seit Jahren schon getrübt. Von beiden Seiten gab sich eine fast
krankhafte Empfindlichkeit gegen einander kund, und man hatte ihn also nicht
davon abgehalten, als er nach kurzem Verweilen wieder nach der Hauptstadt
zurückzukehren gewünscht hatte. Freilich hatte der alte Graf dem Sohne zu
bedenken gegeben, dass er jetzt, bedrängt durch die allgemeine Not und Drangsal,
nicht mehr wie früher im Stande sei, dessen mannigfachen und grossen Ansprüchen
mit der alten Freigebigkeit zu begegnen; das hatte jedoch den Grafen Gerhard
wenig angefochten. Die Summe, welche man ihm für das erste Halbjahr zuwies, war
nicht unbedeutend, und über den Tag, über das Verlangen und Gelüsten oder
Bedürfen des Augenblickes dachte er nicht leicht hinaus.
    Aber das Berlin, in welches Graf Gerhard zurückkehrte, war nicht mehr die
Stadt, die er vor dem unglücklichen Feldzuge des Jahres achtzehnhundert und
sechs verlassen hatte. Seine Kameraden und Umgangsgenossen lebten fern und
zerstreut. Die Einen warteten hoffenden Sinnes in Einsamkeit der Zeiten, welche
sie wieder zu neuer Tätigkeit berufen würden; die Ungeduldigen hatten sich nach
Oesterreich, nach Spanien und nach Russland gewandt, wo der Tag eines neuen
Kampfes früher anzubrechen versprach, als in dem ganz zerstückelten und
zertretenen Vaterlande.
    Das Herz jedes Ehrenmannes blutete in heimlicher Empörung, während der Wille
der französischen Machtaber eine glänzende Geselligkeit in Berlin erzwang,
deren Ueppigkeit die Leichtgesinnten und Genusssüchtigen verlockend mit sich
fortriss, welche über die geistreiche Lebhaftigkeit der Sieger und über die
feinen Formen französischer Gesellschaft und Sitte die bittere Not des
Vaterlandes und die Knechtschaft vergassen, unter denen man lebte. Allerdings war
es für denjenigen, der nicht die Möglichkeit besass, sich fern von den Städten
auf irgend einem, zufällig von Einquartierung verschonten Hofe oder Gute dem
Verkehre mit den Unterdrückern zu entziehen, äusserst schwer, den Umgang mit
ihnen zu vermeiden; aber die Zahl derjenigen war leider nicht gering, die diesen
Umgang in eigennütziger Absicht suchten, und die Fremdherrschaft fand ihren
Vorteil darin, solche Ueberläufer bereitwillig in ihre Reihen aufzunehmen.
    Ein Edelmann von dem alten und schönen Namen der Grafen Berka, ein früherer
preussischer Officier mit den persönlichen Vorzügen des Grafen Gerhard, der sich
geneigt finden liess, sich der damals in Berlin den Ton angebenden französischen
Gesellschaft anzuschliessen, durfte sich von ihr des zuvorkommendsten Empfanges
sicher fühlen, und des schwermütigen Ernstes von Herzen müde, der in dem Kreise
seiner Familie geherrscht, seit das Unglück über das Vaterland hereingebrochen
war, hatte Graf Gerhard sich bei seiner Rückkehr von Berka mit vollen Atemzügen
in das ihn anmutende Leben der Hauptstadt, in die Gesellschaft der Franzosen
gestürzt, die, reich an Kriegsbeute, schnell und verschwenderisch zu geniessen
suchten, was zu geniessen ein eben so schneller Tod auf irgend einem der
Schlachtfelder, zu welchen der Kaiser sie führte, ihnen bald unmöglich machen
konnte.
    Man hatte den Grafen überreden wollen, in französische Kriegsdienste zu
treten, aber dessen hatte er sich geweigert; denn es gibt herkömmliche
Ehrbegriffe, von denen Männer wie der Graf sich nicht leicht freimachen, obschon
jene Ehrbegriffe mit dem wahren Ehrgefühl, das in jedem Menschen nur die höchste
Blüte einer vollkommenen sittlichen Bildung ist, eben bloss den äusseren Anschein
gemeinsam haben.
    Weil Graf Gerhard es nicht nach seiner Neigung, weil er es nicht
unterhaltend fand, in der Zurückgezogenheit zu leben, nannte er es unverständig,
sich der herrschenden Gewalt ohnmächtig zu widersetzen. Weil Nachgiebigkeit ihm
in diesem Falle bequemer dünkte, als Zurückhaltung, nannte er es gebotene
Rücksicht, sich der Gesellschaft der Fremden anzuschliessen, und er bezeichnete
es als eine Ehrensache, sich standesmässig in ihr zu behaupten. Es dünkte ihm
eben so eine Ehrensache, vor den Emporkömmlingen, aus denen sie sich zum grossen
Teil zusammensetzte, die vornehme Leichtlebigkeit des alten Edelmannes
darzutun, und er hatte keine Ahnung davon, wie die frische und gewaltige Kraft
dieser neu und wild entstandenen Gesellschaft ihn bemeisterte, wie er, dem
Anspruche des Augenblickes gehorchend, mit seinen Vorurteilen und
Ueberzeugungen auch sich selber hingab, und wie die, trotz ihrer genusssüchtigen
Ueppigkeit, vom Leben geschulten, in Geschäften versuchten Fremden, mit denen er
verkehrte, sich seiner bemächtigten, weil sie ihn brauchen zu können glaubten.
Denn Fremdherrschaft muss tyrannisch sein, und die Tyrannei kann der heimlichen
Verbündeten nicht entraten. Sie muss wissen, was in dem unterworfenen Lande und
Volke geschieht, sie muss Einfluss haben, auch wo sie selber nicht hinzudringen
vermag. Sie muss sich Diener schaffen und Dienste empfangen, ohne dass diejenigen,
welche sie bedienen, sich dessen bewusst sind, und Graf Gerhard war auf solche
Weise schnell, noch ehe er es ahnte, zu einem Werkzeuge in den Händen seiner
französischen Umgangsgenossen geworden. Freilich hatte man von ihm niemals eine
Leistung, gegen welche seine Ehrbegriffe sich sträuben konnten, gefordert, aber
man hatte gelegentlich seine vermittelnde Sprachkenntniss bei Einführung in
gewisse Kreise als Gefälligkeit in Anspruch genommen, manche Auskunft über
Personen und Dinge beiläufig von ihm erfragt oder seine Begleitung bei irgend
einer Reise als Freundschaftsdienst begehrt. Man hatte auch nicht daran gedacht,
ihm diese Dienste oder diese Opfer an Zeit zu lohnen; sein Ehrbegriff würde ihn
bewogen haben, sich dessen unbedingt zu weigern. Aber er hatte kein Bedenken
getragen, als seine standesmässigen Ausgaben sich mit seinen Einnahmen nicht mehr
bestreiten liessen, die freiwillig und in schicklichster, bequemster Weise
angebotenen Darlehen von seinen Freunden anzunehmen, und die Grösse dieser
Darlehen hatte ihn nicht beunruhigt, denn die glücklichen Sieger hatten reiche
Mittel zu ihrer Verfügung und waren des ängstlichen Rechnens mit ihren Freunden
nicht gewohnt.
    Auch in der Unterredung, welche Graf Gerhard mit seinem Freunde eben, als
Renatus bei ihm vorsprach, gehabt hatte, war nur ganz zufällig von der
phantastischen und schwärmerischen Stimmung gesprochen worden, welche sich in
der deutschen Jugend zu regen beginne, und Herr von Castigni, der, wie der Graf,
einem alten Adelsgeschlechte angehörte, hatte dabei die Äusserung hingeworfen,
wie viel seiner Regierung daran gelegen sei, dieser unglücklichen Richtung
entgegen zu arbeiten, wie sehr man den Anschluss des jungen Adels an das
Gouvernement begünstige und welche Aussichten sich denjenigen jungen Männern
eröffnen könnten, die sich geneigt zeigen würden, sich bei den verschiedenen
kaiserlichen Gesandtschaften in Deutschland, wenn auch vorläufig nur als
zeitweilige Attaché's, verwenden zu lassen.
    Als Renatus daher seinem Oheim auf dessen Frage die Antwort zu geben
zögerte, nahm jener selbst das Wort.
    Du willst Deine Sporen verdienen, sagte er, und ich wiederhole Dir, mein
Lieber, das ist gut und schön! Aber wo willst Du den Kampfplatz suchen, wo den
Tummelplatz für Deine Taten finden? Die Zeiten, in denen unsere Vorfahren sich
unter dem grossen Könige ihre Lorbeern erfochten, sind für immerdar vorüber!
    Onkel! rief Renatus mit abwehrendem Erstaunen.
    Der Graf zuckte die Schultern. Ich verstehe Dich, sagte er, und ich weiss,
was dieser Ausruf sagen will; aber ich sprach eben mit Herrn von Castigni davon.
Es ist töricht, sich gegen eine historische Tatsache auflehnen zu wollen,
töricht, seine Wünsche für Möglichkeiten anzusehen, und verbrecherisch, wenn
reife Männer die Jugend in ihren müssigen ideologischen Träumen bestärken, statt
sie zu kräftigem Mitwirken in den vorliegenden Lebensbedingungen anzuhalten.
    Und welcher müssigen Träume halten Sie mich schuldig, zu welcher Arbeit
wollen Sie mich berufen? fragte der junge Baron, durch die Aussprüche seines
Oheims immer mehr betroffen.
    Ihr jungen Leute seid übel daran! hob Jener, der bestimmten Antwort
ausweichend, auf das Neue an. Man hat Eure Kindheit, Eure Jugend mit dem
Gedanken der Vaterlandsliebe genährt und hat Euch als den würdigen Gegenstand
einer solchen Liebe das Preussen des grossen Friedrich, den von einem grossen
Könige gegen alle natürlichen Bedingungen zusammengebrachten und nur durch sein
Genie, durch seine Herrscher- und Feldherrnkraft erhaltenen Staat, hingestellt.
Aber die gewaltsame Schöpfung eines Genius ist jetzt durch den grösseren Genius
naturgemäss und eben so gewaltsam zerstört. Vor der Gewalt und Grösse eines
Napoleon konnte die junge Monarchie des alten Fritz, vor dem weltumfassenden
Blicke, vor dem weltumgestaltenden Geiste und Willen dieses titanischen Kaisers
kann die alte Weltordnung nicht bestehen, und wie unter den Stürmen des
Frühlings die letzten Blätter an den alten Bäumen verstieben, damit Raum werde
für die neue Schöpfung eines neuen Jahres, so müssen die bisherigen
Staatsverhältnisse zu Grunde gehen, damit der riesige, durch alle Zeiten
wiedergekehrte und endlich sich seiner Verwirklichung nahende Gedanke eines
Weltreiches, einer Universal-Monarchie, wie Alexander und Cäsar und Karl der
Grosse sie vorahnend gedacht haben, zur Wahrheit werde! Sich mit
Gefühlsüberspannung an das Untergehende anzuklammern, mag dem zukunftslosen
Alter ziemen; die Jugend hat sich dem Neuen, dem Werdenden anzuschliessen, und
wer Leben, wer Tatkraft in sich fühlt, wer sich eine Zukunft zu eröffnen hat,
muss sich dienend dem siegenden Prinzipe unterordnen!
    Der Graf hatte sich in Feuer gesprochen, wie dies kalterzigen und
gesinnungslosen Menschen leicht geschieht, die, wenn sie Andere überreden
wollen, vor Allem sich selber überreden müssen, und also beständig einen
doppelten Zweck zu erfüllen, einen doppelten Kraftaufwand zu machen haben. Er
war weder geistreich noch tiefsinnig, aber er hatte Phantasie und Bildung genug,
sich fremde Meinungen, sobald es ihm gefiel, anzueignen, und es waren die
Gedanken des Gastes, der ihn eben erst verlassen hatte, es war die
Anschauungsweise der französischen Gesellschaft, in welcher Graf Gerhard sich
bewegte, die er seinem Neffen zur Beherzigung empfahl.
    Renatus bildete jedoch fast in allen Stücken den Gegensatz zu seinem Oheim,
und ihn zu verwirren war nicht leicht. Seine Phantasie war nicht lebhaft, indes
innerhalb des nicht weiten Kreises, den er überschaute, sah er klar genug, und
seine Schüchternheit im Verkehr mit Anderen machte ihn vorsichtig, wie sein
Misstrauen gegen seine eigene Einsicht ihn gewissenhaft gegen sich selber sein
liess.
    Es war nicht das erste Mal, dass der junge Baron die Ansichten, welche der
Graf an den Tag legte, von einem Preussen aussprechen hörte. Man konnte sie von
allen denjenigen vernehmen, die, auf den Pfaden des Grafen gehend, ihrer zur
Selbstentschuldigung bedurften. Sie verfehlten an sich also, einen Eindruck auf
den Jüngling zu machen, aber es ergriff ihn, dass sein Onkel sie teilte, und mit
jener Schwermut, die einen Hauptzug seines Charakters ausmachte, rief er:
Lieber untergehen, als untreu werden! Was sollte mir eine Zukunft auf den
Trümmern meines Vaterlandes? Wie könnte ich an ein Glück denken in der Fremde
unter Fremden, während .... Er brach ab, schien seine warme Aufwallung zu
bereuen und sagte: Gewiss, mein Onkel, Sie sprachen nicht im Ernste zu mir, Sie
wollten mich prüfen; seien Sie unbesorgt! Kein Vorteil der Welt soll mich
verlocken, von meinem Könige abzufallen oder meinen Eid zu brechen! Ich bin ein
Preusse, ich bin ein Edelmann, unserem Könige untertan und sein Soldat; so will
ich leben und, muss es sein, auch sterben!
    Der Graf nickte beifällig, als habe er den Vorwurf in seines Neffen Worten
nicht gemerkt, und wiederholte seine frühere Äusserung, dass dies Alles sehr gut,
sehr schön sei, nur praktisch sei es nicht. Bedenke, sprach er, was Du Deinem
Vater schuldig bist!
    Er machte danach eine kleine Pause und setzte in ruhig erklärender Weise
hinzu: Du siehst die ungeheuren Rüstungen, welche der Kaiser durch ganz Europa
anstellen lässt. Niemand kann zweifelhaft darüber sein, gegen wen sie gerichtet
sind. Wir stehen einem grossen, einem gewaltigen Feldzuge näher, als Du glaubst,
und Du bist der einzige Erbe Deines Vaters, der Letzte Deines Hauses!
    Und mein Bruder? wendete Renatus ein.
    Der Graf lächelte. Vittoria's Sohn wird, wenn er einst erwächst,
voraussichtlich auf Dich und Deine Grossmut angewiesen sein, denn Dein Vater ist
bejahrt und sein Besitz hat sich, wie Du weisst, um ein Bedeutendes verringert.
    Wir haben allerdings unter dem Kriege schwer gelitten, entschuldigte
Renatus, den jede Miene und jedes Wort des Grafen kränkte.
    Nicht mehr, als Andere, meinte dieser; aber Dein Vater und meine gute
romantische Schwester hatten kostspielige Liebhabereien, bauten Kirchen, hielten
Sängerchöre, liessen die Amtleute und Pächter gewähren. Das war ideologisch, war
falscher Idealismus! Das ist unpraktisch!
    Er sah nach der Uhr, erhob sich, ging an den Spiegel, zu dessen beiden
Seiten Armleuchter an den Wänden brannten, besah sich in dem Glase, kämmte die
grosse Locke auf der Stirn über die untergehaltene Hand zurecht und sagte, ohne
den beleidigten Renatus, der hinter ihm sitzen geblieben war, anzusehen: Glaube
mir, mein Lieber, früher oder später wirst Du genötigt sein, Dein eigenes
Schicksal zu spielen und das Loos und das Vermögen Deines Hauses neu zu
begründen. Nur deshalb und nur dazu wollte ich Dir die Mittel und die Wege
zeigen und eröffnen, die ich Dir heute vorschlug.
    Er klingelte, sein Kammerdiener trat ein. - Warum erinnern Sie mich nicht,
dass es Zeit ist, mich anzukleiden? fragte er. Der Diener entgegnete, dass Alles
bereit liege, und ward mit dem Bemerken fortgeschickt, dass der Graf gleich
kommen werde, und dass der Diener das Eisen heiss machen könne, ihm Haar und Bart
auf's Neue zu kräuseln.
    Wir haben heute eine Soirée bei dem französischen Gesandten. Das ist ein
Haus, in das Du Dich einführen lassen solltest, und ich bin bereit, Dich
vorzustellen, sagte er. Es ist die Rede davon, einige junge Deutsche von Familie
als Cavaliere, als Kammerherren an den Hof des Königs von Westfalen zu ziehen,
junge Männer, die des Französischen mächtig sind. Ich hatte dabei an Dich
gedacht. König Jerome ist jung, ist geistreich, ist äusserst liebenswürdig und
freigebig geneigt, für die Personen, die ihm wohlgefallen, viel zu tun. Indes
Du willst es nicht! Nun, Du wirst wissen, was Dir frommt, ich hatte es gut mit
Dir im Sinne!
    Er sprach das Alles, während er aus einer reichverzierten Büchse seine
goldene Dose mit frischem Taback füllte. Renatus hatte sich erhoben. Er sagte,
dass er seinen Oheim nicht stören, nicht länger aufhalten wolle. Der Graf
erkundigte sich, wo er seinen Abend zubringen werde, und als er hörte, dass
Renatus die Gräfin Rhoden zu besuchen denke, meinte er, es sei schade, dass sie
fromm geworden sei, und dass sie ihre Töchter in gleicher Ueberspannung
auferzogen habe; sie sei früher eine angenehme Frau gewesen, die gewusst habe,
was sie sich schuldig sei.
    Man hatte sie bei uns, fuhr er fort, da sie eine Verwandte von uns ist,
Deinem Vater eigentlich zur zweiten Frau bestimmt, und sie hat sich, eben weil
sie kein Vermögen besass, wohl selber doppelt mit dem Gedanken getragen. Ich bin
sicher, sie zog nur deshalb in Eure Gegend, und ihre Freundschaft für Dich wird
wohl aus derselben Quelle entsprungen sein. Aber der Bekehrungseifer Eures
Caplans hatte sie uns entfremdet, noch ehe die Heirat Deines Vaters mit der
Giustiniani im Werke war, und hätte sie diese Heirat vorhersehen können, so
würde der Caplan vielleicht weniger Erfolg bei ihr gehabt haben. Jetzt indessen,
glaube ich, ist sie ja selbst mit Bekehrungen beschäftigt. Sie hat es
wahrscheinlich auf die Tochter des alten Flies abgesehen, denn das allein kann
mir die Freundschaft der Gräfin für die Flies erklären.
    Renatus, dem jede Äusserung des Grafen empfindlich und zuwider war,
erinnerte daran, dass Seba auch eine Freundin seiner Mutter gewesen sei, dass er
selbst von seinem Vater an den alten Geschäftsfreund ihres Hauses empfohlen
worden, und fragte, ob der Graf die Familie, und namentlich, ob er Seba kenne.
    Er bejahte es. Ich war vor dem Feldzuge nach der Champagne bei ihnen im
Quartier, sagte er gleichgültig. Seba war damals eine Schönheit, aber sie war
schon damals eine sentimentale Schwärmerin! Nimm Dich mit ihr in Acht! Die
Gräfin Rhoden und Seba und all die schönen Geister und die Professoren und
Gelehrten, mit denen sie zusammenhangen, sind törichte Ideologen, Phantasten,
die gegen den Lauf der Welt ankämpfen, vergangene Zeiten lebendig machen
möchten! Man hat ein Auge auf dieses Treiben, obschon man es gewähren lässt.
Vernünftige Aussichten werden sich Dir dort nicht öffnen, darauf verlass Dich,
und sich unnötig verdächtig zu machen, sich einer unnötigen Beaufsichtigung
auszusetzen, ist nicht anständig für Unsereinen!
    Er reichte ihm dabei freundlich die Hand zum Abschiede und sagte, als sein
Neffe sich ihm empfahl: Ehe ich es vergesse, mein Lieber! Seit ich mir hier
selbst eine Wohnung eingerichtet und die Kriegsrätin zu mir genommen habe,
speise ich in der Regel zu Hause. Sie ist eine Köchin, um die man mich beneidet.
Für eine oder zwei Personen ist immer das Couvert bereit. Willst Du es auf gut
Glück mit mir versuchen, so weisst Du, dass Du willkommen bist, und wir tauschen
dann unsere Meinungen und Neuigkeiten mit einander aus. Beiläufig, lass Dich von
den Rhodens nicht einfangen! Das sind keine Partieen, die sich für Dich
schicken!
    Er gab ihm nochmals die Hand, riet ihm, sich die Kasseler Angelegenheit
ruhig und reiflich zu überlegen, und entliess ihn danach, um sich ankleiden zu
gehen.
 
                                Fünftes Capitel
Später, als er es sonst pflegte, langte Renatus an dem Abende bei der Gräfin
Rhoden an, und fast bereute er es, dass er gekommen war, denn die friedliche
Stille, in welcher er die Frauen antraf, liess ihn seine Aufregung erst recht
deutlich empfinden. Es war ihm zu Mute, als habe er in der letzten Stunde eine
Gegend und die Menschen in ihr durch ein verzerrendes Glas betrachtet. Alle
Bilder, die er in der Seele trug, dünkten ihm verändert und entstellt, und doch
kam ihm unwillkürlich immer wieder die Frage: Wie aber, wenn Du Dich wirklich
bisher getäuscht hättest? Wie aber, wenn der Oheim Recht hätte mit den
Urteilen, die er über die Personen und Zustände, deren er erwähnte, gegen Dich
ausgesprochen hat?
    Er erinnerte sich genau, wie kurze Zeit nach dem Tode seiner Mutter die
Rhoden's zu ihren Verwandten nach Lichtenforst gezogen und wie sie das erste Mal
nach Richten zum Besuche gekommen waren. Die Gräfin war, wie sein Vater, in
Trauerkleidern gewesen, obgleich sie ihren Gatten schon zwei Jahre vorher
verloren, und der Freiherr hatte sie und ihre Töchter sehr willkommen geheissen.
Als er dann nach Italien gegangen war, hatte er die Gräfin gebeten, sich seines
Knaben anzunehmen, und sie hatte Renatus darauf an sich gedrückt, hatte gesagt,
der Himmel habe ihr leider einen Sohn versagt, sie wolle also Renatus lieben als
wäre er ihr eigen Kind, und ihre Töchter Hildegard und Cäcilie sollten ihm, dem
Schwesterlosen, Schwestern sein.
    Renatus hatte sich auch in ihrer und ihrer Töchter Nähe stets wie in einer
Heimat, wie in seiner Familie gefühlt, obschon die Verwandtschaft zwischen den
Berka's und den Rhoden's sehr entfernt war; er konnte es sich als sehr
wahrscheinlich denken, dass seine Grosseltern ihm die Gräfin einst zur Stiefmutter
zu geben gewünscht hatten, ehe der Caplan die Bekehrung der Gräfin unternommen.
Es war aber ein schöner Tag und ein erhebender Anblick gewesen, als die Gräfin
mit den beiden kleinen Töchtern in der Kirche von Rotenfeld zum Katolicismus
übergetreten war. Der heimliche Anschluss der Familie von Wedderau an die
katolische Kirche war bald danach gefolgt, und die kleine Gemeinde hatte unter
des Caplans Leitung sehr zusammengehalten. Alljährlich hatte man danach den
Todestag der Baronin Angelika, in welcher man die eigentliche Urheberin des
Kirchenbaues verehrte, mit einer besonderen Feier begangen, und wenn die Gräfin
wirklich beabsichtigt hatte, einmal die Stelle der Verstorbenen einzunehmen, so
war es schön von ihr gewesen, dass sie ihre getäuschte Erwartung weder Vittoria
noch Renatus hatte entgelten lassen.
    
    Sie zuerst hatte sich der fremden jungen Frau mütterlich freundlich
genähert, als man des Verwunderns über die unerwartete und auffallende Heirat
des Freiherrn kein Ende finden konnte. Sie war der Fremden stets mit Rat und
Ermunterung zur Hand gewesen; Tage und Nächte hatte sie an dem Bette Vittoria's
zugebracht, als diese vor drei Jahren im Nervenfieber mit dem Tode so schwer
gerungen, dass man hatte fürchten müssen, mit ihr auch das Leben ihres zu
erwartenden Kindes zu verlieren. Renatus konnte ihr das nie vergessen. Er liebte
die Gräfin dafür wie eine Mutter und er hing auch mit so naturwüchsiger Neigung
an ihren beiden Töchtern, als wenn sie nicht nur seine Spielgenossen, sondern
als wenn sie wirklich seine Schwestern wären.
    Neben der ausgesuchten Behaglichkeit in Seba's Gartensaal, neben der
auffallend modischen und glänzenden Einrichtung seines Oheims erschien dem
jungen Manne die Wohnung der Gräfin heute zum ersten Male ärmlich. Er sah, was
ihn bisher nicht angefochten hatte, dass ihre Zimmer nur schlicht getüncht, dass
ihre Möbel alt und abgenutzt waren, dass nur zwei Kerzen den Raum erhellten. Sie
leuchteten jedoch genugsam, das schöne, über dem Sopha hängende Bild der jung
verstorbenen, allgeliebten Königin Louise zu erkennen, das diese selbst der
Gräfin einst geschenkt hatte; sie reichten hin, die Büste des bei Saalfeld
gebliebenen geistreichen Prinzen Louis Ferdinand betrachten zu lassen, der ein
Freund des Grafen und Cäciliens Pate gewesen war, und der ihr zur Erinnerung an
die Schutzheilige der Musik, der Kunst, die er mit Meisterschaft beherrschte,
eben den Namen Cäcilie gegeben hatte; und sie hatten Licht genug, das edle in
weisse Schleier gehüllte Antlitz der Mutter und das schöne, blonde Haar der
beiden Töchter mild zu umspielen.
    Innerlich verwirrt war Renatus vor dem Hause angelangt; aber er wurde
ruhiger in dem trauten Kreise, in dem gewohnten lieben Raume. Die halbe
Dämmerung, die weissen Fenstervorhänge, durch die der Mond hinein schien, dass
sein Schimmer den ganzen Fussboden streifenweise erhellte, der Duft des Reseda
von den wohlgepflegten Stöcken am Fenster taten ihm wohl.
    Ach, bei Ihnen ist's gut! sagte er, unwillkürlich aus tiefer Brust
aufatmend, als er der Gräfin die Hand geküsst und zwischen den beiden Schwestern
seinen gewohnten Platz am Tische eingenommen hatte. Man lachte über diesen
Ausruf; er sollte sagen, wie er darauf gekommen sei, ihn eben in dieser fast
feierlichen Weise zu tun, und er ward dabei inne, dass ihm heute ganz anders als
sonst in der Gegenwart dieser Frauen zu Mute sei.
    Es kam ihm vor, als sei er, wer weiss wie lange von diesem Raume und von
diesen lieben Menschen entfernt gewesen, als habe er sie nie so gut gekannt, als
eben jetzt, und doch wieder, als habe er ihnen ein Unrecht abzubitten.
    Die würdige Erscheinung der Gräfin, ihre keusche, matronenhafte Tracht -
Renatus hatte sie, seit er sie kannte, nie anders als in weisser oder schwarzer
Kleidung gesehen - dünkten ihm so schön, da er eben erst neben der geschminkten
Haushälterin seines Oheims gesessen hatte. Die Bilder der königlichen Familie
sprachen ihn wie Schutzgötter des Hauses an und es freute ihn, dass er sein Auge
frei zu ihnen erheben durfte, dass keiner seiner Gedanken sich durch die
verführerischen Auseinandersetzungen seines Oheims von ihnen und ihrem Dienste
hatte abwendig machen lassen. Nur an der Gräfin und an diesen Mädchen hatte er
sich versündigt. Sie hatte er so eben noch selbstsüchtiger Absichten,
berechneter Plane fähig gehalten; denn die von seinem Oheim in ihm erweckte
Vorstellung, dass die Mutter oder Hildegard selber darauf ausgegangen sein
könnten, ihn unmerklich zu einer Heirat mit der Letzteren zu bewegen, hatte ihn
widerwärtig berührt und ihm einen Schatten auf das reine, herzliche Verhältnis
geworfen, in welchem er, seit er sich zurückerinnern konnte, zu diesen ihm so
teuren Freunden gestanden hatte.
    Jetzt schämte er sich seines Zweifels an ihnen, und daneben dachte er zum
ersten Male daran, wie im Grunde gar nichts natürlicher sei, ja, wie es sich
eigentlich von selbst verstehe, dass er die Gefährtin seiner Kindheit, dass er
Hildegard einst zu seiner Gattin wähle. Sie hatten oft genug als Kinder Mann und
Frau gespielt, sich immer auf das beste vertragen, sie waren nur um andertalb
Jahre, die Hildegard vor ihm voraus hatte, im Alter von einander getrennt. Ihr
Name, ihre Familienverbindungen waren den seinigen ebenbürtig, sie war
katolisch, wie er, Vittoria hatte die Rhoden's gern, ein künftiges
Zusammenleben der beiden Familien bot also gar keine Schwierigkeiten, und -
darin hatte sein Onkel Recht - das einst so blühende Arten'sche Geschlecht war
jetzt wirklich nur auf ihn und seinen kleinen Bruder gestellt. Es war
notwendig, es war unerlässlich, dass Renatus sich früh verheiratete.
    Je mehr er darüber nachdachte, um so wahrscheinlicher dünkte es ihn, dass
auch seinem Vater eine Verbindung zwischen ihm und Hildegard willkommen sein
würde, denn sowohl der Freiherr als der Caplan hatten ihn beständig zu dem
Umgange mit den Rhoden's angehalten; und nun er sich im Geiste die Sache
überlegt, fand er, dass ihm selbst, wenn er sich seine Zukunft und seine einstige
Ehe vorgestellt, immer mehr oder weniger deutlich Hildegardens Bild vor der
Seele geschwebt hatte.
    Die Missstimmung, in welcher er bei den Freunden angelangt war, schwand vor
diesen Gedanken völlig hin, eine ausserordentlich sanfte Empfindung trat an ihre
Stelle. Er fühlte kein leidenschaftliches Verlangen, er hegte keinen neuen,
lebhaften Wunsch, er sehnte die Zukunft und eine Aenderung der jetzigen
Verhältnisse nicht einmal herbei. Er war zufrieden wie Einer, der einen wohl
begründeten, gesicherten Besitz in ruhigem Lichte vor sich ausgebreitet sieht,
aber er rückte unwillkürlich seinen Stuhl näher an Hildegard heran, als er es
sonst getan hatte, und seinen Arm auf die Lehne ihres Sessels gelegt, beugte er
sich zu ihr hinüber, ihren fleissigen Händen zuzusehen, wie sie mit sicherem
Finger die Blumen in den weissen Musselin einstickte, welcher zum
Gesellschaftskleide der Mutter dienen sollte. Er hatte ihr selbst das Muster
dazu aufgezeichnet.
    Hildegard, von seinem Atem warm berührt, wendete sich nach ihm hin, und wie
sie die Augen zu ihm erhob, wie ihre Blicke sich so nahe begegneten und trafen,
fuhr ihm ein elektrischer Strahl durch den ganzen Körper. Das Blut wallte, wie
nie zuvor im Leben, heiss in ihm auf, stieg ihm in schnellem Fluge in die Wangen,
und er wusste zuversichtlich, dass es Hildegard gerade so empfinden müsse, dass
sie, obschon sie ihr Haupt gleich wieder auf ihre Arbeit niedersenkte, erglühe
und erbebe, wie er selbst. Er hatte Mühe, ihre rötlichen Locken, die ihr über
den schlanken Rücken bis zum Gürtel niederflossen und die er, ohne dass sie es
bemerkte, mit vorsichtiger Hand berühren konnte, nicht an seine Lippen zu
drücken; er hielt sich jedoch zurück. Es war ihm so glücklich und so still ums
Herz, wie in einem der Träume, in denen wir Wunder erleben, ohne uns über sie zu
wundern, in denen wir unser märchenhaftes Glück ganz natürlich finden und in
denen eine dunkle Ahnung uns doch von jedem selbstständigen Wollen und Tun
zurückhält, weil wir durch jedes Regen oder Handeln den wohltätigen Zauber, der
uns umfängt, zu zerstören befürchten.
    Er hörte es, wie die Gräfin der jüngeren Tochter die Weisung gab, ihr das
Buch von ihrem Arbeitstische zu holen, er sah, wie das vierzehnjährige rosige
Mädchen sich erhob, und er kannte das Buch in seinem Einbande von blassblauem
Moirée. Es waren Novalis' Gedichte, seine Hymnen an die Nacht. Des früh
verstorbenen Dichters Mutter, eine nahe Anverwandte der Gräfin, hatte sie ihr
verehrt, sie gehörten zu den Lieblingspoesien des Hauses.
    Man war von jeher gewohnt gewesen, etwas zu lesen, wenn Renatus kam. Eine
Reihe von erhabenen Dichtwerken, von schönen Gedanken war auf diese Weise ihm
und Hildegard gemeinsam zu eigen geworden, und jetzt, da man das Bekannte
abermals mit einander durchging, um es der jüngeren Schwester zugänglich zu
machen, genoss man es auf's Neue mit steigender Erkenntnis.
    Aber heute hatte Cäcilie schon eine geraume Zeit gelesen, ohne dass Renatus
mehr als den sanften Schall ihrer Stimme vernommen hätte. Endlich trafen auch
die Worte sein Ohr: »Du Nachtbegeistrung, Schlummer des Himmels kamst über
mich!« so las sie. »Die Gegend hob sich sacht empor, über der Gegend schwebte
mein entbundener, neugeborener Geist. Zur Staubwolke wurde der Hügel, durch die
Wolke sah ich die verklärten Züge der Geliebten. In ihren Augen ruhte die
Ewigkeit; ich fasste ihre Hände, und die Tränen wurden ein funkelndes,
unzerreissliches Band. Jahrtausende zogen abwärts in die Ferne, wie Ungewitter.
An ihrem Halse weint' ich dem neuen Leben entzückende Tränen. Es war der erste,
einzige Traum, und erst seitdem fühl' ich ewigen unwandelbaren Glauben an den
Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte!«
    Renatus konnte die Fülle seiner Empfindung nicht bemeistern. Er stand auf
und trat an das Fenster. »Unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein
Licht, die Geliebte!« wiederhallte es in seiner Seele.
    Der Mond schwamm wie ein goldener Kahn durch das helle Gewölk, der Jüngling
meinte noch keine solche Nacht erlebt zu haben. Auch Hildegard hatte sich
erhoben und sich zu ihm gesellt. Sie fragte ihn, wonach er ausschaue. Aber statt
der Antwort legte er seine Hand auf die ihrige, die auf dem Fensterkissen ruhte.
So blieben sie stehen in stillem Glücke, bis Cäcilie ihnen zurief, ob sie denn
nicht wiederkommen würden, und die Gräfin ihnen den Vorschlag machte, etwas zu
singen, wenn sie nicht mehr lesen möchten.
    Sie waren dazu bereit, denn ihre Stimmen passten wohl zusammen und waren mit
einander eingeübt. Hildegard öffnete das Clavier, Renatus suchte das Notenheft
aus und wählte ein Mattisson'sches Lied. Die Gräfin übernahm die Begleitung des
zweistimmigen Gesanges.
    Hildegard hub an:
Auf ewig dein! Wenn Berg und Meere trennen,
Wenn Stürme dräu'n,
Wenn Weste säuseln oder Wüsten brennen:
Auf ewig dein!
fiel die schöne, kräftige Stimme des Jünglings ein. -
Beim Kerzenglanz im stolzen Marmorsaale,
Beim Silberschein
Des Abendmonds im stillen Hirtentale:
Auf ewig dein!
Senkt einst mein Genius die Fackel nieder,
Mich zu befrei'n,
Dann hallt's noch im gebrochnen Herzen wieder:
Auf ewig dein!
Sie hatten das Lied schon oft gesungen, und doch erschien es beiden heute so
neu, als hätte der Augenblick es eben erst in ihnen selbst erzeugt; auch die
Gräfin rührte es mehr als sonst, und sie belobte die Beiden.
    Inzwischen war es spät geworden, und Renatus sagte, dass er gehen müsse.
Cäcilie wollte ihn zu bleiben bewegen, aber er liess sich nicht zum längeren
Verweilen bestimmen, und Hildegard nötigte ihn auch nicht dazu. Ihre Herzen
waren voll zum Ueberfliessen.
    Als sie ihm das Geleite gab, küsste er ihr die Hand. Er hatte sie sonst
oftmals umarmt, und sie hatte es ihm nie verwehrt. Heute hätte er das nicht
vermocht; denn heute hatte er es empfunden: er liebte Hildegard!
 
                                Sechstes Capitel
Die Jahreszeit des Gartensaales war lange vorüber, und selbst der Besuch des
Denkmals hatte seit Monaten aufgehört. Der Nordwind schüttelte die grossen
Tannen, die das Monument umstanden, dass der Schnee von ihren breiten Aesten in
schweren, verstiebenden Flocken herniederfiel, und es war noch nicht lange nach
vier Uhr, als Seba von dem Fenster ihres Wohnzimmers schon den Sonnenuntergang
über ihren Lieblingsbäumen am Parke des andern Ufers betrachten konnte, deren
kahle Kronen sich scharf und klar gegen das helle Gelbrot des kalten
Winterhimmels abzeichneten. Aber sie hatte heute keine rechte Ruhe. Sie stand
von Zeit zu Zeit von ihrem Sessel auf, sah zu, ob das Feuer in dem Ofen des
Nebenzimmers brenne, dann wieder trat sie, von dem fernen Rollen eines Wagens
gelockt, in der vorderen Stube an das Fenster, bis ihr Auge auf den Zeiger der
Uhr fiel und sie belehrte, dass ihre ungeduldige Erwartung eine vorzeitige und
ihr Wünschen nicht im Stande sei, den Lauf der Stunden zu beflügeln.
    Davide sass schreibend an dem Tische, an welchem sich endlich auch Seba mit
einem Buche niederliess; indes sie merkte bald, dass ihre Gedanken sich nicht
sammeln lassen wollten. Sie legte das Buch also wieder zur Seite und nahm eine
Näharbeit zur Hand. Aber selbst diese Beschäftigung erwies sich heute zu ihrer
Beruhigung nicht wirksam, und die klaren, klugen Augen auf sie gerichtet,
blickte Davide die Tante, wie sie ihre Cousine bei dem zwischen ihnen
obwaltenden Altersunterschiede zu nennen gewohnt war, eine Weile mit sinnendem
Lächeln an. Als Seba das gewahrte, fragte sie, was Davide denke.
    Das junge Mädchen antwortete nicht gleich, sondern zeichnete spielend
allerlei Figuren auf ein Blatt Papier, das vor ihr lag, und erst als Seba ihre
Frage wiederholte, erwiederte sie zögernd und verlegen: Ich möchte nur wissen,
liebe Tante, ob Du auch so ungeduldig sein würdest, wenn Du meine Ankunft zu
erwarten hättest?
    Zweifelst Du daran?
    Davide legte die Feder nieder, stützte den hübschen Kopf mit beiden Händen
und sagte darauf: Ja, das tue ich!
    So muss ich Dir wiederholen, was ich Dir neulich schon bemerkte, dass Du
Anlage zur Eifersucht hast und dass Eifersucht die Schwester des Neides und eine
hässliche Gewohnheit ist!
    Seba hatte das scherzend gesprochen, aber Davide nahm es nicht so auf. Sie
wurde vielmehr ganz ernstaft und versicherte mit einer unverkennbaren
Selbstüberwindung, dass die Tante ihr Unrecht tue. Es ist nicht, meinte sie, dass
ich Andern Deine Liebe nicht gönne, sondern nur, dass ich gleich wie eine Fremde,
wie eine Ausgestossene bin, wenn Ihr beisammen seid. Du hast ja sonst keine
Geheimnisse mit andern Leuten! Du sprichst mit ihnen offen und unumwunden, auch
wenn ich dabei bin, fragst sie nach ihren Eltern und Geschwistern, und nur mit
ihm wird eine Ausnahme gemacht! Er ist wie ein Kind vom Hause, der Onkel und Du,
Ihr liebt ihn, als gehörte er zu Euch; Ihr nennt ihn Du, er nennt Dich eben so,
und er ist doch kein Verwandter von uns, sondern nur ein Fremder! Er geht mit
mir, gleich seit er zum ersten Male zu uns kam, wie ein älterer Bruder um, er
lobt mich und tadelt mich, als hätte er ein Recht dazu - Du findest das auch
ganz in der Ordnung, und ich habe gewiss nichts dagegen, denn er ist ja so klug
und so gut! Aber so oft ich, seit ich über dergleichen Dinge nachdenke, ihn oder
Dich in den letzten Jahren gefragt habe, wo er denn eigentlich her ist, wer
seine Eltern sind, wie wir mit einander zusammen hangen, seid Ihr mir beide
ausgewichen!
    Keineswegs! Ich habe Dir vielmehr sehr bestimmt gesagt, erinnerte Seba, dass
Du ihn an seine Kindheit nicht erinnern mögest, weil sie nicht glücklich gewesen
ist, und dass Du ihn aus demselben Grunde nicht um seine Familienverhältnisse
befragen sollst. Er hat seine Mutter früh verloren.
    So ist es ja auch mir ergangen! wendete Davide mit jener dreisten
Beharrlichkeit ein, welche der Jugend niemals fehlt, wo sie durch Erforschung
eines ihr verborgen Gehaltenen ihren Willen durchzusetzen und sich das Recht
einer Mitwissenschaft zu erkaufen für nötig hält. Ich habe meine arme Mutter
auch früh verloren, aber ich habe es eben deshalb gern, wenn Du mir von ihr
erzählst, oder wenn sonst Jemand, der sie gekannt hat, zu mir von ihr redet! Mit
Baron Renatus ist es eben so; nur mit diesem Herrn Tremann soll es anders sein,
nur mit ihm machst Du eine Ausnahme, und statt dass ich mich freuen sollte, wenn
er kommt, denke ich also immer nur daran, dass Ihr mich noch wie ein kleines Kind
behandelt und dass ich nicht einmal weiss, woher er stammt, den Du doch von allen
Menschen, den Vater ausgenommen, am liebsten hast!
    Der gereizte Ton in ihren Worten befremdete Seba. Es war das erste Mal, dass
sie ihn an ihrer Pflegetochter zu beobachten hatte, und sie wusste sich die
Quelle, aus welcher er entspringen konnte, nicht gleich zu erklären. Blosse
Neugier konnte es nicht sein, die würde sich leichter und heiterer geäussert
haben; an die Eifersucht, mit welcher sie Davide so eben geneckt hatte, glaubte
Seba eben so wenig ernstaft; aber wie man an einem reinen Spiegel keine Trübung
dulden mag, lag es ihr daran, in des jungen Mädchens Seele keinen Zweifel und
kein Misstrauen aufkommen zu lassen, und sanft, wie es ihre Weise war, sagte sie:
Du bist nicht offen mit mir, Davide; Du sprichst dich in einen Zorn hinein, den
Du vernünftiger Weise gar nicht fühlen kannst, und zeigst mir ein Misstrauen, das
noch weit törichter ist, als jener Zorn. Du machst mir den Vorwurf, Dir etwas
zu hinterhalten, was ich Dir möglicher Weise hinterhalten muss, weil ich nicht
Herr darüber bin, während Du mir Deine wahre Meinung und die wahren Gründe der
Aufregung verbirgst, in der Du Dich befindest. So sollte es zwischen mir und Dir
nicht sein!
    Da sprang Davide plötzlich von ihrem Sessel auf, fiel vor Seba auf die
Kniee, und ihr Gesicht in ihrem Schoss verbergend, während sie den Leib der
Tante mit beiden Armen umschlang, fing sie zu weinen an.
    Was soll das, Kind, was soll das? rief Seba, während sie das junge Mädchen
zu sich empor zu ziehen versuchte. Aber dieses blieb in seiner gebückten
Stellung vor ihr liegen und sagte schluchzend: Vergib mir, vergib mir! Ich hätte
Dir es ja lange sagen müssen, dass ich Alles, Alles weiss! Ach, Du ahnst es nicht,
wie unglücklich ich darüber war! Ich ....
    Sie konnte vor Schluchzen nicht sprechen, ihr Zustand wurde für Seba immer
rätselhafter, und im Innersten beunruhigt, fragte sie lebhaft: Worüber bist Du
unglücklich, was fehlt Dir? Was hast Du, Kind?
    Ich konnte Dich eine Zeit lang gar nicht mehr lieben! Ich ... Sie warf sich
der Tante mit beiden Armen um den Hals, und ihr Gesicht an Seba's Busen lehnend,
sagte sie kaum hörbar: Ich verachtete Dich! -
    Seba zuckte erschreckend zusammen, das Wort versagte sich ihr. Du
verachtetest mich? fragte sie endlich langsam, als falle es ihr schwer, den
ganzen Vorgang zu verstehen.
    Weil Paul Dein Sohn ist! entgegnete Davide und sank, sich von der Brust der
Tante aufrichtend, auf einen der Sessel, nieder, die am Tische standen, ihr
Antlitz in ihren Händen verbergend.
    Seba blieb ruhig stehen. Ein schwerer Schmerz ging durch ihre in Leid wie in
Geduld geprüfte Seele und fand seinen Ausdruck in dem stillen Seufzer, der über
ihre Lippen glitt. Sie begriff nicht, was ihre Pflegetochter eben zu dieser
Vermutung gebracht, oder wer ihre Phantasie auf diesen Weg gewiesen haben
konnte. Aber es war ihr zu Mute, wie dem Wanderer, dem sich an einem völlig
hellen Tage plötzlich die Sonne verhüllt. Aus ferner Zeit stieg die Erinnerung
wie ein dunkles Gewölk unheimlich vor ihr auf und warf ihren düstern Schatten
über die ruhige Sicherheit, in welcher sie sich seit Jahren bewegte. Es
fröstelte sie, sie fühlte sich krank, sie hätte weinen mögen; indes die Tränen
sind wie falsche Freunde, sie versagen dem plötzlichen, dem überwältigenden
Schmerze ihre Hülfe und ihren Trost, und wie immer gewann die Liebe für die
Andern in Seba's Brust den Sieg. Nicht an sich durfte sie denken, nicht an ihr
Empfinden. Sie hatte Davide zu beruhigen, sie hatte das Kind zu trösten, das in
ihr seine Mutter liebte, das irre geworden war an ihr - und wie durfte eine,
wenn auch noch so späte und unerwartete Folge ihres eigenen Tuns sie
überraschen und ihr als eine unverdiente Härte erscheinen?
    Sie trat leise an Davide heran, legte ihre Hand auf des jungen Mädchens
Schulter und sagte: Beruhige Dich, mein Kind, denn Du irrtest! Paul ist nicht
mein Sohn! Aber wer brachte Dich auf die Vermutung?
    Davide blickte die Tante mit einem Ausdrucke an, der die ganze Verwirrung
ihrer Empfindungen verriet, und diese musste ihre Frage wiederholen, ehe sie
abgebrochen und leise die Worte hervorstiess: Als ich noch ganz klein war, hat
meine Wärterin es einmal zu Deiner damaligen Jungfer gesagt!
    Was hat sie gesagt? Besinne Dich! forschte Seba ernstaft, um nur die
Gedanken der Aufgeregten zu sammeln.
    Deine Jungfer wunderte sich, dass Du Dich nicht verheiratet hättest, und
....
    Und? wiederholte Seba, da Jene wieder in das Stocken geriet.
    Und die Wärterin sagte, Du hättest schlimme Erfahrungen gemacht, Du hättest
einen vornehmen Herrn geliebt ....
    Sie hielt auf's Neue inne und fing wieder zu weinen an. Da nahm Seba ihre
Hand und sprach mit der ganzen Bestimmteit, deren ihre ernste Seele fähig war:
Wenn Du den Mut hattest, mir in Deinem Herzen auf das unbestimmte Wort einer
Dienerin hin zu misstrauen und mich, wie Du sagtest, zu verachten, so wirst Du
Dich auch überwinden müssen, vor mir auszusprechen, was ich wissen will und muss!
Nimm Dich zusammen und antworte - was hast Du gehört? Was glaubst Du von mir?
    Davide wurde bleich. Sie kannte diesen Ton in der Stimme ihrer Tante und war
gewöhnt worden, ihm unbedingt zu gehorchen, denn Seba war der Ansicht, dass
strenge Unterordnung unter einen fremden Willen das Kind am leichtesten zur
einstigen Selbstbeherrschung vorbereitet; dass derjenige, welcher von je her
gewöhnt wird, unbedingt zu gehorchen, sich auf einen augenblicklichen,
bestimmten Befehl schnell zu überwinden, später auch dahin gelangt, sich selber
zu bemeistern, wenn es Not tut - und sie konnte an ihrer Pflegetochter eben in
dieser Stunde die Richtigkeit ihrer Meinung erproben.
    Bewegt, aber dem befehlenden Anrufe nachgebend, sprach sie: Sie sagten, ein
vornehmer Herr hätte Dich verführt und Dich verlassen, und als dann Paul mit
Einem Male hieher kam, als ich sah, wie Du ihn liebtest, da ....
    Nun? fragte Seba.
    Da dachte ich mir, er sei Dein Sohn!
    Es entstand eine kurze Pause, Seba verzog keine Miene. Davide hörte ihr
eigenes Herz klopfen. Es wäre ihr eine Wohltat gewesen, hätte sie jetzt das
Rollen eines Wagens vernommen, wäre Paul jetzt eingetreten. Es blieb aber Alles
still auf der Strasse, in dem Hause, in der Stube, und wie schwere Schläge fielen
die Worte Seba's: Und nun hieltest Du Dich berechtigt, mich zu verachten? in des
jungen Mädchens Seele.
    Sie wollte sich abermals vor der Tante niederwerfen, diese hinderte sie
jedoch daran, und sich leise mit der Hand nach dem Herzen fahrend, sprach sie:
Man hat Dir die Wahrheit gesagt - ich habe einen vornehmen Mann geliebt und bin
von ihm verraten worden!
    Ich bitte, ich beschwöre Dich, sprich nicht weiter! rief Davide mit
flehender Geberde - vergib mir, o, vergib mir, dass ich Dich daran mahnte, und
schweige!
    Seba beachtete ihre Bitte nicht. Da Du Dich zu meinem Ankläger und Richter
aufgeworfen hast, sagte sie mit einer schmerzlichen Kälte, so wirst Du mich auch
wohl hören müssen! Ich weiss nicht, wie Deine Wärterin zur Kenntnis jenes
unglücklichen Ereignisses gekommen sein kann; darauf kommt es auch nicht an. Das
Leben ist wie ein Strom, unsere Vergangenheit, unsere Taten sinken in ihm
unter, dass wir sie selbst dem eigenen Blicke für immerdar entschwunden meinen,
und plötzlich bringt ein unvorhergesehenes Ereignis sie aus der Tiefe wieder vor
unserem Auge als ernste Mahnung an das Licht. - Sie hielt inne, seufzte und
sprach danach: Lass es Dir eine solche Mahnung sein, eine Mahnung, den grössten
und reinsten Empfindungen Deines Herzens zu misstrauen, wo sie mit dem Gesetze
und der Sitte in Widerstreit geraten; denn wie rein unser Selbstgefühl auch
sein mag, es schützt uns nicht gegen die Schmerzen, die fremder Tadel uns
zufügt, und es bewahrt uns nicht davor - Du hast es eben selbst erlebt -, von
denen gelegentlich misskannt, ja, selbst verachtet zu werden, denen wir durch ein
ganzes Leben unsere Liebe zugewendet und deren achtendes Vertrauen wir gewonnen
und verdient zu haben glauben. Das ist für mich eine bittere, für Dich eine
heilsame Erfahrung!
    Die Stimme bebte ihr, sie stand auf und ging nach dem Nebenzimmer. Davide
wollte ihr folgen, indes sie gab ihr ein Zeichen, zurück zu bleiben, und noch
einmal lagerte sich die frühere bange Stille über diese Räume. Daviden's Tränen
waren versiegt. Es ging etwas in ihr vor, das sie sich nicht zu erklären wusste,
und doch fühlte sie die Veränderung. Es dünkte sie, als sei sie älter geworden,
als sei ihr ein Amt zuerteilt, als habe sie eine Pflicht übernommen. Sie dachte
mit einer ganz neuen Empfindung, mit einer ihr bis dahin völlig fremden Art von
Liebe an die Tante. Sie sorgte sich um dieselbe, sie hätte sie auf ihren Händen
tragen mögen wie ein Kind, und doch zog es sie, ihr Abbitte zu leisten und ihre
Vergebung zu erhalten. Aber auch dabei blieben ihre Gedanken nicht haften, sie
nahmen eine Richtung, in welcher sie sich nie vorher bewegt hatten. Was ist die
Tugend, fragte sie sich, wenn die Tante, dieses reinste, dieses edelste der
Herzen, eine Tat begehen konnte, welche die Religion, das Gesetz und die Sitte
verdammen? Wie war es möglich, dass ich jemals an ihr irre werden konnte, deren
selbstverläugnende Güte mir beständig als ein unerreichbares Vorbild vor Augen
schwebte, und wo fand ich den Mut, die Härte, die Undankbarkeit und die
Grausamkeit, vor ihr auszusprechen, was, wie ich sicher wusste, sie notwendig
verwunden, doppelt verwunden musste, da ich es war, die sich gegen sie erhob?
    Davide hatte sich bisher in unbefangenem Selbstvertrauen für gut gehalten,
sich ohne Bedenken die besten Eigenschaften zuerkannt, weil die übeln
Leidenschaften der menschlichen Natur in ihr noch nicht zur Anregung gekommen
waren, und erschreckt und gedemütigt stand sie in dem Augenblicke, in welchem
sie sich zum Ankläger ihrer Pflegemutter, ihrer Seba machte, vor sich selber da.
Es war der erste Schritt, den sie auf dem schweren Pfade der Selbsterkenntnis
machte, der erste Einblick in die Selbstsucht des menschlichen Herzens
überhaupt, das erste Mal, dass in ihr die Ahnung auftauchte, wie leicht es sei,
nach überkommenen Gesetzen blindlings abzuurteilen, wie schwer, die Umstände
erwägend, das Wesen eines Menschen und seinen Lebensgang zu verstehen und selbst
in seinen Irrtümern zu begreifen.
    Sie verlangte nach der Wiederkehr der Tante und scheute sich doch, ihr unter
die Augen zu treten. So verging eine geraume Zeit, und sie ward der Einsamen
lang genug.
    Als Seba endlich wieder in das Zimmer trat, war jede Spur von Bewegung aus
ihren Mienen verschwunden. Sie gab Davide die Hand, schloss sie, da sie sich an
sie lehnte, um ihr Gesicht in den Armen der Tante zu verbergen, sanft an ihre
Brust und sagte: Sei weiser und werde glücklicher, als ich; das soll mein Trost,
das soll mein Lohn sein, Kind! - Und als die Erschütterte ihr mit neuen Tränen
darauf Antwort geben wollte, hinderte Seba sie daran.
    Wir müssen gefasst sein um des lieben Gastes willen, den wir erwarten. Nur so
viel für diesen Augenblick, da dein Sinn nach Aufklärung verlangt: Paul ist
eines Edelmannes unrechtmässiger Sohn, und seine Mutter gab sich in der
Verzweiflung ihres Herzens selbst den Tod. Ein Zusammentreffen von Umständen
brachte ihn früh in meine Nähe, ein anderes Zusammenwirken von Ereignissen bewog
ihn, da er dem Knabenalter kaum entwachsen war, aus dem Hause zu entfliehen, in
welchem er erzogen wurde. Du hast bereits davon gehört, Du sollst mehr davon
erfahren, für heute lass Dir dies genügen.
 
                               Siebentes Capitel
Der lang ersehnte Ton des Postorns liess sich in dem Augenblicke vernehmen; er
klang näher und näher, das Rollen des Wagens, der Hufschlag der Pferde schallten
herauf. Seba richtete sich freudig empor.
    Komm', rief sie, Davide bei der Hand ergreifend, komm', wir wollen ihm
entgegen gehen!
    Das junge Mädchen blieb zögernd stehen. Ich kann nicht! sagte es beklommen,
und als Seba es mit sanft ermutigendem Zuspruch mit sich fortzuziehen strebte,
machte Davide ihre Hand mit dem klagenden Ausrufe: Ach, ich verdiene es nicht!
von Seba los und wollte sich eben durch das Seitenzimmer entfernen, als die
Türe des Wohnzimmers schnell geöffnet ward und, die Wildschur und die
pelzverbrämte Mütze von sich werfend, ein grosser, schöner Mann in das Zimmer
eintrat.
    Da bin ich wieder einmal, meine liebe Seba! rief er, indem er sie umfasste
und sie, während er sie küsste, mit den kräftigen Armen ein wenig in die Höhe
hob, dass sie sich plötzlich befreiten Herzens in lachender Abwehr dagegen
sträubte. Da bin ich wieder einmal und herzlich froh, bei Euch zu sein, denn ich
versichere Euch, dass in dieser Kälte der Reisewagen und die russischen
Schneefelder lange nicht so behaglich sind, als dieses Zimmer hier. Aber ich
sehe den Vater nicht, er ist doch nicht krank? - Und sich umschauend, fügte er
hinzu, indem er Daviden die Hand reichte und auch sie flüchtig umarmte: Wie Du
in den drei Monaten wieder gewachsen bist, Davide! Du kannst Dir etwas darauf
einbilden, Du wirst unserer Seba immer ähnlicher.
    Der Ton seiner Stimme hatte jenen frischen Klang, den man nur aus der Brust
eines völlig gesunden Mannes ertönen hört und der an und für sich erfreulich und
belebend wirkt; aber auch die ganze übrige Erscheinung war ein strahlendes Bild
jugendlicher Männlichkeit, und es dünkte dem liebevollen Herzen Seba's, als sei
mit seinem blossen Eintreten Licht und Wärme, als sei Frühling und Sonnenschein
in dem Zimmer angebrochen und über sie gekommen. Er war, wie seine früheste
Kindheit es hatte voraussehen lassen, das vollständige Ebenbild seines Vaters
geworden. Es war dieselbe grosse, gebieterische Gestalt, es war die breite Brust
des Freiherrn. Wie dieser trug er den kräftigen Nacken hoch und stolz, und jeden
Zug seines Antlitzes, ja, sogar jene anscheinend zufälligen Mienen, jene
kleinen, plötzlichen Geberden, die man gemeinhin als durch die Nachahmung im
täglichen Beisammensein sich vom Vater auf den Sohn forterbende
Eigentümlichkeiten zu bezeichnen liebt, hatte Paul mit dem Freiherrn wie eine
Stammeseigenschaft gemein, nur dass alle seine Bewegungen freier, schneller,
leichter waren, als der Freiherr sie bei seinem frühen Bestreben nach
würdevoller Gemessenheit in sich auszubilden im Stande gewesen war.
    Seba selber geleitete den lieben Gast in das für ihn bereitete Zimmer; sie
liess es sich nicht nehmen, ihm selbst das Licht vorzutragen, während der Diener
sich seines Pelzes und seines übrigen Gepäckes bemächtigte, und abermals schlang
Paul voll Zärtlichkeit, während sie neben einander hergingen, seinen Arm um sie
und bedeckte ihre Hand mit seinen Küssen. Man konnte es ihnen ansehen, wie sehr
sie an einander hingen.
    Eine Stunde später sass Paul in dem Cabinette, welches an das Comptoir des
Hauses anstiess, mit Herrn Flies und Seba in ernstem Gespräche beisammen. Es war
Posttag und in dem Comptoir arbeiteten die Gehülfen noch still und schweigend an
ihren Pulten, obschon es später als gewöhnlich war. Die Reitpost, welche zweimal
in der Woche den Briefverkehr nach Osten besorgte, ging früh am anderen Morgen
ab, und den grossen Handlungshäusern, die in dem Postbureau ihre laufenden
Rechnungen hatten, war es vergönnt, ihre Briefe noch über die allgemeine
Schlussstunde der Briefannahme zur Beförderung auf die Post zu senden.
    Paul hatte ein Notizbuch in der Hand, ein Copieheft und eine Anzahl Briefe
lagen neben ihm. Er wünschte Herrn Flies Auskunft über die Erfolge einer
gemachten Geschäftsreise zu geben, sofern dieselben nicht aus seinen früheren
Briefen ersichtlich waren, und Seba hörte schweigend zu, obschon sie einsichtig
und unterrichtet genug war, um an dieser Unterhaltung einen lebhaften Anteil zu
nehmen, auch wenn es nicht ihr Vater und Paul gewesen wären, welche sie führten.
Es freute sie eben so die scharfe Klarheit, mit der ihr Vater alle seine Fragen
stellte, als die sichere Bestimmteit, mit welcher Paul sie beantwortete; denn
Sachkundige sich auf einem Gebiete bewegen zu sehen, das sie voll und ganz
beherrschen, gewährt an und für sich immer eine Genugtuung, weil es uns,
gleichviel von welcher Seite, einen Einblick in das grosse, aus den
verschiedensten Bestandteilen sich zusammensetzende Getriebe des jedesmaligen
Culturzustandes vergönnt, während es uns zugleich - und dieses Letztere genoss
Seba in dem Falle mit besonderer Befriedigung - Achtung vor dem menschlichen
Wollen und Vollbringen einflösst.
    Herr Flies schien wohl zufrieden zu sein mit allem, was der junge Mann
berichtete. Paul musste danach Auskunft über seine Erlebnisse während dieser
Abwesenheit geben, und als man endlich von dem Besonderen und Persönlichen zu
dem Allgemeinen überging, als man des furchtbaren Druckes gedachte, den die
Napoleonische Herrschaft auf ganz Europa ausübte, fragte Seba, wie Paul die
Stimmung gegen Napoleon in Russland gefunden habe.
    Paul sah sich vorsichtig um, machte die Türe, welche nach dem Nebenzimmer
führte, noch besonders zu und sagte darauf: Wie wir es nur wünschen können! Der
Hass gegen ihn ist dort vollkommen so stark und so feurig, als hier bei uns, und
es sind dort Männer, welche die Glut zu erhalten und zu schüren wissen. Ich
habe Briefe des Freiherrn vom Stein an den Staatskanzler mitgebracht.
    Du? Und wie kamst Du zu solchen Briefen? fragte Herr Flies.
    Paul nannte den Namen eines grossen englischen Banquiers, in dessen Hause er
den Freiherrn gesehen hatte und ihm vorgestellt worden war. Der Freiherr, sagte
er, hat von mir, da ich gerades Weges von Deutschland kam, Auskunft mancher Art
verlangt, die ich ihm geben konnte; und als er hörte, dass ich mich von
Petersburg eben so geraden Weges hierher begeben würde, hat er mich gefragt, ob
ich mich entschliessen könne, Briefe von ihm nach Deutschland mitzunehmen.
    Und Du? fragte Seba ängstlich, da ein solcher Dienst für jenen Geächteten
gefährlich genug war.
    Nun, ich habe mich natürlich nicht besonnen, entgegnete Paul; ich war
glücklich genug, den Mann zu sehen, stolz darauf, etwas für ihn leisten zu
können, und noch heute will ich die Papiere in die Hände des Staatskanzlers
überliefern.
    Er nahm, während er das sagte, die Pelzmütze, die er auf der Reise getragen,
von dem Seitentische, auf dem er sie liegen hatte, zog ein kleines Messer hervor
und fing an, den breiten Zobelbesatz, der sie umgab, mit schneller Hand herunter
zu trennen und die Briefe, welche unter demselben verborgen gewesen waren,
sorgfältig zu glätten.
    Welch ein Zustand, rief Seba, in dem die Bewohner eines ganzen Weltteiles
unter der Tyrannei eines Einzigen ihres Lebens nicht mehr sicher sind; in dem
jede persönliche Freiheit wie die allgemeine Freiheit gleichmässig bedroht, in
dem jede selbstbestimmte Tat gefährlich wird! -
    Bis, fiel Paul ihr in das Wort, und seine grossen Augen funkelten in schönem
Feuer, bis alle die Einzelnen sich zu einer grossen, selbstbestimmten Tat
vereinen, und dieser ersehnte Augenblick wird nicht lange auf sich warten
lassen! - Er hatte das mit mehr Lebhaftigkeit gesprochen, als er bisher gezeigt,
aber seine Stimme zu leiser, vertraulicher Mitteilung senkend, fuhr er fort:
Man erwartet in Russland den von Napoleon beabsichtigten Angriff mit eiserner,
gewaltiger Entschlossenheit, und würde selbst der Kaiser Alexander schwankend,
so ist er von Männern umgeben, die ihn um jeden Preis festzuhalten wissen
werden. Aber mehr noch als der teoretische Hass gegen die Tyrannei wird die
Notwendigkeit die Völker zwingen, sich gegen dieselbe zu erheben. Wenn man
einem Menschen die Lebensadern unterbindet, muss er die Bande sprengen, sofern er
nicht ersticken will. Für unsere ideale Ueberzeugung ist unser Vorteil der
stärkste Bundesgenosse: der Handel kann die Continentalsperre nicht länger
ertragen, das Gewerbe liegt überall darnieder, das Land, durch welches ich
gekommen bin, ist, soweit der Krieg es getroffen, furchtbar mitgenommen, und
Niemand kann wagen, neue Capitalien, neue Arbeit an seine Herstellung zu wenden,
da neuer Krieg am Horizonte dieses Jahres steht. Und eben deshalb, lieber Vater,
habe ich ein Ansuchen an Sie!
    Es lag in dem Tone, mit welchem er diese letzten Worte sprach, eine gewisse
Bewegung, welche Seba sich nicht gleich zu deuten wusste, aber Paul liess ihr
nicht Zeit, darüber lange nachzusinnen.
    Als ich vor drei Jahren nach Europa zurückkam, boten Sie, lieber Vater, mir
grossmütig an, mich als Teilnehmer in Ihr Haus aufzunehmen.
    Und Du lehntest es ab! bemerkte Herr Flies, ihm in die Rede fallend.
    Ich lehnte es ab, entgegnete Paul, weil Sie meiner in keiner Weise nötig
hatten und weil ich zu erproben wünschte, was ich selber für mich tun könnte. -
Er hielt ein wenig inne und sagte dann mit einer Bescheidenheit, die seiner
stolzen Gestalt sehr wohl anstand: Die Umstände, Sie wissen es, sind mir günstig
gewesen. Ich habe mir mit den Mitteln, die ich herüber gebracht, in Hamburg ein
eigenes Geschäft, ein eigenes Haus und ein gewisses Vermögen geschaffen. Wollen
Sie mir jetzt noch die Möglichkeit gewähren, mich mit diesem Capitale in Ihrem
Hause arbeiten zu lassen, so würden Sie mir eine grosse Gunst erzeigen.
    Herr Flies zögerte, zu antworten, aber sein Blick ruhte mit wohlwollendem
Nachdenken auf dem jungen Manne.
    Du wolltest nicht mit leeren Händen kommen, sagte er.
    Missbilligen Sie das? entgegnete der junge Mann.
    Nein, mein Sohn, ich lobe es vielmehr. Jedermann soll und muss erproben, was
er sich selber wert ist; aber Du hattest dies bereits getan, als Du nach
Europa wiederkehrtest, und ich kann nicht absehen, was Dich in diesem
Augenblicke dazu bestimmt, Deine Geschäfte, die sich sehr gut angelassen haben,
aufzulösen, um mit mir zu arbeiten, denn was das Brauchen und Nötighaben
anbetrifft, walten heute genau dieselben Verhältnisse wie vor drei Jahren ob.
Ich bin, dem Himmel sei Dank dafür, noch rüstig, und Du kannst immerhin, da Du
einmal auf eigenen Füssen zu stehen gewohnt bist, noch eine Weile für Dich allein
fortarbeiten. Ich werde Dich rufen, wenn ich Deiner zu bedürfen glaube.
    Sie halten mich für selbstloser als ich bin, meinte Paul. Ich bitte um
meiner eigenen Sicherheit, um meines Vorteiles willen, jetzt als schweigender
Partner bei Ihnen eintreten zu dürfen. Meine Vorräte sind, Dank der
unheilvollen Handelspolitik Napoleon's, über all' mein Erwarten vorteilhaft
verwertet. Die Reise, welche ich eben beendet, hat mir vollauf bewiesen, dass
auf dem Landwege kein Ersatz für die gehemmte Einfuhr zur See zu hoffen ist, von
dem man sich wesentliche Erfolge versprechen darf, und die Truppenmärsche, die
seit Monaten aus dem fernsten Süden und Westen sich langsam gegen Osten bewegen,
schneiden vorläufig die letzte Aussicht auf andere als auf solche Unternehmungen
ab, welche die Versorgung der Armeen oder den Handel mit der Waare, die jetzt
die begehrteste ist, den Handel mit dem Gelde selbst, zur Grundlage haben.
    Lieferungen für die Franzosen kannst Du nicht unternehmen! fiel Seba ihm in
die Rede.
    Gewiss nicht! beteuerte Paul; aber gerade darum möchte ich meine Capitalien
frei zur Hand haben, denn die Rüstungen von dieser Seite werden Rüstungen von
der anderen hervorrufen, und mehr als das! Es kommt doch hoffentlich der Tag, an
welchem wir selber einzustehen haben werden für unser Recht. Ist dann mein
Vermögen in Ihren Händen, teuerster Vater, so wird es sicher auf die beste
Weise benutzt und angewendet - und ich bin frei!
    Seba reichte ihm ihre Hand, er ergriff sie und küsste sie herzlich. Herr
Flies war aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder. Er war gewohnt, sich
die Dinge von allen Seiten zu betrachten, ehe er seine Meinung aussprach.
Während dessen brachte einer der Handlungsgehülfen ihm die Briefe, welche an dem
Abende noch abgehen sollten, zur Unterschrift. Er sah sie mit schnellem Blicke
durch, unterzeichnete sie, und sich an Paul wendend, nachdem der Gehülfe das
Cabinet verlassen hatte, sprach er, an das Unterzeichnen der Briefe denkend: Das
wirst Du mir also einmal in Zukunft abnehmen und ich werde auch an den Posttagen
mein Whist haben können. Die politischen Ereignisse, für welche Du Deine
Freiheit sicher zu stellen wünschest, scheinen mir unwahrscheinlich oder
mindestens so sehr in weitem Felde, dass man darauf hin noch keine Plane zu
machen braucht; denn wer seine Herrschaft auf so ungeheuren Grundlagen baute,
wie Napoleon Bonaparte, den entwurzelt man nicht wieder! fügte er mit jener
Bewunderung des Erfolges hinzu, die man bei Kaufleuten häufig antrifft, weil sie
leicht dazu verführt werden, ihre eigene persönliche Bedeutung an ihren Erfolgen
abzumessen.
    Er machte darauf eine kleine Pause und sagte danach: Im Uebrigen aber,
abgesehen von allen Deinen politischen Erwartungen und patriotischen Hoffnungen,
gefällt mir Dein Vorschlag. Tue immer die nötigen Schritte zu seiner
Ausführung. Wir sprechen mehr davon. Jetzt sieh' zu, dass Du Dich Deiner
mitgebrachten Briefe bald entledigst. Es ist spät, der Weg bis zum Palais des
Staatskanzlers ist weit, und ich möchte Dich bei Tische haben.
    Paul sah nach der Uhr und entfernte sich mit der Zusage, so bald als möglich
wieder zurück zu sein. Herr Flies blickte ihm durch die Glastüre nach, wie er
leichten Schrittes durch das Comptoir hinging.
    Wie schön er geworden ist! sagte Seba mit einer wahrhaft mütterlichen
Zärtlichkeit.
    Ja, er ist ein ordentlicher Mensch! bekräftigte der Vater.
 
                                 Achtes Capitel
Es war nahezu Mitternacht, Herr Flies hatte sich zurückgezogen, auch Davide, die
sonst gern mit Seba wach blieb, war zur Ruhe gegangen, und diese sass nur noch
mit Paul in einsamem Gespräche beisammen.
    Sie wollte wissen, wie er den Vater aussehend fände, denn Herr Flies war
allgemach in die Jahre gekommen, in denen die sorgsame Liebe ängstlich auf jedes
Zeichen von Schwäche oder von der notwendig beginnenden Abnahme der Kräfte
achtet, weil man auf deren Neubelebung nicht mehr zu rechnen hat; aber Paul
versicherte ihr, dass er keinen Wechsel weder in ihres Vaters körperlicher
Rüstigkeit noch in seiner geistigen Frische und Festigkeit bemerke, und er
erinnerte sie daran, dass Herr Flies während des Abendessens von weitgreifenden
kaufmännischen Planen gesprochen habe, was man im Greisenalter immer als das
beste Zeichen einer gesunden Kraft betrachten müsse, weil ein hinfälliger Mann,
im Gefühle seiner Ohnmacht, sich nicht leicht zu solchen Gedanken verleitet
fühle. Dagegen meinte er, dass mit Davide eine grosse Wandlung vorgegangen sei.
    Als ich vor vier Monaten hier war, sagte er, dünkte sie mir noch völlig ein
Kind zu sein. Ihre unruhige Neugier, ihre oft unbegreifliche Verlegenheit und
daneben das oft eben so unbegreifliche Zutrauen, mit dem sie Fragen tun und
Erörterungen veranlassen konnte, die sonst Niemand herbeigeführt haben würde,
hatten noch etwas völlig Kindisches. Sie hatte für mich nur Bedeutung, weil Du
sie liebst, weil sie zu Deinem Lebensglücke gehört; ich für mein Teil hätte sie
Tage lang um mich haben können, ohne dass es mich gefreut oder gestört hätte.
Heute finde ich plötzlich, dass sie anziehend geworden ist. Ihr Blick ist
stätiger, ihre Stimme weicher, und das knabenhaft Herbe, das mir an ihr missfiel,
scheint sich auch verloren zu haben. Sie hat etwas Demütiges bekommen, etwas
Mädchenhaftes, das ihr sehr wohl ansteht.
    Seba nickte zustimmend. Du irrst Dich nicht, entgegnete sie, aber diese
Wandlung ist der neuesten eine. Sie hat sich heute, eben in diesen Stunden erst
vollzogen, und Du hast mehr Anteil daran, als Du es weisst. Was Du für
mädchenhafte Demut hältst, ist ein Schuldbewusstsein, eine Art von Reue, und
diese wird vielleicht dazu dienen, die herbe Sprödigkeit in Davidens Wesen, die
an und für sich mir immer als ein Zeichen innerer Gesundheit an ihr erschienen
ist, zu brechen.
    Wie soll ich das verstehen? fragte Paul.
    Seba setzte ihm danach auseinander, was vorgegangen war; er hörte ihr
achtsam zu und meinte, das junge Mädchen sei in seinem Rechte gewesen, als es
Aufklärung über die Verhältnisse gefordert, die ihm auffallend und
unverständlich gewesen wären. Es könne sich kein denkendes Wesen zwischen
Rätseln wohl befinden, und es gefalle ihm von Daviden, dass sie den Mut
gefunden habe, Aufklärung zu fordern.
    Seba fragte ihn, was sie ihr über seine Jugend und Vergangenheit sagen
solle. Er besann sich eine kleine Weile und meinte sodann, dass es nicht nötig
sei, ihr den Namen seines Vaters zu nennen.
    Seba bemerkte, sie sei dazu ohnehin nicht geneigt gewesen, da Renatus jetzt,
wie er wisse, öfter in ihrem Hause sei, und sie knüpfte daran das Bedenken, ob
es Paul nicht unerwünscht sein würde, den jungen Freiherrn gelegentlich bei ihr
zu treffen.
    Mir? fragte der Erstere, indem er sie mit einer gewissen Befremdung ansah.
Ich wüsste nicht, dass ich die Begegnung mit irgend Jemandem, am wenigsten eine
solche mit diesem jungen Manne zu scheuen hätte; und auch ihm, obschon ich nicht
die mindeste Ursache habe, auf seine Empfindungen Rücksicht zu nehmen, wird es,
wie ich mir denke, sehr gleichgültig sein, mit mir zusammen zu kommen. Ich und
er haben nichts mit einander gemein, am wenigsten aber wahrscheinlich in unseren
Anschauungen, und wer weiss es, ob er mich überhaupt erkennt oder in wie weit
seine Erinnerungen an seine Kindheit und an den Tag, an welchem wir uns gesehen
haben, in ihm lebendig geblieben sind?
    Es war darüber spät geworden, und die Ermüdung fing an, sich dem jungen
Manne fühlbar zu machen, da er seit mehreren Nächten in kein Bett gekommen war.
Er küsste Seba's Hand, als er ihr eine Gute Nacht wünschte; sie umarmte ihn wie
einen Sohn. Die Aussicht, dass sie künftig an demselben Orte, in demselben Hause
leben würden, hatte für Beide einen grossen Reiz, und Paul gefiel sich darin, es
der älteren Freundin auszumalen, wie er sie hegen und pflegen wolle und wie gut
er es neben ihr haben würde. Sie hörte ihm mit stillem, glücklichem Lächeln zu,
aber ihr Haupt sorgenvoll wiegend, meinte sie: Was aber liegt noch alles
zwischen dieser Stunde und der freudevollen Ruhe, die Du mir versprichst? Es
müssen noch Wunder geschehen, ehe wir sie geniessen können!
    Wunder? Was sind Wunder? rief Paul mit Heiterkeit. Alles ist ein Wunder und
nichts ist ein Wunder! Ist's denn nicht auch ein Wunder, dass ich jetzt hier in
Deiner Nähe bin - dass ich armer Junge mich auf dem besten Wege befinde, ein
reicher Mann zu werden - dass der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
vielleicht noch einmal zum Eckstein wird?
    Die alte Wunde in Dir ist nicht vernarbt! bemerkte Seba warnend.
    Vernarbt bis auf die letzte Spur, versicherte der junge Mann, und sie
schmerzt bei keinem Wetterwechsel! Bringt mich der Zufall einmal dazu, die
Stelle zu betrachten, an der sie sitzt, so sehe ich die Narbe nur, um mich
darüber zu freuen, dass ich stark und gesund genug zu solcher Heilung war, dass
ich Niemandem dafür zu danken habe, und dass die Einzigen, gegen die ich ein
Unrecht begangen, eben Du und Dein Vater sind, die es mir so schön verziehen
haben! Gute Nacht, Du Liebe! rief er ihr noch einmal zu, und da sie ein Gefallen
daran hatte, sich seinem Rate unterzuordnen, fragte sie ihn noch einmal, was
sie mit Davide machen solle.
    Gieb ihr die rote Brieftasche, meinte er, im Grunde hat es auch Nichts auf
sich, wenn sie die ganze Wahrheit weiss, wenn sie den Namen meines Vaters ahnt.
Mich dünkt, sie kann den ganzen Inhalt lesen, und geringfügig, wie er ist, wird
er ausreichen, sie zwischen uns wieder festzusetzen. Denn fest sitzen und fest
stehen, wo man sich befindet, das ist die Hauptsache, wenn man in sich zu etwas
kommen soll!
 
                                Neuntes Capitel
Am andern Morgen arbeiteten Herr Flies und Paul schon zeitig mit einander. Seba
fuhr früher aus, als sie pflegte, ohne zu sagen, wohin sie sich begebe, und
Davide sass einsam in dem kleinen Stübchen, das man ihr seit ihrem letzten
Geburtstage zu alleiniger Benutzung eingeräumt hatte. Sie hielt eine alte, grosse
Brieftasche, deren fahl gewordenes rotes Leder, deren plumpe Form es deutlich
zeigten, dass sie geringen Leuten angehört haben musste und von diesen viel
gebraucht worden war, in ihren Händen. Indes das junge Mädchen blickte darauf
wie auf ein Heiligtum hin, und scheu und ehrfurchtsvoll, wie man an ein solches
herangeht, öffnete sie dieses alte, ihr anvertraute Familienstück.
    Es lagen nur vergilbte Briefe und Documente in der Brieftasche. Der
Taufschein eines Hans Christian Mannert, der vor sechsundsiebenzig Jahren
geboren worden, der Taufschein einer Louise Maria Wendinn, die um acht Jahre
jünger war, und der Trauschein dieser beiden. Dann fand sich ein Taufschein der
Pauline Louise Mannert, des Jägers Mannert Tochter, unter deren Taufzeugen sich
die gnädige und hochgeborene Frau Baronin Pauline Amanda von Arten-Richten
aufgeführt fand, und endlich das Taufzeugniss eines Paul Franz Mannert, der
Pauline Mannert unehelich geborenen Sohnes, die alle sammt und sonders in der
Kirche zu Neudorf die Taufe empfangen hatten. Daran reihte sich ein Attest,
welches die Aufnahme des neunjährigen Paul Mannert in das Gymnasium
bescheinigte, eine Anzahl von Schulzeugnissen schloss sich diesem an. Das letzte
von diesen war in dem vierzehnten Jahre des Schülers ausgestellt und ein
Zeitraum von mehr als fünf Jahren trennte es von dem ersten der in der Mappe
vorhandenen Briefe, der nur aus wenig Linien bestand.
    Er war mit einer festen kaufmännischen Hand geschrieben, an Mademoiselle
Seba Flies nach deren Vaterstadt adressirt und entielt nichts, als die folgende
Anfrage: »Dein früherer Schützling, liebe Seba, den das Andenken an Deine Güte
für ihn nie verlassen hat, möchte Dir Kunde von sich geben, wenn Du ihm seine
Flucht verzeihen und von ihm hören willst. Es geht ihm sehr wohl, und er hat
nichts zu bereuen und zu bedauern, als dass seine Entfernung aus dem Vaterlande,
das ihm keine Heimat ist, ihn auch aus Deiner Nähe entfernte. Denkst Du seiner
noch, willst Du von ihm hören und ihn sehr erfreuen, so schreibe ihm und sage
ihm, wie es Dir, wie es Deinem guten Vater, Deiner Mutter und dem Herrn
Kriegsrat geht. Unter dem Namen Paul Tremann treffen ihn alle Briefe, die an
das Handlungshaus von Samuell Willway Gebrüder, New-York, gerichtet werden.«
    Ein zweiter, offenbar als Entgegnung auf Seba's Antwort geschriebener Brief
schilderte Paul's Erlebnisse seit seiner Flucht.
    »Ich weiss es Dir nicht auszusprechen,« hiess es in demselben, »meine teure,
geliebte Seba, wie mir zu Mute war, als ich vor zwei Tagen Deinen Brief in
meinen Händen hielt! Ein ganz neues Gefühl ist über mich gekommen, ich habe
Heimweh empfunden, Heimweh nach Dir, die Du das Einzige bist, was mich an Europa
und an meine sogenannte Heimat fesselt! Der Gedanke, dass Du gestorben sein
könntest, dass ich Dich nicht wiedersehen würde, hat mich oft gequält, und ich
kann daran ermessen, wie schwer der Tod Deiner Mutter auf Dich und auf Deinen
Vater eingewirkt haben muss! Ich möchte da gewesen sein, Dich zu trösten, ich
möchte überhaupt bei Dir sein können, um Dir Freude zu machen, Dir eine Stütze
zu werden, wenn einmal auch Dein Vater hingehen wird - und während ich das
schreibe, sage ich mir, es werde Dich dies anmasslich und befremdlich dünken, da
ich in Deiner Erinnerung nur als ein Knabe lebe, der sich selber nicht zu helfen
wusste, bis eine gewaltsame Empfindung ihn zu einem gewaltsamen Entschlusse
brachte.
    Da Du mich nicht vergessen hast, wirst Du Dich auch erinnern, wie der
Gedanke, meinen Vater in meiner Nähe zu wissen, mich bewegte. Ich hatte im
Herzen ein Bild von ihm bewahrt, ich dachte an ihn wie an den schönsten Mann,
ich wusste, dass er mich geliebt, dass ich auf seinen Knieen gesessen, dass er mich
geküsst hatte, dass er mir freundlich gewesen war.
    Im täglichen Leben fiel mir das nur selten ein, aber seit ich älter geworden
war, träumte ich bisweilen davon, und ich hegte damals noch die Zuversicht, dass
meine Träume sich doch einmal verwirklichen müssten. Es war meine Märchenwelt,
und mein Vater war es, der sie beherrschte.
    Als ich dann plötzlich erfuhr, dass mein Vater in der Stadt sei, liess es mir
keine Ruhe. Ich hatte ein Verlangen, zu ihm zu gehen, bei ihm zu sein, aber die
Furcht, nicht wohl empfangen oder gar abgewiesen zu werden, hielt mich von der
Ausführung meiner Wünsche zurück, und in mein Planen und einsames Sinnen fiel,
wie ein vernichtender Wetterstrahl, die eilige und harte Erklärung der
Kriegsrätin, dass mein Vater sich meines Daseins schäme, dass meine Geburt mich
mit unauslöschlicher Schande brandmarke, dass ich es als ein Glück und eine Gnade
anzusehen hätte, wenn eine andere Familie, wenn sie und der Kriegsrat sich
entschlössen, mit ihrem Namen die Schande meiner Abkunft grossmütig zu
verdecken.
    Ich müsste viel Zeit darauf verwenden, wollte ich Dir deutlich machen, was in
der Einen Nacht in meinem Innern vorging und was ich in mir erlebte, als am
nächsten Tage mein Vater, den ich mit klopfendem Herzen wiedersah und der mich
auch erkannte, sein Auge von mir wendete, da ich ihm im Laden gegenüber stand.
    Ich konnte nicht bleiben! Wie sollte ich, so rief es immerfort in mir, einem
andern Menschen frei unter das Auge treten, da meines Vaters Auge sich von mir
abgewendet hatte? Ich fürchtete, ich scheute mich vor Jedem, der mich kannte,
die Scham trieb mich von dannen.
    Ich lief nach dem Hafen hinaus. Ich war stets gern im Hafen gewesen, das
Kommen und Gehen der Schiffe, die Namen der Orte, von denen sie kamen, hatten
mich oft beschäftigt, meine Gedanken oft in die weite Ferne gelockt; aber als
ich an dem Bollwerke des Ufers auf und nieder ging, ohne zu wissen, wohin ich
mich wenden sollte, gewann das Wasser selbst eine Gewalt über mich. Es zog mich
an. Ich dachte, so müsse es meiner Mutter auch gewesen sein und ich müsse es
machen wie sie, als auch ihr das Leben und die Schande zu viel und zu schwer
geworden waren. Ich stellte mir mit Vergnügen vor, wie die Kriegsrätin, die mir
so weh getan hatte, erschrecken würde, wenn man ihr meine Leiche brächte; ich
hoffte, auch meinem Vater werde es Kummer machen und Reue einflössen, und so voll
Bitterkeit und Hass war meine Seele, dass ich Deiner kaum dabei gedachte. Ich
wollte mir das Leben nehmen, um der Schande los zu werden und mich an denen zu
rächen, die mir alle diese Qual bereitet hatten.
    So ging ich immer weiter, bis ich zur Stadt hinaus und an den letzten
Ladeplatz des Aussenhafens gelangt war, an welchem die Schiffe den Ballast
einzunehmen pflegen. Ich hatte dort oft gespielt. Den Tag über trieb ich mich in
den Dünenhügeln umher. Ich wollte für meine Tat den Abend abwarten, wenn es
einsam und still am Strande geworden sein würde und Niemand mir zu Hülfe kommen
könnte; aber als der Abend kam, als das helle Blau des Wassers dunkel zu werden
begann, als die Nacht sich darüber ausbreitete, graute mir vor dem Wasser und
vor dem Tode. Ich war sehr müde, das machte mich zu meinem Glücke verzagt; indes
nicht umzukehren blieb ich doch entschlossen, und ich war jetzt auch auf einen
andern Ausweg verfallen.
    An der Landungsbrücke lag eine amerikanische Brigg. Ich hatte gesehen, dass
sie zum Auslaufen bereit war, hatte die Arbeiter sagen hören, dass sie am
nächsten Morgen absegeln würde. Darauf gründete ich meinen Plan und meine
Hoffnung. Beim Tagesgrauen brachte ein Bursche noch einen Korb voll frischen
Brodes nach dem Schiffe. Er hatte offenbar noch andere Schiffe zu versorgen,
denn er war sehr beladen, liess mir einige Brödchen ab und war es gern zufrieden,
dass ich ihm bei dem Tragen half. So kam ich auf das Deck, als man schon die
Anker lichtete, und in der Eile und der Hast der Arbeit ward man es nicht
gewahr, dass ich nicht, wie jener Bursche, das Schiff verliess, sondern mich die
Treppe hinabstahl und in einem der untersten Räume eine Zuflucht suchte.
    Nie wieder habe ich ein solches Gefühl von Zufriedenheit, von Glück und von
Freiheit gehabt, als in dem Augenblicke, da die Anker völlig aufgewunden, das
Boot, das uns hinaus bugsiren sollte, niedergelassen worden war, und als dann
endlich der frische Wind, der in unsere Segel blies, uns vorwärts trieb. Ich
hatte Mühe, unten in der Finsternis des Raumes auszuhalten. Ich wünschte es zu
sehen, wie wir die Stadt verliessen, mich zu überzeugen, dass wir sie nicht mehr
sehen konnten; aber die Besorgnis, dass man mich zurückschicken könne, wenn wir
einem einlaufenden Schiffe begegneten, hielt mich in meinem Versteck gefangen,
bis spät am Tage der immer lebhafter werdende Durst und das neugierige Verlangen
nach der Entscheidung meines Schicksals mir den Mut gaben, mich hinauf zu
wagen.
    Während ich mich in diesem Augenblicke zum ersten Male im Zusammenhange
jenes Tages und meiner Erlebnisse erinnere, fällt mir die Zeit ein, in welcher
ich mit Dir den Robinson, und jene spätere Zeit, kurz vor meiner Flucht, in
welcher wir den Don Quixote gelesen haben. Es hat eben Jeder von uns einen Zug
zum Abenteuerlichen in seiner Seele, und darauf gründet sich wohl auch die ewige
Wirksamkeit jener Bücher, die uns zum Vorbilde und zum Spiegel werden, wie die
Ritterbücher dem guten Helden von der Mancha.
    Ich hatte mir es in meinem Verstecke reiflich ausgemalt, wie der Capitän
mich empfangen, was ich ihm sagen würde. Einen ganzen kleinen Roman hatte ich
mir ausgedacht; nur Eines hatte ich übersehen, dass ich des Englischen nicht
mächtig war, und als ich dann auf das Verdeck kam, als man mich mit Erstaunen
gewahrte, als der Capitän und die Matrosen mit Fragen auf mich einstürmten, die
ich nicht verstand, bis der zweite Steuermann, ein Deutsch-Amerikaner,
herbeigerufen ward, mich zu vernehmen, da sagte ich von allem, was ich mir zu
sagen vorgenommen, nicht ein einziges Wort, sondern die nackte Wahrheit, und mit
dieser fand ich Glauben, weil sie über die gewöhnlichen Erfindungen eines Knaben
weit hinaus lag. Nur meinen Namen suchte ich zu verbergen. Ich nannte mich,
seine Buchstaben umstellend, wie wir es spielend oft getan: Tremann.
    Ich weiss nicht, was geschehen wäre, hätte sich an dem Tage dem Capitän die
Möglichkeit gezeigt, mich zu entfernen. Aber der starke Ostwind, der uns
begünstigte, hielt die nach unserer Heimat bestimmten Schiffe von unserem Curse
völlig fern, und einmal im grossen Ocean, hatte Niemand mehr ein Interesse daran,
an die Rücksendung eines Jungen zu denken, an dessen Gegenwart Alle sich schnell
gewöhnten, und der, wenn man ihn nur bleiben liess, sich Jedem zu jedem Dienste
willig zeigte.
    Als wir an dem Orte unserer Bestimmung landeten, war es bei meinem
Beschützer, als welcher der Unter-Steuermann sich von Anfang an gezeigt,
beschlossene Sache, dass ich bei ihm bleiben solle. Seine Frau betrieb einen
kleinen Handel in New-York mit allerlei Waaren, die er von seinen Reisen
importirte, und wie unvollkommen meine Kenntnisse nach allen Seiten damals auch
noch waren, hatte ich vor meinem Steuermanne und seiner Frau doch in dieser
Beziehung einen grossen Vorsprung. Ich wusste, wie sie es nannten, mit der Feder
gut Bescheid, ich konnte, Dank Deiner Nachhülfe, leidlich Französisch sprechen,
und ich war also vollkommen geeignet, in dem kleinen Laden im Hafen mit meinen
Kenntnissen mich nützlich zu machen, da ich während der Reise das Englische
einigermassen zu verstehen und zu sprechen begonnen hatte.
    Einmal an Ort und Stelle, erging es mir wie Jedem, der schwimmen muss, wenn
er nicht ertrinken will. Notwendigkeit und Lebenslust hielten mich über Wasser.
Anfangs beunruhigte mich bisweilen noch die törichte Besorgnis, dass man
Nachfrage nach mir anstellen, mich entdecken, mich zurückführen könne; indes ich
blieb unangefochten, und das war alles, dessen ich bedurfte, obgleich der Weg
vom Ladendiener eines kleinen Krames im Hafen bis zum Geschäftsführer von
Samuell Willway Gebrüder nicht eben leicht, nicht eben glatt gewesen ist.
    Ich habe manche Stunde gehabt, in welcher ich an Dich und an Dein Zimmer, an
Deine Eltern und an die guten Tage bei Euch zurückgedacht habe, denn es ist
mancherlei Elend und Not an mich herangekommen; aber es hat keine Stunde
gegeben, in der ich es bereut hätte, mich auf die eigenen Füsse gestellt, mich
auf die eigene Kraft verlassen und danach gestrebt zu haben, mir einen eigenen
Namen zu machen, da meine Geburt und mein Vater mir den Namen versagt haben, auf
den ich angewiesen war. Es klingt für Unsereinen, den die Bande der
Familienliebe nicht umfangen und befangen, wunderlich genug, dass man die nicht
in der kirchlich und staatlich anerkannten Ehe erzeugten Kinder natürliche
Kinder nennt, und grade ihnen den natürlichen Anspruch auf den Namen ihres
Vaters aberkennt. Aber ich beschwere mich darüber nicht, denn es ist ein Sporn
für mich gewesen.
    Noch bedeutet der Name Tremann nichts, doch brauche ich mich seiner nicht zu
schämen. Ich bin dem Hause, dem ich diene, etwas wert, man hat Zutrauen zu mir,
meine Collegen schätzen mich, und ich suche in meiner Bildung nachzuholen, was
ich durch meine Flucht eingebüsst habe. Wird mir, wie ich hoffe, der Auftrag zu
Teil, mit welchem unser Haus einen seiner Leute nach Europa zu senden
beabsichtigt, so komme ich wieder in Deine Nähe und will danach trachten, dass
ich Dir nicht Schande mache; denn Du und Dein Vater, Ihr seid die Einzigen,
denen ich mich für die Liebe verantwortlich fühle, welche Ihr dem fremden Knaben
in Eurer Grossmut zugewendet habt. Dir danke ich die Neigung, mich zu
unterrichten, Deinem Vater die Vorliebe für den Beruf, den ich erwählt habe, und
der Tag soll sicherlich nicht ausbleiben, an welchem der Name Tremann an den
Börsen einen so guten Klang wie der seine und mein Wort eine Geltung haben
soll.«
    Er erkundigte sich weiterhin nach dem Ergehen der wenigen Personen, deren
Andenken ihm aus seiner Kindheit lebendig geblieben war, meldete, dass er seit
einem Jahr seine ersten Ersparnisse habe machen können, und gab Seba Auskunft
über dasjenige, was er für seine Bildung getan habe, wie über das, was ihm
fehle, und was er noch zu erreichen wünsche. Der Ton der schlichten
Wahrhaftigkeit wie die Liebe und Dankbarkeit für Seba bildeten eine schöne
Grundlage für das starke Selbstgefühl des Schreibers, und diese Empfindungsweise
blieb sich in der ganzen Reihe von Briefen gleich, welche von da ab einander in
ziemlich regelmässigen Zwischenräumen folgten. Er zeigte in denselben seinen
Freunden seine nun wirklich bevorstehende Reise nach Europa an, berichtete über
die Vorteile, welche ihm aus derselben erwachsen würden, und von Stufe zu Stufe
sich erhebend, gaben diese Briefe das Bild eines Mannes, der, mutig und von
Hindernissen nicht erschreckt, mit hellem Blicke ein festes Ziel im Auge, seinen
Weg zu suchen und zu finden weiss.
    Die Verbindungen des grossen amerikanischen Hauses, dem er gedient hatte, die
Empfehlungen und der Credit des Flies'schen Hauses, selbst Seba's gesellige
Bekanntschaft und ihre Freundschaft mit den bedeutendsten Personen der Residenz
waren dem jungen Manne in hohem Grade zu Statten gekommen. Um aber von solchen
fremden Errungenschaften Vorteile ziehen zu können, muss man die Fähigkeit und
die Kraft haben, sie sich anzueignen und in sich zu verarbeiten; denn wer
ererbten oder ihm zufällig durch Schicksalsgunst zugewendeten Besitz nicht zu
einem Fussgestell für sich zu machen und sich darauf emporzuschwingen weiss, dem
wird er zu einer Last, die er auf seinen Schultern tragen muss und die ihn
niederdrückt. -
    Davide las den ganzen Morgen hindurch. Wenn sie die Briefe beendet zu haben
glaubte, stiess ihr immer wieder ein neuer Zweifel auf. Es blieb so Vieles
ungesagt, was sie zu hören wünschte. Sie bewunderte Paul, dass er so wenig von
seinen einzelnen Erlebnissen berichtete, und sie war ihm doch böse darum denn
sie hätte Alles wissen, über jeden Tag und jede Stunde, über jeden Kummer, den
er getragen hatte, und über jede Freude, die ihm zu Teil geworden war, genaue
Kunde haben mögen. Sie forschte in den Briefen nach, ob denn von ihr gar nicht
darin die Rede sei; aber heute verargte sie es der Tante zum ersten Male nicht,
dass sie Paul, dass sie den tapfern Paul so vorzugsweise liebte.
 
                                Zehntes Capitel
Die Auflösung von Paul's kaufmännischem Geschäfte, die Uebertragung seines
Vermögens in das Flies'sche Haus wurden augenblicklich in Angriff genommen,
nachdem man über die Art und Weise, in welcher jene Auflösung erfolgen, wie über
die Bedingungen einig geworden war, unter denen Paul in das Flies'sche Haus
eintreten konnte, ohne die Verhältnisse zu seinen früheren Chefs, mit denen er
noch für verschiedene gemeinsame Unternehmungen verbunden war, unzweckmässig
lösen zu müssen.
    Er war dadurch zu mannigfachen Reisen genötigt, und sein Kommen und Gehen
bildeten für Seba die Abschnitte, an welchen sie in dem ohnehin durch die
äusseren Ereignisse viel bewegten Winter die Zeit abmass. Sie hatte ihm in den
Räumen, welche zwischen dem Comptoir und dem Gartensaale gelegen waren, eine
Wohnung eingerichtet, weil alle freien Zimmer des oberen Geschosses bereits
wieder von einer französischen Einquartierung eingenommen waren, und da man
diese Letztere nicht wohl von der Geselligkeit des Hauses fern halten konnte,
hatte man sich gewöhnt, mit denjenigen Personen, mit denen man vertraulich zu
verkehren wünschte, vor der Gesellschaftsstunde in Seba's kleinem Cabinette
zusammen zu kommen, zu welchem sie sonst Anderen den Zutritt nicht gern
gestattet hatte.
    Draussen heulte der Wind und trieb den Schnee in wildem Wirbel durch die mit
Glatteis bedeckten Strassen. Das Frühjahr begann mit argen Stürmen. Herr Flies
war mit Davide in das Opernhaus gefahren, in welchem man, dem Geschmacke der
Franzosen nachgebend, eine neue Cherubini'sche Oper aufführte, und er hatte
sich, gern oder ungern, die Begleitung des Herrn von Castigni gefallen lassen
müssen, der sich seit einigen Tagen unter dem Vorwande, dem dort wohnenden
General beigegeben zu sein, in das Flies'sche Haus einquartieren zu lassen
gewusst hatte.
    Am Morgen war Paul wieder einmal angekommen. Nun brannte in seinem Zimmer
Licht, und trotz des Wetters Ungunst hatte er die Laden desselben nicht
geschlossen. Der helle Lichtschein fiel auf die einsamen Wege des Gartens
hinaus, welche der alte Gärtner, der schon zu Fräulein Ester's Zeiten im
Dienste gestanden hatte, in diesem Winter täglich säuberte und fegte, weil, wie
er sagte, Mamsell Seba ihren freien Gang nach dem Monumente doch auch im Winter
haben sollte. Aber es war nicht Seba, es war überhaupt kein Frauenzimmer, das in
der vorgerückten Abendstunde unten am Wasser durch die Seitentüre in den Garten
eintrat und sich unter dem Schatten der Gartenmauer mit raschem Schritte dem
Hause näherte.
    
    Der Gärtner, der ihn eingelassen, hatte sich gleich darauf entfernt. Der
Kommende musste jedoch von Paul erwartet worden sein, denn die Türe des
Gartensaales ward von innen geöffnet, als Jener sich demselben nahte, und gleich
darauf wurden die Laden in Pauls Stube zugemacht.
    Der Fremde war ein Mann in gewählter bürgerlicher Kleidung. Er warf den
weiten Mantel, der seine ganze Gestalt verhüllte, von seinen Schultern,
schüttelte Paul die Hand und sagte, während er ein Packet Briefe aus seiner
Brusttasche hervorzog: Nehmen Sie das vor allen Dingen! Es ist vermutlich das
letzte Mal, dass wir Sie bemühen!
    Wie das? fragte Paul überrascht.
    Man ist auf Sie aufmerksam geworden, glaubt Sie um Ihrer amerikanischen
Verbindungen und Ihrer wiederholten Reisen nach Russland willen auch mit England
in Geschäftsverbindung, hegt die Vermutung, dass Sie dem über Russland gehenden
englischen Schleichhandel nicht fremd sind, und die geflissentlich vermittelte
Einquartierung des Barons von Castigni in das Flies'sche Haus gilt wesentlich
Ihnen. Es dürfte also nicht mehr geraten sein, Ihrer Gefälligkeit die Briefe
anzuvertrauen, die man gegenwärtig unter kaufmännischen Adressen freilich am
sichersten befördert. Indes wenn Sie sich der Besorgung dieses Mal noch
unterziehen wollten, so würden Sie uns sehr verbinden!
    Paul hatte dem Redenden achtsam zugehört; dann sagte er: Ich danke Ihnen für
die Warnung, die ich durch Sie erhalte. Sie kommt mir nicht unerwartet, denn
Mademoiselle Flies hatte mir schon Aehnliches mitgeteilt. Dass ich mit dem
Schleichhandel nichts zu tun habe, brauche ich Ihnen nicht zu versichern,
obschon gegen die rohe Gewalt mir jedes Mittel erlaubt dünkt. Hätte ich die
Möglichkeit gesehen, eine grosse, regelmässige Einfuhr überseeischer Produkte über
Russland zu bewerkstelligen, so würde ich sie benutzt haben; der Schleichhandel
aber leistet dem Lande keinen wesentlichen Dienst und seine Gefahr steht für den
Unternehmer ausser allem Vergleiche mit seinem wahrscheinlichen Gewinne, während
er das Leben elender, armer Leute auf das Spiel setzt, die er obenein
entsittlicht und verwildert. Von der Seite also habe ich nichts zu fürchten. Es
sind reine Geldgeschäfte, die ich in Russland habe, und die mich auch in den
nächsten Tagen wieder dortin führen werden.
    Wissen Sie, dass Napoleon jetzt die Zustimmung zu einer Versammlung in
Dresden erhalten hat, in welcher alle unsere Monarchen wie zu seiner
persönlichen Huldigung erscheinen werden?
    Nein, entgegnete Paul, ich wusste das nicht. Ich habe in den französischen
Zeitungen nur von dem schönen Familienleben des Kaisers und von dem Frieden
gelesen, den er ersehnt, um die Welt nach seinen grossen Planen zu beglücken!
fügte er spöttisch dazu.
    Und ganz Europa steht auf seinen Befehl jetzt unter Waffen, sagte der
Andere. Zweimalhunderttausend Deutsche, die ausziehen, um sich als Nation selber
vernichten zu helfen! Unsere Lage ist furchtbar! Wir gestatten dem ganzen
französischen Heere den Durchzug; vor den Toren der Residenz ist unsere Festung
den Franzosen übergeben. Die Residenz des Königs steht unter französischem
Commando, zwanzigtausend Mann ziehen mit ihnen gegen Russland - es ist einer
völligen Unterwerfung unter die Tyrannei dieses Corsen gleich! Es ist schlimmer,
weit schlimmer, als alles, was wir achtzehnhundertsechs und sieben erlitten,
denn wir tun anscheinend freiwillig, was wir damals unter dem Zwange der
Notwendigkeit ertrugen. Damals verliess der König seine Hauptstadt, jetzt ist
sie auch in Feindes Hand, und der König selber wird gehen, unsern Unterdrücker
in Dresden zu begrüssen! - Er ging ein paar Mal in dem Zimmer auf und nieder;
dabei verrieten seine Haltung und sein Gang den Soldaten. Paul betrachtete die
Briefe, welche jener ihm ausgehändigt hatte. Plötzlich blieb der Fremde vor ihm
stehen.
    Wann denken Sie abzureisen? fragte er.
    In zwei, drei Tagen spätestens.
    Pflegten Sie allein zu reisen?
    Ich habe das letzte Mal einen Diener mit mir gehabt.
    Und jetzt?
    Ich beabsichtige, ihn wieder mit mir zu nehmen.
    Würden Sie Sich meine Bedienung statt der seinen gefallen lassen? forschte
der Fremde, während ein Lächeln um seine Lippen spielte.
    Sie wollen in russische Dienste treten?
    Ich halte es hier nicht aus! rief der Andere. Seit unser Regiment aufgelöst
ward, seit die Schmach dieser Zeit auf uns lastet, habe ich keinen freien
Atemzug mehr getan. Was hilft es mir, dass ich in dem Bureau des Staatskanzlers
beschäftigt werde, dass er selbst mich gütig damit vertröstet, ich könne auch als
Beamter meinem Vaterlande nützlich werden? Wozu haben alle diese Schreibereien
und Verhandlungen geführt, als uns noch tiefer hinabzudrücken? Nur Eines hilft
uns, nur Eines rettet uns - der freie, offene Kampf!
    Er unterbrach sich und fragte: Warum schweigen Sie, Tremann?
    Weil Sie ohnehin wissen, lieber Werben, dass ich Ihre Ansicht teile; mich
dünkt, wir haben uns darüber ausgesprochen, als ich zum ersten Male Sr.
Excellenz die Briefe überbrachte, die man mir für ihn in Petersburg gegeben
hatte.
    An dreihundert unserer Officiere, nahm jener wieder das Wort, sind
allmählich nach Oesterreich und Russland gegangen. Mein Vater kann mir, das fühle
ich, in seiner Stellung die Erlaubnis dazu nicht geben, so wenig er mich
aufrichtig tadeln kann, wenn ich ohne dieselbe meiner Ueberzeugung folge.
Willigen Sie in meinen Plan, so sende ich morgen Ihren Diener mit einer
Botschaft zu meiner Mutter, die ihn auf dem Gute behalten soll, bis Sie ihn
zurückverlangen, und Sie bringen mich an seiner Statt über die Grenze nach
Russland hinüber.
    Das kann geschehen, sagte Paul nach kurzer Ueberlegung.
    Und Sie selbst, Tremann, Sie, der Sie doch jenseit des Oceans freie Luft
geatmet haben, der Sie frei und durch nichts gebunden sind, denken Sie wieder
in diese Kerkerluft zurückzukehren, freiwillig noch länger in der Knechtschaft
zu verharren, in welcher fast ganz Europa schmachtet?
    Ich bin nicht frei; ich habe mit meiner Person für fremdes, mir anvertrautes
Gut zu stehen und mein Vermögen zu bewahren, auf dem meine persönliche
Unabhängigkeit beruht, entgegnete Paul. Aber alle Schritte sind getan, mich von
den Verpflichtungen zu lösen, mit denen ich Anderen verhaftet bin, und ich
hoffe, zu rechter Zeit über mich verfügen zu können.
    Er stand mit den Worten auf, ging an seinen Schreibtisch, schrieb in mehrere
einzelne Blätter immer nur wenige Worte und benutzte diese Blätter zu Umschlägen
über die Briefe, welche Herr von Werben ihm ausgehändigt hatte. Dann adressirte
er sie nach verschiedenen Orten und wollte dem Comptoirdiener schellen, der sie
fortbringen sollte; aber er besann sich eines Anderen.
    Kommen Sie zu Seba hinauf? fragte er.
    Nein; ich glaube, es ist geratener, wenn ich's unterlasse, da Sie nun den
Freunden mitteilen können, was Sie von mir gehört haben. Nur dass ich mit Ihnen
gehe, lassen Sie nicht verlauten. Nichtwissen macht unverantwortlich.
    So will ich Sie gleich nach dem Gartensaale führen, antwortete Paul, und die
Briefe danach selbst zur Post besorgen. Es weiss dann ausser dem Gärtner, auf den
man sich unbedingt verlassen kann, Niemand, dass ich einen Besuch gehabt habe -
und unter Aufsicht halten die Schildwachen und die Dienerschaft des Generals uns
jetzt, wie ich glaube, in der Tat.
    Der Hauptmann wickelte sich wieder in seinen Mantel ein, Paul geleitete ihn
durch das Nebenzimmer bis an die Türe des Gartensaales. Sie schüttelten
einander herzlich die Hand, und Jener verliess das Haus und den Garten auf dem
Wege, den er gekommen war.
    Als Paul dann nach seinem Gange in die Stadt in Seba's Cabinet trat, fand er
einen kleinen Kreis von Männern und Frauen, unter ihnen die Gräfin Rhoden, bei
ihr versammelt. Man hatte sich, seit die patriotischen Vorlesungen vor Männern
und Frauen gehalten worden, in denen Seba auch mit der Gräfin Rhoden bekannt
geworden war, an bestimmten Abenden im Flies'schen Hause vereinigt, um sich im
gemeinsamen Lesen und in Besprechung des Gehörten aufzuerbauen; aber die
Versuche der Franzosen und anderer nicht vertrauten Personen, sich in diesen
Kreis Eingang zu verschaffen, nötigten die Teilnehmer, sich gegenwärtig der
regelmässigen Zusammenkünfte zu entalten und sich mit gelegentlichen
Verabredungen zu behelfen.
    Paul war den Freunden bereits bei einer seiner früheren Anwesenheiten in der
Residenz zugeführt worden, und seit er nach jener ersten russischen Reise mit
Briefen des Freiherrn von Stein an den Staatskanzler betraut worden war, hatte
das Zutrauen des Kreises zu ihm und seiner Tüchtigkeit sich gesteigert, so dass
er einer über seine Jahre grossen Geltung in demselben genoss. Die anwesenden
Männer empfingen ihn mit freundlichem Handschlage, die Frauen hiessen ihn
willkommen, nur die Gräfin Rhoden, die er früher noch nicht gesehen, weil
Krankheit sie längere Zeit zurückgehalten hatte, schien von seinem Anblicke
befremdet zu werden, und unwillkürlich blieben ihre Blicke auf ihn geheftet, als
er sich nach geschehener Vorstellung von ihr zu den ihm bekannten Personen
wendete.
    Ein Beamter aus dem Kriegs-Ministerium, welcher schon früher angekommen war,
hatte die Nachricht von dem Dresdener Congresse, die Paul als Neuigkeit
mitbrachte, bereits vor ihm verkündet, und die Trauer über diese Kunde war
unverkennbar. Man beklagte den König, man fand einen Trost darin, dass der Kaiser
von Oesterreich sich zu dergleichen Anerkennung und Huldigung habe herbeilassen
müssen, und bedauerte das Loos derjenigen preussischen Truppen, welche bestimmt
waren, den feindlichen Eroberer auf seinem Zuge nach Russland zu begleiten. Fast
jeder der Anwesenden hatte einen oder den anderen Bekannten in diesen
Regimentern, und die Gräfin erwähnte, wie bitter ihr junger Vetter, der
Lieutenant von Arten, dies Schicksal finde.
    So soll er sich vor demselben wahren! meinte Paul.
    »Wenn er Das könnte!« seufzte die Gräfin.
    Er brauchte ja nur seinen Abschied zu nehmen, als man das neue Bündnis zur
Reife kommen sah, das Preussen zu seiner Selbstvernichtung eingegangen ist.
    Während er diese Worte aussprach, klopfte es an die Türe, und ohne von dem
Diener gemeldet zu werden, der es wusste, welchen Personen er den Zutritt
gestatten durfte, trat der junge Freiherr in das Cabinet.
    Sie kommen eben recht, lieber Renatus, rief ihm die Gräfin freundlich
entgegen, sich wider einen Angriff zu verteidigen!
    Einen Angriff? wiederholte der Lieutenant, indem er mit einem Blicke
umhersah, der es aussprach, dass er dergleichen nicht gewohnt sei. Und darf ich
fragen, wer mich in meiner Abwesenheit anzugreifen für notwendig hielt?
    Seba hatte eine leise Bewegung bei dem lange und von ihr mit peinlicher
Besorgnis erwarteten Zusammentreffen der beiden jungen Männer nicht verbergen
können, und die Art und Weise, in welcher es sich jetzt gestaltete, war nicht
geeignet, sie zu beruhigen; denn Paul erhob sich und sagte mit der ihm
eigentümlichen, festen Bestimmteit: Ich, Herr von Arten, habe Sie nach der
Meinung der Frau Gräfin angegriffen, obschon meine geäusserte Ansicht sich nicht
auf Sie allein, sondern auf alle diejenigen Herren Officiere bezog, welche
widerwillig den Fahnen des corsicanischen Tyrannen folgen.
    Es war notwendig, die beiden jungen Männer, die, noch ehe sie sich kannten,
feindlich zusammenstiessen, einander vorzustellen. Und als Paul sich zu der
geforderten Begrüssung abermals von seinem Platze erhob und sie nun aufrecht vor
einander standen, fiel die grosse Verschiedenheit in ihrem Äusseren den
sämmtlichen Anwesenden auf. Paul überragte den feingebauten, schlanken Renatus
um eines Kopfes Höhe, und seine breitbrustige Gestalt wie die Kraft der Jahre,
welche er vor Renatus voraus hatte, liessen diesen in seiner knappen Uniform
neben dem nach englischer Mode bequem und los gekleideten Bürger fast
schwächlich erscheinen. Dazu erging es dem Freiherrn wie es der Gräfin ergangen
war, Paul's Aehnlichkeit mit seinem Vater, die namentlich im Klange der Stimme
eine vollständige war, verwirrte ihn, und von der plötzlich in ihm aufsteigenden
Erinnerung an sein einstiges, in der Knabenzeit erfolgtes Zusammentreffen mit
diesem Manne unwillkürlich ergriffen, sagte er kurz und trocken: So habe ich als
ein Mitglied des Officiercorps wohl ein Recht, Sie um die Wiederholung jener
Meinung oder Ansicht zu ersuchen.
    Ich stehe mit Vergnügen zu Diensten, entgegnete Paul. Ich war der Meinung,
dass es die Pflicht jedes preussischen Officiers gewesen sein würde, zur Zeit des
neuen französischen Bündnisses seinen Abschied zu nehmen, wenn er die
tyrannische Fremdherrschaft verachtet.
    Den Abschied im Beginne eines Krieges zu begehren, gestattet die
militärische Ehre nicht, und uns dem Befehle unseres Königs zu widersetzen,
verbietet uns sowohl der Eid, den wir geschworen haben, als unsere angeborene
Untertanenpflicht! antwortete Renatus mit jener hochfahrenden Sicherheit, die
immer hervortrat, wo er die Vorrechte seiner Kaste und seines Standes
angegriffen glaubte.
    Paul verneigte sich, als lasse er diese Gründe gelten, und die kräftigen
Lippen stolz aufwerfend, sprach er: So hat die Frau Gräfin unbedenklich Recht,
wenn sie das Loos der preussischen Officiere bedauert, und ich habe mich
glücklich zu preisen, dass ich, als ein Bürger des freien Amerika, keinem Herrn
einen Eid geschworen habe und keinen anderen Ehrengesetzen als denen meiner
Ueberzeugung nachzuleben brauche.
    Seba und die Gräfin versuchten, sich in das Mittel zu legen; die gute und
schöne Stimmung, welche in diesem auf das erhabene Ziel der Selbsterziehung und
der Veredlung gestellten Kreise herrschte, kam ihnen dabei zu Hülfe. Die älteren
Männer traten ausgleichend zwischen die Streitenden, und Paul war auch bald
bereit, sein Verhalten gegen den jungen Officier als ein Unrecht anzuerkennen.
Er gestand ein, dass man die obwaltenden Verhältnisse nicht aus den Augen setzen
dürfe, dass nicht Jeder sich in der unabhängigen Lage wie er befände, und als er
sah, wie schwer es Renatus fiel, seine Gereizteit zu besiegen und zu einem
Gleichmasse zu gelangen, bemächtigte sich seiner jene Reue des Mitleids, die sich
einen Vorwurf daraus macht, seine überlegene Kraft gegen einen schwächeren
Gegner angewendet zu haben. Aber die Unterhaltung kam nicht wieder in den
gewohnten Fluss; man nahm also zu gemeinsamem Lesen seine Zuflucht, und auch
hierbei traten die beiden jungen Männer einander bald wieder feindlich entgegen,
als in dem vorgelesenen Werke die Liebe zum Vaterlande als die stärkste
Triebfeder für die Handlungen des Mannes angegeben wurde.
    Paul wollte das nicht gelten lassen; er nannte die Vaterlandsliebe ein
beschränktes Gefühl, eine Art von bewusstlosem Instinct.
    Renatus, der wie alle reizbaren Menschen eine von der seinen abweichende
Meinung leicht als einen persönlichen Angriff auffasste, fuhr mit der Frage
dazwischen: Aber was kümmert Sie denn Europa, was kümmert Sie Preussen, wenn Sie
es nicht als Ihr Vaterland lieben? Wesshalb hassen Sie Napoleon, dessen Grösse Sie
nicht läugnen werden, wenn Sie in ihm nicht den Unterdrücker Ihres Vaterlandes
hassen?
    Ich hasse in ihm den Tyrannen, den Wortbrüchigen, den Unterdrücker der
Freiheit überhaupt, entgegnete Paul, ich läugne auch seine Grösse, denn sie ist
nicht so gross als sein Glück, als die Gunst der Umstände, die ihn auf den
Schultern und über die Köpfe einer entsittlichten Gesellschaft, einer
verrotteten Monarchie emporgetragen hat; und, fügte er, da Seba's Augen ihn mit
bittendem Blicke zur Vorsicht mahnten, in leichterem Tone hinzu, vielleicht sind
es auch meine kaufmännischen Angelegenheiten, die mich die gegenwärtigen
Zustände als unerträgliche und darum unhaltbare ansehen machen. Unter dieser
Gewalterrschaft können Handel und Wandel nicht bestehen, kann das Capital sich
nicht frei bewegen, leidet Jeder auf seine Weise.
    Die Gräfin, welche befürchtete, Renatus möchte diese Entgegnung als neuen
Spott empfinden, behauptete, sie könne jene letzten Gründe unmöglich als die für
Paul bestimmenden betrachten; aber er blieb bei seinem Worte, und während sein
schönes Gesicht sich wieder ganz und gar erhellte, rief er: Rechnen Sie denn die
Habsucht und die Selbstsucht nicht überall zu den grossen, die Welt bewegenden
und erneuenden Kräften? Sollen sie nur in Bonaparte ihre Geltung haben? Es ist
ganz einfach, wie ich's sagte. Ich hasse Bonaparte, weil er mich in meinem
Erwerbe stört. Tut das ein Jeder an seinem Platze, so kommt Hass genug zusammen,
ihn von seiner angemassten Höhe hinab zu stürzen; und wenn es auch nicht gross,
nicht idealistisch klingt, seinen Erwerb in die erste Reihe zu stellen, so ist
doch Idealismus genug darin verborgen; denn auf meinem Erwerbe ruht mein Hab und
Gut, ruht mein Vermögen, das heisst die Unabhängigkeit und Freiheit meines ganzen
Tuns und Lassens.
    Solche Ansichten lagen eigentlich ausserhalb der Meinungen und Gesinnungen
dieses Kreises. Seba hatte jene Gleichgültigkeit gegen den Besitz, welche man
häufig bei bevorzugten Naturen findet, wenn sie, im Reichtume erwachsen,
niemals eine Entbehrung kennen gelernt und sich gewöhnt haben, ihren Zustand der
Wohlhabenheit wie eine Naturnotwendigkeit anzusehen. Die Gräfin hingegen und
die anderen Genossen hatten mehr oder weniger unter der Not der letzten Jahre
gelitten. Sie hatten sich beschränken, sich viel versagen, auf manches von ihnen
bis dahin für unentbehrlich Gehaltene verzichten müssen, ohne dass sie sich in
ihrem inneren Werte und in dem Aufschwunge ihres Geistes dadurch beeinträchtigt
fühlten; und die Freunde waren deshalb in diesem Augenblicke eher dazu geneigt,
die Bedeutung und den Wert der äusseren Glücksgüter zu unterschätzen, da sie
sich mit ihren Gedanken und Hoffnungen aus der beengenden Gegenwart in den
Bereich einer schönen und befreiten Zukunft erhoben. Trotzdem liess man die
Äusserungen des in den amerikanischen Freistaaten erwachsenen und durch die dort
waltenden Anschauungen gebildeten Mannes endlich gelten, weil man sich zu seinem
frischen, selbstgewissen und freien Wesen des Besten versehen zu können glaubte;
und während Renatus sich mit Geflissenheit von dem weiteren Gespräche fern
hielt, fühlte die Gräfin sich von ihrer anteilvollen Neugierde getrieben, sich
fast ausschliesslich mit Paul zu beschäftigen, bis man den Wagen des Hausherrn
vor der Türe halten hörte und die ganze kleine Gesellschaft sich in das
Wohnzimmer begab, den Vater und die Hausfreunde und Gäste zu erwarten, welche
sich häufig noch nach dem Teater einzufinden pflegten.
 
                                Eilftes Capitel
Renatus langte an dem Abende in lebhafter Aufregung in seiner Wohnung an. Er
hatte, seit er die Familie Flies besuchte, öfters von dem jungen Freunde Seba's,
von dem Kaufmann Paul Tremann und von dessen bevorstehendem Eintritte in das
Flies'sche Geschäft reden hören; da er jedoch sehr auf sich und seine
Angelegenheiten gestellt war, hatte er wenig Achtsamkeit auf dasjenige, was ihn
nicht persönlich anging, und der schlichte Name eines bürgerlichen Kaufmanns zog
ihn nicht besonders an. Der Name irgend eines Edelmanns, irgend ein bedeutender
Titel würden ihm weniger leicht entgangen sein.
    Nun hatte das Zusammentreffen mit Paul ihn erschüttert und erschreckt
zugleich. Nur eines Augenblickes hatte Renatus bedurft, um alle seine
Erinnerungen wachzurufen und sie mit dem gegenwärtigen Eindrucke in Verbindung
zu bringen. Er konnte nicht daran zweifeln: der Fremde, der mit so stolzer,
selbstgewisser Haltung vor ihm gestanden hatte, war jener Knabe, den er einst in
dem Flies'schen Laden gesehen, war derselbe, dessen völlige Aehnlichkeit mit
seinem Vater ihm schon damals aufgefallen war, dessen Anblick seine Mutter auf
das Krankenlager geworfen hatte, von dem sie nur für kurze Zeit erstanden war.
Dieser junge Kaufmann war seines Vaters Sohn, der Sohn jenes Frauenzimmers, das
sich in eifersüchtiger Verzweiflung das Leben genommen und an dessen
eingesunkenem Grabe in der Ecke des Neudorfer Friedhofes Renatus einmal in
seiner Knabenzeit von dem Jäger, der einst selbst ein Auge auf Pauline gehabt
hatte, den ganzen Vorgang und Zusammenhang erfahren. Der Jäger hatte den Sohn
Paulinen's wohl gekannt und hatte es bedauert, dass der arme Schelm wie seine
Mutter um's Leben gekommen sei; und nun stand jener Todtgeglaubte plötzlich vor
dem jungen Freiherrn, ganz unverkennbar seines Vaters Sohn.
    Renatus konnte sich nicht erklären, was ihm das blosse Dasein dieses Mannes
so widerwärtig machte. Es drohte seinen Rechten, seinem Besitze, seiner Stellung
durch den Bastard seines Vaters nicht die mindeste Gefahr. Er hatte es durchaus
in seiner Macht, die Begegnung mit Tremann zu vermeiden oder ihn nicht zu
beachten, wenn der Zufall sie zusammenführte; aber trotz seiner Abneigung gegen
Paul verlangte ihn danach, auf's Neue mit ihm zusammenzutreffen, weil ein
unabweisliches Gefühl ihm sagte, dass er neben jenem nicht zu seinem Vorteil
erschienen sei. Er wünschte, durch die Ueberraschung nicht mehr befangen, und
Herr über sich und seine Mittel, sich abermals mit Paul messen zu können, um ihm
seine Ueberlegenheit fühlbar zu machen.
    Wie das geschehen sollte, davon hatte er freilich keine rechte Vorstellung;
aber das eben peinigte ihn und regte ihn auf. Es war ihm zuwider, dass Paul ihn
an Stattlichkeit des Äußern so weit übertraf, dass er seinem Vater so ähnlich
sah. Der vorzügliche Geschmack, mit welchem Paul sich kleidete, die sorglose
Leichtigkeit, in der er sich bewegte, die Freiheit und Bestimmteit, mit denen
er sich äusserte, die Geltung, deren er genoss, und vor Allem die spielende,
freundliche Heiterkeit, mit welcher der junge Kaufmann seinem beginnenden
Streite mit dem Freiherrn vorzubeugen getrachtet hatte, verdrossen den
Letzteren, wie ihn selten etwas verdrossen hatte. Er wollte nicht geschont sein,
von diesem Manne am wenigsten geschont sein! Und wie er sich auch in einzelnen
Augenblicken das Törichte dieser Abneigung klar zu machen suchte, er konnte
nicht Herr über seine Missstimmung und über seine Aufregung werden.
    Es war schon spät gewesen, als er nach Hause gekommen war, denn die
Gesellschaft war bei Seba lange zusammengeblieben, und es dünkte Renatus, als
habe er Davide nie so reizend als eben an diesem Abende gesehen. Er hatte sie
immer schön gefunden, aber die Freundschaft, welche er für seine Jugendgenossen,
für die Gräfinnen Hildegard und Cäcilie hegte, hatte ihn im Ganzen wenig
empfänglich für die Reize anderer Schönheiten gemacht, und seit er sich in
seinem Herzen eingestanden, dass er Hildegard liebe, seit er in sich beschlossen,
dass sie einst seine Gattin werden solle, hatte er andere Mädchen kaum noch
beachtet.
    Er würde wahrscheinlich auch an diesem Tage sich, wie immer, mehr zu Seba
und zu den älteren Frauen gehalten haben, wäre ihm nicht die schüchterne
Freundlichkeit aufgefallen, mit welcher Davide Paul begegnete. Er hatte es sonst
nicht ohne Erstaunen gesehen, wie dieses junge Mädchen sich seiner Schönheit
bewusst war, wie es den Eindruck kannte, den es auf die Männer machte, wie es Alt
und Jung in der ihm angemessen dünkenden Entfernung zu halten und sich mit
grosser Sicherheit seine Freiheit vor jedem ihm nicht erwünschten Anspruche zu
bewahren verstand. Niemand hatte sich rühmen können, von Davide eine besondere
Beachtung zu erhalten, und war es Renatus je einmal vorgekommen, als beweise sie
sich gegen einen Andern freundlicher denn gegen ihn, so hatte er dabei kein Arg
und keine unangenehme Empfindung gehabt, denn man entbehrt nicht, was man
niemals begehrte. An diesem Abende jedoch war es ein Anderes gewesen.
    Gleich als man aus Seba's Cabinet in die grosse Stube gekommen, war Davide,
ohne sich um die Uebrigen zu kümmern, auf Paul zugegangen, hatte ihm die Hand
gereicht, ihm von dem Teater, von ihrer Freude an der Musik und von ihrem
Vergnügen, ihn zu Hause zu finden, gesprochen, und dieser hatte das hingenommen,
als komme ihm das zu, als sei Davide eben noch das Kind, als welches sie sich
gegen ihn bezeigte, und als tue er ihr einen Gefallen, wenn er ihrem
freundlichen Geplauder sein Ohr nicht versage.
    Renatus hatte sich darüber geärgert, das schöne Mädchen hatte ihm leid
getan. Er hatte es durch seine Höflichkeit und Achtsamkeit für Paul's
Vernachlässigung entschädigen wollen. Aber Davide musste ein solches Verhalten
von dem Amerikaner wohl gewohnt sein und in der Ordnung finden, denn sie nahm
die geflissentliche Annäherung des jungen Freiherrn gleichgültig auf und verliess
ihn mitten in der Unterhaltung, um für Paul unaufgefordert die Zeitung zu
suchen, nach der er im Gespräche mit andern Männern den Diener gefragt hatte,
der den Tee herumgab. -
    Die Uhr schlug Stunde auf Stunde, der junge Freiherr konnte keine Ruhe
finden, kein Schlaf wollte ihm kommen. Er wurde die Vorstellung nicht los, dass
er von Paul beleidigt worden sei, dass er von Davide eine Kränkung erfahren habe,
und je länger er an diese dachte, um so anziehender dünkte sie ihn, um so mehr
wünschte er, sich von ihr ausgezeichnet und dadurch zugleich an Paul gerächt zu
sehen. Er ging im Geiste alle die einzelnen Äusserungen durch, die er an dem
Abende von Davide gehört hatte, und sein Missmut wich davor. Er musste bei sich
selber über die kecken Abfertigungen lachen, mit denen sie Herrn von Castigni's
gedrechselte Complimente aus dem Felde geschlagen hatte; er konnte sie sich
deutlich vorstellen, alle ihre artigen Kopfbewegungen und das anmutige Spiel
ihrer schönen Hände, die sie, nach Art der Jüdinnen, bei dem Sprechen mehr als
die deutschen Frauen brauchte und bewegte. Als der Tag herankam und er endlich
müde zu werden begann, ertappte er sich darauf, dass er ihr eine dieser
Handbewegungen nachzumachen versuchte, und als er dann, weil dieser Versuch ihn
töricht dünkte, seine Gedanken, wie er das zu tun gewohnt war, vor dem
Einschlafen auf die Geliebte richten wollte, von der zu träumen ihn sonst so
glücklich machte, konnte er Hildegard's Bild aus seinem Innern nicht erzeugen.
Alle Anstrengungen halfen ihm nichts; es waren immer nur Davide oder Paul, die
er vor Augen hatte, und selbst im Schlafe gaben diese beiden ihn nicht frei.
    Unerquickt erwachte er am Morgen erst, als es Zeit für ihn war, sich zur
Parade ankleiden zu lassen. Während dessen brachte ihm der Diener des Grafen
Gerhard eine Einladung, mit demselben zu Mittag zu speisen. Sie kam dem
Freiherrn sehr gelegen, obschon er sonst nicht viel Verkehr mit seinem Onkel
hielt, ja, ihn eigentlich, so viel er konnte, zu vermeiden suchte. Aber er
fühlte eine Neigung, sich gegen Jemanden über sein unerwartetes Zusammentreffen
mit Paul auszusprechen, und in seiner Schlaflosigkeit hatte er dabei wiederholt
an seinen Onkel gedacht, der, wie er mit Sicherheit annehmen zu können meinte,
um alle jene Ereignisse und Verhältnisse wissen musste, so dass Renatus sich
keinen Mangel an Verschwiegenheit vorzuwerfen brauchte, wenn er dem Grafen von
dem gehabten Erlebnisse Kunde gab.
    Er war froh, als die Stunde der Parade vorüber war und er sich nach
derselben, wie er seit dem Herbste pflegte, zu der Gräfin begeben konnte; da
diese aber mit der jüngsten Tochter ausgegangen, und er Hildegard ihn erwartend
und allein fand, war es ihm nicht recht. Er fragte, wesshalb sie die Mutter nicht
begleitet habe; sie antwortete ihm, wie sie es vorgezogen, unter einem leichten
Vorwande zurückzubleiben, um ihn zu erwarten, und das war ihm noch weniger
genehm. Er meinte, so zuversichtlich erwartet zu werden, habe für ihn etwas
Beängstigendes und lege ihm einen peinlichen Zwang auf. Sie entgegnete, dass sie
ja nicht böse sei, wenn er einmal nicht kommen könne, und dass es ihr doch in
jedem Falle Vergnügen mache, sich den ganzen Morgen mit einer angenehmen
Hoffnung zu tragen.
    Sie blickte ihn dabei freundlich an und mochte dafür ein begütigendes, ein
zärtliches Wort von ihm erwarten; er blieb aber eine Weile still sitzen und
äusserte danach, es sei für ihn übel genug, dass er, ohne Neigung zum
Soldatenstande, durch seines Vaters Willen an des Dienstes immer gleich
gestellte Uhr gebannt sei, wie es im Dichter heisse, und weil er nach der einen
Seite also völlig gebunden sei, müsse er nach der andern Seite, müsse er in
seinem übrigen Leben durchaus seine Freiheit bewahren, denn ohne Freiheit
erlahme der Mann. Er habe ohnehin immer zu wenig Freiheit gehabt, er sei zu
Hause unter der Aufsicht des Caplans wie ein Gefangener gehalten worden; sein
Vater habe in dem Alter, in welchem er sich jetzt befinde, halb Europa
durchreist und Welt und Menschen gekannt: er hingegen habe noch nichts gesehen,
nichts erlebt, und wie unerwünscht es ihm auch sei, mit dem französischen Heere
gegen Russland zu kämpfen, so freue er sich eigentlich doch auf diesen Feldzug,
weil er ihn aus dem Gleichmasse der Tage herauszureissen und in das offene,
bewegte Meer des Lebens zu bringen verspreche.
    Hildegard hörte ihm mit stummer Verwunderung zu. Sie konnte nicht begreifen,
was mit ihm geschehen war. Nie zuvor in seinem Leben hatte er ein solches
Verlangen nach Freiheit ausgesprochen, er war auch mit seinem Loose nie
unzufrieden gewesen, und dass er jetzt den Krieg ersehnte, nur weil er ihn in die
Welt und von ihr fortführen sollte, das kam ihr so unerwartet, tat ihrem
zärtlichen Herzen so weh, dass sie sich still auf ihre Arbeit niederbeugte, damit
er es nicht sehen sollte, wie sich ihr die Tränen in die Augen drängten.
Trotzdem gewahrte er es; indes statt ihn zu rühren, war ihr Weinen ihm
verdriesslich. Er hatte mit sich selbst genug zu tun und fühlte nicht Lust, sich
als den Tröster der Geliebten zu betätigen. Aber während er dieses dachte, fiel
es ihm ein, dass er ja überhaupt noch keine bestimmte Verpflichtung gegen dieses
Mädchen habe. Er hatte sich niemals entschieden gegen Hildegard erklärt, niemals
von seiner Liebe zu ihr gesprochen, und dass die unschuldigen Zärtlichkeiten, an
die sie sich von Kindheit auf gewöhnt hatten, in der letzten Zeit einen wärmeren
Charakter angenommen, das hatte Hildegard eben so wohl zu verantworten, als er.
Er konnte es sich in dem Augenblicke nicht einmal recht deutlich machen, wie er
mit seiner Jugendfreundin eigentlich auf den gefühlvollen Ton gekommen sei; um
so bestimmter erinnerte er sich daran, dass Graf Gerhard ihm geraten, sich vor
einer Verbindung mit den Rhodens in Acht zu nehmen, und dass eine solche für ihn
nicht vorteilhaft sei, das musste er sich in seiner jetzigen Stimmung selber
sagen.
    Gestern, als der Amerikaner, wie Renatus in seinem Innern Paul beständig
nannte, seinen Erwerb und seinen Vorteil mit so dreister Sicherheit als
Beweggrund für sein ganzes Tun aufgestellt hatte, war Renatus dadurch im
höchsten Grade abgestossen worden. Indes schon während seiner nächtlichen
Ueberlegungen war ihm die Sache in einem milderen Lichte erschienen. Paul
missfiel ihm deshalb um nichts weniger, er konnte sich jedoch der Einsicht nicht
verschliessen, dass unabhängiger Besitz Freiheit verleihe. Er dachte jetzt daran,
wie königlich frei sein Vater durch den früheren Reichtum seines Hauses gewesen
sei, um es zum ersten Male mit einer Art von Bitterkeit zu beklagen, dass ihm bei
Weitem nicht mehr das gleiche Vermögen und damit auch nicht mehr die schöne
Selbsterrlichkeit wie seinem Vater zu Gebote stehe.
    Hildegard sann während dessen schweigend darüber nach, was sie denn getan
oder gesagt habe, den Geliebten zu verstimmen. Sie konnte jedoch nichts
auffinden, was irgend einen vernünftigen Anhalt oder einen Grund für die üble
Laune desselben darbot, und sie fing an, zu glauben, dass ihm durch Dritte oder
durch ein ihr unbekanntes Erlebnis Verdruss bereitet worden sei. Mit geduldiger
Freundlichkeit fragte sie ihn also, was er heute getan, wie er sich am
gestrigen Abende im Flies'schen Hause unterhalten habe, und da sie immer nur
einsilbige, ablehnende Antworten erhielt, erzählte sie, um sich über einige
Minuten fortzuhelfen, dass die Mutter den jungen Freund von Seba Flies sehr schön
und sehr anziehend genannt und dass sie gemeint habe, die Flies hätten ihn gewiss
für Davide zum Manne bestimmt, weil der alte Herr Flies ihn in sein Geschäft
aufnehme.
    Unmöglich, ganz unmöglich! rief Renatus mit einer Heftigkeit, die Hildegard
noch unbegreiflicher als sein ganzes bisheriges Betragen erschien.
    Wesshalb denn unmöglich? Die Mutter hielt es für das Natürlichste!
    Mich dünkt, ein Mädchen von Davidens Schönheit, das einst neben ihrem
Vermögen voraussichtlich auch noch das ganze Flies'sche Vermögen erbt, hat
andere Ansprüche zu machen und kann einen besseren Mann bekommen, als einen
Menschen ohne Familie, einen Abenteurer. -
    Renatus! rief Hildegard, ihr Erschrecken unter einem erzwungenen Lachen
verbergend - Du tust ja wirklich, als ob Davide unter einer Schaar von
Edelleuten und Grafen nur zu wählen hätte! Du vergissest wohl, dass sie eine
Jüdin ist!
    Durchaus nicht! Sie würde nicht die erste Jüdin sein, die einen Edelmann
geheiratet hat! entgegnete er ihr.
    Nun, vielleicht entschliessest Du Dich selbst dazu! sagte Hildegard mit
bitterem Spotte, da sie ihre Bewegung nicht mehr bemeistern konnte und
zuversichtlich glaubte, es bedürfe eben nur eines solchen Wortes, um Renatus,
dem der Gedanke an eine nicht standesmässige Heirat gar nicht kommen konnte, zur
Besinnung zu bringen. Aber sie verfehlte ihren Zweck, denn Renatus, der seit
gestern Abend nur darauf gewartet hatte, einen Ableiter für seinen Unmut zu
finden, und der, wie alle in der Kindheit verwöhnten Menschen, selbstsüchtig
genug war, auch Andere leiden sehen zu wollen, wenn er selber litt, sagte
gleichmütig: Es wäre vielleicht das Gescheiteste, was ich tun könnte, und
Davide ist schön genug dazu.
    Kaum war das Wort aber von seinen Lippen entflohen, so bereute er es, denn
Hildegard brach in Tränen aus und wendete sich von ihm ab. Das konnte er nicht
gut ertragen. Sie hatten als Kinder und auch später wohl bisweilen einen Streit
mit einander gehabt, indes Hildegard hatte dann immer mit der Bemerkung, dass sie
die Aeltere und Verständigere sei, eingelenkt und nachgegeben. Er dachte, sie
solle das auch heute tun, und er war bereit, sie dann um Verzeihung zu bitten
und zu versöhnen. Er vergass nur, dass sie jetzt in einem andern Verhältnisse zu
einander standen, dass die einstige Jugendfreundin sich jetzt als seine Erwählte
betrachtete und dass die Liebe oft weniger nachsichtig als die Freundschaft ist.
    Er wartete eine Weile, er rief Hildegard bittend bei ihrem Namen, sie
achtete aber nicht darauf. Sie wollte ihn gründlich fühlen lassen, was er ihr
getan hatte, sie wollte sich auch satt weinen, denn sie musste sich eingestehen,
dass er sie absichtlich quäle und verwunde.
    Renatus seinerseits stand am Fenster, trommelte mit den Fingern leise auf
dem Fensterbrette und überlegte, wie lange er warten solle. Das dauerte eine
kleine Zeit, sie dünkte ihn jedoch lange, und als er sich eben anschicken
wollte, fort zu gehen, weil er Hildegard nicht daran gewöhnen mochte, mit ihm
die Unversöhnliche zu spielen und zu schmollen, trat sie an ihn heran und legte
ihre Hand auf seine Schulter. Er wendete sich um und blieb betroffen stehen -
Hildegard sah hässlich aus, wenn sie weinte.
    Sie war überhaupt nicht regelmässig schön, sie hatte nur schöne Farben und
den Jugendreiz, der blonden Mädchen eigen ist. Aber wie bei allen Blondinen
vertrugen ihre Züge das Weinen nicht. Ihre feine Haut erschien fleckig, ihre
Augenlider gerötet und ihre Gesichtszüge zeigten sich durch die Betrübnis so
erschlafft, dass Renatus sich nicht darein finden konnte. Es tat ihm leid, dass
sie sich entstellte, er sagte ihr, dass sie Unrecht habe, so empfindlich zu sein
und einen Scherz so übel aufzunehmen, aber er konnte sich nicht entschliessen,
sie mit einem Kusse, wie er wohl sonst getan hatte, zu versöhnen. Sie kam ihm
alt vor, und sie war ja auch älter, als er.
    Weil sie ihn sonst stets nachgiebig und weich gesehen hatte, hielt sie sich
jetzt zurück; sie glaubte sich dies schuldig zu sein. Renatus aber fand sich
durch diese geflissentliche Zurückhaltung in seiner Unzufriedenheit mit der
Geliebten nur bestärkt. Er blickte sie noch einmal an - ihr schmollender Mund
missfiel ihm mehr und mehr; er begriff nicht, wie er sie jemals hübsch gefunden
haben könne, nicht, was er bisher neben ihr gefühlt hatte. Er war sich
rätselhaft. Das peinigte ihn. Er wendete sich ab, nahm Hut und Säbel und sagte,
dass er gehen müsse. Sie hielt ihn nicht zurück. Er reichte ihr kühl die Hand,
sagte ihr kühl ein Lebewohl und war verschwunden, ehe sie noch recht wusste, was
geschehen sei.
    Sie wollte ihm nacheilen, als er das Zimmer verlassen hatte; er erwartete
das auch, sah sich nach ihr um und war doch froh, als er sie nicht erblickte.
Sie ging an's Fenster; aber heute wählte er nicht die entgegengesetzte Seite der
Strasse, wie er sonst zu tun pflegte, um von ihr noch einen Gruss, noch einen
Blick zu erhalten. Sie sah hinaus, es kam ihr alles so leer vor und es lag ihr
alles, was geschehen war, so fern, so weit ab von gestern, so weit ab von diesem
Augenblicke! Auch ihr war es, als sei sie viel älter geworden, als habe sie viel
erlebt, viel erfahren, als sei Renatus schon sehr lange fort! Sie seufzte,
faltete die Hände und erschrak, als der Ausruf: Er ist ein Mann, und Dulden ist
des Weibes Loos! über ihre Lippen glitt. Wie kam sie zu diesem Ausrufe, zu
diesem Gedanken? - Sie weinte bitterlich.
    Renatus hingegen war froh, als er sich auf der Strasse fand. Hildegard's
Gefühlsweichheit und ihre Tränen hatten ihm Angst gemacht. Er wünschte nicht,
dergleichen öfter zu erleben, er freute sich, dass er sich so fest gezeigt hatte.
Es ward ihm ganz leicht um's Herz, als der frische Wind ihm durch die Locken
wehte. Die Luft in den Zimmern der Gräfin war ihm heute durch die Resedatöpfe
und den Potpourri so beklemmend gewesen! -
    Sporenklirrenden Trittes einherschreitend, liess er den Schleppsäbel
geflissentlich auf dem Pflaster anschlagen, er zog im Gehen den Säbel spielend
halb aus der Scheide und stiess ihn wieder hinein. Jede Bewegung dünkte ihn eine
Lust, und mit einer wahrhaften Genugtuung sagte er sich, dass ihn nichts auf der
Welt verpflichte, sich um Hildegard's Empfindlichkeit und Empfindsamkeit zu
kümmern, da er ja noch völlig frei, noch völlig ungebunden sei.
    Freiheit und Ungebundenheit hatten seit gestern, er wusste selbst nicht
wodurch, einen hohen Reiz und Wert für ihn gewonnen, und er konnte sich es
nicht verhehlen, sein Oheim hatte Recht gehabt: es lag etwas Bedenkliches in
seiner Freundschaft mit den Rhodens, etwas, wovor er sich zu hüten hatte. Er war
im Allgemeinen weit entfernt, die Ansichten des Grafen Gerhard zu teilen, nur
das Eine musste er ihm zugestehen - ein Menschenkenner war der Graf, und
Welterfahrung hatte er.
 
                                Zwölftes Capitel
Fast um dieselbe Zeit, in welcher Renatus die Wohnung der Gräfin verliess, stand
Paul vor der niedrigen Türe eines Zimmers, das in einem Hinterhause derselben
Strasse im dritten Stockwerke gelegen war. Auf sein Klopfen rief man: Herein! und
ein mittelgrosser, sehr schmächtiger Mann erhob sich von dem Tische, an welchem
er schreibend gesessen hatte.
    Er trug einen hechtgrauen, altmodischen Ueberrock, eine Kniehose und Weste
von schwarzem Tuche, und selbst den Puder und den kleinen, steifen Zopf, der ihm
fest und gerade am Hinterkopfe sass, hatte er gegen die veränderte Sitte
beibehalten. Alles an ihm und in seinem Stübchen trug das Gepräge peinlicher
Genauigkeit und Ordnungsliebe. Lineal und Papierscheere, Federn und Bleistift
lagen wie nach dem Zirkel abgemessen auf dem Tische, das Wasserglas war mit
einem rundgeschnittenen Papier bedeckt. Um den Käfig des Hänflings, der reich
mit frischem Vogelkraut behängt war, fanden sich Papierstreifen durch das Gitter
gezogen, damit der Vogel das Futter nicht verstreuen könne; selbst unter die
kleine, irdene Vase, in der einige Weidenzweige mit ihren grauen Blütenkätzchen
sich im Sonnenscheine entfalteten, war ein zierlich zurecht geschnittenes
Papierblatt gebreitet, und Paul bemerkte mit Vergnügen, dass das Gesicht des
schon bejahrten Mannes, der ihn empfing, eben so ruhig und friedlich aussah, wie
das Stübchen, welches er bewohnte.
    Auf seine Frage, wie es ihm ergehe, antwortete der Greis: Gut, gut, lieber
Herr Tremann. Wie sollte es mir anders ergehen, da Sie so gütig für mich sorgen?
Ich habe ja alles, was ich brauche, und das müssen Sie sagen, ein so hübsches,
sonniges Zimmer habe ich nicht gehabt, selbst nicht, als wir das Stockwerk im
Flies'schen Hause noch ganz allein bewohnten.
    Er schob bei den Worten für Paul einen Stuhl an das Fenster, machte ihn
aufmerksam, wie der Schnee in der letzten Nacht geschmolzen sei, wie in den
Gärten, auf die er aus seiner Wohnung hinunter sah, sich an einzelnen Stellen
schon der Rasen über dem befreiten, braunen Boden neu zu färben beginne, und
sagte dann: Wenn ich so hinunter blicke und dann wieder hinauf nach dem Himmel,
und habe solch einen schönen, weiten Horizont vor Augen, so denke ich immer nur
mit Schrecken an die Arbeitsstube, in der ich in meinen sogenannten guten Zeiten
meine Tage hingebracht habe, und ich frage mich, wie ich sündiger Mensch jetzt
nur ein so ruhiges Leben und es in meinen alten Tagen noch so gar gut auf Erden
haben kann.
    Denken Sie, dass Sie es durch Ihre Güte für mich verdient haben, meinte Paul.
    Ja, freilich, das muss ich mir denken, wenn mich nicht drücken soll, was Sie
für mich tun. - Er schwieg einen Augenblick und sagte dann: Ich weiss nicht, was
aus mir geworden wäre, hätte Gott Sie nicht zur rechten Zeit mir als einen
Helfer in der Not gesendet. Nicht wissen, wo man sein Haupt zur Ruhe legen
soll, und nicht wagen, sich mit seinem grauen Kopfe vor den Menschen, die man
gekannt hat, sehen zu lassen, weil man es mit Schimpf und Schande beladen, weil
man im Zuchtause gesessen hat - das ist gar zu schrecklich, gar zu schrecklich,
lieber Paul!
    Er senkte dabei sein Gesicht in seine Hände; aber als der Andere ihn
ermahnte, diese trüben Gedanken von sich fern zu halten, meinte der Alte, es
tue ihm gut, sich einmal aussprechen zu dürfen.
    Sehen Sie, rief er, indem er sich erhob und aus der Schublade seines Tisches
ein in schwarzes Leder gebundenes Büchelchen hervornahm, ich denke immer an Sie,
und weil ich sonst gar nichts für Sie tun kann und immer nur von Ihnen
anzunehmen habe, so schreibe ich hier in das Buch, das ich mir eigens dazu habe
binden lassen, alle die guten Lehren ein, die ich mir aus meiner verkehrten
Handlungsweise abgenommen habe, und das soll einmal Ihr Erbe sein, obschon Sie
meiner guten Lehren wahrlich nicht bedürfen. Es will doch aber Jeder gern etwas
zu geben und zu hinterlassen haben.
    Er hielt Paul das Buch hin; es hatte einen vergoldeten Schnitt, der Titel
war wie eine Festgabe in schönster Frakturschrift geschrieben und trug unter der
reichverzierten Ueberschrift: »Erfahrungssätze und Sinnsprüche«, auf der ersten
Seite als erste Lehre die Worte: »Gib nie einem Weibe Gewalt über Dich, denn des
Weibes Herz ist verkehrt und sein Tun und Treiben eitel!«
    Herr Weissenbach schien grosses Gewicht auf diesen Ausspruch zu legen. Wenn
Sie wüssten, sagte er, wie oft ich mir das in meinem Unglücke vor die Seele
gehalten habe! Und ich war nicht am unglücklichsten, als das Geheimnis meiner
Verschuldigung entdeckt, als die Untersuchung gegen mich eingeleitet und mein
Urteil erst gesprochen war, als ich die Untreue, mit welcher ich die mir
anvertraute Kasse angegriffen hatte, im Gefängnisse büsste. - Er blätterte in
seinem Buche, zeigte dann mit dem Finger auf die betreffende Stelle und rief:
Sehen Sie, da steht es: »Ehre annehmen mit dem Bewusstsein, sie nicht zu
verdienen, tut einem Rechtschaffenen sehr wehe!« - Und ich kann mir das sagen
und Sie werden mir das bezeugen, lieber Tremann, ich war ein rechtschaffener
Mann. Ich bedurfte nicht viel, ich war zufrieden, wenn ich ruhig bei meinen
Acten sass, wenn ich meine Pflicht tat; aber ich hatte einem Weibe Gewalt über
mich gegeben, einem jungen, einem schönen Weibe, als ich kein Jüngling mehr war,
und ich traute einer Delila! Ich traute, ich folgte ihr und ihren
verführerischen Ratschlägen, weil ich ihrem klugen Kopfe und ihren beredten
Worten mehr, als meiner Einsicht und meinem warnenden Gewissen glaubte! Das soll
man nicht tun, soll man nicht tun!
    Paul hatte viel Nachsicht mit dem alten Manne; aber er fand es endlich doch
nötig, seinen Erzählungen und Herzensergiessungen ein Ende zu machen, indem er
ihn bat, sich der Gedanken an seine Schuld, an seine Cassation und an seine Frau
zu entschlagen.
    Der Alte versicherte, dass er dies auch tue. Nur wenn sie hier war, setzte
er hinzu, wenn sie einmal wieder hier war, dann wurmt und brennt's mich wieder,
dann wacht Alles wieder auf - und heute ist sie dagewesen!
    Was wollte sie? fragte Paul.
    Nichts, nichts, lieber Herr Tremann. Seit sie bei dem Grafen ist, hat sie
nichts von mir verlangt, sie hat's ja nun bei dem vollauf.
    Aber wesshalb kam sie denn, sie pflegte doch nichts ohne Absicht, nichts
umsonst zu tun? meinte Paul, der seine Abneigung gegen die Kriegsrätin nicht
verhehlte.
    Der Alte sah sich schüchtern um und sagte: Dass ich die Wahrheit sage, sie
kam Ihretwegen!
    Meinetwegen - und wie das? Was will sie von mir?
    Gewiss, lieber Paul, ich wollte sagen: lieber Herr Tremann, versicherte der
Kriegsrat, dieses Mal hatte sie keine Absichten, dieses Mal meinte sie es gut.
Sie fragte, ob ich noch immer Arbeit hätte, ob Sie mir noch das Monatsgeld
gäben, woher ich die Arbeit hätte, was ich für Sie schriebe? Ich zeigte ihr die
Auszüge, die ich für Sie aus den Zeitungen machen muss; sie besah sich das alles,
denn sie versteht sich auf dergleichen, und als sie schon im Fortgehen war,
drehte sie sich noch einmal um und sagte: »Der Paul hat uns zwar schmählich
verlassen und ist eigentlich an Allem schuld, denn wenn er bei uns geblieben
wäre, würde Alles anders geworden und wir nie in die Verlegenheit geraten sein.
Da er Dich aber in Deiner Not und in Deinem Alter wenigstens nicht verlässt -
denn ich brauche ihn nicht, ich weiss mir selbst zu helfen - und da ich Dir
seinen Beistand auch nicht entzogen sehen mag, so sage ihm, er solle machen, dass
er von hier fortkomme, und zwar je eher, desto lieber! Sag ihm das, und ich
verlangte keinen Dank für meinen guten Rat!«
    Und damit liessen Sie sich genügen? Sie erkundigten sich nicht, was diese
Weisung, diese Warnung zu bedeuten habe, worauf sie sich beziehe?
    Der Alte sah ihn verlegen an. Sie wissen, was meine Laura nicht sagen will
....
    Er brach ab; Paul drang nicht weiter in den alten Kriegsrat. Er stand
vielmehr auf, händigte dem Greise die Pension, die er ihm seit dessen
Freilassung zahlte, für den nächsten Monat aus, sagte, dass er sich dieselbe aus
dem Flies'schen Comptoir für die nächsten Monate holen möge, und wie er in dem
Bureau des Staatskanzlers von einem der Sekretäre die Zusage erhalten habe, dass
man Herrn Weissenbach auch ferner mit Copisten-Arbeit beschäftigen werde. Dann
nahm er seinen Hut und wollte sich entfernen, aber der Kriegsrat hielt ihn
zurück. Er hatte offenbar noch etwas auf dem Herzen, das er sich zu sagen
scheute, und Paul ermunterte ihn dazu mit der Frage, ob er noch irgend etwas
wünsche.
    Der Alte sah ihn scheu und bittend an. Sie haben so viel für mich getan,
lieber Herr Tremann, sprach er endlich und ich danke Ihnen, dass Sie sich so für
mich verwenden! ich tue mein Möglichstes, Ihrer Fürsprache Ehre zu machen, aber
...
    Nun was denn?
    Aber könnten Sie mir nicht etwas zu rechnen schaffen? rief der Alte, und er
sah so hell dabei aus wie ein Liebender, der endlich sein lange beabsichtigtes
Geständnis anzubringen vermochte.
    Etwas zu rechnen? Aber was soll das sein? Wesshalb eben etwas zu rechnen? Sie
haben ja Arbeit genug!
    Ja, Arbeit, aber kein Vergnügen, keine Freude! rief der Alte. Solch ein
Blatt, das ich abschreibe, steht vor mir und rückt und rührt sich nicht; es ist
mein Herr, ich bin sein Sclave, ich darf nichts zu-, nichts abtun, jeder
Buchstabe ist mein Meister. Aber Zahlen, die commandire ich, die füge ich
zusammen, die vermehre und vermindere, die verbinde und teile ich, die sind
meine Geschöpfe. Und wie schön sieht es aus, solch ein Cassabuch, wie stattlich,
wie majestätisch, wenn die Stellen unten sich auf jeder Seite mehren, wenn es in
die Tausende, in die Hunderttausende geht! - Er hielt ein wenig inne, als schäme
er sich dieser Aufwallung, und sagte dann ganz leise und bewegt: Ich war sehr
glücklich damals, als in meinem Hauptbuche das Soll und das Haben sich noch wohl
vertrugen, als ich noch mit ruhigem Stolze auf die langen, schlanken
Zahlenreihen blicken konnte; und - ich würde hier in dieser schönen, stillen
Stube recht glücklich sein, wenn ich wieder etwas zu rechnen, wenn ich wieder
die schönen Zahlenreihen zur Gesellschaft und vor Augen hätte! Es ist das
Einzige, was mir zu meinem Glücke und zu meiner Zufriedenheit fehlt!
    Paul konnte nur mühsam sein mitleidiges Lächeln verbergen; er versprach dem
Alten, an seinen Wunsch zu denken, und als dieser ihm die Tür öffnete, um ihn
hinaus zu lassen, fragte er: Wer geht denn bei dem Grafen Berka ein und aus?
Wissen Sie das zufällig?
    Meistenteils Franzosen, entgegnete der Kriegsrat. Ein Baron von Castigni
kommt alle Tage. Meine Laura sagt, es sei ein verbindlicher und feiner Mann.
Aber auch von den Würtembergern und Westfalen besuchen ihn viele Officiere, und
in den letzten Monaten ist auch der junge Freiherr von Arten öfter bei dem Herrn
Grafen zu Tische gewesen. Heute isst er, glaube ich, allein mit ihm.
    Paul hörte das ohne Entgegnung an und schied von dem Alten mit dem
wiederholten Versprechen, an die Erfüllung seiner Wünsche denken zu wollen; aber
die Frage, was die Warnung der Kriegsrätin zu bedeuten habe, beschäftigte ihn
doch mehr, als er es dem Greise zu zeigen für angemessen fand, denn sie traf mit
den Bemerkungen zusammen, welche auch Herr von Werben ihm in dieser Beziehung
gemacht hatte. Da er nicht dazu neigte, seine Person und seine Tätigkeit höher,
als es recht war, anzuschlagen, fiel es ihm auf, dass man überhaupt von
französischer Seite auf ihn aufmerksam geworden war. Seine Geschäfte waren nicht
grösser, nicht bedeutender gewesen, als die mancher anderer Kaufleute, seine
Reisen hatten an und für sich auch nichts Auffallendes, und der Verkehr, welchen
er zwischen den heimischen und den im Auslande lebenden Vaterlandsfreunden
vermittelt hatte, war mit solcher Vorsicht behandelt worden, dass er nicht wohl
verraten sein konnte. Den Grafen Gerhard, über dessen Verhältnis zu Seba er
nicht im Zweifel war, hatte er seit seiner Kindheit nicht wieder gesehen. Er
trug auch kein Verlangen danach, dem von ihm in jeder Beziehung verachteten
Manne aufs Neue zu begegnen, und mit dem Herrn von Castigni, mit dem er jetzt im
Flies'schen Hause freilich beständig zusammentraf, hatte er keine
Unannehmlichkeit gehabt. Die einzige peinliche Berührung hatte gestern zwischen
ihm und Renatus Statt gefunden; damit konnte aber die Warnung der Kriegsrätin,
die ohnehin von älterem Datum war, nichts gemein haben, und es blieb ihm auf
diese Weise also kein Anhalt für seine Vermutungen. Da man sich jedoch unter
der obwaltenden französischen Gewalterrschaft auf jede Art von Spionage und
Angeberei gefasst halten musste, so war es ihm erwünscht, mit seinen
Angelegenheiten so weit vorgeschritten zu sein, dass seiner Abreise nicht mehr
viel im Wege stand.
 
                              Dreizehntes Capitel
Während dessen war Renatus bei seinem Onkel angelangt, und da der Graf es
liebte, sich noch zu den jungen Leuten zu zählen, von ihm mit einer fast
kameradschaftlichen Heiterkeit empfangen worden. Er wusste bereits von Castigni,
der in der Frühe bei ihm gewesen war, dass sein Neffe den letzten Abend im
Flies'schen Hause zugebracht hatte, und warf lächelnd die Frage hin, wie ihm
denn der Günstling dieses Hauses, der sogenannte Tremann, gefallen habe.
    Sie kennen ihn also auch? fuhr Renatus auf, während das Blut ihm zu Kopfe
stieg.
    Der Graf bejahte dies in einer Weise, die darauf berechnet war, sich
dasjenige, was er wusste, abfragen zu lassen, und er erreichte auch seine
Absicht, denn Renatus fiel ihm mit dem Ausrufe in die Rede: So sagen Sie mir,
Onkel, wo war der Mensch bis jetzt und wie kommt er in das Haus?
    Der Graf zuckte die Schultern. Hast Du noch nicht bemerkt, mein Lieber, wie
zufällig die Gesellschaft sich bei solchen Leuten, die um jeden Preis ein Haus
zu machen wünschen, zusammensetzt? Ich könnte Dich mit gleichem Rechte fragen:
Wie kommst Du dortin? wüsste ich nicht, dass Flies von Alters her der
Geschäftsmann Deines Vaters war, und Dein Vater hat seine eigentümlichen Wege,
die zu kreuzen nicht meines Amtes ist.
    Er tat, als wolle er von dem Gegenstande abbrechen; indes Renatus war damit
nicht gedient, und da er geneigt war, sich der Einsicht seines Onkels heute mehr
als sonst zu fügen, weil er heute einen Beweis von der Menschenkenntnis
desselben gewonnen zu haben meinte, sagte er: Sie selber haben ja früher die
Flies gekannt, und es dünkt mich, fügte er in einer ihm fremden, leichtfertigen
Weise hinzu, mit der er sich dem gewöhnlichen Tone des Grafen anzupassen suchte,
und es dünkt mich, Sie müssen in dem Flies'schen Hause mehr als nur eine
Einquartierung gewesen sein, denn Seba weicht stets aus, wenn ich von Ihnen
spreche! In welchem Verhältnisse standen Sie zu ihr?
    Der Graf lachte hell auf, Renatus machte ihm in seiner steifen
Leichtfertigkeit einen komischen Eindruck, aber er liess ihn nicht merken, dass
dieses Lachen nicht der Frage, sondern dem Frager galt, und entgegnete: In dem
einzigen Verhältnisse, in welchem Unsereiner zu einem Judenmädchen stehen kann!
Um ihre Bekehrung zum Christentume, das sagst Du Dir wohl selber, war mir's
nicht wesentlich zu tun!
    Renatus hatte bei der Art seiner Frage auf eine solche Antwort gefasst sein
müssen, doch war sie ihm widerwärtig. Er fand nicht gleich die Entgegnung, die
er zu geben für nötig hielt; der Graf liess ihm auch nicht die Zeit, sie erst
lange zu suchen.
    Ein eigener Gedanke, Dich in das Haus zu schicken! Eine wunderliche Weise,
in welcher man Dich überhaupt für den Feldzug für das Leben vorbereitet hat, für
diesen Krieg Aller wider Alle! sagte er plötzlich. Aber das vergessen sie in
ihrer Weisheit! Sie lassen Euch in die Welt gehen, ohne Euch die Gefahren zu
zeigen, die Euch drohen, ohne Euch vorsichtig zu machen, mit nichts ausgestattet
als mit Eurer Unschuld und Begehrlichkeit, und dann wundern sie sich, wenn Ihr
wie die Drosseln in der ersten Schlinge und an der ersten roten, reifen Beere
hängen bleibt, die Euch in den Weg kommt! Arme Gräfinnen und reiche Juden, das
ist alles Eins: feine Vogelsteller, die ihre Vögel kennen und ihr Garn zu legen
wissen, jeder auf seine Art - und Ihr fallt dann auch hinein - Jeder auf seine
Art!
    Ja, leider! rief Renatus unwillkürlich.
    Leider? Was weisst Du davon? fragte der Graf, der bis dahin im Zimmer
umhergegangen war, vor seinem Neffen Fuss fassend.
    Renatus zögerte zu antworten. Er wusste, dass der Graf nicht der Mann war, die
Neigung zu würdigen, welche ihn mit seiner Jugendgespielin verbunden und der er
sich in der letzten Zeit mit so viel Hingebung und Wärme überlassen hatte. Er
wusste eben so gut, dass er heute absichtlich ein Unrecht gegen Hildegard begangen
habe und dass er dieses steigere, indem er den Grafen in das Vertrauen ziehe;
aber er konnte mit Zuversicht darauf rechnen, von demselben wegen dieses
Unrechtes nicht getadelt zu werden, er durfte vielmehr hoffen, Aufmunterung zu
erhalten, wo er selber sich Vorwürfe machte, und weil er in jedem Betrachte
unzufrieden mit sich war, verlangte sein abhängiges Wesen nach Lob, gleichviel,
von wem ihm dieses komme oder worauf es sich beziehe. Trotzdem fand er es
schwerer, als er sich's gedacht hatte, von seinen guten Gewohnheiten, von den
Ehr- und Anstandsbegriffen zu lassen, in denen er erzogen und aufgewachsen war,
und dem scharfen Auge seines Onkels ausweichend, entgegnete er, um Zeit zu
gewinnen: O, von mir ist nicht die Rede, und Sie, Onkel, Sie können derartige
Erfahrungen doch nicht gemacht haben? Ihr Glück bei den Frauen ist ja noch
sprüchwörtlich im Regimente!
    Der Graf nahm eine ernste Miene an. Ich habe mich, sagte er, über die Frauen
nicht zu beklagen gehabt, weil ich frei zu bleiben und zu schweigen verstand und
weil ich dasjenige zu vergessen weiss, woran ich nicht erinnert zu sein wünsche.
Gehe hin und tue ein Gleiches, fügte er lächelnd hinzu, und sie werden, wenn
sie nicht Deines Lobes voll sind, doch ausweichen, wenn man von Dir spricht!
    Wie Seba! fiel Renatus, der sich erinnerte, wie er sich vorher eben dieses
Ausdruckes bedient hatte, dem Oheim, als habe er eine Erleuchtung erhalten,
lebhaft in die Rede. Wie Seba tut, wenn man von Ihnen spricht!
    Der Graf liess den Ausruf unbeantwortet. Erst nach einer geraumen Pause sagte
er: Wenn die Frauen ihre Vergangenheit so ganz und gar vergessen, geben sie uns
das Recht wieder, derselben zu gedenken. Es ist belustigend, zu hören, wie
geläufig die grossen Worte: Deutschtum, Jungfräulichkeit und Tugend dieser
Gesellschaft und allen diesen Frauen geworden sind, wie sie einander stützen und
tragen, weil die meisten von ihnen auf schwachen Füssen stehen, und wie alle doch
nur den Einen Zweck der Selbstsucht verfolgen: einen Mann zu bekommen oder die
Ihrigen an den Mann zu bringen. Nur schade, dass man's merkt! - Ich sagte Dir
neulich: Nimm Dich mit den Rhoden's in Acht! Die Warnung war vielleicht vom
Überfluss, denn auf die blonde, schmachtende Unschuld hast Du's wohl nicht
abgesehen! Ich sage Dir heute, vielleicht mit grösserem Rechte: Sieh' Dich mit
den Flies, mit Seba vor! Sie könnte für Davide zu erlangen wünschen, was ich ihr
zu gewähren trotz ihrer Zuvorkommenheit nicht für angemessen fand, und sie
gehört zu denen, die vielleicht grosses Spiel für Andere zu spielen lieben,
nachdem sie die Partie für sich verloren haben!
    Er ging an seinen Schreibschrank, setzte sich vor demselben nieder und
suchte anscheinend etwas unter seinen papieren. Renatus war es äusserst
unbehaglich zu Mute. Er wusste seinem Oheim für diese Mitteilungen keinen Dank,
obschon er selber sie hervorgerufen hatte, dennoch reizten ihn die Andeutungen,
die halben Aufschlüsse, welche derselbe ihm machte. Weil er sich selber tadelte,
gefiel es ihm, die Andern auch nicht verehrenswert zu finden, und doch stiess
ihn der Gedanke zurück, dass er sich bisher mit Wohlgefallen in einem Kreise
bewegt haben sollte, der dieses Wohlgefallen, der die Achtung nicht verdiente,
mit welcher Renatus den einzelnen Personen desselben sich angeschlossen hatte.
    Er hätte mehr erfahren, mehr wissen mögen, und scheute sich doch davor. Er
ärgerte sich darüber, dass er sich der innerlichen Betrachtungen nicht
entschlagen konnte, er fand es lächerrlich, dass er sich Sorgen und Vorwürfe über
sein Verhalten gegen Hildegard machte, dass es ihm weh tat, von Seba, von Davide
geringschätzig zu denken. Er wünschte sich den leichten Sinn, ja, den Leichtsinn
seines Onkels. Was nutzten ihm seine strengen Grundsätze in einer Welt und in
einer Gesellschaft, welche nicht auf solche Grundsätze erbaut war? Er hatte
sich, wie er meinte, in der Tat über die klösterliche Erziehung, die man ihm
gegeben, zu beschweren, er passte durch sie nicht einmal mit seinen Kameraden
zusammen, gegen deren fröhliche, auf den Genuss gestellte Sorglosigkeit er sich
bisher so verständig erschienen war. Was sollten ihm eine Tugend, eine
Sittlichkeit, die ihn nur schwerfällig, die ihn pedantisch erscheinen liessen und
die es ihm doch nicht ersparten, mit sich selbst in Zwiespalt zu geraten und
Andern wehe zu tun? Er hätte nicht anders sein mögen, als seine Kameraden, er
hätte ein glücklicher Verführer, wie sein Onkel sein, und sich in der Wärme
seiner Erinnerungen sonnen mögen! Aber man wird nicht mit Einem Male lasterhaft,
wie man nicht mit Einem Male tugendhaft wird. Jedes Ding will gelernt und geübt
sein, und mitten in dem Verlangen, einen Liebeshandel mit Davide anzuknüpfen und
den Amerikaner aus dem Felde zu schlagen, überkam Renatus der Gedanke, was die
arme Hildegard dazu sagen, davon denken würde? Er seufzte um Hildegard und
trachtete zugleich nach der Eroberung der schönen Jüdin und nach Triumphen auf
dem Felde der Liebe. Daneben ärgerte er sich wieder über dieses haltlose
Schwanken, über dieses Wollen und Nichtwollen, und unwillkürlich diesem Aerger
Worte leihend, rief er halb für sich aus: Herkules am Scheidewege ist doch eine
alberne Figur!
    Der Graf wendete sich nach ihm um, und als habe er ihn nicht verstanden,
fragte er, was er wünsche.
    O, rief Renatus, unsere ganze Unterhaltung ging mir durch den Kopf, und ich
musste mir sagen, dass die symbolische Figur des Herkules am Scheidewege albern
sei!
    Sehr albern, wiederholte der Graf, während er sich von seinem Platze erhob -
und um so alberner, als die Dinge, welche man Tugend und Laster nennt, gar nicht
so bestimmt zu trennen und weit näher mit einander verbunden sind, als man uns
in der Jugend glauben machen möchte. Was ist Tugend? Wo hört sie auf? Wo fängt
das Laster an? - Hirngespinnste und Ammenmärchen, zum Besten einiger Wenigen
erfunden! - Er nahm eine Prise, ging auf dem weichen Teppiche des Zimmers auf
und nieder und trat dann an das Fenster, durch dessen Scheiben er in die Strasse
hinaussah.
    Er hatte noch nicht lange so gestanden, als sich sein Neffe zu ihm gesellte.
Der Graf hatte das erwartet, tat aber, als beachte er es nicht. So ging eine
Weile hin. Endlich klopfte er dem Jüngling auf die Schulter und sagte mit
einladender Zutraulichkeit: Nun, heraus damit! Was hat's gegeben? Denn geschehen
ist etwas, wobei Deine Weisheit und Tugend sich nicht zu helfen wissen!
    Renatus fuhr aus seinem Brüten auf, und innerlich von dem Einen Gedanken
hingenommen, der ihn seit gestern nicht verlassen hatte, rief er, durch die
plötzliche Anrede aufgeschreckt und überrascht: Beantworten Sie mir Eine Frage,
Onkel! ist dieser Tremann meines Vaters Sohn?
    So gewiss, als Du selbst es bist! entgegnete der Graf gelassen, der freilich
irgend eine andere Anforderung erwartet hatte.
    Der junge Freiherr biss sich in die Lippe, seine Nasenflügel blähten sich im
Stolz. Aber woher diese ausserordentliche Freundschaft mit den Flies? Woher das
grosse Aufheben, das sie mit diesem - Menschen machen?
    Spekulation! lachte der Graf.
    Aber worauf, worauf?
    Worauf? Auf die Gunst des Zufalls, auf den diese Leute, denen es von ihren
trödelhaften Anfängen inne wohnt, sich auf glückliche Zufälle zu verlassen, nie
zu rechnen verlernen! Der Graf hatte seinen Platz am Fenster verlassen und sich
behaglich an dem Feuer niedergesetzt. Er war müssig und gut aufgelegt, es
unterhielt ihn, die Aufregung seines Neffen nach Belieben zu erhöhen und zu
dämpfen.
    Es ist übrigens ein eigenes Ding um dasjenige, was wir Zufall nennen, hob er
nach einer anscheinenden Ueberlegung an. Man sollte ihm bisweilen eine
Folgerichtigkeit, einen inneren Zusammenhang zutrauen, an gewisse
Vorherbestimmungen glauben, wenn man überhaupt zum Glauben und damit zum
Aberglauben Neigung hat. Ich zum Beispiel stehe anscheinend in einem
geheimnisvollen Zusammenhange mit diesem Monsieur Tremann - oder Mannert, wie er
eigentlich heisst. Er wird mir immer wieder in den Weg geführt, und es wird wohl
schliesslich meines Amtes sein, ihn - aus dem Wege zu schaffen, auf dem er nun
auch Dich behindern zu wollen scheint.
    Renatus war sehr ernst geworden. Er nahm neben dem Grafen Platz und sagte:
Wenn man an eine Vorherbestimmung glaubt, wie ich es nach den Lehren unserer
Kirche und aus fester Ueberzeugung tue, so kann und darf man nichts in der Welt
als ein blosses Spiel des Zufalls ansehen! Es berührt mich daher sehr
eigentümlich, dass mir eben heute die Notwendigkeit aufgedrängt wird, mich mit
diesem Sohne meines Vaters zu beschäftigen und auf die Vergangenheit meiner
Eltern zurückzublicken, die - ich weiss das wohl - leider keine glückliche
gewesen ist! Aber in welcher Verbindung stehen Sie mit jenen Ereignissen, deren
man gegen mich nie mit Offenheit erwähnte, die ich nur aus einzelnen Äusserungen
kennen und aneinanderreihen lernte? Sie würden mir einen Dienst leisten, Onkel,
wenn Sie mir alles mitteilen wollten, was Sie von jenen Verhältnissen wissen,
die für mich ja von so entschiedener Bedeutung sind!
    Die ganze Arten'sche Pedanterie, die ganze Empfindsamkeit der guten
Angelika! rief der Graf. Nur schade, dass es nicht mit wenig Worten zu sagen ist,
wie ich mit jenen Vorgängen zusammenhänge! Gefühlvolle Seelen können etwas
Verhängnissvolles, etwas Romantisches in der sehr prosaischen Geschichte finden,
die nur durch die Ueberspannung Deiner Eltern zu einer Art von Wichtigkeit
erhoben wurde! Du wirst davon gehört haben, dass Dein Vater einer Jägerstochter,
die ihm diesen Monsieur Mannert geboren hat, aus philantropischer Laune eine
Art von Erziehung hatte geben lassen! Sie dankte ihm dieselbe, indem sie sich an
dem Morgen, an welchem er zu seiner Hochzeit fuhr, ertränkte!
    Ich weiss das! bemerkte Renatus mit einem Seufzer.
    Es war allerdings ein lästiges Zusammentreffen; aber Dein Vater nahm die
Sache unbegreiflich schwer, noch schwerer nahm sie Deine Mutter. Es ist am Ende
Jeder nur für die berechenbaren Folgen seiner Handlungen, nicht für das
Unberechenbare verantwortlich, was sie in Unvernünftigen erzeugen. Dein Vater
empfand Gewissensbisse, machte sich Vorwürfe, Deine Mutter fand es nötig, sie
mit ihm zu tragen und zu teilen, Euer vortrefflicher Caplan wusste solche
Stimmungen zu benutzen. Man gelobte den Bau einer katolischen Kirche, weil eine
Jägerstochter die Geliebte ihres Herrn gewesen war; und weil eine luterische
Magd sich das Leben genommen hatte, machte Deine Mutter, machte eine Gräfin
Berka sich zur Katolikin. - Ich war damals sehr jung und Zeuge davon, wie man
die Ertrunkene suchte, und ich verstand die Logik der darauf folgenden
Ereignisse nicht; aber ich bekenne Dir, dass ich sie auch heute noch nicht
verstehe. Begreife Du sie, wenn Du kannst!
    Deine Mutter wollte den Bastard nicht in ihrer Nähe wissen; man vertraute
ihn also meiner jetzigen Haushälterin, der Kriegsrätin, zur Erziehung an, die
im Flies'schen Hause wohnte, und ein neuer Zufall brachte mich in demselben
Hause in's Quartier. Ich war es, der auch mit einer ganz zufälligen Äusserung in
dem Knaben die Erinnerung an seine Mutter, an seinen Vater weckte, und wie des
Burschen Aehnlichkeit mit Deinem Vater mir seine Abkunft augenblicklich
verraten hatte, so machte die übertriebene Zärtlichkeit, die man für den
fremden Knaben im Flies'schen Hause an den Tag legte, mir bald klar, dass man
gesonnen war, sich das Geheimnis, welches man Deinem Vater bewahrte,
gelegentlich bezahlen zu lassen. Seba vor Allen schien eine ganz besondere Liebe
für den Knaben zu haben, der beständig um sie war, und das machte ihn mir nicht
lieber, denn Seba war damals jung und schön, ehrgeizig und phantastisch,
abenteuerlich und zärtlich - und leichtgläubig, wie die Weiber alle.
    Er hielt inne, lächelte und sagte dann, die Augen fest auf seinen jungen
Gast gerichtet: Du hast vorhin mit einer Erkenntnis, die ich Dir gar nicht
zugetraut habe, die Fabel vom Herkules am Scheidewege eine Albernheit genannt.
Die meisten dieser Myten sind Albernheiten: auch die Fabel vom Tantalus ist
eine solche. Keine reife Frucht entzieht sich der durstenden Lippe, aber tausend
reife Früchte welken, weil sich Niemand findet, der sie bricht. Es ist
lächerrlich, von verführten Weibern zu sprechen! Sie unterliegen immer nur der
eigenen Begehrlichkeit, der eigenen Phantasie! Wie reife Früchte warten sie am
Baume sehnsüchtig auf den Durst des vorübergehenden Wanderers, um bei der
leisesten Berührung ihm in die Hand zu fallen. Nun, ich ging vorüber mit dem
Durste der heissen Jugend, und - die schöne Seba fiel mir ohne all mein Zutun in
die Hand!
    Onkel! rief Renatus mit nicht zu verbergendem Widerwillen, weil seine
Reinheit und Rechtschaffenheit vor solcher geflissentlich zur Schau getragenen
Sittenlosigkeit zurückschreckten. Aber der Graf gehörte zu jenen Wüstlingen, die
es belustigend finden, Andere erröten zu machen, wenn sie selber zu erröten
verlernten, und als habe er den abwehrenden Ruf des jungen Mannes nicht
vernommen, fuhr er gleichmütig zu erzählen fort.
    Wir rückten an demselben Tage, an welchem Seba sich mir ergeben hatte, in
das Feld. Ich erhielt einige Briefe, klagend, bittend, drohend und beschwörend,
wie eine Jede sie schreibt. Ich beantwortete sie nicht. Jahre vergingen, ich
glaubte die Schöne längst getröstet, wähnte das Abenteuer längst begraben und
vergessen, aber ich hatte die eigensinnige Beharrlichkeit der Juden nicht in
Anschlag gebracht, die, wie gesagt, jeden Zufall zu benutzen weiss und der kein
Umweg zu weit ist, wenn er nur früher oder später zum Ziele zu führen
verspricht. Mich zu rühren hatte Seba nicht vermocht, mich zu bestimmen hatten
sie und die Ihrigen keine Möglichkeit, aber mich überlisten und durch
Ueberraschung gewinnen zu können, hatten sie nicht aufgegeben. Sie wussten von
unseren und von den Verhältnissen Deiner Eltern durch den Architekten, der Euch
die Kirche baute, durch Euren Amtmann, dem Flies die Mittel an die Hand gab,
sich die Verlegenheiten Deines Vaters zu Nutze zu machen, was sie zu wissen
wünschten, und mehr als das. Arglistig stellte man Deiner armen, kranken Mutter
den ihr verhassten Bastard gegenüber, und als die Aermste zusammenbrach, da war
der Menschenliebe und der Dienstfertigkeit, der Rücksicht und der Hingebung für
sie kein Ende. Unter dem Scheine der höchsten Uneigennützigkeit erschlich sich
Seba die Freundschaft und das Zutrauen Deiner Mutter. Als ihre einzige, als ihre
beste Freundin führte Angelika, als ich eben zu einem Wiedersehen mit den
Meinigen angekommen war, die edle Seba bei meiner Mutter ein, und diesen
Augenblick benutzte die schöne, erhabene Seele, ihre Geständnisse zu machen und
von mir die Herstellung ihrer Ehre zu verlangen, die sie mir sehr freiwillig
geopfert hatte.
    Renatus konnte diesen Ton nicht ertragen. Es schnürte ihm die Brust zu, es
klopfte ihm in allen Adern, er erhob sich wie im Schrecken. Er hätte das Fenster
öffnen mögen, obschon der Wind, der sich inzwischen erhoben hatte, die Scheiben
klirren machte. Auch der Graf hatte sich erhoben, aber er ging gemächlich auf
und nieder und pfiff leise das damals sehr beliebte Lied vom schönen Dunois
durch die Zähne.
    Jeder Mann, sagte er nach einer Weile, spielt zwischen drei Frauenzimmern in
einer solchen Lage eine abgeschmackte Rolle. Die arme, sterbende Angelika
schwamm in Tränen und hätte mir am liebsten die schöne Seba sofort angetraut;
meine Mutter wollte Seba überreden, mir zu verzeihen, was sie mir gar nicht zu
verzeihen hatte - und ich tat das Einzige, was mir bei einer derartigen Scene
und Ueberrumpelung zu tun übrig blieb: ich liess sie alle gewähren! - Ich gönnte
Deiner Mutter die Zeit, sich auszuweinen und das Vertrauen und die Freundschaft
zu bedauern, welche sie Seba gewährt hatte. Ich liess meiner Mutter die Zeit, zu
begreifen, dass sie überlistet worden sei, und Seba Zeit und Freiheit, sich zu
entfernen, was sie denn auch schliesslich tat. - Aber, rief er mit fester Stimme
und mit einer Erbitterung, welche gegen die spöttische Leichtigkeit sehr
abstach, in der er bis dahin gesprochen hatte - aber ich habe es ihr nicht
vergessen, dass sie mich gezwungen hat, vor meiner Mutter und meiner Schwester
als ein Angeklagter da zu stehen! Ich habe es ihr nicht vergessen und vergeben,
dass sie meine Mutter, die Gräfin Berka, dahin brachte, sich mit einer Bitte vor
ihr zu erniedrigen - und sie hat es mir, sie hat es uns allen eben so wenig
vergessen und vergeben, dass sie ihre Geständnisse unnötig und vergebens vor uns
abgelegt hat! Durch Dich und Deine Unschuld hofft sie zu erreichen, hofft sie,
uns zu vergelten, was sie sich, was sie uns schuldig zu sein meint! Daher die
grosse Freundschaft, welche man Dir im Flies'schen Hause beweist, daher die
Annäherung an die Rhodens, mit der sie sich das Ansehen einer gesellschaftlichen
Stellung zu geben suchen, die Dich sicher machen soll, daher die lächerliche
Deutschtümelei, mit der sie ihr Judentum maskiren! Darum musste der Bastard
Deines Vaters, der so gescheit gewesen war, sich aus dem Staube zu machen,
zurückberufen und Dir als ein Bewerber um Davide in den Weg gestellt werden! Auf
Deine Unerfahrenheit, auf Deines Vaters Lage ist dabei gebaut! Ich durchschaue
den ganzen Plan, so weit und vorsichtig er auch angelegt ist; und wie wenig die
Meinigen und Dein Vater dies von mir zu fordern haben, ich werde für sie, für
Dich, für uns alle handeln! Die nötigen Schritte dazu sind bereits getan! Man
weiss es, dass dieser Tremann unter falschem Namen hier ist, dass er nach allen
Seiten Verbindungen hat, die ihn verdächtigen, sein Eintritt in die Geschäfte
des alten Wucherers, des Flies, verdächtigt diesen ebenfalls! Man ist aufmerksam
auf alles, was in dem Hause vorgeht. Und da sie sich so geflissentlich in den
Vordergrund drängen, da dieser Tremann sich uns so unberufen in den Weg stellt,
fühle ich mich, wie ich Dir vorhin sagte, auch berufen, sie mit ihrem neuen
Günstlinge sammt und sonders aus dem Wege zu schaffen und unschädlich zu machen!
Dann ist Davide frei, und ....
    Der Graf hielt plötzlich inne, denn der Diener öffnete einladend die Türe
des Nebenzimmers, in welchem die Mahlzeit den Grafen und seinen Gast erwartete.
Als hätten sie bis dahin die heiterste Unterhaltung gepflogen, so leicht und
freundlich bot der Oheim seinem Neffen den Arm; aber Renatus konnte sich nicht
überwinden, sich auf ihn zu lehnen, er tat als bemerke er es nicht.
    Zorn, Scham, Empörung und Niedergeschlagenheit wechselten ihre Herrschaft in
dem jungen Manne ab und liessen ihn zu keinem festen Gedanken, zu keinen klaren
Vorstellungen kommen. Er kannte mit einem Male die Welt nicht wieder, in der er
lebte. Sie starrte ihm unheimlich entgegen wie eine liebe, heimisch vertraute
Landschaft, welche man plötzlich durch grell gefärbte, entstellende Gläser
betrachtet. Er wusste, dass die Mitteilungen, die ihm durch diesen Erzähler
aufgedrungen wurden, keine zuverlässigen und keine reinen sein konnten, aber er
vermochte nicht zu unterscheiden, was Wirklichkeit, was Täuschung, was
unabsichtliche, was geflissentliche Entstellung sei, und nur die Ansicht setzte
sich unabweislich in seiner Seele fest, dass sein Vater nicht wohlgetan habe,
ihn mit der Flies'schen Familie in Berührung zu bringen und ihn dadurch mit
Personen zusammen zu führen, deren Stand und Gewerbe sie zu vielerlei
Nachgiebigkeiten und Lässlichkeiten nötigten und deren Sitten-, Rechts- und
Ehrbegriffe also weit von denen eines Edelmannes abliegen mussten. Es kränkte
ihn, dass diese Leute von seinen Familienverhältnissen in vieler Beziehung besser
unterrichtet waren, als er selbst; er schämte sich bei dem Gedanken, dass er sich
zu Seba so hingezogen gefühlt, dass er sie, die Entehrte, die sich seiner Familie
aufdringen wollen, seine Freundin genannt habe, dass sie die Freundin seiner
Mutter gewesen sei. Sein Name, seiner Eltern Ehe, sein Vaterhaus, Alles schien
ihm wie von einem Gifte angehaucht zu sein, und während gestern die bürgerliche
Freiheit seines Bastardbruders ihm ein unbestimmtes Verlangen nach
Ungebundenheit eingeflösst hatte, während er noch am Vormittage ein Verlangen
nach ungewöhnlichen und abenteuerlichen Erlebnissen in sich gehegt, sehnte er
sich nun plötzlich in den Kreis jener reinen Empfindungen zurück, in welchen er
bis dahin so friedlich und so unbeirrt geatmet und gelebt hatte.
    Die Tagesereignisse, die Stadtneuigkeiten, die Erzählungen aus der
Gesellschaft der französischen Hauptstadt, mit denen der Graf sich und ihn bei
Tische unterhielt, fesselten die Teilnahme seines Neffen nicht. Die gewählten
Speisen, die feurigen und feinen Weine reizten des Jünglings Gaumen nicht. Er
war schweigsam und ernstaft in sich versunken, denn das Bild, das er am Morgen
als eine Albernheit verspottet hatte, das Bild des Herkules am Scheidewege,
drängte sich ihm abermals und jetzt in einem anderen Lichte auf. Auch er stand
auf der Grenze zwischen zwei Welten, an einem Scheidewege, auch er hatte eine
Wahl zu treffen zwischen den Verlockungen des Lebens und den Ueberzeugungen und
Ehrbegriffen, in denen er erzogen und erwachsen war und die für alle Zeit die
Handlungen eines wahren Edelmannes leiten mussten. Und noch ehe man sich von dem
verschwenderischen Mahle erhob, war seine Wahl getroffen.
    Statt ihn zu verführen, hatte die Charakterlosigkeit des Grafen ihn zur
Besinnung und zu sich selbst gebracht. Renatus bereute, was er seit gestern
gedacht, getan; er war entschlossen, sich für immer von einem Kreise
loszusagen, in welchem so niedrige Elemente sich verbergen konnten, und er hätte
viel darum gegeben, hätte er auf den Lebensweg seines Vaters mit derselben
Zufriedenheit zurückblicken können, wie auf denjenigen, den er bis gestern
selbst zurückgelegt hatte. Es war nie ein unedler Gedanke in sein Herz gekommen
und - er wollte seine Seele rein erhalten. Er war stolz auf seine Sittenreinheit
wie auf seinen alten Adel; er wollte durch seinen Edelmut die Schwäche seines
Vaters sühnen und vergessen machen, er wollte in sich das vollkommene Vorbild
eines Edelmannes darstellen; und weil die Jugend ihr augenblickliches Wollen
sich gern als eine Tat anrechnet, sah er bald mit einem mitleidigen
Selbstgefühle, ja, endlich mit stolzer Verachtung auf seinen Oheim, auf den Mann
herab, dessen Menschen- und Weltkenntnis ihm vor wenig Stunden noch beneidens-
und bewundernswert erschienen waren.
    Renatus' Haltung hob sich an seinen guten Vorsätzen, er gewann seine Fassung
wieder. Er nannte es in seinem Innern gut und nützlich, die Nachtseiten des
Lebens in solcher Weise kennen gelernt und einen Blick in die verborgen
gehaltenen Geheimnisse seiner Familie und seines Hauses getan zu haben, den er
sich zu Nutze zu machen beschloss. Dass er Seba nicht wiedersehen, das Flies'sche
Haus nicht wieder betreten, die Gräfin Rhoden bestimmen müsse, mit Seba zu
brechen, um Hildegard vor jeder Berührung mit derselben ein für alle Mal zu
sichern, das verstand sich ganz von selbst. Er fühlte sich plötzlich berufen,
die Zügel in die Hand zu nehmen und für Alle, die ihm nahe standen, einzutreten.
War er doch der Freiherr von Arten, auf dessen Schultern die Verantwortung für
die Ehre dieses Namens schon jetzt und in der Zukunft ruhte! Und er war jung
genug, an die Dauer des Augenblickes zu glauben und mit der Kraft einer
augenblicklichen Erhebung und Begeisterung, Vergangenheit und Zukunft umfassen
und umgestalten zu wollen.
    Er sann darüber nach, wie er, noch ehe er sich heute von seinem Onkel
trennen würde, diesem die Entschlüsse kund geben könne, die er gefasst, wie er
ihm, ohne ihn zu beleidigen, deutlich machen könne, dass sie beide auf einem
völlig verschiedenen Standpunkte ständen, dass sein Versuch, sich den
Anschauungen seines Onkels zu nähern, ein vergeblicher gewesen sei, und dass es
also für sie in Zukunft geraten sein dürfte, einander zu vermeiden. Aber der
Widerspruch zwischen den Erzählungen des Grafen und den Gedanken und
Empfindungen, welche sie in Renatus erzeugten, fing diesen allmählich poetisch
zu dünken an. Es reizte ihn, sich in solcher Weise geistig von seiner zufälligen
Umgebung befreien, seine Seele bis zu religiösen Empfindungen erheben zu können,
während er die nötigen Entgegnungen auf die ganz weltlichen Reden und Fragen
seines Onkels nicht schuldig blieb; und er war mitten in diesem poetischen
Selbstgenusse, als die Meldung von der Ankunft des Herrn von Castigni ihn
störte, der als ein vertrauter Freund des Hauses dem Diener auf dem Fusse folgte.
    Wichtige Nachrichten, ich bringe wichtige Nachrichten! rief er dem Grafen
zu, während dieser den Franzosen nötigte, an der kleinen Tafel Platz zu nehmen,
und der Diener ihm ein Glas hinsetzte. - Rüsten Sie Sich zum Aufbruche, mein
Herr Baron! Non più andrai far fallone amoroso! wie viel Tränen es auch kosten
mag, fügte er scherzend hinzu. Der Marschbefehl für die preussischen Truppen ist
erteilt, und Mademoiselle Davide wird sich mit uns armen Civilisten genügen
lassen müssen, bis die jungen Helden wiederkehren, um der Schönen ihre Lorbeeren
auf's Neue zu Füssen zu legen.
    Er durfte nach dieser Äusserung eine eben so leichte Entgegnung erwarten und
sah Renatus deshalb verwundert an, als derselbe mit einer gewissen
Empfindlichkeit die Bemerkung machte, dass Mademoiselle Davide ihn weder Tränen
kosten, noch Tränen um ihn weinen könne, da sie gar kein Interesse an einander
nähmen. Dann erhob der Jüngling sich von der Tafel, wozu die Nachricht von der
Marschordre ihm die erwünschte Veranlassung lieferte.
    Der Graf, welcher es sich leicht gedacht hatte, Renatus für sich zu gewinnen
und ihn zu einem Werkzeuge seiner Rache zu machen, ahnte, dass er sich darin
betrogen habe, und war der Zerstreuteit seines Neffen ohnehin müde geworden. Er
versuchte also nicht ihn zurückzuhalten. Das Gespräch bewegte sich noch eine
kurze Zeit um die Tagesnachricht; Renatus sprach die Hoffnung aus, auf dem
Marsche auch zu seinem Vater nach Richten kommen zu können, und der Graf gab ihm
dann mit scherzenden guten Lehren das Geleit.
    Als sie die Türe des Nebenzimmers erreichten, so dass Castigni ihre Worte
nicht mehr vernehmen konnte, sagte Renatus ernst und feierlich, indem er stehen
blieb: Ich habe noch etwas auf dem Herzen, ehe ich scheide. Sie haben vorhin
feindliche Gesinnungen gegen den Kaufmann Tremann ausgesprochen. Ich bitte Sie,
Onkel, geben Sie dieser Abneigung, die ich übrigens mit Ihnen teile, keine
Folge. Es dünkt mich unserer nicht würdig, uns mit diesem Manne zu beschäftigen.
Es ist nicht seine Schuld, dass er existirt, und Ehre ist für Unsereinen von
seines Gleichen nicht zu holen. Ich für meinen Teil bin fertig mit ihm und
seinem ganzen Anhange, da der Feldzug es mir möglich macht, mich ohne Aufsehen
von Bekanntschaften zurückzuziehen, in die ich niemals geraten sein würde,
hätte man sich früher die Mühe genommen, mich zur rechten Zeit über jene
Personen aufzuklären. Ich danke Ihnen, dass Sie dieses heute getan haben. Meiner
Verschwiegenheit sind Sie gewiss, und somit, Onkel, leben Sie wohl!
    Der Graf nahm die ernste Anrede leichtin auf, und Renatus eilte von dannen,
zufrieden, dass er mit dieser Fürsprache für Tremann die ersten Schritte auf dem
Wege getan hatte, von dem fortan nicht wieder zu weichen, er sich heute ein für
alle Mal gelobt hatte.
 
                              Vierzehntes Capitel
Als Renatus seine Wohnung betrat, fand er seinen Burschen bereits damit
beschäftigt, die für den Feldzug bestimmten Effecten auszusondern und zu packen.
Renatus freute sich dessen, denn er sehnte sich, fortzukommen. Wie man die
erhitzen, müden Glieder in eine frische, kühle Flut zu tauchen begehrt, so
wünschte er die Erfahrungen der letzten vierundzwanzig Stunden in frischen,
ermutigenden Erlebnissen zu vergessen, und mit wahrer Sehnsucht richteten seine
Gedanken sich in die Zukunft, in eine Zukunft, die er selber sich rein und schön
und frei zu gestalten hoffte.
    Nicht in der Todesstunde seiner Mutter, da sie ihn mit frommem Wunsche
gesegnet, nicht an dem Tage, an welchem der Freiherr von ihm bei dem Abschiede
aus dem Vaterhause das Gelöbnis gefordert hatte, dass er sich seines Namens und
Hauses würdig machen wolle, hatte Renatus sich so ernst und in sich gefestet
empfunden, als heute; aber es war die Weihe jener Momente, welche in ihm
nachwirkte und ihn sich selbst versprechen liess, was er denjenigen gelobt hatte,
die er freilich jetzt nicht mehr als seine Vorbilder zu betrachten vermochte. Er
beklagte seine Mutter, er bedauerte die Charakterschwäche seines Vaters, er
pries sich glücklich, den Caplan zum Lehrer und Führer gehabt zu haben, er
segnete die einsame, sittenstrenge Erziehung, die ihm zu Teil geworden und die
er noch wenig Stunden vorher als ein Unglück anzusehen geneigt gewesen war, und
es fiel ihm gar nicht ein, wie schnell eben im Laufe des letzten Tages seine
Empfindungen und Gedanken sich gewandelt und mit einander gewechselt hatten. Er
hielt eben noch immer jede seiner Stimmungen für die Folge einer neu gewonnenen
Erkenntnis und jede solche Erkenntnis für die einzig richtige und abschliessende;
das ist eine Eigenschaft der Jugend, welche beschränkten Geistern aber
lebenslang eigen bleibt und es ihnen möglich macht, alle ihre Irrtümer im
besten Glauben an die Unumstösslichkeit ihres Rechtes zu begehen.
    Der Freiherr hatte, im Geiste der Zeit, welcher er angehörte, sich selbst
genügen, und von dem Momente ab, in welchem er die Rechte seines Standes
angefochten sah, sich in diesen Rechten, in seinem Ansehen und in seiner äussern
Würdigkeit behaupten wollen. Das erkannte und begriff der Sohn, aber seine
Erziehung hatte ihm, wie er meinte, ein höheres, ein idealeres Ziel vor Augen
gehalten, und nie hatte ihm dies heller entgegen geleuchtet, als eben jetzt.
Nicht allein um die äussere Würdigkeit war es ihm zu tun; er wollte in seiner
Person, in seiner Handlungsweise es bestätigen, dass der Edelmann in sich den
Begriff der Ehre reiner bewahre und darstelle, als die anderen Stände, dass er
eine edlere Kaste sei, welche eben deshalb sich einer strengen
Ausschliesslichkeit befleissigen müsse. Das hatte, wie Renatus meinte, sein Vater
ausser Acht gelassen, das hatte auch seine Mutter nicht genug beherzigt, und eben
deshalb hatte auch er jetzt auf dem Punkte gestanden, in unpassenden
Verbindungen zu unangemessenen Handlungen verleitet zu werden. Ein Schreckbild
war ihm in der Gestalt des Grafen zur rechten Stunde entgegen getreten. Er
dankte seinem Schutzgeiste dafür, dass es einzulenken noch Zeit für ihn, noch
nicht zu spät war, dass er sich noch vorwurfslos aus Umgebungen befreien konnte,
in denen sein Name nicht an seinem Platze gewesen wäre, in denen seine Seele
hätte Schaden leiden können und, er wies den Ausdruck Anfangs von sich, aber er
drängte sich ihm ihm immer wieder auf, in denen er in Gefahr gewesen war, sich
zu erniedrigen.
    Wie er sich auf den stolzen Schwingen seiner guten Vorsätze über seine
Eltern erhob, so sah er von seiner neu erklommenen Höhe auf alle seine
bisherigen Verhältnisse herab, und wie fern er sich auch von der bürgerlichen
Gesellschaft fortan zu halten entschlossen war, wollte er doch nicht, dass irgend
Jemand sich über ihn zu beklagen oder ihn der Versäumnis einer
gesellschaftlichen Form zu zeihen haben sollte. An ihm, an einem Freiherrn von
Arten, sollte, so weit er es verhindern konnte, kein gerechter Vorwurf haften.
    Er hatte bis zum nächsten Mittage noch vollauf Musse, alles, was ihm oblag,
zu ordnen und abzutun. Er sendete seinen Burschen fort, einige Rechnungen zu
bezahlen, verschiedene kleine Besorgungen zu machen; dann suchte er die Bücher
zusammen, welche er im Laufe der Zeit von Seba entliehen hatte, packte sie
sorgfältig ein und setzte sich nieder, ihr zu schreiben; indes er konnte die
Form dafür nicht finden. Er wünschte sich einfach zu verabschieden, aber es kam
ein vornehmer, feierlicher Ton in seine Worte, der ihm selbst fremd und dann
auch kränkend für Seba erschien, bis er nach mehreren vergeblichen Versuchen,
ein förmliches und doch freundliches Billet zu Stande zu bringen, sich sagte,
dass er ein Unrecht begehe, wenn er sich zu einer Vertraulichkeit zwinge, die er
nicht mehr fühle, und dass es demjenigen, der sich zu einem Charakter zu erziehen
wünsche, weil er die Kraft eines solchen in sich trage, wohl anstehe, auch in
Kleinigkeiten den Mut seiner Meinung zu haben. Er las sein Schreiben mehrmals
durch, es gefiel ihm allmählich immer besser, und als er das freiherrlich von
Arten'sche Siegel mit seinem »Fortis in adversis« darauf drückte, hatte er eine
Genugtuung, als ob er eine gute Tat vollbracht oder eine schwierige Arbeit
beendet hätte.
    Er liess die Koffer zuschnallen, die Kisten vernageln, in denen alles, was
nicht zu seiner Feldausrüstung gehörte, in Berlin zurückbleiben sollte. Die
Gräfin Rhoden hatte sich erboten, ihm diese Sachen aufzuheben. Es tat ihm leid,
dass er sie, deren Wohnung sehr eng war, damit beschweren musste, und er dachte an
die grossen, weiten Räume, an die Fluren, Zimmer, Galerien und Remisen im
Flies'schen Hause, um dabei die Betrachtung anzustellen, wie gut sein Vater es
in seiner Jugend gehabt habe, als dieses Haus noch in Tante Ester's Händen
gewesen war, und um es zu beklagen, dass ein so schicklicher Besitz für seine
Familie verloren gegangen sei. Er hatte das nie vergessen können, wenn er bei
Seba gewesen war, und schon deshalb war es ihm lieb, mit den Eigentümern jenes
Hauses künftighin nicht mehr in Verkehr zu bleiben.
    Es dunkelte schon, als die bestellten Träger sich mit seinen Sachen auf den
Weg machten, und es war ziemlich spät, als der heimkehrende Diener ihm ein
Briefchen der Gräfin einhändigte, in welchem diese die Erwartung aussprach, dass
sie ihn heute noch sehen werde, da sein letzter Abend in Berlin, falls er nicht
mit jüngeren Genossen eine Verabredung getroffen habe, notwendig seinen
ältesten Freunden zugehören müsse.
    Er sah aus den wenigen Zeilen, dass Hildegard der Mutter ihren heutigen
Streit mit ihm verschwiegen hatte, denn die Gräfin würde desselben sonst in
einer oder der anderen Weise erwähnt oder unter den obwaltenden Umständen es
vielleicht vermieden haben, den Jüngling, der ihr Haus im Missmute verlassen
hatte, zur Wiederkehr aufzufordern. Renatus fand sich dadurch aber in
Verlegenheit gesetzt, und da er nun begonnen hatte, sein Tun und Handeln, wie
er es nannte, einem strengen Urteile zu unterwerfen, dünkte ihn sein ganzes
Verhalten gegen seine mütterliche Freundin, gegen die Gräfin Rhoden, die ihm
zutrauensvoll den freiesten Verkehr mit ihren Töchtern gestattet hatte, noch
weniger tadellos, als sein Betragen gegen Hildegard.
    Beiden war er eine Erklärung schuldig, aber um sie zu machen, bedurfte er
einer genauen Prüfung seines Herzens, und er war nicht ruhig genug, eine solche
anzustellen. Die Fragen seines Dieners, die mancherlei Anordnungen, welche er zu
treffen hatte, unterbrachen und zerstreuten ihn, wenn er sich zu sammeln
strebte, nur dass er vor sehr ernsten Entscheidungen stehe, fühlte er deutlich
und immerfort.
    Es war kein Tanz, zu dem er morgen auszog! Seit die Geschichte die Taten
der Menschen aufgezeichnet hatte, war kein so gewaltiger Heereszug unternommen
worden. Die ungeheuren Vorbereitungen, welche Napoleon getroffen hatte, liessen
auf die Schwierigkeiten und auf den furchtbaren Widerstand schliessen, den er
selbst erwartete. Glänzende Erfolge waren für den Teilnehmer an diesem Kriege
eben so möglich als das grösste Unheil und Elend. Renatus konnte ruhmgekrönt, er
konnte siech und verstümmelt wiederkehren: der Abschied, den er heute von dem
Mädchen nahm, das er seit einiger Zeit als seine Geliebte und künftige Gattin im
Herzen getragen hatte, konnte ein ewiger sein. Aber eben das machte ihn nur
bedenklicher, Versprechungen zu leisten oder zu begehren, und dazwischen
wunderte er sich, dass die Aussicht, von Hildegard zu scheiden, ihn nicht mehr
erschüttere, dass er weit weniger an sie, als an die bevorstehenden wechselnden
Ereignisse und Abenteuer seines Kriegerlebens denke, dass ihn die Hoffnung,
Vittoria wahrscheinlich wiederzusehen, weit lebhafter beschäftigte, als die
Notwendigkeit, sich von Hildegard zu trennen.
    Er nahm ein Etui heraus, in welchem sich eine Silhouette von ihm befand, die
er, in Erwartung des Feldzuges, für die Gräfin Rhoden zum Andenken hatte machen
lassen. Später, als er seine Wünsche auf Hildegard gerichtet, hatte er dieser
das kleine Bildnis bestimmt, und jetzt war er unsicher, ob er es überhaupt einer
der Frauen anbieten dürfe und solle. Von jener Leidenschaft, welche die Dichter
besingen, von jener überwältigenden Liebe, deren Feuer die Jugend so durchglüht
und umleuchtet, dass ein ganzes Leben davon bis in seine fernsten Tage erwärmt
und verschönt wird, fühlte er nichts in sich. Von dem unwiderstehlichen Zuge,
von dem naturgewaltigen Müssen, die zwei Menschen zwingen, sich einander zu
eigen zu geben, empfand er keine Spur. Er liebte Hildegard also nicht
eigentlich, er hatte sich über seine Empfindung für sie getäuscht, hatte die
Freundschaft, das Wohlgefallen, mit denen er an ihr hing, für ein wärmeres
Gefühl gehalten, und wie peinlich diese Erkenntnis und die aus ihr folgenden
Schritte für ihn in diesem Augenblicke auch sein mochten, durfte er es doch
immer als ein Glück bezeichnen, dass er seines falschen Wahnes rechtzeitig inne
geworden und vor dem Loose bewahrt worden war, sich im Herzensirrtume
unwiderruflich an ein Mädchen zu binden, dem er keine wahre Liebe
entgegenbrachte und mit dem er also eben so wenig glücklich werden, als er es
mit seiner unvollständigen Liebe glücklich machen konnte. Er hatte Erinnerung
genug an seine Kindheit, um eine unglückliche Ehe sehr zu fürchten, aber eben so
schreckte er vor der Notwendigkeit zurück, Hildegard seinen Selbstbetrug
einzugestehen und von ihr wie von ihrer Mutter seine Vergebung zu fordern.
    Alle seine Geschäfte waren abgetan, er stand allein in dem jetzt leer
aussehenden Zimmer und blickte zerstreut auf die Strasse hinaus. Von Minute zu
Minute verschob er es, sich zu entschliessen. Es war dunkel, der Wind hatte sich
gelegt, Renatus fand keinen festen Anhaltspunkt für seine Vorstellungen.
    Wie manchen Marsch in dunkler Nacht, wie manchen dunkeln Weg werde ich zu
gehen haben, und wer weiss, auf welcher dunkeln Strasse mir mein Todesloos
geworfen wird! sagte er mit einem Male zu sich selbst, und es ergriff ihn, dass
ihm eben eine solche Idee gekommen war. Sollte das eine Ahnung sein?
    Er wurde immer trauriger. Er konnte es sich nicht verhehlen, seiner
Kindheit, seinem ganzen Dasein hatte der rechte, heitere Glanz gefehlt, und wie
er in dem Lebensherbste seines Vaters geboren worden, war jetzt auch der Stern
seines Hauses über die Mittagshöhe hinaus und nicht mehr im Steigen. Von früh
auf hatte man ihn auf den Wahlspruch seines Wappens, auf das »Fortis in adversis
« verwiesen, das er noch vorhin mit so viel Selbstbefriedigung betrachtet. Er
hatte die Worte auch oft im Munde geführt, aber er hatte dabei immer an grosse,
plötzliche Unglücksfälle gedacht, denen gegenüber man sich mit entschlossener
Tat schnell und mutig zu bewähren hätte. Die Widerwärtigkeiten, die inneren
Hindernisse und Zweifel, mit denen zu kämpfen ihm beschieden war, hatte er
damals noch nicht gekannt, und Ehre und Ruhm, wie sie ihm begeisternd vor der
Seele schwebten - wo sollte er sie erringen? In dem Kriege, zu welchem das Volk,
das Heer des grossen Friedrich jetzt unter dem Adler seines Unterdrückers auszog,
waren sie für einen preussischen Edelmann nicht zu suchen und zu finden.
    Er hielt inne, als er in seinen Gedanken auf diesen Punkt gekommen war; denn
das, eben das, hatte ja Tremann gestern ausgesprochen. Es war nicht anders,
Tremann hatte Recht gehabt, und mit allen seinen Vorsätzen und Entschlüssen kam
Renatus nicht über die Schranke hinaus, in welche er durch seine Verhältnisse
gebannt war: die Gesetze der Standesehre zwangen ihn, wider seine Neigung, ja,
gegen seine Ueberzeugung zu handeln.
    Wohin er sich auch wendete, nirgends hatte er einen klaren, freien Ausblick,
nirgends sah er einen leichten Weg für sich offen, und doch war er durch seine
Geburt auf die Höhen des Lebens gestellt und über die grosse Menge hinausgehoben!
- Er wusste sich nicht zu helfen in seiner stolzen Verzagteit, und weil ihm
Alles nur schwerer und trüber erschien, je länger er darüber nachsann, fasste er
sich endlich gewaltsam zusammen, um das Nötigste abzutun und sich wenigstens
nach der einen Seite Luft und Freiheit zu verschaffen.
    Renatus hatte von seinem Hause bis zu der Wohnung der Gräfin ziemlich weit
zu gehen und also hinlängliche Musse, sich zu überlegen und zu wiederholen, wie
er sein Verhalten zu erklären und zu rechtfertigen versuchen solle. Weil er die
regelmässigen Gewohnheiten seiner Freunde kannte, fiel es ihm leicht, sich die
Lage, in welcher er sie antreffen werde, vorzustellen, sich den Gang auszumalen,
den das Gespräch wohl nehmen würde, und sich danach die Form zurechtzulegen, in
welcher er von der Unterhaltung über seine äusseren Angelegenheiten auf seine
Empfindungen und innerlichen Erlebnisse überleiten könne, und er hatte eine
gewisse Fassung und Haltung gewonnen, noch ehe er vor der Türe der Gräfin
anlangte.
    Er sah zu ihren Fenstern hinauf, das Licht schimmerte durch die Vorhänge,
die beiden grossen Myrtenstöcke warfen ihren Schatten gegen dieselben. Die Gräfin
hatte diese beiden Myrten bei der Geburt ihrer Töchter, nach der Sitte ihres
Hauses, selbst gepflanzt; es waren unter ihrer sorglichen Hand zwei schöne
Stöcke geworden, sie sollten einst die Kränze für ihre Töchter liefern. Renatus
hatte vor Hildegard's Myrte manch lieblichen Traum geträumt; jetzt fiel ihm bei
dem Anblicke das Non più andrai far fallone amoroso! ein, das Herr von Castigni
ihm vor wenig Stunden zugerufen hatte. Die Zeit der Liebeständelei, die Zeit der
Jugend waren für ihn vorüber!
    Oben angelangt, dünkte es ihn, als müsse er lange warten, bis das Mädchen
ihn angemeldet hatte und ihm die Türe zum Eintritte öffnete. Es war in den
Zimmern Alles wie sonst. Die Gräfin sass ruhig wie immer auf ihrem gewohnten
Platze, Cäcilie am unteren, Hildegard am oberen Ende des Tisches. Er hätte sich
nicht gewundert, hätte er sich selber zwischen den beiden Schwestern an der
freien Seite, der Gräfin gegenüber, sitzen sehen. Das sollte nun ein Ende haben.
    Das Herz wurde ihm schwer und fing ihm stark zu klopfen an, als er den
Frauen den guten Abend bot, denn ihre Traurigkeit war unverkennbar. Er sagte
sich, dass er Mut für sie alle werde haben müssen und dass es nötig sei, sich
nicht erweichen zu lassen. Mit festem Schritte und noch festeren Vorsätzen ging
er zu der Gräfin, ihr, wie immer, die Hand zu küssen, dann reichte er Cäcilien
die Hand und wollte sich eben der älteren Schwester in gleicher Absicht nähern,
als diese sich schnell erhob, ihm beide Hände entgegenreichte und mit warmer
Empfindung die Worte hervorstiess: Vergib mir - ach, vergib mir!
    Dass Hildegard ihn in Gegenwart der Mutter, ohne all sein Zutun, um
Vergebung bitten könne, darauf allein hatte er nicht gerechnet. Es erschreckte
ihn also, wie es ihn rührte, und weil es ihn unvorbereitet traf, wusste er nicht
gleich das rechte, mit seinen Absichten vereinbare Wort zu finden.
    Liebe Hildegard, sagte er; aber sein zögernder Ton bestärkte sie in dem
Glauben, dass er ihr noch zürne, und ihres Schmerzes bei dem Gedanken an die
bevorstehende Trennung nicht länger Meister, hingerissen von ihrer Liebe, warf
sie sich mit erhobenen Armen um seinen Hals und klagte: Ich sterbe, Renatus,
wenn Du im Zorne von mir gehst!
    Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, er fühlte das Schlagen ihres Herzens an
dem seinigen, er hielt sie umfangen, er erwiederte ihre Küsse, er knieete mit
ihr zu den Füssen ihrer Mutter, die sie unter Tränen segnete.
    Er hatte das so oft geträumt, dass es ihm auch jetzt war, als träumte er es
wieder; nur dass er im Schlafe sehr natürlich gefunden hatte, was ihm jetzt fast
unglaublich däuchte, und dass statt der unklaren Furcht vor dem Erwachen, die ihn
sonst in seinem Glücke gestört hatte, jetzt wie ein kühler, unheimlicher
Schatten das Bewusstsein über ihm lag, dass kein Erwachen das Geschehene
ungeschehen machen werde. Seine Gefühle und Gedanken trieben in einem solchen
Wirbel durcheinander, dass er keinen von ihnen festzuhalten wusste und allmählich
von ihnen fortgerissen wurde. Hildegard's überwältigende, alle mädchenhafte
Scheu besiegende Liebe schmeichelte seiner Eitelkeit, ihre Zärtlichkeit
entflammte, aufgeregt, wie er es ohnehin war, seine Sinne. Er hielt sich
berechtigt, seine Braut - denn das war Hildegard ihm jetzt - im Beisein ihrer
Mutter fester und inniger zu umarmen, als je zuvor, und die Phantasie des
Mädchens war der seinigen seit langer Zeit vorausgeeilt, denn Mädchen reifen
immer schneller als der Jüngling. In dem Bestreben, ihrer Mutter zu erklären,
dass sie nicht anders habe handeln können und dass sie ihrem Herzen habe folgen
müssen, erzählte Hildegard mit frohem, liebevollem Rückerinnern, wie Alles sich
in den letzten Monaten zwischen ihr und dem Geliebten begeben habe, und Renatus'
eigenes Herz wurde davon erweicht und entflammt. Er fragte sich, wie er das
alles habe vergessen können, er sagte sich daneben, dass ein Edelmann, der mit
einer Dame seines Standes so weit gegangen sei, sich auch ohne eine bestimmte
Erklärung an sie gebunden habe, und es fiel ihm nicht ein, dass er mit diesem
blossen Gedanken seine Verlobung als eine nicht frei gewollte Tat anerkannte,
dass er es stillschweigend beklagte, seine Freiheit verloren zu haben. Er hatte
auch zu solchen Ueberlegungen die äussere Ruhe nicht.
    Die Gräfin sprach es ihm mit ihrer sanften Würde offen aus, dass seine Liebe
für Hildegard ihr kein Geheimnis gewesen sei und ihr den liebsten Wunsch ihres
Herzens erfülle, dass sie aber fürchte, der Freiherr werde anderer Ansicht sein
und eine mittellose Schwiegertochter nicht willkommen heissen. Sie klagte sich
an, in ihrer Rührung voreilig ein Bündnis gesegnet zu haben, für welches Renatus
die Zustimmung seines Vaters noch fehle; sie hielt ihm seine Jugend, die
Gefahren des bevorstehenden Krieges vor, sie ersparte ihm keines der Bedenken,
die er sich selbst entgegengehalten hatte - und ohne dass sie es wollte oder auch
an eine solche Möglichkeit dachte, half sie ihm damit, sich in seiner neuen Lage
festzusetzen.
    Die Notwendigkeit, die Gräfin zu überreden, zwang ihn, nach Gründen zu
suchen, welche sie widerlegen konnten und welche also auch seine früher gehegten
Besorgnisse widerlegten. Der Hinweis auf seine Jugend, auf seine Abhängigkeit
von seinem Vater regte sein männliches Selbstgefühl auf, und da er wenig gewohnt
war, auf Widerstand zu stossen, trieb ein solcher ihn nur an, es darzutun, wie
er ihn zu besiegen wisse. Die berechnetste Absichtlichkeit hätte für Hildegard's
Wünsche und gegen die früher gefassten Vorsätze des jungen Freiherrn nicht
wirksamer eintreten können, als die edle Gewissenhaftigkeit der Gräfin.
    Kein Mann mag vor den Augen eines Weibes, das ihm nur irgend eine Art von
Teilnahme eingeflösst hat, als ein Abhängiger, ein Unfreier erscheinen, am
wenigsten konnte Renatus dies ertragen. Er sagte, dass er die Hoffnung hege, von
seinem Vater die Wahl gebilligt zu sehen, welche sein Herz getroffen habe, aber
er beteuerte zugleich, dass er Mannes genug sei, auch wider seines Vaters Willen
sein Recht auf freie Selbstbestimmung zu behaupten. Hildegard's strahlendes
Antlitz, ihr fester Händedruck, die Bewunderung, mit welcher die liebliche
Cäcilie auf den Geliebten ihrer Schwester blickte, der sanfte Beifall, den er in
der Mutter Augen las, steigerten seine Selbstgewissheit wie sein Feuer. Er
versicherte, dass er nicht von dieser Stelle scheiden werde, ohne die feste
Zusage von Hildegard's Hand erhalten zu haben. Er ging so weit, ihr und der
Mutter zu bekennen, wie er sich alle jene Einwendungen selbst gemacht habe, wie
er Willens gewesen sei zu schweigen, und ohne das beseligende Bewusstsein, dass
die Geliebte für ihn bete und ihm mit ihrem Geiste nahe sei, in den Kampf zu
ziehen, und wie unmöglich er das gefunden habe, als er Hildegard ins Auge
geschaut, als ihr süsser Mund von ihm Vergebung gefordert habe, wo er, er ganz
allein der Schuldige, ihrer Verzeihung bedürftig gewesen sei.
    Er lag dabei vor ihr auf den Knieen, er hatte sich von Allem überredet, was
er sagte, Hildegard's Hände hoben sein blondes Haupt empor, er blickte trunken
und beseligt in ihr Antlitz. Es war ihm völlig entschwunden, dass er sie am
Morgen unschön gefunden hatte. Er nannte sie seinen Engel, seine schöne, blonde
Heilige, und sie sah auch schön aus in ihrem Glücke. Wie hätte die Mutter ihren
Kindern diese erste Seligkeit des Zueinandergehörens trüben oder stören mögen,
wie hätte sie nicht mit ihren Kindern hoffen sollen, dass Alles sich zum Guten
wenden werde!
    Es war weit über die gewohnte Stunde, als sie den Jüngling daran erinnerte,
dass es Zeit zum Aufbruch sei, dass er Hildegard verlassen müsse.
    Auf morgen! sagte er, als er die Braut umarmte.
    Aber dann, aber dann! rief sie in Vorahnung der langen, schweren Trennung,
die ihnen drohte. Auch ihm krampfte es das Herz zusammen. Er küsste sie wieder
und wieder, er trank die Tränen von ihren Augen, und jetzt dachte er wieder an
die für Hildegard bestimmte Silhouette. Die Zweifel, die ganze Stimmung, mit
welcher er das Portrait am Abende in Händen gehalten und betrachtet hatte, waren
wie aus seiner Erinnerung weggelöscht. Der glückliche Augenblick verscheuchte
und verhüllte, wie ein mächtiger Zauber, alles, was seiner Herrschaft in der
Vergangenheit und in der Zukunft im Wege stand.
    Hildegard drückte das Bild an ihre Lippen, dann rief sie, dass man ihr
folgen, dass man ihr leuchten solle, und schnellen Schrittes eilte sie den Andern
voran in ihr Schlafgemach.
    Renatus hatte den stillen Raum nie zuvor betreten. Ueber dem keuschen,
weissen Lager der Geliebten hing das Kruzifix und das Weihwasserbecken, ein
kleines Bild, das die Gräfin als Braut darstellte, hing darunter. Hildegard nahm
es von der Wand und befestigte die Silhouette an der Stelle.
    Ihm musst Du weichen, Mutter, das ist jetzt sein Platz! rief sie, indem sie
die Gräfin umarmte, und sich zu Renatus wendend, sagte sie mit einer Erhebung,
die ihr sehr wohl anstand: Denke hierher, Geliebter! Hier wird meine Seele für
Dich beten, hier werde ich auf meinen Knieen liegen früh und spät und Gottes
Schutz und Segen herniederflehen auf Dein geliebtes Haupt, und hier - ihre
Stimme ging in Tränen unter - wird mein letzter Seufzer Dir gehören, wenn Gott
es anders über Dich und mich beschlossen hat!
    Die Verlobten sanken sich tief erschüttert in die Arme, die Gräfin und
Cäcilie waren nicht weniger gerührt, sie umarmten den Jüngling gleichfalls, und
die schlanke Cäcilie konnte sich in ihren Tränen kaum von seinem Halse trennen.
Er musste sie endlich mit sanfter Gewalt von sich entfernen, sie war des
Schmerzes noch ganz ungewohnt.
    Als ein verwandelter Mensch kehrte Renatus in seine Wohnung zurück. Wie
verdiene ich dieses Glück, wie verdiene ich ihre Liebe? fragte er sich - ich,
der ich mich so schwer gegen dieses reine, seltene Herz versündigt habe?
    Hildegard's Frömmigkeit wirkte in ihm nach. Er betete ernster, inbrünstiger,
als seit langer Zeit, und mit voller Ueberzeugung wiederholte er sich alle die
Gelöbnisse, die er sich getan hatte, und fügte den Schwur hinzu, dass
Hildegard's Glück ihm heilig wie seine Ehre, und seine Ehe mit ihr ein
Musterbild adeliger Würdigkeit und Sitte werden solle.
 
                              Fünfzehntes Capitel
Es waren ein paar schmerzlich schöne Stunden, die Renatus am Morgen noch mit
seiner Braut verlebte. Die Aufregung des vorigen Abends hatte einer milden,
weichen Stimmung Platz gemacht. Hand in Hand bei einander sitzend, besprachen
die Liebenden in dem Beisein der Gräfin ihre Plane und Aussichten für die
nächste Zeit und für die Zukunft, und man suchte es darüber wenigstens für
diesen Augenblick zu vergessen, dass Renatus scheiden musste und welchen Gefahren
er entgegenging. Er gab der Braut Anweisungen darüber, wie sie ihm ihre Briefe
durch Vermittlung der Behörden zuzusenden habe, verhiess ihr, zu schreiben, so
oft sich ihm die Gelegenheit dazu bieten würde, und als der Zeiger der Uhr sich
der Trennungsstunde nahte, als man noch eilig alles zu sagen, zu fragen, zu
hören und zu besprechen strebte, was man für einander auf dem Herzen hatte, als
Jedem immer noch etwas einfiel, was er vergessen zu haben meinte, und Allen der
Trennungsschmerz schon die Brust belastete, dass die Stimmen weich wurden und die
Augen sich mit feuchtem Schimmer füllten, sagte Renatus, dass er noch eine Bitte
an die Gräfin habe, mit deren Gewährung sie ihm eine Beruhigung bereiten könne.
Er wünsche, dass Hildegard das Flies'sche Haus nicht mehr besuche und dass ihr
Verkehr mit Davide ein Ende haben möge.
    Man hatte auf jedes andere Verlangen eher als auf diese Forderung gerechnet,
und weil sie gar so auffällig erschien, begehrte die Gräfin, dass er erklären
solle, worauf sie sich begründe. Er antwortete, es sei ihm nicht möglich, dies
auseinander zu setzen, am wenigsten könne er das in den wenigen Minuten tun,
die zu weilen ihm noch vergönnt sei; man möge aber zu seinem Herzen und zu
seinem Ehrgefühle das Zutrauen haben, dass er eine solche Warnung gegen eine
Familie und gegen Personen, deren Gastfreundschaft er selbst angenommen und die
seine Mutter ihrer Teilnahme wert geachtet habe, nicht auszusprechen wagen
würde, wenn ihn nicht die entschiedensten Gründe dazu nötigten.
    Die Gräfin war sehr geneigt, ihm in allen seinen Wünschen zu willfahren,
denn sie hatte ihn von jeher lieb gehabt und hatte Vertrauen in seine
Rechtschaffenheit; dennoch machte sie Einwendungen, die auf ihrer persönlichen
Kenntnis und ihrem persönlichen Wissen von Seba beruhten. Allein sie machte
damit weder auf Renatus, noch auf ihre Tochter den gehofften Eindruck. Der
Jüngling beschied sich zwar, auf die Entschliessungen der Gräfin keinen Einfluss
zu üben, aber von seiner Braut meinte er Nachgiebigkeit und Gehorsam gegen seine
Ansichten fordern zu dürfen, und Hildegard war mit der unheilvollen
Ausschliesslichkeit der Liebe augenblicklich bereit, ihm zu gehorchen.
    Du und ich, ich und Du, rief sie, das ist fortan unsere Welt! Was kümmern
uns die Andern! Kehrst Du mir wieder, so brauche ich Niemanden sonst, und ohne
Dich - werde ich überhaupt nichts mehr bedürfen!
    Die Äusserung erschreckte und verletzte die Gräfin. Sie erinnerte die
Tochter daran, dass Renatus mit solcher Ausschliesslichkeit schwerlich
einverstanden sein werde, da er grosse Zärtlichkeit für seinen Vater, für
Vittoria und für seinen kleinen Bruder hege; aber Hildegard's Seele hatte immer
nur für eine Empfindung, ihr Geist immer nur für einen Gedanken Raum, und sie
hatte in jenen Worten, mit denen sie ihre Liebe auszudrücken wünschte, ihren
Zustand völlig richtig bezeichnet. Sie zog daher von jener Mahnung auch keinen
Schluss auf die berechtigten Ansprüche der Mutterliebe, sie schien eben so
vergessen zu haben, dass sie bisher in ihrer Verehrung vor Seba, in ihrer
Zuneigung und in ihrem Umgange mit Davide eine Genugtuung gefunden hatte.
Renatus aber war zu jung und viel zu unerfahren, um nicht durch den Gehorsam
seiner Verlobten sehr befriedigt zu werden, um in ihrer hingebenden
Willfährigkeit neben ihrer Liebe auch die ganze, rücksichtslose Härte einer
beschränkten und engherzigen Natur vorahnend zu erkennen und zu schauen, und als
sie, überwältigt von ihrem Schmerze, im Augenblicke der Trennung, als könne sie
sich nicht genug tun mit ihrem Leiden und mit ihren Tränen, eine ihrer langen,
blonden Locken abschnitt, damit er sie zu ihrem Gedenken auf dem Herzen trage,
presste er die Geliebte noch einmal mit stolzer, seliger Freude an seine Brust
und verliess sie und das Haus ihrer Mutter und die Stadt, in dem Gefühle, dass so
viel Liebe von Gott gesegnet und unvergänglich, ewig sein müsse.
    Er hatte zu lange bei der Braut verweilt, um seinen Onkel, den Grafen
Gerhard, noch aufzusuchen, er fühlte sich auch nicht dazu geneigt; denn er hatte
nur einen einzigen Gedanken, und diesen zu verschweigen wäre ihm eben so schwer
geworden, als ihn vor seinem Oheim auszusprechen. Er hätte eben so gern die
geweihte Hostie, den heiligen Leib des Herrn von unreinen Händen berührt
gesehen. Dazu hatte die Gräfin verlangt, dass Hildegard und Renatus ihre Liebe
geheim halten sollten, bis sie sich der Einwilligung des Freiherrn sicher
wüssten, und des Jünglings reine Seele fand einen keuschen Genuss in seinem
stillen, innerlichen Liebesglücke.
    Als er mit seinem Regimente an dem Flies'schen Hause vorüberkam, blickte er
aus Gewohnheit hinauf, aber es war Niemand von der Familie an den Fenstern
sichtbar; nur Herr von Castigni winkte ihm seinen Gruss zu.
    Mein Billet ist verstanden worden, sagte sich Renatus mit Zufriedenheit;
gleich darauf kam es ihm jedoch in das Gedächtnis, dass Seba neulich
ausgesprochen, sie denke es nicht mit anzusehen, wie die Kinder des Vaterlandes
von einem fremden Tyrannen für eine ungerechte Sache an das Messer geliefert
würden. Er hätte das gern vergessen mögen, aber es fiel ihm immer wieder ein;
noch vor dem Hause, in welchem sein Oheim wohnte, dachte er daran.
    Es war lebhaft in der Strasse, obschon Truppenmärsche seit Jahren eine
alltägliche Sache geworden waren. Freunde und Verwandte der Ausmarschirenden,
Müssige und Neugierige standen zu beiden Seiten des Weges, den das Regiment zu
machen hatte. Die Kriegsrätin, die noch immer ihre Freude an schönen Uniformen
und an schönen Männern hatte, sass seit dem frühen Morgen, wohl frisirt und
sorgfältig geschminkt, am Fenster. Sie hatte, um sich in dem vorderen Eckzimmer
aufhalten zu können, den Grafen gefragt, ob sie nicht aufpassen und ihn
benachrichtigen solle, wenn das Regiment des jungen Herrn Baron vorüberkomme;
und obschon es noch früh im Jahre und nicht eben warm war, öffnete sie die
Fensterflügel und legte sich weit hinaus, als das Schmettern der Trompeten sich
vernehmen liess und die stolzen Reihen der Garde-Dragoner sichtbar wurden.
    Auf den Ruf seiner Haushälterin trat Graf Gerhard gleichfalls an das
Fenster, aber es hätte ihres Rufes nicht bedurft. Er kannte sie, diese
Trompeten, er kannte ihren Klang und dieses Regiment. Sein Grossvater hatte es in
der Schlacht von Hohenfriedberg geführt, in der es zur Entscheidung des Sieges
beigetragen, sein Vater hatte darin gedient und auch der Graf selber hatte
zuerst bei demselben gestanden. Es lebten ihm zahlreiche Kameraden und Genossen
froher Stunden in seinen Reihen.
    Die Kriegsrätin kannte auch von früher her verschiedene der Herren
Offiziere, und winkte, wie man das in gar vielen Häusern tat, den Scheidenden
ihre Abschiedsgrüsse zu; indes man musste es nicht gewahren oder es nicht beachten
wollen. Die Blicke, welche das Fenster streiften, an welchem jene Beiden
standen, glitten schnell über sie hinweg, ihr Gruss ward nicht erwiedert.
    Ob Graf Gerhard das bemerkte? Die Kriegsrätin hätte das nicht sagen können.
Er stand hoch aufgerichtet da, die Arme über die Brust gekreuzt, wie es durch
Napoleon's Gewohnheit zur Mode geworden war, und sah anscheinend gleichmütig
auf die Vorüberziehenden hinab. Aber mit ihnen zog die ganze, würdige
Vergangenheit seiner Väter an ihm vorüber, seine Stirn verdüsterte sich, es
zuckte ein paar Mal unheimlich in seinen Mienen und um seine Lippen; indes er
sprach kein Wort, und Escadron nach Escadron ritten sie vorbei, und immer noch
drangen die bekannten Klänge wie vorwurfsvolle Fragen an sein Ohr.
    Der Hohenfriedberger Marsch! sagte er endlich unwillkürlich und das Blut
wich aus seinen Wangen; es fasste kalt nach seinem Herzen. So elend hatte er sich
nie gefühlt, auch nicht in jener Stunde, als er gedemütigt vor den Augen seiner
Mutter zusammengebrochen war. Sein Gewissen war wider ihn aufgestanden. Er sah
sich in dem Spiegelbilde, welches sein innerstes Bewusstsein ihm ohne Erbarmen
vorhielt, er schämte sich vor sich selbst. In bitterem Grimme trat er in das
Zimmer zurück.
    Der junge Herr Baron! rief die Kriegsrätin und nötigte den Grafen damit,
wieder an das Fenster zu kommen. Renatus neigte zum Zeichen des Abschiedsgrusses
seinen Säbel vor dem Onkel, und noch einmal sagte sich dieser: Und dazu blasen
sie den Marsch von Hohenfriedberg! Unwillkürlich fragte er sich, was seine
Schwester Angelika empfinden würde, sähe sie den Sohn beim Klange dieser Musik
unter französischer Aegide in das Feld ziehen; aber der heitere Blick, der
lächelnde Mund und die vollendete Anmut, mit denen er des Neffen Gruss
erwiederte, liessen nicht erraten, was eben erst in der Seele des Grafen
vorgegangen war, und sich von seinem Gewissen mehr als einen Augenblick
beunruhigen oder sich mehr als flüchtig von seiner Erinnerung rühren zu lassen,
war er nicht gewohnt! Im Gegenteil: der Zorn, den er gegen sich selbst gefühlt
hatte, wendete sich gegen diejenige, welche er sich gewöhnt hatte, als die
Ursache und Urheberin seines Abfalls von sich selbst wie von der Sache seines
Vaterlandes zu betrachten, und der Anblick von Renatus erinnerte ihn nur daran,
dass dieser sich seinen Absichten und Planen nicht geliehen hatte.
    Ein hübscher junger Herr, sagte die Kriegsrätin, ein ganz Berka'sches
Gesicht! Man könnte ihn für den Sohn des Herrn Grafen halten, nur dass der Herr
Graf viel männlicher und schon viel gebietender aussahen, als Sie des Herrn
Lieutenants Jahre hatten. Dem Herrn Vater sieht er gar nicht ähnlich.
    Der Graf liess die ihm schmeichelnde Bemerkung der Kriegsrätin unerwiedert
fallen und sagte: Dafür sieht Ihr ehemaliger Pflegesohn ihm um so ähnlicher!
    Nun war die Reihe des Nichtbeachtens an der Kriegsrätin. Sie wusste nicht,
wo der Graf mit der Bemerkung, die er nicht zufällig gemacht haben konnte,
hinauswollte, und da sie sich als Schmeichlerin der Männer von jeher eine
scharfe Beobachtungsgabe angeeignet hatte, sah sie, dass Graf Gerhard sich in
einer Laune befinde, in der sie ihn zu schonen habe.
    Auch schien er keine Antwort zu erwarten, denn er ging, sobald Renatus aus
dem Bereiche des Fensters war, nach dem Nebenzimmer, und erst unter der Türe
desselben sagte er: Sie waren ja, wie ich meine, gestern oder vorgestern bei
Ihrem Manne; was hat er denn beständig für Tremann zu copiren? Haben Sie's
vielleicht gesehen?
    Die Kriegsrätin bejahte es, aber sie meinte, sie hätte sich aus den
Papieren nicht vollständig vernehmen können. Es wären Auszüge aus Reisebüchern,
Handelsberichte aus Zeitungen, die ihr Mann zu machen habe.
    Briefe und Actenstücke oder dergleichen copirt er nicht? fragte der Graf.
    Sie antwortete, dass sie sich nicht erinnere, Derartiges gesehen zu haben;
übrigens werde Paul Berlin bald für längere Zeit verlassen.
    Der Graf warf die Bemerkung hin, er wisse durch Herrn von Castigni, dass
Tremann noch an diesem Abende reisen werde. Das bezweifelte die Kriegsrätin
nach den Aussagen ihres Mannes, der seine Arbeit erst an einem der folgenden
Tage abzuliefern habe. Der Graf entgegnete darauf nichts. Er blieb jedoch noch
in dem Zimmer, sah, wie die Menge sich in den Strassen allmählich verlief, nun
das militärische Schauspiel vorüber war, und erkundigte sich nach verschiedenen
Kleinigkeiten, die er seiner Haushälterin zur Besorgung aufgetragen hatte.
Dazwischen warf er ganz beiläufig die Frage hin, ob Tremann nie bei ihr gewesen,
seit er wiedergekommen sei.
    Sie zuckte mit den Schultern. Um sich, wie Sie, Herr Graf, seiner Bekannten
in ihrem Unglücke anzunehmen, muss man grossmütiger sein, als Paul es bei Seba
und bei ihrem Vater lernen kann. Ich vermag mich nicht so wie mein Mann zu
demütigen, und Paul sowohl als Seba haben es ganz und gar vergessen, wie
glücklich diese gewesen ist, als ich ihr zuerst erlaubte, zu mir zu kommen, und
wie ich mich ihrer angenommen habe, um sie nur erst für den Verkehr mit
gebildeten Männern und guter Gesellschaft zuzustutzen. Seit man den Juden so
viel Freiheiten gewährt, sind sie hochmütig und noch schlechter geworden, als
sie stets gewesen sind. Erst gestern früh, als ich von meinem Manne kam, ist
Seba in einem prachtvollen, echten Shawl, wie keine Königin ihn schöner haben
kann, an mir in ihrer neuen Equipage mit einem Stolze vorübergefahren, mit einem
Stolze .... Sie unterbrach sich, da sie ihrer Redseligkeit sonst in ihres Herrn
Gegenwart nicht die Zügel schiessen lassen durfte, indes ihre Empörung war so
gross, dass sie sich nicht entalten konnte, den Nachsatz hinzuzufügen: Aber ich
werde es ihr gedenken! Hochmut kommt vor dem Falle, und es wird mit Seba und
mit Paul wahr und wahrhaftig auch noch einmal ein schlechtes Ende nehmen!
    Wohl möglich, meinte gleichmütig der Graf, der sie wider seine Gewohnheit
nach Belieben hatte sprechen lassen. Wenn Sie übrigens zufällig erfahren, ob
Tremann heute oder erst in einigen Tagen abreist, so sagen Sie es mir. Die Sache
kümmert mich freilich nicht, ich möchte jedoch um Herrn von Castigni's willen
wissen, ob man ihn in dem Hause geflissentlich hintergeht, wozu man denn doch
Gründe haben müsste, die für jenen bedenklich sein könnten.
    Sie sagte, dies zu erfahren, werde ihr ein Leichtes sein, und obschon der
Graf ihr wiederholte, dass es damit keine Eile habe, hatte er sich kaum entfernt,
als die Kriegsrätin schnell ihre nötigsten Geschäfte besorgte und sich zum
Ausgehen ankleidete. Wesshalb dem Grafen so viel daran gelegen war, den Reisetag
des jungen Kaufmannes genau zu wissen, das konnte sie sich nicht erklären. Nur,
dass es auf keinen Liebesdienst für Seba oder ihren Vater damit abgesehen sei,
davon durfte sie sich überzeugt halten, und das genügte ihr. Was kümmerte es sie
im Grunde auch, ob der Kriegsrat von jenen und von Paul unterstützt wurde oder
nicht! Sie hatte für sich zu sorgen, sich dem Grafen gefällig zu beweisen.
Mochte der Kriegsrat sehen, wie er fertig wurde.
    Jeder für sich und Gott für uns Alle! sagte sie, als sie ihren Weg antrat,
und sie hatte dabei das Bewusstsein, dass sie weltklug und erfahren sei, das Leben
mutig nähme, wie es sich ihr biete, und sich mit Ergebung in das Unerwartete
und Notwendige zu schicken wisse.
 
                              Sechszehntes Capitel
An demselben Tage, an welchem die preussischen Truppen ihren Marsch nach Russland
angetreten hatten, versammelte sich in den prächtigen Sälen eines der
preussischen Armee-Lieferanten, der in den letzten Jahren ein grosses Vermögen
erworben hatte und ein glänzendes Haus machte, eine zahlreiche Gesellschaft zu
einem Balle. Die Gesellschaft war sowohl den Nationalitäten als den
Berufsklassen und Ständen nach eine sehr vielfarbige, und es befanden sich in
ihr Personen genug, welche den Augenblick nicht für günstig gewählt zu einem
Feste hielten. Aber man durfte sich, wenn man nicht Verdacht oder Verfolgung auf
sich laden wollte, der Geselligkeit, in welcher das französische Militär und die
kaiserlichen Civilbeamten eine grosse Rolle spielten, nicht entziehen, und schon
am Mittage hatte Herr von Castigni sich danach erkundigt, ob er das Vergnügen
haben werde, der Familie Flies und Herrn Tremann auf dem Balle zu begegnen.
    Abends, um die Stunde, in welcher man in die Gesellschaft zu fahren pflegte,
sassen Seba und Davide in Balltoilette in dem Wohnzimmer; aber ihre ernsten
Mienen passten nicht zu dem glänzenden Schmucke, den sie angelegt hatten. Man
konnte die unruhige Spannung unschwer in ihren Mienen lesen. Bei dem leisesten
Geräusche blickten beide Frauenzimmer nach der Gegend hin, von der es kam, und
nachdem Erwartung und Täuschung sich zu verschiedenen Malen wiederholt hatten,
sagte Davide endlich: ich möchte wohl wissen, wie den Menschen zu Mute gewesen
ist, als man noch ein ruhiges Leben geführt und sich auf irgend etwas recht von
Herzen in voller Sicherheit zu freuen vermocht hat. Seit ich mich erinnern kann,
ist die Welt immer voll Schrecken und voll Unruhe gewesen. Schon als kleines
Kind habe ich, obschon man es vor mir zu verbergen gestrebt hat, es doch immer
empfunden, dass man in Sorgen und Nöten vor Krieg und Feinden und Krankheiten,
und in Angst um seine Freunde gewesen ist, und jetzt ....
    Nun, jetzt? fragte Seba; aber es blieb Daviden keine Zeit zum Antworten,
denn Paul, gleichfalls für den Ball gekleidet, trat in das Zimmer, und Seba
empfing ihn mit der besorgten Frage, was der Kriegsrat zu so später und
ungewohnter Stunde noch gewollt habe.
    Nichts für sich, wie Du denken kannst, entgegnete Paul, und natürlich ist's
nichts Gutes, was den Alten bewogen hat, mich aufzusuchen. Es sind unerträgliche
Zustände, in denen wir leben; wir werden wie Verbrecher beaufsichtigt, wir sind
in unseren Häusern nicht mehr sicher vor Verrat und müssen die Verräter als
gefeierte Gäste an unserem Tische sitzen sehen. Das kann nicht dauern, es kann
nicht dauern! Das Tischtuch muss endlich zerschnitten werden zwischen uns und
ihnen. Der berechtigte Hass verlangt seinen freien Weg, und wie grauenhaft Dir
das neulich auch erschien, als ich es in meiner Empörung gegen Dich äusserte:
eine sicilianische Vesper dünkt mich berechtigt in den Zuständen, in denen wir
uns befinden und in denen jede Faser, die an uns gut und edel ist, nach Rache
und nach Vernichtung unserer Unterdrücker schreit!
    Es geschah selten, dass seine leidenschaftliche Natur in solcher Weise die
Schranken der Selbstbeherrschung durchbrach, in die er sie zu bannen gelernt
hatte, und er war offenbar auch unzufrieden mit sich, weil er sich von seinem
Zorne hatte übermannen lassen; denn er nahm sich plötzlich zusammen und sagte
ruhiger: Der Kriegsrat kam, um mir zu sagen, dass die Frau, ganz gegen ihre
sonstige Weise, heute schon wieder bei ihm gewesen sei. Sie war unter dem
Vorwande gekommen, ihm im Namen ihres Herrn, der sich nach Weissenbach erkundigt
haben sollte, eine Flasche alten Weines zur Stärkung zu bringen; indes wie
leicht der Kriegsrat sonst auch zu täuschen ist, war er dieses Mal doch nicht
leichtgläubig genug, ihr zu vertrauen, und er merkte denn auch, dass die
Erkundigungen des Grafen nicht ihm, sondern mir und meiner Abreise gegolten
hatten. Auch Castigni hat meinen Diener deshalb ausgefragt, hat sich bei diesem
durch seine Leute sorgfältig über all mein Tun, über die Personen, welche mich
besuchen, über Tag und Stunde meiner Abreise zu unterrichten gestrebt, und die
Kriegsrätin hat unter dem Vorgeben, dass der Graf ihrem Manne eine Stelle zu
schaffen denke, vorher aber seine Handschrift sehen und mit ihm selber sprechen
wolle, den Alten zu überreden getrachtet, dass er ihr die Arbeiten ausliefere,
die er für mich augenblicklich unter Händen hat.
    Und er hat sie ihr gegeben? unterbrach ihn Seba mit sorgenvollem
Erschrecken.
    Paul verneinte es. Der Alte ist gerade so brav und gut, als sein Verstand
und seine Schwäche es ihm erlauben, und ich könnte beinahe wünschen, er hätte
der Frau nicht widerstanden, denn alles, was er für mich arbeitet, bezieht sich
auf nationalökonomische und commercielle Studien, aber ....
    Paul, rief Seba, warte nicht bis morgen, reise gleich heute ab!
    Wo denkst Du hin? entgegnete er, während sein Gesicht schon wieder die
gewohnte fröhliche Sicherheit zeigte; ich muss doch mit Davide den besprochenen
ersten Walzer und den Kehraus tanzen!
    Ach, reisen Sie, lieber Paul! bat Davide, indem sie ihre Hände bittend
faltete.
    Unmöglich, dazu sehen Sie viel zu reizend aus, Davide! Ja, hätten Sie die
weissen Hyacinten nicht in Ihren schwarzen Locken, so liesse sich eher davon
reden!
    Aber er hatte kaum die Worte ausgesprochen, als Davide mit hastiger Hand
nach ihrem Haupte fuhr, die Blumen aus ihren Locken und Flechten nahm und
siegesgewiss die Worte ausrief: Jetzt müssen Sie gehen, und wir bleiben nun zu
Hause!
    Liebes, entschlossenes Kind! sagte Paul, während er sie mit freudigem
Erstaunen betrachtete; aber es wäre nicht wohlgetan, blieben wir von dem Balle
fort. Im Gegenteile, ich muss ja dort sein, muss Ihr Tänzer sein, um Sie vor den
Bewerbungen Ihres Verehrers Castigni möglichst zu bewahren. Oder wollen Sie
lieber ihn als mich zum Tänzer haben?
    Es war unverkennbar, dass er grosses Wohlgefallen an dem schönen Mädchen
hatte; die freundliche Weise, in welcher er heute mit ihr scherzte, tat Daviden
aber wehe. Sie wendete sich von ihm, trat an den Spiegel und steckte, da Seba
der gleichen Ansicht wie Tremann war, dass man den Ball besuchen müsse, auf deren
Geheiss die Blumen wieder gehorsam in das Haar; sie sprach jedoch kein Wort, und
auch Seba war niedergeschlagener, als sie es zeigte.
    Der erste Walzer war schon in vollem Gange, als Herr Flies und Paul mit den
beiden Frauen in die Säle eintraten, und Paul nahm nach den Begrüssungen mit
Freunden und Bekannten sogleich mit Daviden seinen Platz in den Reihen der
Tanzenden ein. Civilisten und deutsche und französische Offiziere waren in ihnen
bunt gemischt, aber zwischen all den glänzenden Uniformen blieb Paul noch immer
eine hervorragende Erscheinung durch seine schöne, mächtige Gestalt und den
festen Ausdruck seines charaktervollen Gesichtes.
    Paul sieht gut aus, sagte Herr Flies zu Seba, als das tanzende Paar an ihnen
vorüberkam; und in der Tat standen die weissen Casimir-Escarpins und der blaue
Frack ihm sehr wohl an. Aber Seba, die sonst so stolz auf ihres jungen Freundes
Schönheit war, als hätte sie selber ihn geboren, vermochte sich heute seiner
nicht zu freuen, weil die Sorge um ihn sie peinigte. Jene erratende Kraft des
Herzens, die oft scharfsichtiger ist, als der schärfste Verstand, liess sie nicht
bezweifeln, was den Grafen antreibe, Paul zu verfolgen, und wenn sie ihre eigene
Seele prüfte, musste sie sich gestehen, dass für den Grafen eine Wollust darin
liegen müsse, sich an ihr zu rächen, da sie sich die gleiche Befriedigung einst
nicht hatte versagen mögen. Sie zählte die Stunden, die noch bis zu Paul's
Abreise vergehen müssten, die Tage, innerhalb derer er die Grenze erreichen
konnte. Dass Graf Gerhard jeder Unwürdigkeit fähig sei, wenn sie seinen Wünschen
und Absichten diene, das wusste sie, und er besass das Ohr und das Vertrauen der
französischen Behörden. Es konnte den Grafen nicht viel kosten, Paul und mit ihm
ihren Vater wie sie selber zu verderben, denn das Misstrauen der napoleonischen
Regierung war grenzenlos, und wessen man sich von ihren Dienern zu versehen
habe, das war durch die Gewalttaten an dem Buchhändler Palm und an Lord
Baturst hinlänglich erwiesen.
    Sie überlegte, ob es nicht geraten sei, Paul an diesem Abende gar nicht
mehr nach Hause zurückkehren, sondern in irgend einer befreundeten Familie
übernachten zu lassen, aber eben dadurch konnte man den Argwohn, welcher ihn
offenbar umgab, nur steigern. Dann kam ihr der Gedanke, dass man irgend einen der
Gehülfen ihres Vaters in Paul's Wagen mit seinem Diener und mit einem
scheinbaren Auftrage den geraden Weg nach der russischen Grenze schicken könne,
während Paul auf Umwegen zu entkommen suchen müsse; indes überall trat ihr die
Sorge um ihren greisen Vater entgegen, und selbst mit diesem oder gar mit Paul
ein vertrauliches Wort zu reden, ward ihr nicht gegönnt, denn sie meinte zu
bemerken, dass Herr von Castigni Paul und Davide nicht aus dem Auge lasse. Das
konnte seine Ursache in der Bewerbung haben, mit welcher der Franzose Daviden
umgab; aber wer viel zu verlieren hat, ist ängstlich, und die lange
Fremdherrschaft hatte alle Patrioten genugsam an Zurückhaltung und Vorsicht
gewöhnt.
    Der Vater hatte sich zum Spiele niedergesetzt, Davide tanzte, Herr von
Castigni nahm sie völlig in Beschlag, wenn Paul sie frei liess, und dieser,
welcher sonst kein leidenschaftlicher Tänzer war, sondern meist die Gesellschaft
der älteren Männer und Frauen suchte, hielt sich heute ganz zur Jugend. Er
machte, so oft es sich tun liess, Daviden's Gegenüber, und obschon sie voll
Sorgen war, dachte Seba daran, dass Paul möglicher Weise doch mehr Anteil an
ihrer Nichte nähme, als sie bisher geglaubt, dass Daviden's unverkennbare Neigung
für ihn, die sich heute erst wieder so lebhaft verraten hatte, ihren Eindruck
auf den jungen Mann nicht verfehlt habe, und sie nannte es in ihrem Herzen einen
echt weiblichen Zug, dass Davide eben heute sich Herrn von Castigni freundlicher
als sonst bewies, dass sie Paul vernachlässigte, da dieser sie zum ersten Male
ganz entschieden suchte. Sollte Davide im Stande sein, zu so kleinlichen Mitteln
der Vergeltung zu greifen? fragte sie sich; sollte sie in der Liebe irgend einer
Berechnung fähig sein und einem geliebten Manne gegenüber irgend etwas Anderes
empfinden können, als das Verlangen, ihm ihre Liebe kund zu geben und Freude
oder Trauer, je nachdem er sie erwiedert oder nicht erwiedert?
    Sie wurde förmlich irre an dem Mädchen, das sie doch so genau zu kennen
meinte. Davide sprach so laut, lachte so viel, suchte so unverkennbar die
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; Seba wusste nicht, was sie davon denken
sollte. Aber es musste auch Paul missfallen, denn sie sah ihn den Saal verlassen
und im Nebenzimmer an den Tisch treten, an welchem alte und junge Männer,
Civilisten und Militärs ein hohes Pharo spielten. Sie wollte zu ihm gehen und
mochte doch zum ersten Male Davide nicht ohne Aufsicht lassen, denn der Ballsaal
hatte sich nach dem Schlusse des Teaters noch mehr gefüllt, der Lichtglanz, die
Wärme, der Tanz und der Wein hatten die Tänzer, die Männer wie die Mädchen und
die Frauen, aufgeregt, und auch Daviden's Augen flammten, ihre Wangen brannten,
als sie, von Castigni's Arm umschlungen, zum vierten und fünften Male die Tour
um den Saal zurücklegte, die man sonst immer mit drei Ronden beendigte. Das Haar
flog ihr um die Schläfen, die junge Brust hob und senkte sich gewaltsam, als der
Franzose sie endlich dicht vor ihrem Platze aus seinem Arme liess und, einen
leidenschaftlichen Kuss auf ihre Hand drückend, ihr versicherte, dass er sie nie
so schön gesehen habe, wie eben heute, eben jetzt. Aber von dem wilden Tanze
erschöpft, trat er zurück, um im Nebenzimmer eine Erfrischung zu suchen; auch
Davide hatte sich neben Seba in einen Sessel geworfen, und sich rasch
umblickend, als fürchte sie gehört zu werden, flüsterte sie leise und atemlos
die Worte: Er ist fort!
    Seba wendete sich um, sie sah Davide an, und das Wort des Tadels, das auf
ihren Lippen schwebte, verstummte. Mit einem Blicke verstand sie, von wem die
Rede sei.
    Woher weisst Du es? fragte Seba.
    Ich sah ihn gehen, antwortete Davide.
    Eben jetzt?
    Nein, gleich nachdem wir zur Quadrille angetreten sind.
    Und er hat Dir gesagt, dass er sich entfernen wolle?
    Nichts, gar nichts! entgegnete Davide eben so kurz, denn schon trat ihr
Bewunderer wieder an sie heran, und urplötzlich leuchtete die strahlende
Heiterkeit wieder um ihre schönen Wangen, tönte das silberhelle Lachen wieder
von ihren Lippen, und an der Hand ihres Tänzers stand sie wieder in den Reihen.
    Seba sah ihr sprachlos, aber mit Freude nach.
    Sie konnte nicht erraten, was Paul beabsichtige, was Davide davon wisse,
nur das war ihr klar, dass hier die Liebe ein Mädchen schnell zum Weibe gereift
habe und dass man ein junges Herz, welches aus Liebe solcher Herrschaft über sich
fähig sei, wie Davide sie eben jetzt bewiesen hatte, sich selber überlassen
könne.
    Beide Frauenzimmer konnten das Ende des Balles kaum erwarten und trugen doch
Bedenken, das Fest eher als die Mehrzahl der Gäste zu verlassen. Sie blieben im
Gegenteile mit unter den Letzten, um auch Herrn von Castigni von der Rückkehr
in ihre Wohnung abzuhalten.
    Er hatte, von Davidens Gunst entzückt, Tremann's fast vergessen, und es war
Seba, welche ihre Nichte geflissentlich befragte, wo Paul geblieben sei. Diese
versetzte ruhig: sie wisse es nicht; er sei verdriesslich gewesen und in das
Nebenzimmer gegangen. Als man ihn dort nicht fand, äusserte Davide die Erwartung,
dass er zum Kehraus, für den sie mit ihm engagirt sei, schon wiederkommen werde;
und da er sich auch zu diesem nicht einstellte und Seba sich in Castigni's
Beisein durch Paul's Entfernung beunruhigt zeigte, liess Davide es erraten, dass
sie einen kleinen Streit mit ihm gehabt habe, dass er missmutig gewesen sei und
wohl vom Balle fortgegangen sein möge, weil er sie damit zu strafen geglaubt
habe. Aber sie wisse sich zu trösten; und an einem Tänzer, fügte sie mit einem
lächelnden Blicke auf Castigni hinzu, wird es mir hoffentlich doch nicht fehlen.
    Inzwischen hatte auch Herr Flies seinen jungen Compagnon vermisst und kam,
sich nach ihm zu erkundigen, da Paul, als er eine Weile neben Herrn Flies
zusehend am Spieltische gesessen, sich über Kopfweh beklagt hatte. Seba konnte
erkennen, dass ihr Vater eben so wenig als sie von Paul's Vorhaben unterrichtet
gewesen sei, und es blieb unmöglich, sich auf dem Balle von Daviden eine
Aufklärung zu verschaffen. Es war schon gegen den Morgen hin, als man, von dem
Feste kommend, das Haus erreichte, und selbst während der Fahrt war keine
Verständigung möglich gewesen, da man es nicht hatte vermeiden können, Herrn von
Castigni's Begleitung anzunehmen, indem er, wie er sagte, im Vertrauen auf die
Güte seiner Wirte seinen Wagen einem Freunde angeboten und überlassen habe.
    Als der Hauswart die Tür öffnete, fragte Herr Flies zu Seba's und Daviden's
Erschrecken, ob Herr Tremann schon zu Hause sei, und die beiden Frauenzimmer
blickten einander verwundert an, als der Bescheid erfolgte, Herr Tremann sei ja
schon gegen Mitternacht heimgekehrt und werde wohl noch wach sein, denn er habe
frische Kerzen befohlen, weil er noch arbeiten wolle.
    Man trennte sich oben an der Türe der Wohnzimmer. Herr von Castigni stieg
wohlgelaunt, den Kopf voll froher Erinnerungen und noch freudigerer Aussichten,
die Treppe zu seiner Wohnung hinauf, und ihre Nichte bei der Hand nehmend und
rasch mit ihr in die Stube hineintretend, rief Seba: Du hast Dich also geirrt,
Paul ist hier!
    Gewiss nicht, entgegnete das junge Mädchen mit grosser Bestimmteit; und
während Herr Flies sich noch erkundigte, um was es sich handle, hatte Seba schon
einen der Leuchter ergriffen und eilte durch den Glascorridor und die innere
Treppe, welche Fräulein Ester einst zu ihrer Bequemlichkeit hatte erbauen
lassen und die gerades Weges aus dem grossen Saale des ersten Stockwerks in das
Gartenzimmer führte, nach Paul's Wohnung hinunter.
    Sie klopfte an, es blieb Alles still. Die Türe war unverschlossen, sie trat
also ein, es war Niemand in dem Zimmer. Die Kerzen brannten auf dem
Schreibtische, die Schlüssel steckten in den Schubladen und Schränken, Alles lag
und stand wie immer, nur die Schreibmappe fehlte. Sie ging in die Nebenstube und
öffnete den Kleiderschrank; da hing der Anzug, den er auf dem Balle getragen
hatte. Er war also wirklich nach Hause gekommen, was Seba schon zu bezweifeln
angefangen hatte, und schnell, wie sie die Treppe herunter geeilt war, stieg sie
dieselbe wieder hinauf, um sich mit den Ihrigen zu besprechen und zu beraten.
    Man wollte von Davide Auskunft haben, aber diese hatte nichts oder doch nur
wenig zu berichten. Sie habe bemerkt, sagte sie, dass Paul öfter nach seiner Uhr
gesehen, was er sonst nicht zu tun pflege. Er sei dazu so ungewöhnlich
aufgeräumt gewesen, habe fortwährend mit ihr gescherzt, sich auch um die anderen
Damen mehr als sonst bemüht, und während sie darüber nachgesonnen, was ihn in
eine ihm so fremde Laune versetzt haben möge, habe er wieder plötzlich nach der
Uhr gesehen und sei dann mit Einem Male fortgegangen und verschwunden.
    Seba wendete ihr ein, dass in diesen Dingen nichts gelegen habe, was Davide
irgend zu der Vermutung habe berechtigen können, dass Paul früher, als er es
vorgehabt, seine Reise antreten, sie gleichsam als Flucht antreten werde, und
Davide versuchte einen Augenblick, ihre frühere Erzählung durch Hinzufügung
verschiedener kleiner Äusserungen zu verdeutlichen. Indes plötzlich schien sie
anderen Sinnes zu werden, und sich in ihrer ganzen stattlichen Höhe aufrichtend,
sprach sie, während ihre Wangen erglühten und ihre Augen, die sie auf den Onkel
und auf Seba zu richten versuchte, sich unwillkürlich senkten: Ich will's Euch
sagen, und Ihr könnt's mir glauben, denn ich bin ja nicht eitel und bilde mir
nichts ein. Und da sie es nun sagen wollte, stockte ihr das Wort auf den Lippen
in holdseliger Scham, und sie musste sich zwingen, es auszusprechen. Paul, sagte
sie, hat mich immer wie ein Kind behandelt, oder wie ein Spielzeug, denn so
machen sie es ja Alle mit uns. Auch heute Abend tat er das, Du hast es ja
gehört, liebe Seba. Aber als wir tanzten und als er immer wieder nach seiner Uhr
sah, da blickte er mich an, als wüsste er, dass ich mich um ihn sorgte. Er war
ernstaft, wenn man ihn nicht beachtete, und als er dann plötzlich aufbrach, da
- da drückte er mir die Hand, wie man es nur beim Abschiede tut, wenn man
sieht, dass der Abschied - einem Anderen schwer wird.
    Ihr Ton war immer leiser geworden, sie nahm sich zusammen, um ihre Bewegung
und die Tränen zu bemeistern, die sich ihr in die Augen drängen wollten.
    Seba fühlte sich ergriffen von ihres Pflegekindes Schönheit und freimütiger
Selbstüberwindung, und wie ein warmer, Frühling verkündender Sonnenschein zog
eine neue, selbstlose Hoffnung in ihre Brust; aber sie sowohl als ihr Vater
hüteten sich, es auszusprechen, wie hoch sie Davide in dieser Sunde hielten und
wie sie beide ihre Wünsche und Hoffnungen teilten. Man nahm ihr Bekenntnis wie
eine sich von selbst verstehende Sache hin, und als Seba die Absicht äusserte,
den Portier zu befragen oder den Gärtner kommen zu lassen, ob und wann und auf
welchem Wege Paul das Haus verlassen habe, gab ihr Vater das nicht zu.
    Er sagte, da Paul einmal verdächtigt worden sei, habe er, wie immer, richtig
gehandelt, indem er Berlin so bald als möglich und heimlich verlassen habe. Es
entziehe dieses Letztere sie Alle für den schlimmsten Fall jeder
Verantwortlichkeit, und wolle die französische Regierung seiner habhaft werden,
lasse man ihn selbst verfolgen, so sei mit jeder Stunde Vorsprung ein
Wesentliches gewonnen. Da die Leute im Hause ihn noch in der Nacht arbeitend
glaubten und Herr von Castigni dies gehört habe, werde man es nicht auffallend
finden, wenn Paul nicht um die gewohnte Morgenstunde im Hause und im Comptoir
erscheine, und es sei wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass Herr von Castigni
früher als am Vormittage von der Abreise Paul's benachrichtigt werde. Er traue
es dem Letzteren zu, dass er seine Massregeln zweckmässig und umsichtig getroffen
haben werde, und wenn es ihm nur gelungen sei, unbehindert aus der Stadt zu
kommen, so hoffe er das Beste.
    Das Land ist freilich überschwemmt von Truppen, aber gerade das erleichtert
es ihm vielleicht, unbeachtet zu bleiben; denn man hat überall mit sich vollauf
zu tun, und seine Papiere wird er in Ordnung haben, tröstete Herr Flies, um die
Seinigen zu beruhigen. Kann Paul jenseit der Oder oder Weichsel, wie ich
vermute, noch mit Schlitten reisen, so ist er geborgen und wir hören bald von
ihm.
    Aber bis dahin? fragten ängstlich Seba und Davide wie aus Einem Munde.
    Bis dahin müssen wir uns gedulden, meine lieben Kinder, und uns vorbehalten,
dass man nicht zu beklagen ist, so lange man für die Seinigen noch fürchten und
hoffen kann.
    Welch ein Unglück! rief Seba, niedergeworfen von der Sorge um den so lange
Entbehrten und endlich Wiedergefundenen, aus.
    Ja, sagte Herr Flies, es sind böse, böse Zeiten; aber unglücklich ist man
erst, wenn man nicht mehr hoffen kann! Behaltet guten Mut, zeigt morgen ein
heiteres Gesicht, denn wir sind Gefangene in unseren eigenen Häusern und Sklaven
der Fremden in unserem Vaterlande, und obschon wir nicht Verbannte sind, könnten
wir singen, wie es in den Psalmen heisst: »Wir sassen an den Wassern und
weineten!«
    Er seufzte, küsste die Tochter und Nichte auf die Stirn, hiess sie, sich zur
Ruhe begeben, und bald war es still und dunkel in dem ganzen Hause; nur in
Paul's einsamem Zimmer brannten die Kerzen fort, bis sie am Morgen in sich
selbst erloschen.
 
                              Siebzehntes Capitel
Drei Tage und fast drei Nächte waren seitdem vergangen. Ein feiner, trockener
Schnee fiel dicht und leuchtend hernieder. Von durchsichtigem Gewölke leicht
verhüllt, stand der Mond am Himmel, als ein offener Schlitten, von zwei kleinen,
raschen Pferden pfeilschnell fortgezogen, über die Nehrung, über jene Landenge
fuhr, die sich zwischen der Ostsee und dem kurischen Haff hinzieht.
    Zwei Männer, in Pelze eingewickelt, sassen in dem Schlitten. Ein polnischer
Jude, ebenfalls in seinen Pelz gehüllt, die spitze, verbrämte Sammetmütze tief
auf die gedrehten Seitenlocken heruntergezogen, machte ihren Kutscher. Die Nacht
war kalt. Schwer und langsam schlugen die Wogen des Meeres an das Ufer, das sich
mit seiner Schneedecke hellschimmernd von der weiten, dunklen Fläche abhob.
    Ein Königsberger Kaufmann hatte den Juden, der in Russland zu Hause war,
gedungen, die beiden Fremden über die Nehrung nach der Grenze zu bringen; aber
wie sehr der Jude sich auch bemühte, er hatte es nicht ermitteln können, wer sie
wären und was sie in Russland zu suchen hätten.
    Dass sie nicht Herr und Diener seien, als welche ihre Kleidung sie
bezeichnete und als welche sie sich ausgaben, das hatte der Schlaue bald
bemerkt; denn überall war es der sogenannte Herr gewesen, der, wo es Not tat,
die rasche Hand angelegt, während der Diener sich immer erst nachträglich dazu
entschlossen hatte. Deutsche waren sie nach des Juden Meinung nicht, denn er
hatte, so genau er auch darauf merkte, noch kein deutsches Wort von ihren Lippen
vernommen; Franzosen aber waren nicht so gelassen. Für gewöhnliche Reisende war
in dieser Jahreszeit die Nehrung nicht die Strasse, für Kaufleute, die Geschäfte
in Russland machen, also länger dort verweilen wollten, hatten die Fremden ihm
nicht genug Gepäck bei sich, und französische Emissäre konnten sie vollends
nicht sein, denn diese würden bis zur Grenze die Beförderung durch die Post
gefordert haben. Er kam also, je mehr er darüber nachsann, immer wieder auf den
Gedanken zurück, dass seine Passagiere, obschon sie Französisch mit einander
redeten, Engländer sein müssten und dass sie auf diesem wenig besuchten Wege nach
der Grenze gingen, um zu sehen, auf welche Weise sich englische Waaren über
Russland nach Deutschland bringen liessen. Dadurch aber stiegen sie nur in seiner
Wertschätzung, denn von einem Handelsverkehre, wie er ihn bei den Reisenden
vorauszusetzen für angemessen fand, pflegte für die vermittelnden Juden immer
ein kleinerer oder grösserer Gewinn abzufallen, und: »Leben und leben lassen« ist
ein alter Grundsatz.
    Es war eine schnelle, lautlose Fahrt. Von Zeit zu Zeit sah der eine oder
andere der beiden Reisenden in die Gegend hinaus, und wenn sie gewahrten, dass
sie einsam auf der überschneiten Düne blieben, schien ihnen das erwünscht zu
sein. Sie redeten dann auch eine Weile mit einander, aber so leise, dass der Jude
nicht ermitteln konnte, um was es sich dabei handle, obschon er in der langen
Zeit des Krieges und der Franzosenherrschaft genug von der Sprache der Fremden
erlernt hatte, um sie verstehen und sich in ihr halbwegs verständlich machen zu
können.
    Eine geraume Zeit war auf diese Weise seit dem letzten Anhalten hingegangen,
als der Diener sich bei dem Kutscher erkundigte, wie lange man bis zur Grenze
noch zu fahren habe.
    Der Jude, froh der Anrede, weil sich ihm mit derselben doch eine Möglichkeit
eröffnete, seine redselige Neugier zu befriedigen, meinte, wenn er so zufahre,
wie bisher, und seine Pferde es aushielten, so könne man bald nach Tagesanbruch
auf der Grenze sein.
    Muss man die Stadt passiren, um an die Grenze zu gelangen? fragte der Diener
ihn abermals.
    Wenn die gnädigen Herren nichts haben zu tun in der Stadt, entgegnete der
Jude, so müssen die Herren nicht; aber ich muss halten in der Stadt oder muss noch
einmal machen eine Station hinter der Stadt, von wegen meiner Pferde.
    Er hatte die Tiere, während er dieses sagte, sich selber überlassen; sie
fingen also langsamer zu gehen an, und der Diener ermahnte den Juden, mit Zusage
einer besonderen Belohnung, sie auf's Neue anzutreiben.
    Will das sein ein Bedienter, dachte der Jude, und nimmt seinem Herrn das
Wort vorweg. - Er schlug nichts desto weniger mit lautem, ermutigendem Schrei
anscheinend unbarmherzig auf seine Tiere los, wusste den Hieb jedoch so
geschickt zu führen, dass er sie gar nicht traf. Der andere Reisende, dessen
schweigender Achtsamkeit sich nicht das Geringste entzog, bemerkte diese List.
    Lassen Sie ihn nicht merken, mein Freund, sagte er zu seinem Gefährten, wie
sehr wir die Grenze zu erreichen wünschen. Er könnte sonst leicht auf den
Gedanken kommen, sich zaudernd eine grössere Belohnung zu verdienen, und wir sind
in seiner Hand.
    Die Nähe des Zieles macht ungeduldig, und Sie kennen sicher so gut wie ich
die abergläubische Furcht vor dem Scheitern im Angesichte des Hafens! entgegnete
der Zurechtgewiesene, mit diesen Worten sich gleichsam rechtfertigend.
    O ja! Es gab eine Zeit, versetzte Paul, in welcher ich diesen Eindrücken
sehr unterworfen war; seit ich aber nicht mehr sonderlich an dasjenige glaube,
was man als Glück bezeichnet, habe ich auch die Furcht vor seinen Launen
verloren.
    Sie würden es also nicht als ein Glück erachten, wenn wir ungehindert unser
Ziel erreichten, und es nicht ein Unglück nennen, würden wir daran verhindert?
    Nein! entgegnete der Andere. Ich habe für den Fall, dass man es wirklich auf
meine Person abgesehen hätte, mit Ihrer Hülfe nach bestem Wissen meine
Vorsichtsmassregeln genommen! Täuscht uns die Wirksamkeit derselben nicht, so ist
das unser Verdienst und kein besonderes Glück! Misslingt unser Unternehmen, so
unterliegen wir nur einem Naturgesetze, der Macht des Stärkeren, denn zwischen
uns und unseren Feinden ist die Partie nicht gleich!
    Er brach ab, und diesmal war er es, der mit scharfem Auge um sich blickte,
denn das Wetter fing an, sich bedenklich zu verändern. Die leichten
Wolkenstreifen hatten sich zusammengezogen und verdichtet, der Mond verschwand
bisweilen plötzlich hinter ihnen, dann kam er eben so plötzlich aus dem
schweren, schwarzblauen Gewölke hervor, das Meer beleuchtend, dessen Wogen sich
immer höher hoben, während ein dumpfes Grollen aus seinen Tiefen dem klagenden
Weherufe des Windes Antwort gab. Licht und Schatten wechselten schnell und
phantastisch mit einander ab, aber das Durchbrechen des Lichtes wurde seltener,
die Dunkelheit immer tiefer. Nur bisweilen meinten sie noch den Gischt der
aufgebäumten Welle zu gewahren, wenn sie unter dem Stosse des heulenden Windes
niederdonnerte und hinzischend auf dem eisigen Ufer zerfloss.
    Je länger sie fuhren, je stärker erhob sich der Sturm. Er trieb ihnen den
stechenden Schnee entgegen, dass es ihnen den Atem versetzte und sie die Augen
kaum noch öffnen konnten; aber sie beklagten sich nicht darüber, und das
bestärkte den Juden nur in seinen Vermutungen über sie. Die sind's gewohnt, wie
ich, dachte er, und er wollte versuchen, ob sich aus der Lage, in welcher sich
nach seiner Meinung die Reisenden befanden, nicht ein Vorteil für ihn ziehen
liesse.
    Gnädiger Herr, hob er an, sich auf seinem Sitze halb umwendend, gnädiger
Herr! Der Herr Bedienter haben mich vorhin zu fragen beliebt, ob man kann an die
Grenze kommen, ohne zu fahren durch die Stadt. Wenn der gnädige Herr mir geben
will fünfunddreissig Rubel mehr, dass ich meine Pferdchen kann nachher rasten
lassen, will ich den gnädigen Herrn über die Grenze bringen, ohne dass er soll zu
sehen bekommen einen Grenz-Kosaken oder einen Beamten von dem Zoll.
    Und wer soll mir denn den Pass visiren? fragte Paul.
    Der Herr haben also einen Pass? forschte der Jude ungläubig.
    Wie anders? entgegnete Paul und wickelte sich fester in seinen Pelz ein.
    Der Jude war aber so leicht nicht abzuweisen. Ich bin drüben gleich hinter
unserer Grenze zu Hause, fuhr er fort, und habe meine Tochter diesseits
verheiratet im letzten Kruge. Ich kenne Weg und Steg und kenne den Herrn
Leutnant von der Wache und den Herrn Inspector von dem Zoll, und sie kennen mich
auch. Wenn vielleicht.... Er hielt überlegend inne, ob er so weit gehen sollte,
und wagte es endlich dennoch, seine pfiffige Vermutung auszusprechen - wenn
vielleicht der Herr Bedienter nicht sind versehen mit einem Pass - die Pässe
werden streng visirt und die Zolluntersuchung ist noch strenger!
    Schlimm für Dich, der Du heimlich über die Grenze gehen willst, falls wir
Dich verhindern, Deine Contrebande in der Stadt oder draussen bei Deinem
Tochtermanne abzulegen, bis Du sie Dir gelegentlich herüberholen kannst! Und nun
fahr zu! rief Paul befehlend, allen Vermutungen, Vorschlägen und Planen des
Juden damit ein Ende machend, wie sehr dieser sich auch hoch und teuer
verschwor, dass er gar keine Waare bei sich habe, dass er ein ehrlicher Mann und
ganz ausschliesslich nur auf der gnädigen Herren Vorteil bedacht gewesen sei.
Aber die Besorgnis, dass es doch vielleicht französische, mit heimlicher
Beaufsichtigung der Grenze betraute Beamte sein könnten, die er fahre, lähmte
endlich des Juden Zunge, und, Jeder in seine Gedanken versenkt, sahen die beiden
Reisenden schweigend in die Nacht hinaus, während die Sekunden kamen und
entschwanden, während Woge um Woge gleichmässig auf das Eis des Ufers rollte,
während der Sturm die Wolken, die er zusammengefegt hatte, in wildem Laufe vor
sich her trieb, bis hier ein Stern durchblitzte und dort ein zweiter, und bis
endlich hoch am Horizonte der Nordstern wieder hell strahlend aus dem
Siebengestirn herniedersah.
    Paul begrüsste ihn wie einen alten Freund. Seine frühesten Erinnerungen
knüpften sich an dieses Gestirn. In dem kleinen Hause seiner Mutter hatte er auf
seines Vaters Knie gesessen, als dieser ihm das Gestirn gezeigt; aus dem Fenster
der Kriegsrätin, aus Seba's Stube hatte er es gesehen. Es hatte ihm geleuchtet
in der Schmerzensnacht, die ihn aus der Heimat fortgetrieben, es hatte ihn
nicht verlassen, als er, ein flüchtig gewordener Knabe, über das weite Weltmeer
gefahren war, und es war bei ihm gewesen wie der einzige Gefährte aus der
Heimat, als er in dem fremden Weltteile nichts sein eigen genannt hatte, als
sein nacktes Leben.
    Eine Rührung, die ihm fremd war, bemächtigte sich seiner. Hingenommen von
seiner rastlosen Tätigkeit, war ihm durch alle die Jahre wenig Zeit zum
Nachsinnen geblieben. Wie man im raschen Fluge des Caroussels mit scharfem
Blicke und sicherer Hand den Ring absticht, hatte er im eiligen Wechsel der
Ereignisse den Augenblick erhaschen und sich aus seinen Erfahrungen die
Ueberzeugungen und Grundsätze bilden müssen, nach denen er sein Leben regelte.
Von der flüchtigen Minute hatte er Belehrung fordern, in die freie Minute sein
Empfinden zusammenpressen müssen, und des glücklich Erreichten hatte er sich
kaum erfreuen dürfen, weil immer ein neues, notwendig noch zu Erreichendes
schon wieder nahe vor ihm gestanden hatte.
    Nun freilich hatte er, was er zuerst erstrebt. Er hatte einen eigenen und
einen guten Namen, den ihm nicht sein stolzer Vater vererbt und nicht seine arme
Mutter hinterlassen hatte, sondern einen Namen, den er sich selbst geschaffen,
wie seinen ganzen, nicht unbedeutenden Besitz. Aber wozu das alles? fragte er
sich auch in dieser Stunde. Wer bedarf des Besitzes, den Du Dir erworben hast?
Wen freut es, wenn Dein Fleiss ihn wachsen macht? Wer sorgt sich darum, wenn er
Dir verloren geht? Für wen bist Du eine Notwendigkeit in dieser weiten Welt?
    Und während diese Gedanken in ihm aufstiegen, nannte er selbst sie ein
Unrecht gegen die Frau, welche die Beschützerin seiner Kindheit und das Ideal
seiner Jugend gewesen war. Er liebte Seba auch heute noch, wärmer, zärtlicher,
begeisterter, als der Sohn die Mutter liebt; denn seine Liebe war freier, als
die Kindesliebe, war nicht naturbestimmt, sondern Erkenntnis und frei Wahl, und
überall steht das Freigewählte hoch über allem Angeborenen.
    Aber Seba war nicht jung wie er, sie bedurfte seiner nicht, sie war nicht
ausschliesslich sein eigen. Es änderte sich in ihrem Loose, in ihrem Leben
nichts, was auch aus ihm werden mochte, und doch dünkte es ihn, als gleiche er
immer nur dem Blatte, das der Wind umhertreibt, als fasse er nicht feste Wurzel
in dem Leben, so lange er sich nicht notwendig, nicht unentbehrlich für ein
anderes Menschenwesen wisse, so lange er, der keine Heimat und keine Familie
für sich vorgefunden hatte, sich nicht seine Heimat selbst geschaffen habe in
der Familie, die er selbst begründet, so lange er sich in seinen Kindern nicht
eine Fortdauer über seinen Tod gesichert habe.
    Ein scharfer Luftstrom streifte über Paul's Stirn und entriss ihn seinem
weichen Sinnen. Die Nacht war im Entschwinden. Wie am ersten Schöpfungstage
begannen Luft und Wasser sich vor seinem Auge zu scheiden, der Blick wurde
wieder Herr der Welt, und langsam durchdringend und sich Bahn machend durch das
schwebende und wallende Gewölk, das sie mit ihrem Purpur färbte, stieg endlich
in flammender Herrlichkeit die Sonne, mächtig in ihrer Leben bringenden Kraft,
aus den dunkeln, kalten Wogen an dem klar gewordenen Winterhimmel empor.
    Der Morgen, rauh und kalt wie er war, erfrischte Paul und gab ihn sich
selber wieder. Er wusste, was ihm das Herz so weich gemacht hatte, aber er
scheuchte den Gedanken wie einen entnervenden Traum weit von sich fort, denn
Ungeduld und Unzufriedenheit mit dem selbstgeschaffenen Loose erschienen ihm als
eine Unmännlichkeit und Schwäche. Erst das Vaterland und dann das Haus, erst die
Freiheit und dann das Glück! rief er laut sich selber zu, und ohne zu wissen,
worauf dieser Wahlspruch sich bezog, stimmte Herr von Werben von Herzen in
denselben ein.
    Dem Juden, der inzwischen nicht aufgehört hatte, seine Passagiere heimlich
zu beobachten, entging weder die sichtliche Zufriedenheit, mit welcher sie den
Tag begrüssten, noch ihr wachsendes Verlangen, an die Grenze zu kommen, und er
gab die Hoffnung noch nicht auf, von ihrer guten Stimmung zu erlangen, was ihre
Verschlossenheit ihm abgeschlagen hatte. Dass seine Passagiere keine gewöhnliche
Leute seien und dass er unter ihrem Schutze, wenn sie nur wollten, mit seinen
Waaren die Grenze gut passiren könne, das hatte sich in den Stunden einsamen
Sinnens für ihn als letzte Ueberzeugung festgestellt. Es kam daher für ihn, wie
er meinte, nur Alles darauf an, ihr Zutrauen und ihren guten Willen für sich zu
gewinnen, und er liess es an den Zeichen einer sorglosen Heiterkeit nicht fehlen.
    Er rückte seine Spitzmütze vergnüglich weit aus der Stirn zurück, er
schnalzte mit der Zunge, knallte mit der Peitsche, schlug, sich zu erwärmen, mit
den Beinen gegen seinen elenden Sitz, dass die Stiefel gegen das Holz klapperten.
Aber was er auch tat, die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich zu ziehen, es
schlug alles fehl, denn Paul war Kaufmann genug, um den Begehrenden an sich
herankommen zu lassen. Endlich, als über der weiten Fläche die Türme der
Hafenstadt sich schon erhoben, hielt der Jude seine Pferde mitten in ihrem Laufe
an und sagte, sich mit dem pfiffigen und zugleich ängstlichen Blicke seines
Volkes zu den Reisenden wendend, während er mit dem Stiele seiner zerbrochenen
Peitsche vorwärts zeigte: Der gnädige Herr sehen, ich habe gehalten mein Wort
und meine Zeit! Was soll ich haben, wenn ich die Herren gerades Weges nach der
Grenze fahre?
    Das wird sich an der Grenze finden, gab ihm Paul zur Antwort, dessen sich,
nun er sich dem Ziele so nahe wusste, das Verlangen, es zu erreichen, mit einer
wahren Leidenschaft bemächtigte, und noch ehe der Jude sich besinnen konnte,
hatte Paul, um seiner Sache sicher zu sein, sich an seine Seite gesetzt und ihm
mit dem Befehle, ihm die nächste Strasse nach der Grenze anzugeben, Zügel und
Peitsche aus der Hand genommen.
    Der Jude, sobald er merkte, dass es Ernst und dass kein Auflehnen gegen den
fremden Willen möglich sei, liess zwar Alles geschehen, denn auch er war
schneller Berechnung fähig und hoffte seinen Vorteil von seiner Nachgiebigkeit
zu ziehen. Aber er schrie und klagte über die Gewalttat, die Paul an ihm
beging. Er jammerte über sein Missgeschick, er nahm Gott zum Zeugen, dass er ein
rechtlicher Mann sei, und klagte Gott an, dass er ihm diese Passagiere
zugesendet. Er verwünschte sich und sie und seine Not und seine Armut, bis er
endlich den kutschirenden Paul, der in seiner wachsenden Spannung des Juden gar
nicht achtete, beschwor, wenigstens den Pferden in dem einsamen Kruge, aus
dessen Schornstein man den weissgrauen Rauch aufsteigen sah, eine kleine Rast zu
gönnen.
    Wenn sie nicht bekommen einen Bissen Brod und Branntwein, werden's die armen
Tiere nicht halten aus, und die gnädigen Herren werden liegen bleiben, wenn sie
nicht hier anhalten bei dem Abraham, der ein ehrlicher Mann ist und mein
Tochtermann! Es ist noch eine geschlagene Stunde bis zur Grenze, und ohne
Fütterung können die Pferdchen nicht weiter fort!
    Paul konnte es sich nicht verhehlen, dass der Jude hierin die Wahrheit
redete. Die abgetriebenen Pferde stolperten vor Mattigkeit, und die Peitsche und
sein Zuruf machten keinen Eindruck mehr auf sie.
    Als sie vor dem einsamen, an der Strasse liegenden Gehöfte des Wirtshauses
vorfuhren, trat der Krüger, ebenfalls ein polnischer Jude, vor die Türe hinaus
und erkannte und begrüsste seinen Schwiegervater, der ihm in einer den Reisenden
unverständlichen Sprache gleich einige Worte entgegenrief.
    Wie weit ist's von hier zur Grenze? fragte Paul den Krüger.
    Eine halbe Stunde, gnädige Herren! antwortete ihm dieser, weil er dadurch
Zeit für die Rast zu gewinnen meinte. Aber sein Schwiegervater fiel ihm in die
Rede.
    Eine halbe Stunde, sagst Du! Wie kannst Du sagen eine halbe Stunde? Eine
Stunde ist's, und eine gute Stunde, und die Pferde ....
    Genug! versetzte Paul, der am Ende dem Juden in seinem Erwerbe, wie dieser
auch geartet war, kein unnötiges Hindernis und keine Gefahr bereiten wollte;
denn er hatte sie gut bedient, und Paul und sein Gefährte hatten ihm eine
Belohnung zugedacht. Genug! wiederholte er, zog die Uhr aus der Tasche und hielt
sie dem Juden vor das Gesicht. Du sollst zwölf Minuten Zeit haben, Deine Pferde
zu erfrischen, wenn Du uns danach in einer halben Stunde über die Grenze
bringst!
    Der Jude versprach es und die Reisenden stiegen einen Augenblick vom
Schlitten ab. Eine tragbare Krippe ward rasch herbeigeholt und vor die
triefenden Pferde hingestellt, denen ihr Besitzer ein paar alte Decken überwarf,
während die hungrigen Tiere das in Stücke geschnittene, mit Branntwein
getränkte Brod gierig verschlangen.
    Inzwischen waren des Krügers Frau und Kinder herbeigekommen, welche hastig
die Kissen von dem Schlitten nahmen, sie mit anderen, eben so elenden Sitzkissen
vertauschten und verschiedene Päcke und Rollen unter dem Stroh hervorzogen, das
der Fuhrmann unter seinen Füssen liegen gehabt hatte. Zu wiederholten Malen
nötigte der Wirt die Fremden, einzutreten, um ein Glas Branntwein am warmen
Ofen zu sich zu nehmen; aber er konnte sie nicht dazu bewegen. Die Uhr in der
Hand, fragte ihn Paul, ob neuerdings viel Verkehr von Fremden in seinem Hause
gewesen sei. Der Krüger verneinte es, hoffte aber, es werde bald besser für
seine Wirtschaft kommen, wenn erst der Kriegszug des grossen Kaisers begonnen
haben werde, von dessen Bevorstehen ihm der französische Gensd'arme Kunde
gebracht habe, der erst gestern wieder bei ihm angesprochen.
    Es kommen ihrer jetzt öfter solche zu mir reiten, ausser den preussischen; sie
vigiliren scharf auf die Herren, die da passiren wollen über die Grenze! setzte
er mit bedeutendem und listigem Blicke und Augenzwinkern hinzu. Aber das beredte
Wort erstarb ihm auf der Zunge, als er sah, dass Paul das Taschen-Fernrohr, mit
dem er nach der Seite, von welcher er hergekommen war, ausgespäht hatte, rasch
zusammenschob und, nachdem er einige Worte auf Englisch zu seinem Gefährten
gesprochen hatte, dem Fuhrmanne den Befehl gab, augenblicklich aufzubrechen. Er
selbst und Werben legten eilig den Pferden die abgenommenen Zügel wieder an,
dann sprangen sie in den Schlitten, zwangen den jammernden und lamentirenden
Juden, mit ihnen einzusteigen, und nachdem Paul dem Wirte noch ein Geldstück
als Bezahlung zugeworfen hatte, ging es fort, so schnell die unvollständig
erquickten Pferde zu laufen vermochten.
    Sie waren noch keine Viertelstunde gefahren, als Paul wiederum sein Fernrohr
auf die beiden Punkte richtete, deren Gewahrung vorher den Entschluss des
plötzlichen Aufbruches in ihm veranlasst hatte. Er hielt es lange am Auge,
während sein Freund die Zügel in die Hand nahm, und fragte dann, als er es
absetzte, auf die abgejagten Tiere und den in Todesangst zitternden Kutscher
blickend: Was halten Sie von der Sache, Herr von Werben?
    Werben blickte ebenfalls zurück, zuckte die Schultern und sagte: Es hilft
uns nichts! Ihre Pferde sind frisch - sie holen uns ein, noch ehe wir die Grenze
erreichen.
    So ist's besser, wir machen es gleich ab, meinte Paul. Sie hatten auch diese
Worte wieder englisch gesprochen; Herr von Werben überliess dem Juden wieder die
Zügel seiner Pferde, die beiden Reisenden nahmen auf dem hinteren Sitze ihre
alten Plätze ein und Paul sagte, sich an den Juden wendend: Fahre langsam!
    Dieser liess sich das nicht zweimal sagen, und die Pferde fielen gleich in
Schritt, als man eben in das beschneite Fichtenholz einfuhr, an dessen anderem
Ende, wie der Jude angab, die Grenze sich hinziehe.
    Was gedenken Sie zu tun, Tremann? fragte Herr von Werben seinen Gefährten,
indem er ein Paar fein gearbeitete Doppel-Pistolen aus der Manteltasche nahm und
Paul die Steine seiner Pistolen mit seinem schweren Einschlagemesser auf's Neue
schärfte und frisches Zündkraut auf die Pfannen schüttete.
    Das kommt darauf an! Sind es Preussen, so haben wir unsere geschriebenen
Pässe, die in Ordnung sind; wenn es dagegen Franzosen sind, nun, so - er
lächelte mit einem Ausdrucke grimmiger Entschlossenheit, den Herr von Werben nie
bisher an ihm bemerkt hatte - so haben wir diese geladenen Pässe, die nun auch
in Ordnung sind!
    Während die Reisenden, ihre Waffen in der Hand, langsam vorwärts fuhren,
hielten an dem elenden Kruge, den sie kurz zuvor verlassen hatten, zwei Reiter.
Der eine derselben, in halb militärischer Tracht, war augenscheinlich ein
Franzose, der andere ein preussischer Gensd'arme, welcher jenem als Führer
mitgegeben zu sein schien. Sie waren beschäftigt, den Wirt des Kruges zu
verhören, und die Auskunft, welche sie auf ihre Erkundigungen erhielten, schien
ganz nach dem Wunsche des Franzosen auszufallen.
    Wir erreichen sie noch vor der Grenze! rief der Franzose seinem Begleiter
zu, und wenn es die sind, die wir suchen, setzte er leise für sich hinzu, so ist
mein Glück gemacht. Vorwärts, Kamerad! - Sie gaben ihren Pferden die Sporen und
sprengten nach der Richtung fort, welche die Reisenden genommen hatten.
    Es währte nicht lange, bis sie den langsam durch das Gestrüpp dahinfahrenden
Schlitten vor sich erblickten. Sie waren noch ungefähr einige Hundert Schritte
von demselben entfernt, als der preussische Gensd'arme gegen seinen Begleiter
bemerkte: Das sind schwerlich Leute, die es eilig haben, Herr Commissar, denn
sie fahren Schritt, obschon sie uns bereits seit längerer Zeit gesehen haben
müssen, und die Grenze ist keine Viertelstunde mehr entfernt. Die müssen ein
gutes Gewissen haben!
    Aber der Andere antwortete auf diese Bemerkung nur durch ein drohendes Halt,
welches er den Fahrenden zurief, während er im vollen Laufe an den ruhig weiter
fahrenden Schlitten heransprengte. Kopfschüttelnd und sichtbar unzufrieden
folgte ihm langsam der Gensd'arme. Er traf seinen Begleiter bereits in heftigem
Wortwechsel mit den beiden Reisenden.
    Ich kümmere mich den Teufel um Ihre Pässe! schrie der Franzose, in welchem
Paul augenblicklich einen der französischen Beamten erkannte, die er täglich bei
Herrn von Castigni ein- und ausgehen gesehen hatte. Sie sind allerdings Herr
Tremann, ich glaube das meinen Augen, nicht Ihrem Passe; aber der andere Herr
ist eben so wenig Ihr Bedienter, als ich es bin! Sie müssen beide mit mir
umkehren, ich habe Sie nach der nächsten Kreisstadt abzuliefern!
    Sehen Sie Sich vor, was Sie tun! rief Paul ihm zu. Sie sind kein Beamter
unseres Königs! Sie haben keine Vollmacht, Sie haben kein Recht, friedliche
Reisende aufzuhalten, die sich durch ihre Pässe ausweisen können!
    Sehen Sie selbst Sich vor, Monsieur Tremann! versetzte hohnlachend der
Franzose. Sie sind der Spionage verdächtig, und der Bundesgenosse und Herr Ihres
Königs, der Kaiser Napoleon, pflegt mit Spionen keinen langen Prozess zu machen!
    Ich rufe Sie zum Zeugen an, wendete sich Paul, da Herr von Werben sich in
der Rolle des Bedienten, wenn auch mit grosser Selbstüberwindung, schweigend und
zuwartend verhalten musste, an den preussischen Gensd'armen, der inzwischen ruhig
die Pässe der Reisenden durchgesehen hatte - ich rufe Sie zum Zeugen an, dass
hier die Majestät Ihres Königs und Herrn beleidigt wird! Sie sind ein
preussischer Untertan und Soldat, wollen Sie das geschehen lassen?
    Der Angeredete war sichtlich bewegt. Er versuchte, sich in das Mittel zu
legen; aber es war vergebens, dass er dem Franzosen bemerklich machte, dass die
Papiere der Reisenden völlig in Ordnung seien und dass also gar kein Grund
vorliege, dieselben weiter aufzuhalten.
    Kein Grund? rief der Franzose. Aber wenn ich Ihnen nun sage, dass dieser
Bediente ein Offizier, ein preussischer Offizier, dass es der Hauptmann von Werben
ist, den ich hiermit als Deserteur verhafte!
    Wie ein Blitz zuckte es über das Gesicht des Gensd'armen, als Herr von
Werben, nun er sich entdeckt sah, der Verstellung ohnehin längst müde, die Mütze
zurückschlug, welche sein Antlitz verborgen hatte, und Jener ihn erkannte. Herr
Hauptmann, mein Herr Hauptmann! Sind Sie es denn wirklich? rief er in freudiger
Bewegung aus.
    Ja, ich bin es! entgegnete Werben, indem er aus seiner Brieftasche ein
Papier hervorzog - aber ich bin kein Deserteur! Hier ist mein Abschied, von
Seiner Majestät unserem Könige unterzeichnet! Ich bin frei, zu gehen, wohin ich
will, und Gott der Allmächtige weiss es, setzte er knirschend hinzu, warum ein
preussischer Soldat und Edelmann gezwungen ist, heimlich zu tun, was er offen zu
tun berechtigt ist! Willst Du Deinen Hauptmann an die Franzosen verraten,
Wendland? -
    Er hatte den Schlitten verlassen und war mit dem Gensd'armen ein wenig
seitwärts an den Rand des Gehölzes getreten, als plötzlich dicht hinter ihnen
ein Pistolenschuss fiel, dem auf der Stelle ein zweiter folgte. Sie blickten
zurück: der Franzose, durch den Kopf geschossen, stürzte von dem Pferde, das,
davon aufgeschreckt, zurück jagte. Paul stand aufrecht im Schlitten, die
abgefeuerte Waffe in der Hand.
    Er hat es gewollt! sagte er finster - der Elende hat seinen Lohn! Er schoss
zuerst, fügte er hinzu, indem er mit der Hand nach der linken Schulter fuhr und
sie blutig zurückzog. Sein Blut komme über ihn! Und jetzt vorwärts, Herr von
Werben! Wir sind jetzt Zwei gegen Einen!
    Gott bewahre, wir sind unserer Drei, rief der Gensd'arme, denn wo mein Herr
Hauptmann bleibt, da bleib' ich auch! Mag der Teufel noch länger preussischer
Gensd'arme in französischen Diensten sein! Ich gehe mit Ihnen zu den Russen und
über die Grenze!
 
                                  Zweites Buch
                                 Erstes Capitel
Das Regiment, in welchem Renatus stand, hatte seine vorgezeichnete Strasse über
die freiherrlichen Güter zu nehmen und sollte dort ein paar Rasttage halten. Der
Commandeur bot es also dem jungen Freiherrn an, als Quartiermacher
vorauszugehen, um auf diese Weise ein längeres Verweilen in seinem Vaterhause zu
gewinnen, und Renatus machte mit Freuden davon Gebrauch. Während des langsamen
und in der frühen Jahreszeit noch beschwerlichen Marsches waren seine Gedanken
ihm ohnehin oft genug in die Heimat vorausgeeilt. Er hatte die Seinigen seit
zwei Jahren nicht gesehen, und er hatte ihnen mitzuteilen, was jetzt
ausschliesslich seine Seele erfüllte, er hatte von seinem Vater die Zustimmung
und den Segen zu seiner Verlobung zu erbitten.
    Von seinen Kameraden mit der Versicherung entlassen, dass man sich danach
sehne, ihm bald nachzukommen, um sich in Richten für die gehabten
Unbequemlichkeiten und Strapazen zu entschädigen und für die vorauszusehenden
Entbehrungen und Anstrengungen zu stärken, machte der junge Offizier sich auf
den Weg.
    Der Freiherr von Arten galt immer noch für einen reichen Mann, seine
Gastlichkeit war weit und breit berühmt; Renatus selber hatte ihrer oft gegen
seine Kameraden gedacht, unter denen sich auch Blutsverwandte und Befreundete
des Hauses befanden, und er hatte ihnen mit gutem Glauben die beste Aufnahme bei
seinem Vater verheissen können. Freilich wusste er, dass Truppen-Durchmärsche für
den Gutsbesitzer eine schwere Last seien. Er hatte es mit erlebt, wie furchtbar
die Franzosen im Lande gehaust und wie die Italiener durch viele Monate in
Richten im Quartier gelegen hatten. Aber Masslosigkeiten und Gewalttaten, wie
man sie von den Franzosen erdulden müssen, waren von den Landsleuten und unter
der strengen preussischen strengen Mannszucht nicht zu befahren, und wenn der
lange Aufentalt der Italiener auch grosse Summen gekostet hatte, so erinnerte
sich Renatus doch sehr deutlich, in welch gutem Einvernehmen man mit ihnen
gestanden, wie sein Vater für den Grafen Mariani eingenommen gewesen war, der
die Reiterei befehligte, und wie bitterlich Vittoria seinen Tod betrauert hatte,
als man später einmal die Nachricht erhalten, dass der schöne junge Mann auf
einem der Schlachtfelder des österreichischen Feldzuges seinen frühen Tod
gefunden habe.
    Je weiter Renatus aber auf seinem Wege vorwärts kam, um so mehr wurde er von
den Erinnerungen an die Vergangenheit abgezogen, denn der Anblick, welcher sich
ihm überall darbot, war kein freundlicher. Seit Monaten hatten die
Truppen-Durchmärsche auf dieser Strasse nicht aufgehört, und überall waren die
Spuren davon in trauriger Weise bemerkbar. In den Krügen, in denen er füttern
liess, auf dem Gute, auf welchem er übernachtete, waren die Klagen gross, der
wirkliche Notstand unverkennbar, und die Sorge, wie er es in Richten finden
werde, fing an, sich des jungen Freiherrn immer ernstlicher zu bemächtigen. Dazu
gesellte sich jenes Bangen, das man stets empfindet, wenn man sich einem
ersehnten Wiedersehen naht. Renatus fing zu berechnen an, seit wann er keine
Nachrichten aus der Heimat empfangen hatte. Er überlegte, dass er seinen Vater
nun seit zwei Jahren nicht gesehen habe, dass sein Vater bei Jahren sei, dass die
letzten Monate wohl auch für seines Vaters Güter grosse Lasten mit sich gebracht
haben müssten, und er sagte sich jetzt zum ersten Male, dass es im Grunde doch
eine üble Nachricht sei, zu deren Ueberbringer er sich habe machen lassen.
    Am letzten Tage war für die frühe Jahreszeit das Wetter schwül. In der Ferne
zog ein Gewitter vorüber, das seine Regenwolken über das ganze Land ausbreitete.
Renatus war nach der Hauptstadt des Kreises gekommen, in welchem seine
väterlichen Güter gelegen waren. Er hatte dort der Behörde die Anzeige des
bevorstehenden Truppen-Durchmarsches zu machen, die nötigen Vorkehrungen zu
besprechen, und es war ihm sonderbar dabei zu Mute, dass er hier etwas Anderes,
als seine eigenen Geschäfte zu besorgen hatte. Als er seinen Auftrag
ausgerichtet, rastete er bei dem Wirte, in dessen Gastause der Freiherr
einzukehren und zu dem man die Vorlegepferde hinzubestellen gewohnt war, wenn
sich Jemand von der Familie auf Reisen befand oder wenn man Besuche erwartete.
Der Wirt sagte, dass der reitende Bote aus Richten heute in der Stadt gewesen
sei, die Postsendung zu holen; dass der Herr Baron sich lange nicht hätten sehen
lassen und dass er die Zeit nicht denken könne, seit welcher die Frau Baronin
zuletzt durch den Ort gekommen sei, die freilich im Winter zu reisen nicht
liebe.
    Er hegte nach Art seiner Standesgenossen offenbar Neigung, mit dem jungen
Freiherrn zu verkehren, klagte über die schweren Zeiten, von denen hier Jeder
mehr als anderswo gelitten habe und durch die man auf den Gütern noch weit
schwerer als in den Städten getroffen worden sei. Er meinte, der junge Herr
Baron werde ja wohl von Hause auch davon vernommen haben und nun selber sehen,
wie es Alles stehe. Aber Renatus schenkte ihm nicht recht Gehör. Er war zu sehr
mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um Verlangen nach gleichgültigem
Gespräche zu tragen, und gerade weil er viel darum gegeben hätte, den
Zwischenraum überfliegen und die Stunden abkürzen zu können, die ihn noch von
seinem Ziele trennten, hatte er eine Scheu vor jenen zufälligen Nachrichten aus
der Heimat, wie sie dem Entferntgewesenen entgegen gebracht zu werden pflegen.
    Er hatte Anfangs das Aufhören des Regens abwarten wollen; aber der Wunsch,
vorwärts zu kommen und bei den Seinigen zu sein, wurde mit jeder Stunde
lebhafter, und es ward ihm, er wusste selber nicht, wesshalb, je länger desto
unheimlicher zu Sinne. Er ging selbst nach dem Stalle, zu sehen, ob man mit den
Pferden noch nicht wieder aufbrechen könne, er trat mehrmals vor die Türe
hinaus, nach dem Wetter auszuspähen; das sah aber gar nicht darnach aus, als ob
man ein baldiges Aufhellen erwarten dürfe. Der Wirt unterhielt ihn davon, wie
viel Mann Einquartierung er voraussichtlich bekommen werde, berechnete, wie viel
Mann auf seine Nachbarn fallen würden, und Renatus dachte, dass er heute zum
ersten Male bei seiner Heimkehr in das Vaterhaus hier nicht den Wagen und die
Dienerschaft seines Vaters fände. Es ging das freilich mit natürlichen Dingen
zu, indes es war ihm deshalb nicht weniger unangenehm. Mit einem nicht zu
überwindenden Missgefühle setzte er den Czacko auf und blieb dann neben dem
Wirte unter dem Vordache des Hauses stehen, um zu warten, bis sein Bursche die
Pferde gesattelt haben werde. Er konnte es in der geheizten, mit Tabacksdampf
erfüllten Gaststube vor Ungeduld nicht mehr ertragen.
    Als sie so vor der Türe standen, sahen sie durch den Regen einen
verdeckten, leichten Korbwagen herankommen, den zwei starke Braune zogen.
    Das ist der Steinert aus Marienfelde, sagte der Wirt; dem können der Herr
Baron nur auch gleich sagen, was ihm bevorsteht, denn leer ausgehen wird der
auch nicht.
    Er trat mit diesen Worten an den Wagen heran, weil er meinte, dass Steinert
einkehren werde. Dieser hatte es jedoch nur auf ein kurzes Anhalten abgesehen,
denn er war nicht weit gefahren, hatte kaum noch eine Stunde bis nach Hause und
wollte nur noch hören, ob und was es etwa Neues gäbe.
    So wie er den Kopf zum Verdeck hervorbog, erkannte er den jungen Edelmann,
obschon er ihn seit Jahren nicht gesehen hatte, und mit jener Freude, die jeder
Gutgeartete über das schöne Heranwachsen eines Menschen empfindet, den er als
Kind gekannt hat, rief er Renatus ein herzliches Willkommen und die Frage zu,
was er denn Gutes aus der Ferne bringe. Aber Renatus vermochte ihm nicht in
gleicher Weise zu erwiedern. Es verdross ihn, dass ihn Steinert nicht, wie in
früheren Jahren seinen Vater und die anderen Edelleute, als den gnädigen Herrn
ansprach, sondern ihn schlechtweg Herr Lieutenant nannte. Es dünkte ihm eine
verkehrte Welt zu sein, in welcher Adam Steinert behaglich und trocken in seinem
Wagen einherfuhr, während er, der Freiherr Renatus von Arten-Richten, als
Quartiermacher in Regen und Nebel durch das Land zog, und obschon er
gleichzeitig diese Empfindungen und die Empfindlichkeit, zu der sie sich in ihm
verwandelten, törichte und zu bekämpfende nannte, fühlte er sie doch in einem
solchen Grade, dass sie ihm alle Freiheit des Behabens nahmen.
    Es dünkte Renatus also doppelt lästig, dass der Wirt sofort wieder von der
Einquartierung zu sprechen anfing, da der Lieutenant sie wirklich auch für
Marienfelde anzumelden hatte. Steinert verliess, sobald er davon hörte, seinen
Wagen, und wie er nun in seiner bestimmten Weise von dem jungen Offizier genaue
Auskunft forderte, wie er Fragen stellte, welche Renatus ihm zu beantworten
verpflichtet war, da kam noch einmal und noch stärker der Gedanke über diesen,
dass die Welt sich umgewandelt habe. Er besass im Allgemeinen wenig Leichtigkeit,
und das Missbehagen nahm ihm diese vollends. Er gab Steinert kurz und trocken die
Zahl der Leute, der Pferde, den Tag ihrer Ankunft in Marienfelde und die Dauer
ihres Aufentaltes an. Steinert, der die kalte, abweisende Haltung des jungen
Mannes nach der Freundlichkeit, mit welcher er ihm entgegen gekommen war, mit
Recht als einen Hochmut und eine Unhöflichkeit betrachtete, verzeichnete die
Angaben in seinem Taschenbuche, dankte für die Mitteilung und bemerkte, sich zu
dem Wirte wendend, er sei in diesen Zeiten immer recht von Herzen froh darüber,
dass er gleich ein tüchtiges Stück von dem Schloss abgebrochen habe, nachdem er
sein Gut gekauft; denn grosse Schlösser seien jetzt ein wahres Verderben für den
Gutsbesitzer, der in ihnen immer die ganze Generalität zu beherbergen und zu
ernähren bekomme, während er schon Not genug habe, sich mit den Seinigen
durchzubringen.
    Renatus hörte darauf, wie Steinert sich des zeitigen Frühjahres freute und
es günstig für die Arbeit nannte, und wie der Wirt ihm kopfschüttelnd
entgegnete: Was hilft uns das, wenn sie uns die aufgegangenen Saaten wieder vom
Felde in die Raufen schleppen und das reife Korn zu Schüttstroh nehmen, wie vor
Jahren? Man möchte die Arme am liebsten über einander schlagen und die Felder
brach liegen lassen, da hätte man wenigstens nicht den Aerger über die ganze
vergebliche Mühe!
    Ja, nichts tun, oder arbeiten was die Knochen halten wollen, versetzte
Steinert, das ist die Frage, um die es sich jetzt handelt. Rasch schaffen, Alles
zu Gelde machen, wenig brauchen, das Geld sichern und abwarten, bis man wieder
mit Zuversicht an ein Unternehmen gehen kann - so habe ich's die ganzen Jahre
her gehalten. Wo sie nichts finden, können sie nichts nehmen, und meiner Haut
wehre ich mich noch. Es werden Viele zu Grunde gehen in dieser Zeit, denn es
sieht bedenklich auf den meisten Gütern aus, und wer den letzten Taler in der
Tasche haben wird, der wird einmal was machen können!
    Er trank das Glas Bier aus, das er gefordert hatte, und ging nach seinem
Wagen, als der Bursche des jungen Freiherrn diesem sein Pferd vorführte.
Steinert sah, wie der Wirt dem jungen Offizier den regenschweren Mantel
reichte, wie Renatus ihn um seine Schultern hing. Da kam eine jener
Rückerinnerungen, welche dem jungen Edelmanne vorhin seine gute Laune genommen
hatten, auch über Steinert; aber sie hatte jenen hart und ungerecht gemacht und
dieser ward durch sie besänftigt. Wollen Sie mit mir fahren, Herr Baron? fragte
er. Es kommt mir auf einen Umweg nicht an, meine Pferde sind frisch; wir binden
Ihren Schimmel an, ich fahre Sie bis Rotenfeld, und bis dahin lässt der Regen
vielleicht nach.
    Er stand an seinem Wagen und schlug das Spritzleder einladend zurück; aber
Renatus konnte sich nicht überwinden, der wohlgemeinten Aufforderung zu folgen.
Er dankte ihm für seine gute Absicht.
    Nun denn, rief Steinert, so leben Sie wohl und kehren Sie Ihrem Vater, dem
Freiherrn, aus Russland wohlbehalten wieder. Es wird ihm nahe gehen, Sie im Felde
zu wissen, und er ist kein Jüngling mehr. Sie werden überhaupt hier zu Lande
mancherlei verändert finden!
    Damit fuhr er fort; auch Renatus stieg zu Pferde, aber das ganze
Zusammentreffen mit Steinert hatte ihm einen peinlichen Eindruck hinterlassen
und die letzten Worte desselben waren ihm schwer auf das Herz gefallen. Was
hatte er damit andeuten wollen? Was war geschehen? -
    Der schlimmste Reisegefährte, die unbestimmte Sorge, hatte sich dem jungen
Manne zugesellt und wollte nicht von ihm weichen, wie er sie auch zu bannen
versuchte. Es war das erste Mal, dass er sich der Heimat nicht freien Herzens
näherte, dass seine Gedanken sich ernstlich mit den Umständen und
Vermögensverhältnissen seines Hauses beschäftigten.
    Der Freiherr hatte es dem Sohne niemals fehlen lassen, und obschon dieser
weder ausschweifende Neigungen noch übertriebene Bedürfnisse besass, war er doch
gewohnt, jeden seiner Wünsche zu befriedigen. Er wusste, dass sein Vater kein
guter Rechner, kein umsichtiger Landwirt sei und viel verbrauche. Das war aber,
wie Renatus meinte, bei einem Edelmanne sehr erklärlich, und man hatte es nur zu
bedauern, dass der Freiherr bisher niemals passenden Ersatz für Steinert hatte
finden können; denn gerade die besten Landwirte hatten mit Renatus oft davon
gesprochen, dass man die Hülfsquellen seiner väterlichen Besitzungen nicht nach
Gebühr benutze, dass man aus den Gütern nicht mache, was sie werden könnten, dass
man nicht die nötigen Kapitalien in sie hineinstecke, um sie im Grund und Boden
wuchern und Zinsen tragen zu lassen. Allein eben das flüssige Kapital fehlte
seinem Vater, und dieser hatte dem Sohne in guten Stunden wohl den Rat gegeben,
sich bei Zeiten nach einer reichen Erbin zur Gattin für sich umzusehen, damit
man wieder in grösserer Freiheit des eigenen Grundbesitzes froh werden möge. Wie
würde der Freiherr nun die Nachricht aufnehmen, dass Renatus die völlig
Mittellose in das Haus zu führen denke?
    Bei dem Regenwetter dunkelte es früh, und der Sinn des jungen Mannes wurde
dadurch eben auch nicht heiterer. Der Nebel stieg aus dem Boden der sumpfigen
Wiesen empor und zog in langen, schwebenden Streifen langsam neben und um ihn
her. Er ritt mit wachsender Ungeduld in schnellem Trabe vorwärts; er wollte das
Schloss noch erreichen, ehe es Nacht ward. Es dünkte ihn, als sei der Weg weit
länger geworden, als komme er nicht von der Stelle; und wie er den Weg nicht
bewältigen zu können glaubte, so kam er auch mit seinen Gedanken nicht vom
Flecke. Wenn er sich es vorstellen wollte, wie er seinem Vater sein Herz
entüllen und was Vittoria zu seiner Verlobung sagen werde, sah er Adam Steinert
vor sich stehen und es klang ihm das Wort vom letzten Taler und von dem
Unsegen, der jetzt auf den grossen Schlössern laste, in den Ohren. Er war froh,
als er endlich aus den Wiesen heraus war, als aus dem Nebel der Kirchturm von
Rotenfeld hervortrat und der Anblick der allbekannten, ihm engvertrauten
Umgebung ihn von seinem Grübeln abzog. Er schwankte, ob er in der Pfarre
vorsprechen und seinem greisen Lehrer seine Ankunft melden solle; aber seine
Ungeduld sträubte sich dagegen, und auch sein Schimmel schien sich der Nähe des
Stalles zu erinnern, in welchem er auferzogen worden war, denn er griff, ohne
dass sein Herr ihn dazu antrieb, mit Einem Male lustig aus, so dass Renatus in
wenigen Minuten die grosse Eichen-Allee zu erreichen hoffen durfte, die sich von
dem letzten Vorwerke bis zur Rampe des Schlosses hin erstreckte. Aber er ritt
und ritt, die Allee wollte noch nicht kommen. Er drückte dem Pferde die Sporen
in die Seite, es sprang empor und ging mit raschem Satze vorwärts - aber sie kam
nicht, die Allee.
    Was ist das? fragte Renatus sich, und es fuhr ihm kalt über den Rücken. Er
sah um sich, weil er meinte, nur der Nebel verhülle ihm die Bäume und der Nebel
sei es auch, der ihn so erkälte; indes der Nebel hatte sich verzogen, er konnte
an einzelnen Stellen sogar die Sterne durch die Wolken schimmern sehen, und es
war auch nicht der Nebel, der ihm das Herz in der Brust erstarren machte und ihm
den Hals zusammenschnürte. Denn nun lag es ja vor ihm, das Schloss seiner Väter;
er sah das Licht aus dem Fenster über dem Portale schimmern, das die riesigen,
alten Bäume jetzt nicht mehr verdeckten. Schon breitete der Hofraum sich weit
und öde vor ihm aus, aber es war nicht mehr, wie es gewesen war, es war nicht
mehr die alte Heimat! Das Schloss seiner Väter war seines schönsten Schmuckes
beraubt, der Stolz der Herren von Arten-Richten, die prächtige, uralte
Eichen-Allee war niedergeschlagen bis auf den letzten Baum. Jetzt wusste er, was
die Worte Steinert's bedeutet hatten - und die Tränen stürzten ihm aus den
Augen.
    Oben in dem Zimmer des Freiherrn brannte das Feuer im Kamin. Der reitende
Bote, welcher zweimal in der Woche die Briefe für den Freiherrn aus der
Kreisstadt abholte, war um die bestimmte Stunde nach dem Schloss zurückgekehrt,
und fast gleichzeitig mit ihm war der Caplan bei dem Freiherrn angelangt. Er kam
trotz seiner vorgerückten Jahre und seiner schwachen Gesundheit regelmässig an
den Abenden von Rotenfeld, wohin er gezogen war, bald nachdem Renatus zum
ersten Male das Vaterhaus verlassen hatte, nach Richten herüber, um dem
Freiherrn, dessen Augen in der letzten Zeit gelitten, zur Hand zu sein, falls er
sich eines Vorlesers bedürftig fühlte oder Briefe zu beantworten hatte; denn der
Sekretär des Freiherrn war noch während des ersten Krieges in die Dienste eines
französischen Generals getreten, und man hatte seine Stelle nicht wieder
besetzt.
    Die Lichte waren bereits angezündet, aber es waren nicht die vielarmigen
Leuchter, deren der Freiherr sich in früheren Jahren bedient hatte, als er am
Abende noch selbst zu lesen und zu schreiben pflegte. Der grosse Raum war also
nicht vollständig erhellt, und das Sopha, auf welchem Vittoria, die beiden Arme
mit der anmutigen Lässigkeit eines Kindes unter das Haupt gelegt, in stillem
Hindämmern zu ruhen schien, war ganz in Schatten gehüllt. An dem Tische, auf
welchem die eingegangenen Briefe und die Zeitungen der letzten Woche lagen, sass
der Caplan, und der Freiherr ging, dem Vorlesenden zuhörend, langsam in dem
Zimmer auf und nieder, wie es seine Gewohnheit war. Mit Einem Male blieb er
stehen.
    Es wird immer nutzloser, diese Blätter kommen zu lassen, sagte er, indem er
den Caplan unterbrach. Man müsste sich mitten im tiefsten Frieden glauben, wenn
man keine anderen Nachrichten empfinge, als diejenigen, welche die Zeitungen uns
verkünden. Nur von den friedlichen Gesinnungen Napoleon's, nur von seinen
Dekreten in der Gesetzgebung und für das Teater ist heute wieder die Rede, und
dazu haben die Truppen-Durchmärsche bei uns nicht aufgehört; dazu meint man, so
oft man zu unerwarteter Stunde ein Geräusch vernimmt, dass wieder irgend ein
neuer Quartiermeister oder Fourier im Schloss anlangt, um uns neue, unerbetene
Gäste anzumelden.
    Er hatte aber diese Worte noch nicht vollendet, als man den Hufschlag eines
Pferdes auf der grossen Rampe hörte. Da sehen Sie, mein Freund, wir leben gerade
wie im Schauspiele! meinte der Freiherr. Man braucht von den Dingen nur zu
sprechen, um sie eintreffen zu machen. - Er ging nach dem Fenster; auch der
Caplan erhob sich, um hinunter zu sehen. Man konnte jedoch in der Dunkelheit
nicht erkennen, wer der angekommene Reiter sei, und der Freiherr war eben auf
dem Wege, die Klingel zu ziehen, um sich danach zu erkundigen, aber er stand
dann wieder davon ab. Es hatte sonst nicht in seiner Art gelegen, den
Ereignissen entgegen zu gehen, und er machte sich innerlich einen Vorwurf
daraus, dass er die Ruhe verloren habe, sie an sich herankommen zu lassen. Er
wendete sich mit einer anscheinenden Gelassenheit wieder in das Zimmer zurück,
legte die Hände wieder über dem Rücken in einander, um bei dem Herumgehen die
Brust zu dehnen, und wollte eben den Caplan ersuchen, mit dem Lesen
fortzufahren, als man eilige Schritte auf der Treppe und im Vorsaale hörte und
der Diener in der Türe erschien.
    Was gibt es? fragte der Freiherr, froh, des Zwanges ledig zu sein, den er
sich angetan hatte.
    Ein Offizier, gnädiger Herr, ein Offizier ist angekommen, von den Unserigen
einer! antwortete der Diener, und ehe der Freiherr noch sein Missfallen über
diese unruhige Meldung äussern konnte, war Renatus schon in das Zimmer
eingetreten und hatte sich erschüttert an des Vaters Brust geworfen.
    Auch der Freiherr war sichtlich ergriffen. Mein Sohn, mein lieber Sohn! rief
er aus, als Renatus sich niederbeugte, des Vaters Hand zu küssen, und er die
Tränen in des jungen Mannes Augen gewahrte. Was bewegt Dich so, Renatus? Fasse
Dich, mein Sohn!
    Aber die Stimme seines Vaters, weit davon entfernt, ihn zu besänftigen,
rührte den Sohn noch mehr, denn sie klang ihm fremd. Es war nicht mehr der alte,
volle Ton, und unfähig, sich zu beherrschen, rief er: Wo ist unsere Allee
geblieben, Vater?
    Des Freiherrn Brauen zuckten zusammen, er liess die Hand des Sohnes fahren,
denn er meinte einen Vorwurf in der Frage zu vernehmen, und nach des Freiherrn
Begriffen von dem Familienrechte und von dem Erbrechte hatte der Sohn dem Vater
eine solche Frage auch zu stellen; aber dass er sie in der Stunde der Ankunft,
dass er sie in dem Augenblicke tat, in welchem er den Vater nach längerer
Abwesenheit zum ersten Male umarmte, dass er sie im Beisein des Caplans, im
Beisein Vittoria's und gar in Anwesenheit des Dieners tat, das kränkte des
Vaters Herz, das beleidigte das Ehrgefühl des Edelmannes und des Hausherrn.
    Die Franzosen hatten auf ihrem Durchmarsche Lücken in die Allee geschlagen.
Der Anblick war mir unerträglich, machte mir die Allee zuwider, und ich fand es
für angemessen, zu nutzen, was ein nächster Durchmarsch ganz zerstören konnte!
entgegnete der Freiherr, schnell und abgebrochen sprechend. Aber wesshalb
zeigtest Du Deine Ankunft nicht im Voraus an? Du weisst, dass ich die
Ueberraschungen nicht liebe. Was führt Dich hieher?
    Ich komme als Vorbote meines Regimentes! sagte Renatus, durch die Worte
seines Vaters und mehr noch durch ihren strengen Ton nun eben so beleidigt und
verletzt, als der Freiherr sich erwies.
    Also Einquartierung - schon wieder Einquartierung?
    Der Stab unseres Regimentes kommt übermorgen in Richten an und wird drei
Tage im Schloss bleiben; das Regiment, zwölfhundert Mann stark, ist auf unsere
Dörfer verteilt, der Train bleibt in Marienfelde, berichtete Renatus, als mache
er die Meldung vor einem fremden Manne; aber es kam ihm hart an, denn er sah,
wie unwillkommen sie dem Freiherrn war, wie schwer sie ihn bedrückte, und er
fand ihn ohnehin nicht, wie er ihn verlassen, nicht, wie des Vaters Bild ihm in
der Erinnerung vorgestanden hatte.
    Die beiden letzten Jahre hatten dem Caplan weit weniger angehabt, als seinem
freiherrlichen Freunde. Da der Caplan niemals stark gewesen war, fiel es an ihm
nicht wesentlich auf, dass er magerer geworden. Sein Haar hatte die Farbe nicht
merklich geändert, nur dünner war es geworden, so dass die Tonsur sich nicht mehr
kenntlich machte. Aber er hielt sich noch aufrecht wie in seinen besten Tagen,
sein Gesicht hatte seinen alten, friedlichen und milden Ausdruck bewahrt, sein
Auge war noch hell, und seine Soutane, jenes priesterliche Gewand, auf das die
Mode keinen Einfluss übte, umgab noch mit der alten Sauberkeit, mit der es einst
den Leib des Jünglings bekleidet hatte, auch die Gestalt des Greises.
    Der Freiherr hingegen hatte sich sehr verändert. Weil er auf der Höhe des
Mannesalters an Fülle sehr zugenommen, liess die danach eingetretene Verminderung
derselben seine Haut welk und schlaff erscheinen. Die einst so schönen,
hochgeschwungenen Augenbrauen waren buschiger geworden und hingen tief herunter,
alle Züge des Gesichtes hatten sich scharf ausgeprägt, man sah, dass starke
Leidenschaften sie gezeichnet hatten. Wer den Freiherrn einst in der
Stattlichkeit der altfranzösischen Tracht gekannt hatte, dem konnte es nicht
entgehen, dass sein Schritt jetzt in dem Klappenstiefel nicht mehr so wohl
gemessen war, als in dem seidenen Strumpfe und in dem Schnallenschuh, und selbst
das hohe, weisse Halstuch, das den Nacken des Freiherrn vielmals umgab und sein
Kinn, wie die Mode es mit sich brachte, hoch empor hob, konnte es nicht
verbergen, dass er sein Haupt nicht mehr so stolz trug, nicht mehr so frei
bewegte, als in alter Zeit.
    Der Freiherr hatte die Anzeige schweigend hingenommen. Erst nach einer Weile
sagte er: Und Du beeiltest Dich, Dich zum Ueberbringer dieser angenehmen
Neuigkeit zu machen; das ist ein sonderbarer Einfall, ein sonderbar Gelüsten! -
Er schüttelte das Haupt und lächelte dazu spöttisch. Renatus regte sich nicht.
    So entstand eine lange Pause, und wo eine solche sich in den ersten
Augenblicken eines Wiedersehens zwischen Menschen, die eng zu einander gehören,
einstellt, ist es eben so ein Zeichen als der Vorbote irgend welcher
Missverhältnisse. Der wohlgeschulte Diener war still hinausgegangen, da er sah,
dass man ihm für jetzt keine Befehle zu geben habe, um nicht anzuhören, was man
ihn sicherlich nicht hören zu lassen wünschte; auch Vittoria hatte, nachdem sie
bei dem unerwarteten Eintritt ihres Stiefsohnes in freudiger Ueberraschung aus
ihrer Ruhe aufgesprungen war, sich entfernt. Sie war es nicht gewohnt, von
Renatus nicht gleich mit Zärtlichkeit begrüsst, von dem Freiherrn nicht
berücksichtigt zu werden, und ernstaften Verhandlungen, geschäftlichen
Erörterungen oder gar einem Streite beizuwohnen, widerstrebte ihrer innersten
Natur. Und doch bedurften der Freiherr und sein Sohn eines Vermittlers, dessen
leise Hand ihnen über den Zwiespalt fortalf, der sich zwischen ihnen auftat
und der unausfüllbar werden konnte, wenn man ihm nicht in dieser ersten Stunde
Schranken setzte.
    Es war der Caplan, der ihnen diesen Dienst zu leisten unternahm, denn er
wusste, was es zu bedeuten hatte, wenn der Freiherr seinen Kopf so langsam in die
Höhe hob, wenn seine Lippen sich so fest zusammenpressten, und was Renatus
fühlte, wenn er so die Augen senkte.
    Mit jener ruhigen Bewegung, die von jeher eine der schönen Eigenschaften des
Geistlichen gewesen war, ging er, obschon auch ihm Renatus noch die Begrüssung
schuldete, auf diesen zu und sprach, indem er ihn in seine Arme schloss: Du
wünschtest Deinem Vater offenbar die üble Nachricht weniger empfindlich zu
machen, indem Du Dich zu ihrem Boten hergabst, denn Du hattest Dir es selbst
gesagt, dass es der schweren Belästigungen und der noch schwereren Sorgen für den
Herrn Baron bereits mehr als zu viel gegeben habe, und Du bist vorausgekommen,
um zu sehen, ob Du nicht Deinen Anteil davon tragen könntest. Das macht Deinem
Herzen und Deiner Einsicht Ehre, daran erkenne ich Dich und Deinen guten Willen.
    Die Worte, welche den Vater wie den Sohn behutsam aber entschieden auf ihren
rechten Standpunkt wiesen, beschämten beide und befreiten sie doch zugleich. Sie
warfen weit mehr, als der Caplan es ahnen konnte, dem Sohne vor, dass er in jeder
Beziehung nur an sich und sein Bedürfen gedacht habe, sie erinnerten den Vater
daran, dass der Sohn sicherlich in freundlicher Absicht gekommen sei, und geboten
dem Sohne Schonung für den Vater, dem Vater Rücksicht und Anerkennung für den
Sohn. Aber man findet sich nicht gleich zurecht, wenn man einmal von der
richtigen Strasse abgekommen ist und die Gegenstände und die Menschen von einer
falschen Seite angesehen hat.
    Renatus erwartete, dass der Freiherr, wie das früher in ähnlichen Fällen
geschehen war, nach kurzem Ueberlegen mit der Angelegenheit fertig sein, dass er
dem Amtmanne durch einen Boten noch heute seine Befehle senden oder ihn in der
Frühe des nächsten Morgens kommen lassen werde, um mit wenigen Worten die Sache
durchzusprechen, und dass von derselben danach nicht mehr die Rede sein werde,
bis zur Ankunft der Einquartierung. Statt dessen nahm der Freiherr eine Brille
zur Hand, setzte sich am Schreibtische nieder, verzeichnete die Namen und den
Rang der Offiziere, die man im Schloss unterzubringen hatte, liess sich vom
Caplan aus der Registratur, die er, seit Steinert aus seinem Dienste geschieden
war, von Rotenfeld nach dem Archive in Richten und in eigene Verwahrung
genommen hatte, verschiedene Acten und Papiere herbeiholen und machte sich
daran, die Verteilung auf die einzelnen Häuser eben nach jenen Papieren und
Acten selbst auszurechnen und festzusetzen. Renatus sah mit Verwunderung, wie
genau der Freiherr jetzt von der Lage und von den Verhältnissen der einzelnen
Gutsinsassen unterrichtet war; aber eben so setzte ihn die harterzige Strenge
in Erstaunen, die sich bei dem Freiherrn gegen alle jene Leute aussprach, welche
seit Jahrhunderten Hörige seiner Familie gewesen und nun in Folge der neuen
Gesetzgebung freie Bauern und freie Arbeiter geworden waren. Der Caplan hatte
beständig Nachsicht für sie von dem Freiherrn zu fordern, und es kamen dabei so
traurige Schilderungen ihrer Not zur Sprache, Renatus erfuhr durch die
Entgegnungen des Freiherrn so viel von den Lasten, welche dieser bereits zu
tragen gehabt hatte, sein Vater äusserte sich so unumwunden über den Mangel an
Lebensmitteln, der auf den Gütern herrsche, und über die Schwierigkeit, welche
man haben werde, das Geld zur Beschaffung der für die Aufnahme des Stabes
notwendigen Bedürfnisse aufzutreiben, dass Renatus sich abermals die Frage
aufwarf, in welcher Welt er denn lebe, und ob er, ob sein Vater noch dieselben
Freiherren von Arten-Richten wären, die sonst in stolzer Sorgenfreiheit in
diesem Schloss gleichsam Hof gehalten hatten.
    Er musste es als ein Zeichen des Vertrauens, der Verzeihung ansehen, dass sein
Vater ihm ein paar Blätter hinreichte, damit er sie mit ihm zusammen abstimme;
aber er kannte seinen Vater in der Beschäftigung nicht wieder. Er fragte sich:
wie ist es möglich, dass er in der Stunde meiner Ankunft an nichts Anderes, als
an diese Geschäfte denkt, und er sah es ein, wie dieses nicht der Augenblick und
nicht der Zeitpunkt sei, in welchem er seinem Vater mit der Nachricht, dass er
sich versprochen habe und eine eigene Familie in Schloss Richten zu begründen
wünsche, eine Freude machen könne.
    Es war ihm schwer ums Herz, er bemitleidete seinen Vater. Der Freiherr und
die Zeiten hatten sich so sehr verändert. Wie weit hatten sich sonst Tür und
Tor jedem Gaste geöffnet, wie hatte man sich, als seine Mutter noch gelebt, zu
jeder Stunde beeilt, den Ankommenden zu bewirten und zu erquicken! Jetzt nahmen
Sorgen des Vaters Sinn durchaus gefangen, jetzt dachte Niemand daran, dass
Renatus weit geritten, dass er durch Regen und Nebel gekommen war, dass der Sohn
des Hauses eine Erfrischung und Stärkung nötig haben könne, und so traurig, so
erschreckt, so niedergeschlagen und so fremd fühlte er sich, dass er sich nicht
entschliessen konnte, sie zu fordern! Die baumlose, kahle Fläche vor dem Schloss
schwebte ihm immer vor den Augen, das Wort von dem letzten Taler lag ihm immer
noch im Sinne.
    Es half ihm nicht, dass er sich vorhielt, wie natürlich es sei, dass sein
Vater der Geschäfte denke, wie töricht er selber handle, dass er nicht verlange,
was er nötig habe. Er fand endlich eine Art von düsterer Genugtuung darin,
sich die Wandlung recht empfindlich zu machen, die hier vorgegangen war, und
weil er niemals rechnen und erwägen gelernt hatte, so unterschätzte er jetzt die
Lage, in welcher sein Vater und seine Familie sich befanden, wie er sie bisher
zu überschätzen gewohnt gewesen war. Es ängstigte ihn, dass seine Vorgesetzten,
seine Kameraden einen Einblick in die veränderten Verhältnisse seines Hauses
tun konnten; er dachte mit Schrecken daran, wie gleich die niedergehauene Allee
es Jedem verkünden müsse, dass die Axt auch an den Wohlstand seines Stammes
bereits gelegt sei. Er kam sich wie ein Heimatloser, wie ein Bettler vor - und
Hildegard erwartete von ihm das Glück ihres Lebens, eine schöne, reiche Zukunft!
 
                                Zweites Capitel
Man hatte sich mühsam durch den Abend hingebracht, und der nächste Morgen liess
sich auch nicht besser an. Es regnete noch immer fort. Nirgends war ein
Durchbruch der Wolken zu bemerken, der auf eine baldige Aenderung des Wetters
hätte schliessen lassen. Auf dem Lande aber hat ein lange anhaltender Regen etwas
Einbannendes, das ihn weit lästiger macht, als in der Stadt.
    Der Freiherr hatte früh den Amtmann rufen lassen, weiterhin gegen Mittag
kamen ungefordert die Schulzen und verschiedene Bauern in das Schloss, um bei dem
Freiherrn ihre Beschwerden und Bitten wegen der bevorstehenden Einquartierung
anzubringen. Renatus sah daraus, dass sein Vater die Verwaltung seiner Güter fast
ganz in seine Hand genommen hatte; aber er konnte sich nicht daran gewöhnen, dass
die schweren Schritte der Bauern auf den Treppen und Gängen des Schlosses
erschallten, dass ihr erdiger Stiefel den Teppich in dem Zimmer des Freiherrn
betrat, und sein Vater tat ihm leid, wenn er ihn Geschäfte verhandeln, ihn um
Kleinigkeiten dingen und feilschen sehen musste, an welche zu denken er in
früheren Jahren weit unter seiner Würde gehalten haben würde. Es war still im
Schloss, aber nicht so ruhig, wie dereinst.
    In dem Zimmer, welches das Wohngemach der Baronin Angelika gewesen, waren
die Fenster alle geschlossen, obschon trotz des Regens die Luft sehr mild war.
Im Kamine brannte das Feuer. Vittoria lag auf einem türkischen Polster, Renatus
sass ihr gegenüber. Sie hatte ein vielfarbiges Tuch um Kopf und Schultern
geschlagen, als ob sie trotz der grossen Wärme, welche in dem Zimmer herrschte,
an Kälte leide, und bewegte, im Gegensatz dazu, mechanisch und zerstreut den mit
Edelsteinen besetzten Fächer in ihrer Hand, als müsse sie sich Kühlung fächeln.
Renatus sah, wie ihre schwarzen Locken an ihren Schläfen niederfielen, wie ihr
kleiner Fuss unter dem gelbseidenen Morgen-Gewande hervorblickte, wie ihre langen
Wimpern einen Schatten auf ihre Wangen warfen und wie sie es vermied, seinem
Auge zu begegnen, so geflissentlich er das ihrige suchte.
    Eine geraume Zeit verging auf diese Weise. Mitunter machte der junge Mann
eine Bewegung, als ob er sich erheben und das Zimmer verlassen wolle; dann
folgte ihm der Blick Vittoria's schnell und unmerklich, aber er stand immer
wieder von seinem Vorhaben ab, obschon es ihn Ueberwindung kostete, zu bleiben;
und wenn sie sich seines Verweilens auf's Neue sicher wusste, senkte sich das
Auge seiner Stiefmutter wieder auf den Boden nieder, als gäbe es gar nichts, was
ihre Teilnahme erregen oder sie von ihren eigenen Gedanken abwendig machen
könnte.
    Sie hatten eine lange Unterhaltung mit einander gehabt; eine jener
Unterredungen, die, von dem völligsten Vertrauen ausgegangen, sie plötzlich zu
einem Punkte gelangen lassen, auf dem sie sich getrennt empfunden hatten. Im
Erstaunen über diese Möglichkeit, im Erschrecken über sie, war von der einen wie
von der andern Seite manches Wort gefallen, das man gesprochen, ohne es sprechen
zu wollen, Worte, die man bereute und die man doch nicht zurückzunehmen
vermochte, weil sie zu tief in die Seele des Andern eingedrungen waren. Renatus
hatte seine Stiefmutter der Selbstsucht angeklagt, sie hatte ihn undankbar
genannt. Er hatte ihr vorgeworfen, dass sie nie empfunden habe, was Liebe sei;
sie hatte ihn daran erinnert, dass es dem Sohne seines Vaters übel anstehe, es
ihr in das Gedächtnis zu rufen, was ihre Ehe ihr versagt habe; und bei jedem
Tadel, bei jedem Vorwurfe, mit dem sie einander entgegentraten, schärfte der
Gedanke, dass es eben Vittoria, dass es eben Renatus sei, der sich also
ausspreche, den Stachel, mit dem sie einander verwundeten. Denn Niemand kann uns
so tief verletzen, als die Hand eines sehr Geliebten.
    Wie man von einer Höhe hinuntereilend durch die eigene Schwere und Bewegung
über sein Wollen hinausgetrieben wird, bis man endlich, gewaltsam einhaltend,
mit Erschrecken wahrnimmt, dass man hart am Rande eines Abgrundes steht, so sassen
Renatus und Vittoria einander gegenüber. Das Herz war beiden schwer, beiden tat
die Bitterkeit wehe, die sie gegen den Andern empfanden, Jeder von ihnen hätte
einlenken mögen, aber sie konnten den Weg dazu nicht finden, und selbst die
urprüngliche Sprachverschiedenheit wurde heute ein Hindernis zwischen ihnen,
obschon beide des Französischen völlig mächtig waren, das ihnen von jeher zur
Vermittlerin gedient hatte.
    Renatus sah es mit einer wachsenden Unruhe, wie regungslos Vittoria zu Boden
blickte, mit welch maschinenmässiger Sicherheit sie ihren Fächer handhabte. Er
hoffte, sie werde ihn einmal fallen lassen, er wünschte ihn aufheben, ihn ihr
reichen, irgend eine Veranlassung finden zu können, die es ihm nötig oder auch
nur möglich machte, ein Wort zu ihr zu sprechen, einen Blick von ihr zu
erhaschen, ihren Dank zu vernehmen. Es war ihm zu Mute, als habe man ihm ein
lang besessenes Gut entrissen, als habe man ihm mit einer teuren Erinnerung ein
Stück seines Lebens genommen, als habe er etwas Unschätzbares vergessen, als
habe auch Vittoria ihn vergessen. Er lebte wie unter einem Zauberbanne, und er
meinte, Ein Wort, das erste, beste, gleichgültige Wort, müsse diese unselige
Verzauberung lösen, müsse ihm und seiner Stiefmutter das Gedächtnis wiedergeben
können, das Gedächtnis all der langen Freundschaft, all der heiteren,
überströmenden Neigung, die sie für einander in der Brust getragen bis auf diese
Stunde. Er wollte immer sagen: Besinne Dich, Vittoria, ich bin's! Er sagte sich
innerlich fortwährend: Es ist ja Vittoria! - Aber der Bann der harten,
unglückseligen Worte lag über ihm und zwischen ihnen und wuchtete immer schwerer
und machte ihn immer unfähiger, sich zu befreien. Und dazwischen dachte er mit
Missmut und mit Sorge an Hildegard, welche die unschuldige Ursache all seines
Schmerzes war.
    Endlich erhob Vittoria das Haupt. Renatus hätte ihr schon dafür danken
mögen. Sie sah ihn an, flüchtig mit ihrem dunklen Auge an ihm vorüberstreifend,
sah in die Flammen, als gewahre sie erst jetzt, dass diese im Erlöschen seien,
blickte dann in das Freie hinaus, wie wenn sie den langsamen Fall der feinen,
dichten Regentropfen betrachtete, und sprach zusammenschauernd die Worte, mit
denen Dante seinen Eintritt in den dritten Höllenkreis bezeichnet:
I' sono al terzo cerchio della piova
Eterna, maledetta, fredda e greve!1
O, mag es regnen! rief Renatus, indem er sich, schon durch den Klang ihrer
Stimme erfreut, zu ihr hinüberneigte und ihr seine Hand entgegenreichte, mag es
doch regnen, wenn Du nur wieder mit mir sprichst! - Aber sie nahm seine
dargebotene Rechte nicht an. Er hatte also die Kränkung, sie zurückziehen zu
müssen, und doch liess er sich dadurch nicht entmutigen.
    Mit ihr von dem Gegenstande zu reden, der sie so weit von einander entfernt
hatte, noch einmal die Unterredung in diesem Augenblicke auf seine Verlobung
zurückzuwenden, konnte und mochte er nicht wagen, da ihm an einer Versöhnung mit
Vittoria gelegen war, und sich selbst verleugnend, indem er zu dem
Aeusserlichsten, zu dem Gleichgültigsten seine Zuflucht nahm, bat er: Habe Geduld
mit diesem Wetter, Geduld mit unserem Klima! Aber er konnte nicht von sich
selber los, und mit bewegter Stimme fügte er hinzu: Muss ich doch jetzt mich auch
gedulden, bis Du mich ruhiger hören, bis Du wieder die rechte Vittoria, meine
Vittoria sein willst! Nur ein paar Tage noch, und die Sonne und der Frühling
sind wieder einmal da!
    Um uns in ihrem kurzen Verweilen empfinden zu lassen, was wir den grössten
Teil des Jahres hindurch entbehren müssen! entgegnete sie ihm, sich nur an
seine letzten Worte haltend. Dann erhob sie sich mit einem Seufzer und trat an
eines der Fenster heran. Renatus folgte ihr dahin nach. Sie stützte die Stirn
gegen die Scheiben, schaute eine Weile lautlos auf die Terrasse und in den Park
hinunter, dessen kahle Bäume gespenstisch aus dem Regen und Nebel hervorsahn,
während der aufkommende Wind das nasse Laub am Boden vor sich her zu treiben
anfing.
    Heute feiern sie in unserem Kloster, hob sie dann mit einem Male wie aus
langem Rückerinnern an, den Namenstag unserer Aebtissin, der guten Mutter
Benedicta. Wie blühte da Alles in unserem Lande, wie schwamm der Klostergarten
in Licht und Duft! Wie freuten wir uns auf alle die Gäste, welche kamen, der
Oberin ihre Ehrfurcht zu bezeigen! Hätte der Himmel mir statt meines Valerio
eine Tochter beschieden, ich hätte sie in das Kloster gesendet! Ich war sehr
glücklich in dem Kloster!
    Des jungen Mannes Mienen verdüsterten sich auf das Neue, aber begütigend,
wie seine ganze Haltung gegen die Baronin war, sprach er: Vergiss nicht, Liebe,
wie oft Du mir erzähltest, dass Du Dich aus dem Kloster in die Welt hinaus
gesehnt hast!
    Weil man sie mir mit so verlockenden Farben schilderte, als ich mein Kloster
zum ersten Male verliess. Was wusste ich von der Welt? Ich war ein Kind! Wie
konnte ich begehren, was ich gar nicht kannte? Und was hat sie mir geboten,
diese Welt, in der ich lebe?
    Renatus fuhr mit langsamer Hand über seine Augen. Es war das eine der
Bewegungen, die er von seinem Vater ererbt hatte und die ihn demselben in
einzelnen Augenblicken ähnlich machten, so wenig er ihm sonst auch glich. Er
wollte seiner Stiefmutter verbergen, wie sie ihn verletzte, und sich
zusammennehmend, fragte er sie mit sanfter Stimme: Und bin ich Dir denn nichts,
Vittoria, gar nichts mehr?
    Sie schüttelte das Haupt. Man lebt nicht mit einem halben Herzen und man
liebt nicht mit einem geteilten Herzen! gab sie ihm abweisend zur Antwort, und
wieder trat die frühere Stille ein, und wieder sahen sie beide schweigend in den
kahlen, nassen Garten hinab und zu den schweren, grauen Wolken empor, die sich
nicht zerteilen zu wollen schienen.
    Endlich raffte sich Renatus auf. Du bist sehr ungerecht, Vittoria! sprach
er, und er musste innerlich wohl an die Unterredung gedacht haben, welche er vor
wenig Wochen mit Seba über seine Stiefmutter gepflogen, denn er wiederholte die
Worte, deren er sich damals gegen die Erstere bedient hatte: Ich habe kein Glück
mit meinen Müttern!
    Kein Glück? sprach Vittoria ihm nach, kein Glück? Und wer hat denn Glück?
Habe ich es? Habe ich es je gehabt? - Sie wendete sich zu ihm, nahm ihn bei der
Hand und zog ihn neben sich auf das Polster nieder, auf dem sie vorhin gelegen
hatte. Es war eine finstere Leidenschaft in ihrem Blicke, in ihrer Stimme,
selbst in der Kraft, mit welcher sie seine Hand ergriff und festielt. Er hatte
diese zarte Gestalt, er hatte die heitere Natur Vittoria's einer solchen
Leidenschaft gar nicht für fähig gehalten, so gut er sie zu kennen gewähnt
hatte.
    Weisst Du, was es heisst, fuhr sie in derselben Erregung fort, die um so
heftiger erschien, als sie sich bis dahin gewaltsam zur Ruhe gezwungen hatte,
weisst Du, was es heisst, wenn einem Menschen seine letzte Freude, seine letzte
Zuversicht entrissen wird? Weisst Du, was es heisst, keine Hoffnung mehr zu haben?
    Vittoria, wie magst Du also reden! mahnte der junge Mann, der sich nicht
erklären konnte, was in ihrer Seele vorging.
    Sie lachte. Freilich, rief sie, schweigen, immerfort schweigen; lachen,
singen, immerfort lachen und singen und scherzen wäre besser gewesen! Es ist ja
so bequem, an das Glück der Menschen zu glauben, so angenehm, sich zu sagen,
Vittoria ist und bleibt ein harmloses Kind und ich mache sie glücklich! Es ist
ja so bequem, Dank zu ernten von einem Herzen, das zu grossmütig ist, sein Wehe
laut auszuschreien und die Hand anzuklagen, die es aus dem Boden seines
Vaterlandes riss, ohne ihm eine neue Heimat in der Fremde bereiten zu können! Du
sagst mir, ich hätte nie geliebt! - Sie lachte wieder mit jenem bitteren Lachen,
das ihm in das Herz schnitt. - Und was ist's, fuhr sie fort, was Du von der
Liebe weisst? Glaubst Du, die blasse Empfindung, welche man seit Jahren in Dir
grossgezogen und die man zu benutzen verstanden hat, als man sie für reif hielt,
das sei Liebe? Ist diese blut-und phantasielose Hildegard, die älter ist, als
Du, die nie jung gewesen ist in der Jugend des Herzens, ist sie ein Weib, das
lieben kann, das man lieben kann? Ist sie in Dein Leben getreten so
überraschend, so blendend, so überwältigend wie die Sonne, wenn sie plötzlich um
Mitternacht über Deinem Horizonte aufginge und es fiele wie Schuppen von Deinen
Augen und Du müsstest Dir sagen: Ich habe geschlafen bis auf diese Stunde, nun
bin ich erwacht und ich lebe!?
    Vittoria! rief Renatus noch einmal mit bittender Abwehr, denn ihm bangte vor
dem Geständnisse, das er zu hören fürchten musste. Aber sie gab auf seine Mahnung
nichts, und wie sich selber zur Genugtuung sprach sie: Hast Du es je empfunden,
das Glück der Leidenschaft, das so gross ist, dass es kein Gestern hat und an kein
Morgen denkt, weil der Augenblick ihm die Welt und das ganze Dasein aufwiegt -
das so gross ist, dass Recht und Unrecht, Tugend und Sünde davor wie leere Schemen
in sich selbst zerfallen - so gross, dass nur ein Schmerz daneben denkbar bleibt,
ein einziger, der Schmerz der Endlichkeit! Kennst Du solch ein Glück?
    Er antwortete ihr nicht. - Und wenn sie nun kommt, die Trennungsstunde, wenn
nun Alles vorüber ist und nichts mehr bleibt, als die Hoffnung eines
Wiedersehens, und es kommt der Tag, der es verkündet: es gibt kein Wiedersehen,
keines, keines! Denn die Erde gibt nicht wieder, was sie verschlungen hat.
    Sie brach in lautes Weinen aus, Renatus lag zu ihren Füssen und presste ihre
Hände in die seinigen. Er wusste nicht, was er ihr sagen oder was er tun solle,
ihre Aufregung zu besänftigen. Er dachte gar nicht mehr an sich. Jetzt erfuhr
er, was Vittoria seit Jahren so verändert hatte und warum sie ihm bisweilen so
fremd und unbegreiflich erschienen war. Sie war ihm auch fremd in ihrer
Leidenschaft. Es kam mit einer heissen Angst der Gedanke über ihn, dass es seine
Stiefmutter, dass es die Gattin seines Vaters sei, die also zu ihm spreche; aber
er hatte das Herz nicht, sie zu verdammen. Er fühlte ein unaussprechliches
Mitleiden mit ihr, indes er fragte sie um nichts und sie sagte ihm nichts
weiter. Er blieb auf seinen Knieen vor ihr liegen, sie schien ihn fast vergessen
zu haben. Erst nach einer langen Weile legte sie ihre Arme um seinen Nacken.
    Sieh', sprach sie, wenn ich manchmal am Tage um mich sah und die Welt mir so
leer war und ich mir sagte, dass ich jung sei und noch lange leben müsse und dass
ich Niemanden hätte, Niemanden, der mich liebte ....
    Vittoria, sagte Renatus schüchtern, mein Vater liebt Dich! -
    Wie den Vogel, den er eingefangen hat und den er im vergoldeten Käfig nährt,
damit sein Gesang ihn im Winter glauben mache, dass es Frühling sei! Ist das
Liebe?
    Aber Du nahmst seine Hand an, obschon Du es sehen musstest, dass sein
Lebenswinter nahe sei!
    Singe ich denn nicht, sieht er mich traurig, glaubt er mich nicht glücklich?
gab sie ihm zur Antwort.
    Du hast auch Valerio! erinnerte er sie.
    Sie sah ihn an und schwieg. Ja, sagte sie danach, ich bin Deines Vaters Frau
und ich habe einen Sohn! Ich lebe für sie. Wer aber lebt für mich? Valerio ist
ein Kind, und mein Gatte ist ein Greis! - Und wieder schwieg sie.
    Bin ich Dir denn nichts, nichts mehr, Vittoria? fragte er, wie am Anfange
ihrer Unterredung.
    Sie schüttelte verneinend das Haupt. Hildegard liebt nicht zu teilen,
sprach sie, und Hildegard hat Recht! Es wohnen nicht zwei Gefühle verträglich in
einem Herzen bei einander! Sie und Du - Du und sie, das ist Deine Zukunft! Was
kümmert Dich die meine?
    Renatus verstummte. Er hatte, seit er sich ein selbständiges Urteil über
seine Stiefmutter zu bilden im Stande gewesen war, ihre Neigung zur Eifersucht
gekannt und sie als einen Zug ihres National-Charakters angesehen; aber dass
dieselbe sich auch auf ihn erstrecken könne, hatte er nicht erwartet, und doch
war es nicht diese Erfahrung, die ihn ratlos machte.
    Wer war der Mann, den Vittoria geliebt hatte? Wann hatte sie ihn gekannt?
Wusste sein Vater davon, und was sollte er selber gegenüber den Geständnissen
tun, die ihm zu machen Vittoria sich hatte hinreissen lassen?
    Er erschrak, als sein Vater eintrat, und doch war es ihm sehr willkommen,
als derselbe ihn aufforderte, ihn auf einer Fahrt zu begleiten, die er
unternehmen wollte, um sich zu überzeugen, wie man in Rotenfeld und in Neudorf
die Vorbereitungen zur Unterbringung des Regimentes treffe. Vittoria war
aufgestanden, als sie den Schritt des Freiherrn im Nebenzimmer vernommen, und
hatte sich an das Fenster gestellt. Als sie den Kopf zurückwendete, war jede
Spur der Leidenschaft, der Aufregung aus ihren Mienen verschwunden, das dunkle
Auge glänzte, als hätte es nie eine Träne gekannt, der schöne Mund lächelte,
als hätte er nicht eben erst die Worte eines hoffnungslosen Unglücks
ausgesprochen.
    Sie verlangte mitzufahren. Der Freiherr, der nicht gewohnt war, ihr etwas
abzuschlagen, machte sie auf des Wetters Ungunst aufmerksam; aber sie bestand
auf ihrem Sinne, und bittend und schmeichelnd und scherzend versuchte sie, wenn
auch vergebens, die Weigerung ihres Gatten zu bekämpfen und ihren Willen
durchzusetzen. Renatus war dabei nicht wohl zu Mute. Die Zärtlichkeit, welche
sein Vater dieser Frau bewies, die Freude, mit der er sie betrachtete, die
Befriedigung, mit welcher er jeder ihrer Bewegungen folgte, taten dem Sohne
eben so wehe, als die Heiterkeit Vittoria's. Er glaubte zu bemerken, dass sie ihn
ängstlich beobachte, und von Minute zu Minute schwebte ihm der Ausruf auf der
Lippe: Sprich nicht mit ihr, mein Vater, denn sie liebt Dich nicht! Sprich nicht
mit ihr, denn sie hat Dich verraten! - Aber durfte er dem Vater, dessen
veränderte Gestalt sich ihm am Tage noch bemerklicher machte als an dem
verwichenen Abende, den Glauben an Vittoria rauben, ihm das Glück zerstören, das
er in ihr besass? Hatte er ein Recht, ihr unseliges Geheimnis zu verraten?
Durfte er vergessen, dass er sie selbst beklagenswert gefunden hatte und dass sie
ihm nur Gutes erwiesen hatte bis auf diesen Tag?
    Was er erlebte, kam ihm fast unmöglich vor. Es waren die Gestalten, die er
kannte, und sie waren es auch wieder nicht. Er liebte sie und hatte doch das
alte Verhältnis nicht mehr zu ihnen. Er wollte sprechen und musste schweigen. Er
sah Alles in einem neuen Lichte und konnte doch nichts deutlich unterscheiden.
Nie im Leben hatte er eine grössere Qual empfunden!
    Er glaubte zu bemerken, dass Vittoria's Augen ihm mit Sorge folgten, dass sie
ihn in dieser Verfassung mit dem Vater nicht allein zu lassen wünsche; er selber
hätte sich der Notwendigkeit, eben jetzt mit seinem Vater allein zu sein,
entziehen mögen, und doch rührte ihn Vittoria's banger Blick, doch übten auch in
dieser quälenden Stunde der Ton ihrer Stimme und der Zauber ihres Wesens die
alte, durch lange Gewohnheit gesteigerte Gewalt über ihn aus.
    Er war froh, als der Wagen endlich vorfuhr; aber das Alleinsein mit seinem
Vater erleichterte ihn nicht. Weil der Freiherr den Sohn immer in einer
ehrfurchtsvollen Entfernung von sich zu halten bemüht gewesen war, weil er an
den Spielen des Kindes, an den Beschäftigungen des Knaben, an den täglichen
Erlebnissen des Jünglings keinen tätigen Anteil genommen und den Sohn bisher
geflissentlich von allen ernsten Angelegenheiten seines Hauses fern gehalten
hatte, fehlte es ihnen an allen jenen gemeinsamen Erinnerungen und
Berührungspunkten, durch welche sich die Verbindung zwischen dem Alter und der
Jugend herstellt und die für den geistigen Zusammenhang so unentbehrlich sind
wie die Scheidemünze für den täglichen Verkehr. Dazu war Alles seit gestern so
völlig anders gekommen, als er es erwartet hatte, die Menschen, die Verhältnisse
verwandelten sich unter seinem Auge so unheimlich, dass er Scheu vor seinem
eigenen Worte trug, weil er meinte, auch das Wort könne sich verwandeln auf
seiner Lippe, und was er heute spreche, könne nicht zum Heile führen.
    So waren sie schweigend nach Rotenfeld gelangt. Der Freiherr stieg aus und
besah in Begleitung des Amtmannes die Stuben und die Stallungen, in welchen die
betreffende Einquartierung mit ihren Pferden untergebracht werden sollte. Er
wendete sich dabei mit mannigfachen Erklärungen an seinen Sohn, gab ihm
ungefragt Auskunft über die Verhältnisse des Dorfes, und Renatus begann sich an
dem Gedanken, dass sein Vater ihn auf die einstige Uebernahme der Güter
vorzubereiten strebe, zu erfreuen. Es zeugte ihm sogar für die feine Empfindung
des Freiherrn, dass er eben den Augenblick des Abmarsches zu dem Anfange dieser
Vorbereitung wähle, als wolle er zu erkennen geben, wie zuversichtlich er auf
seines Sohnes glückliche Heimkehr baue, und Renatus war bemüht, den Freiherrn
über seine anteilvolle Achtsamkeit nicht in Zweifel zu lassen, als dieser in
das Haus seines Justitiarius ging, um sich zu erkundigen, ob er seine Befehle
ausgerichtet und ob man den Bescheid von dem Vormundschaftsgerichte noch nicht
erhalten habe. Der Justitiarius sagte, die nötigen Schritte seien von ihm
getan, und wenn der junge Herr Baron nur einige Tage in Richten verweile, so
würde man Alles in Richtigkeit bringen können, da die Verfügung in jeder Stunde
ankommen könne.
    Renatus fragte, wovon die Rede sei. - Von Deiner Mündigkeits-Erklärung! gab
sein Vater ihm zur Antwort. Der Sohn, der dies mit der Art und Weise in
Verbindung brachte, in welcher sein Vater ihm heute zum ersten Male von der
Geschäftsverwaltung auf den Gütern sprach, glaubte daran zu erkennen, wie sein
Vater sich altern fühle, und das machte ihn traurig. Aber da jeder Mensch bei
den Ereignissen, die ihm begegnen, mit Naturnotwendigkeit zuerst an sich und an
die Wirkung denken muss, welche sie auf ihn und seine Zustände üben werden, so
freute sich Renatus der Absicht seines Vaters, weil er sich sagte, dem Sohne,
den er mündig sprechen lasse, könne und werde er die volle Freiheit bei der Wahl
seiner Lebensgefährtin um so weniger versagen, als Renatus mit seiner
Volljährigkeit den unbeschränkten Besitz seines allerdings nicht eben grossen
mütterlichen Erbes antrat.
    Gerade diese Betrachtung legte jedoch seinem rechtschaffenen Herzen, wie er
meinte, die Verpflichtung auf, dem Vater seine Verlobung mit Hildegard
anzuzeigen, noch ehe derselbe ihn aus der väterlichen Gewalt entlassen habe, und
er schickte sich, sobald sie wieder im Wagen neben einander sassen, zu seinen
Mitteilungen an, als der Freiherr, ihm zuvorkommend, das Wort nahm.
    Er sagte, dass die Ankunft seines Sohnes ihm sehr willkommen gewesen sei,
weil er die Angelegenheiten seines Hauses zu ordnen beabsichtige, und er
wünsche, dass für den Fall seines Todes Renatus sich in der Lage befinde,
unabhängig von irgend einer Vormundschaft die Leitung der Familienverhältnisse
in die Hand nehmen zu können. Er sprach das mit der Kraft und Ruhe, welche ihn
in seinen besten Jahren ausgezeichnet hatten, Renatus gab sich also wieder der
Hoffnung hin, dass er sich getäuscht habe, als er seinen Vater so verändert
geglaubt. Er versicherte den Freiherrn, wie zuversichtlich er darauf rechne, ihn
noch lange leben und sich seines Besitzes und Daseins erfreuen zu sehen. Der
Freiherr drückte ihm die Hand.
    Deine Gesinnung kenne ich, sprach er; sie ist gut, und ich habe eben im
Hinblicke auf sie meine Massregeln genommen. Es glitt ein Schatten über des
Freiherrn Züge, er schien der Ueberwindung nötig zu haben, um in seiner Rede
fortzufahren. Deine Gesinnung ist gut, wiederholte er, und ich weiss, dass es Dir
eine Genugtuung sein wird, mir eine Erleichterung in den mannigfachen
Verlegenheiten zu bereiten, mit denen ich seit Jahren und Jahren nun zu kämpfen
habe. Er hielt abermals inne, Renatus hing mit liebevoller Sorge an seinem
Antlitze.
    Du wünschest mir, sprach der Freiherr, dass ich mich noch lange meines
Besitzes, meines Daseins erfreuen möge, und Du kannst es selber kaum ermessen,
denn Du hast es nicht empfunden, wie erfreulich das Dasein dem Manne ist, wenn
er der Herr ist innerhalb seines Besitzes. Indes die Zeiten, in welchen das der
Fall war, sind vorüber. Man hat unsere alten Rechte angetastet, uns neue
Pflichten aufgelegt und uns die Mittel entzogen, ihnen zu entsprechen, indem man
unseren Besitz und unsere Vorrechte geschmälert hat. Ich bin nicht mehr Herr auf
meinen Gütern, seit man die Leute, die mir gehörten, freigegeben hat, seit die
Willkür des Königs ihnen Ansprüche an mein Eigentum zuerkannt hat, seit ich es
nicht mehr bin, der mein Verhältnis zu ihnen nach meiner Einsicht und nach
meinem Ermessen ordnet. Es ist nicht erfreulich, mit denjenigen rechten zu
sollen, die nicht unseres Gleichen sind, und noch weniger erfreulich, am Fusse
seines alten Stammes ein Geschlecht heranwachsen zu sehen, das wie die Schwämme
wuchert und sich breit macht.
    Seine Stirn hatte sich gerunzelt, seine buschigen Augenbrauen hingen ihm
tief herab. Er versenkte sich eine Weile in seine eigenen Gedanken, der Sohn
wagte es nicht, ihn darin zu stören.
    Wir sind nicht mehr die Herren! hob er nach einer Weile abermals an. Nicht
die Herren in unserem Lande, nicht Herren auf unseren Gütern mehr. Der gewaltige
Napoleon hat seinen Fuss auf den Nacken der Könige gestellt und sich zu ihrem
Gebieter gemacht, und der Geist des Umsturzes, dessen Verkörperung er ist, ist
auch in unsere neue Gesetzgebung eingedrungen und hat sie verdorben bis in ihre
Tiefe. Wir sind rechtlos geworden. Das Wort: »Stehe auf, damit ich mich setze!«
ist der Grundsatz, der jetzt die Welt beherrscht. Jeder für sich und Niemand für
den Andern!
    Er nahm eine Prise und öffnete das Wagenfenster, sich Luft zu verschaffen,
denn von diesen Angelegenheiten konnte er nicht sprechen, ohne dass es ihm das
Blut zu Kopfe trieb. Renatus, der ihn eben deshalb von dem Gegenstande
abzuleiten wünschte, erlaubte sich die Bemerkung, dass die Zeit vielleicht eine
Ausgleichung der augenblicklichen Uebelstände mit sich bringen werde, und wie er
diese Zuversicht von verschiedenen Seiten habe äussern hören.
    Ausgleichungen bringen? fuhr der Freiherr lebhaft auf - wie soll das
zugehen, wo von beiden Seiten die Kräfte so überspannt werden müssen, dass sie
sich erschöpfen! Er war ja so glücklich gewählt, der Augenblick für die neue
Gesetzgebung, setzte er spottend hinzu, so glücklich gewählt am Ende eines
schweren Krieges, in Tagen, in denen die ganze Welt in Flammen stand! Frage die
sogenannten freien Leute, ob sie jetzt besser daran sind, als zu jenen Zeiten,
da sie mir gehörten! Frage sie, ob sie nicht heute, wo die schwere Last der
Einquartierung wieder auf uns niederzufallen droht, lieber meine Leibeigenen und
Hörigen sein wollten; ob sie besser daran sind, wenn man ihnen jetzt das Brod
aus dem Hause und die Kuh aus dem Stalle nimmt! Und was uns anbetrifft - unser
Besitz hat schwer gelitten, unser Vermögen ist sehr zusammengeschmolzen!
    Er warf einen schnellen, prüfenden Blick auf seinen Sohn, aber obschon die
Niedergeschlagenheit in dessen Zügen nicht zu verkennen war, schien der Freiherr
durch die Haltung desselben sich beruhigter zu fühlen. Dennoch gewann er es nur
mit grosser Mühe über sich, dem Sohne von seinen Angelegenheiten weiter Auskunft
zu erteilen. Er sagte wie der Krieg und die ihm folgenden, fast
unerschwinglichen Kriegssteuern ihn genötigt hätten, die Güter, eines nach dem
andern, mit Hypoteken zu belasten, wie die allgemeine Geldnot den Wert des
Geldes von Jahr zu Jahr gesteigert und den Zinsfuss so erhöht habe, dass es immer
schwerer geworden sei, den Gläubigern gerecht zu werden; wie er sich oftmals und
gerade dann in peinlichen Geldverlegenheiten befunden habe, wenn es darauf
angekommen sei, die Würde des Hauses zu behaupten und nicht durch eine zur Schau
getragene falsche Sparsamkeit den unentbehrlichen Credit zu schwächen. Er
erzählte das mit jener Klarheit, welche aus einer genauen Uebersicht der
Verhältnisse entspringt, aber er hatte nicht mehr die leicht abfertigende Weise,
die ihm sonst allen Geschäften gegenüber eigentümlich gewesen war. Nur die
Unlust des grossen Herrn, der sich widerwillig dazu bequemt, den obwaltenden
Zuständen sein freies Belieben unterzuordnen, war noch die alte in ihm, und
Renatus fühlte ihm diese in ihrem ganzen Umfange nach.
    Wenn Sie es wüssten, mein Vater, rief er, was ich dabei empfinde, Sie unter
dem Drucke so unwürdiger Sorgen zu sehen!
    Ich weiss es, ich weiss es! fiel ihm der Freiherr mit scheuer Hastigkeit in
die Rede, und eben deshalb habe ich beschlossen, Dich mündig sprechen zu lassen,
denn Du erhältst dadurch die Möglichkeit, mir in einer vorübergehenden
Verlegenheit zu helfen!
    Er hielt inne und schien von seinem Sohne eine Antwort zu erwarten; aber
Renatus war so betroffen, es stürmten so verschiedene Gedanken und Empfindungen
auf einmal auf ihn ein, dass er nicht im Stande war, gleich den Ausdruck für sie
zu finden. Seines Vaters Lage musste sehr übel sein, wenn er sich herbei liess,
Beistand von seinem Sohne zu verlangen, selbst auf Kosten der Herrschaft und
Gewalt über denselben, auf die er stets so eifersüchtig gewesen war. Renatus
wagte es nicht, das Auge zu erheben, er mochte nicht sehen, wie sein Vater in
dem Momente aussah. Des Freiherrn leise bebende Stimme durchschnitt des Sohnes
Herz, und ohne sich zu fragen, was er damit für die eigene Zukunft aus den
Händen gebe und auf sich nehme, sagte er: Wenn mein mütterliches Erbe Sie aus
einer Verlegenheit befreien kann, so werde ich glücklich sein, mein Vater, wenn
Sie darüber ganz verfügen wollen!«
    Der Freiherr holte tief Atem, aber er erwiederte nichts. Sie hatten Beide
die Farbe gewechselt, denn ohne dass sie es aussprachen, fühlten sie es, dass ihr
Verhältnis zu einander von diesem Augenblicke ab nicht mehr dasselbe sei.
Renatus hatte, gerührt von seines greisen Vaters Anblick und Verlegenheit, nach
seinem inneren Bedürfen, nach seiner Kindesliebe und seinem Ehrgefühle
gehandelt; aber er hatte das Anerbieten kaum gemacht, als er sich sagte, dass er
selber Verpflichtungen eingegangen sei, denen zu genügen ihm jetzt vielleicht
nicht möglich sein werde, wenn er seines mütterlichen Erbes auf irgend eine Art
verlustig gehen sollte. Er fühlte, dass er der Geschäftskenntniss, der Sparsamkeit
und selbst der Gewissenhaftigkeit seines Vaters nicht unbedingt vertraute, und
er schämte sich doch wieder solchen Gedankens. Er hätte es seinem Vater
abbitten, sich ihm in die Arme werfen mögen, indes ihm fehlte das Herz dazu,
denn der Freiherr konnte die Erregung seines Sohnes missverstehen. Er hätte dem
Vater von Hildegard sprechen mögen, um Vertrauen mit Vertrauen zu vergelten und
dem Vater die Genugtuung zu bereiten, dass er seinem Sohne gegenüber immer noch
der Herr und der Gewährende sei. Wie aber, wenn der Freiherr in der Verfassung,
in welcher er sich eben jetzt befand, des Sohnes Absichten und Wünschen sich
nicht geneigt erwies, oder wenn er glauben könnte, der Sohn rechne darauf, dass
der Vater ihm, der eben jetzt ein grosses Opfer gebracht habe, in allen Fällen zu
Willen sein müsse?
    Er konnte zu keinem Entschlusse kommen. Das Mein und Dein war zwischen ihn
und seinen Vater getreten und machte ihn unfrei, eben jetzt, da sein Vater ihm
anscheinend Freiheit zu geben beabsichtigte.
    Es war jedoch, als errate der Freiherr, was in seinem Sohne vorging, denn
er wendete sich zu ihm und sagte sichtlich sehr beruhigt: Es freut mich, dass ich
mich in Dir nicht irrte. Art lässt nicht von Art, und es soll meine Sorge sein,
dass Dir Nichts entzogen wird. Ich werde Dein mütterliches Vermögen auf Richten
eintragen lassen, das am wenigsten belastet ist und dessen wir uns sicherlich
nicht entäussern werden. Die Zinsen sollen Dir regelmässig zugehen, und das
Jahrgeld, welches ich Dir bis jetzt gegeben habe, Dir nicht vorentalten werden.
Mit unserem Namen, mit Deinen persönlichen Vorzügen hast Du unter den ersten
Familien des Landes zu wählen, und es wird Deine Sache sein, wenn Du, was der
Himmel fügen wolle, uns aus dem Felde wohlbehalten heimkommst, eine Frau in
unser Haus zu führen, deren Vermögen Dir einst die Mittel an die Hand gibt, den
Schaden herzustellen, welchen die Not und Ungunst der letzten Jahre unserem
Besitze gebracht haben. Möge Dir in Deiner Gattin einst ein Glück beschieden
werden, wie es mir in dem schönen, fröhlichen Herzen Vittoria's zu Teil
geworden ist!
    Er erging sich darauf in einer liebevollen Schilderung aller der Vorzüge
seiner Gattin, erwähnte, dass er sein Testament zu machen beabsichtige, sobald
Renatus mündig gesprochen sei, weil er über Vittoria's und ihres Sohnes Zukunft
sich beruhigt fühlen dürfe, wenn er sie in die Hände von Renatus lege, und er
war allmählich von diesen ernstaften Erörterungen wieder zu den Ansprüchen
zurückgekehrt, welche die Erfordernisse der nächsten Tage an ihn und seine
Mittel machten, ohne dass sein Sohn es anders als mit einzelnen Worten kund
gegeben hatte, dass er den Mitteilungen seines Vaters achtsam folge.
    Renatus befand sich in jenem Zustande, in welchem wir gleichsam ein
doppeltes Denken haben. Er hörte alles, was der Freiherr zu ihm sprach, er nahm
es mit dem Sinne auf, mit welchem sein Vater die Dinge und Zustände entweder
selbst ansah oder sie ihn doch ansehen zu machen wünschte. Er war unter dem
Einflusse, den die angeborene und anerzogene Ehrfurcht vor seinem Vater auf ihn
übte, und doch hatte er die Ueberzeugung, sein Vater täusche ihn und sich mit
bewusster Absicht über die Vermögensverhältnisse des Hauses, er sei weit weniger
ruhig, weit weniger unbesorgt über dieselben, als er sich zeige; und doch wusste
er, die Liebe, welche der Freiherr für Vittoria hegte, betrüge denselben, und
seine Zuversicht sei verraten. Er dachte unablässig an sich und an seinen Vater
auf einmal. Jeder seiner Gedanken, jede seiner Empfindungen wurde von einem
widersprechenden Gedanken, von einer widersprechenden Empfindung gekreuzt. Er
fühlte sich eben so beängstigt als unglücklich.
    Er ahnte, obwohl er der Geschäfte nicht sonderlich kundig war, dass auch
Richten bereits mit schweren Schulden beladen sein müsse, und dass sein Vater nur
darum sich zu seiner Mündigsprechung entschlossen haben werde, weil er es
unmöglich gefunden habe, in den gegenwärtigen Zeiten selbst zu den höchsten
Zinsen ein Darlehen für eine dritte oder vierte Hypotekenstelle zu erhalten.
Dass er sein Vermögen hergeben müsse, darüber war er keine Minute in Zweifel
gewesen. Er war das seinem Vater schuldig und es musste fraglos auch geschehen,
wenn er es nicht zu einem Äussersten kommen lassen, wenn er sich und seinem
Geschlechte den angestammten Grundbesitz erhalten wollte. Aber wer bürgte ihm
dafür, dass damit wirklich den Notständen abgeholfen war, und was sollte aus ihm
selber werden, wenn seines Vaters Verhältnisse sich immer mehr verschlechterten,
wenn man gezwungen wurde, wie das in den letzten Jahren manchem Edelmanne
begegnet war, die Güter zu verkaufen, und wenn der Kaufpreis nicht hoch genug
sein sollte, sein auf Richten einzutragendes Vermögen zu decken?
    Er selber - nun, er selber, so meinte er mit der Zuversicht des
Reichgeborenen, der es nie bedacht hat, wie vieles Ueberflüssige ihm durch
Gewohnheit zum Bedürfnisse geworden ist, und der es nie erfahren, wie schwer es
für den Ungeübten ist, sich auch nur des Lebens Notdurft zu erwerben - er werde
mit sich und seinem Schicksal wohl fertig werden können; aber was sollte er
beginnen, nun er sich gebunden hatte? Was sollte er mit Weib und Kind beginnen,
wenn sein Vermögen ihm verloren ging? -
    Alle jene Bedenken, welche er eben an dem Tage vor seiner Verlobung gegen
dieselbe gehegt hatte, stiegen jetzt in erhöhtem Masse vor ihm auf, und das
Herzeleid Vittoria's, die Täuschung, in welcher sein Vater von ihr gehalten
ward, das ganze Unglück seiner Eltern wurden für ihn zu dem dunkeln
Hintergrunde, auf welchem er sich und seinen Zustand wie in einem Spiegelbilde
betrachten konnte. Aber er sah sich in demselben nicht mehr als den sorglosen
und glücklichen Jüngling, als welchen er sich bisher betrachtet hatte. Seine
Jugend lag mit Einem Male weit hinter ihm, sein Glück zerrann wie Nebel vor
seinem Auge. Er war ein Mann geworden, von welchem um der Selbsterhaltung, um
der Ehre seines Hauses willen ein schweres Opfer gefordert ward. Er trat
plötzlich in die vordere Reihe seines Geschlechtes, er übernahm dessen Sorgen,
Lasten und Pflichten, da die Schultern seines Vaters müde geworden waren; und
nicht sein persönliches Wünschen, die Ehre seines Hauses musste jetzt sein erstes
und sein höchstes Ziel sein.
    Er trug ein grosses Verlangen, den Caplan allein zu sehen, sein Herz im
Gespräche mit dem treuen Freunde zu befreien, aber er konnte an dem Tage nicht
dazu kommen. Der Freiherr hielt ihn beständig in seiner Nähe. Er sah auch
Vittoria nicht anders, als in Gegenwart der Andern, und wie überall, wo es tiefe
Missstände in einer Familie gibt, war man es seit lange gewohnt, sich in der
Unterhaltung an der Aussenseite der Dinge zu halten. Es war von dem Vorhaben des
Freiherrn in Bezug auf Renatus mehrfach die Rede, indes man gedachte desselben
nur als einer ehrenvollen Anerkennung, die der Freiherr dem Sohne zu gewähren
für gut befand, und dieser ward dadurch genötigt, des bevorstehenden
Ereignisses ebenfalls nur mit Heiterkeit zu erwähnen.
    Vittoria hatte sich mit Wahl gekleidet und zeigte sich so fröhlich, dass die
Schatten von des Freiherrn Stirn davor verschwanden, wie draussen die Wolken vor
des Frühlings ersten, mächtigen Sonnenstrahlen. Renatus wusste nicht, ob er sie
bewundern und beklagen, ob er sie verachten und hassen solle. Sie erschien ihm
wie ein unheimliches Rätsel; eben deshalb nahm sie jedoch seine Phantasie
gefangen, und während ihre eigenartige Schönheit ihren alten Zauber auf ihn
übte, betrachtete er sie mit einer ihm noch völlig neuen Empfindung, wenn er
sich sagte, dass der Freiherr ihn zum Schützer dieser Frau ersehen, und dass er
einzustehen habe für des Knaben Zukunft, der ihr in seiner Schönheit und in
seiner fremdartigen Anmut so völlig ähnlich war, dass eben diese Aehnlichkeit
des älteren Bruders Herz bestrickte.
    Er musste es sich immer wiederholen, dass er im Vaterhause sei, so verändert
fand er Alles und so hatte sich seine Ansicht über die Seinigen und seine
Stellung zu ihnen verwandelt. Er konnte zu keinem klaren Bilde von seiner
Zukunft gelangen. Seine Gedanken schweiften hastig von einem Äussersten zum
andern, bis endlich die treue Gefährtin jedes Leides, die wohltätige Ermüdung,
ihn in ihre Arme nahm und der Schlaf in seinen Träumen alle Widersprüche löste
und das Unvereinbarste zusammenführte.
                                Drittes Capitel
Früh, ehe der Freiherr noch aufgestanden war, ritt Renatus nach Rotenfeld
hinüber, um sich bei seinem greisen Lehrer und Erzieher Rat zu holen.
    Er fand ihn mit seinem Gehülfen, der inzwischen auch nicht jünger geworden
war, bei der Morgensuppe sitzen, denn der Caplan war der Ersten einer gewesen,
welcher bei der Teuerung der Colonialwaaren sich bereit erwiesen hatte, auf
ihren Gebrauch zu verzichten, obschon er durch ein langes Leben an den Kaffe
gewöhnt gewesen und bei seiner grossen Mässigkeit eigentlich auf denselben als auf
ein ihm notwendiges Reizmittel angewiesen war. Wie Renatus ihn in dem hellen
Sonnenlichte vor sich sah, bemerkte er, dass seine Schläfen tief eingesunken
waren. Auch die Hauskleidung seines Freundes schien dem jungen Freiherrn trotz
ihrer Sauberkeit sehr abgetragen zu sein, und man hatte in der Pfarrwohnung,
obschon der älteste Diener und treueste Freund der Arten'schen Familie sie
bewohnte, die Verwüstungen, welche die Einquartierten während der ersten
Franzosenzeit in derselben angerichtet hatten, kaum auf das Notdürftigste
hergestellt. Die Fensterläden waren erneut, aber immer noch nicht angestrichen,
die Wände noch eben so verräuchert, als Renatus sie vor zwei Jahren verlassen,
der Kachelofen hatte zwar die nötigen Ersatzsteine erhalten, aber sie passten
nicht zu demselben. Es war Alles in Verfall geraten; nur die Blumentöpfe des
Greises blühten wohlgepflegt am Fenster, und sein Antlitz sah noch eben so edel
und so zufrieden aus, als in den Tagen, in welchen die vorsorgliche Freundschaft
der Baronin Angelika in Schloss Richten allen seinen Bedürfnissen schon im voraus
begegnet war.
    Sobald Renatus sich mit dem Caplan allein befand, erzählte er ihm, was vor
seinem Abmarsche aus der Hauptstadt vorgegangen war. Er verhehlte ihm nichts,
weder die Stimmung, in welcher er sich befunden, als er sich seiner Neigung für
seine Jugendgespielin bewusst geworden war, noch die Zweifel, die ihn nachdem
befallen hatten; auch nicht die Umstände, unter denen er sich Hildegard
angelobt, ehe er noch seines Vaters Meinung eingeholt und dessen Billigung
erhalten hatte. Er berichtete darauf, was am gestrigen Tage zwischen ihm und
seinem Vater verhandelt worden war, und sagte dann: Nie in meinem Leben habe ich
mich mehr im Zwiespalt mit mir selbst gefunden. Es drückt mich, mit einem
solchen Geheimnisse vor meinem Vater zu stehen und von ihm Ratschläge und
Wünsche für meine Zukunft aussprechen zu hören, die keine Bedeutung mehr für
mich haben. Es drückt mich eben so, dass ich nicht den Mut besitze, meiner Liebe
und meiner Braut gerecht zu werden, indem ich meinem Vater sage, dass ich bereits
gewählt und mich gebunden habe. Aber kann ich meinem Vater, den ich sehr
gealtert finde und sehr gebeugt sehe, unter den obwaltenden Umständen ein
Zugeständnis abfordern, das er mir, wie ich jetzt weiss, nur widerstrebend geben
würde? Meine Ergebenheit für meinen Vater, mein Ehrgefühl, ja, selbst meine
Liebe für Hildegard sträuben sich dagegen. Sie ist kein Mädchen, das einer
Familie aufgedrungen werden darf, und doch liegt mir Alles daran, sie auch von
meinem Vater als meine künftige Gattin anerkannt zu wissen. Ich ziehe in das
Feld, und da ich jetzt in den Besitz meines mütterlichen Vermögens treten soll,
möchte ich für den Fall meines Todes zu ihren Gunsten über dasselbe verfügen,
denn Hildegard wird keinem anderen Manne angehören, wenn ich sterbe. Darauf
kenne ich ihr Herz.
    Der Caplan hatte ihn mit keiner Frage, mit keiner Bemerkung unterbrochen, da
Renatus nicht zu den in sich befangenen Naturen gehörte, denen man zu Hülfe
kommen muss, damit sie sich überwinden und erschliessen. Er war vielmehr, wo er
vertraute, zu überströmender Mitteilung geneigt, wurde sich in derselben
gegenständlich, rührte und tröstete sich nach eigenem Bedürfen, sobald er nur
erst dahin gekommen war, sich auszusprechen, und der Caplan hatte also keine
grosse Mühe, den Seelenzustand seines jungen Freundes zu durchschauen, wennschon
er es nicht für angemessen fand, ihn über denselben sofort aufzuklären. Er hatte
niemals den Grundsatz, dass der Zweck die Mittel heilige, zu dem seinigen
gemacht, aber er war, wie so Mancher, unter dessen Augen sich viele
Lebensschicksale abgewickelt haben, zu der Ansicht gelangt, dass in dem Dasein
der Menschen, wie in der Natur überhaupt, das Geringere dem Stärkeren dienen
müsse. Da er ohne persönliche Wünsche und also ohne persönliche Hoffnungen war,
hatte er, weil kein Mensch eines bestimmten Zieles entbehren kann, ohne in
seiner Tätigkeit zu erlahmen, das Wohlergehen und Gedeihen des Arten'schen
Geschlechtes und der von demselben gegründeten katolischen Gemeinde zu seiner
Herzenssache gemacht, und beharrlich wie die Kirche, der er angehörte, suchte er
in dem Sohne und durch den Sohn dasjenige fortzuführen, was der Vater begonnen
hatte und was durch die Not des Tages beeinträchtigt und gefährdet ward.
    Jedes Wort, das Renatus zu ihm gesprochen, hatte den scharfblickenden
Geistlichen davon überzeugt, dass der junge Freiherr, stolz auf den Rang, den
sein Geschlecht seit langen Jahren unter dem Adel des Landes eingenommen hatte,
augenblicklich mehr mit der Sorge um dessen würdiges Fortbestehen, als mit
seinen persönlichen Herzensangelegenheiten beschäftigt, und dass von einer
eigentlichen Liebe oder Leidenschaft für seine erwählte Braut, für Hildegard,
bei Renatus nicht die Rede war.
    Aber der Caplan hütete sich, ihm dieses bemerklich zu machen. Er wollte ein
mild erwärmendes und reinigendes Feuer nicht durch den scharfen Hauch des
Widerspruches zu einer Flamme anfachen, die man nicht leicht wieder dämpfen und
erdrücken konnte, wenn man dies zu tun etwa nötig finden sollte. Der Caplan
war es im Gegenteile nach den schweren Erfahrungen, welche das von
Leidenschaften stürmisch bewegte Leben des alten Freiherrn ihn hatte machen
lassen, sehr wohl zufrieden, dass Renatus sein unschuldiges Herz einem edeln
jungen Mädchen zugewendet hatte, dessen Bild ihn begleiten, und ihn vor den
Versuchungen des Lebens wie vor den Verlockungen seiner Sinne bewahren konnte.
Aber dass Renatus sich mit einem armen Mädchen verheiratete, lag eben so
ausserhalb seiner als ausserhalb des Freiherrn Ansichten.
    Schon seit Jahren hatte der Caplan aus den Mitteln, welche der Freiherr
seiner Zeit für den Pfarrer seiner katolischen Kirche bestimmt, den Sakristan
und die vier Chorschüler unterhalten; denn es war, da der Freiherr sich nach dem
Tode der Baronin auf Reisen begeben und viel Geld gebraucht hatte, nicht zu der
Feststellung eines Capitals für die kirchlichen Zwecke gekommen, und auch die
Hoffnung, dass man in den Chorschülern sich brauchbare Handwerker und eine
katolische Gemeinde erziehen werde, hatte sich nicht verwirklicht. Weil man für
die Knaben auf den Dörfern keine guten Lehrmeister finden konnte und man, wenn
einmal ein solcher vorhanden war, bei ihm auf die Weigerung stiess, einen
Katoliken in sein Haus aufzunehmen, war man stets genötigt, die Chorschüler,
sobald sie herangewachsen waren, in die Lehre nach der Stadt zu schicken, und
die Mehrzahl von ihnen hielt es dann nach vollendeter Wanderschaft und erlangter
Meisterschaft mehr ihrem Vorteile angemessen, ihr Gewerbe in den grossen
Städten, als auf den Gütern des Freiherrn zu betreiben, auf denen obenein die
Abneigung und das Misstrauen der protestantischen Bevölkerung ihnen hindernd
entgegentraten. Man musste also immer auf's Neue katolische Knaben heranzuziehen
suchen, und wenn es an und für sich auch ein gutes Werk war, diesen eine
wohlgeleitete Erziehung zu geben, so ward das Unternehmen, weil es in sich nicht
fortwirkte, sondern sich fast ganz unfruchtbar erwies, doch kostspieliger, als
man erwartet hatte, und der Freiherr hatte schon bei seiner Rückkehr aus Italien
alle Teilnahme dafür verloren. Er hatte es kein Hehl, dass er den Kirchenbau
bereute, er kam auch selten in die Kirche, obschon Vittoria oft zur Messe fuhr,
und wenn er gelegentlich auf den Sakristan und auf die Sänger zu sprechen kam,
fragte er nicht, wie sie unterhalten würden, nachdem er einmal die Erfahrung
gemacht hatte, dass der Caplan für sie Sorge trug.
    Hatte man des Quartettes einmal nötig, wenn Vittoria sich vor der
Gesellschaft im geistlichen Gesange hören lassen wollte, so berief man den
Sakristan mit seinen Schülern; der Freiherr wusste sich dann etwas mit dieser Art
von Capelle, zeigte sich ihr gnädig, lobte und tadelte als ein Kenner und liess
es an einem Gnadengeschenke auch nicht fehlen. Im Uebrigen beruhigte er sich
damit, dass der Caplan in den langen Jahren, welche er dem Arten'schen Hause
angehört hatte, ein hübsches Vermögen erworben haben müsse, dessen er nicht
bedurfte, und es schien dem Freiherrn so natürlich, wenn der Geistliche, der
durch die Gründung der Pfarre lebenslang versorgt war, seinen im Arten'schen
Dienste zusammengebrachten Besitz auch zum Nutzen und zur Ehre des Hauses, die
hier zugleich die Ehre Gottes und der Kirche war, verwendete, dass er es nie für
nötig gefunden hatte, darüber auch nur eine Sylbe gegen den Caplan zu
verlieren. Er war in seinem Verhältnisse zu Allen, die ihm dienten, nach wie vor
derselbe.
    Aber der Caplan war auch sich selber treu geblieben, und wie der Freiherr an
dem würdigen Fortbestehen seines Geschlechtes, so hing der Geistliche an der
Erhaltung des Gotteshauses, das unter seinen Augen entstanden war, und an der
Hoffnung, das katolische Bekenntnis in diesem Teile des Landes endlich Wurzel
fassen und sich ausbreiten zu sehen. Indes die Erhaltung der Kirche für die
katolische Confession wurde zweifelhaft, wenn Renatus jemals gezwungen werden
sollte, sich des väterlichen Besitzes zu entäussern, da derselbe dann leicht in
nichtkatolische Hände übergehen und es in einem solchen Falle nicht allzu
schwer halten konnte, das Gotteshaus den Evangelischen zusprechen zu lassen. Dem
Caplan war also eben so wie dem Freiherrn daran gelegen, Renatus mit einer
reichen Erbin aus den katolischen Provinzen sich verbinden zu sehen, und weil
er dieses wünschte und es im Augenblicke nicht zu erreichen war, tat er
wenigstens so viel an ihm lag, dem jungen Baron für die Zukunft die mögliche
Freiheit bewahren zu helfen.
    Er nannte die Neigung, welche Renatus für Hildegard empfand, edel und
berechtigt, er pries die Eigenschaften der jungen Gräfin und das Glück
derjenigen, deren reine Seelen sich in keuscher Neigung früh zusammenfinden;
aber er gab es dem Jünglinge zu überlegen, ob unter den Bedenken, die sich in
ihm gegen diese Verlobung erhoben hatten, nicht eines oder das andere begründet
sein sollte. Er fragte ihn, ob er überzeugt sei, dass er niemals eine stärkere
Empfindung hegen werde; ob er glaube, dass Hildegard dem Ideale entspreche,
welches jeder reine Jüngling von dem Weibe, das er lieben solle, im Herzen
trage. Er erinnerte ihn daran, dass er an der Ehe seiner Eltern das Beispiel vor
sich habe, wie unglücklich eine nicht völlige Zusammengehörigkeit die Gatten
machen könne, und er sprach sich, da er Renatus nachdenklich werden sah, endlich
dahin aus, dass er es für alle Teile heilsam glaube, wenn man vorläufig das
Herzensbündniss der Liebenden noch als ein Geheimnis bewahre.
    Du, mein teurer Renatus, sagte er, wirst dadurch der Notwendigkeit
entoben, Deinem richtigen Zartgefühle entgegen, eben jetzt von Deinem Vater ein
sicherlich widerwillig gegebenes Zugeständnis zu fordern. Du und auch die teure
Hildegard, Ihr gewinnt beide die Zeit, in der Trennung Eure Herzen und die
Beständigkeit und Stärke Eurer Neigung zu erkennen und zu prüfen, und kehrst Du
uns, wie wir alle sehnlich hoffen, unter dem Schutze des Höchsten aus dem Kriege
heim, hellt unser politischer Gesichtskreis sich so weit wieder auf, dass Gewerbe
und Handel sich wieder frei bewegen können, dass der Grundbesitz seinen wahren
Wert zurückerlangt, nun, so wird Dein Vater keine Ursache mehr haben, Dir
irgend eine Beschränkung bei Deiner Wahl aufzuerlegen, und er wird dann
diejenige mit Freunden in seine Arme schliessen, der er heute nur widerwillig
seinen Segen geben würde.
    Renatus hatte, den Kopf in die Hand gestützt, den Auseinandersetzungen
seines geistlichen Freundes ohne eine Erwiderung zugehört. Auch als derselbe
geendet hatte, regte der junge Mann sich nicht. Der Caplan kannte das an ihm und
es galt ihm als ein gutes Zeichen. Wenn Renatus nach einem Meinungsaustausche
auf solche Weise in sich selbst versank, war er in der Regel damit beschäftigt,
wie er die fremde Ansicht mit der seinigen so verbinden könne, dass dasjenige als
freie Entschliessung erschien, was er auf Zureden eines Anderen tat. Denn
obschon er die stolze Selbsterrlichkeit seines Vaters nicht besass, hatte er
doch die Eitelkeit, in den geringfügigsten wie in den wichtigsten Dingen seine
Meinung und seine freie Entschliessung kundgeben und behaupten zu wollen; ja, er
war im Stande, seine eigene Ueberzeugung, wenn ein Anderer dieselbe
ausgesprochen hatte, zu verleugnen und ihr entgegen zu handeln, nur um den
Verdacht der Unselbständigkeit von sich abzuwehren. Hier aber, wo der Rat
seines Lehrers mit seinem geheimsten Wollen zusammentraf, verlangte es ihn,
vielleicht ohne dass er sich dessen klar bewusst war, danach, sich auch im voraus
gegen die Vorwürfe zu sichern, die er oder Andere ihm später über seine
Handlungsweise machen konnten. Er wollte Herr über seine Entschlüsse bleiben und
doch die Möglichkeit haben, die Verantwortlichkeit für dieselben im Notfalle
auf fremde Schultern wälzen zu können, und der Caplan war es als ein Diener
seiner Kirche gewohnt, wo es der Förderung ihrer Zwecke galt, schwerere Lasten
und Verantwortungen über sich zu nehmen, als Renatus ihm in diesem Falle zu
tragen auferlegen konnte.
    Woran denkst Du, lieber Renatus? fragte er endlich, da der junge Mann alle
Anregung, ja, selbst die Aufforderung, sich zu erklären, diesmal von seinem
alten Freunde zu erwarten schien.
    Muss ich Ihnen das erst sagen? Was wird Hildegard, was die Gräfin von mir
denken, wenn ich die Forderung an sie stellen muss, unsere Verlobung geheim zu
halten? Denn ich darf ihnen nicht auseinander setzen, dass die augenblickliche
Stimmung und die gegenwärtigen Verhältnisse meines Vaters es mir fast wie eine
Entweihung erscheinen lassen, wollte ich ihm jetzt entüllen und Preis geben,
was mir nächst meiner Ehre das Teuerste und Heiligste ist!
    Er schwieg, um sich eine ihm zu Hülfe kommende Einwendung machen zu lassen;
da der Caplan sie ihm aus gutem Grunde vorentielt, sprach er selber nach
einigem Ueberlegen: Wenn ich sicher wäre, dass Hildegard meiner Liebe, meinem
Worte so voll vertraute, wie ich ihr ....
    Mein Sohn, unterbrach ihn der Caplan, versündige Dich nicht an Hildegard:
sie gibt ihr Herz nicht, wo sie nicht vertraut!
    Aber die Gräfin? wendete Renatus ein.
    Der Caplan legte seine Hand auf des jungen Mannes Schulter und sagte: Gräfin
Rhoden ist eine welterfahrene Frau und eine vorsorgliche Mutter, die Dich und
ihre Tochter kennt, aber sicherlich auch auf des Lebens Wechsel und
Möglichkeiten denkt. Sie weiss, dass Deine Liebe und Dein Wort ihrer Tochter
angehören, wenn Du heimkehrst, indes ... Er hielt inne und sagte dann, mit
vorsichtiger Missbilligung den feinen Kopf wiegend: Es war vielleicht nicht
wohlgetan, im Angesichte eines solchen Krieges um die Hand eines jungen
Mädchens zu werben. Ich bin sicher, dass es der Frau Gräfin nicht willkommen war,
und es wäre grossmütiger von Dir gewesen, Dich zu überwinden und zu schweigen,
denn es ist traurig, ein junges Mädchen zur Wittwe werden zu sehen, ehe es noch
das Glück der Ehe kennen gelernt hat.
    Renatus war gegen den leisesten Tadel empfindlich. Hildegard's Herz hätte in
jedem Falle um mich getrauert, meinte er, wenn die Würfel des Todes mir fallen
sollten!
    Gewiss; aber man betrauert einen im Verschwiegenen geliebten Mann mit anderer
Empfindung, als einen, dem man sich heimlich anverlobte, oder gar als einen
erklärten Bräutigam. Das Mitwissen Anderer steigert für die meisten Menschen den
Schmerz und zwingt oder veranlasst sie oftmals, ihn in sich noch aufrecht zu
erhalten, wenn sie bereits in der Verfassung wären, ihn zu überwinden. Und wo
man nicht sicher ist, Glück und Freude bereiten zu können, soll man trachten,
mögliches Leid und Unglück zu verhüten.
    Renatus erhob sich, denn es bemächtigte sich seiner eine grosse Unruhe. Er
konnte den Ansichten des Caplans nichts entgegensetzen, sofern sie auf eine noch
zu begehende Handlung angewendet werden sollten; aber er ahnte ihren Zweck für
diesen besonderen Fall und er verhehlte sich nicht, dass seine Neigung für
Hildegard keineswegs eine unüberwindliche gewesen war, dass er eine Uebereilung
begangen habe und dass er leicht in die Lage kommen könne, ja, dass er sich
eigentlich bereits in der Lage befinde, diese Uebereilung zu bereuen.
    Er ging hastig ein paar Mal im Zimmer auf und nieder, blieb dann plötzlich
vor dem Geistlichen stehen und fragte kurz und heftig: Was soll ich denn tun?
Was wollen Sie denn, dass ich tue?
    Dasjenige, was Du zu tun ohnehin entschlossen warst, sprach der Geistliche
gelassen.
    Sie raten mir also, gegen meinen Vater von der ganzen Angelegenheit zu
schweigen?
    Unbedenklich!
    Und Hildegard - die Gräfin - wie soll ich vor ihnen dieses Verhalten
rechtfertigen? Wie kann ich ihnen meine Handlungsweise erklären? rief er noch
einmal.
    Der Caplan hob sein Auge zu ihm empor und blickte ihn ruhig an. Ueberlasse
es mir, mein teurer Sohn, Deine Rechtfertigung zu übernehmen! sagte er. Und er
wusste, dass Renatus diese Antwort von ihm erwartet hatte. Renatus zögerte auch
nicht, sich dieselbe zu Nutzen zu machen.
    Aber, fragte er, was soll ich Hildegarden schreiben?
    Das fragst Du mich? entgegnete der Caplan. Nun, Du wirst Hildegarden alles
sagen, was Dein Herz Dir eingibt, und das Uebrige vergönne mir, der Frau Gräfin
auseinander zu setzen. Ich gebe die Verhältnisse des Freiherrn sicherlich nicht
Preis, und da ich die Ansichten der Frau Gräfin aus langjährigem Vertrauen
kenne, hoffe ich, Gehör bei ihr und die Billigung Deiner Handlungsweise von ihr
zu erlangen. Jetzt aber - er trat an's Fenster und sah zu dem Kirchturme empor
- jetzt ist's wohl an der Zeit, auf Deine Rückkehr zu denken, denn der Freiherr
wird Dich erwarten.
    Renatus zog die Uhr hervor und gab dem Caplan Recht. Er sagte, dass er ihm
eine grosse Beruhigung verdanke, dass er nun wieder mit freiem Herzen an die
Geliebte denken könne, und dass er nur bedauere, Vittoria in das Vertrauen
gezogen zu haben. Indes er nahm das alles leicht, da er für jetzt der
Rücksprache mit dem Freiherrn entoben war, vor der er sich mehr, als er sich
selbst gestehen mochte, gefürchtet hatte.
    Im Schloss fand er, da von dem Freiherrn alle vorbereitenden Schritte
bereits vor einigen Wochen geschehen waren, die richterlichen Beamten, vor denen
der besprochene Akt seiner Mündigkeitserklärung vollzogen, und durch welche die
Eintragung von Renatus' Vermögen auf Richten bewerkstelligt werden sollte, schon
angelangt. Erst bei diesen Verhandlungen erfuhr der junge Freiherr, dass seine
Befürchtungen wegen seines Vermögens nicht ohne Grund gewesen waren. Sein
Capital stand, wenn man die Nähe des Krieges und die mit ihm zusammenhängenden
Möglichkeiten in Betracht zog, keineswegs sicher auf dem Gute, und die vor ihm
eingetragenen Gläubiger erhielten unverhältnissmässig höhere Zinsen, als der
Freiherr sie seinem Sohne festzusetzen für angemessen fand. Auch sah der
Freiherr wohl, dass Renatus die Farbe wechselte, als er das betreffende
Schriftstück unterzeichnete, indes der Vater behandelte nur die
Mündigkeits-Erklärung des Sohnes als ein ernstes Ereignis, an das er mit aller
Würde und Feierlichkeit heranging.
    Er umarmte den Sohn, nannte ihn vor allen Zeugen einen fertigen Mann, einen
Mann von wahrer Ehre und seinen Freund, und gab dann auf die Regelung der
Geldangelegenheit anscheinend nur wenig Acht. Er erklärte sie für eine blosse
Form, da zwischen Vater und Sohn von Mein und Dein doch nicht die Rede sein
könne, meinte dann, dass Renatus erst jetzt wahrhaft in den Besitz seines
mütterlichen Erbteiles trete, wo er es in dem Grunde und Boden des
Familiengutes anlege; und als dann im Laufe des Nachmittages der militärische
Chef des jungen Freiherrn mit seinem Stabe eintraf, war von den abgetanen
Geschäften natürlich keine Rede mehr.
    Der Freiherr hätte sich ein Gewissen daraus gemacht, es seinen militärischen
Gästen, es einer solchen Gesellschaft von Edelleuten aus allen Provinzen des
Landes, in seinem Schloss an irgend etwas fehlen zu lassen, was zu bieten er im
Stande war, und Renatus hielt wo möglich noch mehr darauf, dass der Empfang
seiner Vorgesetzten und Kameraden seinem Vaterhause Ehre mache.
    Er hatte sonst es nicht leicht gewagt, dem Freiherrn gegenüber Verlangnisse
zu äussern und Vorschläge zu tun; aber er war nun grossjährig gesprochen, er
hatte auch sein ganzes, persönliches Vermögen hergegeben, seinem Vater eine
Erleichterung zu bereiten, und man konnte es doch in der Tat nicht wissen, ob
es nicht das letzte Mal sei, dass er im Vaterhause weile. Er hatte nie gefühlt,
was es mit der hastigen und feurigen Lebenslust des Soldaten auf sich habe.
Jetzt erwachte sie in ihm. Er wollte froh sein, er wollte geniessen und Andere
mitgeniessen lassen, was er besass. Er blieb in beständiger Bewegung und
Aufregung, erhielt alle Andern in derselben, und noch niemals hatte er seinem
Vater so wohlgefallen, noch nie hatte der Freiherr es wie eben jetzt erkannt,
dass sein Sohn ihm doch sehr ähnlich sei. Er gab jetzt allen Wünschen desselben
unbedingte Folge. Ein Ball wurde aus dem Stegreif in das Werk gesetzt, die Säle,
die Zimmer, die Fluren und Treppen waren wieder einmal belebt, wie in den Tagen,
deren Renatus sich aus seiner Kindheit zu erinnern wusste. Wo die jetzt
beschränkte Dienerschaft des Hauses nicht ausreichte, half die militärische
Bedienung der Einquartierten aus, die man für die wenigen Stunden, in denen man
ihrer bedurfte, in die Livréen des Hauses steckte; es waren deren noch mehrere
von früher her vorhanden.
    Allerdings durfte Renatus nicht nach der Schlosstorseite an das Fenster
treten, ohne dass es ihm durch das Herz schnitt, wenn die Allee, die prächtige
Allee, ihm fehlte, wenn er so weit hinaus die grosse Fläche übersehen konnte. Sie
kam ihm wie ein Schlachtfeld vor, es schwebten traurige Schatten, Unheil
verkündende Geister über ihr. Aber Niemand von seinen Kameraden vermisste die
alten Bäume, es vermisste auch Niemand die schweren silbernen Tafelaufsätze und
Pracht-Gerätschaften, die sonst bei feierlichen Gelegenheiten die Tafel geziert
und den grossen alten Schenktisch geschmückt hatten. Es waren während des Krieges
viele Alleen niedergeschlagen worden und viele Gutsbesitzer hatten in den harten
Zeiten ihr Silber eingeschmolzen oder es in den grossen Städten in
verhältnissmässige Sicherheit zu bringen gesucht. Renatus fragte nicht darum, er
nahm ohne Weiteres das Letztere an. Man ritt, man jagte in den schönen Revieren
der Herrschaft, Alles wurde besehen, Alles bewundert: der Ahnensaal im Schloss
und die Kirche in Rotenfeld und die prächtige Familiengruft, in welcher die
Baronin Angelika neben den anderen Todten ihres Hauses ihre Ruhestätte gefunden
hatte.
    Die Stunden der kurzen Rasttage entschwanden, ohne dass Renatus zur Besinnung
kam. Er sah seinen Vater angeregt und wohlaufgelegt wie seit langen Jahren
nicht. Vittoria schien auch neu belebt zu sein, die Anwesenheit so vieler
Männer, der Eindruck, den sie auf dieselben machte, die Bewunderung, welche sie
durch ihren Gesang wie durch die Fremdartigkeit ihres ganzen Wesens erregte,
zerstreuten sie und schmeichelten ihr wie ihrem Gatten. Renatus konnte es nicht
über sich gewinnen, noch einmal mit Vittoria von seiner Verlobung zu reden und
die seltene Zufriedenheit zu stören, die ihn umgab. Es ward von Hildegard gar
nicht mehr gesprochen. Nur mit Mühe fand er die Musse, seiner Braut zu schreiben
oder ihrer in Ruhe zu gedenken.
    Am Abende vor dem Abmarsche hatte man noch einmal die Gesellschaft aus der
ganzen Umgegend zusammengebeten. Man tanzte noch einmal, und man spielte. Spät,
als die Dunkelheit schon lange über der Erde und über dem ersten Knospen des
Frühlings ausgebreitet lag, flammte oben auf der Margareten-Höhe ein Feuerwerk
empor und an dem Giebelfelde des Freundschaftstempels glänzte in farbigem Licht
das Wort: »Victoria.«
    Es war eine Ueberraschung, mit welcher der Chef des Regiments seinen Wirten
den Dank für ihre verschwenderische Gastfreundschaft zu erkennen geben wollte;
denn wie das Wort die Hoffnung der zum Kampfe ziehenden Krieger aussprach, so
huldigte es auch der schönen Schlossherrin, und es kam dabei nicht in Betracht,
dass der Freundschaftstempel sehr verfallen war, dass man alte Gerätschaften und
Reisig in dem Raume aufbewahrte, der einst das Bild der Herzogin Margarete
umschlossen hatte und ihrem Andenken gewidmet worden war. Das glänzende Licht
des Feuerwerks, wie vergänglich es auch war, machte alles Andere vergessen, und
als es erloschen war, dachte man des Tempels und der Margareten-Höhe überhaupt
nicht mehr.
    Renatus schrieb, wie er sich ausdrückte, mit dem Fusse im Bügel, noch an
seine Braut. Der Caplan übernahm die Besorgung dieses Briefes.
    Die Regimentsmusik schmetterte auf dem grossen Schlosshofe schon ihre
mutigsten Weisen, als der Freiherr den Sohn in die Arme schloss, als Renatus,
mit Tränen und von des Vaters Segenswünschen begleitet, aus seinen Armen
schied. Sie hatten sich nie so nahe gestanden, waren einander nie so lieb
gewesen, als in diesem Beisammensein, und noch im letzten Augenblicke legte der
Freiherr seine Gattin und Valerio an seines Sohnes Herz und sagte sehr
erschüttert, obschon die Fremden es sehen und hören konnten: Kehre mir wieder,
mein teurer, teurer Sohn, und sei ihre Stütze, wenn ich nicht mehr bin, wie Du
mein Freund und meine Freude bist! -
    Er weinte und schämte sich der Tränen nicht. Der Mensch, der Vater, trugen
in ihm den Sieg über die Formen der Gesellschaft davon, die überall aufrecht zu
erhalten er sonst als seine Aufgabe angesehen hatte. Die Ereignisse waren
stärker, als er und seine schwindende Kraft, und sie wuchsen mit jedem Tage an
Gewaltigkeit, an Furchtbarkeit und an Erhabenheit über ihn hinaus.
 
                                Viertes Capitel
Was die Abergläubisschen bei dem Erscheinen des grossen Kometen gefürchtet und
vorausgesagt, was Seba einst hoffend ausgesprochen, als sie, mit Renatus in der
Türe ihres Gartensaales stehend, das prächtige Phänomen betrachtet, es hatte
sich Alles über jedes Erwarten schnell erfüllt.
    Es war ein verheerendes Kriegsunglück über die Welt gekommen, das grösste
Kriegsheer, das die Menschheit seit unvordenklicher Zeit gesehen, war vernichtet
worden. Die Russen selbst hatten die heilige Hauptstadt ihres Reiches zerstört.
Zu Hunderttausenden waren die Kinder eines glücklicheren Klima's, waren die
Söhne Frankreichs und Italiens, waren Portugiesen und Spanier, Deutsche und
Polen unter dem Schnee der russischen Eisgefilde umgekommen, und ein Flüchtiger,
ein Geschlagener und Ueberwundener, war der bis dahin für unbesiegbar gehaltene
Kaiser von Frankreich mitten durch das von ihm unterjochte und geknechtete
Europa seiner Hauptstadt zugeeilt, um, ein niedergeworfener Riese, aus dem Boden
seiner Heimat neue Kraft zu schöpfen.
    Not und Elend hatten den Weg bezeichnet, auf welchem das französische Heer
nach Russland gezogen war, Elend, Krankheit, Tod und Leichen bezeichneten die
Strasse, auf der die Trümmer dieses für unüberwindlich gehaltenen Heeres bald in
kleineren, bald in grösseren Massen, bald vereinzelt als jammervoll Verstümmelte,
als in Lumpen gehüllte Bettler durch das Land zogen, und es gab in den
preussischen Ostprovinzen sicherlich nicht Eine Stadt, nicht Ein Dorf, ja, nicht
Ein Haus, dem die Teilnahme an dem Entsetzen erspart worden wäre, welches das
geschlagene Heer mit sich durch aller Herren Länder trug. Je grösser die
Ortschaften waren, je eher man hoffen durfte, in ihnen Aufnahme oder Erquickung,
ja, oft nur ein ruhiges Sterbekissen zu finden, um so massenhafter drängten die
Fliehenden sich dortin, und die Herrschaft Richten mit dem Kirchturme von
Neudorf, mit dem weitin in die Ferne ragenden goldenen Kreuze der Rotenfelder
Kirche, zogen immer aufs Neue ganze Scharen von Flüchtigen in ihren Bereich.
    Die Kirchen beide lagen voll von Kranken und Sterbenden. Der protestantische
Pfarrer, der des alten Pastors Nachfolger geworden war, der Caplan und sein
Sakristan rasteten nicht Nacht, nicht Tag. Die leibliche Not und das geistige
Leiden der im fremden Lande, fern von den Ihrigen Hinsterbenden nahmen die
Geistlichen der beiden Gemeinden gleichmässig und ganz in Anspruch. Wollte man
den Mut der Dorfbewohner nicht völlig sinken lassen, wollte man nur die Leichen
unter die Erde bringen, so durften diese Männer sich nicht schonen, und keiner
von ihnen dachte an sich und an die eigene Gefahr. Der Caplan ging Allen voran
in hingebender Tätigkeit und Selbstaufopferung, und er rechnete sich dies nicht
zum Verdienste. Seine Tage waren gezählt, er hatte nichts, woran seine Seele
gefesselt war, er dankte seinem Gotte, dass er ihm die Kraft gelassen habe, zu
helfen, zu trösten bis an sein Lebensende, und fernsehend mit dem Auge seines
Geistes, gab er sich gläubig an die Hoffnung der Vaterlandsbefreiung hin, die am
Horizonte des neuen Jahres emporzusteigen begann.
    Der Freiherr teilte diese Hoffnung nicht. Er hatte Napoleon verabscheut,
als er noch General und Consul gewesen war; aber die Gesinnungen des Freiherrn
hatten eine Aenderung erlitten, seit der Consul sich die Krone aufgesetzt und
mit eiserner Hand der Volksherrschaft in Frankreich ein Ende gemacht hatte. Der
Kaiser, dessen Tyrannei die Franzosen, wie der Freiherr es nannte, für das
Freiheitsgelüsten geisselte, in welchem sie ihren König ermordet, den Adel des
Landes unter das Messer der Guillotine geliefert und in die Verbannung zu gehen
gezwungen hatten, erschien ihm wie eine sittliche Notwendigkeit in der
Weltordnung. Er sah das Unglück, das Napoleons schrankenlose Eroberungssucht
über ganz Europa brachte, als die gerechte Strafe dafür an, dass die Fürsten und
Völker dem angestammten französischen Herrscherhause und den gut gesinnten
Franzosen nicht ihren vollen Beistand zur Niederwerfung der Revolution geliehen
hatten, und wenn er in sein Inneres blickte, fühlte er für den Kaiser, der sein
willkürliches Belieben zum Gesetze eines Weltteils machte, jetzt mehr
Vertrauen, mehr Teilnahme und Bewunderung, als für irgend einen der deutschen
Fürsten, die in widerwilligem Gehorsam und zum Teil in knechtischer
Schmeichelei und Selbsterniedrigung zu des Eroberers Füssen lagen, oder gar zu
seinem Landesherrn und zu dessen Regierung, welche gegen die Herrschaft des
grossen Genius, des Revolutions-Besiegers ankämpfen zu können glaubten, indem sie
in dem eigenen Lande die Gemüter des niederen Volkes selbst in Aufregung
versetzten, die Hand an geheiligte, alte Rechte legten, den Adel beraubten und
von sich entfernten, ohne damit das Volk erheben und zufriedenstellen zu können.
Er hatte den Ausspruch des vierzehnten Ludwig: »Ich bin der Staat!« immer
verstanden und bewundert. Er bewunderte auch Napoleon, der sich als den Willen
und das Gesetz für seine Zeit hinstellte, und der Gedanke einer von Napoleon
begründeten Welterrschaft stimmte mit den Ansichten des Freiherrn wohl
zusammen, seit der Kaiser sich geneigt erwies, dem alten Adel seine Hand zu
bieten, und ihn in viele seiner Rechte wieder einzusetzen.
    Es war mit seiner vollen Zustimmung geschehen, es hatte sich kein
Widerstreben in ihm geregt, als sein Sohn den Fahnen Frankreichs nach Russland
hatte folgen müssen. Der jähe Glückswechsel, der den Kaiser traf, erschreckte
den Freiherrn also höchlich und warf ihn fast mehr darnieder, als einst das
Unglück seines Vaterlandes. Er wurde irre an der Folgerichtigkeit der Dinge, wie
er sie verstand, und die Ohnmacht auch des gewaltigsten Einzelwillens, das
endliche Unterliegen auch der grössten Kraft des Einzelnen, erschütterten ihn und
liessen ihn Schlüsse machen, die er endlich gegen seine eigenen Ueberzeugungen zu
richten sich notgedrungen sah.
    Er wollte nichts wissen von der Verbindung, welche schon lange im Lande
tätig war und alle Stände zu einmütiger Erhebung gegen die Tyrannei der
Fremdherrschaft wachzurufen trachtete. Er wendete sich von den Mitgliedern des
alten Adels mit Beschämung ab, wenn sie es als ein erstrebenswertes Ziel
bezeichneten, mit ihren Bauern und Insassen in gleicher Reihe und gleichem
Gliede zu fechten. Er mochte nichts hören von den Verhandlungen, durch welche
deutsche und vor Allem die preussischen Vaterlandsfreunde den Anschluss an Russland
vorzubereiten strebten, und er vermied es, den eigenen Sohn zu sehen, als
dieser, mit dem York'schen Corps aus Russland wiederkehrend, von der allgemeinen
Stimmung über sich hinausgehoben, voll Begeisterung dem nahen Freiheitskampfe
entgegen zu gehen hoffte.
    Der eisige Winter hatte den Greis in seinem Schloss gefangen gehalten. Auch
das erwachende Jahr lockte ihn wenig hinaus. Er war nicht begierig, die
Verwüstungen anzusehen, welche die fliehenden Franzosen und die sie verfolgenden
Russen innerhalb seiner Besitzungen angerichtet hatten. Das Recht des Stärkeren,
die Unerbittlichkeit der Not hatten überall gewaltet, der gegenwärtige Amtmann
war nicht der Mann gewesen, sich dem Äussersten zu widersetzen; der Freiherr
hatte nicht mehr die Kraft, nicht mehr die Mittel besessen, mit grossen Opfern
grössere Uebel zu verhindern. Es sah übel auf der Herrschaft aus, als im Beginne
des Frühlings der König von Preussen den Aufruf an sein Volk erliess, der Jeden,
welcher die Waffen tragen konnte, zu den Fahnen forderte, um mit Gott unter des
Königs Führung für die Freiheit des Vaterlandes zu kämpfen.
    Der Freiherr hatte den Aufruf wieder und wieder gelesen und ihn dann zu dem
Caplan geschickt, den die Pflege seiner Verwundeten und Kranken jetzt in
Rotenfeld zurückhielt und der schon seit vielen Wochen nicht nach Richten
gekommen war, um das pestartige Lazaret-Fieber, das sich aus den Spitälern in
den beiden Kirchen nach den Dörfern verbreitet hatte, nicht auch in das Schloss
zu übertragen. Aber der Freiherr vermisste ihn sehr, das Herz war ihm beladen,
und Vittoria war nicht die Frau, vor der er es entlasten konnte.
    Es waren ihre Schönheit, ihre Weltunerfahrenheit gewesen, die ihn einst an
der kaum der Kindheit entwachsenen Jungfrau bezaubert hatten, und er hatte von
Vittoria liebevoll alles ferngehalten, was ihr diesen Reiz zerstören konnte. Sie
war heute noch schön, fast schöner, als sie je gewesen, sie war heute noch fremd
in der Welt Händeln und in den Nöten und Bedürfnissen des täglichen Lebens,
sofern diese letzteren nicht sie selbst betrafen; aber seit er ihrer Schönheit
nicht mehr geniessen konnte wie sonst, rührte sie ihn, statt ihn zu erfreuen, und
die Selbstsucht, mit welcher Vittoria, wie ein wahres Kind, nur an ihr eigenes
Wollen und Bedürfen dachte, quälte ihn jetzt bisweilen eben so, wie sie ihn
sonst belustigt hatte. Er dachte jetzt oft, gar oft an die Baronin Angelika
zurück, indessen er wusste daneben auch, nach welcher Seite das Herz seiner
ersten Gattin sich in diesen Zeiten hingewendet haben würde.
    Wenige Tage, nachdem der königliche Aufruf in die Provinz und in das Schloss
gelangt war, brachte einer der Chorsänger aus Rotenfeld dem Freiherrn einen
Brief des Caplans. Der Freiherr, der in seinen jungen Jahren der verheerenden
Seuche, welche auf den Gütern geherrscht hatte, mutig entgegengetreten war,
zeigte sich jetzt ängstlich gegen Krankheit und Ansteckung und vermied es also,
den Boten vor sich zu lassen. Er empfing den Brief durch seines Dieners Hand,
liess sich die Brille reichen, deren er sich, weil es ihn an eine Altersschwäche
mahnte, nur ungern bediente, und trat an das Fenster, um das Schreiben zu lesen.
Es war jedoch, als ob er seinen Augen nicht traute, denn er nahm die Brille ab,
putzte mit vorsichtiger Hand die feinen Gläser, las den Brief noch einmal und
sagte danach, dass er die Antwort senden werde.
    Als der Diener sich entfernt hatte, ging der Freiherr eine Weile langsam in
dem Zimmer auf und nieder. Der Caplan schrieb ihm, dass die sämmtlichen vier
Chorschüler nach der Kreisstadt zu gehen dächten, um in die Landwehr
einzutreten, dass er sie übermorgen, da die Kirche voll Kranker liege, zu diesem
Schritte in seiner Wohnung vorzubereiten und einzusegnen wünsche, und dass er den
Freiherrn anfrage, ob es ihm möglich sei, den jungen Leuten das Geld zu ihrer
Ausrüstung zu geben, widrigenfalls er ihn ersuche, ihm einen Teil seines
rückständigen Gehaltes auszahlen zu lassen, damit er, so viel an ihm sei, für
die Bewaffnung seiner bisherigen Zöglinge sorge. Er meldete zugleich, dass aus
allen drei Dörfern eine Anzahl von Arbeitern und von Bauernsöhnen sich dem
Könige stellen, dass sie unter Adam Steinert's Führung, der gleichfalls in das
Feld ziehe, sich auf den Weg machen würden, und dass der Pastor in Neudorf
deshalb auch eine religiöse Vorbereitung und Einsegnung auf dem Kirchhofe
veranstalten werde.
    Der Freiherr brauchte eine Weile Zeit, sich zu fassen. Die Welt wurde ihm
fremd. Die Worte: Volkserhebung, Volkskrieg, Volkswille, die ihm von Frankreich
her oft genug aus der Ferne entgegengeklungen, wurden von dem ältesten Genossen
seines Lebens anerkennend gebraucht, wurden jetzt unter seinen Augen, wenn auch
in veränderter Gestalt, zu einer Wahrheit, und sie erschreckten ihn.
    Er sah um sich her ein Geschlecht, eine Zeit, eine Welt erstehen, in welcher
er besorgen musste, seine bevorzugte Stellung nicht mehr aufrecht erhalten zu
können, und ein Traum, den er einst gehabt, kam ihm plötzlich in die Erinnerung
zurück. Er hatte einmal geträumt, dass er an einem Sommertage schlafend in einem
Saatfelde gelegen, und die Saat war gewachsen und in Aehren geschossen und die
Halme waren hoch und immer höher geworden, bis sie über ihm zusammenschlugen wie
ein wallendes Meer, aus dem er sich mit Herzensangst zu erretten strebte und das
ihn endlich doch in seinen Wellen begrub. Jetzt schoss eine solche Saat empor und
ihre Halme schlugen über ihm zusammen.
    Er fühlte sich vereinsamt und gebeugt, aber er durfte dem Freunde nicht
verweigern, was dieser mit Recht begehren konnte, und er musste sich mit
Widerstreben eingestehen, dass er diese Volkserhebung, der er sich im tiefsten
Innern abgeneigt fühlte, dass er diesem Kriegsunternehmen, welches er als ein
unglückliches und hoffnungsloses ansah, seinen Beistand leihen, dass er sich dem
allgemeinen Wollen, der allgemeinen Stimmung und Meinung unterordnen und zur
Ausrüstung der Freiwilligen wider seinen Willen seinen Beitrag zahlen müsse,
wenn er nicht dazu gezwungen werden, wenn er nicht auf die Achtung fast aller
seiner Standesgenossen und Freunde verzichten wolle.
    Er hatte wenig baares Geld im Vorrate, und es war überall nicht leicht, in
diesem Augenblicke Geld herbeizuschaffen. Nachdenklich stand er vor dem
Schranke, in welchem er die Wertgegenstände des Hauses aufbewahrte. Er sah die
Schmuckkästchen an, welche den Frauen des Geschlechtes von Arten angehört
hatten, und nahm dasjenige in die Hand, das einst zur Hochzeit für die Gräfin
Angelika angefertigt worden war. Ohne recht zu wissen, was er damit wollte,
öffnete er es. Der ganze, prächtige Schmuck lag noch darin, er sah ihn
wohlgefällig an, die Brillanten funkelten im Sonnenlichte. Sie sprachen zu ihm
von fernen Tagen. Es war ihm zu Mute wie einem Gläubigen vor einem
Heiligenschreine, und doch überkam ihn eine Art von Unruhe, von Angst vor seinem
Denken und vor seinem Wollen. Er hielt den Kasten gegen das Fenster, um der
Schönheit des Schmuckes recht inne zu werden. Es fehlt kein Stein! sagte er, und
das Etui vorsichtig verschliessend, setzte er es an die gewohnte Stelle zurück
und ging, Vittoria aufzusuchen.
    Er mochte nicht mit sich allein sein, er war auch nicht in der Verfassung,
jetzt dem Caplan die Antwort zukommen zu lassen.
    Vittoria war nicht in ihrem Zimmer. Der warme Sonnenschein hatte sie mit
ihrem Knaben in das Freie hinausgelockt. Die Wärterin meinte, die Frau Baronin
müsse bald wiederkehren, da die Mittagszeit Valerio's nahe sei. Der Freiherr
schickte sie fort, ihre Herrin und das Kind zu holen, und setzte sich auf das
Sopha nieder. Es war Vittoria's gewöhnlicher Platz. Er wusste nicht recht, was er
dachte, aber es lag eine tiefe Traurigkeit über seiner Seele. Er wünschte,
Vittoria zu sehen, er wollte sie bitten, ihm etwas vorzusingen, er hatte Lust,
den Knaben bei sich zu haben - und sie blieben aus. Freilich hatte die Wärterin
sie erst suchen zu gehen, und sie wusste nicht, nach welcher Seite sie gegangen
waren, indes das Warten machte ihn doch ungeduldig. Er griff nach einem Buche,
das auf dem kleinen Lackschränkchen zur Seite des Sopha's lag. Vittoria hatte
ihre Briefschaften und mancherlei Andenken in diesem Schränkchen aufbewahrt; sie
hing an diesem kleinen Besitze mit grosser Liebe; es durfte Niemand daran rühren,
sie trug den kleinen Schlüssel stets an einem Kettchen auf der Brust. Heute
jedoch hatte sie ihn wider alle ihre Gewohnheit stecken lassen; der Entschluss,
auszugehen, mochte ihr wohl plötzlich gekommen sein, und sie musste in ihrer
Lebhaftigkeit des Schlüssels vergessen haben.
    Der Freiherr, in müssigem Warten, wollte statt ihrer das Schränkchen
zuschliessen, indes es widerstand etwas darin. Er öffnete die Türe, einige
Blätter Papier waren aus dem oberen Fache herabgeglitten. Als er sie auf die
Seite schieben wollte, fiel ihm eine goldene Kapsel auf, die er nie bei Vittoria
gesehen hatte. Arglos nahm er sie zur Hand, und blieb regungslos vor dem kleinen
Schranke stehen.
    Eine reiche, schwarze Locke nahm die eine Seite der Kapsel ein. »Der Seele
meiner Seele!« war in italienischer Sprache in den kleinen Mittelraum
hineingeschrieben. Die andere Seite wies das Bildnis eines schönen Mannes in
militärischer Kleidung - und der Freiherr kannte diesen Mann. Es war Graf
Mariano, der Oberst der italienischen Nobelgarde, der nach dem ersten Kriege
Monate lang als Verwundeter im Schloss und dem Freiherrn ein willkommener
Gesellschafter und Gast gewesen war.
    Ein dumpfer Schmerzenslaut entrang sich der Brust des Greises. Er raffte
eilig zusammen, was er von Papieren vor sich liegen fand, und verliess das
Gemach. Im Vorsaale kam ihm Vittoria entgegen, und der Knabe lief auf ihren
Antrieb auf ihn zu. Er stiess ihn von sich, dass das Kind zur Erde fiel.
    Was ist geschehen - im Namen Gottes, was ist geschehen? rief Vittoria, da
sie die Verstörteit ihres Gatten bemerkte; aber er antwortete ihr nicht. Die
Papiere und die Kapsel, welche sie in seiner Hand sah, sagten ihr Alles.
    Die erschrockene Wärterin führte Valerio fort, Vittoria blieb mitten in dem
Vorgemache stehen. Ihr Kopf hob sich stolz in die Höhe, ihre Brust atmete tief;
trotz ihrer kleinen Gestalt sah sie mächtig aus, mächtig und entschlossen, und
wie von einer schweren Last befreit, rief sie: Endlich! Jetzt endlich bin ich
frei!
 
                                Fünftes Capitel
An dem Sonntage, welcher diesen Ereignissen folgte, segnete der Caplan in seinem
Zimmer seine Chorsänger und einen katolischen Diener des Freiherrn für ihren
Feldzug ein und erteilte ihnen das Abendmahl. Man betete auch für den jungen
Freiherrn und für das ganze freiherrliche Haus, aber es war Niemand vom Schloss
dabei zugegen. Der Freiherr hatte dem Caplan einen Teil seines Gehaltes und die
gewünschte Beisteuer gesendet, die Baronin war eines Tages ganz plötzlich in die
Pfarre nach Rotenfeld gekommen und am anderen Tage, trotz ihrer Scheu vor der
im Dorfe verbreiteten Krankheit, noch einmal wieder dahin zurückgekehrt. Den
Freiherrn sah man nicht. Es hiess, die Schlaflosigkeit, an der er vor langen
Jahren schon einmal gelitten, habe ihn wieder befallen, aber er verweigere,
ärztliche Hülfe zu nehmen, obschon er krank aussehe und stundenlang in den Sälen
des Schlosses oder, wenn es dunkele, in den Gängen des Parkes umherwandere.
    Die Einsegnung der evangelischen Freiwilligen fand, weil auch in Neudorf die
Kirche voller Kranken lag, auf dem Kirchhofe unter freiem Himmel Statt. Aus
allen Kirchspielen und Dörfern der Umgegend waren sie gekommen, Männer jedes
Alters und Standes, die Frau an ihres Gatten Seite, der Bräutigam am Arme seiner
Braut, die Eltern mit ihrem kaum zum Jünglinge herangereiften Sohne. Die Einen
waren schon vollständig bewaffnet, den Andern fehlte die Waffe noch, aber das
Feuer der Begeisterung und der opferfreudigen und todesmutigen Entschlossenheit
war Allen gemeinsam, dem Manne wie dem Weibe, den Greisen wie den Jünglingen,
den Fortziehenden wie den Zurückbleibenden. Jeder wusste, dass er das Seinige tun
müsse in der grossen Zeit, und die beiden Männer, der Hauptmann und der
Lieutenant der Landwehr, welche in dieser Gegend die Erhebung geleitet und die
gemeinsame Einsegnung veranlasst hatten, sahen in ihren Offiziers-Uniformen nicht
am wenigsten gefestet aus.
    Es war am späten Nachmittage, und der Schatten der Eingesegneten, die sich
still und feierlich entfernten, fiel schon lang über den frisch ergrünenden
Rasen hin, als der ältere der beiden Offiziere, ein grosser, starker Mann, das
Landwehrkreuz an seiner Mütze, sich nach dem Ausgange des Kirchhofes wendete. Er
mochte der Mitte der Fünfziger nahe sein, ein sechszehnjähriger, gleichfalls
bewaffneter Sohn ging an seiner Seite, einen heranwachsenden Knaben führte seine
Frau an ihrer Hand, seine Tochter hing an seinem Arme. Die Leute traten von
allen Seiten an ihn heran, ihm zum Abschiede die Hand zu geben.
    Leben Sie wohl, Herr Amtmann, sagten die Alten, die ihn noch im Dienste des
Freiherrn gekannt hatten. Leben Sie wohl, Herr Steinert! riefen die Jungen;
kommen Sie uns gesund wieder nach Hause! Gott erhalte Sie, Gott erhalte Ihnen
auch den jungen Herrn!
    Er schüttelte dem Einen die Hand, er klopfte dem Andern auf die Schultern.
Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen! entgegnete er; und wenn in Marienfelde etwas
vorfallen sollte, meine Frau weiss sich wohl zu helfen - aber springt doch zu!
    Verlassen Sie Sich darauf! Sie haben ja auch die Zeit her immer zu uns
gehalten, und wir zu Ihnen! Verlassen Sie Sich darauf, Herr Steinert! erscholl
es wie aus Einem Munde. Die Frau hob die Augen auf und wollte lächeln, aber ihr
Schmerz war doch noch grösser, als ihr opferfreudiger Wille. Die Tränen rollten
ihr über das noch blühende Gesicht, und sie bewegte im Unwillen gegen ihre
Schwäche das Haupt, die schweren Tropfen unmerklich abzuschütteln.
    Herr Amtmann, sagte ein alter Bauer, die Mütze in der Hand, wenn Einem von
den Unseren hier - Sie kennen sie ja alle - was Menschliches begegnet - meine
zwei Söhne und mein Schwestersohn und mein Knecht sind auch dabei .... Er konnte
nicht weiter sprechen.
    Ich behalte sie alle im Auge, so gut wie meinen Jungen da, versicherte
Steinert. Ich melde Euch, wie es mit uns Allen steht; geht nur zu meiner Frau,
da werdet Ihr's erfahren! Und nun lebt wohl! Wir stehen überall in Gottes Hand.
- Lebt wohl!
    Er hatte Mühe, sich loszumachen und mit Frau und Kindern seinen am
Kirchhoftore wartenden Wagen zu erreichen. Als er einsteigen wollte, blickte er
noch einmal zurück. Es lagen in dem Erbbegräbnisse der Steinert's nahe am
Eingange des Kirchhofes unter den beiden von Adam neu gepflanzten Linden - denn
die uralten Bäume hatten die Russen niedergehauen - Steinert's Vater und Mutter
und sein ganzes, ihm vorangegangenes Geschlecht in Frieden unter dem grünen
Rasen beisammen. - Werden ich und mein Sohn auch hier ruhen, oder wo wird uns
die Todesstunde schlagen? fragte er sich unwillkürlich. Aber er sprach es nicht
aus, und obschon die Seinigen ihn errieten und Aller Augen sich feuchteten,
hielten Alle sich still und aufrecht; sie durften einander die Herzen nicht
erweichen.
    Kommt denn der Herr Hauptmann nicht zurück? fragte die Frau, als sie
bemerkte, dass der Bursche, dem man des Hauptmanns Pferd zu halten gegeben hatte,
es noch am Zügel führte, und es war eine Selbstüberwindung für sie, dass sie an
etwas Anderes und an einen Andern dachte, als an ihren Mann und ihren Sohn und
ihren Schmerz.
    Der Hauptmann wird uns nachkommen, lasst ihn gehen! entgegnete Steinert, und
sie fuhren von dannen, während der Mann, von dem sie gesprochen hatten, sich
nach der anderen Seite des Kirchhofes wendete und mit ruhigem Schritte, die
mächtige Gestalt hoch aufgerichtet, langsam über den Rasen herging.
    Jahr und Tag war er von Deutschland entfernt gewesen, und es hatte ihn nicht
danach gelüstet, in das Vaterland zurückzukehren, so lange die
Franzosenherrschaft im Lande noch mächtig gewesen war. Er hatte es auch nicht
wagen dürfen, denn der Blutbann schwebte über ihm, seit er bei dem Uebergange
über die russische Grenze den französischen Commissär erschossen hatte.
    Aber ihn dünkte, als läge dieses Ereignis weit, sehr weit hinter ihm, denn
er hatte viel erlebt in dieser Zeit und viel gelernt und viel gewirkt.
    In der Nähe der nach Russland geflüchteten deutschen Vaterlandsfreunde und
unter ihrer Leitung mitwirkend für die Beförderung ihrer Zwecke, hatte er in der
vielbewegten Zeit die Gelegenheit wahrnehmen und benutzen können, seine und des
Flies'schen Hauses Capitalien im Handelsverkehre sich bewegen und wachsen zu
machen, und während er selbst seinen Besitz vergrösserte, seine Anschauungen
erweiterte, den Kreis seiner Bekanntschaften ausdehnte, hatte er unter des
Hauptmanns von Werben Leitung, der, wie viele andere deutsche Offiziere, in
russische Dienste getreten war, sich diejenigen militairischen Kenntnisse
anzueignen gesucht, die ihn befähigen konnten, bei dem sich bietenden Anlasse
für die Befreiung des deutschen Landes wirksam einzutreten.
    Mit den ersten Russen war er über die Grenze gekommen, und bei der grossen,
den Krieg vorbereitenden Tätigkeit, welche in der Hauptstadt Preussens sich fast
noch unter den Augen der Franzosen zu regen begann und in welcher das Bestreben
der gesammten Bürger mit dem selbstständigen Beschliessen aller Behörden so
einmütig und ruhmwürdig zusammenfiel, dass sie endlich die zagende
Unentschlossenheit des Königs mit sich auf dem Strome ihrer Begeisterung
fortrissen, waren die unermüdliche Arbeitskraft und die schnelle Uebersicht
eines geschäftskundigen Mannes recht an ihrem Platze gewesen.
    Wo man seiner bedurfte: bei den Ankäufen für die Ausrüstung, bei der
Controle der eingehenden Beiträge, bei der Beschaffung der nötigen Capitalien,
überall war Paul zu uneigennütziger Hülfe bereit; und als man schliesslich daran
ging, die Landwehr aufzubieten, war er wieder der Ersten Einer gewesen, die das
bürgerliche Kleid mit dem Soldatenrocke, die Feder mit dem Degen vertauscht und
das Kreuz an ihre Mütze geheftet hatten, um in dem ihm von den oberen Behörden
angewiesenen Kreise im Verein mit Steinert, der zu den treuesten und eifrigsten
Vaterlandsfreunden zählte, das Zusammentreten, die Ausrüstung, die erste
Einübung und den Abmarsch der Freiwilligen bewerkstelligen zu helfen.
    Es war nicht Paul's Wahl gewesen, dass er eben in diesen Teil der Provinz
gekommen war, an den sich keine erfreulichen Erinnerungen für ihn knüpften.
Indes er war es nicht gewohnt, seinen widerstrebenden Empfindungen nachzugeben,
wo es eine Pflichterfüllung galt, und die Arbeit, welche auf ihm und Steinert
lag, war so gewaltig, der Augenblick nahm die ganze Kraft der Menschen so sehr
in Anspruch, jeder Morgen brachte so viel neue Anforderungen, stellte so viel
neue Notwendigkeiten heraus, denen rasch begegnet werden musste, dass Paul
während aller der Tage, die er unter Adam's Dach verweilte, nicht viel an sich
selber denken konnte.
    Und doch wachte mit dem Klange der Namen Neudorf, Rotenfeld und Richten,
doch wachte bei der Nennung des Freiherrn von Arten eine eigene Wehmut in
seinem vom Leben geprüften Herzen auf, gegen die er sich vergeblich sträubte. Es
half ihm nicht, dass er sein Verlangen, die Stätten wiederzusehen, die sein Fuss
als Kind betreten hatte, eine müssige Neugier schalt. Er wusste, dass keine Spur
mehr vorhanden sei von dem Hause, in welchem er geboren worden war, in welchem
er mit seiner Mutter gelebt hatte. Es rief ihn keines Menschen Liebe, keiner
Eltern Zärtlichkeit, kein Bruder, kein Jugendgespiele nach der Heimat seiner
Kindheit zurück. Er trug auch kein Verlangen, den stolzen Bau zu sehen, den sein
Vater über der Stätte aufgerichtet hatte, auf welcher seiner armen Mutter das
Herz gebrochen worden war; aber es bewegte ihm doch die Seele, als er an dem
schönen Frühlingstage an der Spitze der kleinen, kampfbereiten Schaar in Neudorf
einritt, als er auf demselben Kirchhofe, der seiner Mutter Reste in sich schloss,
zu dem ernsten Gange auf Leben und Tod die Weihe und den Segen über sich und
seine Gefährten aussprechen hörte.
    Der Kirchhof war nicht gross, er hatte nicht weit zu gehen bis zu der Ecke,
in welcher, fern von den Gräbern der Glücklicheren oder der Mutigen und
Geduldigen, die armen Ausgestossenen gebettet lagen, die das Leben von sich
geworfen hatten, weil es ihnen zu schwer geworden war. Die Hügel waren
eingesunken. Kaum dass man noch die Wellungen im Erdreiche unterschied. Ein paar
kleine Holztafeln ragten nur wenig über dem Boden hervor, die Kosaken hatten vor
einigen Wochen mit ihren Pferden auf dem Kirchhofe campirt, es war Alles
niedergetreten, nur ein paar eisenumgitterte Erbbegräbnisse, wie das der
Steinert's, waren erhalten worden.
    Er bückte sich nieder, um zu sehen, ob auf den kleinen Tafeln vielleicht ein
Name erkennbar sei; aber der Regen hatte sie weiss gewaschen, die Hufe der Pferde
sie zerschlagen, sie waren überhaupt nur übrig geblieben, weil die Kosaken die
paar elenden Splitter des Auflesens nicht wert geachtet haben mochten, wo sie
Bäume umzuschlagen gefunden hatten.
    Sinnend, die Arme über die Brust gekreuzt, das Haupt gesenkt, schaute Paul
auf die kleine Scholle Erde nieder. Er fühlte ein tiefes Mitleid mit der Frau,
die ihm einst das Leben gegeben hatte; er hätte sie neben sich haben, sie
lächeln sehen und ihr alle die Leiden, die sie gelitten, in Freuden verwandeln,
durch Glück vergelten mögen.
    Arme, arme Mutter! rief er unwillkürlich - und wie das Wort, das er seit
langen Jahren nicht mehr ausgesprochen, sein Ohr berührte, fühlte er, was das
Leben ihm und ihr versagt hatte, und ein paar grosse, schwere Tropfen fielen aus
seinen dunklen Augen auf den Boden nieder. Es war das einzige Liebesopfer, das
er der Mutter darzubringen vermochte.
    Als er aufblickte, stand der alte Bauer vor ihm, der seine Kinder dem
scheidenden Steinert anempfohlen hatte. Er war dem fremden Offizier aus der
Ferne gefolgt und hatte ihn schweigend beobachtet. Paul, in seine Gedanken
versunken, wollte an dem Alten vorübergehen; aber dieser, der nicht wusste, wohin
er mit der eigenen, ihm ungewohnten Rührung sollte, hielt ihn zurück.
    Die Pferde sind darüber weggegangen, und über manches Christen Grab werden
sie noch fortgehen, dass man seine Spur nicht findet, sagte er mit jener
Feierlichkeit, die allen denen eigen ist, welche den Ausdruck für ihre Gefühle
einzig aus der Bibel schöpfen.
    Paul blieb stehen; es tat ihm wohl, auf ein Zeichen des Mitgefühls zu
stossen. Er erkundigte sich bei dem Alten, ob er hier zu Hause sei. Als dieser es
bejahte, fragte er, ob er ihm sagen könne, wo man vor Jahren des Jägers Mannert
Tochter hier begraben habe.
    Der Bauer besann sich eine Weile, dann fing er zu zählen an. Hier, sprach er
darauf, indem er auf einen der schwachen Hügel hinwies, hier, dieses ist's; es
war das fünfte Grab hier von der Mauer!
    Paul blickte hin, es war keine Bezeichnung irgend einer Art daran
erkenntlich. Er wollte eine Frage tun, unterdrückte sie und konnte dem
Verlangen endlich doch nicht widerstehen. Hatte das Grab denn kein Kreuz? fragte
er, weil es ihn zu wissen gelüstete, ob sein Vater der Mutter wenigstens diesen
letzten Liebesdienst geleistet habe.
    Ein Kreuz? wiederholte der Bauer offenbar verwundert, sie hat sich ja in's
Wasser gestürzt! Ein Kreuz konnte sie nicht bekommen und eine Tafel - wer hätte
ihr die setzen lassen sollen? - Sie hatte nicht Vater, nicht Mutter, nicht
Bruder, nicht Schwester; sie hatte gar keine Freundschaft hier zu Lande, und der
gnädige Herr? - der Bauer zuckte, sich unterbrechend, die Schultern - damals
freilich stand es noch sehr gut mit ihm. Aber als die Pauline sich in's Wasser
stürzte, reiste er gerade zu seiner ersten Hochzeit ab, und hernach, wie sie im
Garten aufgefischt wurde, waren die Eltern der gnädigen Frau, die Herrschaften
von Berka, just im Schloss. Es wird nun an die zweiundzwanzig Jahre her sein.
Da hatte man nur zu tun, dass die nichts davon erfuhren und dass der Leichnam im
Stillen unter die Erde kam. Wem ging sie auch was an? -
    Arme Mutter! arme, arme Mutter! rief Paul in seinem Innern, und noch einmal
drängten die Tränen sich in seine Augen. Sich leise niederbeugend, legte er,
ohne zu wissen, weshalb er's tat, die Hand auf das junge, grüne Gras, das über
seiner Mutter Asche neu emporwuchs. Dann wendete er sich ab. Er hatte Abschied
genommen von der Todten, nun konnte er gehen. Der Bauer sah ihm verwundert zu.
Er hatte so etwas noch nicht erlebt; aber man konnte jetzt vielerlei geschehen
sehen, was vorher nicht dagewesen war. Mit Einem Male, wie er so neben dem
Offizier her ging, schien ihm ein Gedanke zu kommen. Er sah zu ihm empor und
wollte eine Frage tun, aber gerade in dem Augenblicke richtete auch Paul sein
Auge noch einmal auf seinen Begleiter, und es war in dem festen, strengen Blicke
etwas, das die unerbetene Frage laut zu werden hinderte, etwas, dem der Alte von
früher Jugend auf gehorsamt hatte.
    Er zog den Hut ab und blieb voll Ueberraschung stehen. Der Offizier grüsste
ihn und ging mit einem Dankesworte von dannen.
    Sein ganzer Gang! sagte kopfschüttelnd der Alte, dem plötzlich die Bedeutung
seines Erlebnisses klar zu werden anfing. Sein ganzes Gesicht, setzte er hinzu,
da Paul, nachdem er zu Pferde gestiegen war, das Haupt noch einmal rückwärts
wendete, sein ganzes Gesicht!
    Paul hatte gerades Weges nach Hause reiten wollen, aber das eingesunkene,
verlassene Grab seiner Mutter hatte ihm das Herz erschüttert. Er meinte sich
ihrer plötzlich auf das deutlichste zu erinnern, er meinte, sie vor sich zu
sehen, wie sie an dem letzten Abende ihres Lebens neben ihm gestanden. Er
glaubte, den Ton der Stimme zu vernehmen, mit welcher sie zu ihm gesprochen
hatte, und das Verlangen, das fast jedem Menschen inne wohnt, das Verlangen,
sich mit seinen Anfängen im Zusammenhange zu erhalten, ward in ihm so mächtig,
dass er sein Pferd zur Rechten lenkte und die Strasse einschlug, auf welcher die
grosse Rotenfelder Kirche ihm als Wegweiser diente.
    Er kannte nicht Weg, nicht Steg. Das Dorf war ihm fremd, fremd auch die
Menschen, die es bewohnten, und fremd war er Allen, die hier lebten. Hier und da
standen ein paar Leute vor den Türen und sahen zu dem Vorüberreitenden empor.
Sie mochten seine Mutter wohl gekannt haben; von ihm wussten sie nichts. An einem
Fenster nähte ein junges Weib. So hatte seine Mutter wohl auch am Fenster
gesessen und auf den Weg hinausgesehen, auf dem der Freiherr zu ihr zu kommen
pflegte. Vor den Türen spielten Kinder. Hatte er auch einst so gespielt, und wo
waren sie geblieben, seine Spielgenossen? Wer waren sie gewesen? Er wusste sich
keines solchen zu erinnern.
    Die Häuser sahen zum Teil verfallen aus; auch die Leute schienen ihm
armselig und verkommen, wenn er sie mit dem frischen, kräftigen Landvolke
verglich, das er in Amerika durch lange Jahre vor sich gesehen hatte; nur die
Kirche ragte stolz empor. Er wusste, dass sie bereits zum zweiten Male als
Lazaret benutzt ward, und er dachte, dass sie auf diese Weise doch einem
anderen, einem allgemeineren Zwecke diene, als der unfruchtbaren
Selbstbefriedigung, zu welcher man sie einst errichtet hatte.
    Er kannte durch Seba und durch Herbert die Familiengeschichte des Freiherrn
von Arten, durch Steinert und durch die Geschäfte des Flies'schen Hauses die
verwickelten Verhältnisse, in denen derselbe sich befand. Er hätte Hand anlegen,
helfen mögen, dass so grosser, so schöner Besitz nicht zu Grunde gerichtet, dass
durch Fleiss und Vorsorge Wohlstand und Gedeihen geschaffen würde, wo törichte
Verschwendung, wo Unkenntnis und Sorglosigkeit den Untergang heraufbeschworen.
Er begriff sich selber nicht, so schnell wechselten die Empfindungen und
Gedanken in ihm ab. Er schalt sich über die Rührung, die ihn unwillkürlich
überfiel, er tadelte sich, dass er sich der Vorstellung nicht entschlagen konnte,
was er an dieser Stelle schaffen und leisten würde. Er hatte gewähnt, mit allen
Gedanken an seinen Ursprung fertig zu sein, er hatte sich oft mit stolzer
Zufriedenheit gesagt, wie es ein Glück für ihn gewesen sei, dass er losgerissen
worden von dem trägen Stamme des Arten'schen Geschlechtes, dass er sie nicht
eingesogen, die Vorurteile dieser alten Welt, und doch fühlte er heute den
ganzen schmerzlichen Zorn in sich lebendig werden, der einst aus den Worten
seiner Mutter in ihn übergegangen war, als sie mit ihm zum ersten und letzten
Male vor dem Schloss seines Vaters gestanden hatte; doch brannte heute die
herbe, schmerzliche Leidenschaft wieder in ihm auf, die er einst empfunden, als
seines Vaters Blick sich kalt und lieblos von ihm abgewendet, jene zornige
Leidenschaft, die ihn in die Welt hinausgetrieben hatte. Wer hatte dem Freiherrn
das Recht gegeben, seine Mutter zu verlassen? Wer hatte ihm das Recht gegeben,
seinen erstgeborenen Sohn von sich zu stossen und ihn seines Namens, seiner
Heimat, seines Erbes zu berauben?
    Torheit, Torheit! rief Paul sich selber zu, als er diese Fragen, auf
welche die ganze wirkliche Welt und sein Wissen von ihr ihm die Antwort gaben,
wie Gebilde eines wachen Traumes in sich aufsteigen fühlte. Er wollte nicht
weiter vorwärts, er sagte sich, dass er nichts zu suchen habe auf diesem Grund
und Boden, und nichts mehr gemein mit dem Geschlechte, dem derselbe angehörte.
Freiwillig hatte er sich einst von allem Zusammenhange mit dem Manne, der vor
den Leuten nicht sein Vater sein mögen, losgerissen, und er dachte nicht im
entferntesten daran, die möglichen Beziehungen jetzt zu erneuen. Aber es war,
als sei ein Dämon aus dem Grabe seiner Mutter aufgestiegen, als habe ein Zauber
ihm den festen Sinn verwirrt. Er konnte es nicht lassen - er musste es
wiedersehen, einmal musste er es wiedersehen, das Schloss von Richten und den
weiten Park, der es umgab.
    Der Weg war nicht schwer zu finden, der Freundschaftstempel auf der
Margaretenhöhe zeigte ihn deutlich an. Ein Knabe, der dem stattlichen
Landwehr-Offizier mit staunendem Blicke nachsah, war schnell herbeigewinkt, das
Pferd zu halten, als Paul am Parke abstieg. Die breite Haupt-Allee tat sich
einladend vor ihm auf.
    Die Sonne war schon im Sinken, wie an dem Abende, da er diesen Park zum
ersten Male betreten hatte. Die Gehege, welche ihn an dieser Seite einst umgeben
hatten, waren zum Teil noch vorhanden, indes die bunt gefleckten Hirsche mit
den herrlichen Geweihen, die zierlichen Rehe mit ihren klugen Augen guckten
nicht mehr aus den Drahtgittern hervor. Das Unterholz war stark zugewachsen, man
sah selbst durch die unbelaubten Zweige nicht weit hinein.
    Der Himmel war klar, aber seine Farben waren wie im Herbst kalt, und
herbstlich raschelte auch das im vorigen Jahre liegen gebliebene welke Laub am
Boden in dem wenig gepflegten Parke. Es war Alles still in der Natur; nur hier
und da, wenn der aufsteigende Abendwind sie bewegte, knackte es leise in den
Wipfeln der Bäume, um die das letzte Glühen der Sonne seine spielenden Flammen
leuchten liess. Gerade so war es gewesen, als er mit der Mutter einst diesen Weg
gekommen war. Mit raschen Schritten ging er vorwärts. Ihm klopfte das Herz, er
wollte mit sich fertig werden, es abgetan haben. Er hatte keine Erinnerung
gehabt an die Gegend, an die Ortschaften, welche er an diesem Nachmittage
durchritten: hier kannte er jeden Schritt, und wie aus einem Zauberspiegel
tauchten die alten Bilder aus seiner frühesten Jugend vor ihm auf.
    Wie an jenem Abende, ganz wie an jenem Abende, so lag es vor ihm auf der
Terrasse, die sich über dem Flusse erhob, das stolze Herrenschloss der Freiherren
von Arten-Richten. Die untergehende Sonne funkelte in seinen hohen Fenstern, dass
sie golden erglänzten, als feiere man hinter ihnen ein fröhliches Fest; die
Schornsteine stiegen, vom Abendrote angestrahlt, hoch in die Höhe, nur unten
auf dem Flusse dunkelte es schon und des Nebels graue Wellen fingen an, sich
über dem Wasser zu kräuseln, wie an jenem Abende!
    Wie an jenem Abende! Er meinte sie noch zu fühlen, die Hand, welche ihn
damals so fest gehalten, dass es ihn geschmerzt hatte; er meinte sie noch zu
hören, die Stimme seiner Mutter, die so streng und rauh geklungen an jenem
Abende, dass er sich vor ihr gefürchtet.
    »Das ist Schloss Richten,« hatte sie gesagt, »das gehört dem Freiherrn von
Arten, dem Onkel Baron, und der Onkel Baron ist Dein Vater!« - Er hatte Mühe,
sich selber die Worte nicht nachzusprechen, wie einst seiner Mutter. Wie damals
zählte er die Fenster, wie damals zählte er die Schornsteine. Er wunderte sich
fast, dass er kein Kind mehr sei; aber es hätte ihn nicht gewundert, hätte seine
Mutter plötzlich wieder an seiner Seite gestanden, wäre aus dem Abendscheine,
wie damals, ein Mann hervorgetreten.
    Er hielt in seinen Gedanken inne, er traute seinen Augen nicht. Was das auch
nur ein Gebilde seiner aufgeregten Phantasie, oder wer war es, der da drüben
gebeugten Hauptes, in einen weiten Mantel eingehüllt, langsam am Ufer herabkam
und plötzlich nicht ferne von ihm stehen blieb?
    Er ging nach jener Seite hin; auch die Gestalt bewegte sich vorwärts. Nur
wenige Augenblicke und sie standen einander gegenüber. Paul trat sprachlos
zurück. Es war kein Zweifel möglich, es war der Freiherr. Aber die Veränderung
in seines Vaters Zügen und Erscheinung presste Paul das Herz zusammen. Er hätte,
alles Andere vergessend, das einst so stolze Haupt wieder aufgerichtet, den
müden, schweren Schritt des Greises wieder so rasch und fest wie früher sehen
mögen. Er hatte eben erst im Geiste den Jammer seiner jung gestorbenen Mutter
durchlebt, jetzt erfasste ihn der Schmerz um seines Vaters Alter. Er kam sich so
glücklich, so mächtig vor in dem Vollgefühle seiner Kraft, im Hinblicke auf
seinen emporsteigenden Lebensweg, dass er ein Erbarmen fühlte mit der
Hinfälligkeit des Menschen und mit aller seiner Schwachheit, als ob er selber
ihnen niemals unterworfen sein würde. Nichts als Mitleid, nichts als liebevolles
Rückerinnern, als das Verlangen, diesen müden Mann zu stützen, war in des Sohnes
Herzen rege, als der Freiherr ihn mit dem gebietenden Tone anrief, der ihm auch
jetzt noch eigen war.
    Wer sind Sie? herrschte er.
    Es wallte heiss auf in des Sohnes Brust, als er diese Stimme nach so langen,
langen Jahren wieder an sein Ohr schlagen hörte. Es drängte ihn, sich zu nennen,
es kostete ihn Ueberwindung, nicht zu sagen: Müder Vater, ich bin Dein Sohn, und
ich bin jung und glücklich! - Aber er fürchtete, den Greis zu erschrecken, und
sich zusammennehmend sagte er: Ich bin, wie Sie es sehen, ein Landwehrmann, der
zu des Königs Heere zieht.
    Von woher kommen Sie? erkundigte sich der Freiherr, der sich wie die Fürsten
und Vornehmen die Freiheit des Fragens zuerkannte und doppelt, wenn er, wie in
diesem Falle, dazu berechtigt war.
    Ich bin mit der russischen Armee in's Land gekommen, entgegnete Paul,
zufrieden, den Freiherrn im Gespräche festzuhalten.
    Aber Sie sind kein Russe!
    Nein!
    Was führte Sie in diese Gegend?
    Der Auftrag, die hiesigen Freiwilligen zu versammeln und einzuüben, und ....
Er zauderte und schwieg.
    Und? fragte der Freiherr, dem ein Etwas in des stattlichen Fremden Wesen
wunderbar und doch vertraut entgegentrat, dass er sein Auge nicht von des Mannes
schönem Antlitze abziehen konnte. Und? -
    Da hielt sich Paul nicht länger. Die ihn selber überraschende Zuneigung zu
dem greisen Freiherrn, der Wunsch, es darzutun, was er aus eigener Kraft aus
sich gemacht, auch ohne dass seines Vaters Namen und Hülfe ihm zu Teil geworden
waren, das Verlangen, als ein Rächer seiner Mutter Andenken in dem Freiherrn zu
erwecken, das alles stürmte in raschem Wechsel auf ihn ein, und die mächtigen
Augen auf den Freiherrn gerichtet, sagte er mit festem und doch schmerzlichem
Tone: Ich wollte die Stelle wiedersehen, an welcher meine Mutter mir meines
Vaters Haus gezeigt hat, ehe sie in den Wellen dieses Flusses Ruhe für sich
suchte!
    Der Freiherr trat einen Schritt zurück. Seine Augenlider hoben sich rasch
empor, er schaute dem Sprechenden mit starrem Blicke in's Antlitz. Ich selber,
ich selber! rief er und bedeckte seine Augen mit der Hand.
    Sie blieben schweigend vor einander stehen. Was der Freiherr sich oft
gesagt, was er nie bitterer empfunden hatte, als an dem Tage, an welchem
Vittoria's Verrat ihm plötzlich klar geworden war, das brannte in diesem
Augenblicke als ein verzehrender Schmerz in seinem Innern. Nur Ein Weib hatte
ihn treu, hatte ihn allein und ausschliesslich geliebt - die Niedriggeborene, der
er nicht seinen Rang, nicht seinen Namen gegeben, wie der Tochter der Grafen
Berka, wie der Tochter des Hauses Giustiniani. Nur Ein Weib, nur Pauline hatte
nicht zu leben vermocht ohne ihn und seine Liebe, und er hatte, weil sie nicht
seines Standes gewesen war, sich berechtigt gehalten, sie von sich zu weisen,
als er dies für seine Zwecke nötig gefunden, und er hatte sie in den Tod
getrieben! Sie allein hatte sein Wesen so in sich aufgenommen, dass es ihm jetzt
von ihrem treuen Schoss geboren wie sein eigenes Bild entgegentrat, wie sein
eigener Schatten, vor dem er zitterte, weil dieser Doppelgänger seiner eigenen
Jugend sich stolz und selbständig wider ihn erhob. -
    Er konnte nicht fassen, was er eben jetzt erlebte, er konnte seine Gedanken
nicht ordnen, nicht sammeln. Er war also nicht todt, der Todtgeglaubte, dessen
plötzliches Erscheinen einst Angelika den Tod gegeben hatte, der jetzt auch ihm
selber, er fühlte es, den kalten Stachel in das ohnehin so müde Herz drückte. Wo
war er gewesen? Wo kam er her, eben jetzt? Eben jetzt, da der Freiherr sich
niedergebeugt fühlte von der Schmach, welche Vittoria ihm angetan, da er sich
gedemütigt fühlte bis in's Tiefste seiner Seele, weil er seines Hauses Namen
auch dem Sohne Vittoria's, einem Bastard, hinterlassen musste, wenn er seine
eigene Schande nicht verkünden wollte - seines Hauses alten Namen!
    Und hier stand er vor ihm, der Ausgestossene, sein Bastardsohn - in jedem
Zuge sein Fleisch und Blut - in jedem Blicke und Tone sein eigner Sohn, für ihn
verloren, sollte er nicht sein ganzes Leben eine Lüge strafen, für ihn verloren
auf immerdar, sollte er nicht, was er stets gemieden hatte, die Welt
geflissentlich zum Mitwisser und zum Richter seines Tuns und Lassens machen!
    Die Vorstellungen lösten, wie vorhin in seines Sohnes Geiste, einander mit
Blitzesschnelle in ihm ab. Nur Eines blieb unwandelbar: er fürchtete den
Heimgekehrten. Und in seines Alters Kraftlosigkeit dieser deutlichsten
Empfindung die Herrschaft über sich lassend, machte er eine abwehrende Bewegung
gegen den regungslos ihm gegenüber Stehenden.
    Sie wirkte wie ein Schlag auf Paul, sie erkältete ihm die Seele. Er wollte
nicht von hinnen. Seine Brauen zogen sich finster zusammen.
    Der Freiherr kannte diese Miene. Es war Paulinen's dunkler Blick, er übte
auch jetzt, auch aus ihres Sohnes Auge den alten, bannenden Zauber über ihn aus.
Er meinte, Pauline vor sich zu sehen, eben emporgestiegen aus dem wallenden
Nebel dieses dunkeln Wassers. Er konnte sie kaum noch auseinander halten: sein
eigenes Dasein und dieses Mannes Erscheinung und Paulinen's schattenhaftes Bild.
Es war wie ein Spuk, der ihn umgab, dem er sich mit Gewalt zu entziehen suchen
musste, sollte er an ihm nicht augenblicks zu Grunde gehen.
    Was willst Du von mir? rief er; sprich, was willst Du?
    Nichts! entgegnete Paul und richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe
empor, dass er die gebeugte Gestalt seines Vaters fast um eines Hauptes Höhe
überragte.
    So verlass mich! sprach der Freiherr, seiner angstvollen Beklemmung folgend,
und wie vor dem eigenen grausamen Worte erschrocken, schauderte er zusammen und
wendete sich, den Mantel fest um seine Schultern schlagend, von dem Sohne ab,
mit schwankendem Schritt den Rückweg nehmend.
    Paul blieb wie angewurzelt stehen. - Sie war verschwunden die aufwallende
Kindesliebe, nur eine erbarmende Sorge um den Greis regte sich noch in ihm. Er
sah ihm achtsam und unverwandten Blickes nach, bis die Hecke auf der Terrasse
und die Dämmerung den Freiherrn seinem Auge entzogen, bis er ihn unter dem
Schutze seines Hauses, in der Nähe seiner Leute wusste. Er liebte, er hasste den
Vater nicht, er bemitleidete ihn. Tief aufatmend, in sich gefasster als je
zuvor, und um eine Erfahrung, und um welche! reicher ging er von dem Flusse
fort.
    Am Rande des Waldes wendete er sich um. Nur die Umrisse des mächtigen Baues
waren noch zu erkennen. Das Schloss sah wie ein riesiges Grabmal aus; es machte
ihm einen melancholischen Eindruck. Er hatte einst die glücklichen Kinder
beneidet, die hinter den goldenen Fenstern dieses Schlosses spielen würden.
Heute beneidete er die Besitzer dieses Schlosses nicht mehr, heute fühlte er
kein Verlangen mehr, sein Loos gegen das des jungen Freiherrn zu vertauschen.
    Ihr Stern war im Sinken, der seine stieg empor, und er hatte sie nicht mit
sich fortzutragen durch das Leben, die Herz und Sinn verengenden
Ueberlieferungen, die hemmenden und herabziehenden Vorurteile dieses Hauses; er
konnte frei und ungehindert seiner Einsicht, seiner Ueberzeugung und seinem
Bedürfen folgen. Er freute sich, dass keine Verpflichtung irgend einer Art ihn an
die Vergangenheit knüpfte; sein Alleinstehen dünkte ihn ein Glück. Und seinem
Pferde die Sporen gebend, ritt er mit dem Rufe: Vorwärts! in das nächtliche
Dunkel hinein, das ihn umgab - sicher, seinen Weg zu finden und seines Zieles
nicht zu fehlen.
 
                                Sechstes Capitel
In heftiger Erregung kehrte der Freiherr in das Schloss zurück, und kaum in
seinem Zimmer angelangt, sank er in völliger Erschöpfung auf sein Lager nieder.
Der Kammerdiener, den des Herrn kurzer Atem und sein starrer Blick
erschreckten, wollte ihm Hülfe leisten, die Baronin rufen, den Caplan
herbeiholen lassen, aber der Freiherr verwehrte es ihm.
    Er blieb auch nur kurze Zeit auf seinem Bette liegen, dann erhob er sich,
und ging, wie er es in heftigen Gemütsbewegungen stets zu tun pflegte, in
seinen Zimmern auf und nieder. Er wies jede Erfrischung, die sein Diener ihm
aufzunötigen versuchte, schweigend von sich, und es war bereits über
Mitternacht hinaus, als er sich plötzlich an seinen Schreibtisch niedersetzte
und dem Diener befahl, neue Kerzen hinzustellen und sich dann zur Ruhe zu
begeben.
    Am Morgen fand der Diener die Kerzen tief herabgebrannt und den Freiherrn in
seinen Kleidern auf dem Ruhebette in seinem Arbeitszimmer eingeschlafen. Das
war, so lange der Diener ihn kannte, nie geschehen, und er hatte doch schon vor
der ersten Verheiratung des Freiherrn seine Stelle angetreten und viel mit
seinem Herrn durchgelebt. Was konnte vorgegangen sein, das den Herrn bewogen
hatte, von seinen strengen, regelmässigen Gewohnheiten abzuweichen?
    Es war kein Fremder im Schloss gewesen, kein Brief angekommen, der Freiherr
hatte auch die Baronin nicht gesprochen. Der Diener ging in den Zimmern des
Freiherrn suchend umher, es war nichts aufzufinden, was ihn auf irgend eine Spur
hinweisen konnte; nur im Kamine lagen die noch unzerstäubten Ueberbleibsel
verbrannter Papiere auf den erloschenen Kohlen. Da der Diener sich niederbückte,
sie aufzunehmen, zerfielen sie in Asche.
    Als der Freiherr erwachte, liess er sich ankleiden und sein Frühstück
bringen; aber obschon es ein heller, schöner Tag war, ging er nicht aus. Stunden
lang stand er am Fenster und sah in den Park hinunter; dann wieder sass er
schreibend an seinem Arbeitstische, und ein paar Mal bemerkte der Diener, dass er
das Geschriebene zerriss und die Stücke wieder in das Feuer warf. Bisweilen nahm
er ein Buch zur Hand, aber er legte es stets nach wenigen Augenblicken wieder
von sich. Er konnte seine Gedanken nicht von sich selber, nicht von der
Erinnerung an Paul abziehen. Er konnte sich der Vorstellung nicht entschlagen,
dass Paul dazu ausersehen sei, als ein Rächer seiner Mutter, auch für ihn, wie
einst für die Baronin Angelika, der Todesbote zu sein, und die Schwermut,
welche ihn nach dem Selbstmorde seiner Geliebten befallen hatte, ward jetzt in
verstärktem Grade abermals über ihn Meister. Er meinte ihn immer noch vor sich
zu sehen, den Doppelgänger, der ihm sein eigenes und doch so gewandeltes Bild
vor Augen gestellt hatte, und weit davon entfernt, sich zu dem ihm so ähnlichen
Sohne hingezogen zu fühlen, hegte er einen bittern Groll, ja, einen hassenden
Widerwillen gegen ihn. Er konnte es nicht verschmerzen, dass er nicht mehr die
männliche Schönheit und die Jugend besass, deren jener sich erfreute, er meinte
seines sinkenden Lebens, seiner geschwundenen Kraft sich erst jetzt bewusst zu
werden, da sein Sohn ihm vorgehalten hatte, was er einst gewesen war. Und in den
bitteren Schmerz um seine eigene Vergänglichkeit mischte sich die düstere Sorge
um das Fortbestehen seines Hauses, dem er Pauline hingeopfert hatte. Das
Geschlecht derer von Arten-Richten stand, wenn er einst starb, und sein Tod war
ihm, wie er sich überzeugt hielt, nahe, nur noch auf zwei Augen, nur noch auf
Renatus, über dessen Leben jetzt in jeder Stunde die Todeswürfel fallen konnten.
    Es war ein furchtbarer Kampf, den der Greis in diesen Tagen in sich
durchzuringen hatte, denn er vermochte nicht darüber mit sich einig zu werden,
ob er verpflichtet sei, dem Fortbestehen seines Geschlechtes Alles, selbst seine
beleidigte Ehre und sein empörtes Gefühl zum Opfer zu bringen, oder ob er, sich
selber genugtuend, die Aufrechterhaltung seines Namens dem Zufalle überlassen
dürfe.
    Er hatte Stunden, in denen er Vittoria und Valerio von sich stossen, Renatus
Alles entüllen, ihn zurückberufen und ihn schnell zu einer Ehe überreden
wollte, um sich durch ihn eine Nachkommenschaft zu sichern; andere Stunden, in
welchen der Gedanke, Paul anzuerkennen, falls Renatus in dem Kriege umkommen
oder ohne Kinder sterben sollte, ihm nahe trat; aber wenn er eine dieser
Absichten zu Papier gebracht hatte, flösste das Niedergeschriebene ihm beim
Durchlesen ein Erschrecken ein, und weder zu dem einen noch zu dem andern
Schritte vermochte sein Stolz sich zu entschliessen.
    Er konnte sich nicht überwinden, durch die Verstossung Vittoria's und durch
die gerichtliche und damit öffentliche Verläugnung ihres Sohnes, der Welt das
Eingeständnis des Irrtums zu machen, den er begangen, als er im letzten
Mannesalter das junge Mädchen zu seiner Gattin erwählt hatte; und eben so wenig
konnte sein Adelsstolz sich an die Vorstellung gewöhnen, dass Paul, der Sohn
einer Hörigen, einst dazu berufen sein solle, den Namen derer von Arten
fortzupflanzen, dass das Blut einer Magd, wie teuer sie dem Freiherrn auch
gewesen war, in den Adern eines Mannes mit dem Namen derer von Arten fliessen
könne, die auf die Reinheit ihres Geschlechtes und auf die Bedeutung aller ihrer
geschlossenen Verbindungen von jeher den höchsten Wert gelegt hatten. Paul's
Anerkennung einzuleiten, so lange Renatus noch am Leben war, daran dachte der
Freiherr natürlich nicht, aber wer konnte es ihm zusichern, dass er selbst noch
leben und im Stande sein würde, Verfügungen zu treffen, wenn in den nächsten
Monaten einmal die Nachricht von Renatus' Tode nach Richten anlangte? Und wie
war es in diesem letzteren Falle zu verhindern, dass das von Arten'sche Erbe an
Valerio, an den Sohn der Ehebrecherin fiel? Wie war es zu machen, dass sein Blut,
sein Name nicht untergingen? - Tage und Tage verstrichen, und seine Qualen
minderten sich nicht.
    Rastlos wie ein irrer Geist wandelte der Freiherr in seinen Gemächern umher;
angstvoll den Ereignissen des Krieges folgend, immer bange vor der Möglichkeit,
den Tod seines Sohnes und Erben zu erfahren, und doch ohne die eigentliche
Vaterliebe für diesen Sohn, auf dessen Erhaltung seine teuersten Hoffnungen
gerichtet waren, und ohne alle freudige Teilnahme an den beginnenden Erfolgen
und Siegen des Volkes, in dessen Mitte und für dessen Befreiung die beiden Erben
seines Blutes ihr Leben in die Schanze schlugen.
    Mit jedem Fortschritte, den die Waffen der Verbündeten erfochten, mit der
aufjauchzenden Freude des Landes und des Volkes über die ersten Siege derselben
wuchs die innere Vereinsamung des Greises. Er hatte nichts gemein mit den
Gefühlen der Verbrüderung und der Erkenntnis der menschlichen Gleichheit, welche
die Zeit der Not in dem Volke begründet und die Gemeinsamkeit des Kampfes und
der Gefahr in den Herzen der Edelsten wenigstens für diesen Augenblick
festgestellt hatten. Er gehörte nicht zu denen, welche die Neuerungen gut
hiessen, die der König und seine Regierung vor dem Ausbruche des Krieges
unternommen hatten und deren Ausdehnung und Entwicklung verheissen worden und
nach erfolgtem Siege erwartet wurden. Wie auch die Würfel des Krieges fallen
mochten, er sah kein Heil in der Zukunft, und doch hing er am Leben, doch wollte
er mit seinem Willen bestimmend in die Zukunft hinüberreichen.
    Es war schon im Beginne des Sommers und die Spuren des furchtbaren
französischen Rückzuges aus Russland fingen in den preussischen Ostprovinzen sich
zu vermindern an, als man in Rotenfeld endlich daran denken konnte, die Kirche,
welche durch viele Monate zum Hospitale gedient hatte, zu reinigen und dem
Gottesdienste wiederzugeben. Aber als die letzten Kranken sie verlassen hatten,
wurde man erst recht gewahr, wie schwer sie gelitten hatte und dass man einer für
die gegenwärtigen Verhältnisse nicht unbedeutenden Summe bedürfen würde, sie nur
einigermassen herzustellen. Es konnte nicht die Rede davon sein, die
Silbergerätschaften zu erneuern, welche von den ersten durchziehenden Franzosen
mitgenommen worden waren, oder den schönen Beichtstuhl und die kunstreich
geschnitzte Kanzel herstellen zu lassen, welche die durchmarschirenden Hessen
zerschlagen und zur Feuerung benutzt hatten. Nur die Tünchung der Wände, nur die
Ausbesserung des Fussbodens wünschte der Caplan, denn es hatten, als die Armee
nach Russland gegangen war, durch viele Tage die Pferde in dem Gotteshaufe
gestanden, so dass der Boden zerstampft und überall, wo man die Krippen
angebracht hatte, die Löcher von den eingeschlagenen Eisen in den Wänden und an
den Pfeilern sichtbar waren.
    Der Caplan war lange nicht im Schloss gewesen, aber es war ihm nicht
verborgen geblieben, was dort geschehen. Die Bekenntnisse Vittoria's hatten ihm
Alles entüllt. Er hatte vergebens danach gestrebt, den Freiherrn persönlich zu
sprechen, um ihm die Hülfe zu leisten, welche ihm bieten zu können er sich fähig
glaubte. Der Freiherr hatte seine Besorgnis vor der Uebertragung des
Lazaretfiebers zum Vorwande benutzt, den Besuch des Caplans abzulehnen, und als
dieser es bei Anlass der Kirchen-Reparatur unternommen, sich dem alten
Lebensgenossen schriftlich zu nähern, um ihm, der sich sonst gern mündlich und
brieflich mitzuteilen und auszusprechen geliebt hatte, eine Befreiung auf
solchem Wege darzubieten, hatte derselbe sich nur an den geschäftlichen Teil
des Briefes gehalten und die Fragen um sein Befinden und Ergehen völlig ohne
Erwiederung gelassen.
    In schwerer Bekümmernis um den Freund und um das Schicksal des Geschlechtes,
an das er sein eigenes Schicksal geknüpft hatte, verliess der Caplan an einem
heissen Sommerabende sein Haus. Er wollte sich überzeugen, wie weit die Arbeiter
an dem Tage in der Kirche mit ihrem Werke vorgeschritten wären. Die Sonne war
schon im Sinken, der Himmel hing voll Wolken, und ihre Schwere erhöhte für die
Phantasie den Druck, den die Schwüle der Luft auf alles, was lebte und atmete,
ausübte. Kein Vogel sang, kein Grashalm und kein Blatt bewegten sich.
    Langsamen Schrittes war er über den Kirchhof gegangen, hatte in der noch
offenstehenden Kirche die Arbeiten in Augenschein genommen und trat eben wieder
ins Freie hinaus, um nachzusehen, wie die weissen Rosenstöcke gediehen, die er
nach Säuberung der Gruft aufs Neue mit eigenen Händen vor derselben angepflanzt
hatte. Vorsorglich die Stämme untersuchend, nahm er von ihnen die Raupen und die
Käfer ab, welche sich um die Stengel und zwischen den Blättern eingenistet
hatten, und es war eine wehmütige Freude, mit der er diese Rosen, die er aus
Ablegern der hier zuerst gesetzten Stöcke in seinem Garten gross gezogen hatte,
nun wieder vor der Grabstätte der ihm vorangegangenen geliebten Menschen Knospen
tragen und erblühen sah.
    Das ewige Werden! sagte er zu sich selbst und bückte sich, um nachzufühlen,
ob das Erdreich nicht zu trocken sei. Da er sich aufrichtete und sich umsah, ob
er nicht Jemanden herbeiwinken könne, der ihm Wasser holen gehe, stand der
Freiherr vor ihm. Der Caplan war auf das äusserste betroffen. Der Freiherr hatte
von Jugend auf den Gedanken an den Tod gescheut, den Besuch der Kirchhöfe
gemieden und seit der Beisetzung der Baronin Angelika die Familiengruft nie mehr
besucht.
    Sie hier, gnädiger Herr? rief er, und seine Freude, den alten Lebensgenossen
wiederzusehen, war eben so lebhaft, als sein Erschrecken über den
ausserordentlichen Verfall, den er an seinem Freunde wahrnahm. Was führt Sie
hieher, verehrter Freund? rief er noch einmal; und obenein in dieser heissen
Schwüle, die Ihrem Befinden gewiss nicht heilsam ist?
    Der Freiherr lächelte; aber es war nicht mehr der frühere gewinnende
Ausdruck in diesem Lächeln. Seine Abspannung und seine Gebrochenheit sprachen
aus jedem Zuge und aus jeder seiner Mienen.
    Eben die heisse Schwüle, entgegnete der Freiherr, und eben mein Befinden, das
viel zu wünschen übrig lässt. Ich schlafe schlecht, fühle mich niedergeschlagen,
und das heutige Wetter lastet wie Blei auf mir. So wollte ich versuchen, mir mit
einem weiteren Gange, als ich ihn in den letzten Monaten unternommen habe, über
die Abspannung fortzuhelfen und mir Schlaf zu schaffen für die Nacht. Unterwegs
kam mir der Gedanke, meine Schritte hieher zu lenken und Sie aufzusuchen. Wir
haben uns lange nicht gesehen.
    Sehr lange nicht, entgegnete der Geistliche, und seine Sorge um den
Freiherrn wuchs, da er den gebrochenen Ton seiner Stimme vernahm.
    Sie haben viel durchgemacht, viel durchgemacht! nahm der Freiherr wieder das
Wort und hielt unentschlossen, ob er weiter sprechen solle, inne, bis er mit
einem Ausdrucke tiefer Schwermut hinzufügte: Aber auch an mir, wenngleich ich
Ihre Gefahren und Arbeiten nicht teilte, sind diese Zeiten nicht spurlos
vorübergegangen. Er seufzte dabei und schritt, sich abwendend, dem
Familienbegräbniss zu. Die Türe der Gruft war geöffnet; als er hineingehen
wollte, hielt der Caplan ihn davon zurück.
    Es ist kalt in der Gruft, warnte er, Sie sind vom Gehen warm, und es ist
alles in dem Gewölbe, wie es vorher gewesen ist.
    Die Särge sind also wenigstens nicht angetastet worden? fragte der Freiherr.
    Ganz und gar nicht; nur die Vorhalle war stark mitgenommen. Die Ruhe unserer
Todten wurde nicht gestört.
    Der Freiherr antwortete nicht. Der Gruft gegenüber lag ein starker,
gefällter Baumstamm an der Erde, der hier auf dem Kirchhofe zu neuen Latten für
die Umzäunung zerschnitten werden sollte. Auf diesen Baumstamm liess der Freiherr
sich nieder, und den Stock in seinen Händen, das Haupt auf die Hände gesenkt,
blickte er lange schweigend nach der Gruft.
    Niemand hatte es erlebt, dass er sich in solcher Weise auf offener Strasse
seinem Empfinden überliess, und vielerfahren, wie der Geistliche es war, konnte
er sich doch des tiefsten Mitleidens mit dem Freiherrn nicht erwehren. Er trat
an ihn heran und forderte ihn auf, sich zu erheben und den Schatten aufzusuchen,
da die Wolken sich zerteilten und die sinkende Sonne ihre letzten Strahlen in
voller Kraft über das Erdreich ausbreitete.
    Aber der Freiherr verweigerte es. Lassen Sie mich hier verweilen, sagte er.
Die Sonne ist mir erfreulich, und es tut mir wohl, zu denken, dass selbst solche
Kriege, wie sie über uns hinweggegangen sind, die Ruhe der Todten nicht gestört
haben. So weiss man doch, wo man Ruhe für sich zu erhoffen hat - und es will mich
oft bedünken, als würde ich sie bald hier suchen kommen. Denn wenn die
Todtgeglaubten wiederkehren, müssen die Lebenden von dannen gehen, fügte er
hinzu.
    Sie haben Paul gesehen! rief der Caplan.
    Der Freiherr neigte schweigend das Haupt. Was wissen Sie von ihm? fragte er
darauf.
    Der Caplan sagte, dass er durch Renatus die erste Kunde von dem so lange
verschollen Gewesenen erhalten habe. Da Paul aber seinen Namen gewechselt und
sich geflissentlich von dem freiherrlichen Hause fern gehalten habe, so habe
auch er es für angemessen gehalten, des Wiedergekehrten gegen den Freiherrn
nicht besonders zu erwähnen. Jetzt sei in den Dörfern durch den Bauer, der Paul
zu dem Grabe seiner Mutter hingeleitet habe, die Kunde von seinem Leben und von
seiner Heimkunft als ein Gerücht verbreitet, und er habe demselben nicht
widersprochen, da ohnehin die Familie Steinert, in welcher Paul durch mehrere
Wochen gewohnt habe, in das Geheimnis seines Namenswechsels eingeweiht und mit
ihm und seinen Verhältnissen bekannt sei, weil Adam Steinert mit dem Hause
Flies, dem Tremann angehöre, in beständiger Geschäftsverbindung stehe.
    Der Freiherr hörte dem Berichte ohne eine unterbrechende Frage zu. Dann
sprach er, als ob er mit sich selber rede: Wie das emporsteigt, wie sich das
zusammenfindet: die Flies', die Steinert's und nun gar Paul! Wie die Flut eines
Meeres erhebt er sich um uns, dieser Stand der Bürger, und man hat die Dämme
freventlich zerstört, die uns vor seinem Andrange sicher stellten! Er schüttelte
das Haupt und versank in seine Gedanken. Nach einer Weile richtete er sich auf
und sagte: Ich sehe trübe, sehr trübe in die Zukunft unseres Vaterlandes, mein
alter Freund, und ich werde mich nicht beklagen, wenn ich nicht mehr Zeuge der
Entwicklung sein sollte, welche dieser Volkskrieg gegen Frankreich vorbereitet!
Ich habe ohnehin nichts mehr, was mich freut, nichts mehr, worauf ich
zuversichtlich hoffe! Ich bin müde, wie Einer, der die eigene Zeit zu Grabe
trägt; und oftmals möchte ich mich fragen: wofür habe ich gelebt? - Wer kann es
sagen, ob diese weissen Rosen, die Sie hier mit stillem Sinne pflanzten, mit
stiller Liebe pflegen, Ihnen nicht mehr Befriedigung gewähren und länger dauern,
als alles, was ich zu meines Hauses Ehre plante, hoffte und erschuf!
    Die Lippen bebten ihm, seine Stimme zitterte leise, als er, diese Worte
sprechend, von dem Baumstamme aufstand.
    Der Caplan war nicht weniger niedergeschlagen, als sein Freund. Der Trost,
mit welchem sein gläubiger Sinn und sein gottvertrauendes Herz sich aufrecht
hielten, war für den Freiherrn nicht vorhanden, denn er war keine religiöse
Natur und sein Verhältnis zu der Kirche und zu ihren Lehren war immer nur ein
äusserliches gewesen. Nur in Stunden höchster Ratlosigkeit hatte er sich ihr und
seinem Beichtiger und Freunde in die Arme geworfen, und sein Zustand war in
diesem Augenblicke von der Art, dass der Caplan vor allen Dingen daran denken
musste, ihm körperliche Hülfe zu leisten. Denn als der Freiherr sich erhoben
hatte, schien ein Schwindel ihn zu befallen. Er schloss die Augen, griff mit der
Hand tastend nach des Freundes Arm und sagte, während dieser ihn umschlang, um
ihn zu unterstützen: Rufen Sie Jemanden herbei, ich befinde mich sehr übel!
    Aber der Ruf des erschrockenen Greises verhallte ungehört. Die Feierstunde
war angebrochen, die Handwerker hatten ihre Arbeit bereits verlassen, die Leute
waren schon vom Felde nach ihren Wohnungen zurückgekehrt. Der Caplan und der
Freiherr waren auf dem Kirchhofe ganz allein, und unfähig, den
Zusammenbrechenden mit seinen Armen aufrecht zu erhalten, liess der Caplan ihn
langsam zur Erde niedergleiten, dass er mit dem Rücken gegen das Standbild
lehnte, welches einst Anlass zu dem Tode der Kammerjungfer gegeben hatte.
    Mein Freund, mein teurer Freund! rief der Caplan, indem er die Hände des
mühsam Atmenden erfasste und ihm die Halsbinde zu lösen versuchte. Aber der
Freiherr antwortete dem Rufe nicht mehr. Sein Auge hob sich schwer und suchend
zu der Kirche empor, als wolle er sich noch mit dem letzten Blicke an dem
Denkmale halten, das er sich und seinem Geschlechte aufgerichtet hatte, dann
streifte es an dem Antlitze des alten Freundes hin und senkte sich, um sich
nicht wieder zu erheben.
    So schnell seine wankenden Füsse ihn trugen, eilte der Caplan nach seinem
Hause, Beistand herbeizuholen; aber alle Mittel, die man anzuwenden wusste,
erwiesen sich als unfruchtbar. Der Freiherr Franz von Arten-Richten hatte zu
leben aufgehört.
    Einsam, auf grünem Rasen, unter freiem Himmel war das stolze, müde Herz
gebrochen, während das Kreuz auf dem Kirchturme im Golde des Sonnenunterganges
flammte und über der Margareten-Höhe leicht und fröhlich die hellen, rosigen
Sommerwölkchen, im Lichte schimmernd, vorüberzogen.
    Auf die Nachricht von dem Unglücksfalle strömten aus allen Häusern die Leute
herbei.
    Es hat ihn hieher gezogen! sagte eine der Frauen. Es hat ihm schon lange
keine Ruhe mehr gelassen! meinte eine andere. Niemand klagte um ihn.
    Schrecken und Neugier, das waren die Empfindungen, mit denen sie die Leiche
des Gutsherrn umstanden. Er war ihnen lange fremd geworden, sie hatten nicht
mehr die Liebe zu ihm, wie ihre Eltern und Grosseltern sie für die Herrschaft
einst gefühlt hatten. Kein Auge weinte über ihn.
    Nur von den greisen Wimpern des Caplans tropften die Tränen nieder, als er
das Zeichen des Kreuzes über dem Entseelten machte. Einst war er des Jünglings
Führer auf dem Lebenswege gewesen, nun hatte er ihn auf seinem letzten Gange zu
geleiten, und rückblickend auf das geendete Dasein seines Freundes, wie in sein
eigenes Herz, betete er: Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns und vergib uns
unsere Schuld!
    Der Justitiarius fuhr eilig in das Schloss, dort die Todesbotschaft zu
verkünden. Es dunkelte schon, als man die Leiche des Freiherrn auf einer Bahre
nach Richten trug, und leise verhallend riefen die letzten Klänge des Ave Maria
auch dem Gestorbenen ihr: »Ruhe in Frieden!« nach.
 
                               Siebentes Capitel
Die Bestattung des Freiherrn fand in aller Stille und nur im Beisein der
Edelleute Statt, welche sich von den benachbarten Gütern zu derselben
eingestellt hatten. Da man in der Mitte des Sommers war, hatte man die
Beerdigung nicht hinausschieben dürfen, bis man die nächsten Verwandten des
Hauses herbeirufen können, und ihre Zahl war auch nicht eben gross.
    Es lebte ausser Renatus und dem kleinen Valerio jetzt Niemand mehr, der den
Namen von Arten-Richten trug. Die beiden alten Vettern, welche einst der
Grundsteinlegung zur Kirche und der Geburt von Renatus beigewohnt hatten, waren
lange todt. Auch der Schwiegervater des Freiherrn, der Graf von Berka, war
gestorben. Der jetzige Majoratsherr des gräflichen Hauses stand noch bei dem
Regimente, in das er für die Befreiungskriege eingetreten war, und Graf Gerhard,
mit dem der verstorbene Freiherr, wie die Berka'sche Familie selbst, in einem
wenig vertrauten Verkehre gelebt hatte, befand sich immer noch in des Landes
Hauptstadt, von wo man ihn der Entfernung wegen nicht zur Leichenfeier hatte
einladen können.
    Niemals war das Schloss dem Caplan grösser und würdiger, niemals so einsam
erschienen, als an dem Mittage, an welchem er, von der Beerdigung seines Herrn
und Freundes kommend, es vor sich auf der Terrasse liegen sah. Er konnte sich
deutlich des Tages erinnern, an dem er vor vollen fünfzig Jahren in Richten
eingetroffen war. Damals hatte der Freiherr neunzehn Jahre gezählt. In ihrer
ganzen Schönheit hatte seine Schwester an des herrlichen Jünglings Seite
gestanden, und vor ihnen allen hatte das Leben wie eine lachende Ebene sich in
unendlicher Ferne ausgebreitet und ihnen Raum zu bieten geschienen für die
kühnsten Hoffnungen, für den stolzesten Ehrgeiz. Nun waren sie alle dahin, die
Eltern des Freiherrn und Fräulein Ester, die den jungen Geistlichen damals so
vornehm freundlich willkommen geheissen hatte, der Freiherr und seine Schwester
Amanda und die schöne Baronin Angelika. Sie alle hatte der Caplan zu Grabe
geleitet, er war der einzig Uebrige von dem ganzen damaligen Geschlechte, und
was hatte sich verwirklicht und erhalten von dem schönen und zuversichtlichen
Erwarten und Wollen jener Jugendzeit?
    Es stand noch da, das Schloss, aber die Selbsterrlichkeit seiner Bewohner
war nicht mehr die alte. Die Zeit hatte sich gewandelt. Die Anerkennung der
Menschenrechte, welche der Leibeigenschaft notwendig früher oder später überall
ein Ende machen musste, hatte ihre Wirkung gegen die Vorrechte des Adels lange
schon geübt. Er hatte manche derselben eingebüsst, er war in seinem Besitze
angegriffen, seiner Reichsunmittelbarkeit, wo eine solche vorhanden gewesen war,
fast überall beraubt, und wie er einerseits hauptsächlich noch durch den Glauben
an sich selbst bestand, so musste er sich stärker als zuvor an den Tron zu
lehnen suchen, zu dessen vermeintlicher Stütze er sich machte, um sich mit jenem
gemeinsam zu erhalten. Er musste der Diener der Monarchen werden, weil er
aufgehört hatte, der Herr seiner eigenen Leute und Untertanen zu sein. Die Zeit
seiner Freiheit, seiner Herrschaft war vorüber - und es verhielt sich nicht viel
anders mit der Kirche.
    In seine ernsten Betrachtungen vertieft, betrat der Geistliche die
Eingangshalle des Schlosses und schritt nach dem Ahnensaale, in welchem die
Leiche des Freiherrn, der alten Familiensitte gemäss, aufgestellt gewesen war.
Die Bilder sahen unter ihren Verzierungen von schwarzem Flor, die man in
Trauerzeiten darüber anzubringen gewohnt war, schwermütig auf den leeren
Katafalk hernieder. Alle Türen nach der Terrasse waren geöffnet, die
Gärtnerburschen trugen die Pflanzen hinaus, welche man bei der feierlichen
Ausschmückung des Saales verwendet hatte. Jeder war mit seiner Arbeit
beschäftigt, man räumte emsig die Erinnerung an ein Menschendasein fort, das
noch vor Kurzem, das so lange Jahre hindurch als bewegender Mittelpunkt alles
Lebens in diesen Räumen gewaltet hatte! - Mit einem Seufzer wollte der Caplan
das Gemach verlassen, als er in einer Ecke desselben Valerio gewahrte.
    Die Schönheit des Knaben fiel ihm selbst in diesem Augenblicke wieder
überraschend auf. Er sass in einem der alten Prachtsessel von vergoldetem Leder,
hatte beide Füsse auf den Stuhl gezogen, ein kleines Brett, das dem Sarge
irgendwie zur Unterlage gedient haben mochte, gegen die Kniee gestützt und
zeichnete, wie es seine Art war, ein Liedchen summend, mit einem Bleistifte auf
das Holz.
    Was machst Du hier? fragte ihn der Geistliche, indem er näher an ihn
herantrat.
    Valerio hob den Kopf empor. Er hatte die Augen seiner Mutter, aber nicht
ihren ernsten Blick. Eine Fülle von Lebenslust war über sein ganzes Antlitz
ausgegossen; seine vollen Lippen, seine offene Stirn waren der Sitz einer
fortwährenden Heiterkeit. Die schwarzen Kleider, die man ihm angelegt hatte,
bildeten für ihn nur einen Hintergrund, auf dem seine blühenden Farben sich noch
glänzender hervorhoben.
    Was machst Du hier? fragte der Caplan ihn noch einmal, da Valerio ihn
anschaute, ohne ihm zu antworten.
    Sie sehen's ja, Hochwürden, ich zeichne mir die Ahnen ab!
    Und das musst Du gerade heute tun? warf der Caplan, der sich bei dem
Anblicke dieses fröhlichen Knaben einer schmerzlichen Empfindung nicht entziehen
konnte, ihm tadelnd ein.
    Freilich, der Saal ist ja sonst stets zugeschlossen! antwortete der Knabe
gleichmütig, während er seinen Bleistift wieder in Bewegung setzte.
    Er war schon gestern und vorgestern, als der gnädige Herr noch hier standen,
gar nicht aus dem Saale fortzubringen, sagte der inzwischen herbeigekommene
Diener. Der Junker ist kein Kind, wie andere Kinder. Nicht Eine Träne hat er um
den seligen gnädigen Herrn geweint. Wenn der Junker nur fingen und zeichnen
kann, so kümmert ihn nichts weiter.
    Valerio hatte das alles mit angehört, ohne sich in seiner Arbeit stören zu
lassen. Mit Einem Male sah er den Caplan mit seinen grossen Augen zutraulich an
und sagte: Hochwürden, wenn ich gross bin, werde ich den Vater malen, damit er
auch ein Ahne wird! Ich übe mich schon ein! Sehen Sie, so werde ich ihn malen!
    Er hielt dem Caplan die kleine Tafel hin; das Bild des ersten Freiherrn war
auf derselben von dem Knaben ähnlich genug abgezeichnet worden und, die Tafel
umwendend, erblickte der Greis eine unverkennbare Darstellung des Katafalks mit
den ihn umgebenden Leuchtern, Blumen und sonstigen Verzierungen.
    Valerio hing aufmerksam an dem Gesichte des Beschauers. Ist's so richtig?
fragte er gespannt. Der Caplan nannte es gut genug, und Valerio sagte: Ich hätte
auch die Mutter gern gezeichnet, wie sie da stand und am Sarge weinte! Es sah
schön bei den Lichtern aus! Aber sie blieb nicht stehen, und wie sie
fortgegangen war, brachte ich es nicht heraus!
    Da hören Sie es, Hochwürden! rief der Diener, den Junker, den rührt nichts!
Er hat nur seine Spielerei im Sinne! Da war der Freiherr Renatus doch ein
anderes Kind!
    Lassen Sie den Knaben gehen, bedeutete der Geistliche den treuen Diener;
Gott hat die Menschen nicht alle gleich gemacht, und wer will es sagen, was er
mit diesem Kinde und mit dessen Zukunft vorhat. Lassen Sie ihn zeichnen und
stören Sie ihn nicht, so lange er kein Unrecht tut. Es verlangt ja jede Kraft
nach ihrer Uebung, und eine Kraft wohnt diesem Kinde inne. - Komm, mein Sohn,
sprach er, indem er ihn bei der Hand nahm und mit sich fortführte, und die
flüchtige Abneigung, die er gegen Valerio empfunden hatte, wich der Liebe, mit
welcher der fromme Greis jetzt den längst geahnten göttlichen Funken einer
künstlerischen Begabung in dem Kinde unverkennbar wahrnahm. Komm, mein Sohn,
wiederholte er, Du sollst andere Bilder nachzumalen haben, komm. Dann zu sich
selbst und in sich hineinsprechend, sagte er: Wie wenig auch aufgegangen ist von
den Saaten, die ich streute, ich will des Säens und des Jätens doch nicht müde
werden, damit ich vor Ihm bestehen kann, der mir so lange Zeit zur Arbeit gönnt.
Komm, mein liebes Kind!
    Valerio verstand weder die Rührung des Geistlichen, noch den Sinn seiner
Worte, aber ihr freundlicher Ton tat ihm wohl, und sich an ihn schmiegend,
folgte er dem Caplan willig, der ihn aus dem Ahnensaale in das Freie
hinausgeleitete, während er selber sich nach dem Arbeitszimmer des Freiherrn
verfügte, in welchem er zur Eröffnung des freiherrlichen Testaments erwartet
wurde.
    Der Freiherr hatte nämlich bald nach seiner Verheiratung mit Vittoria durch
seinen Justitiarius seinen letzten Willen aufsetzen lassen und das Dokument in
dessen Hände niedergelegt. Indes ein paar Wochen vor seinem Tode hatte er es
zurückgefordert, es im Beisein des Justitiarius vernichtet und demselben ein
neues, ganz von des Freiherrn eigener Hand geschriebenes Testament zur
Aufbewahrung in dem Archive übergeben. Die Aufschrift bestimmte, dass es noch an
seinem Begräbnisstage in Gegenwart der Freifrau Vittoria von dem Hauscaplan und
dem Justitiarius eröffnet werden und, falls der Freiherr Renatus von
Arten-Richten nicht im Schloss anwesend sei, demselben eine Abschrift des
Testaments sofort zugesendet werden sollte.
    Der Justitiarius war schon vor dem Caplan im Schloss eingetroffen. Als der
Letztere in das Arbeitszimmer des verstorbenen Freiherrn trat, fand er jenen
bereits dort warten, und auf eine Benachrichtigung gesellte die verwittwete
Freifrau sich zu ihnen.
    Es war mit Vittoria in den letzten Wochen eine grosse Veränderung
vorgegangen, eine Veränderung, welche heute selbst den beiden Männern auffiel,
die sie doch eben jetzt zum Oefteren gesehen hatten. Sie erschien ihnen älter,
aber noch schöner, als sonst. Die langen, schleppenden Trauerkleider machten sie
grösser aussehen, ihre Züge, welche bisher meist einen weichen, spielenden
Ausdruck zur Schau getragen hatten, zeigten sich stolz zusammengefasst; man
meinte ihr anzumerken, dass sie auf einen Urteilsspruch gefasst sei, dem sie
Stand zu halten denke.
    Als ob sie sich vor einer grossen Versammlung darzustellen habe, so gemessen
trat sie in das Zimmer, liess sich ohne ein Wort zu sprechen auf dem Sopha nieder
und forderte den Justitiarius nur mit einer Bewegung des Hauptes und der Hand
zur Entsiegelung des Testamentes auf. Der Freiherr hatte dasselbe in Form eines
Briefes an seinen Sohn Renatus gerichtet. Mit einer Umsicht, welche er, wie er
sich ausdrückte, leider zu spät gewonnen habe, setzte er dem Sohne die
Vermögensverhältnisse auseinander und ermahnte ihn, alle seine Kraft zu ihrer
Hebung aufzuwenden und, wie der Freiherr es getan, seine Ehre in der
Aufrechterhaltung ihres alten Namens und Ansehens zu suchen. Von Valerio, von
Vittoria war in dem ganzen Testamente bis zu dem letzten Abschnitte keine Rede,
und in diesem hiess es: »Wenn die Baronin Vittoria von Arten mich überlebt, so
sollen ihr die Zinsen von dem ihr gebührenden Pflichtanteile an meinem Vermögen
durch Dich, meinen Sohn, den Freiherrn Renatus von Arten-Richten, in
regelmässigen Zahlungen zugewendet werden. Es soll ihr auch, falls es mit Deinen
Wünschen und Absichten in Uebereinstimmung ist, der dauernde Aufentalt in
unserem Schloss zu Richten nicht versagt werden, wenn sie es nicht ihrer Lage
angemessener findet, in das Kloster zurückzukehren, in dem sie ihre erste
Jugendzeit verlebte, um dort in Sammlung und in Einsamkeit für ihr Seelenheil zu
sorgen. In jedem Falle aber wirst Du, mein Sohn, über die Erziehung ihres Sohnes
Valerio zu wachen haben damit er dem Namen, den er führt, damit er unserem Namen
keine Schande mache. Doch verpflichte ich Dich zu keiner Sorge für ihn, welche
über die Zeit seiner Grossjährigkeit hinausgeht, und vielleicht würde es auch für
ihn das Entsprechendste sein, ihm in einem der oberitalienischen Klöster, in
welchen die Giustiniani'sche Familie noch von Einfluss ist, seine Bildung geben
zu lassen, um ihm, dem Vermögenslosen, die Neigung für eine Laufbahn in dem
Dienste der Kirche einzuflössen. - Wenn, was ich jedoch nicht erwarte, die
Baronin Vittoria sich mit diesen meinen Anordnungen nicht einverstanden erklären
und etwa für sich oder für ihren Sohn mehr beanspruchen sollte, als mein Wille
ihnen zuerkennt, so ermächtige ich Dich, die Papiere, welche diesem Testamente
beigefügt sind, zu eröffnen und von denselben gegen die Verlangnisse der Baronin
den gebotenen Gebrauch zu machen. Im andern Falle sollen die Papiere uneröffnet
und in ihrem Beisein sofort vernichtet werden.« Das Testament schloss danach mit
einem Segenswunsche für den Sohn und für das Fortbestehen des Geschlechtes.
    Die Baronin hatte während der Verlesung des Schriftstückes keine Miene
verändert; aber sie war sehr blass geworden, und es vergingen ein paar Minuten,
ehe sie sich zum Sprechen sammeln konnte. Dann schien sie ihren Entschluss gefasst
zu haben, denn sie sagte mit Ruhe und Sicherheit: Melden Sie dem Freiherrn
Renatus, meinem Stiefsohne, dass ich mich den Anordnungen meines Gatten, seines
Vaters, unterwerfe. Das ist alles, dünkt mich, was ich heute zu erklären nötig
habe. Was weiter zwischen ihm und mir über meine und Valerio's Zukunft
festzusetzen ist, mag unentschieden bleiben, bis ich es mit meinem Stiefsohne
selbst beraten kann.
    Sie verneigte sich darauf vor dem Justitiarius und vor dem Caplan wie vor
ihr völlig fremden Männern und verliess das Gemach in derselben feierlichen
Weise, in welcher sie es betreten hatte.
    Der Justitiarius und der Caplan blieben, weil ihre Geschäfte es erheischten,
an dem Tage ganz im Schloss; aber Vittoria kam nicht wieder zum Vorscheine.
Erst spät am Abende liess sie den Geistlichen zu sich entbieten.
    Er fand sie auf ihrem Ruhebette; sie erhob sich jedoch bei seinem Eintritte,
nötigte ihn, Platz zu nehmen, und sagte: Es drängt mich, mit Ihnen zu sprechen,
Hochwürden, aber ich benachrichtige Sie im voraus, dass ich von Ihnen keine
Vermittlung zu meinen oder meines Sohnes Gunsten zu begehren denke. Ich habe
meine weltlichen Angelegenheiten nur mit meinem Stiefsohne zu ordnen, - sie
bezeichnete, was sie sonst stets vermieden hatte, Renatus heute immer nur mit
diesem Namen, - und da ich die Bestimmungen des Freiherrn angenommen habe, ist
eigentlich Alles getan, denn meine Zusage ist mir heilig.
    Der Caplan, welcher nicht voraussehen konnte, was diese befremdliche
Einleitung bedeuten sollte, hielt sich an ihre letzten Worte, und ihr ernstaft
in das Auge blickend, sprach er: Wollte der Himmel, dass Sie damit die Wahrheit
redeten, wollte der Himmel, Sie hätten Ihre Zusage stets so heilig gehalten, als
es Ihre Pflicht gewesen wäre, so hätte es des Freiherrn ....
    Sie liess ihn nicht zu Ende sprechen. Ich weiss, was Sie sagen wollen, rief
sie lebhaft, und eben deshalb habe ich Sie gebeten, mich noch heute zu besuchen.
Sie hielt einen kleinen Augenblick inne, dann hob sie wieder an: Ich habe die
Demütigung, die Busse, welche der Freiherr mir aufzulegen für gut befunden hat,
gelassen hingenommen. Es war eine sehr bittere Stunde! Indes ich hatte, wie ich
den Freiherrn kannte, irgend etwas der Art erwarten müssen und mich darauf
vorbereitet. Er hat mich schwer dafür bestraft, dass ich mit achtzehn Jahren, dass
ich, aus dem Kloster kommend, nicht mehr Einsicht in meine eigene Natur, nicht
mehr Lebenserfahrung besessen habe, als der welt- und herzenskundige Mann, der
mich in sein herbstliches Leben wie ein Spielzeug aufnahm.
    Sie sprach das so lebhaft, dass ihre Wangen sich röteten und die Fülle ihrer
schwarzen Locken ihr weit über die Stirn und die Wangen herabfiel. Mit schneller
Handbewegung warf sie das Haar zurück und mit stolzem Tone sprach sie: Sie haben
mir oftmals meine Sünde vorgehalten; aber haben Sie es auch dem Freiherrn eben
so oft vorgehalten, Hochwürden, dass er ein Unrecht, ein schweres Unrecht an mir
begangen hat, als er meine blinde Urteilslosigkeit und mein noch völlig
schlafendes Herz benutzte, um mich zu der Seinigen zu machen? Nicht eine Stunde,
aber nicht eine Stunde bin ich glücklich gewesen in diesem Lande, in diesem
Hause, bis zu dem Tage, an dem ich - wie Sie es nennen und wie das Gesetz es
nennt - zur Sünderin geworden bin.
    Frau Baronin, sagte der Caplan, es ist meines Amtes in der Beichte, Ihre
Geständnisse ganz so anzuhören, wie Ihr Herz Sie zwingt, sie vor mir
niederzulegen, und ich habe mich Ihrem Vertrauen, so schmerzlich es mir gewesen
ist, nicht entzogen. Ich habe ihm nach meinem besten Wissen, nach meiner
heiligsten Ueberzeugung zu begegnen und Sie immer wieder auf den Pfad der
Pflichterfüllung hinzuweisen gesucht. Zum Vertrauten Ihrer verbrecherischen
Phantasieen fühle ich mich nicht berufen.
    Er erhob sich bei den Worten und wollte sie verlassen. Indes sein strenger
Blick, seine abweisende Bewegung schreckten sie nicht zurück.
    Nun denn, rief sie, ich stehe an einem Scheidewege meines Lebens; ich habe
zu brechen mit einer langen Vergangenheit voll schmerzlicher Verstellung, voll
martervoller Lüge; so hören Sie denn als Beichtiger meine Beichte, da Sie mir
nicht als Berater zur Seite stehen wollen. Hören Sie meine Beichte, Herr
Caplan!
    Sie stand auf, trat an einen Seitentisch heran, trank, sich zu beruhigen,
schnell ein Glas Wasser aus, und vor dem Geistlichen niederknieend, der sich in
stillem Gebete zu sammeln getrachtet hatte, wollte sie selber ein Gebet
beginnen; aber nur ihre Hände fanden sich in die altvertraute Form, ihr Sinn
wollte sich nicht beugen; und sich eben so schnell emporrichtend, als sie sich
niedergeworfen hatte, rief sie: Das ist's, das ist's, was ich Ihnen zu sagen
habe und was früher oder später doch einmal ausgesprochen werden muss: ich glaube
nicht mehr, ich glaube nichts, nichts, gar nichts mehr! Die Welt, der Himmel,
Alles ist mir entgöttert, nur Eines ist mir heilig, Eines - und das ist dahin!
    In Tränen aufgelöst, wie in einem Krampfe weinend, warf sie sich auf das
Lager nieder; der Caplan stand sprachlos vor ihr. Er musste dem wilden Anfalle
Zeit lassen, vorüberzugehen; aber es waren wundersame Gedanken, die ihn
bewegten, und noch vermochte er nicht völlig auf den Grund des Herzens zu sehen,
das sich ihm in so gewaltsamer Weise entüllen zu müssen meinte. Was hatte er in
diesem Hause alles erleben sehen und mit erlebt! Die Sünde ihres Gatten tragen
und büssen zu helfen, hatte das liebende Herz der im protestantischen
Bekenntnisse und in voller religiöser Freiheit aufgewachsenen Baronin Angelika
sich der katolischen Kirche und ihrer Gnade in die Arme geworfen. Ihr zartes
Gewissen hatte sich eine flüchtig aufwallende Empfindung zum Verbrechen
gestempelt, und weil sie sich selber zu vergeben nicht den Mut gefühlt, hatte
sie sich mit aller Inbrunst ihrer Seele zu der höheren Macht gewendet, von der
sie Vergebung ihrer Sünden erflehen und erwarten konnte.
    Und jetzt stand Vittoria vor ihm: Trotz bietend allen Ueberlieferungen ihres
Vaterlandes, dem Glauben, in dem sie geboren und erzogen war, der klösterlichen
Zucht, in der sie so lange gelebt hatte, ja allen Grundsätzen der Kirche und des
Staates, und nichts anerkennend, als das blinde Müssen ihres von Leidenschaft
hinweggerissenen Herzens.
    Er konnte sie in diesem Zustande nicht sich selber überlassen, er durfte sie
in diesem Herzenswahnsinne nicht Beichte hören. Er musste sich zu ihrem Arzte
machen, ehe er wieder ihr Seelsorger zu sein vermochte; aber es kam dem Greise
schwer an, denn seine Kraft war sehr erschöpft und seine Seele zum Tode traurig.
Ohne eine Sylbe zu sprechen, ihre Hand fest in der seinigen haltend, sass er an
ihrer Seite. Sein Blick folgte dem unruhigen Zucken ihrer Mienen, sein Auge
suchte das ihrige zu erfassen, um es festzuhalten; indes es verging eine lange
Zeit, ehe die Aufgeregte sich zu besänftigen begann, ehe er daran denken konnte,
ihr mit seinem Zuspruche zu nahen, und erst mit der völligen Erschöpfung ihrer
Kräfte kam endlich so viel Ruhe über sie, dass er sie der Pflege ihrer Dienerin
anvertrauen konnte.
    Morgen, morgen! sprach er, als Vittoria versuchen wollte, ihm die Erklärung
ihres Zustandes zu geben; aber als er sie mit Hülfe ihrer Kammerfrau nach dem
Schlafzimmer geleitete, musste er ihr die Zusage geben, sie nicht zu verlassen,
sondern die Nacht im Schloss, in der Nähe ihrer Zimmer zuzubringen.
 
                                 Achtes Capitel
Vittoria hatte die kräftige Gesundheit des Volkes, dem sie angehörte. Der Gram
vermochte sie nicht zu zerstören, nur die eigene Leidenschaft drohte ihr Gefahr
und konnte sie überwältigen. Sie erwachte erst spät, aber sie war völlig von
ihrem Anfalle hergestellt, und als der Caplan gegen den Mittag zu ihr kam, fand
er sie hellen Aussehens und auch hellen Geistes.
    Verzeihen Sie mir, Hochwürden, begann sie, dass ich Sie gestern erschreckte;
man ist bisweilen nicht Meister über sich. Was ich Jahre hindurch gewaltsam in
mir verschliessen musste, das stürmte, nachdem ich mir eine grosse Ueberwindung
zugemutet hatte, alles auf einmal über mich ein und durchbrach die Schranken
meiner Kraft. Ich war ausser mir; verzeihen Sie mir das!
    Er sicherte ihr dieses zu; sie schien sich damit zu beruhigen und nicht
wieder auf den Boden jener Unterredung zurückkehren zu wollen, aber der Caplan
gestattete ihr dies nicht.
    Sie haben mir gestern den Zustand Ihrer Seele zu entüllen gewünscht, sprach
er, und ich musste es Ihnen versagen, sich diese Erleichterung zu gewähren, weil
ich Sie nicht in der Verfassung fand, in welcher allein es dem Menschen vergönnt
werden darf, sich dem Trone der höchsten Wahrheit zu nahen. Heute fordere ich
Sie, im Namen des mir durch Gottes Gnade gewordenen Amtes und Berufes, heute
fordere ich Sie mit dem Anrechte, das ich als Ihr Seelsorger an Sie habe, dazu
auf, Sich auszusprechen mit der vollen, ungeteilten Wahrheit, die Sie mir, die
Sie Sich selber schulden, und ohne welche für den Menschen kein Heil, keine
Selbsterkenntnis und keine Erlösung möglich sind.
    Vittoria hörte ihm sehr gesammelt zu. Es lag in der starken Ueberzeugung des
Greises, in dem mächtigen Gefühle seiner unantastbaren Würde eine Kraft, welcher
sich Niemand leicht entzog, besonders wenn er, wie die Baronin, ihrem Einflusse
einmal unterworfen gewesen war. Aber sie zögerte dennoch, seiner Mahnung
nachzukommen, und erst nach einer längeren Ueberlegung sprach sie: Es wird nicht
kurz sein, was ich Ihnen mitzuteilen habe, denn es umfasst Jahre voll langer
Leiden, voll schwerer Seelenkämpfe, und ich zweifle, dass Sie mir die Hülfe
bieten können, die Sie mir zu leisten wünschen; denn, das ahne ich, ein
verlorener Glaube findet sich nicht wieder. Aber hören sollen Sie mich, und
jetzt gelobe ich Ihnen die ganze, volle Wahrheit, die Sie von mir erheischen,
wennschon ich sicher bin, damit vor Ihnen keine Gnade zu gewinnen.
    Sie schwieg eine Weile, stützte das Haupt auf ihren Arm, als suchte sie nach
der Weise, in welcher sie beginnen könne, dann sagte sie: Ich habe nicht nötig,
Ihnen die Geschichte meines Herzens zu erzählen, Sie kennen sie. Sie wissen, wie
meine Liebe verlangende Natur an meines greisen Gatten Seite einsam blieb, wie
nahe, wie sehr nahe ich daran gewesen bin, für meinen Stiefsohn die Empfindungen
zu hegen, die sein Vater in mir nicht mehr zu erwecken vermochte; und Sie
selbst, Hochwürden, haben mir das Zeugnis gegeben, dass ich meinem Gatten zu
leisten und zu sein bestrebt gewesen bin, was er von mir begehrte. Sie können
mir auch das Zeugnis nicht versagen, dass ich meines Stiefsohnes jugendlich mir
entgegenwallendes Gefühl mit Selbstverläugnung in Zügel und in Schranken
gehalten habe und dass er von mir ohne eine Ahnung der Gefahr an der Klippe
vorübergeleitet worden ist, die mir und ihm den Untergang bereiten konnte.
    Die Guttat, die Pflichterfüllung, wendete der Caplan ein, hat Ihnen reichen
Lohn getragen. Die Freundschaft, die Ergebenheit, welche Baron Renatus für Sie
hegt, sind wahr und tief.
    Ich weiss das, Herr Caplan; ich bin mir meines Einflusses auf ihn vollauf
bewusst. Ich weiss es, dass ich auf ihn zählen kann, obschon er es in neuester Zeit
und durch mich selbst erfahren hat, dass meine Liebe niemals seinem Vater
angehörte, dass ich nur Einen, Einen Mann geliebt, und dass derselbe nicht mehr
ist. O, rief sie, indem sie ihren schwarzen Trauerschleier mit beiden Händen an
ihre Lippen drückte, o, wenn Sie ahnen könnten, wie frei und glücklich ich mich
in diesen Trauerkleidern fühle, wie meine Seele nach den schwarzen Gewändern
verlangt hat! Niemals, Niemals werde ich sie wieder von mir legen! Ich werde sie
tragen bis zu meinem letzten Atemzuge, als Erinnerung an die grosse Liebe, die
Sie mir zur Sünde machen und die vor Gott kein Verbrechen sein kann, weil mein
schöner Valerio ihr sein fröhliches Dasein verdankt.
    Sie hatte über den Gedanken an ihre Liebe, über die Wonne, von derselben
jetzt in Freiheit sprechen zu dürfen, abermals die religiösen Bekenntnisse
vergessen, welche sie dem Geistlichen zu machen entschlossen gewesen war, und
der Caplan hatte grosse Mühe, sie auf dieselben zurückzuführen. Die
Freisinnigkeit ihres verstorbenen Gatten, die völlige Glaubenslosigkeit ihres
Geliebten hatten ihren eigenen Glauben erschüttert, und die unklaren religiösen
Begriffe, die kindlichen Ueberlieferungen, welche aus ihrem Klosterleben in ihr
haften geblieben waren, hatten nur dazu beigetragen, ihren Sinn vollends zum
Zweifel und zum Unglauben hinzulenken.
    Sie war in ihrem Kloster in der Lehre von der Vorherbestimmung auferzogen
worden, und ohne sich von den Einwendungen des Caplans im mindesten beirren zu
lassen, hatte sie ihr Zusammentreffen mit Mariano von Anfang an als ein ihr von
Gott vorherbestimmtes Schicksal, ihre Liebe für ihn als eine Naturnotwendigkeit
angesehen, der sich zu entziehen nicht in ihrer Macht gelegen habe.
    Sie selbst, sprach sie, Sie selbst, Hochwürden, haben mir oft genug
wiederholt, dass kein Zufall in der Weltordnung eines allweisen Gottes möglich
oder auch nur denkbar sei. Noch als ich ein Kind war, hat man mich gelehrt, dass
kein Sperling vom Dache fällt, ohne dass der Allwissende es wolle; und ich sollte
hierher gekommen sein, weit ab von den Meinigen und meiner Heimat, in dieses
unwirtliche, kalte Land, ohne Gottes Fügung? Hierher, in den fernen, grauen
Norden sollte Mariano von des Krieges Wogen geschleudert worden sein, ohne
Gottes ausdrücklichen Ratschluss? Unmöglich, unmöglich! Entweder es lebt kein
Gott, es ist Alles, Alles Zufall und wir des Zufalls blindes Spiel, oder was ich
erlebte, litt und tat, war mir von Gott bestimmt: ich tat, was er mich tun
lassen wollte - und was Sie mir als Sünde anrechnen, war mein vorherbestimmtes
Müssen; ich musste sündigen!
    Mit jener grausamen und bis zur Selbstvernichtung rücksichtslosen
Freiheitslust des Sclaven, dessen Fesseln gebrochen worden sind, bekannte sie
sich zu ihrem Unglauben, zu ihrem Abfalle von allen Ueberzeugungen, die sie
einst gehegt hatte. Der Caplan verhinderte sie nicht daran. Er wollte die Tiefe
der Wunde untersuchen und sie ausbluten lassen, ehe er sie zu schliessen und zu
heilen unternahm. Er hörte sie schweigend an, als sie ihm eingestand, wie sie
ihn in der Beichte getäuscht, wie sie kein Abmahnen dagegen, und keine Reue in
sich empfunden habe über ihre Liebe und ihren Ehebruch, und wie sie auf diese
Weise auch von dem ihr in dem Kloster eingeimpften Wahne zurückgekommen sei, dass
eine unvollständige, eine unwahre Beichte eine der schwersten aller Sünden, dass
zeitliches und ewiges Verderben ihre sichere Folge sei.
    Aehnlich wie es einst die Baronin Angelika getan hatte und wie die
überwältigende Leidenschaft es mit sich bringt, stützte sie sich immer wieder
auf ihr inneres Müssen und Nichtanderskönnen als auf ein Zeichen der
Vorherbestimmung; nur dass Angelika's sanfte Seele in Demut und Zerschlagenheit
vom Himmel Kraft und Trost begehrte, wo Vittoria's stolzer Sinn völlig in seinem
Rechte zu sein behauptete. Selbst als der Caplan ihr zu bedenken gab, dass Gott
innerhalb seiner Vorherbestimmung dem Menschen ein gemessenes Teil von Freiheit
zugestehe, an welchem er seine Kraft und Tugend zu prüfen und zu üben habe, und
dass er es ihm in seiner Gnade an Zeichen und Mahnungen nicht fehlen lasse, wenn
er von dem rechten Wege abgeirrt sei, machte sie das in ihren Ueberzeugungen
nicht wankend, in ihrem Selbstgefühle nicht ungewiss.
    Ich habe viele Nächte durchwacht, sprach sie, viele Tage durchweint, und in
Leid durchwachte Nächte und im Schmerze durchweinte Tage währen lange. Ich bin
einsam gewesen in diesem Schloss, ich hätte nicht einsamer mich fühlen können
im Bergesgeklüft in verlassener Kartause. Es hat mir an Musse nicht gemangelt
zum Denken und zum Prüfen. Was blieb mir denn auch übrig, wenn ich gelächelt und
gesungen hatte, den Freiherrn zu vergnügen, was blieb mir übrig, als zu denken,
immerfort zu denken und zu sinnen? Ich habe Zeiten gehabt, in denen ich mich
überreden wollte, dass ich fehle, dass ich eine schlechte Gattin sei - meine
innerste Empfindung hat dem widersprochen. Ich bin dem Freiherrn vollständig
gewesen, was er in mir gesucht, von mir begehrt hat. Ich habe sein Vertrauen,
seine Achtung nie besessen, er hat die Liebe, die ich noch nicht kannte, als ich
mich ihm vermählte, und die er mich nicht kennen lehrte, nie von mir verlangt.
Nicht Einen Tag hat er an mir gezweifelt, nicht Eine Stunde habe ich ihm Anlass
gegeben, sich von mir versäumt zu glauben. Ja, als ich es fühlte, was die Liebe
sei, als ich glücklich geworden war durch sie, habe ich das Bestreben gehabt,
auch ihn noch glücklicher zu machen, da er es gewesen ist, der mich nach Gottes
Vorbestimmung dem mir Auserwählten entgegenführen musste. Und wie ich mich in
dankbarer Glückseligkeit der mir zugedachten Liebe überliess, habe ich schweigend
die Dornenkrone des Schmerzes mir in die Stirn gedrückt, und keine Träne, kein
Seufzer hat es dem Freiherrn je verraten, was ich litt. Ich bin ihm eine gute
Gattin gewesen, ich fühle mich nicht schuldig gegen ihn. Es war Gottes Wille,
der ihm ohne all mein Zutun mein Geheimnis offenbarte, um mir endlich meine
Freiheit zu vergönnen und um vielleicht durch mich dem Freiherrn zu vergelten,
was er einst an der Baronin Angelika gesündigt hat. Mein Herz ist völlig mit
sich einig, meine Seele ist in vollem Frieden!
    Und Sie haben nie gefürchtet, dass die Hand des Höchsten sich über Ihnen
mächtig zeigen, dass er Ihr verirrtes, ihm verschlossenes Herz mit schweren
Schlägen zu eröffnen wissen werde? fragte sie der Caplan, um sie zu weiterem
Sprechen zu bewegen.
    Ich würde irre werden an der göttlichen Gerechtigkeit, rief Vittoria, wenn
mir mehr auferlegt würde, als ich getragen habe. Nein, fügte sie hinzu und ihre
Züge wurden weich und mild, Gott wusste, was mir fehlte. Hatte ich doch der
Eltern- und der Geschwisterliebe ganz entbehrt, hatte er selber mich doch in das
freudenleere, abgeblühte Leben meines Gatten verpflanzt! Gott versagt der
kleinsten Pflanze nicht den Sonnenstrahl, der sie erblühen und reifen macht, dem
geringsten seiner Geschöpfe nicht die Nahrung, ohne die es nicht bestehen kann.
Er hat auch mir in seiner Gnade meinen Sonnenstrahl gegönnt. Und wenn er ihn mir
auch sehr bald, ach, so gar bald entzogen hat, so weiss ich es jetzt doch, dass
ich einmal lebte, und ich kann weiter leben, so lange es mir beschieden ist. Ich
habe meinen Sonnenstrahl gehabt. - O, rief sie, indem sie ihre Hände inbrünstig
in einander schlug und ihre Augen zuversichtlich zum Himmel emporhob, o, ich
würde Gott zu lästern glauben, ich würde irre werden an seiner Gerechtigkeit und
seiner Liebe, wenn ich als Schuld erkennen müsste, was mein zugewiesen Teil,
mein Recht gewesen ist! Hüten Sie Sich, Hochwürden, mir diesen Glauben
aufzudringen, Sie würden mich zur Gottesläugnung treiben!
    Sie versank in ein Schweigen, und mit schmerzlichem Sinnen blickte der
Caplan vor sich auf den Boden nieder. Vittoria fühlte sich in ihrem Gewissen
frei, er aber fühlte sich gedemütigt wie nie zuvor, denn er wurde irre an der
Macht, welche des einen Menschen reines Wollen auf den anderen auszuüben vermag,
er wurde irre an seiner Kraft und Befähigung für sein Amt, und zum ersten Male
fragte er sich: welche Bedeutung seine Kirche, welche Bedeutung das Priesteramt
in der Zukunft haben würden, haben könnten.
    Freilich war die katolische Kirche in Richten auferbaut worden, aber man
hatte sich in der Erwartung getäuscht, eine Gemeinde für sie heranbilden und in
dem protestantischen Lande neue Anhänger für die alte katolische Lehre gewinnen
zu können. Das Verlangen nach prüfungsloser Hingabe an eine leitende Hand war in
der Menschheit kein allgemeines mehr. Nur in vereinzelten Gemütern war noch das
Bedürfnis rege, sich dem bestimmenden Willen einer Kirche zu unterwerfen, in
ihrem Priester die Verkörperung des eigenen Gewissens zu verehren, in ihm einen
Mittler zwischen sich und dem Himmel zu besitzen. Die Aufklärung, welche die
Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts vorbereitet hatten, wirkte in immer
weiteren Kreisen nach, und die Verbindung, welche das Oberhaupt der katolischen
Kirche mit dem aus dem Volke emporgestiegenen französischen Kaiser um der
Selbsterhaltung willen eingehen müssen, hatte die päpstliche Krone ihres
Anspruchs auf einen überirdischen Ursprung beraubt. Wie der Adel, so musste auch
die Kirche sich jetzt bereits an die Trone lehnen, deren Verteilerin sie einst
gewesen war, denn auch die Kirche, darüber hatte der Caplan sich nie verblenden
können, hatte ihre freie, unangefochtene Herrschaft durch die Revolution und die
ihr folgenden Jahrzehnde der napoleonischen Tyrannei für immerdar eingebüsst.
    Man hatte in Frankreich Priester der katolischen Kirche sich von ihren
alten Lehren und Gesetzen lossagen, neue Bekenntnisse verkünden, sie verlassen
und die Abtrünnigen zu ihren ersten Lehrsätzen und Aemtern wieder zurückkehren
sehen, und die Kirche hatte sie als Bereuende wieder in sich aufgenommen. Damit
war die Revolution auch innerhalb der Kirche vollzogen worden, damit war das Amt
des Priesters vor den Augen der Gläubigen seiner Unfehlbarkeit, seines
göttlichen Ursprunges entkleidet worden. Der Priester war von seiner Höhe in die
Reihen der irrenden Menschheit hinabgestiegen, er hatte sein Anrecht auf sein
Mittleramt zwischen dem Höchsten und dem sündigen Menschen verscherzt. Nur ein
persönliches Vertrauen konnte der Seelsorger, der Geistliche von seiner Gemeinde
noch begehren, und dieses persönliche Vertrauen - der Caplan schlug voll
Zerknirschung an seine Brust, und an seinen greisen Wimpern zitterte die Träne
- dieses persönliche Vertrauen verdiente er nicht mehr; denn er hatte die Sünde
nicht abzuwehren vermocht von denen, die ihm übergeben worden waren, und den
Zweifel mächtig werden lassen in den Seelen, die er hätte hüten sollen.
    Er fühlte sich wie vernichtet, er sah auf sein ganzes langes Leben als auf
ein verfehltes zurück, und aus seiner an sich selbst verzagenden Seele rangen
sich wie ein Notschrei die Worte hervor: Herr, Herr, gehe nicht mit mir in das
Gericht! -
    Er wollte sich erheben und das Zimmer verlassen, aber er konnte es nicht. Er
musste sich niedersetzen, und durch die bebenden Hände, die er vor sein Antlitz
schlug, flossen seine heissen Tränen nieder.
    Da war es, als wenn ein Riss geschähe in dem stolzen Herzen der Trauernden.
Was seine Worte nicht an ihr vermocht hatten, das wirkte sein Beispiel jetzt an
ihr. Sein flehendes Gebet erzitterte in ihrem Innern. Sie wusste selber nicht,
wie ihr geschah. Sie meinte sich an diesem Greise versündigt zu haben, sie sagte
sich: ich bin es, um die er diese Tränen weint; mir, mir gilt sein flehender
Ausruf: Herr, gehe nicht in das Gericht mit mir! - Denn wessen hätte er sich
anzuklagen gehabt, dessen ganzes Leben Demut und Reinheit und
selbstverläugnende Liebe gewesen war? - Und von einer gewaltigen Empfindung, die
sie sich selber nicht zu deuten wusste, hingerissen, warf sie sich vor dem Greise
nieder und wiederholte, während auch ihre Augen überströmten: Herr, gehe nicht
in das Gericht mit mir!
    Langsam, aber mit einem Blicke himmlischer Verklärung, richtete der Caplan
sein Antlitz empor und seine Hände falteten sich aufs Neue zum Gebete. Vergib
uns unsere Schuld! sprach er leise und leise sagte Vittoria ihm die Worte nach;
wie wir vergeben unseren Schuldigern! tönte es kaum hörbar von seinen Lippen.
    Wie wir vergeben unseren Schuldigern! wiederholte die Erschütterte mit
erhobener Stimme und barg ihr Antlitz auf des Greises Kniee, dessen Hände
segnend niedersanken auf ihr Haupt.
    So blieb sie eine Weile liegen. Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein,
ein leiser Luftauch zog erfrischend vorüber. Es war Alles still um sie her, und
still war es auch geworden in ihrer Brust. Da bedünkte sie es, als drücke die
segnende Hand des Greises schwer und schwerer auf sie hernieder. Sie hob ihr
Haupt zu ihm in die Höhe, die Hände des Caplans sanken bewegungslos herab.
    Herr Caplan! rief sie, Herr Caplan! - und die Stimme versagte der
Erschrockenen ihren Dienst. Sie umfasste ihn mit beiden Armen, er regte sich
nicht; aber sein Antlitz lächelte in himmlischem Frieden, nur die Augenlider
waren ihm zugesunken. Er war betend eingeschlummert.
    Sanft, wie sein Leben gewesen war, hatte der Caplan sein letztes frommes
Werk getan - Vittoria hatte den Segen eines Sterbenden erhalten. Seine tiefe
Demut hatte die Empörung ihres stolzen Herzens überwunden, sein letzter
Atemzug hatte dem Dienste seiner Kirche angehört.
                                Neuntes Capitel
Die Schlachten an der Katzbach und von Grossbeeren waren eben geschlagen worden.
Renatus stand mit seinem Regimente unfern dem rechten Elbufer, als er die
Nachricht von dem Tode seines Vaters erhielt, und weil er weichherzig war und im
Ganzen der Schicksalsschläge ungewohnt, war sein Schmerz im ersten Augenblicke
äusserst lebhaft. Er hatte allerdings bei den vorgerückten Jahren seines Vaters,
und weil er ihn bei seiner letzten Anwesenheit in Richten sehr verändert
gefunden hatte, wohl daran gedacht, dass er ihn möglicher Weise nicht
wiedersehen, dass der Abschied, den er von ihm nahm, ein ewiger werden könne.
Aber die Plötzlichkeit, die ganze Art, in welcher der Freiherr geendet, hatten
für die Phantasie des Sohnes im ersten Augenblicke etwas Ueberwältigendes, etwas
ganz besonders Schmerzliches, und Renatus konnte nicht müde werden, sich immer
auf das Neue das Bild seines unter freiem Himmel auf dem Kirchhofe sterbenden
Vaters vor die Seele zu halten.
    Indes gerade die beständige Wiederholung der gleichen Vorstellung stumpfte
den Eindruck ab, und es bewährte sich an Renatus die alte Erfahrung, dass
diejenigen, welche bei dem Erleben eines traurigen Ereignisses gar keines andern
Gedankens fähig und immer nur mit dem einen Gegenstande beschäftigt sind, das
Geschehene am leichtesten überwinden und verschmerzen. Es dauerte gar nicht
lange, bis Renatus, wenn er an den Tod seines Vaters dachte, sich unwillkürlich
aller der Tausende erinnerte, die neben ihm und um ihn her auf blutgetränkter,
von Rossen zerstampfter Erde, an ihren Wunden verblutend, ihr Leben ausgehaucht
hatten, ohne dass eine liebende Hand ihr brechendes Auge geschlossen hätte, ohne
dass ihr letzter Blick auf das Antlitz eines Freundes gefallen wäre. Was ihm in
den ersten Stunden oder Tagen so schrecklich erschienen war, die Plötzlichkeit,
mit welcher der Tod seinen Vater überrascht hatte, das fing er bald an, als eine
Wohltat der Natur und als ein Glück zu betrachten, und in seinem an den Caplan
und an Vittoria gerichteten Antwortschreiben pries er das Loos seines Vaters,
dem es vergönnt worden war, in den Armen seines treuesten Freundes, mit dem
Hinblicke auf die von ihm geschaffene schöne Kirche, von der Erde Abschied zu
nehmen.
    Renatus hatte von seinem Vater nie jene Zärtlichkeit erfahren, welche das
Leben der Kinder eng mit dem der Eltern verknüpft. Einen entscheidenden Einfluss
auf die Erziehung seines Sohnes hatte der Freiherr ebenfalls nicht geübt, und in
den letzten Jahren war Renatus nur selten und immer nur auf kurze Zeit in
Richten gewesen. Es entstand daher in seinem Herzen durch seines Vaters Tod
keine wesentliche Lücke, aber seine Verhältnisse erlitten durch denselben eine
bedeutende Umgestaltung. Es traten mit Einem Male neue Anforderungen und
Verpflichtungen an ihn heran, denen zu begegnen sein bisheriges Leben ihn in
keiner Weise vorbereitet hatte, denen er persönlich zu genügen jetzt auch völlig
ausser Stande war. Er konnte nicht daran denken, inmitten dieses heiligen Krieges
einen Urlaub zu begehren, und da ihm zuerst nur die Nachricht von dem Tode
seines Vaters zugekommen war, beruhigte er sich mit der Ueberlegung, dass der
Caplan und der Justitiarius doch am Orte wären und dass er sich ihres Eifers wie
ihrer Einsicht versichert halten dürfe.
    Er schrieb Vittorien, schrieb sofort auch seiner Braut und machte dieser den
Vorschlag, sich mit ihrer Mutter und Schwester baldmöglichst nach Schloss Richten
zu begeben, um der vereinsamten Vittoria eine Gesellschaft zu sein. Er erwähnte
dabei, dass es ihm wohltun würde, die Gegenstände seiner Liebe in dieser
unruhigen Zeit an einem und demselben Orte unter dem Schutze seines Hauses
vereinigt zu wissen, und weil er entschlossen war, sich jetzt ernstafter als
bisher mit den Vermögens-Angelegenheiten seiner Familie zu beschäftigen,
bemerkte er gegen die Gräfin, dass es, nach den Opfern, welche der Krieg auch ihr
auferlegt habe, ihr vielleicht geraten scheinen dürfte, ihre Häuslichkeit in
der Hauptstadt aufzulösen und seine Gastfreundschaft anzunehmen, bis Hildegard
selbst sie ihr in Richten anzubieten haben werde.
    Bald darauf rückte sein Regiment vorwärts, es wechselte die Standquartiere
oft, und erst am Tage vor der Leipziger Schlacht kam der zweite Brief aus
Richten, welcher ihm mit dem Testamente seines Vaters zugleich die Kunde von dem
Ableben des Caplans überbrachte, durch die Feldpost dem jungen Freiherrn in die
Hände.
    Der Dienst hatte ihn bis gegen den Abend hin in Anspruch genommen. Müde und
erschöpft stieg er vor dem einsamen Bauernhofe, in welchem er im Quartiere lag,
vom Pferde und trat in die niedrige Stube, welche er mit fünf anderen Offizieren
teilte. Draussen war es herbstlich und feucht, aber trotz der geöffneten Fenster
lag eine schwüle, heisse Luft über dem niederen Raume. Zwei seiner Kameraden
hatten sich, die Tornister unter den Köpfen, auf den Estrich des Bodens
niedergeworfen und waren, wie ihr tiefes, schnarchendes Atemholen verriet,
obschon es noch ganz hell war, vor Ermüdung eingeschlafen. Der Capitän, ein
verheirateter Mann, schrieb an der Ecke des Tisches, an welchem die Andern mit
jugendlicher Esslust ihr geringes Abendbrod verzehrten. Sie achteten kaum auf das
Eintreten ihres Kameraden, nur der Hauptmann wendete sich flüchtig nach ihm um
und sagte: Herr von Arten, es sind auch für Sie ein Brief und ein Packet
angekommen; sie liegen dort auf dem Simse. - Dann fuhr er still zu schreiben
fort.
    Es war kein Platz mehr an dem Tische und auch kein Platz zum Sitzen in der
Stube. Renatus nahm seine Briefschaften und ging damit hinaus. Draussen vor dem
Hause war ein Stückchen Erde eingehegt. Er und seine Kameraden hatten das
Gärtchen in diesen Tagen vor der Zerstörung bewahrt. Es stand ein Kirschbaum
darin, und aus dem noch grünen Grase wuchsen einige Stockrosen hervor, die noch
in Blüte standen. Die untergehende Sonne beschien sie matt. Er warf sich auf
eine kleine Bank unter dem Baume nieder, steckte den Brief, auf dem er
Hildegard's Handschrift erkannte, in die Brust und öffnete zunächst das von
Richten kommende Packet; aber er suchte darin vergebens nach einem Worte seines
greisen Lehrers oder nach einem Briefe Vittoria's. Nur der Justitiarius hatte
geschrieben. Das fiel Renatus auf, denn noch nie war eine Sendung von Richten
ohne ein begleitendes Blatt des Caplans an ihn gekommen, seit er im Felde stand,
und er nahm daher das Schreiben des Justitiarius mit Besorgnis in die Hand.
Indes die Nachricht, welche ihm durch dasselbe wurde, hatte er doch nicht
vermutet.
    In der gemessenen Weise eines Geschäftsmannes meldete der Beamte, dass der
hochwürdige Herr Caplan ihm gleich nach dem Tode des verstorbenen Herrn Barons
sehr angegriffen und verändert erschienen sei. Trotzdem habe derselbe es sich
nicht nehmen lassen, seine Amtspflichten zu erfüllen und der von dem Verluste
ihres Gemahls äusserst erschütterten Frau Baronin zur Seite zu stehen. Er habe
dabei offenbar seine Kräfte erschöpft, und wenn man sich auch hätte denken
mögen, dass er seinen Herrn und Freund nicht lange überleben würde, da sie so eng
in einander verwachsen gewesen wären und das Alter das Zerreissen solcher alten
Lebensbande nicht wohl vertrage, so habe doch das plötzliche Hinscheiden des
verehrten Greises sie Alle schwer betroffen und werde auch den Freiherrn
sicherlich sehr überraschen. Er berichtete demselben danach, dass er den
unbedeutenden Nachlass des Caplans versiegelt, dass er die Meldung von seinem
Ableben bei den betreffenden Behörden gemacht habe, und fragte an, wie der
Freiherr es nun hinsichtlich der Verwaltung des Richtener Pfarramtes zu halten
gewillt sei.
    Renatus hielt das Schreiben eine Weile still in seinen Händen. Es war nichts
Ungewöhnliches, was er erlebte, es lag im Laufe der Natur, dass der betagte Mann
gestorben war; aber er hatte ihn so lieb gehabt. Wie der Schutzgeist von
Richten, ja, wie sein eigener Schutzgeist war der Caplan ihm stets erschienen.
Jetzt erst kam seine Heimat ihm verlassen und verwaist vor, und sein Gemüt
besass in diesem Augenblicke noch nicht die Kraft, sich Schloss und Herrschaft
unter einer ganz veränderten Umgebung als sein Eigentum zu denken und sie doch
zu lieben. Ohne den Caplan war ihm Richten nicht mehr die alte, teure Heimat.
    Indes es war kein Tag, an welchem man sich seinen Empfindungen lange
überlassen durfte. Jedermann wusste es, dass am nächsten Morgen eine grosse
Schlacht bevorstand, und wer noch etwas für dieses Leben zu beschicken hatte,
tat dazu, es nicht hinauszuschieben. Renatus hatte sich auf die Vorsorge des
Caplans mehr als auf sich selbst verlassen. Jetzt war er dieser Stütze beraubt,
die kommende Tagesfrühe konnte über sein Leben entscheiden, und er hinterliess
eine Stiefmutter, einen Bruder, eine Braut. Er hatte für das Wohlergehen dieser
Lieben noch nicht Sorge getragen, wie er wünschte, und jetzt war es vielleicht
zu spät dazu, wenn die Voraussicht seines Vaters nicht in dem Testamente die
Vorkehrungen auch auf den Fall getroffen hatte, dass Renatus nicht aus dem Felde
wiederkehren sollte.
    Er öffnete und las das Testament. Es war nicht dazu gemacht, ihn zu
beruhigen und zu erheben. Sein Besitz war weit mehr verschuldet, als er es für
möglich gehalten hatte. Obschon seine wirtschaftlichen Kenntnisse höchst
unbedeutend waren, ahnte er doch, dass sich ihm grosse, fast unübersteigliche
Hindernisse in der Verwaltung und Erhaltung der drei grossen, noch
zusammengehörenden Güter in den Weg stellen würden, und mehr noch als diese
Erkenntnis erschütterte ihn der Teil des Testamentes, welcher Vittoria und
ihren Sohn betraf. Es überflog ihn eine heisse Scham, das Herz presste sich ihm
zusammen. Seinem Vater war also das Geheimnis Vittoria's nicht verborgen
geblieben. Der Greis hatte den Schmerz erduldet, sich verraten zu wissen. Wie
musste ihn dies niedergeworfen, was musste er davon gelitten haben! Die reine,
wahrhafte Natur des Sohnes empörte sich gegen Vittoria, er dachte mit
widerwilligem Zorn an sie und an Valerio, und Beides, Beides tat ihm weh: denn
er liebte Vittoria und er liebte auch den Knaben, den er, obschon er um
Vittoria's Leidenschaft für einen Andern wusste, bis jetzt doch als seinen Bruder
angesehen hatte.
    Bricht denn Alles, Alles unter meiner Hand zusammen? fragte er sich
schmerzlich, und der alte Gedanke, dass er nicht zum Glücke geboren sei,
bemächtigte sich seiner wieder mit erneuter Macht. Er hatte bisher immer viel
Mitleid mit Vittoria gehabt, ihr Leben an des alternden Gatten Seite war ihm
stets als eine grosse Entsagung für sie erschienen. Jetzt beklagte er nur seinen
Vater. Weil er nicht wusste, dass der Freiherr erst ganz kurze Zeit vor seinem
Tode den Verrat Vittoria's erfahren hatte, bewunderte er dessen stolze
Zurückhaltung und die grossmütige Nachsicht, mit der er Vittoria behandelt
hatte. Er machte sich selbst einen Vorwurf daraus, dass er der Verräterin so
viel von seiner Liebe, so viel Freundschaft zugewendet; er hätte seinen Vater
wiederhaben mögen, um es ihm abzubitten, dass er nicht genug Zärtlichkeit für ihn
gefühlt habe, um ihn auf's Neue und mehr und verständnissvoller als bisher zu
lieben.
    Er wusste in einzelnen Augenblicken nicht, was er tun, ja, nicht einmal,
woran er zuerst denken solle. Man erwartete von ihm Bestimmungen über seine
Angelegenheiten, aber er verstand von ihnen wenig, er hatte keine wirkliche
Geschäftskenntniss. Der Freiherr hatte nach dem Abgange von Steinert mehrmals mit
seinen Amtsleuten gewechselt; Renatus wusste aus des Vaters eigenem Munde, dass er
auch dem gegenwärtigen Amtmanne nicht vertraue und dass er eben deshalb zum
Oefteren an eine Verpachtung der Güter gedacht habe, nur dass er sich nicht
entschliessen können, damit einen Teil seiner persönlichen, unmittelbaren
Einwirkung über sein Eigentum aufzugeben. Der Justitiarius erwähnte in einer
dem Testamente beiliegenden Auseinandersetzung dieser Absicht des Freiherrn,
denn der Contract des Amtmanns ging mit dem nächsten Frühjahre zu Ende, und
Renatus musste jetzt entscheiden, ob der Contract, wie es festgesetzt war, dann
auf drei neue Jahre verlängert werden sollte oder nicht. Der Justitiarius sprach
von einem Pächter, der sich gemeldet habe und dessen Bedingungen, wenn man die
Zeitverhältnisse in Erwägung zog, nicht ungünstig genannt werden konnten; aber
es ward die Bedingung daran geknüpft, dass ihm das lebende Inventarium, welches
durch den Krieg auf das Äusserste heruntergebracht worden war, vollständig und
ausreichend ersetzt werden und die Pachtung ihm auf zwölf Jahre zugesichert
werden solle. Für die Beschaffung des Inventariums musste man abermals Kapital
aufnehmen, das jetzt schwer und nur zu hohen Zinsen zu haben war, und die jetzt
während des Krieges gebotenen Pachtpreise auf zwölf Jahre im voraus gelten zu
lassen, fand selbst Renatus nicht für möglich. Er musste also die Dinge gehen
lassen, wie sie eben gingen, aber die Sorge um seinen Besitz wälzte sich wie
eine Last auf ihn, und dazu fing er an, es schwer zu bereuen, dass er die Gräfin
Rhoden zu der Uebersiedelung nach Richten aufgefordert hatte, denn es war ihm
jetzt eine äusserst widerwärtige Vorstellung, sich seine Braut in der Nähe
Vittoria's und in deren täglicher Gesellschaft vorzustellen.
    Ohne dass er sich bestimmte Gründe dafür anzugeben wusste, hegte er, weil er
es eben wünschte, die bestimmte Hoffnung, dass die Gräfin seinen Vorschlag nicht
angenommen haben werde, und nachdem er mit einem Seufzer die
Testaments-Abschrift und die Berichte seines Beamten wieder in ihren Umschlag
geschoben hatte, nahm er zuerst den Brief der Gräfin aus dem zweiten Couverte
hervor, weil er sich den Brief seiner Braut auf zuletzt versparen wollte, um den
schweren Tag doch mindestens mit einem tröstlichen Eindrucke abzuschliessen.
    Aber seine Hoffnung und Voraussicht hatten ihn dieses Mal getäuscht. Die
Gräfin schrieb ihm, dass sie Anfangs Bedenken gegen seine Plane gehegt habe. Sie
sei zweifelhaft gewesen, ob es angemessen sei, gleich nach dem Tode des
Freiherrn sich in dessen Hause einzurichten. Sie habe, da Renatus' Verlobung mit
ihrer Tochter vor der Welt noch ein Geheimnis sei, die Besorgnis gefühlt, dass
man ihr die Absicht zur Last legen werde, eben diese Verlobung herbeiführen zu
wollen; indes Hildegard sei anderer Ansicht gewesen, und da diese ohnehin einer
Erholung bedürftig sei, weil sie sich in der Pflege der Verwundeten, deren Zahl
nach der Schlacht von Grossbeeren in den Berliner Hospitälern so furchtbar
angewachsen, Anstrengungen zugemutet habe, die weit über ihre Kräfte gegangen
wären, so habe die Gräfin sich nach reiflicher Ueberlegung zum Nachgeben
entschlossen und die nötigen Schritte zur Auflösung ihrer Verhältnisse in der
Residenz getan, wobei ihr Graf Gerhard mit gewohnter Zuvorkommenheit seine
Dienste angeboten habe. Sie fügte dann noch hinzu, dass sie, wenn sie ihre
ökonomischen Verhältnisse in das Auge fasse, Renatus für sein Anerbieten doppelt
Dank zu sagen habe, da ihr die Zinsen ihres geringen Vermögens jetzt nicht
regelmässig eingingen; und die Zweifel, welche sie um die Sicherheit ihres
kleinen Kapitals aussprach, waren auch nicht dazu angetan, dem neuen Besitzer
der von Arten'schen Güter das Herz zu erleichtern. Noch hatte er nicht Frau,
nicht Kind, und schon lag, er mochte es ansehen, wie er wollte, die Sorge für
eine grosse Familie auf seinen Schultern. Denn an wen hatten sich Vittoria und
Valerio zu halten, als an ihn? Auf wen, als auf ihn, fiel einmal die Sorge für
Hildegard's Mutter und Schwester? Und diese Einsicht musste er gewinnen an dem
Vorabende einer grossen Schlacht! - Sich zu trösten, sich die Seele zu befreien,
eröffnete er Hildegard's Brief.
    »Mein ewig Geliebter,« schrieb sie ihm, »es soll Ja und Amen heissen zu
Allem, was Du wünschest und angeordnet hast für jetzt und für alle Zeit! Was
könnte Deiner Braut in diesen Tagen, in denen sie Deine Seele von Trauer beladen
weiss, ohne dass sie zu Dir eilen kann, sie Dir tragen zu helfen, Heilsameres
begegnen, als an der Stelle zu weilen, an der Du geboren bist, als an dem Orte
zu leben, der künftig auch ihre Heimat sein wird und an welcher sie mit Dir
vereint das Andenken Deines edeln Vaters heilig in sich pflegen will.
    O, mein Renatus, Lieben, Glauben, Hoffen, das ist alles, was uns übrig
bleibt in den Tagen der Prüfung, in denen wir leben! Ich habe Stunden gehabt, in
denen ich mich mit Zweifeln plagte, mit Zweifeln, ob Dein Vater mich jemals gern
willkommen heissen würde; mit immer neuen Zweifeln sogar an Dir, denn ich meinte,
wäre Deine Liebe der meinigen gleich, so hätte keine Rücksicht der Welt Dich
bewegen können, mich durch Verheimlichung unserer Liebe und unserer Verlobung
fern von Dir zu halten. Und nun das überwunden ist, nun Du Herr bist über unser
Schicksal, nun Dein Wille mich einführt in Deiner Väter Haus, auch jetzt noch
darf ich die bräutliche Myrtenkrone nicht in meine Locken drücken, und jede,
jede Stunde kann für ewig den Schleier nicht endender Trauer über meine ganze
Zukunft werfen! Weiss ich es denn, ob es nicht schon geschehen ist? Weiss ich es
denn, ob des Todes Pfeil Dich nicht bereits ereilte, ob Dein brechendes Auge
sich nicht vergebens nach Deiner Geliebten sehnte, ob Dein letzter Seufzer nicht
vergebens ihren Namen rief? - Ich habe so manches Sterbenden letztes Wort
vernommen - Gott, Gott, wenn Du - aber ich kann, ich mag es nicht denken! Ich
will hoffen, hoffen und beten, weil ich Dich liebe!
    Du hast das Richtige für mich gewählt. Ich habe Ruhe und Stille nötig und
ich gehöre zu den Trauernden. Wie verlangt es mich, unsere schöne Signorina
wiederzusehen, Deinen kleinen Bruder zu umarmen! Ich werde mit unserer Signorina
von Dir sprechen, in Deines Bruders liebem Antlitz Deine Züge suchen; wir werden
nur in Dir, nur für Dich leben, bis Du wiederkehrst; und was diese Jahre der
Trübsal Jedem von uns auch auferlegen - Gott hat sie gesendet, um mit schweren
Leiden an die Herzen derer zu klopfen, die sich abgewendet hatten von sich
selber und von ihm. Denn wie Viele uns der Tod auch entrissen, das Leben hat uns
manchen verloren Geglaubten wiedergegeben, und sollten wir nicht mit unserem
Heilande sagen: Es wird mehr Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Busse
tut, denn über hundert Gerechte?
    Du weisst es, mein Geliebter, von wem ich rede. Es ist eine grosse, eine
erhebende Wandlung mit ihm vorgegangen, und lass es mich bekennen, ich meine
oftmals, mein brünstig flehendes Gebet habe dazu mitgewirkt. Ich konnte, o, ich
konnte den Gedanken nicht ertragen, dass der Deinen Einer, dass Deiner edeln
Mutter Bruder der heiligen Sache des Vaterlandes und uns Allen für immerdar
verloren sein sollte - nein, ich konnte es nicht!
    Dein Oheim weiss es, wie Dein und mein Herz sich gefunden haben, er gönnt uns
unser Glück, er segnet es, und ich glaube oftmals zu bemerken, dass seine Augen
mit Rührung auf mir weilen. Ach, muss es ihn nicht schmerzen, dass er in einer
Zeit herangewachsen ist, in der das heilige Feuer der Vaterterlandsliebe in den
Seelen der Menschen erloschen war? Ist er denn nicht beklagenswert, dass seinem
Leben, wie er mir das einst gestanden, niemals der milde Stern einer reinen
Liebe aufgegangen ist?
    Er hat uns in diesen Tagen der Trauer um Deinen teuren Vater gütevoll zur
Seite gestanden, er hat mir geholfen, die Mutter zur Uebersiedelung in unsere
künftige Heimat zu bestimmen. Frei und unabhängig, wie er ist, bietet er Dir
seine Dienste an, und es müsste mein ganzes Empfinden mich betrügen, oder Du
könntest, was Du von weltlichen Dingen anzuordnen hast, keinem verlässlicheren
Freunde anvertrauen.
    Aber ich schreibe Dir von Hab und Gut, und Du, meine einzige Habe, mein
höchstes Gut, bist mir fern, bist in täglicher Gefahr. O, denke, wo Du auch
immer weilest, denke, dass ich an jedem Morgen und an jedem Abende vor Deinem
Bilde, unter Deinen Augen meine Gebete für Dich zum Himmel sende, denke, dass
mein Leben beschlossen ist, wenn es dem Herrn über Leben und Tod gefallen
sollte, das Deinige als ein Opfer auf dem Altare des Vaterlandes zu begehren.«
    Sie hatte ein paar Myrtenblätter auf den Rand des Briefes festgenäht und ein
Herz darum gezeichnet. »Hier haben meine Lippen, Dein gedenkend, dieses Blatt
berührt!« hatte sie darunter geschrieben, und die Spur ihrer Tränen war auf dem
Papier sichtbar, die Worte waren halb verlöscht. Aber der ganze Brief und vor
Allem diese Weichheit des Schlusses brachten keine gute Wirkung auf ihren jungen
Verlobten hervor.
    Renatus hatte seine Braut nicht wiedergesehen, seit er vor seinem Abmarsche
zu dem russischen Feldzuge Abschied von ihr genommen hatte. Die
Heeresabteilung, bei welcher er stand, hatte bei dem Ausbruch des
Befreiungskrieges ihre Marschroute nach Deutschland im Norden von Berlin gehabt.
Seit mehr als einem Jahre war er auf einen brieflichen Verkehr mit seiner
Verlobten angewiesen gewesen, und ein solcher hat immer sein Bedenkliches, wo es
sich nicht um völlig gefestete und klar bestimmte Verhältnisse handelt. Dass
Renatus es nicht zulässig gefunden, seinen Vater von der Wahl in Kenntnis zu
setzen, welche er getroffen hatte, war gleich Anfangs ein Anlass zur Verstimmung
zwischen ihm und seiner Verlobten geworden. Hildegard hatte ihn der Schwäche
angeklagt, ihm vorgehalten, dass er seines Vaters Ruhe mehr als ihren Frieden
liebe, und da sie wie die meisten Frauen mit einseitiger Beschränkteit nicht
von sich selber abzusehen und keinen Anspruch ausser dem ihrigen für berechtigt
anzuerkennen vermochte, hatte Renatus ihr mit Grund den Vorwurf der Eigensucht
gemacht. Von ihm, um dessen Leben sie sorgte, auf den alle ihre Gedanken
gerichtet waren, getadelt zu werden, das hatte sie nicht ertragen können, und
von den Anklagen gegen Renatus zu den schwersten Selbstbeschuldigungen
übergehend, um ihn wieder zu versöhnen, war sie im Laufe der Zeit allmählich in
eine Sprache der gefühlsseligen Leidenschaft geraten, die sich noch gesteigert
hatte, seit der Freiheitskrieg begonnen und die Anschauungs-, Empfindungs-und
Ausdrucksweise gar vieler Menschen sich durch die grossen Aufregungen bis zur
Uebertreibung gesteigert hatte.
    Renatus hatte sich von dieser Gefühlsrichtung seiner Braut nie wohltätig
berührt gefunden. Er liebte ein frisches, kräftiges Wesen, vielleicht gerade
weil er dessen selbst ermangelte, und das Leben des Soldaten auf dem Marsche und
im Felde war wider sein eigenes Vermuten sehr nach seinem Geschmack. Er hatte
sich auf dem russischen Feldzuge in Entbehrungen und Anstrengungen erproben
lernen, er hatte den grossen Augenblick mit erlebt, in welchem sein General das
ihm anvertraute Corps von der Bundesgenossenschaft mit dem Landesfeinde
losgerissen hatte, und von dem erhabenen Schwunge der begeisterten Volksbewegung
weit über sich selbst hinausgetragen, hatte auch Renatus endlich aus der
Hoffnung auf die Befreiung seines Vaterlandes sein höchstes Ziel gemacht, ohne
dass seine Liebe für Hildegard dadurch beeinträchtigt worden wäre; aber sie
verstand es nicht, sich seinen Stimmungen und Zuständen, wie er es begehrte,
anzupassen. Mitten in der stolzen Aufregung des Kampfes, von Tag zu Tag auf
wildem Kriegspfade fortschreitend, immer nur des nächsten Augenblickes und oft
selbst dieses nicht sicher, sehnte er sich nach dem freudigen Zuspruche eines
tapferen Herzens. Wie jeder Jüngling zum Helden geworden war, so wollte er ein
Heldenweilb in der Geliebten finden, und Hildegard war zu einem solchen nicht
geschaffen.
    Es half Renatus nicht, dass er sich vorhielt, wie mutig sie in den Reihen
der anderen Frauen und Jungfrauen sich der Pflege der Kranken und Verwundeten
unterzogen hatte. So oft er einen Brief von ihr erhielt, peinigten ihn die
klagende Liebe, die fromme Verzagteit, ja, selbst die entsagende
Gottergebenheit ihres Wesens, die es doch allesammt nicht hinderten, dass sie
feste Plane für ihre eheliche Zukunft entwarf und eine Art von Herrschaft über
seine Empfindungen auszuüben strebte, welche ihn stets daran erinnerte, dass er
sich doch eigentlich sehr früh gebunden habe.
    Peinlicher aber als eben der heutige Brief war ihm noch niemals ein anderer
gewesen. Es lähmte ihm jeden Aufschwung, es verdüsterte ihm den ohnehin trübe
genug gestimmten Sinn, von Hildegard, wie er es in seinem Innern nannte, im
voraus die Todtenklage um sich anstimmen zu hören. Es schien ihm eine üble
Vorbedeutung am Abende vor der Schlacht zu sein. Er hätte so viel lieber ein
fröhliches Glückauf, einen siegesgewissen, zukunftssicheren Ruf von ihr
vernommen; und vollends die enge Freundschaft, in welche die Frauen zu dem
Grafen Gerhard getreten waren, und deren Entstehen und Wachsen er seit vielen
Monaten bemerkt und immer ungern gesehen hatte, gereichte ihm heute zu
besonderem Verdrusse.
    Er konnte es in dem eingezäunten Gärtchen nicht mehr aushalten; er kam sich
ohnehin wie an Händen und Füssen gebunden vor. Er stand auf und verliess den engen
Raum.
    Das ganze Dorf lag voll von Truppen. Es war viel Landwehr dabei, und der
Dialekt seiner Heimat schlug mehrmals an sein Ohr. Er meinte, er müsse irgendwo
bekannte Gesichter erblicken, eine Anrede erfahren: und sie wäre ihm willkommen
gewesen. Aber Niemand achtete auf ihn, es hatte Jeder mit sich selbst genug zu
tun.
    An den abgeschirrten Batterien, an den Reihen aufgestellter Bayonnette
vorüber schritt er zum Dorfe hinaus. Es war dort, wie hier! Ueberall Hast und
Lärmen, überall Gehen und Kommen, überall das Dröhnen der Schritte von neu
heranziehenden Truppen und das Rollen der Geschütze und der Munitionswagen.
Dazwischen Gruppen von ermüdeten, am Boden liegenden Ankömmlingen, die schlafend
fast mitten im Wege dalagen und jeden Augenblick von Pferdehufen getroffen
werden konnten.
    Die Sonne war schon untergegangen, der Himmel bewölkte sich mehr und mehr,
es dunkelte früh. Aus den Wiesen und Wassern stiegen die Nebel auf und drückten
den Rauch von den zahllosen Beiwachtfeuern nieder, an denen die Soldaten sich
ihr Abendbrod, und für wie viele unter ihnen musste es das letzte Abendbrod sein,
bereiteten.
    In der Ferne ertönte Trommelwirbel, von verschiedenen Seiten erschallte in
Zwischenräumen die Signaltrompete. Weit hinten am Horizonte stiegen zwei weisse
Leuchtkugeln in die Höhe. Was bedeuteten sie?
    Er ging zwecklos vorwärts; er hatte mitunter keinen festen Gedanken, so
Vielerlei, so Schweres zog ihm durch den Sinn, und dazwischen fragte er sich
immer wieder: was bedeuten die beiden weissen Leuchtkugeln?
    Den Tod für Viele ganz gewiss! gab er sich endlich selbst zur Antwort, und
wie er denn so einsam dahinzog auf der weiten, weiten, nachtbedeckten Ebene,
einsam unter den Hunderttausenden, die morgen das blutige Spiel beginnen mussten,
über die in wenig Stunden das Todesloos gezogen werden sollte, wie er hier an
einem Schlafenden vorüberkam, dort fröhliches Lachen und Singen vernahm, dachte
er: Wer von Euch wird morgen noch singen und scherzen? Wer von uns wird schlafen
gehen für immer? - und es kam ihm gar nicht furchtbar vor, zu diesen Letzteren
zu gehören.
    Was blühte ihm denn in der Zukunft? Was hatte er von ihr zu erwarten?
Quälende Verhältnisse, wohin er sich auch wendete, Verpflichtungen und Sorgen
aller Art! Und wofür das? Hatte er den Verfall seines Familienbesitzes und
Vermögens verschuldet? Hatte er Vittoria in das von Arten'sche Haus geführt? Er
mochte gar nicht an sie denken. - Und Hildegard? Nun, Hildegard hatte sich in
ihre künftige Trauer so hineingelebt, dass sie wohl vorbereitet sein musste, ihr
Schicksal zu tragen, wenn ihre Ahnungen sich verwirklichten.
    Die Briefe hatten lange Zeit gebraucht, bis sie an ihn gelangt waren. Jetzt,
dachte er sich, mussten sie Alle schon in Richten beisammen sein. Er sah sie
deutlich vor sich: Vittoria mit ihrem Sohne, der nicht mehr sein Bruder sein
sollte, und die Gräfin und Hildegard und ihre Schwester. Er sehnte sich nicht
dortin. Ihm bangte vor dem verwaisten Schloss, und je länger seine Gedanken
dort verweilten, um so schmerzlicher drängte sich ihm der immer wiederkehrende
Frageruf in die Seele: Vittoria, warum hast Du mir das angetan? - Er fühlte
sich allem Anderen gewachsen, nur Vittoria verachten zu müssen, in Valerio nicht
mehr einen Bruder zu besitzen, heimliche Unehre eingedrungen zu sehen in das
würdige Haus seiner Väter, das zerriss ihm das Herz, und die Zornestränen in den
Augen zerdrückend, sagte er sich: Ich bin also der Letzte unseres Hauses,
unseres Namens! Falle ich morgen, so ist unser altes Geschlecht erloschen und
dahin!
    Aus seiner Entmutigung riss diese Vorstellung ihn empor. Er wollte nicht
mehr untergehen! Er war es denen schuldig, die vor ihm gewesen waren, ihr
Geschlecht und ihren Namen aufrecht zu erhalten für die Zukunft, er schuldete
sich seinen Ahnen. Er wollte leben bleiben. Morgen wollte er die Frage an die
geheimnisvollen Mächte tun, welche das Schicksal der Menschengeschlechter
lenken. Verschonte ihn dieses Mal die Schlacht, so sollte ihm das ein Zeichen
sein, dass Gott das Fortbestehen des Hauses und des Namens derer von Arten in
seiner Weisheit angeordnet habe. Der morgende Tag sollte ihm zu einer
Entscheidung auch für sich selber werden.
    Gefasster, als er es verlassen hatte, kehrte er in sein Quartier zurück. Er
fand Platz an dem Tische und setzte sich nieder, um nach Hause zu schreiben,
denn die Anfragen des Justitiarius bedurften einer Antwort; als er sich aber
anschickte, sie zu geben, fiel es ihm erst ein, wie in seines Vaters
letztwilligen Anordnungen gar keine Rücksicht auf den doch so möglichen Fall
genommen war, dass Renatus bei seines Vaters Tode nicht mehr am Leben gewesen
wäre, und obschon diese Zuversicht des Freiherrn auf des Sohnes Stern für diesen
eben so erhebend als rührend war, sagte er sich doch, dass es eine Gewissenssache
für ihn sei, eine Entscheidung zu treffen, eine Entschliessung zu fassen.
    Der Freiherr hatte mit seinem Testamente den ihm untergeschobenen Sohn eines
Fremden offenbar von dem Anteile an dem von Arten'schen Erbe ausschliessen
wollen, so weit er dies vermochte, ohne die ihm und seiner Ehre angetane
Kränkung kundzugeben. Dass er seinem Sohne erster Ehe den möglichst vollständigen
Besitz des Hauses zu erhalten suchte, da die Artenschen Güter kein Majorat
waren, konnte an und für sich selbst in den Kreisen, in welchen die Familie
lebte, keinen Verdacht gegen Vittoria und gegen die Abstammung Valerio's
erregen, die trotz der freiherrlichen Verfügung noch immer günstiger zu stehen
kamen, als es bei der Vererbung eines Majorates für sie der Fall gewesen sein
würde. Der Freiherr hatte also, nach seines Sohnes Meinung, den Erbantritt
Valerio's nicht völlig ausschliessen wollen. Das Fortbestehen seines Namens und
Geschlechtes hatte ihm höher gestanden, als die Befriedigung seiner beleidigten
Ehre. Starb Renatus kinderlos, so fiel, wenn auf Valerio nicht Bedacht genommen
wurde, was jedoch geschehen musste, so lange seine unrechtmässige Geburt nicht
gerichtlich festgestellt worden war, der Arten'sche Besitz an die nächsten Erben
und Anverwandten von Renatus, an die Brüder seiner Mutter, und mit Einem Male
schoss es dem jungen Manne wie ein Strahl durch das Gehirn, was die Annäherung an
ihn, die Graf Gerhard seit Jahren mit einer gewissen Beflissenheit betrieben
hatte, was die Freundschaft, welche der Graf für die Braut seines Neffen
gegenwärtig kundgab, zu bedeuten haben könnten. dabei kam ihm, wie mit einem
Zauberschlage, eine Äusserung in das Gedächtnis, welche Graf Gerhard einmal
gegen ihn getan hatte, als er ihn zum Eintritte in die Dienste des Königs von
Westfalen überreden wollen. Er hatte Renatus damals, um ihn vom Kriegsdienste
abzuhalten, den einzigen Erben seines Familiennamens genannt, und als dieser ihn
an seinen Bruder Valerio erinnert, hatte der Graf mit einem bösen Lächeln ihm
entgegnet: »Vittoria's Sohn wird einmal auf Deine Grossmut angewiesen sein!«
Renatus hatte das lange nicht vergessen können; dann hatten die Ereignisse der
letzten Jahre jene Äusserung aus seiner Erinnerung verwischt, und jetzt trat sie
wieder mit voller Klarheit in sein Bewusstsein zurück.
    Es überlief ihn heiss und kalt. Graf Gerhard wusste also um Vittoria's Untreue
und er rechnete auf sie; denn dass er, der seine eigene, wahre Ehre nicht
geachtet hatte, kein Bedenken haben würde, fremde Ehre Preis zu geben, wo sein
Vorteil es erheischte, darauf meinte der Freiherr seinen Oheim wohl zu kennen.
Wie der flammensprühende Krater eines mit Vernichtung drohenden Vulkans tat es
sich vor seinen Blicken auf. Ihm graute davor, und doch konnte er sein Auge
nicht davon losreissen. Je länger er darüber nachsann, desto weniger wusste er
sich Rat.
    Er dachte daran, sein Testament zu machen und Valerio ganz ausdrücklich zu
seinem Erben zu ernennen, denn immer wieder fühlte er es, er liebte diesen
Knaben brüderlich. Aber sein Vater hatte dies doch offenbar nicht eigentlich
gewollt, und auch in Renatus sträubte sich das Arten'sche Blut dagegen, ganz
abgesehen davon, dass die Einsetzung Valerio's ohne Frage einen Erbschaftsstreit
und mit ihm die Entüllung von Vittoria's Ehebruch heraufbeschwören konnte, den
der Freiherr vor der Welt zu verbergen beabsichtigt hatte. Dann wieder fand
Renatus sich geneigt, Hildegard zu seiner Erbin zu bestimmen. Indes der Name
seines Geschlechtes wurde damit nicht erhalten. Die Freundschaft, welche Graf
Gerhard für die mittellose junge Gräfin hegte, konnte gegenüber der Erbin des
Arten'schen Besitzes leicht in eine wärmere Empfindung übergehen, und Renatus
hielt es gar nicht für unmöglich, dass Hildegard, um ihr Werk der vermeintlichen
Bekehrung an dem Grafen Gerhard zu vervollständigen, sich selbst zum Opfer
bringen könne. Er hatte heute ein unaussprechlich bitteres Gefühl, so oft er an
sie dachte. Er wusste nicht, war es Misstrauen, war es Eifersucht, was ihn also
quälte; aber er vermochte das letztere nicht recht zu glauben, denn heute konnte
er es sich nicht verbergen: er liebte sie eigentlich nicht, er hatte sie niemals
wahrhaft geliebt. Es war eine Aufwallung, eine Uebereilung gewesen, dass er sich
ihr anverlobt hatte, ihr ganzes Wesen sagte ihm immer weniger zu, und wie ein
Angstschrei rang sich, ohne dass er es wusste, aus seinem beklommenen, geänstigten
Herzen der laute Ausruf: Freiheit, Freiheit! empor.
    Er erschrak, als er ihn getan hatte. Seine Kameraden, die noch plaudernd
beisammen sassen - die beiden Schläfer waren während seines einsamen Ganges auch
wieder munter geworden - wendeten sich nach ihm um.
    Das wird in diesem Augenblicke noch Mancher ausser Ihnen rufen, lieber Arten,
sagte der Hauptmann; und frei werden wir werden auf die eine oder die andere
Art, wenn Jeder von uns morgen Alles an Alles setzt! fügte er hinzu.
    Die Unterhaltung der Anderen geriet dadurch ins Stocken; sie waren sammt
und sonders ernstaft geworden. Der Hauptmann zog einen Brief aus der
Brusttasche und sprach: Es wird morgen eine Schlacht geschlagen werden, wie die
Weltgeschichte noch keine aufzuweisen hat. Wer sie von uns überleben wird, das
steht in des Allmächtigen Hand. Lassen Sie uns einander das Versprechen leisten,
dass die Ueberlebenden Kunde von den Todten in die Heimat senden.
    Er hielt einen Augenblick inne, zeigte den Anderen den Brief, den er danach
wieder in die Brusttasche steckte, und setzte mit weicher Stimme hinzu: Ich habe
eine Frau und zwei Kinder zu Hause. Falle ich und Sie können meiner Leiche
habhaft werden, so schicken Sie diesen Brief an meine Frau. Gehe ich verloren in
der Masse, nun, so meldet wohl Einer von Ihnen ihr das Geschehene, damit es ihr
menschlicher und früher als durch die Todtenliste zukommt. Ich stehe, soweit es
nötig und mir möglich ist, Jedem von Ihnen zu dem traurigen Gegendienste
bereit.
    Man sagte einander das Begehrte mit ruhigem Worte zu. Die Lieutenants waren
junge Edelleute und gleich Renatus unverheiratet. Der Hauptmann war
bürgerlicher Herkunft. Er war bedeutend älter als die Anderen, und hatte in dem
Regimente von der Pike auf gedient. Renatus wusste, dass er ohne Vermögen sei, dass
er seiner Familie nichts weiter zu vererben habe, als seinen unbescholtenen
Namen und die Erinnerung an seine Liebe und an seine Treue; aber wie schwer dem
Hauptmanne das Herz auch sein mochte, Renatus beneidete ihn, weil so einfache,
natürliche Verhältnisse ihn an das Leben fesselten. Denn wie er sich dagegen
auch innerlich verteidigte, es bemächtigte sich seiner auf's Neue der dumpfe
Lebensüberdruss, der ihn heute schon zu verschiedenen Malen überfallen hatte, und
unfähig, irgend einen festen Entschluss zu fassen, warf er sich mit den Anderen
zum Schlafe auf den Boden nieder.
    Der morgende Tag sollte entscheiden! Auch über ihn und seine persönlichen
Angelegenheiten sollte er entscheiden!
 
                                Zehntes Capitel
Und sie war gefallen, diese Entscheidung: so erhaben und so glorreich für das
deutsche Vaterland, als die kühnste Einbildungskraft es nur hatte erhoffen
können.
    Das Dorf, durch welches Renatus an dem Vorabende der Schlacht gegangen war,
lag in rauchenden Trümmern. Es war der Schauplatz eines mörderischen Kampfes
gewesen. Von den Offizieren, die in jenem Bauernhause bei einander gesessen
hatten, waren nach den drei grossen Tagen nur noch Renatus und ein noch jüngerer
Edelmann am Leben. Es waren Wunder der Tapferkeit getan worden.
    Im Verein mit den Ostpreussen hatte das Regiment, in dem Renatus diente,
Gehöft um Gehöft, nachdem der Feind Herr des Ortes geworden war, wie eben so
viele Festungen, wiedererobern müssen, und, seiner Compagnie voranstürmend, war
der Hauptmann an Renatus' Seite von einer Kartätschenkugel niedergeschmettert
worden. Lautlos war er zusammengesunken, und trotz des Kampfes wilder Hast sich
zu ihm niederbeugend, um sein Wort zu lösen, hatte der junge Freiherr die
Papiere und das Schreiben seines Hauptmanns an sich genommen; aber diese
Pflichterfüllung hatte ihm selber fast den Tod gebracht; denn wie Renatus sich
emporrichten wollte, stolperte sein Fuss über die Leiche eines eben erstochenen
Soldaten. Ein Kolbenschlag, dem der wankende Renatus nicht widerstehen konnte,
verwundete ihn und warf ihn nieder; auch über seiner Brust blitzten schon die
Bayonnette der Franzosen, die sich aus einem der in Brand geratenen Gehöfte in
wildem Durcheinander den Stürmenden entgegenstürzten.
    Da warf sich plötzlich eine hohe, kräftige Mannesgestalt, an der Spitze
einiger ihr folgenden Landwehrmänner, mit raschem Entschlusse den Andringenden
in den Weg.
    Auf, auf, Herr von Arten! rief er, während er die Feinde, welche den
Hingesunkenen bedrohten, mit ungewöhnlicher Kraft und höchster eigener Gefahr so
lange aufzuhalten wusste, bis Renatus wieder Meister über sich geworden war und
Zeit gefunden hatte, sich zu erheben, um sich in dem grausen Handgemenge, das
wie die stürzenden Wellen des Meeres auf und nieder wogte, selber wieder zu
behaupten.
    Es waren nur flüchtige Secunden gewesen, die sein Erretter neben ihm
verweilte. Auf! auf Herr von Arten! hatte er noch einmal gerufen, dann hatte die
nächste Kampfeswelle sie weit von einander fortgerissen, und doch hatte Renatus
ihn erkannt, doch war selbst in jener verhängnisvollen Minute das wundersam
unheimliche Gefühl durch sein Inneres gezogen, das er stets empfunden hatte, so
oft er in dieses Mannes Nähe gekommen war, so oft er seiner nur gedachte.
    Durch seine Verwundung für die nächsten Tage dienstunfähig gemacht, in Folge
der über seine Kräfte gehenden Anstrengungen erschöpft, lag Renatus neben andern
Kranken und Verwundeten, leise fiebernd, in einem der Zimmer des
Bürgerhospitals. Sein Gehirn war frei, nur bisweilen trübten sich seine
Vorstellungen, und er wusste dann nicht zu unterscheiden, was wirklich geschehen
war und was er in dem Halbschlafe des Fiebers träumend durchgemacht hatte. Ein
paar Mal fuhr er in die Höhe. Er meinte dann, sich wieder im Kampfesgewühle zu
befinden, er sah die Bayonnette wieder auf seine Brust gezückt, er hörte wieder
das kräftig drängende: »Auf, auf, Herr von Arten!« und wie in jenem Augenblicke
ertönte es ihm als ein Mahnwort von seines Vaters Munde, der ihn zur
Selbsterhaltung um des Hauses willen aufrief.
    Wenn er dann aber in seinen Träumen in die Höhe schaute, um in seines Vaters
Schatten seinen Schutzgeist zu erblicken, stand Paul Tremann wieder vor ihm,
jede Sehne der prachtvollen Gestalt gespannt, das schöne Antlitz voll
kaltblütiger Entschlossenheit - und ein eisiger Frostschauer beschlich des
Kranken Herz. Er wachte unzufrieden und erschreckend auf. Er konnte seines
Lebensretters nicht mit Liebe, nicht mit Freuden denken. Er glaubte sich sagen
zu dürfen, dass er Paul den gleichen Dienst geleistet haben würde. Es war nur
Menschenpflicht, einander im Kampfe beizustehen, und doch drückte, doch
widerstrebte es ihm, dass Paul ihm mit eigener Gefahr zu Hülfe gekommen war, dass
er eben ihm, eben diesem Manne sein Leben zu verdanken haben sollte.
    Indes Renatus hatte von seinem Vater mit dem fatalistischen Aberglauben
desselben auch die Fähigkeit geerbt, sich die Dinge nach seinem inneren Bedürfen
zurecht zu legen und zu deuten, und wie seine Kräfte ihm allmählich
wiederkehrten, begann er das ihm beunruhigende und peinigende Erscheinen und
Dazwischentreten seines Bastardbruders für jenes Zeichen anzusehen, das er in
seiner Entmutigung am Vorabende vor der Schlacht von dem Geschicke gefordert
hatte.
    Er zweifelte jetzt nicht mehr daran, dass seinem Hause ein Fortbestehen
sicher sei, und der schöne Erfolg, den er persönlich errungen hatte, als er noch
am letzten Tage der Schlacht zum Stellvertreter und Nachfolger seines gefallenen
Hauptmanns ernannt worden war, hatte sein Selbstvertrauen und die Zuversicht auf
seinen eigenen Stern in ihm belebt und gehoben.
    Ohne eigentliche kriegerische Neigung war er in das Heer getreten und
widerstrebend in den russischen Krieg gezogen. Aber wie wenig er der
französischen Sache auch geneigt gewesen war, so hatte er doch die begeisterte
Vaterlandsliebe nicht gehegt, die er bei dem Beginne der Freiheitskriege in sich
hatte erwachen fühlen und die zu einer heiligen Flamme in ihm geworden war, seit
er in ihrem Dienste Blut und Leben eingesetzt. Jetzt war mit seinem Erfolge auch
sein Ehrgeiz angefacht, und wie sein Blick sich vorwärts auf neue Siege, neue
Ehren, auf eine grosse militärische Laufbahn richtete, minderten sich die Sorgen,
mit denen er nach der letzten Kunde von den Seinigen an die Heimat
zurückgedacht hatte.
    Er konnte, wie er sich richtig sagte, bei seiner bisherigen Unkenntnis von
allem, was die Guts- und Vermögens-Verwaltung anbetraf, aus der Ferne keine
grossen, umgestaltenden Massregeln treffen. Es war das Geratenste, bis zur
Beendigung des Krieges die Dinge gehen zu lassen, wie sie einmal eingeleitet
waren. Er wies also, als er endlich wieder im Stande war, seine Angelegenheiten
vorzunehmen, den Justitiarius an, den Contract mit dem Amtmanne zu erneuern, die
Wirtschaft desselben, so weit es möglich sei, zu überwachen, die Inventarien,
so gut es tunlich, allmählich herzustellen, die Ausgaben auf jede Weise
einzuschränken und im Uebrigen wie bisher mit gewissenhafter Treue für ihn und
seinen Besitz Sorge zu tragen.
    Als er diesen Brief mit Selbstzufriedenheit durchlas, kam ihm, nach dem eben
erst Erlebten, der Gedanke an die Möglichkeit seines eigenen Todes doch wieder
mit verstärkter Macht, und er sagte sich, dass er notwendig für diesen Fall, da
sein Vater es nicht getan hatte, in Bezug auf Vittoria und vor allen Dingen in
Bezug auf Valerio seine Massnahmen zu treffen habe. Es war notwendig, einen
Vormund für Valerio, einen männlichen Beistand für die Baronin, einen Curator
für die ganze Vermögens- und Besitz-Verwaltung zu ernennen, und Renatus wusste
lange keine ihn befriedigende Wahl zu treffen.
    Er kannte die Verwandten seiner Mutter wenig, aber er würde dem
Majoratsherrn Grafen Berka mit vollem Vertrauen seine ganzen Angelegenheiten
übergeben haben, denn die Ehrenhaftigkeit und Tüchtigkeit desselben war über
jeden Zweifel erhaben; indes Graf Felix stand, wie Renatus selbst, im Felde, und
den Grafen Gerhard mit diesen Ehrenämtern zu betrauen, daran wagte Renatus nicht
zu denken. Allerdings beurteilte er, weil er überhaupt zu dauernder Strenge und
Entschiedenheit im Urteile seiner ganzen Natur nach nicht geneigt war, den
Grafen jetzt in manchem Betrachte milder, als an dem Tage, da er den letzten
Brief über ihn von Hildegard erhalten hatte. Er war sich während seines kurzen
Krankenlagers der verhältnissmässigen Wandlungen bewusst geworden, welche er selber
in den letzten beiden Jahren in sich erfahren hatte, und es gab für ihn manche
Stunden, in denen er es zu entschuldigen fand, dass Graf Gerhard sich früher der
französischen Sache und der kaiserlichen Fahne angeschlossen hatte. Waren doch
auch in seinem eigenen Vaterhause französische Sitte und Sprache lange genug
alleinherrschend gewesen, und seiner grossen Bewunderung für den Kaiser hatte
sein Vater, der verstorbene Freiherr, selber niemals Hehl gehabt. Es war also
denkbar, es war möglich, man konnte es vielleicht entschuldigen, wie Graf
Gerhard es jetzt selber tat, dass dieser sich als ein junger, lebhafter und
dabei nicht eben reicher Mann einst für seine Tätigkeit in französischen
Diensten ein Feld eröffnet hatte. Es war auch nicht unglaublich, dass die
wachsende Tyrannei, die nicht endende Kriegslust des Kaisers dem deutschen
Edelmanne endlich die Augen über seinen Irrtum geöffnet hatten, und dass er, in
der Reue über seine Verblendung, sich mit doppeltem Eifer und doppelter
Begeisterung an die Sache seines Vaterlandes hingegeben hatte. Aber wenn das,
wie Graf Gerhard es von sich behauptete, der Fall war, wesshalb focht er jetzt
nicht in den Reihen seines Volkes, seiner Standesgenossen, seiner Brüder? -
Wesshalb setzt er nicht, wie wir alle, sein Leben für die Sache des Vaterlandes
ein? fragte sich Renatus mit richtiger Selbstschätzung, und sein persönliches
Misstrauen gegen seinen Oheim wurde dadurch immer wieder auf's Neue erweckt und
verstärkt.
    Indes eine Wahl musste er treffen, und wie er die Reihe der Edelleute
durchdachte, die seinem Vater und seinem Hause verbunden gewesen waren, stiess er
auf eine Schwierigkeit, die er bis dahin nicht in das Auge gefasst hatte. Ein
jeder Bevollmächtigte musste, wenn er das Testament des Freiherrn sah, in welchem
Valerio immer und ausdrücklich nur als der Sohn Vittoria's, nie als des
Freiherrn Sohn bezeichnet war, die Verhältnisse des Hauses in einer Weise
erkennen lernen, wie sie Andern, Fremden, bekannt werden zu lassen der
verstorbene Freiherr eben zu vermeiden gewünscht hatte; und hin und her
erwägend, wie es vielleicht auch nicht einmal ratsam sei, einem befreundeten
Standesgenossen die volle Einsicht in seine verwickelte und schwierige Lage zu
vergönnen, bedauerte Renatus es in tiefster Seele, dass es nicht mehr Adam
Steinert sei, der an der Spitze der freiherrlichen Güter stehe.
    Er hatte Adam wenig gekannt, aber alles, was er jemals von dem verstorbenen
Caplan und andern Personen über ihn vernommen, hatte entschieden zu des Mannes
Gunsten gelautet. Wäre Adam noch als oberster Verwalter auf den Gütern und im
Dienste des freiherrlichen Hauses, oder wäre er nur auf Marienfelde und nicht im
Heere gewesen, so würde Renatus, allem Familien-Herkommen entgegen, ihn zu dem
Vormunde von Valerio und überhaupt zu seinem Vertrauensmanne ausersehen haben;
und dass Adam sich trotz alles Vorgefallenen hätte geehrt fühlen müssen, von
einem Freiherrn von Arten ein solches Amt zu übernehmen, daran zu zweifeln fiel
dem jungen, in standesmässigem Hochmute auferzogenen Manne gar nicht ein. Er
erinnerte sich, dass selbst der alte Flies, der mit seinem Lobe zu kargen gewohnt
war, den Adam Steinert als einen der ausgezeichnetsten Landwirte und als einen
höchst umsichtigen Geschäftsmann bezeichnet hatte, und während Renatus diesen
Ausspruch noch in sich erwog, fiel es ihm ein, wie der alte Flies seit länger
als einem Menschenalter mit allen Unternehmungen und auch mit den wachsenden
Verlegenheiten des verstorbenen Freiherrn wohl bekannt gewesen sei und wie es
also vielleicht das Geratenste sein dürfte, ihn, auf dessen Verschwiegenheit
der Freiherr Franz sich von jeher fest verlassen hatte und an dessen Meinung dem
jungen Edelmanne im Grunde nicht viel gelegen war, dem Justitiarius
beizugesellen und ihnen gemeinsam die Vorsorge für die väterliche
Verlassenschaft wie für die in Richten Hinterbliebenen zu überantworten.
    Eine abschlägige Antwort fürchtete Renatus von Herrn Flies noch weniger, als
er sie von Steinert erwartet haben würde; denn einerseits hatte der Banquier
bedeutende Hypoteken auf Neudorf und auf Rotenfelde, anderseits hatte er aber
auch Wechsel von dem verstorbenen Freiherrn in Händen, die für dessen Erben in
jedem Augenblicke unbequem und gefährlich werden konnten, wenn Herr Flies sich
einmal versucht fühlen sollte, sie nicht mehr zu verlängern. Es lag also in dem
beiderseitigen Vorteile, in gutem Einvernehmen zu verbleiben. Dem Herrn Flies
musste es notwendig gerade darum zu tun sein, die Sachverhältnisse genau zu
kennen, und - Renatus schämte sich halbwegs vor sich selber, als er sich dieses
Bestimmungsgrundes bediente - wenn Herr Flies auf solche Weise auch tiefer, als
Jener es begehrte, in das von Arten'sche Familienleben hineinsah, nun, so konnte
man sich immer noch auf Seba's Freundschaft für die verstorbene Baronin Angelika
verlassen, und schlimmsten Falles, nach den vertraulichen Mitteilungen des
Grafen Gerhard, von Herrn Flies um Seba's willen Verschwiegenheit gegen
Verschwiegenheit beanspruchen.
    Es war dem jungen Freiherrn nicht ganz wohl bei diesen letzten Erwägungen
und Betrachtungen zu Mute. Er würde nie darauf gekommen sein, sie gegenüber
einer adeligen Familie anzustellen; aber mit einer bürgerlichen und vollends mit
einer Juden-Familie war das etwas ganz Verschiedenes. Er stand mit ihnen, welche
Rechte die neuere Zeit und die neue Gesetzgebung ihnen auch einräumten, durchaus
nicht auf demselben Boden; sie waren in keinem Betrachte seines Gleichen. Ihre
und seine Ehrbegriffe konnten gar nicht dieselben sein, ihre Welt war nicht die
seine, und es blieb ja immer seinem Ermessen überlassen, sobald die
Zeitverhältnisse es ihm gestatteten, eine Verbindung zu lösen, einen
Zusammenhang aufzugeben, die eben nur durch die zwingende Gewalt der Umstände
für ihn zu einer augenblicklichen Notwendigkeit geworden waren.
    Dazu drängten ihn seine Marschordre wie sein eigenes Verlangen, so bald als
möglich seinem Regimente zu folgen, dem Befehl über die Compagnie, den er in den
beiden letzten Tagen der Schlacht aus eigner Machtvollkommenheit geführt hatte,
nun als ihr ernannter Hauptmann in aller Form zu übernehmen, und selbst die
Rücksicht, dass Paul ein Teilnehmer des Flies'schen Handlungshauses sei, änderte
schliesslich in des jungen Freiherrn Vorhaben nichts, sie bestärkte ihn nur noch
in demselben. Eine persönliche Berührung mit jenem wurde für Renatus vorläufig
dadurch keineswegs notwendig. Bei Geschäften, wie das Haus Flies sie seit
langen Jahren mit seiner Familie gemacht hatte, fielen aber dem Kaufmanne immer
wesentliche Vorteile zu, und, sagte Renatus sich mit selbstgefälliger
Herablassung, Paul war doch einmal seines Vaters Sohn. Es stand also, wie der
junge Freiherr meinte, den Erben seines Vaters gar wohl an, dem nicht
rechtmässigen Sohne desselben, wenn es sich so fügte, einen Vorteil zuzuwenden
und ihn verdienen zu lassen, was sonst einem Fremden zufiel. Er war mit dieser
Schlussfolgerung, von grosser Niedergeschlagenheit ausgehend, doch schnell wieder
dahin gelangt, sich und seine Verhältnisse zu überschätzen, weil es ihm zu
quälend war, sie lange in ihrem richtigen Lichte zu betrachten, und wie er sich
nun auf's Neue nach seinem selbstgeschaffenen Massstabe auferbaut hatte, legte er
denselben auch an die Andern an, so dass er sich bald in gutem Glauben zu der
Ausführung seiner Absichten entschloss.
    Er schrieb dem Justitiarius also, wie er es gehalten haben wolle, er schrieb
auch an Herrn Flies, wie jenes Vertrauen, welches die Freiherren von Arten, sein
Grossvater wie der verstorbene Freiherr Franz, zu Herrn Flies und zu dessen
Einsicht und Rechtschaffenheit stets gehegt hätten, es ihm sehr wünschenswert
machten, wenn Herr Flies sich der einstweiligen Vormundschaft über den jungen
Freiherrn Valerio unterziehe, wenn er der verwittweten Freifrau von Arten wie
dem Justitiarius zur Seite stehe, und Renatus berief sich dabei ausdrücklich auf
die früheren persönlichen Beziehungen, welche zwischen ihm selbst und dem
Flies'schen Hause obgewaltet hätten. Er meldete es, dass er Hauptmann geworden
sei, erwähnte, dass er in der Schlacht von Möckern in Todesgefahr geschwebt habe;
aber er unterliess es, hinzuzufügen, wem er seine Rettung zu verdanken habe. Dass
er vor seinem Ausmarsche von Berlin die Gräfin Rhoden aufgefordert, jeden Umgang
mit Seba abzubrechen, dass das blosse Wort des Grafen Gerhard, dem er in seinen
persönlichen Beziehungen ganz und gar misstraute, hingereicht hatte, ihn den Stab
über Seba, über die Freundin seiner Mutter, brechen zu lassen, das alles
erwähnte er freilich nicht. Er hegte die feste Ansicht, dass es einem Manne wie
ihm anstehe und erlaubt sei, sich der ihm nicht ebenbürtigen Menschen wie der
Werkzeuge zu bedienen, die man aufnehme und liegen lasse, je nachdem man sich
ihrer benötigt finde. Es war das keine Sache der Ueberlegung bei ihm, es lag
ihm im Blute, war ihm ein angezeugter, angeerbter Glaube, und er hatte über
dasjenige, was ihn nicht selbst betraf, niemals ernstaft nachgedacht, obschon
es ihm, wo er ihn anzuwenden für gut befand, an Scharfsinn nicht gebrach.
    Der verstorbene Freiherr hatte sich, wie Renatus wusste, des Herrn Flies
bedient, als es sich um die Unterbringung und Erziehung Paul's gehandelt, man
hatte die Baronin im Flies'schen Hause ihr Krankenlager halten lassen, ohne
dadurch sich irgendwie zu besonderem Zusammenhange mit der Familie verpflichtet
zu glauben, und Renatus war überzeugt, dass auch für ihn angemessen und auch
jetzt noch möglich sei, was seine Eltern einst für sich angemessen und möglich
gefunden hatten. Er haftete überhaupt, und wie sollte und konnte es anders sein,
mit seinem ganzen Sinne auf dem Boden der Ueberlieferungen. Die Ehre, wie er sie
verstand, erschien ihm immer noch als ein Vorrecht, als ein ganz
ausschliesslicher Besitz des Adels. Nur der Rückblick auf eine Ahnenreihe konnte
den Begriff der wahren Ehre, wie er meinte, in dem Menschen entwickeln. Nur wer
sein Tun und Handeln in jedem Augenblicke der Würde aller derjenigen anzupassen
hatte, die vor ihm den Familienschatz der Familienehre angesammelt hatten,
konnte die verantwortlich machende Selbstachtung besitzen, ohne welche die wahre
Ehre nicht bestehen kann: jene Ehre und jene Ehren, die den mittellosesten und
geistig geringsten Edelmann, als Mitglied einer besonderen Kaste und einer
besonderen Race, über alle Nichtadeligen erheben, welcher geistigen oder
äusserlichen Mittel und Vorzüge diese sich auch zu rühmen haben mögen.
    Es war nicht allein der Tod seines Vaters, es war mehr noch das Bewusstsein
der eigenen im Felde bewiesenen Tapferkeit, welche in Renatus den alten
Adelsstolz seines Hauses jetzt auf's Neue und stärker als je zuvor belebte. Dass
um ihn her Tausende und aber Tausende von Nichtadeligen das Gleiche wie er
getan hatten und taten, das verminderte seine Selbstzufriedenheit nicht im
geringsten. Wie es Sitte unter denen von Arten war, den Familienschmuck der
Frauen bei der Verheiratung des Stammhauptes zu vergrössern, so gehörte es sich,
dass jeder Herr von Arten den Stammesschatz der Familienehren zu erhöhen suchte.
Der Freiherr Franz hatte in Friedensjahren die Kirche in Richten gebaut; Renatus
dachte dem Hause in seinem Namen neue Ehren, kriegerische Ehren zuzuführen, da
die Bahn des Krieges vor ihm ausgebreitet lag; und nun er sich durch seine
neuliche Erhaltung des Fortbestehens seines Hauses überhaupt versichert glaubte,
waren eine Heiterkeit und eine Zuversicht über ihn gekommen, die ihm sonst nicht
eigen gewesen waren.
    Nur an Hildegard konnte er nicht mit freiem Herzen denken, und es kam ihm
schwer an, ihr zu schreiben. Als er sich aber dazu erst überwunden hatte,
beschloss er, es mit aller der Wahrhaftigkeit zu tun, die einem Edelmanne seiner
künftigen Gattin gegenüber zieme.
    Er sagte ihr, dass er sich mit ihrer Gefühlsweise oftmals gar nicht in
Uebereinstimmung finde, dass er sich jetzt, wo er dem Tode nur mit genauer Not,
nur wie durch ein Wunder entgangen sei, in seinem Innern reiflich geprüft, und
es erkannt habe, wie seinem Verlöbnis mit ihr nicht jene Alles umfassende Liebe
zum Grunde gelegen habe, welche die Verbindung zwischen Mann und Weib zu einer
Naturnotwendigkeit mache; aber dass er sie wert halte, dass er entschlossen sei,
sein Wort, wie es einem Edelmanne gebühre, einzulösen, ja, wie er sich überzeugt
fühle, dass Hildegard ihn beglücken, dass er sie auf das wärmste lieben werde,
wenn sie aus dem Bereiche der Schwärmerei in die Wirklichkeit hinabsteigen und
die fröhliche Zuversicht zum Leben fassen wolle, die ihm gerade mitten in
Todesnot und Gefahren gekommen sei. Er riet ihr dann, gegen den Grafen Gerhard
trotz seiner endlichen Bekehrung auf ihrer Hut zu sein, teilte ihr mit, dass er
Herrn Flies und nicht seinem Oheim die Familien-Angelegenheiten übergeben habe,
und bat Hildegard danach, sich es mit den Ihrigen in seinem Schloss gefallen zu
lassen und sich von jetzt ab als die Herrin desselben betrachten zu wollen, an
deren Seite er in nicht zu ferner Zeit von seinem Kriegerleben auszuruhen hoffe.
Um sich aber ihren Anschauungen und Empfindungen doch auch wieder gefällig
anzupassen, kam er dann noch einmal auf die Schlacht zurück, deren Begebnisse er
ihr ausführlich schilderte; und seine späteren Träume mit den Erlebnissen und
Eindrücken der Wirklichkeit willkürlich und ganz bewusst vermischend, stellte er
es ihr mit allem poetischen Schwunge, über den er verfügte, ausführlich dar, wie
er seines Vaters Stimme plötzlich mitten im Gewühle des Kampfes zu vernehmen
geglaubt habe, wie er, die Augen emporhebend, die Augen seines Vaters über sich
leuchten gesehen, und wie er sich überzeugt halte, dass Gott selbst ihm diesen
Beistand, diesen Schutzgeist in Gestalt seines Vaters zugesendet habe, um ihm
damit Mut und Hoffnung in seiner Trauer um den Vater und ein Zeichen für das
lange, dauernde Fortbestehen des Hauses derer von Arten zu gewähren.
    »Zünde die geweihten Kerzen zum Danke in unserer Kirche an und denke meiner,
so oft Du Dich in unserem Gotteshause betend niederwirfst!« so schloss er. - Wer
aber der Mutige gewesen war, der ihn gerettet hatte, das schrieb er auch
Hildegarden nicht.
    Er besorgte, für ihr Herz das ganze Ereignis seines geweihten Eindrucks und
seines dichterischen Zaubers zu entkleiden, wenn er ihr sagte, dass es ein
gewöhnlicher Sterblicher, dass es Paul Tremann sei, dem er sein Leben zu
verdanken habe.
 
                                  Drittes Buch
                                 Erstes Capitel
Europa zitterte noch unter dem Nachdröhnen der Ereignisse, welche über den
Weltteil hingegangen waren. Zwei blutige Kriege hatten die Herrschaft
Napoleon's vernichtet. Kometengleich, wie er Alles überstrahlend am Horizonte
der Zeit emporgestiegen, war er von demselben verschwunden. Zum zweiten Male war
das zum Herrschen unfähig gewordene Geschlecht der Bourbonen in seine Heimat
zurückgeführt worden, zum zweiten Male standen die vereinigten Heere in der
Hauptstadt Frankreichs, während Napoleon Bonaparte, der dieses Frankreich durch
ein halbes Menschenleben zur Beherrscherin der Welt gemacht hatte, als ein
Verbannter auf dem Rücken des »Bellerophon« einsam durch die Fluten des
Weltmeeres zog, das ihn für immer von dem Schauplatze seiner Taten trennen
sollte.
    Es war in der Mitte des Sommers; Paris war nie glänzender erschienen, als
eben jetzt, wo die vertrieben gewesene Königsfamilie, wo die zurückgekehrten
Edelleute der alten Geschlechter und alle die Tausende von sieggekrönten Fremden
sich für schwere Entbehrungen und Leiden, für blutige Kämpfe und für Wunden, in
den Genüssen entschädigen wollten, die keine andere Stadt der Welt in so
verführerischer Anmut darzubieten versteht, als das immer wieder jugendliche,
das glänzende, bei all seiner Majestät und Pracht so liebliche Paris.
    Der Tuileriengarten war voll Menschen. Von dem mittleren Pavillon des
Schlosses, vom Pavillon de L'Horloge, hing die weisse Fahne schlaff hernieder.
Ueber den Rasenplätzen, über den im altfranzösischen Geschmacke angelegten
Blumenbeeten, über den alten Kastanienbäumen brütete die heisse Sommersonne. In
den weiten Wasserbehältern, aus denen die Springbrunnen so hoch gegen den blauen
Himmel aufstiegen, dass die fallenden Tropfen in der Höhe wie flüssige Diamanten
erglänzten, zogen die Schwäne langsam umher. Soldaten aller Grade, Soldaten aus
aller Herren Ländern gingen in den breiten mit grossem Sinne angelegten Wegen auf
und nieder, während Schaaren von Kindern überall ihr Wesen trieben und die
Schönen aller Stände ihren Spaziergang in den Alleen machten oder in Gruppen auf
den zur Miete feil gebotenen Stühlen sassen, um der Militärmusik zuzuhören,
welche hier um Sonnenuntergang das Publikum alltäglich eine Stunde unterhielt.
    Weiter ab, nach dem Ausgange des Gartens hin, wo die umschliessende Terrasse
sich nach dem grossen Platze öffnet, dass man fern hinaussieht über die
elysäischen Felder hinweg, bis zu dem gigantischen marmornen Triumphbogen, den
der gefallene Titan sich und seinen Siegen zum stolzen Gedächtnis aufzurichten
begonnen hatte, sassen auf einer der steinernen Bänke vier preussische Offiziere
bei einander. Drei von ihnen, der junge Lieutenant, der Hauptmann, ein kräftiger
Fünfziger, und der schöne Major, der den linken Arm in einer leichten Binde
trug, gehörten der Landwehr an. Der Oberst war von den Linientruppen.
    Er und der Lieutenant, über dessen Lippe der blonde Schnurrbart sich eben
erst zu kräuseln begann, schienen viel Gefallen an dem bewegten Leben zu finden,
das sie umgab. Der Hauptmann und der Major, auf dessen breiter Brust das Eiserne
Kreuz und der russische Annen-Orden sich würdig ausnahmen, beachteten es nicht
sonderlich, und der Letztere hatte schon eine geraume Zeit gedankenvoll in die
Ferne geblickt, als der Oberst die Beiden mit der Frage anrief: Sagen Sie mir,
meine Freunde, worüber denken Sie so ernstaft nach, dass Sie darüber diese
liebe, lustige Welt, die sich hier so vergnüglich sonnt und sich ihres Lebens
freut, wie der Fisch im Wasser und wie der Vogel in der Luft, fast zu vergessen
scheinen? Es bleibt mir nichts als die plumpe Frage übrig, wenn ich Sie nicht
ganz und gar in sich selber versinken lassen will.
    Der Hauptmann hob sein kluges, treuherziges Auge zu dem Fragenden empor und
sagte: Ich dachte darüber nach, ob sie bei mir zu Hause auch so gutes, trockenes
Wetter haben mögen; die Weizenernte muss jetzt im vollen Gange sein. Es ist jetzt
das dritte Jahr, fügte er mit unterdrücktem Seufzer hinzu, dass ich nicht mehr
daheim bin! Ich fange an, mich sehr nach Weib und Kind, nach Haus und Hof zu
sehnen, und obschon meine Frau und mein Verwalter tapfer durchgeschlagen haben,
ist's doch Zeit, dass ich nach Hause komme. Es ist keine Kleinigkeit um eine
Wirtschaft, der des Herrn Auge fehlt! Ich habe hier keine Ruhe mehr.
    Da geht's Dir wie mir, mein Freund, rief der Major; seit ich aus dem
Lazaret bin, lässt's auch mich hier nicht mehr rasten. Die Ruhe macht mich
unruhig, und da der Friede jetzt eine ausgemachte Sache ist, bin ich gestern um
meinen Abschied eingekommen.
    Um Ihren Abschied? fragten der Oberst und der Lieutenant wie aus Einem
Munde. Das ist nicht Ihr Ernst.
    Haben Sie denn vergessen, meine Freunde, dass ich Kaufmann bin, dass mein
greiser Freund und Compagnon jetzt seit mehr als vier Jahren alle Sorgen des
Geschäftes allein getragen hat und dass es eine Ehrensache für mich ist, ihm so
bald als möglich die schwere Last von seinen Schultern zu nehmen?
    Aber nach den Erfolgen, die Sie gehabt haben, lieber Tremann, nach dem
militärischen Range, den Sie einnehmen, nach den Auszeichnungen, die Sie
erworben haben - er wies auf die Orden, welche Paul auf seiner Brust trug - und
vor Allem nach der Tapferkeit und dem militärischen Talente, welche Sie
bewiesen, sind Sie für Ihren jetzigen Stand wie geschaffen! meinte der Oberst.
Ich fürchte, das ruhige Leben des Geschäftsmannes wird Ihnen jetzt nicht mehr
wie sonst behagen, ganz abgesehen davon, dass sich Ihnen in dem Heere doch eine
andere, eine vorteilhaftere und schönere Laufbahn dargeboten hat.
    Paul lächelte. Kennen Sie mich so wenig, lieber Werben? sagte er. Ich bin zu
sehr auf Tätigkeit gestellt, um jemals im Frieden einen guten Soldaten
abzugeben, und viel zu sehr an Unabhängigkeit gewöhnt, um ohne zwingende
Notwendigkeit auf dieselbe zu verzichten. Im Kriege war das etwas Anderes. Da
verlangte jeder Tag den ganzen Menschen, da brachte jeder Tag neue Aufregungen,
forderte rasche, selbstständige Entscheidung; man gelangte immer und immer
wieder, wie der Kaufmann das gewohnt wird, zu dem Bewusstwerden aller seiner
Kräfte und seines Einflusses auf Andere; man genoss in jedem Augenblicke die
Genugtuung irgend eines Erfolges, wie wir deren in unseren wohlberechneten und
darum wohlgelingenden Geschäften haben. Jetzt, seit den drei Wochen, seit denen
man mich aus dem Hospitale entlassen hat, werde ich meiner nicht mehr froh. Ja,
ich war in der Tat im Lazarete, fügte er scherzend hinzu, für mein Gefühl weit
besser daran, als jetzt, da ich wieder zu den Geheilten und Gesunden zähle; denn
das Kranksein, das Schmerzertragenmüssen war doch immer noch eine Art von
Arbeit, eine Art von Leistung. Und was die vorteilhafte Laufbahn anbetrifft, so
wüsste ich keinen Rang und keine Stellung in der Welt, die mich wünschenswerter
dünkte, als die eines völlig freien, unabhängigen Mannes.
    Es entstand eine kleine Pause. Der schlanke Lieutenant, der seit seinem
Ausmarsche aus der Heimat noch ein tüchtig Stück gewachsen war und dem das
Leben in den grossen Städten eben so wohl gefiel, als er sich selber in der
Uniform, sah verlegen vor sich hin. Er hatte von seinem Vater in den letzten
Tagen sehr ähnliche Einwendungen hören müssen, als er seinen Wunsch geäussert
hatte, ganz im Kriegsdienste zu bleiben, während es Adam Steinert nicht zu Sinne
wollte, dass sein Aeltester ein anderes Gewerbe treiben sollte, als den Landbau,
bei dem die Familie hergekommen und gediehen war seit lieber, langer Zeit. Auch
der Oberst von Werben fand kein besonderes Behagen an seines Freundes
Äusserungen. Er hatte allerdings nach dem ersten unglücklichen Kriege durch eine
Reihe von Jahren das bürgerliche Kleid getragen und zu der Zeit, in welcher der
Kampf gegen Napoleon sich vorbereitete, es oft genug ausgesprochen, wie die
Kraft eines Volkes nicht in einem stehenden Heere, sondern in dem Selbstgefühle
und in dem Freiheitsbedürfnisse jedes Einzelnen im Volke beruhe; aber er war ein
geborener Edelmann, sein Vater und seine Voreltern hatten den Königen gedient,
auch er war mit sechszehn Jahren in das Heer getreten, und die erfochtenen
Siege, wie gross die Mitwirkung der Landwehr an ihnen auch gewesen war, hatten
dem Berufssoldaten doch einen neuen Einfluss und eine neue Macht gesichert. Der
Oberst konnte sich also in das Selbstgefühl seines Freundes nicht mehr so völlig
finden, als in den Tagen, in denen er, ein aus dem Dienste entlassener Offizier,
in dem zerschlagenen Vaterlande vergebens nach Rettung für dasselbe ausgespäht
hatte.
    Ueber eines Menschen Neigung und Beruf ist nicht mit ihm zu streiten! sagte
er, und man konnte ihm die Empfindlichkeit anhören, mit der er Paul den Stand
des Kaufmanns gegen den seinigen erheben hörte. Ich bin auch weit entfernt, die
Macht des Geldes zu unterschätzen; nur glaube ich, dass es noch ein Höheres gibt,
als den Besitz, und Sie selbst, lieber Tremann, waren dieser Ansicht ebenfalls,
als Sie Hab und Gut im Stiche liessen, um dem Vaterlande Ihre Kraft zu weihen, um
sich, wie Sie es damals nannten, Ihr Bürgerrecht in der früh verlassenen Heimat
zu erwerben.
    Nun, mich dünkt, das habe ich getan! entgegnete Paul und mass den Obersten
mit einem so festen, stolzen Blicke, dass Steinert und dessen Sohn, so genau sie
ihn zu kennen glaubten, von seiner Haltung sich betroffen fühlten, und der
Oberst, der im Grunde durchaus nicht die Absicht gehabt hatte, ihn zu verletzen,
sich in seine Aufwallung nicht finden konnte.
    Paul wurde auch schnell wieder Herr über sich, und einlenkend sprach er:
Wohl uns, dass jeder von uns mit seinem eigentlichen Berufe so wohl zufrieden ist
und gross von ihm denkt. Die Gesammteit kann es besser nicht verlangen. Indes,
damit Sie über mich in keinem Zweifel bleiben können, gestehe ich Ihnen, dass ich
den Besitz als Mittel zum Zwecke, als bewegende Kraft, als Grundlage aller
Civilisation und Freiheit über Alles schätze und dass es mir für Jeden, dessen
Anwesenheit im Heere jetzt nicht mehr eine Notwendigkeit ist, geboten scheint,
nach Hause zu gehen und, so viel an ihm ist, an der Wiederbelebung unseres
Wohlstandes zu arbeiten. Der Boden lechzt nach den Armen und Händen, die ihn
pflügen und bauen, und das Capital, so weit es vorhanden ist, nach den Kräften,
die es in Bewegung setzen, um es zu vermehren; denn reicher geworden sind in
diesen letzten Zeiten gewiss nur Wenige von uns. Aber wo Handel und Gewerbe so
lange gestört worden sind, ist dafür in den nächsten Jahren ohne Frage auch eine
erfolgreiche Tätigkeit für denjenigen zu finden, der es begreift, wo sie zu
suchen ist.
    Er erhob sich bei den Worten; auch die Anderen standen auf, denn es traten
Bekannte hinzu, welche die Unterhaltung unterbrachen, und man trennte sich bald
danach.
    Paul und der Hauptmann schlugen den Weg nach dem jenseitigen Seineufer ein,
um noch einen ruhigen Abendspaziergang zu machen; die Anderen gingen in grösserer
Gesellschaft nach dem Palais Royal, in welchem sich in jener Zeit gegen den
Abend hin vor den Kaffeehäusern und in den Speisehäusern die Fremden
zusammenfanden.
    Du hast vorhin eine Äusserung getan, sagte Steinert, nachdem er schweigend
eine Strecke neben Tremann einhergegangen war, mit dem die Waffenbrüderschaft
und die gemeinsam geteilten Gefahren ihn eng verbunden hatten, die mich
beunruhigt. Ich fürchte, Ihr gehört zu denen, welche durch die Kriegsjahre
Verluste erlitten haben.
    Paul stellte das nicht in Abrede. Er gestand dem Freunde vielmehr, dass der
Fall grosser russischer Häuser, mit denen er und sein Compagnon gemeinsam
gearbeitet und für die sie demgemäss Verpflichtungen übernommen hätten, sie stark
angegriffen habe. Es blieb uns in dem Augenblicke, da der Krieg ausbrach, eben
nur die Wahl, uns selbst gleichfalls für zahlungsunfähig zu erklären, sagte er,
oder mit Hintansetzung jeder anderen Rücksicht unsern Gläubigern gerecht zu
werden. Das Letztere ist geschehen. Unser Vermögen ist dabei aber in dem Grade
zusammengeschmolzen, in welchem unser Credit gewachsen ist.
    Er sprach das mit grosser Gelassenheit, obschon seine freie Stirn sich etwas
verdüsterte. Der Hauptmann wollte wissen, wann Tremann die Nachricht erhalten
und warum er nie davon gesprochen habe.
    Ich erhielt die Nachricht am Tage vor der Schlacht an der Katzbach,
entgegnete Paul, und den Arm in seines Freundes Arm legend, sagte er: Wir
standen einander damals noch nicht so nahe, dass ich Dir es hätte sagen mögen,
und ich bin es auch gewohnt, dergleichen mit mir selber abzumachen. Ich
versichere Dich aber, ich habe oft mitten im Gewühle des Kampfes, mitten in den
blutigen Gefechten mit Sorge, ja, mit Angst an die Möglichkeit meines Todes
gedacht, und es wird Dir eben so gewesen sein; denn den Tod nicht fürchten, den
Tod verachten kann nur derjenige, dessen Leben für keinen anderen Menschen Wert
hat.
    Wem sagst Du das? rief Steinert aus, und seine Augen feuchteten sich bei der
Erinnerung, wie oft seine Gedanken im Gefechte sich zu Weib und Kind gewendet
hatten.
    Paul liess sich jedoch nicht unterbrechen. Das Prahlen mit der
Todesverachtung ist mir immer als eine elende Lüge oder als das unwillkürliche
Zugeständnis grosser Unfähigkeit und grosser Selbstsucht erschienen, fuhr er fort.
Wir sind jetzt hier Alle in der Lage gewesen, unser Leben für die Befreiung
unseres Vaterlandes in die Schanze zu schlagen; das hat mich aber nicht
gehindert, es stets zu wünschen, dass das meinige aufgespart bleiben möge; denn
es liegt viel auf mir und ich habe Pflichten gegen geliebte Menschen zu
erfüllen. Die russischen Geschäfte sind von unserm Hause auf meinen Antrieb
unternommen worden und haben grosse Vorteile gebracht, bis sie dann plötzlich
weit mehr als die Hälfte unseres Vermögens verschlungen haben. Seba ist an
Reichtum gewöhnt, Davide in demselben, ohne dass sie eigenes Vermögen hätte,
aufgewachsen, und der alte Flies hat ein langes Leben damit zugebracht, seinen
Besitz und seine kaufmännische Stellung zu begründen. Sie sind sammt und sonders
wohltätig und mitteilsam; sich zu beschränken, würde ihnen allen schwer
fallen, und es war auch bis jetzt noch keine Veranlassung dazu. Wo Credit,
Arbeitskraft und Einsicht in die Verhältnisse der Zeit vorhanden sind, braucht
man nicht ängstlich zu sein: sie sind Vermögen und übertragen oder verwandeln
sich mehr oder weniger schnell auch wieder in greifbaren Besitz. Unser Credit
hat sich, weil wir alle diese Krisen überstanden haben, wie gesagt, erhalten;
aber mit siebenzig Jahren hat man die rasche Entschlossenheit, den sicheren,
schnellen Ueberblick nicht mehr, deren der Kaufmann nicht entraten kann, und
ein Kaufmann im grossen Style war mein alter Wohltäter niemals. - Er machte eine
kleine Pause und fügte dann hinzu: Du siehst also, dass ich nach Hause gehen muss,
und es scheint mir nicht, als ob man uns Freiwilligen dabei grosse
Schwierigkeiten in den Weg zu legen denke.
    Steinert wollte wissen, auf welche Weise Jener um seinen Abschied
eingekommen sei. Paul sagte, er habe vorläufig nur einen Urlaub auf drei Monate
begehrt; nach Verlauf derselben werde man voraussichtlich so weit mit den
Friedensverhandlungen vorgeschritten sein, dass man die Landwehr in die Heimat
entlassen werde, und dann gehöre ohnehin Jeder wieder sich und seinem
bürgerlichen Berufe. Steinert sah das als richtig ein und beschloss, das gleiche
Verfahren für sich einzuschlagen; nur wegen seines Sohnes konnte er zu keinem
Entschlusse kommen. Aber auch hier gab Paul den Ausschlag. Er riet, den
Jüngling vorläufig noch im Heere zu lassen, namentlich wenn das Regiment, wie es
den Anschein hatte, in Paris verbleiben sollte. Dein Sohn, sagte er, wird hier
des Französischen vollständig mächtig, lernt die Welt, die Menschen kennen und
sieht und hört, was ihm später auf Eurem Dorfe nie geboten werden kann. Lass ihn
bis zum völligen Frieden im Regimente und dann übergieb ihn mir.
    Meinst Du, dass er Kaufmann werden soll? fragte Steinert mit einer gewissen
Aengstlichkeit.
    Paul lachte trotz des Ernstes ihrer Unterhaltung hell auf. Und Du willst
Dich über die Vorurteile des Adels beklagen, rief er, während Dir selbst der
Kastengeist so tief im Blute steckt, dass der blosse Gedanke, ein Adam Steinert
könne etwas Anderes werden, als ein Landwirt, oder etwas Anderes tun, als in
Eurer Provinz den Boden bauen, Dich schon unheimlich berührt? Ihr kommt noch
dahin, Euch Adam Steinert der Vierundvierzigste zu nennen, wie unsere kleinen
Fürsten, wenn Ihr so fortfahrt, wie bisher. Aber sei unbesorgt, er soll den
Acker bauen, wie Du selbst, nur vorläufig nicht den Eurigen.
    Steinert antwortete nicht gleich; denn kein älterer Mann erträgt es willig,
sich von der besseren Einsicht eines jüngeren zurecht gewiesen zu sehen. Indes
Paul besass die auf Erfahrung und auf verständiges Selbstvertrauen gegründete
Kraft, die Menschen leicht von dem Richtigen zu überzeugen und, weil er immer
Herr über sich selber war, auch ohne dass er es suchte und wollte, Herrschaft
über Andere zu gewinnen. So währte es denn nicht lange, bis Steinert, den
kleinen Unmut überwindend, die Frage aufwarf: Und was willst Du mit ihm machen?
    Ihn nach Amerika hinüberwerfen.
    Zu welchem Zwecke?
    Damit er vor allen Dingen das Gehorchen verlernt!
    Steinert verstand nicht, was Tremann damit sagen wolle; dieser war also
genötigt, sich deutlicher zu erklären.
    Es ist mir an Deinem Sohne aufgefallen, sagte er, dass er bei unverkennbar
guten Anlagen unselbständig ist, und das ist nicht seine, sondern seines
Lebensweges Schuld. Du bist ihm ein wackerer Vater gewesen, hast ihn streng zum
Gehorsam erzogen, und das erste Kindesalter hat das nötig, denn in ihm muss der
vernünftige fremde Wille die eigene mangelnde Vernunft ersetzen. Aber Eure
Schulen, wie sie jetzt sind, fordern ebenfalls unbedingten Gehorsam von dem
Knaben; Alles ist vorausbestimmte Regel, Alles vorausgesehen, der ganze Weg von
der Kindheit bis zum reiferen Jünglingsalter für Alle derselbe, für Alle
unwandelbar festgestellt; das schadet der freien Entwicklung der Persönlichkeit.
Nun ist er aus der Vormundschaft des Vaterhauses und der Schule noch in das Heer
getreten, wo abermals fremder Wille seine Schritte vorgezeichnet hat und
Gehorsam seine erste Pflicht gewesen ist. Er kennt also noch gar nichts
Besseres, als pünktliches Unterordnen unter einen fremden Willen, und eben darum
fühlt er auch die Neigung, in einer lebenslänglichen Unfreiheit und
Dienstbarkeit zu bleiben, wo diese, wie im Heere, mit einem gewissen äussern
Glanze und in die Augen fallenden Auszeichnungen verbunden sind. Gönne ihm denn
die Zeit, einmal gelegentlich den Druck der Abhängigkeit zu empfinden, gönne
seiner Jugend auch den Triumph, mit unsern Truppen den feierlichen Siegeseinzug
in die Heimat zu teilen, und dann wollen wir weiter von der Sache sprechen und
sehen, ob wir ihm die Lust am Dienen nicht abgewöhnen können.
    Wir Steinert's haben so lange gedient, meinte der Vater, dass ..
    Dass es endlich Zeit war, sich frei zu machen, fiel ihm der Andere in die
Rede, weil er befürchtete, dass Adam's Empfindlichkeit noch nicht völlig
überwunden sei, und dass Dein Sohn sehr unrecht tun würde, freiwillig auf die
Vorteile zu verzichten, die Deine rüstige Entschlossenheit ihm bereitet hat. Er
weiss, dass ich im Vereine mit dem englisch-amerikanischen Hause, in dem ich
früher gearbeitet habe, Landankäufe in Amerika gemacht habe und noch zu machen
denke, die verwertet werden sollen. dabei können wir junge Leute, die, wie Dein
Sohn, in der Landwirtschaft aufgewachsen und bei ihr hergekommen sind,
verwenden, und er kann, indem er unseren Absichten dient, sich die Grundlagen
eines selbständigen Vermögens erschaffen, mit dem er sich dann später in der
neuen oder in der alten Welt auf die eigenen Füsse stellen mag, auf denen jeder
Mann denn doch am besten steht. Diese Aussicht will ich ihm eröffnen, ehe ich
gehe, vorausgesetzt, dass sie Deinen Ansichten nicht widerspricht, und ich müsste
mich in dem braven Burschen irren, wenn nicht endlich in ihm das Verlangen nach
Selbständigkeit den Sieg über die Freude an den blanken Epaulettes davontragen
sollte.
    Steinert drückte dem Freunde die Hand. Du bist sehr gut, sagte er, denn
selbst mit Sorgen beladen, sorgst Du Dich um Andere, und während Du eigene,
schwere Vermögensverluste zu ersetzen hast, denkst Du daran, das Vermögen
Dritter zu begründen. Wie soll ich Dir das danken?
    Danken? wiederholte Paul; davon kann ja in dieser einfachen Angelegenheit
gar nicht die Rede sein. Sieh', fuhr er dann, nachdem sie eine Weile schweigend
neben einander hergegangen waren, in seiner Rede fort, sieh', das dünkt mich so
schön am Leben, dass für denjenigen, der geneigt ist, die Verhältnisse einfach zu
nehmen, sich Alles einfach macht oder doch mit leichter Mühe zurechtlegen lässt,
wenn der Mensch nur erst begriffen hat, dass sein Vorteil und der Vorteil aller
Anderen gleichbedeutend sind. Zu dieser Einsicht gelangt aber Niemand so leicht
und so sicher, als der Kaufmann, der durch tägliche Erfahrung darüber belehrt
wird, wie sein Wohlstand auf den Wohlstand Anderer begründet ist, und wie er den
seinen nicht vermehren kann, wenn er das allgemeine Capital des auf der Erde
vorhandenen Besitzes nicht vergrössern hilft. Es ist für mich schon lange eine
Ueberzeugungssache, dass klug und gut in gewissem Sinne gleichbedeutend sind, und
dass man immer das Gute tut, wenn man das von den praktischen Verhältnissen
Gebotene befördert. Im grossen Sinne ein Kaufmann zu sein, ohne seinen sittlichen
Wert dadurch zu erheben, scheint mir fast unmöglich.
    Man sollte an die Richtigkeit dieses Satzes glauben, meinte der Andere, wenn
man Dich vor Augen hat, und doch, dass ich Dir es ehrlich gestehe, haben der
Glückswechsel und die Unsicherheit der Zustände, wie sie sich im Handel
kundgeben und wie Du sie an Dir selber jetzt erfahren müssen, etwas, das mich
gegen den Handel einnimmt und mich, wie ich einmal geartet bin, unfähig gemacht
haben würde, ihn zu betreiben. Von einem Tage zum andern neue Plane zu
schmieden, beständig über Erfolg und Misslingen im Ungewissen, fortwährend mit
seinem Sinne auf die Verhältnisse der ganzen Welt gerichtet zu sein, wäre meine
Sache nicht. Ich muss den festen Grund und Boden unter meinen Füssen fühlen, ich
will es nur mit ihm und mit den natürlichen Ereignissen, die Gott uns schickt,
zu tun haben, will der Erde abgewinnen, was sie mir zu bieten hat, und mit
langsamer Beharrlichkeit die Hindernisse überwinden, die sich mir
entgegenstellen, die Wunden heilen, die mir, wie Dir und Andern, durch diesen
Krieg geschlagen worden sind. Zum Kaufmanne muss man geboren sein; in unserem
Blute liegt es nicht!
    Als ob es in dem Blute läge, aus dem ich stamme, als ob ich von dem
Freiherrn von Arten oder von meiner armen Mutter die Einsicht und die
Ueberzeugungen vererbt erhalten hätte, aus denen ich lebe! hätte Paul entgegnen
mögen. Aber er hielt den Ausruf vorsichtig zurück. Er wusste, dass er hier an der
Grenze stehe, über welche hinaus der Andere ihm nicht zu folgen vermochte, weil
er, aufgewachsen in den Ueberlieferungen eines alten Familiengeistes und nicht
vollständig gebildet, nicht fähig war, aus dem Kreise herauszutreten, in dem er
sich rüstig zu bewegen gewohnt war, und eben so unfähig, sich über sich selber
zu erheben und, von sich absehend, sich in der Allgemeinheit wiederzuerkennen.
    Sie hatten während dessen Paul's Quartier erreicht, und Adam verliess den
Freund, weil dieser, wie er es nannte, noch seine Post zu besorgen, das heisst
die Briefe zu schreiben hatte, mit denen er, seit er nach dem zweiten Einzuge
der Alliirten in Paris wieder zu einer gewissen Ruhe gelangt war, die Verbindung
zwischen sich und seinem Handelshause und seinen Geschäftsfreunden unterhielt,
um auch aus der Ferne den Betrieb der von ihm eingeleiteten neuen Unternehmungen
zu fördern.
 
                                Zweites Capitel
Es war spät am Abende, als Paul das Siegel auf den letzten seiner Briefe
drückte. Ein Courier, welchen der Feldmarschall in der Frühe des nächsten
Morgens in die Heimat entsenden wollte, hatte die Beförderung dieser Briefe
zugesagt, und Paul hatte eben seine Feldmütze aufgesetzt, um das Packet, der
Sicherheit wegen, selbst in die Kanzlei des Feldmarschalls zu tragen, als ihm
unten vor der Türe seiner Behausung der Postbote ein Schreiben aushändigte, das
durch eine Estafette für ihn aus Berlin angekommen war.
    Er trat in das Haus zurück, um den Brief zu lesen. Er war von Seba
geschrieben und entielt nichts als die Worte: »Unser teurer Vater ist von
einem Schlaganfalle getroffen, man gibt wenig Hoffnung für seine Erhaltung. Er
äussert, so weit er sich verständlich machen kann, das Verlangen, Dich zu sehen.
Ist es möglich, so kehre heim, wenn auch nur, um wieder fortzugehen. Davide und
ich sind wohl.«
    Paul las den Brief noch einmal durch, dann steckte er ihn ein, warf sich in
den ersten Wagen, dessen er habhaft werden konnte, und befahl, ihn zu dem
Commandirenden seines Regiments zu fahren. Aber weder sein General noch sein
Adjutant waren in ihrer Behausung anzutreffen, und Paul wollte abreisen, gleich
abreisen, und doch nicht ohne Urlaub seine Fahne verlassen. Einen Augenblick
stand er unentschlossen da; dann hiess er den Kutscher, ihn nach dem Schloss
hinzufahren, in welchem der König von Preussen Quartier genommen hatte.
    Es war, wie er wusste, ein grosser Empfang bei dem Könige angesagt, alle
anwesenden Fürsten waren eingeladen, der Feldmarschall konnte dort nicht fehlen.
Seine Uniform und sein Rang bahnten Paul den Weg. Er wendete sich an einen der
diensttuenden Offiziere und verlangte in dringenden Geschäften mit dem Fürsten
Feldmarschall persönlich zu sprechen. Man führte ihn durch verschiedene
Galerieen und Säle und hiess ihn warten.
    Der ganze vordere Flügel des Schlosses schimmerte in dem Lichtglanze des
Festes. Er sah durch die geöffneten Türen in der Ferne eine grosse Gesellschaft
sich bewegen, reiche Uniformen, prächtig geschmückte Frauen gingen hin und
wieder, fröhliche Musik schlug in grellem Gegensatze zu seiner Stimmung an sein
Ohr. Die Secunden, die Minuten dehnten sich ihm furchtbar aus, und doch war es
nichts Unerwartetes, was er erfahren hatte, nichts, was ihn unvorbereitet fand.
    Er hatte sich es oft gesagt, dass sein alter Freund dem Ziele des Daseins
nahe sei, ja, er hatte bei den neuen Unternehmungen, in welche er sich
eingelassen, stets darauf gerechnet, dass er allein sie durchzuführen haben
werde. In mancher einsamen Stunde, an manchem Bivouakfeuer hatte die Sorge ihn
beunruhigt, wie die Geschäftsführung möglich sein würde, sollte Herr Flies vom
Tode fortgerafft werden, ehe der Krieg beendet und er selber seiner eigentlichen
Tätigkeit zurückgegeben sein werde. Und doch war es nicht das, was ihn so
ängstlich den Zeiger der Uhr verfolgen liess. Nicht um Geld und Gut, nicht um
Handel und Erwerb war es ihm zu tun in diesem Augenblicke: er wollte sein Teil
haben an Seba's Schmerz, an Daviden's Kummer, er wollte sie mit ihnen gemein
haben, den letzten Blick und das letzte Wort des Mannes, den auch er wie einen
Vater liebte.
    Mitternacht war vorüber, als der Feldmarschall rasch und mit festem
Schritte, gefolgt von einem Adjutanten, in den Saal trat. Er hatte beim Spiele
gesessen, als man gekommen war, ihn abzurufen, und seine zusammengezogenen
buschigen Brauen zeigten den Unmut über die unwillkommene Störung. Wer sind
Sie, was wollen Sie? fuhr er den Wartenden an, während er ihn mit dem scharfen
Blicke seiner grauen Augen musterte.
    Mein Name ist Tremann, ich bin Teilnehmer des Eurer Durchlaucht
wahrscheinlich bekannten Handlungshauses Flies und habe seit dem Frühjahre
achtzehnhundertdreizehn als Freiwilliger unsere Feldzüge mitgemacht.
    Ich weiss, ich weiss! unterbrach ihn, sich erinnernd, der Fürst, und durch den
Anblick des Eisernen Kreuzes günstiger für den Sprechenden gestimmt, fügte er
hinzu: Sie haben Ihr Kreuz bei Bar sur Aube erhalten, Sie waren verwundet! Was
haben Sie zu melden?
    Nichts, als dass ich mir den Zutritt zu Eurer Durchlaucht mit einer
Unwahrheit verschafte, weil ich eine Vergünstigung zu fordern habe.
    Herr! Reitet Sie denn der Teufel, dass Sie mich dazu um Mitternacht aus des
Königs Sälen rufen lassen? fuhr der Alte auf und wollte sich mit einem neuen und
noch derberen Fluche entfernen, aber Paul's Anruf hielt ihn zurück.
    Ich muss Eure Durchlaucht bitten, mich zu hören, sagte er mit solcher
Festigkeit, dass der Feldmarschall sich auf's Neue zu ihm wendete. Notwendige
Geschäfte in der Heimat hatten mich schon vor einigen Tagen bestimmt, um einen
dreimonatlichen Urlaub nachzusuchen! Er ist mir noch nicht erteilt worden, und
ich erhalte in diesem Augenblicke die Nachricht von der tödtlichen Erkrankung
meines Compagnons! Meinen Regiments-Chef habe ich nicht finden können, und ich
muss fort, noch in dieser Nacht fort, denn man verlangt meine Rückkehr und ich
erkenne sie als dringend nötig! Geben Sie mir den Urlaub, dessen ich bedarf!
    Ist nicht meine Sache! rief der Fürst. Sehen Sie zu, wie Sie Sich selber
helfen! - und abermals wollte er sich entfernen.
    Das wird schnell getan sein, entgegnete Paul, sich leicht verneigend; nur
werden Eure Durchlaucht morgen den Namen des preussischen Majors, der aus Ihrer
eigenen Hand sein Eisernes Kreuz als Ehrenzeichen empfangen hat, als den Namen
eines Deserteurs am Schandpfahle lesen können, denn ich gehe noch vor
Tagesanbruch fort!
    Der Feldmarschall wendete sich zu ihm zurück. Er war der Mann, jede Art von
Entschlossenheit zu schätzen. Und wenn ich Sie verhaften lasse? fragte er, indem
er Paul, wie es seine Weise war, mit seiner starkknochigen Hand am Rockknopfe
fasste und nahe an ihn herantrat.
    So werden Durchlaucht schuld daran sein, wenn ich meinen persönlichen
Verpflichtungen nicht eben so wie meinen Pflichten gegen den König und das
Vaterland genügen kann! entgegnete er, und ohne dem Feldmarschall Zeit zu einer
Antwort zu lassen, fügte er hinzu: Der Lieutenant von der Marwell geht in drei
Stunden als Eurer Durchlaucht Courier von hier ab! Geben Sie mir den Urlaub, den
ich brauche, und dem Lieutenant die Weisung, mich mit sich zu nehmen. Ich bin
des Courier-Reisens aus früheren Zeiten wohl gewohnt!
    Der Feldmarschall schien in seinen Erinnerungen nachzuspähen. Tremann,
Tremann? wiederholte er, ich habe den Namen schon vorher gehört! Sind Sie der
Tremann, durch dessen Hände vor dem Kriege ein Teil unserer Briefe nach Russland
gegangen ist?
    Derselbe, Eure Durchlaucht.
    Da muss man ihm das Desertiren doch unmöglich machen, sagte der Fürst, sich
lächelnd zu seinem Adjutanten wendend, denn der wäre capabel und beginge solchen
Streich! Ist ein Stück Papier zur Hand?
    Der Adjutant zog seine Brieftasche hervor und riss ein Blatt aus derselben.
Der Fürst setzte in die unterste Ecke desselben mit Bleistift seinen Namen und
reichte es dem Adjutanten. Schreiben Sie ihm darüber, was er haben will, und der
Marwell soll ihn mir vom Halse schaffen, damit er mir nicht wieder die Partie
verdirbt!
    Er ging mit freundlichem Grusse an Paul vorüber. Drei Stunden später hatte
dieser das glänzende Paris verlassen und fuhr an der Seite des preussischen
Couriers durch die warme Sommernacht der deutschen Grenze zu.
    Er hatte Berlin nicht wiedergesehen, seit er heimlich mit Herrn von Werben
aus der Stadt geflohen war. Der Truppenteil, welchem er angehörte, hatte im
ersten Feldzuge die Hauptstadt nicht berührt und war achtzehnhundertvierzehn
noch am Rheine gewesen, als man die Landwehren auf das Neue zu den Fahnen
gerufen hatte, weil Napoleon von Elba zurückgekehrt war und noch einmal die
Brandfackel des Krieges über dem kaum beruhigten Weltteile angezündet hatte.
    Je näher Paul der Heimat kam, um so banger bewegten Furcht und Hoffnung ihm
das Herz. Werde ich ihn noch finden? fragte er sich immer wieder, wenn seine
Gedanken eine Weile eine andere Richtung genommen hatten, und es kamen
Augenblicke, in denen er dem Schicksal grollte, dass es ihn so, eben so, zu den
Seinigen wiederkehren lasse. Er war noch jung genug, um ungern und schwer von
seinen Hoffnungen zu scheiden, und er hatte an den Tag, an welchem er inmitten
der Landwehr, an der Spitze des Zuges, den er in mancher Schlacht geführt, in
die Hauptstadt einziehen würde, oft mit freudigem Vorgefühle gedacht. Dann hatte
er sich beschieden, darauf Verzicht zu leisten; aber dass er in solcher Sorge,
unter der Pein einer solchen Ungewissheit aus dem Felde wiederkehren solle,
dünkte ihn doch hart.
    Es war früh am Morgen, als der Feldjäger den leichten Reisewagen vor der
Türe des Flies'schen Hauses halten liess. Das Schlafzimmer des Hausherrn lag
nach der Strasse hinaus - die Vorhänge waren heruntergelassen, die Fenster offen.
Was bedeutete das? War Alles vorüber, oder war der Kranke so weit genesen, dass
man ihm wieder die Wohltat der sommerlichen Luft und Wärme zukommen lassen
durfte, während man ihn vor dem grellen Lichte noch zu hüten hatte? - Das Herz
klopfte ihm, als stände er wieder vor dem Feinde, und er stand ja auch vor ihm,
vor dem Feinde alles Lebens, vor dem Tode!
    Mit raschem Griffe nahm er das wenige Gepäck, welches er mit sich führte,
von dem Wagen herunter und eilte in das Haus. Die schwarze Kleidung des Dieners
sagte ihm Alles. Er fragte nach den Frauen. Man wies ihn nach dem Gartensaale.
    Seba und Davide sassen bei dem Frühstücke. Als Paul in die Türe trat, fuhren
sie beide erschreckend auf. Man hatte ihn so früh nicht zurückerwarten können.
Mehr als drei Jahre waren vergangen, seit sie einander nicht gesehen hatten.
Mitten in der Lust eines Festes war er von ihnen gegangen, nun fand er sie im
Hause des Todes in tiefer Trauerkleidung wieder.
    Ich komme zu spät! - das war alles, was er sagte. Seba gab ihm nur mit
leiser Neigung des Hauptes Antwort. Ihr fehlte die Kraft zum ruhigen Worte, und
sie wollte ihren Schmerz durch lauten Aufschrei nicht entweihen. Er nahm sie an
sein Herz, er küsste ihre Stirn, ihren Mund, er liess sie weinen, und sie weinte
so sanft, so still, als wisse sie sich nun sicher und geborgen vor allem Unheil.
Als sie sich, seine beiden Hände zuversichtlich drückend, emporrichtete, trat er
an Davide heran, und jetzt erst, da er aus Daviden's hellen Augen die Tränen
auf die Wangen niederrollen sah, fingen auch die seinigen zu fliessen an.
    Liebe Davide! rief er leise, aber es bebte eine unaussprechliche Bewegung
durch sein Herz und ein beseligendes Feuer durchströmte sein ganzes Wesen. Er
hatte ihre Hände ergriffen und blieb schweigend, in ihren Anblick versunken, vor
ihr stehen. Wie oft, wie oft hatte er an sie gedacht, wie oft hatte er sie vor
sich gesehen wie an dem Abende, an dem er sich auf dem Balle von ihr getrennt
hatte! Nun war er wieder da, und sie stand vor ihm - dieselbe wie sonst, und
doch so anders und so viel schöner, als er sie je gedacht!
    Liebe Davide! wiederholte er noch einmal, und sie lehnte sich freiwillig an
seine Brust, und er fühlte, wie ihre Lippen leise das Eiserne Kreuz berührten,
das er auf derselben trug. Mit einer Glücksempfindung, deren er das Menschenherz
nicht für fähig gehalten hatte, schaute er in ihr Antlitz, in die Augen, die
sich voll sehnsüchtiger Liebe zu ihm erhoben; aber war es die Achtung vor dem
Schmerze Seba's, war es ein Zartgefühl, welches ihn hinderte, sich in dem Hause
der Trauer einer Freude hinzugeben, oder war es das Bewusstsein, dass dieses
schöne Wesen aufhören werde, für sich selber zu bestehen, sobald er es sich
angeeignet habe, er vermochte nicht, es in seine Arme zu schliessen. Er war
befriedigt durch Daviden's blossen Anblick, beruhigt durch ihre lang entbehrte
Nähe und voll grosser Freude durch die feste Ueberzeugung, dass zwischen ihr und
ihm gar nichts zu sagen sei, dass lautere Klarheit zwischen ihnen herrsche und
Einer sich der Liebe des Andern, obschon nie ein Wort davon gesprochen worden,
so völlig sicher fühle, wie der unzerstörbaren Gemeinsamkeit ihrer ganzen
Zukunft. Er drückte und küsste ihre Hand, dann gehörte er wieder Seba an, und
Davide verstand ihn ohne Worte.
    Es verging eine geraume Zeit, ehe sie zum rechten Sprechen kommen konnten.
Sie mussten sich erst darein finden, dass sie nicht mehr zu Vieren, dass sie nur
ihrer Drei in diesem Saale, an diesem Tische bei einander waren. Die
verheerendsten Kriege, der Tod von Millionen Menschen, der Sturz der Mächtigen
und der Sieg der Gebeugten hatten nichts geändert in diesem stillen Raume. Die
chinesischen Blumen auf der Tapete hatten ihre Farben voll bewahrt, die
fremdartigen, gemalten Vögel guckten mit ihren starren Augen noch gerade so wie
vor dem Kriege von der Decke des Gartensaales herab. Das silberne Teegerät,
die Tassen von sächsischem Porzellan, sie waren für Paul wie für Davide mit
ihren schönen Frucht- und Blumen-Zierraten in ihrer Kindheit Gegenstände der
höchsten Bewunderung gewesen, standen wie seit Jahren und Jahren auf der weissen
Damastdecke, und doch war das alles nicht mehr dasselbe. Denn des Vaters grosse
Tasse nahm nicht mehr die alte Stelle in der Mitte der Gerätschaften ein, man
hatte sie fortgetragen, wohl verwahrt, weil der Vater sie nicht mehr brauchte,
weil der Vater nicht mehr da war, weil zwei gute Augen sich geschlossen hatten
für immerdar.
    Kommt, rief Seba endlich, sich zum Frühstückstische wendend, kommt, Paul hat
es nötig, etwas zu geniessen! - Aber es fehlte das Gedeck für ihn. Gib ihm des
Vaters Tasse! sagte Seba.
    Davide holte sie aus dem Eckschranke herbei. Dem Hausherrn! stand darauf.
    Dem Hausherrn! sagte Seba kaum hörbar, während sie mit bebender Hand die
Tasse vor dem Heimgekehrten niedersetzte, und allen Dreien stürzten bei dem
Anblicke dieses unscheinbaren Gerätes die Tränen aus den Augen, und in allen
Dreien stieg sie noch einmal empor, die uralte Klage, dass des Menschen Dasein
dahinfährt wie ein Traum und ein Schlaf, dass des Menschen Leben vergänglicher
ist, als die vergänglichen Dinge und die zerbrechlichen Gerätschaften, die er
geschaffen und deren er sich bediente.
    Es kam Paul vor, als sei erst jetzt sein alter Freund gestorben, da man für
ihn die Tasse reichte, aus welcher, so lange Jener gelebt, nie ein Anderer
getrunken hatte. Er fühlte es in diesem kleinen Zeichen sinnlicher, deutlicher,
als in all den Tagen, dass er jetzt das Haupt der Familie sei, in welcher er
Schutz und Liebe gefunden, seit er denken konnte, und mit einem schmerzlichen,
aber ihn doch erhebenden Gefühle schloss er die beiden Frauen noch einmal an sein
Herz.
    Er war kein Heimatloser mehr, er stand nicht mehr einsam in der Welt. Sein
Leben ward ihm noch wichtiger, er ward sich selbst mehr wert, weil er sich für
das Glück der Menschen, die ihm die Teuersten waren, als notwendig fühlte.
    Die drei Jahre waren an Seba nicht spurlos vorübergegangen. Sie hatte sich
viel gesorgt, viel durchgemacht, denn es hatte der Arbeit und der Anstrengungen
für sie, wie für alle die Frauen der Hauptstadt und des Landes, mehr als genug
gegeben, welche die Pflege der verwundeten und kranken Krieger in den
überfüllten Hospitälern über sich genommen hatten. Die Fältchen an den
Augenwinkeln, die leisen Furchen auf ihrer schönen Stirn hatte Paul früher nicht
an ihr bemerkt, und wie das Sonnenlicht nun von der Seite über ihren Scheitel
fiel, sah er, dass hier und da ein silberweisser Faden auf ihrem schwarzen Haar
erglänzte. Er konnte sich des Erschreckens nicht erwehren. Wie lange war es denn
her, dass er Seba an jenem Ball-Abende, an dem des Grafen Gerhard Worte ihn
zuerst wieder an seine Mutter und an seine Abstammung gemahnt hatten, in aller
Schönheit ihrer Jugend vor sich gesehen hatte? Und nun ergraute schon ihr Haar,
nun kam die Reihe bald an sie!
    Es tat ihm in der Seele weh, denn wo der Tod in einen eng verbundenen
Menschenkreis getreten ist, wird man so ängstlich. Jeder möchte in dem Antlitze
des Andern lesen können, auf wie lange er ihm noch gegönnt ist, man möchte
zusammenrücken, um sich selber die entstandene Lücke zu verbergen, man möchte
sich fester, man möchte sich für immer an einander schliessen, und man kann sich
es bei allem besten Willen nicht vergessen machen, dass kein menschliches
Verhältnis unzerstörbar, dass Alles dem Vergehen unterworfen, Alles nur im
Augenblicke unser ist, und dass unser sicherer Besitz einzig in der Benutzung
dieses Augenblickes und in dem Gedanken der durchlebten Vergangenheit beruht.
    Dieses Augenblickes wollte man geniessen, man wollte sich gemeinsam der
gehabten Ereignisse erinnern. Hatte man doch so tausendfältig oft gewünscht: O,
dass er hier wäre! dass ich sie jetzt bei mir hätte! Und wie man nun beisammen
sass, hatte man sich nichts zu sagen, weil Jeder nur das Notwendige und Rechte
getan zu haben meinte, und das Notwendige und Rechte sich einfach und
unauffällig in das allgemeine Tun einfügt.
    Paul hatte die Feldzüge mitgemacht, aber das hatten Hunderttausende getan;
er hatte sich tapfer und mutig erwiesen, Andere waren darin nicht hinter ihm
zurückgeblieben. Seba hatte mit Selbstverläugnung pflegend und helfend in den
Hospitälern gearbeitet, das war nur natürlich gewesen. Ihr Vater war gestorben,
ihr Vermögen teilweise verloren gegangen: indes es weinten unzählige Familien
in wahrer Not um ihre Väter und Versorger, und die kleinen Begegnungen, die
wechselnden Ereignisse, deren man sich zu erinnern hatte, kamen in diesen
ernsten Stunden des Wiedersehens neben den grossen Erschütterungen und
Erfahrungen, welche man durchgemacht hatte und in sich nachzittern fühlte, einem
Jeden zu geringfügig vor, um ihrer zu gedenken und ihrer zu erwähnen.
    Man war stiller als jemals bei einander, bis Paul sich erhob, um sich, wie
er sagte, umkleiden und im Comptoir seine Ankunft melden zu gehen.
    Es war ein eigenes Gefühl, mit dem er aus dem Gartensaale in die Zimmer
eintrat, welche er neben demselben früher bewohnt hatte. Alles lag und stand,
wie er es verlassen hatte. Damals freilich war es winterliche Nacht gewesen und
das Vaterland hatte unter der Knechtschaft fremder Tyrannei geseufzt, und jetzt
leuchtete die helle Sommersonne durch die im Luftauche spielenden Blätter und
Deutschland war frei und sich selber wiedergegeben worden. Aber so warm Paul's
Herz auch schlug, wenn er Daviden's und der Zukunft an ihrer Seite dachte, kam
er sich doch plötzlich viel älter geworden vor.
    Er hatte den Krieg immer als ein Unglück, als ein furchtbares, wenn auch in
diesem Falle unvermeidliches Uebel betrachtet und den Frieden oft sehnlich
herbeigewünscht, der ihn seinem Berufe und seinem Geschäfte wiedergeben sollte.
Jetzt aber war es ihm unheimlich in den stillen, nach dem Hofe hin gelegenen
Räumen des Comptoirs, es erschreckte ihn, als er den Geschäftsführer mit seiner
unerschütterlichen Gleichmütigkeit genau auf demselben Platze und in derselben
gebückten Stellung wie vor drei Jahren, die eingegangenen Briefe durchsehend,
vor sich erblickte, als er den alten Kassirer gerade so, wie er es vor drei
Jahren und vor jenen zwanzig Jahren getan, die Geldrollen über den Zahltisch
werfend und die Banknoten musternd wiederfand.
    Ein Chronometer, den Seba ihm bald nach seiner Rückkunft aus Amerika
geschenkt hatte, stand auf seinem Tische. Er war, wie der Datumzeiger es
auswies, wenig Tage, nachdem Paul Berlin verlassen hatte, abgelaufen. Damals war
er achtundzwanzig Jahre alt gewesen, jetzt stand er im einunddreissigsten.
    Er trat an den Spiegel und betrachtete sich. Das war sonst nicht seine
Sache, obschon er wusste, dass er ein schöner Mann sei. Die Uniform dünkte ihm
etwas sehr Bequemes zu sein. Er fand sie einfach, zweckmässig und kleidsam. Sie
gefiel ihm heute sehr, und er gefiel sich auch in ihr.
    Der treue, ehrliche Rock! sagte er zu sich selber, während er das Eiserne
Kreuz von demselben losmachte, um es zu verschliessen, und den Rock ablegte, um
ihn nicht wieder anzuziehen. Noch vor wenig Tagen hatte er gegen Werben die
Freiheit seines kaufmännischen Standes, im Gegensatze zu der Abhängigkeit des
militärischen Dienstes, hoch erhoben und Steinert es zugesagt, dass er dessen
Sohn in die Bahn des bürgerlichen Lebens zurückführen werde, und jetzt überfiel
ihn selber eine Angst vor der Ruhe und Stille, eine Scheu vor der
Gleichmässigkeit der täglich sich wiederholenden bürgerlichen Arbeit.
    Vorhin, als Davide sich ihm an das Herz gelegt, hatte ihn die Ahnung
ergriffen, wie das Weib sich selber in der Liebe verloren gehe, nun schreckte
sein dem Menschen eingeborenes Verlangen, sich in seiner Eigenheit und Freiheit
zu erhalten, vor der Aussicht und vor der Notwendigkeit zurück, sich künftig
nicht mehr als nur für sich selber bestehend betrachten zu dürfen, künftig
leisten und tun zu müssen, was er im Grunde bisher nur freiwillig getan hatte,
künftig keine Freiheit des Wollens und des Dürfens mehr vor sich zu haben, wenn
er einmal aus einem allein stehenden Manne sich zum Gatten einer Frau, zum
Begründer und Beschützer einer Familie gemacht haben werde.
    Als hätte ein Zauber sie heraufbeschworen, so deutlich traten urplötzlich
alle die anmutigen Begegnungen, alle die hübschen, kleinen Abenteuer und
artigen Erlebnisse ihm vor die Seele, welche er als Junggeselle auf seinen
vielen Reisen und während seiner Feldzüge gehabt hatte, und er konnte sich eines
Seufzers nicht erwehren, wenn er dachte, dass dies nun für ihn zu Ende sein, dass
für ihn zum Unrecht werden solle, was ihm bisher eine so reizende Unterhaltung
gewesen war. Freilich, er liebte Davide, aber es war keine jener heftigen,
unwiderstehlichen Leidenschaften, die er für sie fühlte. Er hegte für sie die
zuversichtliche Neigung, die sich nur durch ein langes Beisammensein und durch
die Erkenntnis bildet, dass man in allen Fällen auf einander zählen könne. Jung,
wie er Davide verlassen, hatte er doch schon ihre Selbstbeherrschung, ihre
Festigkeit und ihre Güte bei den verschiedensten Anlässen erprobt, und die
Wahrhaftigkeit ihres Herzens, die Unschuld, mit der sie ihm ihre Liebe kund gab,
ohne dass er ihr jemals von der seinigen gesprochen hatte, machten sie ihm eben
so teuer, als ihre Schönheit sie ihm begehrenswert erscheinen liess. Seit
Jahren hatte er sich gesagt, dass Davide einst seine Gattin werden müsse, er
hatte sich darauf gefreut wie auf den Preis am Ende des errungenen Zieles, wie
auf eine letzte Lebenserfüllung. Nun er sich derselben nahe glauben durfte,
bangte ihm vor der schwersten aller Aufgaben, vor dem Ausharrenmüssen; und er
konnte des beklemmenden Gefühles nicht gleich Meister werden, das ein Jeglicher
empfindet, wenn er nach einem viel bewegten, wechselvollen Dasein plötzlich in
alte, fest begründete Lebensverhältnisse einzugehen und zurückzutreten hat.
    Die Tage der Jugend und der Ungebundenheit sind nun vorüber! rief er, und es
war, als ob das unwillkürlich ausgesprochene Wort ihn auch von der
augenblicklichen Verwirrung befreie, die ihn befangen hielt. Denn er richtete
sich in seiner schönen Kräftigkeit empor und fügte mit plötzlich erheiterter
Stirn und gewandeltem Sinne hinzu: So lange hat man für sich selbst gelebt; es
ist Zeit, nun für die Andern zu leben! Lass uns sehen, was man für sie wert ist
und vermag!
    Er hatte inzwischen seine bürgerliche Kleidung angelegt und trat an das
Fenster. Heisser Sonnenschein, warmer Blumenduft strömten ihm entgegen. Er blieb
einen Augenblick am Fenster stehen und sah in den Garten hinaus. In der Ferne
gingen die beiden Frauen vorüber.
    Sie tragen den Kranz nach dem Monumente, dachte Paul, und er, der sich so
eben noch vor dem Gleichmasse der Tage und vor allem, was sich mit unausgesetzter
Regelmässigkeit zu wiederholen hatte, gescheut, fühlte sich von der beharrlichen
Treue gerührt, mit welcher Seba die freiwillig übernommene Liebespflicht
erfüllte. Es ist eine geringfügige Handlung, sagte er sich, einmal einen
Blumenstrauss auf einen Denkstein niederzulegen; aber durch ein halbes
Menschenleben dem Andenken der Hingegangenen die gleiche Erinnerung zu weihen,
während man den Pflichten gegen die Lebenden eben so treulich genügt, an jedem
Tage den gleichen Weg zu gehen, immer dieselbe kleine Sorge zu tragen, das macht
die an sich geringfügige Tat zu einem das Herz befriedigenden Cultus. Und es
sollte nicht dasselbe mit aller unserer Arbeit sein, wenn wir sie, von ihrer
Notwendigkeit wie von ihrem Nutzen überzeugt, mit Liebe und für geliebte
Menschen tun?
    Er schaute den beiden schönen Gestalten mit Vergnügen nach, wie sie langsam
durch die Wege gingen. Es freute ihn, dass er sie wieder sehen konnte, dass er sie
heute, morgen, immer wieder sehen würde. Selbst als die Gebüsche unter den
Tannen die Frauen seinem Auge entzogen hatten, verweilte er noch an dem Fenster.
Die Stille, die über dem Garten ausgebreitet lag, war ihm etwas Neues geworden
und erquickte ihn. Er hatte auf so vielen Schlachtfeldern gestanden und sie
tönten noch unvergessen in sein Ohr: der Donner des Geschützes, der Weheruf der
Verwundeten, das Röcheln all der Sterbenden, die in fremder Erde unter
ungeschmückten Gräbern ruhten.
    Friede, Friede! rief er und schlug die Hände unwillkürlich, wie beim Gebet
in seinen Kindertagen, in einander, Friede und Beharren und Bleiben hier bei den
geliebten Menschen, und leben und schaffen mit ihnen und für sie!
    Freien und gehobenen Sinnes verliess er seine Zimmer, um gleich an diesem
Morgen, gleich in dieser Stunde seine Arbeit zu beginnen. An der Türe des
Comptoirs wendete er sich noch einmal um und blickte durch die Seitenfenster
nach dem Garten hinaus. Seba und Davide sassen vor dem Gartensaale, mit Nähterei
beschäftigt, bei einander. Aber Paul ging nicht zu ihnen. Er konnte es ja später
tun, denn er blieb jetzt hier, und sie waren ihm zu eigen.
    Was war gegen eine solche Gewissheit aller überraschende Reiz des Zufalles?
Er wiegte sich in dem beglückenden Gefühle dieser Sicherheit, und ihrer wie
seiner selbst gewiss, kehrte er, ein reifer Mann, aus dem Felde zu seinem
bürgerlichen Berufe zurück.
 
                                Drittes Capitel
Arbeit, unausgesetzte, ernste Arbeit, das war es, was es jetzt galt, aber Paul
war des Arbeitens von Jugend auf zu sehr gewöhnt, um sich in der Arbeit, sobald
er ihr nur wiedergegeben wurde, nicht schnell wieder einzuleben und heimisch zu
fühlen.
    Er fand die Verhältnisse des Handlungshauses, dessen alleiniger Inhaber er
jetzt war, besser und schlechter, als er es erwartet hatte. Das Flies'sche
Vermögen, obschon es durch die während der letzten Krisen gebrachten Opfer
bedeutend zusammengeschmolzen war, blieb noch immer beträchtlich genug, um Seba
über jede Nahrungssorge zu erheben und ihr, der Alleinstehenden, die gewohnte
breite und reichliche Lebensweise zu gestatten; aber die Erfahrungen der letzten
Jahre hatten den Vater ängstlich gemacht, und sein Testament setzte also fest:
Erstens, dass Seba's Vermögen ganz und gar aus dem Geschäfte gezogen und in
Hypoteken angelegt werden sollte; zweitens, dass es, falls Seba sich nicht etwa
noch zur Eingehung einer Ehe entschliesse, nach ihrem Tode an mildtätige
Stiftungen übergehen solle, damit in ihnen des Vaters Name und sein Andenken
erhalten bliebe, wenn sie nicht durch die Erben seines Blutes in die Zukunft
übertragen und fortgepflanzt würden.
    Es war gegen diese letztwilligen Verfügungen nichts zu sagen. Sie
entsprachen dem vorsichtigen und vorsorglichen Charakter des Gestorbenen, und
sie waren durchaus im Sinne des Judentums, das Fortpflanzung des Namens durch
die Nachkommenschaft für eine der grössten Segnungen erkennt. Nichts desto
weniger trafen diese Bestimmungen alle Beteiligten recht schwer. Seba sah sich
durch dieselben in der freien Verfügung über das Vermögen beschränkt. Sie konnte
es nicht verschmerzen, dass ihr die Möglichkeit entzogen worden, Davide, die sie
als ihr Kind betrachtete und liebte, einst auch zu ihrer Erbin einzusetzen, und
für Paul wurde die Fortführung eines auf grosse eigene Hülfsquellen begründeten
Geschäftes äusserst schwierig, da diese ihm eben in einer Zeit entzogen wurden,
in welcher, bei der Seltenheit des Geldes, eben mit Geld, wie Paul es seinem
Freunde auseinander gesetzt hatte, mehr als sonst zu machen und zu leisten war.
Auch schwankte er einen Augenblick, was er beginnen sollte.
    Wollte er sich das Leben erleichtern und sich bescheiden, so musste er auf
seine grossen Plane für lange, ja, wahrscheinlich für immerdar verzichten; denn
was jetzt noch möglich war, konnte nach wenig Monaten schon weit schwerer, nach
Jahren völlig unausführbar sein. Er musste sich damit begnügen, langsamer für
sich und die Seinigen ein mehr oder weniger ausreichendes Einkommen zu schaffen
und, im engeren Handelsverkehre ein nützliches Mitglied, sich nur in kleinerem
Kreise bewegen; oder er musste, was er von eigenem Vermögen noch besass,
darangeben, seine Zahlungsfähigkeit in auffälliger Weise bei der Regulirung des
Flies'schen Vermögens darzutun und, den daraus entspringenden Credit benutzend,
seine ganze Kraft aufbieten, um mit den fremden Capitalien so viel zu erwerben,
dass er den Darleihern ihr Darlehen wohl verzinsen, durch den Gewinn-Überschuss
sich ein neues, eigenes Vermögen schaffen und sich wieder in die Höhe bringen
konnte; und er stand nicht lange an, welchen Weg er einzuschlagen habe.
    Er hatte mit seinem väterlichen Blute die Neigung zu herrschen ererbt, aber
auch von dem dienstbaren Sinne seines mütterlichen Geschlechtes war viel auf ihn
übergegangen, und eben deshalb fand er in dem von ihm gewählten Berufe auch
jetzt wieder seine vollkommenste Befriedigung. Denn keinem anderen Stande ist es
wie dem Kaufmanne gegeben, eine grosse Herrschaft auszuüben und weitin in die
Ferne und in die Zukunft wirksam und bestimmend einzugreifen, während er sich
für Andere nützlich macht. Paul hatte sich in dem grossen amerikanischen Hause,
in welchem er gearbeitet hatte, früh daran gewöhnt, die Bedürfnisse und
Aussichten der ganzen Welt in das Auge zu fassen; die Jahre vor dem Kriege
hatten ihn in Europa mit verschiedenen Männern bekannt gemacht, welche als
Diplomaten die Vermittlung und Ausgleichung zwischen den verschiedenen Völkern
und den verschiedenen Fürsten zu ihrer Aufgabe hatten, und sein von Natur auf
das Grosse gerichteter Sinn hatte dadurch den Ueberblick und die Verbindungskraft
gewonnen, die zu durchschauen vermochten, wie und wo der Vorteil Aller Vorteil
für den Einzelnen verspricht, und wie der Einzelne es anzufangen habe, der
Gesammteit zu dienen, indem er seinen eigenen Vorteil und Nutzen wahrnimmt.
    Ueberall war in Europa Geld notwendig. Man brauchte Geld, um die aus Mangel
an Bestellungen wie aus Mangel an Arbeitskräften während des Krieges in's
Stocken geratenen Fabriken wieder in Gang zu bringen; man brauchte Geld, um das
Inventarium auf den zum Teil völlig ausgeraubten Gütern zu erneuern, man
brauchte Geld an allen Ecken und Enden; und Geld zu schaffen, den Regierungen
wie den Privatpersonen Geld zu schaffen, ihnen die Unterbringung ihrer Anleihen
möglich zu machen, war eine der unerlässlichsten Notwendigkeiten, wenn der
Friede die Mittel haben sollte, herzustellen, was der Krieg vernichtet hatte.
Die grossen Bankhäuser, die unternehmenden Kaufleute mussten ihre Hände dazu
bieten, das Geld in den fernsten Gegenden flüssig zu machen und es dahin zu
leiten, wo es in diesem Augenblicke am dringendsten gebraucht ward, und weil das
Geld sich in dieser Weise am höchsten verwerten liess, wurden in anderen
Gegenden mancherlei Unternehmungen unterlassen oder eingestellt, für deren
Fortführung später das Geld wieder nach seinen Ausgangspunkten zurückgeleitet
werden musste. Darauf hatte Paul sein Auge gerichtet und seine Plane angelegt,
und darauf hin hatte er schon seinen Freund Steinert verwiesen, als dieser ihn
über die Zukunft seines Sohnes zu Rate gezogen hatte.
    Niemals hatte Paul von seinem Berufe grösser gedacht, als jetzt, und niemals
hatte er die schweren Sorgen und Aufregungen desselben lebhafter zu empfinden
gehabt, als in dem nächsten Winter, in dem er Seba's Vermögen aus dem Geschäfte
herauszuziehen und nach dem Willen ihres Vaters, der Paul mit dieser Aufgabe
betraut hatte, festzustellen hatte, während er seinen Credit bis auf das
Äusserste anspannen musste, um die Unternehmungen möglich zu machen, die er nach
den verschiedensten Seiten hin in Angriff nahm. Die Tage vergingen ihm in
Arbeit, die Nächte oft in Sinnen und in Sorgen. Er bemerkte es nicht, dass seine
Stirne ihre Heiterkeit, dass seine Augen ihren hellen Glanz verloren, er hatte
nicht Zeit, an sich zu denken und auf sich zu achten; nur Seba sah es und Davide
sah es, und ihr ängstlich liebevoller Blick war der Lohn seiner Arbeit, sein
Trost und seine Freude, wenn er nach des Tages Last und Plage sich am späten
Abende ein Ausruhen bei den Seinen gönnte.
    Als der Herbst und der Winter herangekommen waren, bewegte sich in der
Hauptstadt überall, wo man nicht um Gefallene zu trauern hatte, eine glänzende
Geselligkeit. Man schien sich des für Europa wiedergekehrten Friedens erfreuen,
der ausgestandenen Leidensjahre in Zerstreuungen vergessen zu wollen, aber in
dem Flies'schen Hause gingen die Tage ihren stillen, regelmässigen Gang. Seba,
die mit ihren vierzig Jahren noch immer schön zu nennen war, weil ihre Schönheit
nicht nur in dem Reize der Jugend und der Farben, sondern in dem Adel der Formen
und dem durchgeisteten Ausdrucke ihres Antlitzes bestanden hatte, war um ihres
Vaters willen immer nur wenig in Gesellschaften gegangen, und während des
Krieges hatte auch Daviden nicht danach verlangt, da sie mit ihrer stillen Liebe
und mit den Sorgen um den entfernten Geliebten beschäftigt gewesen war. Jetzt
vollends trugen beide Frauen nach zerstreuendem Menschenverkehre noch weit
weniger Verlangen. Es kam aber dadurch in dem häuslichen Beisammensein bald ein
Friede über die drei eng verbundenen Mensachen, dass es ihnen war, als hätten sie
von Anbeginn so mit einander gelebt, ja, dass selbst die gewaltigen Ereignisse,
die an ihnen vorübergegangen waren und in denen sie, so viel an Jedem von ihnen
gewesen, mitgewirkt hatten, davor weit in die Ferne zurücktraten. Sie erfuhren,
was man nach grossen Eindrücken immer an sich wahrnimmt, dass unser Verhältnis zu
den Aussendingen und Ereignissen, man möchte sagen, unser perspectivisches
Verhältnis zu ihnen, ein wunderbar wechselndes ist. Die ersten Tage nach einem
grossen Erlebnisse, nach einem grossen Verluste dehnen sich für uns in
unbegreiflicher Weise aus; die Wochen und Monate, welche diesen ersten Tagen
folgen, verschwinden uns in eben so unbegreiflicher Weise.
    Erst vierzehn Tage ist es her? hatten die Zurückgebliebenen nach des Vaters
Tode sich gefragt. - Schon acht Monate ist es her, seit wir in Paris einzogen?
Schon vier Monate, seit der Vater todt ist und ich wieder zu Euch heimgekommen
bin? rief Paul oft mit Verwunderung aus, als der Herbst mit seinen Regentagen
angebrochen war und die ersten Schneestürme von dem Garten her um die Fenster
des Zimmers sausten, in welchem sie die letzten Abendstunden bei einander zu
sitzen pflegten.
    Davide hatte sich Paul bald nach seiner Rückkehr anverlobt, aber auch dieses
Erlebnis war ohne besondere Scenen, ohne besondere Aufregungen an den Dreien
vorübergegangen. Seba hatte, seit Paul wieder in Europa lebte, immer den
heimlichen Wunsch gehegt, diese beiden ihr teuren Menschen verbunden zu sehen,
und ihre Herzen hatten sich denn auch in ruhiger Liebe, in sicherstem Vertrauen
zu einander gefunden. Selbst dass Davide noch Jüdin war, kam nicht störend in
Betracht. Von der Abneigung, von dem angestammten oder vielmehr anerzogenen
Widerwillen, welche die meisten anderen Völker gegen die Juden hegen, konnte bei
Paul gar nicht die Rede sein, denn er war frei von dem Ballast angeerbter
Vorurteile. Wahre Güte und Liebe waren ihm in seiner Kindheit von Niemandem als
von einer Judenfamilie zu Teil geworden. Ihr dankte er seine erste Erziehung,
ihr jene Aufklärung seiner Gedanken, die bei jedem Menschen in der ersten Jugend
vorgenommen werden muss, um nachhaltig wirksam zu sein. Das Haus dieser
Judenfamilie hatte der Heimatlose durch sein ganzes Leben als den Hafen vor
Augen gehabt, zu dem er wünschend und hoffend seine Blicke hingewendet hatte.
Sein langer Aufentalt in Amerika war dann zu einer Schule der Duldsamkeit für
jede Art von religiöser Ueberzeugung für ihn geworden, und er hatte um so
weniger ein religiöses Bedenken irgend einer Art in seinem Innern zu bekämpfen,
da er ohne jedes kirchliche Bekenntnis aufgewachsen war. Was er vor seiner
Flucht aus Europa in der Schule von der biblischen Geschichte erlernt, was er
damals von den Dogmen des Christentums und von den Erzählungen der Evangelisten
gewusst hatte, war für ihn nicht weniger mytisch, wenn auch weniger lebendig
gewesen, als die Erinnerungen an die alte Götterwelt der Griechen und der Römer.
    Da er zur Zeit, in welcher er aus Europa entfloh, über seine Jahre gross und
kräftig gewesen war, hatte man ihn für älter gehalten, als er war, und Niemand
hatte sich jemals die Mühe genommen, daran zu denken, ob er in irgend einer
Religion unterrichtet worden sei und ob er ein kirchliches Glaubensbekenntnis
abgelegt habe oder nicht. Mit der Neugier der Jugend war er, wenn man ihm in
Amerika am Sonntage seine Stunden für den Kirchenbesuch frei gegeben hatte, bald
in diese, bald in jene Kirche gegangen, hatte dem Gottesdienste der
verschiedensten Culte zugesehen, bis er, dieses Anschauens müde, den
Kirchenbesuch, zu dem er im Weissenbach'schen Hause ohnehin nicht angehalten
worden war, und den er Seba niemals üben sehen, endlich ganz und gar aufgegeben
hatte. Er war nicht confirmirt worden, er hatte nie das Abendmahl genossen, er
hätte nicht zu sagen vermocht, welchem Bekenntnisse er angehöre, hätte sein
Taufschein es nicht ausgewiesen, dass er in die christlich evangelische
Kirchengemeinschaft aufgenommen sei; und mit Davide war es ziemlich derselbe
Fall. Denn wie die religiösen Verhältnisse sich in unsern Zeiten ausgebildet
haben, wählt der Mensch seine Religion nur in den seltensten Fällen frei und
selbstständig: er wird in ihr geboren und nimmt sie als Familien-Ueberlieferung
in sein eigenes Leben mit hinüber.
    Davide hatte mit dem Judentume nicht mehr Zusammenhang, als ihr Verlobter
mit dem Christentume; aber ihre Begriffe von Recht und Unrecht, ihr Streben
nach dem Guten, ihre Verehrung vor dem Grossen und Erhabenen, ja, alle ihre
moralischen Anschauungen und sittlichen Ueberzeugungen waren ihnen Beiden
frühzeitig von derselben Hand und aus derselben lautern Quelle zugekommen, und
das öftere und längere Zusammenleben in den Jahren, welche dem Kriege
vorausgegangen waren, hatten dazu gedient, den Einklang zwischen Seba und ihren
beiden Pflegekindern, wie sie Paul und Davide zu nennen liebte, vollständig
herauszubilden. Sie waren durch und mit einander unablässig in ihrer Entwicklung
vorgeschritten. Die weitreichenden socialen Ansichten, welche Paul erworben,
hatten Seba vielfach aufgeklärt, ihre inneren Erfahrungen waren ihm, so weit ein
Mensch dem anderen mit seinen Erfahrungen nützen kann, zu Gute gekommen, und
zwischen ihnen Beiden war Davide in einer Atmosphäre der Wahrheit und der
Verständigkeit so unangefochten aufgewachsen, dass sie die Möglichkeit besessen
hatte, sich zu dem Gleichmass und zu der ruhigen Seelenschönheit zu entfalten,
welche Seba einst an der Baronin Angelika bewundert und für sich selbst in jenen
Tagen so unnachahmlich gefunden hatte.
    Weil Seba noch um ihren Vater trauerte, verzichtete das junge Paar darauf,
seine Verlobung den Freunden bekannt zu machen, und man benutzte diese Zeit,
Davidens Uebertritt zur christlichen Kirche, ohne welchen ihre Ehe mit Paul eine
Unmöglichkeit gewesen sein würde, einzuleiten. Die Zeit war aufgeklärt, denn die
Freiheitskriege, in denen Männer und Jünglinge aller Bekenntnisse einmütig in
Reih und Glied gestanden hatten, um das Joch der Fremdherrschaft von dem
Vaterlande abzuwerfen, hatte selbst den Beschränkten und Kurzsichtigen,
wenigstens für den Augenblick, die Erkenntnis gegeben, dass man die gleiche
Vaterlandsliebe hegen, die gleiche Ansicht über die Ziele der Menschen haben
könne, ohne den Glauben an die kirchlichen Lehrsätze mit einander zu teilen,
und es hatte also in der Stadt, in welcher ein Fichte seine Reden an das
deutsche Volk und Schleiermacher seine moralphilosophischen Predigten gehalten
hatte, keine Schwierigkeit, einen Geistlichen zu finden, der sich willig zeigte,
der jungen, in den Grundsätzen einer reinen Moral und einer liebevollen
Hingebung an das Ideale auferzogenen Jüdin die Aufnahme in die christliche
Gemeinschaft zu bewilligen, wenngleich sie Manches, das die
protestantischevangelische Kirche zum Glaubenssatz erhoben hat, nur als
geschichtlichen Mytus anzusehen vermochte.
    Weder Davide, noch einer der beiden ihr verbundenen Menschen hatten dabei
Kämpfe in sich zu bestehen oder grosse äussere Hindernisse zu überwinden; denn wo
die Grundanlage in der Natur eines Menschen gesund ist, wo die Verhältnisse, in
denen er sich bewegt, auf Wahrheit gegründet sind, und wo sein Tun und Streben
sich im richtigen Zusammenhange mit der Zeit befinden, der er angehört, da
vollziehen alle Wandlungen sich sehr einfach und unmerklich, da geschehen seine
eigene Entwicklung und das Wachsen seiner äusseren Glücksumstände meist so
allmählich und so still wie die Entfaltung eines Keimes zu seiner Blüte und zu
seiner Frucht. Nicht das täglich Werdende, nur das Gewordene stellt in solchen
gesunden und natur- und zeitgemässen Verhältnissen sich dem beobachtenden Blicke
dar, und es hat immer seine Bedenklichkeiten, wenn das Leben eines Menschen oder
einer Familie viel von sich sprechen macht, oder die Aufmerksamkeit der
Aussenwelt durch ungewöhnliche Vorgänge auf sich zieht.
    Es war nicht zum Verwundern, dass Seba sich in diesem Jahre so einsam hielt,
nicht zum Verwundern, dass Paul früher als die Anderen alle aus dem Feldzuge heim
kam und zu seinen Geschäften wiederkehrte. Man hatte immer erwartet, dass Davide
Christin, dass sie die Gattin Tremann's werden würde. Dass dieser, an einen
grösseren, weiteren Handelsverkehr gewöhnt, die Geschäfte des Hauses ausdehnen
und in neue Bahnen leiten würde, das hatte man mit derselben Sicherheit
vorausgesehen. Wie schwer er aber arbeitete, mit welchen Sorgen er zu kämpfen
hatte, darüber sich zu äussern oder gar sich zu beklagen, das war nicht seine
Sache. Man sah ihn immer gleichmässig ruhig in selbstgewisser Zusammengefassteit,
und das gemessene Vertrauen, das er in sich selber setzte, gab auch Anderen das
Zutrauen zu ihm und seinen Unternehmungen, ohne welches diese letzteren eine
Unmöglichkeit geworden wären.
 
                                Viertes Capitel
Paul Tremann war schon lange seinen Geschäften wiedergegeben und der Friede war
längst geschlossen, als der Justitiarius des freiherrlich von Arten'schen Hauses
noch immer vergebens die Rückkehr des jungen Freiherrn forderte, für den es
unter den obwaltenden Umständen nicht schwer gewesen sein würde, sich einen
Urlaub zu verschaffen oder, da er bei einem der Regimenter stand, die zur
Sicherung des neu aufgerichteten Königstrones der Bourbonen und zur Eintreibung
der Kriegs-Contribution in Frankreich zurückgelassen wurden, seine Versetzung zu
einem der heimkehrenden Regimenter zu erlangen. Aber das Glück, dessen die
Freiherren von Arten sich in früheren Zeiten sprüchwörtlich zu rühmen geliebt
hatten, war während dieser Kriege auch dem jungen Freiherrn treu geblieben.
    Strahlend in Siegesfreude, durch die Anstrengungen des Krieges abgehärtet
und gekräftigt, hatte Renatus inmitten der vereinigten Heere, an der Spitze
seiner Compagnie an dem zweiten Einzuge der Verbündeten in Frankreichs
Hauptstadt Teil genommen, und die Reize dieser anmutsvollsten unter allen
Städten, welche er zum ersten Male kennen lernte, hatten auf den jungen
Hauptmann, der mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein Neuling in dem Leben
einer solchen Weltstadt war und dem die Gelegenheit, sie zu geniessen, auf jede
Art geboten wurde, ihre bezaubernde Wirkung nicht verfehlt.
    Allerdings sah die grosse Menge der Franzosen widerwillig und mit
schweigender Empörung auf die fremden Krieger hin, welche ihnen die
unwillkommene Herrschaft der Bourbonen aufgezwungen und, was dem Volke
vielleicht noch verhasster war, auch die alten, ausgewanderten Adelsgeschlechter
und das ganze Priesterregiment wieder in das Land zurückgeführt hatten. Aber
dafür standen den deutschen, russischen und englischen Offizieren in dem neu
belebten Faubourg Saint Germain, in welchem die alte französische Aristokratie
die in ihren stillen Höfen und Gärten gelegenen Paläste wieder bezogen hatte,
Tor und Türe offen; und das Hotel der Herzogin von Duras war eines der ersten,
das gleich nach der ersten Rückkehr der Bourbonen die alte, gute Sitte
regelmässigen Empfanges wieder aufnahm, denn die Herzogin wollte sich in ihrem
Greisenalter endlich für alle die mannigfachen Entbehrungen schadlos halten,
denen sie durch lange Jahre unterworfen gewesen war. Wie sie eine der Ersten
Frankreich verlassen hatte, so war sie nun als der Ersten eine mit der
wiedereingesetzten Königsfamilie in die Hauptstadt zurückgekehrt, und die
unbegrenzte Freigebigkeit, welche die Bourbonen von jeher ihren Anhängern
angedeihen lassen, war natürlich der Herzogin, die sich seit dem Ende des
vorigen Jahrhunderts immer in der Nähe und im Dienste des Hofes befunden hatte,
vor allen Anderen zugewendet worden.
    Die Wiedererlangung ihres durch seine Gastlichkeit früher so berühmten
Schlosses Vaudricourt war nicht mehr ihr Wunsch gewesen. Man wird die Greisin
nicht besuchen kommen, wie die junge Schlossherrin, hatte sie sich gesagt, und
der König, der an dem Hofe seines Schwiegervaters ihrer Gesellschaft gewohnt
geworden war, hatte dieselbe auch in der wiedergewonnenen Heimat nicht
entbehren mögen.
    Die Herzogin war nicht mehr im Dienste, aber sie lebte im engsten Vertrauen
des Hofes, und sie verstand den Einfluss, den sie besass, eben so wohl zu nutzen,
als die Unterordnung und die Zuvorkommenheit aller derjenigen Personen, welche
durch Vermittlung der Herzogin von dem neuen Hofe Gewährung ihrer alten
Ansprüche und Forderungen zu erlangen wünschten.
    Es war nur wenig Tage nach seiner Ankunft in Paris, als der junge Freiherr
in einer der eben ausgegebenen Zeitungen in den Hofberichten die Mitteilung
las, dass die Frau Herzogin von Duras am verwichenen Abende ein Fest gegeben
habe, welches von dem Könige und der ganzen königlichen Familie mit ihrem
Besuche beehrt worden sei.
    Sie ist also hier, sie ist in Paris! rief Renatus unwillkürlich aus, und
eben so plötzlich, als ihm diese Kunde geworden war, beschloss er, die alte
Freundin seines Vaters aufzusuchen. Er dachte freilich daran, welch einen
unheilvollen Einfluss die Herzogin Margarete auf das Schicksal seiner Mutter
ausgeübt hatte; aber diese Vergangenheit lag weit hinter der Gegenwart zurück
und er wusste auch wenig Bestimmtes über alle jene Vorgänge. Seine Neugier, die
Herzogin wiederzusehen, deren Bild ihm auch nur schattenhaft in der Erinnerung
geblieben war, trug daher ohne grosse Mühe über die flüchtigen Bedenken seiner
Kindesliebe den Sieg davon, und er hatte obenein eine schwere, doppelte
Versäumnis nachzuholen. Er hatte der Herzogin in der Unruhe seines damaligen
Lebens den Tod seines Vaters nicht gemeldet. Er schuldete es ihr daher, sowohl
wie dem Andenken seines Vaters, die Unterlassung gut zu machen, und gerades
Weges aus dem Kaffeehause in sein Quartier zurückkehrend, schrieb er der
Herzogin, dass sein Vater gestorben, dass er selber in Paris sei und dass er sie um
die Erlaubnis bitte, sich ihr vorstellen zu dürfen.
    Noch an dem nämlichen Abende fand er, von einem Gange wiederkehrend, eine
Antwort der Herzogin vor.
    »Sie sind in Paris, lieber René,« schrieb sie ihm, »und nicht in meinem
Hause? - Wie ist das möglich? - Ein Sohn, der einen Vater wie den Freiherrn
verloren hat, ist immer beklagenswert und hat des Trostes nötig, welches auch
seine Aussichten im Leben sein mögen. Wenn Sie mich nicht wissen lassen, dass es
mit Ihren Verhältnissen und Wünschen unvereinbar ist, mein Gast zu sein, so wird
morgen Mittag mein Wagen vor Ihrer Türe stehen, um Ihre Uebersiedlung in mein
Haus zu bewerkstelligen. Kommen Sie, wenn es Ihre Dienstpflichten nicht
unmöglich machen, mein junger Freund! Bereiten Sie mir die Genugtuung, mit
Ihnen von Ihrem Vater, meinem unvergesslichen Freunde, zu reden und Ihnen einen
geringen Teil der grossen Dankesschuld zu entrichten, die nur seine Freundschaft
mir leicht zu tragen machen konnte. Auch ich habe einen teuren Todten zu
beklagen; aber Sie sind jung, das Leben liegt vor Ihnen, und auch neben mir
blüht ein junges Leben auf. Sie sollen von dem Trübsinne des Alters nicht bei
mir zu leiden haben. Somit auf Wiedersehen, mein junger Freund!«
    Es war die alte Anmut, welche allen Briefen der Herzogin von jeher eigen
gewesen war, und Renatus wurde es nicht müde, die Zeilen immer auf's Neue zu
lesen. Die Schrift, das Papier, der Duft desselben hatten etwas Reizendes für
ihn. Er musste sich förmlich daran erinnern, dass es eine Greisin sei, von welcher
diese Zeilen ihm gekommen waren, denn er fühlte sich von ihnen erheitert und
aufgeregt. Sie hatten ihn trotz der Mahnung an seines Vaters Tod, über den nun
freilich schon zwei Jahre hingegangen waren, in eine so fröhliche Spannung
versetzt, als stände er an der Schwelle eines Abenteuers, als erwarte ihn irgend
ein ganz unverhofftes Glück.
    Er eilte zu seinem Chef, mit dem er auf dem besten Fusse stand, ihm von dem
Anerbieten der Herzogin und von seinem Wunsche, es zu benutzen, Anzeige zu
machen, und er fand von Seiten des Obersten, da das ganze Regiment an dem linken
Seineufer untergebracht war, keine Schwierigkeiten für seine Absicht.
    Da er von seinem Chef es zufällig erfuhr, dass eben an diesem Tage ein
Offizier des Stabes auf Urlaub in die Heimat gehe, nahm Renatus die Gelegenheit
wahr, seiner Braut die Anzeige seines Wohnungswechsels zu machen. Er legte, um
sich einen Teil des Briefschreibens zu ersparen, das Billet der Herzogin für
Hildegard bei. Er dachte, es könne nebenher nicht schaden, wenn diese sehe, dass
eine Greisin noch solcher bezaubernden Anmut fähig sei, und wenn sie selbst
sich daran ein Beispiel für sich und ihre eigenen Briefe nähme, deren
schwärmerischer Ernst, ja, selbst deren feste, grosse Handschrift ihn eigentlich
je länger desto unschöner bedünkten.
    Hildegard wird allerdings verdriesslich darüber sein! sagte er sich. Aber
mochte sie es auch einmal empfinden, wie es tue, von einem Briefe aus der Ferne
keine Freude zu empfangen. Er hielt es für die höchste Zeit, an Hildegards
Erziehung zu gehen, eben da nun ein dauernder Friede vor der Türe stand und er
an seine Heimkehr und an seine Heirat denken durfte.
    Aus dem Geräusche der volksbelebten Strassen, aus der Glut der Mittagshitze
brachte am nächsten Tage der Wagen der Herzogin den jungen Freiherrn in das alte
Hotel der Herzoge von Duras. Hohe Mauern schlossen es nach Landessitte von der
Strasse ab; ein weiter Garten dehnte sich hinter dem im edelsten Style des
siebenzehnten Jahrhunderts errichteten Gebäude aus. Durch das geöffnete Portal
des Hauses zeigten sich frische Rasenplätze, von grossen Bäumen überschattet.
    Die Frau Herzogin lassen den Herrn Baron ersuchen, sich in seinen Zimmern
einzurichten, sagte der Haushofmeister; sie erwarten ihn danach im Gartensaale.
    Renatus war in den Gewohnheiten des Reichtums in einer würdigen Heimat
aufgewachsen; aber die letzten Eindrücke, welche er empfangen hatte, als er mit
seinem Regimente vor dem russischen Feldzuge zum letzten Male in Richten gewesen
war, hatten eine traurige Erinnerung in ihm zurückgelassen, und seit vollen drei
Jahren war er im Felde, in den wechselnden und oft widerwärtigsten Umgebungen
gewesen. Das erhöhte das Wohlgefallen, welches er bei dem Anblicke dieses
Palastes, dieser edeln Räume, ja, selbst bei den Hülfsleistungen genoss, deren er
von seinem Kammerdiener gewohnt gewesen war und mit denen jetzt die Dienerschaft
der Herzogin sich sorgfältig um ihn bemühte.
    Man hatte ihn auf einer der Seitentreppen nach dem linken Flügel des Hauses
geführt, in dessen erstem Stocke man ihm seine Wohnung eingerichtet hatte.
Nachdem er sich umgekleidet, geleitete der Kammerdiener der Herzogin ihn die
breite, marmorne Prachttreppe hinab nach dem Saale, in welchem er die Herzogin
wiedersehen sollte.
    Es war ein grosser, hoher Raum, dessen Türen nach dem Garten zu geöffnet
waren. Dunkelrote Vorhänge brachen das Licht der Sonne an den Fenstern; die
Türen waren von aussen mit Marquisen verschattet. Nahe an dem einen Fenster lag
in einem Lehnstuhle, die Füsse mit einem weichen Polster unterstützt, die
Herzogin; an dem Schreibtische, der nicht fern von ihr stand, sass eine
jugendliche Frauengestalt.
    Als Renatus eintrat, richtete die Herzogin sich mit lebhafter Bewegung in
die Höhe, und ihm die Hand entgegenreichend, die heute noch, wie vor jenen
Jahren, mit dem zierlichen Handschuh von schwarzer Seide halb bedeckt war, rief
sie: Willkommen in Frankreich, mein junger, lieber Freund, und doppelt
willkommen in meinem Hause, mein lieber René! Ich danke es Ihnen, dass Sie
gekommen sind, eine alte Freundin Ihres Vaters aufzusuchen. Der arme Baron, dass
er so zeitig von uns gehen musste! Aber das Leben ist nur ein Darlehen des
launenhaften Schicksals und nichts mehr. Sie wissen es, auch mein teurer Bruder
ist schon längst gestorben, jung gestorben, und wir betrauern ihn noch heute,
ich und seine Tochter!
    Indes von dieser Trauer war weder in den feinen Zügen der Greisin, noch in
dem strahlenden Antlitze ihrer Nichte eine Spur zu finden, als diese auf ein
Wort ihrer Tante sich zu ihnen wendete, um die Vorstellung des Freiherrn von
Arten-Richten zu empfangen.
    Renatus konnte während dessen mit sich nicht darüber einig werden, ob er gar
kein Bild von der Herzogin in seinem Gedächtnisse bewahrt gehabt, oder ob sie
sich wirklich so wenig verändert hatte, dass nichts an ihr ihm störend oder
fremd, sondern Alles vertraut und angenehm erschien. Ihre weisse Morgenkleidung,
das Spitzentuch, welches sie über die zierliche Haube gebunden trug, die
zahlreichen schneeweissen Löckchen, die ihre Stirn und ihre Wangen umgaben,
machten ein so feines, in sich abgeschlossenes Bild, dass man meinte, es müsse
eben so, es könne niemals anders gewesen sein, und dass man eben deshalb auch
bereitwillig an die frische Farbe des Gesichtes glaubte, besonders da die
allerdings tief eingesunkenen Augen der Greisin ihren einschmeichelnden Blick
und ihr beredter Mund, trotz der schmal gewordenen Lippen, sein feines Lächeln
noch nicht verloren hatten.
    Renatus war noch nicht lange bei der Herzogin, als verschiedene Besuche
angemeldet wurden. Es waren jüngere und ältere Männer, zwei Geistliche unter
ihnen. Alle aber trugen sie grosse Namen, alle waren sie unter einander bekannt
und im Besitze jener leichten und doch feststehenden Umgangsformen, deren in
solcher Vollendung nicht Herr zu sein, Renatus sich heute zum ersten Male bewusst
ward.
    Wohin er bis dahin auch gekommen war, überall hatten sein Name, sein gutes
Äußeres und später selbst seine Uniform ihm eine Beachtung zugesichert. Hier
trugen alle Männer das bürgerliche Kleid, und die Nennung seines Familiennamens
glitt an den Anwesenden spurlos vorüber. Erst als die Herzogin erwähnte, dass sie
in den Tagen der Verbannung eine sehr liebenswürdige Aufnahme bei dem Vater des
jungen Barons gefunden habe, wurden ihre Freunde auf Renatus aufmerksam; aber es
war, als ob die Zeit der Auswanderung seit langen, langen Jahren hinter ihnen
läge. Sie schienen es fast vergessen zu haben, dass sie Frankreich jemals
verlassen hatten. Paris, der Hof, die Verhältnisse, in welche sie zurückgekehrt,
waren für sie so ausschliesslich die Welt, dass alles, was nicht in diese Welt
hinein gehörte, kaum für sie vorhanden war.
    Freilich erboten sich die jüngeren Männer, den jungen Freiherrn mit dem
Pariser Leben bekannt zu machen, man besprach auch seine Vorstellung bei Hofe;
Renatus konnte es sich indessen nicht verbergen, dass er unter diesen Marquis,
Grafen und Prinzen eine sehr untergeordnete Rolle zu spielen haben werde, und
während ihn dieses verdross, fühlte er sich doch von der ihn umgebenden
Gesellschaft wie nie zuvor angezogen und gefesselt.
    Alle diese Männer waren an den meisten Höfen von Europa heimisch. Man redete
von den fürstlichen Familien von England, von Sardinien, von Russland und von
Holland, und von den Beherrschern der deutschen Länder mit einer Art von
Vertraulichkeit, welche für Renatus etwas Ueberraschendes hatte. Nur wenn sich
das Gespräch auf den Hof und die königliche Familie von Frankreich wendete,
änderte und steigerte sich der Ton bis zu einer fanatischen Ergebenheit, und die
Herzogin, die immer noch Meisterin darin war, die Unterhaltung auf die
Gegenstände zu lenken, von denen sie gesprochen haben wollte, wusste an dem Ohre
ihres jungen Gastes auf diese Weise eine Reihe von Tatsachen vorüber zu führen,
die ihn beschäftigten, ohne sich zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden zu
lassen, und die ihm unablässig und immer wieder das unbehagliche Gefühl
aufnötigten, dass er nur ein zufälliges und nur ein unbedeutendes Mitglied in
diesem Kreise sei.
    Will sich die Herzogin an mir für die Dienste rächen, welche mein Vater ihr
und ihrem Bruder geleistet hat? fragte Renatus sich einmal unwillkürlich. Aber
sein guter Sinn stiess diesen Gedanken mit einem Tadel gegen sich selber als eine
Unwürdigkeit von sich, und doch lag diese Voraussetzung der Wahrheit näher, als
er es zu glauben vermochte.
    Renatus wusste es noch nicht, dass man edeln Herzens und liebevollen Gemütes
sein muss, um die Dankbarkeit nicht als eine schwere Last zu empfinden: indes der
stolze Sinn der Herzogin hatte die Stunde nie vergessen, in welcher sie sich
genötigt gefunden hatte, von dem Freiherrn für sich und ihren Bruder unter
Hinweis auf eine kaum bestehende Verwandtschaft eine Zuflucht und Hülfe zu
begehren. In wie grossmütiger Weise der Freiherr sie auch empfangen und
unterhalten hatte, das Brod der Fremde, das Gnadenbrod, wie sie es oft mit
herbem Ausdrucke in ihrem Innern genannt, hatte nie aufgehört, ihr hart und
bitter zu bedünken. Sie mochte sich der Zeiten nicht gern erinnern, in denen sie
in Richten gelebt hatte, sie dachte auch an den Freiherrn weder oft noch gern,
und doch hatte sie eine lebhafte Freude empfunden, als sie den Brief seines
Sohnes empfangen, eine Freude, wie sie der mehr als siebenzigjährigen Frau nicht
mehr oft zu Teil ward: sie konnte abbezahlen, was ihr geleistet worden war, sie
konnte sich dem jungen Freiherrn in dem Glanze und in dem Ansehen ihrer
wiedergewonnen Würden und Ehren zeigen und es ihn fühlen lehren, dass es eine
Ehre für seinen Vater gewesen sei, die Herzogin von Duras, die Freundin und
Vertraute der königlichen Familie von Frankreich, seinen Gast zu nennen. Sie
konnte den jungen Freiherrn einsehen lassen, dass, was man auch für sie und für
ihren Bruder getan haben mochte, sie immerdar die Gunsterzeigende gewesen sei.
    Ihre Güte, ihre Freundlichkeit für Renatus trugen in jedem Worte den Stempel
jener freiwilligen Herablassung, die, so schmeichelhaft sie sich im Augenblicke
demjenigen, dem sie zu Teil wird, auch erweisen mag, ihn doch herunterdrückt
und ihn seiner Freiheit mehr oder weniger verlustig macht. Renatus empfand es,
dass er sich nicht geben konnte, geben durfte, wie er war; aber die völlige
Zusammengehörigkeit der Personen, welchen er an diesem ersten Morgen in dem
Saale der Herzogin begegnete, die Uebereinstimmung zwischen ihnen und allem, was
sie hier umgab, hinderten ihn, zu erkennen, worin jener ihn befangende Zauber
bestehe, oder wer es sei, der denselben über ihn ausübe.
    Mitunter, wenn sein Auge eine Weile mit entzücktem Erstaunen auf der Nichte
der Herzogin haften geblieben war, meinte er, dass es ihre Schönheit sei, welche
ihn so seltsam beherrsche, ihn so wunderbar sich selbst entfremde, und die junge
Gräfin war ganz dazu gemacht, einem Manne die Empfindung anbetenden Staunens
aufzudringen. Renatus gestand sich, niemals eine so vollkommene Schönheit
gesehen zu haben; denn Eleonorens auffallend grosse und üppige Gestalt, die
siegesgewisse Ruhe auf ihrer weissen Stirn, von welcher das goldig schimmernde
Haar sich wie bei den antiken Statuen in welliger Fülle weit zurückbog, um sich
in dickem Knoten an ihrem Hinterkopfe zu vereinen, gaben ihr trotz ihrer grossen
Jugend etwas Gebietendes und Mächtiges.
    Ihr Vater, der Marquis von Lauzun, welcher der Herzogin gleich gefolgt war,
nachdem diese in Turin in die Dienste der königlichen Familie getreten war,
hatte durch seine Wohlgestalt und durch die geschickte Vermittlung seiner
vorsorglichen Schwester die Hand einer der reichsten englischen Erbinnen
gewonnen, welche sich eben damals unter dem Schutze ihrer mütterlichen
Verwandten am sardinischen Hofe aufgehalten hatte. Eleonore Haughton war, wie
der englische Sprachgebrauch es bezeichnet, eine Erbin durch ihr eigenes Recht
gewesen. Die grossen Besitzungen, der Name und die Pairie ihres Hauses waren nach
dem Tode ihrer Eltern und ihres Bruders auf sie übergegangen, aber sie hatte
sich dieser Vorzüge nur kurze Zeit erfreuen können. Die Geburt ihres ersten
Kindes hatte ihr das Leben gekostet, und mit dem Tauf- und Familiennamen ihrer
Mutter waren der Tochter des Marquis die Adelstitel, die Pairswürde und der
Reichtum der Grafen von Haughton von der Stunde ihrer Geburt an, als
ausschliessliches Erbe zugefallen.
    Nach der ausdrücklichen letztwilligen Verordnung ihrer Mutter war eine
Freundin derselben zur Erzieherin des verwaisten Kindes von ihr bestimmt worden.
Bei dem Einflusse, welchen die Herzogin aber von jeher über ihren Bruder
ausgeübt, hatte sie es durchzusetzen gewusst, dass ihr die Oberaufsicht über
dessen Tochter zugewiesen worden, als der Marquis ebenfalls frühzeitig vom Leben
geschieden war, und Fräulein Arabella Warwell hatte also mit ihrer
Pflegebefohlenen unter dem Schutze und in dem Hause der Herzogin gelebt, bis
diese die Erziehung der jungen Gräfin für vollendet erklärt, und Fräulein
Arabella von ihrem Zöglinge entfernt hatte. Die besten Lehrer hatten Eleonore
vielseitig unterrichtet, und wie man ihr in der Taufe, zur Erinnerung an das
Meisterwerk einer grossen Dichterin, neben dem Namen ihrer Mutter den Namen
Corinna beigelegt hatte, war ihre Bildung auch darauf hingeleitet worden, sie
diesem bedeutungsvollen Namen anzupassen.
    Eleonore war mit ihren siebenzehn Jahren der Sprachen ihrer beiden Eltern
wie des Italienischen völlig mächtig. Sie drückte sich in ihnen mit einer
Sicherheit und Entschiedenheit aus, die ihr einen frauenhaften Anstrich gaben
und sie älter erscheinen liessen, als sie war. Wer sie in diesem Kreise von
Männern sich unter den Augen der Herzogin bewegen sah, sie ihre kurzen Fragen
stellen, jede Anrede schnell erwidern, jedem ihrer Gedanken lebhaft und
rückhaltlos Äusserung geben hörte, der musste sich eingestehen, dass er hier ein
ungewöhnliches Wesen vor sich habe, wenn es ihm auch zweifelhaft bleiben mochte,
ob man dieses Mädchen lieben könne oder nicht. Was aber dem flüchtigsten
Beobachter nicht entgehen konnte, war die Vorsicht, mit welcher die Herzogin
ihre Nichte behandelte, und die geflissentliche Weise, mit welcher diese ihre
stolze Unabhängigkeit zur Schau trug. Sie trat fortwährend wie ein strahlendes
Licht, wie ein mächtiger Ton aus der gleichmässigen Stimmung dieser in feinen
Formen abgeschliffenen Gesellschaft hervor, und Renatus fragte sich schon in der
ersten halben Stunde: Wie kommt sie hierher, wie konnte sie in dieser Welt sich
so entfalten, wie konnte sie ihre stolze Naturwüchsigkeit in dieser Luft
bewahren?
    Man hatte eine geraume Zeit hindurch die Vorkommnisse des Hoflebens bis in
ihre kleinsten Einzelheiten abgehandelt und alle Anwesenden hatten sich in den
Ausdrücken ihrer Verehrung und Ergebenheit für das zum zweiten Male
wiedergekehrte bourbonische Königshaus überboten, als Eleonore, sich zu Renatus
wendend, plötzlich ausrief: Und Sie, Herr Baron, Sie schweigen? Sie sagen nichts
zum Lobe der heimgekehrten Dynastie, für die Sie doch bei Ligny und bei Waterloo
mit Ihren und meinen Landsleuten gefochten haben, während diese Herren friedlich
in der Nähe ihres Königs weilten?
    Eleonore, rief tadelnd die Herzogin, was soll hier diese Frage?
    Mich aufklären, liebe Tante, weiter nichts! entgegnete die Gräfin, ohne sich
durch die Missbilligung der Herzogin im geringsten beirren zu lassen.
    Man war es gewohnt, der Gräfin viel nachzusehen, und man hatte auch keine
andere Wahl, wenn man das Haus der Herzogin, das man zum Teil um Eleonoren's
willen suchte, nicht eben ihretwegen meiden wollte; indes der ernste Ton, mit
welchem sie die dreiste Frage getan hatte, liess diesmal eine scherzhafte
Deutung nicht wohl zu.
    Es war daher Allen sehr erwünscht, als der alte und vertraute Freund der
Herzogin, der Prinz von Chimay, dessen grauem Haare die gemessene Ruhe seiner
Sprache und Bewegungen sehr wohl anstand, sich in das Mittel legte und, den
Kampf auf das Gebiet seiner schönen Gegnerin hinüberspielend, die Bemerkung
machte: Sie sprechen von unserem Königshause, Gräfin, und von Ihren Landsleuten,
als ob Sie nicht Französin, als ob Sie nicht unsere Landsmännin wären! Bedenken
Sie, dass wir auf eine solche Landsmannschaft in keinem Falle verzichten wollen!
So lange ein Fremder Sie uns nicht entführt, sind Sie die Unsere, und wir werden
Alles tun, Sie in der Heimat und in Ihrem Vaterlande festzuhalten!
    Vaterland und Heimat! wiederholte die Gräfin, Sie nennen das zusammen, mein
Fürst, als ob es nicht verschiedene Dinge wären! Frankreich ist allerdings
meines Vaters Geburtsland, ist mein Vaterland, aber meine Heimat ist es nicht.
Meine Heimat ist jenseit des Kanals in Haughton Castle, wo ich so glücklich
war, Sie bereits zu sehen, und wo ich Sie wieder zu begrüssen hoffe, wenn ich
erst ganz dort leben werde, fügte sie mit einer Verneigung hinzu, die
verbindlich, die versöhnend wirken sollte, während die stolze Siegesgewissheit
abermals über ihre Mienen glitt. Und als wolle sie diese Unterhaltung nicht
fortgesetzt sehen, wendete sie sich zu Renatus, um auch ihn für die Zukunft nach
ihrem Schloss einzuladen. Sie werde stolz und glücklich sein, sagte sie ihm,
wenn er ihr Gast zu sein verspreche, nachdem ihr Vater durch so viele Jahre
seines Hauses Gast gewesen sei. dabei reichte sie ihm, nach Art ihrer englischen
Landsleute, die Rechte hin, dass er einschlagen und ihr sein Versprechen geben
solle, und ihm die Hand mit festem Drucke schüttelnd, während sie ihm frei und
aufrecht in das Auge sah, rief sie: Wir wollen gute Freunde werden, nicht wahr,
recht gute Freunde, Herr von Arten!
    Renatus wusste sich nicht zu erklären, welcher Stimmung des schönen Mädchens
er diese unerwartete und auffallende Gunstbezeigung zu verdanken habe, welche
ihm sehr leicht die Abneigung der andern jungen Edelleute zuziehen konnte; aber
er fühlte sich deshalb nicht weniger von Eleonoren's sonnigem Auge erwärmt, er
vermochte ihrer kräftigen und frischen Stimme den Zugang zu seinem Herzen nicht
zu verschliessen, und im Innersten seines Wesens geschmeichelt, sprach er: Sie
eröffnen mir eine Aussicht, gnädige Gräfin, die mich hoch erhebt, und zeigen mir
ein Ziel, nach dem zu streben mir um so mehr ein Glück sein wird, da ich die
Freundschaft, die Sie mich hoffen lassen, zunächst doch nur meinem Vater zu
verdanken habe.
    Wie er seinem Vater ähnlich sieht! rief die Herzogin, sich an den alten
Fürsten wendend, nicht wahr, mein Fürst? Sie waren in Vaudricourt, als der
Freiherr von Arten mich zum ersten Male besuchte, und Sie erinnern Sich des
Freiherrn noch!
    Aber der Fürst versicherte, dass er den Freiherrn nie gesehen habe, und die
Herzogin wusste das eben so genau, als dass Renatus seinem Vater ganz und gar
nicht glich. Sie hatte nur der Unterhaltung eine andere Richtung geben, nur
Eleonoren's Launen in den Weg treten, einer unangenehmen Scene ein Ende machen
wollen, und von allen Seiten war man sofort bereit, über die kleine Störung
leicht hinweg zu gehen, um der Herzogin, über deren Absicht Niemand in Zweifel
war, geschickten Beistand zu gewähren.
    Der Fürst rühmte die Reize von Haughton Castle, während die Herzogin das
Klima des hoch gelegenen Ortes tadelte; man sprach von der Jagd, die dort
ergiebig sei, von dem Besuche, welchen der Prinz-Regent im vorigen Jahre, als
die Herzogin es während der Sommermonate mit ihrer Nichte bewohnte, in dem
Schloss gemacht hatte, und Eleonore hörte der ganzen Unterhaltung schweigend
zu. Als habe sie sich jetzt genug getan, liess sie ihre dunkeln Augen langsam
von Einem zu dem Andern gleiten, und nur wenn ihr Blick auf den Fürsten oder auf
die Herzogin fiel, meinte Renatus zu bemerken, dass ein spöttisches Lächeln um
den Mund der jungen Schönen spiele und dass ein Gefühl des Triumphes ihre
kräftigen Nasenflügel schwelle.
    Niemand machte ihn empfinden, dass er, wenn auch ohne sein Verschulden, den
Anlass zu der Kränkung geboten hatte, welche die Gräfin den Gästen und Freunden
ihrer Tante zugefügt hatte. Renatus liess es sich also doppelt angelegen sein,
sich durch anspruchslose Freundlichkeit mit dem Menschenkreise, in den er
eingetreten war, in ein günstiges Verhältnis zu setzen, und es gelang ihm dieses
auch nach Wunsch; denn als die Besucher sich empfahlen, weil die Stunde gekommen
war, in welcher die Herzogin ihre tägliche Ausfahrt in das Gehölz von Boulogne
zu machen pflegte, schied man in einer so heiteren Weise, als ob gar nichts
Störendes vorgefallen wäre oder als ob überhaupt niemals etwas Störendes
zwischen die Glieder dieses Kreises treten könnte.
 
                                Fünftes Capitel
Der Gartensaal der Herzogin lag, wie bei all den Schlössern, welche dem Anfange
des achtzehnten Jahrhunderts ihre Entstehung verdanken, an einer mächtigen
Terrasse. Am Abende des Tages, an welchem sie Renatus bei sich aufgenommen
hatte, waren die Türen des Gartensaales weit geöffnet. Das helle Licht der
Kerzen mischte sich mit dem sanften Glanze des Mondes und liess innen wie aussen
alle Gegenstände klar erkennen.
    Mitten im Saale sass die Herzogin mit ihrem Freunde, dem Prinzen, und noch
zwei andern Personen beim Kartenspiele; draussen ging Renatus an der Gräfin Seite
auf und nieder, während ein Mann von reifem Alter und ein junger, schlanker
Geistlicher, die am andern Ende des Zimmers Platz genommen hatten, in eifriger
Unterhaltung begriffen zu sein schienen, obschon keiner von beiden die auf der
Terrasse Lustwandelnden aus dem Auge verlor.
    Von Zeit zu Zeit warf auch die Gräfin ihre Blicke in den Saal, dann aber
wendete sie sich gleich wieder dem Freiherrn zu, und obschon ihre Unterhaltung
sich ausschliesslich in jenen Fragen und Mitteilungen bewegte, mit denen man
sich der äusserlichen Verhältnisse eines neuen Bekannten zu bemächtigen und ihn
in der fremden Umgebung heimisch zu machen versucht, fühlte Renatus sich doch
von einer Unruhe ergriffen, für welche er sich keine Ursache anzugeben wusste.
    Ohne es zu wollen, musste er den Blicken Eleonorens folgen, ohne zu wissen,
wesshalb, betrachtete er die Gesellschaft, die er in dem Zimmer vor sich sah, mit
einer misstrauischen Besorgnis. Er hörte achtsam auf alles, was Eleonore zu ihm
sprach, und er fühlte sich trotzdem überzeugt, dass sie an etwas Anderes denke;
ja, es kam ihm endlich vor, als sei sie mit ihm unzufrieden, als werde sie
ungeduldig; aber er konnte es sich nicht erklären, wie er ihr Anlass zu irgend
einer Unzufriedenheit gegeben haben könne. Nie zuvor war ihm so sonderbar zu
Sinne gewesen. Die Empfindung, dass die Gräfin ihn geflissentlich auf die
Terrasse hinausgeführt habe, dass jetzt etwas geschehen, etwas getan werden
müsse, wurde immer lebhafter und unabweislicher in ihm. Das Herz klopfte ihm in
der Brust, er hatte eine Art von Furcht vor seiner schönen Gefährtin, und wie
das dämmernde Mondlicht sie mit seinem webenden Schimmer hell und heller umgoss,
kam sie ihm zwar wie eine Armide verführerisch und schön, aber so oft der
strenge Blick ihres grossen Auges ihn berührte, auch wie eine solche unheimlich
und dämonisch vor.
    Sie hatte seit einer Weile zu sprechen aufgehört; das konnte er nicht
ertragen, und um sich aus der Befangenheit und Verwirrung, deren er sich
schämte, herauszureissen, sagte er plötzlich: Sie haben mir heute, gnädige
Gräfin, im Andenken an Ihren und meinen Vater, Ihre Freundschaft angeboten, und
ich glaube, dass es Ihnen Ernst damit gewesen ist. Darf ich diese Freundschaft
heute schon zu einem Dienste für mich in Anspruch nehmen?
    Eleonore blieb stehen; Renatus hörte, dass sie tief aufatmete, als werde
eine Spannung von ihr genommen, und ohne sich zu besinnen, entgegnete sie ihm:
Unbedenklich, wenn Sie mir vorher gestattet haben werden, Ihnen zu erklären, was
mich bewogen hat, Ihnen diese Freundschaft so schnell und so gewaltsam
aufzudrängen.
    Renatus wollte ihr entgegnen, dass sie ihn mit ihrem Vertrauen glücklich
mache, aber sie liess ihn dieses nicht vollenden. Keine Worte, Herr von Arten!
rief sie mit ihrer stolzen, gebieterischen Weise. Sie müssen es heute schon
gesehen haben, es fehlt mir nicht an Männern, die mir schmeicheln, weil sie
glauben, dass auch ich nichts Höheres kenne, als mich durch die Schmeicheleien
eines Mannes gefangen nehmen und der Freiheit berauben zu lassen, die man mir
missgönnt! Aber eben deshalb bin ich in der Lage, meine Tante täglich daran zu
erinnern, dass ich, Dank dem Testamente meiner Mutter, freier Herr über alle
meine Entschliessungen bin, und eben deshalb bot ich Ihnen heute so unberufen
meine Freundschaft an, um es meiner Tante darzutun, dass ich's nicht liebe, wenn
man selbst die heiligste aller Pflichten, die Dankbarkeit, nur zu einem
Piedestal für sich, und zu einer Last für denjenigen zu machen sucht, dem man
sie zu entrichten hat! Nun, die Herzogin hat ja lange Jahre in Ihres Vaters
Hause gelebt - Sie werden sie also kennen, so gut wie ich!
    Der Zorn, der aus jedem ihrer Worte sprach, gab ihrer tiefen Stimme nur
einen höheren Reiz, und doch erschreckte ihr Wesen den jungen Freiherrn auch in
diesem Augenblicke wieder, weil es völlig von allen den Vorstellungen abwich,
unter denen er bisher das Bild eines jungen Mädchens zu denken gewohnt gewesen
war. Selbst die rückhaltlose Härte, mit welcher Eleonore über ihre greise Tante
gegen einen Fremden ihr Urteil aussprach, beleidigte sein
Schicklichkeitsgefühl, und immer geneigt, sich desjenigen anzunehmen, dem nach
seiner Meinung ein Unrecht zugefügt wurde, sagte er, dass er von der Herzogin
zwar ein lebhaftes Bild in seiner Erinnerung bewahrt habe, dass er aber zur Zeit
ihres Aufentaltes in Richten zu jung gewesen sei, irgend ein selbständiges
Urteil über sie zu besitzen.
    Und abermals blieb Eleonore stehen, während sie, trotz des Halblichtes, in
seinem Antlitze zu lesen versuchte. Sonderbar, sprach sie; Ihnen fehlte also
jener Instinkt, den das Kind doch mit dem Tiere gemein hat? Sie hatten also
kein inneres Widerstreben gegen die Herzogin? Sie hatten kein Abmahnen gegen die
selbstische, die tyrannische Feindseligkeit ihrer ganzen Natur?
    Nein, versetzte Renatus nach einigem Besinnen. Ich glaubte nur, dass sie die
Kinder nicht eben gern habe, und da meine teure Mutter ihr weniger als mein
Vater nahe stand, so hatte ich damals, so viel ich mich entsinne, allerdings
keine besondere Liebe für die Frau Herzogin; aber ich könnte eben so wenig
sagen, dass ich sie gefürchtet hätte.
    Ich habe sie gefürchtet, seit ich zu denken vermochte, fuhr Eleonore heraus,
und jetzt - jetzt kenne ich sie! fügte sie mit schneidender Bitterkeit leise
hinzu, als der Edelmann, welcher bis dahin mit dem Geistlichen gesprochen hatte,
man nannte ihn, um ihn von seinem Vater, dem Fürsten von Chimay, zu
unterscheiden, mit seinem Taufnamen den Prinzen Polydor, zu den Beiden
heraustrat und der besonderen Unterhaltung des jungen Paares damit ein Ende
machte.
    Eleonore verliess die Terrasse, und Renatus, der dem Prinzen schon am Mittage
bei der Fahrt im Gehölze vorgestellt worden war, blieb allein mit ihm zurück.
Der Prinz mochte über fünfzig Jahre alt sein, aber sein hellblondes Haar, seine
schlanke Gestalt und seine schöne Haltung machten ihn, bei der grossen Sorgfalt,
mit welcher er gekleidet war, noch vortrefflich aussehen. Renatus wusste, dass er
des alten Fürsten einziger Sohn und Erbe sei und dass er mit seinem Vater während
der ganzen Zeit der Verbannung am Hofe zu Petersburg gelebt habe. Bei der
Herzogin stand er offenbar in grosser Gunst. Sie hatte, nachdem man ihm am Morgen
begegnet war, den jungen Freiherrn aufmerksam darauf gemacht, wie er in dem
Prinzen Polydor das Muster eines französischen Edelmannes vor sich sehe, und
dann, gleichsam im Selbstgespräche, hinzugefügt: Und doch war seiner Mutter Blut
dem seines Vaters nicht an Reinheit gleich.
    Als Renatus sie darauf fragend angesehen, hatte sie sich in ihren
Mitteilungen plötzlich unterbrochen und nur flüchtig die Bemerkung hingeworfen,
dass es sich dabei um ein sehr romantisches Ereignis handle, von welchem man
nicht eben spreche, obschon es dem alten Fürsten eigentlich zur höchsten Ehre
angerechnet werden müsse, wie der König dies denn auch durch sein Verhalten
gegen den Vater und den Sohn getan habe. Und es war danach der Einbildungskraft
des jungen Freiherrn vorläufig noch überlassen geblieben, unter welcher Gestalt
er sich die romantischen Erlebnisse des alten Fürsten vorstellen mochte und
konnte.
    Nach einigen Tagen aber kam die Herzogin, als sich am Abende ihre gewohnten
Gäste bereits entfernt hatten, unter dem Vorgeben, dass sie Renatus recht bald
und recht schnell unter ihren Umgangsgenossen bekannt zu machen wünsche,
abermals auf den Fürsten und seinen Sohn zurück, und bei diesem Anlasse erfuhr
Renatus, was die Herzogin ihm am ersten Morgen nur anzudeuten für gut befunden
hatte.
    Der alte Fürst von Chimay, so erzählte die Herzogin, war in seiner Jugend
ohne alle Frage der schönste Mann, der vollendetste Cavalier des Hofes, und wir
lebten damals noch in einer Zeit, in welcher man es einem Manne weit mehr als
jetzt zum Verdienste anzurechnen verstand, wenn er der Welt in sich selbst ein
vollkommenes Bild edelmännischer oder fürstlicher Würdigkeit darzubieten wusste.
Er hatte in früher Jugend bedeutende Reisen gemacht, überall war ihm der
ehrenvollste Empfang zu Teil geworden, der Ruf seines Geistes und seiner
Liebenswürdigkeit stand über jeden Zweifel fest, die Gunst der Frauen kam ihm
bereitwillig entgegen; aber der Fürst war nicht nur schön wie ein Adonis, er war
auch spröde wie ein solcher, und das Gerücht, das ihn unbesieglich nannte,
steigerte nur das Verlangen der Frauen, ihn zu überwinden und zu fesseln.
    Die Herzogin lehnte sich, in ihrer Erzählung innehaltend, in ihren
Polsterstuhl zurück. Es ist die alte Eva-Natur, sagte sie lächelnd, alles, was
ihnen versagt ist, was sich ihnen entzieht, das reizt die Frauen. Machen Sie
sich daraus Ihren Schluss, mein junger Freund; und sich langsam mit einem der
kleinen dunkelroten Fächer, deren Renatus sich noch aus seiner Kindheit zu
erinnern meinte, Kühlung zuwehend, fuhr sie nach einer kurzen Pause also in
ihrer Erzählung fort: Ich lebte damals fern vom Hofe, an meines verehrten Gatten
Seite, in unserem Schloss. Wir sahen den Fürsten, der uns sehr befreundet war,
immer nur für einzelne Wochen und in Zwischenräumen bei uns, da die Gesellschaft
des Hofes ihn uns streitig machte. Es war oftmals von seiner Verheiratung die
Rede gewesen, öfter noch von Herzensverhältnissen, in die er verstrickt sein
sollte; aber alle diese Gerüchte erwiesen sich stets als unbegründet, und man
gewöhnte sich bereits daran, den Fürsten als einen Weiberfeind zu betrachten,
als sich ganz unerwartet und zum höchsten Erstaunen aller Welt die Nachricht
verbreitete, der Fürst habe sich mit einem jungen, im Kloster erzogenen, einer
geringen und armen Adelsfamilie angehörenden Mädchen verehelicht, das ihm einen
Sohn geboren habe, und sei, da die junge Mutter von einem unheilbaren
Brustleiden ergriffen worden, zu ihrer Erhaltung mit Frau und Sohn in's Ausland,
in den Süden, ich meine, nach Sicilien, gegangen.
    Die Kunde setzte den Hof, die Stadt, den ganzen Adel des Landes in Bewegung.
Niemand wollte es glauben, Niemand hatte dem Fürsten eine so phantastische
Leidenschaft zugetraut, Niemand es für möglich gehalten, dass eben der Fürst von
Chimay es vergessen könne, was er sich selber schuldig sei. Man fragte sich: Wer
ist die Zauberin, die den bisher Unbesiegten nicht nur zu besiegen, sondern sich
selber abwendig zu machen verstanden hat? Man forschte nach ihrem Namen, man war
begierig, sie zu sehen, man glaubte an jedem Tage, irgend eine Lösung dieses
Rätsels zu erhalten, die wo möglich noch geheimnisvoller und auffallender als
das Ereignis selber sein sollte; indes man erfuhr nichts, gar nichts über den
Gegenstand dieser unbegreiflichen Leidenschaft. Der Fürst kehrte denn auch
nicht, wie man es doch erwartet hatte, mit der schönen Jahreszeit nach
Frankreich und an den Hof zurück; er legte vielmehr das Amt eines Kammerherrn,
das er bekleidet hatte, nieder, und alles, was man ermitteln konnte, war, dass
die Trauung in der kleinen Kirche des Klosters vollzogen worden war, in welchem
die Braut bis dahin gelebt hatte, und dass sie an ihrem Hochzeitstage eben so
schön als krank ausgesehen habe.
    Ich befand mich im Auslande, auf einer Badereise, als dieser Roman die
Gesellschaft in Aufruhr setzte, und alle Briefe, welche ich erhielt, sprachen
mir nur von unserem Freunde. Indes er selber gab mir keine Kunde von sich, und
nachdem man des Verwunderns von allen Seiten müde geworden war, fingen die Einen
den Prinzen zu vergessen, die Andern auf ihn zu verzichten an. Man sagte sich,
dass er wiederkehren und seine alte Stelle unter uns einnehmen werde, wenn er
seiner romanhaften Grille genug getan habe oder wenn die fabelhafte Prinzessin
gestorben sein würde. Aber als handele es sich wirklich um ein Märchen, so
geschahen auch hier jetzt Wunder, und zwar gerade diejenigen, welche man am
wenigsten erwartet hatte.
    Die Herzogin unterbrach sich abermals, und Renatus, den die Tatsachen
dieser Erzählung eben so anzogen, als ihn die meisterhafte Weise fesselte, in
welcher die Greisin sie berichtete, bemerkte, dass Eleonore das Buch, in welchem
sie bis dahin gelesen hatte, zur Seite legte und, die Arme über die Brust
gekreuzt, ebenfalls auf die Fortsetzung der Erzählung achten zu wollen schien.
Auch der Herzogin entging die plötzliche Aufmerksamkeit keineswegs. Sie fragte,
ob Eleonore ihr Buch beendet habe.
    Nein, versetzte diese; Ihre Erzählung ist mir aber weit wichtiger, als das
Buch, und ich bin begierig, liebe Tante, den Ausgang derselben, über den ich
sonst schon sprechen hörte, gerade aus Ihrem Munde zu vernehmen. Nicht wahr, die
Fürstin bewies sich den schönen Frauen des Hofes nicht so gefällig, als sie es
wünschten und erwartet hatten, die Fürstin blieb am Leben; und, was noch
schlimmer war, der Fürst, weit davon entfernt, ihr dieses zu verargen, gewöhnte
sich an sie und liebte sie, so dass er darüber des Hofes und seiner schönen
Frauen ganz und gar vergass?
    Es schoss ein scharfer, schneidender Blick aus den eingesunkenen Augen der
Herzogin zu ihrer Nichte herüber, als diese ihre Fragen im Tone der
Unwiderleglichkeit spöttisch über ihre Lippen gleiten liess, und Renatus wusste
nicht, welche von den Beiden, ob die Greisin oder das junge Mädchen, ihm in
diesem Augenblicke mehr missfiel. Aber das Antlitz der Herzogin gewann gleich
wieder seine Ruhe, und mit der freundlichen Gelassenheit, die sie äusserlich fast
immer zu bewahren wusste, fragte sie: Und wer ist es, dem Du diese Mitteilungen
dankst?
    Dem Herrn Abbé von Montmerie! entgegnete die junge Gräfin mit einer so
geflissentlichen Deutlichkeit und Langsamkeit, als wolle sie damit etwas
Besonderes sagen oder erraten lassen. Die Herzogin ging jedoch, während ihr
Gast sich von dem ihm unverständlichen Vorgange wie von der unverkennbaren
Feindseligkeit, welche zwischen den beiden Frauen herrschte, unheimlich berührt
fand, leicht darüber fort.
    Da sehen Sie die Ungeduld und auch den Unbedacht der Jugend, mein lieber
René, sagte sie. Wir alten Leute sind nicht schnell, wie sie. Wir müssen uns
langsam in unsere Erinnerungen versenken, wir spinnen sie mühsam zu einem Ganzen
zusammen, und wenn wir unser kleines Kunstwerk zu vollenden denken, fährt irgend
eine unvorsichtige junge Hand dazwischen und zerreisst und verwirrt uns unsern
Faden, dass wir ihn nicht wiederfinden können.
    Sie legte ihren Fächer aus der Hand, zog die kleine, mit Brillanten besetzte
Tabacksdose aus der Tasche, nahm mit gespjetztem Finger eine Prise und schellte,
damit der Diener ihr zu ihrem Zimmer leuchte.
    Es war vergebens, dass Renatus sie ersuchte, ihm den Schluss der Erzählung
nicht zu entziehen. Sie vertröstete ihn auf einen anderen Tag, wiederholte, dass
sie nicht mehr in der Fülle ihrer geistigen Mittel lebe, dass sie Rücksicht und
Schonung nötig habe, und forderte, obgleich sie sich noch immer mit voller
Freiheit bewegte, den Arm Eleonorens, sich darauf zu stützen, als sie, ihrem
jungen Gaste unter ihres Hauses Dach eine angenehme Ruhe und gute Träume
wünschend, den Saal verliess.
    Es währte jedoch lange, ehe der Freiherr die ihm gewünschte Ruhe finden
konnte. Die Menge der Eindrücke, welche er heute in seiner nächsten Umgebung
erhalten hatte, hielt ihn wach. Er konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken,
wie in einem Mädchen von Eleonorens Alter, bei einer so bevorzugten Lebenslage,
sich eine solche Herbigkeit habe entwickeln können und wodurch in das Verhältnis
zwischen ihr und ihrer Tante jene Bitterkeit gekommen sei, die Eleonore selbst
vor dem fremden Manne entweder nicht verbergen wollte oder nicht zu verbergen
vermochte. Aber der rechte Aufschluss bot sich ihm nicht dar, und in jener
Aufregung, welche uns immer befällt, wenn wir nicht wissen, ob wir die Personen,
die uns anziehen, lieben oder hassen sollen, schlief er endlich überreizt und
sehr ermüdet ein, auch im Traume noch von wirren, unzusammenhängenden
Vorstellungen und Gebilden hin und her geworfen.
    Am folgenden Morgen sah er die Frauen des Hauses nicht, da der Dienst ihn
auswärts beschäftigt hielt. Später, als er sie aufzusuchen kam, vermied die
Gräfin ihn eben so absichtlich, als sie ihm Anfangs entgegengekommen war. Nicht
einmal die Möglichkeit vergönnte sie ihm, sie um die Gründe ihrer veränderten
Haltung zu befragen. Sie schien überhaupt wenig Gefallen an der Geselligkeit zu
haben, denn sie zog sich, wenn die Empfangsstunde der Herzogin gekommen war,
häufig aus dem Saale in ihre eigenen Zimmer zurück, und ihre Tante versuchte es
dann auch nicht, sie neben sich und in der Gesellschaft festzuhalten.
    Renatus wusste nicht, was er tun sollte. Bisweilen fühlte er das Bedürfnis,
der Gräfin zu schreiben und sich zu erkundigen, womit er ihre gute Meinung
verscherzt habe, dann wieder schalt er sich eitel und töricht, dass er
Eleonorens Fortbleiben überhaupt in irgend eine Verbindung mit sich zu bringen
wagte. Wenn er sich schuldig glaubte, dachte er mit Bewunderung, ja, mit
Entzücken an die Gräfin; wenn er die Kälte, welche sie ihm bewies, auf Rechnung
ihrer launenhaften Selbstwilligkeit stellte, zürnte und grollte er ihr, aber
immer blieb sein Sinn mit ihr beschäftigt, wie das neue Leben, das er führte,
seit er in das Haus der Herzogin gekommen war, ihn auch gefangen nahm und von
allen seinen bisherigen Erinnerungen und Wünschen abzuziehen geeignet war.
    Renatus hatte noch nie an einem Hofe gelebt und noch kein weibliches Wesen
gekannt, das mit der Gräfin Haughton zu vergleichen gewesen wäre. Das Erfahren
und Erleben wurde für ihn fast überwältigend, und doch sagte er sich an jedem
Tage, dass er jetzt erst zu leben anfange, dass ihm jetzt erst eine Jugend
aufgehe, wie sein Vater sie genossen habe, wie sie eines Mannes von seinem
Stande würdig und wie sie ihm durch die Ungunst der Verhältnisse viel zu lange
vorentalten worden sei.
    Da er in den Stürmen der Revolutionszeit geboren und erwachsen war, hatte
man ihn, mit dem Hinweise auf die Unbeständigkeit aller irdischen Macht und
Güter, zu einer gewissen Selbstbeschränkung erzogen und es waren, ohne dass man
es beabsichtigt oder er selbst es gemerkt hätte, doch viele der Anschauungen an
ihn herangekommen, welche als ein neues Menschheits-Evangelium die Welt
umzugestalten begonnen hatten. Nun befand er sich mit Einem Male auf einem Boden
und inmitten einer Nation, in welchen die Lehren von der Freiheit und
Gleichberechtigung aller Menschen tiefer als irgendwo sonst in das
Volksbewusstsein eingedrungen, und von Wirkungen und Taten so zerstörender und
durchgreifender Art gefolgt gewesen waren, dass man die erneute Herrschaft der
früheren Weltanschauung und die Wiederkehr der alten Staatsverhältnisse und
Zustände für immer unmöglich hätte halten müssen. Trotzdem tronte der
achtzehnte Ludwig wieder in den Tuilerieen, doch waren den vertriebenen und
wieder heimgekehrten Adelsgeschlechtern, doch waren der katolischen
Geistlichkeit ihre Titel und Würden und Besitztümer zurückerstattet worden, und
von den Beamten des Kaisertums wie von den einstigen Republikanern drängten
sich grosse Massen an die neue Gnadensonne heran, und gar viele von den Bekennern
der Vernunft-Religion füllten jetzt wieder die Kirchen, in denen man die
Dankes-Hymnen für die Niederwerfung der Revolution und für die Besiegung des
Bonapartismus ertönen liess.
    Konnte es da befremden, wenn ein werdender, ein in sich noch in keiner Weise
gefestigter Charakter sich der, seinen eigenen Anschauungen nahe verwandten
Meinung der Gesellschaft anschloss, in der er sich bewegte? Und was hatte Renatus
aus seinem eigenen Geiste oder seiner eigenen Erfahrung dagegen einzuwenden,
wenn die Herzogin und ihre Freunde den Ausspruch des Kaisers Alexander auch zu
dem ihrigen machten, wenn sie die ganzen Ereignisse der letzten dreissig Jahre
als einen wilden Strom betrachteten, dessen Wassern man nur die Zeit zum
Verlaufen habe gönnen müssen, damit das Dauernde, das allein Würdige, die
Herrschaft des Adels und der Kirche in ungetrübter Ruhe wieder zur Erscheinung
und zu ihrer Geltung habe kommen können.
    Der junge Freiherr hatte bisher mit Stolz daran gedacht, dass auch er, so
viel an ihm gewesen sei, zum Sturze Napoleon's und der Napoleoniden, zur
Wiederherstellung der alten, legitimen Herrscher beigetragen habe; aber der Ton,
die Art und Weise, in welcher man in der französischen Hofgesellschaft von dem
Ueberwundenen sprach, verleidete ihm allmählich seine Siegesfreude. Nicht die
Niederwerfung des Eroberers war das Verdienst, das man hier schätzte, sondern
die zuversichtliche Treue, mit welcher man auf den endlichen Untergang
Bonaparte's und auf den Sieg des angestammten Königshauses wie auf eine
Naturnotwendigkeit gerechnet und gewartet hatte. Nicht die Tat war es, die man
hier ehrte, sondern der Glaube und das Erdulden, und für dieses Letztere sich zu
entschädigen, war alles, worauf man jetzt noch dachte.
    Feste folgten den Festen, die Verbindungen des jungen Freiherrn dehnten sich
bei denselben immer weiter aus, und seine Bewunderung der französischen
Gesellschaft, sein Geschmack an dem Hofleben wuchsen, je mehr er in demselben
heimisch wurde. Weil er von frühester Kindheit an zu einer strengen
Unterwürfigkeit unter den Willen der Kirche und unter den Willen seines Vaters
und Erziehers angehalten worden war, hatte er sich gewöhnt, sich selbst und
seinen Wert nach dem Massstabe zu messen, der ihm von Andern, gleichsam von
aussen her, dargeboten wurde. Er fand sich also sehr leicht darein, ja, es dünkte
ihn eigentlich nur natürlich, dass die Gesellschaft, in die er jetzt eingetreten
war, einander nach der Bedeutung schätzte, welche der König und die königliche
Familie den einzelnen Personen zuerkannten, und er stand sich gar wohl bei
dieser neuen Ansicht, denn man nahm ihn um seiner Beschützerin willen am
königlichen Hofe günstig auf.
    Er war ein schöner Mann geworden, er tanzte den Walzer, den die Fremden in
Frankreich eingeführt hatten, mit Meisterschaft, seine jugendliche
Genussfähigkeit, selbst seine Schüchternheit empfahlen ihn den Frauen. Dazu war
er ein trefflicher Reiter, wusste die Waffen wohl zu brauchen, und weil er sich
der ihn umgebenden Meinung gefügig zeigte, gewann er sich auch die Gunst der
Männer. Es währte also gar nicht lange, bis man der Herzogin von vielen Seiten
das Lob ihres jungen Schützlings wiederholte, und diese blieb nur sich selbst
getreu, wenn sie Renatus, den sie in ganz eigensüchtiger Absicht bei sich
aufgenommen hatte, wert zu halten und auszuzeichnen anfing, sobald er eine
vorteilhafte Erwerbung für ihre besondere Hofhaltung zu werden versprach.
    Kein Tag verstrich, an welchem sie sich nicht eine Weile in einsamem
Zwiegespräche mit ihm beschäftigte. Sie machte sich eine Pflicht daraus, seine
Ausdrucksweise in der fremden Sprache zu verbessern, sie wies ihn an, wie er
sich gegen die verschiedenen Personen, mit welchen sie ihn in Berührung brachte,
zu verhalten habe, und wenn er sich ihr dankbar und allen ihren Anordnungen
gehorsam erwies, rief die Herzogin oft seufzend aus: Ach, warum hat der Himmel
mir es versagt, in meiner Nichte ein so weiches Herz zu finden! Warum ist es mir
auferlegt, kaltem Starrsinne zu begegnen, wo ich so viel Liebe säete und für die
letzten Tage meines Lebens Liebe zu ernten hoffte!
    Sie hielt ihrem neuen Schützlinge dann ihre Hände hin, sie drückte einmal
sogar einen Kuss auf sein schönes, blondes Haar, da er sich neigte, ihre Hand an
seine Lippen zu ziehen, und gerade, dass er sich sagen musste, wie hart und
ungerecht er, von Eleonoren dazu verleitet, an dem ersten Tage die Herzogin zu
beurteilen geneigt gewesen war, gerade das befestigte seine Ergebenheit für die
Greisin und wendete seine Empfindung von Eleonoren ab, so oft er die eisige
Zurückweisung bemerkte, mit welcher die Gräfin die Freundlichkeit der Herzogin
vergalt.
 
                                Sechstes Capitel
Tage reihten sich an Tage, Wochen wurden zu Wochen, und vieles, was Renatus in
seiner neuen Umgebung im Anfange nicht verständlich gewesen war, klärte sich ihm
von selber auf. Er sah, dass die Freundschaft und Huldigung, welche der alte
Fürst der Gräfin Eleonore entgegenbrachte, ihren Ursprung nicht nur in seiner
vieljährigen Verbindung mit ihrer Tante hatten, sondern auf Rechnung der
Bewerbung zu setzen waren, mit welcher der Prinz, sein Sohn, sich um die schöne
Erbin bemühte. Auch über die Absichten der beiden Geistlichen, welche zu den
täglichen Gästen der Herzogin gehörten, konnte Renatus auf die Länge nicht in
Zweifel bleiben.
    Er fand es jedoch sehr natürlich, dass ein Mann von den Vorzügen des Prinzen
sich noch die Fähigkeit zutraue, die Liebe eines jungen Weibes zu erwerben; es
däuchte ihm durchaus berechtigt, dass die katolische Kirche sich die in jedem
Betrachte ausgezeichnete Gräfin, die nach dem Glauben ihrer Mutter der
englisch-protestantischen Kirche angehörte, anzueignen strebte; denn für Beides
hatte er die Beispiele in seinem eigenen Hause vorgefunden. Allerdings waren die
Ehen, welche der verstorbene Freiherr in reifem und in vorgerücktem Alter mit
bedeutend jüngeren Frauen eingegangen war, nicht glücklich ausgefallen. Aber
seine protestantische Mutter hatte doch Glück und Frieden im Schoss der
römischen Kirche gefunden, und obschon sich bei Renatus die Gewohnheit der
kirchlichen Unterordnung wie das Bedürfnis nach religiösem Anhalte, seit er das
Vaterhaus verlassen und namentlich jetzt in den Jahren des Krieges, sehr
vermindert hatten, hegte er doch den Glauben, dass für ein so stolzes Herz, wie
das der Gräfin, die Sorge und Pflege durch einen ihr überlegenen geistlichen
Berater nur heilsam sein könne. Niemand aber musste zu einer solchen Aufgabe
geeigneter erscheinen, als der Abbé von Montmerie, als der jüngere der beiden
geistlichen Herren, welche in dem Hause der Herzogin fast an keinem Tage
fehlten.
    Die Herzogin hatte den Abbé schon in Italien gekannt. Seine Hingebung an die
Kirche und seine umfassende Gelehrsamkeit hatten ihn früh zu einem Gegenstande
der Aufmerksamkeit für seine Vorgesetzten gemacht, seine weltmännischen Manieren
empfahlen ihn der vornehmen Gesellschaft, welcher er durch seine Geburt
angehörte. Von Jugend auf kannte er aus den Erzählungen seiner Anverwandten alle
die geheimen Fäden, durch welche diese schöne Welt unter einander zusammenhing,
und da er das scharfe Auge eines Beobachters hatte, war es ihm, als der Hof und
mit ihm auch der Adel und der Abbé selber in ihre französische Heimat
zurückkehrten, nicht schwer gefallen, in den Reihen dieses Hofes den Platz für
sich zu finden, welchen er als den angemessensten für sich erachtete. Er hatte
sich nicht, wie viele Andere, in den Beichtstuhl gedrängt, denn es hatte ihn
nicht danach gelüstet, die Bekenntnisse dieses oder jenes beängstigten Herzens
zu vernehmen, und hier eingreifend, dort beratend in kleinen Verhältnissen
einen Einfluss zu gewinnen, der sich nur allmählich ausdehnen, nur langsam von
Bedeutung werden konnte. Man hätte sagen mögen, er weise das Vertrauen zurück,
das man ihm entgegenbrachte, so wenig zeigte er sich geneigt, sich um fremde
Angelegenheiten zu bekümmern, und was ihn selber und seine Zukunft anging, das
schien ihm vollends keine grosse Sorge zu erregen.
    Seine gründlichen Studien in den klassischen Sprachen, die ihn zu einem der
hervorragendsten Lehrer an dem Kollegium gemacht, dem er angehörte, hatten ihn
auch der Beachtung des Königs empfohlen. Liess man ihm von gewisser Seite merken,
dass seine andauernde Beschäftigung mit dem heidnischen Altertume seiner
Hingebung an das Christentum Abbruch zu tun drohe, so versicherte er, dass er
ein eben so ortodoxer Christ sei, als Seine Majestät, wennschon er sich nicht
rühmen dürfe, in der heidnischen Vorzeit so völlig heimisch zu sein, als sein
König und Herr; und der Abbé von Montmerie wusste es sehr genau, dass eine solche
Wendung alle Aussicht hatte, an rechter Stelle wiederholt und von Ludwig dem
Achtzehnten mit geneigtem Ohre aufgenommen zu werden.
    Seine Amtsbrüder nannten den Abbé mit schlecht verhehltem Spotte einen
schönen Geist, der König hatte ihn als einen feinen Geist bezeichnet und die
Frauen ihn nach dem Beispiele der Herzogin als einen liebenswürdigen Geist und
als einen jener Männer anerkannt, die überall vermittelnd wirken, weil sie für
sich selber nichts zu erstreben scheinen. Es gab Niemanden, der wie der Abbé ein
Missverständnis unter Freunden behutsam auszugleichen wusste, Niemanden, der sich
mit grösserer Freude dazu erbot, der Ueberbringer einer willkommenen Botschaft zu
sein, und der wie er, eine unangenehme Eröffnung in milde Formen einzukleiden
sich geschickt erwies. Wollte man ihm danken, so nannte er sich als den
Verpflichteten, weil man ihm die Gelegenheit gegeben habe, seinem innersten
Wesen zu genügen und im Sinne seines Amtes zu handeln; und der König war noch
nicht lange in sein Reich zurückgekehrt, als man bereits mit Sicherheit
behauptete, dass in den langen, besonderen Gesprächen, mit welchen Seine Majestät
den jungen gelehrten Geistlichen begnadigte, auch von anderen als von jenen
philologischen Gegenständen, die der König als sein besonderes Fach ansah, die
Rede sei, und dass die Verbindungen des Geistlichen eben so weit verzweigt als
mächtig wären.
    Die Freundschaft, deren die Herzogin sich von des Königs Seite zu erfreuen
hatte, fesselte den Abbé an sie. Auch zwischen der Gräfin Haughton und ihrer
Tante hatte er Anfangs seine Kunst im Vermitteln geltend zu machen versucht,
aber es war ihm nicht gelungen, Eleonore den Planen der Herzogin geneigt zu
machen, ja, er hatte das Misstrauen nicht besiegen können, mit dem die Gräfin,
ihrer Mutterkirche treu, jeden katolischen Geistlichen betrachtete.
    Nur wenige Tage vor der Ankunft des jungen Freiherrn hatte der Abbé sich in
dem Saale der Herzogin im Beisein Eleonorens mit grosser Wärme und mit der
schwunghaften Weise, die ihm sehr wohl anstand, über das erhebende Gefühl
ausgesprochen, welches für den Einzelnen aus der Zusammengehörigkeit mit einer
grossen Gemeinde erwachse. Man hatte seit Jahren wieder zum ersten Male den Tag
von Mariä Himmelfahrt mit einer Procession gefeiert, bei welcher die Prinzen und
Prinzessinnen des Königshauses selber die Kerze getragen, und die Herzogin hatte
es sich trotz ihrer hohen Jahre nicht nehmen lassen, sich dem Zuge, so weit ihre
Kräfte es ihr gestatteten, anzuschliessen.
    Die ganze alte legitimistische Gesellschaft fühlte sich wie verjüngt durch
diesen Akt, weil er ihr die Tage ihrer frühesten Jugend in das Gedächtnis rief,
und man gefiel sich darin, die politische Genugtuung, welche man sich und der
Kirche bereitet hatte, und die Freude, die man über diesen Sieg empfand, als
eine innere Beseligung und Erhebung zu bezeichnen, von welcher die Gräfin
Haughton ausgeschlossen zu sehen der Abbé beklagte.
    Er stand, während er ihr dieses mit seiner gewohnten edeln Weise aussprach,
mit Eleonoren in der tiefen Brüstung eines Fensters ganz allein. Das Licht fiel
hell auf ihn nieder, jede Miene seines Antlitzes bestätigte die Wahrheit und den
Ernst seiner Worte. Die Gräfin liess ihr Auge nicht von ihm. Sie liebte es, ihn
sprechen zu hören, ihn zu beobachten, denn er zog sie an, obschon sie ihm
misstraute; und ohne von seinen Schilderungen irgendwie ergriffen zu sein, sagte
sie: Ich zweifle nicht an dem Glücke, dessen Sie alle heute teilhaftig geworden
sind, und ich sehe es ja, wie völlig die grosse Gemeinschaft, deren Sie gedenken,
den Einzelnen in sich aufnimmt und mit sich fortträgt. Aber bemühen Sie Sich
nicht um mich, ich bin der Anstrengung nicht wert. Ich kann weder glauben noch
lieben auf eines Anderen Geheiss, weder beten noch mich verheiraten, wo es mich
selber nicht dazu drängt; und was kümmert es Sie, woran ich jenseit des Kanales
glauben, oder meine Tante, an wessen Seite ich dort leben werde? Denn dass ich
Frankreich und dieses Haus verlasse, sobald ich die mir zustehende Freiheit dazu
erlange, daran, Herr Abbé, zweifeln Sie wohl selber nicht!
    Und wer sagt Ihnen, Gräfin, fragte er sie, dass ich es ersehne, Sie als die
Gattin des Prinzen Polydor zu sehen, wennschon ich Ihnen nie verhehlte, dass ich
mich glücklich schätzen würde, eine so mächtige und freie Seele wie die Ihrige
zu den Unsrigen zählen zu dürfen?
    Die Gräfin war überrascht. Nie zuvor hatte der Abbé mit ihr über die Plane
des Prinzen Polydor gesprochen; aber sie fasste sich schnell, und jene Andeutung
ganz unbeachtet lassend, sagte sie: Sie nennen meine Seele mächtig und frei! Was
kann die Macht und die Freiheit einer Seele ihrer Kirche nutzen, die blinden
Gehorsam gegenüber ihrer unumschränkten Herrschaft fordert?
    Wer herrschen will, bedarf der Menschen, die zum Herrschen fähig sind! gab
er ihr zur Antwort. Zum Gehorchen sind Viele berufen, zum Herrschen werden
einige Wenige erwählt.
    Und Sie gehören zu diesen Letzteren, nicht so, Herr Abbé? meinte Eleonore
mit gewohnter Keckheit.
    Der Abbé folgte jetzt dem Beispiele, das sie selber ihm gegeben hatte. Er
überhörte geflissentlich den Ton, mit welchem sie diese Frage an ihn richtete.
Ich hoffe mich durch Unterordnung unter die Weisheit der Herrschenden zum
Herrschen geschickt zu machen, Gräfin! gab er ihr zur Antwort.
    Sie halten also Herrschaft für ein Glück?
    Ich halte die Herrschaft für die höchste Befriedigung, die dem Menschen zu
geniessen verliehen ist, und ich erachte es als die höchste Tugend, wenn ein zum
Herrschen geborener Mann durch die Schule der Selbstbeherrschung und der
Unterordnung sich dazu befähigt, für gute und edle Zwecke, für die höchsten
Ziele, die Herrschaft über jene ungeheure und ungeschulte Masse zu gewinnen,
die, sich selber überlassen, zu jedem Irrtume, zu jeder Ausschweifung, zu
jeglichem Verbrechen zu verführen ist. Oder ersehnt Ihr Herz die Vorgänge und
die Zeiten wieder, welche vor unserer endlichen Rückkehr dieses arme Frankreich
heimgesucht haben?
    Der Abbé wusste, wem er die Reize der Herrschaft anpries. Auch hatte die
Gräfin ihm mit tiefem Ernste zugehört.
    Sie sprechen von Zielen, wie sie dem Manne winken. Wo ist uns Frauen die
Möglichkeit zu jenem Tun eröffnet, das Sie als die höchste irdische
Befriedigung bezeichnen? versetzte sie darauf.
    Der Abbé schwieg, als ob er sich scheue, ihr seine Meinung auszusprechen;
endlich sagte er: Ihre Kirche, gnädige Gräfin, erkennt auch der hochbegabtesten
Frau, wenn sie nicht zufällig auf einem Tron geboren ist, freilich kein anderes
Regiment, als das in ihrem engen Hause zu. Die katolische Kirche, in der die
jungfräuliche Mutter Gottes der Gegenstand der heiligsten Verehrung ist, hat
aber zu allen Zeiten die hervorragenden Frauen auszuzeichnen, an ihren Platz zu
stellen und grosse Gewalt in ihre Hände zu legen getrachtet und verstanden. Ich
weiss es, Sie kennen die Frau Aebtissin der heiligen Schwestern zum Herzen Jesu.
Glauben Sie, dass diese fürstliche Frau sich entschliessen könnte, die Würde, die
sie in unserer erhabenen Kirche einnimmt, die Macht, welche in ihre Hände gelegt
ist, den Einfluss und die hohe Verehrung, deren sie geniesst, mit irgend einem
Verhältnisse, wie die weltliche Gesellschaft ihr es bieten möchte, zu
vertauschen?
    Selbst wenn ich Katolikin wäre, würde das Kloster mich nicht locken; würde
die Macht innerhalb der höchsten Beschränkung, die Herrschaft in den Banden des
Zwanges und der Abhängigkeit mir keine Genugtuung bereiten! versicherte die
Gräfin. Herr zu sein über mich selbst, Herr zu sein in jeder Stunde über jede
meiner Entschliessungen, das allein ist es, wonach ich trachte, und ...
    Und was Sie sicher nicht erreichen werden, gnädige Gräfin, fiel der
Geistliche ihr in das Wort, wenn Sie, Sich dem Willen der Frau Herzogin fügend,
den Prinzen Polydor zu Ihrem Gatten wählen.
    Er war mit dieser Wendung wieder auf den Ausgangspunkt ihrer Unterredung
zurückgekehrt, und ihn mit fragendem Erstaunen anblickend, zögerte die Gräfin,
ihm eine Antwort zu geben.
    Der Abbé störte sie in ihrem Ueberlegen nicht. Er wusste, dass von der
Fürstentochter bis herab zur niedrig geborenen Magd nicht leicht eine Frau der
Versuchung widersteht, sich über ihre Herzensangelegenheiten und
Ehestandsaussichten mit einem bedeutenden Manne zu besprechen, wenn dieser in
denselben nicht beteiligt ist, und er hatte mit Sicherheit Eleonorens Frage
erwartet, womit sie den Anteil verdiene, den er ihr beweise.
    Aber auch er liess sie seine Antwort jetzt erwarten, und erst nach längerer
Zeit, in der er mit sich zu Rate gegangen zu sein schien, sagte er: Sie sind so
jung, gnädige Gräfin, dass man sich immer wieder auf dem Fehler ertappt, an Sie
die Massstäbe anzulegen, nach welchen man die Mehrzahl der Frauen, die
gewöhnlichen Jungfrauen in Ihrem Alter zu messen gewohnt ist. Diesen Fehler habe
ich lange Zeit begangen, und Sie haben ihn mir mit einem Misstrauen vergolten,
das ich mit Beschämung als ein verdientes anerkennen muss. Wollen Sie mir diesen
Fehler verzeihen, wollen Sie mir vergönnen, Ihnen ruhig auseinander zu setzen,
in welcher Lage ich mich Ihnen gegenüber befinde, so werde ich Ihnen für das
Erstere von Herzen danken und bin ich zu dem Letzteren bereit.
    Der Abbé hatte bis dahin vor Eleonoren gestanden. Jetzt, als sei er ihrer
Zustimmung gewiss, rückte er einen Lehnstuhl für sie herbei, nahm einen Sessel
ihr gegenüber ein, und er sah dabei mit besonderer Genugtuung, wie die Mienen
der Gräfin sich geändert hatten, wie sie mit Spannung in seinem Antlitze zu
lesen strebte, was er ihr zu sagen haben könne.
    Es würde mir und meinem Amte übel anstehen, hob er nach kurzem Ueberlegen
an, wenn ich Ihnen aussprechen wollte, was die Gesellschaft der Sie umgebenden
Männer Ihnen täglich und unablässig wiederholt, dass Sie an Schönheit die anderen
Frauen überragen, dass der Mann glücklich zu preisen sein würde, dem es gelänge,
Ihre Liebe und mit dieser den Besitz Ihrer Person zu gewinnen. Aber ich trage
daneben kein Bedenken, Ihnen zuzugeben, was Ihnen, ich weiss es, von Seiten Ihrer
früheren Erzieherin und Ihres geistlichen Beraters ebenfalls oft genug
wiederholt werden mag, dass eine junge Frau von Ihrer ungewöhnlichen Begabung,
von Ihrer Selbständigkeit und von Ihrem grossen und unabhängigen Vermögen der
Beachtung unserer Kirche nicht entgehen konnte. Wer überzeugt ist, die Wahrheit
zu kennen und zu besitzen, muss, wenn er kein Elender ist, sie mitzuteilen und
vor Allem diejenigen derselben teilhaftig zu machen wünschen, von denen er
erwarten darf, dass sie starke Zeugen für die Wahrheit werden können. Wer die
Herrschaft als ein ihm von Gott verliehenes Recht ansieht, muss nach den Mitteln
trachten, welche ihm das Herrschen möglich machen, und ich bin viel zu sehr von
dem heiligen Rechte unserer Kirche überzeugt, viel zu sehr von ihrer
alleinseligmachenden Kraft durchdrungen und von der erhabenen Aufgabe beglückt,
die mein Amt mir auferlegt, als dass ich anstehen sollte, Ihnen zu bekennen, wie
es mein heisser Wunsch, mein heisser Wunsch gewesen ist, eine Frau von Ihrer hohen
und eigenartigen Begabung, von Ihrem fürstlichen Vermögen - denn weltlicher
Besitz gibt Macht - in die Reihen unserer Bekenner eintreten, und Sie wo irgend
möglich früher oder später Sich zu der kleinen Schar der Auserwählten gesellen
zu sehen, welche die Welt regieren, weil sie wissen, was der menschlichen
Schwäche angemessen ist und wohltut.
    Er hielt inne und sagte dann mit einem leisen Seufzer, der seiner männlichen
Schönheit sehr wohl anstand: Ich habe, wie ich mit Beschämung erkenne, denn
eines Irrtums hat der reife Mann sich stets zu schämen, mich mit einer falschen
Hoffnung getragen, ich habe Sie nicht richtig beurteilt. Ihr Sinn ist weniger
gross, als ich mir's vorgestellt hatte; er verlangt nicht nach Herrschaft, er
scheut nur vor persönlicher Abhängigkeit zurück, und einer solchen würden Sie in
der Ehe mit dem Prinzen nicht entgehen, denn der Prinz hat trotz seiner
gewinnenden Umgangsformen die ganze Herrschsucht seiner Mutter.
    Es entstand eine Pause; der Abbé war anscheinend von dem Gegenstande seiner
letzten Erörterungen abgekommen, als er die Rede noch einmal auf Eleonorens
Verbindung mit dem Prinzen lenkte. Aber sie beachtete das nicht. Man konnte
sehen, dass ihre Gedanken mit irgend einem Gegenstande lebhaft beschäftigt waren,
denn sie schaute schweigend vor sich hin, ohne ihre Blicke auf ihrer Umgebung
haften zu lassen, und erst nach einer Weile, während welcher der Abbé sie sich
selber überlassen hatte, fragte sie, als komme sie auf diesen Punkt nur zufällig
zurück oder als benutze sie die Frage nur, um den eigentlichen Boden der
Unterhaltung zu vermeiden: Sie haben also die Mutter des Prinzen auch gekannt?
    Welche Frage, Gräfin! entgegnete der Geistliche, indem er sie mit
forschendem Blicke ansah.
    Eleonore besann sich. Freilich, freilich, rief sie, der Prinz ist älter,
sehr viel älter, als Sie, und die Fürstin von Chimay ist noch jung gestorben!
    Der frühe Tod der Frau Fürstin, meinte der Abbé bedeutsam, hinderte mich
nicht, die Mutter des Prinzen Polydor zu kennen, und Sie selber, Gräfin ....
    Er hielt inne; Eleonore sah ihn forschend an. - Ich verstehe Sie nicht, Herr
Abbé, sagte sie, aber ich bemerke, dass Sie mir eine Mitteilung zu machen
denken, auf die Sie mich langsam vorzubereiten suchen, oder dass Sie Sich
überzeugen möchten, ob ich von irgend welchen Verhältnissen unterrichtet bin,
die Sie, vielleicht als ein Geheimnis, kennen gelernt haben. In beiden Fällen
muss ich Sie bitten, Sich bestimmter auszusprechen, denn ich wiederhole es Ihnen,
ich verstehe Sie nicht.
    Der Abbé lächelte. Sie wollen mich glauben machen, Gräfin, sprach er, dass
Ihnen, Ihnen allein die Beziehungen verborgen geblieben sein sollten, in welchen
Prinz Polydor zu diesem Hause und dadurch auch zu Ihnen steht; und doch konnte
nur Ihre Kenntnis dieser Umstände mir es bisher erklären, was Sie bewog, der
Bewerbung des Prinzen, wenn Sie überhaupt gewillt sind, Sich zu vermählen, kein
Gehör zu schenken.
    Eleonore hatte die Farbe gewechselt; sie presste die Lippen fest zusammen,
wollte eine Frage tun, unterdrückte sie aber und sagte dann: Ich befinde mich
in diesem Augenblicke Ihnen gegenüber in einer Lage, die mich demütigt und
beschämt. Ich habe es Ihnen nie verborgen, Herr Abbé, dass Ihr Amt, dass die
Tracht des Ordens, die Sie tragen, mir ein Vorurteil, ein Misstrauen gegen Sie
gegeben haben, wie mir dieselben seit meiner frühesten Jugend eingeflösst worden
sind. Jetzt beweisen Sie mir einen Anteil, den ich mir erklären könnte, hätte
ich Ihnen nicht meine entschiedene Abneigung gegen Ihre Kirche ausgesprochen;
und ohne dass diese Abneigung oder jenes Misstrauen im geringsten nur verändert
wären, bin ich genötigt, Sie mit einer Bitte anzugehen und von Ihnen
Aufschlüsse zu begehren. Wollen Sie mir, damit ich dieses tun kann, eine Frage
aufrichtig beantworten?
    Der Abbé erwiederte, dass sie zu befehlen habe und dass sie auf seine
Wahrhaftigkeit vertrauen könne.
    Nun denn, sprach sie, so sagen Sie mir unumwunden: was veranlasst Sie, Sich
um mein Schicksal zu bekümmern, da und nachdem ich Ihnen ausgesprochen habe, dass
Sie nicht darauf rechnen dürfen, mich zu Ihrer Kirche zu bekehren? Was liegt
Ihnen daran, was aus mir wird oder wem ich mich verbinde, sofern ich nicht
katolisch werde und mich Ihren Ansichten und Hoffnungen nicht füge? Was bin ich
Ihnen, Herr Abbé?
    Der Abbé richtete seine dunkeln Augen, deren schönen Glanz die langen
Wimpern nur erhöhten, ruhig auf die ihrigen und sagte: Ihre Frage erheischt von
mir eine Antwort, die ich Ihnen nicht geben dürfte, wenn ich meiner nicht so
völlig sicher wäre. Was Sie mir sind? - Er schwieg und betrachtete sie
unverwandt; dann sagte er: Fragen Sie jeden Mann, der sich Ihnen naht, was Sie
ihm sind? - Und abermals hielt er inne. Sie wollten mich herausfordern, Gräfin,
sprach er dann, indem er sich hoch und stolzer hob, und sein mitleidiges Lächeln
glitt strafend über sie hinweg, Sie wollten mich herausfordern, Gräfin! Sie
wollten Sich die Genugtuung bereiten, einen Geistlichen der von Ihnen
missachteten Kirche sich und seinem Eide untreu und zu Ihrem Sclaven werden zu
sehen; schade nur, dass ich Ihnen diese Genugtuung nicht zu bereiten vermag!
    Eleonore zuckte zusammen, ihre Wangen erglühten in der dunkeln Röte der
Scham; sie versuchte ihre Blicke, seinem Worte trotzend, zu dem Geistlichen zu
erheben, aber sie vermochte es nicht. Er liess sie eine geraume Zeit unter dem
Drucke der ersten Demütigung, die sie erfuhr. Als er sah, wie tief sein Vorwurf
und diese Erfahrung sie getroffen hatten, nahm er ihre Hand und sagte wie in
erbarmendem Vertrauen: Ich habe Ihnen die Wahrheit, eine volle Wahrheit
verheissen, und ich habe keinen Grund, Ihnen irgend etwas von demjenigen
vorzuentalten, was Sie zu wissen begehren. Ich wiederhole es Ihnen also ohne
jegliches Bedenken, Ihre vollkommene Schönheit, Ihre stolze Unabhängigkeit haben
auch auf mich ihres Eindruckes nicht verfehlt. Der Eid, der uns von allem
Begehrendürfen und Verlangen abtrennt, verbietet und verhindert das Sehen, das
Erstaunen, das Bewundern nicht; aber wer aus voller Ueberzeugung sich einem
grossen Gedanken, einem die Welt umfassenden und über das Leben hinausgehenden
Zwecke hingegeben hat, der findet keinen Raum in sich für persönliches Wünschen,
der erlernt es, auch das Schönste und Begehrenswerteste nur als ein Mittel für
den einen grossen Zweck zu betrachten, und alles, was ich meiner Phantasie
verstattet, was ich meinem Herzen zugestanden habe, als ich Sie in Ihrer von
Gott begnadigten Erscheinung mit Ihrem für das Grosse geschaffenen Sinne vor
meinen Augen Sich entfalten sah, war der Wunsch, der heisse Wunsch, Sie diese
grossen Gaben nicht auf kleinliche und Ihrer selber unwürdige Weise verwenden und
verschwenden zu sehen. Eine Eleonore Haughton ist für die Gewöhnlichkeit des
Frauenlooses nicht geschaffen!
    Er hatte ihre Hand nach festem, männlichem Drucke freigegeben, als habe er
ihr nun alles gesagt, was ihr zu wissen nötig sei. Er sah sich nach seinem Hute
um; auch Eleonore hatte sich erhoben. Als der Abbé sich von ihr wendete, liess
sie ihr Auge über seine Gestalt hingleiten, und sie gestand sich, dass er schön,
ja, dass er unter den Männern, die sie kannte, vielleicht der schönste sei. Wie
ein Lichtstrahl, hell und flüchtig, zuckte der Gedanke durch ihren Geist: warum
ist er nicht frei? warum trennt der Glaube ihn von mir? - Und in dieses Bedauern
mischte sich zum ersten Male in ihrem Leben ein Mitleid mit sich selbst. Sie
fühlte es, dass sie schon lange ihrer Erzieherin überlegen, dass sie stets sich
selber überlassen gewesen sei. Sie kam sich plötzlich einsam und des Rates sehr
bedürftig vor und als der Abbé sich von ihr entfernen wollte, sagte sie sich,
dass sie diesen Augenblick nicht vorübergehen, den Geistlichen nicht mit dem
Glauben scheiden lassen dürfe, dass sie kleiner und geringer sei, als er sie
geschätzt habe.
    Herr Abbé, hob sie an, eine Unterredung wie die, welche wir eben gehabt
haben, ist sicherlich keine gewöhnliche zwischen einem Geistlichen Ihres Alters
und einem Mädchen von meinen Jahren, das Sie als eine Ketzerin betrachten. - Sie
versuchte zu lächeln, aber sie war viel zu erschüttert, irgend etwas scheinen
oder darstellen zu können, was sie nicht empfand. Dem Abbé entging das nicht, er
behielt den Hut in der Hand und stützte sich auf die Lehne des Sessels, der sie
von einander trennte, während er sein Haupt leise neigte, um sie mit seinem
Blicke in ihren Mitteilungen nicht zu hindern.
    Sie wartete auf irgend eine Entgegnung von seiner Seite; da er eine solche
unterliess, sprach sie: Ich will Ihre Voraussetzungen gelten lassen, will nach
Ihrem Worte von mir annehmen, was ich oft in mir gefühlt zu haben glaube, dass
mein Sinn nicht unwert wäre, sich auf ein grosses Ziel zu richten. Sind Sie
überzeugt, dass mir eine grosse, eine wirksame Tätigkeit, dass mir Macht und
Einfluss und Befriedigung in dem Bereiche des Lebens nicht geboten werden können,
in welchen meine Geburt und mein Besitz mich stellen?
    Das wird, wie ich Ihnen, teure Gräfin, schon vorhin bemerkte, einzig und
allein von Ihrer einstigen Entscheidung über Sich selbst abhangen! entgegnete er
ihr bestimmt, und wieder entstand eine Pause, die zu beenden der Abbé sich
weislich hütete. Er kannte den heftigen Charakter, die leidenschaftliche Natur
der Gräfin und wusste, dass Niemand von einem fremden Willen so schnell vorwärts,
so über sein eigentliches Ziel hinausgetrieben wird, als von der Ungeduld des
eigenen, an Warten und Ertragen nicht gewöhnten Herzens, und er hatte sich auch
diesmal in seinen Voraussetzungen nicht getäuscht. Denn mit einer Miene, in
welcher ihre Selbstüberwindung und ihre feste Entschlossenheit sich verrieten,
sprach sie plötzlich: Sie haben mir eine Aufrichtigkeit gegönnt, die mich stolz
macht und mich Ihnen zu Dank verpflichtet, Herr Abbé! Ich räume Ihnen ein, dass
Sie meine Natur besser erkannt haben, als die Andern alle; aber die Strasse, die
Sie mich führen möchten, werde ich nicht gehen! Hindert Sie das, mir die Hand zu
bieten und mir beizustehen auf dem Wege, den ich mir erwähle? Ich habe der
Verehrer, seit ich in die Gesellschaft eintrat, nicht entbehrt; einen Mann, der
sich beschieden hätte, mir ein Freund zu sein, habe ich nicht gefunden! Können,
wollen Sie mir ein Freund, ein Berater werden? Ich brauche einen solchen, und -
ich vertraue Ihnen! fügte sie mit einer Miene und einem Tone hinzu, die selbst
auf den Abbé, so ruhig und mit so viel Selbstbefriedigung er sie betrachtete,
ihre Wirkung nicht verfehlten, weil die ganze Ueberwindung, die sie in sich
vollzogen hatte, sich in ihnen kund gab.
    Sie hielt ihm die Hand hin, er ergriff sie auf's Neue mit einem festen
Drucke, als habe er es mit einem Manne zu tun. Ich danke Ihnen, Gräfin!
befehlen Sie über mich! - Das war alles, was er ihr zur Antwort gab. Aber
Eleonore ward von seinen Worten tief erschüttert. Sie konnte sich nicht
erklären, was sie so bewegte, sie musste sich sammeln, sich zusammennehmen, und
es war endlich nur das Bestreben, von sich selber loszukommen und Herr über ihre
innere Aufregung zu werden, welches sie bestimmte, die Frage nach der Mutter des
Prinzen zu wiederholen.
    Sie setzen mich gleich auf eine schwere Probe, meine junge Freundin, sagte
der Abbé, denn ich laufe Gefahr, das eben von Ihnen erlangte Zutrauen zu
verlieren, wenn ich Ihnen mitteile, was ich allerdings nicht als ein Geheimnis,
sondern aus der Mitwissenschaft der Zeitgenossen über jene Verhältnisse erfahren
habe. Prinz Polydor steht Ihnen näher, als Sie wissen oder ahnen, meine teure
Gräfin, und eben das liess mich nach den Begriffen unserer Kirche vor dem
Gedanken, dass Sie ihm verbunden werden könnten, Bedenken tragen, ja erschrecken.
    Sie verhiessen mir die Wahrheit und sprechen in Rätseln zu mir! beklagte
sich Eleonore, wie soll ich Sie verstehen?
    Der Abbé sah auf den breiträndigen, zusammengeschlagenen Hut hernieder, den
er in seinen Händen hielt. Es sind traurige Ereignisse, es ist eine schwere
Sünde, von denen Sie Kunde begehren, sagte er, und doch müssen Sie erfahren, was
Sie nur zu nahe angeht und was ausser Ihnen kaum für Jemanden ein Geheimnis ist.
Es hat durch lange Jahre, noch bei Lebzeiten des Herrn Herzogs von Duras, ein
Liebesverhältniss, eine heftige Leidenschaft zwischen der Herzogin und dem
Fürsten von Chimay bestanden, welche eine stillschweigende Trennung der
herzoglichen Ehe veranlasst hatte, lange ehe die Frau Herzogin ihres ersten und
einzigen Kindes genas. Der Herzog hatte also vollen Grund, dieses Kind nicht als
das seinige anzuerkennen; der Fürst hingegen wünschte, sich den Sohn der
geliebten Frau anzueignen, und diese verlangte für ihren Sohn nach einer
Stellung, wie seine Abstammung sie ihm gesichert hätte, wäre seine Geburt eine
rechtmässige gewesen. Man kam also auf das Auskunftsmittel, den Neugeborenen
einer Anderen, einer Fremden unterzuschieben. Freunde der Frau Herzogin und des
Fürsten fanden in der schönen, brustkranken Tochter einer herabgekommenen
Familie die Person und die Willfährigkeit, deren man bedurfte. Die Herzogin
gebar in einer kleinen schweizerischen Stadt den Prinzen Polydor, Fräulein von
Merrieux wurde dem Fürsten von Chimay hier in der Carmeliter-Kirche angetraut,
der Fürst sicherte ihren Eltern ein namhaftes Vermögen zu, das fürstliche
Ehepaar begab sich nach der Schweiz, den Sohn der Herzogin persönlich in Empfang
zu nehmen, und diese mochte sich darauf Rechnung gemacht haben, nach dem
voraussichtlichen Tode der jungen Fürstin sich ihren Sohn als Pflegesohn
aneignen zu können. - Der Abbé hatte diese Tatsachen nackt und trocken
hingestellt. Jetzt machte er eine kleine Pause, und ruhig und nachdenklich hob
er dann auf's Neue zu erzählen an. Des Menschen Gedanken und des Herrn Wege sind
gar oft verschieden, sagte er, und auch in diesem Falle bewährte sich die
allwaltende Gerechtigkeit des Herrn. Wider alles menschliche Voraussehen stellte
Gott die Gesundheit der Fürstin, die sich für die Ihrigen geopfert hatte, völlig
wieder her, und er wendete ihr auch die ganze Neigung ihres Gatten, die volle
Liebe ihres Pflegesohnes zu. Der Fürst vergass in den Armen seiner edeln
Gemahlin, auf welche Weise er sie erwählt hatte. Ihre Frömmigkeit suchte durch
Busse sein Vergehen zu sühnen, und als wenig Jahre danach der Herzog von Duras
das Zeitliche verliess, fand die Frau Herzogin sich von dem Genossen ihrer Sünde,
wenn nicht vergessen, so doch aufgegeben. Erst nach dem Tode der gottergebenen
Frau Fürstin stellte die alte Freundschaft zwischen Ihrer Frau Tante und dem
Fürsten von Chimay sich allmählich wieder her, und Sie werden es, da Sie die
Frau Herzogin ja kennen, nur begreiflich finden, wie viel ihr daran gelegen sein
muss, Sie, die Sie ihre rechtmässige und einzige Erbin sind, mit dem Prinzen
Polydor, mit ihrem Sohne, zu verbinden.
    Eleonore war dem Berichte des Geistlichen mit höchster Spannung, mit grosser
Aufregung gefolgt. Nun, da er seine Erzählung beendet hatte, leuchtete eine
unheimliche Freude aus ihren Augen.
    Ja, Sie sind mein Freund! rief sie triumphirend aus, Sie sind mein wahrer,
mein einziger Freund, und Sie sollen es sehen, dass ich Ihres Vertrauens nicht
unwert bin, Herr Abbé! Aber mich brauchen lassen wie Fräulein von Merrieux?
Mich brauchen lassen, um Ihren Fehltritt gut zu machen und Ihrem Sohne sein Erbe
zuzuwenden? - nimmermehr, Frau Herzogin, nimmermehr! Dazu ist Eleonore Haughton
nicht gemacht! - Noch einmal meinen Dank, mein Freund, mein edler, mein
grossmütiger Freund! wiederholte sie dem Abbé, und sich dann plötzlich von ihm
wendend, verliess sie das Gemach.
    Der Abbé sah ihr schweigend nach. Er war mit sich zufrieden, und wie ein
sieggewohnter Mann das Gelungene erwägend, dasjenige, was jetzt zu leisten war,
bedenkend, ging auch er von dannen, um ruhig und in sich gefasst, wie immer, der
Frau Herzogin seine gewohnte Aufwartung zu machen.
 
                               Siebentes Capitel
Renatus hatte, seit er der Gast der Herzogin und am Hofe empfangen worden war,
nur selten und nur flüchtige Briefe in die Heimat gesendet, und er schlug sich
die Nachrichten, welche ihm von dort mit Regelmässigkeit gegeben wurden, gern aus
dem Sinne.
    Hildegard kam in jedem ihrer Briefe darauf zurück, dass die Signorina, wie
sie Vittoria noch immer zu nennen liebte, sich in unbegreiflicher Weise
verändert habe. Sie sei heftig und herrisch geworden, könne sich nicht darein
finden, nicht mehr die ausschliessliche Neigung ihres Stiefsohnes zu besitzen;
sie missgönne Hildegarden die Liebe ihres Verlobten, und an den Gedanken, künftig
nicht mehr die Herrin des Hauses zu sein, könne oder wolle sie sich entschieden
nicht gewöhnen.
    Die Schreiberin versicherte dabei, dass sowohl sie als ihre Mutter alles
Mögliche täten, das gute, alte Verhältnis zwischen ihnen und der Signorina
aufrecht zu erhalten. Dies sei aber gar nicht leicht, und es gelinge eigentlich
nur Cäcilien, die noch immer dasselbe harmlose Kind geblieben sei, Vittorien zu
gefallen und zufrieden zu stellen.
    Dazu bemerkte Hildegard, es falle ihr auf, wie die gleichen Ereignisse auf
die verschiedenen Charaktere verschieden wirkten. Was sie beträfe, so habe der
Ernst der Zeiten sie gereift und ihren Sinn mehr und mehr dem äusseren Scheine
abgewendet. Sie preise sich deshalb glücklich, dass sie berufen sei, künftig an
ihres geliebten Renatus Seite auf dem Lande in edler und ernster
Zurückgezogenheit ihre Tage hinzubringen. Sie habe in diesem Betrachte durchaus
den Sinn und die Anschauungsweise ihrer Mutter geerbt. Cäcilie hingegen trage
ein Verlangen nach der Welt, in dem sie von der Signorina, welche die Welt
freilich noch weniger als ihre Schwester kenne, bestärkt werde, und die Mutter
sei der Meinung, dass man den Beiden keine Hindernisse in den Weg legen dürfe,
sondern ihnen so bald als möglich die Gelegenheit eröffnen müsse, sich selber
durch die Gehaltlosigkeit der sogenannten Zerstreuungen von dem Werte einer
ernsten Lebensführung zu überzeugen. Sie habe eben deshalb einen Plan entworfen,
den sie Renatus bei seiner Rückkehr vorzulegen denke und dessen Ausführung
hoffentlich das Wohlbehagen Aller sichern werde, während er zugleich die Mittel
für eine zweckmässige Erziehung Valerio's darzubieten verspreche, der hier im
Schloss, unter der schwachen Hand und bei dem launenhaften Sinne seiner Mutter,
völlig sich selber und seiner eigenen Phantastik überlassen sei.
    Sie erwähnte dann noch, dass man ab und zu Besuche aus der Nachbarschaft
empfange, dass sie und die Mutter sich darin um des lieben Friedens willen den
beiden lebenslustigen Freundinnen gern fügten und dass neulich auch Graf Gerhard
wieder für einige Tage, von Berka kommend, im Schloss ihr Gast gewesen sei. Da
Renatus keine Zuversicht zu der Sinnesänderung seines Oheims besitze und ihrem
und ihrer Mutter Auge nicht vertraue, entalte sie sich, ihrem Verlobten zu
berichten, wie wohltuend des Grafen männliche Haltung auf Vittoria eingewirkt
habe und wie eine einzige geheime Unterredung, die er mit derselben gehabt habe,
die Baronin zu einem Nachdenken, ja, zu einem Ernste gebracht hätte, welchen der
jetzige Geistliche in Vittoria hervorzurufen leider nicht verstehe. Auch mit dem
Amtmann und mit dem Justitiarius habe der Graf, der sich in den letzten Jahren
in Berka vielfach mit der Landwirtschaft beschäftigt, gelegentliche Rücksprache
genommen und danach ihr und der Mutter es an das Herz gelegt, Renatus zur
Ernennung eines der Gutsverwaltung und der Landwirtschaft kundigen
Generalbevollmächtigten zu bestimmen, falls er nicht bald zurückkommen und die
allerdings schwierige Verwaltung seiner Güter wie die eben so wenig leichte
Ordnung seiner Vermögensverhältnisse selber zu übernehmen entschlossen sein
sollte.
    Je weniger der Inhalt dieser Briefe mit dem fröhlichen Leben
zusammenstimmte, in welchem Renatus sich bewegte, um so unangenehmer wirkten sie
auf ihn, und auch die Briefe, welche er, seit Herr Flies gestorben und Paul der
Inhaber des Flies'schen Geschäftes geworden war, aus der Residenz erhielt, waren
nicht erfreulich.
    Als ihm die Anzeige von dem Ableben des Kaufmanns Flies durch das allgemeine
Rundschreiben der Firma auf dem Umwege über Richten zugegangen war, hatte
Renatus mit einem gewissen Erschrecken aus demselben Briefe ersehen, dass der
jetzige Inhaber des Geschäftes aus dem Heere in sein Haus zurückgekehrt sei und
den Angelegenheiten desselben nunmehr wieder in Person seine Tätigkeit widme.
    Dem Sohne seines Vaters mittelbar, wenn es sich so fügte, einen Vorteil
zuzuwenden, hatte dem jungen Freiherrn angemessen und wohlanständig gedünkt;
aber er mochte sich dagegen sträuben und sich dagegen vorhalten, wie und was er
wollte, dieser Bastardbruder, der ihm, als sei es das Recht seiner Erstgeburt,
die Züge seines Vaters, der ihm das Antlitz und die Haltung der Herren von Arten
entwendet zu haben schien, war ihm immer eine unheimliche Gestalt gewesen. Seit
nun vollends Renatus es den Seinigen verschwiegen, dass es eben Paul gewesen sei,
dem er die Errettung aus Todesgefahr zu danken habe, hatte das Bewusstsein, eine
Undankbarkeit begangen zu haben, seine unbestimmte Abneigung gegen seinen
Halbbruder noch gesteigert; denn es liegt in der Natur der meisten Menschen, dass
sie demjenigen zürnen, dem sie ein Unrecht zugefügt haben.
    Er bereute es jetzt, die Verbindung mit dem alten Flies nicht gleich nach
dem Tode des Freiherrn abgebrochen zu haben, er ging mit sich zu Rate, ob und
wie er diese Versäumnis jetzt unschädlich machen könne; aber die Sache hatte,
besonders da er in Paris zu bleiben wünschte, ihre grossen Schwierigkeiten, ja,
sie dünkte ihn in den gegenwärtigen Zeitläuften und Umständen, ohne Gefahr für
seine Angelegenheiten, gar nicht ausführbar. Wenn er dem neuen Geschäftsinhaber
des Flies'schen Hauses ein kränkendes Misstrauen zeigte, konnte derselbe sich
leicht versucht fühlen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und die Flies'schen
Capitalien zu kündigen, die, seit langen Jahren auf Neudorf und Rotenfeld
eingetragen, jetzt ohne Frage höher zu verwerten waren, als in jenen
Hypoteken. Dazu wusste Renatus, der sich bisher in der Heimat nur unter seinen
Kameraden und inmitten der seiner Familie befreundeten adeligen Gesellschaft
bewegt hatte, ganz und gar nicht, wie und in wem er einen Ersatz für die alten
Geschäftsfreunde seines Hauses zu suchen habe oder wen er an Stelle des alten
Flies zum Curator Vittoria's und Valerio's ernennen lassen solle. Und nachdem er
im Geiste lange suchend um sich her gesehen hatte, meinte er plötzlich, doch
eben in Paul den Mann gefunden zu haben, dessen er bedurfte.
    Der Mann, der mich mit eigener Lebensgefahr beschützte, der also meinen
Untergang nicht wünschte, kann nicht im Stande sein, so sagte er sich, mich
irgendwie geflissentlich zu schädigen. Und dieser auf das menschliche,
natürliche Gefühl richtig gebaute Schluss fand, nachdem er ihn einmal gezogen
hatte, in dem Adelsstolze des jungen Freiherrn sofort noch eine unvorhergesehene
Bekräftigung; denn obschon Renatus dies nur anerkannte, wenn es ihm eben für
seine Zwecke passte, es floss doch immer Arten'sches Blut in Tremann's Adern, und
dieses konnte sich nicht in Paul verläugnen, mit solchem Blute war man keiner
niederen, keiner schlechten Handlung fähig.
    Er war einen Augenblick nahe daran, es Tremann unumwunden auszusprechen, wie
er in der Beziehung, in welcher sie zu einander ständen, und in der
Selbstaufopferung, mit welcher Paul ihm vor Möckern beigestanden habe, die beste
Bürgschaft dafür zu besitzen glaube, dass er die Familien- und
Geschäfts-Angelegenheiten des Hauses von Arten-Richten keiner zuverlässigeren
Kontrole, als der seinigen übergeben könne. Indes Renatus war von früh auf dazu
angehalten worden, bei allem seinem Tun es reiflich zu überlegen, ob er sich
und seinem Stande damit auch nichts vergebe, und dieses ewige Erwägen hatte ihm
allmählich die Fähigkeit eines schnellen Entschlusses und jede Möglichkeit eines
Handelns nach freien, plötzlichen Eingebungen ein für alle Mal genommen. Seine
Erziehung hatte ihn, wie einen Fürsten, ängstlich und scheu, hatte ihn
misstrauisch gegen Andere und gegen seine eigenen besten Empfindungen gemacht.
    Er bedachte also auch in diesem Falle wieder, dass ein solches Aussprechen
seines Vertrauens ihm für spätere Zeiten unbequeme, bindende Verpflichtungen
auferlegen könne; dass es den scharfsichtigen Kaufmann leicht auf ein
vorhergegangenes Misstrauen schliessen lassen dürfte, und als er dann endlich die
Feder in die Hand nahm, um Paul mit nötiger Behutsamkeit seine Zugeständnisse
und Vorschläge zu machen, deutete er es ihm also, ganz gegen seine erste
Absicht, in keiner Weise an, dass er wisse, in welchem Verhältnisse Paul zu
seinem Vater gestanden habe. Er erwähnte es auch mit keinem Worte, dass er seinen
Erretter in der Schlacht erkannt. Er erklärte ihm nur ohne Weiteres, wie er ihn,
als den Nachfolger des Herrn Flies, mit welchem die Familie von Arten seit
langen Jahren alle ihre Geschäfte zu machen gewohnt gewesen sei, auch ferner mit
denselben ganz und gar zu betrauen wünsche. Sollte Paul jedoch aus irgend einem
Grunde zu der Uebernahme dieses Auftrages nicht geneigt sein, so müsse er ihn
trotzdem jedenfalls ersuchen, sich der bisherigen Mühewaltung wenigstens so
lange zu unterziehen, bis Renatus in die Heimat zurückkehren und sich, sofern
dies nötig würde, nach einem andern Handlungshause für seine Zwecke umsehen
könne. Er sprach danach in guter Form die Hoffnung aus, dass die alte
Geschäftsverbindung keine Störung zu erleiden brauche, knüpfte daran den Wunsch,
dass sie beiden Teilen erspriesslich werden oder bleiben möge, und als er den
Brief dann noch einmal gelesen und gesiegelt hatte, hielt er sich überzeugt, als
ein sich selbst achtender Mann, nach reiflicher Ueberlegung und mit einem
Vertrauen gehandelt zu haben, das mancher Andere in ähnlicher Lage Paul nicht
bewiesen haben würde und das anzuerkennen derselbe sicherlich nicht ermangeln
könne. Ja, er machte sich endlich geradezu darauf gefasst, sich von dem
geschmeichelten Ehrgefühle seines Bastardbruders jetzt für alle Zeit jedes
Besten versehen zu dürfen. Er rechnete sich, wie gar Mancher, seine Aufwallungen
von guter Empfindung, auch wenn er es, wie eben jetzt, für recht befunden hatte,
sie schnell wieder zu unterdrücken, als gute Taten an, deren Anerkennung und
Belohnung ihm von dem Leben nicht vorentalten werden dürfe, und er gewann damit
nichts als die Möglichkeit, sich über das Leben und über die Menschen zu
beklagen, wenn sie ihm für das Nichtgeschehene nicht zu danken vermochten und
ihn nicht schätzten, wie er selbst sich beurteilte und hochhielt. -
    Es verging eine geraume Zeit, ehe Paul von dem jungen Freiherrn die lange
ausgebliebene Antwort auf die Todesanzeige des Herrn Flies erhielt. Da Renatus
dieselbe nicht, wie es sich eigentlich gebührte, an die Firma, sondern im Style
und Tone eines halben Vertrauens an Paul persönlich gerichtet hatte, liess dieser
den Brief sofort verzeichnen, aber er behielt ihn auf seinem Pulte liegen, denn
er war nicht mit sich einig, was er tun und wofür er sich entscheiden sollte.
Ein paar Tage lang erwog er diese Angelegenheit still mit sich allein, dann trug
er sie, als er sich in einer ruhigen Abendstunde mit Seba und Daviden
zusammenfand, gegen seine Gewohnheit den beiden Frauen vor.
    Es begegnet mir selten, sagte er mit seinem schlichten Ernste, nachdem er
ihnen das Schreiben von Renatus vorgelesen hatte, dass ich mir über meine
Gedanken und Empfindungen keine rechte klare Rechenschaft zu geben vermag, und
wo dieses der Fall ist, zögere ich mit meinen Entschlüssen. Ich hatte Anfangs
die Absicht, das sogenannte Vertrauen des Freiherrn ohne Weiteres
zurückzuweisen, weil er mit der geflissentlichen Rückhaltigkeit der Kaste,
welcher er angehört, sich Dank von mir verdienen möchte, wo er mir viel Mühe und
mannichfache Verantwortungen auferlegt. Ich wollte seiner halben Wahrheit mit
dem ganzen Geständnisse entgegentreten, dass es mir nicht wünschenswert sei, in
das Vertrauen eben seines Hauses gezogen zu werden, weil ich selbst in dessen
geheime Geschichte verwickelt bin. Damit ich dann aber auch völlig des äusseren
Zusammenhanges mit der freiherrlichen Familie ledig würde, beabsichtigte ich
Deine Capitalien, liebe Seba, von Rotenfeld und Neudorf zurückzuziehen und sie
hier unter meinen Augen anderweit unterzubringen. Aber ...
    Hältst Du sie auf den Gütern irgendwie gefährdet? unterbrach ihn Seba.
    Paul verneinte dies, da es erste Hypoteken wären und der blosse Bodenwert
der Güter sehr bedeutend sei.
    So lass das Geld dort stehen, bat die Freundin. Renatus ist der Sohn meiner
teuersten Freundin, meiner unvergesslichen Angelika! Man soll nicht glauben ...
    Sie hielt inne, und da Paul sie darauf fragend ansah, sprach sie: Es lebt
doch eine Anzahl von Personen, die um Deine Herkunft wissen. Ich möchte nicht,
dass irgend Jemand Dir den Vorwurf machen könnte, Du habest aus persönlichem
Uebelwollen die ohnehin nicht günstige Lage der Arten'schen Familie noch
verschlimmert. Und wenn Du in Dir selber ungewiss gewesen bist, wie Du handeln
solltest, so bitte ich Dich, da mir obenein nach Deiner Meinung kein Nachteil
daraus erwächst, ändere nichts in den bis jetzt bestandenen Verhältnissen!
    Paul gab ihr darin Recht. Ich hatte mich in Bezug auf die Hypotek, sagte
er, bereits in Deinem Sinne entschieden; denn wenn es überall töricht ist, sich
unnötig einer übeln Nachrede auszusetzen, so hat der Kaufmann doppelt Ursache,
sich vor einer solchen zu bewahren. Seine Unternehmungen wie seine Erfolge sind
vielfach auf das Vertrauen begründet, dessen er geniesst, und es ist nicht der
Nachteil, sondern der Vorteil, den wir unseren Geschäftsverbündeten bereiten,
welcher uns den eigenen, dauernden Gewinn verbürgt. Darüber also, dass Dein
Capital auf Rotenfeld verbleiben soll, war ich selbst nicht mehr in Zweifel;
nur ob ich wohl daran tun würde, das Amt zu übernehmen, welches Renatus Deinem
Vater übertragen hatte und das er nun auf meine Schultern legen möchte, das habe
ich mir noch nicht klar gemacht.
    Du meinst, hob Seba an, es stehe Dir nicht zu, Dich zum Berater und
Vertrauten eben der Arten'schen Familie herzugeben, weil man vermuten könnte,
Du seist in ihren Angelegenheiten nicht völlig unparteiisch? Aber wenn Du
wirklich Teil an ihnen nimmst und Renatus die Zuversicht zu Dir hat, dass Du ihm
helfen könntest, so weiss ich nicht, warum Du dieser nicht entsprechen solltest?
Du pflegtest doch vor dem Urteile der Unverständigen nicht leicht Scheu zu
tragen!
    Paul hatte sie ruhig sprechen lassen. Als sie geendet hatte, sagte er: Ich
mache, da ich Dich, Liebe, reden hörte, eine Erfahrung, die sich mir oft
bestätigt hat und die sich mir jetzt eben deutlich wiederholt. Man braucht
mitunter einen unrichtigen Gedanken, den man selbst gehegt hat, nur von einem
Andern aussprechen zu hören, um seine Unrichtigkeit sofort zu erkennen und auch
die trübe Quelle zu entdecken, aus der er stammt. Ich habe mich, wie ich eben
merke, bisher wirklich mit den Vorstellungen herumgeschlagen, deren Du gedenkst.
Nun sehe ich, dass es lauter leere Schemen sind, die man nur fest in's Auge zu
fassen braucht, damit sie in ihr Nichts verschwinden, und ich frage mich mit
Erstaunen, wie ich mich also an falsche Begriffe verlieren konnte! Denn legte
ich auf die Verwandtschaft, auf die Zusammengehörigkeit mit dem Arten'schen
Hause irgend einen Wert, nun, so täte ich vielleicht recht und klug daran, die
mir gebotene Handhabe zu ergreifen! Gebe ich aber, wie dies der Fall ist, nichts
auf meine Abstammung von ihnen, so ist, wie Du mit Recht behauptest, vollends
kein Grund vorhanden, wesshalb ich ein an und für sich gutes Zutrauen von mir
weisen sollte! Und wenn ich daneben mein inneres Widerstreben immer wieder
fühle, so frage ich mich mit Fug und Recht: Was habe ich mit diesen Artens denn
gemein, dass ich befürchten müsste, für oder wider sie in einem Grade eingenommen
zu sein, der mein Tun und Lassen bis zu einer ungerechtfertigten Handlungsweise
beeinflussen könnte?
    Seba blickte ihn mit Ueberraschung an, und auch Davide hob ihre sanften,
klugen Augen fragend zu ihm empor, als die Erstere die Worte aussprach: Was Du
gemein mit ihnen hast? - Der Freiherr von Arten war Dein Vater!
    Der Freiherr von Arten war mein Erzeuger, weiter nichts! Ein Vater hat er
mir nicht sein wollen, ist er mir nicht gewesen! entgegnete Paul bestimmt. Und,
fügte er hinzu, die Zeit, die Knabenzeit, in welcher ich dieses Letztere als ein
Unglück für mich empfand, liegt sehr fern hinter mir! Der Baron von Arten lebte
und handelte nach sehr falschen, sehr verwerflichen Begriffen, als er das
verwaiste, nicht zu seiner Kaste gehörende Mädchen je nach seiner Laune und nach
seinem Bedürfen an sich kettete und von sich stiess, als er es zu dem Opfer
seiner Wollust machte und es dann später seiner Ehe auch zum Opfer brachte. Aber
er handelte darin nicht besser und nicht schlechter, wie unzählige Andere auch!
Mein Dasein hat ihn sicherlich nur bis zu dem Augenblicke gefreut, in welchem er
meine Mutter von sich zu entfernen wünschte - ich habe ihm für dasselbe also
keinen besonderen Dank zu zollen, denn die höchsten Vaterrechte und die wahre
Kindesliebe werden für den denkenden Menschen nicht angeboren, sondern durch die
dem Kinde gespendete Liebe erworben! Der Freiherr hat meine Liebe nicht begehrt,
und als ich nach der seinigen Verlangen trug, ist sie mir nicht zu Teil
geworden! Den Tod meiner Mutter hat er, dess bin ich gewiss, eben so wenig
gewollt, als ich die kranke Baronin zu erschrecken und zu gefährden
beabsichtigte, da ich in Deines Vaters Laden vor sie hintrat! Mit seinem kalten
Blicke hat er mich in die Welt hinausgetrieben, weil mein früh erwachtes und von
Dir gepflegtes Selbstgefühl es nicht ertragen konnte, Wohltaten von demjenigen
anzunehmen, der uns zu verläugnen nötig findet! Und ich bin dann in einer
Anwandlung von Empfindsamkeit, der nachzugeben ich nicht wohlgetan habe, ihm
vor dem Kriege einmal in Richten in einer Weise gegenüber getreten, die ihn
quälte und mich nicht erfreute! Der Freiherr Franz von Arten und ich, wir waren
also völlig mit einander quitt!
    Seba schüttelte leise verneinend das Haupt. Wissentlich oder nicht - ich
glaube, Du täuschest Dich über Dich selbst, bemerkte sie - Du grollst dem
Freiherrn noch!
    Nein! beteuerte er, wie könnte ich das, da ich meine Flucht aus Europa
schon zeitig als ein Glück für mich erkennen lernte? Hat sie allein mich doch zu
der inneren und äusseren Selbständigkeit geführt, die ich im Weissenbach'schen
Hause und in der Abhängigkeit von des Freiherrn Willen schwerlich oder doch weit
später erst errungen haben würde! Muss ich Dir heute noch versichern, dass ich mit
meinem Lebensgange und Lebensloose ganz und gar zufrieden bin, weil sie mir für
alle meine Fähigkeiten die Möglichkeit einer vollständigen Entwicklung, für all
mein Wollen und Tun eine völlige Freiheit gewähren! Was hat das Leben mir denn
versagt? Was könnte ich wünschen, das ich mir nicht zu erringen vermöchte? Oder
was besitzt Renatus, des Freiherrn Erbe, um das ich ihn zu beneiden hätte? - Und
vollends seit Du mir gewiss bist, seit Dir, Du Geliebte, zu Gute kommen soll, was
ich schaffe und bin, fügte er zärtlich hinzu, Davide in seine Arme schliessend -
was könnte ich noch verlangen?
    Aber Seba gab sich so leichten Kaufs nicht für überwunden. Der Unterschied,
den Du zwischen einem Erzeuger und einem Vater machst, widerstrebt meinem ganzen
Empfinden, sagte sie. Der Mensch hängt, wie ich es fühle, unzertrennbar mit
denen zusammen, denen er sein Dasein schuldet. Er kann sich nicht denken, ohne
an sie zu denken - sie sind seine Voraussetzung. Und war es denn nicht ein
Gefühl der brüderlichen Zusammengehörigkeit, mit welchem Du, Renatus erkennend,
ihm trotz eigener Gefahr zu Hülfe eiltest?
    Du irrst, Liebe! In jenem Augenblicke dachte ich gewiss an nichts und an
Niemanden weniger, als an irgend eine Verwandtschaft mit dem Herrn von Arten!
Ich eilte einem Angegriffenen, einem Kameraden zu Hülfe und erkannte in ihm den
jungen Freiherrn! Welchem Bedrängten hätte ich, hätte jeder Andere nicht das
Nämliche getan?
    Was aber kann Dich also zögern machen, den Auftrag von Renatus anzunehmen
und seinem bittenden Wunsche zu entsprechen? Du würdest keinem Andern an seiner
Stelle diesen Dienst verweigern, wie mich dünkt!
    Nein, gewiss nicht, entgegnete ihr Paul, und das eben ist es, was mich die
Tage hier innerlich belästigt hat! Ich wiederhole es mir, dass ich keinen
ausreichenden Grund habe, mich dieses Dienstes zu weigern, dass ich ihn dem
Freiherrn wenigstens bis zu seiner Heimkehr zu leisten nicht wohl umhin kann,
ohne ihm zu Vermutungen über mich Ursache zu geben, die jedes Anhaltes
entbehren; und doch wollte ich, ich fände einen Anlass, mich von dem Anspruche
wie von der Leistung zu befreien!
    Paul stand auf, ging an das Fenster und blickte eine Weile schweigend
hinaus. Da trat Davide zu ihm, legte ihren Arm in den seinigen und fragte:
Besorgst Du denn irgend welche Unannehmlichkeiten für Dich, wenn Du das
Verlangen des Barons erfüllst?
    Paul besann sich. Einen eigentlichen Nachteil für mich befürchte ich nicht,
gab er ihr zur Antwort. Aber, fügte er hinzu, und die Frauen erkannten an seinem
Tone, dass der Unmut in ihm rege wurde, aber an Unannehmlichkeiten würde es
dabei für mich nicht fehlen; denn Ihr kennt meine Unlust an allem halben Tun
und meine Abneigung, mich mit den Angelegenheiten einer Kaste zu befassen,
welche sich schon durch ihre blosse Geburt von der Allgemeinheit abgesondert und
über sie erhaben glaubt. Ihr wisst, ich habe die im Ganzen stets kleinlichen
Geschäfte, welche der Vater mit dem Adel des Landes zu machen pflegte, nach und
nach völlig von uns abgewiesen. Sie sagten mir nicht zu, und ich ziehe es
ohnehin vor, mit meines Gleichen in Geschäftsverkehr zu stehen!
    Seba schwieg noch einen Augenblick, um seiner Stimmung zum Ausklingen die
Zeit lassen, dann sagte sie: Du tadelst uns, und stets mit Recht, wenn Du uns in
einem Vorurteile befangen findest. Ist Deine Abneigung gegen den Adel im
Allgemeinen denn nicht auch ein Vorurteil, wie jedes im Allgemeinen über einen
ganzen Stand gefällte Urteil?
    Nein, versetzte Paul, und es überrascht mich, in Dir einen heimlichen
Bundesgenossen des jungen Freiherrn, ja, eine Art von Vorliebe für den Adel zu
entdecken, die ich, ich möchte sagen, in Deinem Tone mehr noch als in Deinen
Worten höre. Deine bittende, entschuldigende Stimme spricht für sie, und ... Er
hielt inne und sprach dann mit unverkennbarer Bitterkeit: Du weisst es, dünkt
mich, es waren nicht die Herren von Arten, die zuerst den Widerwillen gegen die
Adelskaste in mein Herz gedrückt haben!
    Es entstand eine Pause; Seba war bleich geworden. Paul, der sich nur selten
zu einer Härte hinreissen liess, besonders wo diese einem geliebten Menschen
schmerzlich werden konnte, bereute seine Uebereilung auch sofort. Und wie er
eben jetzt von dem Allgemeinen zu einem Persönlichen übergegangen war, versuchte
er nun, von diesem zu jenem seinen Rückweg zu finden.
    Von einem wirklichen Vorurteile, hob er an, kann, wie mich dünkt, überhaupt
nur da die Rede sein, wo es sich um blosse Meinungen, um Vermutungen, um
unbestimmte Abneigungen, nicht aber, wo es sich um ganz entschiedene Tatsachen
und um sehr wesentliche Vorrechte handelt, welche noch in jedem Augenblicke von
einem bis jetzt vielfach bevorzugten Teile der Staatsangehörigen gegen alle
übrigen Staatsbürger geltend gemacht werden können. So lange es noch
Gesellschaften gibt, die sich einem Bürgerlichen bloss um seines Blutes willen
verschliessen, Würden und Aemter, die man ihm aus gleichem Grunde vorentält, so
lange die Heirat eines Edelmannes mit der edelsten Tochter einer ehrenhaften
bürgerlichen Familie, mag des Adeligen Charakter noch so elend, sein Ruf noch so
zweifelhaft sein, von seines Gleichen als eine Missheirat angesehen wird, die in
gewissen Fällen der Staat als eine solche gesetzlich anzuerkennen nicht Bedenken
trägt, ja, so lange selbst die Arbeit, die ich tue, der Handel, auf dem mein
Wohlstand und mein Stolz, wie der ganze grosse Weltverkehr beruhen, als ein dem
Adeligen nicht anstehendes Tun erachtet wird, so lange fühle ich mich nicht
berufen, die Hand dazu zu bieten, dass diesen alten Geschlechtern neben ihren
ererbten Vorrechten auch noch ihr ererbter Besitz trotz ihres oft hochmütigen
und müssiggängerischen Leichtsinnes erhalten bleibe.
    Der Stolz auf ihr Blut, vergiss das nicht, ist in ihnen völlig unabhängig von
ihrem Besitze, wendete Seba ein.
    Aber die Besitzlosigkeit zwingt sie, sich in Arbeit und Gewerbe aller Art zu
uns zu gesellen und damit ihren Ansprüchen auf eine Ausnahmestellung so
notwendig zu entsagen, als sie genötigt gewesen sind, aus ihren einsamen
Burgen und Raubnestern in die Städte und in das flache Land hinunter zu ziehen.
Ausnahmestellungen verschlechtern den, der sie inne hat, wie sie auch jenem zu
nahe treten, gegen den sie sich richten.
    Willst Du es geflissentlich verkennen, fragte Seba, deren hoher Sinn es sich
zur Aufgabe gemacht hatte, selbst da gerecht und mild zu sein, wo sie am meisten
Anlass zur Strenge und zur Verdammung hatte, willst Du es verkennen, dass die
letzten Jahrzehnde viel, sehr viel in jenen Zuständen geändert haben, deren Du
gedenkst? Haben wir uns nicht lange vor den Freiheitskriegen in dem gemeinsamen
Bestreben, für die Erhebung des Vaterlandes zu wirken, mit Personen aller
Stände, mit den Mitgliedern des ältesten Adels in nie zu vergessender
Begeisterung und Einigkeit zusammengefunden? Habt ihr nicht Mann an Mann in
Reihe und Glied gestanden, der Bürger wie der Edelmann?
    Ja, entgegnete Paul, und es ging ein düsterer Schatten über seine festen,
ernsten Züge, ja, so lange Not am Manne war, so lange der Mann seinen Mann zu
stehen hatte und man die Landwehr brauchte, sich des Feindes zu erwehren! - Er
hielt wie im Nachdenken eine kleine Weile inne. Dann sprach er mit ernstem
Gewichte: Die Spanne Zeit, die seitdem verflossen, ist kurz genug; aber blicke
um Dich und frage heute nach, und Du wirst erfahren, was Dich nicht erfreut! Wo
ist die Freundschaft der Gräfin Rhoden geblieben, die zur Zeit des Tugendbundes
ohne Dich kaum leben zu können behauptete? Wo zeigt sich noch die grosse
Verehrung, welche Hildegard für Dich hatte? Seit der Freiherr von Arten ihnen
ein Asyl in seinem Schloss angeboten hat, seit die alte Ordnung der Dinge
wieder hergestellt, ist jene Freundschaft sehr schweigsam geworden, und von
Hildegard's Verehrung ist auch nichts mehr zu hören. Und vollends nun im Heere!
Wir Landwehrmänner sind, wie es sich gebührt, zu unserem Herde, zu unserer
Arbeit, zu einer schaffenden Tätigkeit zurückgekehrt. Die Wunden, welche der
Krieg dem Lande geschlagen, verlangen ihre Heilung. Die Junker aber stehen und
bleiben in der Armee nach wie vor, auch im tiefsten Frieden, in Reihe und Glied
beisammen, und schon jetzt wieder fühlen sie sich als die alte Kaste. Nur noch
eine kleine Geduld, und sie werden es vergessen haben, dass es nicht eine, dass es
sicherlich nicht ihre Kaste allein gewesen ist, welche das Joch der
Fremdherrschaft von uns genommen hat, sondern dass der König seinen Tron und wir
unsere Befreiung der grossen, ganzen Masse des Bürgerstandes zu verdanken haben,
der sich mit seiner überwiegenden Zahl und Kraft in den Kampf gestürzt und
geholfen hat, ihn glorreich auszufechten.
    Er stand auf und ging ein paar Mal im Zimmer auf und nieder. Da gesellte
sich Davide abermals zu ihm, und ihren Arm wieder in den seinigen legend, fragte
sie: Du bist also entschlossen, das Verlangen des Freiherrn nicht zu erfüllen?
    Ja, denn es ist sicherlich das Klügste, was ich tun kann.
    Die beiden Frauen schwiegen; aber Paul konnte bemerken, dass es ihm dieses
Mal nicht gelungen war, sie zu seiner Meinung hinüberzuziehen, und er wollte
eben das Gemach verlassen, um dem Freiherrn zu melden, dass er dessen Wünschen
nicht entsprechen könne, als Seba ihn mit der Bitte anging, ihr zu Liebe von
seinem Vorsatze abzustehen. Sie behauptete, man dürfe im besonderen Falle, und
er dürfe gerade in diesem besonderen Falle es den Einzelnen nicht entgelten
lassen, was man gegen die Gesammteit, welcher jener zufällig angehöre,
einzuwenden habe. Wer sich geistiger Freiheit rühmen könne, habe vielmehr die
sittliche Aufgabe, die weniger Freien so viel als möglich an sich heranzuziehen,
um ihnen den Weg zu richtigeren Anschauungen zu eröffnen; und als Paul darauf
den Einwand machte, dass ihre Güte sie zu falschen Schlüssen und Urteilen
verleite, erklärte sie, dass, wie sie auch irren möge, sie sich doch von dem
guten Herzen und der guten Sinnesart des jungen Freiherrn völlig überzeugt
halte. Schon dass Renatus sich eben an Paul wende, verbürge ihr, wie die
Erfahrungen der letzten Jahre für Renatus Frucht getragen hätten. Es könne ihm
ja in seiner Familie, unter seiner Bekanntschaft nicht an Personen fehlen, die
ein solches Vertrauensamt zu übernehmen nicht anstehen würden. Wenn er trotzdem
es eben Paul zu übertragen wünsche, dessen Abstammung von dem verstorbenen
Freiherrn Franz für Renatus kein Geheimnis sei, wenn er einen Bürgerlichen,
dessen auf Freiheit gegründete Gesinnungen er kenne, wenn er endlich einen
Kaufmann zum Berater und Vertrauensmanne der Familie zu machen sich
entschliesse, von dessen weitgreifender Tätigkeit, von dessen energischer
Handlungsweise er vielfach durch sie selber habe sprechen hören, so leiste
dieses alles dafür Bürgschaft, dass Renatus von der gegenwärtigen Zeit und von
dem, was ihm selber Not tue, mehr, weit mehr begriffen habe, als Paul
anzunehmen scheine. Sie wiederholte darauf ihre Bitte mit dem Zusatze, dass Paul
nach ihrem Empfinden ein entschiedenes Unrecht tun würde, einen Rat- und
Beistandsuchenden, der, Paul möge sagen, was er wolle, doch immer seines Vaters
Sohn, sein Halbbruder sei, ohne alle bestimmten Gründe von sich zu stossen; und
als hätte sie in des jungen Edelmannes Seele gelesen, bemerkte sie, wie es
vielleicht gerade diese Zusammengehörigkeit, wie es wohl das Zutrauen zu dem
Sohne seines Vaters sein möge, welches Renatus zu Paul hingeführt habe und ihn
seine Hoffnung auf denselben setzen lasse.
    Aber gerade diese letzte Mutmassung fand vor dem Verstande Paul's nicht
Gnade. Ich begehre eines solchen ererbten und auf keine vernünftigen Gründe
zurückzuleitenden Vertrauens nicht, am wenigsten, wo ich's nicht teile!
versetzte er kurz.
    Als dann aber auch Davide in ihn drang, den Bitten der Cousine nachzugeben,
als sie ihm versicherte, dass es sie glücklich machen und dass sie stolz darauf
sein würde, wenn er der Arten'schen Familie mit grossmütiger Freiheit des Sinnes
beistehen wolle, wenn sie ihn auch bei diesem wie bei jedem anderen Anlasse um
seiner hülfreichen Selbstlosigkeit willen verehren dürfe, sagte er: Alle Eure
Vorstellungen beweisen mir nur, dass auch in Euch die in Europa leider noch so
verbreitete Voreingenommenheit für die alten Familien und die alten Namen tiefer
wurzelt, als ich nach meinen und Euren Erfahrungen zu vermuten Ursache hatte.
Aber sei es drum; vielleicht erhaltet Ihr einen neuen Beitrag zur
Menschenkenntnis und zur Kenntnis des Adels, der Euch aufklärt! Ihr sollt Euren
Willen haben! Und es wird nicht an mir liegen, wenn sich Dein Begehren, liebe
Seba, dass ich dem Sohne Deiner Freundin nützlich werden möchte, nicht erfüllt,
wie Du es wünschest!
    Ohne ihre Antwort abzuwarten, verliess er sie. Aber noch in derselben Stunde
schrieb er dem jungen Freiherrn, dass er bereit sei, sich der Oberaufsicht über
seine Angelegenheiten und, wenn die gerichtlichen Schritte deshalb getan sein
würden, auch der Vormundschaft über den Knaben Valerio bis zu Renatus' Rückkehr
zu unterziehen. Doch werde es ihm, im Hinblicke auf die eigenen, ihn vollauf in
Anspruch nehmenden Geschäfte, sehr erwünscht sein, die Heimkehr des Freiherrn
nicht in zu ferne Zeit hinausgeschoben zu sehen.
 
                                 Achtes Capitel
Der Herbst, welcher im Norden sich nur selten und nie auf lange Zeit als ein
freundlicher Vermittler zwischen dem Sommer und dem Winter zeigt, entlehnt in
den glücklicheren Himmelsstrichen dem Sommer seine Wärme, dem Winter seine
Klarheit, und niemals hatte er schöner und beständiger auf die Erde und auf das
ohnehin so freundliche Paris hinabgeblickt, als in dem warmen, schönen Jahre von
achtzehnhundert und siebzehn.
    Die Blätter waren bereits lange von den Bäumen abgefallen, die Sonne ging
schon früh zur Ruhe, aber die Mittage waren noch hell und warm wie in der besten
Jahreszeit, und die Herzogin machte noch alltäglich ihre Fahrten in das Freie,
obschon eine gewisse Veränderung mit ihr vorgegangen war. Nicht dass ihre
Körperkräfte abgenommen hätten. Sie war immer noch um die gewohnten Stunden
sichtbar, schrieb Briefe, empfing Besuche, fuhr zu den kleinen Zirkeln des
Königs an den Hof; aber wer wie Renatus Gelegenheit hatte, sie genauer zu
beobachten, dem konnte es nicht entgehen, dass sie nicht mehr die volle
Herrschaft über sich besass, dass es ihr oft schwer fiel, den Anschein der
gleichmässigen Ruhe zu behaupten, die sonst nie von ihr gewichen war, und dass
irgend etwas sie innerlich aufrege und ungeduldig mache.
    Trotz der schmeichlerischen Nachgiebigkeit, mit welcher sie Eleonoren
begegnete, deren zurückweisende Kälte sich beständig gleich blieb, sah Renatus
es, wie unablässig die Herzogin ihre Nichte beobachtete, und so oft die Letztere
mit ihm im Besonderen gesprochen hatte, musste er sich auf irgend welche
Erörterungen und Fragen gefasst halten, die sich stets auf Eleonoren bezogen und
denen zu stehen seinem Ehrgefühle allmählich so lästig ward, dass er trotz des
Wohlgefallens, welches er an der Gesellschaft der Herzogin hegte, sich oftmals
versucht fühlte, auf ihre Gastfreundschaft Verzicht zu leisten. So oft er es
jedoch am Abende unerfreulich gefunden hatte, zwischen den beiden einander
misstrauenden Frauenzimmern zu leben, und so oft er es sich vorgenommen hatte, am
andern Morgen der Herzogin zu sagen, dass sein Dienst ihn nötige, ihr Haus zu
verlassen und eine Wohnung in der Nähe seines Chefs zu suchen, so fehlte ihm,
wenn er das Wort aussprechen sollte, der Mut dazu.
    Volle zwei Jahre hatte er jetzt im Hause seiner Beschützerin gelebt, und es
lag in den äusserlich ruhigen und glatten Lebensgewohnheiten dieses Hauses etwas
Verführerisches, etwas, das ihm die Seele einspann und gefangen nahm. Er konnte
sich es gar nicht mehr denken, dass er nicht morgen oder übermorgen und heute
eben so wie gestern diese breite und gelinde Treppe hinabsteigen, dass er morgen
die Herzogin nicht bei guter Zeit in ihrem Zimmer aufsuchen und sie in ihrer
anmutigen Weise die Vorgänge des Tages und die Ereignisse am Hofe besprechen
oder sie von den Zeiten erzählen hören werde, in denen man seines Lebens anders
und besser froh zu werden verstanden habe, als jetzt.
    Wenn er erwachte, fragte er sich: Wie wird die Gräfin heute aussehen? Was
wird sie heute vorhaben und unternehmen? Wenn er in die Gemächer der Herzogin
trat, suchte sein Auge Eleonoren, und es kam ihm vor, als beginne sein
eigentliches Tagewerk mit der Minute, in welcher er ihrer ansichtig ward, in
welcher seine Blicke sich auf der vollendeten Schönheit ihrer Gestalt und ihres
Antlitzes ergingen. Sein militärischer Dienst ward ihm jetzt lästig. Der Umgang
mit seinen männlichen Altersgenossen, alles, was ihn bei dem ersten Eintritte in
Paris und in diese Gesellschaft gefesselt hatte, dünkte ihm nicht mehr wichtig,
nicht mehr reizend, wenn es ihn von Hause fern hielt. Eleonore zu betrachten, zu
sehen, wie die verschiedenen Gemütsbewegungen sich in ihrem Angesichte malten,
zu erraten, was sie denke, sich vorzustellen, was sie sagen werde, sich zu
freuen, wenn seine Voraussicht ihn nicht betrogen hatte und er sich also rühmen
durfte, dass er sich in Uebereinstimmung mit ihr befunden habe, das waren ihm
Genüsse und Freuden, gegen welche alles Andere für ihn verblasste.
    Er merkte es nicht, dass wieder ein Sommer entschwunden war, dass wieder ein
Herbst vorüberging und der Winter seine Herrschaft geltend machte. Er lebte wie
in einer besonderen Welt, wie unter dem Einflusse eines Zaubers; und so gross war
die Gewalt desselben, dass er sich über den Zustand gar nicht wunderte, in
welchem er sich befand, sondern, dass er ihm als der natürliche, als der einzig
mögliche erschien. Er war heiter und es war ihm wohl. Das war alles, was er
fühlte, was er dachte, wenn nicht Briefe aus der Heimat ihn in seinem Frieden
stören kamen.
    Eleonorens Herbigkeit hörte allmählich auf, ihn zu verletzen. Er war es
gewohnt worden, dass sie ihrer Tante kalt begegnete. Der Stolz, die Herbigkeit
passten so vollkommen zu ihrer eigenartigen Schönheit, und er selber hatte ja
seit der Stunde ihres ersten Begegnens sich niemals über sie beklagen dürfen.
Wie ihm ihre Weise, so war auch der Gräfin seine Gesellschaft mit der Zeit lieb
und vertraut geworden. Sie fragte ihn um die Stunden, welche sein Dienst
beanspruchte, sie liess sich von ihm berichten, was er erlebt hatte, wenn er
ausser dem Hause gewesen war; er konnte darauf rechnen, dass sie ihn immer, auch
in der bewegtesten Gesellschaft, mit Vergnügen in ihre Nähe kommen sah, und wie
eine Fürstin gestand sie sich das Recht zu, stets über ihn zu verfügen, sei es,
dass sie ihn aufforderte, sie zu Pferde bei ihren Spazierritten zu begleiten,
oder dass sie sich ihm im voraus für die Tänze zusagte, für welche sie ihn bei
einem bevorstehenden Feste zu ihrem Partner zu haben wünschte. Selbst über seine
Anhänglichkeit an ihre Tante rechtete sie nicht mehr mit ihm, weil seine
Aufmerksamkeit für die Greisin sie mancher Verpflichtungen und jener kindlichen
Dienstleistungen entob, denen sie sich immer nur widerstrebend unterzogen
hatte.
    Aber nicht allein Eleonore hatte dem deutschen Edelmanne ihre Gunst
zugewendet, der Abbé war ihr darin zuvorgekommen, und es hatte sich zwischen
diesen drei, einander durch ihre Lebenslage so unähnlichen Personen eine
Freundschaft herausgebildet, welche Niemandem entging und welche die ungeduldige
Aufregung der Herzogin veranlasste. Denn diese Freundschaft konnte ihr, darüber
täuschte sie sich nicht, so gefährlich als nützlich werden, konnte ihren Planen
dienen oder sie durchkreuzen, und die Fäden, durch welche diese drei Menschen
zusammenhingen, waren so eigentümlich verschlungen, berührten die Wünsche der
Herzogin so mannigfach, dass sie Anstand nahm, Hand daran zu legen, während sie
es für nötig hielt, beständig ihr Auge auf dieselben gerichtet zu halten.
    Seit ihre Nichte herangewachsen, war die Verbindung derselben mit dem
Prinzen Polydor der vorherrschende Gedanke der Herzogin gewesen, und seit man
nach Frankreich zurückgekehrt, hatte sie selber den Abbè mit der gegen diesen
offen ausgesprochenen Absicht in ihr Haus gezogen, dass er die Bekehrung
Eleonorens, welche ohnehin dem strenggläubigen und äusserst kirchlichen Hofe ein
wohlgefälliges Ereignis sein musste, unternehmen möge. Sie hatte sich dabei
sorgfältig gehütet, es dem Abbé zu vertrauen, welche Hoffnungen sie auf
Eleonorens Uebertritt zur katolischen Kirche baue, und der gewandte Weltmann
hatte zu viel Umsicht und zu viel gute Erziehung besessen, um erraten zu
lassen, dass ihm klar sei, was man ihm zu verbergen noch für angemessen fand. Nur
von Eleonorens Seelenheil war zwischen ihm und der Herzogin die Rede gewesen,
nur im Hinblick auf dieses hatte die Herzogin die Besorgnis ausgesprochen, dass
ihr und des Abbé's Einfluss auf Eleonore sich notwendig jetzt verringern dürfte,
da Eleonore mit ihrem letzten Geburtststage ihre gesetzliche Volljährigkeit
erreicht habe, nach welcher es allein von ihrem Ermessen abhing, ob sie noch in
Frankreich, ob sie in dem Hause ihrer Tante bleiben, oder dasselbe verlassen
wolle, um ihren Wohnsitz in ihrem englischen Stammschlosse oder wo sonst immer
aufzuschlagen.
    Indes der Tag ihrer Volljährigkeit war zu Ende des Jahres achtzehnhundert
und siebzehn vorübergegangen, und die Gräfin, welche diesen Tag sonst so lebhaft
herbeigesehnt hatte, verweilte noch in Frankreich, verweilte noch im Palast
Duras. Sie schien jetzt den Aufentalt in demselben nicht mehr so drückend zu
finden, als sonst. Aber wie sehr die Herzogin auch gewünscht hätte, vermochte
sie dennoch nicht, diese Sinnesänderung auf ihre Rechnung zu schreiben oder als
eine ihren Absichten günstige zu deuten. Selbst ein weniger scharfes Auge und
eine Frau, die weniger herzenskundig gewesen wäre, als sie, konnte sich nicht
darüber täuschen, was Eleonore in ihrem Hause festielt, und doch konnte sie
trotz der Besorgnisse, welche sie erfüllten, gar nichts tun, dieselben zu
vermindern. Sie hatte sich selbst die Hände gebunden und sich mit gebundenen
Händen an eine Kraft und an eine Energie überantwortet, welche die ihrige um ein
Grosses übertrafen.
    Wenn die Herzogin ihre Nichte darauf aufmerksam zu machen versuchte, dass
deren Gesinnungen in Bezug auf die katolische Kirche und ihr Misstrauen gegen
den katolischen Klerus sich wesentlich geändert hätten, so entgegnete Eleonore
ihr, dass sie mit ganzem Herzen an ihrem alten Bekenntnisse festalte. Sie
versicherte, dass zwischen ihr und dem Abbé von religiösen oder gar von
kirchlichen Fragen äusserst selten die Rede sei und dass sie keinen Anlass habe,
von dem Klerus, dessen Tun und Treiben ihr verdächtig und unheilvoll erscheine,
eine bessere Meinung zu fassen, weil ihr das seltene Glück zu Teil geworden
sei, unter demselben einem Manne zu begegnen, dessen tiefe Bildung und
Gelehrsamkeit sie fördere, und dessen weiter, freier Blick sich über die engen
Schranken zu erheben wisse, in welche der Beruf, den er vielleicht zu frühzeitig
und ohne genaue Kenntnis seiner eigenen Begabung und Natur erwählt habe, ihn zu
bannen strebe. Rühmte man in Eleonorens Beisein, wie man es überhaupt zu tun
gewohnt war, die strengen Gesinnungen und den kirchlichen Eifer des Abbé, so
schien seine junge Anhängerin dies nicht zu hören, und die Herzogin, der nichts
entging, hatte es bei den mannigfachsten Anlässen wahrgenommen, wie der schnelle
und leuchtende Blick ihrer Nichte dann das Auge des Geistlichen suchte und von
ihm mit einem verständnissvollen Lächeln begrüsst und aufgenommen wurde.
    Eleonore hatte es auch durchaus kein Hehl, wie sie den Abbé hochschätze und
verehre. Sie rühmte es von ihm und auch von sich, dass die völlige
Verschiedenheit ihrer religiösen Ueberzeugungen, dass die Ungleichheit ihres
Alters und ihrer Lebensverhältnisse sie nicht gehindert habe, Freunde zu werden,
weil sie beide selbstgewisse und ein Ziel verfolgende Charaktere seien; und wenn
die Herzogin ihr warnend zu überlegen gab, wie eine solche Freundschaft ihre
Gefahren für beide Teile habe, so antwortete die Gräfin mit der
Entschiedenheit, welche ihr angeboren und in den letzten Jahren unter der
Leitung ihres neuen Freundes noch sehr gewachsen war: sie zweifle nicht, dass
eine solche Erinnerung für die meisten Fälle sehr berechtigt wäre; sie aber
kenne den Abbé, und dieser kenne sie. Man möge sie gewähren lassen, wenn man sie
nicht zwingen wolle, sich durch eine Uebersiedelung in ihre Heimat jeder
lästigen Beeinflussung für immer zu entziehen und ihre Freunde, denn auch Herr
von Arten sei ihr ein werter Freund geworden, in der ihr wünschenswerten
Unabhängigkeit und Freiheit in Haughton Castle zu empfangen.
    Je länger diese Verhältnisse bestanden, um so beunruhigender wurden sie für
die Herzogin. Sie musste sich sagen, dass ihre Nichte nur deshalb noch in ihrem
Hause lebe, weil sie voraussehe, dass der Abbé sich nicht leicht entschliessen
würde, den Hof zu verlassen und auf die Vorteile zu verzichten, welche die
stets wachsende Gunst des Königs ihn und durch ihn seine Kirche hoffen liess.
Wollte die Herzogin ihre alten Plane noch zur Ausführung bringen, so musste sie
jetzt mehr als jemals darauf denken, den Abbé selber zu ihrem Werkzeuge zu
machen. Dieses zu ermöglichen, gab es aber nur noch Einen Weg, und sie beschloss,
ihn einzuschlagen.
                                Neuntes Capitel
Das Leben am Hofe hatte seit der Rückkehr der Bourbonen eine völlige Umwandlung
erlitten. Die körperliche Unbehülflichkeit des Königs und die mannigfachen
Beschwerden, welche ihn im Winter heimzusuchen pflegten, hatten ihn einer spät
dauernden Geselligkeit abhold und die grossen Feste in seiner persönlichen
Hofhaltung allmählich seltener gemacht.
    Wir sind eine Gesellschaft alt gewordener junger Leute, welche versäumte
Freuden nachzuholen haben! konnte man den König, wenn er sich leidlich wohl und
in guter Stimmung befand, bisweilen gegen seine Zeitgenossen und Günstlinge
äussern hören; aber es schienen vorzüglich die Freuden der Tafel zu sein, welche
der König damit meinte, und wer Gelegenheit hatte, ihn bei denselben zu
beobachten, konnte sich versucht fühlen, seine Behauptung wahr zu finden,
obschon es fast lauter Greise und Matronen waren, welche die Tafelrunde des
alten Königs bildeten.
    Eines Abends, als man sich im kleinen Speisesaale von der Mahlzeit erhoben
und sich in das angrenzende Gemach begeben hatte, in welchem man den Kaffee
einzunehmen pflegte, schien der König, der eben in der letzten Zeit viel von der
Gicht zu leiden gehabt hatte, sich schmerzensfrei zu fühlen und deshalb
besonders gut gestimmt zu sein. Die Lakaien, welche ihn in seinem Rollsessel aus
dem Speisesaale an den Kamin des Nebenzimmers gefahren hatten, waren
zurückgetreten und die diensttuenden Kammerherren hielten sich in seiner Nähe,
um diejenigen Personen, denen der König die Gnade seiner Unterhaltung angedeihen
lassen wollte, sofort herbeizurufen.
    Schon hatte der König Diesen und Jenen zu sich entboten, und noch immer
stand die Herzogin, der Anstrengung solches Dienstes von frühe her gewohnt, fest
und aufrecht da, als ob die Last der Jahre sie nicht beugen, als ob keine
körperliche Schwäche sie anfechten könne, wenn die Gnadensonne der Majestät sie
anstrahle und erwärme. Sie kannte die Weise des Königs, sich zuerst diejenigen
Personen vorführen zu lassen, welche er mit wenig Worten abzufertigen gedachte,
um sich dann in behaglichem Geplauder mit den bevorzugteren Gästen und mit
seinen Günstlingen zu ergehen. Einen nach dem Andern sah die Herzogin vortreten
und entlassen, ohne dass ihr feines Lächeln von ihren schmalen Lippen wich, ohne
dass ihre welke Hand den Fächer auch nur in einem Augenblicke lebhafter bewegte,
als die schöne Form es erheischte, oder ihre Haltung ermüdeter geworden wäre.
    Endlich erteilte der König selber mit einer auffordernden Frage ihr die
Erlaubnis, sich ihm zu nahen, und auf ein leises Zeichen schob der diensttuende
Edelmann ihr das Tabouret herbei, das am Hofe der Bourbonen zu allen Zeiten der
Ehrgeiz und das Vorrecht der Herzoginnen gewesen war.
    Würdevoll, wie es ihrem Range, wie es ihrem Alter ziemte, und doch mit einer
Leichtigkeit, welche es kund gab, dass es hier nicht auf ein langes Verweilen
abgesehen sei, hatte die Herzogin das ihr zustehende Tabouret eingenommen. Der
König fragte gnädig nach ihrem Ergehen, aber noch ehe sie ihm darauf die Antwort
geben können, nannte er jene Frage selber eine müssige.
    Man braucht Sie nur zu sehen, sagte er, um sich zu überzeugen, wie sehr Sie
Sich getreu geblieben sind. Immer noch unwiderstehlich in Ihrer
Liebenswürdigkeit, wissen Sie der Zeit zu widerstehen, wie Sie einst den
Huldigungen der Männer widerstanden haben. Die Unwiderstehlichkeit ist erblich
unter den Frauen Ihres Hauses, das tut uns Ihre schöne Nichte dar.
    Die Herzogin nahm die Gnade des Königs, wie es sich gebührte, auf, und sie
war selbst zu sehr eine Künstlerin in der Unterhaltung, um nicht wirklich eine
Freude an der epigrammatischen Form zu haben, in welcher der König sich
ausgedrückt hatte. Aber während sie sich in warmen Dankesbezeigungen erging,
vergass sie es nicht, seufzend hinzuzufügen, dass es Familien-Eigentümlichkeiten
gebe, die man nicht wünschen dürfe, fortgeerbt zu sehen.
    Ich hoffe, dass Sie zu diesen Gaben nicht die Schönheit, nicht die ewig
jugendliche Anmut des Geistes zählen, warnte sie der König. Bedenken Sie, dass
es nicht süsser ist, die Schönheit zu besiegen, als sich von ihrer Macht besiegt
zu fühlen!
    Wie schön! rief die Herzogin, indem sie beistimmend ihr Haupt neigte. Man
muss, wie Eure Majestät, die klassische Bildung mit französischem Geiste einen,
um diese Wendungen zu finden! Aber, fügte sie seufzend hinzu, wenn Schönheit
ohne Gnade ist, so hört sie auf, ein Gegenstand der Liebe, der Verehrung zu
sein, und sie wird furchtbar!
    Oh, rief der König, den diese Weise der Unterhaltung, wie sie in den Tagen
seiner Jugend Mode gewesen war, immer noch erheiterte, weil er sich in ihr jung
erschien und sich seiner mannigfachen geselligen Vorzüge angenehm bewusst ward,
eine solche Schönheit ohne Gnade würde auch vor unseren Augen keine Gnade
finden! Aber ich fürchte, es ist mehr als ein allgemeiner Satz, den Sie hier
ausgesprochen haben, und ich errate, wer die schöne Unerbittliche ist, an die
Sie dabei dachten.
    Niemand als der König konnte die Antwort der Herzogin vernehmen, Niemand
hörte, was er ihr entgegnete; aber Aller Augen waren auf sie gerichtet, denn die
Unterredung währte noch eine Weile fort, und keinem von allen seinen Gästen
hatte der König ein so langes Zwiegespräch gegönnt.
    Wovon konnten sie sprechen? Wesshalb lächelte der König so anmutig? Woher
glänzten die Augen der Herzogin in einem Feuer, das ihrer Jahre spottete, als
sie sich endlich von ihrem Sitze erhob und dem Könige mit tiefer Verbeugung,
welche kunstreich zu machen Niemand besser als sie verstand, ihren heissen Dank
aussprach? -
    Der König liess sich langsam durch den Saal fahren, um jedem der Anwesenden,
die jetzt, wie es sich gebührte, wieder im Kreise umherstanden, ein Wort zu
sagen. Als die Reihe an die Herzogin kam, lächelte er wieder eben so freundlich,
als vorhin, und so laut, dass es Keinem entgehen konnte, sprach er: Verlassen Sie
Sich auf mich! Ich mache Ihre Sache zu der meinigen; verlassen Sie Sich auf
mich!
    Dann trat der Ober-Ceremonien-Meister vor, der König winkte den Anwesenden
mit einer Neigung des Hauptes und der Hand seinen Abschiedsgruss zu, und langsam
den Rollsessel fortbewegend, fuhren die Kammerdiener den Monarchen durch die
lange Reihe der Gemächer nach seinen Wohnzimmern, während die besondere Gnade,
deren die Herzogin genoss, und die geheimnisvollen Worte, welche er ihr zugerufen
hatte und die auf ein völliges Einverständnis schliessen liessen, die Hofleute
sammt und sonders in Aufregung und Verwirrung setzten.
    Die wundersamsten Vermutungen wurden ausgesprochen und fanden Glauben. Dass
die Herzogin durch die Gnade des Königs, ohne all ihr Zutun, wieder in den
Besitz von Vaudricourt gekommen war, und dass der König ihr zugesagt hatte,
sobald er im Stande sein werde, die Reise durch die Provinzen anzutreten, in
Vaudricourt bei ihr zu rasten, das hatte schon lange festgestanden; aber man
hatte kein sonderliches Gewicht darauf gelegt, da man wusste, dass der König zwar
von Reisen sprach, dass er aber ihre Unbequemlichkeit scheute. Was also hatte er
ihr verheissen? Was hatte sie begehren können? Was konnte ihr so sehr am Herzen
liegen, dass sie Seine Majestät damit zu behelligen wagte?
    Persönlicher Ehrgeiz konnte die hochbetagte Frau nicht antreiben, dem Könige
beschwerlich zu fallen; wo jedoch Viele sich zu gleichem Zwecke vereinen,
braucht man an dem Erfolge nicht zu verzweifeln, und noch hatten die letzten
Gäste des Königs das Schloss der Tuilerieen nicht verlassen, als der
diensttuende Kammerherr sich erinnerte, wie Seine Majestät zu Anfang jener
Unterredung von einer unbesieglichen Schönheit gesprochen habe; und man kannte
den unternehmenden Geist der Herzogin genugsam, um ihr ein Wagnis zuzutrauen,
wenn sie nur durch ein solches an ihr Ziel gelangen konnte. Von Mund zu Mund
sprach sich die Ueberzeugung aus, dass der König es der Herzogin zugesagt habe,
den Freiwerber des Prinzen Polydor bei der Gräfin Haughton zu machen, und als an
einem der folgenden Tage der König einen jener Tagbälle ansagen liess, welche
unter seiner Herrschaft am Hofe bisweilen abgehalten wurden, brachte man
denselben mit dem Ereignisse in Verbindung, das den ganzen Hof beschäftigte und
von dem man selbst in den stillen Sälen des erzbischöflichen Palastes reden
hören konnte.
    Es war gegen den Abend hin, als der Abbé im Vorsaale des Erzbischofs auf den
Augenblick wartete, in welchem er den Zutritt zu demselben erhalten konnte. Ein
eigenes Handbillet des Kirchenfürsten hatte ihn aufgefordert, sich bei ihm
einzustellen, und ruhig, wie seine ganze Haltung es immer war, sass der Abbé an
einem der hohen Fenster und las bei dem letzten Scheine des Tages in seinem
Brevier.
    Eine Viertelstunde mochte so hingegangen sein, als ein Ordensgeistlicher das
Empfangszimmer Seiner Eminenz verliess und der Kammerdiener dem Abbé die Kunde
brachte, dass er jetzt erwartet werde.
    Es ist lange her, Herr Abbé, redete der Erzbischof ihn an, dass ich Sie nicht
bei mir gesehen habe, und ich hatte Ihren Besuch seit einiger Zeit erwartet,
weil ich eine Nachricht von Ihnen zu erhalten hoffte, an welcher man nicht
allein von unserer Seite Teil nimmt. Sie haben, ich weiss es, gestern wieder die
Gnade genossen, von Seiner Majestät im Besonderen empfangen zu werden. Wovon hat
Seine Majestät zu Ihnen gesprochen?
    Der Erzbischof war schon ein Mann bei Jahren. Das Licht einer von der Decke
herabhängenden doppelarmigen Lampe beleuchtete seine hohe Stirn und liess jeden
seiner feinen und scharfen Züge erkennen, wie er in seinem hochlehnigen Sessel
fest und aufrecht da sass, während seine Hand, an welcher der Fischerring
erglänzte, auf der breiten Seitenlehne ruhte. Auf dem Tische vor ihm lagen
Briefschaften, Papiere, Akten, Druckschriften und Bücher aller Art, teils in
Päcken sorgfältig gesondert, teils zur Unterzeichnung vorgelegt und
ausgebreitet. Es war ein edler Raum, einfach und doch fürstlich ausgestattet.
Der Abbé war in demselben wohl zu Hause.
    Als sein Auge über den Schreibtisch des Erzbischofs hinglitt, entdeckte sein
sicherer Blick trotz dieser Schnelle auf einem der Briefe, die zur Rechten des
Erzbischofs lagen, eine schöne, freie weibliche Handschrift, die ihm sehr genau
bekannt war und die hier zu sehen ihn, wie gut er sich auch zu beherrschen
gelernt hatte, doch erschreckte.
    Da Eurer Eminenz nicht daran gelegen sein kann, hob er, sich schnell
fassend, an, von mir Auskunft über die philologischen Fragen zu erhalten, mit
denen Seine Majestät sich zu beschäftigen geruhten, so darf ich wohl ohne
Weiteres berichten, dass Seine Majestät sich über dieselbe Angelegenheit geäussert
haben, die mir, wie ich vermute, die Ehre zugewendet hat, heute von Eurer
Eminenz hierher beschieden und empfangen zu werden.
    Sie haben das Richtige gefunden, Herr Abbé, sprach der Erzbischof mit einer
kaum merklichen Neigung seines Hauptes. Dann wies er den Abbé an, sich zu
setzen, und sagte: Es sind jetzt drei Jahre her, dass die Frau Herzogin von Duras
gegen mich das natürliche und fromme Verlangen äusserte, ihre Nichte, die einzige
ihr lebende Blutsverwandte, zu unserer Kirche zurückgeführt zu sehen; und wenn
ihr auch der Vorwurf nicht zu ersparen war, dass sie ihrer Zeit sehr übel daran
getan hatte, die Verbindung ihres verstorbenen Bruders mit einer
Nichtkatolikin zu betreiben, so war ich es doch wohl zufrieden, als sie das
fromme Werk in Ihre Hand gelegt zu wissen begehrte, zu dem wir selber uns des
Besten versehen zu können meinten. Woran liegt es, dass die Gräfin Haughton sich
noch immer den ihr zugedachten Segnungen entzieht?
    Der Abbé schwieg einen Augenblick, dann sagte er: Die Frage, welche Eure
Eminenz mir vorlegen, und die Art, in welcher Sie mir dieselbe vorlegen, beweist
mir, dass Sie nicht an meinem Eifer zweifeln, und macht es mir möglich, mich
einfach zu erkären. Wie die Frau Herzogin durch ihre Neigung, Ehen zu stiften,
einst den Marquis von Lauzun zu der Ehe mit einer Protestantin hintrieb, so
hindert ihr Verlangen, die Gräfin Haughton mit dem Prinzen von Chimay zu
vermählen, den Uebertritt derselben. Hätte die Frau Herzogin die Klugheit und
die Mässigung besessen, ihrer Nichte die Plane, welche sie hegte, zu verbergen,
so würde sicherlich schon lange geschehen sein, was wir wünschen und für das
Seelenheil der Gräfin hoffen müssen.
    Der Erzbischof liess die Antwort gelten.
    Sie wissen, dass Seine Majestät sich für die gedachte Heirat ausgesprochen
hat? sagte er.
    Seine Majestät haben, wie ich vorhin die Ehre hatte Eurer Eminenz zu sagen,
die Gnade gehabt, sich auch gegen mich dahin zu äussern.
    Was haben Sie darauf geantwortet?
    Der Abbé richtete sich hoch auf, und mit einem Tone, dessen Festigkeit sehr
gegen die Unterordnung abstach, die er bis dahin gegen seinen Vorgesetzten kund
gegeben hatte, sprach er: Ich habe geantwortet, was meine Pflicht und mein
Gewissen mir geboten. Ich habe geantwortet, dass ich die Bekehrung der
hochbegabten jungen Gräfin als eine mir von Gott zugewiesene heilige Aufgabe
betrachte, dass ich mit allen meinen Kräften danach strebe, ihrem Auge das Licht
der Wahrheit, ihrer Seele die Gnade zuzuführen, aber dass ich meine Hand nicht
dazu bieten könne, die Gräfin in ein Eheband zu verstricken, das durch die Nähe
ihrer Blutsverwandtschaft mit dem Prinzen ein verbotenes, das in den Augen
unserer Kirche ein Incest ist.
    Es entstand eine Pause; der Erzbischof befand sich in einer unangenehmen
Verlegenheit, und er wusste, dass sein Untergebener klug und umsichtig genug war,
die schwierige Lage vollauf ermessen zu haben, in welche er ihn mit dieser
Wendung der Angelegenheit versetzt hatte.
    Als Fürst und Diener der Kirche hatte der Erzbischof es zu loben, wenn ein
Diener der Kirche das Gebot derselben über den Willen des Staatsoberhauptes
stellte. Er sah es auch nicht ungern, wenn der König dieser Glaubenstreue oder
diesem hierarchischen Gehorsam in seiner Nähe begegnete, und doch hatte man
zugleich allen Grund, die besonderen Wünsche und Meinungen des Königs zu schonen
und sie zu fördern, weil er seinerseits sich der Kirche in jedem Punkte
grossmütig und ergeben zeigte.
    Wer nötigte Sie, zu wissen, was man der Welt geflissentlich verborgen hat?
fragte endlich der Erzbischof, die mildeste Form erwählend, in welcher er seine
Ansicht von der Sache und zugleich seine Unzufriedenheit mit der Handlungsweise
des Abbé's zu äussern vermochte.
    Ich kannte diese Verhältnisse von Jugend auf, und mein Gewissen liess mein
Gedächtnis nicht zum Schweigen bringen, entgegnete der Abbé.
    Der Erzbischof hatte sich erhoben, der Abbé war seinem Beispiele gefolgt.
Sie standen einander gegenüber, beide hoch aufgerichtet, beide voll festen
Willens, voll verschwiegener Entschlossenheit sich gegenseitig beobachtend, und
beide mit dem Bewusstsein, wie sie, bei der wundervoll berechneten Gliederung und
Einrichtung der hierarchischen Herrschaft, Einer in des Andern Schicksal
einzugreifen, Einer des Andern Zukunft zu fördern oder zu beeinträchtigen
vermochten.
    Geniessen Sie das Vertrauen der Gräfin? erkundigte sich der Greis.
    Im ausgedehntesten Masse, gab der Abbé zur Antwort, und sein Ton und seine
Haltung nahmen wieder die frühere Unterwürfigkeit an.
    Hoffen Sie, die Gräfin von ihrem Irrglauben überzeugen zu können?
    Mit Gottes Hülfe zuversichtlich.
    Welchen Weg denken Sie dabei einzuschlagen?
    Der Abbé schien nachzudenken, dann sagte er: Es steht bei Eurer Eminenz,
mich von der Aufgabe abzuberufen, zu der Sie mich auf den ausdrücklichen Wunsch
der Frau Herzogin erwählten. Sprechen Sie das Wort aus, und ich werde ohne
Murren gehen, und ohne mich zu beklagen einen Anderen ernten sehen, was ich mit
Vorsicht säete, mit Ausdauer zeitigte. Fehlt mir die Gewissheit, dass das
Vertrauen Eurer Eminenz mit meinem Werke ist, so geht mir auch die Kraft
verloren, welche der Einzelne aus dem Gedanken an die grosse, heilige
Gemeinschaft zieht, der er angehört und der er dient. Mein Tun wird fortan ohne
Segen sein und ich werde Eure Eminenz dann nur um die Vergünstigung zu bitten
haben, mich mit einer anderen Aufgabe, fern von hier, betrauen zu wollen.
    Der Erzbischof blickte den jüngeren Geistlichen mit festem Auge an. Er
wusste, dass der Abbé Paris nicht zu verlassen wünschen konnte. Eben deshalb aber
fragte er sich, was denselben bewegen könne, ein so gewagtes Spiel zu spielen;
und die gleiche Taktik befolgend, sagte er: Die junge Gräfin Haughton ist schön
und Sie sind jung, Herr Abbé! Sind Sie Ihrer selbst gewiss? Sind Sie sicher, dass
sich in Ihnen keine Abneigung irgend welcher Art gegen eine Verheiratung der
Gräfin regt?
    Ich war um ein paar Jahre jünger und die Schönheit der Gräfin stand schon in
ihrer vollen Blüte, als Eminenz keiner solchen Frage, keiner solchen Warnung
mir gegenüber nötig zu haben glaubten. Ich bin gezwungen, Sie um Aufschluss
darüber zu bitten, wer oder was mich einem solchen Verdachte unterwerfen könnte,
erwiderte der Abbé, während der ganze Stolz des Priesters und des Edelmannes in
seinem Antlitze sichtbar ward.
    Der Erzbischof liess sein Auge unverwandt auf dem vor ihm Stehenden haften.
Die Frau Herzogin, sagte er nachdrücklich, lebt des Glaubens, dass die - die
Freundschaft, welche die Gräfin Ihnen entgegenbringt, sie hindere, den
Bewerbungen des Prinzen ihr Gehör zu leihen, und dass es diese Freundschaft sei,
die Sie, Herr Abbé, gegen die Verbindung eingenommen habe, welcher nicht nur die
Frau Herzogin, sondern Seine Majestät der König selber günstig ist.
    Zum ersten Male röteten sich des jüngeren Priesters Stirn und Wangen, aber
es wäre nicht leicht gewesen, zu sagen, welche Bewegung sein Blut in Wallung
brachte, und sich schnell bemeisternd, sprach er: Des Menschen Schlüsse stammen
und bemessen sich aus seinem eigenen Charakter und seinen eigenen Erfahrungen;
ich habe mich also über die Frau Herzogin nicht zu beschweren, wennschon ich sie
beklage. Aber wäre und empfände ich, wie sie voraussetzt, so könnte ich nichts
Besseres verlangen, als die Gräfin eine Ehe schliessen zu machen, in der sie,
weil sie die Jüngere und an Kraft wie an Begabung in jedem Betrachte dem Prinzen
überlegen ist, bald Herr und Meister sein und bleiben würde, eine Ehe, bei der
ich nicht zu fürchten hätte, auf - er zögerte bei dem Worte gerade so
geflissentlich, wie der Erzbischof es vorhin getan hatte - auf die Freundschaft
verzichten zu müssen, deren der trübe Sinn der Herzogin mich zeiht. Und, fügte
er hinzu, ist der Prinz denn der Mann, der, wenn die religiösen Bedenken der
Gräfin überwunden sind, die religiösen Ueberzeugungen in ihr zu würdigen und zu
erhalten verstehen würde? Eine Natur wie die der Gräfin Haughton wird durch
einen Mann wie Prinz Polydor nicht überwunden, nicht von ihrem stolzen
Selbstgefühle geheilt. Sie wird, so weit ich sie beurteilen kann, überhaupt
nicht leicht zur Liebe hingerissen und durch die Liebe auch nicht gewandelt
werden. Sie muss in ihrer jetzigen Wesenheit vernichtet werden, wenn sie
neugeboren werden soll.
    Er hatte diese letzten Worte kalt und unerbittlich wie ein
Verdammungsurteil ausgesprochen, aber sie beschwichtigten das Misstrauen des
Erzbischofs keineswegs; sie halfen ihm auch nicht aus der Verlegenheit heraus,
in welcher er sich befand. Indes der Abbé war jetzt gewarnt. Der Erzbischof
hatte ihn daran erinnert, dass das wachsame Auge seiner Vorgesetzten, dass ihre
gewaltige Hand über ihm sei, und mit der weisen Umsicht der weltklugen
katolischen Kirche, welche es versteht, die nutzbaren Kräfte zusammenzuhalten
und sich dieselben dienstbar zu machen, beschloss er, den kühnen und
eigenwilligen jungen Geistlichen vorläufig gewähren und ihn selber den Weg und
die Weise suchen zu lassen, auf denen er die Zwecke der Kirche, die Wünsche des
Königs und seine eigenen Absichten gleichzeitig zu fördern für möglich erachten
würde. Er wendete sich von ihm und trat an seinen Schreibtisch zurück, von dem
er, als komme es ihm zufällig in die Hand, ein Blatt Papier aufnahm, das er
zuerst mit den Augen überflog und dann sorgfältig zu lesen schien.
    Der Abbé stand ruhig wartend da, bis der Erzbischof das Papier
zusammengefaltet und an seine alte Stelle gelegt hatte. Dann verneigte er sich
kaum merklich und fragte, ob Eminenz ihm noch weitere Befehle zu geben habe.
    Dem Erzbischof war diese Frage willkommen, und weil er dies erwartet, hatte
der Abbé sie getan. Auch war der Ausdruck des Erzbischofs plötzlich ein
veränderter.
    Sie haben Sich auf das Vertrauen berufen, sagte er, das man Ihnen vor vielen
Anderen und schon in jungen Jahren angedeihen lassen, weil man Ihnen die
Gelegenheit bereiten wollte, die Menschen kennen und Ihre eigenen Kräfte
ermessen zu lernen. Sie glauben offenbar auch jetzt noch, der Aufgabe, der Sie
Sich unterzogen haben, gewachsen zu sein, und Sie scheinen nach einem
vorbedachten Plane zu Werke zu gehen.
    Der Abbé wollte eine Erklärung, eine Bemerkung machen; der Erzbischof liess
es nicht dazu kommen. Ich verlange von Ihnen vorläufig keine Auskunft über den
Weg, welchen Sie zur Bekehrung der Gräfin Haughton bis jetzt genommen haben und
weiterhin zu nehmen denken. Der Erfolg oder das Misslingen soll Ihnen, Ihnen
allein, Herr Abbé, zugeschrieben werden, merken Sie es wohl, Ihnen ganz allein!
Doch gebe ich Ihnen zu bedenken, dass man dem milden und uns geneigten Sinne
Seiner Majestät des Königs, sofern es mit dem Seelenheile der Gräfin zu vereinen
ist, nicht entgegentreten darf, und Seine Majestät haben es, wie ich erfahren,
der Frau Herzogin zugesagt, bei der Gräfin Eleonore des Prinzen Freiwerber zu
sein.
    Das war auch mir bekannt, bestätigte der Abbé, und ich war Willens, die
Gräfin noch heute darauf vorzubereiten, als Eurer Eminenz Befehl mich hierher
rief.
    Der Erzbischof wollte offenbar eine Bemerkung machen; er unterdrückte sie
jedoch, und nach einigen auf die allgemeinen Ereignisse innerhalb der Kirche
bezüglichen Worten war die Unterredung beendet. Als der Abbé sich bereits
entfernen wollte, fragte der Erzbischof plötzlich: Und der junge deutsche
Edelmann, der Freiherr von Arten, welcher seit dem Einzuge der Fremden in dem
Hotel der Frau Herzogin verweilt und den die Gräfin ebenfalls ihrer Freundschaft
würdigt - sollte er es vielleicht sein, der den Ansprüchen des Prinzen
entgegensteht?
    Der Freiherr von Arten ist seit Jahren heimlich verlobt, antwortete der
Abbé.
    Heimlich verlobt? wiederholte der Erzbischof. Davon besitzt die Frau
Herzogin keine Kunde. Ist die Gräfin davon unterrichtet?
    Der Abbé verneinte es. Der Erzbischof fragte, wie Jener die Kenntnis dieses
Umstandes gewonnen habe, ob er der Beichtiger des Freiherrn sei.
    Nein, Eminenz, ich habe es abgelehnt, ihn Beichte zu hören, als er mir sein
Vertrauen zuzuwenden wünschte. Ich wollte mir die Freiheit des Handelns nicht
beschränken, mir nicht eine Mitwissenschaft und damit zugleich die Pflicht
aufdrängen lassen, es nötigenfalls zu verschweigen, was der Freiherr seinen
Freunden bis jetzt vorentalten hat, dass er noch bei dem Leben seines Vaters
einer ihm ebenbürtigen Dame ein Eheversprechen geleistet hat.
    Und welche Gründe können ihn bewegen, das Verhältnis auch jetzt, auch nach
dem Tode seines Vaters, noch nicht zu einem bindenden zu machen?
    Ich glaube nicht zu irren, wenn ich voraussetze, dass die Neigung des Herrn
von Arten für die Entfernte erkaltet und dass sein tägliches Beisammensein mit
der Gräfin auf diese Aenderung seines Sinnes nicht ohne Einfluss gewesen ist.
    Woher haben Sie die Auskunft über das Verlöbnis des jungen Edelmannes?
    Von dem Pfarrer der Kirche, die des Freiherrn Vater auf seinem Stammgute
gegründet hat. Die Verlobte des Barons lebt mit ihrer Schwester und mit ihrer
Mutter in dem freiherrlichen Schloss.
    Als der Erzbischof den Abbé so wohl unterrichtet fand, erkundigte er sich,
wo die Erzieherin der Gräfin geblieben sei, welche er früher mit ihr bei der
Herzogin gesehen habe.
    Die Gräfin ist es müde geworden, die täglichen Vorstellungen ihrer
Erzieherin zu hören, sich täglich gegen das Vertrauen warnen zu lassen, mit dem
sie mich beehrt. Miss Arabella ist in ihre Heimat zurückgekehrt.
    Nach Haughton Castle? fragte der Erzbischof.
    Nein; die Damen haben sich nicht als Freundinnen getrennt, jede Verbindung
zwischen ihnen hat aufgehört, berichtete der Abbé.
    Man konnte an den Mienen des Erzbischofs sehen, dass er mit dieser Kunde wohl
zufrieden war. Freundlicher, als er sich ihm bis dahin gezeigt hatte, reichte er
dem Abbé die Hand, der sich neigte und sie küsste. Der Erzbischof segnete ihn mit
leichter Berührung seines Hauptes.
    Leben Sie wohl, mein lieber Abbé, sprach er, und ermüden Sie nicht in Ihrem
Werke, nicht in der Strenge gegen Sich selbst! Es sind der Wege viele, auf denen
der Herr die Verirrten zu sich zurückzuführen weiss, und den Irrenden auf den
rechten Pfad zu weisen, ist eines der guten Werke, denen der Gläubige sich zu
unterziehen hat. Leben Sie wohl! Sie werden mir in einigen Tagen die Kunde
bringen, welche Wendung diese Angelegenheit genommen hat.
 
                                Zehntes Capitel
Der Mond stand schon hell am Himmel, als der Abbé, von dem erzbischöflichen
Palaste kommend, über die Brücke ging und sich dem schönen Uferwege zuwendete,
an welchem das Palais der Herzogin gelegen war. Er hatte zu jeder Stunde des
Tages Zutritt zu demselben, und auch jetzt befand er sich bereits vor dem grossen
Portale, aber als er die Schelle ziehen wollte, hielt er die Hand zurück. Er
mochte Eleonore jetzt nicht sehen, er mochte Niemanden sehen; er musste mit sich
allein sein.
    Er schlug den langen, schwarzen Mantel fest um sich und entfernte sich von
dem Palaste. Bald langsam, bald in heftiger Bewegung ging er an der Seite des
Flusses auf und nieder. Wie goldene Knospen schienen die funkelnden Sterne an
den dichten und kahlen Aesten der Bäume zu hängen, die sich in vielfachen Reihen
an dem Ufer hinziehen. Der Mond goss sein volles Licht über die prächtigen
Gebäude aus, deren Fenster zum Teile hell erglänzten. Es war die Stunde, in
welcher die vornehme Gesellschaft ihre Tafel hielt. Vor den einzelnen Häusern
fuhren die Wagen vor, hier und dort öffneten sich gastlich die Flügel der
Einfahrtstüren. Die Stadt erschien, so weit man sie deutlich übersehen konnte,
heiter und glänzend, und fern ab zeichneten sich die Spitzen der Kirchen
unbestimmt und schattenhaft an dem nächtlich klaren Himmel ab.
    Aber was jedem Anderen an dieser Stelle das Auge erfreut und den Sinn
erheitert haben würde, was auch ihn sonst mit Wohlgefallen erfüllt hatte, heute
sah der Abbé es nicht. Ein gewaltiger Kampf durchwühlte seine Seele; in
raschestem Wechsel zogen abenteuerliche Plane, wilde Vorsätze und Entschlüsse
durch sein Gehirn, und aus der glühenden Leidenschaft, die in ihm brannte,
loderten in einzelnen Augenblicken zuckend die Flammen der Verzweiflung in ihm
empor. Und doch war es ihm nichts Neues, was er in sich wahrnahm. Er hatte auch
nichts Unerwartetes erlebt. Warum traf es ihn denn so furchtbar, was er lange
hatte kommen sehen? Warum zerriss sie ihm denn das Herz, die Entscheidung, die er
längst getroffen hatte?
    Seit er Eleonore gesehen, war er nie über die Empfindung im Zweifel oder im
Unklaren gewesen, die sie in ihm wachgerufen hatte. Von früh auf zur strengsten
Selbstprüfung gewöhnt, hatte er sich nicht darüber täuschen können, dass er sie
mit glühendem Verlangen begehrte, dass er sie leidenschaftlich liebte, aber sein
stolzer Sinn hatte sich nicht entschliessen mögen, die Gefahr zu meiden; er hatte
seinen geistigen Ruhm darein gesetzt, sich zu besiegen, und wie er bis dahin auf
der Welt nichts Höheres gekannt hatte, als seine Kirche und ihre Macht, so hatte
er sich gelobt, seine Aufgabe in ihrem Dienste zu lösen und ihr mit Verleugnung
und Ueberwindung seiner selbst die starke Seele und das reiche Erbe Eleonorens
zuzuführen und zu gewinnen.
    Tage und Nächte hatte er mit sich gerungen in wildem Schmerze, in brünstigem
Gebete. Er wusste, was Eleonore sich nie deutlich gemacht hatte, dass es nur eines
Wortes von ihm bedurfte, um sie ihm anzueignen ganz und gar, und heute zum
ersten Male fühlte er sich nicht sicher, dass er dieses Wort nicht sprechen, dass
sein Blick ihr nicht verraten würde, was in seiner Seele vorging.
    Er sah sie, als er so umherwandelte, mit seines Geistes Augen deutlich vor
sich, wie sie auf das Geständnis seiner Liebe in seine Arme sinken, er kannte
sie darauf, dass sie nicht zurückschrecken würde, mit ihm zu fliehen, um in
irgend einem fernen Winkel der Erde sein Weib zu werden, das Weib des geweihten
Priesters, des Meineidigen Weib. - Aber wer hinderte ihn, sich mit Offenheit von
diesem Eide loszusagen? Wer hinderte ihn, einem Glauben zu entsagen, der seinem
Menschenrechte, seiner Manneskraft und Würde unnatürliche Schranken setzte,
unwürdige Gewalt antat? Wer hinderte ihn, zu tun, was vor zweihundert Jahren,
in den Zeiten der grossen kirchlichen Umwälzung, Tausende von Priestern vor ihm
getan hatten? Was hielt Eleonoren ab, einem durch sie bekehrten Manne ihre Hand
zu geben? Sie war unabhängig und reich genug, in Haughton Castle, in ihrem
freien Vaterlande, von dem Gesetze unangefochten und die öffentliche Meinung
stolz verachtend, glücklich mit ihm zu sein.
    Die Stirn brannte ihm wie im Fieber, alle seine Pulse klopften. Trotz der
winterlichen Kälte riss er den Mantel auf, entblösste er sein Haupt. Er fühlte
seine ganze, ungebrochene Kraft in seinen Adern, er sah jetzt auch mit Einem
Male die glänzende Anmut der Stadt und der Gegend, er empfand die Schönheit
dieser milden Winternacht. Unwillkürlich breitete er seine Arme aus, als wolle
er sich mit der Natur vereinen, und ein Seufzer, der wie ein unterdrückter
Aufschrei klang, riss sich aus seinem Busen los.
    Es war vorüber! - Müde, wie einer, der aus einem ihn erschöpfenden Traume
erwacht, liess er sich auf eine der Bänke fallen, die unter den Bäumen stehen. Er
stützte den Kopf in die Hand, sein Haupt sank schwer hernieder, schwer und still
fielen ein paar glühende Tropfen aus seinen Augen auf die Wangen herab.
    Nicht zum ersten Male hatte er den Kampf gekämpft, aus dem er jetzt wieder
als Ueberwinder hervorging; nicht zum ersten Male hatte sein Gewissen seine
Phantasie bemeistert, aber noch nie zuvor hatte er so lebhaft wie heute den
Wunsch gehegt, sich nicht gebunden zu haben oder jene ungebrochene Willenskraft,
jene mutige Rücksichtslosigkeit der Menschen zu besitzen, die sich selbst als
den Mittelpunkt der Schöpfung, ihr Wohlbefinden als den letzten Zweck derselben
ansehen. Er? - Er konnte nicht vergessen, dass er von früher Jugend an gelernt
hatte, sich als einen mitwirkenden Teil der grossen Gemeinschaft anzusehen,
welche sich das Recht der Herrschaft über die Geister zuerkennt, welche die
Anwartschaft zu diesem Rechte aus Gottes Hand empfangen zu haben behauptet, aus
der Hand des Gottes, dessen Anerkennung und Verehrung zu predigen die Aufgabe
der katolischen Kirche ist. Wohin hatten sein Geist, seine Phantasie sich
verirrt, dass er wachend in Träume verfallen konnte, die ein Verbrechen für ihn
waren? Und was konnte andererseits die Kirche ihm denn bieten und gewähren, ihn
schadlos zu halten für die furchtbare Entsagung, die er über sich genommen
hatte?
    Er schauderte zusammen, als er sich mit seinen Gedanken wieder auf demselben
Wege, wieder auf denselben Bildern fand, von denen er sich gewaltsam abzuwenden
beschlossen hatte. Er stand an dem Abgrunde, an welchem Mächtige gestanden
hatten und zu Grunde gegangen waren, er erlebte und erlitt, was er selber über
sich heraufbeschworen, als er sich die Kraft, die Festigkeit und den Glauben
zugetraut hatte, die ihm alle jetzt versagten.
    Immer wieder hatte er sich in diesen letzten Jahren wiederholt, dass er nicht
zu der grossen Masse jener entsagenden, demütigen Seelen gehöre, die in frommem
Glauben, in nicht wankender Hingebung an ein stilles Tun, ihres Geistes
Befriedigung, ihres Herzens Beseligung geniessen. Von früher Jugend auf hatten
seine Lehrer und Meister ihm in der Schule und in in den Seminarien ein weites,
ein hohes Ziel gesteckt. Er hatte Herrschaft gewonnen, wo immer er mit Anderen
in Gemeinschaft gewesen war, Herrschaft hatte ihm das höchste Glück, Herrschaft
im Dienste der Kirche, die ihn trug, so lange er sie stützen half, das höchste,
erstrebenswerteste Ziel gedünkt, und Herrschaft, Herrschaft über die Anderen,
das hatte er immer gefühlt, war das Einzige, das Ersatz zu bieten vermochte für
Selbstbefriedigung, für Liebe und für Glück.
    Er kannte die Kirche und den Clerus, denen er angehörte. Er wusste, was der
Abtrünnige von der Kirche zu erwarten hat. Er selber hatte in verschiedenen
Fällen dazu mitgewirkt, dem Verirrten wie einem gehetzten Wilde die Wege zu
verstellen, bis er müde und verblutend an dem Altare niedergesunken war, von dem
er sich hatte entfernen wollen. Er fühlte sich nicht dazu geschaffen, solcher
Verfolgung Stand zu halten, er konnte sich nicht vor sich selbst erniedrigen
durch den nicht endenden Kampf, in welchen er sich unrettbar verstrickte, wenn
er sich nicht überwand. Für ihn gab es nur Freiheit innerhalb des Bannes und des
Eides, die er freiwillig und mit stolzem Ehrgeize über sich genommen hatte; und
der blosse Gedanke, dass er als ein Büssender, als ein unwirksam Befundener, als
ein Ausgestossener vor denen stehen solle, die in ihm eine Kraft geehrt, in ihm
einen künftigen Pfeiler der Kirche gesehen hatten und über die er sich einst zu
erheben gehofft, ward endlich sein Erretter aus dem Zwiespalte, in dem er sich
in dieser Stunde bewegt und ermattet hatte.
    Aber der starke und gesunde Mensch reisst die schönste und gewaltigste seiner
Kräfte, die Liebe, nicht aus seinem Herzen, ohne Schaden an seiner Seele zu
leiden, und heute mehr als je zuvor hatte der Abbé es erkannt, dass er auf die
Liebe nicht verzichten könne, ohne sich mit Wollust an die Herrschsucht
hinzugeben, und dass es ihm nicht erspart sei, die Qualen der Eifersucht zu
leiden, auch wenn er darauf verzichte, für sich selber einen Anspruch an Glück
zu erheben.
    Oftmals schon hatte er es durchgekostet, wie nahe der Hass und die zum
Entsagen gezwungene Liebe in ihm an einander grenzten, oftmals hatte er es mit
dem kühlen Blicke eines Beobachters in sich wahrgenommen, wie die Grausamkeit
sich der Seele bemächtigt, die keine milde Hoffnung für sich selber hegen darf.
Warum sollte er das Weib nicht hassen, vor dem alle glückversprechenden
Möglichkeiten offen ausgebreitet lagen, während er sich mit unlöslichem Eide von
allen Freuden des Daseins geschieden hatte, ehe er vorausgesehen, das eine
Eleonore Haughton leben und dass sie ihm der Güter höchstes, des Glückes
begehrenswertestes erscheinen würde?
    Wenn kein Gebet, wenn kein noch so festes Wollen ihm Ruhe zu schaffen
vermocht, dann hatte er mit grausamer Wonne daran gedacht, dass Eleonore einst
die gleichen Qualen leiden werde; wenn er sich unglücklich gefühlt bis in das
Innerste seines Herzens, so hatte der Gedanke ihm gelächelt, dass auch sie sich
elend fühlen werde, die ihn also leiden machte, dass auch sie unglücklich sein
werde, die ihn herunterzustossen drohte von der Höhe, auf die er sich gestellt
hatte und von der er in den Abgrund sinken musste, wenn er nicht hoch über seinen
jetzigen Standpunkt emporstieg.
    Er hatte die Stunde der Entscheidung oft vorausgesehen, die jetzt an ihn
herangetreten war. Er oder sie! - Denn sie glücklich zu sehen und zu entsagen,
sie glücklich und frei zu denken, während er sich seinem Vorgesetzten als
müssiger Knecht mit gebundenen Händen zu überliefern und in dumpfer Unterordnung
enge, vorgeschriebene Wege zu gehen hatte, das überstieg seine Kräfte. Er oder
sie! - Es gab kein Drittes! -
    Er war schon lange wieder an dem Ufer umhergegangen. Die Nacht begann kalt
zu werden, der Wind, welcher vom Wasser aufstieg, strich ihm mit eisigem Hauche
über die Schläfen hin. Er zog die Uhr heraus, es war später, als er es vermutet
hatte. Jetzt, er wusste es, jetzt befand sich Eleonore schon in dem
Empfangszimmer ihrer Tante, jetzt erwartete sie ihn sicherlich. Er lächelte, als
er sich ihr Bild vergegenwärtigte, aber wer dieses Lächeln hätte sehen können,
hätte sich seines Ausdruckes nicht erfreut.
    An der Ecke der Seitenstrasse lag ein bescheidenes Speisehaus. Er hatte sonst
nicht die Gewohnheit, ähnliche Orte zu besuchen, indes die Aufregung machte ihn,
da er die Mahlzeit versäumt hatte, nach Speise und Trank verlangen. Er liess sich
zu Essen geben, trank etwas Wein, ordnete mit rascher Hand sein reiches Haar,
das durch die schnelle Bewegung seines langen Ganges in Unordnung geraten war,
und gefasst und wieder seiner selber Meister, kehrte er auf der Strasse, von der
er gekommen war, nach dem Palaste der Herzogin zurück.
    Es waren heute noch mehr Besucher als gewöhnlich in ihrem schönen Saale
erschienen. Die auffallende Gunst, mit welcher der König sie bei der letzten
Mittagsgesellschaft beehrt, hatte ihre Freunde eifriger als je gemacht, und
jeder derselben schmeichelte sich mit der Hoffnung, dass es ihm gelingen werde,
den Inhalt jener langen und geheimen Unterhaltung zu erfahren und sich darüber
zu vergewissern, was von dem Gerüchte über die Freiwerbung Sr. Majestät zu
halten sei. Die Gräfin allein schien nicht zu wissen, was die Uebrigen
beschäftigte. Sie sass weit zurückgelehnt, so dass die schöne Länge ihres Leibes
ersichtlich war, auf einem niedrigen Sopha, nahe an einem der beiden Kamine. Das
Licht der Kerzen und das Licht des Feuers vereinten sich, sie magisch zu
überstrahlen. Ihr Haar glänzte wie von einer Aureole umleuchtet, und nie meinte
der Abbé sie schöner gesehen zu haben, als eben jetzt, da sie bei seinem
Eintritte mit schneller Bewegung die Augen zu ihm wendete.
    Eine Gruppe von Männern umgab sie, der Prinz und der junge deutsche Freiherr
sassen ihr zur Seite. Die Unterhaltung war heiter und lebhaft gewesen, wie sie es
immer wird, wo die Männer zu gefallen wünschen und die Frau mit dem sicheren
Bewusstsein ihrer Schönheit jede ihr dargebrachte Huldigung nur als einen
schuldigen Tribut, ohne Dank und ohne besonderen Anreiz aufnimmt. Der Prinz
hatte sich im Gefühle eines nahen Sieges freier gehen lassen, ohne dass die
Haltung der Gräfin ihm dazu das Recht gegeben hätte, und kaum hatte der Abbé
sich der Herzogin vorgestellt, so klagte Eleonore, dass die Glut des Feuers sie
belästige, und erhob sich.
    Mitten in dem Saale traf sie mit dem Abbé zusammen. Ich habe Sie heute am
Morgen und heute am Mittage vergebens erwartet, und Sie kommen spät! sagte sie
im Tone des Vorwurfes. Es ist Ihr Wort, das ich Ihnen zurückgebe, Herr Abbé! Man
soll uns nicht zur Gewohnheit werden lassen, was man nicht sicher oder nicht
geneigt ist, uns dauernd zu gewähren!
    Wie sie so neben einander standen, beide hoch und majestätisch gewachsen,
dass Auge in Auge traf, beide mit herrischer Miene, war es kaum möglich, sich ein
Menschenpaar zu denken, das mehr für einander geschaffen, mehr auf einander
angewiesen zu sein schien, sei es, dass sie in Liebe oder in Abneigung
zusammentrafen. Es war neben Eleonorens vollkommener Schönheit stets ihr Stolz
gewesen, der den Abbé angezogen und ihn gereizt hatte, ihr seine Herrschaft
aufzudringen, und man hätte sagen können, dass sie sich im Streite nahe getreten
waren, dass sie im Widerstreben gegen einander ihre Herzen und ihren Geist
verstrickt hatten, dass Sieg und Niederlage zwischen ihnen stets gewechselt
hatten und beides ihnen zum Genuss geworden war.
    Auch jetzt empfand der Abbé den alten Zauber wieder mächtig auf sich
wirkend, aber er hatte Grund, sich demselben nicht mehr wie sonst zu überlassen,
und auf ihre Anrede eingehend, versetzte er: Schlimm genug für mich, dass ich aus
meiner eigenen Erfahrung keinen Nutzen zog, dass ich sie nicht zu beherzigen
verstand!
    Was soll das heissen? fragte sie voll banger Ahnung, weil ihr in seinem Wesen
etwas Fremdes entgegentrat.
    Wir müssen scheiden, Eleonore! sprach er tonlos.
    Er hatte sie niemals bei diesem Namen genannt, er hatte es stets vermieden,
sie und sich als Einheit zu bezeichnen, und nun, da ihr Name, von seinen Lippen
ausgesprochen, ihr mit unsäglicher Wonne das eigene Herz berührte, nun das
beglückende »Wir« ihr von seinem Munde entgegenklang, nun sollte sie sich von
ihm trennen - nun?
    Scheiden? wiederholte sie. Und wesshalb das? - wesshalb?
    Er blickte mit schnellem Auge um sich her; als er sah, dass Niemand nahe
genug stand, seine Worte zu vernehmen, sagte er: Ich komme von Seiner Eminenz
dem Erzbischof. Auf seinem Tische sah ich einen Brief von Ihrer Hand. Es war
offenbar das kleine Billet, das Sie mir neulich gesendet und das ich nicht
erhalten hatte. Ein Brief der Frau Herzogin lag daneben.
    Eleonore erbleichte, aber ihre Fassung und ihr Selbstgefühl verliessen sie
nicht. Ich habe nie ein Wort geschrieben, sprach sie, das eines Anderen Blick zu
scheuen hätte, und von Seiten meiner Tante überrascht mich nichts, wennschon....
    Auch nicht, fiel der Abbé ihr leise in die Rede, dass sie gewagt hat, Ihnen,
Ihnen, Eleonore, eine Leidenschaft anzudichten, deren Mitschuldiger ich sein
sollte und die ein Verbrechen für mich wäre?
    Er war selbst blass geworden und die Stimme hatte ihm versagt, da er diese
Worte aussprach. Sie trafen das Herz des unglücklichen Mädchens wie ein
tödtender Blitz. Sie sah, sie entdeckte in sich, was sie sich bisher mit stolzer
Scham verborgen hatte. Sie fühlte die Flamme einer verzehrenden Leidenschaft in
sich auflodern, und der Mann, der sie in ihr angefacht und genährt hatte, stand
ihr kalt gegenüber, sprach zu ihr in einer Weise, als wäre es undenkbar, dass er
jemals etwas für sie empfunden habe, etwas für sie fühlen könne.
    Ihre Füsse wankten, sie fasste krampfhaft die Lehne eines Sessels, der in
ihrer Nähe stand, sie fürchtete, sich nicht aufrecht halten zu können; aber mehr
noch als Alles peinigte sie der Gedanke, dem ungerührten Manne zu verraten, was
in ihrer Seele vorging, ihn ahnen zu lassen, was sie in diesem Augenblicke um
ihn litt. Und die bleichen Lippen zu einem Lächeln zwingend, das ihr das Herz
zerriss, fragte sie ihn: Desshalb also will man Sie entfernen?
    Der Abbé bejahte es. Die Tränen traten der Gräfin vor diesem kalten,
nackten Ja in's Auge.
    Freilich! das Scheiden von einer Freundin - das Scheiden von Eleonore
Haughton - was ist das für Sie! sagte sie mit Bitterkeit.
    Der Abbé liess den vollen Strahl seines Auges in die ihrigen fallen, aber er
schwieg.
    So standen sie sich einige Sekunden gegenüber, und es dünkte Eleonore, als
durchlebe sie eine lange Leidenszeit, denn grosser Schmerz und grosse Freude
rauben uns den wahren Massstab für den Verlauf der Zeit. Es kam ihr vor, als sei
der Augenblick lange her, in welchem sie das Wort, das niederschmetternde Wort
von dem Munde des Geliebten vernommen hatte, als sei es lange her, dass sie sich
allein gefunden, allein mit der verzehrenden Leidenschaft in ihrer Brust.
Allein!
    Nur das konnte sie nicht ertragen! Allein, ohne ihn konnte sie nicht leben.
Und wie ein Versinkender verzagend und hoffend zugleich nach Rettung ausschaut,
fragte sie: Und gibt es kein Mittel, keines, das Sie - mir erhält?
    Es war geschehen, sie hatte es ihm gesagt; aber besorgt, dass eben dieses
Wort ihn bestimmen könne, sich von ihr zu trennen, fügte sie hinzu, als wolle
sie ihn vergessen machen, ihn über dasjenige täuschen, was sie ihm eben
verraten und gestanden hatte: Ich weiss es, Sie verlassen Paris, den Hof nicht
gern, Sie haben Hoffnungen an Ihren hiesigen Aufentalt geknüpft. Gibt es kein
Mittel, Ihre beabsichtigte Entfernung zu vermeiden? - Und wie von einer
plötzlichen Eingebung ergriffen sprach sie: Ich will Paris verlassen, ich will
in meine Heimat gehen! Sie sollen bleiben. Ich will gehen!
    Das jedoch war es nicht, was der Abbé begehrte. Er schüttelte verneinend das
Haupt. Fassen Sie sich, Gräfin, man beobachtet Sie und mich! sagte er leise.
Ihre Entfernung von Paris würde nichts in meiner Lage ändern, nichts! Aber einen
Ausweg gibt es, Einen! - Er zögerte, als falle es ihm schwer, ihr denselben zu
nennen. Endlich, da sie auf seine Antwort bange harrte, sagte er: Nehmen Sie die
Hand des Prinzen an, für den der König selber morgen um Sie werben wird!
    Unmöglich, unmöglich! rief die Gräfin so laut, dass die Anwesenden alle es
vernahmen.
    Aber sie und der Abbé schlugen wie auf eine Verabredung ein Lachen auf, und
mit lachender Miene fügte Eleonore leise hinzu: Soll ich der Herzogin den
Triumph bereiten? Soll ich mich der Herrschsucht wider mein Empfinden in die
Arme werfen, vor der Sie selbst mich warnten?
    So treffen Sie schnell eine andere Wahl, Sie sind Herr darüber! warf der
Abbé ihr ein.
    Aber wen - wen? fragte die Gräfin, der in der Angst ihres Herzens und in der
Verwirrung dieses Augenblickes jedes Mittel erwünscht kam, welches sie vor der
Trennung von dem Abbé bewahren und ihm beweisen konnte, dass für ihn kein Opfer
ihr zu schwer sei.
    Der Abbé wendete das Haupt in das Zimmer und zu der Gruppe zurück, welche
die Gräfin vorhin verlassen hatte. Eine Frau wie Sie, sagte er, wird schwerlich
einen Mann finden, der sie verdient; aber es müsste mich Alles täuschen, oder der
Freiherr von Arten weiss es, was Sie wert sind, und seine liebende Verehrung
wird mir den Anteil an Ihrer Freundschaft nicht missgönnen. Er ist ein Mann von
Ehre und er liebt Sie, Gräfin, dessen bin ich sicher!
    Sie konnte ihm nichts erwiedern. Der Ausdruck der Verzweiflung und der
Liebe, mit dem sie zu ihm emporsah, drohte, ihn seiner Fassung zu berauben, und
sich vor ihr verneigend, sagte er so laut, dass die Anderen ihn vernehmen
konnten: Denken Sie daran, Gräfin, wir sprechen mehr davon!
    Dann wendete er sich zu den Uebrigen, und auch Eleonore kehrte, wie hart ihr
das auch ankam, zu ihrer früheren Unterhaltung zurück.
 
                                Eilftes Capitel
Man trennte sich an dem Abende zeitig, weil einige der Gäste noch anderweitige
Einladungen hatten. Im Vorzimmer trafen der Abbé und Renatus zusammen. Der Abbé
machte die Bemerkung, dass das Wetter köstlich und dass es eigentlich eine Sünde
sei, eine Winternacht von so ungewöhnlicher Milde und Schönheit ungenossen zu
lassen, und da er Renatus ohne weiteres Vorhaben fand, schlug er ihm vor, ihn zu
begleiten und gemeinsam eine Strecke Weges zu machen.
    Der Freiherr verlangte es nicht besser. Er hatte die lange Unterredung
zwischen dem Geistlichen und der Gräfin mit Unruhe betrachtet, denn er war von
den obwaltenden Verhältnissen zu genau unterrichtet, um nicht zu vermuten, was
die unverkennbare Aufregung Eleonorens zu bedeuten und welchen Inhalt dieses
Gespräch der Beiden gehabt haben müsse. Auch stand er ihnen nahe genug, um,
sobald er sich mit dem Geistlichen allein auf der Strasse befand, ohne Umschweife
die Frage zu tun, ob er sich irre, wenn er glaube, dass der Abbé mit ihrer
gemeinsamen Freundin von dem Heiratsplane gesprochen, den der König zu dem
seinigen gemacht habe und dessen nahes Zustandekommen jetzt die grosse
Angelegenheit des Hofes sei.
    Es ist eine traurige Angelegenheit, sagte der Abbé, und nie mehr als in
diesem Falle habe ich daran gedacht, wie verschieden die Wege der Prüfung sind,
auf welche der Herr uns führt. Er schritt eine Weile schweigend fort, dann
sprach er: Wenn man das Leben dieses ungewöhnlichen Mädchens sieht, seine
gottbegnadigte äussere Erscheinung, seine grossen geistigen Mittel, den
fürstlichen Besitz, der ihm von Kindheit an zu eigen war, so fühlt man sich zu
dem Gedanken hingeführt, dass es dem Himmel gefallen habe, hier einmal ein
Menschenwesen mit allen Gütern des Lebens und des Glückes auszustatten, um ihm
den vollen, edlen Genuss des Daseins zu ermöglichen.
    Da er wieder in seiner Rede abbrach, meinte Renatus, dass die Gräfin doch
auch zu einer hohen und seltenen Reife und Entwicklung gelangt sei und wie ihr
zu ihrem Glücke ja auch nichts fehle, als dass sie eben dem Manne begegnete, dem
sie ihre Zukunft in liebendem Herzen anvertrauen könne.
    Wir sind nicht im Salon, mein teurer Freund! rief der Abbé mit einer Kälte,
welche den Andern in Erstaunen setzte. Er fragte, was dieser unerwartete Ausruf
bedeuten solle. Der Abbé, der sonst in seinem ganzen Betragen sich immer äusserst
zurückhaltend bezeigte und sich eben so wenig eine Vertraulichkeit gegen Andere
herausnahm, als er sie ihnen gestattete, legte seinen Arm in den des jungen
Offiziers und sagte mit einer ihm sonst ebenfalls sehr fremden Lässigkeit: Es
gibt gesellschaftliche halbe und ganze Unwahrheiten, gegen die man wohltut,
sich nicht zu wehren, und an die zu rühren auch nicht weise ist, weil sie in der
Regel aus einem vernünftigen Grunde hervorgehen, sogar wenn die Gesellschaft
sich desselben nicht immer klar bewusst ist. Eine solche conventionelle
Unwahrheit ist der Glaube an die sogenannten grossen Eigenschaften der Gräfin
Haughton.
    Herr Abbé, rief der Freiherr, als traue er seinen Ohren nicht, das sagen
Sie, Sie, der Freund, der vertraute Freund Eleonorens?
    Eben deshalb sage ich es, kann ich es sagen! berichtete ihn der Geistliche,
und vielleicht werden Sie mir Glauben schenken, wenn ich Ihnen bekenne, dass die
Gräfin auch mich eine geraume Zeit geblendet hat, dass ich in ihr Eigenschaften
zu sehen wähnte, die sie der Bewunderung würdig machten - und in der Tat, sie
hat auch solche Eigenschaften! Wer wollte und wer könnte dieses läugnen? Sie ist
von schnellem Geiste, von einem kühnen Fluge der Gedanken, sie hat, ich zweifle
nicht daran, eine männliche Entschlossenheit, wo es ihre eigenen, persönlichen
Zwecke gilt; aber ich habe Niemanden gekannt, auf den das Wort der Bibel von dem
tönenden Erz und der klingenden Schelle so anwendbar gewesen wäre, als auf sie.
»Sie hat der Liebe nicht!« - Selbstsüchtiger und herzenskälter habe ich nie ein
Weib gekannt.
    Der Freiherr war nicht gleich einer Entgegnung fähig. Er erlebte nach seinen
Begriffen einen vollkommenen Verrat, und der Mann, der ihn beging, war ihm bis
auf diese Stunde ein Gegenstand der Hochachtung gewesen. Seine Ehrenhaftigkeit
schreckte vor einem solchen Verhalten zurück. Er zog unwillkürlich seinen Arm
aus dem seines Gefährten. Kennt oder ahnt die Gräfin die Ansicht, welche Sie von
ihr hegen? fragte er.
    Es gibt Wunden, entgegnete der Abbé, die man nicht sondiren darf, ohne sie
tödtlich zu machen. Ich konnte der Gräfin nicht sagen: »Sie haben kein Herz!« da
mein ganzes Bestreben darauf gerichtet ist, diese Seite ihres Wesens zu erwecken
oder zu beleben. Denn was könnte mich, dessen Ziele weit ab liegen von dem Boden
dieser leichtlebigen und sich an der Oberfläche der Dinge haltenden
Gesellschaft, was könnte mich bewegen, der tägliche Gast der Frau Herzogin zu
sein, hätte ich es der würdigen Frau nicht zugesagt, mich der Bekehrung ihrer
Nichte zu unterziehen, hätten meine Vorgesetzten mich nicht selber ermutigt, an
dieses Werk zu gehen?
    Mehrere Wagen, die rasselnd an ihnen vorüberfuhren und die sie bei dem
Uebergehen nach einer andern Strasse für einige Minuten trennten, unterbrachen
die Mitteilung des Geistlichen und liessen dem Freiherrn zu einem Umschwunge
seiner Ansicht Zeit. Als sie sich wieder zusammenfanden, hob der Abbé auf's Neue
zu sprechen an. Es ist ein grosses Vertrauen, Herr von Arten, das ich Ihnen mit
diesem offenen Bekenntnisse gewähre. Indes Ihrer Gesinnung bin ich sicher. Sie
ist ein schönes Erbe Ihres alten Hauses, und Sie selber sind, ich weiss es,
unserer Kirche aufrichtig ergeben. Sie haben in Ihrem Elternhause den Segen und
die Alles ausgleichende und versöhnende Kraft des Glaubens, wie ich aus Ihren
eigenen Mitteilungen und aus manchen Andeutungen der trefflichen Frau Herzogin
erfahren, kennen lernen. Sie gehören nicht zu der Anzahl jener sogenannten
Aufgeklärten, die es in ihrer selbstgenügsamen Kurzsichtigkeit dem Gläubigen zum
Vorwurfe machen, wenn es ihn drängt, die Segnungen, deren er sich teilhaftig
fühlt, die erhebende Erkenntnis, die ihm durch die Gnade Gottes zugänglich
geworden ist, nicht als ein todtes Pfund zu vergraben, sondern sie auszubreiten
und leuchten zu machen, so weit die menschliche Gemeinschaft reicht.
    Der Abbé hatte etwas Mächtiges, wenn er sich dem freien Zuge seiner
Beredsamkeit überliess, und Renatus waren solche Ansichten und Ansprüche von
früher Kindheit an vertraut gewesen. Sein unvergessener, geliebter Lehrer, der
Caplan, hatte ja selber durch Jahre und Jahre in fremden Zonen als ein Bekenner
und Verbreiter der allein seligmachenden Kirche gearbeitet und bis an sein
Lebensende mit Erhebung an jene Wirksamkeit zurückgedacht. Läugnen konnte
Renatus es auch nicht, dass ihm das herrische Wesen der Gräfin bisweilen
unheimlich und bedenklich erschienen war, aber er hatte sie nicht tadeln, nicht
verurteilen können; sie hatte ihm neben der Bewunderung, die er für sie hegte,
ein Bedauern eingeflösst, und eben jetzt empfand er dieses lebhafter und stärker,
als je zuvor.
    Sie ist ohne Vater, ohne Mutter aufgewachsen, sagte er entschuldigend, und
mich dünkt, die Herzogin war nicht dazu gemacht, eine so eigenartige Natur zu
erwärmen und zu bilden. Wer mag denn sagen, ob die Herzogin selber einer wahren
Liebe fähig ist?
    Die Herzogin keiner Liebe fähig? rief der Abbé im Tone des höchsten
Erstaunens. Aber haben Sie denn vergessen, mein teurer Baron, mit welcher Treue
die Herzogin in den Zeiten der Verbannung und der Not an ihrem Bruder
festielt? Haben Sie vergessen, mit welcher Hingebung die Mittellose auf die
edle, sie völlig sicherstellende Gastfreiheit Ihres Herrn Vaters verzichtete,
als es galt, der königlichen Familie ihre alte Treue zu beweisen? Glauben Sie,
dass es sie kein Opfer gekostet hat, den einzigen Bruder an eine Frau zu
verlieren, die nicht zu unserer Kirche gehörte? Und wann hat die Herzogin ihre
Nichte es fühlen lassen, dass sie, die ruhebedürftige Matrone, ihr ganzes Behagen
der Lebenslust Eleonorens zum Opfer brachte? Oder kennen Sie etwas, das
rührender, das ehrwürdiger wäre, als die schöne Freundschaft, welche durch ein
langes Leben die Herzogin und ihren Jugendgenossen, den greisen Fürsten von
Chimay, unzertrennlich verbunden hat? In der Tat, mein Freund, von Ihnen
weniger als von jedem Andern war ich mir eines Urteils gewärtig, das die
Herzogin in so ungerechter Weise anficht, denn mich dünkt, Sie selber hätten
mannigfach Gelegenheit gehabt, die teure Frau von ihren schönsten Seiten
würdigen zu lernen! - Beide gingen eine Zeit lang schweigend neben einander her.
    Renatus fühlte sich beschämt. Er hatte die Undankbarkeit immer als das
Zeichen einer niedrigen Gesinnung angesehen, nun zieh man ihn einer solchen, und
er konnte es nicht läugnen, man tat es nicht ganz mit Unrecht. Je länger er
darüber nachsann, um so unsicherer wurde er in seinem Urteile. Er konnte dem
Abbé nicht völlig widersprechen. Er hatte, als er in das Haus der Herzogin
gekommen war, ja auch für dieselbe und wider die Gräfin Partei genommen, und
erst allmählich hatten Eleonorens bestechende und blendende Eigenschaften ihn
anderen Sinnes werden machen. Er wünschte guten Herzens, kein Unrecht gegen die
Greisin zu begehen; aber Eleonore, wie der Abbé es tat, so schonungslos zu
verdammen und aufzugeben, konnte er sich nicht entschliessen, und mit der
bewussten Absicht, einen vermittelnden Ausweg zu wählen, sprach er: Jede der
beiden Frauen hätte wohl eine weichere und mildere Natur an ihrer Seite haben
müssen, um glücklicher zu werden; denn wie die Herzogin mir einst gestanden hat,
dass sie, früh zur Witwe geworden, nie die geringste Neigung empfunden habe, sich
wieder zu vermählen, so hat mir noch neuerdings die Gräfin gesagt, dass sie nach
der Ehe kein Verlangen trage, ja, dass ihr bis jetzt niemals eine Sehnsucht nach
jenem Glücke des Familienlebens gekommen sei, welches doch den meisten Menschen
für ihre Befriedigung notwendig erscheint. Diese beiden Frauen sind sich eben
selbst genug.
    Das ist ein trauriger Vorzug, rief der Abbé, und Sie werden mir gestehen,
dass ich darüber ein vollgültiger Richter bin! Der Mensch kann, wo es einer
grossen Ueberzeugung gilt, sich selbst verläugnen, und auf die Liebe, auf die
Ehe, auf das Glück verzichten, sich in seinen Kindern fortleben zu sehen; aber
es ist das eine harte Entsagung, und das Herz auch des Stärksten hört nicht auf,
unter derselben zu leiden und zu bluten! Es muss süss sein, in früher Jugend sich
einem geliebten Mädchen zu verbinden, in jedem Augenblicke zu wissen, dass seine
Gedanken, seine Gebete uns begleiten, sich vorzustellen, wenn man von ihm fern
ist, wie die Liebe der Erwählten uns ersehnt, und sie nach einer Trennung mit
der alten, nur gesteigerten und bewährten Treue in die Arme zu schliessen.
    Er brach ab, schwieg eine Weile und sagte danach: Es sind das Bilder, die
auszudenken man sich hüten muss, wenn man gelobt hat, nie nach ihrer
Verwirklichung zu streben. Aber so oft ich in meinem Amte in ein Haus getreten
bin, wo die demütige Liebe einer wahrhaft weiblichen Seele dem Manne das Leben
verschönte, habe ich empfunden, wo das wahre Glück zu finden sei, und die
höchsten Vorzüge eines Mädchens wie die Gräfin haben mich nie von dieser
Erkenntnis abweichen machen. Für eine Eleonore Haughton kann ein Jüngling sich
begeistern, ein Mann eine sehr lebhafte Freundschaft empfinden. Sie würde, hätte
ihr Schicksal sie für einen Tron bestimmt, vielleicht ihrem Ideale, ihrer
Königin Elisabet, in herber, stolzer Selbstüberhebung ähnlich werden können;
für einen Mann, der in seinem Weibe ein liebendes Herz zu finden begehrt und der
Herr in seinem Hause bleiben will, sind diese Art von Frauen nicht geschaffen.
Man macht aus einer Juno, einer Minerva niemals das rührende Geschöpf, als
dessen erhabenster Ausdruck uns die Madonna, die jungfräuliche Mutter erscheint,
der sich das Knie des gewaltigsten Mannes in liebender Verehrung beugt. Ein
Mannweib zu lieben, muss man selbst kein Mann sein! Wo ich einen Mann sich ein
recht demütiges Weib erwählen sehe, weiss ich immer, was er selber wert ist.
    Sie waren während dessen bis zu dem Collegium gekommen, in welchem der Abbé
seine Wohnung hatte. Er nötigte den Freiherrn leichtin, mit ihm hinauf zu
steigen; aber Renatus nahm es nicht an, und Jener hatte es auch darauf nicht
abgesehen, ihn bei sich zu haben. Er wünschte allein zu sein. So schieden sie
von einander.
    Oben angelangt, ging der Abbé eine geraume Zeit mit schwerem Schritte in dem
grossen, saalartigen Raume auf und nieder, den er in dem Hause inne hatte. Ein
paar wertvolle Bilder, einige Abgüsse nach berühmten antiken Büsten schmückten
nach seiner Wahl die Wände. Er sah sie nicht an, so gern sein Auge sonst auf
ihnen weilte. Er blickte auch nicht zu dem Kruzifix empor, das in dem
anstossenden Gemache, schön geschnitzt, zu Häupten seines Lagers hing. Er hatte
manchmal Trost und Beruhigung gefunden, wenn er in schwerem Seelenkampfe zu dem
Bilde des Mannes empor geschaut, in welchem die Menschheit sich die höchste
Reinheit, die höchste Menschenliebe und die vollendetste Selbstverläugnung
verkörpert hat, um sich an ihm aufzuerbauen und zu erheben; aber nichts
Aeusserliches vermochte den Abbé heute von sich selber abzuziehen. Er hatte
getan, was seine Pflicht war, er war mit Ueberwindung ein tüchtig Stück auf dem
Pfade zu seinem selbstgesteckten Ziele vorgeschritten, und er hatte nicht danach
zu fragen, welche Blüten sein Fuss dabei zertrat, sei es in der Seele eines
Andern oder in dem eigenen Herzen; denn das Ziel ist Alles! - Aber das hinderte
nicht, dass der Kampf dieser Stunden noch in seiner ganzen, grausamen Schwere auf
ihm lastete.
    Ein paar Mal blieb er stehen und fasste mit der Hand nach seiner Brust. Es
versetzte ihm etwas den Atem. War es ein Schmerz, war es eine zornige Empörung?
Er fragte sich nicht danach, er wollte es nicht ergründen, es gar nicht wissen.
Er knöpfte mit hastiger Hand die Soutane auf. Wenigstens atmen, atmen wollte
er in voller Freiheit, und fre atmen, sagte er, wie zum Troste, zu sich selber,
frei atmen kann man in der Menge nicht! Frei atmen kann man nur auf einsamer
Höhe, hoch über dem Gewühle der Welt!
    Er dehnte unwillkürlich seine Brust. Er war mit sich zufrieden. Ein kaltes
Lächeln spielte um seine Lippen, als er sich erinnerte, wie die stolze Eleonore,
wie der junge Freiherr, die beide fest nach eigenen Meinungen zu handeln
glaubten, gleich einem weichen Wachse sich unter seiner Hand in die Form gefügt
hatten, die er ihnen aufzuzwingen gewünscht. Herrisch und meisternd hatte der
Erzbischof ihm heute seine Ueberlegenheit zu kosten gegeben. Er hoffte, die
Stunde solle nicht ausbleiben, in welcher er ihm dies auf die eine oder auf die
andere Weise würde vergelten können; denn auch er fühlte sich aus dem Stoffe
geschaffen, aus welchem man die Kirchenfürsten macht. Und die Gegenwart hinter
sich zurücklassend, von ehrgeizigen Hoffnungen über den Schmerz und den Kampf
des Augenblickes flügelschnell hinweggehoben, durch den eben errungenen Erfolg
ermutigt, blickte er endlich auf die Zukunft wie auf eine Arena hinaus, in
welcher der höchste Preis des Sieges ihm nicht entgehen konnte.
    Er ging an seinen Schreibtisch, liess sich in dem Sessel nieder, der vor
demselben stand, und begann zu schreiben. Es war tief in der Nacht, als er sich
von seiner Arbeit erhob. Die Lampe war im Erlöschen, der untergehende Mond warf
sein Licht schräg in das Gemach. Mit dem gesiegelten Briefe in der Hand sah der
Abbé lange sinnend in den Garten hinaus, der sich unter seinen Fenstern weitin
ausdehnte. Dann fiel sein Blick prüfend auf des Briefes Aufschrift. Er meinte,
etwas in derselben vergessen zu haben, aber es war Alles richtig.
    Die Aufschrift lautete: »An den Pater Provincial des Jesuiten-Klosters zu
Rom.«
    Der Abbé war in diesem Kloster erzogen worden und er hatte bisher den
Hoffnungen durchaus entsprochen, welche seine Lehrer und Meister auf ihn bauten.
 
                                Zwölftes Capitel
Der milden Winternacht folgte ein klarer, schöner Tag. In den prachtvollen,
altertümlichen Kaminen des grossen königlichen Ballsaales brannten die Feuer.
Ihre rote Glut, ihre blauen, züngelnden Flammen erschienen bei dem hellen
Sonnenlichte dunkel; auch die Kleidung und die Schönheit der Frauen hatten bei
den Frühstücksbällen in den Tuilerieen eine wahre Lichtprobe zu bestehen. Aber
Niemand ertrug die Prüfung durch das Tageslicht so siegreich, als die Gräfin
Haughton, obschon ihrem Antlitze heute die ihm sonst so eigentümliche Frische,
ihren Augen der gewohnte Glanz gebrachen.
    Die ersten Quadrillen waren vorüber. Eleonore hätte kaum sagen können, wer
ihre Tänzer in denselben gewesen wären. Es war ihr zu Mute, als sei sie
verwandelt, als wohne eine fremde Seele in ihrem Leibe. Nur ihre Gestalt war
noch die alte, war noch lebendig; sie selber, die Eleonore, als welche sie sich
bis gestern noch empfunden hatte, war dahin.
    Sie hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen, den ganzen Morgen in
marternder Spannung vergebens auf den Besuch des Abbé's, auf eine Zeile, auf ein
Wort von ihm gewartet, die ihr hätten zum Troste, zur Stütze werden können. Was
war geschehen, dass er sie also in ihrer Herzensnot verliess? Hatte man ihn unter
irgend einem Vorwande gezwungen, Paris schon an diesem Morgen zu verlassen?
Konnte er sich entfernt haben, ohne sie davon in Kenntnis zu setzen? Liess man
ihn nicht aus den Augen, und fand er keine Möglichkeit, ihr, wenn auch nur mit
Einem Worte, sich zu nahen?
    Und wie stand es denn jetzt zwischen ihr und ihm?
    Wie ein scharfes Eisen bohrte sich der Gedanke in ihr Hirn: Ich liebe einen
Mann, dem die Liebe ein Verbrechen ist! Ich, die Protestantin, liebe einen
Katoliken, einen Priester! Ich habe ihm diese Liebe verraten, und er will mich
bestimmen, einem Anderen, einem ungeliebten Manne meine Hand zu reichen, um sich
zu retten, um seine Plane zu verfolgen! Warum vertraute ich einem Katoliken,
einem Priester?
    Dann wieder, wenn der Schmerz sie zu vernichten drohte, wenn der Gedanke,
sich und ihre Liebe verschmäht zu sehen, sie völlig niederwarf, raffte sie sich
mit Gewalt an einer anderen Ansicht ihrer Lage empor. War es denn seine Schuld,
dass sie ihn liebte? Konnte er dafür, dass ihre Seele nicht stark, nicht rein
genug gewesen war, sich an der Freundschaft genügen zu lassen, die allein er ihr
zu bieten hatte? Wann hatte er je einen Wunsch, einen Anspruch an sie erhoben,
der über den Anteil an ihrem Seelenheile hinausgegangen war? Und wie hatte er
sich selbst in seinem Eifer für dasselbe zu mässigen, sich überall in Schranken
zu halten gewusst! Mit keinem Worte hatte er ihr je gestanden, was er für sie
fühle. Und er liebte sie! Sie zweifelte nicht daran: er liebte sie! Eine Liebe,
wie die, welche sie für den Abbé empfand, konnte keine einseitige sein, konnte
nicht unerwiedert bleiben! Es war nicht anders möglich: er liebte sie, er musste
sie lieben!
    Aber durfte sie das hoffen? Durfte sie es wünschen? - Nein, nein! nur das
nicht! rief sie laut, dass der Ton ihrer eigenen Stimme sie in der nächtlichen
Einsamkeit erschreckte. Und ihr Gesicht in den Händen verbergend, warf sie sich
nieder und weinte, dass es ihr die Brust zu sprengen drohte.
    Es war genug an ihrem Elende, an ihrer Verzweiflung, er sollte nicht unselig
sein, wie sie. Er sollte den Trost besitzen, dass er rein und makellos den
Lebensweg gegangen sei. Er sollte sich ruhig niederwerfen können zu den Füssen
Gottes, zu den Füssen der reinen, makellosen Jungfrau, zu deren Altären er sie
hinzuführen gestrebt hatte, in deren Verehrung sie eine unzerstörbare
Gemeinschaft mit ihm haben konnte.
    O, dass ich ihn besässe, den Glauben, der ihm Kraft verleiht! seufzte sie in
ihrem Schmerze. Dass ich es gelernt hätte, wie er, in früher Jugend zu entsagen!
Wenn ich es vermöchte, wie er, mich an das Kreuz zu schlagen, und Trost zu
finden, wie er, in dem Gedanken, dass ich eine Wahrheit erkannt, eine Wahrheit zu
verkünden habe, dass ich mir nicht selbst gehöre, sondern nur ein Diener der
Menschheit bin, ein schwaches Werkzeug in des Allmächtigen, des Allweisen Hand!
-
    Wörtlich, wie ihr Herz sie in sich aufgenommen hatte, wiederholte sie sich
die Aussprüche, die er oft vor ihr getan hatte. Vor wenigen Augenblicken hatte
sie ihm gezürnt, nun zürnte sie sich selber. Mit der Demut der Liebe klagte sie
sich an, dass sie mit ihrer Leidenschaft die schöne Ruhe seines Daseins trübe.
Sie, sie allein war die Schuldige. Ihre Masslosigkeit, ihre Ungenügsamkeit
verstrickten ihn in Verwirrungen, die er nie zuvor gekannt hatte. Sie erinnerte
sich, wie man ihr die hohe Sinnesart, den reinen Wandel des Abbé gepriesen
hatte. Auch sie kannte ihn nur hochgesinnt und rein und allem Erhabenen mit
Begeisterung zugewendet! Was mochte er jetzt von ihr denken? Was mochte er jetzt
tun?
    Sie sah ihn knieen vor dem Muttergottesbilde, das er von einem früh
gestorbenen Freund ererbt und von dem er ihr je bisweilen wohl gesprochen hatte.
Sie zweifelte nicht daran, dass er ihrer dachte, dass er für sie betete. Sie hätte
es vor sich haben mögen, das Madonnenbild, vor dem er oftmals Trost gefunden
hatte. Sie hatte den Trost sehr nötig!
    Wenn sie ihn sehen, ihm Alles bekennen, ihn beraten, ihm beichten könnte! -
Beichten! - Vor einem Madonnenbilde knieen! - Wie hatte das alles ihrem Geiste,
ihrem Empfinden, ja, ihrem Verstande sonst widerstrebt, als sie noch in stolzem
Selbstgefühle sich der Unfehlbarkeit vermessen hatte! Und jetzt?
    Aus der Flut der sie überströmenden Liebe tauchte mit Einem Male wieder der
alte Stolz empor, und der Trotz mit ihm. Sie wollte tun, was der Abbé begehrte,
sie wollte die Hand des Prinzen annehmen, um es den Abbé empfinden zu lassen,
was das Herz des Menschen leiden könne. Denn sie mit Gleichmut in des Prinzen
Armen zu sehen, das konnte auch dem Abbé nicht möglich sein.
    Und wieder sagte sie sich, dass sie ihn herabziehen würde von seiner Höhe und
wieder wurde die Anbetungslust der Liebe in ihr mächtig, die sie hoch hinaushob
über jede menschliche Schwachheit. Sie fand ganz plötzlich ein Genügen, ja,
einen Trost darin, dass er nicht ahne, was sie dulde, dass er, ruhig und
selbstgewiss, der Liebe wie dem Leiden nicht zugänglich sei.
    Von einer Pein zur anderen fortgetrieben, ward ihr keine Rast, bis ihre
Kraft erschöpft war und die müde Natur nach Ruhe verlangte. Die Hände gefaltet,
sass sie in einer Art von Betäubung wachend auf ihrem Lager. Minute auf Minute,
Stunde auf Stunde rannen an ihr vorüber; sie gewahrte es nicht. Kein tröstender,
kein beruhigender Gedanke kühlte ihre heisse Stirn, erhob ihr gebeugtes Haupt.
Sie kam sich alt, sehr alt, sie kam sich einsam vor und sehr verlassen. Was sind
auch Jugend und Schönheit und Besitz und Macht in der Stunde, in der man einer
grossen Liebe zu entsagen hat?
    Es überraschte sie, als der Morgen wie immer in die Höhe kam und das
alltägliche Leben mit ihm. Es überraschte sie, als ihre Kammerjungfer sie bei
ihrem Namen nannte. Sie war ja nicht mehr dieselbe, die sie gestern noch gewesen
war. Sie wunderte sich, dass ihr Haar, da jene die haltenden Nadeln desselben
löste, noch in seiner goldigen Fülle von ihrem Haupte auf ihren Leib
herniederfloss. Was sollte es ihr? - Sie hätte es ruhig unter der Scheere fallen
sehen. Heute hätte sie mit Freude den sie für ewig verhüllenden Schleier über
ihre Schläfe und ihr Antlitz decken mögen, damit Niemand die Tränen gewahre,
welche aus ihrem gebrochenen Herzen in ihre Augen emporstiegen und auf ihre
Wangen niederflossen. Heute begriff sie es, dass es eine Wohltat sein könne,
fern von der Welt, ungesehen und vergessen von ihr, seinem Schmerze ganz allein
zu leben.
    Sie musste ihre Dienerin entfernen, um sich noch einmal recht von Herzen
auszuweinen. Und wie sie nun da sass, hoffnungslos und an sich selbst
verzweifelnd, stieg jener unselige Gedanke der Opferung, der schon manches Weib
in gleicher Lage von dem Pfade der Wahrheit und der Sittlichkeit hinweggelockt
hat, blendend und verführerisch in ihrer Seele empor.
    Was war sie sich denn noch? Was war an ihr gelegen? Er sollte sehen, dass
auch sie entsagen, dass auch sie sich überwinden konnte, wenn es darauf ankam,
ihm eine Genugtuung, ihm eine Rechtfertigung von dem Verdachte zu bereiten, in
den ihre schlecht verhehlte Leidenschaft ihn gebracht hatte und den er nicht
verdiente. Er hatte Eleonore Haughton doch nicht nach ihrem vollen Werte
geschätzt, er sollte der Fürstin von Chimay das Zugeständnis nicht versagen
dürfen, dass sie der höchsten Liebe würdig gewesen wäre, weil sie die höchste
Liebe ihres Herzens, weil sie sich selber dem Geliebten zum Opfer zu bringen
vermochte.
    In dieser Stimmung liess sie sich zu dem Feste kleiden. Sie legte zum ersten
Male den Erbschmuck ihres Hauses an. Wie man die Jungfrau, die der Welt entsagt,
um sich dem himmlischen Bräutigam, dem Heilande unauflöslich hinzugeben, noch
einmal in allem Glanze des irdischen Schmuckes erscheinen lässt, ehe des Klosters
Pforte sie von der Welt abtrennt, so wollte sie sich noch einmal in dem vollen
Glanze ihrer Schönheit betrachten, ehe sie diese Schönheit einem ungeliebten
Manne überliess, um dem Geliebten damit die ganze Grösse der Hingebung zu
beweisen, deren sie für ihn und seine Ehre, seine Ruhe fähig sei.
    Weil sie dahin gekommen war, sich auf einen falschen und trügerischen Boden
zu stellen, verschoben und verwirrten sich ihr, ohne dass sie es bemerkte, alle
ihre Ansichten und Begriffe. Sie vergass es, dass sie sich dem Prinzen zu
vermählen beschlossen hatte, weil sie sich auf diese Weise das Glück zu erkaufen
dachte, den Abbé wie bisher in voller Freiheit sehen und seines Umganges, seiner
Freundschaft nach wie vor geniessen zu können. Sie vergass auch bald, dass eben der
Abbé sie vor der Ehe mit dem Prinzen gewarnt und dass er ihr vorgeschlagen hatte,
Renatus zum Gemahl zu wählen. Nur einen flüchtigen Gedanken hatte sie auf diesen
hingewendet, aber sie hatte zu viel Freundschaft für den jungen Freiherrn, sie
wünschte ihm zu ehrlich Glück, um sich ihm zur Gattin anzutragen; und da sie
einmal auf die Vorstellung der Opferung gekommen war, dünkte sie das Opfer nicht
gross genug, welches sie in einer Ehe mit Renatus, die doch für sie und für ihn
kein Glück zu bringen hatte, über sich genommen haben würde. Je länger sie
darüber nachsann, um so fester schlugen die Anschauungen in ihr Wurzel, von
denen sie sich sonst mit Widerstreben, ja, mit Empörung abgewendet hatte, so oft
der Abbé es unternommen, ihr jene Gefühlsrichtung eingänglich zu machen, welche
in der Selbstverläugnung, in der Entsagung, in der Opferung eine Tugend, ja, die
höchste Tugend und eine Gott wohlgefällige Handlung erblickt. Dass solche
Handlung auch mitten in dem Leben und Geräusche der Welt vollzogen werden, dass
man sich schweigend und ohne Aufsehen opfern und damit das gleiche Verdienst wie
mit einem eingestandenen Opfer bringen könne, das hatte der Abbé oftmals als
seine Ueberzeugung aufgestellt; und eben so hatte er es oft behauptet, dass für
Eleonore einmal die Stunde nicht ausbleiben werde, in welcher sich ihr
urplötzlich die Erkenntnis und die Wahrheit der Lehren erschliessen würden, die
er vor ihr ausgesprochen hatte, dass die Stunde schlagen würde, in der sie sich
mit ihm in denselben Ueberzeugungen zusammenfinden und vielleicht ohne sie
äusserlich zu bekennen aus innerer Notwendigkeit nach den Grundsätzen der
Mutterkirche handeln werde.
    Nun war sie da, diese Stunde! Und wie Eleonore in dem Königsschlosse, die im
Glanze der Diamanten strahlende Grafenkrone in dem blonden Haare, an der Seite
der Herzogin durch die Reihen der sie bewundernden Männer und Frauen hinschritt,
erschien der Widerspruch zwischen ihrer Erscheinung und ihrem Empfinden ihr so
gross, dünkte ihre Lage ihr so einzig, dass sie darin eine Auszeichnung des
Himmels, dass sie eines jener besonderen Geschicke darin zu erblicken glaubte,
wie Gott sie nur seinen Auserwählten, nur denjenigen grossen Seelen sendet, die
er durch besondere Prüfungen zu einer besonderen Gnade heranreifen zu lassen
beschlossen hat. Der Stolz des Unglücks bemächtigte sich ihrer. Sie fand einen
Genuss in dem Gedanken, um des Geliebten willen grosses Leid zu tragen, so dass sie
endlich mit einer Art von Wollust dem Augenblicke entgegenharrte, der ihr das
Opfer für den Mann ihrer Liebe, die Entscheidung über ihre ganze Zukunft
auferlegen sollte. - Und er liess nicht auf sich warten!
    Der König befand sich seit einigen Tagen ganz vortrefflich. Auf seinen Stock
gestützt, ging er in der grossen Pause des Balles langsam durch die Säle. Das
schöne Wetter machte ihn heiter. Der Blick aus den hohen Bogenfenstern des
Tanzsaales über den schönen Tuileriengarten weit hinaus bis in die elysäischen
Felder tat ihm wohl. Paris war doch unendlich schöner, als das enge,
weitentlegene Mitau, als das melancholische Schloss von Edinburg. Und es umgaben
ihn, wohin er heute blickte, so viel Liebe, so viel Verehrung und Bewunderung!
Das Schicksal war ihm eine Vergeltung schuldig gewesen, aber es gewährte sie ihm
auch. Er war sehr zufrieden heute, sehr wohl aufgelegt. Alle Welt hatte sich
heute des Besten von ihm zu rühmen, die Uniformenträger, wie die Männer in
geistlicher Tracht, deren sich eine grosse Anzahl in den Reihen der Gäste
vorfand. Alt und Jung ward freundlich von dem Könige beachtet, und mit
huldvollster Miene trat er an die Herzogin heran, an deren Seite ihre Nichte
stand.
    Wissen Sie, meine schöne Gräfin, sprach er, dass ich Ihnen zürne, ernstlich
zürne?
    Eleonore verneigte sich tief, und ahnend, was ihr jetzt bevorstand, nahm sie
sich fest zusammen und sagte lächelnd, während alles Blut aus ihren Wangen
schwand, dass sie sich nicht bewusst sei, durch irgend etwas den Zorn der Majestät
verschuldet zu haben.
    Dass Sie es nicht wissen, ist ein Verbrechen mehr, scherzte der König, denn
es leiht Ihrer Schönheit, die Ihr Verbrechen ist, nur einen höheren Reiz. Sie
verderben uns den Charakter, Sie lehren uns den Neid, und es ist Zeit, dass man
Sie aus unserer Nähe, dass man Sie für eine Weile von dem Hofe entfernt!
    Die Umstehenden zeigten sich entzückt von so viel Gnade, von so viel
anmutvollem Scherze. Der König, für solche Anerkennung immer sehr empfänglich,
wendete sich, so leicht als seine Schwerfälligkeit es ihm gestattete, zu seinem
ersten Kammerherrn, dem Prinzen Polydor.
    Mein Prinz, sprach er, Sie wünschten ja schon lange, Sich für einige Wochen
auf Ihre Güter zurückzuziehen. Der König ergriff Eleonorens Hand. Zur Rettung
unserer armen Seele nehmen Sie die Gräfin Haughton mit Sich. Unsere besten
Wünsche und der Segen der Frau Herzogin begleiten Sie. Im Frühjahre sprechen wir
dann selber bei der schönen Fürstin vor!
    Gnädiger, geistreicher hatte man Seine Majestät noch nie gefunden, besser
hatte er sich nie gefallen. Aber in dem Momente, in welchem der König Eleonorens
Hand ergriff, um sie in die des Prinzen zu legen, fiel ihr Auge auf die
Herzogin, und der Ausdruck des Triumphes, den sie in ihren Mienen las,
verwandelte das Herz der Gräfin. Sie konnte sich zum Opfer bringen - der
Herzogin diesen Triumph zu bereiten, das vermochte sie nicht, das wollte sie
nicht. Und von ihrem Hasse zu rascher Entschlossenheit getrieben, sprach sie,
indem sie ihre Hand leise aus der des Königs zog: Ich vermag Eurer Majestät
nicht zu gehorchen, denn ich bin nicht frei!
    Des Königs Brauen zogen sich zusammen; es entstand eine Art von Erstarrung
in den Mienen Aller, die vernehmen und sehen könnten, was geschah. Die Herzogin
musste sich auf den Arm der Dame stützen, die ihr die nächste war.
    Sie sind nicht frei? wiederholte der König, und sein strenger Blick traf wie
die Gräfin, so die Herzogin. Sie sind nicht frei?
    Ich habe mich gestern dem Freiherrn von Arten zugesagt! erklärte Eleonore
rasch entschlossen, wennschon mit bebender Stimme, während die Röte der Scham
ihr Antlitz übergoss, als sie diese Unwahrheit behauptete.
    So gehen Sie Ihr Glück in Stille und Einsamkeit geniessen; aber gehen Sie,
und noch heute - die Frau Herzogin wird Sie begleiten! herrschte der König. Und
sich von ihr wendend, ging er nach einer anderen Seite des Kreises hinüber.
    Ein panischer Schrecken durchzuckte den Hof. Seit Könige in den Tuilerien
wohnten, war ein solcher Vorgang nicht erhört worden. Nur eine Engländerin, nur
ein Mädchen, das in so schrankenloser Freiheit auferzogen worden war, konnte
eine solche Unwürdigkeit begehen, sich solchen Verkennens der Allerhöchsten
Gnade, solcher wahrhaften Majestätsbeleidigung schuldig machen. Man trat, soweit
die Sitte dies erlaubte, nahe zusammen, es entstand eine Leere neben der Gräfin
und der Herzogin, die sich in halber Ohnmacht gegen einen der Marmorpfeiler
lehnte. Niemand kam ihr zu Hülfe. Hatte doch ihre Zudringlichkeit den gnädigen
Monarchen in diese schlimme Angelegenheit verwickelt. Welch eine andere Frau
hätte ihre Enkelin so schlecht erzogen, so schlecht bewahrt! Die Ungnade der
Herzogin war vollauf verdient, man konnte, man durfte sie nicht beklagen; und
wie man sie verdammte und fallen liess, bewunderte man den Prinzen Polydor und
seinen Vater, die, sobald der Dienst sie freiliess, den beiden Verbannten ihren
Arm und ihre Begleitung boten, um sie durch die Vorsäle in das Vorgemach zu
führen, in welchem die Diener sie erwarteten.
    Vom Hofe verbannt - das hiess vernichtet für die Herzogin.
    In ihren letzten und höchsten Hoffnungen betrogen, starr vor Schrecken, dass
die Sprache sich ihr versagte, war die Herzogin in ihrem Palaste angelangt.
Keiner von ihren Leuten wusste, was geschehen war, die Bestürzung brachte das
ganze Haus in Aufruhr. Aber noch hatte man die Greisin, die in heftiger
Beklemmung nach Atem rang, in ihren Zimmern der Hofkleidung nicht entledigt,
als Eleonore schon den Freiherrn von Arten zu sich bescheiden liess.
    Unglücklicher Weise war er nicht zu Hause. Die gestrige Unterhaltung mit dem
Abbé hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht und ihn unzufrieden mit sich
selbst zurückgelassen.
    Er konnte es sich nicht wegläugnen, dass fast alles, was sein geistlicher
Freund über die Gräfin und über deren Tante geäussert hatte, richtig war. Auch in
dem allgemeinen Urteile, welches der Abbé über die Frauen und über die
Bedeutung und den Wert einer wahrhaft weiblichen Natur gefällt hatte, stimmte
er mit ihm zusammen. Schon während jener noch an seiner Seite ging, hatte
Renatus unwillkürlich die beiden Gestalten, Eleonore und Hildegard, einander
gegenüber gestellt und mit einander verglichen. Er hatte das schon oft, er hatte
es fast an jedem Tage getan, und immer war die Entscheidung zu Eleonorens
Gunsten ausgefallen. Nun hatte er mit Einem Male zu bemerken geglaubt, dass er
gegen seine Verlobte nicht gerecht gewesen sei, dass er ihr lange in seinem
Herzen Unrecht getan habe, und wie der Abbé ihm mit so viel Wärme von dem
Glücke gesprochen hatte, das einem Manne aus der vollen, hingebenden Liebe einer
demütigen, in engem Kreise sich beschränkenden Frau erwachse, hatte Renatus
sich mit einer Beschämung, die jedoch ihr Süsses hatte, eingestanden, dass ihn
dieses Glück erwarte und dass es nur an ihm liege, es sich, sobald als er wolle,
anzueignen.
    Seit Jahr und Tag hatte er nicht mehr mit Freuden an seine Verlobte, nicht
mehr mit Sehnsucht an die Heimat gedacht. Als er aber am verwichenen Abende in
seine Wohnung zurückgekehrt war, hatte er seit langer Zeit zum ersten Male
wieder Hildegardens Briefe aus dem kleinen Behälter hervorgenommen, in dem er
sie bewahrte. Die schöne, rötlich blonde Locke, welche sie sich in der
Scheidestunde abgeschnitten, fiel ihm dabei in die Hand. Er hatte sie während
der ganzen Feldzüge auf der Brust getragen; erst in Paris hatte er sie von sich
abgelegt.
    Nun hielt er sie gegen das Licht, sie glänzte hell wie Gold. Er liess sie
durch die Finger gleiten, strich sanft mit der Hand darüber hin; das Haar war
seidenweich, und zärtlich, als habe er die Geliebte selber neben sich, drückte
er die Locke an die Lippen.
    Er war gerührt und fühlte sich schuldig. Einen nach dem andern las er die
Briefe durch, welche er im Laufe der letzten Jahre von Hildegard erhalten hatte;
aber je mehr er sich in sie vertiefte, je weniger war er mit sich zufrieden. Er
konnte es nicht begreifen, wie er diese lieben Briefe so gänzlich missverstehen
können, wie er diesen armen, guten Briefen so schweres Unrecht habe tun mögen.
Die Liebe hatte seine Braut seherisch gemacht, und er war blind gewesen,
verblendet über sie und über sich.
    Hatte denn Hildegard nicht Recht gehabt mit ihren bangen Sorgen? Hatte sie
nicht Recht gehabt mit ihrer Ahnung, dass eine Andere ihr die Liebe ihres
Bräutigams entziehe, dass er sich nicht mehr nach ihr sehne, dass er sie zu
vergessen nahe sei? - Und was konnte sie dafür, dass die Zustände in Richten
nicht erfreulich waren, dass sie ihm von den Schwierigkeiten sprechen musste, von
denen sie sich umgeben sah? - Arme, arme Hildegard! rief er aus, und er kam sich
treulos und pflichtvergessen gegenüber ihrem treuen Herzen vor.
    Er nannte es ein wahres Glück, dass er eben heute dem Abbé das Geleit
gegeben, dass ihre Unterhaltung eben diese Wendung genommen hatte. Es wäre ihm
unmöglich gewesen, die Ruhe zu suchen, ohne an Hildegard geschrieben zu haben,
und einmal auf den Weg der Bekenntnisse geraten, fand er eine Lust darin, sein
Gewissen zu befreien, indem er seiner Verlobten die Gefahr, in der er sich
befunden hatte, wie die Versuchung, der er ausgesetzt gewesen sei, mit den
warmen Farben darstellte, welche der Gedanke an Eleonorens mächtige und
zauberische Reize in seiner Phantasie hervorrief.
    Er nannte sich gegen seine Verlobte einen Rinaldo in Armidens Zaubergärten;
er schilderte Hildegarden die Gräfin in aller ihrer Schönheit, um der Entfernten
klar zu machen, dass er keiner gewöhnlichen Erscheinung gegenüber gestanden, und
um ihr zu beweisen, dass nur eine so starke und treue Liebe wie die seinige einer
solchen Zauberin zu widerstehen vermocht habe. Und wie er am Abende mit innerer
Beschämung seinen Brief begonnen hatte, war er sehr wohl mit sich zufrieden, als
er ihn am andern Morgen durchlas und beendigte.
    Die Jahre, welche er fern von der Heimat und von seiner Braut verlebt
hatte, dünkten ihn unbegreiflich lange. Er warf es sich vor, dass er nicht eher
an seine Heimkehr gedacht, dass er die immer wiederholten Mahnungen seiner Braut,
die auf das genaueste mit den Vorstellungen Paul's zusammentrafen, bisher
unbeachtet gelassen habe. Er versprach am Schlusse seines Briefes, dass er noch
selbigen Tages die nötigen Schritte tun wolle, um sich einen längeren Urlaub
zu erwirken, verhiess seiner Braut, dass ihre Verbindung nun nicht weiter
hinausgeschoben werden sollte und dass sie dann gemeinsam überlegen würden, ob
sie mit ihm nach der Weltstadt an der Seine zurückkehren oder ob er darauf
antragen solle, in eines der in der Heimat stehenden Regimenter versetzt zu
werden. Es fiel ihm dabei gar nicht auf, dass er der Möglichkeit, in Richten auf
seinen Besitzungen zu leben, nicht gedachte, obschon alle seine und seiner
Verlobten Plane früher eben darauf berechnet gewesen waren.
    Da er um Mittag zur Parade gehen musste, nahm er den Brief an Hildegard mit
sich, um nachzufragen, ob er nicht auf der Gesandtschaft eine Gelegenheit fände,
ihn schneller als durch die damals noch sehr langsam gehenden Posten zu
befördern, und als ihm dies gelungen war, sprach er noch in dem Collegium vor,
weil er den Abbé zu sehen und ihm zu sagen wünschte, wie wohltätig und
befreiend seine gestrigen Erklärungen auf ihn gewirkt hätten. Aber als er sich
nach demselben erkundigte, erhielt er den Bescheid, dass der Herr Abbé vor zwei
Stunden mit einem der anderen Herren aus dem Collegium abgereist sei. Auf die
Frage, wohin er gegangen wäre, ob man die Zeit seiner Wiederkehr bestimmen
könne, wusste der Diensttuende keinen Bescheid zu geben, und Renatus liess also
nur seine Karte mit einem Grusse und ein paar Dankesworten für den Abbé zurück,
welche diesem verständlich sein konnten, ohne einem Dritten irgend etwas
Ungewöhnliches zu sagen.
    An Hildegard denkend und dabei immer wieder auf Eleonore zurückgeführt,
tadelte er sich endlich, dass er sich nicht offener und freier gegen dieselbe
gestellt habe. Alles, was der Abbé von ihr behauptet, das gab Renatus auch jetzt
noch zu, hatte mehr oder weniger seine Richtigkeit; aber darin schien der Abbé
ihm Unrecht zu tun, dass er der Gräfin ihre eigentliche Wesenheit zum Vorwurfe
machte, dass er nicht anerkannte, wie eine solche Natur sich auf ihre Weise mit
der Welt und mit dem Leben abzufinden habe. Es ist sein Stand, es ist seine
Ehelosigkeit, sagte sich Renatus, die unseren Abbé so streng machen, und es
gefiel ihm, dass er sich eines nachsichtigeren Urteils über die Gräfin bewusst
war. Wenn eine Frau wie diese mehr für die Freundschaft als für die Liebe
geschaffen schien, so hatte man, nach des jungen Freiherrn Ansicht, diese
Eigenschaften, die sie besass, zu schätzen, hatte man anzunehmen, was sie zu
bieten gewillt war, ihr zu leisten, was sie begehrte, und der Abbé am wenigsten
durfte sich über Eleonore, wie sie nun einmal war, beschweren.
    Renatus war sich nie so ehrlich wie eben jetzt des gewaltigen Eindruckes
bewusst gewesen, den Eleonore auf ihn gemacht hatte. Er gestand es sich jetzt
offen ein, dass es hauptsächlich sie gewesen sei, die ihn an Paris gefesselt und
ihm den Gedanken an seine Heimat und an seine Braut beängstigend gemacht habe.
Nun er aber zur Besinnung und zu sich und den eigentlichen Bedingungen seines
Daseins zurückgekehrt war, meinte er es eben einer Eleonore auch schuldig zu
sein, ihr frei und unumwunden seine Freundschaft anzutragen. Er wollte ihr
Vertrauen gewinnen, indem er ihr das seinige voll und ganz gewährte. Sie sollte
wissen, wie nahe er daran gewesen war, um ihretwillen sich und seinen Pflichten,
ja, seiner Ehre untreu zu werden; und da seit gestern auf dem Boden seiner neu
gefassten guten Vorsätze das Bild seiner Braut wieder lebendig in ihm emporstieg,
so dass es sich ihm in dem Schimmer der Sehnsucht und der Erinnerung immer mehr
verklärte, so tauchte gleichzeitig auch das Verlangen in ihm empor, die beiden
Jungfrauen, welche ihm als die Ideale ihres Geschlechtes, als die beiden
weiblichen Wesen erschienen waren, denen er sich in Liebe und Freundschaft
hinzugeben wünschte, einander nahe zu bringen und wo möglich durch seine
Vermittlung zu verbinden.
 
                              Dreizehntes Capitel
Voll von den angenehmsten Vorstellungen, überzeugt, dass Eleonore und Hildegard,
wenn sie Freundinnen werden könnten, die segensreichste Wirkung auf einander
üben müssten, und entschlossen, gleich heute, wenn Eleonore von dem Balle
heimgekehrt sein würde, eine Unterredung mit ihr zu suchen, langte Renatus in
dem Palaste der Herzogin an, und das Erste, womit der Türsteher ihn empfing,
war die Botschaft, dass die Gräfin ihn zu sprechen wünsche. Das überraschte ihn,
denn er hatte die Damen noch auf dem Feste vermutet. Man sagte ihm, dass die
Herzogin sich nicht wohl gefühlt und deshalb den Ball verlassen habe, und von
dieser Kunde wie von dem Wunsche der Gräfin angetrieben, eilte er die Treppe
hinauf und liess sich bei derselben melden.
    Er fand Eleonore allein in ihrem Zimmer. Sie hatte ein loses, weites
Morgengewand angelegt, ihr Haar, von dem man die Krone und die Blumen abgenommen
hatte, war noch nicht völlig wieder geordnet. Sie sah in hohem Grade erregt aus,
und Renatus, der dies mit dem Erkranken der Herzogin in Verbindung brachte,
fragte in lebhafter Teilnahme: Wie geht es der Herzogin, wie befindet sie sich?
    Gut, gut! entgegnete Eleonore in einer Weise, die den Freiherrn erschreckte,
denn es lag etwas völlig Verstörtes in der Hast und in dem Tone, in denen sie zu
ihm sprach, - gut, aber davon ist nicht die Rede! - und vor Renatus hintretend,
indem sie beide Hände fest gegen ihre Brust presste, sagte sie, während ihre
Wangen glühten und ihre Augen funkelten: Herr von Arten, ich befinde mich in
einer Lage, in der sich wohl nicht leicht eine Frau wie ich vor mir befunden
hat! Meine Ehre, meine ganze Zukunft stehen auf dem Spiele - ich bin verloren,
wenn Sie mich nicht erretten!
    Renatus traute seinen Sinnen nicht. Die Angst der Gräfin erfasste auch ihn.
Er glaubte sie von Wahnsinn ergriffen, wie er sie also vor sich sah, und das
Entsetzen darüber drohte auch ihn zu verwirren. Reden Sie, reden Sie! Was ist
geschehen, Gräfin? rief er beklommen aus - was kann, was soll ich tun?
    Sie müssen mich heiraten! stiess Eleonore hervor, und sie erbleichte, als
sie das Erschrecken des Freiherrn sah.
    Die Ueberzeugung, dass er eine Geisteskranke vor sich habe, stand in dem
Augenblicke in Renatus fest. Er wusste nicht, was er sagen, was er denken sollte,
und unwillkürlich darauf bedacht, sich der Unseligen zu bemächtigen, ergriff er
ihre Hände und sprach so ruhig, als er es vermochte: Setzen Sie Sich, teure
Gräfin, Sie sind sehr erschüttert - setzen Sie Sich nur, dann..
    Eleonore lachte hell auf. Sie halten mich für wahnsinnig, und in der Tat,
es ist danach angetan, mich wahnsinnig zu machen - aber noch habe ich meinen
Verstand, noch bin ich ich selbst, noch habe ich den festen Glauben, dass Ihre
Freundschaft mein Erretter sein wird, dass Sie mich nicht zur Lügnerin werden
lassen - und auf meinen Knieen will ich's Ihnen danken!
    Der Vorgang wie der Zustand der Gräfin wurden Renatus immer rätselhafter,
und gemartert, wie er sie gemartert sah, rief er: Sprechen Sie, oh, sprechen
Sie, damit ich nur erfahre, was geschehen ist!
    Eleonore hatte ihre Hände frei gemacht und strich mit hastiger Bewegung ihr
Haar zurück, das aufgegangen und ihr weit um Stirn und Leib herabgefallen war.
    Sie kennen, hob sie mit gewaltsamer Selbstbeherrschung zu sprechen an, Sie
kennen die Absicht meiner Tante, mich mit ihrem Sohne, dem Prinzen Polydor, zu
verbinden! Sie wissen, dass ich die Herzogin und ihren
herrschsüchtig-heuchlerischen Charakter verabscheue, dass ich um keinen Preis die
Bande noch zu verstärken wünschen kann, die mich ihr verbinden, und Sie wissen
auch, dass es mich nicht gelüstet, die Gattin des Prinzen, eines Mannes zu
werden, der mein Vater sein könnte und dessen Ruf als Muster eines Edelmannes
sich zum Teil auf eine Reihe von Abenteuern gründet, die ihn mir verächtlich
machen!
    Sie hielt inne, ihre Aufregung versetzte ihr den Atem. Ich habe die
persönlichen Bewerbungen des Prinzen, die Vorstellungen meiner Tante nie
beachtet, und ich war berechtigt, dies zu tun, denn ich bin volljährig und Herr
meiner Person und meines Besitzes! Aber was man auf geradem Wege von mir nicht
zu erringen vermochte, das hoffte man mit List mir abzugewinnen! - Und wieder
hielt die Gräfin inne. Dann sagte sie: Heute, auf dem Balle, trat der König an
mich heran. Man hatte ihn, ich wusste es, dazu zu überreden vermocht, dem Prinzen
meine Hand zuzusagen, als ob derselbe ein Anrecht an mich besässe, oder als ob
ich eine der Untertaninnen, eine Sklavin dieses Königs wäre, die ihm blindlings
zu gehorchen hat! Mit einem sehr gnädigen Scherze legte der König meine Hand in
die des Prinzen, gab er dem Prinzen Urlaub, sich mit mir auf seine Güter
zurückzuziehen, und ...
    Und? fragte Renatus, und was dann?
    Ich war ausser mir! nahm Eleonore mit wiederkehrender Heftigkeit das Wort.
Aller Augen waren auf mich gerichtet! Ich sah das mir verhasste Lächeln auf des
Prinzen Lippen, ich sah die Zufriedenheit in den Augen der Herzogin! Ich sollte
ihre Zufriedenheit mit dem Unglücke meines ganzen Lebens erkaufen - das ging
über meine Kräfte! Ich zog meine Hand zurück, ich sagte: ich bin nicht frei! -
Ich weiss nicht, warum die Empörung mich keinen andern Ausweg finden liess, wie
das Erschrecken mich vergessen machen konnte, dass Niemand ein Recht hat, über
mich zu bestimmen, als ich selbst! Und als der König dann zu wissen forderte,
was mich binde, da - da - nannte ich Sie!
    Sie brach plötzlich ab und schöpfte Atem, als sei es ihr leichter, nun sie
das Wort gesprochen hatte.
    Renatus trat von ihr zurück. Mich, fragte er, Sie nannten mich?
    Seine Betroffenheit konnte ihr nicht entgehen, ihr alter Stolz entzündete
sich an derselben. Mich dünkt, sagte sie, es ist keine Unehre für Sie, wenn ich
vor dem Könige und dem ganzen versammelten Hofe Sie, Herr von Arten, als den
Mann bezeichnete, dem ich meine Zukunft anvertrauen will und den ich mir
erwählte! -
    Völlig vergessend, wie sie es als ein nicht zu verzeihendes Unrecht
anerkannt hatte, dass man ohne ihre Zustimmung über sie hatte entscheiden wollen,
hatte sie in Bezug auf den Freiherrn das Nämliche getan, und ihre Worte machten
das Uebel ärger. Renatus war einen Augenblick ohne jede Fassung. Es war ihm, als
würde er auf einem Rade wild umher getrieben, dass er nicht wusste, was er
erlebte, was er dachte. Das schönste Weib, welches seine Augen je gesehen, eine
Frau, um deren Gunst die ausgezeichnetsten Männer sich bis jetzt vergebens
beworben hatten, trug sich ihm an. Er brauchte nur Ein Wort zu sprechen, und er
nannte Eleonoren mit ihrem ganzen fürstlichen Besitze sein. Indes sein
Mannesgefühl lehnte sich gegen ihre Gewaltsamkeit auf. Er konnte es ihr nicht
vergeben, dass sie ihn vor dem Könige und vor dem Hofe in eine Angelegenheit
verwickelt hatte, in der er sie blosszustellen, oder sich einer übelwilligen
Beurteilung Preis zu geben gezwungen war, und wie unheilvoll ihre Lage, wie
beklagenswert sie ihn auch dünkte, konnte er doch nichts tun, sie aus dem
Wirrsale zu befreien, in das ihre vorschnelle Entschlossenheit sie gestürzt
hatte. So verging eine ganze Zeit. Immer noch stand er sprachlos vor ihr, aber
jede Secunde längeren Schweigens änderte sein Empfinden und seine Gedanken. Was
ihn zuerst als eine Gewalttätigkeit bedünkt, gegen die er sich zu wahren hatte,
erschien ihm bald darauf als ein Zeichen des Vertrauens, auf das er stolz sein
müsse und dem von seiner Seite bisher nicht entsprochen zu haben er sich bitter
vorwarf. Wie hatte die Gräfin ahnen können, dass er gebunden war? Wie anders
würde diese Stunde für ihn geschlagen haben, wäre er frei gewesen, hätte er
Eleonoren zu Füssen sinken und ihr danken dürfen, dass sie ihm vertraute! Eben
erst hatte er ihr zürnen zu müssen geglaubt, nun sagte er sich, dass sie Grund
habe, ihm zu zürnen, und wie er in ihr schönes, bleiches Antlitz sah, dessen
mächtige Augen mit angstvoller Frage an ihm hingen, da hielt er sich nicht
länger, und von einem Schmerze überwältigt, den er sich nicht zu erklären wagte,
rief er: Eleonore, Sie und mich habe ich betrogen und elend gemacht! Aber ich
bin elender, als Sie - denn ich verliere Sie, und Sie werden mich verachten!
    Ihre Arme sanken schlaff herab. Sie sind vermählt? sprach sie klanglos.
    Er schüttelte verneinend das Haupt. Nein, nein! rief er, aber ich habe mich
seit Jahren meiner Jugendgespielin, der Gräfin Rhoden, anverlobt!
    Ihr Blick blieb lange auf ihm haften, als wolle sie zu verstehen suchen, wie
eben er sie habe täuschen können. Gebrochen, wie sie sich fühlte, fühlte auch
Renatus sich. Sie schwiegen beide, bis Eleonore endlich fast tonlos die Frage
hinwarf: Ich habe Sie seit zwei Jahren meinen Freund genannt - was bewog Sie,
mir Ihre Verlobung zu verschweigen?
    Es lag etwas Furchtbares in der Ruhe, mit welcher sie zu ihm redete. Er
hörte es an ihrem Tone, er las es in ihren Mienen, dass sie mit ihrem ganzen
Schicksal abgeschlossen habe, dass sie nur noch zu verstehen trachte, wie Alles
eben so gekommen sei, und weil er sich ihre offenbare Verzweiflung nicht anders
zu erklären wusste, drängte sich ihm der Glaube auf, Eleonore liebe ihn, um
seinetwillen habe sie die Hand des Prinzen ausgeschlagen, und sein Geständnis
sei es, das sie also beuge. Das überwältigte ihn, und als zerrisse ein Schleier
vor seinen Augen, als sähe er sich zum ersten Male im vollen Lichte der
Wahrheit, so dass es ihn zwinge, auch völlig wahr gegen sich und Andere zu sein,
flehte er: Hören Sie mich, Eleonore! Sie sollen Alles wissen - alles, alles, was
ich mir selber nicht einzugestehen wagte. Ja, ich bin verlobt - aber diese
Verlobung war eine Uebereilung, war ein Irrtum, den ich oft bereute! Ich war
kaum aus dem Vaterhause, kaum aus der Aufsicht meines Erziehers gekommen, ich
kannte die Welt, mich selbst noch nicht! Je älter ich wurde, je länger ich von
meiner Braut entfernt war, je mehr erblasste ihr Bild in meiner Erinnerung, und
seit ich Sie sah, Eleonore, seit ich Sie kennen lernte .... Er brach plötzlich
ab, überwand sich aber und sagte nach kurzem Schweigen: Meine Braut ahnte,
fühlte, dass ich für sie erkaltet war, ihre Briefe peinigten mich, ich suchte sie
zu vergessen, um nicht in dem Glücke gestört zu werden, das ich in Ihrer Nähe
fand und das, wie ich meinte, nicht lange dauern konnte. Ihnen, der
Selbstgewissen, hätte ich es am wenigsten gestehen mögen, dass ich leichtsinnig
über mein Leben entschieden hatte! Ich schämte mich vor Ihnen meiner
Unbesonnenheit, so oft ich Ihnen davon sprechen wollte, ja selbst wenn je
zuweilen der Gedanke in mir rege wurde, jenes Band zu lösen und an Ihr Urteil
mich zu wenden, ob ich es lösen dürfe, sagte ich mir, dass Sie den Mann nicht
achten könnten, der erst von Ihnen sich sagen lassen müsse, ob er verpflichtet
sei, das Wort zu halten, mit welchem er eines edlen Mädchens Leben an sich
gekettet, mit dem er ihm seine Zukunft verpfändet habe!
    Eleonore setzte sich nieder und stützte ihre Stirn gegen die
zusammengeballte Hand. Renatus stand vor ihr und sah mit unbeschreiblichem
Schmerze auf sie nieder. Da sie sich nicht regte, fing er noch einmal zu
sprechen an. Er schilderte ihr, wie eine zufällige Unterhaltung, die er gestern
mit dem Abbé gehabt und in welcher dieser das Glück der Ehe und der Häuslichkeit
gepriesen, ihm das Herz erweicht, wie er seit langer Zeit zum ersten Male
wirklich wieder mit Neigung an seine Braut gedacht, wie er ihr dies heute
geschrieben, ihr die Empfindung eingestanden habe, die er für Eleonore gehegt,
wie er seiner Verlobten eben heute zugesagt, seine Heimkehr nicht länger zu
verzögern, seine Verheiratung mit ihr nicht weiter hinauszuschieben.
    Mit Einem Male fiel Eleonore ihm in das Wort: Und der Abbé? fragte sie in
höchster Spannung - und der Abbé, wusste er, dass Sie gebunden sind?
    Es wusste hier Niemand darum, und auch in meiner Heimat ist meine Verlobung
nicht öffentlich ausgesprochen, denn ich war sie, ehe ich in's Feld zog, ohne
dass mein Vater darum wusste, eingegangen!
    Eleonore hatte nur die ersten Worte seiner Entgegnung beobachtet. Es war das
Einzige, was sie wissen musste, was für sie noch wichtig war. Als sie das
vernommen hatte, versank sie wieder in ihr früheres Brüten. Die Stille konnte
Renatus nicht ertragen.
    Er trat an sie heran, ergriff ihre herabhängende Rechte und, vor ihr
niederknieend, bat er: Sprechen Sie zu mir, Eleonore! Sagen Sie mir, was soll
ich tun?
    Müssen Sie mich das erst fragen? entgegnete sie ihm.
    Er hatte keine andere Antwort von ihr erwartet; aber es gibt Lebenslagen, in
denen man es leichter findet, sein Urteil von einem Andern, als von dem eigenen
Bewusstsein sprechen zu lassen, und die seinige war eine solche. Es war
vergebens, dass er sich sagte, wie ein geteiltes Herz, wie die Hand eines
Mannes, die er einem Weibe widerstrebend reiche, dieses nicht glücklich machen
könnten! Er hatte sein Wort verpfändet, er war ein Edelmann und hatte dieses
Wort zu halten, was auch daraus für ihn selber werden und entstehen konnte! Es
hatte kein Arten je sein Wort gebrochen!
    Er erhob sich und trat an das Fenster. Den Kopf gegen die kalten Scheiben
gepresst, liess er seinen schmerzlichen Gedanken freien Lauf. Er grollte sich, er
grollte Hildegard, er grollte der Welt und dem Leben. So blieb er eine Weile
stehen, bis Eleonore ihn beim Namen rief. Er blickte um sich, sie stand an
seiner Seite, der Schein der untergehenden Sonne umfloss sie mit seinem matten
Lichte. Sie sah sehr ermüdet, sehr verändert aus.
    Wir haben eine schwere Stunde mit einander durchlebt, sagte sie, und deshalb
werden wir einander nicht vergessen! Ich habe Sie um Vergebung zu bitten für
mein Tun, ich hatte kein Recht, keinen Anspruch an Sie, es war ein Wahnsinn,
der mich erfasst hatte, als ich über Sie verfügte - und ich allein werde die
übeln Folgen davon tragen! Wohl Ihnen, dass Sie gebunden sind, dass Sie Sich nicht
verpflichtet glauben können, meine Vermessenheit mit dem Schilde Ihres Namens,
Ihrer Ehre zu bedecken!
    Eleonore, um Gottes willen schweigen Sie, demütigen Sie mich nicht! flehte
er und die Tränen traten ihm in die Augen.
    Nein, entgegnete sie, Sie sind, wenn auch erst in der letzten Stunde, wahr
gegen mich gewesen - ich schulde Ihnen das Gleiche! Ich liebe Sie nicht, habe
Sie nie geliebt und würde Sie nur geheiratet haben, um ....
    Sie stand auf dem Punkte, ihm die volle Wahrheit zu bekennen, aber da sie
dieselbe aussprechen wollte, hielten die Scham des Herzens und die Besorgnis,
dass sie gegen die Absichten des Geliebten handeln, dass sie ihn benachteiligen
könne, wenn sie ihr Geheimnis dem Freiherrn verriete, sie davon zurück. - Ich
hätte Sie nur geheiratet, sagte sie mit dem Anscheine der vollen Wahrheit, um
einer mir verhassten Ehe zu entgehen! Das wäre kein Glück für Sie gewesen,
sicherlich kein Glück!
    Renatus biss die Lippen zusammen, die Qual schien kein Ende nehmen zu sollen.
    Und was haben Sie zu tun beschlossen? fragte er endlich, da die Sonne
herabsank und der frühe Abend anbrach.
    Ich verlasse Paris noch diese Nacht - ich bin durch des Königs Wort dazu
genötigt! Es lüstet mich auch nicht, vor dem Hofe als - als eine Lügnerin da zu
stehen!
    Ihre Züge zuckten bei den Worten wie in einem Krampfe, sie hatte Not, sich
zu behaupten, sie konnte nicht gleich weiter sprechen.
    Kann ich denn nichts, gar nichts für Sie sein, nichts für Sie tun? fragte
Renatus.
    Ja, gehen Sie zu dem Abbé, sagen Sie ihm, dass ich ihn zu sprechen wünsche,
gleich jetzt zu sprechen wünsche!
    Der Abbé ist verreist! wendete Renatus ein.
    Nein, nein, unmöglich! rief Eleonore.
    Renatus sagte, dass er selber in dem Collegium gewesen sei, selber dort den
Bescheid von der Abwesenheit ihres gemeinsamen Freundes erhalten habe.
    Eleonore schellte mit leidenschaftlicher Erregung. Ist kein Brief für mich
gekommen? fragte sie den eintretenden Diener.
    Eben jetzt hat man diesen hier gebracht, erhielt sie zur Antwort. Sie nahm
das Schreiben von dem silbernen Teller, auf dem man es ihr überreichte, und
eilte damit an das Fenster. Es war noch hell genug, die wenigen Zeilen lesen zu
können.
    »Eine Weisung meiner Vorgesetzten,« lauteten sie, »zwingt mich, für einige
Wochen die Hauptstadt zu verlassen. Sie kann mich möglicher Weise zu einer
längeren Entfernung nötigen. Welche Entscheidung Sie auch treffen, teure
Gräfin, denken Sie, dass meine sorglichsten Wünsche, meine Gebete für Ihre
Erleuchtung und für Ihren Frieden Sie immer und überall begleiten.«
    Und er sagt mir nicht, wohin er geht! rief sie, während die lange
zurückgehaltenen Tränen ihr über die Wangen rollten. Er sagt mir nicht, wohin
er geht! wiederholte sie im Tone des bittersten Schmerzes, und ohne auf Renatus
noch zu achten, verliess sie mit raschem Schritte das Gemach.
 
                              Vierzehntes Capitel
Vierundzwanzig Stunden nach dieser Unterredung waren die grossen äusseren Türen
des herzoglichen Palastes, die gastlich offen standen, wenn die Herrschaft
anwesend war, geschlossen. Die Dienerschaft zog an den Fenstern, welche nach dem
vorderen Hofe gelegen und zum Teil in den oberen Stockwerken von der Strasse aus
sichtbar waren, die Gardinen zu und liess die hölzernen Vorhänge herunter. In dem
stillen, nach dem Garten hinaussehenden Schlafzimmer der Herzogin wachte man an
dem Lager der Greisin, deren feste Natur diesem Stosse sich doch nicht gewachsen
gezeigt hatte. Der Arzt, den man herbeigerufen, als die Herzogin vom Hofe
gekommen war, hatte ihren Anfall für einen Herzkrampf, ihren Zustand bei ihren
hohen Jahren für sehr bedenklich erklärt. Es konnte von ihrer Abreise die Rede
nicht sein, obschon sie darauf bestand, dem Könige auch in dem Befehle, den er
ihr im Zorne gegeben hatte, pünktlich zu gehorsamen. Man musste also auf ihre
Anordnung dem Palais wenigstens das Ansehen geben, als habe sie es verlassen,
und selbst ihrem alten Freunde und dem Prinzen, die gekommen waren, nach ihr zu
fragen, verweigerte man auf ihren ausdrücklichen Befehl den Zutritt zu ihr. Sie
mochte sich in der Ungnade, die sie getroffen hatte, von Niemandem sehen, von
Niemandem beklagen lassen. Sie versagte Anfangs sogar, Arzenei und Speise zu
nehmen; man war übel mit ihr daran.
    Eleonore war mit Tagesanbruch abgereist. Sie hatte noch an dem verwichenen
Abende einen Pass für sich und ihre Bedienung gefordert, und da der englische
Gesandte, ein Freund ihrer verstorbenen Mutter, von dem Vorgange im Schloss
Zeuge gewesen war, hatte er sich selbst noch zu ihr begeben und ihr seine
Dienste angeboten, falls sie irgend eines Rates oder Schutzes bedürftig sei. Er
hatte sich bei der Gelegenheit die Frage erlaubt, ob ihr Verlobter ihr bald nach
England folgen werde, ob sie ihn später nach Deutschland zu begleiten gedenke,
und gleich unfähig, sich der Unwahrheit anzuklagen, wie eine Äusserung zu tun,
die ein falsches Licht auf Renatus werfen konnte, hatte sie dem Gesandten ohne
alle Erläuterung erklärt, dass von einer Verbindung zwischen ihr und dem
Freiherrn nicht mehr die Rede sei. Das hatte ihre Lage noch verschlimmert, und
nicht nur in den Sälen des Faubourg Saint Germain, sondern auch in den Kreisen,
die dem Hofe nahe standen, boten die Ungnade, in welche die Herzogin von Duras
gefallen war, und die Verweisung der bis dahin so gefeierten Gräfin Haughton in
den nächsten Tagen und Wochen den Gegenstand der Unterhaltung, den Stoff für die
abenteuerlichsten Vermutungen dar.
    Renatus spielte in denselben bald diese, bald jene Rolle. Die Einen
behaupteten, die Gräfin habe in Bezug auf ihn Entdeckungen gemacht, die ihm zur
Unehre gereicht und sie bewogen hätten, ihre Verlobung mit ihm zu lösen; Andere
wollten wissen, dass der Freiherr hinter einen Liebeshandel der Gräfin gekommen
sei, dem er habe zum Deckmantel dienen sollen, und die Zahl derjenigen, welche
diese Meinung aufrecht erhielten, wuchs mit jedem Tage. Man sprach davon, dass
sie seit ihrer Kindheit einen Sohn ihrer Amme, dem man eine gewisse Erziehung
gegeben hatte, zu ihrem Diener gehabt habe. Man erinnerte sich, dass derselbe ein
schöner Mensch gewesen sei, dass die Gräfin ihn immer mit Auszeichnung behandelt
und ihn auch jetzt wieder mit sich genommen habe, obschon eben in diesem
Augenblicke ein älterer Diener eine passendere Begleitung für sie gewesen sein
würde. Wenn gegen solche Gerüchte sich auch die Stimme der Personen, die
Eleonoren nahe gestanden hatten, mit Entschiedenheit und mit Entrüstung
auflehnte, so gingen doch manche üble Andeutungen über sie durch die Presse in
die Oeffentlichkeit über, und es waren, sonderbar genug, gerade die frömmsten
Matronen, die vornehmen Frauen, welche denselben geistlichen Berater mit der
Herzogin hatten, von denen jene böswilligen Gerüchte ihren Ausgang hatten und
ihre Bestätigung erhielten.
    Der Abbé von Montmerie ward bei diesem Anlasse nur in so fern genannt, als
man sich wunderte, wie ein Mann von seiner Menschenkenntnis sich über den wahren
Wert und über die Bedeutung eines jungen Frauenzimmers wie die Gräfin so völlig
habe täuschen können. Als man des Ereignisses einmal zufällig selbst vor dem
Erzbischof erwähnte, meinte derselbe, dass gerade der hohe und nur auf das Grosse
gerichtete Sinn des Abbé's das Geringe am leichtesten habe übersehen können und
dass eine so erhabene Seele wie die seinige am wenigsten dazu geneigt gewesen
sei, das Unedle in Anderen vorauszusetzen. Er beklagte den Abbé wegen dieser
übeln Erfahrung, freute sich, dass derselbe eben jetzt zufällig von Paris
entfernt sei und dass es ihm also erspart werde, ein ohnmächtiger Zuschauer bei
so schmerzlichen Ereignissen in dem ihm eng befreundeten Hause zu werden, und
als die Anwesenden dem Herrn Erzbischof in dem günstigen Urteile über den Abbé
von Herzen beistimmten, als die Frauen sich sammt und sonders mit tugendhafter
Entrüstung gegen Eleonore erhoben, forderte das milde Herz des Kirchenfürsten
Nachsicht auch für die Verirrte. Er gab es zu bedenken, dass die Gräfin in einem
unruhigen Reiseleben erzogen sei und dass ihr die Stütze gefehlt habe, welche
jeder Mensch nur in dem Anlehnen an die Kirche und ihre ihn überwachende Gewalt
mit Sicherheit zu finden vermöge. Das räumte man ihm willig ein. Einem Mädchen,
das unter der Aufsicht frommer Nonnen im Kloster erzogen worden, einem Mädchen,
dem der Rat und die Aufsicht eines gewissenhaften Beichtigers zur Seite
gestanden, hätten solche Abenteuer nicht begegnen können. Man entschuldigte
endlich Eleonore mit einem niederdrückenden Mitleid und man begann gleichzeitig,
die Herzogin zu tadeln, die, nur auf weltliche Vorteile für sich und ihre
Freunde bedacht, es verabsäumt hatte, ihre Nichte auf den Weg des Heils und in
die Arme der Kirche zu führen.
    Renatus hatte von all diesen Gerüchten einen empfindlichen Rückschlag zu
erleiden. Er sah sich von seinen Bekannten und Umgangsgenossen mit einer mehr
oder weniger verhehlten Neugier betrachtet, die Näherstehenden wagten
vorsichtige Fragen, um, wie sie behaupteten, den an sie von allen Ecken und
Enden gestellten Erkundigungen entsprechen zu können, und die Verwirrung seines
Gemütes machte ihm die Nadelstiche, die ihm fortwährend zu Teil werdenden
kleinen Verletzungen und Kränkungen nur empfindlicher, ihn nur ungeduldiger in
ihrer Abwehr. Alles, was sich bis dahin ganz von selbst für ihn zurecht gelegt,
ihn ganz natürlich gedünkt hatte, wurde ihm nun plötzlich zu einem Gegenstande,
der reifliche Erwägung forderte. Es war zu bedenken, ob er in dem Palais der
Herzogin bleiben könne, bleiben solle, zu bedenken, ob es geratener sei, Paris
zu verlassen, die Gesellschaft zu meiden und dem Uebelwollen das Feld zu räumen,
oder sich zu behaupten und zu versuchen, in wie weit es möglich sei, auch
Eleonoren dabei nützlich zu werden. Und bei dem allem lag ihm die Besorgnis, dass
man seine Ehre antaste, ohne dass er das Geringste tun könne, dies zu hindern,
schwer auf der Seele.
    Hier und da stiess er auf Fragen, auf Andeutungen, die sein Blut zum Sieden
brachten; mehrmals stand er auf dem Punkte, die vorsichtig Zudringlichen, wie es
sich nach seinen edelmännischen und militärischen Begriffen gebührte, zu
blutiger Rechenschaft zu ziehen, aber die Besonnenen unter seinen Genossen und
Kameraden wussten die Zerwürfnisse beizulegen und ihn zu beschwichtigen, indem
man ihn daran mahnte, dass der Ruf der Gräfin durch jedes neue Aufsehen neuen
Gefahren ausgesetzt sei, und dass in dem Verhältnisse, in welchem die preussischen
Truppen sich in Paris befänden, für den Chef derselben nichts ungelegener kommen
könne, als ein Duell unter seinen Offizieren, oder gar das Duell eines seiner
Offiziere mit einem zum Hofe gehörenden Franzosen.
    Trotz ihrer Krankheit verlangte die Herzogin es auch ganz ausdrücklich, dass
ihr junger Gast unter ihrem Dache bleiben solle. Sie liess es ihn durch den Arzt
wissen, dass es ihr beruhigend sei, einen ihr befreundeten Menschen in ihrer Nähe
zu haben, für den die Ungunst ihres Königs kein Grund sein könne, sich von ihr
zurückzuziehen, und dem sie keinen Nachteil zuzufügen fürchten müsse, wenn er
sich ihr anhänglich erweise. Mit zitternder Hand schrieb sie ihm an einem der
folgenden Tage, dass sie ihn noch zu sehen hoffe, ehe sie vom Dasein scheide, und
da die Freude an der schönen Form in ihr nur mit dem Leben selbst erlöschen
konnte, fügte sie den zwei Zeilen am Schlusse die Wendung zu: da sein Vater ihr
in Leid und Sorge seine Hand gereicht, so habe der Himmel wohl die Hand des
Sohnes auserwählt, ihr die müden Augen zuzuschliessen.
    Renatus blieb also in ihrem Hause. Von Seiten seiner Freunde und
Vorgesetzten sah man dies gern. Es liess ihn schuldlos an dem Geschehenen
erscheinen, und er selber war zu reinen Sinnes, um es der Herzogin zuzutrauen,
dass sie ihn gerade deshalb und eben nur aus Rache gegen Eleonore bei sich
festzuhalten suchte.
    Wenige Tage nach der Abreise der Gräfin, als Renatus sich eines Abends zu
Hause und einsam in seinem Zimmer befand, ward der Abbé ihm angemeldet.
    Er sagte, dass er eben erst angekommen sei, dass er eben erst mit höchster
Bestürzung das Geschehene erfahren habe. Mit mehr Lebhaftigkeit, als er seinem
Ausdrucke sonst zu geben pflegte, beklagte er es, dass er nicht im Stande gewesen
sei, dem Rufe der Gräfin zu folgen. Er beurteilte sie weit weniger streng, als
in seiner letzten Unterredung mit dem Freiherrn, versicherte, dass er ihr gleich
heute schreiben werde, und billigte es durchaus, dass Renatus in der Nähe der
Herzogin geblieben sei. Dann liess er sich bei dieser anmelden und wurde von ihr
trotz der späten Abendstunde angenommen.
    Von dem Tage ab kehrte er regelmässig am Morgen und am Abende wieder, und der
Arzt tat keinen Einspruch dagegen. Das Uebel der Kranken stellte sich als ein
unheilbares heraus und machte raschen Fortschritt. Man gönnte ihr also jede
Erquickung und Zerstreuung, deren sie begehrte. Der Abbé kam und ging. Er hatte
es vor Niemandem Hehl, dass er an einer Aussöhnung der Herzogin mit ihrer Nichte
arbeite; er hatte sogar verschiedene Zusammenkünfte mit dem alten Fürsten von
Chimay, den er in das Interesse zu ziehen suchte. So lange man auf die
Verbindung Eleonorens und des Prinzen Polydor gerechnet hatte, war es zwischen
den Beteiligten als selbstverständlich angesehen worden, dass Eleonore die Erbin
der Herzogin wurde und dass auf diesem Umwege der Prinz zu dem Besitze des
Vermögens gelangte, welches die Herzogin ihm zuzuwenden wünschte. Jetzt wollte
sie ihrer Nichte natürlich diese Vorteile entziehen, und der Fürst seinerseits
wünschte sie zur Abfassung eines Testamentes zu Gunsten seines Sohnes zu
veranlassen; aber wider sein Erwarten stiess er auf ein Widerstreben bei der
Herzogin.
    Ihr Beichtvater, welcher auf den Wunsch ihres alten Freundes mit ihr zuerst
von dieser Angelegenheit gesprochen, hatte eben dadurch ihr Misstrauen erregt,
und es hatte kaum einer Mühe für den Abbé bedurft, um die Herzogin zur
Mitteilung ihrer Sorgen und Bedenken zu veranlassen. Sie nannte es eine
unbegreifliche Härte, dass man von ihr mit der Erbeinsetzung des Prinzen Polydor
ein Zugeständnis fordere, welches sie zu machen durch ihr ganzes Leben
vorsichtig vermieden habe.
    Da mir das Loos gefallen ist, mit meines Königs Ungnade belastet von der
Welt zu scheiden, sagte sie, wäre es ein Verbrechen gegen mich selbst, wenn ich
meine Hand in meinen letzten Stunden noch selbstmörderisch an meinen Ruf und an
meine Ehre legen sollte! - Und der Abbé bestärkte sie in dieser Ansicht.
    Er behauptete gegen den alten Fürsten wie gegen den Prinzen Polydor, in
deren engstes Vertrauen er sich auf diese Weise plötzlich gezogen fand, dass man
die Empfindungen der Sterbenden zu ehren und zu schonen habe, und als des Hin-
und Herredens und des Verhandelns kein Ende werden wollte, tat er endlich einen
Vorschlag, auf den Niemand zuvor verfallen war.
    Er schilderte dem Prinzen die üble Lage, in welche die Gräfin sich versetzt
hatte, spielte darauf an, dass in dem Wappen der Fürsten von Chimay sich ein
gefesseltes Weib befinde, weil der erste Chimay seinen Adel durch eine an einer
Jungfrau geübte grossmütige Tat errungen habe, und er riet dem Prinzen, dem
Beispiele seines Ahnherrn Folge zu leisten.
    Glück und Unglück haben verschiedene Massstäbe, erzeugen verschiedene
Ansichten, sagte er. Was man in der Fülle des Glückes, in voller, freier
Sicherheit zurückweist, das ersehnt man in der Stunde der Gefahr. Er behauptete
zu wissen, dass nicht wirkliche Abneigung gegen den Prinzen, sondern nur die
eigensinnige Auflehnung der Gräfin gegen das, was sie als eine List der Herzogin
bezeichnete, den ganzen beklagenswerten Vorfall veranlasst habe. Er sprach den
Glauben aus, dass es eben jetzt in der Macht des Prinzen stehe, von der
Dankbarkeit und Achtung der Gräfin zu erlangen, was seine Liebe bisher vergebens
von ihr erbeten hatte. Er schlug dem Prinzen vor, sich schriftlich gegen die
Herzogin zu Eleonorens Gunsten auszusprechen, ihr zu erklären, wie er an dem
Charakteradel und der hohen Sinnesreinheit Eleonorens keinen Zweifel hege, und
wie er es beklage, wenn seine liebende Ungeduld vielleicht mit dazu beigetragen
haben sollte, die unheilvolle Vermittlung Seiner Majestät heraufzubeschwören.
Schliesslich aber gab der Abbé den beiden Fürsten zu bedenken, dass es eine grosse,
eine schöne Handlung sei, wenn ein Mann mit dem Schilde seiner unbefleckten Ehre
sich eines Mädchens wie die Gräfin annehme, und wie es völlig unmöglich sei, dass
ein solches Mädchen der Grossmut des sie beschützenden Mannes dauernd
widerstehen könne. Er kam immer darauf zurück, dass für den Prinzen Alles zu
gewinnen oder Alles zu verlieren sei, und dass derselbe der Herzogin seine
Anhänglichkeit besser nicht beweisen könne, als indem er, gleichviel, ob auf
geradem Wege oder auf einem Umwege, ihr zur Verwirklichung ihrer Absichten und
Wünsche behülflich werde.
    Darüber verlief eine Reihe von Tagen, und Renatus hatte gerade sein
Urlaubspatent erhalten, als man ihn in der Nacht weckte, weil die Herzogin zu
sterben glaube und ihr Testament zu machen vorhabe, bei dem sie der Zeugen nicht
entbehren könne.
    Es war eine grosse Aufregung im Hause; man hatte in den Corridoren und auf
der Treppe die Lampen in Eile angezündet, das Portal war offen. Fast
gleichzeitig fuhren die beiden Wagen der Herzogin in dasselbe ein. Sie hatte die
Prinzen von Chimay, Vater und Sohn, und ihren Beichtiger zu sehen verlangt, und
man hatte sich beeilt, sie herbeizuholen. Der Notar und der Arzt waren schon vor
ihnen angelangt; Renatus fand sie alle um die Sterbende versammelt.
    Die Herzogin sass, von ihren Frauen unterstützt, trotz ihrer Schwäche
hochaufgerichtet auf ihrem Lager. Obschon das Haupt ihr müde herabsank, sahen
doch ihre scharfen Augen noch fest umher, und sie hatte für Jeden ein Wort, ein
Zeichen des Bemerkens, wie in ihren guten Tagen.
    Als sie alle diejenigen beisammen fand, die sie hatte rufen lassen, ersuchte
sie den Notar, den Anwesenden das Testament vorzulesen, wie er es nach ihren
Anordnungen niedergeschrieben hatte. Sie hörte, weil die Brust ihr sehr gepresst
war, nur wenig danach hin, während er das Formular vorlas, aber sie richtete mit
Anstrengung ihr Haupt in die Höhe, und ihr Auge ging von dem greisen Fürsten zu
dem Prinzen und von diesem zu dessen Vater zurück, als der Notar die Worte
aussprach:
    »Auf den Wunsch und die Fürbitte meiner beiden werten Freunde, des Fürsten
August Philipp von Chimay und seines Sohnes, des Prinzen Philipp Polydor von
Chimay, vermache ich meinen ganzen Besitz, er mag Namen haben, welchen er wolle,
an meine Nichte, Eleonore Corinna Marquise von Lauzun, Gräfin von Haughton,
unter der Voraussicht, dass sie sich meinem Wunsche und dem Befehle Seiner
Majestät des Königs in Gehorsam fügen und den Prinzen Polydor, nachdem sie ihren
Irrglauben abgeschworen und sich dem alleinseligmachenden Glauben überantwortet
hat, in Anerkennung seines verzeihenden Herzens und seiner grossmütigen und
edelmännischen Gesinnung, zu ihrem Gatten wählen werde. Sollte sie sich dessen
weigern, sollte sie mir die Genugtuung versagen, die ich von ihr zu erwarten
berechtigt bin und welche die letzte ist, die ich noch hienieden erhoffen kann,
so will ich, allem Irdischen mich abwendend, nur auf das Heil meiner
unsterblichen Seele bedacht sein. Von dem Tage ab, an welchem man die Wappen des
Hauses Lauzun-Duras auf meiner Ruhestätte in der Kirche zu Vaudricourt, an der
Seite meines vielgeliebten Gatten, des verstorbenen Herrn Herzogs Moriz Alibert
Chlodwig von Duras, befestigen wird, sollen, sofern die Gräfin Haughton die Hand
des Fürsten Polydor nicht annimmt, die frommen Väter des Jesuiten-Klosters zu
Malanche die alleinigen Erben meines ganzen Vermögens und Besitzes werden, damit
mein Andenken in Liebe und Verehrung auf der Erde erhalten bleibe und meiner
armen Seele die Gebete und die erlösenden Fürbitten nicht fehlen mögen, auf
welche ich in dem Falle von meiner Nichte, der Gräfin Haughton, nicht zu rechnen
haben würde.«
    Der Notar hielt inne. Er las danach den Schluss des Formulars, man reichte
der Herzogin die Feder hin, hielt einen Leuchter so in die Höhe, dass sie sehen
und schreiben konnte, ohne von dem Lichte geblendet zu werden, und erwartete,
dass sie jetzt unterzeichnen würde. Aber sie zögerte, es zu tun.
    Langsam und prüfend blickte sie den Prinzen, blickte sie den Fürsten noch
einmal an. Keiner von beiden, man konnte es in ihren Mienen lesen, hatte diesen
Schluss des Testaments erwartet. Auch der Beichtvater der Herzogin zeigte sich
überrascht; auf eine Wendung des Testamentes, die Alles von der Entscheidung der
Gräfin abhängig werden liess, hatte er nicht gerechnet.
    Es war todtenstill im Zimmer. Renatus, der auf der linken Seite des Lagers
der Herzogin zunächst stand, meinte in ihren erstarrenden Zügen plötzlich noch
einmal jenes überlegene sarkastische Lächeln zu gewahren, vor dem er als Knabe
Scheu getragen hatte und das ihm immer unheimlich geblieben war.
    Die Herzogin atmete immer schwerer. Wie betrübt sie sind! sagte sie kaum
hörbar. Wie betrübt sie Alle sind! Mein Tod macht Niemanden froh, und sie werden
Alle, Alle lange an mich denken! - Die Feder, die Feder! - Licht, schnell das
Licht! rief sie mit letzter, plötzlicher Kraftanstrengung, und die Hand mit
Gewalt fest auf das Papier auflegend, dass sich ihre Schwäche nicht verriet,
unterzeichnete sie mit klaren Buchstaben ihren vollen Namen. Dann liess sie die
Feder fallen, ihr Haupt sank ihr zurück, und ehe noch die Zeugen ihre Namen
unter das Testament geschrieben hatten, war die Herzogin gestorben.
    Jeder von ihnen hatte seine besonderen Rückerinnerungen bei dem Tode dieser
Frau. Eine halbe Stunde später war das Zimmer verlassen. Der Notar traf die
nötigen gerichtlichen Massregeln, die herrenlose Dienerschaft ging ihrem
Belieben nach.
    Am Hofe vernahm man die Kunde von dem Tode der Herzogin ohne besondere
Teilnahme und ohne irgend ein Erstaunen. Man fand es natürlich, dass des Königs
Ungnade ihr das Herz gebrochen hatte. Als aber der Monarch, im Angedenken alter
Freundschaft, den Befehl gab, dass sein Wagen den Leichenzug der Herzogin
eröffnen solle, folgten der Hof und die zu ihm gehörende Gesellschaft dieser
Anweisung, und die Herzogin wurde mit allen Ehren ihres Standes zur Ruhe
bestattet.
 
                              Fünfzehntes Capitel
Niedergeschlagen wie Einer, den ein schweres Unglück betroffen hat, sass Renatus
in dem Reisewagen, der ihn von Paris entfernte. Als er vor vier Jahren inmitten
eines begeisterten Heeres, von Gefecht zu Gefecht, von Schlacht zu Schlacht
siegreich fortschreitend, durch diese Gegenden zog, war ihm anders zu Sinne
gewesen. Aus der Fremde nach der Heimat gehend, kam er sich wie ein Verbannter,
wie ein Flüchtling vor. Er war ohne jede bestimmte Hoffnung und völlig
unentschlossen, wie er seine Zukunft zu gestalten habe. Er war unzufrieden mit
sich, unzufrieden mit seinen Verhältnissen, unsicher in seinen Ueberzeugungen,
und sein Gewissen war beschwert.
    Wenn er sich vorhielt, dass er nach Hause zurückkehre, um sein Wort gegen
Hildegard zu lösen, schien es ihm unnatürlich, dass er zu dieser ging, die seiner
nicht bedurfte, statt Eleonoren nachzueilen, die ihn, oder doch in jedem Falle
den Beistand eines Freundes nötig haben musste. Wenn er sich sagte, dass es Zeit
sei, sich an die Ordnung seiner Vermögensverhältnisse zu machen, wozu Paul ihn
immer dringender ermahnte, überkam ihn die drückende Einsicht, wie er von diesen
Dingen nichts verstehe, und die Abneigung gegen den persönlichen Verkehr mit
Paul verminderte dieses Unbehagen nicht. Wohin er seine Gedanken richtete,
überall stiess er auf Dinge, die ihn beunruhigten.
    Der Aufentalt in Paris war ihm verleidet und peinlich geworden, in Berlin
erwarteten ihn lästige Erörterungen und Geschäfte, denen er sich nicht gewachsen
wusste, während ihm die Möglichkeit vorschwebte, dass die Gerüchte, welche auf
seine Kosten in Paris in Umlauf gewesen waren, ebenso nach Berlin gelangt sein
konnten; und die Missverständnisse und Zerwürfnisse zwischen seiner Braut und
seiner Stiefmutter, mit deren Schilderung man ihn aus der Ferne schon behelligt
hatte, versprachen auch nicht, ihm den Aufentalt in Richten zu erleichtern oder
zu verschönern. Wenn er sich das alles aber bis zur Ermüdung vorgehalten hatte,
dann bemächtigte sich seiner immer wieder die Erinnerung an Eleonore, um ihn
vollends unglücklich zu machen.
    In dieser Verfassung langte er an einem der letzten Tage des Februar in der
Hauptstadt seines Vaterlandes an. Es war gegen den Abend hin und noch sehr kalt.
Bis man seinen Wagen abpackte, seine Koffer öffnete, verging eine geraume Zeit,
und als er eine Mahlzeit eingenommen und sich umgekleidet hatte, war es vollends
spät geworden.
    Nahezu sechs Jahre waren vergangen, seit er Berlin verlassen hatte. Damals
war die Stadt voll von Franzosen gewesen, und er selber war, ihren Fahnen
folgend, für Napoleon in den Kampf gezogen, für denselben Kaiser, der jetzt, ein
zum zweiten Male Niedergeworfener, auf dem einsamen Felsen-Eilande inmitten des
Weltmeeres in harter Gefangenschaft seine Tage hinschwinden sah. Jetzt
herrschten Ruhe und Friede in dem Lande, das Geschlecht der Hohenzollern sass
wieder in voller Sicherheit auf seinem Trone, und doch wollte es Renatus, als
er, von seinem Gastofe kommend, durch die Strassen ging, bedünken, als sei es
sonst belebter und lustiger in denselben gewesen.
    Berlin erschien ihm traurig, kleinstädtisch und leer. Das schnell flutende
Leben des glänzenden Paris hatte den Massstab verändert, nach welchem der
Freiherr die Dinge mass, und mehr noch, als der Ort, kam er selber sich
verwandelt vor. Wo waren all die Wünsche und Hoffnungen, wo war die schöne,
schmerzliche Sehnsucht, wo war die ganze innere Zuversicht geblieben, mit
welcher er an jenem hellen, kalten Mittage an seines Onkels Haus vorüber in den
russischen Krieg gezogen war?
    Als er, von seinem Gastofe ausgehend, an das Schauspielhaus kam, sah er aus
alter Gewohnheit nach den Fenstern eines Eckhauses hinauf. Einer seiner liebsten
Kameraden hatte dort gewohnt. Der fröhliche Gesell war in einem der ersten
Gefechte des Freiheitskrieges gefallen; auch sein Vetter, der Renatus diesen
Todesfall gemeldet hatte, war ein Opfer des Krieges geworden. Der Bruder lebte
noch und stand bei einem der in Berlin garnisonirenden Regimenter; aber er hatte
sich verheiratet und Renatus es versäumt, sich um seine Wohnung zu erkundigen.
Er dachte an diesen und jenen von seinen früheren Bekannten, ohne zu wissen, ob
sie in der Stadt und wo sie anzutreffen wären. Das liess ihn nur noch deutlicher
merken, wie lange er entfernt gewesen sei, wie fremd er in Berlin geworden war,
und diese Einsicht, verbunden mit jener Scheu, welche man, wenn man mit sich
selbst nicht einig ist, vor jeder Erörterung über sich und seine Zustände
empfindet, machte ihn vor dem Zusammentreffen mit den Personen zurückschrecken,
die zu sehen er eigentlich gekommen war. Wäre er seiner Stimmung gefolgt, hätte
er einen Zauberstab besessen, er wäre in demselben Augenblicke davongegangen.
Aber wohin? Es blühten ihm an keinem Orte Freuden.
    Unbehaglich, ohne eine bestimmte Absicht, ging er in den Strassen vorwärts.
Endlich fing er an, sich seines Zustandes zu schämen, und wie einer, der lange
zaudernd vor dem kalten Wasser steht, bis er sich mit gewaltsamem Entschlusse
kopfüber hineinstürzt, so schlug Renatus mit Einem Male seinen Weg nach dem
Hause ein, welches einst das Wappen seines Geschlechtes über dem Portale
getragen hatte.
    Als er in die Strasse kam, in welcher es gelegen war, und in die Nähe des
Hauses selbst, fand er Alles sehr verändert. Der gartenartige Hof, der das Haus
nach der Strasse und zu beiden Seiten umgeben hatte, war verschwunden, das
Eisengitter gegen die Strasse hin war abgerissen, rechts und links waren ein paar
stattliche Wohnhäuser entstanden, und Renatus sah an den Wagen, die vor dem
ehemaligen Arten'schen Hause hielten, an dem Diener, der den ankommenden Gästen
die Türe des Hauses mit Beflissenheit öffnete, wie an der Reihe der
hellerleuchteten Fenster im ersten Stockwerke, dass man irgend ein Festgelage in
demselben begehen müsse. Er blieb einen Augenblick stehen und blickte hinauf.
Ein paar Leute aus dem Volke, ein paar arme Kinder standen ebenfalls still und
betrachteten die Aussteigenden. Er hatte eine äusserst unangenehme Empfindung,
als er sich also einsam, in solcher Gesellschaft vor dem Hause seiner Väter
umhergehend fand, und obschon er sich einen Vorwurf daraus machte, konnte er
sich nicht überwinden, eben jetzt seine Karte bei dem Hauswart abzugeben und
sagen zu lassen, dass er morgen in den Vormittagsstunden vorsprechen werde.
    Unentschlossen, wohin er sich wenden solle, kehrte er nach den Linden
zurück, und weil ihm die Aussicht, den Abend einsam in der Stube seines
Gastofes zuzubringen, unerträglich fiel, beschloss er, seinen Oheim aufzusuchen,
obschon dieser im Grunde der Letzte war, den wiederzusehen er Verlangen trug.
Aber Renatus war in einer Verfassung, in welcher jede Unterhaltung, jede
Gesellschaft ihm willkommener war, als des Alleinsein mit den eigenen Gedanken,
und er war endlich wirklich froh, er kam sich wie geborgen vor, als er auf seine
Anfrage den Bescheid erhielt, dass der Graf zu Hause sei, sich freilich nicht
ganz wohl befinde, aber sehr erfreut sein werde, den Herrn Baron zu empfangen.
Es war noch die Wohnung, noch die etwas prunkende Einrichtung, die der Graf zur
Zeit des russischen Feldzuges gehabt hatte; indes es war mit beiden doch eine
Veränderung vorgenommen worden, und am meisten hatte der Graf selbst sich
verändert. Wie er sich einst geflissentlich aus einem preussischen Offizier in
einen Napoleonisten verwandelt, so hatte er sich jetzt wieder in das Deutsche
zurück übersetzt, und er gefiel Renatus in dieser Gestalt gleich bei dem ersten
Anblicke besser, obschon er in dem Zeitraume, in welchem sie einander nicht
gesehen, verhältnissmässig sehr gealtert hatte. Sein Haar, das er vor Jahren in
der dicken französischen Locke bis tief auf die Stirn herabhängen lassen, war am
Vorderhaupte und an den Schläfen weit zurückgewichen und dünn geworden. Man
konnte noch nicht sagen, dass er kahl sei, aber die Stirn war bedenklich hoch,
und wenn sein von Natur feines Antlitz dadurch auch noch nicht entstellt ward,
so veränderte es seinen Ausdruck doch. Dazu war er magerer geworden, erschien
also noch grösser, und die weissen Hände, die aus dem weiten seidenen Schlafrocke
auf das sorgfältigste gepflegt hervorsahn, hatten nicht mehr den eisenfesten
Druck, der sonst den Ankommenden zu begrüssen pflegte.
    Die Bilder der französischen Kaiserfamilie, welche einst an den Wänden des
Wohnzimmers hingen, waren entfernt, sie hatten ein paar guten Bildern von des
Grafen Eltern Platz machen müssen. An der Stelle des antik gehaltenen
französischen Canapee's stand ein grosses, weiches Sopha, und einige Lehn- und
Ruhestühle zeigten, dass der Besitzer dieses Raumes es sich behaglich zu machen
liebe und verstehe.
    Als Renatus eintrat, streckte der Graf ihm die Hände entgegen und sagte: Es
ist, auf Ehre, um einen Menschen abergläubisch zu machen. Ein Glück kommt nie
allein! Heute Morgen habe ich da die Anzeige erhalten, dass Seine Majestät der
König mir eine grosse Gnade, dass er mir - der Graf hob ein mit grossem Siegel
versehenes Blatt empor - dass er mir den Orden verliehen, den unser Vater auch
getragen hat, und jetzt kommt der einzige Sohn unserer Angelika, kommst Du,
alter Junge, uns in die Heimat zurück! Nun, willkommen zu Hause, herzlich
willkommen! - Einen Sessel für den Herrn Baron - Du siehst vortrefflich aus -
aber ganz vortrefflich! Nimm Platz, Renatus, nimm Platz! Wie wird die gute
Hildegard sich freuen!
    Er hatte das alles rasch hinter einander gesprochen, ohne seinem Neffen Zeit
zu einer Unterbrechung zu lassen. Dann warf er sich auf das Sopha, hüstelte
leise, wickelte sich wieder fest in seinen Schlafrock ein, zog die Beine auf das
Lager und sagte, während der alte Diener ihm eine Decke über die Füsse legte:
Verzeihe, mein Bester, aber wenn man die erste Jugend hinter sich, und sie, wie
es sich gebührt, genossen hat, muss man zum Dank für treu geleistete Dienste mit
seiner Gesundheit, seinem Körper rücksichtsvoll und freundlich umgehen, um sich
die zweite Jugend möglichst lange zu erhalten. Ich dorlottire mich ein wenig,
wie Du siehst, aber ich befinde mich wohl dabei. Wie findest Du mich aussehen?
    Renatus versicherte ihm, dass er sich sehr gut erhalten habe; der Graf nahm
das mit Wohlgefallen auf.
    Du wirst auch, wenn Du nach Berka kommst, den Onkel Felix sehr munter
finden. Die Feldzüge haben ihm entschieden gutgetan. Er hat das ganze Haus voll
Kinder, schöne Kinder! Ich war zu Weihnachten mit den Rhoden's dort, denn -
Hildegard wird Dir das ja wohl geschrieben haben - es war Deine Schwiegermutter,
der ich den gegenwärtigen engen Zusammenhang mit den Meinigen verdanke. Ich
hatte früher wenig Familiensinn, aber ich habe das selbst nicht geglaubt, der
Familiensinn findet sich wirklich mit den Jahren.
    Er war ganz ausschliesslich mit sich und seinen Angelegenheiten beschäftigt.
Er erzählte, wie er während der Freiheitskriege durch die Gräfin Rhoden, die er
jetzt immer nur die Cousine nannte, mit der Prinzessin in nähere Beziehung
gekommen sei, wie diese ihn dem Könige empfohlen und ihm dann auch neuerdings
die Verleihung jenes Ordens erwirkt hätte, der, in ferner Zeit, als Lohn für
besondere Tugend und Selbstverläugnung gestiftet, jetzt zu einer Auszeichnung
für den Adel geworden war.
    Es ist eine schöne Decoration, sagte er, auf das Kästchen weisend, in
welchem der Orden vor ihm lag, und man musste doch endlich auch etwas für mich
tun! In das Militär zurückzutreten, fühlte ich keine Neigung mehr, und eine
Anerkennung war man mir für die mannigfachen und oft recht peinlichen und
drückenden Vermittlungen, die ich während der Franzosenherrschaft über mich
genommen hatte, allerdings wohl schuldig. Du glaubst nicht, wie viel Uebles ich
verhütet, wie oft ich durch meine Kenntnis der Personen und der Verhältnisse
recht arge und bedenkliche Zusammenstösse verhindert habe, und ich hätte
vielleicht sehr recht daran getan, wie die Prinzessin mir es vorschlug, eines
der zu vergebenden grossen Consulate anzunehmen, um mir auf diesem Wege den
Uebergang in die diplomatische Laufbahn zu bereiten. - Aber was willst Du? Ich
bin bequem geworden. Ich hänge an meiner Wohnung, an meinen Gewohnheiten, meinen
Freunden - ich bin ohne Ehrgeiz! Tout bonnement ein alter Junggeselle, der sich
von seinen Freunden verbrauchen lässt. Und ich versichere Dich, sie machen sich
das zu Nutze! Alle, alle sammt und sonders, selbst Deine Hildegard, die ein
Juwel von einem Mädchen ist! So klug, so umsichtig, ein wahrer Schatz! Wir sind
grosse Freunde, nun, sie hat Dir's ja geschrieben!
    Er unterbrach sich endlich selbst, da die Verwunderung des Freiherrn diesen
lange nicht zum Sprechen kommen liess; denn Renatus traute seinen Ohren nicht.
Wie mussten die Zeiten und die Zustände sich hier geändert haben, wenn man den
Grafen für Handlungen belohnen konnte, die ihm einst den gerechten Zorn seiner
ganzen Familie und die Missachtung aller rechtschaffenen Vaterlandsfreunde
zugezogen hatten! Wie sicher musste der Graf sich fühlen, dass er auf gar keine
mögliche Einwendung von Seiten seines Neffen mehr Bedacht zu nehmen nötig fand.
Und was war es mit dem Ordenswesen überhaupt, wenn ein Gerhard von Berka den
Orden erhalten und zu tragen sich unterfangen konnte, der als ein Zeichen
besonderer Sinnesreinheit nur dem Adel verliehen werden durfte? Alles, was er
hörte und vernahm, war dazu angetan, den Heimgekehrten zu überraschen, denn
weit mehr noch als alle diese Tatsachen setzten die Zustände ihn in
Verwunderung, aus denen heraus sie einzig möglich geworden sein konnten.
    Dazu berührte die Weise, in welcher der Graf bei jedem Anlasse Hildegardens
Lob aussprach, den Freiherrn nicht angenehm. Er meinte überall herauszufühlen,
dass der Onkel das Vertrauen seiner Braut mehr, als es nötig sei, besitze. Es
klang ihm im weiteren Verlaufe der Unterhaltung, als müsse Hildegard sich sogar
über ihn, über sein langes Ausbleiben, ja, über seine Beziehungen zu der
Herzogin und zu Eleonoren gegen den Onkel klagend ausgesprochen haben, denn der
Eifer, mit welchem Graf Gerhard das Deutschtum auf Kosten des Franzosentums,
und die edeln Eigenschaften einer deutschen Jungfrau über alle Reize der
Ausländerinnen erhob, klangen in seinem Munde so unberechtigt, dass er, bei
seinem Scharfsinn und bei seiner Klugheit, notwendig eine bestimmte Absicht
haben musste, um eine solche Ungeschickteit zu begehen.
    Weil Renatus endlich von der Bewunderung seiner Verlobten, zu der er nicht
geneigt war, abzukommen wünschte und weil er der in jedem Augenblicke drohenden
direkten Frage nach seinem Erleben und wohl gar nach Eleonoren ausweichen
wollte, brachte er die Rede auf seine Geschäfte. Er sagte, dass er eben nur so
lange in Berlin zu bleiben vorhabe, als dieselben es erheischen würden,
erwähnte, dass er schon heute zu Tremann habe gehen wollen, dass die Auffahrt
einer Gesellschaft ihn aber davon zurückgehalten und dass er morgen gleich in der
Frühe sich zu ihm zu begeben denke.
    Der Graf liess sich das ruhig erzählen, schenkte sich und seinem Neffen
sorgfältig den Tee ein, welchen der Diener inzwischen aufgetragen hatte, wählte
mit Kennerblick für seinen Gast die besten Stücke der kalten Küche aus und
zeigte überhaupt alle jene kleinen Aufmerksamkeiten für ihn, durch welche eine
achtsame Hausfrau ihrem Besucher die Freude über seine Anwesenheit auszudrücken
liebt.
    Renatus rühmte dies dankbar, der Graf nannte es scherzend seine
Hagestolzenkünste, und das brachte Jenen auf die Frage, ob der Onkel seine
frühere Haushälterin, die Kriegsrätin, noch bei sich habe.
    Der Graf verneinte es. Ich habe sie schon vor drei Jahren fortgeschickt,
sagte er. Sie war eine vortreffliche Köchin, überhaupt eine brauchbare Person,
aber Eine Kunst ging ihr völlig ab: sie verstand nicht, alt zu werden. Sie wurde
eine lächerliche Figur, und eine solche in meinem Vorzimmer zu haben, konnte mir
nicht passen.
    Sie kamen dann wieder auf Tremann zu sprechen, und Graf Gerhard meinte, es
sei ihm unbegreiflich gewesen, wie Renatus eben ihn zu seinem Bevollmächtigten
habe wählen mögen. Auf die Frage, ob der Graf denn Gründe habe, Tremann zu
misstrauen, versetzte er: Und welche Gründe hast Du, ihm zu vertrauen?
    Es entstand eine kleine Pause, ehe der Graf mit dem Ausspruche wieder das
Wort nahm, dass er für sein Teil überhaupt keinem Kaufmanne vertraue, und dem
tätigen, dem unternehmenden am wenigsten. Der Besitz, sagte er mit einer jener
hochtönenden Phrasen, welche der müssige Übermut so leicht erlernt, der Besitz
ist für diese Art von Leuten nicht das zu schonende Feld, der zu pflegende Baum,
von dessen Frucht und Ernte sie leben wollen, ruhig leben wollen. Nicht der
Besitz erfreut sie, sondern der Erwerb. Das Jagen nach demselben, die rastlose
Arbeit ist ihr eigentlicher Genuss. Sie schmieden sich an das ewig rollende Rad
des wechselnden Glückes; und jene widerwärtige Spannung zwischen Gewinn und
Verlust, die einem gebildeten Geiste wie die Marter eines Ixion bedünken würde,
ist die Wollust solcher niedrig geborenen Naturen. Nimm Dich mit ihm in Acht!
    Auf unfertige Menschen macht jeder allgemein ausgesprochene Satz, vor Allem,
wenn er auf irgend etwas anwendbar ist, das mit ihren besonderen Verhältnissen
zusammenhängt, Anfangs immer einen bannenden Eindruck, und trotz seiner
achtundzwanzig Jahre und seines in der letzten Zeit so mannigfach bewegten
Lebens war Renatus in sich nicht freier, nicht von der leichten Bestimmbarkeit
geheilt worden, welche, als eine Folge seiner Erziehung, ihn immer unsicher über
sich selbst und zum Sklaven jeder fremden Meinung machte, die ihm mit Sicherheit
entgegentrat. Er hatte sich bisher etwas damit gewusst, dass er Paul zu seinem
Vertreter und Vertrauensmanne erwählt hatte. Es war auch alles, was derselbe bis
jetzt für ihn getan, soweit Renatus es aus der Ferne hatte übersehen und
beurteilen können, durchaus zufriedenstellend gewesen, so dass er in seinem
Inneren beständig auf den psychologischen Scharfblick stolz gewesen war, den er
bewiesen hatte. Jetzt aber kam plötzlich bei des Grafen Worten der böse Genius
aller schwachen Seelen, das Misstrauen gegen sich und Andere, über den jungen
Freiherrn, und sichtlich beunruhigt erkundigte er sich, wem die beiden Häuser
gehörten und wer sie errichtet hätte, die neben dem alten von Arten'schen Hause
emporgestiegen waren.
    Wer anders soll sie erbaut haben, als Tremann! entgegnete der Graf. Es war
eine Spekulation, die ihm, glaube ich, gut eingeschlagen ist, und es gibt kein
grosses Unternehmen irgend einer Art, in dem er nicht die Hände hätte. Wo er die
Capitalien dazu hernimmt, ist freilich nicht zu sagen.
    Ich denke, Flies war reich, wendete Renatus ein.
    Reich genug! Aber der Alte kannte seine Leute, lächelte der Graf. Nicht ein
Pfennig des Flies'schen Capitals ist in dem Geschäfte geblieben. Tremann muss
andere Quellen haben, und Du selbst hast ihm vielleicht mehr, als wir übersehen
können, damit genutzt, als Du ihm Deine Angelegenheiten überantwortet hast! Es
war das ein unbegreiflicher Einfall von Dir, und ich bekenne Dir, mein Lieber,
ich wusste nicht, was ich von Dir denken sollte! Mein Bruder Felix stand freilich
eben so wie Du im Felde. Aber war ich denn nicht da? Ich hatte in meiner
unfreiwilligen Musse mir ein gut Teil Geschäftskenntniss erworben, und abgesehen
davon, Bester, so wären, dünkt mich, Eure immerhin ein wenig delikaten
Familien-Angelegenheiten in Deines Onkels, in eines Edelmanns Händen besser, als
in denen dieses - dieses Tremann aufgehoben gewesen!
    Es ging Renatus, wie es ihm mit dem Grafen stets gegangen war. Er hatte eine
Abneigung, eine Scheu, ja, ein entschiedenes Misstrauen gegen ihn und fühlte sich
doch von ihm beherrscht. Sich dieser Herrschaft zu entziehen, oder doch
mindestens sich von dem Vorwurfe eines unbesonnenen Handelns zu befreien, den
der Graf ihm machte, überwand er sich so weit, demselben von seinem Abenteuer in
der Schlacht von Möckern und von der heldenmütigen Aufopferung zu sprechen, mit
welcher Tremann für ihn eingetreten war und ihm das Leben gerettet hatte.
    Der Graf liess ihn ruhig erzählen und berichten.
    Als er aber geendet hatte, schien der Graf ein spöttisches Lächeln länger
nicht verbergen zu können. Wie der Vater, sagte er - genau wie dein Vater!
Verzeihe mir, dass ich lachen muss! Ich glaube, es muss Eure Religion sein, die
Euch so gläubig für Zeichen und für Wunder macht! Es fehlt nur noch, dass Ihr,
wie Schiller's Wallenstein, Euch einen Astrologen haltet und patetisch Euer:
»Und dieses Pferdes Schnelligkeit entriss mich Bannier's verfolgenden Dragonern!«
deklamirt! Ich habe das Stück erst gestern mit angesehen - schade, dass Du nicht
dabei warst! Es hätte Dir eine Lehre von der Unfehlbarkeit der Zeichen und der
Wunder geben können. - Er hielt inne und sagte dann ernstaft und mit
achselzuckender Geringschätzung: Du tust wahrhaftig, lieber Junge, als ob solch
ein Dazwischenspringen im Gefechte etwas auf sich hätte! Bedenke doch nur, dass
dieser Tremann allen Grund hat, Dich und Dein Geschlecht zu hassen! Glaubst Du,
dass er nicht gern ein Herr von Arten-Richten wäre? Glaubst Du, dass diese Flies,
die ihn erzogen hat, sich seiner ohne ganz bestimmte Plane angenommen hätte?
Schon vor Jahren habe ich es Dir gesagt, sie hassen Dich und mich - und ich
verdenke ihnen das nicht im geringsten! Vielleicht machte ich es an ihrer Stelle
eben so. Aber daran halte fest, der Wahlspruch aller dieser Leute, aller sammt
und sonders, ist: »Stehe auf, damit ich mich setze!« - und wenn man sie nicht
niederwirft, sie nicht in ihre alten Schranken mit Entschiedenheit zurückdrängt,
so werden wir diese sogenannten Freiheitskriege einst noch gründlich zu
verwünschen haben!
    Er war aufgestanden, hatte die Serviette von sich geworfen und ging während
des Sprechens lebhaft in dem grossen Zimmer auf und nieder. Renatus war sehr
nachdenklich geworden. Alles, was er hier vernahm, bedrängte ihn, und mit der
schweren Besorgnis, dass er einen grossen Fehler begangen, dessen Folgen er zu
tragen haben werde, verliess er endlich den Grafen, der ihn aufgefordert hatte,
seinen Rat zu benutzen, wo und wie er es für nötig finden würde.
 
                              Sechszehntes Capitel
In Paul's Arbeitszimmer brannten in der Frühe des folgenden Morgens noch die
Lichter, denn es war nebelig draussen, und Paul war zeitig aufgestanden, um
einige Entwürfe und Rechnungen durchzusehen, die ihm von Dritten zur Prüfung
vorgelegt worden waren. Im Comptoir daneben war noch Alles still, auch von den
Seinigen wachte noch Niemand. Das Fest hatte lange gedauert; Seba bedurfte jetzt
bisweilen doch schon der Ruhe, Davide aber, die es sich sonst nicht nehmen liess,
ihrem Gatten das Frühstück zu bereiten und eine ruhige halbe Stunde mit ihm zu
haben, ehe die Geschäfte ihn beanspruchten, war durch den Knaben, den sie selbst
nährte, mehr als gewöhnlich wach erhalten worden und hatte sich von ihrem Manne
bereden lassen, sich dafür durch ein paar Stunden Schlaf am Morgen zu
entschädigen.
    Als es acht Uhr schlug und Paul eben die Lichter auslöschte, weil die Sonne
die Nebel zu durchdringen und durch die Aeste der prächtig bereiften Bäume
freundlich in sein Zimmer zu scheinen begann, meldete der Diener ihm, dass die
Dame, die schon gestern dagewesen und die er auf heute beschieden habe,
wiedergekommen sei. Paul befahl, sie einzulassen, und sich mit übertriebener
Demut tief verneigend, trat eine grosse, noch rüstige Frau in Trauerkleidern in
das Zimmer.
    Mit einer Handbewegung wies der Herr des Hauses ihr einen Stuhl in der Nähe
seines Schreibtisches an und fragte dann nach ihrem Begehren.
    Ich komme, sagte sie, Ihnen für all das Gute zu danken, das Sie, lieber Herr
Tremann, meinem geliebten seligen Manne bis an sein Lebensende erwiesen haben.
Dass er so sanft seine alten Tage beschliessen konnte, das dankte er ja Ihnen ganz
allein und noch auf seinem Todtenbette hat er ....
    Lassen Sie das, ich bitte, lassen Sie das! unterbrach sie Paul. Es hat mich
gefreut, den alten Mann ohne Sorgen zu wissen. Hat das Geld zu seiner Beerdigung
ausgereicht, das ich Ihnen gegeben habe?
    Beinahe, beinahe ganz, entgegnete die Trauernde; aber ich wollte nur sagen,
noch auf seinem Todtenbette hat der gute Weissenbach den Tag und die Stunde
gesegnet, in welcher der Herr Caplan Sie in unser Haus gebracht hat; und er hat
auch mich dafür gesegnet und mir es tausend Mal gedankt, dass ich ihn damals
überredete, Sie aufzunehmen, denn er hat es nicht gewollt - er hat es nicht
gewollt!
    Paul hatte sie dieses Mal zu Ende sprechen lassen; nun er schwieg, befand
sie sich offenbar in einer Verlegenheit, und er beeilte sich nicht, sie aus
derselben zu befreien. Die Kriegsrätin war ihm stets ein Gegenstand der
Abneigung gewesen, und ihr jetziges Auftreten war nicht dazu geeignet, diese
Abneigung zu vermindern. Der Graf hatte mit seinem Worte Recht gehabt: die
schöne Laura verstand es nicht, mit Anstand alt zu werden. Die dicken, falschen
Locken, die falschen Zähne, welche in herausfordernder Weisse aus dem stets
lächelnden Munde hervorsahn, die geschminkten Wangen und der schäbige und doch
auffallende Ausputz ihrer Trauerkleider machten sie lächerrlich, während ihre
schlecht erheuchelte Betrübnis sie Paul noch widerwärtiger erscheinen liess.
    Wünschen Sie noch etwas? fragte er; sonst bitte ich Sie, mir zu sagen, wie
viel Sie für das Begräbnis aus Ihrer Tasche hergegeben haben, damit ich es Ihnen
wiedererstatte, denn ich bin beschäftigt.
    Sie zog ein Taschenbuch aus dem grossen, schwarzen Sammet-Pompadour,
blätterte darin herum, nahm einen Bleistift zu Hülfe, rechnete eine Weile,
versicherte danach, dass sie im entferntesten nicht darauf gehofft hätte, dass
Herr Tremann ihr auch damit noch zu Hülfe kommen wolle, wie sie sich aber in
einer Lage befinde, in welcher sie benutzen müsse, was die Grossmut ihrer
gütigen Gönner für sie zu tun geneigt sei, und sie schloss endlich mit der
Antwort, dass sie fünf Taler und zwölf Groschen zu der Beerdigung zugeschossen
habe.
    Paul nahm einen Zehntalerschein aus seiner Kasse. Als die Kriegsrätin ihre
Börse hervorholte und Miene machte, nach dem Gelde zu suchen, welches sie
herauszugeben hatte, sagte er ihr, sie möge sich nicht bemühen, sondern den
Überschuss für etwaige noch nachträgliche Ausgaben behalten. Damit hoffte er,
indem er ihr ein Lebewohl bot, ihrer nun auch ledig zu sein. Indes sie erhob
sich zwar von ihrem Sitze, aber sie blieb nahe bei dem Pulte stehen, sah sich im
Zimmer mehrmals um, schien gehen und dann doch wieder nicht gehen zu wollen, so
dass Paul, obschon er das Erkünstelte in ihrem Betragen klar durchschaute, sich
doch veranlasst fand, sie zu fragen, was sie suche oder was sie sonst noch etwa
wolle und begehre.
    Was hätte ich hier zu suchen, rief sie mit einem Seufzer, oder was könnte
ich Anderes begehren, als Ihnen, mein verehrter Herr Tremann, meine Dankbarkeit
für alle Ihre Wohltaten an meinem lieben, seligen Weissenbach zu beweisen! Und
ich glaube, ich kann das, ich kann das wirklich, so wie ja die Maus auch dem
Löwen helfen konnte! - Sie sah sich nochmals in dem Zimmer um, trat dann an das
Pult heran und sprach: Ich weiss nicht, Herr Tremann, in wie weit Sie von der
Liebschaft unterrichtet sind, welche die Cousine und Pflegemutter Ihrer Frau
Gemahlin mit dem Grafen Gerhard von Berka seiner Zeit gehabt hat; aber ....
    Sie hielt inne, da Paul's finstere Miene ihr Scheu einflösste. Er liess sie
schweigend stehen, denn er war peinlicher berührt, als er es ihr zu zeigen für
nötig fand, und er ging mit sich zu Rate, ob er sie sprechen lassen oder sie
von sich weisen solle. Aber obgleich jedes ihrer Worte ihm durch den Ton und die
plötzliche Vertraulichkeit dieser Frau zu einer doppelten Kränkung wurde,
entschloss er sich endlich doch, sie anzuhören.
    Was bringt Sie dazu, mir die Frage vorzulegen, welche Sie an mich gerichtet
haben? fragte er sie.
    Meine Dankbarkeit, Herr Tremann, nur meine Dankbarkeit, und, setzte sie
hinzu, auch die alte Freundschaft für das Flies'sche Haus. Freilich hat Seba es
jetzt ganz vergessen, dass ich's gewesen bin, die sie zuerst unter die Menschen
und in die Gesellschaft gebracht hat, und dass ich ihre Manieren und ihre Haltung
formirte. Ich habe auch, was an mir gewesen ist ....
    Ich bin sehr beschäftigt, unterbrach sie Paul, dem die Weise der
Kriegsrätin immer unleidlicher werden musste, und der zu merken anfing, worauf
es abgesehen war. Ich bin sehr beschäftigt, haben Sie also die Güte, Sich an das
Wesentliche zu halten, Frau Kriegsrätin!
    Wie Sie wünschen, wie Sie wünschen! versicherte sie. Aber, Herr Tremann,
erlauben Sie mir nur zu meiner Rechtfertigung noch ein paar Worte. Sie sind ein
erfahrener Mann, Herr Tremann, und Sie haben gewiss die Frauen kennen gelernt.
Sie wissen, wie die Mädchen sind. Seba liess sich nicht abhalten, an den Herrn
Grafen zu schreiben, Brief auf Brief und Jahr und Tag. Das war sehr unrecht, und
ich sagte ihr immer ....
    Und diese Briefe? fragte Paul, der seine Ungeduld nur mühsam unterdrückte.
    Die Kriegsrätin schlug die Augen nieder. Diese Briefe besitze ich, sagte
sie.
    Sie besitzen diese Briefe - Sie? Wie kommen Sie dazu? fuhr Paul auf, dem das
Blut in die Wangen stieg, obschon er seiner Empörung und seinem Zorne Gewalt
antat. Wie kommen Sie, Frau Kriegsrätin, zu diesen Briefen?
    Sie machte eine Bewegung mit beiden Händen, als wolle sie andeuten, sie
könne sich dessen kaum erinnern. Ich fand mich, Sie wissen es ja, Herr Tremann,
als mein armer, guter Weissenbach seiner Versuchung unterlegen war, genötigt,
mir mein Brod zu suchen. Da nahm Graf Berka mich als Haushälterin, und ich kann
sagen, als eine Freundin in sein Haus, und ....
    Und er, Graf Berka, also ist's, der Ihnen diese Briefe übergeben hat? fragte
Paul bestimmt.
    Die Kriegsrätin schlug voll Demut ihre Blicke nieder. Der Herr Graf hatte
keine Geheimnisse vor mir, sagte sie. Er wusste, dass man mir vertrauen könne,
und, fügte sie hinzu, dächte ich nicht, dass ich nicht mehr jung bin, dass der
Herr mich abberufen und diese Briefe dann einmal in unbedachte Hände fallen
könnten, so hätte ich gegen Sie, Herr Tremann, und gegen Niemanden dieser
Angelegenheit erwähnt. Aber Mademoiselle Flies hat mich nicht vorgelassen; hat,
als ich ihr geschrieben, meinen Brief zurückgeschickt - was sollte ich da
machen?
    Paul's Verachtung gegen die Kriegsrätin, seine Verachtung gegen den Grafen,
der solche Briefe aufbewahren und sie, wenn man das wenigst Schlimme von ihm
denken wollte, so schlecht aufbewahren konnte, dass sie einer Person wie dieser
in die Hände fallen mochten, schwellten die Adern auf seiner Stirn.
    Wo sind die Briefe? fragte er kurz und kalt.
    Die Kriegsrätin brachte aus ihrem Pompadour ein ansehnliches Packet Papiere
hervor, das mit einer Schnur über Kreuz zusammengebunden war.
    Hier, sagte sie; aber sie reichte sie Paul nicht hin, sondern hielt sie
fest, als fürchte sie, dass sie ihr entrissen werden könnten.
    Sind das die Briefe alle, welche Graf Berka von Mademoiselle Flies erhalten
hat?
    Alle, so viel ich weiss.
    Paul ging mit sich zu Rate; die Kriegsrätin verwandte kein Auge von ihm.
    Was verlangen Sie für diese Briefe? fragte er darauf.
    Die Kriegsrätin liess einen Ausruf der Entrüstung hören. Sie beteuerte, dass
es ihr nur darauf angekommen sei, dem Wohltäter ihres Gatten ihre gute und
anhängliche Gesinnung zu bezeigen, um wo möglich seine Geneigteit und das
Zutrauen, das er doch einst zu ihr gehabt habe, wieder zu erlangen. Sie brachte
es endlich bis zu der unter Tränen getanen Erklärung, dass sie, die Kinderlose,
sich immer der Hoffnung hingegeben habe, sich in ihrem Pfleglinge einen Sohn zu
erziehen; aber Seba habe sie durch ihr Dazwischentreten auch um dieses Glück
gebracht, und sie würde in ihren Herzensergüssen kein Ende gefunden haben, hätte
Paul sie nicht noch einmal mit der nackten Frage unterbrochen, was sie für die
Briefe fordere.
    Ihren Beistand - weiter nichts! rief die Kriegsrätin, sich die Augen
trocknend.
    Paul schüttelte verneinend das Haupt. Ich bin nicht gewohnt, solche Wechsel
in Blanco auszustellen. Nennen Sie die Summe.
    Sie haben für meinen Mann so viel getan ....
    Täuschen Sie Sich nicht, Frau Kriegsrätin, ich bin nicht im entferntesten
gesonnen, auch nur irgendwie ein Aehnliches für Sie zu tun! bedeutete er ihr.
    Aber, hob sie noch einmal an, wenn ich diese Briefe ....
    Da hielt sich Paul nicht länger. Wenn Sie die Unwürdigkeit begehen sollten,
von diesen Briefen irgend einen Gebrauch zu machen, der Mademoiselle Flies
verletzen könnte, so würde ich zunächst den Grafen Gerhard fragen, auf welche
Weise Sie in den Besitz derselben gelangt sind! sagte er.
    So wahr Gott lebt, ich habe sie von ihm selbst! rief die Kriegsrätin
erschrocken aus.
    Dann behalten Sie sie; aber ich mache von dieser Stunde ab den Grafen
verantwortlich für jeden Missbrauch, den Sie mit denselben treiben! Und nun,
Adieu, Frau Kriegsrätin! - Er drehte ihr den Rücken und wollte das Zimmer
verlassen.
    Darauf jedoch hatte sie es nicht abgesehen. Sie trat rasch hinzu, legte die
Briefe auf sein Pult und sagte: Sie misstrauen mir, Herr Tremann; aber wie
unrecht Sie mir auch tun, ich will es Ihnen nicht vergelten. Da sind die
Briefe! Seba soll sehen, ob ich ihre Freundin war und bin. Da sind die Briefe -
alle! Tun Sie nun, was Ihnen von Ihrem Herzen und von Ihrer Generosität geboten
wird.
    Sie blieb stehen. Paul nahm eine Feder in die Hand. Was denken Sie jetzt zu
unternehmen, da Ihr Mann gestorben ist?
    Der Herr Graf hat mir schon längst dazu verhelfen wollen, dass ich eine
Concession erhielte, möblirte Zimmer zu vermieten; aber um das anzufangen, um
die Möbel anzuschaffen ....
    Brauchen Sie Geld, natürlich! Wie gross ist die Summe, deren Sie zu bedürfen
glauben?
    Ich habe mir das oftmals ausgerechnet; dreihundertfünfzig Taler wären doch
das Wenigste - das Allerwenigste! meinte sie.
    Paul fand diese Summe viel zu hoch. Nach einigen kurzen Erklärungen wurden
sie jedoch des Handels einig. Er liess sich von ihr einen Schein unterschreiben,
dass sie ihm gegen die von ihm empfangene Summe sämmtliche in ihrem Besitze
gewesenen Briefe Seba's an den Grafen Berka ausgehändigt habe, so dass, falls
noch jemals derartige Briefe zum Vorschein kommen sollten, sie als Fälschung
anzusehen wären. Und nachdem die Kriegsrätin sich noch verpflichtet hatte, sich
niemals mehr, weder schriftlich noch mündlich, an Seba zu wenden, zahlte er
selbst ihr die bedungene Summe aus und entliess sie, froh, sich ihrer endlich
entledigen zu können.
    Als er allein war, sah er die von der Kriegsrätin nach ihrem Datum
geordneten Briefe noch einmal flüchtig an. Die vergilbten Blätter rührten ihn.
Er dachte all der trügerischen Hoffnungen, all der verzweifelnden Leidenschaft,
mit denen sie geschrieben worden waren, aber er hätte ein Heiligtum zu
entweihen geglaubt, hätte er gelesen, was nicht für ihn bestimmt gewesen war. Er
nahm das ganze Päckchen, trat an das Feuer des Kamines, warf die Blätter hinein
und blieb bei ihnen stehen, bis das letzte derselben in Asche zerfiel und
zerstob.
    Die Begegnung mit der Kriegsrätin, die ganze Angelegenheit hatte ihn
verstimmt; indes er war mit derselben noch nicht am Ende, denn er hatte seine
Abrechnung noch mit dem Grafen selbst zu halten, um Seba wo möglich ein für alle
Mal vor den Verletzungen, die ihr von dieser Seite kommen konnten, sicher zu
stellen, und er beschloss nach kurzem Ueberlegen, dies sofort zu tun.
    »Hochgeborener Herr!« schrieb er. »Ich habe so eben von Ihrer ehemaligen
Haushälterin, der verwittweten Kriegsrätin Weissenbach, eine Reihe von Briefen
erhalten, die eine edle und von mir hochverehrte Frau in dem Vertrauen
jugendlicher Liebe und in dem Glauben an die Ehrenhaftigkeit des von ihr damals
geliebten Mannes geschrieben hat. Beides, ihre Liebe wie ihr Vertrauen, waren
ein Irrtum, und ich wünsche sie vor jeder unangenehmen Erinnerung an dieselben,
wie sie ihr durch die Weissenbach leicht bereitet werden könnte, fortan zu
bewahren. Indem ich es unerörtert lassen will, auf welche Weise jene Briefe in
die Hände und den Besitz der Kriegsrätin, die sie mir gegenüber als einen
Handelsartikel zu betrachten für angemessen hielt, gelangt sind, erlaube ich
mir, bei Ew. Hochgeboren anzufragen, ob sich vielleicht noch andere Briefe jener
Dame in Ihrem Gewahrsam befinden. Sollte das der Fall sein, so bin ich nach der
heute gemachten Erfahrung gezwungen, Ew. Hochgeboren an die Herausgabe dieser
Briefe als an die Erfüllung einer sittlichen Pflicht zu erinnern, wogegen ich
Ihnen auf mein Wort versichern kann, dass in dem Besitze der betreffenden Dame
nichts, gar nichts mehr vorhanden ist, was an Sie erinnern könnte. Ich habe es
wohl nicht nötig, Ew. Hochgeboren noch besonders darauf aufmerksam zu machen,
dass die Schreiberin jener Briefe von dem Missbrauche, der mit denselben getrieben
worden ist, nicht Kenntnis hat und nicht Kenntnis erhalten wird. Diese
Beleidigung und Kränkung sind von ihr durch mich glücklicher Weise abgehalten
worden. Die Angelegenheit ist also zwischen Ew. Hochgeboren und mir zu ordnen,
und ich habe dabei nur noch zu bemerken, dass ich der Kriegsrätin gegenüber
meine Massregeln in der Art genommen habe, dass neue Ansprüche und Erpressungen
auf Anlass ähnlicher Papiere von ihrer Seite künftig nicht mehr zu befürchten
sind. Ihrer baldigen Antwort entgegensehend
                                                                  Paul Tremann.«
Er hatte diesen Brief eben erst einem Boten zur Besorgung gegeben und wollte
sich in das Comptoir verfügen, in welchem inzwischen seine Gehülfen angekommen
und an ihre Arbeit gegangen waren, als man ihm den Freiherrn von Arten-Richten
meldete.
    Es war seit lange von der Rückkehr desselben die Rede gewesen, aber sie kam
Paul doch jetzt völlig unerwartet, und weil er voraussah, dass die Besprechung,
welche er mit Renatus haben musste, eine längere Zeit erheischen würde, begab er
sich erst zu seinen Leuten, um mit ihnen das Nötige zu bereden und ihnen seine
Befehle zu erteilen, während er den Freiherrn ersuchen liess, ihn in dem
Privatzimmer, in welchem Paul sich bis dahin aufgehalten hatte, zu erwarten.
    Renatus war der Gang zu diesem Besuche schwer geworden, und die Bemerkungen
des Grafen Gerhard hatten nicht dazu beigetragen, ihm denselben zu erleichtern.
    Er war beunruhigt durch den Gedanken, wie Paul im Grunde über ihn und über
jene seine Massnahme urteilen möge, nach welcher er ihm vor Jahren seine
Angelegenheiten anvertraute. Er für sein Teil war jetzt sehr geneigt, diesen
Schritt für eine romantische und grossmütige Unbesonnenheit zu halten, um
derentwillen er von sich nicht schlechter dachte, die er aber doch bereute. Der
Graf hatte ihm mit seiner Schilderung der rastlosen Habgier, die jedem Kaufmanne
inne wohnen sollte, ein widerwärtiges Bild in die Seele gedrückt; indes weder
das Haus, in das er getreten war, noch der Raum, in welchen man ihn jetzt
gewiesen hatte, stimmten mit des Grafen Voraussetzung zusammen.
    Der wohlanständige Hauswart, der ernstafte Diener in schwarzer,
bürgerlicher Kleidung, die mit Teppichen nach englischer Weise belegten Fluren
und Korridors, auf denen der Tritt nicht hörbar war, konnten eben so wohl in dem
Hause einer Herzogin ihren Platz finden, und dieses Zimmer, in welchem Renatus
den Kaufmann zu erwarten hatte, trug vollends ein beruhigendes Gepräge. Die
dunklen Tapeten, die zurückgezogenen dunklen Fenstervorhänge, der grosse
Schreibtisch und die wenigen schweren Armstühle, die in dem Zimmer standen,
sahen sehr würdig aus. Die grossen Special-Landkarten an den Wänden, die nicht
unbedeutende Bibliotek, welche die eine Seite des Gemaches einnahm, und eine
Reihe von Modellen zu Maschinen, die auf einem der Tische aufgestellt waren,
hätten auch in das Zimmer eines Gelehrten gehören können. Renatus, der viel
Freude an allem Zusammenstimmenden besass und durch den Anblick desselben, wie
durch eine angenehme Luft, sehr leicht besänftigt wurde, hätte sich
wahrscheinlich auch jetzt diesem wohltuenden Eindrucke bereitwillig hingegeben,
hätte ihm nicht die ihm bevorstehende Unterredung mit ihren unerlässlichen
Erörterungen gar zu schwer auf dem Herzen gelegen und hätte er es verschmerzen
können, dass er hier als ein Fremder auf den Herrn eben dieses Hauses warten
musste, das einst seiner Familie angehört hatte.
    Er hatte auf die Einladung des Dieners in einem der altertümlichen
Lehnstühle Platz genommen, die vor dem Kamine standen, und wie er von dem
knisternden Feuer zu den Ausschmückungen des Simses hinaufblickte, leuchtete ihm
das Arten'sche Wappen mit seinem fortis in adversis, hell von den Flammen
angestrahlt, vertraut und doch schmerzlich entgegen. Er zweifelte nicht, dass
auch diese hochlehnigen Eichensessel, dass der schwere, schön geschnitzte Tisch,
der jetzt den Modellen und Maschinen zum Träger diente, dass diese grosse,
altmodische Uhr einst Arten'scher Besitz gewesen waren, welcher bei der
Versteigerung des Hausrates an die neuen Eigentümer direkt oder indirekt
übergegangen war; und ungeduldig den grossen, langsam fortrückenden Zeiger der
Uhr verfolgend, wollte er sich eben erheben, als die Türe, welche nach dem
Comptoir ging, sich lautlos öffnete und, eben so lautlos hereintretend, der Herr
dieses Hauses vor ihm stand.
    Willkommen in Deutschland! sagte er; und ich bitte um Verzeihung, dass ich
Sie warten liess! Ich war dazu genötigt, um jetzt völlig zu Ihrer Verfügung zu
sein. Seit wann sind Sie zurück?
    Renatus antwortete, dass er schon gestern gekommen sei; aber er konnte sich
in den geschäftsmässigen, wennschon sehr verbindlichen Ton des Andern nicht
gleich finden, er konnte überhaupt sich noch nicht Rechenschaft von demjenigen
geben, was in ihm vorging. Das Arten'sche Gesicht, Paul's mit jedem Lebensjahre
wachsende Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Freiherrn verfehlten ihre Wirkung
auch jetzt wieder nicht auf dessen Sohn. Aber dieser Mann in der dunkeln,
bürgerlichen Tracht, auf dessen hoher Stirn die Sorge ihre Spur in leichten
Furchen zurückgelassen hatte und in dessen braunem Gelocke hier und da bereits
ein weisser Silberfaden schimmerte, war das noch derselbe Offizier, der feurige
Krieger, der einst wie ein Sanct Georg mit seinem flammenden Schwerte zwischen
Renatus und den Tod getreten war? Auch jenem Jünglinge, mit dem der junge
Freiherr einst in Seba's Zimmer so feindselig an einander geraten war, glich
Paul jetzt nicht mehr. Die frische Farbe seines Antlitzes war bleicher geworden,
alle seine Züge hatten sich gefestet. Der Mund, der Blick der Augen waren
ernster, die Stimme selbst dünkte Renatus tiefer geworden zu sein, und wie ihm
damals der Schwung und das Feuer des jungen Fremden eine unruhige Eifersucht
eingeflösst hatten, so setzte ihn jetzt etwas Mächtiges, etwas Gebieterisches in
dem Wesen dieses Mannes in Verwunderung, obschon er selbst sich ihm gegenüber,
in der glänzenden Uniform, in der straffen, regelrechten Haltung, mit dem Degen
an der Seite, entschieden als der Vornehmere, als das Mitglied einer höheren
Kaste bedünkte. Auch war es ein Ton nachlässiger Vornehmheit, mit welchem er
Tremann aufforderte, sich gar nicht zu geniren, er könne warten, denn er habe
Zeit.
    So besitzen Sie, antwortete Tremann ihm in der früheren, freien Weise, was
mir in der Regel fehlt, und ich denke, wir machen uns eben deshalb gleich an
unsere Geschäfte. Wollen Sie ablegen? Ich bitte!
    Renatus, der bis dahin nicht ohne Absicht noch immer seinen Säbel an der
Seite und seinen Czako in der Hand behalten hatte, hakte den Säbel los, stellte
ihn in die Fensterbrüstung, stülpte den Czako darüber, zog die Handschuhe aus,
fuhr sich, in den Spiegel blickend, der über dem Kamine hing, einige Male mit
der feinen Hand durch sein wohlgepflegtes, blondes Haar und setzte sich dann mit
einem unterdrückten Seufzer, wie Einer, der an eine schwere Arbeit geht, an dem
Tische nieder, an welchem Tremann bereits vor ihm Platz genommen und auf dem er
verschiedene Aktenstücke und Papiere ausgebreitet hatte.
    Sie waren eigentümlich anzusehen, der schöne, kräftige Geschäftsmann, der
mit selbstgewisser Sicherheit sich zu seiner Arbeit anschickte, und der jüngere,
eben so schöne und kräftige Offizier, dem sich das Unbehagen an dem Ungewohnten,
das er über sich zu nehmen hatte, in jedem Zuge ausprägte. Mit jener kurzen
Uebersichtlichkeit, zu welcher es nur ein sehr klarer Kopf bei völliger
Beherrschung seines Stoffes bringt, setzte Tremann dem Freiherrn den Zustand aus
einander, in welchem dessen Vermögensverhältnisse sich befänden. Er wiederholte
ihm und erklärte ihm ausführlicher, als es in seinen Briefen geschehen war, dass
die allmählich aufgehäufte Schuldenlast und die daraus erfolgenden Zinszahlungen
es jetzt völlig unmöglich machten, die Angelegenheiten in der gewohnten Weise
fortzuführen, und er kam darauf zurück, dass es grosser, durchgreifender
Entschlüsse bedürfe, wenn man zufriedenstellende Erfolge erzielen wolle. Er trug
die Summen zusammen, welche allmählich auf Rotenfeld und Neudorf aufgenommen
worden waren, erinnerte Renatus daran, dass man sein mütterliches Capital,
welches der verstorbene Freiherr zur ersten Stelle auf Richten eintragen lassen,
noch vor dem Ausbruche des Krieges mit der Zustimmung von Renatus auf eine
zweite Hypotek gestellt habe, weil es notwendig gewesen sei, neue namhafte
Capitalien herbeizuschaffen, die man gegen dritte Hypoteken nicht habe erhalten
können, und schliesslich hielt er dann den gegenwärtigen Wert der Güter jener
Schuldenlast gegenüber, welcher dieselbe freilich noch immer überstieg, aber
doch nicht mehr in solcher Weise überstieg, dass es für Renatus möglich gewesen
wäre, sich noch als einen reichen Mann zu betrachten.
    Die unwiderlegliche Gewalt der Zahlen übte auf Renatus in diesem Falle eine
erschreckende Wirkung. Indes er war von Jugend auf gewohnt, mit sicheren
Hoffnungen, mit dem Glauben an das Fortbestehen seiner ausgezeichneten
Verhältnisse in die Zukunft zu sehen, und sich von dem unangenehmen Eindrucke
rasch emporraffend, sagte er mit der vornehmen Leichtigkeit, die er ebensowohl
als der verstorbene Freiherr, wenn es ihm passte, anzunehmen wusste: Das klingt
allerdings bedenklich und würde auch bedenklich sein, wenn man genötigt wäre,
in diesen immer noch ungünstigen Zeiten zu dem Verkaufe eines solchen Besitzes
zu schreiten; glücklicher Weise ist das nicht der Fall!
    Tremann, der mit grossem Bedachte und reiflichem Ernste seine
Auseinandersetzungen gemacht und sich dabei so schonend als möglich geäussert
hatte, weil er gerecht genug war, den jungen Freiherrn nicht für die ungünstige
Lage verantwortlich zu machen, in welche seine Güter durch die Schuld seines
Vaters gebracht worden waren, fühlte sich durch das ganze Betragen und durch die
Leichtfertigkeit des Freiherrn doch bewogen, diese Schonung nicht weiter zu
üben, und trocken und ohne allen Umschweif sagte er: Wie die Weltlage und unsere
industriellen und gewerblichen Verhältnisse sich mir darstellen, ist ein rasches
Steigen der Güterpreise nicht vorauszusehen, und wenn Sie Sich jetzt nicht
entschliessen, Neudorf und Rotenfeld so bald als möglich zu verkaufen, werden
Sie nach drei Jahren nicht mehr im Stande sein, auch nur Richten zu behaupten.
    Renatus wurde plötzlich blass. Er konnte die frühere leichte Weise solchem
Ausspruche gegenüber nicht mehr aufrecht erhalten, und Tremann schien es auch
gar nicht auf eine Gegenäusserung von ihm abgesehen zu haben. - Ich musste mich,
fuhr er fort, als ich mich, Ihrem Wunsche gemäss, dem Amte unterzog, das mein
verstorbener Compagnon nach Ihres Herrn Vaters Tode von Ihnen übernommen hatte,
erst selber genauer über eine Menge von landwirtschaftlichen Fragen und
namentlich über die Zustände in Ihren Provinzen unterrichten, da man ohne eine
vollständige Einsicht in diese Dinge nur ein schlechter Berater sein würde, und
der ehemalige Amtmann Ihres Herrn Vaters, der Gutsbesitzer Steinert, ist mir
dabei mit seiner Einsicht und, ich darf sagen, mit seinem guten Willen, Ihnen
behülflich zu sein, sehr nützlich gewesen. Nach seinen Mitteilungen ist seit
fast dreissig Jahren, seit dem Tode Ihres Grossvaters, wie Steinert es nannte, so
gut wie gar nichts in die Güter hineingesteckt, wohl aber alles aus ihnen
herausgezogen worden, was sie irgend herzugeben vermochten. Der Krieg und die
untüchtige Verwaltung des jetzigen Amtmanns, mit dem man aus Vorschnelle und
Bequemlichkeit, ohne ihn zu kennen, auf lange Jahre hinaus einen Vertrag gemacht
hatte, der ihn halbwegs wie einen Pächter hinstellt, der aber keine Caution
irgend einer Art geleistet hat, sind unheilvoll dazugekommen. Die Güter befinden
sich in dem völligsten Verfalle. Sie haben allerdings in Richten ein grosses
Schloss, in Neudorf eine Kirche und ein Pfarrhaus, in Rotenfeld die neue
katolische Kirche und daneben sogar noch jene Art von Seminar. Das sind
Baulichkeiten genug, aber es sind unfruchtbare, geldkostende Gebäude, und es
fehlt an allem Nötigen - es fehlt an Scheunen und an Ställen, es fehlen
Wohnungen für eine grössere Anzahl Leute, die herbeigezogen werden müssten, wenn
man die Verbesserung des Bodens ernstlich betreiben wollte. Man müsste vierzig,
fünfzig Tausend Taler in die Hand nehmen können, um auf den drei Gütern nur die
notwendigsten Gebäude herzustellen. Man müsste eine eben so grosse Summe
anwenden, um ein Vieh-Inventar herbeizuschaffen, wie es einem solchen
ausgesogenen Güter-Complexe notwendig wäre, und müsste die Mittel haben, durch
die ersten Jahre nicht nur diesen Viehstand, sondern auch die Leute völlig
durchzuhalten, bis die Güter selber den Aufwand wieder tragen könnten. Wo wollen
Sie diese Capitalien, diese Mittel finden? Wie wollen Sie es machen, diese neuen
Capitalien besten Falles aus dem gegenwärtigen Ertrage der Güter, neben den
ohnehin laufenden alten Zinsen zu verzinsen?
    Er nahm, da Renatus keine Antwort darauf zu geben vermochte, die Papiere zur
Hand, welche den letzten Jahresabschluss des Amtmanns entielten, und jene andern
Berichte, die er sich vierteljährlich von ihm hatte senden lassen. Der
gegenwärtige Reinertrag der Wirtschaft hatte, da Renatus sich allmählich in der
französischen Hofgesellschaft auch an einen grösseren Aufwand gewöhnt hatte, kaum
die Höhe der Summe erreicht, welche er sich in den beiden letzten Jahren als
Zuschuss nach Paris hatte nachsenden lassen, und um den Haushalt und die
Bedürfnisse der Baronin und ihrer Gäste zu bestreiten, hatte man gelegentlich
von den Kaufleuten in den kleinen, den Gütern nahe gelegenen Städten einzelne
Beträge in verschiedener Höhe entnommen, die sie, weil alle diese kleinen
Kaufleute die Vermögenslage des Freiherrn kannten, nur unter den ungünstigsten
Bedingungen hergegeben hatten. Sie waren, da auch hier sich Zins zu Zins gefügt,
zu einer Summe angewachsen, die Renatus in Erschrecken versetzte, und zum ersten
Male seiner selber nicht mehr Meister, rief er, sich gegen die Stirn schlagend:
Furchtbar, furchtbar! Da ist ja gar kein Ausweg möglich!
    Er war aufgestanden und hatte mit hastiger Hand die Haken und Knöpfe seiner
Uniform geöffnet, es wurde ihm angst und bange. Wie verkörpert stiegen die
Berechnungen gewaltig vor ihm in die Höhe und drängten auf ihn ein. Alle, alle,
alle gegen den Einen, gegen ihn! Hier war für ihn kein Durchhauen möglich - und
hier zu unterliegen war nicht, wie in einer guten Sache auf dem Schlachtfelde,
eine Ehre - hier zu unterliegen war ein Schimpf!
    Tremann, der ihn seit dem Beginne ihrer Unterredung genau beobachtet hatte,
erriet und sah, was in dem jungen Freiherrn vorging, und, wie bei allen
tüchtigen Menschen, waren seine Teilnahme und sein Mitleid leicht erregbar, wo
er an die Möglichkeit einer nachhaltigen Hülfe glauben konnte.
    Nur Mut, Herr von Arten! rief er; die Sache steht allerdings nicht
sonderlich, doch ist sie keineswegs verloren, noch ist sie zu halten, Sie müssen
nur den Mut nicht sinken lassen!
    Aber der natürliche und wohlgemeinte Zuspruch brachte auf das jetzt doppelt
verletzbare Gemüt des Freiherrn nicht die beabsichtigte Wirkung hervor; denn
die feinen Augenbrauen zusammenziehend, sagte er: An Mut hat es noch keinem
Arten je gefehlt, und wenigstens diese Eigenschaft unseres Hauses geht mir
sicherlich nicht ab.
    Tremann liess diese unberechtigte Gereizteit völlig unbeachtet. Mit einer
beruhigenden Milde, die seinem ernsten Antlitze eine Schönheit verlieh, gegen
welche Renatus selbst in diesem Momente sein Auge nicht verschliessen konnte,
sprach er: Es konnte mir nicht einfallen, Herr von Arten, an Ihrem Mute, an dem
sogenannten Heldenmute in Ihnen zu zweifeln, der im entscheidenden Augenblicke
mit Selbstvergessenheit sein Leben daran zu geben weiss. Mich dünkt, in dieser
Art von Mut haben wir beide Gelegenheit gehabt, unsere Proben abzulegen. Er
hielt inne, als wolle er dem Andern die Zeit vergönnen, sich auszusprechen; da
Renatus aber schwieg und sein Antlitz sich nicht erhellte, sagte Tremann
nachdrücklich, wennschon mit derselben unerschütterlichen Gelassenheit: Es gibt
aber einen Mut, der weniger leicht zu behaupten ist, als jener von der
fortreissenden Macht einer begeisterten Masse, oder von der Erregung eines
gewaltigen Augenblickes erzeugte Heldenmut; ich meine den moralischen Mut,
jenen guten, stillen Mut des Mannes, der seine Ehre darein setzt, sich mit
aller seiner Kraft in verschuldetem oder nicht verschuldetem Missgeschicke zu
behaupten, der entschlossen ist, mit jahrelang währender Arbeit, mit Sorgen und
Mühen, die Niemand sieht und die in vielen Fällen Niemand sehen und kennen darf,
seinen Verpflichtungen zu genügen, und der herstellen und schaffen will, was für
ihn und für Andere das Geforderte und Gebotene ist. Fühlen Sie von diesem
schweigenden, beharrlichen, recht eigentlich bürgerlichen Mute etwas in Sich,
Herr von Arten - nun, so brauchen Sie über Ihre Lage noch keineswegs zu
erschrecken, denn ich wiederhole es Ihnen: noch ist Hülfe möglich!
    Renatus konnte sich gegen die Würdigkeit dieses Mannes nicht verschliessen,
zugleich aber fühlte er jenen hochmütigen Arten'schen Aberglauben noch einmal
in sich rege werden, der erst gestern dem Grafen Gerhard Anlass gegeben hatte,
ihn zu verspotten. Zum zweiten Male stellte dieser Tremann sich zwischen ihn und
eine ihm drohende Gefahr. Er hatte ihm im Kampfe der offenen Feldschlacht einst
durch seinen Mut das Leben erhalten; wesshalb sollte er von dem Schicksal nicht
auch bestimmt sein, ihn eben so vor dem andern Untergange zu bewahren, der ihm
jetzt zu drohen schien? Und von der Bewegung, in welche dieser Gedanke ihn
versetzte, über seine sonstige enge Schranke des Empfindens fortgerissen, rief
er plötzlich: Soll ich Ihnen - er wollte hinzusetzen: eben Ihnen denn Alles zu
verdanken haben? - Aber er unterdrückte diesen Zusatz, und obschon Paul das wohl
bemerkte, focht es ihn nicht an. Im Gegenteil, dasjenige, was Renatus aufregte,
dünkte ihn nur ein ganz Natürliches zu sein. Er hatte dem jungen Manne, der an
sich völlig schuldlos an allem demjenigen war, was in Paul's Schicksal mit den
Schicksalen der Herren von Arten zusammenhing, mit Gefahr des eigenen Lebens das
Leben gerettet; es erschien ihm also, da er sich einmal bereitwillig hatte
finden lassen, die Arten'schen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen, eben
deshalb jetzt nur folgerecht, dass er, so viel an ihm war, auch dazu tat, den
Freiherrn auf den Weg zu weisen, auf welchem er sein Leben ehrenhaft und würdig
weiter fortzuführen vermochte.
    Ich war, hob Paul nach kurzer Unterbrechung also wieder an, da ich nach fast
vierjähriger Abwesenheit aus dem Felde kam, Ihnen will ich es zu Ihrer
Ermutigung bekennen, ziemlich in der gleichen Lage, in der Sie gegenwärtig
sind. Mein Vorgänger hatte mit den Anforderungen der Zeit nicht Schritt zu
halten vermocht, wir waren durch seine Schuld in die bedenklichsten Geschäfte
und Unternehmungen verwickelt, es waren bereits grosse Verluste vorgekommen, und
da ich ohnehin nach dem Willen des verstorbenen Herrn Flies die Capitalien
seiner Tochter gänzlich aus dem Geschäfte herauszuziehen hatte, fand ich mich
nach meiner Heimkehr eines Tages auf dem Punkte, an dem ich, um den
augenblicklich auf mich eindringenden Forderungen gerecht zu werden und mit
meinem guten Namen auch meine bürgerliche Ehre und meinen kaufmännischen Credit
zu erhalten, wie ich es Ihnen eben jetzt geraten habe, Alles an Alles setzen
musste.
    Was heisst das in Ihrem Falle? fragte Renatus mit wachsender Spannung.
    Das heisst, dass ich alles, was ich an Fonds, an Papieren, selbst an
Immobilien besass, unter den ungünstigsten Verhältnissen verkaufen musste, um die
auf unsere Firma laufenden Wechsel einlösen und dem Misstrauen begegnen zu
können, das sich durch die in meiner Abwesenheit gemachten unglücklichen
Geschäfte und Unternehmungen gegen unser Haus erhoben hatte.
    Es kam ein Abend, sprach er langsam und nachdrücklich, es kam ein Abend, an
welchem ich, nach Wochen und Monaten voll der schwersten Sorgen, voll
schlafloser Nächte, mir sagen musste, dass ich jetzt fast so pfenniglos da stände,
als an dem Tage, an welchem ich in die Welt hinausgegangen war, und mir fehlten
jetzt die feurige Hoffnung der ersten Jugend und die zwanzig Jahre voll rüstiger
Kraft, in denen ich mir meinen Weg geschaffen und mein Vermögen erworben hatte.
Ich besass an jenem Abende, setzte er nach einem tiefen Atemzuge mit schwerem,
gewichtigem Tone hinzu, nicht viel mehr, als das Bewusstsein, das Rechte getan
zu haben, nicht viel mehr, als das unbedingte Vertrauen derjenigen, mit denen
ich meine Geschäfte gemacht hatte, und die Ueberzeugung, dass ich mich auf mich
selbst und auf meine Arbeitskraft verlassen könne. Das aber ist ein Grosses! -
Und wieder entstand eine neue Pause.
    Trotz seines starken Herzens hatten die Erinnerungen, welche er eben nicht
häufig in sich zu erwecken gewohnt war, den ernsten Mann erschüttert, während in
Renatus die widersprechendsten Vorstellungen, Gedanken und Empfindungen auf und
nieder wogten. Bald fühlte er sich geneigt, sich Tremann mit Bewunderung in
brüderlicher Verehrung in die Arme zu werfen; dann wieder bedünkte es ihn, als
dürfe er demselben, ohne sich etwas zu vergeben, nicht eine Genugtuung
bereiten, deren er jetzt ohnehin schon vollauf geniessen musste; denn dass ein Mann
das Rechte um des Rechten willen tun, dass er fördern und Hülfe leisten könne,
ohne dabei an sich selbst und an die Wirkung zu gedenken, welche diese
Hülfsleistung auf das Gefühl des Geförderten hervorbringt, das einzusehen, dazu
war die Seele des jungen Freiherrn nicht gemacht. Und doch fühlte er, dass er
nicht schweigen dürfe, dass er Tremann mindestens ein Zeichen seiner dankenden
Anerkenntniss schuldig sei.
    Ich bewundere Ihre Entschlossenheit, sagte er endlich, und ich wünschte, ich
befände mich in so einfachen Verhältnissen, wie Sie, dass ich das Gleiche möglich
machen und mich doch behaupten könnte. Unser Standpunkt ist nur wieder sehr
verschieden.
    Tremann sah ihn prüfend an. Er hörte aus den Worten des Freiherrn, was in
dessen Seele vorging, aber er gab nichts auf die hochmütige und
vorurteilsvolle Ueberhebung, mit welcher jener seine Zustände als ganz
besondere von denen des bürgerlichen Kaufmanns abzutrennen suchte; und wie der
Arzt die Ungebühr des Kranken nur als ein Krankheitszeichen ansieht, das ihn
nicht beirren darf, sagte Tremann: Das ist vielleicht nicht so schwer, als es
Sie dünkt, und ich bin bereit, Ihnen meine Ansicht und meine Plane für Sie
mitzuteilen, wenn Sie mir vorher ein paar Fragen beantworten wollen. Haben Sie
Liebe für das Landleben? Denken Sie, Sich auf Ihren Gütern aufzuhalten?
    Ich bin auf dem Lande geboren, und die Herren von Arten haben stets auf
ihren Besitzungen gelebt, es ist ein Herkommen unter uns, gab er abermals
ausweichend zur Antwort.
    Das fing Paul endlich doch zu verdriessen an. Wir haben es hier nicht mit
Ihren Familien-Traditionen, Herr von Arten, sondern mit Ihren Möglichkeiten zu
tun, sagte er schärfer, als er bis dahin zu dem Freiherrn gesprochen hatte, und
zu der Uhr emporsehend, fügte er hinzu, dass ihm in einer halben Stunde eine
Geschäftsbesprechung bevorstehe, dass er also genötigt sei, dem Freiherrn in
grossen Umrissen die Möglichkeiten und Massnahmen vorzuzeichnen, mittels deren er
es für tunlich halte, die Arten'schen Verhältnisse zu ordnen und durch Rettung
eines Teiles des Vermögens die Mittel zu einer allmählichen Wiederherstellung
desselben zu gewinnen.
    Er riet, Neudorf und Rotenfeld sofort zu verkaufen. Für Neudorf finde sich
in dem Baurat Herbert, der einst die Rotenfelder Kirche aufgeführt und bei der
Gelegenheit den Wert der Neudorfer Steinbrüche habe kennen lernen, ein Käufer,
da der Baurat mit Andern in Gemeinschaft eine regelmässige Ausbeutung der Brüche
unternehmen möchte. Auch auf Rotenfeld sei ein den Zeitumständen nach recht
günstiges Gebot getan. Nach dem Verkaufe dieser Güter werde Renatus die
Möglichkeit besitzen, seine Wechselschulden zu tilgen, die hoch verzinsten
Hypoteken von Richten teilweise abzulösen und dann Geld von der Landschaft zu
geringern Zinsen auf Richten zu erhalten. Sei dies geschehen, so frage er sich,
ob der Freiherr es nicht vorziehe, im militärischen Dienste zu verbleiben, in
welchem er sich eine ehrenvolle Laufbahn eröffnet und den Weg zu weiterem
Vorwärtskommen gebahnt habe. Man mache an einen Privatmann, welchem Stande er
auch angehöre, in einer grossen Stadt nicht die Ansprüche, die man gewohnt sei,
an die Herren von Arten auf ihrem Schloss zu erheben. Der Hauptmann von Arten
könne in der Stadt sehr standesgemäss mit dem achten Teile der Summe leben,
welche der Freiherr von Arten einst in Richten alljährlich ausgegeben habe.
Ueberantworte man Richten einem rechtschaffenen und vermöglichen Pächter,
nachdem man die Bauten hergestellt, das Inventarium vervollständigt und somit
die Mittel vorbereitet habe, welche zur Verbesserung des Gutes unerlässlich
wären, so werde man sich in der Lage befinden, jährlich einen Teil der auf
Richten dann noch haftenden Schulden zu tilgen. Noch im rüstigsten Mannesalter
aber könne Renatus dann wieder Herr eines Besitzes sein, der bei den
Fortschritten, welche die Bodenkultur nach den neuen Forschungen und Erfahrungen
der Engländer und Franzosen notwendig auch in Deutschland machen müsse, immer
noch ausreichend gross genug sein werde, ihm, wenn er dann den Abschied nehmen
und, nach seinem Familien-Herkommen, sich auf seinem Gute niederlassen wolle,
auch auf dem Lande ein reichliches Leben möglich zu machen und den Seinen ein
schönes Erbe zu werden. Wolle Renatus aber jetzt gleich den Dienst aufgeben, um
sich auf sein Stammgut zurückzuziehen, nun, so bleibe ihm nichts übrig, als den
Degen ehrlich mit dem Pfluge zu vertauschen, die Landwirtschaft gründlich als
einen Beruf zu erlernen, die Bewirtschaftung seines Gutes selbst zu übernehmen
und zu sehen, in wie weit es ihm gelinge, mit tüchtigen Gehülfen das Gut zu
heben und seine Bedürfnisse mit seinen Einnahmen in das Gleiche zu setzen, wobei
denn freilich auch auf die unüberlegten Ausgaben der Baronin Vittoria Rücksicht
genommen, und die Erziehung des jungen Freiherrn Valerio in eine andere Richtung
als bisher geleitet werden müsste.
    Renatus hatte ihm schweigend zugehört. Als Tremann dann geendet hatte,
dankte Jener ihm für diese gewiss sehr richtigen und höchst wohlgemeinten
Auseinandersetzungen und für seine Ratschläge; aber, sagte er, ich sehe und
fühle, wo der Punkt liegt, den Sie bei Ihren Planen für meine Unternehmungen
nicht in's Auge fassen und den ich unberücksichtigt zu lassen nicht im Stande
bin, ja, den ich, selbst wenn ich es über mein Gefühl vermöchte, nicht
unberücksichtigt lassen darf. Mein Onkel, Graf Berka, bemerkte mir gestern mit
Recht: dem Kaufmanne, dem bürgerlichen Gewerbetreibenden, Ihnen zum Beispiel,
habe alles, was Sie erwerben, nur seinen wirklichen Wert. Alles, was Sie
besitzen, ist Ihnen Geld, ist Ihnen Mittel zum Zwecke. Sie geben selbst den
erworbenen, liegenden Besitz mit voller Freiheit und ohne jegliches Bedenken
auf, sobald es Ihnen passt, und es ändert sich in Ihrem Sein damit nicht das
Geringste, wenn Sie ein Haus, ein Gut kaufen oder es verkaufen und wieder
zurückkaufen, wie der Anlass sich eben dazu bietet. Wir aber, wir befinden uns in
einer solchen Lage nicht. Unsere Verhältnisse sind völlig anders. Wir, sagte er
mit besonderer Betonung, wir sind durch langjährigen Besitz Eins geworden mit
unserem Grunde und Boden, mit unserem Lande und unseren Schlössern. Wir tragen
ihren Namen, sie sind unser Unterscheidungszeichen. Ein junger Baum - setzen Sie
ihn von seinem heimatlichen Boden fern, wohin Sie wollen - er kann auch in der
fremden Erde wachsen und gedeihen. Ein Stamm, der, weitin schattend, durch
Jahrhunderte seine mächtigen Wurzeln durch dasselbe Erdreich forterstreckte ...
    Geht aus, fiel Paul ihm in die Rede, wenn er den Boden ausgesogen hat, aus
dem er seine Nahrung schöpfte.
    Das ist wohl möglich, entgegnete Renatus mit einem Ausdrucke von Schwermut
in seiner Stimme, die der Andere an ihm noch nicht wahrgenommen hatte, das ist
möglich; aber es ist sicher, wenn Sie es unternehmen, ihn zu entwurzeln und ihn
zu verpflanzen. Und tief aufatmend, setzte er hinzu: Sie sprechen zu mir mit
einem Anteile, den ich dankbar anerkennen muss. Indes Sie haben nur die eine
Seite meiner Verhältnisse im Auge, und Sie vermögen die andern in ihrer ganzen
Bedeutung wohl nicht zu ermessen. Sie sagen mir: verkaufen Sie Neudorf. Aber
Neudorf war der erste Besitz unseres Hauses. Der Hochmeister Winrich von
Knipprode belehnte im vierzehnten Jahrhundert meinen Ahnherrn, nach der Schlacht
von Rudau, mit der Feldmark Neudorf. Neudorf ist seit nahezu vierhundert Jahren
unser Eigentum. Es wäre mir, wenn ich Neudorf fortgäbe, als zöge ich mir den
Boden unter den eigenen Füssen fort, um mich darauf zu verlassen, dass ich im
Notfalle fliegen lernen werde. Das vermag ich nicht. Sie sagen mir: verkaufen
Sie Rotenfeld, und Sie bedenken nicht, dass in der Rotenfelder Kirche, die
meine Eltern aufgerichtet haben, jetzt die Gebeine meiner Eltern, meiner Ahnen
ruhen, dass ich von ihnen die fromme Pflicht ererbte, in Rotenfeld eben jenes
Stift für katolische Knaben zu erhalten.
    Es wird Ihnen das in keinem Falle lange mehr möglich sein, warf Paul
abermals dazwischen, auch wenn Sie Sich nicht zu der gedachten durchgreifenden
Aenderung vermögen.
    Und nun vollends Richten verpachten, das Haus veröden lassen, sagte Renatus
wie zu sich selber, das seit mehr als hundertfünfzig Jahren uns von Geschlecht
zu Geschlecht geboren werden und sterben sah? Unmöglich, ganz unmöglich - es muss
einen anderen Ausweg geben!
    Tremann erhob sich; seine Geduld war erschöpft, seine freie Zeit zu Ende.
Ich begreife Ihre schmerzlichen Empfindungen, sagte er, und ich hatte nicht
erwartet, dass Sie Sich leichten Herzens zu den schweren Schritten entschliessen
würden. Aber täuschen Sie Sich darüber nicht, Herr von Arten, Sie haben keine
Zeit, Sich Ihren Empfindungen zu überlassen. Ich sehe, und es gibt sicherlich
für Sie keinen anderen Ausweg, als den, welchen ich Ihnen angedeutet habe. Sie
müssen Neudorf und Rotenfeld verkaufen, Sie müssen Richten verpachten, wenn Sie
Sich nicht zu persönlicher Arbeit bequemen mögen, die, wie ich fürchte, auch
gegen Ihre bisherigen Gewohnheiten und wahrscheinlich ebenfalls gegen die
Ueberlieferungen Ihres Hauses verstösst. Ich habe das Amt, mit dem Sie mich
betrauten, nur bis zu Ihrer Rückkunft übernommen. Wollen Sie Sorge dafür tragen,
dass Ihrer Frau Stiefmutter jetzt ein anderer Curator, Ihrem Bruder baldigst ein
anderer Vormund gegeben werde, und wollen Sie es mir ermöglichen, dass ich in
Bälde die Papiere, die ich in meiner Obhut habe, einem Anderen, vielleicht
weniger Beschäftigten überliefern kann, so wird das meinen eigenen Arbeiten zu
Gute kommen und ich werde es Ihnen danken.
    Renatus hatte sich jetzt auch erhoben. Er schnallte den Säbel wieder um,
nahm den Czako zur Hand, und so auf's Neue in voller Uniform, entschuldigte er
sich gegen Tremann, dass er ihn also lange aufgehalten, ohne von seinen guten
Absichten und Meinungen den von Jenem erwarteten Nutzen gezogen zu haben. Er
versprach, sobald es ihm irgend tunlich werde, Paul's gänzliche Entlastung zu
bewirken, verhiess, die Arten'schen Akten und die Vormundschafts-Papiere seines
Bruders in kürzester Zeit an sich zu nehmen, und sie trennten sich darauf
höflich, aber kalt.
    Der Freiherr sprach allerdings dem Kaufmanne seinen Dank und seine
Anerkennung zu wiederholten Malen aus; Paul nahm dieselben auch mit seiner
gewohnten guten Weise hin, indes sie waren sich durch diese Begegnung um keinen
Schritt näher getreten, sie hatten sich nur weiter und entschiedener als je von
einander getrennt empfunden.
    Als Paul dann auf der Wendeltreppe, die er sich aus seinem Arbeitszimmer
nach Daviden's Wohnstube hatte legen lassen, hinaufstieg, fand er die beiden
Frauen seiner bereits wartend. Er umarmte die junge Mutter, reichte Seba die
Hand, und als sie ihn mit ihren immer noch schönen Augen ruhig und heiter
anblickte, umarmte er auch sie. Er fühlte eine grosse Zärtlichkeit für sie, weil
es ihm gelungen war, von ihrem Herzen eben heute eine Kränkung abzuwenden.
    Trotz seiner Freundlichkeit merkte Davide, deren Liebe sie hellsehend
machte, dennoch, dass ihm etwas nicht ganz recht sein oder dass er eine
Unannehmlichkeit zu überwinden gehabt haben müsse, und sie fragte, um ihm Anlass
zur Mitteilung zu geben, wesshalb er sie also lange habe auf sich warten lassen.
    Ich habe verschiedene Besprechungen gehabt, und zuletzt war Herr von Arten,
der gestern von Paris gekommen ist, sehr lange bei mir, gab er ihr zur Antwort.
    Und wie hast Du ihn gefunden? rief Seba, in welcher die Teilnahme für den
Sohn ihrer Angelika sich augenblicklich wieder regte.
    Er ist ein schöner Mann geworden, breitschulterig und kräftig, ein sehr
schöner Mann, gab er zur Antwort, während er sich zum Imbiss niedersetzte.
    Und wie ist er sonst geworden? fragte Jene noch einmal.
    Nicht anders, als er gewesen ist. Es geht ihm wie dem Herrscherstamme der
Bourbonen, von deren Hofe er nach Hause kommt. Er hat nichts gelernt und hat
nichts vergessen.
    Was will das in seinem Falle besagen? erkundigte Davide sich, der die
Missstimmung ihres Gatten jetzt erklärlich wurde.
    Was das sagen will, mein Kind? Nun, er möchte sein Leben geniessen, wie sein
Vater und seine Ahnen es genossen haben; möchte wie sie die Herrschaften
besitzen und geachtet leben und sterben wie sie. Er hat auch recht viel schöne
Empfindungen - nur zur Arbeit hat er keine Lust.
    Die Frauen schwiegen. Sie mochten sich erinnern, dass sie es gewesen waren,
die Paul gegen seine Absicht überredet hatten, sich mit den Arten'schen
Angelegenheiten zu befassen, und da er dieses wohl erriet, sagte er, gleich
darauf bedacht, ihnen jede Reue zu ersparen: Macht Euch um meinetwillen darüber
keine Sorge, meine Lieben! Ich erleide durch Renatus keine Enttäuschung, habe
obenein in dieser Verwaltung mancherlei erfahren und gelernt, das mir
gelegentlich von Nutzen sein wird; und auf eine Handvoll Arbeit mehr kommt es
mir glücklicher Weise nicht an.
    Und Du glaubst, dass er sich nicht raten lassen, sich nicht ändern werde?
erkundigte sich Seba noch einmal.
    Nein; denn wie sollten Menschen, die sich für eine besondere Abart halten,
sich verständig in die der grossen Gesammteit gemeinsamen Bedingungen der
Gegenwart zu schicken wissen? - Er schüttelte das Haupt und sprach danach sehr
ernstaft: Täuscht Euch nicht darin: Alles und Jedes hat nur einen zeitweisen
Bestand, eine zeitweise Möglichkeit des Bestehens. So gewiss als die
fortschreitende Cultur die gemeinschädlichen Tiere in die Einöden zurückdrängen
und endlich völlig ausrotten muss und wird, so gewiss muss und wird die
fortschreitende Bildung, die in dem Leisten und Schaffen den höchsten Beruf des
Menschen, und in der Freiheit und Genuss bereitenden Arbeit ihre höchste Ehre
erkennt, über alle die Geschlechter hinweggehen, die ohne Nutzen für die
Gesammteit leben und, sich von ihr ausschliessend, sich hinter Vorrechten und
Vorurteilen verschanzen und halten zu können glauben. Was wertlos für das
Allgemeine ist, muss untergehen; und kein Adelsbrief und keine Grosstat irgend
eines Ahnen kann dagegen schützen, kann die Allgemeinheit schadlos halten für
unberechtigte Ansprüche und für hochmütige Arbeitsscheu. Mögen sie zu Grunde
gehen!
    Er hatte dieses Verdammungsurteil, dessen letzte Worte in seinem Munde und
in seinem ernsten Tone etwas Gewichtiges und Furchtbares gewannen, noch nicht
beendet, als die Wärterin ihm seinen Knaben in das Zimmer brachte. Der derbe
Bursche streckte dem Vater die kleinen Arme entgegen, und kaum hatte dieser ihn
auf seinen Knieen, als der Knabe sich mit allen seinen Kräften aufzurichten
strebte, um das Stück Brod zu erlangen, das in einiger Entfernung vor dem Vater
auf dem Tische lag. Die Frauen lachten über die lebhaften, wenn auch noch
ungeschickten Bewegungen des kleinen Menschen, und ihm emporhelfend, rief der
Vater mit sichtlichem Vergnügen: So recht, so recht, mein Sohn, hilf Du Dir
selber zu Deinem Brode - ich hab's eben so gemacht - und ich denke, das soll uns
wohl bekommen! Geh' nur gerade darauf los!
    Und in bester Laune kehrte er nach kurzer Unterbrechung in sein Comptoir und
zu seiner täglichen Arbeit zurück.
 
                              Siebzehntes Capitel
Renatus ward den ganzen Morgen durch seine Dienstgeschäfte und seine geselligen
Verpflichtungen in Anspruch genommen. Er hatte sich bei seinen Vorgesetzten
vorzustellen, alte Bekannte und Freunde aufzusuchen, und überall fand er einen
Empfang, der ihn die unangenehmen Erörterungen der ersten Morgenstunde bei
seinem wenig tiefen Sinne leicht vergessen machte. Allerdings wurde auch von
seinen Vorgesetzten wie von seinen Freunden die Frage, ob er im Dienste bleiben
oder sich auf seine Güter begeben werde, mehrfach angeregt, aber es geschah in
einer Weise, welche deutlich kund gab, wie man bei einer solchen Entschliessung
an die vollste Freiheit von seiner Seite glaube und höchstens den Wunsch seiner
künftigen Gattin, denn man deutete ihm überall an, dass man um sein Verlöbnis mit
der Gräfin Rhoden wisse, als einen ihn bestimmenden Einfluss in Betracht bringe.
    Wohin er kam, begegnete er einer grossen Zufriedenheit und den besten
Hoffnungen für die Zukunft des Vaterlandes, in welche denn selbstverständlich
die besten Aussichten für den Einzelnen immer mit eingeschlossen waren. Man
rühmte sich nicht, wie Renatus das in Frankreich erlebt hatte, eines gewaltsamen
Rückschrittes in die Zustände der Vergangenheit, aber man sprach es in den
militärischen und adeligen Kreisen doch unzweideutig aus, wie man froh sei, dass
jene Tage einer unnatürlichen Aufregung nun überstanden und überwunden wären, in
denen die Masse des Volkes über ihre eigentlichen Grenzen hinausgetrieben und,
freilich durch die Notwendigkeit, ihrem häuslichen Leben wie ihrem Berufe und
Gewerbe abwendig geworden war. Man erkannte mit Zufriedenheit, wie der Strom der
Bewegung jetzt auf's Neue richtig eingedämmt, in sein altes Bett zurückgeleitet
werde, und wie die natürliche Gliederung der Stände sich gleichsam von selber
wieder herstelle, seit man in den höchsten Kreisen die schönen, würdigen Formen
der Etiquette wieder strenger aufrecht halte. Besonders jedoch versprach man
sich von der Verbindung der Königstochter mit dem russischen Tronfolger, dessen
Gesinnungen und Charakter man höchlich pries, wie von dem engen Anschlusse an
das conservative Oesterreich, dass man nun auch in Preussen schnell den
phantastischen, demagogischen Freiheitsgelüsten, die einer ruhigen Entwicklung
des Staatslebens im Wege ständen, das Ende machen werde. Und da man von oben
herab einzelnen hartbedrängten adeligen Grundbesitzern mit grossen Darlehen zu
Hülfe gekommen war, sah man, wenn in Preussen auch nicht die Milliarde von
Franken in Aussicht stand, mit welcher man die Ausgewanderten in Frankreich
entschädigt hatte, doch für den Adel des Landes sehr beruhigt und hoffnungsreich
in die Zukunft hinaus.
    Als Renatus dann am Abende, wie er es versprochen hatte, seinen Oheim
besuchte und ihm von seinem Tagewerke Rechenschaft geben sollte, gestand er
diesem, dass er dieses Tagewerk, wie er es nannte, mit einer Uebereilung, ja,
recht eigentlich mit einer Dummheit angefangen habe.
    Der Graf begehrte natürlich zu wissen, was das heissen solle, und sein Neffe
entgegnete: Ich habe gegen die ersten Grundsätze der Kriegführung gesündigt und
dafür eine Schlappe davongetragen. Ich habe mir unnötig eine Blösse gegeben, die
ich mir hätte sparen können, hätte ich, wie sich's gebührte, erst den Grund und
Boden und die Gegend genau untersucht, in die ich jetzt fast als ein Fremder
zurückgekommen bin.
    Er erzählte darauf, wie er, statt sich erst zu seinen Freunden zu begeben,
gleich am Morgen zu Tremann gegangen sei, wie dieser ihm eine Besorgnis
erregende Rechenschaft über seine Angelegenheiten abgestattet, wie er selber sie
im trübsten Lichte angesehen und wirklich an nichts als an den Untergang gedacht
habe. Um sich aber wegen dessen, was er jetzt als seinen törichten Kleinmut
bezeichnete, zu entschuldigen, gab er dem Oheim zu bedenken, dass er die
Eindrücke seiner Kindheit, in welcher er den hohen Adel Frankreichs flüchtig
durch die Welt habe ziehen sehen, niemals los geworden sei, und dass er sich, von
seinem Stammbesitze abgetrennt, so elend wie ein Verstümmelter, ja, wie ein
Mensch ohne seinen natürlichen Schatten erscheinen würde. Er berichtete, von dem
Drange nach Mitteilung dazu verleitet, alles, was er von Tremann erfahren
hatte, liess es nicht unerwähnt, dass Herbert, der dem Grafen dem Namen nach aus
den früheren Zeiten wohl bekannt war, auf Neudorf Absichten hege, dass auch von
einem Käufer für Rotenfeld die Rede gewesen sei, und der Graf hörte ihm, ohne
ihn zu unterbrechen, geduldig zu.
    Dann, als jener geendet hatte, sprach er: Ja, sie regen sich gewaltig, diese
Herren vom Geldsacke und von der Hacke, und man könnte wirklich mitunter meinen,
das goldene und das eiserne Zeitalter rückten gleichzeitig, und zwar zu unserem
Verderben, auf uns heran. Glücklicher Weise aber hat es keine Not mit ihnen.
Ihre Interessen sind tausendfältig, kreuzen und widerstreben einander, und die
unseren sind eines - eines und dasselbe durch die ganze Welt! Ihre Habgier
trennt sie von einander, unser berechtigtes Verlangen, das Unserige, seien es
Rechte oder Besitztümer, zu erhalten, zwingt uns zur Einigkeit. Wir gipfeln in
dem Trone, den wir stützen, sie suchen nach einer Gestaltung, die Alle auf
gleiche Höhe stellt, und sie verflachen und vernichten sich auf diese Weise,
während wir uns durch unsere Gliederung und Unterordnung zugleich vertiefen und
erheben. Es hat keine Not mit ihnen und mit uns! Ich habe sie unter den
Franzosen studirt und kennen lernen, diese republikanischen Grafen von
vorgestern und Prinzen von gestern! - Er lachte. - Du hast ja selber Proben von
ihnen hier bei mir gesehen. Schmutziges, habgieriges Gesindel, das Jeden für
käuflich hielt, weil es selber käuflich war!
    Renatus hörte dem Grafen nicht ohne Wohlgefallen zu, aber er wurde an seinen
eigenen Erinnerungen und Erlebnissen irre. Indes wie alles in sich Vollendete,
hat auch die vollendete Heuchelei für denjenigen, der einer solchen nicht fähig
ist, etwas, das ihn wenigstens für Augenblicke und oft für lange Zeit
beherrschen und blenden kann, besonders wenn ihre Äusserungen den persönlichen
Ansichten und Wünschen dessen begegnen, an den sie gerichtet sind; und alles,
was Renatus von seinem Oheim vernahm, war dazu geeignet, ihn zu beruhigen.
Freilich entsann er sich gar wohl der Vorschläge und Anträge, welche der Graf
ihm eben hier in diesem Zimmer zur Zeit der französischen Herrschaft getan
hatte; er erinnerte sich auch aller der Gerüchte, die über seinen Oheim in
Umlauf gewesen waren, und des Tadels und der Unzufriedenheit, ja, des schweren
Kummers, zu welchen derselbe seiner eigenen Familie Anlass gegeben hatte. Aber
der Freiherr hatte in Paris eine grosse Anzahl von Männern kennen lernen, von
deren stürmisch durchlebter Jugend, von deren auffallenden Sinnesänderungen man
sich ebenfalls das Abenteuerlichste zu erzählen wusste, und es hatte das nicht
gehindert, dass man ihnen Ehre und Achtung zollte, wenn sie endlich zu einer
würdigen Abklärung ihres Lebens, zu Ueberzeugungen durchgedrungen schienen, mit
denen man sich einverstanden zu erklären vermochte. Wie durfte der Neffe auch an
der ehrlichen Wandlung und sittlich-patriotischen Erhebung seines Oheims
zweifeln, wenn der König, in dessen unbedingter Verehrung der junge Freiherr
auferzogen und den er gewöhnt worden war, als die irdische Verkörperung der
höchsten Gerechtigkeit zu betrachten, den Grafen zu Gnaden angenommen und ihn
mit einem seiner höchsten Orden ausgezeichnet hatte? Der Autoritätenglaube,
welchen er zu den Pflichten seines Standes zählte, zwang den Freiherrn, das
eigene Urteil der Ansicht seines Königs unterzuordnen, und anzuerkennen, gelten
zu lassen und zu verehren, was dem Landesherrn, dessen menschliche
Beschränkteit doch natürlich stets auf fremdes Urteil, auf fremde Angaben
zurückzugehen sich genötigt sah, von Dritten als ein Ehrenwertes und als der
Anerkennung würdig geschildert worden war.
    Sein Vertrauen in des Oheims Einsicht steigerte sich beständig, und die
mannigfache Kenntnis, welche derselbe von allen praktischen Dingen zu haben
schien, überraschte den Neffen. Auch über Tremann's Angelegenheiten zeigte der
Graf sich völlig unterrichtet. Er erzählte, wie Tremann von der Flies das von
Arten'sche Grundstück in der Hauptstadt an sich gebracht, wie er es parzellirt,
wie er die Bewilligung erhalten habe, hinten im Garten dem Wasser entlang eine
Strasse anzulegen, und wie er sich dadurch nicht nur aus einer bedenklichen
Verlegenheit gerettet, sondern auch ein namhaftes Capital gewonnen und seinen
grossen Credit aufrecht erhalten habe.
    Sie haben sich, sagte der Graf, zusammengetan, wie ich neulich hörte, als
ich einmal ausnahmsweise, denn ich liebe meine eigene Küche, mit einem Bekannten
im Hôtel zu Mittag ass; sie haben sich zusammengetan, Euer Steinert, dieser
Tremann und der Baurat Herbert. Sie sind es, die ihre Absichten auf Neudorf und
auf Rotenfeld gerichtet haben. Sie wollen bei Euch in der Provinz, wo der Boden
und der Arbeitslohn noch billiger sind als hier, Fabriken anlegen, Oelund
Zuckersiedereien, und, was weiss ich, was sonst noch Alles. Steinert, der
Marienfelde schon besitzt, soll so viel als möglich von dem Rohprodukte auf
eigenem, den Fabriken gehörendem Boden erzielen. Herbert übernimmt die Bauten.
Steinert's Sohn haben sie ein Jahr hindurch in England gehabt und nun nach
Amerika hinübergeschickt, damit er sich in dem Fabrikwesen umsehen solle, und
Tremann, der jetzt hier bereits wieder zu den grossen Firmen zählt, findet für
jede seiner Unternehmungen Teilnehmer und Capital, wobei denn, wie sich das
nach Meinung dieser Leute wohl gebührt, dem Erfinder der Löwenanteil
anheimfällt. Die Continentalsperre hat sie alle klug gemacht, und was wir
Bonaparte auch nachzutragen haben, die Industrie des Festlandes hat er mit einem
Federzuge um Jahrhunderte gefördert.
    Der Graf erwähnte darauf noch in derselben abfertigenden Weise verschiedener
anderer Gewerbtreibenden, die in kurzer Zeit grosse Vermögen erworben hatten;
aber Renatus hörte es nicht mehr. Es war ihm unheimlich, zu denken, wie Andere
sich bereits Rechnung auf Gewinn von dem Ertrage seiner Güter machten; und wie
sich in solcher Lage die Vorstellungen dem Menschen leicht zum Bilde verkörpern,
kam er sich wie ein von Jägern vorsichtig umstelltes Wild vor, dem zwar die
freie Bewegung innerhalb des Reviers, aber kein Entrinnen mehr vergönnt ist. Er
sah sich im Geiste schon auf Richten eingebannt, von Neudorf und Rotenfeld
qualmte der Rauch aus den Schloten der Oelmühlen und Zuckersiedereien, er meinte
den Donner der Minen zu hören, mit denen man in den Steinbrüchen hinter Neudorf
die Felsen sprengte, und von seinem Missempfinden fortgerissen, rief er: Wenn ich
mir denke, dass diese Compagnie sich bei uns einzunisten denkt ....
    Wo denken sie sich denn nicht einzudrängen? erwiederte mit lachendem
Achselzucken der Graf. Und vor Allen dieser Monsieur Tremann! Da - er stand auf,
ging an seinen Schreibschrank, schob einige Papiere, die auf demselben lagen,
mit rascher Hand zur Seite, und seinem Neffen ein Blatt hinhaltend, fügte er
hinzu: Da, lies einmal, welch eine Epistel ich heute von dem Patron erhalten
habe.
    Renatus tat, wie Jener begehrte; indes die Wirkung des Schreibens war eine
andere, als der Graf erwartet haben mochte, denn mit sichtlicher Missbilligung
fragte sein Neffe: Aber wie konnte das auch geschehen? wie konnte die Person zu
diesen Briefen kommen? Da Sie ihr dieselben nicht gegeben haben können, so muss
sie sie entwendet haben. Was werden Sie denn tun?
    Was ich tun werde? lachte der Graf, Nichts! Ich werde dem Herrn Tremann die
Zeit vergönnen, den Landwehr-Major zu vergessen, der ihm noch im Kopfe spukt,
und sein Arten'sches Blut, an das er sicherlich auch mit Vergnügen denkt,
allmählich zu beruhigen. Wenn man als verständiger und gewiegter Mann sich noch
um solche Jugendsünden kümmern sollte, da hätte man viel zu tun, vorausgesetzt,
dass man ein Paar rote Backen besessen und gesunde Glieder in der Uniform gehabt
hat. - Aber den Scherz bei Seite! Du denkst doch hoffentlich jetzt nicht daran,
Deine Angelegenheiten diesem Tremann noch länger zur Ausbeutung zu überlassen?
    Renatus sagte, wie Tremann selbst gefordert habe, dass er ihn davon entbinden
möge.
    So tue es, je eher, desto lieber! sprach der Graf. Du bist jetzt hier,
gehst jetzt nach Hause. Sieh' Dir an, wie die Verhältnisse dort sind, und da ja
zwischen heute und morgen nichts entschieden zu werden braucht, so kann man
überlegen, was zu machen ist. Bringe mir die Berichte einmal her, vielleicht
vermag ich etwas für Dich zu tun. Ich komme im Frühjahre in unsere Provinz. Der
Regierungs-Präsident, der Direktor der Landschaft sind alte Freunde von mir. Man
muss die Dinge nur anzufassen, höchsten Ortes richtig darzustellen wissen! Es
geht Unsereinem nicht gleich an Hals und Kragen, und wenn man sich bei Anlass
Deiner Hochzeit an die rechte Stelle wendet, so kommt man Dir, da Hildegard und
die Mutter sehr geschätzt sind, wohl zu Hülfe. Sind wir denn Hans und Kunz, dass
wir uns nur mit so brutalen Mitteln wie Kreti und Pleti aus der Affaire ziehen
könnten?
    Der Graf war bei diesen Auseinandersetzungen äusserst heiter geworden. Das
wirkte auf Renatus vorteilhaft zurück. Nach kurzer Beratung kamen der Oheim
und der Neffe dahin überein, dass der junge Freiherr gleich jetzt an Tremann
schreiben und die sofortige Aushändigung der Geschäftsakten und Dokumente
begehren solle, weil Renatus sie mit sich zu nehmen wünsche. Das brachte die
Unterhaltung denn auch auf die Abreise des Freiherrn, und der Graf riet ihm mit
einer gewissen Dringlichkeit, dieselbe zu beschleunigen und auch seine Hochzeit
so bald als möglich zu begehen. Da dies seinem Neffen beides auffiel, sagte
Jener unumwunden, Renatus möge nicht vergessen, dass er gegenwärtig der letzte
Arten sei und dass er seinem Hause schulde, endlich für die Erhaltung dieses
alten Geschlechtes Sorge zu tragen. Nebenher sei Hildegard durch den langen
Brautstand mutlos und an sich selber irre geworden, habe ein Misstrauen in
Renatus' Zuneigung zu ihr, und es sei auch für Renatus selber nötig, dass er
sich von dem Gerede frei mache, das über ihn im Gange sei.
    Der junge Freiherr fuhr auf. Er begehrte zu wissen, was das sagen wolle;
sein Oheim suchte ihn zu beschwichtigen, und da Jener in ihn drang, meinte der
Graf, er selber habe nicht recht dahinter kommen können, um was es sich dabei
handle. Graf Stammburg, der Attaché der preussischen Gesandtschaft, welcher
dieser Tage mit Privat-Depeschen von London angekommen sei, habe das Gerücht von
einem Liebeshandel, einem Bekehrungsplane, einer Verführungs- oder
Entführungsgeschichte hierhergebracht, in welcher der Name eines katolischen
Geistlichen mit Renatus' Namen und dem Namen der bekannten Schönheit, der Gräfin
Haughton, wunderlich verschlungen zu gleicher Zeit genannt worden wären. So viel
stehe fest, dass die englische Gesellschaft die Gräfin zurückgewiesen, dass sie
sich auf ihre Güter begeben habe und in das Ausland zu gehen beabsichtige. Käme
sie bei ihrer Reise etwa nach Berlin, so sei es, was auch immer zwischen ihr und
dem Freiherrn vorgegangen wäre, gewiss das Beste, wenn derselbe bei ihrer Ankunft
nicht in der Hauptstadt und wo möglich schon vermählt sei, um sich damit gegen
seine eigenen Erinnerungen wie gegen die möglichen Ansprüche der Gräfin eine
Schutzwehr zu bereiten.
    Renatus war sehr betroffen. Er konnte es nicht ertragen, von sich und von
Eleonoren in solcher Weise sprechen zu hören oder einen Verdacht gegen seine
Ehre auf sich sitzen zu lassen. Um sich zu rechtfertigen, erzählte er dem Oheim
seine Erlebnisse bis in ihre kleinsten Einzelheiten, und es war lange nach
Mitternacht, als die Beiden noch bei einer Flasche Wein beisammen sassen.
    Der Graf war ein vortrefflicher Zuhörer. Er verstand zu fragen, sprechen zu
lassen und zu schweigen. Als Renatus aber alle seine Mitteilungen geendet und
dem Grafen selbst sein erkaltetes Empfinden für seine Braut nicht verborgen
hatte, riet dieser ihm nur noch entschiedener, gleich an einem der nächsten
Tage nach seiner Heimat aufzubrechen. Er pries Hildegard in gewohnter Weise auf
das wärmste, meinte, jedes Feuer erlösche, wenn man es zu lange ohne Nahrung
lasse. Auch Renatus brauche nur in der Nähe seiner Braut zu sein, um die alten
Flammen wieder auflodern zu fühlen. Dazu gab er ihm des Königs bekannten
Widerwillen gegen alles, was irgend nach einem romantischen Abenteuer aussähe,
zu bedenken. Es sei nicht ratsam, meinte er, wenn der König jetzt zum ersten
Male von Renatus, gerade auf Anlass eines so vieldeutigen Gerüchtes, sprechen
höre, ohne dass man durch den Hinweis auf seine nahe Vermählung mit einer ihm von
Jugend auf verlobten Braut jene Verdächtigungen entkräften könne. Für die
Herstellung von Renatus' Vermögen und Besitz sei des Königs Gunst die erste und
die einzige Bedingung, und die Gräfin Rhoden, die Mutter wie die Töchter,
besässen diese Gunst.
    Der Graf kam allmählich auch auf die Baronin Vittoria zu reden, erwähnte mit
Bedauern, dass sie seinen verstorbenen Schwager wohl manche unangenehme Erfahrung
habe machen lassen, und meinte, da heute einmal zwischen ihnen Alles, wie es
sich zwischen so nahen Blutsverwandten und zwischen Männern zieme, welche die
Welt und das Leben kennen gelernt hätten, durchgesprochen würde, so wolle er
Renatus denn auch vertrauen, dass er in Bezug auf dessen Stiefmutter ein sehr
wichtiges Dokument besitze. Es sei ein Brief, der Brief eines im Felde
gebliebenen italienischen Offiziers an die Baronin. Er, der Graf, sei sonst, wie
Renatus es heute gesehen habe, eben kein sorgfältiger Aufbewahrer von Papieren,
indes dieses sei ihm doch der Mühe wert erschienen, und da man nicht wissen
könne, wie Alles sich einmal im Leben füge, so sei er bereit, es Renatus
auszuhändigen.
    Die Mitteilung kam dem Freiherrn höchlich unerwünscht. Sein Schamgefühl wie
sein Ehrgefühl lehnten sich gegen diese Entüllung des Verrates auf, welchen
Vittoria gegen seinen Vater begangen hatte; und dass ein Anderer, als eben er und
sein verstorbener Vater, sich das Recht zuerkennen durfte, seine Stiefmutter zu
verurteilen, tat ihm auch um ihretwillen weh. Wäre er seiner ersten Eingebung
gefolgt, so würde er das Anerbieten von sich gewiesen haben, aber die
flüchtigste Ueberlegung liess ihn erkennen, dass ein Zeugnis gegen die Baronin,
gegen die Frau, die seines Vaters Gattin gewesen war und seines Hauses Namen
trug, nicht in fremden Händen bleiben dürfe; und sich überwindend, sagte er so
ruhig, als er es vermochte, dass er es seinem Onkel natürlich nur Dank wissen
könne, wenn er ihm den Brief abtreten wolle.
    Der Graf holte ihn also sofort herbei. Der Zufall spielt oft wunderbar,
meinte er. Ein Italiener, der uns hier zur Zeit des russischen Feldzuges im
Hause erkrankte und am Typhus starb, hatte das Blatt an Vittoria in seiner
Brieftasche. Die Weissenbach, welche des Kranken gewartet und dann später sein
Hab und Gut an sich genommen hat, brachte mir das Schreiben.
    Es war in der Tat nur ein einzelnes Blatt, wie man es aus einer
Schreibtafel herausreisst, los zusammengelegt, mit Bleistift geschrieben, die
Buchstaben und die Zeilen unregelmässig; man musste annehmen, dass ein Kranker, ein
Sterbender sie hingeworfen hatte. Die Aufschrift aber war von einer anderen
Hand. Sie trug in festen, sichern Lettern Vittoria's Namen mit genauer Angabe
ihres Wohnortes und der Stadt, in deren Nähe Schloss Richten gelegen war.
    Ohne den Neffen anzusehen - und diese Rücksicht wusste Renatus sehr zu
würdigen - reichte er ihm über die Schulter hin das Blatt. Wer weiss, wie Du es
einmal brauchen kannst, Deine Stiefmutter im Zaume zu halten, sagte er. Ich
habe, wie ich Dir bekennen will, durch die blosse Andeutung, dass ich von dem
Dasein eines solchen Briefes wisse, Ruhe und Frieden in Richten geschafft, und
die Gräfin und Hildegard haben mich seitdem für einen grossen Psychologen, ja,
für einen halben Zauberer angesehen. Du wirst viel zu schlichten und zu schaffen
finden, denn auch der Junge ist ein wahrer Satan, aber vielleicht auch ein
Genie, und wenn Du etwa von dem Briefe einmal Gebrauch zu machen denkst ....
    Das werde ich niemals! fiel Renatus ihm in die Rede.
    Hüte Dich, mein Lieber; man soll so etwas nicht sagen! meinte der Graf. Das
Leben nimmt uns oft sonderbar beim Worte!
    Es entstand eine Pause; Renatus schickte sich zum Fortgehen an. Der Graf
fragte ihn, wann er nach Hause zu reisen denke, und er entgegnete, dass er schon
morgen aufbrechen möchte, dass er jedoch erst noch einmal zu Tremann gehen und
seine Papiere an sich nehmen müsse. Der Graf hingegen meinte, dass Renatus
deshalb ja nicht noch einmal mit Tremann zusammen zu kommen brauche, sondern dass
diese Sache sich auch schriftlich abtun lasse; und nach kurzem Hin- und
Widerreden kamen sie überein, dass der Graf gleich jetzt zwei Zeilen an Tremann
schreiben solle, um dem Neffen ein neues unwillkommenes Begegnen zu ersparen.
    Der Graf, der es unter der Franzosenherrschaft wohl gelernt hatte, rasch und
gewandt mit der Feder umzugehen, setzte sich sofort an seinen Schreibtisch
nieder. Warte, sagte er, dabei kann ich ihm gleich auf seinen ritterlichen Brief
von diesem Morgen die ihm gebührende Antwort vergönnen. Als er geendet hatte,
bot er seinem Neffen das Billet zur Ansicht dar. Es lautete:
    »Mein Neffe, der Freiherr Renatus von Arten-Richten, welchen der Wunsch,
seine Heimat und seine Braut baldmöglichst wiederzusehen, zu beschleunigter
Abreise veranlasst, hat mich beauftragt, die sämmtlichen in Ihrem Gewahrsam
befindlichen, ihm zustehenden Papiere und Dokumente von Ihnen zurückzufordern.
Ich ersuche Sie also, mir dieselben gegen einen von dem Freiherrn
unterzeichneten Empfangsschein zustellen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit
bemerke ich zugleich auf Ihr Schreiben von heute früh, dass es mir gegen die Ehre
und gegen die sittliche Pflicht eines jeden Mannes zu verstossen scheint,
entwendete Papiere käuflich an sich zu bringen, dass es aber fern von mir ist,
Sie deshalb zu einer Rechenschaft zu ziehen, da jene mir entwendeten
Briefschaften völlig wertlos für mich sind.«
    Der Graf sah, dass die letzten Zeilen dieses Briefes nicht nach dem Sinne
seines Neffen waren, aber er wusste dem Ausdrucke dieses Missfallens vorzubeugen.
Man muss diesen Herren doch gute Sitten lehren, sagte er spöttisch, und ihnen
zeigen, wie ein Cavalier mit Ihresgleichen umzugehen hat. Sie möchten sich am
liebsten auch in der Gesellschaft in Reihe und Glied mit Unsereinem stellen,
weil sie einmal im Felde neben uns gestanden haben. Aber die Tage folgen
einander und gleichen einander nicht! wie die Franzosen richtig sagen.
    Er ersuchte Renatus darauf, ihm den Empfangsschein, dessen er für Tremann
benötigt war, zu schreiben. Sie verabredeten, dass sie am nächsten Tage noch
zusammen speisen wollten, und Renatus, der von der Menge der verschiedensten
Eindrücke aufgeregt war, trug jetzt selbst ein Verlangen, nach Richten zu
kommen, um seine Zustände und Verhältnisse einmal durch eigene Anschauung und
Erfahrung zu prüfen und wo möglich zu einem Abschlusse zu bringen, der es ihm
vergönnte, sich in Ruhe auf sich selber zu besinnen.
 
                                  Viertes Buch
                                 Erstes Capitel
»Die Tage folgen einander und gleichen einander nicht!« wiederholte sich der
Freiherr, als er in seiner Reisekalesche einsam durch die tief verschneiten
Haiden gen Osten nach seiner Heimat fuhr.
    Er empfand das jetzt noch lebhafter, als es sich ihm bei seiner Reise durch
Deutschland dargestellt hatte. Gerade sechs Jahre waren es her, seit er mit dem
preussischen Contingente, am Ausgange des Winters, denselben Weg gegangen war;
aber sie waren dahin, die jugendlichen Liebes- und Ruhmesträume, welche ihm
damals die Brust geschwellt hatten. Ihm winkte jetzt nicht mehr das Wiedersehen
mit seinem Vater, nicht mehr die Aussicht, mit seinen fröhlichen Kameraden in
seiner Väter Schloss heitere Tage zu verleben, und Vittoria und ihren Sohn in
Freuden zu umarmen. Er war noch jung genug, indes die grossen Ereignisse, die
ungewöhnlichen Schicksalswechsel, die er an sich hatte vorüberziehen sehen und
in denen er selbst beteiligt gewesen war, die Gefahren und Nöten, die er
überstanden, die Vorgänge in seiner Familie und namentlich die Erfahrungen, die
sich ihm in Paris in den letzten Wochen und Monaten aufgedrängt hatten, machten,
dass er sich älter, in der Tat weit älter dünkte. Dazu trat die Sorge jetzt nahe
und näher an ihn heran.
    So lange er in Frankreich gewesen war, hatte er sie wie eine ferne, weit
entlegene Gebirgsreihe nur in unbestimmten umrissen und nur gelegentlich vor
sich gesehen. Jetzt, da er sich auf der altbekannten Strasse wiederfand, da jede
Station ihm eine halbvergessene Erinnerung wachrief, tauchte auch die ganze
Kette seiner Sorgen immer deutlicher vor ihm empor, und er konnte, wohin er den
Blick auch wendete, es nicht hindern, dass sie sich hoch und höher aufzutürmen
schienen, bis er sich endlich wie von ihnen umringt und seinen ganzen Horizont
von ihnen in einer Weise eingeschlossen fühlte, dass es ihm jeden freien Ausblick
hemmte und ihm den Atem einzuengen drohte.
    Was ging ihm nicht alles durch den Kopf! - In diesem Gastofe war er
gewesen, als er mit seinen Eltern, in Begleitung der Herzogin, nach der Stadt
gefahren war. Er erinnerte sich, wie man ihn in den Wagen der Herzogin gebracht
hatte, damit die Mutter Ruhe hätte, und wie heiter sein Vater an dem Tage
gewesen war. Vor jenem Kruge hatte man ihm auf der Rückreise zu trinken geben
lassen, und der Krüger hatte nach der Frau Baronin gefragt, die unter Seba's
Obhut mit dem Caplan in der Stadt schwer krank zurückgeblieben war. Nun lebten
sie alle nicht mehr: nicht sein Vater, nicht seine Mutter, nicht der Caplan und
nicht die Herzogin! Und wie ihm das auch weh tat, sie konnte er nicht beklagen.
Das Leben dünkte ihm kein so grosses Glück. Brauchten sie alle es doch nicht zu
hören, was er von Tremann und von dem Grafen hatte hören müssen! Er dachte mit
einer zärtlichen Genugtuung daran, dass sie mit weniger beschwertem Sinne, als
er, durch ihr Dasein gegangen waren, und dass nur er allein die Erbschaft ihrer
Sorgen auf sich nehmen musste. Sie hätten denselben zu stehen nicht mehr
vermocht.
    Vor dem Hause, vor welchem er auf seinem eiligen Ritte nach dem väterlichen
Schloss damals, als er seinem Regimente Quartier bestellen wollte, mit Steinert
zusammengetroffen war, musste er auch jetzt wieder verweilen. Man hatte die
Postalterei dahin verlegt, es war die letzte Station, auf der er seine Pferde
wechselte. Der Postalter, der den jungen Freiherrn trotz der sechsjährigen
Entfernung augenblicklich wiedererkannte, bewillkommte ihn mit lebhaftem
Zuspruche. Wie vor sechs Jahren, hatte Renatus jedoch auch jetzt keine Neigung,
darauf einzugehen. Jetzt wie damals fürchtete er, irgend welche ihm
unwillkommene Berichte zu vernehmen, denn Gutes war ihm von Hause schon seit
langer Zeit nicht mehr gekommen. Und sich wie Einer, der geschlafen hat und
weiter zu schlafen denkt, tief in die Wagenecke zurücklehnend, befahl er, sobald
die Pferde vorgelegt waren, weiter zu fahren.
    Es war noch früh am Morgen, als das Schloss sich vor seinen Augen erhob. Die
Stattlichkeit desselben freute ihn, da er es jetzt zum ersten Male als sein
Eigentum begrüssen sollte, aber seine Besitzesfreude war nicht rein. Wehmütige
Erinnerungen und schwere Sorgen warfen ihre trüben Schatten über sie.
    Man hatte am verwichenen Tage die Kalesche des Freiherrn auf Kufen gesetzt
und die Räder untergebunden, denn der Schnee lag hier noch auf dem ganzen Lande
fest. Er reichte vor den niedrigen Häusern der Insassen bis an die
halbverstiemten kleinen Fenster hinauf. Nun steckten aus den Türen sich hier
der Kopf einer Alten, dort ein paar Kindergesichter unter ihren dicken
Pelzmützen hervor, als mit dem Schalle des Postorns zugleich das Klingeln der
Schlittenschellen ertönte, und der Schlitten, von den starken Gäulen
fortgezogen, eilig durch das Dorf fuhr.
    Die winterliche Einsamkeit, das Anschlagen der Hunde, das sich von Hof zu
Hof fortsetzte, bis es aus dem Bereiche des Schlosses an des Freiherrn Ohr
klang, hatten etwas Melancholisches für ihn, dem jetzt seit Jahren das belebte
Treiben der heitersten aller Städte zu einer lieben Gewohnheit geworden war. Da
er sich in Berlin so plötzlich zum Aufbruche entschlossen und auch seine Abreise
von Paris schneller, als er es erwartet hatte, gekommen war, konnte man hier in
Richten natürlich auf seine Ankunft noch nicht vorbereitet sein.
    Das eiserne Gitter in dem Hoftore war geschlossen, kein Laden in beiden
Stockwerken geöffnet. Man hätte das Schloss für unbewohnt ansehen können, wäre
nicht aus den Schloten der Rauch emporgestiegen.
    Der Postillon liess auf's Neue sein Horn erklingen, um Einlass zu erhalten.
Der Freiherr betrachtete während dessen, wie der graue Rauch, von der Sonne
erhellt, an dem lebhaft gefärbten Himmel in graden, sich kräuselnden Säulen in
die Höhe stieg, die Gegend, das Klima, sein Schloss und sein ganzer Zustand kamen
ihm plötzlich so fremd, so wenig als zu ihm gehörend vor, dass er über die
Gleichgültigkeit erschrak, mit der er, hier umherschauend, auf das Oeffnen
seines Hauses wartete.
    Der Bursche, der das Tor aufmachte, kannte den Freiherrn nicht. Er war noch
ein Knabe gewesen, als Renatus fortgegangen war. Aber der Stallknecht, der
hervorkam, riss voll freudiger Bestürzung seine Mütze von dem Kopfe und rief,
während er sich mit den Händen gegen die Lenden schlug, dem Schlitten
nachlaufend: Der Herr! Herr Jesus, unser junger, gnädiger Herr ist da! der Herr
ist da!
    Der Ruf brachte im Hofe Alles schnell in Bewegung. Der Kutscher, ein Paar
der andern Leute eilten nach der Rampe. Die Türe des Schlosses ward rasch
aufgemacht, es kamen ein Diener, einige Mägde zum Vorschein, man umringte
Renatus, man küsste ihm die Hände, aber es waren lauter fremde Gesichter. Nicht
Einer von den Leuten, die früher im Schloss gewesen waren, fand sich unter den
Begrüssenden, so dass es dem Schlossherrn endlich eine wirkliche Erquickung war,
als Vittoria's italienische Kammerfrau, ihr rotseidenes Tuch wie sonst um das
dicke, schwarze Haar geschlungen, aus einem der unteren Zimmer zum Vorschein
kam.
    Wo ist die Signorina? fragte Renatus lebhaft, und der blosse Klang dieses
einen Wortes erwärmte ihm das Herz.
    Hier, Signor, hier! Im Bette! Sie schläft noch, aber sie wird glücklich sein
über ein solches Erwecktwerden! Kommen Sie, kommen Sie, Herr Baron! Wie
glücklich wird meine Signorina sein!
    Die treue Seele liess dem Freiherrn kaum die Zeit, sich seines Pelzes und
seiner Reisestiefel zu entledigen; dann ihn mit sich fortziehend, öffnete sie
die Türe von Vittoria's Gemach und meldete mit ihrer starken, lauten Stimme:
Signora, liebe Herrin, unser Herr ist da! Unser junger Herr, unser Herr Baron!
    Das Feuer brannte hell im Kamine, Gaetana riss die Fensterläden auf, dass die
emporkommende Sonne durch die gefrorenen Scheiben blendend hell hineinschien,
und von dem grellen Lichte schnell erweckt, richtete Vittoria sich auf ihrem
Lager rasch empor, sah den Eintretenden mit ihren mächtigen Augen voll Erstaunen
an und rief dann, ihm ihre Arme entgegenbreitend: Renatus, lieber Renatus, mein
Sohn, mein Freund! Aber welche Freude, aber welch ein Glück!
    Sie konnte sich nicht genug tun. Er hatte sich zu ihr niedergebeugt, sie
nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küsste ihn wieder und wieder.
    Wie Du schön geworden bist, wie gross, wie stark! sagte sie Mal auf Mal, und
wenn sie ihn von sich entfernt hatte, als könne sie ihn nun besser betrachten,
so zog sie ihn wieder zu sich heran, um ihn auf's Neue zu umarmen. Plötzlich
aber brachen ihre Tränen gewaltsam hervor, und die Augen verhüllend, sprach
sie: Ich glaubte, ich sei alt, sehr alt! Aber nur ein Bisschen Hoffnung, nur ein
Sonnenstrahl des Glückes, und das Leben und die Jugend sind wieder da! - O, ich
bin jung wie Du, seit ich Dich wiedersehe!
    Ehe er es hindern konnte, hatte sie in der Freude seines Herzens seine Hand
ergriffen und an ihre Lippen gedrückt. Ihre Warmherzigkeit, die
Rückhaltlosigkeit, mit welcher sie sich an ihre Empfindung hingab, bezauberten
Renatus, und wie ihr in der lebhaften Bewegung das seidene Tuch vom Haupte
glitt, dass die Fülle ihres schwarzen Haares sie und ihr volles, marmorfarbiges
Gesicht umfloss, übte auch ihre Schönheit den alten, lieben Reiz auf ihren
Stiefsohn aus.
    Sie fragte nach seinem Ergehen, aber sie fragte, wie es die Weise ihres
phantastischen Sinnes war, bald nach Diesem, bald nach Jenem. Er sollte
erzählen, und doch war sie es, die ihm erzählte, wie traurig, wie verlassen sie
hier im Schloss lebe, wie schön Valerio geworden sei, wie sie es hier gar nicht
ertragen haben würde, hätte sie Valerio und Cäcilie nicht gehabt, hätte sie sich
nicht damit getröstet, dass Renatus wiederkommen und seiner armen, kleinen Mutter
das Leben wieder leicht und lieblich machen werde. Nur des Freiherrn, ihres
verstorbenen Gatten, erwähnte sie mit keinem Worte, und Renatus mochte ihre
Freude durch keine schmerzliche Erinnerung stören. Es fiel ihr gar nicht ein,
dass Jemand, der von einer Reise kommt, ein Verlangen nach Nahrung oder den
Wunsch hegen könne, sich umzukleiden. Sie dachte nicht daran, dass er von der
mehrtägigen Fahrt ermüdet sein müsse; selbst dass sie aufstehen und sich
ankleiden lassen könne, kam ihr nicht in den Sinn. Sie war froh und glücklich,
sie war immer noch die alte Vittoria, die im Augenblicke ihre Welt zu finden
wusste, und wie sonst riss sie Renatus mit sich fort, dass er sich fröhlich und
erquickt in ihrer Nähe fühlte.
    Mit einem Male jedoch erhob er sich von dem Sessel, auf welchem er vor
Vittoria's Lager Platz genommen hatte, und sich selber scheltend, sprach er:
Aber ich sitze hier bei Dir, Signorina, und ich muss zu meiner Braut, zu
Hildegard!
    Das ist wahr! so geh', so eile! Sie wird sich freuen, die gute Hildegard!
Aber sie ist immer unwohl, immer unwohl, die gute Hildegard! entgegnete
Vittoria.
    Auf seine Frage, was seiner Verlobten fehle, fügte die Baronin hinzu,
Hildegard habe den Schnupfen, immer den Schnupfen, sie sei immer erkältet und
leide, wie sie sage, an den Nerven. Sie behaupte, die Sehnsucht habe sie krank
gemacht. Nun aber sei er ja da, nun also werde sie genesen.
    Renatus konnte den Spott in den Worten seiner Stiefmutter nicht überhören,
indes er mochte sich nicht gleich in dieser Stunde mit den kleinen
Misshelligkeiten und Eifersüchteleien befassen, deren Äusserungen er in jedem
Briefe gefunden, welchen er von Hause erhalten hatte, und schnell die Treppe und
den langen Korridor hinaufgehend, folgte er dem Diener, der ihn bei der Gräfin
ansagen sollte, während er selbst in seine Zimmer zu gehen und sich nach der
langen Fahrt umzukleiden wünschte, ehe er vor seiner Braut erschien. Er hatte
jedoch den Korridor noch nicht verlassen, als eine in Bewegung bebende Stimme
die Worte ausrief: Wo ist er? Ach, wo ist er? Und da er, diese Stimme erkennend,
sich umwendete, eilte Hildegard mit ausgebreiteten Armen, den Kopf wie in einer
Verzückung erhoben, auf ihn zu und drückte ihn stumm und sprachlos, als wolle
sie ihn nicht mehr lassen, an ihr Herz.
    Die Mutter, die Schwester waren ihr auf dem Fusse gefolgt, der Diener stand
dabei, das Kammermädchen, welches den Frauen einige Kleidungsstücke zuzutragen
hatte, kam ebenfalls den Gang herauf, und wenn diese Begegnung in dem kalten
Vorsaale, im Beisein einer ihm fremden Dienerschaft, schon nicht nach dem
Wunsche des jungen Freiherrn war, so lag in dem Wesen, in dem Tone, ja, selbst
in der gewaltsamen Innigkeit, mit welcher seine Braut ihn umarmte, etwas, das,
statt ihn zu erwärmen, ihn erkältete, weil es ihn unwillkürlich von sich selber
abzog und ihn zum Beobachten nötigte, wo er sich einer einfacheren
Ausdrucksweise der Empfindung arglos und willig hingegeben haben würde.
    Fasse Dich, liebe Hildegard, fasse Dich! musste er sie zu wiederholten Malen
ermahnen; aber sie schüttelte stumm und immer noch sprachlos das Haupt, und
Renatus war endlich genötigt, sie mit sanfter Gewalt von seinem Herzen
aufzuheben, um die Mutter, um Cäcilie begrüssen und Hildegard in das Zimmer
geleiten zu können, wohin die Andern ihnen folgten.
    Die Gräfin hatte sich, weil sie in dem fremden Hause so wenig als möglich an
dem Bestehenden zu ändern gewünscht, als sie nach Richten gezogen war, in dem
sogenannten Fremdenflügel niedergelassen, der einst von der Herzogin bewohnt
worden war. Hieher hatte sie ihre Möbel bringen lassen und sich, so weit dies
möglich war, ganz so eingerichtet, wie in den Räumen, die sie in der Stadt
zuletzt inne gehabt hatte. Hier wie dort hingen die weissen, schlichten Vorhänge
in langen, regelrechten Falten an den Fenstern hernieder. Das kleine, alte
Klavier, das schlichte Sopha, die Bilder der Königin und des Prinzen Louis
Ferdinand, es stand und hing hier Alles so wie dort; auch die strenge
Ordnungsliebe, die glänzende Sauberkeit herrschten hier wie dort. Renatus kannte
Alles wieder, Alles; selbst den Myrtenstock am Fenster in dem altertümlichen,
gemalten Topfe, und doch war es ihm so fremd, doch ängstigte es ihn - so wie
Hildegard's stumme Liebe, wie ihr Blick ihn ängstigte, der sich gar nicht von
ihm wendete, wie ihre langen Händedrücke ihn beängstigten.
    Was war denn mit seiner Braut geschehen? Die Mutter fand er, wie er sie
verlassen hatte. Sie war immer noch die edle, stattliche Frau mit den breiten
Wangenflächen, mit dem sanften Lächeln und dem guten, mütterlichen Ausdrucke.
Cäcilie war noch gewachsen, war voll, stark und hübsch geworden, weit hübscher
noch, als ihre erste Jugend es hatte erwarten lassen; nur Hildegard hatte sich
in einer Weise verändert, dass es Renatus schwer fiel, ihr zu verbergen, wie ihn
dies überrasche.
    In ihrem dunkeln, engen Morgenrocke, mit der fest anliegenden, kleinen
weissen Haube über dem glatt gescheitelten Haare sah sie ihm wie eine Nonne, wie
eine barmherzige Schwester aus, und ihr Behaben liess ihn vollends an ihr irre
werden. Er kam nicht über die Frage hinaus: Was stellt das vor? was soll das
bedeuten? Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass er verurteilt sei,
in einer Komödie eine ihm aufgedrungene und nicht natürliche Rolle zu spielen.
Er missfiel sich in derselben, er fand sich lächerrlich in ihr; aber Hildegard
missfiel ihm noch weit mehr. Er war froh, wenn die Mutter, wenn Cäcilie mit ihm
sprachen, er konnte es endlich gradezu nicht mehr ertragen, sich von seiner
Braut mit dieser schwermutsvollen Liebe ansehen zu lassen, und von einer
plötzlichen Ungeduld ergriffen, fragte er sie, ob sie krank sei.
    Krank? O nein, glücklich bin ich, unaussprechlich glücklich, entgegnete sie
ihm, so glücklich, dass ich's noch nicht fassen, noch nicht glauben kann!
    Aber diese Antwort machte das Uebel ärger, und lachend, um seine wahre
Empfindung zu verbergen, sagte er: So will ich mich umkleiden gehen, damit Du
Zeit gewinnst, Dich zu beruhigen! - Und den Anderen freundlich zunickend,
verliess er sie.
    In seinem Zimmer angelangt, warf er seine Kleider von sich und ging mit
heftigen Schritten in dem grossen Raume auf und nieder. Das Herz war ihm still in
der Brust, zum Erschrecken still, und seine Gedanken wirbelten mit einer
Schnelle durch seinen Kopf, dass er ihnen kaum zu folgen vermochte.
    Es war unmöglich, er konnte sein Wort nicht halten. Dieses Mädchen konnte er
nicht heiraten. Dass er Hildegard nicht liebe, das hatte er lange, das hatte er
eigentlich schon am Tage nach seiner Verlobung gewusst; dennoch hatte er es für
möglich gehalten, sich mit ihr zu verbinden, um seinem Versprechen nachzukommen,
und er hatte gemeint, auch ohne die eigentliche Liebe glücklich an ihrer Seite
leben zu können. Sie war immer schwärmerisch, immer überspannt, immer von einer
grossen Empfindsamkeit gewesen. Aber die Schwärmerei, welche ihr vor Jahren einen
eigentümlichen Reiz verliehen, die Empfindsamkeit, die ihn bei dem Abschiede
mit sich fortgerissen hatte, kleideten sie jetzt nicht mehr. Sie sah so verblüht
aus. Bittoria hatte Recht, man sah es, dass sie beständig kränkelte, dass sie
beständig den Schnupfen haben musste; und dazu diese Gefühlskomödie, dieses
Zurschautragen der Empfindung!
    Wie schön, wie frei war Vittoria, die man mitten aus dem Schlafe erweckt und
die von seiner Ankunft eben so wenig eine Kenntnis gehabt hatte, in ihrer Freude
gewesen! Wie herzlich hatte ihn die Mutter, mit wie fröhlicher Zärtlichkeit
hatte Cäcilie ihn empfangen! Er brauchte nicht an Eleonore, an dieses
herrlichste der Weiber zu denken, um sich zu sagen, dass Hildegard nicht für ihn
passe, dass er zu jung, zu lebensvoll und, der flüchtigste Blick in seinen
Spiegel rief es ihm zu, ein zu schöner Mann sei, um ein Mädchen wie Hildegard an
den Altar und in sein Haus zu führen. Es war unmöglich!
    Aber was sollte er tun? Sollte er es ihr gleich jetzt, gleich heute sagen,
dass er sie nicht liebe? Sollte er warten und die Zeit walten lassen? War es
denkbar, dass sie ihm bei längerem Beisammensein weniger missfiel? Durfte er
darauf rechnen, dass sie vielleicht selber einsehen lernen würde, wie wenig sie
und er zusammen passten? Sollte er ihr schreiben - mit der Mutter sprechen?
Sollte er abreisen? - Damit war freilich nichts gewonnen! - Und doch hätte er es
am liebsten tun mögen, hätte er nicht nach dem Seinigen sehen müssen und wäre
Vittoria nicht dagewesen, die er liebte, die wiederzufinden er so glücklich
gewesen war.
    Der Diener hatte des Freiherrn Kleider noch nicht ausgepackt, als dieser
etwas die Treppe hinaufstürmen hörte, und im nächsten Augenblicke warf sich ein
Knabe mit dem Ausrufe: Mein Bruder, willkommen, mein lieber Bruder! ihm in die
Arme.
    Ein blühenderes, ein schöneres Geschöpf war kaum zu denken. Weit grösser, als
seine Jahre es erwarten liessen, das braune Gesicht von einer Fülle schwarzen
Haares umlockt, die schönen Lippen vom Lachen umspielt, die grossen Augen vor
Freude funkelnd, und leicht und kräftig in jeder Regung und Bewegung, entzückte
Valerio den jungen Freiherrn durch sein blosses Erscheinen; und jene Liebe für
die Kindheit, welche die Frauen meist als ein ihnen besonders eigenes und
angeborenes Gefühl bezeichnen, während die Männer sie oft in ganz gleichem, wenn
nicht in einem höheren und edleren Grade besitzen, bemächtigte sich urplötzlich
seines Herzens. Er konnte nicht satt werden, den schlanken Knaben anzusehen. Er
hörte es mit unsäglichem Vergnügen, wie Valerio ihn immerfort seinen Bruder,
seinen geliebten Bruder nannte, wie er sich freute, dass der Bruder nun wieder da
sei, wie er den Bruder bewunderte, der alle die Schlachten gefochten hatte. Nie
zuvor waren die Worte »mein Bruder« zärtlicher an des Freiherrn Ohr gedrungen,
es hatte Niemand mit so voller, kindlich vertrauender Liebe zu ihm emporgesehen.
Und diese Zuversicht, diese vertrauende Bruderliebe des schönen Knaben, den er
hatte geboren werden sehen, den er auf seinen Armen getragen hatte, sollte er
Lügen strafen, sollte er jemals wieder entbehren müssen? Nimmermehr! - Vittoria
war der Stern seiner Jugend gewesen, ihre Liebe und Freundschaft hatten seine
bis dahin einsame und freudlose Kindheit in Glück verwandelt. Jetzt konnte er es
ihr vergelten, es ihr in ihrem Sohne mit Genuss vergelten, und er gelobte sich,
es zu tun.
    Nur mit Widerstreben, nur, um ihn nicht in fremder Hand zu lassen, hatte er
den Brief, der gegen Vittoria Zeugnis gab, von dem Grafen Gerhard angenommen.
Renatus hatte nicht daran gedacht, ihn jemals gegen sie zu brauchen oder dem
Willen seines Vaters entgegen zu handeln. Nur darüber war er mit sich nicht eins
gewesen, ob er ihn Vittoria übergeben solle oder nicht, ob es geraten sei, die
alte Wunde aufzureissen und sich zum ausdrücklichen Mitwisser von Valerio's
unrechtmässiger Geburt zu machen, oder ob er besser tue, dasjenige, was begraben
sei, auch begraben bleiben zu lassen. Und wie er heute Vittoria wiedergesehen
hatte, wie jetzt Valerio in seiner Schönheit und Liebe vor ihm stand, zweifelte
er nicht mehr, was hier zu tun ihm zieme. Hätte er sich doch am liebsten selbst
vor der Erinnerung an dasjenige bewahren mögen, was diese beiden ihm so teuren
Wesen von ihm trennen konnte; und rasch entschlossen, nahm er seine Brieftasche
zur Hand, suchte aus derselben den bewussten Brief hervor, betrachtete ihn
sorgfältig, um sich zu überzeugen, dass er sich nicht irre, und warf das Blatt
dann in das Feuer des Kamins.
    Was machst Du da? fragte Valerio, dessen Neugier alles, was der Freiherr
tat, beschäftigte.
    Ich verbrenne einen Brief.
    Wesshalb das?
    Weil ich Dich liebe, mein Valerio, mein lieber, lieber Bruder! gab Renatus
ihm zur Antwort, indem er ihm die Arme entgegenhielt.
    Valerio sprang an ihm empor und sagte lachend: Du gibst grade solche
Antworten, wie die Mutter.
    Der Freiherr fragte ihn, was er damit meine.
    O, versetzte der Knabe, solche Antworten, bei denen man nicht weiss, was sie
will, und über die man sich freut, auch ohne dass man sie versteht! Aber da Du
jetzt zu Hause bist, lieber Bruder, will ich Dir auch Alles sagen und Dich immer
fragen.
    Der Freiherr, der es wohl bemerkte, wie stolz es den Knaben machte, einen
fertigen Mann als seinen Bruder ansprechen und behandeln zu können, forderte
ihn, von Valerio's Weise mehr und mehr gefesselt, freundlich auf, mit dem Sagen
und Vertrauen nur gleich zu beginnen; indes Valerio weigerte sich dessen. Noch
sei es nicht an der Zeit, noch sei es Winter; aber im Frühlinge, wenn der Schnee
geschmolzen und Alles wieder grün sei, dann werde er es ihm schon sagen.
    Er fing darauf, während Renatus sich säuberte und kleidete, von der Mutter,
von der Gräfin und von Hildegard zu erzählen an: wie Hildegard ihn in die Stadt
und in die Schule schicken wolle, wie er Hildegard nicht leiden könne, wie
Cäcilie weit besser, aber weit besser sei, und wie auch die Mutter Cäcilien viel
lieber habe. Renatus liess ihn immerfort gewähren, aber er konnte sich aus dem
planlosen Geplauder des Knaben doch bald überzeugen, dass derselbe durch das
beständige Zusammensein mit Erwachsenen eine bedenkliche Frühreife erlangt und
dass man ihm weit mehr als wünschenswert den Zaum und Zügel habe schiessen
lassen.
    Auf des Bruders Frage, was Valerio denn lerne, was er treibe, entgegnete
dieser, der Pfarrer käme Tag um Tag, ihm Unterricht zu geben, und an den anderen
Tagen lerne er mit der Mutter und mit Cäcilie Italienisch und Französisch.
Hätten die keine Zeit, so zeichne er oder er spiele Klavier. Als Renatus sich
erkundigte, wer ihn darin unterweise, sagte er sehr bestimmt, darin unterweise
ihn Niemand, das könne er von selbst; und er hatte denn auch gleich, ohne um
Erlaubnis zu fragen, aus des Freiherrn Taschenbuch den Bleistift herausgenommen
und auf den Rand eines der Papiere, die zur Einwicklung von des Freiherrn
Besteck gedient hatten, eine Menge von kleinen Figuren in den wunderlichsten
Stellungen und Sprüngen, oft nur mit wenig Strichen, aber mit so vollkommener
Sicherheit hingeworfen, dass Renatus sich des Erstaunens und des Lachens nicht
erwehren konnte. Sein Wohlgefallen an Valerio ward immer grösser. Er meinte, nie
eine so reine Freude genossen zu haben, als die Liebe für diesen Knaben sie ihm
bereitete, und er begriff seinen Oheim nicht, der mit solcher Wärme und
Anerkennung von Hildegard sprechen und dieses schönen, lebensvollen Knaben kaum
Erwähnung, und zwar mit Abneigung hatte Erwähnung tun können.
 
                                Zweites Capitel
Renatus war während der Feldzüge viel umhergeworfen worden. Er hatte gelernt,
sich in den verschiedensten Verhältnissen schnell zurechtzufinden und auf
verschlungenen Wegen seines Pfades nicht zu fehlen; aber eine so absonderliche
Wirtschaft, wie die in seinem Schloss, war ihm nirgend vorgekommen, und es war
ihm leichter, überall leichter gewesen, sich durch fremde Verkehrteiten
durchzuschlagen, als im eigenen Hause und in der eigenen Familie Ordnung zu
schaffen, besonders für ihn, der Ruhe und Frieden herstellen sollte, während er
keinen anderen Gedanken hegte, als das einzige, in der allgemeinen Uneinigkeit
anscheinend fest bestehende Verhältnis, seine Verlobung mit Hildegard, so bald
als möglich aufzulösen.
    Er kannte das Schloss kaum wieder, er konnte in seinem Vaterhause nicht
heimisch werden, und nur allmählich vermochte er es einzusehen, wie man zu einer
so grillenhaften Benutzung der verschiedenen Räumlichkeiten gelangt war und
wesshalb man sich in einer so unbequemen und unzweckmässigen Weise eingerichtet
hatte. Allerdings hatte Hildegard ihm davon geschrieben, aber die Ungehörigkeit
dieser Lebensweise stellte sich in der Wirklichkeit noch ganz anders als auf dem
Papiere dar, und der Eindruck, welchen Renatus davon empfing, war ein sehr
verdriesslicher.
    Vittoria hatte gleich nach dem Tode ihres greisen Gatten die Zimmerreihe
verlassen, die sie mit ihm geteilt und die der verstorbene Freiherr auch mit
seiner ersten Frau bewohnt hatte. Was sie dazu bestimmt hatte, darüber sprach
sie sich nicht aus, aber Renatus konnte es sich denken; und als er dann eines
Tages, neben ihr am Fenster stehend, in einer der Scheiben den Namen des Mannes
eingeschnitten fand, dessen Brief an Vittoria er vernichtet hatte, blieb ihm
kein Zweifel über die Beweggründe, durch welche seine Stiefmutter eben zu der
Wahl dieser im Erdgeschosse gelegenen Räume veranlasst worden war. Da man diese
Wohnung seit einem halben Jahrhunderte wenig benutzt und während der Feldzüge
die jüngeren Offiziere in dieselben einquartiert hatte, waren die altfränkischen
Möbel, die Tapeten, die Vorhänge in denselben sehr arg mitgenommen. Für
dergleichen fehlte jedoch der Baronin das Auge ganz und gar. Was sie an diese
Räume fesselte, war völlig unabhängig von dem Zustande, in dem sie sich
befanden. Ihr genügten sie. Sie schätzte es daneben, dass sie zu ebener Erde
lagen, dass sie nicht nötig hatte, eine Treppe zu steigen, wenn sie während der
schönen Jahreszeit sich im Freien aufzuhalten wünschte, und für den Winter hatte
sie sich auch nach ihren eigentümlichen Bedürfnissen eingerichtet. Das schöne,
grosse Bett aus ihrem Schlafgemache, einige Ruhesessel, ein Polsterlager, das sie
sich bald nach ihrer Verheiratung hatte machen lassen, ihr Flügel und ihre
Musikalienschränke waren in das grosse Gemach hinuntergebracht, in welchem Tag
und Nacht die Feuer in den beiden Kaminen nicht erlöschen durften, weil es
Vittoria nie verliess, wenn sie nicht zu einem Besuche in die Nachbarschaft fuhr.
Neben ihr wohnten ihr Sohn und ihre Kammerfrau, und obschon es der Letzteren an
Sinn für Ordnung nicht gebrach, wollte es ihr jetzt, wo die Baronin, ganz sich
selber überlassen, ihren Neigungen nachgeben konnte, nicht gelingen, Herr über
die phantastische Unordnung zu werden, in welcher Jene sich schon um deshalb
wohlgefiel, weil sie den entschiedensten Gegensatz zu den Gewohnheiten der
Gräfin Rhoden bildete.
    Wäre Renatus nicht zu nahe dabei beteiligt gewesen, so würde der
Weiberkrieg in diesem Schloss ihn belustigt haben. Jetzt indessen war das
anders. Da Vittoria die eigentliche herrschaftliche Wohnung nie betrat, hatte
die Gräfin es auch nicht für angemessen erachtet, sich ihrer zu bedienen; und
weil Vittoria oft am Tage schlief und dann bis tief in die Nacht hinein am
Flügel musizirte, war die Gräfin darauf bedacht gewesen, sich vor solcher
Störung ihrer Ruhe zu bewahren. Vittoria wohnte also im Erdgeschoss des linken
Flügels, die Rhoden'sche Familie im zweiten Stockwerk der rechten Seite. Alle
übrigen Zimmer waren zugeschlossen, und man hatte zwei Treppen und die ganze
Flucht der langen Gänge zu durchwandern, ehe man aus dem einen feindlichen Lager
in das andere gelangte. Das hatte jedoch für die Beteiligten nur wenig auf
sich, denn die Gräfin und Hildegard vermieden die Baronin so sehr, als es nur
möglich war, und Cäcilie, deren blühende Gesundheit die Kälte nicht zu scheuen
brauchte, focht die Unbequemlichkeit nicht an.
    Schon seit Jahren ass man nicht mehr gemeinsam. Vittoria liebte es nicht,
sich an eine bestimmte Stunde zu binden, die Gräfin und Hildegard verlangten
auch in diesem Falle nach einer strengen Pünktlichkeit, und wie über die Zeit,
so hatten die Frauen sich auch über die Wahl der Speisen nie vereinigen können.
Gaetana besorgte die Küche der Baronin, die Gräfin hielt mit ihren Dienstboten
nach ihrer Weise Haus. Hildegard warf es Vittoria vor, dass sie sich mit ihrer
süssen, fetten Kost unförmlich stark und träge mache, die Baronin hingegen wollte
sich nicht zu einer Ernährung bequemen, bei welcher man so wie Hildegard
verfalle und an den Nerven leide, und die Folge davon war, dass den ganzen Tag im
Schloss des Kochens und des Bratens kein Ende war, dass der Amtmann über den
gewaltigen Verbrauch von Brennholz klagte, dass die beiden Haushaltungen einander
der unverantwortlichsten Verschwendung ziehen und dass Renatus gleich in den
ersten Stunden von beiden Seiten mit Beschwerden und mit Anschuldigungen, mit
Ratschlägen zu einer Aenderung und mit Forderungen und Ansprüchen behelligt
wurde, die ihm, eben weil sie sammt und sonders kleinlich waren und den rechten
Punkt des Uebels nicht berührten, äusserst lästig dünkten. Das waren jedoch im
Grunde alles nur sehr unwesentliche Dinge gegen den Zwiespalt, den Renatus in
sich trug, gegen dasjenige, was er mit sich selber und mit seiner Verlobten
abzumachen hatte.
    Der erste Eindruck, welchen er von Hildegard empfangen hatte, änderte sich
auch im längeren Beisammenbleiben nicht. Sie war andertalb Jahr älter als der
Freiherr und nie schön gewesen. Nur die an blonden Mädchen schnell
vorübergehende Frische der Jugend hatte sie diesem einst reizend gemacht. Jetzt,
wo Renatus auf der Höhe seiner männlichen Kraft und Schönheit stand, näherte
Hildegard sich ihrem dreissigsten Jahre, und weil sie magerer geworden war,
traten die Kleinlichkeit und die Schärfe ihrer Züge unangenehm hervor. Dazu
hatte, wie jedes Zeitalter den Menschen eine bestimmte Physiognomie anbildet, so
dass nur wenig bevorzugte Naturen sich unabhängig von dem allgemeinen Typus zu
freien und eigenartigen Persönlichkeiten ausbilden, die Stimmung, welche vor und
während der Freiheitskriege in Deutschland herrschend gewesen war, auch der
jungen Gräfin Rhoden ihren Charakter aufgeprägt. Die schweren Sorgen, welche
jeder Einzelne zu tragen hatte, die Notwendigkeit, für das Allgemeine
bedeutende Opfer zu bringen und sich eben deshalb in seinen eigenen Bedürfnissen
zu beschränken, die Ergebung in grosse Unglücksfälle, zu der so Viele sich
veranlasst fanden, endlich die Selbstverläugnung, welche die deutschen Frauen und
Mädchen an dem Siechbette der Verwundeten und Kranken über sich genommen, hatten
Hildegard vortrefflich erzogen, aber ihr auch ein eigentümliches Gepräge
aufgedrückt. Sie war sparsam und fleissig, anspruchslos in allen ihren
Bedürfnissen, grosser, ausdauernder Treue und Hingebung fähig, von einem starken
Pflichtgefühle beseelt, und man hätte diese Tugenden vielleicht noch höher
schätzen müssen, weil sie dieselben mit vollem Bewusstsein übte und in sich
ausgebildet hatte. Grade diese Absichtlichkeit nahm ihr indessen die
Natürlichkeit. Die Sanftmut, deren sie sich befleissigte und die sie in ihrem
ganzen Wesen kund zu tun strebte, wurde in ihrem Mienenspiele zu einem
süsslichen Ausdrucke, ihre Hingebung liess sie empfindsam erscheinen, und daneben
machte ihre Strenge gegen sich selbst sie gegen die Anderen unduldsam. Mit jener
Unerbittlichkeit und Selbstgenügsamkeit, denen man bei beschränkten Menschen, so
Männern als Frauen, überall begegnet, hatte sie sich ein Tugendideal geschaffen,
dem sie sich nachzubilden trachtete, und ohne den verschiedenen Naturen und
Lebensbedingungen der Anderen irgend eine Rechenschaft zu tragen, verwarf sie
Alles und Jeden, sofern sie ihrem Ideale nicht entsprachen.
    Da sie in all ihrem Tun und Treiben berechnend geworden war, hatte sie bei
dem Wiedersehen mit Renatus ihm gleich die ganze Fülle ihrer Liebe und die tiefe
Innerlichkeit derselben darzutun gestrebt. Aber sie hatte sich diese Scene so
tausendfältig vorgestellt, sich dieselbe so oft und in allen ihren Einzelheiten
so genau und mit so leidenschaftlichen Farben ausgemalt, dass die Wirklichkeit
weit hinter der erwarteten Glückseligkeit zurückblieb. Hildegard war also trotz
ihrer anscheinenden Versunkenheit völlig im Stande gewesen, nicht nur über sich
selbst, sondern auch über ihren Verlobten genaue Beobachtungen anzustellen, und
sie waren nicht dazu geeignet gewesen, sie über ihre Zweifel an seiner Liebe zu
beruhigen. Schon dass er nicht zuerst nach ihr verlangt hatte, dass er nicht
graden Weges zu ihr gekommen war, hatte, wie sie es nannte, ihrem Herzen wehe
getan, und dass er dann so lange mit Valerio in seinem Zimmer und von ihr fern
verweilen können, war für ihre Seele noch weit entmutigender gewesen.
    Alle ihre schlimmsten Ahnungen gingen in Erfüllung. Weinend sank sie ihrer
Mutter, nachdem Renatus das Zimmer verlassen hatte, in die Arme; unter Tränen
kleidete sie sich an; und diese Tränen trugen nicht dazu bei, sie zu
verschönern. Es war vergebens, dass die Mutter ihr Mut einsprach, dass sie
Renatus mit der Ermüdung entschuldigte, welche die unausbleibliche Folge einer
langen Winterreise sei. Obschon auch der Gräfin das Erschrecken und die Kälte
des Freiherrn sichtbar genug gewesen waren, gab sie der verzagten Tochter zu
bedenken, dass in jeder langen Trennung der Keim zu gegenseitigem Missverstehen
liege. Sie erinnerte Hildegard daran, wie schnell, wie plötzlich einst ihr
Verlöbnis mit Renatus geschlossen worden sei und wie das wahrhaft bräutliche
Zusammengehören, wie ein Zuversicht gebendes Liebesverhältniss sich noch gar
nicht zwischen ihnen habe gestalten können. Vor Allem jedoch warnte sie die
Tochter, ihre Zweifel dem Wiedergekehrten zu verraten. Sie beschwor sie, sich
zu erheitern, sich zu schmücken, dem Verlobten unverhohlen die Freude kund zu
geben, welche sie empfinde. Aber durch die lange Gewohnheit, sich in ihren
Gefühlen mit Selbstbeobachtung und mit Selbstbewusstsein darzustellen, war
Hildegard völlig unfähig geworden, sich zwanglos gehen zu lassen, und sie hatte
kaum eingesehen, dass die Mutter Recht habe und dass sie wohl tun werde, wenn sie
ihr folge, als sie sich auch schon in eine neue Rolle hinein versetzte, die ihr
freilich noch weniger wohl anstand, als die bisher von ihr aufrecht erhaltene
Kundgebung der stummen Liebe.
    Sie war jetzt fest entschossen, ihren Kummer zu verbannen, sie wollte sich
mit aller ihrer Energie aus der sehnsuchtsvollen Braut in die glücklich Liebende
verwandeln; indes eine Miene, welche man durch lange Jahre festgehalten hat,
lässt sich nicht leicht verwischen. Ihr lächelnder Mund wollte nicht mehr zu dem
schwermütigen Blicke, die Art, in welcher sie sich hüpfend dem Bräutigam an den
Hals warf, nicht zu dem elegischen Tone ihrer Sprache passen, und wenn sie bei
dem Eintritte des Geliebten nach fröhlicher Kinder Weise in die Hände klatschte,
machte das einen solchen Gegensatz zu der wehmütigen Neigung ihres Hauptes, die
ihr zur anderen Natur geworden war, dass Valerio, der nicht von des Bruders Seite
wich, und weder gewohnt war, seine Gedanken zu verbergen, noch den Ausdruck
seiner Einfälle zurückzuhalten, eines Tages bei Hildegard's Anblick laut zu
lachen anfing.
    Wie kommst Du denn in ein grünes Kleid, fragte er, und obenein mit solchen
langen Locken? Du siehst wie eine vergnügte Trauerweide aus!
    Die Gräfin schalt den Knaben. Auch Renatus wies ihn mit strengem Wort in
seine Schranken; aber Hildegard missfiel auch ihm, seit sie zum Aufputze ihre
Zuflucht nahm, mehr noch als am ersten Tage, und doch vermochte er das trennende
Wort gegen sie nicht auszusprechen. Er konnte sich nicht entschliessen, einem
Weibe, das ihm liebend gegenüber stand, mit Härte zu begegnen. Er fühlte sich
sehr unglücklich, ja, er betrachtete es als eine Erniedrigung, dass er sich
genötigt sah, sich der Zärtlichkeit eines ungeliebten Mädchens zu überlassen,
welches offenbar entschlossen war, seine Kälte nicht zu beachten, seine Liebe
durch ihre Geduld und Treue zu gewinnen und sich ihm nützlich und angenehm zu
machen, indem es schon jetzt die Hälfte seiner Mühen und Sorgen auf sich nahm.
    Ohne dass er es von ihr begehrte, sprach ihm Hildegard ihre Ansicht über
seine Verhältnisse aus, von denen sie durch ihre eigenen Beobachtungen und
Erkundigungen weit vollständiger unterrichtet war, als Renatus es erwartete. Sie
hatte denn auch mit reiflicher Ueberlegung jene Plane entworfen, von denen sie
ihrem Bräutigam in ihren Briefen zum Oefteren gesprochen, und sie waren
natürlich ganz auf jene Ausschliesslichkeit des liebenden Beisammenseins
berechnet, welchem Hildegard einst in der Stunde der ersten Trennung von dem
Verlobten mit dem Ausrufe: Ich und Du - und Du und ich! ihren Ausdruck gegeben
hatte.
    Ihrem Sinne widerstanden Tremann's Ratschläge, von denen sie sich mit ihren
sanften und doch eindringlich bohrenden Fragen bald durch den Freiherrn Kenntnis
zu schaffen wusste, keineswegs. Denn Vereinfachung der Zustände war gerade
dasjenige, worauf ihr Augenmerk gerichtet war. Sie stimmte daher der Meinung
Tremann's auch völlig bei, dass man Neudorf und Rotenfeld verkaufen solle; sie
hoffte mit dem Grafen Gerhard, dass der König, wenn er sähe, wie bedrängt Renatus
sei und wie sehr er und seine Braut entschlossen wären, ihre Verhältnisse zu
regeln, sich ihrer annehmen würde, und sie hatte bereits die genauesten
Berechnungen über die Summe angestellt, welche man der Baronin aussetzen müsse,
wenn diese mit ihrem Sohne erst an einem beliebigen anderen Orte ein Unterkommen
gefunden haben würde. Dass die Gräfin Rhoden und Cäcilie sich mit dem kleinen,
ihnen eigenen Vermögen nach der Hauptstadt zurückwenden würden, nahm Hildegard
als selbstverständlich an, und sie erging sich also, so oft der Anlass sich ihr
dazu bot, in den Schilderungen des friedlichen und vollendeten Glückes, dessen
sie und der Geliebte teilhaftig werden würden, wenn sie, von Sorgen und
Widerwärtigkeiten nicht belastet, hier in Richten einzig auf einander
angewiesen, einst nur für einander leben würden.
    Es lag in dem Ernst der jungen Gräfin eine zwingende Kraft, aber sie hatte
die Unart, immer wieder auf denselben Gegenstand zurückzukommen, den Freiherrn
an jedem Tage auf die Notwendigkeit einer Entschliessung hinzuweisen und dadurch
ihn unablässig an die ganze Schwere seiner Sorgen zu erinnern. Er gestand es
sich ein, dass sie in gewissem Sinne Recht habe, dass sie ein tüchtiger, ein
ehrenwerter Charakter sei; er liess sich sogar den Vorwurf von ihr gefallen, dass
es ihm an Willensstärke fehle; indes die Achtung, welche er ihr nicht versagen
durfte, fachte die Liebe in ihm nicht wieder an. Sein Bedauern über die
Unklugheit, ihr nicht aus der Ferne geschrieben zu haben, was er ihr weder
verbergen konnte, noch verbergen wollte, verminderte sich dadurch nicht, und der
Unfriede und die grillenhafte Lebensweise, welche in seinem Schloss herrschten,
traten ihm trotz alledem als der Uebelstand hervor, dem zunächst eine Schranke
gezogen werden müsse.
    Dass er diese Zustände, wie sie sich während seiner Entfernung herausgebildet
hatten, dass er namentlich die Doppelwirtschaft nicht fortbestehen lassen könne,
erklärte der junge Schlossherr den Frauen gleich am ersten Tage. Er liess die
Wohnung seiner Eltern öffnen, richtete sich in seines Vaters Zimmern ein,
ordnete an, dass man um bestimmte Stunden und gemeinsam speisen solle, und wie
diese Einrichtungen ihn des Alleinseins mit Hildegard zum Teil entoben, so
zeigten sämmtliche Frauen sich aus Eifersucht gegen einander mit Einem Male
seinen Wünschen und Anweisungen fügsamer, als er es erwartet hatte.
    Vittoria verliess ihr Gemach und stieg zur festgesetzten Zeit die Treppe
bereitwillig hinauf, um der Gräfin und Hildegard die Rechte der Hausfrau in dem
Versammlungszimmer und im Speisesaale nicht zu überlassen. Diese hinwieder
hielten es für geboten, der Liebe und Zärtlichkeit entgegenzuarbeiten, welche
Renatus immer noch für seine Stiefmutter hegte, und da die Einen wie die Andern
das Bestreben hatten, den Heimgekehrten festzuhalten, an sich zu fesseln und für
sich einzunehmen, mässigte ein Jeder sich in der Äusserung und Darstellung des
Unrechtes, das er erlitten zu haben glaubte, hielt Jeder sich mit den Ansprüchen
und Anklagen, die er erheben zu müssen für nötig ansah, vorläufig noch in
gewissen Schranken zurück. Das gab dem Freiherrn Hoffnung und gewährte ihm eine
Genugtuung; denn er besass noch jenen guten Glauben des Unerfahrenen, welcher
alles, was sich um ihn her gestaltet und vollzieht, als sein Werk, als die Folge
seiner Anordnungen und Massnahmen anzusehen liebt, ohne zu bemerken, welchen
Anteil die Plane und Berechnungen der Andern daran haben, und ohne es gewahr zu
werden, dass er oft nur ein Werkzeug ist, wo er sich als den Herrn und Meister
fühlt.
    Er zweifelte nicht daran, dass er seinen Willen durchgesetzt habe, als
Vittoria plötzlich ihren Flügel und ihre Noten wieder in das Empfangszimmer
hinaufbringen liess; er ging mit Behagen in den Sälen umher, wenn die Frauen sich
Abends um ihn versammelten, wenn Vittoria und Cäcilie und Hildegard bei ihren
musikalischen Leistungen einen förmlichen Wetteifer verrieten, wenn die Frauen
alle sich in freundlicher Zuvorkommenheit gegen ihn und gegen einander plötzlich
überboten und keine von ihnen ein anderes Bestreben zu haben schien, als das,
sich ihm angenehm zu machen und ihn so weit als möglich zufrieden und glücklich
zu sehen.
    Die Gräfin, deren Liebling ihre älteste Tochter stets gewesen war und welche
jetzt noch mehr als früher wünschen musste, das nicht mehr junge Mädchen durch
die noch immer ansehnliche Heirat mit dem Freiherrn zu versorgen, tat, so viel
an ihr lag, einen Jeden zur Fügsamkeit in die Anordnungen des Hausherrn
anzuhalten und Hildegard zu freundlicher Ergebung, zu gewinnendem Beharren, zu
förderlicher Hülfsleistung zu ermutigen. Es hätte jedoch bei einem Charakter
wie dem von Hildegard dieser Ermahnungen kaum bedurft, ja, sie waren im Grunde
für sie vom Uebel, denn das Geflissentliche, welches sich in dem Wesen der
jungen Gräfin ohnehin mehr, als es dem Freiherrn lieb war, überall verriet,
ward dadurch noch verstärkt. Es langweilte Renatus bald, beständig auf diese
immer gleiche, ernste Ergebenheit zu stossen, und wenn er nach seinen
Unterredungen mit seiner Braut, wie Vittoria es nannte, aus dem Norden zu ihr in
den Süden hinunterkam, fand er sich von seiner Stiefmutter angenehmer und
heiterer unterhalten und in seinen eigenen Anschauungen über Hildegard bestärkt.
    Vittoria hatte ihren Stiefsohn immer vor der gefährlichen Sanftmut und vor
der herrschsüchtigen Pflichttreue seiner Braut gewarnt. Jetzt klagte sie
dieselbe unumwunden der Arglist und einer niedrigen Gesinnung an. Sie nannte es
unschicklich und anmassend, dass Hildegard, ohne dazu von ihrem Verlobten
ermächtigt worden zu sein, mit seinen Beamten verkehrt und von ihnen Auskunft
und Rechenschaft über seine Vermögensumstände gefordert habe. Sie bezeichnete es
als einen entschiedenen Verrat, dass sie dem Grafen Berka einen Einblick in
Verhältnisse eröffnet, den sie selbst sich nur durch ihre Zudringlichkeit
erworben habe. Sie beschwerte sich über den herzlosen Hochmut, den Hildegard
beweise, wenn sie ihr, der Wittwe des verstorbenen Freiherrn, der Mutter ihres
Verlobten, gleichsam den Taler nachrechne, dessen sie für ihre kleinen
Bedürfnisse benötigt sei; und als Renatus, dessen offenem und grossmütigem
Herzen jede Kleinlichkeit fremd und eben deshalb auch in Anderen zuwider war,
sich eines unwilligen Wortes bei dieser letzten Mitteilung nicht erwehren
konnte, rief Vittoria, den Boden ihres Angriffes plötzlich wechselnd: Blick'
diesem Mädchen doch nur einmal unbefangen in das verblühte, jeder Anmut, jedes
Liebreizes so beraubte Antlitz! Kannst Du an Liebesworte von den schmalen,
blassen Lippen glauben, auf denen das Lächeln gleich zu Eis gefriert? Kannst Du
mit Freuden in solchen Armen ruhen? Nein, dieses Mädchen ist zur Gattin, zur
Mutter nicht geschaffen! Ich müsste irre werden an Gott und an der Natur, wenn
diesem selbstsüchtigen Herzen die Wonne der Mutterliebe jemals blühen könnte!
    Vittoria hatte es oft erfahren, dass ihre wilde Beredtsamkeit ihre Wirkung
auf den Stiefsohn nicht verfehlte. Wider ihr Erwarten aber blieb er ihr die
Antwort schuldig. Das war gegen ihre Absicht, denn die Liebe, welche sie
wirklich für Renatus hegte, und das Bewusstsein, dass sie mit ihrer Zukunft zum
grössten Teile auf seinen guten Willen angewiesen sei, machten sie in der Regel
in ihren Äusserungen vorsichtig. Sie würde sich auch nicht unterfangen haben,
Hildegard mit solcher Entschiedenheit anzugreifen, ohne die Ueberzeugung, dass
sie den geheimsten Gedanken des Freiherrn mit ihren Aussprüchen begegne, und sie
irrte darin nicht, wenngleich er es nicht für angemessen fand, ihr dies
einzuräumen.
    Nur Eines hatte Vittoria übersehen, dass nämlich in Renatus seit seinem
Aufentalte in der Heimat und in seinem Schloss sich ein neues Element
entfaltete: er begann sich als Oberhaupt einer Familie zu empfinden. An die
Unterordnung unter ein solches als an gute, adelige Zucht und Sitte von früh auf
streng gewöhnt, gefiel er sich darin, jetzt für sich in Anspruch zu nehmen, was
er früher hatte leisten müssen, und die Lage, in welcher die Frauen sich ihm
gegenüber befanden, erleichterte ihm die ersten Schritte auf dem Wege zur
Herrschsucht, den er, in dem besten Glauben an ihre Notwendigkeit, betrat.
    Er hatte am Tage seiner Ankunft den Bruch mit Hildegard beabsichtigt. Er
dachte auch jetzt noch an denselben. Aber die Vorstellung, dass er diesen Schritt
später so gut wie jetzt ausführen könne, dass es nur von ihm abhänge, in welcher
Weise er sein Schicksal gestalten wolle, und vor Allem die ungewohnte
Nachgiebigkeit, der er begegnete, wohin immer er sich wendete, schmeichelten ihm
mehr, als er es ahnte. Er täuschte sich darüber keinen Augenblick, dass Hildegard
ihm mehr als gleichgültig sei, ja, dass sie ihm missfalle; und doch konnte er in
ihrer Nähe nie vergessen, was der Abbé ihm über die demütige und hingebende
Frauenliebe ausgesprochen hatte, doch musste er, wie oft und verführerisch ihm
Eleonorens Bild eben hier in der Zurückgezogenheit erschien, sich eingestehen,
dass eine stolze gewaltsame Natur, wie sie, ihn auf die Länge nicht zu beglücken
fähig gewesen sein würde. Denn es ging ihm wie allen den Männern, die in einem
unklaren, aber darum nicht weniger richtigen Bewusstsein ihrer eigenen Schwäche
vor jeder starken Frauenseele Scheu tragen. Sie sehen die Kraft als einen Fehler
in den Frauen an, weil sie ihnen selber mangelt, und eben deshalb schweben sie
beständig in der doppelten Gefahr, von der Berechnung der Frauen absichtlich
durch eine zur Schau getragene sogenannte unterwürfige Weiblichkeit getäuscht,
oder von der wirklichen Unbedeutendheit gefesselt und beherrscht zu werden.
    Selbst die Misshelligkeiten und kleinen Händel, auf welche Renatus fast an
jedem Tage, so sehr man sie ihm zu verbergen strebte, zwischen den einander
jetzt mit erhöhter Genauigkeit beobachtenden Frauen stiess, dünkten ihn bald
nicht mehr so unerträglich, als in den ersten Tagen und Wochen, denn sie gaben
ihm die Gelegenheit, sich täglich der Herrschaft bewusst zu werden, welche er
über die Personen ausübte, die er als seine Familie hielt und ansah. Und weil es
ihm wider sein Vermuten und des Grafen Voraussetzungen leicht genug gelungen
war, durch sein blosses Dazwischentreten ein schicklicheres Leben und
Beisammensein in seinem Schloss herzustellen, war er bald überzeugt, dass seine
Berater, dass Tremann und Graf Gerhard, der Eine aus Unkenntnis der
landwirtschaftlichen Verhältnisse, der Andere, weil ihm bei dem beginnenden
Alter die Kraft und Leichtlebigkeit der Jugend nicht mehr zu Gebote ständen, ihm
auch von seinen Vermögensverhältnissen ein zu düster gefärbtes und eben darum
kein völlig richtiges Bild entworfen hätten.
    Er beschloss also, künftig nur seinen eigenen Augen zu vertrauen und sich bei
der Ordnung seiner Angelegenheiten vor allen Dingen von dem Sachverhalte selbst
zu überzeugen, ehe er sich auf irgend welche eingehende Besprechungen mit seinen
Beamten einliess oder sich gar in Verhandlungen mit Dritten weiter vorwärts
wagte.
 
                                Drittes Capitel
Der Winter neigte sich stark zu Ende. Die Tage wurden schon wieder hell. Am
Mittage, wenn die Sonne hoch stand, war die Luft leicht und warm, der Himmel
dunkelblau, und der Schnee, der den Boden noch bedeckte, wenngleich er von den
Dächern und Bäumen weggeschmolzen war, funkelte so hell, dass man sich belebt
fühlte, als ob man im Hochgebirge wäre. Auch die lichtfreudige Lerche wirbelte
sich schon wieder in gerader Linie aus ihrer Scholle zum Firmament empor und
liess aus ihrer kleinen Kehle ihre jubelnde Frühlingsverkündigung vorzeitig über
die Erde hinweg erschallen.
    Um, wie er es nannte, nach dem Seinigen zu sehen, hatte Renatus sich
gewöhnt, an jedem Mittage auszureiten. Hildegard, die man um ihrer zarten
Gesundheit willen das Reiten stets vermeiden lassen, hatte ihn zum Fahren
überreden wollen, um ihn begleiten zu können; indes er hatte das Reiten für
bequemer und seinem Zwecke entsprechender erklärt und Anfangs nur Valerio, bald
aber auch Cäcilie mit sich genommen, deren lebensvoller Körper sich immer nach
starker, durchgreifender Bewegung sehnte.
    Eines Tages, als man um die festgesetzte Stunde auch wieder die Pferde für
die Reiter auf die Rampe geführt hatte, kam der Freiherr mit Valerio und
Cäcilien eben aus dem Schloss heraus. Er hatte dem Sonnenschein zu Liebe einen
Jagdrock von grünem Sammet angezogen, den er auf mancher Jagd in Saint Germain
getragen. Er sah ungemein gut in demselben aus, und Hildegard, die, in ihren
grossen Shawl gehüllt, ein kleines Tuch vorsichtig um das Haupt gebunden, oben in
ihrem Zimmer an dem geöffneten Fenster stand, bemerkte das mit Vergnügen. Aber
auch Cäcilie sah es. Denn als er diese an ihr Pferd geleitet hatte und ihr seine
Hand hinhielt, damit sie aufsteigen und er sie in den Sattel schwingen könne,
rief sie Hildegarden die fröhliche Frage zu, ob Renatus nicht sehr schön aussähe
oder ob jemals eine Königin einen schöneren Pagen gehabt habe, als sie. Valerio,
der bereits auf seinem kleinen Schimmel sass, hatte auch diese Frage kaum
vernommen, als er aus voller Brust einige von den Strophen zu singen begann, die
Beaumarchais in seinem »Figaro« dem Pagen in den Mund gelegt hat und welche, auf
die Marlborough-Melodie übertragen, mit den französischen Heeren durch ganz
Europa gewandert waren. Valerio sang mit seiner schönen Knabenstimme:
Beau page! dit la reine,
(Que mon coeur, mon coeur a de peine!)
Qui vous met à la gêne?
Qui vous fait tant pleurer?
Qui vous fait tant pleurer?
Nous faut le déclarer.
Madame et souveraine,
Que mon coeur, mon coeur a de peine!
J'avais une marraine,
Que toujours adorai!
Er wiederholte den letzten Vers zu verschiedenen Malen, warf Cäcilien, mit
welcher er auf dem besten Fusse stand, einen Kuss zu und sprengte singend davon.
    Inzwischen war Renatus ebenfalls aufgestiegen. Er lenkte seinen Goldfuchs
nach der linken Seite der Reiterin, leitete ihr Pferd vorsichtig die etwas
glatte Rampe hinunter, und während er unwillkürlich das »Que toujours adorai!«
des Knaben nachsang, grüssten er und Cäcilie noch einmal nach dem Schloss
hinauf, ehe sie Valerio folgten, der den Hof bereits verlassen hatte und lustig
in das Freie hinausgeritten war.
    Hildegard sah ihnen lange nach. Sie vergass es, dass die Mutter sie gewarnt
hatte, sich eben heute, da sie nicht ganz wohl war, der Luft am geöffneten
Fenster auszusetzen, die ihr nachteilig werden konnte. Das fröhliche Singen des
Knaben hatte sie traurig gemacht. Wie die Phantasie des jungen Freiherrn sich an
den letzten Vers geheftet, hatte ihre Seele sich der immer wiederkehrenden
Worte: »Que mon coeur, mon coeur a de peine!« bemächtigt, und sie wusste sich
nicht zu sagen, was ihr eben heute so grosse Betrübnis, so grossen Kummer
verursachte.
    Es zog ihr so schmerzlich am Herzen, es regte sich ein Gedanke in ihr, der
ihr früher nicht gekommen war. Sonst hatte das Frühjahr sie erheitert, dieses
Mal machte sein Herannahen sie wehmütig. Was war denn geschehen? Was war denn
anders geworden, seit im vorigen Jahre die Sonne den Schnee hinweggeschmolzen
und die Lerchen eben so gesungen hatten?
    Damals war ihre Seele verwirrt gewesen durch ihre Eifersucht auf die Gräfin
Eleonore; damals hatte sie sich nach dem Bräutigam gesehnt und mit banger
Zärtlichkeit die Tage und die Stunden gezählt, die bis zu seiner Heimkehr noch
vergehen mussten. Jetzt war Renatus da, sie sah, sie sprach ihn täglich, sie
hatte ihm das Geständnis abgenommen, dass er die Gräfin Haughton trotz ihrer
verführerischen Reize nie geliebt, ja, dass er ihre Hand, die sie ihm in
selbstgewissem Freimute angeboten, zurückgewiesen habe, und doch konnte
Hildegard sich's nicht verbergen, dass sie in den Tagen jenes bangen und doch so
zuversichtlichen Sehnens glücklicher als jetzt gewesen sei.
    Sie beneidete Cäcilie um ihre unausgesetzte gute Laune, um ihre gedankenlose
Fröhlichkeit. Sie beneidete Renatus, der sich mit Valerio und ihrer Schwester,
von dem Augenblicke ganz hingenommen, an dem blossen Sonnenscheine erfreuen
konnte. Ihr war das nicht gegeben. Der frühe Tod ihres Vaters, dessen sie sich
mit allen Nebenumständen klar erinnerte, die mannigfachen Sorgen, die sie mit
ihrer Mutter zeitig schon geteilt hatte, ihre heimliche Verlobung und endlich
alle die Erfahrungen, welche sie während der Kriegsjahre hatte machen müssen,
hatten ihr den glücklichen Leichtsinn der Jugend geraubt. Ihr Sinn war von jeher
ernster als der ihres Bräutigams gewesen, und wie lieb sie ihn hatte, er kam ihr
immer noch nicht fertig vor. Sie erschien, sie fühlte sich reifer als er, ihm
überlegen. Als sie das einmal in einer vertraulichen Unterredung gegen den
Grafen Gerhard ausgesprochen, hatte dieser ihr lächelnd erwiedert, sie könne
eben nichts für ihre Berka'sche Abstammung. Den Berka lägen die Verständigkeit
und die Energie so gewiss im Blute, wie den Arten der Leichtsinn und der
Wankelmut, und sie sei eben deshalb wie ausersehen, mit ihren grossen
Eigenschaften den Schwächen seines Neffen zu Hülfe zu kommen. Ihr werde
naturgemäss die Herrschaft im Hause und in der Ehe zufallen, und sie solle bei
Zeiten darauf denken, sich des Einflusses zu bemächtigen, welchen sie auf einen
Charakter wie den ihres Bräutigams, zu dessen eigenem Heile, notwendig erlangen
müsse.
    Sie war sich bewusst, diesen Ratschlägen mit all ihrer Kraft gefolgt zu
sein, aber sie erntete davon die Früchte nicht, die sie erhofft hatte. Renatus,
wie leichtgesinnt er sich auch gab, hatte das feinste Gefühl für jede ihrer
Absichten und war nichts weniger als gewillt, ihr irgend einen Einfluss auf seine
Massnahmen und Entschliessungen einzuräumen. Sie hatte es nach den ersten vierzehn
Tagen völlig aufgeben müssen, seiner Geschäftsverhältnisse gegen ihn zu
erwähnen. Spottend und dann wieder scherzend hatte er sie Schritt für Schritt
von dem Boden zurückgewiesen, auf dem sie sich in bester Absicht heimisch
gemacht hatte. Was sie ihm leisten, ihm sein konnte und wollte, das begehrte er
von ihr nicht; was er in ihr zu finden wünschte, den fröhlichen, ihn stets
belustigenden Sinn ihrer um mehr als sechs Jahre jüngeren Schwester, den besass
sie nicht. Sie war nicht jung genug dazu, sie war überhaupt nicht mehr jung.
    Das war es, was ihr heute so weh im Herzen tat, was ihr das erste
Frühlingsahnen in der Luft so schmerzlich machte, und ihr die Tränen in die
Augen presste. Der Frühling war jetzt nahe am Wiederkehren, aber ihre Jugend war
dahin und kehrte niemals wieder - niemals wieder!
    Heute, bei dem ersten hellen Sonnenscheine, hatte sie es gesehen, hatte ihr
Spiegel es ihr unwiderleglich dargetan, sie war verblüht! Die Fältchen in den
Augenwinkeln, die Furchen auf der Stirn, die Züge, welche sich von ihrem Munde
nach dem Kinn hinuntersenkten, wie leise, wie wenig sichtbar sie auch waren, sie
hatte sie heute zum ersten Male an sich bemerkt, und sie zweifelte nicht daran,
Renatus hatte sie vor ihr wahrgenommen, denn er liebte sie nicht mehr, und was
das Auge der Liebe übersehen hätte, dem Blicke des gleichgültigen Beobachters
war es sicher nicht entgangen.
    Sie hatte das Fenster längst geschlossen, war längst an ihren Nähtisch
zurückgekehrt. Was sollte ihr das helle, unverwüstliche Sonnenlicht? Es
vermochte ja nur der Erde, nicht ihr, nicht ihrem Antlitze neue Jugend zu
verleihen. Aber war es ihre Schuld, dass sie verblüht war, dass Renatus sich erst
jetzt zu seiner vollen Kraft, zu voller Männlichkeit entfaltete, während ihre
schönste Zeit vorüber war? Hatte sie es zu verantworten, dass er sie erwählt, dass
er sie an sich gebunden hatte durch alle die langen Jahre? Durch alle die langen
Jahre, in denen ein frisches, wechselvolles Leben im vollen Weltgetriebe sein
schönes Loos gewesen war und die sie teils in schwerer Pflichterfüllung,
teils, weil er es also angeordnet, hier in der Einsamkeit vertrauert hatte?
    Mit keinem Worte hatte er, seit er zu Hause war, daran gedacht, den
Zeitpunkt ihrer Verbindung festzusetzen. Aus mädchenhaftem Zartgefühl, aus
Ehrgefühl hatte sie nicht nach demselben fragen, nicht auf dieselbe dringen
mögen; aber auch der Zustand, in dem sie gegenwärtig mit Renatus lebte,
beleidigte ihr Zartgefühl, trat ihrem Ehrgefühl zu nahe, und doch wusste sie
nicht, wie sie ihn ändern, wie sie sich aus demselben befreien könnte.
    Es half ihr nicht, dass sie sich schmückte! Sie konnte den verlorenen
Jugendreiz damit nicht ersetzen. Es half ihr nicht, dass sie sich in nicht
endender Gefälligkeit um Renatus Mühe gab. Das Zufällige, das Vittoria, das
Cäcilie ihm leisteten, war immer mehr nach seinem Sinne und hatte den Vorzug,
ihm, weil es unerwartet kam, eine Ueberraschung zu sein. Sie hatte es allmählich
aufgegeben, ihn zu suchen, weil sie bemerken musste, wie wenig es ihn freute, sie
zu finden; und selbst der Mut, ihn zu beraten, hatte sie verlassen, weil er
durch ihre Ratschläge seine Selbständigkeit von ihr angetastet glaubte und oft,
sie zweifelte nicht daran, gegen seine eigene Ueberzeugung handelte, um ihr
darzutun, dass er nicht gewillt sei, sich der ihrigen anzuschliessen oder gar zu
fügen.
    Gestern hatte sie, gekränkt von der Sorglosigkeit, mit welcher er sie mehr
und mehr sich selber überliess, es ihrer Mutter zum ersten Male ausgesprochen,
dass sie fühle, Renatus wolle sie verlassen; er wolle mit ihr brechen und wolle,
das Mass seiner selbstsüchtigen Grausamkeit zu füllen, sie dazu nötigen, die
Trennung zwischen ihnen zu vollziehen.
    Die Gräfin hatte dies zu läugnen, die Tatsachen in Abrede zu stellen, ihre
Tochter zu beruhigen versucht; indes Hildegard war jetzt nicht mehr zu täuschen.
Sie litt mehr als sie es sagen konnte. Alle ihre Hoffnungen waren auf die Ehe
mit Renatus begründet gewesen, ihre ganze Vergangenheit, ihre Zukunft wurden ihr
mit Einem Schlage zertrümmert, wenn Renatus sich ihr entzog, und, für sie war es
gewiss, er hatte sich ihr bereits entzogen.
    Es verging kein Tag, an dem sie nicht Ursache hatte, ihm zu zürnen, es war
schon mancher Tag gekommen, an dem sie sich gesagt hatte, dass sie ihn von einer
unmännlichen Charakterschwäche finde. Wenn sie seiner dachte, und wann dachte
sie nicht an ihn? war oft eine Bitterkeit in ihrem Herzen, vor der sie selbst
erschrak und die nicht ihm allein galt. Sie zürnte ihrer Mutter, weil diese sich
einst ihrer heimlichen Verlobung mit Renatus nicht widersetzt hatte. Sie klagte
die Gräfin eines Mangels an Menschen- und an Weltkenntnis an, weil sie nach des
alten Freiherrn Tode nicht gleich auf die eheliche Verbindung der Verlobten,
oder auf die Lösung des Verlöbnisses gehalten hatte. Denn damals war Hildegard
noch jung, noch hübsch, noch voller Lebensmut gewesen, damals hatte Renatus sie
noch geliebt und damals hätte es ihr im schlimmsten Falle an anderen Bewerbern
nicht gefehlt, damals wäre sie noch fähig gewesen, sich zu trösten, zu vergessen
und ihr Herz neuer Liebe hinzugeben. Aber jetzt?
    Mit selbstquälerischer Grausamkeit trat sie an ihren Spiegel heran. Sie
strich die Locken, die sie seit der Heimkehr ihres Verlobten wieder zu tragen
angefangen, weil er sie einst geliebt hatte, mit einer heftigen Bewegung von
ihrer Stirn, sie riss das Bändchen mit dem kleinen Kreuze, das ihr am Halse hing,
mit heftiger Hand entzwei. Sie wollte sich nicht mehr schmücken. Es freute sie,
dass die blauen Adern unter ihrer schlaffer gewordenen Haut, auf ihrer Stirn, in
ihren Schläfen stärker als in jungen Tagen sichtbar waren. Es freute sie, dass
die Linie, auf der sich Hals und Nacken einen, jetzt in bräunlicher Farbe scharf
hervortrat. Renatus sollte es sehen, was sie um ihn gelitten hatte. Er sollte es
sehen, dass er sie verblühen machen, dass er, er allein sie um Jugend und um Glück
betrogen hatte. Und er musste ja kein Mensch, er musste nicht Renatus, nicht ihr
Renatus, nicht ihr angebeteter Geliebter sein, wenn ihr Verfall ihn nicht
rühren, wenn er nicht zu ihr wiederkehren sollte, ihr Jugend und Schönheit,
Hoffnung, Glauben und Glück mit einem einzigen Liebesworte, mit seiner Liebe
wiederzugeben.
    Sie verstummte in bittern Tränen, als sie auf weitem Wege wieder zu dem
alten Ausgangspunkte gelangt war. Mitten in dem Weinen erhob sie sich aber, und
noch einmal trat sie an ihren Spiegel heran. Sie erschrak vor ihrem eigenen
Anblicke. So hatte sie, so zerstört hatte sie noch niemals ausgesehen. Den
Schmerz konnte sie der Mutter, den Triumph konnte sie Vittoria nicht bereiten.
Sie durfte, sie wollte sich nicht sinken lassen, sich nicht verloren geben.
Sollte Vittoria die Genugtuung geniessen, sie von dem Schloss gehen zu sehen?
Sollte sie, sie selbst mit ihren armen, weinenden Augen, den Tag erleben, an
welchem die Mutter in ihren vorgerückten Jahren aus dem Schloss, das derselben
zu einer lieben Heimat geworden war, auf's Neue hinausziehen und sich in der
kalten, fremden Welt eine neue Stätte bereiten solle? - Das konnte, das durfte
nicht geschehen. Um ihrer Mutter willen musste sie ausharren und bleiben, musste
sie ihr eigenes Empfinden, ihr eigenes Bedürfen opfern.
    Und wenn es dann trotzdem geschah, wenn Renatus es vergessen konnte, was er
ihr schuldig war, nun, so sollte sein die Schuld, sein ganz allein auch das
Verbrechen sein, das er damit an ihrer armen Mutter, an der edelsten der Frauen,
zu begehen sich nicht scheute.
    Dass sie selber bei ihren Planen für die Zukunft immer auf die Entfernung
ihrer Mutter und ihrer Schwester gerechnet hatte, so lange diese Plane noch auf
ein ausschliessliches Liebesglück begründet gewesen waren, daran freilich
erinnerte Hildegard sich in dieser Stunde nicht.
    Noch weniger machte Renatus sich bei seinem fröhlichen Ritte eine Sorge um
die Gedanken und um die Zweifel, mit welchen Cäciliens daheimgebliebene
Schwester sich eben beschäftigte und quälte.
    Es war ein strahlend schöner Tag. Die drei Reiter hatten ihr Entzücken an
demselben. Die frische Luft, die sonnebeleuchtete Ebene, die sich nach der einen
Seite weit wie der Horizont, und nur von ihm begrenzt, vor ihnen öffnete, hatten
für die Phantasie etwas Verlockendes, und sie ritten schnell und schneller, wie
man das immer tut, wo dem Auge kein festes Ziel gesetzt ist.
    In den ersten Tagen nach seiner Ankunft in Richten hatte Renatus noch mit
erneutem schmerzlichem Bedauern die prächtige Allee vor dem Schloss vermisst,
deren Verschwinden ihn einst so ergriffen hatte, als er in den russischen Krieg
gegangen war. Jetzt war er schon völlig daran gewöhnt, das Schloss ohne seine
Baumeszierde vor sich zu sehen, und selbst den Verfall an den Häusern und an den
andern Baulichkeiten fand er doch nicht so arg, als er es nach Tremann's
Darstellungen befürchtet hatte. Seine Feldzüge hatten ihn mit dem Anblicke so
entsetzlicher Zerstörungen vertraut werden lassen, dass es ihm keinen
bedenklichen Eindruck machte, wenn die Dächer der Scheunen und Ställe, denen
einst eine schöne Deckung mit Dachsteinen nicht gefehlt hatte, nur notdürftig
mit Stroh gedeckt waren, wo die Ziegel schadhaft geworden waren. Er hatte so
viele Häuser ohne Türe und ohne Fenster stehen sehen, dass eine eingesunkene
Schwelle und schief hängende Türflügel, dass Verschläge von Brettern statt der
Fenster, besonders, wo es sich um die Wohnung von Leuten handelte, die im Grunde
doch zufrieden waren, wenn sie unter Dach und Fach nur warm beisammen sassen, ihm
nicht als ein Unglück erschienen. Und wie man in einer elenden Baracke bei
rauchendem Feuer und auf hartem Boden, selbst wenn man an Nahrungsmitteln keinen
Überfluss hatte, doch gesund und arbeitsfähig und selbst guten Mutes bleiben
könne, das hatte er in seinen Feldzügen an sich selbst mehr als einmal erfahren.
    Heute nun vollends, wo die Sonne so herrlich schien und der frische Wind im
Walde die Aeste der alten Bäume so lustig knarren machte, heute, wo die Lerche
sang, als wisse sie, dass es mit dem Winter nun bald zu Ende sein und über der
Furche sich in Kurzem wieder die grünen, weichen Halme schützend wölben würden,
heute, wo die kluge Krähe so bedächtig auf dem letzten Reste des Schnee's
umherging, als wolle sie mit dem Schnabel ermessen, wie hoch er denn noch liege
und wie lange die Sonne wohl noch zu tun habe, bis sie mit ihm fertig werden
und die schöne Jahreszeit beginnen könne, heute erschien auch dem Freiherrn
seine Lage bereits wieder in ganz anderem Lichte, als an dem Morgen, an welchem
er in sein Schloss zurückgekehrt war.
    Er war in diesen Wochen überall selbst herumgewesen, hatte überall selbst
nachgehört, und mehr noch als bei diesen Ausflügen hatte er von den Leuten
erfahren und gelernt, die, weil er ihnen das gestattet hatte, zu ihm gekommen
waren, ihm ihre Beschwerden und Wünsche vorzutragen. Sie hatten allerdings
geklagt, aber Renatus hatte schon in Friedenszeiten bei seinem Dienste, und dann
vollends im Kriege, mit dem gemeinen Manne verkehren lernen. Er wusste, dass
derselbe immer klage und dass er leicht zu trösten, dass er mit dem geringsten
Zugeständnisse für den Augenblick zu beschwichtigen, ja, zufrieden zu stellen
und zu geduldigem Warten wie zu mutigem Hoffen leicht zu bewegen sei.
    Der Amtmann war wirklich ein harter Mann, der Justitiarius konnte nichts
bewilligen, der verstorbene Freiherr hatte mit den Leuten, deren schwerfällig
langsames Wesen ihn belästigte, deren Kleider, selbst wenn sie in ihrem besten
Anzuge vor ihm erschienen, nach ihren schlecht gelüfteten Wohnungen übel rochen,
nichts zu tun haben mögen. Er war ihnen, namentlich in den späteren Jahren
seines Lebens, als der Bau der katolischen Kirche, die Entlassung des Neudorfer
protestantischen Pfarrers, und der Todtschlag der französischen Kammerjungfer
böses Blut zwischen der Herrschaft und den Leuten erzeugt hatte, nur noch eine
Schreckgestalt gewesen, und sie hatten mit ihm gar nichts gemein gehabt. Erst
hatte er, wie sie sich's noch jetzt erzählten, die kleine französische Herzogin
und den hasenfüssigen Marquis in's Land gebracht, vor dem kein Frauenzimmer Ruhe
gehabt; nachher hatte er sich die schwarze Italienerin geholt, mit der auch kein
Christenmensch im Lande in seiner Muttersprache reden konnte, und wenn das auch
Niemand laut zu sagen wagte, im Stillen waren die Leute sammt und sonders doch
der Meinung, dass der alte Freiherr es heimlich mit den Franzosen gehalten habe
und nicht dawider gewesen wäre, wenn sie heute hier noch im Lande ihr Wesen
getrieben hätten. Er hatte ja im Schloss auch meistens nur Französisch parlirt
mit Frau und Kind.
    Jetzt mit dem jungen Freiherrn war das, wie die Leute sagten, ganz was
Anderes. Man brauchte ihn nur anzusehen: die helle Ehrlichkeit sah ihm aus
seinen grossen, blauen Augen. Der hatte seine Knochen und sein Leben nicht
geschont. Der war mitgegangen wie der gemeine Mann, als es not getan hatte.
Der hatte sein Blut ehrlich vergossen für Gott, für König und für's Vaterland,
wie der gemeine Mann. Mit dem Wilhelm, mit des Neudorfer Schulzen Aeltestem, war
er zusammen in Leipzig im Hospital gewesen, und als der Freiherr, dessen Wunde
rascher geheilt war, als des Wilhelm's Bein, dann aus dem Lazarete abgegangen
war, hatte er dem Wilhelm noch eine Flasche Alten und zwei harte Taler
zurückgelassen, dass er sich pflegen und recht zu Kräften bringen solle, ehe er
wieder zum Regimente käme. Und nun hier zu Hause! Das war ein ganz anderes
Wesen.
    Der junge Herr hatte es im Kriege gelernt, dass ein Mensch des andern
Menschen Kamerad und Bruder sei. Keinen, auch den ärmsten Einlieger nicht,
behandelte er, wie der Alte es getan hatte. Er sagte zu Niemandem Er, er nannte
Jedweden Du, und wie er neulich beim Schulzen in Neudorf gewesen war, da hatte
er den Wilhelm eigens rufen lassen, hatte ihn gefragt: Nun, Kriegskamerad, wie
geht's Dir? Und wie er danach weggeritten war, hatte er dem Wilhelm die Hand
gegeben und geschüttelt. Jeder Mensch konnte zu ihm kommen, und nicht bloss auf
die eine bestimmte Stunde, wie zum Alten, sondern wann er wollte.
    Dem Berning hatte der junge Herr gleich die Latten geben lassen, die er zum
Verschlage hatte haben wollen, und der Backofen war auch in Stand gesetzt, mit
dem die Frauen sich alle die Jahre her so hatten quälen müssen. Der Amtmann, der
liess jetzt freilich den Kopf hangen, nun der Herr über ihn gekommen war; aber
das war dem harterzigen Geizhalse recht gesund; und wenn es nun wahr wäre, dass
sie den Bonaparte fest in Sicherheit gebracht hätten und dass man den Frieden
behielte und der junge Herr zu Hause bleiben konnte, dann musste Alles noch ganz
anders werden. Dann schaffte der Herr den Amtmann ab, dann fing er selber zu
wirtschaften an; und dass der Herr dann nicht irgend eine Ausländische in sein
Schloss führen, sondern eine Frau von hier zu Lande nehmen würde, daran war gar
kein Zweifel. Man brauchte ja nur zu sehen, wie der junge Herr und die junge
Gräfin einander Augen machten! Die im Schloss behaupteten zwar, es sei die
blasse Gräfin, gegen die man freilich auch nichts sagen konnte, denn gut und
barmherzig und mitleidig mit den Kranken war sie auch; aber so ein schöner,
junger Herr wie der Freiherr, der brauchte ja keine Krankenwärterin. Der
brauchte ein frisches, junges Weib, und der jüngsten Gräfin lachte das Leben aus
den Augen und platzte die Gesundheit fast aus den roten Backen heraus.
    Die Frauen und die Kinder erzählten es sich in den Dörfern, wie der Freiherr
und die rote Gräfin sich mit dem Junker am Sonntage auf der Terrasse lustig mit
Schneeballen geworfen hätten, und als sie neulich einmal beim Reiten zu Dreien
das Lied gesungen hatten, das der Wilhelm auch immer sang, der es aus dem Felde
mitgebracht, da hatte das lustige »Juchheirassassa und die Preussen sind da!« so
durch die Luft geschmettert, dass denen im Walde beim Holzfällen sich das Herz in
der Brust vor Vergnügen ordentlich gehoben hatte.
    Die ganze Vorliebe, welche das Volk, und mit Recht, für die Jugend, für die
Schönheit, für die Gesundheit hegt, hatte sich auf Renatus und auf Cäcilie
gewendet, in welchen sie dieselben verkörpert fanden, und die Leichtlebigkeit,
welcher der junge Gutsherr sich halb mit Bewusstsein, halb aus Bequemlichkeit
überliess, wo er es sich nicht schuldig zu sein glaubte, seine Würde besonders
aufrecht zu erhalten, machte ihn vollends in den Dörfern und unter seinen Leuten
beliebt. Wohin er kam, überall begegneten ihm freundliche Gesichter. Die Kinder
blieben stehen und grüssten, die Alten gingen nicht ohne einen herzlichen Anruf
an ihm vorüber, und sahen ihn mit Cäcilien und dem Bruder niemals kommen, ohne
in die Türen zu treten und ihm lange nachzublicken.
    Mit jedem Tage längeren Verweilens wuchs diese Anhänglichkeit dem jungen
Freiherrn mehr ins Herz. Er hatte bis dahin nur den Grund und Boden geliebt, auf
dem er geboren war und der ihm gehörte; jetzt begann er die Menschen zu lieben,
unter denen er geboren war und die sich als zu ihm gehörend betrachteten. Er
fand ein Vergnügen darin, ihre rauhen und doch so freundlichen Gesichter zu
sehen, es war ihm eine Genugtuung, wenn er einen Bedrängten so weit als möglich
erleichtert von sich entlassen konnte, und mit einem stolzen Selbstgefühle genoss
er das Vertrauen, welches man ihm entgegenbrachte, noch ehe er es hatte
verdienen können, als eines der schönsten Erbteile, die er von seinen Vätern
überkommen hatte.
    Er fand es ganz begreiflich, dass Paul Tremann und dass selbst sein Onkel mit
so leichtem Sinne von dem Kaufe oder von dem Verkaufe eines Gutes sprechen
mochten. Sie hatten beide kein Gut ererbt, das seit Jahrhunderten von dem Vater
auf den Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht übergegangen war; sie wussten nicht,
was es heisst, auf eigenem Grund und Boden leben, unter seinen Leuten heimisch
sein.
    Die Bäume, die konnte man niederschlagen und entwurzeln lassen, wenn die
Not es heischte, wie sein Vater es getan hatte. Sich selbst zu entwurzeln,
sich loszureissen von seiner eigentlichen Heimat, das war noch etwas Anderes,
und ehe Renatus sich dazu entschloss, musste seine Lage schlimmer sein, als er sie
jetzt vor Augen hatte, musste er die Ueberzeugung gewonnen haben, dass ihm gar
kein anderer Ausweg bleibe. Noch aber hegte er diese Ueberzeugung nicht, und er
versprach sich, nichts zu übereilen, sondern sich zu genauem Kennenlernen und
Prüfen, zu reiflicher Ueberlegung die Zeit zu gönnen.
 
                                Viertes Capitel
Darüber kam der Frühling siegreich in das Land. An allen Ecken und Enden begann
das Treiben und das Blühen. Renatus hatte seit langen Jahren die Güter nicht im
Schmucke der guten Jahreszeit gesehen. Die keimenden Saaten, die knospenden
Bäume, die grünenden Büsche freuten ihn ganz anders, als je zuvor, jetzt, wo er
sie mit dem Auge des Besitzers ansah. Wind und Wetter, Regen und Sonnenschein
bekamen eine Bedeutung für ihn, und die Arbeiten wie die Hoffnungen des
geringsten Mannes wurden ihm wichtig, weil sie mit seinen eigenen
Notwendigkeiten und Aussichten zusammentrafen. Es gefiel ihm immer mehr,
Grundbesitzer und Hausherr zu sein, er fand auch Behagen an dem Verkehr mit dem
Adel der Gegend, mit welchem er durch alte Familienbeziehungen verbunden war;
und da der Mensch so glücklich oder so unglücklich geartet ist, dass die
Gewohnheit ihn allmählich auch mit demjenigen versöhnt, was ihm Anfangs
unertragbar erschienen ist, so war es nicht zu verwundern, wenn Renatus, dessen
Natur ohnehin allem Gewaltsamen abhold war, in Bezug auf Hildegard die Dinge
gehen liess, wie sie eben gingen, und von der Zeit eine Entscheidung erwartete,
die er zu treffen sich nicht entschliessen mochte. Kam ihm dann doch bisweilen
der Gedanke, dass diese Handlungsweise oder vielmehr dieses Abwarten nicht
redlich, dass es nicht männlich sei, so beschwichtigte er sich mit der
Vorstellung, dass es bisweilen edler sei, den Schein der Schwäche und der
Unredlichkeit über sich zu nehmen, als sich selbst mit einer Grausamkeit gegen
einen Andern, und obenein gegen ein Weib, eine Genugtuung und einen Abschluss zu
bereiten, und Hildegard irrte also in der Voraussetzung keineswegs, dass Renatus
von ihr die Lösung ihres Verhältnisses erwarte, weil er selber den Mut zu einer
solchen nicht in sich fand.
    Mit der bestimmten Absicht, sich über die Gutsverwaltung zu unterrichten und
aufzuklären, nahm er bei seinem Verkehr mit den benachbarten adeligen
Gutsbesitzern jede Gelegenheit wahr, von der Landwirtschaft wie von den
Aussichten für die Zukunft der Provinz zu sprechen, und alles, was er dabei
hörte und erfuhr, stand mit den Ansichten und Massnahmen, welche Tremann ihm als
die einzige zweckmässige Handlungsweise vorgezeichnet hatte, sehr im
Widerspruche. Das hatte indessen seine guten Gründe.
    Es ist ein beschwerlicher Beruf, einem Manne unangenehme Wahrheiten zu
sagen, und vollends Jemanden zu entmutigen, der für sein Wünschen und Hoffen
Zuspruch von uns erwartet, ist eine unerfreuliche Sache. Die älteren Edelleute,
die Lebensgenossen und Freunde seines Vaters, bei denen der junge Freiherr sich
wegen seiner Angelegenheiten gesprächsweise Rat zu holen suchte, gaben ihm zu
verstehen, dass die Zeiten für den grundbesitzenden Edelmann allerdings verändert
und nicht zum Vorteil verändert wären, seit jeder im Schacher reich gewordene
Bürger Besitzer der alten adeligen Güter werden könne. Grade darum aber sei es
Pflicht, wenn irgend möglich, den adeligen Grundbesitz nicht zu zersplittern.
Ehe man die Güter an Schlächter und Brauer, an Branntweinbrenner und Fabrikanten
übergehen lasse, müsse man diese Gewerbe lieber auf den Gütern selbst betreiben
und mit neuem Erwerbe die alten Familien aufrecht zu erhalten suchen, bis man
wieder so weit gekommen sein werde, die Oberhand zu haben und die Dinge auf den
guten, alten Standpunkt zurückführen zu können. Vom Hofe aus werde dieses
Verhalten ganz und gar gebilligt; man könne sich von dort her jeder Förderung
getrösten, und wenn der verstorbene Freiherr Franz auch kein sonderlicher
Landwirt gewesen und vielleicht, ohne streng zu rechnen, ein wenig stark ins
Zeug gegangen sei, nun, so sei Renatus nicht der erste Sohn, der solche kleine
väterliche Unterlassungssünden ausgleichen müsse. Der und Jener - man nannte die
Namen angesehener Grundbesitzer - habe sich in ganz gleicher Lage befunden und
sich mit einem tüchtigen Inspector oder Amtmann wieder ganz und gar
herausgearbeitet. Es komme also hauptsächlich darauf an, ob Renatus sich auf
seinen Amtmann verlassen könne, und das werde er ja wissen.
    Die jüngeren Edelleute fassten die Sachlage noch anders auf. Sie hatten davon
gehört, dass Angebote auf Neudorf und auf Rotenfeld geschehen wären, dass eine
fabrikmässige Ausbeutung der Steinbrüche und der Torflager in Aussicht genommen
sei; indes sie hegten, wie sie sagten, zu Renatus das feste Vertrauen, dass er
nicht verkaufen werde. Sie läugneten nicht, dass die Güter nicht im besten Stande
wären, aber das gäbe doch noch keinen Grund, sie loszuschlagen. Wenn Andere sie
kaufen wollten, so sei das nur ein Zeichen, dass sie sich grosse Vorteile davon
versprächen, und es sei töricht, ihnen aus hastiger Mutlosigkeit in den Schoss
zu werfen, was man mit einiger Geduld selbst ernten könne. Diejenigen, welche
während des Krieges oder gleich nach demselben ihre Güter verkauft hätten,
bereuten es schon jetzt wie ein Verbrechen gegen die Ihrigen, und es werde
sicherlich Keinem anders damit ergehen. Wenn man zugebe, dass die Krämer und die
Juden sich hier im Lande auf den Gütern einnisten dürften, so werde dem
Edelmanne bald nichts mehr übrig bleiben, als das flache Land ganz und gar
aufzugeben und in die Städte zu ziehen; denn Umgang, Gesellschaft wolle der
Mensch doch haben, und mit solchem Volke könne man doch nicht leben, könne man
doch seine Frauen und Töchter nicht verkehren lassen.
    In dem weichen Sinne des Freiherrn blieb von allen solchen Ansichten und
Gesprächen dasjenige haften, was seinen persönlichen Wünschen am meisten diente,
und es lag nicht im Vorteile seines Amtmannes, ihn anderen Sinnes werden zu
lassen.
    Paul hatte in verständiger Voraussicht der verschiedenen Möglichkeiten den
neuen Contract mit dem Amtmanne der Art gemacht, dass der Freiherr nach seiner
Heimkehr darüber entscheiden konnte, ob der Contract, wie bisher, immer auf drei
neue Jahre oder, wie es eben jetzt geschehen war, nur auf ein Jahr verlängert
werden solle, und der junge Gutsherr hatte seine Entschliessung endlich bis zum
letzten Tage hinausgeschoben, auf welchen man die Zulässigkeit einer solchen für
ihn festgesetzt hatte.
    Er war ohne alles Vertrauen in sich und seine Einsicht auf seinen Gütern
angelangt; indes eben weil ihm eine gründliche Kenntnis der Wirtschaft abging,
war er leicht dahin gekommen, sein gelegentlich und schnell erworbenes Wissen
von den Dingen sehr hoch zu veranschlagen und sich auf sein richtiges Auge, auf
seinen natürlichen Blick, auf seinen gesunden Verstand, mit Einem Worte, auf
alle jene angeborenen Fähigkeiten zu verlassen, in deren Besitz die Unkenntnis
sich beruhigt fühlt und die sich immer als unzulänglich erweisen, wo ein
umsichtiges Wissen und ein folgerechtes, auf genaue Einsicht und Erfahrung
begründetes Handeln vonnöten sind.
    Trotzdem konnte Renatus in der Nacht, welche dem entscheidenden Morgen
voranging, keine Ruhe finden. Alles, was er erlebt hatte, seit er den deutschen
Boden wieder betreten, alles, was er innerlich erfahren hatte, seit er wieder in
seinem Schloss weilte, zog in seinem Geiste an ihm vorüber, und wie er sich nun
von Stunde zu Stunde mehr gedrängt fand, mit sich ins Klare zu kommen, sah er
deutlich ein, dass die Massregel, welche er jetzt unabweislich treffen musste, ihn
zu einer Erklärung gegen Hildegard nötigen, ihn zwingen würde, auch mit ihr zu
einem Abschlusse zu gelangen, und sie erleichterte ihm dieses nicht.
    Wenn er die drei Güter, dieses alte Erbe seines Hauses, zusammen zu erhalten
suchte, wenn er in Richten blieb, und die Wirtschaft mit Hülfe eines den
Ansprüchen der neuen Zeit gewachsenen Inspektors, der freilich erst noch
gefunden werden musste und bei dessen Wahl man ebenfalls fehlgreifen konnte,
selbst zu führen übernahm, so fehlte ihm jeder Grund, seine Verheiratung
hinauszuschieben. Hildegard war seine Verlobte, der Adel der Umgegend erwartete
mit Recht täglich die öffentliche Erklärung seiner Verlobung, die Gräfin sprach
beständig von der jetzt nahe bevorstehenden Verbindung des jungen Paares, nur
Renatus und Hildegard erwähnten derselben nicht, und der Verkehr der beiden war
allmählich ein ganz besonderer geworden.
    Hildegard hatte sich nicht vorteilhaft entwickelt, indes der Grund ihres
Wesens war ursprünglich rein und edel gewesen, und wo sie fehlte und irrte,
geschah es in der Regel durch Uebertreibung eines an sich Guten und
Lobenswerten. Sie besass in hohem Grade jenes Schamgefühl, das der verschmähten
Liebe eigen ist, und jene Selbstachtung, die sich im Unglücke zu bescheiden
weiss. Seit dem Tage aber, an welchem sie es sich zum ersten Male deutlich
gemacht hatte, dass die Zeit ihrer Jugend vorüber sei, dass Renatus sie nicht
liebe, dass er daran denken könne, sie zu verlassen, war eine jener Wandlungen
mit ihr vorgegangen, die sich in religiösen Frauennaturen oft mit einer
unerwarteten Plötzlichkeit vollziehen. Sie hatte es aufgegeben, ihr Schicksal
selbst bestimmen und gestalten zu wollen, und mit einer aus Entmutigung und
Frömmigkeit zusammengesetzten Ergebung, Alles der Fügung des höchsten Wesens
anheimgestellt, dem sie sich in Demut unterzuordnen beschloss. Was Gott
zulassen, was er bestimmen würde, das sollte, so hatte sie es sich gesagt, auch
ihr erwähltes Teil sein; und wie edel und richtig von ihrem religiösen
Standpunkte aus diese Entsagung auch sein mochte, war ihr dieselbe doch in ihrem
Verhältnisse zu Renatus nicht förderlich gewesen, sondern nur ihm allein zu
Statten gekommen.
    Sonst hatte sie seine Zärtlichkeit gesucht und ihm die ihrige mit
unverhehlter Liebe kundgegeben; jetzt hielt sie sich zurück, obschon das Herz
ihr blutete, wenn Renatus ihre Liebesbeweise nicht forderte, nicht einmal
vermisste. Sie beklagte sich nicht, wenn er ihre Gesellschaft nicht verlangte,
sie liess ihn gewähren, wenn er sich oft für mehrere Tage entfernte, sie setzte
Vittoria's Bemühungen um ihn kein Hindernis in den Weg. Konnte Renatus seinen
Schwüren untreu werden, obschon er's sehen musste, dass der Kummer ihre Wange
bleichte, konnte Cäciliens beständige und oft so grundlose Fröhlichkeit ihn mehr
befriedigen, ihm mehr wert sein, als ihr treues Herz, nun so hatte er sie nie
geliebt, so hatte Gott es zugelassen, dass sie ihre Liebe einem Unwürdigen
zugewendet hatte, und sie musste in Demut hinnehmen und tragen, was ihr von Gott
beschieden war, auch wenn sie seine Wege nicht verstehen konnte.
    Das Schweigen, die Entsagung, welchen Hildegard sich überliess, täuschten den
Freiherrn, denn wo die Blindheit ihnen Vorteil bringt, strengen die Wenigsten
ihr Auge zum Sehen an. Er meinte, sie erkenne es jetzt bereits, dass sie nicht
für einander passten, und sie wolle es ihm erleichtern, sich von ihr loszusagen,
ohne deshalb ihr einstiges, schönes Jugendverhältniss zu verläugnen. Er wusste ihr
Dank für ihre Zurückhaltung, Dank dafür, dass sie ihn seinen freien Weg und
Willen haben liess, und während er Anfangs sich davor gefürchtet hatte, ihr von
seinen Planen zu sprechen, begegnete es ihm jetzt bisweilen, dass er ihr
erzählte, was er zu tun, wie er sich einzurichten denke, ohne dass bei diesen
Vorsätzen irgendwie von ihr die Rede gewesen wäre. Er gewann zu ihr jene
unbedingte Zuversicht, welche grausam macht, und weil ihr Ehrgefühl sie
hinderte, sich zu beklagen, überliess er sich bereitwillig dem Glauben, dass sie
keinen Schmerz empfinde. So begann er, sich seine Unentschlossenheit und sein
feiges Zuwarten zum Verdienste und als eine Massregel milder Klugheit
anzurechnen, für welche alle Teile ihn zu loben hätten, und er bestärkte sich
an seinem eigenen Verhalten in der Lehre: dass man gewaltsame Schritte überall
vermeiden müsse, dass man die Dinge nur gehen zu lassen brauche, damit sie in die
richtige Bahn und zu einer naturgemässen Entwicklung hingeleitet würden.
    Als er sich niedergelegt, hatte er sich an dem betreffenden Abende gefragt:
Was werde ich mit Hildegard machen, wenn ich die Güter behalte? - Am Morgen, da
er sich erhob, stand er noch vor derselben Frage, und als sich dann im Laufe des
Vormittags zur anberaumten Stunde sein Amtmann bei ihm einfand, war Renatus auch
noch nicht über seine Ungewissheit hinausgekommen. Er fand es nach wie vor eben
so unwürdig, sein Wort zu brechen, als grausam gegen ein Weib zu sein; denn von
seinen täglich wiederkehrenden kleinen Grausamkeiten hatte er kein Bewusstsein,
und daneben sagte er sich dennoch immer wieder, dass ihm gar nichts übrig bleiben
werde, als seinem Worte, seiner Ehre und seinem Gewissen zuwider zu handeln,
wenn er sich nicht gegen sein eigenes Glück versündigen, wenn er nicht ein
gealtertes, kränkelndes Mädchen zu seiner Gattin, zur Mutter seiner Kinder, zur
Mutter eines Geschlechtes machen wolle, das mit Fug und Recht bisher auf seine
schönen und kräftigen Männer und Frauen so stolz gewesen war.
    Jetzt, wo die Stunde der Entscheidung da war, drohte sein Glaube an die
Weisheit des Abwartens wankend zu werden, und doch verliess ihn ein
Selbstbewusstsein nicht, das ihn erhob: er stand auf seinem Grunde und Boden, in
seiner Väter Schloss, er war hier der Herr. Die Vergangenheit dieses Hauses war
die seinige, sich die Zukunft in demselben zu bewahren, stand in seiner Macht.
Er hegte das volle Herrenbewusstsein, jene Ueberzeugung von der eigenen
Bedeutung, welche rücksichtslose Selbsterhaltung und Selbstbefriedigung als ihr
angeborenes Recht betrachtet. Er meinte seines Vaters Geist in sich zu fühlen,
und er gelobte sich, in diesem Geiste auch zu handeln. Er durfte, er wollte sich
von dem Boden nicht trennen, aus dem er ihm erwuchs. Nur mit Hildegard musste er
zu einem Abschlusse, einem Ende gelangen!
    Er war eben von seinem Spaziergange mit Cäcilien heimgekommen, als man ihm
den Amtmann meldete. Die Jahre hatten diesen wenig angefochten. Er war jetzt
allerdings auch kein junger Mann mehr, aber er sah besser aus, als in früheren
Zeiten, denn er war stark geworden und blickte selbstzufrieden und behaglich
lächelnd um sich her. Nur aus den kleinen, grauen Augen, deren schwere Lider
sich beinahe schlossen, wenn er den Mund zur Freundlichkeit verzog, schoss hier
und da ein Ausdruck achtsamer Schlauheit unheimlich hervor, der sonderbar gegen
das offene Wesen abstach, dessen der Amtmann sich sonst befleissigte und rühmte.
    Demütig und doch nicht ohne Zuversicht trat er bei dem Freiherrn ein. Er
sagte, dass er gekommen sei, die Befehle und die letztlichen Entschliessungen des
gnädigen Herrn zu vernehmen, und er hoffe, dass diese nicht zu seinem Schaden
sein würden. Die Herren von Arten hätten ja treue Dienste immer zu würdigen
verstanden, und so werde denn ja auch der jetzige Freiherr wohl das Gleiche an
ihm tun.
    Renatus hatte den Amtmann seine Anrede ruhig vollenden lassen. Dann nötigte
er ihn, sich zu setzen, und ohne ihm irgend eine Anerkennung auszusprechen oder
ihn zu einer Hoffnung zu ermutigen, blieb er selber, den Arm auf die Lehne
seines hohen Schreibtisches gestützt, vor dem Sitzenden stehen, so dass er auf
ihn herniedersah. Er genoss in diesem Augenblicke das Bewusstsein seiner
Herrschaft, er wollte sie den Amtmann auch empfinden lassen, und erst nach
längerem Schweigen sagte er mit jener nur auf das eigene Interesse gerichteten
Weise, in welcher die Fürsten gegen ihre Untertanen, die Besitzenden gegen die
Nichtbesitzenden in der Regel Meister sind, und welche sie oft sogar verhindert,
sich die Zeit zu nehmen, dem Angeredeten auch nur die Ehre seiner Namensnennung
zu gewähren: Ich höre aus Ihren Worten, dass Sie die Ansichten kennen, welche
mein Bevollmächtigter, der Kaufmann Tremann, in Bezug auf diese Güter hegt, und
ich lasse es vorläufig dahingestellt sein, in wie weit er mit denselben Recht
hat. Ich war bei meiner Ankunft allerdings der Meinung, dass ich hier
durchgreifende Veränderungen machen müsste, indes ich mag nichts übereilen, und
da, wie Sie richtig bemerken, wir in unserem Hause es nicht lieben, unsere
Beamten und Diener oft zu wechseln, so wäre ich in gewissem Sinne nicht
abgeneigt, auch mit Ihnen einen neuen Versuch, einen neuen Contract zu machen,
obschon ich mich während meines langen Aufentaltes im Auslande davon
überzeugte, dass Ihnen in der Tat, darin hat Herr Tremann Recht, die Kenntnis
der Fortschritte mangelt, welche man in der rationellen Bewirtschaftung und
Verwertung grosser Güter in den letzten Jahrzehenden überall gemacht hat.
    Er hielt inne, nahm eine Feder zur Hand, prüfte auf dem Nagel des Daumens
ihre Spitze, legte sie dann wieder fort und streifte mit dem Auge über den
Amtmann hin, der, die Hände über dem Leibe gefaltet, andächtig und unbeweglich,
als ob er vor der Kanzel sässe, die Aussprüche des jungen Freiherrn, von dessen
landwirtschaftlichen Kenntnissen er hinwiederum auch seine besondere Meinung
hegte, über sich ergehen liess. Er fand es weder nötig noch zweckmässig, ihm eine
Antwort zu geben, ehe eine solche unvermeidlich war, und Renatus sah sich
dadurch also gezwungen, seiner ersten Rede die Bemerkung hinzuzufügen, dass grosse
Verbesserungen auf den Gütern, wie er sich überzeugt habe, unerlässlich wären,
und den Amtmann daran zu erinnern, wie derselbe es ihm für möglich erklärt habe,
die Ameliorationen ohne alle Hülfe von auswärts, aus den eigenen Mitteln zu
bewerkstelligen. Aber auch hierauf antwortete der Amtmann nur mit einer stummen
Kopfneigung, und der Freiherr musste also auf's Neue zu sprechen beginnen.
    Da Sie wussten, sagte er, dass ich heute die Entscheidung treffen muss, werden
Sie Sich die Verhältnisse wohl durchdacht haben. Erklären Sie Sich also nach
Ihrem besten Wissen und Gewissen darüber, ob und wie Sie es für möglich
erachten, dass wir, ohne zu neuen Geldaufnahmen unsere Zuflucht zu nehmen und
ohne eines der Güter abzutrennen, - er vermied das Wort verkaufen
geflissentlich, - die Wirtschaft weiter führen und den Schaden ersetzen können,
den die Kriege uns getan haben. Man hat mir, ich verhehle Ihnen das nicht,
nicht nur gegen Ihre Einsicht und Ihre Kenntnisse, sondern auch gegen Ihre
Person Misstrauen eingeflösst, aber ich gestehe Ihnen mit Vergnügen ein, dass ich
glaube, man habe Ihnen Unrecht getan. Ich habe nichts, gar nichts wider Sie, im
Gegenteil! Die Frau Baronin hat mir Ihre gefällige Dienstfertigkeit gerühmt.
Sie können also zuversichtlich sprechen und der billigsten Beurteilung, der
genauesten Erwägung des Für und Wider Sich versichert halten. Ohne eine
zwingende Notwendigkeit entferne ich Sie nicht!
    Renatus war äusserst wohl mit sich und mit dieser Rede zufrieden; sie war
eben so bestimmt, wie er meinte, als menschlich und gerecht gewesen, und der
Amtmann hatte sie auch mit der tiefsten Ergebenheit vernommen. Er hatte nur zu
verschiedenen Malen gewichtig mit dem Kopfe genickt; dann wieder hatte er
gelächelt, wie einer, dem das Gehörte nicht unerwartet kommt, und sich zur
Antwort und zum Ueberlegen bedächtig Zeit lassend, sagte er endlich: Gnädiger
Herr, ich habe mich nicht herangedrängt, Ihnen meine Meinung zu sagen; ich habe
gedacht, Sie sollten Sich nur, wie Sie das ja auch getan haben, hier zu Lande
umsehen, denn die Verantwortung, die Unsereiner auf sich nimmt, ist gar zu gross.
Nun Sie hier Bescheid wissen und, wie das in der Ordnung ist, überall selber
herumgehört haben, was von mir geglaubt und gehalten wird, nun sind Sie doch
wenigstens so weit in Ihrem Zutrauen zu mir gekommen, dass Sie meine Stimme zu
vernehmen wünschen. Gerade heraus also, gnädiger Herr, es sind die Spekulanten,
den Steinert und den Tremann an der Spitze, die ihre Augen auf die Güter hier
geworfen haben, das ist das ganze Elend! Sonst hat es noch keine Not, wenn man
nur erst wieder gelassen an die Arbeit gehen kann. Verschuldet sind die Güter,
schwer verschuldet, das ist wahr; wer verlangt denn aber, dass man morgen oder
übermorgen die Schulden abbezahlt? Wer verlangt das anders, als die Spekulanten,
die am liebsten Alles zu Geld und alles Geld in der Welt flüssig machen möchten,
damit es, wie bei Tremann, alljährlich drei, vier Mal durch ihre Hände laufen
und immer etwas davon kleben bleiben kann? Im Gutsbesitz, im Landbesitz ist es
just das stricte Gegenteil. Da will Alles seine Zeit und seine Ruhe haben. Und
wenn Sie, gnädiger Herr, mir ganz allein vertrauen und Sich auf mich allein
verlassen wollten, so sollten Sie erleben, ob ich mich auf mein Fach verstehe
und ob ich meines Herrn Vorteil mit meiner alten Wirtschaftsmanier nicht
besser wahrzunehmen weiss, als die Anderen mit all ihren neuen Künsten.
    Der Amtmann gab dem Freiherrn zu bedenken, wie leicht es die Steinert, seine
Vorgänger im Amte, während der langen Friedensjahre gehabt hätten, die dem
siebenjährigen Kriege gefolgt waren, und unter wie ungünstigen Umständen er die
Verwaltung übernommen habe. Er wies den unverhältnissmässigen Geldverbrauch des
Freiherrn Franz nach, er erinnerte an die furchtbaren Kriege und Kriegszüge, an
den allgemeinen Notstand, an die Aufhebung der Leibeigenschaft, um zu erklären,
wie unmöglich es bisher für ihn gewesen sei, an irgend eine Verbesserung auf den
Gütern, oder gar an die Erzielung von Ueberschüssen zur Schuldentilgung denken
zu können. Nun, sagte er, sei noch der völlige Misswachs des vorigen Jahres dazu
gekommen, in welchem man das eigene Vieh zu schlachten versucht gewesen sei,
weil man nicht gewusst habe, wie man es ernähren solle, und trotzdem habe er in
diesem Jahre am ersten Quartale allen Verpflichtungen genügen können, die auf
den Gütern und auf dem gnädigen Herrn persönlich gehaftet hätten.
    Sehen Sie, gnädiger Herr, rief er und wies in die Landschaft hinaus, Gott
der Herr hat doch endlich wieder eine Einsicht! Seit man gedenken kann, haben
die Saaten nicht so gestanden, haben wir kein so frühes Jahr gehabt, haben die
Bäume nicht solche Blütenlast getragen. Wenn Gott uns weiter gnädig ist, gibt
das eine Ernte, die manches Loch verstopft! Denn die Teurung ist noch immer
ungeheuer und die Preise halten sich notwendig noch bis in das nächste Jahr. Es
ist nichts mit den Spekulanten und mit den Fabriken, von denen sie immer reden!
Aus dem Boden muss man es herausholen mit Egge und Pflug! Langsam geht das
freilich, dafür jedoch ist's sicherer, sicherer wie der Dampf, mit dem sie jetzt
in England ihr Wesen zu betreiben anfangen und der auch dem Steinert im Kopfe
spukt, seit er den Sohn in Amerika da drüben sitzen hat. Mit Dampf wollen sie
brennen und brauen in Marienfeld, mit Dampf möchten sie Steine schleifen in
Neudorf, und dazu sollen die Torfstiche in Rotenfeld die Feuerung liefern. Aber
wir können ja selber Torfstiche eröffnen, wenn wir nur erst so weit sind, die
Bauten in Angriff nehmen, neue Häuser aufführen und Leute zur Arbeit
hieherziehen und ernähren zu können. Auch die Wege müssen wir erst wieder so
weit im Stande haben, dass man den Torf bis zum Wasser bringen kann. Machen
können wir das alles, nur Geduld müssen wir haben, nur Geduld! Das Geld wird
sich schon finden, wenn man uns nur Zeit lässt. Und weil sie das Alles wissen, so
gut wie ich, darum drängen sie den gnädigen Herrn so gewaltig zum Verkaufen.
Diese Spekulanten haben ja ihre Augen überall. Wie die Stossvögel hangen sie in
der Luft, und ehe man's gewahr wird, schiessen sie herunter und haben's in den
Krallen!
    Der Amtmann lachte, als er von den Summen hörte, welche Tremann für die
Hebung der Güter als unerlässlich bezeichnet hatte. Daran allein können der
gnädige Herr ja sehen, dass es ihnen bloss darauf ankommt, den gnädigen Herrn
abzuschrecken. Und das nennen diese Leute Landwirtschaft! Kaufen, Alles fertig
kaufen, Alles baar bezahlen! Nichts erschaffen, nichts erziehen, das ist ihre
neue Weisheit! Sie wollen die Ziegel nicht streichen zum Baue und das Tier
nicht austragen lassen im Mutterleibe; Stallungen aufrichten im Handumdrehen und
fremde Heerden einführen, ohne zu denken, ob sie sich hier zu Lande halten;
Hunderttausende in die Güter hineinstecken und sie dann verkaufen und das
Doppelte herausziehen! Und dann sieh' Du zu, was nun aus dem Grunde und Boden
wird! Spekulanten und Rosstäuscher - die sind Einer wie der Andere! Elendes
Gesindel, das der Landwirt sich vom Hofe und vom Leibe halten muss!
    Der Amtmann hatte sich in Zorn gesprochen, denn die Sache ging ihm an das
Leben. Er kannte seinen jungen Herrn wenig, indes langjähriges Dienen hatte ihn
die Edelleute der Gegend im Allgemeinen kennen gelehrt, und er hatte bewusst und
unbewusst den rechten Ton getroffen, um auf seinen Herrn zu wirken. Renatus
liebte es nicht, in denjenigen, mit welchen er Geschäfte abzumachen hatte,
seines Gleichen oder gar einer Ueberlegenheit zu begegnen, und Tremann's völlig
freie Bildung war ihm eben so unangenehm gewesen, als die Leichtigkeit, mit der
er sich in allem Geschäftlichen bewegte, und die rasche Entschiedenheit, welche
er von dem Freiherrn forderte. Des Amtmanns Ansichten vom Abwarten stimmten
zudem auf das genaueste mit denen seines Herrn überein, und da jede fest
ausgesprochene Meinung ihre Wirkung auf den Unerfahrenen nie verfehlt, verlangte
Renatus, dessen Zutrauen zu seinem Beamten sich steigerte, von demselben endlich
eine genaue Auseinandersetzung über die Wege, welche dieser bei der Ausführung
seiner Plane einzuschlagen denke.
    Der Amtmann zuckte die Schultern. Gnädiger Herr, sagte er, ich allein kann's
nicht machen und Einer allein kann's überhaupt nicht. Aber wenn der gnädige Herr
selber mit dazu tun wollen, so ist's keine Hexerei und gar kein Zweifel, dass
wir vorwärts und zu Stande kommen.
    Renatus befahl ihm, sich deutlicher zu erklären; der Amtmann liess sich das
nicht zweimal sagen. Es war ihm, als er vor seinem Herrn erschienen war, nicht
besonders wohl gewesen, jetzt aber begann er, Mut zu fassen. Er knöpfte den
braunen Oberrock auf, dass die grossgeblümte, wollene Weste in ihrer ganzen
Farbenpracht zu sehen war, zog sein blaues Taschentuch hervor, und sich die
Stirn und die feisten Wangen trocknend, während die kleinen Augen in
freundlicher Zuversicht listig zwinkerten, sagte er: Was sie dem gnädigen Herrn
auch von den neuen Wirtschafts-Metoden und neuen Teorieen gesprochen haben
mögen, es gibt zum Vorwärtskommen, um in die Höhe zu kommen, immer nur die eine
praktische Teorie: viel einnehmen und wenig brauchen, dass man Überschuss
erzielt. So haben sie's ja auch gemacht, die Steinert und der alte Flies, die
ihr Schäfchen so vorsichtig in's Trockene gebracht haben, während sie den
seligen Herrn in die Patsche führten. Warum soll's denn jetzt, da es nicht
ihren, sondern des gnädigen Herrn Vorteil gilt, mit neuen Mitteln angefangen
werden?
    Er begann darauf, dem Freiherrn die Erträge der Güter und die zunächst
notwendigen Ausgaben vorzurechnen, wobei die Verhältnisse sich allerdings weit
günstiger als nach den Annahmen von Tremann auswiesen, schilderte darauf aber
die grossen Mühen, welche man in den kommenden Jahren haben werde, die mancherlei
Unsicherheiten, denen man immer in der Wirtschaft ausgesetzt sei, und nachdem
er Renatus mit jener Menge von Einzelheiten, die für den Uneingeweihten stets
etwas Beunruhigendes und Verwirrendes haben, ermüdet hatte, so dass derselbe
bedenklich zu werden begann, trat der Amtmann ganz unerwartet und plötzlich mit
dem Vorschlage hervor, die Güter in Pacht zu nehmen, falls der Freiherr es unter
den obwaltenden Umständen etwa vorziehen sollte, im militärischen Dienste zu
verbleiben, wo ihm bei seinen jungen Jahren ein schönes Vorwärtskommen nicht
entgehen könne, da jetzt nach dem Kriege viele der älteren Offiziere ihren
Abschied fordern oder erhalten würden.
    Renatus stand noch immer an dem Schreibtische, aber seine Stirne sah nicht
mehr so heiter und so klar aus. Der Vorschlag des Amtmanns beunruhigte ihn sehr;
denn auch Tremann hatte ihn darauf hingewiesen, dass es geraten für ihn sein
würde, in seiner militärischen Laufbahn zu beharren und zu versuchen, in wie
weit sich mit dem festen Ertrage eines Pachtzinses seine Vermögens-Umstände
verbessern liessen. Wenn man aber von zwei so verschiedenen Ausgangspunkten, wie
die von Tremann und von dem Amtmanne es waren, an das gleiche Ziel gelangen
konnte, so musste dies ein richtiges sein; indes es widerstrebte dem Freiherrn
immer noch, an die Verpachtung seiner Güter zu denken.
    Er hatte die Feder wieder zur Hand genommen und riss, ohne zu wissen, was er
tat, ihre Fahne in kleinen Stücken herunter, bis er den nackten, kahlen Kiel
erblickte. Stückweise! murmelte er kaum hörbar zwischen den Zähnen hin, knickte
die Feder um und warf sie mit einer heftigen Bewegung fort.
    Der Amtmann beobachtete ihn genau, aber er drängte ihn mit keinem Worte zu
einer entscheidenden Antwort hin. Er erklärte sich sogar aus freiem Antriebe
bereit, das Belieben des gnädigen Herrn noch acht Tage zu erwarten, damit
derselbe volle Zeit habe, die Sache reiflich zu erwägen. Und als man danach auf
die Bürgschaft zu reden kam, welche der Amtmann als Pächter der Güter zu leisten
haben würde, meinte er, bescheiden und vertrauensvoll lächelnd, er sei ja nicht
nackt und bloss gewesen, als er in den Dienst der Herrschaften getreten sei. Er
habe sich in all den schweren Jahren schlicht und recht und kümmerlich wie der
ärmste Mann beholfen, habe also immer doch etwas zurückgelegt, und wenn der
Freiherr von ihm die Bürgschaft nicht über die Gebühr hoch begehre, so hoffe er
mit Gottes Hülfe und mit dem Beistande seiner Freunde wohl im Stande zu sein,
sie aufzubringen.
    Damit waren für's Erste diese Verhandlungen beendet, aber der Sinn des
Freiherrn blieb mit ihnen immerfort beschäftigt, und wie er sich's auch
vorhielt, dass es ja noch völlig in seinem Belieben und in seinem Ermessen liege,
was er tun wolle, kam er sich nicht mehr so frei, so selbständig als noch vor
wenigen Stunden vor, denn, mochte er sich auch gegen die Einsicht sträuben, das
erkannte er deutlich, er konnte das Leben nicht in der Weise seines Vaters
weiterführen; er war heruntergekommen, und Alle um ihn her, Alle, die in seinen
Diensten gearbeitet, selbst gearbeitet hatten, waren im Wohlstande
fortgeschritten.
    Er hatte den Neid niemals gekannt, jetzt aber regte sich in ihm eine zornige
Empfindung gegen alle jene Emporkömmlinge, und obschon er sich durchaus in der
Lage befand, den Wert und die Bedeutung des Geldes schätzen zu lernen, dünkte
das Geld ihn an und für sich als etwas Verächtliches, weil der gemeine Mann,
weil Jedweder es erwerben konnte, der eine schwielige Hand nicht scheute, der
sich entschliessen mochte, die Gegenwart um der Zukunft willen daran zu geben,
und, wie der Amtmann es nannte, gleich einem gemeinen Manne zu arbeiten und zu
leben. Es lag für des Freiherrn Empfinden auch etwas sehr Gemeines in dem
beständigen Denken an Hab und Gut, an Vermehrung des Besitzes. Er hatte eine
Erinnerung an die Zeiten, in welchen in seinem väterlichen Schloss von Geld und
Besitz niemals die Rede gewesen war, weil man ihr Vorhandensein als ein
Selbstverständliches angenommen hatte. Damals hatte man sich selbst gelebt, man
hatte Musse und Freiheit gehabt, sich seinen Neigungen, seinen Gefühlen zu
überlassen; jetzt trat überall die zwingende Notwendigkeit zwischen ihn und
seine Wünsche, und sogar in dem Augenblicke, in welchem er sich enger als je
zuvor mit seinem Besitze verwachsen fühlen gelernt, trachteten die
Emporkömmlinge ihm von allen Seiten die Ueberzeugung aufzudrängen, dass für ihn
die alten Zustände nicht mehr aufrecht zu halten seien, dass er ohne ihren
Beistand notwendig zu Grunde gehen müsse.
    Er hatte es durchaus vorgehabt, auf seinen Gütern und unter seinen Leuten,
die ihm lieb geworden waren, zu weilen und zu leben. Nun sollte er das
menschliche Verhältnis, das sich zwischen ihnen zu bilden begonnen hatte,
plötzlich wieder zerstören, indem er sie einem fremden Willen überliess; nun
sollte er wieder von seiner Heimat scheiden und das Erbe seiner Väter einzig
als den Boden behandeln, von dessen Frucht er sich ernährte - es wollte ihm
nicht eingehen!
    Es war gegen den Mittag hin, als der Amtmann sich von dem Freiherrn
verabschiedete. Renatus blieb eine Weile an seinem Schreibtische sitzen. Das
Haupt auf den Arm gestützt, sah er unverwandten Auges auf die Berechnungen
nieder, welche der Amtmann ihm vorgelegt hatte. Er zählte die Reihen zusammen,
er verglich die verschiedenen Posten, es wurde damit nicht viel für ihn
gefördert.
    War das aber eine Aufgabe, die sich für ihn, für einen Edelmann geziemte?
Tag für Tag nur dem Erwerbe, dem elenden Gelderwerbe leben! Heute dem Gewinne
eine kleine Summe hinzufügen, morgen sie von den Schulden abstreichen; und das
Jahr aus, Jahr ein, und das Alles ohne die bestimmte Aussicht auf einen sicheren
Erfolg? Es dünkte ihn eine sehr untröstliche Beschäftigung. Hinter dem Pfluge
herzugehen, die Furche in dem fruchtgebenden Boden aufzureissen, die goldenen
Samenkörner dem warmen Schoss der Erde anzuvertrauen, die reife Frucht des
Feldes einzuernten, den Kampf mit des Wetters Ungunst zu bestehen, dieses Tun
und Erleiden des gemeinen Mannes däuchten ihm ein Genuss neben dem Zuwarten aus
der Ferne, zu welchem der Edelmann, zu welchem er selber verdammt war, wenn er
sich des persönlichen Eingreifens in seine Angelegenheit durch die Verpachtung
seiner Güter mehr noch als bisher begab.
    Er konnte zu keinem Entschlusse kommen, und von der inneren Ungeduld
hinweggetrieben, verliess er sein Gemach. Er stieg die Treppen hinunter und ging
in den Garten hinaus. Gleich an der rechten Seite, wo die grosse Allee sich
anschloss, ging er von der Terrasse hinunter und durch den Park.
    Die Bäume, die Büsche hatten schon ihr volles Laub. Der Schatten war tief
und erquicklich, aber die Stille und die Einsamkeit waren ihm heute nicht
erwünscht. Er hätte gestört werden mögen in den Gedanken, die auf ihm lasteten,
er hätte die Trompeten seines Regimentes einmal wieder schmettern hören mögen,
um sich an ihrem mutigen Klange das Herz zu erfrischen. Und während er noch vor
wenigen Stunden seinen Besitz als eine Ehrensache angesehen hätte, erschien ihm
jetzt der ärmste Soldat, der in seinem Degen sein ganzes Erbe besass und am Tage
den Tag zu leben vermochte, bei Weitem als der Glücklichere. Warum war es gerade
ihm denn auferlegt, einzustehen für die Ehre und das Ansehen einer Reihe von
Altvordern, deren Genüsse und Befriedigungen er nicht geteilt, und an deren
Irrtümern er doch so schwer zu tragen hatte?
    Er war jetzt seit einer Reihe von Jahren an ein bewegtes Dasein, an
Tätigkeit gewöhnt, er verstand das Waffenhandwerk, das er bisher getrieben
hatte. Auch in seinem Regimente kannte man ihn, auch in seinem Regimente
vertraute ihm der gemeine Mann und liebte man ihn so gut wie hier auf seinem
Grunde und Boden. Auch in seinem Regimente hatte er eine Heimat, eine
Bedeutung, eine Wirksamkeit, und sie waren völlig unabhängig von allem, was von
seinen Ahnen als Erbe auf ihn gekommen war, sie waren mehr als alles Andere sein
eigen. Wesshalb sollte er darauf verzichten? Wesshalb sollte er sich auf seine
Güter zurückziehen, wenn er sich dazu verdammen musste, auf ihnen als ein
Einsiedler und in der halben Abhängigkeit von einem ihm untergebenen geringen
Manne zu leben? Welche Verpflichtungen hatte er gegen den Adel der
Nachbarschaft, der ihm so dringend vom Verkaufe der Güter abriet? Sie waren ihm
im Grunde sammt und sonders fremd, diese Edelleute. In seinem Regimente hatte er
Freunde, hatte er die Kameraden, mit denen die Erinnerung an Not, an Gefahr und
Sieg ihn eng verband. Er sehnte sich nach seinem Regimente. Dort hatte er seiner
Sorgen nicht in jedem Augenblicke denken müssen, dort hatte er sich jung
gefühlt; hier lastete das Leben schwer auf ihm und drückte ihn hernieder. Er
wollte seinen Frohsinn, seine Freunde wieder haben, er wollte sich die schönen
Tage der goldenen Jugend nicht verkümmern lassen. Mochte der Ernst beginnen,
wenn die Jugend ihm entflohen war.
    Er hatte den Park verlassen und war hinausgetreten in die Rotenfelder
Feldmark. Die Kirche lag in stiller Ruhe vor ihm. Sie sah sehr mächtig aus mit
ihrem hohen Turme, mit dem schönen Eingangstore; aber er konnte es sich nicht
verbergen, es war für ihre Erbauung keine Notwendigkeit vorhanden gewesen.
Seine Eltern hatten damit einem ganz persönlichen Bedürfen und Belieben
nachgegeben und sie hatten, wie es ihm heute erschien, damit auch Recht gehabt.
Es sollte Jeder vor allem Anderen sich selbst genug zu tun trachten. Er für
seinen Teil bedurfte dieses Gotteshauses freilich nicht, denn des Amtmanns
Vorschlag, dass er im Regimente bleiben solle, war im Grunde sehr verständig.
Wenn er wirklich im Regimente blieb, wenn er sich künftig nicht für immer in
seinem Schloss aufhielt, brauchte man z.B. auch die Pfarre für's Erste nicht
fortbestehen zu lassen. Man konnte den Fürstbischof ersuchen, den Pfarrer
zurückzuberufen und anderweitig zu verwenden. Die Baronin Vittoria konnte, so
oft sie es begehrte, nach einer der Städte, welche eine katolische Kirche
hatten, zur Messe fahren, und die Gräber zu bewachen, war der Sakristan genug.
    Je länger Renatus über die Ersparungsvorschläge, welche der Amtmann ihm im
Laufe ihrer Unterredung getan hatte, nachsann, um so mehr leuchteten ihm
dieselben ein. Die Entlassung der sämmtlichen noch im Schloss vorhandenen
Dienerschaft war verständig; nur Gaetana und der alte Kammerdiener sollten bei
der Baronin bleiben. Seinen Bruder Valerio, welcher der weiblichen Hand durchaus
entwachsen war, wollte der junge Freiherr mit sich nehmen, um ihn in einer der
militärischen Erziehungsanstalten unterzubringen; und wie er in solcher Weise
das Schloss zu entvölkern begann, wurde sein eigenes Verlangen, es zu verlassen,
immer grösser.
    Vor wenigen Tagen hatte ihn die Liebe überrascht, welche er für dasselbe,
für seine Besitzungen hegte, jetzt erschreckte ihn die Gleichgültigkeit beinahe,
in welcher er an die teilweise Zerstörung der Verhältnisse denken konnte, mit
denen er sich so unauflöslich verbunden geglaubt hatte; und wie er tiefer in
sein Herz hineinsah, wie er mit dem grübelnden Sinne, der ihm von der Mutter
angeboren war, sich fragte: was ist es, das mir die Aussicht in die Ferne
plötzlich so erheitert? da blieb er sich die Antwort schuldig, denn er sah
Hildegard den kleinen Seitenpfad von der Margaretenhöhe herunterkommen, und er
musste gehen, sie zu begrüssen.
 
                                Fünftes Capitel
Was nur heute in sie gefahren ist! sagte an dem Nachmittage der Kammerdiener
verdriesslich zu Vittoria's Dienerin, mit welcher er in dem Laufe der Jahre eine
Freundschaft auf Tod und Leben geschlossen hatte. Seit der junge Herr zu Hause
ist, hatte doch Alles wieder eine Manier bekommen, aber heute stieben sie aus
einander, als hätte der Blitz dazwischengeschlagen! Was haben sie denn vor?
    Der junge Herr ist fortgeritten! bedeutete Gaetana geheimnisvoll.
    Freilich, ich habe ihm ja das Pferd bestellt! versetzte darauf der Diener.
    Aber wissen Sie, wesshalb er fortgeritten ist? fragte die Italienerin, und
ihre dunklen Augen blitzten unter den breiten, schwarzen Brauen scharf hervor.
    Ja, er war ärgerlich, weil er mit dem Amtmanne nicht zu Stande gekommen ist!
sagte der Kammerdiener.
    Gaetana machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Nein, Padrone, Ihr
irrt, Ihr irrt Euch ganz und gar! - Und sich vorsichtig umblickend, fügte sie
hinzu: Die Gräfin Cäcilie kam blass wie eine Leiche zu meiner Signorina in das
Zimmer! Sie schickten den Junker fort, sie schickten auch mich hinaus! Gleich
darauf sendete die Gräfin ihre Jungfer zu uns und liess sagen, sie und die
älteste Comtesse würden auf ihrem Zimmer speisen. Die Gräfin Hildegard reist ab!
    Sie konnte ihr Vergnügen bei den Worten nicht verbergen, der Kammerdiener
zuckte ungläubig mit den Schultern. Sie denkt nicht daran! meinte er - die
Herzogin, als wir die noch zu des seligen Herrn Zeiten bei uns hatten - ich war
damals noch ein Junge, der nur hier und da zur Hand ging - die Herzogin machte
es gerade so, wenn sie ihren Willen durchzusetzen dachte! Packen werden sie und
Pferde bestellen auch! Aber sie werden die Pferde stehen lassen und mit dem
Packen nicht zu Ende kommen, bis sie der Herr dabei betrifft, und dann ...
    Nein, sie geht, sie geht! versicherte ihm Gaetana, als die Klingel aus dem
Zimmer der Baronin Vittoria sie von der Unterhaltung abrief, und fast
gleichzeitig der Reitknecht eines benachbarten Edelmannes in den Hof geritten
kam.
    Er brachte einen Zettel von dem jungen Freiherrn, der den Kammerdiener
anwies, ihn heute nicht mehr zu erwarten, sondern ihm einen Mantelsack zu packen
und ihm denselben durch einen Boten zu übersenden, da er mit seinem
gegenwärtigen Wirte auf einem andern Gute bei andern Freunden noch einen Besuch
zu machen denke.
    Nun? fragte Gaetana, da sie im Auftrage ihrer Herrin eilig durch den Flur
ging.
    Sie könnten Recht haben, meinte der Kammerdiener; es ist etwas passirt! Aber
fortgehen? Ich glaub's nicht! Wo sollen sie denn hin? fügte er mit einem
geringschätzigen Zucken des Mundes hinzu.
    Er war noch zu den guten Zeiten in die Dienste des verstorbenen Freiherrn
getreten, hatte noch die Baronin Angelika in aller ihrer Vornehmheit gekannt
und, wie alle Diener reicher Häuser, immer eine grosse Verachtung gegen
unbemittelte Herrschaften gehegt. Es war daher gar nicht nach seinem Sinne
gewesen, als nach dem Tode des Freiherrn die Gräfin Rhoden mit ihren Töchtern in
das Schloss gekommen war. Er hatte es auch in all den Jahren und bis zu dem Tage
von des jungen Freiherrn Rückkehr hartnäckig geläugnet, dass es zwischen seinem
jungen Herrn und der Gräfin Hildegard jemals etwas werden könne. Jedem, der ihn
darum befragt, hatte er geantwortet, dass sein Herr der Gräfin Rhoden und ihren
Töchtern in den schweren Zeiten zu Hülfe gekommen sei und sie so mit
durchgehalten habe, und das sei schön und recht von ihm gewesen, denn der
verstorbene Herr Baron habe es ja seiner Zeit mit der Frau Herzogin gerade so
gehalten; aber heiraten? Nein! Heiraten sei doch etwas Anderes, und an eine
Heirat sei hier nicht zu denken! Die Herren von Arten nähmen sich keine Frauen,
deren Hab und Gut man in zwei Wagen und ein paar Koffern von der Stadt nach
Richten bringen könne!
    Selbst als nach des jungen Freiherrn Heimkehr die äusseren
Zärtlichkeitsbeweise zwischen Renatus und Hildegard ihr Verlobtsein für die
Schlossinsassen ausser Frage stellten, hatte der Kammerdiener immer noch den Kopf
geschüttelt und war von seinem verzweifelnden »ich glaub's nicht!« nicht
abgegangen; denn, hatte er zu Gaetana stets gesagt, so wie der gnädige Herr die
Gräfin Hildegard anfasst, so fasst solch ein junger Herr kein Frauenzimmer an, bei
dem ihm warm wird! Mit den Beiden wird es nichts!
    Ihm machte es also keinen Kummer, im Gegenteil, er sah es mit der stillen
Genugtuung eines Propheten, dessen Vorausverkündigungen sich erfüllen, als man
die alten Koffer der Gräfin Rhoden aus der Remise hervorbrachte, als die
Kammerjungfer den Sattler vom Hofe herbeiholte, die Riemen und die Schnallen
nachzusehen. Er tat keine Frage, er liess die Dinge gehen und an sich kommen.
    Die Mahlzeit war vorüber. Die Baronin Vittoria und der Junker hatten mit
grosser Esslust gespeist, aus den Zimmern der Gräfin waren die Speisen fast
unberührt nach der Küche zurückgebracht worden, und in der Stube der
Dienerschaft sassen der Kammerdiener, die beiden Kammerfrauen und der alte
Kutscher jetzt bei ihrem Mittagbrode, bei welchem die Köchin die Vorschneiderin
machte und eine der Küchenmägde die Speisen zutrug.
    Wird denn oben nicht mehr gepackt? fragte der Kammerdiener, während er sich
zu dem Hammelbraten, den die Köchin ihm vorgelegt hatte, eine tüchtige Portion
der Spargel geben liess, welche für die Tafel der Gräfin bestimmt gewesen waren.
Wird denn oben jetzt nicht mehr gepackt?
    Wir machen nur eine kleine Pause, entgegnete die Kammerjungfer, welche ihre
gute Berliner Sprache, wie sie immer sagte, hier auf dem Lande nicht verlernen
wollte. Meine Comtesse hat sich ein wenig hingelegt, sie hat Migräne, und es muss
doch auch geschrieben werden.
    Was denn geschrieben? erkundigte sich der Kutscher, es ist ja heut' nicht
Posttag!
    Sie haben wohl nicht gesehen, dass der Reitknecht von Brasteck in den Hof
gekommen ist? Der soll den Brief an den Herrn Baron gleich mit sich nehmen.
    Der Kammerdiener fragte, wer den Brief denn schreibe? Mamsell Caroline
entgegnete, die Frau Gräfin schriebe ihn.
    Da soll sie sich sputen, meinte der Kutscher, indem er das grosse Bierglas an
die Lippen setzte, denn der Reitknecht hat gefüttert und sattelt wieder.
    So sagen Sie ihm, gebot die Kammerjungfer, dass er warten muss, bis meine
Gräfin fertig ist! Ich will sie aber avertiren gehen.
    Sie stand auf, besah sich in dem Spiegel, rückte ihre Brilllocken und ihre
schwarze Schürze zurecht und sagte der Köchin, sie brauche heute Abend weiter
nichts.
    Also Sie gehen mit, Mamsell? rief der Kutscher. Nun, da soll mir's ein
Vergnügen sein, zu fahren - besonders, wenn Sie nicht wiederkommen wollen!
brummte er in seinen Bart. Aber er hatte es nicht so leise gesprochen, um von
den Andern nicht verstanden zu werden, wenn schon Mamsell Caroline sich das
Ansehen geben konnte, als habe sie nicht gehört, was er gesagt, und als wisse
sie nicht, was das Lachen um sie her bedeute.
    Oben lag Hildegard bleich und regungslos auf ihrem Lager. Die Vorhänge waren
niedergelassen, der Geruch von Aeter erfüllte das Gemach. Die Gräfin hatte
ihren Brief an den Freiherrn eben beendet. Sie wollte ihn der Tochter zu lesen
geben, aber Hildegard machte eine matte, abwehrende Bewegung. Die Mutter
siegelte ihn also und wollte schellen, um ihn hinunter zu senden. Cäcilie sass
müssig in einem der Lehnstühle. Weil sie jedoch wusste, wie empfindlich ihre
Schwester während ihrer Anfälle von Kopfweh gegen das geringste Geräusch zu sein
pflegte, wollte sie ihr das Schellen und das Kommen des Dieners bereitwillig
ersparen.
    Sie stand leise auf, trat an die Gräfin heran und erbot sich, den Brief
selbst hinunter zu tragen. Aber wie von einem elektrischen Schlage getroffen,
sprang Hildegard, die anscheinend mit geschlossenen Augen da gelegen hatte, von
ihrem Ruhebette empor, und Cäcilie mit so gewaltsamem Griffe um das Handgelenk
fassend, dass sie im Schmerze zusammenzuckte, rief sie mit funkelnden Augen in
wilder Leidenschaft: Du, rühre den Brief nicht an! Du nicht!
    Ganz erschrocken trat Cäcilie zurück. Sie wollte antworten, die Tränen
stürzten ihr aus den Augen, und die Hände entsetzensvoll zusammenschlagend, rief
sie: Gott im Himmel, sie ist wahnsinnig! Hilda ist wahnsinnig geworden!
    Hildegard lachte hell auf. Nein, nein, rief sie, noch bin ich's nicht, noch
sehe ich sie ja, die heuchlerischen Tränen, die Dir über die roten Backen
niederrinnen! Aber ich werde es werden, wahnsinnig wird es mich machen, wenn ich
es sehen muss, wenn ich Dich sehen muss ... Sie war unfähig, den Satz zu
vollenden; sie warf sich der Mutter mit beiden Armen um den Hals und barg ihr
Gesicht an deren Brust. Es bricht mir das Herz, es nimmt mir den Verstand!
wiederholte sie immer und immer wieder. Die Gräfin bemühte sich, sie zu
besänftigen, Cäcilie war neben der Schwester hingeknieet und küsste ihr die
Hände, aber Hildegard stiess sie mit Heftigkeit von sich, und die Gräfin hiess die
jüngere Tochter endlich sich entfernen.
    Weinend und bleich, wie Gaetana es dem Kammerdiener geschildert hatte, war
Cäcilie in dem Zimmer der Baronin angelangt. Atemlos, in der höchsten
Aufregung, erzählte sie derselben, was geschehen war; aber wider ihr Erwarten
machte sie auf die ältere Freundin mit ihrem Berichte nicht den gewünschten
Eindruck.
    Vittoria hatte sich eben erst, dem schönen Wetter zu Liebe, ihr Ruhebett bis
hart an die grossen Fenstertüren ihres Zimmers tragen lassen und blieb, von den
aufgespannten Vorhängen mild beschattet, ruhig liegen, während sie sich langsam
und ohne jede Unterbrechung fächelte. Sie zog Cäcilie neben sich auf die Polster
nieder, und mit ihrem Tuche die Tränen von der jungen Gräfin Wangen trocknend,
sagte sie mit ihrer weichen, tiefen Stimme: Weine nicht, weine nicht, mein Kind!
Die Tränen ziehen Furchen, und aus den Furchen in eines Weibes Antlitz wächst
kein Glück hervor! - Komm, sei heiter, lächle wieder. Sieh mich an!
    Sie nahm den Kopf Cäciliens in ihre Hände, schaute ihr in das Auge, küsste
dann ihre Augenlider und rief: Hildegard war nicht für das Glück geschaffen,
nicht für das eigene, nicht für fremdes; ihr Blick ist unheilvoll! Wir werden
alle, alle glücklich werden, wenn ihre unheilvollen Augen uns nicht mehr
verfolgen!
    Cäcilie tröstend und Hildegard anklagend, sich ereifernd und dann wieder
schmeichelnd und scherzend, liess Vittoria Cäcilie nicht zu Worte kommen, als
diese ihr Erschrecken über den zwischen ihrer Schwester und dem jungen Freiherrn
erfolgten Bruch und ihr Bedauern über Hildegard's Schicksal auszusprechen
wünschte. Und wenn es immer nicht leicht war, sich Vittoria's Einfluss zu
entziehen, wo sie es mit Absicht darauf anlegte, Jemanden für sich und ihre
augenblickliche Stimmung zu gewinnen, so fand Cäcilie es heute mehr als je
unmöglich.
    Sie sowohl als die Mutter hatten seit Jahren von dem traurigen Verhältnisse
zwischen Hildegard und Renatus viel zu leiden gehabt. Dass es ein unhaltbares
geworden sei, das hatte Cäcilie gleich an dem Tage gefürchtet, an welchem sie
den Jugendgespielen nach so langer Trennung zum ersten Male wiedersah. Es war
ihr überhaupt mit Renatus sonderbar ergangen. Von allen den Erinnerungen ihrer
ersten Jugend, von denen Hildegard und auch die Mutter zu erzählen liebten,
wusste Cäcilie nichts. Sie war um mehr als fünf Jahre jünger denn der junge
Freiherr, sie war fast noch ein Kind gewesen, als Renatus in den russischen
Feldzug gegangen war; aber sie hatte es oft behauptet, dass dies eigentlich der
Tag sei, dessen sie sich aus ihrem ganzen Leben am deutlichsten entsinne, und
dass sie erst von diesem Tage ab völlig klare und zusammenhängende Vorstellungen
von ihren Erlebnissen habe, die freilich einfach genug gewesen waren.
    Sie hatte ihre Kindheit während und nach der Wittwentrauer ihrer Mutter auf
dem Lande, in dem Schloss der ihnen verwandten Familie verlebt, von wo aus sie
nach Richten gekommen waren. Dann hatte sie in der Hauptstadt in einer der
Erziehungsanstalten einzelne Unterrichtsstunden erhalten, bis man zu Anfang der
Freiheitskriege wieder auf das Land und nach Schloss Richten gezogen war, das die
Mutter und Hildegard nur verlassen hatten, als sie zur Pflege der Verwundeten
und Kranken sich in die Stadt begeben hatten. Cäcilie, die für eine solche
Aufgabe noch zu jung gewesen, war unter Vittoria's Obhut in Richten geblieben,
denn damals hatten die Gräfinnen und Vittoria noch im besten Einvernehmen mit
einander gelebt. Die Zerwürfnisse zwischen Hildegard und der Baronin hatten sich
erst später, erst als Hildegard, wie sie das nannte, zum Bewusstsein über sich
und über ihre Pflichten, und über den Beruf des deutschen Weibes gekommen war,
so schroff herausgebildet. Und läugnen konnte Cäcilie es nicht, das viele
Nachdenken und die grosse Tugend hatten ihre Schwester nicht liebenswürdiger
gemacht.
    Cäcilie war Hildegardens völliges Gegenteil. Sie dachte wenig nach. Sie
kannte die Welt und die Menschen eigentlich nur aus den Schilderungen ihrer
Mutter und aus den wenigen Büchern, welche sie nach der Wahl der Gräfin gelesen
hatte. Zwischen die Gefühlsschwärmerei ihrer Schwester und die von
leidenschaftlichen Erinnerungen durchglühte Phantasie Vittoria's gestellt, hatte
sich ihrer nicht etwa ein Verlangen nach ähnlichen Empfindungen, sondern nur die
Neugier bemächtigt, ob sie solcher Empfindungen wohl fähig sei; und weil sie bei
ihrer sehr zurückgezogenen Lebensweise nur wenig Männern begegnet war - denn
fast die ganze männliche Jugend des Landes stand seit Jahren unter den Waffen -
so hatte sie in alle jene Träume, ohne welche kein Mädchen sich entfaltet, das
Bild des Jünglings verwebt, den sie am besten kannte, das Bild des jungen
Freiherrn, des Verlobten ihrer Schwester. Schlank und schmächtig, schüchtern und
ein wenig schweigsam, mit den sanften, blauen Augen freundlich lächelnd, so
hatte sie sein Bild in ihrem Gedächtnisse bewahrt, und wie vor einem völlig
Fremden hatte sie am Tage seiner Heimkehr vor dem stattlichen Manne gestanden,
zu welchem die Jahre, die Strapazen des Krieges und das Leben in der bewegtesten
und gewähltesten Gesellschaft von Europa den jungen Freiherrn ausgebildet
hatten.
    Sein Haar war dunkler, seine Gestalt sehr kräftig, sein Blick, seine Sprache
waren lebhaft geworden, und Cäcilie hatte in freudiger Bewunderung seiner
Schönheit sich gesagt, dass ihre Schwester sehr glücklich sein müsse. Aber das
Glück, das sie an dem liebenden Paare zu sehen erwartete, wollte nicht zum
Vorschein kommen.
    Cäcilie bemerkte mit steigender Verwunderung die schwermütige Zärtlichkeit
ihrer Schwester und die Verlegenheit, mit welcher Renatus dieselbe eher zu
ertragen als zu suchen schien. Wenn sie sich an die Stelle ihrer Schwester
dachte, so musste es gewiss ganz anders sein, sagte sie sich; denn sie war doch
nicht des jungen Freiherrn Braut, sie liebte er nicht und sie liebte ihn auch
nicht, aber es war doch Alles Lust und Freude zwischen ihnen, wenn sie einmal
beisammen sein konnten, ohne dass Hildegard's ernstafte Betrachtungen ihnen in
ihrem Frohsinne Schranken setzten. Sie begriff es endlich gar nicht mehr, wie
Renatus es mit ihrer Schwester nur auszuhalten vermöge; sie selbst hatte
Hildegard nie so quälerisch und so mit sich und ihren kleinen Leiden
ausschliesslich beschäftigt gesehen, als eben jetzt. Sie war sonst mit der
Schwester immer einig gewesen, oder doch gut mit ihr fertig geworden, denn ihre
Neigungen und Gewohnheiten hatten sich, eben weil sie so ganz und gar von
einander unterschieden waren, nicht gekreuzt; aber seit Renatus wieder in der
Heimat lebte, hatte auch das gute Verhältnis zwischen den beiden Schwestern
sich mit Einem Male geändert.
    Hildegard hatte sich von Anfang an über die laute Fröhlichkeit ihrer
jüngeren Schwester wie über die Rastlosigkeit beschwert, mit welcher sie bald
Dies, bald Jenes mit Renatus unternehmen wollte, und sich vor Allem darüber
beklagt, dass sie es ihr so schwer mache, ihren Verlobten zu irgend einer
Sammlung zu bewegen oder auch nur ernstaft mit ihm zu verkehren. Cäcilie
hingegen war empfindlich darüber geworden, dass die Schwester sie wie ein Kind
behandle, mit dem oder in dessen Gegenwart man nichts Wichtiges besprechen
könne. Sie hatte geklagt, dass Hildegard Alles an ihr tadle, von ihrer Art, sich
zu kleiden, bis zu der Weise, in welcher sie mit dem Jugendfreunde, mit dem
künftigen Schwager verkehre; und als Cäcilie allmählich aus Ungeduld die Nähe
der Schwester zu meiden angefangen, hatte Renatus sich zu ihr gesellt, um
Hildegard zu zeigen, dass er ihr Betragen gegen Cäcilie nicht billige.
    Lass ihr doch Zeit, über ihre Sorgen nachzudenken! hatte Cäcilie übermütig
ausgerufen, wenn sie und Valerio den jungen Freiherrn zu irgend einem fröhlichen
Unternehmen zu überreden getrachtet hatten; und nachgebend und von der eigenen
Neigung angetrieben, hatte Renatus sich mehr und mehr an Cäcilie angeschlossen,
deren blühende Frische ihm das Herz erfreute.
    Es war ihm ein Vergnügen, Cäcilie laufen zu sehen, sie hatte die Anmut
eines Rehes. Es war ihm ein Vergnügen, sie reiten zu sehen, das Tier selbst
schien von ihrer Lebenslust beflügelt zu werden; und sie mit ihrer hellen Stimme
lachen zu hören, war für Renatus vollends ein Genuss. Cäcilie aber gehörte nicht
zu denen, die sich Sorgen machen, die Mutter und die Schwester taten's, wie sie
meinte, zur Genüge; sie war immer guter Dinge.
    Sie lachte mit ihrem reizendsten Lachen, wenn Renatus sich bei ihr über
seine Braut beklagte. Sei nicht böse auf sie, sagte sie; sie ist ein wenig
altjüngferlich geworden. Heirate sie nur bald, dann wird sie eine junge Frau
und auch wieder munter und vernünftig werden. Sie hat sich gar zu sehr nach Dir
gesehnt.
    Und hast Du Dich nicht nach mir gesehnt? fragte Renatus sie dann wohl.
    Ich? Wie käme ich dazu? Ich war ja nicht mit Dir verlobt! Nur als Du in den
Krieg gegangen bist, dachte ich, es würde mir das Herz zerbrechen, wenn Du
sterben solltest! Ich konnte mich damals gar nicht von Dir trennen! Aber Du
hast's nicht bemerkt, ich war ja damals auch nur noch ein dummes Kind!
    Renatus sah sie betroffen an. Ganz plötzlich kam es ihm in das Gedächtnis
zurück. Wie hatte er das vergessen können? - Deutlich, aber ganz deutlich,
erinnerte er sich jetzt, wie die leidenschaftliche Umarmung des kaum
vierzehnjährigen Mädchens ihn in jener Abschiedsstunde erschreckt hatte. So
hatte Hildegard ihn nie umarmt. Er fühlte unwillkürlich ein lebhaftes Verlangen,
einer solchen Umarmung noch einmal, von Cäcilien noch einmal teilhaftig zu
werden. Wie bittend hielt er ihr die Hand hin, sie schlug herzhaft ein, er
umarmte und küsste sie und sie gab ihm den Kuss mit ihren schwellenden Lippen
fröhlich lachend wieder. Wesshalb sollte sie ihrem künftigen Schwager, wesshalb
sollte sie Renatus auch einen Kuss versagen? Sie tat es niemals, wenn er sie
darum bat, und er küsste sie jetzt oft genug. Nur jene erbebende Leidenschaft,
die er wieder einmal, nur einmal wieder noch zu geniessen wünschte, jene
Leidenschaft nahm er an ihr nie wieder wahr. Es war Alles an und in ihr arglose,
auf den Augenblick gestellte Fröhlichkeit, und diese war es auch, was ihre Nähe
für Vittoria so angenehm machte, was Valerio an sie fesselte.
    Heute zum ersten Male in ihrem ganzen Leben hegte Cäcilie einen wahrhaften
Zorn, und er war gegen ihre einzige Schwester gerichtet. Sie hatte es Vittoria
verschweigen wollen, was oben unter der eigenen Mutter Augen zwischen Hildegard
und ihr geschehen war; aber der Schwester ungerechtes Misstrauen, ihre Härte und
ihre Heftigkeit waren gar zu gross, gar zu grausam gewesen. Vittoria hatte Recht:
Hildegard war nicht zum Glück geschaffen, nicht für das eigene, nicht für
fremdes Glück. Wie hätte sie sonst die Schwester, die ihr in mitleidvoller Liebe
zu helfen und zu dienen bemüht gewesen war, so herzlos, so unnatürlich von sich
stossen können?
    Cäcilie klagte, Vittoria hörte ihr ermutigend zu. Als jene geendet hatte,
sagte die Baronin: Und könntest Du jemals so voll Argwohn sein, wie Deine
Schwester?
    Nein! nein! ganz gewiss nicht! rief Cäcilie. Wie kann man auch einem Menschen
ein Uebel, ein Unrecht zutrauen, wenn man ...
    Sie hielt inne, denn die Gewohnheit der Schwesterliebe - und die
Familienliebe ist ja überhaupt zu einem grossen Teile Gewohnheitssache - hielt
sie zurück, den Gedanken auszusprechen, der ihr eben erst gekommen war; aber
Vittoria ergänzte ihn sofort.
    Siehst Du es, siehst Du es nun, mein Kind, dass sie voll Arglist ist? Weil
sie von Jugend auf mit unermüdlicher Beharrlichkeit ihr Netz gesponnen und
meinen armen Renatus, als er fast noch ein Knabe war, damit umgarnt hat, darum,
darum allein hält sie Dich für fähig, das Gleiche zu tun; darum traut sie Dir
es zu, Du könntest, arglistig wie sie, ihr das Herz des ersehnten Bräutigams
abwendig machen wollen. Als ob sie nicht selber alles dazu getan hätte, ihn von
sich zu entfernen, als ob ein Mann, so schön, so gut, so fröhlich und so gesund
wie mein Renatus, dazu geschaffen wäre, sie seufzen zu hören und unter ihren
kühlen Blicken zu erfrieren! Per bacco! Vittoria brauchte, wenn sie heiteren
Mutes war, wie eben jetzt, wohl einmal einen heimatlichen Schwur - per bacco,
wir werden Ursache haben, diesen Tag zu segnen, und mich verlangt danach,
Renatus in seiner neu gewonnenen Freiheit zu umarmen! Er wird schön aussehen,
wenn er wiederkehrt und seinen Willen hat, denn er sehnte sich nach seiner
Freiheit.
    Sie war so aufgeregt, dass sie sich erhob, um einen Gang hinaus in den Garten
zu tun, und sie forderte ihren Schützling auf, sie zu begleiten. Anfangs
weigerte Cäcilie sich dessen. Die Stunde war nahe, welche man für die Abreise
der Schwester anberaumt hatte, sie wollte sie in dieser nicht verlassen, ihr
dabei nicht fehlen.
    Vittoria nahm sie bei der Hand. Lügst Du auch, fragte sie, oder hast auch Du
kein Blut in Deinen Adern, kein Feuer in der Brust, das in zorniger Flamme
emporschlägt, wenn man Dich beleidigt? Schäme Dich, Cäcilie, ich hatte besser
von Dir gedacht! Und ihren Arm in den der jungen Gräfin legend, sagte sie,
während sie mit ihr die Terrasse entlang und in den Garten hinunter ging: Komm,
mein Herz, es wäre nicht hübsch von Dir, Dich an ihrem Schmerze zu weiden, denn
leiden - leiden muss man im Verborgenen!
    Cäcilie gab endlich nach. Sie war selbst aufgeregter und in sich
unentschiedener, als je. Sie hätte nicht sagen können, wie ihr eigentlich zu
Mute sei. Sie hörte auch nur halb auf die Schilderung, welche Vittoria ihr von
dem ganzen Zusammenhange zwischen ihrem Stiefsohne und Hildegarden machte, denn
Renatus hatte es der Baronin in seinem Missmute einst anvertraut, wie er sich
Hildegarden, von ihr dazu angetrieben, gerade in dem Augenblicke versprochen
habe, in welchem er gekommen war, sich von ihr los zu sagen. Nur das Eine
entging Cäcilien nicht, und die Baronin wiederholte es auch wieder und wieder:
Renatus hatte Hildegard niemals geliebt!
    Also ist Renatus jetzt nicht zu beklagen! sagte Cäcilie sich mit einer
Genugtuung, die sie überraschte, und gleich darauf fiel ihr die Schwester ein.
Sie sah nach der Uhr. Jetzt hatte Hildegard das Schloss bereits verlassen.
    Wider ihren Willen seufzte Cäcilie tief. Sie dachte daran, dass auch ihres
Bleibens jetzt hier nicht mehr lange sein werde, und die Tränen traten ihr bei
der Vorstellung in die sonst so fröhlichen Augen. Sie hatte das Schloss und die
Baronin Vittoria und Renatus und Valerio so lieb!
 
                                Sechstes Capitel
Graf Gerhard hatte eine Krankheit überstanden. Mitten in einer Gesellschaft, bei
einem Feste, das ein Kreis von alten Junggesellen sich gegeben hatte und bei dem
es fröhlich genug hergegangen war, denn die Jugenderinnerungen waren den Herren
bei dem Weine reichlich zugeflossen, hatte ein schlimmer Anfall ihn ereilt.
    Wie ein Schwindel, wie ein plötzliches Vergehen der Sinne war es über ihn
gekommen. Man hatte ihn mit dem Beistande eines Arztes nach seiner Wohnung
gebracht; dort hatte er sich bald erholt, und die Krankheit hatte nicht lange
gewährt. Jetzt war sie ganz vorüber. Nur eine Schwäche war ihm noch
zurückgeblieben, und das Zittern in den Händen, das Renatus bei dem Wiedersehen
seines Oheims aufgefallen war, hatte zugenommen, wenngleich der Graf es mit
grosser Geschicklichkeit zu verbergen wusste.
    Die Fenster seines Zimmers waren geöffnet, die Wärme des Tages drang voll
herein, obschon man mit den heruntergelassenen Markisen das Licht abdämpfte. In
den grossen Vasen auf den Ecktischen dufteten die schönsten Frühlingsblumen,
Früchte, welche die Jahreszeit im Freien noch nicht darbot und die also aus
Treibhäusern geliefert sein mussten, standen auf dem Tische vor dem Sopha, und in
seinen seidenen Schlafrock gehüllt, genoss der Graf, von Polstern bequem
gestützt, einer sehr behaglichen Ruhe. Bald sah er, wie das Sonnenlicht milde
über die Bilder an den Wänden hinglitt, dann betrachtete er die Blumen in den
Vasen. Ein Schmetterling, der sich in das Zimmer verirrt hatte, flog von der
einen Vase zu der anderen, wiegte sich bald auf dieser, bald auf jener Blume und
flatterte dann gaukelnd auf und nieder, wo die Sonne ihm am wärmsten schien. Der
Graf hätte stundenlang dem Spiele dieser bunten Flügelchen zusehen können, ohne
an etwas Anderes zu denken, hätte der Brief, den er in seinen Händen hielt, ihn
nicht beschäftigt.
    Es war ein langer Brief. Er hatte ihn schon am verwichenen Tage erhalten und
gelesen, aber er wollte ihn noch einmal lesen. Der Brief hatte ihn sehr gerührt,
der Seelenzustand der Schreiberin hatte etwas Poetisches für ihn. Er klingelte,
befahl dem Diener, ihm die Brille zu reichen, welche er in seinem Schlafzimmer
zurückgelassen hatte, liess sich aus der feinen Krystallflasche ein Glas Orgeade
einschenken, und nachdem er getrunken und den goldenen Teelöffel mit weiblicher
Genauigkeit quer über den Rand des Glases gelegt hatte, um dem Diener ohne Worte
anzuzeigen, dass er das Glas nicht wieder füllen solle, zog er den Brief aus
seiner Umhüllung hervor und begann ihn zum zweiten Male zu lesen. Er war aus
Pyrmont datirt und von Hildegard geschrieben.
    »Ich bin unfähig gewesen zu irgend einem Tun,« hob der Brief an, »das mag
Ihnen erklären, mein verehrter Freund, weshalb Sie erst heute von mir erfahren,
dass ich in Pyrmont bin, dass ich mich vierundzwanzig Stunden in Berlin
aufgehalten, ohne Sie, ohne irgend Jemanden davon zu benachrichtigen, und dass
ich Richten verlassen habe. Ach, ich habe mehr verlassen, als den Ort!«
    Der Brief brach an der Stelle plötzlich ab, und erst am folgenden Tage war
die Fortsetzung desselben geschrieben worden.
    »Es ist eine lange Zeit vergangen,« hiess es in derselben, »ehe ich die
Fassung gewann, mir selbst meine Zustände klar zu machen, und gestern, als ich
mich stark genug glaubte, Sie, dessen tröstliche Teilnahme mir seit manchem
Jahre das Hoffen erleichterte, in meine entmutigte Seele, in mein gebrochenes
Herz blicken zu lassen - gestern übermannte mich die Verzweiflung wieder mit
ihrer ganzen Stärke. Jeder meiner Gedanken war wieder nur ein Aufschrei, ein
Aufschrei der Klage gegen ihn, dessen Namen zu nennen mir jetzt ein Schmerz ist.
    Ich habe des Tages nicht vergessen, an welchem ich Ihnen, als wir in Richten
zum ersten Male nach dem Kriege die Margaretenhöhe hinaufstiegen, die einfache
Geschichte meines Lebens, die unbewusste Weise schilderte, in welcher mein Herz
sich, von früher Kindheit an, dem schönen, verwaisten Knaben zugewendet hatte.
Meine Liebe ist stets eine Kraft gewesen, die ich nur genoss, wenn ich sie im
Dienste für Andere, in der Hingebung an Andere verwerten konnte. Ich war sein,
so lange ich mich meiner selbst erinnern kann, und seit sieben langen Jahren hat
jeder meiner Atemzüge ihm gehört. Weshalb soll ich noch leben, da mein Dasein
ihn nicht mehr beglückt? -
    Schatten der Liebe, welche den Gegensatz zu ihrem Lichte bilden, haben Sie
die bangen Zweifel geheissen, von denen meine Seele damals sich beunruhigt
fühlte. Ach, ich wusste, dass mein ahnend Herz mich nicht betrog, dass es nicht
vergebens sorgte und erbebte! Der Unglückselige hat sein Blut vergossen für des
Vaterlandes Ehre, und während ich in brünstigem Gebete jedes Haar seines Hauptes
der Huld des Höchsten anempfahl, ist Renatus nicht nur von mir, ist er von der
wahren Ehre abgefallen, ist er sich selbst verloren gegangen, ist er abwendig
geworden der Liebe und der Treue, die er mir gelobt hat.
    Als er heimkehrte! Wie soll ich sie Ihnen aussprechen, die Wonne und das
Glück, die ich empfand, die Seligkeit, mit der ich ihn in meine Arme schloss!
Aber in jenem ersten Aufzucken meines Herzens fühlte ich es - nur ich war
glücklich, er war es nicht.
    Was habe ich nicht alles getan, ihn wiederzugewinnen, was gelitten, ihn zu
sich selbst zurückzuführen! Es ist Alles vergebens gewesen, und meine Kraft ist
erschöpft, meine Lebenslust dahin.
    Fast fünf Monate sind in diesem stillen Kampfe entschwunden. Der Termin für
die neuen Contracte mit seinen Beamten war gekommen. Ich hatte ihn am Morgen
heiterer als sonst gesehen, er sprach von seinem Vorsatze, auf seinen Gütern zu
leben, ich knüpfte wider meinen Willen meine Hoffnungen daran. Aber der Mittag
war nahe, der Amtmann hatte sich schon lange entfernt, und Renatus liess sich
nicht sehen. Seine Sorgen waren stets die meinigen gewesen, ich kannte seine
Angelegenheiten besser als er selbst, ich hatte mich darauf vorbereitet, sie
leiten zu können, wenn es ihm nach unserer Verheiratung nicht gefallen hätte,
sich mit ihnen zu beschäftigen, und eben deshalb hatte ich dem Rate
beigepflichtet, dass er die beiden andern Güter verkaufen solle. Glücklich mit
ihm zu sein, war in dem herrlichen Richten ja immer noch des Raumes genug.
    Den ganzen Morgen hatte ich mich gefragt: Was wird er tun, wozu wird er
sich entschliessen? Die Ungewissheit liess mir endlich keine Ruhe. Ich schickte
nach seinem Zimmer, er war nicht dort. Man sagte, er sei in den Park gegangen.
Ich konnte nicht anders, ich musste ihn sehen. Man reisst notgedrungen sein Herz
von dem geliebten Herzen eines Mannes los und verlernt es doch nicht, um den zu
sorgen, der uns von sich stösst.
    Ich ging in den Park hinab, ich suchte Renatus in den Wegen, welche ihm die
liebsten waren, nur seine Fusstapfen sah ich, er war nicht dort .. Er fand die
Laune spazieren zu gehen, und sagte sich nicht mehr: Hildegard wird am mich
denken, wird um mich sorgen!
    Bis an die Wiese folgte ich seiner Spur. Dann ging ich auf die
Margaretenhöhe hinauf, und kaum dort angelangt, sah ich ihn von dem
Rotenfelder Kirchpfade den Weg in die Höhe kommen. Das Herz schlug mir vor
Freude, wie ich ihn in seiner Schönheit so leicht einhergehen sah. Ich wusste
nicht, was ich tat, als ich, der inneren Stimme folgend, so schnell ich konnte,
ihm entgegeneilte.
    Sonst, wenn ich, noch ein halbes Kind, so im Laufe von der Höhe zu ihm
heruntergeflogen war, hatten seine Arme sich mir entgegengebreitet und ich hatte
mich an seine Brust geworfen mit dem Glücksgefühle, dass ich im Hafen sei. Jetzt,
als ich atemlos vor Freude und Erregung vor ihm stand, musste ich beschämt die
Augen niederschlagen, um es nicht zu sehen, wie wenig die unerwartete Begegnung
ihn erfreute.
    Wo kommst Du her? fragte er mich, ohne mir auch nur die Hand zu reichen.
    Ich habe Dich gesucht, gab ich ihm zur Antwort; ich befürchte, dass Du keine
gute Verhandlung mit dem Amtmann hattest, dass es zu keinem Abschlusse gekommen
ist! - Und als ich das ausgesprochen hatte, fiel mir's auf das Herz, dass
zwischen mir und ihm schon seit lange immer nur von seinen Geschäften die Rede
gewesen war.
    Obschon die Mittagssonne heiss herniederbrannte, wollte ich über die Wiese
den Rückweg nehmen, weil es uns am schnellsten nach dem Schloss gebracht hätte,
und ich scheute mich, mit ihm allein zu sein, weil es mir dann immer am
schmerzlichsten fühlbar wurde, wie er mir gar nichts mehr zu sagen hatte.
    Wider mein Erwarten äusserte er die Absicht, über die Höhe nach Hause zu
gehen. Als wir hinaufstiegen, bot er mir den Arm. Ich wollte fragen, mich
erkundigen; er hiess mich schweigen, meine Brust zu schonen; aber auch er sprach
nicht zu mir. Die Sonne erwärmte das Laub und die Stämme, dass uns aus den dicht
verschatteten Gängen überall ein warmer Blätterduft ntgegenquoll. Von Zweig zu
Zweig huschten die Vögel an uns vorüber, es sang und zwitscherte rund um uns
her, es blühte, wohin man sah, und dazwischen zuckte und flammte das Sonnenlicht
bald hier, bald dort zwischen der dichten Blätterfülle hervor und streute seinen
glühenden Wiederschein über das grasige Erdreich hin, dass man wie auf
dunkelroten Blumen ging. Mitten in der Traurigkeit, die sich während dieses
schweigenden Ganges immer lähmender auf mich herniedersenkte, wirkte die
Herrlichkeit des Tages doch noch auf mich ein, und um nur die Stille zu
unterbrechen, um nur nicht zu merken, wie einsam ich an seiner Seite sei, sagte
ich: Siehst Du denn nicht, wie schön es hier ist?
    Gewiss! entgegnete er mir, es wird mir schwer genug werden, es wieder zu
entbehren.
    Ich war nicht gleich im Stande, ihm auszudrücken, wie unerwartet mir seine
Antwort kam, aber er mochte mein Erstaunen in meinen Mienen lesen, und ehe ich
noch ein Wort gesprochen hatte, sagte er: Mein Urlaub geht zu Ende, unser
Regiment kommt in den nächsten Wochen über den Rhein zurück. Ich muss es zu
erreichen suchen, um meine Compagnie doch selbst in die Hauptstadt einführen zu
können.
    Er sprach das so einfach, so natürlich - und welche Grausamkeit wäre einem
treulos gewordenen Herzen nicht natürlich? - dass er mich täuschte. Ich war es
schon gewohnt worden, ihn nur an seine eigenen Wünsche denken zu sehen, und das
Verlangen, mit den Tapfern, in deren Mitte er gekämpft hatte, unter unseres
geliebten Königs Augen in die Hauptstadt einzuziehen, war ja ein berechtigtes.
Ich selbst sehnte mich danach, ihn an der Seinen Spitze, im Siegesschmucke, im
deutschen Eichenkranze zu erblicken. Indes ich unterdrückte diesen Wunsch, und
nur die Frage tat ich, wann er gehen wolle.
    Sobald ich hier mit dem Amtmann abgeschlossen habe!
    Du denkst also, ihn zu behalten? erkundigte ich mich.
    Ja, als Pächter! entgegnete er kurz.
    Mein Erschrecken war gross, indes ich hatte seit lange die Erfahrung gemacht,
dass meine Bitten, meine Vorstellungen ihn nicht bestimmten. Du hast also Deine
Absichten geändert, Du willst die Güter nicht selbst bewirtschaften, wie Du es
noch vor wenig Tagen vorgehabt hast? erkundigte ich mich.
    Nein! sprach er sehr bestimmt.
    Ich wusste mir nicht zu erklären, was geschehen sein konnte, ich schwieg
also; aber das reizte seine Ungeduld, und heftiger, als es zu verantworten war,
rief er: Sprich es doch aus, was Du denkst, und hülle Deine Unzufriedenheit
nicht in dieses Schweigen, das mich verdammt, weil ich endlich, endlich einmal
von den Sorgen freizukommen wünsche, die mein Erbteil gewesen sind von Jugend
auf! Was habe ich denn bis jetzt von meinem Leben, von diesen Gütern anders
gehabt, als Sorgen? Von unseren übeln Vermögensumständen habe ich den Caplan
sprechen hören, als ich mich, ein Knabe, noch an Märchen zu ergötzen wünschte!
Um unserer Vermögensverhältnisse willen schickte man mich in das Heer, in einem
Alter, in welchem mein Vater in wahrhaft königlicher Freiheit mit seinem
Erzieher die halbe Welt durchreiste! Als ich nach längerer Zeit ins Vaterhaus
zurückkam, empfing mich die Kunde, dass unsere Lage es für meinen Vater nötig
mache, auf mein mütterliches Erbe zurückzugreifen, und ich gab es hin! Im
Feldlager, am Vorabende der grössten Schlacht, erreichten mich mit der Nachricht
von meines Vaters Tode die Berichte über unseren sich entwertenden Besitz! Am
Beiwachtfeuer, auf dem Siechbette im Lazaret, in den Sälen von Paris, bei dem
Wiedersehen des Onkels, in dem Bureau von jenem Tremann und hier in meinem Hause
höre ich immer und ewig nur dasselbe alte Lied! Und wenn einmal der Schatten
meiner Bäume mich still umfängt, wenn ich endlich einmal aufatmen möchte in
Gottes freier Luft, spricht Dein schon wieder sorgenvoller Blick: Schaffe Rat,
schaffe Ordnung, so ist's nicht zu halten! - Nun denn - verzeihen Sie mir, mein
edler, teurer Freund, dass ich den Ausdruck wiederhole, den ich mit Beschämung
von seinem Munde hören musste - nun denn, so mag zum Teufel gehen, was nicht zu
halten ist! Ich verkaufe Rotenfeld und Neudorf, ich verpachte Richten, ich gehe
zu meinem Regiment zurück! Ich will wissen, woran ich bin, ich will nicht länger
die Last auf meinen Schultern fühlen, welche die Vergangenheit mir aufgebürdet
hat. Ich will die Irrtümer meiner Voreltern und auch die meinigen nicht als
eine mich ewig hemmende Kette durch das Leben schleppen! Ich will ein eigenes,
neues Leben leben, ich will endlich einmal mein eigener Herr, endlich einmal
frei, endlich frei sein!
    Renatus hatte sich erhoben und ging auf dem engen Raume heftig auf und
nieder. Noch an dem Morgen dieses Tages hatte er, wie ich schon erwähnte, davon
gesprochen, dass er die Güter selbst bewirtschaften wolle; es musste also etwas
geschehen sein, das ihn verstimmt, das ihn andern Sinnes gemacht hatte. Ich
vermochte mir nicht zu denken, was es gewesen sein könne, und ich wusste mir
keinen Rat. Freilich hielt ich die Massregeln, von denen er gesprochen hatte,
soweit sie den Verkauf der beiden andern Güter betrafen, für richtig; aber ein
Entschluss, in solcher Verfassung vollzogen, musste mir immer als ein unheilvoller
erscheinen, und ich wagte nicht, ihn zu billigen, nicht, wider ihn zu sprechen.
Dazu kam das unabweisliche Gefühl, dass Renatus sich in solcher heftigen, in
solcher über das erlaubte Mass hinausgehenden Weise nicht geäussert haben würde,
hätte er einen Andern, hätte er nicht eben mich zur Seite gehabt. Ich glaubte es
zu sehen, dass mein Erschrecken, meine Angst ihm eine Genugtuung bereiteten, ich
hatte in diesen letzten Monaten so viel, ach, so unaussprechlich viel von ihm
ertragen, und keine Sylbe und kein Laut in seiner ganzen Rede dachten meiner!
Ich war nicht mehr für ihn vorhanden!
    Oft, unsäglich oft hatte ich es empfunden, dass ich zu seinem Glücke nicht
mehr nötig sei. Jetzt traf es mich aus seinen Worten wie ein Schlag, und wie
ein Blitz drang die nicht mehr zurückzuweisende Erkenntnis in mein Herz. Er
wollte frei sein, frei vor allen Dingen, frei von dem Worte, das ihn an mich
band! Ich war es, die er fliehen wollte, wenn er zum Regimente ging! Die Liebe,
die er mir geschworen hatte, war der Irrtum, von dem er loszukommen wünschte;
und es kostete ihn nichts, sich von dem Erbe seiner Väter loszureissen, wenn er
sich damit nur von mir zu trennen vermochte.
    Wir waren nahe bei einander. Er war stehen geblieben und sah, an einen der
starken Stämme angelehnt, in den Laubgang hernieder. Dieselbe Sonne beschien uns
noch, dieselben sanften Töne des lockenden Vogelsang berührten noch unser Ohr,
aber es war mir, als hätte sich eine Kluft aufgetan zwischen mir und ihm, und
als träte er fern und ferner von mir zurück. In jedem Augenblicke wollte ich die
Frage tun. Drei, vier Mal versuchte ich es, aber immer fehlte mir dazu das
Wort, und mit jeder Sekunde schien er mir fern und ferner zu treten, wuchs in
mir die Angst, dass mein Ton ihn nicht mehr erreichen könne. Ich war meiner Sinne
fast nicht mächtig. Nur das Einzige fühlte ich noch klar: auch ich musste frei
werden, und wenn auch durch den Wahnsinn oder durch den Tod, von dieser Stunde
martervoller Pein.
    Renatus, fragte ich ihn, und meine eigene Stimme klang mir wie eine fremde,
und die Frage klang mir so fremd, als hätte ich nichts mit ihr zu schaffen,
Renatus, Du sprichst von Deinen Irrtümern, von deren Folgen Du frei zu sein
wünschest? Siehst Du die Liebe, die Du mir geschworen hast, auch als einen
Irrtum an? Willst Du frei sein auch von den Banden, die uns an einander ketten?
Sprich es aus!
    Renatus fuhr zusammen, aber er antwortete mir nicht, und, die Arme über die
Brust verschränkt, den Blick zu Boden gerichtet, starrte er finster vor sich
nieder.
    Was da in meiner Seele vorging! Wie könnte ich Ihnen das beschreiben? Ich
hatte mir gesagt, dass er mich nicht mehr liebe, ich hatte ihm angeboten, ihm
seine Freiheit wiederzugeben, und, denken Sie nicht übel von mir, weil ich es
Ihnen eingestehe, ich erwartete, ihn zu meinen Füssen niedersinken zu sehen, und
meine Arme waren wie meine Seele offen, ihn liebend und verzeihend zu umfangen.
Indes Renatus regte sich nicht, und wie von einem inneren Feuer schnell und hoch
emporgetrieben, schoss ein Gefühl des Zornes in mir auf. Da er mich nicht mehr
liebte, sollte er künftig mit Beschämung an mich denken, wollte ich den Triumph
geniessen, ihn zu demütigen, und ich hatte es bis dahin nicht geahnt, welche
Kräfte der Grimm und die Empörung uns verleihen können.
    Ich blieb sehr ruhig sitzen, als er vor mir stand. Sieh' nicht so finster
drein, Renatus, sagte ich. Es ist eine böse Stunde über Dich gekommen, aber ich
habe mich Dir ja angelobt für gute und für böse Stunden, ich will Dir helfen,
über diese hier hinauszukommen. Es ist gut, dass sie mich nicht unvorbereitet
trifft. - Ich musste innehalten, denn das Klopfen meines armen Herzens versetzte
mir den Atem und ich brauchte eine kleine Zeit, ehe ich wieder meiner Herr
geworden war.
    Du willst frei sein, sagte ich, Du möchtest ein neues Leben leben! - Ich
streifte den Ring von meinem Finger, den ich seit sieben Jahren, seit sieben
langen Jahren nicht von mir gelassen hatte, und reichte ihm denselben hin. -
Nimm das Pfand zurück, das Dich an die Vergangenheit bindet, ohne Deine Liebe
begehre ich Dein nicht. Ich gebe Dich frei!
    Renatus trat mit rascher Bewegung auf mich zu. Sein Auge belebte sich, aber
ich sah es, ich konnte mich nicht darüber täuschen, es war kein Schmerz, es war
eine aufzuckende Freude, die es erglänzen machte. - Behalte ihn, o, behalte den
Ring, bat er, als ein Andenken an mich, und ich will den Deinigen heilig halten
in Bewunderung Deines edlen, grossen Herzens!
    
    Ich konnte ihm nicht antworten; ich schüttelte verneinend mein Haupt. Ich
hätte es nicht vermocht, den Ring wieder an meiner Hand zu tragen. Er war mir
einst ein Pfand des Glücks gewesen, er wäre mir jetzt eine mahnende Erinnerung
an ein langes Leid geworden. Aber ich war es so gewohnt, ihn zu tragen, meinen
Finger von dem kleinen Reif umspannt zu fühlen; es fehlte mir etwas, es wurde
mir kalt, es fiel mir Alles, Alles auseinander, da ich ihn fortgegeben, da
Renatus ihn zurückgenommen hatte. Es war ein Zauberring für mich gewesen, nun
war der Bann gelöst und die Entzauberung brach schnell heran.
    Ich war mit meinen Gedanken, mit meiner Kraft zu Ende. Ich sah das Spielen
der Blätter, ich fühlte den Sonnenschein, ich hörte die Vögel singen; es
bedeutete mir nichts mehr. Ich atmete, das war Alles! Nicht einmal mein Leiden
fühlte ich. Nur eine Stumpfheit, nur eine Leere empfand ich. Es war mir Alles
ein Rätsel, es war mir Alles klar und doch so unverständlich. Ich hätte nicht
sagen können, ob ich wache, ob ich träume.
    So sass ich eine Weile. Die Zeit kam mir sehr lang vor. Ich wunderte mich,
dass die Sonne noch immer schien, dass die Vögel noch immer sangen. Es war mir,
als hätte ich Ewigkeiten durchlitten und durchlebt.
    Renatus sprach zu mir. Er sagte mir, wie er seit Jahren vor der Stunde sich
gefürchtet hätte, in welcher der Irrtum unserer Herzen uns deutlich werden
würde. Er habe lange gefühlt, dass er in jugendlicher Verblendung den Frevel
begangen habe, mich an sich zu ketten, ehe er sich seines eigenen Wesens recht
bewusst geworden sei. Er gestand mir, dass er mich nie geliebt, dass er sich
vergebens bemüht habe, sich mit der Freundschaft, der Verehrung, der Bewunderung
zu begnügen, die er für mich fühle, die er mir bewahren werde ....
    Ich fühlte ein Verlangen, laut aufzulachen, aber ich unterdrückte es, denn
mit diesem Lachen hätte ich dem Wahnsinne Raum gegeben, der mit seinen grauen,
verwirrenden Flügeln sich auf mein Haupt herniedersenken wollte.
    Ich liess Renatus sprechen fort und fort. Es war der Anfang der Befreiung,
die er sich bereitete. Mit lebhaften Worten schilderte er mir die Leiden, die
Schmerzen, die er um mich getragen hatte. Er um mich! - Ich unterbrach ihn
nicht; auch nicht, als er es mir ausmalte, das Glück, das er sich einst mit mir
geträumt, das er ersehnte, das er von der Zukunft sich erhoffte.
    Ach, er kannte die Liebe, er kannte sie sehr wohl! Und angstvoll, von Minute
zu Minute harrend, strebte ich, zu erkennen, wer ihn fühlen lehren, was er nicht
für mich gefühlt. Die Liebe hatte er ertödtet in meiner Brust; wie ein böser
Geist stieg aus ihrer Asche die Eifersucht, diese niedrigste der Leidenschaften,
in mir empor. Ich sehnte mich danach, den Namen Eleonore von seinem Munde zu
vernehmen, denn mich verlangte nach einem Gegenstande für den Hass, der in mir
brannte, aber ich hatte mich betrogen. Er hatte Eleonore Haughton nicht geliebt.
Nur seine Phantasie hat sie beherrscht, nur seine Eitelkeit hat sie beschäftigt.
Sie war für ihn zu mächtig, wie meine Liebe für ihn zu mächtig gewesen ist - und
nicht einmal der elende Trost war mir gegönnt, das Wesen hassen zu dürfen, das
er, ich erkannte es in jener unheilvollen Stunde, das er liebte und auf das sein
Sinn gerichtet war.
    Ich war sehr elend, sehr unglücklich, mein teurer Freund!
    Als Renatus endlich zu sprechen aufhörte, schien er eine Antwort zu
erwarten, aber was sollte ich ihm sagen? Ich erhob mich und wollte gehen. Er
hielt mich bei der Hand zurück. Das dünkte mir der Gipfel seiner
Herzenshärtigkeit.
    Ich zog meine Hand aus der seinigen. Du bist jetzt frei, was willst Du noch
von mir? fragte ich ihn.
    Deine Vergebung! sagte er, und dem bittenden Klange seiner Stimme konnte ich
nicht widerstehen. Wie eine leuchtende Flut strömten sie auf mich ein, alle die
Erinnerungen jener goldenen Tage der Jugend. Die Fülle meines einstigen Glückes,
die Gewalt meines Schmerzes überwältigten mich. Ich breitete meine Arme aus, ich
warf mich an seine Brust, und an seinem Herzen, an seinem treulosen Herzen
weinte ich um ihn - um mich!
    Matt wie eine Sterbende, riss ich mich endlich von ihm los. Ach, er hielt
mich nicht! Wo willst Du hin? fragte er mich, da ich, nicht wissend, was ich
tat, mich nach dem Dorfe wendete. Wo willst Du hin?
    In die Verbannung! gab ich ihm zur Antwort. War die Welt mir doch öde und
leer, wohin ich immer ging. Er bot mir seinen Beistand an, er wollte mich
begleiten. Die kleinste Hülfsleistung von ihm wäre mir wie eine Schmach
erschienen. Ich hiess ihn gehen. Er trug Bedenken, mich zu verlassen. Ich bin des
Alleinseins lange schon gewohnt! versicherte ich ihm.
    Dir gegenüber habe ich nur zu gehorchen! sprach er, und mir die Hand noch
einmal reichend, die zurückzuweisen ich zu stolz war, ging er, ohne sich auch
nur noch einmal nach mir umzusehen, langsam die Höhe hinab.
    Trockenen Auges blickte ich ihm nach. Es war mir Alles wertlos, Alles
gleichgültig, selbst mein eigenes Unglück. Nur das Eine fühlte ich, ich konnte
mein Haupt unter seinem Dache nicht mehr zur Ruhe legen, ich konnte ihn nicht
wiedersehen.
    Als ich in das Schloss kam, sagte man mir, Renatus sei ausgeritten und werde
erst am Abende wiederkehren. So sehr war ich an seine rücksichtslose Grausamkeit
gewohnt, dass ich es ihm Dank wusste, mir Freiheit für den einen Tag geschafft zu
haben. Ich konnte Vittoria, ich mochte Cäcilie nicht um mich haben. Ich bat
meiner Mutter, sich mit mir zurückzuziehen; ich sagte ihr Alles, Alles! - Auch
sie begriff es, dass ich nicht bleiben konnte, auch sie wünschte, sich zu
entfernen; nur so schnell, wie ich es begehrte, konnte es für sie und mich und
für Cäcilie nicht ausgeführt werden; und ehe ich über diesen Abend hinaus in
seinem Hause geblieben wäre, hätte ich mein Haupt auf freiem Felde betten und
des Himmels Sterne mir zum Zelte machen mögen.
    Meine Mutter sah meine Angst. Es fiel ihr ein Auskunftsmittel ein. Am
folgenden Tage sollte, wie wir wussten, eine meiner näheren Bekannten ihr
Vaterhaus verlassen, um nach dem Fräuleinstift zum heiligen Grabe aufzubrechen,
in welchem der König ihr eine der freigewordenen Stellen gnädig zuerteilt
hatte. Ich konnte ihren Wohnsitz noch vor der Nacht erreichen, und sie hatte, da
sie nur mit ihrem Mädchen reiste, einen Platz für mich in ihrem Wagen; sie hatte
es mir sogar angeboten, sie zu begleiten, falls ich die Hauptstadt und unsere
Freunde wiederzusehen wünschte.
    Wie mir zu Mute war, als ich das Schloss verliess, welches ich mich gewöhnt
hatte, als meine Heimat zu betrachten - ich finde keine Worte, es Ihnen
auszudrücken. Vom Leben scheiden, ist für den Gläubigen nicht schwer, die
Hoffnung leiht ihm ihre tragenden Schwingen; aber sich loszureissen von all
seinem Glauben, von seinem Lieben, von all seinem Hoffen und in das Leben, in
die kalte, fremde Welt hinauszugehen, das, mein teurer Freund, das ist sehr
schwer, sehr bitter, und ich habe es ertragen.
    Unsere Reisetage gingen still dahin. Ferdinanden's Verlobter war auf dem
Schlachtfelde gefallen, sie war vereinsamt wie ich, und doch die Glücklichere,
denn ihr Schmerz war rein. Wir fuhren die ganzen Tage, wir rasteten die Nächte;
sie fühlte keine Neigung und ich hatte nicht die Kraft, unsere Freunde in der
Hauptstadt wiederzusehen. So langten wir im heiligen Grabe, im Stifte an, und so
habe ich es nach kurzem Aufentalte unter dem Schutze einer der Stiftsdamen
wieder verlassen und mich derselben mit Bewilligung meiner Mutter für den Besuch
von Pyrmont angeschlossen. Meine Gesundheit, die nie stark gewesen ist, hat sehr
gelitten, der Arzt verlangte für mich den Gebrauch jener Quellen, und ich durfte
mich seinem Rate nicht widersetzen, denn ich habe eine Mutter, die von meinem
Siechtume leiden, die mein Tod betrüben würde. Ich muss ein Leben zu erhalten
suchen, das mir völlig wertlos ist.
    Am Beginne jedes Morgens frage ich mich mit schmerzlicher Ermüdung: was soll
mir dieser Tag? Ich werde mich dies fragen bis an mein Lebensende! Die Liebe,
wie ich sie fühlte, ist eine Blüte, die, einmal entblättert, nicht wieder
blüht, und wenn ich zurückblicke in die Vergangenheit und ich finde alles
verwelkt, was ich in mir gepflegt um seinetwillen, der es nicht verdiente, und
wenn ich mich frage: wie konnte das geschehen, wie durfte er es wagen, wie
vermochte er es zu tun? so finde ich keine Antwort in mir, wie ich kein
Verschulden in mir finde. Nur das Lied des Dichters fällt mir immer ein, und Tag
und Nacht klingt sein trauriges Wort: Musst es eben leiden! in meiner Seele
wieder.
    Wenn Gott Erbarmen mit mir hat, wenn er mein Gebet erhört und mir es nicht
zu fern steckt, meines Daseins Ziel, dann, mein verehrter, mein teurer Freund,
Sie Einziger, der schon seit Jahren meinen Kummer in selbstloser Güte zu teilen
nicht verschmähte und gegen den mein Herz zu erschliessen mir jetzt ein trauriger
Genuss ist, dann lassen Sie mir diese Worte auf den Grabstein setzen; und so
lange der rohen Willkür und dem Leichtsinne eines Mannes noch Gewalt gegeben ist
über eines Weibes liebend Herz, wird ihnen der Wiederhall in mancher Brust nicht
fehlen.
    Leben Sie wohl, mein teurer, väterlicher Freund! Sie haben mir einst
gestanden, dass ich Ihnen den Glauben an die höchsten Güter des Menschen
wiederzugeben so glücklich gewesen bin, und Sie haben mir damit einen Trost
gewährt, an dem ich mich jetzt oft zu halten genötigt bin, wenn mein ganzes
Dasein mir als ein verfehltes vorkommt, wenn ich mich frage: Wozu habe ich
gelebt und wozu soll ich leben? -
    Ihnen, mein Freund, bin ich doch etwas wert, zu etwas gut gewesen, und ich
weiss Ihnen für die Ermutigung, welche diese Gewissheit mir gewährt, nicht besser
zu danken, als indem ich Ihnen mich mit allem meinem Kummer nahe. Nehmen Sie,
der, wie Sie mir selber sagten, das Leben von seinen Höhen bis zu seinen Tiefen
kennt, und den diese Kenntnis nachsichtig gemacht hat, nehmen Sie mich duldsam
auf und denken Sie in irgend einer guten Stunde an die arme Hildegard.«
 
                               Siebentes Capitel
Man soll im Zorn nicht handeln, im Zorn keine Entschlüsse fassen! so lautet eine
alte Regel; aber jede Regel scheint nur um ihrer Ausnahme willen da zu sein, und
Jeder erfährt es wohl einmal in seinem Leben, dass sein Zorn ihn aus dem trägen
Gange seiner Unentschlossenheit emporgerissen, und ihn wie mit einem heftigen
Spornstosse zu einem Ansprunge und in einen neuen Weg getrieben hat, den
eingeschlagen zu haben man sich später freut. Renatus wenigstens meinte, an sich
eine solche Bemerkung machen zu können.
    Sieben ganze Jahre hatte er sich in dem völlig unwahren Verhältnisse zu
Hildegard bewegt, weil er sich es beständig vorgehalten, dass es einem Manne,
einem Edelmanne, nicht anstehe, ein gegebenes Wort zu brechen. Nun es geschehen
war, nun da er Hildegard, er täuschte sich darüber nicht, endlich dazu genötigt
hatte, ihn seiner Verpflichtung gegen sie zu entlassen, nun fühlte er sich so
leicht, so frei, und trotz seines edelmännischen Bewusstseins so völlig in seinem
Rechte, dass er dieses Wohlbehagens nicht wieder verlustig zu werden wünschte.
    »Mag zum Teufel gehen, was nicht mehr zu halten ist!« hatte er in seiner
Entrüstung zu Hildegard gesagt, und je mehr er auf seinem Ritte darüber
nachsann, um so mehr beschloss er, jenen in der Zorneshitze getanen Ausspruch zu
einer Wahrheit zu machen. Es war sein beeinträchtigtes Menschenrecht, das ihm
jene Worte eingegeben hatte; wesshalb sollte er anstehen, es zu wahren? -
    Die Zeiten, in welchem der Adel selbsterrlich auf seinen Gütern gesessen
hatte, waren in seinem Vaterlande für immer dahin. Er hatte keine Untertanen
mehr, die von ihm abhingen und über die er zu Gericht sass. Er und sie waren
gleichmässig Bürger des Staates geworden, fast in allen Fällen derselben
Gerichtsbarkeit unterworfen; aber Einen Weg gab es noch, auf welchem der
Edelmann sich der Vorrechte seines Standes, denn solche waren freilich noch
genug vorhanden, voll bewusst werden konnte: es war die militärische Laufbahn.
Der Offizierstand war noch eine besondere Kaste, der Offizier hatte noch seinen
besonderen Gerichtsstand, und je mehr die bürgerliche Gesellschaft seit der
französischen Revolution im Staate an Bedeutung gewonnen, um so entschiedener
hatten in Deutschland, und namentlich in Preussen, die Edelleute sich im Heere
zusammengeschlossen.
    Wesshalb sollte Renatus sich mit der Sorge für einen grossen, ihm zwar Ansehen
verleihenden, aber auf lange hinaus keine Vorteile versprechenden Besitz
belasten, wenn Ansehen und Ehre ihm schon aus der grossen Adelsverbindung im
Heere erwuchsen, der er sich auch künftighin nur anzuschliessen brauchte, um
neben seinen angeborenen Ehren auch noch der ganz besonderen sogenannten
militärischen Ehre teilhaftig zu werden und für sich eine Menge von Rechten und
von Schranken aufgerichtet und benutzbar zu finden, die alle darauf berechnet
waren, auf künstliche Weise dem Adel jene bevorzugte Stellung zu erhalten, die
auf natürliche Weise vor dem Urteile der gesunden Vernunft und vor dem
Bewusstsein des Bürgerstandes nicht mehr zu behaupten war.
    Sein Vater hatte die Güter mit Schulden belastet, hatte des Sohnes
mütterliches Erbe aufgezehrt; aber er hatte ihn, wie Renatus jetzt erkannte,
wahrscheinlich eben deshalb frühzeitig in das Heer, als in die ihm angemessene
Laufbahn, eingeführt. Es war nicht des jungen Freiherrn Schuld, wenn seine
Vorfahren nicht durch Stiftung eines Majorats der ungemessenen Willkür des
Einzelnen Schranken gesetzt hatten, es konnte also auch nicht seine Pflicht
sein, herzustellen, was er nicht zerstört, aufzurichten, was er nicht
untergraben hatte. Es war genug, dass er unter der Verschwendung seines Vaters
litt, dass er Fehler büsste, die er nicht begangen hatte. Und endlich, was änderte
sich denn in seiner Stellung, wenn er jene Ratschläge befolgte, welche ihm von
Erfahrenen gegeben worden waren? Er blieb der Freiherr von Arten-Richten,
gleichviel, ob zu diesem Richten noch Neudorf und noch Rotenfeld gehörten oder
nicht. Und wenn es vollends möglich war, sich durch Entäusserung der beiden
andern Güter mit weniger Sorgen zu einem grösseren Wohlstande als dem
gegenwärtigen emporzuarbeiten, so wäre es ja gegen alle Klugheit und Vernunft
gewesen, sich nicht dazu entschliessen zu wollen.
    Er war in heftiger Aufregung von seinem Hofe fortgeritten; aber je weiter er
sich von demselben entfernte, je mehr liess er dem Pferde Freiheit, seinen
Schritt zu wählen, und während er so langsam durch den Wald hinritt, gediehen
seine Meinungen und Vorsätze immer mehr zur Reife. Auf den Beistand des Königs,
auf den Hildegard und sein Oheim ihn hingewiesen und den zu erbitten, beide ihm
Hoffnung gemacht hatten, durfte er jetzt nicht rechnen. Er selbst war dem Könige
ganz unbekannt, und sein Vater hatte seit dem Religionswechsel der Baronin
Angelika die Gunst des streng protestantischen Herrschers nicht mehr besessen.
War dem jungen Freiherrn daran gelegen, sie wieder zu erwerben, so bot sich ihm,
bei der entschiedenen Vorliebe, welche der König für den Soldatenstand hegte, in
dem Heere die beste Gelegenheit dazu; kurz, Renatus mochte die Sache ansehen,
wie er wollte, er konnte nach seiner Ansicht gar nichts Angemesseneres tun, als
im Heere bleiben; und in diesem Falle war der Verkauf der Nebengüter, die
Verpachtung von Richten durch die Umstände geboten und notwendig, und das
Notwendige musste er tun, gleichviel, wer es ihm zuerst als ein solches
dargestellt hatte.
    Es war am Abende, als der Reitknecht seines Freundes mit dem von Richten
herbeigeholten Mantelsacke des jungen Freiherrn nach Brastnick wiederkehrte. Er
brachte ihm ein kurzes Schreiben der Gräfin Rhoden mit. Renatus sass in dem
Familienkreise seines Gastfreundes beim Abendessen, als der Diener ihm den Brief
aushändigte. Er erkannte die Handschrift und steckte ihn in die Brusttasche.
    Ein Billet-doux? scherzte der Hausherr.
    Durchaus nicht! entgegnete Renatus, nur irgend eine Nachricht von meines
verstorbenen Vaters alter Freundin, von der Gräfin Rhoden!
    Erst später in der Nacht, als Renatus sich in seinem Zimmer allein befand,
die Männer hatten lange beim Weine gesessen, öffnete er den Brief der Gräfin. Er
entielt nur die wenigen Reihen:
    »Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wird meine Tochter Richten bereits
verlassen haben. Mit welchen Empfindungen ich Ihnen dieses schreibe, sage Ihnen
Ihr eigenes Herz. Ich habe mir erlaubt, meine Tochter in Ihrem Wagen nach
Ramsdorf fahren zu lassen: sie wird ihre Freundin in das Stift begleiten. Für
einige Tage bin ich, wegen der Ordnung meiner Angelegenheiten, noch auf Ihre
Gastfreundschaft angewiesen, die mir jetzt nicht leicht zu tragen sein wird; und
ist es mit Ihren Geschäften nicht unvereinbar, so wäre es vielleicht für uns
Alle eine Erleichterung, wenn Sie den Besuch bei Ihrem Freunde so lange
ausdehnen wollten, bis ich mit meiner jüngeren Tochter Ihr Schloss verlassen
haben werde. Ich will dazu tun, diesen Zeitpunkt möglichst zu beschleunigen.«
    Anrede und Unterschrift waren durchaus förmlich gehalten, aber in der
Stimmung, in welcher Renatus sich befand, focht der Brief ihn wenig an. Man
hatte mit ihm über seine in Aussicht stehende Heirat mit der ältesten Gräfin
Rhoden gescherzt, und er hatte alle darauf hinzielenden Bemerkungen mit der
Versicherung zurückgewiesen, dass davon gar nicht die Rede sei. Als man derselben
nicht glauben wollen, hatte er unumwunden eingestanden, dass er vor dem Feldzuge
allerdings eine Anhänglichkeit für sie gehabt habe, aber die Gräfin sei ja älter
als er, sei kränklich, und dass nach seiner Heimkehr von jener blöden
Jugendschwärmerei nicht mehr die Rede gewesen sei, könne man am besten daraus
abnehmen, dass er sich eben noch völlig frei befinde, während ihn doch nichts
abgehalten haben würde, sich zu verloben und zu verheiraten, hätte er dazu
irgend einen Antrieb in sich verspürt. Er rühmte dabei die Mutter als seine
älteste und teuerste Freundin, welcher Gastfreundschaft zu gewähren ihm ein
Glück gewesen sei. Er sprach von den unschätzbaren Eigenschaften der ältesten
Tochter, erwähnte der ihn entzückenden Fröhlichkeit der jüngeren Gräfin, sagte,
dass er die beiden Schwestern wirklich als seine eigenen Schwestern liebe, und
die Aufnahme, welche diese Ansprüche bei seinen Genossen fanden, liess ihn
deutlich erkennen, dass man im Allgemeinen seine Verheiratung mit Hildegard als
eine unpassende betrachtet haben würde.
    Man bezeichnete eine solche Zufriedenheit, sich in der Voraussetzung
getäuscht zu haben, dass Renatus sich in der Ueberzeugung bestärkte, das Richtige
und das Berechtigte getan zu haben; und wie man ihm von verschiedenen Seiten zu
dieser und zu jener Heirat anriet, ihm diese und jene Tochter aus den Familien
des benachbarten Adels als die für ihn schickliche Frau bezeichnete, genoss er
seiner Freiheit mit wirklichem Vergnügen, obschon keines der erwähnten Mädchen
den Wunsch, es zu besitzen, in ihm hervorrief.
    Auch am Morgen, als er frischen Sinnes erwachte, fühlte er keine Reue über
seine Handlungsweise. Er beklagte Hildegard, als ob er gar nicht an ihrem
Missgeschicke beteiligt wäre, und als er dann den kleinen Brief der Gräfin
wieder in die Hand nahm, tat es ihm leid, dass diese von ihm gehen wollte. Er
hatte eine Weile sogar den Gedanken, noch an demselben Tage nach Hause zu
reiten, um es zu verhindern; aber das Wiedersehen nach dem eben Statt gehabten
Bruche und die unvermeidlichen mündlichen Erklärungen mussten notwendig eine
erschütternde Scene herbeiführen, eine jener Scenen, vor denen Renatus eine
wahre Scheu trug. Er beschloss also, schriftlich abzumachen, was er der Gräfin zu
sagen wünschte, und wie sie sich kurz zusammengefasst hatte, tat er es auch.
    »Meine teure Mutter!« schrieb er ihr, »denn eine Mutter sind Sie dem
verwaisten Knaben ja gewesen, lange ehe er daran denken konnte, diesen Namen
durch ein engeres Anschliessen an Sie sich zu verdienen, gehen Sie nicht im
Unmute von mir fort. Der Bruch, der gestern geschehen ist, wie plötzlich er
Ihnen auch erschienen sein mag, war nach meinem Empfinden längst ein
notwendiger geworden, und ich zweifle nicht, dass selbst Hildegard und Sie ihn
als einen solchen anerkennen müssen. Wenn mich mit Recht der Tadel trifft, dass
es mir an Mut gefehlt hat, gleich, als ich den Irrtum meines Herzens einsah,
und das ist lange her, ihn auch auszusprechen, so trifft Sie, teure Mutter,
doch auch der Vorwurf, dass Sie, die Sie des Menschen Herz und die Welt, und
meine und Hildegard's Unerfahrenheit wohl kannten, uns vor sieben Jahren nicht
abgehalten haben, ein Bündnis einzugehen, das so wenig Aussicht auf eine baldige
Erfüllung darbot. Aber wir leiden in diesem Augenblicke Alle gemeinsam, wir
dürfen nicht mit einander rechten. Lassen Sie uns vielmehr gemeinsam danach
streben, dieses notwendige Leid so viel als möglich zu mildern und so viel als
möglich dem Auge der Welt zu entziehen.
    Ich werde Richten in kurzer Zeit verlassen. Gönnen Sie mir die Gunst, Sie
bis dahin in meinem Schloss zu behalten. Wir waren Freunde, ehe wir Verwandte
zu werden hofften; lassen Sie uns Freunde bleiben, da jene Hoffnung sich leider
nicht erfüllt, und mein Herz wird bemüht sein, Sie und die geliebte Cäcilie, und
hoffentlich einst auch Hildegard, mit mir und meiner Handlungsweise auszusöhnen.
Lassen Sie mich Sie in Richten wiederfinden! Aber was Sie auch beschliessen,
rechnen Sie auf mich wie auf Ihren Sohn, denn ich werde nicht aufhören, mich als
Ihren Sohn zu fühlen.«
    Er war mit dem Schreiben sehr wohl zufrieden, ein Bote war schnell bei der
Hand, und ohne weiteren Aufentalt machte man sich darauf gegen Mittag zu dem
beabsichtigten Besuche auf den Weg.
    Weil die ganze Familie seines Wirtes Teil an dem Ausfluge nehmen sollte,
hatte man in dem viersitzigen Wagen nicht Plätze genug; man nahm also ein Gig zu
Hülfe, dessen Renatus und sein Freund sich bedienten.
    Der schöne Sommertag, die hübsche Hausfrau, die fröhlichen Kinder, die aus
dem rasch dahin rollenden Wagen so neugierig und so ungeduldig wie flügge
werdende Vögel aus ihrem Neste in die Welt hinaussahn und mit ihren Anrufen,
Zeichen und Winken den Vater aus der Ferne bald auf dieses und bald auf jenes
Wunder aufmerksam machten, belustigten Renatus. Es lag in der Unschuld dieser
Kinder für ihn, der an die kecke Frühreife Valerio's gewohnt war und sonst mit
Kindern wenig oder keinen Verkehr gehabt hatte, etwas ungemein Reizendes; und
nur wenn es ihm einfiel, dass Hildegard jetzt unterwegs sei und dass die Gräfin in
Richten nun seine Antwort bald erhalten werde, legte sich ein Schatten über
seine Heiterkeit und es fiel ihm Etwas schwer aufs Herz, dass er aufatmen und
sich unwillkürlich mit der Hand über die Stirne fahren musste. Indes sein
Gefährte merkte nichts von dem dunkeln Boden, über dem die Fröhlichkeit des
jungen Freiherrn aufwuchs, und man war im vollen Genusse des schönen Tages, des
angenehmen Weges und des erfreulichen Beisammenseins, als ein schwerbeladener
Lastwagen, der von der Höhe herunterkam, den Fahrenden nötigte, scharf zur
Rechten auszubiegen. Aber der Landweg war nur schmal, der Wagen mit Fässern und
Kisten in der Mitte ungewöhnlich breit beladen, und wie der neben dem Wagen
gehende Fuhrmann seine Pferde auch nach der linken Seite hinüberzerrte, die
Räder des Frachtwagens und des Gig gerieten in einander, die Pferde des
Frachtwagens zogen auf des Fuhrmannes Anruf mit scharfem Rucke an - ein Knack,
und das leichte, schwache Rad des Gig fiel in Stücken von der Achse.
    Es war ein unangenehmer Vorfall. Man war ein paar Meilen von dem Orte der
Ausfahrt, ein paar Meilen von dem Gute entfernt, nach dem man sich begeben
wollte. Einen besonderen Kutscher hatte man für den kleinen, nur zweisitzigen
Wagen nicht innegehabt, und den Diener, der auf dem Wagen der Frauen und der
Kinder sass, mochte man nach der eben gemachten Erfahrung nicht mit dem Pferde
nach Hause senden, um ihn für alle Fälle zur Hand zu behalten.
    Man fing an, sich in der Gegend umzusehen; man war kaum eine Viertelstunde
von Marienfelde entfernt, und eben als der Besitzer des zerbrochenen Gefähres
darauf dachte, sich dortin zu wenden, um seinen Wagen unterzubringen, und wo
möglich irgend einen anderen zur Fortsetzung der Fahrt zu borgen, ward in der
Entfernung zwischen den Feldern ein Reiter sichtbar, der, als er die beiden
Wagen auf der Landstrasse halten und einen derselben zerbrochen sah, mit seinem
tüchtigen Pferde schnell herankam.
    Der Mann und sein Pferd sahen wie aus Einem Gusse aus, so fest sass er in
seinem Sattel, so gut passten der grosse, starke Reiter und sein Schimmelhengst
zusammen. Es war ein schönes, ein erbeutetes Pferd; und der Gutsbesitzer
Steinert wusste sich etwas mit dem feurigem Andalusier, in dessen stark
hervortretenden Adern unter der feinen Haut das arabische Blut ganz unverkennbar
war. Es kam seiner Pferdezucht zu Statten.
    Steinert erkannte seinen adeligen Gutsnachbar schon aus ansehnlicher Ferne,
und mit der weitin schallenden Stimme, welche in manchem Kampfe ermutigend an
seiner Leute Ohr und in ihr Herz gedrungen war, rief er: Guten Morgen, Herr von
Brinken! Haben Sie ein Unglück gehabt?
    Steinert war während dessen nahe heran gekommen und erst jetzt erblickte er
auch Renatus, der hinter dem Gig gestanden hatte. Ohne irgend an die
Zurückweisung zu denken, welche er von dem jungen Freiherrn vor Jahren auf der
Landstrasse erfahren hatte, reichte er ihm die Hand hin, und mit einer
Freundlichkeit, welche sein dunkel gebräuntes Gesicht angenehm erhellte, und
seine Lippen unter dem dicken, bereits ergrauenden Schnurrbarte schön umspielte,
rief er: Willkommen zu Hause, Herr von Arten! Ich hörte schon, dass Sie
zurückgekommen wären.
    Renatus konnte nicht anders, als die dargebotene Hand ergreifen und den
Handschlag Steinert's erwiedern; aber es fiel ihm auch jetzt noch auf, dass
Steinert ihn völlig als seines Gleichen behandelte. Nicht einmal Herr Baron
nannte er ihn, sondern Herr von Arten, ganz schlechtweg. Es war jedoch für
Renatus zu besonderen Betrachtungen in diesem Augenblicke nicht die Zeit. Denn
Steinert war vom Pferde gestiegen, besah mit Kennerblick den Schaden an dem
Wagen, und machte sofort den Herren den Vorschlag, mit ihm nach Marienfelde zu
kommen, von wo er einen Knecht mit einem Baume zur Unterlage für das Gig
abschicken wolle, damit man dasselbe nur erst nach dem Dorfe bringen könne, und
später stehe dann den Herren sein Fuhrwerk zum Weiterfortkommen zu Diensten. Man
nahm das dankbar an.
    Ein scharfer Pfiff, den Steinert über die hohlen Hände tat, rief einen
seiner Arbeiter vom Felde herbei, den man bei dem Fuhrwerke zurückliess; der
Wagen, den Frau von Brinken und die Kinder inne hatten, setzte seinen Weg fort,
und den Zügel seines Pferdes über den Arm nehmend, führte Steinert die beiden
Edelleute den Weg nach seinem Hause zu.
    Es ist hier für uns auf dem Lande nichts mit diesen kleinen, zerbrechlichen
Wagen, sagte er, als Herr von Brinken die Bemerkung machte, dass nicht nur das
Rad zerbrochen sei, sondern dass auch das Gig selbst bei dem Zusammenstosse eine
Beschädigung erlitten habe, welche es nötig machen werde, es zur Herstellung
nach der Hauptstadt zu schicken. - Soll denn etwas Fremdes bei uns eingebürgert
werden, so lasse ich mir noch eher den englischen oder den vlaemischen
zweirädrigen Transportkarren gefallen; dessen Räder halten etwas aus, und unsere
Pferde sind stark genug, ihn selbst die Höhen hinaufzuziehen, obschon er für die
Ebene besser passt. Ich habe mir, als ich aus dem Felde kam, ein paar solcher
Karren versuchsweise zusammenschlagen lassen.
    Herr von Brinken wünschte, sie zu sehen; Steinert war bereit, sie ihm zu
zeigen. Er meinte, der Herr von Arten müsse diese Karren zur Genüge gesehen
haben, und wie von selbst knüpfte sich daran die Frage, ob Renatus während der
Feldzüge wohl Gelegenheit genommen habe, auf die verschiedene Art und Weise der
Wirtschaft in den verschiedenen Gegenden und Ländern Acht zu geben.
    Der junge Freiherr verneinte das mit der Bemerkung, er sei darauf nicht
vorbereitet gewesen.
    Schade! sagte Steinert. Da man denn doch zuletzt jeder Sache eine gute Seite
abgewinnen soll, so kann es nicht in Abrede gestellt werden, dass es uns und
unsern Leuten vorteilhaft gewesen ist, uns auch einmal auf fremdem Boden und in
fremder Wirtschaft umzutun. Mir zum Beispiel sollen die mannigfachen
Erfahrungen, die ich bei dem Hin- und Hermarschiren machen konnte, wie ich
denke, nicht verloren gehen.
    Wie sich das von selbst versteht, kamen die beiden Männer von den Feldzügen
im Allgemeinen auf ihre einzelnen eigenen Erlebnisse zu sprechen, und man war
mitten in den besten Kriegsgeschichten, als man auf dem Hofe in Marienfelde
anlangte.
    Von dem einstigen Schloss stand jetzt nur der Mittelbau, und selbst der
Turm war von demselben abgebrochen. Das Haus sah dadurch eigentlich plump und
unschön aus, dafür aber stand links von dem Teiche die grosse Brennerei. Die
Scheunen, die Ställe und die Instäuser waren aus guten Ziegeln gebaut, und was
der Krieg auch hier zerstört hatte, das war, wie die vielen neuen Dachsteine,
Fensterläden, Türen und Zäune verrieten, längst wieder vollständig hergestellt
worden.
    Es war still auf dem Hofe, auch im Hause liess sich Niemand sehen. Erst als
der grosse Hund hell anschlug, guckte ein Mädchenkopf zum Fenster hinaus, und den
Vater erblickend, trat die Tochter schnell zurück, um ihm entgegen zu eilen oder
um der Mutter zu melden, dass er Fremde mit nach Hause bringe.
    Steinert war unterdessen mit den beiden Gästen in dem Flur seines Hauses
angelangt, und Renatus, der nie zuvor in diesem Hause gewesen war, fühlte sich
mit Ueberraschung in einer ganz vertrauten Umgebung.
    Auch hier in Marienfelde hingen sie rund umher an den Wänden, die
Erntekränze jeden Jahres, wie Renatus sie in seines Vaters Amtshause hatte
hangen sehen, als er noch ein Kind gewesen war; hier wie dort stand sie der
Haustüre gegenüber, die grosse englische Stehuhr, das Erbstück der
Steinert'schen Familie, und tickte mit ihrem gewichtigen Pendelschlage von
Sekunde zu Sekunde die Tage und Jahre hinweg. Und als dann aus dem Zimmer zur
Linken das grosse, starke, kaum siebenzehn Jahre alte Mädchen, die blonden Zöpfe
um das Haupt gewunden, zum Vorschein kam und sich mit unbefangener
Freundlichkeit vor den Gästen verneigte, glaubte Renatus vollends, einer
Verzauberung zu unterliegen, denn gerade so, aber gerade so, hatte, wie er sich
zu erinnern meinte, einst Steinert's Schwester ausgesehen, als sie jung gewesen
war.
    Und nun willkommen unter meinem Dache, mein lieber Herr von Arten und mein
verehrter Herr Nachbar! sagte Steinert, während er den Beiden die Hüte abnahm.
Lassen Sie Sich's bei uns gefallen, bis Ihr Wagen herkommt und man Ihnen Ihr
Pferd vor meine Britschka gelegt haben wird; treten Sie näher, ich bitte! Nach
dem Garten hinaus haben wir jetzt Schatten. Treten Sie näher! - Und sich zur
Tochter wendend, fragte er: Eveline, weiss die Mutter, dass ich zurückgekommen
bin?
    Eveline hatte nicht zu antworten nötig, denn die Hausfrau erschien bereits
in der Türe, und der Tochter den Knaben hinreichend, den sie, um schneller
fortzukommen, auf dem Arme getragen hatte, bewillkommte auch sie die Gäste mit
guter Art.
    Als das Kind des Vaters ansichtig wurde, rief es ihn laut an und streckte,
sich von der Schwester losmachend, die derben Arme nach ihm aus, so dass Steinert
ihn zu sich und bei der Hand nahm.
    Der Bursche ist ein Nachschössling, sagte er lachend, während er ihn küsste
und ihn mit Vaterfreude in die Höhe hob. Er ist unser ganz besonderes
Friedenspfand, und weil er sich gleich bei seiner Geburt als einen tüchtigen
Kerl erwiesen hat, habe ich ihm denn auch die allerbesten Namen ausgesucht.
    Herr von Brinken, selbst ein zärtlicher Vater, freute sich des Jungen, der
kaum zwei Jahre zählte und auf seinen Beinen schon wie eingewurzelt da stand.
    Wie heisst er denn? fragte Renatus.
    Junge, wie heisst Du? wiederholte der Vater. Sag's selber, aber deutlich,
damit man Ehre mit Dir einlegt!
    Gebhard Leberecht Steinert! brachte der Kleine zwar noch mit schwerer Zunge,
aber mit so dreister Entschlossenheit hervor, dass er die Erwachsenen alle lachen
machte, und Renatus unwillkürlich ausrief: In Dir steckt ja der ganze Husar!
    Steinert nickte mit dem Kopfe. Ja, für den Notfall, Herr von Arten. Im
Uebrigen haben wir des Krieges und ich für mein Teil des Soldatenwesens nun
genug gehabt, und ich denke, meine Jungen sollen es nicht nötig haben, sich
lange mit dem Wehrstande abzugeben, sondern im Nährstande und ruhig bei der
Arbeit bleiben können.
    Während sie noch sprachen, schlug die Uhr im Hausflur die Mittagsstunde und
auf dem Hofe läutete die Glocke. Eveline, welche bald nach dem Eintritte der
Mutter das Zimmer verlassen hatte, kehrte jetzt zurück.
    Ist angerichtet? fragte Steinert, und auf die bejahende Antwort nötigte er
die Fremden, es sich auf gut Glück an seinem Tische gefallen zu lassen. Man nahm
den Vorschlag dankbar an.
    Der Tisch war in dem grossen Saale zu ebener Erde gedeckt, und seine Grösse
und Schwere zeigten, dass er hier seine feste Stelle haben musste. Glänzendes,
selbstgewebtes Leinenzeug bedeckte ihn; man hatte den Gästen zu Ehren auch einen
Blumenstrauss auf die Tafel gestellt, aber Silberzeug war nicht, wie sonst,
vorhanden. Was man davon besessen hatte, und der Vorrat im Hause war ansehnlich
genug gewesen, das war beim Ausbruche des Krieges auf den Altar des Vaterlandes
niedergelegt worden, und auch jetzt noch brauchte man das Geld zu anderen
Dingen, als zum Ankaufe von Wertgegenständen, die sich nicht verzinsten.
    Die Wirtin, welche trotz ihrer fünfundvierzig Jahre noch wie das Leben
selber aussah und durch die Geburt ihres Leberecht, auf den beide Eltern einen
wahren Stolz besassen, eher erfrischt als angegriffen worden war, die Wirtin und
Steinert nahmen die Mitte des Tisches ein, die beiden Fremden sassen zu ihren
Seiten, und ausser den Kindern kamen einer nach dem andern noch einige junge
Leute in ihren Arbeitsröcken, mit hohen Stiefeln in das Zimmer, die sich mit
flüchtigem Grusse auf ihre Plätze setzten. Nur Einen von ihnen, einen hübschen,
kräftigen Mann, der von Eveline mit einem Händedrucke begrüsst ward, stellte
Steinert, ehe Jener sich neben der Tochter niederliess, als deren Verlobten vor,
für den er sich hier in der Gegend schon seit längerer Zeit nach einem passenden
Ankaufe umsehe.
    Renatus wurde es bei der Bemerkung plötzlich heiss. Der also ist's, dachte
er, für den sie auf meine Güter spekuliren! Und er konnte sich der alten,
feindseligen Empfindung nicht erwehren. Aber Niemand ahnte, was in seiner Seele
vorging, sie waren Alle munter und gut aufgelegt.
    Die Hausfrau hatte in der Eile noch rasch einen Fisch aus dem Teiche nehmen
und herrichten lassen, eine süsse Speise war eben so schnell bereitet worden, an
Erdbeeren und Kirschen gab es eben jetzt Überfluss, und so war denn mit der
tüchtigen alltäglichen Kost des Hauses ein vollständiges Mahl zu Stande
gekommen, das Frau Steinert mit freier Gastlichkeit ihren Gästen darbot, und
auch der Wein fehlte beim Nachtische nicht.
    Eveline selbst war aufgestanden, ihn aus dem Wasserkübel herbeizuholen, und
als Steinert die erste Flasche entkorkt und den goldig klaren Rheinwein in die
Gläser gefüllt hatte, welche die Tochter herumgab, erhob er sich und sagte, sich
zu Renatus wendend: Es ist das erste Mal, Herr von Arten, dass Einer von Ihnen
auf meinem Grunde und Boden an meinem Tische sitzt, und ich freue mich darüber.
Wir sind jetzt drei Jahre lang Kriegskameraden gewesen, lassen Sie uns nun auch
künftig gute Nachbarn werden und stossen Sie mit mir darauf an - er hielt das
Glas mit dem funkelnden Weine hoch empor - dass wir hier zu Lande diesen Wein
immer und immerdar für uns allein trinken! Es hat Blut genug gekostet, ihn uns
wieder zu gewinnen! Der freie deutsche Rhein und der Friede! -
    Hoch, hoch! erklang es von allen Seiten. Die Mutter, der künftige
Tochtermann, die Wirtschafter, von denen auch zwei in dem letzten Feldzuge
mitgewesen waren, erhoben sich und kamen zu dem Hausherrn und zu den Gästen, mit
ihnen anzustossen. Eveline, welche die eigentliche Wärterin des Jüngsten machte,
war schnell in die Nebenstube geeilt und hatte den Leberecht herbeigeholt, damit
er sein Hoch auch mitrufen und seines Tröpfchens Wein nicht entbehren solle; und
als Steinert ihm sein Glas hinhielt, tat der Bursche einen langen Zug und
wollte sich zu des Vaters Freude das Glas, das er mit beiden Händen fest
umklammert hatte, nicht entreissen lassen.
    Die Zufriedenheit, der Lebensmut, die Herzensgüte leuchteten jedem
Mitgliede des Hauses aus den Augen. Man musste mit diesen Menschen fröhlich
werden, man konnte der kleinen Verstösse gegen die höhere Gesellschaftssitte und
ihren sogenannten Ton gar nicht gedenken. Es war Alles anders, als Renatus es in
seinem Hause gewohnt war, Alles derber, naturwüchsiger, aber es schien dafür
auch Alles auf eine lange, gesunde Dauer angelegt und berechnet zu sein, und
während Steinert's männlich schöner Freimut und seine Würdigkeit des jungen
Freiherrn Herz fast wider dessen Willen bewegten und gewannen, meinte er
zwischen all dem lauten Sprechen und mitten durch das helle Lachen der Hausfrau
und ihrer Tochter, doch immer die schweren Pendelschläge der alten englischen
Uhr zu hören, und es klang ihm, als riefen sie immerfort: Sie kommen empor und
Du herab!
    Er suchte den Gedanken zu verscheuchen, aber es gelang ihm nicht. Das
Landleben, die Einsamkeit machen mich schwermütig, und Hildegard's krankhafte
Melancholie hat mich angesteckt und schwarzsehend gemacht, sagte er sich
endlich. Es ist Zeit, dass ich unter Menschen und in die Welt und in das Leben
zurückkehre! - Und doch entging es ihm nicht, wie Steinert, als man von der
Tafel aufgestanden war und die Wirtschafter sich entfernen wollten, sie
zurückhielt, mit Jedem von ihnen kurze und bestimmte Abrede nahm, wie sie alle
voll Eifer und voll Teilnahme bei der Sache waren und dann still geschäftig
ihres Weges gingen. Darin war freilich auch ein Leben, und Steinert's Welt war
unter diesen Menschen, die er heranbildete, während sie seine Angelegenheiten in
seinem Dienste förderten. Aber, dachte Renatus, man muss nichts Höheres kennen,
um sich darin zu befriedigen, man muss sich nicht als einer bevorzugten Kaste
angehörend empfinden, um seine Untergebenen als seines Gleichen behandeln zu
können, und man muss als ein Arbeiter geboren sein, um vorauszusetzen, dass
Jedweder für die Arbeit auf der Welt sei.
    Inzwischen war der zerbrochene Wagen des Herrn von Brinken in den Hof
gekommen und Steinert hatte den Befehl gegeben, das Pferd, wenn man es gefüttert
haben werde, vor einen seiner kleinen Wagen vorzulegen. Während man noch damit
beschäftigt war, erkundigte Steinert sich bei dem jungen Freiherrn, was er denn
wegen seiner Wirtschaft beschlossen habe; und von dem klugen und ehrlichen
Gesichte des Mannes, wie von seiner unverkennbaren Teilnahme doch allmählich
überwunden, sagte Renatus: Es sind mir Rat- und Vorschläge der verschiedensten
Arten zugekommen, noch aber bin ich unentschieden. Sie kennen ja die Güter.
Anfangs der nächsten Woche bin ich bestimmt in Richten. Kommen Sie herüber,
sehen Sie Sich die Güter und die Wirtschaft einmal an. Ich möchte Ihre Meinung
hören, ehe ich mich endgültig entscheide.
    Steinert lächelte. Der verstorbene Freiherr stand ihm in diesem Augenblicke
leibhaftig vor Augen. Es war die alte, fürstliche Weise des Edelmannes, zu
befehlen, wo er zu bitten nicht für angemessen fand, und sich einzubilden, dass
er demjenigen eine Ehre erweise, dessen Meinung er zu hören fordere, um dann mit
der eigenen, weit geringeren Einsicht über jene zu Gericht zu sitzen. Aber er
liess den jungen Mann seine üble Angewohnheit nicht entgelten, und von einer
gewissen Anhänglichkeit an das Arten'sche Geschlecht, von der Liebe für die
Güter, welchen seine Voreltern und er selber durch so lange Jahre ihre Kraft und
Arbeit zugewendet hatten, wie von dem Gedanken an seinen eigenen Vorteil
gleichmässig bestimmt, versprach Steinert dem Freiherrn, wenn es seine Zeit
erlaube, an einem festgesetzten Tage nach Richten zu kommen, obschon, wie er
sagte, dies kaum nötig sei.
    Denn, fügte er hinzu, ich weiss, Sie haben meinen Freund Tremann in der Stadt
gesprochen, und seine Ansicht ist auch die meinige. Sie haben keine Wahl, Herr
von Arten! Sie können die Güter nicht wohl mehr halten! Verkaufen müssen Sie!
Wir wollen aber einmal sehen, ob wir über Rotenfeld nicht Handels einig werden
können. Das Gut ist gross, es liesse sich sehr wohl in zwei hübsche Teile
teilen. Den einen Teil möchte mein künftiger Schwiegersohn gern übernehmen,
der eigenes Vermögen hat und sich mit Eveline nach dem eigenen Herde sehnt, und
auf dem andern könnte man allmählich zu bauen beginnen, damit mein Sohn bei
seiner Heimkehr doch auch Dach und Fach vorfindet. Die Kinder sind arbeitsam,
fortkommen werden sie, wenn's auch Anfangs Mühe kosten wird, und wir behielten
sie doch gern in unserer Nähe!
    Der Wagen, welcher die Gäste weiterbefördern sollte, war nun vorgefahren.
Die ganze Familie begleitete sie vor die Türe hinaus. Steinert selbst sah nach,
ob Alles in Ordnung, ob von dem kleinen Gepäck der beiden Edelleute nichts
vergessen worden sei. Man sagte ihnen herzlich Lebewohl, die Hausfrau bat, bald
wieder, wo möglich auf der Rückfahrt vorzusprechen, auch Leberecht blieb ihnen
sein Adieu und seinen schönen Gruss mit der Hand nicht schuldig, und Renatus wie
dem Herrn von Brinken die Rechte schüttelnd, rief Steinert ihnen noch ein »Auf
Wiedersehen!« nach.
    Renatus aber trug jetzt nach demselben kein Begehren mehr. Sein eben erst
erwachtes Wohlgefallen an dem früheren Diener seines Hauses war schnell
vorübergegangen. Sein Verlangen, aus dieser Gegend fortzukommen, war lebhafter
als je.
    Ein wackerer Mann, sagte Herr von Brinken, nachdem sie den Hof verlassen
hatten, und es war hübsch, wie er sich durch Ihren Besuch geehrt fand. Ich liebe
es an solchen Leuten, wenn sie ihres Ursprunges nicht vergessen, und, wie er es
tat, besonders vor denjenigen, welche ihnen dienen, daran denken.
    Alles Berechnung! entgegnete der junge Freiherr mit wegwerfendem Tone. Er
speculirt auf Rotenfeld und möchte mein Zutrauen gewinnen.
    Er ist übrigens ein tüchtiger Wirt, bemerkte darauf Herr von Brinken.
    Ja, es scheint ihm wohl zu gehen, er hat Glück, versetzte Renatus, während
der Andere sich die kurze Reisepfeife stopfte. Der junge Freiherr rauchte nicht.
    Herr von Brinken paffte seinen Taback an. Er hatte manche bürgerliche
Gewohnheiten angenommen, seit er während des Krieges selbst zu wirtschaften
angefangen hatte, weil es ihm an Wirtschaftern gemangelt.
    Sie fuhren gegen den Wind, es dauerte lange, bis der Schwamm Feuer fangen
wollte, bis die Pfeife brannte, und den ersten Zug aus derselben mit sichtlichem
Behagen geniessend, wiederholte Herr von Brinken: Ein tüchtiger Wirt! Wenn Sie
verkaufen wollen, Arten, so werden Sie mit dem Steinert vielleicht am besten
fahren. Denn was aus einem Gute zu machen ist, das weiss er daraus zu machen. Er
wird nicht leicht zurückgehen, wenn er ein Angebot getan hat, und wird zahlen,
was er kann.
    Renatus antwortete darauf nicht. Es war auch von der ganzen Angelegenheit
weiter nicht die Rede.
 
                                 Achtes Capitel
Noch vor der von ihm festgesetzten Zeit langte der Freiherr in Richten wieder
an. Er hatte nirgends rechte Ruhe.
    Vittoria empfing ihn, wie immer, mit der grössten Zärtlichkeit; sie und
Valerio hatten es kein Hehl, dass sie sich der Entfernung Hildegard's erfreuten,
und Renatus war zum Oefteren genötigt, die übermütige Laune des jungen
Burschen zurückzuweisen, der sich darin gefiel, Hildegard in allen ersinnlichen
tragikomischen Stellungen zu zeichnen, und ihre Mienen wie ihre Ausdrucksweise
mit der Meisterschaft nachzuahmen, die ihm von früh auf eigentümlich gewesen
war.
    Die Gräfin hatte trotz des Schreibens von Renatus die Vorkehrungen für ihre
Abreise von Richten gemacht; indes da dieser eben unerwartet zeitig von seinem
Ausfluge heimkehrte, fand er sie und Cäcilie noch im Schloss. Er begab sich,
sobald er Vittoria begrüsst hatte, zu ihr. Sie schrieb grade an die entfernte
Tochter. Cäcilie sass am Fenster und machte einen Hut zurecht, den sie auf der
bevorstehenden Reise zu tragen dachte.
    Als Renatus gemeldet wurde, entfuhr ihren Lippen ein freudiger Ausruf. Sie
stand auf, um ihm, wie sie das gewohnt war, entgegen zu gehen, aber ein Blick
der Mutter bannte sie an ihren Platz und hiess sie schweigen.
    Renatus bemerkte das im Eintreten. Sie tun mir Unrecht, liebe Mutter! war
alles, was er sagte, nachdem er ehrerbietig ihre Hand geküsst und sich auf dem
Sessel zu ihrer Seite niedergelassen hatte.
    Die Gräfin war eine gefasste und viel erfahrene Frau, in diesem Augenblicke
konnte sie jedoch den rechten Ton nicht finden. Das Herzeleid ihrer Tochter
hatte sie sehr tief erschüttert und trotz dem Briefe des jungen Freiherrn
drückte es sie, dass sie Richten noch nicht hatte verlassen können.
    Ich hatte gehofft, sagte sie, gehofft und gewünscht, uns diese Begegnung und
dieses Wiedersehen ersparen zu können; indes Sie wissen es, ich habe keine
Wohnung in Berlin, und ich kann die Antwort meiner Cousine Welding, bei der ich
abzusteigen und zu bleiben denke, bis ich eine passende Wohnung für uns gefunden
haben werde, vor acht bis zehn Tagen nicht erhalten.
    Es lag in dieser Mitteilung der Gräfin das stillschweigende Geständnis
ihrer beschränkten Vermögensverhältnisse. Obwohl Renatus diese von jeher kannte,
kränkte es die Gräfin, derselben gerade jetzt gedenken zu müssen, und es nahm
sie gegen den jungen Freiherrn ein, dass er ihr auch diese Missempfindung
verursachte.
    Renatus liess sich jedoch durch die geflissentliche Kälte und Zurückhaltung
der Gräfin nicht beirren. Seine im Grunde gute Natur machte sich in diesem
Falle, wie überall, wo er sich nicht durch fremde Ansprüche beeinträchtigt und
deshalb zur Abwehr und Verteidigung gezwungen glaubte, liebenswürdig geltend.
    Sie tun, liebe Mutter, sprach er, als hätten Sie mein Schreiben nicht
erhalten. Ist es denn nicht genug, dass ich sehen muss, wie sehr das
beklagenswerte Erlebnis, das uns Allen nicht zu ersparen war, Sie angegriffen
hat, dass Cäcilie sich von mir wendet? Glauben Sie, dass ich mit leichtem Herzen
vor Ihnen stehe, dass es mich nichts kostet, Sie nach Hildegard zu fragen?
    Die Augen wurden ihm feucht. Er seufzte, reichte der Gräfin seine Hand hin
und sagte bittend: Bestrafen Sie mich nicht dafür, dass ich mit zwanzig Jahren
mich selbst nicht besser kannte, nicht weiser war. Ich glaubte in jenem
Augenblicke, nach innerster Notwendigkeit zu handeln, ich handle jetzt nach
reifster Ueberlegung, und - liege ich denn auf Rosen?
    Die Gräfin schwieg, aber sie entzog ihm ihre Hand nicht. Sie hatte den
andern Arm auf die Lehne des Sopha's gestützt und verbarg ihr Gesicht in ihrem
Tuche. Die zerstörten Hoffnungen ihres ältesten Kindes machten ihre Augen
fliessen. Die Mutter in Tränen, Renatus so unglücklich zu sehen, das konnte
Cäcilie nicht ertragen.
    Sie stand auf, knieete vor der Mutter auf dem Ruhekissen nieder und sagte,
während sie zärtlich ihre Arme um sie schlang: Liebe Mutter, sieh ihn doch nur
an, er weint! - Und da die Gräfin ihrer Aufforderung nicht gleich entsprach,
rief Cäcilie mit jener anmutigen Zuversicht, welche die Kinder so
unwiderstehlich macht und welche manche Frauen bis in das Alter nicht verlässt:
Komm, Renatus, komm, umarme die Mutter! Sieh ihn nur wieder an, liebe Mutter, es
ist ja unser Renatus! Er kann ja nicht dafür, wenn er die arme Hildegard nicht
liebt! Wenn er nun im Kriege geblieben wäre, hätte Hildegard sich doch auch
beruhigen müssen, und wir wären noch weit, ach, weit unglücklicher gewesen! - Er
lebt ja doch! - Sie wendete sich von der Mutter zu dem Freunde und legte die
Hände auf seine Schultern. Er hatte sich aufgerichtet und sah ihr in das
Antlitz.
    Du bist sehr gut, Cäcilie! sagte er, während er ihre Hände ergriff und
küsste.
    Du auch! entgegnete sie, indem sie ihn umarmte und ihm ihren Mund darbot.
    Liebe, liebe Cäcilie! wiederholte er, und sie küssten einander herzlich.
    Wir können ja nicht in Unfrieden von einander gehen, rief sie; es wird ja
ohnehin schwer genug sein, wenn man sich künftig nicht mehr sieht!
    Ihr geht nicht fort, die Mutter bleibt noch bei mir! versicherte der junge
Freiherr.
    Ich muss wohl! erwiederte die Gräfin; aber die Antwort hatte nicht mehr den
fremden, gezwungenen Ton, mit welchem sie Renatus zuerst empfangen hatte, und da
eine Bewegung, wie man sie eben durchgemacht, nicht lange dauern kann, so gewann
man denn jetzt auch bald wieder so viel Ruhe, dass der Freiherr die Frage tun
durfte, ob Hildegard lange im Stifte zu bleiben denke und ob man schon eine
Nachricht von ihr habe.
    Die Gräfin verneinte das Letztere und gab ihm die begehrte Auskunft. Eine
Frage, eine Antwort knüpfte sich an die andere. Da Renatus sich von der
Verpflichtung befreit sah, sich mit Hildegard verheiraten zu müssen,
beurteilte er sie nachsichtiger als sonst, ja, er dachte mit sorgendem Mitleid
an sie. Es tat ihm leid, dass es ihm nicht möglich gewesen war, sie glücklich zu
machen; alle seine Äusserungen waren mild, er klagte nur sich selber an,
forderte Nachsicht für sich, und obschon die Gräfin entschlossen gewesen war,
auch zwischen sich und dem jungen Freiherrn die Trennung aufrecht zu erhalten,
die zwischen ihm und seiner Braut erfolgt war, wurde im Verlaufe des Gespräches
ihr Ton doch völlig umgestimmt. Es geschah ihr unwillkürlich, dass sie Renatus,
wie sie es seit seiner frühesten Kindheit gewohnt gewesen war, wieder mit Du
ansprach. Sie verbesserte es sofort, aber Renatus beschwor sie, ihm diese Gunst
nicht zu entziehen.
    Wenn über einem Hause, sagte er, lange ein Unwetter gedroht hat und der
Blitz, den man gefürchtet, endlich zerstörend niedergefahren, ist es dann weise,
dass man in der hereingebrochenen Verwirrung blindlings aus einander läuft? Oder
ist es nicht besser, dass man sich verbindet, um den Folgen des geschehenen
Unglücks so weit nur immer möglich ihre Macht zu rauben?
    Er erinnerte die Gräfin daran, dass sie ihm einst, lange ehe er sich mit
Hildegard versprochen, einmal zugesagt hatte, er solle die Stütze ihres Alters,
der Freund und Bruder ihrer Töchter sein. Er nahm dies auch jetzt noch als sein
Recht in Anspruch. Er bestand darauf, dass die Gräfin Richten nicht jetzt gleich
verlassen dürfe; er versicherte, dass nicht er allein, sondern dass auch Vittoria
darüber untröstlich sein würde, die mit Liebe an Cäcilien, mit Verehrung an der
Gräfin hange und gegen welche Hildegard mit ihrem strengen Pflichtgefühl
wirklich nicht immer gerecht gewesen sei. Er sprach und sagte nur, was er in der
Tat empfand, und er erreichte damit, was die grösste Berechnung vielleicht nicht
errungen haben würde.
    Die Gräfin hörte ihn ohne jede Unterbrechung an, und musste viele seiner
Behauptungen gelten lassen. Sie hatte ohnehin ihrem gekränkten Mutterherzen und
ihrem beleidigten Ehrgefühle den ersten vollen und bittern Ausdruck nicht
gestatten dürfen, weil sie sich genötigt fand, noch einige Zeit in dem Schloss
zu verweilen, wenn sie es nicht auf gut Glück als eine Fliehende verlassen und
den böswilligen Vermutungen einen noch grössern Spielraum vergönnen wollte, die
nach jedem ähnlichen Zerwürfnisse wie giftige Schwämme aus der Erde aufschiessen,
dass man Mühe hat, sie zu zertreten, um ihr Wuchern nicht überhand nehmen zu
lassen. Wer aber, sei es durch was es wolle, unfrei ist, nimmt an seinem
Rechtsgefühle Schaden, ist gezwungen, bald hier, bald dort ein Zugeständnis zu
machen, und kommt dann allmählich dahin, sich seine Unfreiheit wegläugnen zu
müssen, um als freie Entschliessung gelten zu lassen, was man von der
Notwendigkeit zu tun getrieben wird. Sich frei erhalten, ist daher ohne alle
Frage das erste und das höchste Gebot der Sittlichkeit.
    Die Gräfin gab den Bitten des Freiherrn nach, weil sie es musste, aber es kam
ihr hart an. Sie ging mit ihm und mit Cäcilien zu Vittoria hinunter, sie liess es
sich gefallen, dass man die Angelegenheit in dem Beisein derselben noch einmal
durchsprach, sie überwand sich sogar zu einem Danke, als die Baronin ihr
versicherte, wie glücklich sie sich fühlen würde, wenn die Gräfin und Cäcilie
auch nach der Entfernung ihres Sohnes noch bei ihr verweilen wollten.
    Die Gräfin war eben eine mittellose Frau, und es war eine stillschweigende
Enttronung vor sich gegangen. Sie war plötzlich wieder der Heimat beraubt,
deren sie sich für ihren Lebensabend sicher geglaubt hatte, und die Sorge für
ihre und ihrer Töchter Zukunft drückte sie jetzt weit schwerer, als in jenen
Tagen, in welchen sie mit ihnen, ohne bessere Aussichten als die gegenwärtigen
zu haben, in der Residenz gelebt hatte. Sie war eine Matrone geworden, Hildegard
war nicht mehr jung, beide Töchter hatten sich an eine Menge von Bedürfnissen
gewöhnt, die zu befriedigen sie künftig keine Aussicht hatten, und beide waren
also auf den Glücksfall einer annehmbaren Heirat angewiesen. Für Hildegard war
auf eine solche vernünftiger Weise jetzt nicht mehr zu rechnen, und wo würde
sich für Cäcilie eine solche bieten? Man sass schweigsam und verstimmt beisammen.
    Es hatte fast den ganzen Tag geregnet, nun am Abende liess der Regen nach,
aber das Erdreich war nass und dampfte im Sonnenuntergange; von den Bäumen
tropfte es langsam hernieder. Die Luft in dem Zimmer war drückend schwül,
Vittoria hatte sich an das Klavier begeben. Sie sang mit Selbstgenuss
italienische Stanzen, zu welchen sie die Melodieen während des Singens erfand.
Weder die Gräfin noch die beiden Andern hörten ihr zu.
    Die Gräfin dachte immer auf das Neue darüber nach, in welcher Weise sie das
Geschehene ihren Freunden darstellen, wie sie vor ihnen ihr gegenwärtiges
Verweilen in dem Schloss rechtfertigen solle. Dazwischen beschäftigte sie der
Wunsch, für ihre älteste Tochter in einer der fürstlichen Hofhaltungen eine
Aufnahme, eine Anstellung zu finden, und so dem nicht mehr jungen Mädchen einen
Lebensunterhalt und eine angemessene gesellschaftliche Stellung zu verschaffen,
was durch die Gnade, welche die Prinzessin für sie hegte, nicht unmöglich
schien, sobald sich nur eine freie Stelle in ihrem Hofhalte fand.
    Renatus und Cäcilie standen an dem Fenster und sahen in den Garten hinaus.
Er fragte, ob man während seiner Abwesenheit Besuche im Schloss gehabt habe, ob
sie mit Valerio ausgeritten sei. Die Fragen lagen ihm aber offenbar nicht sehr
am Herzen. Cäcilie, die ihre Schnellkraft bei der Begegnung zwischen ihrer
Mutter und dem jungen Freiherrn erschöpft hatte, gab kurze Antworten, und das
Gespräch war allmählich ganz in's Stocken geraten, als mit Einem Male die
untergehende Sonne plötzlich aus den Wolken hervorbrach, mit ihrem glühenden
Rot die ganze Gegend überstrahlend.
    Grade den Fenstern von Vittoria's Zimmer gegenüber stand in einer gewissen
Entfernung ganz einsam die schönste Edeltanne des Gartens, ein Baum, der in der
ganzen Gegend eben so wohl durch seine Höhe als durch seinen regelmässigen Wuchs
und das pyramidenartige Aufsteigen seiner Aeste berühmt war. Wie nun die Sonne
sich tief und tiefer neigte, dass sie hinter der Tanne zu stehen kam, brachen
sich ihre Strahlen in den Tropfen, die an jeder Nadel hingen, und schnell, wie
durch einen Zauber angefacht, schimmerte und funkelte der Baum von seinem
breitesten Aste bis hinauf zu seinem Wipfel in dem vielfarbigen Glanze von
Myriaden Lichtern. Es war ein wundervoller Anblick, eines jener Zauberfeste, in
welchen die Natur vor den Augen der Menschen ein Traumbild verwirklicht, das sie
in derselben Weise nicht leicht wiederholt und auch nicht zu wiederholen
braucht, weil Niemand, der es gesehen hat, es je vergisst. Entzückt von dieser
Herrlichkeit und gleichsam fürchtend, die Schönheit, wie das im Märchen und im
Traume geschieht, mit dem Aussprechen eines Wortes zu zerstören, hatte Renatus
schweigend die Hand seiner Gefährtin ergriffen, und selbst von dem Lichte des
scheidenden Tages übergossen, rief Cäcilie: Ach, ein Weihnachtsbaum - und am
Johannistage! Das muss Glück bedeuten! setzte sie hinzu. Indes ihr fröhlicher
Ausruf schien wirklich den Zauber aufzuheben, denn der Lichtglanz verminderte
sich, die Farben wurden blasser, die einzelnen Flammen erloschen; schnell, wie
die Herrlichkeit aus dem Nebel aufgetaucht war, entschwand sie auch wieder, und
eine graue matte Dämmerung hüllte die ganze Gegend ein, noch ehe Cäcilie ihre
Erwartung, dass dies sicherlich ein Glück verkünde, zum zweiten Male völlig
ausgesprochen hatte.
    Glück? wiederholte ihr Gefährte, und schwermütig geworden, fügte er hinzu:
Wir könnten es brauchen!
    So standen sie noch eine kleine Weile neben einander, aber länger hielt es
Renatus in dem Zimmer nicht mehr aus. Komm in's Freie, sagte er; es liegt mir
wie ein Reifen um das Haupt, wie ein Reifen um das Herz! Komm hinaus - ich
denke, draussen muss mir besser werden!
    Er trat in den Garten hinaus, Cäcilie folgte ihm. Sie gingen neben einander
in den breiten Wegen zwischen den Beeten hin. Indes, obschon sie die Alleen und
die buschigen Gänge mieden, kam keine Erfrischung über sie. Die Luft war voller
Elektricität, sie lastete schwer auf ihnen, selbst sprechen konnte Renatus
nicht. Er wusste nicht, was ihm war, er war aufgeregt und abgespannt zu gleicher
Zeit. Nun er mit Cäcilie im Garten war, meinte er, es sei vorher im Zimmer
besser gewesen; aber auch das mochte er ihr nicht sagen, und dazwischen fiel es
ihm ein, dass es schon dunkle und dass er mit ihr allein sei. Er war freilich oft
genug mit ihr Abends einsam umhergegangen, ohne daran besonders zu denken; indes
damals war sie auch seine Schwägerin gewesen. Jetzt war sie das nicht mehr. Es
tat ihm leid, dass er dieses Anrecht an sie verloren hatte. Er stellte sich vor,
wie es sein werde, wenn die Gräfin und Cäcilie von Richten fortgegangen sein
würden, wie sie in der Stadt leben und Cäcilie sich hoffentlich dort
vorteilhaft verheiraten werde, denn sie war liebenswürdig und gut und hübsch,
sehr hübsch. Sie ging auf dem schmaler gewordenen Pfade, ihre Kleider mit beiden
Händen in die Höhe hebend, um sie vor der Nässe des Weges zu bewahren,
schweigend vor ihm her. Obschon es dunkelte, konnte er doch noch sehen, wie fein
der Hals auf ihren Schultern sass, wie kräftig ihr Oberleib sich aus den vollen
Hüften hervorhob, und wie schön ihr Fuss und ihr Knöchel gebaut waren. Sie war
recht ein Mädchen, wie ein Mann sich es zum Weibe wünschen musste: froh, gut und
gesund.
    Hätte ich sie statt Hildegard's mir erwählt, wie Manches wäre nicht
geschehen, wie Vieles wäre anders, wäre besser geworden! dachte er, und er wusste
es nicht, dass sich ein lautes Ach! seiner Brust entrang.
    Cäcilie aber hörte es, und sich umwendend, fragte sie ihn: Was fehlt Dir,
Renatus?
    Ach, rief er noch einmal, ich sollte es nicht sagen, denn es ist unmännlich,
es auszusprechen, aber ich bin schon lange mit mir selbst zerfallen, ich bin
recht unglücklich!
    Du? Du bist unglücklich - aber wesshalb denn jetzt noch? erkundigte Cäcilie
sich, während sie sich zu ihm gesellte und ihren Arm unaufgefordert in den
seinigen legte.
    Er antwortete ihr nicht, und so gingen sie mehrmals um den grossen Rasenplatz
herum. Er fühlte mit Vergnügen ihren schönen entblössten Arm auf dem seinen
ruhen, er bog sich zu ihr, um ihre Schulter zu berühren, und wenn sie den Kopf
zu ihm emporhob und er sich neigte, so dass seine Lippen nicht fern über ihrer
Stirn schwebten, musste er sich zurückhalten, dass er sie nicht küsste. Er hatte
bisher diese Empfindung überströmender Zärtlichkeit niemals neben ihr gehegt, er
hatte sie oft genug geküsst, ohne dabei etwas zu denken, ohne dabei besonders
warm zu werden. Heute, wo er ein wahrhaftes Verlangen danach trug, sie zu
umarmen, wagte er es nicht, und seine Unruhe wurde immer grösser. Er schlug den
Rückweg nach der Terrasse ein. Cäcilie schüttelte missbilligend ihr Haupt.
    Hildegard hatte doch Recht, sagte sie mit Einem Male; Ihr Männer wisst nicht,
was ihr wollt, und zwar weder im Kleinen, noch im Grossen. Erst konntest Du's im
Zimmer nicht ertragen und wir mussten in den nassen Garten hinaus; nun, da es
hier draussen aussieht, als wollte es frischer werden, als könnte der Wind
aufstehen und man könnte Luft schöpfen, nun soll man hinein! - Sie zuckte mit
den Schultern, schien weiter sprechen zu wollen, unterdrückte ihr Wort und sagte
dann nach einem längeren Schwanken dennoch: Und hast Du es denn mit Dir selbst
nicht eben so gemacht? Erst bestandest Du darauf, Dich mit Hildegard zu
verloben, die für Dich viel zu alt war und, so gut sie sonst auch ist, nie für
Dich gepasst hat; dann, als sie Deine Braut war, liebtest Du eine Andere,
wolltest frei werden - das merkte auch ich Dir an, sobald Du den Fuss nur aus dem
Wagen gesetzt hattest - und nun Du frei bist und Dir die Gräfin Eleonore holen
kannst, nun bist Du auch nicht glücklich! Was willst Du denn eigentlich?
    Wie kommst Du auf Eleonore? rief Renatus auffahrend. Was weisst Du von ihr?
    Alles! entgegnete Cäcilie von seinem Tone ganz betroffen. Hildegard hat ja
der Mutter Alles anvertraut, und sie am letzten Tage noch darum gebeten, dass sie
jetzt es mir auch sagen sollte.
    Daran erkenne ich Hildegard! stiess Renatus hervor.
    Sie waren während dessen ganz in die Nähe des Schlosses gekommen, ohne
weiter mit einander ein Wort zu wechseln. Als sie auf dem Punkte standen,
einzutreten, sagte Cäcilie: Siehst Du, Renatus, Unglück habe ich, nicht Du! Ich
wollte Dir eine Liebe tun, Dich erheitern, Dir sagen, dass ich mich freuen
würde, Dich endlich einmal recht froh, recht glücklich und auch recht reich zu
sehen, und statt dessen erzürne ich Dich gegen mich. Ich mag's im Leben machen,
wie ich will, ich treffe nicht das Rechte. Nicht bei der Mutter, nicht bei Dir!
Ich habe eben kein Glück und kein Geschick!
    Es kam ihm vor, als bebe ihre Stimme; er machte sich einen Vorwurf daraus,
dass er ungerecht, dass er hart gegen sie verfahren sei, und sich zu entschuldigen
und sie aufzuklären, sprach er: Ich habe Eleonore Haughton nie geliebt, Cäcilie!
Sie hat mich beschäftigt eine kurze Zeit hindurch, sie hat mich verwirrt durch
wenig Stunden; aber sie hat mich nie geliebt und ich habe sie nie geliebt -
niemals, Cäcilie, beteuerte er, und Hildegard hat das sehr wohl gewusst!
    Aber wesshalb hat sie mir's denn sagen lassen? rief Cäcilie.
    Weisst Du's nicht? fragte er und schlang den Arm um ihren Leib.
    Sie antwortete ihm nicht; er fühlte aber, wie das Herz ihr unter seiner Hand
erbebte. Sie konnte nicht vorwärts, nicht zurück. Sie wollte ihn verlassen, aber
obschon es ihr ein Leichtes gewesen wäre, sich von ihm los zu machen, kam sie
nicht von der Stelle.
    Weisst Du's nicht? fragte er noch einmal; und sie fester umschlingend und sie
an sich ziehend, sprach er, nur für ihr Ohr vernehmbar: Wie solltest Du, da
ich's ja selbst erst jetzt erkenne!
    Ach, rief Cäcilie, ich war ja so unglücklich, als Du in's Feld gegangen
bist!
    Damals, damals schon hast Du mich geliebt? klang es mit unterdrücktem Jubel
aus seiner Brust hervor.
    Immer, immer! das war alles was Cäcilie unter seinen glühenden Küssen
hervorzubringen vermochte.
    Er hatte sich in der Nische unter dem Portale, die der Regen am Tage nicht
hatte erreichen können und die tief im Schatten lag, niedergelassen und Cäcilie
auf sein Knie gezogen; sie umfasste ihn mit beiden Armen. Der letzte Sang der
Nachtigall, der voll emporströmende Duft der Rosen und Levkojen berauschten ihn,
und sie immer und immer wieder an sich pressend, rief er: Komme jetzt, was mag,
wenn Du mir nur bleibst!
    Er musste sich endlich mit Gewalt ermannen, um Herr über sich zu bleiben, und
mit einer nie gekannten Seligkeit im Herzen umschlang er Cäcilie noch einmal,
ehe er mit ihr in das Zimmer trat, in welchem Vittoria und die Gräfin beim
Scheine der Lampe ihrer warteten.
 
                                Neuntes Capitel
Nun, Signora, habe ich richtig prophezeit? fragte am nächsten Morgen die treue
Gaetana, als sie mit breitem Kamme das noch immer üppige Haar der Baronin
Vittoria schlichtete und ihr dann die reichen Flechten um das schöne Haupt wand.
Habe ich richtig prophezeit, dass Alles sich zum Guten wenden werde, sobald wir
nur die Gräfin mit dem bösen Auge nicht mehr im Schloss haben? Ist nicht Alles
wie umgewandelt? Ist unser Herr Baron nicht freudestrahlend? Jubelt unser
Valerio nicht? Ist die teure Signora Cäcilie nicht glückselig, und wird nicht
die Frau Gräfin selber es bald erkennen, dass erst jetzt die Dinge sich fügen,
wie sie sein mussten? Nur Geduld, nur ein Bisschen Geduld ist nötig! habe ich
immer gesagt. Jetzt sehen Sie es selbst, meine teure Signorina! - Geduld ist
nötig, das ist Alles!
    In der Tat schien es, als sei im Schloss ein neues Leben aufgegangen.
Renatus empfand wirklich zum ersten Male jene volle Liebesleidenschaft, welche
den ganzen Menschen in Bewegung bringt, und da ein helles Licht seine Strahlen
überall, soweit ihm keine Schranke entgegensteht, verbreitet, meinte er, von
seiner Leidenschaft aufgeklärt, auch die Vergangenheit jetzt besser zu
verstehen.
    Er erinnerte sich ganz deutlich, wie ihm die Heftigkeit und die Inbrunst
aufgefallen waren, mit denen die vierzehnjährige Cäcilie ihn umarmt hatte, als
er sich vor dem russischen Feldzuge von ihr getrennt. Er bewunderte die Kraft
des jungen Kindes, die Festigkeit, mit welcher Cäcilie durch alle die Jahre
ihrer ganzen Umgebung ihre Liebe verschwiegen hatte, und er schätzte sie nur um
so höher, wenn sie ihm versicherte, sie habe es sich nie eingestanden, dass sie
ihn liebe, weil das eine Sünde gewesen sein würde, so lange er der Verlobte
einer Anderen war. Nur beneidet habe ich Hildegard, sagte sie offenherzig, denn
ihr fiel, weil sie die Aeltere war, Alles von selber zu: erst der Mutter ganz
besondere Liebe und dann auch noch die Deine. Was Hildegard nur sagen, wie sie
sich verwundern wird? wiederholte Cäcilie danach immer auf das Neue. Ihr Glück
erschien ihr offenbar durch den Vergleich mit dem Loose ihrer Schwester nur noch
grösser, und der Gedanke, dass es Hildegard's Schmerz noch steigern könne, sich
durch die eigene Schwester so schnell in dem Herzen des Geliebten ersetzt zu
finden, kam in diesen Stunden der Freude bei Cäcilien nicht in Betracht. Sie
hatte an Hildegardens Glück stets mit Entsagung gedacht, mochte diese jetzt das
Gleiche zu tun versuchen; denn vergessen und vergeben konnte Cäcilie es der
Schwester nicht, dass dieselbe ihre wohlgemeinten Trostbezeigungen mit Bitterkeit
von sich gestossen hatte.
    Renatus verdiente seinen Namen, wie er einmal äusserte, jetzt in voller
Wahrheit. Er schien sich wirklich neu geboren und ein Anderer geworden zu sein.
Alles Unentschiedene, alles Schwankende war mit Einem Male von ihm genommen. Wie
im Triumphe hatte er am verwichenen Abende Cäcilie zu der Gräfin geführt, und
ihr wie der nicht minder überraschten Vittoria seine Liebe für Cäcilie und seine
Absicht, sofort seine Verlobung mit ihr bekannt zu machen, offenbart.
    Die Gräfin hatte Bedenkzeit, hatte Ruhe zur Ueberlegung gefordert; aber
alles was sie erlangen können, war das Zugeständnis gewesen, dass Renatus sich
anheischig gemacht, in den ersten achtundvierzig Stunden keinem seiner
Verwandten oder Freunde zu schreiben, oder vielmehr nur, keinen seiner Briefe
nach der Stadt zu schicken; denn dass die Gräfin wirklich einen Einspruch tun
könne, dass sie daran denken könne, ihm die Hand des begehrten Mädchens zu
verweigern, während er bereits die Tage bis zu der Stunde zählte, in welcher er
die Geliebte besitzen würde, hielt er für unmöglich.
    Er war von einer brennenden Ungeduld verzehrt, als die Gräfin ihm am Morgen
den gewohnten Spaziergang mit Cäcilie verweigerte, als sie es ihm rundweg
abschlug, ihn mit der Tochter allein verkehren zu lassen, ehe sie ihren
Entschluss gefasst habe. Sie hielt es ihm vor, wie sie Alle ja eben jetzt noch
unter den Folgen seiner zu schnell und in der Erregung eines Augenblickes
geschlossenen Verlobung zu leiden hätten, und wie es also für ihn doppelt
geboten sei, sich sorgsam zu prüfen, ehe er sich zum zweiten Male binde. Auch
sie erinnerte ihn an den Eindruck, welchen die Gräfin Haughton auf ihn gemacht
habe, an die Gerüchte, welche sich über sein Abenteuer mit ihr bis nach Berlin
verbreitet hatten, und sie bekannte ihm unumwunden, dass sowohl die natürliche
Rücksicht auf das Empfinden ihrer ältesten Tochter als die Sorge um Cäciliens
Zukunft sie anstehen lasse, eine Entscheidung zu treffen. Sie nannte ihn jedem
neuen Eindrucke zugänglich, sie zweifelte, ob er treu zu sein vermöge, und sie
machte es ihm endlich zu einem Vorwurfe, dass er mit seiner Erklärung gegen
Cäcilie, mit seiner Werbung nicht gewartet habe, bis die Gräfin das Schloss
verlassen hatte, und nicht mehr durch seine Gastfreundschaft in ihren Massnahmen
gehindert war.
    Trotz der würdigen und festen Haltung, mit welcher sie ihm entgegentrat, war
sie aber innerlich in einen Kampf mit sich verwickelt, der ihr schwerer fiel,
als sie verriet. Ihr Zutrauen zu Renatus hatte wirklich einen Stoss erlitten,
sie misstraute seinem Herzen, sie klagte ihn der härtesten Selbstsucht, der
Schwäche an, und wäre sie reich, wäre sie auch nur wohlhabend gewesen, so hätte
sie nicht angestanden, dem jungen Freiherrn die Hand ihrer zweiten Tochter, nach
der Beleidigung, welche er der ältesten Tochter zugefügt hatte, unbedenklich zu
verweigern. Sie sah voraus, in welcher Weise man es beurteilen werde und müsse,
wenn sie in eine Ehe zwischen Renatus und Cäcilie willige; sie fürchtete sich
vor dem Zwiespalt, in welchen diese Ehe sie mit ihrer ältesten Tochter und diese
mit Cäcilie und Renatus bringen müsse. Sie sagte sich, dass die geringste
Bürgersfrau sicherlich einer solchen unerwarteten und wenig zarten Bewerbung
ihre Zustimmung versagen würde; aber sie war eben keines schlichten Bürgers
Frau, sie war die Gräfin Rhoden, sie hatte sich und zwei Töchter zu versorgen,
und sie war noch mittelloser, als sie es vor dem Kriege gewesen war.
    Eine Bürgersfrau konnte daran denken, mit ihren Töchtern gemeinsam sich des
Lebens Notdurft zu erwerben. Eine Bürgersfrau brauchte vielleicht in solcher
Lage und in solchem Augenblicke auf nichts als auf ihr beleidigtes Mutterherz
und auf die Empfindung ihrer Töchter Rücksicht zu nehmen, denn Bürgermädchen,
wenn sie kein Vermögen besitzen, werden von Jugend an darauf hingewiesen, sich
selbst zu helfen, sie können arbeiten, um ihrem Ehrgefühle zu entsprechen,
arbeiten, um ihren Kummer zu übertäuben, arbeiten, um sich eine getäuschte
Liebeshoffnung aus dem Sinne zu schlagen - aber Hildegard und Cäcilie, die
Gräfinnen Rhoden, konnten das doch nicht.
    Sie hatten eine gute, standesmässige Erziehung erhalten, d.h. sie besassen,
wie die wohlhabenden Frauen überhaupt, von einer Menge von Dingen, von Kunst,
von Literatur und Wissenschaft genau so viel Kenntnisse, als unerlässlich waren,
über die ernstaften Leistungen Anderer falsch und oberflächlich aburteilen zu
können; aber sie hatten nichts so gründlich erlernt, dass es sie irgendwie
befähigte, darauf eine Zukunft zu bauen, und sie hatten vor allen Dingen nicht
arbeiten, das Leben nicht als eine ernste, fortdauernde Arbeitszeit betrachten
lernen.
    Die Leistungen, welche Hildegard während des Krieges über sich genommen
hatte, waren von der Begeisterung des Augenblickes erzeugt und getragen worden.
Sie hatte dieselben mit vielen Andern geteilt, sie waren eine anerkannte, eine
bewunderte und bis zu einem gewissen Grade auch eine absehbare Tätigkeit für
Andere gewesen. Mit der Arbeit um die eigene Existenz, um das tägliche Brod war
es nicht dasselbe. Das Ende einer solchen ist schwer vorauszusehen, Niemand
bewundert, kaum irgend Jemand teilt oder versteht sie in den gesellschaftlichen
Kreisen, denen die Gräfinnen angehörten. Wenn sich in ihnen auch Männer fanden,
welche ihr Einkommen durch die Dienste erwarben, die sie dem Fürsten oder dem
Staate leisteten, so trat doch das Arbeitenmüssen der Ehre der Frauen, nach den
Begriffen ihrer Standesgenossen, offenbar zu nahe; und dienen konnten Frauen
ihres Ranges nach denselben Anschauungen eben nur den Fürsten, welche über ihnen
standen. Es war nicht anders, die Gräfin mochte es ansehen, wie sie wollte, sie
musste ihr beleidigtes Herz, sie musste ihr Ehrgefühl überwinden, weil der
Ehrbegriff ihrer Umgangsgenossen die Arbeit für entehrend erachtete, und
Hildegard musste sich darein ergeben, ihren früheren Verlobten den Gatten ihrer
Schwester werden zu sehen. Die Mutter durfte es nicht hindern, dass Cäcilie sich
mit einem Manne verheiratete, zu dessen Charakter ihr das rechte Vertrauen
fehlte. Ihre Armut zwang sie, um der Standesehre willen zu tun und geschehen
zu lassen, was allen ihren Gefühlen, was ihrer Ueberzeugung widersprach.
    Es kam ihr deshalb sehr gelegen, als Vittoria sich zur Vermittlerin zwischen
den Wünschen ihres Stiefsohnes und den Bedenken von Cäciliens Mutter machte.
Obschon es ihr weh tat, hörte die Gräfin es gern an, wenn die Baronin ihr aus
einander setzte, wie übel die Gräfin jetzt daran sei. Im Tone der Anklage gegen
Renatus stellte Vittoria es ihr vor, dass Hildegard durch den langen, nicht
öffentlich erklärten Brautstand mit Renatus vorzeitig gealtert habe, dass die
Mutter und die Töchter durch ihr langes Verweilen in dem Hause eines
unverheirateten Mannes, wenn dieses nicht seine Heirat mit einer der Töchter
zur Entschuldigung habe, in einem bedenklichen Lichte erscheinen müssten. Sie
erinnerte daran, dass man, falls sich selbst am Hofe der Prinzessin eine freie
Hofdamen-Stelle finden sollte, diese doch meist nur mit jungen und hübschen, vor
Allem aber mit recht gesunden Mädchen zu besetzen pflege, damit die Herrinnen
ohne jede Rücksicht über ihre dienenden Damen verfügen könnten; und schliesslich
gab sie der Mutter zu bedenken, wie das Zerwürfnis zwischen ihren Töchtern ja
bereits ein altes, wie es eben jetzt nur völlig zum Aussprechen gekommen sei,
und dass es doch in jedem Falle weiser und ratsamer erscheine, die geliebte
Cäcilie auf Kosten der älteren Schwester glücklich werden zu lassen, als beide
mit gebrochenem Herzen und ohne Liebe für einander in bedrängter Lebenslage
dauernd neben sich zu behalten.
    Einen Menschen von der Notwendigkeit dessen zu überzeugen, was zu tun er
innerlich entschlossen ist, hält nicht schwer, und Cäciliens unter Tränen
lächelnde Augen, vereint mit den Vorstellungen der Baronin und den dringenden
Bitten, und den festen Beteuerungen des jungen Freiherrn, trugen denn auch bald
den Sieg davon.
    Weil Renatus sein früheres Verlöbnis geheim gehalten hatte, war er und war
die Gräfin jetzt der Meinung, dass man die neue Verbindung nicht schnell genug
veröffentlichen könne. Aber man musste doch eine Form dafür finden, das
Auffallende des Vorganges denjenigen, welche die Verhältnisse mehr oder weniger
kannten, wenn auch nur einigermassen zu erklären oder annehmbar zu machen; und
die Gräfin, welche vor allen Dingen um Hildegard besorgt war, hatte schnell
einen Plan entworfen, der zu Gunsten dieser letzteren berechnet war. Man sollte,
so forderte sie, aus Cäciliens früher und dauernder Neigung zu Renatus kein
Geheimnis machen, man sollte auch eingestehen, dass dessen Liebe zu Hildegard
nicht mehr so feurig als früher gewesen und dass er bei der Heimkehr von der
Anmut und von der nicht zu verbergenden Leidenschaft der jüngeren Schwester
gerührt worden sei. Dann aber solle man die Dornenkrone der armen Hildegard in
einen Heiligenschein verwandeln und erzählen, wie die Grossmut und die Entsagung
dieser schönen Seele das Unheil, welches hereinzubrechen gedroht, durch ihren
heldenmütigen Entschluss verhindert, wie sie durch eine Entfernung, von welcher
selbst die Mutter nichts gewusst, die Verwirrung gelöst und in einem
zurückgelassenen Schreiben den Wunsch ausgesprochen habe, die beiden ihr
teuersten Menschen, den Geliebten und die Schwester, verbunden und so glücklich
zu sehen, als es zu werden ihr von Gott nicht beschieden gewesen sei.
    Die Gräfin konnte sich in ihrer Rührung der Tränen kaum erwehren, als sie
den schnell erfundenen Ausweg vor ihren erstaunten Hörern darlegte. Vittoria,
die jetzt plötzlich ihr mütterliches Recht auf Renatus und ihre Freundschaft für
Cäcilie geltend machte, so dass man sie bei keiner Besprechung und Beratung
übergehen konnte, hatte Mühe ernstaft dabei zu bleiben, und Cäcilie und
Renatus, welche in der Erdichtung der Gräfin keine üble Rolle spielten, waren
mit allem zufrieden und einverstanden, was sie auch nur eine Stunde früher an
das ersehnte Ziel zu führen verhiess.
    Sie waren beide sehr bereit, an Hildegard zu schreiben, ihre Nachsicht, ihre
Verzeihung zu erbitten, ihr jede möglichen geschwisterlichen Dienste für die
Zukunft anzubieten und ein treues Zusammenhalten zu geloben; aber beide waren so
voll von ihrem Glücke, so voll von Lebenslust und Hoffnung, dass sie sich in den
Gemütszustand des verlassenen Mädchens gar nicht hineinzuversetzen wussten und
dass die Gräfin es endlich geratener fand, die Briefe des Brautpaares an die
Entfernte zu unterdrücken und die Darstellung des Geschehenen allein auf sich zu
nehmen.
 
                                Zehntes Capitel
Die Plane und Vorsätze, mit welchen der Freiherr in Bezug auf seine Güter
letztlich umgegangen war, erhielten durch seine neue Verlobung eine wesentliche
Befestigung. Cäcilie, die seit ihrem fünfzehnten Jahre in dem Schloss gelebt
hatte und nur selten nach der Kreisstadt gekommen war, hegte, wie schon
Hildegard ihm dies stets geschrieben hatte, eine Sehnsucht danach, die
Hauptstadt, die schöne Welt, den Hof kennen zu lernen, und die Schilderungen,
welche Renatus ihr von seinem Pariser Leben machte, steigerten jene Sehnsucht zu
einem wahrhaften Verlangen. Vittoria ihrerseits, welche aus ihrem Kloster grades
Weges nach Richten und in das Ehebett des greisen Mannes gekommen war, hatte der
Einsamkeit nun auch die Fülle genossen. Sie begehrte nach einer Zerstreuung,
wenn die Gesellschaft ihrer Freundin Cäcilie ihr entzogen und Valerio ihr
genommen werden sollte; und weil man, wenn die Verlobten sich jetzt zwanglos in
Vittoria's Zimmer gehen lassen durften, sich allseitig so wohl befand, so heiter
war, so wurde ein solches Beisammensein auch für die Zukunft als das
Erfreulichste und zugleich als das Einfachste in's Auge gefasst.
    Man hatte niemals an einen gemeinsamen Haushalt mit Vittoria denken können,
so lange noch die Rede von der Heirat mit Hildegard gewesen war. Jetzt, da es
sich von selbst verstand, dass die Mutter mit ihrer ältesten Tochter vereinigt
bleiben würde, ward es eben so fraglos, dass Vittoria sich an das junge Paar
anschloss, und da keiner von diesen Dreien bisher jemals in der Lage gewesen war,
sich ein Haus zu begründen, fanden sie ein lebhaftes Vergnügen darin, mit
einander die Entwürfe für ihre Einrichtung zu machen, die Strasse auszuwählen, in
welcher man sich, wenn es möglich sei, niederlassen wolle, die Zahl der Zimmer,
die Art ihrer Verteilung durchzusprechen und die Weise im voraus festzusetzen,
nach der man leben wolle.
    Renatus hatte den berechtigten Wunsch, da er seine Güter verkaufen und im
militärischen Dienste bleiben wollte, was beides noch kein Stammhalter seines
Hauses jemals getan hatte, durch ein würdiges Auftreten in der Hauptstadt es
darzutun, dass seine Umstände immer noch günstig wären, wenn er sich auch zu
entschiedenen Schritten für ihre Befestigung und Sicherung bewogen finde. Selbst
Tremann, der nicht zum Beschönigen derselben geneigt gewesen war, hatte es ihm
ausgesprochen, dass seine Lage keineswegs eine verzweifelte, sondern eine
haltbare und der Verbesserung fähige sei, wenn er sich zu den Massnahmen
entschliessen könne, die er auszuführen jetzt im Begriffe stand.
    Renatus empfand ein Zutrauen zu sich und zu seiner Zukunft, welche ihm
bisher in den letzten Jahren völlig gemangelt hatte, und er dachte mit grosser
Heiterkeit an den nicht mehr fernen Zeitpunkt, in welchem er, aller seiner
Sorgen entladen, nur seinem Dienste und seinem Glücke an der Seite einer
geliebten Frau, in Gesellschaft seiner Stiefmutter und ihres Sohnes werde leben
können.
    Er freute sich auf die Rückkehr zu seinem Regimente, er freute sich auf den
Beifall, welchen seine Frau bei seinen Kameraden finden werde. Er entwarf sich
ein lockendes Bild von dem hübschen Hause, das er machen wolle, versprach sich,
Vittoria und seiner Braut grosse Genugtuung von der Bewunderung, welche die
musikalische Bildung der beiden Frauen, denn auch Cäcilie war unter der Baronin
Anleitung eine vortreffliche Sängerin geworden, am Hofe erregen musste; und weil
bei diesen Planen der Gedanke an das Landleben völlig ausgeschlossen war, so
schwand des jungen Freiherrn Widerstreben gegen den Verkauf seines halben
Besitzes endlich ganz und gar.
    Ein paar Tage nach seiner Verlobung, gleich nachdem er die Meldung derselben
an seine nächsten Anverwandten ausgeführt hatte, setzte er sich wohlgemuter,
als er es bei solchem Anlasse jemals für möglich gehalten hatte, nieder, seinem
Amtmanne zu schreiben, wie er sich entschlossen habe, sobald sich ihm die
Gelegenheit dazu biete, die beiden Nebengüter zu verkaufen, dass er aber nicht
abgeneigt sei, ihm Richten, je nachdem man sich darüber einigen könne, zur
Verwaltung oder zur Verpachtung zu überlassen. Bis über den Verkauf der Güter
entschieden sein werde, wünsche er also, falls dem Amtmanne dies auch genehm
sei, Alles beim Alten zu lassen, und es werde sich dann voraussichtlich so
fügen, dass der neue Contract mit ihm, statt jetzt im Beginne des dritten
Quartales, zu Ende desselben abgeschlossen und mit dem Anfange des letzten
Quartales in Kraft gesetzt werden könne.
    In derselben Stunde zeigte er auch Steinert an, dass er verkaufen wolle, weil
er sich mit der Gräfin Cäcilie Rhoden verlobt habe, welche in der Stadt zu leben
wünsche, wohin ihn selber die eigene Neigung für den Kriegsdienst und die
Rücksicht auf die Erziehung seines Bruders ziehe. Könne er mit Steinert Handels
einig werden, und zwar so, dass Steinert und der Baurat Herbert, der, wie er von
dem Amtmanne gehört zu haben glaube, den Kauf mit Steinert gemeinsam unternehmen
wolle, beide Güter an sich brächten, so werde ihm dies um seiner Insassen willen
das Erwünschteste sein. Er werde dann die Leute, welche seit Hunderten von
Jahren zu seinem Hause gehört hätten, in Steinert's Vorsorge, der den Leuten
lieb und bekannt sei und ein Herz für sie habe, wohl beraten und wohl geborgen
wissen. Einer persönlichen Besprechung bedürfe es für's Erste deshalb nicht, und
leider habe er zu dieser, von dem Ablaufe seines Urlaubs bedrängt, auch nicht
mehr die Zeit. Zudem befänden die sämmtlichen Akten sich augenblicklich in der
Hauptstadt, in seines Oheims Händen. Dortin gehe er und sei bereit, auf
Anfrage, aus den Akten jede gewünschte Auskunft zu erteilen, wie es sich denn
auch von selbst verstehe, dass der Amtmann und der Justitiarius den Käufern
Einsicht in die geführten Bücher gewähren würden, wenn sie etwa nach Richten
kommen sollten, sich die gegenwärtige Sachlage anzusehen.
    Er hatte ein angenehmes Selbstgefühl, als er diese beiden Schreiben
durchlas. Es dünkte ihn, als sei er plötzlich ein ganzer Geschäftsmann geworden,
und er begriff, wie der Freiherr sich an solche Verhandlungen allmählich
gewöhnen und Geschmack an ihnen habe finden können. Es beruhigte ihn, dass er
sich bei seinen Planen mit Anteil an das Loos seiner Leute erinnert hatte; er
dachte, dass Steinert sich ohne alle Frage über seine bevorstehende Verheiratung
erfreuen werde, und wenn derselbe dann, hier im Lande lebend und selbst
arbeitend, mehr aus den Gütern herausschlagen konnte, als es den Freiherren von
Arten möglich gewesen war, nun, so war das einmal nicht zu ändern, und er wollte
es ihm gönnen, dass er vorläufig den Vorteil davon zog, wenn er die Güter hob.
Vielleicht war es dem nächsten Herrn von Arten, vielleicht war es seinem Sohne
einst beschieden, die Güter zurückzukaufen, wenn Renatus jetzt Ordnung in die
Verhältnisse des Hauses brachte. Er selbst freilich musste sich für die
Vergangenheit und für die Zukunft zum Opfer bringen; aber in seiner
militärischen Laufbahn, an Cäciliens Seite, in der Residenz, und mit einem immer
noch bedeutenden Grundbesitz als Rückhalt, liess das Leben sich ertragen.
    Er fuhr mit leichtem Herzen an dem Tage auf das Gut eines Freundes, um dort,
begleitet von der Gräfin und von Vittoria, mit seiner Braut den ersten Besuch zu
machen, und man hatte in dem Hause gute Sitte genug, es nicht merken zu lassen,
wie überrascht man war, nicht Hildegard, sondern Cäcilie als des Freiherrn
Erwählte zu empfangen. Die Gräfin selbst musste das Gespräch darauf bringen,
musste die Frage aufwerfen, ob man sich nicht wundere, ihre zweite Tochter mit
dem Freiherrn verlobt zu sehen, ehe sie ihre romantische Erklärung zu
Hildegard's Bestem abgeben konnte; und weder Renatus noch Cäcilie wussten ihr
dies Dank.
    Die Mutter hat Hildegard immer vorgezogen! sagte Cäcilie, als sie sich mit
Renatus allein befand. Nun müssen wir beide Hildegarden wieder zur Folie dienen
und uns dafür bedanken, dass sie vor jenen Jahren Dich mit ihrer Leidenschaft um
Deine vernünftige Ueberlegung zu bringen und sich mit Dir in dem Augenblicke zu
verloben verstanden hat, als Du Dich von ihr loszumachen wünschtest. Die Mutter
wird's noch dahin bringen, dass ich die Schwester hasse!
    Beneidest Du sie, Cäcilie? fragte Renatus, auf dessen schon von Natur
weichen und gütigen Sinn die Erziehung des Caplans noch verschönend und zur
Nachsicht stimmend eingewirkt hatte, während sein Glück, sein erstes
Liebesglück, ihm das Herz noch mehr erschloss. Hast Du Grund, sie zu beneiden?
    Cäcilie antwortete ihm nicht, aber sie umschlang ihn und küsste ihm die Hand.
Er war sehr glücklich in dem Besitze dieses Mädchens, dem er sich immer
überlegen fühlte und das hinwiederum so liebevoll zu ihm emporsah.
 
                                Eilftes Capitel
Niedergeschlagen und mutlos hatte der junge Freiherr vor einigen Monaten die
Hauptstadt verlassen, nun kehrte er voll der besten Zuversicht in dieselbe
zurück.
    Er meldete sich bei seinen Vorgesetzten, und ward auf das Beste aufgenommen.
Man lobte es, dass er sich nicht auf seine Besitzungen zurückziehen, sondern im
Dienste bleiben wolle, denn der König sah es gern, wenn die jungen Männer aus
den alten Familien im Heere ihren Weg machten; und die Stadt, die Strassen sahen
für Renatus jetzt ganz anders aus, seit er sie mit dem Hinblicke auf eine
künftige Häuslichkeit betrachtete. Obschon er sich vorgenommen hatte, sich Zeit
zu lassen und nichts zu übereilen, konnte er der Neugier nicht widerstehen, in
die verschiedenen Häuser einzutreten, in welchen Wohnungen zur Miete ausgeboten
wurden, ihre Räumlichkeiten anzusehen, um ihren Preis zu fragen, und sich Alles
in das Notizbuch zu verzeichnen, das er eigens zu dem Zwecke mitgenommen hatte.
    Er sprach dann noch in dem Laden eines Goldschmiedes vor, um für Cäcilie den
Ring zu kaufen, den er ihr als Pfand ihrer Verlobung zu geben wünschte, und wie
er nun die einzelnen Kasten mit den Geschmeiden vor sich stehen sah, fiel ihm
bei einem Saphirschmucke plötzlich ein, wie schön die blauen Steine auf dem
weissen Halse und an den vollen Armen der Geliebten aussehen würden. Es ist ein
so natürlicher Wunsch, das, was man liebt, zu schmücken.
    Er erkundigte sich nach dem Werte des Geschmeides, und er fand ihn hoch.
Aber Cäciliens schöner Nacken, ihr reizendes, kleines Ohr liessen ihm keine Ruhe.
Er meinte sie vor sich zu sehen, er konnte sich die Freude seiner Geliebten bei
dem Empfange eines solchen Geschenkes lebhaft vorstellen, und es fiel ihm ein,
dass sie ihm einmal, mehrere Wochen vor ihrer Verlobung, geklagt hatte, wie sie
aber auch gar nichts von Schmuck besitze, da die Mutter alles, was sie der Art
gehabt, schon sehr früh der älteren Schwester gegeben habe. Allerdings bekam
Cäcilie einst den ganzen Arten'schen Familienschmuck; indes das waren schwere
Brillanten, wie nur eine Frau sie tragen konnte, und jetzt, da er daran dachte,
kam Renatus erst wieder darauf, dass der Freiherr den Familienschmuck seiner Zeit
Vittorien gegeben hatte, die berechtigt war, ihn, wenn sie wollte, der Frau
ihres Stiefsohnes durchaus vorzuentalten. Es fiel ihm dabei aber auf, dass
Vittoria, welche in früheren Jahren an diesen Brillanten so viel Wohlgefallen
gehabt und einzelne Stücke des Schmuckes immer getragen hatte, sich desselben
gar nicht mehr bediente, und er nahm sich vor, deshalb einmal Nachfrage zu tun.
    Inzwischen jedoch musste Cäcilie durchaus irgend etwas geschenkt bekommen,
und der Goldschmied hatte nicht den ersten Liebenden vor sich, der zwischen
seines Herzens Lust und seinen vernünftigen Bedenken einen Vermittler zu Gunsten
der ersteren zu finden wünschte. Nach kurzem Zureden, kurzem Verhandeln erstand
Renatus den Schmuck und befahl, ihn mit dem Ringe, wohl verpackt, nach seinem
Gastofe zu senden. Es war ein Geschenk, wie seiner Zeit der verstorbene
Freiherr es der Gräfin Angelika darzubringen vollauf berechtigt gewesen war. Für
Renatus jedoch war die Ausgabe viel zu gross, und er hielt sich das auch selber
vor; aber, sagte er sich, wenn man im ersten goldenen Sonnenscheine des Glückes
nicht einmal seinem Herzen folgen soll, so lohnt es sich ja nicht, zu leben!
    Froh über die Freude, welche er der Braut zu bereiten jetzt gewiss war, ging
er nach der Wohnung seines Oheims. Er meinte, so gut aufgelegt, wie er sich
jetzt eben fühlte, mit den Vorstellungen und Einwendungen, welche derselbe, als
Hildegard's geschworener Freund und Verehrer, ihm sicherlich nicht vorentalten
werde, am leichtesten fertig werden zu können, und es war ihm sehr erwünscht,
als er auf seine Anfrage die Antwort erhielt, dass der Graf zu Hause, und ihn zu
empfangen bereit sei.
    Der Graf stand mitten im Zimmer, als Renatus bei ihm eintrat. Er sah nicht
übel aus, aber er stützte sich auf einen Stock, und wie es dem Neffen schon
auffiel, dass er ihm nicht wie sonst entgegenkam, dass er ihm nicht die Hand
reichte, fiel es ihm noch mehr auf, dass der Graf eine sonderbare Art sich zu
bewegen angenommen hatte. Er trug sich immer noch sehr gut, indes seine Haltung
sah so absichtlich aus, und erst als er nach seinem Lehnsessel gegangen war,
sich fest niedergesetzt und seine Beine in eine bequeme Lage gebracht hatte,
sagte er: Nun, mein Lieber, Du kommst wohl, Dir meinen besonderen Glückwunsch zu
Deiner neuen Verlobung abzuholen? Seit wann bist Du denn zurückgekehrt?
    Es fuhr wie ein kalter Luftzug über den jungen Freiherrn hin. Der Anblick
seines Oheims hatte ihn, er wusste selbst kaum, wesshalb, erschreckt; der
unverkennbare Spott in seinem Tone beleidigte ihn. Er hatte sich indessen darauf
gefasst gemacht, hier auf Tadel und Missbilligung zu stossen, zu welchen, er
läugnete sich das keineswegs, seine Handlungsweise Jedem, der die Verhältnisse
nicht wie er selber kannte, auch ein volles Recht gab. Er überwand also seine
Missempfindung und sagte: Ich habe Ihnen, lieber Onkel, denke ich, nicht nötig,
eine lange Rechtfertigung meines Tuns zu machen! Sie sind ein Menschenkenner
und kennen mich und Hildegard - wir passten nicht zu einander! Mich dünkt also,
wie der Augenblick einer solchen Einsicht auch schmerzlich sein mag, man hat
sich immer glücklich zu preisen, wenn man sie gewinnt, ehe es zu spät ist, den
Folgen seines Irrtums vorzubeugen! Wir passten wirklich in keiner Weise für
einander, selbst die Gräfin Rhoden gibt uns dies jetzt zu!
    Er hatte sich einen Sessel genommen, ohne dass der Graf, der solche Form der
Höflichkeit sonst nie vergass, ihn dazu aufgefordert hatte. Nun, als Renatus
seine Behauptung wiederholte, sagte sein Oheim: Eure Unzusammengehörigkeit
streite ich Dir nicht ab, mein Lieber, wennschon ich Dir damit kein Compliment
zu machen glaube!
    Onkel! fuhr Renatus auf. Aber der Graf, der bis dahin mit voller, kräftiger
Stimme gesprochen hatte, senkte diese plötzlich, und seine kalte Hand auf die
des jungen Freiherrn legend, sagte er: Gemach, mein Lieber, und mässige Dich! Du
siehst, ich bin noch etwas angegriffen, Deine Brust ist stärker, als die meine.
    Renatus schwieg, weil seine gute Erziehung ihn dem älteren Manne gegenüber
Rücksicht nehmen hiess; aber er presste die Hand unwillkürlich fest um den Griff
des Säbels zusammen, den er zwischen seinen Knieen hielt, und er nahm sich vor,
sein Herz vor dem kranken Bruder seiner Mutter im Notfalle eben so fest
zusammenzufassen.
    Du sagst, hob der Graf nach kurzem Schweigen an, Ihr hättet nicht für
einander gepasst, und ich streite Dir dies, ich wiederhole es, nicht ab. Aber,
mein Lieber, wer zwang Dich, oder vielmehr, was berechtigte Dich, vor sieben
Jahren, als Du noch sehr unfertig und völlig unselbständig warst, das Schicksal
eines schon damals sehr reifen und im edelsten Sinne in seiner Bildung
abgeschlossenen Mädchens an Dich zu binden? Erinnere Dich, dass ich Dich damals,
weil ich Deinen leicht beweglichen Arten'schen Sinn sehr wohl erkannte, vor dem
Umgange mit den Rhodens warnte!
    Renatus war keiner Antwort fähig. Zum zweiten Male gelang es seinem Oheim,
ihn durch die Dreistigkeit seiner Heuchelei und Unwahrheit förmlich zu
erschrecken. Er musste erst Herr über sein Erstaunen werden, ehe er die Bemerkung
machen konnte, dass er sich jener Warnung seines Onkels sehr wohl und sehr oft
erinnert, ja, dass er sie als eine durchaus berechtigte anerkannt habe, denn er
sei damals in der Tat, wie der Graf es für ihn besorgt habe, ohne selbst recht
zu wissen, wie, in die Verlobung mit dem älteren und fertigeren Mädchen
hineingezogen worden.
    Ohne zu wissen, wie? sprach der Graf ihm immer in demselben Tone spöttelnden
Tadels nach. Mich dünkt, mein Lieber, dies zu behaupten, hättest Du kein Recht!
Ein Mädchen von dem Seelenadel Hildegard's konnte es nicht glauben, dass es nur
auf ein leeres, empfindsames Spiel von Dir gemünzt war! - Er machte eine jener
berechneten Pausen, welche Arglistige so wohl zu benutzen verstehen, und fuhr
dann fort: Hildegard hat mir geschrieben. Ich wusste alles, was vorgegangen war,
noch ehe ich die seltsame Kunde erhielt, dass Du Hildegard's Entfernung kaum
abgewartet hattest, um Dich mit ihrer leiblichen Schwester zu verloben.
Hildegard wird das nie verschmerzen, und wirklich, mein Lieber, es ist keine
Heldentat, mit dem Lebensglücke eines reinen, edlen Mädchens sein Spiel zu
treiben!
    Er hatte sich in eine tugendhafte Entrüstung hineingesprochen, in welcher er
sich offenbar sehr wohl gefiel, denn er zupfte sich den Hemdkragen und das Jabot
zurecht, fuhr sich mit der Hand aus alter Gewohnheit nach dem Haupte und durch
das Haar, obschon dieses zu einer solchen, seine Fülle ordnenden Bewegung gar
keine Veranlassung mehr bot, und lehnte sich behaglich in den Sessel zurück.
    Seine letzte, wiederholte Behauptung war dem jungen Freiherrn aber doch zu
viel geworden, und sich erhebend, sagte er, die schöne Oberlippe unter dem
blonden Schnurrbarte in die Höhe werfend: Diese Bemerkung aus Ihrem Munde
überrascht mich sehr!
    Was soll das heissen? fragte der Graf kurz und bestimmt.
    
    Es soll Sie nur an Seba Flies erinnern, entgegnete der Freiherr in derselben
Weise, für deren einstige Seelenreinheit, für deren Seelenadel mir die
Freundschaft, welche meine Mutter für sie hegte, ohne alle Frage eine Bürgschaft
sein darf!
    Der Graf lachte hell auf. Wie man, einmal von dem rechten Wege entfernt,
sich gleich ganz und gar verliert! rief er aus. Das ist in der Tat naiv! ein
Cavalier und ein Judenmädchen! Wer fragt danach? - Aber das Verhalten eines
Edelmannes gegenüber einer Dame seines Standes, das ist etwas Anderes! Das
Judenmädchen konnte, ohne die Ueberspannteit, mit der es sich mir völlig in die
Arme warf, es gar nicht für möglich halten, dass es die Meine werden könne; und
hätte Seba es gewollt, sie hätte auch nach dem Abenteuer mit mir, von dem damals
Niemand etwas wusste, unter ihres Gleichen noch Männer genug zur Auswahl haben
können, denn sie war schön und reich! Aber eine Hildegard, eine Gräfin Rhoden
war berechtigt, auf das Wort eines Edelmannes zu vertrauen! Alle Welt wusste von
Eurer heimlichen Verlobung, sieben Jahre ihres Lebens sind Dir geweiht gewesen -
es ist unerhört! Verlass Dich aber darauf, man wird dies übel, sehr übel
vermerken! Der König ist gegen solche Handlungsweise äusserst streng! Von dem
Darlehen auf Deine Güter ist unter diesen Umständen natürlich keine Rede mehr!
Es war dabei sehr wesentlich auf die Gunst gerechnet, deren Hildegard geniesst,
und ....
    Der Freiherr konnte es bei aller Selbstbeherrschung länger nicht ertragen.
Ich denke weder Sie noch Hildegard in meinen Angelegenheiten zu bemühen, sagte
er. Ich bedarf des königlichen Darlehens nicht!
    Wie das? fragte der Graf.
    Ich verkaufe Rotenfeld und Neudorf, ich verpachte Richten, denn ich werde
im Dienste bleiben, schon um meiner Familie willen!
    So? sagte der Graf mit einer leisen Kopfbewegung, während Renatus sich nach
seinem Czako umsah.
    Er war erbitterter, als er sich je gefühlt hatte. Sich von einem Wüstlinge,
wie der Graf es gewesen war, so lange seine Kraft für die Befriedigung seiner
Gelüste ausgereicht hatte, sich von einem Verräter des Vaterlandes, von einem
Ehrlosen zu Sitte, Pflicht und Ehre ermahnen zu lassen, empörte den Freiherrn.
Er hätte ihm mit Einem Worte seine ganze Verachtung aussprechen, ihm sagen
mögen, wie er des Grafen Heuchelei verabscheue; aber über dieses vollberechtigte
Empfinden des Freiherrn trug Eine Erwägung den Sieg davon und nötigte ihn, nach
seiner Meinung, zum Schweigen.
    Er hatte aus seiner innersten Natur heraus, aus jenem warmen und
menschlichen Gefühle, dessen er fähig war, wo seine Standesvorurteile ihm nicht
den Sinn und das Herz verengten, den Grafen an seine Schandtat gegen Seba
gemahnt; indes er selber erkannte, bei seiner Anschauungsweise, sobald sein
Oheim ihn daran erinnerte, dass zwischen Seba und der Tochter eines alten,
gräflichen Hauses allerdings eine wesentliche Verschiedenheit obwalte. In der
Gesellschaft, welcher die beiden Männer angehörten, wog des Grafen ehrloser
Verrat an Seba sicherlich nicht so schwer, als der für Renatus zu einer inneren
Notwendigkeit gewordene Treubruch gegen eine Gräfin Rhoden, und die Männer
sowohl als die Frauen seines Standes waren der Mehrzahl nach ohne Frage eher
geneigt, den Grafen, als seinen Neffen freizusprechen. Er hatte also das
verdriessliche Bewusstsein, einen Schlag gegen seinen Gegner ausgeführt zu haben,
den Jener so geschickt von sich abgewendet hatte, dass er sich aus dem
Angegriffenen in einen Angreifenden verwandeln können, und Renatus kannte seinen
Oheim darauf, dass dieser ihm nicht vergessen, nicht verzeihen werde, was eben
jetzt zwischen ihnen vorgegangen war. Er wusste, dass er von jetzt ab den Grafen
als seinen Feind betrachten müsse, und er fühlte auch den nie ganz besiegten
Widerwillen gegen denselben in sich so gross geworden, dass er, gereizt, wie er es
war, jetzt ein für alle Mal seine Stellung gegen den Oheim zu nehmen beschloss.
    Er stand aufrecht vor dem Grafen, der seine bequeme Lage nicht verliess, und
sagte, während er seine Handschuhe anzog, in einer Weise, welche sein Oheim noch
nie zuvor von ihm vernommen hatte: Wir haben, wie ich sehe, wenig Aussicht, uns
zu verständigen, und ich wusste das im voraus, da ich Ihre Vorliebe für Cäciliens
Schwester kannte. Ich kam auch nicht, mich wegen meiner Handlungsweise zu
rechtfertigen, sondern weil es mir lieb gewesen wäre, sie Ihnen, dem Bruder
meiner Mutter, einsichtlich zu machen, und weil ich Sie um die Rückgabe der
Akten ersuchen wollte, die in Ihren Händen zurückgeblieben sind.
    Da ich von dem Tage Deiner Ankunft nicht unterrichtet war, habe ich sie
gestern, wohl versiegelt, Deinem Chef zur Uebergabe an Dich zustellen lassen,
denn ich verreise morgen, antwortete der Graf mit gleicher Kälte.
    Renatus dankte, ohne sich nach dem Reiseziele seines Oheims zu erkundigen,
und wollte sich entfernen; aber der Graf sagte von selbst, dass er eine Badekur
beabsichtige.
    Renatus fragte also pflichtschuldigst, wohin er zu gehen beabsichtige.
    Man hat mir zu einem Stahlbade geraten, und ich habe mich für Pyrmont
entschieden. Ich bleibe etwa sechs Wochen dort. Wirst Du bei meiner Rückkehr
hier sein?
    Ohne alle Frage!
    Du denkst also nicht, Dich versetzen zu lassen?
    Wie käme ich dazu? fragte der Freiherr, sichtlich von der Frage überrascht.
    Ich meinte, dass Deine Vermögensverhältnisse und auch die Rücksicht auf die
arme Hildegard es Dir vielleicht wünschenswert erscheinen liessen, nicht in der
Residenz, nicht eben hier zu leben.
    Durchaus nicht! entgegnete der Neffe sehr bestimmt. Ich denke vielmehr, mich
mit meiner ganzen Familie hier niederzulassen, und bin schon heute darauf
ausgegangen, eine Wohnung zu suchen, in der ich uns und meine Stiefmutter und
meinen Bruder bequem einrichten kann!
    So, so! wiederholte der Graf in dem früheren Tone, und eine Prise nehmend,
setzte er hinzu: Auf Wiedersehen also, auf Wiedersehen, mein Lieber!
    Renatus gab ihm dieses Lebewohl zurück, und sie trennten sich, ohne sich die
Hand zu geben, wie zwei Fremde, wie zwei Feinde.
 
                                Zwölftes Capitel
Welch eine Welt ist das! rief Renatus innerlich aus, als er sich wieder auf der
Strasse befand. Aber es gilt, sich durchzuschlagen! fügte er hinzu - und sich
durchzuschlagen, war er glücklicher Weise ja gewohnt.
    Sein Lebensmut war entschieden im Wachsen. Er war in sich beruhigt über die
Haltung, welche er gegen seinen Onkel behauptet hatte, und wenn er es sich recht
überlegte, war es für ihn kein Unglück, vielmehr ein Gewinn, dass es zu einem
entschiedenen Bruche zwischen ihm und dem Grafen gekommen war.
    Der Graf liebte es, sich als einen Beschützer darzustellen; er hatte in den
Zeiten der Franzosenherrschaft sich an ein zweideutiges Vermittleramt gewöhnt,
er war müssig, sah viele Leute, beobachtete, wie alle diejenigen, die kein gutes
Gewissen und in ihren eigenen Lebensverhältnissen mancherlei zu verbergen haben,
äusserst scharf; was konnte also für des jungen Freiherrn Familie aus einem
Zusammenhange mit diesem Manne Heilsames erwachsen?
    Den Schutz und Einfluss des Grafen irgendwie in Anspruch nehmen zu wollen,
war sein Neffe weit entfernt; er sah auch nicht ab, dass er jetzt noch in die
Lage kommen könne, desselben zu bedürfen. Seine Vermögensverhältnisse ordnete er
in der durchgreifendsten Weise selbst, mit dem Kommandeur seines Regimentes
hatte er immer auf das beste gestanden, und er hatte gleich bei dem ersten
Besuche von demselben erfahren, dass wirklich eine grosse Anzahl von
Dienstentlassungen und von Abschiedsgesuchen im Werke, also für das Heraufrücken
der jüngeren Offiziere die günstigsten Aussichten vorhanden seien. Wozu konnte
ihm der Oheim denn auch nützen? Ihn, der Cäcilie nicht freundlich, der Vittoria
feindlich gesinnt war, der von der inneren Familiengeschichte des Arten'schen
Hauses weit mehr als gut war wusste, nicht in seiner Familie aufnehmen zu dürfen,
dünkte den Freiherrn ein wesentlicher Vorteil zu sein. Wendete Hildegard sich
von der Schwester ab, schloss die Mutter sich mehr an die ihr bleibende, als an
die verheiratete Tochter an, so waren das Dinge, die eben nicht zu ändern
waren, und auf einen recht verträglichen Verkehr zwischen Vittoria und jenen
beiden Frauen hatte Renatus sich ohnehin nicht Rechnung machen dürfen. Es war
also am besten, wie es sich eben gefügt hatte, und er konnte, nachdem der Einzug
seines Regimentes vorüber war, gleich an seine wichtigsten Geschäfte, an die
Vorkehrungen für seine Verheiratung gehen.
    Man hatte die Hochzeit, um nicht in zu später Jahreszeit reisen zu müssen,
auf die ersten Tage des Oktober verlegt; Renatus hatte also für seine
Besorgungen keinen weiten Spielraum vor sich. Er war froh, als er in einer ihm
passenden Gegend eine Wohnung gefunden hatte, welche ihm die nötigen
Bequemlichkeiten für alle Beteiligten neben jenen grösseren Räumen darbot, deren
man für eine schickliche Geselligkeit bedurfte. Nur für Valerio wollte sich,
wenn man ihm, wie seine Mutter es gewünscht hatte, einen Erzieher annahm, kein
rechtes Unterkommen in dem Hause finden, und wie jeder, der an neue Verhältnisse
herangeht, nach dem alten Sprüchworte oft gezwungen ist, aus der Not eine
Tugend zu machen, liess Renatus sich von dem ihm nahe befreundeten Adjutanten
seines Regiments-Chefs, mit dem er gelegentlich von seinen Planen, von seiner
Einrichtung und von seinen kleinen Verlegenheiten sprach, dahin überreden, dass
es für den durch mütterliche Schwäche in jedem Betrachte verwöhnten Knaben
fraglos das Angemessenste sein würde, ihn von Hause zu entfernen, und dass
Renatus also mit seiner ursprünglichen Idee, ihn einer öffentlichen
Erziehungs-Anstalt zu übergeben, das Richtige für ihn getroffen habe. Die
Kadettenhäuser waren nach den Kriegen in ihren Einrichtungen wesentlich
verbessert worden; Valerio zu einem Studium zu überreden, welches ihn für den
bürgerlichen Staatsdienst geschickt machen konnte, hielt Renatus bei der Art des
Knaben nicht für angebracht, und da es in einer neuen, jungen Ehe in keinem
Falle bequem war, einen solchen frühreifen Burschen zum täglichen Gesellschafter
zu haben, machte Renatus seine Stiefmutter und den Knaben mit seiner Absicht
bekannt, ihn in eine der militärischen Erziehungs-Anstalten zu bringen, um ihn
sein Heil einmal im Heere, dieser Zufluchtsstätte adeliger Mittellosigkeit und
jüngerer Brüder, versuchen zu lassen.
    Mitten in diesen Vorkehrungen kamen denn allmählich auch die grossen Wagen
voll Hausrat und voll Möbeln an, welche Renatus, um der neuen Wirtschaft und
dem neuen Hause das alte, würdige Gepräge zu geben, von dem Schloss nach der
Stadt kommen liess. Renatus wollte die grossen Spiegel, sofern sie sich in die
kleineren Zimmer des städtischen Hauses einfügen liessen, er wollte die schönen
Möbel und Gerätschaften, die guten, alten niederländischen Landschaften, die
italienischen Statuetten und vor Allem die Bilder seiner Eltern und Grosseltern
nicht entbehren; er wollte die alten werten Erinnerungen mit sich in die neue
Lebenslage hinübernehmen. Er hing an diesen Gegenständen, er hatte zudem auch in
dem Palaste der Herzogin erfahren, wie wohltuend das Altergebrachte in der
Ausstattung eines Hauses wirke, und mochte der neu erworbene Reichtum der
emporgekommenen bürgerlichen Gesellschaft ihr auch jede Art von Luxus zugänglich
machen, gegen die Würdigkeit einer solchen überkommenen Einrichtung erschien
alles kalt, was der Tapezierer und die Magazine an Neuigkeiten liefern konnten.
    Mit wachsendem Behagen sah er aus den leeren Räumen, die er gemietet hatte,
allmählich die schöne Wohnung entstehen, in welcher es ihm mit der Geliebten
wohl werden sollte, und es fügte sich eigen, dass er eben an dem Tage, an welchem
er die letzten Schränke in die Zimmer seiner zukünftigen Frau stellen liess,
einen Brief Cäciliens erhielt, in welchem sie ihm erzählte, dass sie gestern, wo
man zu einer grösseren Gesellschaft in die Nachbarschaft gefahren sei, zum ersten
Male den Schmuck habe anlegen wollen, den er ihr gesendet. Er sei jedoch für
alle ihre Kleidungsstücke viel zu prächtig gewesen, und sie habe sich also das
Vergnügen vorläufig versagen müssen.
    Daran hatte der Bräutigam allerdings nicht gedacht; indes nun er darauf,
wenn auch sicher absichtslos, hingewiesen wurde, musste dem Mangel notwendig
abgeholfen werden. Renatus hatte sich es ohnedies von der Gräfin erbeten, für
Cäcilie die ganze Ausstattung besorgen zu dürfen, damit der älteren Schwester
nichts von dem, was ihr bestimmt gewesen sei, entzogen werde. Die
verhältnissmässige Dürftigkeit Cäciliens rührte den Liebenden deshalb nur noch
mehr, und da die leeren Schiebladen und Schränke nach einem Inhalte förmlich zu
verlangen schienen, machte er sich ein Fest daraus, sie in einer Weise
anzufüllen, welche der Geliebten nichts zu wünschen übrig lassen und der jungen
Frau von Arten die Möglichkeit gewähren sollte, ihrem Stande gemäss in den
Kreisen aufzutreten, in denen zu leben sie fortan bestimmt war.
    Während er Kleiderstoffe und Spitzen, Shawls und Mäntel, Federn und Blumen,
Fächer und Handschuhe auswählte und mit fast weiblicher Sorgfalt in die Schränke
räumte, sah er mit vorgeniessender Freude die Geliebte schon damit bekleidet; und
weil er eben daran dachte, beschloss er, noch an diesem Tage sich um den
Familienschmuck, den der Freiherr nach Vittoria's Angabe bei dem Ausbruche der
Freiheitskriege in der königlichen Hauptbank niedergelegt haben sollte,
erkundigen zu gehen. Den Niederlegungsschein hatten die Frauen in Richten nicht
auffinden können; es musste aber in der Bank wohl zu ermitteln sein, wann der
Schmuck übergeben worden war, und Renatus machte sich also dortin auf den Weg.
    Die Bankbeamten nahmen die Anfrage des Offiziers, des Mannes mit altem
Namen, sehr zuvorkommend auf; man fand auch den Niederlegungstag, wie es sich
gebührte, genau verzeichnet, aber der Rücklieferungsschein lag daneben, und er
ergab, dass auf des Freiherrn eigene handschriftliche Anordnung der Schmuck nach
Jahresfrist dem Hofjuwelier des Königs Behufs einer Umfassung ausgehändigt
worden war. Das war kurz vor dem Tode des Freiherrn gewesen, und sorglos, wie
Vittoria in allen solchen Dingen sich erwies, schien es nicht unmöglich, wenn
schon es auffallend gewesen wäre, dass die Diamanten sich noch in dem Gewahrsam
des Juweliers befinden konnten. Indes diese Erwartung zeigte sich als
trügerisch. Der Juwelier hatte die Brillanten im Auftrage des Freiherrn
verkauft; die Berechnung darüber war vorhanden, eben so die Quittung des
Bankhauses, an welches man den Erlös nach des Freiherrn Bestimmung ausgezahlt
hatte. Der reiche Arten'sche Familienschmuck, dieses Erbe, an welchem man von
Geschlecht zu Geschlecht gesammelt hatte, war dahin, und Renatus durfte sich
nicht einmal mit dem Gedanken trösten, dass es, wie so mancher andere Schmuck,
für die Befreiung seines Vaterlandes hingegeben worden war.
    Es war ihm lieb, dass sein Dienst ihn an diesem Tage ganz in Anspruch nahm;
er mochte an den Schmuck nicht denken, und es blieb ja auch nichts übrig, als
sich die Angelegenheit aus dem Sinne zu schlagen. Er freute sich nur, dass er für
Cäcilie die Saphire schon gekauft hatte, er würde sonst vielleicht des Mutes
dazu ermangelt haben, und ganz ohne Schmuck durfte seine junge Frau in der
Gesellschaft auch nicht auftreten, wenngleich in diesen Zeiten sich gar Viele
solcher Zier aus Vaterlandsliebe entäussert hatten.
    Mit jedem Tage, den Renatus vorwärts ging, befestigte sich jetzt seine
Zuversicht, dass Alles sich notwendig zum Besten wenden werde, und in der Tat
nahten auch die Verhandlungen über den Verkauf der Güter sich einem günstigen
Abschlusse.
    Es war noch in der ersten Hälfte des September gewesen, als Paul von der
einen Seite und Steinert von der anderen nach der Provinzial-Hauptstadt kommend,
in dem einstigen Flies'schen Hause eingetroffen waren, das der Baurat Herbert
an sich gebracht hatte, als Herr Flies nach der Residenz gezogen war. Von Hause
aus vermögend und durch Eva's väterliches Erbe unterstützt, wie durch ihre
Sparsamkeit und Tüchtigkeit gefördert, war Herbert von den Zeitereignissen
verhältnissmässig weniger als die beiden anderen Männer in seinen Umständen
bedroht und beeinträchtigt worden. Auch die Feldzüge hatte er nicht mitgemacht.
Ein unglücklicher Fall, den er bei Besichtigung eines Baues einst getan, hatte
ihm einen Armbruch und in dessen Folge eine Schwäche des rechten Armes
zugezogen, die ihn zwar in seiner Tätigkeit nicht behinderte, es ihm aber doch
unmöglich gemacht haben würde, die Waffen zu tragen. Er und seine Eva hatten
sich also seit ihrer Verheiratung nicht viel getrennt, und wenn die
fünfzigjährige Frau den Titel und das Ansehen ihres Mannes auch sehr wohl zu
tragen wusste, so war ihr von der frischen Fröhlichkeit des Landmädchens doch
noch genug geblieben, um es Jedem wohl und behaglich werden zu lassen, der unter
ihrem Dache weilte.
    Jetzt besonders, wo ihr Aeltester, der, wie ihres Bruders Sohn, kaum dem
Knabenalter entwachsen, in das Feld gezogen, nun endlich wieder in die Heimat
zurückgekehrt war und wo sie Adam und Tremann zu Gästen hatte, war sie recht in
ihrem Elemente. Die schönen Augen blickten hell aus den weissen Spitzen ihrer
neuen Haube hervor, die breiten rosa Bindebänder umgaben das rundeste Kinn; und
die Grübchen in den freilich etwas zu stark gewordenen Wangen blieben den ganzen
Tag sichtbar, weil die glückliche Hausfrau aus dem still zufriedenen Lächeln
nicht herauskam. Jeder sollte es ganz nach seinen Bedürfnissen und Wünschen bei
ihr haben. Der Bruder musste seine Leibgerichte auf dem Tische finden, der Sohn
sollte es merken, dass es, wie schön es in Frankreich, in Berlin und in all den
grossen Städten und schönen Gegenden auch gewesen sein mochte, doch im Vaterhause
stets am besten sei; und daneben wollte Eva es dem Herrn Tremann auch beweisen,
dass man in der Provinz ebenfalls zu leben wisse.
    Die beiden Töchter, von denen die ältere auf Eva's ausdrückliches Verlangen
den Namen Angelika erhalten hatte und von der man in der Familie immer
behauptete, sie sehe der verstorbenen Baronin ähnlich, weil Eva vor der Geburt
dieses Kindes immer und immer daran gedacht hatte, dass dieses zweite Kind, wenn
es ein Mädchen sei, den Namen der Baronin führen solle, welche einst Eva's und
Herbert's Hände in einander gelegt hatte - die beiden Töchter gingen in stiller
Geschäftigkeit die Treppe hinauf und hinab. Sie trugen das Sonntagsgeräte, das
feine Krystall und die eingekochten Früchte auf die Tafel, die oben im Saale
schon gedeckt war; und unten in der Küche glänzte der Rehrücken, welchen
Steinert von Marienfelde mitgebracht hatte, schon in bräunlicher Farbe an dem
sich rastlos drehenden Spiesse, als in dem Arbeitszimmer des Baurats die drei
Freunde noch beratend bei einander sassen.
    Die Gutskarten, die Akten waren freilich schon bei Seite gelegt, die
Bedingungen des Kaufkontraktes, die Termine der Uebernahme und der Zahlungen
nach des Freiherrn Vorschlägen verabredet worden; auch die verschiedenen
Abkommen unter den drei Männern, welche die Güter gemeinsam kaufen wollten,
waren zum Abschluss gelangt. Die Steinbrüche jenseit Rotenfeld, der Torfstich
zwischen Rotenfeld und Neudorf sollten ebenso wie die Bewirtschaftung der
Güter und die Errichtung der Fabrik auf gemeinsame Kosten unternommen und
betrieben werden. Herbert selbst wollte die Leitung der Steinbrüche und die
Bearbeitung und Verwertung des Materials auf sich nehmen. Steinert's künftiger
Schwiegersohn, der in einer torfreichen Gegend heimisch und des Torfstiches
kundig war, sollte unter Herbert's Beistand zunächst die für solches Beginnen
nötigen Kanalarbeiten machen lassen, durch welche man dem ohnehin zu feuchten
Boden von Rotenfeld eine zweckmässige Ableitung zu verschaffen hoffte; und
sobald als tunlich sollten dann vornehmlich Oelpflanzen auf den Gütern angebaut
werden, da es eben auf die Gründung einer Oelfabrik in grossem Massstabe abgesehen
war, zu deren Vorstand man Steinert's Sohn bestimmte. Tremann lieferte den bei
Weitem grössten Teil der Kapitalien für dieses Unternehmen und behielt sich, des
kaufmännischen Betriebes in allen Fächern Meister, die Oberleitung über dasselbe
aus der Ferne vor, während seine Bankgeschäfte in der Hauptstadt ihren
ungestörten Fortgang hatten und ihn nach allen Seiten hin in den
weitverzweigtesten Verbindungen erhielten.
    Endlich war man so weit gediehen, dass Herbert die sämmtlichen Papiere
zusammenlegen konnte; die Geschäfte waren abgetan. Steinert füllte sich die
kurze Pfeife, an die er sich, wie mancher Andre, im Felde gewöhnt hatte, Paul
brannte sich eine der Cigarren an, die er von Jugend auf in Amerika hatte
rauchen lernen und deren Gebrauch sich jetzt mehr und mehr auch in Europa zu
verbreiten anfing. Nur Herbert rauchte nicht. Er hatte eine Flasche Wein
geöffnet, schenkte davon in die bereit stehenden Gläser und sagte: Auf gutes
Gelingen und dass es uns und den Unserigen wohl werde auf dem neuen Besitztum!
    Uns? wiederholte Tremann. Denken Sie denn Sich selbst nach einem der Güter
überzusiedeln?
    Herbert lächelte. Ich denke zwar nicht daran, sagte er; aber Sie wissen, es
heisst im Sprichwort: was die Frau will, das will Gott! Und ich werde, wie es mir
scheint, allmählich aus der Stadt und auf das Land geführt werden. Meine Eva ist
die Sehnsucht nach Feld und Flur nie recht los geworden. Obschon wir den grossen
Garten am Hause beibehalten und ich ihr hier auf dem Hofe die schönsten
Hühnerställe und einen Taubenschlag gebaut, ihr auch alle Sorten von Getier
hineingesetzt habe, fehlt ihr doch, wie sie behauptet, die freie Natur. Seit nun
von dem Ankaufe von Rotenfeld die Rede war, lässt's ihr vollends keine Ruhe
mehr, und ich denke, wenn mein Sohn gut einschlägt, wenn er seine Studien
beendet hat und sich Vertrauen erwirbt, so mag er hier künftig den Baumeister an
meiner Stelle machen. Er soll meine Arbeiten fortführen, meine Kundschaft erben,
und er mag uns denn als Altenteil das Rotenfelder Amtshaus ausbauen, wohin
meiner Eva Gedanken jetzt doch unablässig wandern werden.
    Steinert nickte dem Plane Beifall zu. Dass dies wahr werde, Schwager! sagte
er und stiess auf's Neue mit ihm an, während er sich mit der Hand den Rauch von
Tremann's Cigarre gegen das Gesicht wehte, um ihren Geruch zu prüfen. Woher
beziehst Du das Kraut? fragte er.
    Direkt von der Havannah, antwortete Paul. Willst Du davon haben, so stehen
Dir tausend Stück zu Diensten.
    Steinert meinte, er wolle ihn nicht berauben. Der Andere versicherte, dass er
in jedem Monate frische Zufuhr haben könne, da er Freunde in der Havannah habe,
die ihn wohl versorgten und mit denen er in fortdauernder Verbindung stehe. Er
schreibe ihnen ohnehin in wenigen Tagen, und wenn Steinert's Sohn, wie es ja im
Werke sei, seinen Rückweg über die westindischen Inseln einschlage, so könne der
am füglichsten eine gute Ladung für die ganze Verwandtschaft und Bekanntschaft
zu besorgen übernehmen.
    Der Junge wird sich wundern, sagte Steinert, und es glitt ein
selbstzufriedenes Lächeln über sein braunes Gesicht, wenn er erfährt, dass wir
die Güter kaufen! Und, dass ich es Euch ehrlich eingestehe, oft ist es mir selbst
eine Art von Wunder, wie die Welt sich um uns her gewandelt hat. Ich habe noch
den Grossvater des jetzigen Freiherrn gekannt. Der sass noch im Vollen und wie ein
Fürst in seinem Schloss. Wenn der jetzt aufstehen müsste! oder wenn mein Vater
aufstehen könnte!
    Ja, nahm Herbert, als jener mit einem nachdenklichen Kopfschütteln seine
Rede plötzlich abbrach, ja, nahm Herbert das Wort, das Hofhalten verstanden sie
vortrefflich. Noch als ich nach Richten kam, hatte Alles dort einen schönen und
würdigen Anstrich. Man betrachtete es gern, und doch hatte man schon damals das
Gefühl, dass die Axt geschliffen sei, den Baum zu fällen. Was man sah, waren
schöne Dekorationen, vor denen und hinter denen zwei ganz verschiedene Stücke
spielten, und eben darin lag etwas, was die Phantasie beschäftigte und verwirrte
und dem man sich nur schwer entzog. Es war gut für mich, dass der Kirchenbau mich
zu Euch nach Rotenfeld hinüberbrachte und in gesunde Luft. Mehr Liebe als an
diesen Kirchenbau habe ich sicherlich an keine meiner Aufgaben je gewendet.
    Die Erinnerung an seinen Jugendtraum stieg wie ein leuchtendes Gewölk vor
seinem inneren Auge auf; indes es zog schnell vorüber, und eben Herbert war es,
der gleich darauf die Frage aufwarf, was man denn jetzt mit der Kirche beginnen
werde.
    Steinert meinte, das sei selbstverständlich. Die protestantische Kirche in
Neudorf sei immer ein jämmerlicher Bau gewesen, aus Feldsteinen roh und elend
zusammengefügt, der hölzerne Turm seit lange dem Einsturze nahe. Innen hätten
die Russen die Kirche arg verwüstet; sie sei danach, wie die Umstände der
Gutsverwaltung es mit sich brachten, kaum auf das Notdürftigste hergestellt
worden. Nichts an der ganzen Kirche und an dem Pfarrhause sei niet- und
nagelfest. Man müsse also die protestantische Pfarre, was auch ohnehin bei der
Lage der Dörfer immer das Zweckmässigere gewesen sein würde, von Neudorf nach
Rotenfeld zu verlegen suchen. Die nötigen Schritte bei der Regierung müsse
Herbert, und wenn es etwa bis vor das Kultus-Ministerium und den König käme,
Tremann zu tun übernehmen. Die Gemeinde würde sie sicherlich unterstützen, denn
ihr, die sich eng und ärmlich habe helfen müssen, sei die prächtige und leere
katolische Kirche stets ein Dorn im Auge gewesen, und es sei, da in der ganzen
Gegend jetzt keine zehn Katoliken mehr zu finden wären, auch nicht die
geringste Notwendigkeit zur Erhaltung eines besonderen Gotteshauses für
dieselben mehr vorhanden. Nur wegen der Arten'schen Familiengruft habe es noch
Schwierigkeiten.
    In wie fern? fragte Paul, der diesen Erörterungen bis dahin schweigend
gefolgt war.
    Der Freiherr verlangt als eine der Verkaufsbedingungen, dass der Zugang zu
der Gruft von der Seite der Kirche vermauert werde, und er will, dass ihm und
seinen Nachkommen für ewige Zeiten der Besitz dieser Gruft mit dem sie
umgebenden, von dem eisernen Gitter eingehegten Garten, den die Gutsherrschaft
als Onus unterhalten soll, zugesichert werde.
    Paul schlug ungeduldig mit der flachen Hand auf den Tisch. Sie sind
unverbesserlich, aber ganz und gar unverbesserlich! rief er aus. Sie haben die
Geschichte der letzten dreissig Jahre vor sich und sie können sich das verdammte
Wort »ewig« nicht abgewöhnen; als ob sie nicht gerade daran zu Grunde gingen,
dass sie sich in den notwendigen Wechsel der Zeiten und der Dinge nicht fügen
wollen! Dieser junge Arten sieht es jetzt mit eigenen Augen, was es mit den
Dingen ist, die man für ewig gegründet zu haben glaubt. Sein Vater baute, einer
Stimmung zu genügen, eine Kirche, die für ewige Zeiten dem katolischen Kultus
und den religiösen Bedürfnissen seines Geschlechtes gewidmet sein sollte. Noch
kein Menschenalter ist seitdem verflossen, und die Kirche wird unser, und wir
beraten heute hier in kalter, verständiger Ueberlegung, was wir mit dem
Prachtbaue machen sollen, in welchem die Aufregung eines Tages sich ein ewiges
Denkmal zu setzen meinte. Noch weiss es jedes Kind im Dorfe, dass es die Herren
von Arten gewesen sind, welche die Kirche auferbauten, denn bis heute ist ein
Arten Besitzer derselben gewesen. Wer aber wird nach zwanzig, nach dreissig
Jahren daran denken, davon wissen? Ludwig der Sechszehnte und Marie Antoinette
sind guillotinirt, die Welt ist umgestaltet, ein Advokatensohn Kaiser und
Beherrscher der Herrschenden, seine Brüder sind Könige geworden, und Alle sind
sie niedergeworfen worden, als ihre Zeit vorüber gewesen ist - und dieser junge
Edelmann will ein ewiges Erbbegräbniss für die Gebeine seiner Väter, für die
Freiherren von Arten errichtet haben. Es ist abgeschmackt! - Er stand ärgerlich
auf.
    Du meinst also, dass man diese Bedingung nicht eingehen soll? fragte
Steinert.
    Warum nicht? Wenn der junge Arten die Unterhaltung der Gruft und des Gartens
übernehmen will! Richten liegt dazu nahe genug, und die paar Ruten Land können
wir entbehren.
    Es ist übrigens keine schwere Last, wendete Herbert ein, dem begreiflicher
Weise an der Erhaltung alles dessen gelegen war, was zur Zierde der Kirche
gereichte und mit ihrem Baue organisch zusammenhing; es ist keine schwere Last,
welche wir oder die Gemeinde mit der Erhaltung dieses Blumengärtchens auf uns
nehmen würden.
    Wir haben aber kein Recht, durchaus kein Recht, denen, die nach uns kommen
werden, eine Pflicht, wie leicht sie uns auch bedünken mag, aufzuerlegen, da sie
ihnen doch weniger leicht erscheinen könnte. Soll der Garten gepflegt werden, so
mag's geschehen, so lange wir die Herren der Güter sind, und ich für meine
Person habe keinen Grund, mich dem zu widersetzen. Aber was können unsere
Kinder, oder was werden diejenigen, die vielleicht nach diesen die Güter
erwerben, mit den Ewigkeitsgelüsten des Barons Renatus zu schaffen haben? Wir
haben kein Recht, willkürlich übernommene Gefälligkeiten als Verpflichtungen auf
Dritte zu vererben. Mag der Freiherr ...
    Du denkst als Kaufmann schon an den Verkauf der Güter, ehe wir sie noch
erworben haben, fiel Steinert ihm in das Wort, der wie ein rechter Landmann fest
an seiner Scholle hing; da freilich kann von Dauer oder gar von Ewigkeit auch
nicht die Rede sein, da ist nichts ewig!
    Paul lachte. Adam der Siebenundsiebzigste! rief er, schnell wieder heiter
geworden, den Freund an eine frühere Neckerei erinnernd. Aber beruhige Dich,
mein alter Freund, es gibt ein Ewiges, es gibt unumstössliche, ewige Wahrheiten;
nur dass gerade diejenigen, die für ihre Namen und für ihre Geschlechter und
Gebeine so gern auf die Ewigkeit vertrauen, von diesen ewigen, unumstösslichen
Gesetzen und Wahrheiten meist nicht gern sprechen hören und eben daran
untergehen.
    Was meinst Du damit? fragte Steinert, der trotz seines gesunden Verstandes
immer nur langsam dachte und langsam fasste.
    Es ist sicherlich eine ewige Wahrheit, dass zweimal zwei vier macht und dass
ich drei von zwei nicht abziehen kann! gab Paul ihm mit der früheren
Lebhaftigkeit zur Antwort. Ich habe diese unumstössliche und ewige Wahrheit schon
hier in diesem Zimmer einsehen lernen, als es noch dem alten Flies zum Laden
diente und die Neger und die Palmen und die Elephanten auf seinen Uhren und
Tafelaufsätzen mir eine kindische Sehnsucht nach den fernen Gegenden und
Weltteilen einflössten, in denen ich die Neger und die Palmen und die Elephanten
heimisch wusste. Aber was haben diese alten adeligen Geschlechter, die gleich den
Herren von Arten arbeitslos den Tag am Tage leben und dafür die Möglichkeit
einer ewigen Dauer erwarten, von jener ewig unumstösslichen Grundwahrheit
begriffen? - Nichts!
    Sie sind sehr streng, liebster Tremann! bemerkte Herbert, der um der Baronin
Angelika willen eine gewisse Vorliebe für ihren Sohn bewahrt hatte, welche
Steinert aus anderen Empfindungen und Erinnerungen gleichfalls mit ihm teilte.
    Soll ich nachsichtig gegen das Unvernünftige sein? entgegnete Paul.
    Du siehst nun aber doch, dass der junge Freiherr unserm vernünftigen Rate zu
folgen beginnt! gab Steinert ihm zu bedenken.
    Weil das Wasser ihm bis an die Kehle steigt! sagte Paul. Er darf nicht
stehen bleiben, er muss sich bewegen, er muss schwimmen oder untergehen. Wohl ihm,
wenn er sich oben zu erhalten weiss!
    Es entstand eine Unterbrechung in dem Gespräche. Nach einer kleinen Weile
meinte Steinert: Ein guter Wirt ist der junge Arten freilich auch noch nicht!
    Sieh, fuhr Paul auf, das ist's, was mich so empört! Es ist so einfältig,
zwei Taler für dasjenige auszugeben, was man für einen erlangen kann; es ist
sinnlos, sich der Mittel für ein künftiges freies Wollen zu berauben. Es ist so
dumm, so unverantwortlich dumm, ein Verschwender zu sein. Jeder Schulbube hat
einem solchen gegenüber, mag er sein, was er immer wolle, das unbestreitbare
Recht, ihm sein »Drei von zwei kann ich nicht abziehen« in das Gesicht zu
schleudern. Leichtsinnige Verschwendung ist nicht einmal ein Laster. Sie ist nur
eine Dummheit, die aber den Charakter mit Notwendigkeit verdirbt und die den
Menschen, wenn er nicht von ihr ablässt, früher oder später ehrlos machen muss.
Sie ist mir verächtlich!
    Es widersprach ihm Niemand von den Andern. Sie waren beide auch Männer,
welche die Arbeit kannten und an ihr den Erwerb hatten schätzen lernen, Männer,
welche es wussten, was die innere Freiheit, die bürgerliche Unabhängigkeit wert
sei; die ihren Stolz darein setzten, sie, wenn es sein musste, auch mit schweren
Entbehrungen zu erkaufen, und sie hatten sammt und sonders Freude an der Arbeit
selbst, wie an ihrem Berufe. Steinert vor Allen war von dem seinigen so
eingenommen, dass er unbedenklich annahm, ein Jeder müsse danach trachten, früher
oder später aus den Städten auf das Land, in die freie Natur hinaus zu kommen,
um wenigstens am Abende seiner Tage, wie er es nannte, mit dem Herrgott
gemeinsam für des Lebens Notdurft zu arbeiten, und um mit der Erde wie mit dem
Himmel ordentliche Bekanntschaft gemacht zu haben, ehe man von ihr scheiden muss.
Er kam also, wie sie nun länger bei einander sassen, mit grosser Zufriedenheit auf
den Gedanken seines Schwagers, sich vielleicht später in Rotenfeld anzusiedeln,
zurück und fragte Tremann, ob ihn nicht auch bisweilen das Verlangen nach freier
Natur überkomme, ob er nicht auch die Neigung hege, einmal Grundbesitz zu
erwerben, wie ....
    Wie meine Altvordern? fiel ihm Paul in die Rede, der vor diesen beiden
Freunden einen solchen Scherz zu wagen kein Bedenken trug. Aber schon im
nächsten Augenblicke sagte er: Es ist gewiss etwas Schönes und Erfreuliches
darum, wenn wir ein Stück Erde unser eigen nennen können, und ich habe mich auch
beeilt, sobald es für mich tunlich war, mir Haus und Hof für mich und die
Meinigen zu erwerben, denn eigenes Haus ist doppelte Heimat. Aber es ist
zuletzt doch nicht der Boden, sondern es ist vor Allem unser Zusammenhang, unser
Zusammenwirken mit den anderen Menschen, durch die wir uns den rechten
Mittelpunkt für das eigene Dasein erschaffen. Wenn ich mir also auch nicht, wie
Du, mein alter Freund, etwas auf das direkte Zusammenarbeiten mit einem höheren
Wesen, das ich mir nun einmal nicht zu denken vermag, zu Gute tun kann, so
erwächst mir doch aus meinem Berufe eine andere und vielleicht nicht geringere
Genugtuung.
    Gewiss! bekräftigte Herbert. Schon als ich Sie vorhin so beiläufig Ihrer
Verbindungen in der Havannah erwähnen hörte, als handle es sich dabei um den
Verkehr mit irgend einer Nachbarschaft, trat es mir wieder einmal entgegen, wie
farbenreich das Leben eines Kaufmannes sein müsse.
    Das Beiwort, welches Sie brauchen, verrät den Sinn des Künstlers, meinte
Paul. Indes es ist doch noch etwas Anderes, was mich von meinem Berufe so gross
denken und ihn immer aufs Neue lieben macht. - Er hielt einen Augenblick inne
und sagte dann: Der Handel ist für die Menschheit so notwendig wie die Luft,
die wir atmen, und wie diese ist er eine grosse, bewegende Kraft. Wie ein
geübter Steuermann auf offenem Meere steht der Kaufmann in der Handelswelt fest
auf seinem Platze. Die stille Mondnacht, die sanft hingleitende Woge dürfen
seine Wachsamkeit nicht einschläfern, der Aufruhr der Elemente und das Toben des
Sturmes seinen Sinn nicht verwirren; denn nicht allein sein eigenes Wohl und
Wehe, das Wohl und Wehe Anderer ist seiner Hand anvertraut. Mitten im tobenden
Kampfe, mitten im wilden Kriege muss er des Friedens und der Ruhe, in der Ruhe an
die Möglichkeit des Kampfes denken. Er muss das Bedürfnis des Augenblicks
erkennen, das Bedürfnis der Zukunft voraussehen. Um die eigene Sicherheit, den
eigenen Wohlstand zu begründen, muss er jeden vorhandenen Mangel zu erraten
wissen und ihm abzuhelfen trachten. Wo ein Überfluss sich zeigt, wo eine Not
sich fühlbar macht, tritt er ein. Nord und Süd, Ost und West treffen in seinem
Geiste zusammen, erhalten ihre Ausgleichung und ihre Vermittlung durch seinen
unternehmenden Sinn, und wie er bei den grossen geschichtlichen Ereignissen ihre
Ausführung ermöglichen hilft, so begegnet er dem alltäglichen Anspruche in der
entlegensten Hütte. Was der grübelnde Forscher entdeckt, was der tiefsinnige
Denker ergründet, der Kaufmann versucht, es für die Allgemeinheit durch seine
Tätigkeit nutzbar zu machen. Alles Vorhandene muss ihm dienen, weil auch er sich
allem Vorhandenen dienstbar macht; und der Handel wird es auch jetzt wieder
sein, der Kaufmann wird es sein, welcher jenen gewaltigen Erfindungen, welcher
der Benutzung der Dampfkraft, wie sie in England und Amerika schon jetzt im
Gange ist und wie wir sie in unserer Neudorfer Fabrik bald selbst anwenden
werden, jene Ausbreitung über den ganzen Erdball sichert, durch welche sich
Zustände und Verhältnisse entwickeln können, die wir noch kaum vorauszusehen
vermögen, obschon sie vielleicht eine ganz neue Zeit für die Menschheit
heraufzuführen geeignet sind.
    Er brach nachsinnend ab; aber die beiden Anderen, von Paul's Begeisterung
für seinen Beruf mit ihm fortgerissen, erwarteten schweigend, ob er nicht weiter
sprechen würde. Es war selten, dass er sich in solcher Weise gehen liess, denn er
war durch seine grosse Tätigkeit gewohnt, sich in der Unterhaltung meist nur auf
das Tatsächliche zu beschränken, und es überraschte ihn selbst, als er so warm
geworden war.
    Es muss wahrhaftig hier in diesem Zimmer liegen! rief er wohlgemut, als
Herbert seine schöne Wärme pries. Als Knabe schwärmte ich hier für eine Zukunft,
die mir in nebelhaft wechselnden, aber stets sehr phantastischen Bildern vor den
Augen schwebte; nun, am erreichten Ziele, im Mannesalter schwärme ich für meinen
Beruf und sehe in neuen Nebelbildern eine neue Zeit für die ganze Menschheit
erstehen. Steinert begnügt sich doch wenigstens, mit einem Schöpfer gemeinsame
Sache zu machen; ich möchte schaffen aus eigener Gewalt, und wer ein Kaufmann in
grossem Sinne sein will, muss in der Tat ein Stück Allwissenheit für sich zu
erringen trachten, denn wir sitzen vor allen Anderen, wie es der Dichter singt,
auch mit an dem sausenden Webstuhl der Zeit und wirken, wenn auch nicht der
Gotteit, so doch der Menschheit lebendiges Kleid.
 
                              Dreizehntes Capitel
Am ersten Oktober sollte die Uebergabe der beiden Artenschen Güter an ihre neuen
Besitzer vor sich gehen und gleichzeitig auch die Verpachtung von Richten an den
bisherigen Amtmann ihren Anfang nehmen. Das veranlasste den jungen Freiherrn, von
seiner künftigen Schwiegermutter die Festsetzung des Hochzeitstages in die
dritte Woche des Septembers zu begehren, und die Gräfin widersprach diesem
Wunsche nicht.
    Sie fand es natürlich, dass Renatus noch in der Kirche getraut zu werden
wünschte, so lange sie sein eigen war, und ihr selbst war daran gelegen, so bald
als möglich mit Hildegard zusammenzutreffen, die, aus dem Bade zurückgekehrt,
nicht füglich länger bei ihrer Freundin in dem Stifte verweilen konnte.
    Weil man es unter den obwaltenden Umständen in keiner Rücksicht angemessen
fand, eine grosse Feierlichkeit bei der Hochzeit zu veranstalten, hatte man keine
besonderen Vorkehrungen für dieselbe zu treffen. Renatus hatte seinen ältesten
Oheim, den Majoratsherrn Grafen Felix Berka, aufgefordert, Zeuge seiner
Vermählung zu sein; indes derselbe hatte geschrieben, dass ein Unwohlsein ihn
daran hindere. In früheren Jahren würde Renatus gegen eine solche Angabe keinen
Zweifel gehegt haben; jetzt fragte er sich, ob sein Oheim wirklich krank sei
oder ob er nur eine Krankheit vorschütze, um einem Begegnen mit dem Neffen und
einem Besuche in Richten auszuweichen, und leider irrte er sich in dieser
Voraussetzung nicht.
    Der Graf war immer ein guter Haushalter gewesen, und Erfahrung hatte ihn
klug und noch vorsichtiger gemacht. Die Arten'sche Lebensweise hatte seinem
Sinne nie zugesagt; er hatte die zweite, späte Heirat seines Schwagers, des
Freiherrn Franz, eben so missbilligt wie die frühzeitige Verlobung von Renatus,
dessen jetzige Handlungsweise er vollends hart beurteilte; und eben weil er
gern auf seiner Hut war, weil er sich gern berühmte, ein tüchtiger Landwirt zu
sein und wie ein solcher auch seinem einfachen Bauernverstande zu folgen, hielt
er es für geraten, die Hand von einem Wagen loszulassen, der von einer Höhe in
das Hinunterrollen gekommen war.
    Renatus hatte Tag und Stunde seiner Ankunft festgesetzt, Cäcilie und Valerio
waren ihm bis zu dem bekannten letzten Anhaltspunkte entgegengeritten, und da
der warme Mittag des sonnigen Herbsttages es ihm möglich gemacht hatte, das
Verdeck seines Wagens zurückschlagen zu lassen, sah und erkannte er die Geliebte
schon von Weitem. Er war glücklich, als er die schlanke und doch so volle
Gestalt vom Pferde hob, glücklich, als er sie nach den Tagen eines schmerzlichen
Entbehrens wieder in seine Arme schloss, als er sie neben sich im Wagen hatte und
ihr von den mannigfachen Mühen und kleinen Plagen erzählen konnte, welche er für
ihr künftiges Wohlbefinden in der gemeinsamen Heimat getragen hatte.
    Indes diese Zufriedenheit verminderte sich, als man auf die Arten'schen
Güter kam; denn unwillkürlich drängte es sich dem jungen Freiherrn in den Sinn,
dass dies gleichsam Cäciliens Brautfahrt sei und wie ganz anders sein Vater einst
seine Mutter in Richten eingeführt habe. In mancher guten Stunde seiner Kindheit
hatte die Mutter ihm mit gerührter Erinnerung davon erzählt, wie die Schulzen
und Schulmeister der Dörfer, geführt von dem Neudorfer greisen Pfarrer und von
der ganzen Schaar der Kinder gefolgt, sie unter der Ehrenpforte begrüsst, die man
an der Grenze der Güter zu ihrem Empfange aufgerichtet hatte. Wer aber von den
Bauern und Instleuten machte heute in Neudorf und Rotenfeld Vorbereitungen für
die am nächsten Morgen bevorstehende Hochzeit des jungen Freiherrn? Sie wussten,
dass die Uebergabe der Güter in wenig Tagen vor der Tür stand, und wenn sie von
dem jungen Herrn auf ihre Weise auch viel hielten, so war es ihnen doch
willkommen, den jetzigen Amtmann los zu werden und es künftig wieder mit einem
von den Steinert's zu tun zu haben, die auf den Gütern heimisch waren und es
wussten, was möglich sei und was einmal nicht möglich sei.
    Cäcilie konnte nicht begreifen, was ihren Bräutigam so ernstaft stimme, was
die weiche, wehmütige Zärtlichkeit bedeute, mit der er sie umarmte und
behandelte, und er liebte sie so sehr, dass er ihr's nicht sagte. Aber diese
Liebe ward ihm selbst zum Troste und zur Beruhigung, denn in ihr, in seiner
Reinheit, in seinem ungeteilten Empfinden konnte er seiner künftigen Gattin
bieten, was sein Vater seiner Mutter nicht hatte gewähren können, und er gelobte
es sich fest, dass Cäcilie glücklicher, als seine Mutter es gewesen, dass seine
Ehe eine schöne und würdige werden solle. Sein Wille, seine Vorsätze waren die
allerbesten.
    Er hatte an dem Tage noch eine Menge alter Familienpapiere zu ordnen, die er
mit sich nach der Stadt zu nehmen wünschte, und Cäcilie, vor der er kein
Geheimnis hatte, leistete ihm dabei freundlich ihren Beistand. Dieses erste
gemeinsame Arbeiten half ihm über das Unbehagen fort, das ihn bei dem Eintritte
in die altbekannten Räume zuerst befallen hatte, denn eben aus dem Arbeitszimmer
seines Vaters und aus den eigentlichen Wohnzimmern hatte er die Möbel und
Kronleuchter, die Bilder und die Zieraten in seine künftige Wohnung hinüber
genommen, und die leeren Gemächer starrten ihn mit kalter, vorwurfsvoller Oede
an. Er war froh, als er seine Arbeit beendet, als er die notwendigen
Besprechungen mit dem Amtmanne gehabt hatte, und als er gegen den Abend hin sein
müdes Haupt in Vittoria's Zimmer an den Busen seiner Cäcilie lehnen, und an
ihrer Schulter ruhen lassen konnte.
    Die Gräfin sah er wenig. Sie war den ganzen Nachmittag in ihrer Wohnung
geblieben, sie schrieb an Hildegard; die Neuvermählten sollten am anderen Tage
die Briefe bis zur Hauptstadt mit sich nehmen.
    Die Trauung war gleich auf den nächsten Mittag festgesetzt, denn Renatus
hatte nur einen möglichst kurzen Urlaub fordern mögen. Der Morgen brach mit
leichtem Nebel an, aber die strahlende Freude seiner Braut ersetzte für den
Bräutigam das Licht der Sonne, das nicht recht zum Vorschein kam. Cäcilie liess
hier in Richten nichts zurück, wonach ihr Herz sich sehnen konnte, und ihre
höchsten Wünsche sollten heute in Erfüllung gehen. Sie wurde wider all ihr
Hoffen und Erwarten dem Manne verbunden, den sie von frühester Jugend an geliebt
hatte, und sie kehrte mit der Aussicht auf die erwünschtesten Verhältnisse in
die Stadt zurück, nach der ihre heimliche Sehnsucht nie erloschen war. Freilich
sah sie den Schatten, der sich oft über des Geliebten klare Stirne senkte, aber
sie beunruhigte sich darüber nicht. Es dünkte sie ganz natürlich, dass er, der
andere Rückerinnerungen hatte, sich dieser eben heute nicht erwehren konnte. Sie
glaubte, es sei der Gedanke an Hildegard, der ihn bewege, und sie missgönnte das
der Schwester nicht.
    Sie sprach das dem Bräutigam auch aus. Er nannte sie ein schönes Herz, er
küsste sie, er verhiess ihr, dass sie dieses Tages stets mit Freude denken solle,
aber seine Wehmut wollte doch nicht schwinden.
    Ihn zu erheitern, schlug sie ihm vor, als Brautleute noch einen letzten
Spaziergang zu machen. Er zeigte sich bereit dazu. Arm in Arm gingen sie aus dem
Parke in das Freie hinaus.
    Der Sommer war sehr günstig gewesen. Grosse und lang andauernde Wärme hatte
mit reichlichem Regen abgewechselt und das Wachstum der Bäume wie das Reifen
der Frucht ungewöhnlich gefördert. Alles war in diesem Jahre, wie der Amtmann es
dem jungen Freiherrn im Frühlinge richtig vorausgesagt hatte, mächtig vorwärts
gekommen, Alles früh geerntet worden; aber weil die Wärme noch im Herbste
fortdauerte und überall noch neues Leben erschuf und das Vorhandene erhielt,
merkte man es nicht sonderlich, dass die Felder schon kahl waren und das Laub an
den Bäumen sich je nach seiner Weise rot und gelb gefärbt hatte. Wo es zur Erde
fiel, wuchs noch überall frisches, neues Gras empor und verdeckte den
Niederfall, so dass die welken Blätter nur wie Blumen aus dem Grün hervorsahn
und das Abgestorbene selbst nur dazu beitrug, das Lebendige zu verschönen. Ueber
den grünen Kronen der Eichen und Linden leuchteten die Wipfel schon herbstlich
gelb, und feuerrot umgaben die Blätter des wilden Weines, mit seinen
langstengligen violetten Trauben, den von unzähligen Silberfäden übersponnenen
Schlehdorn, der auf den Rainen zwischen den einzelnen Feldern wuchs und grünte.
    Der Tag hellte sich selbst gegen den Mittag nicht vollkommen auf, aber die
Luft war mild. Der feine Nebel, der über der ganzen Gegend liegen blieb, hatte
noch nichts Herbstliches an sich. Nur wie ein vorübergehender Gast zog er durch
die Gegend, man fühlte, dass er noch nicht schwer und dicht genug sei, sich
dauernd in ihr festzusetzen. Er zog gewiss in wenig Stunden fort.
    Ach, auch Renatus zog in wenig Stunden fort, und wenn er wiederkehrte - war
dies alles nicht mehr sein!
    Wie ihr Weg sich wendete, kam der Duft der letzten Heumahd zu ihnen herüber,
traf der Geruch des abwelkenden Kartoffelkrautes hier und da den Sinn. Auf den
frisch geackerten Feldern streiften Dohlenschwärme hüpfend umher, die Nahrung zu
suchen, welche Pflug und Egge für sie aus der Tiefe hervorgeholt hatten, und
schwangen sich dann rauschend in die Luft, im schnellen Fluge einen andern Acker
zu besuchen. Hier sprang ein Hase mit gespjetztem Ohr in weiten Sätzen durch ein
Kohlfeld in das Weite, dort schoss aus einem Kartoffelfelde, dicht vor den Augen
der Frauen, welche die Ernte in Säcke einsammelten, ein Volk Rebhühner, den Hahn
an der Spitze, knatternd empor. Die Gänse auf dem nahen Stoppelfelde reckten
darüber verwundert die Hälse in die Höhe, und bellend folgte ihnen der Hund des
Verwalters, der die Aufsicht über die Ernte führte.
    Welch prächtige Jagden hatte man zu des verstorbenen Freiherrn Zeiten auf
diesen Feldern gehabt! Welch lustige Jagden noch in den Jahren, als Renatus mit
seinem Regimente vor dem russischen Kriege nach Richten gekommen war!
    Er musste sich heute der rückblickenden Gedanken zu entschlagen suchen, sie
taten ihm nicht wohl; an den Genuss der Stunde musste er sich zu halten suchen,
und sie sahen ja auch so schön aus, diese rotblühenden Tabacksfelder, sie waren
ihm schon in seiner Kindheit mit den fremdländischen Blättern und Blüten eine
Augenlust gewesen.
    Die Vögel sangen noch in den Zweigen, aber sie lockten nicht mehr. Es war
Alles erreicht, Alles gesättigt. Es lag die sanfteste Ruhe über der Gegend, jene
Ruhe, die es erraten lässt, dass die Stunde des Schlummers nicht mehr fern ist
und dass er sich bald herniedersenken werde. Die schwermütige Empfindung des
Freiherrn wurde immer mächtiger. Er hatte stets ein lebhaftes Gefühl für die
Schönheit der Natur gehabt, und sie war ihm nirgends lieblicher, nirgends
anmutender erschienen, als auf dem Boden, den er sein eigen genannt hatte bis
auf diesen Tag. Jetzt erst gewahrte er, wie viel Anteil er in diesem letzten
Sommer mittelbar an den wechselnden Beschäftigungen auf den Gütern genommen
hatte, wie viel Freude das Wachsen und Gedeihen dessen, was sein gewesen, ihm,
fast ohne dass er sich dessen bewusst gewesen war, bereitet hatte. Er musste seiner
Braut den Vorschlag zur Heimkehr machen, wenn er sie nicht erkennen lassen
wollte, was in ihm vorging - und es war ja ihr Hochzeitstag.
    Um zwei Uhr fuhr man nach der Kirche. Vorauf der Edelmann, mit welchem
Renatus bei Steinert gewesen war, und ein anderer seiner näheren Bekannten aus
der Nachbarschaft. Sie waren die Trauzeugen des freiherrlichen Paares. Dann die
Gräfin und Vittoria mit ihrem Sohne: das Brautpaar machte den Schluss.
    Sonst hatten die Landleute sich von der katolischen Kirche fern gehalten,
heute war sie voll von Menschen. Sie waren aus allen drei Dörfern
herbeigekommen, der Trauung beizuwohnen, den jungen Herrn noch einmal zu sehen;
und sie, die trotz ihrer verhältnissmässigen Armut sich die lustige Hochzeit
nicht leicht versagten, hatten Mitleid mit dem Freiherrn, der nicht mehr ihr
Herr war. Es war anders gewesen vor jenen Jahren, als der Vater und vollends als
der Grossvater des jungen Freiherrn geheiratet hatten. Es lebten noch alte
Leute, die von ihren Eltern davon erzählen hören, wie dazumal die Wagen
vorgefahren waren vor das Schloss, wie das ganze Schloss und der Park erleuchtet
gewesen waren und die grossen Pechtonnen überall gebrannt hatten.
    Etwas von diesen Erinnerungen mochte wohl auch in dem Geiste des Bräutigams
wieder lebendig werden. Er war sehr ernst, das war natürlich; aber er war
auffallend bleich. Was er dachte? Er konnte es in diesem Augenblicke nicht
sagen; indes Cäcilie verstand ihn, und es ging ihr tief zu Herzen, als der
Geistliche sie für die Ehe einsegnete und sie den festen treuen Druck von des
Geliebten Hand empfand.
    Auf gute und auf böse Tage, für Leben und Tod sollte dieses unauflösliche
Testament sie verbinden, und Renatus wusste was er damit übernahm, und war in
sich entschlossen, es zu halten. Seit er zu einem eigenen Urteile gekommen war,
hatte er immer gross von der Ehe gedacht, und seine Liebe für Cäcilie machte ihm
zum Glücke, was er ohnehin als seine Pflicht erkannte.
    Durch das hohe Portal des schönen Baues fiel hell die Sonne herein, als das
Brautpaar, vom Altar kommend, in das Freie trat. Sie war zum ersten Male an
diesem Tage zum Durchbruche gekommen.
    Das soll uns ein gutes Zeichen sein, sagte Renatus zärtlich, fasse Mut wie
ich, wir werden glücklich sein!
    Die Worte erschreckten Cäcilie. Sie hatte nie an ihrem Glücke gezweifelt,
sie war glücklich und es freute sie Alles: der Sonnenschein und die Glückwünsche
der beiden sie begleitenden Freunde, welche sie Frau Baronin nannten, und der
Zudrang der Frauen aus den Dörfern, die ihr schönes Hochzeitskleid so nahe als
möglich sehen wollten, und das oft wiederholte: Leben Sie wohl, gnädiger Herr!
Leben Sie wohl, gnädiger Herr! - bei dem die Alten weinten und das dem Freiherrn
fast das Herz zerriss.
    Während man noch unter dem Portale stand und der Wagen vorfuhr, fielen die
Augen der jungen Frau auf das Gärtchen, welches die Gruft umgab. Die weissen
Rosen, welche der verstorbene Kaplan dort nach dem Kriege neu gepflanzt hatte
und zu deren Füssen er begraben worden war, blühten, von dem milden Herbste
begünstigt, noch in voller Pracht. Auch Renatus hatte seine Blicke dortin
gewendet. Sollte dieser kleine Raum doch bald das Einzige sein, was ihm von dem
Besitze der beiden grossen Güter Neudorf und Rotenfeld verblieb; und als errate
seine junge Frau, was in seinem Innern vorging, sprach sie den Wunsch aus, eine
von diesen weissen Rosen zum Andenken mit sich zu nehmen.
    Valerio eilte, einen Zweig zu brechen, und reichte ihn der Schwägerin, wie
er Cäcilie mit Selbstbewusstsein nannte; als sie die Blume aber an ihrer Brust
befestigen wollte, hielt Renatus sie davon zurück. Die weisse Rose hatte in dem
Artenschen Geschlechte, wie Mamsell Marianne ihm als Knaben erzählt, immer eine
traurige Bedeutung für die Frauen gehabt; er wollte nicht, dass seine Frau sich
heute, eben heute mit den weissen Rosen schmücken sollte, die vor der
Familiengruft erwachsen waren, und ihr die Rose abnehmend, steckte er sie in das
Knopfloch seines Rockes. Selbst den Schatten einer übeln Vorbedeutung wollte er
von dem Weibe abwenden, das er liebte und das sich und seine Wohlfahrt ihm für
die Zukunft anvertraute.
    Das Mittagbrod war, weil die eigentlichen Empfangszimmer jetzt der gehörigen
Einrichtung entbehrten, in dem Ahnensaale hergerichtet worden. Man hatte ihn mit
Laub und Blumen freundlich aufgeschmückt, aber er war zu gross, viel zu gross für
die kleine Tafel, für die geringe Anzahl von Personen, und Renatus wie seine
beiden Freunde empfanden dieses Missverhältnis lebhaft. Die Trinksprüche, welche
sie auszubringen für Pflicht erachteten, die Erinnerung an die Ahnenreihe, die
man eben in diesem Raume bei solchem Anlasse wachzurufen kaum unterlassen
konnte, hatten etwas Peinliches für alle Teile, und die schlecht verhehlte
Traurigkeit, die bei jedem Anlasse hervorbrechenden Tränen der Gräfin, waren
auch nicht dazu angetan, dem jungen Freiherrn die Seele zu befreien. Er wusste,
wem vor Allen diese Tränen flossen. Das Einzige, was ihm das Herz erhob, war
Cäciliens ungetrübte Freude, war die Hingegebenheit, mit welcher sie in seine
Arme sank.
    Er war froh, als er am andern Tage sein Schloss verlassen hatte, als die
Grenzsteine der Arten'schen Güter hinter ihm lagen und er mit seinem jungen
Weibe einem eigenen, neuen Leben entgegenging. Das öde gewordene Schloss hatte
allen heimatlichen Reiz für ihn verloren, es war ihm nur noch eine traurige
Mahnung an bessere Tage gewesen, und er hatte die Stunde, es zu verlassen, kaum
erwarten können.
    Die jungen Eheleute legten den Weg nach der Residenz so schnell zurück, als
die damaligen Verhältnisse es gestatten wollten. Cäciliens tüchtige Gesundheit
hatte eine solche Anstrengung nicht zu scheuen, und Renatus war nicht mehr sein
eigener Herr. Der Dienst nötigte ihn, Zeit und Stunde einzuhalten.
    Voll der hellsten Erwartungen langte die junge Frau in der Hauptstadt an,
und ihres Gatten Liebe hatte all ihr Hoffen zu übertreffen gewusst. Gegen das
weite, in jedem Sinne unwirtlich gewordene Schloss nahm sich das wohnliche
Stadtaus um so freundlicher aus, und selbst den Freiherrn wollte es bedünken,
als geniesse er die Gegenstände, welche er aus Richten hieher verpflanzt hatte,
hier mehr als dort, weil man sie näher beisammen hatte. Cäcilie aber, die sich
erst jetzt als die Besitzerin dieser Einrichtung zu denken anfing, die nebenher
ihrem Gatten für die vorsorgliche Grossmut zu danken hatte, mit welcher er allem
ihrem Bedürfen begegnet war, kannte in ihrer Freude keine Grenze, und das
Bewusstsein, hier von jetzt an unumschränkte Herrin zu sein, Alles nach eigenem
Gefallen und Ermessen ordnen und bestimmen zu können, gab ihr schnell ein
gewisses Selbstgefühl, das ihr sehr wohl anstand.
    Wohin Renatus mit seiner jungen Gattin in den ersten Tagen kam, auf den
Spaziergängen, bei den Fahrten im Parke, im Teater und in dem zufälligen
Zusammentreffen mit seinen näheren Bekannten, sah er es mit Genugtuung, wie die
Blicke der Männer ihr wohlgefällig folgten, wie die unverhohlene Äusserung ihres
Vergnügens ihr schnell die Neigung aller derjenigen Personen gewann, welche sich
an der Natürlichkeit und Ursprünglichkeit eines Andern zu erfreuen vermögen;
aber es entging ihm daneben nicht, dass die Frauen ihr die gleiche Gunst nicht
angedeihen liessen. Ihr selber fiel es auf, wie geflissentlich man sich danach
erkundigte, ob ihre Mutter auch nach der Hauptstadt kommen werde, ob sie der
Trauung beigewohnt habe, oder ob dieselbe bei ihrer leidenden Tochter im Stifte
gewesen sei. Und ehe Cäcilie noch auf solche Fragen Antwort erteilen konnte,
war man in der Regel in eine so übertriebene Lobpreisung der abwesenden
Schwester verfallen, dass sie zu einer Kränkung für Cäcilie wurde.
    Es ist unerträglich! rief Renatus ungeduldig aus, als er seine Frau einer
ihrer Anverwandten zugeführt hatte, welche Ober-Hofmeisterin und von dem Könige
wohl gelitten war. Diese Heiligsprechung Deiner Schwester soll mir und Dir ein
Vorwurf sein, und wir danken sie ohne Frage eben so wohl Hildegarden selbst als
Deiner Mutter und meinem Oheim Gerhard! Wir werden nötig haben, auf unserer Hut
zu sein!
    Cäcilie, welche die Welt nicht kannte, wollte davon nichts hören. Sie war in
dem Besitze ihres Gatten so wohlbefriedigt, dass sie der Schwester, welche solch
ein Glück entbehrte, jede Anerkennung, dass sie ihr alles, was dieselbe nur
irgend erfreuen konnte, von ganzem Herzen wünschte, und ein förderliches
Ereignis kam dazu, Cäciliens unbedingtes Vertrauen in ihre Zukunft zu erhöhen
und zu festigen.
    In den Regimentern, welche eben jetzt erst aus Frankreich zurückgekehrt
waren, fand die erwartete Entlassung der älteren Offiziere Statt, und da auch
einige jüngere Offiziere nach dem beendeten Feldzuge den Abschied forderten,
erhielt Renatus kurz nach seiner Hochzeit und wenige Tage, nachdem die Uebergabe
seiner Güter an ihre neuen Eigentümer erfolgt war, seine Ernennung zum Major.
    Er hatte darauf mit einer gewissen Sicherheit rechnen können, dennoch
überraschte ihn das Zutreffen dieser Voraussicht angenehm. Er gewann damit eine
neue, selbsterworbene Bedeutung in dem Augenblicke, in welchem er auf den
grösseren Teil seiner ererbten Güter hatte verzichten müssen, und der Besitz des
neuen Grades würde ihn noch mehr befriedigt haben, wäre durch die Erlangung
desselben nicht seinem Selbstgefühle eine Beschränkung auferlegt worden, die er
vielleicht in keinem andern Zeitpunkte als eine solche angesehen haben würde,
gegen die er aber eben jetzt empfindlich war.
    Er war sehr jung Offizier geworden, hatte im Felde die fortschreitenden
Grade und frühzeitig die Schwadron erhalten; aber er war der Gesellschaft
gegenüber und überall, wo er sich nicht im militärischen Dienste befunden hatte,
der Freiherr von Arten geblieben. Niemand hatte ihn Lieutenant oder Rittmeister
genannt, seine persönliche Bedeutung als ein Edelmann aus altem Hause hatte über
seinem Amte gestanden. Er hatte auch seinen Dienst immer nur als eine freiwillig
übernommene Leistung angesehen, von der er sich entbinden konnte, sobald es ihm
beliebte, sich auf seine Güter zurückzuziehen und dort in der vollen
Unabhängigkeit des grundbesitzenden Edelmannes seine Tage zu verleben. Das
Gehalt, welches er als Offizier bezogen, war ihm stets unwesentlich erschienen
neben den standesmässigen Bedürfnissen eines Freiherrn von Arten-Richten, und er
hatte sich und Anderen oft den Ausspruch seines Vaters wiederholt: dass ein
Edelmann immer dem Könige ein Opfer bringe, wenn er, fern von seinen Gütern im
Heere dienend, auf alle die Annehmlichkeiten verzichte, deren er in seinem
Schloss und auf seinem Grund und Boden sicher sei, während er in der Stadt zu
einem Geldaufwande genötigt werde, welcher in gar keinem Verhältnisse zu seinem
Solde stehe.
    Jetzt aber war das alles anders geworden. Renatus konnte zwar noch an jedem
Tage den Abschied nehmen, um als ein Landedelmann auf seinem Grunde und Boden zu
leben; aber die Ausdehnung dieses Grundes und Bodens war nicht mehr die alte, er
war kaum noch zum dritten Teile sein eigen, und selbst über dieses Dritteil
seines einstigen Besitzes hatte er nicht mehr die Möglichkeit einer völlig
freien Verfügung. Nur im Schloss und im Parke konnte er noch nach seinem
Belieben schalten, und auch das Schloss war jetzt nicht mehr die alte wohnliche
und prächtige Heimat, nach welcher seine Gedanken, wo er sich auch befunden
hatte, immer gern gewandert waren. Die Eindrücke, welche er in seiner letzten
Anwesenheit in Richten empfangen hatte, waren ihm sehr quälend gewesen. Die
blosse Vorstellung, durch Neudorf und durch Rotenfeld als ein Fremder hinfahren
zu sollen, widerstrebte ihm. Er mochte auch mit dem Amtmanne nichts zu tun
haben, der für sechs Jahre jetzt in Richten Herr war, er würde sich in seinem
Parke wie ein Gefangener erschienen sein, da er ausserhalb desselben nicht mehr
unumschränkt gebot, mit Einem Worte, er mochte nicht mehr gern an Richten
denken, es hatte aufgehört, die Heimat für ihn zu sein, und sein Majorsgehalt
war jetzt nicht mehr ein unwesentlicher Teil in seinen Einkünften, er war auf
dasselbe mit seinen Bedürfnissen zum Teile angewiesen. Die Pferde, der Diener,
welche der Staat jedem Offizier hält, waren ihm jetzt eine Erleichterung, die er
nicht wohl entbehren konnte. Er musste darauf sehen, sich auszuzeichnen, wenn er
vorwärts kommen, wenn er seine gesellschaftliche Stellung behaupten wollte, und
vorwärts kommen hiess jetzt für den Freiherrn im militärischen Dienste Stufe um
Stufe ersteigen. Er war mit seiner Zukunft an den Dienst gekettet. Er lebte, wo
der Dienst es forderte, er ging, wohin man ihn schickte, er tat, was man ihm
gebot, er trug das Kleid, welches der Geschmack des Königs ihm vorzuschreiben
für gut befand, er durfte an des Königs Rock nach freier Wahl nichts ändern, und
er musste ihn hinwiederum ändern und ihn anlegen, wie des Königs Willkür es
bestimmte. Er schnitt sein Haar, wie es befohlen war, und Zeit und Stunde waren
nicht mehr sein. Er war in keinem Sinne mehr sein eigener Herr, kein freier Mann
mehr, nicht mehr der wahre Freiherr von Arten-Richten. Er war der Major von
Arten, er war ein Diener - wenn auch eines Königs Diener geworden, und es lebte
genug von dem alten freiherrlichen Stolze seines Hauses in ihm, ihn seine
Abhängigkeit in einzelnen Augenblicken bitter und schwer empfinden zu lassen.
    Er konnte es Anfangs nicht verschmerzen, dass man ihn nicht mehr als Baron,
nicht mehr als Freiherr von Arten ansprach, dass man ihn nicht mit seinem Namen,
sondern mit seinem Titel anredete, um ihm eine Ehre zu erweisen; er hätte wie
sein Vater und dessen Väter alle nur er selber, nur Herr auf seinem Schloss
sein mögen - aber es war zu spät. Er hatte keine Wahl mehr, er musste vorwärts!
    Vorwärts ging er also, und die umgestaltende Ueberlegung, die Trösterin
aller derjenigen, welche einer Beschönigung für ihre Verhältnisse bedürfen, kam
auch ihm zu Hülfe, indem sie ihn antrieb, seinen besonderen Fall in dem Lichte
einer allgemeinen Notwendigkeit zu betrachten.
    Er sagte sich, dass seit Jahrhunderten der Adel in allen europäischen Staaten
sich um die Trone geschaart, und in den Dienst der Fürsten begeben habe, mit
denen er auf diese Weise ein wenn auch nicht ausgesprochenes Schutz- und
Trutzbündniss eingegangen sei. Die Fürsten und der Adel standen jetzt fast immer
und fast überall für einander ein, waren, wie Renatus dessen eben erst in
Frankreich Zeuge gewesen war, auf einander angewiesen und standen und fielen mit
einander. Renatus folgte also gleichsam einem Naturgesetze, wenn er sich der
Minderheit so fest als möglich anschloss, in welcher er geboren worden war, jener
Minderheit, die sich das Herrschen als ihr angestammtes Recht zuschrieb und sich
nur erhalten konnte durch Einigkeit in sich und Einigkeit wider alles, was sich
ihr widersetzte.
    Er war, als er sich noch im vollen Besitze aller seiner Güter geglaubt
hatte, nur mit Widerstreben in das Heer getreten, und die Zeitverhältnisse
hatten ihm in demselben zu bleiben geboten, obschon sein Sinn von Natur dem
Kriege eben so wenig als der strengen Disciplin geneigt gewesen war. Jetzt aber
waren das Heer, der Dienst ihm eine Zuflucht und ein Anhalt, jetzt bedurfte er
des königlichen Schutzes, der Gnade seines Herrn. Er wünschte, für sich und die
Seinigen die persönliche Gunst des Königs zu erwerben. Er hatte es in Frankreich
kennen gelernt, welche Vorteile es gewähren kann, sich in dem Kreise der
Gnadensonne zu bewegen, und wie er bei dem Beginne seiner Ehe voll der besten
Vorsätze für dieselbe gewesen war, so war er bei der Uebernahme seines neuen
Amtes auch entschlossen, mit Selbstverläugnung ein unbedingt ergebener Diener
seines Herrn und Königs zu sein.
 
                                  Fünftes Buch
                                 Erstes Capitel
Unser Leben würde sehr leicht sein, wenn wir uns an dem Tage, an welchem wir es
aus Ueberzeugung oder aus Notwendigkeit umgestalten wollen, nicht eben auf
demselben Boden befänden und auf ihm weiter gehen müssten, aus welchem unsere
ganze Vergangenheit erwachsen ist; es würde gar leicht sein, wenn unser neues
Gewand bei dem Fluge, mit dem wir uns emporzuschwingen denken, nicht hier an den
dürren Aesten eines alten Baumstammes hängen bliebe, den vielleicht einer
unserer Altvorderen gepflanzt und den rechtzeitig aus unserem Wege fortzuräumen
wir verabsäumt haben; wenn nicht dort Gestrüpp und Ranken, in deren Bereich wir
uns umhergetrieben, unsere freie Bewegung hinderten; wenn wir es allein mit uns
und mit der Zukunft, statt mit der Gesammteit, der wir angehören, und mit ihrer
und unserer ganzen Vergangenheit zu tun hätten. Das sollte der Major von Arten
an sich selbst erfahren.
    Allerdings fand er es in keiner Weise schwer, sich in seinem Regimente so zu
stellen, wie er es beabsichtigte. Man hatte ihn immer gern gehabt; er besass
nichts von jener herausfordernden Selbständigkeit, welche einen Mann unbequem
für seine Vorgesetzten oder drückend für seine Untergebenen macht, und in einer
Zeit, in welcher in der Armee der militärische Geist und das Gamaschenwesen, im
Gegensatze zu dem bürgerlichen Geiste und dem auf den Universitäten noch nicht
unterdrückten Freiheitssinne, mit grosser Geflissenheit begünstigt wurden,
konnten der Diensteifer und die peinliche Genauigkeit, mit welchen der Major von
Arten auch die kleinlichsten Dienstvorschriften zur Ausführung zu bringen
strebte, nicht unbeachtet bleiben. Dazu wollte es das Glück, dass einer der
königlichen Prinzen Inhaber des Regiments war, dass Renatus also seine Tätigkeit
unter dessen Augen entwickeln konnte und dass der Prinz selber ihn dem Könige mit
einem anerkennenden Worte vorzustellen sich geneigt erwies.
    Es war schon im Beginne der kalten Jahreszeit, als man zu Ehren eines von
seinen Reisen nach Russland zurückkehrenden Grossfürsten noch eine der grossen
Paraden abhielt, welche sonst in diesen Monaten nicht mehr Statt zu finden
pflegten. Die Strassen, welche nach den Linden führten, waren für den Verkehr
gesperrt, und die Fremden, welche in ihren eigenen Wagen, denn von der Zeit der
Eisenbahnen war man noch weit entfernt, während dieser Stunden in der Hauptstadt
eintrafen, hatten Not, nach den Unter den Linden gelegenen Gastöfen zu
gelangen. Sie mussten ihre Fuhrwerke jenseit der abgesperrten Strassen unter
Aufsicht ihrer Leute stehen lassen und ihren Weg nach den gewählten Häusern zu
Fuss zu finden suchen.
    So langte denn während jener grossen Parade, als die allgemeine
Aufmerksamkeit der Menge sich auf den König und den russischen Gast gewendet
hatte, welche, von ihrem prächtigen Gefolge begleitet, langsam an den regungslos
da stehenden Reihen der Regimenter vorüberritten, in dem berühmtesten Gastofe
jener Tage auch eine Fremde ohne ihren Wagen an. Der Diener, welcher sie
begleitete, forderte zwei herrschaftliche Zimmer und zwei Stuben für die
Dienerschaft, nebst einem Unterkommen für den Reisewagen, mit dem die Kammerfrau
jenseit des gezogenen Cordons zurückgeblieben war.
    Die Fremde war in einen langen und weiten Reisemantel eingehüllt, ein
tiefgehender Hut, ein dichter Schleier verbargen ihr Gesicht; aber ihre hohe
Gestalt und ihre gebieterische Haltung kennzeichneten sich trotzdem. Sie hörte
der flüchtigen Verhandlung, welche ihr Diener mit dem Besitzer des Hauses pflog,
schweigend zu und folgte dann dem Wirte, der, mit sicherem Blicke eine vornehme
Frau in seinem neuen Gaste erkennend, ihr mit Dienstbeflissenheit voranschritt,
um ihr die von ihr gewünschten Räume anzuweisen.
    Aber kaum in ihrem Zimmer angelangt, warf sie, noch ehe ihr Diener oder der
Wirt ihr dabei Hülfe leisten konnten, Hut und Mantel von sich, und sich zu dem
Wirte wendend, fragte sie, Französisch sprechend, ob er ein Verzeichnis der
Fremden besitze, welche sich in diesem Augenblicke in der Stadt befänden.
    Betroffen von der Jugend der Fremden wie von ihrer Schönheit, die trotz
ihrer Blässe und den Leidensspuren in ihrem Antlitze noch etwas Ueberwältigendes
hatten, bejahte der Wirt die Frage, und alle seine andern Anerbietungen von
sich weisend, befahl sie ihrem Diener, mit dem Wirte hinab zu gehen, und ihr
das betreffende Blatt herbei zu schaffen.
    Unruhig schritt sie während dessen in dem saalartigen, grossen Gemache auf
und nieder. Sie trat an das Fenster und blickte hinaus; aber weder die fremde
Stadt, noch das kriegerische Gepränge, das sich vor ihren Augen entwickelte,
selbst nicht der Schall der Musik vermochten ihre Aufmerksamkeit auch nur für
Sekunden zu fesseln. Gleichgültig, als hätte sie in eine Oede oder in die
Dunkelheit hineingeschaut, wendete sie sich in das Zimmer zurück, und nur nach
ihrer Uhr sah sie zu verschiedenen Malen, als vergesse sie von einer Minute zu
der andern, was sie gesehen habe, und als hange doch Alles für sie daran, genau
zu wissen, wie weit die Stunde vorgeschritten sei.
    Mit einer Ungeduld, welche sich in jeder ihrer Bewegungen verriet, trat sie
ihrem Diener entgegen. Sie nahm ihm das Zeitungsblatt aus der Hand, und es mit
raschem Auge durchfliegend, blieb ihr Blick endlich auf einer Stelle des
Verzeichnisses haften. Sie las sie zwei, drei Mal, als wolle sie sich ihrer
Sache sicher machen, als wolle sie die Namen nicht vergessen, und das Blatt auf
den Tisch niederlegend, befahl sie dem Diener, während sie die Notiz in ihr
Taschenbuch verzeichnete, ihr den Mantel zu reichen.
    Zögernd blieb der Alte stehen. Sie wollen wieder fort, Mylady? fragte er mit
sichtlicher Besorgnis. Vier Tage und vier Nächte sind Sie in keinem Bette
gewesen! Sie halten es nicht aus, Sie haben wahrlich Ruhe nötig, Mylady!
    Hast Du die Phrase auch gelernt? rief sie, und ein eisiges Lächeln glitt
über ihr stolzes, schönes Antlitz. Sei ohne Furcht, Du sollst schlafen diese
Nacht; jetzt aber komm!
    Sie hatte ihren Mantel selbst über ihre Schultern geworfen, und der Türe
zuschreitend, gebot sie dem Alten, einen Lohndiener anzunehmen, der sie nach dem
Gastofe führen könne, dessen Namen sie dem Diener angab.
    Der Alte aber trat ihr in den Weg. Mylady, sagte er, nur das nicht, nur das
tun Sie nicht! Ich habe die selige Frau Gräfin noch auf meinem Arme getragen
und das Wappenschild über der Türe befestigt, als wir sie verloren haben. Was
Sie von mir verlangt haben, ich habe es getan, Mylady, und ich habe mich nicht
unterfangen, zu fragen, was Sie beabsichtigten, denn das war nicht meines Amtes.
Aber heute, heute beschwöre ich Sie: gehen Sie den Weg nicht, den Sie jetzt eben
gehen wollen - gehen Sie ihn nicht! Es ist Ihr Untergang, Mylady!
    Sie blieb stehen; das gab dem Alten Mut. Lassen Sie mich gehen, schreiben
Sie, Mylady! Ich will eilen, schneller, als Sie jetzt durch die abgesperrten
Strassen und durch die Menschenmenge dringen können ....
    Ich kann nicht - kann nicht schreiben! rief die Herrin ungeduldig.
    So will ich ihm sagen, dass Sie hier sind, will ihn holen ....
    Du? - ihn? Sie lachte. Du - ihn - wenn meine flehenden Bitten, meine
verzweifelnden Tränen ihn nicht halten konnten?
    Aber was hoffen Sie, was wünschen, was wollen Sie denn jetzt, Mylady?
    Sie gab ihm keine Antwort, und mit festem Schritte an ihm vorübergehend,
verliess sie das Gemach. Der Alte folgte ihr mit einem schweren Seufzer nach.
    Durch Seitenstrassen, auf weiten Umwegen führte der Lohndiener sie nach dem
Gastofe, dessen Namen man ihm aufgegeben hatte. Es war gegen den Mittag hin,
die Kellner in dem Hause mit Vorbereitungen für die Mahlzeit beschäftigt. Das
Kommen der Fremden ward nur von dem Hauswart bemerkt. Sie selber erkundigte
sich, ob derjenige, den sie suchte, zu Hause sei. Der Hauswart verneinte es,
wusste aber, dass er zur Mahlzeit wiederkehren werde.
    Oeffnen Sie mir sein Zimmer, ich werde ihn erwarten! befahl die Dame in
einem Tone, welcher es deutlich verriet, sie sei gewohnt, dass man ihr gehorche.
Trotzdem zögerte der Hauswart, ihr Folge zu leisten, und erst die Weisung des
ihm bekannten Lohndieners bestimmte ihn, dem Verlangen der Fremden zu
willfahren.
    Fest entschlossen, wie ihr ganzes Wesen sich kund gab, betrat sie das
Gemach. Sie schien ruhiger zu werden, als sie sich in demselben befand. Sie
legte den Mantel und den Hut von sich und setzte sich nieder. Sie hatte das noch
nicht getan, seit sie ihren Wagen verlassen hatte. Ihr Diener und der Führer
entfernten sich auf ihren Wink.
    Wie sie vorhin rastlos auf und nieder gegangen war, blieb sie jetzt
regungslos auf dem erwählten Platze sitzen. So oft ein Fusstritt auf der Treppe
hörbar wurde, so oft man sich von aussen im Vorübergehen dem Zimmer näherte,
schreckte sie zusammen, schien sie sich erheben zu wollen; indes sie überwand
sich, und die Hand auf die Lehne des Sessels gepresst, die Lippen fest
geschlossen, hielt sie ihr Auge mit höchster Spannung auf die Türe gerichtet,
während ihre Wangen noch blässer wurden und ihr Busen sich unter ihrer
wachsenden Aufregung angstvoll hob und senkte. Denn abermals kam es die Treppe
hinauf, wieder schritt es den Gang entlang, wieder näherte sich Jemand mit
raschem Schritte dieser Türe, und diesen Schritt, den kannte sie.
    Mit beiden Händen fuhr sie sich nach dem Kopfe, nach dem Herzen, als sich
draussen eine Hand auf den Drücker legte. Jetzt öffnete die Türe sich, jetzt
trat er ein!
    Und wie sie sich erhob, wie sie hoch aufgerichtet vor ihm stehen blieb, da
wich auch aus seinen Wangen ihm das Blut, und wider seinen Willen erschreckend
über die Verheerung, welche die kurze Spanne Zeit in dieses Weibes hoher
Schönheit angerichtet hatte, rief er, die Hände wie zur Abwehr gegen sie
erhoben: Eleonore - Sie hier?
    Indes sein Anblick, der Ton seiner Stimme schienen sie zu beruhigen;
gleichviel, was er auch sagte, sie sah, sie hörte ihn doch! Sie liess sich auf
den Sessel niederfallen, ihre Arme sanken schlaff herab, und mit einer
Weichheit, welche gegen ihre bisherige Gewaltsamkeit noch auffallender erschien,
sagte sie, während ihr Auge auf ihm ruhte: Und wo soll ich denn sonst sein?
    Die furchtbare Wahrheit ihres Tones machte ihn fassungslos. Wie er auch
gewohnt war, sich zu beherrschen und seine Worte zu erwägen, dieses Mal wusste er
nicht, was er damit tat, als er noch einmal die Frage aufwarf: Wie kommen Sie
hierher? Was wollen Sie, Eleonore?
    Was ich will? - Dich sehen! gab sie ihm zur Antwort, und als habe sie jetzt
alles erreicht, was sie wünsche und begehre, stützte sie das Haupt auf ihre Hand
und blieb schweigend sitzen.
    Unentschlossen, was er tun solle, ging der Abbé in dem engen Raume auf und
nieder. Draussen rief der harte, lang anhaltende Ton einer Glocke die Gäste des
Hauses zur Tafel; auf den Treppen, auf den Gängen wurde es lebhaft; laute,
lachende Stimmen erklangen und verhallten und wurden durch neues Sprechen und
durch fröhliches Lachen ersetzt. Innen war es todtenstill.
    Endlich schien der Abbé seiner wieder Meister geworden zu sein. Er trat an
die Erschöpfte heran, nahm sie bei der Hand und sagte: Sie sind krank, Eleonore!
Und dies ist nicht der Ort, an dem wir einander wiedersehen, einander Rede
stehen können. Ermannen Sie Sich! ein Wagen soll sofort zu Ihren Diensten sein.
Lassen Sie mich Sie nach Ihrer Wohnung hingeleiten, dort ....
    Sie hob ihre mächtigen Augen zu ihm empor, und langsam mit dem Haupte
nickend, rief sie: Ja, ich bin krank, sehr krank! Wie soll ich auch leben ohne
meine Seele, die Du mir entwendet hast? Wie soll ich leben, wenn Du Dich mir
entziehst, der Du mir alles zu ersetzen angelobtest, was ich um Dich verloren
und verlassen habe? Wollte ich nicht leben, um Dich zu sehen, ich wäre lange,
lange schon gestorben!
    Die Tränen, welche sie bis dahin mühsam zurückgehalten hatte, brachen jetzt
hervor; sie verhüllte ihr Antlitz. Der Abbé, da er sich von ihr nicht beobachtet
sah, schloss, vom Schmerze überwältigt, seine Augen. Dann fuhr er sich mit der
Hand flüchtig über die bleich gewordene Stirne, und sich zu ihr niedersetzend,
bat er, indem er ihre Rechte in die seinige nahm, dass sie ihn hören möge.
    Sie schüttelte verneinend das Haupt. Ich habe Dich nur zu oft gehört, sagte
sie, was kannst Du mir noch sagen, das ich zu glauben vermöchte? Ich habe Dich
gehört, als Du mir vorgehalten, Eleonore Haughton sei nicht dazu geschaffen, das
Loos des gewöhnlichen Weibes zu teilen! Wer war es, als Du, der mir den Stolz
im stolzen Herzen nährte, dass ich nur Einen, nur Einen als meines Gleichen
ansah, mit dem mich hinwegzusetzen und mit dem hinwegzuschreiten über das Wollen
und Wünschen aller Andern mir als ein verlockendes Ziel erschien? Losgetrennt
von der Welt, wie Du es bist, trenntest Du auch mich von ihr los! Festgewurzelt
in Deinem Glauben, zerstörtest Du mir den meinen! Und als ich, verschmäht von
dem Manne, auf dessen Liebe Du mich verwiesen hattest, obschon Du wusstest, dass
ich ein Verbrechen begehen würde in dem Augenblicke, da ich sie mir zu eigen
machte; als ich, ausgestossen von der Gesellschaft, in welcher ich bis dahin
heimisch gewesen war, zurückgewiesen von den Edeln des Landes, deren Pair ich
bin, als ich mich da gedemütigt und verzweifelnd in die Einsamkeit meines
Schlosses zurückzog - wer hiess Dich damals meinem Hülferufe folgen? Wer hiess
Dich ....
    Ihre Stimme war lauter geworden, je länger sie sprach; der Abbé versuchte
vergebens, sie zu beruhigen, beschwor sie vergebens, zu bedenken, dass man sie in
den Nebenzimmern hören könne. Sie beachtete seine Worte, seine Vorstellungen
nicht.
    Lass mich! rief sie. Mag die ganze Welt es wissen, dass ich elend bin, weil
ich mich elend und verlassen fühle! - Oder hast Du ihn vergessen, den Tag,
fragte sie, und noch jetzt glitt ein seliges Lächeln über ihre Züge, hast Du den
schönen Tag vergessen, an dem Du mir gestanden hast, dass Du nie geliebt und dass
Du mich liebtest? Hast Du vergessen, dass ich Dich auf meinen Knieen angefleht,
hinzunehmen alles, was ich bin und habe, mein zu werden als mein Gatte und mein
Herr, und dass ich sie gefühlt auf meinem Haupte, Deine heissen Tränen, dass ich
sie noch fühle, Deine heissen Küsse, unter denen ich zu vergehen wünschte? Hast
Du es vergessen, wie Du mich mit heiligem Eide schwören lassen, dass ich nie
einem Manne angehören würde, weil Du geschworen, keines Weibes Mann zu sein?
Hast Du das alles, alles ganz vergessen, Mann?
    Der Abbé war aufgestanden und hatte sich von ihr entfernt. Er presste seine
Hände gegen seine brennende Stirn, auch sein Herz schlug ihm gegen die Brust,
dass es ihm den Atem versetzte; aber des Mitleids mit sich selbst von Jugend auf
entwöhnt, hatte er es auch für Eleonore nicht.
    Wir müssen zu Ende kommen, sagte er, sich mit Gewalt beherrschend, wenn wir
nicht Beide, Beide untergehen sollen! - Er hielt inne, und mit jener grausamen
Offenheit, die sich nicht scheut, Alles zu bekennen, weil sie nichts mehr zu
verlieren hat und fürchtet, sprach er: Es ist wahr, wie Du es sagtest, Alles
wahr! - Ich habe mit dem bestimmten Zwecke, Dich der Mutterkirche wiederzugeben,
mein Auge über Dir gehabt, seit ich Dich kannte! Ich habe Dir früh gestanden,
dass ich zu Grossem Dich berufen glaubte, ich habe danach gestrebt, Dein Vertrauen
zu gewinnen, Deine Seele zu beherrschen! Aber wann hat je die Stunde geschlagen,
in welcher ich es Dich vergessen machen gewollt, dass ich für mich von Dir nichts
zu begehren hatte? Du wusstest, wer und was ich war! Du sahest das Kleid, das mich
von der grossen Menge trennte, Du wusstest, dass ich ein Diener unserer Kirche bin!
Habe ich sie je vor Dir verborgen, die Dornenkrone der Entsagung, die wir tragen
als das Siegeszeichen unserer Selbstüberwindung? War ich es, der von Liebe zu
Dir gesprochen hat? War ich es, der die heissen Wünsche Deines Herzens angefacht?
Ich hielt Dich für ein Höheres geschaffen! Du solltest sie kennen lernen in
ihrer Nichtigkeit, die Gunst der Mächtigen, die trügerischen Freundschaften der
Welt, die urteilslose Gesellschaft Deiner Standesgenossen, um zu ermessen, was
es heisst, in fester Gliederung einer unwandelbaren Einheit anzugehören, die, ein
geheimnisvolles Wesen, der Menschen Schicksale mit kluger Herrschaft lenkt! Ja,
ich liebte Dich - ich liebe Dich noch, das fühle ich an dem Verlangen, das ich
hege, Dich einzureihen in den Kreis der Herrschenden! Aber - Du bist kleiner,
als ich Dich geglaubt! Du hast sie nicht verstanden, jene Liebe, die ich für
Dich hege! Nicht mein Wille, Deine Sinne haben Dich bestrickt, dass ich kaum
wusste, wie ich Dich und mich erretten sollte aus dem Sturme, den Du über uns
heraufbeschworen! Mit aller Gewalt musste ich Dich und mich hinflüchten zu den
Füssen des Gottes, der für uns gestorben ist, um es zu vergessen, dass ich ein
Mann bin, ein Mensch, und Du ein schönes Weib! Ich musste Dich meiden, um Deiner
selbst willen! Denn rein solltest Du niederknieen, ein reines Weib, zu den Füssen
der unbefleckten Jungfrau, der Du Dich angelobt in jener Stunde, da ich Dich
aufgenommen in den Schoss der Kirche, die jetzt über Dich und mich ihre
schützenden Fittige ausgebreitet hat und zu deren Werkzeug Gott Dich sicher
auserkoren hat! Ich habe für Dich getan, was ich gemusst, was mein Glaube mir
geboten! Ich kann nichts weiter für Dich tun - ich gehöre nicht mir selber an!
    Hoch und erbarmungslos stand er ihr gegenüber, aber er wagte seine Blicke
nicht auf sie zu richten. Er wendete sich von ihr ab. Sie glaubte, dass er sich
entfernen wolle, und aufspringend aus der tiefen Versunkenheit, mit welcher sie
ihn angehört hatte, warf sie sich ihm zu Füssen, und mit ihren Armen seine Kniee
umklammernd, rief sie: Ich sterbe, wenn Du von mir gehst!
    Er zuckte zusammen vor dem Jammerlaute, aber er erhob sie mit fester Hand,
und mit einer Ruhe, die ihn älter erscheinen machte, als er war, versetzte er:
Jeder von uns muss in sich den Tod erleiden, um ein neues Leben zu beginnen, und
das wirst auch Du. Glaubst Du, ich habe sie nie gefühlt, diese Schmerzen der
Entsagung? Glaubst Du, ich habe sie nie gekannt, die Angst vor der eigenen
Ohnmacht und die Zweifel an des Höchsten Kraft verleihender Hülfe? Glaubst Du,
ich habe nicht gesorgt um Dich, nicht zu Gott gefleht für Dich? Wähnst Du, dass
meine Seele nicht bei Dir ist, wenn Dein Auge mich nicht sieht? - Er hatte ihre
Hände in die seinen genommen, jetzt hob er sie in die Höhe, und den Blick zum
Himmel gewendet, bewegte er seine Lippen in lautlosem Gebet. Die Gräfin stand
ihm wie gebrochen gegenüber. Als er geendet hatte, legte er seine Hände segnend
auf ihr Haupt, und machtlos und schweigend sank sie vor ihm nieder, seine Kniee
noch einmal in Tränen zu umfassen.
    Er liess sie einen Augenblick gewähren, dann führte er sie nach dem Sessel
und ging hinaus. Sie war betäubt vor Schmerz. Draussen fand der Abbé den Diener
der Gräfin. Er befahl ihm, einen Wagen herbeizuschaffen; der Alte hatte schon
dafür gesorgt.
    In das Zimmer zurückgekehrt, trug der Abbé selbst dafür Sorge, die Gräfin
einzuhüllen. Sie liess es willenlos geschehen. Kommen Sie, Gräfin, sagte er, hier
ist Ihres Bleibens nicht! - Er nahm ihren Arm in den seinen, und mit dem
weltmännischen Anstande, dessen Niemand mehr Meister war, als er, führte er sie
die Treppe hinab und nach ihrem Wagen. Sie mochte erwartet haben, dass er sie
begleiten werde, denn erst, als er sie hineingehoben hatte und, ihr die Hand
noch einmal reichend, von der Türe desselben zurücktreten wollte, erwachte sie
aus ihrer Versunkenheit, und sich emporrichtend, rief sie: Wann, wann sehe ich
Sie wieder?
    Nicht eher, bis Sie es verlernten, für Sich selbst zu wünschen und zu
hoffen, nicht eher, bis Sie den Schleier genommen haben, der Sie abtrennt von
dem irdischen Verlangen! Auf Wiedersehen also in dem ewigen Rom! sagte er fest
und feierlich; und dem Kutscher das Zeichen gebend, dass er fahren solle, ging
der Abbé mit ruhigem Schritte und hochgehobenen Hauptes in sein Gemach zurück.
Eine Stunde später hatte er die Stadt verlassen und seinen Weg gen Süden
fortgesetzt.
 
                                Zweites Capitel
Renatus hatte, als die Parade beendet war, sein Pferd dem Reitknechte übergeben,
um noch einige Besuche und Gänge abzumachen. Er befand sich bereits wieder auf
dem Heimwege, als er vor dem Gastofe, in welchem die Gräfin abgestiegen war,
einen Mietswagen halten sah, mit dem es etwas Besonderes auf sich haben musste,
denn der Wirt und die Kellner umgaben ihn mit unverkennbarem Erschrecken. Es
kamen die Wirtin und ein anderes Frauenzimmer aus dem Hause herbei, man rief
nach einem Sessel, nach einem Arzte, und mit jener Neugier, welche man in einem
müssigen Augenblicke empfindet, trat Renatus, der zur Zeit seiner Rückkehr aus
Frankreich selbst in dem Hause gewohnt hatte, an den Besitzer desselben heran
und fragte, was es gäbe.
    Ach, versetzte dieser, eine junge, vornehme Dame, die vor zwei Stunden bei
uns angekommen ist, hat gleich danach zu Fusse das Haus verlassen und wird uns
nun ohnmächtig oder vielleicht gar todt in diesem Wagen nach Hause gebracht. Ihr
Diener ist hinauf gegangen, ihre Kammerfrau zu holen, und wir versuchen eben,
wie wir sie am besten von der Stelle bringen.
    Er wendete sich dabei wieder zu seinen Leuten, und von der Seltsamkeit des
Vorfalles angezogen, trat Renatus an die andere Seite des Wagens heran, um
hinein zu sehen. Kaum aber hatte er die Gestalt erblickt, die ganz
zusammengesunken und bleich wie eine Todte mit geschlossenen Augen dalag, als er
die Türe des Wagens aufriss und mit dem Ausrufe: Eleonore, um Gottes willen, wie
kommen Sie hieher? Was ist geschehen, Eleonore? in den Wagen sprang und sie in
seinen Armen in die Höhe hob.
    Die Umstehenden traten vor Verwunderung zurück; nur der Wirt sah es, wie
die Fremde vor des Freiherrn lautem Anrufe matt und langsam die Augen aufschlug
und, als habe sie ihn erkannt, ihr Haupt auf seine Schulter legte.
    Niemand wusste, was er von dem Vorgange denken solle; aber als nun vollends
die Leute der Gräfin herbeigekommen waren, als der Diener und die Kammerfrau den
Freiherrn bei seinem Namen nannten, als die Letztere Gott dafür dankte, dass er
den Baron hieher geführt habe, da schien dem Wirte plötzlich die Einsicht in
die obwaltenden Verhältnisse zu kommen, und den Kellnern ein Zeichen gebend, dass
sie sich entfernen sollten, leistete er in Person, mit den Leuten Eleonorens,
dem Freiherrn den Beistand, dessen er bedurfte, um die ihrer selbst nicht
Mächtige in das Haus und in ihre Gemächer zu tragen.
    Die Kranke war entkleidet, war zu Bette gebracht, ein Arzt herbeigeschaft;
aber von ihr selber konnte man keine Art von Auskunft über ihr Befinden
erhalten. Sie vermochte ihre wandernden Gedanken nicht zusammen zu halten,
obschon sie Renatus wiedererkannt hatte und nach ihm verlangte, wenn sie in
einzelnen Augenblicken ihrer Sinne Herr war.
    Er und der alte Diener hatten den Arzt, so weit als nötig, mit den
obwaltenden Verhältnissen bekannt gemacht, und wie derselbe sich auch weigerte,
in diesem ersten Augenblicke ein festes Urteil auszusprechen, liess er es doch
erraten, dass man es hier mit mehr als einem vorübergehenden Leiden, dass man es
allem Anscheine nach mit einer ernsten und schweren Krankheit zu tun haben
werde. Er wollte sich, nachdem er seine Verordnungen gemacht hatte, entfernen,
und Renatus schickte sich an, ihn zu begleiten; aber Eleonore bemerkte es, als
der Freiherr seine Hand aus ihrer in Fieberhitze glühenden Rechten zog, und ihn
festaltend, rief sie angstvoll: Sie dürfen nicht fort! Sie nicht! Nein, Sie
nicht!
    Es lag etwas völlig Irres in ihrem Blicke und in ihrem Tone, das ihn
entsetzte. Er hatte ein unbegrenztes Mitleid mit dem schönen, einst so
selbstgewissen Mädchen, das er so hülflos vor sich sah; aber auch seine eigene
Lage macht ihm Sorge. Dass es für ihn, nach den vereinzelten Gerüchten, welche
über seine Beziehungen zu der Gräfin in Umlauf gekommen waren, nicht möglich
sei, ihren Krankenpfleger zu machen, darüber wäre er mit sich ganz im Klaren
gewesen, auch ohne die Anwandlung von Eifersucht, mit welcher seine junge Frau
die Gräfin Haughton stets betrachtet hatte.
    Er hätte viel darum gegeben, wäre er nicht so unvorbereitet, so plötzlich in
dieses Abenteuer hineingezogen worden, hätten die Leute in dem Gastofe es nicht
gesehen, wie er die Gräfin, wie sie ihn wiedererkannt, wäre der Arzt nicht Zeuge
gewesen, wie Eleonore ihn nicht lassen wollen, wie sie sein Bleiben gefordert
hatte, als habe sie ein Recht darauf. Er konnte es sich nicht verbergen, dass er
jedem in die Verhältnisse nicht Eingeweihten als der Mann erscheinen musste, dem
Eleonore gefolgt war, der an ihrer Krankheit Schuld trug, und er hatte eben erst
die langjährige Verlobung mit Hildegard aufgelöst, hatte sich eben erst
verheiratet, eben erst seine Frau in die Gesellschaft eingeführt, deren
Verhalten gegen seine junge Gattin ihm ohnehin nicht wohlwollend erschienen war.
    Die Kranke sich und ihrem Schicksale zu überlassen, daran dachte er nicht;
aber er sann darüber nach, wem er sie übergeben, wen er in die Lebens- und
Herzensverhältnisse der Unglücklichen, so weit er selber sie zu beurteilen im
Stande war, einweihen dürfe, ohne sie dadurch gegen Eleonore einzunehmen, und er
konnte Niemanden finden. Die Gräfin Rhoden war nicht in der Stadt, Cäcilie, wie
sehr er sie auch liebte und ihr vertraute, war Eleonoren nicht gewachsen. Sie
konnte er unmöglich zur Pflegerin Eleonorens machen, von ihr konnte er für diese
keinen Anhalt hoffen; er mochte auch den Schatten dieses düsteren Geschickes
nicht auf die ersten, schönen Tage seiner Ehe fallen lassen, er mochte die
harmlose Fröhlichkeit seines jungen Weibes nicht stören und nicht missen.
    Wie er nun so, zwischen einer berechtigten Selbstsucht und seinem Mitgefühl
geteilt, vor- und rückwärts blickte, drängte sich ihm unwillkürlich der Gedanke
in die Seele, dass seiner Familie von der Annäherung an die verstorbene Herzogin
von Duras nichts als Unheil gekommen sei. Er grollte dem Tage, an welchem die
Herzogin zuerst sein Vaterhaus betreten hatte, er verwünschte es, sie in Paris
aufgesucht zu haben. Er begriff kaum, wie er überhaupt auf den Gedanken
verfallen war. Hatte er doch sein Leben lang niemals vergessen können, wie
heiter die Herzogin stets gewesen, als seine Mutter in dem Flies'schen Hause
schon zum Tode krank darnieder gelegen hatte; wie sie an nichts gedacht, als an
sich und ihr Behagen, während die treue Seba Tag und Nacht am Lager seiner
Mutter gesessen und wie ein freundlicher Schutzgeist an demselben Wache gehalten
hatte.
    Wie Jemand, der im Dunkeln, seines Weges ungewiss, angstvoll umhergetastet
hat, plötzlich stehen bleibt und sich zurecht zu finden trachtet, wenn ihn aus
der Ferne ein Lichtschein die rechte Strasse ahnen lässt, so hielt Renatus
plötzlich inne: denn jetzt wusste er, wo er Hülfe finden könnte. Eine Frau wie
Seba tat Eleonoren Not, eine Frau wie Seba fehlte an diesem Krankenbette. Seba
hatte die volle Einsicht in das Menschenleben, welche duldsam und barmherzig
macht. Sie hatte die Schmerzen seiner Mutter in ihrem Busen treu bewahrt; seine
Mutter hatte ihres starken Verstandes, ihres grossen Herzens in den Tagebüchern
oft erwähnt, die in den Besitz ihres Sohnes übergegangen waren und die ihn
bestimmt hatten, Seba aufzusuchen, als er vor neun Jahren zuerst nach der
Hauptstadt gekommen war. Aber was lag alles zwischen dem heutigen Tage und jener
fernen Zeit! -
    Freilich hatte er nur mit tiefstem Bedauern, nur mit innerstem Widerstreben
die Mitteilungen seines Oheims über dessen Liebeshandel mit Seba angehört und
geglaubt; indes er hatte sie doch geglaubt! Er hatte sie auf das Wort eines
Mannes hin geglaubt, dessen Charakterlosigkeit er kannte, dessen frevelhaften
Leichtsinn in Bezug auf Frauen, ja, dessen niedrige Sinnlichkeit ihm immer ein
Gegenstand der Abneigung und des Misstrauens gewesen waren. Er hatte Seba, von
der er nichts als Gutes wusste und erfahren hatte, ohne eine Anfrage an sie, ohne
sie zu hören verurteilt. Seine Schwiegermutter, die sie schätzte, seine
damalige Verlobte, die an Seba hing, hatte er von ihr entfernt, sich selber in
schnöder Weise von ihr losgesagt, und das alles, weil ein Mann mit den leichten
und sichern Umgangsformen der vornehmen Gesellschaft sich schamlos berühmt
hatte, die Gunst dieser Frau besessen zu haben, als sie noch ein halbes Kind
gewesen war. Als ob es eine Heldentat oder eine grosse Kunst gewesen wäre, das
Vertrauen der Unschuld zu gewinnen und zu missbrauchen! Und Seba hatte vielleicht
einst eben so elend, eben so verzweifelnd, mit sich und mit dem Leben gerungen,
wie jetzt die unglückselige Eleonore, die in ihren Phantasieen bald die heilige
Jungfrau zu ihrem Beistande anrief, bald mit flehendem Verlangen den Namen des
Mannes aussprach, den sie liebte und von dem sie, wie sie immer wiederholte,
ihre Seele wiederhaben wollte.
    Alle diese Gedanken und Erinnerungen zogen in rascher Folge durch sein
aufgeregtes Hirn, während er an dem Lager der Kranken sass. Der Zeiger der Uhr,
welche auf dem Spiegeltische zwischen den beiden Vasen voll künstlicher Blumen
stand, rückte mit melancholischer Sicherheit von Minute zu Minute vorwärts, und
jede Minute steigerte mit der Unruhe und der Angst des Freiherrn ein nicht
abzuweisendes, lastendes Schuldbewusstsein in seinem Innern. Er, der meist immer
mit sich wohl zufrieden gewesen war, der sich stets mit selbstischer
Leichtigkeit zurechtzusetzen gewusst, wenn er sich in irgend welchem inneren
Zwiespalt befunden hatte, konnte heute dies Schuldbewusstsein nicht überwinden,
und es bezog sich nicht auf eine bestimmte Person oder auf eine bestimmte
Handlung, es war eine allgemeine Unzufriedenheit mit sich selbst, die sich
seiner bemächtigte.
    Er fühlte sich schuldig gegen Seba, er war weniger als jemals darüber
beruhigt, dass er den Grafen Gerhard einst so nahe an sich herangelassen hatte.
Er warf sich seine frühe Verlobung mit Hildegard vor, er tadelte sich, dass er
Eleonoren von derselben nicht gleich unterrichtet, dass er dem Abbé, ohne ihn
genau genug zu kennen, sein Vertrauen gewährt hatte; und er bereute das alles
hauptsächlich, weil er, der danach getrachtet hatte, sich in dem ihm angeborenen
Kreise unter seines Gleichen recht festzusetzen und auszubreiten, jetzt, da er
einer Leidenden die Hand bieten, sie aufrichten und tragen wollte, sich es
eingestehen musste, dass es ein trügerischer Boden sei, auf dem er sich bewege,
und dass er Niemanden, aber Niemanden in seiner genzen nächsten Umgebung und
Verwandtschaft habe, von dem er in einem aussergewöhnlichen Falle auf einen
aussergewöhnlichen Beistand rechnen dürfe.
    An wen von allen seinen Standesgenossen sollte er sich wenden, um Hülfe zu
fordern für eine junge Gräfin Haughton, die, von der Liebe für einen
katolischen Geistlichen über alle Schranken der gesellschaftlichen Zucht und
Sitte fortgerissen, ihren Glauben gegen ihre Ueberzeugung abgeschworen hatte,
und nun in halbem Irrsinne ihren Bekehrer mit ihrer Leidenschaft verfolgte?
    Es war in Eleonorens Lage und Verhalten Alles dazu angetan, jene Frauen
abzustossen, welche in die Bewahrung ihres guten Rufes, in die strenge
Unterordnung unter die hergebrachte Sitte, und in das Beharren innerhalb der
ihnen durch ihren Stand und ihre Geburt angewiesenen Schranken ihre Ehre
setzten. Renatus hatte von frühester Jugend an aus voller Ueberzeugung die engen
und unwandelbaren Formen und Gesetze der sogenannten guten Gesellschaft als ein
Heilsames und Notwendiges anerkannt. Er hatte es von den Frauen seines Standes
als ein Unerlässliches gefordert, dass sie selbst den geringsten übeln Schein zu
meiden suchen sollten, und er würde noch in dieser Stunde jedem, auch dem
leisesten Zweifel an einer zu ihm und seinem Hause gehörenden Frau, als
Edelmann, auf edelmännische Weise zu begegnen für seine Pflicht erachtet haben.
    Hier aber lag nun Eleonore, dem härtesten Urteile gerechten Anlass bietend,
unglücklich und verlassen, und doch nicht schuldig.
    Immer und immer wieder kam Renatus auf die eine Frage zurück: Wen soll ich
rufen, ihr beizustehen und mir zu helfen?
    Einen Priester seiner Kirche? Der Arzt hatte dies eben so entschieden
verboten, als die Zulassung eines protestantischen oder englischen Geistlichen,
auf welchen die Dienerschaft der Kranken ihre Hoffnung gerichtet hatte. - Eine
der älteren Frauen seiner Bekanntschaft? Man war gegen ihn selber nicht ohne
Voreingenommenheit, wie konnte er hoffen, für Eleonore ein gerechtes, ein
nachsichtiges Urteil zu gewinnen? Wie konnte er erwarten, von denen, welche
sich für makellos, für eine besondere und bevorzugte Menschenklasse
betrachteten, das Erbarmen mit den Irrtümern und Fehlern eines Mädchens zu
erlangen, das sich eben durch dieselben von dem Herkommen ihres Hauses und ihres
Standes so auffallend entfernte!
    Und er selber? Nun, er hatte es ja auch für Pflicht erachtet, selbst den
Schein des Unrechtes von sich fern zu halten, weil die Welt berechtigt sei, nach
dem Scheine zu urteilen - und der Schein war ganz entschieden gegen ihn. Heute,
jetzt verstand er es, wesshalb der Heiland, an den er glaubte, nicht die
Pharisäer und Schriftgelehrten zu seinen Schülern und Aposteln auserkoren hatte,
wesshalb er sich mit seiner Lehre von der Liebe und von der Vergebung zu den
Armen hingewendet, die der Liebe und der Vergebung sich selber bedürftig gefühlt
hatten; heute verstand er zum ersten Male, was Christus hingezogen zu der
Sünderin.
    Nur Seba konnte ihm helfen, und was es ihn auch kostete, ihr zu nahen, gegen
die er sich versündigt hatte, er musste ihren Beistand fordern.
    Vorsichtig, um Eleonore nicht zu erwecken, die in Schlaf versunken war, zog
er seine Hand aus der ihrigen, und ihren Leuten die notwendigen Weisungen
zurücklassend, machte er sich zu Seba auf den Weg.
    Es war zwei Uhr vorüber, als er an Tremann's Türe den öffnenden Hauswart
fragte, ob Fräulein Flies zu Hause sei. Die Herrschaft speise, gab man ihm zur
Antwort, und Herr Tremann habe streng befohlen, dass man während der Mahlzeit
Niemanden melden dürfe. Der Freiherr schützte dringende Geschäfte vor; der
Hauswart blieb bei seiner Weigerung, bis die Unruhe, welche Renatus nicht
verbergen konnte, jenen anderen Sinnes machte. Er zog eine Schelle, welche in
das Innere des Hauses ging; der Diener kam heraus, und auf die Erklärung, dass
der Herr Major das Fräulein zu sprechen wünsche und sich nicht abweisen lasse,
forderte der Diener des Freiherrn Karte, nötigte ihn, in das Vorzimmer
einzutreten, und entfernte sich dann, den Bescheid für ihn zu holen.
    Wie sie das gelernt haben! sagte Renatus unwillkürlich und mit Erstaunen;
als ob die Gewöhnung an Bequemlichkeit und an jene häuslichen Einrichtungen,
welche vor unwillkommenen Störungen und Ansprüchen bewahren, das Vorrecht einer
besonderen Menschenklasse wäre. Wie sie das gelernt haben! Der alte Flies sprang
noch behende von seinem Tische auf, wenn man im Laden schellte - und nun gar für
Unsereinen!
    Es blieb ihm jedoch zu diesen Betrachtungen nur kurze Zeit, denn der Diener
brachte ihm die Antwort, dass die Herrschaft ihn zu empfangen bereit sei, und
ging vorauf, ihn nach Seba's Zimmer zu geleiten.
    Er fand sie seiner bereits wartend; aber sie war nicht allein. Paul war bei
ihr; denn nach den Erfahrungen, welche Graf Gerhard ihn bei Anlass von Seba's
Briefen hatte machen lassen, und nach der Weise, in der Renatus sich von dem
Flies'schen Hause zurückgezogen, meinte Paul seine Freundin vor jeder Begegnung
mit diesen beiden Männern, so viel an ihm war, behüten, oder ihr bei einer
solchen doch mindestens zur Seite stehen zu müssen. Es lag daher auch wenig
Ermutigendes in seinem Tone, als er den Freiherrn fragte, welchem Zufalle man
die Ehre seines Besuches zu verdanken habe.
    Auf Paul zu treffen, wo er darauf gerechnet hatte, Seba allein zu finden,
war dem Freiherrn nicht willkommen; aber er überwand sich, weil die
Notwendigkeit ihn dazu zwang, und ohne auf eine Entschuldigung zu sinnen, sagte
er mit der Sicherheit derjenigen, welche es gewohnt sind, für sich um ihrer
Stellung und ihrer Persönlichkeit willen schliesslich doch immer eine gute
Aufnahme zu finden: Sie haben ein Recht, diese Frage in solchem Tone an mich zu
richten, und ich würde, ehe ich es gewagt hätte, Fräulein Flies nach einer so
langen Versäumnis aufzusuchen, mich sicherlich vor ihr zu rechtfertigen
getrachtet haben, wäre der Anlass, der mich heute, der mich eben jetzt nötigte
und trieb, mich an Fräulein Flies zu wenden, nicht ein plötzlich eingetretener,
und hätte ich Zeit, an etwas Anderes zu denken, als an die Hülfe, die ich von
ihr für eine Unglückliche zu fordern gekommen bin!
    Seba hatte ihn genötigt, sich niederzusetzen, und den Faden seiner
Mitteilungen wieder aufnehmend, sagte er: Sie werden Sich, ich weiss es,
wundern, dass ich mich eben an Sie wende...
    Nein, Herr Major, fiel Seba ihm mit ihrer sanften Würde in die Rede, o nein!
Sie sind nicht der Erste meiner Freunde, der mich versäumte und mir wiederkam,
der mich in seinem Glücke vergass und sich an mich erinnerte, wenn er mich
brauchte. Ich habe dies, fügte sie mit einem Lächeln hinzu, das sie noch immer
sehr schön erscheinen liess, ich habe dies aber immer als mein besonderes
Adelsdiplom betrachtet, und Ihr heutiger Besuch, Ihr Anspruch an mich sind mir
eine Bestätigung desselben. Seien Sie also willkommen - - sie hielt ihm ihre
Hand hin - in der Tat willkommen, Herr Major! Und nun, was wünschen Sie von
mir?
    Renatus küsste ihr die Hand, die sie ihm dargeboten hatte; aber das Rot der
Scham trat ihm auf die Stirne, denn Paul war Zeuge der freundlich vornehmen
Verzeihung, mit der sie ihren einstigen Freund behandelte, der Gnade, welche
Seba ihm angedeihen liess. Indes Renatus musste dies zu vergessen, sich darüber
fortzusetzen suchen, und Seba und Paul erleichterten, nachdem die Erstere sich
die ihrer würdige, aber unerlässliche Genugtuung bereitet hatte, ihm dies beide
durch ihre Fragen und durch die Art, in welcher sie seiner Mitteilung ihr Ohr
liehen.
    So schnell, so gedrängt und so schonend, als es nur möglich war, suchte
Renatus sie von den Verhältnissen der Gräfin, von dem, was er selber mit ihr
erlebt hatte, in Kenntnis zu setzen. Er hatte dabei seiner Verheiratung, er
hatte Cäcilien's wie Vittoria's zu gedenken, und von dem Eifer seiner
Mitteilungen fortgerissen, sagte er: Sie werden meine Stiefmutter, Sie werden
meine Frau ja kennen lernen. Keiner von beiden, ich darf das zuversichtlich
sagen, würde der gute Wille fehlen, der Gräfin beizustehen, aber der gute Wille
ersetzt die Kraft, die Einsicht, die Erfahrung nicht. Sie sind meiner teuren
Mutter einst ein solcher Trost gewesen - nehmen Sie Sich der Gräfin Haughton an.
    Seba antwortete ihm nicht gleich, als er geendet hatte; das beunruhigte ihn.
    Sie zögern? fragte er. Sie wollen oder Sie können ihr nicht beistehen?
    Ich sinne nur darüber nach, entgegnete ihm Seba mit jener Einfachheit, deren
nur die höchste Bildung und die höchste Güte fähig machen, ich sinne nur darüber
nach, wie ich es anfange, gleich jetzt mit Ihnen zu Ihrer Kranken hinzufahren.
Sie sagen mir, dass Sie nach Hause müssen, um Frau von Arten nicht zu
beunruhigen, und ich habe für den Nachmittag eine andere Verabredung getroffen.
    Das ist leicht zu ändern, bedeutete ihr Paul, der gewohnt, das Steuer zu
führen, es unwillkürlich und überall, bei kleinen wie bei grossen Anlässen
ergriff; und die Schelle ziehend, befahl er dem Diener, dass man anspannen,
schnell anspannen, und ihm aus dem Comptoir einen Boten senden solle. Dann
schlug er dem Freiherrn vor, die Baronin durch ein paar Zeilen über sein
Ausbleiben zu beruhigen; er selber übernahm es, Seba von ihrer genommenen Abrede
zu befreien, und während diese sich entfernte, um sich anzukleiden und Davide
von ihrem Ausgehen zu benachrichtigen, blieben Paul und Renatus in Seba's
Wohnzimmer zurück.
    Die zwei Worte an die Baronin von Arten waren schnell geschrieben, der Bote
damit fortgeschickt, und Renatus ward es nun mit einer peinlichen Empfindung
inne, dass er sich mit Paul allein befand. Indes auch jetzt wieder kam der
Letztere ihm zu Hülfe.
    Wie nannten Sie den Namen der jungen Gräfin? fragte er, um eine Unterhaltung
einzuleiten. Ich mochte Sie vorhin in Ihrer Mitteilung nicht unterbrechen und
habe ihn nicht verstanden.
    Gräfin Eleonore Haughton! antwortete der Freiherr.
    Paul besann sich. Den Namen habe ich schon gehört, meinte er; und plötzlich
sich erinnernd, sagte er: Irre ich nicht, so ist die Gräfin bei unserm Hause
accreditirt und uns in dem Creditive warm empfohlen; aber ich vermutete in
jener uns zugewiesenen Dame natürlich keine junge Frau, noch weniger ein junges
Mädchen, und darum fiel mir der Name nicht gleich am Anfange auf.
    Renatus erwiederte darauf nichts; das Gespräch drohte in's Stocken zu
geraten, und doch mochte er sich nicht immer wieder von Tremann vorwärts helfen
lassen, mochte er nicht eben diesem Manne gegenüber den Anschein auf sich laden,
als fehlten ihm die Leichtigkeit und Sicherheit, welche sein Vater in so hohem
Grade besessen hatte, oder als fühle er sich in der Gesellschaft Paul's nicht
frei. Er suchte nach einer neuen Anknüpfung; die lange Parade am Morgen, die
erschütternde Begegnung mit der Gräfin, das Wiedersehen von Seba, kurz, alles,
was er in den wenigen Stunden durchgemacht und durchempfunden, hatte ihn jedoch
ermüdet, und zu der unerfreulichen Ahnung, dass er durch Eleonorens Ankunft in
den Bereich neuer Verwicklungen getreten sei, gesellte sich noch der Gedanke,
wie Paul sich jetzt nicht nur im Besitze dieses Hauses, sondern zum Teil auch
bereits in dem Besitze der Arten'schen Güter befinde. Das befing Renatus
vollends. Er konnte, wie er sich auch mühte, keine jener allgemeinen,
gleichgültigen Bemerkungen machen, mit denen man sonst einem Fremden gegenüber
einige Minuten gemeinsamen Wartens auszufüllen pflegt. Aber diese Unbeholfenheit
wurde ihm immer drückender, ja, sie steigerte sich allmählich bis zum Verdrusse
über sich selbst, bis zu einer Angst; und als müsse er sich von derselben um
jeden Preis befreien, als müsse er es durchaus erklären, was ihn beschäftige,
sagte er plötzlich mit einer durch die Umstände in keiner Weise gerechtfertigten
Lebhaftigkeit: Sie sehen, ich habe Ihren Rat befolgt; Rotenfeld und Neudorf
sind verkauft!
    Paul neigte kaum merklich das Haupt. Und Sie sind im Militär geblieben,
fügte er hinzu, und haben die Frucht dieses Entschlusses, wie ich mit Vergnügen
hörte, schnell genug geerntet. Man hat Ihnen zu gratuliren; Sie sind früh Major
geworden!
    Er hatte die Absicht gehabt, Renatus mit dieser Wendung von den ihm
unerfreulichen Erinnerungen auf ein anderes Gebiet zu lenken, auf welchem ihm
Gutes widerfahren und erwachsen war. Ueber diesen war jedoch mit der ersten
Stunde, in welcher er sich zu dem Verbleiben in der militärischen Laufbahn
entschlossen hatte, die rastlose Unzufriedenheit des Ehrgeizes gekommen, die
sich nicht an dem Erreichten zu erfreuen vermag, wenn Anderen das Gleiche zu
Teil geworden ist, und Tremann's Anerkennung von sich weisend, entgegnete
Renatus: Ich bin nicht wesentlich früher als Sie im Heere vorwärts gekommen; Sie
waren ja auch zu Ende des ersten Feldzuges bereits Major!
    Während des Krieges war die Gelegenheit mir günstig, bemerkte Paul; das
Avancement in der Landwehr machte sich bei den ungeheuren Verlusten, die wir
erlitten hatten, schnell.
    Und wieder hatte trotz der beiderseitigen guten Absicht das Gespräch nach
diesen wenigen Worten noch einmal sein Ende erreicht. Es war, als läge eine
unausfüllbare Kluft zwischen ihnen, die zu überschreiten keiner von beiden die
Brücke fand. Renatus meinte, es sei in seinen Verhältnissen geboten, seine Würde
mit Zurückhaltung zu behaupten, und Paul fand keinen Grund in sich, dem
Freiherrn eine besondere Zuvorkommenheit zu beweisen. Indes die Unfreiheit,
welche auf dem Anderen lag, fing Paul, dessen ganze Natur auf Freiheit gestellt
war, zu belästigen an. Das Mitleid, welches er mit Renatus hegte, konnte ihn
nicht verhindern, dieses Beisammensein beschwerlich zu finden. Unwillkürlich zog
er die Uhr hervor, um zu ermessen, ob Seba noch nicht kommen, der Wagen noch
nicht fertig sein könne. Das entging Renatus nicht, und als wolle er wenigstens
in diesem Falle seine gesellschaftliche Ueberlegenheit behaupten, sagte er, sich
gewaltsam überwindend, um eine neue Unterhaltung anzuknüpfen: Sie sprachen, als
ich Sie bei meiner Rückkehr hier aufzusuchen veranlasst war, von Einbussen und
Verlusten, welche Ihr Haus während Ihrer Feldzüge erlitten hätte. Derlei stellt
sich wahrscheinlich auch in Ihrer Lage so leicht nicht wieder her. Wie ist es
Ihnen ergangen, was haben Sie getan, seit ich Sie damals sah?
    Paul's schönes Antlitz hellte sich auf. Es war ihm eine Erleichterung, dass
Renatus sich von seiner Befangenheit loszumachen trachtete, und da er, wie alle
tüchtigen Menschen, trotz der Enttäuschungen, denen Niemand mehr als eben solche
unterworfen sind, doch immer wieder zum Glauben an den Menschen und zum Hoffen
auf das Gute in der Natur desselben geneigt war, sprach er freundlich, wenn auch
über die Art der Frage unwillkürlich lächelnd: Für Unsereinen, der mit seinem
Tun und Lassen auf sich selbst gewiesen ist, lässt sich eine solche Frage nicht
rundweg, nicht mit Einem Worte abtun. Indes ich darf wohl sagen: ich habe nicht
gefeiert! - Dann, als besorge er, den Freiherrn mit solch kurzem Bescheide
wieder in das frühere Unbehagen zurückzuwerfen, fügte er hinzu: Es sind nicht
allein die grossen Unternehmungen, es sind eben so wohl die kleinen täglichen
Erfolge, welche uns vorwärts bringen; und das Wachsen, das Gedeihen vollzieht
sich überall in der Regel geräuschloser und weniger sichtbar, als das Zerstören
und das Zugrundegehen. Es liegt für den Dritten, für den Zuschauer daher
vielleicht kein besonderes Interesse darin, uns auf unserm Wege zu begleiten,
unserm immer gleichen und doch in sich sehr wechselreichen Arbeiten zuzusehen,
selbst wenn es, wie dies meist der Fall ist, mit den allgemeinen
Notwendigkeiten eng genug verbunden ist. Wir haben keinen Rang, keine äusseren
Anerkennungen, als diejenigen, welche das Urteil unserer Standesgenossen und
Mitbürger uns zu Teil werden lässt; denn jene Titel und Orden, welche der König
einem Gewerbtreibenden gelegentlich verleiht, zählen nicht vor den Tüchtigen und
Verständigen unter uns. Wir schaffen uns unsern Namen, unsere Stellung in der
kaufmännischen wie in der bürgerlichen Welt aus eigener Machtvollkommenheit.
Unsere tägliche Arbeit wird erst merkbar, wenn sie ihre Ernte getragen hat,
obgleich wir uns derselben stets bewusst sind und unserer Freude an unsern mit
tausendfachen Sorgen schwer errungenen Erfolgen nicht entbehren. Und da es uns
an Sorgen und Hoffnungen dabei durchaus nicht mangelt, so brauchen wir nach
Erregungen und Zerstreuungen nicht zu suchen, uns Lust und Pein nicht erst zu
schaffen. Das hat auch sein Gutes, besonders für denjenigen, der in der freien
Arbeit an und für sich schon seine wahre Befriedigung geniesst!
    Er brach ab, weil er besorgte, mit der Schilderung seiner Zustände wider
seinen Willen ein Gegenbild zu denen des Freiherrn geboten zu haben; und in der
Tat lag in des Kaufmanns stolzer Selbstgenügsamkeit ein Vertrauen zu dem Leben
und in die Zukunft verborgen, um welches der Freiherr ihn beneidete. Er konnte
sich jedoch nicht überwinden, ihm dies auszusprechen, und ohne eine Bemerkung
auf Paul's Auseinandersetzungen hinzuzufügen, sagte er: Und Sie sind auch
verheiratet? Sie haben Kinder?
    Ja, ich habe einen Knaben und Aussicht auf ein zweites Kind. Dazu geniesse
ich das Glück, Fräulein Flies, die mir und meiner Frau eine Mutter gewesen, und
die ja leider unvermählt geblieben ist, in meinem Hause eine Heimat bieten zu
könne; und wir befinden uns in einer Lage, in welcher wir uns in vollster
Freiheit nach eigenem Bedürfen regen und bewegen können. - Er hielt abermals
inne und sagte danach: Das ist freilich nichts Besonderes, das haben hundert
Andere auch, das ist viel und wenig, wie man es betrachtet. Mir genügt es! Ich
könnte also Ihre erste Frage wohl mit dem schlichten Worte beantworten: es geht
uns Allen in jedem Sinne wohl!
    Nicht so, Seba? fragte er, sich mit seinem hellen Blicke und seiner
volltönenden, männlichen Stimme, deren blosser Klang erfrischend wirkte, an die
Freundin wendend, welche, für die Ausfahrt angekleidet, eben in das Zimmer trat.
    Gewiss! entgegnete sie; aber wesshalb soll ich das besonders erst versichern?
    O, rief Renatus, und eine weiche, schmerzliche Empfindung, wie er sie diesen
Menschen gegenüber, wie er sie in solcher Weise überhaupt noch nie gefühlt
hatte, bewegte ihn und drohte, ihn zu überwältigen, o, bereuen Sie diese
Versicherung nicht! Es ist ein Segen und es ist sehr selten, Glückliche zu
sehen!
    Seine Erschütterung überraschte die beiden Anderen, und ein Blick des
Einverständnisses zwischen ihnen bezeugte, was sie dachten. Indes die Meldung
des Dieners, dass der Wagen vorgefahren sei, trat eben jetzt dazwischen.
    Renatus, sich schnell ermannend, bot Seba seinen Arm; Paul begleitete sie.
Als sie eingestiegen war, wendete Renatus sich zu Jenem und sagte, indem er, was
er sonst nie getan hatte, ihm die Hand reichte und schüttelte: Leben Sie wohl,
und erhalte der Himmel Ihnen Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit! Leben Sie wohl!
    Auf Wiedersehen! entgegnete Paul, ihm den Händedruck vergeltend. Und in das
Haus zurückkehrend, dachte er: Wenn er ein Einsehen hätte - wie gern wollte man
ihm helfen!
 
                                Drittes Capitel
Die Zeit und das Leben waren damals noch nicht so bewegt, dass ein Ereignis wie
die Ankunft und Erkrankung einer vornehmen Fremden mit den diese Erkrankung
begleitenden auffallenden Nebenumständen in der Residenz unbeobachtet und
unbesprochen hätte bleiben können. Der und jener Vorüberkommende hatte gesehen,
wie man die Kranke aus dem Wagen gehoben, wie ein Major in voller Uniform dabei
behülflich gewesen war; und die augenblicklichen Mitbewohner des Gastofes
hatten sich bei den Kellnern erkundigt, was es mit der Kranken für eine
Bewandtnis habe. Die Fragen waren, wie das in solchen Fällen stets geschieht,
über die ersten Antworten hinausgegangen, die nächsten Antwortenden hatten mit
Vermutungen zu ergänzen gestrebt, was sie an Wissen entbehrten, und schon an
einem der folgenden Tage brachte die verbreitetste Zeitung der Stadt unter ihren
allgemeinen Berichten die Kunde: dass eine vornehme Engländerin, die Gräfin E.
H....ton, deren Abenteuer am französischen Hofe wie in der vornehmen Welt ihres
Vaterlandes viel von sich reden machen, in der Hauptstadt angekommen sei, wohin
ein Herzensverhältniss sie gezogen habe. Wider ihr Erwarten habe sie aber den
Mann, welchem sie gefolgt sei, einen höheren preussischen Offizier, bereits
anderweitig verheiratet gefunden und sei aus Verzweiflung darüber wahnsinnig
geworden. Der Name des sie behandelnden Arztes schloss diesen Bericht.
    Die bürgerliche Gesellschaft las über denselben hinweg, wie man im
Allgemeinen über derlei achtlos fortgeht; aber in den Kreisen, in denen Renatus
lebte, und in denen man gewohnt war, sich um die Vorgänge an den verschiedenen
Höfen zu bekümmern, fiel die Nachricht auf.
    Man erinnerte sich, dass vor ungefähr drei Viertel Jahren eine junge
Engländerin vom französischen Hofe verwiesen worden war. Man entsann sich, dass
es die berühmte Schönheit, die Gräfin Haughton-Lauzun gewesen sei, die Nämliche,
welche nach den Berichten der englischen Zeitungen in London am Hofe zu der
üblichen Vorstellung nicht zugelassen worden, und später zum Katolicismus
übergetreten war. Eine der Hofdamen, welche mit der gräflich Rhoden'schen
Familie verwandt war, hatte damals von ihrem bei der preussischen Gesandtschaft
in Paris beschäftigten Bruder die briefliche Mitteilung erhalten, dass der
Freiherr von Arten in die Abenteuer der Gräfin Haughton verwickelt, dass er einer
ihrer Liebhaber gewesen sei; und die in der Zeitung angegebenen Buchstaben
passten auf die Gräfin.
    Das machte die Neugier rege. Man liess sich die Fremdenblätter holen; unter
den »Eingetroffenen« fand sich, zu allgemeiner Genugtuung, der Name der Gräfin
Haughton, und als die Schwester eben jenes Gesandtschafts-Sekretärs zufällig bei
ihrer Spazierfahrt die Linden entlang fuhr, sah sie, dass man vor und neben dem
betreffenden Gastofe die Strasse, um das Rollen der Wagen abzudämpfen, weit
hinaus mit Stroh beschüttet hatte.
    Abends erzählte die Hofdame der Ober-Hofmeisterin in dem Zimmer ihrer Herrin
von dem romantischen Ereignis, und so leise sie auch sprachen, hatte die
Prinzessin doch ein Wort davon gehört. Sie verlangte, zu wissen, wovon die Rede
sei. Die Ober-Hofmeisterin, froh, einen Gegenstand der Unterhaltung für die
unbeschäftigte Prinzessin zu haben, erzählte, was sie wusste.
    Die Prinzessin sagte, sie habe der Sache schon früher erwähnen hören, als
sie im Auftrage des Königs das Fräulein-Stift zum heiligen Grabe besucht, und
dort zu ihrem Erstaunen die Gräfin Hildegard von Rhoden gefunden habe, die nach
ihrem Wissen mit dem Freiherrn von Arten seit vielen Jahren versprochen gewesen
sei. Sie wunderte sich, wie Hildegard's Mutter, nach der Weise, in welcher der
Freiherr sich gegen Hildegard benommen hatte, und nach den Gerüchten über ihn,
die ihr doch kaum verborgen geblieben sein konnten, den Mut besessen habe, ihm
die zweite Tochter anzuvertrauen.
    Die Hofdame, welche mit Hildegard in gleichem Alter und eine Freundin von
ihr war, wagte die bescheidene Bemerkung, Hildegard habe sich für die Schwester
aufgeopfert, als sie deren Leidenschaft für ihren Verlobten wahrgenommen habe.
Die Prinzessin, ein Vorbild der ehelichen Treue und der Mutterliebe, schüttelte
missbilligend das schöne Haupt.
    Wie traurig ist es, dass selbst ursprünglich edle Naturen, denn ich habe
früher nur Günstiges von dem Baron von Arten gehört, sich zu solchen Verirrungen
hinreissen lassen können, die ihre Strafe in sich selber tragen. Die Zeit bleibt
sicherlich nicht aus, in welcher die Gräfin Hildegard ihr Schicksal als das
glücklichere zu preisen haben wird! Wenn Sie ihr schreiben, so sagen Sie ihr,
dass ich ihrer denke und dass ich sie zu sehen hoffe, wenn sie wiederkehrt.
    Mit diesem Ausspruche der Prinzessin war für die Personen, welche zu ihrem
Hofstaate gehörten, die Weise vorgezeichnet, in welcher man die Angelegenheiten
der Arten'schen und der Rhoden'schen Familie aufzufassen hatte; und da man
einmal auf dem Wege war, sich mit ihnen zu beschäftigen und sie zum Gegenstande
der Unterhaltung zu machen, gab es in den nächsten Tagen kaum einen Teetisch,
kaum ein Plauderstündchen, in welchem sie nicht den Stoff für weit
zurückreichende Erinnerungen, für eben so weit gehende Vermutungen und
Voraussichten geboten hätten.
    Von der Rhoden'schen Familie hatte man wenig zu sagen. Das Leben, die Ehe
der Gräfin waren einfach und tadellos gewesen; um so reicheren Stoff aber boten
die Ueberlieferungen aus dem Arten'schen Hause für die sagenbildende Kraft der
Menschen dar. Die Eigenartigkeit des Fräuleins Ester, die Schönheit der früh
gestorbenen Amanda von Arten, die sich in einer heimlichen Leidenschaft zu einem
Manne niederen Standes verzehrt haben sollte; der Tod der Baronin Angelika,
welcher ein Liebeshandel das Herz gebrochen, den ihr Gatte mit der Herzogin von
Duras unterhalten hatte, waren Dem und Jenem aus persönlichen Anschauungen und
Erinnerungen bekannt, und man war nicht abgeneigt, eine Art von sittlicher
Gerechtigkeit darin zu finden, wenn die Nichte der Herzogin an einer
unglücklichen Liebe für den Sohn der Baronin zu Grunde ging, ohne dass man diesen
deshalb nachsichtiger beurteilt hätte. Selbst die Entschuldigungen, welche man
ihm angedeihen liess, dienten nicht zu seinem Segen.
    Man beklagte ihn, dass er von einem Vater erzogen worden war, der, obschon er
ein vollkommener Cavalier gewesen sei, doch sich selbst nicht zu zügeln
verstanden und noch an der Schwelle des Greisenalters eine junge Nonne aus
vornehmem Hause aus dem Kloster entführt hatte. Man wusste darüber freilich
nichts Genaues, aber man hatte von einem päpstlichen Dispens sprechen hören, den
zu erwirken der Freiherr Franz lange Jahre in Italien gelebt hatte und der mit
einem namhaften Teile des Arten'schen Vermögens erkauft worden war. Die junge
Frau sollte den greisen Gatten leidenschaftlich geliebt und das Gelübde getan
haben, fortan die Witwentrauer nicht mehr abzulegen. Man war gespannt, zu sehen,
ob sie diesen Vorsatz auch in der Residenz, auch in dem Hause ihres Stiefsohnes
zur Ausführung bringen werde, in dem sie, wie man berichtete, gerade in diesen
Tagen erwartet wurde. Und da nun Jeder, in dessen Beisein von diesen Gerüchten
die Rede war, sich die Lücken und Unwahrscheinlichkeiten in denselben auf seine
Weise und mit seiner verbindenden Kraft zu ergänzen strebte, so erwuchs um den
Kern von Wahrheit, der diesen Behauptungen überall zum Grunde lag, eine
Dunstschicht von Einbildungen, die sich in dem Bewusstsein der Leute um so fester
setzten, je weniger die Personen, um welche diese Märchen sich bewegten, eine
Ahnung von ihrem Vorhandensein besassen und in der Lage waren, sich gegen diese
Erfindungen zu erheben und zu verteidigen.
    Was Renatus anbetrifft, so hatte er eben in diesen Tagen vollauf mit der
Wirklichkeit zu tun. Cäcilie war doch noch tiefer, als er es befürchtet hatte,
durch die Ankunft der Gräfin erschüttert worden, und wenn es ihm auch gelungen
war, sie bald völlig über den Vorfall zu beruhigen und sie die Sache in ihrem
rechten Lichte erkennen zu machen, so fügte es sich doch nicht glücklich, dass
gerade jetzt auch Vittoria mit ihrem Sohne von der einen Seite anlangte, während
von der anderen die Gräfin Rhoden mit Hildegard in der Hauptstadt eintraf.
    Vittoria, die in allen praktischen Angelegenheiten unbehülflich wie ein Kind
geblieben war, wollte in ihren Zimmern eingerichtet sein und missfiel sich in
ihnen, während sie über die ihr bevorstehende Trennung von Valerio sich
untröstlich zeigte. Alles in ihrem jetzigen Dasein war ihr fremd und dünkte ihr
quälend. Sie hatte niemals in einer Stadt gelebt. Die beiden von Renatus mit
Vorsorge für ihren besonderen Gebrauch ausgewählten Zimmer dünkten sie eng und
niedrig, denn sie verglich sie unwillkürlich mit den grossen, hohen Sälen ihres
Klosters und den stattlichen Räumen des Arten'schen Schlosses. Die ihr fremde
Heizungsweise belästigte sie, die Häuserreihen, die ihr den Horizont verengten,
machten sie traurig, sie verlangte mit einer krankhaften Ungeduld nach Luft,
nach Licht; und wollte man sie nicht in Tränen ausbrechen sehen und in
schwermütigem Brüten sich selber überlassen, so blieb nichts übrig, als auf
ihre Zerstreuung zu denken, wie denn, nach des jungen Freiherrn Ansicht, Cäcilie
ebenfalls Zerstreuung nötig hatte.
    Weder das Alleinsein mit Vittoria, in welchem, wie natürlich, Eleonore
Haughton den einzigen Gegenstand der Unterhaltung machte, noch die Begegnungen
mit der Mutter und der Schwester, bei denen derselbe Gegenstand und noch andere,
eben so unerfreuliche Erörterungen zur Sprache kommen mussten, konnten dem
aufgeregten Gemüte der jungen Frau zu einer Besänftigung gereichen, und Renatus
selber fühlte das Bedürfnis, sich, wenn auch nur für einzelne Stunden, von den
peinlichen Eindrücken, von den Sorgen abzuziehen, die auf ihm lasteten.
    Er hatte gehofft, Hildegard werde sich wenigstens für die erste Zeit von
seinem Hause fern halten, und er hatte dies nicht erst besonders gefordert, weil
es ihm das Natürliche gedäucht hatte. Aber er kannte weder die Neigung gewisser
Frauen, sich und Anderen das Leben möglichst schwer zu machen, noch die
furchtbare Berechnung, welcher eben solche Frauen fähig sind. Er hatte es nicht
vorausgesehen, dass Hildegard, um die von ihr übernommene Rolle grossmütiger
Entsagung aufrecht zu erhalten, sich und dem jungen Ehepaare die Marter eines
unnützen Zusammenkommens auferlegen würde; er hatte noch weniger erwartet, dass
die Mutter ein solches Verhalten als nötig bezeichnen und also es begünstigen
werde.
    Renatus sass, von der Parade kommend, mit Cäcilien beisammen, als die beiden
Frauen, von deren Ankunft in der Stadt man noch nicht unterrichtet worden war,
sich zum ersten Male in dem neuen Haushalte melden liessen. Mit einer
Befangenheit, mit einer Bestürzung, welche in diesen Verhältnissen sehr
erklärlich waren, erhoben die jungen Eheleute sich, den Eintretenden entgegen zu
gehen. Cäcilie warf sich der Schwester in die Arme und barg, in Tränen
ausbrechend, ihr Gesicht an Hildegards Brust, während Renatus, nachdem Cäcilie
sich aufgerichtet hatte, die Hand seiner Schwägerin ergriff und sie an seine
Lippen führte.
    Sei willkommen in unserm Hause und gönne mir es, Dir als ein Bruder zu
vergüten, was ich Dir getan! Das war alles, was er sagte, aber obschon er sehr
blass geworden, war seine Stimme doch vollkommen fest und ruhig.
    Hildegard hatte ebenfalls die Farbe gewechselt; indes das Lächeln, mit dem
sie in das Zimmer gekommen war, wich weder vor Cäciliens Tränen, noch vor ihres
Schwagers Worten von ihren Lippen; und sich zu der Mutter wendend, sprach sie:
Hatte ich nicht Recht, dass wir, ohne sie darauf vorzubereiten, hieher gegangen
sind? Ihr solltet es gleich sehen, dass ich nicht um meinetwillen komme, Ihr
solltet nicht darüber in Zweifel sein, wie ich für Euch gesonnen bin, und dass
die Rücksicht auf Eure gesellschaftliche Stellung mir wichtiger ist, als mein
eigenes Empfinden. Wer darf Euch tadeln, wenn ich für Euch bin? Aber wie geht es
Euch? Es scheint, die Stadtluft tut Euch nicht recht wohl. Nicht wahr, liebe
Mutter? Cäcilie sieht nicht gut aus und Renatus auch nicht!
    Sie machte es mit diesem Nachsatze für den Freiherrn zu einer Unmöglichkeit,
ihr auf ihre ersten Erklärungen zu antworten, und weil Cäcilie sich von der
Herablassung der Schwester, von ihrem verzeihenden Erbarmen eben so gepeinigt
fühlte, als der Freiherr ihr Betragen beleidigend fand, beeilte die junge Frau
sich, der Unterredung ein Ende zu machen, indem sie die Mutter und die Schwester
aufforderte, sich in ihrem Hause umzusehen.
    Die Wohnung des Freiherrn war sehr ansehnlich und immer noch reich
ausgestattet. Sie musste für prächtig gelten, wenn man sie mit den Möglichkeiten
der Gräfin Rhoden verglich, und die Mutter hielt ihr Wohlgefallen an den
Einrichtungen, welche Renatus getroffen hatte und in denen sie ihre Tochter
wiedersah, auch nicht zurück, so dass Cäciliens unschuldige Besitzesfreude sich
an der Teilnahme der Mutter steigerte, und ihr Gatte sich für seine Mühe wohl
belohnt fand.
    Nur Hildegard ging langsam hinter den Anderen her und musterte die einzelnen
Gegenstände mit dem Augenglase in der Hand. Ach, die Lehnsessel aus dem lieben
Bilder-Cabinette! rief sie. Ach, also auch die antiken Statuetten aus der Mutter
Wohnzimmer habt ihr von Richten fortgenommen! sprach sie. Wie nur die guten,
alten Familienbilder sich hier in der Stadt behagen mögen? scherzte sie; und
jedes ihrer Worte, jede ihrer Bemerkungen war ein Nadelstich für den Freiherrn.
    Es tat ihm wehe, wenn sie erwähnte, wie öde die Zimmer jetzt in seinem
Schloss sein müssten, es verdross ihn, wenn sie die neuen Anschaffungen mit einer
auffälligen Verwunderung bemerkte, und das Blut stieg ihm zu Kopfe, als sie zum
zweiten Male gegen ihre Mutter den Ausspruch tat, dass Cäcilie und Renatus
wirklich ganz artig, aber ganz artig eingerichtet wären. Schon trat ein Wort des
ausbrechenden Zornes ihm auf die Lippe, aber er unterdrückte es wieder. Er hatte
jenen edeln Sinn, der eine Busse entschlossen auf sich nimmt, wo er ein Unrecht
gegen Andere begangen hat, und seine Missempfindung gewaltsam überwindend, brach
er, um nicht in der Rede stecken zu bleiben, den begonnenen Satz zu der Frage
um, ob Hildegards angeborene Kurzsichtigkeit in dem Grade zugenommen habe, dass
sie ihr den Gebrauch eines Augenglases jetzt selbst im Zimmer nötig mache.
    Wundert Dich das? entgegnete sie ihm. Ich habe viele Nächte durchwacht und
viele Tage durchweint; das dient den Augen nicht!
    Dann, als sie sich überzeugt hatte, dass auch diese Bemerkung ihres Eindrucks
auf Renatus, auf den einst geliebten und eben deshalb jetzt gehassten Mann nicht
verfehlte, reichte sie ihm, als wolle sie ihn zerstreuen und ihm ihre ruhige
Stimmung dartun, das Augenglas hin und sagte, plötzlich in den Ton
gleichmütigster Unterhaltung übergehend: Ich habe jetzt sogar weit stärkere
Gläser nötig, und Dein Onkel, der sich meiner in Pyrmont mit der grössten Güte
angenommen, hat mir dieses schöne Lorgnon geschenkt. Sein und mein Auge tragen
ganz gleich weit, und wir sehen auch geistig die Dinge und die Menschen häufig
unter gleichen Gesichtspunkten an. Er ist vorgestern zurück gekommen; wir waren
eben bei ihm.
    Ihr wart bei ihm? fragte Renatus, und heute schon? Ist denn der Onkel krank?
    Nicht eigentlich, gab Hildegard zur Antwort; er ist schmerzensfrei und
heitern Geistes. Das Bad hat ihm sehr wohlgetan, nur das Gehen wird ihm schwer.
Doch hält der Arzt die leichte Lähmung für vorübergehend und ungefährlich.
    Die Lähmung? wiederholte der Freiherr, seit wann ist der Onkel denn gelähmt?
    Wusstest Du das nicht? fragte Hildegard, statt ihm zu antworten. O, das ist
nicht hübsch von Dir! Das Uebel zeigte sich ja gleich nach seinem Anfalle, er
suchte nur, es zu verbergen, weil er die Anderen nicht zu beunruhigen wünschte!
Aber man sieht es, dass Du Dich um unsern guten Grafen wenig kümmerst, und er
nimmt doch so viel Teil an Dir! Das Erste, wovon der Onkel mit uns sprach, war
nicht sein Befinden, sondern seine Sorge um Cäcilie und um Dich!
    Renatus hob das Haupt empor, und der neuen Schwägerin mit einem scharfen
Blicke ins Auge sehend, fragte er bestimmt: Was soll das heissen? Was hat der
Onkel zu besorgen für mich und meine Frau?
    Hildegard seufzte, und die Stimme senkend, sprach sie: Die Unüberlegteit,
mit welcher Eleonore Dir gefolgt ist, die Rücksichtslosigkeit, mit der sie sich
in dem ersten Gastofe der Stadt unter ihrem eigenen Namen einquartierte,
beunruhigen ihn um Euretwillen, und ....
    Und Du hast hoffentlich, fiel Renatus ihr in die heuchlerische Rede, da Du
die Wahrheit kennst, es dem Onkel gleich gesagt, dass Eleonore nicht mir gefolgt
ist, dass ich gegenwärtig mit ihr in keinem andern Zusammenhange stehe, als in
demjenigen, in welchen ein Zufall mich verstrickte, ein Zufall, den ich nicht
einmal beklagen darf, denn Cäcilie ist eben so verständig als meiner Liebe
sicher, und die Gräfin Haughton wäre hier sehr verlassen, hätte sich Seba Flies
ihrer nicht auf meine Bitte angenommen!
    Seba Flies? rief Hildegard mit einem allerdings begreiflichen Erstaunen, Du
hast Deine alte Bekanntschaft mit der Flies wieder aufgenommen? Das ist ja etwas
völlig Neues! - Und sich von dem Schwager zu der Mutter wendend, sagte sie:
Stelle Dir vor, Mama, Renatus hat sich mit der Flies, vor der er mich einst mit
Recht gewarnt hat, wieder in Verbindung gesetzt, hat ihr die Gräfin Haughton
anempfohlen! - Du hast also wohl auch Cäcilie zu ihr hingeführt? Das ist
sonderbar!
    Renatus war empört über Hildegard, denn sie reizte und kränkte ihn mit einer
Art von Wollust, weil sie von ihm auf die Schonung und Rücksicht rechnen durfte,
die er ihr mehr als jedem Andern angedeihen zu lassen durch die Verhältnisse
gezwungen war.
    Das ist sonderbar, höchst sonderbar! wiederholte sie; aber Du bist freilich
oftmals unbegreiflich! fügte sie hinzu.
    Ich finde es nicht unbegreiflich, entgegnete Renatus, dass man, so lange man
jung und unreif ist, sich von augenblicklichen Eindrücken zu unbesonnenen
Handlungen fortreissen lässt, und nicht sonderbar, dass ein Mann, wenn er zur
Einsicht in seine Irrtümer gekommen ist, ihren nachteiligen Folgen, so weit er
es vermag, vorzubeugen und seine Ungerechtigkeiten gut zu machen trachtet! Ich
habe Cäcilie noch nicht zu Seba führen können, aber ich denke es zu tun, sobald
die Gräfin Haughton Seba's Beistand weniger bedürfen wird!
    Du bist natürlich Herr, zu tun und zu lassen, was Dich gut dünkt, meinte
Hildegard, welche in der Äusserung des Freiherrn über seine jugendlichen
Irrtümer eine für sie kränkende Anspielung auf ihre Vergangenheit gefunden
hatte; und Du hast Dir ja auch die Freiheit, nach Deiner wechselnden Erkenntnis
zu verfahren, immer und in allen Lebensverhältnissen unbedenklich zuerkannt! Nur
wundern wird man sich über diese Sinnesänderung, und der Onkel nicht am
wenigsten!
    Sie erschrak, als sie diese Worte ausgesprochen hatte, denn Renatus überflog
sie mit einem Blicke voll stolzen und triumphirenden Erstaunens, vor dem sie
unwillkürlich die Augen niederschlug. Du bist sehr eingeweiht in die Ansichten
und in die Geheimnisse des Onkels, sagte er. Gleichviel aber, ob die Beichte,
die er Dir offenbar getan hat, seiner von Dir gerühmten Sinnesänderung
vorausgegangen oder ob sie eine Folge der Bekehrung gewesen ist, die Du an ihm
gemacht hast, in jedem Falle bist Du um die Mitwissenschaft derartiger
Geheimnisse nicht zu beneiden! Ich für meinen Teil finde solche Geständnisse
empörend, und ich würde es einem Manne nie verzeihen, der sich unterfinge, sie
einer mir in irgend einer Weise angehörenden Frau nach seinem Belieben
aufzudrängen! Die Mitwissenschaft um solche Dinge ist keine Ehre für einen Mann,
und für eine Frau ....
    Die Gräfin hinderte ihn durch ihr Dazwischentreten, das vernichtende Wort
auszusprechen, das auf seinen Lippen schwebte.
    Sie hatte bisher anscheinend nur auf Cäciliens Mitteilungen hingehört, doch
war ihr nichts von der Unterredung der beiden Andern und von der immer bitterer
werdenden Wendung entgangen, welche sie genommen hatte. Einzig der Wunsch, es zu
keinem öffentlichen Zerwürfnisse in ihrer Familie kommen zu lassen, hatte sie
bis dahin abgehalten, das unerfreuliche Gespräch zu unterbrechen, und eben das
nämliche Verlangen war es jetzt wieder, welches sie bestimmte, sich mit einer
plötzlichen Frage um das Ergehen Seba's in das Mittel zu legen.
    Renatus antwortete darauf, wie seine gegenwärtige Gereizteit es ihm eingab.
Er sprach, ohne im Grunde viel davon zu wissen, von der ausgezeichneten
Verehrung, deren Seba geniesse, von den würdigen Verhältnissen, in denen sie sich
bewege. Er erwähnte ihrer günstigen Vermögenslage, ihres glücklichen
Familienkreises, und er hegte bei jedem seiner Worte die geheime Hoffnung, dass
es Hildegard zuwider sein, dass es sie wo möglich noch mehr verletzen werde, als
er Verletzungen von ihr erlitten hatte.
    Die Mutter nahm alle seine Nachrichten mit Güte auf. Sie äusserte ihre
Genugtuung darüber, sich in Seba, mit der sie zu den Zeiten des Tugendbundes
viel verkehrt hatte, nicht getäuscht zu haben; sie nannte es sogar einen
glücklichen Gedanken, dass Renatus Seba zu der Kranken hingerufen habe, da sie
hülfreich sei und sicherlich bereitwillig bei Eleonoren ausharren werde, bis sie
selber, sie und Hildegard, die Pflege der Gräfin Haughton übernehmen könnten,
wozu sie gleich in den nächsten Tagen, wenn sie nur ihre nötigsten
Einrichtungen getroffen haben würden, gern erbötig wären.
    Dieses Anerbieten seiner Schwiegermutter brachte Renatus für den Augenblick
um seine Fassung, obschon es, das konnte er nicht läugnen, in vielfachem
Betrachte eben so natürlich als zweckentsprechend war. Wenn die Mutter und die
Schwester seiner jungen Frau, wenn die Gräfin Rhoden, deren Charakter über jeden
Zweifel erhaben und deren gesellschaftliche Stellung eine so wohl begründete
war, sich der Gräfin Haughton annahmen, mussten alle Gerüchte, welche über
Eleonore wie über ihre Beziehungen zu dem jungen Freiherrn im Umlaufe waren,
davor verstummen, und Eleonore hatte für den Fall ihrer Herstellung an der
Gräfin gleich den Anhalt, dessen sie bedurfte. Er hätte daher den Vorschlag
seiner Schwiegermutter, als ein glückliches Ereignis, mit tausend Dank begrüsst,
wäre Hildegard in demselben nicht beteiligt gewesen und hätte er nicht auf das
unwiderleglichste gefühlt, dass die Feindschaft zwischen dieser und zwischen ihm
eine unversöhnliche sei, dass Hildegard ihn und Cäcilie hasse, dass die Mutter,
aus einem sehr erklärlichen Mitgefühle für ihre weniger glückliche Tochter,
Partei für diese nehme und dass also auch die Hülfsleistung, zu der man sich für
die Gräfin Haughton erbot, ohne alle Frage nur dazu benutzt werden würde, einen
neuen Heiligenschein für Hildegard daraus zu machen.
    Es ist ein unvergesslicher, es ist oft ein entscheidender Moment für einen
Menschen, wenn er sich zum ersten Male eingestehen muss, dass er Feinde,
unversöhnliche Feinde habe, wenn er es in sich fühlt, wie er diejenigen zu
hassen vermag, an deren Hass gegen ihn er nicht mehr zweifeln kann, und es war
ein doppelt schmerzlicher Augenblick für den im Grunde seines Wesens guten und
nicht charakterfesten Freiherrn, der bisher nur selten auf Widerstand gestossen
war. Er hatte in seiner frühen Jugend keines fremden Menschen Hülfe nötig
gehabt. Er war überall gern gesehen worden, weil er nichts zu begehren
gebraucht, er hatte es also auch nicht gelernt, wie man sich mit seinen
berechtigten Ansprüchen denen gegenüber zu behaupten hat, die aus irgend einem
Grunde nicht gewillt sind, jene Ansprüche anzuerkennen und zu befriedigen. Nach
der Lehre seiner Kirche hatte er unwillkürlich an dem Glauben festgehalten, dass,
wie vor Gott, so auch den Menschen gegenüber, die Reue genug tue für den
Irrtum, und die Busse für den Fehl. Er hatte sich über sein Verhalten und über
sein Unrecht gegen Hildegard in keiner Weise verblendet, er hatte nur nicht sich
allein, nicht sich ausschliesslich für den Schuldigen betrachtet, sondern
vielmehr erwartet, dass auch Hildegard es allmählich einsehen werde, in wie weit
sie selber zu ihren schmerzlichen Erlebnissen die Veranlassung geboten habe, und
eben deshalb hatte er sich der Hoffnung hingegeben, früher oder später zu einer
Ausgleichung mit ihr gelangen zu können, über welcher, wie auf einem neuen
Unterbau, sich ein schönes und friedliches Familienleben errichten lassen würde.
Hildegard's Güte, ihr liebevolles Gemüt, ihre Hingebung für Andere, ihre
Entsagungs- und Opferfähigkeit waren seit ihrer Kindheit in der Familie und von
Fremden immerdar bewundert worden; sie hatte ihren Verlobten auch beständig und
mit einer Vertrauen fordernden Kraft auf diese ihre Tugenden und Eigenschaften
hingewiesen, und er hatte also darauf gerechnet, dass sich dieselben auch in
diesem besonderen, in seinem besonderen Falle bewähren würden. Nun fand er sich
plötzlich in dieser Voraussetzung auf das Unerbittlichste getäuscht.
    Eine Viertelstunde des Beisammenseins mit Hildegard hatte es ihm
unwiderleglich dargetan, dass er in ihr eine Feindin besitze, dass sie für ihre
Feindschaft in dem Grafen Gerhard einen Bundesgenossen gewonnen habe, und dass
die Gräfin Rhoden, trotz ihrer Mutterliebe für Cäcilie, sich, wie gesagt,
verpflichtet halte, vor allen Dingen auf die Wohlfahrt der noch
unverheirateten, der unversorgten Tochter oder, wie sie es in der Sprache der
Gesellschaft bezeichnete, auf das Empfinden und die Beruhigung ihrer armen
Hildegard Rücksicht zu nehmen, die sich nur in Taten der Entsagung und in
Werken der Liebe genug tun konnte.
    Er hätte nicht gleich, nicht mit Sicherheit anzugeben vermocht, was er davon
befürchtete, wenn die Gräfin Rhoden und Hildegard sich mit Eleonore in
Verbindung setzten, er hatte nur die Ueberzeugung, dass er es zu hindern suchen
und dass er vor allem Andern darauf denken müsse, sich in seinen Angelegenheiten
vor jeder Beeinflussung durch die Familie zu bewahren. Obschon er bei seinem
Wiedersehen mit Seba dieser von seiner Frau gesprochen, hatte er damals nicht
die bestimmte Absicht gehabt, ein Umgangsverhältniss zwischen seinem und dem
Tremann'schen Hause einzugehen; jetzt aber fühlte er sich dazu geneigt, denn er
übersah mit jener Klarheit, die uns bei entscheidenden Anlässen oft in
ungewöhnlich hohem Grade und plötzlich zu Gebote steht, wie er dadurch eine
Scheidewand zwischen sich und seinem Oheim aufrichtete, die nicht leicht zu
übersteigen war, und dass er eben dadurch auch Hildegard von sich entfernen
werde. Er wollte vor allen Dingen Ruhe und Frieden in seinem Hause haben. Seine
Frau sollte nicht, wie einst seine Mutter, von heimlicher Böswilligkeit
beunruhigt werden, und weitergehend, als es in diesem Augenblicke nötig gewesen
wäre, lehnte er den Beistand seiner Schwiegermutter wie den seiner Schwägerin
entschieden ab. Er sagte, dass Eleonore noch auf lange Zeit hinaus vor jedem sie
aufregenden Eindrucke bewahrt bleiben müsse und dass es eine Undankbarkeit gegen
Seba's Alles vergessende und vergebende Güte sein würde, wollte man sie wie
einen Notbehelf behandeln, den man beseitige, sobald man seiner nicht ganz
unumgänglich bedürfe, eine Undankbarkeit, deren er sich gegen sie zum zweiten
Male nicht schuldig machen wolle.
    Die Gräfin hörte ihm mit ihrer gewohnten Ruhe zu; wer sie aber näher kannte,
den vermochte diese Gelassenheit nicht über ihren Unmut zu täuschen. Es war ein
gutgemeinter Vorschlag, sagte sie, und Du hast sehr Recht, mein Sohn, ihn
abzulehnen, wenn er Deinen Absichten nicht entspricht. Ob Du aber meine Tochter
grade jetzt, grade in Deinen gegenwärtigen und besonderen Verhältnissen, zu Seba
Flies und in das Haus von Tremann führen sollst, das, meine ich, würde doch erst
reiflich zu erwägen sein. Ich bekenne Dir, ich bin nicht dafür.
    Und darf ich fragen, was Sie dawider haben? erkundigte sich Renatus, dem ein
Etwas in dem Tone seiner Schwiegermutter sehr empfindlich auffiel.
    Du hattest sonst, und ich habe dies nur zu begreiflich gefunden, eine
Abneigung dagegen, mit diesem Herrn Tremann in Berührung zu kommen! entgegnete
sie ihm, ihre Worte nachdrücklich bezeichnend.
    Renatus fühlte, dass er errötete, und das bestimmte ihn, sich gegen die
verweisenden Ermahnungen seiner Schwiegermutter aufzulehnen. Es musste heute,
gleich heute, ein für alle Mal entschieden werden, wer der Herr in seinem Hause
sein solle, und entschlossen, nötigenfalls seine ganze Vergangenheit an die
Sicherung seiner Zukunft zu setzen, sagte er: Es ist nicht gut, liebe Mutter,
dass Sie mich an alle die Fehler und Irrtümer erinnern, die ich mir habe zu
Schulden kommen lassen! Schieben Sie dieselben auf Rechnung meiner sehr
einseitigen Erziehung, aber glauben Sie mir, dass ich gesonnen bin, sie abzulegen
und, so viel an mir ist, zu vergüten!
    Es ist also Dein Vorsatz, Dich - sie hielt inne, als sträube sich ihre
Empfindung dagegen, das Wort auszusprechen - dem Sohne Deines Vaters, den Dein
Vater nicht anzuerkennen doch sicherlich seine guten Gründe hatte, jetzt
brüderlich zu nähern und meiner Tochter in diesem Abkömmlinge einer Dienstmagd
den Schwager zuzuführen? - Darauf war ich wirklich nicht gefasst!
    Renatus, der die leicht bewegliche Empfindlichkeit seiner Mutter geerbt
hatte, wurde jetzt eben so bleich, als er vorhin mit Röte übergossen worden
war. Es ist nicht meine Absicht, sagte er, vor der Welt ein brüderliches
Verhältnis mit Paul Tremann aufnehmen zu wollen, das eben vor ihr einmal nicht
zu Recht besteht! Aber es ist mein Vorsatz, mein fester Vorsatz, einen Mann, von
dem ich nur Gutes und Ehrenvolles weiss, einen Mann, dem ich das Höchste schulde,
was ein Mensch dem andern schulden kann, und der sich mir, ganz abgesehen davon,
soweit ich seiner anderweit bedurfte, dienstgefällig und mit ehrlichem Rate
bewährt hat, künftig nicht mehr, bloss um deshalb von mir zu weisen, weil er der
uneheliche Sohn meines Vaters ist.
    Die Gräfin schüttelte missbilligend das Haupt. Wähle Deine Ausdrücke etwas
vorsichtiger, lieber Renatus, sagte sie; meine Töchter sind an solche
Unumwundenheiten Gottlob nicht gewöhnt!
    So wird Cäcilie sich daran gewöhnen müssen, sie ist eines Soldaten Frau!
entgegnete der Freiherr, der, gleichmässig von seinem Zorne wie von dem
Bewusstsein fortgetrieben, dass er viel weiter gegangen war, als er je
beabsichtigt hatte, den Anschein einer völligen Geistesfreiheit aufrecht zu
erhalten wünschte.
    Cäcilie ist nur nicht mit Dir allein in diesem Zimmer! bedeutete ihn die
Gräfin, indem sie sich erhob.
    Hildegard war schon vorher aufgestanden und an das Fenster getreten, als die
Unterredung sich auf Paul gewendet hatte. Sie machte sich an Cäciliens Nähtisch
mit der Betrachtung ihrer Stickerei zu tun. Die junge Frau blickte verlegen und
bittend bald die Mutter, bald den Gatten an. Sie war beständig dem Weinen nahe,
und ihr unverkennbarer Kummer machte Renatus gegen die Gräfin und gegen
Hildegard noch unversöhnlicher.
    Die Gräfin sah nach der Uhr, Hildegard sagte, sie habe die Mutter bereits
daran erinnern wollen, dass es Zeit zum Gehen sei, weil man mit dem Mittag auf
sie warten werde. Cäcilie fragte, ob sie nicht zu Hause ässen, die Mutter
verneinte es, sagte jedoch nicht, wohin sie geladen sei, und Cäcilie zog es vor,
sich danach nicht zu erkundigen.
    Das unbehagliche Gespräch war plötzlich und mit einem entschiedenen Misstone
abgebrochen worden, man redete nur noch von den allergleichgültigsten Dingen,
während der Diener den Damen die Mäntel in das Zimmer brachte. Als er sich
entfernt hatte, fragte Cäcilie, ob ihre Mutter die Baronin Vittoria nicht
begrüssen, ob man nicht noch einen Augenblick zu ihr gehen wolle; aber Hildegard
bestand darauf, dass es zu spät sei, dass man sich beeilen müsse.
    So gelangte man in das Vorzimmer. Mit einem Male blieb die Gräfin stehen. Du
wirst also, sagte sie, sich zu Renatus wendend, voraussichtlich in nicht zu
ferner Zeit Cäcilie zu Seba und zu Tremann bringen, der sich ja wohl auch
verheiratet hat, und es ist ihre Pflicht, sich Dir, auch wo es ihr schwer
fallen wird, durchaus zu fügen! Wolltest Du mich aber, damit ich diesen in der
Tat für Dich sehr auffallenden Schritt doch zu erklären und vor der
Gesellschaft zu begründen im Stande bin, vielleicht wissen lassen, welches der
grosse Dienst oder welches die grosse Aufopferung ist, für die Du Tremann Dich
verpflichtet fühlst, so würdest Du mich verbinden, und Cäcilien würde Deine
Forderung dann vielleicht auch weniger überraschend dünken!
    O! rief Renatus, für den es in diesem Augenblicke der Ueberreizung keine
Zurückhaltung mehr gab - o, Cäcilie wird, wenn es sie anders glücklich macht,
mein Weib zu sein, gewiss mit Freuden zu dem Manne gehen, dem ich meine
Erhaltung, dem ich mein Leben zu verdanken habe!
    Dein Leben? fragten die drei Frauen wie aus einem Munde.
    Ja, mein Leben! wiederholte der Freiherr, dem es plötzlich wohler und frei
um's Herz ward, als er den ersten Schritt zu der Genugtuung getan hatte,
welche er aus Hochmut seinem Retter bisher schuldig geblieben war. Ohne
Tremann's männliche Entschlossenheit, ohne seinen Mut läge ich begraben unter
den Tausenden, die bei Möckern ihren Tod gefunden haben! Und er sah meinem,
unserem Vater in dem Augenblicke, in welchem er mir zu Hülfe eilte, so
vollkommen gleich, er rief mich so völlig mit meines Vaters Stimme an, dass ich
lange wähnte, eine Vision gehabt zu haben, dass ich erst, als ich ihn später, als
ich ihn in Ruhe wiedersah, zu der Erkenntnis kam, dass es ein sterblicher Mensch
wie ich, dass es Tremann und nicht mein Schutzgeist in der ehrwürdigen Gestalt
meines damals eben erst dahingegangenen Vaters gewesen war, der den Todesstreich
von meinem Haupte abgewendet hatte! -
    Es war gesagt. Nun war es ausgesprochen, und doch hatte Renatus auch jetzt
noch nicht die Kraft besessen, sich in voller Wahrheit von dem früheren Märchen
loszureissen; er hatte sich einer Unwürdigkeit nicht zeihen mögen.
    Es entstand eine Pause. Cäcilie hing sich an ihres Gatten Arm, die Gräfin
war unentschlossen, was sie sagen sollte, Hildegard's Mienen verrieten ihren
Zweifel an dem Sachverhalte. Die Mitteilung war Allen so spät, so unerwartet
gekommen, dass man nicht wusste, wie man sich ihr gegenüber eigentlich zu
verhalten habe, und die kühle Weise, mit welcher sie von der Mutter und von
Hildegard aufgenommen wurde, lähmte den Aufschwung, zu dem die Seele des
Freiherrn sich eben erst erhoben hatte.
    Das verändert die Sache freilich! meinte die Gräfin endlich, das sind
Gründe, die man gelten lassen muss und die man anzugeben vermag! Hüte Dich aber,
dass Deine schöne Dankbarkeit Dich nicht zu weit führt, lieber Sohn! Sei
vorsichtig auch in diesem Punkte! Wir sprechen bald einmal davon, recht bald!
    Sie umarmte die Tochter, umarmte auch den Sohn, und man trennte sich mit dem
herkömmlichen »Auf Wiedersehen!« -
    Die Frauen hatten aber die Schwelle des Hauses noch nicht überschritten, als
Hildegard ihren Arm in den der Mutter legte und, sich an sie schmiegend, leise
sagte: Mama, sei ruhig, ganz ruhig über Deine Hildegard, Du wirst sie nicht mehr
klagen hören, nicht mehr weinen sehen, Gott hat es wohl mit mir gemeint! Das war
nicht der Mann, mit dem ich glücklich werden, das war nicht das Haus, in dem ich
Frieden finden konnte! Renatus hat doch im Grunde seines Vaters, hat doch den
Artenschen Sinn, der sich zu allem demjenigen hingezogen fühlt, was unseren
Begriffen von Sitte und von wahrer Würde widerspricht! Ich wäre an seiner Seite
zu Grunde gegangen wie die Cousine Angelika an seines Vaters Seite, das sehe ich
immer klarer ein! Lass uns hoffen, Mama, dass Cäcilie weniger fein empfindet, und
vor allen Dingen, liebe Mutter, lass uns ihr zur Seite stehen und über ihr
wachen. Sie wird das, wie ich fürchte, nötig haben.
 
                                Viertes Capitel
Die mehr oder weniger grossen Kreise von Menschen, welche sich als eine durch
gewisse Ueberzeugungen, Sitten oder Lebensgewohnheiten zusammengehörende
Gesellschaft betrachten, sind in der Regel sehr geneigt, sich von einem ihrer
Mitglieder einen bestimmten Anstoss geben und von diesem in irgend eine beliebige
Bahn hineinschieben zu lassen, in der sie dann, je nach den Fähigkeiten der
Einzelnen, vorwärtsschreiten und die Bewegung, zu der sie getrieben worden sind,
wie eine von ihnen selbst ausgegangene eifrig fortzusetzen pflegen. Denn wie die
Gemeinschaft, die Masse in gewissem Sinne Gedanken erzeugt und schöpferisch
belebend auf den Einzelnen zurückwirft, so empfängt sie noch häufiger ihre
Gedanken und Meinungen von einer einzelnen Person, und es sind leider nicht
immer die Edelsten und Besten, nicht immer die Unparteiischen, nicht immer die
Selbstlosen, welche den Ton angeben und bestimmen. Irgend ein Zufall, irgend
eine Schicksalsgunst, irgend ein das billige Mitleid anregender Unglücksfall,
vermögen einem bisher missachteten Charakter nicht nur Verzeihung, sondern eine
Anerkennung, eine Geltung und einen Einfluss auf seine Umgebung zu verschaffen,
die erlangen zu können er sich vielleicht nie träumen liess und die geschickt zu
nutzen er nichtsdestoweniger sehr wohl versteht, oder doch sehr bald erlernt.
    Hildegard Rhoden und ihr Freund Graf Berka waren kaum von ihren
beiderseitigen Reisen wieder in die Residenz zurückgekehrt, als sie es bemerken
konnten, dass sie von ihren Umgangsgenossen mit einer ungewöhnlichen
Zuvorkommenheit empfangen und aufgenommen wurden und dass man ihnen eine
Stellung, eine Teilnahme und eine Bedeutung einräumte, welche beide in einem
solchen Grade nie zuvor besessen hatten. Bei jedem Antrittsbesuche, welchen
Hildegard ihren Freundinnen und Bekannten machte, erwähnte man des Wohlwollens,
mit welchem die Prinzessin sich nach ihr erkundigt, und der grossen Billigung,
mit der sie Hildegard's edles Verhalten aufgenommen habe. Man freute sich,
Hildegard so gefasst, so erholt zu sehen, man behandelte sie mit jener
Achtsamkeit und Schonung, welche man einer Genesenden entgegenbringt. Man
schwieg von Renatus, wie das in diesem Falle auch natürlich war, und wenn man
gelegentlich einmal seiner jungen Frau gedachte, so geschah es nur, um die arme
Cäcilie zu bedauern, weil das grosse Opfer, welches ihre Schwester ihr gebracht,
weil Hildegard's edle Entsagung für die arme Cäcilie doch im Grunde eine völlig
fruchtlose, ja, vielleicht ein Unglück gewesen sei.
    Die edle Hildegard und die arme Cäcilie, das waren für diesen Augenblick
gleichsam die Stichworte und Erkennungszeichen des gesellschaftlichen Kreises
geworden, der sich um die Prinzessin bewegte, und wenn Cäcilie auch nicht die
entfernteste Ahnung davon hatte, dass man sich dort darin gefalle, sie als eine
unglückliche Gattin, als einen Gegenstand des Mitleids zu betrachten, so fand
doch ihre ältere Schwester sich um so schneller darein, die Rolle, welche sie
bis dahin nur in der Familie gespielt hatte, fortan auch in der Gesellschaft
durchzuführen, da der Zufall ihr dies, wenn auch auf Kosten ihrer Schwester,
möglich machte.
    Renatus hatte nach der Art, in welcher der erste Besuch seiner Schwägerin in
seinem Hause verlaufen war, darauf gerechnet, dass ein solcher sich nicht so bald
wiederholen, ja, dass er vielleicht gar nicht wieder erfolgen würde. Er hatte
sich aber in dieser Voraussetzung getäuscht. Die Mutter und die Tochter kamen
beide schon an einem der nächsten Tage wieder, um die Baronin Vittoria
aufzusuchen. Sie wünschten, wie Hildegard es ausdrücklich bezeichnete, es den
lieben Geschwistern darzutun, dass sie die neulichen kleinen Missverständnisse so
leicht genommen hätten, wie man dies unter nahen Anverwandten tun müsse, und
obschon der Freiherr wusste, was er von diesen Versicherungen zu halten habe,
bewog ihn seine Rücksicht auf dasjenige, was er als den Familienanstand und die
gute Sitte bezeichnete, sein inneres Abmahnen zu besiegen und den Schein eines
freundlichen Verhältnisses zwischen seinem und dem Hause seiner Schwiegermutter
aufrecht zu erhalten. Das war aber alles, was Hildegard für sich und ihre
Absichten bedurfte.
    Jeder, der es sehen wollte, konnte sich jetzt also davon überzeugen, dass die
Untreue des Freiherrn und Cäciliens, wie man es doch mindestens bezeichnen
musste, sehr unschwesterliches und keineswegs edles Betragen auf Hildegard's
grossherzige Gesinnung keinen Einfluss geübt hatten. Sie behandelte das junge Paar
mit der grössten Freundlichkeit, sie war es, die seine Verteidigung übernahm, wo
man Miene machte, es anzugreifen; sie bestimmte den Grafen Gerhard, den
Neuvermählten auf alle Fälle mit einem Besuche zuvorzukommen, und wo immer in
Cäciliens Abwesenheit von ihr die Rede war, machte die ältere Schwester sich zu
ihrer Lobrednerin und Beschützerin.
    Sie gab es den Leuten zu bedenken, dass die arme Cäcilie kein leichtes Leben
habe. Es sei für eine junge Frau nichts Kleines, gleich in den ersten Tagen
ihrer Ehe eine Erfahrung zu machen, wie Eleonorens Ankunft sie der armen Cäcilie
auferlegt; es sei auch keine geringe Aufgabe, mit einer Schwiegermutter wie die
Baronin Vittoria sich in das rechte Verhältnis zu setzen und die Anwesenheit
ihres Sohnes ruhig hinzunehmen.
    Fragte man sie, was diese letzte Andeutung besagen wolle, so brach Hildegard
stets plötzlich ab, schien erschrocken über die Äusserung zu sein, die ihr
entfahren war, und ging mit unverkennbarer Geflissenheit zu der Schilderung von
Vittoria's phantastischen Lebensgewohnheiten über, bei deren Ausmalung sie gegen
ihre sonstige schwermütige und elegische Weise eine gute Laune und einen Humor
zu entwickeln verstand, welche die Hörer unterhielten und sie zum Wiedererzählen
des Vernommenen verleiten mussten.
    Vittoria hatte noch keine Besuche in der Stadt gemacht, als über sie bereits
die widersprechendsten Gerüchte im Umlauf waren. Man unterhielt sich lachend
davon, dass sie sich trotz der vierzehn Jahre, seit denen sie im Norden lebe,
noch nicht an das Klima habe gewöhnen können, dass sie beim Beginne des Winters,
am Tage schlafend und in den Nächten wachend, sich förmlich in ihren Zimmern
vergrabe, um von der schlechten Jahreszeit so wenig als möglich gewahr zu
werden; dass sie sich nur von Früchten und von Süssigkeiten nähre, dass sie unter
dem Vorgeben, um ihren verstorbenen Gatten immer noch zu trauern, beständig
schwarz, und zwar in einem nonnenartigen Gewande einher gehe, während diese
Schwarze Tracht ihr doch als eine Busse für ihre Flucht aus dem Kloster auferlegt
worden sei; und neben diesen aus missdeuteter Wahrheit und aus absichtlicher
Erfindung zusammengesetzten Erzählungen tauchten hier und da bedenklichere
Gerüchte auf, welche sich in anderer Weise mit der Baronin Vittoria zu tun
machten. Sie bezogen sich auf ihre eheliche Treue, auf ihr früheres und auf ihr
gegenwärtiges Verhältnis zu ihrem Stiefsohne, auf ihre Feindschaft gegen
Hildegard, auf ihre ausserordentliche Freundschaft für ihre Schwiegertochter und
endlich auch auf ihren Sohn, der sich jetzt bereits in der grossen militärischen
Erziehungs-Anstalt befand.
    Woher die Gerüchte stammten, welche den Ruf und die Ehre Vittoria's so
empfindlich antasteten und dem Hause des jungen Freiherrn selbst in jedem
Betrachte zu nahe traten, das wusste Niemand zu sagen; aber man nahm sie nichts
desto weniger als alte, ganz bekannte Tatsachen auf. Hildegard und die Gräfin
Rhoden hatten, wie man versicherte, wohl gelegentlich über Vittoria's
Eigenheiten einmal gescherzt, indes von ihnen war ein Wort des ernsten Tadels
gegen Cäcilien's Schwiegermutter, so weit man sich erinnerte, nicht ausgegangen.
Dass Graf Gerhard, der so streng auf Ehre hielt und in allen Dingen so vorsichtig
zu Werke ging, nichts wider die Stiefmutter seines Neffen geäussert haben könne,
davon waren alle, die ihn kannten, überzeugt, und doch empfanden Renatus und
Cäcilie immer auf's Neue, dass man sie mehr und mehr mit einer peinigenden
Neugier beobachtete, dass man sich in einer sonderbaren Weise nach der Baronin
Vittoria erkundigte und dass überall und immer die Frage aufgeworfen wurde, ob
der Freiherr denn für sich und die Seinigen eine Vorstellung am Hofe
nachzusuchen denke.
    Die Lage wurde beiden Gatten unbequem. Man tat im Grunde durchaus nichts
Entschiedenes wider sie, aber sie trafen nirgends auf einen festen Boden, und
überall war es, als wachse ein Unkraut unter ihren Schritten auf, das sich ihnen
hemmend und hindernd um die Füsse legte. Wollten sie es nicht weiter wuchern,
sich nicht davon völlig umgarnen lassen, so mussten sie es mit festem Auftreten
niederzuhalten suchen. Es war ohnehin Zeit, sich in die grosse Gesellschaft
einzuführen, wenn man überhaupt sich ihr anzuschliessen beabsichtigte, und
Renatus wünschte, wie schon erwähnt, sowohl für Cäcilie als für Vittoria einen
sie zerstreuenden und unterhaltenden Umgang. Als man jedoch daran gehen wollte,
die ersten gemeinsamen Besuche abzustatten, fand es sich, dass Vittoria durchaus
nicht für das Leben in der Gesellschaft oder gar am Hofe mit ihrer Toilette
eingerichtet war.
    Dem Uebelstande musste abgeholfen werden, denn Renatus hielt sich den alten
Grundsatz vor, dass, wer den Zweck wolle, auch die Mittel wollen müsse. Man ging
also guten Mutes daran, eine neue und vollständige Ausstattung für Vittoria zu
beschaffen, und diese selbst bezeigte wider alles Erwarten des Freiherrn eine
grosse Freude daran. Weil sie niemals eine Stadt bewohnt, niemals das für die
meisten Frauen so verführerische Vergnügen genossen hatte, reich versehene
Magazine zu besuchen und sich in ihnen in freier Wahl nach ihrem Bedürfnis zu
versorgen, reizte und erfreute sie alles, was ihr vor die Augen kam. Allerdings
blieb sie ihrem Vorsatze, die Trauerfarbe in ihrer Kleidung niemals abzulegen,
treu, aber auch für eine solche Tracht war es möglich, einen grossen Geldaufwand
zu machen, und Vittoria besass, wenn er bisher in ihr auch niedergehalten worden
war, den Sinn ihres Volkes für das Reiche und das Prächtige, das obenein ihrer
besonderen Art von Schönheit sehr entsprechend war.
    Sie hatte das Verlangen, in der grossen Welt zu leben, zwar seit dem Tode
ihres Gatten lebhaft gehegt, aber sie war es doch nicht gewesen, welche die
Veranlassung zu der Ausführung dieses ihres Wunsches gegeben hatte, und eben
deshalb sah Renatus es als seine Pflicht an, ihr bei ihren jetzigen Ausgaben
keine kleinliche Beschränkung aufzuerlegen. Er würde sich geschämt haben, die
Witwe seines Vaters, die Baronin Vittoria, die neben dem Namen seines Hauses den
stolzen Namen der Giustiniani trug, nicht ihrem Stande gemäss und nicht nach
ihrer Neigung auftreten zu lassen, und er hatte daneben, da der Schönheitssinn
seines Vaters auch auf ihn übergegangen war, eine wirkliche Freude daran,
Vittoria in einer Weise gekleidet und geschmückt zu sehen, welche die immer noch
auffallende Schönheit derselben zur rechten Geltung kommen liess.
    Jetzt erst, da Vittoria in die Gesellschaft gehen sollte, fing auch sie nach
dem Schmuck zu fragen an, welchen ihr verstorbener Gatte ihr einst als ihr
Eigentum und als das Erbe des Hauses übergeben hatte, und Renatus konnte sich
nicht überwinden, ihr oder gar seiner Frau das Geständnis zu machen, wie von dem
vielbesprochenen Arten'schen Familienschmucke jetzt nicht mehr ein Stein
vorhanden sei. Er meinte der Ehre seines Vaters damit zu nahe zu treten, und,
wie er mit sich in seinem Innern deshalb auch prüfend und überlegend zu Rate
ging, es war nicht persönliche Eitelkeit, auch nicht einmal der Wunsch, seine
Frau und seine Stiefmutter in reichem Schmucke erscheinen zu lassen, sondern
ganz eigentlich die Rücksicht auf das Andenken seines Vaters, es waren seine
Kindesliebe und ein Gefühl für das, was er sich und seinem Hause schuldig sei,
die ihn bewogen, sowohl für Vittoria als für Cäcilie heimlich Ankäufe von
Schmuck zu machen. Sie kamen natürlich den einstigen Familien-Diamanten, wie die
Baronin Angelika sie aus ihres Gatten Hand empfangen hatte, in keiner Weise
gleich; indes Cäcilie hatte die alten Brillanten niemals, Vittoria sie seit
langer Zeit nicht mehr gesehen, und Renatus hatte also keine grosse Mühe, es den
beiden Frauen glaublich zu machen, dass der verstorbene Freiherr während der
Kriegsjahre einige der Wertstücke verkauft und dass er selbst jetzt den übrig
gebliebenen Brillanten, Behufs der Teilung zwischen seiner Frau und seiner
Mutter, eine neue Fassung habe geben lassen. Es gewährte ihm dabei eine Freude,
zu sehen, wie wenig Vittoria zur Habsucht geneigt war, wie bereitwillig sie die
Hälfte des, wie sie glauben musste, ihr allein zu Recht gehörenden Schmuckes an
die Schwiegertochter abtrat; und da nebenher auch Cäcilie ein ausserordentliches
Vergnügen über den Besitz dieser Diamanten kund gab, so schlug sich Renatus
endlich die Sorge wegen dieser neuen und für seine gegenwärtigen Verhältnisse
viel zu grossen Ausgaben aus dem Sinne. Er tröstete sich damit, dass die
Vorsehung, welche ihm so mannigfache, unerwartete Hindernisse bereitet und
Prüfungen jeder Art auferlegt habe, ihm doch endlich auch auf irgend eine
unvorherzusehende Weise zu Hülfe kommen, dass sie es ihm möglich machen müsse,
die guten und festen Vorsätze, die er schon in früher Jugend für seine einstige
Ehe gehegt hatte, zur Ausführung zu bringen, damit er sich jenes schöne und
würdige Familienleben aufrichten könne, welches ihm von jeher als das Ziel
vorgeschwebt hatte, nach welchem vor Allem der wahre Edelmann zu streben habe.
Dass ihm für diesen idealen Bau die beiden Hauptbedingungen: der feste Boden
gesicherter Vermögensverhältnisse oder die Fähigkeit der zu jeder Entbehrung
bereiten Selbstbeschränkung, fehlten, daran allerdings dachte der Freiherr
nicht.
    Mit seinem Namen, mit seinen Verbindungen und bei seiner militärischen
Stellung fand er für seine Vorstellung bei Hofe keine Schwierigkeit; dennoch war
der Empfang, welcher ihm und seiner Familie in den verschiedenen Hofstaaten zu
Teil ward, je nach den, in den einzelnen Schlössern herrschenden Gesinnungen
und Lebensgewohnheiten, sehr verschieden. Dass er von Seiten der Prinzessin,
welche sich zu Hildegard's Beschützerin gemacht und deren Gunst Graf Gerhard
sich erworben, auf keine günstige Stimmung für sich rechnen konnte, hatte sich
Renatus im voraus gesagt. Aber die Gnade, welcher die Gräfin Rhoden sich von
Seiten der Prinzessin von jeher erfreut hatte, machte es trotzdem für Cäcilie
und für ihren Gatten zu einer Pflicht der Dankbarkeit, die Vorstellung bei der
Prinzessin nachzusuchen, und Renatus, der in dem Regimente diente, dessen Chef
eben der Gemahl der Prinzessin nach dem Kriege geworden war, fand sich damit ab,
dass er wenigstens doch die Zufriedenheit und Geneigteit dieses Letzteren
besitze und es in seiner Gewalt habe, sie durch die strengste Pünktlichkeit im
Dienste in immer höherem Grade zu verdienen.
    Diese Pünktlichkeit im Dienste war es auch, welche den König auf den jungen
Major von Arten aufmerksam hatte werden lassen. In der ganzen Garde gab es bei
den Cavallerie-Regimentern kaum eine andere Schwadron, deren Exercitien so
vollendet, in welcher der Mann und sein Pferd so Eins, in der die Leute eine so
in einander gefestete Masse und jeder Knopf und jede Schnalle so der strengsten
Dienstvorschrift entsprechend gewesen wären, als in der des Majors von Arten.
Aber wenn die Armee und ihre äussere Stattlichkeit auch der Stolz des Königs und
die Freude an der regelrechten, seelenlosen Front jetzt nach den Kriegen noch
mehr als vor denselben seine eigentliche Liebhaberei geworden war, so bestimmte
doch der strenge, bis zur Uebertreibung gehende Ordnungssinn des Königs, aus
welchem der ganze militärische Gamaschendienst entsprang, seine Anschauungen und
Ansichten auch nach andern Seiten. Er erkannte überall nur mit Widerstreben die
Notwendigkeit oder die Berechtigung zu einer Ausnahme von der festen Regel an.
Feste Gesetze für eine möglichst einförmige Menschenmasse, das war es, was ihm
als Ideal vorschweben mochte. Er verabscheute jene Selbständigkeit des
Einzelnen, welche sich ihre Lebensverhältnisse nach eigenem Bedürfen zu
gestalten unternimmt; und wie er selber einst in seiner Ehe dem Volke nach den
zügellosen Zeiten seines Vaters ein treffliches Vorbild der guten Sitte
geliefert hatte, so verlangte er, dass auch von seiner Umgebung kein böses
Beispiel gegeben, dass der Anstand und die Zucht in den Familien mit
Gewissenhaftigkeit aufrecht und heilig erhalten und überall dasjenige vermieden
werden sollte, was von sich sprechen machen, was Aufsehen oder gar ein Ärgernis
erregen konnte.
    Es waren also nicht eben besondere Anstrengungen dazu nötig, den Major von
Arten in der guten Meinung des Königs zu beeinträchtigen. Man bedurfte dazu
keiner Künste, keiner Verleumdung, keiner Unwahrheit, die Sache machte sich ganz
von selbst. Die Prinzessin, welche nach dem frühen Tode seiner Gemahlin dem
Könige nur noch näher getreten war, erwähnte nur einmal zufällig und bedauernd
der armen, guten Gräfin Rhoden, die nun nach so langer Entfernung von der
Hauptstadt unter so traurigen Verhältnissen wieder in dieselbe zurückgekehrt
sei.
    Der König, dessen nach Fürstenweise wohlgeschultem Gedächtnis nicht leicht
eine Tatsache verloren ging, von der er einmal hatte sprechen hören, und der
ebenfalls nach Fürstenweise von den Stadt- und Familienneuigkeiten unter der
Hand gut unterrichtet zu sein liebte, meinte sich zu erinnern, dass die Tochter
der Gräfin mit dem jetzigen Major von Arten frühzeitig versprochen worden war;
und wie dann eine Frage nun die andere gab, erfuhr der König alles, was man über
die Familiengeschichte der Freiherren von Arten wusste, vermutete und fabelte.
Das war aber durchweg danach angetan, dem Könige zu missfallen.
    Nicht hübsch, gar nicht hübsch von dem Major, sagte er, ein Mädchen Jahre
lang warten und dann sitzen zu lassen! Auch von der Schwester nicht hübsch, gar
nicht hübsch!
    Er belobte die Prinzessin dafür, dass sie sich Hildegard's angenommen habe.
Müssen sehen, dem Mädchen eine Versorgung, einen andern Mann zu schaffen! -
Schade um den Major! sonst ein tüchtiger Offizier! fügte er in seiner
abgerissenen Redeweise noch hinzu und erkundigte sich dann, was denn aus der
Italienerin, aus der ehemaligen Nonne geworden sei, welche der Vater des Majors
seiner Zeit aus dem Kloster entführt und aus Italien mitgebracht habe.
    Man berichtete dem Könige, dass die Baronin im Hause ihres Stiefsohnes lebe,
dass dieser den Sohn aus seines Vaters zweiter Ehe dem Kadettenhause übergeben
habe, und wie von selbst schlossen sich die Erzählungen über die dem Major von
Arten sicherlich sehr unerwartete und unbequeme Ankunft und über das Erkranken
der zum Katolizismus bekehrten Gräfin Haughton an jene Mitteilungen an. Der
König, der in seiner protestantischen Strenggläubigkeit den Religionswechsel an
sich, besonders aber den Uebertritt von Protestanten zum Katolizismus ungern
sah, schüttelte missbilligend das Haupt.
    Könnte auch was Klügeres tun, als die Arten'sche Genie-Wirtschaft
fortzusetzen! Schickt sich nicht, schickt sich nicht für einen Offizier!
wiederholte er noch einmal, indem er sich erhob, und das Urteil über die
Arten'sche Familie war mit diesen Worten für den ganzen Hof nur noch
entschiedener als durch die Prinzessin ausgesprochen. Nur Einer liess sich nicht
davon bestimmen, nur auf den ältesten Sohn des Königs, auf den jungen,
geistreichen und phantastischen Kronprinzen übte diese ganze Unterhaltung eine
gerade entgegengesetzte Wirkung aus.
    Er liebte die Künste und die Wissenschaften, er war ein Verehrer der alten
italienischen Musik, seine Vorliebe für Italien und für die Gebräuche der
katolischen Kirche war schon damals eine entschiedene, und es hatte daher eben
nur der Erwähnung bedurft, dass die Baronin Vittoria von Arten eine entflohene
Nonne und eine Meisterin im Vortrage der alten italienischen Kirchenmusik sei,
um dem Kronprinzen das Verlangen nach ihrer Bekanntschaft einzuflössen. Eine
ehemalige Nonne die alten, tiefsinnigen Melodieen des fünfzehnten und
sechszehnten Jahrhunderts inmitten der aufgeklärten und zum Teil so nüchternen
Gesellschaft singen zu hören, bot für die Phantasie des lebhaften, jungen
Prinzen einen reizenden Gegensatz dar, und die Erscheinung der verwittweten
Baronin war wie dazu geschaffen, die Gerüchte über ihre Vergangenheit zu
bestätigen.
    Vittoria selber fühlte sich überrascht, als sie sich zum ersten Male in
ihrem Leben in der reichen Tracht erblickte, welche die Etiquette bei den grossen
Hoffesten den Eingeladenen vorschreibt. Das schwere Schleppkleid liess ihre
Gestalt grösser erscheinen, als sie war, ihre Büste, ihr Nacken zeigten noch die
vollendete Schönheit der italienischen Formen, und was die Zeit ihrem mächtigen
Antlitze an Frische geraubt hatte, das ersetzte der Ausdruck ihrer Augen, das
vermisste man nicht, wenn die Lebhaftigkeit des Gespräches ihre Wangen mit jener
feinen Röte färbte, welche eben auch nur den Südländern eigen ist.
    Der Kronprinz, der über das Alter Vittoria's nicht unterrichtet gewesen war,
hatte in ihr, wenn auch nicht eine alte, so doch eine wesentlich ältere Frau zu
finden erwartet, und er war daher erstaunt, in ihr noch eine wirkliche Schönheit
zu erblicken. Ihre stolze, edle Haltung gefiel ihm wohl, der weiche, tiefe Ton
und die vollendete Reinheit, mit welchem sie ihre Muttersprache redete, erfreute
sein gebildetes und für jeden Wohlklang sehr empfängliches Ohr, und als er dann
am dritten Orte Vittoria einmal mit Cäcilie gemeinschaftlich singen zu hören die
Gelegenheit gehabt, hatte er seine Freude über diesen seltenen Genuss so offen
und warmherzig ausgesprochen, dass man überall, wo man auf die Anwesenheit des
Kronprinzen sich Rechnung machen durfte, die Arten'sche Familie einlud, sicher,
den Prinzen durch den Gesang der beiden Frauen angenehm zu unterhalten.
    Plötzlich und wider sein Erwarten fand Renatus sich also auf diese Weise in
eine Parteistellung gebracht, die er nicht gesucht hatte und die er nicht
gewählt haben würde, hätte er es in seiner Hand gehabt, sie nach seinen Wünschen
zu bestimmen. Er hatte seine Plane auf ein Vorwärtskommen im Militairdienste und
auf die Anerkennung und Gunst des Königs gebaut; aber diese letztere ward ihm
nicht zu Teil. Es hatte bei der einmaligen Einladung, mit welcher der König ihn
beehrte, sein Bewenden; auch an dem Hofe der Prinzessin wurden Renatus und die
Seinen nicht in der Weise, wie sie es wünschen mussten, aufgenommen; dafür aber
empfingen alle diejenigen sie mit offenen Armen, welche zu dem näheren
Umgangskreise des Kronprinzen gehörten.
    Renatus, der sich den vorsichtigen Intriguen seiner Schwägerin und seines
Oheims gegenüber in die Notwendigkeit versetzt sah, sich nach einem Stützpunkte
und Anhalte umzutun, und der, wie alle leicht bestimmbaren Menschen, sehr dazu
geeignet war, dasjenige als seine freie Entschliessung zu betrachten, was ihm von
der Gewalt der Umstände abgezwungen oder aufgenötigt ward, kam dadurch bald
dahin, sich zu überreden, wie es für ihn, wie es für jeden jungen und vorwärts
strebenden Mann geratener sei, sich mit seinen Hoffnungen einem gleichalterigen
Fürsten anzuschliessen, als deren Erfüllung allein von der augenblicklichen Gunst
eines älteren Mannes abhängig zu machen, und die Frauen bestärkten ihn in dieser
Ansicht. Sie waren beide in ihrem Innern herzlich froh, die Gräfin Rhoden und
mehr noch Hildegard und den Grafen Gerhard so viel als möglich zu vermeiden.
Ihnen sagte der jüngere, lebenslustige Teil der Gesellschaft besser zu, als die
ernstaften Unterhaltungen in den Gemächern der Prinzessin, und Renatus, der es
in den Tuilerieen und in den Sälen der Herzogin von Duras wohl erlernt hatte,
sich in den durch Geist und Anmut verfeinerten Umgangsformen eines gebildeten
Hofes mit Leichtigkeit zu bewegen, fand sich in der Nähe des jungen, immer
angeregten, jedem neuen Eindrucke offenen, leicht bewegten und die Andern mit
sich fortreissenden Prinzen völlig wie in seinem Elemente.
    Es focht ihn schon nach wenig Monaten nicht mehr besonders an, dass sein
inneres Zerwürfnis mit seinen und seiner Gattin Anverwandten Niemandem verborgen
war. Er suchte die Gesellschaft des Grafen Gerhard und die der Gräfin Rhoden
nicht, aber er vermied sie eben so wenig und hinderte auch ihre Anwesenheit in
seinem Hause nicht. Es war ihm sogar nicht unwillkommen, wenn sie sich
überzeugten, dass ihre heimliche Feindschaft ihn nicht beeinträchtigt habe, dass
er sich, wenn auch nicht in der ihren, so doch inmitten der ihm erwünschtesten
Gesellschaft viel begehrt, bewege und dass auch ihm die Gunst eines Mächtigen
nicht fehle.
    Es freute ihn, wenn Hildegard es hörte, wie man Cäciliens blühende Frische,
ihren kindlichen Frohsinn und ihren Gesang bewunderte; es freute ihn, wenn er
seinem Oheim und seiner Schwiegermutter sagen konnte, dass der Kronprinz am Abend
zum Tee bei ihm erscheinen werde, weil man heute eine alte Messe in seinem
Hause singe; und dass die Art der Geselligkeit, in die Renatus, wie er sich sagen
durfte, fast ohne all sein Zutun hineingezogen worden war, ihn zu einem
grösseren Haushalte und zu mannigfachen Ausgaben veranlasste, den zu führen und
die über sich zu nehmen eigentlich nicht in seinen Absichten gelegen hatte,
darüber durfte er sich kein Bedenken und keinen Vorwurf machen. Er tat ja nur,
was von einem Manne in seiner Stellung und in seinen Verhältnissen gebieterisch
gefordert ward; er tat nur, was die Erfahrensten ihm auf andern Gebieten zu
tun stets geraten hatten. Er durfte die Mittel nicht schonen, wenn sie dem
richtigen Zwecke galten, und wie er Rotenfeld und Neudorf hatte verkaufen
müssen, um die Capitalien für den Betrieb der Richtener Wirtschaft flüssig zu
machen, so musste er jetzt kein kleinliches Bedenken dagegen tragen, sich ein
paar Tausend Taler, deren er für sein breiteres Leben durchaus bedürftig war,
auf Wechsel zu verschaffen.
    Sich einer solchen geringfügigen Summe wegen aus der Gesellschaft
zurückzuziehen, auf die errungenen Vorteile zu verzichten, den heimlichen
Gegnern das Feld zu räumen, statt ihnen die Stirn zu bieten, das hätte gegen
alle Regeln der Kriegskunst arg verstossen; und vollends sich freiwillig aus der
Nähe des Kronprinzen zu verbannen, freiwillig allen den Aussichten zu entsagen,
welche die beginnende Gunst desselben für die Zukunft verhiess, das wäre, wie
Renatus meinte, eine unverantwortliche Unklugheit gewesen, eine Unklugheit,
deren er, ohne ein Unrecht an seiner Familie zu begehen, sich nicht schuldig
machen durfte.
    Er konnte sich sagen, dass er sich jetzt in völlig geregelten Verhältnissen
befinde. Er hatte ein festes Gehalt, ein sicheres, wenn auch nur allmähliches
Avancement im Heere vor sich, sein Gut war den Umständen nach in vorteilhafte
Pacht gegeben, seine Einnahmen waren keineswegs unbeträchtlich. Nur seine
Ausgaben waren allerdings in diesem letzten halben Jahre über alles Voraussehen
gross gewesen; aber man hatte nicht in jedem Jahre sich neu einzurichten, nicht
in jedem Jahre die völlige Ausstattung für zwei Frauen und für den Bruder zu
beschaffen, nicht in jedem Jahre sich in der Gesellschaft festzusetzen, und so
lange man sich eine so genaue und strenge Rechnung legte, als er es tat, hatte
es nach seiner Ansicht ohnehin mit seinen Verhältnissen nicht das mindeste
Bedenken; denn nur die achtlose, die sorglose Wirtschaft war seinem Vater so
gefährlich, so verderblich geworden. Und es handelte sich ja nur um wenig
Monate. Schon im Laufe der nächsten Zeit, wenn die Gesellschaft aus einander
ging, und namentlich in den Sommermonaten liessen sich sehr leicht Ersparnisse
machen, mittels deren das neue, kleine Anlehen zu bezahlen war. Renatus war
deshalb ganz unbesorgt. Er hätte es für eine ganz unnötige Grausamkeit
gehalten, seine Frau oder seine Stiefmutter mit der Erwähnung dieser Tatsachen
in dem unschuldigen und fröhlichen Lebensgenusse, dem sich beide zum ersten Male
überlassen durften, irgendwie zu stören. Er hatte sie dazu zu lieb, der Beifall,
den sie ernteten, tat ihm selbst zu wohl, und er fühlte sich auch Mann genug,
sie, ohne dass sie etwas davon ahnten, an solchen kleinen Klippen still vorbei zu
führen.
    Hätte er über Eleonorens Schicksal nur eben so ruhig sein können!
 
                                Fünftes Capitel
Seba hatte während des Krieges an manchem Krankenbette gewaltet und gewacht; sie
hatte dabei manchem Kummer, manchem tiefen Schmerze, mancher Trauer und schwerem
Herzeleid begegnen und es mit ihren Kranken tragen lernen; aber eine ähnliche
Verzweiflung, wie sie sich in Eleonorens Fieberphantasieen kundgab, war nie vor
ihr laut geworden, und nur in den traurigen Erinnerungen an ihre eigene Jugend
fand sie die Kraft, deren sie an diesem Krankenbette bedurfte.
    Viele, viele Tage vergingen, ohne dass Eleonore zu irgend einem klaren
Bewusstsein gelangte. Sie hatte in den letzten Monaten so viel, so Gewaltiges
erlebt, so grosse Erschütterungen durchgemacht, dass alles, was ihr begegnet war
und was ihr augenblicklich begegnete, sich bei ihrer Schwäche in ihren Träumen
und Fieberphantasieen durch einander wirrte. Bisweilen meinte sie in ihrem
Schloss zu sein und beschwerte sich darüber, dass man ihr Zimmer so verändert
habe; dann wieder glaubte sie sich in Rom in einer Klosterzelle, und als sie
eines Tages in zufälliger Bewegung mit ihren Händen nach dem Haupte fasste und
die Fülle des Haares vermisste, das man ihr auf des Arztes Anordnung während
ihrer Krankheit abgeschnitten hatte, rang sich der laute Aufschrei: »Es ist
vollbracht!« aus ihrem Herzen empor, und sich weit über ihr Lager hinausbeugend,
umschlang sie Seba's Leib mit ihren Armen, und ihr Antlitz auf den Knieen ihrer
Pflegerin verbergend, weinte sie bitterlich.
    Mit der leidenschaftlichsten Sehnsucht rief sie nach dem Abbé und verlangte
doch, dass man sie vor ihm beschützen solle. Sie beschwor dann Seba, mit ihr aus
den engen Mauern dieses Klosters zu entfliehen, heimlich mit ihr fortzugehen aus
dem fremden Lande und sie nach ihrer Heimat zu bringen, unter den Schatten
ihrer eigenen Bäumen, an das Ufer des Flusses, der durch ihre Wiesen floss. Sie
nannte sich bald eine mächtige Königin, bald eine Gefangene.
    Wer darf mich halten? Wer hat Gewalt über mich, wenn ich frei sein will?
rief sie in wilder Heftigkeit und flehte im nächsten Augenblicke, dass man ihr
ihre Seele wiedergeben solle, damit sie nicht wie ein Schemen unter den Menschen
umherzuirren brauche. Das Fieber war im Abnehmen, aber die Vorstellungen der
Kranken blieben verwirrt, und die Besorgnis, dass eine dauernde Störung der
Denkkraft zurückbleiben könne, hielt diejenigen, welche an dem Schicksale
Eleonorens Anteil nahmen, in angstvoller Spannung.
    Paul und Davide sahen es mit Sorge, wie Seba in der Frühe das Haus verliess
und erst am Abende spät und ermüdet von der Kranken wiederkehrte; aber sie
wussten es, dass es vergebens sein würde, sie von den Liebeswerken abzuhalten, die
sie als ihre Lebensaufgabe betrachtete.
    Ihr braucht mich nicht, sagte sie mit ihrer sanften Ruhe, wenn ihre
Pflegekinder ihr doch bisweilen die Vorstellung zu machen versuchten, dass sie
sich ihnen nicht so ganz entziehen, dass sie an sich selber denken, sich schonen
solle. Ihr braucht mich nicht, denn Ihr seid glücklich. Ihr kennt Euren Weg und
Euer Ziel; dort aber ist ein armes, völlig verirrtes Geschöpf. Wie sollte ich
anstehen, ihm die Hand zu bieten, damit es nicht verloren geht? Wer wie ich sein
eigenes Leben durch seine Schuld nicht zur reinen Schönheit gestalten, nicht zu
einem in sich selbständig vollendeten machen konnte, der muss es für Andere zu
verwerten und nützlich zu machen suchen; und Ihr wisst es ja, ich finde darin
ein grosses Glück. Vielleicht trägt die Natur den Sieg davon, vielleicht erhalten
wir Eleonore dem Leben, vielleicht kann man sie sich selber wiedergeben. Sie ist
so jung, sie ist ohne Liebe auferwachsen, und sie ist so schön! fügte sie dann
stets hinzu und ging voll hoffender Beharrlichkeit immer wieder an das
Krankenbett zurück.
    Das Jahr war fast zu Ende, ehe Eleonore auch nur zu fragen anfing, wo sie
sich befinde oder wer die Fremde sei, die neben ihrer alten englischen Amme an
ihrem Lager weile; und noch eine geraume Zeit verging, ehe sie zusammenhängend
über sich zu denken, ehe sie ihre Gedanken wieder mitzuteilen im Stande war.
    Was der Beobachtung Seba's zuerst auffiel, war, dass Eleonore zwar an jedem
Morgen und an jedem Abende mit tiefer Inbrunst betete, dass sie sich aber nie des
Kreuzes dabei bediente, welches sie an einer goldenen, zugelöteten Kette an
ihrem Halse trug; und die Sonne schien schon wieder frühlingswarm auf die Erde
herab, als die Genesende sich eines Tages erkundigte, ob es ihr geträumt habe,
dass der Freiherr von Arten bei ihr gewesen sei, als sie erkrankt war.
    Man sagte ihr, dass ihre Erinnerung sie nicht täusche. Sie wollte wissen,
wesshalb er nicht wiedergekommen sei. Als man ihr das Verbot des Arztes, irgend
Jemanden zu ihr zu lassen, vorhielt, erkundigte sie sich, ob Seba vielleicht den
Freiherrn kenne.
    Er hat mich zu Ihnen geholt, mein Kind, antwortete ihr diese.
    Sind Sie mit ihm verwandt? fragte Eleonore.
    Nein, aber seine Mutter war meine Freundin, und als ich jung war, wie Sie
jetzt, habe ich seine Mutter, die auch viel Kummer hatte, in meinem Vaterhause
lange gepflegt.
    Eleonore gab sich damit zufrieden. Matt, wie sie es war, gehörten nur wenig
Vorstellungen dazu, sie eine geraume Zeit zu beschäftigen, und erst nach langem
Schweigen richtete sie sich ein wenig in die Höhe und sprach: Sie sagten, die
Mutter des Freiherrn von Arten habe auch viel Kummer gehabt; Sie wissen also,
dass ich Kummer habe?
    Ihre Worte, Ihre unbewussten Klagen haben es mir verraten, entgegnete ihr
Seba; aber sorgen Sie Sich nicht darum. Was ich vernommen habe, hat mir Mitleid
mit Ihnen, hat mir Liebe für Sie eingeflösst, und es ist bei mir wohl aufgehoben.
    Sind Sie katolisch? forschte Eleonore weiter.
    Nein, ich bin eine Jüdin, antwortete ihr Seba.
    Eleonore sah sie ungläubig und wie erschreckend an, und als mache sie sich
diesen Blick zum Vorwurfe, ergriff sie plötzlich die Hand ihrer Pflegerin und
küsste sie zu wiederholten Malen. Seba hinderte sie nicht daran. Alles, was sie
während Eleonorens langer Krankheit von Renatus über die Vergangenheit dieses
Mädchens erfahren, alles, was Eleonorens Amme ihr über die Vorgänge in Haughton
Castle gesagt, hatte Seba überzeugt, dass Eleonore einer völligen Umgestaltung
ihres ganzen Wesens bedürftig sei, wenn sie nicht aus Verzweiflung über sich
selber untergehen solle; und wie man ein Kind langsam und allmählich auf die
Begriffe hinführt, die man ihm zu geben wünscht, wie man es so leitet und führt,
dass es sehen muss, was man es sehen lassen will, so langsam und so vorsichtig
leitete Seba die Gedanken ihres neuen Pfleglings auf den Pfad, auf welchem sie
Heilung und Rettung für Eleonore finden zu können hoffte.
    Weil sie selber sich gewöhnt hatte, das Leben eines Menschen in seinem
ganzen Zusammenhange zu betrachten und Ursache und Wirkung einander gegenüber zu
stellen, hatte sie die Kunst erlernt, sich es in den meisten Fällen klar zu
machen, durch welche Umstände ein Charakter sich eben so und nicht anders
gebildet habe. Noch ehe also ihre Kranke im Stande war, sich über sich selbst
auszusprechen, wusste die feinsinnige Pflegerin, was Eleonoren von Jugend auf
gemangelt hatte, und sann darüber in stillem Herzen nach, wie sie diesem auf den
reichen und prächtigen Höhen des Lebens geborenen und erzogenen Mädchen den
Segen zuwenden könne, der in der Hütte des Armen dem Kinde selten fehlt - den
Segen der selbstlosen Liebe, die selbstlos lieben lehrt.
    Eleonore hatte ihre Mutter nicht gekannt, ihr Vater, der Marquis von Lauzun,
war nicht der Mann gewesen, einem Kinde durch seine Hingebung die Mutterliebe zu
ersetzen, und Arabella Warwell, zu deren strengen Grundsätzen und zu deren
starkem Verstande Eleonoren's Mutter mit Recht ein grosses Vertrauen gehegt
hatte, war selbst eine Waise und in der Erziehung ihres Pfleglings von dem
Gedanken geleitet gewesen, dass sie das verwaiste Mädchen vor allen Dingen dahin
gewöhnen und bilden müsse, in sich selbst beruhen und den nachteiligen
Einflüssen widerstehen zu lernen, welche ihm von Seiten der Herzogin schon frühe
drohten. Mit bewusster Absicht hatte ihre Erzieherin die junge Gräfin misstrauisch
gegen ihre Tante und gegen die Freunde derselben gemacht. Mit Geflissenheit
hatte sie das ohnehin sehr selbstgewisse Mädchen darauf angewiesen, nur seinen
eigenen Eingebungen, nur seinem eigenen Verstande zu folgen, und die glänzende
Ausnahmestellung, in welcher Eleonore sich befand, die unausgesetzte Bewunderung
und Huldigung, welche ihr von den Männern seit ihrem ersten Auftreten in der
Gesellschaft dargebracht wurden, hatten die junge Gräfin mehr und mehr dazu
verleitet, nichts zu begehren und zu bedürfen, als immer neue Nahrung für ihre
eitle Selbstgenügsamkeit, immer neue Befriedigung für ihren ungemessenen Stolz.
    Ihre Erzieherin war in Folge einer Herzenstäuschung unvermählt geblieben,
und wie sie, um sich für den Irrtum ihrer Jugend zu bestrafen, sich eben
deshalb zu einer unerbittlich scharfen Beobachterin gemacht hatte, war auch
Eleonore durch sie gewöhnt worden, an die Menschen, und namentlich an die
Männer, ideale Massstäbe anzulegen und schonungslos über sie abzuurteilen, wo
sie diesen Massstäben nicht entsprachen. Fräulein Warwell hatte gewünscht,
Eleonore vor dem Missgriffe zu bewahren, den sie selber einst begangen, als sie
in einem geringen und unbedeutenden Manne die Eigenschaften zu finden geglaubt
hatte, die sie in ihrem Gatten sich ersehnte; und alles, was sie für ihre
Pflegebefohlene damit erreichte, war die Erweckung des Glaubens gewesen, dass
kaum ein Mann es wert sei, von einem edeln, reinen Frauenherzen mit voller
Hingebung geliebt zu werden, dass nur selten ein Mann es verstehe, den Wert
einer grossen weiblichen Seele und das Opfer ihrer Hingebung zu würdigen, und dass
es das höchste, ja, das einzige Glück des Weibes sei, den Mann zu finden, den es
in Bewunderung lieben, den es über sich stellen könne, während er in jedem
Augenblicke wisse, was diese freiwillige Unterordnung des Weibes von ihm fordere
und ihm auferlege. Mitten in einer auf den äussern Lebensgenuss, auf Befriedigung
ihres weltlichen Ehrgeizes gestellten Gesellschaft hatte Eleonore einsam da
gestanden, in hoher Selbstüberschätzung von dem Leben die Gewährung und
Erfüllung ihrer idealen und überspannten Ansprüche erwartend, nach Liebe
dürstend und doch in keiner Weise darauf vorbereitet, sich an die Liebe liebend
hinzugeben.
    So hatte der Abbé sie gefunden, und entschlossen, sich ihrer für seine
Kirche zu bemächtigen, hatte er das traurige Werk ihrer Erzieherin vollendet,
Eleonore ganz abzutrennen von dem Zusammenhange mit ihrer Umgebung, um sie sich
desto leichter aneignen zu können. Dass seine Schönheit, seine persönliche
Bedeutung Eleonorens Liebe für ihn erweckten, hatte er früh gesehen, früh zu
benutzen gewusst; selbst die Leidenschaft, die in ihm für die Gräfin erwacht war,
hatte er seinen Zwecken dienstbar gemacht. Es hatte ihm das wollüstige Entzücken
der Herrschsucht und den Genuss gewährt, den man empfindet, wenn man sich seinem
Ziele nahe sieht, als er Eleonore, Dank seinen Ratschlägen, vom Hofe verwiesen,
von dem Freiherrn, dem sie sich angetragen, verschmäht, völlig vereinsamt
gefunden hatte; und erst als sie, aufgegeben auch von der Gesellschaft ihres
Heimatlandes, sich hülferufend an ihn gewendet, war er vor ihr erschienen, erst
da hatte er das Kreuz mit dem Bilde des Gekreuzigten vor ihr erhoben und es ihr
als die Zufluchtsstätte dargeboten, in der er und sie sich begegnen, er und sie
sich in einer ewigen und ausschliesslichen Liebe zusammenfinden konnten.
    Nicht aus Ueberzeugung, nur aus Leidenschaft für den Geliebten war Eleonore
zu der katolischen Kirche übergetreten; nicht eine Befriedigung ihres Herzens,
nicht eine neue Beseligung hatte sie in dem Anschlusse an den Katolizismus
gesucht, sondern nur ihn, den Geliebten, der in diesem Glauben seine Welt zu
haben behauptete, ihn, der ihr verheissen hatte, sich nie von ihr zu trennen,
wenn sie ihn zu suchen käme, wo er seines Lebens, seines Geistes, seines Wirkens
Heimat habe. Und als sie nun zu seiner Kirche sich hingewendet, da hatte er
sich ihr entzogen, da hatte er das junge Weib, das man gewiegt hatte mit allen
Ansprüchen auf der Erde höchstes Glück und das sich in der Lage wusste, es einem
geliebten Manne und sich selbst in jedem Augenblicke bereiten zu können, von
sich gestossen mit der grausamen Lust der Willkür, der einzigen Freiheit, die
sein Eid ihm gönnte.
    Ich muss Dich fliehen, denn ich liebe Dich! hatte er ihr gesagt. Willst du
mich wiedersehen, willst Du mich nicht verlieren, so musst Du alles daran setzen,
was Du hast und bist, so musst Du der Welt entsagen, wie ich es getan habe, und
eines unlöslichen Schwures Schranken müssen aufgerichtet werden zwischen uns,
zwischen mir und Dir, denn wir sind Menschen!
    Eleonore hatte ihm auch diesen Schwur geleistet! Was hätte ihre Liebe dem
Abgotte ihres Herzens versagen können, so lange er an ihrer Seite war, so lange
sein Blick, sein Wort sie beherrschten und in ihre Bande schlugen? Aber die
Lebenslust in ihr war zu mächtig. Ihre Jugend, ihre Schönheit in der
Gefangenschaft eines Klosters verblühen zu lassen, der Heimat, dem
Ahnenschlosse ihrer Väter und vor Allem der königlichen Freiheit zu entsagen,
deren sie sich teilhaftig gewusst und gefühlt seit ihrer frühesten Kindheit an,
das war über ihre Kräfte gegangen. Auf ihren Knieen hatte sie den Abbé
beschworen, sie von der Erfüllung des Eides zu entbinden, den er ihr auferlegt;
mit inbrünstiger Liebe hatte sie von ihm begehrt, sich begnügen zu lassen mit
ihrem Gelöbnis, dass sie niemals einem Andern angehören wolle, und ihr Leiter und
Führer zu bleiben in der Welt und in der Freiheit, denen zu entsagen sie sich
nicht entschliessen konnte. Sie hatte kein Gehör bei ihm gefunden. Voll Misstrauen
in die Zulänglichkeit der eigenen Kraft, mit dem festesten Glauben an die Gewalt
von Eleonorens Liebe hatte er sie verlassen - sicher, dass sie ihm folgen werde,
wohin er immer gehe, bis er sie hingeführt haben würde zu dem Altare, auf dem
sie ihre Zukunft opfern und sich und ihren reichen Besitz der Gemeinschaft
einverleiben sollte, der er angehörte, und deren Unerbittlichkeit er sich
verfallen wusste, wenn er ihren Erwartungen nicht entsprach, wie er's verheissen,
wie man es von ihm erwartet hatte.
    Seine Berechnung hatte ihn auch nicht getäuscht. Wie von einer Naturgewalt
gezwungen, war Eleonore ihm nach Deutschland nachgeeilt, und noch einmal hatte
er sich von ihr entfernt. Noch einmal hatte sie erkennen müssen, dass keine Gnade
von ihm zu hoffen sei, und überwältigt von der Grösse ihres inneren Kampfes war
sie zusammengebrochen, ihrer selbst nicht länger mächtig.
    Es war Herbst gewesen, als die Krankheit sie ergriffen, das Bewusstsein sie
verlassen hatte; nun war es Frühling geworden. In einfacher Umgebung,
unbewundert, von Niemandem beansprucht, fremd und in der Fremde, hülflos wie ein
Kind, so lag sie da, und die warmen Sonnenstrahlen, die auf den Wänden wie die
rieselnden Wellen eines lichten Stromes hin und wieder flossen, waren ihres
Auges stille Freude. Sie war zufrieden, dass sie dieselben sehen konnte, dass sie
noch atmete, dass der Erde dunkler Schoss sie noch nicht umfing.
    Eines Morgens, als die Sonne auch wieder freundlich in ihr Zimmer schien,
trat in der Frühe Seba bei ihr ein und legte ein paar Veilchen auf ihr Lager. Es
sind die ersten unseres Gartens, sagte sie. Meiner Pflegetochter Söhnchen hat
sie gepflückt und sendet sie Ihnen mit einem schönen Guten Morgen.
    Eleonore nahm die Veilchen in die Hand; ihr Duft, ihre Form, ihr ganzer
Anblick schienen ihr wie neu. Sie drückte sie an ihre Lippen und die Tränen
traten ihr in die Augen.
    Seba fragte, was sie so bewege.
    Es rührt mich, antwortete ihr Eleonore, dass hier in der Fremde Blumen für
mich wachsen und dass ein fremdes Kind sie für mich pflückt. Lieben Sie die
Kinder?
    Welche Frage! rief Seba. Wer sollte den Frühling, wer sollte die Hoffnung
nicht lieben? In tiefster, eigener Entmutigung hat die Beschäftigung mit
Kindern mich aufgerichtet, und noch heute, wenn ich mich niedergeschlagen fühle,
brauche ich nur auf die schöne Zuversicht hinzublicken, mit welcher die Kinder
in das Leben schauen, um zu begreifen, dass schon in dem blossen Wollen, Streben,
Hoffen ein Glück verborgen liegt. Und nun vollends der Gedanke, wie leicht man
solch ein Kind erfreuen kann! Diesen holden, genügsamen Geschöpfen gegenüber
besitzen wir ja eine wahrhaft göttliche Allmacht!
    Eleonore seufzte und kaum hörbar sagte sie: Ich habe nie ein Kind bei mir
gehabt, nie mit einem Kinde gespielt, und keinem Kinde je etwas zu Lieb getan.
    Armes Mädchen, sagte Seba, Sie sind eben einsam und ohne Liebe gross
geworden; Sie werden viel nachzuholen haben, wenn Sie erst genesen sind!
    Eleonore schüttelte traurig das schöne bleiche Haupt, Seba brach von dem
Gespräche augenblicklich ab; indes Eleonore blieb fort und fort mit dem Gedanken
an den Knaben, der die Blumen für sie gesendet hatte, beschäftigt. Sie wollte
wissen, wie alt er sei, sie wollte, dass Seba ihr beschreibe, wie er aussehe, und
als diese von ihrer Uhrkette die Kapsel loslöste, in welcher sie das
Miniaturbild ihres Lieblings trug, konnte Eleonore sich an dem blonden
Lockenkopfe und an den hellen, braunen Augen des Kindes gar nicht satt sehen.
Sie fragte nach des Knaben Mutter, nach seinem Vater, nach Seba's Verwandtschaft
mit ihnen, nach ihrem Tun und Treiben, und Seba konnte es bemerken, wie die
schlichte Darstellung dieses gesunden und beglückten Familienlebens die junge
Gräfin, als etwas ihr völlig Unbekanntes, anzog und bewegte.
    Am Abende, da Seba sie, wie immer, verlassen wollte, hielt Eleonore sie
zurück. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben und Scheu zu hegen, es zu
offenbaren. Endlich, als Seba sich erkundigte, ob sie irgend etwas wünsche, was
sie ihr gewähren könne, fragte die Genesende: War meine Krankheit von der Art,
dass meine Nähe Andern Nachteil bringen konnte? Ist eine Ansteckung für
diejenigen zu befürchten, die mich jetzt besuchen?
    Seba verneinte es auf das bestimmteste. Da richtete sich Eleonore auf,
ergriff die Hände ihrer Pflegerin und sagte: Sie haben so viel für mich getan;
Herr Tremann und seine Frau haben mir so grossmütig durch alle diese langen
Monate Ihre Pflege gegönnt, bitten Sie sie - Aber es war, als halte eine
unbesiegliche Scheu sie von dem Aussprechen des Wortes zurück. Sie verstummte
plötzlich, und erst als Seba ihre frühere Frage wiederholte, sagte Eleonore,
während ein flüchtiges Rot ihre eingesunkenen Wangen färbte und ein verschämtes
Lächeln ihren schönen Mund umspielte: Wenn es ihm nicht schadet, wenn es ihm gar
nicht schadet, und wenn seine Eltern ihn mir einmal senden wollen - bringen Sie
mir den Knaben mit!
    Man hatte keinen Grund, ihr die Erfüllung dieses Wunsches zu verweigern, und
Davide war so stolz auf ihres Knaben Schönheit, dass sie sich ein Fest daraus
machte, ihn auch von Andern bewundert zu sehen. Schon am nächsten Tage also
führte Seba ihn der Kranken zu. Der Kleine war keines der Kinder, die durch eine
fremde Umgebung befangen werden. Wo er nur einen der Seinen bei sich hatte und
man ihn gewähren liess, war er zu Hause oder setzte er sich mit seinen schnellen
und bestimmten Fragen doch sehr bald zurecht.
    Eleonore, die des Deutschen nur wenig mächtig war, verstand den Knaben kaum,
der noch unzusammenhängend sprach, aber sein blosses Dasein war ihr eine Freude.
Sie vergass sich völlig, wenn sie zusehen konnte, wie er sich tummelte, sie
strengte sich an, zu erraten, was er wolle, sie liess aus ihren Koffern
hervorholen, was ihn freuen, ihn einen Augenblick beschäftigen konnte, und wenn
es geschah, dass der Knabe sich mit einem Worte, mit einem Verlangen an sie
wendete, wenn es ihr gelang, ihn neben sich festzuhalten, so glänzte ein
Ausdruck des Vergnügens in ihren Augen, der Seba rührte, weil er bei Eleonoren
fast jedes Mal der Vorbote eines Seufzers und jener Schwermut wurde, die sie
bis dahin nicht verlassen hatte.
    Kein Tag verging seitdem, ohne dass man ihr den Knaben brachte; bald konnte
auch Davide mit ihm bei Eleonoren verweilen, und man konnte daran denken, die
Genesende an einem warmen Mittage in den Tremann'schen Garten fahren zu lassen,
damit sie in Ruhe und Stille sich der Luft erfreue. Die verschiedenen
Familienmitglieder leisteten ihr dabei abwechselnd Gesellschaft. Man holte ihr,
weil sie es wünschte, das Töchterchen herbei, welches Davide ihrem Manne im
Laufe des Winters geboren hatte, und obschon Eleonore noch sehr matt war,
verlangte sie, dass man ihr den Säugling geben, dass man das schlafende Kind auf
ihren Knieen ruhen lassen solle. Sie sagte nicht, was in ihrem Herzen vorging,
aber es war für die sie beobachtende Familie kein Rätsel. Man liess sie still
gewähren, sie war Allen bereits wert geworden.
    Davide, deren Mutterherz sich zu Eleonoren um der Liebe willen hingezogen
fühlte, welche diese ihren Kindern entgegenbrachte, tat schon nach wenig Tagen
ihrem Gatten und ihrer Pflegemutter den Vorschlag, dass man die Gräfin ganz in
ihr Haus übersiedeln möge, wo sie besser als in dem Gastofe aufgehoben sein
würde; indes wider ihr Erwarten wies Paul vorläufig diesen Vorschlag noch
zurück, und zu noch grösserem Erstaunen der jungen Frau stimmte Seba ihm in
seiner Meinung bei, dass es noch nicht an der Zeit sei, Eleonore von dem
traurigen Gefühle ihrer Vereinsamung zu befreien. Sie waren beide der Ansicht,
man müsse der Gräfin Zeit zur Einkehr in sich selber lassen. Dass sie es bereue,
zum Katolizismus übergetreten zu sein, dass ihr Freiheitssinn vor dem Eide
zurückschrecke, mit dem sie sich vor dem Abbé gebunden hatte, und das mit der
beglückenden Empfindung des Genesens ihr Widerwille gegen den Eintritt in ein
Kloster nur gewachsen sei, davon hatten verschiedene, ganz beiläufige, ganz
unwillkürlich getane Äusserungen der jungen Gräfin Seba überzeugt. Es gab sich
fast bei jedem Anlass kund, wie schwer Eleonore es fühle, den alten Anhalt ihres
Daseins verloren und keinen neuen, ihr genügenden dafür gefunden zu haben.
    Als Seba ihr angeboten, Miss Warwell herbeizurufen, hatte die Genesende dies
abgelehnt. Ich habe mich freiwillig von ihr geschieden, sagte sie, und ihre in
jedem Betrachte unduldsame Strenge kann und wird mir nicht verzeihen, was ich
getan habe. Sie ist abhängig von ihren vorgefassten Meinungen, abhängig von
Ueberzeugungen, die sie auf Treu und Glauben angenommen hat, abhängig auch vor
allen Dingen von der Ansicht und dem Urteile ihrer Umgebung. Ich habe mich
losgesagt von ihr, mich abgeschworen von ihrer Kirche, ihre Gesellschaft hat
mich ausgestossen: ich bin für sie nicht mehr vorhanden! Und mit einer
Bitterkeit, welche sich oftmals in Eleonorens Worten zeigte, setzte sie hinzu:
Ich wollte ja frei sein! Nun bin ich frei, frei wie der Vogel in der Luft! Wen
kümmert es, wohin er zieht und wo er endet?
    Bisweilen fragte sie, ob Briefe für sie angekommen wären. Aber sie schien
zufrieden, wenn man es ihr verneinte. Merkte sie dann, dass dies ihren neuen
Freunden auffiel, so äusserte sie, gleichsam sich entschuldigend, sie habe Ruhe
nötig, sie müsse sich erst wieder daran gewöhnen, dass sie weiter leben solle.
Und als Paul, dessen männliche Bestimmteit von dem ersten Augenblicke an einen
guten Eindruck auf sie machte, sie nach einer solchen Äusserung einmal fragend
ansah, sprach sie: Ich habe zu sterben geglaubt und war damit zufrieden; denn
was soll ich noch im Leben und in einer Welt, der nicht mehr anzugehören ich
geschworen habe? Und doch liebe ich noch diese Welt, doch freut mich noch die
Luft und das Licht, doch entzückt mich das Lächeln Ihrer Kinder, und ich könnte
weinen über die Güte, die Sie Alle mir beweisen; vor Schmerz und vor Freude
weinen, wenn ich es hier sehe, wie glücklich man auf Erden sein kann!
    Als ihre Kräfte gewachsen waren, verlangte sie nach Renatus. Sie wollte ihm
danken für all das Gute, welches ihr durch seine Vermittlung während der langen
Leidenszeit zu Teil geworden war; aber das Wiedersehen tat weder der jungen
Gräfin, noch ihrem Freunde wohl. Sie konnten sich nicht in einander finden.
    Ist das die strahlende Eleonore? Ist dieses Mädchen mit den sanften,
hülfesuchenden Augen das königliche Wesen, dem meine Huldigung sich kaum zu
nahen wagte? fragte Renatus sich in seinem Innern, und es war ihm, als habe er
die Gräfin in einer ihr feindlichen Verzauberung vor sich, da ihr die stolze
Umgebung fehlte, in der er sie bisher zu sehen gewohnt gewesen war.
    Er hatte Mitleid mit ihr, aber er schämte sich fast der anbetenden
Empfindung, mit der er einst zu ihr emporgeblickt, und sie hinwiederum hatte
ihre gegenwärtige Lage nie schwerer als in des Freiherrn Gegenwart gefühlt. Sein
Bedauern tat ihr wehe.
    Sie hätte den Freiherrn bitten mögen, sie zu meiden, hätte sie nicht
gefürchtet, den Schein der Undankbarkeit oder den der Feigheit auf sich zu
laden. Sie liess es also geschehen, dass Renatus, um sich und Eleonore vor den
Missdeutungen der gegen sie erregten übelwollenden Neugier zu bewahren, auch
seine Frau und seine Stiefmutter zu ihr brachte. Aber auch an dem Beisammensein
mit diesen beiden Frauen fand Eleonore kein Gefallen. Sie konnte die Stunde
nicht vergessen, in welcher sie sich dem Freiherrn zur Gattin angetragen hatte.
Sie nannte es in ihrem Herzen eine durchaus berechtigte Tat, dass er sie
zurückgewiesen hatte; dennoch vermochte sie die Missempfindung gegen die Frau, um
derentwillen sie, wie sie glauben musste, verschmäht worden war, in sich nicht zu
besiegen. Die Zuvorkommenheit, mit welcher Cäcilie ihr begegnete, kam ihr
erkünstelt vor und war es auch zum Teil, und die Erzählungen aus der
Gesellschaft, durch welche sie und Vittoria die junge Gräfin zu unterhalten
strebten, hatten keinen Reiz für diese letztere. Eleonore dachte nicht daran, an
diesem Hofe zu erscheinen. Die Namen der Personen, auf deren Gunst oder Ungunst
die Gattin und die Stiefmutter des Majors von Arten Gewicht zu legen hatten,
waren für Eleonore Haughton ohne jegliche Bedeutung, und schon nach wenigen
Besuchen bei der Kranken brauchte Renatus es seiner jungen Gattin nicht mehr zu
versichern, dass er Eleonore zwar bewundert, aber nicht geliebt habe, dass er sie
niemals hätte lieben können und dass sie überhaupt in ihrer Herzenskälte ihm
nicht für die Liebe, nicht für die Ehe geschaffen zu sein scheine. Wurde doch
Eleonore selber oftmals an sich irre, wenn sie es ihren Pflegern auszusprechen
wünschte, was sie für sie fühlte, und wenn sich ihr das Wort, das sie von früher
Jugend an mit seltener Gewalt bemeistert hatte, jetzt versagte, wo es sie
drängte, sich ihnen zu erschliessen und sich ihnen hinzugeben.
    Was können wir für sie tun? fragte Seba oftmals, wenn sie und die Ihren das
innere Ringen und Kämpfen in Eleonorens Seele wahrnahmen. Soll man so viel
Schönheit, so viel Gaben in Einsamkeit verloren gehen lassen? Oder wie soll man
es beginnen, sie mit dem Verstande einsehen zu lassen, was sie ahnend fühlt: dass
sie verloren ist, wenn sie ihrer eigensten Natur entgegenhandelt?
    Paul hörte diese Klagen, in denen Davide mit Seba stets zusammentraf, mit
jenem zuversichtlichen Gleichmute an, der ihn fast nie verliess. Auch er hatte
Teilnahme für Eleonore gewonnen, und es waren nicht nur ihre Schönheit, ihre
Jugend und ihr Missgeschick, welche sie in ihm erregten. Sie ist eine Kraft,
sagte er einmal, aber eine Kraft, die sich noch nicht zu würdigen weiss, weil sie
sich überschätzt. Dem Tode ist sie jetzt entrissen; ob sie dem Leben zu gewinnen
ist, das steht dahin. Ihre Gesundheit ist im Wachsen, sie bedarf Eurer nicht
mehr wie sonst, überlasst sie jetzt sich selbst.
    Und soll es sie ermutigen, wenn wir, denen sie ihre Neigung zugewendet hat,
uns ihr entziehen? Soll sie, die ohnehin der übeln Erfahrungen so viele schon
gemacht, auch an uns irre werden, an deren uneigennützige Freundschaft zu
glauben ihr offenbar so wohl tut? wendete Davide ein, deren sanfte Seele
doppelt für die Gräfin sorgte, weil sie neben Eleonorens Vereinsamung ihr
eigenes Familienglück noch lebhafter empfand.
    Paul zog die geliebte Frau in seine Arme. Kennst Du die Macht der Entbehrung
und der Trennung nicht, obschon wir lange Jahre von einander fern gewesen sind?
fragte er sie, oder soll ich, dem ihr es immer vorwarft, dass er von den
mannigfachen Wahrheiten, die in der Bibel entalten sind, zu wenig weiss, Euch an
ihre Lehren mahnen? Soll ich Euch erst daran erinnern, dass nur dem Bittenden
gegeben, nur dem Anklopfenden aufgetan werden soll? Sie muss hungern und dursten
nach der wahren Liebe, ehe sie derselben mit Segen teilhaft werden kann. - Das
Leben hat diesem Mädchen Alles, ohne sein Zutun, gewährt. Es hat des Wünschens
kaum bedurft, es hat das Verlangen, das Entbehren, das Ringen und das Kämpfen um
die Befriedigung eines Bedürfnisses nie gekannt, und kein Mensch gedeiht, wenn
er den eigentlichen Bedingungen des Daseins in solcher Art entzogen wird. Auch
jetzt wieder ist Eleonoren unsere Teilnahme geworden ohne all ihr Zutun, ohne
ihr Verdienst!
    O, rief Davide, fühlt sie das denn nicht?
    Was will das sagen? entgegnete Paul. Sie geniesst das Gute, das sich ihr
bietet, aber es dünkt sie natürlich, dass man's ihr gewährt, dass wir es ihr
leisten. Sie ist an mich empfohlen, sie ist jung und schön und reich, und der
Freiherr von Arten war bei uns noch ausserdem ihr Bürge. Lasst es sie empfinden,
dass es freie Dienste sind, die sie empfängt.
 
                                Sechstes Capitel
Bald nach der Ankunft Eleonoren's, nur wenige Tage, nachdem er Seba's Beistand
für sie erbeten, hatte Renatus seine Frau und seine Stiefmutter in das
Tremann'sche Haus geführt. Weil er damit in sich eine Selbstüberwindung
vollzogen und in seiner Frau Familie deshalb Widerstand gefunden hatte, war er
des Glaubens gewesen, auf Tremann und die Seinigen jedenfalls einen sehr
bedeutenden Eindruck durch seinen förmlichen Besuch hervorbringen und in der Art
des Empfanges die Anerkennung für diese seine Leistung finden zu müssen. In
dieser Erwartung hatte er sich jedoch getäuscht.
    In dem reichen und angesehenen Kaufmannshause waren Besuche von Fremden an
und für sich kein Ereignis, auf das man irgend ein Gewicht legte. Paul's frühe
Bekanntschaft mit dem Fürsten Staatskanzler, seine Reisen, seine
Handelsverbindungen hatten ihm zeitig einen weiten Umgangskreis eröffnet, und
weil beständig Leute, den verschiedensten Nationen angehörig, geschäftlich auf
ihn angewiesen wurden, so fanden die Einheimischen an den Fremden und diese an
jenen immer eine Gesellschaft, die ihnen Wesentliches zu bieten und in der man
sich einer von dem umsichtigen und weltgewandten Hausherrn trefflich geleiteten
Unterhaltung zu versehen hatte, welcher dann durch die Bildung und
Liebenswürdigkeit der beiden Frauen noch ein erhöhter Reiz verliehen ward. Das
Tremann'sche Haus galt daher mit Recht für das gastlichste der Stadt. Kaufleute,
Gelehrte, Beamte und Künstler trafen in demselben mannigfach zusammen, und wenn
man mit dem Hofe selbst auch in keiner Verbindung stand, so gab es unter den
Edelleuten, welche zu demselben gehörten, doch immer einzelne, die sich es zur
Ehre rechneten, sich frei nach ihrem Gutdünken auch ausserhalb der enggezogenen
Schranken der Etiquette zu bewegen und sich einer Gesellschaft anzuschliessen, in
welcher allein die durch Bildung veredelte Sitte die Gesetze vorschrieb, die
Aufnahme bedingte.
    In einem Hause, in welchem man die Leute um ihrer alten Familiennamen willen
eben so wenig suchte, wenn sie sonst keine Eigenschaften hatten, als man sie um
ihres Adels willen mied, wenn sie in sich mehr besassen, als nur eben ihre alten
Titel, konnte man es nicht als eine besondere Ehre ansehen oder sich dadurch
geschmeichelt fühlen, wenn der Major von Arten sich in demselben wieder meldete.
Es war nur natürlich, dass er, der eine Kränkung gegen Seba gutzumachen und der
sich noch dazu plötzlich Hülfe suchend bei ihr eingefunden hatte, seinen Dank
für die Bereitwilligkeit auszusprechen kam, mit der man ihm die geforderte Hülfe
gewährte, und wenn Seba und Davide die beiden Baroninnen trotzdem noch
freundlicher als vielleicht manche andere Fremde bei sich aufnahmen, so geschah
es in der ganz bewussten Absicht, es die Frauen nicht empfinden und nicht
entgelten zu lassen, dass man sich früher, und bis jetzt mit vollem Rechte über
Renatus zu beschweren gehabt habe.
    Während dieser sich nun bemühte, seine lange Versäumnis vergessen zu machen
und es kundzugeben, dass in seinem Innern eine gewisse Wandlung vorgegangen sei,
begegnete Paul ihm mit jener ruhigen Zuvorkommenheit, welche dem Gebildeten, der
viel mit Fremden zu verkehren hat, zur anderen Natur wird. Er war nicht gewohnt,
die Gäste seines Hauses um irgend etwas zu befragen, was ihm mitzuteilen sie
sich nicht veranlasst fühlten; er und die Seinigen kannten ohnehin die
Arten'schen Familienverhältnisse genau genug, und da Renatus sich Paul ohne
dessen Zutun angenähert hatte, fand dieser, nachdem man darüber einig geworden
war, dass Seba das Arten'sche Haus nicht besuchen würde, um die Möglichkeit eines
Zusammentreffens mit dem Grafen Gerhard zu vermeiden, keinen Grund mehr in sich,
den Freiherrn zurückzuweisen, besonders da eben Seba eine Vorliebe für denselben
bewahrt hatte, welche sie geneigt machte, das Geschehene zu verzeihen und zu
vergessen.
    Man hatte also Renatus und die Seinigen zu einem der ersten
Gesellschaftsabende eingeladen; Cäcilie und Davide, die ziemlich gleichen Alters
waren, sagten einander zu, und Eleonoren's Krankheit hatte dann die Verbindung
langsam fortgeführt. Renatus war gelegentlich zu Seba gekommen, sich nach dem
Ergehen der jungen Gräfin zu erkundigen; man hatte es auch nötig gehabt, von
ihm über Eleonoren's Verhältnisse unterrichtet zu werden, und ohne dass es zu
einem engeren Verkehre zwischen den beiden Familien gekommen wäre, waren sie auf
diese Weise doch in einem Zusammenhange geblieben, der es den Einen wie den
Anderen möglich machte, beständig von den Vorgängen innerhalb der beiden Häuser
bis zu einem gewissen Grade unterrichtet zu sein.
    Man wusste es in dem Tremann'schen Hause, dass Renatus mit seiner
Schwiegermutter und mit Hildegard nicht auf gutem Fusse stehe; Davide erfuhr es
von Cäcilien, welche Umstände die Missverhältnisse zwischen ihr und den Ihrigen
veranlasst hatten, und wie selbst ihres Gatten Oheim wider sie Partei genommen
habe. Cäcilie klagte, dass er ihnen dadurch mannigfach im Wege stehe, dass er sie
grosser Vorteile beraube; aber man sah den Freiherrn und seine junge Gattin
immer heiter, und selbst mit der Baronin Vittoria schienen sie gut zurecht zu
kommen, obschon das Leben mit dieser, seit sie in die Stadt gezogen, nichts
weniger als leicht war.
    Vittoria hatte, wie sie behauptete, keine grossen Bedürfnisse, sie machte,
wie sie beständig sagte, nur sehr einfache Ansprüche; aber ihrer kleinen
Bedürfnisse und ihrer einfachen Ansprüche waren viele, und sie hatte es nicht
gelernt, sich die Befriedigung eines augenblicklichen Verlangens zu versagen,
oder je zu überlegen, ob diese Befriedigung zu dem Kostenaufwande, den sie
veranlasste, in irgend einem Verhältnisse stehe.
    Es war zum Beispiel allerdings nur natürlich, dass eine Frau von Vittoria's
musikalischer Begabung und Bildung die Oper und die Concerte zu besuchen
wünschte. Es ging ihr damit, wie sie es mit Entzücken nannte, ein neues
geistiges Leben auf, und die schöne, sechsunddreissigjährige Frau war auch noch
jung genug, es geniessen zu wollen und auf eine neue Jugend, auf eine höhere
künstlerische Ausbildung für sich denken und hoffen zu dürfen. Sie hatte sich
bis dahin nur in alter Kirchenmusik und hier und da im Vortrage von Volksliedern
ihrer Heimat versucht. Jetzt, seit ihrer Uebersiedelung in die Stadt, lernte
sie die dramatische Musik, die grossartigen musikalischen Dichtungen der
Deutschen und der Franzosen kennen, und da eine jede Künstlernatur notwendig
das Verlangen hegen muss, sich ihrer Kraft bewusst zu werden, und zu gestalten und
darzustellen, was sie in sich trägt, so bemächtigte Vittoria sich schnell, und
mit aller Gewalt ihres Talentes, des neuen musikalischen Gebietes, das sich vor
ihr auftat. Vor allem waren es die Mozart'schen und die Gluck'schen Opern, von
denen sie sich ergriffen fühlte; aber sie glaubte zu bemerken, dass ihr für den
Vortrag derselben eine gewisse Fertigkeit fehle, die sie nur durch Uebung
erlangen könne; und weil in jenen Tagen einer der Hauptträger dieser Opern, der
erste Tenor der königlichen Bühne, zugleich ein gründlicher Musiker und ein
gebildeter Lebemann war, hatte sie bald gewünscht, seine Bekanntschaft zu
machen, um sich von ihm Rats zu erholen.
    Das erstere hatte sich fast ohne ihr Zutun gemacht. Der beliebte Sänger war
in der Gesellschaft gern gesehen; man traf ihn in den verschiedensten Kreisen,
und da unter den Dilettanten der vornehmen Gesellschaft eine zweite Sängerin wie
die Baronin Vittoria nicht zu finden war, fügte sich eine Annäherung der beiden
ganz von selbst. Der Sänger - die Baronin nannte ihn, weil sein deutscher
Familienname ihrem Ohre nicht gefiel, nach der Weise ihrer Heimat nur mit
seinem Taufnamen: Signor Emilio - machte sich ein Vergnügen daraus, eine der
Partieen, die er mit Vittoria in einer befreundeten Familie singen sollte,
eigens mit ihr zu studiren. Sie empfand das als eine grosse Förderung, sie sprach
ihm dies mit Wärme aus, und er liess sich denn auch sehr bald überreden, der
schönen, reich begabten Frau ausnahmsweise Unterricht zu erteilen.
    Niemand hatte daran ein Arg, Vittoria selbst war davon entzückt. Freilich
vermochte Emilio, eben weil er bei dem Teater angestellt und durch seine Proben
und Dienstgeschäfte sehr in Anspruch genommen war, die festgesetzten Stunden
nicht immer regelmässig einzuhalten; aber bei einer Frau, die so vollkommen frei
über ihre Zeit gebot, wie die Baronin, hatte das wenig zu bedeuten. Sie war
ohnehin dem Zwange, der Regelmässigkeit und jedem Müssen abhold; sie mochte auch
nicht immer singen, wenn Emilio zur Stunde kam, und dem beiderseitigen Hange zur
Ungebundenheit Folge gebend, war zwischen ihnen von einem eigentlichen
Unterrichte bald nicht mehr die Rede.
    Emilio kam, wenn er eben konnte; man sang, man musicirte, wenn man eben
mochte. Vittoria versäumte keine Oper und kein Concert, in welchem Emilio
beschäftigt war; sie wurde durch ihn mit anderen Musikfreunden und Musikern
bekannt gemacht, und in die vielfachen Uebungen hineingezogen, in denen die
Musikliebhaber der Hauptstadt sich damals schon ergingen. So bildete sich für
Vittoria neben der Gesellschaft, in welcher sie durch ihre Verhältnisse und
durch Renatus heimisch geworden war, noch ein weiterer Umgangskreis, in dem sie,
wie sie behauptete, zum ersten Male ihre wahre Heimat gefunden hatte, und in
dem sie um ihres Talentes und auch um ihrer Schönheit willen eine grosse
Bewunderung erregte, einer entusiastischen Aufnahme teilhaftig wurde.
    Die Baronin Vittoria von Arten war bald in aller Leute Mund. Die
Künstlerinnen, und die Hauptstadt war damals reich an grossen Sängerinnen, waren
von ihr und ihrer Anmut schnell bestochen. Sie rühmten die gänzliche
Anspruchslosigkeit, mit welcher sie sich ihnen hingab, sie waren bereit, der
schönen, vornehmen Italienerin jeden Dienst zu leisten, und es kostete Vittoria
also nur ein Wort, die ersten musikalischen Kräfte der Stadt in ihres Sohnes
Hause zu versammeln. Der Freiherr fand das Anfangs eben so genussreich, als
seinen Absichten entsprechend. Um sich ein Ansehen zu geben und um Vittoria eine
Freude zu machen, setzte man regelmässige Empfangsabende fest, an denen man
musicirte, und deren Gäste zu sein die Prinzen selber nicht verschmähten. Aber
man musste den Künstlern, auf deren Mitwirkung man sich angewiesen sah, doch auch
eine Entschädigung für ihre Mühe, eine Erwiederung für ihre Gefälligkeit bieten,
und da Renatus nicht grosse Gesellschaften zu geben wünschte, in denen er seine
Standesgenossen und die Künstler in auffälliger Art vereinen oder in einer hier
nicht angebrachten Weise von einander hätte trennen müssen, liess er es, wenn
auch mit einem Widerstreben von seiner und seiner Gattin Seite, allmählich doch
geschehen, dass Vittoria in ihren Zimmern Abends nach eigenem Ermessen ihre
musikalischen Bekannten bei sich sah.
    Anfangs war das nur bisweilen vorgekommen und die Zahl ihrer Gäste war nicht
gross gewesen. Man war jedoch damals überhaupt noch geselliger, als jetzt; es
verging daher bald kaum ein Abend, an welchem Vittoria ihre Freunde nicht
empfing. Eine Weile sah Cäcilie das mit an; da sie aber, Dank ihrer Erziehung,
eine achtsame Haushälterin geworden war, fand sie sich bald veranlasst, ihrem
Manne die Mitteilung zu machen, dass Vittoria's Weise, ein offenes Haus zu
haben, Ausgaben verursache, welche sie mit den ihr von Renatus für den gesammten
Haushalt festgesetzten Summen nicht zu decken vermöge.
    Renatus, dem es Ernst damit war, seine Vermögensverhältnisse zu ordnen,
erklärte also seiner Stiefmutter, dass er sie bitten müsse, eine Aenderung in
ihrer Lebensweise einzuführen, und er gab ihr auch die Mittel und Wege an, wie
eine solche ohne alles Aufsehen leicht einzuleiten sein würde, wenn sie sich
entschliessen wolle, ihre Abende gelegentlich ausser dem Hause zuzubringen. Aber
Vittoria, die von ihrem Gatten stets wie ein Kind behandelt worden, war auch ein
Kind geblieben. Sie weinte, wo sie je auf einen Widerstand gegen ihren Willen
stiess, sie hielt es Renatus, als er auch wieder einmal mit grosser Schonung nur
einige Rücksicht für sich forderte, in leidenschaftlicher Heftigkeit und jede
Rücksicht vergessend als eine unedle Handlung vor, dass er ihr, die auf seine
Grossmut angewiesen sei, das Gnadenbrod, welches er ihr reiche, zum Vorwurf
mache; sie erinnerte ihn an die Liebe, die er einst für sie gehegt, sie gab ihm
ihre freudlose Jugend zu bedenken, sie klagte seinen Vater und ihr Schicksal an,
und aufgelöst in Tränen warf sie sich dann Renatus doch wieder in die Arme,
der, in allen seinen Empfindungen beleidigt, sie endlich nur zu beruhigen suchen
musste, wollte er die Aufmerksamkeit seiner Leute nicht auf diese Scene ziehen.
    Vittoria liess sich danach zwei Tage lang nicht sehen; ihre Dienerin meldete,
dass sie krank sei. Erst am dritten Tage erhob sie sich; aber auf der Herrin
Befehl wies Gaetana die Personen ab, welche gekommen waren, die Baronin zu
besuchen. Nur Emilio wurde vorgelassen, und bald war er's allein, mit dem
Vittoria fast allabendlich nach dem Teater den Tee in ihren Zimmern einnahm.
Auch dagegen musste der Freiherr Einspruch tun. So schwer es ihm fiel, musste er
es seiner Stiefmutter zu bedenken geben, dass eine solche Vertraulichkeit mit
einem Manne, der in der Gesellschaft durch seine glücklichen Abenteuer von sich
sprechen mache, nicht stattaft sei, und er hatte dabei natürlich neuen Tränen,
neuen Scenen zu begegnen, die ihm mit jedem neuen Anlasse peinlicher und
lästiger werden mussten.
    Es kam Renatus hart an, aber er konnte sich jetzt der Ueberzeugung nicht
mehr verschliessen, dass sein Vater nicht wohl daran getan habe, den Fehltritt
Vittoria's zu verbergen und ihm die Sorge für eine Frau, deren leidenschaftliche
Verirrung er gekannt hatte, ihm die Sorge für einen jungen Menschen aufzubürden,
der nicht sein Bruder war und der, wie seine ganze Entwickelung es verriet, mit
der Begabung seiner Mutter auch ihre völlig rücksichtslose Phantastik ererbt
hatte.
    Das Selbstvertrauen und die Zuversicht, mit denen der Freiherr im Beginne
seiner Ehe auf seinen neu errichteten Hausstand und in das Leben und in seine
Zukunft geblickt hatte, hielten vor den oftmals wiederkehrenden
Verdriesslichkeiten mit Vittoria nicht Stand. Er wünschte lebhaft, dass er sie
nicht von Richten fortgenommen, dass er sie nicht zu seiner Hausgenossin gemacht
hätte. Nun es aber einmal geschehen war, hielt er es doch nicht für geraten,
eine Aenderung herbeizuführen. Da er bereits, wie man es wusste, mit den nächsten
Anverwandten seiner Frau und mit seinem Oheim, dem Grafen Gerhard, in keinem
guten Einvernehmen lebte, konnte er sich mit der Wittwe seines Vaters nicht wohl
verfeinden, ohne die Meinung der Gesellschaft wider sich zu haben, welche durch
die blendenden Eigenschaften Vittoria's sehr für dieselbe eingenommen war. Sie
hatte sich zum Teil auf seine und auf Cäciliens Kosten den Ruf der höchsten
Liebenswürdigkeit gewonnen, ihre Weise, sich gehen zu lassen, hatte etwas so
Natürliches, dass man sie überhaupt für einfach und natürlich hielt, und Renatus,
der eine gerechte Scheu trug, die unbesonnene und leidenschaftliche Frau
aufsichtslos sich selber zu überlassen, ward auch noch durch andere Rücksichten
abgehalten, sich von ihr zu trennen. Er musste sich sagen, dass eine besondere
Haushaltung für die Baronin ihm noch lästiger werden und ihm noch mehr kosten
würde, als ihr Aufentalt in seiner Familie. Er konnte es sich auch nicht
verbergen, dass Vittoria, wenn er sie nicht mehr bei sich behielt, genötigt
ward, diese Trennung vor ihren Freunden als eine von ihr gewünschte
darzustellen; und ob sie das nicht in einer Weise tun würde, welche für ihn und
für Cäcilie nachteilig werden konnte, dessen hielt Renatus sich bei ihrer
Unvorsichtigkeit auch nicht versichert.
    Seine Güte, seine Grossmut und seine rücksichtsvolle Schonung für Vittoria,
seine Ehrfurcht vor seines Vaters Willen hatten ihm die Hände gebunden. Er
konnte seine eigenen freundlichen und liebevollen Urteile über sie nicht
zurücknehmen, ohne von denen, vor welchen er sie ausgesprochen hatte, für einen
Toren gehalten zu werden; er konnte auch kaum Glauben für Anschuldigungen zu
finden hoffen, welche seinem früheren Lobe entschieden entgegengestanden hätten,
und er musste jetzt zusehen, wie er mit den Folgen seiner unzeitigen Grossmut
fertig werden konnte, auf die Vittoria in ihrem Leichtsinne sich zu verlassen
gewohnt worden war. Er trug auch in diesem Falle die Folgen eines fremden
Verschuldens; es war wieder die Rückwirkung an und für sich guter, aber nicht an
rechter Stelle angewendeter Empfindungen und Taten, unter welcher er zu leiden
hatte und die ihn misstrauisch nicht nur gegen die Menschen, sondern auch gegen
sich selber zu machen begann.
    Seine grübelnde Sinnesart, sein alter Glaube, dass er einmal nicht zum Glücke
geboren sei, fingen wieder an, sich in ihm zu regen. Das rasche bewegte Leben
während des Krieges hatte diesen Grundton seines Wesens übertäubt, der ihm, wie
er glaubte, durch die Schwermut angeboren sein mochte, mit welcher seine Mutter
ihn unter ihrem Herzen getragen hatte. Nun, da er trotz seiner guten Vorsätze
und seiner redlichen Bestrebungen, sich ein ruhiges und würdiges Leben zu
errichten, immer auf neue Behinderungen stiess, tauchte jener melancholische Zug
auf das Neue so stark in ihm empor, dass er die Notwendigkeit fühlte, sich
dagegen aufzulehnen, wenn er durch sein Schwarzsehen nicht Cäciliens ihn
beglückende Heiterkeit zerstören wollte. Sie machte ihm ohnehin aus Liebe stets
den Vorwurf, dass er in seinen Besorgnissen weiter gehe, als es nötig sei. Sie
übernahm es gutwillig, Vittoria in ihren Ansprüchen allmählich einzuschränken,
sie bat ihren Gemahl, keine weiteren Erklärungen mit der Stiefmutter
herbeizuführen, keine bindenden Versprechungen von ihr zu begehren. Sie erbot
sich, Vittoria des Abends zum Ausgehen oder zu einer gemeinsamen Geselligkeit zu
überreden, sie verhiess, in ihrer Wirtschaft solche Ersparungen zu machen, dass
man die Möglichkeit behielte, der Stiefmutter eine gewisse eigene Geselligkeit
zu gestatten, und da Vittoria, von der jungen Baronin gutem Willen gerührt und
beruhigt, sich dieser immer wieder mit der alten Neigung anschloss, übernahm
Cäcilie ihr Mittleramt in der Tat mit Zuversicht und Freude.
    Sie, die zuerst auf Vittoria's Unbesonnenheiten warnend hingewiesen hatte,
gab es dem Freiherrn doch zu bedenken, dass Vittoria's Unstätigkeit erst seit
ihrer Trennung von Valerio hervorgetreten sei. Sie verlangte also, dass man
Valerio so oft als möglich nach Hause kommen lasse. Sie setzte es durch, dass er,
in dem sich auch eine auffallend schöne Stimme herauszubilden begann, die
Mutter, wenn es sich irgend tun liess, in die Teater begleitete; und Mutter und
Sohn verlangten es nicht besser. Die Baronin verzichtete, wenn sie Valerio bei
sich hatte, am Abende auf geselligen Besuch in ihren Zimmern, sie sang mit dem
Sohne, dessen musikalisches Gedächtnis ein ganz ungewöhnliches war, und selbst
Renatus und Cäcilie hatten ihr Vergnügen daran, wenn Valerio mit seiner feurigen
Lebendigkeit ganze Scenen aus den Opern, in welche die Mutter ihn an den
Sonntagen zu führen pflegte, vor ihnen nachzuspielen und zu singen unternahm.
    Seine Vorliebe für das Zeichnen schien dadurch plötzlich in den Hintergrund
zu treten. Er hantierte allerdings noch immer mit dem Bleistifte und der Feder,
aber es waren nur noch Opern-Scenen, die er entwarf, wenn er nicht Karrikaturen
auf seine Mitschüler und Vorgesetzten zeichnete, deren komische Wirkung bei
unverkennbarer Aehnlichkeit in der ganzen Anstalt von sich sprechen machte.
    Von Valerio's Verhalten in dem Kadettenhause war überhaupt nicht viel zu
rühmen. Seine Zeugnisse erkannten zwar seine Begabung an, rügten jedoch seinen
Mangel an Ausdauer und wahrer Arbeitslust, und kaum eine Woche verging, in
welcher es für ihn nicht irgend ein Vergehen gegen die Disciplin der Anstalt zu
büssen gegeben hätte. Wenn er auf solche Weise an einem Sonntage den Besuch bei
der Mutter verscherzte, wusste er das nächste Mal durch verdoppelte
Liebenswürdigkeit seine Bestrafung vergessen zu machen, und selbst Renatus, der
sich vorgenommen hatte, ihn streng zu behandeln, fühlte sich oftmals wider
seinen Willen von ihm hingerissen. Man musste sich sagen, dass ein Knabe, der in
so schrankenloser Willkür aufgewachsen sei, es schwerer als Andere finden müsse,
sich dem strengen Zwange zu fügen; sogar unter seinen Lehrern fanden sich Einer
und der Andere, die für ihn sprachen, die der Ansicht waren, dass man mehr als
mit Andern Geduld mit ihm haben und ihm Zeit vergönnen müsse, sich allmählich
unterordnen und beherrschen zu lernen, wenn man seine ungewöhnliche Lebendigkeit
nicht zu einem Nachteil für ihn selber verkehren und ihn dahin bringen wolle,
seinen fröhlichen Freimut hinter der Maske einer erheuchelten Sinnesänderung zu
verbergen, die vorzunehmen und aufrecht zu erhalten, eben ihm, bei seiner Lust
am Darstellen, verlockend werden könnte.
    Wie dem aber auch sein mochte, Valerio war in dem Kadettenhause eben so
schnell der Liebling seiner Mitschüler geworden, als seine Mutter die
Gesellschaft für sich gewonnen hatte. Seine auffallende fremdartige Schönheit,
die Leichtigkeit, mit welcher er neben dem Deutschen das Französische und das
Italienische sprach, die Bereitwilligkeit, mit der er Jedem zeichnete, was man
von ihm verlangte, und seine erfinderische Phantasie, die ihn immer neue Spiele
und neuen Zeitvertreib ersinnen liess, führten ihm die Herzen seiner
Altersgenossen zu, während seine ungewöhnliche Frühreife die älteren Kadetten
belustigte. In der Einsamkeit seines heimatlichen Schlosses hatte er, Dank der
Achtlosigkeit seiner Mutter, mehr von dem Leben erfahren, als es Knaben seines
Alters sonst geschieht, und der freie Gebrauch, den er bis zu der Rückkunft
seines Bruders von des verstorbenen Freiherrn reicher Büchersammlung machen
dürfen, hatte die romantische und abenteuerliche Geistesrichtung Valerio's noch
erhöht.
    Es war eine Hauptbelustigung der älteren Zöglinge des Hauses, Valerio
erzählen zu machen, sei es, dass er von seinem Leben auf dem Lande oder von
seinen gegenwärtigen Besuchen in seines Bruders Hause und bei seiner Mutter
plauderte. Sein lebhaftes Mienenspiel, seine Beobachtungs- und Nachahmungsgabe,
die Keckheit seiner Bemerkungen gewährten den jungen Leuten einen heitern
Zeitvertreib. Sie hielten vor ihm auch nicht, wie vor den andern Knaben zurück.
Mit Cherubin, dem schönen Pagen, wie sie ihn hiessen, brauchte man sich auch
nicht in Acht zu nehmen. Er wusste, was er sagen und wovon er schweigen sollte;
er hatte das in Richten zwischen den beiden feindlichen Haushaltungen früh
erlernt, und er hörte es gern, wenn man ihn den Pagen hiess.
    Er hatte schon in der Heimat seinen Figaro gelesen, er hatte das Pagenlied
stets vor allem Andern geliebt; und nun vollends, seit er mit der Mutter
Mozart's Figaro auf der Bühne gesehen und gehört hatte, seit die Mutter und
Emilio es rühmten, wie genau er das Mozart'sche Pagenlied behalten habe, liess er
sich den Namen im Kadettenhause doppelt gern gefallen. Vittoria selber nannte
ihn bald nicht anders, und ihren Cherubino Sonntags, wenn sie Leute bei sich
hatte, das »Voi che sapete« zum Flügel singen, ihren Cherubino von der
Gesellschaft bewundern zu lassen, das war, wenn Renatus es nicht hinderte, ein
Genuss, den sie sich und ihrem Sohne selten nur versagte.
 
                               Siebentes Capitel
Die Aurikeln blühten schon, und die grossen Dolden der Fliederbüsche strömten
ihren Duft über die weiten Rasenplätze des alten Gartens von Tante Ester aus,
als Seba eines Tages auch wieder ihren Kranz auf das Monument gehängt hatte und
langsam, des schönen, warmen Frühlingswetters froh, durch die breiten Wege nach
dem Zelte vor dem Gartensaale zurückging. Die Gräfin Eleonore war an ihrer
Seite.
    Die Genesene hatte noch nicht ihre völlige Frische wiedergewonnen, aber das
Leben war doch wieder mächtig in ihr, und sie bedurfte des stützenden Armes
ihrer Freundin nicht mehr. Sie ging frei und festen Schrittes neben ihr her, nur
ihr Auge war nicht mehr so strahlend, als in den Tagen, in welchen Renatus sie
hatte kennen lernen, und auch die stolze Zuversicht jener Zeit war nicht mehr in
ihr.
    Eine Weile schritt sie schweigend durch die Alleen, dann, als sie sich schon
dem Zelte genähert hatten, unter welchem Davide sass, die ihr Töchterchen nährte,
während der Knabe mit seinen von der Sonne schon gebräunten Armen sich in dem
grossen Garten, recht nach Menschenart, seinen eigenen Garten zu machen strebte,
wendete Eleonore sich in einen der Seitenwege, und Seba's Arm in den ihren
legend, führte sie sie mit sich fort.
    Kommen Sie, meine Freundin, sagte sie, ein wenig will ich Sie noch für mich
besitzen. Sind Sie erst wieder in dem Zelte, dann gehören Sie mir nicht mehr
allein, dann gehören Sie Ihren Kindern und Ihren Enkeln - Eleonore bezeichnete
Tremann und die Seinen gegen Seba stets mit diesem Namen - und nicht nur Adel,
wie es das französische Sprüchwort sagt, legt uns Verpflichtungen auf: auch Güte
verpflichtet. Sie müssen gütig zu mir sein, weil Sie so gut gegen mich gewesen
sind.
    Seba drückte ihr mit freundlichem Worte die Hand, und Eleonore meinte nach
einer kurzen Pause: Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie tröstlich es mir ist,
wenn ich Sie an jedem Tage mit derselben Herzenstreue das gleiche Liebeswerk
verrichten und immer befriedigt von demselben wiederkehren sehe. Anfangs ging
ich dazu mit, weil ich eben bei Ihnen bleiben, Sie begleiten wollte. Jetzt denke
ich schon, wenn ich zu Ihnen komme, dass wir die Blumen pflücken und nach dem
Denkmal tragen müssen, und ich glaube, wären Sie nicht hier, ich täte, ohne
Ihre Todten hier gekannt zu haben, ganz dasselbe. Es ist etwas Schönes um ein
alltäglich Tun, es verbindet jeden unserer Tage mit der Vergangenheit und
Zukunft, es gibt jedem Tage einen Mittelpunkt. Wenn ich - - ihre Stimme wurde
weich - wenn ich fern von Ihnen sein werde, liebe Seba, werde ich zu Ihrem und
der Ihren Angedenken an jedem Tage auch einen solchen Herzenskultus üben, und
wie Sie unter den Lebenden der Todten denken, werde ich in meiner Einsamkeit mit
noch grösserer Liebe - ach, und mit welcher Sehnsucht! - an Sie Alle, die ich
hier verlasse, denken.
    Sie waren während dieser Worte nach der Seite des Gartens gekommen, an
welcher Paul's Arbeitszimmer lagen, und dieser, der eben sein Tagewerk beendet
hatte, trat, als er sie gewahrte, zu ihnen in den Garten hinaus.
    Er sah sich zuerst nach seiner Frau und seinen Kindern um, erkundigte sich
dann nach Eleonorens Ergehen und nannte es einen bequemen Zufall, dass sie eben
da sei, da er einen Brief für sie erhalten habe. Sie fragte, woher derselbe sei.
    Er ist uns durch einen unserer römischen Geschäftsfreunde vor einer halben
Stunde zugekommen, und ich hoffe, dass man ihn noch nicht zu Ihnen in das Hôtel
geschickt hat, gab er ihr zur Antwort, während er hineinging, sich nach dem
Briefe umzusehen.
    Die Gräfin war bei der Nachricht bleich geworden, und die Bewegung, mit
welcher sie das Schreiben aus Paul's Hand empfing, liess ihre Freunde nicht
darüber im Ungewissen, von wem es ihr kam. Auch wollten beide sich entfernen,
ihr Zeit und Ruhe zum Lesen zu geben; aber wie ein Kind, das sich vor dem
Alleinsein fürchtet, langte die Gräfin unwillkürlich nach der älteren Freundin
Hand, und sich auf die nahe stehende Gartenbank niederlassend, bat sie leise:
Bleiben Sie!
    Es war ein langer Brief. Die Gräfin hatte ihn gelesen und noch einmal
gelesen, dann liess sie die Hand, mit der sie ihn hielt, auf ihre Kniee
niedersinken und sah sinnend vor sich hin. Seba sass schweigend an ihrer Seite.
Sie kannte die Erlebnisse der Gräfin jetzt in allen ihren Einzelheiten durch
diese selbst, und Eleonore hatte auch vor Paul und vor Davide kein Hehl aus
ihnen zu machen gewünscht, wennschon sie den Beiden nicht direkt davon
gesprochen hatte. Nur von dem Religionswechsel und von ihren religiösen Zweifeln
war zwischen ihr und Paul zum Oefteren die Rede gewesen, und er hatte es ihr nie
verborgen, wie er über das blinde, unbedingte Glauben, wie er über den Glauben
an positive Religion, wie er über den Gottglauben überhaupt denke und was er von
jener Anschauung halte, die im neunzehnten Jahrhundert die Veredlung und
Selbstvollendung des Menschen noch durch seine Einsamkeit erreichen zu können
wähne. Aber er hatte diese Gespräche nie geflissentlich gesucht. Denn gerade
weil Eleonore durch augenblickliche Entschlüsse, durch gewaltsame Eindrücke und
durch die Macht einer ihr Herz beherrschenden mächtigen Leidenschaft zu einem
Abfalle von ihrer wahren Ueberzeugung und zu einem Handeln gegen die
eigentlichen Bedingungen ihrer Natur verleitet worden war, meinte er, dass, wenn
überhaupt eine Hülfe für sie möglich sei, ihr diese nur auf dem Wege der eigenen
Einsicht und der ruhigen, sie zur Erkenntnis langsam führenden Erfahrung mit
Erfolg bereitet werden könne.
    So liess denn auch Seba ihr eine Weile Zeit, sich zu sammeln, und erst als
sie bemerkte, dass Eleonore es schwer finde, in diesem Augenblicke von sich zu
sprechen, sagte sie: Sie haben einen Brief von dem Abbé erhalten?
    Eleonore bejahte es, und was sie nie zuvor getan hatte, sie reichte der
Freundin das Schreiben hin.
    »Ich komme von einer Reise zurück,« also hob es an, »die ich im Auftrage
meiner Oberen unternommen und die mich durch den ganzen Winter und das ganze
Frühjahr in den Geschäften unsers Ordens fern im Orient gehalten hat. Von den
Ufern des Nil, an den heiligen Wassern des Jordan, von der Schädelstätte und an
des heiligen Grabes geweihter Schwelle sind meine Gedanken zu Ihnen gegangen,
und ich habe für Sie gebetet, Eleonore, gebetet, dass auch Ihnen der Friede
kommen möge, mit dem ich an Sie denke; dass Ihre endliche Bekehrung zu der
einzigen und alleinig wahren Lehre Sie reinigen und Ihren Sinn erheben möge, wie
sie mich hinaushebt über mich selbst und über all mein menschliches Verlangen
und Begehren. Ich habe Ihnen geschrieben und meine Briefe in unser Frauenkloster
nach Trinità di Monte gesendet. Zurückgekehrt nach Rom, bin ich gegangen, Sie in
den heiligen Mauern aufzusuchen, in denen ich Sie zu finden glauben musste. Aber
Sie waren nicht dort, und erst auf Umwegen habe ich erfahren, wo Sie weilen und
dass Sie krank gewesen sind.
    Wesshalb schrieben Sie mir nicht, wesshalb riefen Sie mich nicht? Ein Wort von
Ihnen, das mich hätte ahnen lassen, Sie bedürften meines Trostes, hätte mich zu
Ihnen geführt. Streng, wie unsere Gesetze uns binden und unsere Oberen über uns
walten, würde man es mir als mein Recht zuerkannt und nicht geweigert haben,
Ihnen, deren Seele ich dem Lichte gewonnen, in den Stunden der Krankheit und der
möglichen Entmutigung meinen Beistand leisten zu dürfen, und Sie zu ihm und auf
ihn hinzuweisen, der unser Stab und unsere Leuchte, unser ewiges Heilmittel und
der Weg zu unserem ewigen Leben ist.
    Sie waren dem Tode nahe, Sie sind genesen und Sie haben, ich weiss es, nicht
einmal danach verlangt, Sich durch den Genuss des heiligen Abendmahles, Sich
durch das erlösende Sakrament, der Gemeinschaft anzuschliessen, der Sie
angehören, Sich der Gnade und Vergebung zu versichern, die uns den Weg durch
dieses Leben und den dunkeln Pfad in das Jenseitige ebnet und erhellt. Was soll
ich davon denken? Was bedeutet das?
    Wäre es möglich, dass Ihre Seele wankend geworden ist? Wäre es möglich, dass
Du sie vergessen könntest, die Schwüre, mit denen Du Dich mir und meinem Glauben
zugeschworen? Dass Du sie vergessen könntest, die gesegnete Stunde, in der meine
blutigen Tränen und die Angst meines durch Dich gemarterten Herzens Dich und
mich neugeboren haben zu dem ewig unauflöslichen Bündnisse unserer Liebe in
Gott? Solltest Du abfallen, untreu werden können mir, Dir selbst und ihm, dem Du
gelobt hast, Dein Leben ausschliesslich seiner Anbetung zu weihen?
    Meine Seele erbebt vor dem Gedanken! Ich liege auf meinen Knieen, und meine
starke, feurige Liebe für Dich ersehnt und erfleht von dem Höchsten Deine Treue
für ihn. Ich zähle die Stunden, bis mir Kunde kommen wird von Dir, die Stunden,
bis ich, an das Gitter des frommen Hauses tretend, mir werde sagen dürfen: es
birgt wie ein goldener Heiligenschrein den Schatz, den du der heiligen
Gemeinschaft zugeführt, es umschliesst das edle Herz, das du der Kirche zu
gewinnen durch Gottes Gnade würdig befunden bist, und es erwächst in dieser
gesegneten Mauern stiller Hut eine jener Frauenseelen für das Herrscheramt
innerhalb der Kirche, der die Starken sich mit Anbetung und Wonne neigen.
    Komm, meine Schwester! Komm, Du Ersehnte meiner Seele, lass mich die Stunde
nicht mehr lange erwarten, in welcher unsere Seelen sich als zwei reine Flammen
in der glühenden Begeisterung Eines Liebens, Eines Glaubens, Eines Hoffens zu
Gott erheben. Meine ganze Seele schmachtet nach dem Glücke! - Komm, denn ich
erwarte Dich!«
    Seba faltete, ohne ein Wort zu sprechen, den Brief zusammen, und eben so
lautlos warf Eleonore sich mit beiden Armen der Freundin um den Hals und weinte
bitterlich. Seba drückte sie an sich und hielt sie sanft umfasst.
    Es war sehr still in dem Garten, Davide hatte sich entfernt, um das Kind,
das an ihrem Busen eingeschlafen war, zur Ruhe zu bringen, der Knabe war ihr
gefolgt, und Paul sass, die französischen Zeitungen lesend, in dem Schatten der
grossen, vor dem Gartensaale stehenden Bäume. Kein Lüftchen regte sich. Man hörte
die Bienen leise summen, ehe sie sich in die Kelche der Blumen niedersenkten, in
dem dichten Buschwerke sang und lockte die Nachtigall.
    Richten Sie Sich auf, Eleonore, sagte Seba endlich. Es ist gut, dass dieser
Brief gekommen ist. Sie hatten ihn erwartet; ich fühlte es Ihnen immer an. Was
denken Sie zu antworten? Was wollen Sie tun?
    Weiss ich's denn selbst? entgegnete die Gräfin, und nachdem sie noch einmal
in ihr schwermütiges Sinnen versunken war, sagte sie plötzlich: Es ist mir wie
einem Träumenden zu Mute. Was ich am deutlichsten wissen glaubte, was mich das
Lebendigste, das Notwendigste dünkte, Alles, worauf ich mich stützen zu können
wähnte, zerrinnt mir wie Nebel, wenn ich mein Auge darauf richte, und es tut
sich mir hinter demselben eine Ferne, eine Weite auf, die mir fremd ist und in
der ich mich nicht zurecht zu finden weiss. Ich möchte, wenn es möglich wäre -
sie zögerte und schwieg.
    Sie möchten Geschehenes ungeschehen machen können! fiel ihr Seba in die
Rede, um ihr zu Hülfe zu kommen.
    Ja! rief Eleonore, als habe Seba mit dem blossen Aussprechen dieses Wortes
eine Fessel von ihr genommen, ja! Ich wünschte, ich hätte mein ganzes Leben
nicht gelebt!
    So vergessen Sie es und beginnen Sie ein besseres, ein neues!
    Kann man das? fragte Eleonore. Kann man es sich selber vergessen machen, was
man empfunden hat?
    Seba nahm sie bei der Hand. Sehen Sie, Eleonore, sprach sie sanft, seit mehr
als zwanzig Jahren schaue ich dem Leben jener Bäume zu, die da drüben, jenseit
des Flusses, in dem Garten stehen. Als ich zum ersten Male im Herbste ihr Laub
erbleichen und zu Boden fallen sah, war ich jung wie Sie, und unglücklich, weit
unglücklicher, als Sie, denn ich hatte mein Herz mit seiner reinsten Liebe einem
Manne zugewendet, den ich verachten musste, ich hatte durch meine Schuld mich
selbst verloren; und ich sah in jenem Herbste auf die entblätterten Bäume hin
und dachte: sie sind dein Bild, dein und ihr Frühling, deine und ihre
Blütezeit sind hin, es ist Winter geworden und Alles ist todt und öde, todt
und öde für immer!
    Sie hielt inne, die Gräfin küsste ihr die Hand. Da glitt ein melancholisches
Lächeln über Seba's Antlitz, und ihr Haupt mit seinen schönen Augen zu ihrer
jungen Freundin wendend, sagte sie mit einem Tone, welcher dieser tief in's Herz
drang: Und nun blicken Sie hinüber, ob ich mich nicht irrte? Ob das Leben nicht
viel mächtiger, die Welt in ihrem ewig waltenden Werden nicht viel
wundertätiger ist, als unser armes Herz in seinem kleinmütigen Verzagen es für
möglich hält? Jener Winter ist entschwunden, und mancher andere nach ihm, und
jeder neue Frühling hat meinen alten Bäumen drüben neues Leben und neues Blühen
gebracht, und in allem ihrem Blühen und Vergehen sind sie gewachsen und
gewachsen, und der Abfall ihrer Blätter selbst hat dem Boden, der sie erzeugte,
noch Wärme und noch neue Kraft verliehen! Und Sie wollten dem Leben entsagen,
weil Sie einmal irrten? Sie wollten Sich gebunden glauben durch den Eid, den Sie
in einer geflissentlich durch fremden Willen in Ihnen erregten
leidenschaftlichen Ueberspannung geleistet haben? Wie dürfen Sie nur daran
denken, einen unfreiwilligen Irrtum Ihres Verstandes, eine Uebereilung Ihres
Herzens zu einer bewussten Lüge zu machen? Nimmermehr, Eleonore! Das darf, das
kann nicht geschehen! -
    Sie hatte die letzten Worte unwillkürlich mit erhobener Stimme gesprochen,
so dass Paul und Davide, die herangekommen waren, sie vernommen hatten, und Paul
die Frage aufwarf, wovon die Rede sei.
    Seba gab ihm eine andeutende Antwort, aber Eleonore sagte sehr bestimmt: Wir
sprachen von einem traurigen Gegenstande, von mir und meiner Zukunft, und es ist
gut, dass Sie, meine Freunde, jetzt dazugekommen sind, denn ich fühle mich halt-
und ratlos! Ich habe Stunden, in denen ich mich in Lebenslust an das Dasein
klammern, und Tage, an denen ich aus Widerwillen gegen mich selbst, mich vor der
Welt verbergen und ein Herz in Einsamkeit begraben möchte, das ... - Sie brach
plötzlich ab, und nach kurzem Schweigen heftig auffahrend, rief sie: Wenn Sie es
wüssten, wie man mich umworben hat, wenn Sie wüssten, wie ich in dem Glauben an
eine grosse, reine Liebe mich mit Stolz zurückgehalten habe, von den Spielen des
Herzens, in denen die Mehrzahl der Frauen sich gefällt und genügt! Rein und ganz
in meinem Empfinden, so hatte ich mich und alles, was ich habe und bin, mit
meiner Liebe einst dem Manne hinzugeben gehofft, der mich zu seiner Gattin
nehmen würde! Und sich jetzt sagen zu müssen, dass ich dies alles, dass ich diese
grosse, diese umfassende Liebe, dass ich die tiefste Verehrung meines Herzens
einem Manne entgegenbrachte, der mit kaltem Auge auf mich herniedersah, dem ich
nichts, nichts gewesen bin, als der Gegenstand einer Berechnung, und der, als
ich in Liebe zu seinen Füssen niedersank, es vielleicht bedachte, was mein Besitz
dem Orden wert sei, in dessen Dienste er sich meiner zu bemächtigen wünschte
... - Sie brach noch einmal ab und sagte dann nach einer Pause wie im
Selbstgespräche: Das denkt keines Menschen Seele aus!
    Doch, rief Paul, der ihr achtsam zuhörend gefolgt war, doch! Und Seba's Hand
ergreifend und schüttelnd, sagte er: Fragen Sie Seba, ob sie es nicht
nachzudenken vermag, ob sie nicht Gleiches, ob sie nicht Schwereres erduldet
hat! Und sie hat sich aufgerichtet in sich selbst, dass sie die Stütze und die
Zuflucht aller derer geworden ist, die einer starken und geduldigen Liebe für
sich nötig haben! Was ist Ihnen denn geschehen, was haben Sie denn erlitten und
erlebt?
    Die Gräfin sah ihn betroffen, ja, mit Erstaunen an. Es ist wahr, fuhr er
fort, Sie haben ein grosses, ein schönes Capital von Liebe falsch angelegt, das
ist aber auch Alles! Sie haben Sich in dem Manne betrogen, dem Sie es
anvertrauten, und nur Sie, nicht er, tragen die Schuld davon! Sie sahen das
Kleid, das er trug, Sie kannten die Grundsätze der Gemeinschaft, der er
angehört! Wer hiess Sie der eiteln Verlockung nach Herrschaft nachgeben, mit der
er zuerst verführend an Sie herantrat? Nicht er, Ihr Stolz hat Sie verleitet,
die Freiheit, deren Sie nach allen Seiten hin genossen, gegen die Unfreiheit zu
vertauschen, die Ihnen Herrschaft über Andere und die blinde Unterordnung
Anderer als ein Glück vorspiegelte! Nicht Ihre Liebe für den Abbé allein, Ihr
Hass gegen Ihre Tante, ja, die ganze müssige, selbstsüchtige Abgeschlossenheit, in
der Sie, wie Sie es mir geschildert haben, lebten, haben Sie dem Abbé in die
Arme getrieben! Und jetzt, da Sie ihn kennen, jetzt wollen Sie aus falschem
Ehrgefühl hingehen, Sich in einem Kloster zu verbergen? Sie wollten auch jetzt
noch nach jener hochmütigen Selbstbefriedigung suchen, die Sie der Erde und
Ihren Mitmenschen entfremdet? Wie können Sie nur daran denken, noch länger ein
Dasein zu führen, welches in unserer Zeit und bei unseren Erkenntnissen nicht
mehr wert ist, dass man's lebt? - Er schüttelte missbilligend sein ernstes Haupt,
und der Gräfin fest in's Auge schauend, sprach er: Da wär's besser, Sie wären
nicht genesen!
    Die Frauen blickten besorgt auf Eleonore hin. Sie sah schweigend vor sich
nieder. Paul störte sie in ihrem Sinnen nicht. Ein paar Mal schien es, als ob
sie sprechen wolle, aber sie fand das Wort nicht oder sie vermochte sich nicht
von den Vorstellungen loszureissen, mit denen sie sich bisher getragen hatte, und
Davide, welche ihr dies nachempfand und ihr zu Hülfe kommen wollte, fragte: Aber
was soll Eleonore denn jetzt tun?
    Sie soll sich befreien und sich durch Selbstüberwindung selbst wieder
gewinnen, wie unser Aller Vorbild, wie unsere Seba es getan hat! Sie soll dem
Abbé und der Habsucht seines Ordens den Triumph nicht vollenden, den sie ihnen
zu bereiten auf bestem Wege war! rief Paul.
    Er hielt inne. Ihr fragt mich, was die Gräfin tun soll? Erretten soll sie
von dem schlecht angelegten Capitale ihrer Liebe, ihrer Freundschaft, was sie
kann! Sie soll ihr Herz tapfer in die Hand nehmen, sie soll sich mutig ihren
Irrtum, ihre Verblendung eingestehen! Sich soll sie anklagen, nicht die Andern
oder gar ihr Schicksal, und sie soll lieben, ihre Mitmenschen lieben lernen ...
    O, rief Eleonore, und ihr Antlitz leuchtete in einer Verklärung, deren es
früher nie teilhaftig geworden war, liebe ich Euch denn nicht? Wie eine
zärtliche Mutter, wie liebende Geschwister seid Ihr mir gewesen! Mutterliebe und
Geschwisterliebe und die Seligkeit, welche in der Ehe, in dem Lächeln eines
Kindes liegen kann, Alles habe ich kennen und empfinden lernen hier bei Euch! -
Aber wenn ich von Euch geschieden sein werde ...
    Scheiden? fiel ihr Davide in das Wort, und die Gräfin in ihre Arme
schliessend, rief sie: Wer denkt denn an Scheiden, Eleonore? Du hast mich ja
selbst Deine Schwester genannt! Du bleibst bei uns, bei Seba, bei Paul, bei mir,
bei unseren Kindern! - Seba, Paul, sagt es ihr doch, dass sie nicht gehen soll,
nicht gehen darf, dass sie unser, unsere Eleonore ist!
    Sie konnte nicht weiter sprechen, die Gräfin hing an ihrem Halse, Seba legte
ihre Hand sanft auf der beiden jungen Frauen Häupter, selbst Paul war sehr
erschüttert. Die Blumen aber dufteten ruhig fort, die Bienen tauchten tief in
ihre Kelche hinein, und die Nachtigallen lockten und sangen, während in dem
leise aufgestiegenen Winde die Zweige der Bäume sich nickend hin und wieder
bewegten und die Sonne ihre warmen Strahlen funkelnd durch die Blätter
niedersendete.
    Als Eleonore ihrer wieder mächtig geworden war, hielt sie Paul ihre Hand
hin. Er schlug mit festem Schlage ein und schüttelte sie ihr wie einem Manne.
Mut, Gräfin! sprach er mit der vollen Stimme, die schon in ihrem blossen Klange
etwas Ermutigendes hatte. Die Welt geht nicht unter, wenn ein Stein unter
unseren Füssen fortrollt, auf den wir mit Sicherheit treten zu können meinten!
Irgendwo findet sich ein Ast, an dem man sich halten kann, und - er reichte ihr
mit schöner, herzgewinnender Freundlichkeit noch einmal seine Rechte hin - zur
Not bin ich auch noch da! Fragen Sie Seba und Davide, ob ich loszulassen
pflege, was ich in die Hand genommen habe!
    Lieber, lieber Freund! rief die Gräfin und blickte wie eine Tochter ergeben
und vertrauensvoll zu ihm empor. Was soll ich tun? Sagen Sie's, ich folge Ihnen
unbedingt!
    Paul machte eine abwehrende Bewegung. Kein blindes Gehorchen, kein
unbedingtes Vertrauen, liebe Gräfin! warnte er. Ich bin kein Priester! Aber ich
würde mich freuen, wenn Sie mir den Brief zu lesen geben wollten, den Sie dem
Abbé auf seine heutige Zuschrift senden.
    Was soll ich ihm sagen? fragte sie, von dem Gedanken dieser unerlässlichen
Annäherung ergriffen und erschreckt. Was soll ich ihm sagen?
    Die Wahrheit! entgegnete ihr Paul.
    Wird er Eleonore nicht festzuhalten streben? Wird er nicht Alles anwenden,
sie uns zu entreissen? wendete Davide ein.
    Gewiss! aber Eleonore ist ja nicht mehr allein in ihrem stolzen Haughton
Castle! Sie ist in eines Bürgers Hause, sie hat sich ja eben freiwillig als der
Unseren Eine unter meinen Schutz gestellt, und wenn wir auch nicht wie sie in
ihrem freieren Vaterlande von uns sagen können: »Mein Haus ist meine Burg!« so
bin ich doch Herr in meinem Hause, und sie soll, wie wir alle ruhig leben, ruhig
schlafen, und sich frei bewegen unter meinem Dache und unter meinem Schutze, bis
sie uns nicht mehr braucht, bis sie gelernt hat, wieder aus eigenem Antriebe
ihren eigenen und, ich denke, einen schönen, neuen Weg zu gehen!
 
                                 Achtes Capitel
Nach grossen Stürmen pflegen, wie in dem Leben der Völker, so auch in dem Leben
der einzelnen Menschen, wenn die aufgeregten Wogen sich geebnet haben, lange und
tiefe Windstillen einzutreten, in denen die Wasser sich beruhigen und allmählich
so sanft hingleiten, dass man es leicht vergisst, wie es eben noch anders gewesen
ist und was unter der glatten Oberfläche in der Tiefe schlummert. Was man
erlebte, was man erlitt, wird von dem Einzelnen mehr und mehr vergessen, von der
Gesammteit überwunden und ausgeglichen. Man meint, es sei des Erfahrens nun
genug gewesen, man hofft, der gewonnenen Einsicht in Ruhe froh werden zu können,
man sieht rund um sich her vielfach ein Wachsen und Gedeihen, und da man ohne
sein besonderes Zutun von dem allgemeinen Elende sein reichlich Teil getragen,
so wird man zu der Meinung verführt, dass man auch ohne sein besonderes Zutun
des Guten teilhaftig werden müsse, das sich um uns her entfaltet hat, und dass
das allgemeine Wachsen und Gedeihen mit seiner Segensfülle zudecken müsse, was
der Eine oder der Andere sich nicht gern eingestehen und gern verbergen möchte.
    Handel und Wandel standen denn auch, nachdem wenig mehr als ein Jahrzehend
seit der Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft verflossen war, wieder
in voller Blüte. Die Industrie und der Landbau waren zu einem Aufschwunge
gekommen, von dem man bis dahin in unserem Vaterlande noch kaum eine Vorstellung
gehabt hatte, und an der Spitze der bedeutendsten Unternehmungen fand man fast
immer das mit jedem Jahre mächtiger werdende Tremann'sche Handlungshaus. Paul
war einer der reichsten und zugleich einer der angesehensten Männer der Stadt
und des Landes geworden. Sein Einfluss kam nicht nur dem eigenen Schaffen,
sondern auch den Angelegenheiten der mit ihm verbundenen Menschen sehr zu
Statten. Er selber hatte sich freilich schon von den Fabrik- und industriellen
Geschäften zurückgezogen, die er bald nach Beendigung des Krieges mit Steinert
und Herbert gemeinsam unternommen hatte, um sich gänzlich wieder dem grossen
Geldgeschäfte zuzuwenden; dafür arbeiteten aber die Söhne und Schwiegersöhne
seiner beiden Freunde mit diesen jetzt gemeinschaftlich und einander in die
Hände.
    Eva war, wie sie das gewünscht hatte, in dem alten, auf das beste
ausgebauten Amtshause in Rotenfeld mit ihrem Herbert angesessen. Sie sah in
behaglicher Ruhe ihrem Lebensabende entgegen, während der junge Steinert, der
seine Cousine Angelika geheiratet hatte, und Steinert's Schwiegersohn mit
seiner Eveline, der Eine auf dem von Rotenfeld jetzt abgezweigten Vorwerke, der
Andere in Neudorf sich tüchtig regten. Auf den Gütern, deren Ertrag nach dem
Abgange von Adam Steinert in den letzten Lebensjahren des Freiherrn Franz so
tief heruntergekommen war, dass er die Bedürfnisse der Herren von Arten nicht
mehr deckte, fanden jetzt drei Familien ein reichliches Auskommen und ein immer
wachsendes Gedeihen, weil sie selber schufen und erwarben, was sie brauchten,
weil sie ihre Bedürfnisse und ihre Einnahmen in Einklang erhielten und weil ihre
eigene Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit den Arbeitern um sie her zu einem Antriebe
und zu einer Ermutigung gereichten, die den Gutsbesitzern ebenfalls zu Nutze
kamen.
    Ein Jahr nachdem Herbert sich in dem Rotenfelder Amtshause niedergelassen
hatte, war Seba in der Mitte des Sommers in ihre heimatliche Provinz
zurückgekehrt, um ihr altes Vaterhaus einmal wiederzusehen und Herbert auf
seinem Gute zu besuchen, und Eleonore hatte sie dabei begleitet. Seit die Gräfin
in das Tremann'sche Haus gezogen und gleichsam ein Mitglied seiner Familie
geworden war, trennte sie sich von Seba nicht. Sie waren einander in tiefem
Verständnis nahe getreten.
    Du hast so Viele gepflegt und gehegt, sagte die Gräfin bisweilen, dass es nur
in der Ordnung ist, wenn sich endlich Jemand findet, der Dich nun hegt und
pflegt. Davide hat ihren Mann, hat ihre Kinder; ich habe Niemanden als Dich, und
es kommt Dir zu, dass ein Wesen um Dich ist, über welches Du ganz verfügen
kannst. Wo Du bist, da bin ich, wo Du hingehst, gehe ich mit Dir!
    Seba wollte das nicht gelten lassen, denn sie wünschte, Eleonore in einer
ihr angemessenen Ehe glücklich zu sehen; aber es war, als hätte das Gemüt der
Gräfin noch ein Ruhen nötig, nachdem es ihr in schweren Kämpfen gelungen war,
sich mit Hülfe ihrer Freunde völlig von den Banden frei zu machen, in denen der
Abbé sie gehalten hatte; und Paul bestärkte sie in ihrer Hingebung an Seba.
    Lasst sie ungestört gewähren, riet er, wenn Davide in ihrem Glücke
Heiratsplane für die Freundin machte. Für eine Eleonore kommt gewiss der Tag, an
welchem die Freundschaft ihr nicht mehr allein genügt; lasst uns ihn erwarten.
    Sie und Seba hatten in den letzten Jahren verschiedene grosse Reisen gemacht,
sie waren auch einen Sommer in Haughton Castle gewesen. Aber Eleonore hatte in
England nur ihre nächsten Anverwandten aufgesucht, und obschon von ihnen jetzt
wieder bereitwillig empfangen, hatte sie sich doch nach Deutschland und in das
Haus zurückgesehnt, in dem ihr zuerst selbstlose Liebe begegnet war und in dem
sie es erlernt hatte, sich im Anschlusse an ihre Umgebung, im engverbundenen
Zusammenhange des Familienlebens durch Hingabe zu bereichern, durch Unterordnung
zu erheben. Man dachte nicht daran, sie besonders aufzuklären, sie zu erziehen.
Die Luft macht eigen und die Luft befreit. Man liess das Leben walten.
    Freilich wunderten die Leute, vor Allen Renatus und die Seinigen sich
darüber, dass die Gräfin Haughton der Aufforderung ihres Gesandten, sich bei Hofe
vorstellen zu lassen, nicht nachkam, dass sie noch immer in Deutschland, noch
immer als eine Genossin des Tremann'schen Hauses lebte; man fand sich jedoch
endlich damit ab, es ihr für eine ihrer englischen Grillen auszulegen, und des
Freiherrn Angelegenheiten waren nicht der Art, ihm eine besondere Teilnahme an
den Seelenzuständen der Personen einzuflössen, die nicht im nächsten
Zusammenhange mit ihm lebten.
    Renatus mochte es ansehen, wie er wollte, das Glück wendete sich ihm nicht
wieder zu. Während in Paul's Hause eine ganze Schaar von Kindern in Kraft und
Gesundheit heranwuchsen, war das einzige Töchterchen, welches Cäcilie ihrem
Manne geboren hatte, ein schwächliches Kind gewesen, das bald gestorben war, und
er hatte bisher vergebens auf die Geburt eines Sohnes gehofft, der seinen Namen
erben und in die Zukunft tragen sollte. Die Aussicht, dass Valerio, dass der
seinem Vater untergeschobene Sohn vielleicht der einzige Erbe des alten, schönen
Namens derer von Arten werden könne, widerstand dem Freiherrn bei der
eigenartigen Entwicklung dieses jungen Menschen mit jedem Jahre mehr, und etwas,
woran er sich recht von Herzen freuen konnte, hatte Renatus nirgend.
    Allerdings war seine Ehe eine würdige und friedliche; aber Vittoria war eine
schwere Last für ihn und seine Frau, und auch seine Dienstverhältnisse
gestalteten sich nicht so günstig, als er es erwartet hatte. Er wurde trotz der
grössten Pflichttreue nicht befördert, das Avancement im Frieden war sehr
langsam, und er konnte sich des Gefühles nicht erwehren, dass ein unbekanntes
Etwas, dass ein heimliches Uebelwollen ihm, wohin er sich auch wende, hindernd im
Wege stehe. Dazu kam er auch mit seinen Vermögensverhältnissen nicht, wie er es
gehofft, in die Ordnung. Der Pächter hatte nicht den Mut, seine erarbeiteten
Capitalien in das fremde Gut zu stecken, und der Freiherr keine Capitalien, mit
denen er selber auf dem Gute etwas hätte unternehmen lassen können. Das
Pachtgeld, welches regelmässig genug einging, blieb immer nicht lange in des
Freiherrn Händen, weil er gleich bei seiner Verheiratung eine Summe
aufgenommen, die er zu verzinsen hatte; und es fanden sich, da die
gesellschaftlichen Beziehungen des Freiherrn sich mit jedem Jahre ausdehnten und
das Leben in der Residenz mit dem wachsenden Reichtume ihrer Bewohner auch
glänzender und üppiger wurde, mit jedem Jahre irgend welche neue Ausgaben, denen
man sich anstandshalber nicht zu entziehen vermochte und die ein Abzahlen des
gemachten Anlehens hinderten.
    Hier und da, wenn Cäcilie es sah, dass Renatus sich in Geldverlegenheit
befand, wenn es sie drückte, dass man die eingehenden Rechnungen nicht gleich
bezahlen konnte, wenn man die Handwerker und sonstigen Lieferanten um Geduld
angehen musste, hatte sie den Vorschlag gemacht, Renatus solle sich von der Garde
zu einem der Linien-Regimenter versetzen lassen. Wenn man indessen von der
Hauptstadt fortging, wenn man sich also auch aus den Kreisen des Hofes
entfernte, so gab man damit alle die Vorteile auf, welche in monarchischen
Staaten dem Staatsdiener aus der persönlichen Bekanntschaft mit seinem Herrn
gelegentlich erwachsen können, und die man im Laufe der Jahre zu erreichen eben
bemüht gewesen war. Eine Versetzung von der Garde zur Linie, eine Uebersiedelung
in eine Provinzialstadt liess sich aber, ganz abgesehen davon, dass sie dem
Freiherrn wie ein Herabsteigen erschienen wäre, ohne einen namhaften Geldaufwand
auch nicht bewerkstelligen, den man denn, wie die beiden Gatten meinten, doch
besser und dem Zwecke entsprechender in der Residenz verwerten konnte.
    Man blieb also beständig in einem Zustande des Wollens, des Erwägens, des
Hoffens und des Sichtröstens, wenn wieder einmal, wie das mehrmals geschah, eine
günstige Aussicht, auf deren Erfüllung man zuversichtlich gerechnet hatte,
fehlgeschlagen war. Renatus mochte es Cäcilien nicht empfinden lassen, dass er
Sorgen hatte; Cäcilie bemühte sich, ihm ihr Unbehagen zu verbergen, und mit
ihren gegenseitigen Ermutigungen täuschten sie sich selber und einander.
Cäcilie hätte sich ein Gewissen daraus gemacht, der Mutter oder gar der
Schwester, die sie ohnehin beide nur selten sah, einen Einblick in ihre Lage zu
gestatten, und die Mutter und die Schwester befragten sie nicht darum. Sie waren
zufrieden, dass Renatus und Cäcilie sich innerhalb ihrer Mittel mit Anstand zu
erhalten schienen, dass die Hülfe und die mannigfachen Förderungen, welche die
Gunst der Prinzessin Hildegarden gewährte, es dieser möglich machten, in jedem
Jahre die Badereise zu unternehmen, ohne welche sie bei ihren Nervenleiden nicht
mehr bestehen zu können glaubte; und wie denn bei jedem Uebel sich meist noch
ein Gutes finden lässt, so fügte es sich, wie Hildegard sagte, doch sehr
glücklich, dass sie und Graf Gerhard seit Jahren immer dieselben Badeorte zu
besuchen hatten.
    Der Graf war indessen in seiner Gesundheit durch den Gebrauch der Bäder
nicht sonderlich gefördert worden. Die Lähmung seiner Glieder nahm im
Gegenteile, wenn auch nur sehr allmählich, zu, und obschon er sich vortrefflich
zu befinden behauptete, schüttelten seine Aerzte doch die Köpfe. Seine
Zeitgenossen meinten, er sei kein junger Mann mehr und er habe viel mitgemacht;
diejenigen indessen, welche ihn erst in den letzten Jahren hatten kennen lernen
oder die im Stande waren, einem Manne um seiner Liebenswürdigkeit willen seine
unwürdige Vergangenheit zu vergessen, sagten, Graf Gerhard sei wie alter Wein,
der durch die Jahre nur feuriger und anregender werde, und in der Tat schien er
an Lebhaftigkeit des Geistes zu gewinnen, was er an körperlicher Beweglichkeit
verlor.
    Weil er sich nicht gern daran erinnern mochte, dass er ohne Hülfe sich nur
mühsam aufrecht halten und bewegen konnte, ging er wenig aus. An jedem Mittage
fuhr er eine Stunde in das Freie, gab bei diesem oder jenem Freunde eine Karte
ab, sendete der einen Dame ein Buch hinauf, schickte der andern ein Billet mit
einer Anfrage zu, und da es in jeder grossen Stadt und an jedem Hofe eine Anzahl
von Müssigen gibt, die froh sind, ein Stelldichein zu haben, an dem sie eine
ihrer leeren Viertelstunden mit ihres Gleichen gemeinsam unterbringen können, so
ward durch den Rest des Tages das Zimmer des Grafen von Besuchern selten leer.
In dem Plaudern und Schwatzen erfuhr er, was ihm mitgeteilt zu haben man sich
kaum bewusst war, und es währte gar nicht lange, bis sich der Glaube festgestellt
hatte, dass Graf Gerhard einer der am besten unterrichteten Männer des Hofes sei,
bei dem man nicht nur sichere Auskunft über alles, was im Augenblicke geschehe,
sondern auch sehr wesentliche Aufschlüsse über die Vergangenheit im Allgemeinen
erhalten könne.
    Es ward Mode, mit dem Grafen bekannt zu sein und ihn zu besuchen, und da die
fromme Mildtätigkeit der Prinzessin unter den ihrem Hofstaate angehörenden
Frauen auch die Barmherzigkeit zum guten Tone stempelte, so fand man es schön
und lobenswert, als die Gräfin Hildegard, auf eine grössere Geselligkeit fast
ganz verzichtend, sich freiwillig zur Gesellschafterin ihres alten Freundes
machte, der einst bestimmt gewesen war, ihr als Oheim noch näher verbunden zu
werden.
    Sie und ihre Mutter brachten fast jeden Abend bei dem Onkel, wie sie ihn
jetzt beständig nannte, zu. Sie machte seine Vorleserin, sie besorgte seinen
Briefwechsel, wenn er sich einmal ermüdet fühlte, und einander stützend, tragend
und lobpreisend, wo sie vor Dritten von einander zu sprechen hatten, gelangten
sie dahin, sich ein Ansehen und eine Geltung, sich eine Anerkennung für ihr
gegenseitiges Verhältnis zu erwerben, welche keiner von ihnen für sich allein
jemals gewonnen haben würde, ganz abgesehen davon, dass der Gräfin durch ihre
täglichen Abendbesuche bei dem Freunde eine ökonomische Erleichterung erwuchs,
die sie heimlich doch in Anschlag brachte.
    Es war früher einmal die Rede davon gewesen, dem Grafen, welchen seine
Sprachkenntnisse und seine feinen Umgangsformen sehr wohl zu einem solchen Amte
befähigten, zum Kammerherrn der Prinzessin zu ernennen; seine Krankheit hatte
aber die Ausführung dieser Absicht verhindert, während dieser Krankheitszustand
doch gerade seine Bedürfnisse erhöhte und ein vermehrtes Einkommen für ihn
wünschenswert machte. Der Graf besass allerdings ein mütterliches Vermögen, das
ihm spät genug zugefallen war, um von ihm vortrefflich angelegt und gut zu Rate
gehalten zu werden; indes als jüngerer Sohn war er doch nichts weniger als
reich, denn die Berka'schen Güter waren Majorate. Er hatte es also doppelt hoch
zu schätzen, dass ihm durch die Verwendung der Prinzessin eine jener Präbenden
verliehen wurde, welche über die Zeiten der Reformation hinaus zu Gunsten des
Adels erhalten worden sind und deren geistlichen Titel Niemand mit mehr Anstand
und mit besserer Laune zu tragen sich getrauen durfte, als Graf Gerhard Berka.
    Man war schon wieder mitten im Sommer, und der Graf hatte eben eine jener
kleinen Mittagsgesellschaften um sich versammelt gehabt, die er, seit er Domherr
geworden war, scherzend nur noch seine Capitel nannte, als man ihm einen der
russischen Gesandtschaftsräte meldete, der ihn persönlich zu sprechen wünsche.
Der Graf kannte den Legationsrat, aber er hatte kein persönliches
Umgangsverhältniss mit ihm. Ein Besuch desselben zu so ungewohnter Stunde musste
also irgend eine besondere Veranlassung haben, und der Legationsrat liess den
Grafen darüber auch nicht lange im Ungewissen.
    Es ist uns heute, sagte er nach einigen einleitenden Begrüssungsworten, mit
dem Petersburger Courier eine Privatmission zugegangen, die der hiesigen
Gesandtschaft ganz ausdrücklich von dem Ministerium anempfohlen worden ist. Es
handelt sich um eine Todesnachricht, um den Brief eines Verstorbenen an eine
Dame der hiesigen Aristokratie, die, wie ich aus zuverlässiger Quelle weiss,
Ihnen befreundet ist, mit Einem Worte, um einen Brief an die Gräfin Hildegard
von Rhoden. Wissen Sie zufällig, ob die Gräfin irgend eine nähere Beziehung zu
einem Herrn von Kabeniew gehabt hat, der zur Zeit des ersten Feldzuges Major
gewesen ist, und der danach eben seiner Wunden wegen den Dienst verlassen hat?
    Der Graf besann sich eine Weile, dann sagte er: Ich habe den Namen von der
Gräfin nennen hören, dünkt mich.
    Und Sie wissen nicht, ob Herr von Kabeniew ihr nahe gestanden hat, ob man
befürchten müsste, ihr mit der Nachricht seines Todes eine Erinnerung zu
erwecken, die, ihr von fremder Hand nahe gebracht, vielleicht peinlich für sie
sein könnte?
    Der Graf hatte dem Legationsrate mit jener verbindlichen Achtsamkeit
zugehört, welche ein Zeichen guter Erziehung ist. Jetzt wurde seine Miene
plötzlich ernst und kalt, und mit dem Tone bestimmtester Abwehr sagte er: Ich
meine mich zu erinnern, dass die Gräfin gegen mich hier und da eines Majors
Kabeniew erwähnte, den sie in einem unserer Hospitäler durch eine lange Zeit
gepflegt hat; aber wo oder wie sie den Gestorbenen auch kennen gelernt hat, so
wird sie sicher das Andenken an ihn nicht zu scheuen haben; dessen dürfen Sie
versichert sein, mein Herr!
    Der Legationsrat machte eine zustimmende Verbeugung. Ich war dessen selbst
gewiss, Herr Graf, beteuerte er. Aber, was wollen Sie - es waren aufgeregte
Zeiten, die Bewegung der Gemüter war eine gewaltige, und - er lächelte - nun,
wir waren Alle jung, jünger vielleicht als unsere Jahre! Wo eine Welt in Flammen
steht, fasst auch der Einzelne leicht Feuer, und es hat dann bisweilen doch sein
Schmerzliches, auf eine solche alte Brandstätte zurückgeführt zu werden! -
Gerade die ausserordentliche Verehrung aber, deren die Gräfin geniesst, machte es
den Gesandten wünschen, sie wo möglich vor jeder Erschütterung zu bewahren, und
die Auskunft, die ich von Ihnen, mein Herr Graf, zu erhalten die Ehre habe,
bestätigt nur eine Vermutung, die wir selber hegten. Herr von Kabeniew, ich
darf Ihnen dies als einem Freunde der Gräfin wohl vertrauen, der unvermählt und
ohne nahe Verwandte gestorben ist, hat der Gräfin Rhoden sein ganzes, äusserst
beträchtliches Baarvermögen hinterlassen, das, falls sie etwa nicht mehr am
Leben gewesen wäre, den hiesigen Hospitälern überwiesen werden sollte. Ich will
mich also beeilen, noch heute mich des Auftrages meines Gesandten bei der Gräfin
zu entledigen.
    Er erhob sich; man wechselte noch einige Worte, welche sich zum Teil um die
edlen Eigenschaften der Gräfin bewegten, und der Legationsrat hatte sich kaum
empfohlen, kaum das Haus verlassen, als um die gewohnte Stunde die Gräfin und
Hildegard sich bei dem Grafen einstellten. Sie fanden ihn erhitzt und aufgeregt.
Sein Auge glänzte, seine Hände waren kalt und selbst der Ton seiner Stimme
schien seinen Freundinnen ein veränderter zu sein.
    Sie fragten, was ihm widerfahren sei. Er wich der Antwort aus, erkundigte
sich nach ihrem Ergehen, nach den Vorkommnissen des Tages; aber Hildegard sowohl
als ihre Mutter fühlten ihm an, dass er zerstreut, dass er nicht bei der
Unterhaltung sei, und man nahm also zu dem Buche seine Zuflucht, mit welchem man
sich schon seit mehreren Abenden beschäftigt hatte. Indes auch dieses
Auskunftsmittel wollte heute nicht verschlagen. So oft Hildegard, welche die
Vorleserin machte, ihr Auge von dem Buche aufhob, fand sie den Blick des Grafen
in einer Weise auf sich gerichtet, die sie beunruhigte, und als sie einmal ihre
Linke auf dem Tische ruhen liess, so dass der Graf sie von seinem Platze aus
erreichen konnte, ergriff er ihre Hand und führte sie an seine Lippen.
    Das war sonst auch geschehen, und doch lag heute etwas Besonderes in des
Grafen Tun, etwas Besonderes in dem Seufzer, mit dem er sich in seinen Sessel
zurücklehnte und seine Augen mit seiner feinen, durchsichtig gewordenen Hand
bedeckte.
    Hildegard konnte nicht weiter lesen. Sie legte das Buch nieder, und sich
über den Tisch zu dem Grafen neigend, sprach sie: Es ist etwas geschehen, lieber
Onkel, etwas, das Sie betrübt, das also auch uns nicht gleichgültig sein kann.
Ich fühle es unwiderleglich, ich empfinde es wie eine Ahnung und es ängstigt
mich! Sagen Sie es, sprechen Sie es aus, geliebter Onkel, was haben Sie, was ist
vorgefallen?
    Der Graf stützte mit der geschlossenen Hand sein Haupt, und es leise und
traurig wiegend, sagte er: Wir werden nicht mehr oft beisammen sitzen!
    Was soll das heissen? riefen Mutter und Tochter wie aus Einem Munde.
    Aber statt ihnen zu antworten, entgegnete der Graf: Wie durfte ich darauf
auch rechnen? Wie konnte ich nur wähnen, dass so viel Anmut, Geist und Güte
allein dazu geschaffen wären, den Niedergang eines Daseins wie das meinige zu
verschönen! Und Hildegarden's Hände ergreifend, zog er sie näher an sich heran
und nötigte sie damit unmerklich, sich von ihrem Platze zu erheben.
    Sie begriff nicht, was der ganze Vorgang bedeuten konnte, indes sie war
stets geneigt, bei irgend einer Gefühlsergiessung mitzuwirken, und sich auf das
Polster niederlassend, das zu des Grafen Füssen lag, sagte sie, die Mutter
anblickend: Mama, frage Du den Onkel, womit Deine Hildegard es verschuldet hat,
dass er ihr mit seinem Zweifel an der Treue ihrer Freundschaft heut' so wehe
tut!
    Nein, rief der Graf, schweigen Sie, schweigen Sie, meine Freundin, damit ich
mich fassen, mich überwinden kann! Ihre Ankunft überraschte mich und liess mir
nicht die Zeit, mich zu sammeln. Sie wissen es ja, ich bin ein Egoist, ich kann
nicht, kann nicht selbstlos lieben, wie Sie beide, wie die teure Hildegard. So
eigensüchtig, so ganz auf dieses lieben Wesens Nähe ist mein Sinn und meine
Zuversicht gestellt, dass selbst sein Glück mich nicht mit dem Gedanken aussöhnt,
es künftig, es vielleicht bald entbehren zu müssen.
    
    Die Worte des Grafen wurden den Frauen immer rätselhafter, aber seine
Erregteit teilte sich ihnen mit, und die Gräfin, welcher der Vorgang doch
bedenklich scheinen musste, verlangte endlich eine bestimmte Erklärung desselben.
    Der Graf gewährte ihnen dieselbe nur auf seine Weise. Er fragte, ob er sich
irre, wenn er glaube, von Hildegard den Namen eines Majors von Kabeniew gehört
zu haben. Ob er sich täusche, wenn er meine, dass der Major ihr seine Hand
angetragen und sie dieselbe wegen ihrer Verlobung mit Renatus ausgeschlagen
habe.
    Nein, nein, rief Hildegard, Sie irren nicht! Aber was ist's mit dem Major?
    Da legte der Graf seine Hand auf Hildegard's Schulter und sagte: Was es mit
ihm ist? - Er entreisst mir meines Lebens einziges, wahres Glück! Er ist
gestorben - und Sie, Hildegard - Sie sind seine Erbin. Sein Testament liegt auf
der russischen Gesandtschaft; man hat sich bei mir erkundigt, ob man's Ihnen
unvorbereitet übermachen dürfe. Morgen schon wird es in Ihren Händen sein,
morgen sind Sie eine reiche Erbin! - Und was werde ich Ihnen dann noch sein? -
Was kann mein mässiges Vermögen, das einst das Ihrige werden sollte, Ihnen dann
noch bedeuten?
    Es entstand eine lange Pause, denn man geht aus grosser Beschränkung nicht zu
grosser Lebensfreiheit über, ohne eine Wandlung, eine Erschütterung in sich zu
spüren. Hildegard hatte den Reichtum stets ersehnt und ihre verhältnissmässige
Armut war ihr nach der fehlgeschlagenen Hoffnung auf ihre Verheiratung doppelt
drückend gewesen. Sie wusste, dass Herr von Kabeniew sehr reich gewesen war, und
die Aussicht, jetzt plötzlich zu einem bedeutenden Vermögen zu gelangen und vor
allen Dingen dadurch unabhängiger, reicher, freier zu werden als Renatus, als
Cäcilie, schwellte ihre Brust mit einer nie gekannten Freude. Nicht nur ihr
Glück genoss sie, sie genoss im voraus auch bereits das Erstaunen und wo möglich
die Demütigung der beiden Menschen, die sie tödtlich hasste, denn sie gehörte zu
den verbitterten Naturen, deren Freude der Unterlage eines fremden Schmerzes
nötig hat, um voll und ganz zu sein. Kein Wort, nur ein laut aufgeschrieenes
Ach! entrang sich ihrer Brust, und beide Arme um der Mutter Nacken werfend,
weinte sie, als solle es ihr das Herz zersprengen.
    Die Gräfin weinte ihre Freudentränen mit ihr. Auch ihr fiel eine schwere
Last vom Herzen. Graf Gerhard sass in seinem Sessel und wendete sein Auge nicht
von ihnen. Endlich, als er meinte, dass die Frauen sich mit ihren Gefühlsergüssen
genug getan hätten, richtete er sich empor, die Schelle zu ziehen.
    Das lenkte Hildegard von sich selber ab. Sie eilte hinzu, ihm die Mühe zu
ersparen, und erkundigte sich, was er wünsche.
    Ich will den Diener nach einem Wagen für Sie senden, sagte er.
    Sollen wir Sie verlassen? fragte Hildegard.
    Der Graf sah schwermütig zu ihr empor. Sie werden zu Hause möglicher Weise
schon die Dokumente finden, welche der Legationsrat Ihnen auszuliefern hatte.
Es ist natürlich, dass Sie dieselben zu lesen, dass Sie Sich mit der Mutter zu
besprechen wünschen, und ich habe Sie, liebe Hildegard, ja nun gesehen! Fahren
Sie nach Hause, teures Kind!
    Die Gräfin und Hildegard weigerten sich dessen; er bestand jedoch auf seinem
Vorschlage. Ich habe ja Freude, sprach er, wenn ich Ihrer denke, und - an das
Alleinsein werde ich mich gewöhnen müssen! Er reichte ihr die Hand. Als sie sich
zu ihm neigte, zog er sie, als könne er seiner Empfindung nicht widerstehen, auf
das Polster zu seinen Füssen nieder, und ihr Haupt in seine beiden Hände fassend,
küsste er ihr Haar mit leiser Lippe.
    Einmal, einmal nur, rief er, wie seiner selbst nicht mächtig, einmal, Du
sanfter Engel, sollst Du es im Beisein Deiner edlen Mutter von mir hören, dass Du
mein Erlöser gewesen bist, dass ich, der das Leben von seinen höchsten Höhen bis
hinab in seine treulosen Tiefen ausgekostet zu haben wähnte und der an nichts
glaubte, auf nichts vertraute, in Dir das Ideal gefunden habe, das mich bereuen,
wünschen, glauben, hoffen und mich auferbauen lehrte! Einmal muss ich es Dir
sagen, dass ich Dich liebte, seit ich Dich kennen lernte, dass ich den törichten
Knaben hasste, der Dich und Deine reine Liebe nicht zu würdigen verstand, und dass
ich jetzt die Stunde segne, in der er Dich von sich stiess, denn Du bist jetzt
frei, und das Leben wird Dir seine schönsten Kränze nicht versagen!
    Er brach ab und hüllte sein Gesicht in seine Hände. Hildegard hatte ihr
Haupt an des Grafen Schulter gelehnt, sein Arm umfing sie; die Gräfin stand
bestürzt an ihrer Seite, aber die Verherrlichung des von ihr so vorzugsweise
geliebten Kindes tat ihr wohl. Hildegard erschien ihr wieder jung und schön,
wie sie jetzt, von dem letzten Schimmer des Abendsonnenscheines umflossen, vor
dem Grafen knieete, dessen gehobene Stimmung den ursprünglichen Adel seiner Züge
trotz seiner Jahre und seiner Krankheit mehr als gewöhnlich hervortreten liess.
    Endlich richtete er das Haupt der jungen Gräfin empor, und noch einen Kuss
auf ihre Stirn drückend, während er ihrer Mutter die Hand hinüberreichte, sprach
er: Nun ist's gut! Nun geh', nun geh', Du liebes Kind, und denk' nicht mehr an
mich! Leb' wohl! - Leben Sie wohl, Hildegard! Leben auch Sie wohl, teure
Mutter! Wir sehen uns nicht wieder!
    Onkel, mein Freund, mein teurer Freund, rief Hildegard, was soll das
heissen? Nehmen Sie das Wort zurück!
    Er schüttelte verneinend das Haupt und gab ihr, als könne er nicht sprechen,
ein Zeichen, sich zu entfernen.
    Hildegard blieb vor ihm stehen. - Ich komme morgen wieder! sagte sie!
    Er wendete sich von ihr ab. - Nein, das geht über meine Kraft! Wie soll ich
künftig schweigen, da das unselige Geständnis meinen Lippen nun entflohen ist?
sprach er dumpf in sich hinein.
    Hildegard regte sich nicht; der Gräfin begann die Scene peinlich und
bedenklich zu werden. Sie nahm die Tochter bei der Hand. - Komm, komm, mein
Kind, sagte sie, der Onkel ist zu sehr ergriffen, und auch Du bist sehr
erschüttert. Wir haben Alle, Alle Fassung nötig! - Sie wollte die Tochter mit
sich fortführen. Hildegard wendete ihr Antlitz nach dem Grafen zurück; er hatte
das Haupt auf seine Arme niedersinken lassen, die auf dem Tische ruhten.
    Da machte sich Hildegard von der Mutter los, und noch einmal vor dem Grafen
niederknieend, rief sie: So kann ich ihn doch nicht verlassen! Und warum soll
ich denn auch von ihm gehen? - Weinen Sie nicht, weine nicht, mein Freund, ich
bleibe! Wo soll ich denn auch bleiben, als bei Dir, der mir beigestanden hat in
meiner grössten Not?
    Engel des Lichtes, sprich es, sprich es noch einmal aus, dieses Wort, das
mich beseligt! rief der Graf, und es war vergebens, dass die Mutter es versuchte,
dem Vorgange das Gepräge einer förmlichen Verlobung zu entziehen.
    Hildegard lag in des Grafen Armen, er küsste ihr Haupt, ihre Hände; sie
nannte sich glücklich in dem Besitze seiner Liebe, und noch einmal genoss der
fünfzigjährige und kranke Mann den Triumph, sich eines Weibes zu bemächtigen,
dessen er nicht wert war, weil die unklare Herzensüberspannteit Hildegard's
ihm dazu die Handhabe darbot.
    Es dunkelte schon, als die Gräfin mit der Tochter sein Haus verliess. Er war
sehr mit sich zufrieden. Es war ihm ein Meisterstreich gelungen, und er hätte
nur gewünscht, ihn irgend Jemandem mitteilen zu können. Nie zuvor hatte er
daran gedacht, Hildegard zu seiner Erbin einzusetzen; er hatte sich überhaupt
nie mit seinem Testamente beschäftigt. Es war ihm stets zuwider gewesen, auf
sein einstiges Ende hinzublicken, denn er fühlte in sich noch Lust, zu leben,
und die Nachricht von der reichen Erbschaft seiner Freundin Hildegard hatte ihm
plötzlich die Aussicht eröffnet, sich grössere Lebensbequemlichkeit, sich noch
grössere Lebensfreiheit zu verschaffen, als bisher.
    Er konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als er sich sagen musste, er
sei Bräutigam, er habe sich verlobt. »Ward je in dieser Laun' ein Weib gefreit?
Ward je in dieser Laun' ein Weib gewonnen?« fragte er sich selber, Shakespeare's
Worte brauchend, den er anzuführen liebte.
    In seine Genugtuung mischte sich jedoch ein Schmerz. Die Anspannung seiner
Kräfte hatte ihn erschöpft. Es kam wie eine Reue über ihn. Er hätte jung, er
hätte noch ganz er selber sein mögen! Aber er nannte diese rückblickende Wehmut
eine Schwäche, eben eine Folge der Anstrengung, die er sich zugemutet hatte. Er
liess sich gegen seine Gewohnheit Wein hinstellen, trank ein Paar Gläser davon,
und als er dann sein Lager aufsuchte, und das auf dem Nachttische liegende Buch
aus der Hand legte, waren es philosophisch-religiöse Fragen, Fragen, mit denen
sein völliger Unglaube sich zu beschäftigen liebte, unter denen ihm endlich das
Bewusstsein schwand und Schlaf und Traum ihn sanft umfingen.
 
                                Neuntes Capitel
Die Gräfin und Hildegard hatten die Ruhe nicht so leicht gefunden. Das Erbe,
welches der Letzteren zugefallen, war noch weit beträchtlicher, als man es
erwartet hatte, und der Gedanke, die Tochter ohne alle Notwendigkeit mit dem
Grafen Gerhard sich verbinden zu sehen, dessen Vergangenheit, trotz der Gunst
und königlichen Gnade, deren er sich gegenwärtig rühmen durfte, doch immer eine
bedenkliche blieb und für den eine Herstellung nicht zu hoffen war, während man
ein langes, furchtbares Siechtum für ihn befürchten musste, widerstrebte der
verständigen Einsicht der Mutter auf das höchste. Aber ihre Vorstellungen, ihre
Bitten, ihre Ermahnungen scheiterten an Hildegard's Entschlossenheit.
    Der Graf hatte sich seit Jahren ihrer Neigung zu bemeistern gewusst, er hatte
sich ihr so geschickt und mit so vielem Behagen an der von ihm verübten
Täuschung immer als einen durch sie Bekehrten dargestellt, ihre Neugier auf die
Geheimnisse in seiner Vergangenheit war von ihm so unmerklich geweckt und
befriedigt worden, seine halben Bekenntnisse hatten ihre Begriffe von Sitte, von
des Mannes ihm oft verderblicher Freiheit und von des Weibes grossmütig
verzeihender Liebe so verfälscht, dass die Gräfin es plötzlich mit Erstaunen
wahrnahm, wie der Boden sich verändert hatte, auf welchem ihre Tochter stand. Es
fiel ihr schwer, zu glauben, dass Hildegard, obschon sie in der Mitte der
Dreissiger war, für den um zwanzig Jahre älteren, kranken Mann je etwas Anderes
als anteilvolles Mitleiden, als eine dankbare Ergebenheit empfunden haben
könne. Indes Hildegard hatte sich so fest in den Gedanken eingelebt, der
Schutzengel des Grafen zu sein, und dieser hatte während ihres ersten
gemeinsamen Aufentaltes in dem Badeorte die leidenschaftlich erregte Empfindung
und die nicht minder aufgeregte Sinnlichkeit des von Renatus verlassenen
Mädchens von Anfang an so geschickt von Renatus auf sich zu übertragen gewusst,
dass Hildegard schon lange an den Grafen gekettet gewesen war, ohne sich dessen
bewusst zu sein. Trotz aller Vorstellungen der Mutter nannte sie sich entschieden
glücklich, dem geliebten Manne, dem sie, und sie allein, den Glauben an alles
Edle und Erhabene wiedergegeben hätte, den Abend seines Lebens verschönen zu
können, und in seiner reinen, sie anbetenden Liebe einen reichen Ersatz für die
Leiden zu finden, welche der Leichtsinn des Freiherrn Renatus ihr bereitet
hatte.
    Alles, was die Gräfin von der Tochter an dem Abende erlangen konnte, war das
Zugeständnis, dass die Verlobung nicht bekannt gemacht werden solle, ehe man
nicht die Prinzessin, welche sich Hildegarden stets als eine so gnädige
Beschützerin gezeigt, davon in Kenntnis gesetzt und ihren Rat und ihre
Zustimmung dazu erbeten haben würde. Aber schon bei ihrem Erwachen begrüssten ein
Brief und eine Sendung des Grafen seine Braut, und noch ehe die Stunde gekommen
war, in welcher man daran denken konnte, die Prinzessin aufzusuchen und bei ihr
vorgelassen zu werden, brachte einer ihrer Lakaien Hildegarden ein paar Zeilen
von der Prinzessin eigener Hand, mit denen sie ihr zu der Wendung, welche ihr
Schicksal genommen habe, ihren Glückwunsch aussprach. Sie nannte es schön, dass
ihr früheres Liebeswerk ihr die Möglichkeit gewähre, in Werken der Liebe
fortzufahren, und die Prinzessin rühmte dabei die Herzensfeinheit des Grafen
ganz ausdrücklich, der ihr vor allen Andern die Mitteilung des geschlossenen
Bundes habe zukommen lassen, da er sicher gewesen sei, dass sie sich jedes Guten
freuen würde, welches Hildegarden von der Vorsehung beschieden sei.
    Damit stand nun die Verlobung als eine Tatsache fest. Denn der Graf hatte
sich nach seiner früheren Geschäftserfahrung rechtzeitig daran erinnert, dass es
Fälle gibt, in denen man rasch handeln und den Andern zuvorkommen muss, wenn man
seiner Sache sicher sein will, und die Genugtuung, die er über seine
Entschlossenheit fühlte, verlieh ihm, wie er meinte, wirklich eine neue Kraft.
    Es war noch früh am Morgen, als er schon bei der Braut erschien, und es sah
aus, als habe er heute des Dieners, auf dessen Arm er sich zu stützen pflegte,
kaum noch nötig. Hildegard eilte ihm auch gleich entgegen, ihm ihren Arm zu
reichen, und der Graf hatte es so geschickt erlernt, sich mit allerlei kleinen
Künsten von einem Platz zu dem andern fortzuhelfen, dass selbst die Gräfin Rhoden
sich es nicht versagte, heute der Hoffnung auf seine Herstellung Raum in sich zu
geben.
    Die Mutter hatte gewünscht, ihrer verheirateten Tochter gleich am Morgen
die Nachricht von Hildegard's Erbschaft und Verlobung zukommen zu lassen, aber
diese war anderer Meinung. Sie beabsichtigte, der Schwester die Kunde selbst zu
überbringen, und das konnte nicht sogleich geschehen. Der frühe Besuch des
Grafen, eine Besprechung mit dem Gesandten, die gerichtlichen Vollmachten,
welche die neue Erbin auszustellen hatte, nahmen Zeit in Anspruch. Es verstand
sich von selbst, dass die Verlobten sich ihrer Beschützerin, der Prinzessin,
präsentirten, und es war natürlich, dass die Braut ihre jetzigen Möglichkeiten zu
benutzen und sich für die Vorstellung bei der Prinzessin und eben so für den
Besuch bei ihrer Schwester nach ihren neuen Verhältnissen einzurichten begehrte.
    Unter Besorgungen, Beratungen und Einkäufen gingen die Stunden hin.
Hildegard und der Graf waren beide nicht die Stärksten, die ungewohnten
Anstrengungen ermüdeten sie, Einer war für den Andern auf Schonung bedacht, man
musste etwas Ruhe haben, und der späte Nachmittag kam also heran, ehe man sich
anschickte, zu der Schwester hinzufahren.
    Die Stadt war schon leerer geworden, der König hatte sich, wie alljährlich,
in ein böhmisches Bad begeben, die übrigen Hofstaaten rüsteten sich ebenfalls
zum Aufbruche, und obgleich die Residenz damals noch nicht so gross war, dass man
nicht bald vor das Tor gekommen wäre und ausserhalb desselben nicht noch Feld
und Wald und Wiesen genug gefunden hätte, suchte doch, wer es ermöglichen
konnte, sich auch damals eine Veränderung des Aufentaltes zu bereiten. Cäcilie
und Vittoria aber weilten in der Stadt, denn Renatus war im Beginne des Sommers
längere Zeit zum Ankaufe der Remonte-Pferde auswärts gewesen und war nun wieder
seit einigen Tagen mit seinem Regimente zu den grossen Manövern nach einer der
benachbarten Provinzen kommandiert. Man konnte seiner Rückkehr erst in einigen
Wochen entgegensehen.
    Die Sonne brütete über der Strasse und glänzte blendend aus den
gegenüberliegenden Fensterreihen wieder. Hier und da wirbelte der Südostwind die
Staubmassen empor, dass man sie wie Wolken vorüberziehen sah. Vor dem Hause belud
man einen grossen Reisewagen mit Koffern und Schachteln. Der Wirt, ein reicher
Kaufmann, der das Erdgeschoss bewohnte, ging mit seiner Familie in ein Bad und
wollte die kühlere Nacht für den Beginn seiner Reise benutzen. Cäcilie und
Vittoria sassen schon eine geraume Zeit schweigend neben einander. Endlich erhob
Cäcilie sich, und die Fensterflügel öffnend sagte sie: Welch ein staubiger
Brodem auf diesen Strassen liegt!
    Ja, entgegnete Vittoria, ich dachte es eben! Was für ein Land und was für
ein Leben ist es, in denen man mitten in der besten Jahreszeit sich den
grausigen Winter ersehnt!
    Cäcilie setzte sich wieder zu ihr. In Richten muss es heute schön sein! hob
sie nach einer Weile an.
    In dem leeren, wüsten Schloss? entgegnete die Andere, und sich fächelnd,
wie es ihre Gewohnheit war, rief sie nach längerem Schweigen: Wenn man nur
wenigstens eine Stunde in das Freie fahren könnte!
    Renatus hat die Pferde verkauft und noch keine ihm passenden gefunden - wir
müssen uns gedulden, bis er wiederkommt! bedeutete Cäcilie wie entschuldigend,
und schloss mit der Bemerkung, dass es innen in dem Zimmer erträglicher als
draussen sei, das Fenster, welches sie eben erst geöffnet hatte.
    Sie nahm ein Buch zur Hand und fing zu lesen an, aber man konnte sehen, dass
sie nicht dabei war. Sie blätterte hin und her, legte es fort, griff nach einem
Zeitungsblatte und schien auch von diesem nicht gefesselt zu werden. Vittoria
sah ihr gelangweilt und ermüdet zu.
    Die Aussicht, einen ganzen Sommer in diesen engen Stuben zu verbringen, rief
sie dann mit Einem Male aus, ist mir wirklich ganz entsetzlich! - Und nach einer
neuen Pause sagte sie, ihre eben erst getane Äusserung halbwegs vergessend: Ich
wollte, Renatus hätte mich wenigstens gelassen, wo ich war - was hatte ich hier
in der Stadt zu suchen?
    Cäcilie antwortete ihr nicht gleich. Sie fühlte sich selbst gedrückt. Die
neue Trennung von ihrem Manne ward ihr schwer, der ungerechte Vorwurf, den die
Stiefmutter ihm machte, tat ihr weh.
    Renatus hat es gut gemeint, sagte sie endlich, und mich dünkt, Du von uns
Allen hättest die meiste Befriedigung hier in der Stadt gefunden. Wenigstens
hast Du oft genug versichert, dass Dir hier ein neues Leben aufgegangen sei. Du
hast Freunde gefunden, der Kronprinz zeichnet Dich aus, Du hast Genüsse aller
Art ...
    Beklage ich mich denn? fiel Vittoria ihr nach der Weise aller Derer in das
Wort, die, keines zusammenhängenden Denkens gewohnt, von jeder in ihnen
angeregten Vorstellung auf einen völlig veränderten Standpunkt geführt werden.
Ich beklage mich ja nicht! Ich meine, ich hätte es von jeher bewiesen, dass ich
mich in das Unabänderliche zu fügen und dass ich auch zu schweigen weiss!
    Was nennst Du das Unabänderliche? fragte Cäcilie.
    Glaubst Du, entgegnete die Stiefmutter, dass es behaglich ist, dass es für
eine Frau, die, wie ich, Herrin in ihrem Hause zu sein gewohnt war, behaglich
ist, abhängig wie eine Klosterschülerin zu sein?
    Mich dünkt, Du wärst so ziemlich die Herrin in unserem Hause! wendete
Cäcilie ein.
    Vittoria lachte. Nennst Du es Herrin sein, wenn mein Sohn, wenn Renatus mich
förmlich unter Deine Kontrole stellt? Wenn er mir die Weisung hinterlässt, dass
ich in seiner Abwesenheit keine Besuche machen, Niemanden empfangen soll ....
    Vittoria, rief die junge Baronin, entstelle die Tatsachen nicht! Renatus
hat Dich nur gebeten, Emilio nicht bei Dir zu sehen, weil ....
    Weil Emilio Dir den Hof macht! warf Vittoria ein.
    Cäcilie wurde blass vor Zorn. Lass das, ich bitte Dich! sagte sie sehr fest.
Emilio's plötzliche Galanterie für mich täuscht weder meinen Mann noch mich! Sei
zufrieden, wenn wir schweigen - das Schweigen ist nicht immer leicht!
    Und schweige ich denn nicht, füge ich mich denn nicht in alles, was Renatus
fordert? meinte Vittoria, die von ihrem früheren Klosterleben her ein Vergnügen
in dem kleinlichen Kriege mit ihrer Umgebung fand, das sie sich, sobald sie
Langeweile hatte, nicht versagte.
    O ja, rief Cäcilie, gewiss, Du schweigst, aber man sieht es Dir an, wie
unbehaglich Du Dich fühlst, wie widerwillig Du Dich dem unerlässlich Gebotenen
fügst! Und glaube mir, das lastet so schwer, so schwer auf meinem Manne und auch
auf mir, fuhr sie, wider ihren Willen heftig werdend, fort, dass wir .... - Sie
brach plötzlich ab.
    Vittoria fragte, ob sie nicht vollenden wolle.
    Indes die junge Frau hatte sich schon wieder zusammengenommen. Sie bereute
ihre Aufwallung, denn Renatus wollte durchaus den Frieden in seinem Hause
aufrecht erhalten haben, und bemüht, dieses Ziel zu erreichen, bemüht, ihrem
Manne vielleicht durch eine Erörterung mit seiner Stiefmutter das Leben zu
erleichtern, sagte sie, sich überwindend: Du bist wirklich nicht gerecht gegen
uns, beste Vittoria! Du weisst es, glaube ich, wirklich nicht, wie schwer der
arme Renatus es hat! Er tut für Dich und für uns alle, was er kann, aber .... -
sie zögerte auf's Neue und sagte dann endlich, als müsse es einmal ausgesprochen
werden: Er will freilich nicht, dass Du darum weisst, indes Du kannst ja ohne das
seine Handlungsweise nicht begreifen, und ich kenne ja auch Deine Liebe für ihn
und mich, wennschon Du manchmal an die unsere für Dich nicht glauben willst! -
Sie machte eine Pause, dann fuhr sie fort: Heute zum Beispiel - wie gern wollte
ich Dir einen Wagen holen lassen! Ich führe ja auch selbst gern vor das Tor
hinaus! Aber unsere Einkünfte sind nicht gross, und das Leben kostet hier so
viel! Dazu .... - sie näherte sich der Stiefmutter, nahm ihre Hand und sagte:
Versprich mir, dass Niemand, am wenigsten Renatus darum erfährt, und lass es Dich
nicht kränken, wenn ich sage, dass das ganze Unheil nur von des Vaters falscher
Grossmut herrührt - dazu ist Renatus seit den beiden letzten Jahren immer in
grosser Geldverlegenheit gewesen. Wir haben schon im vorigen und in diesem Winter
überlegt, wie wir es machen könnten, uns zurückzuziehen, ohne ein unangenehmes
Aufsehen zu erregen, und nötig wäre es, denn Renatus hat, von einem
Wechselgläubiger gedrängt, sich schon vor andertalb Jahren entschlossen, von
unserem Pächter Vorschüsse zu nehmen. Es bleibt ihm in diesem Jahre also nichts
mehr übrig, als die auf ihn laufenden unglückseligen Wechsel verlängern zu
lassen, was neue, grössere Kosten machen wird, während wir mit unserem Gehalte
beim besten Willen nicht im Stande sind, unsere Ausgaben zu bestreiten! Hättest
Du ihn je gesehen, wie ich, wenn die Zahlungstermine nahe kommen - und er hat ja
schon in dem zweiten Jahre unserer Ehe die Hypotekenlast auf Richten noch
erhöhen müssen - Du würdest Dich nicht mehr über ihn beschweren!
    Die Stiefmutter hörte ihr ruhig zu, aber Cäcilie merkte, dass sie mit ihren
Worten nicht den erwarteten Eindruck auf sie machte, denn Vittoria sagte,
offenbar gelangweilt, sie verstehe von diesen Angelegenheiten nichts.
    Gewiss, hob die junge Baronin, weil sie lebhaft wünschte, ihrem Manne vor
Vittoria's Ansprüchen Ruhe zu schaffen, so freundlich als sie konnte, noch
einmal an, Du verstehst das nicht genau, und ich - ich habe ja auch davon nichts
verstanden oder vielmehr nie recht daran gedacht, bis ich es Renatus endlich
anmerkte, dass ihn etwas drückte! Nun ich ihn aber gefragt habe, nun er mir Alles
vertraut hat, nun ich weiss, weshalb Renatus für den Sommer unsere Wagenpferde
verkauft und den Kutscher und den Diener bis zum Winter abgeschafft hat, nun
ertrage ich, weil es ja dem geliebten Renatus zu Hülfe kommt, den heissen,
einsamen Sommer hier in unserem Hause auch weit besser! Und ich meine, auch Du
wirst Dich gedulden um seinetwillen, Liebe! Er hat's gewiss nicht leicht, er hat
oft schwere Tage, und er ist ein Herr von Arten, von dem man in der Gesellschaft
und im Regimente etwas erwartet! Er muss doch leben, wie es einem Arten zukommt!
    Cäcilie fand eine Beruhigung darin, dass sie dies endlich ausgesprochen
hatte. Sie hoffte durch diesen Beweis ihres unbedingten Vertrauens ihre
Schwiegermutter mit den Einschränkungen auszusöhnen, die sich aufzuerlegen sie
ihrem Manne versprochen hatte; aber Vittoria fasste es anders auf.
    Ich habe Dich nicht unterbrechen mögen, Kind, sagte sie; indes ich begreife
nicht, wesshalb Du mir solche Mitteilungen machst, obenein, wenn Renatus Dir
dies verboten hat. War ich es, die den Eintritt in die Welt begehrte, die unsere
Vorstellung am Hofe forderte? Oder meinst Du, dass mein Luxus Deines Mannes
Geldverlegenheit verschuldete?
    Nein, nein, gewiss nicht! besänftigte sie Cäcilie, die bereits einzusehen
begann, dass sie einen Missgriff getan hatte. Aber Du hegtest doch so gut wie ich
die Neigung, die Gesellschaft kennen zu lernen, und Renatus hielt und hält es
noch für nötig, dass wir uns in ihr bewegen!
    So muss er auch die Mittel schaffen, dass wir's können, entgegnete Vittoria
mit grossem Gleichmute, und er hat Unrecht, dass er Dich und mich mit
Angelegenheiten peinigt, in denen wir ihm doch nicht helfen können! Sein Vater
tat das nie! Er machte Alles mit sich selber ab. Er war nicht kleinlich!
    Renatus weiss davon zu sagen! fuhr Cäcilie auf; aber sie unterdrückte, was
sie noch hatte hinzufügen wollen, und schweigend und in sich versunken blieb sie
in dem Zimmer neben ihrer Schwiegermutter sitzen.
    Sie war dieses Zusammenlebens mit Vittoria von Herzen müde, sie war der
Notwendigkeit des Scheinenmüssens höchlich satt. Wäre sie nicht in der Liebe
ihres Mannes so glücklich gewesen, hätte sie sich nicht damit getröstet, dass er
sich glücklich in seiner Ehe mit ihr fühle, sie würde Hildegard oft um das ruhig
bescheidene Leben in ihrer Mutter Hause beneidet haben. Bisweilen, wenn die
Zahlungstermine für die Wechselschulden ihres Mannes herankamen, wenn sie
berechnen konnte, wie jedes fortschreitende Halbjahr sie mit wachsender Gewalt
in eine immer tiefere Verwirrung ihrer Verhältnisse hinabzog, hatten ihre Sorge
und ihre Liebe für den Gatten ihr die verschiedensten Plane zu seinem Beistande
eingegeben. Sie hatte sich an Eleonore, an Seba, an Tremann, an den Kronprinzen
wenden und ihn um ein Darlehen angehen wollen, das mässig zu verzinsen und dann
allmählich abzuzahlen, nicht über ihre Kräfte gegangen wäre; indes die leiseste
Andeutung einer solchen Möglichkeit hatte stets ihres Gatten Zorn erregt, und
sich bescheidend, weil sie nichts zu ändern vermochte, hatte sie sich gewöhnt,
am Tage den Tag zu leben und sich mit den kleineren und grösseren Entbehrungen
und Ersparnissen zu beschwichtigen, die sie unter annehmbaren Vorwänden sich
aufzuerlegen und den Ihren abzugewinnen geschickt erlernt hatte. Ward Renatus
das gewahr, so schlug es ihn nieder, und seine Zärtlichkeit suchte dann nach
einem Anlass, Cäcilie für ihr Opfer freigebig zu entschädigen; aber sie hatte die
Sorglosigkeit verloren, sich daran zu freuen, und auch jetzt war sie in trübe
Befürchtungen versunken, als ein Wagen vor ihrer Türe vorfuhr und der Diener
des Grafen ihr seinen Herrn und die Comtesse Rhoden meldete.
    Um diese Stunde? riefen beide Frauen, da der Graf, wenn er nicht das Teater
oder ausnahmsweise eine Gesellschaft besuchte, gegen den Abend nicht mehr
ausfuhr; es blieb ihnen jedoch nicht lange Zeit, über den Anlass seines Kommens
nachzudenken, denn auf Hildegard's Arm gelehnt, trat der Graf in das Zimmer ein,
und sich auf den Sessel niederlassend, den sein Diener ihm schnell herbeiholte,
sagte er: Um Vergebung, meine Freundinnen, dass wir Sie zu ungewohnter Stunde
stören, aber Glück ist etwas so Seltenes, dass ich meinte, ein paar Glückliche
müssten zu jeder Zeit willkommen sein! Erlauben Sie also, fügte er lächelnd
hinzu, dass wir uns Ihnen als Verlobte vorstellen!
    Als Verlobte? wiederholten Cäcilie und Vittoria, ihren Ohren kaum
vertrauend, und während die Letztere sich noch bemühte, ihr Erstaunen über
dieses unerwartete Ereignis in Glückwünschen zu verbergen, hatte Hildegard der
Schwester Hände bereits ergriffen, und ihr tief in die Augen blickend, sprach
sie in ihrem sanftesten Tone: Sieh', Cäcilie, nun ist Alles zwischen Dir und mir
vergessen und Alles wieder, wie es war! Ich darf wohl sagen, wie es geschrieben
steht: sie dachten es böse mit mir zu machen, aber der Herr hat es wohl gemacht!
- Ich bin sehr glücklich, so glücklich, dass ich Dir Dein Glück von Herzen gönne!
Schreibe das Renatus, oder ich will es lieber selber tun! Nicht wahr, geliebter
Gerhard, wir wollen an Renatus schreiben? Ich denke, es soll ihm wohltun, und
auch Dir, Cäcilie, wird es das Herz befreien, dass ich glücklich, ja dass ich sehr
glücklich bin!
    Sie umarmte Cäcilie, sie umarmte Vittoria, sie war voller Zärtlichkeit,
voller Vergebung für die Schwester, und doch war jedes ihrer Worte wie darauf
berechnet, Cäcilie zu verwunden.
    Mit grossem Geschicke wusste sie, ohne der Gegenstände irgend zu erwähnen, die
Schwester auf die neue, reiche Kette, an der sie ihre Uhr trug, auf den feinen
florentiner Hut, auf den prächtigen türkischen Shawl aufmerksam zu machen, und
von ihrer nahe bevorstehenden Hochzeit wie von der Badereise zu sprechen, die
sie gleich nach der Hochzeit unternehmen würden. Nur ganz beiläufig erzählte
sie, dass sie einen neuen Reisewagen kaufen werde, weil auf des Grafen Wagen für
ihre Kammerjungfer nicht der nötige Platz vorhanden sei, und von allen ihren
beabsichtigten Anschaffungen sprechend, gelangte sie endlich an das von ihr
ersehnte Ziel, der Schwester die Mitteilung von dem reichen Erbe zu machen,
welches ihr anheimgefallen war.
    Dann erhob sie sich plötzlich mit der Bemerkung, dass es Zeit zum Aufbruche
sei, und noch im Fortgehen wiederholte sie es der Schwester, dass sie und der
Graf dem Freiherrn schreiben würden, um ihm Kenntnis von ihrem Glücke zu geben.
    Gaetana brachte eben die Lampe in das Zimmer, als der Graf mit Hildegard
sich entfernte.
    Ist das Vorhaus schon erleuchtet? fragte Cäcilie lebhaft.
    Die gnädige Frau haben ja befohlen, die Lampe in dem Vorhause immer so spät
als möglich anzuzünden! wendete die Dienerin ein.
    Cäcilie schwieg und biss sich in die Lippe. Hildegard wird immer einen gut
erleuchteten Vorsaal, wird immer einen Bedienten haben! dachte sie in ihrem
Innern, und von einer bittern Empfindung hingenommen, verliess sie das Gemach.
Sie wollte wenigstens allein sein.
 
                                Zehntes Capitel
Graf Gerhard hatte es im Scherze stets gesagt, er halte es mit Montecuculi, denn
zum Leben wie zum Kriegführen brauche man Geld und Geld und Geld, und er
verstand es in der Tat vortrefflich, das grosse Vermögen seiner Frau mit Anstand
zu benutzen.
    Die Hochzeit des Grafen war wenig Wochen nach seiner Verlobung gefeiert
worden; die Neuvermählten waren in ein Bad, aus diesem zu einem
Winteraufentalte in den Süden gegangen, und nach ihrer Rückkehr in die Heimat
hatten sie das inzwischen nach des Grafen Angabe eingerichtete Haus bezogen,
welches sie nun bereits seit drei Jahren inne hatten. Kein Haus in der ganzen
Stadt war so geschmackvoll und so wohnlich als das des Grafen Berka
ausgestattet. Pracht und Bequemlichkeit gingen in demselben Hand in Hand, und
wie seine Wohnung, so war alles, was ihm gehörte, auf das Beste ausgewählt.
    Er liess seine Wagen und seine Pferde aus England kommen, er hielt sich einen
französischen Koch, sein Keller war der bestversehene der Residenz, seine
Kleidung von der zweckmässigsten englischen Façon; nur seine Gesundheit und seine
Kraft konnte das Vermögen seiner Frau, das er seit seiner Rückkehr aus Italien
durch mannigfache Spekulationen sogar noch zu vermehren gewusst hatte, ihm nicht
mehr erkaufen.
    Aber man bewunderte die Selbstbeherrschung, mit der er seine wachsenden
Beschwerden trug, den Mut, mit dem er gegen seine fortschreitende Lähmung
ankämpfte, und vor Allem pries man die schöne Hingebung, mit welcher die Gräfin
Berka ihn vergessen zu machen strebte, dass ihr an seiner Seite doch eine schwere
Aufgabe zu Teil geworden war.
    Es gab nicht leicht ein Ehepaar in der Gesellschaft des hohen Adels, das
mehr der allgemeinen Gunst und Teilnahme genoss, als Graf Gerhard und die Gräfin
Hildegard; man konnte sich auch kein würdigeres Familienverhältniss denken, als
das, welches zwischen der alten Gräfin Rhoden und den Berka's herrschte, bei
denen sie jetzt lebte. Die Einigkeit der Mutter und der Tochter, die schönen
weltmännischen Manieren des Grafen, der Gräfin edler Sinn für Häuslichkeit
machten, dass es Jedem wohl ward, der über ihre Schwelle trat; und da man wegen
der Kränklichkeit des Grafen grosse Gesellschaften zu geben so viel als möglich
vermeiden musste, so hatte Hildegard sich entschlossen, Mittags immer ein paar
Plätze für gute Freunde an ihrem Tische bereit zu halten und allabendlich für
dieselben um die Teestunde zu Hause zu sein.
    Man rechnete es ihr sehr hoch an, dass sie ihrem Gatten zu Liebe auf alle
Geselligkeit ausser ihrem Hause verzichtete, und selbst die Prinzen und
Prinzessinnen suchten sie dafür zu entschädigen, dass sie sich's versagte, an den
Hof zu gehen. Ihre Beschützerin, die alte Prinzessin, empfing sie in den
Morgenstunden, in denen sie sonst Niemanden anders bei sich sah; die jüngeren
Prinzessinnen fuhren gelegentlich bei der guten Gräfin Berka vor, die an der
Spitze aller wohltätigen Unternehmungen stand und deren Religiosität, obschon
sie eine Katolikin war, sich von jeder Ausschliesslichkeit, vor aller
Unduldsamkeit fern zu halten wusste. Selbst auf ihren Gatten, der es mit der
Religion sonst leicht genug genommen hatte, wirkte der fromme Sinn der Gräfin
Hildegard mit Segen ein. Der Graf fuhr regelmässig an jedem Sonntage in die
Kirche, die der Hof besuchte, und das Einzige, was seine Frau bedauerte, war ihr
einstiger Uebertritt zur katolischen Kirche, zu welchem sie von der Mutter in
ihrer Kindheit bestimmt worden war und der sie jetzt in gewissem Sinne von ihrem
Gatten und von ihren fürstlichen Beschützern und Freunden trennte.
    Es war durchaus angenehm, mit den Berka's eng verbunden zu sein, und
Hildegard war für ihren Umgang sehr wählerisch geworden. Sie hielt es für
notwendig, Jeden und Alles zurückzuweisen, was den Grafen aufregend oder
störend berühren konnte, den man nach des Arztes Ausspruch vor heftigen
Gemütsbewegungen bewahren sollte, und sie nannte es gegen ihre vertrauten
Freunde eine Rücksicht auf das Empfinden ihrer Mutter, dass sie den Freiherrn von
Arten und seine Familie trotz ihrer sehr verschiedenen Lebensansichten bei sich
sah. Denn, sagte sie eines Tages zu einer ihrer näheren Freundinnen, der Graf
ist mit dem ganzen Tun und Treiben seines Neffen gar nicht einverstanden, und
selbst mein Zusammenhang mit meiner armen Schwester ist leider ein sehr
oberflächlicher geworden. Ich komme so selten in Cäciliens Haus. Sie wissen's
ja, ich verlasse den Grafen ungern, und, ich bekenne Ihnen offen, die Baronin
Vittoria ist mir nicht sympatisch, ist mir's nie gewesen!
    Sie lehnte sich mit diesen Worten in ihren Sessel zurück und nahm ihre
Stickerei wieder zur Hand, die für eine der Weihnachts-Ausstellungen bestimmt
war, welche sie alljährlich in den schönen Räumen ihres Hauses abhielt. Die
Freundin, an welche diese Worte gerichtet wurden, war die Mutter von des Königs
Adjudanten. Ihr Mann war General gewesen, ihr zweiter Sohn bekleidete eine
Instructorstelle im Kadettenhause.
    Die Mitteilung der Gräfin Berka hatte sie nicht überrascht. Man wusste, dass
die beiden Familien wenig Gemeinschaft hielten, und eben deshalb konnte die
Generalin die Frage an die Gräfin richten, ob sie denn von der Unannehmlichkeit
schon unterrichtet sei, die den Major von Arten eben in diesen Tagen betroffen
habe.
    Eine Unannehmlichkeit? wiederholte Hildegard. Was ist denn geschehen? Ich
weiss von nichts, die Arten's waren seit mehr als vierzehn Tagen nicht in unserm
Hause. Ich bitte, sprechen Sie; Sie beunruhigen mich auf das Äusserste. Die arme
Cäcilie!
    Die Generalin liess sich nicht lange bitten. - Es betrifft glücklicher Weise,
sagte sie, dieses Mal den Major nicht selbst; es ist nur eine widerwärtige Sache
mit dem jüngeren Arten. Man hat ihn von der Anstalt fortgewiesen.
    Fortgewiesen? wiederholte Hildegard, und sich zu ihrem Manne wendend, meinte
sie: Du behältst also auch damit leider wieder Recht, lieber Gerhard! Also von
der Anstalt fortgewiesen?
    Es war unmöglich, ihn zu halten! versicherte die Generalin. Mein Sohn sagte
mir, er habe in Rücksicht darauf, dass der junge Arten zu Ihrer Familie gehört,
das Äusserste getan, diese Massregel zu hindern; aber der Leichtsinn des jungen
Menschen sei unverbesserlich gewesen und man habe um der übrigen Kadetten willen
nicht länger Nachsicht üben dürfen.
    Der Graf wollte wissen, was man Valerio zur Last lege. Die Generalin sagte,
wie sie von ihrem Sohne erfahren habe, sei der junge Arten immer kein
sonderlicher Schüler gewesen und habe seit Jahren vielfachen Anlass zu Klagen
gegeben. Einen Liebeshandel mit der Tochter eines der unteren Beamten, dem man
vor einigen Monaten auf die Spur gekommen sei, habe man vertuscht; man habe ihn
oftmals wegen seines Hanges zum Spotte verwarnt, die Karikaturen, die er
gezeichnet und in der Anstalt in Umlauf gesetzt, geflissentlich übersehen, bis
man neulich ein getuschtes Blatt in verschiedenen Exemplaren vorgefunden habe,
durch welches die Liebhaberei Sr. Majestät für das Teater und namentlich für
das Ballet in wahrhaft empörender Weise zum Gegenstande des Spottes, zu einer
Karikatur gemacht worden sei.
    Und was ist danach geschehen? erkundigte sich der Graf.
    Die Generalin zuckte die Schultern. - Es wäre natürlich meines Sohnes
Pflicht gewesen, sagte sie, betreffenden Ortes davon Anzeige zu machen, aber
eben weil mein Sohn um Ihretwillen auch an dem Major Anteil nimmt, hat er davon
abgestanden. Er hat den Major sofort von dem Vorfalle benachrichtigt, man hat
den jungen Arten in seine Familie zurückgeschickt, und der Direktor der Anstalt
hat dem Major den Rat erteilt, den jungen Menschen so bald als möglich von
hier fort und in eine andere Lebensbahn zu schaffen, da er ohnehin sehr
phantastisch sein soll.
    Das kommt von der Mutter! meinte der Graf, während Hildegard die Gräfin
Rhoden, welche hinzugekommen war, mit einem Bedauern, dem der Ausdruck ihrer
Züge völlig widersprach, von dem Geschehenen in Kenntnis setzte.
    Die Generalin bemerkte, der verstorbene Freiherr Franz sei auch sehr
phantastisch gewesen.
    Der Graf fragte, was sie mit der Erinnerung sagen wolle.
    Die Generalin erwiderte, dass leider der Apfel selten weit vom Stamme falle.
    Wenn ihn der Baum getragen hat, gewiss nicht! entgegnete der Graf; aber an
wie manchen alten Baumes Stamm findet man Früchte, die von aussen hinübergeworfen
worden sind und auf die das Sprüchwort also wenig passt.
    Die Generalin sah ihn überrascht und neugierig an. Hildegard, der die
schweren seidenen Kleider und die kleinen weissen Spitzentücher, die sie über
ihre noch immer lang herniederfallenden, rötlich-blonden Locken zu knüpfen
pflegte, ein jugendlich matronenhaftes Ansehen gaben, hob die Augen mit ihrem
sanftesten Blicke bittend zu ihrem Gatten auf, und der Graf versagte es sich
also, die Neugier der Generalin zu befriedigen. Aber diese gab ihre Erwartung so
leichten Kaufs nicht für verloren.
    Nehmen Sie es mir nicht übel, rief sie, als müsse sie ihr Herz endlich
einmal von einem schweren Zweifel zu befreien suchen, ist denn irgend etwas
daran, dass die Vergangenheit der Baronin nicht ganz makellos ist, und ist's denn
wirklich wahr, was man sich von der Liaison der Baronin Vittoria mit Emilio
erzählt? Ich würde mir, darauf kennen Sie mich ja, eine solche Frage sicherlich
nicht gestatten, wenn ich nicht zuverlässig hoffte, von Ihnen zu erfahren, dass
man der Baronin Unrecht tue, aber - unvorsichtig bleibt es doch, dass man Emilio
auch jetzt noch in des Freiherrn Hause sieht.
    Die Gräfin Rhoden, deren Mutterherz durch den neuen Kummer, welcher jetzt
über Cäcilie wieder hereinbrach, doch bewegt ward, sagte, die Generalin irre,
wenn sie glaube, dass Emilio noch zu den Umgangsgenossen ihrer Kinder zähle. Man
empfange ihn seit nahezu einem Jahre nicht mehr.
    Es war auch gar nicht möglich, länger ein Auge zuzudrücken, fügte Hildegard
hinzu, als müsse sie diese Erklärung geben, denn Emilio trieb seine
Schauspielkunst in meines Schwagers Hause so con amore, dass er, um sein
Verhältnis zu der Baronin Vittoria zu verbergen, nicht übel Lust bezeigte, sich
als den Verehrer meiner Schwester darzustellen.
    Das wird ihm nicht eben schwer gefallen sein, meinte die Generalin, denn die
Baronin Cäcilie wird mit jedem Jahre schöner. Sie wird Ihnen, liebe Rhoden, seit
sie voller geworden ist, nur immer ähnlicher.
    Die Mutter nahm das Lob der Tochter, das ihr zugleich schmeichelte,
freundlich auf. Hildegard sagte, Cäcilie werde doch gar zu stark, und kaum hatte
die Generalin sich entfernt, als Hildegard die Mutter fragte, ob sie nicht
anspannen lassen solle und ob sie nicht gemeinsam zu Cäcilie fahren wollten,
nachzuhören, was dort wieder vorgefallen sei und was man etwa für sie tun
könne. - Cäcilie bemitleiden zu gehen, war die Gräfin Berka immer bei der Hand,
und ihr Mitleid war der Schwester und dem Schwager nicht das Leichteste, das sie
zu tragen hatten.
    Auch jetzt wieder lasteten ihre Zustände schwer auf diesen Beiden. Valerio
war seit dem vorigen Tage in des Freiherrn Hause. Es hatte heftige Auftritte und
die unangenehmsten Verhandlungen gegeben. Cäcilie sah mit Kummer, wie die
Furchen auf ihres Gatten Stirn sich mit jedem neuen Jahre vertieften, wie sein
ganzer Sinn sich verdüsterte und seine Reizbarkeit sich krankhaft steigerte.
Auch der Vorfall mit Valerio hatte ihn wieder sehr niedergeschlagen, während der
Jüngling selber und seine Mutter das Geschehene äusserst leicht zu nehmen
schienen.
    Vittoria sagte, sie habe immer die Ueberzeugung gehegt, ihr Sohn sei nicht
dazu geschaffen, in dem geistlosen Zwange der militärischen Disciplin seine
glänzende Begabung untergehen zu lassen. Ihr Blut, das Blut eines glücklicheren
Volkes, lebe in seinen Adern. Die Natur habe ihn bestimmt, ein Künstler zu
werden, und die Natur lasse sich nicht überwinden, sie räche sich, wenn man ihr
Gewalt antue. Auch Valerio sprach von seinem eigentlichen Berufe, von seinem
inneren Müssen. Der Freiherr beachtete ihre Worte kaum. Der Gedanke, dass der
Jüngling, den er in grossmütiger Liebe als seinen Bruder gelten lassen, der
seinen Namen trug, dass ein Freiherr von Arten wegen einer unwürdigen Handlung
aus dem Kadettenhause ausgestossen worden sei, brannte als eine Schmach in des
Freiherrn Seele, und es hatte ihn eine grosse Ueberwindung gekostet, sich heute
zur Parade zu begeben. Allerdings hatte Niemand mit ihm von dem Vorgange
gesprochen, aber der Major zweifelte nicht daran, dass er vielen seiner
Nebenoffiziere bereits bekannt gewesen sei. Es war gestern ein Sonntag gewesen;
die Kadetten hatten ihren Urlaub gehabt, in Hunderten von Familien hatte man das
Ereignis gestern fraglos mitgeteilt, und Renatus hatte es auf der Parade in den
Mienen seiner Kameraden zu lesen gemeint, dass sie sich Gewalt antäten, der
Angelegenheit nicht zu erwähnen.
    Der Freiherr brachte am Mittage keinen Bissen über seine Lippen. Er stand
vom Tische auf, weil er es nicht ertragen konnte, Vittoria's Gleichmut und die
unverminderte Esslust anzusehen, mit der Valerio sich Genüge tat.
    Als man sich von der Mahlzeit erhob, folgte Cäcilie ihrem Gatten in sein
Zimmer. Er bemerkte sie kaum. Gesenkten Hauptes, die Hände auf den Rücken
gelegt, ging er auf und nieder. So pflegte sein Vater umherzuwandern, wenn ihn
Sorgen drückten, wenn er etwas mit sich abzumachen hatte; aber Renatus war nicht
mehr, wie einst der Freiherr, in den grossen Gemächern des Richtener Schlosses,
in denen man seiner Aufregung weit ausschreitend Luft machen konnte, und die
Bewegung in dem engen Zimmer steigerte seine Heftigkeit, statt sie zu mässigen.
Er kam sich wie ein Gefangener vor, er meinte, die Wände immer näher
zusammenrücken zu sehen, es versetzte ihm den Atem, und sich rasch umwendend,
wie Einer, der sich zur Wehre setzen muss, schellte er dem Diener.
    Cäcilie fragte, was er wünsche.
    Ich muss mit dem Burschen zu Ende kommen! gab er ihr zur Antwort und befahl
dem Diener, ihm Valerio zu rufen, der auf dem andern Flügel bei der Mutter
wohnte.
    Ohne eine Bewegung zu verraten, trat derselbe bei ihm ein. Er war zu einem
vollendet schönen Jünglinge erwachsen. Seine Gestalt war hoch und tadellos, der
Italiener war in jedem seiner Züge, in seiner ganzen Haltung, vor Allem in
seinem Mienenspiele und in seiner Geberdensprache unverkennbar, und selbst die
steif machende militärische Schulung hatte den freien Adel seiner Bewegungen
nicht zu unterdrücken vermocht.
    
    Du hast mich rufen lassen, Bruder? fragte er, als er bei Renatus eintrat.
    Dieser hatte sich niedergesetzt, als wolle er sich damit zur Ruhe zwingen,
und langsamer sprechend, als er sonst pflegte, sagte er: Ich habe Dich kommen
lassen, um von Dir selber zu erfahren, welche Vorstellung Du Dir von Deiner
Zukunft machst. Dass Du fort musst, weisst Du, dass Du kein Vermögen hast, auf
welches Du Dich irgend stützen dürftest, habe ich Dir gesagt, als ich Dir den
Rat erteilte, in das Heer einzutreten, und als die Gnade unseres Königs Dir
die Aufnahme in das Kadettenhaus bewilligte.
    Er hielt inne. Valerio regte sich nicht. Er hatte den Arm auf einen kleinen
Schrank gestützt, der dem Spiegel gegenüberstand, und Cäcilie, die besorgt der
Unterredung folgte, konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass Valerio auch
in diesem Augenblicke noch mehr mit sich und seiner schönen Stellung, als mit
den Worten seines Bruders beschäftigt sei.
    Ich spreche nicht davon, hob der Freiherr, da Valerio schwieg, auf's Neue
an, ich spreche nicht davon, wie Du Sr. Majestät dem Könige die Gnade gedankt
hast, die er Dir angedeihen lassen; das würde, wie Du Dich erwiesen hast, eine
vergebene Mühe sein. Lass uns also kurz zur Sache kommen! Was soll aus Dir
werden? Was denkst Du mit Dir anzufangen?
    Valerio änderte seine Stellung nicht; aber er hob den Kopf, den er bis dahin
gesenkt gehalten hatte, in die Höhe und sagte: Fragst Du mich das im Ernste,
Bruder?
    Mich dünkt, entgegnete der Freiherr bitter, Deine Lage ist nicht dazu
angetan, mir Lust zum Scherzen einzuflössen!
    Nun denn, rief Valerio, wenn es Dein Ernst ist, wenn Du mir jetzt wirklich
endlich die Freiheit geben willst, über mich selber eine Meinung zu haben und
über mich zu verfügen, so will ich Dir sagen, was ich wünsche! - Er zögerte, als
habe er ein Bedenken, es auszusprechen; dann aber fasste er sich ein Herz, zog
mit rascher Bewegung einen Sessel heran, und sich seinem Bruder gegenüber
niederlassend, sagte er: Du bist immer gut gegen mich gewesen, und ich habe Dich
immer lieb gehabt, Renatus; aber Du hast meine Natur nicht verstanden, hast mich
nie aufkommen lassen ....
    Du machst Vorwürfe, wo Du Dich entschuldigen solltest, fiel der Freiherr ihm
in die Rede; die Taktik ist nicht neu, aber sie ist hier nicht angebracht. Ich
habe es heute nicht mit Deinen Bekenntnissen, nicht mit Betrachtungen über die
Vergangenheit zu tun, die jetzt zu nichts mehr führen. Beantworte mir rund und
nackt die Frage: Was soll aus Dir werden?
    Da hob der junge Mann seinen vollen Blick auf den Freiherrn und meinte: Wenn
Du auf mich geachtet hättest, brauchte ich Dir das nicht erst zu sagen! Ich
werde zur Bühne gehen!
    Valerio! rief der Freiherr, als traue er seinen Ohren nicht, und plötzlich
die stolze Oberlippe aufwerfend, dass seine Miene, so wenig seine Züge dem Vater
glichen, dem Ausdrucke des verstorbenen Freiherrn von Arten äusserst ähnlich
wurde, sprach er mit schneidender Kälte: Aber freilich, Du bist kein Arten!
    Er wurde blass, als das Wort seinem Munde entflohen war. Er hätte viel darum
gegeben, es nicht ausgesprochen zu haben, sehr viel! Denn er erschrak vor dem
wilden Blicke des jungen Mannes, der ihm gegenübersass, vor dem unheimlichen
Zucken seines schönen Mundes.
    Sie schwiegen beide; Cäcilie klopfte das Herz, dass sie wähnte, die Andern
müssten es hören können. So entschwanden ein paar Minuten. Renatus konnte zu
keinem Entschlusse kommen. Einmal stand er auf dem Punkte, seinen Ausspruch als
eine bildliche Redeform auszugeben, dann wieder meinte er mit der Entüllung
dieses Geheimnisses einen Zügel gewonnen zu haben, durch den er den unruhig
phantastischen Sinn des jungen Mannes wirksam lenken könnte; aber Valerio's
heisses Blut trieb ihn zu schnelleren Entscheidungen, als Renatus sie zu fassen
gewohnt war, und sich hoch aufrichtend wie ein tragischer Held, denn bei seiner
Künstlernatur war er sich selbst in diesem Augenblicke noch ein Gegenstand der
Darstellung, sagte er: Ich hoffe, meines Vaters Namen wirst Du mir wohl lassen
müssen, da er diesen nicht, wie seinen Besitz, ausschliesslich nur auf Dich
vererben konnte! Meinen Namen wenigstens danke ich doch Deiner brüderlichen
Gnade nicht!
    Nicht? rief Renatus, der jetzt seiner selbst nicht länger Herr war, nicht? -
Und er hätte in seiner zornigen Empörung Tausende hinzuwerfen vermocht, hätte er
die Beweise von Vittoria's Untreue, von Valerio's unrechtmässiger Geburt dem
Jünglinge unter die Augen halten können, der ihm zu trotzen wagte, nachdem er
Unehre auf den alten Namen seines Hauses gebracht hatte. - Frage Deine Mutter,
ob Du ein Arten bist! Frage Deine Mutter, ob sie und Du nicht meinem Schweigen,
meiner Ehrfurcht vor dem Namen meines teuren Vaters die Stellung verdanken, die
ihr einnehmt! Ein Wort von mir ....
    Er brach ab und bedeckte sein Gesicht mit seinen Händen. So weit hatte man
ihn gebracht, so weit war er von sich selber und von den Ehrbegriffen seines
Hauses abgefallen, dass er dem Leichtsinne eines Jünglings wie Valerio das
Geheimnis anvertraute, welches der verstorbene Freiherr der Ehre seines Sohnes
zu hüten gegeben hatte! So weit hatte er sich vergessen, dass er Vittoria, die
Freundin seiner Kindheit und Jugend, dass er die Mutter blossstellte vor dem
Urteile ihres Sohnes - eines jungen Menschen, dessen Keckheit vor keinem
Äussersten zurückschrak! Seine Unzufriedenheit mit sich selber kannte keine
Grenzen, er schämte sich vor seinem eigenen Weibe; und wie konnte er jetzt noch
darauf hoffen, ein irgend erträgliches Verhältnis zwischen Vittoria und Cäcilien
aufrecht zu erhalten, da er selber Vittoria als eine Ehebrecherin angeklagt, da
er es Cäcilien jetzt verraten, was er auch ihr bisher mit ängstlicher
Geflissenheit verborgen und fern gehalten hatte!
    Wie ein Wetterstrahl war das unglückselige Wort zwischen sie Alle
niedergefahren, Alles zerstörend, Alle lähmend. Renatus rang nach Fassung; aber
es war Valerio, der sich zuerst bezwang, der sie zuerst erlangte.
    Die wilde Aufregung in seinen Mienen hatte nachgelassen, seine Stimme klang
weich, und in einer Weise, welche seine grosse Erschütterung verriet, sagte er:
Du hast ein Wort ausgesprochen, über das ich in's Klare kommen muss! Es zwingt
mich, Dir eine Frage vorzulegen: War es nur der Zorn, der Dich jene Worte
brauchen liess, oder sagtest Du die Wahrheit? Bin ich des Freiherrn Sohn, oder
bin ich's nicht? - Ist's deshalb, dass ich fast ohne Anteil an unseres Vaters
Erbe blieb, obschon unsere Güter nicht Majorate sind? - Ist's deshalb, dass meine
Mutter in einer Weise von Deinem guten Willen abhängt, die für die Wittwe
unseres Vaters mir schon seit lange unbegreiflich erschienen ist? Bin ich Dein
Bruder, bin ich's nicht? - Und wieder in seinen Trotz zurückfallend, rief er
heftig: Ich muss doch wissen, wer ich bin! Dies wenigstens, diese Wahrheit habe
ich von Dir zu fordern!
    Der Freiherr mass ihn vom Wirbel bis zur Sohle. Das Patetische in des
Jünglings Erscheinung, das ihm immer missfällig gewesen war, reizte ihn jetzt
doppelt. Alles, was er seit Jahren und Jahren Lästiges und Schweres um
Vittoria's wegen auf sich genommen, alle die Opfer, die er für sie und auch für
Valerio gebracht, die quälenden Eindrücke, welche er seit gestern um des
Letzteren willen durchzumachen gehabt hatte und mit denen er noch nicht zu Ende
war, belasteten den Freiherrn wie ein einziger, gewaltiger Druck. Sein ganzes
Leben war von Rücksichten auf seines Vaters Willen, auf die Ehre seines Hauses
und Namens geleitet und bestimmt worden, und was hatte er damit erreicht? Es war
genug der Opfer, der Rücksichten auf Andere! Nur an sich selber, an seine
persönlichen Verhältnisse, an die Aufrechterhaltung seines Namens und seiner
Ehre hatte er noch zu denken; es war Zeit, seine Rechnung mit denen
abzuschliessen, die ihm dies erschwerten. In ihm, dessen war er sich bewusst,
lebte der wahre Sinn seines Geschlechtes, er musste sich und für sich die
Möglichkeit des Fortbestehens zu erhalten suchen. Wollte er nicht untergehen
zusammt dem Weibe, das sich ihm in Liebe anvertraut, so musste er, wie bei einem
Schiffbruche, endlich Alles von sich stossen, was sich hemmend an ihn klammerte,
was sich wider ihn zu erheben drohte, und finster, wie der Geist, der über
dieser Stunde waltete, sagte er: Was fragst Du mich? Lege diese Frage Deiner
Mutter vor!
    Valerio erhob sich, sein Antlitz war todtenblass geworden; auch der Freiherr
war aufgestanden. Wo willst Du hin? fragte er, da Jener sich zur Tür wendete.
    Ich gehe, meiner Mutter die Frage vorzulegen, die .... er hielt inne und
sagte dann sehr fest: mir Freiheit schaffen soll!
    Halt, rief der Freiherr, vergiss es nicht, dass Du unseren Namen trägst und
dass ich Dein Vormund, dass ich für Dich verantwortlich bin!
    Besorgen Sie nichts, Herr von Arten! entgegnete der Jüngling mit einer
Entschiedenheit und zugleich mit einem Tone des Spottes, der ihn für Renatus und
Cäcilie völlig zu einem Fremden machte - besorgen Sie nichts! Aber zum Dienen
bin ich nicht geschaffen! Wäre es mir nicht gelungen, mich durch jene Zeichnung
von diesem Rocke - er riss die Uniform vom Leibe und trat sie in wild
aufwallender Heftigkeit unter die Füsse - von diesem Rocke und von der Sklaverei,
zu der er mich verdammte, zu befreien, so hätte ich mir durch die Flucht
geholfen; denn mich des Namens zu entäussern, der mir nichts wert ist in der
Laufbahn, die ich einzuschlagen denke, war ich ohnehin entschlossen! - Ich
begehre Ihres Namens nicht!
    Renatus trat in rascher Bewegung auf ihn zu, seine Hand erhob sich - - aber
wie im Entsetzen über sich selber blieb er mitten im Zimmer stehen. Geh! sagte
er so tonlos, dass er seine eigene Stimme nicht erkannte.
    Valerio hörte es nicht mehr. Er hatte das Gemach bereits verlassen, seine
Uniform blieb auf dem Boden liegen.
 
                                Eilftes Capitel
Als die Gräfin Berka fast um dieselbe Stunde bei der Schwester vorfuhr, wurde
ihr Besuch nicht angenommen, und Hildegard erzählte dies ihrem Gatten und der
Mutter mit dem Zusatze, dass sowohl Cäcilie als Vittoria zu Hause gewesen wären,
denn in ihren beiden Zimmern habe sie Licht gesehen.
    Ich habe das Meine getan, ihnen meine schwesterliche Teilnahme zu
beweisen, sagte sie; man muss jetzt abwarten, bis sie kommen.
    Indes der nächste Morgen brachte nur ein paar Zeilen von Cäcilie, in denen
sie der Schwester ihr lebhaftes Bedauern aussprach, dass es ihr gestern unmöglich
gewesen sei, sie zu empfangen. Eine unangenehme Angelegenheit, die ihr und ihrem
Manne allerdings nicht unerwartet gekommen sei, habe sie hingenommen und gebe
ihnen eben in diesen nächsten Tagen mancherlei zu bedenken und zu ordnen. Sei
das geschehen, so würden Hildegard und die Mutter die Ersten sein, zu denen sie
eile, um ihnen Nachricht von der neuen Einrichtung zu geben, die sie und Renatus
für sich zu machen beschlossen hätten.
    Die Schwestern waren schon seit lange auf den Fuss jener ganz äusserlichen
Rücksicht und Höflichkeit gekommen, hinter denen die völlige Entfremdung sich
verbirgt. Hildegard lächelte, als sie dem Grafen das Billet der Schwester
hinhielt. Die Mutter aber hatte Mitleid mit Cäcilien. Sie fuhr am Nachmittage zu
ihr.
    An dem Zimmer Vittoria's vorübergehend, bemerkte sie, wie man in demselben
einen Koffer packte, und sie war kaum bei ihrer Tochter eingetreten, als sich
Renatus zu ihnen gesellte.
    Obschon er sich auf Cäcilie unbedingt verlassen konnte, sah er es doch seit
lange nicht mehr gern, wenn sie mit einem der Ihrigen allein beisammen war. Er
wusste das Gemüt seiner Frau mannigfach belastet und bedrückt; und er besorgte,
die Macht der Gewohnheit und der alten Zusammengehörigkeit möchte ihr der Mutter
oder der Schwester gegenüber doch einmal Geständnisse oder Klagen über ihre Lage
entlocken, die er laut werden zu lassen nicht wünschen konnte.
    Noch ehe die Mutter eine Frage getan hatte, dankte der Freiherr ihr dafür,
dass sie gekommen sei, und sagte, sie kenne ja von seinem Vater her die alte
Arten'sche Maxime, Verdriesslichkeiten mit sich selber abzumachen, und sie werde
sich also deshalb gestern nicht gewundert haben, dass er seine Frau abgehalten,
den Besuch der Schwester anzunehmen.
    Sie wissen, liebe Mutter, Cäcilie ist sehr weich, es fasst sie daher Alles
mehr als nötig an, namentlich, wenn sie mich ergriffen sieht, und ich war das
gestern in der Tat! Wir haben grosse Unannehmlichkeiten mit Valerio!
    Die Gräfin gab sich das Ansehen, als wisse sie noch nicht, was vorgegangen
sei. Sie wollte ihrem Schwiegersohne mit feinem Takte die Freiheit lassen, ihr
in der ihm zusagendsten Weise zu berichten, was er eben für angemessen hielt.
    Dem Freiherrn war das sehr willkommen. In leicht hingeworfener Weise
erzählte er, wie wenig ernstaft Valerio seine Studien betrieben, wie schwer er
sich in die militärische Zucht gefunden und wie nachteilig die an und für sich
edle und schöne Kunstliebe seiner Mutter auf den Jüngling eingewirkt habe. Er
erinnerte die Gräfin daran, wie Valerio habe Maler werden wollen, nun, seit
Emilio und Vittoria es ihm in den Kopf gesetzt hätten, dass er eine der
seltensten Stimmen besitze, sei er auf noch viel verkehrtere Plane gekommen. Er
habe nichts als seine törichten Liebhabereien betrieben, habe sich in der
Anstalt unmöglich gemacht, und nach längeren Beratungen sei man denn gestern
dahin übereingekommen, ihn auf eine süddeutsche landwirtschaftliche Akademie zu
senden. Valerio verlange durchaus nach einer grösseren Freiheit; man wolle also
versuchen, ob er Neigung für die Landwirtschaft gewinnen könne, und müsse dann
zusehen, wie man später für ihn ein Fortkommen ermögliche, mit dem es nicht so
dränge, als man es ihm darstelle, denn er sei im Grunde doch erst achtzehn Jahre
alt.
    Die Gräfin nahm das ganz so auf, wie Renatus es aufgenommen zu sehen
wünschte. Sie sagte, er tue wohl daran, wenn er die Sache nicht so schwer als
Cäcilie auffasse. Valerio sei ja nicht der erste junge Mensch, der den Seinen
einmal Sorge mache; man möge bedenken, dass seine Erziehung früher verabsäumt
worden sei, dass sie und Hildegard schon lange vor des Freiherrn Heimkehr darauf
gedrungen hätten, den lebhaften Knaben einer männlichen Aufsicht zu übergeben
und ihn von der Mutter fortzunehmen. Sie und Hildegard hätten sich auch stets
darüber gewundert, und Graf Gerhard - sie könne das jetzt wohl sagen - habe es
nie gebilligt, dass Renatus es Vittoria erlaubt, den Sohn in alle Opern und
Concerte mitzunehmen und ihn in ihren Soiréen singen zu lassen ...
    Sie war bei aller Milde und bei allem Mitleid dennoch auf dem besten Wege,
es der Tochter und dem Schwiegersohne zu beweisen, dass ihnen nur geschehe, was
sie verdienten und verschuldet hätten, und weil Cäcilie fürchtete, ihr Gatte
könne darauf in seinem Unmute eine die Gräfin verletzende Entgegnung machen,
bemerkte sie, natürlich trage Vittoria's grosse Schwäche an dem ganzen Unheil
Schuld, und die Mutter sei es auch, die ihnen gestern die meisten
Schwierigkeiten in den Weg gelegt hätte.
    Ihre Eigenwilligkeit, ihre Launen werden wirklich immer störender für uns,
unser bester Wille, meine grösste Nachgiebigkeit vermögen ihr nicht genug zu
tun, und, Cäcilie konnte ihr Empfinden nicht mehr beherrschen, und Herr muss
Renatus in seinem Hause zuletzt doch bleiben! fuhr sie unwillkürlich auf.
    Dem Freiherrn kam die plötzliche Aufwallung seiner Frau nicht ungelegen,
denn sie gab ihm Anlass, mit der Tatsache herauszurücken, die man der Gräfin vor
allen Dingen mitzuteilen hatte. Ruhig, ruhig, mein Kind, sagte er, Du weisst,
dass Du von Vittoria's Grillen nicht lange mehr zu leiden haben wirst.
    Die Gräfin sah ihn, sah die Tochter fragend an. Renatus bemerkte das. Ich
muss eine Aenderung machen, sagte er. Cäcilie kommt wirklich neben Vittoria nicht
zur Ruhe. Ich habe daher meiner Stiefmutter gestern den Vorschlag gemacht, sich
selbständig einzurichten. Sobald sie eine ihr zusagende Wohnung gefunden haben
wird, verlässt sie unser Haus.
    Gottlob! rief die Gräfin, die in der Tat sich dieses Entschlusses um der
Tochter willen freute; aber Renatus hörte darin nur einen Vorwurf, den ihm die
Mutter machte, und, wie alle schwachen und eben deshalb eitlen Menschen, stets
geneigt, von einer zu der anderen Meinung überzugehen, wenn sie ihr eigenes
Ansehen oder ihre eigene Einsicht dadurch aufrecht erhalten zu müssen glauben,
erklärte er plötzlich, dass die Trennung von seiner Stiefmutter natürlich nicht
heute und nicht morgen vor sich gehen könne und werde. Er sagte, dass er
Vittoria, wie sich das von selbst verstehe, nicht drängen, dass er ihr Zeit
lassen wolle, Alles nach ihrem Belieben einzurichten, und dass leicht möglich, da
eben jetzt, inmitten des Vierteljahres, die Zahl der freistehenden Wohnungen
eine beschränkte sei, der Winter darüber verstreichen könne.
    Die Gräfin nahm das auf, wie es ihr von ihrem Schwiegersohne dargestellt
wurde; sie überlegte jedoch innerlich, dass Renatus vielleicht eben jetzt die
Ausgaben für einen solchen Umzug und für Vittoria's besondere Einrichtung zu
machen scheue, da die bürgerliche Ausstattung und die Reise Valerio's schon
Kosten verursachen mussten, und nach Mitteilungen und Fragen, von deren
Oberflächlichkeit und innerer Unwahrheit beide Teile überzeugt waren, fuhr die
Gräfin wieder fort, ohne sich die völlige Zerstörteit in dem Wesen ihres
Schwiegersohnes recht erklären zu können.
    Der Vorfall mit Valerio war freilich arg genug; aber je mehr die Gräfin
darüber nachsann, um so weniger hiess sie es gut, wenn durch dieses Ereignis ein
öffentlicher Bruch in dem Arten'schen Familienleben herbeigeführt werden sollte.
Es war nach ihrer Meinung eine Sache, die man möglichst im Stillen abtun, um
derentwillen man nicht an die grosse Glocke schlagen musste. Zu Hause wieder
angekommen, beklagte sie es, dass Renatus und Cäcilie, trotz mancher gar
vortrefflichen Eigenschaften, so wenig Takt besässen, und sie bedauerte es, dass
man nicht wagen dürfe, ihnen einen unumwundenen Rat zu erteilen, weil man
leider nicht mehr wissen könne, in wie weit sie ihm nachzukommen im Stande
wären.
    Hildegard bemerkte darauf, sie danke Gott täglich dafür, dass er ihr so
schöne, so einfache Lebensverhältnisse zubereitet habe und dass sie hier in ihrem
Hause mit ihrem Gatten und mit der Mutter ein so klares, ruhiges Dasein hätten.
    Eben darum, bat die Gräfin, müsse man nachsichtig gegen die arme Cäcilie
sein. Man müsse die Hände liebevoll über sie breiten, denn sie trage an ihrem
Leben schrecklich schwer.
    Der Graf meinte, wem nicht zu raten sei, dem sei auch nicht zu helfen.
Renatus habe ihm nicht folgen wollen, als er ihn vor Jahren darauf hingewiesen,
dass er wohl daran tun würde, sich von der Sorge für Vittoria und Valerio
möglichst zu befreien. Nun trage er die Folgen seines falschen Handelns, und es
sei keine von seines Neffen kleinsten Torheiten, den völlig mittellosen Sohn
Vittoria's jetzt auf eine landwirtschaftliche Akademie zu senden. Es ist
geradezu unbegreiflich, rief der Graf, denn ich möchte wissen, wessen Güter
Valerio einst verwalten soll!
    Während man aber noch in dieser Weise mit den Vorgängen in der Arten'schen
Familie beschäftigt war, liess sich durch einen seiner Comptoir-Beamten bei
Tremann ein junger Mann melden, der ihn zu sprechen wünsche, und gleichzeitig
mit dem Diener, welcher die Lampe auf den Schreibtisch seines Herrn
niedersetzte, trat Valerio bei ihm ein.
    Paul hatte ihn nur einmal an einem Gesellschaftsabend im Arten'schen Hause
gesehen, als der Jüngling mit seiner Mutter und mit Emilio unter grossem Beifalle
verschiedene Terzette gesungen hatte. Das war aber über andertalb Jahr her,
Valerio war in der Zeit völlig herangewachsen, der frühe Bart der Südländer
kräuselte sich bereits voll auf seiner Oberlippe, und die bürgerliche Kleidung
veränderte ihn noch mehr, so dass Paul ihn mit der Bemerkung empfing, dass er ihn
kaum wiedererkenne.
    Das darf mich nicht wundern, entgegnete der junge Mann, denn ich habe ja nur
einmal die Ehre gehabt, Sie im Hause des Herrn Majors von Arten zu sehen;
trotzdem aber habe ich eine Bitte an Sie zu richten.
    Es fiel Paul auf, dass Valerio von seinem Bruder in so gezwungener Weise
redete, und es lag überhaupt etwas ihn Befremdendes in der ganzen Haltung des
Jünglings. Er nötigte ihn also, sich zu setzen und ihm zu sagen, was er
wünsche.
    Ich würde es nicht wagen, Sie mit meinen Angelegenheiten zu behelligen, hob
Valerio fest und ohne alle Verlegenheit an, wären Sie nicht ein paar Jahre lang
mein Vormund gewesen und hätte ich nicht von meiner Mutter es einmal zufällig
erfahren, dass Sie auch in Ihrer Jugend aus Verhältnissen entflohen sind, die
Ihnen unerträglich geworden waren. Ich befinde mich in der gleichen Lage ...
    Durchaus nicht! fiel ihm Paul in die Rede, und da Valerio vor diesem Worte
inne hielt, sagte Jener: Sie haben eine Mutter am Leben, sind unter dem Schutze
eines älteren Bruders in eine gewiesene Laufbahn getreten, in welcher Ihr Name
Ihnen von Nutzen ist: das sind Vorzüge, deren ich mich nicht erfreute. Wenn Sie
dieselben augenblicklich etwa nicht hoch anschlagen sollten, werden Sie bei der
Laufbahn, die Sie erwählten, wahrscheinlich später anders darüber denken!
    Erlauben Sie mir, Ihnen eine Bemerkung zu machen, sagte der junge Mann. Ich
habe die militärische Laufbahn nicht erwählt, ich bin zu ihr durch meine
Mittellosigkeit gezwungen worden. Meine ganze Seele war von meiner frühesten
Kindheit an nur auf Ein Ziel, auf die Kunst gestellt. Als Knabe wollte ich Maler
werden, weil ich ein Höheres nicht kannte.
    Und was hinderte Sie daran? fragte Paul.
    O, rief Valerio, ich war ja ein Herr von Arten! Ein Edelmann, ein Herr von
Arten kann kein Maler werden; er kann malen, sagte mir der Major, wenn er Zeit
und Lust dazu hat, so viel er mag. Ein Herr von Arten kann nicht von seiner
Hände Arbeit leben, kann nicht um Geld für Kreti und Pleti Bilder malen. Ein
Edelmann lebt für sich auf seinen Gütern, von seinen Renten oder in seines
Königs Dienst.
    Ueber Paul's Antlitz flog ein leises Lächeln; es entging der feinen
Beobachtung des Jünglings nicht, und durch dasselbe noch ermutigt, sagte er:
Das Testament des Freiherrn Franz, das mich und meine Mutter ganz von dem guten
Willen seines Sohnes abhängig macht, hat Sie wahrscheinlich, als Sie es kennen
lernten, über Verhältnisse aufgeklärt, die mich, seit ich darüber nachzudenken
vermochte, viel beschäftigten, und - er stockte ein wenig, setzte jedoch mit
Selbstbeherrschung hinzu: die ich seit gestern verstehen gelernt habe. Vor sechs
Jahren indessen, als wir Richten verliessen, war ich ein Knabe und hatte zu
gehorchen. So wurde ich für den Soldatenstand bestimmt. -
    Aber, fiel ihm Paul, der die Unterredung nicht über die Gebühr verlängert zu
sehen wünschte, in die Rede, Sie sind nicht in Uniform! Was bedeutet das?
    Ich bin aus dem Kadettenhause ausgestossen, antwortete Valerio, ohne eine
Miene zu verziehen, und ich bin überhaupt ein Ausgestossener! Ich führe den Namen
der Freiherren von Arten jetzt nicht mehr!
    Sie führen den Namen Ihres Vaters nicht mehr? Was wollen Sie damit sagen?
fragte Paul, dem die Festigkeit des Jünglings Wohlgefallen an ihm einzuflössen
anfing.
    Valerio zog einen Brief hervor und reichte ihn Tremann hin. Er war von
Renatus an Valerio geschrieben. Der Freiherr hielt dem jungen Manne in strengen,
trockenen Worten noch einmal den Fehltritt vor, dessen derselbe sich schuldig
gemacht hatte, erwähnte des Streites, der gestern zwischen ihnen vorgefallen
war, sprach von der Unmöglichkeit, dass er Valerio, wie dieser und seine Mutter
es forderten, seine Einwilligung zu einer Künstler-Laufbahn auf der Bühne geben
könne, so lange er den Namen eines Herrn von Arten trage, und wies ihn an,
reiflich zu überlegen, was er jetzt anzufangen denke, da der Freiherr sich weder
in der Lage, noch veranlasst fände, ihn lange und kostspielige Versuche mit
seiner Berufswahl anstellen zu lassen.
    Paul fragte, wesshalb der Freiherr ihm dies geschrieben und nicht gesagt
habe.
    Valerio entgegnete, er habe des Freiherrn Haus mit Bewilligung seiner Mutter
gleich gestern verlassen, um es nicht wieder zu betreten.
    Und was beabsichtigen Sie jetzt zunächst? erkundigte sich Paul, der nun
einsah, dass die Sache ernster war, als sie ihm zuerst erschienen.
    Ich will einen Namen nicht mehr führen, sprach Valerio mit einem
Selbstgefühle, das seine ohnehin edle Gestalt noch höher adelte, den man mich
nur aus Gnade bisher hat tragen lassen. Ich habe dem Major geschrieben, dass ich
entschlossen sei, fortan auf den Namen seines Vaters zu verzichten und mir
meinen Weg zu suchen, wo er für mich zu finden ist. Mit meiner Stimme, mit
meiner musikalischen Begabung und mit meiner Begeisterung für die Kunst kann es
mir nicht fehlen, mir als Sänger eine unendlich glänzendere und unabhängigere
Zukunft zu bereiten, als sie mir im Heere und im Dienste werden könnte. Mein
eigenes Bewusstsein und meines bisherigen Lehrers und Freundes Emilio Ausspruch
sind mir dessen Bürge.
    Der junge Mann brach ab, als schäme er sich dieses eigenen Lobes. Paul
schwieg ebenfalls.
    Wie jedem auf sein eigenes Leben achtsamen Menschen, war es Paul bisweilen
wohl begegnet, dass er in irgend einem bestimmten Augenblicke bei irgend einem
ganz plötzlich eintretenden, unvorherzusehenden Ereignisse die Empfindung gehegt
hatte, als habe er das schon einmal erlebt oder als habe er gewusst, dass und wie
dies eben jetzt geschehen müsse; aber nie zuvor war er von diesem Eindrucke so
betroffen worden, wie von dem Gegenbilde, welches Valerio's Vorhaben ihm zu
seinen eigenen Jugenderlebnissen jetzt vor Augen stellte.
    Ihm, dem unbezweifelten Erben seines Blutes, dem Sohne seiner Liebe, hatte
der Freiherr Franz einst den Namen derer von Arten aus Standesrücksichten
versagt, während er mit eben diesem Namen, aus denselben Standesrücksichten den
im Ehebruche von Vittoria erzeugten Knaben zu bedecken sich verpflichtet
gehalten hatte. Und vor Paul, der einst entflohen war, weil sein Vater ihm die
Anerkennung und seinen Namen geweigert hatte, stand jetzt eben jener dem
Freiherrn untergeschobene und von ihm doch anerkannte Sohn, entschlossen, den
Namen Arten von sich abzuwerfen, um in Freiheit der ihm angeborenen Begabung zu
entsprechen. Schnell wie diese Gedanken in Tremann sich erzeugten und an
einander reihten, entstand durch sie doch eine Unterbrechung in dem
Zwiegespräche; und mit unruhiger Spannung blickte Valerio zu dem älteren Manne
hinüber, bis dieser die Frage an ihn richtete, welchen Beistand und welche Hülfe
er von ihm begehre.
    Ich habe davon sprechen hören, dass Sie Mitbesitzer der Schiffe sind, die
zwischen Hamburg und England den Personenverkehr besorgen, sagte der Jüngere.
Meine Mittel sind beschränkt ... Er hielt inne, und eine heisse Röte überflog
sein schönes Antlitz; er war des Bittens, er war es noch nicht gewohnt, Hülfe
begehren zu müssen. - Ich möchte nach London gehen, den Unterricht des dort
lebenden grössten Sängers zu geniessen. Verschaffen Sie mir eine freie Ueberfahrt,
und - in Ihrem Hause lebt die Gräfin Haughton; sie hat sicherlich Verbindungen
in England. Ich möchte, bis ich zur Bühne gehen kann, Unterricht zu erteilen
versuchen, portraitiren. Ich treffe gut!
    Seine Festigkeit drohte ihn zu verlassen, und er wartete mit sichtbarer
Unruhe auf die Antwort Tremann's, als dieser statt derselben die Frage an ihn
richtete, ob der Major von Arten von diesen Absichten und von dem Besuche,
welchen Valerio ihm jetzt eben mache, unterrichtet sei. Der Jüngling verneinte
dies.
    So erlauben Sie, versetzte Paul, dass ich mich erst mit dem Herrn Major
verständige, ehe ich Ihnen sage, ob ich etwas und was ich für Sie tun kann.
    Valerio erhob sich. Sie weisen mich zurück! meinte er, und man konnte ihm
den gekränkten Stolz und die schmerzliche Enttäuschung in jeder Miene ansehen.
    Nein, entgegnete ihm Paul, aber Sie sind unmündig. Ich muss erst wissen, wie
Ihr Vormund über Ihre Plane denkt.
    Valerio blieb zögernd stehen; er schien etwas sagen zu wollen und den Mut
dazu nicht zu finden. Endlich stiess er rasch die Worte hervor: Entflohen Sie
denn mit Erlaubnis?
    Paul blickte den Jüngling ruhig an und sagte mit seinem schönen, ruhigen
Ernste: Nein; aber ich hatte Niemandem von meinem Vorhaben gesprochen und von
Niemandem Hülfe dabei begehrt! Ich verliess mich auf mich selbst!
    Valerio schlug beschämt die Augen nieder. Paul hatte indes durchaus nicht
beabsichtigt, ihn zurückzuscheuchen, und stets zum Begütigen geneigt, fügte er
sofort hinzu: Ich war ein Kind, das man zur Verzweiflung getrieben hatte. Ich
wusste, ich übersah nicht, was ich tat, denn ich kannte vom Leben und von der
Welt weit weniger, als Sie, und ich tadle es durchaus nicht, dass Sie Sich an
mich wandten, im Gegenteile! - Er sann einen Augenblick nach, blickte auf einen
Kalender, der zur Seite seines Schreibtisches hing, und sagte dann: Kommen Sie
morgen um die gleiche Stunde wieder zu mir, und Ihre Hand darauf, junger Mann,
jetzt, da Sie mit mir über Ihre Zukunft Rücksprache genommen haben, treffen Sie
keine Entscheidung über Sich, ohne dass ich davon weiss!
    Er hielt ihm die Hand hin; Valerio schlug mit neu belebter Hoffnung herzhaft
in die dargebotene Rechte. Dann hiess Paul ihn gehen, und kaum hatte der Jüngling
ihn verlassen, so setzte Jener sich nieder, an Renatus zu schreiben.
 
                                Zwölftes Capitel
Der Verkehr und der Zusammenhang zwischen den Familien von Paul und von Renatus,
die nach Eleonorens Genesung Anfangs eine Art von Lebhaftigkeit gewonnen hatten,
waren allmählich wieder geringer geworden und hatten sich in den letzten beiden
Jahren auf jene Einladungen zu grossen Festlichkeiten beschränkt, mit denen man
sich gleichgültigen Herzens und oft widerwillig genug gegen die grosse Anzahl
derjenigen sogenannten guten Freunde abzufinden sucht, die zu sehen oder gar zu
sprechen man kein sonderliches Verlangen trägt und die man doch nicht durch
gesellschaftliche Vernachlässigung zu Feinden werden lassen mag. Wenn man
einander traf, ergingen Vittoria und Cäcilie sich immer in Erklärungen und
Betrachtungen darüber, wie es habe geschehen können, dass man einander so lange
nicht gesehen, und Seba's und Daviden's Arglosigkeit war stets bereit, die
Gründe gelten zu lassen, welche von Jenen vorgebracht wurden. Paul aber, der,
ohne von Natur zum Misstrauen geneigt zu sein, die Menschen besser als die Frauen
kannte, sah und beurteilte die Gründe, aus welchen Renatus sich von ihm
zurückhielt, in einer anderen Weise.
    Er kannte die Einkünfte des Freiherrn so genau, als dieser selbst, und
Renatus wusste, dass Paul ein guter Rechner sei. Es konnte also dem Freiherrn, der
sich für verpflichtet erachtete, einen Aufwand zu machen, welcher bei Weitem
über seine Mittel ging, in keinem Falle erwünscht sein, einen Beobachter neben
sich zu haben, der nach seinen Grundsätzen eine solche Handlungsweise
entschieden tadeln musste, und Paul trug seinerseits auch kein Verlangen danach,
näher in die gegenwärtigen Verhältnisse des Freiherrn eingeweiht zu werden. Was
er davon gelegentlich und zufällig erfuhr und sah, bestätigte ihm nur die Lehre
von der wachsenden Schnelligkeit, mit welcher die einmal ins Gleiten geratene
Lawine dem Abgrunde zurollt. Was geschehen würde, darüber war Paul schon lange
nicht mehr im Zweifel; wann und wie es geschehen würde, liess sich fast auch mit
Sicherheit berechnen.
    Richten war so verschuldet, dass die Zinszahlungen von einem Vierteljahre zum
andern immer schwerer wurden. Steinert schrieb, dass es ein Jammer sei, in
welcher Weise der Amtmann, dessen Reich in Kurzem dort zu Ende gehen musste, auf
dem Gute wirtschafte, und wenn Paul in den kaufmännischen Kreisen, in welchen
er arbeitete, von den Wechseln auch nichts zu sehen bekam, die in den Händen der
Wucherer auf Renatus in Umlauf waren, so erfuhr er doch hier und da, dass der
Major von Arten mancherlei bedenkliche und gefährliche Spekulationen für sich
machen liess, und sein Zutrauen zu des Freiherrn Umständen ward dadurch natürlich
nicht gehoben.
    Renatus selber war dabei nicht wohl zu Mute. Er hätte es anders, er hätte
gern geordnete Verhältnisse haben mögen, aber wie konnte er zu diesen je
gelangen, ohne sein Leben völlig umzubrechen, ohne dem Grafen Gerhard und dessen
Frau das Feld zu räumen, ohne sich ihrem Urteil und dem Urteil aller seiner
Standesgenossen auf Gnade oder Ungnade zu überliefern?
    Dass Hildegard ihm und Cäcilien nie vergeben werde, dass sie ihn und die
Schwester hasse, und dass Graf Gerhard ihm übel wolle, darüber war Renatus ganz
im Klaren. Aber er sagte sich nicht, dass es in solchen Verhältnissen geraten
sei, die Trennung zwischen sich und seinen Feinden zu einer vollständigen zu
machen. Er mochte in dem sehr angesehenen und viel besuchten Hause seines Onkels
und seiner Schwägerin nicht fehlen; er meinte, durch seine blosse Anwesenheit in
demselben Hildegard's feindseligen Äusserungen eine Schranke setzen zu können,
und in der Tat hörte auch von der Gräfin Berka Niemand ein hartes Wort über den
Freiherrn oder über dessen Familie. Sie beklagte ihre Schwester nur, und dazu
hatte sie jetzt mehr als jemals Grund.
    Man wusste es in der Gesellschaft, dass die Vermögenslage des Majors von Arten
sehr zerrüttet sei, man sprach über das immer noch fortdauernde bedenkliche
Verhältnis zwischen Vittoria und dem Sänger, von Valerio's Entfernung aus der
Anstalt, von der zwischen Renatus und seiner Stiefmutter beabsichtigten
Trennung, und Renatus konnte sich endlich nicht darüber täuschen, dass man um
alle diese Dinge wusste, dass Jeder sie nach seiner Weise beurteilte und
besprach.
    Er befand sich in einer Verfassung, in welcher nichts ihn überraschte und
Alles ihm gleichgültig zu werden begann, weil er keinen rechten Ausweg mehr vor
sich sah. Das Ende des Jahres stand vor der Türe, es waren Forderungen aller
Art in nächster Zeit zu befriedigen. Er wusste es, dass ihm dies unmöglich sein
werde, dass Richten zum Verkaufe kommen musste, und er konnte sich es nicht
vorstellen, wie er leben solle ohne den, wenn auch nur noch anscheinenden Besitz
dieses seines Stammgutes. Er wusste eben so wenig, wie er sich und die Seinigen
von dem Einkommen erhalten solle, das seine militärische Stellung ihm eintrug
und das obenein durch Abzüge aller Art verkürzt zu werden drohte, wenn man es
erst erfahren hatte, dass er ruinirt sei. Er fühlte sich wie ein Schiffbrüchiger,
der auf leckem Boote im offenen Meere treibt, er musste sich sagen, dass Rettung
ihm nur durch ein Wunder werden könne, und wie er auf ein solches auch bisweilen
hoffen zu können wünschte, er vermochte es nicht.
    In dieser Lage fand ihn die Anfrage, welche Tremann wegen Valerio's an ihn
richtete, und wenn schon Paul durch dieses Ereignis lebhaft an den Wechsel der
Dinge und der Zeiten erinnert worden war, so war die Wirkung auf den Freiherrn
noch weit stärker. Er hätte Valerio Vorwürfe darüber machen mögen, dass er sich
an einen Dritten, dass er sich an Paul um Hülfe gewendet habe; aber er 'fühlte
sich jetzt dazu nicht mehr berechtigt. Er hatte den Brief noch nicht
beantwortet, in welchem Valerio ihm, unter Emilio's Anleitung, den Vorschlag
gemacht, dass er den Namen von Arten ablegen und unter dem italienischen Namen
seines wahren Vaters auf die Bühne gehen wolle, wenn Renatus ihm nur für die
nächsten Jahre noch das ihm zustehende, freilich sehr geringe Jahrgeld zu zahlen
geneigt sei, welches Valerio nach dem Testamente des Freiherrn Franz zu
beanspruchen das Recht besass.
    Renatus hielt das Schreiben Tremann's lange in seiner Hand. Die Wogen, die
ihn bedrohten, stiegen immer höher, das Boot, das ihn trug, sank immer tiefer
hinab, es war im Grunde ein Glück zu nennen, wenn er es, gleichviel wie
erleichtern konnte; aber es krampfte ihm das Herz in der Brust zusammen, als er
sich dies nicht mehr wegzuläugnen vermochte. Er musste froh sein, wenn er sich
Valerio's auf gute Art entledigen konnte, er musste den Handel - der Freiherr
brauchte dieses Wort mit einem Gefühle tiefer Selbsterniedrigung - er musste den
Handel mit dem jungen Manne eingehen, obschon er zuverlässig wusste, dass er nicht
im Stande sein werde, das Versprechen zu halten, auf welches Valerio sich
stützen wollte, und das er ihm zu leisten sich endlich doch von der Not
gedrungen fand.
    Tremann's Vermittlung kam ihm dabei, wie unwillkommen sie ihn im ersten
Augenblicke auch bedünkte, endlich als eine sehr erwünschte vor. Er schrieb ihm
gleich in der Frühe des nächsten Morgens, dass er ihm für die Mitteilung danke,
die er eben jetzt von ihm empfangen habe, und dass er ihn sogar bitte, mit dem
jungen Manne, der sich seiner brüderlichen Fürsorge zu entziehen wünsche, in
seinem Namen zu verhandeln. Da Valerio eine glänzende musikalische Begabung
zeige, keine Neigung für die ihm bestimmte militärische Laufbahn hege, in der er
sich ohnehin unmöglich gemacht habe, und da er sich zu keinem andern, seinem
Stande angemessenen Lebenswege entschliessen wolle, so finde er sich, so schwer
ihm dies auch ankomme, doch genötigt, der Entfernung Valerio's und seiner
musikalischen Ausbildung - von der Bühne zu sprechen, konnte Renatus auch jetzt
noch sich nicht entschliessen - Nichts in den Weg zu legen. Dass Valerio den Namen
von Arten unter diesen Verhältnissen nicht führen könne, verstehe sich von
selbst. Gerade deshalb sei er selber aber behindert, den Weg des jungen Mannes
zu fördern, und er werde sich daher Paul und der Gräfin Eleonore verpflichtet
fühlen, wenn sie Valerio die Hand zur Ausführung seines Vorhabens bieten
wollten, bei welcher derselbe auf das ihm zustehende Jahrgeld rechnen könne.
    Dem Briefe war eine Summe als Reisegeld und als vierteljährige
Pensionszahlung für Valerio beigefügt, und das ganze Schreiben war in einer Form
gehalten, die man unter den obwaltenden Umständen schicklich nennen und gelten
lassen konnte. Aber dem Freiherrn zitterte die Hand, mit welcher er die fünf
Siegel mit dem Arten'schen Wappen auf den Geldbrief drückte, und das alte fortis
in adversis brannte ihm wie eine schwere Mahnung in die Seele. Er hatte sein
Lebensschiff in einer Weise erleichtert, die er vor sich und seinem Gewissen
nicht verantworten konnte, und er hatte dazu noch das Bewusstsein, sich auch
damit keine wirkliche Rettung bereitet zu haben.
    Es litt ihn nicht in seinem Hause; er mochte auch keinen der Seinigen sehen.
Trotz des übeln Wetters machte er einen langen Spaziergang in den Park. Er hatte
ein Bedürfnis, allein zu sein und die schwer beladene Brust zu dehnen. Als er am
Mittage wiederkehrte, war Vittoria abwesend. Cäcilie sagte, die Mutter habe den
Wagen anspannen lassen, um Valerio seinen Koffer hinzubringen, und auch um sich
in der Stadt nach einer Wohnung für sich umzusehen.
    Der Wagen kam ohne Vittoria zurück; sie hatte sich bei einer Freundin
absetzen lassen, bei der sie speisen wollte. Der Freiherr und seine Frau nahmen
ihre Mahlzeit einsam ein; man war überzeugt, dass Vittoria mit ihrem Freunde und
ihrem Sohne bei der Freundin zusammentreffe. Renatus äusserte sich heftig
darüber; Cäcilie, die seine Gereizteit und seine Verdüsterung gewahrte,
versuchte eben für diesen Tag und diesen Fall Vittoria zu entschuldigen.
    Am Abende war ausnahmsweise einmal eine geladene Gesellschaft bei der Gräfin
Berka. Cäcilie und Renatus hätten sich gern von dem Besuche derselben befreit.
Weil sie aber die Sicherheit in ihren Verhältnissen verloren hatten, wollten sie
durch ihr Fortbleiben keine Fragen veranlassen, sondern auf dieselben, wenn sie
etwa getan werden sollten, lieber durch persönliche Zurechtlegungen antworten,
und etwas später, als die Einladung es bestimmte, langten sie in dem Berka'schen
Hause an.
    Die Gesellschaft war bereits versammelt, und täuschte die Verstimmung und
Unruhe die beiden Eheleute oder herrschte wirklich eine augenblickliche Pause in
der Unterhaltung, genug, sie glaubten Beide zu bemerken, dass man bei ihrem
Eintreten schwieg und dass man sie mit einer Art von Neugier betrachtete. Das
raubte Cäcilien die Fassung, welche sie ohnehin den Tag hindurch nur mühsam in
sich aufrecht erhalten hatte, und sich an die Schwester wendend, machte sie eine
überflüssige und eben darum nicht geschickte Entschuldigung für ihr verspätetes
Erscheinen.
    Hildegard, die gerade von den ausgezeichnetsten Personen ihres Kreises
umgeben war, hielt Cäcilie mit der ganzen vornehmen Anmut, die sie sehr wohl zu
entwickeln verstand, die Hand entgegen und sagte freundlich: Wie magst Du
darüber nur ein Wort verlieren! Ich versichere Dich, ich habe den ganzen Tag an
Euch gedacht und immer zu Dir fahren wollen, weil ich glaubte, Du würdest Dich
nicht aufgelegt fühlen, auszugehen. Indes es ist gut, dass Ihr Euch überwunden
habt, es zerstreut Euch doch. Sei herzlich willkommen!
    Sie küsste die Schwester dabei, was sie sonst in der Gesellschaft nie getan
hatte; aber es überlief Cäcilie kalt bei ihren Worten, und sie wendete sich
ängstlich um, zu sehen, ob Renatus Hildegard's Äusserung nur nicht vernommen
habe. Den aber hielt Graf Gerhard neben seinem Sessel fest, und Cäcilie konnte
nicht gleich zu ihm kommen, denn Hildegard hatte den Arm der Schwester in den
ihrigen gelegt und führte sie mit sich herum. Es war von ihr offenbar auf eine
besondere Schaustellung abgesehen; sie wollte dartun, dass sie ihre Schwester
aufrecht zu erhalten und in Schutz zu nehmen denke. Aber wesshalb das? Was
bedeutet das? fragte diese sich mit wachsender Beklemmung.
    Renatus seinerseits verstand eben so wenig, was die Gräfin Berka mit ihrer
auffallenden Zärtlichkeit für Cäcilie, mit ihrer besonderen Zuvorkommenheit für
ihn selbst beabsichtige, die ihm den ganzen Abend drückend blieb. Er fühlte sich
so niedergeschlagen, so gepeinigt, so beunruhigt, dass er es bereute, gegen seine
Neigung und Stimmung unter Menschen und in Gesellschaft gegangen zu sein. Er
hatte keine Ruhe zu irgend einer Unterhaltung; er ging, gegen seine sonstige
Gewohnheit, von einer Gruppe zur andern, er hätte sich gern heiter, sorglos
zeigen, sich und Andere täuschen mögen, und doch wusste er, dass in wenig Tagen
oder Wochen seine Lage vor Aller Augen offen sein würde, dass der Concurs über
ihn hereinbrechen müsse, dem durch ein Abkommen vorzubeugen oder aus dem sich zu
erheben für ihn kaum eine Möglichkeit vorhanden war. Ein Schmerz, der sich bis
zur Verzweiflung an sich selber steigerte, frass an seinem Herzen, und mit
ungeheurer Gewalt wälzte sich wie ein Alp das Bewusstsein über ihn: dass sein
Unglück grösser sei, als er selbst und seine Kraft.
    Zwischen dem kleinen Empfangszimmer und dem grossen Saale befand sich ein
Cabinet, das von beiden Seiten mit schweren Türvorhängen versehen war. In der
runden Vertiefung am oberen Ende stand ein Sopha. Es war, wenn man aus dem Saale
kam, nicht sichtbar, und als Renatus vorhin durch das Cabinet gegangen war,
hatte er es leer gefunden, da die Gesellschaft nicht sehr zahlreich war. Sich
einen Augenblick Ruhe zu verschaffen, trat er hinein und setzte sich in die
Sopha-Ecke nieder.
    Aber kaum hatte er den Platz eingenommen, als sich zwei Männer plaudernd in
die Brüstung der Türe stellten, deren Stimmen Renatus sofort erkannte. Der
ältere von ihnen, Graf Aurel, war ein Jugendgenosse des Grafen Gerhard, einer
der bekanntesten Lebemänner der Stadt, der andere ein Gesandtschafts-Sekretär,
dem Berka'schen Hause eng befreundet. Sie sprachen in gleichgültiger Weise über
die Verhältnisse der anwesenden Personen.
    Es war bereits von Diesem und Jenem die Rede gewesen, wie Renatus aus den
einzelnen, zu ihm dringenden Worten hatte entnehmen können, als er plötzlich
seinen Namen zu hören glaubte.
    Er hätte diese Massregel, wie die Gräfin richtig bemerkte, nur früher treffen
müssen, sagte scherzend der Gesandtschafts-Sekretär.
    Was wollen Sie? entgegnete der Graf; die Baronin Vittoria soll ein
bedeutendes Legat von dem verstorbenen Freiherrn in Händen haben, und der Major
ist ruinirt! Da hat er wohl ein Auge zugedrückt, und - der Graf lachte - die
Baronin Cäcilie ist ja auch eine leidenschaftliche Sängerin; er wird das
Terzett, denn ein solches soll es in der Tat gewesen sein, nicht haben stören
wollen.
    In diesem Augenblicke, noch ehe der in allen Nerven erbebende, unfreiwillige
Hörer sich von seinem Sitze zu erheben vermochte, wurden die beiden Sprechenden
in ihrer halblaut geführten Unterhaltung durch die herantretende Hausfrau
unterbrochen, welche den Gesandtschafts-Sekretär aufforderte, irgend eine
Nachricht aus der Hauptstadt seines Landes, die er ihr bei seiner Ankunft
mitgeteilt hatte, einem Kreise neugieriger Gäste bekräftigend zu wiederholen.
Der junge Diplomat folgte der Gräfin Berka in den Saal, und Graf Aurel, der bei
Hildegard's Anfrage an den Marquis sich höflich einige Schritte zurückzuziehen
wünschte, trat für einen Augenblick in das oben erwähnte Seitengemach.
    Er war lange im Militär gewesen und ein Mann von erprobtem Mute, aber er
konnte sich einer Äusserung des Erschreckens nicht erwehren, als er sich
plötzlich und unerwartet dem Freiherrn von Arten gegenüber sah, dessen von der
Blässe des Todes überzogenes, von Leidenschaft entstelltes Antlitz ihm
versteinernd entgegenstarrte. Als ein Mann von Welt übersah er sofort die
notwendigen Folgen des unglückseligen Zufalles, der den Freiherrn zum Hörer
jener beleidigenden Worte gemacht hatte; allein der Umstand, dass der Marquis
sich bereits entfernt und dass jetzt kein anderer Zeuge als der Beleidigte selbst
zugegen war, liess den Grafen einen Augenblick lang an die Möglichkeit irgend
einer Ausgleichung oder doch an die Abwendung des Äussersten denken.
    In Erwägung der fürchterlichen Lage, in welcher der Freiherr sich befand,
schien es dem Grafen, dem ohnehin ein solches Begegnen mit den nächsten
Anverwandten des ihm eng befreundeten Hauses höchst unwillkommen sein musste,
sogar von der Ehre als eine Pflicht geboten, selbst einen Schritt über das
gewöhnliche Mass hinaus zu tun, und schon begann er an den noch immer ihm
schweigend Gegenüberstehenden in diesem Sinne das Wort zu richten, als der
Freiherr mit einer nicht misszudeutenden Bewegung ihm die Rede abschnitt.
    Die Lehne des Sessels, die Renatus' Rechte umkrampft hielt, brach unter dem
Drucke, als er mit hohler, vor innerem Grimme bebender Stimme die Worte
hervorstiess: Sagen Sie Ihrem Partner, das Duett, das ich so eben von Ihnen
Beiden vortragen hörte, sei eben so falsch, als der, der es anstimmte, ehrlos
ist! - und seiner selbst nicht mehr mächtig, den abgezogenen Handschuh dem
Grafen in das Gesicht schleudernd, verliess er hoch aufgerichtet das Gemach.
    Ein Gefühl wilder Befriedigung war über ihn gekommen. Er hatte jetzt endlich
einen Gegenstand gefunden, gegen den er die Empfindungen richten konnte, welche
kurz zuvor in seinem Busen gegen ihn selbst gewendet gewesen waren. Er fühlte
sich befreit von dem Alpdrucke, der auf ihm gelastet hatte.
    Sein Schicksal selbst, jenes Schicksal, das über seinem Hause noch immer
gewacht und die Glieder dieses Hauses vor offenbarer Schmach und Schande noch
stets bewahrt, es hatte ihm den Ausweg gewiesen, den er zuweilen im Drange und
in der geheimen Not dieser letzten Wochen durch Selbstmord sich zu öffnen
gedacht hatte. Jetzt war er sicher, wie es ihm zukam, als ein Edelmann zu
sterben - und er war des Daseins und des Lebens von Herzensgrunde müde.
    Stolz, sicher, mit festem Blicke des blitzenden Auges die Anwesenden
messend, durchschritt er den Saal und näherte sich dem Gesandtschafts-Sekretär.
Graf Aurel wünscht Ihnen, Herr Marquis, eine Mitteilung zu machen! sprach er
mit lächelnder Miene zu dem jungen Diplomaten, der sich bei diesen Worten zum
Erstaunen der Nächststehenden sichtbar entfärbte, aber, schnell wieder gefasst,
sich eilig zu dem Grafen in das Nebenzimmer begab.
    Es entstand eine kleine Bewegung, man sah sich nach den beteiligten
Personen um; indes es waren alles Leute von Welt, die Formen der guten
Gesellschaft zogen sich über der augenblicklichen Störung, deren Ursache Niemand
mit heftiger Neugier auf die Spur zu kommen suchte, schnell wieder zusammen, und
da der Abend schon vorgerückt war und man im Berka'schen Hause um des Grafen
willen nie spät zusammen blieb, fiel es nicht auf, dass Graf Aurel und der
Marquis sich bald empfahlen und auch Renatus seine Gattin zum Aufbruche
anmahnte.
    Früh am anderen Morgen, als Renatus noch mit Cäcilie beim Frühstücke war,
meldete man ihm den Besuch eines seiner Kameraden. Cäcilie wunderte sich über
den frühen Besuch, indes er flösste ihr keinen Argwohn, keine Besorgnis ein, und
auch der Name des Gemeldeten fiel ihr durchaus nicht auf. Es war ein Vetter des
Grafen Aurel, der mit Renatus in demselben Regimente diente und mit dem der
Freiherr immer auf gutem Fusse, in einem angenehmen kameradschaftlichen
Verhältnisse gestanden hatte.
    Der Besuch währte für die frühe Stunde ungewöhnlich lange, so dass Cäcilie,
als Renatus endlich zu ihr wieder zurückkam, sich erkundigte, was der
Rittmeister ihm gebracht habe. Er sagte, sie solle nicht neugierig sein, und
klagte sich an, dass er sie verwöhnt habe; da er das alles aber freundlich, ja,
scherzend aussprach, gab sie sich auch bald zufrieden, und es war davon die Rede
nicht mehr.
    Der Tag verging unter Besorgungen aller Art äusserlich in gewohnter Weise. Am
Vormittage erhielt Renatus einen Brief von Paul, in welchem dieser ihm anzeigte,
dass er und die Gräfin Haughton für Valerio die nötigen Schreiben besorgt hätten
und dass er den jungen Mann, da in drei Tagen das nächste Packetboot nach London
abgehe, angewiesen habe, sich für die heutige Abendpost zur Reise nach Hamburg
einschreiben zu lassen. In einem Billet von Valerio, das beigefügt war, ersuchte
dieser den Freiherrn, ihm persönlich Lebewohl sagen zu dürfen, und Renatus war
jetzt dazu geneigt, dem Verlangen zu willfahren.
    Valerio war, da er am Nachmittage zu dem Freiherrn kam, weich und sehr
bewegt. Nicht als ob er in sich unsicher oder in seinem Vorhaben und in seinen
Hoffnungen schwankend geworden wäre, nur der Abschied von den Seinen schien ihm
schwerer zu fallen, als man es erwartet hatte.
    Er hatte, wie er es gleich nach der Stunde ihres Zusammenstosses getan, den
Freiherrn als einen Fremden mit seinem Titel anreden wollen; aber da er nun vor
Renatus hintrat, fiel es ihm auf, dass dieser bleicher und sehr ermüdet aussah,
und weil der Jüngling meinte, es sei der Kummer über ihn, der den Freiherrn also
verwandelt habe, warf er sich demselben mit Leidenschaftlichkeit an die Brust.
    Ich lerne es nicht, ich lerne es nicht, Dich als einen Fremden anzusehen!
rief er mit überströmender Empfindung - habe ich Dir doch mehr, weit mehr zu
danken, als wenn Du mein Bruder wärest, und ich habe Dir es schlecht gelohnt!
    Renatus drückte ihn an sein Herz und redete ihm ernstaft zu. Valerio
wollte, dass er ihm ganz ausdrücklich seine Verzeihung aussprechen solle, und der
Freiherr tat es. Er zeigte sich ebenfalls erschüttert, schloss Valerio's Haupt
in seine Hände und küsste ihn, da sie schieden, als ob er segnend einen Sohn
entliesse. Cäcilie weinte, indes es wurde ihr doch leichter, da sie sich jetzt
sagen konnte, ihre grosse Bangigkeit und die Schwermut ihres Mannes, die ihr im
Lauf des Tages aufgefallen war, würden durch die Trennung von Valerio
herbeigeführt.
    Sie verliess den Gatten so wenig als sie konnte, und er schien es gern zu
sehen, dass sie blieb, selbst als er am Abende lange Zeit schreibend an seinem
Arbeitstische sass. Ein paar Mal meinte sie ihn seufzen zu hören, und sie wollte
ihn fragen, was ihn drücke, aber sie unterliess es, weil sie wusste, dass er dies
nicht liebe, dass er eben jetzt, am Ende des Jahres, der unerfreulichen Geschäfte
die Menge habe.
    Abends, als sie den Tee einnahmen, zu dem Vittoria sich eingestellt hatte,
war Renatus ruhiger, als in den ganzen letzten Wochen. Er schien die Andern und
sich selber zerstreuen zu wollen und machte die Unterhaltung fast ganz allein.
Er kam mehrmals auf seinen Vater, auf seine verstorbene Mutter, auf die Zeit zu
sprechen, in welcher er noch ein Knabe gewesen und Vittoria in sein Vaterhaus
gekommen war. Dann erging er sich in Betrachtungen über das, was man in dem
Leben des Menschen die höhere Fügung nenne, und über die geheimnisvolle Grenze
zwischen dem sogenannten freien Wollen und dem unabweislichen Müssen. Es war das
schon ein Lieblingstema seines Vaters gewesen, und Renatus hatte, wenn er sich
dem Nachdenken und Sprechen über dasselbe hingab, es stets geliebt, den Menschen
mit einem Baume zu vergleichen. Auch jetzt kam er bald wieder auf dieses ihm
genehme Bild zurück.
    Wie kann von einem freien Willen die Rede sein, sagte er, wo wir, wie der
Baum, unser eigentliches Wesen und Gepräge als ein angestammtes in uns tragen
und Boden und Luft, die wir auch nicht frei erwählen, unsere Entwicklung
bedingen? Der Baum mag seine Blätter im Winde spielen lassen und seine Aeste
nach der Sonne wenden; das ist seine ganze Freiheit, und selbst diese geringe
Freiheit ist Naturnotwendigkeit. Alles für ihn und Alles für uns ist
vorbestimmtes Müssen. Wir geniessen und erleiden, was uns zuerkannt ist, wir
können dem uns zugewiesenen Loose nicht entgehen, gleichviel, ob wir's aus den
Händen eines blinden Schicksals oder einer göttlichen Allweisheit zugeteilt
erhalten.
    Vittoria achtete auf solche Auseinandersetzungen in der Regel wenig, sie war
dazu, wie sie es zu nennen pflegte, sich nicht wichtig genug. Cäcilie aber
meinte es sich erklären zu können, wie ihr Gatte eben heute zu solchen
Betrachtungen gedrängt werde, und sie bemerkte zu ihrem Troste, dass ihn
dieselben sichtbar beruhigten. Er verlangte, als man sich schon trennen wollte,
die beiden Frauen noch singen zu hören, und da Vittoria, von der Musik
erschüttert und an Valerio erinnert, plötzlich zu weinen begann, schloss Renatus
sie in seine Arme und sprach ihr liebreich und tröstend Mut ein.
    Du bist auch ein armer, aus seiner Heimaterde unfreiwillig herausgenommener
Baum, sagte er, und Du hast eben deshalb des Erleidens auch Dein Teil gehabt.
Lass uns hoffen, dass es dem jungen Stamme, den wir jetzt Luft und Erde nach
seinem Belieben suchen lassen, besser gehen werde, wenn es uns im Augenblicke
auch schwer gefallen ist, ihm seinen Willen zu vergönnen.
    Er schlief in der Nacht nicht viel und erhob sich zeitig. Er hatte Cäcilien
gesagt, dass er in der Frühe ein wichtiges Geschäft zu ordnen habe, und da sie
wusste, wie drückend solche Angelegenheiten in der Regel für ihn waren, fiel es
ihr nicht auf, dass er bei ihrem gemeinsamen Frühstücke weniger als sonst genoss.
Als er sich dann angekleidet hatte und sich entfernen wollte, sah Cäcilie, dass
er in voller Uniform war. Der Gedanke, dass Renatus eben jetzt zu seinem Chef
gehe, um ihm die üble Lage, in der er sich befinde, zu entdecken und mit ihm
Rat zu halten über die Schritte, die er tun solle, ein öffentliches Aufsehen
möglichst zu vermeiden, fuhr ihr erschreckend durch den Sinn. Sie wollte ihn
fragen, aber sie fürchtete, ihm dadurch nur noch eine neue Pein aufzulegen, und
von Liebe und Mitleid überwältigt, schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und
küsste ihn. Er drückte sie mit tiefer Inbrunst an sich, sie gaben sich die
zärtlichsten Namen, Cäcilie musste weinen.
    Wir lieben einander doch! rief sie endlich, als wolle sie ihm den Trost
vorhalten, der ihnen schon über manchen Kummer fortgeholfen hatte.
    Ja, und ich liebe Dich sehr, denke daran und vergiss das nicht! gab Renatus
ihr zurück. Auch ihm war das Auge feucht geworden, aber er riss sich los und ging
die Treppe festen Schrittes hinunter.
    Cäcilie trat an das Fenster und sah, wie er in den Wagen stieg. Er blickte
noch einmal aus dem Schlage zu ihr hinauf und grüsste mit der Hand. So schieden
sie.
 
                              Dreizehntes Capitel
Am Mittage durchlief das Gerücht die Stadt, dass der Major Freiherr von Arten im
Duell erschossen sei.
    Man erzählte es Paul, als er eben in die Börse eintrat, denn man wusste, dass
er mit dem Freiherrn in mannigfachem Verkehr gestanden habe. Trotz seiner
gewohnten Festigkeit bemerkte man, dass ihn die Nachricht sehr erschrecke. Er
suchte sich so schnell als möglich frei zu machen, gab seinem Disponenten die
nötigen Anweisungen für die heute zu ordnenden Geschäfte und fuhr
augenblicklich nach dem Artenschen Hause.
    Alles war dort in der völligsten Zerstörung. Vittoria lag in heftigen
Krämpfen, Cäcilie rang an der Leiche ihres Gatten, die man vor einer Stunde in
seinem Wagen nach Hause gebracht hatte, verzweiflungsvoll die Hände, ihre Mutter
und ihre Schwester waren bei ihr. Die Gräfin Berka war die Einzige, die ihrer
selber Herr war und grosse Fassung zeigte.
    Sie war es auch gewesen, die in dem Zimmer des verstorbenen Freiherrn einen
von ihm an seine Gattin zurückgelassenen Brief aufgefunden hatte. Ein paar
andere Briefe hatten daneben gelegen, einer davon war an Paul gerichtet, und
Hildegard, welche die Leitung aller Angelegenheiten übernommen zu haben schien,
händigte ihm denselben aus. Er lautete:
    »Wenn Sie diesen Brief empfangen, bin ich nicht mehr am Leben, und es sind
die Wünsche eines Hingegangenen, die er Ihnen überbringt. Möge Ihr grosser Sinn
sie Ihnen heilig machen.
    Die Vorsehung, die uns aus Einem Stamme erstehen liess und unsere Lebenswege
dennoch trennte, hat uns in den letzten Jahren in ihrer Weisheit einander
angenähert, als wolle sie mir den Pfad zeigen, auf dem ich zu gehen, und die
Weise angeben, in welcher ich das Erlöschen unseres alten Stammes in dem
Augenblicke zu verhindern habe, in welchem der Letzte Derer, die bis jetzt den
Namen unseres Hauses mit Recht besessen, von der Erde scheidet.
    Das Blut der Freiherren von Arten fliesst in Ihren Adern; meines
hingegangenen Vaters Ebenbild, die Züge unserer Ahnen leben in Ihnen, und selbst
- ich habe, da der Himmel mir keine Kinder gegeben hat, dies stets mit
schmerzlicher Rührung wahrgenommen - in Ihren Söhnen leben sie noch fort. Wie
mein Vater in dem Sinne und nach dem Ehrengebote unseres Standes und unseres
Hauses handelte, als er es sich versagte, Sie öffentlich als seinen Sohn
anzuerkennen, so handle ich, ich bin dess sicher, in seinem Geiste und in dem
Geiste unseres Hauses, wenn ich danach trachte, den edlen, alten Namen der
Freiherren von Arten-Richten nicht untergehen zu lassen.
    Meine Vermögensverhältnisse, die Sie kennen, machen es für die Baronin
Cäcilie unmöglich, die Richtener Güter zu behalten, und ich weiss es aus dem
Munde meines verstorbenen Lehrers und Erziehers, des Caplans, dass Ihre Mutter am
Vorabende ihres freiwilligen Todes Sie ermahnt hat, nach dem Besitze des
Schlosses zu streben, das sie Ihnen an jenem Abende als Ihres Vaters Haus
bezeichnete.
    Es war das eine Vorstellung, die mir alle Zeit quälend gewesen ist, seit
sie, es war als ich in den russischen Feldzug ging, zuerst in mir erweckt wurde,
und sie hat mich, wie eine unheimliche Ahnung, stets befallen, so oft ich in
Ihre Nähe gekommen bin. Dieses Geständnis, welches Ihnen zu machen ich jetzt
kein Bedenken trage, wird Ihnen Vieles in meinem Verhalten gegen Sie erklären,
das Ihnen vielleicht bisher nicht verständlich gewesen ist und Sie zu
nachteiligen Ansichten über mich verleitet haben mag.
    Was mich einst von Ihnen fern hielt, führt mich jetzt, da ich mein Leben und
das Schicksal unseres Hauses in grossem Ueberblicke betrachte, auf Sie und zu
Ihnen zurück.
    Ich habe Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen, der sich als den ersten
Edelmann seines Landes anzusehen geruht und dessen Gnade ich mich versichert zu
halten Ursache habe, die Verhältnisse unseres Hauses aus einander gesetzt. Wenn
dieser Brief in Ihre Hände kommt, hat Seine Königliche Hoheit auch mein Ansuchen
bereits empfangen, und ich zweifle nicht, dass es bei ihm eine geneigte Stätte
finden und dass Er Selber wünschen wird, den Namen eines alten Geschlechtes, das
schon vor den Hohenzollern in unserer Heimat angesessen gewesen ist, auch für
die Zukunft zu erhalten.
    Richten muss verkauft werden; kaufen Sie es an! Vereinigen Sie die Güter
wieder, deren mich zu entäussern ich gezwungen war, und führen Sie in Sich und
Ihren Kindern den Namen unseres gemeinsamen Vaters weiter fort. Unser Wappen
wird in Ihren Händen wohl aufgehoben sein. Sie haben sein fortis in adversis!
beherzigt und bewährt.
    Und so empfangen Sie mit dem Segen und den Wünschen, die ich Ihnen über mein
Leben hinaus für das Gedeihen unseres Geschlechtes zurufe, auch meine letzten
Bitten. Es sind ihrer nicht viele, und sie sind selbstverständlich. Nehmen Sie
Sich beratend und hülfreich meiner teuren Cäcilie, meiner Witwe an; stehen Sie
auch der Baronin Vittoria und ihrem Sohne mit Ihrer Erfahrung grossmütig zur
Seite und sorgen Sie dafür, dass ich in unserer Familiengruft in Rotenfeld
bestattet werde. Es ist ein erhebender Gedanke in jenem biblischen zu seinen
Vätern versammelt werden!
    Und damit Lebewohl! Möge der neue Stamm, den Sie begründen, glücklicher
sein, als ich es gewesen bin! Des Himmels Segen über sein Gedeihen!«
    Schweigend und in tiefe Gedanken versunken, hielt Paul das Blatt eine Weile
in seinen Händen; schweigend und in tiefe Gedanken versunken stand er an des
Freiherrn schöner Leiche. Cäcilie war wie vernichtet. -
    Noch vor dem Ende des Jahres ward der Sarg, in dem Renatus ruhte, nach
Rotenfeld gebracht. Cäcilie hatte gewünscht, die Leiche ihres Gatten zu seiner
letzten Stätte zu begleiten, und Herbert war ihr eine Strecke entgegengereist,
um die trauernde Witwe zum Verweilen in seinem Hause einzuladen. Man mochte sie
nicht in das verödete Schloss nach Richten gehen lassen. -
    Im Frühjahr kam Richten zum Verkauf. Es war zwischen den Freunden, zwischen
Steinert, Herbert und Paul, von Anfang an fast selbstverständlich gewesen, dass
Einer von ihnen, dass Paul es an sich bringen müsse. Er hatte schon lange daran
gedacht, einen Landbesitz zu erwerben, auf welchem er alljährlich ein paar
Monate mit den Seinen in ruhiger Zurückgezogenheit verleben könne, und bei
seinem grossen Vermögen war es ohnehin geraten, einen Teil desselben in Grund
und Boden festzulegen. Allerdings gab es südlichere Gegenden, deren
Naturschönheit verlockender gewesen wäre; aber die Aussicht, Steinert und
Herbert zu Nachbarn zu bekommen, die Gewissheit, dass ihre Aufsicht und Erfahrung
seinem Besitze zu Statten kommen werde, waren hoch zu veranschlagen, und über
dies alles hinaus, Paul läugnete sich das keineswegs fort, wirkten seine
Jugend-Eindrücke bestimmend auf ihn ein.
    Es war ein eigenartiges Empfinden, mit welchem er den Kauf-Contract über die
Richtener Güter unterzeichnete, eine ergreifende Erinnerung, mit welcher er als
Besitzer mit den Seinen in Schloss Richten einzog.
    Die Erntezeit war, als er in Richten eintraf, schon vorüber, denn es hatte
der unerlässlichen Instandsetzungen in dem seit Jahren nicht bewohnten Schloss
doch so viele gegeben, dass trotz der Bemühungen der beiden Herbert's der Monat
August herangekommen war, ehe man daran denken konnte, das Schloss mit Behagen zu
beziehen.
    Nun hatten die neuen Eigentümer sich in demselben heimisch eingerichtet,
und am ersten Sonntage, den man mit Ruhe dort verlebte, waren die befreundeten
Familien von Neudorf und von Rotenfeld mit ihren verheirateten Kindern und
Enkeln nach Richten herübergekommen.
    Mit grosser Genugtuung, aber doch innerlich bewegter, als er es zeigte, sass
Paul an dem Mittage mit seiner Familie und seinen Gästen auf der Terrasse, die
nach dem Parke hinunterführte. Man hatte in dem chinesischen Häuschen am oberen
Ende der Terrasse, das Herbert nicht verändern lassen, ein Frühstück für die
grosse, buntgemischte Gesellschaft aufgetragen. Es waren stattliche Greise,
tüchtige Männer und Jünglinge, heitere Matronen, fröhliche junge Frauen und dazu
Kinder beiderlei Geschlechtes, die sich in ihrer lauten Lust kaum Genüge zu tun
wussten.
    Seba mit ihrem sanften Ernste sass an Eleonorens Seite; sie konnte nicht
aufhören, an die Baronin Angelika zu denken, die hier an derselben Stelle einst
ihre Eltern bewirtet, die hier in solcher milden Herbstessonne die letzten Tage
ihres Lebens zugebracht hatte, und auch in Herbert tauchte ein altes, schönes
Erinnern mit seiner stillen Wehmut auf. Fast in Allen lebte mehr oder weniger
deutlich das Bewusstsein der grossen Wandlungen, welche sich in ihnen selber und
während der letzten vierzig Jahre auch in der Erkenntnis und in dem Gemeingefühl
der ganzen Menschheit befreiend und erlösend vollzogen hatten.
    Während man in gutem Gespräche so beisammen sass, brachte der Diener dem
neuen Besitzer von Richten die Briefe, welche von seinem Geschäftsführer ihm
regelmässig nach dem Gute gesendet wurden. Paul legte sie ruhig zur Seite, da er
in diesem Augenblicke sie doch nicht zu erledigen und zu beantworten vermochte;
nur ein Brief schien ihm durch Form und Siegel aufzufallen, und er eröffnete
ihn. Er kam aus dem Kabinette des Kronprinzen.
    Eine flüchtige Röte und ein feines Lächeln flogen über das Angesicht des
Lesenden. Seba und Davide blickten ihn fragend an.
    Es ist eine Gnade, die man mir anzutun denkt, sagte er gelassen. Der König
ist, wie es in dem Schreiben heisst, nicht abgeneigt, mich in Anerkennung meiner
Verdienste um die heimische Industrie und als jetzigen Besitzer der Güter eines
edeln Hauses unter Beilegung des Namens und Titels der Herren von Arten, wie der
Letzte dieses Hauses und Stammes es von ihm erbeten hat, in den Adelstand zu
erheben.
    Die Anwesenden sahen einander an und blickten dann fragend auf den
Sprechenden.
    Paul hatte das Schreiben bereits wieder zur Seite gelegt. Die Sache kommt
mir nicht unerwartet, sagte er. Der Staat ist klug genug, sich der Besitzenden
so viel als möglich versichern und den finanziellen Schwerpunkt so viel als
möglich dem Bürgertum entziehen zu wollen. Ich hatte es für sehr wahrscheinlich
gehalten, dass man mir dieses Anerbieten machen würde.
    Und Du hast es nicht gehindert? fragte Steinert, dessen fester, aber eben
deshalb zum Argwohn geneigter Bürgersinn sich nicht gleich in die Handlungsweise
des Freundes zu finden wusste.
    Wie sollte ich ablehnen, was man mir noch nicht angeboten hatte? entgegnete
Paul. Aber sei unbesorgt, alter Freund, ich gehöre weder zu denen, die Gnaden zu
erbitten, noch zu denen, die unerbetene Gnade anzunehmen gewohnt sind! - Er
schwieg einen Augenblick, dann sagte er: Der verstorbene Freiherr Renatus hat es
auf seine Weise wohlgemeint und er hat als ein wahrer Repräsentant seiner Kaste
nur an sich und seine Ehre, an sich und seinen Stamm und an die Erhaltung seines
Namens gedacht, nicht an mich, an meine Ehre und an meinen Stamm. Er konnte es
sich von seinem Standpunkte aus nicht denken, dass ich keines andern Namens
begehren kann, als dessen, welchen ich selber mir erschaffen habe, und dass
derjenige, der mich aus meinem Stande in einen andern nicht nur versetzen,
sondern sogar erheben zu können glaubt, mich und meine ganze Vergangenheit
beleidigt; denn er erniedrigt in mir nicht nur mich selbst, sondern alle
Diejenigen, welche mit mir bisher als mit Ihresgleichen in achtendem Vertrauen
verbunden gewesen sind. Und ich lebe der sichern Hoffnung: von uns Allen, die
wir heute hier in meinem Hause beisammen sind, soll keiner je danach verlangen,
etwas Anderes zu sein, als ein unbescholtener, unabhängiger Mann, ein nützlicher
Bürger seines Vaterlandes! Darauf lasst uns anstossen, dass ein starker, freier
Bürgersinn auch unter unsern Kindern und Kindeskindern mächtig sein und dass er
die Freiheit, deren wir nach allen Seiten noch bedürfen, heraufführen helfen
möge über unser Volk und über die ganze Welt!
    Er hob sein Glas, sie drängten sich Alle um ihn; seine Brust atmete frei
und stolz.
    Am Abende, da alle seine Gäste unter seinem Dache bereits die Ruhe gesucht
hatten, trat er mit Daviden noch einmal aus seinem Zimmer auf die Terrasse
hinaus. Er hatte seinen Arm um seines Weibes schlanken Leib gelegt, und in
stillem Frieden wandelten sie langsam und schweigend hin und wieder.
    Der Mond war inzwischen emporgestiegen, die Nacht war sehr warm, der volle
Duft der Levkojen und des Reseda erfüllte die ganze Luft. Fortgezogen von der
Schönheit der Nacht, stiegen die Beiden von der Terrasse hinunter und gingen dem
Flusse zu, über dessen Wasser die Mondstrahlen eine goldene Brücke bauten.
    Jenseit des Wassers blieben die beiden Eheleute stehen. Das Schloss lag vor
ihnen, der Mond erhellte es in seiner ganzen Stattlichkeit.
    Sieh, sagte Paul, hier habe ich gestanden, hier an dieser Stelle, mit meiner
armen Mutter an dem Tage, ehe sie sich das Leben nahm. Aber es war ein rauher,
kalter Abend, der Nebel stieg von dem Wasser empor, die welken Blätter flogen in
der Luft empor. Ich wunderte mich damals über die vielen Schornsteine des
Schlosses und über die vielen Fenster, denn ein so grosses Gebäude hatte ich nie
zuvor gesehen, und weil die untergehende Sonne sich in den Fenstern spiegelte,
fragte ich die Mutter, wer darin wohne. - Er hielt inne, dann sagte er sehr
bewegt: Du kommst nicht hinein, sprach sie zu mir; hinter den blanken Fenstern,
in denen die Sonne sich spiegelt, werden glückliche Kinder wohnen ...!
    Er konnte nicht weiter sprechen, trotz seiner Kraft überwältigte ihn diese
Erinnerung doch. Davide umschlang ihn, in Verehrung, in Glück und Liebe zu ihm
emporsehend.
    O, mögen sie immer, immer glücklich sein, die geliebten Kinder, denen Du
dieses Haus bereitet hast! rief sie mit hoffendem Wunsche aus.
    Sie werden es bleiben, sprach Paul, der sich schnell wieder ermannte, wenn
Du mir hilfst, sie dahin zu erziehen, dass sie, in sich selbst beruhend, in der
Arbeit ihren Beruf, in der Freiheit ihre Ehre, in der ganzen Menschheit ihre
Brüder erkennen lernen, und wenn sie massvoll und ohne Eitelkeit im Glücke, wie
der Wappenspruch dieses Hauses lautet, »stark im Ungemache sind«. Lass uns danach
trachten, lass uns darauf hoffen und vertrauen!
 
                                    Fussnoten
1 Ich bin im dritten Kreis des ew'gen, kalten, gottverfluchten Regens!
 
    